Darmstädter Tagblatt 1912


19. November 1912

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175. Jahrgang
monatl. 60 Pfg., viertelj. 1.80 Mk., aus=
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kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.
Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 20 Seiten.

Das Wichtigſte vom Tage.

Der Kaiſer iſt geſtern zur Vereidigung der Rekruten
in Kiel eingetroffen.
Die ruſſiſche Kaiſerfamilie iſt am Samstag
von Spala nach Zarskoje=Sſelo abgereiſt.
Der König und die Königin von Däne=
mark
ſind geſtern vormittag in Stockholm einge=
troffen
, um den erſten Beſuch nach der Thronbeſteigung
abzuſtatten.
Die Wiener Blätter ſchreiben, daß der maßloſe Ton der
ſerbiſchen Preſſe und das Vorgehen Ser=
biens
gegen den öſterreichiſch=ungariſchen Konſul
die Situation außerordentlich er=
ſchwere
.
Den letzten Nachrichten zufolge wird beſtätigt, daß die
Bulgaren von den Türken auf der ganzen Linie
zurückgeſchlagen worden ſind.
Letzte Nachrichten ſiehe Seite 7.

Das Petroleum=Monopol.

Der Entwurf des Geſetzes über den Verkehr mit
Leuchtöl, wie amtlich das Petroleum=Vertriebsmonopol
genannt wird, iſt, wie mitgeteilt, nun amtlich veröffent=
licht
worden und wird als einer der erſten den Reichs=
tag
beſchäftigen. In ſeinen Grundzügen iſt das zwanzig
Paragraphen umfaſſende Geſetz bereits vor einiger Zeit
bekannt geworden, ſo daß die jetzige Veröffentlichung
nicht allzu viel Neues bringt. Um kurz zu rekapitulieren,
ſtehen nach dem neuen Geſetz Einfuhr und Großhandel
von Petroleum lediglich dem Reiche zu, das ſeine Befug=
niſſe
an eine Vertriebsgeſellſchaft überträgt. Das Reich
bleibt jedoch an dem Gewinn der Geſellſchaft beteiligt,
dieſer Anteil ſoll für ſoziale Zwecke, und zwar hauptſäch=
ſlich
für die Veteranen verwandt werden. Das Reich be=
hält
ſich die Kontrolle über die Vertriebsgeſellſchaft durch
einen beſonderen Kommiſſar vor, und vor allem ſoll das
MMonopol nicht dazu dienen, den Preis in die Höhe zu
ſchrauben, ſondern die Geſellſchaft ſoll angehalten ſein,
den Preis für die Abnehmer auf die Dauer möglichſt nied=
rigſt
zu geſtalten. Neu iſt, daß nach dem Wortlaut des
§ 1 auch das Raffinieren von Petroleum Sache des
MMonopols ſein ſoll; bisher hieß es nur, daß Einfuhr und
Großhandel einbezogen würden; nunmehr ſtellt ſich aber
heraus, daß auch die Herſtellung von Leuchtölen ſelbſt in
das Monopol einbegriffen iſt. Es wird daher auch er=
fforderlich
werden, die beſtehenden Petroleumraffinerien
anzukaufen, deren Zahl in Deutſchland allerdings nicht
gar zu groß iſt.
Hinſichtlich der Organiſation der Vertriebsgeſellſchaft
iſt es von Bedeutung, daß Vorſtand und Aufſichtsrats=
mitglieder
der Beſtätigung durch den Reichskanzler be=
dürfen
; es geſchieht dies wohl in der Erwägung, daß es
wielleicht in irgend welcher Form ausländiſchen Geſell=
ſſchaften
gelingen könnte, Anteile zu erwerben, um auf
dieſe Weiſe Einfluß auf die Verwaltung zu gewinnen.
Die Gewinnverteilung unterliegt einer ziemlich kompli=
zierten
Berechnung, der eine Mindeſtverzinſung von vier
Prozent des Kapitals der Vertriebsgeſellſchaft vorſieht.
Der Leitung der Geſellſchaft ſteht ein Beirat von Sachver=
ſſtändigen
zur Seite.
Das Monopol bringt es natürlich mit ſich, daß eine
ganze Reihe von jetzt beſtehenden privaten Unternehmun=
gen
abgelöſt werden muß und hierfür ſind beträchtliche
Summen in Ausſicht genommen, erfreulich iſt es auch,
daß diejenigen Angeſtellten, die in die neue Vertriebs=
geſellſchaft
nicht mit hinübergenommen werden, eine
angemeſſene Entſchädigung erhalten. Amerikaniſcherſeits
pocht man allerdings darauf, daß man ohne amerikani=
ſches
Petroleum nicht auskommen würde; in der Begrün=
dung
wird jedoch nachzuweiſen verſucht, daß die Verſor=
gung
Deutſchlands mit Petroleum unter allen Umſtänden
geſichert ſei. Im großen und ganzen ſoll es bei den
jetzigen Preiſen des Petroleums bleiben.
Ob die optimiſtiſche Auffaſſung der Regierung in die=
ſer
Hinſicht zutreffen wird, muß abgewartet werden, da
die Möglichkeit einer Knappheit des Petroleums nicht
ganz ausgeſchloſſen wäre, wenn der amerikaniſche Truſt
ſich zurückhält.

Unerwünſchte Folgen unſerer Sozialpolitik.

* In einem im Verlage von Julius Springer=Berlin
erſchienenen Werkchen des Berliner Staatswiſſenſchafts=
lehrers
Prof. Ludwig Bernhard werden, wie wir in

der Poſt leſen, mit einem bemerkenswerten Freimut die
unerwünſchten Folgen der deutſchen Sozialpolitik einer
gründlichen Beſprechung unterzogen. Profeſſor Bernhard
ſagt in dem Vorwort:
Die Einrichtungen der Sozialpolitik bilden heute
den Kern der inneren Politik im Deutſchen Reiche. Da
ſich alſo die Forderungen der ſozialen Gerechtigkeit unauf=
hörlich
verbanden mit Forderungen politiſcher Macht, tra=
ten
gewiſſe Entartungserſcheinungen auf, die
heute ſchon ſo tief wirken, daß ſie nicht mehr mit der
Phraſe erklärt werden können: wo Licht, da Schatten.
Niemand könne darüber im Zweifel ſein, daß die bisher
beſchrittenen Wege ſich zu einem guten Teile als irre=
gehend
erwieſen haben, und daß die Notwendigkeit, neue
Ziele zu ſuchen, nicht länger von der Hand zu weiſen ſei,
Das von dem Verfaſſer Der Kampf um die
Rente überſchriebene Kapitel zeigt mit einer gerade=
zu
erſchreckenden Deutlichkeit, wie korrumpierend die gut
gemeinte Abſicht des Rentenweſens gewirkt hat. Was
Profeſſor Bernhard hier auf Grund ärztlicher und volks=
wirtſchaftlicher
Gutachten feſtſtellt, würde man kaum ge=
neigt
ſein, als wahr zu unterſtellen, wenn es nicht eben
mit einem ſo reichhaltigen Material belegt wäre. Pro=
feſſor
Bernhard bemerkt dazu:
Um von vornherein ein Mißverſtändnis zu beſeiti=
gen
, möchte ich betonen, daß mit dieſer Charakteriſtik
durchaus nichts den Arbeiterſtand Tadelndes geſagt iſt.
Denn den Aerzten war ſchon lange vor der Ausbildung der
deutſchen Arbeiterverſicherung wohlbekannt, daß die Ver=
ſicherungsgeſellſchaften
und die Eiſenbahnen (Haftpflicht)
einen ſteten Kampf gegen unberechtigte An=
ſprüche
führen müſſen, und man wußte, daß hierbei auch
Angehörige der höheren Ständen ſich in der Uebertrei=
bung
von Leiden auszeichnen, bis ſie durch Erlangung
einer hohen Rente überraſchend ſchnell geheilt wurden.
Das Beſtreben, einen Unfall auszunutzen iſt menſchlich
ſo erklärlich, daß ein hervorragender Arzt ſolche Bereiche=
rungsideen
als ganz normale Vorgänge in der Pſyche
auch der Beſten unſeres Volles bezeichnet hat Die
eigentliche Gefahr aber liegt darin, daß man
dieſer menſchlichen Schwäche weite Bahnen öffnete,
als man für viele Millionen Menſchen die Form der
Rentenverſicherung zwangsweiſe einführte, und als man,
teils aus Unkenntnis, teils in dem Wunſche, die Maſſen
zu gewinnen, auf notwendige Kautelen verzichtete
und der ſtaatlichen Rentenverſicherung Formen gab, die
den Mißbrauch geradezu herausfordern.
In einem Lande, in dem viele Millionen Menſchen
in einheitlicher Weiſe verſichert ſind, richten ſich natür=
lich
immerfort viele Millionen Augen auf den geldſpenden=
den
Verſicherungsmechanismus. Jede Lücke im Aufbau
wird erſpäht und ausgenutzt, jede Möglichkeit wird er=
probt
und wird ſchnell in den breiten Maſſen wohlbe=
kannt
. und dieſe Orientierung der Maſſen iſt keines=
wegs
auf den Zufall angewieſen, ſondern vollkommen
organiſiert.
Und des weiteren finden die Ausführungen Bern=
hards
eine Stütze in einem von ihm zitierten Ausſpruche
des berühmten Pſychiaters Hoche, der in einer Vorleſung
über Geiſteskrankheit und Kultur erklärte:
Vor dreißig Jahren noch ein unbekannter Begriff,
heute eine Krankheit, die als ein tatſächlicher Krebsſchaden
am Organismus unſerer geſamten Arbeiterſchaft mit
Recht Gegenſtand ſchwerer Beſorgnis iſt. Dieſe Volks=
ſeuche
iſt nicht nur zeitlich nach dem Inkrafttreten der Un=
fallgeſetzgebung
entſtanden, ſondern auch in direkter ur=
fächlicher
Abhängigkeit von ihr. Das G eſetz hat, daran
iſt kein Zweiſel. die Krankheit erzeugt. Niemand
hat es vorausſehen können. Man wird dabei erinnert an
Bismarcks Vergleich des Staates mit einem lebenden
Organismus, an dem man mit Vorſicht experimentieren
ſoll.=
Ueber die Schwierigkeiten, welche die auf
dieſem Gebiete unabweisbaren Reformen bieten, iſt
Bernhard nicht im mindeſten im Zweifel; er widmet ihnen
eine ausführliche Würdigung, an deren Schluſſe er ſagt:
Wer aufmerkſam beobachtet, welche Tendenzen ſich
in den Reformbeſtrebungen geltend machen, kann nicht
darüber zweifeln, daß abgeſehen von den materiellen
Intereſſen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer zwei
Tendenzen einander entgegenwirken. Von der einen
Seite her wirkt das Beſtreben, den Arbeitern größere
Wohltaten zu erweiſen, nicht nur die Renten zu erhöhen,
ſondern auch die Erlangung der Renten zu erleichtern.
Daß hierbei wahltaktiſche Motive eine große Rolle ſpie=
len
, habe ich deutlich zum Ausdruck gebracht. Dennoch
liegt es mir fern, zu behaupten, daß ſolche Motive allein
maßgebend ſeien. Der Wunſch, die Verſicherungsrenten
zu erhöhen und ihre Erlangung zu erleichtern, entſteht
vielmehr bei vielen aus der Ueberzeugung, daß es im
Intereſſe der Geſamtheit liege, die Arbeits=
fähigkeit
des Volkes zu ſichern und die Konſumkraft der
breiten Maſſen zu ſtärken. Von der anderen Seite her
aber wirkt die Ueberzeugung, daß man in Wirklichkeit
das Gegenteil erreicht. Denn die Arbeiterver=
ſicherung
zeitigt moraliſch und hygieniſch un=
erwünſchte
Folgen, die man anfangs als unver=
meidliches
Uebel in den Kauf nahm, die aber allmählich
den Segen der Arbeiterverſicherung überhaupt in Frage
ſtellen. Das Beobachtungsmaterial, das dieſe Behauv=

tungen beweiſen, wächſt unaufhörlich. Die hervorragend=
ſten
Aerzte warnen vor den drohenden Folgen, und nie=
mand
hat das Recht, die Aerzte unſozial zu nennen,
welche den Mut haben, Ueberzeugungen auszuſprechen,
die den Arbeitermaſſen mißfallen.
Am Schluſſe ſeiner Ausführungen findet ſich in einer
Betrachtung über die Grenzen der Sozial=
politik
folgende Mahnung:
Wer die unerwünſchten Folgen der deutſchen Sozial=
politik
beobachtet und den Weg nicht ſcheut, der durch
Streit und Heuchelei und Verzagen führt, wird ſchließlich
durch eine Gewißheit entſchädigt, die aus dem Lärm der
Parteikämpfe dringt, denn immer feſter wird die Ueber=
zeugung
, daß die unerwünſchten Folgen der Sozialpolitik
eine hiſtoriſche Miſſion erfüllen, da von ihnen
eine Umbildung der Sozialpolitik ausgeht.
Es wird heute noch nicht leicht ſein, dieſe umbildung kühl
zu betrachten, denn politiſche Intereſſen und Leidenſchaften
undrängen alles, was mit Sozialpolitik zuſammenhängt.
Dennoch verlangt gerade die gegenwärtige Situation, daß
der Verſuch gemacht werde, aus den Tatſachen Schlüſſe
zu ziehen, unbekümmert darum, ob das Ergebnis den po=
litiſchen
Wünſchen entſpricht.
Entweder werden die von dem Verfaſſer vorgebrach=
ten
eingehend begründeten Tatſachen als richtig aner=
kannt
, und dann wird man nicht umhin können, ſeinen
Ausführungen Beachtung zu ſchenken, oder man müßte
ſich der Mühe unterziehen, ihn zu widerlegen.

Deutſches Reich.

Das Ergebnis der Wahlen zur An=
geſtelltenverſicherung
im Reich. In Ber=
liner
Blättern leſen wir: Man hat mit Recht behauptet,
daß die jetzt abgeſchloſſenen Wahlen der Vertrauens=
männer
der Angeſtelltenverſicherung den Angeſtellten in
ihrer Geſamtheit Gelegenheit geben würden, ihr Urteil
über die von den geſetzgebenden Körperſchaften gewählte
Form der Verſicherung zu fällen. Und wenn ſich nun
durch das Ergebnis der Wahlen herausgeſtellt hat, daß die
durch den Hauptausſchuß vertretene Richtung, die für
das Geſetz in ſeiner jetzigen Faſſung eingetreten iſt, die
zehnfache Zahl der Sitze erhalten hat, als die durch die
Freie Vereinigung vertretene Richtung, ſo berechtigt
dies Ergebnis zu dem Schluß, daß die ganz überwiegende
Zahl der Angeſtellten mit dem Geſetz durchaus zufrieden
iſt. Der Hauptausſchuß, der bei den Wahlen bürger=
liche
Anſchauungen ſcharf betonte und jeden Klaſſenkampf
verwarf, hat einen vollkommenen Sieg davongetragen
gegenüber der von der Sozialdemokratie und der demokra=
tiſchen
Vereinigung beeinflußten Freien Vereinigung,
die für einen Ausbau der Arbeiterverſicherung eingetre=
ten
war. Gegenwärtig liegen ungefähr drei Viertel aller
Vertrauensmännerwahlen vor; der noch ausſtehende Reſt:
verteilt ſich auf die Wahlbezirke, die das Geſamtergebnis
nicht verändern dürften. Selbſt in Berlin und den Vor=
orten
, dem Hauptſitz der Vereinigung, gelang es dem
Hauptausſchuß, wenigſtens noch die Mehrheit zu er=
reichen
. Außerdem weiſt die Hauptſtadt zwiſchen beiden
Parteien noch einige kleinere Gruppen ebenfalls bürger=
licher
Richtung auf. Schließlich iſt feſtzuſtellen, daß auch
die Arbeitgeber durch ihre Teilnahme an den Wahlen ein
weit regeres Intereſſe betätigt haben, als man nach den
Erfahrungen anderer Wahlen der ſozialen Geſetzgebung
erwarten durfte.
Die Frauen im Reichs=Poſtdienſt.
Der Berliner Lokal=Anzeiger berichtet: Im nächſten
Jahre wird die Reichs=Poſt= und Telegraphen=Verwaltung
rund 700 neue Stellen für Poſt= und Telegraphen=
gehilfinnen
einrichten. Es war bereits in der Budget=
kommiſſion
des Reichstages im vorigen Winter von einem
Vertreter des Reichs=Poſtamts für das nächſte Jahr eine
weſentliche Steigerung der etatsmäßigen Stellen in Aus=
ſicht
geſtellt. Daß es ſich dabei aber um 700 Stellen han=
deln
würde, hatte man in den beteiligten Kreiſen kaum
erwartet; denn in dieſem Jahre ſind 250 neue Stellen
und im vergangenen Jahre deren 400 eingerichtet. Der
nächſtjährige Zuwachs überſteigt alſo den der beiden letz=
ten
Jahre zuſammengerechnet. Die Anſtellungsausſichten
der Gehilfinnen, beſonders im Fernſprechdienſt, ſind ent=
ſchieden
als günſtig anzuſehen. Im Reichstag war die
Befürchtung laut geworden, daß in abſehbarer Zeit in=
folge
des großen Andrangs die Ausſichten der Gehilfinnen
ſich ebenſo verſchlechtern würden wie die der Aſſiſtenten.
Dabei wurde aber die anhaltende, außerordentliche Ent=
wickelung
des Fernſprechverkehrs überſehen. Die Zahl
der Fernſprechanſchlüſſe vermehrt ſich noch immer alljähr=
lich
um mehr als 100000, und inſolgedeſſen kann auch in
dem Bedarf nach neuen Fernſprechgehilfinnen vorläufig

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Seite 2,

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.

Nummer 273,

kein Stillſtand eintreten. Weiter iſt zu berückſichtigen, daß
von den noch nicht etatsmäßig angeſtellten Gehilfinnen
jährlich etwa hundert infolge Verheiratung, unzureichen=
der
Geſundheit oder aus anderen Gründen wieder aus
dem Dienſt ſcheiden.
Ein Reichsgeſetzentwurf für die Alt=
penſionäre
. Nachdem die preußiſche Regierung, ent=
ſprechend
einem früheren Beſchluß des Abgeordneten=
hauſes
, neue Grundſätze ausgearbeitet hat für die Gewäh=
rung
von Zuwendungen an Altpenſionäre und deren Hin=
terbliebenen
, iſt eine gleiche Regelung für die altpenſio=
nierten
Reichsbeamten und Offiziere nunmehr ebenfalls
zu erwarten. Der Reichstag iſt wiederholt hierfür einge=
treten
und hat noch bei der letzten Beratung des Haus=
halts
der Reichspoſt= und Telegraphenverwaltung den
Reichskanzler erſucht, alsbald einen Geſetzentwurf vorzu=
legen
, durch den den Altpenſionären das Ruhegehalt ent=
ſprechend
dem geſunkenen Geldwert in angemeſſener Weiſe
erhöht wird. Nach Mitteilungen, die aus guter Quelle
kommen, wird dieſem Erſuchen demnächſt Folge gegeben
und tunlichſt auch für die altpenſionierten Reichsbeamten
und Offiziere ein allgemeiner Ausgleich der ſich aus den
eingetretenen Teuerungsverhältniſſen ergebenden Härten
herbeigeführt werden.
Stellungnahme des Bundes der In=
duſtriellen
zum Schutze der Arbeitswil=
ligen
. Der Große Ausſchuß des Bundes der Induſtriel=
len
trat in Berlin unter dem Vorſitz von Kommerzienrat
Friedrichs=Potsdam zu einer Sitzung zuſammen, in wel=
cher
auf Grund eines eingehenden Referates von Herrn
Syndikus Dr. Stapff die Frage des Schutzes der Arbeits=
willigen
zur Beratung ſtand. Das Ergebnis der mehr=
ſtündigen
Beratungen war die folgende einſtimmig ange=
nommene
Erklärung:
Der Bund der Induſtriellen erklärt zur Frage der
vielerſeits geforderten Schaffung eines ſtärkeren Schutzes
der Arbeitswilligen auf Grund der ihm mitgeteilten Er=
fahrungen
ſeiner Landes= und Fachverbände, daß auf dem
Gebiete des Arbeitskampfes beklagenswerte Mißſtände
vorhanden ſind, deren Beſeitigung dringend gewünſcht
werden muß. Ein allgemeines geſetzliches Verbot des
Streikpoſtenſtehens hält der Bund nicht für ein dazu ge=
eignetes
Mittel. Ein ſolches Verbot wäre nur im Wege
eines gegen die Arbeiter gerichteten Ausnahmegeſetzes
denkbar, dem wegen der zu erwartenden Verſchärfung des
Arbeitskampfes, einer weiteren Radikaliſierung der Ar=
beitermaſſen
, der Zurückdrängung der nationalen Arbei=
terbewegung
unbedingt zu widerraten iſt. Der Bund der
Induſtriellen fordert vielmehr, daß verſucht wird, im
Rahmen der jetzigen Geſetzgebung durch entſchiedene An=
wendung
der gegebenen Machtmittel ſeitens der aus=
führenden
Organe die Achtung vor der öffentlichen Ord=
nung
und das Vertrauen zu dem Anſehen des Staates
wieder herzuſtellen, ſowie die Sicherheit des Verkehrs zu
gewährleiſten. Er iſt der Ueberzeugung, daß der jetzige
Rechtszuſtand es erlaubt, vor allem die Ausſchreitungen
bei dem Streikpoſtenſtehen in einem ſehr viel weitergehen=
den
Maße, als es ſeither geſchieht, zu verhindern. Für
nötig erachtet er aber eine Beſchleunigung des Strafver=
fahrens
. Der Bund der Induſtriellen hält eine Erweite=
rung
der Geſetzgebung nur im Rahmen des gemeinſamen
Rechtes für möglich und in dem Sinne für geboten, daß
Normen geſchaffen werden, die die Willensfreiheit des
Einzelnen, ſein Recht auf ungehinderte Berufsausübung
und ſeine perſönliche Integrität bei der Arbeit garan=
tieren
. Er wünſcht die Beſeitigung der im § 152.2 der
Reichsgewerbeordnung begründeten Ausnahmeſtellung
der gewerblichen Berufsvereine und die Einführung einer
Verpflichtung für ſie zum Erwerb der Rechtsfähigkeit ſo=
wie
die Statuierung der Haftung der Berufsvereine für
die Tätigkeit ihrer Beamten. Im übrigen empfiehlt der
Bund als wirkſame Abwehrmittel tatkräftige Förderung
der deutſchen Arbeitgeberorganiſation und der Streikent=
ſchädigungsidee
.

Aus den Reichslanden. Während man
ſoeben in den Reichslanden eine beträchtliche Gehaltser=
höhung
für die katholiſche Geiſtlichkeit beſchloſſen hat, wur=
den
in der Ausſchußſitzung der Kammer über die Beſol=
dungsreform
faſt alle Gehälter über 9000 Mark auf An=
trag
der Klerikalen herabgeſetzt. So mußte ſich der
Staatsſekretär einen Abſtrich von 10000 Mark gefallen
laſſen und die Unterſtaatsſekretäre ſollen in Zukunft ſtatt
22200 nur noch 18000 Mark erhalten, das Gehalt des
Miniſterialdirektors wurde um 2500 M. gekürzt und das
der Bezirkspräſidenten von 17000 auf 12500 Mark herab=
geſetzt
. Der Oberlandesgerichtspräſident ſoll anſtatt der
von der Regierung vorgeſchlagenen 16500 nur noch 13 800
Mark erhalten. Die Abſtriche gehen hinab bis in die Ober=
regierungsräte
. Der Staatsſekretär erklärte, daß es weder
er Gerechtigkeit noch der Würde der Regierung ent=
ſpreche
, ſich ſolches bieten zu laſſen.
Die päpſtliche Gewerkſchafts= Enzy=
klika
. Führende Kreiſe der rheiniſch=weſtfäliſchen
evangeliſchen Arbejtervereine wandten ſich an den natio=
nalliberalen
Reichstagsabgeordneten und chriſtlich= organi=
ſierten
Bergmann Beckmann (Bochum) mit der Bitte, eine
Interpellation der Nationalliberalen Partei über die
päpſtliche Gewerkſchafts=Enzyklika im Reichstage zu ver=
anlaſſen
.
Deutſche Kabelverbindung mit
unſeren weſtafrikaniſchen Kolonien. Mit
dem 1. Februar des künftigen Jahres werden Togo und
Kamerun dem Mutterlande durch deutſche Kabel ange=
ſchloſſen
ſein. Mit der Legung des Kabels nach Lome iſt
ſoeben begonnen worden; es iſt eine Fortſetzung des
Kabels der Deutſch=Südamerikaniſchen Telegraphengeſell=
ſchaft
Emden=Monrovia. Die Koſten des Kabelbaues von
Monrovia über Lome nach Duala in Kamerun belaufen
ſich auf 6350000 Mark. Bisher war der Telegraphen=
verkehr
mit unſeren beiden nächſtgelegenen afrikaniſchen
Schutzgebieten auf engliſche Unterſeeverbindungen ange=
wieſen
. Mit der Deutſch=Südamerikaniſchen Telegraphen=
geſellſchaft
iſt vom Reiche auch ein Abkommen dahin ge=
troffen
worden, das weſtafrikaniſche Kabel bis Swakop=
mund
weiter zu führen. Am 1. April 1919 wird dieſe
Verbindung fertig geſtellt und damit auch unſere ſüdweſt=
afrikaniſche
Siedelungskolonie mit dem Mutterlande durch
Kabel verbunden ſein. Im Jahre 1911 hatte Togo über
30000 Telegramme, Kamerun einen Verkehr von über
50000 Depeſchen und Deutſch=Südweſtafrika gar 423000,
obwohl die Gebühren verhältnismäßig hohe ſind; koſtet
doch beiſpielsweiſe ein Wort im Verkehr mit Togo
5,30 Mark. Hoffentlich wird die deutſche Geſellſchaft dieſe
Sätze weſentlich ermäßigen können.

Ausland.

Italien.
Aus Tripolis meldet die Agenzia Stefani vom
16. November: Unſere Truppen beſetzten am Samstag
nachmittag Suani ben Aden und Sonntag morgen Azizzia
ohne Zwiſchenfall. Der Generalgouverneur von Regni
begab ſich im Automobil nach Azizzia, wo er von den
Scheichs und der Bevölkerung mit großen Ehren empfan=
gen
wurde. Mit den beiden Orten wurden unverzüglich
telegraphiſche und telephoniſche Verbindungen hergeſtellt
Spanien.
Proteſtverſammlungen. Am Samstag wur=
den
in Madrid und in vielen Provinzſtädten aus Anlaß
der Ermordung des Miniſterpräſidenten Canalejas Pro=
teſtverſammlungen
abgehalten, in welchen die anarchiſti=
ſchen
Verbrechen gebrandmarkt wurden.

Rußland.
Die vierte Duma. Auf kaiſerlichen Befehll
eröffnet das Reichsratsmitglied Galubew am 28. Novem=
ber
die Seſſion der vierten Reichsduma.
Vereinigte Staaten.
Präſident Taft ſagte in einer Rede, die er in=
New=York im Letusklub hielt, ſein größter Schmerz als=
Präſident ſei geweſen, daß der Senat den Schiedsgerichts=
vertrag
mit England und Frankreich nicht ratifiziert habe.
Der Präſident ſprach ſich ferner entſchieden für eine einzige
ſechsjährige Präſidentſchaftsperiode aus und machte eine
deutliche Andeutung, daß der Kongreß eine angemeſſene
Penſion für Expräſidenten bewilligen ſollte. Ferner be=
fürwortete
der Präſident, daß ſämtliche Bundesbeamte
Berufsbeamte ſein wüßten, die die Staatsprüfung abzu=
legen
hätten.

* Hamburg, 16. Nov. Der Senat beantragte
bei der Bürgerſchaft die Bewilligung von 1760000 Mk.
zum Ankauf von Privatgrundſtücken und für die erfor=
derlichen
Terrainarbeiten zwecks Erbauung von
Arbeiterwohnquartieren am linken Elbufer.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 19. November.

