Darmstädter Tagblatt 1931


13. Mai 1931

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Einzelnummer 10 Pfennige

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Nummer 132
Mittwoch, den 13. Mai 1931.
194. Jahrgang

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ſtädter
und Nationalbant.

M

Zollunion und Reviſion.
Hinzuziehung des Reichsbankpräſidenken zu den Berakungen des Kabineits. Wiener Gerüchte
über Bildung eines Blockes gegen die franzöſiſchen Pläne in Umlauf. Der Alpdruck der Reparakionen.

* Das Kabinekk wieder verkagk.
Leſterreichiſche Handelsverkrags=Berhandlungen
mit Italien und Ungarn vor dem Abſchluß.
Von unſerer Berliner Schriftleitung.
Das Reichskabinett hat auch am Dienstag ſeine Beratun=
gen
über die Genfer Verhandlungen, die wieder unter Hinzu=
ziehung
des Reichsbankpräſidenten Dr. Luther erfolgten, nicht
zu Ende geführt. Die Tatſache der wiederholten Vertagung
klingt an ſich bedenklich und könnte leicht einen Vorwand für
neue Gerüchte bilden. Die Aufklärung iſt aber verhältnismäßig
harmlos. Es hat ſich nämlich herausgeſtellt, daß der Kanzler
ſchon vor langer Zeit für den Dienstag vormittag einer Ab=
ordnung
von Allgäuer Milchbauern einen Empfang verſprochen
hatte, der ſich nun nicht gut im letzten Augenblick verſchieben
ließ. Die Deputation war in einer Stärke von acht Mann er=
ſchienen
. Sie wegzuſchicken war unmöglich. Infolgedeſſen mußte
die Kabinettsſitzung, da auch über den übrigen Diens=
tag
ſchon diſponiert war, auf den Mittwoch verſchoben
werden.
Die Beſprechung über die Zollunion iſt im weſentlichen ab=
geſchloſſen
. Der Reichsaußenminiſter hat aber auch über die
übrigen Deutſchland interreſſierenden Punkte der Ratstagung,
die diesmal unter ſeinem Vorſitz ſtattfindet, ausführlich berich=
tet
, u. a. über Danzig, Memel und Oberſchlefien.
Von entſcheidender Bedeutung bleibt aber doch für
uns die Abrüſtung und die Zollunion, und die Her=
anziehung
des Reichsbankpräſidenten läßt den Schluß offen, daß
die Reparationsfrage ſowie die internationale
Kreditmöglichkeiten nach wie vor in die Debatte hin=
einſpielten
. In der Zollunion ſelbſt iſt unſer Weg ja klar vor=
gezeichnet
. Wir werden unter allen Umſtänden darauf beſtehen,
daß die Verhandlungen zwiſchen Berlin und Wien fortgeſetzt
und zu Ende geführt werden, unabhängig davon, wie weit in=
zwiſchen
der Wirtſchaftsausſchuß des Völkerbundes mit der
Durchberatung der Pläne Briands gedeiht. Eine merkwürdig
gefärbte Ente hat man aber von Wien aus auffliegen laſſen.
Danach ſoll Oeſterreich den Italienern und Deutſchland den
Ungarn den Beitritt zu dem Zollvertrag angeboten haben, offen=
bar
mit der Abſicht, den Kreis der Intereſſenten auf dieſe
Weiſe zu erweitern und einen großen Block gegen die fran=
zöſiſchen
Pläne zu bilden. An amtlicher Stelle wird das aller=
dings
beſtritten. In dem erſten Entwurf iſt zwar der Beitritt
anderer Staaten vorgeſehen, aber es will nicht einleuchten, daß
eine derartige Möglichkeit ſchon jetzt in Ausſicht genommen
werden ſoll.
Vermutlich handelt es ſich hier auch nur um eine Verwech=
ſelung
. Oeſterreich hat in der letzten Zeit Handelsvertrags=
verhandlungen
mit Italien und auch mit Ungarn geführt, die
ſchon zum Abſchluß reif zu ſein ſcheinen. Dadurch würde ein
dreieckiges Verhältnis gebildet, das die wirtſchaftspolitiſche Lage
Oeſterreichs nach Süden und nach Oſten erleichtern könnte. In
dieſen Verbeſſerungen iſt bereits der Abſchluß der Zollunion
mit Deutſchland berückſichtigt, die Tatſache der Zollunion alſo
gewiſſermaßen international anerkannt, in der gleichen Form,
wie das bei den Verhandlungen zwiſchen Deutſchland und
Rumänien auch vorgeſehen war, die dann im letzten Augenblick
von Rumänien auf franzöſiſchen Druck hin abgeſagt wurden.

Die grundſähliche Vereinbarung
zwiſchen Ikalien, Oeſterreich und Ungarn.
Rom, 12. Mai.
Im Zuſammenhang mit der bekannt gewordenen grundſätz=
lichen
Vereinbarung zwiſchen Italien, Oeſterreich und Ungarn zur
Steigerung des beiderſeitigen Güterverkehrs durch Krediterleichte=
rungen
im Warenverkehr und Tansportweſen wird in einem römi=
ſchen
Blatt von einem Abkommen geſprochen, das ſich nicht nur
auf dieſe drei Staaten beſchränke, ſondern allen Staaten zum
Beitritt offenſtehen ſoll. Von gut unterrichteter italieniſcher Seite
wird zu dieſer Darſtellung mitgeteilt, es handele ſich um zwei
getrennte Vereinbarungen zwiſchen Italien und Oeſterreich, bzw.
Ungarn, denen allerdings jeder Staat beitreten könne.

Erklärungen Schobers vor ſeiner Abreiſe nach Genf.
Der öſterreichiſche Vizekanzler Schober erklärte heute abend
vor ſeiner Abreiſe nach Genf Preſſvertretern gegenüber, die ganze
Bevölkerung Oeſterreichs ſei einer Meinung ,daß es höchſte Zeit
geweſen ſei, das Gewiſſen Europas aufzurütteln. Dies ſei durch
den deutſch=öſterreichiſchen Plan einer Zollunion geſchehen. Die
von der öſterreichiſchen Regierung ſoeben mit großer Mühe ab=
gewendete
Kataſtrophe des größten öſterreichiſchen Bankinſtituts
ſtelle wohl unleugbar die akute Notwendigkeit einer wirklichen
Hilfe für Oeſterreich dar. Dieſer Blitz aus heiterem Himmel
werde dazu beitragen, daß der gemeinſame Notſchrei Oeſterreichs
und Deutſchlands in Genf verſtanden werden wird.

Deutſch=öſterreichiſcher Berkrag über die Anſchluß=
und Uebergangsverhälkniſſe im Eiſenbahnverkehr.
Am 9. d. M. haben die bevollmächtigten Vertre=
ter
des Deutſchen Reiches und der Republik
Oeſterreich, Miniſterialdirektor im deutſchen Reichsverkehrs=
miniſterium
Vogel und Sektionschef im Bundesminiſterium für
Handel und Verkehr Dr. Pöſchmann in Innsbruck, einen den
beiderſeitigen Verkehrsbedürfniſſen voll Rech=

nung tragenden Vertrag über die Anſchluß=
und Uebergangsverhältniſſe im Eiſenbahnver=
kehr
vereinbart. Die Urkunden werden in nächſter Zeit
in Berlin unterzeichnet werden, und es iſt zu hoffen, daß der
Vertrag nach Erteilung der notwendigen Genehmigungen durch
die beiden Staaten eheſtens in Kraft treten wird.
Rumänien wünſcht Wiederaufnahme der Verhand=
lungen
mit Deutſchland.
* Der rumäniſche Geſandte in Wien hat dem Auswärtigen
Amt den Wunſch der Bukareſter Regierung nach Wiederauf=
nahme
der deutſch=rumäniſchen Verhandlungen übermittelt. Die
Reichsregierung hat dieſe Angelegenheit vorläufig zur Kenntnis
genommen und ihre Entſcheidung bis nach dem Abſchluß der
Genfer Beratungen vertagt. Es zeigt ſich alſo, daß die Ru=
mänen
wieder anknüpfen möchten, um über die Brüſkierung,
die ſie der deutſchen Delegation haben zuteil werden laſſen,
hinwegzukommen. Die Rumänen behaupten auch, daß ſie an
dieſem ganzen Zwiſchenfall ſchuldlos wären, daß vielmehr die
Verantwortung dafür der deutſche Geſchäftsträger in Bukareſt
trage, der ſich ſeiner Aufgabe nicht gewachſen gezeigt und un=
richtig
nach Berlin berichtet hätte. Die amtlichen Stellen ſchwei=
gen
ſich auf dieſe Vorwürfe vorläufig noch aus. Richtig iſt wohl,
daß der deutſche Geſchäftsträger in Bukareſt nicht ſonderlich ge=
ſchickt
taktiert hat und daß ſein Uebereifer dem weiteren Gang
der Verhandlungen nur geſchadet hat. Aber ſelbſt dann bleibt
doch die Art, wie der rumäniſche Außenminiſter den an ſich
möglichen Abſchluß der Verhandlungen vorläufig zu verhindern
gewußt hat, eine ſchwere Provokation, zumal, nachdem Briand
ſich dieſes Erfolges ſehr laut gerühmt hat.
-Inkernakionaler Zahlungsaufſchub?
* Wir haben uns nach allen Andeutungen, die von Re=
gierungsſeite
gekommen ſind, darauf eingeſtellt, daß im Laufe
des Sommers von der deutſchen Regierung Schritte zur Revi=
ſion
des Youngplanes getan werden und getan werden müſſen.
Der Kanzler und ſoeben auch der Finanzminiſter Dr. Dietrich
haben aus ihrer Ueberzeugung eigentlich kein Hehl gemacht,
daß wir mit unſerer Leiſtungsfähigkeit am Ende ſind und vor
der Unmöglichkeit ſtehen, die Kriegsentſchädigung in der gefor=
derten
Höhe weiterzuzahlen, daß wir alſo handeln müſſen, ohne
Rückſicht darauf zu nehmen, daß vielleicht im Augenblick die Andererſeits hatte das alte ſpaniſche Wahlrecht die Gruppierung
weltpolitiſche Lage einem ſolchen Verſuch nicht ſonderlich gün=
ſtig
iſt. In welcher Form allerdings der Vorſtoß erfolgt, dar=
berührt
es, wenn gerade jetzt davon geſprochen wird, die
Reichsregierung habe auf eine Reviſion des Tributplanes ver=
zichtet
und wolle nur den Vorſchlag des internationalen Zah=
lungsaufſchubs
zur Diskuſſion ſtellen, in der Form, daß zwar
die finanziellen Verpflichtungen auf Deutſchland beſtehen blei=
ben
, aber für etwa fünf Jahre ſuſpendiert würden, ſo daß
dann die Zahlungen am Ende der vom Youngplan vorgeſehenen
langen Kette nachzuholen wären.
Ein ſolches Moratorium das iſt der Gedauke würde
dem deutſchen Etat vorübergehend zwar Luft bringen, würde
alſo die Möglichkeit geben, endlich das Gleichgewicht zwiſchen
Einnahmen und Ausgaben zu gewinnen und durch Kredite
von außen her auch die Wirtſchaft wieder in Gang zu ſetzen, ſo
daß dann nach dieſer Atempauſe eine an ſich fundierte Volks=
wirtſchaft
wenigſtens die theoretiſchen Vorausſetzungen für die
Abſtoßung der Reparationslaſten bieten könnte. Ob dieſe Be=
rechnung
richtig iſt, läßt ſich nach den Erfahrungen, die wir
beim Dawesplan gemacht haben, einigermaßen beſtreiten. Jeder
Unternehmungsgeiſt würde eben doch gelähmt, ſo lange der
Druck der Ueberbelaſtung auf uns liegt. Wir halten aber den
Gedanken überhaupt für utopiſch. Denn er geht davon aus,
daß nicht nur unſere Gläubiger uns Stundung geben, ſondern
daß unſere Gläubiger auch bei ihrem Gläubiger Amerika einen
entſprechenden Aufſchub erhielten. Daran iſt aber vorderhand Landesfarben, die Auflöſung des Senats, die Verdrängung der
nicht zu denken. Die Verhandlungen der Internationalen Han=
delskammer
in Waſhington haben deutlich genug gezeigt, daß
Herr Hoover jedem internationalen Schuldenausgleich ablehnend
gegenüberſteht und ganz ſicher nicht darüber mit ſich reden
läßt, bevor nicht wenigſtens in der Abrüſtung ein poſitiver
Fortſchritt erzielt iſt. Vorläufig werden alſo die Vereinigten
Staaten auf keinen Pfennig verzichten wollen, und ſolange wird
bei den Siegermächten wahrſcheinlich auch keine Geneigtheit be=
ſtehen
, Deutſchland gegenüber den Großmütigen zu ſpielen. Von
einer ſolchen Schuldenſuſpendierung können wir uns infolge=
deſſen
keinen Erfolg verſprechen, wenn ſie nicht in unmittel=
barer
Verbindung mit einem ſofortigen Nachlaß der Young=
zahlungen
beſteht. Denn erſt dann, wenn die Kriegsentſchädi= grenze das volle Gehalt und ſämtliche Zulagen, die nicht ſelten
gung der Leiſtungsfähigkeit des verarmten deutſchen Volkes
und der verarmten deutſchen Wirtſchaft angepaßt iſt, läßt ſich an
eine innere langſame Beruhigung und an einen ſyſtematiſchen
Wiederaufbau denken.
Landwirkſchaftliche Meliorakionen
und freiwilliger Arbeitsdienſt.
Amtlich wird mitgeteilt: Im Reichsminiſterium für Ernäh=
rung
und Landwirtſchaft fand eine Beſprechung mit Vertretern
der Landesregierungen und der zentralen Meliorationskreditinſti=
tute
ſtatt über die Förderung von landwirtſchaftlichen Meliora=
tionen
, die nach Anſicht des Brauns=Ausſchuſſes zur Beſchäftigung
geeignet ſind. Es ſoll zunächſt zur Heranziehung von Meliora=
tionskrediten
von den vorhandenen Zinsverbilligungsmitteln ein
verſtärkter Gebrauch gemacht werden.

Ernüchkerung in Spanien.
Von unſerem ſtändigen Berichterſtatter.
v. Gss. Madrid, 8. Mai.
Nachdem der erſte Freudenrauſch verflogen iſt, mit dem die
Menge das große Ereignis der Geburt der Republik in ganz
Spanien gefeiert hat, beginnt die Kritik ihr Haupt zu erheben
und die Handlungen der neuen ſpaniſchen Regierung unter die
Lupe zu nehmen.
Während die geſamte Linkspreſſe natürlich jeden Akt, ſei er
geſchickt oder ungeſchickt, ohne Vorbehalt lobpreiſt und ſämt=
liche
Vorfälle bedenklichen Charakters als harmloſe Epiſoden ſich
hinzuſtellen bemüht, zeigt die katholiſche und konſervative Preſſe
mit erfreulicher Klarheit die Gefahren auf, die miniſterielle
Uebereilungen und Unüberlegtheiten in ſich ſchließen. Wenn man
ſich vor Augen hält, daß die heutige Regierung ſich ſelbſt nur
proviſoriſch nennt, daß ihre Mitglieder, ſolange ſie noch im
Kampf mit der Monarchie lagen, ſich heiſer ſchrieen und lahm
ſchrieben über den diktatorialen Machtmißbrauch der letzten mon=
archiſchen
Regierungen, dann berührt es zum mindeſten merk=
würdig
feſtſtellen zu müſſen, daß die gleichen Leute heute
gerade ſo oder mit noch mehr Diktaturmitteln
arbeiten wie ſeinerzeit die Miniſter des Königs, nur mit
dem Unterſchied, daß die letzteren noch einen Rechtstitel für
ihre Handlungen beſaßen, der der proviſoriſchen Regierung
gänzlich fehlt.
Am 14. April kamen die Revolutionäre zur Macht, für den
21. Juni haben ſie die Wahlen angeſetzt; die dazwiſchen=
liegenden
zehn Wochen werden dazu benutzt, Spanien ſo umzu=
krempeln
, wie das die ſozialiſtiſch=republikaniſchen Miniſter für
richtig halten. Man ſollte meinen, daß eine proviſoriſche Re=
gierung
ſich darauf beſchränken müßte, für die Aufrechterhal=
tung
der Ordnung zu ſorgen, die Staatsmaſchine in Gang zu
halten und mit möglichſter Beſchleunigung dem jetzt angeblich
ſouveränen Volk Gelegenheit zu geben, ſeinen Willen in einer
Nationalverſammlung zum Ausoruck zu bringen. Statt deſſen
lieſt man im Verordnungsblatt täglich neue Dekrete,
die tief in das Staatsleben eingreifen, ſeine
organiſche Struktur verändern und eine einſeitige Intereſſen=
politik
darſtellen. Das ſtärkſte Stück, das auf dieſem Gebiete
geleiſtet wurde, iſt ohne Zweifel die Verordnung über die
Herabſetzung des Wahlalters von fünfundzwanzig
auf dreiundzwanzig Jahre ſowie die Neuregelung des
geſamten Wahlrechts. Die erſte Maßnahme ſoll lediglich
bezwecken, die republikaniſche Mehrheit ſicherzuſtellen, die zweite
dient der künſtleriſchen Mattſetzung der Minderheit. Es iſt für
niemand ein Geheimnis, daß die ſpaniſche Jugend leichter noch
als die anderer Länder revolutionären Ideen zugänglich iſt
und daß ſie im Triumph der Republik über die Monarchie ihren
ureigenſten Sieg erblickt. Selbſtverſtändlich bedeutet alſo die
Zulaſſung zweier Jahrgänge jüngerer Leute zur Wahl einen
ungeheuren Machtzuwachs für die Sozialiſten und Republikaner.
zwiſchen Mehrheit und Minderheit ſo verankert, daß vierzig
Prozent der Abgeordnetenſitze für die letztere reſerviert blieb,
über iſt das letzte Wort noch nicht geſprochen. Um ſo ſeltſamer während nunmehr für die Minderheit lediglich zwanzig Prozent
ſichergeſtellt werden, eine relative Mehrheit wird
alſo künſtlich zur abſoluten Majorität gemacht.
Man fragt ſich vergebens, mit welchem Recht die Regierung der=
artig
tiefgreifende Veränderungen vornimmt und man ſucht
außerdem vergeblich nach der Logik in dieſen Maßnahmen. Die
Regierung behauptet, durch den Volkswillen, der ſich in den
letzten, unter dem alten Syſtem durchgeführten Gemeindewahlen
geäußert habe, zur Macht berufen worden zu ſein. Warum
alſo, wenn ſie ihres Sieges ſo gewiß iſt, läßt ſie den Landtag
nicht auch nach dieſem Syſtem wählen oder befürchtet ſie
etwa Ueberraſchungen? Intereſſant iſt auch feſtzuſtellen, in wel=
cher
Weiſe die Reſpektierung des Volkswillens überall dort ver=
ſtanden
wird, wo er ſich dem heutigen Syſtem entgegenſtellt. Die
Prozedur iſt ſehr einfach. In all den Gemeinden,
deren Wahl eine monarchiſche Mehrheit erge=
ben
hat, werden republikaniſch=ſozialiſtiſche
Komitees eingeſetzt, die kurzerhand die ört=
liche
Gewalt an ſich reißen und die Monarchiſten zum
Tempel hinausjagen. Monarchiſche Minderheiten aber werden
einfach mit Gewalt verhindert, ihre Sitze einzunehmen. Proteſte
gegen dieſe primitiven Formen der Machtbehauptung ſind
zwvecklos, ſie fliegen in den Papierkorb.
Diktatoriale Maßnahmen ſind ferner die Umänderung der
Kirche aus den Schulen und Kaſernen, die Erhöhung des
Geldumlaufs um zweihundert Millionen, die
Prozeſſierung der früheren Miniſter und einer Anzahl von Ge=
nerälen
, die Zugeſtändniſſe an die katalaniſchen Selbſtändigkeits=
wüinſche
, die Einführung des erſten Mai als offiziellen Feier=
tages
, die Anerkennung Sowjetrußlands u. a. m. Natürlich
gehört hierher auch das Beſtreben des Kriegsminiſters, das alte
Offizierkorps aufzulöſen, zu welchem Zweck Maßnahmen er=
griffen
wurden, die den Etat in einer noch nie dageweſenen
Weiſe belaſten. Man ſtelle ſich vor, daß der Miniſter den vier=
undzwanzigtauſend
ſpaniſchen Offizieren freiſtellt, ſofort ihren
Dienſt zu liquidieren, wofür ihnen bis zur geſetzlichen Alters=
beträchtliche
Summen ausmachen, garantiert werden. Dabei
iſt das Durchſchnittsalter der Majore dreißig Jahre und das
Gehalt zirka achttauſend Peſeten jährlich! Für die neue Armee
hält der Miniſter fünftauſend Offiziere für genügend alſo
müſſen zwanzigtauſend gehen ohne daß dadurch eine Ent=
laſtung
des Kriegsbudgets herbeigeführt würde.
Unter Berückſichtigung all der genannten Dinge kann man
natürlich, wenn man ehrlich bleiben will, die Zukunft der ſpa=
niſchen
Republik nicht durch jene roſige Brille ſehen, mit der
die geſamte Linkspreſſe des Auslands ſie zu betrachten ſich be=
müht
. Vor allem ſind es zwei große Gefahrenmomente, die
heute ſchon deutlich erkennlar ſind: der katalaniſche
Separatismusund der andaluſiſche Kommunis=
mus
. Trotz aller Verſicherungen der Madrider Regierung über
von Arbeitsloſen oder für freiwilligen Arbeitsdienſt beſonders, die Herzlichkeit der Beziehungen zwiſchen Madrio und Barcelona
zeigt ſich bei jeder Gelegenheit der fanatiſche Wille Kataloniens,
unter allen Umſtänden mit allen Mitteln die abſolute Selbſtän=
digkeit
durchzuſetzen, ſelbſt gegen einen etwaigen Majoritäts=

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Ecte.2

Nummer V32

beſchluß der kommenden Nationalverſammlung. Selbſtverſtänd=
lich
wäre ein katalaniſcher Sieg auf dieſem Gebiet das Auf=
ſtandszeichen
für die baskiſchen Provinzen und das
nordweſtliche Spanien, d. h. für Galizien. In Andaluſien
aber hat die primitive kommuniſtiſche Idee derartig Wurzeln
geſchlagen, daß ſelbſt eine Aufteilung der dortigen Latifundien
heute keine befriedigende Löſung mehr ſein dürfte. Nimmt man
dazu die letzten Ereigniſſe in Afrika; den Aufſtand
der eingeborenen Arbeiter, hinter denen natürlich wieder der
kommuniſtiſche Einfluß ſteht, ſo wird es klar, daß nur eiſerne
Energie den Staat in ſeinem heutigen Rahmen wird zuſammen=
halten
können. Treten aber noch die Sozialdemokraten ſo
wie ſie das angekündigt haben nach Einberufung der Na=
tionalverſammlung
aus der Regierung aus, dann kann heute
ſchon vorausgeſagt werden, daß dieſe Energie von keiner der
dann folgenden Regierungen aufgebracht werden kann außer
von einer neuen Militärdiktatur, womit man zur Befolgung des
portugieſiſchen Beiſpiels käme

Zahlreiche Klöſter gehen in Flammen auf.
Madrid, 12. Mai.
Die Madrider Unruhen hatten am Montag einen derar=
tigen
Umfang angenommen, daß die Regierung ſich zur Durch=
führung
ſcharfer Maßnahmen gezwungen ſah. In Madrid
konnte die Ruhe erſt in den Abendſtunden wieder hergeſtellt
werden. Die in Brand geſteckten Kirchen und Klöſter haben
allein in der Hauptſtadt die Zahl zehn erreicht. Bei den Zu=
ſammenſtößen
wurden drei Perſonen getötet und 16 verwundet.
In Valencia gelang es der Polizei, eine aus Italienern,
Franzoſen und Spaniern beſtehende kommuniſtiſche Bande feſt=
zunehmen
, die ſich mit der Herſtellung von Exploſivſtoffen be=
ſchäftigte
. In Cordoba hat der Pöbel ein Kloſter in Brand
geſteckt. In Granada flammten die Unruhen ebenſo wie in
Malaga trotz des Kriegszuſtandes am Dienstag erneut wieder
auf. In Granada fielen den Flammen 6 Kirchen und 2 Klö=
ſter
zum Opfer. Eine Kirche wurde mit Bomben geſprengt.
In Malaga dauern die Plünderungen von Läden an. Es
wurden ſogar Angriffe auf die Polizeikaſerne verſucht, die
jedoch von den Poliziſten mit der Waffe abgewehrt werden
konnten. Mehrere Perſonen wurden verwundet. Es beſteht die
Abſicht, zur Wiederherſtellung der Ordnung mehrere Regimenter
von Sevilla nach Malaga zu legen. Der Kardinalerzbiſchof von
Sevilla hat als Vorſichtsmaßnahme die Räumung ſämtlicher
Klöſter durch die Orden angeordnet. In Alicante konnten die
Ordensbrüder nur mit der größten Anſtrengung vor der er=
regten
Menge gerettet werden. 4 Klöſter wurden ein Raub der
Flammen. Die Abendpreſſe bezeichnet den Sachſchaden, der
durch die letzten Unruhen entſtanden iſt, allein in Madrid auf
über 40 Millionen Peſeten. Für ganz Spanien dürfte die
Summe von 100 Millionen Peſeten nicht übertrieben ſein. In
einem Madrider Jeſuitenkloſter fiel eine der wertvollſten Biblio=
theken
mit 100 000 Bänden den Flammen zum Opfer. In
Sevilla verbrannte eine Menge wertvoller und ſeltener Bilder.
Auch in Malaga fielen große Koſtbarkeiten dem Pöbel zum
Opfer, ſo der berühmte Chriſtus von Mena. Die biſchöfliche
Sommerreſidenz Murchia wurde von der Menge gleichfalls in
Brand geſetzt. In Sevilla hat ſich das Volk bis zur Aus=
rufung
des Kriegszuſtandes ebenſo zügellos benommen wie in
Madrid. Der Finanzminiſter will die Schließung der Börſen
bis Ende der Woche aufrecht erhalten. Während der Ab=
weſenheit
des Außenminiſters, der z. Zt. in Genf weilt, über=
nimmt
der Miniſterpräſident Zamorra die Leitung des Außen=
mniniſteriums
. In Madrid herrſcht augenblicklich Ruhe.
Der ſpaniſche Miniſterpräſident Zamorra hielt eine durch
Radio verbreitete Rede, in der er ſein Bedauern über die Vor=
fälle
zum Ausdruck brachte. Die Regierung werde ſich immer
auf der Seite des Volkes befinden, wolle aber verhindern, daß
dieſes irre geleitet und dem Chaos in die Arme getrieben
werde. Er betonte, daß die Regierung feſt entſchloſſen ſei, unter
keinen Umſtänden die Auflöſung der Bürgergarde zu dulden,
die der Republik treu ergeben ſei.
Der 2.9.B. an den Reichskanzler.
Die Bundesleitung des Deutſchen Offizier=Bundes hat ſich in
einem Schreiben an den Herrn Reichskanzler gewandt und gefor=
dert
, daß im Hinblick auf die in der Tagespreſſe umlaufenden Ge=
rüchte
über in Ausſicht ſtehende Gehalts= und Penſionskürzungen,
welche ſchon ziemlich beſtimmte Form angenommen haben, von
Maßnahmen dieſer Art unter allen Umſtänden abgeſehen werden
möge, weil jede weitere Kürzung der Verſorgungsgebührniſſe der
Altpenſionäre und deren Hinterbliebenen eine noch weitergehende
Verelendung dieſer Kreiſe zur Folge haben müßte.


Zum Too. Lodesiag
von Satttets Hrand Aucter 413. Matz.
Von Prof. Dr. phil. h. e. Karl Berger.
Das Leben Chriſtian Gottfried Körners (17561831) fällt
in die zugleich unſeligſte und erhabenſte Epoche deutſcher Ge=
ſchichte
, in eine Zeit, die wie keine andere die Schattenſeiten,
aber auch die Größe und Herrlichkeit deutſchen Weſens offen=
bart
. Das durch tauſendfache Zerſplitterung zu politiſcher Ohn=
macht
verdammte, ſchließlich von Fremden geknechtete deutſche
Volk, deſſen Maſſe in dumpfer Enge tatenarm dahinlebte, hat gerade
damals eine unerſchöpfliche Fülle von großen Perſönlichkeiten
auf allen Gebieten des Schauens und Schaffens, des Forſchens
und Handelns hervorgebracht, künſtleriſche, geiſtige und mili=
täriſch
=politiſche Führer, die eine Wiedergeburt und die innere
und äußere Befreiung der Nation bewirkten, zugleich aber der
Welt (nach einem Worte Taines) Ideen ſchenkten, hinreichend
für das Denken von Jahrhunderten. Unter dieſen Perſönlich=
keiten
nimmt Körner, wenn auch ſelber kein ſchöpferiſcher Geiſt,
als Genoſſe der Größten einen beſonderen Rang ein. Goethe
war ſchon vier Jahre vor ſeinem Bunde mit Schiller zu ihm
als dem Gatten Minna Stocks, der Tochter jenes tüchtigen
Kupferſtechers, in deſſen Dachſtube ſich einſt der Leipziger Stu=
dent
im Radieren und Holzſchneiden geübt hatte, in ein nahes
Verhältnis getreten und blieb dem charaktervollen, vielſeitig ge=
bildeten
Mann zeitlebens eng verbunden; Wilhelm von Humboldt
und ſeine Gattin Karoline, eine der edelſten deutſchen Frauen
zählten zu den intimſten Freunden des Körnerſchen Hauſes;
Heinrich von Kleiſt verkehrte während ſeiner Dresdener Zeit am
liebſten in dieſem muſikliebenden Kreiſe, und E. M. Arndt
war 1813 bei den Eltern Theodor Körners einquartiert; er
fand in dem Hausherrn einen Mann, der an Kenntniſſen den
beſten Deutſchen ebenbürtig, an Geſinnung und Treue den mei=
ſten
überlegen war. Und ſo ließen ſich noch viele bedeutende
Menſchen in dieſem Zuſammenhang nennen, doch bei keinem
wird die lebendige Wirkung Körners ſo klar, wie in ſeiner ein=
zigartigen
Freundſchaft mit Schiller.
Zum Freund und Ratgeber eines Dichters dieſer Art war
der drei Jahre ältere Sohn eines glaubensfeſten und grundſatz=
ſtrengen
Leipziger Theologieprofeſſors durch Naturanlage, Bil=
dungsgang
, Charakter und Geiſtesrichtung wie geſchaffen. Wie
Schiller unter dem Druck einer Erziehungskaſerne, ſo war Kör=
ner
in der harten Schule freudloſer Pflichterfüllung und welt=
feindlicher
Frömmigkeit herangewachſen. Auch bei Körner hatte

Mittwoch, den 13. Mai 1331

Vom Tage.
In unterrichteten Berliner Kreiſen rechnet man mit der Veröffent=
lichung
einer Notverordnung über die Sanierung des Reichshausbalts
und der Sozialverſicherungen in den erſten Tagen des Juni.
Der Preußiſche Landtag verabſchiedete endgültig das neue Polizei=
verwaltungsgeſetz
. In der weiteren Debatte zur dritten Etatsleſung
ſprach Miniſterpräſident Braun über die Oſthilfe.
Auf Grund des § 5 Ziffern 1 und 13 des Geſetzes zum Schutze der
Republik vom 25. März 1930 hat der Polizeipräſident die in Berlin er=
ſcheinende
periodiſche Druckſchrift Nationalſozialiſtiſcher Parlaments=
dienſt
N. S.P.D. einſchließlich der Kopfblätter mit ſofortiger Wir=
kung
bis zum 10. Juni 1931 einſchließlich verboten. Das Verbot umfaßt
auch jede angeblich neue Druckſchrift, die ſich fachlich als die alte dar=
ſtellt

Das Schöffengericht Charlottenburg verurteilte den Reichstagsab=
geordneten
Dr. Goebbels wegen Beleidigung des Profeſſors Dr. Nie=
benfahm
von der Techniſchen Hochſchule zu 5000 Mark Geldſtrafe vder
100 Tagen Gefänanis.
Der Mann, der den Mordanſchlag auf Prof. Günther=Jena verübt
hat, iſt von der Polizei verhaftet worden. Er hat ein Geſtändnis ab=
gelegt
. Es handelt ſich um einen kürzlich nach Jena zugereiſten Aus=
länder
, der erſt 18 Jahre alt iſt.
Die Nachverhandlungen über den Rahmentarifſchiedsſpruch für den
Ruhrbergbau, die am Dienstag im Reichsarbeitsminiſterium ſtattfanden,
ſind ergebnislos abgebrochen worden. Die Entſcheidung liegt nunmehr
beim Reichsarbeitsminiſter.
Der engliſche Außenminiſter Henderſon iſt geſtern vormittag in
Paris eingetroffen. Er wurde bei ſeiner Ankunft von Chef des Proto=
kolls
de Fouquers begrüßt.
Die amerikaniſche Regierung beabſichtigt, angeſichts des Milliarden=
fehlbetrages
im laufenden Staatshaushalt ungefähr 40 kleinere Feſtungs=
garniſonen
aufzuheben, um an Unterhaltungskoſten zu ſparen.
*
Aus cnde der Londoher Slotten=
verhandlungen
.
Frankreich hofft auf ein Tauſchgeſchäft in Genf.
Von unſerem A=Korreſpondenten.
Paris, 12. Mai.
Das Schickſal des Navalabkommens iſt bis auf weiteres in
die Hände des franzöſiſchen Außenminiſters zurückgelegt. Ein
optimiſtiſches Communiqus des Foreign Office und peſſimiſtiſche
Kommentare der Weltpreſſe, das iſt das Ende, oder wenigſtens
das vorläufige Ergebnis einer diplomatiſchen Arbeit, welche
fünfzehn Monate dauerte. In Genf ſollen die Verhandlungen
wieder aufgenommen werden, ſagen die offiziellen Informatio=
nen
. Was das zu bedeuten hat, darüber ſind mehrere Mei=
nungen
erlaubt. Daily Telegraph behauptet zum Beiſpiel,
daß die Verhandlungen vertagt worden ſind. Das iſt vielleicht
etwas zu ſcharf formuliert. In Genf ſtehen alle Möglichkeiten
offen. Von der Zuſammenkunft der drei Außenminiſter kann
in der letzten Minute eine Rettung kommen.
Inzwiſchen mußte Henderſon zugeben, daß bei den Ver=
handlungen
ein Mißverſtändnis vorlag, das heißt, er mußte
ſeine zu früh angeſtimmten Siegesgeſänge abblaſen. Die Labour=
leute
ſollen im Unterhaus eine unangenehme Viertelſtunde
durchlebt haben, als Henderſon die Frage vorgelegt wurde, wie
er ſich zu ſeinen Erklärungen nach ſeiner Rückkehr von Italien
heute verhält. Die Stimmung iſt aber auch in Paris nicht be=
ſonders
glänzend. Die Marinekommiſſion der franzöſiſchen Kam=
mer
hat den Marineminiſter Charles Dumont aufgefordert, an
dem franzöſiſchen Standpunkt in der Frage der Erneuerung der
veralteten Schiffseinheiten ſtrikte feſtzuhalten. Und endlich be=
ginnt
in Italien wieder die alte Preſſekampagne gegen
Frankreich.
Wenn man die bisherigen Ergebniſſe zuſammenfaßt, muß
man bei aller Objektivität feſtſtellen, daß es unmöglich iſt,
auf dem techniſchen Gebiete eine Einigung zu
erzielen. Was die Methoden der diplomatiſchen Arbeit be=
trifft
, ſo drängen ſich zwei Feſtſtellungen auf. Erſtens: fünfzehn
Monate lang wurde auf Grund eines Mißverſtändniſſes, einer
Fiktion verhandelt. Das Geſtändnis ſtammt von Henderſon.
Zweitens und dies ſollte man gerade jetzt, da die Methoden
der deutſchen Diplomatie ſo vielfach kritiſiert und verdä htigt
werden, nicht aus dem Gedächtnis verlieren die Verhanolun=
gen
wurden auf eine ſolche Art geführt und die Einigung auf
eine ſolche Art annonciert, daß die öffentliche Meinung in
Deutſchland und auch in anderen Ländern auf das ſtärkſte be=
unruhigt
wurde.
Die letzte Ausſicht des Navalabkommens beſteht in der
Hoffnung auf ein mehr oderweniger verhülltes
diplomatiſches Tauſchgeſchäft in Genf.
Inwieweit dadurch die Chancen der allgemeinen Abrüſtungs=
konferenz
berührt werden, kann man noch nicht wiſſen

die ſchwer auf ihm laſtende Erziehungsweiſe die Gegenſätze ſei=
ner
Natur zu voller Entwicklung gebracht: Glaubenszwang und
Gebundenheit an herkömmliche Lebensregeln bewirkten einen un=
widerſtehlichen
Drang nach eigenem Erkennen und Erleben, aus
finſterer Entſagung erblühte dem nach friſchen Lebensquellen
dürſtenden jungen Herzen eine helle Luſt an allen edlen Freuden
der Welt, insbeſondere an dichteriſchen und muſikaliſchen Ge=
nüſſen
, die ihm der puritaniſche Sinn des Vaters als über=
flüſſig
oder gar ſündhaft hingeſtellt hatte. Den Wahlſpruch:
vitam impendere vero, ſein Leben der Wahrheit zu weihen, be=
tätigte
der junge Student zu Leipzig und Göttingen durch
fauſtiſches Ringen auf den verſchiedenſten Gebieten der Wiſſen=
ſchaft
außer der Gottesgelahrtheit, für die der Theologenſohn von
vornherein verloren war; aber weder die altklaſſiſche Literatur
noch die Aufklärungsphiloſophie der Garve und Platner, weder
Mathematik und Naturwiſſenſchaft noch das trockene Brot=
ſtudium
damaliger Jurisprudenz vermochten ſeinen Erkenntnis=
durſt
und Tatendrang zu befriedigen. Ein Verſuch mit dem
akademiſchen Lehramt als Privatdozent zu Leipzig mißglückte
ebenſo wie eine erſte Beamtentätigkeit als Notar und öffent=
licher
Schreiber. Endlich gab ihm eine große, als Begleiter eines
jungen ſächſiſchen Grafen unternommene Bildungsreiſe durch
Deutſchland, Holland, England, Belgien, die Schweiz und
Frankreich was ihm fehlte; zu ſeiner vielſeitigen theoretiſchen
Bildung die lebendige Anſchauung menſchlicher Fähigkeiten und
Leiſtungen in Handel und Wandel, Künſten und Gewerben,
Sitten und Einrichtungen. Mit geſchärftem Blick und gereiftem
Verſtändnis kehrte der junge Gelehrte nach anderthalb Jahren
(Oſtern 1781) in ſein Amt zurück: der Fülle ſeiner Ideen war
nun eine feſte Grundage gegeben, und ſein Denken blieb fortan
mit der gegenſtändlichen Wirklichkeit eng verknüpft; in der leben=
digen
Teilnahme an den jeweils auftauchenden großen Fragen
und Erſcheinungen der Zeit war er nun nicht nur durch ſein
warmes Empfinden, ſondern auch durch ſicheres Urteil über den
echten Wert der Menſchen und Dinge geleitet.
Dieſe ganze Entwicklung hatte Körner dem Geiſte und den
Lebensformen ſeines Elternhauſes entfremdet. Seine ſchwer er=
rungene
, innere Selbſtändigkeit wurde auf eine harte Probe geſtellt,
als er allen Familienvorurteilen zum Trotz Minna Stock, die
von dem Vater ſchroff abgelehnte Kupferſtechermamſell, zu ſei=
ner
Braut und Gattin machen wollte. Dieſer charakterſtärkende
Kampf um die Rechte des Herzens, aus dem der Sohn erſt nach
dem Tode der Eltern als voller Sieger hervorging, näherte die
Liebenden allen Dichtern und Dichtungen, die ihrer eigenen lei=
denſchaftlichen
Stimmung gegen Standesvorurteile und alle
ſtarren Geſetze überlebten Herkommens Ausdruck gaben. Ihre
glühendſte Bewunderung aber galt dem jungen ſchwäbiſchen
Kraftgenie, dem Dichter der Räuber und von Kabale und

Gieichverechtigang
auch für enkmilikariſierke Zonen.
Berechtigkes deutſches Berlangen nach Schaffung
enkmilikariſierter Zonen jenſeits der Grenzen.
Genf, 12. Mai.
Die Frage des entmilitariſierten Rheinlandes ſpielte heute,
wenn auch nur mittelbar genannt, eine intereſſante Rolle bei
den Beratungen des Völkerbundsausſchuſſes für vorbeugende
Kriegsverhinderung. Zu den bis jetzt noch nicht genauer feſt=
gelegten
Maßnahmen des Rates zur vorbeugenden Kriegsver=
hinderung
ſoll nach den verſchiedenen Vorſchlägen auch die
Verpflichtung für alle Staaten gehören, Truppen, die im Falle
von Streitfällen in fremdes Gebiet eingedrungen ſind, auf An=
ordnung
des Rates entweder hinter eine vom Völkerbundsrat
bezeichnete Linie zurückzuziehen oder aus entmilitariſierten
Zonen zurückzuziehen. Der deutſche Vertreter, Dr. Göppert,
wies darauf hin, daß im Falle nur einſeitig entmilitariſierte
Zonen beſtünden, dieſe Verpflichtung auch nur einſeitig durch=
geführt
werden könne, während andererſeits das Ziel der
vorbeugenden Maßnahmen zur Kriegsverhin=
derung
doch ſein müſſe, Zwiſchenfälle zu bei=
den
Seiten der Grenze zu vermeiden. Der Rat
müſſe deshalb das Recht haben, auch auf der
anderen Seite der Grenze, wo keine entmilita=
riſierte
Zone beſtände, die Zurückziehung dro=
hender
Truppenanſammlungen hinter eine be=
ſtimmte
Linie anzuordnen.
Der franzöſiſche Vertreter Maſſigli wandte ſich
gegen dieſe Auffaſſung mit der Bemerkung, die ent=
militariſierten
Zonen ſeien geſchaffen, um einen
Dauerzuſtand des Gleichgewichtes herbeizufüh=
ren
und ſie hätten zu Friedenszeiten nur ſehr geringen Wert.
In Zeiten internationaler politiſcher Spannungen jedoch ge=
wännen
ſie erſt ihre ganze Bedeutung. Die Vorſchläge Göp=
perts
müßten eine vollſtändige Umwälzung des durch die ent=
militariſierten
Zonen geſchaffenen Gleichgewichte herbeiführen.
Die Zonen ſelbſt hätten ſchon den Zweck, Zuſammenſtöße zwi=
ſchen
Truppen zu vermeiden. Man könne auch nicht von
einem Staat, zu deſſen Vorteil eine einſeitige
entmilitariſierte Zone geſchaffen ſei, verlan=
gen
, daß er ſich dieſes Vorteils begebe.
Lord Robert Cecil vertrat jedoch ebenfalls den Stand=
punkt
, daß der Rat die Möglichkeit haben müſſe, die Zu=
rücknahme
der Truppen auch über die Grenz=
linie
der entmilitariſierten Zone hinaus an=
zuordnen
, beſonders dann, wenn dieſe Zonen zu klein
und unter Bedingungen geſchaffen ſeien, die
nicht mehr den modernen Kriegsmethoden ent=
ſprächen
.
Dr. Göppert wies darauf hin, daß man auch den Fall
vorſehen müſſe, wo der nicht durch entmilitariſierte Zonen ge=
bundene
Staat die Verpflichtung der Entmilitariſierung durch
Truppenteile verletzt, die auf fremdes Gebiet eindrängen, da
ſonſt beſtimmten Staaten nur eine einſeitige Verpflichtung auf=
erlegt
würde.
Der Ausſchuß nahm ſchließlich den erſten Hauptartikel an,
in dem ſich die Staaten verpflichten, im Falle eines internatio=
nalen
Streitfalles die Beſchlüſſe des Völkerbundsrates nichtmili=
täriſchen
Charakters zur Beilegung des Streites im Voraus
anzunehmen und durchzuführen. Ferner wurde beſchloſſen, daß
der Völkerbundsrat verpflichtet ſein ſoll, bei einem militäriſchen
Einfall in fremdes Gebiet eine ſofortige Zurückziehung der
Truppen zu verlangen, während die Regierungen ſich ver=
pflichten
, die Zurückziehung der Truppen vorzunehmen. In
dieſem Fall ſoll der Rat eine Demarkationslinie feſtſetzen, hinter
die ſich die Truppen zurückzuziehen haben. Die Kontrolle der
vom Rat beſchloſſenen Maßnahmen ſoll ſich nach engliſchem An=
trag
nur auf die Feſtſetzung der Demarkationslinie, dagegen
nicht auf eine Feſtſtellung der gegenſeitigen Truppenbeſtände be=
ziehen
. Der Ausſchuß beſchloß ferner, daß ſich die Maßnahmen
des Völkerbundsrates lediglich auf den Fall drohender Kriegs=
gefahr
zu beziehen haben, da im Falle eines offenen Kriegs=
ausbruchs
der Kelloggpakt und die allgemeinen Beſtimmungen
des Völkerbundspaktes Anwendung finden.

Liebe, dem Hohenliede der vorurteilsloſen Liebeswahl. Es
iſt bekannt, wie Körners und ſeiner Freunde Huldigung an den
damaligen Mannheimer Theaterdichter dieſen aus äußerer und
innerer Bedrängnis erlöſte und im April 1785 nach Sachſen in
die Nähe ſeiner Verehrer und Verehrerinnen führte. Damit
begann zwiſchen dem Dichter und Körner, der ſchon 1783 eine
ſichere Stelle als Rat beim Dresdener Oberkonſiſtorium ange=
nommen
hatte und auch weiterhin in anderen hohen Aemtern als
Richter und bei der Verwaltung dem ſächſiſchen Staate diente,
eine Freundſchaft fürs ganze Leben, die beider hohe Erwar=
tungen
über alles Hoffen und Begreifen erfüllte.
Schiller ſah ſich am Herd und im Herzen des Freundes nach
jahrelangen Wirren und Nöten endlich geborgen; er fand einen
neuen, feſten Grund für ſeine ganze Weiterentwicklung. Zu=
nächſt
wurde er durch Körner von leidigen und läſtigen Geld=
ſorgen
befreit; aber nicht daß dieſer gab, ſondern wie er gab,
ſeine Zartſinnigkeit und edle Offenheit im Helfen, war für den
vom Schickſal Gehetzten ein beruhigendes und erhebendes Er=
lebnis
. Auch über innere Kriſen half der Freund ihm hinweg.
Wie ein Siegesfeuer flammt aus den Tagen beglückenden Zu=
ſammenslebens
mit Körner und den Seinen das Jubellied An
die Freude empor. Eine neue Lebensanſicht erwuchs dem taten=
luſtig
Vorwärtsdrängenden im Verkehr mit dem abgeklärten
Manne, in deſſen klügelndem Verſtande und ruhiger Sachlich=
keit
ein Gegengewicht geboten war zu des Dichters allzu ſtür=
miſchem
Temperament. Mit dem Freundſchaftserlebnis ſetzte bei
Schiller ein ungeheurer Prozeß der Selbſtläuterung und Selbſi=
umwandlung
ein, der ſeinem ganzen Schauen und Schaffen,
Denken, Fühlen und Wollen eine neue Richtung gab. Aber auch
Körner erlebte eine Neugeburt: in der innigen Berührung mit
der ſchöpferiſchen Natur entwickelte ſich das reproduktive Ver=
mögen
des vielſeitig Empfänglichen, die Fähigkeit, ſich in das
Wollen und Weſen eines Werkes einzufühlen und ihm nach
ſeiner Eigenart gerecht zu werden. Je weniger er ſich ſelbſt
zum ſchaffenden Künſtler berufen fühlte, deſto unbefangener
konnte er in der liebenden Teilnahme an der Vervollkommnung
des Dichters die innerſten Kräfte ſeiner Seele entfalten; ſich
hingeben, ohne auf eigene Selbſtändigkeit zu verzichten. Auch
als beider Lebenswege ſie äußerlich trennten, blieben ſie ſich
innerlich nahe, und Schiller fand tauſendfachen Anlaß, des
Freundes Talent zur Begeiſterung ſeine auf allen Proben
ſtandhaltende Zuverläſſigkeit, Treue und unbeſtechliche Wahrhaf=
tigkeit
zu rühmen. In den Jahren, wo abſtrakte Geiſtesarbeit
den Genius des Dichters faſt zu erſticken drohte, ward Körner
nicht müde, dieſen bei ſeinem großen Namen zu rufen und
wieder und wieder auf die Höhe ſeiner dichteriſchen Beſtim=
mung
zu fordern. Mochten auch Mißverſtändniſſe auftauchen,

[ ][  ][ ]

Nummer 132

Mittwoch, den 13. Mai 1931

Seite 3

Etatrede des Wirtſchaftsminiſters.
Miniſter Korell zur grundſäklichen Wirkſchaftspolitik der Regierung: Keine Zurückdrängung des ſtaak=
lichen
Einfluſſes auf die Privakwirkſchafk. Lohnabbau und Preisſenkungsakkion.
Zu hohe Spanne zwiſchen Agrarinder und Konſumenkenpreis.

