Darmstädter Tagblatt 1914


Nr. 85., Donnerstag, den 26. März.

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Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 22 Seiten.

Das Wichtigſte vom Tage.

Geſtern fand in Venedig die Zuſammenkunft Kaiſer
Wilhelms mit König Viktor Emanuel ſtatt.
Wie verlautet, iſt die Reiſe des deutſchen Kron=
prinzen
nach den Kolonien für dieſes Jahr
aufgegeben worden.
Nach einer ſpäteren amtlichen Feſtſtellung ſind bei dem
Bootsunglück auf der Spree nicht 13, ſondern
8 Perſonen ertrunken.
Der engliſche Kriegsminiſter Seely hat demiſſio=
niert
. Premierminiſter Asguith erlärte jedoch int Un=
terhauſe
, daß er den Rücktritt des Kriegsminiſters Seely
nicht angenommen habe.
In Südweſtrußland hat abermals ein Orkan
furchtbare Verheerungen angerichtet.
Letzte Nachrichten ſiehe Seite 6.

Der Dreibund.

Am geſtrigen Mittwoch iſt Kaiſer Wilhelm auf
ſeiner Reiſe nach Korfu mit König Viktor Emanuel in
Venedig zuſammengetroffen, nachdem er zuvor in Wien
dem greiſen Kaiſer Franz Joſef einen kurzen Beſuch ab=
geſtattet
hat. Mögen auch beide Begegnungen privaten
Charakter tragen, ſo ſind ſie doch in politiſcher Hinſicht
nicht ohne Bedeutung. An irgend welche Abmachungen
und Sonderbeſprechungen iſt ja nicht zu denken, und deren
braucht es auch gar nicht, vielmehr wird gerade in einer
ſo kritiſchen Zeit wie der jetzigen mit aller Deutlichkeit
dokumentiert, daß die Dreibundmächte feſt zuſammen=
halten
.
Im Schönbrunner Schloſſe hatte Kaiſer Wilhelm eine
lange intime Unterhaltung mit Kaiſer Franz Joſef, und
bei der Entrevue von Venedig befindet ſich der Miniſter
des Aeußeren, San Giuliano, im Gefolge des Königs von
Italien, woraus erhellt, daß politiſche Beſprechungen in
Ausſicht genommen ſind. Stoff genug dafür iſt ja vor=
handen
, denn am politiſchen Horizont haben ſich ſchwere
Wolken aufgetürmt. Der Ausbruch eines baldigen Un=
wetters
iſt ja vorläufig nicht zu erwarten, andernfalls
hätte Kaiſer Wilhelm ſicherlich nicht ſeine Erholungsreiſe
angetreten, aber in einer derartigen Situation iſt es gut,
wenn die maßgebenden Perſönlichkeiten gelegentlich ein=
mal
direkt Fühlung nehmen, um ſich über die Tagesfragen
gründlich auszuſprechen.
Im Verlauf der letzten großen Wirren hat der Drei=
bund
ſich auf das trefflichſte bewährt, er hat ſich als ein
ſchwerwiegendes Gegengewicht gegenüber gewiſſen Aſpira=
tionen
anderer Großmächte erwieſen und verhindert, daß
eine Machtverſchiebung eingetreten iſt. Hätten die Ver=
bündpten
in ihren Maßnahmen ſich nichtſo einmütig gezeigt,
wer weiß, ob nicht Rußland und Frankreich ſchon längſt
losgeſchlagen hätten, weit davon iſt man ja nicht geweſen.
Rußland hat ſicherlich auf eine paſſende Gelegenheit ge=
wartet
und iſt erſt dann zurückgeſchreckt, als man an der
Newa merkte, daß Deutſchland ſeinen Bundesgenoſſen
unter keinen Umſtänden allein gelaſſen hätte. Dazu kommt,
daß auch die Differenzen zwiſchen Oeſterreich und Italien
ausgeglichen ſind, auf die unſere Gegner gern ſpekulierten,
in der Erwartung, daß im Ernſtfalle Italien ſich rom
Dreibunde losſagen würde. Aber auch hierin dürfte man
ſich gründlich irren. Italien hat in den letzten Jahren die
Vorteile des Dreibundverhältniſſes ſehr genan kennen ge=
lernt
, es handelt ſich eben um eine Vernunftehe, denn
die Liebe ſpielt in der Politik keine Rolle; weiß man doch
auch, mit welchem Widerwillen maßgebende politiſche
Kreiſe in Petersburg Frankreich als Bundesgenoſſen be=
grüßen
, was ſie aber keineswegs daran hindern würde,
gegebenenfalls deſſen Unterſtützung ſich zunutze zu machen.
Mit großem Mißvergnügen muß man an der Seine
die Wahrnehmung machen, daß Italien dem fran=
zöſiſchen
. Liebeswerben nicht folgen und im aus=
geſprochenen
Gegenſatz zu Frankreich eine maßgebende
Rolle in den Intereſſenſphären des Mittelmeers ausüben
will. Mit gemiſchten Gefühlen verfolgt denn auch die Pa=
riſer
Preſſe die Begegnung von Venedig, der man große
Bedeutung beimißt. Nur der Mächtige flößt Reſpekt ein
die Welt hat geſehen, daß der Dreibund nicht bloß auf
dem Papier ſteht, und die Begegnungen von Wien und

Venedig künden erneut, daß die drei Mächte feſter denn
je zuſammenſtehen wollen, nicht in agreſſiver Abſicht, ſon=
dern
im Intereſſe der Erhaltung des Weltfriedens.

Preßſtimmen zur Kaiſerreiſe.

* Von den römiſchen Zeitungen haben als
erſte Giornale d’Italia und Vita Begrüßungs=
artikel
zur Zuſammenkunft in Venedig gebracht. Die
beiden Artikel ſind äußerſt herzlich. und warm gehalten
Das Giornale d’Italia feiert den Dreibund, der aus
der europäiſchen Kriſe ſtärker denn je hervorgegangen ſei.
Die Kaiſerreiſe ſei der beſte Kommentar und die beſte
Antwort der Wilhelmſtraße auf alle romanhaften politi=
ſchen
Ausſtreuungen in der letzten Zeit. Das Blatt fährt
fort: Wirſtellen mit Genugtnung jeſt. daß die öſterreichiſch=
deu’ſchen
Beziehungen ſtetig und herzlich ſind und durch
unweſentliche Zwiſchenfälle während des Balkankrieges
nicht getrübt wurden. Die beſten und intimſten Beziehun=
gen
, wie ſie kaum je vorher waren, beſtehen auch heute
zwiſchen Deutſchland und Italien. Es beſteht kein Zwei=
fel
, daß in dieſem Augenblick von allen Nationen Europas
es Deutſchland iſt, mit dem wir in den intimſten Be=
ziehungen
ſtehen. Während der geſamten Balkanwirren
iſt die Uebereinſtimmung zwiſchen Rom und Berlin nie
getrübt worden. Dadurch iſt in den beiden Reichen eine
Atmoſphäre des Zutrauens und des gegenſeitigen Ver=
trauens
geſchaffen worden. Die Vita ſeiert ebenfalls
den feſten Beſtand des Dreibundes, der ſeine volle Wirk=
ſamkeit
als Friedenshort bewieſen habe. Es ſei töricht,
Deutſchland Eroberungsgelüſte zuzuſchreiben. Die Be=
ziehungen
zu England hätten ſich gebeſſert. Ein Angriff
ſeitens Frankreichs ſei nicht zu befürchten, und der ſla=
wiſche
Hannibal ſei noch nicht ante vorias. Die beinen
verbündeten Reiche könnten auch für die Zukunft die Ge=
meinſamkeit
ihrer Urteile und Abſichten feſthalten, und
beide, eng verbunden in dem gemeinſamen Ziele, jede
europäiſche Störung zu vermeiden, könnten in vollſter
Uebereinſtimmung darauf hinarbeiten, die Lebenskraft des
türkiſchen Reiches in Europa zu erhalten und die kulturelle
Umwandlung ſeiner aſiatiſchen Beſitzungen zu erleichtern.
Das Blatt fährt fort: Heute zeigt ſich die Nützlichkeit der
deutſchen Freundſchaft. Das mächtige Reich mit der
Sicherheit ſeiner militäriſchen Stärke und ſeiner rieſen=
haſten
Kkonomiſchen Entwicklung iſt zurzeit der beſte Frie=
densſchützer
. Zum Schluß rühmt die Vita den Kaiſer
als den beſten Wächter der internationalen Ruhe und als
den beharrlichſten Mitarbeiter in der Vertiefung ſozialer
Arbeit.
Auch die franzöſiſchen Blätter beſchäftigen ſich
mit der Reiſe Kaiſer Wilhelms nach Wien und Venedig.
Der Temps meint, daß den Begegnungen des deut=
ſchen
Kaiſers mit dem Kaiſer Franz Joſef und dem =
nig
Viktor Emanuel infölge der gegenwärtigen Verhält=
niſſe
eine beſondere Bedeutung beizumeſſen ſei. Der
Friede auf dem Balkan ſei zwar hergeſtellt, gber es ſei
dies ein mit verſchiedenen Schwierigkeiten und Problenen
belaſteter Friede. Die öffentliche Meinung Oeſterreichs
erblicke in der Zuſammenkunft der beiden Kaiſer einen
Beweis für ihre Freundſchaft und für die Feſtigkeit des
öſterreichiſch=deutſchen Bündniſſes. Ebenſo werde die Be=
gegnung
in Venedig das enge Zuſammenwirken der Kräfte
des Dreibundes in allen Fragen des europäiſchen Feſt=
landes
wie in denen des Mittelmeers und Kleinaſiens
bekräftigen. Dieſen vereinten Kräſten gegenüher hält die
Tripelenlente, deren Intimität von neuem durch die Be=
ſuche
des Königs Georg in Paris und des Präſidenten
Poincaré in Petersburg bekundet wird, das Gleichgewicht
aufrecht. Dieſes Gleichgewicht und die Fürſorge, welche
die Tripelentente aufwende, um ihre militäriſche Mach:
auf der Höhe ihrer diplomatiſchen Aufgabe zu erhalten,
bieten das beſte Unterpfand dafür, daß die noch ſchweben=
den
Fragen in friedlicher und billiger Weiſe und nicht
zum Schaden der Tripelententemächte gelöſt werden. Des=
halb
ſehen wir dieſen Austauſch von Beſuchen und dieſe
Unterredungen ohne Beunruhigung. Iſt doch ſchon die
Reiſe Kaiſer Wilhelms nach Korfu ein Anzeichen der Ent=
ſpannung
. Auch die Liberté erblickt in den Begegnungen
des Kaiſers Wilhelm mit Kaiſer Franz Joſef und dem
König Viktor einen neuen Beweis dafür, daß der Drei=
bund
ſeine ganze Lebenskraft bewahre. Die République
Frangaiſe meint, Frankreich kenne keinen Grund, ſich über
die Unterredungen in Wien und Venedig zu beunruhigen.
Wenn ſie auch vielleicht nicht den Weltfrieden befeſtigen
würden, ſo ſei es doch gewiß, daß ſie ihn weder birent
noch indirekt gefährden werden.
Die in Rom erſcheinende franzöſiſche Zeitung Italie
widmet der Zuſammenkunft in Venedig einen Artikel, der
die vellkommene Solidarität des Dreibundes betont. Der
Beſuch des deutſchen Kaiſers gebe außerdem Gelegenheit
zu einer Flottenkundgebung der Dreibundmächte in der
Adria Italie ſchreibt, daß die Balkankriſe die Bande des
Dreibundes noch enger geknüpft habe und daß Deutſch=
land
, wenngleich es in der albaniſchen Frage ſich weniger
intereſſiert zeigte, doch in vollkommener Uebereinſtimmung
mit Oeſterreich und Italien ſich befinde und ebenfalls mit
den beiden Verbündeten in den Wünſchen hinſichtlich der
ökonomiſchen Ausdehnung in Kleinaſien und dem öſtlichen
Mittelmeer einer Meinung ſei. Der Artikel ſchließt mit
dem Satze, daß die herzliche Intimität der Herrſcher des
Dreibundes die beſte Friedensgarantie bedeute.

Deutſches Reich.

Die Reichstagskommiſſion für die
Sonntagsruhe nahm die Beſtimmung an, daß durch
die Beſchäftigung an Sonn= und Feiertagen der Angeſtellte
nicht am Beſuche des öffentlichen Gottesdienſtes gehindert
werden dürfe. Gemäß einem Zentrumsantrage wurde
vor dem Worte Beſuche noch das Wort rechtzeitigen‟
eingeſchaltet. Ohne Erörterung angenommen wurde ein
Ausgleichsantrag der bürgerlichen Parteien, der nach Ab=
lauf
der zuläſſigen Beſchäftigungsdauer in den offenen
Verkaufsſtellen die Bedienung der im Laden anweſenden
Kunden noch für eine Viertelſtunde freigibt. Hierauf
wurden die Sondervorſchriften für die Apotheken beſpro=
chen
. Ein ſozialdemokratiſcher Antrag verlangt einen
weitergehenden Schluß der Apotheken unter beſonderen
Sicherungen. Es kam zu einer längeren Ausſprache über
dieſen Antrag. Die Sozialdemokraten beantragten über=
dies
, daß Gehilfen, die am Sonntag beſchäftigt ſind, jeden
zweiten Sonntag frei bleiben müßten. Ein Zentrums=
antrag
forderte für dieſe Gehilfen die Entſchädigung durch
einen freien Wochentag. Dieſer Antrag wurde noch da=
hin
erweitert, daß an Stelle des freien Wochentages auch
zwei freie Nachmittage treten können. Die ſozialdemokra=
tiſchen
Anträge wurden abgelehnt, die Zentrumsanträge
einſtimmig angenommen.
Die Einbringung des Reichstheater=
geſetzes
in den Bundesrat iſt demnächſt zu erwarten,
da die letzten Arbeiten, die ſich auf die Begründung zum
Entwurf beziehen, im weſentlichen fertiggeſtellt ſind. Mit
einer Einbringung des Entwurfs in den Reichstag noch
in dieſer Tagung dürfte in Anbetracht der vorgerückten
Zeit aber nicht zu rechnen ſein.
Aus Elſaß=Lothringen. In der altdeut=
ſchen
Preſſe war vor einiger Zeit mit Recht Klage geführt
worden über den geringen Nationalſinn der Lehramts=
kandidaten
und jungen Oberlehrer an den höheren Schulen
Elſaß=Lothringens. Beſonders wurde erwähnt, daß dieſe
einheimiſchen Lehrer ſich im Konferenzzimmer gegenüber
deutſchen Kollegen in provozierender Form der franzöſi=
ſchen
Sprache bedienten. Staatsſekretär Graf Rödern, in
ſeiner Eigenſchaft als oberſter Vertreter der Schulbehörde,
hat nun an ſämtliche Schulvorſtände der höheren Schulen
eine Verfügung erlaſſen, wonach die Lehrer erſucht wer=
den
, im Unterricht, im geſamten dienſtlichen Verkehr, im
Konferenzzimmer, auf dem Schulhof nur hochdeutſch zu
ſprechen. Ferner wurde bemängelt, daß die Leiſtungen
vieler Schüler in der Schriftſprache nicht genügend ſeien.
Der Erlaß des Staatsſekretärs hat in den dortigen Krei=
ſen
der einheimiſchen Oberlehrer große Entrüſtung her=
vorgerufen
. Man glaubt, mit dieſem Erlaß ſolle nicht nur
dem heimiſchen elſäſſiſchen Dialekt, ſondern vielmehr der
franzöſiſchen Sprache eine Zwangsjacke angelegt werden.
Das tut den Welſchlingen bitter weh.
Gegen die welfiſchen Umtriebe. Der
Voſſiſchen Zeitung geht aus Braunſchweig eine Mahnung
gegen die Welfen zu, in der hervorgehoben wird, daß
ſich über das Treiben hannoverſcher Welfen in Braun=
ſchweig
wachſender Unmut zeige. Die Traditionen des
Herzogs ſeien nicht die ſeines Vaters, ſondern er ſei ein
Kind der Neuzeit, das ſich mit den Tatſachen der Gegen=
wart
abgefunden hätte.

Ausland.

Frankreich.
Die Einkommenſteuer. Die Budgetkommiſſon
der Kammer hat, nachdem ſie die Erklärung des Finanz=
miniſters
entgegengenommen hatte, die Einführung einer
Steuer auf die Rente im Finanzgeſetz mit 11 gegen 9
Stimmen abgelehnt.
Die Kammerwahlen. Wie die Agence Havas
meldet, bleibt als Datum für die Neuwahlen der 26. April
beſtehen. Das Dekret über die Zuſammenberufung der
Wähler werde demnächſt erſcheinen.
Die Ausgaben für Marokko. In der Kam=
mer
wies Denys Cochin bei der Beratung des die mili=
täriſchen
Ausgaben für Marokko betreffenden Artikels des
Finanzgeſetzes auf die Notwendigkeit hin, die Beſetzung
zu Ende zu führen und zur Behebung der internationalen
Hinderniſſe diplomatiſche Verhandlungen einzuleiten. Der
Berichterſtatter Meſſimy erklärte, er rechne für das erſte
marokkaniſche Budget auf ein Defizit von 10 Millionen
Franes, aber das Budget des nächſten Jahres werde ba=
lancieren
, ſogar einen Ueberſchuß ergeben. Seit Jahr=

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

Nummer 85.

hünderten habe man in Marokko nicht eine ſolche Sicher=
heit
geſehen. Die von Frankreich gebrachten Opfer hätten
wenig zu bedeuten, da bald ganz Nordafrika für Frank=
reich
, ein gewaltiges Reſervoir von Menſchen und
Soldaten ſein werde. Meſſimy ſchloß ſich den Wünſchen
Cochins nach diplomatiſchen Beſprechungen an. Der Mi=
niſterpräſident
Doumergue erwiderte Cochin, die Regie=
rung
wünſche in Marokko durch friedliche Ausbreitung ſich
in wachſamer Defenſive zu halten. Sie habe den dortigen
Truppen alle unnötigen kriegeriſchen Unternehmungen
ausdrücklich unterſagt. In zwei Jahren ſei in Marokko
beträchtliche Verwaltungsarbeit geleiſtet worden. Der
Miniſterpräſident erkannte an, daß internationale Feſſeln
die wirtſchaftliche Entwicklung aufhielten, doch würden
dieſe bald verſchwinden, es ſchwebten darüber gegenwärtig
Verhandlungen.

England.

Die Homeruledebatte im Unterhauſe.
Die in der Preſſe erſchienenen Erklärungen über die Be=
dingungen
, unter denen General Gough auf ſeinen Poſten
in Irland zurückkehre, führten im Unterhauſe zu weiteren
Fragen und zu einer wichtigen Erklärung der Regierung.
Lee fragte, ob es Tatſache ſei, daß Gough das Kommando
wieder aufgenommen habe, nachdem er vom Kriegs=
miniſter
die ſchriftliche Erklärung erhielt, daß die unter
ihm dienenden Truppen nicht dazu verwandt würden, Ur=
ſter
die Homerulebill aufzuzwingen. Kriegsminiſter
Seely erwiderte, er habe den Vorſchlag gemacht, alles
Material und die geſchriebenen Dokumente, welche die
ganze Lage klar ſtellten, zu veröffentlichen, ſo daß weiter=
hin
kein Geheimnis über den Gang der Dinge herrſche.
Es wurden noch weitere Fragen an Seely gerichtet, er
lehnte es jedoch ab, ſie zu beantworten, indem er ſagte,
daß, wenn nicht eine Debatte über die Angelegenheit ſtatt=
fände
, es für ihn unmöglich ſei, eine wahre Darſtellung
des Gegenſtandes zu geben. Asquith bemerkte, indem
er auf andere Fragen antwortete, daß eine De=
batte
ſtattfinden würde. Unter den Dokumenten würden
ſich auch die dem General Paget erteilten ſchriftlichen In=
ſtruktionen
befinden. Asquith fügte noch hinzu, es würde
eine ergänzende Ecklärung über die mündlich erteilten In=
ſtruktionen
in der Debatte gemacht werden. In weiteren
Verlaufe der Debatte griff Ward (Arbeiterpartei) die
Oppoſition unter lautem Beifall der Miniſteriellen an. Die
Frage, die jetzt zu entſcheiden ſei, iſt, ob das Volk Lan=
desgeſetze
machen ſoll, gänzlich ohne die Einmiſchung des
Königs oder der Armee. (Lauter Beifall bei den Miniſte=
riellen
.) Beck (liberal) erklärte, die Repräſentativregie=
rung
ſei in Gefahr. Er tadle nicht die Offiziere, aber er
tadle jene Männer, die in den letzten drei Jahren durch
ihr Ränkeſpiel die Offiziere dahin bringen wollten, ihnen
die Kaſtanien aus dem Feuer zu holen. Er tadelte auch
den Kriegsminiſter Seely und rief aus: Was tun wir im
Unterhauſe, wenn wir nicht allein die Bill dreimal ans
Oberhaus zu ſenden haben, ſondern ſie zur endgültigen
Durchſicht noch Generalen und Offizieren zu unterbreiten
haben? Der Kriegsminiſter Seely erklärte, er könne der
Debatte nicht vorgreißen.
Rußland.
Das Nüchternheitsprogramm des neuen
Finanzminiſters. Finanzminiſter Bark veröffent=
licht
ein Rundſchreiben über die Frage der Verwirklichung
der dem Finanzreſſort durch das kaiſerliche Handſchreiben
vom 1. Februar geſtellten Aufgaben. Bark weiſt darauf
hin, daß die Verbreitung der Nüchternheit unter der Be=
völlerung
die Hauptaufgabe ſeines Reſſorts bilde, doch
brauche man deshalb nicht eine Verringerung der Ein=
nahmen
der Krone zu befürchten. Bark ſpricht die feſte
Ueberzeugung aus, daß die durch die Enthaltung von
geiſtigen Getränken erſparten Kapitalien neue zuverläſſige
Geldquellen zur Deckung der anwachſenden Staatsaus=
gaben
eröffnen werden. Bark fordert zum Schluß dazu
auf, alle geſetzlichen Petitionen der Dorfgemeinden nach
Abſchaffung oder Nichtzulaſſung des Branntweinverkaufs
wohlwollend zu berückſichtigen.

Griechenland.
Die Aufſtandsbewegung in Epirus. Die
griechiſche Regierung erließ ein Rundſchreiben an die
Mächte, worin ſie die Aufmerkſamkeit der Mächte darauf
lenkt, daß die Aufſtandsbewegung in Epirus ſich immer
mehr und mehr ausbreite. Die Lage der griechiſchen
Truppen in Epirus ſei ſchwierig. Die griechiſche Regie=
rung
in Athen ſei gezwungen geweſen, eine Verſammlung
in Athen zu verbieten, weil ſie erregte Kundgebungen zu=
gunſten
der epirotiſchen Sache befürchtete.
Japan.
Die Kabinettskriſis. Miniſterpräſident Ya=
mamato
bleibt bis zur Bildung des neuen Kabinetts im
Amt. Er erklärte, der Rücktritt des Miniſteriums ſei er=
folgt
, weil die Beratungen über das Budget auf einem
toten Punkt angekommen ſeien, und nicht im Zuſammen=
hang
mit dem Marineſkandal.

* München, 24. März. Im Hofballſaale der König=
lichen
Reſidenz fand heute abend zu Ehren des Königs=
paares
von Württemberg eine Galatafel zu 166.
Gedecken ſtatt. Der König von Württemberg führte die
Königin Marie Thereſe, König Ludwig die Königin Char=
lotte
. Es folgten der Kronprinz, ſowie die übrigen in
München anweſenden Prinzen und Prinzeſſinnen des
Königlichen Hauſes, die oberſten Hofchargen, die Staats=
miniſter
, die Generaladjutanten, die Kabinettschefs, das
Gefolge und der Ehrendienſt der württembergiſchen Herr=
ſchaften
, die Standesherren, das Direktorium der Kammer
der Abgeordneten, ferner die Vertreter der Stadt, der
Polizeipräſident, der Stadtkommandant und andere. Wäh=
rend
der Tafel erhob ſich König Ludwig und begrüßte die
Gäſte. Die Muſik ſpielte die Nationalhymne. Kurz dar=
auf
erwiderte der König von Württemberg mit einer Rede.
Um 9 Uhr reiſte das Königspaar wieder nach Stuttgart
zurück.

Stadt und Land.

Darmſtadt, 26. März.
* Ernannt haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
den Gerichtsaſſeſſor Dr. Karl Braden in
Mainz zum Notar mit dem Amtsſitze in Bingen mit
Wirkung vom 1. April 1914.
* Erledigte Stellen. Eine mit einem evangeliſchen
Lehrer zu beſetzende Lehrerſtelle an der Volksſchule zu
Ober=Beerbach. Mit der Stelle kann die Hälfte
des Organiſtendienſtes verbunden werden. Die Stelle
des Kanzleiwärters bei Großh. Hauptſtaatskaſſe. Melde=
ſchluß
: 1. April 1914.
-g. Strafkammer II. Geſtern hatte ſich der 41jährige
Kaufmann Franz Höhn von Heppenheim a. d. B. vor der
Strafkammer zu verantworten. Höhn, der mehrere Jahre
Rechner des Spar= und Kreditvereins Heppenheim war
und ſich in Heppenheim des größten Vertrauens und
Anſehens erfreute und einer angeſehenen wohlhabenden
Familie entſtammt, hat durch leichtſinniges Spekulieren
ſeine Angehörigen an den Bettelſtab gebracht. Nachdem
er Unterſchlagungen in Höhe von 210000 Mark hegangen
hatte, ging er vor etwa zwei Jahren flüchtig. Die näheren
Verhältniſſe ſind bereits eingehend dargelegt worden als
Höhn im Oktober vorigen Jahres wegen Steuerhinter=
ziehung
zu mehreren tauſend Mark Geldſtrafe verurteilt
wurde. Auf ſeine Flucht nahm Höhn geößere Geldmittel
nicht mit. Die von ihm begangenen Unterſchlagungen ſind
dem betroffenen Verein erſetzt worden, 40000 Mark aus
dem Vermögen des Höhn 150000 Mark erſetzten die An=
gehörigen
und 20000 Mark wurden von dem früheren
Vorſtand erſetzt. Höhn begab ſich zunächſt nach Pacis,
von da nach Südamerika und als man ihm auf die Spur
kam, nach Neu=York, wo er im anfang dieſes Jahres wegen
der von ihm begangenen ſchweren Urkundenfälſchungen von
Amerika nach Deutſchland ausgeliefert wurde. Seine Ab=
urteilung
vor der Strafkammer konnte alſo nur wegen der
Urkundenfälſchung erfolgen, doch muß ſich Höhn nach Ver=
büßung
ſeiner Strafe wieder in das Ausland begeben
wenn er nicht auch noch wegen der Unterſchlagung und
des Betrugs verurteilt werden will. In der geſtrigen Ver=
handlung
handelte es ſich nur um die Fälſchung von zwei
Anerkennungsurkunden, bei der einen fälſchte er die
Unterſchrift, bei der anderen die Zahl 4000 in 14000 Mark.
Schaden iſt hieraus nicht erwachſen. Weiter hat der An=
geklagte
einen Wechſel mit dem Giro eines Verſtorbenen
verſehen und in den Verkehr gebracht. Höhn iſt geſtändig,
Er ſchützt nur Verjährung vor, doch iſt davon nicht die
Rede, da er von den Urkunden bis in die letzte Zeit Ge=
brauch
gemacht hatte. Nach den Zeugenausſagen führte

Höhn, der unverheiratet iſt, kein ausſchweifendes Leben;
Das Gericht verurteilt den Angeklagten zu 3 Jahren
Gefängnis abzüglich 6 Wochen der Unterſuchungs=
haft
.
Vom Hoftheater. Heute abſolviert Eliſabeth von
Schroeder=Clary in der Titelpartie von Puccinis
Tosca, die ſie bereits an einer Reihe deutſcher Bühnen
mit ſchönem Erfolg dargeſtellt hat, ein einmaliges Gaſt=.
ſpiel. Die Künſtlerin ſingt die Partie in deutſcher Sprache,
Ihr Partner als Caparadoſſi iſt Auguſt Geſſer vom
Stadttheater in Mainz, ein junger Sänger mit ungewöhn=
lich
ſchönen Mitteln, der den beurlaubten Herrn Becker ver=
tritt
. In der Aufführung Lohengrin die am Frei=
tag
ausnahmsweiſe im B=Abonnement ſtattfindet, ſingt
Anna Jacobs erſtmalig die Ortrud. Den Lohengrin
wird wieder Georg Becker darſtellen, da das Gaſt=
ſpiel
Johannes Sembachs wegen Erkrankung
des Künſtlers zurzeit nicht ſtattfinden kann. Der
Samstag bringt als Volksvorſtellung eine Wiederholung
der Spaniſchen Fliege während am Sonntag
Bizets Carmen in faſt durchweg neuer Beſetzung
und vollkommener ſzeniſcher und koſtümlicher Neugeſtal=
tung
unter Leitung von Hofkapellmeiſter Ottenheimer und
Regiſſeur Nowack in Szene geht. Für Montag iſt ein
Bunter Abend geplant, der, wie ſeine erfolgreichen
Vorgänger Solovorträge von erſten Geſangs= und Inſtru=
mentalſoliſten
und einige kleins ſzeniſche Aufführungen
bringen wird.
* Führungen im Landesmuſeum. Die 13. und
letzte Führung findet Sonntag, den 29. März, vor=
mittags
von 8¾9¾ Uhr ſtatt. Thema: Die Verfahren
des Bilddrucks (II): Radierung, Farbſtich, Schabkunſt,
Lithographie. Karten ſind im Verkehrsbureau von
Donnerstag bis Samstag um 12 Uhr unentgeltlich
zu haben.
* Mozartverein und Inſtrumentalverein. Der
in den Mitgliederkreiſen der beiden Vereine freudig be=
grüßte
Gedanke, die Inſtrumental= und Chorkräfte der=
ſelben
im Laufe dieſes Winters einmal zu einer ge=
meinſchaftlich
zu veranſtaltenden Konzert=
aufführung
zu vereinigen, iſt auf das erfolgreiche
Zuſammenwirken anläßlich der vorjährigen Richard
Wagner=Jahrhundertfeier zurückzuführen und ſoll nun
am nächſten Dienstag, den 31. März, im Saalbau zur
Verwirklichung gelangen. Die Aufführung, welche durch
die muſikaliſchen Leiter der Vereine eine überaus ſorg=
fältige
und liebevolle Vorbereitung gefunden, bringt
eine Blütenleſe hervorragender Chor= und Inſtrumental=
werke
alter und neuerer Tonmeiſter und als ſoliſtiſche
Beigabe Liedervorträge der in den deutſchen Konzert=
ſälen
immer ſtärker begehrten ausgezeichneten und be=
liebten
Sopraniſtin, Frau Kammerſängerin Anna
Kämpfert aus Frankfurt a. M. Auf das Pro=
gramm
im einzelnen werden wir noch einmal zurück=
kommen
. Da von Seiten der Mitglieder ein ſtarker
Zudrang zu erwarten iſt, empfiehlt es ſich für die=
jenigen
, welche ſich im voraus einen beſtimmten Platz
ſichern wollen, ſich durch Aufzahlung von 60 Pfg. das
Anrecht auf einen Sperrſitz zu erwerben. Gegen Vorlage
der Mitaliedskarten ſind ſolche Sperrſitze auf der rechten
Saalhälfte für die Mitglieder beider Vereine von jetzt
ab in der Hofbuch= und Kunſthandlung von Müller und
Rühle, Eliſaberhenſtraße 5, zu haben. Die ſeitherigen
Sperrſitzabonnenten des Inſtrumentalvereins erhalten
ihre Plätze auf der linken Saalhälfte und die betreffenden
Karten beſonders zugeſchickt.
*In Amerika verſtorbene Heſſen. Am 25. Februar
verſtarb infolge eines Schlaganfalls in Rockville, Conn.,
im Alter von 79 Jahren Herr Philipp Kramer, einer
der geachtetſten Deutſch=Amerikaner dieſer Stadt. Der
Verſtorbene wurde am 9. Januar 1835 in Pfungſtadt,
Heſſen=Darmſtadt, geboren. Seine Erziehung genoß er
auf deutſchen Schulen und erlernte dann bei ſeinem
Vater die Bäckerei, welche er in ſpäteren Jahren in
dieſem Land ſo erfolgreich betrieb. Im Jahre 1854 ent=
ſchloß
er ſich, nach Amerika zu gehen und kam nach
einer 30tägigen Seereiſe mit dem Dampfer Congreß
über Hapre nach Neu=York.
Paketeinſammlung durch die Poſt. Es iſt noch
nicht genügend bekannt, daß die Poſt abzuſendende Pakete
auf Beſtellung aus den Wohnungen abholen läßt. Man
braucht nur ein offenes Schreiben, eine Karte oder einen
Zettel am beſten eine unfrankierte Poſtkarte mit
den Worten: Paket abzuholen bei (Name und Wohnung)
unfrankiert in den nächſten Briefkaſten zu werfen oder
einem Briefträger mitzugeben und die Sendung wird
bei der nächſten Paketbeſtellfahrt gegen eine Gebühr von
10 Pfg. aus der Wohnung des Abſenders abgeholt.
Das Verfahren iſt einfach und bequem und beſonders
ſolchen Perſonen zu empfehlen, denen kein Dienſtbote zur
Verfügung ſteht.
X Schlachtungen. Nach dem Monatsberichte des
Fleiſchbeſchauamts ſind während des Monats Januar
im hieſigen Schlachthaus geſchlachtet worden: 134
Ochſen, 1 Bulle, 257 Kühe, 16 Jungrinder, 888 Kälber,

Bei den Frauen von Ulſter.