* Vom Hofe. Prinzeſſin Marie zu Solms=Lich iſt
am Samstag nachmittag 35 Uhr wieder von hier ab=
gereiſt
. (Darmſt. Ztg.)
* Ernannt haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
den Oberlehrer an dem Gymnaſium zu Bens=
heim
Profeſſor Ferdinand Bodenſtein zum Ober=
lehrer
an dem Realgymnaſium und der Oberrealſchule
zu Gießen, den Oberlehrer an dem Gymnaſium
Fridericianum zu Laubach Profeſſor Albrecht Kull=
mann
zum Oberlehrer an dem Gymnaſium zu Bens=
heim
und den Lehramtsaſſeſſor Walther Schonebohm
zu Gießen zum Oberlehrer an dem Gymnaſium
Fridericianum zu Laubach, ferner den Anſtaltsarzt an
der Zellenſtrafanſtalt Butzbach und dem Landeszucht=
hauſe
Marienſchloß Dr. Fritz Kullmann zum Kreis=
arzt
des Kreisgeſundheitsamtes Lauterbach unter Ver=
leihung
des Charakters Medizinalrat
g. Strafkammer. Der mehrfach vorbeſtrafte 42 jäh=
rige
Kaufmann Joſef Elter aus Meerholz hatte ſich
geſtern wegen Betrugs in fünf Fällen vor der hieſigen=
Strafkammer zu verantworten. Der Angeklagte, der ſeit
einem Jahre eine wegen gleicher Delikte erhaltene Ge=
fängnisſtrafe
von zwei Jahren verbüßt, hat bereits ein
bewegtes Leben hinter ſich, von dem eine umfangreiche
Vorſtrafsliſte zeugte. Er war vor etwa drei Jahren zu=
nächſt
in Mainz als Angeſtellter einer Wach= und Schließ=
geſellſchaft
tätig. Als hier jedoch ſein Vorleben bekannt
wurde, mußte er dieſe Stellung verlaſſen und er wurde in
Neu=Iſenburg für ein Erfurter Inkaſſo= und Detektiv=
Inſtitut tätig. Im Juni 1911 hatte auch dieſe Tätigkeit
ein Ende und Elter war nun bemüht, eine eigene Geſell=
ſchaft
zu gründen. Die erſten Schritte hierzu unternahm
er bei Bäckermeiſtern in Biſchofsheim, Dietersheim,
Hauſen und Lämmerſpiel und die hierbei getätigten Hand=
lungen
ſtellen ſich als vollendeter Betrug dar. Er ſtellte
ſich bei den Bäckermeiſtern vor, indem er ſich meiſt auf Be=
kannte
berief und gab an, er ſei Polizeikommiſſär oder
Inſpektor in Frankfurt und ſei bei den teuren Zeiten auf
Nebenerwerb angewieſen, weshalb er in ſeiner dienſt=
freien
Zeit Mitglieder für das Inkaſſobureau Union in
Frankfurt werbe. Zur Bekräftigung dieſer Angabe zeigte
er auf ſeine mit Bieſen beſetzten Hoſen, die noch von ſeiner
Tätigkeit als Angeſtellter der Wach= und Schließgeſellſchaft
herrührten. Auch zeigte er eine ebenfalls aus dieſer Zeit
ſtammende Legitimation vor, in die ſeine Photographie in
voller Uniform eingeklebt war. Zu einigen Zeugen ſoll er
auch mit dem Helm auf dem Kopfe gekommen ſein. Ver=
ſchiedene
Male gab er an, es dürfe die Geſellſchaft nur 500
Mitglieder haben, da aber zufällig eines ausgeſchieden ſei,
könne er noch jemand aufnehmen. Von fünf Bäckermeiſtern
erhielt Elter auch den Auftrag, Rechnungen von ſäumigen
Schuldnern einzuziehen. Vier gaben ihm den Beitrag

Mit dem Motor ins innerſte Afrika.
Von Oberleutnant Paul Graetz.
IX.

Sſanga abwärts durch Neu=Kamerun.
Bogenghé, am Likuala=Eſſubi an
der Süd=Oſt=Grenze von Neu= Kame=
run
, den 6. Sept. 1912.
Gegen Mittag des 28. Auguſt ſtartet die Hygiama
von Queſſo und legt die 115 Kilometer bis Ikelemba
mit dem Strom in fünfſtündiger glatter Fahrt zurück. Der
Chef de poste von Ikelemba packt bereits ſeine ſieben
Sachen, um nach Queſſo abzudampfen und ſich die Ueber=
gabe
des Poſtens an die Deutſchen zu erſparen, die nun
bald kommen müſſen. Am folgenden Tage leiſtet der
Motor die 135 Kilometer bis Pikunda ohne Panne in
ſieben Stunden trotz des ſchweren 10 Meter langen, längs=
ſeits
der Hygiama liegenden Kanus des Faktoreibeſitzers
Graf, der mich mit acht Boys nach ſeinem Platze Pikunda
begleitete. In dem am Wege liegenden Buſſinde nimmt
Graf den von ſeinem ſchwärzen Händler eingetauſchten
Beſtand an Gummi und Elfenbein über. Allzu reich iſt
die Ernte freilich nicht, da ja die Franzoſen, wie früher
berichtet, dieſen Teil unſerer Kolonie entvölkert haben.
In Pikunda wird der unregelmäßig arbeitende
Oelapparat auseinandergenommen und der Motor gründ=
lich
gereinigt. Als am 31. Auguſt der Motor angewärmt
werden ſoll, iſt der Terpentinſpiritus zum Speiſen der
Lötlampe aufgebraucht. Wir füllen die Lampe mit Pe=
troleum
, erzielen jedoch keine Stichflamme.) In der
folgenden Nacht weckt uns das Stampfen eines Dampfers
ans dem Schlaf: Ein Franzoſe, der jedoch weder mit einer
Lötlampe noch mit Spiritus für die vorhandene Lampe
aushelfen kann. Nach Holzübernahme fährt der Dampfer
in den Nebel des erwachenden 1. September hinaus, mit
Herrn Graf an Bord, der mir vier ſeiner Boys zurück=
gelaſſen
. Einer der jetzt häufiger werdenden Tornados
peitſcht am Morgen ſeine Waſſermaſſen von allen Seiten
durch die Bambuswände der Faktorei. Gegen Mittag
erfolgt der Start von Pikunda, d. h. wir werfen los und
laſſen uns von der etwa 3 Meilen erreichenden Strömung
des Sſanga treiben. Grafs Boys, in einem kleinen, längs=
ſeits
liegenden Kanu halten das Boot in der Mitte des
Stromes. James müht ſich ab, den Glühkopf mit der Löt=
*) Der 6 Ps.=Einzylinder=Grade=Motor zündet an
einem Glühkopf, der zur Ingangſetzung des Motors er=
bitzt
werden muß.

lampe zu erhitzen, was ihm auch tatſächlich am Nachmittag
gelingt. Der Motor ſpringt an, die Hygiama ſchießt
mit 20 Klm.=Stundengeſchwindigkeit ſtromabwärts; die
Freude ſoll nicht lange währen der Zylinder wird,
offenbar infolge Verſtopfung der Oelleitungen, heiß. So
ſchwer es fällt, ſtoppe ich den ſo mühſam in Gang gebrach=
ten
Motor. Wir treiben an eine Jnſel und machen für
die Nacht feſt. Während ich Oelleitungen reinige, wandert
ein Ameiſenvolk auf einem über das Verdeck hängenden
Aſt in das Boot. Die Boys kappen den Aſt und eröffnen
mit Petroleum den Krieg gegen die läſtigen Aufdring=
linge
, die ſchon überall Zugang gefunden.
Als ich mich mit Morgengrau auf meinem im Boot
aufgeſchlagenen Feldbett emporrichte, iſt der rührige
James bereits dabei, den Glühkopf anzuwärmen. Der
geſchloſſene Urwald des Ufers iſt bis zur halben Höhe in
einen dicken Nebelſchleier gehüllt, während wir jetzt von
der Inſel ab auf den Sſanga hinaustreiben. Es will
uns nicht gelingen, den Glühkopf genügend zu erhitzen.
Schließlich ſtelle ich ein Kerzenlicht unter die Lötlampe,
welche ſofort funktioniert, jedoch nach wenigen Minuten
infolge zu hohen Druckes undicht wird. Bis in die Nacht
hinein treiben wir im Schneckentempo in der Mitte des
Stromes, vergeblich nach einem Lagerplatz in dem dichten
überhängenden Wachstum ausſpähend. Einige ſchwere
Stücke alten Eiſens aus der Dampferwerkſtatt von Mo=
lundum
, mit Draht zuſammen gebunden, dienen als Erſatz
für den, oben im Dſcha beim Schiffbruch geopferten Anker
den dritten, den ich verlor. Einer liegt im Nygaſee,
unweit von Monkey=Bay, ein zweiter droben im Luapula,
an den Fällen von Nyengwengemgwe Der Sſanga iſt
tief, einen Faden nach dem anderen gebe ich nach end=
lich
hat der Notanker gefaßt die Hygiama dreht am
leiſe zitternden Ankertau. Die Boys verſchwinden mit
dem Kanu im Dunkel der Nacht, um an Land im Urwald
ein Feuer anzumachen. Nur Joſeph bleibt im Boot, um
mir einen Imbiß und das Lager herzurichten. Die heute
zurückgelegte Strecke auf der Karte zehnmal aneinander=
gereiht
, würde mich nach Bogenahe ſchaffen, unweit vom
Kongo, wo ſich in der dortigen Dampferwerkſtatt Repara=
turen
vornehmen laſſen. Zehn Tage im Leichenzugtempo!
Mit dieſer betrübenden Ausſicht, die mir die Größe unſerer
neuen Kolonie draſtiſch zum Bewußtſein bringt, lege ich
mich zur Ruhe, nicht ohne vorher Bug= und Hecklicht für
die Nacht ausgeſetzt zu haben.
Der 3. September ſteigt über dem Sſanga hoch, und
mit ihm die Erinnerung an den Unglückstag des vorigen
Jahres. Der Gedanke an meinen unvergeßlichen Gefähr=
ten
, an den auten Oktave Fiere, der heute vor einem Jahr

die Sonne zum letzten Male über dem Chambeſi aufgehen
ſah, hält mich den ganzen Tag gefangen. Alle Einzel=
heiten
der furchtbaren Kataſtrophe ziehen mit ſchrecklicher
Deutlichkeit an meinem Geiſte vorüber und drücken meine
nicht gerade roſige Stimmung noch mehr danieder. Oktape
Fiöre hat einen Schickſalsgenoſſen gefunden; ſein Lands=
mann
, Hubert Latham, einer von Frankreichs Helden auf
dem Felde des Flugſports, iſt vor einigen Wochen in dem
franzöſiſchen Kongo von einem angeſchweißten Büffel
getötet worden.
Vergeblich fordere ich die Boys zum Rudern auf. Sie
reagieren kaum mit ein paar Ruderſchlägen auf meine Droh=
ungen
. Von achtern ſteht eine lange Priſe. Ich ſpanne den
Leckſegel zwiſchen zwei Riemen auf Maſt und Takelage
gingen am 11. Auguſt über Bord , doch kaum, daß ich
das Segel geſpannt, da ſchießt ein Kanu am Ufer entlang
ſtromab, von mehreren Boys ſtehend getrieben. Wir rufen
den Einbaum an. Wahrhaftig, die Schwarzen wenden
auf uns zu. Ich heure die Mannſchaft und mache den
Kahn backbord feſt. Zwiſchen den beiden Kanus von je
fünf Boys im Takt gerudert, mag die Hygiama jetzt
45 Kilometer pro Stunde ſchaffen. So erreichen wir
gegen Mittag den auf hohem Uferrand gelegenen Holz=
poſten
Bitulla, aus einigen von Palmen und Urwalde
rieſen beſchatteten Sſangahütten beſtehend, wo uns die
Holzſchläger verſichern, daß der deutſche Dampfer
Bumba heute hier eintreffen müſſe ein Hoffnungs=
ſtrahl
! Vielleicht hat die Bumba eine Petroleumlöt=
lampe
an Bord oder kann anderswie helfen.
Ein wolkenbruchartiger Regen, in der Nacht einſetzend
und bis zum folgenden Mittag anhaltend, hält mich in
meinem Zelt gefangen. Die Boys verſinken bis an die
Knöchel in dem glitſchigen Lehmboden des Lagerplatzes.
Am Nachmittag erhebt ſich plötzlich ein markerſchütterndes
Geſchrei und Gejohle ringsum. Die Bumba biegt um
eine weit unterhalb Bitulla aus dem Sſanga ſteigende
Inſel. Hurra! Diesmal hat uns die Hoffnung nicht ge=
narrt
! Nach herzlicher Begrüßung mit dem mir bereits
von Kinshaſa her bekannten Kapitän Quadbeck wird bei
einem Glaſe deutſchen Bieres Kriegsrat gehalten. Ueber
eine Petroleumlampe verfügt die Bumba nicht, ebenſo
wenig über Spiritus; doch läßt ſich vielleicht eine Pumpe
an der Spirituslampe anbringen.
Nach dem vergeblichen Verſuch, eine für ganz andere
Zwecke beſtimmte Spritze an der Lötlampe anzumontieren,
beginnt Quadbeck am Morgen des folgenden 5. Septem=
ber
, mit Petroleum getränkte Holzkohlen um den Glüh=
kopf
zu legen, doch reicht die entwickelte Hitze bei weitem
nicht aus. Die Grafſchen Boys erklären, mit der bereits

[ ][  ][ ]

Nummer 273.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.

Seite 3.

von 15 Mark, ein weiterer nur 7,50 Mark, die
zweite Hälfte ſollte nach dem Erhalt der ein=
gezogenen
Beträge fällig ſein. Die fünf Bäckermeiſter
hörten dann aber weder von Elter etwas, noch kamen ſie
zu dem erhofften Gelde. Das Gericht erkennt den Ange=
klagten
, der jede Betrugsabſicht leugnete, des Betrugs in
fünf Fällen für ſchuldig Da dieſe Fälle zum Teil vor
jeinen früheren Verurteilungen ſich abſpielten, mußte das
Gericht unter Einbeziehung der erhaltenen zwei Jahre
Gefängnis zwei Geſamtſtrafen bilden, und zwar wurde
der Angeklagte zu 1 Jahr 4 Monaten und 1 Jahr
2 Monaten Gefängnis verurteilt.
D Vom Großh. Hoftheater. Für heute Dienstag iſt
nach längerer Pauſe eine Wiederholung von Adams in=
diſcher
Märchenoper Wenn ich König wäre, als
61. Abonnementsvorſtellung, Buchſtabe A. 16, angeſetzt.
An dieſem Abend gelten die kleinen Preiſe. Die nächſte
Aufführung der Operetten=Novität Der liebe Augu=
ſtin
von Leo Fall findet am Mittwoch ſtatt. Am
Donnerstag gelangt auf Allerhöchſten Befehl anläßlich der
Anweſenheit Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Heinrich
von Preußen Bahrs Prinzip, und am Freitag Die
ſchöne Helena zur Aufführung.
* Die Techniſche Hochſchule feiert den Geburtstag
ihres Rektor Magnifizentiſſimus Sr. Königl. Hoheit des
Großherzogs, durch einen Feſtakt in herkömm=
licher
Weiſe am Montag, den 25. d. M., vormittags um
11¾ Uhr, in der Aula. Die Feſtrede hält Herr Profeſſor
Dr.=Ing. Hohenner über: Die rationelle Vermeſſung
eines Landes
Beerdigung. Geſtern nachmittag wurde unter
überaus zahlreicher Begleitung ein Mann zu Grabe ge=
bracht
, deſſen Name in ſeinem Bekanntenkreis, in den Ge=
meinden
, in denen er wirken durfte, und unter ſeinen
Kollegen, den evangeliſchen Geiſtlichen Heſſens, einen
guten Klang hatte: der Pfarrer i. P. Johannes
Schneider. Herr Pfarrer Hickel zeichnete ſein chriſt=
liches
Charakterbild aus dem reichen Leben heraus, das
durch Leid und Kreuz zur Krone gegangen war. Herr
Stadtpfarrer Bernbeck von Michelſtadt legte im Namen
der Geiſtlichkeit des Dekanats Erbach einen Kranz nie=
der
, Herr Pfarrer Stock von Neckarſteinach, wo der Ver=
ſtorbene
zuletzt 25 Jahre Geiſtlicher geweſen, war mit einer
Anzahl von Gemeindegliedern gekommen, um dem belieb=
ten
Seelſorger die letzte Ehre zu erweiſen, und Herr
Profeſſor Knoll ehrte den Heimgegangenen im Namen
der Alten Herren des Wingolfs. Das Gedächtnis des
Gerechten bleibt in Segen.
* Regiments=Jubiläum. Das Infanterie=Regiment
von Lützow (1. Rhein.) Nr. 25 blickt im Jahre 1913 auf
eine 100jährige Vergangenheit zurück. Die
Gründung des Regiments erfolgte am 18. Februar 1813
und aus den Befreiungskriegen ſind die Lützower groß
und klein bekannt geworden. Die Feier des 100jährigen
Beſtehens iſt unter Berückſichtigung des Wunſches der
älteren Kameraden für den 4. und 5. Juni in Aachen, der
jetzigen Garniſon, geplant. Alle ehemaligen Angehörigen
des Regiments in Darmſtadt, die an den Jubiläums=
feierlichkeiten
teilzunehmen wünſchen, werden zum Zwecke
einer Beſprechung eingeladen, am Samstag, den 23. No=
vember
, abends 9 Uhr, im Reſtaurant Wilh. Preuſch,
Karlſtraße 104.
St. Bund deutſcher Militäranwärter. Der Verein
Darmſtadt veranſtaltete am Samstag abend im großen
Saale der Turngemeinde am Woogsplatz eine Feier des
Geburtstages Sr. Königl. Hoheit des Großher=
zogs
, verbunden mit der Feier des 10jährigen
Stiftungsfeſtes des Vereins, unter Mitwirkung
des Fräulein A. Bürſtlein (am Klavier Kam.
Gunſchmann), der Muſikkapelle des Vereins unter
Leitung ihres Dirigenten Kam. Krüger und der Ge=
ſangsabteilung
des Vereins unter Leitung ihres Diri=
genten
Kam. W. Etzold. Der Feſtſaal war dicht beſetzt
und die Doppelfeier nahm, das ſei vorweg konſtatiert,
getragen von gut kameradſchaftlichem Geiſte, einen ſchönen
und animierten Verlauf. Als Ehrengäſte wohnten der
Feier u. a. bei die Herren Direktor Daub, Stadtver=
ordnete
Dr. Noellner, Henrich, Schupp. Schnei=
dig
geſpielte Muſikſtücke der durchweg aus Vereinsmit=
gliedern
gebildeten Hauskapelle, die übrigens mehrfach
ganz vorzügliches leiſtete, leitete den Reigen der vielge=
ſtaltenen
Unterhaltung ein. Der Vorſitzende, Kam. Salo=

mon, hielt die Feſtanſprache, in der er nach Begrüßung
der Gäſte, inſonderheit der Ehrengäſte, einen kurzen Rück=
blick
auf die Geſchichte des Vereins warf und den Zweck
und die Veranlaſſung der ſchönen Doppelfeier darlegte,
die einmal dem immer vor jedem treuen Heſſen und ganz
beſonders von jedem ehemaligen Soldaten gern gefeierten
Geburtstag des Landesfürſten gelte und zum andern der
10. Wiederkehr des Gründungstages des Vereins Darm=
ſtadt
des B. d. M. Sei der Verein auch noch jung, ſo habe
er, unterſtützt von der treuen Mitarbeit vieler Kameraden,
doch ſchon erfreulich viel geleiſtet und werde ſich weiter=
hin
auch die Pflege kameradſchaftlichen Lebens und vater=
ländiſcher
Geſinnung neben der Wahrnehmung der wirt=
ſchaftlichen
Intereſſen der Militäranwärter angelegen ſein
laſſen. Die Feſtrede klang aus in ein begeiſterten Wider=
hall
auslöſendes Hoch auf den Großherzog, die Feſtteil=
nehmer
ſangen die Nationalhymne. Namens der Gäſte
dankte Herr Direktor Daub für die Einladung zu dem
ſchönen Feſte und für die freundlichen Begrüßungsworte.
Er pries im weiteren in ſeiner Rede die hervorragende
Pflichttreue und vorbildliche Berufsfreudigkeit und Dis=
ziplin
, die die Militäranwärter aus ihrer langen erfolg=
reichen
Tätigkeit im Ehrendienſte des Vaterlandes
als eine der wertvollſten Eigenſchaften mit hinübernehmen
ins Berufsleben, einer Eigenſchaft, die den Militäran=
wärter
beſonders nutzbar macht für Behörde und Verwal=
tung
. Der Redner ſchloß mit einem dreifachen Hoch auf
das weitere Blühen und Wachſen des Vereins. Später
wurden etwa 30 treue Mitglieder des Vereins für 10 jäh=
rige
Mitgliedſchaft durch den Vorſtand beſonders geehrt
und mit einer Ehren=Vereinsnadel dekoriert. Der Verein
ſeinerſeits dankte und ehrte ſeinen langjährigen Vor=
ſitzenden
, Kamerad Salomon, durch Ueberreichung eines
ſchönen Geſchenks für ſeine erſprießliche Tätigkeit im
Dienſte des Vereins. Herr Stadtverordneter Schupp
brachte in kerniger, patriotiſcher Rede das Kaiſerhoch aus.
Im übrigen wurde der Abend ausgefüllt durch ernſte
und heitere Darbietungen, aus Geſang, Muſik und Dekla=
mationen
beſtehend. Beſonders verdient machte ſich Frl.
Bürſtlein, die mit ſchöner wohlklingender Stimme Lieder
von Schubert, Mozart und Sachs ſang und damit rau=
ſchenden
Beifall erntete. Die beiden Theaterſtücke brach=
ten
die Damen Frl. Kaiſer und Hübner, und die
Herren Heß, Poppler und Wrode zum beſten Ge=
lingen
und Kamerad Heß erfreute außerdem durch meh=
rere
humoriſtiſche Soli. Ein von Herrn Krüger jr.,
dem Sohn eines Kameraden, komponiertes, dem Verein
zum Stiftungsfeſt gewidmetes Intermezzo fand, wie
auch die Chorgeſänge, verdienten Beifall. Ein Ball be=
ſchloß
die ſchöne Doppelfeier.
nn. Der Marine=Verein hielt unter außerordent=
liger
Beteiligung ſeiner Mitglieder und deren Ange=
hörigen
am Sonntag im Mathildenhöhſaal die Ge=
burtstagsfeier
des Großherzogs ab. Als
Ehrengäſte waren erſchienen Herr Admiral z. D. Weſt=
phal
, Hauptmann Vollmar und zahlreiche Marineoffiziere,
ſowie eine Deputation des Marine=Vereins Frankfurt
a. M. In ſeiner Begrüßungsrede feierte in kernigen Wor=
ten
der 1. Vorſitzende des Vereins, Schnellbacher,
Kaiſer Wilhelm als Schirmherrn des Reichs und Förderer
der Marine. Sein dreifaches Hurra galt dem Friedens=
kaiſer
Wilhelm II., in das die Verſammlung begeiſtert
einſtimmte und ſtehend die Kaiſechymne ſang. Ein von
dem Ehrenmitglied Göttmann zur Feier des Tages ge=
dichteter
Prolog mit einer Huldigung auf den Großherzog
(lebendes Bild), von Fräulein Lang vortrefflich vorge=
tragen
, wurde mit reichem Beifall ausgezeichnet. In der
von Herrn Miniſterialreviſor Bruchhäuſer gehaltenen
Feſtrede gab dieſer ein vortreffliches Lebensbild
unſeres Großherzogs und ſeiner hohen Gemahlin, ſowie
deren Wirken für Kunſt und Induſtrie und für die Wohl=
fahrtspflege
. Dankbar ſei dieſe Tätigkeit im ganzen
Heſſenland anzuerkennen und aus vollem Herzen ertöne
der Wunſch: Gott ſegne unſern Großherzog Ernſt
Ludwig und ſeine ganze Familie und ſchenke ihm ein
langes und reichgeſegnetes Leben. Sein Hoch galt dem
geliebten Landesherrn, in das die Feſtverſammlung be=
geiſtert
einſtimmte. Ein reichhaltiges Programm von Ge=
ſangs
= und Muſikvorträgen verſchönte den Abend. Be=
ſonders
ſeien die hübſchen Liedervorträge des Herrn
Dipl.=Ing. W. Kern hervorzuheben. Lebende Bilder aus
dem See= und Marineleben: Die Erſtürmung von

Kamerun, die Beſchießung der Küſte von See aus uſw.,
geſtellt von Kameraden des Marinevereins, ſowie ein
hiſtoriſches Theaterſtück: Kurt Schroll, dramatiſche Dich=
tung
aus der Hanſa=Zeit (verfaßt von Ehrenmitglied
Gottmann) löſten eine echte patriotiſche Stimmung aus
und wurden mit reichem Beifall ausgezeichnet. Ein flotter
Ball beſchloß die ſchön verlaufene Großherzogs= Geburts=
tagsfeier
.
Die Familienfeier der kath. St. Eliſabeth=
pfarrei
am Sonntag nahm einen frohen, herzlichen Ver=
lauf
. Ernſte Worte richtete Pfarrer Laubner= Linden=
fels
an die Eltern in ſeiner Feſtrede über die chriſtliche
Erziehung. Kirchenchor, Jünglingsverein und Jung=
frauenſodalität
teilten ſich in die Aufgabe, die Anweſenden
zu unterhalten. Geſpielt und geſungen wurde überhaupt
mit lebhafter Begeiſterung, ſo daß die Schlußworte der
Feier mit berechtigtem Stolz auf die Tatſache innerer
Kraft und Geſchloſſenheit katholiſcher Ueberzeugung auch
bei Unterhaltung und Vergnügen unter Fernhaltung
alles Verletzenden hinweiſen konnten.
Odenwaldklub, Ortsgruppe Darmſtadt. Nacht
war es noch, die letzten Sterne flackerten und verblaßten
allmählich am Morgenhimmel und friedliche Stille
lagerte noch über der Stadt, da hörte man ſchon von
weitem den harten Tritt der Nagelſchuhe und manche
müden heimkehrenden Nachtſchwärmer betrachteten er=
ſtaunt
und neidiſch die munteren Geſellen, die zum
Sammelpunkt des Odenwaldklubs am Böllenfalltor
eilten. Nebel umhüllte noch die Gegend, als die Wan=
derung
um 8½ begann, und war leider der ſtändige
Begleiter. Nachdem der Bismarckturm auf Umwegen
erreicht und beſtiegen war, ging es abwärts, um bald
darauf ſteil aufwärts auf dem Kirchberg zu landen.
Von da ging es weiter über den Lindenberg vorbei am
Bordenberg und dem Frankfurter Erholungsheim über
Nieder=Ramſtadt nach Waſchenbach. Trotz räumlicher
Enge hat es Gaſtwirt Schneider verſtanden, die Wanderer
zufriedenzuſtellen und fröhlich begannen die munteren
Geſellen die weitere Wanderung über Nieder=Modau
und Rohrbach nach der Hohen Straße. Auf herrlichen
Waldwegen, wenn auch von unten ſchmutzig, ſo doch
ſtaubfrei, erreichte man den Ausſichtsturm der Rein=
heimer
Ortsgruppe auf der Ernſt=Ludwigs=Höhe. Dort
bot ſich den Wandergenoſſen eine Ueberraſchung, die
uns ein liebes und treues Mitglied der =Reinheimer
Ortsgruppe bot, und der herrliche Kakaolikör mundete
den Wanderern vortrefflich. Bald darauf war das End=
ziel
erreicht und bei trefflich und reichlich zubereitetem
Mahle im Haus Buxmann, im Schwanen begrüßte
der Vorſitzende der Reinheimer Ortsgruppe, Herr Apo=
theker
Scriba, die Darmſtädter herzlichſt und Herr
Direktor Daub dankte für die freundlichen Worte. Nach
dem Dank an die Führer, den Herr Oberfinanzrat Braun
in humorvoller Weiſe ausbrachte, verblieben die
Wanderer noch lange im gaſtlichen Reinheim und
ſchieden mit dem Bewußtſein, einen herrlichen Tag ver=
lebt
zu haben.
* Fremdſprachliche Vorträge. Den erſten der
Vorträge, am nächſten Mittwoch, hält Herr Georges
Louvrier, wohl der bekannteſte franzöſiſche Conférencier
in Deutſchland. Nach Abſchluß ſeiner Studien auf der
Pariſer Univerſität kam er 1901 nach Breslau, wo er an
der Humboldt=Akademie Vorleſungen über franzöſiſche
Literatur und an der Univerſität ſolche über Phonetik
hielt. Auch unternahm er Vortragsreiſen, die ihn nach
faſt allen größeren Städten Deutſchlands führten. In
Darmſtadt veranſtaltete er vor zwei Jahren eine wohl=
gelungene
Rezitation im Neuen Gymnaſinm. Im ver=
gangenen
Sommer hielt Herr Louvrier es war in
Hamburg ſeine tauſendſte Vorleſung in Deutſchland.
Im Frühjahr 1912 gab er ſeine Tätigkeit in Breslau
auf und iſt jetzt Mitarbeiter des in Berlin erſcheinenden
Journal d’Allemagne. Da Herr Louvrier gewöhnt iſt,
vor Fremden zu ſprechen, ſo iſt die Gewähr dafür ge=
geben
, daß ſelbſt diejenigen ihn verſtehen, deren Ohr im
Aufnehmen einer fremden Sprache nicht ſehr geübt iſt.
(Näheres ſiehe Anzeige.)
* Vortragsabend. Auf die in heutiger Nummer ent=
haltene
Anzeige über den zum Beſten der Freiwilli=
gen
Sanitätskolonne vom Roten Kreuz im
Konkordiaſaal am 23. November ſtattfindenden Licht=
bildervortrag
über das deutſche Rote Kreuz, ſein
Werden, Wachſen und Wicken, ſei auch an dieſer Stelle

