Darmstädter Tagblatt 1926


16. September 1926

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Einzelnummer 10 Pfennige

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Wöchentliche illuſtrierte Beilage: Die Gegenwart, Tagesſpiegel in Bild und Wort
Nachdruck ſämtlicher mit * veriehenen Original=Aufſätze und eigenen Nachrichten nur mit Quellenangabe Darmſt. Tagbl. geſiatiet.
Nummer 257 Dongerstag, den 16. September 1926. 189. Jahrgang

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FinanzAlnzeſgen 40 Reſchepfg. Rellamezelte 92 mm
breit 2 Neſchsmart. Anzelgen von auswäris 40 Reſchpſg.
FinanzeAnzeigen 60 Reichspſg, 92mm brelie Rellame=
zeile
300 Reſchemarl. Alle preiſe in Reſchsmark
ſ Doller 420 Marl. im Fall höhere
Gewalt wie Krieg. Aufruhr. Streit uſw. erliſcht
jede Verpſichtung auf Erfüllung der Anzeſgen=
auſtlge
und Teſtung von Schadenerſatz. Bei
Konlus oder gerſchticher Beſtelbung fall eder
Nabalt weg. Banfkfonto: Deuiſche Banl und Darm
ſädter und Natſopalbanl.

Or. Curtug äber die Grandias

tigen Wirtſchaftspolitik.

Die Stellung des Großhandels im Organismus der deutſchen Wirtſchaft. Der Umwälzungsprozeß im modernen
Wirtſchaftsſyſtem. Die Auswirkungen des Dawesplanes. Die Schwierigkeiten für die Ausfuhr auf dem Weltmarkt.
Protektioniſtiſche und autarkiſche Beſtrebungen.Grundſatz der Handeisveriragspolitik: uneingeſchränkte Meiſtbegünſtigung
mit Tarifabreden. Das Ziel: Einkiang zwiſchen National= und Weitwirtſchaft.

Die Tagung des deutſchen
Großhandels.
Düſſeldorf, 15. September.
Unter ſehr zahlreicher Beteiligung aus allen Teilen des
Reiches wurde geſtern die 10. Großhandelstagung des
Zentralverbandes des Deutſchen Großhandels
in Düſſeldorf eröffnet. Auf der Tagung waren die führenden
Perſönlichkeiten des Großhandels volſtändig vertreten. Reichs=
wirtſchaftsminiſter
Dr. Curtius, eine Reihe von Miniſtern der
einzelnen Länder, zahlreiche Vertreter der Reichs= und Landes=
behörden
waren anweſend, ferner die Vertreter der wirtſchaft=
lichen
Spitzenorganiſationen und zahlreicher wirtſchaftlicher Fach=
organiſationen
ſowie Handelskammern.
Reichswirtſchaftsminiſter Dr. Curtius
hielt am zweiten Verhandlungstag folgende Rede:
Namens der Reichsregierung und ihrer hier anweſenden
Vertreter habe ich die Ehre, auf die freundlichen Begrüßungs=
worte
Ihres Herrn Präſidenten und des Herrn Vorſitzenden der
Bezirksgruppe Düſſeldorf zu erwidern. Zugleich bin ich gebeten
worden, Ihnen die Grüße des Herrnpreußiſchen Han=
delsminiſters
und der preußiſchen Staatsregie=
rung
zuübermitteln. Ich entledige mich dieſes Auftrages
um ſo freudiger, als ich damit das vertrauensvolle Zuſammen=
arbeiten
zwiſchen meinem Miniſterium und dem preußiſchen Han=
delsminiſterium
öffentlich zum Ausdruck bringen kann.
Wir alle danken Ihnen herzlich für Ihre Einladung, die mir
nach Zeit, Ort und bedeutungsvollen Beratungsgegenſtänden
über die Struktur der Binnenwirtſchaft und die Grundlagen
unſerer Handelspolitik beſonders glücklich zu ſein ſcheint. Unſer
Dank gebührt daneben allen denjenigen, die ſich in freundlicher
Weiſe bereitgeſtellt haben und bereitſtellen, den Gäſten den
Aufenthalt ſo angenehm wie möglich zu geſtalten.
Wir hegen die beſten Wünſche für den Verlauf
Ihrer Tagung, die um den Appell Ihres Geſchäfts=
führers
Herrn Dr. Engel am Schluſſe ſeines Begrüßungsartikels
aufzugreifen Dienſt am deutſchen Volke ſein möge.
Wir wünſchen darüber hinaus kräftiges Gedeihen Ihres gewal=
tigen
, 300 Fachverbände und viele tauſend Einzelmitglieder um=
faſſenden
, nicht nur für den Großhandel, ſondern für die ganze
deutſche Wirtſchaft ein unentbehrliches Organ, darſtellenden
Zentralverhandes.
Der Handel, vor allem der Großhandel, ſpürt wie
kaum ein anderer Wirtſchaftszweig die Erſchüt=
terungen
in der Weltwirtſchaft, das Auf und Ab
der Konjunktur. Als Träger des Güteraustau=
ſches
im Inland und zwiſchen den Nationen hat
er in ſtärkſtem Maße die Umſchichtung der Wirt=
ſchaftsfundamente
verſpürt, die in der Kriegs=
und Nachkriegszeit als Folge und Begleit=
erſcheinungen
der politiſchen Ereigniſſe zu be=
obachten
war. Im Kriege durch die feindlichen Maßnahmen
von ſeinen überſeeiſchen Verbindungen abgeſchnitten, im Inlande
durch die Zwangswirtſchaft faſt ausgeſchaltet, mußte ihm der
Wiederaufbau nach dem Kriege ganz beſonders ſchwer werden,
vor allem auch, weil in der Iuflationszeit ungeeignete Elemente
in ihn eingedrungen waren, die ſein Anſehen in weiten Kreiſen
untergruben und mißverſtändlichen Auffaſſungen über Weſen und
Bedeutung des Handels Vorſchub leiſteten. Zu begründeten
Vorwürfen kam, wie in allen Zeiten weitgehender Unzufrieden=
heit
, die Suche nach dem Sündenbock. Kurz, es hat noch in naher
Vergangenheit in weiten Kreiſen eine grundſätzlich dem Handel
ablehnend gegenüberſtehende, ja Ihnen feindliche Anſchauung
geherrſcht. Es gewinnt den Anſchein, als wäre dieſer Zuſtand
heute überwunden. Bezeichnend dafür waren für mich die Er=
klärungen
Dr. Silverbergs auf der jüngſten Tagung des Reichs=
verbandes
der deutſchen Induſtrie in Dresden, die ich mit beſon=
derer
Freude gehört und denen ich aufrichtig zugeſtimmt habe:
Das induſtrielle Unternehmertum, das organiſierte und
nichtorganiſierte, iſt heute wieder zu der Ueberzeugung gekommen,
nicht nur, daß der durch eine Jahrhunderte alte Tradition und
durch volkswirtſchaftliche Erfahrung legitimierte Handel für die
Abſatzwerbung und für die billigſte Bedarfdeckung, nicht zuletzt
für die Geld= und Kreditvermittlung zwiſchen Produktion und
letzten Konſumenten eine Notwendigkeit iſt, ſondern daß er jeder
Förderung und Stützung bedarf. Es iſt erfreulich, dieſe Wand=
lung
in der Einſtellung zum Handel feſtſtellen zu können.
Sie werden ſich fteilich trotz dieſer Erklärung nicht in Sicher=
heit
wiegen dürfen. Ohne Zweifel ſtehen Ihnen
ſchwere Kämpfe, vor allem mit Rückſicht auf die
neuere Entwicklung im Einzelhandel und die
Erſtarkung der Genoſſenſchafts= und Konſum=
vereinsbewegung
bevor. Aus programmatiſchen Arti=
keln
für Ihre Tagung, aus Beſprechungen mit maßgebenden
Mäunern aus Ihren Reihen weiß ich, daß Sie entſchloſſen
ſind, dieſem erhöhten Wettbewerb durch Um=
ſtellung
Ihrer Betriebe, durch Zuſammenſchluß
und andere der Lage angepaßte Maßnahmen zu
begegnen. Ich zweifle nicht daran, daß es dem Großhandel
bei ſeiner Anpaſſungsfähigkeit gelingen wird, ſich auch in neuen
Wirtſchaftsverhältniſſen durchzuſetzen. Wo immer möglich, I

werden Sie den Beweis erbringen müſſen, daß
Sie beſſer, billiger und günſtiger arbeiten, als
andere Verteilerorganiſationen. Sie werden mit
anderen Worten durch Ihre tatſächlichen Leiſtungen für Ihre
Unentbehrlichkeit ſelbſt zeugen.
Wir ſtehen am Ende eines Abſchnittes, in dem die Staats=
tätigkeit
auf dem Gebiete der Wirtſchaft ſich weſentlich als Not=
ſtandsaktion
gekennzeichnet hat. In dieſer Kriſenzeit konnten wir
nicht Grundſätzen nachforſchen. Wir mußten ohne Rückſicht auf
Prinzivien im Vertrauen auf die Zuverläſſigkeit des Gefühls
und die Stärke des Glaubens an Deutſchlands Zukunft zugreifen
und mit äußerſter Anſpannung Kräfte und Mittel des Staats
zur Verfügung ſtellen, um der Wirtſchaft über die Kriſe hinweg=
zuhelfen
.
Nun ſcheint mir aber die Zeit gekommen, wo in Selbſt=
beſinnung
, in Nückſchau auf die Vergangenheit und Vor=
bereitung
zukünftig notwendiger Entwicklung Wirtſchaft
und Staat jeder für ſich und beide miteinander grund=
legende
und grundſätzliche Ueberlegungen und Erörterun=
gen
pflegen müſſen.
Zu dieſer Haltung berechtigen und verpflichten vor allen
Dingen drei Umſtände.
Zunächſt
die Konjunktur.
Befürchten Sie nicht optimiſtiſche Vorausſagen unſerer nächſten
und feineren Wirtſchaftszukunft. Nichts liegt mir ferner. Die=
jenigen
, die die jüngſt verlaufene Kriſe Kriſe im techniſchen
Sinne des Wortes mit der Kennzeichnung Deflationskriſe‟
glauben abtun zu können, ſind im Irrtum.
Die europäiſche, noch mehr die deutſche Wirtſchaftslage
iſt das Ergebnis der unvermeidlichen Neaktion eines hoch
entwickelten, äußerſt komplizierten modernen Wirtſchafts=
ſyſteins
, in welchem ein volles Jahrzwölft hindurch ein
gewaltſamer innerer Umwälzungsprozeß dem anderen
folgie. Die Urſachen hierfür ſind tiefgehende, mit den
Geſamtkomplexen von Krieg und Nachkrieg zuſammen=
hängende
Aenderungen der Wirtſchaftsſtruktur in den
einzelnen Ländern und in der Weltwirtſchaft als Ganzem.
Es iſt nicht anzunehmen, daß die ſtrukturelle Depreſſion
ſchon bald in einen allgemeinen Aufſchwung übergehen
werde.
Dieſer weltwirtſchaftliche Hintergrund darf nicht fehlen, wenn
man die Wandlungen der Konjunktur der deutſchen Wirtſchaſt
verfolgt. Der Zwang der weltwirtſchaftlichen
Lage und unſere beſondere politiſche Ein=
engung
werden vorausſichtlich zunächſt nur
kurze Wellenberge wirtſchaftlicher Beſſerung
geſtatten. Mit Recht lehnt deshalb auch das Inſtitut für
Koniunkturforſchung in ſeinem zweiten Vierteljahrsheft eine
Vorherſage über den Beginn des eigentlichen Aufſchwungs der
deutſchen und europäiſchen Wirtſchaftslage ab. Andererſeits
kann man aber uicht die Augen davor verſchließen, daß in der
Tat eine ſehr fühlbare Erleichterung unſerer Wirtſchaftslage ſeit
den ſchweren Tagen des vergangenen Winters zu verſpüren iſt.
Mit dem erwähnten Vorbehalt kann deswegen das Inſtitut für
Konjunkturforſchung feſtſtellen, daß die Kriſe ſeit Frühjahr dieſes
Jahres überwunden iſt, daß wir zurzeit im zweiten Stadium der
Depreſſion ſtehen. Das verſchafft der Reichsregierung eine Art
von Atempauſe und die Möglichkeit, eine Weile Umſchau zu
halten, den Verſuch zu machen, zukünftiges Handeln ſtärker zu
fundieren, als das in der Notlage des vergangenen Winters die Anweſenheit der verehrten Exzellenz Riedl nötigen mich, da
möglich war.
Das zweite Moment iſt durch unſeren
Eintritt in den Vöfkerbund
gegeben. Es iſt ſelbſtverſtändlich hier nicht der Ort, über die
politiſche Bedeutung dieſes Ereigniſſes zu ſprechen. Wir ſind
uns darüber klar, daß das Ziel unſerer Politik das gleiche ge=
blieben
iſt; wir haben aber einen neuen Weg eingeſchlagen.
Beim Einleuken in dieſen Weg muß aber auch die Wirtſchafts=
politik
Ausſchau halten. Der Reichsaußenminiſter hat
in Genf das große Problem der Verbindung
ſtändlich nicht nur ein geiſtiges und politiſches,
ſondern auch ein wirtſchaftliches. Auch die
Weltwirtſchaft erfordert Gliederung. Auch ſie muß ſich
auf Nationalwirtſchaft gründen. Die deutſche
Wirtſchaft bleibt durch ihre Pfahlwurzel mit dem Mutterboden
feſt verbunden. Sie muß aber mit ihren ſonſtigen Wurzeln auch verbote, treffen, wenn ſie auch praktiſch gegen alle Länder ge=
fremdes
Erdreich durchdringen und von dort ergänzende Kraft
in ſich aufnehmen. Dieſe Frage des Verhältniſſes von Na=
tional
= zur Weltwirtſchaft iſt es, die uns in ihren mannigfachen
Verzweigungen in der nächſten Zukunft in ſtarkem Maße be=
ſchäftigen
wird.
Zum dritten dürfen wir nicht außer Acht laſſen, daß wir vor
wenigen Tagen

das zweite Reparationsjahr erfüllt
haben, das nach dem Sachverſtändigenurteil der deutſchen Wirt=
ſchaſt
noch eine Atempauſe laſſen ſollte, in Wahrheit aber eine
der ſchwerſten Kriſen, die wir je durchgemacht haben, mit ſich ge=
bracht
hat,

Das dritte Reparationsjahr
legt uns Verpflichtungen von 1500 000 000 Gold=
mark
auf, die in einem in den vergangenen
Jahren techniſch immer feiner ausgearbeiteten
Syſtem der deutſchen Wirtſchaft entzogen und
fremden Wirtſchaften zugeführt werden ſollen.
Die Stellung der Reichsregierung zum Dawes=Plan und ſeiner
Ausführung iſt bekannt. Noch jüngſt in Dresden hat der Herr
Reichsfinanzminiſter ſie erneut formuliert. Ich darf jedoch fol=
gendes
hinzufügen: Die Diskuſſion über die Grundlagen des
Dawes=Plans und ſeine Ausführbarkeit ſind im Ausland im
vollen Gang. Im Inland dagegen entſpricht die Beſchäftigung
mit dieſen Fragen keineswegs der überragenden Bedeutung die
ſie für das Schickſal der deutſchen Wirtſchaft und des deutſchen
Volkes haben. Ich rede damit keiner Agitation
gegen den Dawes=Plan das Wort.
Wohl aber wünſchte ich, eine ſtärkere Beteiligung der maß=
gebenden
Wirtſchaftskreiſe an rein wirtſchaftlichen, leiden=
ſchaftslos
feſtſtellenden Unterſuchungen der tatfächlichen
Wirkungen des Dawes=Plans in Nichtung auf die deutſche
Leiſtungsfähigkeit einerſeits, die Aufnahmewilligkeit des
Auslandes für die deutſchen Leiſtungen andererſeits und
nach vorſichtig abwägender Prüfung der zukünftigen Ent=
wicklungsmöglichkeiten
.
Wie die öffentliche Diskuſſion aber auch verlaufen möge, jeden=
falls
iſt dieſer ganze Fragenkomplex, der mit dem
Dawes=Plan zuſammenhängt, ein Gegenſtand
fortdauernder ernſteſter Unterfüchungen der
in Betracht kommenden Reichsſtellen, die die Zu=
ziehung
der Wirtſchaft zu dieſen Fragen nicht entbehren können.
Wenn ſo die Regierung im gegenwärtigen Zeitpunkt glaubt,
die Grundlagen zukünftiger Wirtſchaftspolitik finden und feſt=
legen
zu müſſen, fo darf ich zu meiner Genugtuung der Ueber=
zeugung
Ausdruck geben, daß die Wirtſchaft einen ähnlichen
Zwang fühlt und ſich in einem Stadium der Selbſtbeſinnung
befindet, die noch immer der Durchgangspunkt für große neue
Entwicklungen geweſen iſt.
An der Tagung des Einzelhandels hier in Düſſeldorf habe
ich zu meinem Bedauern nicht teilnehmen können, jedoch habe ich
mir darüber eingehend Bericht erſtatten laſſen. Ich war vor
wenigen Tagen Zeuge der grundſätzlichen Erörterungen inner=
halb
des Reichsverbandes der deutſchen Induſtrie. Ich begrüße
es nochmals lebhaſt, heute an Ihren Beratungen teilnehmen zu
können. Nehmen Sie die Tagung des Sparkaſſenverbandes,
auch den deutſchen Juriſtentag mit ſeinen bedeutſamen Erörte=
rungen
handelsrechtlicher Fragen hinzu und vervollſtändigen
Sie das Bild in Einzelzügen mit ſonſtigen Nachrichten über
wirtſchaftliche Kongreſſe und Veranſtaltungen, ſo werden Sie
finden, daß in der Tat auch in der Wirtſchaft ſich Be=
wegungen
auf geiſtigem Gebiet vollziehen, die
die größte Beachtung verdienen und wert=
vollſte
Stützen für die Arbeiten der Reichsre=
gierung
bilden.
Nach welcher Richtung die zukünftigen Maßnahmen verlau=
fen
werden, möge heute dahingeſtellt bleiben. Ich muß mir
vorbehalten, an anderem Orte über das Verhältnis von
Staat und Wirtſchaft in nächſter und fernerer Zukunft
eingehend vorzutragen. Ich kann jedoch an einem Gebiete nicht
vorbeigehen, auf dem ſich, für die deutſche Wirtſchaft ganz beſon=
ders
tieſwirkend, die Staatstätigkeit vollzieht und vollziehen
wird dem Gebiete der Handelspolitik. Ihr Programm und
ich ſelbſt nicht referierend oder diskutierend weiter auftreten
möchte, dieſen kurzen Erwiderungsworten auf Ihre Begrüßung
einige
Bemerkungen zur Handelspolitik
einzufügen.
Hier auf dem Felde der Handelspolitik, liegt eine Periode
intenſivſter Betätigung hinter uns; auch die nähere und weitere
Zukunft wird eine angeſpannte Tätigkeit bringen. Die
Schwierigkeiten, welche unſerer Ausfuhr aufdem
Weltmarkte begegnen und deren Beſeitigung das Ziel un=
ſerer
Handelspolitik iſt, ſind Ihnen, ſoweit ſich Ihre Geſchäfts=
von
Nation und Menſchheit in treffenden Wor= beziehungen auf das Ausland erſtrecken, wohl bekannt. Es ſind
ten aufgezeigt. Dieſes Problem iſt ſelbſtver= Hemmungen, die ſich allgemein dem internationalen Warenaus=
tauſch
entgegenſtellen, aber auch Schranken, die ſich ganz beſon=
ders
vor der deutſchen Ware aufrichten. Zum großen Teil ſind
es noch Nachwirkungen des Krieges und der Inflationszeit, oft
rein pſychologiſcher Natur. Manche Maßnahmen, wie die in
einer Anzahl von Ländern, eingeführten Farbeneinfuhr=
richtet
ſind, in erſter Linie die deutſche Ware.
Den ſchlimmſten Widerſtand aber bieten die protektioniſti=
ſchen
und autarkiſchen Beſtrebungen, die ſich ſowohl in den
außereuropäiſchen Ländern breit machen, die mehr und mehr
zur Selbſtverarbeitung ihrer Nohſtoffe ſchreiten als auch
in den europäiſchen Ländern, wo der wirtſchaftliche Nationa=
lismus
manchmal wahre Orgien feiert.
Hier ſind es nicht nur die neu geſchaffenen Staatengebilde, die
ihre aus den alten wirtſchaftlichen Zuſammenhängen losgeriſſe=
nen
Induſtrien mit Schutzmauern umgeben, um ſie am Leben zu
erhalten, auch die Länder des alten Europas neigen zu einem
oft ſchrankenloſen Protketionismus. Ich erwähne nur die Ab=
kehr
Englands, vom Freihandel durch die In=

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Seite 2

Donnerskag, den 16. Sepfember 1926

Nummer 257

buſtrieſchutzgeſetzgebung, die wiederum gerade die
deutſche Produktion beſonders empfindlich trifft, durch die Ein=
führung
des Markierungszivangs, durch die Propaganda unter
der Parole Britiſh Goods are beſt Ich weiſe hin auf Ita=
lien
und Spanien, die mit aller Macht ihre
nationalen Induſtrien hochhalten wollen, auf die
beſonders in Italien ſtark hervortretenden Beſtrebungen, bei der
Verteilung von Staatsaufträgen den ausländiſchen Wettbewerb
auszuſchalten und auf die Privatauftraggeber in gleichem Sinne
einzuwirken. Dazu finden ſich noch allenthalben Reſte
des Kriegsmerkantälismus in Geſtalt von
Ein= und Ausfuhrverboten. Kurz, wohin wir blicken,
geradezu ein Gewirr von Schranken und Stacheldrähten, die ab=
gebaut
werden müſſen.
Natürlich iſt die Reaktion auf dieſe Erſtarkung der wirt=
ſchaftsnationaliſtiſchen
Tendenzen nicht ausgeblieben. Der
protektioniſtiſche Wettlauf hat dem Gedanken
der europäiſchen Zollunion zu neuer ungeahn=
ter
Lebenskraft verholfen und ſelbſt Kreiſe in ſeinen
Bann gezogen, die ihm bisher ſkeptiſch gegenüberſtanden.
Deutſchland wird, ſo wie es geographiſch in der Mitte liegt, ſo
auch zwiſchen dieſen beiden Extremen kühl und verſtändig, unbe=
irrt
von Schlagworten und nur von ſeinen eigenen Intereſſen
geleitet, den rechten Weg ſuchen müſſen.
Daß dieſer Weg von dem überſpannten Protektionismus, der
den Kampf Aller gegen Alle bedeutet und an deſſen Ende die
Zertrümmerung der europäiſchen Wirtſchaft durch den ame=
rikaniſchen
Wirtſchaftskoloß ſteht, daß dieſer Weg vom wirt=
ſchaftlichen
Nationalismus in der Richtung einer umfaſſen=
deren
Wirtſchaftsſolidarität der nächſt betroffenen Völker hin=
zuführen
hat, darüber kann man wohl kaum im Zweifel ſein,
auch dann nicht, wenn man das letzte Ziel, das auf dieſem
Wege liegt, die europäiſche Zollunion, als eine Utopie anſieht.
Dieſen Weg geht
unſere Handelsvertragspolitik,
die wir unter dem Grundſatz der uneinge=
ſchränkten
Meiſtbegünſtigung mit Tarifab=
reden
führen. Es iſt mit Kritik und guten Ratſchlägen nicht
geſpart worden, und ich geſtehe gern, daß die Erörterungen in
der Oeffentlichkeit manchen fruchtbaren zukunftsträchtigen Ge=
danken
hervorgebracht haben. Ich nenne die ausgezeichneten Aus=
führungen
meines Amtsvorgängers, Herrn Dr. Neuhaus, der
in Anlehnung an die Brüſſeler Zuckerkonvention, den Ab=
ſchluß
von Kollektivverträgen vorſchlägt und
fordert, daß für Fertigerzeugniſſe ein Wertzoll feſtgeſetzt wird,
deſſen Ueberſchreitung von den betroffenen Vertragsſtaaten durch
entſprechende Zollzuſchläge beantwortet werden kann. Auf dieſe
Weiſe ſoll eine allmähliche Senkung des allgemeinen Zoll=
nibeaus
herbeigeführt werden. Meine Kritik an dieſem Vor=
ſchlage
iſt vielfach mißverſtanden worden. Ich habe lediglich auf
die großen Schwierigkeiten hingewieſen, die der Ver=
wirklichung
dieſes Vorſchlages entgegenſtehen.
Wir ſind leider noch nicht ſo weit, daß ein Gedanke nur gut
und richtig zu ſein braucht, um ſich auch durchzuſetzen. Wir
ſind auch in der Handelspolitik gezwungen, uns enthaltſam
in der Kunſt des Möglichen zu üben.
Große Aufmerkſamkeit haben in der Oeffentlichkeit die Vor=
ſchläge
des ehemaligen öſterreichiſchen Geſandten in Berlin, Erz.
Dr. Riedl, gefunden. Ich freue mich ganz beſonders, daß er ſich
bereit erklärt hat, ſeine Gedanken über die künftige handels=
politiſche
Geſtaltung Europas hier zu entwickeln. Seine Pläne
haben für uns nicht bloß den Wert theoretiſcher Konſtruktionen
einer klugen und geiſtvollen Perſönlichkeit, ihren beſonderen Wert
gewinnen ſie vielmehr dadurch, daß ſie, wie es von einem in der
Praxis ſo vielerfahrenen Manne zu erwarten iſt, nie den geſicher=
ten
Boden des Möglichen verlaſſen, vielmehr folgerichtig den
Weg von dem heute ſofort durchführbaren zu einem höher und
weiter geſteckten, in organiſcher Entwicklung erreichbaren Ziel
führen. Ich will ſeinen Ausführungen nicht vorgreifen, kann
aber nicht unterlaſſen, der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß es
den europäiſchen Staaten nicht an der Einſicht mangele, um die
ſegensreichen Folgen zu erkennen, die für alle die Ver=
wirklichung
der Riedlſchen Pläne bringen kann.
Stehen die Neuhausſchen ſowie die Riedlſchen Vorſchläge
zum mindeſten nicht im Gegenlatz zu den für unſere Handels=
politik
zurzeit maßgebenden Richtlinien, ſo wird von anderen
Kritikern und Ratgebern an dem führenden Gedanken der Meiſt=
begünſtigung
heftige Kritik geübt. Man ſucht das Heil in einer
Umgeſtaltung unſeres Zolltarifſchemas, in der Einführung eines
Doppeltarifs, in der Einführung des Reziprozitätsſyſtems u. a. m.
Dazu muß ich auch heute wieder ſagen, daß
mir jetzt nicht der Zeitpunkt geeignet erſcheint, die organiſche
Entwicklung unſerer Handelspolitik durch fragwürdige Ex=
perimente
zu unterbrechen. Trotz mancher mißlichen Erfah=

* Rudolf Eucken +
Nach einer Meldung aus Weimar iſt der Philo=
ſoph
Geheimrat D. h. c., L. L.. D., Dr. lit., Dr. phil.
Rudolf Chriſtian Eucken nach längerer
Krankheit in Jena geſtorben.
Mit Dr. Rudolf Eucken iſt einer der bedeutendſten deutſchen
Philoſophen, aus dem Kreiſe der herrſchenden Geiſtesgrößen
ſeiner Zeit der litzten einer, aus dem Leben geſchieden, der dem
deutſchen Idealismus durch ſeine Schriften und durch ſeine
Lehrtätigkeit eine Ausprägung gab, die ihn weiten Kreiſen als
den deutſchen Philoſophen erſcheinen ließ und der die von deut=
ſchem
Geiſt ausgehende idealiſtiſche Weltanſchauung auch im
Ausland zu Anſehen und Bedeutung erhob.
Geboren am 5. Januar 1846, wirkte Rudolf Eucken ſeit 1874
an der Univerſität Jena als ordentlicher Profeſſor. Ihm, als
dem Senior der deutſchen Philoſophen und deren berühmteſten,
war es beſchieden, wie wenigen, ein glückliches, zugleich beſchau=
liches
, tätiges und an Erfolgen überreiches Leben zu leben.
Schon vor fünf Jahren kam er voll Dankbarkeit gegen ein gütiges
Schickſal am Schluß ſeiner Lebenserinnerungen zu dieſem
Fazit, und im Anfang dieſes Jahres, da er das achte Lebens=
jahrzehnt
beſchloſſen hatte, konnte er in voller körperlicher Rüſtig=
keit
und Friſche ſeinen reichen Werkaufgaben obliegen, darunter
auch einem Briefwechſel mit der halben Welt.
Gerade letzterer iſt beſonders merkwürdig. Gewiß, ein reiner,
trockener Fachgelehrter war Eucken weder als Schullehrer, noch
als Katheder=Philoſoph in Baſel, wo er Kollege Nietzſches
war, noch in Jena, in deſſen idylliſchen Mauern er über ein hal=
bes
Jahrhundert lebte. Aber es iſt doch intereſſant, daß ein aus=
geſprochen
deutſcher Denker wie Eucken, von Geburt ein Oſtfrieſe,
eine ſolche Ausſtrahlung ſeines Geiſtes erzeugen konnte, daß ſeine
Hauptwerke, wie die Lebensanſchauungen der großen Denker,
des Kampf um einen geiſtigen Lebensinhalt, die Grundlinien
einer neuen Lebensanſchauung in faſt alle modernen Kultur=
ſprachen
, darunter ſogar das Chineſiſche, überſetzt ſind.
Gewiß hat Eucken der Verkehr als Lehrer mit Studenten
der verſchiedenen Nationen das Hinausdringen in das Ausland
erleichtert, aber das Ausland war ſchon ſtark für Euckens Ideen
gewonnen, als in Deutſchland ſich die werten Kollegen noch einer
fühlbaren Zurückhaltung befleißigten.
In Euckens geiſtigem Weſen lag wohl des Rätſels Löſung.
Rudolf Eucken war eine ſelten harmoniſche Natur. Er er=
faßte
die Welt, die uns heute mit ihren geiſtigen Problemen um=
ſtarrt
, mit offenen, durch keine Gelehrtenbrille verengten Sinnen;
ſeiner außer= und oberhalb der Zeitſtrömungen auf dem feſten

Vom Tage.
Der Herr Reichspräſident empfing geſtern den indiſchen
Dichter und Philoſophen Rabindranath Tagore.
Wie verlautet, wurde der am 27. Auguſt gefällte Schiedsſpruch
für den deutſch=oberſchleſiſchen Bergwerkbau, der die
bisherigen Lohnſätze um durchſchnittlich fünf Prozent nickwirkend ab
15. Auguſt dieſes Jahres erhöht, durch den Reichsarbeitsminiſter für
verbindlich erklärt.
Das Staatsdepartement teilt mit, daß nach einer Schätzung die
amerikaniſchen Touriſten in Euvopa bis Ende dieſes
Jahres 700 Millionen Dollar ausgegeben haben werden
gegenüber 500 Millionen Dollar im Vorjahr. Außerdem ſeien von den
europäiſchen Emigranten in Amerika 900 Millionen Dollar
nach Europa geſandt worden.
Der rumäniſche Miniſterpräſident Averescu iſt in Rom ein=
getroffen
. Mittags fand eine längere Unterredung zwiſchen Ave=
rescu
und Muſſolini ſtatt, die, wie zu erwarten war, einen überaus
herzlichen Verlauf nahm.
Nach einer Meldung der Litauiſchen Rundſchau aus Schaulen iſt
in Seduva die Cholera ausgebrochen. 300 Perſonen ſind erkrankt.
Gelegentlich des Abſchiedeſſens für den amerikaniſchen Finanzſach=
verſtändigen
Prof. Kemmerer erklärte dieſer, daß die wirtſchaftlichen
Fortſchritte Polen zwar geſtatten, Mut zu ſchöpfen, daß man ſich aber
gleichzeitig hüten müſſe, in ungerechtfertigten Optimismus zu verfallen.
Die Zeit werde kommen, da das polniſche Volk die Zähne zu=
ſammenbeißen
und arbeiten müſſe.
Die kanadiſchen Wahlen endeten mit einer Niederlage
der englandfreundlichen Konſervativen Partei. Nach den neueſten Mel=
dungen
verteilen ſich die Mandate wie folgt: 112 Liberale, 87 Konſervative
11 Liberalprogreſſive, 7 Progreſſive, 10 progreſſive Farmer, 3 Arbeiter
und 2 Ungbhängige.

rungen glaube ich, daß die Befolgung des Meiſtbegünſti=
gungsgrundſatzes
am erſten geeignet iſt, uns dem Ziele
näher zu bringen. Wir müſſen jedenfalls am bisherigen
Syſtem ſo lange feſthalten, bis die noch fehlenden Handels=
verträge
abgeſchloſſen ſind.
Eswird noch eine geraume Zeit dauern, bis
wir in der Lage ſein werden, wirklich zuverläſ=
ſig
die Ergebniſſe unſerer bisherigen Handels=
politik
zu überſehen. Vor allen Dingen auch ein Urteil
darüber zu gewinnen, wie die noch kaum ein Jahr in Kraft be=
findliche
Zolltarifnovelle und das auf dieſer Grundlage
und auf Grund der letzten Handelsvertragsverhandlungen ge=
wonnene
Vertragszollſyſtem, das noch durch die bevor=
ſtehenden
und ſchwebenden Verhandlungen (Polen, Tſchecho=
ſlowakei
, Frankreich) manche Ausgeſtaltung erfahren wird, ſich
auswirken.
Erſt wenn wir über ausreichende und zuverläſſige Erfah=
rungen
verfügen werden, wenn ferner die noch notleiden=
den
europäiſchen Währungen wieder gefeſtigt ſind und
wenn Klarheit über die Richtung der franzöſiſchen und eng=
liſchen
Handelspolitik um nur dieſe zu nennen herrſcht,
werden wir an das eigentliche große Handelsvertragswerk,
an den Aufbau eines langfriſtigen und lückenloſen Handels=
vertragsſyſtems
herangehen können, zu dem aber vorher
noch in dem neuen Zolltarif ein brauchbares Inſtrument
geſchaffen werden muß.
Bis dahin werden Streitfragen, wie Meiſtbegünſtigung und Rezi=
prozität
, Doppeltarif oder Einheitstarif, geklärt werden müſſen.
Bis dahin werden hoffentlich auch ſchon Fortſchritte in der Rich=
tung
von Kollektivverabredungen vorliegen und privatwirtſchaft=
liche
Vereinbarung den Weg zur dauernden Geſtaltung des
Güteraustauſches geebnet haben.
Das Ziel unſerer Handelspolitik wird aber auch dann blei=
ben
, Nationalwirtſchaft und Weltwirtſchaft in Einklang zu
bringen und mit der Förderung der erſten gleichzeitig der
letzten zu dienen.
Nachdem Reichswirtſchaftsminiſter Dr. Curtius und Herr
Frohwein geſprochen hatten, ergriff
Reichsminiſter a. D. Hamm
das Wort. Er ſprach über das Verhältnis der Induſtrie zum
Großhandel und ihre gemeinſame Zuſammenarbeit. Die Exi=
ſtenzberechtigung
des Großhandels werde mehr und mehr aner=
kannt
. Die Rationaliſierung erfordere Wertſchaffung, und der
Großhandel ſchaffe Werte. Die Mitarbeit ſei für die Induſtrie
von großem Wert. Er ſchloß mit den beſten Wünſchen für das
Gedeihen des Großhandels zum Wohle des Vaterlandes.
Dann ſprach Oberregierungsrat Dr. Tiburtius. M. d. R.
und Vorſtandsmitglied der Hauptgemeinſchaft des deutſchen Ein=
zelhandels
. Er dankte der Regierung ſowohl wie den Herren Dr.
Silverberg und Frohwein für ihre freundlichen Worte bezüglich
des Einzelhandels und verſprach deſſen Zuſammengehen mit dem
Großhandel.