** Die Aufruhrſtimmung, die von Ulſter ausgeht und
vor den Blicken Englands das Geſpenſt eines drohenden
Bürgerkrieges erſtehen läßt, offenbart ſich am bedeutungs=
vollſten
in der Haltung der Frauen. Wenn die Frauen
eingreifen und eine urſprünglich rein politiſche Frage zum
Ziele ihrer Leidenſchaft machen, dann wird es ernſt, dann
zeigt es ſich, daß die Erregung das Volk wirklich erfüllt.
Und ſo ſteht es heute in Ulſter. Hamilton Fyfe, der be=
kannte
engliſche Korreſpondent, der nach Portadown ge=
reiſt
iſt und ausführlich über die Haltung der Frauen von
Ulſter berichtet, muß zugeben, daß der Geiſt des Aufruhrs
gerade in der Frauenwelt die tiefſten Wurzeln geſchlagen
hat, im Volk nicht anders als in den höheren Geſellſchafts=
ſchichten
.
Alle Frauen warten auf den Tag, da ihre Männer
zum Waffentanz hinausziehen werden; dem Krieg mit
allen ſeinen Schrecken blickt man entſchloſſen ins Auge,
nirgends findet ein Zögern, ein Fürchten, ein Wort der
Klage bei den Frauen Raum. Ja, bei vielen von ihnen iſt
die Erregung und Entſchloſſenheit noch heißer entfacht als
bei den Männern, und um den Krieg kreiſen alle Geſpräche,
in der Küche wie im Salon. Nach dem Frühſtück erlebt
man es, wie die freundliche Frau des Hauſes ſich erhebt.
Sie ſind gewiß ſo gütig, mich zu entſchuldigen, aber mein
Krankenpflegekurſus beginnt. Und wie ſie ziehen überall
im Lande Tauſende von Frauen zu den Aerzten und ler=
nen
es. Verwundeten beizuſtehen und Wunden zu verbin=
den
. In jedem Hauſe ſieht man Handbücher der Wund=
pflege
umherliegen. Die Opfer dieſes entſchloſſenen Eifers
der Frauen von Ulſter ſind natürlich einſtweilen die Män=
ner
. Sie ſeufzen und ſie ſchelten, aber im Grunde freuen
ſie ſich doch. Denn die Männer ſind die Verſuchskaninchen
der angehenden Krankenpflegerinnen; unermüdlich experi=
mentieren
mit Verbandszeug bewaffnete Frauenhände an

ihnen herum. Es gibt wirklich keine Stunde und kein
Glied mehr, an denen ich nicht bereits in allen möglichen
Arten verbunden worden wäre jammert in komiſcher
Verzweiflung ein Mann; man hat mich eingeſchnürt, ver=
knotet
, kein Glied konnte ich mehr rühren! Alles für
die gute Sache erwidert die entſchloſſene Frau Gemahlin.
Eine andere junge Frau beklagt es bitter, daß ihr Mann
ſich vor kurzem den Arm brach, ehe ſie mit ihrem Pflege=
rinnenkurſus
zu Ende war. Und faſt könnte man glauben
ſie würde ſich freuen, wenn der Mann morgen mit einem
zweiten Armbruch heimkehrte nur um ihn verbinden
zu können. Unter den Arbeiterinnen und den Mädchen
der Arbeiterklaſſe iſt die Erregbarkeit ſo hoch geſtiegen, daß
bereits heute der geringfügigſte Anlaß zu Ausſchreitungen
und Tätlichkeiten führt. In zwei Minuten könnte man
hier den wildeſten Aufruhr hervorrufen ſagt ein Fabrik=
beſitzer
mit einem Blick auf die Weberſäle; und die jun=
gen
Mädchen ſind die ſchlimmſten. Vor einiger Zeit wurde
eine katholiſche Temperenzgeſellſchaft gegründet, die Mit=
glieder
erhielten kleine Abzeichen mit dem Bildnis des
Papſtes. Wo immer ein ſolches Abzeichen geſehen wurde,
kam es ſofort zu Handgemengen; die Mädchen riſſen ein=
ander
die Kleider vom Leibe. Wo immer es zwiſchen
Proteſtanten und Katholiken zu Reibungen und Gewalt=
tätigkeiten
kam, waren es die proteſtantiſchen Frauen und
Mädchen, die den Anfang machten; ſo ſtark iſt die Erbit=
terung
gewachſen.
Es iſt nicht möglich, mit dieſen Ausſchreitungen zu
ſympathiſieren, ein faſt mittelalterlicher Fanatismus hat
das Volk ergriffen, Vernunft und Gründe ſind machtlos
geworden. Beſeſſen ſind ſie ſchreibt Hamilton Fyfe;
ich äußerte dieſer Tage mit aller Vorſicht etwas über dieſe
Unduldſamkeit und Beſeſſenheit gegenüber der Frau eines
Ingenieurs. Sie hatte im Auslande gelebt und war nichts
weniger als engherzig oder vorurteilsvoll, aber ſie fuhr
auf: Fanatiſch? Natürlich ſind wir fanatiſch, Gott ſei
es gedankt.

Feuilleton.

Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.
P. Münchener Sezeſſion. Die Münchener
Sezeſſion hat Sorgen. Nicht nur, daß es in den eigenen
Reihen gärt, der Sezeſſion droht auch die Obdachloſigkeit.
Der prächtige Ausſtellungstempel am Königsplatz, den
der Staat der Sezeſſion ſchon ſeit Jahren zur Verfügung
ſtellt, wird nun zurückgefordert, da in den ſtaatlichen
Sammlungen mittlerweile ſelbſt Platzmangel eingetreten
iſt. Was die erſte Frage betrifft, die einer Spaltung der
Sezeſſion, ſo hat man Aehnliches ſchon längſt kommen
ſehen. Die Revolutionäre von Geſtern ſind die Konſer=
vativen
von Heute. Dies hiſtoriſche Geſetz bewahrheitet
ſich auch an der Sezeſſion. Uns intereſſiert dabei nur, ob
die Kunſt bei einer Spaltung gewinnen wird. Man über=
ſchätzt
heute zweifellos die Frage der Organiſation in der
Kunſt. Die Sezeſſion hat den aufſtrebenden Talenten
jedenfalls nie ihre Pforten verſchloſſen. Eher könnte man
ihr den Vorwurf machen, daß ſie ſie zu weit aufgemacht
und ſelbſt offenbaren künſtleriſchen Verirrungen Unter=
ſtand
gewährt hat. Die gegenwärtige Frühjahrs= Ausſtel=
lung
iſt dafür wieder ein Beweis.
Was die Platzfrage betrifft, ſo iſt anzunehmen, daß
der Staat von ſeinem Hausrecht in milder Weiſe Gebrauch
macht und nicht eher auf ſeinem Schein beſteht, bis die
Sezeſſion ein neues Heim gefunden hat; denn die Be=
deutung
dieſer Künſtlervereinigung für München iſt ſo
groß, daß man ſchon von einem vitalen Intereſſe für die
Stadt ſprechen kann. Unzählige Künſtler, die jetzt allbe=
kannte
Namen tragen, haben zum erſten Male in der Se=
zeſſion
ausgeſtellt und ſind dadurch erſt den weiteſten
Kreiſen bekannt geworden.
Beſonders die Frühjahrs=Ausſtellungen hatten von je
den Charakter von Premieren. Faſt jedes Jahr tauchten

[ ][  ][ ]

Nummer 85.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

Seite 3.

2450 Schweine, 184 Schafe, 9 Ziegen und 25 Pferde.
Beanſtandet wurden: 70 Ochſen, 173 Kühe, 9 Jung=
rinder
, 15 Kälber, 464 Schweine, 30 Schafe 2 Ziegen und
5 Pferde. Minderwertig wurde erklärt das Fleiſch
von: 1 Ochſen, 7¾ Kühen, 1 Jungrind, 2 Kälbern und
8 Schweinen. Bedingt tauglich war das Fleiſch
von: ¾ Ochſen, ¾ Kühen und 2 Schweinen. Un=
tauglich
waren: 1 Kuh, 2 Kälber, 1211 Organe, 135 kg
Fett und 115 kg Fleiſch von 769 Tieren. Auf
Trichinen wurden unterſucht: 2450 im Schlachthaus
geſchlachtete und 1 von Privaten geſchlachtetes Schwein,
ſowie 5847¼ kg für hieſige Metzger eingeführtes friſches
Fleiſch von 260 Schweinen und 2 Sendungen Wurſt,
Der Nachunterſuchung unterzogen wurden: 749 Sen=
dungen
eingeführtes Fleiſch, enthaltend: 11442 kg
Rindfleiſch, 4708 kg Schweinefleiſch, 471 kg Kalbfleiſch,
1059 kg Hammelfleiſch und 346 kg Ziegenfleiſch.
§ Zuſammenſtoß. Mittwoch vormittag gegen 6 Uhr
iſt an der Ecke der Kaſino= und Bleichſtraße ein Poſt=
wagen
mit einem Laſtautomobil zuſammen=
geſtoßen
. Der Poſtwagen wurde ſtark und das Laſt=
auto
leicht beſchädigt. Perſonen ſind hierbei nicht ver=
letzt
worden.
§ Fahrraddiebſtahl. Am Montag nachmittag gegen
6 Uhr iſt im Hofe des Hauptpoſtgebäudes ein Fahrrad,
welches daſelbſt auf kurze Zeit aufgeſtellt war, geſtohlen
worden. Das Fahrrad iſt Marke Wetlrad, hat ſchwarzen
Rahmenbau und Polizeinummer rot D. 2816.
§ Einbrecher feſtgenommen. Infolge des von der
hieſigen Kriminalpolizei erlaſſenen Ausſchreibens iſt der
18 Jahre alte Zwangszögling Anton Schäfer von hier
in Baſel wegen Einbruchsdiebſtahls feſtgenommen worden.
Der Feſtgenommene hat bereits eingeſtanden, den kürz=
lich
in der Waffenhandlung Weſp in der
Grafenſtraße verübten Einbruchsdiebſtahl be=
gangen
zu haben.

Kunſtnotizen.

Ueber Werke, Künſtler und künſtleriſche Veranſtaltungen ꝛc., deren im Nach=
ſtehenden
Erwähnung geſchieht, behält ſich die Redaktion ihr Urteil vor.
Lehrerſängerchor. Ueber Frl. Betiy Gold=
ſchmidt
, die in dem am 28. März ſtattfindenden Konzert
auftreten wird berichteten Dortmunder Blälter ſchon im
Jahre 1910, bei ihrem Auftreten im jugendlichen Alter von
15 Jahren mit einer gewiſſen Begeiſterung über die Ge=
diegenheit
des Vortrags, die Leichtigkeit der Auffaſſung
und eine ſo brillante Technik, die für die Zukunft zu den
höchſten Erwartungen berechtigten. Inzwiſchen hat die
Künſtlerin in ihrem raſtloſen Streben nach den Höhen der
Kunſt einen ſolchen Grad der Vollkommenheit erreicht,
der jene Erwartungen noch übertroffen erſcheinen läßt.
So konnte die Dortmunder Zeitung ſchreiben: In Frl.
B. Goldſchmidt trat eine ausgezeichnete Kraft vor uns.
Die Größe des Tones, ſprudelnd leichte und ſpielende
Technik hoben ihre Kunſt auf eine ebenſo bedeutende
virtuoſe Stufe, wie die darin hervortretende geſunde
muſikaliſche Auffaſſung auf eine ebenſolche künſtleriſche
Höhe. Ihrem Erſcheinen im Konzertſaale darf daher
mit dem höchſten Intereſſe entgegengeſehen werden.
Abſchiedsaufführungen der Kino=
Königin im Darmſtädter Saalbautheater.
Heute Donnerstag und morgen Freitag, abends 8 Uhr,
finden als unwiderruflich letzte Gaſtſpielvorſtellungen des
Neuen Berliner Operetten=Enſembles noch zwei Wieder=
holungen
des populären Operettenſchlagers Die Kino=
Königin von Jean Gilbert ſtatt, worauf wir hier=
mit
wärmſtens aufmerkſam machen wollen. Dieſe glän=
zende
Operette erzielte vorgeſtern und geſtern abend auch
hier in Darmſtadt großen und ſtürmiſchen Erfolg und
wird ſicherlich noch zwei ausverkaufte Häuſer bringen.
Der alleinige Vorverkauf befindet ſich nur im Verkehrs=
bureau
, Wartehalle am Ernſt=Ludwigs=Platz.

54. Generalverſammlung der Heidenreich=
von
Sieboldſchen Stiftung.

s. In Gegenwart einer großen Anzahl Mitglieder
und eingeladener Gäſte fand geſtern abend die 54. Gene=
ralverſammlung
der Heidenreich= von Sieboldſchen
Stiftung in der Wohnung der Präſidentin des Damen=
vorſtandes
, Frau Geheimerat Franz Merck, ſtatt. Frau
Merck begrüßte zunächſt die Erſchienenen und dankte für
das zahlreiche Erſcheinen und bat, der Stiftung auch fer=
nerhin
dieſes lebhafte Intereſſe zu bewahren. Vor Ein=
tritt
in die Tagesordnung teilte der Vorſitzende, Herr
Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing, mit, daß Frau Pro=
feſſor
Schäffer, die im Frühjahr 1889 in den Damen=
vorſtand
gewählt wurde, nunmehr auf eine 25jährige
ſegensreiche und erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken kann.
Er beglückwünſchte Frau Profeſſor Schäffer zu dieſem
Ehrentag und ſprach ihr den herzlichen Dank der Stiftung

aus. Fräulein Maria Merck, die Tochter der Präſidentin,
trug ein Glückwunſchgedicht vor und überreichte der Ju=
bilarin
einen vom Vorſtand gewidmeten Blumenſtock.
Bei Eintritt in die Tagesordnung teilte der Vorſitzende
mit, daß Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin
am Erſcheinen verhindert ſei und es ſehr bedauere, der
Verſammlung nicht beiwohnen zu können. Entſchuldigt
hatten ſich infolge anderweiter Inanſpruchnahme die
Herren: Miniſter des Innern von Hombergk zu Vach, Sa=
nitätsrat
Dr. Maurer, Exz. von Krug zu Nidda und Ober=
rechnungskammerpräſident
Ewald.
Der Vorſitzende erſtattete alsdann den Rechen=
ſchaftsbericht
für das abgelaufene Jahr, der zu Be=
anſtandungen
keinen Anlaß gab. Unterſtützt wurden 349
Wöchnerinnen und hierbei insgeſamt 5254,33 Mark auf=
gewendet
. Die Rechnung wurde von Herrn Oberrech=
nungskammerpräſident
Ewald geprüft und für richtig be=
funden
. Den Damen des Vorſtandes ſprach der Vorſitzende
für ihre mühevolle und erſprießliche Tätigkeit den Dank
der Stiftung aus. Ebenſo dem Rechner, Herrn Rechnungs=
rat
Paul, der um Entbindung von dem Amt des Rech=
ners
gebeten hat. Als Nachfolger in dieſem Amt ſtellte
der Vorſitzende Herrn Stadtſekretär Sahm vor, der die
Rechnergeſchäfte bereits übernommen hat. Der Voranſchlag
für 1914 wurde vom Vorſitzenden verleſen und erläutert.
Beanſtandungen ſind nicht zu erheben. Die ſatzungsmäßig
ausſcheidenden Mitglieder des Damenvorſtandes und des
Verwaltungsrates wurden auf Vorſchlag des Vorſitzenden
durch Zuruf wiedergewählt. Zum Schluß erſtattete
Frau Oberin von Gordon Bericht über die Tätigkeit
der Zentrale für Muiter= und Säuglingsfürſorge auf dem
Gebiet der Wohnungsfürſorge und über die Einrichtung
der Beſtellung von Hauspflegerinnen. Hierauf wurde die
Verſammlung durch den Vorſitzenden geſchloſſen.

Ausſtellung des heſſiſchen Volksſchriften=
vereins
.

G Nun hat auch Bensheim eine Wanderausſtellung
des Volksſchriftenvereins gehabt; vom 20. bis 22. März
war ſie in der geräumigen Feſthalle des Ernſt=Ludwig=
Seminars zu ſehen. Der hohe, lichtdurchfloſſene Raum
gab einen vorzüglichen Rahmen für die zahlreichen Bil=
der
; insbeſondere die ganz großen Künſtler= Steinzeich=
nungen
, die mit ihren kräftigen Linien und ſtarken Far=
benkontraſten
in kleineren Räumen oft erdrückend wirken,
kamen hier vorzüglich zur Geltung. Bilder= und Bücher=
ausſtellung
waren durch das Entgegenkommen der hieſigen
Lehrmittelanſtalt Ehrhard Nachfolger, die in vorbildlicher
Weiſe ſchon ſehr viel zur Verbreitung guter Literatur und
guten Wandſchmucks getan hat, in der verſchiedenſten Rich=
tung
ergänzt worden, und wenn auch noch manches Gute
infolge der etwas knappen Vorbereitung nicht mehr be=
rückſichtigt
werden konnte, ſo gab die Ausſtellung doch
einen im allgemeinen ausreichenden Ueberblick über das,
was heute an empfehlenswerten und nicht zu teueren
Volks= und Jugendſchriften und an gutem Wandſchmuck
auch für minderbemittelte Kreiſe zu haben iſt. Für an=
ſpruchsvollere
Gemüter und Liebhaber edler Schwarz=
Weiß=Kunſt war ſogar eine Anzahl feiner Originalradie=
rungen
und Zeichnungen unſerer beſten lebenden Künſtler
wie Thoma, Steinhauſen, Volkmann, Schrödter u. a. zu
ſehen, die teils durch das Entgegenkommen des Karls=
ruher
Künſtlerbundes, teils von privater Seite zur Ver=
fügung
geſtellt worden waren gewiß etwas, was in
einer kleineren Stadt nicht ſehr häufig geboten wird.
Dreimal war Herr Haſſinger, der 1. Schriftführer und
unermüdliche Wanderredner des Volksſcheiftenvereins, zu
erläuternden Vorträgen von Darmſtadt herübergekommen.
Am Freitag nachmittag ſprach er vor den zahlreich erſchie=
nenen
Schülern der oberen Klaſſen des Gymnaſiums und
des Lehrerſeminars, auf welche die durchdachten und mit
warmer Begeiſterung vorgetragenen Ausführungen einen
ſichtlichen Eindruck machten.
Der Redner verbreitete ſich zunächſt über das Weſen
und die Gefahren der Schundliteratur, die noch keineswegs
tot ſei, im Gegenteil gerade in letzter Zeit unter anderer
und harmloſerer Flagge wieder ſtärker anfange ihre ſeelen=
vergiftende
Wirkſamkeit zu entfalten. Er zeigte an ein=
zelnen
Beiſpielen, welche Tricks die Fabrikanten von
Schundgeſchichten und ihre Verleger anwenden, um durch
einen das Tagesintereſſe geſchickt benutzenden Titel und
Umſchlag die kaufluſtige und unerfahrene Jugend, ebenſo
wie auch Erwachſene anzulocken, und über den wahren
Inhalt ihrer Bücher zu täuſchen, und wie ſie ſo immer
vieder einträgliche Geſchäfte machen. Sogar die Pfad=
finden
die Jungdeutſchland=Bewegung, der Kampf gegen
die Fremdenlegion müſſen zu dieſen Zwecken auf den
Titel= und Umſchlagſeiten herhalten, während in dem Heft
elbſt das alte ſchlechte Zeug zu finden iſt. So geben heute
noch Tauſende ihr gutes Geld her für nichtsſagenden,
phantaſtiſchen Schund, während ſie für dasſelbe Geld

Bücher unſerer beſten Schriftſteller, Werke von bleibendem
Werte, haben könnten.
Und was heute der deutſche Buchhandel an ſolchen
gediegenen und nicht zu teueren Volks= und Jugendſchrif=
ten
zu bieten hat, das gerade wollte die Ausſtellung
zeigen.
Im zweiten Teil des Vortrages ging der Redner dann
auf den Bilderſchmuck und ſeine Bedeutung für Schule
und Haus näher ein. Er legte dar, warum der Volks=
ſchriftenverein
hauptſächlich für die Verbreitung der far=
bigen
Künſtlerſteinzeichnungen eintritt, zeigte, wie eine
ſolche Steinzeichnung entſteht und wie ſie die urſprüngliche
Abſicht des Künſtlers nach der verſchiedenſten Richtung hin
am reinſten zum Ausdruck bringt. Er wies auch auf den
ſtarken Stimmungsgehalt dieſer Bilder hin, die faſt durch=
weg
Leben der Gegenwart in ſeinem Fühlen und Wollen,
in ſeiner Freude und ſeinem Schmerz zum Ausdruck brin=
gen
und ſelbſt da, wo ſie hiſtoriſches Gewand tragen, doch
Empfindungen atmen, die auch heute noch in unſeres Vol=
kes
Seele lebendig ſind. Gerade das aber macht ſie be=
ſonders
geeignet, in Schule und Haus die Wände zu
ſchmücken und für den ſtillen Beſchauer nach des Tages
Laſt und Arbeit eine Quelle der Erquickung und Freude
zu werden.
Dieſe mehr theoretiſchen Ausführungen erhielten dann
ihre praktiſche Ergänzung durch eine Reihe von Bild=
betrachtungen
Abſchied, Ernteſegen, Volkslied in
denen der Redner frühere Skizzen Naumanns in der
Hilfe die heute noch als Muſter ſolcher Betrachtungen
gelten können, geſchickt zu verwerten verſtand.
Der Abendvortrag am Freitag für Erwachſene, dee
infolge verſchiedener mißlicher Umſtände leider nur ſchwach
beſucht war hatte wiederum vorzugsweiſe den künſtleri=
ſchen
Wandſchmuck zum Gegenſtand und brachte außerdem
eine Fortführung der Bildbetrachtung, während der Son=
dervortrag
für Lehrer und Lehrerinnen am Samstag wie=
der
mehr die Schundliteratur und ihre Bekämpfung in
den Mittelpunkt ſtellte. Reicher Beifall lohnte nach den
einzelnen Vorträgen den Redner, und auch dem Dank für
ſeine warmherzigen Ausführungen wurde wiederholt Aus=
druck
gegeben.
Der Beſuch der Ausſtellung nahezu 700 Perſonen
an drei Tagen war für unſere Verhältniſſe ein ſehr
guter. Der Haupterfolg der Vorträge und der ganzen
Ausſtellung dürfte darin zu ſuchen ſein, daß die heran=
wachſende
Jugend für dieſe Dinge intereſſiert wurde, und
daß darunter ſich an 130 zukünftige Volksſchullehrer be=
fanden
, die in wenigen Jahren draußen im Lande als
Volkserzieher wirken werden Manchem unter ihnen wer=
den
die Eindrücke, die er erhalten, unvergeßlich ſein und
mancher iſt wohl beſtimmt worden, ein zukünftiger Mit=
ſtreiter
zu werden im Kampfe gegen Schmutz und Schund
in Wort und Bild. Die rege Unterhaltung, der ſtarke
Verkauf der Ausſtellungsloſe und die zahlreichen Beſtel=
lungen
auf Bilder und Bücher, die Gefallen gefunden
hatten, beweiſen jedenfalls, daß nach dieſer Richtung Vor=
träge
und Ausſtellung ihre gute Wirkung getan haben.
Das aber iſt ein nicht zu unterſchätzender Erfolg, für den
wir dem heſſiſchen Volksſchriften=Verein dauernden Dank
ſchulden.
f. Gundernhauſen, 24. März. ( Veteranenbei=
hilfe
.) Unſerem altehrwürdigen Veteranen dem Herrn
Feldſchützen Becker hier, der die Feldzüge 1866 und
1870/71 mitgemacht hat, wurde die wohlverdiente Vete=
ranenbeihilfe
zuteil. Möge es unſerem 73jährigen Kämpfer
ioch Jahrzehnte vergönnt ſein, dieſen Ehrenſold genießen
zu können!
Offenbach, 25. März. (Vor Aufregung im Ge=
richt
geſtorben.) Von einem ſchnellen Tode wurde
der in den 60er Jahren ſtehende Kaufmann und Agent
Galette aus der Bernardſtraße ereilt, als er geſtern in
einer Grundbuchamtsangelegenheit vor dem Amtsgericht
vernommen werden ſollte. Ein Herzſchlag hatte dem be=
jahrten
Mann ein ſchnelles Ende bereitet.
Heuſenſtamm, 25. März. (Genoſſenſchaftliches.)
Mit der Frage des Fehlbetrags von 52000 Mark in der
Spar= und Darlehenskaſſe I beſchäftigte ſich eine mehr=
ſtündige
geſchloſſene Mitgliederverſammlung, in der der
ilte Vorſtand ſeines Amtes enthoben wurde. Es wurde
weiter beſchloſſen, daß die alten Vorſtandsmitglieder von
ihren Beſitzungen nichts veräußern und auch keine hypo=
thekariſchen
Eintragungen darauf vornehmen dürfen, bis
die Affäre endgültig geregelt iſt. Der alte Vorſtand muß
erner bis Mitte April 18000 Mark der Kaſſe zur Ver=
fügung
ſtellen, für deren Zahlung er ſich zur Sanierung
vereit erklärt hat.
Seligenſtadt, 25. März. (Vom Reinheimer
Turm.) Nachdem kürzlich bei den Renovationsarbeiten
des alten Reinheimer Turmes ein Teil des Gewölbes
eingeſtürzt iſt, hat jetzt eine eingehende Beſichtigung des
alten Turmes, der von der Bevölkerung als läſtiges Ver=

einige Namen auf, die dann nicht mehr verſchwanden. Auch
heuer wieder zeigt ſich neben mancherlei unfreiwilliger
Komik viel Zukunftreiches. Friedrich Hell aus Un=
ders
in Tirol hat eine ſtarke Phantaſie und eine nicht all=
tägliche
Kraft in der Geſtaltung innerer Erlebniſſe.
In ſeinen Gebirgsbildern ſteckt etwas von der Phantaſtik
eines Welti oder Böcklin, ohne daß man von Nachahmung
zu ſprechen berechtigt wäre. Sein Landsmann Julius
Hüther (Vezzano) befindet ſich ebenfalls in kräftigem
Aufſtieg. Zwei prachtvolle Akte: Im Weinberg und
Samoanerin zeigen ihn von einer völlig neuen Seite;
ebenſo ſein Selbſtbildnis Möge er ſich nur von Manier
freihalten, die auf ihn lauert. Seine Palette hält mit ſei=
ner
mächtigen Formenſprache nicht ganz gleichen Schritt.
Man denkt unwillkürlich an Oſtereierfarben, wenn man
ſeine Bilder zum erſten Male ſieht. Maria Caſpar=
Filſer (Florenz) weiß ihren Landſchaften einen Schmelz
und Duft mitzuteilen bei aller Kraft des Striches, daß
man ſich vergebens bemüht, dieſe Wirkungen genau nach=
zurechnen
. Sie beruhen auf originaler Anſchauung, nicht
auf irgend einem Rezept. Auch den Namen Karl Gater=
mann
darf man ſich merken. Von den älteren Künſt=
lern
überraſcht beſonders Richard Winternitz durch
ſeinen Violinſpieler‟. Eine an Uhde gemahnende
Leiſtung. Jedenfalls hat der Künſtler den Beweis erbracht,
daß er auch ohne ſein giftiges Gelb auskommen kann, das
ſeinen Werken bisher eine ziemlich äußerliche Familien=
einheit
gab. Felix Bürgers (Dachau) bringt einige
Landſchaften von großer Reife und Abgeklärtheit. Bei
Wilhelm Lehmann wird die Reife ſchon manchmal
zur Welkheit. In der Plaſtik, zu der auch Bernhard
Hoetger einen Weiblichen Kopf beigeſteuert hat, fer=
ner
in der Graphik findet ſich nichts, das beſonderes
Augenmerk beanſpruchen könnte bei aller Tüchtigkeit der
einzelnen Leiſtungen.
* Das Schumann=Muſeum in Zwickau.
Die Stadt Zwickau die erſt vor kurzem das Geburts=
haus
Schumanns käuflich in ihren Beſitz gebracht
hat, wird jetzt auch dem Schumann=Muſeum eine würdige

Stätte bereiten. Am 23. April findet die offizielle Weihe
des König Albert=Muſeums, eines ſtädtiſchen Monumen=
talbaues
, ſtatt, in dem die zahlreichen geſchenkten und an=
gekauften
R. Schumann=Schätze aufbewahrt werden: Die
Freunde und Verehrer des großen Komponiſten werden
der Stadt Zwickau für den tätigen Kunſtſinn Dank wiſſen
und gern ihre Schumann=Reliquien dem Zwickauer Mu=
ſeum
überweiſen.
* 800000 Mark Jahresgage. Enrico Ca=
ruſo
hat mit der Neu=Yorker Metropolitan=Opera einen
neuen Vertrag abgeſchloſſen, demzufolge er für jeden Abend=
eine
Gage von 3000 Dollar erhält. Dieſer Vertrag gilt
für die übernächſte Spielzeit; demzufolge dürfte Caruſo auf
eine Jahresgage von 800000 Mark bei der Metropolitan=
Opera allein kommen.