Dampf aufmachenden Bumba heimkehren zu wollen.
Als Quadbeck den Boys das Betreten der Bumba
unterſagt, weigern ſie ſich unter allen Umſtänden, mir zu
folgen, wollen vielmehr per Kanu nach Ikelemba zurück.
Während ich über meine unglückliche Lage nachdenke, fällt
mein Blick in die Glut des ſoeben von dem Heizer geöff=
neten
Keſſelfeuers Heureka! ich hab’s gefunden! Wir
werfen den Reſerveglühkopf in den roten, hitzeſprühenden
Schlund, während wir den aufmontierten Glühkopf vom
Motor losſchrauben. Dann werden die Unterlegſcheiben
und Muttern zur Hand gelegt. Quadbeck und ich erfaſſen
jeder einen Schlüſſel. Wohl, nun kann der Guß beginnen!
Mit der langen Feuerzange reicht der Heizer den roſa
leuchtenden Glühkopf von der Bumba herüber in die
Hygiama, der ſofort auf ſeinen Platz geſetzt wird.
Schnell werden Haltering, Scheiben und Muttern aufge=
ſetzt
. Die Glut verbrennt uns die Finger; wir achten es
nicht. Fieberhaft ſind wir am Werk. Ringsum Toten=
ſtille
. Wird es gelingen? Kaum iſt die letzte Mutter an
gezogen, wird angekurbelt. Mit raſenden Touren ſetzt der
Motor ſofort ein. An Land und an Bord ſchreit, brüllt,
tanzt und hüpft alles wild durcheinander. Die Boys,
die eben noch den Dienſt verweigert, ſpringen ins Boot.
Als wir jetzt losfahren wollen, läuft kein Kühlwaſſer. Das
Zuflußrohr wird geöffnet, es iſt vollkommen mit Lehm
verſtopft von der Uferwand, an die das Boot angelehnt
war. Der Motor wird heiß infolge des mangelnden Kühl=
waſſers
. Wir müſſen den Motor anhalten. Nach Wieder=
anlegen
des Waſſerrohres ſpringt der Motor nicht mehr
an. Alſo heißt es, den Glühkopf wieder abmontieren, er=
hitzen
und aufſetzen. Auch diesmal gelingt das Manöver.
Wir nehmen einige Brandwunden mehr an den Fingern
gern in Kauf. Da plötzlich bricht der gläſerne, bereits an=
geſprungene
Oelbehälter, für den die Grade=Motoren=
Werke einen ſolchen aus Metall zu liefern verſprachen.
Hat ſich denn heute alles gegen mich verſchworen?! Der
Motor muß abermals zum Schweigen gebracht werden.
Die Schlitze im Zuflußrohr, durch die bisher das gefilterte
Oel aus dem Glaſe Zutritt zum Oelapparat gewann,
werden mit Heftpflaſter geſchloſſen. Das Oel wird mittels
Trichter zugeführt. Nachdem wir zum dritten Male mit
der Glut der Bumba unſern Motor in Gang gebracht,
erfolgt endlich der Start. Die ſtarken Bugwellen der
Hygiama ſchlagen in das ſteuerbord liegende Kanu, es
im Nu füllend und niederdrückend. Die Hygiama liegt
infolge der einſeitigen Belaſtung ſchief im Fahrwaſſer.
Das verſackte Kanu wird losgeſchnitten und verſchwindet
ſofort in den Fluten mitſamt dem ganzen Proviant der
laut zeternden Boys. Plötzlich verliert die Hygiama
vollſtändig an Fahrt. Zweifellos eine Störung am Pro=

peller. Der Motor leiſte, was er kann. Ausgekuppelt!
James taucht und fördert einen Fiſchkorb zutage, den der
Propeller erfaßt. Endlich, endlich haben wir Fahrt.
Stunde auf Stunde gleiten wir in großer Fahrt da=
hin
, nur einmal wenige Minuten durch eine Sandbank in
einer Inſeldurchfahrt aufgehalten. 3 Uhr 30 Min. nach=
mittags
erreichen wir die ſüdliche Halbkugel. Mehrmals
raucht der Motor. Durch Zufuhr von Unmengen von Oel
bekommen wir jedoch Lager und Zylinder immer wieder
kalt. Schwarz ſenkt ſich die Nacht auf den Fluß. Wir
können nicht mehr weit ab ſein vom Holzpoſten. Nagunda=
Nagunda. Da blitzt ein Licht vor uns aus dem Dunkel
darauf los! Der helle Schein ſpiegelt ſich zitternd im
Waſſer
Am Morgen des 6. September wird ein hoher Schei=
terhaufen
errichtet, in deſſen Glut der Glühkopf auf dem
Dreifuß unſerer Küche ruht. Während die Boys das Feuer
ſchüren, beobachte ich einen rührenden Beweis für die
Anhänglichkeit meines Reiſegefährten. Mutſch, mein
niedliches, ungemein zärtliches Kätzchen, klettert, vom Boy
Joſeph an Land geſetzt, von einem kurzen Streifzug zwi=
ſchen
den Holzſtapeln des Poſtens zurückkehrend, zum Fluß
herab und läuft, miauend und ſehnſüchtig nach dem Boot
herüberäugend, am Waſſer hin und her. Durch Anruf
vom Boote aus erhöhe ich ſeine Qualen, als es plötzlich
kurz entſchloſſen ins Waſſer ſpringt gewiß ein Zeichen
von Treue und Tapferkeit bei der ſprichwörtlichen Waſſer=
ſcheu
der Katzen. Auch heute glückt erſt der dritte Ver=
ſuch
, den Motor in Gang zu bringen, da ich allein alle ſechs
Muttern um den Glühkopf aufſetzen muß. Ich habe meine
Finger ſchließlich mit alten, in Waſſer gelegten Leder=
handſchuhen
geſchützt, die ich ab und zu in einen bereit=
geſtellten
Waſſereimer tauche.
In ſchöner Fahrt erreichen wir 2 Uhr nachmittags den
breiten Einfluß des Ndjali, als ein gelbgraues Un=
wetter
vor uns aufſteigt, das drohende Geſpenſt eines
Tornados. Der Wind wird ſtärker, die verderbenſchwan=
gere
Wetterwand gegen uns heranjagend. Die Boys
drängen mich, am Ufer feſtzumachen. Der Sſanga be=
ſchreibt
hier einen jähen Bogen nach Süden, wo der Him=
mel
blaut. Vielleicht gelingt es, an dem Tornado vorbei=
zukommen
, ihn zu unterlaufen. Ich übernehme ſelbſt
die bisher James überlaſſene Bedienung des Motors und
gebe volle Kraft. Schneller durchfurcht die Hygiama
die höher und höher treibenden Wellen des Sſanga, brei=
ter
und voller rauſchen die Bugwellen. Die Boys erraten
meine Abſicht, ſchätzend fliegen die Blicke vom dunklen
Himmel auf die Fahrt unſeres Bootes. Jetzt fallen die
erſten ſchweren Tropfen doch die Biegung des Sfanga
iſt erreicht. Mit jeder Umdrehung des Propellers ent=

rinnen wir dem Unheil. Wenige Minuten lang bricht der
Regenſturm auf uns nieder, dann kommen wir aus ſeinem
Bereich, und während die Sonne trocknend auf das Ver=
deck
herniederbrennt, raſt hinter uns der Tornado, Fluß
und Ufer in farbiges Dunkel hüllend.
Kurz nach 4 Uhr nachmittags biegen wir um die bei=
den
großen vorgelagerten Waldinſeln in den Bogenghé=
Kanal, eine natürliche Waſſerſtraße, welche, nach dem
die öſtliche Grenze von Neu=Kamerun bildenden Likuala=
Eſſubi führend, einen in der Trockenzeit ſchwer fahrbaren
Teil des unteren Sſanga umgeht. Als wir jetzt zwiſchen
den höchſtens 10 Meter voneinander entfernten bewalde=
ten
Ufern dahingleiten, reden die Boys plötzlich laut durch=
einander
. Was gibt’s? Die Boys ſind erſtaunt über
die Schnelligkeit unſerer Fahrt, die für ſie bei der Nähe
der Ufer zum erſten Male in ſo deutliche Erſcheinung
tritt. Der Ausblick öffnet ſich weite Wieſenflächen
eine Gruppe Boraſſuspalmen als wundervolle Silhouette
an den gelben Abendhimmel gezeichnet. Einige Fiſcher,
wie verſteinert aus dem hohen Graſe des Ufers zu uns.
herüberſchauend. Eng und ſchmal folgen ſich die Kurven
unſeres Fahrwaſſers nach Norden, Oſten, Süden und
ſchließlich Südweſten laufend. Da raucht der Motor aus
dem Auspuff. Schwarz zieht als breiter Streifen der
Qualm hinter uns her. Das vordere Lager iſt heiß.
Während James dauernd Oel zugießt, beſchleunigt Joſef
mit der Hand den Gang der Oelpumpe. So nahe am Ziel
ſollen wir liegen bleiben? Nein, der Motor kommt wie=
der
auf Touren alſo weiter durch die ſtockfinſtere Nacht.
Ein Licht am Ufer Bogenghé? Noch nicht, ein Neger=
dorf
; doch weit kann es nicht mehr ſein. Noch eine Bieg=
ung
, da begrüßt uns ein mächtiger Feuerſchein am linken
Ufer endlich am Ziel. Knirſchend gleitet der Kiel auf
dem Lehmgrund des Ufers. Aus der Schar der uns be=
grüßenden
Schwarzen treten mir zwei Europäer entgegen
und begrüßen mich herzlich, als ich jetzt an Land ſpringe.
Haben Sie nicht einen Gefährten? fragen die Franzoſen.
Jawohl einen Augenblick! Ich rufe, und Mutſch
kommt unter dem Verdeck hervor auf den Bootsrand
geſprungen.
Die liebenswürdigen Herren der Companie Foreſtiére,
der Eigentümerin dieſes Platzes, ſtellen mir in bereitwilli=
ger
Weiſe jede nur mögliche Hilfe für meine Reparatur
in Ausſicht. Ich ſchlage unter dem Wellblechdach der
Dampferwerkſtatt zwiſchen allerhand Maſchinen mein
Feldbett auf, da alle anderen, längere Zeit unbewohnten
grasbedeckten Häuſer nicht regendicht halten.
Morgen in aller Frühe werden die Reparaturarbeiten
in Angriff genommen.

[ ][  ][ ]

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.

ſhingewieſen. Es ſei ausdrücklich aufmerkſam gemacht
daß dieſer Vortrag nur einmal gehalten werden kann,
da die Lichtbilder zum Teil anderweitig beanſprucht
werden.
* Gramola=Konzert. Im Hotel Zur Traube wird am
Donnerstag, 28. Nov., 8¼ Uhr abends, ein Gramola=Konzert
veranſtaltet. Zum Vortrag gelangen: Frieda Hempel, Farrar,
Kurz, Ida Salden, Caruſo, Battiſtini, Urlus, Schaljapin.
Burmeſter und Kubelik (Violine). Numerierte Kartenaus=
gabe
beginnt am Donnerstag bei der Firma K. Jäger,
Beorgenſtr. 11, und im Uhrengeſchäft, Rheinſtr. 33.
* Adreßbuch. Der Druckvogen Nr. 17 des Adreß=
buches
für 1913, enthaltend Einwohnerregiſter Weber,
Karl, Witwe, bis Zimmer, Heinrich, liegt im Haupt=
meldebureau
, Hügelſtraße 31/33, Zimmer Nr. 13, während
der Bureauſtunden (812 Uhr vormittags und 26 Uhr
nachmittags) bis zum 21. November vormittags zur Ein=
ſichtnahme
offen.
Frühlingsboten. Von einem vorzeitigen Früh=
lingsahnen
erfüllt, flog am Samstag ein kleiner zu
früh ausgeſchlüpfter Kohlweißling der Wohnung
Katzenbächer, Arheilgerſtraße 14, zu, und ſuchte
hier Schutz vor der anſcheinend unerwarteten rauhen
Witterung.
3 Pfungſtadt, 17. Nov. Der Streik in der Zi=
garrenfabrik
des Herrn Freund iſt nach 11wöchiger Dauer
beigelegt. Morgen wird der Betrieb wieder in
vollem Umfange aufgenommen. Doch hat inzwiſchen ein
Teil der Arbeiter anderwärts Arbeit geſucht und gefun=
den
. Für die hieſigen Gemeindebeamten wurde ein
neues Gehaltsſtatut ausgearbeitet, demzufolge in
6 Abſtufungen mit 18 Dienſtjahren das Höchſtgehalt er=
reicht
werden ſoll.
Hahn bei Pfungſtadt, 17. Nov. Als einziger Kan=
didat
für die am nächſten Mittwoch hier ſtattfindende
Beigeordnetenwahl iſt Herr Gemeinderat und
Bäckermeiſter Friedrich Stark aufgeſtellt. Laut Ge=
meinderatsbeſchluß
ſollen die hieſigen Allmenden=
inhaber
einiger Gewanne verpflichtet werden, auf den
gepachteten Grundſtücken je einen jungen Obſtbaum anzu=
pflanzen
.
* Nieder=Ramſtadt, 18. Nov. Sehr beachtenswerte
Vorführungen zeigte bei ſeinem Schauturnen der
ehieſige Turnverein. Durch die raſtloſe und ver=
ſtändnisvolle
Tätigkeit der Leiter des Turnbetriebs konn=
ten
zum erſten Male Uebungen durch eine Schülerinnen=
Abteilung vorgeführt werden, welche in Verbindung mit
dem Turnen der Schüler= und Damen=Abteilung und der
aktiven Turner von einer ganz vorzüglichen Schulung
Zeugnis ablegten. Zur Verſchönerung der Veranſtaltung
brachte unter Leitung ihres bewährten Dirigenten die
Turner=Singmannſchaft einige Chöre zum Vortrag.
Seinen fünften Turngang beabſichtigt der Turnverein
am kommenden Sonntag auszuführen.
-o- Meſſel, 18. Nov. Der hier vor kurzem unter
Leitung des Herrn Lehrer Fay ins Leben getretene
Ausſchuß für Volksbildung veranſtaltete geſtern
eine Uhlandfeier die einen ſehr ſchönen Verlauf
nahm. Den Kernpunkt des Abends bildete ein Vortrag
des Herrn Pfarrers Weißgerber der formvollendet
und ſchön das Leben und Wirken Uhlands zur Darſtellung
brachte. Die drei hieſigen Geſangvereine ſangen Uhland=
ſche
Lieder in ſchöner Wiedergabe. Fräulein Lagemann
aus Darmſtadt ſang Uhlandſche Lieder und trug Gedichte
des Dichters vor. Ferner beteiligten ſich die Herren
Lieſenbein und Horn aus Darmſtadt durch Violin=
vorträge
in ganz hervorragender Weiſe, wobei ſie von
Fräulein Hofmann begleitet wurden. Das zahlreich
erſchienene Publikum zeigte ſich außerordentlich dankbar,
und manchem wird wohl der ſchöne Abend lange in Er=
innerung
bleiben.
Seeheim, 18. Nov. Die hieſige Kleinkinder=
ſſchule
kann in dieſem Jahre auf ein fünfunddreißig=
jähriges
Beſtehen zurückblicken, und auch bereits ein Vier=
teljahrhundert
ſind Schweſtern aus dem Darmſtädter
Diakoniſſenhauſe in der Kleinkinder= und Gemeindepflege
unter uns tätig. Aus dieſem Anlaß fand geſtern in un=
iſerer
Kirche eine Gedächtnisfeier ſtatt. Als Feſt=
prediger
wirkte der erſte Geiſtliche des Darmſtädter Dia=
koniſſenhauſes
, Pfarrer Hickel, der über St. Matth. 18,
10, 11 predigte. Den Rechenſchaftsbericht erſtattete der
Ortsgeiſtliche Pfarrer Vogel, der in großen Umriſſen
die Geſchichte der Kinderſchule und Gemeindepflege ent=
rollte
, die Arbeit der Schweſtern beſprach und auf die
Notwendigkeit hinwies, dem Gedanken der Erbauung
eines Gemeindehauſes näherzutreten. Er konnte mit
Freuden hervorheben, daß aus Seeheim jetzt vier Schwe=
iſtern
dem Darmſtädter Hauſe angehören. Im Nachmit=
tagsgottesdienſt
, der gleichfalls gut beſucht war ſprach
Pfarrer Hickel im Anſchluß an das Gleichnis vom Senfkorn,
St. Matth. 13, 31, 32, in freier Weiſe über das Werk der
chriſtlichen Diakonie. Die eingegangene Kollekte war für
das Darmſtädter Diakoniſſenhaus beſtimmt. Nach dem

Mittagsgottesdienſt verſammelten ſich die Schweſtern, die
aus der Umgegend zur Feier gekommen waren, im Saale
der Kleinkinderſchule zu einer Konferenz, die der Stifts=
geiſtliche
abhielt.
S. Bensheim, 17. Nov. Fabrikant K. Kreuzer verkaufte
ſein erſt kürzlich erworbenes Grimmſches Fabrikanweſen
an die Firma Effex, Spörl u. Ko., in Mannheim zum
Preiſe von 27000 Mark. Auch das hieſige Gaſthaus
Zur Germania wurde dieſer Tage zum Preiſe von
47000 Mark an einen Würzburger Herrn verkauft.
S. Auerbach, 17. Nov. Die Wahl des Herrn Gölz
zum Bürgermeiſter wurde kreisamtlich beſtätigt und wird
derſelbe morgen verpflichtet und in ſein Amt eingeführt.
Die früher von dem Kommerzienrat Stinnes be=
wohnte
Villa des Bauunternehmers C. Löw in der
Martinſtraße wurde auf drei Jahre an Frl. v. Mener
aus München vermietet. Die Dame, eine bekannte Kon=
zertſängerin
, beabſichtigt, hier eine Schule für Tonkunſt
zu errichten.
Worms, 18. Nov. Zwiſchen Ludwigshafen und Oggers=
heim
entgleiſten geſtern mittag einige Wagen eines
Güterzuges. Hierdurch war die Strecke einige Zeit völlig
geſperrt und konnte daher der Eilzug 71 Straßburg-
Frankfurt, der 1 Uhr 16 Min. die hieſige Station paſſieren
ſoll, nicht über Worms geleitet werden ſondern mußte
über Mannheim und Biblis nach Frankfurt geführt wer=
den
. Die hieſigen Paſſagiere nach Frankfurt wurden mit=
tels
Triebwagens nach Biblis befördert, um dort den Zug
zu erreichen. Die Entgleiſung hat naturgemäß zahlreiche
Verſpätungen im Gefolge gehabt. Gegen halb 3 Uhr war
die Strecke wieder eingleiſig befahrbar.
Bechtheim, 18. Nov. Am Samstag nachmittag wurden
bei einer Jagd, der W. Ztg. zufolge, eine Ehefrau
und ihr kleiner Junge von einem Jäger ange=
ſchoſſen
. Die Ehefrau wurde ſchwer und der Junge
leichter verletzt.
(*) Alsfeld, 17. Nov. Mit der Renovierung
der Walpurgiskirche beſchäftigte ſich eine gemein=
ſame
Sitzung der Regierungsvertreter aus Darmſtadt
und der ſtädtiſchen Finanzkommiſſion. Es handelte ſich
dabei um die Gewährung des Staatszuſchuſſes. Dieſer
ſoll nach den Angaben des Baurats Wagner= Darm=
ſtadt
genau ſo berechnet werden, wie bei der Wiederher=
ſtellung
des Rathauſes; er ſoll ein Drittel der durch die
Denkmalpflege verurſachten Baukoſten ausmachen. Nach
Angaben des Regierungsbaumeiſters Kuhlmann
fallen von den 68000 Mark Baukoſten etwa 19000 Mark
unter Denkmalpflege, ſo daß der Staatszuſchuß rund 7000
Mark betragen würde.
Alsfeld, 18. Nov. Der Kraftwagenverkehr
auf der Strecke Alsfeld-Neuſtadt (M.=W.=B.) iſt
bis auf weiteres eingeſtellt worden. Die Firma be=
gründet
das Einſtellen des Betriebs damit, daß
ihr infolge der un ge e i gnet en Be=
ſchaffenheit
der Straßen, die täglich dreimal hin=
und zurückzufahren waren, die Aufrechterhaltung des Be=
triebes
unmöglich geworden ſei. Der Vertrag zwiſchen
der Firma und der Poſtverwaltung iſt auf drei Jahre
abgeſchloſſen. Man hofft, daß der Betrieb nicht gänzlich
eingeſtellt wird. Der frühere Poſtwagenverkehr iſt auf
der Strecke bis auf weiteres wieder aufgenommen worden
und zwar in derſelben Weiſe wie früher.
Grebenhain, 18. Nov. Die für den ſüdöſtlichen Teil
der Provinz Oberheſſen in Ausſicht genommene Ge=
ſtütsſtation
wird beſtimmt in Grebenhain errichtet.
Das erforderliche Stallgebäude nebſt ſonſtigen Einrich=
tungen
ſind im Gaſthaus zum Darmſtädter Hof bereits
fertiggeſtellt worden, ſo daß bei der im Februar beginnen=
den
Beſchälzeit die Station beſetzt werden kann.
Wenings, 18. Nov. Dieſer Tage ging das ehemalige
Gräfin=Erneſtinenhaus zum Preiſe von 11000
Mark in den Beſitz des Kaufmanns M. Joſeph über.
Damit iſt wieder ein Teil des alten Iſenburger
Schloſſes Moritzſtein in Privathände gekommen.
In der erſten Hälfte des 18. Jahrhunderts erbaut, diente
es von 17451757 der Reichsgräfin Erneſtine von Iſen=
burg
=Birſtein, dann bis 1771 der Gräfin Viktoria Char=
lotte
von Brandenburg=Culmbach als Wohnung. Von
da an war bis zum Jahre 1821 das Weninger Amt darin
untergebracht. Nachdem es längere Jahre als Wohnung
des Arztes gedient hatte, kam das Haus in den Beſitz der
Stadt. Dieſe richtete es als Lehrerwohnung ein und
brachte ſpäter die dritter Schulklaſſe darin unter. Mit der
Errichtung des neuen Schulhauſes hatte die Stadt keine
Verwendung mehr für das Gebäude, weshalb ſie es jahre=
lang
vermietete und dieſen Herbſt verkaufte.
Büdingen, 18. Nov. In dem Konkursverfahren über
das Vermögen des Vorſchuß= und Kreditver=
eins
zu Ober=Mockſtadt e. G. m. u. H. ſoll nun=
mehr
die fünfte Abſchlagsverteilung erfolgen. Den nicht=
berechtigten
Forderungen in der Höhe von 2045 784,23
Mark ſteht eine verfügbare Summe von ungefähr 103000
Mark gegenüber, ſo daß alſo etwa 5 Prozent zur Verteil=
ung
kommen.