Grund einer wahren idealen, aber die realen Faktoren richtig ein=
ſchätzende
Weltanſchauung ruhenden Geiſtigkeit lag alles ein=
ſeitig
Formelhafte ebenſo fern, wie alles Agitatoriſche. Er wog
mit einer ſtreng kritiſchen Sachlichkeit die einzelnen Strömungen
ab aus dem Zentrum der ewig im Fluß befindlichen Bewegung,
dem von ihm umfaſſend formulierten Leben her.
Sein Pantheismus unterſchied ſich von dem der nachkantiſchen
Philoſophen dadurch, daß es ihm um die letzthin unmögliche Er=
forſchung
des Transzendenten nicht zu tun war.
Der Geiſt war für ihn in der Form des Lebens bereits
angelegt. Der Menſchen Aufgabe beſteht darin, ſich aus dem
bloßen Daſein naturhafter Bedingtheit in die geiſtige Welt
emporzuringen, ſie tätig, aktiviſtiſch auf eine beſondere For=
mung
des Daſeins anzuwenden, ſo alſo eine Kulturwelt zu
errichten, und ſich bis zu der Erkenntnis von der überragenden
Weltmacht des Geiſteslebens zu erheben, ohne die weder Freiheit
noch Religion möglich ſind. Es handelte ſich alſo bei Eucken um
eine innere Beſitzergreifung des Lebens in ſeiner Totalität, und
Wahrheit iſt das Streben des Lebens zu ſich ſelbſt.
Aller Naturalismus bleibt zu eng an die reine Naturgeſetz=
lichkeit
des bloßen Daſeins gebunden und vermag ſich nicht ſelbſt=
tätig
über ſie zu erheben. Der Spiritualismus wieder geht zu ein=
ſeitig
von ſeinen Denkgeſetzen aus und wird dadurch, daß er das
Naturgedachte für das Alleinſeiende hält, dem Weſen des wirk=
lichen
Lebens, deſſen Grundlagen er falſch einſchätzt, nie gerecht.
Einen ähnlichen Gegenſatz zeigte Eucken das tätige Leben des
Geiſtes. Auch dies hat ſich in zwei Arten geſpalten: einmal eine
Realkultur und zweitens eine Idealkultur. Beide Formen
des menſchlichen Tätigkeitsdranges verfehlen das eigentliche Ziel,
Der große Deutſche Jean Paul hat dieſe beiden Seiten des deut=
ſchen
Lebens in ſeinen Flegeljahren in den ungleichen Brüdern
Valt und Vielt bezeichnet. Der Ablauf des vorigen Jahrhunderts
zeigt deutlich, einmal bis gegen 1850, ein Ueberwiegen einer rei=
nen
Idealkultur, die ſich in romantiſche Träume einſpann oder in
kühnen philoſophiſchen Ideenſpekulationen die Wirklichkeit über=
flog
. Während in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine
reine Realkultur herrſchte, die zwar in Technik und Naturerkennt= weil Eucken zugleich ein guter Diutſcher und guter Weltbürger
nis Ungeheueres leiſtete, geiſtig aber bis zum ödeſten, platteſten
Materialismus und künſtleriſch bis zum reinen Naturalismus
herabſank.
Euckens Hauptwerk Menſch und Welt legt in eindringlichen
geſchichtlichen und philoſophiſchen Betrachtungen dieſen funda=
mentalen
Spannungsgegenſatz des modernen Lebens dar.
Euckens Aufenthalt in Amerika, wo er vor dem Weltkrieg als
Austauſchprofeſſor wirkte, hatte ihm die Gefahr einer einſeitigen
Arbeitskultur verſchärft vor Augen geführt. Eine reiche Maſſen=
ohne
auch dem Geiſt= und dem Seelenleben eine Befriedigung dürſtende Welt.

Zur Beilegung des Streits zwiſchen
Heich und Kohienfynonat.
Die Preisgeſtaltung der Reparationskohle.
Zwiſchen dem Reich und dem Kohlenſyndikat iſt jetzt eine Verein=
barung
zuſtandegekommen, wonach die beſtehenden Differenzen wegen
der Neparationskohlenlieferungen als beſeitigt angeſehen werden kön=
nen
. Von zuſtändiger Stelle wird uns der Sachverhalt, der den Aus=
einanderſetzungen
zugrunde gelegen hat, wie folgt dargeſtellt:
Auf Grund des Verſailler Vertrags hat Deutſchland für eine Reihe
von Jahren, und zwar bis zum Jahre 1930, bedeutende Kohlenmengen
an verſchiedene Signatarmächte des Vertrages, vor allem an Frank=
reich
, Belgien und Italien, zu liefern. Die Lieferungen werden Deutſch=
land
auf Reparationskonto gutgeſchrieben, und zwar iſt als Gegenwert
der Inlandspreis frei Grube in Rechnung zu ſtellen, aller=
dings
mit der Einſchränkung, daß der deutſche Inlandspreis den eng=
liſchen
Ausfuhrpreis nicht überſteigen darf. In dieſer
Einſchränkung lag die Urſache des Konfliktes zwiſchen Reich und Kohlen=
ſyndikat
. Infolge der Subventionierung des engliſchen Bergbaus durch
die britiſche Regierung ging nämlich plötzlich der engliſche Kohlenpreis
unter den deutſchen Inlandspreis herunter, ſo daß die deutſchen Repa=
rationskohlenlieferungen
auf einmal zu einem Preiſe erfolgen mußten.
der weit unter dem des Inlandsmarktes lag. Das Kohlenſyndikat, das
die Lieferungen durchzuführen hatte, ſtellte ſich nun auf den Standpunkt,
daß die Reichsregierung die zwiſchen dem nach dem Verſailler
Vertrag geltenden niedrigen Preis und dem höheren deutſchen Inlands=
preis
entſtandene Differenz zuzahlen müſſe. Das Reich aber
lehnte mit aller Entſchiedenheit dieſen Standpunkt des Kohlenſyndikats
ab. Dieſes gab ſich jedoch nicht zufrieden, ſondern appellierte an das
Reichswirtſchaftsgericht, das ſchließlich eine Entſcheidung
zugunſten des Kohlenſyndikats fällte. Danach ſollte das
Reich gehalten ſein, die Differenz zwiſchen dem deutſchen Inlandspreis
(Reichsanzeigerpreis) und dem engliſchen Ausfuhrpreis abzüglich 4 Pro=
zent
zu zahlen, eine Entſ heidung, die für das Reich natürlich ſehr un=
angenehm
war, denn obwohl man annehmen kann, daß nach Aufhören
der engliſchen Subventionspolitik der Kohlenpreis auch im Inland
wieder normal wird, hatte das Kohlenſyndikat doch jetzt für die Zukunft
einen wirkſamen Rechtstikel in der Hand, auf Grund, deſſen es das
Reich jederzeit zur Uebernahme einer Garantie auf die Reparations=
kohlenlieferungen
zwingen konnte.
Aber auch dem Syndikat war aus begreiflichen Gründen nichts daran
gelegen, wegen dieſer Angelegenheit mit dem Reich ſtändig in Konflikt
zu leben, und ſo entſchloſſen ſich beide Parteien, doch noch einmal den
Weg gütlicher Verſtändigung zu beſchreiten. Nach eingehenden
und ſchwierigen Verhandlungen iſt nun endlich eine Vereinbarung zu=
ſtande
gekommen, die nach Auffaſſung ſowohl des Reiches als auch des
Kohlenſyndikats den Grundſätzen der Billigkeit Rechnung trägt. Ueber
den Inhalt dieſes Abkommens wird an den zuſtändigen Stellen
vorläufig noch Stillſchweigen bewahrt, da, wie erklärt wird, die Ver=
handlungen
noch nicht vollſtändig abgeſchloſſen ſeien. Das Abkommen
wird inſofern rückwirkende Kraft haben, als die engliſchen Kohlen=
ſubventionen
ſeit kurzer Zeit eingeſtellt ſind und die Nachzahlungen
des Reiches die während der Zeit der Subventionszahlungen entſtande=
nen
Preisunterſchiede betreffen.
Das Abkommen wird jedoch die Grundlage abgeben für Verhand=
lungen
zwiſchen Kohlenſyndikat und der franzöſiſchen Regierung, mit
der gleichfalls ſchon ſeit längerer Zeit Differenzen beſtehen. Es handelt
ſich hier darum, daß die franzöſiſche Regierung außerhalb der Repara=
tionslieferungen
Lieferungen im freien Verkehr wünſcht, die aber zu
Weltmarktpreiſen ausgeſührt werden ſollen, alſo unter dem Preiſe der
Reparationskohlen liegen. Das Syndikat ſteht dagegen auf dem Stand=
punkt
, daß auf Grund des ſogengnnten Wallenberg=Reglements das
Syndikat für das Reich zu liefern hat, und daß es auch den im Verſailler
Vertrag vorgeſehenen Preis erhalten muß. Die Gegenſeite erklärt jedoch,
daß das Wallenberg=Reglement ausdrücklich vorſieht, daß Sachlieferungen
auch in kommerzieller Form beanſprucht werden können. Die franzöſiſche
Regierung macht dabei geltend, daß ſie angeſichts der höheren Preiſe
für Reparationskohle an ihre Abnehmer ſtets zuzuſetzen hätte. Zwiſchen
dem Kohlenſyndikat und der franzöſiſchen Regierung hat bisher nur
eine Fühlungnahme ſtattgefunden; Verhandlungen ſelbſt ſind noch nicht
aufgenommen worden. Sollte ſich aber der Konflikt löſen laſſen, nach=
dem
zwiſchen Reichsregierung und Kohlenſyndikat eine Einigung bis zu
99 Prozent erzielt worden iſt, dann dürfte auch die Abſicht Frankreichs,
das Auslegungsſchiedsgericht im Rat anzurufen, überflüſſig werden.
Deutſch=afghaniſcher Freundſchaftsvertrag.
Kabul, 15. September.
Der Austauſch der Ratifikationsurkunden zu dem am 3. März
dieſes Jahres in Berlin von Reichsminiſter des Aeußeren Dr.
Streſemann und dem früheren afghaniſchen Geſandten unter=
zeichneten
deutſch=afghaniſchen Freundſchaftsvertrag hat geſtern
ſtatigefunden. Durch den Vertrag werden die bisher ſchon in
der Praxis geübten und durch die beiderſeitige Geſandtſchaft ge=
pflegten
freundſchaftlichen Beziehungen zwiſchen Deutſchland
und Afghaniſtan auf eine vertragliche und dauerhafte Baſis
geſtellt. Artikel 3 des Vertrages ſieht für ſpäterhin den Ab=
ſchluß
eines Wirtſchaftsabkommens vor.

ſeiner Sehnſucht zu beſchaffen, vermag den Menſchen niemals zu
erfüllen. In ſeiner vielgeleſenen Schrift Zur Sammlung der
Geiſter trat er energiſch für eine notwendige Geiſteskultur als
Ergänzung ein, und er unterſtrich das Wort Nietzſches: Nur das
Volk lebt, das ſeine Erlebniſſe in Ewigkeitswerten ausdrückt.
In dem Fehlen dieſer geiſtigen Ewigkeitswerte in dem Deutſch=
land
vor dem Kriege erkannte er die Gefahr, die ſich auch dann
in dem, was folgte, aufs Schwerſte offenbart hat.
Drei große Syntaginen oder Lebenszuſammenhänge zei=
tigte
die abendländiſche Welt: die Antike der Lebensgeſtaltung,
die chriſtlich=religiöſe der Seelenvertiefung, die moderne der
Kraftentfaltung. Der moderne Menſch ſchwankt haltlos zwiſchen
ihnen hin und her. Es fehlt ihm einmal die innere Einheit, ein
volles Beiſichſelbſtſein, und andererſeits kann ihm das Leben
in einer rein äußeren Betätigung nicht genügen. Es handelt ſich
um die Frage, ob die heutige Menſchheit den nicht abzuſtreitenden
Wahrheitsgehalt der ſozialiſtiſchen Bewegung zu aſſimilieren ver=
mag
, oder ob der letzte Reſt unſerer Kultur einer endgültigen
Auflöſung entgegenſinkt.
Indem Eucken ſo mitten in die heutigen Umwälzungen
hineingriff und den Zeitproblemen mutig zu Leibe ging, war
er doch nie Partei und dadurch einſeitig, ſondern er zeigte in all
den Gegenſätzen eine über ihnen liegende Möglichkeit eines
geiſtig=kulturellen Ausgleichs auf einer höheren Stufe der Geiſtig=
keit
, auf die der Menſch ohne Wahrheitsſtreben und Arbeit an
ſich und der Umwelt nicht gelangen kann.
Und wie dadurch, ſo auch durch ſeine Scheidung des rein
Hiſtoriſchen von dem ewigen Wahrheitsgehalt der Religion hat
Eucken mitten in das Sehnen der heutigen Zeit getroffen und
Tauſenden einen feſten Halt in dem Fluß der tragiſch verworre=
nen
Gegenwart geboten.
Das richtete ſich, wenn es auch zunächſt ſich an das eigene
Volk wandte, durchaus an Alle, und das verſtanden alle nach
einem Ausgleich und einer Ueberwindung der Gegenſätze ſtreben=
den
Geiſter von Schweden, das ihm ſchon 1908 den Nobelpreis
verlieh, bis nach Japan, Amerika, Auſtralien und China. Und
im Geiſte war und ſeine Darlegungen ſich nie auf ein beſonderes
Volkstum einengten, ſondern immer das Ganze des Lebens
im Auge hatten, deshalb wurde er ein wirklicher Erzieher der
Menſchheit und ein unermüdlicher Verfechter ihrer geiſtigen
Pflichten und Rechte.
So trauert heute an der Vahre des ſeltenen Mannes nicht
nur Deutſchland weit über die gkademiſchen Kreiſe hinaus (der
Euckenbund beweiſt es), ſondern auch zugleich mit ihm als eines
ſeltenen und begnadeten Verkünders der unüberwindlichen Macht
arbeit, die nur die Formen der Arbeitsmethoden kompliziert, eines wahren Idealismus die ganze gebildete und nach Klärung

[ ][  ][ ]

Nummer 257

Donnerstag, den 16. September 1926

Geite 3

Die Ratsreform einſtücsnig angenommen.

Die Verteilung
der nichtſtändigen Ratsſitze.
* Genf, 15. September. (Priv.=Tel.)
Wie vorauszuſehen war, hat die Vollverſammlung heute
nachmittag die Ratsreform einſtimmig angenommen. Damit iſt
der Weg für die Neuwahl der nichtſtändigen Mitglieder am
morgigen Donnerstag frei. Bis jetzt iſt man hinter den Ku=
liſſen
immer noch nicht einig, wie die nichtſtändigen Sitze ver=
teilt
werden ſollen. Wenn man auch bereits die für die Rats=
ſitze
in Frage kommenden Staaten herausgeſucht hat, ſo iſt doch
durch die Klaſſifizierung der Sitze diesmal die ganze Sache
ſchwieriger als bisher. Bisher ſteht nur feſt, daß Polen einen
dreijährigen halbſtändigen Sitz erhält, ebenfalls weiß man, daß
ein Staat der Kleinen Entente und ein ſüdamerikaniſcher Staat
einen halbſtändigen Sitz bekommen werden. Innerhalb der
Kleinen Entente und bei den Südamerikanern iſt man ſich noch
nicht ganz einig. Es ſcheint jedoch ſo, als ob Rumänien, Chile
und Polen dieſe begehrenswerten Sitze einnehmen werden. Für
die zweijährigen Sitze werden in der Hauptſache Holland, Per=
ſien
und Columbien genannt, wobei ſich jedoch ſtarke Beſtrebun=
gen
geltend machen, die China anſtelle Perſiens im Rat ſehen
möchten. Wahrſcheinlich wird aber doch Perſien vorgezogen
werden, da die gegenwärtigen Verhältniſſe in China und das
Fehlen einer Zentralregierung gegen einen zweijährigen Rats=
ſitz
ſprechen, obwohl der Gedanke durchaus befürwortet wird,
daß China eine ſeiner Bevölkerung von 300 Millionen ent=
ſprechende
Stellung im Rat einnehmen müſſe. Die einj hrigen
Ratsſitze werden vorausſichtlich von Belgien, der Tſchechoſlowakei
und San Salvador beſetzt. Jedoch ſind auch hier noch ver=
ſchiedene
andere Kandidaturen aufgeſtellt worden, die aber we=
niger
Ausſicht auf Erfolg haben. Ob man ſich überhaupt noch
vor der Abſtimmung ſo vollſtändig einigen wird, erſcheint keines=
wegs
ſicher. Der Kuhhandel über die Ratsſitze hat jedenfalls
wieder einmal gezeigt, daß ſich trotz aller gegenteiligen Be=
teuerungen
in der Vollverſammlung doch einzelne Mächtegrup=
pen
gebildet haben, die ihre Vertreter in den Rat entſenden und
die dann ihrerſeits verpflichtet ſind, die beſonderen Intereſſen
dieſer Mächtegruppe wahrzunehmen. Die Kleine Entente hat
durchgeſetzt, daß ſie durch Rumänien und die Tſchechoſlowakei
vertreten wird, was für ſie, falls dieſe Kandidaturen von der
Vollverſammlung genehmigt werden, ein voller Erfolg iſt. Als
Vertreter der ſogenannten Neutralen zieht Holland in den Rat.
Am beſten werden aber die ſüdamerikaniſchen Staaten abſchnei=
den
, die vorausſichtlich drei Sitze erhalten. Auch Uruguay hält
außerdem noch ſeinen Anſpruch auf einen nichtſtändigen Rats=
ſitz
aufrecht, wie überhaupt in den geſtern abend ſtattgefundenen
Beſprechungen der ſüdamerikaniſchen Vertreter die Meinungen
ſehr ſcharf aufeinander geplatzt, die zum Teil wohl auch darauf
zurückzuführen ſind, daß zwiſchen den einzelnen Staaten ziem=
lich
ſcharfe politiſche und wirtſchaftspolitiſche Gegenſätze
herrſchen.
Die Vormittagsſitzung der Völkerbundsverſammlung.
Die heutige Vormittagsſitzung der Völkerbundsverſamm=
lung
, die im Grunde eine große Sitzung ſein ſollte, findet bei
gut gefülltem Saal, aber doch nur mäßig beſetzten Tribünen
ſtatt.
Zu Beginn der Sitzung ergriff ſofort der Präſident der erſten
Kommiſſion,
Bundesrat Motta,
das Wort zur gründlichen Berichterſtattung über das geſtern
mitgeteilte Wahlreglement der erſten Kommiſſion. Motta ſetzte
die Begründung für die getroffenen Beſtimmungen eingehend
auseinander und ließ bei den zwei Hauptſtreitfragen, nämlich
der Anrechnung der Stimmenthaltungen und der Wiederauf=
nahme
der Kaſſationsklauſel, auch den Gründen der in der Min=
derheit
gebliebenen Gegnern Gerechtigkeit widerfahren. Er gab
der Befriedigung Ausdruck, daß nunmehr die den Völkerbund
ſeit langer Zeit ſtörende Kriſe des Rats auf dem Wege zur end=
gültigen
Löſung ſei und man auch nach den Neden Streſemanns
und Briands hoffen dürfe, daß die großen politiſchen Fragen,
die dem Frieden der Welt gefährlich zu werden drohten, auf dem
Wege zur Regelung ſeien. Motta trat auch warm für die Be=
rückſichtigung
der Wünſche der aſiatiſchen Staaten entſprechend
dem perſiſchen und chineſiſchen Antrag ein und ſein Bericht fand
den ſtarken Beifall der Verſammlung.

Als erſter Diskuſſionsredner ſprach
der ſchwediſche Außenminiſter Löfgren,
der das Wahlreglement für keine ideale Löſung erklärte, im
Gegenteil für eine Löſung, die nach ſeiner und ſeiner Regierung
Anſicht voller Gefahren ſei, aber doch wahrſcheinlich die einzige
Löſung, die hier gefunden werden könne.
Der kanadiſche Delegierte
George Foſter
hielr dann eine große Rede, in der er die Prinzipien des Wahl=
reglements
darlegte und die Kriſe als etwas durchaus Nor=
males
hinſtellte, weil der Völkerbund ja nicht als eine fertige
Organiſation vom Himmel gefallen ſei, ſondern ein Experiment
darſtelle, das entwickelt und ausgebaut werden müſſe. Der ka=
nadiſche
Delegierte erklärte ſich ſehr energiſch gegen die Grup=
penbildung
im Völkerbund. Der Bund ſei eine Weltorganiſation
von Staaten, aber kein Verband von politiſchen und geogra=
phiſchen
Gruppen. Er betonte dann weiter den Wert der Per=
ſönlichkeit
im Völkerbund, welcher Raſſe oder welchem Kultur=
kreis
ſie auch angehören möge. Er zitierte die britiſchen Domi=
nions
als Beweis dafür, daß große Gruppen trotz ihrer poli=
tiſchen
, geographiſchen und kulturellen Bedeutung und trotz ihrer
engen Zuſammengehörigkeit doch im Völkerbund als Einzel=
Perſönlichkeiten auftreten können, ohne Gruppenanſprüche gel=
tend
zu machen. Niemals habe einer der britiſchen Staaten
wie er im Gegenſatz zu den kürzlich umlaufenden Gerüchten von
Anſprüchen Kanadas auf einen Ratsſitz mit beſonderer Be=
tonung
feſtſtellte beſondere Anſprüche erhoben. Während der
franzöſiſchen Ueberſetzung ſeiner Rede erhob ſich Foſter an
dieſer Stelle und ſchaltete noch ein, daß dies Geltung habe mit
der einzigen Ausnahme von Irland, das heute morgen ſeine
Kandidatur für einen nichtſtändigen Ratsſitz angemeldet habe.
Nach dem Kanadier ergriff ſofort
der iriſche Außenminiſter Fitzgerald
das Wort. Er ſprach aber kein Wort von der iriſchen Kandida=
tur
, ſondern wandte ſich ebenfalls gegen die geographiſchen Grup=
penbildungen
des Völkerbundes. Im übrigen kritiſierte er den
ganzen Reformplan und beſonders die Vermehrung der Zahl
der Ratsmitglieder.
Den Schluß machte der belgiſche Delegierte
de Brouchere,
der ſich ironiſch dagegen wandte, daß man immer von dem
Standpunkt auszugehen ſcheine, als ob der Völkerbund eine
ideale Konſtruktion wäre, die in der Luft ſtände und nicht ein
Verband von Regierungen, die ihrerſeits aus Menſchen be=
ſtehen
und ihre Intereſſen verfolgen. So findet ſich der bel=
giſche
Delegierte mit dem Reformplan nicht nur reſigniert ab,
ſondern er begrüßt ihn mit Freuden, weil er aus den nicht zu
unterſchätzenden politiſchen Schwierigkeiten hinausführe.
Die Abſtimmung über das Wahlreglement.
In der heutigen Nachmittagsſitzung wurde nach kurzen Er=
klärungen
des däniſchen Delegierten Graf Moltke und des chine=
ſiſchen
Delegierten Chao Hſin Chu die Abſtimmung über das
Wahlreglement, das die erſte Kommiſſion vorgelegt hatte und
deſſen Wortlaut wir geſtern wiedergegeben haben, vorgenommen.
Da niemand namentliche Abſtimmung beantragte, wurde das
Reglement in einfacher Abſtimmung ohne Widerſpruch um
4,50 Uhr nachm. angenommen. Damit ſind alſo die mitgeteilten
Beſtimmungen für die Wahl der nichtſtändigen Mitglieder, für
die Erklärung der Wiederwählbarkeit und das Turnusſyſtem
nunmehr in Kraft getreten. Die Wahlen zum Rat werden in
der morgigen Vormittagsſitzung der Verſammlung vorgenom=
men
werden.

Eine Vorlage des norwegiſchen Oelegierten.
Nach der Annahme des Wahlreglements brachte der nor=
wegiſche
Delegierte Hambre eine Reſolution ein, die den Rat
erſucht, der däniſchen Verſammlung eine Vorlage über die Ein=
führung
des proportionalen Wahlrechts für die Wahl der nicht=
ſtändigen
Mitglieder des Völkerbundsrates zu unterbreiten. Der
Antrag ging an die Geſchäftsordnungskommiſſion.
Die Sitzung wurde um 5½ Uhr auf morgen vormittag 10½
Uhr vertagt. Das Büro tritt vor der Sitzung zuſammen, um den
Wahlmodus für die morgen vormittag vorzunehmende Wahl
der nichtſtändigen Ratsmitglieder genau nach dem beſchloſſenen
Wahlreglement feſtzuſetzen.

Feierliche Lebergabe
der deutſchen Stiftung.
Eine Rede Dr. Streſemanns.
* Genf, 15. September. (Priv.=Tel.)
Im Sitzungsſaal des Verwaltungsgebäudes des Inter=
nationalen
Arbeitsamtes fand heute nachmittag in Gegenwart
der meiſten Mitglieder der deutſchen Delegation mit Außen=
miniſter
Dr. Streſemann an der Spitze und des hieſigen General=
konſuls
Dr. Aſchmann die feierliche Uebergabe der von der deut=
ſchen
Regierung geſtifteten Pechſteinglasfenſter ſtatt, die im
Treppenhaus des neuen Gebäudes des Arbeitsamtes ange=
bracht
ſind.
Direktor Albert Thomas
begrüßte die deutſche Delegation und erinnerte an die Mitarbeit
Deutſchlands in der Arbeitsorganiſation, die ſchon ſeit ſieben
Jahren andauere, weil in dieſer Organiſation die Hilfe Deutſch=
lands
mit ſeiner glänzenden ſozialpolitiſchen Entwicklung gar
nicht entbehrt werden könnte.
Außenminiſter Dr. Streſemann
erwiderte mit dem herzlichen Dank für die freundliche Be=
grüßung
, wobei er bedauerte, daß nicht an ſeiner Stelle der
deutſche Arbeitsminiſter Brauns habe hierher kommen können.
der ſchon mehrmals an den Arbeiten der Arbeitsorganiſation
unmittelbaren Anteil genommen hat. An die Worte Thomas
anknüpfend, ſagte Streſemann, daß ſicherlich in keinem anderen
Land die Entwicklung vom ſich ſelbſt genügenden Agrarſtaat bis
zum Staat der Rieſeninduſtrien und der Rieſenſtädte ſo ſchnell
gegangen ſei, wie in Deutſchland. Man könne gewiß verſchie=
dener
Meinung ſein über den Nutzen dieſer Entwickelung, die
eine Einſchränkung des individuellen Geiſtes mit ſich bringen
mußte, ebenſo wie dieſe Einſchränkung auch eine Folge der Ent=
wickelung
vom Kleinbetriebe zu den Milliardenkonzernen war.
Inmitten dieſer Tendenzen iſt es eine Ehre des Deutſchen Reiches
geweſen, fuhr Dr. Streſemann fort, daß es ſchon im Anfang die=
ſer
Entwicklung den Gedanken der ſozialen Fürſorge des Staa=
tes
für diejenigen Schichten ausgebaut hat, die unter den heu=
tigen
Verhältniſſen zu einer Selbſtändigkeit niemals kommen kön=
nen
, um ſie vor dem Unterſinken zu bewahren. Dieſe Tendenzen
zu verallgemeinern und ſie international wirkſam zu machen, hat
ſich die Internationale Arbeitsorganiſation zum Ziele geſetzt. Ich
verkenne die Schwierigkeiten dieſer Aufgabe durchaus nicht. Es
kämpfen in der modernen Wirtſchaftsentwicklung zwei große Ge=
danken
miteinander, der Gedanke der nationalen Autarkie der
Staaten, die ſich ſelbſt genügen und ſich gegen andere abſchließen
wollen, den ich für töricht halte, weil er heute um ſo unmöglicher
iſt, je größer die Zahl der Staaten geworden iſt. Auf der anderen
Seite ſteht der Gedanke der Ueberwindung aller Lan=
desgrenzen
durch große wirtſchaftliche Gemein=
ſchaften
, ein Gedanke, vor dem viele zurückſchrecken, weil er
unzweifelhaft hinweggehen wird über den Niederbruch großer
Einzelſchichten. Ich glaube, es iſt ein guter Gedanke des Fort=
ſchrittes
der Menſchheit, daß die verſchiedenen Völker der Erd=
teile
zuſammenkommen, um dieſe Probleme zu löſen und durch
immer neue Abmachungen eine gewiſſe ſoziale Tiefladelinie zu
finden, die dafür ſorgt, daß die Schiffe der Völker der Erde unter
derſelben Belaſtung fahren und deshalb auch nicht gezwungen
ſind, auf Freiheiten anderer in der Ausbeutung der Menſchen
Rückſicht nehmen zu müſſen, die vielleicht einen perſönlichen Nutzen
bringen, aber der Geſamtheit der Völker unzweifelhaft ſchaden
müſſen. Daß ſie hier die Gemeinſchaft mit Deutſchland gefunden
haben, ehe noch die großen politiſchen Grundfragen gelöſt wur=
den
, zeigt vielleicht, wie ſehr der Gedanke des gemeinſchaftlichen
ſozialen Wirkens hier Wurzel gefaßt hat. Wenn jetzt auch in dem
Saale, in dem wir am Freitag die Aufnahme Deutſchlands in
den Völkerbund erlebten, in der Vollverſammlung und im Rate
der Nationen Deutſchlands Mitwirkung gewünſcht und friedlich
zugeſtanden wird, ſo kann ich nur hoffen, daß, ſoweit das über=
haupt
im Rahmen des Möglichen liegt, die Intenſität unſerer
Mitarbeit hier nurmehr geſteigert werden kann und irgendwelche
Hemmungen, die etwa noch beſtanden haben ſollten, beſeitigt ſein
möchten. Im übrigen aber hoffe ich, daß ſich das Zuſammen=
wirken
hier in jenem Geiſte wohlverſtandener ſozialer Kamerad=
ſchaft
der Nationen vollzieht, von der ich hoffe, daß ſie ein Werk
vollbringt, für das uns dereinſt diejenigen, die die Geſchichte unſe=
rer
Zeit ſchreiben, dankbar ſein werden. Daran mitzuwirken, wie
es bisher der Fall geweſen iſt, muß, glaube ich, der Wunſch und
die Aufgabe aller Deutſchen ſein, die mit Ihnen zuſammenarbei=
ten
. Möge Gott dafür ſorgen, daß dieſem gemeinſamen Werk der
Erfolg niemals fehle.