Rd. Oſtaſiatiſche Kultur=Anſichten. Die Chineſen be=
zeichnen
ſich ſelbſt als die ſckwarzhaarige Raſſe, alle
Fremden als rotköpfige Teufel, und die Bärte um das Ge=
ſicht
machen uns in ihren Augen den Affen ähnlich. Sehen
chineſiſche Kinder einen Europäer mit rotem Bart, ſo
ſchreien ſie laut auf, denn gerade ſo ſieht der Struwelpeter
in den chineſiſchen Bilderbüchern aus. Einen Miſſionar
hält man im Innern von China für einen Spitzel, der
nur kam, um ſich erſchlagen zu laſſen, damit ſein Tod
irgend einer europäiſchen Macht dazu diene, Land an ſich
zu bringen. Man nimmt von ihm keine Speiſe, keinen
Trank an, aus Furcht, ſich zu vergiften. Manche chineſiſche
Frauen fürchten, ſie werden behext, wenn ſie eines Euro=
päers
Haus betreten; ſie nehmen Anſtoß an den entblöß=
ten
Schultern der Geſellſchaftstracht und halten anlie=
gende
Kleider ſelbſt bei einem Mann für unangemeſſen
und nur durch die Armut der betreffenden Perſon für er=
klärlich
. Unſere ſteifen Kragen, die harte Hemdbruſt, vor
allem aber den Frack halten die Chineſen für höchſt lächer=
liche
Kleidungsſtücke. Sehr zuwider iſt ihnen auch der
Europäer=Geruch den ſie dem Fleiſcheſſen zuſchreiben.
Einem äußerſt ſauberen chriſtlichen Miſſionar war es
überaus peinlich, daß ſich die Chineſen ſtets die Naſe zu=

hielten, wenn ſie mit ihm ſprachen. Man iſt in China der
feſten Meinung, wir beſäßen weder Religion noch Sitt=
lichkeit
oder gute Manieren und hegten vor der Kraft nur
Achtung, wenn ſie durch Heere und Flotten dargeſtellt
werde. Unſer Chriſtentum bedeute uns weniger, als
ihnen die Lehre des Konfuzius. Auch im Verhältnis des
Herrſchers zum Untertan, des Vaters zum Sohn, des Ehe=
gatten
zu ſeinem Weib, des Freundes zum Freund, ſehen
ſie bei uns viel geringere Achtung. Bei ihnen hält die
Familie ſtets zuſammen. Konfuzius befiehlt, daß ein
Mann Vater und Mutter anhangen und ſein Weib den
Eltern ebenfalls dienen ſolle. Die Frauen in China dür=
fen
nicht reiſen; ſelbſt bei einem Manne betrachtet ein
Chineſe öfteres Reiſen wie eine krankhafte Unraſt. Die
wenigen Europa beſuchenden Chineſen ſind keineswegs
entzückt von unſeren Einrichtungen; das zügelloſe Treiben
in den Straßen und die zahlreichen Berichte von Morden
und Eheſcheidungen entſetzen ſie. Die europäiſchen Ge=
fängniſſe
erſcheinen ihnen lächerlich komfortabel und gleich=
ſam
zu Verbrechen anreizend unſere Schulen jedoch er=
wecken
ihre Bewunderung. Bedenkt man indeſſen, daß
das chineſiſche Buch von hinten beginnt und von unten
nach oben zu leſen iſt, daß die Mahlzeit mit dem Deſſert
anfängt und mit Suppe und Reis endet, daß ein Chineſe
ſeine Kopfbedeckung aufſetzt, um Achtung zu bezeigen und
ſeinem Gaſt den Ehrenplatz links von ſeiner Seite an=
weiſt
, daß er in Weiß trauert und daß ſtets die Weſte über
dem Rock getragen wird, ſo verſteht man es, wenn man
in China den Eindruck hat, bei uns ſtände alles auf dem
Kopfe.
CK Die zerſtörte Legende vom Zaren Nikolaus I.
Der Fleiß der Forſcher zerſtört die Legenden; nun wird
auch die rätſelvolle und dabei menſchlich ergreifende Ge=
ſchichte
vom Zaren Nikolaus I. aus dem Reiche der Tat=
ſachen
in das Reich der Phantaſie verwieſen. Nach der
Legende ließ ſich Zar Nikolaus als tot ausgeben, um
unerkannt in die einſamen Steppen Sibiriens zu flüchten,
den trügeriſchen Glanz des Hoflebens abzuſtreifen und in
der Einſamkeit Gott und die Liebe zu ſuchen. Mit dieſer

[ ][  ][ ]

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

Nummer 85.

kehrshindernis betrachtet wird durch eine fachmänniſche
Kommiſſion des Vereins für Denkmalſchutz ſtattgefunden.
Nach dem Urteil der Kommiſſion wurde der alte Turm
für durchaus baufällig erklärt, doch ſoll eine
nochmalige Beſichtigung vorgenommen werden. Die um=
fangreichen
Renovationen werden auf 30000 Mk. geſchätzt.
Hering, 25. März. (Chriſtl. Volksfeſt auf
dem Otzberg.) In dieſem Jahre wird am Tage
Chriſti Himmelfahrt wieder ein chriſtl. Volksfeſt auf dem
Otzberg ſtattfinden. Alle Freunde dieſes Feſtes ſeien ſchon
jetzt darauf hingewieſen. Näheres wird noch bekannt ge=
geben
werden.
Groß=Rohrheim, 25. März. (Vom Zuge über=
fahren
.) Hier iſt geſtern nachmittag nach 4 Uhr das
20 Jahre alte Dienſtmädchen des Milchhändlers Gg.
Rück III. beim Ueberſchreiten des Gleiſes von der Ma=
ſchine
eines Perſonenzuges erfaßt und derart ſchwer ver=
letzt
worden, daß es nach einigen Stunden in der Woh=
nung
ſeines Dienſtherrn geſtorben iſt. Bisher konnte
nicht feſtgeſtellt werden, wer die Schuld an dem Unglück
trägt. Es handelt ſich um die 21jährige Helene Helf=
mann
, Tochter des Schuhmachermeiſters Helfmann.
Mainz, 25. März. (Der Koſtheimer Mordver=
ſuch
.) Zu dem Ueberfall wird noch folgendes gemeldet:
Das Befinden von Fräulein Schmitt iſt heute früh befrie=
digend
. Lebensgefahr beſteht nicht mehr. Man glaubte
anfangs, das eine Auge der Verletzten ſei verloren, was
ſich aber nicht beſtätigte. Am Kopf hat die Ueberfallene
drei oder vier ganz beträchtliche Verletzungen, die ihr mit
der Schraube beigebracht wurden. Das eine Ohr iſt durch
einen Schuß verletzt. Außerdem ſoll im Kinn noch eine
Kugel ſtecken.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 24. März. Die glanzvolle
Feier der Königlichen Bibliothek hat ein eigen=
artiges
Nachſpiel gehabt. Zwei der Dekorierten, der Bild=
hauer
Hermann Feuerhahn, der vier Jahre hindurch an
dem bildneriſchen Schmuck für den Neubau tätig war, und
Architekt A. Waſſermann, der 22 Jahre im Atelier des
Oberhofbaurats v. Ihne beſchäftigt war und an den Ent=
würfen
in weitreichendem Maße mitgearbeitet hat, haben
die ihnen zugedachten Ordensauszeichnungen
abgelehnt; jener den Kronenorden vierter Klaſſe, die=
ſer
die Krone zum Roten Adlerorden vierter Klaſſe.
In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten= Verſamm=
lung
wurde der Antrag auf Aufhebung der Kino=
ſteuer
abgelehnt. Auch im Jahre 1914 bleibt es in
Berlin bei einem Zuſchlag von 100 Prozent zur Einkom=
menſteuer
. Der veranſchlagte Mehrbetrag an Einkommen
durch den Generalpardon beträgt 8 Millionen, woraus ein
Mehr an Steuern von 240000 bis 300000 Mark reſultiert.
Bei dem großen Jagdſpringen, das das Reit= und
Fahrturnier beendigte, ſtürzte der ſich daran beteili=
gende
Prinz Friedrich Sigismund. Glück=
licherweiſe
blieb der Prinz bei dem ſehr böſe ausſehen=
den
Sturz unverletzt. Der Kronprinz wohnte der Kon=
kurrenz
von Anfang bis Ende mit großem Intereſſe bei.
Vor der Strafkammer begann der Prozeß gegen
den Rechtsanwalt von Brehmer. Die Anklage lau=
tete
auf Untreue, Betrug und Unterſchlagung. Aus der
heutigen Vernehmung des Angeklagten geht hervor, daß
Brehmer in völlig zerrütteten Vermögensverhältniſſen
gelebt hat. Die Urſache des Zuſammenbruches ſoll in
dem flotten Leben Brehmers zu ſuchen ſein, der große
Summen verbrauchte.
Wiesbaden, 25. März. (Kaiſerbeſuch.) Wie die
Intendanz der Königlichen Schauſpiele mitteilt, iſt der
Aufenthalt des Kaiſers in Wiesbaden de=
finitiv
auf die Zeit vom 13. bis 18. Mai feſtgeſetzt wor=
den
, während welcher Zeit die alljährlichen Maifeſtſpiele
im hieſigen Hoftheater ſtattfinden werden.
Düſſeldorf, 25. März. (Das Wiederaufnahme=
verfahren
gegen die Witwe Hamm.) Der
Straſſenat des Oberlandesgerichts entſchied
geſtern über die Beſchwerde der Staatsanwaltſchaft gegen
die Anordnung der Wiederaufnahme des Verfahrens gegen
die Witwe Hamm aus Flandersbach und ihrer Haft=
entlaſſung
. Die Beſchwerde der Staatsanwallſchaft wurde
entſprechend dem Antrage der Verteidigung der Frau
Hamm verworfen. Die Flandersbacher Mordaffäre wird
demnächſt nochmals vor dem Elberfelder Schwurgericht
verhandelt werden.
Düſſeldorf, 25. März. (Erſtochen.) Zwiſchen dem
65jährigen Inſaſſen des Städtiſchen Pflegehauſes, Schmök,
und dem 70jährigen Invaliden Lange, gleichfalls in dem
Pflegehaus, kam es zum Streit, bei dem Lange 14 tiefe
Meſſerſtiche erhielt, die ſeinen Tod zur Folge hatten.
Witten (Ruhr), 25. März. (Verſchwundener
Theaterdirektor.) Der Direktor des Stadttheaters,

Krauſe, wird ſeit einigen Tagen vermißt. Die Angeſtell=
ten
ſind in großer Not.
Poſen, 25. März. (Juwelendiebſtahl.) In
der vergangenen Nacht iſt hier ein großer Juwelen=
diebſtahl
verübt worden. Die Diebe drangen durch
den Lagerraum eines Putzgeſchäftes in das Juwelen=
und Goldwarengeſchäft Bialas ein und räumten das Ge=
ſchäft
faſt völlig aus. Es fehlen für 40000 Mark Bril=
lanten
, Uhren, Goldwaren uſw. Die Spur der Diebe
weiſt nach Rußland.
Helgoland, 25. März. (Das Hochſeetorpedo=
boot
193) wurde während der geſtrigen nächtlichen Uebung
von dem Torpedoboot 108 gerammt und über der
Waſſerlinie aufgeriſſen. Es hat auf Steuerbord drei
Löcher erhalten, eins am Achterſteven auf Backbord. Das
Torpedoboot 193 geht morgen nach Kiel ins Dock.
Paris, 25. März. (Miſtral .) Der provencaliſche
Dichter Frederic Miſtral iſt in Maillanne geſtorben.
Paris, 25. März. (Schiffsunfall.) Bei Rouen
iſt der norwegiſche Dampfer Frederik mit dem Fracht=
dampfer
Creuſot zuſammengeſtoßen. Der letz=
tere
ſank und zwei Matroſen ertranken.
Lüttich, 25. März. (Die umfangreichen Eiſen=
bahndiebſtähle
in Belgien), führten zu einer
mehrwöchigen Verhandlung vor der Strafkammer. Es
waren 28 Perſonen angeklagt, meiſſt Eiſenbahnbeämten.
Von den Angeklagten wurden laut Berliner Lokal=
anzeiger
nur einer freigeſprochen, 27 wurden zu Gefäng=
nisſtrafen
von mehreren Wochen bis zu vier Jahren ver=
urteilt
. Der Geſamtwert der geſtohlenen Gegenſtände be=
läuft
ſich auf etwa 100000 Mark.
Madrid, 25. März. (Der Kampf um die Ge=
liebte
.) Ein tragiſches Duell fand hier zwiſchen zwei
jungen Leuten der beſten Geſellſchaft, einem gewiſſen An=
tonio
Nereretto und Rodrigo Maretotelli, ſtatt, die beide
dasſelbe Mädchen liebten. Ein Duell mit tödlichen Waf=
fen
ſollte um den Beſitz des Mädchens entſcheiden. Das
Duell, das in einem verſchloſſenen Zimmer ſtattfand,
wurde mit Brownings ausgetragen. Als die Schüſſe ihr
Ziel verfehlten, wurde der Zweikampf mit Meſſern fort=
geſetzt
. Nachbarn, die ſpäter die Türe aufſprengten, fan=
den
die beiden in ihrem Blute liegend vor. Sie wurden
dem Krankenhaus zugeführt, wo ſie bald darauf ihren
Verletzungen erlagen.
Petersburg, 25. März. (Orkanverheerungen.)
Ueber Südweſtrußland iſt geſtern ein furchtbarer Or=
kan
hinweggegangen. Er entwurzelte Bäume und richtete
in den Dörfern große Verwüſtungen an. Auf dem Dniepr
bei Kiew ſind zahlreiche Barken geſunken; ſieben Per=
ſonen
ſind ertrunken. Auf dem platten Lande
ſind gleichfalls viele Menſchen umgekommen.
Neu=York. 25. März. (Der Streik in der Fa=
brikſtadt
Depew) bei Buffalo iſt ſehr ernſter Art.
Die Arbeiter ſind mit Gewehren bewaffnet. Ein Regi=
ment
Miliz=Infanterie hält die Werkſtätten beſetzt. Es
fanden viele Zuſammenſtöße mit dem Militär ſtatt, das
energiſch vorgeht.
Miami (auf Florida), 25. März. (Der Hydro=
plan
des Detektivs.) Ein ſchwarzer Por=
tier
, welcher mit koſtbaren Schmuckſachen auf einen
Dampfer flüchtete, wurde von einem Detektiv mit einem
Hydroplan verfolgt und auf dem Dampfer feſtgenom=
men
. Der Hydroplan wurde nach Miami zurückgebracht
und die Schmuckſachen dem Schwarzen abgenommen; da=
gegen
konnte die Verhaftung nach den Landesgeſetzen nicht
aufrecht erhalten werden.

Gerichtszeitung.

* Frankfurt, 25. März. (Der Entmündigungs=
prozeß
der Gräfin Skorzewski) hat vor dem
Oberlandesgericht ſeinen Abſchluß gefunden. Die Gräfin,
die ſeit einiger Zeit mit dem öſterreichiſchen Reichsgrafen
von Zedtwitz verheiratet iſt, führt ſeit ſieben Jahren
einen Kampf gegen die Entmündigung, die ſeinerzeit vom
Amtsgericht zu Weilburg gegen ſie ausgeſprochen wurde.
Geſtern hat nun das Oberlandesgericht ihrem Wunſche
entſprochen und die Entmündigung aufgehoben.
Die geſamten Koſten, die ſehr beträchtlich ſind, fallen der
Staatskaſſe zur Laſt. Die Aufhebung der Entmündigung
erfolgte namentlich infolge eines eingehenden ſchriftlichen
Gutachtens des Frankfurter Gerichtsarztes Medizinalrats
Dr. Roth, der zu der Erkenntnis kam, daß die Gräfin bei
Verhängung der Entmündigung wohl hyſteriſch, aber nicht
geiſteskrank geweſen ſei. Das Gericht iſt gar nicht auf die
Frage, ob die Klägerin, von der ihre Gegner behaupten,
daß ſie die Tochter eines Nachtwächters und ein unter=
geſchobenes
Kind ſei ob ſie weiter im Oktober 1883 den
ſehr reichen Grafen Léon Skorzewski geheiratet und ihm
im Juli 1891 einen Sohn geboren habe, eingegangen.
Das Gericht hat ſich vielmehr nur mit der Entmündigungs=
ſache
beſchäftigt und in ſeiner Urteilsbegründung ausge=

ſprochen, daß die Affäre mit jenen Dingen nichts zu
tun hat.
* Kolmar, 25. März. Der bekannte nationaliſtiſche
Zeichner Jean Jacques Waltz, genannt Hanſi, wurde
heute nach dreiſtündiger Verhandlung vom Landgericht
Kolmar wegen Beleidigung von Offizieren der hieſigen
Garniſon zu drei Monaten Gefängnis verurteilt,
ſowie zur Tragung der geſamten Koſten des Verfahrens.
Waltz hatte ſich am 15. Januar in einem hieſigen Lokal
den Scherz erlaubt, mit einem Stück Zucker einen Stuhl
zu desinfizieren, auf dem vorher ein Leutnant der hieſigen
Garniſon geſeſſen hatte. Der Staatsanwalt hatte ſechs
Monate Gefängnis beantragt. Die Strafe wurde mit dem
Hinweis darauf gemildert, daß der Vorfall ſich zu einer
Zeit ereignet habe, zu der unter der Bevölkerung infolge
der Ereigniſſe in Zabern noch eine allgemeine Erregung
herrſchte. Weiter kam ſtrafmildernd in Betracht, daß das
Delikt in der Form eines ſchlechten Witzes geſchah. Da
der Angeklagte ſchon zweimal wegen Beleidigung vorbe=
ſtraft
iſt, war von einer Geldſtrafe abzuſehen.

Elſaß=Lothringiſcher Landtag.

* Straßburg, 25. März. In der heutigen Sitzung
der Erſten Kammer begründete Oberlandesgerichts=
präſident
Dr. Molitor folgende Reſolution: Die
Kammer bleibt nach wie vor bei ihrer in den beiden letz=
ten
Jahren ausgeſprochenen Auffaſſung, daß die Herab=
minderung
der Repräſentationskoſten des
Kaiſerlichen Statthalters nicht begründet iſt
und der verfaſſungsmäßigen Stellung des Kaiſerlichen
Statthalters nicht entſpricht. Dr. Molitor bedauerte, daß
die Bedeutung der Statthalterſchaft im Hauſe angezwei=
felt
worden ſei. Dieſe im Anſchluß an Zabern jetzt herab=
mindern
zu wollen, wäre Trutzpolitik, eine Rückwärts=
revidierung
der Verfaſſung. Es handle ſich her nicht um
die Ablehnung des Etats, wie ihn die Zweite Kammer
beſchloſſen habe, ſondern um die Frage: Hält die Erſte
Kammer die in der Verfaſſung begründete, mit hohen
Befugniſſen ausgeſtattete Stellung des Statthalters für ſo
überflüſſig oder wertlos, daß es gerechtfertigt erſcheint,
die bisher 200000 Mark betragenden Repraſentations=
koſten
auf die Hälfte zu kürzen? Bürgermeiſter Blu=
menthal
führt aus: Ueber die Frage des ſtandesange=
meſſenen
Haushalts könne man verſchiedener Meinung
ſein. Die Ausſtattung der Statthalterſchaft, die ein Zwi=
ſchenglied
in der Verfaſſung darſtelle, mit 100000 Mark ge=
nüge
den höchſten Anſprüchen. Die Elſaß=Lothringer, de=
mokratiſch
veranlagt, nähmen ſich die Schweiz zum Vor=
bild
. Der Herr Statthalter möge ſeine freie Willensbe=
ſtimmung
ſo ausüben, wie er wünſche, wenn ſie aber nicht
übereinſtimmt mit der freien Willensbeſtimmung des
Reichskanzlers, was dann? Die Ereigniſſe der letzten
Monate hätten den Beweis erbracht, daß der Reichskanz=
ler
der Direktor der elſaß=lothringiſchen Politik iſt. Die
Statthalterſchaft und die neue Verfaſſung hätten nichts
an dem preußiſchen Einſluß geändert. In Wirklichkeit
beſtehe die Verfaſſung nicht. Nach wie vor beſtehe die Ab=
hängigkeit
von Berlin. Der Reichskanzler habe den
SSchein beſeitigt durch ſeine Ausführungen über die In=
ſſtruierung
der Bundesratsſtimmen. Die Regierung ſei
bisher nicht in der Lage geweſen, uns zu ſagen, was der
Statthalter getan habe, um den Reichskanzler in die ge=
ſſetzlichen
Schranken zurückzuweiſen. So lange das nicht
der Fall ſei, werde kein Menſch im Lande glauben, daß
man es mit einer dem Geiſte der Verfaſſung entſprechen=
den
Politik in dieſem Lande zu tun habe. Der Statthal=
ter
mußte fallen, weil er durch die Haltung des Reichs=
kanzler
, die ſeiner Politik anfänglich günſtig war, plötzlicht
auf das Trockene geſetzt worden iſt. Damit habe die In=
ſtitution
der Statthalterſchaft einen Stoß erlitten, von
dem ſie ſich nicht erholen könne. Die landesherrlichen Be=
ſugniſſe
ſeien ſo minderbedeutender Art, daß ſie auch un=
tergeordneten
Stellen übertragen werden könnten. In
allen wichtigen Sachen entſcheide der Kaiſer und die Re=
präſentation
des Kaiſers. Neben dieſer Repräſentation
werde der Statthalter ſtets in den Schatten geſtellt wer=
den
. Staatsrechtslehrer Laband kann den Schluß=
folgerungen
des Vorredners nicht folgen und wünſcht,
daß dem Statthalter, wie es auch beim Reichskanzler der
Fall iſt, ein im Etat begründetes Gehalt ausgeworfen
wird. Bürgermeiſter Dr. Schwander erklärt: Hier
handelt es ſich nicht um eine ffinanzielle, ſondern um eine
eminent wichtige politiſche Frage. Was ich bezüglich der
Statthalterſchaft ausführte, hat mit einer Trutzpolitik
nichts zu tun. In der Frage der Fort= oder Rückent=
wickelung
unſerer Verſaſſung gehen die Meinungen weit
auseinander. Ich ſtimme gegen die Reſolution. Konſi=
ſtorialpräſident
Curtius ſpricht ſich für die Reſolution
aus. Es ſei aufs tiefſte zu bedauern, daß der Abgang
des Grafen von Wedel ſich als eine Folge von traurigen
Umſtänden vollziehe, wie wir ſie in letzter Zeit erlebt ha=
ben
. Die Frage der Autonomie müſſe mehr denn je auf
der Tagesordnung ſtehen. Man könnte den Gegnern
derſelben keinen größeren Geſallen erweiſen, als wenn
man die Reſolution ablehnt. Das Mitglied Weiß=
mann
erklärt ſich gleichfalls für die Reſolution, ebenſo
ſchließt ſich Univerſitätsprofeſſor Wiegand den Dar=
legungen
Molitors an. Wir müſſen an der Erhöhung des
Anſehens des Statthalters arbeiten, von hier aus kann
man weitergehen in der Richtung der Autonomie. Bür=
germeiſter
Dr. Schwander ſtellt an den Vorredner kurz die
Frage: Wer hat das Anſehen des Statthalters herabge=
ſetzt
? Auf eine Bemerkung Blumenthals, erklärte Pro=
feſſor
Wiegand, daß er die geſchichtlichen Zuſammenhänge
Elſaß=Lothringens mit Frankreich zu ſchätzen und zu wür=
digen
wiſſe. Die anfangs erwähnte Reſolution
wurde ſodann in namentlicher Abſtimmung mit 17 ge=
gen
10 Stimmen angenommen. 5 Mitglieder
enthielten ſich der Abſtimmung, darunter die drei Biſchöfe.
* Straßburg, 25. März. In der Erſten Kammer
ſprach ſich beim Univerſitätsetat Profeſſor Wie=
gand
gegen die gebundenen Profeſſuren in der philoſo=
phiſchen
Fakultät aus. In einer Reſolution äußerte die
Kammer ihr Bedauern über die Streichung des Zuſchuſſes
zur Jugendpflege. Zum Etat der Waſſerbauverwaltung
lagen Reſolutionen vor, betreffend Errichtung einer
Hafenanlage in Metz und betrefſend die Saar=
und Moſelkanaliſation, ohne Garantieleiſtung
ſeitens der Induſtriellen. Die Mitglieder Miethe, Dr.
Grégoire und Weißmann betonten vom wirtſchaftlichen
und nationalpolitiſchen Geſichtspunkt die Dringlichkeit die=
ſer
Forderungen, wobei ſie die ablehnende Haltung des
preußiſchen Eiſenbahnminiſters gegenüber dem Kanaliſie=
rungsprojekt
als verkehrsfeindlich und volkswirtſchaftlich
ungerechtfertigt bekämpften. Staatsſekretär Graf Rödern
erklärte, daß die Arbeiten der früheren Regierung fort=
geſetzt
würden. Die geplante Tarifermäßigung käme
weiten Bevölkerungskreiſen zugute. Sie betrage bei Koks
60 Prozent, bei Erzen 80 Prozent, das iſt mehr, als die
Kanaliſation bringen würde. Es komme aber hier nicht
nur die Induſtrie, ſondern auch das Kleingewerbe und die
Landwirtſchaft in Frage. Wir ſind darum bemüht, auf
die Kanaliſierung der Moſel hinzuwirken. Die Verhand=

vielerörterten Epiſode beſchäftigten ſich bereits ſehr gründ=
lich
und eingehend die geſchichtlichen Studien, die der
Großfürſt Nikolaus unternommen hat und vor einigen
Jahren veröffentlichte. Nun hat der Großfürſt, der als
ernſthafter und exakter Geſchichtsforſcher in ruſſiſchen Ge=
lehrtenkreiſen
großes Anſehen genießt, ein Dokument ent=
deckt
, das er in der Zeitſchrift Iſtoritchesky Veſtorik publi=
ziert
und das er nach genauer Nachprüfung der Einzel=
heiten
für einen Beweis für die Unhaltbarkeit der roman=
tiſchen
Legende bezeichnet. Es iſt ein Brief, den die Ge=
mahlin
Nikolaus’ I., die Zarin Eliſabeth Aleſiewna, zwei
Tage nach dem Tode ihres Gemahls an die Kaiſerin
Maria Feodorowna richtete. In dieſem Briefe berichtet
die Zarin Eliſabeth über den Tod ihres Mannes ſo aus=
führlich
, und in ſolchen Ausdrücken, daß kein Zweifel an
der Wirklichkeit der Geſchehniſſe übrig bleibt. Nikolaus I.
iſt eines normalen Todes geſtorben, und damit fällt das
Märchen von dem mächtigen Ruſſenkaiſer, der als uner=
kannter
Flüchtling im fernſten Sibirien als Aermſter unter
Armen lebte und mit den Verbannten und den Sträflingen
alle Leiden teilte. Im ruſſiſchen Volke freilich, das die
düſteren und phantaſtiſchen Märchen über alles liebt, und
Nikolaus I. als einen göttlichen Helden der Liebe und der
Armut rühmt, wird trotzdem die Geſchichte von dem Väter=
chen
Zar fortleben, der den Thron, die Krone, die Macht
und den Reichtum verſchmähte, um in der Wüſte ſeinen
Gott zu ſuchen.
Geſund wie ein Fiſch‟ Die volkstümliche Rede=
wendung
, die da ſagt geſund wie ein Fiſch im Waſſer
muß es ſich mit den Fortſchritten der Forſchung gefallen
laſſen, als unſinnig entlarvt zu werden. Die Fiſche er=
freuen
ſich im Waſſer keineswegs einer unantaſt=
baren
Geſundheit; je mehr man Einblicke in das
Leben der Fiſche gewinnt, um ſo deutlicher er=
kennt
man, daß die Bewohner des Waſſers Lei=
den
und Krankheiten in weitgehendem Maße ausgeſetzt
ſind. Ja vor allem ſind es regelrechte Epidemien, die
Geſundheit und Leben vieler Fiſche ſtändig bedrohen und
denen alljährlich ungezählte Myriaden von Waſſerbewoh=

nern zum Opfer fallen In einem Aufſatz der Riviſta Nau=
tica
wird an Beiſpielen gezeigt, daß in Seen, Flüſſen und
Sümpfen derartige Krankheitsepidemien ſich unter den
Fiſchen mit einer geradezu unheimlichen Schnelligkeit ver=
breiten
und oft zur völligen Ausrottung der betroffenen
Fiſchart in beſtimmten Gewäſſern führen. Die ſogen.
Furunkuloſe wütet vor allem unter den Forellen und den
Lachſen; die Oberfläche des Körpers der Fiſche bedeckt ſich
mit Puſteln, die ſchnell zerfallen, ſich öffnen und nun die
Krankheitskeime in das Waſſer abgeben. Die Karpfen
leiden vor allem an Pocken oder Epitelioma papuloſo
die Nadelhechte des Luganer Sees werden periodiſch von
einer ſeltſamen Krankheit befallen, einer Pſeudo=Diphtherie,
die auf einen Krankheitserreger zurückgeht, der ſich in den
Schleimhäuten der Atmungswege einniſtet und abnorme
Schwellungen der Schleimhäute hervorruft. Im Verlauf
weniger Tage ſtirbt dann der Nadelhecht an Erſtickung,
und man ſieht dann die toten Fiſche mit krampfhaft auf=
geriſſenen
Mäulern an der Oberfläche des Waſſers trei=
ben
. Man könnte die Liſte der Fiſchkrankheiten ins End=
loſe
fortſetzen. Muskelerkrankungen, Nervenerkrankungen,
Vergiftungen, ja ſelbſt fieberhafte Erkrankungen ſind auf
Grund exakter Beobachtungen bei Fiſchen feſtgeſtellt wor=
den
. So zeigt es ſich denn, daß die Fiſche Leiden und
Krankheiten nicht anders wie die höher entwickelten warm=
blütigen
Tiere ausgeſetzt ſind und daß die Redewendung
Geſund wie ein Fiſch im Waſſer bei einer genaueren
Betrachtung der Natur und der Wirklichkeit faſt wie bit=
tere
Ironie anmutet.
* Wertvolle Münzenfunde aus dem 14. Jahrhundert.
Im luxemburgiſchen Dorfe Arsdorf fand ein Arbeiter beim
Feldumgraben in einem Maulwurfshügel einige Gold=
ſtücke
alter Prägung. Er grub weiter und ſtieß auf einen
zerbrochenen irdenen Topf, in dem ſich ungefähr 1200
Gold= und Silbermünzen befanden. Die meiſten Münzen
ſtammen aus der Zeit Philipps von Burgund. Unter den
Goldſtücken ſind einige von ſehr großem Wert, ſo daß
nach dem Urteil der Sachverſtändigen der Arbeiter plötzlich
ein reicher Mann geworden iſt.

[ ][  ][ ]

Nammer 3.