(*) Vom Vogelsberg, 17. Nov. Der Schnee liegr
30 bis 40 Zentimeter hoch. In manchen Gemarkungem
ſtehen noch Kartoffeln. Vielleicht könnte auch die
Roggenausſaat nicht beendet werden. Weizen wurde nun
wenig geſät.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 17. Nov. Ein kolo=
niales
Jubiläum kann in dieſen Tagen Herr=
Krätke, der Staatsſekretär des Reichspoſtamts, be=
gehen
, welcher vor einem Vierteljahrhundert zum
interimiſtiſchen Landeshauptmann von Deutſch=Neu=
Guinca ernannt wurde und in dieſer Stellung bis 1890
verblieb. Herrn Krätke hatten dienſtliche Miſſionen=
wiederholt
in überſeeiſche Länder geführt, und er inter= ſich beſonders lebhaft für unſere Kolonien er=
war
auch Mitglied und Mitbegründer des im Februar=
1908 aufgelöſten Kolonialrats. Die Feuerwehr=
ſorgt
für alles! Sie ſorgt mit ihrer Krankentransport=
abteilung
in Schöneberg auch für eine alte Dame, die Rent= K., die im oberſten Stockwerk eines Hauſes in den=
Innsbrucker Straße wohnt und gelähmt iſt. Dieſe muß=
laut
ärztlicher Anordnung zwei Stunden täglich ſpazie= gefahren werden. Das Haus kam unter Zwangsver=
waltung
, und der Fahrſtuhl, der die Kranke auf die
Straße zu bringen pflegte, verſagte. Alle Ausbeſſerungs=
verſuche
ſcheiterten. Die Kranke war einige Tage in
ihrer Wohnung gefangen‟ Da wandte ſich der Zwangs= an die Feuerwehr. Zweimal wurde bereits dier
gelähmte Dame aus ihrer Behauſung die Treppe her=
unter
und nach zwei Stunden wieder zurückgetragen. Der
Konkursverwalter mußte übrigens 8 Mark für die jedes=
malige
Beſörderung der Dame auf die Straße und den
Rücktransport an die Feuerwehr entrichten. Vor einem
Schlächterladen in der Hermannſtraße in Neu=
Kölln kam es heute mittag zu tumultuariſchen
Zuſammenſtößen. Die Veranlaſſung dazu hatte
ein völlig unbegründetes Gerücht gegeben, wonach die
etwas nervöſe Frau des Schlächtermeiſters am Donners=
tag
ein Dienſtmädchen vor deſſen Entlaſſung mißhandelt
haben ſoll. Schon am Samstag abend verſammelte ſich
eine Menge von faſt 1000 Perſonen vor dem Metzgerladen
und nahm eine drohende Haltung ein. In der Nacht
wurden die Fenſter eingeſchlagen und mittags verſuchter
Geſindel die Auslagen aus dem Fenſter zu ſtehlen. Der
Schlächtermeiſter wurde bei ſeinem Erſcheinen ſchwer
mißhandelt. Beim Herannahen der Polizei verlief ſich
die Menge. Die Täter wurden noch nicht ermittelt.
Homburg v. d. H., 18. Nov. Der Antrag der Stadt
auf Aenderung des Namens Homburg vl
der Höhe in Bad Homburg vor der Höhe iſt aller=
höchſt
genehmigt worden.
Eiſenach, 18. Nov. Heute wurde der dritte Inhaber
des zuſammengebrochenen Bankhauſes Strauß u. Hes
berlein, Adolf Rentſch, von dem man bisher angenom=
men
hatte, daß er von den Machenſchaften ſeiner Kom=
pagnons
nichts wußte, verhaftet.
Dresden, 16. Nov. Der vor einiger Zeit zum Ober=
bürgermeiſter
von Zittau erwählte, aber von der ſächſiſchen
Regierung wegen Haſardſpieles nicht beſtätigte Bürger=
meiſter
von Burgſtädt, Dr. Roth, der zugleich Landtags=
abgeordneter
und Mitglied der Fortſchrittlichen Volks= iſt, wurde vom Schöffengericht in Burgſtädt zu
zweihundert Mark Geldſtrafe und den Koſten
des Verfahrens verurteilt. Er hatte einen Fabrikan=
ten
Kretzſchmer dadurch beleidigt, daß er in einer Eingabe=
behauptete
, K. ſei der viermaligen Brandſtiftung dringen
verdächtig, ſerner, er ſei beim Militär zu einem Jahl
neun Monaten Gefängnis und zur Degradation verurteill
worden und außerdem habe er noch Urkundenfälſchungen
begangen. Die beiden letztgenannten Vorwürfe wurden
als berechtigt anerkannt, aber die erſte Beſchuldigung
konnte nicht erwieſen werden. Das Gericht mußte auch=
den
Schutz des § 193 verſagen, weil De. Roth zu weit=
gegangen
ſei, und kam zu der obengenannten Strafe.
Brüſſel, 17. Nov. Der Prozeß der Prinzeſſin
Luiſe von Belgien gegen den Nachlaß ihres ver=
ſtorbenen
Vaters König Leopold und gegen den
belgiſchen Staat ſollte am kommenden Montag vor dem
hieſigen Appellhof zur Berufsverhandlung gelangen. Wie
einige Morgenblätter melden, iſt die Vechandlung nun=
mehr
einſtweilen von Montag auf Dienstag verlegt wor=
den
, weil zwiſchen den Prozeßparteien offenbar noch Un=
terredungen
ſchweben. Bekanntlich haben die ehemaligen
Advokaten der Prinzeſſin Luiſe, Janſon und Jaſpar, dier
Verteidigung niedergelegt, weil ſie ihrer Klientin den Rat
gegeben hatten, keine Berufung einzulegen. Die Prin=
zeſſin
wollte darauf nicht eingehen und hat den Adpokaten
Alerander Halot mit ihrer Vertretung beauftragt. Auch
dieſer war der Anſicht, die Prinzeſſin ſollte ſich auf güt=
lichem
Wege mit dem belgiſchen Staate einigen, und zwar
auf der Grundlage einer ihr zu gewährenden jährlichen
Lebensrente von mindeſtens 100000 Franken. Er ſtellte

Konzerte.

mm. Die zweite Matinee der Kammer=
muſik
=Vereinigung brachte am Sonntag im
Muſikvereinsſaale drei Kammermuſikwerke im engſten
Sinne, zwei Streichquartette (von L. Cherubini Nr. 3,
und Joſ. Haydn, Op. 54 Nr. 3), und eine Violinſonate, zu
der Ferd. David die Klavierbegleitung nach dem beziffer=
ten
Baß gearbeitet hat. Dieſe Sonate Le Tombeau
von Jean Marie Leelair (16971764), eines ungefähren
Zeitgenoſſen von Händel und Bach, den beiden Heroen der
Tonkunſt, die uns Deutſchen für die Beurteilung ihrer
Zeit am geläufigſten und maßgebendſten ſind, unter=
ſcheidet
ſich von den Violinwerken jener Beiden vorteil=
haft
durch die wirkſame Schreibweiſe in der Violin=
ſtimme
. Man kann ſie als ein nicht übel gelungenes
Stück damaliger Programmuſik anſehen; jedenfalls drückt
das Grave mit ſeinen wohlklingenden Doppelgriffen und
die Triolenbewegung im Allegro non troppo eine ent=
ſprechend
ernſte Stimmung aus. Der Schlußſatz führt zu
ſprachtvoller Tonentfaltung. Die beiden ausführenden
Herren, Hofrat de Haan am Seiler=Flügel und Hof=
konzertmeiſter
Ernſt Schmidt, trugen freilich zu dem
tiefen Eindruck ſehr viel bei. Der ſchöne und warme
Geigenton und der bis ins kleinſte ſorgfältig überlegte
Vortrag, und die nicht überladene Anwendung und muſi=
kaliſch
empfundene Ausführung der Verzierungen, gaben
von neuem Zeugnis von dem gediegenen und abgeklärten
Können des Herrn Schmidt, den dabei ein recht gutes In=
ſtrument
weſentlich unterſtützt.
Von den beiden Streichquartetten gehört das von
(Cherubini zu den ſeltener geſpielten. Die ganze
Kompoſition weiſt die Formvollendung und Anmut der
Melodien auf, die dieſem Meiſter eigen ſind. Eindrucks=
voll
iſt die breite Geigenkantilene im Larghetto und neu=
artig
ihre Verbindung mit dem Pizzikato der anderen
Inſtrumente im fugierten Scherzo. Wie hier eine heitere
Stimmung vorherrſchend iſt, ſo iſt auch der Ausdruck der

Lebensfreude der Grundzug des Haydnſchen Quar=
tetts
. Es mag ja wohl ſein, daß der Umſtand an dem
Erfolge der Haydnſchen Quartette mitwirkt, daß man ſie
von Jugend an ganz genau kennt und immer wieder als
liebe Bekannte begrüßt; aber Haydn hat doch auch in
ſeinen Klangbildungen mehr als andere Tonſetzer etwas ſo
Natürliches und nie Verbrauchtes und iſt mit neuen Ein=
fällen
ſo glücklich, daß man ſeine Werke zu hören nie
müde werden wird, ſelbſt wenn einmal ein Satz, wie hier
das Menuett, nur wenig über die typiſche Form ſich er=
hebt
. Das Finale iſt ein belebendes Tonſpiel und gibt
dem Werk einen hübſchen Schluß. Beide Quartette wur=
den
von den Mitgliedern der Kammermuſik=Vereinigung,
Herren Hofkonzertmeiſter E. Schmidt, Hofmuſiker Gims,
Konzertmeiſter Schnurrbuſch (Viola), E. Andrä (Cello),
tadellos und ſtilrein zu Gehör gebracht und fanden auch
entſprechenden Beifall. Der Beſuch des Saales war im
ganzen recht lebhaft und das Intereſſe an den Darbietun=
gen
ein erſichtlich bedeutendes.

Feuilleton.

C.K. Ein Wunder an Sehkraft. Ueber ein einzig=
artiges
Phänomen von menſchlicher Sehkraft, das von
einem wiſſenſchaftlichen Fachorgan von unzweifelhafter
Ernſthaftigkeit eingehend erörtert wird, macht die Revue
einige intereſſante Angaben. Es handelt ſich um einen
Klienten des Augenarztes De. George Gould. Der Pa=
tient
verfügt über ein Sehvermögen, deſſen Schnelligkeit
der Wahrnehmung über alles hinaus geht, was man bis=
her
an ſeltſamen Fällen auf dieſen Gebieten kennen lernte.
Der Patient deſſen Name auf ſeinen eigenen Wunſch nicht
genannt wird, iſt imſtande, mit einem einzigen
Blick eine ganze Buchſeite von gewöhnlicher
Oktavgröße aufzunehmen Die Augen ruhen nur zwei
oder drei Sekunden auf der Seite: dann ſpiegelt ſich im
Geiſte vollkommen genau das Satzbild des ganzen Blattes
und kann Wort für Wort wiederbolt werden Der Ein=

druck auf die Sehkraft iſt ſo groß, daß der Patient bis=
weilen
noch nach Jahren imſtande iſt, eine ſolche auf
wenige Sekunden geſehene Druckſeite zu wiederholen,
bezw. nach dem viſuellen Erinnerungsbilde ſozuſagen wie=
der
vorzuleſen‟. Dr. Gould hat das Experiment in
Gegenwart von Kollegen mehrfach wiederholt: und ſtets
mit demſelben überraſchenden Reſultat. Vorausſetzung
iſt nur, daß es ſich um eine leichte, ſchnell verſtändliche Lek=
türe
handelt, die nicht abſtrakte Probleme erörtert. Ge=
ſchichtswerke
, Gedichte, Romane und gewöhnliche Zeit=
ſchriften
wurden benutzt, und ſtets genügte eine Zeit von
zwei Sekunden, um dem Manne die Möglichkeit zu geben,
den nie gehörten und vorher nie geleſenen Text Wort für
Wort zu reproduzieren. Der Held dieſer Verſuche hat be=
ſondere
Freude an Gedichten und kann ſie ſofort aus=
wendig
herſagen, nachdem ihm das Blatt mit den Verſen
für zwei Sekunden vor die Augen gehalten worden iſt.
Der betreffende Herr, der im reiferen Alter ſteht, verfügt
perſönlich über eine umfaſſende Bildung und iſt als
Schriftſteller in ſeinem Heimatlande durch bedeutende Ge=
ſchichtsforſchungen
und durch literariſche Eſſays bekannt.
Der Forſchung ſind bisher eine Reihe von Fällen von
Augenblicksleſern bekannt geworden, aber das hier vor=
liegende
Phänomen geht weit über die bisher beobachteten
Beiſpiele hinaus. Intereſſant iſt die Tatſache, daß Dr.
Gould dieſe rätſelhafte Erſcheinung mit der krankhaf=
ten
Schwäche eines Augenmuskels in Verbindung
bringen möchte. In der Tat hat der Patient vor vielen
Jahren an einer gefährlichen Entzündung einer Gefäß=
haut
des Auges gelitten, von der eine Schwächung eines
Augenmuskels zurückgeblieben iſt. Noch bezeichnet Dr.
Gould ſeinen Erklärungsverſuch ſelbſt als unzureichend
und muß ſich darauf beſchränken, die Tatſachen einfach vor=
zulegen
, da eine Deutung oder Erklärung einſtweilen un=
möglich
ſcheint.
Die Cholera im Kriege. Dürers apokalyptiſcher
Reiter ſchwingen jetzt ihre furchtbaren Menſchheitsgeiſeln,
über der Heeresmacht des Iſlam. Zum grauſigen

[ ][  ][ ]

Nummer 273.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912

Seite 5.

aber noch die Bedingung, daß die Prinzeſſin ſich unter
Kuratel ſtellen laſſe, damit ihre vielen Gläubiger wenig=
itens
nicht auf dieſe Lebensrente Beſchlag legen könnten.
Die Prinzeſſin weigerte ſich fortgeſetzt, auf dieſe Beding=
ungen
einzugehen, und es ſchweben deshalb noch Verhand=
kungen
, wie etwa die Angelegenheit anders geregelt wer=
den
könnte. Eine ſonderbare Rolle ſpielte bei dieſem
Prozeß die Schweſter der Prinzeſſin Luiſe, die jetzige
Gräfin Lonyay. Sie iſt beim erſten Prozeß an der Seite
des Staates gegen ihre Schweſter aufgetreten, und nun=
mehr
hat ſie den Spieß umgedreht und erſcheint an der
Seite ihrer Schweſter gegen den Staat. Es wäre alſo
möglich, daß ſie glatt abgewieſen wird, denn es iſt an
ſind für ſich ein Unſinn, daß ſie in der Verhandlung der
erſten Inſtanz für und in der zweiten Inſtanz gegen eine
rechtliche Auffaſſung auftritt.
Paris, 17. Nov. Der franzöſiſche Antimilitariſt
Hervé, der in Rom eine Rede halten wollte, iſt aus
Italien ausgewieſen worden.
Paris, 18. Nov. Die Polizei verhaftete geſtern
den Sekretär des Anarchiſten=Verbandes, Lecoin, der
kürzlich in einer von dieſer Vereinigung einberufenen
Verſammlung eine Rede über Sabotage im Falle
einer Mobiliſierung gehalten und außerdem
eire Flugſchrift unter dem Titel Anweiſungen zur
Sabotage der Mobiliſierung veröffentlicht hatte. Der
Verhaftete wird der Aufreizung zumf Diebſtahl, zur
Plünderung und zum Totſchlag beſchuldigt.
Czenſtochau, 18. Nov. Bei dem vorgeſtrigen Kampfe
zwiſchen ruſſiſchen Polizeibeamten und Räu=
bern
, die ſich in einem Gebäude des Jasnogorski= Klo=
ſſters
verbarrikadiert hatten, wurde der Schmuggler Wla=
dislaus
Dombrowski aus Zawodzie erſchoſſen. Dom=
browski
hat am 3. November bei einem Zuſammenſtoß,
den der Berliner Kriminalbeamte Bußdorf und der preu=
ßiſche
Oberzolleinnehmer mit den Schmugglern hatten,
den Oberzolleinnehmer erſchoſſen.
Adelaide, 17. Nov. Heute früh 2 Uhr rannte das
Segelſchiff Diensdale bei der Einfahrt in den
Semacher Ankerplatz ohne Lotſen an den Leuchtturm von
Wonga Shoal an. Das 80 Fuß hohe Bauwerk ſtürzte
ein und die beiden Wächter ertranken.

Kunſtnotizen.
Ueber Werke, Künſtler und künſtleriſche Veranſtaltungen ꝛc., deren im Nach=
uehenden
Erwähnung geſchieht, behält ſich die Redaktion ihr Urter. vo:.)

Der 202. Vereinsabend des Richard
Wagner=Vereins, der am nächſten Donnerstag
ſtattfindet, hat den Zweck, zwei franzöſiſche Künſtlerinnen
von Weltruf hier einzuführen, die Darmſtadt bisher fern
geblieben waren: die Geigerin Frau René Chemet
und die junge Klaviervirtuoſin Frl. Germaine
Schnitzer. Letztere, in Paris geboren, die dort ſchon
mit 14 Jahren den Grand Prix und zwei Jahre ſpäter in
Wien den öſterreichiſchen Staatspreis für Klavierſpiel
errang, hat nach ihren großen Erfolgen in Frankreich,
Oeſterreich, Holland, Rußland und Amerika im letzten
Winter Deutſchland bereiſt und ſich mit einem Schlage
auch das deutſche Publikum erobert. Es ſeien aus den
begeiſterten Urteilen über die Pianiſtin nur die folgen=
den
hier angeführt: Es iſt hier eine ganz große, geniale
Künſtlerin erſtanden, wie ſie in Jahrzehnten nur einmal
geboren wird. (Straßburger Nachrichten.) Ich glaube
mich nicht zu irren, wenn ich in Germaine Schnitzer einen
Stern aufſteigen ſehe, deſſen Glanz einmal die Welt er=
füllen
wird. (Allgemeine Muſikzeitung.) Fräulein
Schnitzer gehört zu den Auserwählten; es iſt keine Ueber=
treibung
, wenn ſie mit Tereſa Carenno in eine Linie ge=
ſtellt
, oder der weibliche Paderewski genannt wurde.
(Dresdener Anzeiger.) Unüberbietbare Taten einer
pianiſtiſchen Potenz allererſten Ranges. Monumental,
zwie aus Felſen gehauen. Kein Buſoni vermag Größeres
zu geben. (Leipziger Zeitung.)

Parlamentariſches.

*x* Darmſtadt, 17. Nov. Der Geſetzgeb=
Ungsausſchuß der Zweiten Kammer beſchäf=
tigte
ſich in ſeiner letzten Sitzung neben der Beratung des
Ausführungsgeſetzes zur ländlichen Unfallverſicherung
noch mit einer ganzen Reihe von Anträgen der ſozial=
demokratiſchen
Fraktion reſp. des Abg. Ulrich, und zwar
in ziemlich ſummariſcher Weiſe, da ja dieſe Ulrichſchen
Anträge mit wenig Ausnahmen alle Jahre regelmäßig
wiederkehren und Neues dazu weder von der Regierung,
noch vom Ausſchuß, geſchweige denn von dem Antrag=
ſteller
ſelber beigebracht werden kann. Die Ulrichſchen
Anträge wurden im Geſetzgebungsausſchuß faſt ſämtlich
mit allen gegen zwei Stimmen, die des freiſinnigen und
des ſozialdemokratiſchen Vertreters, abgelehnt, und zwar
befinden ſich darunter ein Antrag auf Einführung des
Proportional=Wahlſyſtems bei Stadtverordnetenwahlen,

der Antrag auf direkte Wahl der Bürgermeiſter und Bei=
geordneten
, und weiter die Anträge betreffend das paſ=
ſive
Wahlrecht für Pfarrer und Volksſchullehrer in Stadt=
und Landgemeinden, betr. die Aufhebung der Beſtim=
mung
, daß in Stadt= und Gemeindevertretungen minde=
ſtens
die Hälfte dem höchſtbeſteuerten Drittel der Wähl=
baren
zu entnehmen iſt, daß das Beſtätigungsrecht der
Bürgermeiſter und Beigeordneten aufgehoben wird, daß
die Gemeinderatsſitzungen öffentlich ſein ſollen uſw. Nur
die letzteren Anträge wurden mit Stimmengleichheit ab=
gelehnt
, da auch der Vertreter des Bauernbundes für die
Aufhebung ſtimmte. Der Antrag Ulrich, die Kommunal=
wahlen
ſtets am Sonntag, und zwar in der Zeit von 10
bis 8 Uhr, ſtattfinden zu laſſen, wurde ebenfalls abge=
lehnt
, dagegen ein von dem freiſinnigen Vertreter ge=
ſtellter
Eventualantrag, den Beſtimmungen für die Land=
tagswahlen
entſprechend die Wahlzeit für die Städte und
die größeren Landgemeinden von 107 Uhr feſtzuſetzen
und in kleineren Gemeinden unter 500 Einwohnern die
Wahl vorbehaltlich der Zuſtimmung des Kreisamts in
der Zeit von 27 Uhr zu geſtatten, angenommen.

Heſſiſcher Automobilklub.

Den Abſchluß einer ungewöhnlich erfolgreichen, von
dem regen ſportlichen Leben und Arbeiten des Vereins
und ſeiner Mitglieder zeugenden Sportſaiſon feierte der
Heſſiſche Automobilklub am Samstag durch einen
Herrenabend in den oberen Räumen der Vereinigten
Geſellſchaft‟. Die im vornehmen, feudalen Rahmen ge=
haltene
Feier verlief aufs beſte und bewies aufs neue,
daß der Heſſiſche Automobilklub, wie er auf ſportlichem
Gebiete mehrfach bahnbrechend in Heſſen und über die
Landesgrenzen hinaus gewirkt hat, auch geſellſchaftlich
berufen ſcheint, in der erſten Reihe im Vereins= und
Klubleben der Reſidenz zu rangieren. Die Feſträume
waren mit herrlichen Chryſanthemen und Blattpflanzen
faſt überreich geſchmückt und auch den geſchmackvollen
Tafelſchmuck bildeten die Blüten dieſer entzückenden
Herbſtblume in verſchwenderiſcher Fülle. Der außer=
ordentlich
zahlreich beſuchten Veranſtaltung wohnten u. a.
als Ehrengäſte bezw. behördliche Vertreter bei die Herren
Regierungsrat Dr. Reinhart als Vertreter des Pro=
vinzialdirektors
, Polizeiamtmann Lautenſchläger
als Vertreter des Polizeiamts, Baron v. Oetinger,
Geheimrat Prof. Gutermuth und Direktor Baier
als Vertreter der mit dem Heſſiſchen Automobil=Klub eng
befreundeten Flugſtudien=Geſellſchaft, ferner vom Wies=
badener
AutomobilKlub die Herren Direktor Petit=
jean
und Konſul Riedl.
Den Reigen der Tiſchreden eröffnete Herr Aſſeſſor
Zimmer, der die zahlreichen Gäſte im Namen des
Präſidiums des H. A.=Kl. herzlichſt willkommen hieß
und den Wunſch ausſprach, daß die Herren, wie ſtets, ſich
beim Heſſiſchen Automobil=Klub wohl fühlen und das
Feſt in beſter Laune mitfeiern mögen. Der Heſſiſche
Automobil=Klub habe zum Abſchluß ſeiner auf ſport=
lichem
Gebiete erfolgreichen Saiſon diesmal zu einem
Herrenabend geladen, um ſeinen Mitgliedern und
Freunden auch eine geſellſchaftliche Veranſtaltung zu
bieten, gleich würdig den verſchiedenen ſportlichen, die
das Jahr brachte. Mehrfach habe der Klub auch in die=
ſem
Jahre wieder Gelegenheit gehabt, nicht nur mit den
Behörden zuſammen, ſondern auch für die Behörden zu
arbeiten und als beſonders erfreuliches Reſultat dieſes
gemeinſamen Arbeitens iſt zu konſtatieren, daß die Or=
gane
des Klubs auch ſeitens der Behörden vielfach zur
Mitarbeit an geſetzgeberiſchen und geſchäftlichen Ar=
beiten
herangezogen wurden. Ein Beweis dafür, daß
das keineswegs einſeitige Intereſſen vertretende Streben
des Heſſiſchen Automobil=Klubs allgemein anerkannt
wird. Dafür ſpreche auch die heutige offizielle Teilnahme
der behördlichen Vertreter der Provinzial=, Kreis= und
Polizeibehörde, die herzlichſt zu begrüßen dem Präſidium
eine Freude iſt. Mit gleicher Freude begrüße er aber
auch die Vertreter des befreundeten Wiesbadener Auto=
mobil
=Klubs, dem er für treues Mitarbeiten und =kämpfen
in wichtiger interner Klubangelegenheit bleibenden
Dank ſchulde, und der Heſſiſchen Flugſtudiengeſellſchaft, mit
der zuſammenzuarbeiten der Klub ebenfalls oftmals
gerne Gelegenheit genommen, nicht nur zur Erzielung
äußerer ſportlicher Erfolge, ſondern auch in ernſter eifri=
ger
Arbeit zur Hebung der Induſtrie und des Anſehens
deutſchen Könnens auf allen in Frage kommenden Gebie=
ten
, was dem Auslande gegenüber und ganz beſonders
angeſichts der der deutſchen Automobilinduſtrie drohen=
den
amerikaniſchen Gefahr nur zu erreichen iſt dadurch,
daß der deutſchen Induſtrie ihre führende Stellung ge=
kräftigt
und erhalten bleibt. Dieſes Streben fand ſeit
jeher und findet hoffentlich auch in Zukunft eine fördernde
Unterſtützung durch Seine Königliche Hoheit den Groß=

herzog, der ja ſo oft ſchon tatkräftig bewieſen, wie
machtvoll ſeine Protektion der Induſtrie in gleicher
Weiſe zum Aufſchwung hilft, wie der Kunſt und dem
Kunſtgewerbe. Die dankbare Anerkennung hierfür findet
Ausdruck in dem Rufe: Seine Königliche Hoheit der
Großherzog hoch!!! Das Hoch fand brauſenden
Widerhall.
Herr Regierungsrat Dr. Reinhart überbrachte
Grüße des leider verhinderten Provinzialdirektors Fey.
Er könne die Ausführungen des Herrn Vorredners ir
bezug auf das Zuſammenarbeiten der Behörden mit dem
Klub Wort für Wort unterſtreichen. Gerne beſtätige er,
daß die von ihm vertretenen Behörden in allen möglichen
Fragen und Arbeiten, die den Automobilverkehr betreffen,
ſtets beim Heſſiſchen Automobil=Klub und inſonderheit
bei ſeinem verdienſtvollen Vorſitzenden, Herrn
Aſſeſſor Zimmer, größtes Entgegenkommen und
wertvollen Rat gefunden hätten, was zu manch
erſprießlichem Reſultat gemeinſamer Arbeit ge=
führt
hätte, die erleichtert und verſchönt wurde dadurch,
daß der Heſſiſche Automobil=Klub es ſtets vermieden hat,
einſeitig die Intereſſen der Automobiliſten zu vertreten,
ihm vielmehr immer das Intereſſe der Allgemeinheit
über dem eigenen ſtand Viele Gegenſätze wurden da=
durch
in Heſſen ausgeglichen und ein gutes und erträg=
liches
Verhältnis zwiſchen Publikum und Autofahrern
geſchaffen. Er hoffe gern, daß das Verhältnis gleich gut
auch in Zukunft bleibe. Die Behörden würden es an
weitgehendem Verſtändnis und Entgegenkommen nicht
fehlen laſſen, das verſichere er auch in ſeiner Eigenſchaft
als Referent für das Polizeiweſen. Des Redners Hoch
galt dem ferneren Blühen des Klubs.
Der Vorſitzende des Wiesbadener Automobilklubs,
Herr Petitjean, dankte herzlichſt für die freundlichen
Worte der Begrüßung und beſtätigte auch ſeinerſeits das
ſchöne innige Verhältnis, das die beiden Klubs freund=
ſchaftlich
verbinde. Während den letzten Berliner Ver=
handlungen
fand der Wiesbadener Automobil=Klub Ge=
legenheit
, Schulter an Schulter mit Herrn Aſſeſſor Zim=
mer
für die Intereſſenvertretung im Kaiſerlichen Auto=
mobilklub
gegen Uebelwollen von gewiſſer Seite zu
kämpfen und dem Heſſiſchen Automobil=Klub damit Be=
weiſe
für ſeine freundſchaftliche Geſinnung zu geben, wenn
es ſolcher überhaupt noch bedurft hätte. Der Redner
ſchloß mit dem Wunſche, daß das Verhältnis zwiſchen
beiden Vereinen auch in Zukunft gleich ſchön und innig
bleiben möge. (Lebhafter allſeitiger Beifall.) Den drit=
ten
offiziellen Trinkſpruch brachte Herr Baron von
Oetinger aus, der in feiner humorvoller Rede das
gleich gute Verhältnis der Flugſtudien=Geſellſchaft zum
Heſſiſchen Automobil=Klub pries. Schon die Tafelkarte
beweiſe ja, daß der Heſſiſche Automobil=Klub auch bei ge=
ſellſchaftlichen
Veranſtaltungen ſein Freundſchaftsverhält
nis zur Flugſtudien=Geſellſchaft dokumentiert. Die Mu=
ſikfolge
beginne mit Im Fluge durch die Welt bringe
weiter den Fliegenden Holländer und ſchließe mit dem
für beide Teile viel Wirklichkeitswert beſitzenden Durch
Kampf zum Sieg Wie der Autoſport, ſo muß auch der
noch jüngere Flugſport noch kämpfen um die Siegespalme,
und daß beide gemeinſam, einander ergänzend, mehr er=
reichen
, und daß beiden noch ſchöne Ziele winken, habe
auch das vergangene Jahr mit ſeinen großen Flugver=
anſtaltungen
bewieſen. Auch dieſes Redners Hoch galt
dem Weiterblühen des Heſſiſchen Automobil=Klubs und
der gemeinſamen Zuſammenarbeit auch in Zukunft.
Noch manch ſchöner Trinkſpruch würzte das Mahl.
Im übrigen war für den unterhaltenden Teil des Abends
durch Kunſtgenüſſe mancherlei Art und durch Humoriſtika,
die bald eine recht animierte Stimmung auslöſten, die an=
dauernd
wuchs, als in den Nebenräumen bei Likör, Bier
und Zigarren die Unterhaltung in ungezwungener fröh=
lichſter
Weiſe ſich fortſpann. Beſonders verdient machten
ſich hierbei die Herren Hofopernſänger Thomſen, der
unermüdlich und aus ſchier unerſchöpflichem Vorrat
durch ernſte und heitere Geſänge beide gleich wirkſam
erfreute, und Hoflieferant Ober der einen ſeiner
zündenden Vorträge in Darmſtädter Mundart hielt und
damit ebenfalls rauſchenden Beifall erntete. Mit leb=
hafter
Genugtuung und Freude wurde die im Laufe des
Alends gemachte Mitteilung des Herrn Petitjean=
Wiesbaden aufgenommen, daß der Wiesbadener Auto=
mobil
=Klub beſchloſſen habe, dem Herrn Aſſeſſor Zim=
mer
für ſeine vielerlei Verdienſte um den Automobil=
ſport
uſw. die Klubnadel für beſonders geachtete Mit=
glieder
zu verleihen und ihn damit in die Reihe der
Ehrenmitglieder des Wiesbadener Automobil=
Klubs aufzunehmen. Der Heſſiſche Automobil=Klub dankte
dafür mit der Verleihung der erſten Ehrenmitgliedſchaft
an Herrn Petitjean.
Während des Abends wurde auch die Verteilung
der Klubpreiſe für verſchiedene Sportfahrten uſw.
vorgenommen. Es erhielten den 1. Zuverläſſigkeitspreis