*Deutſche Romantik und deutſche
bildende Kunſt.
Am Dienstag abend ſprach Herr Dr. Ernſt Zeh in der
Buchhandlung Schroth in der Rheinſtraße über das Thema:
Deutſche Romantik und deutſche bildende Kunſt‟. Die Dar=
legungen
des Redners über dieſen Gegenſtand zeichneten ſich
durch formvollendeten Ausdruck und durch Beherrſchung eines
außerordentlich weitreichenden Stoffgebietes aus, ſo daß die Zu=
hörerſchaft
dadurch ganz gefeſſelt war. Die Ausführungen des
Vortragenden bewegten ſich etwa in nachſtehenden Gedanken=
gängen
:
Die Romantik hat eine univerſale Bedeutung, ſie iſt die
Grundlage wahrer deutſcher Kunſt, was immer noch nicht die
verdiente Beachtung gefunden hat. In der Muſik Richard Wag=
ners
erlebte ſie ihre Erfüllung. Die Romantik hat auch in bild=
künſtleriſcher
Form Ausdruck gefunden, aber allzu ſehr wird die
Nomantik nur literariſch, und zwar einſeitig literariſch, kritiſiert.
Goethe wird dadurch falſch beurteilt; man ſtellt ihn als Klaſſiker
den Romantikein gegenüber, aber wo Goethe ſeinem inneren
Weſen folgt, da ſteht er mit den Romantikern in einer Front.
Nicht Tieck oder Brentano, ſondern Goethe iſt das produktivſte
romantiſche Genie. Goethes Hauptwerk, ſein Fauſt, iſt roman=
tiſch
, denn in ihm lebt die der Antike völlig fremde unſtillbare
Sehnſucht nach dem Unendlichen. Der Fauſt iſt romantiſch
trotz der Helena nach Form und Inhalt. Goethe hat ſelbſt
von ſeiner Fauſtdichtung geſagt, daß ſie eine höhere, reinere
Tätigkeit bis ans Ende darſtellt und die von oben kommende
erlöſende Liebe. Es iſt dies der Ausdruck der chriſtlich= roman=
tiſchen
Erlöſungsidee. Schon Tauler hat ſie im Mittelalter vor=
geahnt
, das Eingehen des Menſchen mit Leib und Seele in die
Gotteskindſchaft wie Fauſt. Goethes Lyrik, ſeine Balladen, ſind
trotz der antiken Stoffe deutſch und romantiſch. Andere Nationen
ſehen Goethe und Schiller als Romantiker an. Wenn man die
Plütezeit der deutſchen Literatur als klaſſiſch bezeichnet, weil ſie
dem Ideal des Neuhumanismus entfpreche, ſo iſt das abzulehnen.
Schiller bezeichnete ſelbſt die Dramen Goethes als romantiſch.
Die Klaſſik iſt ein philologiſcher Begriff, hergeleitet aus der grie=
chiſch
=römiſchen Antike. Bedauerlich iſt es, daß Goethe, Schiller
und Leſſing ſich auf die Seite des klaſſiziſtiſchen Kunſtideals in
der bildenden Kunſt ſtellten, nur das Griechiſche, das Romaniſche
und die Hochrenaiſſance ſollten nachahmenswert ſein. Goethe
nannte mit Bezug auf Fouqus und ſein Schwärmen, für das
Altdeutſche, dieſes, Eckermann gegenüber, barbariſch; man müſſe
es ablehnen. Im Dichten folgten Goethe, Schiller und Leſſing
nicht dem klaſſiziſtiſchen Ideal, ſondern ihrem inneren Weſen;

ihre Dichtkunſt wurde nicht vom Klaſſizismus berührt, nur ihr
Verhältnis zur bildenden Kunſt. Goethe lehnt in der Dichtkunſt
die Unterſcheidung zwiſchen klaſſiſch und romantiſch ab. Nicht
zur Klaſſik der Antike, ſondern nach der Klaſſik nordiſch= germa=
niſcher
Kunſt müſſen wir ſtreben; ſolche Werke können nur aus
unſerem eigenen Volkstum hervorgehen. Die höchſten und ur=
ſprünglichſten
Kunſtſchöpfungen, unſere wahren Kunſtwerke, ſino
romantiſch. Die klaſſiziſtiſchen Werke ſind unklaſſiſch, nicht muſter=
gültig
. Goethes diktatoriſches Verhalten den bildenden Künſt=
lern
gegenüber kommt in den Propyläen zum Ausdruck; ſeine
Hinweiſe auf die Antike ſind einſeitige Feſtlegungen. Sie lau=
fen
ſchließlich auf eine Illuſtration der antiken Literatur hinaus.
Das klaſſiziſtiſche Kunſtprogramm ſcheiterte, und es hat in der
deutſchen Kunſt keine Spur hinterlaſſen; der Zugang zur ur=
ſprünglichen
Quelle war den Künſtlern verſperrt.
Das Wort Romantik kommt her von den Romanen; es be=
deutet
eigentlich ſo viel wie romaniſch und ſollte den Gegenſatz
zur lateiniſchen Kultur der Zeit ausdrücken. Dieſe Abweichung
von der lateiniſchen Kulturentwicklung iſt ein nordiſcher Ein=
ſchlag
. Trotz der Herkunft aus dem Süden iſt romantiſch ſprach=
lich
ein Symbol für dieſe nordiſche Kultur. Die franzöſiſchen
Ritterromane waren romantiſch, phantaſtiſch; das Wunderbare
und das Abenteuerliche war ihr Inhalt. Noch Wieland gebraucht
das Wort in ſeiner Einleitung zum Oberon in dieſer Weiſe.
Arioſts Dichtungen nannte man romantiſch. Schließlich wurde
der Begriff auf die germaniſche Kunſt übertragen. Jean Paul
betont in der Einleitung ſeiner Vorſchule zur Aeſthetik, den
Gegenſatz zwiſchen romantiſch=chriſtlicher und antik=heidniſcher
Anſchauung. Das Romantiſche iſt ihm das Schöne ohne Be=
grenzung
, das Schöne im Unendlichen. Dem Griechiſchen liegt
das Romantiſche fern, ſeine künſtleriſchen Schöpfungen ſind form=
ſtreng
, eine abtaſtbare Formenwelt.
In Lichtbildern ſtellte Herr Dr. Zeh antike, und chriſtliche
Werke gegenüber; er wolle damit kein Werturteil fällen, ſondern
nur die verſchiedenen Anſchauungen darlegen. Der Dichter No=
valis
habe die Antike mit dem einen Flügel eines Tores ver=
glichen
, das zum Menſchentum führe, der andere ſei die Romantik.
So ſtanden ſich im Lichtbild der Tempel von Aegina und der
Stephansdom in Wien gegenüber. Der Tempel von Aegina iſt
aufgebaut eng verbunden mit der Erde, alles iſt ſtatiſch im Gleich=
gewicht
und in Proportion. Die Verhältniſſe der Bauteile zu=
einander
ſind dem menſchlichen Körder entnommen, denn für den
Griechen war der Menſch das Maß aller Dinge. Der Stephans=
dom
dagegen ſtrebt von der Erde weg; er iſt ein Sinnbild für
das Streben nach dem Unendlichen. Das menſchliche Maß liegt
den mittelalterlichen Menſchen fern. Kein Bauglied hält das
Emporſtreben auf; das Bauwerk iſt ein Symbol für die Seele,

die nach oben ſteigt. Der Innenraum des griechiſchen Tempels
iſt ein enger Wohnraum für das Standbild eines in erhöhter,
idealiſierter Form des Menſchen dargeſtellten Gottes; anders der
Dom: er iſt geradezu unermeßlich, ein myſtiſcher Raum, und
Chriſtus am Kreuz iſt nicht wie in der Antike ein Zurſchauſtellen
des menſchlichen Leibes, ſondern ſeine Ueberwindung. Wie müßte
eine ſolche Entſtellung des menſchlichen Körpers auf einen Grie=
chen
wirken! Lichtbilddarſtellungen des Zeus von Otricoli und
des Sophokles ſowie der Speerträger des Polyklet waren Bei=
ſpiele
für die ganz unromantiſche antike Anſchauung, und Bilder
von Rogier van der Weyden, Grünewald, die Propheten vom
Portal des Straßburger Münſters und die Plaſtiken des Naum=
burger
Domes waren Beiſpiele für das chriſtliche und das roman=
tiſche
Ideal. Außer aus romaniſcher Zeit wurden auch Beiſpiele
für das Romantiſche in der Kunſt aus dem Zeitalter der Gotik
angeführt. Es kam dem Redner darauf an, zu zeigen, daß Roman=
tik
ſchon vorhanden war vor dem Auftreten der Romantiker im
19. Jahrhundert.
Herr Dr. Zeh behandelte dann in ſeinem Vortrag die Gegen=
ſtrömungen
gegen die Romantik, den Humanismus bis zum Auf=
klärungshumanismus
des 18. Jahrhunderts, die Renaiſſance und
das Barock, das Rokoko und den Klaſſizismus. Während das
Rokoko zum Beiſpiel durch Watteaus Fahrt nach Cythere noch
eigene Werte ſchuf, iſt der Klaſſizismus nur ein Stil zweiter Ord=
nung
, eine Nachahmung der Antike. Bilder des zu ſeiner Zeit
hochgefeierten Raphael Mengs ließen das erkennen. Eingehend
wurde beſprochen, wie Goethe ſich für den Klaſſizismus einſetzte
und die Geſellſchaft der Weimarer Kunſtfreunde gründete. Goe=
thes
Freund und Vertrauter in Kunſtdingen Johann Heinrich
Meyer erging ſich in Schimpfereien auf die romantiſchen Künſtler;
Proben aus Briefen Meyers las der Redner vor. Die beiden
Romantiker Philipp Otto Runge und Kaſpar David Friedrich
folgten ihrer urſprünglichen Begabung bei ihren Schöpfungen in
der Malerei und wandten ſich gegen den Weimarer Klaſſizis=
mus
. An einem Bilde Friedrichs, das die Unendlichkeit des Mee=
res
darſtellt, wurde gezeigt, wie ſehr ſich die romantiſche Kunſt
von der klaſſiziſtiſchen unterſcheidet, wie ſie ganz andere ſeeliſche
Grundlagen hat.
Daß die Zuhörerſchaft für die hier ſkizzierten Gedankengänge
gewonnen wurde, ließ der ſtarke Beifall am Schluß des Vor=
trags
erkennen.

Aus Buenos Aires wird uns telegraphiert: Erich
Kleiber hat bei ſeinen Konzerten im Teatro Colon die Suite
Der Geburtstag der Infantin zur erſten Auffüh=
rung
gebracht. Das Werk errang bei Publikum und Preſſe einen
ſenſationellen Erfolg.

[ ][  ][ ]

Seite 4

Primo de Rivera und das Plebiſzit.
Von unſerem ſtändigen Berichterſtatter.
v. U.=St. Madrid, 12. September.
Primo de Rivera hat im Kriege gegen die meuternde Ar=
tillerie
einen vollen Sieg erfochten. Trotz der ſchußbereit auf=
gefahrenen
Kanonen und trotz des Schwures des Artilleriekorps,
Widerſtand bis zum letzten leiſten zu wollen, iſt mit Aus=
nahme
von Pamplona kein weiterer Schuß gefallen. Alle
Artilleriegarniſonen kapitulierten recht kleinlaut vor den Gene=
ralſtabsoffizieren
, die entſandt wurden, um ſie zu entwaffnen:
So iſt denn die Meuterei in einen Don Quixote=Streich ausge=
klungen
. Aber ſo vollſtändig auch der Sieg Primo de Riveras
geweſen iſt, ſo bedeutet er doch kein Ruhmesblatt für die Dik=
tatur
. Die Tatſache, daß die Rebellion eines ganzen Armeeteiles
überhaupt ausbrechen konnte, und daß der Rücktritt des Dik=
tators
unter Stellung eines Ultimatums gefordert werden
durfte, iſt an ſich beſchämend.
Nun ſoll das Strafgericht beginnen. Aber man kann wohl
vorausſagen ,daß es nicht allzu ſtreng ausfallen wird. Sollten,
wie es vorauszuſehen iſt, auch einige Todesurteile gefällt wer=
den
, ſo werden ſie ſicherlich nicht zur Ausführung kommen.
Primo de Rivera iſt kein Diktator, dem am Blutvergießen liegt.
Er hat es bisher immer vorgezogen, ſeine Widerſacher durch
Milde zur beſſeren Einſicht zu erziehen. Auch würde der König
kaum ein Todesurteil durch ſeine Unterſchrift bekräftigen. Es
geht ſogar das Gerücht, daß Don Alfonſo den Artilleriſten vor
ihrer Unterwerfung Gnade verſprochen hat. Es muß ferner
bedacht werden, daß Spanien ſich augenblicklich durch die Kaſ=
ſierung
aller Offiziere ohne Artilleriewaffe befindet, alſo im
kriegstechniſchen Sinne wehrlos iſt. Die Artillerie= Reſerve=
offiziere
, die vorläufig einberufen ſind, um ihre aktiven Kame=
raden
zu erſetzen, ſind der ihnen geſtellten Aufgabe nicht ge=
wachſen
, um aber neue Offiziere heranzubilden, müſſen viele
Jahre vergehen. So iſt es denn wahrſcheinlich, daß man den
größeren Teil der kaſſierten Offiziere bald begnadigen und
wieder einſtellen wird. (Anm. d. Red.: Was ſich inzwiſchen
ja ſchon bewahrheitet zu haben ſcheint, da man von einem
mehrmonatigen Urlaub für die geſamte Artillerie ſpricht.)
Wenn man die Artillerierevolte als eine Prüfung der Dik=
tatur
betrachtet und die Mißerfolge der ſpaniſchen Außenpolitik
in Genf und in der Tangerfrage hinzunimmt, ſo iſt es verſtänd=
lich
, wenn Primo de Rivera ſeine Autorität durch einen Appell
an die Bevölkerung wiederherzuſtellen ſucht. Das Volk ſoll ſich

Donnerstag, den 16. September 1926

für die Regierung ausſprechen, Neinſager werden nicht zu den
Urnen zugelaſſen. Jeder in irgendwie abhängiger Stellung, Männer
und Frauen, erſcheinen an den Wahltiſchen und geben offen
ihren Zettel ab. Die Kontrolle der Nichterſchienenen iſt alſo
leicht durchzuführen, und haben ſie keine triftigen Gründe für
ihre Wahlenthaltung, ſo wird ſie gewiß bald die Nemeſis er=
eilen
. Die ſpaniſchen Wahlmethoden waren ſeinerzeit berüchtigt.
Es kam vor, daß, wenn in früheren Zeiten ſich die Oppoſition
gefchloſſen den Wahllokalen nähern wollte, ein paar Kampfſtiere
gegen ſie losgelaſſen wurden, die die unbequemen Wähler natür=
lich
in wilde Flucht jagten. Es geſchah auch, daß die Gen=
darmen
die Uhr vor den Wahllokalen plötzlich um viele Stunden
vorſtellten und der Oppoſition erklärten, daß es Nacht ſei und
daß ſie nicht mehr die Stimmzettel abgeben könnte. Ein oppo=
ſitioneller
Kandidat ſuchte um die Erlaubnis nach, auf dem
Friedhofe eine aufklärende Propagandarede halten zu dürfen,
da er alle Verſtorbenen in der Regierungsliſte bemerkt habe.
Solche Zwiſchenfälle blieben diesmal ausgeſchloſſen, ſchon weil
es gar keine Oppoſition geben darf. Die extremen Katholiken,
z. B., die ſich um den Siglo Futuro ſcharen, hatten ihren An=
hängern
Wahlenthaltung empfohlen, ſie ſtimmten darin mit den
extrem links gerichteten Elementen überein. Die Zenſur ge=
ſtattet
keine Berichte über dieſe ziemlich belangloſe Tatſache, ge=
ſchweige
denn Meldungen ins Ausland, damit der Eindruck,
daß ganz Spanien hinter der Diktatur ſteht, nicht getrübt werde.
Der Mann auf der Straße, der weder etwas zu gewinnen
noch zu verlieren hat benimmt ſich der Kundgebung gegenüber
recht teilnahmslos. Für den Augenblick ſchlummert noch jedes
politiſche Intereſſe in Spanien. Auch die Artillerierevolte war
eine rein militäriſche Angelegenheit, bei der die Bevölkerung
ganz paſſiv blieb. Iſt nun das Plebiſzit auch nicht beſonders
ernſt zu nehmen, ſo hat es doch die Bedeutung, daß die Be=
völkerung
wieder einmal nach langen drei Jahren zu einer poli=
tiſchen
Betätigung berufen worden iſt, die ſie vielleicht als
Folgerſcheinung aus der Apathie aufrütteln wird. Dem Volks=
entſcheid
ſoll ja bald die Schaffung der beratenden Kammer
folgen, und da iſt es nicht gänzlich ausgeſchloſſen, daß Spanien
aus den von Primo de Rivera vorgezeichneten Normen hinaus
geſchleudert wird. Wenn die Mehrzahl der Spanier auch nicht
Primo de Rivera feindlich iſt, ſo gibt es doch recht viele Primo
de Rivera=Müde. Man ſagt, daß zu den Letzteren auch der
König gehört, der durchaus nicht nur eine dekorative Figur,
ſondern ein kluger und geſchickter Mann iſt. Don Alfonſo XIII.
liebt es zwar nicht, durchgreifende Entſcheidungen zu treffen,
aber die Umſtände können ihn dazu drängen. Die Verdienſte
Primo de Riveras um das Land und um die Monarchie ſind

Nummer 257

ſehr groß, aber ſeine Hand iſt in der letzten Zeit weniger glück=
lich
geweſen als am Beginne der Diktatur. Man ſpricht davon,
daß er bald eine Reiſe nach den Vereinigten Staaten von Norb=
amerika
auf eine beſondere Einladung vom Präſidenten Coo=
lidge
hin antreten will, man ſpricht auch davon, daß ihm der
Herzogtitel verliehen werden ſoll, alles das würde auf einen
hochehrenvollen Abgang hindeuten. Aber es iſt eine ſehr miß=
liche
Sache, in Spanien prophezeien zu wollen, den es kommt
meiſtens anders als man denkt. Die Mentalität iſt hier eine
andere als im übrigen Europa. Es gibt ferner in Spanien
keinen politiſchen Parteikampf, auch keine Abhängigkeit von
parlamentariſchen Gruppen, es gibt ferner keine mächtige Ar=
beiterbewegung
, keine ſozialdemokratiſche, geſchweige denn kom=
muniſtiſche
Gefahr. Die Preſſe kann nicht ſtörend eingreifen, da
ſie unter Präventivzenſur ſteht, kurz ein Miniſterpräſident hat
als einzigen Kritiker und Richter ſein Gewiſſen. Wer aber kann
wiſſen, was das Gewiſſen Primo de Rivera nach dem Ausfall
des Plebiſzits zu tun vorſchreiben wird! Spanien iſt in Er=
wartung
. Zweifelsohne iſt der ſtille Frieden, iſt das Ereignis=
loſe
in der Weiterentwicklung der Dinge geſtört.

Polniſche Taktik.
Von unſerer Berliner Redaktion.
Die polniſche Telegraphen=Agentur verbreitet ſoeben eine
amtliche Auslaſſung, die wohl als Interpretation der neuen
Note in Sachen des Stickſtoffwerkes Chorzow gedacht iſt. Sie
beweiſt, wie richtig von der deutſchen Oeffentlichkeit die Tätig=
keit
Polens beurteilt worden iſt. Die Warſchauer Regierung
denkt gar nicht an ein ſachliches Entgegenkommen, ſondern will
durch diplomatiſche Manöver jede Entſcheidung hinauszögern
Obwohl das Internationale Schiedsgericht im Haag vor ſage
und ſchreibe vier Monaten den Rechtsanſpruch Deutſchlands auf
das Werk Chorzow anerkannt hat, will Polen nur das Zuge=
ſtändnis
machen, in Verhandlungen einzutreten, um die Mög=
lichkeit
einer ſchiedsgerichtlichen Beilegung zu prüfen. Der deut=
ſchen
Regierung wird alſo kaum etwas anderes übrig bleiben,
als das Haager Schiedsgericht noch einmal zu bemühen und ſich
eine Vollſtreckungsklauſel des erſten Urteils ausfertigen zu
laſſen. Gleichzeitig ſollte doch aber auch in Genf mit aller Deut=
lichkeit
zur Sprache gebracht werden, welche Achtung der Rats=
kandidat
Polen den Urteilen der vom Völkerbund eingeſetzten
Gerichte entgegenbringt, ſelbſtverſtändlich nur, wenn die Ent=
ſcheidungen
zu Ungunſten Polens lauten.

Karten: Verkehrsbüro und. H. de Waal, Rheinstraße 14.

Elektrische Anlagen
für Private, Gewerbebetriebe
und Fabriken durch
Gust. Brand, Ing.
Waldstr. 25. Fernruf 2221,
3339a)

Woog, 15, Sept. 1926,
Waſſerhöhe 3,78 m.
Luftwärme 150 C.
Waſſerwärme vorm.
7 Uhr 190 C.
Woogs=Polizei=Wache.

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Uhr

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Ab Samstag, den 18. September -
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beſten Dank f. Br. v.
11. 9. Bitte nochm
Nachricht, da Deck=
adreſſe
fehlt, (224091

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I. Teil:
Der junge Adler
II. Teil:
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I. Teil:
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II. Teil:
Im Wiener Prater
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9

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In den führenden Rollen: Walter
Rillo, Jane Movak, Rosa
Valetti, Bernhard Goekzſte

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Generaldirektor!
nach dem gleichnamigen Roman
der Berliner Morgenpost von
Ernst Klein.
In den Hanptrollen:
Albert Bassermann
Curt Vespermann, Alfred
Abel, Wilh. Diegelmann
und viele andere prominente
Schauspieler. (*24175
Die neueste Wochenschau
Unfsans 31, Uhr.
Letzte Abendvorstellung 8 Uhr.

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Hügelſtraße 35.

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Alexanderstr. 6

Heſſiſches Landestheater.
C 1 Großes Haus G 1
Donnerstag, den 16. September 1926
In derNeueinſtudierung u. Neuinſzenierung
Don Giovanni=
oder
Der beſtrafte Wüſtling
Heiteres Drama in 2 Aufzügen von Lorenzo
da Ponte Textbearbeitung von Hermann
Levi Muſik von W. A. Mozart
Muſikaliſcher Leiter: Joſeph Roſenſtock
In Szene geſetzt von Ernſt Legal
Bühnenbild und Koſtüme:
Lothar Schenck von Trapp
Perſonen:
Don Giovanni . . . . . Leo Barezinski
Der Komtur .
. . Heinrich Hölzlin
DonnaAnna, deſſ. Tochter Marg Bäumer
vom Württ, Landestheater a. G.
DonOttavio ihr Verlobter Foſef Poerner
Donna Elvira, von Don
Giovanni verlaſſen . . Paula Kapper
Maſetto, ein Bauer . . . Alfred Karen.
Zerling, ſeine Braut. Marg. Albrecht
Leporello Don Giopannis
Bedienter . . . . . . . Heinrich Kuhn
Bauern, Bäuerinnen, Ballgäſte, Muſikanten
Spielwart: Fritz Wilde
Preiſe der Plätze: 1 bis 10 Mk.
Eintritt der Mieter in den Zuſchauerraum
nur gegen Vorzeigung der Mietkarte zuläſſig
Pauſe nach dem 1. Aufzuge
Anfang 7½ Uhr Ende nach 10½ Uhr
Kleines Haus
Donnerstag, 16. und Freitag,
17. September geſchloſſen!
Samstag, 18. September, abends 7 Uhr:
Die weiße Dame
Komiſche Oper in 3 Akten von Scribe,
überſetzt von Friederike Ellmenreich.
Muſik von Boieldieu
Preiſe der Plätze: 1.20 bis 7.20 Mk.
Sonntag, 19. September, abends 7½ Uhr
In derNeueinſtudierung u. Neuinſzenierung
Die Geſchwiſter
Schauſpiel in einem Akt von Goethe
In Szene geſetzt von Ernſt Legal
Die Mitſchuldigen
Luſtſpielin Verſen und drei Akten vonGoethe
In Szene geſetzt von Ernſt Legal
Preiſe der Plätze: 1.20 bis 7.20 Mk.

Nachwurſtmarkt in Bad=Dürkheim
am 19. September 1926.
Wurſimarkt! Zentrum der Pfalz! Quinteſſenz
Rheinpfälzer Ur=Art. Reſtlos verkörpert ſich
hier pfälziſcher Schwung u. Humor /K. Räder.
V718051

Sonntag, 19. Sept.:
Ausflug
nach Amorbach
Schöllenbach- Heſſel=
bach
Wald= Leinin=
gen
Ernſtthal
Wildenburg Amor=
bach
.
Abfahrt n. Schöllen=
bach
Hauptbahnhof
552 Uhr, Oſtbahnhof
6 Uhr.
(13351

Mehrere geſpielte
Pianos
ſchwarz und nuß=
haum
poliert.
preiswert
zu verkaufen.
Bequeme
Teilzahlung!
Karl
Arnold
und Sohn
Eliſabethen=
ſtr
. 28 (12542a

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Seiden=Gummi=
Natel
zweiſeitig zu tragen
trauerhalb. billig zu
verk. Mathildenſtr 58,
1. St., Damenſchnei=
derei
, Ecke Nd = Nam=
ſtädterſtraße
. (2416:

Unlon-Tneater

Der erfolgreiche Eichbergfilm:
Der Pring und
die Tängerin
Die interessante Handlung spielt
in einem Fürstenpalast und
dem Hinterhaus einer
Mietskaserne.
Die Titelrollen sind besetzt durch
Luci Doraine
der schönen, beliebten Dira und
Willy Fritsch
dem Helden aus Walzertraum
Ferner wirken mit:
Robert Scholz. Hermann Picha,
Albert Panlig, Leop v. Ledebour,
Hans Allers, Fritz Kampers

96
HR‟
als Meisterboxer
Lustspiel in 2 Akten mit
Harold Lioyd

Lappland (24174
nordische Naturschönheiten
Die neueste Wochenschau
Anfang 3, Uhr
Letzte Abendvorstellung 8 Uhr

Weinhefen, Gärmittel empfiehlt
Drogerie Secher Nachf Ludwigshöhſtraße1 (K9817

erbstball
der
Liedertafo
findet Samstag, 2. Oktober d. Us.
abends 8 Uhr, im Städt, Saalbau
Statt.
Näheres in den nächsten Inseraten
(13335

[ ][  ][ ]

Nummer 257

Aus der Landeshauptſtadt.
Darmſtadt, 16. September.
Ernannt wurden: am 10. September der Lehrer Heinrich
Brückel aus Griedel, Kreis Friedberg, zum Lehrer an der Volks=
ſchule
zu Bad=Nauheim, Kreis Friedberg, der hauptamtliche Fortbil=
dungsſchullehrer
Lorenz Kottmaier zu Offenbach zum Lehrer an
der Volksſchule zu Mainz, der Lehrer Hermann Neubecker zu Neu=
Iſenburg, Kreis Offenbach, zum Lehrer an der Volksſchule zu Sprend=
lingen
, Kreis Offenbach a. M., der Lehrer Heinrich Stroh zu Lich,
Kreis Gießen, zum Lehrer an der Volksſchule zu Griedel, Kr. Friedberg.
Am September 1926 wurden die Oberförſter Wilhelm Henzel zu
Groß=Gerau zum Forſtmeiſter und Karl Deſch zu Ulrichſtein zum
Forſtmeiſter des Forſtamts Ulrichſtein vom 1. September 1926 ab er=
nannt
. Ferner wird in gleicher Dienſteigenſchaft der Amtsvorſtand des
Forſtamts Wimpfen, Forſtmeiſter Erwin von Becker zu Wimpfen,
in das Forſtamt Hirſchhorn verſetzt.
In den Ruheſtand tritt am 1. Oktober 1926 der Direktor der
Heſſ. Hauptſtaatskaſſe Johannes Dexheimer zu Darmſtadt auf
Grund des 8 1 des Gefetzes über die Altersgrenze der Staatsbeamten
vom 2. Juli/19. Dezember 1923 in Verbindung mit Art. 2 des Geſetzes
über Einſtellung des Perſonalabbaues in Heſſen und Aenderung des Heſſ.
Perſonalabbaugeſetzes vom 8. Oktober 1925.
LU. Von der Landesuniverſität Gießen. Die Theologie=Fakultät
unſerer Landesuniverſität hat den Profeſſor der Theologie. Präſident
William Douglas Mackenzie D. D. L. L. D. in Hartford Conn., und
den außerordentlichen Profeſſor der Theologie Lic. theol Dr. phil.
Roland Schütz in Kiel ehrenhalber zum Doktor der Theologie pro=
moviert
.
Hefſiſches Landestheater. Am Samstag, den 18. September, wird
im Kleinen Haus Boieldieus ſeit vier Jahren nicht mehr gegebene
komiſche Oper Die weiße Dame in vollſtändig neuer Inſzenie=
rung
gegeben. Die muſikaliſche Leitung hat Kapellmeiſter Max Hüsgen,
die Inſzenierung leitet Oscar Fritz Schuh. Der Beginn dieſer Auf=
führung
wurde nicht, wie irrtümlich angekündigt, auf 7, ſondern in Kon=
ſequenz
der geſtrigen Mitteilung über den durchſchnittlich ſpäter be=
abſichtigten
Theateranfang, auf 7½ Uhr feſtgeſetzt
Heute Donnerstag beginnt an der Tageskaſſe des Kleinen Hauſes
der Vorverkauf für die beiden erſten Vorſtellungen, Boieldieus Weiße
Dame am Samstag, und den Goethe=Abend (Geſchwiſter Mitſchul=
digen
) am Sonntag.
Zweiter Lichtbildervortrag Dr. Ernſt Zeh über die Romantik in
der bildenden Kunft. Wir verweiſen nochmals auf den heute abend
8½ Uhr in der Buchhandlung Heinrich Schroth, Rheinſtr. 15, ſtattfin=
denden
zweiten Vortrag des Herrn Dr. Zeh. Der erſte, vor einer zahl=
reich
erſchienenen Zuhörerſchaft gehaltene Vortrag, der den Begriff der
deutſchen romantiſchen Kunſt und insbeſondere ſein Verhältnis zur
klaſſiziſtiſchen Kunſt klarlegte, fand begeiſterten Beifall. Der heutige
zweite Abend behandelt ſpeziell die Univerſalromantiker K. D. Friedrich
und Ph. O. Runge. An der Abendkaſſe werden noch Karten ausgegeben,
doch empfiehlt ſich vorherige Beſtellung.
Vortrag in der Schutzpolizei. In der Reihe der von der Ver=
waltung
der Schutzpolizei regelmäßig veranſtalteten ſtaatsbürgerlichen
und allgemein bildenden Vorträge ſprach am 8. September Studienrat
Dr. Malzan über Pompeff. An der Hand zahlreicher vorzüglicher
Aufnahmen aus der vor 1900 Jahren verſchütteten Stadt führte der
Vortragende die Hörer durch das private und öffentliche Leben der
alten Pompeianer. In überaus feſſelnder Weiſe gab Studienrat Mal=
zan
zunächſt ein lebendiges Bild des pompejaniſchen Hauſes und des
Treibens und der Gewohnheiten ſeiner Bewohner. Er führte auf ſei=
nem
Rundgang durch die Stadt die Hörer dann auf das Forum ins
Theater und in die Bäder und verſtand es, bei den Hörern rege Teil=
nahme
für den Charakter dieſer entſchwundenen Zeit zu wecken. Zum
Schluß führte der Vortragende die Gräberſtraße vor, auch hier mit
reichen Lichtbildern ſeine Ausführungen erläuternd. Was dem Vor=
trag
einen ganz beſonderen Reiz gab, war, daß der Vortragende die
von ihm geſchilderten Stätten vor kurzem ſelbſt durchwandert und durch=
forſcht
hat und aus eigener Anſchauung um ſo lebendiger berichten
konnte. Der Saal des Elektrotechniſchen Inſtituts, den die Techniſche
Hochſchule zur Verfügung geſtellt hatte, war von Schutzpolizeibeamten,
deren Angehörigen und erfreulicherweiſe zahlreich erſchienenen Gäſten
voll beſetzt, und die wertvollen Ausführungen des Vortragenden wurden
mit großer Dankbarkeit und herzlichem Beifall aufgenommen.
Markusgemeinde. Wenn einer, der zwiſchen den Büchern aller
Völker und der Literatur aller Länder groß und alt geworden, einmal
gutgelaunt von all den Schätzen zu erzählen beginnt, die ihm ſeine
Folianten aus ihrem anvertrauten Gute zuraunen im Wechſel der Jahre
und Zeiten, ſo iſt es immer ein beſonderer Genuß, ſolchem Eingeweihten
der Buchgeheimniſſe zu lauſchen. Und ebenſo ging es den Zuhöron
des Vortrages, den Herr Bibliothekar Weber von der Stadtbibliothek
unſerem Gemeindeverein und ſeinen Gäſten über den ſchlichten Wands=
beker
Boten, Matthias Claudius (17401815) in feſſelndem Lebens=
und Geiſtesbild als eines ſelten glaubensſtarken Mannes, hielt. Aber
nicht nur die einzelnen Daten vom Lebensweg des einfachen und doch ſo
berühmten Volksmannes darunter das mit Humor geſchilderte ein=
jährige
Intermezzo 1776/77 bei der Oberlandkommiſſion in Darmſtadt,
das eines tragiſchen Anſtriches nicht entbehrte feſſelten den leider noch
viel zu geringen Zuhörerkreis, auch die ſich wie von ſelbſt ergebende
Parallele mit unſerer unruhvollen Zeit in Umſturz und Kriegsläuften,
änßerer und innerer Not gab recht zeitgemäß zu denken. Wenn Herr
Phil. Weber im zweiten Teil ſeiner angeregten einſtündigen Schilderung
eine kleine Ausleſe aus Dichtung und Stil von Matthias Claudius gab,
ſo darf ſeine verdienſtliche Bemühung des herzlichen Dankes in unſerer
Gemeinde und darüber hinaus gewiß ſein; möchte dieſer ſich in einer
regen Nachfrage nach den kleinen anſpruchsloſen Bänden offenbaren,
die bei Eintritt der rauheren Jahreszeit mit etwa 40 000 buntgewürſel=
ten
Gefährten aus der Stadtbibliothek ihre vermehrte Wanderung in
unſere Häuſer und Darmſtadts Familien antreten. Beinahe ein Viertel=
jahrhundert
ſeit Entſtehen der Stadtbibliothek, die erſt kürzlich unter
Bürgermeiſter Buxbaums kundiger Hand ein ſo ſchmuckes äußeres Ge=
wand
anlegte , betreut Herr Ph. Weber nun ſchon als einer der erſten
die Bücherſchätze zu gemeinſamer Wohlfahrt und wir hoffen heute gern,
daß er uns noch manchesmal einen ſo genußreichen Einblick darein ge=
währen
wird. Der Vereinsvorſitzende, Herr Helmreich, wußte aus
ſeiner eigenen literariſchen Kenntnis dem Dank des Gemeindevereins
beredten Ausdruck zu geben. Es wurde auch des Hinſcheidens des Herrn
Polizeiwachtmeiſters Horſt, in der Gemeinde als Vorſtandsmitglied,
ehrend gedacht, auf das Thomanerkonzert in der Stadtkirche am Don=
nerstag
, den 7. Oktober, und das ſpätere große Luther=Feſtſpiel hinge=
wvieſen
, und ſchließlich zu vermehrtem Bezuge unſeres Gemeindeblattes
Das evangeliſche Darmſtadt im Geſamtintereſſe der Stadtgemeinde
ermuntert.
Der Hefſiſche Landesverband der Inneren Miſſion, in dem die
geſamte evangeliſche Wohlfahrtspflege mit ihren Anſtalten und ihrer
öffentlichen Liebestätigkeitsarbeit zuſammengeſchloſſen iſt, hält am 17.
und 18. Oktober d. J. ſeine diesjährige Hauptverſammlung ab. Im
Anſchluß daran veranſtaltet der Landesverein für Innere Miſſion einen
Lehrgang der evangeliſchen Kreiswohlfahrtsdienſte. An dieſem Lehrgang
ſollen außer den evangeliſchen Kreiswohlfahrtsdienſten teilnehmen dürfen
die ſämtlichen evang. Geiſtlichen des Landes und die Mitglieder der im
Verband evangeliſch kirchlicher Frauenvereine in Heſſen zuſammengeſchloſ=
ſenen
Frauenvereine. Die große Not unſeres Volkes und die zahlreichen
Aufgaben, welche der ſtaatlichen und kommunalen Wohlfahrtspflege
heute aufgegeben ſind, machen es der evangeliſchen Kirche dringend zur
Pflicht, außer den Liebesgaben, die von dieſer Seite in reichem Maße
gegeben werden, zur Linderung aller Nöte auch nach neuen Methoden
und Wegen zu ſuchen, um der Wohlfahrtspflege immer beſſere Hilfs=
dienſte
leiſten zu können.

Donnerstag, den 16. Septeinber 1926

Seite 5

Landesbibliothek.
Neue Erwerbungen,
vom 16. September 1926 an auf 14 Tage im Leſeſaal
zur Anſicht aufgeſtellt:
Die Baukunſt=Denkmäler von Weſtfalen. 40. Mün=
ſter
1926 Berger, Die Darſtellung des thronenden Chriſtus.
Reutlingen 1926; Burger, Altdeutſche Holzplaſtik. Berlin 1926;
Corinth, Selbſtbiographie. Leipzig 1926: Geſchichte der
Handelskammer München/ 1926; Hohlfeld. Das biblio=
graphifche
Inſtitut. Leipzig 1926: Karutz, Atlas der Völker=
kunde
, II. Stuttgart 1926; Künſtle, Jkonographie der Heiligen.
Freiburg 1926: Die Kultur der Abtei Reichenau 2. München
1925; Leitzmann, W. A. Mozart. Leipzig 1926; Preller,
Griechiſche Mythologie, 4. Auflage. 3,1. 2,1. 2. Berlin 1921
1926: Rheinland. Düſſeldorf 1926; Stieve, Jswolſki im
Weltkrieg. Berlin 1925; Titius, Natur und Gott. Göttingen
1926.
Zeitſchriften:
Flüger’s Archiv für die geſamte Phyſiologie, 212. Berlin
1926; Zoologiſcher Bericht. 8. Jena 1926: Ergebniſſe
der inneren Medizin und Kinderheilkunde. 29. Berlin 1926;
Ergebniſſe der mediziniſchen Strahlenforſchung. 2. Leipzig
1926; Jahrbuch der Goethe=Geſellſchaft. 12. Weimar 1926;
Bonner Jahrbücher. 129, 130. 192425; Aſtronomiſche
Nachrichten. 223226. Kiel 192526; Revue des deur
Mondes. 7,33. Paris 1926; Deutſche Richterzeitung. 15
bis 17. Berlin 192325; Zeitſchrift für die geſamte Anatomie.
I. Abteilung. 78. München und Berlin 1926; Zeitſchrift für
Phyſik. 36. Berlin 1926; Zentralblatt für innere Medizin.
46, II. Leipzig 1925: Zentralorgan für die geſamte Chi=
rurgie
. 32. Berlin 1925.
Vom 27. September an verleihbar. Vormerkungen werden
im Leſeſaale entgegengenommen.