Der Juſkizekak verabſchiedel.
... mit dem Ausdruck des Bedauerns..."
* Der Heſſiſche Landtag verabſchiedete geſtern den Juſtizetat,
in deſſen Einzelberatung keine neuen Geſichtspunkte gegenüber
der Generalausſprache in die Erſcheinung traten. In der Frei=
tagſitzung
hatte der ſozialdemokratiſche Abg. Rechtsanwalt
Sturmfels eine ſehr ſcharfe Attacke gegen die Juſtiz geritten und
Miniſterialdirektor Neuroth Fälſchung vorgeworfen. Dieſen un=
geheuerlichen
Vorwurf konnte Abg. Sturmfels, trotzdem ihn die
Genoſſen Kaul und Widmann möglichſt zu ſchützen ſuchten, nicht
aufrechterhalten, und er betrat ſofort zu Sitzungsbeginn das Red=
nerpult
, um als reuiger Sünder ſeine in der Erregung ge=
machte
Aeußerung unter dem Ausdruck des Bedauerns zurück=
zunehmen
. Das Hohe Haus unterließ jeden Zwiſchenruf. Der
Angegriffene Genoſſe‟ Dr. Neuroth beſtätigte, er habe mit ſei=
nen
Ausführungen den Abg. Sturmfels nicht beleidigen, ſon=
dern
nur feſtſtellen wollen, daß dieſer bei ſeiner Kritik wichtige
Feſtſtellungen der Staatsanwaltſchaft nicht zur Verleſung ge=
bracht
habe. So war die Freundſchaft wieder hergeſtellt.
Zu vorgerückter Stunde begründete dann der Miniſter für
Arbeit und Wirtſchaft ſeinen Etat. Er rechnete den Landbund=
vertretern
vor, was Heſſen ſchon für ſeine hochſtehende Land=
wirtſchaft
getan habe. Leider ſei der Genoſſenſchaftsgeiſt der
Bauernſchaft noch nicht ausgeprägt genug, ſonſt hätten weitere
Erfolge eintreten können. Bei der Beſprechung der Preisſen=
kungsaktion
kritiſierte der Miniſter ſehr ſcharf das Verhalten des
Milchhandels, der Bäckerorganiſation und einzelner Kartelle.
Hoffentlich bringe die nächſte Notverordnung den Ländern die
Möglichkeit, bei böſem Willen mit Zwangsmaßnahmen ein=
greifen
zu können. Angeſichts der Kürzung des Realeinkommens
müßten ſämtliche Berufsſtände das Wort Verdienen klein
ſchreiben. Zum Schluß kündigte der Miniſter an, daß Heſſen
mit allen Mitteln auf eine Verſtändigung zwiſchen Arbeitneh=
mern
und Arbeitgebern hinarbeiten wolle, aber dem Dogma der
freien Wirtſchaft zuliebe keine Zurückdrängung des ſtaatlichen
Einfluſſes und der Rechte der Arbeitnehmer aller Kategorien
mitmachen könne. Der Miniſter wurde wiederholt durch
Zwiſchenrufe von rechts und ganz links unterbrochen, die Er=
widerung
auf ſeine Ausführungen wurde jedoch auf Mittwoch
vertagt.
Präſident Delp eröffnet die Dienstagſitzung um 10.30 Uhr
mit folgendem
Nachruf für den verſtorbenen Abg. Scholz. (D. V. P.).
In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai iſt der Landtagsabge=
ordnete

Chriſtian Scholz
aus Mainz nach einer Bruchoperation verſchieden. Herr Scholz
gehörte dem Landtag ſeit dem 15. Februar 1921 an. Während des
2. und 3. Landtags war er ſtellvertretendes Mitglied des 1. Aus=
ſchuſſes
und ſeit Herbſt 1924 ordentliches Mitglied des Heſſiſchen
Staatsgerichtshofes. Herr Scholz erfreute ſich im Landtag wie
außerhalb desſelben großer Wertſchätzung. Seine ruhige Kampfes=
art
, ſeine große Sachlichkeit bei allen Beratungen und ſein vor=
nehmer
, lauterer Charakter erwarben ihm ſtets die Hochachtung
ſeiner politiſchen Gegner. Das Heſſenland, dem er auch beſon=
ders
während der Beſatzungszeiten in hervorragender Weiſe ge=
dient
hat, verliert in ihm einen großen Führer der heſſiſchen Wirt=
ſchaft
und das Parlament einen verdienſtvollen Abgeordneten.
Der Landtag wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren.
Es folgt die Einzelberatung des Juſtizetats.
Abg. Sturmfels (Soz.)
nimmt in einer perſönlichen Erklärung den Vorwurf der Fäl=
ſchung
gegen Min.=Direktor Dr. Neuroth mit dem Ausdruck des
Bedauerns zurück.
Abg. Kaul (Soz.)
macht ſich die Kritik des Abg. Sturmfels vom Freitag zu eigen.
Es ſei unbeſtreitbar, daß das Mißtrauen in der republikaniſchen
Bevölkerung gegen die Rechtſprechung ſtark gewachſen ſei. Die
Vollſtreckung der Todesſtrafe widerſpreche der Menſchenwürde, und
Heſſen möge an der ſeitherigen Praxis, Todesurteile nicht zu voll=
ſtrecken
, feſthalten.
Schiller durfte am Ende doch erklären, er habe des Getreuen
Herz nie auf einem falſchen Klange überraſcht.
Die Treue, die Körner dem Lebenden gehalten, hielt er auch
dem allzufrüh Dahingerafften: er ward als erſter Herausgeber und
Biograph der Betreuer des Schillerſchen Lebenswerkes, dann der
Behüter des herrlichen Denkmals ihrer Freundſchaft, ihres Briefwech=
ſels
. Der Geiſt Schillers half dem Körnerſchen Ehepaare auch die
furchtbarſten Schickſalsſchläge ihres Lebens, den Schlachtentod
des Sohnes Theodor und das plötzliche Hinſcheiden der Tochter
Emma, überſtehen. Mehr Deutſcher als Sachſe mochte Vater
Körner nach den Befreiungskriegen dem ehemaligen Rheinbund=
ſtaate
nicht mehr dienen: auf Befürwortung Wilhelms von Hum=
boldt
wurde er 1815 als Staatsrat ins preußiſche Kultus=
miniſterium
nach Berlin berufen. Noch 16 Jahre lebte er dort,
ſeine Arbeitskraft zwiſchen ſeinem amtlichen Berufe und wiſſen=
ſchaftlichen
Beſchäftigungen teilend. Seine Hauptlebensarbeit
galt in dieſen Jahren neben der liebevollen Pflege des Schiller=
ſchen
Angedenkens der Sammlung und Sichtung der von ſeinem
Sohne nachgelaſſenen Schriften. Daß beide, der Freund und
der Sohn, lebendig blieben in deutſchen Herzen, war Körners
Troſt und Erquickung bis zu ſeinem Scheiden am 13. Mai 1831.
Mit ihm war ein Mann dahingegangen, in dem, nach einem
Worte der Grabrede, das Beſte der alten und neuen Zeit ver=
einigt
war.
Elly Ney Beethoven=Abend.
Städt. Saalbau. Großer Saal. Dienstag, den 12. Mai.
Elly Ney bewies an ihrem hieſigen Beethoven=Abend, der
erfreulich viele Hörer in den Saalbau gelockt hatte, daß ſie
völlig auf der Höhe ihrer Künſtlerſchaft ſteht. Sie ſtand derart
über allem Techniſch=Irdiſchen im Bereich künſtleriſcher Geiſtig=
keit
, daß ſie die vorgetragenen Werke Beethovens ſo wahr und
ihrer Art gemäß vortrug, wie es nur wenige wagen, daß ſie
auf jeglichen Effekt um ſeiner ſelbſt willen verzichtete, und in
einer Schlichtheit und Empfindungswärme vortrug, daß ihr
Spiel ergreifend wirkte. Sie iſt eine Spielerin von ganz un=
gewöhnlichem
Temperament, und hatte ſich drei der am ſtärkſten
ſubjektiven Sonaten des Meiſters ausgewählt, die letzte, Op. 111
in C=Moll, die Cis=Moll Sonate aus Op. 27 und die Appaſ=
ſionata
. Es wäre nicht möglich zu ſagen, welches der drei Werke
am beſten ausgeführt war, man konnte reſtlos genießen und
ernpfinden, daß die Auffaſſung der Künſtlerin ſo einer inneren
Notwendigkeit und Ueberzeugung entſprach, daß ihr gegenüber
jede Kritik verſtummen mußte. Beſonders intereſſant war der
Aufbau der Cis=Moll Sonate, deren erſter Satz ungewohnt
langſam, faſt ſtarr in ſchmerzlicher Reſignition, deren Allegretto

Abg. von der Schmitt (Komm.)
ſpricht der Juſtizverwaltung das uneingeſchränkte Mißtrauen der
Kommuniſten aus. Nach den Erklärungen des ſozialdemokrati=
ſchen
Min.=Direktors Neuroth ſollten die Nationalſozialiſten aus
Dankbarkeit dem Juſtizminiſterium ein Vertrauensvotum aus=
ſprechen
.
Abg. Weſp (Zentrum)
fordert ſchärfſte Beſtrafung der Arbeitgeber die Sozialbeiträge
der Arbeitnehmer unterſchlagen. Die bisherige Tätigkeit der
Arbeitsgerichte wirke ſich namentlich durch die Bevorzugung des
Vergleichsverfahrens ſehr ſegensreich aus. Die Zulaſſung von
Rechtsanwälten zu den unteren Stufen der Arbeitsgerichte lehn=
ten
die Gewerkſchaften ab.
Abg. Galm (Komm. Opp.)
wünſcht die Einrichtung von Rechtsauskunftsſtellen bei ſämtlichen
Amtsgerichten.
Abg. Böhm (Dntl.)
anwalt zahlloſen Ermordeten in die gebrochenen Augen geſehen
habe. Wer Blut vergieße, deſſen Blut müſſe wieder vergoſſen
werden. (Zuruf Sturmfels: Barbarei!.)
Abg. Dr. Wolf (Parteilos)
macht in vielen Fällen die Wirtſchaftslage oder die Praxis der
Kaſſen dafür verantwortlich, wenn Sozialbeiträge unterſchlagen
würden. In ſo klaren Fällen, wie Kürten und Haarmann ſei
Schnelljuſtiz unter Ausſchluß der Oeffentlichkeit durchaus
am Platze.
Arbeitsminiſter Korell
erwidert, daß in vielen Fällen Schmutzkonkurrenz zur Unterſchla=
gung
von Sozialbeiträgen geführt habe; hier ſei ſchärfſte Beſtra=
fung
am Platze. (Sehr richtig!)
Zu Kapitel Strafanſtalten erheht. Abg. von der
Schmitt (Komm.) ſcharfe Kritik an dem Syſtem des Strafvoll=
zuges
und der Bezahlung der Gefangenenarbeit.
Abg. Dr. Werner (Nationalſoz.)
weiſt die Vorwürfe des Vorredners zurück. In vielen Fällen zeige
der Strafvollzug in Heſſen eine unverantwortliche Milde und
Großzügigkeit, die zu Heuchelei der Sträflinge führe. Daß die
Todesſtrafe an Scheuſalen wie Kürten und Haarmann vollſtreckt
werden müſſe, darüber gebe es im geſunden Volksempfinden nur
eine zuſtimmende Meinung. (Sehr richtig!)
Abg. Weckler (Zentrum)
erklärt, daß die kommuniſtiſchen Beſchwerden tatſächlich unbegrün=
det
ſeien. Auch der Fall Meon liege umgekehrt. Meon werde
in Butzbach genau behandelt wie jeder andere Inſaſſe und ſei nicht
der Neffe des Biſchofs von Mainz.
Abg. Donat (Dem.)
wünſcht Zuſammenlegung der Strafanſtalten Butzbach und
Marienſchloß.
Abg. Kunkel (D. V. P.)
fordert Einſchränkung der gewerblichen Arbeit in den Strafan=
ſtalten
.
In der Abſtimmung wird der geſamte Juſtizetat in der
Faſſung des Ausſchuſſes beſtätigt.
Es folgt der Etat des Miniſteriums für Arbeit
und Wirtſchaft.
Miniſter Korell
erklärt u. a.
Die Aufhebung des Miniſteriums für Arbeit
und Wirtſchaft ſei beantragt worden, und man wiſſe wohl,
daß er der Miniſter perſönlich der Aufhebung nicht entgegenſtehe.
Das Miniſterium für Arbeit und Wirtſchaft ſei im letzten Jahre
ein Wohlfahrtsamt großen Stiles
geworden. Der Miniſter verwies insbeſondere auf die Hilferufe
der Kleingewerbetreibenden, welche keinen Rechtsanſpruch auf
Unterſtützung hätten. Mit dem Mittel der Zinsverbilligung habe
er in manchen Fällen helfen können. Um Aufträge für die Wirt=
ſchaft
habe ſich das Miniſterium energiſch bemüht.
Vom Perſonal des Miniſteriums ſelbſt ſind auf Inhaber
geſetzt 7 Stellen 12,5 Prozent. Abgebaut wurden bereits
4 Beamte, mit einer Erſparnis von 16 428 RM. Von 474 Stel=
lea
im Geſamtreſſort ſind 62 12 Prozent auf Inhaber geſetzt
und 21 Stellen zum Verſchwinden gebracht worden. Man ſolle
angeſichts ſolcher Zahlen etwas vorſichtiger mit dem Vorwurf
mangelnder Sparſamkeit ſein. Weitere 30 000 RM. wurden an
ebenfalls ſehr zurückhaltend vorgetragen wurde, und dann folgte
unmittelbar, ohne jede Caeſur das in Tempo und Dramatik
auf die Spitze getriebene Schluß=Preſto.
Außer den Sonaten ſpielte die hervorragende Künſtlerin
der geringen Zahl der Variationen von dem alten Prinzip der
tion Tonart und Melodienverlauf des Themas aufgibt, dann
Andante favori in E=Dur, den Satz, der von Beethoven, ur=
ſprünglich
als Mittelſatz der großen Waldſteinſonate gedacht
war und als Zugabe einen der kleinen frühentſtandenen Varia= im Beſitze ihrer Kuſine Tinette iſt. Er findet Anknüpfungspunkte an
tionszyklen. Alle Vorträge fanden begeiſterten Beifall, und die
F.N.
Künſtlerin wurde lebhaft gefeiert.

Von Deutſchlands Hohen Schulen.
Heidelberg: Am 6 Mai 1931 verſchied hier im Alter von 72 Jahren
der Kirchenhiſtoriker Geheimrat Hans von Schubert.
Berlin: Der Privatdozent Dr. Hans Friedrich Roſenfeld in
Berlin wurde als ordentlicher Profeſſor der gemaniſchen Philologie an
die Univerſität Abo in Finnland berufen.
Bonn: In der katholiſch=theologiſchen Fakultät iſt Dr. Karl Schä=
fer
für die Fächer neuteſtamentliche Exegeſe und bibliſche Theologie als
Privatdozent zugelaſſen worden.
Gingen Sie ſchon einmal auf Entdeckungsreiſen mit der neuen
linie‟? Im Maiheft gehts nach Holland. Paul Fechter ſchreibt
über die Landſchaft der weiten Räume; das iſt das charakteriſtiſche
Wort, und im Bildwerk dazu, da iſt der charakteriſtiſche Blick! Hollän=
diſche
Architektur in modernſten Beiſpielen, holländiſches Kunſtgewerbe
mit den dämoniſchen Puppengeſchöpfen Harry van Tuſſen=
broeks
: zum erſten Mal dann für eine breitere Oeffentlichkeit die
Schätze der Kunſtſammlung Kröller=Müller aus dem Haag.
Ueberraſchungen durch die neue linte: als erſte deutſche Zeitſchrift
bringt ſie, kaum daß die Deutſche Bauausſtellung 1931 in Berlin
ihre Tore öffnete, bereits eine ihrer intereſſanteſten Schöpfungen: in
farbigen Zeichnungen ſehr ſchön den Ring der Frauen‟. Dazu ein
Interview mit dem Meiſter Peter Behrens. Im Modenteil Früh=
ſommliches
Sommerliches Literariſche Koſtbarkeit dieſer neuen
linie‟: Das Ende vom Lied Vom Lied ohne Ende, eine Novelle
von Hans Johſt, der Name ein Mann, der Mann ein Dichter.
Er kommt heiter diesmal, leichten Schritts aus der Welt der Kuliſſen,
aber er verläßt ſein Niveau nicht. Sollten Sie nicht Beſcheid wiſſen:
Sie kaufen die neue linie für 1 Mark in allen Buchhandlungen. Ver=
lag
Otto Beyer, Leipzig/Berlin.
Ap. Zwiſchen den Zeiten. Roman von Guſti Jirku. (Verlag von
E. P. Tal u. Co. in Wien VII. Preis geh. 2,25 Mk.)
Der Roman ſpielt in der Nachkriegszeit in Jugoſlawien. Dort, im
Süden des alten Oeſterreich, lebt eine gräfliche Familie auf einem Gut,
das ſchon ſeit hunderten von Jahren in Beſitz der Familie geweſen

Zinsverbilligung neu hinzugebracht. Wenn die Hauptabteilung 7
mit einem Mehrzuſchuß von 127 747 RM. abſchließe, ſo ſei daran
ſchuld die Neuvorſehung von 250 000 RM. Zinszuſchuß für Not=
ſtandsarbeiten
; ſonſt wäre ein Wenigerzuſchußbedarf von 122 253
RM. vorhanden geweſen.
Man müſſe daran denken, wie die verſchiedenſten Stände
der Wirtſchaft alle gegeneinander in Kampf=
front
ſtünden. Beſonders ungerecht ſei der Vorwurf parteipoli=
tiſcher
Entſcheidungen in Wirtſchaftsfragen und der Intereſſe=
loſigkeit
an ſozialen Fragen. Wir ſind keine vorausſetzungsloſen
Wirtſchaftswiſſenſchaftler, ſondern Politiker; aber an dieſer Stelle
der Staatsverwaltung ſeine Parteipolitiker, ſondern Anwälte der
Geſamtheit, und wo Intereſſen kollidieren, keine Kompromißler
von Fall zu Fall, ſondern Vollſtrecker ſozialer und ethiſcher Grund=
ſätze
zum Schutze der Schwächeren und zum Nutzen
der Geſamtheit.
Der Miniſter wandte ſich dann einer Darſtellung der
Förderungsmaßnahmen für die Landwirtſchaft
zu. Er erinnerte an den hohen Stand des landwirtſchaftlichen
Schulweſens, bei dem leider jetzt auch Einſchränkungen hätten ſtatt=
finden
müſſen. Die Feldbereinigung ſei trotz der ſchwierigen
Geldverhältniſſe weiter gefördert worden. Eine Verbilligung der
Koſten werde konſequent durchgeführt. Für das Ried und andere
Entwäſſerungsgebiete ſei dasſelbe der Fall. Man dürfe den
Plan, größere Verbände zu den Koſten heranzuziehen, nicht ab=
weiſen
. Ein Geſetzentwurf ſei in Vorbereitung. Für beſonders
wichtig bezeichnete der Miniſter die begonnene Umſtellung des
Vogelsbergs zur Grünlandwirtſchaft durch die Beiſpielswirtſchaf=
ten
, welche ſich befriedigend entwickeln. Die Glashauskulturen
arleiteten techniſch in Heſſen ausgezeichnet, aber ſie, ebenſo wie
die neuen genoſſenſchaftlichen Märkte, litten unter ausländiſcher
Schleuderkonkurrenz und mangelndem genoſſenſchaftlichen Geiſte
unter den Landwirten. Der Miniſter ſagte einigen Führerinnen
der Hausfrauenvereine in Heſſen Dank für ihre Propaganda für
erklärt, er ſei Anhänger der Todesſtrafe, weil er als Staats= die einheimiſche Produktion. Für den Rebenbau und für die Be=
kämpfung
der Reblaus geſchehe was finanziell tragbar ſei. Der
Rebmuttergarten in Heppenheim ſei als eine Muſteranlage von
Reichsſtellen anerkannt worden. Bei dieſen Maßnahmen ſei gern
mit der Landwirtſchaftskammer zuſammengearbeitet worden.
Wenn der Beitrag des Staates zur Landwirtſchaftskammer ge=
kürzt
werden mußte, ſo nur aus allgemeinen Sparſamkeits=
gründen
.
Die Not des bäuerlichen Betriebes, die Ueberlaſtung mit allen
möglichen Ausgaben und die geringe Einnahme für die Produkte
ſeien ihm wohl bekannt. Dabei verſpürten die Konſumenten zu
oft den Rückgang des Preiſes nicht in genügendem Maße und er=
höben
noch ungerechte Vorwürfe gegen die Landwirtſchaft.
Die Preisſenkungsaktion
ſei eine ſehr ſchwierige Frage welche die gröbſten Vorwürfe gegen
das Miniſterium geboren habe. Der Miniſter habe immer aner=
kannt
, daß bei den Detailiſten entſprechende Preisſenkungen vor=
genommen
worden ſeien. Er habe anerkannt, daß die Fleiſchwaren
geſenkt worden ſeien. Aber ebenſo ſei es ſeine Pflicht geweſen auf
anderen Gebieten, wo der Abſchlag nicht genügend oder zu lang=
ſum
, dagegen der Aufſchlag ſehr raſch und ohne Berückſichtigung
der Wirkung auf weite Kreiſe vorgenommen worden ſei, einzu=
wirken
. Der unbefriedigende Zuſtand in der Preisſpanne zwiſchen
Mehl= und Brotpreis liege in der verſchiedenartigen Gewinnhöhe.
In Heſſen ſchwanke der Milchpreis zwiſchen 11 und 30 Pfg. pro
Liter. Die Preisſenkung ſei hier am Widerſtand des Milch=
handels
geſcheitert. Den Landesregierungen fehlten Mittel, um
gegebenenfalls ihren Willen zu erzwingen.
Der Miniſter ging dann über zu den
Maßnahmen für Induſtrie, Gewerbe und Arbeiterſchaft.
Es ſei aus ſehr kompetentem Munde anerkannt worden, daß das
Handwerk die denkbar beſte Unterſtützung durch das Miniſterium
für Arbeit und Wirtſchaft gefunden habe. Man brauche nur an
den Schutz des Handwerks in Lehrlingsfragen und an die Be=
mühungen
um Ueberweiſung von Aufträgen an das heſſiſche Ge=
werbe
zu denken. Gar manchem Handwerker und Gewerbetreiben=
den
ſeien unter Beiſeiteſchiebung aller bürokratiſchen Hemmungen
Erleichterungen jeder Art gegeben worden. Die Geſandtſchaft in
Berlin habe ſich für Aufträge an das heſſiſche Ge=
werbe
energiſch und mit Erfolg eingeſetzt. Auf dem Gebiete
des Erbauens von Wohnungen ſei in den vergangenen Jahren
Heſſen mit an der Spitze aller deutſchen Länder marſchiert. Der
Reinzugang an Wohnungen auf 1000 der Bevölkerung betrage
im Reiche 31,5 Prozent, in Heſſen 38,8 Prozent. Für das Jahr
1930 konnten nur 10 Millionen RM. bereitgeſtellt werden. Auf
die Städte entfielen im ganzen 6 100 000 RM. Für die Land=
gemeinden
konnten 4 425 000 RM. Verwendung finden.
Bei der Vergebung von Bauarbeiten haben ſich teilweiſe er=
hebliche
Preisſenkungen ergeben.
Vermutlich werden die neuen Bauten ſich etwa um 15 bis
20 Prozent billiger ſtellen als bisher.
Für 1931 ſind in Heſſen nur 5 Millionen für den Wohnungsbau
bis jetzt verfügbar. Von den verfügbaren 5 Millionen werden
vorweg für die Verzinſung und Tilgung der aufgenommenen An=
leihen
für die Landgemeinden 2 500 000 RM. und ebenſoviel für
die Stadtgemeinden beanſprucht. Das bedeutet daß für das Jahr
1931 in Heſſen nur ein Betrag aus den Rückflüſſen und den auf=
kommenden
Zinſen in Höhe von 1 513 000 RM. zur Verfügung
ſteht. Zieht man hiervon Koſten für Zuſatzdarlehen für Kriegs=
beſchädigte
, Kinderreiche und Tuberkuloſekranke, landwirtſchaft=
liche
Siedlungen und eine Reſerve von zuſammen 513 000 RM. ab,
ſo bleibt zur Verwendung für reine Baudarlehen ein Reſtbetrag
Perſonal= und Sachkoſten abgeſetzt und der Feldbereinigung zur von 1 Million RM. Dem Vorwurf der Vermieter, daß in Heſſen
iſt. Während die alten Familienmitglieder an ihrer Tradition und der
ſtarven Adelsmoral feſthalten, mit der geliebten Vergangenheit ver=
bunden
ſind und das Heute nicht mehr verſtehen, ſuchen ſich die Kinder
Tinette und Cary mit der neuen Zeit abzufinden. Dieſes Zeitgemälde
bildet den Hintergrund für eine etwas myſtiſche Geſchichte einer Perlen=
die
Variationen in P=Dur, Op. 34, in denen Beethoven trotz ſchnur, eines koſtbaven Erbſtückes, das im Beſitze einer Verwandten des
gräflichen Hauſes war, die es aber, um die Schulden ihres Geliebten
Formalvariation völlig abweicht, und ſchon in der erſten Varia= zu bezahlen, verkauft hat. Sie will, um einen Skandal zu verhüten,
eine genaue Kovie der Perlen anfertigen laſſen. Ihr Geliebter Serge
Bogdanoff, ein aus Rußland geflohener Abenteurer und Herzens=
bezwinger
, verſpricht ihr, eine gleiche Perlenſchnur zu verſchaffen, die
die Familie und gewinnt die Liebe der Tinette, mit der er ſich auf einer
Reiſe an einem fremden Orte trifft. Sie verſtrickt ſich in Leidenſchaft,
gerät mit ihrer Adelsmoral in ihrem Herzen in Konflikt, aus dem ſie
keinen Ausweg findet und gibt ſich den Tod, nachdem ſie ihm die Perlen=
ſchnur
hinterlaſſen hat, die ſie dem ſchenken will, der ſie am liebſten hat.
Die Geliebte des Bogdanoff kommt wie, wird nicht geſagt , in den
Beſitz der Perlenſchnur und ſchenkt ſie dem Bruder der Tinette. Damit
ſchließt der Roman, ohne daß man über das Schickſal der beteiligten
Perſonen weiteres erfährt. Der Roman, mit dem eine neue talentvolle
und begabte Schriftſtellerin an die Oeffentlichkeit tritt, iſt feſſelnd und
geiſtvoll geſchrieben, wenn es auch dem Leſer mehrfach überlaſſen bleibt,
die Motive der handelnden Perſonen und den Zuſammenhang der Hand=
lung
ſelbſt herauszufinden.
Baedekers Italien von den Alpen bis Neapel. Mit 532 (VI. und 492)
Seiten, 34 Karten, 41 Plänen und 23 Grundriſſen. 8. Auflage 1931.
Leipzig, Karl Baedeker. 12.50 RM.
Mehr als andere Völker hat gerade der Deutſche von jeher die beſon=
deren
Werte, die in einer Auslandsreiſe liegen, erkannt, und auch trotz
aller Wirtſchaftsnöte läßt ſich die Sehnſucht nach der Sonne des Südens
bei uns nicht unterdrücken. Selbſt bei ſchmalem Beutel macht mancher
das ſcheinbar Unmögliche möglich. Wer nur die Hauptpunkte Italiens
beſuchen will, findet auch in dieſer kurzen Ausgabe des Baedeker, die
ſelbſtändig neben der größeren, dreibändigen ſteht, einen altbewährten
kundigen Führer, der billiger und mit größerem Verſtändnis leitet als
der beſte Fremdenführer an Ort und Stelle. In verdichteter Faſſung.
aber nicht etwa trocken zuſammengeſtrichen, ſondern in neuer Formung.
werden die Hauptreiſeziele ſachkundig und ſo vollſtändig dargeſtellt, wie
es der Raum irgend zuließ, ſo vor allem Mailand, Venedig, Turin,
Genua, Florenz, Rom und Neabel und ihre engere und weitere Um=
gebung
, die oberitalieniſchen Seen, wie die Albaner= und Sabinerberge
bei Rom, Pompeii, Capri uſw. Und wer ein modernes Mißtrauen emp=
findet
gegen das klaſſiſche Bildungsideal und gegen Muſeumsbeſuche,
der wird überraſcht ſein, wieviel Neues er hier erfährt über die füngſte
Entwickelung im Land des Fascismus und des neugebildeten Kirchen=
ſtaates
, über Landſchaft und Städtebau, Autoſtraßen und Seebäder.
Das Jahr 1931 bringt in Italien einen Abbau der Hotelpreiſe und wie=
der
mancherlei Fahrpreisermäßigungen ſo vom 1. April 1931 bis 30.
Juni 1932 für das 700. Jubiläumsjahr des heil. Antonius von Padua.
Hierzu ſei das vorliegende Reiſehandbuch aufs wärmſte empfohlen.
Die Recklingshäuſer Zeitung hat aus Anlaß ihres 100jährigen Be=
ſtehens
eine umfangreiche Sondernummer herausgegeben, die Anſpruch
darauf erheben darf. Intereſſe auch außer Recklingshauſen zu erwecken.

[ ][  ][ ]

Nummer 132

Seite 4

für die Lockerung der Zwangswirtſchaft nichts ge=
ſchehen
ſei, und daß erſt von einem Nachfolger beſſeres zu erwarten
ſei ſtehe der Miniſter genau ſo gegenüber wie der Anklage der
Mieterorganiſation, daß nur der Hausbeſitz das Ohr des Miniſters
habe. Beide Vorwürfe ſeien unberechtigt und die Exzeſſe in der
Agitation der Intereſſenten verwerflich.
Der Miniſter ging dann zu den ſozialen Fragen im
engeren Sinne über und wies auf die energiſche Förde=
rung
der Sonntagsruhe in den letzten Jahren hin. Die
Herabſetzung der Arbeitszeit ſei in Heſſen in der
großen Mehrzahl der Betriebe durch die Not der Wirtſchaft be=
reits
erzwungen worden. Wo noch Ueberſtunden und Sonntags=
arbeit
geleiſtet würde, habe das Miniſterium und die Gewerbe=
aufſicht
eingegriffen; allerdings auch hier unter Berückſichtigung
lebenswichtiger Intereſſen der Induſtrie, da wo Ausnahmen ge=
boten
erſchienen. Das Miniſterium für Arbeit und Wirtſchaft
habe im letzten Winter die nochmalige Gewährung einer Win=
terbeihilfe
an die Allerbedürftigſten ermöglicht. Mit be=
ſonderer
Genugtuung erwähnte der Miniſter ſodann die Bereit=
ſtellung
von Mitteln zur Zinsverbilligung von Arbeiten der Pro=
vinzen
, Kreiſe und Gemeinden, um ausgeſteuerte Wohlfahrts=
ernerbsloſe
zu beſchäftigen. Wohl 5000 Ausgeſteuerte fanden auf
dieſem Wege Brot. Im Grunde genommen ſei die zuerſt ver=
ſpottete
Maßnahme nichts anderes, als der neuerliche Vorſchlag
der Brauns=Kommiſſion.
Das Problem der Landwirtſchaftspolitik
enthüllt ſich an der augenblicklichen Lage, daß gute Getreidepreiſe
alsbald zur Erhöhung des Brotpreiſes führen. Eine dauernde Er=
höhung
des Brotpreiſes iſt indeſſen bei der gegenwärtigen Lohn=
und Gehaltsſenkungspolitik und der Verarmung weiteſter Kreiſe
unerträglich. Hinzu komme, daß die hohen Preiſe für Futtermit=
tel
in ſcharfem Kontraſt ſtünden zu den geſenkten Lebendvieh=
und Milchpreiſen. Endlich werde man an einer Erhöhung der
Zölle für landwirtſchaftliche Veredelungs=
produkte
nicht vorbeikommen, wenn die unbedingt notwendige
Qualitätsverbeſſerung und gleichbleibende Ware erzielt werden
ſolle. Es zeichnen ſich bei dieſer Lage neue Wege der
Agrarpolitik bereits ab. Die Kontingentierung der Zucker=
rübenproduktion
durch die Intereſſenten iſt ein Weg planmäßiger
Selbſthilfe. Auch die neue Art, beſtimmte Mengen von Getreide
zu verbilligten Zöllen hereinzulaſſen, iſt ein Weg der Abkehr vom
ſtarren Zoll= und Handelsſyſtem zu ſtaatlich beeinflußter Getreide=
politik
. Es werde ſich zeigen, ob
das Reich nicht noch weitere Eingriffe in die Importpolitik
vornehmen müſſe.
um gerechte Preiſe für Landwirtſchaft und Konſument zu garan=
tieren
. Der Hanſabund hat dieſer Tage ſehr energiſch wiederum
eine vom Staate vollſtändig
freie Wirtſchaftspolitik
gefordert und betont, daß in ihr die Hilfskräfte für den Neuauf=
bau
der Wirtſchaft vorhanden wären. Die ungeheuren und gar
oft fehlgeleiteten Inveſtitionen an Kapital, die überſtürzte Mecha=
niſierung
und Rationaliſierung der Produktion, die Produktions=
und Preispolitik der Kartelle und Truſte hat ſich frei auswirken
können, und jetzt erleben wir ſchaudernd die Folgen. Die Ma=
ſchinen
ſtehen zu einem großen Teil ſtill, die Fabrikpaläſte leer
und die Warenvorräte können nicht gekauft werden. Das er=
ſcheine
nicht gerade beweiskräftig füt den Segen der freien Wirt=
ſchaft
im liberaliſtiſchen Sinne. Die immer wieder betonte freie
Wirtſchaft ſcheine vielmehr der Sturmbock gegen die deutſche
Sozialpolitik werden zu ſollen. Warum diskutierten Arbeitgeber
nicht über die Frage der Arbeitszeitherabſetzung, ſondern lehnen
ſie rundweg ab? Die Tariflohnpolitik wird ebenſo berannt. Die
Senkung der Löhne und Gehälter hat ohne Zweifel zu einer Sen=
kung
des Reallohnes geführt, inſofern die Senkung der Löhne und
Gehälter größer als die des Lebenshaltungsindex iſt. Demgegen=
über
iſt nach unſerer Meinung an den ſozialen und Arbeitsrechten
der Angeſtellten und Arbeiter feſtzuhalten. Nicht allein aus
Humanität, ſondern ebenſoſehr in wohlverſtandenem Intereſſe der
Wirtſchaft. Die Heſſiſche Regierung wird auf der Seite des
ſozialen Rechts kämpfen. Sie wird alle Bemühungen unterſtützen,
die eine Verſtändigung zwiſchen Arbeitgebern und Arbeitnehmern
erzielen ſollen, aber ſie wird dem Dogma der freien Wirtſchaft

Mittwoch, den 13. Mai 1931

zuliebe keine Zurückdrängung des ſtaatlichen Einfluſſes und der
Rechte der Arbeitnehmer aller Kategorien mitmachen können.
Das Haus vertagt ſich um 2 Uhr auf Mittwoch 10 Uhr.
Tagesordnung: Fortſetzung der Hauptausſprache zum Wirtſchafts=
etat
.
Landes=Lehrerverein und Pädagogiſche Inſtikute.
Der Hauptvorſtand des Heſſiſchen Landes=Lehrervereins
nahm zu der nunmehr beſchloſſenen Zuſammenlegung der Päda=
gögiſchen
Inſtitute in Mainz einſtimmig nachſtehende Ent=
ſchließung
an:
Der Heſſiſche Landtag hat durch ſeine Beſchlüſſe vom
23. April 1931 die heſſiſche Lehrerbildung auf eine Bahn ge=
drängt
, die, verglichen mit den Forderungen, die der Deutſche
Lehrerverein ſeit Jahrzehnten erhebt, einen unbezweifel=
baren
Rückſchritt darſtellt. Die Landtagsmehrheit hat der
Regierung den Weg freigemacht, die bereits vor der Abſtimmung
begonnene Auflöſung des Darmſtädter Pädagogiſchen Inſtituts
zu vollenden, indem ſie die überaus bedeutungsvolle Frage der
Lehrerbildung zu einer Angelegenheit der Verwaltung degra=
dierte
. Regierung und Landtag ließen die von
den verſchiedenſten Seiten vorgebrachten
ſchwerwiegenden Gegengründe völlig unbe=
achtet
, obwohl ſie niemals widerlegt wurden
und zu keiner Zeit ſtichhaltige Gründe für die
Aufhebung des Inſtituts am Orte der Hoch=
ſchule
angeführt werden konnten. Der Heſſiſche
Landes=Lehrerverein ſieht ſich deshalb veranlaßt, gegenüber der
Haltung der Regierung und der Landtagsmehrheit ſchärfſten
Proteſt einzulegen und ſein tiefſtes Bedauern und Befremden
auszuſprechen. Er erwartet, daß die in Ausſicht geſtellte Er=
richtung
eines Pädagogiſchen Inſtituts an der Landesuniverſi=
tät
Gießen in kürzeſter Friſt erfolgt.
Das Inkrafikreken des Milchgeſehes.
Der Reichsrat beſchäftigte ſich in ſeiner Vollſitzung am Diens=
tagabend
mit der Verordnung über das Inkrafttreten des Milch=
geſetzes
und einer erſten Verordnung zur Ausführung des Milch=
geſetzes
.
Die Ausſchüſſe haben vorgeſchlagen, das Milchgeſetz, mit Aus=
nahme
des Paragr, 38, am 1. Januar 1932 in Kraft zu ſetzen,
da die erforderlichen Ausführungsvorſchriften der Länder noch
längere Zeit in Anſpruch nehmen, aber gleichzeitig mit dem
Milchgeſetz in Kraft treten müſſen. Nach Paragraph 38 ſind die
oberſten Landesbehörden ermächtigt, Erzeugerbetriebe und milch=
verarbeitende
Betriebe zur Abſatzregelung zuſammenzuſchließen.
Dieſe Ermächtigung ſoll ſchon am 15. Mai 1931 in Kraft treten.
Alle ſchon beſtehenden Milchhandelsbetriebe ſollen neu konzeſſio=
niert
werden; ſie ſollen nur vom Nachweis einer beſtimmten Um=
ſatzmenge
befreit ſein, wenn ſie den Betrieb ſchon bei Verkündung
des Milchgeſetzes am 8. Auguſt 1930 ausgeübt haben. Eine Reihe
von Uebergangsbeſtimmungen bringt Erleichterungen, für die
Uebergangszeit ſowohl für Milchhandelsbetriebe, wie für die
Landwirte, die zur Milchabgabe einer Konzeſſion bedürfen. Alle
dieſe Milchhändler und Landwirte ſind bis zum 1. April 1932
weiter zugelaſſen. Die Friſt kann verlängert werden. In der
Ausführungsverordnung werden in den Begriffsbeſtimmungen
für Milch und Milcherzeugniſſe folgende vier Milchſorten aufge=
führt
: Vollmilch, minder= oder fettarme Milch, Markenmilch, Vor=
zugsmilch
. Auch zubereitete Milch gilt als Milch im Sinne des
Geſetzes, insbeſondere alſo die paſteuriſierte Milch. Die Ausfüh=
rungsverordnung
enthält ferner die Vorſchriften zum Schutze der
menſchlichen Geſundheit. Die Ausführungsvorſchriften ſollen
gleichfalls am 1. Januar 1932 in Kraft treten. Gemäß den Vor=
ſchlägen
der Ausſchüſſe würden beide Verordnungen vom Plenum
des Reichsrats genehmigt. Sodann faßte der Reichsrat noch Be=
ſchluß
über die Neubildung des Bewertungsbeirates.

Beſorgniſſe des deutſchen Einzelhandels
wegen der Enkwicklung der Sozialverſicherung.
Frankfurt a. M., 12. Mai,
Auf der Geſchäftsführerkonferenz der Mitgliedsverbände der
Hauptgemeinſchaft des deutſchen Einzelhandels, die heute im Ple=
narſaal
der Frankfurter Induſtrie= und Handelskammer ſtattfand,
äußerte ſich Oberregierungsrat a. D. Dr. Tiburtius zur allge=
meinen
Lage der heutigen Wirtſchaftspolitik. Er ging von der
Feſtſtellung aus, daß die durch die Preisſenkungsaktion entfeſſelte
Debatte über Handelsſpanne und Unkoſtenbildung im Einzelhan=
del
heute in der Oeffentlichkeit eine gerechtere Beurteilung des
Handels erkennen laſſe. Der Einzelhandel habe über das Maß
ſeiner Unkoſten hinaus Preisſenkungen vorgenommen. Der Redner
erwähnte, daß die von der Reichsbahn vorgenommene Tarifſen=
kung
ſich hauptſächlich auf Rohſtoffe erſtrecke und den Stückgütern
daher nicht zugute komme. Er forderte eine weitere Senkung der
Koſten der öffentlichen Hand, ohne jedoch eine Gehaltskürzung der
Beamten zu beabſichtigen. Die allgemeine Konjunkturlage und
die Stellung des Auslandes zur Reparationsfrage ließen keine
günſtige Prognoſe für die Zukunft zu. Landtagsabgeordneter
Neumann empfahl in ſeiner Anſprache, einzelne Etatprüfungen
vorzunehmen und nach engliſchem Muſter hierbei zu verfahren. Es
folgten noch kurze Referate verſchiedener Mitglieder der Geſchäfts=
führung
über einzelne Fachgebiete (Fragen der Steuerſenkung, der
Ladenmieten, des Wettbewerbs, des Zugabeweſens, der Verkaufs=
beratung
und der Rationaliſierung), an die ſich rege Debatten
anſchloſſen.
Der Sozialpolitiſche Ausſchuß der Hauptgemeinſchaft des deut=
ſchen
Einzelhandels hat ſich in ſeiner Sitzung eingehend mit der
Arbeitsmarktlage, der Not der Einzelhandelsgeſchäfte und ihren
Auswirkungen auf die Perſonalpolitik der Einzelhandelsbetriebe
befaßt. Wenngleich hervorgehoben wird, daß Kurzarbeit in ge=
wiſſen
Arten von Einzelhandelsbetrieben nicht anwendbar ſei
und deshalb jeder Zwang abgelehnt wird, iſt der Sozialpoli=
tiſche
Ausſchuß doch zu der Auffaſſung gelangt, daß auch das Mit=
tel
freiwilliger Kurzarbeit in beſtimmten Gruppen des Einzel=
handels
nicht nur zur Unkoſtenſenkung, ſondern auch beſonders zur
Vermeidung drohender Entlaſſungen in der bevorſtehenden ſtil=
len
Saiſon größte Beachtung verdiene. Eine allgemeine, auf ge=
ſetzlichem
oder verwaltungsmäßigem Zwange beruhende Einfüh=
rung
einer 40=Stundenwoche komme für den Einzelhandel nicht
in Betracht. Mit großer Sorge vird von der Arbeitgeberſchaft
im Einzelhandel die Entwicklung der Sozialverſicherung, beſon=
ders
die finanzielle Zukunft der Arbeitsloſenverſicherung, be=
trachtet
. Der wiederholt erörterte Vorſchlag einer weiteren Bei=
tragserhöhung
in der Arbeitsloſenverſicherung wird als völlig
ungangbar bezeichnet.
Die Sanierung der Arbeitsloſenverſicherung ſei lediglich durch
entſcheidende Reformmaßnahmen zu erreichen. Auf dem Gebiete
der Sozialverſicherung warnt der Sozialpolitiſche Ausſchuß der
Hauptgemeinſchaft vor Verſuchen, die Selbſtändigkeit der Ange=
ſtelltenverſicherung
irgendwie zu beeinträchtigen. Der Einzel=
handel
verlangt die volle Aufrechterhaltung dieſer berufsſtändi=
ſchen
Verſicherung, unter Ausſchluß aller Beſtrebungen, die auf
eine erhebliche finanzielle Beanſpruchung oder gar organiſatoriſche
Angliederung der Angeſtelltenverſicherung an andere Zweige der
Sozialverſicherung hinzielen.

Ihre Vermählung beehren sich anzuzeigen
Philipp Demmel
und Frau Ria
geb. Assfalg
Träuung: Donnerstag, 14. Mai, 2 Uhr, in der
St. Ludwigskirche.

Meine liebe Frau, meine gute Mutter
Eictd Hrant
geb. Mühlhäuſer
iſi äm 10. Mai wohlvorbereitet in die
Ewigkeit abgerufen worden.
Die trauernden Hinterbliebenen:
Georg Frank und Tochter
Hoffmannſir. 21.
Die Beerdigung hat in aller Stiſte ſtatt=
gefunden
.
Das Seelenamt findet in St. Ludwig am
Freitag, den 15. Mai, 8½ Uhr ſtatt.

Statt Karten.
Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teil=
nahme
bei dem Hinſcheiden unſeres lieben
Entſchlafenen
Löſermann Mager
ſagen wir Allen unſern herzlichſien Dank.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Karoline Mayer.
T7533

rtte
DEGERLOCH-STUTTGART
1. physikal., diätet., homöop. Heilverfahr
Aerztücher Leiter: Dr. med, KATZ.
TT.3041

Fräulein ſucht An=
ſchluß
an ebenſolch.
zw. gemeinſ. Spa=
ziergänge
. Ang. u.
. 178 a. d. Gſchſt.*

Todes=Anzeige.
Heute verſchied nach ſchwerem Leiden, unſere
herzensgute Mutter, Großmutter u. Urgroßmutter
Murgüreie Selbel
geb. Heinz
im Alter von 75 Jahren.
Die trauernden Hinterbliebenen.
Gräfenhauſen, den 12. Mai 1931.
Die Beerdigung findet Donnerstag, den 14. Mai,
nachmittags 3 Uhr ſtatt.
(7565

Todes=Anzeige.
Am 11. Mai verſchied nach kurzer Krankheit
unſer lieber Bruder und Onkel
Senamin Beint
nach kaum vollendeten 67. Lebensjahre.
Die trauernden Hinterbliebenen.
Zürich, Frankfurt, Cöln, Darmſtadt,

den 11. Mai 1931.

(7505

Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 13. d. Mis.,
vormittags 11 Uhr, vom Portale des iſrael. Friedhofs
aus ſtatt.