Skelett des Todes, zum geimmigen Dämon des Krieges,
zum dräuenden Geſpenſt des Hungers tritt eine vierte ent=
ſetzliche
dunkelverhüllte Geſtalt: die Cholera. Aſien iſt ja
der uralte Sitz dieſer furchtbaren Epidemie; von den
Ufern des Ganges ſchleicht die Krankheit mit den Handels=
karawanen
nach den volksreichen Zentren des Verkehrs,
nicht ſelten bis nach Rußland hinein; auf den frommen
Pilgerfahrten bringen die Mohammedaner die Krankheit
nach Mekka, und von dort wird ſie mit fortgetragen, ſo=
weit
die Lehre des Propheten dringt. So war es denn
nur natürlich, daß das große Heeresaufgebot der Türkei
aus Gebieten, in denen die Seuche nie erliſcht, die Cholera
nach dem Kriegsſchauplatz führte, daß ſie nun im Haupt=
quartier
ihr düſteres Feldlager aufgeſchlagen hat und ſich
unheimlich raſch verbreitet. Bedeutet ſo die Cholera für
das Volk und Heer der Osmanen eine neue ſchwere Ge=
fahr
, ſo darf man doch die ſchlimmen Wirkungen der
Cholera gerade im Kriege nicht überſchätzen. Bereits
einer der erſten wiſſenſchaftlichen Erforſcher der Cholera=
epidemien
, der große Münchener Hygieniker und Arzt
Pettenkofer, hat während des Krieges von 1866 ge=
naue
Unterſuchungen über die Kriegscholera angeſtellt, an
die zu erinnern gerade jetzt von Intereſſe iſt, wo Krieg
und Cholera wieder einmal im unheimlichen Verein auf=
treten
. Der Gelehrte kam zu dem Reſultat, daß Kriege
mit ihren Bewegungen und Anſammlungen großer
Menſchenmaſſen und mit all ihrem ſonſtigen Elend die
Zahl der Cholerafälle wohl vermehren und die Seuche be=
fördern
, daß aber der Einfluß des Krieges auf die
Cholera nicht ſo entſetzlich iſt, wie man allgemein an=
nimmt
. Die Cholera wäre 1366 ohne den Krieg wohl
nicht viel weniger ſtark aufgetreten. Auch Rußland,
Schweden, Belgien, Holland, die der preußiſch= öſterreich=
iſche
Krieg nicht in Mitleidenſchaft zog, hatten ſchwere
Epidemien; viele Städte in Deutſchland, ſo Frank=
furt
a. M., Darmſtadt, München uſw blieben von
Epidemien frei, obgleich ſie in engem Verkehr mit dem
Kriegsſchauplatz ſtanden und cholerainfizierte Truppen
hindurchmarſchierten. Pettenkofer ſtellt es geradezu als
ein Geſetz auf, daß unter den marſchierenden

Truppen die Cholera meiſt ſpärlich erſcheint und bald
erliſcht. Zu dieſem überraſchenden Ergebnis kam er durch
die genaue Beobachtung der hanſeatiſchen Truppen, die
aus einem Choleragebiet nach dem Kriegsſchauplatz mar=
ſchierten
. Das hamburgiſche Kontingent z. B. hatte auf
ſeinem Marſch nach Unterfranken eine ganze Reihe von
Cholerafällen; es blieb in 40 Ortſchaften zum Teil mehrere
Tage und Wochen, ſodaß die Möglichkeit einer Anſteckung
im hohen Grade vorhanden war. Es kam aber nur in
vier dieſer Ortſchaften zu Epidemien, in 13 zu vereinzelten
Fällen und 23 Orte blieben cholerafrei Der Krieg hat
1866 in Bayern ſicherlich keine Vermehrung der Cholera
hervorgerufen, obwohl cholerainfizierte preußiſche Trup=
pen
zahlreich hier einquartiert waren und durchmarſchier=
ten
. Im Vergleich mit den Friedenscholerajahren 1854
und 1873, die in Bayern 7410 und 2599 Opfer forderten,
war das Kriegscholerajahr 1866 leicht, das nur 775
Choleratodesfälle aufwies. Die Verbreitung der Cholera
hängt eben nicht ſo ſehr vom Kriege oder andern durch
äußere Umſtände geſchaffenen Verhältniſſen ab, ſondern in
viel höherem Grade von der Bodenbeſchaffenheit und den
Witterungsverhältniſſen. Es beſteht daher keine Gefahr,
daß die Cholera aus dem türkiſchen Lager weithin ver=
ſchleppt
werde, wohl aber wird ſie unter dem eng zu=
ſammengeballten
Menſchenhaztfen, die zudem unter den
ungünſtigſten Lebensbedingungen ſtehen, furchtbare Opfer
fordern.
* Die Blumen der Fürſtinnen. Eine hübſche Neuer=
ung
wurde, wie aus Paris gemeldet wird, auf Veran=
laſſung
franzöſiſcher Blumenzüchter bei der ſoeben eröff=
neten
herbſtlichen Blumenausſtellung eingeführt. Man
kann dort eine reizvoll zuſammengeſtellte Gruppe blühen=
der
Gewächſe bewundern, von denen es heißt, daß ſie die
Lieblinge der Kaiſerinnen und Königinnen ſeien. Dieſe
Extragruppe enthält prächtige Exemplare von blaßlila und
weißen Orchideen, die der melancholiſchen Zarin von
Rußland über alles teuer ſein ſollen. Daneben prangen
in üppiger Blüte herrliche La=France=Roſen, die liebſten
Blumen der jungen Königin von Spanien. Die großen,
gefüllten Nelken der engliſchen Königin fehlen

wenig wie die Tulpen von Hollands Herrſcherin und die
Schwertlilien der Königin von Belgien. Schneeige Flie=
derdolden
von ſeltener Schönheit geben ſich als Lieblings=
blüten
der Königin von Italien zu erkennen, und dunkel=
violette
Veilchen mit ſüßem Duft behaupten, in beſonderer
Gunſt bei Deutſchlands Kaiſerin zu ſtehen. Geradezu
Staunen erregt es, wie bei der jetzigen Jahreszeit die ge=
nannten
Pflanzen zu ſo ungewöhnlich ſchöner Blüte ge=
bracht
werden konnten.
*Der Berufsnieſer im Konzert. Das Wiesbadener
Tagblatt ſchreibt: Das laute Nieſen war am Donners=
tagabend
Gegenſtand einer Kontroverſe während des
Abonnementskonzerts im Kurhaus. Es ſoll ſich dabei um
einen Berufsnieſer handeln, der ſchon öfter in den Kur=
hauskonzerten
ſich ſtörend bemerkbar gemacht habe. Als
er während des vorletzten Stücks wieder das Bedürfnis
zum Nieſen hatte, geſchah das in ſo überlauter Weiſe, daß
Kapellmeiſter Irmer die Muſik unterbrach und ſich mit
einer entſprechenden Bemerkung an das Publikum wandte,
aus deſſen Reihen er Zuſtimmung und Widerſpruch fand.
Bei Beendigung des dann fortgeſetzten Muſikſtücks ertönte
oſtentativer Beifall.
* Die verwechſelte Ziege Ich habe in einer ruhigen
Gegend der Stadt ein Papiergeſchäft. Kürzlich kommt zu
mir ein kleines Mädelchen, um einen Einkauf für ſeine
Mama zu machen. Ich ſoll für zehn Pfennig was holen,
ich weiß nimmer wie’s heißt, es kommt was mit Geiß
drin vor. Ich überlege mir hin und her, was es ſein
könnte, denn ich möchte die Kleine doch nicht mehr nach
Hauſe ſchicken, unverrichteter Dinge. Da es mir aber
immer nicht einfallen kann, was ich in meinem großen
Lager habe, was wie Geiß oder auch ſo ähnlich lautet,
ſo ſage ich, ſie ſoll ihre Mutter doch lieber noch einmal
fragen. Nach kurzer Zeit erſcheint ſie wieder, ſtrahlend,
und ſagt: Sehen Sie, ich habe nuc Geiß und Ziege‟
verwechſelt, jetzt weiß ich’s aber; ich möchte für zehn
Pfennig Ziegelack (Siegellack). (Jugend).

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Seite

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.

Nummer 273.

Herr Fabrikant Buſſe=Offenbach, den 2. Zuverläſſig=
ſkeitspreis
Herr Fabrikant Deutſch=Darmſtadt, den
1. Tourenpreis ebenfalls Herr Deutſch, den 2. Touren=
preis
Herr Dominik=Offenbach, den 3. Tourenpreis
Herr Dipl.=Ing. Müller=Darmſtadt, den 4. Touren=
ſpreis
Herr Fabrikant Wedel=Offenbach. Die Teilneh=
mer
an der Zielfernfahrt erhielten ſilberne Erinnerungs=
ſplaketten
, ebenſo die Herren der Fahrtleitung und die
(Unparteiiſchen.
Die Stunden ſchwanden. Für viele der Teilnehmer
viel zu ſchnell, echt automibiliſtiſch fuhren die Seßhafteſten
im Auto der aufgehenden Sonne entgegen, obwohl ſie
nur mühſam und ziemlich ſpät ihren Strahlen den Weg
bahnen konnte durch die dichten Nebelſchwaden. Bei Die=
burg
oder irgendwo wurde ihr erſtes ſchüchternes Blitzen
mit kraftvoll=friſchem Auto Heil! begrüßt.
Die Tafelmuſik ſtellte die Kapelle des Leib=
garde
=Regiments Nr. 115. Folgende Speiſenfolge
wurde aufgetragen: Kaviar auf Toaſt (Burgeff Grün)
Ochſenſchweifſuppe Turbot auf Viktoria Art (1906
Graacher Sederbann von Thaniſch, Bernkaſtel=Cues, 1906
Chäteau de Vaux) Salmi von Wildente, nach Jäger=
art
(1904 Rauenthaler Gehrn, Ausleſe) Kalbsrücken,
nach St. Hubert, Schloß Johannesberger (1904 Kabinett=
wein
, Hellgrün, Fürſtl. von Metternichſche Domäne
Orig.=Abfüllung)) Auto=Bombe, Waffeln (Höhl, Kai=
ſerblume
) Deſſert Mokka (Henneſſy*** Char=
M. St.
treuſe, altes Schwarzwälder Kirſchwaſſer).

Der Kaiſer in Kiel.

* Kiel, 18. Nov. Der Kaiſer mit Gefolge iſt im
Sonderzug um 7,30 Uhr hier eingetroffen. Am Bahn=
ſteig
meldeten ſich der Generalinſpekteur der Marine,
Prinz Heinrich, der Staatsſekretär des Reichsmarineamts
v. Tirpitz, der Flottenchef Admiral v. Holtzendorff.
der Chef der Marineſtation der Oſtſee, Admiral Coer=
per
, der Stadtkommandant Generalmajor Albrecht,
und Polizeipräſident v. Schroeter. Zur Begrüßung
hatten ſich außerdem die Prinzen Adalbert und Walde=
mar
eingefunden. Der Kaiſer begab ſich auf dem Waſſer=
wege
an Bord des Linienſchiffes Deutſchland, auf dem
er Wohnung nahm. Die Hochſeeflotte ſalutierte mit 33
Schuß. Das Wetter iſt trübe.
* Kiel, 18. Nov. Heute mittag 12 Uhr wurden die
Marinerekruten im Exerzierhauſe I der Matroſen=
diviſion
vereidigt. Kurz vor 12 Uhr traf der Kai=
ſer
in der Uniform eines Admirals im Automobil im
Kaſernement ein. Vom Hafen bis zur Kaſerne bildeten
die alten Leute Spalier. Der Vereidigung wohnten u. a.
Prinz Heinrich, Prinz Analbert, Prinz Waldemar, Groß=
admiral
v. Tirpitz und Admiral v. Holtzendorff bei. Am
Altar war die Kriegsflagge und die Fahne des 1. See=
Bataillons aufgeſtellt. Nach Anſprachen der Stations=
pfarrer
beider Bekenntniſſe wurden etwa 7500 Rekruten
unter der Leitung des Inſpekteurs der erſten Marine=
inſpektion
vereidigt. Nach der Vereidigung hielt der Kai=
ſer
eine Rede. Das Hoch auf den Kaiſer brachte der Chef
der Marineſtation der Oſtſee, Admrial Coerper, aus.
Der Kaiſer nahm auf dem Hofe der Kaſerne den Vorbei=
marſch
der Fahnenkompagnie entgegen und nahm an dem
Frühſtück in der Offiziersſpeiſe=Anſtalt teil.

Luftfahrt.

Berlin, 18. Nov. Das Reichsmarine=
Luftſchiff L. 1 machte heute vormittag mehrere
Uebungsfahrten über Berlin und Umgebung. Bei der
erſten Fahrt befand ſich Vizeadmiral Dick, bei der zweiten
Admiral Dehnert mit mehreren anderen Offizieren des
Reichsmarineamtes in der Paſſagiergondel. Das Zeppe=
lin
=Luftſchiff trifft im Laufe des morgigen Tages im
Potsdamer Luftſchiffhafen ein, wo es ſtationiert werden
wird.

Sport.

* Fußball. Darmſtädter Sportklub 1905.
Am Sonntag waren die vier ſpielenden Mannſchaften des
D. S.=K. 1905 vom Pech verfolgt. Die erſte Elf verlor in
Mainz gegen die gleiche des Fußballvereins Mainz mit
311 Toren. Die 2. Mannſchaft mußte ſich der gleichen des
F.=V Mainz mit 322 beugen. Auch die 3. Mannſchaft
mußte eine Niederlage in Mainz von 411 Toxen einſtecken
und verlor ſo die Meiſterſchaft in Klaſſe A3. Ebenfalls
mußte ſich die 3. B=Mannſchaft von der dritten des F.=K.
Olympia=Arheilgen als geſchlagen bekennen.
* Hockey. Das am Sonntag hier ausgetragene Wett=
ſpiel
der 1. Mannſchaſt der Hockey=Abteilung des F.=K.
Olympia=Darmſtadt gegen die Mannſchaft des Fußball=
und Lawn=Tennisllub Worms endete mit 211 für die
Einheimiſchen. Das flotte Spiel war auf beiden Seiten
ziemlich ausgeglichen, doch hatte die Olympia=Mannſchaft
ſehr unter der Abweſenheit ihres beſten Spielers, für den
nur mäßiger Erſatz zur Stelle war, zu leiden und mußte
alle Kräfte anſpannen, um den Sieg zu erringen, zumal
die Gäſte ein beſſeres Zuſammenſpiel zeigten,

Vermiſchtes.

Der hohe Stehkragen. Zuweilen begegnet
uns auf der Straße ein Jüngling mit hochaufgerichtetem
Kopfe und ſteifgehaltenem Nacken, die Naſe kühn himmel=
wärts
gerichtet, das Geſicht hold gerötet. Beim Näher=
kommen
ſieht man die Urſache aller dieſer Vorzüge: Der
junge Herr trägt einen Stehkragen von abenteuerlicher
Höhe, der vom unterſten Anfang des Halſes bis hoch aus
Kinn reicht und den Kopf gewaltſam in die Höhe drückt.

Liederabend Dr. Heinz Caspary.

In kurzer Folge der dritte oder der vierte Lauten=
ſänger
in Darmſtadt. Faſt zu viel des Guten, wenn da=
zu
noch die einheimiſchen Kunſtkräfte auf gleichem Gebiete
kommen. Aber Dr. Heinz Caspary hat ſich bei
ſeinem erſten Konzertabend in Darmſtadt ſo gut einge=
führt
, daß trotzdem und trotz des Sonntag abend der
Saal der Traube gut beſetzt war. Herr Dr. Heinz
Caspary ſang wieder Minnelieder aus alter und
neuer Zeit und brachte neben viel bekanntem auch einiges
für uns neue. Er ſang Liebeslieder, weil in dieſen am
beſten und treffendſten ſich der Volkscharakter wider=
ſpiegelt
. Er ſang ſie wieder mit der Schlichtheit und tie=
ffen
Empfindung, die wir ſchon damals lobend hervor=
heben
konnten und mit der Reife des Vortrages, wie ſie
langjähriges verſtändnisvolles Studium verleiht und
einte durch dieſe Eigenſchaften ſeine Lautenlieder zu
Kunſtwerken, die um ſo höher zu bewerten ſind, als eben
dieſe Kunſt mit feinem Takt immer zurückblieb hinter dem
Charakteriſtikum der Lieder und ihrem teils derben, teils
jnnigen und ſentimentalen Stimmungsgehalt, den der
Künſtler jeweils reſtlos erſchöpfte. Das Publikum nahm
die Darbietungen mit rauſchendem Beikall auf

Der Volksmund hat dieſe ſchauerlichen Ungetüme, die
eine Zeitlang modern waren, Brandmauer oder Zug=
brücke
genannt, aber ſo ſcherzhaft ſich die Sache auch aus=
nimmt
, ſo hat ſie doch ihre ernſten Seiten. In der Aus=
ſtellung
Der Menſch in Darmſtadt wird uns in der Ab=
teilung
Kleidung ein ſolches Monſtrum von Kragen
vorgeführt, das 8½ Zentimeter hoch iſt und den Eindruck
macht, als ob es mehr für den Hals einer Giraffe als
eines Menſchen geſchaffen wäre. Ueber dieſem Kragen
hängt das Bruſtbild eines Menſchen, an dem die zahl
reichen Blutgefäße und Nerven des Halſes bloßgelegt
ſind. Wir ſehen hier, daß der zu hohe und enge Steh=
kragen
eine Preſſung des Halſes verurſacht, wodurch
ſchädliche Störungen, wie z. B. Stauung des Blutkreis=
laufes
im Kopfe oder Störungen der Atmung und Herz=
tätigkeit
eintreten müſſen. Glücklicherweiſe iſt dieſes Mode=
ideal
des hohen Stehkragens überwunden und hat nur
noch einzelne Liebhaber, die ſich ſchwer davon trennen
können. Wenn exotiſche Völker, Neger oder Indianer ſich
Halseiſen und ähnliche Dinge umlegen, ſo pflegen wir
darüber zu lächeln, und das Bild der Indoneſierinnen in
der Ausſtellung, die ihren Hals durch viele aufeinander=
liegende
Schmuckringe künſtlich verlängert haben, wirkt
komiſch. Um ſo mehr aber ſollten wir ſelbſt uns hüten,
der Mode zuliebe Dinge auf unſerem Körper zu tragen.
die die natürliche Bewegungsfreiheit hemmen und uns
außerdem inneren Schaden zufügen.
DKG. Baumblüte in Deutſch= Südweſt=
afrika
. Während im Mutterlande der Winter naht oder
ſchon Einzug gehalten hat, herrſcht in unſerem Deutſch=
Südweſtafrika der Sommer, und demgemäß blühen die
Bäume. Die Deutſch=Südweſtafrikaniſche Zeitung weiß
aus Bethanien folgendes zu berichten: Alle angepflanz=
ten
Fruchtbäume, die, abgeſehen von den altehrwürdigen
Apfel= und Birnbäumen, erſt im ſechſten Jahr ſtehen, ſind
ganz mit Blüten bedeckt. Die Orangen verbreiten einen
ſüßen und angenehmen Duft, und Pfirſich= und Apriko=
ſenblüten
würden mit ihrem rötlichen Schimmer ſelbſt
einen Japaner begeiſtern können, der bekanntlich die
Zeit der Pfirſichblüte feſtlich begeht. Brachten die jungen
Bäumchen bereits im vorigen Jahre eine reiche Ernte
ſchönſter und ſüßeſter Früchte, ſo iſt die Ausſicht auf einen
großen Ertrag in dieſem Jahr beſonders günſtig. Man
erntete bereits im Vorjahre auf einer Beſitzung über
4000 Früchte von wenigen Bäumen, ohne diejenigen
Früchte zu zählen, die ſchon verzehrt worden waren. Lei=
der
iſt zurzeit für die Mehrzahl der Gartenbeſitzer eine
Ausdehnung und Vergrößerung der Anlagen wegen
Mangels an Waſſer nicht möglich. Die Nachfrage nach
guten, verſandfähigen Sorten iſt in dieſem Jahr derartig
groß, daß die kapländiſchen Baumſchulen nicht in der Lage
ſind, den Bedarf zu befriedigen. Es ſoll, von Orangen
beſonders, der ganze Beſtand tatſächlich bereits ein Jahr
im voraus beſtellt worden ſein. In Bethanien geht das
Beſtreben allgemein nach dem Anbau von Fruchtbäumen,
da der Gemüſebau bei den großen Entfernungen bis zu
den Abſatzmärkten infolge der Konkurrenz der die billige
Seefracht genießenden Gemüſe aus dem Norden und in
dieſem Jahre auch infolge des Auftretens von Pflanzen=
ſchädlingen
wenig lohnend iſt.

Literariſches.

Ein elegantes, kleines Geſchenk für Damen iſt der
auch in dieſem Jahre wieder erſchienene Haude und
Spenerſche Damen=Almanach (47. Jahrg. für
1913. Verlag von Haude und Spener, Berlin). Das
äußerſt geſchmackvoll mit Goldſchnitt, Elfenbeinpapier,
Titelbild, doppelfarbigem Druck, Bleiſtift und Viſiten=
kartentaſche
ausgeſtattete Büchlein vereinigt in ſich Taſchen=
kalender
, Notiz= und Tagebuch in zierlicher Form. Der
Almanach enthält ein Kalendarium, ein Tagebuch für alle
Tage des Jahres mit geſchickt auserwählten ſinnreichen
Wochenſprüchen, das reichlichen Raum für allerlei Ein=
tragungen
bietet, eine Familien=Gedenktafel, einen Ge=
burtstag
= und Namenstag=Kalender, einen Privat= Adreß=
kalender
, Kaſſen=Ueberſichten für zwölf Monate und eine
Geneglogie aller europäiſchen Regentenhäuſer. Eine
gemütvolle Erzählung erhöht noch den Reiz des Büch=
leins
, welches auch wegen ſeiner Billigkeit (Preis 2 Mark)
bei jeder Gelegenheit als paſſendes Geſchenk empföhlen
werden kann.
Jeppe Aakjaer. Die Kinder des
Zorns. Eine Geſindegeſchichte. Leipzig. Verlag der
Nordiſchen Bücherei von Georg Merſeburger. Preis drei
Mark broſch., 4 Mark geb Die Nordiſche Bücherei ver=
folgt
bei ihren Veröffentlichungen jetzt beſonders zwei
Richtungen, die eine, die ſich unter dem Geſamttitel
Bücher für die ganze Familie bezeichnen läßt, dazu
gehören die ſchönen Bücher Aanruds, Nylanders, Jens
Kiellands. Jonas Lies uſw die andere, die Werke von
Arbeiterdichtern bringt. Es iſt ganz erſtaunlich, was
für neue Kräfte ſich da im Norden von ganz unten herauf=
arbeiten
. Mit dem Roman Die Kinder des Zorns wird
der deutſchen Literatur ein gewaltiges Werk übermittelt,
das in ſich eine Pſychologie des Landarbeiterſtandes dar=
ſtellt
, jenes Standes, der auch bei uns noch faſt völlig
unerforſcht iſt.
Die wirklich gute Lebensart, jenes liebenswürdige,
natürliche feine Benehmen, durch welches manche Men=
ſchen
die Herzen gleichſam im Sturm erobern, läßt ſich
nicht beim Tanzmeiſter oder aus einem ſogenannten
Komplimentierbuche lernen; es iſt vielmehr mit der gan=
zen
Denk= und Anſchauungsweiſe des Menſchen eng ver=
bunden
und muß von innen herauskommen. Dieſe Er=
ziehung
zum vornehmen Benehmen von innen heraus
wird von dem jüngſt in vornehmer Ausſtattung er=
ſchienenen
Buch von Kurt Engel, Wie benehme ich
mich vornehm? (Verlag der Königl. Hofbuchhand=
lung
von Ad. Spaarmann in Mühlheim=Ruhr=Styrum)
in überaus glücklicher Weiſe zu fördern verſucht. Das
Buch gereicht ob ſeiner vornehmen Ausſtattung jeder
Hausbibliothek zur Zierde und erſcheint uns als Ge=
ſchenkwerk
ganz beſonders geeignet
Wege des Schickſals. Roman von E. Wer=
nev
. Geheftet 3 Mk elegant gebunden 4 Mk. (Union
Deutſche Verlagsgeſellſchaft, Stuttgart.) Die Verfaſſerin
der Romane Am Altar, Geſprengte Feſſeln Ein Held
der Feder Um hohen Preis, Siegwart uſw. beſchert
ihren vielen Verehrern und Verehrerinnen eine neue Gabe,
die ſich unter den Erſcheinungen des Tages markant ab=
hebt
. E. Werner führt uns in die Welt des Ringens und
Schaffens, in der nicht nue Menſchen, ſondern auch Gei=
ſtesſtrömungen
miteinander ſtreiten, ſie beleuchtet Perſonen
und Zuſtände mit freiem Wagemut. Ihre Wege des
Schickſals werden die Leſer um ſo mehr feſſeln, als die
Handlung zum großen Teil in Rußland, dann in Berlin
ſpielt und hochintereſſante Einblicke gewährt in Verhält=
niſſe
, die auch heute noch zulaſſen, daß die heiligſten Men=
ſchenrechte
ungeſtraft gebeugt und verletzt werden können.
Illuſtrierte Taſchenbücher für die
Jugend. Herausgegeben von der Redaktion des Guten
Kameraben. Preis des elegant gekundenen Bas

Verlag: Union. Deutſche Verlagsgeſellſchaft, Stuttgari
Die Illuſtrierten Taſchenbücher bilden eine Sammlung vos
kleinen, hübſch ausgeſtatteten und illuſtrierten Büchern dis
dem jugendlichen Belehrungs= und Unterhaltungsbedürf=
niſſe
geſchickt angepaßt ſind und auf dem Weihnachtstiſch
der Knaben hoch willkommen ſein werden. Neu erſchienen
Band 33. Wiſſenſchaftliche Allotria zur Be=
lehrung
und zum Zeitvertreib für luſtige Kreiſe. Bear
beitet von F. Moſer=Naunhof. Mit 27 Abbildungen=
Intereſſante Scherze und Amüſements, Spiele, Aufgaber=
uſw
auf wiſſenſchaftlicher Grundlage oder mit wiſſen=
ſchaftlichem
Hintergrunde.
Schloß Meersburg. Annette von Dro=
ſtes
Dichterheim von Thekla Schneider. Mis
einem Titelbild, 14 Textabbildungen und einer Hand=
ſchriftprobe
. Stuttgart, Muthſche Verlagshandlung. Ori=
ginalpappband
2,40 Mk. Schloß Meersburg ſchilders
erſtmals das Leben und Dichten der großen weſtfäliſchen
Dichterin im Rahmen der alten Felſenburg, wo ſie von
18411848 wiederholt jahrelang geweilt hat. Die Ver=
faſſerin
war zu dieſer Arbeit in ganz beſonderem Maße
berufen, denn es war ihr vergönnt, als häufiger Gaſt auf
der Meersburg an Ort und Stelle den Spuren Annettens
nachzugehen und aus dem Munde ihrer Nichten, den
Freiinnen Hildegard und Hildegunde von Laßberg, von
ihr erzählen zu hören. Das ſchmuck ausgeſtattete Büch=
lein
wird überall Freude bereiten; beſonders für die=
heranwachſende
weibliche Jugend iſt es eine ſinnige, vor=
nehme
Gabe
Deutſche Literaturgeſchichte von De
Karl Storck. Sechſte und ſiebte vermehrte Auflage.
15.20. Tauſend. Stuttgart, Muthſche Verlagshandlung,
Preis elegant gebunden 6 Mk. Die große Zahl der Auf=
lagen
iſt ein ſprechender Beweis dafür, daß die Storckſche
Literaturgeſchichte bei allen gebildeten und Bildung ſuchen=
den
Kreiſen ſich zunehmender Beliebtheit und wachſender
Verbreitung erfreut. Das Buch iſt ein zuverläſſiger Füh=
rer
durch unſer deutſches Schrifttum und beſonders durch=
die
moderne Literatur, die eine ausführliche Behandlung
gefunden hat. In der vorliegenden Neuauflage iſt ſpeziell
die Zeit von 1885 bis 1912 von Grund aus neu bearbeitet,
Da auch die äußere Ausſtattung und der ſchöne Einband
alles Lob verdient, ſo darf dieſe Literaturgeſchichte jedem
Hauſe, jeder Bibliothek, ſowie als gediegenes Weihnachts=
geſchenk
empfohlen werden.