Der Tag des Herrenhutes.
Eine Mode, die ſich ihre eigenen Geſchmacksrichtlinien, anerkannt
und befolgt in der Schweiz, in England, Frankreich und Holland, ge=
ſchaffen
hat, veranſtaltet heute gleichzeitig in ganz Deutſchland eine
Modenſchau: Die deutſche Herrenhutmode! Wenn am 16. September
ſich vor den Schaufenſtern der Hutgeſchäfte die Läden öffnen und die
Rouleaux in die Höhe rollen werden, ſteht der deutſche Herrenhut des
Herbſtes und Winters 1926 in drei Grundmodellen für das Publikum
auf dem Markt. Sämtliche Schöpfungen haben die Inſtanz einer Mode=
kommiſſion
paſſiert, die unabhängig von Einzelhandel und Fabrikation
unter allen vorgelegten Modellen ihre Auswahl getroffen hat.

Ein Adreßbuch der Evangeliſchen Kirchen Deutſchlands. Durch die
Neuordnung der kirchlichen Verhältniſſe nach dem Kriege haben Orga=
niſation
und Struktur der deutſchen evangeliſchen Landeskirche einſchnei=
dende
Veränderungen erfahren. Einen Ueberblick über den gegenwärti=
gen
Beſtand zu gewinnen, iſt nicht nur für den Fernerſtehenden faſt un=
möglich
, ſondern auch für die in der kirchlichen Arbeit ſtehenden und mit
ihr verbundenen Kreiſe mit großen Schwierigkeiten verknüpft. Die
Verzeichniſſe aus der Zeit vor dem Kriege ſind veraltet und unbrauch=
bar
. Um dieſem immer fühlbarer werdenden Mangel abzuhelfen, er=
ſcheint
im Oktober d. J. im Verlag des Evangeliſchen Preßverbandes für
Deutſchland ein Deutſches kirchliches Adreßbuch‟. Dieſes Adreßbuch,
das den Bedürfniſſen der praktiſchen kirchlichen Arbeit, wie auch als
Hilfsmittel für literariſche und wiſſenſchaftliche Arbeit auf dem Gebiet
der Kirchenkunde dienen will, wird die Pfarrſtellen und die Adreſſen
ſämtlicher evangeliſchen Pfarrer, der kirchlichen Behörden, der Freikir=
chen
, ſowie ſämtlicher in Betracht kommenden evangeliſchen Vereine und
Verbände enthalten. Der Subſkriptionspreis beträgt Mk. 12 netto
(gültig bis zum 30. September 26). Beſtellungen und Anfragen an den
Evangeliſchen Preßverband für Deutſchland (Berlin=Steglitz, Beyme=
N.=V.
ſtraße 8)
* Orpheum. Wiener Operettentheater. Wie bereits erwähnt, beginnt
Samstag, den 18. September, ein Operetten=Gaſtſpiel=Zyklus mit nam=
haften
Vertretern der Wiener Theaterkunſt, unter Leitung von Dir.
Karl Weiß. Als Novität für Darmſtadt gelangt als 1. Stück Leo
Aſchers Operette Hoheit tanzt Walzer zur Aufführung.
Siehe Anzeige im heutigen Inſeratenteil.
Jubiläum. Am Freitag, den 17. ds. Mts., feiert Herr Fried=
rich
Hutzler ſein 25jähriges Dienſtjubiläum im Hauſe Gebrüder
Roeder A.=G., Darmſtadt. Es wird dem allgemein beliebten Beamten
an dieſem Tage an Ehrungen nicht fehlen.
Deutſcher Rentnerbund. Der Landesverband Württemberg hat
ſich mit den gänzlich unzureichenden Sätzen der Kleinrent=
nerunterſtützung
beſchäftigt und dabei feſtgeſtellt, daß erwerbs=
unfähigen
Kleinrentnern, die ohne eigenes Verſchulden durch die In=
flation
große und mittlere Vermögen verloren haben, heute zugemutet
wird, mit Unterſtützungsſätzen von 11,50 Mk. täglich auf dem Lande
vielfach noch weniger ihren ganzen Lebensunterhalt zu friſten. Der
Ausſchuß des Verbands hofft, daß die maßgebenden Stellen nicht erſt zu
ſpät zu der Erkenntnis kommen, daß die Steigerung der Lebensmittel=
preiſe
und der Mieten, ſowie die immer mehr zuſammenſchrumpfenden
Zuſchüſſe zum Lebensunterhalt durch Zimmervermietung eine ſofortige
und weitgehende Erhöhung der Unterſtützungsſätze nötig machen. Da
auf die Dauer aber eine anſtändige Entſchädigung der Kleinrentner ohne
finanzielle Hauptbeteiligung des Reichs von Land und Gemeinden nicht
gewährt werden kann, ſo richtet der Landesverband wiederholt das
dringende Erſuchen an Regierung und Landtag, ſich für die
ſchleunige Verabſchiedung des vom Deutſchen Rentnerbund entworfenen
Rentnerverſorgungsgeſetzes mit allem Nachdruck einzu=
ſetzen
. Was geſchieht, ſo fragen wir denn doch, nun diesbezüglich in
Heſſen.
Tagesordnung zur Sitzung des Provinzialausſchuſſes der Prov.
Starkenburg am Samstag, den 18. September 1926, vormittags 9 Uhr.
1. Klage des Wendelin Berkau zu Rüſſelsheim gegen den Beſcheid des
Kreisamts Groß=Gerau vom 14. Mai 1926 wegen Nichterteilung eines
Wandergewerbeſcheines. 2. Beſchwerde des Max Heumann zu Heppen=
heim
gegen den Beſchluß des Kreisausſchuſſes Heppenheim vom 27. Okt.
1925 wegen Unterbringung in das Arbeitshaus Dieburg. 3. Geſuch des
Friedrich Kaißling zu Darmſtadt um Erteilung der Erlaubnis zum Be=
trieb
einer Schankwirtſchaft mit Branntweinausſchank im Hauſe Bis=
marsſtraße
125. 4. Geſuch des Friedrich Ehret zu Bensheim um Er=
teilung
der Erlaubnis zum Ausſchank von Wein und Branntwein in
ſeiner Kaffeewirtſchaft Hauptſtraße 7. 5. Geſuch des Adam Schott zu
Offenbach a. M. um Ertei ung der Erlaubnis zum Betrieb einer Schank=
wirtſchaft
mit Branntweinausſchank im Hauſe Feldſtraße 109. 6. Geſuch
des Rudolf Delaitotti zu Offenbach a. M. um Erteilung der Erlaubnis
zum Betrieb einer Kaffeewirtſchaft ohne Branntweinausſchank im
Haufe Waldſtraße 26.
Unglücksfälle. Geſtern vormittag erlitt im Herrngarten eine
ältere Frau einen Nervenzuſammenbruch. Sie wurde von der Städtiſchen
Rettungswache nach ihrer Wohnung verbracht. Geſtern, gegen 3 Uhr
nachmittags, kam ein Arbeiter in der Ziegelei Delp mit der rechten Hand
in eine Walze, die ihm beinahe die ganze Hand abquetſchte. In ſchwer=
verletztem
Zuſtande wurde der Verunglückte von der Rettungswache nach
dem Stadtkrankenhaus gebracht.

Abſchluß der Reichstagung des Bühnen=
volksbundes
zu Mainz.
Mit einer Rheinfahrt nach St. Goar und zurück fand die Reichs=
tagung
des Bühnenvolksbundes am Dienstag ihren ebenſo ſchönen wie
würdigen Abſchluß. Von herrlichem Wetter begünſtigt fuhren die etwa
700 Teilnehmer, von allen vorbeikommenden Schiffen und allen Ort=
ſchaften
ſtürmiſch begrüßt, durch die lachenden Gefilde der Rheinland=
ſchaft
. Beim Paſſieren der Lorcher Inſeln wurde noch einmal
auf die einzigartige Zweckmäßigkeit und Schönheit dieſer Stätte für ein
Reichsehrenmal hingewieſen und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß
der Plan der Toten=Inſel im Rhein doch noch Verwirklichung fände.
Bei der Rückfahrt von St. Goar drehte das Schiff in Bingen bei, wo ſich
die Teilnehmer auf den Nochusberg begaben. Hier führte die St. Jürg=
Spielſchar=München das Ueberlinger Münſterſpiel
auf. Die Freilichtaufführung hinterließ einen ſehr tiefen, ergreifenden
Eindruck bei allen denen, die das Glück hatten, ihr beizuwohnen. Abends
ging es dann, nachdem noch ein zweiter Dampfer von Mainz gekommen
war, gemeinſam zurück. Ueberall waren die Ufer feſtlich beleuchtet. Von
allen Orten ſtiegen Leuchtraketen zum Himmel empor. Seit demn Kriege
war eine derartige Beleuchtung der Rheinufer von Bingen bis Mainz
nicht mehr zu ſehen. Die pyrotechniſchen Darbietungen erreichten in
Mainz ihren Höhepunkt. Um 11 Uhr legten hier die Dampfer wieder
an, von einer vielhundertköpfigen Menge erwartet. Ein ſchöneres
Finale für die Reichstagung des Bühnenvolksbundes unter Deviſe:
Eine Schau deutſcher Kultur am deutſchen Rhein hätte es wirklich
kaum geben können.
Kunſinofizen.
Ueder Werte, Künſher und fünffleriſche Veranſtaltungen, deren im Nachſtebenden Erwdbnung
geſchleht, bebält ſich die Redakion ihr Urtell vor
Reſidenz=Theater. Die Wogen der ruſſiſchen Revolution
durchbrauſen den neuen Ufafilm Die Prinzeſſin und der Geiger, der
im Reſidenz=Theater zur Aufführung gelangt. Mitten in der Brandung
der politiſchen Leidenſchaften, die das Leben einer großen Nation um=
wälzen
, treffen ſich zwei Menſchenkinder, die durch geſellſchaftliche Vor=
urteile
und Lebensanſchauungen getrennt, ſich bis dahin nicht finden
konnten. Die erſtklaſſige deutſche Beſetzung (Walter Rille, Martin Hertz=
berg
, Jane Novak, Roſe Valletti, Bernhard Goetzke, Fritz Alberti und
viele andere) erzielten den gewünſchten Publikumserfolg. Der im
Beiprogramm laufende deutſche Film: Der Herr Generaldivektor
zeichnet ſich ebenfalls durch ſeine auserleſene Beſetzung aus. Namen von
Auf wie: Albert Baſſermann, Alexandra Sorina, Hanna Ralph, Max
Grünberg, von Winterſtein, Alfred Abel. Wilhelm Diegelmann, Fer=
dinand
von Alten, in einem Werke vereinigt, tragen dazu bei, den Erfolg
eines Filmes zu ſichern.
Union=Theater. Der Prinz und die Tänzerin‟. Die
Bombenrolle des Films iſt der charmanten Luzie Doraine anvertraut.
Man kennt ihre Art aus vielen Filmen, in denen ſie als Dame von Welt
durch Schönheit und Luxus wirken kann. Sie iſt diesmal, namentlich
im Rahmen der Bauten von Kurt Richter, verführeriſcher denn je. Ihr
Spiel iſt ausdrucksvoll und echt, die Szenen nervöſer Gehetztheit und
ſtummen Duldens ſind beſonders eindringlich. Willy Fritſch (der Prinz)
erweiſt ſich immer mehr als der jugendliche Liebhaber des deutſchen
Films: er hat jenen natürlichen Charme, jene Unaufdringlichkeit der
Geſten und Bewegungen, wie wir ſie ſonſt nur bei den jungen amerika=
niſchen
Schauſpielern finden. In ein paar amüſanten Hofchargen zeich=
nen
ſich Albert Paulig und Hermann Picha beſonders aus. Heinrich
Gärtners außerordentliche Photographie verdient hohes Lob. Das
Beiprogramm wird durch ein Harold=Lloyd=Luſtſpiel und eine Natur=
aufnahme
aus Lappland ergänzt.
Aas den Parteien.
Deutſche Volkspartei Darmſtadt. Wir bitten unſere
Mitglieder und Freunde, mit ihrer Anmeldung für den Familien=
ausflug
nach Auerbach am Sonntag, den 19. September, auf keinen Fall
bis zur letzten Stunde zu warten. Nähere Einzelheiten über dieſe Ver=
anſtaltung
auf dem Auerbacher Schloß ſind ja bereits durch die Preſſe
bekannt gegeben worden. Wenn nicht ſpäteſtens am Freitag vor=
mittag
die erforderliche Mindeſtzahl von Fahrtteilnehmern erreicht
iſt, wird es uns leider unmöglich ſein, den vorgeſehen Sonder=
zug
zu beſtellen. Die Abfahrt ab Darmſtadt ſoll am Sonntag bereits
gegen 1½ Uhr erfolgen. Anmeldungen ſür den Ausflug ſind an die
Parteigeſchäftsſtelle, Darmſtadt, Rheinſtr. 22 (Fernruf 1304), zu richten.


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Gebacken mit Dr. Oetker’s Backpulver Backin‟, Dr. Oetker’s feinem Stärkepuder Gustin
und Dr. Oetker’s Vanillin-Zucker.

Maten
1ſa Pfund Butter, ungesalz. oder gewaschen, 1ſ9 Pfund
Zucker, 4 Eier, 1½. Pfund feinstes Weisenmehl, 14 Pfund
Dr. Oeiker’s feiner Stärkepuder Qustin 1 Tee=
löffel
Dr. Oetker’s Vanilliu-Zucker, 1 Teelöffel Dr.
Oeiker’s Backpulver Backin.

Zubereitung: Die Butter wird etwas erwärmt und schaumig gerührt.
Dann gibt man allmählich Zucker und den Vanillin-Zucker hinzu. Hier-
auf
1 Ei und ctwas Mehl, das vorher mit Qustin und dem Backin
gemischt wurde, Ist dies gut verrührt, wieder 1 Ei und etwas Mchl-
mischung
, bis die Eier und die Mischung verbraucht sind. Die Masse
wird in eine mit Butter ausgestrichene Form gegeben und bei mittlerer
Hitze rund eine Stunde gebacken. Sandtorte hält sich lange Zeit
frisch und ist ein beliebtes Gebäck zum Tee und Wein.

Verlangen Sie in den einschl. Geschäften die neuen farbig illustr. Rezeptbücher,
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[ ][  ][ ]

Seite 6

*Amtsgericht I.
1. Ein in Mannheim wohnhafter Schriftſteller und Gläubiger des
Zeitungsverlegers Knoll in Traiſa über deſſen Vermögen bekanntlich
Konkurs eröffnet war, der aber Mangels Maſſe eingeſtellt wurde, iſt
angeklagt, Anfang April d3. Js. im Schützenhofe hier wider beſſeres
Wiſſen in bezug auf einen hieſigen Rechtsanwalt und Notar geäußert
zu haben, dieſer habe einen Uebereignungsvertrag, der zwiſchen einem
Gläubiger und früheren Teilhaber, Kober u. Knoll, geſchloſſen war, um
6 Monate vordatiert und habe ſich dafür 700 Mk. geben laſſen. Der
genaue Wortlaut der Aeußerung wurde dem im Lokal damals an=
weſenden
Beleidigten ſpäter hinterbracht. Der Angeklagte beſtreitet, eine
Aeußerung getan zu haben, wie ſie die Anklage enthält; er will
lediglich geſagt haben, es werde dem Anwalt nicht angenehm
ſein, wenn (was beabſichtigt war) die Verträge angefochten werden.
Die Verteidigung greift die Glaubwürdigkeit der gegen den An=
geklagten
aufgetretenen und ihn ſtark belaſtenden Zeugen an und
ſtellt in dieſer Richtung neue Beweisanträge. Die Sache wird vertagt,
neuer Termin von Amts wegen anberaumt.
2. Am 16. Juni 1926, als die Wogen betreffend die Fürſtenabfin=
dung
höher gingen, war an der Plakattafel am Landtagsgebäude der
Aufruf des Reichspräfdenten angeklebt. Dieſes Plakat wurde durch
einen kleinen Zettel überklebt, der von Berlin bezogen, lautete: Nehmt
den Fürſten, was dem Volke iſt‟. Darin wird ſeitens der Anklage=
behörde
das Delikt grober Unfug erblickt. Anderer Anſicht iſt der
Gerichtsvorſitzende. Er verurteilt den Angeklagten G. Böhm zu 3 Mk.
Geldſtrafe wegen Zuwiderhandlung gegen das heſſiſche Preſſegeſetz
vom 1. Auguſt 1862, nach deſſen Artikel 48 Druckſchriften nur mit Er=
laubnis
der Polizeibehörden angeſchlagen werden dürfen.

* Bezirksſchöffengericht. Unter der Anklage des Betrugs ſteht ein
hieſiger Kaufmann, Sohn eines Beamten; er iſt ſeit 30. Juni 1926 in
Unterſuchungshaft. Aus ſeinem Lebenslaufe ſei bemerkt, daß er das
Gymnaſium beſucht, die Maturitätsprüfung beſtand, ſodann Rechts=
wiſſenſchaft
auf einer Nachbaruniverſität ſtudierte, wie er ſagte, ohne In=
tereſſe
für dieſes Fach, auf Wunſch des Vaters. Seiner Neigung nach
wollte er zur Reichswehr gehen oder den Kaufmannsberuf ergreifen.
Der Angeklagte war von der Sucht befallen, raſch zu Geld zu kommen,
und ſo verfiel er auf Spekulations= und Schiebergeſchäfte. Die Anklage
legt ihm zur Laſt, im April und Mai 1926 hier und in Frankfurt a. M.
durch falſche Angaben, über Familien= und Vermögensverhältniſſe ſich
Fahrräder verſchafft zu haben. Er iſt im weſentlichen geſtändig. Die
pſychiatriſche Unterſuchung ließ Störungen und Ausfälle nicht erkennen,
die die Anwendung des 8 51 St.G.B. rechtfertigen könnten. Der Straf=
antrag
geht auf 10 Monate Gefängnis. Das Urreil lautet auf
6 Monate, unter Anrechnung von 7 Wochen Unter=
ſuchungshaft
. Es wird anerkannt.
* Fall Meon. Zur nochmaligen Verhandlung vor dem Schwur=
gericht
Mainz ſind, wie wir hören, der 12. Oktober und folgende
Tage in Ausſicht genommen.
Für Rußland=Reiſende. Ein Einzelfall gibt Veranlaſſung,
darauf aufmerkſam zu machen, daß in der U. d. S. S. R. vielfach Ver=
bote
des Photographierens beſtehen. Rußlandreiſende, die photo=
graphiſche
Aufnahmen zu machen wünſchen, werden daher gut daran
tun, ſich eingehend über den Umfang dieſer Verbote in dem Gebiete,
das ſie aufſuchen oder durchreiſen wollen, zu unterrichten und ſich
nötigenfalls einen Ausweis der zuſtändigen Stelle zu verſchaffen, andern=
falls
laufen ſie Gefahr, ſich großen Unannehmlichkeiten auszuſetzen.
Nächſte Dampferabfahrten der Hamburg=Amerika=Linie. Nach
New York: Dampfer Reliance ab Hamburg am 20. 9., ab Cuxhaven
am 21. 9., D. Hamburg ab Hamburg am 23. 9, ab Cuxhaven am 94. 9.,
D. Weſtphalia ab Hamburg am 29. 9., D. Reſolute ab Hamburg am
4. 10., ab Cuxhaven am 5. 10., D. Albert Ballin ab Hamburg am 7. 10.,
ab Cuxhaven am 8. 10., D. Thuringia ab Hamburg am 13. 10., D.
Reliance ab Hamburg am 18. 10., ab Cuxhaven am 19. 10. Nach
Boſton: D. Weſtphalia ab Hamburg am 2. 9., D. Thuringia ab
Hamburg am 13. 10. Nach Philadelphia, Baltimore,
Norfolk: Ein Dampfer am 1. 10. Nach der Weſtküſte Nord=
amerika
: M.S. Seekonk am 25. 9., M.S. Iſis am 9. 10. Nach der
Oſtküſte Südamerika: D. Granada am 25. 9., D. Württemberg
am 9. 10. D. Niederwald am 13. 10., D. Frankenwald am 20 10
Nach der Weſtküſte Südamerika: D. Itauri am 18. 9., D. Alrich
am 24. 9., D. Emden am 29. 9., D. Sachſenwald am 8. 10., D. Ansgir
am 9. 10. Nach Mexiko: D. Schleswig=Holſtein am 21. 9., D. Rio
Pamco am 30. 9., D. Amaſſia am 9. 10., D. Holſatic am 19. 10., D.
Rio Bravo am 30. 10. Nach Cuba: D. Antiochia am 15. 10., D.
Naplia am 15. 11. Nach Weſtindien: D. Galicia am 25. 9.,
D. Adalia am 6. 10., D. Weſterwald am 16. 10., D. Rugia am 27. 10.,
D. Sebara am 6. 11. Nach Jamaica, Haiti, Domingo und
Pto. Rico: D. Alexandria am 18. 9., D. Grunewald am 9. 10.,
D. Anatolia am 30. 10. Nach Oſtaſien: D. Coblenz am 18. 9.,
D. Dardanus am B. 9., D. Preußen am 29. 9., D. Sachſen am 2. 10.,
D. City of Glasgow am 9. 10. Nach Afrika: D Tanganjika am
9. 10. Hamburg=Rhein=Linie: Wöchentlich ein Dampfer. Mitgeteilt
durch den Vertreter Adolf Rady in Darmſtadt, Zimmerſtraße 1.

Tageskalender für Donnerstag, den 16. September 1926.
Landestheater: Großes Haus, Anfang 7½ Uhr, Ende nach 10
Uhr, C 1. Don Giovanni Kleines Haus: Keine Vorſtellung.
Arpheum: Keine Vorſtellung. Schloß=Café: Konzert.
Café Rheingvld; Konzert und Tanz. Union=, Reſidenz=
Theater, Palaſt Lichtſpiele: Kinovorſtellungen.

Donnerstag, den 16. Septeinber 1926

Aus Heſſen.
Starkenburg.
* Griesheim 14. Sept. Wie man hört, hat ſich Herr Kreisdirektor
Dr. Merck in Gr.=Gerau auf Anfrage in dankenswerter Weiſe bereit
erklärt, das Protektorat über den vom Geſangverein Sängerbund im
Juni nächſten Jahres beabſichtigten Geſangswettſtreit anläßlich des
40jährigen Beſtehens des Vereins zu übernehmen.
* Griesheim, 14. Sept. Herr Lehrer Moog von hier iſt auf ſein
Nachſuchen wegen geſchwächter Geſundheit vom 1. Oktober d. J. ab in
den Ruheſtand verſetzt worden.
* Nieder=Ramſtadt, 14. Sept. Gemeinderatsbericht. Der
von der Verwaltung vorgelegte Entwurf der Voranſchläge des Gemeinde=
Elektrizitäts= und Waſſerwerks für 1926 wurde beraten und genehmigt.
Die verſchiedenen Innenarbeiten in den Neubauten der Gemeinde
wurden nach den eingereichten Preisangeboten an die hieſigen Hand=
werksleute
vergeben, dergeſtalt, daß die Arbeiten zum niedrigſten An=
gebotseinheitspreis
ausgeführt werden müſſen. Bei dieſer Gelegenheit
wird auch beſchloſſen, die notwendigſten Reparaturarbeiten am Gemeinde=
haus
Ecke Schul= und Bahnhofsſtraße ausführen zu laſſen.. Dem wie=
derholten
Anſinnen des Kreisamtes, außer dem bereits errichteten
Wannen= und Brauſebad noch ein Volksſchwimmbad einzurichten, kann
der Gemeinderat nicht ſtattgeben, weil zurzeit die Mittel hierfür be=
ſchwerlich
aufzubringen wären. Dem Geſuch des Frd. Bayer dahier
um Erteilung der Genehmigung zur Errichtung einer Schweinezucht=
anſtalt
auf ſeinem Gelände am Pfaffenberg wird zugeſtimmt. Die
Inſtandſetzung der Waldchauſſee bei den Fichten im Gemeindewald wird
beſchloſſen. Ein Geſuch des Gg. Schuchmann um Herabſetzung der
Miete für ſeine Wohnung in einem Gemeindehauſe wird abſchlägig be=
ſchieden
, weil die betreffende Wohnung zu einem geringeren, als dem
feſtgeſetzten Preiſe nicht abgegeben werden kann. Die abgehaltene
Grummetgrasverſteigerung hinſichtlich der Grummetgrasernte auf den
Gemeindewieſen wird genehmigt. Die dem Faſelwärter i. R. Walther
überlaſſene Grasnutzung an der Viehweide ſoll zu 1,50 Mark berechnet
werden. Bei dieſer Gelegenheit wird beſchloſſen, die bisher in Selsſt=
benutzung
der Gemeinde ſich befindlichen Wieſen wieder zu verpachten,
da die Erntekoſten des Heues und Grummetgraſes in keinem Verhältnis
mehr zu den Ankaufskoſten des Fütters ſtehen. Einem Bauherren
wird ein Baudarlehen zu den bisher üblichen Bedingungen gewährt.
Die Beſchlußfaſſung über die Inſtandſetzung der Karlsſtraße wird aus=
geſetzt
, bis ſich die Finanzkommiſſion vergewiſſert hat, inwieweit dieſe
Arbeiten noch im Rahmen des Voranſchlags ausgeführt werden können.
Die Verwaltung wird indeſſen einſtweilen ermächtigt, einen Waggon
Randſteine im Einvernehmen mit der Bauleitung anzuſchaffen. Den
männlichen Pfleglingen hieſiger Gemeinde in der Provinzialpflegeanſtalt
Eberſtadt wird bis auf Weiteres ein tägliches Taſchengeld von 15 Pfg.
bewilligt. Den Schluß der Sitzung bildeten Wohlfahrtsſachen.
* Ober=Ramſtadt, 14. Sept. Obwohl ſich die Schuttabladeſtelle nach
wir vor in unmittelbarer Nähe des Sportplatzes am Buchwald befindet
und als ſolche durch aufgeſtellte Tafeln gekennzeichnet iſt, werden Schutt
und Unrat häufig noch auf dem Sportplatz ſelbſt abgelagert und ent=
ſtehen
durch die Wegräumungsarbeiten ſtets erhebliche Koſten. Die
Bürgermeiſterei weiſt daher in einer Bekanntmachung erneut darauf
hin, daß das Ablagern von Schutt auf dem Sportplatz und an ſonſtigen
Ortsausgängen ſtreng verboten iſt. Künftig wird gegen Zuwider=
handelnde
unnachſichtlich Anzeige erhoben werden. Außerdem erfolgt
die Entfernung der Ablagerungen auf ihre Koſten.
* Roßdorf, 15. Sept. Die Maul= und Klauenſeuche in unſerem
Dorfe iſt wieder erloſchen. Die Sperrmaßnahmen wurden aufgehoben.
r. Babenhauſen, 14. Sept. Die hieſige Ortsgruppe der Deutſchen
Bau= und Siedelungsgemeinſchaft hatte am Sonntag nachmittag zu einem
Redner war Herr Bürgermeiſter Dehmer=Hainſtadt a. M. Nach
kurzer Begrüßung durch den 1. Vorſitzenden, Herrn Perſchbacher, der
mitteilte, daß zurzeit ungefähr 40 Mitglieder der Ortsgruppe angehören,
ſprach in etwa zweiſtündiger Rede der Vortragende über den Zweck und
die Ziele der Deutſchen Bau= und Siedelungsgemeinſchaft. Ausgehend
von dem Motto: Durch Arbeit und Not zu Wohnung und Brot
ſchilderte er in ſehr volkstümlichen Worten die produktive Arbeit der Ge=
noſſenſchaft
, die im vorigen Jahre von 8 Mitgliedern gegründet wurde
und am 1. September d. J. ſchon den erfreulichen Mitgliederſtand von
14 000 erreicht habe. Der Wohnungsbau ſei intenſiv mit unſerer Wirt=
ſchaft
verbunden, und gerade durch ihn könnten unermeßliche Werte von
der großen Maſſe der Erwerbsloſen in Deutſchland geſchaffen werden.
Der Wohnungsbau mit zinsloſem Gelde ſei kein Märchen, keine Theorie,
ſondern nackte Tat. Innerhalb der kurzen Zeit ihres Beſtehens ſeien
von der Siedelungsgemeinſchaft 240 Häuſer gebaut worden, die durch
dieſes Schaffen mit dazu beigetragen habe, die wirtſchaftliche Not, in
der ſich Stagt und Gemeinden bei 2 Millionen Wohnungsſuchenden be=
fänden
, zu lindern. Leider habe die Gemeinſchaft trotz gut verlaufener
amtlicher Reviſion noch nicht die Anerkennung der Gemeinnützigkeit durch
das heſſiſche Miniſterium gefunden. Durch Erweckung des Sparſinns bei
der Jugend erhebe ſie Anſpruch auf erziehliches Wirken, doch jede Idee
bedürfe der Zeit bis zu ihrer vollen Auswirkung. Sache der Gemeinde=
verwaltungen
wäre es, die ſegenbringende Arbeit der Deutſchen Bau=
genoſſenſchaft
nach Kräften durch zinslos gewährte Darlehen oder ſolche
mit gevingem Zinsfuß zu uterſtützen. Mit den Worten: Schafft ge=
ſunde
Wohnungen, die Tußerkuloſe und Geſchlechtskrankheiten werden
alsdann verſchwinden! ſchloß Bürgermeiſter Dehmer ſeine mit gro=
ßem
Beifall aufgenommenen Ausführungen. Eine rege Ausſprache ſprochen werden wird. Zum Schluß wurde Herrn Behne der Dank der
ſchloß ſich an, in der noch manche Frage geklärt wurde.

Nummer 257

Reinheim i. D., 14. Setzt. Die Darmſtädter Lichtſpiele hier en=
öffnen
nach mehpwöchentlicher Pauſe am 18. d. M. die neue Spielzeit
mit einer Anzahl erſtklaſſiger Programme.
* Michelſtadt, 15. Sept. Eine weit über die Grenzen unſeres Städt=
chens
bekannte und beliebte Perſönlichkeit, Herr Drogeriebeſitzer Joſ.
Königs, wurde geſtern vormittag nach einem kurzen, aber hartnäcki=
gen
Leiden aus dem irdiſchen Leben abberufen. Es war ihm leider mur
kurze Zeit vergönnt, ſich im Kreiſe ſeiner Familie der wohlverdienten
Ruhe zu erfreuen, ſollte doch ſein arbeitsreiches und von Erfolg ge=
kröntes
Lebenswerk bereits mit ſeinem 59. Lebensjahre ſeinen Abſchluß
finden. Als junger Menſch von 25 Jahren kam Herr Königs nach
Michelſtadt, das ſeine zweite Heimat wurde, und gründete daſelbſt ein
Geſchäft, das heute als das erſte und größte am Platze anzuſprechen iſt.
Doch nicht mur ſeiner Firma galt ſein Wirken; auch im öffentlichen Leben
ſtellte er ſeine reichen Erfahrungen und Kenntniſſe zur Verfügung, die
durch ſeine Zugehörigkeit zu einer Anzahl von Inſtituten und Körper=
ſchaften
reichlich Verwendung fanden. Ein offener und ſteter Charakter
zeichnete ihn beſonders aus und verſchaffte ihm die große Hochachtung,
welche ihm allgemein entgegengebracht wurde. Durch ſeine weitgehende
Hilfsbereitſchaft, die er allen Freunden und Bekannten, welche ſich in
bedrängter Lage befanden, zuteil werden ließ und hierbei ſelbſt große
Opfer nicht ſcheute, erfreute er ſich einer ſelten großen Beliebtheit. Groß
iſt der Kreis derer, die trauernd an ſeiner Bahre ſtehen und an dem
ſchweren Verluſte teilnehmen, der die Familie ſo überraſchend betroffen
hat. Die Firma wird durch den Sohn, Herrn Adolf Königs, der bereits
vor einiger Zeit, und zwar nachdem ſich Herr Joſ. Königs aus Ge=
ſundheitsrückſichten
zurückziehen mußte, die Leitung des Geſchifts über=
nommen
hatte, weiter geſührt. Möge es ihm gelingen, das von ſeinem
Vater geſchaffene Lebenswerk in deſſen Sinne fortzuſetzen.
Erbach, 13. Sept. Die für jedermann zugänglichen und unent=
geltlichen
Säuglings= und Kleinkinderberatungsſtunden finden im Monat
September wie folgt ſtatt: in Lützel=Wiebelsbach am erſten Donnerstag
im Monat, mittags 2 Uhr in der Schule; in Michelſtadt am erſten und
dritten Montag in der alten Schule, mittags 34 Uhr; in Erbach am
zwveiten und vierten Dienstag im Kreiskrankenhaus, mittags von halb
3 Uhr bis halb 4 Uhr; in Reichelsheim am erſten Freitag im Nathaus=
ſaal
mittags von 12 Uhr.
b. Beerfelden, 14. Sept. Die hieſige Ortsgruppe des Kreisobſt=
bauvereins
unternahm am Sonntag nachmittag in Gegenwart des
Herrn Obſtbau=Inſpektors Behne=Darmſt=3t einen Rundgang zwecks
Feſtſtellung von Obſtſorten. Leider mußte infolge des Regens und der
Näſſe auf den Grundſtücken bald Schluß gemacht werden. Man begab
ſich in den Mohren, wo zunächſt ein allgemeiner Gedankenaustauſch
ſtattfand über die betrachteten Obſtſorten und über allerlei Fragen vom
Obſtbau. Nachdem Herr Rektor i. R. Schwartz die Anweſenden begrüßt
und der Vorſitzende des Vereins, Herr Kreisbaumwart Dietrich, Herrn
Behne anregte, über die geplante Obſtausſtellung zu ſprechen, ergriff
dieſer das Wort zu längeren Ausführungen. Zunächſt äußerte er ſich
über die Ausſtellung. Nach dem Geſehenen zweifle er nicht daran, daß
genügend Obſt für eine Ausſtellung zuſammenkäme, dieſe müßte aber ein
zutreffendes Bild geben von dem Stand, des Obſtbaues am hieſigen
Platze. Dies ſei aber nicht der Fall infolge der geringen Aepfelernte.
Manche Sorten würden gar nicht vertreten ſein und ſo würde die Aus=
ſtellung
ihren Zweck verfehlen, dieſer beſtünde nämlich darin, die brauch=
baren
Sorten feſtzuſtellen und ihren Anbau zu empfehlen und vor un=
geeigneten
Sorten zu warnen. Die Verſammelten erkannten die Richtige
keit dieſer Darlegungen an, und es wurde beſchloſſen, im kommenden
Jahre einer Ausſtellung näherzutreten. Redner gibt nun bekannt, daß
ein Vortrag geplant war im Anſchluß an die Ausſtellung, daß er aber
doch die Gelegenheit wahrnehmen wolle, über die am meiſten intereſſie=
dende
Frage zu ſprechen, über die Sortenfrage. Die ganze Ren=
Vortrage über Wohnungsbau mit zinsloſem Gelde eingeladen, tabilität des Obſtbaues hängt von dieſer Frage ab. Die Richtigkeit dere
ſelben erkennend, habe die Landwirtſchaftskammer eine Sortenauswahl
geſchaffen für die Provinz Starkenburg; dieſelbe ſei nicht am grünen
Tiſch entſtanden, ſondern ſei der Praxis entſproſſen. Es habe aber ge=
golten
, die 1916 geſchaffene Auswahl zu verbeſſern, denn auch dieſe ſei
dem Wechſel der Zeit unterworfen, manche Sorten zeigen ſich beſſer,
andere kommen in Abgang. So ſei beiſpielsweiſe die Goldparmäne in
Rückgang geraten; auf ſchlechten Böden iſt dieſer Baum in 15 bis 18
Jahren erſchöpft, in einzelnen Lagen iſt dieſe Sorte noch leiſtungsfähig.
Die verſchiedenen Arten von Bohnäpfeln zeigte auch die Verſchiedenheit
der Meinungen unter den Anweſenden, und Redner konnte darauf hin=
weiſen
, wie gerade eine Ausſtellung ſolche Fragen klären könnte. Der
rheiniſche Bohnapfel iſt dem Friedberger Bohnapfel vorzuziehen, de
letzterer weicher und darum wemiger empfehlenswert ſei. Ueber den
Zuccalmaglio gehen die Anſichten auseinander; die Erſtlingsfrüchte ſind
ſchön, ſpäter werden ſie kleiner. Die Kaſſeler Reinette iſt auch nicht
mehr zeitgemäß; pfropft man ſie um, dann muß eine ſtark treibende
Sorte benutzt werden, wie z. B. Jakob Löbel, auch Schöner von Boskoop.
Letztgenannte Sorte kann an erſter Stelle empfohlen werden. Ueber=
haupt
ſind rote und rot angehauchte Früchte am beſten verkäuflich. Für
Höhenlage iſt der Brikenapfel zu empfehlen. Der rote Eiſerapfel iſt gut
verkäuflich, trägt aber ſehr ſpät und wird darum am beſten aufgebfropft;
dasſelbe gilt vom Matapfel. Des weiteren wurde eine größere Anzahl
von Birnenſorten beſprochen, auch empfahl Redner den Anbau von
Mirabellen. Man beſprach noch die Entfernung des dürren Holzes und
dürrer Bäume, auch wurde die Abhaltung eines Kurſus über Obſtbaum=
pflege
durch Herrn Behne angeregt, welchem Wunſch wahrſcheinlich ent=
Verſammlung ausgeſprochen.