Darmſtaoter Tagblatt, Donnerstag, den 26. Marz 1914.

Seite 5.

lungen wegen des Metzer Hafens dürften in Bälde zu
einem befriedigenden Abſchluß gelangen. Eiſenbahnprä=
ſident
Fritſch findet aus verſchiedenen Gründen, daß die
Haltung der preußiſchen Eiſenbahnverwaltung nicht ſo
tadelnswert ſei, wie es dargeſtellt wurde. Der Einnahme=
ausfall
der preußiſchen Bahnen würde tatſächlich ganz be=
deutend
ins Gewicht fallen. Die Reſolutionen wurden
hierauf angenommen. Bürgermeiſter Dr. Schwander
verwies auf die Bedeutung der Oberrheinregulierung bis
Konſtanz in Verbindung mit der Gewinnung elektriſcher
Kraft und fordert das Zuſammenwirken von Baden und
Elſaß=Lothringen in dieſer Frage. Weder unſer Land,
noch die Stadt Straßburg hatten Anlaß, ein ſolch nütz=
liches
Werk zu hintertreiben. Der Etat und das
Etatsgeſetz wurden darauf einſtimmig ange=
nommen
. Morgen nachmittag findet die dritte Leſung
ſtatt.

Die Monarchenbegegnung in Venedig.

* Venedig, 25. März. Der König iſt um 8 Uhr
35 Minuten hier eingetroffen und hat ſich nach dem Königs=
palaſt
begeben. Es herrſcht Regenwetter.
* Venedig, 25. März. König Viktor Ema=
nuel
beſuchte heute um 10 Uhr vormittags den Kaiſer
auf der Hohenzollern und wurde unter Salut, einem
dreifachen Hurca der Mannſchaften und Präſentieren der
Ehrenwache vom Kaiſer am Fallreep empfangen. Die Be=
grüßung
war überaus herzlich. Die Monarchen küßten ſich
einander wiederholt und ſchritten die Front der Ehren=
wache
unter den Klängen der italieniſchen Marcia Reale‟
ab. Die Monarchen unterhielten ſich darauf längere Zeit
allein in der ſogenannten Laube auf dem Achterdeck.
* Venedig, 25. März. Die Unterredung der
Majeſtäten dauerte weit über eine Stunde. Nach 11.15 Uhr
verließ der König die Hohenzollein und kehrte ins
Palais zurück. Es regnet in Strömen.
* Venedig, 25. März. König Viktor Ema=
nuel
wurde bei ſeiner Ankunft trotz des herrſchenden
Regenwetters von einer zahlreichen Menſchenmenge er=
wartet
. Am Bahnhof hatten ſich der deutſche Bolſchafter
v. Flotow, die Spitzen der Zivil= und Militärbehörden,
viele Abgeordnete, Senatoren, Offiziere aus dem Gefolge
des deutſchen Kaiſers, ſowie andere hervorragende Per=
ſönlichkeiten
eingefunden. Der König trug, als er, gefolgt
von dem Marquis di San Giuliano, dem Hofzuge entſtieg.
kleine Generalsuniform. Er wurde von den Anweſenden
herzlich begrüßt und beim Verlaſſen des Bahnhofs von
dem Publikum unter lebhaften Kundgebungen empfangen.
Der König begab ſich mit di San Giuliano, dem Vize=
admiral
Carelli und dem Generaladjutanten Bruſati und
dem übrigen Gefolge nach dem Palazzo Reale, wo er um
9 Uhr eintraf, von den Mannſchaften der deutſchen Kriegs=
ſchiffe
und denen der italieniſchen Torpedobooote mit drei
Hurras begrüßt. Vom Balkon des Palaſtes aus dankte
der König für die ihm dargebrachten Kundgebungen. Um
10 Uhr begab ſich der König an Bord der Hohenzollern,
auf der die Flagge Savoyens gehißt war.
* Venedig, 25. März. Kaiſer Wilhelm, der,
einem Wunſche des Königs von Italien folgend, von einer
beſonderen Erwiderung des Beſuches bei dem ſchlechten
Wetter Abſtand nahm, begab ſich mit Gefolge gegen 1 Uhr
von der Hohenzollern nach dem Königspalaſt, um dort
an der Frühſtückstafel teilzunehmen. Das Publikum
brachte dem Kaiſer lebhafte Kundgebungen dar.
* Venedig, 25. März. Bei dem Frühſtück im
Palazzo Reale ſaßen der Kaiſer und der König
nebeneinander in der Mitte der Tafel, rechts vom
Kaiſer di San Giuliano links vom König der Botſchafter
v. Flotow. Nach Beendigung der Tafel erſchienen die
Majeſtäten auf dem Balkon nach dem Markusplatz zu,
wo eine große Menſchenmenge die Monarchen mit begei=
ſterten
Hufrarufen und Hüteſchwenken begrüßte. Um
2½ Uhr begaben ſich der Kaiſer und der König auf das
Kriegsſchiff Goeben um es zu beſichtigen. Der Kaiſer
führte dem König den Panzerkreuzer Goeben im Ge=
fechtszuſtand
vor. Der König beſichtigte die einzelnen Ge=
fechtsſtationen
mit großem und verſtändnisvollem In=
tereſſe
und lobte die ausgeführten Uebungen. Auf dem
Flaggſchiffe der deutſchen Mittelmeerdiviſion war während
dss Aufenthaltes der Majeſtäten am Großmaſte die beiden
Standarten Seite an Seite gehißt, am Vormaſte die Groß=
admiralsflagge
des Kaiſers. In der Admiralskajüte war
der Tee gerichtet. Als die Majeſtäten das Schiff verließen
feuerten die Kriegsſchiffe Salut. Die Monarchen kehrten
im Schnellbooote des Königs nach Venedig zurück, wäh=
rend
das Wetter ſich aufklärte. In der Stadt beſichtigten
beide Herrſcher die Renovierungen im Dogen=
palaſt
, ſowie die Spitzenſchule von Jeſurum. Bei ihrem
Beſuche im Dogenpalaſt wurden beide Monarchen,
als ſie auf der Loggia erſchienen, von der Menge auf das
lebhafteſte begrüßt. Die Monarchen bewunderten u. a.
die reſtaurierte Loggia Foscarina. Bei der heutigen
Abendtafel an Bord der Hohenzollern ſaß
Kaiſer Wilhelm gegenüber dem König. Der Kaiſer hatte
zu ſeiner Rechten zunächſt den Miniſter di San Giuliano,
Generaloberſt v. Keſſel, Vizeadmiral Garelli und den Ge=
ſandten
von Treutler. Zur Linken ſaßen Generalleutnant
Bruſatti, General Freiherr von Lyncker, der Präfekt
Conte di Povaſenva und Generalleunant von Chelius.
Neben dem König ſaßen der Botſchafter von Flotow,
Hausminiſter Mattioli=Pasqualini, Admiral von Müller,
Generaloberſt von Pleſſen, der Präfekt des Palaſtes Mar=
quis
Baria dOlmo, Wirkl. Geh. Rat von Valentini, der
Kabinettschef Garbaſſi u. a.

Das Bootsunglück auf der Spree.

* Köpenick, 24. März. Die Namen der Toten ſind
bis jetzt größtenteils noch nicht bekannt. Geborgen ſind
nur die Leichen einer Frau Steinhagen und eines Fräu=
leins
Gueldenpfennig. Die Leichen wurden in die Lei=
chenhalle
des Friedhofes gebracht. Drei Köpenicker Aerzte
und die Köpenicker Sanitätskolonne waren ſofort an der
Unfallſtelle. Der Bootsmann und der Schiffer wurden
verhaftet. Zwei Geſchwiſter Schwandtke werden als ver=
mißt
gemeldet und man vermutet, daß auch ſie zu den
Opfern des Unfalles gehören. Die Unfallſtelle iſt abge=
ſperrt
. Auch die Beſatzung des Fährbootes iſt bei dem
Unfall umgekommen.
* Köpenick, 24. März. Beſonders tragiſch iſt das
Geſchick des ertrunkenen Fräuleins Gueldenpfennig
aus Friedrichshagen, die, wie bereits gemeldet, ſich unter
den Fahrgäſten des Fährbootes befand. Das junge
Mädchen hatte heute gerade Geburtstag und wurde am
Ufer von ihren Angehörigen mit Blumenſträußen er=
wartet
. Bei dem Untergang des Kahnes fielen einige
der ſie erwartenden Frauen in Schreikrämpfe, von denen
ſie ſich erſt nach einiger Zeit erholten. Im Köpenicker
Stadttheater wurde die Vorſtellung abgeſagt.
* Berlin, 25. März. Zum Bootsunglück
meldet das Köpenicker Dampfboot folgende Einzelheiten:
In dem Fährboot befanden ſich nach den neueſten Feſt=

ſtellungen nur 19 Perſonen. Von dieſen konnten 11
gerettet werden, ſo daß nicht 15, ſondern nur 8 Opfer
zu beklagen ſind. Vier von den Geretteten liegen unter
den Nachwirkungen der Kataſtrophe ſchwer krank da=
nieder
.
* Köpenick, 25. März. Von den 8 Opfern der
Bootskataſtrophe wurden bisher 4 weibliche Leichen ge=
borgen
, die anderen 4 ſind noch nicht gefunden worden.
Die Stadt ſteht ganz unter dem Eindruck des furchtbaren
Unglücks. An dem Spreeufer, gegenüber der Spindler=
ſchen
Fabrik, die halbmaſt geflaggt hat, ſtehen trotz des
Regens Hunderte von Menſchen und beobachten das Ab=
ſuchen
des Waſſers nach Leichen. Das Boot, in dem ſich
die Spindlerſchen Angeſtellten befanden, iſt vollſtändig
zertrümmert. Die Beſtandteile ſind aufgefiſcht und ge=
borgen
worden. Es ſoll jetzt der Tatbeſtand des Unglücks
rekonſtruiert werden, möglichſt genau entſprechend der
geſtrigen Sachlage. Der Schiffseigner Richter, der geſtern
ebenfalls verhaftet worden war, iſt wieder freigelaſſen
worden.

Die Verhaftung des Abgeordneten
Abreſch.

* München, 25. März. In der Angelegenheit des
in Mannheim verhafteten bayeriſchen Landtagsabgeorb=
neten
Abreſch gab in der heutigen Kammerſitzung der
Präſident v Orterer vor Eintritt in die Tagesord=
nung
eine Erklärung ab. Er ſprach ſein Befremden dar=
über
aus, daß dem Präſidium der Kammer über dieſe
Angelegenheit nichts mitgeteilt worden ſei. Er habe des=
halb
eine Depeſche mit bezahlter Rückantwort nach Mann=
heim
geſchickt. Darauf ſei eine Depeſche folgenden In=
halts
gekommen: Abreſch hier wegen Betrugs verhaftet.
Polizeidirektion‟ Der Präſident meinte, daß dem Hauſe
jede Möglichkeit abgeſchnitten ſei, in der Sache etwas
weiteres zu tun. Es ſei auch nicht einmal bekannt, ob
Abreſch auf friſcher Tat ergriffen worden ſei und ob im
übrigen bei der badiſchen Juſtizverwaltung die Anſchau=
ung
beſteht, daß die durch § 26, Titel 7 der Verfaſſung
den Abgeordneten garantierte Immunität außerhalb des
bayeriſchen Bundesgebietes Geltung nicht habe, wie das
die Auffaſſung der überwiegenden Mehrzahl der Juriſten
ſei. Der Präſident fuhr fort: So bleibt uns nichts übrig,
als die Angelegenheit zur Kenntnis zu nehmen; wenn
wir irgendwie eine Möglichkeit geſehen hätten, in dieſer
Angelegenheit Schritte zu tun, ſo hätten wir das im In=
tereſſe
des Anſehens des Hauſes gerne getan. Wenn ich
meinem Befremden darüber Ausdruck gab, daß uns kei=
nerlei
Mitteilung zuging, ſo möge darin keine Unfreund=
lichkeit
erblickt werden. Ich bin aber der Meinung, daß
eine Mitteilung von jener Seite hätte erwartet werden
können.
* München, 25. März. Der Rechtsanwalt des Ab=
geordneten
Abreſch hat eine halbe Million Kau=
tion
für deſſen Haftentlaſſung angeboten, doch hat das
Landgericht Mannheim das Anerbieten abgelehnt. Durch
Abreſch ſollen auch mehrere Mitglieder der Münchener
Geſellſchaft um große Summen gekommen ſein.
* Mannheim, 25. März. Wie die Neue Badiſche
Landeszeitung erfährt, wird heute über die Beſchwerde
gegen die Inhaftnahme Abreſch entſchieden
werden. In der Beſchwerde wird in erſter Linie auf das
Gutachten des Profeſſors Dr. Stengel verwieſen, in zwei=
ter
Linie wird der Umſtand angeführt, daß der bayeriſche
Abgeordnete aus der Pfalz, wenn er nach München zu
den Kammerverhandlungen fahren will, doch unbediegt
badiſches, heſſiſches oder preußiſches Gebiet durchfahren
müſſe. Außerdem wird Abreſch Klage bei der Anwalts=
kammer
gegen v Harder erheben wegen deſſen Behaup=
tung
, daß eine Anzahl von Verträgen, die er handſchrift=
llich
angefertigt habe, als Scheinverträge anzuſehen ſeien,
und gegen alle Zeitungen, die beleidigende Artikel gegen
Abreſch gebracht haben, Strafantrag ſtellen.

Der Rochetteausſchuß in Frankreich.

* Paris, 24. März. In der Nachmittagsſitzung
ſagte der richterliche Beamte Regnault aus daß mit
dem Augenblick, wo Rochette die Grenze überſchritt, die
ganze Angelegenheit erledigt geweſen ſei. Auf Befragen
erklärte er, daß der vom Oberſtgatsanwalt Fabre erlangte
Aufſchub im Juſtizpalaſt große Ueberraſchung erregt habe.
Niemand zweifelte, daß die Zeitung Rappel für Rochette
war, der als ſtiller Geſellſchafter des Blattes galt. Der
Direktor des Rappel Dumesnil erhob Einſpruch gegen
die Ausſage Barthous und beſtritt vor allem den Feldzug
von Beleidigungen, den der Rappel gegen Barthou geführt
haben ſolle. Er habe ſich ſogar von einem Mitarbeiter des
Rappel, dem Abgeordneten Ceccaldi losgeſagt, als ihm
dieſer einen Artikel brachte, der die Umgebung Barthous
trefffen konnte. Vacher der Liquidator des Crédit
Minier, gab ausführliche Erklärungen über den Stand der
Geſchäfte in der Rochetteangelegenheit. Er erklärte daß
ſich beſonders die Führung der Bücher des Crédit Minier
in einer unbeſchreiblichen Unordnung befanden. Er, habe
keine Spur der den Zeitungen bezahlten Subventionen
finden können. Der Staatsanwaltsgehilfe Scherdling
gab einige Erklärungen über die finanziellen Operationen
Rochettes ab. Er ſagte, der Oberſtaatsanwalt habe ihm
ein Schriftſtück mit einem Datum vorgeleſen, das dem Da=
tum
des Aufſchubes nicht weit entfernt war. Er habe da=
mals
die aufrichtige Erregung Fabres bemerkt. Die Sitz=
ung
wurde dann aufgehoben.
* Paris, 25. März. Die Rochette= Kommiſ=
ſion
vernahm heute vormittag Monis, Caillaux
und Fabre, die vereidigt wurden, ſowie Maurice
Bernard, welcher ſchwur, er werde vorbehaltlich des
Berufsgeheimniſſes die ganze Wahrheit ſagen.
Jaurés betonte die Wichtigkeit der Daten, an denen die
Unterredungen zwiſchen Bernard und Caillaux, ſowie
zwiſchen Monis und Fabre ſtattgefunden hätten. Caillaux
gab die ausdrückliche Erklärung ab, daß Bernard zum
erſten Male am 24. März mit ihm von der Rochetteange=
legenheit
geſprochen hätte. Bernard verſicherte, er hätte
eine einzige Unterredung mit Caillaur über den Fall Ro=
chette
gehabt; er beſtritt nicht, daß dieſe Unterredung
am 24. März ſtattgefunden habe. Monis ſagte aus, er
habe Fabre am Nachmittag des Tages zu ſich gerufen, an
dem Caillaux mit ihm die Angelegenheit beſprach. Er
könne aber das Datum nicht genau angeben. Bernard
erklärte, wenn es am 24. März geweſen ſei, als er bei
Caillaux und Fabre geweſen, ſo habe er bereits vor der
Unterredung mit Caillaux gewußt, daß der Aufſchub be=
willigt
würde.

Das Attentat der Frau Caillaux.

* Paris, 24. März. Ueber das heutige Verhör
der Frau Caillaux wird gemeldet, daß ſie eine ein=
gehende
Ausſage über ihre Unterredung mit dem Ge=
richtspräſidenten
Monier gemacht habe. Sie erklärte, ſie
habe hierauf ihren Gatten im Finanzminiſterium beſucht

und ihm die Aeußerung Moniers mitgeteilt, daß es kein
geſetzliches Mittel gebe, der Kampagne des Figaro Ein=
halt
zu tun. Ihr Gatte habe empört ausgerufen: Da
nichts anderes zu tun iſt, ſo werde ich ihm den Schädel
einhauen. In dieſem Augenblick, fuhr Frau Caillaur fort,
konnte ich nicht zweifeln, daß mein Gatte die Abſicht habe,
gegen Calmette einen Akt der ſchwerſten Gewalttätigkeit
zu begehen, und ich empfand immer gebieteriſcher die Not=
wendigkeit
, bei dem Direktor des Figaro einen Schritt
zu verſuchen. Ich fürchtete bereits, daß mein Gatte, der
ein geſchickter Schütze iſt, Calmette töten würde, und in
meiner fieberhaften Aufregung ſah ich meinen Gatten
ſchon auf der Anklagebank. Ich malte mir die furchtbaren
Folgen eines ſo ſchrecklichen Dramas aus, und was meine
Angſt noch ſteigerte, war der Gedanke, daß ich unfreiwillig
die Urſache dieſer Tragödie ſein würde.
* Paris, 25. März. In ihrem geſtrigen Verhör
verſicherte Frau Caillaux nochmals, daß ſie nicht
die Abſicht gehabt habe, Calmette zu töten. Sie
habe ganz tief gezielt, aber Calmette habe ſich gebückt und
ſei ſo von den Kugeln getroffen worden. Einem Blatte
zufolge lautet der Brief, in dem Frau Caillaux ihrem
Gatten ihren Entſchluß angekündigt hat, folgendermaßen:
Du haſt mir geſagt, daß Du Calmette den Schädel ein=
hauen
willſt. Ich will nicht, daß Du Dich opferſt, Frank=
reich
und die Republik bedürfen Deiner. Ich werde es für
Dich tun.
* Paris, 25. März. Der Dramatiker Henry Bern=
ſtein
hat den Unterſuchungsrichter Boucard gebeten, ihn
als Zeugen zu vernehmen, da er in der Lage ſei, die
Ausſage der Frau Eſtradere, wonach Calmette 30000
Francs für die Vermittelung einer Zuſammenkunft mit
der geſchiedenen Frau Caillaux’ angeboten habe, in weni=
gen
Minuten zu entkräften. Der Induſtrielle Bar=
racg
, der vielfach als der geheimnisvolle Unbekannte
des Rochette=Ausſchuſſes bezeichnet worden war, erklärt in
den Blättern, daß er den Advokaten Bernard, den Ver=
teidiger
Rochettes, nicht kenne und niemals geſehen habe.
Die Action Francaiſe deutet an, daß dieſer Unbekannte
der Bankier Lecachaux iſt, der mit Rochette und Bernard
befreundet war. Der Rochette=Ausſchuß ſoll Lecachaux
vorladen.

Die Homerule=Kriſis.

* London, 24. März. General Gough und Oberſt
Me Ewan wurden bei ihrer Rückkehr nach Curragh
begeiſtert empfangen. Truppen begleiteten ſie in ihre
Quartiere und brachten drei Hurras auf ſie aus. General
Gough dankte für den Willkommgruß und gab den Trup=
pen
die Verſicherung, daß ſie nicht nach Ulſter geſandt
werden würden. Darauf brachen die Truppen von neuem
in Hochrufe auf ſie aus.
* London, 25. März. Geſtern abend kam es in
Belfaſt zwiſchen Unioniſten und Nationaliſten zu einem
Zuſammenſtoß. Die Menge warf mit Steinen und
Revolverſchüſſe wurden abgefeuert. Die Polizei ſchritt ein
und trieb die Menge auseinander.
* London, 25. März. Die Times melden aus
Dublin: Die Verhandlungen zwiſchen den Offi=
zieren
und dem Kriegsminiſter verliefen ſtürmiſch. Sir
John French kritiſierte die Handlungsweiſe der Offiziere,
welche die ſchärfſte Strafe verdiene. Erſt das Dazwiſchen=
treten
von Roberts ſchuf eine beſſere Stimmung. Zum
Schluß unterſchrieb Sir French ein Schriftſtück, das die
Offiziere aufgeſetzt hatten, in dem er beſtätigt, daß die
Offiziere keinen Befehl erhalten würden, gegen Ulſter zu
kämpfen oder die Homerule=Bill mit Gewalt durchzuſetzen,
und daß ſie dieſes den anderen Offizieren mitteilen
dürften.
* London, 25. März. Aus den über die letzten
Ereigniſſe beim iriſchen Kommando ver=
öffentlichten
Dokumenten geht hervor: Bevor Gene=
ral
Gough nach Irland zurückkehrte, fragte er namens
der Offiziere am 23. März bei dem Generaladjutanten
ſchriftlich an, ob dieſe, falls die Homerule=Bill Geſetz
würde, aufgerufen werden könnten, dieſe Ulſter aufzu=
zwingen
. In der Antwort, die Gough am 23. März zu=
ging
, wurde er ermächtigt, den Offizieren mitzuteilen, der
Armeerat ſei überzeugt, daß der mit den Entlaſſungs=
geſuchen
zuſammenhängende Zwiſchenfall auf ein Miß=
verſtändnis
zurückzuführen ſei. Die Regie=
rung
müſſe ſich das Recht der Verwendung aller Streit=
kräfte
, ſowohl in Irland wie anderswo, vorbehalten, um
Geſetz und Ordnung aufrecht zu erhalten und die Zivil=
behörden
bei der regelmäßigen Ausübung ihrer Pflicht
zu unterſtützen. Die Regierung beabſichtige nicht, dieſes
Recht dazu zu benutzen, um die politiſche Oppoſition gegen
die Grundſätze der Homerule=Bill zu zerſchmettern. Sir
Arthur Paget teilte am 20. März um Mitternacht dem
Kriegsamte mit, daß der Brigadegeneral und 57 Offi=
ziere
der Kavalleriebrigade es vorzögen, ihren Abſchied
zu nehmen, wenn ſie nach dem Norden kommandiert wür=
den
. Der Kriegsminiſter Seely ermächtigte daraufhin
Paget, unverzüglich alle älteren Offiziere, die ihr Ent=
laſſungsgeſuch
eingereicht hätten, oder auf andere Weiſe
ſeine Autorität in Zweifel zögen, vom Dienſte zu ſuspen=
dieren
. Ferner befahl Seely General Gough und den
übrigen Offizieren, ſich ſofort beim Kriegsamte zu mel=
den
, und gab Anweiſung, ſie ihrer Kommandos zu ent=
heben
. Offiziere zum Erſatz wurden abgeſandt. Die Do=
kumente
enthalten ferner ein Memorandum Seelys über
eine Unterredung, die er am 16. Dezember mit einigen
höheren Offizieren hatte. Seely erklärt darin über die
Pflicht des Soldaten, das Geſetz ſage deutlich, daß der
Soldat einem Befehle. zu ſchießen, nur zu gehorchen
brauche, wenn es den Umſtänden gemäß vernünftig ſei.
Wenn daher Offiziere und Mannſchaften z. B. zu einem
Blutbad gegen eine Demonſtration von Orangiſten, die
nicht gefährlich für die Nachbarn wäre, aufgeboten wer=
den
ſollten, ſo wäre es in der Tat und nach Geſetz ge=
rechtfertigt
, wenn ſie daran dächten, den
Gehorſam zu verweigern, ſo ſchlecht dies auch
auf die Diſziplin wirken müßte. Niemals habe man daran
gedacht, den Truppen übertriebene und ungeſetzliche Be=
fehle
zu geben, man habe nur die Möglichkeit ins Auge
gefaßt, daß die Truppen zur Unterſtützung der Zivil=
behörden
und zum Schutze von Leben und Eigentum auf=
geboten
werden könnten, wenn die Polizei überwältigt
ſei. Gegenüber den Verſuchen, die Truppen zu über=
reden
, den geſetzmäßigen Anordnungen nicht zu gehor=
chen
, erklärte Seely den Generalen, er mache jeden von
ihnen dafür verantwortlich, daß gegen jede derartige revo=
lutionäre
Haltung den Beſtimmungen des Königs gemäß
vorgegangen werden würde.
* London, 25. März. Marineminiſter Chur=
chill
und Kriegsminiſter Seely hatten heute vormittag
eine Zuſammenkunft mit dem Premierminiſter Asquith.
Es folgte eine Konferenz des geſamten Kabi=
netts
.
* London, 25. März. Während der heutigen Sitz=
ung
des Kabinetts ließ man General French
nach der Downingſtreet kommen

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

Nummer 85.

2 London, B. März. Die Abenbläiter ſprechen,
jedoch in ziemlich unbeſtimmten Ausdrücken, von der De=
miſſion
gewiſſer Miniſter, beſonders des
Kriegsminiſters Seely. Dieſe Gerüchte ſind bisher noch
unbeſtätigt. In einem Artikel der Weſtminſter Gazette
heißt es, daß eine Armee, die der Regierung ihre Bedin=
gungen
diktiere, die Freiheit und die öffentliche Ordnung
bedrohe. Das Blatt fordert, daß die Regierung ohne
Zögern eine deutliche und energiſche Sprache führe.
* London, 25. März. Der Kriegsminiſter Seely
hat demiſſioniert.
* London, 25. März. Die große Unruhe im
Unterhauſe erreichte ihren Höhepunkt in einer hef=
tigen
Szene, die bei der Beantwortung von Anfragen
Lord Beresfords und des Unioniſten Amery durch Chur=
chill
entſtand. Churchill führte aus, daß vor vierzehn
Tagen von dem Kabinett beſchloſſen worden ſei, See=
ſtreitkräfte
im Umfange eines Schlacht=
ſchiffgeſchwaders
nach der Bamlaſhbay an der
ſchottländiſchen Küſte zu entſenden, die eine geeignete
Station für Uebungen ſei und wo die für den Fall
von etwaigen ernſten Unruhen in nächſter
Nähe der irländiſchen Küſte geweſen wären. Als es er=
ſichtlich
geweſen ſei, daß ſolche Maßnahmen Widerſtand
finden würden, habe man ſich dahin entſchloſſen, daß dieſe
Schiffsbewegungen bis Oſtern aufgeſchoben werden könn=
ten
. Bei dieſer Erklärung brach ein ungeheurer Sturm
auf den Bänken der Unioniſten los. Amery richtete an
Churchill die Frage, ob er erwartet habe, daß die Vor=
ſichtsmaßnahme
zu einem Kampfe führen würde. Chur=
chill
erwiderte, er weiſe dieſe abſſcheuliche
Unterſtellung zurück. (Großer Lärm.) Der
Sprecher forderte Churchill auf, den Ausdruck zurückzu=
nehmen
. Bei erneuter Unruhe war dann der Zwiſchen=
fall
erledigt. Kriegsminiſter Seely gab dann eine er=
ſchöpfende
Darſtellung. Er habe nichts zu verheimlichen,
erklärte er. Er habe es nach den Informationen, die er
von der Regierung erhalten habe, für notwendig gehal=
ten
, den Schritt zum Schutz der Regierungsdepots zu un=
ternehmen
. Die nötigen Befehle ſeien mit voller Ermäch=
tigung
des Kabinetts erteilt worden. Sir A. H. Paget
habe mit ihm übereingeſtimmt, daß trotz des rein vorbeu=
genden
Charakters der Truppenbewegungen die Erregung
einen ſolchen Grad erreichen könnten, daß ein allgemeiner
Aufſtand in ganz Irland erfolgen könnte, und deshalb
ſeien die nötigen Schritte unternommen worden, um
jene Truppenbewegung zu unterſtützen, ſalls ſie auf be=
wafſneten
Widerſtand ſtoßen ſollten. Kriegsminiſter
Oberſt Seely gab bekannt, daß er ſeine Demiſſion an=
geboten
habe und erklärte, daß zwiſchen ihm und dem
Kabinett ein Mißverſtändnis beſtehe, für das er allein
verantwortlich ſei. Seely erklärte entſchieden, daß der
König in der Angelegenheit der Offiziere keinerlei
Initiative ergriffen habe. Asquith erklärte auf
einige Zwiſchenrufe Balfours: Oberſt Seely bildet
immer noch einen Teil des Kabinetts.

Luftfahrt.

Von der Darmſtädter Fliegertruppe.
Darmſtadt, 25. März. Der Unteroffizier
Feel der hieſigen Fliegertruppe unternahm am
Dienstag ſeinen 3. Examensflug. Er flog mit Oberleut=
nant
Freiherrn v. Frauenberg um 6 Uhr 30 Minuten von
hier ab und landete um 8 Uhr 30 Minuten in Köln.
Am Mittwoch trat er ſeinen Rückflug nach hier an, mußte
jedoch wegen ſtarkem Nebel in Mainz niedergehen. In
Mainz ſtartete Feel nachmittags und landete um 4 Uhr
45 Minuten glatt hier auf dem Uebungsplatz. Unteroffi=
zier
Feel hat ſomit ſein 3. Examen abgelegt und ſich das
Flugzeugführerabzeichen erworben. Er flog Aviatik=
Rumpf=Doppeldecker.

Turnen, Spiele und Sport.

* Pferdeſport. Frankfurt a. M., 25. März. Die
diesjährigen Frankfurter Pferderennen finden an
folgenden Tagen ſtatt: 19., 22. und 26. April, am 7. und
10. Juni. am 16. und 17. Auguſt, und am 3., 4. und
6. Oktober.