Der Balkankrieg.
Vom öſtlichen Kriegsſchauplatze.

* Konſtantinopel, 17. Nov. Seit heute früh
wird in Pera ferner Kanonendonner gehört. Man
glaubt, daß diesſeits von Hademköj eine Schlacht im=
Gange iſt. Angeſichts der Sachlage ſind die Vertreter der
Großmächte beim Botſchafter Markgrafen von Pallapicini
verſammelt und beraten über die im Falle eines Einzuges
zu treffenden Maßnahmen.
* Konſtantinopel, 17. Nov. Das Geſchütz=
feuer
war bis um 5 Uhr nachmittags auf den Hügeln
bei Pera in der Richtung von Hademköj und Dercos
her deutlich zu hören. Es dauerte bereits 17 Stunden, zu=
weilen
nahm es an Stärke zu und man konnte bis zu 20
Schuß in der Minute unterſcheiden. Auch um 2 Uhr
abends ſchien der Kampf noch nicht beendet zu ſein. Eine
offizielle Mitteilung über den Verlauf der Schlacht iſt
bisher nicht erfolgt. Der Kommandant der Truppen im=
Yemen und Chef des Generalſtabes, Izzet Paſcha=
iſt
geſtern hier eingetroffen und von dem Sultan und dem
Großweſir empfangen worden. Er begab ſich an die
Front nach Tſchataldſcha.
* Konſtantinopel, 17. Nov., 8 Uhr abends.
Die Botſchafter=Konferenz beſchloß, mit der
Einwilligung der türkiſchen Regierung um 5 Uhr morgens
Matroſen landen zu laſſen. Eine zweite Konferenz der
Botſchafter wurde auf 7 Uhr einberufen.
HB. Konſtantinopel, 18. Nov. Die hieſigen
Abendzeitungen vom Samstag wiſſen von einem gro=
ßen
Sieg der Türken zu berichten, welcher angeb=
lich
das Ergebnis einer großen Schlacht bei Tſchataldſcha
geweſen ſei. Es wird gemeldet, daß der linke Flügel der
bulgariſchen Armee vollſtändig vernichtet wurde und der
rechte ſich in einer ſehr ſchwierigen Lage befindet. Die
Türken marſchieren auf Muradli. Eine bulgariſche Divi=
ſion
ſoll von den Türken eingeſchloſſen ſein. 8000 Mann.
ſeien gefangen genommen worden. 3000 der letzteren, ein=
ſchließlich
eines Kavallerie=Regiments, ſind nach Konſtan=
tinopel
transportiert worden. Viele bulgariſche Kano=
nen
wurden erobert.
* Konſtantinopel, 18. Nov. Amtliche Meld=
ung
. Der Generaliſſimus Nazim Paſcha richtete an
das Großweſirat ein Telegramm, nach welchem der
Kampf an der Tſchataldſchalinie, der geſtern
früh infolge einer Vorwärtsbewegung der bulgariſchen
Infanterie durch die türkiſche Artillerie und Infanterie
aufgenommen worden war, bis eine Stunde nach Sonnen=
untergang
dauerte. Die Bulgaren verſuchten, gegen das
türkiſche Zentrum und den türkiſchen rechten Flügel vor=
zugehen
. Dieſe Bewegung wurde von der türkiſchen Ar=
tillerie
zurückgewieſen und drei bulgariſche Batterien
zerſtört.
Die Belagerung von Adrianopel.
Der Berliner Lokal=Anzeiger meldet aus Sofia: Au=
geſichts
der in den letzten Tagen ſich häufenden Meldun=
gen
, Adrianopel ſei gefallen, muß betont werden, daß die
Feſtung bei der jetzigen Haltung des Ver=
teidigers
gut und gern zwei Monate, vielleicht
noch länger, ſich halten kann. Der Kampf iſt nämlich mit der
ſchweren Artillerie noch gar nicht bis an die eigentlichen
Forts herungetragen worden. Die Beſchießung vom letz=
ken
Dienstag vor acht Tagen war, wie uns amtlich be=
kannt
gegeben wurde, nur gegen Außenwerke gerichtet,
die den Charakter von Feldbefeſtigungen haben und
vielleicht erſt neu entſtanden ſind. Verteidigt wurden ſie
durchweg und beſchoſſen zumeiſt von Feldgeſchützen. Ein
eigentlicher artilleriſtiſcher Kampf gegen
die Feſtung iſt vorläufig ausgeſchloſſen, namentlich vor
der Weſtfront, gegen die ſich unverkennbar der Haupt=
angriff
richtet, weil hier die Bulgaren die Maſſe und den
Kern ihrer Truppen einſetzten. Es waren dort nur fol=
gende
ſchwere Geſchütze zu beobachten: Auf dem linken
Maritza=Ufer ſechs gute 10=Zentimeter=Geſchütze, ſechs un=
moderne
15=Zentimeter=Geſchütze, die mit Schwarzpulver
ſchießen, und an Steilfeuergeſchützen überhaupt nur auf
dem rechten Ufer ſechs Haubitzen. Nun können auf den
übrigen Fronten, wie beim Transport durch Muſtafa=
Paſcha feſtgeſtellt wurde, weitere ſechs 10=Zentimeter=
Geſchütze und zwölf ſchwere Haubitzen ſein. Der ſonſtige
Belagerungspark dürfte nach der Tſchataldſchalinie abge=
gangen
ſein, und der vorhandene genügt nicht, die ſtarken
Forts der Weſtfront zu erſchüttern. Vorläufig erkämpft
der Angreifer erſt ſeine Stellungen im Vor=
gelände
. Zu der Meldung von der angeblichen Unter=
breeharech
der drahtlalen Telegraphie ſei geſagt, daß die

[ ][  ][ ]

Nummer 273.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.

Seite 7.

ürkiſche Funkenſtation auf einem der vier Türme vor,
nicht auf der Süleiman=Moſchee ſich befindet. Unter den
Bulgaren war das allerliebſte Geſchichtchen verbreitet, die
Türken hätten, um die Beſchießung dieſer Station zu ver=
pindern
, 1000 chriſtliche Frauen in die Moſchee ge=
uperrt
. Tatſache iſt, daß bei meiner Abfahrt am letzten
Dienstag von Muſtafa=Paſcha die bulgariſchen Geſchütze
die Türme noch nicht erreichen konnten. Natürlich ließ
liich dies alles von Muſtafa=Paſcha nicht drahten, weil die
ZZenſur und die Ueberwachung der Korreſpondenten über=
laus
ſtreng, aber auch ſachgemäß waren, daß niemand
Grund zu Klagen hatte, im Gegenteil erwieſen ſich die
Bulgaren den Korreſpondenten gegenüber zu nachſichtig.
Es iſt alſo ein unbegründeter Groll, der ſich jetzt an einer
kapferen Armee durch Meldungen von Verſtümmelung
türkiſcher Verwundeter rächt. Solche mögen vorgekom=
imen
ſein, weil der Krieg mit ſeltenem Haß und auch durch
Banden geführt wird, aber die Leitung des bulgariſchen
Heeres hatte, wie jeder Führer, den ernſten Wunſch, den
Fanatiſchen und erbitterten Kampf mit menſchlicher und
ſoldatiſcher Würde zu führen. Freilich haben auch die
Bulgaren kaum Urſache, über die türkiſchen Grauſam=
keiten
zu klagen, denn wer mit den Türken anbindet, muß
wiſſen, was ihm bevorſteht.
Vom weſtlichen und ſüdlichen Kriegsſchauplatze.
* Rjeka, 17. Nov. Nach einer im Laufe der Nacht
km Hauptquartier eingegangenen amtlichen Meldung be=
ſetzten
die Truppen des Generals Martinowitſch
geſtern abend San Giovannidi Medua.
* Saloniki, 16. Nov. Türkiſche Soldaten
ſprengten nachts ein Munitionsdepot bei den
Artilleriekaſernen in Schitinlik in die Luft. Infolge
der Exploſion wurden Hunderte entwaffneter türkiſcher
Soldaten, die in der Umgebung des Munitionsdepots
lagerten, getötet oder verwundet. In der Stadt entſtand
eine Panik.
Ueber die Urſache der Pulverexploſion iſt noch nichts
Sicheres bekannt. Da ſich unter den Toten auch etwa 20
griechiſche Soldaten befinden, ſo ſteht die Schuldloſigkeit
der Griechen an der Exploſion außer Frage. Nach offi=
ziöſen
Verſicherungen kam es bei dem Rückzuge der Tür=
ken
zu keinem Gemetzel. Die türkiſchen Truppen bewahr=
ten
in dieſer Beziehung vollkommene Diſziplin und waren
in ihrer Erſchöpfung und Niedergeſchlagenheit froh, ein
Stück Brot zu erhalten.
* Athen, 17. Nov. Prinz Nikolaus wurde
zum militäriſchen Kommandanten von Saloniki er=
nannt
. Der griechiſche Juſtizminiſter Ractivan, der Be=
vollmächtigte
der griechiſchen Regierung in Saloniki, ver=
öffentlichte
eine Proklamation, in der er ſeine
Freude ausdrückte, in ein Land gekommen zu ſein, wel=
ches
dank dem Heroismus der Verbündeten der Tyrannei
und der ſchlechten Verwaltung der Türkei entriſſen wor=
den
ſei. Wir wollen die Wohltaten der Freiheit allen in
gleicher Weiſe zuteil werden laſſen, denn die wirkliche
Freiheit kann nicht beſtehen ohne die Gleichheit der Völker=
ſchaften
, die unter derſelben Regierung leben. Wir
empfehlen Eintracht zwiſchen allen und verlangen Unter=
werfung
unter die Geſetze.
Jungtürkiſches Komplott?
* Konſtantinopel, 17. Nov. Die Polizei fahn=
det
auf etwa 50 Mitglieder des jungtürkiſchen Ko=
mitees
unter denen ſich einige frühere Miniſter be=
finden
. Gerüchtweiſe verlautet, die Regierung habe deren
Verhaftung angeordnet, weil angeblich Beweiſe
eines Komplottes entdeckt ſeien. Das jungtürkiſche
Komitee ſoll mehrere Emiſſäre in das Hauptquartier ent=
ſandt
haben, um die Armee zu beeinfluſſen und dieſe nach
der Rückkehr nach Konſtantinopel im Sinne eines Re=
gierungswechſels
zu verwenden.
* Konſtantinopel, 16. Nov., 10 Uhr abends.
Die über die Gründe der Verhaftung von Mit=
igliedern
des jungtürkiſchen Komitees um=
laufenden
Gerüchte ſcheinen vorläufig übertrieben. Es
handelt ſich bloß um die Veranſtaltung eines Meetings
zugunſten des Krieges. Die Gerüchte, die Regierung
habe ein Komplott entdeckt, behufs Verleitung der
Armee zur Erhebung gegen die Regierung, dürften falſch
ſein. Die Polizei nahm auf Grund von Ausſagen zahl=
reicher
Zeugen über die Veranſtalter des Meetings, das
kurz vor Ausbruch des Krieges vor der Pforte zum Pro=
teſt
gegen die Durchführung des Artikels 23 des Berliner
Vertrags ſtattgefunden hat, etwa 30 Verhaftungen vor.
Unter den Verhafteten befindet ſich der ehemalige Wali
von Trapezunt, Suleiman Nazif, der Journaliſt Dr.
Abdullah Dſchevdet, der frühere Abgeordnete von Adria=
nopel
, Faik, der frühere Abgeordnete von Kara=Hiſſar,
Riza Paſcha, der Journaliſt Dſchandſchet, der Chefredak=
teur
des Tanin, Minhidden, ſein Bruder Suad, der ehe=
malige
Direktor und ein Beamter des Preßbureaus. Auf
die ehemaligen Miniſter Haladſchian Ismael und Ba=
banzade
wird gefahndet.
Oeſterreich=Ungarn und Serbien.
Semlin, 17. Nov. Man muß befürchten, daß
Serbiens Antwort an Oeſterreich ablehnend
lauten wird. Belgrader Blätter behaupten, Rußland
werde entgegen allen Petersburger Dementis die ſer=
biſche
Forderung nach einem Adriahafen auch mit Waffen=
gewalt
unterſtützen und habe dasſelbe auch Montenegro
verſprochen. Serbien zieht immer mehr Truppen an der
bosniſchen Grenze zuſammen.
Peſt, 17. Nov. Der von dem Kriegsſchau=
platze
zurückgekehrte Berichterſtatter des Berliner Lokal=
Anzeigers erklärte, die öſterreichiſch=ſerbiſche
Kriegsgefahr ſei nur hinausgeſchoben, nicht aber
verringert. Serbien habe ſeine dritte Diviſion nur unter
der Bedingung, daß Bulgarien eventuell auch mit Waffen=
gewalt
die ſerbiſche Forderung nach einem Hafen unter=
ſtützen
werde, auf den bulgariſchen Kriegsſchauplatz ge=
worfen
. Oeſterreich=Ungarn wolle jedoch auf keinen Fall
Serbien an die Adria heranlaſſen, da es befürchtet, aus
einem ſerbiſchen Handelshafen werde ſpäter ein ruſſiſcher
Driegshafen oder mindeſtens ein Stützpunkt werden.
Die Cholera.
* Konſtantinopel, 17. Nov. Unter dem Vorſitz
des Miniſters des Aeußern fand heute nachmittag eine
Sitzung des internationalen Sanitätsrats ſtatt, in
welchem die Maßnahmen zur Bekämpfung der
Cholera erörtert wurden.

* Konſtantinopel, 18. Nov. In einem Reſtau=
rant
in der Nähe der Hagia Sophia, das von den ärme=
ren
Bevölkerungsſchichten Stambuls beſucht wird, ſind
über 100 Perſonen an Cholera erkrankt. Der
internationale Sanitätsrat beſchloß, daß keine
Cholerakranken mehr in die Stadt gebracht werden ſollen,
die Erkrankten vielmehr in den außerhalb der Stadt ge=
legenen
Militärkrankenhäuſern verpflegt werden. Ferner
wurde eine aus öſterreichiſchen, franzöſiſchen, ruſſiſchen
und holländiſchen Sanitätsmannſchaften beſtehende Kom=
miſſion
zur Desinfektion der gefährdeten Häuſer Stam=
buls
gebildet.
Sonſtige Meldungen.
* Zara (Dalmatien), 17. Nov. In einem heute
veröffentlichten Communiqué wird ausgeführt, die
Statthalterei ſei, wie aus den wiederholten Mitteilungen
der Tagespreſſe hervorgehe, den alltäglichen Sym=
pathiekundgebungen
der Bevölkerung für
die kriegführenden Balkanſtaaten in keiner
Weiſe entgegengetreten, ſolange ſich die Kundgebungen
auf Ovationen für die ſtammverwandten kriegführenden
Nationen beſchränkten. Als jedoch dieſe Manifeſtationen
zu Demonſtrationen und Exzeſſen ausarteten, welche die
Grenzen nationaler Kundgebungen weit überſchritten und
einen ſtaatsfeindlichen Charakter angenommen hätten
noch dazu unter direktem Schutz von Organen, die in
erſter Linie berufen ſind, für die Aufrechterhaltung der
öffentlichen Ruhe und Ordnung zu ſorgen hätten ſich
die Verwaltungsbehörden gezwungen geſehen, mit ener=
giſchen
Maßregeln vorzugehen. Die am 10. November
veranſtalteten demonſtrativen Umzüge in Spalato und
Sebenico hätten die Statthalterei beſtimmt, zur Auflöſ=
ung
der Gemeindevertretungen in dieſen beiden Städten
zu ſchreiten, da zu beſorgen geweſen wäre, daß durch die
unüberlegten ſtaatsfeindlichen Ausfälle Einzelner der
Sinn und das dynaſtiſche Gefühl der Bevölkerung von
Dalmatien in ein unrichtiges Licht geſtellt werden könnte.
* Konſtantinopel, 18. Nov. Der Senatspräſi=
dent
Ferid Paſcha der Vereinigung albaneſiſcher
Notabeln hat beſchloſſen, der Pforte und den Bot=
ſchaften
ein Memorandum zuzuſtellen, in welchem die
Wünſche der albaneſiſchen Vereinigung dargeſtellt wer=
den
. Heute bekundete der Internationale Ge=
ſundheitsrat
ſeinen Willen, Maßnahmen zu treffen,
um den Einmarſch der kriegführenden Armeen in Kon=
ſtantinopel
zu verhindern, da er eine ernſtliche geſund=
heitliche
Gefahr bedeuten würde. Während der Be=
ratungen
erklärte der Miniſter des Aeußern, er hoffe, daß
der Waffenſtillſtand und der Friede bald geſchloſſen ſein
würden.
* Belgrad, 17. Nov. Die Nachrichten der Poli=
tica
über eine Zuſammenkunft der Könige
Peter und Ferdinand und der Miniſterpräſiden=
ten
der verbündeten Balkanſtaaten werden von maß=
gebender
Seite als unbegründet bezeichnet.
* Belgrad, 17. Nov. Die in Serbien lebenden
Reichsdeutſchen ſammelten für das ſerbiſche Rote
Kreuz 25000 Dinars. Für ſerbiſche Wohltätigkeits=
inſtitutionen
liefen aus Deutſchland 20000 Dinars ein.
Eine Sanitätskolonne des rumäniſchen Roten Kreuzes iſt
hier eingetroffen.
H. B. London 18. Nov. Zahlreiche Zeitungen
äußern ſich in längeren Artikeln mit einem gewiſſen
Zweifel über die Kriegsberichte des Korre=
ſpondenten
der Wiener Reichspoſt, Wagner.
Sie ſetzen in die Wahrheit ſeiner Berichte großen Zweifel.
Insbeſondere glaubt man nicht, daß ſie immer aus dem
bulgariſchen Hauptquartier ſtammen. So habe Wagner
einen Bericht über die Schlacht bei Lüle=Burgas geſandt,
der er unmöglich beigewohnt haben könne. Bis zum
31. Oktober habe ſich Wagner mit den übrigen Kriegs=
berichterſtattern
in Muſtapha Paſcha befunden und die
große Strecke von dort bis in das bulgariſche Haupt=
quartier
habe er in ſo kurzer Zeit nicht zurücklegen können.
Die Einnahme von Monaſtir.
* Belgrad, 18. Nov. Die Serben haben heute
Monaſtir eingenommen. Die Garniſon er=
gab
ſich.
Belgrad, 18. Nov. Die Garniſon von Mo=
naſtir
, die ſich den Serben ergab, belief ſich auf 50000
Mann.
* Belgrad, 18. Nov. Bei der Eroberung von
Monaſtir wurde die geſamte türkiſche Garniſon gefangen
genommen, darunter General Zekki Paſcha und der
frühere türkiſche Geſandte in Belgrad, Fethi Paſcha.
Letzte Nachrichten.
* Konſtantinopel, 18. Nov. Heute früh 8 Uhr
landeten die ausländiſchen Schiffe 2000 Marineſolda=
ten
, ſämtlich mit Waffen und Fahnen. Sie beſetzten Spi=
täler
, Schulen und andere öffentliche Gebäude. Die Ma=
ſchinengewehre
wurden bereits geſtern gelandet.
* Konſtantinopel, 18. Nov. Dem Vertreter
des Wolffſchen Bureaus wurde im Miniſterium des
Aeußern verſichert, daß die Bulgaren auf der
ganzen Linie zurückgeſchlagen worden ſeien.
Der rechte türkiſche Flügel hatte zunächſt die Bulgaren
beſiegt, und dem Feind 12 Kanonen und viele Gefangene
abgenommen.
H.B. Berlin 18. Nov. Die in den türkiſchen
Gewäſſern zum Schutze der Deutſchen befindlichen
deutſchen Kriegsſchiffe ſtehen nicht nur mit
den großen Funkenſtationen in Nauen und Norddeich in
Verbindung, ſondern funkentelegraphiſch auch mit dem
Flottenflaggſchiff der deutſchen Hochſeeflotte, der Deutſch=
land
auf der ſich der Höchſtkommandierende der deut=
ſchen
Flotte befindet.
* Wien 18. Nov. Die Morgenblätter ſchreiben:
Der maßloſe Ton der ſerbiſchen Preſſe ge=
gen
die Monarchie und die Mitteilungen über das
Vorgehen Serbiens gegen den öſterreichifch=ungariſchen
Konſul erſchweren die Situation ganz
außerordentlich. Wiewohl die Bevölkerung der
Monarchie durchaus friedliebend geſinnt ſei und nirgends
eine Kriegspartei beſtehe, drängt die öffentliche Meinung
immer mehr darauf, daß eine Klärung der Situation er=
folge
. Die öffentliche Meinung wünſcht ein friedliches
Nebeneinanderleben mit unſeren Nachbarn im Südoſten,
wolle aber wiſſen, ob ihr Wunſch erfüllbar iſt.
* Wien 18. Nov. Faſt die geſamte Preſſe beſpricht
in erregter Weiſe das Vorgehen der ſerbiſchen

Regierung in der Angelegenheit des Konſuls
Tachy, das dem Völkerrecht und dem Kriegsbrauch nicht
entſpreche. Es ſei das ein ſo ernſter Punkt, daß die Ge=
duld
Oeſterreich=Ungarns in dieſer Richtung auf keine
letzte harte Probe geſtellt werden dürfe. Jedenfalls läge
es im Intereſſe Serbiens ſelbſt, daß das über dieſe Frage
ſchwebende Dunkel ſo bald wie möglich aufgeklärt werde.
Die Neue Freie Preſſe hatte gemeldet, daß der öſter=
reichiſch
=ungariſche Konſul in Mitrowitza, Ladislaus von
Tachy, am Sonntag in Peſt angekommen ſei. Er konnte
ſich nur nach Ueberwindung großer Schwierigkeiten und
nicht ohne Gefahr aus Mitrowitza flüchten und die Grenze
der Monarchie erreichen. Die ſerbiſchen Militärbehörden
hatten den Konſul in Mitrowitza inter=
niert
. Die Urſachen ſeien nicht bekannt, doch dürfte die
Verfügung der ſerbiſchen Militärbehörden durchaus nicht
bloß auf militäriſche Gründe zurückzuführen ſein. In vol=
ler
Uebereinſtimmung mit den bisherigen Berichten er=
zählte
auch Herr von Tachy von den Verfolgungen, denen
die albaniſche Bevölkerung in Mitrowitza ausgeſetzt ſei.
H.B. London 18. Nov. Wie aus Konſtanti=
nopel
gemeldet wird, hat die türkiſche Prinzeſ=
ſin
Zeki aus Verzweiflung über das Unglück der Tür=
kei
Selbſtmord begangen. Die Nachricht von den
Niederlagen der türkiſchen Truppen erregte ſie ſo ſehr,
daß ſie in Tiefſinn verfiel und ſich gänzlich zurückzog. Als
ſie die Flucht der Truppen von Lüle=Burgas erfuhr, ließ
ſie im Hofe ihres Palaſtes einen rieſigen Holzſtoß er=
richten
und anzünden, worauf ſie ſich zum Entſetzen der
Anweſenden in die Flammen ſtürzte.

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Büreau.)
* Karlsruhe, 18. Nov. Laut Hofbericht der Karls=
ruher
Zeitung konnte der Großherzog geſtern nach
dem gänzlichen Ablauf der Krankheitserſcheinungen zum
erſtenmal das Bett verlaſſen. Die völlige Wiederherſtellung
des Großherzogs iſt in kurzer Zeit zu erwarten.
* Beuthen, 18. Nov. Im Gotthardſchacht der konſoli=
dierten
Paulsgrube, die zu den Schaffgotſchen Werken
gehört, ſind in vergangener Nacht auf einem Flöz drei
Arbeiter durch Grubengaſe erſtickt.
** Wien, 18. Nov. Geſtern haben ſich der Miniſter
des Aeußern, der Reichskriegsminiſter, der
gemeinſame Finanzminiſter Bilinski, ſowie Finanz=
miniſter
Zaleski und der Landesverteidigungsminiſter
Georgi nach Peſt begeben.
* Lemberg, 18. Nov. Geſtern veranſtalteten in ſpäter
Abendſturge ukrainiſche Hochſchüler, Gymnaſiaſten und
Lehrlinge neuerliche Demonſtrationen gegen die
altrutheniſchen Vereine und Studentenheime ſowie gegen
die Redaktion des Blattes Prykarpatskaja Rus, wobei ſie
mehrere Fenſterſcheiben zertrümmerten. Polizeimann=
ſchaften
drängten die Demonſtranten zurück und verhin=
derten
ſie, vor das ruſſiſche Konſulat zu ziehen. In der
Kurkowagaſſe wurden aus der Mitte der Demonſtranten
gegen das altrutheniſche Schülerinternat Revolverſchüſſe
abgefeuert, durch welche zwei Schüler verwundet wurden.
Die Polizei verhaftete ſieben Perſonen), größtenteils
ukrainiſche Hochſchüler, ſowie einen Gymnaſiaſten. Erſt
nach 11 Uhr nachts trat Ruhe ein.
* Konſtantinopel, 18. Nov. Der Verwaltungsrat der
Dette Publique überwies der Deutſchen Bank
neuerdings einen größeren Betrag für den Dienſt der am
1. März 1913 fällig werdenden Kupons türkiſcher Anleihen.

Berlin, 18. Nov. Die B. Z. meldet aus Jena:
In Kunitz wurde heute eine Funkenſtation dem Be=
triebe
übergeben. Man erzielte eine gute Verſtändigung
mit der Station Nauen.
Charlottenburg, 18. Nov. Der 76jährige Ober=
regiſſeur
der Oper, Karl Tetzlaff, iſt hier geſtorben.

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Muſik erfreut des Menſchen Herz! Von
jung und alt werden ſtets die Klänge guter
Hausmuſik freudig begrüßt werden. Namentlich Muſik=
und Sprechapparate erfreuen ſich in allen Kreiſen der Be=
völkerung
großer Beliebtheit. Aber auch ohne beſondere
Notenkentntſſe können andere Muſikinſtrumente wie
Gitarr= u. Akordzither, Akkordion u. Bandonion, mechaniſch
ſpielbar erlernt werden. Sowohl in dieſen Inſtrumenten,
als auch in Violinen, Mandolinen, Gitarren, Ban=
donions
, Ziehharmonikas, Flöten, Trommeln, Cornets,
Trompeten, Poſaunen, Mundharmonikas uſw. bietet der
dieſer Nummer beigeſügte Proſpekt der Firma Georg
Bernhardt, Leipzig, Brandenburgerſtraße 1418,
eine große Auswahl. Die Anſchaffung wird noch da=
durch
bedeutend erleichtert, daß die bewährten Melodia=
Muſik=Inſtrumente der Firma gegen bequeme monat=
liche
Teilzahlungen von 2 Mark an geliefert werden.
Reichilluſtrierte Muſikkataloge werden auf Wunſch um=
ſonſt
und portofrei zugeſandt.
(23864fI

die Gesundheit

Literatur
durch die Brunnen-
Inspektion
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IIG
InE

[ ][  ][ ]

Seite 8.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.

Nummer 273.

Todes=Anzeige.
Statt jeder beſonderen Anzeige widmen
wir Verwandten, Freunden und Bekannten die
traurige Mitteilung, daß unſere liebe Schwäge=
(23859
rin, Tante und Großtante
Fräul. Marie Eitzenberger
heute durch einen ſanften Tod von langem
Leiden erlöſt worden iſt, und bitten um ſtille
Teilnahme.
Im Namen der Hinterbliebenen:
Eduard Harres, Architekt.
Darmſtadt, den 17. November 1912.
Die Beerdigung findet von der Kapelle des
Darmſtädter Friedhofes nach vorheriger Ein=

ſegnung daſelbſt Dienstag, den 19. November,

Man

nachmittags 3 Uhr, ſtatt.
bittet von Kondolenzbeſuchen abſehen

zu wollen.