2 Die glückliche Geburt
eines kräftigen Jungen

Arnold Weis und Frau
Frieda, geb Axt.
3. Zt. Klinik Dr. Wolf und Dr. Hoffmann.

(*24126)

Für die uns anläßlich unſerer Silbernen
Hochzeit ſo zahlreich dargebrachten Auf=
merlſamkeiten
ſagen wir hiermit herz=
lichen
Dank.
Gg. Martin Nicolay u. Frau.
Roßdorf, September 1926. (24096

Dankſagung.
Für die überaus vielen Beweiſe
herzlichſter Teilnahme, ſowie für die
vielen Kranz= und Blumenſpenden bei
dem Heimgange unſeres lieben Ent=
ſchlafenen
ſagen wir Allen unſeren
herzlichſten Dank. Beſonders danken
wir dem Herrn Pfarrer Weinberg für
die tröſtenden Worte am Grabe, der
Direktion der H. E=A.=G., fernerſeinen
Arbeitskollegen der Werke Böllenfall=
tor
und Eberſtadt, dem Gemeinde und
Staatsarbeiter=Verband und nicht zu=
letzt
der Stammtiſchgeſellſchaft Reſtau=
ration
Roßmann für die Kranznieder=
legung
und den ehrenden Nachruf.
Die trauernden Hinterbliebenen:
Frau Marg. Pitzer Wtw.
und Kinder.

Darmſtadt, Riegerplatz 13.

(13350

Todes=Anzeige.
Am 15. September hat es Gott
dem Allmächtigen gefallen, meinen
lieben Mann, unſeren guten, treu=
beſorgten
Vater, Schwiegervater,
Großvater, Bruder, Schwager und
Onkel
Herrn
Kaſp. Joſ. Baumgärtner
im Alter von 60 Jahren, verſehen
mit den hl. Sterbeſakramenten,
von ſeinem langen, mit Geduld
ertragenem Leiden zu erlöſen.
Um ſtille Teilnahme bitten
Dietrauernden Hinterbliebenen.
Daderborn, Büdesheim, Dromerheim,
Mannheim, Darmſtadt, Schwanen=
(24163
ſtraße 79.
Die Beerdigung findet Freitag,
den 17. d. Mts., nachmittags 2½Uhr,
vom Portale des Waldfriedhofes
aus ſtatt.

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Dr. Artur Aoffmann
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hat ſeine ärztliche Praxis wieder
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Statt jeder beſonderen Anzeige.
Es hat dem Herrn gefallen, meinen lieben
Mann, unſeren treuen Vater
d. königl. Oberſtleutnant a. D.
Herrn Wilhelm Lang
Ritter m. Orden
(24153
zu ſich zu rufen.
Johanna Lang, geb. Deloſea
Maria Amalie Lang
Hedwig Lang
Ludwig Lang.
Darmſtadt, den 14. September 1926.
Die Beerdigung ſindet Freitag, 3½ Uhr nachmittags,
auf dem alten Friedhof in Darmſtadt ſtatt.

Dankſagung.
Für die in ſo reichem Maße bewieſene Teil=
nahme
bei dem Heimgang unſeres lieben Ent=
chlafenen

Reinhold Bräuning,
für die zahlreichen Blumen= und Kranzſpenden,
auch Herrn Pfarrer Goethe und Herrn Rech=
nungsrat
Machwirth für die lieben, troſtreichen
Worte ſage ich im Namen der Hinterbliebenen
auf dieſem Wege unſern aufrichtigen Dank.
Frau Auguſte Bräuning.
Darmſiadt, 14. September 1926 13346

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[ ][  ][ ]

Nummer 257

Donnerstag, den 16. September 1926

Seite 7

*Oer 8. Heſſiſche Kolonnentag des Verbandes
der Heſſiſchen freiwilligen Sanitätskolonnen
vom Roten Kreuz
hatte Bensheim am 11. und 12. September zu ſeinen Verhandlungen
als Kongreßſtadt gewählt. Bereits vom Mittag des Samstag an
tvafen zahlreiche Kolonnen hier ein und bezogen die von der Bürgerſchaft
in gaſtlicher Bereitwilligkeit zur Verfügung geſtellten Quartiere. Von
4 Uhr nachmittags ab hielt der Verbandsvorſtand eine Sitzung im
Deutſchen Haus ab; zu gleicher Zeit beſichtigten die übrigen Mit=
glieder
der Tagung die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Um 8 Uhr abends
füllten ſich die weiten Räumlichkeiten des Deutſchen Haus von den
Gäſten, Ehrengäſten und ſonſtigen Teilnehmern zu einer Begrüßungs=
feier
und zum Unterhaltungsabend. Mehr als 800 auswärtige Kolonnen=
mitglieder
nahmen an dieſem Tage teil, die einen impoſanten Verlauf
nahm. Die Begrüßungsfeier und den Unterhaltungsabend leitete und
eröffnete der Kolonnenführer der Kolonne Bensheim=Auerbach, Kame=
rad
Lauterbach; er begrüßte die erſchienenen Kolonnenmitglieder und
Gäſte in herzlichſter Weiſe, insbeſondere den Kreisdirektor Reinhart
und den Bürgermeiſter Dr. Angermeier und Blickensderfer, erſterer
von Bensheim, letzterer von Auerbach. Fräulein Dorsheimer=Bensheim
ſprach einen ſinnigen von Ed. Haßloch verfaßten Prolog. Kreis=
direktor
Reinhart dankte für die Einladung und begrüßte die Er=
ſchienenen
namens der Kreisverwaltung und wünſchte den Verhand=
lungen
einen guten Verlauf. Der Muſikverein Bensheim unterſtützte
die Unterhaltungen durch orcheſtrale Darbietungen, während der Turn=
verein
e. V. durch ſeine erſte Riege recht exakte Vorführungen am
Neck und Barren zeigte. Bürgermeiſter Dr. Angermeier begrüßte namens
der Stadtverwaltung die Gäſte und wünſchte ebenfalls einen guten
Verlauf der Tagung; er brachte ein Hoch auf das Rote Kreuz aus. Die
Geſangsabteilung der Mainzer Hauptkolonne brachte einige ſchöne Chöre
zu Gehör, Fräulein Hohendorf=Offenbach trug einige ſinnige Gedichte
mit großer Vollendung vor. Außerdem betätigten ſich noch zwei junge
Damen des Penſionats Echler durch humoriſtiſchen Vortrag und zwei
junge Kameraden durch Wiedergabe eines heimatlichen Stimmungs=
liedes
. Der Lebensretter von E. Haßloch, ein im Dialekt geſchriebener
kleiner Einakter verurſachte durch ſeine gut geſpielte Wiedergabe große
Heiterkeit. Der Unterhaltungsabend fand trotz ſchneller Abwicklung erſt
gegen 1 Uhr ſeinen Abſchluß.
Am Sonntag morgen erſcholl von 6 Uhr an Wechen in den Straßen,
Um 8 Uhr ſammelten ſich die Mannſchaften und der Ehrenausſchuß
zum gemeinſamen Zug nach dem Ehrenfriedhof, wo an den Gräbern der
hier Beerdigten eine hehre Feier des Gedächtniſſes ſtattfand. Der Vor=
ſitzende
des Verbands. Hauptmann Lotheißen=Darmſtadt legte namens
des Verbandes einen Kranz mit Schleife nieder, das Gleiche tat der
Kolonnenführer der Sanitätskolonne Bensheim=Auerbach. Muſikaliſch
unterſtützt wurde die ſchöne Feier durch die Geſangsabteilung der
Mainzer Hauptkolonne und durch die Kapelle der hieſigen Feuerwehr.
Oberſtudiendirektor Dr. Ledroit hielt eine tiefempfundene Gedächtnisrede,
wobei er die Pflicht der noch Lebenden, ihr Vaterland in Treue wieder
empor zu bringen, in den Vordergrund ſtellte. An= und Abmarſch ge=
ſchah
in geſchloſſenem Zuge. Um 9,55 Uhr begann alsdann in den
Sälen des Deutſchen Haus die eigentliche Tagung, zu der ſich nach
dem bekanntgegebenen Rapport von insgeſamt 47 Kolonnen des Frei=
ſtaates
Heſſen 44 zu den Verhandlungen durch Vertreter eingefunden
hatten, die mit 52 Stimmen 1587 anweſende Mitglieder vertraten. Haupt=
mann
Lotheißen ffüührte die Verhandlungen. Der Heſſiſche Landesverein
vom Roten Kreuz war durch ſeinen Vorſitzenden, Herrn Geheimrat von
Hahn und den Schatzmeiſter Herrn Reichsbankdirektor Müller vertreten,
welch erſterer nach Eröffnung der Verſammlung die Erſchienenen gleich
dem Verbandsvorſitzenden herzlich willkommen hieß. Ein Gleiches
geſchah durch den Kreisdirektor Reinhart und den Bürgermeiſter Dr.
Angermeier=Bensheim. Die Verſammlung gedenkt des verſtorbenen
verdienſtvollen Vorſtandsmitgliedes Dr. Metternich durch Erheben von
den Sitzen. Geheimer Regierungsrat v. Hahn gibt die vom Landesver=
ein
des Roten Kreuz verliehenen Auszeichnungen bekannt. Es erhielten
derartige Auszeichnungen: a) für 40jährige Dienſtzeit: 1. Kolonne
Darmſtadt, Ehrenkolonnenführer Landzettel; 2. Kolonne Nieder= Nam=
ſtadt
, Kolonnenführer Wambold, b) für 25jährige Dienſtzeit: 1. Kolonne
Darmſtadt, H. Weimar; 2. Kolonne Bad=Nauheim, San.=Rat Dr. med.
Hahn (Kolonnenarzt), Jakob Herr (Ehrenkolonnenführer), H. Stamm,
(Kolonnenführer), Balt. Hillgärtner, Johs. Pfeffer II., K. H. Steuer=
nagel
, E. Genzel, Joh. Peffer III., Gg. Reichwein, Konr. Beutel, Aug.
Stamm, Fr. K. Sprengel, W. Stamm IV., Fr. Kiſſel. 3. Kolonne
Mainz, Jak. K. Körner, H. Schuck. 4. Kolonne Oppenheim, Dr. med.
Stigell (Kolonuenarzt), Schömbs Ph. III. (Kolonnenf.), Ad. Bauer I.
5. Kolonne Worms, Joſ. Zehe. Geheimrat v. Hahn beglückwünſchte
die Ausgezeichneten und erwähnte noch einige andere dienſtliche An=
gelegenheiten
, ſo die Aufnahme weiblicher Mitglieder, für welche
beſondere Beſtimmungen erlaſſen und veröffentlicht worden ſind. Gegen
beſonders von links kommende Angriffe ſei die beſte Abwehr richtige
Aufklärung in allen Kreiſen über das Weſen des Roten Kreuzes und
die hohen idealen Gedanken, die demſelben zugrunde lägen. Muſter=
hafter
Eifer und jederzeitige Hilfsbereitſchaft, diſzipliniertes Verhalten
nach innen und außen müſſe herrſchen, dann könne die gute Sache nicht
untergehen. Es haben ſich eine ganze Reihe neuer Kolonnen gebildet.
Hauptmann Lotheißen dankte für dieſe Ausführungen wie auch für die
gwährten Unterſtützungen. Es folgen verſchiedene Vorträge, ſo ein
folcher von Dr. med. Werner=Mainz, Kolonnenarzt, über Wundinfektion
und Wundbehandlung im Lichte moderner Forſchung Kolonnenführer
Metzler Mainz über Organiſationsvorſchläge in den Kolonnen und Ver=
bänden
; Kolonnenführer=Stellvertreter Hummel=Darmſtadt berichtet über
die Tagung des Reichsverbands in Dortmund und Gruppenführer
Weber=Darmſtadt über die Geſolei=Düſſeldorf. Der Vorſitzende be=
richtet
über die mit der Reichsbahndirektion gepflogenen Verhandlungen
hinſichtlich eines Zuſammenwirkens mit der Reichsbahn bei Eiſenbahn=
unfällen
. Im Nachrichtenblatt kommt demnächſt ein Muſterüberein=
kommen
zum Abdruck, das in dieſer Hinſicht mit der Reichsbahn ge=
troffen
worden iſt. Ein Kamevad von Offenbach gab ſehr lebendige
Mitteilungen über die Ausarbeitung eines Alarmplanes, ein Thema,
zu welchem auch Kamerad König=Darmſtadt ſpricht. Geh. Rat v. Hahn
will vom Heſſiſchen Landesverein aus mit den Reichsbahndirektionen
Frankfurt und Mainz Einleitungsverhandlungen führen. Anſtelle
des verſtorbenen Dr. Metternich wird auf Antrag einſtimmig Dr. med.
Schlink=Alzey in den Vorſtand als Stellvertreter des Vorſitzenden ge=
wählt
. Die Wahl des nächſten Tagungsortes ruft lebhafte Debatte
hervor; beſtimmt wird endlich Budenheim, notfalls Butzbach. Ein An=
trag
von Bad Nauheim auf Schaffung von Ehrenzeichen wird nach
Mitteilung des Geh. Rat v. Hahn wohlwollender Prüfung unterworfen
werden, ſoweit es die finanziellen Verhältniſſe geſtatten. Gedacht iſt
dabei an Auszeichnungen füir 10= oder 15jährige Dienſtzeit. Kamerad
Schmidt=Alzey dankt dem Vorſtand des Verbandes und Geh. Rat v.
Hahn für die einſichtvolle Führung der Geſchäfte. Kamerad Koch=Mainz

findet beſondere Anerkennung durch den Vorſitzenden als Lebensretter
und Kamerad Franke=Offenbach ſpricht mit Temperament für eine Be=
tätigung
gegen die Gefahren des Ertrinkens, wobei Offenbach Vor=
bildliches
geleiſtet habe. Damit ſchloß die Tagung. Eine für den
Nachmittag geplante Uebung der Bensheim=Auerbacher Kolonne am
Güterbahnhof mußte infolge des ſtarken Regens ausfallen. Statt deſſen
verſammelten ſich die Teilnehmer noch in den Räumen des Deutſchen
Haus zu gemütlichem Beiſammenſein, das bis zum Abend ausgedehnt
wurde.
* Auerbach, 14. Sept. Ankauf. Die Gemeinde hat den Hof
Mühltal, früher Mühle Ranzenberger, für Sportzwecke angekauft. Schon
längere Zeit wurde ein paſſendes Gelände für Spiel und Sport geſucht,
ohne etwas zu finden. Nun wird dieſe Frage in günſtigſter Weiſe ge=
löſt
, indem das gehaufte Obfekt und die Nähe beim Ort in jeder Hinſicht
dieſen Zwechen entſpricht. Auch der Kaufpreis iſt ein ſehr günſtiger,
Die ſeitherigen Beſitzer waren die Herren Dr. Seige=Bonn und Haupt=
mann
Schramek=Schleſien.
* Bürſtadt, 13. Sept. Gemeinderatsbericht. In der letzten
Gemeinderatsſitzung hatte ſich der Gemeinderat mit verſchiedentlich äußerſt
heiklen Punkten zu befaſſen. Punkt 1 der Tagesordnung, Zulaſſung des
Dentiſten Vetter zur Schulzahnpflege, wurde abgelehnt. Ueber Punkt 2,
Benennung der Ortsſtraßen in dem neuen Bauquartier Wingertsfeld,
wurde äußerſt lebhaft debattiert, ſchließlich einigte man ſich, die einzelnen
Straßen wie folgt zu benennen: die Straße längs des Bahndammes
Dammſtraße, die Straße vom Bahnhof zur Andregsſtraße Bahnhofſtraße,
die Querſtraße Wingertsfeldſtraße. Eine weitere Straße benannte man
Kanalſtraße und zwei kleinere Straßen taufte man Schillerſtraße und
Goetheſtraße. Punkt 3: Ein Ankauf von zirka 300 Setzſteinen wird ge=
nehmigt
. Weiter wurde die Pflaſterung der Friedrichſtraße der Firma
Kern übertragen und zwar pro Quadratmeter zu 1,10 Mark. Die Steine
werden von der Firma Krebs und der Firma Holzherr fe zur Hälfte ge=
liefert
werden. Dacharbeiten des Zementhauſes in der Klaraſtraße wur=
den
auf dem Submiſſionswege vergeben. Es wurden dem Maurermeiſter
Landgraf die Maurerarbeiten für 100 Mark, die Dachdeckerarbeiten den
Unternehmern Gärtner und Gräf für 908 Mark und die Zimmerarbeit
Herrn Mich. Schweikert für 276 Mark zugeſchlagen. Die Kohlenlieferung
der Gemeinde für Schulen uſw. wurde auf dem Submiſſionswege Herrn
Joſ. Bauer übertragen. Ein Antrag der Holzbarackenmieter auf Zutei=
lung
von Gartengelände wurde vorläufig zurückgeſtellt, bis von ſeiten
der Bürgermeiſterei darüber verhandelt iſt. Der Antrag auf Beſchlag=
nahmung
einer leerſtehenden Wohnung in der Mainſtraße für eine Krie=
gerwitwe
mit 5 Kindern wurde abgelehnt. Der Einführung der Wert=
zuwachsſteuer
wurde zugeſtimmt, und zwar ſoll dieſe Steuer vom Tage
des Beſchluſſes an erhoben werden. Das Wieſengelände am weſtlichen
Ende der Bonifatiusſtraße wurde Herrn Gg. Franz 3. pro Quadrat=
meter
zu 50 Pfg. verkauft.
r. Rüfſelsheim, 15. Sept. Die von der Baugenoſſenſchaft
in der Opelkolonie errichteten neuen Häuſer mit 24 Zwei= und Dreizim=
merwohnungen
werden zurzeit bezogen. Soweit die Gebäude nicht in
das Eigentum der Mitglieder der Baugenoſſenſchaft übergegangen
ſind, werde die Wohnungen vermietet. Die Monatsmiete für eine Zwei=
zimmerwohnung
beträgt 36 Mark, für eine Dreizimmerwohnung
42 Mark. Des Raubüberfalls, begangen auf der Landſtraße
nach Groß=Gerau an einem hieſigen Speditionsfuhrmann, dringend
verdächtig ſind drei fremde junge Burſchen, welche einige Tage in
Rüſſelsheim arbeiteten und ſeit dem Raubüberfall verſchwunden ſind.
Da die Perſonalien der Verdächtigen bekannt ſind, iſt gegen ſie ein
Fahndungsſchreiben erlaſſen worden. Eine größere Geſellſchaft
machte eine Tonr in den Wald, wo ſie raſteten. Ein Mädchen aus Mainz,
welches der Meinung war, daß der vorher benutzte Spirituskocher aus=
gehrannt
ſei, wollte Spiritus nachfüllen. In dem Moment ſchlug eine
mächtige Flamme empor und die Spiritusflaſche explo=
dierte
. Dabei zogen ſich mehrere Leute zum Teil ſtarke Brandwun=
den
zu, ſo daß ſie ärztliche Hilfe in Anſpruch nehmen mußten.
r. Kelſterbach, 15. Sept. Der ſeit vier Wochen vermißt geweſene
Schloſſerlehrling Heinrich Siegwalt iſt in ſein Elternhaus zurück=
gekehrt
. Das Fahndungsſchreiben wurde zurückgenommen.
r. Kelſterbach, 14. Sept. Die hieſige Gemeinde hat mit den Main=
Kraftwerken in Höchſt einen bis 1960 laufenden Vertrag auf Lieferung
von elektriſchem Strom abgeſchloſſen. Die Gemeinde hat ſich das Recht
vorbehalten, im Falle einer Neuerung im Beleuchtungsweſen von dem
Vertrag zurückzutreten oder einen neuen Vertrag abzuſchließen.

Rheinheſſen.

* Worms, 15. Sept. Wormſer Dom. Die Wiederherſtellungs=
arbeiten
an dem altehrwürdigen Dome, dieſem herrlichen Baudenkmal
romaniſcher Kunſt, verurſachen der Probſtei und dem Kirchenvorſtande
große Sorgen, da Mittel für die Fortſetzung dieſer Arbeiten nur in
geſchränktem Maße zur Verfügung ſtehen. Es erſcheint nun demnächſt
eine Werbeſchrift mit reichlichem textlichen und bildlichen Inhalte, heraus=
gegeben
unter der Mitarbeit namhafter Wormſer Geſchichtskenner und
Künſtler, die zur Beſchaffung weiterer Mittel für die Fortſetzung dieſer
Wiederherſtellungsarbeiten anregen ſoll. Dieſe Werbeſchrift wird in
einer Auflage von 1525 00 Stück erſcheinen und ſoll zum Preiſe von
15 Pfg. verkauft werden. Ihr Vertrieb erfolgt in Heſſen, vor allem in
deſſen ſüdlichem Teile, ſowie im nördlichen Baden. Der geſamte Erlös
aus dem Verkauf der Werbeſchrift, ſowie der Reinertrag aus den Inſe=
raten
wird reſtlos der Dombaukaſſe zufließen.

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M. Oppenheim, 15. Sept. Vom Schickſal verfolgt. Eine
hieſige Familie ſcheint vom Schickſal verfolgt zu werden. Vor etwa zehn
Jahren wurde der Vater blind und iſt ſeit etwa zwei Jahren bettlägerig.
Die Frau erlitt jetzt einen Schlaganfall. Der Sohn der Familie iſt im
Kriege gefallen.
M. Bingen, 15. Sept. Rohling. In Laubenheim (Nahe) hat ein
funger Mann, der ſtark angetrunken war, aus Spaß mit einer leeren
Weinflaſche nach einem vorbeifahrenden Auto geworfen. Der Beſitzer
und ſeine Ehefrau wurden durch die Glasſplitter, da die Scheibe am
Führerplatz in Trümmer gegangen war, recht erheblich im Geſicht ver=
letzt
. Das Auto hielt ſofort an und der Rohling wurde von dem Pu=
blikum
, das in dieſem Falle für die Autofahrer Partei ergriffen hatte,
feſtgehalten und der Polizei übergeben. Im Krankenhaus in Bingem
wurden den Verletzten die Glasſplitter aus dem Geſicht entfernt, und es
iſt als ein Glück zu bezeichnen, daß kein Auge verletzt wurde, zumal die
einzelnen Glasſplitter direkt in den Augenlidern ſteckten.

Oberheſſen.

* Aus der Wetterau, 14. Sept. Für den am 21. Auguſt 1841 in
dem Dorfe Klein=Karben a. d. Nidda geborenen Wetterauer
Mundartdichter Peter Geibel ſoll am 17. Oktober am Ge=
burtshauſe
eine Gedenktafel eingeweiht werden. Das Haus be=
findet
ſich in der Nähe der Kirche und iſt heute von dem Händler Heil=
mann
bewohnt. In dieſem Hauſe wurde Peter Geibel als Sohn eines
kleinen Bauern geboren. Der Plan zur Errichtung der Gedenktafel geht
von dem Vogelsberger Höhenklub aus, der im Verein mit dem Taunus=
klub
die Sache ausführen wird. Ein Ausſchuß iſt gebildet, dem die
Zweigvereine des V.H.C. aus Okarben, Friedberg, Vilbel und Butzbach
und die V.H.C.=Brüder Reichstagsabg. Prof. Dr. Werner=Gießen,
Scheid=Okarben, Kaufmann Schwarz=Vilbel und Lehrer Weidenhaus=
Friedberg angehören.
* Gießen, 15. Sept. Die Gartenbau= und Elektrizitäts=Ausſtellung
in der Volkshalle bildet einen Hauptanziehungspunkt für die Bewohner
unſever Stadt und der Umgebung. Bis jetzt iſt die Ausſtellung von
bereits über 12000 Perſonen beſucht worden. Die Zahl der Beſucher
betrug am vorigen Sonntag 5500 Perſonen. Dazu kommen noch die
zahlreichen Volksſchulen und höheren Schulen, die ſeit Montag täglich
zur Beſichtigung der Ausſtellung eintreffen. Ein beſonders ſchönes Bild
zeigen die Straßen unſerer Stadt durch die prächtige Ausſchmückung
der Schaufenſter und Läden. Vorgeſtern abend hielt Univerſitäts= Gar=
teninſpektor
Rehnelt einen Lichtbildervortrag Die Kultur der Topf=
Pflanzen und ihre Behandlung im Zimmer.
* Klein=Linden, 14. Sept. Wie vorſichtig die Eltern mit der Aufbe=
wahrung
von Streichhölzern verfahren müſſen, zeigt folgender Vorfall.
Ein ſechsjähriger Junge hatte ſich zu Haus in Abweſenheit der Eltern
Feuerzeug angeeignet, um nun ein Feuerchen zu machen. Hinter einer
Scheune fand er Stroh, das von der Dreſcharbeit liegen geblieben war
und einige Reiſer. Schon zündete er das Streichholz an und das
Stroh begann zu brennen, als zum Glück mehrere ältere Schuljungen
vorbeikamen. Sie löſchten ſofort das Feuer und nahmen dem Kind
die Streichhölzer weg, ſo wurde ein großes Brandunglück verhütet, denn
die Scheune, welche mit Stroh und Heu gefüllt iſt, hängt mit noch 5
Bauernhofreiten zuſammen. Als neuer Gemeinderechner
wurde der Militäranwärter Wilhelm Germer in ſein Amt eingeführt.
Der bisherige Gemeinderechner Johannes Germer hat das Amt 26
Jahre inne gehabt.
* Wieſeck, 14. Sept. Ein langwieriger Streit, der die Gerichte wie=
derholt
beſchäftigt hat, herrſcht zwiſchen der Kirchengemeinde und der
bürgerlichen Gemeinde wegen der Unterhaltung der Kirche und des
Pfarrhauſes. Um nun eine Einigung der beiden Parteien zu erzielen,
hat das Landeskirchenamt vorgeſchlagen, die bürgerliche Gemeinde möge
1000 Mark entrichten und die Koſten des Prozeſſes tragen. Im letzten
Termin war die Gemeinde Wieſeck zur Inſtandhaltung der Kirche und
des Pfarrhauſes verurteilt worden, Kirche und Pfarrhaus ſind Eigen=
tum
der Kirchengemeinde.
* Gedern, 14. Sept. Das Kurgtorium und die Elternverſammlung
der Hofkaplaneiſchule (private Lehranſtalt mit Real= und Gymnaſial=
Lehrplan bis Unterſekunda einſchließlich) beſchloß die Ueberleitung der
Schule auf die Stadt Gedern. Der Gemeinderat hatte ſchon vergan=
genes
Jahr die Uebernahme der Anſtalt erſtrebt. Damals konnte eine
Uebernahme ſeitens der Stadt wegen langwieriger Verhandlungen nicht
zuſtande kommen. Gerade in letzter Zeit ſtanden Notizen in heſſiſchen
Zeitungen, aus denen zu erſehen war, daß manche Gemeinden nicht ge=
willt
ſind, fernerhin die Zuſchüſſe zu den ſtaatlichen höheren Lehranſtal=
ten
zu leiſten. Um ſo mehr iſt es deshalb zu begrüßen, daß die Stadt
Gedern gewillt iſt, dieſes Opfer zu bringen, um ſich und der Umgegend
eine höhere Lehranſtalt zu erhalten.
* Ettingshauſen b. Grünberg, 13. Sept. Unſere großen Baſalt=
ſteinbrüche
arbeiten gegenwärtig mit Hochbetrieb. Eine Feldbahn
befördert ſtändig die Steine aus den etwas abgelegenen Brüchen zum
Bahnhof, wo täglich zahlreiche Waggons mit der Butzbach-Licher Eiſen=
bahn
Abgang finden. Die hieſige Baſaltinduſtrie bietet daher zahlreichen
Einwohnern eine lohnende Beſchäftigung.
* Grünberg, 14. Sept. Mit dem Erweiterungsbau zur
hieſigen Oberrealſchule beſchäftigte ſich der Gemeinderat im
Beiſein des Regierungsbaumeiſters Schneider aus Gießen. Dieſer teilte
mit, daß für die Oberrealſchule als weitere Räume erforderlich ſeien:
3 Klaſſenzimmer, 1 Phyſikſaal, 1 Zeichenſaal, ein Singſaal, und ein
Lehrerzimmer. Der Gemeinderat erkannte die Notwendigkeit des An=
baues
an und übertrug dem Kreisbauamt die Vorarbeiten zu dem Bau.
Er ſoll Anfang Oktober begonnen und bis Ende November im Rohbau
vollendet werden.
* Lauterbach, 13. Sept. Die Einweihung der Kriegergedenkſtätte
auf dem Friedhofe fand geſtern unter außerordentlich ſtarker Beteiligung
der Bürgerſchaft, der Vereine, der Schulen und Behöden ſtatt. Vormit=
tags
wurde ein Gedächtnisgottesdienſt für die Gefallenen unter Mitwir=
kung
des Kirchengeſangvereins und des Muſikvereins abgehalten. Mit=
tags
bewegte ſich ein Feſtzug zum Friedhofe. Der Vorſitzende des Denk=
malausſchuſſes
, Bürgermeiſter Walz, hielt die Begrüßungsanſprache.
Der Männergeſangverein Liederkranz trug das Soldatenlied vor Die
Sonne ſank im Weſten‟. Der Erbauer der Gedächtnishalle, Regierungs=
baurat
Pfeiffer, gab ſeiner Freude über das Gelingen des Denkmals
Ausdruck und übergab den Schlüſſel der Halle. Dekan Schlöſſer hielt die
tiefempfundene Weiherede, in der er beſonders die Pflichttreue der ge=
fallenen
Söhne Lauterbachs feierte. Die Uebernahme des Denkmals in
den Schutz der Stadt erfolgte durch Bürgermeiſter Walz. Darauf ſpielte
der Muſikverein. Ich hatt’ einen Kameraden, die Fahnen ſenkten ſich
und anſchließend folgten die Kranzniederlegungen durch die Stadtverwal=
tung
, die Vereine, die Hinterbliebenen. Dann erfolgte die Beſichtigung
der Gedächtnishalle. Sie trägt in ihrem Innern auf ſechs Gedenktafeln
die Namen von 141 Gefallenen, die in dem großen Ringen von 191418
ihr Leben für das Vaterland hingegeben haben.

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seit jcher die begchrte 5 Pfg-Cigarettc.