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Koxreſp.=Bureau.)
* Berlin, 25. März. Wie das Wolffſche Telegraphen=
Bureau hört, gelangt die Reiſe der kronprinz=
lichen
Herrſchaften in die deutſchen afrikaniſchen
Schutzgebiete in dieſem Frühjahr noch nicht zur Aus=
führung
, da es ſich als unmöglich herausgeſtellt hat, die
Reiſe in der zur Verfügung ſtehenden Zeit ſo vorzube=
reiten
, wie es nach der kolonialpolitiſchen Bedeutung und
dem informatoriſchen Zweck erwünſcht erſcheint.
* Berlin, 25. März. Die in letzter Zeit von verſchie=
denen
Blättern in Umlauf geſetzten Gerüchte über
angebliche, in Kürze bevorſtehende Perſonal=
veränderungen
an der Spitze des Auswärtigen
Amts und mehrerer Botſchafterpoſten ſind, wie die Nord=
deutſche
Allgemeine Zeitung erfährt, unbegründet.
* Berlin, 25. März. Dem preußiſchen Abge=
ordnetenhauſe
ging der Entwurf eines Eiſenbahn=
anleihegeſetzes
(Sekundärbahnvorlage) zu. Der
Entwurf fordert insgeſamt 506 211000 Mark. Im ein=
zelnen
ſind zum Bau von Haupt= und Nebenbahnen, ſo=
wie
zur Beſchaffung von Fahrzeugen infolge des Baues
dieſer Eiſenbahnen 117473000 Mark vorgeſehen Zur
Herſtellung zweiter und dritter Gleiſe werden 174823000
Mark, zu weiteren Bauausführungen 33 565000 Mark ge=
fordert
. Zur Beſchaffung von Fahrzeugen für die bereits
beſtehenden Staatsbahnen ſollen 173 200000 Mark, zur
weiteren Förderung des Baues von Kleinbahnen 6 500000
Mark verwendet werden. Schließlich ffordert der Ent=
wurf
zum Erwerb des Kronberger Eiſenbahntunnels
650 000 Mark.
* Marburg (Lahn), 25. März. Wie die Oberheſſiſche
Zeitung meldet, hat Profeſſor Ernſt Göppert von hier
den Ruf als Direktor der Anatomie der Univerſität
Frankfurt angenommen.
*. Eiſenach, 25. März. Der Deutſche Arbeit=
geberbund
für das Baugewerbe, der mit 30 Be=
zirks
=, Landes= und Provinzialverbänden, ſowie 11 un=
mittelbar
angeſchloſſenen Ortsverbänden ſich über das
ganze Deutſche Reich erſtreckt, und auch den Betonbauar=
beitgeberverband
mit umfaßt, beſchloß auf der hier unter
dem Vorſitze von Architekt Behrens=Hannover tagenden
Generalverſammlung einſtimmig den Beitritt zu
der Vereinigung, der deutſchen Arbeit=
geberverbände
. Durch den Beitritt dieſes Verban=
des
, deſſen Mitglieder rund 250000 Arbeiter beſchäftigen,
erfährt die Zentralorganiſation der deutſchen Arbeitgeber=
verbände
eine weitere bedeutſame Stärkung.
* Bad Reichenhall, 25. März. In einem Anfall von
religiöſem Wahnſinn ertränkte eine Bäue=

rin in Achthal ihre drei Kinder von ½ bis vier
Jahren und dann ſich ſelbſt in einer Jauchegrube.
* Wien, 25. März. Der Kaiſer ernannte den zwei=
ten
Vizepräſidenten des bosniſchen Landtages, Dr. Nikola
Mandic, zum Landſchaftsvertreter von Bos=
nien
und der Hereegowina. Die Ernennung iſt,
wie das Wiener Korreſpondenz=Bureau dazu ausführt,
darum beſonders bedeutſam, weil damit zum erſten Male
ein Parlamentarier in die Landesregierung berufen wor=
den
iſt. Die Ernennung ſoll jedoch keineswegs den Be=
ginn
einer Parlamentariſierung der Landesregierung be=
deuten
.
* Brüſſel, 25. März. Die Kammer nahm einen
Geſetzentwurf an, der die Erhaltung des Schlacht=
feldes
von Waterloo in ſeiner jetzigen Geſtalt be=
zweckt
.
* Petersburg, 25. März. Bezüglich der Meldung
eines Petersburger Blattes, ein Würdenträger hätte in
unmittelbarem Auftrag aus hohen Kreiſen in Paris und
Berlin Unterredungen über die Möglichkeit einer Neu=
gruppierung
der Mächte auf der Baſis der Tei=
lung
Oeſterreichs gehabt, äußert die halbamtliche
Roſſija, der Name des Würdenträgers ſei nicht genannt,
doch könne jedenfalls geſagt werden, daß die von ihm ge=
äußerten
Anſichten, ſollten ſie nicht völlig ein Phantaſie=
gebilde
eines Journaliſten ſein, die Anſichten der leiten=
den
ruſſiſchen Kreiſe nicht widerſpiegeln.
* Petersllurg, 25. März. Der Kriegsminiſter
brachte in der Duma einen Geſetzentwurf ein um Bewil=
ligung
von 5 756 121 Rubel zur Deckung der Koſten für die
im November und Dezember 1912 zurückbehaltenen
Truppen.
* Petersburg, 25. März. Die Mitteilung Pariſer
Blätter, die ruſſiſche Regierung habe nur einen kleinen
Teil der Reſerven der Staatsbank in Peters=
burg
zurückbehalten und den übrigen Beſtand vorſichts=
halber
auf die Filialen in der Provinz verteilt, iſt in allen
Teilen erfunden.

Neue Schreckenstaten des Weißen Wolf in China.
* Peking, 25. März. Die Banden des Weißen
Wolf nahmen Lungchuchai im ſüdöſtlichen
Schenſi ein und zerſtörten es. Auch Schanyang in dem=
ſelben
Bezirk wurde von ihnen geplündert. Die Räuber
töteten 230 Einwohner, verwundeten weit mehr und mach=
ten
Hunderte zu Gefangenen. In Lungchuchai befanden
ſich zwei norwegiſche Miſſionare, Chriſtenſen und Vat=
faas
, mit ihren Frauen. Ihr Schickſal iſt unbekannt.

Amtlicher Wetterbericht.

Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.
Das weſtliche Tiefdruckgebiet hat ſeinen Einfluß über
faſt ganz Europa ausgebreitet und bewirkt in unſerem
Bezirk unbeſtändiges, ziemlich mildes Wetter. Im
Bereich von Ausläufern des Tiefdruckgebietes haben wir
heute vorwiegend trübes Wetter und Niederſchläge zu
erwarten.
Ausſichten in Heſſen für Donnerstag, den
26. März: Wechſelnde Bewölkung, zeitweiſe Niederſchläge,
ziemlich mild, weſtliche Winde.
(Schluß des redaktionellen Teils.)

Deutsche Bank Darmstadt
Aufbewahrung und Verwaltung
von Wertpapieren.
(X,3521

Für Trauer stets vorrätig:
Jackenkleider
Mäntel
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Carl Schürmann & Co.

Elisabethenstr.

Wilhelminenstr. Ecke.

Geſchäftliches.
Dem Exiſtenzkampfe erlegen iſt ſchon manche be=
rufstätige
Frau, weil ſie ihrer Ernährung nicht die
nötige Aufmerkſamkeit widmete. Das ideale Kräftigungs=
mittel
für alle angeſtrengt Arbeitenden iſt nach wie vor
Kaſſeler Hafer=Kakao.

Todes=Anzeige.
Verwandten, Freunden und Bekannten
hierdurch die ſchmerzliche Nachricht, daß unſer
lieber Vater, Schwiegervater, Großvater, Bru=
der
und Onkel
(7839
Herr Heinrich Heil
Rentner
heute mittag in Würzburg im 78. Lebensjahre
ſanft entſchlafen iſt.
Für die trauernden Hinterbliebenen:
Peter Heil und Familie,
Dr. Heinrich Heil, Apotheker,
Dr. Heinrich Grünewald, Geh. Ober=
forſtrat
, und Familie,
Frdr. Aug. Hackmann, dipl. ing.,
und Frau Marie, geb. Grünewald.
Würzburg, Mannheim, Darmſtadt und
Frankfurt-Rödelheim, 24. März 1914.
Die Beerdigung findet Freitag, 27. März, nach=
mittags
2½ Uhr, von der Leichenhalle des
Darmſtädter Friedhofs aus ſtatt.

Gottesdienſt der israelitiſchen Religionsgemeinde
Haupt=Synagoge (Friedrichſtraße 2).
Freitag, den 27. März:
Vorabendgottesdienſt 6 Uhr 45 Min.
Samstag, den 28. März:
Morgengottesdienſt 8 Uhr 45 Min. Schrifterklärung.
Sabbatausgang 7 Uhr 40 Min.

Gottesdienſt in der Synagoge der israelitiſchen Religions=
geſellſchaft
.
Samstag, den 28. März:
Rausch Chaudesch Nisan.
Vorabend 6 Uhr 15 Min. Morgens 8 Uhr Nachmittags
4 Uhr 30 Min. Sabbatausgang 7 Uhr 40 Min.
Wochengottesdienſt von Sonntag, den 29. März, an:
Morgens 6 Uhr 30 Min. Nachmittags 6 Uhr.

Tageskalender.
Donnerstag, 26. März.

Großh. Hoftheater, Anfang 7½ Uhr, Ende nach
10 Uhr (Ab. C): Tosca‟.
Vorſtellung um 8¼ Uhr im Orpheum.
Saalbautheater, Anfang 8 Uhr: Die Kino=
königin

Lichtbilder=Vortrag von Sanitätsrat Dr. Maurer
um 8¼ Uhr im Kaiſerſaal (Volksbildungsverein).
Vortrag von Dr. med. Oberdörffer um 8½ Uhr im
Fürſtenſaal
Vortrag über Erlebniſſg in der Fremdenlegion um 8½
Uhr im Schützenhof.
Hauptprüfung um 5 Uhr im Konſervatorium für
Muſik (Mühlſtraße 70).
Hauptverſammlung des Schlittſchuhklub= Sport=
vereins
um 6 Uhr im Reſtaurant Kaiſerſaal
Konzerte: Hotel Heß um 4 Uhr. Rummelbräu um
8 Uhr. Bürgerkeller um 8 Uhr. Perkeo um 8 Uhr.
Ausſtellung von Schülerinnen=Arbeiten der Alice=
ſchule
(geöffnet von 101 und 26 Uhr).

Verſteigerungskalender.
Freitag, 27. März.

Mobiliar= uſw. Verſteigerung. um 8½ Uhr
Grünerweg 5.
Pferde=Verſteigerung um 9 Uhr in der Train=
kaſerne
(Eſchollbrückerſtraße).
Dünger=Verſteigerung um 9½ Uhr in der Dra=
goner
=Kaſerne (Regt. Nr. 23).
Naturwein=Verſteigerung um 12 Uhr zu
Mainz, Ernſt=Ludwigſtraße 9.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil Max Streeſe; für den Anzeigenteil,
Anzeigenbeilagen und Mitteilungen aus dem Geſchäfts=
leben
: Carl Friedrich Romacker, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren.
Etwaige Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträg=
liche
werden nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte
werden nicht zurückgeſandt.

[ ][  ][ ]

Nummer 85.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

Seite 7.

Danr Eielst Fei

von

bringen wir aus allen Lägern grosse Posten Waren Donnerstag,
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Seite 8.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

Nummer 83.

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Nummer 85.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

Seite 9.

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Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

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[ ][  ][ ]

Nr. 37.

Donnerstag, 26. März.

1914.

Bekanntmachung.

Die Vorſchriften der nachſtehend wiederum veröffentlichten Polizeiverordnung über
den Verkehr von Fuhrwerken und Fahrzeugen, einſchließlich der Automobile und
Fahrräder, im Kreiſe Darmſtadt, vom 25. März v. J. werden, obwohl ſie ſchon über
9 Monate in Geltung ſind, noch immer nicht überall genügend beachtet. Im
Intereſſe des Verkehrs auf den öffentlichen Straßen, der, infolge des ſtets ſteigen=
den
Automobilverkehrs, gegen früher erheblich größer und gefährlicher geworden iſt
es verkehrten z. B. nach im Sommer und Herbſt v. J. veranſtalteten Zählungen
im Durchſchnitt täglich auf der Kreisſtraße Arheilgen-Baierseich 88 Automobile,
darunter 12 Laſtautomobile, auf der Kre sſtraße Eberſtadt-Bickenbach 86 Automobile
muß aber der genaueſte Befolg der Vorſchriften unbedingt verlangt werden.
Die Polizeiorgane ſind erneut angewieſen worden, ſcharfe Aufſicht zu üben
und jede Zuwiderhandlung zur Anzeige zu bringen. Sämtliche Anzeigen wer=
den
mit dem Antrag auf empfindliche Beſtrafung an die Autsanwälte abge=
geben
werden.
(854
Darmſtadt, den 23. März 1914.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
J. V.: Dr. Reinhart.

Polizei=Verordnung

über den Verkehr von Fuhrwerken und Fahrzeugen im Kreiſe Darmſtadt.
Auf Grund des Artikeis 64 des Geſetzes, betreffend die innere Verwaltung und
die Vertretung der Kreiſe und der Provinzen vom 12. Juni 1874, in der Faſſung der
Bekanntmachung vom 8. Juli 1911, ſowie des § 366 Ziffer 10 des Reichsſtrafgeſetz=
buches
, wird unter Zuſtimmung des Kreisausſchuſſes und mit Genehmigung Großh.
Miniſteriums des Innern vom 17. März 1913 zu Nr. M. d. J. 4674 für den Kreis
Darmſtadt folgendes verordnet:
§ 1.
Alle auf öffentlichen Straßen verkehrende Fuhrwerke und Fahrzeuge haben,
ſofern die Beſchaffenheit der Straße es geſtattet, die rechte Seite der Fahrbahn
einzuhalten.
Die Vorſchriften über das Ausweichen werden hierdurch nicht berührt.
Beim Einbiegen in eine andere Straße iſt nach rechts in kurzer Wendung,
nach links in weitem Bogen zu fahren.
Fahrzeuge im Sinne dieſer Polizei=Verordnung ſind insbeſondere auch alle
Kraftfahrzeuge und alle Fahrräder, ſofern dieſe die Fahrbahn benutzen.
§ 2.
Der Führer eines Fuhrwerks oder Fahrzeugs hat ſeinen Sitz auf dem Fuhrwerk
oder Fahrzeug ſo zu wählen, daß er die Fahrbahn auch ſeitlich des Fuhrwerks oder
Fahrzeugs ſtets gut überſehen kann.
§ 3.
Während der Dunkelheit ſowie bei ſtarkem Nebel müſſen alle auf öffentlichen
Straßen oder Pläßzen befindlichen Fuhrwerke mit helbrennenden Laternen verſehen
ſein. Der Gebrauch von Laternen mit farbigen Scheiben iſt unterſagt. Fuhr=
werke
, welche nach ihrer Bauart vorzugsweiſe der Perſonenbeförderung dienen, müſſen
auf der Vorderſeite oben rechts und links mit Laternen verſehen ſein, die ſoeingerichtet
und angebracht ſind, daß ihr Lichtſchein von Entgegenkommenden und Ueberholenden
deutlich wahrgenommen werden kann. Ausnahmsweiſe kann bei Perſonenfuhrwerken

Beleuchtungart abweichende Beleuchtung
für ausreichend erachtet und zugelaſſen werden.
Bei Fuhrwerken anderer Art genügt in der Regel die Anbringung einer Laterne.
Dieſe iſt an der oberen linken Seite des Fuhrwerks zu befeſtigen und nur, wenn
die Art der Ladung (Feuergefährlichkeit uſw.) die Befeſtigung am Wagen ſelbſt aus=
ſchließt
, an der linken Seite des Zugtieres (bei zwei Zugtieren des linken Zugtieres)
anzubringen.
Außer dieſer einen Laterne iſt aber in folgenden Fällen noch eine zweite
zu führen:
a) wenn der Lichtſchein der einen Laterne von rückwärts nicht deutlich wahr=
genommen
werden kann;
b) wenn die Ladung von Fuhrwerken ſeitlich oder nach hinten in gefahrbringen=
der
Weiſe hervorſteht (z. B. Langholzfuhrwerke, Möbelwagen uſw.), und
zwar an dem hervorſtehenden Teil der Ladung.
Fuhrwerke müſſen im Schrittmaß fahren auf allen Strecken, für welche das
Schrittfahren durch Lokalpolizei=Verordnung und durch öffentlichen Anſchlag ange=
ordnet
iſt.
§ 5.
Zuwiderhandlungen gegen die Vorſchriften dieſer Polizei=Verordnung werden
mit Geldſtrafe bis zu 60 Mark oder mit Haft bis zu 14 Tagen beſtraft.
§ 6.
Dieſe Polizei=Verordnung tritt am 1. April 1913 in Kraft. In Kraft
bleibt neben den vorſtehenden Beſtimmungen die Polizei=Verordnung, betreffend
den Verkehr von Fuhrwerken in der Haupt= und Reſidenzſtadt Darmſtadt, vom
20. Februar 1904.
Mit Wirkung vom 1. April 1913 treten außer Kraft:
1. die Lokalpolizei=Verordnung, betreffend Vorkehrungeu gegen Beſchädigung
durch Fuhrwerke zur Nachtzeit, vom 5. Februar 1875:
2. die Polizei=Verordnung vom 19. Juni 1890, betreffend Sicherung des Ver=
kehrs
auf der Landſtraße;
3. die Polizei=Verordnung vom 12. Juni 1893 betreffend die Verwendung rot
und grün leuchtender Laternen an Straßenfuhrwerken.
Darmſtadt, den 25. März 1913.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
Fey.
An die Großherzoglichen Bürgermeiſtereien der Landgeneinden
des Kreiſes.
Unter Bezugnahme auf die vorſtehende Bekanntmachung beauftragen wir Sie,
die Beſitzer von Fuhrwerken und Fahrzeugen, insbeſondere auch die Radfahrer,
auf die Vorſchriften der Polizei=Verordnung vom 25. März v. J. durch amt=
liche
Bekanntmachung wiederholt hinzuweiſen und den Polizetorganen die
ſtrenge Ueberwachung des Befolgs der Vorſchriften erneut ausdrücklich zur
Pflicht zu machen,
Darmſtadt, den 23. März 1914.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
J. V.: Dr. Reinhart.

Amtliche Nachrichten des Großh. Polizeiamts Darmſtadt.

Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde: In polizei=
licher
Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 1 deutſcher Schäferhund. Die Hunde können von den
Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt werden. Die Ver=
ſteigerung
der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werk=
tac
vormittags 10 Uhr, ſtatt.
(7854

Näumungsfriſten bei der Wohnungsmiete.

Zum bevorſtehenden Vierteljahreswechſel bringe ich nachſtehen=
des
Ortsſtatut wiederholt zur Kenntnis. Wenn nicht anderes ver=
einbart
iſt, iſt für die Dauer der ſtatutariſchen Räumungsfriſten Miet=
zins
an den bisherigen Vermieter nicht zu entrichten. (7788mds
Darmſtadt, den 20. März 1914.
Der Oberbürgermeiſter.
J. V.: Mueller.
Auf Grund des Geſetzes vom 6. Januar 1906, betreffend die
Räumungsfriſten bei der Wohnungsmiete, wird auf Beſchluß der
Stadtverordneten=Verſammlung vom 31. Mai 1906, ſowie nach An=
hörung
des Kreisausſchuſſes und mit Genehmigung Großherzogl.
Miniſteriums des Innern vom 2. November 1906 zu Nr. M. d. J. 37271
folgendes Ortsſtatuterlaſſen, deſſen Beſtimmungenſofortin Kraftreten:
§ 1. Endigt das Mietverhältnis am Schluſſe eines Kalender=
vierteljahres
ſo muß die Räumung gemieteter Wohnungsräume
durch den Mieter:
a) bei kleinen, d. h. aus höchſtens 3 Zimmern und etwaigem
Zubehör beſtehenden Wohnungen am erſten Tage des fol=
genden
Monats, ſpäteſtens 5 Uhr nachmittags,
p) bei mittleren, d. h. aus 4 bis 5 Zimmern und etwaigem
Zubehör beſtehenden Wohnungen am zweiten Tage des
folgenden Monats, ſpäteſtens 12 Uhr mittags,
c) bei großen, d. h. aus mehr als 5 Zimmern und etwaigem
Zubehör beſtehenden Wohnungen am dritten Tage des
folgenden Monats, ſpäteſtens 12 Uhr mittags, beendet ſein.
§ 2. Die im § 1 beſtimmten Räumungsfriſten werden nur
mit der Beſchränkung gewährt, daß
a) bei Wohnungen, welche aus 3bis 4 Zimmern und etwaigem
Zubehör beſtehen, ein Zimmee,
b) bei Wohnungen, welche aus mehr als 4 Zimmern und
etwaigem Zubehör beſtehen, zwei Zimmer,
ſchon am erſten Tag des folgenden Monats, ſpäteſtens 12 Uhr mit=
tags
, vollſtändig geräumt ſind:
§ 3. Kann der Mieter ſchon mit der Beendigung des Miet=
verhältniſſes
ſeinen Ueberzug in die neue Wohnung bewerkſtelligen,
ſo finden die Vorſchriſten der §§ 1, 2 keine Anwendung.
Hat der Vermieter auf Grund eines ihm geſetzlich oder ver=
tragsmäßig
zuſtehenden Rechtes das Mietverhältnis ohne Einhaltung
einer Kündigungsfriſt gekündiat, ſo ſtehen die in den §§ 1, 2 bezeich=
neten
Räumungsfriſten dem Mieter nicht zu.
§ 4. Fällt der Tag, an welchem nach den §§ 1, 2 die Räu=
mung
ganz oder teilweiſe zu beendigen iſt, auf einen Sonntag oder
einen ſtaatlich anerkannten allgemeinen Feiertag, ſo tritt an die Stelle
des Sonntags oder des Feiertags der nächſtfolgende Werktag.
Darmſtadt, den 5. November 1906.
Großherzogliche Bürgermeiſterei Darmſtadt.
Morneweg.

Verſteigerungs-Anzeige.

Donnerstag, den 26. März 1914, nachm. 4 Uhr.
verſteigere ich im Saale Rundeturmſtraße 16
öffentlich zwangsweiſe gegen Barzahlung:
a) beſtimmt: 1 Schreibkommode, 1 Sofa, 1 Waſch=
kommode
, 1 Nachttiſchchen, 12 Rehgeweihe, 1 ausge=
ſtovften
Vogel (Faſan), 1 viereckigen Tiſch;
b) vorausſichtlich: 2 Pianinos, 2 Büfetts, 6 Vertikos,
6 Diwans, 3. Sofas, 2 Schreibtiſche, 6 Kleiderſchränke,
3 Betten, 5 Nähmaſchinen, 3 Kommoden, 2 Fahrräder,
1 Kredenz, 4 Seſſel, 1 Zeichentiſch, 1 Landauer, 1 Auszieh=
tiſch
, 1 Kaſtenwagen uſw.
Darmſtadt den 25. März 1914.
(7845
Thüre, Großh. Gerichtsvollzieher,
Bleichſtraße 9.

Bekanntmachung.

Donnerstag, 16. April I. Js.,
vormittags 10 Uhr,
ſoll die dem Richard Buſch dahier
an dem Anweſen:
Flur Nr. qm
1076 123 Grabgarten
I 1077 200 Hofreite Wie=
nersſtraße
77,
gehörige ideelle Hälfte in unſerem
Bureau, Grafenſtraße 30, zwangs=
weiſe
verſteigert werden. (K17/14f
Darmſtadt, 10. März 1914.
Großh. Ortsgericht Darmſtadt I.
Müller. (VIII6505

Bekanntmachung.

Donnerstag, 16. April 1914,
vormittags 11 Uhr,
ſollen die der Frau Konrad Wie=
nold
Witwe, Margarethe, geb.May,
dahier gehörigen Liegenſchaften:
Flur Nr. am
VI 532 123 Hofreite Tannen=
ſtraße
Nr. 41,
VI 533 122 Hofreite Tannen=
ſtraße
Nr. 39,
in unſerem Geſchäftszimmer, Witt=
mannſtraße
Nr. 1, zwangsweiſe ver=
ſteigert
werden.
(K18/14
Darmſtadt, 10. März 1914.
Großh. Ortsgericht Darmſtadt II
(Beſungen).
Frantz. (IX,6564

Beinuntmachung.

In unſerem Genoſſenſchafts=
regiſter
wurde bei dem Landwirt=
ſchaftlichen
Konſumverein E. G. m.
u. H. in Arheilgen folgendes ein=
getragen
:
(7881
Georg Benz XIV. in Arheilgen
iſt zum Rechner gewählt.
Darmſtadt, 21. März 1914.
Großherzogliches Amtsgericht II.

Bekanntmachung.

In unſerem Handelsregiſter A
wurde heute d ie Firma Chemiſche
Fabrik Uhrig & Kieſewalter in
Pfungſtadt gelöſcht.
(*383
Darmſtadt, 23. März 1914.
Großherzogliches Amtsgericht II.

Bekanntmachung.

In unſerem Handelsregiſter,
Abt. B. wurde bei der Firma
Beſteckfabrik Pfungſtadt, Ge=
ſellſchaft
mit beſchränkter Haf=
tung
in Pfungſtadt, folgendes
eingetragen:
Die Geſellſchaft iſt durch Be=
ſchluß
der Geſellſchafterverſamm=
lung
vom 17. März 1914 aufge=
löſt
. Der Fabrikant Leopold Cahn
und der Kaufmann Max Meyer,
beide in Frankfurt a. M., ſind zu
Liquidatoren beſtellt. Jeder der
Liquidatoren iſt berechtigt, die
Firma allein zu zeichnen und zu
vertreten.
(7882
Darmſtadt, 24. März 1914.
Großherzogliches Amtsgericht II.
tür. gut. Kleiderſchr. bill. zu v ri.
*8156) Wendelſtadtſtr. 31, 3. St.

Nachlaß-Verſteigerung.

Freitag und Samstag, den 27. und 28. März 1914,
vormittags 8½ Uhr beginnend,
wird der Nachlaß des verſtorbenen Profeſſors i. P. Leonhard
hier, Grünerweg 5, daſelbſt auf Antrag der Erben freiwillig
verſteigert, und zwar:
1 Schreibtiſch mit Aufſatz (eichen Holz), 1 Diwan mit Paneel=
brett
, 2 Bücherſchräuke (eichen Holz), 1 Trumeau, 9 ein= und
zweitürige Kleiderſchränke, 3 Waſchtiſche mit Marmorplatten,
2 Waſchſchränkchen, 5 vollſtändige Betten (zum Teil mit
Roßhaarmatratzen), 4 Kommoden, 1 Stegtiſch, 1 Auszieh=
tiſch
, 1 Pfeilerſchrank, 1 Damenſchreibtiſch, 10 Tiſche (kleine
und große), 6 Stühle (eichen), 13 Rohrſtühle, 7 Nachtſchränk=
chen
mit Marmorplatten, 1 Sofa, 2 Küchenſchränke, 9 Spiegel,
1 Nähmaſchine, 1 Grasmähmaſchine, verſchiedene Wand= und
Taſchenuhren, 1 Kleidergeſtell, 4 Bauerntiſchchen, 3 Seſſel,
eine Partie wertvolle Bilder, 1 Bücherregal, 1 Lexikon
(Meyer) mit Bücherregal, 1. Ehztiſch (eichen), 1. Blumentiſch.
1 Eisſchrank, 1 Glasſchränkchen, 1 Zier= und 2 Nähtiſchchen,
1 Nickelſerviee 2 Tellerregale, eine vollſtändige Küchenein=
richtung
, 1 Gartentiſch und Stühle, Bänke, 1 Rohrieſſel,
verſchiedene Koffer, 1 Hocker, 1 Sitzbadewanne, 2 Stehleitern,
1 Schließkorb, 1 runde Badewanne, diverſe Waſchwannen,
eine Parktie Bücher, Kleider, Nippſachen, ſilberne Löffel und
Gabeln, Fenſtervorhänge, Vorlagen, Teppiche, Stiefel, Lam=
pen
, Geſchirr, Gläſer, Porzellan, Tiſchdecken, Bürſten uſw.,
1 Eckſchrank 1 Putzſchrank, 1 Paneelbrett, 1 Hausapotheke,
1 Zeitungshalter, verſchiedenes Linoleum, Waſchgarnituren,
verſchiedene Körbe und andere Haushaltungsgegenſtände.
Beſichtigung Donnerstag, mittags von 2 bis 4 Uhr.
Darmſtadt, den 25. März 1914.
Ludwig Raab, Nachlaßpfleger,
Wilhelminenstrasse 21.
Aufnahmen und Verſteigerungen werden jederzeit über=
nommen
.
7846

Verſteigerungs-Anzeige.

Donnerstag, den 26. März 1914, nachm. 3 Uhr,
verſteigere ich im Saale Rundeturmſtr. 16 zwangsweiſe gegen
Barzahlung:
1 Büfett, 1 Vertiko, 1 Etagere, 1 Pianino, 1 Büfett mit
Preſſion, 11 Tiſche und 63 Stühle;
ferner hieran anſchließend an Ort und Stelle Alexanderſtr. 25:
1 Ladentheke, 1 Schreibpult, 2 Glasſchränke, 1 Glaskaſten,
1 Spiegel und 1 Regal.
Darmſtadt, den 25. März 1914.
(7888
Rollenhagen, Gerichtsvollzieher
zn Darmſtadt, Kaſinoſtraße 24!

Düngerverkauf.

Freitag, den 27. März, von 95 Uhr vormittags ab, wirv
auf dem vorderen Hofe der alten Kavallerie=Kaſerne am Marienplatz
in Darmſtadt die Matratzenſtreu von einer Eskadron öffentlich
meiſtbietend verſteigert.
(7826md
Garde=Dragoner=Regiment Nr. 23.

Matratzenſtreu-Verkauf.

Montag, den 30. ds. Mts, um 9 Uhr vormittags, wirt
im Hofe der Arilleriekaſerne am Beſſunger Weg die Winter=
Matratzenſtreu aus einem Batterieſtall öffentlich meiſtbietend ver=
ſteigert
.
(6700ss
Darmſtadt, im März 1914.
I. Abteilung 2. Großh. Heſſ. Feld=Art.=Regts. Nr. 61.

[ ][  ][ ]

Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

Nummer 85.

Fankrarter Karsberiche vom 23. Aarz 191z.
Mitgeteilt von der Bank für Handel und Industrie. (Darmstädter Bank.)