Todes=Anzeige.
Gott dem Allmächtigen hat es gefallen,
(*12142
unſer innigſtgeliebtes Kind
Elisabeth
im Alter von 5 Jahren nach kurzem, ſchwerem
Leiden zu ſich zu nehmen.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Wilhelm Boll,
Oberrechnungsreviſor.
Darmſtadt, den 18. November 1912.
Die Beerdigung findet Mittwoch, den 20. No=
vember
, nachmittags 2½ Uhr, vom Portale
des ſtädtiſchen Friedhofes aus, ſtatt.

Amtlicher Wetterbericht.

Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.
Ueber Nordſkandinavien liegt eine ſtarke Depreſſion,
die einen Ausläufer ſüdweſtwärts entſendet. Ueber Oſt=
europa
lagert hoher Druck. Bei wechſelnden Winden
herrſcht bei uns trübes, doch meiſt trockenes Wetter; die
Temperaturen liegen in Deutſchland, von Süd nach
Nord zunehmend, zwiſchen 1 und 8 C. Das weſt=

liche Randtief dürfte ſich ſüdwärts verlagern, ſo daß wir
morgen im Bereich des kontinentalen Hochs vorwiegend
trockenes Wetter zu erwarten haben.
Ausſichten für Dienstag, den 19. November:
Wolkig, vorwiegend trocken, kühl.

Großh. Hofbibliothek, geöfne Montag bis Frein
von 91 Uhr und nachmittags von 24 Uhr, Samstag
von 91 Uhr.

Tagesialender.

Großh. Hoftheater (Ab. A), Anfang 7 Uhr: Wenn
ich König wäre‟
Vorſtellung um 8¼ Uhr im Oepheum.
Vortrag von Pfarrer Jatho um 8¼ Uhr in der Turn=
halle
am Woogsplatz (Heſſ. Goethebund)
Vorſtellung von Zauberkünſtler Bellachini um 8 Uhr
im Kaiſerſaal
Konzerte: Hotel Heß um 3 Uhr. Bürgerkeller um
8 Uhr
Olympia=Theater, Rheinſtr. 2, 1. Etage:
Vorſtellungen von 411 Uhr.
Vorſtellungen im Reſidenztheater von 411 Uhr.
Bilder vom Tage (Auslage Rheinſtr. 23): Von der
Hofjagd in Letzlingen; die Präſidentenwahl in den Ver=
einigten
Staaten; Montenegriner bei dem Laden eines
modernen Belagerungsgeſchützes; König Peter von Ser=
bien
in Uesküb.

Verſteigerungskalender.
Mittwoch, 20. November.

Hofreite=Verſteigerung des Philipp Adam
(Heinheimerſtraße 75) um 10 Uhr auf dem Orts=
gericht
I.
Mobiliar= uſw. Verſteigerung um 11 Uhr
Rundeturmſtraße 16.
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Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckeret.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Htreeſez
für den Inſeratenteil, Inſeratbeilagen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftsleben: Hans Heitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden.
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
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3½
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5
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4½
92,78
do.
4½ Japaner . . . . . . . 93,25
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3
do.
58,30
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9 Hamb.=Amerika= Paket=
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. .121,50
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11 Deutſch=Luxemburg.=
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4½ Nordd. Lloyd=Obl. 100,00
4 Eliſabethbahn, freie . . 92,70
4 Franz=Jofefs=Bahn .
3 Prag=Duxer . . . . . . 74,00
5 Oeſterr. Staatsbahn . 102,40
4 Oeſterr. Staatsbahn . 93,30
77,30
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5 Oeſterr. Südb. (Lomb.) 98,00
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4½ Anatoliſche Eiſenb.. 95,50
4 Miſſouri=Pacific. . . . 73,00
4 Northern=Paciſic . . . 100,00
4 Southern=Pacific . . . 93,90
5 St. Louis und San
Francisco. . . . . 85,00
5 Tehuantepec . . . . . . 96,50
Bank=Aktien.
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7 Bergiſch=Märkiſche
Bahn .
.146,40
9½ Berlin. Handelsgef. . 165,70
6½ Darmſtädter Bank . 120,00
12½ Deutſche Bank . . . 250,10
6 Deutſche Vereinsbank . 122,00
6 Deutſche Effekt.= und
W.=Bank . . . . . 114,50
10 Diskonto=Kommandit 184,25
8½ Dresdener Bank . . 152,30
9½ Frankf. Hypoth.=B. 134,75
6½ Mitteld. Kreditbank 116,75
7 Nationalb. für Deutſchl. 121,60
7 Pfälziſche Bank . . . . 126,50
5.86 Reichsbank . . . . .133,00
7 Rhein. Kreditbank. . . 133,10
7½ A. Schaaffhauſen.
Bankverein . . . . 117,20
½ Wiener Bankverein . 128,00
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S. 21. . . . . . 98,90

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3½ Frankf. Hypoth.=Bank
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98,50
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4 Hamb. Hypoth.=Bank . 98,50
3½
do.
87,50
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bank 99,70
3½
do.
. 87,80
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bank
S. 12, 13, 16
99,20
S. 14, 15, 17, 24/26
1823. .
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3½ Heſſ. Land.=Hyp.=Bank
S. 1 u. 2, 68
. 87,80
S. 35
.87,60
S. 911
87,70
4 Meininger Hyp.=Bank 98,50
do.
87,30
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(unk. 1921) . . 98,50
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. 99,60
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92,10
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3½ do.
4 Heidelberg
97,40
3½ do.
4 Karlsruhe
97,90
do.
88,50
4 Magdeburg.
do.
4 Mainz
97,80
do.
89,00
Mannheim
.97,50
3½ do.
4 München .
.99,50
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99,00
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3 Madrider . . Fs. 100
4 Meininger Pr.= Pfand=
briefe
. . . . . . . 138,10
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3 Oldenburger . . .
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Unverzinsliche
Anlehensloſe.
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bo.
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Meininger.
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[ ][  ][ ]

Nummer 273.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.

Seite 9.

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[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.

Nummer 273.

Naturwiſſenſchaftlicher Verein zu Darmſtadt.

In der letzten (280.) Sitzung hielt Geh. Hofrat Prof.
Dr. H. Schenck unter Vorzeigung von Wandtafeln und
Sammlungsgegenſtänden einen Vortrag über
Pfropfbaſtarde‟. Sexuale Baſtarde oder Miſch=
linge
zwiſchen zwei verſchiedenen Pflanzenarten ſind
ſchon ſeit langer Zeit bekannt. Im Jahre 1760 führte
Joſeph Gottlieb Koelreuter die erſten Kreuzungsverſuche
ſauf wiſſenſchaftlicher Grundlage aus, indem er Blüten
mit dem Pollen anderer Arten befruchtete. So erhielt
er als erſten Baſtard den zwiſchen zwei Tabakarten,
Nicotiana rustica und panjculata, und nannte ihn ſcherz=
hafterweiſe
einen wahren botaniſchen Mauleſel Solche
Miſchlinge halten in ihren Eigenſchaften in der Regel die
Mitte zwiſchen beiden Eltern; ſie ſind in ſich durchaus ein=
heitliche
wachſende Pflanzen, alle ihre Zellen und Zell=
kerne
ſind eine Miſchung, hervorgegangen aus väterlichen
und mütterlichen Erbmaſſen. Nun gibt es aber einige
wenige Baſtarde, die in wichtigen Punkten anderes Ver=
halten
wie die ſexuellen aufweiſen, die nach Ausſage der
Gärtner nach Pfropfungen eine Art auf eine an=
dere
, als Adventipſproſſe aus den Stellen, an denen die
beiden fremdartigen Gewebe verwachſen ſind, hervor=
gegangen
ſein ſollten und demgemäß als Pfropfbaſtarde
bezeichnet wurden. Der bekannteſte unter ihnen iſt
Laburnum Adumi, der 1825 von dem Gärtner Adam
zu Vitry bei Paris aus der Pfropfſtelle eines rotblütigen
Hülſenſtrauchs, Cytisus purpureus, auf Goldregen,
Laburnum vulgare erzielt wurde und der jetzt in vielen
Gärten verbreitet iſt Seit dem Jahre 1644 kennt man
Miſchpflanzen aus Orange und Cedrate, die ſogen. Bi=
zarrien
, ja ſogar aus 3, ſelbſt 5 verſchiedenen Citrus=
Arten. Großes Aufſehen erregten die in neuerer Zeit ent=
ſtandenen
Pfrpfbaſtarde von Bronvaux bei Metz. Hier
handelt es ſich um 3 verſchiedene Zwiſchenformen zwiſchen
Miſpel, Mespilas germanier, und Weißdorn, Critge.
monogyna, die unzweifelhaft aus der Pfropfſtelle eines
auf Weißdron veredelten, hundertjährigen Miſpelbaumes
zum Vorſchein gekommen waren; Jouin beſchrieb ſie 1899
und die Firmi Simon=Louis bei Metz brachte ſie in den
Handel. Sciche Miſchlinge ſind 1904 von Daniel auch
für Quttte und Weißdorn angegeben worden. Man
konnte ſich die Entſtehung der Pfropfbaſtarde nicht recht

erlaren und namhaſte Molaniter hieiten ſie bis noch vor
wenigen Jahren für ſexuelle Baſtarde, bei denPfropfungen
ſeien Verwechſelungen vorgekommen, die Edelreiſer oder
die Unterlagen ſeien keine reinen Arten geweſen.
Die Löſung des Rätſels, das dieſe merkwürdigen
Miſchlinge boten, verdanken wir dem Tübinger Bota=
niker
Hans Winkler. Als Verſuchspflanzen benutzte er
Solanum nigrum, den Nachtſchatten, und Soianum
Lyeopersieum die Tomate; beide laſſen ſich leicht auf=
einander
aufpfropfen und beide bilden ſehr willig Adven=
tivknoſpen
auf Querſchnitten durch die Pfropfſtellen.
1907 erhielt er als erſten Pfropfbaſtard einen Adventiv=
ſproß
, der ſich zu einer höchſt merkwürdigen Pflanze ent=
wickelte
. Der ganzen Länge nach zeigte ſich dieſer Sproß
zuſammengeſetzt, links aus Nachtſchatten mit ſeinen ganz=
randigen
Blättern, weißen Blüten und ſchwarzen Beeren,
rechts dagegen aus Tomate mit ihren gefiederten be=
haarten
Blättern, gelben Blüten und roten Früchten. Die
auf den Grenzlinien beider Gewebe entſtandenen Blätter,
Blüten und Beeren waren halbſeitig Nachtſchatten, halb=
ſeitig
Tomate. Winkler nannte ſolche, noch mehrmals in
ſeinen Verſuchen erzielte, zuſammengeſetzte Pflanzen
Chimaeren. Vom Jahre 1908 an ergaben die Verſuche.
nun mehrere neue Pfropfbaſtarde, die Zwiſchenformen
zwiſchen beiden Arten vorſtellten. Eingehende anatomiſche
Unterſuchung der Zellenkernteilungen überzeugte Winkler
davon, daß auch dieſe Zwiſchenformen Chimaeren ſind,
aber keine sektoriale Chimaeren wie die 1907 zuerſt er=
haltene
Pflanze, ſondern veriklinaie Chimaeren, denn
ihre inneren Gewebe gehörten der einen Art an, die
peripheriſchen Zellſchichten dagegen der anderen. Die
zuerſt erhaltene dieſer Mantelchimaeren nannte Winkler
Lalanum tubingense; ſie ſteht dem Nachtſchatten am näch=
ſten
, beſitzt auch deſſen Gewebe, mit Ausnahme der Ober=
haut
, die ſamt ihren Haaren der Tomate angehört.
Solanum protens beſteht aus Nachtſchattengewebe, über=
zogen
mit 2 Zellſchichten der Tomate, Solanum Kgel-
reuterianum
dagegen aus Tomatengewebe, überzogen
mit einer Epidermis von Nachtſchatten, und Solanum
Gaertnerjanum mit zwei äußeren Zellſchichten vom
Nachtſchatten. Auch Sektorialchimaeren zwiſchen dieſen
vier verſchiedenen Pfropfbaſtarden oder zwiſchen ihnen
und den reinen Arten kamen zum Vorſchein und öfters
zeigten die Baſtarde auch Rückſchlagsſproſſe zu den bei=
den
reinen Arten. Die Nachkommen des Solanum

tubingense ſind reines Solanum nigrum, dier des
S. proteus dagegen reines S. Lyeopersicum, da ſtets die
zweitäußerſte Zellſchicht einer Pflanze die Sexualzellen
liefert. Nur auf vegetativem Wege können alſo die
Pfropfbaſtarde vermehrt werden. Winkler hat übrigens
auch einen Pfropfbaſtard, das Solanum Darwinianum,
erhalten, das einer vegetativen Zellverſchmelzung an der
Pfropfſtelle ſeine Entſtehung zu verdanken ſcheint; dar=
über
ſind aber die Unterſuchungen noch nicht zum Abſchluß
gelangt. Der Schlüſſel zur Erklärung der älteren
Pfropfbaſtarde war nunmehr gegeben. Laburnum
Adami entpuppte ſich als ein Goldregen mit einer Haut
von Etisus purpnreus und die Cratsegomespili von
Brovaux ſind ebenfalls Periklinalſtimaeren.
Pflanzliche Chimaeren können, wie Erwin Baur
nachgewieſen hat, noch auf anderem Wege als durch
Pfropfung entſtehen. Von Pelargonium zonale gibt es
eine rein weißblätterige Raſſe mit verkümmerten farbloſen
Chlorophyllkörnern. Die ſexuelle Kreuzung dieſer weißen
Raſſe mit der normalen grünen liefert moſaikartig grün
und weiß zuſammengeſetzte Baſtarde: die Anlagen der
weißen Chlorophyllkörner des einen Elters und die An=
lagen
der grünen des anderen Elters ſind zwar in der
befruchteten Eizelle noch Gmeinſam enthalten, ſcheiden
ſich aber bei den ſpäteren Zellteilungen wieder nach
Zellen. Das weiße und das grüne Gewebe kann ſektorial
verbunden ſein, dann entſtehen der Länge nach halb=
weiße
, halb grüne Blätter, oder periklinal und dann ent=
ſtehen
weißrandige Blätter. Baur hat an ſolchen Perlar=
gonien
zuerſt den Begriff der Periklinalchimaeren ent=
wickelt
. Zum Schluß wies Vortragender auf das Ver=
halten
der zerſchlitztblätterigen Buche, Fagus silvatica
var asplenikolis, hin: An ſolchen Buchen treten öfters
Rückſchlagsſproſſe mit gewöhnlichen Buchenblättern auf,
wobei in der Regel die Sproſſe wie Sektorialchimaeren
zur Hälfte aus Gewebe der ganzblätterigen, zur Hälfte
aus Gewebe der zerſchlitztblätterigen Form zuſammen=
geſetzt
erſcheinen. Hier handelt es ſich ebenfalls nicht um
Pfropfbaſtarde, vielmehr vollzieht ſich die Sonderung auf
unbekannte Weiſe an ein und derſelben Pflanze. Im
hieſigen botaniſchen Garten werden drei von den Winkler=
ſchen
Solanum=Pfropfbaſtarden, ferner Laburnum
Adami und zwei Crataegomespili kultiviert und Inter=
eſſenten
gerne gezeigt, ebenſo die Pelargonien und die
zerſchlitztblätterige Buche.

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(VII23797

Vollreis
iſt nicht der heute allgemein
verwendete glänzende Reis,
der geſchält und poliert iſt und
dadurch ſeiner beſten Nähr=
ſtoffe
, der Nährſalze beraubt
iſt, welche bei den Früchten
direkt unter der Schale liegen.
Um das ſchöne Ausſehen zu
erzielen, wird der Glanzreis
mit Parafin, Talkum, Ultra=
marinblau
uſw. behandelt.
Aus
Vollreis
ſchöpfen die Japaner und
Chineſen ihre Kraft und Aus=
dauer
und zwar nur deshalb,
weil ſie den Reis eben als
Vollreis, d. h. vollwertig und
ungekünſtelt genießen. Wenn
wir von Getreide nur das
Innere als Nahrung gebrau=
chen
, ſo geniezen wir faſt nur
das nicht ſo wertvolle Stärke=
mehl
., während wir die wich=
rigen
Nährſalze und Kleber=
ſtoffe
dem ſchönen Ausſehen
zuliebe opfern. (23878a
Verwenden wir deshalb
Vollreis
wie ihn die Natur gibt, dann
haben wir auch gute Nerven,
geſundes Blut und ſchöne
Zähne und brauchen keine
künſtlichen Nährſalze.
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[ ][  ][ ]

Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt.

39 133.

Dienstag, 19. Novenber.

1912.

Bekanntmachung.

Betr.: Sperrung der Kreisſtraße Groß=Gerau-Mörfelden von Km 3,104,00 wegen
Ausführung von Kleinpflaſter.
Wegen Ausführung rubr. Arbeiten iſt die Kreisſtraße Groß=Gerau-Mörfelden
von Km 3,104,00 (Gemarkung Groß=Gerau) vom 15. d. Mts, ab auf etwa 3 Wochen
für den geſamten Fuhrwerks= und Automobilverkehr polizeilich geſperrt.
Die in der Richtung von Groß=Gerau nach Mörfelden und umgekehrt fahrenden

Juhrwerke, Auomodie uſw. haden die Straße Groß=Gberau=RleinGerau= Wor=
felden
-Braunshardt-Gräfenhauſen-Mörfelden und umgekehrt zu benutzen.
Groß=Gerau, den 12. November 1912.
(23858
Großherzogliches Kreisamt Groß=Gerau.
Dr. Wallau.

In einem Gehöft zu Groß=Bieberau iſt unter dem Rindviehbeſtand der Milz=
brand
ausgebrochen.
(23857

Amtliche Nachrichten des Großh. Polizeiamts Darmſtadt.

Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde: In polizei=
licher
Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 1 Spitzhund, 2 Pinſcher, 1 Dobermann. Die Hunde können
von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt werden.
Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden
Werktag, vormittags um 10 Uhr, ſtatt:
(23860

Verhutung von Feuersgefahr.

Nach § 368 des Reichsſtrafgeſetzes wird derjenige mit Geldſtrafe
bis zu 60 Mark oder mit Haft bis zu 14 Tagen beſtraft, der es
unterläßt dafür zu ſorgen, daß die Feuerſtätten in ſeinem Hauſe in
baulichem und brandſicherem Zuſtande unterhalten, oder daß die
Schornſteine zur rechten Zeit gereinigt werden. Im Falle der Ent=
ſtehung
eines Brandes kann auf Gefängnisſtrafe erkaunt werden.
Ich ſehe mich veranlaßt, die Hausbeſitzer auf dieſe Beſtimmungen
um deswillen beſonders hinzuweiſen, weil wiederholt Brände dadurch
entſtanden ſind, daß bei dem Verſetzeu von Oefen und Herden in
andere Räume die dabei außer Benutzung gekommenen Rauchrohr=
öfinungen
der Schornſteine entweder gar nicht oder nicht mit ſeuer=
ſicherem
Material, ſogar mit leicht entzündlichem Material (Papier,
Lumpen und dergl.), verſchloſſen worden ſind.
Darmſtadt, 7. November 1912.
(23408a
Der Oberbürgermeiſter.
J. V.: Ekert.

Verſteigerungs-Anzeige.

Mittwoch, den 20. November 1912, nachm. 3 Uhr,
verſteigere ich im Verſteigerungslokal Zur Ludwigshalle ( Ober=
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1 Vertiko mit Aufſatz, 1 dunkler Anzug, 1 Diwan, 1 Mille
Zigarren, 1 Bükett;
ferner hieran anſchließend auf freiwilligen Antrag:
1. Schrank, 1 Kommode. 1 runder Tiſch, 1 Spiegel,
1 Kaſſenſchrank.
Darmſtadt, den 18. November 1912.
(23876
Kapp, Gerichtsvollzieher
in Darmſtadt, Friedrichſtraße 24, I.

Bekanntmachung.

Der von dem Gemeinderat beratene und feſtgeſetzte Gemeinde=
Voranſchlag für das Jahr 1913 iſt vom 20. November d. J. an
acht Tage lang während der Geſchäftsſtunden auf dem Gemeindehaus
offengelegt. Es wird dies mit dem Bemerken bekannt gemacht, daß
die Beteiligten innerhalb der Offenlegungsfriſt den Voranſchlag ein=
ſehen
und bei dem Bürgermeiſter ſchriftlich oder zu Protokoll Ein=
wendungen
gegen ſeinen Inhalt vorbringen können. In dem Vor=
anſchlag
iſt die Erhebung einer Umlage beſchloſſen, zu der die Aus=
märker
herangezogen werden.
(23838
Arheilgen den 16. November 1912.
Großh. Bürgermeiſterei daſelbſt.
Benz.

Verſteigerungs-Anzeige.

Mittwoch, 20. November 1912, vormittags 11Uhr
werden im Pfandlokale Rundeturmſtraße 16 (Reſtauration Zur
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1 Sohlenſtanzmaſchine, Pianinos, Tafelklavier, 1 Stutz=
flügel
, 1 Oelgemälde, Ladenregale, Ladentheken, eiſ. Be=
hälter
, 1 Grammophon, Eigarren, 1 Halbverdeck und
(23869
1 Pferd
durch den Unterzeichneten zwangsweiſe verſteigert.
Berbert, Großh. Gerichtsvollzieher.
Georgenſtraße 11, I.

Die Unterſertigte in Erſahrung gebracht hat, herſcht in unſeret
Stadt das falſche Gerücht, die Burſchenſchaft Markomannia
habe ſich an den traurigen Vorfällen, die ſich zwiſchen deut=
ſchen
und ruſſiſchen Studenten abſpielten, beteiligt. Die Veranlaſſung
hierzu gibt vor allem der hieſige Korreſpondent der Frankfurter
Zeitung, der den Namen unſerer Korporation irrtümlicher Weiſe
in der Frankfurter Zeitung erwähnt und ſomit weiteſten Kreiſen
bekannt gegeben hat. Die hieſigen Blätter, die doch gewiß beſſer
über den Sachverhalt unterrichtet waren, haben unſeren Namen, den
Tatſachen entſprechend, mit dem Vorfall überhaupt nicht in Ver=
bindung
gebracht. Wir ſehen uns nun genötigt, an dieſer Stelle
ſämtlichen unwahren Meldungen und Gerüchten ganz entſchieden
entgegenzutreten. Außer unſerem früheren Mitglied, Herrn Altſtädt,
iſt überhaupt niemand von unſerer Burſchenſchaft in die Angelegen=
heit
verwickelt. Dieſer Herr gehörte zur Zeit der Tat unſerer Kor=
poration
nicht an. Herr Bahr und ſämtliche anderen beteiligten
Studenten ſtanden niemals in irgend welcher Beziehung zu unſerer
Burſchenſchaft. Wir werden jedermann, der uns in Zukunft in Zu=
ſammenhang
mit dieſer Angelegenheit bringt, mit allen uns zu Ge=
(23830
bote ſtehenden Mitteln gerichtlich belangen.
Die Darmſtädter Burſchenſchaft
Markomannia.

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Vereinsbank . . 2028/40 13336/25
noch zu zahlende Un=
Poſtſcheck=Konto.
11407
koſten
1000-
Wechſelgeld=Konto
165 26338174ll überzahlte Kohlen=
Anteil=Konto, G. E. G. Ham=
beträge

37/45 2319762
burg
2910
Spareinlagen= Konto ſot5217
Pferde=Verſich.=Gilde=Konto
3110-
*200
Darlehns=Konto.
Sparmarken=Konto . 1104160
516247
Debitoren=Konto
Kautions=Konto . . 5845187
5851it
354 15 9212/14i Barrabatt=Konto. . 25226/54) 92629/78
(Kohlen)
Invent.=Kont., Geſtehungsw. 31296/75
Mitgl.=Anteil=Konto 52118185l
Bisherige Abſchreibung.
7660102
Notfonds=Konto . . 11066625
2o3e73
Hypotheken=Konto . 62000124785/18
10% diesjähr. Abſchreibung 2386173) 21250)
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186
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Maſchinen=Konto, neu
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Dispoſitionsfonds=
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Konto:
32662107
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Verſicher.=Konto, vorbezahlt
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9114e 391/48
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Mitgliederbewegung und Haftſumme.
. . 3223
Stand der Mitglieder am 30. Sept. 1911 . .
760
2
Neu eingetreten bis 30. Juni 1912
zuſammen 3993
Ausgeſchieden durch Tod
25
freiwillig
30
durch Abreiſe
3837
Vorhandene Mitglieder am 30. Juni 1912.
Die Haftſumme
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betrug am 30. September 1911
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16)

Du wir haben doch geſtern über meinen unglück=
lichen
Rivalen Plattangen geſprochen.
Er ſagte es in leichtem, ſarkaſtiſchem Tone.
Er tut mir leid, Friedrich Karl.
Natürlich, Weltſchmerz ſimulieren macht Eindruck auf
ein Mädchenherz!
Da wirft Gunild Dittmark den ſchönen Kopf in den
Nacken. Ich weiß, daß mich Plattangen ehrlich ge=
liebt
hat!
Hat? Vielleicht tut er’s noch heute höchſtwahr=
ſcheinlich
ſogar!
Und deshalb ſollteſt Du mit Achtung und nicht in
ſpöttiſchem Tone von ihm reden!
Nimm mir’s nicht übel, aber es liegt in meinem eige=
nen
Intereſſe, dieſe Schwärmerei zu zerſtören!
Plattangen war fertig! Er ging freiwillig gewiß,
aber lange hätte er ſich wohl nicht mehr halten können!
Fertig?
Ganz bleich iſt Gunild geworden.
Ja, er hat Schulden und trägt ſie nach und nach ab,
ich weiß es aus ganz ſicherer Quelle.
Sie wird gefabelt haben, Friedrich Karl.
O nein, ich könnte Dir ſogar Namen nennen.
Und wenn’s ſo wäre, trotzdem hat er mich aufrichtig
geliebt.

Frlich e men Zu meint
Da gingen der Braut die Nerven durch. Ein für alle=
mal
bitte ich Dich, rede von Deinen Mitmenſchen nicht
in dieſem Tone zu mir, es verletzt mich!
Du meinſt über Plattangen?
Ueberhaupt. Ich finde nicht die richtigen Worte, um
Dir das auseinanderſetzen zu können, ich denke, Du müß=
teſt
mein Gefühl verſtehen können.
Aber, herzige Gunild, warum ſo ſenſibel? Man macht
die Augen auf, ſieht ſich die Welt an und paßt auf, daß
man nicht den Kelch bekommt, wenn nur noch eine Neige
drin iſt.
Deshalb braucht man noch lange nicht zu ſpotten!
Tu’ ich auch nicht. Aber als Dein Verlobter hab’ ich
wohl das gute Recht, Dir Bedenken, die Dein Herz ſchwer
zu machen ſcheinen, zu nehmen. Bitte, denke ja nicht,
ich hätte jemals Furcht vor Plattangen als Rivale ge=
habt
! Gott bewahre! Es liegt nur in meinem Wunſche,
Dir nicht unnötig das Herz ſchwer machen zu laſſen durch
törichte Redereien. Der gute Junge war eben fertig, und
da hat er ſich ein Mäntelchen zum Abſchiede umgehangen,
das ich ihm wenigſtens vor Deinen Augen herunterreißen
muß. Was die übrige Welt denkt und ſagt, iſt mir herz=
lich
einerlei, denn in vier Wochen ſpricht hier kein Menſch
mehr vom Freiherrn Donatus von Plattangen.
Sie biß die Zähn= zuſammen und ſchwieg. Gewonnen
hatte mit dieſer Auseinanderſetzung Friedrich Karl bei
ihr ſicher nicht.
Dem Vater fiel es auf, wie ſtill Gunild bei Tiſch war.