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[ ][  ][ ]

Nummer 132

Mittwoch, den 13. Mai 1931

Aus der Landeshaupkftadk.
Darmſtadt, den 13. Mai 1931.
Ernannt wurde: Am 27. April: der Oberförſter Fritz Köh=
ler
zu Wimpfen zum Forſtmeiſter des Forſtamts Raunheim, vom
1. Mai lfd. Js. an.
Erledigte Stelle. Erledigt iſt die Lehrerſtelle für einen
evangeliſchen Lehrer an der Volksſchule in Kortelshütte, Kreis
Erbach, im Odenwald: Dienſtwohnung iſt vorhanden und frei.
Ruheſtandsverſetzungen. Auf Grund des § 1 des Geſetzes
über die Altersgrenze der Staatsbeamten vom 2. Juli 1923 bzw.
19. Dezember 1923 in der Faſſung des Geſetzes vom 8. Oktober
1925 (Reg.=Bl. S. 249) treten am 1. Juni 1931 in den Ruheſtand:
Rektor Jakob Frank zu N

Seite 5

feld, Lehrer Georg Hofmann an der Volksſchule zu Altheim,
Kreis Dieburg.
EPH. Pfarrperſonalien. Durch die Kirchenregierung wurde
dem Pfarrer Friedrich Bernbeck zu Mainz die evangeliſche
Pfarrſtelle im erſten Bezirk der Chriſtusgemeinde zu Mainz. De=
kanat
Mainz, dem Pfarrer Friedrich Wacker zu Offenheim die
evangeliſche Pfarrſtelle, zu. Heppenheim a. d. Wieſe, Dekanat
Worms, dem Pfarrverwalter Georg Otto Blümler zu Dahl=
heim
die evangeliſche Pfarrſtelle zu Dahlheim, Dekanat Oppen=
heim
und dem Pfarrer Ernſt Sahner zu Erndtebrück die evan=
geliſche
Pfarrſtelle zu Rodheim v. d. H., Dekanat Rodheim, über=
tragen
.
Einführung von Erkennungsmarken für die Kriminalpoli=
zei
. Nachdem die Verſtaatlichung der Ortspolizei von Mainz und
Worms durchgeführt iſt, werden ſämtliche ſtaatliche Kriminalpoli=
zeibeamten
ſowie die Leiter und Vorſteher der Kriminalabteilun=
gen
neben ihren Perſonalausweiſen mit einheitlichen Erkennungs=
marken
ausgerüſtet. Die Erkennungsmarken, die innerhalb jeden
Polizeiamts fortlaufend numeriert ſind, tragen auf der Vorder=
ſeite
unter dem heſſiſchen Hoheitszeichen die Ortsbezeichnung des
ſtaatlichen Polizeiamts, auf der Rückſeite die Nummer des betref=
fenden
Beamten. Sie werden an einer Kette befeſtigt in der
Taſche getragen. Als Ausweis bei exekutiviſchen Amtshandlun=
gen
gilt zukünftig die Erkennungsmarke. Der Perſonalausweis
dient dem Kriminalbeamten nur in Sonderfällen, insbeſondere
Behörden gegenüber, mit denen er außerhalb ſeines Dienſtortes
in Verbindung tritt, als Ausweis.
Heſſiſches Landesmuſeum. Das Heſſiſche Landesmuſeum iſt
am Donnerstag, 14. Mai 1930 (Himmelfahrtstag) wie an Sonn=
tagen
, in der Zeit von 10 bis 13 Uhr unentgeltlich geöffnet. Am
1. Pfingſtfeiertag bleibt das Muſeum geſchloſſen, dagegen iſt es
am 2. Pfingſtfeiertag von 10 bis 13 Uhr geöffnet. Der Eintritt
iſt frei.
Heſſiſche Spielgemeinſchaft. Die letzte Aufführung, des
Lokalſtückes Liebesluſt oder die weißen Schuhe fin=
det
am kommenden Samstag, 16. Mai, 20 Uhr, im Kleinen Haus
bei kleinen Preiſen ſtatt. Es ſoll damit all denen, die die letzte
Aufführung nicht beſuchen konnten. Gelegenheit geboten werden,
ſich an Rüthleins köſtlichem Ausſchnitt aus dem Kleinbürgerleben
Darmſtadts ſo behaglich zu ergötzen, wie es vor ihnen ſchon ſo
viele Hunderte tun konnten. Eine nochmalige Wiederholung iſt
mit Rückſicht auf die zu Ende gehende Spielzeit unmöglich. Vor=
verkauf
ab Mittwoch.
Muſikverein. Am kommenden Freitag, dem 15. Mai, fin=
det
im Anſchluß an die um 8 Uhr beginnende Geſamtprobe die
Mitgliederverſammlung ſtatt. Nachher wird unſer Dirigent, Herr
Dr. Böhm, mit ſeiner Gattin bei zwangloſem Beiſammenſein zum
letzten Male vor ſeinem Weggang von Darmſtadt in der Mitte
des Vereins weilen. Es wird um zahlreiche Beteiligung gebeten.

Heſſiſches Landestheaker.

Großes Haus Kleines Haus Mittwoch,
13. Mai 19.3022 Uhr
Turandot
B23, T. G. 1
Preiſe 110 Mk MMifr7 Mice
Die Wildente
Zuſatzmiete V 12
Preiſe 1206 Mk. Donnerstag,
14. Mai 2022.30 Uhr
Meine Schweſter und ich
Vorſtellung zu klein. Preiſen
Außer Miete
Preiſe 0.504 Mk. 19.3022.15 Uhr
Zar und Zimmermann
Vorſtellung zu halb. Preiſen
Außer Miete
Preiſe 0.60 bis 3 Mk. Freitag,
15. Mai 19.3022.30 Uhr
Schwanda der Dudelſachpfeifer
1, Gr. 4, 5 u. 6
Preiſe 110 Mr. 19.3022.15 Uhr
Die Wildente
Zuſatzmiete Vl,13
Preiſe 1.206 Mk. Samstag,
16. Mai 3022 Uhr
Sturm im Waſſerglas
Vorſtellung zu halb. Preiſen
T Gr. 2, 3, 7 u. 8
Preiſe 0.505 Mk. 2022.30 Uhr
Liebesluſt
oder die weißen Schuhe
Preiſe 0.502.50 Mr. Sonntag,
17. Mai 19.30-22 30 Uhr
Valerio
C23
Preiſe 110 Mr. 19.3022.15 Uhr
Zum letzen Male:
Der Graue
Zuſatzmiete 1V,11
Preiſe 15 Mk.

Heſſiſches Landestheater. Pentheſilea von Kleiſt
wird als nächſte Schauſpiel=Premiere des Großen Hauſes am 23.
Mai zur Aufführung kommen. Die Inſzenierung beſorgt Carl
Ebert (Bühnenbild: Wilhelm Reinking) Die Titelrolle wird
Beſſie Hoffart ſpielen. Puccinis Oper Turandot wird heute
Mittwoch im Großen Haus unter muſikaliſcher Leitung von Karl
Maria Zwißler mit Anitra Mitrovic in der Titelrolle in Szene
gehen. Im Kleinen Haus findet heute Mittwoch die erſte Wie=
derholung
der Wildente von Ibſen in der neuen Inſzenie=
rung
von Günter Haenel ſtatt. Meine Schweſter und
ich, der ſtärkſte Bühnenerfolg, der letzten Jahre, erlebt morgen
Donnerstag im Großen Haus bereits das Jubiläum der 30. Auf=
führung
. Die Vorſtellung findet außer Miete bei kleinen Preiſen
mit der Premierenbeſetzung ſtatt. Lortzings Zar und Zim=
mermann
wird morgen Donnerstag im Kleinen Haus außer
Miete als Vorſtellung zu halben Preiſen in Szene gehen. Muſika=
liſche
Leitung: Erwin Palm.
Spielplanänderung. Am Freitag, den 15. Mai, gelangt im
Großen Haus ſtatt der Oper, Valerio von Hans Simon, Jaromir
Weinbergers Volksoper Schwanda, der Dudelſack=
pfeifer
zur Aufführung.

Kundgebung der Deutſchen Polkspartei.

Deutſche Schickſalsfragen.
* Zu einer öffentlichen Kundgebung hatte geſtern abend die
Deutſche Volkspartei aufgerufen. Als Redner, waren General=
oberſt
v. Seeckt und der Führer der D V.P. Reichstagsabgeord=
neter
Dingeldey angekündigt. Die Turnhalle am Woogsplatz
erwies ſich als zu klein und mußte polizeilich geſperrt werden. Nach
Muſikſtücken der ehemaligen Militärmuſiker unter der ſtraffen Lei=
tung
Mickleys eröffnete der Landesvorſitzende der D.V.P.,
Landtagsabgeordneter Dr. Niepoth,
die Verſammlung und widmete zunächſt den verſtorbenen Abge=
ordneten
Haury und Scholz einen warmen Nachruf. Es iſt erfreu=
lich
, erklärte der Redner, daß die Namen Seeckt und Dingeldey,
von denen jeder ein Programm verkörpert, ihre Anziehungskraft
erneut bewieſen haben. Zuſammen mit unſerem Reichspräſiden=
ten
, Generalfeldmarſchall v. Hindenburg, deſſen treueſte Anhän=
ger
die der Deutſchen Volkspartei ſind, hat v. Seeckt das ruhm=
reiche
Feldheer in die Heimat geführt und, beengt und drang=
ſaliert
durch das Verſailler Diktat, die neue Reichswehr organi=
ſiert
, zu einem ſtarken Inſtrument des Reiches gemacht, ſie frei=
gehalten
von parteipolitiſchen Einflüſſen. Dafür ſchuldet ihm das
deutſche Volk großen Dank. Dingeldey, der 7 Jahre lang Führer
der D.V.P. in Heſſen war, iſt zu unſerer Freude zum Führer der
Geſamtpartei erwählt worden. Er hat die in ihn geſetzten Er=
wartungen
, wie wir das im voraus wußten, reſtlos erfüllt und
der Partei die Aktivität zurückgegeben, die Grundlage für jeden
Erfolg iſt.
Generaloberſt von Seeckt
ergriff dann, von einem minutenlangen Beifallsſturm begrüßt, das
Wort. Es war für mich, begann er, bei meinen Vorträgen in
den Hochſchulen Tübingen, Freiburg und Karlsruhe eine große
Freude, zu ſehen, wie die akademiſche Jugend bereit iſt, zu hören
und zu lernen, ſich zu beſchäftigen mit Wehrfragen, die mehr und
mehr in den Vordergrund des Intereſſes rücken Trotz aller
Gegenwartsnöte glaubt die Jugend mit uns an die Zukunft des
Reiches. In den letzten Jahren traten Wehrfragen etwas in den
Hintergrund die weltpolitiſche Entwicklung ſchiebt ſie immer ſchär=
fer
in den Kreis der aktuellen, zur Entſcheidung ſtehenden Pro=
bleme
. Jeder einſichtige Staatsmann wird verſuchen, die Lebens=
notwendigkeiten
ſeines Volkes auf friedlichem Wege zu erreichen.
Deutſchlands wehrpolitiſche Entwicklung iſt diktiert von der Ent=
wicklung
der Weltpolitik insbeſondere der Politik auf euro=
päiſchem
Raum. Deutſchland in ſeiner geographiſch ungünſtigen
Lage iſt umringt von hochbewaffneten Nachbarn. Im Oſten ſteht
das Rätſel Rußland, das mit allen Mitteln ſein Ziel, die Welt=
revolution
, anſtrebt. Englands inſulariſche Sicherheit iſt durch
die Kriegstechnik überholt. Frankreichs Geſamtrüſtung hat einen
erſtaunlichen Höchſtſtand zu verzeichnen, ſeine Grenzen im Oſten
ſchützt ein rieſiger Verteidigungswall, Frankreichs Forderung nach
Sicherheit gegen einen deutſchen Einfall dient nur dazu die fran=
zöſiſche
Vorherrſchaft in Europa zu verewigen und Deutſchland nie=
derzuhalten
. Auf der anderen Seite verfolgt Polen die gleichen
Ziele expanſiver Art. Wenn ein Land von einer Gefährdung ſei=
ner
Sicherheit ſprechen kann, dann iſt es das abgerüſtete Deutſch=
land
. Seit Jahren verhandelt man in Genf über die Abrüſtung
der Siegerſtaaten. Die Ergebniſſe laſſen ſich nicht allzu optimi=
ſtiſch
beurteilen. Im Februar nächſten Jahres ſoll die große Ab=
rüſtungskonferenz
ſtattfinden. Deutſchlands Forderungen auf der
Konferenz ſind zwangsmäßig gegeben. Wir müſſen uns in erſter
Linie berufen auf Artikel 8 der Völkerbundsſatzung, in erſter Linie
alſo, daß die übrigen Staaten in dem gleichen Maße abrüſten wie
Deutſchland. Jeder von uns weiß, daß dieſe Forderung eine
ideelle iſt, der die Konferenz nicht zuſtimmen wird. Niemals wird
Frankreich ſeine Zehntauſende von Flugzeugen vernichten, ſeine
eben erſt mit Milliardenkoſten gebauten Feſtungen ſchleifen, ſeine
Kriegsſchiffe verſchrotten, noch die allgemeine Wehrpflicht ab=
ſchaffen
. Verſagt die Konferenz, dann muß Deutſchland zu einem
anderen Ausgleich in der Rüſtungsfrage kommen. Die Bezeich=
nung
Angleich. Ausgleich oder Parität der Rüſtungen iſt von
untergeordneter Bedeutung. Artikel 8 muß volle Anwendung auf
Deutſchland finden, das nicht mehr wie bisher ein Staat minde=
ren
Rechtes oder geminderter Souveränität ſein darf. Deutſch=
land
will über ſeine Sicherheit, über den Grad ſeiner Wehraus=
rüſtung
ſelbſt beſtimmen. Wenn dieſe Forderungen nicht erfüllt
werden, dann hat Deutſchland die Freiheit, zu tun, was es für
ſeine Sicherheit und ſein Leben als notwendig erachtet. (Beifall.)
Grundſätzlich für Deutſchland muß bei der Konferenz ſein, die aus=
drückliche
und uneingeſchränkte Anerkennung unſeres Rechtes und
die Möglichkeit, unſere Sicherheit in die Tat umzuſetzen, zu erhal=
ten
. Was wir dann, insbeſondere angeſichts unſerer wirtſchaft=
lichen
Lage, tun, iſt unſere Sache. Wir ſtehen zwangsläufig vor
einer Reviſion des Youngplans. Ob wir zu einem Deutſchland
befriedigenden Ergebnis kommen, weiß niemand. Die Fortzah=
lung
dieſer Tribute iſt auf die Dauer unmöglich, und Deutſchland
will die Zahlungen nicht mehr leiſten, weil wir nicht mehr können
und nichts mehr haben. Wie wäre unſere Situation, wenn wir
noch ein zur Verteidigung unſeres Landes ausreichendes Heer be=
ſäßen
, das Sanktionen der Gläubigerſtaaten entgegentreten
könnte? Würden die polniſchen Expanſionsgelüſte auf Oſtpreußen
und weiteres deutſches Land ſo unverhüllt und ungehemmt zutage
treten, wenn wir eine Wehr im Oſten beſäßen? Iſt heute Deutſch=
land
ſtark genug, gegen einen eventuellen Einbruch des Bolſche=
wismus
einen Wall zu bilden zum Schutze deutſchen Landes und
deutſcher Kultur, ja, Europas? Deutſchland will das Recht, zu
leben das wird uns heute ſchwer gemacht und das Recht,
ſich zu wehren, wenn es angegriffen wird. Dieſen Lebenswillen
und Wehrwillen wach zu halten, muß die Aufgabe jedes Deutſchen
ſein, an welcher Stelle er auch immer ſtehen mag. (Lebhafter
Beifall.)
Landtagsabg. Dr. Niepoth verlieſt den Paſſus aus dem
neuen Aktionsprogramm der D.V.P., das den Wehrgedanken und
den Wehrwillen als heiliges Gut bezeichnet und mit allen Mitteln
fördern will.
Reichskagsabgeordneker Dingelden
dem die Verſammlung eine rauſchende Ovation bereitet, weiſt
darauf hin, daß die wirtſchaftliche Kriſe in Deutſchland zu einem
erheblichen Teil darauf beruht, daß in den letzten zehn Jahren
die wirtſchaftlichen Wahrheiten verleugnet und ſozialiſtiſchen und

parteipolitiſchen Gedankengängen nachgejagt wurde. Wir müſſen,
erklärte Redner, ſicherlich alle Möglichkeiten wahrnehmen, um die
Laſten, die Deutſchland von außen her aufgebürdet ſind, los zu
werden. Es wäre gewiſſenlos, dem Volk die Hoffnung vorzugau=
keln
, daß durch ſolche Verhandlungen nach draußen wir von allen
Nöten befreit werden könnten, ohne zu ſagen, was das deutſche
Volk aus Eigenem dazu tun muß.
Ich habe Verſtändnis für unſere akademiſche Jugend, die unter
traurigen Zeichen des inneren Krieges und äußerer Demütigung,
unter Sorgen für eine zukünftige Exiſtenz aufwächſt. Eine Saat
des Haſſes und des Unglaubens wird in ihre Seele gelegt, ſo daß
es verſtändlich wird, wenn ſie in eine Romantik einer glanzvolle=
ren
Zukunft flüchtet. Die Sehnſucht nach größerem Glück der Na=
tion
iſt ein Weſenselement der deutſchen Jugend von je geweſen.
Aber es war ebenſo ſtets Pflicht der Politiker, mit ſchonungsloſem
Verantwortungsmut die Gegenwart aufzuzeichnen und die Jugend
aufzufordern, poſitiv Hand anzulegen an das Werk, das im Augen=
blick
zum Nutzen des Volkes getan werden muß.
Kaum jemals ſtanden wir vor ſo entſetzlichen Gefahren für
den Staat, für die Wirtſchaft und die Seele des Volkes, wie
gerade heute.
Nur der wird vor der Geſchichte beſtehen können, der in dieſem
Augenblick den Mut aufbringt, die Dinge ſchonungslos ſo zu ſchil=
dern
, wie ſie ſind, der die Veranwortungsfreudigkeit beſitzt, unbe=
kümmert
um die Gunſt der Maſſen, nur nach ſeiner inneren Ueber=
zeugung
auch auf unpopulärem Wege die Maßnahmen zur Ret=
tung
des ganzen Volkes zu beſchließen. Wir dürfen uns auf die=
ſem
Wege nicht tragen laſſen von parteipolitiſchen Leidenſchaften,
uns kann nur leiten der unerſchütterliche Glaube an die Kraft un=
ſeres
Volkes und ſeiner Zukunft.
Der Rückgang der Einnahmen in den Kaſſen des Reiches der
Länder und der Gemeinden ſpiegelt die Wirtſchaftskraft unſeres
Volkes und die geſamte Wirtſchaftsſituation wider. Heute müſſen
wir die Schulden zahlen, die in einer völligen Verkennung des
Weſens des parlamentariſchen Syſtems durch den hemmungs=
loſen
Wettlauf der Parteien um die Gunſt der Wählermaſſen ent=
ſtanden
ſind. In den letzten zehn Jahren iſt durch die Entartung
des Syſtems eine Steigerung der Anſprüche des Einzelnen, der
Berufe, der Klaſſen und der Parlamente eingetreten, die ſich jetzt
fürchterlich auswirkt. die den Mut und den Willen zur Selbſtver=
antwortung
eintauſchte gegen die Neigung, alle Sorgen für ſich
und ſeine Angehörigen dem Staat und der Allgemeinheit zu über=
antworten
. Ob Großgrundbeſitz, ob Großinduſtrie, von oberſten
bis zum unterſten Glied der Wirtſchaft, allen iſt gemeinſam dieſe
verhängnisvolle Einſtellung. Man klagt das privatwirtſchaftliche
Syſtem an und will nicht ſehen, daß das, was in Deutſchland
entſtand, nicht mehr privatwirtſchaftlich war, ſondern eine ver=
hängnisvolle
Verbindung darſtellt urſprünglich privatwirtſchaft
licher Gedanken mit rein ſozialiſtiſchen Wirtſchaftprinzipien, was
zu dem heutigen Staatsſozialismus führte.
In Maſſenverſammlungen nach Schuldigen ſuchen zu wollen,
iſt nutzlos, entſcheidend bleibt, den Mut zu entſchloſſener Umkehr
aufzubringen.
Die Abkehr bedeutet, daß wir Milliardenſummen an den
Ausgaben der öffentlichen Hand abſtreichen müſſen, daß wir
den Staat ausſchalten müſſen aus vielen Bezirken der wirt=
ſchaftlichen
Betätigung, damit das verantwortliche Spiel der
Kräfte ſich auswirken kann.
Die Flucht in eine Romantik kann kein verantwortungsbewußter
Deutſcher mitmachen. Wir haben Verſtändnis daß ein Teil des
Mittelſtandes in ſeiner Verzweiflung in das Lager des Radika=
lismus
flüchtete. Erſcheinungen, die ihr Gutes haben können,
wenn ihnen zugrunde liegt der Wille zu wahrhafter deutſcher
Größe. Was aus einer ſolchen Bewegung zu machen iſt für die
Geſchichte des Volkes, darüber entſcheiden nicht die Motive des
Einzelnen, der in die Bewegung hineinging, darüber entſcheidet,
ob ſich Perſönlichkeiten an der Spitze der Bewegung finden, die
die Kraft und den Mut zur Verantwortung aufbringen, in der
Stunde der Gegenwart ſich zu Taten zu bekennen. (Sehr richtig!)
Das größte Verhängnis, das über dem Nationalſozialismus
ſchwebt, iſt der Widerſpruch zwiſchen den Propagandarufen und
ins Volk getragenen Lehren auf der einen Seite, und dem völli=
gen
Verſagen gegenüber der Aufgabe, in dieſer Gegenwart mit
Hand anzulegen. (Lebh. Beifall.) Wenn der Propagandachef der
N. S. D.A. P., Dr. Goebbels. im Reichstag auf die Frage, was die
Nationalſozialiſten in verantwortlicher Stelle tun werden, ant=
wortete
, das geht niemand etwas an, ſo iſt das ein Irrtum. Das
geht ſelbſtverſtändlich das ganze deutſche Volk an. Im Reichs=
tag
haben die Nationalſozialiſten mit den Kommuniſten den So=
zialdemokraten
, den von ihnen in Verſammlungen ſo heftig be=
fehdeten
Marxiſten geſtimmt. Zur Reform des Sozialſyſtems, der
Beſchneidung der öffentlichen Hand und zu anderen entſcheidenden
Fragen haben die Nationalſozialiſten noch keine klare Stellung
genommen.
Der Rückgang der Einnahmen des Reiches zwingt zu raſchem
und entſchloſſenem Handeln. Neue Steuern und neue Schulden
dürfen zur Deckung des entſtehenden Defizits nicht angewandt
werden. Es bleibt nur Beſchneidung der Ausgaben der öffent=
lichen
Hand, bis auf die Dinge, die eine Lebensnotwendigkeit dar=
ſtellen
. In der ſchweren Situation der Gemeinden infolge der
ſteigenden Sozialausgaben muß das Reich die Kommunen zwin=
gen
, ihre Ausgabenwirtſchaft rückwärts zu revidieren, auf das
Maß, das mit ihrer Leiſtungsfähigkeit in Einklang ſteht. Ge=
rade
in den Gemeinweſen haben parteipolitiſche Zwecke die
ſchlimmſte Auswirkung gezeitigt. Die Reform der Sozialpolitik
iſt im Gange. Nicht der iſt ſozial, der immer wieder Erhöhung
der Anſprüche und Erfüllung dieſer Anſprüche verſpricht, ſondern
der der die Verſicherungseinrichtungen geſunden läßt, damit der
Arbeiter nicht eines Tages mit leeren Händen und papierenen An=
ſprüchen
vor leeren Staatskaſſen ſteht. (Beifall) Von der Arbeits=
loſenverſicherung
werden heute nur noch 40 Prozent der Arbeit=
ſuchenden
betreut. Dieſer Widerſinn mit dem eigentlichen Zweck
der Arbeitsloſenverſicherung zwingt unerbittlich dazu. die Ver=
ſicherung
ſo zu geſtalten, daß ſie lebensfähig bleibt. Dazu gehört
die Herausnahme der Saiſonarbeiter und die generelle Prüfung
der Bedürftigkeit. Das wird den Widerſtand der Sozialdemokra=
ten
und Nationalſozialiſten finden. Wenn wir uns die Millionen=
beſtände
an Kohlen in unſeren Kohlenbezirken vor Augen führen,
die Preiſe der ausländiſchen Konkurrenz, die bis hierher vorſtoßen
kann beachten dann müſſen wir unſere Produktion befreien von
den hohen Laſten der öffentlichen Hand.
Amerika, das früher immer als Beiſpiel angeführt wurde,
hat die Lehren, daß hohe Löhne und Einkünfte die Kaufkraft auto=

7502

LLawigstraße 13

DARMSTADT

[ ][  ][ ]

Seite 6

Mittwoch, den 13. Mai 1931.

Nummer 132

matiſch heben und die Wirtſchaft beleben, aufgegeben. Man hat
auch dort eingeſehen, daß aus einer Volkswirtſchaft nicht mehr
herausgeholt werden kann, als ſie tatſächlich an Produktion leiſtet.
Auch die wirtſchaftliche Wahrheit muß ſchonungslos aufgezeichnet
werden. Ohne ſchwere Umformungen und Auseinanderſetzungen
wird es auch bei uns nicht abgehen. Der Sinn der Vertagung des
Reichstags lag in der Erkenntnis, daß trotz aller Einſicht in den
führenden Köpfen dieſes Parlament aus Rückſicht auf die Wäh=
lermaſſen
unpopuläre Maßnahmen nicht auf ſich nehmen wollte.
Mit der inneren Sanierung unlöslich verbunden iſt die Be=

freiungspolitik nach außen.

Die bittere Geſchichte der Reparationen hat uns gelehrt, daß wir
uns nicht wehrlos in einen Kampf um die Herabſetzung oder
Streichung der Reparationen einlaſſen dürfen, daß wir Stöße von
außen eine Zeitlang aushalten können. Die internationale Lage
iſt für eine Reviſion nicht günſtig, doch ſind wir durch die Ent=
wicklung
zum Vorſtoß gezwungen. Mit Briands Vorſtoß gegen die
wirtſchaftspolitiſch notwendige Zollunion zwiſchen Deutſchland
und Oeſterreich ſind die Masken gefallen. Der Beſchluß der franzöſi=
ſchen
Kammer zeigt, in welchem Geiſte in Genf gegen uns gekämpft
werden wird. Beſchämend iſt die Haltung der Linken, die ange=
ſichts
des franzöſiſchen Widerſtandes ins Schwanken gerät und der
Rechtsradikalen, die aus einem Mißerfolg für ſich Kapital ſchlagen
möchten. Wir ſollten von den Franzoſen in dieſem Augenblick
lernen, daß alle inneren Händel aufzuhören haben, wenn ſchwere
Auseinanderſetzungen mit fremden Nationen durchzuhalten ſind.
(Lebhafter Beifall.)
Um klare Wege innen= und außenpolitiſch zu haben, muß der
Preußiſche Landtag noch in dieſem Jahre aufgelöſt werden, um
eine einheitliche und geſchloſſene Front bilden zu können. Wir
ſtehen in einer weltgeſchichtlichen Situation. Den Sirenengeſängen
von Paris, an einem Kreuzzug wirtſchaftlicher Art gegen Sowjet=
rußland
teilzunehmen, werden wir ſolange verſchloſſen bleiben,
bis die Staatsmänner, von denen die Lockungen kommen, bereit
ſind, die deutſche Freiheit und den deutſchen Lebensraum anzuer=
kennen
und einzuräumen. (Lebhafter Beifall.)
Gegen die Gottloſenpropaganda gegen die Vergiftung der
geiſtigen und ſeeliſchen Kräfte müſſen wir Front machen durch
Stärkung der inneren Abwehrkräfte des Volkes. Dazu iſt aber
notwendig, daß die Flut von Haß und Neid, von perſönlicher Ver=
unglimpfung
der andersdenkenden Volksgenoſſen aufhört. Eine
Gemeinſchaftsarbeit der nationalſozialiſtiſchen Bewegung oder An=
dersdenkenden
iſt möglich unter der Vorausſetzung, daß ſich die
Zuſammenarbeit in den Formen vollzieht, die der menſchlichen Ge=
meinſchaft
würdig ſind. (Sehr richtig!)
Trotz der Flut von Haß und Leidenſchaft gehen wir den Weg
zur inneren und äußeren Freiheit weiter unter Wertung der
Möglichkeiten, die uns verblieben ſind. Ein Muſter deutſcher
Pflichterfüllung bis zum äußerſten, echteſter Staatsgeſinnung und
innerer Volksgemeinſchaft iſt uns Reichspräſident v. Hindenburg,
der uns in dieſer ſchweren Zeit hoffentlich noch lange auf ſeinem
Poſten erhalten bleiben möge trotz der unglaublichen Anmaßung
der Nationalſozialiſten, die glauben, ihm nationale Geſinnung ab=
ſprechen
zu können. Die Geſchichte unſeres Volkes zeigt, daß es
im Kampfe um den Lebensraum, um die Freiheit ſeines Lebens
und ſeiner Arbeit ſtets ſich durchſetzte trotz aller Bedrückung und
Unterdrückung. Und auch jetzt wird der Kampf zu einem glück=
lichen
Ende führen, wenn er geführt wird mit dieſer Kraft des
nationalen Stolzes, der Begeiſterung und dem Mut, wie er uns
in der flammenden Sprache:
Einigkeit und Recht und Freiheit,
Sind des Glückes Unterpfand!
(Lebhafter Beifall.)
Nach dem Geſang der erſten Strophe des Deutſchlandliedes
ſchloß Abg. Dr. Niepoth die Verſammlung mit dem Appell,
mit der D.V.P. zuſammen den Kampf um die innere Sanierung
und die äußere Befreiung durchzuführen. Den Saalſchutz hatte der
Stahlhelm übernommen.
Evangeliſcher Bund. Aufführung des Guſtav=
Adolf=Feſtſpiels von Devrient. Das Jahr 1931 ſteht
im Zeichen der Guſtav=Adolf=Erinnerung. 1631 iſt Guſtav Adolf
in Deutſchland gelandet. Damit erhielt der 30jährige Krieg ſeine
Wendung zugunſten des Proteſtantismus. Noch einen ſchweren
Verluſt, erlitt die evangeliſche Sache durch den Untergang von
Magdeburg. Von Sieg zu Sieg zog der Schwedenkönig bis zu
ſeinem Tod auf dem Schlachtfeld 1632. Es ziemt ſich, dieſer Er=
eigniſſe
beſonders zu gedenken. Es ſoll dies geſchehen durch die
Aufführung des noch heute eben ſo wirkſamen Guſtav=Adolf= Feſt=
ſpieles
von Devrient. Bereits im Jahre 1894 hat in Darmſtadt
unter Anteilnahme der ganzen Bevölkerung da es ſich um eine
rein hiſtoriſche Darſtellung handelt, auch der katholiſchen eine
vom Evang, Bund veranſtaltete Aufführung des Feſtſpiels ſtatt=
gefunden
. Damals waren nicht weniger wie 14 Wiederholungen
nötig. Den Ehrenausſchuß bildeten führende Männer und Frauen
unſerer Stadt aus allen Schichten und Ständen, und es iſt heute
noch erhebend zu ſehen, wie ſich damals alle Kreiſe zu einer wur=
digen
Ausgeſtaltung vereinigten. Wir hoffen, daß es möglich iſt,
auch in dieſem Guſtav=Adolf=Erinnerungsjahr gleich wertvolles
und Anziehendes leiſten zu können. In den nächſten Tagen wer=
den
Einladungen zur Bildung eines Ehrenausſchuſſes an weiteſte
Kreiſe gehen, und wir hoffen, daß man ſich überall gerne zur
Verfügung ſtellt. Da geplant iſt, die Feſtſpiele weit über den
Rahmen von Darmſtadt hinaus der ganzen Provinz zugänglich zu
machen, ſo ſteht zu hoffen, daß auch in wirtſchaftlicher Beziehung
Darmſtadt Gewinn von den Aufführungen hat. Auch aus dieſem
Geſichtspunkt heraus dürfen wir hoffen, daß die Veranſtaltung den
lebhafteſten Intereſſen aller Darmſtädter Kreiſe begegnet. Nam=
hafte
Darmſtädter Laienſpieler haben bereits ihre Mitwirkung zu=
geſagt
. Der Spielausſchuß hat ſeine Tätigkeit bereits aufge=
nommen
.
Verband Evangeliſcher Frauenvereine. Die Hauptver=
ſammlung
des Verbandes Evangeliſch=Kirchlicher Frauenvereine
in Heſſen iſt am Montag, den 18. Mai, nachmittags 2.30 Uhr im
Rummelbräu. Jahresbericht, Rechnungsablage, Voranſchlag, Vor=
trag
von Frau Agnes Schnapper, Heidenheim. Wie können wir
Frauen die Gottloſenbewegung bekämpfen?
Die deutſchen Jazz=Könige kommen! Die berühmten
Weintraubs=Synkopaters, die beſten und vielſeitig=
ſten
Jazzkünſtler Deutſchlands, geben ab Sonntag, 17. Mai,
im Orpheum ein kurzes Sondergaſtſpiel. Nachdem ſchon eine
Reihe der namhafteſten Vertreter berühmter ausländiſcher Ka=
pellen
, wie Bobbie Hind. Sam Wooding, Chocolade Kiddies, hier
mit großem Erfolg geſpielt haben, iſt es von größtem Intereſſe,
nun auch die prominenteſten Vertreter des deutſchen Jazz hier be=
grüßen
zu können. Die Weintraubs haben auch Weltruhm er=
langt
, eine imenſe Fülle in= und ausländiſcher Kritiken und Lob=
preiſungen
geben hiervon Kenntnis. Preſſeauszüge und weitere
Mitteilungen folgen. Kleine Preiſe von 1 Mark an. Karten=
verkauf
wie üblich. (Siehe Anzeige.)
Comedian Harmoniſts! Das Programm der ausgezeichneten
Jazz= und Schallplatten=Sänger, die morgen Donnerstag, abends
8.15 Uhr, im Orpheum ein einmaliges Gaſtſpiel geben,
bringt die ſchönſten und ausgeſuchteſten Lieder, worin die Indi=
vidualität
dieſes Künſtlerſextetts am originellſten zum Ausdruck
kommt. Unter anderem gelangen zum Vortrag: Liebling, mein
Herz läßt dich grüßen
! (W. R Heymann), Heut fahr ich
mit dir in die Natur (Sarony), Wie wundervoll küßt Anne=
marie
(Clare, Pollak und Richmann), Wir ſind von Kopf bis
Fuß und Baby von Fr. Holländer, Serenade der Hofſänger
und Marie, Marie von Mark Roland. Du biſt nicht die Erſte‟
(W. Jurmann), ferner auf vielſeitigen Wunſch Puppenhochzeit
Bin kein Hauptmann und Geſchichten aus dem Wiener Wald
Ferner: Veronika, der Lenz iſt da (W. Jurmann), Wochenend
und Sonnenſchein (Milton Ager). Heut’ nacht hab ich geträumt
von dir (E. Kalman). Ich hab für dich nen Blumentopf be=
ſtellt
(E. Bootz) uſw uſw. Der Kartenverkauf hat begonnen Es
empfiehlt ſich, gute Plätze im Vorverkauf zu ſichern. Das Gaſt=
ſpiel
kann nicht wiederholt oder verlängert werden.
Wegen Vornahme von Kanalbauarbeiten werden die Beck=
ſtraße
von Landgraf=Georg=Straße bis Sonderſtraße, die Soder=
ſtraße
von Beckſtraße bis Inſelſtraße, die Darmſtraße von Gervi=
nusſtraße
bis Beckſtraße, die Heinrich=Fuhr=Straße von Beckſtraße
bis Heidenreichſtraße vom 13. Mai 1931 bis auf weiteres für
Fahrzeuge aller Art geſperrt.

Darmſtädter Zuriſtiſche Geſellſchaft.

Im Mittelpunkt des 32. Vortragsabends der Darmſtädter
Juriſtiſchen Geſellſchaft ſtand ein Vortrag des Rechtsanwalts Dr.
Hermann Neuſchäffer=Darmſtadt über Monopolmißbrauch
und Kontrahierungszwang. Ueber den engeren Rahmen des
Themas hinaus geſtaltete ſich der inhaltlich und der Form nach
gleich vollendete Vortrag zu einer grundſätzlichen Auseinander=
ſetzung
mit dem alten und ewig neuen Problem des Verhältniſſes
der Rechtsſprechung zur Geſetzgebung. Der Geſetzgeber iſt bei Auf=
ſtellung
der Geſetzesnormen darauf angewieſen, von denjenigen
ſozialen und wirtſchaftlichen Tatbeſtänden auszugehen, die ſeiner
Zeit typiſch ſind. In Perioden ruhiger Entwicklung werden aus
dieſer Zeitbedingtheit kaum Nachteile erwachſen. Anders in einer
Zeit wie der unſeren, in der die ökonomiſche und ſoziale Struktur
einer grundlegenden und zugleich ſprunghaften Wandlung unter=
liegt
. Hier erwächſt der Rechtsſprechung die ſchwierige, aber auch
dankbare Aufgabe, neue Tatbeſtände in alte, auf ſie eigentlich gar
nicht zugeſchnittene Normen einzufangen. In welchem Umfange
und mit welchem Erfolg die deutſchen Gerichte, und vor allem
das Reichsgericht, dieſer Aufgabe gerecht geworden ſind, verſuchte
der Vortragende an den beiden im Vortragsthema bezeichneten
Fragenkomplexen darzulegen, die um deswillen beſonders glücklich
gewählt ſind, weil ſich in ihnen der Kampf zwiſchen Individualis=
mus
und Kollektivismus, der unſer Wirtſchaftsleben beherrſcht,
widerſpiegelt und weil aus ihnen erſichtlich wird, wie dieſer
Kampf auch im Rahmen des Rechts ſeinen Austrag findet.
Unſer bürgerliches Richt wird, ſo führte der Redner etwa
aus, von dem Grundſatz der Vertragsfreiheit beherrſcht. Gegen
die Monopolbildung als ſolche läßt ſich daher von der Seite des
Privatrechts nichts einwenden. Deſſen Mittel könne vielmehr erſt
dann eingeſetzt werden, wenn der Monopolinhaber ſeine wirt=
ſchaftliche
Machtſtellung beim Anbieten von Waren oder gewerb=
lichen
Leiſtungen übermäßig ausnutzt, wenn er mit ihr Miß=
brauch
treibt und dadurch gegen die guten Sitten verſtößt.
(§ 138 BGB.) Unter dieſem Geſichtspunkt hat das Reichsgericht
in der Rechtsſprechung der letzten Jahre gewiſſe Geſchäfts=
bedingungen
der Reichsbahn, die Verbandsbedingungen der Spe=
diteure
und Transportunternehmungen, die Geſchäftsbedingungen
der Auskunfteien und Großbanken, die Vereinbarungen zwiſchen
den Herſtellern und Wiederverkäufern von Markenartikeln auf
ihre Zuläſſigkeit geprüft. Im einzelnen Fall hat es das Eingrei=
fen
davon abhängig gemacht, ob es ſich um einen Monpolinhaber
handelt, der lebensnotwendige Waren oder Leiſtungen anbietet,
die der Abnehmer bei anderen in gleicher Güte, nur zu erheblich
ungünſtigeren Bedingungen erhalten kann. In dem häufigen Fall
des Ausſchluſſes der Haftung für das eigene Verſchulden oder für

das Verſchulden der leitenden Angeſtellten oder der Beſchränkung
der Haftſumme auf einen beſtimmten Höchſtbetrag ſtellt das
Reichsgericht darauf ab, ob ſich der Monopolinhaber übermäßig
ſichere, indem er ohne wirtſchaftliche Notwendigkeit die geſetzliche
Haftungsregel umkehrt und den Abnehmer übermäßig belaſtet.
Feſte Regeln darüber, wann ein Mißbrauch vorliegt, laſſen ſich
natürlich ſchwer aufſtellen. Die Grenzen ſind flüſſig. Es kommt
alles auf die Umſtände des Falles an. Doch darf ſich die richter=
liche
Nachprüfung nicht darauf beſchränken, den individuellen Ver=
trag
und ſeine Wirkung auf die unmittelbaren Vertragspartner
zu unterſuchen. Im Vordergrund der Beurteilung muß vielmehr
die Erwägung ſtehen, daß nach dem Willen des Monopolinhabers
überhaupt nur Verträge dieſes Inhalts zuſtande kommen, daß alle
Verträge ſo wie der beanſtandete ausſehen ſollen. Ob und inwie=
weit
der Geſamtablauf der Wirtſchaft durch ein ſolches Vorhaben
geſchädigt wird, iſt die entſcheidende Frage.
Aus der Unzuläſſigkeit der als unſittlich erkannten Be=
dingungen
folgt unter Umſtänden eine Schadenserſatzpflicht des
Monopolinhabers. Iſt der Monopolinhaber aber darüber hinaus
poſitiv verpflichtet. Verträge zu angemeſſenen Bedingungen abzu=
ſchließen
? Mit dieſer Frage leitete der Referent zu dem zweiten
Teil ſeines Vortrages über. Die Gerichte lehnen den Kontrahie=
rungszwang
als Folge einer Monopolſtellung bisher faſt durch=
weg
ab, weil er im Geſetz keine Begründung finde. Doch drängt
die Entwicklung nach der Auffaſſung des Vortragenden zur Be=
jahung
des Kontrahierungszwanges: Der Inhaber eines lebens=
notwendigen
Monopols muß für verpflichtet erachtet werden zu
angemeſſenen Bedingungen abzuſchließen, wenn er nur zu über=
mäßigen
Bedingungen kontrahieren will, und er muß, ſoweit es
im Rahmen ſeines Betriebes überhaupt möglich iſt, gezwungen
werden können, ſich jedem kreditwürdigen Abnehmer zur Ver=
fügung
zu ſtellen. In ſcharf durchdachten pointierten Ausfüh=
rungen
ſuchte der Referent den Nachweis zu führen, daß ſich dieſe
Folgerung ſchon aus dem geltenden Recht gleichſam im Wege
einer Vorwegnahme des Schadenserſatzanſpruches herleiten
laſſe. Ob man dieſer auf den erſten Blick kühnen rechtlichen Kon=
ſtruktion
folgen mag oder nicht, jedenfalls iſt ſie ein intereſſantes
Beiſpiel dafür, wie man mit den Mitteln des geltenden Rechts
an die Löſung neu auftauchender Probleme heranzugehen be=
ſtrebt
iſt.
Anſpielend auf ein Wort Savignys ſchloß der Redner mit
der Feſtſtellung, daß man der Rechtsſprechung und Rechtslehre
unſerer Zeit die Bereitwilligkeit und Befähigung zu rechtsſchöpfe=
riſcher
Täigkeit und lebendiger Fortentwicklung des Rechts nicht
wohl abſprechen könne.

Darmſtädker Werbeſonnkag am 17. Mai 1931.
Viele Menſchen haben durch die Arbeitsbeanſpruchung des
Werktags nicht Zeit und Muße, ihre Einkäufe mit der nötigen
Sorgfalt tätigen zu können.
Um allen Gelegenheit zu geben, ihren Sommerbedarf in Ruhe
decken zu können, wird die Darmſtädter Geſchäftswelt auf dieſe
Tatſache Rückſicht nehmen und am Sonntag, dem 17. Mai, in der
Zeit von 1 bis 6 Uhr nachmittags ihre Geſchäfte öffnen, um da=
mit
eine Gelegenheit zum Kauf, insbeſondere auch für die Land=
bevölkerung
, zu ſchaffen.

Darmstädter Pahrplan-Buch
Sommer-Ausgabe
ist erschienen

Volkshochſchule. Die nächſte heimatgeologiſche
Wanderung, geleitet von Dr. Diehl", führt am Sonntag,
dem 17. Mai, nach Groß=UmſtadtFrau Nauſes. Wir fahren mit
Sonntagskarte um 8 Uhr vom Oſtbahnhof nach Groß=Umſtadt.
Rückfahrt von Wiebelsbach 18.07 Uhr. Für die Aufführung von
Meine Schweſter und ich am Donnerstag im Großen
Haus und Zar und Zimmermann im Kleinen Haus des
Landestheaters erhalten unſere Mitglieder ermäßigte Karten
in unſerer Geſchäftsſtelle.
Die neue Rechtslage in der Kriegsopferverſorgung. Zu dieſem
Thema ſprach in der ſtark beſuchten Monatsverſammlung der Orts=
gruppe
Darmſtadt des Zentralverbandes deutſcher Kriegsbeſchä=
digter
und Kriegerhinterbliebenen nach einem kurzen geſchäftlichen
Teil der Verſorgungsvertreter des Zentralverbandes, Kam. Rett.
Der Vortragende ging zunächſt auf die tiefe Beunruhigung ein,
die die letzten Notverordnungen und die Gerüchte über geplante
weitere Verſchlechterungen in die Reihen der Kriegsbeſchädigten
und Hinterbliebenen getragen haben. An Hand eines aus der
täglichen Praxis zuſammengeſtellten Zahlenmaterials gab der
Vortragende in 1½ſtündigen Ausführungen einen Ueberblick über
die Einwirkungen der Notverordnungen auf Lebenshaltung und
Geſundheit zahlreicher Kriegsopfer. Mit Unmut und Entrüſtung
nahm die Verſammlung zahlreiche Beiſpiele zur Kenntnis, eine
berechtigte Entrüſtung, die ſich noch ſteigerte, als man erfuhr, daß
Reichsminiſter Dr. Dietrich noch am 26. April Preſſevertretern er=
klärt
hatte, daß man auch vor den geſetzlich feſtgelegten Anſprüchen
nicht halt machen werde wenn, die Vorausſetzungen dazu gegeben
ſeien‟. Das bedeute alſo in ſchlichtem Deutſch, daß weitere Spar=
maßnahmen
und Abbauverordnungen folgen werden, und daß ge=
rade
diejenigen, die dem Vaterland Glieder und Geſundheit, Väter
und Söhne geopfert haben, wie kein anderer Volksteil Sparmaß=
nahmen
und Abbauverordnungen in fortgeſetzter Häufung über ſich
ergehen laſſen müſſen. In dieſem Sinne wurden 3 Entſchließungen
einſtimmig angenommen und den zuſtändigen Stellen zugeleitet.
Nach einigen weiteren geſchäftlichen Mitteilungen ſchloß der Vor=
ſitzende
, Kam. Maul, die Verſammlung mit dem Hinweis, daß
auf der Geſchäftsſtelle des Zentralverbandes, Rheinſtr. 47, jeder
koſtenlos Rat und Hilfe erhält.
Fahrplan der Landkraftpoſten Darmſtadt. Vom 16. Mai ab
werden die Fahrzeiten der nachmittags von hier abgehenden Land=
kraftpoſten
1. (Rundfahrten über Eberſtadt, Jugenheim, Balk=
hauſen
. Beedenkirchen. Allertshofen, Ober= und Nieder=Beerbach,
Kühler Grund, Villenkolonie Eberſtadt) und 2. (Rundfahrten über
Ober=Ramſtadt, Lichtenberg, Klein=Bieberau, Ober=Modau,
Neutſch, Waſchenbach, Traiſa) Stunde früher gelegt: die Rund=
fahrten
beginnen alſo in Darmſtadt um 15.30 ſtatt 16 Uhr. Sie
haben ſich in der kurzen Zeit ihres Beſtehens als billige Reiſe=
und Warenbeförderungsgelegenheit in weiten Kreiſen der Oeffent=
lichkeit
große Beliebtheit erworben.
Waſſerſport. Sonderfahrten nach Erfelden (Altrhein).
Die beliebten Fahrten an den Altrhein (Erfelden) werden auch
am Himmelfahrtstage, dem 14. Mai, durchgeführt. Außer in den
Vorverkaufsſtellen Adelmann. Rheinſtraße, und Hartmann, Zigar=
renhandlung
, Grafenſtraße, können Karten und Plätze im Reiſe=
büro
W. Köhler G. m. b. H., Luiſenplatz 1. Telephon 2418, beſtellt
werden.
Ausflug=Sonderzug an Chriſti Himmelfahrt. Der für Don=
nerstag
, den 14. Mai, nach Schwetzingen und Heidelberg in Aus=
ſicht
genommene Verwaltungsſonderzug wird beſtimmt verkehren.
Schwetzingen mit ſeinem reizvollen Märchengarten, die Stadt des
Spargels, und die Muſenſtadt Heidelberg, die Perle des Neckars,
ſind Reiſeziele, die beſuchenswert ſind und nachhaltige Eindrücke
hinterlaſſen. Es iſt zu erwarten, daß die Fahrkarten für die zur
Verfügung ſtehenden Sitzplätze bereits am Mittwoch vergriffen
ſind.