Staatspapiere.
100,00
Dt. Reichsschatzanw.
98,50
Dt. Reichsanleihe p. 1918.
49850
do. . . . . p. 1925
86,10
do. . . . . .
* .
77,90
do. .
99,90
Preußische Schatzanw.
90,55
Staffelanleihe..
86,15
Consols . .
77,60
do. . . . .
96,55
Badische Staats-Anlt
3½ 89,50
do. v. 9204
do. . . . . .
96,90
Baverische Ablös.-Rente.
E.-B.-Anl. kdb. ab 1906) 4 97,10
4 97,10
do. unkdb. p. 1918 .
do. unkdb. p. 1920 .
4 1 97,05
E.-B.- u. Allgem. Anl.
97,10
unkdb. p. 1930 .
do. Anleihe .
3½ 84,75
75,60
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do. v. 1887/94 .
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Hessische Staats-Anleihe
do. unkdb. p. 1921 .
97,20
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do. . . . . . .
Sächsische Staats-Rente
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Württembg. Staats-Anl.
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(unkdb. p. 1921). .
do. v. 79/80 . . .
88,30
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Bulgarische Gid.-Anl. .
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Italienische Rente. . .
Osterr. Staats-R. v. 1913 .4½ 91,60
do. Silber-Rente . . . .4½ 86,30
do. Papier-Rente . . .4½ 87,40
87,65
do. Gold-Rente . . .
do. einheitl. Rente . .
82,50
Portug. Tab-Anl. 1891 . .4½ 96,80
do. inn. amort. 1905 . .4½
do. unif. Serie I
3½ 61,70
do.
III. 1 3 6440
do. Spezial Titel. . . .
9,45
Rumänen v. 1903 . . . . . . 5 100,20
do. Gold v. 1913.
4½ 91,00
do. Schatzsch. v. 1913 4½100,00
do. conv..
4 85,20
do. v. 1890
4 93,50
do. v. 1801
4 87,00
do. v. 1905
4 1 85,40
do. v. 1908
4 85,60
do. v. 1910
4 ſe
Russische St.-A.
5l4½ 97,70
do. kons. v.
4 86,90
do. Gold v. 1890
4
do. v. 1902 .
4 89,90
-
Schweden v. 1880
do, r. 1856


Schweden v. 1890. .
..3½
Serben steuerfrei . . . . .4½ 86,60
do. amort. v. 1895 . . .
Türk. Egypt. Tribut . . .3½
85,00
do. kons. steuerfreie .
76,50
do. Admin. v. 1903 . . .
do. unif. v. 1903. .
4 1 72,80
do. V. 1905. . .
Ungarische Staats-Rente
1913 unkdb. bis 1923 . . 4½ 90,40
Ungar. Staatsk.-Scheinel
v. 1913. . . . . . . . . . . . 4½ 98,70
4 82,80
do. Gold-Rente. .
81,50
do. Staats-Rente 1910
Kr. 4 82,00
do.
Argent. innere Gold-Anl.
v. 1887 5
99,00
do. äußere v. 1890 . .
94,90
do. innere v. 1888 . . .
do. äußere v. 1888 . . .4½
do. v. 1897 . . . . . . . .
92,00
Chile Gold-Anl. v. 1911. .
do. v. 1889 . . . . .
5.
4½ 87,25
do. v. 1906 . .
Chines. St.-Anl. v. 1895 . . 6
5 99,10
do. v. 1896 . . .
5 87,50
do. Reorg. Anl.:
4½ 89,90
do. v. 1898 . .
4½ 89,40
Japaner . . . . .
61,10
Innere Mexikaner .
85,00
v. 189
Kußere do.
67,30
Mexikan. Gold v. 1904
42,00
do. cons..
4½ 69,10
do. Irrigat.-Anleihe
65,50
Buenos-Aires Prov..
Tamaulipas . .
89,50
Sao Pauſo L.-B.
5 96,00
do, V. 1913 .
Siam v. 1907. .
4½ 95,50
Prioritäts-
obligationen
.
Südd. Eisenb.-Gesellsch.
v. 1895/97
84,30
v. 19043½
Hess. Eisenb.-Akt.-Ges.
Oblig., gar. v. d. Stadt
93,95
Darmstadt.
Nordd. Lloyd-Obligat.
89,50
Donau-Dampfschiff. v. 82
92,00
490,75
Elisabethbahn

Franz-Josef-Bahn. .
4 87,60
Taschau-Oderbergerv. 891 4
3 72,60
Prag-Duxer ..
Osterreich. Staatsbahn . 5
4 89,60
do. . . .
3 74,50
do.
do. Südbahn (Lomb.) . 5
4 71,60
do. do,
(251uf 5165
do. do.
77,50
Raab-Oedenburg ..
87,50
Kronprinz Rudolfbahn
85,20
Russ. Südwest . . . . . . .

(27.
Moskau-Kasan . . . . . . .4½ 93,50
do. . . . . . . . . . . . . . 4.
Wladikawkas. . . . . . . . 4 . 85,30
Rjäsan-Koslow . . . . . . . 4
Portugies. Eisenb. v. 1886) 3 68,40
4½
do. . . . . . . . . . ..
Livorneser . . . . . . . . . .24/10 69,60
Salonique Monastir. . . . 3 62,50
Bagdadbahn . . . . . . . . 4 78.30
Anatolische Eisenbahn .4½ 90,20
Missouri-Pacific I. . .
61,30
do. do. v. 1905 . .
94,70
Northern-Pacific . . . . . .
Southern-Pacific . . . . . .
92,00
St. Louis & San Francisco
Tehuantepec . . . . . . . .
Ungar. Lokalbahn . . . . 5 98,50
Provinz-Anleihen.
96,30
Rheinprov. Obl. Em. 20/213½ 86,25
do. Em. 10 .
3 83,30
do. 9. .
3½
Posen Prov.
4½ 95,80
Westfalen Prov. V.:
Hess. Prov. Oberhessen . 4 96,00
3½ 86,00
do. Starkenburg.
Städte-
Obligationen.
95,10
Darmstadt.
3½, 2630
do. . . . .
4½ 96,50
Frankfurt .
3½ I 88,00
do. . .
4%9450
Gießen
3½ 85,50
do. .
495,00
Heidelberg.
3½ 85,10
do. .
4 95,00
Karlsruhe .
3½ 87,50
do.
4
Magdeburg
49500
Mainz . . .
3½ 86,30
do. ..
4 94,60
Mannheim.
3½
do.
4 96,00
München
3½ 87,50
Nauheim:
4 95,20
Nürnberg
3½ 86,20
do. ..
Gez
(*4
Offenbach
4 94,00
do. v. 1914 .
3½ 86,10
do.
4
Wiesbaden. .
18f,
do. .
4
Worms
3½
do.
Lissabon v.
4
4½ 9400
Moskau v. 1912
Stockholm v. 181
Wion Komm.:
4
4½ 98,70
Wiener Kassenschel
Zürich v. 1889.

Buenos Stadt v. 1892 . . . 6


Pfandbriefe.
½100,00
Berliner Hyp.-Bk.-Pf. .
650
do. unkdb. 1918 . . . .
3575
1919. . . .
do.
94,25
do.
1921 . . . . .
35,75
do. 1922. . ..
do. . . . . . . . . . . . . . 3½ 83,50
95,25
do. Komm.-Obl. unk. 1918
95,00
Frankf. Hyp.-Bk. pr. 1910l
96,00
do. 1915 .. .
96,50
do.
1920 . . . .
dc. Ser. 1219. . . . . . 3½ 86,40
Kommunal-Oblig. Ser. 1,
. . 3½ 86,50
unkdb. 1910 .
Frankf. Hyp.-Kred.-Ver.
94,00
Ser. 1542
4849 4 94.90
do. .
do. unk. 1922 52 1 4 96,00
do. 1913. . . . . . . 3¾/ 88,60
3½ 86,50
do. Ser. 45 .
Hess. Land.-Hyp.-Bk. Pf.
96,90
Scr. 12, 13, 16
96,0
14, 15, 17
do. . .
497,40
do. unkdb. 1920 . . . .
97.50
1923 . . .
do.
do. Ser. 1, 2, 68 . . . . 3½ 84,20
do. 35 . . . . . . . 3½ 84.201
3½ 81,30
do. kündb. 1915 . .
do. Komm. unk. 1913) 4 96,90
1914 4 1 96,30
do.
1916 4 9.,10
do.
1920 4 97,40
do.
1923 4 9750
do.
do. verlosb. u. kündb. . 3½ 84,30
unkdb. 1915 3½ 84,70
do.
Meininger Hyp.-Bk. Pfdb.
94,50
4 95,80
do. unkdb. 1922. . . .
do.
. 3½ 86,00
Rheinische Hyp.-Bk. Pfb.
unkab. 1917
94,00
1915
94,00
do. . . . . .
1921 4 24.30
do. . . . . .
4 96,20
do. . . . . .
1924
3½ 84,50
do. . . . . . . . .
do. Komm. unk. 1923 . 4 95,20
4 96,00
1924
do.
4 96,40
Südd. Bod.-Kred.-Pfdbr. .
do. . . . . . . . . . . . . . 3½ 85,00
Bank-Aktien.
Div.
Bank für elektr. Unter-
nehmungen
Zürich . . 10 194,30
Berg.-Märkische Bank. . 7½ 158,60
Berliner Handelsges. . . . 8½ 162,20
Darmstädter Bank . . . . 6½ 123,00
Deutsche Bank . . . . . . . 12½ (259,80
Deutsche Vereinsbank. . 6 116,80
Dt. Effekt.- u. Wechs.-Bk. 6 118,40
Disk.-Kommand.-Ant. . . 10 1196,75
Dresdner Bank . . . . . . .8½ 158.75

Frankf. Hypothek.-Bank 10 (219,00
do. do. Kred.-Ver. 8½ 1153,20
Mitteldeutsche Kred.-Bk.6½ 1117,10
Nation.-Bank f. Deutschl. 6 1110,60
Pfälzische Bank . . . . . . 7 128.28
.. . . .8,42 135,75
Reichsbank .
132,00
Rheinische Kredit-Bank.
102,90
A. Schaaffhaus. Bk.-Ver.
139,40
Wiener Bank-Verein. ..
Aktien von Trans-
port
-Anstalten.
Hamb.-Amerika-Packetf. 10 1140,00
8 1122,50
Norddeutscher Lloyd.
116,00
Frankfurt. Schleppschiff.
Südd. Eisenb.-Gesellsch. . 6½ 1129,00
Anatol. Eisenb. 60%-Akt. 5½
.. . . . 691,40
Baltimore . . .
... . 10 211,75
Canada . . . .
.. . .7½ 1142,10
Schantung. .
8
Prins Heury-
0 21,60
Lombarden .
6 1113,50
Pennsylvanis. .
Industrie-Aktien.
Badische Anilin-Fabrik . 28 1660,50
Chem. Fabrik Griesheim! 14 1269,00
Farbwerke Höchst . . . . 30 673,00
Ver. chem. Fabr. Mannh., 20 339.00
Zement Heidelberg . . . . 10 1155.00
Chemische Werke Albertl 30 1449,00
Holzverkohl. Konstanz . 15 313.50
Lahmeyer . . . . . . . . . . 6 (12700
Schuckert, Nürnberg. . . 8 149,30
Siemens & Halske. . . . . 12 218,25
5 (123,25
Bergmann Elektr. . . .
Allg. Elektr. Gesellsch. . 14 247,50
25 340,50
Hagen Akkum. . . .
Deutsch. Übersee-Elektr.l I1 177,00
Gummi Peter . . . . . . . . 0 I 80,00
Adler-Fahrradwerke . . . 25 342,50
Maschinenfabr. Badenia . 9 1120,00
Wittener Stahlröhren . . 0
Gasmotoren, Oberursel . 8½ 160,00
9 (122,00
Gasmotoren, Deutz . . .
Siemens Glas-Industrie . 15 238.00
23 320,00
Enzinger Filter
10 1145,25
Steaua Romana
Zellstoff Waldhof . . . . . 15 1224,00
Bad. Zucker-Waghäusel .12,83/210,90
88,00
Neue Boden-Aktien-Ges., 6
Süddeutsche Immobilien 0 59,30
Bergwerks-Aktien.
12 1161,50
Aumetz-Friede .
Bochum. Bergb. u. Gußst. 14 223.50
Leonhard, Braunkohlen . 9 1157,50
Konkordia Bergbau .
23 360,00
Deutsch-Luxemb. Bergb. 10 1131,00
Eschweiler . . . . . . . . . . 10 220,00

Gelsenkirchen Bergw. . . 11 193½
Harpen Bergbau . . . . . . 11 (183,25
Kaliwerke Aschersleben . 10 150,00
Kaliwerke Westeregeln . 13 205,20
Königin Marienhütte . . 6 8600
Laurahütte . . . . . . . . . 8 (15500
Oberschles. Eisenbed. . . 6 85.00
Oberschl. Eisen-Industrie 3 67,00
Phönix Bergbau . . . . . . 18 (238,25
Rheinische Braunkohlen 10 217,00
Riebeck Montan . . . . . . 12 (19700
South West.-Afr. Shares 5 119,00
Verzinsliche
Anlehenslose. Zt.
Badische . . . . . TIr. 100 4 177,90
Cöln-Mindener . TIr. 1003½142,90
Holländ. Komm. . H. 100 3
Madrider . . . . . Frs. 100 3 77,00
Meininger Präm.-Pfdbr. . 4 1140,00
Osterreicher 1860er Lose . 4 180,00
Oldenburger . . . . TIr. 40) 3 128,30
Zaab-Grazer . . . . H. 150/2½
Unverziusliche
Mk.
Anlehenslose.
p. St.
Augsburger
A. 7
TIr. 20 200,50
Braunschweiger
Fs. 45
Mailänder
Fs. 10 42,00
do.
Meininger
. A. 7 36,90
österreicher v. 1864 . A. 100
A. 100 555,00
do.
A. 100
Ungar. Staats
Venediger .
Fs. 30 71,00
Türkische .
Fs. 400
Gold, Silber und
Banknoten.
Engl. Sovereigns. . .
20,44
20-Franks-Stücke . .
16,26
Amerikanische Noten .
4,20½
20/4t
Englische Noten . . .
Französische Noten.
8120
16915
Holländische Noten
81.00
Italienische Noten .
Osterr.-Ungarische Noten . . 85.00
Zussische Noten . .
81,10
Schweizer Noten . .
Reichsbank-Diskont
do. Lombard Zsf.
Tendenz:
Uneinheitlich.

Handel und Verkehr.

Frankfurt a. M., 25. März. (Börſe.) Auch
heute zeigte die Börſe ein außerordentlich ſtilles Gepräge.
Bei minimalem Geſchäft bröckelten die Kurſe weiter ab,
und beſonders lag der Montanmarkt, wieder ausgehend
von DeutſchfLuxemburgern, ſchwächer. Ebenſo mußten
ſich die Kurſe der Elektrizitäts= und Schiffahrtsaktien
allerdings nicht erhebliche Abſchwächungen gefallen laſ=
ſen
. Auch im Verlauf konnte ſich eine Befeſtigung der
Tendenz nicht durchſetzen. Die Spekulation hält ſich an=
dauernd
von den Märkten fern. Ausgehend vom Schiff=
fahrtsmarkt
geſtaltete ſich gegen Schluß die Allgemein=
tendenz
etwas freundlicher. Der Geldmarkt bleibt an=
dauernd
flüſſig und man glaubt auch nicht, daß der her=
annahende
Ultimo die Situation weſentlich ändern wird.
Am Kaſſamarkt konnten ſich ſpeziell chemiſche Werte er=
holen
. Höher waren u. a. Scheideanſtalt 3½ Prozent,
Anilinaktien 4 Prozent. Ferner notierten die bereits
an geſtriger Abendbörſe im Zuſammenhang mit höheren
Dividendengerüchten ſtark geſuchten Daimler=Motoren
12 Prozent höher. Man ſpricht von einer um 2 Prozent
erhöhten Dividende. Niedriger notierten u. a. Enzinger,
Filter 4 Prozent, Kleyer 3 Prozent, Akkumulatoren 8 Pro=
zent
. Tendenz uneinheitlich.
B. Berlin, 24. März. In der heutigen General=
verſammlung
der Geſellſchaft für Elektriſche Hoch=
und Untergrundbahnen in Berlin wurde die Tages=
ordnung
ſowie eine Kapitalserhöhung um 20 Millionen
Mark 5proz., mit 110 Prozent rückzahlbaren Vorzugsaktien
einſtimmig genehmigt. Das Aktienkapital beträgt nun=
mehr
60 Millionen Mark Stammaktien und 20 Millionen
Mark Vorzugsaktien.
* Wien, 24. März. Heute fand die Verwaltungs=
ratsſitzung
der Prager Eiſeninduſtrie ſtatt. Das
erſte Halbjahr des Geſchäftsjahres 1913/14 weiſt eine Er=
tragsverminderung
von 5½ Millionen Kronen aus. Der
Abſatz von Eiſenfabriakten zeigt einen Ausfall von 830000
Zentnern, der Abſatz in Steinkohlen einen Ausfall von
920000 Zentnern und der Abſatz von Phosphatmehl einen
ſolchen von 110000 Zentnern.
WB. Konſtantinopel, 25. März. Die Geſamt=
einnahmen
der Anatoliſchen Eiſenbahn betru=

gen in der Zeit vom 26. Februar bis 4. März 1914 179023
Francs (mehr 10542 Francs) und ſeit dem 1. Januar
ds. Js. 1970894 Francs (mehr 119122 Francs).
* Aus den Sommerfahrplänen. Zwiſchen
Frankfurt und Bebra und umgekehrt tritt vom
1. Mai ab infolge Inbetriebnahme des Schlüchterner
Tunnels allgemein eine Zugbeſchleunigung von 1520
Minuten ein. Der direkte Zug Frankfurt-Nancy
Paris D 142 geht vom 1. Mai ab anſtatt 8.35 Uhr
abends erſt 9.17 Uhr ab. Er fährt dann nicht mehr über
Bingerbrück, ſondern über Gau=Algesheim und nimmt in=
folge
ſeines ſpäteren Abganges in Frankfurt die Anſchluß=
reiſenden
von Berlin (an 9.07), Hamburg (an 8.51), Wien
und München (an 8.56) auf. Der Zug 142 hat direkte
Schlafwagen Frankfurt-Paris.
* Telephon Berlin-London. Ueber die ge=
geplante
Telephonverbindung Beclin-London erfährt ein
Mitarbeiter des B. T. im Reichspoſtamt, daß die Reichs=
poſt
im Telephonverkehr mit dem Auslande am liebſten
mit jedem Staat in direkten Verkehr tritt. Es wird alſo
für die Linie Berlin-London nur das von dem Staats=
ſekretär
im Reichstag erwähnte 450 Kilometer lange deut=
ſche
Kabel in Betracht kommen. Zunächſt aber will man
abwarten, ob ſich das im Bau befindliche Kabel Holland-
England erfolgreich bewähren wird, ehe man mit dem
Bau des direkten deutſch=engliſchen Kabels beginnen
wird. Ob nach Fertigſtellung dieſes geplanten Kabels
eine Fernſprechverbindung nach England unter 10 Mark
herzuſtellen ſein wird, bezweifelt die Poſtverwaltung, da
die Bau= und Unterhaltungskoſten des 450 Kilometer
langen Kabels außerordentlich hoch ſein werden. Die
holländiſche Fernſprechlinie wird im Laufe des Sommers
noch in Betrieb genommen werden.
Daimler Motoren= Geſellſchaft
Stuttgart. Das Geſchäftsjahr 1913 ſchließt, den Vortrag
vom Vorjahre mit 502 94780 Mark eingerechnet, mit einem
Reingewinn von 3 214 168,41 Mark ab. Der am 25. April
1914 zuſammentretenden Generalverſammlung ſoll der An=
trag
unterbreitet werden, eine Dividende von 14 Prozent
zu verteilen. Aus dem Reſt ſollen 934 183,15 Mack zu
außerordentlichen Abſchreibungen neben 538 109,36
Mark ordentlichen Abſchreibungen verwendet werden.

Ferner ſollen dem außerordentlichen Reſervefonds 500000
Mark überwieſen werden. Nach einer Dotierung der Ar=
beiterunterſtützungskaſſe
, ſowie eines Dispoſitionsfonds
für Wohlfahrtszwecke und Beſtreitung der Tantiemen wird
der Saldo von 447281,50 Mark auf neue Rechnung vorge=
tragen
.

Landwirtſchaftliches.

F.C. Frankfurt a. M 24. März. (Heu= und
Strohmarkt. Man notierte Heu 2,803,00 Mk., Stroh
fehlte. Alles per 50 Kilo. Geſchäft ruhig. Die Zufuhren
waren aus den Kreiſen Obertaunus, Hanau und Dieburg.
FC. Frankfurt a. M., 25. März. ( Kartoffel=
markt
.) Man notierte: Kartoffel in Waggon 44,50
Mark, Kartoffel im Detail 5,50 Mark. Alles per 100 Kilo.
Frankfurt a. M., 25. März. Schlachtvieh=
markt
. (Amtlicher Bericht.) Auftrieb 1979 Schweine.
Marktverlauf: langſam, bleibt Ueberſtand. 1. Fett=
ſchweine
über 3 Ztr Lebendgewicht 4851 ( Schlachtge=
wicht
6264), 2. vollfleiſchige Schweine über 2½ Zentner
Lebendgewicht 4749 (6062), 3. vollfleiſchige Schweine
über 2 Zentner Lebendgewicht 4851 (6264), 4. voll=
fleiſchige
Schweine bis zu 2 Zentner Lebendgewicht 48
bis 50 (6264).

Turnen, Spiele und Sport.

sr Pferdeſport. Rennen zu Maiſons=Lafitte,
24. März. Prix de Fromainville; 3000 Francs Diſtanz
1000 Meter. 1. Monſ. Lyſis Denaints Najade IV. 2. Wa=
roumi
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Francs, Diſtanz 1700 Meter: 1. Monſ. A. Weills Amilcar,
2. Le Lheris, 3. Bibendum. Tot. 28110. Prix du Hou=
dan
; 3000 Francs, Diſtanz 2100 Meter: 1. Monſ. J.
Lieux Laghey, 2. 2. Pachalik 3. Etheree II. Tot. 36.10.
Prix Delatre; 20 000 Francs, Diſtanz 2000 Meter: 1. Monſ.
H. B. Duyres Durbar, 2. Allumeur, 3 Mandarin IV Tot.
53:10. Prix de Ricquebourg; 6000 Francs Diſtanz
2400 Meter: 1. Monſ. J. Lieux Le Minotier, 2. Babette II,
3. Le Cardeur. Tot. 37110. Prix de Meaufles; 5000
Francs, Diſtanz 2000 Meter: 1. Monſ. S. H. Plums Rigle
Blanc, 2. Hickory, 3. Golding. Tot. 21:10.

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Nummer 85.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

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Aber es war kein Bekannter, der da vor der Tür
wartete; ein großer ihr völlig fremder Herr mit bartloſem
Geſicht, in einen eleganten, feuchtglänzenden Regenmantel
gehüllt, ſeinen Hut und einen triefenden Schirm in der
Hand haltend, verbeugte ſich leicht bei ihrem Erſcheinen.
Verzeihung, Miß, kann ich Miſſis Arnold ſprechen?
fragte er in ausländiſchem betontem Deutſch.
Meine Mutter iſt allerdings zu Hauſe, antwortete
Mizzi zögernd.
Verzeihung! ſagt eder Fremde wieder. John Eckardt,
ſtellte er ſich mit einer abermaligen Verbeugung vor.
Aber in Mizzis Augen ſtand zu leſen, daß dieſer
Name für ſie immer noch keinen beſtimmten Begriff deckte,
und ſo drückte der große Fremde ſich noch genauer aus:
John Kaſimir Eckardt aus Pittsburg, Amerika.
Kaſimir! Den Klang kannte Mizzi, und er ſagte ihr
mit einem Schlage alles: der Amerikaner, der glückliche
Erbe war’s! Ein feindliches Gefühl gegen ihn, der ſie
alle um ſo vieles gebracht hate, wallte in ihr auf.
Ach ſo, Sie ſind der Vetter der verſtorbenen Rentiere
Arnold aus Vorberg, ſagte ſie kurz.
Nicht der Vetter ſelbſt; das war mein verſtorbener
Vater, berichtigte der amerikaniſche John Kaſimir und
wiederholte höflichen Tones ſein Anliegen: Wenn ich alſo
Miſſis Arnold ſprechen könnte?

Sireiſirdeie Mihg ihr dagh zun Aherteien und
Ablegen ſeiner regennaſſen Oberkleidung auf, obzwar ſie
dieſen Beſuch ſehr überflüſſig fand und nicht einſehen
konnte, wozu er erfolgte. Sie alle hatten übergenug von
allen Kaſimieren.
Sehr kurzen, kühlen Tones führte ſie ihn auch in ſei=
ner
Eigenſchaft als glücklicher Erbe im Wohnzimmer bei
den anderen ein und bemerkte mit Befriedigung, daß in
deren Erſtaunen ſich die gleiche geheime Feindſeligkeit
miſchte. Nur Mama Arnold betrachtete den großen Frem=
den
mit mehr neugierigem Intereſſe. Ein Amerikaner
dieſer Begriff hatte für ſie einen Beigeſchmack von etwas
Märchenhaftem, Exotiſchem. Und er trug keinen Bart
ob er noch ſehr jung war? Oder etwa Paſtor oder
Schauſpieler? Aber ſo ſah er auch wieder nicht aus.
Danr bekam ſie einen Schrecken. Herr Eckardt wünſcht
Dich zu ſprechen, Mutter, ſagte Mizzi ſehr beſtimmt und
zog ſich mit den anderen in deutlicher Abſichtlichkeit nach
dem Hintergrund des Zimmers zurück. Ja, ganz angſt
wurde es Mama Arnold. Sie war ſo gar nicht an Selb=
ſtändigkeit
gewöhnt; was wollte er denn von ihr? Und
ihre Kinder ſahen ordentlich feindſelig herüber.
John Kaſimir Eckardt ſchien etwas von dieſer in der
Luft liegenden Feindſeligkeit zu empfinden und ſich nicht
ſonderlich behaglich in der Situation zu fühlen. Nach
Worten ſuchend, ſtrich er mit der behandſchuhten Rechten
ſeinen glänzenden Zylinderhut glatt, ſtrich über die Sei=
denaufſchläge
ſeines eleganten Gehrocks, rückte ſeinen in
der Nähe des harrenden Kaffeetiſches ſtehenden Stuhl und

ain, er de hn ueglich antltade Man garoſcſ. ge.
radeswegs auf ſein Ziel los.
Wer ich bin, iſt Ihnen bereits bekannt, Miſſis Arnold.
Mein Vater war ein Vetter der Vorberger Erblaſſerin
und in jungen Jahren nach Amerika ausgewandert. In
Deutſchland ein wenig leicht geweſen, kam er in dem
harten Leben drüben raſch zu ſich und hatte allmählich
Glück mit ſeinen geſchäftlichen Unternehmungen, ſo daß er
ſeine drei Kinder, meine zwei Schweſtern und mich, in
gutem Wohlſtand auf Erden zurückließ. Vor Jahresfriſt
iſt er nämlich geſtorben.
Ach! ſagte Mama Arnold bedauernd und dachte wieder=
ängſtlich
: Wozu erzählt er mir das eigentlich?
Seit Jahren ſchon Teilhaber der von ihm gegründe=
ten
Seidenimportfirma, bin ich heute deren alleiniger
Inhaber. Und meine Schweſtern, beide verheiratet, ſind
ebenfalls ſehr gut ſituiert, fuhr John Kaſimir in ſeinen
Auseinanderſetzungen fort. Durch einen deutſchen Ge=
ſchäftsfreund
ward ich auf den Aufruf des Vorberger
Amtsgerichts aufmerkſam gemacht, ſandte die zur Mel=
dung
erforderlichen Belege ein und erhielt darauf für
mich und meine Schweſtern die Erbſchaft zugeſprochen.
So, ſagte Mama Arnold leiſe und trüblich. Du lie=
ber
Gott, wie geſchäftsmäßig raſch, einfach und nüchtern
war das zugegangen, und wieviel Fürchten, Hoffen und
Sorgen und Not hatten ſie um das Erbe erduldet das
ſie dann doch nicht bekamen!
John Kaſimir aber ſprach weiter: Da ich einen zu=
verläſſigen
Geſchäftsführer habe, entſchloß ich mich kurz,

[ ][  ][ ]

Seite 14

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

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Kontinent endlich auszuführen und bei dieſer Gelegen=
heit
das Erbe perſönlich in Empfang zu nehmen, ſowie
Schritte zum Verkauf des Hauſes zu tun, das ich nicht be=
halten
wollte.
Mama Arnold nickte verſtändnisinnig, ſie hatte das
Spukhaus der toten Franzöſin auch nicht behalten wollen.
Und dort, während meines Aufenthaltes in Vorberg
erfuhr ich, daß ich, oder vielmehr, wir Geſchwiſter, un=
freiwillig
Sie beraubt haben, Miſſis Arnold.
Sie waren ja doch in Ihrem Recht, antwortete die
kleine Mama leiſe.
Der amerikaniſche John Kaſimir ſah auf den ausge=
tretenen
Fußboden nieder. Formell im Recht allerdings,
entgegnete er in etwas gedrücktem Ton. Aber dem Ge=
fühl
nach Er ſtrich wieder, nach Worten ſuchend,
über ſeinen Zylinder und blickte Mama Arnold abermals
an. Ich ſagte Ihnen ſchon, Miſſis, daß wir ſämtlich in
guter Vermögenslage ſind es auch ohne dies Erbe
ſchon waren und deshalb bin ich zu Ihnen hierher ge=
kommen
, um im Einverſtändnis mit meinen beiden Schwe=
ſtern
Ihnen eine Teilſumme des Erbes als Entſchädigung
für den Ihnen ohne unſere Schuld zugefügten Verluſt
anzubieten.
In Mama Arnolds grauem Köpfchen kreiſte es wirr
durcheinander: Nun ſollten ſie doch noch etwas von der
Erbſchaft kriegen?! Aber aus Gnade von dem amerika=
niſchen
Vetter ſich ſchenken laſſen ſollten ſie’s.
Doch, ehe ſie in ihrer hilfloſen Verwirrung noch ir=
gendeine
Antwort ſand, trat ſchon ein anderer Jemand

für ſie ein. Mit ungeſtümer Bewegung war Thea aufge=
ſprungen
und ſtand im nächſten Augenblick vor dem ame=
rikaniſchen
Vetter.
Wie können Sie uns ins Geſicht hinein ein ſolches
Angebot wagen?! Wie können Sie wagen, uns ein Al=
noſen
zu bieten?! rief ſie außer ſich. Das Erbe gehört
Ihnen, es ganz zu nehmen, iſt Ihr Recht nicht eines
Pfennigs Wert wollen wir uns davon ſchenken laſſen!
Wir haben wahrlich ſchon genug durch dieſe unſelige Erb=
ſchaft
verloren ein kurzes Schwanken kam in ihre
Stimme unſere Selbſtachtung aber laſſen wir uns nicht
auch noch damit abkaufen!
Aber Miß! Miß Arnold! Ich wollte ja nicht
Ich meinte ja nur Auch John Kaſimir Eckardt
war aufgeſprungen. Verblüfft und ſtaunend blickte er
Mama Arnolds Aelteſte an, die, hochaufgerichtet, mit heiß=
geröteten
Wangen, die dunkeln Augen in Zorn und Stolz
flammend, vor ihm ſtand. Es war ja doch lediglich meine
Abſicht
Wir danken für Ihre ſämtlichen Abſichten, Herr
Eckardt, ſchnitt Thea ihm ſcharf das Wort wieder ab.
Miß Arnold
Thea; Aber Thea! rief Mama Arnold ängſtlich mah=
nend
. So prachtvoll, wie ſie war in ihrem ſtolzen Zorn,
hätte ſie’s dem Amerikaner doch nicht ganz ſo böſe zu ſa=
gen
brauchen. Schließlich hatte er’s wirklich gut gemeint,
und nun war er ſicherlich ſchwer beleidigt; immer noch
ſtarrte er die Thea an.
Der mütterliche Anruf hatte Thea zum ruhigeren
Beſinnen gebracht, und der Blick des Fremden ſagte ihr,

daß ſie doch wohl zu ſchroff geweſen war. In der kühler
denkenden Union betrachtete man ein ſolches Anerbieten
wohl nur vom praktiſchen Standpunkt aus und hätte es
dort wahrſcheinlich mit Vergnügen akzeptiert. Und
außerdem mußte ſie zugeben, daß es auch wieder einem
feinen und vornehmen Gefühl entſprungen war.
Verzeihen Sie, ich ließ mich allzu ſehr hinreißen,
entſchuldigte ſie ſich in anderem Ton. Sie wiſſen nicht,
wieviel Schweres und Bitteres uns aus dieſer Erbſchafts=
geſchichte
gekommen iſt.
Und nun trinken Sie ein Täßchen Kaffee mit uns!
bat Mama Arnold im eifrigen Beſtreben, den Ausgleich
zu vollenden und die Verſöhnung vollkommen zu machen.
Eigentlich hatte er doch ein ganz gutes Geſicht.
Aber, Mutterle, es iſt ja eine fürchterliche Menge
Zichorie drin! Lotte rief’s, und dieſer Entſetzensſchrel
brach den Bann der Verſtimmung und des Fremdſeins.
Hans Bauer lachte, Mizzi lachte, und am herzlichſten
lachte John Kaſimir Eckardt. Gar nicht, wie ein Ameri=
kaner
, dachte Mama Arnold, die allerhand beſondere Vor=
ſtellungen
von dieſer Nation hatte.
Gerade nach Zichorienkaffee habe ich mich ſchon mein
halbes Leben lang geſehnt, verſicherte er. Mein Vater hat
uns Kindern oftmals begeiſtert geſprochen von dieſem
Trank ſeiner Heimat und deren ſelbſtgebackenem Sonn=
tagskuchen
.
Unſerer iſt auch ſelbſtgebacken, konſtatierte Mama
Arnold ſtolz.
(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Nummer 85.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

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Jahrgänge (Tages= und Abendkurſeſeine beſondere Feier für Sonn=
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Schulhauſes Rundeturmſtraße 9 geplant.
Es erſcheint aber notwendig, daß ſich alle ehemaligen
Schülerinnen, die an dieſer Feier teilnehmen wollen, vorher an=
melden
und Eintrittskarten empfangen.
Die Karten werden ausgegeben: Freitag, den 27. März,
von 812 und von 26 Uhr und Samstag, den 28. März,
von 812 Uhr in den Fortbildungsſchulräumen der Schulhäuſer
Rundeturmſtraße 9, Lagerhausſtraße 9 und Hermannsſtraße 21.
Ohne Karte kann der Zutritt zu der Feier nicht geſtattet werden.
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Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

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geschichte . .
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Kulturgeschichte
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Ein Lebensbuch.
39 Seiten. Elegant gebunden 6.
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Ein Lebensbuch will dies Werk in
zweifachem Sinne sein; es will ein ge-
schlossenes
Bild von dem inneren und
äußeren Leben Hebbels geben, wie der
Dichter es selbst in Briefen und Tage-
büchern
gezeichnet hat, die zuverlässigste
und in der unendlichen Fülle ihrer Spiege-
lungen
nicht zu übertreffende Biographie;
es will zugleich dem Leser zum Lebens-
buche
werden, d. h. zum ständigen Ge-
fährten
, zu dem er wieder u. wieder greift.