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eine anerkannte Höchstleistung in ihrer Preislage.
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TV. 12875

KUrEnrrMät

[ ][  ][ ]

Seite 8
Das Geſicht des Weltrekords.
Wenn Sie glauben, das Geſicht des Weltrekords trüge die
verzerrten Züge letzter, ins gräßliche geſteigerter Anſpannung
der Muskeln und Nerven des geſamten Körpers, dann irren
Sie ſich.
Dieſer Weltrekord, den Peltzer gewann gegen das Welt=
wunder
Nurmi und gegen den Mann, von dem man behauptete,
er wäre Nurmi, wenn es keinen Nurmi gäbe, trug das Geſicht
durchgeiſtigter, ja edler, innerer Sammlung und äußerer Schön=
heit
. Die drei mit faſt übermenſchlicher Schnelligkeit dahin=
ſauſenden
Körper wären in jeder Sekunde und in jeder Stel=
lung
des Marmors oder der Bronze würdig geweſen, die ihre
Haſt gebannt hätte jeder Augenblick dieſes Rennens, in dem
ein Deutſcher ſiegte, hätte einem Künſtler einen Vorwurf ge=
geben
, wie ihn kein klaſſiſcher Meiſter der alten Griechen ſich
beſſer hätte wünſchen können.
Und was wäre ein in Stein oder Metall erſtarrter Augen=
blick
dieſes olympiſchen Ringens gegen das lebendige Vorbild
ſelbſt? Es war ganz abgeſehen von allem anderen ein
unvergleichlicher künſtleriſcher Genuß, das feſte Auftreten des
ſtraff von Muskeln gehaltenen Fußes zu ſehen, der gleich darauf,
nur den Bruchteil einer Sekunde ſpäter, wie gelöſt, leicht und
doch ſicher nach Erfüllung ſeiner Aufgabe rückwärts flog, um ſo=
fort
wieder von neuem dem Körper die Stoßkraft zu geben.
Die Geſichter der drei ſchnellſten Läufer der Welt alle von
gleichmäßigem Ernſt. Und doch gerade hier ſo große Unter=
ſchiede
! Nurmi, deſſen Kopf mit ſeinem fliehendem Schädel ſtets
in ſchneller Bewegung zu ſein ſcheint, mit dem ſcharfen Aus=
druck
deſſen, der die Beſchäftigung kennt, die er ausübt. Die
Aſchenbahn iſt ſein Beruf, und ſo ſicher, wie Nurmi wohl nie=
mals
in geſteigerter Nervoſität einen Fehlſtart macht und zu
früh davonfliegt mit ſo ſicherer Selbſtverſtändlichkeit läuft er.
Und dann, wenn es zum Kampf kommt um die entſcheidenden
paar Meter, wird das harte Geſicht nur noch einen Grad härter.
Nicht viel anders Wide. Doch iſt es möglich, daß wir dem
Schweden gar nicht gerecht werden. Für alle, die den Lauf mit=
erlebten
, war Wide wohl ein achtenswerter und zu fürchtender
Gegner unſeres deutſchen Meiſters, aber er trat doch zurück
hinter dem beängſtigend faſzinierenden Ruhm des Finnen, der die
Geiſter ſo in ſeinen Bann ſchlug, daß, als er zum Start in der
Bahn erſchien, nur ein faſt beſorgter Applaus beſorgt um den
großen ſchmächtigen Deutſchen laut wurde. Nein. Wide werde
auch ich gewiß nicht gerecht, denn in dem Geſicht des Mannes der
als Schwede von den Alands=Inſeln deſertierte, als ſie Finn=
land
zugeſprochen wurden, und der ſo oft im Schatten des
Größeren nicht zur Geltung kam, muß mehr gelegen haben, da
dieſer Größere ja Finnländer war.
Dr. Peltzer jedenfalls trug ein ganz anderes Antlitz. Schon
dieſe Geſtalt, lang, hager und im Lauf faſt losgelöſt von der
Erde, die Nurmi und Wide ſo ſelbſtbewußt und feſt zu treten
wiſſen, faſziniert irgendwie anders. Sein Geſicht iſt verſchloſ=
ſen
. Bleich, und mit nach innen gekehrten Augen, die geſchloſſen
ſcheinen, auch wenn ſie offen ſind, ſieht er eher aus wie ein ver=
zückter
Schwärmer als wie der ſcharf beobachtende Sportsmann,
der, wie er es doch wirklich tat, noch mit heller Zielbewußtheit
hie und da im Lauf eine Probe macht, ob der andere mithält,
ob er ſchon müde iſt, oder ob er noch über zu fürchtende Re=
ſerven
verfügt. Dieſe Nervoſität Peltzers am Start, dies zwei=
mal
vorzeitige Vorſtürzen und dies bewußt die Nerven be=
ruhigen
=ſollende, tänzelnde und übende Zurückgehen zum Start
läßt ihn mit Sicherheit als das innerlich Komplizierteſte dieſer
drei Lauſwunder erkennen. Ob man will oder nicht will, man
ſieht nur den langen, ſchwermütigen Deutſchen, die beiden an=
deren
ſind Staffage. Man fühlt, daß der Stettiner getragen iſt,

Donnerstag, den 16. September 1926
gezogen und gezerrt von einer Idee, die durch einen konzen=
trierten
Willen in Kraft und Schnelligkeit umgeſetzt wird. Wenn
es hieß, dies Rennen ſei das Rennen ſeines Lebens, dann hat
man noch viel mehr Recht, als man gemeinhin glaubt. Denn
wenn Peltzer zu Anfang durch die Zurufe des Publikums nur
geſtört wurde eine Tatſache übrigens, die die Maſſe auf ir=
gend
eine geheime Weiſe inſtinktiv begriff und die ſie die gan=
zen
erſten Runden ſchweigen ließ am Schluß waren es die
tobenden Zurufe der wohl 25 000 Deutſchen, die Peltzers Schritte
beflügelten. Die Maſſe Publikum hatte begriffen, daß es um
eine dutſche Sache ging, die in Sekungen entſchieden werden
mußte, und deshalb ſpitzte ſich die ſuggeſtive Kraft dieſer Maſſe
in dieſen kurzen Augenblicken ſo aufpeitſchend zu, daß Peltzer,
der ſelbſt zugibt, allein, z. B. im Training, nichts beſonderes zu
leiſten, an dem Finnen und dem Schweden vorbei getragen
wurde und geſchloſſenen Auges durchs Ziel flog.
Dieſe Kraftwerdung der Idee iſt allein möglich durch die
Perſönlichkeit Dr. Peltzers, der eigener Ehrgeiz völlig fremd zu
ſein ſcheint. Dieſes Sichwehren nach vollendetem Sieg gegen die
erſten auſtürmenden Gratulationen, dies Abſchütteln der Ova=
tionen
war zu inſtinktiv, um nicht im Tiefſten charaktermäßig
begründet zu ſein. Dr. Peltzer hat ein amerikaniſches Angebot,
das ihm mühelos ein Vermögen eingebracht hätte, abgelehnt.
Wer hätte ihm die Annahme übel nehmen können? Etwa die,
die ſeinen Siegen Pokale oder Suppentöpfe ſtifteten? Die ihm
den Ruhm und die Ehre lieferten? Nein, die Hoffnung, dem
deutſchen Volk noch Siege erringen zu können, hat ihn das
Vermögen ausſchlagen laſſen. Dieſer Mann mit dem in ſich ge=
kehrten
Geſicht läuft Rekorde für ſein Volk und kann es nur
durch ſein Volk.
Und das deutſche Volk ſollte ihm danken dafür anders,
greifbarer als durch die Fülle von Pokalen, die er nie im Leben
wird austrinken können, oder als Sportsmann gar dürfen.
Jedenfalls ſind wir ihm Dank ſchuldig, denn er, der jetzt fried=
liche
Schlachten gewinnt, tut damit gewiß ebenſoviel für die
Wiederherſtellung der Achtung vor dem deutſchen Namen in der
Welt, wie nur je ein ehrlicher Politiker, ein tüchtiger Ingenieur
oder ein begnadeter Dichter. Und was das Entſcheidende iſt,
er tuts ja nicht mit der einfachen Kraft ſeiner Muskeln, die ihn
zu Rekordzeiten befähigen, ſondern mit der fanatiſierenden Idee,
die ihn an die Spitze treibt.
H. F.
Geſchäftliches.
Das kürzlich im Selbſtverlag des Heſſiſchen Städtetags erſchienene
Sammelwerk Heſſiſches Baurecht füllt eine ſeit langem fühlbar ge=
weſene
Lücke aus. Die Sammlung bringt die Allgemeine Bauordnung
nebſt Ausführungsverordnung in den heute gültigen Faſſungen und
ordnet den Stoff dadurch recht überſichtlich, daß unter jedem Artikel
der Bauordnung die dazu gehörenden Paragraphen der Ausführungs=
vererdnung
abgedruckt ſind. Der ſtattliche Band enthält außerdem den
Wortlaut aller mit dem Heſſiſchen Baurecht zuſammenhängenden Be=
ſtimmungen
und auszugsweiſe die Entſcheidungen des Oberlandes=
gerichts
in Bauſachen. So iſt das von einem Praktiker bearbeitete
Werk für Architekten und Bauunternehmer, für Behörden und Rechts=
anwälte
ein unentbehrliches Hilfsmittel, deſſen Anſchaffung angelegent=
lichſt
empfohlen werden kann.
Blauband wie Butter, die weltbekannte hochwertige Margarine
bedient ſich des Ausdrucks friſch gekirnt (Kirnen heißen die Maſchinen,
in denen die gereinigten Fette und Oele mit Friſchmilch zuſammen ge=
buttert
werden), um damit anzudeuten, daß die Friſche, wie übrigens
auch im Falle aller anderen Speiſefette, ein Qualitätsmerkmal von
Blauband iſt. Friſch kommt ſie in die Hände des Konſumenten,
friſch ſoll ſie aber auch die Hausfrau erhalten, indem ſie für trockene,
kühle und möglichſt dunkle Aufbewahrung ſorgt. Die Beachtung dieſer
Winke, ſowie ſchließlich ein Nichtzuſammenbringen mit anderen ſtark=
riechenden
Nahrungsmitteln, trägt viel zur Zufriedenheit bei.

Stimmen aus dem Teſerkreiſe.
(är die Bersffentlichungen unter dieſer Ueberſchrift übernimmt die Redakfion kelnerie B.
mtwestms; für ſie bleibt auf Grund des 921 Abſ. 2 des Preſſegeſetzes in vollem Umfans=
der
Cnfender verantwortlich.) Einſendungen, die nicht verwendet werden, lönnen niöt
zurückgeſandt, die Ablehnung nicht bearündet werden.
Zur Verwaltungsreform.
Wenn ſich die Ausführungen in Ihrem Blatte vom 6. d. M. beſon=
ders
mit den bei den Städten zu euwartenden Reformen befaßten, iſt
es wohl angebracht, auch auf einen ſtaatlichen Verwaltungszweig hinzu=
weiſen
, der ganz beſonders der Reform bedarf: die Finanzämter,
Die Vereinfachung des geſamten Steuergeſchäfts iſt ja längſt gefordert.
aber es wird Mühe und Not koſten und immer wieder darauf hinge=
wieſen
werden wüiſſen, welche enorme Zeit= und Kräftevergeudung das
jetzige Shſtem bedeutet, um endlich auch dort einmal zu durchgreifen,
den Reformen zu gelangen. Ueber die Steuerarten und über die Ver=
anlagung
wurde ſchon hinlänglich geſchrieben. Dabei werden
zweifellos weſentliche Vereinfachungen erzielen laſſen. Aber ſchon mit
der Zuſtellung der Zettel, die gewiß auch vereinfacht werden können.
beginnt die Doppelarbeit, die ſich vielfach noch ſteigert. Wer aber
ſeine Steuern an den Schaltern bezahlt, der kann über die Einrichtun=
gen
nur ſtaunen. Eine zentrale Kaſſeneinrichtung unter Benützung von
Maſchinen, wie ſie viele Städte längſt eingeführt haben modernſtes
Buchhaltungsſyſtem, Verbindung aller Zimmer mit Telephon uſw. wür=
den
ſchon allein einen nicht geringen Vorteil bedeuten. Daß auch, ſo,
weit irgend möglich, mit Buchhaltungs= Schreib= und Rechenmaſchinen
zu arbeiten iſt, ſollte ſich von ſelbſt verſtehen. Weiter müßte mit allen
Mitteln dahin geſtrebt werden, gleichgeartete Aemter in einer Stadt zu=
zuſammenzulegen
und jede Doppelarheit bei Reklamationen, von denen
das liebe Publikum ein Lied ſingen kann, durch größere Selbſtändigkeit
einzelner Stellen auszuſchalten. Unendliche, unnötige Arbeit und Zeit=
vorluſt
koſtet es nicht nur für die Beamten , wenn ein zuviel be=
zahlter
Steuerbetrag erſt Monate nach der amtlichen Nichtigſtellung von
der Kaſſe zurückvergütet werden kann. Und Verdruß iſt dabei nicht zu
vermeiden, denn das Publikum, das auf der anderen Seite trotz ſeines
Guthabens durch die Richtigſtellung oder Ermäßigung ſeiner weiteren
Ziele bezahlen muß, kann dieſes Verfahren natürlich nicht verſtehen.
Daß die Ueberweiſungsvorteile, wie ſie vor dem Kriege beſtanden haben,
wieder zu erſtreben ſind, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Die Ban=
ken
, die durch die ſtarken Vergrößerungen auch ins bureaukratiſche Fahr=
waſſer
zu geraten ſchienen, haben ſich nach der Inflation mit bemerkens=
werter
Schnelligkeit umgeſtellt und die Betricbe vereinſacht. Was dort
möglich war, müßte im Staatsbetrieb auch gelingen.

Das Gebrüll der Autos bei Tag und Nacht muß man als ein unver=
meidliches
Uebel hinnehmen, das ſich aber mildern ließe, wenn die Sig=
nale
auf weniger tieriſche Laute abgeſtimmt würden. Eine Plage und
eine Gefahr ſind dagegen die Laſtautos geworden. Wenm ein ſol=
ches
Ungetüm, womöglich noch mit Anhänger, ſich durch die Straßen
wälzt, dann zittern die Wände, Betten und Stühle geraten ins Schwan=
ken
und Blumentöpſe und andere Gegenſtände fallen infolge der Er=
ſchütterung
herunter. Niemand entſchädigt die Hausbeſitzer für die da=
durch
bewirkte Entwertung der Wohnungen und etwa entſtehende Schä=
den
an den Häuſern. Ließe es ſich hier nicht, wie in anderen Städten,
ermöglichen, daß der Verkehr mit Laſtautos auf beſtimmte Straßen be=
ſchränkt
bliebe? So könnte z. B. die Neckar= und untere Heidelberger
Straße dadurch entlaſtet werden, daß die Laſtautos die parallel lau=
fende
, unbebaute Straße neben der Anlage benützten. Die Laſtautos
dienen dem geſchäftlichen Verkehr. Geſchäfte aber ſind, bei Tage zu
machen. Man ſollte deshalb das Befahren der Straßen mit Laſtautos
von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens ohne weiteres verbieten. W. 5,

Sind die Fußſteige für Nadfahrer oder für
Fußgänger?
Die üble Angewohnheit der Radfahrer, aus den Toreinfahrten über
den Fußſteig nach der Fahrſtraße zu fahren, anſtatt wie früher das Fahr=
rad
zu führen, kann leicht zu Unfällen Anlaß geben. Beſonders
Kinder und ältere Perſonen werden durch das plötzliche Ausfah=
ren
aus den Toren der Häuſer gefährdet und haben ebentuell außer
der Anvempelung des Radfahrers noch Schimpfworte und Stott zu
befürchten. Es wäre zu wünſchen, wenn dieſer Rückſichtsloſigkeit der
Radfahrer durch polizeiliches Verbot Einhalt getan würde, zudem nanch
mal die Radfahrer auch ſtreckenweiſe den Fußſteig zu ihrem Radfahren
benutzen.

In Gemeinschaft mit einem süddeutschen Engroshause kaufte ich auf meiner
letzten Einkaufsreise große Lagerposten ganz bedeutend unter regulärem Preis
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[ ][  ][ ]

ummer 257

Donnerstag, den 16. September 1926

Seite 9

Reic und Huslanv.
Für die 15. Frankfurter Internationale Meſſe‟.
(25. bis 29. September 1926)
vom 24.30. September im öſtlichen Flügelbau der Feſthalle
(ST. der Republik) eine Poſtanſtalt mit Telegrammannahme, Fern=
ſ
* vermittlungsſtelle und mehreren öffentlichen Sprechſtellen eingerich=
t
Sie erhält die Bezeichnung Frankfurt (Main) Meßpoſtamt. Poſt=
ſes
ngen für die Meſſebeſucher müſſen, ſofern ſie bei dem Meßpoſtamt
y ſolt werden ſollen, in der Aufſchrift die nähere Bezeichnung Frank=
fr
Main) Meßpoſtamt, poſtlagernd tragen, andernfalls müſſen ſie mit
an en Angaben verſehen ſein Nummer des Meßſtands uſw. , die
luffinden des Empfängers auf dem Meßgelände ermöglichen. Be=
Frs wird darauf hingewieſen, daß die Aufſchrift Meßpoſtamt,
etwa Meßamt, lauten muß. Auswärtigen Ausſtellern wird emp=
Fin, Pakete, die ſie zur Einrichtung ihrer Meſſeſtände benötigen, ſo
F:/ eitig aufzuliefern, daß ſie vor Beginn der Meſſe beim Meßpoſtamt
ay egen können. Ueber den ungefähren Zeitpunkt der Auflieferung
gu die Poſtämter am Wohnort des Abſenders Auskunft.
Frankfurter Chronik.
WSN. Die Mißſtände bei der Arbeitszentrale für
Goerbsbeſchränkte. Der Unterſuchungsausſchuß der Stadt=
Drdnetenverſammlung erſtattete in der geſtrigen Plenarſitzung zu=
r
einen Teilbericht; insbeſondere hat er ſich mit Reorganiſations=
Nen nicht beſchäftigt, da er die Vorſchläge des Magiſtrats abwarten
*. Die Debatte ergab, daß man die Arbeitszentrale erhalten will.
Sr iſt aber ein Abbau von 150 Arbeitern und 31 Beamten notwendig,
u gewiſſe Abfindungsſummen gewährt werden ſollen. Der Magi=
F Svertreter erklärte, daß Verhandlungen mit der Hausrat=G. m. b. H.
die Abſtoßung des Möbellagers und mit dem Wohlfahrtsamt
en Uebernahme des Brennholzlagers vor dem Abſchluß ſtänden wo=
56 ein weſentlicher Schritt zur Sanierung getan ſein würde. Reor=
ſationsvorſchläge
würden binnen kurzem unterbreitet werden. Im
ie der Beſprechung erfolgten heftige Angriffe gegen den Magiſtrat,
er nicht dafür geſorgt habe, daß der Betrieb weiter laufe und die
cenden Fehler, z. B. die falſche Kalkulation, beſeitigt würde. Die
räge des Ausſchuſſes, die den Magiſtrat um Reorganiſationsvor=
ge
erſuchten und verlangten, daß bei der Neubeſetzung des Leiters
Zentrale die Stadtverordnetenverſammlung gehört werde, ſowie
Antrag auf Arbeiter= und Beamtenabbau in der obenerwähnten
m, wurden angenommen. Aufhebung der Frankfurter
ränkeſteuer. Die Stadtverordnetenverſammlung beſchloß in
* heutigen Sitzung die Aufhebung der ſtädtiſchen Getränkeſteuer ab
pril 1927. In der Zeit vom 1. Juli 1926 bis 31. März 1927 ſoll die
ger nicht mehr vom Verkaufs=, ſondern vom Einkaufspreis erhoben
den. Ablehnung der Marburger Jubiläumsgabe.
räß dem Antrage des Hauptausſchuſſes lehnte das Plenum der Stadt=
rdnetenverſammlung
den Antrag des Magiſtrats, für die Jubiläums=
abe
an die Univerſität Marburg die zweite Rate mit 5000 Mark zu
illigen, wiederum ab.
Großfeuer in Friedrichshagen.
Berlin. In der letzten Nacht brach in der Genoſſenſchaftsbrauerei
Friedrichshagen Feuer aus, das ſich ſchnell auf alle Gebäude und
erräume ausdehnte. Trotzdem in raſcher Folge eine große Anzahl
terwehrzüge von Berlin und den Nachbargemeinden erſchienen, gelang
erſt nach zweiſtündiger Tätigkeit, das Feuer zu lokaliſieren und einige
iten vor vollſtändiger Einäſcherung zu retten. Ein Feuerwehrmann
tt eine Rauchvergiftung. Die Urſache des Brandes iſt noch nicht feſt=
ellt
. Brandſtiftung iſt nicht ausgeſchloſſen.
Urkundenfälſchung einer Arztgattin.
Berlin. Nach dem Fall der Gräfin Bothmer iſt jetzt in Potsdam
en die Gattin des im Jahre 1924 verſtorbenen Arztes Profeſſor Dr.
mabel, geborene Gräfin von Leiningen, wegen ſchwerer Urkunden=
chung
ein Strafverfahren eingeleitet worden. Profeſſor Schnabel,
aus einer jüdiſchen Familie ſtammte, heiratete vor einigen Jahren
Gräfin v. Leiningen. Nach ſeiner Heirat kaufte er ſich ein Beſitz=
n
auf der Planitzinſel bei Potsdam, wo er mit ſeiner Gattin zurück=
ſogen
lebte. Im Dezember 1924 ſtarb Profeſſor Schnabel plötzlich.
r Teſtament war zunächſt nicht aufzufinden. Als im Auftrage der
twe im Robert Koch=Inſtitut die Bücher des Verſtorbenen abgeholt
rden ſollten, fand man in einem der Bücher ein Schriftſtück mit den
orten: Mein Teſtament! in dem er ſeine Gattin zur Univerſalerbin
großen Vermögens einſetzte. Die greiſe Wirtſchafterin des Beſitz=
us
gab an, daß Frau Profeſſor Schnabel kurz nach dem Tode ihres
annes bis in die Nachtſtunden Schreibübungen vorgenommen habe.
s Teſtament wurde nunmehr Schriftſachverſtändigen vorgelegt, die die
mdſchrift der Gattin erkannten. Nunmehr legte Frau Profeſſor Schna=
ein
umfaſſendes Geſtändnis ab, das ſie vor dem Potsdamer Ober=
gen
ſie wegen ſchwerer Urkundenfälſchung Anklage erhoben.
Zum Leiferder Attentat.
Belaſtende Ausſagen gegen Walter Weber.
DD. Leipzig. Bei der Kriminalpolizei in Crimmitſchau meldeten Aſſeſſor Brüſer=Berlin einen Kranz am Grabe nieder
zwei junge Leute, die erklärten, ſie ſeien am 10. Auguſt von Crimmit=
au
aus auf die Wanderſchaft gegangen und ſeien auf dem Bahnhof
Helmſtedt mit zwei Fremden bekannt geworden, von denen ſich einer
fagt, er müſſe ſpäteſtens am 23. Auguſt in Berlin ſein, um dort 30
ie Crimmitſchauer Polizei hat ſich ſofort mit den zuſtändigen Behörden
gen, daß Walter Weber wahrſcheinlich ſchon mehrere Wochen vor dem ſein. Bei der Chicago Tribune nimmt man an, daß der Anſchlag
ttentat Kenntnis von der beabſichtigten verbrecheriſchen Tat hatte und
mnach mit größeren Geldmitteln rechnete.
Der Stand der Typhusepidemie in Hannover.
Hannover. Nach einer amtlichen Mitteilung hat ſich die Zahl
* in Hannover an Typhus Erkrankten auf 1097, die Zahl der
vdesfälle auf 27 erhöht. Von amtlicher Seite erfahren wir
eiter, daß der Typhus auch auf den Landkreis Linden über=
egriffen
hat. Bartinghauſen=Egestorf, Empelde, Seelze und Let=
* haben Fälle von Typhus zu verzeichnen. Eine amtliche Beſtätigung
er Anzahl der Fälle ſteht noch aus.
Der Südtiroler Beſitz des Vereins für das Deutſchtum
im Ausland.
Der Präfekt der Provinz Trient hat dem Verein für das Deutſch=
um
im Ausland mitgeteilt, daß auf Grund der bekannten Dekrete die
eindergärten des Vereins in Südtirol, beſchlagnahmt ſind. Die Be=
tzungen
ſind dem nationalen Frontkämpferbund überwieſen worden, ſammeln und kam ſogar in den nächſten Runden gut auf. Er ſchlug Die=
Der Verei hat gegen die Beſchlagnahme ſeines Eigentums Einſpruch
rhoben, da ſein Beſitz ausſchließlich kulturellen Zwecken gedient hat und
Das Auswärtige Amt in Berlin iſt um Stellungnahme zu dieſem war gut und ſeine Treffer ſicherer und ſchwerer als die Gormans. Be=
Rechtsbruch gebeten worden.

Deutſche Tage in Windhuk.
Beſuch der Beſatzung des Vermeſſungsſchiffes Meteor.
AD. Die Beſatzung des deutſchen Vermeſſungsſchiffes Meteor
ſtattete unſerer ehemaligen Kolonie Deutſch=Südweſt=Afrika in den erſten
Auguſttagen einen zweiten Beſuch ab. Dieſer galt in erſter Linie der
Landeshauptſtadt Windhuk und iſt um ſo bemerkenswerter, als die Ver=
treter
der deutſchen Marine und deutſchen Wiſſenſchaft nicht nur von
der deutſchen Bevölkerung, ſondern auch von der Mandatsbehörde
und dem Adminiſtrator von Süidweſt=Afrika, Herrn J. Werth, mit
außergewöhnlicher Herzlichkeit begrüßt wurden.
Der Adminiſtrator, die Spitzen der Behörden ſowie ſämtliche deut=
ſchen
Vereine und Schulen begrüßten am Bahnhof die Gäſte und ge=
leiteten
ſie durch eine mit deutſchen und engliſchen Flaggen geſchmückte
Ehrenpforte zum Rathauſe, wo der Bürgermeiſter in engliſcher
Sprache eine Begrüßungsrede hielt, in der er zum Ausdruck brachte, daß
die geſamte Bevölkerung Südweſts mit Stolz und Freude die Vertreter
der deutſchen Marine und der deutſchen Wiſſenſchaft begyüßen. Der
Bürgermeiſter gab im beſonderen ſeiner Anerkennung und Be=
wunderung
Ausdruck für die Hilfeleiſtung des deutſchen Ver=
meſſungsſchiffes
bei dem in Conception Bay geſtrandeten engliſchen
Dampfer Cawdor Caſtle‟. Der Führer des Vermeſſungsſchiffes, Fre=
gattenkapitän
Spieß, hob in ſeiner Antwortrede hervor, daß der
Tag, an dem der Meteor von der geſamten Bevölkerung Windhuks
begrüßt wurde, der ſchönſte Tag der Expedition ſei.
Der zweite Tag galt zunächſt einer ritterlichen Ehrenpflicht, indem
Fregattenkapitän Spieß am Denkmale der im Unionfeldzug gefallenen
Soldaten der ſüdafrikaniſchen Union und an den Gedenktafeln in den
Kirchen Kränze niederlegte. Sodann ſtattete er den drei deutſchen
Schulen in Windhuk einen Beſuch ab. Höhepunkt der Veranſtaltungen
dieſes Tges war die Totenehrung am deutſchen Reiterdenkmal in
Windhuk, bei der Kapitän Spieß und die Pfarrer der chriſtlichen Ge=
meinden
Gedächtnisanſprachen hielten.
Während ihres dreitägigen Aufenthaltes waren die Offiziere und
Mannſchaften des Meteor nicht nur Gäſte der deutſchen Bevölkerung,
ſondern auch der Mitglieder der Mandatsverwaltung. Die aufrichtigen
Sympathien und die unverhohlenen Bewunderungen vor dem Ergebnis
der deutſchen wiſſenſchaftlichen Forſchung ſeitens der Vertreter der
Mandatsbehörden fanden beſonders ſtarken Ausdruck gelegentlich des
offiziellen Feſtabends im Hauſe des Deutſchen Vereins, an dem der Ad=
miniſtrator
und andere Vertreter der Mandatsverwaltung ſich mit den
Mitgliedern des Deutſchen Vereins und des Deutſchen Bundes zu einer
Ehrung der deutſchen Gäſte vereinigten. Aus den zahlreichen Reden iſt
beſonders bemerkenswert die Anſprache des Fregattenkapitäns Spieß, in
der er u. a. hervorhob, daß das deutſche Vermeſſungsſchiff von allen
offiziellen Vertretern der ſüdafrikaniſchen Union bei ſeinem dreimaligegn
Beſuche in Kapſtadt, Pretoria und Johannesburg eine Aufnahme ge=
funden
habe, die weit über das Maß internationaler Höflichkeit hinaus=
gehe
. Der Eindruck, den die Begrüßung ſeitens der deutſchen Bevöl=
kerung
und der Mandatsverwaltung in Windhuk auf ſie ausgeübt habe,
ſei ſo gewaltig, daß er ſich ſchwer in Worte kleiden laſſe. Fregatten=
kapitän
Spieß wandte ſich beſonders an den Adminiſtrator als den
Vertreter des Mandatslandes, dem unſere alte Kolonie überantwortet
wurde und richtete an ihn folgende offenen Worte:
Herr Adminiſtrator! Sie werden es uns deutſchen Männern
nicht verdenken, wem uns das Herz blutet bei dem Gedanken, daß dieſes
ſchöne, heiß erworbene Land nun nicht mehr unter dem ſtarlen Schutz
der Heimat ſteht, daß dieſes unſer füngſtes afrikaniſches Kolonialkind
jetzt fremder Pflege anvertraut iſt. Seien Sie ihm ein guter Pflege=
vater
. Laſſen Sie den Deutſchen ihr ungebrochenes Deutſchtum, es iſt
das Beſte, was ſie zum Aufbau und zum Gedeihen dieſes Landes haben
können. Laſſen Sie ihnen ihre deutſche Sprache, ihre Kultur und ihre
deutſche Seele, dann wird das Land in jener wunderbaren Entwicklung
weiter gedeihen und blühen wie früher, und daneben werden Sie ſich
dieſe tapferen deutſchen Herzen gewinnen und auf ſie bauen können.

Hilfe für das deutſche Ueberſchwemmungsgebiet in Südſlawien.
Die durch den Dammbruch an der Donau bei Apputin hervor=
gerufene
Ueberſchwemmung, die in erſter Linie das dortige große deutſche
Siedlungsgebiet betroffen hat, erweiſt ſich in ihren Folgewirkungen
immer mehr als eine lebensgefährdende Bedrohung der deutſchen Sied=
lungen
. Eine mehr als hundertjährige deutſche Kulturarbeit und das
Daſein von zehntauſenden von deutſchen Familien iſt in Gefahr. Wäh=
rend
der Hungerjahre in Deutſchland, in der traurigſten Inflationszeit,
haben auch die Donauſchwaben in reichem Maße Spenden und Lebens=
mittel
ins Reich geſandt. Sollen ſie nun glauben, daß ihre immer
wieder in ſchwerem Kampf bewährte Volkstreue und ihre Hilfsbereit=
ſchaft
vergeſſen iſt? Umfaſſende Hilfeleiſtung auch aus dem Reich iſt
hier Ehrenpflicht. Dem Verein für das Deutſchtum im Ausland iſt
ſoeben eine Sammlung für die von der Ueberſchwemmung betroffenen
Stammesgenoſſen bewilligt worden. Schnelle Hilfe tut not! Eine Ueber=
weiſung
von Spenden auf das Poſtſcheckonto der Hauptleitung des
V. D. A. Berlin Nr. 88 467 wird gebeten.
Walter=Flex=Ehrung.
Peude auf Oeſel (Eſtland) Zuſammen mit deutſchbaltiſchen
atsanwalt Gerlach wiederholte. Die Stantsanwaltſchaft hat daraufhin Freunden veranſtaltete ein im Oſtſeebad Arensburg ſich zurzeit aufhalten=
der
reichsdeutſcher Kreis von Berliner und Eiſenacher Familien im
Geburtsmonat (Juli) des Dichters auf dem Kirchhof Peude eine Ge=
dächtnisfeier
. Namens des Vaterländiſchen Ausſchuſſes der Deutſchen
Burſchenſchaft und des Vereins ſür das Deutſchtum im Ausland legte
1000 Jagi=Indianer überfallen einen Zug.
Paris. Wie die Chicago Tribune aus Mexiko meldet, haben
8 Kaufmann und Pianiſt Walter Weber aus Schötmar ausgegeben 1000 Jagi=Indianer am Sonntag abend den Zug ange=
be
. Nach einigen Tagen habe Weber, als ſie ſich von ihm trennten, griffen, in dem der frühere Präſident, General Obregon, ſich be=
fand
. Es entſpann ſich ein dreiſtündiger Kampf zwiſchen den
s 40 000 Mark abzuheben. Er wolle ſich endlich einmal geſund machen. Angreifern und den Truppen, die den Zug begleiteten. General Ob=
regon
wurde gefangen genommen und bis geſtern von den
Hildesheim in Verbindung geſetzt. Es ergibt ſich aus dieſen Aus= Indianern feſtgehalten. Er ſoll inzwiſchen wieder freigelaſſen worden
unternommen worden war, weil General Obregon für die kürzlich er=
folgte
Verhaftung mehrerer Führer der Jagi=Indianer als verantwort=
lich
hingeſtellt wurde. Die mexikaniſche Regierung habe 5000 Mann in
das Jagi=Gebiet entfandt, um die Ordnung wieder herzuſtellen.
Die Niederlage Franz Dieners in Amerika.
Die B. Z. meidet über den Verlauf des erſten Kampfes des deutſchen
Schwergewichtsmeiſters Franz Diener gegen den amerikaniſchen Schwer=
gewichtler
Bob Gorman: Gorman (183,5) und Diener (178) waren über=
aus
flink auf den Beinen. Diener ging mit Vehemenz los, war aber
überraſchend offen. Er holte die erſte Nunde, mußte in der zweiten
Nunde zwei ziemlich ſtarke Tiefſchläge Gormans hinnehmen, die ungerügt
blieben, geriet aber gerade dadurch ins rechte Fahrwaſſer und erſchüt=
terte
den Amerikaner mit einer wuchtigen Links=Rechts Hakenſerie, die
faſt zum k. o. führte. Im B.3.=Bericht heißt es, daß Diener ſich zu
dieſem Zeitpunkt durch das Glockenzeichen eines Zigarettenhändlers, das
er für das Gongzeichen der Runde hielt, täuſchen ließ und ſich von ſei=
nem
Gegner zurückzog. Dieſer benutzte die Gelegenheit, um ſich zu
ner die linke Augenbraue auf und kam durch dieſe Behinderung Dieners
zu einem Rundengewinn in der 5.8. Runde. Dann kam Diener wieder
die Beſchlagnahme reichsdeutſchen Eigentums in den früheren öſter= auf, hielt die neunte Runde offen und gewann die Schlußrunde, konnte
reichiſchen Gebieten durch den Vertrag von Verſailles nicht gedeckt wird, aber den knappen Punktſieg von Gorman nicht mehr aufholen. Diener
achtenswert war Dieners Endfpurt.