Aus dem Gerichtsſaal.

Aw. Maſſenkro Salys iſt kein hübſcher Burſche, aber er ſcheint
mit ſeinen 24 Jahren doch Eindruck auf kleine Mädchenherzen zu
machen. Eines Tages redete er ein ſolches Mädchen aus Büttel=
born
an, nachdem ſie ihm in mehrmaligem Vorbeigehen ver=
heißungsvoll
zugelächelt hatte, und ſie machten in der Folge des
öfteren Spaziergänge miteinander in die Wälder Darmſtadts.
Elſe ſchien Maſſenkro der ihr erzählt hatte, er ſei eines reichen
Ungarn Kind innig zu lieben, denn beinahe jedesmal gab ſie
ihm Geld. Sie muß ſelber ſagen daß er ſie nie darum bat, aber
er wußte es ihr in geſchickten Geſprächswendungen anzudeuten.
Als ſie eines Tages von der Mutter ihr Sparkaſſenbuch forderte,
um Maſſenkro eine größere Summe zu übergeben, wurde der das
aber zu bunt und ſie beauftragte den Bruder mit Nachforſchungen
nach Maſſenkro. Und o Schreck er entpuppte ſich als ganz ge=
wöhnlicher
Deutſcher mit dem einfachen Namen Karl. Maſſenkro
iſt ungariſch und heißt Pferdeknecht, und als ſolcher hatte er einſt
bei Herrn Salys in Ungarn gedient. In nicht endenwollendem
Wortſchwall beteuert heute Karl alias Maſſenkro vor dem Amts=
richter
ſeine vollkommene Unſchuld. So vollkommen erſcheint ſie
dieſem jedoch nicht und er verurteilt Maſſenkro wegen Be=
trugs
zu zwei Wochen Gefängnis, die durch die Unter=
ſuchungshaft
als verbüßt gelten. Dankeſchön verabſchiedet ſich
Maſſenkro von dem Richter.
Ein Heidenheimer Student war wegen Zech=
betrugs
angeklagt, doch, obwohl er yin Luftikus zu ſein ſcheint.
konnte ihm eine Betrugsabſicht nicht einwandfrei nachgewieſen
werden, ſo daß er freigeſprochen wurde. Ein anderer
junger Mann dagegen, der ſich von einem hieſigen Schneider einen
Anzug erſchwindelt hatte und dann ausgerückt war, erhielt drei
Monate Gefängnis.
Einen Seitenſprung, deſſen Folgen nachher beſeitigt werden
ſollten, haben eine junge Frau und ihr Liebhaber mit
75 und 130 Mark Geldſtrafe wegen verſuchter Ab=
treibung
zu büßen.
Zum Räuberüberfall in Wixhauſen! Wie bereits be=
richtet
, haben die Täter in der Nacht zum 10. Mai in Wixhauſen".
bei dem Metzgermeiſter Mannheimer einen Einbruch verübt
und dabei auf den Sohn des Geſchädigten geſchoſſen, ohne ihn
zu treffen. Die Täter fuhren mit einem Perſonenkraftwagen
in die Nähe von Wixhauſen, ſtellten ihn hinter einer dort be=
findlichen
Dreſchhalle, auf und fuhren nach der Tat mit dem Wagen
davon. Auf die eingegangenen Nachrichten hin wurden umfang=
reiche
Ermittlungen des Landeskriminalpolizeiamtes im Verein
mit der Kriminalpolizei Darmſtadt getätigt, die zur Feſtſtellung
und Ergreifung der Täter führten. Einer der Täter konnte
flüchten. Es handelt ſich um den 20jährigen Metzger Joſef
Huſeck aus Darmſtadt. Er iſt 1,66 Meter groß, von ſchlanker
Statur, hat mittelblondes, langes nach hinten gekämmtes Haar,
ſchmales, bartloſes Geſicht und etwas aufgeworfene Lippen. Be=
ſondere
Kennzeichen: Verkrüppelter Zeigefinger an der linken
Hand. Huſeck trug bei ſeiner Flucht dunklen Anzug und ſchwarze
Halbſchuhe mit Gummiabſätzen.
Perſonen, die Angaben zur Ergreifung des Huſeck machen
können, werden gebeten, der nächſtliegenden Polizeibehörde oder
dem Landeskriminalpolizeiamt Mitteilung zu machen.
Verkehrsunfall. Um 8.15 Uhr geſtern früh überſchlug ſich
ein mit zwei Perſonen beſetztes Motorrad mit Seitenwagen, das
aus Eſſen kam und auf dem Wege nach Italien war. Die Ma=
ſchine
überſchlug ſich durch Anziehen der Vorderradbremſe, ſo daß
ſie in Rückenlage kam. Glücklicherweiſe geriet der Wagen nicht
in Brand, trotzdem Oel und Benzin über die heiße Maſchine lie=
fen
. Beide Perſonen lagen unter dem Wagen. Die Frau im
Seitenwagen trug erhebliche Verletzungen im Geſicht davon, ſie
erlitt u. a. einen Naſenbeinbruch und mußte ins Krankenhaus ge=
bracht
werden. Der Fahrer ſelbſt kam mit leichten Hautabſchür=
fungen
und Verſtauchung des rechten Handgelenks davon.
Oeffentliche Impftermine werden von heute ab in der
Rundeturmſchule, in der Ohlyſchule ſowie in der Mornewegſchule
abgehalten. Die näheren Termine hierfür ſind aus der heutigen
Bekanntmachung zu erſehen.
Ausklopfen, Ausſchütteln, Abkehren uſw. von Bettwerk,
Teppichen, Kleidungsſtücken, Staubtüchern und dergleichen nach
Straßen, öffentlichen Plätzen und Vorgärten hin. Das Polizei=
amt
bringt in Erinnerung, daß das Ausklopfen, Ausſchütteln, Ab=
kehren
uſw. von Bettwerk, Teppichen, Kleidungsſtücken, Staub=
tüchern
und ähnlichen Gegenſtänden nach Straßen, öffentlichen
Plätzen und Vorgärten hin gemäß § 366. Ziffer 8 des Reichsſtraf=
geſetzbuches
und Artikel 292 des Polizeiſtrafgeſetzes unſtatthaft und
mit Strafe bedroht iſt. Weiter machen wir darauf aufmerkſam,
daß das Klopfen von Teppichen, Bettwerk, Möbeln und der=
gleichen
ſowie ähnliche mit Geräuſch und Staubentwicklung ver=
bundene
Verrichtungen regelmäßig nur werktags in den Vor=
mittagsſtunden
zwiſchen 9 und 11 Uhr vorgenommen werden
ſollten!
Es verſehen den Sonntagsdienſt und in der daran ſich an=
ſchließenden
Woche den Nachtdienſt vom 14. Mai bis 16. Mai die
Löwenapotheke, Ballonplatz 11, Adlerapotheke, Wilhel=
minenplatz
17, Hirſchapotkeke, Nieder=Ramſtädterſtr. 21.

[ ][  ][ ]

Nummer 132
Der heſſiſche Richkerverein
hielt in Bensheim a. d. B. ſeine Hauptverſammlung ab. Der Tag
war glücklich gewählt: Bensheim prangte im Schmuck der Apfel=
blüte
, die Bergſtraße zeigte ſich in ſtrahlendem Sonnenſchein von
ihrer ſchönſten Seite. Die Beteiligung entſprach leider nicht den
Erwartungen. Die wirtſchaftliche Not, unter der die höheren Be=
amten
gleich allen anderen Ständen zu leiden haben, hatte viele
vom Erſcheinen abgehalten.
Im Mittelpunkt der Tagung ſtand ein Vortrag des
Oberamtsrichters Hofmeier=Altenſtadt über die Rechtspflegeord=
nung
, ein Thema, das vom rechtspolitiſchen und berufsſtändiſchen
Standpunkt gleicherweiſe bedeutſam iſt, gilt es doch, durch eine
neue Abgrenzung der Zuſtändigkeit zwiſchen den Richtern einer=
ſeits
und den Beamten des mittleren Juſtizdienſtes andererſeits
eine Löſung zu finden, die den Erforderniſſen der Sparſamkeit
Rechnung trägt, ohne doch die Güte und Unabhängigkeit der
Rechtspflege zu beeinträchtigen.
Anſchließend gab der Vorſitzende des Heſſiſchen Richtervereins,
Oberlandesgerichtsrat Dr. Schneider, einen Ueberblick über die für
den Verein und ſeine Mitglieder bedeutſamen Ereigniſſe des ver=
fkoſſenen
Jahres. Er wies unter anderem darauf hin, daß am
Tage zuvor in der Juſtizdebatte des Landtags von einzelnen Red=
nern
verletzende Angriffe gegen die Richter erhoben und daß ins=
beſondere
die Unparteilichkeit der Richter in politiſchen Prozeſſen
angezweifelt worden ſei. Er begrüßte es, daß der Vertreter des
Juſtizminiſteriums ſofort Veranlaſſung genommen habe, dieſen
unberechtigten Angriffen ſcharf entgegenzutreten. Er verband da=
mit
unter dem Beifall der Verſammlung das Gelöbnis, daß die
heſſiſchen Richter trotz aller Angriffe und Anfeindungen unbeirrt
beſtrebt bleiben werden, ihre ſchwere Aufgabe in voller Unpartei=
lichkeit
zu erfüllen.
In der anſchließenden Ausſprache wurde eine Reihe ſtandes=
politiſcher
Fragen erörtert. Der Vertreter des Juſtizminiſteriums,
Staatsrat Dr. von Eiff legte in längeren Ausführungen die
Stellungnahme der Juſtizverwaltung zu den erörterten Punkten
dar. Landgerichtsdirektor Keller ergriff als Mitglied des Land=
tags
das Wort. Auch die Frage des Nachwuchſes wurde berührt.
Die Ueberfüllung der juriſtiſchen Berufe nimmt beängſtigende
Formen an. Der Durchführung des immer wieder empfohlenen
Numerus elausus ſtehen Bedenken grundſätzlicher und Schwierig=
keiten
techniſcher Art entgegn. Ein anderer Weg zur Abhilfe iſt
bisher nicht gefunden, und doch muß in Kürze ein Wandel ein=
treten
, ſoll nicht die Integrität des Anwalts= und Richterſtandes
gefährdet werden.
Der Vorſtand wurde durch Zuwahl des Landgerichtsrats Dr.
Sack=Mainz und des Gerichtsaſſeſſors Dr. Beſt=Gernsheim ergänzt.
An die dreiſtündigen Beratungen ſchloſſen ſich ein gemeinſames
Mittageſſen im Deutſchen Haus und ein Spaziergang zur Zeller
Mühle an. Von Oberamtsrichter Vetzberger=Bensheim ſorgſam
vorbereitet, verlief der geſellige Teil der Veranſtaltung, den Zeit=
verhältniſſen
entſprechend einfach, aber deshalb nicht weniger har=
moniſch
und befriedigend.
Dch.
Gabelsberger Stenographenverein (gegr 1861) Darmſtadt
(Ballonſchule). Der Verein, der wiederholt über große Erfolge
auf ſeinen Gebieten berichten konnte, hatte auch bei dem Bezirks=
wetkampf
anläßlich des 26. Bezirkstags des 23 Vereine umfaſſen=
den
Kurzſchriftbezirks Darmſtadt am vergangenen Sonntag in
Langen einen außergewöhnlich ſchönen Erfolg zu verzeichnen. Mit
zirka 130 Teilnehmern erhielt der Verein 26 Ehrenpreiſe, 97 erſte,
5 zweite und 4 dritte Preiſe. Insgeſamt waren ausgegeben wor=
den
bei einer Beteiligung von 400 Wettſchreibern 44 Ehrenpreiſe,
:287 erſte, 40 zweite, 15 dritte Preiſe. Bei den Preiſen des Ver=
eins
befand ſich u. a. in 240 Silben die höchſte und beſte mit einem
Ehrenpreis ausgezeichnete Arbeit des Mitglieds Hans Fiſcher, der
Ddafür den Ehrenpreis der Stadt Langen erhielt. Im übrigen
ſhatte der Verein aber auch in allen übrigen Abteilungen von 60
Silben bis 240 Silben aufwärts die beſten Leiſtungen zu verzeich=
men
und die erſten Ehrenpreiſe erhalten. Im beſonderen trat dies
ſhervor bei den Abteilungen von 120 Silben aufwärts, alſo bei
wen Abteilungen, die vorwiegend für die Praxis in Frage kom=
unen
. Der Verein wurde allerſeits zu ſeinem außerordentlich ſchö=
men
Erfolge beglückwünſcht. Im übrigen ſei bei dieſer Ge=
Tegenheit darauf hingewieſen, daß der Verein im Juli ds. Is in
WVerbindung mit dem 51. Verbandstag des Heſſiſch Naſſauiſchen
Rurzſchriftenverbandes, der dieſerhalb hierher verlegt wurde, ſein
F0jähriges Beſtehen feiert. Für den Verbandstag iſt der Verein
Feſtgebender Verein. Das Nähere über die Veranſtaltungen wird
vemnächſt in beſonderen Anzeigen in dieſem Blatt
bekannt gegeben werden. Schon jetzt ſei aber hier mit=
geteilt
, daß Herr Staatspräſident Dr. h c. Adelung das Protekto=
Fat über beide Veranſtaltungen (Verbandstag und 70jähriges
Stiftungsfeſt des Vereins) übernommen hat.
Der Bund der techniſchen Angeſtellten und Beamten. Orts=
verein
Darmſtadt, hielt ſeine Monatsverſammlung im Kaiſerſaal
ab. Im Mittelpunkt dieſes erfolgreichen Abends ſtand das Refe=
tat
des Kollegen Stanowſky von der Gauverwaltung Frankfurt
am Main mit dem Thema: Das Reichsarbeitsgericht und ſeine
Rechtſprechung vom ſozialen Standpunkt‟. Der Redner verſtand
es, in vorzüglicher Weiſe die Aufmerkſamkeit der geſamten Ver=
ſeammlung
auf ſich zu feſſeln. Er gab einen kurzen Abriß über die
Entwicklung des Rechts und über die Entwicklung des Richter=
Fandes. An Hand praktiſcher Beiſpiele zeigte er dann die heutige
Rechtſprechung des Reichsarbeitsgerichts, insbeſondere mit Stel=
lungnahme
zum ſozialen Standpunkt. Nachdem noch der neue
Tarifvertrag für das Baugewerbe und verſchiedene andere Fra=
gen
erledigt waren, fand der lehrreiche und intereſſante Abend
ſeinen Abſchluß.
Der Name Albert Schweitzers iſt in aller Mund. Das wird
an dem großen Gelehrten und Künſtler bewundert, daß er das
Opfer gebracht hat, in den afrikaniſchen Urwald zu gehen und dort
ein Krankenhaus zu bauen und zu leiten, um den Negern zu hel=
ſen
in ihren Nöten. An Chriſti Himmelfahrt findet in der
Stiftskirche ein Miſſionsgottesdienſt ſtatt, in dem Direktor D.
Ihmels von der Leipziger Miſſion die Feſtpredigt hält und dann
unſere Diakoniſſe Jenny von Stebut abordnet zum Dienſt in dem
Miſſionsſpital zu Madſchame (Oſt=Afrika). Schon im Jahre 1912
war die erſte Miſſionsdiakoniſſe Friedrike Steinacker nach Oſt=
affrika
ausgeſandt worden, die dann 1919, nachdem ſie die ganze
Eriegszeit dort verbracht hatte, wieder in die Heimat zurückkehrte,
Um 3 Uhr nachmittags findet, wenn möglich im Stiftsgarten,
EEne Nachfeier mit Anſprachen ſtatt (Jahresbericht des Stifts und
Bilder aus der afrikaniſchen Miſſion). Das Miſſionsopfer und
der Erlös eines Miſſionsverkaufs in den neuen Räumen der
tabegſchule, ſoll zur Ausreiſe der Miſſionsſchweſter verwandt
werden.
EPH. Martinsgemeinde. Am Himmelfahrtstage findet wie=
der
um 8 Uhr vormittags am Hartig=Denkmal unter Mitwirkung
des Poſaunenchors ein Waldgottesdienſt ſtatt. Der Hauptgottes=
dienſt
iſt wie ſtets um 10 Uhr in der Kirche. Am Sonntag, den
7. Mai, veranſtaltet unſer Jugendverein einen Elternabend.
Nach langen Vorbereitungen und mit viel Hingebung iſt eine
große Aufführung in die Wege geleitet. Es ſoll zur Darſtellung
kommen Die Bauernführer von Walter Flex. Das Jugendwerk
des gefallenen Dichters iſt von hingebender Kraft und verrät be=
reits
die Größe des Verfaſſers. Es behandelt den geſchichtlichen
Scoff des Bauernkrieges von 1525. Die Gemeinde iſt herzlichſt
ſazu eingeladen. Der Eintritt koſtet 30 Pfg.
EPH. Himmelfahrtgottesdienſt im Wald. Auch dieſes Jahr
ſindet wieder am Himmelfahrtstage vormittags 8 Uhr ein evan=
zeliſcher
Waldgottesdienſt am Hartig=Denkmal ſtatt. Der Po=

gunenchor der Martinsgemeinde wird dabei mitwirken.

Mittwoch, den 13. Mai 1931

Seite 7

Das neue Bauſparkaſſengeſetz und das Handwerk.

Von K. Pauli, Frankfurt a. M.

Seit zwei Jahren arbeiten die geſetzgebenden Körperſchaften
an dem B.S.G., auf das nicht nur die Bauſparkaſſen und Bau=
ſparer
, ſondern auch das notleidende Handwerk warten.
Nachdem bereits im Februar 1931 dieſes Geſetz vom Reichsrat
angenommen wurde, hat nun auch der Reichstag ſeine Zuſtim=
mung
erteilt. Angebot und Nachfrage auf dem Gebiete der Bau=
ſparkaſſen
wird nunmehr eine ſehr erwünſchte Klärung erfahren,
die der Stützung des Vertrauens zu dem kollektiven Bauſpar=
gedanken
ſehr dienlich ſein wird.
Bemerkenswert iſt, daß alle die ſeither ſchon anerkann=
ten
großen Bauſparkaſſen dieſes Geſetz mit Freude be=
grüßen
, an dem ſie auf Veranlaſſung des Reichsarbeitsminiſte=
riums
ſelbſt mitgearbeitet und ihre eigenen Beſtimmungen be=
reits
ſeit Jahren dem B.S.G. angeglichen haben, während ein
großer Teil der vielen nachgegründeten Unternehmen das Geſetz
bekämpft oder nach ihrem Sinne umzubiegen verſucht haben.
In dieſer Wahrnehmung liegt die pſychologiſche Einſchätzung
ihres wirtſchaftlichen Wertes als Bauſparkaſſe ſelbſt und ebenſo
die Selbſterkenntnis darüber, welche Bauſparkaſſen in Zukunft
weiter Berechtigung haben werden, maßgeblich am wirtſchaftlichen
Aufbau des Volkes und an der Arbeitsbeſchaffung für das Hand=
werk
mitzuarbeiten.
Der Präſident des Deutſchen Handwerkerbundes, Herr G.
Voigt, M. d. L., hat vor kurzem zur Frage der Bauſparkaſſen wie
folgt Stellung genommen, die im Allgemeinintereſſe hier wieder=
gegeben
werden ſoll:
Wenn Sie bedenken, daß jeder achte Deutſche vom Bauen
lebt, daß das Baugewerbe als Schlüſſelwirtſchaft bezeichnet wer=
den
kann, daß aus wirtſchaftlichen, hygieniſchen und kulturellen
Gründen alles geſchehen muß, um die Bauwirtſchaft anzurkur=
beln
und namentlich den Bau von Eigenheimen zu fördern
ſo können Sie verſtehen, warum wir gerade vom Deutſchen

Handwerkerbund aus die in Deutſchland mächtig ſich entwickelnde
Bauſparbewegung mit ſtarkem Intereſſe beobachten und uns mit
einer der führenden Organiſationen dieſer Art verbündet haben.
In den breiten Maſſen des Handwerkertums ſollen ſich die=
jenigen
Formen des Bauens entwickeln, die die Sparkräfte der
weniger kapitalkräftigen Schichten des deutſchen Volkes mobili=
ſieren
und durch Ablöſung von Hypothekenkrediten durch zins=
freie
langfriſtige Kredite zu einer Entſchuldung auch des Hand=
werkers
, namentlich auf dem Lande, führen.
In dieſem Sinne hat ſich jetzt die Bauhilfe des Deutſchen
Handwerkerbundes mit der Darmſtädter Bau= und Siede=
lungsgemeinſchaft
zuſammengetan.
Der Aufbau dieſer Gemeinſchaft iſt derart, daß bereits ſeit
1929 die Beſtimmungen des kommenden Bauſpargeſetzes, an dem
ich mitarbeiten konnte, verwirklicht ſind. Ihr gerechtes Wer=
tungsſyſtem
verhindert, daß der kapitalkräftige Sparer auf
Koſten der Groſchen der Minderbemittelten ſchnell zu einem
billigen Darlehen kommt. Durch das offene Gruppenſyſtem der
D.B.S. iſt in der Praxis die Höchſtwartezeit ganz erſtaunlich
herabgedrückt. Z. B. haben die 771 Darlehens=Empfänger aus
den Vergebungen von 1930 (nach Einzahlung von 10 v. H, der
Darlehensſumme) im Durchſchnitt kaum ein Jahr gewartet.
Dieſer Stellungnahme eines wirklichen Fachmannes iſt nichts
hinzuzufügen. Lediglich ſoll geſagt werden, daß die Auswirkun=
gen
des Bauſparkaſſengeſetzes durch dieſe Stellungnahme bereits
fühlbare, klärende und bereinigende Strahlen ausſenden, die für
die Oeffentlichkeit und das Handwerk von ganz beſonderer Bedeu=
tung
ſind.
Das Geſetz tritt ab 1. Oktober 1931 in Kraft. Die Schaffung
dieſes Geſetzes iſt eine volkswirtſchaftliche Tat, die nicht nur die
Anerkennung des kollektiven Bauſparens durch das Reich beſtä=
tigt
, ſondern dem Bauſpargedanken auch die Tür zum Vertrauen
des Volkes öffnet.

* Aus den Darmſtädter Lichtſpieltheakern.
Zwei heitere Filme.
Marh Pickford und Douglas Fairbanks, ſpielen in
Der Widerſpenſtigen Zähmung unter Sam Tay=
kors
Regie einen recht temperamentvollen und luſtigen Film.
Zwar hat der bewegliche Douglas Fairbanks ſchon Filmrollen ge=
ſpielt
, die mehr von ihm verlangten, vor allem von ſeiner ſport=
lichen
und gymnaſtiſchen Betätigung. Und die bildhübſche Mary
Pickford hat ebenfalls ſchon ſympathiſchere Mädchen verkörpert als
die kratzbürſtige Kathatina des Paduaner Edelmanns Baptiſta,
Und von Shakeſpeares Der Widerſpenſtigen Zähmung weicht der
Film ſehr erheblich ab. Schließlich ſoll er aber auch keine Ver=
filmung
Shakeſpeares ſein. Er baut ſich eine eigene luſtige Hand=
lung
auf die ſehr hübſch und unterhaltend durchgeführt wird.
Eine Reihe netter Bilder für den deutſchen Geſchmack nur
etwas blaß verlebendigt die luſtige Handlung, in der noch
Edwin Maxwell, Dorothy Jordan, Clyde Cook ihre Rol=
len
recht gut ſpielen.
In dem reichhaltigen Beiprogramm läuft unter anderem ein
ſehr guter, wenn auch ſchon etwas abgeſpielter Amerikaner=Film,
ein Schulbeiſpiel dafür, wie die Amerikaner es verſtehen, auch an=
ſpruchsloſe
Luſtſpielfilme mit ſtärkſtem Aufwand an Menſch, Tier
XX
und Material mit ſtärkſten Spannungen zu verſehen.
Eine andere humoriſtiſche Filmart wird im Helia geſpielt.
Er und ſeine Schweſter iſt ein heiterer, eigens für die
Leinwand bearbeiteter Tonfilm, der viele luſtige Momente bringt.
Vor allem das friſche Spiel der entzückenden, ſchlanken und ſym=
pathiſchen
Anny Ondra verleiht der Handlung Schwung und
Leben. Anny als kleines Kammerkätzchen eines berühmten
Varietéſtars kommt mit Hilfe ihres Bruders und des Briefträger=
vereins
auf die Bühne und führt ihre Rolle trotz aller heiteren
Zwiſchenfälle bis zur glücklichen Verlobung zu Ende. Roda
Roda, der auch den Film bearbeitete, iſt mit ſeiner urkomiſchen
Mimik wie geſchaffen für dieſes Luſtſpiel. Vlaſta Burian reiht
ſich glänzend ſeinen beiden Partnern an. Der flotte, wenn auch
in ſeiner Handlung reichlich anſpruchsloſe Film hat ſo viele
lächerliche Situationen, daß man unwillkürlich mitlachen muß.
Im Beiprogramm wird ein Kulturfilm Das Entſtehen der
Schaufenſterpuppen, ein amerikaniſcher Groteskfilm und die
Wochenſchau gezeigt,
In den Palaſtſpielen, Grafenſtraße läuft ab heute im gro=
ßen
Doppelprogramm ein Filmwerk aus der kaliforniſchen Wüſte
Galgenvögel mit Charles Pickford, Raymond Hatton und Fred
Kohler in den Hauptrollen, Regie: W. Wyler. Der Film bringt
Wüſtenbilder, Sandſtürme, dahinſtürmende Reiter und zeigt das
Schickſal dreier Bankräuber. Im zweiten Teil ſieht man den
großen Fliegerfilm Der einſame Adler mit Aufnahmen von
aufregenden Flugkämpfen und Abſtürzen. Der Film gibt eine
Schilderung des Lebens einer deutſchen und engliſchen Kampf=
ſtaffel
.
Die Kaufmänniſche Stenographen=Geſellſchaft macht noch=
mals
auf ihre am Mittwoch den 13. und Freitag, den 15. d. M.,
abends beginnenden Kurſe für Anfänger in der Reichskurzſchrift
aufmerkſam. Die Kurſe finden in den eigenen Räumen der Ge=
ſellſchaft
, Ecke Zeughaus= und Schleiermacherſtraße (Eingang nur
Schleiermacherſtraße) ſtatt. Die Geſchäftsſtelle der Geſellſchaft gibt
auch während der Tagesſtunden bereitwilligſt Auskunft. Kurſe
in Maſchinenſchreiben für Anfänger und Vorgeſchrittene können
täglich begonnen werden.

Wochenendfahrk nach dem Schwarzwald.
Die Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. veranſtaltet am 6.
und 7. Juni eine Wochenendfahrt nach dem Schwarzwald. Ein
Sonderzug wird in beſchleunigter Fahrt die Wochenendler von
Frankfurt aus nach Freiburg bringen. Der Fahrpreis beträgt
für jede Perſon nur die Hälfte des gewöhnlichen Fahrpreiſes,
z. B. von Frankfurt a. M. nach Freiburg und zurück 11.20 RM.
Die Abfahrt des Sonderzuges erfolgt in Frankfurt a. M. am
6. Juni (Samstag) um 8.10 Uhr. Der Sonderzug hält unterwegs
noch in Buchſchlag=Sprendlingen, in Langen, Darmſtadt Bens=
heim
und Weinheim. Ankunft in Freiburg 12.58 Uhr. Für den
Aufenthalt in Freiburg liegt ein mit großer Sorgfalt ausgearbei=
tetes
Programm vor. Es iſt aber niemand verpflichtet, ſich an
den vorgeſehenen gemeinſamen Beſichtigungen und Wanderungen
zu beteiligen Um den Teilnehmern die Mühe für die Beſchaf=
fung
einer Uebernachtungsgelegenheit abzunehmen, vermittelt die
Reichsbahn koſtenlos billige Unterkünfte in Hotels, Gaſthäuſern,
Privatpenſionen uſw. Wer eine ſolche Vermittlung wünſcht, gebe
dies bei der Löſung der Sonderzugfahrkarte, ſpäteſtens bis zum
29. Mai, an. Für den Sonntag z. B. ſind Ausflüge z. B. nach
dem Schauinsland, nach Kirchzabern, nach Güntherstal, nach Hotel
Halden und Notſchrei uſw. vorgeſehen. Für die am Sonntag mit
dem Sonderzug nach Richtung Bärental weiterfahrenden Teilneh=
mer
ſind beſondere empfehlenswerte Wanderungen nach dem Feld=
berg
und weiter nach dem Schauinsland oder ab Bahnhof Höllſteig
durch die Ravennaſchlucht nach Hinterzabern und Tittiſee geplant.
Die einzelnen Gruppen werden von kundigen Führern koſtenlos
geführt. Die Rückfahrt erfolgt mit dem Sonderzug ab Bärental
um 16.36 Uhr, ab Freiburg um 18.20 Uhr, die Unkunft in Frank=
furt
um 23.11 Uhr.
Zu dieſem von Frankfurt aus verkehrenden Sonderzug wird
von Gießen nach Frankfurt ein beſonderer Anſchlußzug gefahren
werden. Die Anwohner der von Fulda, von Bad Homburg, von
Cronberg, von Hochheim, von Niedernhauſen und von Goldſtein
nach Frankfurt führenden Strecken haben ſowohl für die Hin= wie
für die Rückfahrt äußerſt günſtige Anſchlüſſe mit fahrplanmäßi=
gen
Zügen. Für die Fahrt von dem Heimatbahnhof nach Frank=
furt
und zurück ſind für die Benutzung dieſer fahrplanmäßigen
Züge gewöhnliche Fahrkarten bzw. Sonntagskarten zu löſen.
Wer an dieſer lohnenden Wochenendfahrt Intereſſe hat, wende
ſich an die Fahrkartenausgabe eines Bahnhofes. Dort wird ihm
jede gewünſchte Auskunft gerne erteilt werden. Wünſchen von
Vereinen uſw. auf gemeinſame Unterbringung in dem Sonderzug
wird entſprochen.

Lokale Veranftalkungen.

Aus den Parkeien.

Deutſche Volkspartei, Frauengruppe. Wir
erinnern nochmals an die heute nachmittag auf dem Heiligen
Kreuz ſtattfindende geſellige Zuſammenkunft. Unſere geſchätzte
Landtagsabgeordnete, Frau Maria Birnbaum, hat ſich in dankens=
werter
Weiſe bereit erklärt, einen Vortrag zu halten. Wir bitten
um zahlreiches Erſcheinen.
Ausder Deutſchnationalen Volkspartei. In
Frankfurt tagte der Geſchäftsführende Ausſchuß der Deutſchnatio=
nalen
Volkspartei, der vollzählig erſchienen war. Es wurde mit
Freude feſtgeſtellt, daß die Mitgliederzahl und der Verſammlungs=
beſuch
ſeit einer Reihe von Monaten im Anwachſen iſt. Nachdem
eine Reihe organiſatoriſcher Fragen behandelt worden waren,
wurde folgende Entſchließung einſtimmig angenommen:
Den heſſiſchen Abgeordneten wird der Dank für ihre Tätigkeit im
Landtag ausgeſprochen. Sie werden erſucht, die bisher beſchritte=
nen
Wege weiter zu gehen, ſich insbeſondere allen Maßnahmen zu
widerſetzen, die auf eine weitere ſteuerliche Belaſtung der Bevöl=
kerung
, insbeſondere des ſtädtiſchen und ländlichen Grundbeſitzes.
hinauslaufen. Die D.N.VP. lehnt wie ſchon ſeit Jahren, auf
das entſchiedenſte jegliche Steuererhöhung ab. Sie ſieht den Weg
zur Sanierung der Finanzen in der Senkung der Ausgaben.

Die blerunter erſcheinenden Notizen ſind ausſchließlich als Hinweſſe auf Anzeigen zu betrachten.
in keinem Falle irgendwſe als Beſprechung oder Krit
Bibelabend im Chriſtlichen Verein junger
Männer, Alexanderſtraße 22 (Inf. Kaſerne). Heute, Mittwoch,
abends ſpricht Herr Miſſionar Richter von der Herrnhuter Brü=
dermiſſion
in unſerem Kreiſe. Wir laden unſere Mitglieder, ſo=
wie
deren Angehörige und Freunde unſeres Vereins zu dieſem
Abend herzlich ein. Ebenſo laden wir ſchon heute zu dem Vortrag:
Die Großmächte der Vergangenheit und Gegenwart ein, den Herr
Dr. Grünwald am Sonntag, den 17. Mai, abends, in unſerem
Heim hält.
Sportplatzreſtaurant und Café Böllenfall=
tor
. Heute der beliebte Kaffee= und Kuchentag mit Konzert.
Abends Tanz. Chriſti Himmelfahrt Frühkonzert. (Siehe Anz.)
Vereinskalender.
D. H. V., Ortsgruppe Darmſtadt Himmelfahrts=
tag
: Ausflug in den vorderen Odenwald. Abfahrt 7.25 Uhr mit
der Straßenbahn vom Luiſenplatz zur Endſtation Eberſtadt=
Frankenſtein.
Kirchliche Nachrichken.
Schloßkapelle Kranichſtein. Am Himmelfahrtstag, vorm. 8 Uhr:
Gottesdienſt. Pfarrer Grein=Arheilgen.
Die Chriſtengemeinſchaft (in der Städtiſchen Akademie für Ton=
kunſt
, Eliſabethenſtraße). Donnerstag, den 14. Mai (Chriſti Himmel=
fahrt
), vorm. 10 Uhr: Menſchenweihehandlung mit Predigt.
Evangeliſche Gemeinſchaft, Schulſtraße 9. Donnerstag ( Himmel=
fahrt
) den 14. Mai: Gemeindeausflug nach dem Kirchberg; daſelbſt Got=
tesdienſt
. Treffpunkt: Tierbrunnen. Abmarſch pünktlich 9 Uhr.
Tageskalender für Mittwoch, den 13. Mai 1931.
Heſſ Landestheater, Großes Haus, 19.3022 Uhr B 23.
I, Gr. 1: Turandot. Kleines Haus, 19.3022.15 Uhr. Zu=
ſatzmiete
V 12: Die Wildente Konzerte: Zur Oper,
Rheingauer Weinſtube, Schloßkeller, Datterich. Sportplatz=Reſt.
am Böllenfalltor, Sport=Café am Meßplatz. Zum Tropfſtein,
Alter Ratskeller, Hotel=Reſtaurant Poſt Kinovorſtel=
lungen
: Union=, Helia= und Palaſt=Lichtſpiele.

[ ][  ][ ]

Seite 8

Mittwoch, den 13. Mai 1931

Nummer 132

Aus Heſſen.
Das Frühlingskrenzkrauk.
(Mitteilung aus der Heſſiſchen Hauptſtelle für Pflanzenſchutz.)
In den letzten Jahrzehnten iſt aus dem Oſten Deutſchlands ein
Unkraut zu uns gekommen, das durch ſeine ſchnelle Vermehrungs=
fähigkeit
immer weitere Verbreitung anzunehmen droht; es iſt
dies das Frühlingskreuzkraut (Senecio vernalis)
Die Hauptblütezeit liegt im Monat Mai. Aus den Samen,
die bis zum Herbſt keimen, entwickelt ſich im Laufe des Winters
eine Blattroſette, aus dem im Frühjahr die blättertragenden Blü=
tenſtengel
hervortreiben. Die Blätter, die buchtig gefiedert ſind,
ſind ober= und unterſeits zottig behaart. Der Blütenſtand iſt ein
Körbchen mit leuchtend gelben Blüten. Die Samen haben eine
ſchirmförmige Haarkrone, die ihnen weite Verbreitung durch Flie=
gen
ermöglicht.
Wo finden wir das Frühlingskreuzkraut nun in der Haupt=
ſache
? Stets ſind die Kleefelder ſtark in Mitleidenſchaft gezogen,
während es in Getreidefeldern oder auf Hackfruchtfeldern kaum
in nennenswerter Menge auftritt. Hauptſtandorte bilden dann
noch ſchwach bewachſene Böſchungen, Schuttſtellen, überhaupt alle
Stellen, die außerhalb der landwirtſchaftlichen Kulturflächen
liegen.
Dies erklärt ſich aus dem Entwicklungsgang der Pflanze. Wie
ſchon erwähnt, iſt die Hauptblütezeit im Mai; die meiſten Samen
keimen dann noch im Laufe des Sommers, ſo daß ſie bei der Herbſt=
bearbeitung
des Feldes zugrunde gehen. Die wenigen Samen, die
erſt im Frühjahr keimen, entwickeln ſich aber nur zu ſpärlichen
Pflanzen. Anders verhält es ſich auf Feldern mit mehrjährigen
Kulturpflanzen, wie z. B. auf Kleeſchlägen. Dort können die jun=
gen
Pflanzen ungeſtört wachſen, ſo daß ſie meiſt ſchon beim erſten
Schnitt reife Samen haben oder doch ſo weit in der Entwicklung
vorgeſchritten ſind, daß ſie, abgeſchnitten, noch nachreifen. Die=
jenigen
Pflanzen aber, die nicht zu tief abgemäht ſind, treiben
neue Schoſſe und kommen ſpäter nochmals zur Blüte. Es iſt ſo
das Frühlingskreuzkraut das typiſche Unkraut der Kleefelder, was
auch ſchon daraus hervorgeht, daß an zahlreichen Stellen ſein erſtes
Auftreten gerade auf Kleefeldern beobachtet worden iſt.
Was iſt nun gegen die Verbreitung des Frühlingskreuzkrautes
zu tun? Man muß verſuchen, durch rechtzeitiges Jäten und Ab=
hacken
der Pflanzen vor der Blüte die Abſamung und die Verbrei=
tung
der Samen zu verhindern. Hierbei iſt noch zu beachten, daß
blühend ausgeriſſene Pflanzen die Samen noch ausreifen können
darum iſt vor allem die ſofortige Entfernung der ausgeriſſenen
Pflanzen nicht dringend genug anzuraten. Werden die Pflanzen,
was man leider ſehr häufig finden kann, einfach auf die Feldwege
oder gar in die Ackerfurchen geworfen, ſo bildet man von hier aus
eine neue Verſeuchungsquelle für die benachbarten Kulturflächen.
Selbſtverſtändlich müſſen auch die an Wegrainen und Feldwegen
wachſenden Pflanzen in gleicher Weiſe ausgerottet und vernichtet
werden. Gerade hier bleibt das Unkraut ſehr oft bis zur Voll=
reife
ſtehen und überſchwemmt die ganze Umgebung mit Samen.
Dr. Becker.

Dd. Arheilgen. 12. Mai. Gemarkungsrundgang. Der
Obſt= und Gartenbauverein unternahm am Sonntag nachmittag einen
Gemarkungsrundgang, an dem ſich ungefähr 20 Perſonen beteiligten.
In Anbetracht der lehrreichen und intereſſanten Beobachtungen und
Beratungen iſt es eigentlich zu bedauern, daß ſich nicht mehr Teilnehmer
dazu einfanden. Die Beſichtigung galt den Obſtbäumen zwiſchen der
Weiterſtädter Straße und dem Jungfernweg. Es ſollten insbeſondere
der Zuſtand der Bäume und die Wirkungen der Schädlingsbekämpfung,
der Veredlung und der Düngung feſtgeſtellt werden, um Rückſchlüſſe auf
die kommende Obſternte ziehen zu können. Der derzeitige Stand der
Obſtbäume kann als gut bezeichnet werden. Die Bäume haben gut an=
geſetzt
und ſtehen zurzeit in voller Blüte. Wenn keine Schäden mehr
durch ungünſtiges Wetter eintreten, iſt mit einer guten Ernte zu rechnen.
Auffallenderweiſe ſchlecht angeſetzt haben die Zwetſchenbäume. Sie ſchei=
nen
durch den ſtrengen Winter vor zwei Jahren ſehr notgelitten zu
haben. Die Spargelernte, die ſchon vor 8 Tagen begonnen hat, ſetzt jetzt
in vollem Umfange ein. Die Anpflanzungen, die erſt in den letzten
Jahren in größerem Maßſtabe in der hieſigen Gemarkung angelegt
wurden, betragen etwa 1520 Morgen, werden aber in dieſem Jahre
noch nicht alle abgeerntet. Da dies die erſten Erzeugniſſe ſind, bieten
ſie der Landwirtſchaft eine ſehr erfreuliche, frühzeitige Einnahme.
Der Turnverein macht wie alljährlich am Himmelfahrtstag einen
Spaziergang in den Wald. An dem gewohnten Lagerplatz an der
Prinzenſchneiſe wird ſich wieder ein luſtiges Treiben entwickeln.
Dg. Arheilgen, 12. Mai. Eine öffentliche Gemeinderats=
ſitzung
findet am kommenden Freitag, den 15. Mai, abends 7.30 Uhr,
im Rathausſaale ſtatt. Als wichtigſte Punkte ſtehen auf der Tages=
ordnung
: Beratung des Voranſchlages für das Rechnungsjahr 1931 ſowie
Feſtſetzung der endgültigen Gemeindeſteuern für das Rechnungsjahr
1930. Die Bürgermeiſterei macht auf die Milchverkaufsord=
nung
für den Kreis Darmſtadt vom 8. März 1907 aufmerkſam und
empfiehlt deren beſondere Beachtung. Die Beſtimmungen, die während
der Amtstage auf der Bürgermeiſterei eingeſehen werden können, ent=
halten
die Vorſchriften über den Verkauf von Milch im allgemeinen,
über die Räumlichkeiten, in denen die für den Verkauf beſtimmte Milch
aufbewahrt, verarbeitet oder verkauft wird. Schüler= Unfalk=
verſicherung
. Die im vorigen Jahre abgeſchloſſenen Schüler= Un=
fallverſicherungen
werden jetzt erneuert. Der Jahresbeitrag beträgt
wieder 1. und 1,50 RM. Die Verſicherung, die mit der Neuen Frank=
furter
Allgemeinen vereinbart iſt, tritt in Kraft bei allen Unfällen, von
denen Schüler betroffen werden auf dem Schulgrundſtück (Schulgebäude
und Schulhof), beim Unterricht, Turnen und Spielen; ferner außerhalb
des Schulgrundſtückes bei Veranſtaltungen der Schule, z. B. bei gemein=
ſamen
Ausflügen, die dem erdkundlichen, naturwiſſenſchaftlichen ſowie
dem Zeichenunterricht dienen, ſowie bei gemeinſamen Spaziergängen und
=fahrten, Beſuchen von Ausſtellungen uſw.; des weiteren auf dem Wege
von und zu der Schule, gleich welche Transportmittel benutzt werden
(ausgenommen Motorräder und Luftfahrzeuge). Das Gemeinde=
ſchwimmbad
am Arheilger Mühlchen iſt nunmehr wieder geöffnet
und kann auch wieder mit den neuhergerichteten Kähnen befahren
werden.
Weiterſtadt, 12. Mai. Die Turngemeinde macht am Him=
melfahrtstag
einen Familienſpaziergang an das Brünnchen wozu die
ganze Einwohnerſchaft eingeladen wird. Der Geſangverein Germania
hat ſich bereit erklärt, dort einzge Chöre zum Vortrag zu bringen,
ebenſo wird die Turngemeinde einige Reigen aufführen.
O. Erzhauſen, 12. Mai. Am Sonntag hielt die Kohlenkaſſe Erz=
hauſen
ihre Generalverſammlung in der Ludwigshalle ab. Der Vor=
ſitzende
eröffnete die Verſammlung und begrüßte die Erſchienenen. Dann
folgte der Geſchäfts= und Kaſſenbericht durch den Rechner. Der Vor=
ſitzende
gab noch verſchiedene Erklärungen und nahm Wortmeldungen
entgegen. Die tadelloſe Buchführung und der ausführliche Bericht vom
Rechnungsjahre 1930/31 durch den Rechner fanden allgemeine Anerken=
nung
. Der Rechner wurde entlaſtet. Die Rechnung liegt noch acht Tage
lang bei dem Rechner offen. Mit der Lieferung für das neue Rech=
nungsjahr
wurden die früheren Lieferanten wieder bedacht. Drei neue
Vorſtandsmitglieder wurden gewählt: L. Gerbig, H. Jakobi und Ludw.
Haaß 4. Kaſſierdienſt und Kohlenausladen wurden den ſeitherigen wie=
der
belaſſen. Die Kohlenkaſſe beſtehr 35 Jahre und zählt zurzeit 285
Mitglieder.

Griesheim 12. Mai. Einbruch. In der Nacht von Sonnt
auf Montag wurde in die Lagerhalle des Landwirtſchaftlichen Konſu
vereins am Bahnhof ein Einbruch verübt. Außer einem kleinen Wechſe
geldbetrag iſt den Einbrechern nichts in die Hände gefallen. Im Lau
des geſtrigen Nachmittags iſt es der Polizei gelungen, die Einbrecht
3 an der Zahl, zu ermitteln. Bei ihrer Vernehmung haben dieſelbe
auch einen vor einiger Zeit verübten Einbruch, bei dem ihnen ein grö
rer Geldbetrag in die Hände fiel, eingeſtanden Der Jugend
abend der evang. Jugendvereinigung unter Mitwirkung des Poſe
nenchors erfreute ſich eines ſehr zahlreichen Beſuchs Geſangsvorträg
Reigen der Mädchen ſowie Theater wechſelten der Reihe nach miteina
der ab und fanden lebhaften Beifall. Berliner Star=Gaſt
ſpiel in Griesheim. Am Sonntag, den 17. Mai, abends
Uhr, findet im Feſtſaal Zum grünen Laub die einmalige Aufführu
des Berliner Star=Gaſtſpiels mit den prominenten Künſtlern: Helde
tenor Guſtav Bertram und Operettendiva Marga Peter, beide von
Berliner Komiſchen Oper ſtatt. Der Eintrittspreis beträgt 1. M
für Schüler und Erwerbsloſe 50 Pfg.