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Die deutschen Befreiungs-
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Dr. Friedrich Schulze.
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einerseits aus der Entwicklungsgeschichte
zu schildern, andererseits das Leben und
Treiben dort weiten Kreisen in der Hei-
mat
verständlich zu machen, voll erreicht.

Richard Wagner
Meisterwerke.
Herausgegeben mit einer kritischen Wür-
digung
des Meisters von Paul Friedrich.
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wart
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Paul Heinze. Mit 16 Bildnissen u. Namens-
zeichnungen
deutscher Dichter. Moderner
Ganzleinenband, früher 9., jetzt 4.50

[ ][  ][ ]

Nr. 85.

Donnerstag, 26. März.

1914.

Preis: & Flasche 85,
* Flasche (Honafe
ausreichend) M. 1.50.

eske
(2sser

Wer Odol konſequent täg=
lich
anwendet, übt nach unſeren
heutigen Kenntniſſen die denkbar
beſte Zahn= und Mundpflege aus.
(I,4647

Zweite Kammer der Stände.

109. Sitzung.
St. Darmſtadt, 25. März.
Am Regierungstiſch: Staatsminiſter Dr. v. Ewald,
Finanzminiſter Dr. Braun, Staatsrat Lorbacher,
Miniſterialrat Dr. Kratz.
Präſident Korell eröffnet die Sitzung um 9¼ Uhr.
Vor Eintritt in die Tagesordnung gibt Abg, Korell=
Ingelheim folgende Erklärung ab: Die Heſſiſche
Landeszeitung hat in ihrem Parlamentsbericht vom letzten
Donnerstag und einem Leitartikel vom Freitag Behaup=
tungen
über mein Verhalten während der Sturmſzene
Süffert-Fulda aufgeſtellt, die unwahr ſind. Ich habe
darauf am Samstag einen höflichen Brief an die Redak=
tion
geſchrieben, der bis heute nicht berückſichtigt worden
iſt. Ich nehme an, daß der Brief nicht an ſeine Adreſſe
gelangt iſt und ſtelle darum hier feſt, daß ich mich an den
Zwiſchenrufen mit keiner Silbe beteiligt habe. Die Be=
hauptungen
der Heſſiſchen Landeszeitung ſind unwahr.
Darauf wird in die Tagesordnung eingetreten. Die
Veratung des Hauptvoranſchlages für 1914
wird fortgeſetzt. Ueber die 9. Hauptabteilung:
Miniſterium der Juſtiz,
wird zunächſt eine Generaldebatte eröffnet.
Staatsminiſter Dr. v. Ewald
wendet ſich in ausführlichen Darlegungen gegen die Vor=
würfe
des Abg. Brauer. Es müſſe doch beſtritten werden,
daß das neue Grundbuch weniger überſichtlich ſei, als das
alte es war. Es iſt vor allem auch nicht richtig, daß alle
Grundbuchrichter dieſer Meinung ſeien. Dur Widerlegung
dieſer Brauerſchen Behauptungen verlieſt der Herr Mini=

ſter eine Anzaht Zuſchriſten. Auch die Behauptung, daß
das Publikum niemals Vertrauen zu dem Notariat ge=
winnen
werde, iſt nicht richtig. Wahr iſt allerdings daß
die Verbindung des Notariats mit der Rechtsanwaltſchaft
vielfach angefochten wird. Das reine Notariat ſei aller=
dings
das Ideal. In Oberheſſen beſonders befindet ſich
das Notariat in beſter Entwickelung. Auch der Abgeord=
nete
v. Helmolt hat ſich für die Notariate ausgeſprochen.
Nur in der Errichtung neuer Notariate hat er Zurückhal=
tung
empfohlen. Hierin begegnen ſich unſere Anſichten.
Wenn aber der Abg. Brauer geſagt hat, die Notariate in
Heſſen verdienen kein Vertrauen, ſo iſt das falſch. Das
Gegenteil iſt der Fall. Wir werden demnächſt der Ver=
einfachungskommiſſion
eine Denkſchrift über das Notariat
zugehen laſſen, aus der Sie erſehen werden, daß das
Notariat ſich in durchaus fortſchreitender Entwickelung
bewegt. Wenn aber das Notariat ſich für Handel und
Verkehr als eine durchaus zweckmäßige Einrichtung er=
wieſen
hat, ſo ſollte man nicht von der Juſtiz verlangen,
daß es den Wünſchen dieſer Faktoren nicht entgegenkommt.
Mit Recht verlangt der Bauernbund, daß die Landwirt=
ſchaft
nach Kräften unterſtützt wird. Auf der anderen
Seite aber haben doch Handel und Induſtrie das gleiche
Recht. (Sehr richtig!) Da bleibt die Regierung doch da=
für
verantwortlich, daß geſchehen muß, was im Intereſſe
aller notwendig iſt. Darum ſollte man doch nicht immer
wieder ankämpfen gegen eine Einrichtung, die ſich durch=
aus
bewährt hat. Der Abg. Brauer hat ſich weiter be=
ſchwert
über die Maßnahmen der Regierung zu der in
Groß=Gerau eingetretenen Vakanz. Als am 5. Oktober
der Notar Scriba in Groß=Gerau ſtarb, machte ſich eine
Bewegung dagegen bemerkbar, die Stelle wieder zu be=
ſetzen
, und zwar, wie ich glaube, von einer dem Abg.
Senßfelder naheſtehenden Seite. Herr Senßſelder hat
denn auch einen Antrag eingebracht, die Regierung wolle
die Stelle nicht wieder beſetzen. Ich darf wohl das Zeug=
nis
für mich in Anſpruch nehmen, daß ich allen Wünſchen
willig Gehör ſchenke, auch wenn ſie Fragen betreffen, wo
es ſich nicht um Ständeangelegenheiten, ſondern um ein
Recht der Krone handelt. Hier handelt es ſich auch um
ein Kronrecht. Ich habe aber auch hier nichts dagegen
einzuwenden, wenn die Herren Wünſche hierzu vorbrin=
gen
. Im vorliegenden Falle aber wäre es, abgeſehen von
der konſtitutionellen Frage, ein großer Fehler geweſen,
wenn ich dem Antrage Senßfelder Folge geleiſtet hätte.
(Sehr richtig!) Ich hatte keinerlei Garantien dafür, daß
der Antrag hier im Hauſe ſo ſchnell, wie es erwünſcht
geweſen wäre, erledigt worden wäre. Darüber wollen
wir uns doch nicht täuſchen; geeilt hätte es dem Abgeard=
neten
Senßfelder ſicher nicht, ſeinen Antrag hier zur Er=
ledigung
zu bringen. Die Stelle durfte aber nicht un=
beſetzt
bleiben im Intereſſe der Bevölkerung. Wer ſeine
Akte bei einem Notar zu machen gewohnt war, wollte das
auch weiter ſo machen; jedenfalls durfte man die Sache
nicht auf die lange Bank ſchieben. Wenn der Abg. Brauer
aber geſagt hat, es ſei eine Mißachtung der Volksſtimme
geweſen, ſo muß ich gegen dieſe Aeußerung doch Proteſt
einlegen. Ich möchte dazu doch auf die Aeußerungen ver=
weiſen
, die mir zu dem Antrag Senßfelder zugegangen
ſind, und die ich zu den Akten der Kammer gegeben habe.
Es hat ſich durchaus nicht die ganze Bevölkerung gegen
die Beſetzung der Stelle gewendet. Es ſind im Gegenteil
auch viele Erſuchen an uns gekommen, die Stelle ſo raſch

ee e e
gehend begründet worden. Beſonders der Umſtand, daß
der Notar jederzeit zu ſprechen iſt, iſt von größter wirt=
ſchaftlicher
Bedeutung. Ich habe beiſpielsweiſe auch auf
die Firma Opel verwieſen. Herr Brauer hat mir daraus
den Vorwurf gemacht, daß wir die Meinung eines In=
duſtriellen
höher einſchätzten, als die der großen Maſſe des
Volkes. Selbſt, wenn dieſe Firma allein ſtände, hätte ich
wohl nicht Unrecht getan, wenn ich dieſer Firma, die etwa
5000 Menſchen Brot gibt, einen Dienſt erwieſen hätte.
Uebrigens ſteht ja doch der Bevölkerung das Recht frei,
auch ſich an das Amtsgericht zu wenden, wenn es dieſes
dem Notar vorzieht. Ich freue mich, daß die Amtsgerichte
das große Vertrauen neben den Notaren genießen.
(Bravo!)
Abg. Wünzer: Nach unſeren Rechtsgrundſätzen
haftet der rechtſprechende Beamte für Nachteile, die aus
einer irrtümlichen Rechtſprechung oder ſonſtigen Fehlern
entſtehen. Das führt beſonders in den Grundbuchange=
legenheiten
zu ſchwerer Verantwortlichkeit der Richter.
Ich halte es darum für unbedingt nötig, unſere Amts=
gerichte
dauernd im Laufenden über Entſcheidungen aller
Art zu halten. Es zſt dazu nötig, daß alle bedeutenden
Zeitſchriften abonniert und den Amtsgerichten zugäng=
lich
gemacht werden. Man darf dabei nicht zwiſchen klei=
nen
und großen Amtsgerichten unterſcheiden. Auch die
Entſcheidungen des Oberlandesgerichts in Strafſachen
müßten den Amtsgerichten zugehen und der Staatsver=
lag
ſollte mehr als bisher in den Dienſt der Juſtiz ge=
ſtellt
werden. Weiter möchte ich bitten, nachdem nun=
mehr
die gkademiſchen Beamten in ihren Gehaltsbezügen
den Richtern gleichgeſtellt ſind, doch auch die Richter den
glademiſchen Beamten gleichzuſtellen. Redner führt eine
Anzahl Punkte auf, in denen das nicht der Fall iſt. Die
Beſtimmung, daß Richter und Staatsanwalt nicht in ver=
wandtſchaftlichem
Verhältnis ſtehen dürfen, iſt ein Unikum
und wird vielfach als hinderlich empfunden. Unſer An=
trag
auf Errichtung einiger neuer Richterſtellen will wei=
ter
nichts, als daß Stellen, die ohnehin ſchon vorhanden
und mit Aſſeſſoren beſetzt ſind, definitiv. beſetzt werden.
Hierdurch iſt die Koſtenfrage durchaus leicht zu löſen. Die
bayeriſche Praxis kennt die Stellvertretung eines Rich=
ters
durch Aſſeſſoren überhaupt nicht. Ich halte aber die
Auslegung des § 1 in dem Sinne, wie es in Heſſen ge=
ſchieht
, für richtiger. Doch iſt es unbedingt erforderlich,
daß Stellen, die durchaus erforderlich ſind nicht dauernd
durch Aſſeſſoren beſetzt bleiben dürfen. Bei der Löſung
der Frage, unter welchen Umſtänden eine Richterſtelle als
dauernd beſetzbar anzuſehen iſt, darf nicht entſcheidend
ſein, daß die betreffende Stelle erſt ganz kurze Zeit not=
wendig
wurde. Ich möchte hierbei auf Offenbach erempli=
fizieren
. Kein Menſch wird daran zweifeln, daß hier die
Stelle nie mehr aufgehoben wird. Von einer Abnahme
der Gerichtsbarkeit kann in Offenbach keine Rede ſein.
Eine geſunde Rechtſprechung bedingt eine genaueſte Kennt=
nis
der Geſetze. Aber eine Rechtſprechung, die ſich nur
auf die Geſetze ſtützt, die am Buchſtaben klebt, würde eine
weltfremde werden. In den Rechtſprechungen ſollte ſich
vielmehr der Geiſt der modernen Zeit widerſpiegeln.
Das erfordert eine andauernde Fortbildung des Richters.
In dieſer Beziehung hat das Miniſterium Ewald ſelbſt
uns die Wege geebnet. Es hat uns neue Kenntniſſe der
Intereſſengemeinſchaften vermittelt durch die Vorträge des

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[ ][  ][ ]

Seite 18.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

Nummer 85.

Gerichtschemikers Dr. Popp, die für viele Richter ſehr wich=
tig
waren. Es hat Richtern ermöglicht, an Jugendfür=
ſorgekongreſſen
teilzunehmen, hat Weiterbildungskurſe auf
verſchiedenen Gebieten eingerichtet uſw. Damit iſt aber
das nicht erſchöpft, was ich für notwendig halte. Man
müßte den Richtern die Teilnahme an den großen krimi=
nalpſychologiſchen
Prozeſſen ermöglichen, den Zutritt zu
den großen, modern geleiteten Strafanſtalten u. v. a.
Dankbar iſt die Einſtellung von 5000 Mark zu Zwecken der
Weiterbildung für Richter anzuerkennen. Das gleiche,
was für die Richter, gilt auch für die Staatsanwälte.
Richter und Staatsanwalt ſollten den Angeklagten nicht
erſt am Tage der Verhandlung kennen lernen, ſie ſollten
das Innenleben des Angeklagten kennen, den Ort der
Straftat, das Milieu, in dem der Angeklagte aufgewachſen
iſt uſw. Dieſe Tätigkeit außerhalb des eigentlichen
Dienſtes für Staatsanwalt und Richter erfordert Zeit.
Man muß darum dieſe Beamten nicht überlaſten. Vor
einem Schematiſieren in dieſer Beziehung, etwa nach der
Kopfzahl der Bevölkerung, muß dringend gewarnt wer=
den
. Die Verſchiedenartigkeit der Bevölkerung kommt ge=
rade
in der Rechtspflege und Strafgerichtsbarkeit der Be=
völkerung
ſehr in Betracht. Die Notarsgeſchäftszimmer
müſſen auch zu den Stunden zugänglich ſein, in denen
die Amtsgerichtsdienſtſtunden abgeſchloſſen ſind. Das iſt
ein großer Vorzug des Notariats. Man ſollte das bei
den Wünſchen nach einer Organiſationsänderung wohl in
Betracht ziehen. Im weiteren gibt Redner Zahlenſtati=
ſtiken
zum Vergleiche mit den Verhältniſſen in Baden,
Württemberg und Bayern. Ueberall ſieht man eine For=
derung
zur Vermehrung der Richterſtellen, die in der Zu=
nahme
unſerer Rechtspflege bedingt iſt. Das Grundbuch
bedeutet eine ganz erhebliche Vermehrung der Arbeits=
laſt
, aber es muß anerkannt werden, daß das neue
Grundbuch ſo große Vorteile gebracht hat, daß dadurch
alles andere beiſeite treten muß. In der Vermehrung
der Richter bewegt ſich Heſſen unter den mittleren und
größeren Bundesſtaaten nicht an der Spitze, nicht einmal
in der Mitte. Redner beſpricht dann eingehender die
Stellenverhältniſſe in Darmſtadt, Offenbach und den übri=
gen
heſſiſchen Städten. Redner begründet weiter den An=
trag
, 2 Stellen für Staatsanwälte in Darmſtadt und
Gießen, 7 Stellen für Amtsrichter bei den Amtsgerichten
in Offenbach, Gießen, Mainz, Darmſtadt I und Darm=
ſtadt
II, Friedberg und Bad Nauheim in das Budget 1914
einzuſetzen, und bittet, den Antrag in wohlwollende Er=
wägung
zu ziehen, um durch die Schaffung neuer Anſtel=
lungsmöglichkeiten
neue Kräfte dem Richterſtand zuzu=
führen
. Die Frage des Hilfsrichtertums kommt in Zu=
kunft
nicht mehr zum Verſtummen. Die Koſtenfrage iſt
durchaus lösbar, ſie tritt aber völlig zurück hinter den
Vorteilen, die der Oeffentlichkeit damit erwieſen wer=
den
. (Lebh. Bravo!)
Abg. Reh (ſehr ſchwer verſtändlich): In bezug auf
die Anſtellungs= und Gehaltsverhältniſſe der Aſſeſſoren
möchte ich alles unterſchreiben, was der Abg. Wünzer ge=
ſagt
hat. Die Gerichtsaſſeſſoren in Heſſen ſeien am ſchlech=
teſten
beſtellt in bezug auf Vergütung und Wartezeit. Be=
züglich
Witwen= und Waiſenverſorgung iſt ihnen über=
haupt
kein Recht gewährleiſtet, ſie ſind auf den Gnaden=
weg
angewieſen. Das iſt ein Mißſtand, der dringend
der Abſtellung bedarf. Die Erhöhung der Aktuariats=
aſſiſtentenſtellen
um 15 iſt zu wenig in Anbetracht der
Zahl der proviſoriſch beſetzten Stellen. Redner bean=
tragt
, die Zahl auf 20 zu erhöhen. Die Ausführungen
des Abg. Brauer über das Grundbuch zeugten von ſehr
wenig Sachkenntnis. Das neue Grundbuch iſt gegenüber
dem alten von ganz eminentem Vorteil. Ebenſo die Ein=
richtung
des Notariats, gegen das nur aus politiſchen
Gründen in gewiſſer Weiſe agitiert wird. Das Nota=
riat
habe ſich außerordentlich gut eingeführt, und wenn
Herr Brauer behauptet, das Notariat werde ſich nie das
Vertrauen der Bevölkerung erwerben, ſo iſt das durch=
aus
beweislos. Gegen die Verallgemeinerung einzelner
Fälle von Verfehlungen müſſe energiſch proteſtiert wer=
den
. (Bravo!) Man ſollte doch endlich einmal Ruhe
eintreten laſſen in dem jetzt beſtehenden Zuſtand. Damit
würde man dem Volke, der Allgemeinheit, den beſten
Dienſt erweiſen.
Abg. Grünewald: Dem Miniſter ſtimme er zu
in bezug auf die Nützlichkeit des Notariats, wenn er
auch wie früher die Vereinigung von Notariat und An=
waltſchaft
nach wie vor für unzweckmäßig halte. Das
Notariat gewähre eine Rechtsſicherheit, die bei den
Ortsgerichten nicht beſtanden habe. So wenig der Juriſt
von der Landwirtſchaft verſtehe, ſo wenig ſei der Rechts=
unkundige
imſtande, verwickelte Rechtsangelegenheiten in
Verträgen zu formulieren. Die ortsgerichtlichen Verträge

ſeien eine Quelle von Prozeſſen geweſen. Dem Herrn
Miniſter wiſſe er Dank für die Betonung der In=
tereſſen
von Handel und Induſtrie, die im
Hauſe ſchwach vertreten ſeien und die als gleichwertig
neben denjenigen der Landwirtſchaft behandelt werden
müßten; das Verlangen nach Beſetzung der Notarſtellen
aus dieſen Kreiſen ſei berechtigt. Dem Abg. Wünzer trete
er bei bezüglich des Verlangens, den Richtern unbedent=
liche
Nebenbeſchäftigungen gegen Vergütung zu
geſtatten. Man komme häufig in die Lage, einen Richter
als Obmann in Schiedsgerichten und dergl gewinnen zu
wollen, dies ſcheitere aber daran, daß er keine Vergütung
annehmen dürfe. Es beſtehe aber häufig in dieſer Hinſicht
gar kein Bedenken. Bezüglich der Aſſeſſorenfrage befinde
er ſich mit der Forderung, daß dauernd nötige Stellen
dekretmäßig beſetzt werden ſollten, in beſter Geſell=
ſchaft
. Herr Miniſter v. Ewald habe wiederholt
erklärt (Redner zitiert verſchiedene Aeußerungen), daß die
Regierung geſetzlich verpflichtet ſei, dieſe Stellen
zu beſetzen. Was ſei dauernd‟? Achtzehn Jahre, wie
die Staatsanwaltſtelle in Gießen? Ein Jahr, wie am
Amtsgericht Gießen? Redner verlieſt ſtatiſtiſche Nach=
weiſe
, welche die Notwendigkeit der Stellen bei der
Staatsanwaltſchaft und beim Amtsgericht Gießen, ſowie bei
den Amtsgerichten Nauheim und Friedberg dartun. Die
Geſchäftslaſt ſei ſeit 1900 ſtark gewachſen; die Richter dürf=
ten
nicht überlaſtet werden. Redner begrüßt die Aus=
bildung
der Richter durch Beſuch von Kongreſſen, vermißt
aber eine Einrichtung, durch welche die jungen Rechts=
befliſſenen
in den Gebieten des Handels und Verkehrs,
der Induſtrie, des Handwerks der Gewerbe= und Land=
wirtſchaftskammern
, der ſozialen Tätigkeit in den Kom=
munen
ſich umzuſehen Gelegenheit haben. Die wenigſten
könnten ein Kontokorrent oder eine Bilanz leſen
und verſtehen. Auch die Ethik des Juriſtenberufs ſei
bis jetzt nicht gepflegt, die ungeſchriebenen Geſetze, deren
Kenntnis für den jungen Richter wie für den jungen An=
walt
nötig ſei, würden ihnen nicht bekannt gegeben; nicht
jeder wiſſe ſie von ſelbſt.
Das alte Grundbuchweſen habe ſeiner Zeit
entſprochen, das Immobiliar= und Hypthekenweſen ſei
durch die alten heſſiſchen Juriſten (Lindelof u. a.) gut ge=
regelt
geweſen. Die moderne Zeit, die Vielgeſtaltigkeit
des Verkehrs= und Rechtslebens haben eine andere, ſub=
tilere
Einrichtung nötig gemacht, und das neue Grund=
buch
biete eine größere Gewähr für die Rechtsſicherheit.
Alle Reden darüber ſeien müßig das neue Grundbuch
werde nicht mehr abgeſchafft, das alte nicht mehr zurück=
kommen
. Der Staat habe ein Intereſſe an der Erhaltung
eines unabhängigen, wirtſchaftlich geſicher=
ten
Anwaltſtandes. Zu den Mitteln, der Ueber=
füllung
entgegenzutreten, gehöre die Einführung der
Freizügigkeit, die wiederum abhängig ſei von der
Reichsprüfungsordnung, die längſt verſprochen
ſei. Einzelne Bezirke ſeien überfüllt, in anderen ſeien zu
wenig Anwälte. Da müſſe eine Ausgleichung eintreten.
Keinesfalls dürfe die Regierung den Rechtsanwälten den
ſchweren Exiſtenzkampf noch mehr erſchweren. Das Pro=
zeßagententum
ſchade vielen jungen Anwälten bei
den Amtsgerichten außerordentlich. Viele Jahre muß der
Anwalt lernen, Kapitalien für ſeine Ausbildung aufwen=
den
, dann tritt er in ſeinen Beruf ein, ſtrenge Vorſchriften
der Rechtsanwaltsordnung ſtehen vor ihm, die Ehrenge=
richte
überwachen ſeine Dienſtführung, geringe Gebühren
(auf Grund eines Tarifs von 1879!) ſind ſein Lohn
und ihm tritt der Agent gegenüber, der gar keine Vorbil=
dung
hat, durch keine Rückſichten gehindert iſt, vindice
nullo, der bei den Leuten hauſieren geht, der markt=
ſchreieriſche
Inſerate erläßt, der alle Geſchäftspraktiken
anwendet, um die Leute in ſein Garn zu treiben. Und ein
ſolches Treiben begünſtigen mänche Amtsrichter, ſo
der Herr Oberamtsrichter in Butzbach. Während die An=
wälte
gern die Tätigkeit der Richter anerkennen,
ihren berechtigten Intereſſen und Wünſchen gern die=
nen
, erfahren ſie vielfach aus Richterkreiſen Anfeindun=
gen
oder gar, wie aus dem Prozeßagentenweſen erkenn=
bar
, Schädigungen. Das Miniſterium könne immerhin,
ohne in die richterlichen Befugniſſe einzugreifen, den Amts=
richtern
belehrende Weiſungen bezüglich der Behandlung
der gewerbsmäßig auftretenden Prozeßagenten zugehen
laſſen. Redner erwähnt noch kleine Anſtände, die ſich
bei Beſtellung von Grundbuchsauszügen und dergleichen
ergeben haben und ſchließt damit, daß an der Juſtiz, an
gut geſtellten, mit Arbeit nicht überlaſteten Richtern,
an einem tüchtigen Anwaltſtand jeder Volksgenoſſe
ein Intereſſe habe; die Juſtiz ſei der Hort des Rechts
auch für den Aermſten im Volke.
Abg. Boxheimer: Die letzten Ausführungen des
Abgeordneten Grünewald ſind neu. Es muß erwartet

werden, daß die Regierung derartige Auswüchſe energiſch
bekämpft. Die Aſſeſſoren ſind bis jetzt am wenigſten
mit Wünſchen an die Kammer herangetreten. Das iſt
ſicher nur auf übergroße Beſcheidenheit zurückzuführen,
nicht etwa darauf, daß die Aſſeſſoren keine Wünſche ha=
ben
. Die im Antrag Wünzer geforderten neuen Stellen
ſind durchaus berechtigt. Für Worms iſt außerdem eine
neue Aſſeſſorſtelle nötig. Es kann keine Rede davon ſein,
daß man die neuen Richterſtellen nur wegen den Aſſeſſoren
beantragt. Die angeſtrebte Gleichſtellung der Aſſeſſoren
mit den Regierungsbaumeiſtern hat man dadurch herbei=
geführt
, daß man die letzteren Beamten um 300 Mark
reduzierte. So war die Gleichſtellung allerdings
nicht gemeint geweſen. Die Notariate haben bis
jetzt in keiner Weiſe die Bedenken gerechtfertigt,
die der Abgeordnete Brauer hier erhoben hat. Man ſollte
an der Rechtseinheit in den drei Provinzen keine Aende=
rung
vornehmen. An die Abſchaffung der Notariate dürfe
natürlich nicht gedacht werden. Es iſt klar, daß die No=
tariate
durchaus im Intereſſe der Bevölkerung wirken=
Die Regierung müſſe unbedingt die Differenzierung in
den Koſten zwiſchen Amtsgerichten und Notaren beſeiti=
gen
. Durch dieſe Differenzierungen würde den Notaria=
ten
eine nicht berechtigte Konkurrenz geſchaffen. Das No=
tariat
Bingen iſt aus dieſen Gründen ſchon längere Zeit
verwaiſt Von manchen Gerichten werden die ſchwierigen
Fälle an die Notariate verwieſen. Die Regierung möge
dann feſtſtellen, daß jedem Richter die Teilnahme an den
Frankfurter Kurſen geſtattet iſt, daß nicht einzelne Richter
dazu beordert werden, um Protektionswirtſchaft zu ver=
meiden
. Die Verwendung der Schreibmaſchine bei Pro=
tokollen
uſw. iſt ſehr zu begrüßen. Die Beherrſchung
der Stenographie und Schreibmaſchine ſollte zur Bedin=
ung
für die Anſtellung jedes Schreibgehilfen werden.
Zum Grundbuch unterſchreibe ich das von den Vorrednern
Geſagte. Die Schaffung einer größeren Anzahl Stellen
für Aktuariatsaſſiſtenten iſt zu befürworten. Zum Schluß
beſpricht Redner Zuſtände am Amtsgericht Lorſch ( Ge=
bäude
betreffend), die lokaler Natur ſind.
Abg. Dorſch verteidigt die Ausführungen des Ab=
geordneten
Brauer bezüglich der Ortsgerichte, die zugun=
ſten
der Notariate beſchnitten werden. Die Ortsgerichte
ſeien ein altes Volksrecht, um das mit aller Energie ge=
kämpft
werden wird. Beſchwerden zu führen, hat Red=
ner
über die Art und Weiſe der Zeugenvernehmungen.
Hier werde vielfach von Richtern die Menſchenwürde und
der berechtigte Stolz der Zeugen verletzt. Ich gebe zu,
daß das Ausnahmefälle ſind, aber es muß dieſe Be=
ſchwerde
immerhin vorgebracht werden. Die Vorredner
haben in allen Tonarten das Lob der Notariate geſun=
gen
Ich möchte das Gegenteil ſagen und dafür Beweiſe
anführen. Ein Notar hat zum Beiſpiel fünfmal den
Viehbeſtand eines Bauern verkauft, der ihm längſt nicht
mehr gehörte. Ob die Grundbücher in Zukunft bei Tei=
lungen
ſich bewähren werden, muß ſich erſt erweiſen. Die
Gebühren für Grundſtücksverkäufe ſind verteuert worden.
Gegenüber den alten Ortsgerichten gehen die Notare mit
wenig Takt vor, beſonders in der Feſtſtellung von Schul=
den
uſw. Vielfach könnten die Ortsgerichte noch vorbild=
lich
ſein.
Abg. Dr. Oſann erſtattet dann kurz Bericht über die
Beſchlüſſe des Finanzausſchuſſes zu den eingegangenen
Anträgen. Zum Antrag Wünzer beantragt der Ausſchuß,
die Regierung zu ermächtigen. die geforderten 9 Stellen
in den Etat einzuſtellen. Der Antrag Reh, die Akturitäts=
ſtellen
auf 20 zu erhöhen, hat der Ausſchuß abge=
lehnt
. Abg. Henrich iſt vom Abgeordneten Reh er=
mächtigt
worden, ſeinen Antrag zurückzuziehen, er wird
im nächſten Jahre wieder eingebracht werden. Abg. Dr.
Weber hat beantragt, die Anträge auf Stellenvermeh=
rung
dem Vereinfachungsausſchuß zu überweiſen.
Abg. Dr. Fulda: Wenn der Abg. Dorſch geſagt hat,
es ſcheine eine Verſchwörung unter den Juriſten zu be=
ſtehen
, ſo würde dieſer Eindruck vielleicht noch verſtärkt
werden dadurch daß er, Redner, den Ausführungen des
Abgeordneten Wünzer voll zuſtimme. Er führt dann Be=
ſchwerde
darüber, daß immer noch keine oder doch zu
wenig Arbeiter zu Geſchworenen und Schöffen ausgeloſt
würden. Der Grund der einſeitigen Ausloſung ſei wohll
in der einſeitigen Zuſammenſetzung der Kommiſſionen an
den Gerichten zu finden. Man müſſe noch dazu kommen,
daß die Geſchworenen und Schöffen durch Volksabſtim=
mung
gewählt werden. Für die Jugendgerichte wären
die Volksſchullehrer die geeigneten Beiſitzer, und Redner
bittet die Regierung, beim Reichsjuſtizamt dahin zu wir=
ken
, daß Volksſchullehrer zu Schöffen und Geſchworenen
herangezogen werden können.
Darauf wird die Sitzung um 1 Uhr auf nachmit=
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[ ][  ][ ]

Nummer 85.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

Seite 19.