Umpfang der Tarifvertragspflicht.
Angeſtellte der Beruf genoſſenſchaft ſind keine
Beamte.
Anläßlich eines Rechtsſtreits eines Büroangeſtellten der Baugewerks=
berufsgenoſſenſchaft
mit ſeiner Dienſtherrin war ſtrittig geworden, ob
die Berufsgenoſſenſchaften unter die Tarifvertragspflichten fallen. Kläge=
rin
hat den Tarifvertrag der Reichsberufsgemoſſenſchaften vom 13. März
1922 nicht mit abgeſchloſſen und nicht als verbindlich für ſie anerkannt,
obgleich der Tarif für allgemein verbindlich erklärt worden iſt. Ihre
Klage, feſtzuſtellen, daß ſie nicht verpflichtet ſei, den Beklagten der
Klaſſe Ib des Tarifvertrags einzureihen wie es das Reichsverſiche=
rungsamt
verlangt iſt in allen Inſtanzen abgewieſen worden.
Reichsgericht ſagt: Zu entſcheiden iſt ausſchließlich, ob das Tarifabkom=
men
, obwohl für allgemein verbindlich erklärt, dennoch für Klägerin
unverbindlich iſt. Das Tarifvertragsrecht gilt nur für Arbeiter und An=
geſtellte
nicht für Beamte. Innerhalb des Perſonenkreiſes werden keine
Ausnahmen gemacht. Da die Angeſtellten der Berufsgenoſſenſchaft nicht
Beamte ſind, iſt ihr Dienſtverhältnis als ein ſolches des bürgerlichen
Rechts anzuſehen. Der Tarifvertrag iſt eine aus dem öffentlichen Recht
entſpringende allgemeine Ordnung, aus der der einzelne Arbeitsvertrag
ſich ergänzt, mag er nach 8 1 oder 8 2 Tarifvertragsverordnung ver=
bindlich
ſein. Das Oberlandesgericht geht von 8 695 der Reichsverſiche=
rungsordnung
aus. Danach hat die Dienſtordnung die Mindeſtgehälter
für die einzelnen Klaſſen der Angeſtellten zu bezeichnen und Grundſätze
für das Aufteigen im Gehalt aufzuſtellen. Damit iſt ein Hinauf=
gehen
über die in der Dienſtordnung vorgeſehenen Mindeſtgehälter
nicht ausgeſchloſſen, vielmehr der Genoſſenſchaft freigeſtellt. Dann muß
es aber auch ſtatthaft ſein, höhere Gehälter im Wege des Geſamtder=
trags
feſtzulegen.
Straßenbericht für den Kraftwagenverkehr in Württemberg.
Der ſtändig wachſende Verkehr auf den Straßen erfordert beſondere
Maßnahmen der Wegebauunterhaltungspflichtigen. Dies macht ſich für
den Kraftfahrer in Form von zahlreichen Straßenſperrungen ſehr unan=
genehm
bemerkbar. Beſonders der Fernverkehr hat darunter ſehr zu
leiden, weil eine zuſammenfaſſende Bekanntmachung ſür das ganze Land
fehlt. Um dieſen Mißſtänden abzuhelfen, hat der Württembergiſche
Automobilklub die Aufgabe übernommen, die Mitteilungen aus dem
ganzen Lande zu ſammeln und wöchentlich in der Preſſe zu veröffent=
lichen
. Es iſt dies im Intereſſe des Verkehrs ſehr zu begrüßen. (Dieſer
Entſchluß verdient Nachahmung. Anmerkung der Schriftleitung.)

Rund=Funk=Programme.
Frankfurt.
Donnerstag, 16. Sept. 4.30: Hausorch. Anton Rubinſtei.
Ouv. Dimitri Donskoi, Fant. a. Der Dämon. Tſchai=
kowsky
: Koſtümball, Suite. Romeo und Julia, Fant=Ouv.
nach Shakeſpeare. O 5.45: Leſeſtunde: Cola di Rienzo, von
Gregorovius, O 6.15: Stunde des Südweſtdeutſchen Radioclubs.
O 6.45: Uebertr. Caſſel: Vortrag Waldemar Kleinſchmidt: Papin,
der Erfinder der Dampfmaſchine‟, O 8: Uebertr. Leipzig: Szenen
aus Goethes Fauſt von Schumann. Soliſten: Anny Quiſtorp,
Sopran: Erna Hähnel=Zuleger, Sopran; Meta Jung=Steinbrück,
Alt; Dorothea Schröder, Alt; Hans Lißmann, Tenor: Stefan
Kapoſi, Bariton; Dr. Wolfgang Roſenthal, Baß. Leipziger Ora=
torien
=Vereinigung. Leipziger Sinfonie=Orch.
Stuttgart.
Donnersteg, 16. Sept. 4.15: Funkorch. Lehnhardt: An die
Gewehre! Manfred: Zigeunerleben. Maſſenet: Ouv. aus
Phädra. Bach=Gounod: Ave Maria. Kronke: Spaniſche
Rhapſodien. Einlage: Maria Th. Deimann. Puccini: Fant.
Boheme‟. Kunert: Serenade. Popy: Blumendüfte, Ballett.
G 6.15: Prof. Dr. Verweyen=Bonn: Selbſterkenntnis. O 6.45:
Aerztevortrag: Ueber krankhafte Schweißbildung, O 7.15: Schach.
9 8: Uebertr von Leipzig: Szenen aus Goethes Fauſt für
Soloſtimmen, Chor und Orch. von Rob. Schumann. Sol.: Anny
Quiſtorp (Sopran) Erna Hähnel=Zuleger (Sopran) Meta Jung=
Steinbrück (Alt), Dorothea Schröder (Alt). Hans Lißmann (Tenor),
Stefan Kapoſi (Bariton), Dr. Roſenthal (Baß). Chor: Leipz.,
Dratorien=Ver. Orch.: Leipz. Sinfonie=Orch. Anſchl.: Guitarre=
Virtuoſe Otto Meyer und Rundfunkorch. Mozart: Oup. Ent=
führung
aus dem Serail. Giuliani: Grande Quv. Sor:
Variationen über ein Thema von Mozart. Albert: Am Spring=
brunnen
. Sor: Zwei Menuette. Kockert: Amoretten=Ständchen.
Mendelsſohn: Frühlingslied. Decker=Schenk: Alexis Polka.
Sanco: Alt=ſpaniſches Lied. Moſzkowsky: Span. Tänze.
Berlin.
Donnerstag, 16. Sept. 12: Viertelſtunde für den Landwirt.
O 4.30: Ludwig Sternaux lieſt aus ſeinem Buch: Schattenſpiel in
Weimar, O 5: Funk=Kapelle. Kollo: Berlin, dir bleib ich treu.
Gabriel=Marie: Suite Gaie. Meyer=Helmund: Nach ſüßen
Stunden. Gounod: Fant. Margarethe‟. Monti: Cſardas.
Myddleton: Dort unten im Süden. Kollo: Annemie, Marſch
und Foxtrot aus der Revue. An und Aus. O 6.30: Dr. Zellner:
Chemie im Dienſt der Juſtiz (1. Teil). O 7: Bergrat Dr. Kohl:
Gefahren des Bergbaues und ihre Bekämpfung O 7.25: Frau
Elſa Herzog: Die Veränderungen der Mode im Herbſt 1926.
O 7.55: Prof. Dr. Neckel: Deutſchlands Kulturbeziehungen zu
den ſkandinaviſchen Ländern im Wandel der Zeiten. O 8.30:
200 Jahre Orcheſter=Muſik. Dem Gedenken Beethovens 17701827.
Einf.: Dr. Schmidt. Sinfonie Nr. 1 C=dur, op. 21. Konzert für
Violine und Orcheſter, D=dur, op. 61 (Joſef Wolfsthal, Violine).
Quv. Coriolan. Dir.: Generalmuſikdir. Blech. O 10.30: Tanz=
Orcheſter Ette.
Königswuſterhauſen. Donnerstag, 16. Sept. 3: Prof. Amſel
und Oberl. Weſtermann: Einheitskurzſchrift. O 3.30: Direktor
Lehmann: Die Taubſtummen und die menſchliche Geſellſchaft. O 4:
Oekonomierat Lembke: Die Gemeinſchaft. 8 430: Mitt, des
Zentralinſtitutes. O 5: Geheimrat Strauß: Ueber= und Unter=
ernährung
.

Wetterbericht.
Wettervorausſage für Freitag, den 17. September 1926,
nach der Wetterlage vom 15. September 1926.
Meiſt wolkig, weſtliche Winde, keine weſentlichen Unterſchiede in den
Temperatuven, vereinzelt Niederſchläge.
Randſtörungen des nordiſchen Tiefs haben in Mittel= und Nord=
deutſchland
zunehmende Bewölkung und vereinzelt Niederſchläge hervor=
geruſen
. Da wir zurzeit noch im Störungsbereich liegen, wird ſich die
Witterung vorläufig unbeſtändig geſtalten. Heſſ. Wetterdienſtſtelle.

Hauptſchriftleitung: Rudolf Mauve
Verantwortlich für Politik und Wirtſchaft: Rudolf Maupe; für Feuilleton und
Heſſiſche Nachrichten: Mar Strecſe; für Sport: Dr. Eugen Buhlmann; für den
Schlußdienſt: 1. V. Dr. Eugen Buhlmann; für den Inſeratenteil: Wiliy Kuhle.
Druck und Verlag: L. C. Wittich ſämtlich in Darmſtadt.

Die heutige Nummer hat 14 Seiten.

IV. 12893

Wirtschaffslage fordert

von jedem Kraftfahrer, zu bedenken, daß er durch Kauf deutscher
Reifen neue Arbeitsgelegenheit schaftt und die steuerliche Last
erträglicher macht. Den besten Auslandreifen mindestens eben=
bürtig
ist der deutsche

K
KAZA

[ ][  ][ ]

Seite 10
Donnerstag, den 16. September 1926
Sport, Spiel und Zurnen.

Solitude=Rennen.
Beide Rennen Siege von Mercedes=Benz.
(Von unſerem Sonderberichterſtatter.)
S.D. Stuttgart, 12. September.
Vorzügliches Wetter und vorzüglicher Sport! So nahm das Soli=
tude
=Rennen am Frühvormittag ſeinen Anfang. Um Mittag herum
änderte ſich bedauerlicherweiſe beides. Regenwolken entluden ſich über
den 100 000 Zuſchauern, einer Zuſchauerrekordzahl, die in Deutſchland
noch nirgendwo überboten ſein dürfte, und das am Nachmittag ausge=
fahrene
Rennwagen=Rennen war ſchwach beſetzt, ſo daß es ratſamer ge=
weſen
wäre, die Rennwagen zuſammen mit den Sportwagen am Vor=
mittag
ſtarten zu laſſen. Das aber ſei in erſter Linie hervorgehoben:
die Sportwagen Konkurrenz war nicht nur ſchärfer und weitaus inter=
eſſanter
als der Rennwagenwettbewerb, ſondern ſie war überhaupt das
Ereignis des Tages, weil in ihr Geſchwindigkeiten erzielt wurden, die
alles bisher Gebotene in den Schatten ſtellen und weil in dieſem Wett=
kampf
Wagen und Fahrer, beides von gleicher Raſſe und Klaſſe, ſiegten.
Willi Walb (Mannheim) auf 24/100/140 PS Mercedes=Benz war der
Held und große Sieger des Tages! Im Jahre 1925 hatte Merz auf
einem Mercedes=Rennwagen ein 94,120 Km.=Durchſchnittstempo erzielt
diesmal fuhr Merz auf Mercedes=Benz 2=Liter=Rennwagen trotz regen=
naſſer
Straßen ein Durchſchnittstempo von 92,2 Kilometer das
Wetter war an der etwas geringeren Durchſchnittsgeſchwindigkeit ſchuld.
Willi Walb aber ſchuf auf einem regulären Mercedes=Benz 6=Liter= Sport=
wagen
den Tagesrekord und mit einer Durchſchnittsgeſchwindigkeit von
96,8 Km. einen neuen Solitude=Rekord, der den Vorjahrsrekord Neu=
gebauers
auf NAG. (Sportwagenrekord mit 86,3 Km. pro Stunde) ſehr
erheblich übertrifft. Es war hochintereſſant zu beobachten, wie im Sport=
wagen
=Rennen Roſenberger auf einem Mercedes 2=Liter=Achtzylinder
(fener Type, die den Großen Preis von Deutſchland gewonnen hatte)
im Sportwagen=Rennen gegen Willi Walb und gegen Hailer, beide auf
vierſitzigen 6=Liter=Sportwagen, ankämpfte. Der Sportwagen= Achtzylin=
der
war wendiger, mag vielleicht auch im Anzug noch etwas ſchneller ge=
weſen
ſein . . . Walb aber und auch der Junior der Mercedes=Benz=
Induſtriefahrer, Hailer=Stuttgart, fuhren mit bewundernswerter Regel=
mäßigkeit
, ſportlich=draufgängeriſch, aber nicht tollkühn, und ſo wurde
dieſer abſolut reelle, eindrucksvolle deutſche Mercedes=Benz=Sieg das
Ereignis des Tages.
Neunzehn Sportwagen ſtellten ſich dem Starter. Roſenberger hatte
ſich ſchon in der 1. Runde ſehr weit vorgearbeitet und beendete die 22,3
Km. Rundſtrecke in 13:30, alſo im 99,3 Km.=Tempo. Stuck auf Dürkopp
kam in einer Kurve gegen einen Zaun; ſein Kotflügel wurde verbogen
und ein Zuſchauer verletzt. . Schon in der 3. Runde hat Roſenberger
ſich die Spitze erobert. Der Hag=Wagen von Stumpf= Le=
kiſch
hat die Kühlerhaube verloven . . . ſein ſchneidiger Fahrer fährt
unbeirrt und tatenfroh weiter. Beck (Augsburg) auf Bugatti wird aus
der Bahn geſchleudert . . . die Sache verläuft harmlos. Leider aber
nicht der unmittelbar darauf folgende Unfall des Salmſon=Wagens von
Eifenhauer, der von Ruckle (Stuttgart) gefahren wurde. In einer Kurve
kommt der Salmſon ins Schleudern, fliegt aus der Bahn, ſtürzt um,
Ruckle wird ſchwerverletzt hervorgezogen und ſtirbt auf dem Transport.
Andere Wagen kollidieren miteinander . .. das aber läuft harmlos ab.
In der 10. Runde ſcheidet Otto Kleher nach tapferer Fahrt aus; ſein
Adler hat Stirnradbruch. Hailer wird aus einer Kurve herausgetragen,
kann aber mit geringem Zeitverluſt weiterfahren; eine Zuſchauerin
wurde verletzt. Sieben Bugatti waren in Konkurrenz gebracht worden;
der Alfa Romeo war ſchon im Training zurückgezogen worden. Deil=
manns
Auſtro=Daimler lief ebenſo gut und regelmäßig, wie ſein Fahrer
ſchneidig fuhr . . . Heußers Stehr war durch Zündkerzenſchäden gehandi=
capt
. . . den Sieg errangen deutſche Wagen! Heußer auf Stehr wurde
Sieger der Sportwagenklaſſe C, Koch (Stuttgart) Sieger der Sport=
wagenklaſſe
F (bis 1½ Liter) und Stumpf=Lekiſch auf Hag
Zweiter der kleinen Klaſſe. Von wirklich eindrucksvollen
Leiſtungen mögen noch erwähnt ſein die von Freiherrn von Trützſchler=
Falkenſtein auf Bugatti, dem drittſchnellſten aller Sportwagenfahrer,
und die von Chriſtian Riecken auf NAG., der trotz der Klaſſe ſeines
NAG. und trotz ſchneidigen Durchhaltens gegen dieſe Konkurrenz einen
überaus ſchweren Stand hatte. Walb auf Mercedes=Benz gewann den
Staatspreis und einen Wanderpreis, Riecken auf NAG. neben anderen
Preiſen den DWF.=Wanderpreis und Freiherr von Trützſchler den
Steiger Wanderpreis als Sieger der Sportwagenklaſſe E.

Das Rennwagen=Rennen ſpitzte ſich vom Start weg zu einem Zwei=
kampf
zwiſchen Mercedes=Benz und Bugatti zu. Ausgezeichnet aber
hielten ſich in dieſer ſchweren Konkurrenz die NSU.=Wagen. Sie liefen
viel geräuſchloſer als die ganz ſchnellen, aber wenn man, durch Kom=
preſſorgeheul
voreingenommen, die Zeittafeln nachlas, konnte man feſt=
ſtellen
, daß NSU. ſich nur Runde um Runde wenige Meter abgewinnen
ließ. Nur 6 Fahrer ſtellten ſich dem Starter: Friedrich auf Pluto, Klöble
auf NSU., Seifert auf NSI., Kimpel auf Bugatti, Werner auf Mer=
cedes
=Benz und Merz auf Mercedes=Benz. Der Pluto ſchied in der
4. Runde durch Motorſchaden aus. Keiner der Rennwagenfahrer er=
reichte
die Rekordzeiten von Walb und von Hailer, im Tourenwagen=
Wettbewerb. Das Durchſchnittstempo war von 87100 Km., alſo immer=
hin
enorm hoch. Kimpels Bugatti dreht ſich in einer naſſen Kurve um
ſich ſelbſt. Werner hat in der 13. Runde Getriebedefekt und gibt auf,
Klöble ſtellt in der 18. Runde die Weiterfahrt ein. Merz ſiegt 4:30:24,2
znit erheblichem Vorſprung vor Kimpel auf Bugatti (5:05:06,2); Walb
und Merz reichen ſich vor den Zieltribünen die Hand, Walb fährt eine
Ehrenrunde, und aus vielen tauſend Kehlen ertönt angeſichts des deut=
ſchen
Doppelſieges das Deutſchlandlied.
Sportwagen=Wettbewerb. (15 Runden 334,5 Km.):
Klaſſe 4B: 1. Willy Walb (Mannheim) auf Mercedes=Benz 3:27:42;
2. Hailer (Stuttgart) auf Mercedes=Benz 3:28:44. Klaſſe D: 1. Chri=
ſtian
Riecken (Berlin) auf NAG. 3:40:16. Klaſſe E: 1. Freiherr von
Trützſchler auf Bugatti 3:38:16. Klaſſe F: 1. Fritz Koch (Stuttgart) auf
Bugatti 4:07:30; 2. Stumpf=Lekiſch (Mainz) auf Hag=Gaſtell
4:09:41,4. . Klaſſe C: 1. Heußer (Schmalkalden) auf Stehr 4:21:26.
Rennwagen (20 Nunden 446 Km.): Klaſſe AB: 1. Otto
Merz (Stuttgart) auf Mercedes=Benz 4:30:24/4: 2. Kimpel ( Ludwigs=
hafen
) auf Bugatti 5:05:06. Klaſſe CF: 1. Seifert (Neckarſulm) auf
NSU. 5:13:30.

Schluß des Berliner Rot Weiß=Tennis=Turniers. Frl. Außem ſchlägt
Frau Dr. Friedleben.
Trotz des ſtrömenden Regens am Vormittag konnte bei den vorzüg=
lichen
Plätzen des Berliner Tennis=Clubs Not=Weiß das Turnier zu
Ende gebracht werden. Den zahlreichen Zuſchauern wurde am Dienstag
eine große Senſation geboten, denn es gelang der äußerſt talentierten
fungen Kölnerin Frl. Außem die langjährige deutſche Meiſterin Fr. Dr.
Friedleben zu ſchlagen. Das Spiel ſelbſt war ein Muſterbeiſpiel dafür,
wie ſchwer es iſt, einen Satzball zu gewinnen, ſelbſt wenn man mit drei
Spielen ſchon im Vorteil iſt. Frau Dr. Friedleben führte im erſten
Satz bereits 5:2 und hatte ſchon drei Satzbälle, ohne daß es ihr gelang,
den entſcheidenden Ball zu gewinnen. Dafür aber holte Frl. Außem
Spiel für Spiel auf und gewann ſchließlich den Satz mit 8:6. Eine ähn=
liche
Situation ergab ſich im zweiten Satz. Diesmal war es Frl. Außem,
der beim Stande von 5:2, 40:0 nur noch der Siegball fehlte. Dabei
hatte Frl. Außem das Pech, daß ſie bei einem Verteidigungsſchlag aus=
rutſchte
und den Ball verſchlug. So gelang es Frau Du. Friedleben bis
5:5 aufzuholen. Hier raffte ſich Frl. Außem aber zuſammen und in
einem ſchönen Endſpurt brachte ſie den Satz mit 7:5 an ſich. Damit ge=
wann
die funge Kölnerin mit 8:6, 7:5 das Endſpiel gegen die deutſche
Meiſterin, was einen ungemeinen Erfolg für ſie bedeutet. Das
Damendoppel gewannen Gräfin v. d. Schulenburg=Fr. Ledig leicht
mit 6:2, 6:4 gegen Fr. Galvao=Fr. Uhl. Die übrigen Entſcheidungen
gelangten nicht mehr zum Austrag. Kampflos gewann Moldenhauer das
Herreneinzel um die Meiſterſchaft von Preußen, da Hannemann.
nicht mehr antrat. Hannemann hatte vorher den Ungarn von Kehrling
mit 6:4, 6:1, 3:4 zgz. geſchlagen. Auch das Gemiſchte Doppel
fiel kampflos an Frl. Außem=Moldenhauer, da das Ehepaar Stephanus
zurückgezogen hatte.
Fußball.
V.f.R. DarmſtadtPolizeiſportverein Darmſtadt.
Am Sonntag, den 19. September 1926, beginnen die Pokalſpiele des
Gaues Bergſtraße. Die Sieger der erſten Runde qualifizieren ſich zur
zweiten Runde, während der Beſiegte ausſcheidet. Genau dasſelbe iſt
bei der zweiten Runde der Fall. Es folgt dann die dritte Runde uſw.
bis endgültig der Sieger feſtgeſtellt iſt, der dann, den Titel Pokal=
ſieger
führt. In Darmſtadt auf dem V.f.R.=Platze trifft alſo Poli=
zeiſportverein
Darmſtadt auf V.f.R. Darmſtadt. Was das heißt, wird
jeder Eingeweihte des Fußballſportes ſich denken können. In dem

Polizeiſportverein wird
der A=Meiſter erwartet.
ſchweren Aufgabe.

Nummer 257

allerſeits auf Grund ſeiner Privatſpielreſulte
Die V.f.R.=Mannſchaft ſteht vor einer ſe

Die Spielvereinigung Sandhofen hat ſich durch ihren letztſonntä=
gen
Sieg über V. f. R. Kaiſerslautern die Zugehörigkeit zu der Rhe
bezirksliga erkämpft und greift ab nächſten Sonntag in die Verbanf
ſpiele ein. Ihr erſter Gegner iſt der Sportverein Darmſtadt,
Sportverein Darmſtadt wird am kommenden Sonntag zu der Reiſe n=
Sandhofen einen Autobus benützen. In dem Autobus ſind noch etz,
15 Plätze an Mitglieder des Vereins zu vergeben, die die Mannſch
begleiten. Diefenigen Mitglieder des Sportvereins Darmſtadt, die
abſichtigen, durch Benutzung des Autobus ihre Mannſchaft zu begleit=
wollen
ſich ſpäteſtens bis zum kommenden Samstag bei Mitglied Adr=
Skurnik, Ecke Grafen= und Marſtallſtraße, anmelden und die Fahrtkoſt.
in Höhe von 5 Mk. erlegen. Abfahrt des Autobus am Sonntag vün
lich um 12.30 Uhr am Alten Palais. Sofern die Zahl der Meldunge
die Anzahl der verfügbaren Plätze überſteigt, entſcheidet die Reihenfol=
der
Anmeldungen.

Kegeln.
Wanderpokalkämpfe des Darmſtädter Keglerverbandes.
Alljährlich wird der vom Verband geſtiftete Wanderpokal unter de
Klubs ausgekegelt. Es ſind dazu alle Verbandskegler zur Teilnahme h
rechtigt, die in Klubs zuſammengeſchloſſen ſind. Von jedem Klub
ſen mindeſtens Dreiviertel der Mitglieder ſich beteiligen. In dieſe
Jahre wurden die Kämpfe auf der neuen Bahn im Bürgerverein au
getragen. Mit wenig Ausnahmen waren die Klubs vertreten, eini
mit ihrer geſamten Mannſchaft. Verteidiger des Pokals wau der Soo
keglerklub. Es gelang ihm nicht, in dieſem Jahre an der Spitze zu ble
ben. Die Mannſchaft des Klubs Keglerluſt blieb bis am letzten Tage
der Spitze; es wurde ihr aber der Rang durch den Klub K.K. 1911
ſtreitig gemacht. Dieſem Klub gelang es, die Siegespalme zu erringer
Die Einzelergebniſſe ſind folgende:
1. K. K.1911 6 Mann Beteiligung, Holzzahl 589, Durchſchnittszal
98,1; 2. Keglerluſt, 8, 760, 95; 3. Haſſia 1919 8, 754, 93,9; 4. Zwö
fer Tgde. 1846, 9, 833, 92,5; 5. L.L., 12. 1099, 91,5; 6. Johannes
10, 909 90,9; 7. K.K.23 8, 724, 90,5: 8. Kranz, 7, 615, 87,8;
Sportkegler, 7, 613, 87,5; 10. Fall um, 12, 1033, 86; 11. Lokälche
9, 763, 85: 12. Chattia, 7, 570, 81,42: 13. Molly, 5, 407, 81.4
14. Batzer, 8, 639, 79,8; 15. Konkordia 6, 432, 72.

Pferdeſport.
Mülheim=Duisburg.
1. Preis von Kefſelbruch. Für Zweijährige. 3000 Mark. 1200 Mk.
1. K. Löwenſteins Makkabi (Staudinger); 2. Bundſchuh; 3. Markſteir
Ferner: Ballerina, Lux, Eckſtein, Modewelt, Oriflamme. Tot.: 15, P.
12, 15, 12:10. 234 Lg.
2. Schleuſen=Jagdrennen: 3000 Mk. 3700 Meter. 1. S. Weinberg
Nymphe 2 (Hartmannshen); 2. Artus; 3. Jwan. Ferner: Bundesbri
der, Pennbruder, Lehmpaſtor. Tot. 21, Pl. 12, 1215.
3. Preis von Katzenbruch. Für Dreijährige. 3000 Mk. 1600 Meter
1. Geſt. Mydlinghovens Geiſel (Pretzner); 2. Impatiens; 3. Königsbomn
Ferner: Ahnin, Rodododron, Phönix, Melethe. Tot.: 18; Pl. 11, 12
17:10. 84 Lg.
4. Preis von Mündelheim. 3000 Mk. 2000 Meter. 1. E. Höfels
Friderieus (Hoffrohne); 2. Liliom; 3. Filius. Ferner: Idealiſt, Gold=
erſatz
, Schwalbe, Liebhaber, Muſenſohn, Arie, Mags, Meduſa, Minerva
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Darmſtadt, den 16. September 1926.

[ ][  ][ ]

Zur Tagung des Zentralverbandes des
Deutſchen Großhandels.
Der Vorſitzende der Bezirksgruppe Düſſeldorf, Theo Siegert
in Fa. de Haen Carſtanjen Söhne, Düſſeldorf, hielt die Begrüßungs=
anſprache
. Darauf ſprach der Präſident, Geh. Kommerzienrat Dr.
LouisRavené, der auch ſeinerſeits die erſchienenen Gäſte begrüßte.
Kommerzienrat Ravené hielt alsdann einen Rückhlick auf das vergangene
Jahr. Nach der Anſprache von Dr. Ravené ſprach der Reichswirtſchafts=
miniſter
Dr. Curtius. Herr Abraham Frowein, ſtellvertre=
tender
Präſident des Reichsverbandes der Deutſchen Induſtrie, über=
brachte
die Grüße der Indaſtrie zur Großhandelstagung. Frowein nahm
dann Veranlaſſung, im Wortlaut die bekannten Ausführungen zu
wiederholen, die Generaldirektor Dr. Silverberg auf der Dresdener
Tagung der Induſtrie über das Verhältnis von Induſtrie zu Groß=
handel
zum Vortrag gebracht hat, und die in der Ueberzeugung gipfeln,
daß der durch eine Jahrhunderte alte Tradition und volkswirtſchaftliche
Erfahrung legitimierte Handel für, Abſatzwerbung und Güterverteilung
eine Notwendigkeit für das induſtrielle Unternehmertum iſt und jeder
Förderung und Stützung bedauf. Hierauf hielt das geſchäftsführende
Präſidialmitglied des Zentra/verbandes des Deutſchen Großhandels,
Reichstagsabgeordneter Otto Keinath einen Vortrag über das
Thema: Großhandel einſt and jetzt. Neue Aufgaben des Großhandels.
An das Referat von Keinath ſchloß ſich eine lebhafte Ausſprache an, in
der u. a. der ſtellvertretende Präſident des Zemtralverbandes des
Deutſchen Großhandels, Kommerzienrat Dr. Luſtig, Bemerkungen
zum Montantruſt vom Standpunkt der Lage des freien Eiſenhandels
machte. Exzellenz Riedl, ehem. öſterreichiſcher Miniſter und außer=
ordentlicher
Geſandker, Wien, ſprach alsdann über das Thema: Han=
delspolitik
und Handelsverträge‟. Ueber die Arbeiten des Zentralver=
bandes
des Deutſchen Großhandels im letzten Jahre gab Dr. Engel
einen Geſchäftsbhericht. Er faßte dann die dem Zentralverband des
Deutſchen Großhandels obliegenden Aufgaben in nachſtehenden 12 The=
ſen
zuſammen: 1. Wahrang der Intereſſen des Großhandels im allge=
meinen
, der Regierung, den Parlamenten, der Oeffentlichkeit gegenüber.
2. Unterſtätzung der dem Großhandel naheſtehenden Perſönlichkeiten in
den Organen der Reichs= und Länderparlamente, Induſtrie= und Han=
delskammern
, Verwaltungsräten uſw. 3. Wiederherſtellung der Kredit=
funktionen
des Großhandels durch Wiederaufbau der allgemeinen deut=
ſchen
Geld= und Kreditwirtſchaft in Zuſammenarbeit mit dem Bank=
kapital
. 4. Bekämpf ung der zuweitgehenden ſteuerlichen Belaſtung und
Mitarbeit an einer poſitiven Steuerreform im Sinne der pfleglichen
und ſchonenden Behandlung des Großhandels. 5. Sicherung der Durch=
führung
eines Außenhandelsprogramms im Sinne des Großhandels,
mit dem Ziel der notwendigen europäiſchen Zoll= und Wirtſchaftsgemein=
ſchaft
durch Ausbau von Kollektivverträgen näher zu kommen. 6. Kampf
gegen die ſteuerliche und kreditwirtſchaftliche Bevorzugung der Genoſſen=
ſchaften
durch den Staat. 7. Information der Großhandelsbetriebe
durch eine allgemeine, ins einzelne gehende Auskunftserteilung. 8.
Pflege und Vertiefung der zwiſchen der deutſchen Produktion: Indu=
ſtrie
und Landwirtſchaft und dem Großhandel beſtehenden wirtſchaft=
lichen
Beziehungen. Pflege und Vertiefung der zwiſchen dem Hand=
werk
, Einzelhandel, Banken und den Vertretungen des Verbrauches be=
ſtehenden
wirtſchaftlichen Beziehungen. Schutz und Sicherung des
Großhandels gegen von dieſer Seite kommende Ausſchaltungsbeſtrebun=
gen
. 9. Kampf gegen die nicht den Erforderniſſen des Handels ent=
ſprechende
Geſtaltung des Rechtsweſens. 10. Sicherſtellung einer der
Bedeutung des Großhandels als Verkehrsfaktor entſprechenden Mit=
wirkung
bei dem Neuaufbau des deutſchen Verkehrsweſens (Eiſenbahn,
Poſt, Luft, Automobile). 11. Kampf gegen das Hineintragen jedweder
Parteipolitik bei der Regelung wirtſchaftspolitiſcher Fragen. 12. Mit=
arbeit
in der Ausbildung eines beruflich leiſtungsfähigen Großhandels=
nachwuchſes
.
In der Nachmittagsſitzung der Großhandelstagung nahm der
Reichsminiſter a. D. Dr. Neuhaus zu den von Exz. Riedel in ſeiner
vorhergehenden Rede aufgeworfenen Problemen Stellung und bemerkte,
zur Erreichung der Zollumion könnten die Regierungen der verſchie=
denen
Länder viel beitragen, wenn ſie die Tarif=Schemata ausglichen
und zur Erleichterung des Warenverkehrs zwiſchen den einzelnen Völ=
kern
ſchon jetzt beitrügen. Nachdem Dr. Engel den Geſchäftsbericht er=
ſtattet
und die Verſammlung ihre Wünſche und Forderungen in einer
Entſchließung zuſammengefaßt hatte, wurde die Tagung geſchloſſen.
Der Stand der Reichsfinanzen.
Nach einer Ueberſicht des Reichsfinanzminiſteriums betragen die
Einnahmen des Reiches an Steuern, Zöllen und Abgaben im Auguſt
1926 insgeſamt 651 431 943,07 RMk., wovon 461 884 22 RMk. aus Ein=
nahmen
aus den Beſitz= und Verkehrsſteuern ſtammen, während aus
Zöllen und Verbrauchsabgaben 189 537 715 RMk. eingenommen wurden.
Die Einnahmen des Reiches an Steuern, Zöllen und Abgaben für die
Zeit vom 1. April 1926 bis 31. Auguſt 1926 betrugen insgeſamt
2814 728 765,97 RMk., wovon auf Einnahmen aus Beſitz= und Verkehrs=
ſteuern
1 911 545 857 RMk. und auf Einnahmen aus Zöllen und Ver=
brauchsabgaben
903 018 009 RMk. entfallen.
Frankfurter Effektenbörſe.
Frankfurt a. M., 15. September.
Das Geſchäft war an der heutigen Börſe nicht erheblich und un=
regelmäßig
. Medio machte ſich bemerkbar, obwohl eine Abſchwächung
im Vergleich zu geſtern kaum eintrat. Die Tendenz der Börſe blieb
abends knapp behauptet; die Umſätze waren aber für Effekten noch klei=
ner
. Auf dem Auslandsrentenmarkt fanden teilwoiſe Glattſtellungen
ſtatt, wodurch die Tendenz allgemein etwas nachgab, aber bald brachten
hier neue Käufe Teile der Verluſte wieder ein. Feſt waren weiter Zoll=
türken
und Mexikaner, während Anatolier, Bagdad und Rumänen

etwas nachgeben mußten. Kriegsanleihen ganz ſtill. Bagdad II 2231,
Zolltürken 14,60, Ungar Gold 21½, Goldmexikaner 47½, Irrigation
38½, Commerzbank 138, Darmſt. Bank 220½, Bochumer 151, D. Luxem=
burg
151½, Gelſenkirchen 163½, Harpener 157, Phönix 120½, AEG.
161½, J. G. 282, Daimler 81½, Dt. Erdöl 1431 Holzverkohlung 50½
Rütgerswerke 117, Wayß u. Freytag 119½, Zucker Heilbronn 91½,
Offſtein 113, Nordd. Lloyd 154½, Anatolier T 26¾, II 222/s, Holz=
mann
121¾.
Berliner Effektenbörſe.
Berlin, 15. Sept.
Die heutige Berliner Börſe ſtand unter dem Zeichen der Medio=
liquidation
, durch die das Geſchäft etwas gehemmt wurde. Die Speku=
lation
hielt ſich mit Rückſicht auf die Prämienerklärungen zurück und
nahm teilweiſe Realiſationen vor. Die Tendenz war daher bei Beginn
unſicher und knapp gehalten, zeigte aber im ganzen nur geringfügige
Veränderungen der Kurſe. Bankaktien, heimiſche und ausländiſche
Staatsrenten, ferner von Montanwerten Gelſenkirchener zeigten ſogar
auf Anſchaffungen der Provinz und des Publikums geringfügige Stei=
gerungen
. Nach Feſtſetzung der erſten Kurſe wurde die Stimmung all=
gemein
freundlicher. Die Abſchlüſſe fanden größtenteils bereits per
Ultimo September ſtatt, während die amtlichen Notierungen der Termin=
Werte heute noch per Medio lauteten. Am Geldmarkt gilt die Medio=
Liguidation als erledigt. Revortgelder wurden nur noch von einigen
Nachzüglern verlangt und ſtanden mit 7½7½ Prozent zur Verfügung.
Am Tagesgeldmarkt machte die Erleichterung Fortſchritte. Der Satz
konnte daher auf 453 Prozent ermäßigt werden. Monatsgeld blieb
dagegen mit 5½6½ Prozent angeſpannt und ging nur zu kleineren
Beträgen um. Warenwechſeb mit Großbankgiro ca. 52/5½ Prozent.
Am Deviſenmarkt gingen die Frankenvaluten auf geſtriger Baſis um.
Auch das Pfund und die Mark zeigten keine Schwankungen. Dagegen
trat der japaniſche Yen mit einer ſtärkeren Bewegung hervor, indem
der Kurs eine Befeſtigung auf 48,47 erfuhr. Im einzelnen hielten ſich
die Schwankungen am Markt der Dividendenpapiere durchſchnittlich in
Grenzen von 12 Prozent. Darüber hinaus waren allerdings ver=
ſchiedene
Ausflüge nach beiden Seiten zu verzeichnen. So wurden auf
Realiſationen Görlitzer Waggons 4 Prozent, Akkumulatoren 9, Eſſener
Steinkohlen 4½ Prozent, Kahlbaum, die aus dem Verkehr zurückgezogen.
werden 5 Prozent niedriger notiert. Unter Elektroaktien zeigten auch
andere Werte Verluſte von 34 Prozent. Auf der anderen Seite hielt
die ſtarke Nachfrage nach einigen Bauaktien, angeregt durch die gute
Beſchäftigung dieſer Geſellſchaft, an. Am Bankenmarkt eröffnoten
Darmſtädter mit 220 feſt, Berliner Handelsanteile gewannen mit 2134/e
2 Prozent. Leipziger Kredit ca. 1 Prozent, Schiffahrtsaktien kaum ver=
ändert
. Von amerikaniſchen Freigabewerten, die teilweiſe wieder mehr
in den Vordergrund treten, beſtand für Anglo=Guano plus 1½ Proz.
regeres Intereſſe. J. G. Farben ſetzten mit 284½ knapp behauptet und
Vereinigte Stahlwerke=Aktien mit 139 leicht befeſtigt ein. Am Markt
der Auslandsrenten zeichneten ſich türkiſche, ungariſche, anatoliſche, mace=
doniſche
und rumäniſche Werte durch recht feſte Kurſe aus. Kriegs=
anleihe
ruhiger (0,492½).
Im weiteren Verlauf der Börſe war die Haltung unſicher und
ſchwankend. Nur für ausländiſche Renten erhielt ſich das Intereſſe bei
feſten Kürſen. In der zweiten Stunde neigte die Tendenz der Aktien=
werte
leicht nach unten. Am Markt der unnotierten Werte werden von
morgen ab die Aktien der Rheinmetall=A.=G. und Dr. Paul Meyer A. G.
gehandelt, die bekanntlich aus dem offiziellen Verkehr zurückgezogen ſind.
Privatdiskont kurze Sicht 5 Prozent, lange Sicht 4¾4 Prozent. Die
Börfe ſchloß in ſchwacher Tendenz, konnte ſich aber nach Schluß des
amtlichen Verkehrs wieder erholen.