Rte ſarone
Von Wilhe
Was die Bergſtraße für den ganzen umliegenden Städtekranz
bedeutet, ſieht man erſt an dieſen Sonntagen in der Baumblüte
Naturgenuß in allen Abſtufungen. Aufmachungen und Techniken,
mit Hilfe von Auto, Kraftrad, Fahrrad und Gehwerkzeugen, dazu
die langen Ausflüglerzüge mit den hellen Mädchenklei=
dern
in allen Fenſtern. Draußen dann auf den Hang=
und Wald=Pfaden die verſchiedenen Gruppenbildungen; am
häufigſten die Familie, vom Großvater bis zum krähenden Neſt=
häkchen
im Korbwagen, dann kleine Geſellſchaften von Berufs=
genoſſen
, Bubengruppen, von irgendeinem Panier überwimpelt,
Kamerad und Kameradin in wandervogelmäßiger Aufmachung,
zwei alte Damen, zwei gute Freunde. Nicht zuletzt der Verein mit
der Blechmuſik, der ſeine Idee (nebſt Fahne) und ſeinen Durſt
von Bickenbach nach Alsbach, von Eberſtadt nach Zwingenberg
trägt oder umgekehrt.
Die dicken alten Weiblein keuchen ein wenig, wenn ſie die
Waldwege aufwärtsſteigen, aber es iſt rührend zu ſehen, wie ſie
ihr Jungmädchen= und Sonntagsgeſicht aufgeſetzt haben und ſich
freuen. Es ſind im übrigen keineswegs bloß die Städter, die hin=
ausgehen
aufs Auerbacher und Alsbacher Schloß und von den
Haldenwegen durch die Zweige hinausſehen auf die weite, ſchim=
mernde
Rheinebene. Viele Ausflügler ſind Dörfler, Arbeiter oder
Bauern oder Handwerker, und ſie merken genau ſo gut wie die
andern, daß jetzt das Buchenlaub hell und ſchaumig zart iſt wie
die ſchönſte Seide, daß das Rauſchen der fallenden Bäche eine
Muſik in ſich hat und daß die Luft, die über Blütenbäume und
friſchgrüne Wälder daherkommt, gut zu atmen iſt. Sie bleiben an
den Gärten ſtehen, wo die roten und gelben Tulpen leuchten und
ſich dicke Kiſſen von vielfarbigen Stiefmütterchen wölben, gefaßt
von himmelblauen Vergißmeinnicht, und tragen wohl, wie alle
andern, einen freundlichen Gedanken davon. Freude tut allen
Menſchen gut, und ſie iſt heute faſt nur noch von Blumen und

Bergſtraße.
Im Michel.
Bäumen, von der wehenden Luft und dem hohen Himmel zu
haben. Wohin kämen wir in dieſen Jahren der Lebensverfinſte=
rung
, wenn wir den Garten der Natur nicht hätten und ihre
Sprache nicht verſtünden!
Es macht nichts, daß unſereiner an ſolchen Sonntagen drau=
ßen
mehr die Menſchen ſpürt als die Natur. Im Ernſt kommt
man an die Natur ja nur in der Einſamkeit heran. Es iſt aber
auch eine Freude, ſich an den Nebenmenſchen zu fühlen. Sie ſind
vielleicht nicht ſo geübt im Stillſein vor der Landſchaft, aber man
muß das ſchwere Leben bedenken, daß ſie alle haben, die Sorgen,
die ſie mit hinausnehmen. Sie müßten ja tagelang wandern,
um ſie loszuwerden. Es reicht bei den meiſten nur für zwei Stun=
den
Weg, einen Trunk Bier in der Schloßwirtſchaft oder eine
Taſſe Kaffee. Das führt nicht ſo weit aus dem Gewohnten heraus,
daß man ein neuer Menſch wird aber es dämpft doch und
macht zufrieden, es gibt ein paar tiefere Atemzüge unter Bäumen
und ein paar Augenblicke des ruhigen Schauens.
Es iſt die große Tugend der Bergſtraße und ihrer Landſchaft,
daß ſie dieſes entſpannende Schauen ſo leicht macht. Natur iſt
zwar auch in der kleinſten Blume ſchön, und die Tanne gegen
Griesheim oder Eſchollbrücken, wo jetzt die vielen wilden Veilchen
und Stiefmütterchen herauskommen, kann manchmal das ewige
Wort des Waldes ſo gut führen wie die meilenweiten Forſte des
Pfälzer Berglandes. Aber für die vielen, die wenig Zeit haben
und auf die faßlicheren Geſchenke der Natur angewieſen ſind, iſt
es gut, wenn die Landſchaft ſie raſch ergreift und verzaubert, mit
Fernblick, Schlucht und Burggemäuer, mit blütenüberſchütteten
Hängen, charaktervollen Dorfgeſtalten und luſtigen Waldwegen.
Die Bergſtraße geht leicht und lieblich in die Sinne, ſie liegt
immer feſtlich vor der ſchwungvollen Altane ihrer Berge, ein
Sonntagsland, deſſen heiteren romantiſchen Geiſt jeder beim erſten
Blick begreift.

42 Eberſtadt, 12. Mai. Verbeſſerung der Poſtpaket=
zuſtellung
. In Kürze wird der Zuſtelldienſt des Poſtpaketverkehrs
innerhalb des Ortes, der ſeither noch durch einen Handkarren bewerk=
ſtelligt
wurde, durch einen Pferdepaketwagen erfolgen. Dieſe Neuerung
wird allſeitig ſehr begrüßt. Turnierplatz. Die hieſige Reiter=
abteilung
des Junglandbundes hat ſich in der Nähe des Schafnußbaum=
weges
einen Trainings= und Reitplatz mit Hinderniſſen uſw. angelegt,
auf dem beſonders jetzt im Frühjahr fleißig trainiert wird. Selbſt=
mord
auf den Schienen. Ein 18jähriger junger Mann von hier
warf ſich in der Nacht zum Montag in ſelbſtmörderiſcher Abſicht auf der
Main=Neckarbahnſtrecke in der Nähe des Güterbahnhofes vor einen
herannahenden Eilgüterzug und wurde tödlich überfahren. Die Leiche
wurde ſtark verſtümmelt beim Morgengrauen aufgefunden.
Aa. Eberſtadt, 12. Mai. Der Tierſchulgarten am Waldes=
rand
nahe dem Lämmchesbergviertel und dem Staatsbahnhof hat im
Laufe des Winters und Frühjahrs neuen Zuwachs erhalten. Unter an=
derem
ſind jetzt vertreten Füchſe, Dächſe Wieſel, Eichhörnchen, Marder
und von den Vogelarten Lachtauben, Turmfalken, Elſtern, Mäuſe=
buſſarde
, Hühnerhabichte, Eulen, Faſanen uſw. Für dieſes Jahr haben
bereits eine größere Anzahl Schulklaſſen ihren Beſuch angeſagt. Be
merkt darf noch werden, daß Jagdpächter verwaiſtes und noch pflege=
bedürftiges
Jungwild, das ſich für die Haltung eignet, zur Aufzucht und
Pflege unterbringen können.
Cp. Pfungſtadt, 12. Mai. Das Jugendheim der Arbeiterjugend.
das ſeiner Fertigſtellung entgegenſieht, ſoll Anfang Juli in Geſtalt eines
Jugendtages eingeweiht werden.
Cp. Eſchollbrücken, 10 Mai. Zur Penſionierung Pfarrer
Dreſchers. Ein Nachfolger für den in den Ruheſtand getretenen
Pfarrer Dreſcher iſt noch nicht ernannt. Vielmehr wird Eſchollbrücken
von den benachbarten Pfarreien mit verſehen. Ueber Pfarrer Dr. Dre=
ſcher
iſt noch zu ſagen, daß er 1866 zu Hitzkirchen geboren wurde. Von
1891 ab war er Aſſiſtent, dann Verwalter und ſeit 1893 Pfarrer in
Lampertheim. Am 16. Oktober 1908 kam er als Pfarrer nach Steinbach
im Taunus. Seit 9 Mai 1910 wirkte er 21 Jahre lang bis zu ſeiner
Penſionierung in Eſchollbrücken.
(k) Roßdorf, 12. Mai. Spar= und Darlehnskaſſe. Die
hieſige Spar= und Darlehnskaſſe e. G. m. b. H. hielt ihre ordentliche
41. Generalverſammlung ab. Der Vorſitzende des Aufſichtsrates, Bäcker=
meiſter
Barth, eröffnete die Verſammlung, begrüßte die Erſchienenen
und gedachte der im Geſchäftsjahr verſtorbenen Mitglieder. Alsdann
erſtattete der Direktor der Kaſſe, Bürgermeiſtereiſekretär Koch, den
Geſchäftsbericht über das 41. Geſchäftsjahr. Aus dieſem konnte man
entnehmen, daß die Genoſſenſchaft im vegangenen Jahre ſich trotz der
Ungunſt der wirtſchaftlichen Verhältniſſe weiter feſtigen und vorwärts
entwickeln konnte, die innere Entwickelung der Genoſſenſchaft, ſo führte
er aus, habe zu einer beachtlichen Vergrößerung des Geſchäftskreiſes
ſowie zur geſteigerten Leiſtungsfähigkeit geführt. Damit ſei erreicht,
daß auch die Kaſſe im abgelaufenen Jahre ihre Liquidität aufrechterhal=
ten
hat und hierdurch allen an ſie geſtellten Anforderungen gerecht wer=
den
konnte. Die Vermehrung der Spareinleger beweiſe das Vertrauen
zur Kaſſe. Gegenüber dem Jahre 1929 ſeien die Spareinlagen von
236 335 Mk. auf 279 700 Mk. geſtiegen. Der Geſamtkaſſenumſatz be=
trage
2935 733 Mk. und habe ſich ebenfalls gegen das Vorjahr um
265 000 Mk. erhöht. Auch für die Kaſſe ſeien die Worte: Naſt ich.
ſo roſt ich Leitſatz. Die Unabhängigkeit von fremdem Kapital und die
reſtloſe Befriedigieig der Kreditanſprüche der Mitglieder können, müſ=
ſen
und werden zum Segen der Mitglieder erreicht werden, wenn jeder=
mann
treu zu ſeiner Spar= und Darlehnskaſſe ſteht, alle Geldgeſchäfte
über ſie abwickele und insbeſondere alle Betriebseinnahmen und ſonſti=
gen
verfügbaren Gelder zur Verfügung ſtelle. Mit dieſem Appell an
die Mitglieder ſchloß der Direktor ſeinen ausführlichen Geſchäftsbericht.
Der Reingewinn wurde nach den Vorſchlägen der Verwaltungsorgane
nach Ausſchüttung einer Dividende von 10 Prozent für die Geſchäfts=
guthaben
, den Reſerven überwieſen. An Stelle des verſtorbenen Auf=
ſichtsratsmitgliedes
Jean Karl Konrad Grünewald wurde Georg Wilh.
Nicolay 2. neugewählt.
f. Roßdorf, 12. Mai. Aus dem Gemeinderat. Vor Eintritt
in die Tagesordnung wurde Konrad Ewald vom Bürgermeiſter als Ge=
meinderat
verpflichtet Die Löhne der Gemeindearbeiter ſollen trotz
der Senkung der Waldarbeiterlöhne wie ſeither beſtehen bleiben Bezüg=
lich
des Lohnes des Vorarbeiters gelten hinſichtlich Erhöhung die glei=
chen
Beſtimmungen wie bei dem Waldvorarbeiter. Die Entſchädi=
gungsſumme
für die Gemeinde aus der Jagdverpachtung an Wiener
wird nach den Vorſchlägen der Verwaltung angenommen. Ueber die
Nichtzuteilung von ſtaatlichen Baukoſtenzuſchüſſen für Rechnungsjahr
1931 entſpann ſich eine lebhafte Debatte. Mit der Nichtberückſichtigung
will ſich der Gemeinderat keineswegs zufrieden geben. Der Erwerbs=
loſenausſchuß
bittet, bei Einſtellung von Arbeitskräften für Gemeinde
arbeiten nur Ausgeſteuerte einzuſtellen. Der Bürgermeiſter erklärt, daß
dies ſeither ſchon geſchehen ſei, bei der Einſtellung jedoch auch die Ge=
eignetheit
geprüft werden müſſe. Der Gemeinderat beſchließt dement=
ſprechend
. Ein Teil des Schwimmbeckens iſt inſtandſetzungsbedürftig.
Hierzu wurden etwa 50 Kubikmeter Hartbaſaltſand benötigt, zu deren
Gratislieferung ſich die Odenwälder Hartſtein=Induſtrie in entgegen=
kommender
Weiſe bereit erklärt hat, was Anerkennung findet. Nach
Mitteilung des Feldbereinigungskommiſſars iſt für das Feldbereini=
gungsverfahren
der Gemeinde Roßdorf ein Kredit in Höhe von 25 000
bis 38 000 RM. notwendig, je nachdem die Beſchaffung der Mittel ſich
auf insgeſamt 1 bis 1½ Million RM. erſtrecken wird. Nach Verhand=
lungen
mit der Landesbank wird für die Finanzierung der Feldberei=
nigungen
ein größerer Betrag zur Verfügung geſtellt werden, aus dem
an die Feldbereinigungsgeſellſchaften langfriſtige Darlehen gegeben wer=
den
können, die durch ſtaatliche Zuſchüſſe von den empfangenden Geſell=
ſchaften
für 5 Jahre zu 5 Prozent zu verzinſen ſind. Unter der wei=
teren
Vorausſetzung, daß die Geſellſchaften entſprechende Ausſchläge be=
ſchließen
, können durch die Inanſpruchnahme ſolcher billiger Kredite die
Feldbereinigungen zum Segen der Landwirtſchaft durchgeführt werden.
Für den Betrag von 38000 RM. übernimmt der Gemeindera, die er=
forderliche
Bürgſchaft. Die alsbaldige Inanariffnahme der Arbeiten
wäre ſehr zu begrüßen, da dadurch eine Reihe ausgeſteuerter Arbeits=
loſer
Beſchäftigung fände, wodurch die Wohlfahrtslaſten der Gemeinde
entlaſtet würden.

Frühjahrsmarkt in Groß-Gerau.
Groß=Gerau, 12. Mai. Als Heimatfeſt des Gerauer Landes findet
vom 14. bis 17. Mai zum zweiten Male der wiederum ins Leben ge=
rufene
Frühjahrsmarkt in Groß=Gerau ſtatt. Wie letztes Jahr bei der
überaus zahlreich von nah und fern beſuchten erſten Veranſtaltung dieſer
Art ſind auch diesmal wieder eine Menge Beſonderheiten vorgeſehen,
die dem Beſucher der Kreisſtadt Groß=Gerau geboten werden. Der
Frühjahrsmarkt wird am Donnerstag, den 14. Mai ( Himmel=
fahrt
) vormittags mit einem Konzert auf dem Marktplatz eröffnet. Mit=
tags
wird in dem wegen ſeiner Schönheit weithin bekannten Groß=
Gerauer Stadtwald ein Waldfeſt veranſtaltet, das Unterhaltung, Muſik,
Tanz und Kinderbeluſtigung der mannigfachſten Art bringt. Ebenfalls
ſchon an dieſem Mittag beginnt auf dem Marktplatz der volkstümliche
Rummelbetrieb, der letztes Jahr eine beſonders ſtarke Anziehung auf
alt und jung ausübte. Für den Abend ſind Sonder=Veranſtaltungen der
heimiſchen Gaſtſtätten beabſichtigt. Der Freitag ergänzt dieſe Dar=
bietungen
mit der erſtmaligen Einführung eines Wirtſchaftsbetriebes auf
dem Hindenburg=Waſſerturm des Gruppenwaſſerwerksverbandes des
Gerauer Landes und mit der Anſtrahlung des Turmes. Am Sams=
tag
mittag findet Führung durch das ſehenswerte und durch viele neuere
Funde erweiterte Heimatmuſeum ſtatt, während im Rathaus über die
Zeit des Frühjahrsmarktes Erinnerungen an Georg Büchner gezeigt
werden, die von der Familie des Dichters zur Verfügung geſtellt wer=
den
. Der Schützenverein Tell, der in dieſen Tagen eine große Veran=
ſtaltung
abhält, veranſtaltet am Samstag abend auf dem letztes Jahr
neu errichteten Schießſtand ein Konzert, zu dem die Teilnehmer am
Frühjahrsmarkt als Gäſte des Vereins eingeladen ſind. Am Sonn=
tag
findet in den Gaſtſtätten das althergebrachte Gerauer Spargel=
eſſen
ſtatt. Nachmittags hat der Radfahrerverein Groß=Gerau unter
Teilnahme des Europameiſters ein Saalſportfeſt im Adler und treffen
die Teilnehmer an einer Wanderfahrt des Gaues Frankfurt a. M. des
Bundes Deutſcher Radfahrer in Groß=Gerau ein. Der Schützenverein
Tell hat an dieſem Nachmittag wiederum Konzert auf dem Schieß=
platz
und offizielle Standweihe und Preisverteilung. Der Abend iſt mit
Veranſtaltungen der heimiſchen Gaſtſtätten ausgefüllt.
Als Heimatfeſt ſoll die Veranſtaltung insbeſondere ehemalige Gerauer
wieder einmal nach der alten Heimat führen und ſoll der Bevölkerung
Gelegenheit geboten ſein, ihre Eigenart und ihre Beſonderheiten zu
zeigen und für ihre wirtſchaftlichen Intereſſen zu werben. Es werden
daher auch dieſes Jahr wieder eine Menge Beſucher in der Kreisſtadt
Groß=Gerau erwartet.
G. Ober=Namſtadt, 12. Mai Verſchiedenes. Das ſchöne Wet=
ter
brachte am Sonntag lebhaften Ausflüglerverkehr. Beſonders ſtark
war der Auto= und Motorraddurchgangsverkehr in den vorderen Oden=
wald
. Turmuhr am Rathaus. Vor einiger Zeit wurde die
defekt gewordene Turmuhrbeleuchtung am neuen Rathaus abmontiert.
Dieſer Tage ließ nun die Heag an einem Nachbarhaus einen Schein=
werfer
anbringen, der die Uhr ſo ausgezeichnet anſtrahlt, daß man den
Zeigerſtand ſchon aus großer Entfernung einwandfrei ableſen kann, was
bei der urſprünglichen Beleuchtung auf größere Entfernungen nicht
möglich war. Feuerwehr. Am letzten Sonntag hielt die Feuer=
wehr
unter Leitung ihres 1. Kommandanten Neubert ihre zweite dies=
jährige
Uebung ab. Damit war eine Schauübung am Schulhaus in der
Darmſtädter Straße verbunden, an der ſich auch die Sanitätskolonne be=
teiligte
. Wohnungsbau. Zwiſchen Küchlevweg und Franken=
häuſerpfad
errichtet die Gemeinde gegenwärtig Dreizimmerwohnungen
im Flachbau, die nach Fertigſtellung an lungenkranke bzw. =gefährdete
Familien verkauft werden ſollen,
Höchſt i. Odw., 12. Mai. Nächſten Sonntag, den 17. Mai, nach=
mittags
2 Uhr, findet wieder Gottesdienſt für Gehörloſe im evang. Ge=
meindehaus
dahier ſtatt. Fahrtausweis erbitte man vom hieſigen Pfarr=
amt
.
m. Beerfelden, 12. Mai. Unglücksfall. Ein in den zwanziger
Jahren ſtehender junger Mann erlitt vermittelſt eines Teſchings, das
er bei ſich trug, einen Kopfſchuß. Die kleine Kugel drang an der Schläfe
ein und blieb auf ihrem Wege ſtecken. Der Betreffende ging noch eine
Strecke Wegs bis zur elterlichen Wohnung und brach erſt dort zuſam=
men
: er mußte in die Klinik nach Heidelberg verbracht werden, da doch
wohl eine Entfernung der Kugel auf operatibem Wege nötig ſein wird.
m. Vom ſüdlichen Odenwalde, 12. Mai. Ein zutraulicher
Waldbewohner. Daß Muffelwild an verſchiedenen Stellen des
Odenwaldes angeſiedelt wurde und allem Anſchein nach ſich heimiſch
fühlt, das war auch an dieſer Stelle ſchon zu leſen. Dieſes Wild iſt
als ſehr ſcheu bekannt, und doppelt merkwürdig iſt daher das folgende
Begebnis; es ließe ſich aber damit erklären, daß das in Rede ſtehende
Tier nicht immer in freier Wildbahn lebte, ſondern daß es längere Zeik
gefangen war: Zwei Herren von Unter=Sensbach, Bürgermeiſter
Schwinn und Müller Siefert, kehrten vorgeſtern von einem Späzier=
gang
auf die Sensbacher Höhe zurück, da geſellte ſich zu ihnen ein micht
mehr ganz junger Muffelbock und trottete ohne Furcht und Scheu mir
den beiden zu Tal, wo ihn dieſelben in eine Wirtſchaft mitnahmen,
Auch hier konnte man bei dem Tier kein aufgeregtes und ſcheues Ge=
baren
den Gäſten gegenüber wahrnehmen. Bevor man das Tier den
betreffenden Forſt= und Jagdbeamten ablieferte, wurde es auf der
Platte feſtgehalten. Natürlich wurde der ſeltene Beſuch von jung und
alt entſprechend angeſtaunt.
Gernsheim, 12. Mai. Waſſerſtand des Rheins am
Pegel am 11. Mai 2,70 Meter, am 12. Mai 2,17 Meter.
Hirſchhorn, 12. Mai. Waſſerſtand des Neckars am
Pegel am 11. Mai 2,74 Meter, am 12. Mai 2,43 Meter.
Aa Wolfskehlen, 10. Mai. Schnecken für Frankreich. In
vielen Gemarkungen des Rieds werden gegenwärtig von Erwerbsloſen
Schnecken geſammelt, die ſie für 10 bzw. 11 Pfg. für das Pfund an die
Händler abliefern. Dieſe verkaufen ſie wieder zentnerweiſe nach Frank=
reich
, wo Schnecken bekanntlich Leckerbiſſen ſind.
Aa. Leeheim, 10. Mai. Todesfall. Im Darmſtädter Stadt=
krankenhaus
ſtarb nach längerem Leiden der von hier ſtammende, ſeit
einer Reihe von Jahren in Mörfelden angeſtellte Lehrer Gg. Egner.
Egner gehörte dort auch längere Zeit dem Gemeinderat an. Er ſtand
erſt im 40. Lebensjahre.

[ ][  ][ ]

Mistwoch, den 13. Mai 1931

Seite 9

Ein froher Tag

War das am letzten Sonntag ein Singen und Klingen, Tanzen und
Springen in dem kleinen alten Hayn! Und die gütige Sonne konnte
da auch nicht anders, ſie mußte ſich mitfreuen. Frohe Menſchen, junge
und alte, zogen durch die engen Straßen und winkligen Gaſſen. In
der Hauptſtraße ſtockte der Verkehr. Vor einem alten Fachwerk=Hauſe
eine ſtattliche Verſammlung, die im Banne eines Redners
ſtand, der die Heimat pries, das Leben unſerer Altvordern ſchilderte
und dann das flaggengeſchmückte Haus zum Heimatmuſeum
Dreieich feierlich weihte: Schulrat Haſſinger, der temperament=
volle
Referent für Volksbildung und Jugendpflege beim Kultusmini=
ſterium
. Tagesarbeit, abends Gäſte, ſaure Wochen, frohe Feſte! Es
ſollte immer ſo ſein, daß ein Feſt die Krönung der Arbeit iſt. Wenn
auch Dreieichenhain vielleicht ſchon rauſchendere Feſte gefeiert hat, wie
das heutige, ſo bin ich doch überzeugt, daß kaum eines die Gemeinde
ſo ehrt wie gerade dies heutige Feſt. Ebe wir jedoch das neueingerich=
tete
Dreieichmuſeum öffnen, wollen wir denen die an ſeiner Errich=
tung
und Geſtaltung mitgearbeitet haben, herzlich danken für die Mühe
und Sorgfalt, mit der ſie das kleine Werk zu ſeiner Ausgeſtaltung ge=
bracht
haben. Ich darf da vor allem dem Geſchichts= und Ver=
kehrsverein
und ſeinem rührigen Vorſitzenden, Herrn Johannes
Winkel 8., danken. Ich darf, des weiteren danken Herrn Georg
Graf, der beſonders hinter den muſeumswürdigen Gegenſtänden hier
im Orte und in der Nachbarſchaft her war. Wiederum danken wir den
Herven Bürgermeiſter Köhres, Gebrüder Nebel, Rückert,
Hitzereth. Mori, Lorz und beſonders den Herren Nahrgang
und Lenhardt. Und nun, du Dreieich=Muſeum, öffne deine
Pforten. Und unſer Weiheſpruch ſei:
Am guten Alten wollen in Treue wir halten,
Am kräftigen Neuen uns ſtärken und frenen.

Dann zog ein Zug die heimiſche Feuerwehrkapelle voran
durch’s Städtchen, die Säumigen zum Feſtſpiel einzuladen. Die Ehren=
gäſte
San.=Rat Nebel, Med.=Rat Nebel, Stadtbibliothekar Völ=
ker
=Offenbach, Kreisſchulrat Bechtolsheim=Offenbach, der 1.
Vorſitzende des Heſſ. Verkehrsverbandes, Herr Stemmer= Darm=
ſtadt
, u a. m. begaben ſich in den Burggarten. Die Jugend mit
einem Rieſenwimpel an der Spitze zog zum Untertor, wo ſie
ſich mit dem Hauptzug traf. Auf der großen Wieſe, umringt von einer
fröhlichen Menge, weihte Herr Schulrat Haſſinger die Jugend=
herberge
im Untertor zum Diemſt an der Wanderjugend.
Vorhin haben wir das Alte geehrt, jetzt wollen wir dem Neuen
leben! Eine Jugendherberge, die zwar noch nicht ganz fertig iſt, wollen
wir weihen, und das iſt ein neuer Anlaß, den heutigen Tag freudig zu
begehen. Wenn etwa einer, der in den letzten zehn Jahren nicht aus
ſeinem Dorf oder ſeiner Stadt hinausgekommen ſein ſollte, fragen
würde: Was ſoll das?, ſo antworten wir, daß in Deutſchland jährlich
Dnnſende abgewieſen werden müſfen, weil die Zahl der Betten nicht

Dy. Egelsbach, 12 Mai. Beim Gang durch die Gemarkung läßt ſich
erkennen, daß der wollenbruchartige Regen am Donnerstag doch mehr
Schaden angerichtet hat, als man zuerſt annahm. Stellenweiſe ſind
Wieſen und Aecker ſtark aufgeriſſen oder überſandet, ſo daß die betref=
fenden
Beſitzer empfindlich geſchädigt wurden. Die aus den ſogenann=
ten
Obergärten zuſtrömenden Waſſermaſſen hatten den Kanal in der
Langener Straße überflutet, ſo daß dort verſchiedene Keller vollſtändig
unter Waſſer geſetzt wurden. Mittels Feuerſpritze wurden die über=
ſchwemmten
Keller wieder entleert.
Db. Urberach, 12. Mai. Verſchiedenes. In den letzten Jahren
ſind ſehr viele Rottſtücke, in der hieſigen Gemarkung unbepflanzt wor=
den
und liegen ſehr verwaiſt darnieder. Auf verſchiedenen Stücken iſt
ſogar wegen der langen Nichtbepflanzung Gehölz angewachſen, ſo daß
dieſelben für den eigentlichen Nutznießer nutzlos ſind. Die Mehrzahl der
Rottſtücke wurden wegen des zu ſandigen Bodens und daraus ergeben=
den
Unrentabilität nicht mehr angepflanzt. Die Gemeinde fordert nun
die Beſitzer der Brachrottſtücke auf, das Gehölz zu entfernen, um die=
ſelben
nutzbar machen zu können. Geplant iſt das Gelände zu einer
Spargelplantage anzupflanzen und hierbei die Erwerbsloſen zu beſchäf=
tigen
. Das Projekt hat wieder das Gute, daß die Ausgeſteuerten Be=
ſchäftigung
finden und die Gemeinde dadurch in einigen Jahren eine
neue Einnahmequelle erhofft. Die hieſige Gewerbe= und Berufsſchule
plant, in Bälde einen Kurſus zur Erlernung des Schweiß= und Polier=
geſchäftes
abzuhalten. Es iſt dies ſehr zu begrüßen, da dadurch den Er=
werbsloſen
bis zu 25 Jahren Gelegenheit geboten wird, koſtenlos hieran
teilzunehmen und ihre Fähigkeiten auf dieſem Gebiet weiter zu ver=

beſſern.

in der Oreieich.
ausreicht, daß die jetzt wieder neuaufgerichtete Jugendherberge Ren=
mühle
in Mainz eine jährliche Uebernachtungsziffer von über 12000
Jungwanderern aufweiſt.
Dank der Gemeinde Dreieichenhain, ihrem Bürgermeiſter und Ge=
meinderat
, die uns hier wieder ein Neſt für die Jugend bauen halfen.
Und ſo wollen wir mit Freude dir hier in aller Kürze neu er=
ſtehende
Jugendherberge begrüßen, weil ſie unſerer Jugend wieder ein
neues Stück Heimat und Vaterland erſchließt und ein ſchönes und ehr=
würdiges
und geſchichtenreiches obendrein.
So grüßen wir dich, du alter, ehrwürdiger Turm, der du künftig
eine neue Aufgabe übernimmſt, mögeſt du ihr noch lange dienen können
und den Jungen zeigen, welche Kraft im Alten liegt; möchteſt du aber
auch den jungen Gäſten ein Wegbereiter ſein zu Freude und Verſtehen.
Und dann zogen alle in den Burghof, wo ſchon die Spieler
ſich bereit hielten, um mit vorzüglichem Spiel die Gäſte in die Zeit
Kaiſer Heinrich des III. zu verſetzen. Auch hier hielt Herr Schulrat
Haſſinger zur Einführung eine zündende Rede.
Wir haben das Alte geehrt, wir haben das Neue begrüßt, nun
aber wollen wir Menſchen ſein, die ſich freuen, weil ihnen die Kraft
geblieben iſt, aus ihrer Liebe zum Volke und aus ihrer Liebe zur Hei=
mat
das Alte zu pflegen und dem Neuen zu dienen! Schon ſtehen Bür=
ger
von Dreieichenhain, Männer und Frauen, Burſchen und Mädchen
Winkel vorzufühnen. Herr Pfarrer Ereter hat mit Liebe und
viel Hingabe das Stück einſtudiert und vorbereitet. Iſt es nicht ſonder=
bar
, daß uns dieſes Schauſpiel ſo ganz beſonders mit Erwartung er=
füllt
, weil es hier auf dem Boden ſpielt, den wir unſere Heimat
nennen, weil es von Menſchen handelt, die hier einmal gelebt haben?.
Wer wüßte von uns Deutſchen nicht, was Heimat iſt? Sie iſt ein
Geſchenk und eine Gnade. Die alte Burg, die Mauer, der Rain, der
Berg, der See, waren ſie nicht allen, die zu ihnen kamen, Geſpielen
und Gefährten? Die gleiche Bauweiſe, das Wort, die Schrift, das Bild,
zu allererſt auch die gleiche Sprache, ſind das nicht Kräfte, die alle in
der gleichen Richtung arbeiten? Und das alles liegt in dem einen Be=
griff
Heimat umſchloſſen.
Als wir vorhin vor der werdenden neuen Jugenherberge ſtanden,
habe ich davon geſprochen, wie dieſes Werk die Jugend vereint und wie
es geeignet iſt, die Gemeinſamkeit voranzuſtellen. Laſſen Sie uns
nie vergeſſen, daß nur der wahrhaft lebt, der dem
Gemeinſamen lebt. Und dann ſahen wir würfelnde Lands=
knechte
, ſchöne Frauen, fahrende Sänger, Ritter und gnappen und zum
Schluß Kaiſer Heinrich III., der den Grafenſohn Udo mit
Siglinde von Hagen zuſammentat. Eine ſchöne Leiſtung, wür=
dig
, noch oft geſpielt zu werden, beſonders auf dieſer herrlichen Natur=
bühne
. Froh hatte der Tag begonnen und froh endete er mit einer
nochmaligen Anſprache Schnlrat Hafſingers an die Jngend.

Rheinheſſen.
Ab Borms a. Rh., 12. Mai. Wormſer Haushaltsdefizit
1,8 Mill. Mk. Die Beratung des Haushaltsplanes der Stadt Worms
wurde von Oberbürgermeiſter Rahn mit einer Rede eingeleitet. Er
wies dabei darauf hin, daß der Etat als charakteriſtiſches Merkmal die
außerordentliche Steigerung der Erwerbsloſenziffer und damit die be=
deutende
Steigerung der Unterſtützungslaſten trägt. Worms habe allein
an Perſonalausgaben gegenüber dem Jahre 1929 etwa 450 000 Mk. er=
ſpart
; aber auch an anderer Stelle ſeien Abſtriche erzielt worden. Trotz
allem ſei es nicht gelungen und könne es nicht gelingen, den vorliegen=
den
Voranſchlag, der rund 1,8 Mill Mk. Fehlbetrag aufweiſt, auszu=
gleichen
. Selbſt wenn die Steueranträge der Verwaltung angenommen
würden, ſo wäre auch das nur geeignet, einen kleinen Bruchteil von
200 000 Mk. hereinzuholen während 16 Mill. Mk. immer noch als
Defizit verblieben. Die Verwaltung beantragt die Verdoppelung der
ſeitherigen Sätze für die Bier= und Bürgerſteuer, weiter die Einführung
der Getränkeſteuer
4d. Nackenheim, 12. Mai. Ein Opfer des Rheines wurde
der ledige Bjährige Kaufmann Jakob Sans von hier, als er mit dem
verheirateten Lehrer Bittel aus Lörzweiler dem Paddelſport oblag.
Ihr Boot ſchlug in der Nähe der Hohenau infolge des von einem
Dampfer verurſachten hohen Wellenganges um. Während der Lehrer
durch Schwimmen an das Land gelangen konnte, ſank Sans vor den
Augen ſeines Sportgenoſſen, der ihm noch einen Rettungsring zuge=
worfen
hatte, in das Hochwaſſer des reißenden Stromes. Die Leiche
wurde bis jetzt nicht geländet.

Wesbedener Kurgäſte bei Mainz=Koſtheim
verunglückt.
* Mainz, 12. Mai. (Priv.=Tel.)
Mehrere Kurgäſte aus Wiesbaden unternahmen am Dienstag
vormittag mit einem Omnibus einen Ausflug nach Darmſtadt.
Infolge Ueberfüllung des Omnibus wurde ein Perſonenwagen
eingelegt, in dem ſechs Kurgäſte Platz fanden. Der Omnibus war
zuerſt abgefahren und das Auto fuhr mit einiger Verſpätung nach.
Um den Omnibus einzuholen, fuhr das Auto in ziemlich raſchem
Tempo. Auf der Fahrt nach Darmſtadt wurde auch Mainz= Koſt=
heim
berührt. Kurz vor dem Ortseingang kam dem Perſonen=
wagen
ein mit Fäſſern hochbeladener Laſtwagen entgegen. Ein
in der gleichen Richtung hinter dem Laſtwagen fahrender Main=
zer
Taxameter verſuchte den Laſtwagen zu überholen und bog hin=
ter
demſelben hervor, als im gleichen Augenblick das Wiesbade=
ner
Perſonenauto erſchien. Beide Fahrzeuge ſtießen in voller
Fahrt zuſammen, wodurch mehrere Inſaſſen des Wiesbadener
Autos aus dem Wagen geſchleudert wurden. Es gab dabei Schwer=
bereit
, um uns Die Geiſeln auf Burg Hayn von Johannes und Leichtverletzte. Fünf Verletzte wurden ſofort nach Wiesbaden
zurückbefördert, während eine Frau Erna Reingenhein aus Han=
nover
, die ſich im kaufmänniſchen Erholungsheim bei Wiesbaden
aufhält, mit einer ſchweren Kopfverletzung von einem gerade
vorüberfahrenden Mainzer Sanitätsauto in das Städtiſche Kran=
kenhaus
in Mainz gebracht wurde.

* Warum die Störche Parade abhalten.
Das heſſiſche Städtchen Lich erlebte beim Wegzug der Störche im
vorigen Herbſt ein eigenartiges Schauſpiel. Tagelang verſammelten ſich
auf dem Kirchendach jeden Abend eine Schar von 30 Störchen, und dieſe
Langbeine nahmen auf dem 50 Meter langen Firſt jedesmal in einem
genau abgezirkelten Abſtand voneinander Platz, ſo daß zwiſchen Tier
und Tier etwa ein Zwiſchenraum von zwei Metern blieb. Dieſe Ent=
fernung
wurde ſo genau eingehalten, daß noch Wochen ſpäter auf dem
Dach die hinterlaſſenen Kalkſtreifen den früheren Standort der Tiere
anzeigten. Sie hielten alſo regelmäßig eine Art Parade ab. Warum
ſie eine ſolche militäriſche Aufſtellung wählten, das ſucht Karl Rudolf
Fiſcher in der Frankfurter Wochenſchrift Die Umſchau zu ergründen.
Die 30 Störche waren augenſcheinlich zu Beſuch bei einem ortsanſäſſi=
gen
Paar; und es war auffällig, daß dieſe auf der Wanderung ſo
ſcheuen und ängſtlichen Vögel hier längere Station machten. Sie kamen
wahrſcheinlich aus Südſchweden, Dänemark und Schleswig=Holſtein und
wählten Lich mit ſeinen weiten Wieſengründen zum Abſteigequartier
weil die unbedingte Sicherheit des Ortes durch die Anweſenheit des
hier bereits beheimateten Storchenpaares erwieſen war. Die parade=
artige
Gruppierung kann entweder aus Gründen der Sicherheit oder
des techniſchen Vorteils erfolgt ſein. Die Aufſtellung zur Sicherheit
findet ſich ja auch bei anderen vergeſellſchaftet lebenden Tieren, wie z. B.
bei Wildrindern, die beim Herannahen eines Raubtieres die wehrloſen
Kälber in die Mitte nehmen und ſich ſelbſt mit geſenkten Hörnern nach
außen ſchützend im Kreiſe um ſie herumſtellen. Auf dem Zweckmäßig=
keitsprinzip
beruht es dagegen, daß ziehende Großvögel ſich in Keilform
anordnen. Filmaufnahmen haben gezeigt, daß die Flügelſtellung auf
der ganzen Linie zu einem beſtimmten Augenblick bei allen Tieren nicht
gleichgerichtet iſt, ſondern das jedes vorausfliegende Tier ſeinem Nach=
folger
in einem gewiſſen Abſchnitt der Flügelbewegung voraus iſt, ſo
daß jedem nachfolgenden Tiere eine vom Vorgänger hervorgerufene
Luftwelle entgegenkommt und ihm das Fliegen erleichtert, indem ihm
Luft untergepumpt wird. Bei der Parade der Licher Störche haben wir
es wohl mit einer Sicherungsmaßnahme zu tun. Der Ab=
ſtand
, den ſie ſo genau innehielten, beträgt das Minimum der Entfer=
nung
, die zum ſofortigen Gebrauch der Flügel notwendig iſt. Die
Störche ſicherten ſich alſo durch dieſe Parade die ſofortige Bereitſchaft
zum Abfliegen bei drohender Gefahr, ſowie die Balaneiermöglichkeit bei
plötzlichen oder heftigen Windſtößen und die Kampfbereitſchaft gegen
unverträgliche Genoſſen.

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[ ][  ][ ]

Nummer 132

Mittwoch, den 13. Mai 1931

Seite 11

Rheinſtädtchen Weinſkädtchen.
Es ſind nur ein paar Leute, die mit uns in Oppenheim
ausſteigen. Wohl meiſt ſolche, die am Sonntag nachmittag auf
ein paar Stunden Verwandte beſuchen wollen. Draußen, vor
dem Bahnhof, ſind ſie in den einzelnen Gaſſen ſchon verſchwun=
den
; faſt als habe ſie der holperige Boden verſchluckt; ſo ver=
laren
ſie ſich in dem Gewinkel.
In einem ſichelförmigen Halbmond, legt ſich das ſaubere
Städtchen um den ſteilen Berg herum, den eine Burgruine be=
krönt
. Zwiſchen Stadt und Burg ſchiebt ſich die gotiſche Stifts=
rirche
St. Katharina mit ihren maßvollen, reizenden Formen.
Links ragt die kathol. Kirche mit ihrem langgezogenen Chor und
dem zierlichen Türmchen aus dem Gewimmel der Dächer und
Giebel ſchmaler Häuſer heraus.
Wie Worms mit Speher und Mainz zuſammen die Trias
der romaniſchen Dome am Rhein bildet, ſo St. Katharina zu
Oppenheim mit den prächtigen, gotiſchen Domen zu Straßburg
und Köln. Ja noch mehr. In Oppenheim iſt jene letzte Löſung
und jene erſtrebte Form gefunden, welche die Bauhütten zu
Straßburg und Köln mehr ahnten, als erreichten; jener wunder=
volle
Wechſel und jenes reizvolle Spiel des Maßwerks und der
einzelnen Schmuckformen, mit denen in verſchwenderiſcher
Ueppigkeit das Innere und Aeußere und hier ganz beſonders
die Schauſeite von St. Katharina geziert iſt, ausklingend in der
einzigartigen, wundervollen Harmonie des Vierungsturmes.
Drei Mächte ſind es, die nebeneinander erſcheinen, einſt
verbunden und umſchloſſen von einer turmgeſchmückten Mauer,
deren Reſte noch hier und dort zwiſchen den Häuſern hervor=
lugen
: die Stadt des ſtolzen, reichen Bürgertums, die Stifts=
kirche
St. Katharina als Wahrzeichen der kirchlichen Macht und
die Veſte Landskrone als ſtolzer Sitz wehrhafter Nitterge=
geſchlechter
.
Die Häuſer in den ſchmalen, ſteilen Gaſſen ſind nicht hoch.
Die Gaſſen ſelbſt faſt menſchenleer. Nur ein paar ſpielende
Kinder. Es iſt die Zeit, in der behäbige Bürger ihren ge=
wohnten
Mittagsſchlaf machen. Höher ſteigen die krummen
Gaſſen an. Am Kriegerdenkmal vorbei, das eine Säule aus
Karls d. Gr. Palaſt in Ingelheim ziert. Vorbei am Rathaus
mit dem hochgeſtaffelten Giebel und wir ſtehen vor St. Katha=
ring
und läuten beim Kirchendiener. Schritte gehen, Schlüſſel
raſſeln und man führt uns durch einen Garten durch eine kleine
Tür in die Kirche.
Geblendet ſtehen wir für Augenblicke ſtill, ſo leuchten und
ſprühen die Farben der großen Fenſter in der Sonne des
Mittags. Hoch wachſen die ſchlanken Säulen und auf und ab
ſchwingen die Wölbungen. Eine Beſonderheit ſind die die Sei=
tenſchiffe
begleitenden Kapellenſäume. Einſt zur Hälfte in die
Seitenſchiffe vorſpringend, beſeitigte eine verſtändnisloſe Reſtau=
rierung
dieſes reizvolle, eigentümliche Motiv. In dem Weſtchor
der Kirche, einen von rieſighohen Wänden mit breiten Maß=
werkfenſtern
umbauten heute gewölbeloſen Raum ver=
ſchwinden
die Grabſteine ausgeſtorbener Geſchlechter. Die

Wanderung über den Kühkopf nach Oppenheim
und uac Godelmf zuifſe.
Sonntagskarte Goddelau (nur für Wanderer, die nach God=
delau
zurückgehen), andernfalls einfache Karte löſen. Vom Bahn=
hof
Goddelau Zeichen weiß über die Riedbahn, Straße nach
Erfelden, zur Fähre, auf den Kühkopf, rechts ab. Dammweg nach
2 Stunden Guntersblumer Fähre, überſetzen, auf dem linken
Rheinufer nach 3½ Stunden Oppenheim. (Berühmter Weinort,
Katharinenkirche, Ruine Landskrone.) Von hier beſteht die Mög=
lichkeit
, mit Autobus über Geinsheim, Leeheim, Wolfskehlen,
1:400000
4ceiusnkin

Griesheim nach Darmſtadt zurückzufahren. Fortſetzung der Wan=
derung
Zeichen weiß, von Oppenheim in öſtlicher Richtung zur
Nachenfähre, über den Rhein nach dem Schuſterwörth, in ſüdlicher
Richtung durch den Knoblochsauer Wald nach 5½ Stunden Schwe=
denſäule
(Rheinübergang Guſtav Adolfs 1631), weiter am Alt=
rhein
entlang nach 6½ Stunden Erfelden; von hier Straße nach
7 Stunden Bahnhof Goddelau. Heimfahrt.

Sakriſtei birgt in ihren beiden Geſchoſſen eine kleine, reizvolle
Sammlung von ſtadtgeſchichtlichen Dingen und Gegenſtänden zur
Baugeſchichte der Kirche.
Dann in die Michaelkapelle hinüber. D. h. in ihr keller=
artiges
Untergeſchoß. Oeffnet ſich die Türe, ſo grinſen einen
die leeren Augenhöhlen zahlloſer Schädel an. Sauber ſind ſie
mit den dazugehörigen Gebeinen aufeinandergeſetzt. Sie bildeneine

Knochenmauer von 5 Meter Länge, 3 Meter Tiefe und 4 Meter
Höhe. Ein einziges Denkmal des Todes und der Vergänglich=
keit
. Schreckbar für zartbeſaitete Gemüter. Soldaten des
30jährigen Krieges ſind darunter: Schweden und Spanier und
viele Oppenheimer Bürger.
Wir laſſen die Häuſer hinter uns und kommen, an einem
Ausſichtsturm vorbeigehend, zur Ruine Landskrone. Verdorrtes
Gras ſteht auf den Mauern undWeißdornhecken wachſen auf ihnen.
Tief unten ein ſilbernes Band, der Rhein. Darauf ein Schlepp=
zug
, wie ein Kinderſpielzeug. Schmale Pappeln ſtoßen am
Ufer in die ſonndurchflutete Luft des Nachmittags. Eine Glocke
läutet; es iſt die Fähre, die ihre Abfahrt durch dieſes Zeichen
bekannt gibt. Einige ſonntäglich gekleidete Leute und ein paar
junge Menſchen mit bloßen Knien und Gepäck auf Fahrrädern
ſind durch das Fernglas erkenntlich. Fahrende Geſellen ,
Links und rechts ziehen ſich Weinberge über die Hügelrücken,
unterbrochen von Kalkſteinbrüchen. In Reih und Glied ſtehen
die Reben, rankend an braunſchwarzen Pfählen und grauen Lat=
ten
. In ſchnurgeraden Spalieren und regelmäßigen Reihen
klettern ſie auf und über die Höhen, ſpringen ſie über die Ter=
raſſen
. Jedes Fleckchen iſt ausgenutzt und der Boden koſtbar.
Zwiſchen Muſteranlagen liegt das Gebäude der heſſ. Weinbau=
Verſuchsanſtalt. Der Reichtum des Landes iſt der Wein. So
wundervoll er die Kehle hinunterläuft, ſo viel ſaueren Schweiß
und Müh’ und Arbeit koſtet er, bis er golden im grünen Nömer
leuchtet.
Wie gehen wieder hinab in das Städtchen; wollen den Wein
nicht vergeſſen und ihn einmal an der Quelle verſuchen. Schön hängt
am Himmel der blaſſe Mond. Die Dämmerung zieht herauf
und irgendwo hängt der letzte Schimmer des Abendrotes. Spär=
lich
nur erleuchteten elekt. Lampen die Straßen und Gaſſen und
es iſt faſt noch ſtiller und einſamer wie am Mittag. Treten wir
in eine Wirtſchaft ein. Der Wirt bringt uns breite Schnitten
kräftigen Brotes, roſafarbenen, ſaftigen Schinken und gol=
denen
Wein, in dem die Gluten und Strahlen der Sonne und
ein ganzer herrlicher Sommer eingefangen zu ſein ſcheinen:
Krötenbrunnen. Ein ſonderbarer Name. Andere Lagen heißen
Sackträger. Kehrweg, Daubhaus. Ein paar junge Männer hocken
in der Ecke und trinken ab und zu an ihrem Halben. Wenig
Worte. Zwiſchen zwei Fenſtern hängt ein Lautſprecher. Glück=
licherweiſe
bleibt er ſtumm und bemüht ſich nicht uns mit kräch=
zend
herausgeſtoßenem muſikaliſchem Lärm zu unterhalten. Das
tut wie kein zweiter beſſer der Wein. Mit jedem Zug und
Schluck und Glas erzählt er neues und Schöneres.
Als wir ſpäterhin an den Bahnhof hinuntergingen, leuch=
tete
der wachſende Mond mehr als die elektr. Straßenlampen.
Hinter halbverhangenen Fenſtern ſchattenhafte Geſtalten. Auf
der bergab führenden Straße kaum ein Menſch zu ſehen. Erſt
dicht vor dem Bahnhof ein paar Mädels in der bewußt gewähl=
ten
Tracht der Jugendbewegung. Leiſe Unterhaltung. Ein
paar Worte fliegen uns ins Gehör: Ting, Kammerhof . . . Auf
dem Bahnſteig trafen wir ſie wieder, als die grellen Lichter des
Zuges aus dem nächtlichen Dunkel jäh auftauchen und er ent=
Gact!
führte ſie wie uns in die ſchwarze Nacht.