110. Sitzung.
(Nachmittags=Sitzung.)

St. Darmſtadt, 25. März
Am Regierungstiſche: Staatsminiſter Dr. v. Ewald,
Finanzminiſter Dr Braun, Staatsrat Lorbacher,
Miniſterialrat Dr. Kratz.
Vizepräſident Dr. Schmitt eröffnet die Sitzung um
¼4 Uhr.
Abg. Dr. Fulda ſetzt ſeine heute vormittag abge=
brochene
Rede fort. Er erſucht die Regierung um eine
ſtatiſtiſche Aufſtellung, die einen Ueberblick über die Be=
rufstätigkeit
der Schöffen und Geſchworenen ermöglicht.
Mißſtände herrſchen auf dem Gebiete des Privatklage=
verfahrens
, inſofern es nicht möglich iſt, derartige Kla=
gen
ſchon vor der Sühnebehörde zu erledigen. Das
Sühneverfahren leidet ſehr oft unter dem Mangel der
Autorität des Gemeindebeamten und an dem Mangel des
Erſcheinungszwanges. Das Gebührenweſen der Anwalt=
ſchaft
bedürfe der Reform, ebenſo das Wiederaufnahme=
verfahren
. Die Darmſtädter Kriminalpolizei reiche nicht
aus, Kapitalverbrechen aufzudecken. In der Mordſache
Brechner hat ein ganz junger Aſſeſſor die Darmſtädter
Staatsanwaltſchaft vertreten. Das iſt ganz ungenügend,
weil ein ſolcher Fall eine beſondere Fachausbildung er=
fordert
. Sicher iſt, daß das Darmſtädter Syſtem zu wün=
ſchen
übrig laſſe. Es ffehlt offenbar an der richtigen Aus=
wahl
der Leute. Die jungen Juriſten ſollten auch in die
Gewerkſchaften der Arbeiter gehen, um dort zu lernen
und die Arbeiterſeele zu erkennen. Weiter ſollten ſie die
Gefängniſſe und Irrenhäuſer kennen lernen, ſie würden
dann in mancherlei Beziehung ihre Anſichten ändern.
Was bezüglich der Stellenbeſetzung mit Aſſeſſoren vom
Abg. Wünzer geſagt wurde, iſt durchaus zu unterſchrei=
ben
. Es müſſe vermieden werden, daß das Rechtsſtudium
und ſeine Berufe zu ſolchen ausſchließlich reicher Leute
werden. Redner bringt dann einige Beſchwerden vor zu
Spezialfällen. So u. a. die Tatſache, daß kürzlich bei
einem Arbeiter in Nieder=Roden, der wegen Fälſchung
einer Fahrkarte angeklagt war, ſich die Bemerkung in den
Akten fand, daß er Führer der ſozialdemokratiſchen Par=
tei
in Nieder=Roden ſei. Auch ein Gegenſtück dazu bringt
Redner zur Sprache, nämlich die Tatſache, daß ein An=
geklagter
(wegen Meineides) bat, ihn nicht zu entehren,
weil er Mitglied des Kriegervereins ſei. Redner leitet
daraus die Anſicht her, daß ſich in den Köpfen der Be=
völkerung
eine Art Klaſſenjuſtiz konſtruiert. Weiter ſchil=
dert
Redner einen Fall, in dem einem Arbeitswilligen
von dem Gendarmen geſagt worden ſein ſolle, wenn er
wieder von einem Streikenden angehalten werde, dieſen
aufs Dach zu ſchlagen.
Präſident Köhler macht dann Mitteilungen über die
Beſchlüſſe des Seniorenkonvents.
Dieſer hat beſchloſſen, noch Donnerstag und Freitag
Sitzungen abzuhalten, dann am Dienstag die Rückäuße=
rungen
der Erſten Kammer zu erledigen und dann die
Sitzungen vorerſt zu beenden. Dann ſoll die Kammer
Ende Mai wieder zuſammentreten, um die bis dahin
fertiggeſtellten kleineren Geſetzesvorlagen zu erledigen.
Anfang Juli wird dann nach einer weiteren kurzen
Tagung der Landtag offiziell geſchloſſen werden.
Abg. Stephan: Der Abg. Wünzer hat heute vor=
mittag
eine ſo vorzügliche Begründung unſeres Antrages
gegeben, daß dieſe nur abgeſchwächt werden könnte, wollte
man noch etwas hinzufügen. Auch der Abg. Fulda habe
ja im Prinzip dem Antrage zugeſtimmt. Auch bezüglich
der Lage der Aſſeſſoren uſw. ſchließe er ſich den Vor=
rednern
an. Die Gerichtsreferendare ſollten auch in den
Stadtverwaltungen Verwendung finden. Daß der Immo=
bilienbeſitzſtempel
hoch iſt und etwas hemmend auf den
Immobilienmarkt einwirkt, iſt nicht zu beſtreiten. Doch
ſind die Gründe des Rückganges des Immobilienverkehrs
doch noch anderer Natur. Man dürfe auch nicht die Immo=
bilien
zu einer Marktware machen, die fortgeſetzt ihren
Beſitzer wechſelt. Schuld daran ſind vielfach auch die
hohen Proviſionen der Immobilienmakler. Früher hat
man dieſe Makler in Rheinheſſen, beſonders auf dem
Lande, gar nicht gebraucht, heute entwickeln ſie eine ſſehr
ausgedehnte Tätigkeit. Das Zwangserziehungsgeſetz
ſollte vereinfacht werden.
Abg. Damm: Was über die Beſetzung der einzelnen
Richterſtellen geſagt wurde, dem iſt durchaus zuzuſtim=
men
. Der Standpunkt der Regierung in der Frage der
Richterſtellen in Friedberg iſt nicht zu verſtehen. Hier iſt
die Stellenvermehrung dringend notwendig. Redner be=
legt
das mit Zahlenmaterial. Es geht nicht an, die Rich=
tertätigkeit
, für die Unabhängigkeit Grundbedingung iſt,
länger in den Händen abſetzbarer Aſſeſſoren zu belaſſen.
Abg. Senßfelder: Das Grundbuch iſt von den
ſämtlichen Rednern gewiſſermaßen als unfehlbar bezeich=
net
worden. Ich bin ein entſchiedener Gegner des neuen
Grundbuches wie des Notariats. Nach dem alten Grund=
buch
war die Ueberſicht und Feſtſtellung viel leichter, als
es nach dem neuen der Fall iſt. Redner führt dafür
Einzelfälle zum Beweis an. Es iſt nach dem neuen
Grundbuch nicht möglich, ohne Karte die Lage eines
Grundſtückes zu beſtimmen. Die Beurkundungen durch
Notare ſind bedeutend teurer, als durch das Amtsgericht.
Das kommt vielfach daher, daß die Notare erſt auf das
Amtsgericht gehen und das Grundbuch einſehen müſſen.
Wenn der Grundbuchrichter ſelbſt die Enteignung vor=
nimmt
, iſt das billiger und bequemer.
Aba. Dr. Schmitt (meiſt unverſtändlich) beſpricht
die Stellung der Aſſeſſoren und ſtimmt dem hierzu bereits
Geſagten zu. Der Abg. Fulda könne ſeinen perſönlichen
Widerſtand gegen den Antrag Oſann fallen laſſen, nach=
dem
er im Prinziv zugeſtimmt und nachdem der Ausſchuß
ſeinen Antrag dahin geändert hat, daß nur verſucht wird.
bis zu 7 neue Stellen zu ſchaffen, ohne die Verteilung der
neuen Stellen feſtzulegen. Zu einigen Spezialfällen
(Worms uſw.) bittet Redner um Aufklärung. Bezüglich
des Notariats iſt das, was Herr Senßfelder geſagt hat,
von einem objektiven Urteil ſehr weit entfernt. Man
ſolle doch die Leute, die nicht aufs Gericht, ſondern zum
Notar gehen wollen, daran nicht hindern. Die Bevölke=
rung
in Rheinheſſen wird ſich das Notariat niemals mehr
nehmen laſſen. So wird es in anderen Landesteilen auch
werden, wenn man einmal die aktive Tätigkeit der Orts=
gerichte
vergeſſen hat. Wenn die jüngeren Aſſeſſoren
Grundbuchrichterſtellen ausfüllten, ſollte die Regierung ſie
billigerweiſe gegen Schadenerſatzpflicht verſichern. Bei
dem Nieder=Modauer Prozeß waren die Verteidiger meiſt
verdoppelt. in Rückſicht auf den Umfana des Stoffes. Nur
bei dem Staatsanwalt war nicht für Vertretung geſorgt.
Wenn dieſer erkrankt wäre hätte der Prozeß nicht zu Ende
geführt werden können. Bei Urlaubsgeſuchen von Rich=
tern
ſollte man entgegenkommender ſein. Es kann nur
von Vorteil ſein, wenn ein Richter durch Reiſen ſeinen
Geſichtskreis erweitert. Was Aba. Grünewald bezüglich
ver Prozeßagenten in Butzbach geſagt hat. gilt auch für
Offenbach. Durch die Haltung des Juſtizminiſteriums
ühlen ſch dieſe Agenten beſonders geſchützt. Das liegt

nicht im Intereſſe der Rechtspflege. Die ſchlechte finan=
zielle
Lage der Rechtsanwälte habe ich ſchon im vorigen
Jahre zur Sprache gebracht. Ueber ein Drittel der An=
wälte
hat ein Einkommen unter 3000 Mark. Das liegt
an der aus dem Jahre 1879 ſtammenden Gebührenord=
nung
, die dringend der Reform bedarf in Anbetracht des
völlig geänderten Geldwertes. Die Reviſion der Ge=
bührenordnung
der Rechtsanwälte ſollte darum recht be=
ſchleunigt
werden. Herr Abg. Wünzer möge ſich freuen,
daß alle Juriſten ſeinen heutigen Ausführungen zuge=
ſtimmt
haben. Ich freue mich, daß wir nun auch einen
Vertreter des Richterſtandes in der Kammer haben, und
daß ich anerkennen kann, daß in Heſſen das Verhältnis
zwiſchen Richter und Rechtsanwälten ein durchaus ſchönes
und harmoniſches iſt. Ich hoffe gerne, daß die Streitig=
keiten
, die im Norden Deutſchlands zwiſchen Richtern und
Rechtsanwälten herrſchen und die dem ganzen Rechtsſtand
nur ſchaden, von Heſſen fern gehalten werden. (Bravo!)
Staatsminiſter Dr. v. Ewald: Den Anregungen,
die gegeben wurden bezüglich der beſſeren Ausbildung
des Richterſtandes, werden wir gerne Folge leiſten. Auch
die Anregungen, die der Abg. Stephan gegeben hat, wer=
den
wir ſorgfältig prüfen. Was den Antrag Dr. Oſann
und Genoſſen betrifft, ſo beſteht eine Differenz zwiſchen
der Juſtizverwaltung und den Antragſtellern nur inſo=
weit
, als wir bisher Richterſtellen dann als dauerndes
Bedürfnis betrachtet haben, wenn der Aſſeſſor, der die
Richterſtelle verſieht, auf lange Zeit nicht abkömmlich iſt,
während die Herren das dauernde Bedürfnis dann als
vorliegend erachten, wenn eine Stelle längere Zeit durch
einen Aſſeſſor verſehen wird. Wir ſind der Anſicht, daß
nur vorübergehende Verhältniſſe die Urſache der Verwen=
dung
von Aſſeſſoren bilden. Dieſe Tatſache liegt auch
in Friedberg vor. In Nauheim liegt der Fall anders.
Hier wird, wenn die Verhältniſſe des Bades ſich ſo wei=
ter
entwickeln, die Richterſtelle dauernd nötig. Bezüglich
der Stellen an Darmſtadt I und II ſollte man doch war=
ten
bis nach Anlegung des Grundbuches. Bezüglich der
Staatsanwaltsſtellen liegen die Verhältniſſe inſofern an=
ders
, als wir geſetzlich nicht gehalten ſind, dieſe Stellen
zu definitiven zu machen. In Staatsanwaltsſtellen wer=
den
in faſt allen Staaten Aſſeſſoren verwendet. Die Frage
iſt eine rein finanzielle, und wenn die Finanzverhältniſſe
des Landes es geſtatten, werden wir gerne die geäußer=
ten
Wünſche erfüllen. Der Abg. Grünewald hat der
Juſtizverwaltung Schuld daran gegeben, daß die Prozeß=
agenten
zu viel an Amtsgerichten zugelaſſen und bevor=
zugt
würden. Die Rechtsfrage iſt die, daß nach § 157
allein die Richter hierüber zu entſcheiden haben. Der
Juſtizverwaltung ſteht ein Eingriff nur dann zu, wenn
ſie prinzipiell einzelnen ſolcher Vertreter ohne weiteres
geſtattet hat, bei den Gerichten aufzutreten. Dann iſt der
Richter nicht mehr in der Lage, dieſe Vertreter zurückzu=
weiſen
. Ein ſolcher Fall liegt aber in Heſſen nicht vor,
weil die Vorausſetzungen hierfür, ein Mangel an Rechts=
anwälten
, ja nicht gegeben ſind. Herr Grünewald muß
alſo unrichtig informiert geweſen ſein. Es iſt ausſchließ=
lich
Sache der Richter, ſolche etwa ungeeignete Vertreter
zurückzuweiſen. Was der Abg. Dorſch bezüglich der Ver=
nehmung
der Zeugen geſagt hat, iſt Wort für Wort zu
unterſchreiben. Es wäre zu bedauern, wenn der Vor=
ſitzende
die Zeugen nicht genügend ſchützt. Wenn die
Fälle, die der Abg. Dorſch angeführt hat, richtig ſind, ſo
iſt dieſes Vorgehen des betreffenden Richters ſehr zu be=
dauern
. Zu den Wünſchen des Abg. Fulda bezüglich der
Kommiſſionen für die Auswahl der Schöffen und Ge=
ſchworenen
hat der Antrag von Brentano Anlaß gegeben
ſich zu äußern. Uns ſteht ein direkter Einfluß auf dieſe
Ausſchüſſe nicht zu, doch werden wir die geäußerten
Wünſche gerne vertreten. Die Vorwürfe gegen die Darm=
ſtädter
Kriminalpolizei ſind zurückzuweiſen. Die Aus=
wahl
dieſer Beamten wird ſehr ſorgfältig getroffen und
ihre Ausbildung iſt durchaus gut. Kürzlich hat ſogar
Bayern ſich einen hieſigen Kriminalbeamten erbeten, um
bei der Aufdeckung eines Verbrechens zu helfen. Tatſäch=
lich
hat Herr Fulda nur zwei Fälle anführen können, die
nicht aufgeklärt ſind. Das geht aber doch der Polizei aller
Länder ſo. Wenn Herr Fulda weiter beanſtandet hat,
daß auf die Gerichte eingewirkt worden ſei bezüglich der
Ueberweiſung an die Polizeibehörde, ſo iſt das in dieſer
Form nicht richtig. Nur an die Amtsanwälte iſt die Wei=
ſung
ergangen, ſorgfältiger zu prüfen, ob und wenn die
Ueberweiſung von Stromern und Vagabunden angebracht
erſcheint. Das liegt durchaus im Intereſſe der Allge=
meinheit
. Wenn der Abg. Senßfelder ſich heute als einen
Freund des Notars Scriba bezeichnet, ſo ſcheint er ein
dauerndes Andenken ihm nicht bewahren zu wollen, da
er ſeine Stelle verwaiſt laſſen will. Die Gemeinde Groß=
Gerau hat doch mehr für den Verſtorbenen übrig gehabt,
ſie hat dringend erſucht, die Stelle ſofort wieder zu be=
ſetzen
, weil die Bevölkerung ſich ſo gut daran gewöhnt
hätte. Wir haben alſo einem dringenden Bedürfnis ab=
geholfen
. Zu Grundbuchrichtern werden nur ältere, erfah=
rene
Aſſeſſoren verwendet.
Abg. Dr. Weber möchte doch darauf hinweiſen, daß
die Regierung ſich nach ihrer Antwort von Anfang Fe=
bruar
gegen alle Stellen, die der Antrag Wünzer ſchaffen
will, ablehnend verhielt. Wir haben erſt im Vorjahre
eine Anzahl Amtsrichterſtellen geſtrichen und nun kommen
ſchon die Erſuchen um neue Stellen. Falſch iſt es, daß
man die Anfangsgehälter für dieſe Stellen einſetzt, man
müßte die Durchſchnittsgehälter einſetzen. Ungerecht wäre
es, wenn man dieſe Stellen bewilligen wollte, ohne auch
den anderen Reſſorts gerecht zu werden, denen wir viel=
fach
Stellen geſtrichen haben. Ich bitte alſo, unſeren An=
trag
anzunehmen, nachdem der Antrag Wünzer dem Ver=
einfachungsausſchuß
zur eingehenden Prüfung überwie=
ſen
werden ſoll. Ich bitte, da meine Fraktion heute nach=
mittag
nicht anweſend ſein kann, die Abſtimmung zu ver=
ſchieben
bis morgen nach der Pauſe.
Abg. Eißnert führt Beſchwerde über die Neben=
beſchäftigung
von Gerichtsſchreibergehilfen. Beſonders
ſollte dieſen die Zuſtellung von Wechſelvroteſten verboten
ſein und die Zwangshausverwaltungen. Ein Gerichts=
ſchreibergehilfe
in ſeinem Wahlkreis hat durch ſolche Ar=
beiten
einen ſo großen Einfluß gewonnen, daß ſich fünf
Rechtsanwälte geweigert haben, einen Prozeß gegen ihn
zu übernehmen. Redner erörtert weitere Spezialfälle.
Vizepräſident Dr. Schmitt ſchlägt vor, über den
Juſtizetat heute vollſtändig abzuſtimmen, vorbehaltlich der
Abſtimmung über die Anträge Wünzer und Dr. Weber.
Abg. Dr. Oſann unterſtützt dieſen Vorſchlag.
Abg. Bähr: Die Anlegung des neuen Grundbuches
iſt immer noch ſo ſchlecht, wie die frühere. Was das No=
tariat
angeht, bin ich noch immer der gleichen Anſicht, wie
früher, daß das Notariat gegenüber dem Ortsgericht viel
zu teuer iſt. In Oberheſſen und in Starkenburg hätte
man es ruhig bei dem alten Zuſtand belaſſen ſollen.
Rheinheſſen ſoll das Notariat gar nicht genommen wer=
den
. Die alte Gebührenordnung iſt an den ſchlechten Ver=
hältniſſen
der Rechtsanwälte nicht ſchuld. Es gibt aber
viel zu viel Rechtsanwälte, daher das geringe Einkom=
men
einzelner. Die Darmſtädter Kriminalpolizei iſt gegen
die Vorwürfe des Abg. Fulda in Schutz zu nehmen. Der

Krininakommiſar Daniel iſt jedenſall ein ganz herwol=
ragender
Kriminaliſt.
Abg. v. Brentano: Man könne mit großer Be=
friedigung
auf den Verlauf der Debatte zurückblicken, bei
der die heſſiſchen Richter ſehr gut abgeſchnitten haben.
Die Koſten der Debatte haben die Unſchuldigſten, die
Rechtsanwälte, zu tragen und die Notare. Die Regierung
ſollte ſich ernſtlich mit dem Problem des numerus clausus
befaſſen das immer mehr Berechtigung finde. Sicher iſt,
daß ein großer Teil der Anwälte ein viel zu geringes
Einkommen habe. Herr Bähr hat recht, wenn er ſagt,
es gibt viel zu viel Anwälte, und ich bin in dieſer Be=
ziehung
ein prinzipieller Gegner des Abgeordneten Grüne=
wald
der für die Freizügigkeit der Anwälte eintrat. Wir
würden dann hier mit Elementen aus dem Oſten unſeres
Vaterlandes überſchwemmt werden, wohingegen kein An=
walt
von hier etwa nach dem Oſten gehen wird. Man
müßte den jungen Leuten nach dem Staatsexamen erſt
eine Karenzzeit von einigen Jahren auferlegen, ehe man
ſie auf das Volk losläßt. Der Anwalt muß nicht nur die
Geſetze, er muß auch das Leben kennen lernen. Der
Anwaltsſtand iſt nicht in der Lage, etwa Herren zurück=
zuweiſen
, die nicht gerade eine Zierde des Standes zu
werden verſprechen. Die Ueberfüllung des Anwaltsſtan=
des
iſt in allen Ländern, wo ſie entſtand ein Unglück für
die Bevölkerung geweſen. Ich möchte alſo an die Regie=
rung
die Bitte richten, daß ſie im Bundesrat für die Ein=
führung
einer Karenzzeit eintritt. Die Klagen über die
Prozeßagenten ſind gerechtfertigt. Vielfach werden dieſe
Herren beſſer behandelt als die Anwälte ſelber. Es iſt
ein Irrtum des Volkes, wenn angenommen wird, daß
dieſe Leute billiger arbeiten. als die Anwälte. Bezüglich
der Aſſeſſoren ſtimme ich vollſtändig mit dem überein, was
der Abgeordnete Wünzer geſagt hat. Ueber das Notariat
ſpreche ich nicht gern, es geht aber nicht anders. Ich
freue mich, daß alle Juriſten und auch der Herr Juſtiz=
miniſter
, die Bedeutung des Notariats anerkannt haben.
Das Notariat iſt eine ſtaatliche Einrichtung und die No=
tare
ſind Beamte. Man ſollte doch gegen ſolches Inſtitut
und ſeine Beamten nicht in dieſer Weiſe vorgehen
und ſollte endlich einmal aufhören, die Bevölkerung zu
verwirren. Ich beſtreite überhaupt einer Reihe von Herren
die Fähigkeit über Notare zu reden, denn, wo ſie herkom=
men
, da gibt es ja gar keine Notare. Man ſollte doch vor
iallem erſt einmal die Probe aufs Exempel machen und
die Notariate erſt ein bis zwei Jahre wirken laſſen.
Es iſt auch nicht richtig, daß die Notariate ſo viel teu=
rer
ſind. Die Differenz iſt ganz gering und kommt gegen=
über
den Vorteilen, die im Notariat liegen, gar nicht in=
Betracht. Ganz abgeſehen davon, daß man den Leuten
doch die Möglichkeit geben ſoll. zu dem zu gehen, zu dem=
ſie
Vertrauen haben. Vom Abgeordneten Brauer muß
man doch mindeſtens verlangen, daß er ſeine unerhörte
Behauptung, daß die Notare in Oberheſſen und Starken=
burg
in 1½ Jahrzehnten ſoviel Veruntreuungen ausge=
führt
haben, wie die Ortsgerichte nicht ſeit ihrem Be=
ſtehen
, auch beweiſt. Es iſt ein einziger Fall vorgekom=
men
. Herr Brauer hätte ſeine Rede beſſer nicht gehalten
in dem Roches, in dem er ſich damals befand. ( Heiter=
keit
.) Was Herr Dorſch bezüglich der Zeugenvernehmun=
gen
geſagt hat, iſt zu unterſchreiben. Was er aber als
Material gegen die Notare vorgebracht hat, war gar nichts.
Was kann denn ein Notar dafür, wenn ein Bauer zu ihm
kommt und fünfmal ſein Vieh verkauft? Der Notar kann
doch nicht wiſſen, wieviel Vieh der Bauer hat.
Auch die anderen Beweiſe haben mit dem
Notariat gar nichts zu tun gehabt. Im weiteren pole=
miſiert
Redner gegen die Erſte Kammer bezüglich des
Notariatsantrages gegen den Abgeordneten Dr. Weber.
Bei den hohen Herren habe eine Unkenntnis geherrſcht,
die er nicht für möglich gehalten hätte
Abg. Adelung möchte feſtſtellen, daß die dies=
jährige
Budgetdebatte den konſervativen Gedanken bei
zwei der konſervativſten Herren totgeſchlagen reſpektivé
erſchüttert hat, nämlich bei den Abgeordneten Dr. Weber
und von Brentano. Er hoffe, daß das in noch ausge=
dehnterem
Maße der Fall ſein möge. Abg. Bähr po=
lemiſiert
gegen den Abgeordneten von Brentano. Dann
ſchließt die Generaldebatte.
Abg. Dr. Oſann als Berichterſtatter zieht aus der
Debatte das Fazit, daß an dem Notariat berechtigte An=
ſtände
nicht erheben werden konnten, daß vielmehr ſeine
Wirkſamkeit anerkannt werden mußte, daß auch das neue
Grundbuch ſich durchaus bewährt, und daß die Rechts=
pflege
in Heſſen durchaus auf der Höhe ſteht. Der An=
trag
Wünzer hat nach der Begründung des Abgeordneten
Wünzer wohl eine größere Ausſicht auf Annahme gefun=
den
. Die Vereinfachungskommiſſion habe ihre Organiſa=
tionsvorſchläge
in faſt allen Reſſorts, die der Abgeordnete
Dr. Weber erwähnt hat, abgeſchloſſen, bis auf die Juſtiz.
Die Ueberweiſung des Antrags an die Vereinfachungs=
kommiſſion
iſt nicht zu empfehlen, weil dieſer Ausſchuß
maßgebende Beſchlüſſe nicht faſſen kann. Er bittet den
Ausſchuß, den Antrag anzunehmn.
Das Kapitel 89 wird dann angenommen. Ebenſo
ohne oder doch ohne weſentliche Debatte die Kapitel 90,
91 (92 fällt aus), 93. 94, 95. 96 und 97. Damit iſt das
Miniſterium der Juſtiz erledigt.
Es folgt die X. Hauptabteilung: Miniſterium
der Finanzen. Ohne Debatte werden erledigt die
Kapitel 98 bis 107. Darauf wird die Sitzung geſchloſſen
Nächſte Sitzung Donnerstag 9 Uhr. Schluß ½8 Uhr.

[ ][  ][ ]

Seite 20.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

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Seite 22.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 26. März 1914.

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Donnerstag, 26. März, 8 Uhr
Freitag, 27. März, 8 Uhr
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MOperetten-Ensemble
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Operette in 3 Akten von

Hauptschlager:
Liebliche, kleine Dingerchen!
Man lacht, man lebt, man liebt!
In der Nacht! Ach, Amalia!

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Letzte 5 Tage!
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Donnerstag,
Heute
26. März
Letzter Spielplan
2 Erst-Aufführungen 2
Die letzten Schlager des
Haskel-Ensemble.
Das
Auoprionia
Vaudeville in 1 Akt.
Musik von Artur Steinke.
Wie werde ich energisch?
Posse in 1 Akt.
Verfasst u. inszeniert v. L. Haskel
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Großherz. Hoftheater.
Donnerstag, den 26. März 1914.
139. Abonnem.=Vorſtellung. C 35.
Gaſtſpiel von Eliſabeth von
Schroeder (Clary).
ToPe r.
Muſikdrama in 3 Akten
von G. Puccini.
Keine Ouvertüre!
Perſonen:
Floria Tosca, be=
.
rühmte Sängerin
Mario Cavara=
doſſi
, Maler . . Georg Becker
Baron Scarpia,
Chef der Polizei Georg Weber
Ceſare Angelotti. AlfredStephani
L. Schützendorf
Der Meſſner .
Spoletta, Agent
der Polizei
. Karl Bernhardt
Sciarrone, Gen=
. Auguſt Kräger
darm
Ein Schließer . . Adolf Klotz
. Clement. Feiſtle
Ein, Hirt.
* Floria Tosca: Eliſabeth v.
Schroeder (Clary).
Chöre: Robert Preuß.
Preiſe der Plätze (Gewöhnl.
Preiſe): Sperrſitz: 1.13. Reihe
4.20 , 14.20. Reihe 3.40 ,
Parterre: 1.5. Reihe 2.90 ,
6.8. Reihe 2.35 , Proſzeniums=
loge
6.20 , Mittelloge 6.20 ,
Balkonloge 5.20 , 1. Rang 4.70 ,
2. Rang: 1.6. Reihe 2.70 , 7. u.
Reihe 2.15 , 1. Galerie 1.35 ,
2. Galerie 0.75 .
Kartenverkauf: an der Tages=
kaſſe
im Hoftheater von 9½1½
Uhr und eine Stunde vor Beginn
der Vorſtellung; im Verkehrsbüro
von 81 Uhr und von 2½ Uhr
bis kurz vor Beginn der Vor=
ſtellung
. (Im Verkehrsbüro wer=
den
auch telephoniſch Kartenbe=
ſtellungen
entgegengenommen.
Telephon Nr. 1582.)
Anfang 7½ U. Ende nach 10 U.
Vorverkauf für die Vorſtellungen:
Freitag, 27. März. 140. Ab.=Vſt.
B 34. Lohengrin‟. Gew.
Preiſe. Anfang 7 Uhr.
Samstag, 28. März. Auß. Ab.
35. Volksvorſtell. zu ermäß. Preiſen.
Die ſpaniſche Fliege‟.
Anfang 8 Uhr. (Vorverkauf bis
einſchl. Samstag, 28. März, im
Verkehrsbüro, Ernſt=Ludwi s latz.
Verkauf der etwa noch vorhanden.
Karten am Tage der Vorſtellung
auch an der Tageskaſſe im Hof=
theater
zu den übl. Kaſſeſtunden.)
Sonntag, 29. März. 141. Ab.=
Vorſt. A 36. Neu einſtudiert (in
neuer dekorativer und
koſtümlicher Ausſtattung):
Carmen‟ Gewöhnl. Preiſe.
Anfang 7 Uhr.
Aus dem Spielplan.
Montag, 30. März. Außer Ab.
Vorſtellung zu Volksvorſtellungs=
preiſen
. Bunter Abend. An=
fang
8 Uhr. (Vergl. beſ. Anzeige.)