Aſchaffb. Zellſtoff
Augsb.=Nürnb. Maſck
Bamag=Meguin
Berl E. W. Vorzug
Berlin. KarlsruheInd.
Braunkohlen=Briketts/150.
Bremer Vulkan.
Bremer Wolle".
Deutſch.=Atlant. Tel.
Deutſche Maſchinen 1104.
Deutſch.=Nied. Tel.
Deutſche Erdöl ..
Deutſche Petroleum.
Dt. Kaliwerke
Donnersmarckhütte. / 83.
Dynamit Nobel. .. ..
Elektr. Lieferung. . . .
J. G. Farben ..
R. Friſter
Gaggenau Vorz.
Gelſenk. Gußſtahl.
G. f. elektr. Untern.
Halle Maſchinen .. ..
Han. Maſch. Egeſt.
Hanſa Dampſchf.

14 9 15. 9. 14. 9. 15. 9. 128. 130. Hemoor Zement.. 93.5 93. Hirſch Kupfer ... 115.5 116. 46. 44.75 Höſch Eiſen". 133 75 134 875 Hohenlohe Werke 20.625 20.125 11i.- 112. Kahla Porzellan 87. 83. 151.5 Lindes Eismaſch. 150. 150. 74.87! 74.5 Lingel Schuh 63.75 6.. 136. 136. Linke u. Hofmann 83.25 85.5 n2.n5 L. Loewe u. Co. 183. 185. 102.5 . Lorenz 110.875 113. 12.375 Nol. Kohle. 143.75 143.75 Nordd. Gummi. Orenſtein. 102.75 104.25 Jaus.75 119. Rathgeber Waggon 66.125 66.25 81. Kombacher Hütten 15.62- 15. 133.5 135.25 Roſitzer Zucker 87. 85. 147.75 146.5 Rütgerswerke 117.5 116.75 230. 283.87 Sachſenwerk 114.75 1113.25 57.75 57. Sächſ. Gußſtahl 143. 151. 48.5 48. Siemens Glas 23.25 24. Ver. Lauſitzer Glas. 177. 174. Volkſtedter Porzell. 143.75 142.75 Weſtf. E. Langendreer 62.25 62.25 72. 2.5 Wittener Gußſtahl .. 60.5 60. 187.62 Wanderer=Werke 155.5 163.

Deviſenmarkt.

Amſterdam=R
Buenos=Aires.
Brüfſel=Antw.
Oslo .....
Kopenhagen.
Stockholm . . . .
Helſingfors ..
Italien ...."
London...
New=York..
Paris..
Schweiz".
Spanien

14. 9.
Geld /Brie
183.15 168.57
1.701 1.70
1147 11.5
91 911 92.11
111.43111.71
112.15112.431 112.16
10.553 10.693
15.023/15.06
20.361 20.4171
4 193/ 4.203
1.89 1193
81.02 81 2
64.10 &4 261

15. 9.

Geld
153.10
11.54

Prtef

19.55
15.21

112.3.
10.59:

20 356 2).401
12.00 12.0.
31.073/31.215/Ranada

158.52/WienD..Oſt. ab
1.793 1.700 Prag .....
11.59/Budapeſt. . . .
31.90/ 92.14Japan .. . . . . . . / 2.039
111.43 111.7ilRio de Janeiro
Sofia
Fugoſlavien..
15.25/Konſtantinopel
Liſſabon".
4.1935 1. 203Danzig ...
Athen ...
14.10 64.20Uruguan.

14 9. 15. 9. Geld Brie Geld Brie 59 18 53.30 53. 13 59.27 112.41 12.453 12.71 12.458 87 5.89 5.67 5.89 2.034 2.035 2.039 3.53 0.633 0.641 0.543 3.043 3.033 3.052 3.062 7.472 7.441 7.722 7.42 2.1 2.1. 2.15 2.16 21 13 21.54/ 21.53 21.58 8i 3! 81.56 81.36 81.55 z.31 5 01 5.03 6.08 4.197 4.201 4.197 4. 207 421 4.271 4.19 5.20

Wirtſchaftliche Rundſchau.
Eine Entſchließung des Deutſchen Juriſtentages zur Reform des
Aktienrechts. Der Deutſche Juriſtentag nahm zur Reform des Aktien=
rechts
folgende Entſchließung an: 1. Eine allgemeine Reform des deut=
ſchen
Aktienrechtes iſt zurzeit nicht erforderlich. Es liegt daher kein
Anlaß vor, Maßnahmen zur Vorbereitung einer ſolchen Reform ein=
zuleiten
. 2. Die Vorſchriften des engliſch=amerikaniſchen Rechtes ſind
zur Uebertragung auf deutſche Verhältniſſe nicht geeignet, und, wenn
auch zu beachten, jedenfalls nicht nachzuahmen. 3. Die ſtändige Devu=
tation
des Juriſtentages wird erſucht, eine aus Mitgliedern des Juriſten=
tages
beſtehende Kommiſſion mit dem Recht der Kooptation auch von
Nichtmitgliedern zu bilden, die beauftragt wird, die Frage einer etwaigen
Reform des deutſchen Aktienrechtes zu prüfen. 4. Der Juriſtentag regt
außerdem die Bildung einer überſtaatlichen kapitaliſtiſchen Geſellſchafts=
form
an, die wahlweiſe neben den innerſtaatlichen Geſellſchaftsformen
zur Verfügung ſtehen ſoll.
J. G. Farbeninduſtrie A. G., Frankfurt a. M. Die häufigen Mel=
dungen
über Bau und Zweck eines zweiten Leunawerkes zwiſchen
Nachterſtedt und Gatersleben wurden faſt ebenſo oft widerrufen, bis
jetzt ſchließlich verbreitet wurde, daß überhaupt keine Anlagen in dieſem
Gebiet entſtehen würden. Zur Klärung ſei mitgeteilt, daß der Aufſichts=
rat
der J. G. Farbeninduſtrie A.G. beſchloſſen hat, auf dem angekauf=
ten
Gelände des Rittergutes Gatersleben Verſuche zur Gewinnung eines
neuartigen Düngerſtoffes aufzunehmen. Die Arbeiten wer=
den
bis ſpäteſtens zu Beginn des kommenden Frühjahrs aufgenommen
und dürften bald einen größeren Umfang annehmen.

Berliner Produktenbericht vom 15. September. Im Berliner Markt
überwog heute die Nachfrage, auch lauteten in Uebereinſtimmung mit
Liverpool die Schlußforderungen merklich höher. So waren alle Mo=
mente
für eine allgemeine ſich durchſetzende Befeſtigung gegeben. Die
Steigerungen erſtreckten ſich in etwas größerem Umfange auf Roggen,
der im Lieferungsgeſchäft bis 2 Mark höher wurde, Weizen 1½ Mark
über Vortag. Vernachläſſigter lag der laufende Monat für beide Ge=
treidearten
. Mehl behält im Konſumgeſchäft regelmäßigen Abſatz, doch
ſind die hohen Forderungen nicht mehr ganz leicht durchzuſetzen. Heim=
früchte
bleiben in Mittelqualitäten bei großem Angebot ſchwer verkäuf=
lich
, gute Sorten gefragt, aber knapp. Futtermittel behauptet, ohne
größere Umſätze.
Amerikaniſche Kabelnachrichten.
* New York, 15. Sept. (Prib.=Tel.)
Weizen. Der Markt eröffnete heute in ſchwächerer Haltung auf
mäßige Exportnachfrage. Später konnte eine Befeſtigung eintreten,
doch zeigen die Termine noch Abgaben von ½¾ C.
Mais. Im Anfangsverkehr war die Haltung ſehr ſchwach auf gün=
ſtige
Ernteberichte und in Erwartung einer größeren Farmbewegung,
Gegen Schluß trat eine Befeſtigung ein auf gebeſſerte heimiſche Loko=
nachfrage
. Die Termine ſchließen 1½ C. niedriger.
Hafer. Unter dem Eindruck am Weizen= und Maismarkt verlief
auch dieſer Markt in abgeſchwächter Haltung.
Baumwolle. Weſitere Abgaben der Pflanzer und der baiſſegünſtige
Eindruck des amtlichen Wochewetterberichtes hatten eine Abſchwächung
zur Folge. Gegen Schluß konnte eine leichte Befeſtigung auf erneute
Sturmwarnungen aus den Golfſtaaten eintreten. Die Termine zeigen
noch Rückgänge von 4050 Punkten.
Kaffee. Der Markt bewahrte im Anfangsverkehr ſeine feſte Hal=
tung
auf erhöhte Kabelmoldungen und braſilianiſche Forderungen. Im
Schlußverkehr fanden jedrch Abgaben ſtatt, wodurch die Termine 2
bis 4 Punkte nachgaben.
Zucker. Ermäßigte Nachfrage für Raffinadezucker verurſachten eine
Abſchwächung, wozu Abgaben der Spekulation und Liquidationen noch
beitrugen.
Kakao. Höhere Kabelmeldungen und geſteigerte Kaufluſt der
Fabriken hatten eine feſte Tendenz zur Folge. Später wurden Abgaben
vorgenommen, ſodaß nahe Termine noch 1012 Punkte höher, en=
ferntere
Notizen etwas ſchwächer lagen.
Kleine Wirtſchaftsnachrichten.
Wie wir erfahren, verhandelt die Peters Union, A.=G., in Frankfunt
a M. in New York wegen Aufnahme eine Anleihe in Höhe von 15
Mill. Dollar.
Die öſterreichiſche Handelsbilanz weiſt im erſten Halbjahr gegenüber
der gleichen Zeit 1925 einen Rückgang um 50 Prozent auf. Das Paſſi=
vum
iſt von 349 Mill. Schilling auf 526 Mill. geſtiegen.
Die Bank von Frankreich wird gemäß der Ermächtigung durch die
vom Parlament angenommenen Geſetze in Kürze mit dem Ankauf von
Goldmünzen beginnen. Die Bank von Frankreich wird ſowohl fran=
zöſiſche
wie ausländiſche Goldmünzen zu einem feſtgeſetzten Kurs an=
kaufen
.
Die fünfte diesjährige Serie der Londoner Kolonialwollauktion er=
öffnete
am 14. September (erſten Verſteigerungstag), wie erwartet, bei
feſter Tendenz und ſehr reger Käuferbeteiligung.
Einer Meldung aus Amſterdam zufolge, haben die Java=Zucker=
Produzenten den Zuckerpreis ſür die Ernte 1927 um 25 Cents auf 17,50
Gulden pro 100 Kilo erhöht.
Der polniſche Miniſterrat genehmigte die Erlaſſe des Staatspräſiden=
ten
, die die Schaffung eines beſonderen Verkehrsminiſteriums und eines
polniſchen Staatseiſenbahnunternehmens vorſehen.
Der amerikaniſche Baumwollverbrauch wird für Auguſt mit 50060
Ballen angegeben gegen 460 900 Ballen im Vormonat und 44800
Ballen im Auguſt des Vorjahres. Die Anzahl der in Betrieb befind=
lichen
Spindeln wird zu Beginn des Monats mit 31 321 000 angegeben.

Brantfätter Karbderiche vonlt Te. Gept. Lonb=

Staatspapiere
a) Deutſche
6‟/,%Reichsp.=Sch.
p. 1. 10. 30
7% Bayer. Staats=
Sch. p. 1. 4. 29
6‟/% H- V.=Sch.
p. 1. 4. 29
61/,%0 Pr. St.=Sch.
p. 1. 3. 29
6‟/,% Pr. St.=Sch.
p. 1. 10. 30
7% Sächſ. Fr.=Sch.
p. 1. 7. 29
7% Sächſ. Fr.=Sch.
p. 1. 7. 30
6½=%Württ. F. Sch.
p. 1. 3. 29 ...
Vorkriegsanleihen
5% D Reichsanl.
4% D. Reichsanl
4% D. Schutzgb. v.
0811 u. 13....
4% D. Schutzg. v. 14
4% Preuß. Konſ.
4½ Baden. ... ..
4%Bayern ......"
4% Heſſen......"
4% Württemberger
b) Ausländiſche
5%Bos. E. B. 1914
5% L.Inv. 1914
4½0 1898 ...
4½% 1902.
4%

5% Bulg. Tabal02

4½% Oſt. Staatsr.
v. 1913, Kdb. 1918
4½%Oſt. Schatz. 14
4½%Oſt. Silberr.
4½ Goldr. ...

98.75
98.2
96.5

97.5
96.
95.75

0.499

6.45
6.45
0.43
0.46
0.44
0.44

30

T.45
20.
7.5

4% einh. R.ſkon,

3% Port. (Spz.) III
5% Rum.am. R.03.
4½% Gold. 13..
49 am.konv.
4% am. 05...

4% Türk. (Adm.)03
40 Türk. Bagb. I
49 (Bagb.)II
4% 1911 Zoll.
4½% Ung. St. 1913

4½2
42o
9
3½

St. 1914
Goldr. . .
St. 10
Kronr.
Eiſ. Tor. G.

Außereuro=
päiſche

5% Mex.am. inn.
5% äuß. 99
4½ Gold 04,ſtf.
30 konſ. inn. . .
4½9 Irrigat.
5%Tamaulipas I.
Sachwert= Schuld=
verſchreibungen

Mit Zinsberech=
nung

10% Berl. H.=Bk. G.
89
v
6% Berl. St.=Gold
8 Darmſt. St.=G.
8% D. Hyp.=Bank
Meining., Goldpf.
8% Frlf.=Hyp.=B.=
Goldpfdbr. . . .
3% Frkf. Pfbr.=Bk.
Goldpfdbr.. .
5% Frkf. Pfbr.=Bk.
Goldpfdbr. . . . ."
2 Komm. Ldb. D.
Goldſchuldver.

H

12
24
6.8
8.5

30.5
23.05
14.6

207.
21.73
19
3.85
23.75

24.7
Are
38½=

106.
400
82

100
100

93.
39

1 88 Heſſ. Ldb. Gold.
10% Komm=Elektr.
Mark (Hag.) Gold.
8% Mannh. St.=G
8% Mainz St.=G.
89 Naſſ. Ldb. Gold.
8% Pfälzer H.=B.
Goldpfandbr. .
8%o Pforzh. St.=C
8% Pr. C.=B.=Cr.=B.
Goldpfandbr.. ..
8% Rh. Hyp.=B. G
71/,%Rh. St.=W. 25
10% Rh.=Weſtf. B.=
Cr.=Bk.,, Goldpf.
8%
82 Südd. B.=Cr.=B.
Goldpfandbr. .
Ohne Zins=
berechnung

5% Bdw. Kohl. 23
6% Großkr. Mannh.
Kohl. 23
6% Heſſ. Brk.=Rog.
5% Roggen . . 23
5% Pr. Kaliw.
5% Pr. Roggenw.
5 % Südd. Feſt=B. G
Vorkriegs=Hyp.=B.)
Pfandbriefe
Bayi. Vereinsb.
Bahr. Handelsb..
Bahr. Hyp. u. Wech
Berliner Hyp.=Bl
Frkf. Hyp.=Bk. . .
Frkf. Pfandbr.=Bl.
Hamb. Hyp.=Bf.
Mecklb. Hyp.=u. Wb.
Meining. Hhp.Bt.
Nordd. Gr.=Cr.=Bk.
Pfälz. Hyp.=Bi. ...
Preuß. Bod.=Cr.=B
Pr. Cent.=B.=Cr.=V
Preuß. Pfdbr.-Bf

103.25
94
98
100.7
94.5
100
100
109.5

100

11.85

5
7.25

15.1
12.10
12.40
14.40
10.8
72
10.32
10.75
12.70
10.675
10.25

Rhein. Hyp.=B..
Rh.=Wſtf. B.=Cr.=B.
Südd. Bodenkr.
Württ. Hyp.=Bk.
Staatl. od. prov.
garantiert
Heſſ. L.=Hyp.=B.
Landeskr. Caſſel.
Naſſau. Ldsb. ..
Obligationen v.
Transportanſt.
4¾Dux. Bdb Em.91
93
49 Eliſ.=Bahn ſtfr.
42 Galiz. Carl=
Lud.=B.
abg.
4½ Kaſchau=Oderb.
abg.
5% Oſt. Nwſtb. 74
5% Oſt. Südb. (2).
2,6% Alte
2,60 Neue,
59 Oſt.=Ung. 73/74
4%Oſt. Staatsb. 8:
3½%Oſt. 1.b.8. E.
3%Oſt. 9. E.
3%Oſt. 1885
3%Oſt. Erg. Net
% Raab Oedbg. 83
91
9
4% Rud. Silber
Rud. Salzkg.
4½% Anat., S.I
4½%Anat., S. II
4½% Anat., S. III
3% Salon. Monaſt.
5% Tehuantepec.
4½%
Bank=Aktien
Altg. D.=Kredit:. 1121
Bad. Bk. .. .. ..
Bk. f. Brauind. . . .

10.50
9.8
12.4
11.9

3.1

7.25
6

19.25
14.25
15
16.5
19.5
19.5
192/,
31
27.5
24
10.93
H.9
271
22.75
27.10
29
25.5

46

Barmer Banko.
Bay. Hyp.=Wchſ.. .
Berl. Handelsgeſ.
Comm. u. Privatb.
Darmſt. u. Nat.=Bk.
Deutſche Bank ...
D. Eff. u. Wchſ.=Bk.
D. Hyp.=Bk. Mein.
D. Vereins=Bk. ..
Disk.=Geſellſch. . ..
Dresdener Bk. .. .
Frankf. Bk. ... .."
Frkf. Hyp.=Bk.. . . .
Frrf. Pfdbr.=Bk. .
Gotha. Grundkr. Bk.
Lux. Intern. Bank
Metallbank. . .

Mitteld. Creditb.
Pfälz. Hyp.=Bk.
Reichsbank=Ant. .
Rhein. Creditbk. . . .
Rhein=Hyp.=Bk. ..
Südd. Disc.=Geſ. .
Oſterr. Creditanſt.
Wiener Bankverein
Bergwverks=Akt.
Bochum.Bergb. .
Buderus.
Dt. Luxemburg . . . /152.5
Eſchw. Bergw..
Gelſenkirch. Bgw. .
Harp. Bergb..
Jlſe Bergb. St.. . . /152
Genußſchein.
Kali=Aſchersleb. ..
Kali. Salzdetfurt.
Kali. Weſterregln. 145
Klöcknerwerke . . . . 1116.7-
Mannesm.=Röhr. .
Mansfelder".
Oberbedarf
Obſchleſ. Eiſ. (Caro)
Otavi=Min.=Ant.. .
Phönix=Bergb. ...
Rhein. Braunk.
Rhein. Stahlw.. ..
A. Riebeck Montan!

J
139.5
211
138
220
168
120.5
119
96
152
13..5
114.75
124.25

7.5
33
135

124
25
139.5
8.85
6

94.5
157.5
163
157.5
123.75
136.75
137.5
1151
70
32.75
119
50.25

Rombach. Hütte
Salzwerk Heilbr.
Tellus Bgb.. ..
Ver. Laurahütte.
Ver. Stahlwerke..
Induſtrie=Rkt.
Brauereien
Eichbaum(Mannh.
Henninger ..
Hercules. Heſſiſche
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63.!-
55.9

159
10;
252
238
123
1130
152
83.25
75.75
162.25
130.5
10
121
34
45.23
138
59.75
54
66.75
68
59
131.5
142
141.5
68
80
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75
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41
80.5
39
152
50.
47.7
8
62
200
91.5
211,
37
283
150
81
62
96
80.75
80
71
189
23.5

112
117
28.7:
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114
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58
70.5
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106.5
99.25
144
108
46

63.5

12
54.5
29.7
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83
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32
80.5
49.1
66
71
88i,
103
108
59
120
110.25
180
91
73.5
90.75
113
93

96.5
4.95
128
160.5
1154

104.5
70.10

29

ein koſt
ſchen il
Wohl
diß ein

r den
mm N
elſen

[ ][  ][ ]

Nummer 257

sind mit bestein Fleischextrakt und. feinsten Gemüseauszügen
auf das Sorgfältigste hengestellt. Mah achte beim Einkauf
auf den Namen MAGGl und die gelb-rote Packung.

AHEINSTR. 3

Donnerstag, den 16. September 1926

Seite 13

Grönland.

. E. Krueger.
(Nachdruck verboten)

Doch die Natur zieht ſtrenge Grenzen und die geringſte Ver=
etzung
ihrer Geſetze rächt ſich. Man gab in alter Zeit dem Grön=
änder
dos Gewehr in die Hand. Doch was Erleſichterung ſein
ollte beim ſchweren Fang, wirkte ſich aus als Verletzung des
Zleichgewichtes von Volkszahl und Exiſtenzmöglichſkeit. Viele
Seehunde wurden angeſchoſſen und verendeten im Meere, von
er Strömung hinausgeriſſen. Der Seehund verſchwand mehr
tid mehr. Heute ſteht die Regierung vor dem Problem, aus
arger Natur neue Möglichkeiten zu ſchaffen. Und ſie nimmt es
rnſt mit der Löſung. Fiſchfang für den Export, Arbeit auf den
Püſtenfahrzeugen, Walfang, Schafzucht, das ſind die Mittel, die
nan erprobt. Vor allem aber ſoll die ſtrenge Abgeſchloſſenheit
inen freien Konkurrenzhampf und damit ein Steigen der Preiſe
ür die Bedürfniſſe verhindern.
Wohl können die ſtrengen Maßnahmen der Regierung eine
Erlahmung der Lebenskraft durch wirtſchäftliche Ausbeute ver=
ſindern
, aber es gibt Feinde, die alle Schranken überſteigen.
Es ſind Gefahren, die ſich doch von außen heranſchleichen. Krank=
ſeiten
ſind doch ins Land gekommen. Wohl wird jeder Reiſende
n der Heimat unterſucht, aber geheimnisvoll wandern doch be=
timmte
Krankheiten einher im Gefolge des Weißen. Vor allem
ein heimtückiſcher Geſell hat ſich eingeſchlichen: die Tuberkuloſe.
Der Grönländer iſt nicht mehr der wandernde Jäger, der ſeinen
Wohnplatz oft wechſelt, im Sommer das Dach von ſeiner Winter=
wohnung
wimmt, ſodaß Licht und Luft ihre reinigende Arbeit tun
önaen. Er iſt ſeßhaft geworden, er hat ſich mehr zuſammen=
gedrängt
. Aehnlich wie noch unſere Bauern in entlegenen
Winkeln, hält er eine große Hitze in ſeinen Hütten feſt auf Koſten
der Durchlüftung. Sein Ehrgeiz iſt es, ein Holzhaus zu haben,
in boſtſpieliger Ehrgeiz. So ſind meiſtens die Hütten mit Men=
chen
überfüllt, die ſich auf der großen Schlafpritſche drängen.
Wohl führen die däniſchen Aerzte einen unermüdlichen Kampf
gegen die tückiſche Krankheit, und doch müſſen ſie eingeſtehen,
haß ein Drittel der Bevölkerung angeſteckt iſt. Dazu kommt die
Empfänglichſkeit des Nazurmenſchen gegen dieſe Krankheiten, das
erſte Zuſammentreffen iſt ein hinterliſtiger Ueberfall überlegener
Macht. Tötete doch der Keuchhuſten, bei uns eine harmloſe
Kinderkvankheit, an manchen Orten ein Zehntel der Einwohner.
Wieder neue Bilder, die ſich in bedrängender Fülle häufen.
Diskobucht iſt ſo recht das Waſſer der Eisberge. Ganz im Hinter=
grunde
der Bucht liegt der Jakobshavner Eisfjord, in den ſich
gewaltige Maſſen des Inlandeiſes entleeren, die von einer Bank
vor dem Fjord feſtgehalten werden. Ein Bild, das Worte wie
dem Nachempfinden nahe bringen können. Von der Höhe der
Felſen aus überblicken wir den Fjord und können nur ſchweigend
bewundern. Tief ſteht die Sonne und überſtrahlt mit rotem

Licht die Flächen des Eiſes, die ihr zugewandt ſind. Blau und
ſatt leſuchten die Schatten. In gewaltigen Zacken und Tafeln
türmt ſich das Eis, ein Gebirge. Dimenſionen, die ſich dem
Verſtehen entziehen, herrſchen hier. Pünktchen ſind die Holzboote
der Grönländer vor dieſen Eismauern, die mehr wie 35 Meter
emporragen.
Ganz anders wieder das Bild wenn ein ſtarkerOſtſturm dieſe Eis=
maſſen
gewaltſam über die Untieſe hinauspreßt ins Meer. Ein
ſtändiges Donnern zeugt von der Gewalt, mit der die Berge
gegen einander gedrückt und geſchmettert werden. Unheimlich
ſchnell breitet ſich das Eis dann aus, verſperrt den Hafen und
hält die Schiffe gefangen, zwingt zu gawaltigen Umogen.
Gegen Abend fahren wir aus. Eine eigenartig unwirkliche
Stimmung. Die Sonne ging hinab hinter den Bergen von
Nugſuak. Silber im Grau iſt alles, das ſpiegelnde Meer fließt
mit dem Himmel zuſammen. Die wenigen hellen Lichter in dem
matten Gewölbe leuchten aus dem Waſſer wieder. Geſpenſtiſch
blau ſchimmert das Eis. Von innen heraus leuchtet es, denn in
der ganzen Himmelskugel iſt nicht mehr ſoviel Licht, um dieſes
Leuchten zu nähren. Wie die zinnenübertürmten Mauern einer
Märchenſtadt ſchinrmiert die Eiswand, langſam im Nebel des
Horizontes zerrinnend. Dahinter müſſen alle Schätze der Welt
aufbewahrt liegen in köſtlichen Schreinen. Sindbad, der See=
fahrer
, ſah ſolche Städte und ward zum Schwärmer der ewigen
Ferne an ihnen, dem Lüge Wahrheit wurde. Wie geſchüttelte
Münzen in der loſen Hand eines Verſchwenders klirren die
kleinen Eisſtücke in der Bugwelle. Unter der Hohlkehle der Eis=
berge
raunt das Waſſer geheimnisvoll von halbvergeſſenen Stür=
men
und ſchreckt ſich ſelbſt aus dem Schlaf in einem plötzlichen
Aufrauſchen, das bedrohlich murrt. Hinter uns liegt, das einzig
Greifbare, der ſchwarze Streifen des Landes und die dunkele
Rauchfahne zieht dort hinüber wie ein letztes Band, das uns
vor dem Abſturz hält. Meer und Himmel ſind vollkommen eins,
in den Mittelpunkt einer Kugel ſind wir gebannt, frei ſchwebend.
Es gibt keine Wirklichkeit wehr und keinen Traum, die eine
Grenze ſcheidet. Wir ſind dort, wo beide eins werden und beide
zerrinnen. Ein leichtes Gefühl des Schwindels durchbebt uns,
es fehlt der Stützpunkt, von dem aus wir Koordinaten unſeres
Erfaſſens legen können. Stumm ſein und erleben bis zur Grenze
des Stumpfwerdens, all dieſe Unendlichkeit aufſaugen.
Und kaum hat ſich im Schlafe die erſchütterte Seele wieder
zu ſich gefunden, dringt ſchon neues Erleben auf ſie ein, über=
ſtürzend
, quälend faſt. Ein beängſtigend ſchönes Bild. Die
hellen Felſen und Küſten leuchten wie Marmorwände in ihrer
Geſchloſſenheit. Drüben am Feſtlande ragen die gotiſchen Bau=
ten
der Gneisgipfel, emporſteilend zur Unwahrſcheinlichkeit. Vor
uns die Tafeln der Inſel wie Bauten aus unſerem Empfinden
von heute geſtaltet, wenige gerade Gliederungen zeichnen die
dunklen Baſalte himein. Weiße Firndächer überwölben die
Höhen. Gletſcher liegen in jedem Tal, ſchwingen ſich von den
Höhen herab. Man merkt es, daß ihnen ihre Täler heute zu weit
geworden ſind, ſie haben die Eingepaßtheit in ihr Bett verloren.

und all die Höhen, all die Täler mit Nebeln verhangen, die in
einzelnen Fetzen und Bänken die Fommen umweben. Und das
Meer eine glänzende Metallſcheibe, ein Spiegel für all die Schön=
heſit
, als wäre dieſe Landſchaft in ihrer Jungfräulichkeit eitel
wie eine junge Frau. Der Himmel iſt Weißglut und Farben=
rauſch
, die Sonne iſt friſch und jungſtrahlend wie am erſten Tag
und hat ſich in die junge Frau verliebtz, behängt ſie mit tauſend
Geſchmeide und träumt verzückt über die Schönheit hin, die ſie
ihr ſchenkte. Kokett zieht das Land hier und dort die Nebel=
ſchleier
von neuer Schönheit und umhüllt Glieder, die es nackt
darbot. Zahlloſe Eisberge glühen und leuchten unirdiſch, treiben
lautlos dahin, Schiffe, die nach Küſten der Sehnſucht ſteuern.
Und wir beten im Schauen. Hier muß der Menſch einfältig und
andächtig ſein, muß unendlich deinüitig werden und ergeben,
daß er ſolche Schönheit ſchauen durfte. Hinter dem blühenden
Leben aber ſteht der Tod, als Ziel vielleicht und Sinn. Plötz=
lich
ein aufbrauſender Donnen, der durch die ganze Landſchaft
grollt. Einer der Eisrieſen iſt in ſich zuſamengebrochen, heftige
Wellen zerfalten den Spiegel der See und ſpringen an der Bord=
wand
dobend empor. Mitten im Leben ſind wir vom Tod um=
fangen
. Iſt nicht letzten Endes in aller Schöheit eine Gefahr,
ein Wille zur Vernichſtung? Iſt das nicht ſchärfſter Reiz aller
unbegangenen Wege, Schönheit und Gefahr?
Dreier Gelegenheiten in meinem Leben entſinne ich mich,
da die Landſchaft in überwältigender Stärke vor mich trat. Drei=
mal
das tiefſte Erleben, dies Erſchüttertwerden der Seele und
doch jedesmal anders, jedesmal aus einer andeven Empfindungs=
zone
geboren, aus anderen Zuſammenhängen emporſteigend.
Nach langer Fahrt liefen wir ein in den Golf von Neapel.
Jahre war ich umengt geweſen vom afrikaniſchen Buſch. Und
nun dieſe Lichte der Landſchaft, dieſe Hänge, die Kuliſſen der
Romamtik ſind, dieſe Farben, die mit ihrer Reinheit und Un=
vermitteltheit
quälen können. Da war es, daß wir ins längſt
tränenentwöhnte Mannesauge ein Feuchtes komnmen wollte, es
war die Sehnſucht nach dem Milden, ſagen wir es ungeſcheut,
dem Sentimentalen, es war ein durch Fieberjahre ermattetes
Fühlen, das ſich ſehnte nach Weichheit, nach Schmeichelndem,
dem die Süße, die Süßlichkeit der Landſchaft Troſt war und
Ausgleich. Kranke Seele verlor ſich an das Weichliche in halt=
loſer
Erſchütterung.
Und wieder das zweite Erlebnis war die Wüſte, die nackte,
dürre, ſachliche Wüſte Afrikas. Farben ſind nur Schleier um
ihre Unendlichckeit, und daraus entſtehend Sehnſucht, die töten
kann, Sehnſucht in das Unendliche. Maßſtäbe des Lebens zer=
brechen
, Lebensabwicklung wird, Reihe von Nichtigkeiten vor
dieſer Größe und dieſer gefahrvollen Weite. Sie lockt und
lockt mit dem Stachel der Gefahr und der Würze der Ewigkeit.
Zuviel dieſes Erlebens muß töten, aber nirgends muß es ſich
leichter ſterben laſſen als in der Wüſte. Ein ganz, ganz kleiner
Schritt nur trennt hier das Leben von dem Tode.

(Schluß folgt.)

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Seite 14

Donnerstag, den 16. September 1926

Nummer 257

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