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Seite 12

Mittwoch, den 13. Mai 1931

Nummer 132

*
Vom Mühlhäuſer Hammer
im Breuberger Land.
Az. Wenn man in Neuſtadt an der unteren Mümlingbrücke die
Provinzialſtraße rechts abbiegt, ſo führt der Weg über Breitenbach,
Mühlhauſen und Lützel=Wiebelsbach über die Höhe nach Seckmauern und
Wörth. In dem Mühlhäuſer Tal liegt links im Wieſenthal in der Nähe
des Waldes ein freundliches Beſitztum, der ſogenannte Hammer. Zur
Zeit bewohnt den alten Familienſitz noch ein Fräulein Machenhauer,
und eine im Ruhrkampf 1923 ausgewieſene Familie Vögler, der ich in
dieſem Zuſammenhange zugleich meinen herzlichen Dank für die freund=
liche
Unterſtützung in der Hammerfrage abſtatte.
Die Geſchichte des bekannten Hammers reicht weit über 100 Jahre
zurück. Es dürfte daher nicht unintereſſant ſein, einmal etwas Genaue=
res
darüber zu erfahren.
Es war im Jahre 1806, als zwei bekannte Perſönlichkeiten im Breu=
berger
Lande den Entſchluß faßten, an dieſer Stelle einen neuen In=
duſtriezweig
entſtehen zu laſſen. Der damalige Pfarrer Machenhauer
zu Seckmauern und der Landrat Neuenburger werden als Erbauer be=
zeichnet
. Etwa ein halbes Jahrhundert (bis 1847) war der Hammer in
Betrieb. Ein Schmelzofen, der mit Holzkohlen geſpeiſt und mittels Luft=
gebläſe
bedient worden iſt, verarbeitete das Alteiſen, das in Form von
Pakten angefahren wurde, unter dem Drucke von zwei Eiſenhämmern.
Der leichtere, der ſogen. Stirnhammer, brachte das in Schweißhitze be=
findliche
Eiſenpaket zunächſt in Blockform. Der andere, ſchwerere
Schwanzhammer, ſtreckte nach mehrmaliger Erwärmung das Eiſen in
die Länge und in die Breite. Daraus entſtanden Randreifeneiſen und
Wagenachſen, Formen, die in damaliger Zeit das nächſtliegende Inter=
eſſe
verrieten. Das Luftgebläſe aus zwei Blasbälgen beſtehend, trieb
durch Windkäſten nun den konſtanten‟ Luftſtrom hin zum Ofen. In
die Arbeit teilten ſich zwei Oefen: ein Schmelzofen und ein Erwärm=
ofen
. Letzterer hatte einen langen Herd, um den Stab anzuwärmen und
um ſpäter ausgeſtreckt werden zu können. Merkwürdig bei der ganzen An=
lage
war, daß im Hammer nur ein breites, im Durchmeſſer nur vier
Meter großes Nad vorhanden war, das die ganze Arbeit leiſten und
wechſelſeitig Hammer und Bälge betreiben mußte. Das Feuermaterial
wurde im nahen Walde gewonnen, wo heute noch die ſogenannten
Kohlenplatten nachgewieſen werden können. Gegen Ende der 40er
Jahre lohnte ſich das Unternehmen nicht mehr. Ueberall entſtanden lei=
ſtungsfähigere
Hüttenwerke, die den Betrieb mit der billigeren Stein=
kohle
zu ſpeiſen vermochten Es kam ein anderer Induſtriezweig in
das ſtille Tal. Eine Spatmühle wurde eingerichtet, die ſich von 1849 bis
1898 halten konnte. In den letzten Jahren kamen dort auch Erdfarben
zur Vermahlung. Eine zweite Mühle, bei Breitenbach, unterſtützte von
1854 an den Schwerſpatbetrieb, der verhältnismäßig lange ſein Daſein,
bis zum Jahre 1907, friſtete. Es iſt dem Erzähler noch ganz gut erin=
nerlich
, wie die Schwerſpatinduſtrie in dem unteren Mümlingtal gedieh
und blühte. In dem letzten Beſtandsabſchnitt wurde das Material aus
der Gegend von Klein=Umſtadt und Götzenhain herbeigeſchafft. Mein
lieber Freund Haſſenfratz=Hainſtadt, der leider zu früh verſtorben iſt,
hat bereits während der Kriegszeit einen beachtenswerten Beitrag In=
duſtrien
im unteren Mümlingtale dazu geliefert, den wir jedem Hei=
matfreunde
zum Nachleſen empfehlen. (Dorflinde‟ Nr. 10. 4. Jahrgang.
15. Jan, 1917.)
Wer einmal Gelegenheit hat, das ſtille, ſchöne Waldeckchen zu be=
ſuchen
, der wird reichlich entſchädigt werden. Warum? Die ganze alte
Einrichtung erzählt uns noch eindringlich von der Geſchichte des Ham=
mers
weiter:
Ein mächtig eingebautes Waſſerrad von 6 Meter Durchmeſſer mahnt
ruhigem Gleichmaß ſchöpferiſche Arbeit geleiſtet hatte Und es fing
neben an zu pochen und zu ſtampfen, daß es dem Mühlknecht ſchwer
ward, ſich mit dem anderen zu verſtändigen.
Das große Kammrad mit ſeinen hölzernen Zähnen Zahnlücken
konnten jederzeit wieder beſetzt werden ſchaffte unermüdlich. Und das
andere, das kleinere arbeitete Hand in Hand getreulich, unaufhörlich
Tag und Nacht. Das eigentliche Pochwerk hatte ſechs ſogenannte Stamp=
fer
, die von einem Daumenrad abwechſelnd aufgehoben wurden und niever=
fielen
und den Schwerſpat zu Mahlgut verkleinerten. Die weitere Ver=
arbeitung
erfolgte in dem anſchließenden Bau, der in der Hauptſache
noch den Stempel der alten Mühleinrichtung trägt. Mühlſteine (damals
aus Frankreich beſchafft) und Trichter ruhen nun aus von ihrer Arbeit
Wo einſt der Mühlknecht den ſchweren und beſtaubten Fuß hinſetzte, iſt
Ruhe und Frieden.
In dieſem Raume fanden ſich urſprünglich auch die im Laufe der
Betrachtung erwähnten zwei Hämmer, und zwar in einer durchgehenden
Halle. Wenn man die alte Stiege hinaufklettert, gelangt man auf
den ſogenannten Boden. Hier wohnte der Hammerſchmied, und man
erſchrecke nicht unter den Dachziegeln. Es iſt für heutige Begriffe
undenkbar, einen ſolch einfachen Raum als Wohnſtätte benützt zu haben.
Dazu hatte der Hammerſchmied Reth noch eine zahlreiche Familie.
Wahrhaftig, bei beſcheidenem Lohn ein beſcheidenes Los. Nicht ſelten

*Empfehlenswerke Aukokouren.
Mitgeteilt vom Starkenburger Automobil=Club E. V.,
Sitz Darmſtadt. A.D. A. C.
Nr. 16.
Darmſtadt Roßdorf Spachbrücken Habitzbeim Groß=
Umſtadt Richen Kleeſtadt Schaafheim Groß=Oſtheim
Aſchaffenburg, von hier auf der Würzburger Straße nach Heſſen=
tal
, vor der Anhöhe rechts ab (Achtung auf Wegweiſer, ſchlecht
lesbar, rechts am Wegrand) nach Schloß Meſpelbrunn ( Beſichti=
gung
empfehlenswert. Eintrittskarten ſind in Aſchaffenburg auf
der Rentkammer mitzunehmen) 65,5 Km. Von Meſpelbrunn dem
Elſawatal folgend, über Haimbuchental nach Eſchau, hinter
Eſchau Weggabelung, geradeaus (ſchlechtere Straße) über Streit
Meſchenhart nach Klingenberg, der Stadt des guten Rot=
weins
, 19 3 Km. Oder links an der Straßenkreuzung nach Mönch=
berg
, Röllbach, Röllfeld, im Ort rechts nach Klingenberg. Oder
an der Straßenkreuzung rechts über Rück. Schippach (bekannte
Kirchenruine, Sakramentskirche), Elſenfeld über die Brücke nach
Obernburg. Von Klingenberg über die Brücke nach Wörth auf
das linke Mainufer Obernburg, geradeaus bis zur Straßen=
kreuzung
am Gaſthaus Frühlingsluſt, dann links über Baben=
39,8 Km.
hauſen Dieburg nach Darmſtadt . . .
Geſamtſtrecke: 124,6 Km.

kam es vor, daß die Familie durch Brandgeruch aufgeſchrecht wurde.
Wohl waren oben im Balkenwerk beſondere Abzugslöcher, ſogenannte
uns bewußt, daß es die Kraftquelle geweſen iſt, die jahrzehntelang in aufgebaute Laternen, wodurch die Schwaden der Oefen abziehen konn=
ten
. Dabei verirrte ſich mancher Funken in dem eigentümlichen Balken=
werk
, ſetzte ſich feſt und bildete die ſogenannten Brandneſter, die noch
heute deutlich feſtzuſtellen ſind. Das ganze Dach war und iſt durch ſeine
freitragende‟ Natur recht intereſſant.
Nur zur alten Spateinrichtung zurück, die aus zwei Mahlgängen
beſtand. Sie ruhen heute noch auf ſechs Nundſäulen, die auf gewaltigen
Sandſteinquadern poſtiert und zu einer kompakten Maſſe gefügt ſind.
Geht man rechts die alte, ſtaubige Treppe hinauf, ſo kann man die
ganze Einrichtung in ihrer urſprünglichen Form noch deutlich verfol=
gen
. Grundſtein Laufſtein, Blechſchutzhülle und Trichter erzählen von
ihrer mühſamen Arbeit. Auch damals wußte man ſchon techniſche Fort=
ſchritte
in geeigneter Weiſe ſich dienſtbar zu machen. Den verpochten
Spatſtein ließ man aus dem anſtoßenden Raum durch ein Becherwerk
in die Mahltrichter wandern. Der gemahlene Spat fand dann ſeinen
Weg wiederum durch ein Becherwerk in große Holzbehälter (noch vor=
handen
! Daraus wurden die Fäſſer gefüllt, die dann in einer am
Wege aufwärtsliegenden Halle ihren Sammelplatz zum Verſand fanden.
Unten im alten Spatraum ſtehen noch Zeugen eines einſtigen blühenden
Induſtriezweiges. Daneben kann man in einer großen Bütte verſteckt
in Tüten die Reſte von Erdfarben (Blau und Gelb) entdecken.
Auch der Humor kam dort zur Geltung. Neben an der alten kalligen
Wand grüßen einige Geſtalten herunter, teils ernſter, teils froher

Natur, die in Stunden knapper Muſezeit gemalt worden ſind. Die
ſchwarze Farbe, mit denen man die Fäſſer verſandtgerecht machte, mußte
dazu herhalten.
Wir verlaſſen den ſeltſamen Raum. Gleich links werfen wir einen
flüchtigen Blick in eine alte Waſchküche Getan. Wir gehen links um die
Ecke zur Stelle, wo einſt die Spatwäſche ſich abſpielte. Von der ſchüt=
zenden
Halle iſt keine Spur mehr zu ſehen. Doch das Wäſſerlein plät=
ſchert
auch heute und lädt uns ein, ſeinen Urſprung zu ſuchen. Nur
etwa 50 Schritte entfernt iſt es zu finden.
Jeder Naturfreund, der gelegentlich einmal in den alten Hammer
kommt, ſollte ſich das kleine Schauſpiel anſehen. Ein ewiges Rieſeln,
ein leiſes Gurgeln aus der Tiefe, ein luſtiges Spiel mit dem Sande,
ſechs acht Quellchen kommen und ſpielen. Waſſerlinſen und Kreſſen
umſäumen ſie. Man ſteht und ſtaunt, je länger, ie lieber, freut man
ſich des ſchönen Bildes. Wahrhaftig ein kleines Idyll.
Doch zurück zum Hofe, vorbei an der alten Kohlenſcheuer, wo ehe=
mals
die Holzkohlen lagerten, vorbei an der kleinen Vorhalle, die frü=
her
altes Eiſen, ſpäter Spat aufnahm.
Auch der in der Nähe liegenden Knechtsſtube, an deren Türe noch
ein Wahrzeichen aus der Hammerzeit prangt, wird ein Beſuch abge=
ſtattet
. Die Knechte hatten fünf Pferde zu verſorgen, die abwechſelnd
zwei und zwei die ſchweren Spatwagen zur Mühle ſchaffen mußten.
Dem ſogenannten Vorſpannpferd fiel eine beſondere Rolle zu. Von
demſelben erzählt man ſich, daß es zur gegebenen Zeit dem heimkehren=
den
Geſpann ein großes Stück Weges entgegenging. Vorbei über den
Sattel, vorbei an der Nägelcheskanne, es ver Richtung nach Groß= Um=
ſtadt
zu ſchlenderte es bedächtigen Schrittes hin, um dann pflichtbewußt
ſeinen Gefährten die ſchwere Laſt etwas erleichtern zu helfen.
Nun zuguterletzt nochmals ein Aufſtieg unter das Dach des frühe=
ren
Pochwerkes. Von dort aus werfen wir einen Blick auf das große
Rad. Still iſt s geworden, Jahrzehnte ſind vergangen. Kein rauſchen=
des
Waſſer fällt mehr von oben herab in die großen Schaufeln. Noch
ſieht man die Reſte des alten Zulaufkanals. Das Intereſſe wächſt. Wir
gehen ihm nach. Am Waldesrande führt er hinauf nach Mühlhauſen zu.
Wir ſchreiten durch den grünen Wald, freuen uns der Schönheit der
Natur, biegen plötzlich rechts ab, kommen unten über ein Wäſſerlein.
bleiben ſtehen und betrachten ſinnend die alte Stauanlage, den ſogenann=
ten
Mühlhäuſer See. Ein kleiner Graben zieht jetzt noch mitten durch,
der bald unterhalb des früheren Schutzwerkes links ab hinüber zum
Breitenbächlein biegt.
Ein kleines Stück alte Geſchichte haben wir erlebt. Es war einmal.
Langſam geht’s zum Hammer zurück. Oben im Waldesſchatten, an
der Sophienruhe, laſſen wir uns nieder. Die Gegenwart redet, ein
neues und zugleich doch altes Bild hält uns für ein Viertelſtündchen und
vielleicht noch mehr gefangen. Unſer Blick geht hin zum Breuberg. Wir
ſitzen und ſtaunen. Wie viele Bewunderer hat er ſchon gefunden?
Kennſt du die Heimat wirklich?. Haſt du die Schönheiten deiner heimat=
lichen
Fluren ſchon alle ausgekoſtet? Kann dein Herz beim Anblick eines
ſolch prächtigen Bildes nicht die Ruhe und den Frieden finden, die glück=
liche
Menſchen auszeichnen? Volk und Scholle gehören zuſammen, ſind
ewig verbunden. Darum freue dich der lieben Heimt, freue dich des
lieben Breuberger Landes und werde ein Mitkämpfer und =ſänger dei=
nes
Odenwaldes.
Und es ſitzt eines Tages wieder ein deutſcher Mann auf demſelben
Plätzchen ſchaut und ſchafft, fleißige Blicke, fleißige Hände . . . das
ſchöne Bild iſt fertig. Prof. Kröh=Darmſtadt hat es gemalt.

Aus deutſchen Bädern und Knrorken.
Bad Schwalbach.
In Bad Schwalbach, dem Stahl= und Moorbad im
Taunusgebirge, finden wir einige Neuerungen: Am Abhang des
Paulinenberges fällt ein ſtattliches Gebäude im neueſten Bauſtil
auf das neue Kurhotel der Domänenverwaltung. Zur Hoch=
ſaiſon
, am 1. Juli, wird es eröffnet werden. Am Golfhaus ſind
neue Tennisplätze angelegt worden, ebenfalls nach neueſtem Stil:
mit roter‟ Decke. Eine dankenswerte Einrichtung ſind die ver=
billigten
Pauſchalkuren der preußiſchen Staatsbäder, die Ange=
hörigen
des Mittelſtandes billige Badekuren ermöglichen ſollen.
Wegen der näheren Beſtimmungen wende man ſich an die Bade=
verwaltung
.
Bad Schwalbach iſt das Bad der Nervöſen und Blutarmen,
der Herzkranken und Rheumatiker, der kranken Frauen. Seine
Moorbäder erfreuen ſich eines ſo wohlbegründeten Rufes bei
Frauenleiden, daß ſchon ſeit Jahren die Univerſitätsfrauenklinik
zu Frankfurt a. M. jeden Sommer eine Abteilung ihrer Patien=
tinnen
nach Bad Schwalbach verlegt.
Das Bad bietet behagliche Unterkunft, für arm und reich.
Wer es ſich aber leiſten kann, wer mondänes Hoteltreiben und
allen Komfort neueſter Technik liebt, wer Sinn hat für den Zau=
ber
der edelſten Gewächſe des benachbarten Rheingaues der
verbringe ſeinen Kuraufenthalt in dem neuen ſtaatlichen Kur=
hotel
und laſſe ſich von den berühmten Domänenweinen, die der
Wirt im Keller hat, eine Flaſche auf den Tiſch ſtellen.

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[ ][  ][ ]

Nummer 132

Mittwoch, den 13. Mai 1931

Seite 13

Reich und Ausland.
Do X iſt bisher noch nicht zum Südamerika=
Flug geſtartet.
Berlin. Wie von den Dornier= Metallbau=
ten
bereits nach Eintreffen des Do. K in
Bolama bekanntgegeben wurde, wird das Flug=
ſchiff
dort längere Zeit ſtationiert bleiben, um
Flüge zur Erprobung ſeiner Kühlanlagen und
Ausrüſtung ſowie Startverſuche mit verſchiede=
nen
Belaſtungen unter den dortigen erſchwerten
klimatiſchen Verhältniſſen zu machen.
Die bisherigen Meldungen über angebliche
Starts nach Südamerika ſind daher lediglich
auf Probeflüge zurückzuführen. Die Meldung,
daß das Flugſchiff wegen zu großen Gewichtes
nicht ſtarten konnte, erklärt ſich daraus, daß mit
den verſchiedenſten Zuladungen Verſuche gemacht
wurden, um das Höchſtſtartgewicht zu ermitteln.
Die Nachrichten über eine Beſchädigung des
Flugſchiffes entbehren jeder Grundlage. Das
Flugſchiff und ſeine geſamte Ausrüſtung befin=
den
ſich nach einer am Dienstag eingegangenen
unmittelbaren Nachricht von Bord der Do. X
in beſtem Zuſtande. Der Zeitpunkt des Weiter=
fluges
hängt, neben den abgeſchloſſenen Ver=
ſuchen
lediglich von den Witterungsverhält=
niſſen
ab.
Glänzende Fliegerleiſtung:
330 Kilometer in der Stunde.
Berlin. Der amerikaniſche Rekordflieger
Frank M. Hawks, der geſtern mittag um 12 Uhr
in London ſtartete, iſt nachmittags um 2,55 Uhr
alſo nach noch nicht drei Stunden, auf dem
Tempelhofer Flughafen glücklich gelandet. Hawks
hat damit eine beiſpielloſe Leiſtung vollbracht,
indem er die rund 1000 Kilometer lange Luft=
ſtrecke
mit 330 Kilometer Stundengeſchwindig=
keit
zurücklegte.
Flugzeugunfall.
Thorn. Ein polniſcher Fliegermajov der
heſigen Flugſtation berührte vorgeſtern abend
beim Landen in Graudenz eine Hochſpannungs=
leitung
. Es entſtand eine gewaltige Stich=
flamme
, die das Flugzeug in Brand ſetzte. Der
Fliegermajor büßte dabei ſein Leben ein. Die
Stadt Graudenz und die der Ueberlandzentrale
angeſchloſſenen Städte waren infolge des Vor=
falles
über drei Stunden ohne Licht.
Schwerer Urfall eines Arbeiter=Omnibuſſes.
Altenkirchen (Weſterwald). An der Ein=
mündung
der Iſertalſtraße in die Köln Frank=
furter
Straße ereignete ſich ein ſchwerer Ver=
kehrsunfall
. Ein aus Richtung Altenkirchen
kommender Arbeiteromnibus wollte an der un=
überſichtlichen
Kurve einem Motorradfahrer
ausweichen, wobei der Omnibus in voller Fahrt
gegen einen Baum ſauſte, der entwurzelt
wurde. Eine Anzahl Inſaſſen wurde ſchwer ver=
letzt
. Der Motorradfahrer wurde von dem Om=
nibus
eine Strecke weit mitgeſchleift und trug
lebensgefährliche Verletzungen davon.
Feindliche Eierhändler.
Altenkirchen. Ein nichtswürdiger Streich
wurde dem Händler Hermanni aus Ratzert ge=
ſpielt
. Hermanni pflegte die in der Gegend auf=
gekauften
Eier, die er am nächſten Tage ver=
kaufen
wollte, in einer unverſchloſſenen Garage
im Gebäude der ehemaligen Streichholzfabrik
einzuſtellen, wo er ſie morgens wieder abholen
konnte. In dieſer Garage waren nun dem
Händler ſchon zweimal die Eier vollkommen
zertrümmert worden. Jetzt legten ſich Nachbarn
auf die Lauer, um den Uebeltäter bei ſeinem
dunklen Handwerk zu ertappen. Vorgeſtern mor=
gen
gelang es, als er zum dritten Male ſein
Bubenſtück vollführte, ihn auf friſcher Tat zu
ertappen. Er entpuppte ſich als der Konkurrent
des Händlers aus dem gleichen Dorf. Eine ge=
richtliche
Anzeige wird den Täter der wohlver=
dienten
Strafe zuführen.
Fünf Bergleute verſchüttet. Ein Todesopfer.
Waldenburg. Am Montag vormittag
ging im Bahnſchacht der Fürſtenſteiner Grube
in einem Querſchlag ein großes Stück zu Bruch.
Dadurch wurden fünf vor Ort beſchäftigte Berg=
leute
verſchüttet. Den Rettungsmannſchaften
gelang es bis mittag, drei Knappen lebend aus
den Geſteinsmaſſen zu bergen. Die drei Geret=
teten
wurden in das Knappſchaftskrankenhaus
überführt, wo hauptſächlich Quetſchungen feſt=
geſtellt
wurden. In den ſpäten Abendſtunden
konnte der vierte Verletzte mit Quetſchungen
und Unterſchenkelbruch geborgen werden. Erſt
nach Mitternacht wurde der fünfte Verſchüttete
als Leiche geborgen.
Zum 150. Geburtskag
des Hiſtorikers von Raumer.

Friedrich Ludwig Georg von Raumer,
der preußiſche Staatsmann und Geſchichtsfor=
ſcher
, wurde vor 150 Jahren, am 14. Mai 1781,
in Wörlitz geboren. Er war Regierungsrat im
Finanzminiſterium, gehörte 1848 dem Frank=
furter
Parlament an und ging dann als deut=
ſcher
Geſandter nach Paris. Seine Hauptwerke
ſind eine Geſchichte der Hohenſtaufen und eine
Geſchichte Europas ſeit dem Ende des 15. Jahr=
hunderts
. Er ſtarb 1873 in Berlin,

Eröffnung der Deukſchen Bau=Ausſtellung auf dem Berliner Meſſegelände.

Der neue Oberbürgermeiſter von Berlin, Dr. Sahm.
bei der Eröffnungsanſprache.

Ein Haus, ganz aus Kupfer erbaut
findet auf der Ausſtellung beſonderes Intereſſe.

der Schienen=Zeppelin wird zum erſten Male der Oeffenklichkeit vorgeführk.

Der Schienen=Zeppelin im Hauptbahnhof von Hannover.
Der Kruckenbergſche Schienen=Zeppelin, in dem Fachleute das Verkehrsmittel der Zukunft ſehen,
wurde jetzt zum erſten Male dem breiteren Publikum gezeigt. Der aufſehenerregende Wagen ſtand
längere Zeit auf einem Geleiſe im Hauptbahnhof von Hannover.

Alfred Wegeners
Forſcherſchickſal.
Aka. Es iſt ein tragiſches Geſchick, das den
Grönlandforſcher und Geophyſiker Alfred We=
gener
getroffen hat. Schon dreimal hatte er
erfolgreich die grönländiſche Eiswüſte durch=
forſcht
. Seine vierte und größte Expedition, zu
der er vor einem Jahre an der Spitze von 17
deutſchen Forſchern ausgezogen iſt, ausgerüſtet
mit allen Hilfsmitteln moderner Technik und

Profeſſor Dr. Wegener.
mit einem reichen Vorrat wiſſenſchaftlicher
Meßinſtrumente, ſollte ſein wiſſenſchaftliches
Lebenswerk abſchließen, er erhoffte vor ihr vor
allem entſcheidende Beweiſe für ſeine Kontinen=
talverſchiebungstheorie
. Die grönländiſche Feſt=
landſcholle
ſcheint nach zahlreichen älteren Meſ=
ſungsergebniſſen
ſich in langſamer Bewegung
von Europa nach Amerika zu befinden. Wenn
ſich dieſe Wahrnehmung beſtätigt, ſo würde das
gleichzeitig ein weſentlicher Beweis für Wege=
ners
Theorie ſein, nach der die Kontinente nicht
feſt in die Erdkruſte eingebettet ſind, ſondern
auf einer zähflüſſigen Zwiſchenſchicht ſchwimmen
und ſich dabei in allerdings unendlich langſamer
Bewegung befinden. Wegener nahm an, daß ur=
ſprünglich
alle Kontinente eine einzige große
Feſtlandſchölle gebildet haben, die dann zerriſſen
iſt. Im Laufe der Jahrmillionen ſind dieſe
Stücke auseinandergeſchwommen und haben ſo
allmählich das heutige Antlitz der Erde gebil=
det
. Nun iſt es dem Forſcher nicht mehr ver=
gönnt
geweſen, ſeine letzte große Arbeit zu Ende
zu führen.
Alfred Wegener iſt geborener Berliner.
Gerade an ſeinem 50. Geburtstag iſt er am 1.
November zu ſeiner letzten Fahrt ausgezogen.
Er war nach Beendigung ſeiner wiſſenſchaft=
lichen
Ausbildung längere Zeit am Aeronau=
tiſchen
Obſervatorium in Lindenberg tätig.
1912/13 führte er zuſammen mit der Danne=
mark
=Expedition ſeine erſte große Durchquerung
Grönlands durch, wobei er 1200 Kilometer zum
größten Teil mit Handſchlitten zurücklegte. Die
Pferde der Expedition gingen auf dieſer Reiſe
alle bis auf eines ein. Dieſes letzte Pferd haben
die Forſcher damals ſelbſt auf einen Schlitten
geſetzt und verſucht, ihren kranken vierbeinigen
Kameraden zu retten. Drei Kilometer vor der
Küſte mußten ſie es dann doch erſchießen.
Wegener war zuletzt Profeſſor für Geophyſik an
der Univerſität Graz. Sein Hauptwerk iſt Die
Entſtehung der Kontinente und Ozeane, die
umſtrittenſte aber auch die großartigſte Theorie
Dr. L.
der neueren Geologie.

Eugene Jſaye geſtorben.
Brüſſel. Der bekannte Violinvirtuoſe und
Komponiſt Eugene Jſaye ſtarb geſtern morgen
4,30 Uhr an Herzaffektion.
Schweres Eiſenbahnunglück bei Rio de Janeiro.
New York. Nach einer Meldung aus Rio
de Janeiro ſtießen in der Nähe der Stadt auf
der Station Merity zwei Expreßzüge zuſammen.
Soweit bisher feſtſteht, wurden 12 Perſonen ge=
tötet
und 33 verletzt.

Tagung des Internationalen Ausſchuſſes
für Telegraphie.
Bern. Die vom 11. bis 18. Mai bier to=
gende
3. Tagung des Internationalen beraten=
den
Ausſchuſſes für Telegraphie wurde geſtern
durch den Chef der Techniſchen Abteilung der
Schweizeriſchen Obertelegraphendirektion. Nurf.
eröffnet, der auch zum Präſidenten der Voll=
verſammlung
gewählt wurde. Die Behandlung
der Einzelfragen wurde fünf Unterausſchüſſen
zugewieſen, die im Laufe dieſer Woche ihre Be=
ratungen
abhalten werden.
Eine Kriegsgranate tötet drei Jugoſtawen.
Paris. Immer noch fordert der Krieg ſeine
Opfer. Sechs jugoſlawiſche Landarbeiter wur=
den
auf einem Feld in Juviſy bei Soiſſons, das
ſeit dem Krieg unbebaut war, von einer Gra=
nate
hinweggefegt. Drei von ihnen waren ſo=
fort
tot. Die anderen wurden ſchwer verletzt
ins Krankenhaus gebracht. Man wußte vom
Vorhandenſein dieſer Granate, und die Arbeiter
waren vorher darauf aufmerkſam gemacht wor=
den
. Die Bergung der Granate durch fachkun=
dige
Hände ſcheint jedoch vergeſſen worden zu
ſein, obwohl der Feldhüter die nötigen Schritte
eingeleitet hatte.
Geheimnisvolles Verbrechen an dem Direktor
der Indiſch=Holländiſchen Zucker=Union.
Den Haag. Seit Samstag war der Direk=
tor
der Indiſch=Holländiſchen Zucker=Union, der
Millionär Eſchauzier, unter geheimnisvollen
Umſtänden verſchwunden. Geſtern wurde ſeine
Leiche in einem leerſtehenden Wagen entdeckt.
Die Umſtände laſſen darauf ſchließen, daß
Eſchauzier entführt, chloroformiert und ausge=
plündert
worden iſt. Eine Perſon, die man im
Verdacht hat, der Mörder zu ſein, wurde ver=
haftet
.

Zum Generalvikar des Papffes ernannk

Kardinal Marchetti Selvaggiani
wurde als Nachfolger des kürzlich verſtorbenen
Kardinals Pompili zum Generalvikar des Hei=
ligen
Vaters ernannt.
Fürſt Dodo zu Innhauſen und Knyphauſen
das Opfer eines Jagdunfalls.
Norden (Oſtfriesland). Fürſt Dodo zu Inn=
hauſen
und Knyphauſen iſt einem Jagdunfall
zum Opfer gefallen. Fürſt Dodo war Ehren=
präſident
des Landwirtſchaftlichen Hauptvereins
im Regierungsbezirk Aurich und erfreute ſich
weithin großer Beliebtheit. Eines ſchweren
körperlichen Leidens wegen verbrachte er den
größten Teil des Jahres in Lugano, von wo
e vor etwa 14 Tagen zurückgekehrt iſt

[ ][  ][ ]

Seite 14

Mittwoch, den 13. Mai 1931

Nummer 132

*Zunig 30 Jahre unter franzöſiſcher Herrſchaft.

Präſident Domergue hat vor dem Ende ſeiner Amtszeit noch
eine große offizielle Reiſe unternommen, und zwar nach Tunis.
Durch großartige Feiern ſollte den Eingeborenen, der ganzen
Welt und vor allem Italien vor Augen geführt werden, daß Tunis
nun gerade 50 Jahre lang, ſeit dem 12. Mai 1881, Frankreich
untertan iſt, und daß Frankreich auch gewillt iſt, ſeine Stellung
dort unter allen Umſtänden aufrecht zu erhalten. Am 11. April
fand in Tunis eine große Parade ſtatt, ein glänzender Aufzug,
der von 12 000 Soldaten eröffnet wurde, dem ſich, ſo meldeten die
Zeitungen, unzählige Vereine und arabiſche religiöſe Geſellſchaften
anſchloſſen und der mehrere Stunden lang dauerte, das heißt alſo:
Merk auf Italien, wir haben viele Soldaten dort und die Ein=
geborenen
ſind begeiſterte Anhänger Frankreichs! (2)
Und dieſe Demonſtration war wohl nicht ganz unnötig, denn
ſchon lange ſchielt Italien begehrlich auf Tunis, vor 50 Jahren
haben es die Franzoſen ihm ſozuſagen vor dem Munde wegge=
ſchnappt
, und die Hauptſache es wohnen dort mehr Italiener
als Franzoſen. Die Bevölkerung zählt 2 160 000 Köpfe, meiſt
mohamedaniſche Araber, aber darunter auch 54 000 Juden und
173 000 Europäer. Unter den letzteren befinden ſich 71000 Fran=
zoſen
und 89 000 Italiener. Die Bevölkerungsdichte beträgt
17 Menſchen auf 1 Quadratkilometer. Im Lande wechſeln äußerſt
fruchtbare Gegenden mit völligen Wüſten. Der Ackerbau könnte
bei beſſerer Bewirtſchaftung viel mehr leiſten, der Fiſchfang iſt
eine Haupterwerbsquelle eines großen Teils der Bevölkerung, der
Handel iſt ſehr rege, Induſtrie ſpielt noch keine beſondere Rolle,
aber der Bergbau blüht allmählich auf, beſonders Bleigewinnung
und Abbau von Phosphaten.
Im Altertum ſpielte das heutige Tuneſien eine wichtige
Rolle, lag doch auf ſeinem Boden das mächtige Karthago, Roms
Nebenbuhlerin. Nachdem es lange Zeit römiſch geweſen, dann den
Hauptbeſtandteil des Vandalenreichs gebildet hatte und ſchließ=
lich
wieder byzantiniſch geworden war, wurde es 699 n. Chr. von
den Arabern erobert, die auch Tunis zur Hauptſtadt machten. Die
Dynaſtien der Herrſcher wechſelten, bald war Tunis ſelbſtändig,
bald ſtand es unter Marokko. Den letzten der Kreuzzüge richtete
Ludwig IX. von Frankreich 1270 nicht nach Paläſtina, ſondern
gegen Tunis. Er erreichte jedoch nichts, ſtarb ſelbſt während des
Zuges, und ſein Bruder, Karl von Anjou, wagte nicht, zur Be=
lagerung
der Hauptſtadt zu ſchreiten und räumte ſchließlich Tune=
ſien
gegen eine Geldentſchädigung. 1516 gründete Zoruk Barba=
roſſa
in Algier einen Seeräuberſtaat, der bei den europäiſchen See=
fahrern
und auch den Küſtenbewohnern des Mittelmeeres ſich bald
furchtbar bemerkbar machte. Nachdem Zoruk 1518 gegen die
Spanier gefallen war, gelang es ſeinem Bruder und Nachfolger
Chaireddin Barbaroſſa, der ſich zur Sicherung gegen die ſpaniſchen
Waffen und gegen die Unzufriedenheit eines großen Teils der
Bevölkerung unter den Schutz des türkiſchen Sultans geſtellt hatte,
durch Verrat und mit Unterſtützung der Pforte ſich 1534 der Stadt
Tunis zu bemächtigen. Nun ſah ſich Kaiſer Karl V. zum Ein=
ſchreiten
genötigt, eroberte 1535 Tunis, befreit über 20 000
Chriſtenſklaven und ſetzte unter ſpaniſcher Oberhobeit den recht=
mäßigen
Herrſcher Mulay Haſſan wieder ein, während Chaireddin
Barbaroſſa fliehen mußte.
Die ſpaniſche Herrſchaft in Tunis dauerte bis 1574, in welchem
Jahre eine türkiſche Flotte die Stadt wieder eroberte und Tuneſien
wieder der Oberhoheit des Sultans unterwarf. Die der Pforte
lehens= und tributpflichtigen Herrſcher wechſelten anfangs ſehr
raſch, dann regierte die Dynaſtie Murad Beys über 100 Jahre und
ſchließlich ſeit 1705 die von Huſſein Bey gegründete heutige
Dynaſtie, immer aber ſpielten Palaſtrevolutionen und Janit=
ſcharenaufſtände
eine große Rolle.
Die Seeräuberei blühte bis in die neueſte Zeit. Noch im
Oktober 1815 wurde die Küſtenſtadt Antiochia auf Sardinien von

tuneſiſchen Seeräubern überfallen und die ganze Bevölkerung in
die Sklaverei geführt. Nachdem jedoch die Franzoſen 1830 die
Stadt Algier genommen und dann, wenn auch unter ſchweren
Kämpfen, immer mehr Fortſchritte in Algerien machten, wurde
durch ihr Einſchreiten dem Unfug des Piratentums für immer ein
Ende gemacht. Schon am 8. Auguſt 1830 mußte Tunis die Ab=
ſchaffung
des Seeraubs und der Sklaverei verſprechen. Der Weg=
fall
dieſer ergiebigen Einnahmequelle, die Einrichtung und der
Ausbau einer Armee und Flotte nach europäiſchem Muſter, koſt=
ſpielige
Bauten, auch die an ſich nützliche, aber teuere Einführung
techniſcher Errungenſchaften, vor allem aber die echt orientaliſche
Mißwirtſchaft in Verwaltung und Finanzweſen brachten bald
einen Zuſtand der Verſchuldung hervor, der zu einer Interven=
tion
der europäiſchen Mächte führte und eine Verminderung des
Heeres, ſowie die Verpflichtung der Vorlage einer Jahresabrech=
nung
brachte. Als dann 1857 eine blutige Judenverfolgung aus=
brach
, zwangen die Konſule von Frankreich, England und Oeſter=
reich
, unterſtützt durch nach Tunis entſandte Flotten, den Bey Sidi
Mohammed zu Verbeſſerungen in Juſtiz und Verwaltung, Einfüh=
rung
von aus Europäern und Mohammedanern gemiſchten
Gerichtshöfen und zur Sicherung von Religionsfreiheit ſowie von
Handels= und Gewerbefreiheit. Die europäiſchen Mächte arbeiteten
dabei dauernd eiferſüchtig gegeneinander, aber Frankreichs Ein=
fluß
herrſchte entſchieden vor. Die Abhängigkeit von dem Sultan
wurde zwar offiziell anerkannt, aber kein Tribut an die Pforte
bezahlt, dagegen ſtellte Tunis der Türkei im Krimkrieg eine An=
zahl
Hilfstruppen. Im Kriege 1859 ſchickte Tunis auf Frankreichs
Betreiben den Sardiniern ein Geſchwader gegen Oeſterreich zu
Hilfe, das aber nicht zum Kampfe kam.
Der Bey Mohammed es Sadok gab im April 1861 dem Staate
eine Art konſtitutioneller Verfaſſung, aber der Steuerdruck führte
1864 zu einem gefährlichen Aufſtand der fanatiſierten mohammeda=
niſchen
Bevölkerung. Der Bey hob deshalb die Verfaſſung auf
Wunſch der Aufſtändiſchen wieder auf, und ſchließlich gelang es
ihm, die Revolution zu unterdrücken. Frankreich, England, Ita=
lien
und die Türkei hatten während der Unruhen Flotten zur
Wahrung ihrer Intereſſen nach Tunis geſandt. Die Mißwirtſchaft
nahm kein Ende, der Steuerdruck wuchs, und als dann 1867 und
1868 noch Hungersnöte dazukamen, mußte der Bey bei einer
Staatsſchuldenlaſt von 250 Millionen Franken die Zinszahlungen
einſtellen. Frankreich miſchte ſich ein und verſuchte, die geſamte
Verwaltung, und namentlich das Finanzweſen, völlig von ſich ab=
hängig
zu machen. Dieſe Machenſchaften riefen auch England,
Italien und Preußen auf den Plan, und ſo wurde denn 1869 eine
dauernde genaue Kontrolle über die Finanzen eingeführt, die
Staatsſchulden durch Abtretung der Zolleinnahmen auf 125 Mil=
lionen
Franken verringert und die Zinszahlung hierfür ſicher=
geſtellt
. Das Verhältnis zur Pforte wurde 1871 ſo geregelt, daß
der Sultan auf den Tribut (den er ja doch nicht bekommen hatte)
verzichtete, der Bey dagegen ſeine Oberhoheit anerkannte und ver=
ſprach
, ohne ſeine Erlaubnis keinen Krieg zu führen und keine
diplomatiſchen Verhandlungen mit einer dritten Macht zu führen.
1877 ſchickte der Bey dem Sultan anſehnliche Hilfsmittel an Geld
und Truppen für den Krieg gegen Rußland.
Unter den Europäern in Tunis erlangten inzwiſchen die Ita=
liener
immer größere Bedeutung. Frankreich fürchtete, aus ſeiner
Vormachtſtellung verdrängt zu werden und nahm daher 1881 einen
Einfall der Krümirs, eines räuberiſchen tuneſiſchen Stammes, in
algeriſches Gebiet zum Vorwand, in Tunis einzurücken. Im Ver=
trag
von Kaſr es Said (d. h. Herrenſchloß) oder Bardo (Name der
Reſidenz des Bey drei Kilometer weſtlich der Stadt Tunis) am
12. Mai 1881 mußte der Bey die Schutzherrſchaft Frankreichs an=
erkennen
. Eine Erhebung der Bevölkerung gegen die Fremdherr=
ſchaft
wurde durch die Eroberung der Städte Sfaks und Kairuan

niedergeſchlagen. Am 8. 6. 1883 wurden in einem zweiten Ver=
trag
die Rechte Frankreichs noch erweitert. Die tuneſiſche Armee
wurde 1882 aufgelöſt; vier neue franzöſiſche Eingeborenen= Regi=
menter
gebildet (Tirailleurs, in Deutſchland volkstümlich Turkos
genannt). Dem Bey blieb nur eine Ehrengarde von einem
Bataillon, einer Eskadron und einer Batterie. 1884 wurden die
Kapitulationen, d. h. die Exterritorialität der Europäer von
tuneſiſchem Gericht, und ſtatt deſſen Konſulargerichtsbarkeit abge=
ſchafft
; logiſch richtig, da die tuneſiſchen Gerichte ja jetzt in Wahr=
heit
franzöſiſche waren. Die ganze Verwaltung wurde nach fran=
zöſiſchem
Muſter eingerichtet, alle wichtigen Aemter mit Fran=
zoſen
beſetzt. Der tatſächliche Herr im Lande iſt nicht der Bey,
ſondern der franzöſiſche Generalreſident, der außer ſeiner Eigen=
ſchaft
als diplomatiſcher Vertreter Frankreichs gleichzeitig oberſter
Verwaltungsbeamter des Bey, Miniſter des Auswärtigen und
Vorſitzender des Miniſterrats iſt. Seit 1922 hat Frankreich auch
eine Art von Volksvertretung eingeführt, deren Zuſammenſetzung
aber auch deutlich zeigt, wer tatſächlich die Herrſchaft ausübt, näm=
lich
einen großen Rat mit einer Kammer von 44 Franzoſen und
einer ſolchen von 18 Eingeborenen.
Sch.

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Mittwoch, 13. Mak.
10.20: Schulfunk: Kampf der Kunſtflieger.
11.50: Schallplattenkonzert.
15.20: In der Weriſtatt der Lokomotiven.
15.50: Stunde der Jugend.
16.30: Nachmittagskonzert des Rundfunkorcheſters; Mitw.: Ger=
traud
Dirrigl (Klavier).
18 15: Stadtrat B. Aſch: Wünſche an das Rhein=Maingebiet.
18.45: Eſperanto.
19.15: Virtuoſe Flötenmuſik; Ausf.: H. Zanke Am Flügel:
O. Senfert.
19.45: Die Comedian Harmoniſts ſingen: Mitw.: Das Rundfunkorch.
21.15: Dr. F. Wallner: Dichter hören Muſik.
23.00: Budapeſt: Zigeunermuſik.
Königswuſterhauſen.
Deutſche Welle: Mittwoch, 13. Maf.
9.00: Berliner Schulfunk: Mit dem Mikrophon in einem Eiſen=
bahnſtellwerk
.
10.10: Schulfunk: Die Zerſtörung Magdeburgs.
14.45: Kinderſtunde: Die zertanzten Schuhe.
15.45: Frauenſtunde: Elſa Oeſtreicher: Mein Fettopf.
16.00: Heinz Monzel u. K. Friebel: Funkpädagogiſche Arbeits=
gemeinſchaft
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16.30: Hamburg: Nachmittagskonzert.
17.30: Selten geſpielte Trios (Paul Graener). Meinhardt= Petſchni=
koff
=-Trio.
18.00: W. Bodag: Zweck und Ziele des Bundes deutſcher Reichs=
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18.30: Prof. Dr. O. Hoeßzſch: Die großen Mächte der Gegenwart.
19.00: Hugo Heimann, M.d.R.: Der Reichshaushalt und ſeine Be=
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[ ][  ][ ]

775 Jahre V. D. I.
Zum 75. Geburtstag des Vereins
Deutscher Ingenieure.
* Der bedeutendſte und größte techniſche Verband in Deutſch=
land
, einer der größten techniſchen Vereine der Welt, der Ver=
ein
Deutſcher Ingenieure, feierte geſtern ſein 75jähriges
Beſtehen. Nicht nur für den engen Kreis der Vereinsangehöri=
gen
, ſondern für die geſamte deutſche Technik iſt dieſes Jubi=
läum
ein Markſtein von beſonderer Bedeutung.
Wohl in keiner Zeit der Geſchichte haben Naturwiſſenſchaf=
ten
und Technik, haben Gütererzeugung und Verkehr ſo unge=
heure
Fortſchritte gemacht, wie in den letzten 75 Jahren, in der
Zeit des Beſtehens des heutigen Jubilars. So wie die deutſche

Technik bei dieſer Entwicklung an führender Stelle gearbeitet
hat, wie ſie vielfach die grundlegenden Schöpfungen und Ge=
danken
hervorbrachte, ſo war auch der Verein Deutſcher In=
genieure
mit ſehr hohem Anteil an dieſen Arbeiten beteiligt. Er
zählte nicht nur die hervorragendſten deutſchen Ingenieure zu
ſeinen Mitgliedern, er wirkte auch als Verband an der Förde=
rung
der Technik und der techniſchen Wiſſenſchaften mit.
Am 12. Mai 1856 trafen in Alexisbad im Harz 23 deutſche
Ingenieure zuſammen. Die meiſten waren noch nicht dreißig
Jahre alt. Sie kamen vom nahen Halberſtadt, wo ſie als Mit=
glieder
des Akademiſchen Vereins Hütte das 10jährige Stif=
tungsfeft
feierten. Ihr Ziel war ein inniges Zuſammenwirken
der geiſtigen Kräfte der deutſchen Technik zur gegenſeitigen An=
regung
und Fortbildung der geſamten vaterländiſchen Indu=
ſtrie
, ihr Weg der Gründung des V. D. J., ihr Feld ganz
Deutſchland ſchon vor der Reichsgründung.
Aus 23 Mitgliedern wurde ein Verein, der heute 31000
Mitglieder umfaßt. Schon ein Jahr nach der Gründung beſtan=
den
7 Bezirksvereine mit zuſammen 300 Mitgliedern. Heute
bilden 53 Bezirksvereine und 3 Auslandsverbände in Argen=
tinien
, China und Japan den Verein Deutſcher Ingenieure,
deſſen Hauptgeſchäftsſtelle im Berliner Ingenieurhaus ſeit
1914 ſeinen Sitz hat.
Die vielumfaſſenden Aufgaben des Vereins ſind nur durch
eine vorbildliche Organiſation, auch eine Glanzleiſtung deut=
ſcher
Technik, möglich.
Die fachwiſſenſchaftlichen Arbeiten des Vereins leitet neben
dem Vorſtand ein Wiſſenſchaftlicher Beirat früher Techniſcher
Ausſchuß genannt. Ausgeübt wird dieſe beſonders wichtige
und wertvolle Tätigkeit des Vereins in 25 Fachausſchüſſen und
Fachgruppen. Genannt ſeien nur die für: Wärmeforſchung
Schwingungsforſchung, Strömungslehre, Schweißtechnik, Anſtrich=
technik
, Holztechnik, Staubtechnik, Lärmminderung, Hauswirt=
ſchaftstechnik
, Technik in der Landwirtſchaft, Koſtenweſen, Ver=
triebstechnik
.
Der Ausbildung und Fortbildung widmet der Verein ſeine
beſondere Aufmerkſamkeit. Im Jahre 1908 wurde ein Deutſcher
Ausſchuß für techniſches Schulweſen gebildet. In über 1000
wiſſenſchaftlichen Veranſtaltungen hat der Verein für die Fort=

Ingenieurhaus, Berlin.
ldung ſeiner Mitglieder im Jahre 1930 gearbeitet. Die Aus=
ellung
Technik im Heim, eine Schöpfung des V.D.J. wurde im
ergangenen Jahre auch in Darmſtadt gezeigt. Ueber die Werkſtoff=
gung
1927 die von einer Anregung des Vereins ausging, und die
Veltkraftkonferenz 1930, bei der V.D.J. mit all ſeinen vielen
räften mitarbeitete, haben wir unſeren Leſern an dieſer Stelle
sführlich berichtet. Auch die ſchöne Gedenkſtätte deutſcher
echnik, das Deutſche Muſeum in München hat der V.D.J.
tkräftigſt gefördert.
Beſonders hervorgehoben zu werden, verdient die literariſche
ätigkeit des V.D.J. In dem V.D.J=Verlag erſcheinen neben
der führenden deutſchen techniſchen Wochenſchrift, der V. D.J. die V.D.J.=Nachrichten und weiter für beſondere
wecke die Zeitſchriften Maſchinenbau Archiv für Wärme
dirtſchaft Technik und Wirtſchaft Techniſche Zeitſchriften=
hau
, Technik in der Landwirtſchaft die Zeitſchrift Zeit=
hrift
für Metallkunde, und drei Zeitſchriften in fremden
Sprachen. Die V.D.J.=Zeitſchrift, die wohl wichtigſte deutſche
chniſche Zeitſchrift überhaupt, erſcheint ſeit dem erſten Be=
ehen
des Vereins nunmehr im 75. Jahrgang. In hunderten
von Einzelheften werden Forſchungsarbeiten aus allen Gebieten
r Technik veröffeutlicht. Hervorragende Fachgelehrte geben in
dieſen Veröffentlichungen die Ergebniſſe ihrer Forſchungen der

wiſſenſchaftlichen Welt bekannt. Seit 20 Jahren gibt der Ver=
ein
ein Jahrbuch heraus, das der Geſchichte der Technik und
Induſtrie gewidmet iſt. Hier werden Einzelarbeiten über die
Geſchichte einzelner Induſtriezweige, einzelner Firmen und aus
der Lebensgeſchichte großer Männer der Technik veröffentlicht
Den toten Männern der Technik eine bleibende Erinnerung
zu ſchaffen, iſt würdige Aufgabe. Der Verein hat auch Wege
gefunden, dem Lebenden den Dank der Mitwelt zum Ausdruck
zu bringen. In der Grashof=Denkmünze hat ſich der Verein eine
höchſte Auszeichnung geſchaffen, die er an hervorragende In=
genieure
verleiht. Dieſe Denkmünze wurde in Erinnerung an
den erſten Vereinsdirektor Prof. Franz Grashof (182693) ge=
ſchaffen
.
Es iſt kaum möglich, in einer kurzen Würdigung der Tätig=
keit
des Vereins all das zuſammenzufaſſen, was er in 75 Jahren
für die deutſche Technik und deren Weltgeltung geleiſtet hat.
Immer wieder werden neue Aufgaben in Angriff genommen,
neue Wege beſchritten, um die Technik und die techniſchen Wiſſen=
ſchaften
zu fördern. In inniger Gemeinſchaftsarbeit mit Wiſſen=
ſchaftlern
, Lehrern, techniſchen Hochſchulen und anderen großen
Verbänden wird dem Ziel der Förderung deutſcher Technik zu=
geſtrebt
.

*Das Reisebügeleisen.
Dann, wenn das Bügeleiſen beſonders benötigt wird, iſt es
meiſtens auch am ſchwierigſten zu erhalten. Wenn die Kleider
zerknault aus dem Koffer kommen, und wenn gleichzeitig in
der Fremde das Bedürfnis beſteht, einen guten Eindruck zu er=
wecken
, dann fehlt der Dame neben der gewohnten häuslichen
Hilfe auch noch das gebräuchliche Werkzeug. Es wäre ja mög=
lich
, das heimiſche Bügeleiſen einzupacken und im Koffer mitzu=


K 23141

Reisebügeleisen tür verschiedene Spannungen.
nehmen. Aber wer weiß vorher, welche Spannung in dem neuen
Aufenthaltsort angetroffen wird? Dem hilft die AEG dadurch
ab, daß ſie ein Reiſebügeleiſen für verſchiedene Spannungen in
den Handel bringt. Daneben weiſt dieſes Bügeleiſen aber auch
noch einige neue Vorzüge auf, nämlich die, daß es auch als
Brennſcherenwärmer und als Kochplatte benutzt werden kann.
Die Hotelbeſitzer werden über die neue Einführung zunächſt
allerdings wenig erfreut ſein, denn ſie können unmöglich vorher
einſchätzen und in ihren Zimmerpreis mit einkalkulieren, wie=
viel
Strom für die verſchiedenen Verwendungszwecke dieſes
Eiſens verbraucht wird. Männliche Gäſte werden im allgemei=

Hotelmünzzähler.

den Spinnmaſchinen führen. Unter jeder Spinnmaſchine liegt ein
Zulaufrohr mit verſchiedenen Zweigleitungen, durch welche die
Viskoſe zu den eigentlichen Spinnpumpen gelangt. Abermals
filtriert, wird die Viskoſe durch ein Glasrohr zur Spinndüſe, die
unter der Oberfläche des Spinnbades liegt, gedrückt. Die Spinn=
düſe
beſteht aus Goldplatin und hat je nach der gewünſchten Fein=
heit
des herzuſtellenden Fadens bis zu 180 feine Oeffnungen, aus
denen die Viskoſe brauſenartig heraustritt. Im Spinnbad er=
ſtarrt
ſie ſogleich zu hauchfeinen ſeidigen Fäden, die aufgefangen,
auf Spulen gewickelt, gewaſchen und getrocknet werden. Auf dieſe
im Prinzip verhältnismäßig einfach erſcheinende Weiſe entſteht
ein endloſer Kunſtſeidenfaden. Der Rohſtoff Holz erfährt bei die=
ſer
Verarbeitung zu Kunſtſeide eine etwa hundertfache Wertſteige=
rung
. So erklärt ſich zum Teil die große Verbreitung, die die
Kunſtſeidenerzeugung in den letzten Jahren gefunden hat.
So erklärt ſich aber auch das eifrige Beſtreben der Kunſt=
ſeide
=Induſtrie, aus dem gleichen Rohſtoff auch künſtliche Wolle zu
bereiten, die entſprechend dem verhältnismäßig billigen Rohſtoff
auch zu einem wohlfeileren Preis herzuſtellen wäre als die Natur=
wolle
, deren Preis heute in gewaſchenem Zuſtand etwa 59 RM.
je Kilogramm beträgt, während künſtliche Wolle etwa nur ein
Drittel ſo hoch zu ſtehen käme. Geht man nun den Schwierigkeiten
nach, die die Herſtellung künſtlicher Wolle bisher ſo ſehr erſchwer=
ten
, ſo findet man ſie in den Eigenſchaften der Naturwolle be=
gründet
. Der Fachmann unterſcheidet zwiſchen Natur= oder Schur=
wolle
, die im Frühjahr durch das Abſcheren gewonnen und als
Neuwolle bezeichnet wird, zum Unterſchied von der Kunſt= oder
Altwolle, die man aus den Abfällen bei den Spinnvorgängen und
durch Auftrennen alter Wollwaren erhält. Die Bezeichnung der
Altwolle als Kunſtwolle iſt inſofern unzutreffend, als es ſich auch
bei ihr um Naturwolle handelt, die nur keine ſo vorzüglichen
Eigenſchaften mehr wie die Neuwolle hat. Als bemerkenswerte
phyſikaliſche Eigenſchaften der Naturwolle ſind in erſter Linie ihr
Kräuſelungsvermögen, die Dehnbarkeit, Reißfähigkeit, Formbar=
keit
und Formfeſtigkeit hervorzuheben. Die Kräuſelung bewirkt,
daß Wollſtoffe nicht ſo leicht knittern wie z. B. Kunſtſeidenſtoffe,
und daß Knittern beim Aufhängen wieder verſchwinden. Außer=
dem
leitet Wolle bekanntlich die Wärme ſehr ſchlecht, weshalb im
Winter wollene Kleider oder Unterkleidung den beſten Schutz
gegen die Kälte abgeben.
Die Aufgabe, den aus Zelluloſe gewonnenen Textilfäden einen
wolleähnlichen Charakter zu geben, läuft alſo darauf hinaus, die
eben erwähnten Eigenſchaften der Wolle den künſtlichen Gebilden
aufzuprägen. Und dieſe Aufgabe iſt ganz außerordentlich ſchwer.
Die Naturwolle beſteht aus lauter einzelnen Faſern von ſoundſo=
viel
Zentimeter Länge, die erſt beim Spinnen zu einem Faden
vereint werden, während der Kunſtſeidefaden glatt und endlos
aus den Spinndüſen tritt. Soll nun aus dieſem Gebilde trotzdem
ein der Wolle ähnliches Erzeugnis gemacht werden, dann heißt es,
den endloſen Kunſtſeidefaden in Faſern von ähnlicher Länge, wie
ſie die Naturwolle aufweiſt, zu zerſchneiden, und dieſe Faſern zu
einem Faden zu verſpinnen, oder den endloſen geſponnenen Kunſt=
ſeidefaden
ganz zu laſſen und ihn dafür einer gewiſſen Nachbehand=
lung
zu unterwerfen, damit er einen wolleähnlichen Charakter er=
hält
. Wählt man die zuerſt angegebene Methode, dann wird der
Kunſtſeidefaden in 4 bis 16 Zentimeter lange Stapel zerſchnitten,
die auf den üblichen Spinnereimaſchinen in parallele Fadenbän=
der
verwandelt werden. 4 bis 6 ſolcher Fadenbänder werden dann
zu einem gemeinſamen Band vereint und auf der Streckwalze zu
einem Band, von 4= bis 6facher Länge ausgeſtreckt, das dafür
dann freilich auch nur noch ſo ſtark iſt wie zuvor ein Einzelband.
Von der anderen Möglichkeit, nämlich der entſprechenden
Nachbehandlung des endloſen Kunſtſeidefadens, der hierdurch an
der Oberfläche aufgerauht wird und damit einen wolleähnlichen
Charakter erhält, wird ebenfalls Gebrauch gemacht, und es gibt
zurzeit eine ganze Anzahl Verfahren, die dem Ideal entweder auf
die eine oder andere Weiſe nahe zu kommen verſuchen. Auch die
deutſche Kunſtſeide=Induſtrie hat dieſe Frage ſeit jeher mit Auf=
merkſamkeit
verfolgt und raſtlos Verſuche zur Herſtellung künſt=
licher
Wolle angeſtellt. Wenn auch das Problem bisher noch nicht
völlig gelöſt werden konnte, ſo ſcheint es doch, als ob die Haupt=
ſchwierigkeiten
ziemlich behoben ſind, und die künſtliche Wolle
eines Tages als wohlfeiler Erſatz für die Naturwolle (auf die wir
auch dann keineswegs verzichten wollen und können) auf dem
Markte erſcheinen wird.

KURZE MITTEILUNGEN

nen wenig oder gar keinen Strom brauchen, wogegen Damen unter
Umſtänden ſehr reichlich von ihrem Eiſen Gebrauch machen. Auch
hierfür hat die AEG geſorgt, indem ſie einen neuen Zählertyp,
den Hotelmünzzähler, entwickelt hat. Unabhängig von dem
Hauptzähler kann mit dieſem Gerät der Strom nach Einwurf
einer Münze eingeſchaltet und gemeſſen werden. Wie auch bei
anderen Münzzählern ſchaltet das Gerät ſelbſttätig aus, wenn
die entſprechende Anzahl Kilowattſtunden verbraucht iſt. Der
Zähler weiſt noch inſofern eine Beſonderheit auf, als beim Ver=
laſſen
des Zimmers der Mechanismus auf Null zurückgeſtellt,
bzw. abgeſchaltet werden kann, damit der nächſte Benutzer erneut
eine Münze einwerfen muß. Auch in gemeinſam benutzten Räu=
men
, wie Waſchküchen oder Bügelzimmern, kann der neue Zähler
manchem Streit vorbeugen.

*Künstliche Wolle.

Ein neues Kältemittel hat der amerikaniſche Forſcher Midgley
in Zuſammenarbeit mit dem belgiſchen Chemiker Dr. Henne entdeckt,
Das Kältemittel beſteht aus einer Verbindung von Kohlenſtoff, Chlor
und Fluor und gehört zur Gruppe der Fluorclormethane. Es iſt eine
farbloſe Flüſſigkeit, die den normalen Siedepunkt von minus 28 Celſius
hat. Sein großer Vorzug beſteht darin, daß es ungiftig und nicht
brennbar iſt. Das Kältemittel ſoll nicht nur für Haushaltmaſchinen,
ſondern auch für induſtrielle Zwecke, z. B. zur Kühlung von Luft in
Kohlenſchächten, in Unterſeebooten und ſonſtigen Räumen verwandt
werden, wo ſeither wegen der Entzündbarkeit und Giftigkeit andere
Kältemittel nicht angewandt werden konnten.
* Verpackungen aus Pappe wurden von der Reichsbahn im Güter=
verkehr
ſeither nur zugelaſſen, wenn der Abſender den Vermerk mangel=
hafter
Verpackung anerkannte. Durch Verhandlungen intereſſierter
Wirtſchaftsgruppen mit der Reichsbahn wurde eine neue Regelung er=
zielt
, wonach bis zu einer Kantenlänge von 42 cm und einem Gewicht von
30 Kilo pro Einheit Pappkartons als ſichere Verpackungen zugelaſſen
vurden, wenn die Pappe eine gewiſſe Bruchfeſtigkeit beſitzt und wenn
beſondere Vorſchriften über die Verſchnürung eingehalten werden. Wenn
mit dieſen Vorſchriften günſtige Erfahrungen gemacht werden, will man
evtl. ſpäter über die oben angegebenen Grenzmaße hinausgehen.

Von
Ing. Christoph Carlowitz, Zwenkau i Sa.
Der aus Zelluloſe von Fichtenſtämmen oder Baumwolle her=
ſtellte
Seidenſtrumpf gehört heute ſchon zu einer der zahlreichen
elbſtverſtändlichkeiten unſeres Lebens. Daß aber die Kunſtſei=
en
=Induſtrie ſchon ſeit etwa zwei Jahrzehnten bemüht iſt, neben
künſtlichen Seide auch künſtliche Wolle aus Zelluloſe zu er=
ugen
, iſt bisher aus dem Grunde wenig bekannt geworden, weil
e langwierigen Verſuche noch nicht von einem vollen Erfolg ge=
önt
wurden. Die im Laufe der Jahre öfters auftauchenden Mel=
ingen
über die Löſung der ſchwierigen Aufgabe eilten bisher
en Tatſachen immer voraus. Wohl haben wir heute in Woll=
ide
, Sniafil, Viſtrafaſer und anderen aus Zelluloſe gewonne=
n
Textilfaſern Gebilde von mehr oder weniger der tieriſchen
olle ähnlichen Eigenſchaften, doch ganz erreicht wurde das einzig=
tige
Vorbild der Natur noch nicht.
Ein kurzer Streifblick auf die Herſtellung der Kunſtſeide läßt
jie Schwierigkeiten, die der Chemiker auf der Suche nach künſtli=
r
Wolle zu überwinden hat, ſehr deutlich erkennen. Der Aus=
ngsſtoff
für alle Kunſtſeiden iſt die Zelluloſe, die in der Baum=
lle
faſt rein vorkommt, aus wirtſchaftlichen Gründen jedoch faſt
isſchließlich aus Holz gewonnen wird. In den Zellſtoff=Fabriken
rd das Holz zerkleinert und durch Kochen mit Natron= oder
ulfitlauge der Zellſtoff daraus gewonnen. In den Kunſtſeide=
briken
wird der Zellſtoff durch weitere chemiſche Behandlung zu
ner honigartigen Flüſſigkeit gelöſt, die Viskoſe genannt wird.
us den Keſſeln gelangt die Viskoſe, nachdem ſie durch Filter von
gelöſten Beſtandteilen befreit iſt, in die Vorratskeſſel. Aus die=
n
wird ſie durch die Preßluft in Rohrleitungen gedrückt, die zu

NEUE BÜCHER UND ZEITSCHRIFTEN
* Luegers Lexikon der geſamten Technik. 3. Aufl. Herausgegeben
von E. Frey. Regiſterband. Stuttgart, Berlin und Leipzig 1931.
Deutſche Verlagsanſtalt. 511 S. Preis 30. RM.
Mit dem Regiſterband findet das in allen Kreiſen der Tech=
nik
hochwillkommene Werk ſeinen Abſchluß. Erſt dieſer Band er=
möglicht
es auf den über 5000 Seiten des geſamten Werkes ſchnell
das gewünſchte Schlagwort zu finden. Da vielfach Abhandlungen
über einen Gegenſtand eine große Anzahl von Seiten umfaſſen,
iſt der Regiſterband ein wertvolles Hilfsmittel, der viel unnötige
Zeit zum Suchen erſpart.
Netzanſchluß, eine Lehrſchrift für Funkbaſtler, von Henry. Verlag Dr.
Trenkler u. Comp., A.=G., Leipzig 0 27. Preis 1.20 Mark.
Aus den urſprünglichen Laboratoriumsgeräten, die dem Funkemp=
fang
dienten, ſind immer vervollkommnetere Geräte entſtanden. Im
gleichen Maß ſind die Anſprüche an die Güte der Geräte und an die
Größe der Leiſtung, beſonders der Anodenſtromquelle geſtiegen. Damit
hat das Netzanſchlußgerät wegen ſeiner größeren Wirtſchaftlichkeit eine
vermehrte Anwendung gefunden. Zur Aufklärung über die Wirkungs=
weiſe
des Netzanſchluſſes und die Bauart derartiger Geräte kann auch
dem Nichtbaſtler das Heftchen empfohlen werden.
* Niederfrequenzverſtärkung, eine Lehrfchrift für Funkbaſtler, von
Henry. Verlag Dr. Trenkler u. Comp., A.=G., Leipzig 0 27. Preis
1.50 Mark.
Die Berſtärkungsvorgänge in der Verſtärkerröhre und in mehrſtufi=
gen
Niederfrequenzverſtärkern, ſowie die vorkommenden Verzerrungen,
werden ausführlich behandelt. Ueber die Gegentaktſchaltung handelt ein
beſonderes Kapitel. Den Schluß des reichhaltigen Heftchens bilden ver=
ſchiedene
neue Kraftverſtärkerſchaltungen.

[ ][  ][ ]

Seite 16

Mittwoch, den 13. Mai/1931

Nummer 132

Saddr, Satee Tl Setiene

der Sport an Mlametfägrt.
Der Himmelfahrtstag bringt in dieſem Jahr eine ungewohnte
Fülle an ſportlichen Ereigniſſen auf allen Gebieten. Auch der
D.F. B. muß dieſen Wochenfeiertag für ſeine Meiſterſchaftsſpiele
mit in Anſpruch nehmen. Beſonders hervorzuheben ſind die bei=
den
letzten Treffen der DFB=Vorrunde, die 9. Etappe der
Deutſchlandrundfahrt die Deutſchen Fechtmeiſterſchaften und die
Dreitage=Motorradfahrt des A. D.A. C. Im

Fußball

wendet ſich das Hauptintereſſe natürlich den beiden reſtlichen
Vorrundenſpielen um die Deutſche Meiſterſchaft zu. In Düſſeldorf
erwartet der weſtdeutſche Meiſter Fortuna Düſſeldorf den ſüddeut=
ſchen
Zweiten Eintracht Frankfurt, und in Mannheim ſoll Phönix
Ludwigshafen gegen den Meidericher Spielverein ſpielen. Gegen
dieſes Spiel hat aber der Süddeutſche Verband Einſpruch erhoben;
er will an dieſem Tage Phönix Ludwigshafen und München 1860
nochmals in München zuſammentreffen laſſen. Für das Düſſel=
dorfer
Spiel kann man den Frankfurtern, die völlig abgehetzt in
dieſe Runde gegen den weſtdeutſchen Meiſter gehen, wenig Chancen
geben. Techniſch dürfte das Spiel der Frankfurter kaum zu über=
bieten
ſein, dagegen fehlt dem Sturm aber die Produktivität.
Falls das Mannheimer Treffen zum Austrag kommt, halten wir
einen Erfolg der Ludwigshafener nicht für ausgeſchloſſen. In
Süddeutſchland gibt es zunächſt noch zwei Repräſentativ=
ſpiele
, und zwar: München gegen Würzburg in Würzburg und
AnchenSaarbrücken in Saarbrücken; in Frankfurt wird das End=
ſpiel
um den Frankfurter Fußballpokal zwiſchen Fußballſport=
verein
und Rot=Weiß ausgetragen. Ferner ſpielt der K.F.V. ein
Privatſpiel gegen den 1. F.=C. Pforzheim. Von den Spielen im
Reich intereſſiert das Treffen der Eſſener Prominenten=Elf
gegen Birmingham. Aus dem Ausland meldet der Termin=
kalender
einige Länderſpiele, und zwar: ItalienBelgien in
Turin, FrankreichEngland in Paris, OeſterreichUngarn in
Wien und OſthollandWeſtdeutſchland in Arnheim.
Handball.
Neben einem Blitzturnier im Rahmen der Frankfurter Sta=
dionkampfſpiele
, an dem ſich die Frankfurter Mannſchaften F. S. V.,
Eintracht, Schwanheim und Rot=Weiß beteiligen, geht in Bad=
Kreuznach unter Teilnahme von Polizei Worms, Haſſia Bingen,
Tv. Monzingen, D. J.K. Kreuznach und F.C. Kreuznach 02 ein
Handballturnier in Szene.
Leichtathletik.
Im Frankfurter Stadion und in Regensburg gehen lokale
Sportfeſte in Szene, Schwaben Augsburg veranſtaltet einen Klub=
kampf
gegen Ulm 94, Phönix Mannheim zieht ein Jugendſportfeſt
auf und der Polizei=S.V. Hamburg wartet mit einem von der
deutſchen Elite beſuchten Meeting auf.
Tennis.
In Frankfurt und Saarbrücken nehmen Bezirksturniere ihren
Anfang, in Berlin beſtreitet Rot=Weiß (mit Prenn) einen Klub=
kampf
gegen die ſpaniſche Davispokalmannſchaft, und aus dem
Auslande werden zwei Länderkämpfe FrankreichEngland in
Paris und Ungarn-Japan in Budapeſt. genannt.
Fechten.
Der Deutſche Fechterbund zieht vom Donnerstag bis Sonntag
in Dresden ſeine Deutſchen Meiſterſchaften auf, zu denen 100
Fechter gemeldet wurden; Erwin Casmir hat allerdings nicht ge=
meldet
.
Radſport.
In der Deutſchland=Rundfahrt wird die neunte Etappe von
Liegnitz nach Berlin=Wannſee über 3132 Kilometer abgewickelt.
In Deutſchland gibt es in Bocholt und Bochum Bahnrennen, und
deutſche Amateure ſtarten in Kopenhagen.

hockey.

S.=V. 98 Merck Darmſtadt.
In dem Beſtreben, den in Darmſtadt noch wenig gepflegten
Hockeyſport zu fördern, hat die Sp.=A. Merck eine Hockeymann=
ſchaft
zuſammengeſtellt, die am Mittwoch abend ½7 Uhr,
auf dem Stadion am Böllenfalltor, mit der Hockeyelf des S.=V. 98
die Stöcke kreuzen wird.
Kraftſpork.
S.=V. 1920 Werſau i. O. Polizei Darmſtadt, 2. 11:8.
Bei dem in Werſau ausgetragenen Freundſchaftsſpiel konnte
Werſau einen knappen, aber verdienten Sieg landen. Es wurden
harte, intereſſante Kämpfe geboten. Auf beiden Seiten war der
größte Siegeswille vorhanden und erſt der letzte Kampf das
Schwergewicht, brachte die Entſcheidung. Es ſiegten für Werſau
im Feder=, Leicht= und Weltergewicht Ph. Buxmann, Löb und
Riebel durch Schulterſiege und im Schwergewicht Höhner n. P.
Für die Polizei ſiegten Bantam=, Mittel= und Halbſchwergewicht:
Perini, knapp durch Schulterſiege und Reuter n. P.
Tv. Nieder=Ramſtadt Weiſenau 15:6.
Am Samstag weilte die Kraftſportabteilung mit 2 Mann=
ſchaften
in Weiſenau zum Rückkampfe und konnte wieder einen
ſchönen Erfolg buchen. Die 2. Mſch. konnte die im Vorkampf er=
littene
11:9=Niederlage mit einem 15:6=Sieg wettmachen. Die
Kämpfe verliefen ſehr fair und endeten alle mit Schulterſiegen.

Phil. Lautenſchläger=N. Anſtadt=W., Sieger L.; Welter: Gg.
Lautenſchläger=N. Mayer=W., Sieger L.; Mittel: Beck=N.
May=W., Sieger B.; Schwer: Walter=N Friedrich=W., Sieger
F: Schwer: Kaffenberger= N. Ditt=W., Sieger K. 2. Mſch.:
Bantam: Kreuzer=N. Veith=W. Sieger K.; Feder: Scior=N.
Zober=W., Sieger Z.; Leicht: Rückert=N. Kron=W., Sieger
R.; Welter: Roßmann=N. Höhn=W., Sieger R: Mittel: Ad.
Göbel=N.Rodemig=W., Sieger G.; Schwermittel: Bollmann=N.
Entemann=W., Sieger E.; Schwer: Herm. Göbel=N. Schönig=
W., Sieger G.

Die Handball=Vorſchlußrunde.
SV. 98 Darmſtadt Polizei Spandan.
Noch nie hat man in Darmſtadt die Vorſchlußrunde um die
Deutſche Handballmeiſterſchaft mit größerer Spannung erwartet,
als in dieſem Jahr. Das ſtarke Intereſſe iſt durchaus verſtänd=
lich
: Wenn die Sportvereinler wohl auch im Vorjahr an der Vor=
ſchlußrunde
noch beteiligt waren, ſo war dieſe Teilnahmeberech=
tigung
nicht verdient und nur dem Umſtand zuzuſchreiben, daß
Alemannia Aachen aus formellen Gründen trotz des Sieges gegen
die 98er die Punkte abgeſprochen bekam. Dies mag der Grund
geweſen ſein, daß man damals der Begegnung der Vorſchlußrunde
keine große Anteilnahme widmete, zumal die Ausſichten für jenes
Treffen bei der damaligen Form der Einheimiſchen, die in Leipzig
gegen den Polizeiſportverein Berlin anzutreten hatten, ſchlecht
waren. Dagegen iſt die Teilnahmeberechtigung der 98er an der
diesjährigen Vorſchlußrunde durch einwandfreie Siege erſtritten
worden, da ſowohl in der Vorrunde, als auch in der Zwiſchen=
runde
die Gegner Sportfreunde Siegen und Pol.=Spv. Gotha
die Ueberlegenheit der Sportvereinself anerkennen mußten.
So iſt man mit Recht geſpannt, ob es den Darmſtädtern gelingt,
ſich auch in der Vorſchlußrunde durchzuſetzen und hierdurch für das
Endſpiel zu qualifizieren. Die konſtante Form die die Lilien=
träger
in dieſem Jahr aufzuweiſen haben, läßt die Ausſichten für
das bevorſtehende Treffen nicht ungünſtig erſcheinen, wenn natur=
gemäß
auch bei der großen Spielſtärke des Gegners alle Möglich=
keiten
für das Endreſultat offen ſind.
Da zu dem bevorſtehenden Treffen ein ganz beſonders guter
Beſuch zu erwarten iſt, hat der Spielausſchuß der deutſchen Sport=
behörde
angeordnet, daß das Spiel auf dem
Platz der Techniſchen Hochſchule
ſtatfindet. Dieſe Maßnahme erſcheint angebracht, weil hierdurch
die Gewähr beſteht, daß für jeden einzelnen Beſucher beſte Sicht=
möglichkeit
vorhanden iſt. Zweifellos wird die wunderſchöne Hoch=

tung beilegt. So wurde die
Spielleitung Pöthmann=Barmen
übertragen, der ja ſchon mehrfach große Spiele in Darmſtadt
leitete und dabei immer durch ſein einwandfreies und ſicheres
Auftreten zu imponieren verſtand. Als Vertreter der Deutſchen
Sportbehörde wird der Spielausſchußvorſitzende, Herr Burmeiſter=
Hamburg, anweſend ſein.
Ab Donnerstag vormittag iſt für das Spiel ein Vorverkauf
eingerichtet. Es empfiehlt ſich die Löſung der Karten im Vor=
verkauf
in dieſem Falle ganz beſonders, weil die Kaſſenverhältniſſe
am Eingang des Hochſchulplatzes bei allzu großem Andrang eine
ſchnelle Abwicklung nur ſchwer ermöglichen. Die Eintrittspreiſe
ſind im Vorverkauf weſentlich niedriger. Der Vorverkauf findet
ſtatt für Tribünen= und Stehplätze bei Zeitungsverkauf Skurnik
(Schalterraum der Reichspoſt); Zigarrenhaus Becher, Grafen=
ſtraße
; Friſeurgeſchäft Opp, Riegerplatz; Schneider, Herdweg 28,
1. Stock; für Erwerbsloſen= Schüler= und Jugendkarten bei Hut=
geſchäft
Herold, Große Ochſengaſſe.
Polizei Darmſtadt, 2. Tgſ. Ober=Ramſtadt.
Am Donnerstag ſpielt um 15 Uhr auf dem Polizeiſportplatz
die Ligaerſatz gegen Ober=Ramſtadt, um 10.30 Uhr die 1. und 2
Jugendmannſchaften desſelben Vereins. Die Damenmannſchaft
fährt um 1.30 Uhr nach Worms zum Spiel gegen Olympia
Worms.
Am Samstag fährt die Polizeiliga zur Polizei Hanau zu
einem Freundſchaftsſpiel.
Am Sonntag findet hier um 11 Uhr ein Spiel Polizeiliga
Sportv, Wiesbaden ſtatt 2. Mannſchaft in Wiesbaden gegen
S.=V. Wieshaden 2. 2 Jugend um 14 Uhr gegen Tgſ. in Drei=
eichenhain
.
Tv. Groß=Gerau Tv. Seeheim 3:7 (1:4).
Am letzten Sonntag war die Seeheimer Mannſchaft bei den
Groß=Gerauer Turnern Gaſt, um ein Freundſchaftsrückſpiel aus=
zutragen
. Die Gäſte mußten für Spalt Erſatz einſtellen. Trotz=
dem
gelang es durch die aufopfernde Zuſammenarbeit aller Spie=
ler
, den Gaſtgebern eine deutliche Niederlage beizubringen. Ganz
beſonders aber ſei die vorzügliche Leiſtung des Seeheimer Hüters
hervorgehoben.

Pferdeſpork.

Die deutſchen Reiter in Rom.
Am Sonntag kam als Hauptnummer des Internationalen
Reit=Turniers in Rom ein Jagdſpringen um den Wanderpreis
des anweſenden Königs von Italien zum Austrag, bei dem 10 000
Zuſchauer zugegen waren. Neben den 15 Hinderniſſen und 22
Sprungen bot der Kurs auf der durch den Regen völlig durch=
weichten
Bahn kaum zu überbietende Schwierigkeiten. Obwohl
nach der Ausſchreibung nur die beſte Pferdeklaſſe zugelaſſen war,
gaben 12 von 36 geſtarteten Teilnehmern das Rennen auf. Der
Sieg fiel an den italieniſchen Hauptmann Lombardo, der auf Buf=
falino
in 1:50,2 fehlerlos den Kurs bewältigte. Den zweiten und
dritten Preis holte ſich der franzöſiſche Lt. Ricard mit Arcachon
in 1:57,6 bzw. Pair in 2:09 mit ebenfalls 0 Fehlern. Sehr von
Pech waren die deutſchen Vertreter verfolgt, die trotz guter Lei=
ſtungen
ſich nicht zu placieren vermochten. Obltn. Sahla, der bei
ſeinem Erſcheinen einen Sonderapplaus einheimſte ging in präch=
tiger
Fahrt mit Wotan über den Kurs, doch rutſchte er auf dem
glatten Boden und warf ein Hindernis. v. Barnekow tat mit
Fridericus einen ſehr gefährlichen Sturz, doch blieben Reiter und
Pferd unverletzt. Im zweiten Hauptwettbewerb des Sonntags
um den Preis des italieniſchen Kriegsminiſters ſiegte Obltn.
Tillier=Frankreich in 3:09,6 knapp vor ſeinem Landsmann De=
breuil
. Dritter wurde Obltn. Brandt auf Balmung. Von 19
geſtarteten Teilnehmern kamen nur dieſe drei über den zweimal
zu bewältigenden Kurs.

Fußball.
Reichsbahn Darmſtadt S.=C. Ober=Ramſtadt 1:3 (1:D.
Das Spiel gegen die Gäſte aus Ober=Ramſtadt geſtaltete ſich
zu einem würdigen Auftakt zur Sportwerbewoche des Reichsbahn=
Turn= und Sportvereins. Die zahlreich erſchienenen Zuſchauer
ſahen ein faires und ruhiges Spiel, das von Anfang bis zum
Ende reich an ſpannenden Augenblicken war. Am Mittwoch,
18 Uhr: Eintracht Darmſtadt: Donnerstag, 15 Uhr: Reichsbahn
Aſchaffenburg; Samstag, 18 Uhr: Akadem. Sportklub.
S.=V. Höchſt i. O. S.=V. Roßdorf 3:6.
Die bereits im Spiel gegen Eintracht Darmſtadt erprobte
Umſtellung der Roßdörfer Mannſchaft hat ſich auch in dieſem Spiel
wieder bewährt, denn der Sieg gegen die immerhin nicht ſchlechte
Höchſter Elf, die ſich zudem gerade gegen Roßdorf beſondere Mühe
gab, um ihm die Punkte abzuknöpfen, wurde viel leichter erzielt,
als das Reſultat es beſagt. Roßdorfs Sturm war wieder recht
durchſchlagskräftig und ſchoß insgeſamt 10 Tore; daß hiervon 4
wegen Abſeits vom Schiedsrichter nicht gegeben wurden, war nur
ein Schönheitsfehler. Roßdorf 3. Klein=Zimmern 1. 2:3.
Am kommenden Sonntag nun wird in Groß=Zimmern
vorausſichtlich die Entſcheidung über die Meiſterſchaft fallen. Roß=
dorfs
Mannſchaft geht ſicherlich keinen leichten Gang, denn Groß=
Zimmern wird alles daranſetzen, um die Meiſterſchaft für ſich zu.
entſcheiden und ſich für die im Vorſpiel erlittene Niederlage zu
rächen.
Union Darmſtadt Germania Eberſtadt.
Zum Himmelfahrtstag, 16 Uhr, tritt auf der Renn=
bahn
Germania Eberſtadt zum Rückſpiel an. Die Eberſtädter die
einen guten Fußball ſpielen, treten in etwas anderer Aufſtellung
an. Die Beſſunger, die immer noch nicht in Fahrt ſind, werden
ebenfalls Umſtellungen vornehmen, doch iſt mit einem ſchönen
Spiel zu rechnen.
Olympia Biebesheim.
Die Handballmannſchaft unterlag am Sonntag gegen die
Ligareſerve des S.=V. 98 Darmſtadt 6:4 (2:2). Vor einigen
Wochen unterlagen die Olympianer der äußerſt durchſchlagskräf=
tigen
Gäſtemannſchaft in Darmſtadt 12:3, jetzt war zu konſtatieren,
daß der Kreismeiſter weſentlich an Spielſtärke zugenommen hat.
Die Fußballmannſchaft ſpielte im Freundſchaftskampf gegen
Guntersblum, eine immerhin kräftige und zum Teil talentierte
Mannſchaft Das Reſultat von 9:2 für Biebesheim iſt etwas zu
hoch ausgefallen.
Am Himmelfahrtstag tragen in Biebesheim Ale=
mannia
Groß=Rohrheim. V. f R. Alsheim, Reichsbahn Darmſtadt
und Olympia nach dem Pokalſyſtem einen Klubkampf aus. Be=
ginn
10 Uhr vormittags.
Das Georgi=Schwimmen der 2.T.
Vor 12000 Zuſchauern zwei neue D. T.=Rekorde.
Wie im Voxjahre, fand auch diesmal wieder das Georgii=
Schwimmen in Stuttgart, die größte ſchwimmſportliche Ver=
anſtaltung
der Deutſchen Turnerſchaft in Süddeutſchland, eine
quantitativ wie qualitativ ausgezeichnete Beſetzung. Auch der
Beſuch der zweitägigen Veranſtaltung war außerordentlich gut,
am Haupttage waren rund 12 000 Zuſchauer anweſend. Die in=
tereſſanten
Wettkämpfe brachten zwei neue D.T.=Beſtleiſtungen.
Frl. Weynell=Breslau verbeſſerte die Rekordzeit im 40=Meter=
Tauchen auf 33,8 Sekunden, und im 200=Meter=Lagenſchwimmen
ſchraubte Sommer=Mülhauſen ſeine eigene D. T.=Beſtleiſtung auf
2:51 Minuten. Den Dr.=Georgii=Wanderpreis in der 4X100=
Meter=Lagenſtaffel holte ſich der Turnerbund Cannſtatt in der gu=
ten
Zeit von 5:22,8 Min. Den Abſchluß der Kämpfe bildete ein
Wäſſerballſpiel, das die Tgde. 46 Darmſtadt mit 5:2 gegen den
Tbd. Cannſtadt gewann. Schwimm=Wettbewerbe der Reichswehr
in Württemberg und der Württembergiſchen Schutzpolizei um=
rahmten
das umfangreiche Programm. Die Ergebniſſe:
Männer: 100 Meter Freiſtil: 1. Ernen, Kölner
SC., 1:12,8; 2. Meier, Kölner SC., 1:13. 100 Meter Rücken=
ſchwimmen
: 1. Wanner=Cannſtatt 1:15,8: 2. Schreiber=Pforzheim
1:28,2 Min 4X100 Meter Bruſtſtaffel: 1. MTV. Stuttgart
5:59; 2. Tv. Saarbrücken 6:12,2: 3. Tp. Ulm 6:17 Min.
10X50 Meter Freiſtilſtaffel: 1 Kölner SC. 5:20,6; 2. MTV.
Stuttgart 5:31. 100 Meter Bruſtſchwimmen: 1. Sommer. TG.
Mühlhauſen, 1:21,8 2 Hagedorn. TG. Offenbach, 1:26.4.
4X100 Meter Bruſtſtaffel für Vereine ohne Winterbad: 1. T.S.V.
Kirchheim/Teck 6:40.4; 2. Tv. Marbach 6:55,4. 400 Meter
Freiſtil: 1. Marx, Kölner SC., 6:11,8; 2. Steimel, Kölner SC.,
6:23,4. 200 Meter Lagenſchwimmen: 1. Sommer, TG. Mülhau=
ſen
, 2:51 Min. (Neue D.T.=Beſtleiſtung.); 2. Wanner, Tbd.
Cannſtatt, 3:00 Min. 4X100 Meter Lagenſtaffel: 1. Tbd.
Cannſtatt, 5:22,8; 2. Kölner S.=C. 5:32. 100 Meter Seiten=
ſchwimmen
: 1. Jerger, Tbd. Cannſtatt, 1:16, und Sommer, TG.
Mülhauſen, 1:16: 2. Dill, Tv. 46, Karlsruhe, 1:19,6 Min.
Mehrkampf: 1. Junold Tv. Saarbrücken, 189,3 P.; 2 Sommer,
TG. Mülhauſen, 174,9 P. Hauptſpringen: 1. Stork. Frankfurter
Tv. 46. 139.55 P.; 2. Junold=Saabrücken 121.20 P.; 3. Schön=
leber
, Tbd. Stuttgart, 114.05 P. Waſſerballſpiel: TG. Darm=
ſtadt
gegen Tbd. Cannſtatt 5:2.
Frauen: 100 Meter Bruſtſchwimmen: 1. Mauch. Tbd.
Heilbronn 1:39,8; 2 Stoll, Tv. Pforzheim. 1:41,4. 200 Meter
Lagenſchwimmen: 1. Breitung, Tv. Offenbach, 3:35,8: 2. Schüchtle,
TG. Heilbronn, 3:45. 200 Meter Bruſtſchwimmen: 1. Kunze,
MTV. Stuttgart, 3:39,2; 2. Riedner, TG. Offenbach. 3:45.
100 Meter Seitenſchwimmen: 1 Weynell. Jugendbund Tapiau
(Oſtpr.), 1:32,8; 2. Wagner, Kölner SC., 1:34. 4X100 Meter
Bruſtſtaffel: 1. MTV. Stuttgart 6:56,8: 2. Tv. 34. Pforzheim,
7:25 10X50 Meter Bruſtſtaffel: 1. MTV. Stuttgart 8:176;
2. V. f. L. Stuttgart 8:30,8 10X100 Meter Lagenſtaffel: 1. Tv.
Offenbach 6:46,4; 2 MTV. Stuttgart 6:52. 40=Meter=Tauchen:
1. Weynell, Jugendbund Tapiau (Oſtpr.) 33,8 Sek (Neue D.T.=
Beſtleiſtung); 2. Moll, Tbd. Stuttgart, 39 Sek. Hauptſpringen:
Kapp, Frankfurter Tv. 60, 78.25 P.; 2. Böttigheimer, TG.
Offenbach, 63.85 P.

Weiterbericht.
Die Nordmeerſtrömung zieht nach Nordoſten hin ab, ohne
unſer Wetter außer durch Bewölkung beeinflußt zu haben. Nur
an der Nordſeeküſte trat etwas Regen auf. Da ſich der hohe Druck
über dem Feſtland hält, ſo dürfte für die nächſten Tage meiſt hei=
teres
Wetter zu erwarten ſein, wenn auch mehr im nördlichen
Teil des Reiches Störungsgebilde lokale Gewitterneigung verur=
ſachen
können. Im ganzen ſcheint aber die Schönwetterlage fort=
beſtehen
zu bleiben.
Ausſichten für Mittwoch, den 13. Mai: Viefach heiter, trocken
und warm, nachts Abkühlung.
Ausſichten für Donnerstag, den 14. Mai: Keine weſentliche
Aenderung.

Rf.4
U

ohlen u. neue Füße
an getr. Strümpfe id. Art vom
gröbst. Woll- bis feinst. Seiden-
Strumpf. Füße nicht abschneiden
trickerei Schmidt

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Rheinſtr. 51. (7171blderſtraße 6. (*ids

75Pfg.1Fl. Fußb.=Reinigung
399a) Farben=Krauth, Eſchollbr. Str. 3.

[ ][  ][ ]

Nummer 132

an

Mittwoch, den 13. Mai

Milionenverlufte der geſterreichiſchen
Kredikauftalk für Handel und Gewerbe.
Erfolgreiche Sanierungsmaßnahmen.
Die Oeſterreichiſche Kreditanſtalt für Handel und Gewerbe in Wien
hat der Bundesregierung mitgeteilt, daß ſich bei der Aufſtellung der
Bilanz für das Geſchäftsjahr 1930 Verluſte von insgeſamt
140 Millionen Schilling ergeben haben. Die Verluſte ſind
zurückzuführen auf die Fuſion mit der Bodenkreditanſtalt, auf die Ent=
wertung
des Effektenportefenilles ſowie auf notwendige Abſchreibungen
bei Debitoren. Da das Aktienkapital der Kreditanſtalt 125 Millionen
und die offenen Reſerven 40 Millionen Schilling betragen, hätte nach
dem öſterreichiſchen Geſetz die Zwangsliquidierung des Inſtitutes er=
folgen
müſſen. Dieſe Lage erforderte ein ſofortiges Eingreifen der Bun=
desregierung
, da die Kreditanſtalt aufs engſte mit der öſterreichiſchen
Wirtſchaft verbunden iſt.
Wie jetzt bekannt wird, haben die bereits ſeit drei Tagen in dieſer
Angelegenheit geführten Verhandlungen zwiſchen der Regierung und
allen maßgebenden Stellen Erfolg gehabt. Das Aktienkapital der Kre=
ditanſtalt
wir um 25 v. H. herabgeſetzt. Der Anſtalt werden ferner neue
Mittel in einem ſolchen Ausmaß zugeführt, daß die Verluſte nicht nur
ganz gedeckt, und das bisherige Vermögen von 165 Millionen Schilling
wiederhergeſtellt, ſondern ſogar vermehrt wird. Zu dieſem Zweck wer=
den
der Anſtalt vom Bund 100 Millionen Schilling, von der Oeſterrei=
chiſchen
Nationalbank und dem Hauſe Rotſchild je 30 Millionen zur
Verfügung geſtellt. Die Bundesregierung hat ſich bereits mit den Par=
teien
des Nationalrates in Verbindung geſetzt und feſtgeſtellt, daß einem
Geſetz, das die Regierung zur Begebung von Schatzſcheinen im gedach=
ten
Ausmaß ermächtigen ſoll, keine Hinderniſſe gegenüberſtehen und die
ſofortige Verabſchiedung der Vorlage möglich ſein wird. Zu dieſem
Zweck iſt der Nationalrat auf Mittwoch nachmittag einberufen worden.
Entſprechend der mit Erfolg durchgeführten Sanierung der Kriſe
der Oeſterreichiſchen Kreditanſtalt wickelt ſich der Verkehr bei der Bank
in vollkommener Ruhe ab. Das Geſchäft zeigt keinerlei übernormale
Bewegung und es finden keinerlei nennenswerte Abhebungen ſtatt.
Wirtſchaftliche Rundſchau.
Verein für chemiſche Induſtrie A.=G., Frankfurt a. M. Infolge der
allgemeinen Wirtſchaftskriſe und der hierdurch geſchaffenen ſchwierigen
Abſatzverhältniſſe wurde die Produktion der Geſellſchaft im Geſchäfts=
jahr
1930 in Mitleidenſchaft gezogen. Die Verkohlungsleiſtung mußte
gegenüber dem Jahre 1929 nicht unerheblich gedroſſelt werden. Als
Folge davon iſt in Verbindung mit der unüberſichtlichen Einkaufslage
eine Steigerung der Holzvorräte eingetreten. Die von der Geſellſchaft
vorgenommenen Maßnahmen zur weiteren Senkung der Unkoſten wer=
den
vom Beginn des neuen Geſchäftsjahres an zur Auswirkung kom=
anen
. Die Ergebniſſe der Arbeiten in den wiſſenſchaftlichen Laboratorien
Xonnten teilweiſe in den fabrikatoriſchen Betrieb übertragen werden,
vodurch auf den verſchiedenen Anlagekonten Zugänge entſtanden ſind.
Der mit Wirkung vom 1. Januar 1930 abgeſchloſſene Gemeinſchaftsver=
trag
mit der Gruppe Carbo=Union hat ſich bewährt. Die Gewinn= und
Verluſtrechnung zeigt einen Bruttorohgewinn von (alles in Millionen
RM.) 1,96 einſchließlich 0,092 Vorjahresvortrag. (Im Vorjahre Brutto=
gewinn
1,87.) Abzüglich der Unkoſten von 1,27 (1,15), der Abſchrei=
Hungen von 0,26 (0,17) und der Dubioſen von 0,019 verbleibt ein Rein=
gewinn
von 410 512 (554 786) RM., aus dem eine Stammaktiendividende
Son 5 (7) Prozent und eine Vorzugsaktiendividende von wieder 8 Pro=
ent
zur Verteilung vorgeſchlagen wird. Aus dem Reingewinn ſoll fer=
mer
auf das Hypothekenausgleichskonto ein Abſchreibung von 5000 RM.
worgenommen werden; der Reſt von 79 912 (92 976) RM. ſoll zum Vor=
rag
auf neue Rechnung gelangen. In der Bilanz erſcheinen u a.: An=
agen
2,58 (2,46), Warenvorräte 2,92 (2,42), Effekten und Beteiligungen
,64 (1,28), Debitoren einſchließlich Forderungen an Tochtergeſellſchaften
E,62 (4,68); auf der Paſſivſeite dagegen: Kreditoren 2,39 (2,28), das
Alktienkapital unverändert mit 6,5 und der Reſervefands wieder mit
,325. Im neuen Geſchäftsjahr konnte bis jetzt eine Beſſerung der Lage
nicht feſtgeſtellt werden. In Anbetracht der völlig undurchſichtigen Ver=
hältniſſe
auf den Weltmärkten können für das Jahr 1931 keinerlei Vor=
ausſagen
gemacht werden. (Generalverſammlung 21, Mai.)
Genofſenverſammlung der Höchſter Vereinsbank. Am Montag abend
fand eine vom Genoſſen=Ausſchuß einberufene freie Genoſſen= Verſamm=
lung
der Höchſter Vereinsbank ſtatt. Der Aufſichtsratsvorſitzende wies
darauf hin, daß die Bankleitung im Intereſſe der Genoſſen es habe ab=
lehnen
müſſen, die Konten offenzulegen. Der Status ſei nicht früher
fertig geworden, da es eine ungeheure Arbeit erfordert habe, die not=
wendigen
Unterlagen zu beſchaffen Juſtizrat Kahn legte dann in ſehr
ausführlicher Darlegung auseinander, wie es um die juriſtiſche Seite
der Sanierungsvorſchläge ſteht. Bei einem Stundungsvergleich bindet
ſch der Genoſſe auf drei Jahre, denn er kann während des Morato=
rrums
nicht kündigen. Der Genoſſe habe ſich zu entſcheiden endweder
Konkurs mit allen Folgen oder aber einen Stundungsvergleich mit allen
Riſiken. Nach einer langen Debatte wurde ein Antrag formuliert, der
auf einen Liquidationsvergleich hinzielt und bei der Generalverſamm=
lang
vorgelegt werden ſoll.
Zu dem Jahresabſchluß der Röhm u. Haas A.=G., Chemiſche Fabrik,
Darmſtadt, iſt zu bemerken, daß in der Bilanz die Warenbeſtände mit
rund 10 Millionen (nicht 0,10 Millionen) ſtehen.
Metallnokierungen.
Die Berliner Metalltermine vom 12. Mai ſtellten ſich für Deutſche Erdöl
Kupfer: Mai und Juni 74 (75.50), Juli 77.50 (78.50), Auguſt
78.50 (79.50), Sept. 79 (79.75), Okt. 79 (80) Nov 79.50 (80.25),
Dez. 79.50 (80.50). Jan. und Febr. 80.25 (80.75) März und April
80.50 (80.75). Tendenz; kaum ſtetig. Für Blei: Mai 22.25
(23), Juni 22.75 (23). Juli 22.50 (23.25), Auguſt und Sept. 22.75
(23.25), Okt. und Nov. 23 (23.50), Dez. 23.25 (23.50), Jan. bis
April 23.25 (23.75). Tendenz: ſtetig. Für Zink: Mai. Juni,
Juli 20 (21), Auguſt 20.25 (21.50), Sept. 20.50 (21.75) Okt. 21
(22.25), Nov. 21.50 (22.50). Dez. 22 (23), Jan. 23.25 (23.25), Febr.
23 (23.50), März 23.25 (23.75), April 23.50 (23.75) Tendenz: luſt=
os
. Die erſten Zahlen bedeuten Geld, die in Klammern Brief.
Die Berliner Metallnotierungen vom 12. Mai ſtellten ſich für
je 100 Kilogramm für Elektrolytkupfer prompt cif Hamburg, Bre=
nen
oder Rotterdam (Notierung der Vereinigung für die deutſche 8½ Heſſen v. 2
Elektrolytkupfernotiz) auf 90.25 RM. Die Notierungen der
Kommiſſion des Berliner Metallbörſenvorſtandes (die Preiſe 6% Preuß, Staat,
verſtehen ſich ab Lager in Deutſchland, für prompte Lieferung und / 8% Sachſen ....."
Bezahlung) ſtellten ſich für Originalhüttenlauminium. 98= bis
Yproz., in Blöcken, Walz= oder Drahtbarren auf 170 RM., desgl.
n Walz= oder Drahtbarren 99proz. 174 RM. Reinnickel 98 99proz. 350 RM., Antimon Regulus 5153 RM., Feinſilber
11 Kilogr. fein) 38.7540.75 RM.

Viebmärkte.

* Mainzer Viehhof=Marktbericht. Amtliche Notierung vom 11./12.
Nai. Auftrieb: 14 Ochſen, 12 Bullen, 571 Kühe oder Färſen, 290 Käl=
er
, 960 Schweine. Marktverlauf: In allen Viehgattungen ruhig, bei
broßvieh Ueberſtand. Preis pro 50 Kilo Lebendgewicht: Ochſen c) 45
lis 48, b) 3537, Bullen c) 3235, Kühe a) 3235, b) 2530, c) 2025,
) 1620, Färſen a) 4248, Kälber c) 5763, d) 4556, Schweine
4648, d) 4850.
Amerikaniſche Kabelnachrichken.
Es notierten nach Meldungen aus Chicago am 12. Mai:
Getreide. Weizen: Mai 84½, Juli 63½, Sept. 63½, Dez. 66.50;
Nais: Mai 61, Juli 62, Sept. 60¾, Dez. 52½; Hafer: Mai
8½, Juli 28.75, Sept. 28½, Dez. 31.25; Roggen: Mai 37½8,
zuli 40½, Sept. 40½, Dez. 43.75.
Schmalz: Mai 8.02½, Juli 8.15, Sept. 8.30, Okt. 8.27½.
Schweine, leichte 7.207.40; ſchwere 6.356.80; Schweine=
ufuhren
: Chicago 19 000, im Weſten 84000.
Es notierten nach Meldungen aus NewYork am 12. Mai:
Schmalz: Prima Weſtern 8,75; Talg, extra, loſe 378.
Getreide. Weizen: Rotwinter 93½; Mais, loko New York
9: Mehl, ſpring wheat clears 4.154,65; Fracht: nach Eng=
and
1,62,3 Schilling, nach dem Kontinent 88.50 Cents.

Frankfurter und Berliner Effekkenbörſe.
Frankfurt a. M., 12. Mai.
Die Meldungen über die Vorgänge an der Oeſterreichiſchen Kredit=
anſtalt
hat die Börſe ſtark verſtimmt. Die Spekulation ſchritt in ver=
ſtärktem
Umfange, zu Blancoabgaben, zumal auch von der Kundſchaft
größere Verkaufsorders vorgelegen haben ſollen. Das Vertrauen zur
Börſe wurde noch durch eine Meldung des Daily Herald, der von
einem Millionenſkandal in England berichtet, ſtark erſchüttert, obwohl
die Nachricht ziemlich undurchſichtig iſt. Die feſte geſtrige New Yorker
Börſe blieb unter dieſen Umſtänden vollkommen ohne Eindruck. Das
Angebot zu den erſten Notierungen war ziemlich groß, dem keine Auf=
nahmeneigung
gegenüberſtand. Oeſterreichiſche Kreditanſtalt wurden
zwiſchen 12 und 15 Prozent nach geſtern noch 26,55 Prozent taxiert
Die Kurseinbrüche gegenüber der Abendbörſe betrugen durchſchnittlich von
1½3½ Prozent. Größere Kurseinbußen hatten alle Spezialwerte. So
verloren J. G. Farben 4½ Prozent A. E. G., Licht und Kraft, Gesfürel,
Schuckert und Siemens von 56½ Prozent, Kaliaktien von 47 Pro=
zent
, Karſtadt 6 Prozent und Kunſtſeidepapiere bis 4 Prozent. Auch
Montanwerte verzeichneten Kursverluſte von durchweg 4 Prozent. Den
weitaus größten Verluſt hatten am Bankenmarkt Danatbank, die 7½
Prozent nachgaben, obwohl beſonders ſtarkes Angebot nicht vorhanden
war. Die übrigen Bankaktien verloren bis zu 2 Prozent. Nach den
erſten Kurſen hielt das Angebot an, da die Kuliſſe wahre Angſtver=
käufe
vornahm. Das Kursniveau ermäßigte ſich nochmals um 12
Prozent. Später verſuchten die Großbanken Stützungskäufe, die jedoch
ohne Erfolg blieben. Am Anleihemarkt ermäßigten ſich die Kurſe bis
zu ½ Prozent.
Im Verlaufe wurde das Geſchäft ſehr ſtill, doch lagen auch die
Kurſe unerholt. Die Stimmung war weiterhin ſehr unſicher und ſchwach.
Die Börſe ſchloß, trotz Interventionen von Großbankſeite in ſchwacher
Haltung. Die Kurſe lagen meiſt von 13 Prozent unter dem Anfangs=
niveau
. Karſtadt erreichten mit 33 Prozent einen neuen Tiefkurs. Am
Pfandbriefmarkt war die Umſatztätigkeit klein. Die Kurſe lagen in=
deſſen
ebenfalls etwas ſchwächer. Reichsſchuldbuchforderungen verloren
von 11½ Prozent. Der Geldmarkt war weiter leicht, doch blieb der
Satz mit 3½ Prozent unverändert. Am Deviſenmarkt lag die Mark
feſt. Man nannte Mark gegen Dollar 4.1975. gegen Pfunde 20,41½.
London New York 4,867/s, Paris 124,33, Mailand 92,91, Madrid
48,37. Schweiz 25,2334, Holland 12,10/s. Die öſterreichiſche Wäh=
rung
wurde nur unweſentlich von den obigen Vorgängen beeinflußt.
Die Abendbörſe verlief bei kleinem Geſchäft. Angeſichts der
Wiener Konferenz wird weiter größte Zurückhaltung beobachtet. Ver=
einzelt
ergaben ſich erneute Kursabſchwächungen. So verloren Farben
anfangs ¼. Siemens 1, Kaliaktien ½1 Prozent. Am Montanmarkt
Stahlverein und Rheinſtahl eher etwas freundlicher. Im Verlauf blieb
die Haltung unverändert. Farben erholten ſich etwas bis 137½ nach
137½. Von Kurſen ſind zu nennen: Dvesdner 102,5. Danat 127, Gelſen=
kirchen
69 Rheinſtahl 62,5. Stahlverein 47. Salzdetfurth 199, Nordd.
Lloyd 537/, Aeg. 93,25, Siemens 152,5, Schuckert 128,5, Felten 76, Holz=
mann
70,5. Mainkraft 62, Aku 70,75. Bemberg 87,5.
Berlin, 12. Mai.
Für die heutige Börſe lagen ausſchließlich ungünſtige Momente
vor, wenn man nicht gerade die Erholung in New York, die zudem auch
nur auf Deckungen zurückzuführen war als anregende Nachricht an=
ſprechen
will. Naturgemäß ſtand die Sanierung der Oeſterreichiſchen
Kreditanſtalt im Vordergrund der Erörterungen. Die Tatſache, daß
die Schwierigkeiten inzwiſchen behoben worden ſind, vermochte keinen
beruhigenden Einfluß auszuüben, und es kam, wie ſich bereits vormit=
tags
und vorbörslich vorherſehen ließ, zu den Anfangsnotierungen nicht
unerheblich Ware heraus. Die Umſätze in den Hauptwerten betrugen
100 Mille und mehr, und die Verkaufsaufträge ſtammten zum Teil auch
aus dem Auslande. Zahlreiche =Zeichen erſchienen an den Markt=
tafeln
, und bei verſchiedenen ſolcher Werte konnten zunächſt keine No=
tierungen
zuſtande gebracht werden. Die Rückgänge gegen geſtern be=
trugen
durchweg bis zu 4 Prozent und bei Spezialwerten bis zu 8 Pro=
zent
. Die Meldung, daß auch in London nicht alles in Ordnung ſein
ſoll und, wie der Daily Herald ankündigt, auch dort eine finanzielle
Senſation bevorſtehen ſoll, trug zu der Verſtimmung bei. Die Ausfüh=
rungen
des Finanzminiſters Dr. Dietrich wurden recht ungünſtig auf=
genommen
. Im Verlauf blieb die Stimmung ſchwach, die Banken
nahmen zwar etwas Ware auf, doch ließen ſich auf die Dauer neue Rück=
gänge
von 1 bis 4 Prozent nicht vermeiden. Man ſieht auf die neuen
verſtimmenden Meldungen hin und erwähnte in dieſem Zuſammenhange
die mit 12 Prozent nach 20 Prozent noch hinter den Erwartungen von
15 Prozent zurückbleibende Lindſtröm=Dividende. Anleihen ſchwächer.

Berliner Kursbericht
vom 12. Mai 1931

Der Saakenſtand in Heſſen und Heſſen=Raſſau.
Infolge des bisherigen ungünſtigen Witterungsverlaufs konnte das
Pflanzenwachstum nur geringe Fortſchritte machen, ſo daß der Stand
der Feldfrüchte Anfang Mai durchweg hinter normalen Jahren zurück=
bleibt
. Unter Zugrundelegung der Zahlennote 2 gut, 3 mittel,
4 gering erhalten wir für die heſſiſchen Gebiete folgendes Bild:
Bez. Kaſſel Bez. Wiesbaden Land Heſſen

Roggen
.. 3,2 3,6
3,3 Weizen
.
Gerſte .. . .. 3,1 3,1 3,0 Klee ..... 3,6 Luzerne
.
Bewäſſerungs= 3,3 3,5 3,5 wieſen 3,0 3. Andere Wieſen .. 3,3 3,3 33

Im Vergleich zum Reichsdurchſchnitt iſt die Beurteilung des Saa=
tenſtandes
bei allen Pflanzen in den heſſiſchen Gebieten ungünſtiger.

Brodukkenberichte.

Berliuer Produktenbericht vom 12. Mai. Die Unſicherheit, die durch
die verſchiedenen Regierungstransaktionen in den Produktenmarkt ge=
tragen
worden iſt, hat zu einer faſt völligen Stagnation des Geſchäftes
geführt; Käufer und Verkäufer ſtehen ſich abwartend gegenüber. Das
Inlandsangebot zur prompten Verladung iſt in Weizen und Roggen
ziemlich gering, andererſeits beſteht angeſichts des unbefriedigenden
Mehlabſatzes nur geringe Nachfrage. Bei den wenigen zuſtande kom=
menden
Abſchlüſſen werden etwa geſtrige Preiſe bezahlt. Am Liefe=
rungsmarkte
hielten ſich die Preisveränderungen gleichfalls in engen
Grenzen und geſtrige Schlußpreiſe waren nicht immer behauptet. Wei=
zen
= und Roggenmehle werden nur für den notwendigſten Bedarf ge=
kauft
. In Hafer tritt das Angebot etwas mehr in Erſcheinung, die
erſthändigen Forderungen lauten aber im allgemeinen zu hoch, ſo daß
Abſchlüſſe kaum zuſtande kommen. Der Lieferungsmarkt ſetzte über=
wiegend
ſchwächer ein. Gerſte ſtill.
Kleine Wirkſchaftsnachrichten.
Der vom Statiſtiſchen Reichsamt errechnete Aktienindex (1924/25
100) ſtellt ſich für die Woche vom 4. bis 9 Mai 1931 auf 86,5 gegen=
über
89,1 in der Vorwoche, und zwar in der Gruppe Bergbau und
Schwerinduſtrie auf 80,4 (83,6), Gruppe verarbeitende Induſtrie auf
77,0 (79,5) und Gruppe Handel und Verkehr auf 108,3 (110,6).
Die deutſche Rohzinkproduktion einſchließlich Zinkſtaub ſtellte ſich,
wie der Geſamtsausſchuß zur Wahrung der Intereſſen der deutſchen
Metallwirtſchaft, Berlin, auf Grund der Berechnungen des ſtatiſtiſchen
Büros der Metallgeſellſchaft A.=G., Frankfurt a. M., mitteilt, im Monat
April 1931 auf 3578 Tonnen gegen 4431 Tonnen im Monat März 1931.
Der Treuhandverband Verband Deutſcher Treuhand= und Revi=
ſionsgeſellſchaften
e. V., Berlin, hält ſeine diesjährige Tagung in der
Zeit vom 14. bis 17. Mai zu Frankfurt a. M. ab. Sowohl in der Vor=
ſtandsſitzung
als auch in der öffentlichen Mitgliederverſammlung wer=
den
beſonders im Vordergrunde der Beratungen die Einführung der
Pflichtreviſion und die Neuregelung des Reviſions= und Treuhand=
weſens
ſtehen.
Die Firma Borſig in Berlin=Tegel hat ihre Aktienmehrheit der
Leder= und Riemenwerke Gebr. Reerink A.=G. in Preden an die Familie
Reerink abgetreten. Das Aktienkapital dieſer Geſellſchaft iſt von 325 000
auf 100 000 RM. herabgeſetzt worden. U. a. wurden Abſchreibungen
von gut 100 000 RM. vorgenommen. In den Aufſichtsrat wurde ein
Vorſtandsmitglied der Treuhand A.=G. Rheinland gewählt.
Der zum 1. Juni einberufenen Generalverſammlung der Palmen=
gartengeſellſchaft
wird neben der Genehmigung der Regularien Beſchluß=
faſſung
vorgeſchlagen über die Uebertragung des Geſampvermögens auf
die Stadt Frankfurt unter Genehmigung des darüber abgeſchloſſenen
Vertrages. Die Betriebe werden ihrem ſeitherigen Zwecke erhalten.
Im Vorjahre hatte die Geſellſchaft das Kapital bekanntlich herabgeſetzt
von 320 000 auf 64 000 RM., und wieder erhöht auf 250 000 RM.
Die drei großen ſtaatlichen bayeriſchen Waſſerkraftwerke, die Baher
werke A.=G., die Walchenſeewerk A.=G. und die Mittlere Jſar A.=G.,
ſchlagen eine von 5 auf 4 Prozent herabgeſetzte Dividende zur Vertei=
lung
vor.
Die Pariſer Börſe war geſtern infolge der Ereigniſſe in Spanien und der
prekären Lage der Oeſterreichiſchen Kreditanſtalt äußerſt ſchwach. Die
ſpaniſche Deviſe fiel von 260 auf 254,75, während Rio Tinto 130 Punkte
einbüßten.

Oeviſenmarkt
vom 12. Mai 1931

Berl.Handels=Geſ.
Danatbank . . . . . . .
Deutſche Bank u.
Disconto=Geſ.
Dresdner Bank
Hapag
Hanſa Dampfſch.
Nordd. Lloyd
A. E. G.
Bayr. Motorenw.
J. P. Bemberg
Bergmann Elektr.
Berl. Maſch.=Bau
Conti=Gummi
Deutſche Cont. Gas

113.
125.25
102.50
102.
Haf6
0.
54.
95.
H5.
88.50
69.
38.50
109.
121.50
64.625

Meie ee
J. G. Farben
Gelſ. Bergw.
Geſ.f.elektr. Untern.
Harpener Bergbau
Hoeſch Eiſen
Vhil. Holzmann
Kali Aſchersleben
Rlöcknerwerke
Köln=Neueſſ. Baw
Mannesm. Röhr.
Maſch.=Bau=Unin.
Nordd. Wolle
Oberſchleſ. Koisw.
Orenſtein & Koppel

Vee
138
70.
102.25
58.
50.25
73.75
133.
54.
57.
69.
35.25
44.
69.75E
42.B

Polyphonwerke
Rütgerswerke
Salzdetfurth Kali
Leonh. Tietz
Verein. Glanzſtoff
Verein. Stahlwerke
Weſteregeln Alkali
Agsb.=Nrnb. Maſch.
Baſalt Linz
Berl. Karlsr. Ind.
Hirſch Kupfer
Hohenlohe=Werke
Lindes Eismaſch.
VogelTelegr. Drak
Wanderer=Werke

J
LiKS
202.50
99.50
46.25
137.
60.25
22.
40.
110.50
131.75
41.125
57.50

Helſingfors
Wien
Prag
Budapeſt
Sofia.
Holland
Oslo
Kopenhagen
Stodholm
London
Buenos=Aires
New York
Belgien

Italien

Paris

Währung
100 finn. Mk.
100 Schilling
100 Tſch. Kr
100 Pengö
100 Leva
1100 Gulden
100 Kronen
100 Kronen
100 Kronen
12.Stg.
1 Pap. Peſo
1 Dollar
100 Belga
00 Lire
100 Francs

Gebd
10.55
58.96*
12.422
73.12
3.036
168.45
112.28
12.2
112.4.
20.396
1.326
1.194
58.32:
21.96
16.403

Brief
10.573
59.085
12.443
73.26
3.04
168.7
112 50
112.4
112.6:
20.43
1.330
4.202
58.441
22.00
16.44,

Schweiz

Spanien
Danzig
Japan
Rio de Janeiroll Milrcis
Jugoſlawien 1100 Dinar
Athen

Iſtambul

Kairo

Kanada
Uruguay
Jsland.
Tallinn /(Eſtl.)/100 eſtl. Kr.

Riga

Währung
100 Franken)
1100 Peſetas
u00 Gulden
1 Yen
Portugal 1100 Escubos
100 Drachm
1 türk. 2
1ägypt. 4
lcanad. Doll.)
1 Goldpeſo
100 isl. Kr.
100 Lats

Rai
80.815
41.76
81.52
2.07
0.2c8
7.384
18.36
5.439
20.215
4.192
2.627
92.0.
111.8
80.75

Nie
E0.975
41.34
CI.68
2.070
0.270
7.298
18.90
5.449
20.955
4.200
2.633
92.22
11.88
80.91

Frankfurter Kursbericht vom 12. Mai 1931,

77 Dtſch Reichsanl
6%
5½%Intern.,
6% Baden .......
8%Bayern ......"
6%
v. 29
S

7%0 Thüringen. ..
Dtſche. Anl. Auslo=
junsſch
. 4½/, Ab=
löſungsanl
. . . .
Dtſche. Anl. Ablö.
ſungsſch. (Neub.

Deutſche Schutzge=
bietsanleihe
.. . .

82 Aachen v. 29
8% Baden=Baden.
69 Berlin ..
8% Darmſtadt v. 26
88
v. 28
7% Dreöden.
8% Frankfurt a. M
v. 26
v. 20
8% Mainz ......
8% Mannheim v. 26
v. 27
82 München ....
8% Nürnberg. . . . .
8% Wiesbaden ..."
8% Heſſ. Landesbl.
8% Goldoblig.
4½% Heſſ. Lds.=
Hhp.=Bk.=Liquid.
4¾% Kum.=Obl.
8% Preuß. Lds.
pfbr.=Anſt. G. Pf.!4
*2 Goboblte

100
84.75
74.1
78
100.3
81.75
91.3
95
955.
99.5
78.5
84.1

n2

92

89.5
89
84.5
99
88.5
77.25
93.25
76.5
95.75

An
95.25
96.5
89.5
85

Landeskomm.
Bk. Girozentr. für
Heſſen Goldobl.
89 Kaſſeler Land. Goldpfbr..
7½ Kaſſeler Land.
kredit Goldpfbr..
83 Naſ. Lamdesbl.
83
4½½ Liqu. Obl
Dt. Komm. Sam
mel=Ablöſ.=Anl.
FAuslSer.
Ser, II
Dt. Komm. Samm.
Abl. (Neubeſitz)..

3% Berl. Shp. Bl./100
4½½ Liqu.=Pfbr
8% Frkf. Hyp.=Bk..
4½% Lig.Pfbr.
8% Pfbr.=Bk.
790
Liqu.
4½%
8% Mein.Hyp.=B
4½% Lia. Pfbr.
8%0 Pfälz. Hyp.=Bk.
4½% Lig. Pfbr
8% Preuß. Boden=
cred
.=Bank ....!
4½% Lig. Pfbr.
8% Preuß. Centrl.
Bodencr.=Bank .1101
4½% Lig. Pfbr.
8% Rhein. Hyp. Bk.
4½% Lig. Pſbr.,
8 Rhein.=Weſtf.
Bd.=Credit . . . . . 100.5
8% Südd. Bod.
Cred.=Bank ... . /100.75
44 Lig. Pfbr.

100
95
86
101.25
94.5
86.75
90.75

54.25
73
11
977
90.5
101.75
S7.5
90.65
101.5
97.5
92.9
101/,
97
91
100.5
93
101.5
92
Jaa
97.25
90.75
95.5

Wee
97.25 16% Daimler=Benz
8% Dt. Linol. Werke
% Klöckner=Werl
O Mainkrw. v. 2e
7% Mitteld. Stahl.
8% Salzmannu. Co
7% Ver. Stahlwerke
82 Voigt &Häffner
3. 6. Farben Bond=
50 Bosn. L.E.B
L.Inveſt.
% Bulg. Tah. v.02
4½% Oſt. Schätze
4% Oſt. Goldrente
%vereinh. Rumän
4½%
42
14%0 Türk. Admin.
4½ 1. Bagdad
42
Zollanl.
4½2 Ungarn 1913
1914
4½%
Goldr.
4%
1910
742ſ.
Aktien
Wig. Kunſtziide Unie
A. E. G. .... .. ...
AndregeNorts Zahn
Aſchaffbg. Brauereil
Zellſtoſ
Bemberg, J. P....
Bergm. El.=Werle
BrownBoverickCie.
Buderus Eiſen....
Cement Heidelberg
Karlſtadt
J. G. Chemie, Baſell!
Chem. Werke Albert
Chade ..........
Contin. Gummiw.
Linoſeum
Daimler=Ben...."

100.3

96.5
87.75
85.75
84),
94
100
20
281
36.75
22

3.9
15.8

Ae
15.8

72
94.9

Ar

Mift Fcche
Erdöl ..
Gold=u. Silber
ſcheide=Anſtalt
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88.75
125
78
69
83
108.5
110.25
203
29.5
87
94
AR
31

Nane

102
43
39‟/=
100
55
160

77

Vee Mie 7
Lüdenſcheid Metalll 39.5
Lutz Gebr. Darmſt.) 12.5
Mainkr.=W. Höchſt.)
Mainz. Akt.=Br. . . . 1124
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Mansfeld Bere..
Metallgeſ. Frankf.. 67
Miag, Mühlenbau.
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Riebeck Montan. . .
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Rütgerswerte.
48.25
135
Sachtleben
204
Salzdetfurth
175
Salzw. Heilbr=
170
Schöfferhof
Schramm. Lackfb=
Schriftg. Stempel./ 77
Schuckert Eleftr.

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Tellus Bergbau../ 39
Thür. Liefer.=Geſ.=/ 68
Tietz Leonhard.
Tucher=Brauerei
Unterfranken
18.5
Beithwerſe".
Ver. f. Chem. Ind./ 60:25
Stahlwerke
Strohſtoffabr. 1115
Ultramarin ..

Ma Me
Voigt & Haeffner.
Wayß & Freytag.
Wegelin Rußfabrik
Weſteregeln Kali..
Zellſtoff=Verein ..
Waldhof...
Memel..

64

Allg. Dt. Creditanſt./ 90=/,
Badiſche Bank. . . . 141
Bk. f. Brauinduſtr.
BarmerBanwverein/100
Bayer. Hyp. u. W. 124.5
Berl. Handelsgeſ..
Shpothetbf. 212
Comm. u. Privatb. /103.75
Darmſt. u. Nat.=Bk. 124
Dt. Bank und Disc. 101.75
Dt. Eff. u. Wechſel/ 94.75
Dresdner Bank. . . /102.75
Frankf. Bank
88.5
Hyp.=Bank
11a0
Pfdbr.=Bk. . . . 150
Mein. Hyp. Bank ../145.5
Oſt. Creditanſtalt
Pfälz. Hyp.=Bank /131
Reichsbank=Ant. . 1143.5
Rhein. Hyp.=Bank. /131.5
Südd. Bod.=Cr. Bf. 138.5
Wiener Bantverein
Württb. Notenban/ /129

A.-G. ſ. Veriehrsw. 52.5
Allg. Lokalb. Kraftw/1.13
7% Dt. Reichsb. Vzo
Hapag .......... 53
Nordd. Lloyd..
54.25
Südd Eiſenb.=Geſ./ 89.5

Allianz. u. Stuttg.
Verſicherung ...
Verein. Verſ./210
FrankonaRück=u.M
Mannh. Verſich ../ 27

Otav iMinen:
Schantung Handelsl 68

[ ][  ][ ]

Seite 18

Mittwoch, den 13. Mai 1931

Nummer 132

Nur noch heute und morgen

Donglas Fairbanks u. Mary Pickford
in dem köstlichen Lustspielschlager

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Der Widerspenstigen
Zähmung
Nach Shakespeare.
Regie: Sam Taylor.
Douglas Fairbanks wieder in einer
glänzenden Rolle die er ganz seiner bekannten
bravourösen Eigenart gemäß, als der siegreich
lächelnde Held zu gestalten weiß und Mary
Pickforck als seine Partnerin, erschließen
das romantische Milien der Handlung mit
aller Kunst ihrer Darstellung.
Dazu das gute Beiprogramm.
Beginn: 3.45, 6.00 und 8.20 Uhr.

Ab heute
im großen Doppelprogr amm.
Ein eindrucksrolles Filmwerk aus
der kalifornischen Wüste
Galgenvögel
(Hell’s Herves)
Begie: W. Wrler
In den Hauptrollen:
Charles Bickford, Raymond
Hatton und Fred Kohler
Der Film bringt Bilder der Steppe,
Sandstürme, wild dahinstürmende
Reiter in abwechslungsreicher Folge
und zeigt das Schicksal dreier Vaga-
bunden
unter den glühenden Strahlen
einer unbarmherzigen Wüstensonne.

H

Heute und folgende Tage
Anny Ondra und Vlasta Burian
in dem neuen heiteren Tonfilm

Im II. Teil:

Der einsame
Adler
Die Geschichte eines
deutschen Kampffliegers
Ein Heldenlied v. Kämpfen
in den Wolken
mit Oskar Marion, Raim.
Keane, Donald Stuart,
Barbara Kent u. a.
Beginn: 3.45, 6.00 und 820 Uhr.

und Sene
Aiudester
mit Roda-Roda, Berthe Ostyn, Hans Götz,
André Pilot u. a.
Nach der gleichnamigen Posse von Bernh.
Buchbinder, für den Film bearbeit. v. Roda-Roda.
Regie: Carl Lamac.
Eine Tonfilm-Humoreske von unerhörtem
Temperament u. einer Fülle urkomischer Szenen.
Jedes Bild ein Lachschlager.
Anny Ondra, das Mädchen mit den schönen
Beinen, und Vlasta Burian, bekannt als
falscher Feldmarschall, zusammen wit Roda-
Roda ergeben ein Dreigestirn, über das man
Tränen lacht.
IV.7496
Dazu ein
reichhaltizes Beiprogramm.
Jugendliche haben Autritt.
Beginn: 3.45, 6.00 und 8.20 Uhr.

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(2 Sto.) Speyer (1 Std.) Frankenthal=
Worms (½ Std.=Darmſtadt.
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14. Mai (Himmelfahrt) 7.30 Uhr Erfelden
(Altrhein). Fahrtpreis hin u. zurück Mk. 1.00
14. Mai (Himmelfahrt) Halbtagestour
A fahrt 14 Uhr Eberſtadt=Mühltal= Beer=
bach
=Felſenmeer (¾ Std.) =Kuralb (1 Std.)
=Balthauſen=Jugenheim (1 Std.)=Darm=
Fahrtpreis nur Mk. 2 50.
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Rothenburg o. d X.
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an der Festhalle.
7542

[ ][  ][ ]

Nummer 132

Mittwoch, den 13. Mai 1931

Seite 19

Stawia woind anttatet.
Roman von Alexandra von Boſſe.
(Nachdruck verboten.)
Copyright 1930 by Karl Köhler u. Co., Berlin=Zehlendorf.

Oreſte war, dies überlegend, im Zimmer auf und nieder
gegangen, jetzt ſetzte er ſich wieder, wie erſchöpft, an den Tiſch
und preßte die Fäuſte an die hämmernden Schläfen. Der Ge=
danke
an ſolchen Mord entſetzte ihn, aber er ſah keine andere
Möglichkeit, die Gefahr mit Sicherheit zu bannen, die ſein und
Flavias Glück bedrohte. Sogar, wenn es gelingen ſollte, den
Menſchen zu bewegen, zu ſchweigen und für Flavia tot zu
bleiben, würde die Gefahr weiter beſtehen, ſolange er lebte.
Es handelte ſich um Flavias Glück und um ihre Seelenruhe!
Was galt dagegen das Leben eines Deutſchen?

Neuntes Kapitel.
Unter römiſchem Himmel.
In München verkaufte Richard Droſten die von Onkel Poldi
erhaltenen Wertpapiere noch leidlich günſtig und tauſchte das er=
haltene
deutſche Geld in italieniſche Lire ein. Dann hatte er zu
tun, ſich Auslandspaß, Viſum, Einreiſeerlaubnis und was alles
an Papieren zu einer Reiſe in ein Nachbarland nötig war, zu
beſchaffen, nachdem der Vertrag von Verſailles abgeſchloſſen
wurde.

Es war der zwanzigſte Auguſt, als er endlich abreiſen konnte.
Auf der öſterreichiſchen Strecke war irgendwo eine Zugentglei=
ſung
geweſen; der von Italien kommende Zug hatte umrangieren
müſſen, kam verſpätet in Kufſtein an, wo neue Wagen eingeſtellt
wurden. Das hatte zur Folge, daß auch der von München eintref=
fende
Zug in Kufſtein länger zu halten gezwungen war und die
von Italien kommenden und nach Italien reiſenden Zuginſaſſen
ſich hier begegneten.
Auf dem Bahnſteig bemerkte Richard einen mittelgroßen
ſchlanken Herrn mit angenehmem bräunlichen Geſicht, der offen=
bar
Italiener war. Er ſah ihn mit einem öſterreichiſchen Beamten
ſprechen, mit dem er ſich vergeblich zu verſtändigen ſuchte. Beide
waren ſchon ganz ärgerlich, da der eine kein Deutſch, der andere
kein Italieniſch verſtand. Richard trat hinzu und vermittelte,
was nicht ſchwer war, weil er geläufig italieniſch ſprach. Im über=
füllten
Warteſaal, wo die Reiſenden die unfreiwillige Reiſeunter=
brechung
durch eine Mahlzeit ausfüllten, machte es ſich dann zu=
fällig
, daß Richard mit dem Italiener am gleichen kleinen Tiſch
Platz fand, und ſie miteinander ins Geſpräch kamen.
Der Italiener wunderte ſich, daß Richard, als Deutſcher, ſo
vollkommen die italieniſche Sprache beherrſchte, und Richard ſagte,
daß er vor dem Kriege viel in Rom gelebt habe, dort einen Teil
ſeiner Jugend verbracht hätte. Sie ſprachen vom Rom, vermieden
es aber beide, vom Kriege zu ſprechen; ſo vertrugen ſie ſich ganz
gut. Der Italiener war Richard dankbar für die Hilfe, die er ihm
gewährt, wurde mitteilſam und erzählte, daß er in Deutſchland
eine private Angelegenheit zu erledigen habe, und wie ſtörend es
dabei ſei, daß er nicht Deutſch ſprechen könnte. Als dann die be=
vorſtehende
Abfahrt des nach Italien laufenden Zuges angekün=
digt
wurde, und Richard ſich erhob, ſchüttelte der Italiener ihm
freundlich die Hand und ſagte, er freue ſich der Bekanntſchaft und
hoffe, die ihm erwieſene Gefälligkeit einmal erwidern zu können.
Dann ſtellte er ſich vor:
Conte Bronchi.
Richard nannte ſeinen Namen, aber in dieſem Augenblick
raſſelte draußen ein Kofferwagen vorüber, ſo blieb dieſer Name
Oreſte Bronchi unverſtändlich, und nicht die leiſeſte Ahnung
ſagte ihm, daß vor ihm der Mann ſtand, den zu ſuchen er
nach Deutſchland reiſte, und deſſen Leben zwiſchen ihm und
Flavia ſtand. Richard ſeinerſeits wußte nicht, daß ein Vetter

Flavias Graf Bronchi hieß. Hatte ſie ihn früher einmal er=
wähnt
, ſo war ihm das entfallen, und natürlich ahnte er nicht,
in welcher Beziehung dieſer Vetter zu ihr ſtand. Sie verab=
ſchiedeten
ſich freundſchaftlich voneinander, und jeder ging ſeines
Weges.
Kurz nach Mittag des folgenden Tages traf Richard in
Rom ein und nahm Wohnung in einem kleinen Hotel in der
Via Frattina, das ihm von früher bekannt und auch früher
in deutſchem Beſitz geweſen war.
Kaum umwehte ihn die weiche römiſche Luft, war ihm
zumute, als ſei Flavia ihm nahe. Mächtig drangen Erinnerun=
gen
auf ihn ein, und ſein Verlangen, ſie wiederzuſehen, ſie
wieder ſein Eigen zu nennen, wuchs derart, daß es ihn faſt
krank machte. Hier in Rom wurde es ihm erſt wieder bewußt,
wie leidenſchaftlich er Flavia geliebt hatte und wie leiden=
ſchaftlich
ſie ſeine Liebe erwidert. Wie ſo ganz hatte damals
dieſe Liebe ſein Leben ausgefüllt, ihm Glanz und Licht ver=
liehen
. Lebendig ſtand dieſe Zeit vor ihm, als wären nicht
Jahre, ſondern nur wenige Tage ſeitdem vergangen.
Immer mehr feſtigte ſich nun in ihm die Ueberzeugung, daß
Flavia nicht aufgehört habe, ihn zu lieben. Wie konnte ſolche
Liebe aufhören? Aber war ſie noch ſein? Die Möglichkeit beſtand,
daß die irrige Kunde über ſeinen Tod nicht zu ihr gedrungen war,
weil zwiſchen Italien und Deutſchland ſolange jeder Verkehr ab=
gebrochen
geweſen. Niemand wußte von ſeiner heimlichen Verbin=
dung
mit ihr, niemand hatte alſo die Notwendigkeit einſehen kön=
nen
, ihr ſeinen Tod zu melden.
War das nicht geſchehen, ko konnte er hoffen, daß Flavia ihm
treu geblieben war und noch immer ſeine Rückkehr erwartete, wie
eine Penelope die ihres durch böſen Zauber zur Irrfahrt ge=
zwungenen
Odyſſeus. Er mußte bei dieſem Vergleich lächeln, der
doch ſtimmte, denn ſicherlich war Flavia in den Jahren ihrer
Trennung nicht unbegehrt geblieben. Wie Penelope, waren ihr,
die ſo liebenswert war, Freier genaht, hatten ſie umworben und
mit ihrer Liebe bedrängt. Und bang fragte er ſich, ob ſie auf die
Dauer dieſer Umwerbung hatte widerſtehen können.
Es wunderte ihn faſt, wie ſehr ihn jetzt die Sehnſucht nach
ihr quälte. Es hatte Zeiten gegeben, da er durch Wochen, ja Mo=
nate
hindurch nicht mehr ihrer gedacht hatte, oder nur wie an
ein Etwas, das ihn nichts mehr anginge. So fern war ihm da=
mals
alles gerückt geweſen, was vor dem Kriege war. Als ver=
dreckter
und verlauſter Sträfling in einem ſibiriſchen Gefängnis,
mit Keten an den Beinen, wäre es beinahe lächerlich geweſen, an
die junge, ſchöne, ſtolze Flavia Roccaferri als an ſein ihm vor
Gottes Altar getrautes Weib zu denken. Später auch hatte er
jeden Gedanken an ſie verbannt, oder ſeine ganze ſeeliſche Ver=
faſſung
hatte derlei Gedanken in ihm ausgelöſt. Das war wäh=
rend
ſeines Umherirrens durch die Weiten des unglücklichen ruſſi=
ſchen
Reiches. Während dieſer Zeit hatte ſich in ihm nur Sehn=
ſucht
nach Ruhe, nach Satteſſen und endlicher Sicherheit geregt,
und der Wunſch, die Grenze zu ereichen, ſie zu überſchreiten. Wie
ein verhungerter, gehetzter Hund war er geweſen, der ſich ſcheu
vor jedem menſchlichen Weſen verbirgt, in jedem einen Feind wit=
ternd
, der ihm nach dem Leben trachtet.
Das war nun alles überſtanden, lag hinter ihm, gleich einem
böſen, unwirklichen Traum. Jetzt war er wieder Menſch.
Aber nun erſchien es ihm beinahe traumhaft, daß er ſich wie=
der
in Rom befand, wieder römiſche Luft atmen durfte. Wie ein
Träumender wandelte er durch die ihm ſo wohlbekannten und
vertrauten Straßen Roms, durch die wie ſonſt der lebhafte Ver=

IHbg.

Aber! Onkel Otto!
Herz ist doch Trumpf!
Ja, Kinder, mit meiner Zerstreutheit und Nervosität
wird das immer schlimmer."
Dann versuch’s doch mal mit dem coſteinfreien Kaſtee
Hag. Der wird Deinen Nerven gut tun. Kaſfee Has
schmeckt wirklich genau so gut, wenn nicht besser, als
der herrliche Mokke, den es bei Euch immer gibt."
Das will allerdings viel heißen. Also schön, noch
heute wird Kaftee Hag probiert.
Herz ist Trumpf! Kaffee Hag schont das Herz.

kehr des ſüdlichen Lebens flutete. Alles erſchien ſo unverändert,
als wäre kein Krieg geweſen und hätte kein Haß vorher verbün=
dete
Völker auseinandergeriſſen. Allmählich erſt bemerkte er
Einzelheiten, die erinnerten, daß Italien gegen Deutſchland Krieg
geführt hatte und ſich ſeines großen Sieges freute. Es wimmelte
von Offizieren in kriegsgrauen Uniformen, und kein einziger war
darunter, der nicht auf der Bruſt eine ganze Sammlung von
Bändchen und glänzenden Orden, Abzeichen ſeiner Tapferkeit vor
dem Feinde, trug. Alle waren ſie Sieger. Und dann bemerkte er,
daß auch in Rom der neue Reichtum ſich breit machte und zur
Schau ſtellte. In den Wagen und Autos ſchillerte es von Farben,
die darin ſitzenden Damen hatten breite, gewöhnliche Geſichter,
runde, herausfordernde Augen, ſeltener konnte man in einer der
Equipagen das ſchmale, raſſige Geſicht einer Dame der römiſchen
Ariſtokratie erblicken.
Erſt am zweiten Tage nach ſeiner Ankunft fand Richard den
Mut, ſich hinauf in die Via Brigitta zu begeben, wo im Palazzo
Trenti Flavias Tante, die Gräfin Corſano, und Flavia ſelbſt vor
dem Kriege gewohnt hatten. Hier erſt erfuhr er, daß die Gräfin
Corſano bereits im Frühjahr 1915 geſtorben war. Der Diener
der neuen Inhaber dieſer Wohnung gab ihm dieſe Auskunft, aber
als Richard ihn nun nach der Marcheſina Flavia Roccaferri
fragte, wußte er nichts von ihr.
Richard ſagte ſich, daß Flavia nach dem Tode ihrer Tante ge=
wiß
zu ihrem Vater nach Turin zurückgekehrt war. Die Rocca=
feris
waren Turiner. Sicherlich hatte ſie ihm das damals brief=
lich
mitgeteilt, ihm eine neue Anſchrift gegeben, doch war dieſe
Meldung nicht in ſeine Hände gelangt, wie dann wahrſcheinlich
ſeine noch nach Rom gerichteten Briefe ſie nicht erreicht hatten.
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unſeren Verteilungsſtellen ermitteln, werden wir dieſelben bei der Polizei zur Anzeige bringen.

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Seite 20

Mittwoch, den 13. Mai 1931

Nummer 132

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Darmſtadt und den Bekanntmachungen des
Polizeiamts Darmſtadt.
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handtaſchen
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Schlüſſel. Zugeflogen: 1 Pfauentaube.
Zugelaufen: 1 großer ſchwarzer Hund,
1 kleiner heller Hund.
Wir machen wiederholt darauf auf=
merkſam
, daß auch noch Fundgegenſtände
vorhanden ſind, die in früheren Bekannt=
machungen
verzeichnet waren. Intereſſen=
ten
können die Fundgegenſtände während
den Büroſtunden auf dem Fundbüro des
heſſ. Polizeiamts, Zimmter 11. beſichtigen

Oeffenkliche Impfung.
Unentgeltliche Impftermine für die
im Jahre 1930 geborenen ſowie für
ältere, bisher noch nicht geimpfte Kin=
der
werden demnächſt wie folgt je=
weils
von 1517 Uhr abgehalten:
in der Rundeturmſchule, Rundeturm=
ſtraße
9, am Mittwoch, den 13.,
20., 27. Mai und 3. Juni d. J.,
in der Ohlyſchule, Friedrichſtraße 1,
am Samstag, den 16., 23., 30. Mai
und 6. Juni d. J., und
in der Mornewegſchule, Hermann=
ſtraße
21, am Samstag, den 16.,
23., 30. Mai und 6. Juni d. J.
Nachſchau acht Tage ſpäter in den
gleichen Schulen.
Kinder, die in dieſen Impfterminen
nicht geimpft werden ſind bis zum
Jahresſchluſſe auf Koſten der Eltern
impfen zu laſſen.
Aus einem Hauſe, in dem anſteckende
Krankheiten, wie Scharlach. Maſern,
Diphterie, Krupp, Keuchhuſten, Fleck=
typhus
, roſenartige Entzündungen oder
die natürlichen Pocken herrſchen, dürfen
Impflinge zum allgemeinen Termin
nicht gebracht werden. Die Eltern der
Impflinge oder deren Vertreter haben
dem Impfarzt vor der Ausführung der
Impfung frühere oder noch beſtehende
Krankheiten des Kindes mitzuteilen.
Die Kinder müſſen zum Impftermin
mit reingewaſchenem Körper und mit
reinen Kleidern gebracht werden.
Darmſtadt, den 12. Mai 1931.
St. 7506) Der Oberbürgermeiſter.

Ergänzung.
Zu meiner Verſteigerungs=Anzeige
vom 12. Mai 1931 wird hiermit bekannt
gegeben, daß die Verſteigerung der:
1 Mähmaſchine, 8 Kaſtenwagen,
1 Autoanhänger
um 31/, Uhr ſtattfindet. Treffpunkt:
Eche Eichwieſen= und Beſſungerſtr.
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Stellv, des Gerichtsvollziehers Wein=
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Am Freitag, den 29. Mai d. J.,
vormittags 10 Uhr,
findet in Darmſtadt auf dem Pferde=
marktplatz
(Holzhofallee) eine Verſtei=
gerung
von zirka
70 Bullen des heſſ. Fleckviehſchlages,
12 Ebern des vered. Landſchweines u.
10 Ebern des deutſchen Edelſchweines
mit Abſtammungsnachweiſen ſtatt.
Die Tiere ſtammen aus den beſten an=
erkannten
Starkenburger Zuchten und
haben zum Teil Leiſtungsnachweis, ſo
daß die Gemeinden und ſonſtigen Inter=
eſſenten
hier ſehr günſtige Gelegenheit
haben, beſtes Zuchtmaterial an Bullen
und Ebern auszuſuchen und zu ſteigern.
Alle Intereſſenten ſind zu dieſer
Veranſtaltung frdl. eingeladen.
Landwirtſchaftskammer=Ausſchuß
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