Dann gingen die Damen, um mit dem Verlobten
Einkäufe für die Ausſtattung zu machen.
Dittmark lief eine gute Stunde mit finſterem Geſicht
in ſeinem Zimmer umher.
Nein, noch iſt es nicht Zeit, ſagte er leiſe vor ſich hin.
Aber freundlicher wurde er in den nächſten Tagen zu
ſeinem zukünftigen Schwiegerſohne keineswegs, und Gu=
nild
gewann ihre ſorgloſe Fröhlichkeit auch nicht wieder.
Aber Frau von Dittmark ſtrahlte über das ganze
Geſicht.
Es war ſeit vielen Jahren das erſtemal wieder, daß
Plattangen den Weihnachtsabend, in der Heimat ver=
brachte
. Seinen Urlaub hatte er ſich immer nach den
Manövern erbeten, wenn in Maſuren der Hirſch ſchrie.
Die Leute bekamen unter ſtrahlenden Tannen im Saale
die Gaben, praktiſche Sachen, Tücher, Hemden, Nahrungs=
mittel
. Der Pfarrer hielt nach dem Gottesdienſt in der
kleinen Dorfkirche eine kurze Anſprache und mahnte immer
wieder, dem Teufel Schnaps nicht allzu ſehr zu huldigen.
Geholfen hat’s freilich ſelbſt an dieſem Abend nicht viel,
der Maſure kann bei der Kälte ſein Fläſchchen nicht
miſſen.
Plattangen rief Agrameits zu ſich und nahm ſie mit
in ſein Arbeitszimmer. Dort waren für ſie die Geſchenke
aufgebaut, ſie waren ſehr zahlreich ausgefallen. Ein Kleid
für die Frau, eine große Broſche und ein Nähtiſch. Der
Verwalter bekam eine dicke, mit Lammfell gefütterte Lo=
denjoppe
mit vielen Taſchen dein, hundert Zigarren, ein=

[ ][  ][ ]

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.

Nummer 273.

Meiſe chlen Paſeretehet dant, eit daer Kohen
Likör und fünf große glänzende Goldfüchſe.
Das iſt zuviel, Herr Oberleutnant!
Machen Sie keine Geſchichten, Agrameit, und verder=
ben
Sie mir die Weihnachtsfreude nicht!
So glänzend ſtehen wir nicht da!
Sein Herr ſchlug ihn auf die Schulter. Sie meinen
wegen der Abholzerei?! Laſſen Sie’s nur gut ſein, es
kommt nicht wieder vor!
Aber Agrameit wollte das Geld nicht annehmen. Ich
habe mein gutes Auskommen, die ſchöne Wohnung, meine
Kinder verdienen ſich ihr Brot ſelbſt, ich bin ein zufrie=
dener
Mann.
Erſt als ſich der Pfarrer ins Mittel legte, nahm er
kopfſchüttelnd alle Gaben an.
Mit dem Geiſtlichen fuhr Plattangen nach Klotzowen.
Es war das Pfarrdorf, zu dem drei Nachbarorte gehörten,
jeder hatte ſein beſcheidenes Kirchlein.
Sollenſtern empfing ſeinen Neffen mit einem Schmun=
zeln
.
Mannchen, das wird mal für mich alten Kerl ein
lieber Weihnachtsabend! Der polniſche Karpfen und eine
gut gebratene Gans warten.
Und als ſie behaglich nach dem Eſſen mit einer guten
Zigarre beim kniſternden Feuer ſaßen, fing Onkelchen zum
erſten Male wieder an, von Gunild Dittmark zu ſprechen.
Du ſiehſt ſchon viel munterer aus, Mannchen. Ja,
die Arbeit, die rüttelt die Gedanken durcheinander und
verſchafft dem Menſchen das Gleichgewicht wieder!
Und trotzdem trage ich ſchwer an meinem Schickſal,
wenn ich’s auch nach außen hin mir nicht merken laſſe.
Na ja dochchen, man muß oft im Leben eine Grimaſſe
ſchneiden, wenn’s einem auch ganz anders ums Herz iſt!

Mielangen ſierie mnit ſiſten Geſcht n die Ein.=
Dieſer Wullnow iſt nicht der Mann, der Gunild Ditt=
mark
glücklich machen wird!
Ganz meine Anſicht mir direkt widerlich, der Kerl!
Damit wirſt Du begreifen, wie ich darunter leide, daß
ſie den aalglatten Diplomaten mir vorgezogen hat!
Sollenſtern ſog bedächtig an ſeiner großen Bock und
ſtieß dann haſtig den Rauch aus. Teufel auch, wir wer=
den
uns doch den Abend nicht mit albernen Gedanken
verderben! Am dritten Feiertag kommt Roßdorff. Er
wohnt natürlich bei Dir, aber die drei, vier Tage, die er
hier bleibt, wollen wir uns mal ordentlich amüſieren,
ihm zeigen, wie fein ſich’s in Maſuren leben läßt! Einen
Tag ſagen wir uns bei Dittmarks an, die Jungen ſind auf
Urlaub da.
Ich habe in Tampiſchkehmen noch gar keinen Beſuch
gemacht.
Hab‟ Dich ſchon entſchuldigt, Mannchen.
Und den Grund angegeben?
Allerdings. Sie ſind ihrer Schwägerin ſchon lange
nicht grün, Du wirſt auf mitfühlende Herzen ſtoßen.
Dafür bedanke ich mich allerſchönſtens.
Nur ſachte, Mannchen, die Tampiſchkehmer ſind takt=
volle
Leutchen! Wie wär’s, wir ſetzten für den Neun=
undzwanzigſten
eine kleine Jagd an?
Meinetwegen Es wird ja doch nur eine Knallerei
an den Futterſtellen.
Die Wildſchweine haben toll zugenommen, und ’s
wird gut ſein, wir legen ein paar ſchwache Hirſche auf die
Decke. Holen wir ſie uns nicht, beſorgen’s die lieben
Nachbarn und die Wilddiebe, und warum wir denen die
Freude laſſen ſollen, ſeh’ ich nicht ein.
Ganz wie Du denkſt, Onkelchen.

dn uſt ie, als hüluſt dit m dner firhſichen Zad
gar keine Freude mehr?
Da ſtand Plattangen auf. Tu mir bloß den einzigen
Gefallen und lieg mir nicht mehr mit Gunild Dittmark
in den Ohren!
Sollenſtern nickte und ſchwieg. Denſelben Schmerz
hatte er ja am eigenen Leibe verſpüren müſſen.
Der Neffe fuhr zeitiger nach Plattangen zurück, als
er urſprünglich gewollt.
Onkelchen aber ging, das Taſchentuch in der Hand,
mit dem er ſich alle Augenblicke über die heiße Stirn fuhr,
aufgeregt im Zimmer auf und ab und ſchimpfte Mord
und Brand über die verdrehte Welt.
Onkel und Neffe erwarteten Roßdorff auf dem Bahn=
hofe
.
Das nenne ich mal einen feierlichen Empfang!
Aber ne Hundekälte iſt hier in Maſuren!
Sollenſtern lachte und betrachtete ſich den jungen Offi=
zier
vom Kopf bis zu den Füßen.
Mein Verehrteſter, hier läuft man nicht rum wie in
Berlin Unter den Linden, wo überall der Herrgott den
Arm zu nem ordentlichen Trunke und ner warmen Bude
rausſteckt! Wenn Sie erſt noch n Stückchen weiter nach
Nordoſten fahren, können Sie an guten Apriltagen Ihr
Mäntelchen ſpazieren tragen!
Er wurde in einen weiten Lammfellpelz geſteckt, und
dann ging’s mit den kleinen ſchnellen Maſurenpferdchen
nach Plattangen.
Sollenſtern blieb bis zum Abend mit den Herren zue
ſammen.
Alſo morgen bei mir auf Wiederſehen!
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Seite 18.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.

Nummer 275,

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Athletik. Am Sonntag weilte der Kraftſportverein
Darmſtadt 1910 in Ludwigshafen bei einem von hervor=
ragender
Konkurrenz beſuchten Athleten=Wettſtreit und er=
rang
dort im Stemmen und Ringen 12 Preiſe. Als Sie=
ger
gingen hervor: M. Hauffenmeyer, W. Harf, G. Koll=
mer
, M. Eckerl, Ph. Gries S. Heß, Karl Lang, W. Jung,
A. Klöß, Ph. Groh, J. Poth. Beſonders hervorzuheben
iſt noch der 1. Vereinspreis, ein prachtvoller Ehrenpreis,
welcher für die höchſt erreichbare Punktzahl errungen
wurde.
* Pferdeſport. Le Miracle in Paris geſchla=
gen
. Der ſich in deutſchem Beſitz befindliche franzöſiſche
Steepler Le Miracle, der Gewinner des Großen Preiſes
von Karlshorſt und der fünfhundert Kronen, nahm am
Sonntag unter Jockei Chapman am Prix Montgomery
teil, der mit 40000 Francs ausgeſtatteten Hauptkonkurrenz
der Rennen zu Auteuil. Der Wallach des Herrn J. Junk
lief ein gutes Rennen, mußte ſich aber mit dem dritten
Platz begnügen. Für das über 5500 Meter führende
Rennen erſchienen 15 Pferde am Start. Beim zweiten
Paſſieren der Tribünen hatte Trudon noch die Spitze,
aber an der letzten Barriere übernahm Le Miracle das
Kommando. Der Wallach wurde jedoch zwiſchen den bei=
den
letzten Hinderniſſen von Sauveur und Magicienne
überholt. Magicienne verlor infolge eines Fehlers am
letzten Sprung viel Boden, rückte aber dann mächtig auf,
konnte jedoch den von Jockei Parfrement energiſch nach
Hauſe gerittenen Sauveur des Monſ. Foacier nicht mehr
ganz erreichen, der nach ſcharfem Kampfe um einen Kopf
Sieger blieb. Fünf Längen hinter Magicienne endete
Le Miracle als Dritter vor Primat, Ratafia, Trudon und
Trianon III. Tot. 75110.
* Radſport. Die Pariſer Winterbahn brachte
wieder den Start zweier deutſcher Rennfahrer,
die aber beide ſehr ſchlecht abſchnitten. In einem Dauer=
rennen
mit zwei Vor= und zwei Endläufen ſiegte der
Berliner Janke zunächſt in ſeinem Vorlauf über 20 Kilo=
meter
in 16 Min. 50 Sek. vor Guignard, 200 Meter und
Bruni 3½ Runden zurück. Den zweiten Vorlauf über
20 Kilometer gewann Vanneck in 17 Min. 24,4 Sek. mit
50 Meter Vorſprung gegen Kjeldſen und dem durch Motor=
defekte
viel Terrain verlierenden Linart, der 2½ Runden
zurück endete. Den Endlauf über 25 Kilometer gewann
Guignard (Continental=Pneumatik) in 21 Min. 3,2 Sek.
mit 3 Runden Vorſprung vor van Neck. Der völlig ver=
ſagende
Janke blieb 8½ Runden zurück. Der Endlauf der
Geſchlagenen ſah Linart in 21:04,4 in Front, Kjeldſen
5 Runden, Bruni 5 Runden 50 Meter zurück. Der Ber=
liner
Saldow traf in einem Verfolgungsrennen auf den
neuen Stundenweltrekordmann Egg. Ein Fliegerrennen
gewann Dupre vor Moretti, Lawſon, Oliveri und dem
ſchlecht fahrenden Goullet.
* Fußballſport. Holland ſchlägt Deutſch=
land
im Fußballänderkampf 3:2. Der Kampf,
den ſich am Sonntag die beiden repräſentativen Länder=
mannſchaften
in Leipzig lieferten, war von Anfang an bis
zu Ende gleich ſpannend. Zu Beginn des Spieles war
Holland gleich im Angriff. In der 4. Minute ließ För=
derer
=Karlsruhe eine ſchöne Chance aus. Das Spiel
wurde dann ausgeglichen, bis nach 10 Minuten der hol=
ländiſche
halblinke Stürmer kräftig durchbrach und zum
erſten Male unhaltbar einſandte. In der 28. Minute gab
Deutſchlands Linksaußen=Stürmer Gäbelein=Halle eine
Flanke zur Mitte, die nach guter Kombination vom Mittel=
ſtürmer
Jäger=Altona glatt verwandelt wurde. Nun kam
Deutſchland mächtig auf und nach wenigen Minuten lan=
dete
der Ball zum zweiten Male im holländiſchen Netz,
aber das Tor wurde wegen abſeits nicht gezählt. Bald

darauf ſchoß Förderer einen ſcharfen Schuß gegen den
Torpfoſten der Holländer. Während in der erſten Spiel=
hälfte
Deutſchland mehr vom Kampfe hatte, drängte Hol=
land
nach der Pauſe ſtark. Sieben Minuten nach Wieder=
beginn
verwandelte der holländiſche Mittelſtürmer einen
famos getretenen Eckball von Linksaußen zum zweiten
Tor für Holland unter unbeſchreiblichem Jubel ſeiner zahl=
reichen
Landsleute. Nach ausgeglichenem Kampf zog
Deutſchland in der 19. Minute durch Jäger gleich. In der
29. Minute erzielte Holland ſein letztes Tor. Holland ließ
ſich die Führung nicht mehr nehmen und verließ ſomit als
Sieger mit 3:2 den Platz.
Die Berliner Fußballmeßſterſchafts=
ſpiele
wurden am Sonntag fortgeſetzt. Das größte
Intereſſe beanſpruchte der Kampf zwiſchen Viktoria und
dem in dieſer Saiſon bisher an der Spitze ſtehenden Ber=
liner
Ballſpiel=Klub. Letzterer erhielt ſeine zweite Nieder=
lage
und zwar mit 011 (Pauſe 0:0). Der Berliner Meiſter
Preußen hatte Vorwärts zum Gegner. Da der Kampf
unentſchieden 333 blieb, hat Preußen jetzt von 8 Spie=
len
4 unentſchieden und nur eines ſiegreich beendet. Vor=
wärts
übernahm kurz nach Beginn durch einen zweimal
getretenen Elfmeterball, den Weber einſandte, und durch
ein weiteres Tor die Führung, doch glich Preußen noch
vor der Pauſe wieder aus. Die zweite Spielhälfte ſah
den Berliner Meiſter zunächſt in Front und durch einen
ſchönen Schuß von Herbſt auch erfolgreich, nachdem der
gleiche Spieler kurz vorher einen Elfmeterball über die
Latte geſchoſſen hatte. Kurz vor Schluß wurde Vorwärts
nach einer Mannſchaftsumſtellung weſentlich beſſer, was
auch durch das ausgleichende dritte Tor zum Ausdruck
kam. Tasmania unterlag mit 5.1 (111) gegen Mi=
nerva
. Tasmania übernahm in der 9. Minute durch einen
Schuß des Mittelſtürmers die Führung, doch glich Mi=
nerva
durch einen Elfmeterball kurz vor der Pauſe aus.
Nach Halbzeit griff Minerva gleich flott an und erzielte in
ziemlich gleichmäßigen Zwiſchenräumen 4 weitere Tore.
Die Spiele der I. Klaſſe brachten den in beiden Abteil=
ungen
führenden Vereinen überraſchende Niederlagen.
Tennis Boruſſia ſiegte mit 511 über Berolina, Norden=
Nordweſt ſiegte mit 514 über Sportverein des Weſtens,
Cimbria ſiegte mit 211 über Weißenſeer F.=K. 1900, Ger=
mania
ſiegte mit 411 über Fortuna. Union=Potsdam
ſpielte unentſchieden 2:2 gegen Union=Oberſchöneweide
und ferner Berliner Sport=Klub ebenfalls unentſchieden
1.1 gegen Viktoria=Spandau.
* Die Berliner Hockeyſpiele um die Verbandsmeiſter=
ſchaft
brachten dem Berliner Sport=Klub mit 12:2 (711)
einen ganz überlegenen Sieg über die Berliner Hockey=
Union. Ebenſo überlegen beſiegte der Berliner Ballſpiel=
Klub mit 8:1 (4:0) den S.=K. Komet Im Geſellſchafts=
ſpiel
unterlag Britannia I mit 3:4 gegen den Berliner
Sport=Klub II.

Literariſches.

Wie zu allen aktuellen Lebensfragen, ſo nimmt
auch zur Frage der Teuerung die Wiener Mode in
dem ſoeben erſchienenen 4. Heft des 26. Jahrganges
Stellung. Und es muß bedingungslos zugegeben werden,
daß der betreffende Artikel von Helene Granitſch zu dem
Beſten gehört, was bisher über die Teuerung geſchrieben
wurde, wenn er nicht der beſte iſt. Dicke Bände können
dieſe brennendſte Tagesfrage nicht ſo ſachgemäß und klar
behandeln. Die Wiener Mode hat durch dieſe Publikation
wieder einmal bewieſen, daß ſie das richtige Verſtändnis
für die Bedürfniſſe der Frauenwelt hat. Auch der übrige
Inhalt iſt der denkbar reichhaltigſte, Toiletten von der
einfachſten bis zur eleganteſten Ausführung, aparte Hand=
arbeitsvorlagen
, eine Photochronik, die die neueſten Welt=
ereigniſſe
illuſtriert, ein amüſanter, literariſch wertvoller
Unterhaltungsteil, das alles zeigt deutlich, daß die Wie=
ner
Mode nach wie vor den erſten Platz behaupten wird.
Lieſel ohne Sorgen. Eine Erzählung für
junge Mädchen. Von Berta Clément. Mit 4 Ein=
ſchaltbildern
von Auguſt Mandlick. Elegant gebunden
4,50 Mk. Verlag: Union, Deutſche Verlagsgeſellſchaft,
Stuttgart. Unſere Backfiſche haben ihre Lieblingsſchrift=
ſtellerinnen
, dazu gehört Berta Clément ſchon ſeit langem,
und ihre ſonnigen und gemütvollen Erzählungen erfreuen
ſich einer großen Nachfrage.

Gewinnauszug
der
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5. Klaſſe 8. Ziehungstag 16. November 1912

Auf jede gezogene Nummer ſind zwei gleich hohe Gewinne
gefallen, und zwar je einer auf die Loſe gleicher Nummer
in den beiden Abteilungen 1 und II.
(Nachdruck verboten)
(Ohne Gewähr A. St.=A. f. Z.)
In der Vormittags=Ziehung wurden Gewinne über
240 Mk. gezogen:
2 Gewinne zu 150000 Mk. 1427
8 Gewinne zu 10000 Mk. 104157 113487 147255
161509
90 Gewinne zu 3000 Mk. 7491 12965 13427 14203.
25559 28310 32362 34796 35317 37745 41381 51754
62522 63922 55227 67665 68720 59482 69925 6583m
67340 70955 72490 74282 76415 80574 92064 95808
100552 102829 103729 111471 113379 116974 126866
134321 141559 143616 146217 170102 190061. 194858
197808 200645 206092
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24766 26636 31639 36539 42526 44989 46358 46927
47715 49523 49872 52364 66163 57148 68544 60570
61470 65063 71374 71506 73931 74566 75924 77742
85507 99824 100163 103582 105854 111207 114322
121439 126438 133166 133169 134947 136751 138182
146696 147280 150138 150416 157490 159960 160294
160525 166037 167681 172217 173899 164399 165581.
195251 201983 203904 204319 207630
220 Gewinne zu 500 Mk. 657 1396 3187 4275
5092 6192 6456 10001 12381. 14741 16695 17869
20984 21564 24488 24624 27846 30660 31112 31915
35802 35812 36811 37067 39189 39348 40018 40158
41760 41814 43055 43463 49451 51365 52461 65585
58255 59233 64869 64968 65046 67605 67606 68822
71914 71942 72609 73363 74536 76564 75698 80167
81187 81439 85398 87604 88288 89712 90209 90388
91885 92182 92627 92999 93796 102136 104228
107039 107878 113115 115952 119029 120383 126464
134102 134931. 137066 138789 140333 148742 149734
151291 152970 157379 161424 161574 164006 164165
165817 167226 168741 168867 171184 178829 162291
183021 183770 186469 189049 190235 190504 191075
193867 195408 200247 200626 203096 203137 204954
206707
In der Nachmittags=Ziehung wurden Gewinne über
240 Mk. gezogen:
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4 Gewinne zu 10000 Mk. 81065 119240
4 Gewinne zu 5000 Mk. 59029 157233
84 Gewinne zu 3000 Mk. 9274 9955 11564 11580
11664 20638 39541 44833 46178 47205 49076 49876.
65147 68368 72577 76999 78558 97475 108570 113892
117204 123250 123514 128239 129316 142093 143209
146380 149761 151124 155959 164139 178028 179967
182779 186176 188846 191722 199085 199270 199509
201601
142 Gewinne zu 1000 Mk. 2146 3276 H3486 7766
9045 9650 9929 17942 20986 22151 23647 25702
27548 35494 37937 39072 39662 40104 45233 45923
46277 50135 52087 53487 54298 56657 57804 63819
66249 71160 71948 75160 76484 77679 83462 83463
84974 185952 86698 91326 102638 103313 103363
104952 105259 105577 108212 108761 109720 132371
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189993 192193 192235 202849 205269 205421 205878
214 Gewinne zu 500 Mk. 67 3917 4418 4884
6131 7309 7490 8805 10496 11098 12034 12200
13694 13951 14255 15970 16863 17433 18008 18165
19716 25011 27216 27411 28355 28455 35790 36363.
37629 38697 40318 41741 44060 45655 49474 52312
52849 54370 56372 57025 60182 61942 62787 66160
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Nummer 273.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.

Seite 19.

DARMSIADT.
Samstag, den 23. November 1912,
im Festsaale der Turngemeinde (Woogsplatz 5)
Unter Allerhöchstem Protektorate Seiner Königl. Hoheit des Grossherzogs.
Zum Besten des Festhaus-Vereins Darmstadt
Rerlzert!
von Herrn Geheimen Hofrat Professor
Winy Darmester
unter Mitwirkung des
Hofpianisten Herrn Albert Schmidt-Badekow
aus Berlin.
Programm: 1. Beethoven: Sonate für Violine und Klavier
in Es-dur, 2. J. V. Vlotti: Violinkonzert in A-moll. 3. Fünf Tänze
von Martini, Hummel, Weber und John Field, Bearbeitungen von
Willy Burmester (zum erstenmale). 4. Vier Stücke für Klavier:
a) Brahms: Capriccio op. 76, Nr. 2, b) Stolowski: zwei polnische
Idyllen (zum erstenmale), c) Berger: Humoreske in H-moll.
5. Wienlawski: Faust-Fantasie.
(23871
Der Konzertflügel von Steinway &Sons in New-Vork und
Hamburg ist aus dem Lager der Firma Hoflieferant A. W. Zim-
mermann
(Ludwig Schweisgut).
Eintrittskarten: Besonderer Sperrsitz zu 5 Mk., Sperrsitz
zu 3.50 Mk., Numerierter Balkon zu 3 Mk., Saal zu 2.50 Mk., Vor-
sal
zu 1.50 Mk., Galerie zu 2 Mk., Studentenkarten zu 1.50 Mk.,
Schülerkarten zu 1 Mk. sind in der Hofmusikalienhandlung von
Heinrich Arnold, Wilhelminenstrasse 9, zu haben.
Der Vorverkauf ist eröffnet.

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grosser Saal, Eingang Luisenstrasse
Donnerstag, den 28. November 1912,
abends 8¼ Uhr.
Es kommen zum Vortrag:
Frieda Hempel, Farrar, Kurz, Ida
Salden, Caruso, Battistini, Urlus,
Schaljapin usw.
Burmester und Kubelik, Violine.
Numerierte Kartenausgabe beginnt Donnerstag,
den 21. November 1912, bei der Firma K. Jäger,
Georgenstrasse 11, und im Uhrengeschäft, Rhein-
(23874
strasse 33. Telephon 2579.

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Dienstag, den 19. November 1912.
61. Ab.=Vorſtellung A 16.
Wenn ich König wäre!
Romantiſch=komiſche Oper in drei
Akten von Adolphe Adam.
Muſikal. Leiter: Richard Lert.
Spielleiter: Emil Valdek.
Perſonen:
Moſſoul, König v.
Goa . . . . . . . . Otto Semper
Prinz Kadoor, ſein
. Georg Weber
Vetter .
Aug. Globerger
Zephoris
Fiſcher
Karl Bernhardtl
Piféar
Zizél, Küſtenauf=
ſeher
. . . . . . . . L. Schützendorf
Atar, Kriegsmin. Auguſt Kräger
Neméa, Kuſine d.
Königs . . . . . . Olga Kallenſee
Zelide, Schweſter
des Zephoris . . Kathar. Jüttner
Iſſalim, Leibarzt
des Königs . . . Willi André
Der Großadigar . Frz. Herrmann
Fritz Lang
Erſter
.Br. Waigandt
Zweiter &
Dritter HS . . . Adolf Klotz
.Ludw. Indorf
Vierter
Ein Sklave . . . . Franz Geibel
Die Tänze im 2. Akt, von Helene,
Thiele=Leonhardt einſtudiert, wer=
den
ausgeführt v. Sybille Huber,
Adelheid Croneberg u. den Damen
des Corps de Ballet.
Nach d. 1. u. 2. Akte je läng. Pauſe.
Kleine Preiſe:
Proſzeniumsloge 5.10 M., Mittel=
loge
5.10 M., Balkonloge 4.60 M.,
I. Rang 4.10 M., II. Rang: 1.6.
Reihe 2.05 M., 7. u. 8. Reihe 1.65 M.,
Sperrſitz: 1.13. Reihe 3.60 M.,
14.20. Reihe 3.10 M., Parterre:
1.5. Reihe 2.25 M., 6.8. Reihe
1.85 M., I. Galerie 1.05 M., II. Ga=
lerie
0.55 M.
Anfang 7 U. Ende 10¼ U.
Kartenvk. v. 9½1½ u. v. 6 U. an.
Vorverkauf für die Vorſtellungen:
Mittwoch, 20. Nov. 62. Ab.=Vſt.
C 16. Der liehe Auguſtin.
Gewöhnl. Preiſe. Anfang 7 Uhr.
Donnerstag, 21. Nov. 63. Ab.=
Vorſt. B 15. Auf Allerhöchſten
Befehl: Das Prinzip. Luſt=
ſpiel
von Hermann Bahr. Kleine
Preiſe. Anfang 7½ Uhr.
Freitag, 22. Nov. 64. Ab.=Vſt.
D 17. Auf Allerhöchſten Befehl:
Die ſchöne Helena Bur=
leske
Operette von Jacques Offen=
bach
. Kleine Preiſe. Anf. 7 Uhr.
Aus dem Spielplan.
Samstag, 23. Nov. Außer Ab.
III. Sonder=Vorſtell. Minna
von Barnhelm. Anf. 8 Uhr.
Zu dieſer Vorſtellung findet ein
Kartenverkauf nicht ſtatt.

[ ][  ][ ]

Seite 20

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.

Nummer 273,

Heute
November 1912
Dienstag, 19.
Kalsersddl Mittwoch, 20. .. abends 8 Uhr .
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der Celdschränke. Funkentelegraphie. Tesla-Ströme. Herstellung
künstlicher Rubine. Die Wunderwelt des Radiums etc. ete.
Billetvorverkauf: Bei der Firma Hofmusikalenhandlung
G. Thies, Nachfl. L. Schutter, Elisabethensfrasse 12.
Preise: 3 Mk., 2 Mk., 1 Mk. Schülerkarten 0.50 Mk.

Fremdsprachliche Vorträge.
Mittwoch, den 20. Nov.,
1. Vortrag.
5½ Uhr

M. Louvrier:
A travers la litterature francaise moderne.
Karten für sämtliche 5 Vorträge 4 Mk., Einzelkarte 1.50 Mk.,
numerierter Platz 7 Mk., Einzelkarte 2 Mk.
Die Karten sind in der Hofbuchhandlung von H. Schlapp,
Schulstrasse, zu haben. Die Vorträge finden in der Liebigs-
Oberrealschule, Eingang Lagerhausstrasse, statt. (23882

Schülervortragsabend
der Klavierschule Frau Else Hochstätter
Mittwoch, den 20. November, abends 8 Uhr,
im Saale des Muſikvereins Steinſtraße 24.
Programme, welche zum Eintritt berechtigen, gratis bei der
Firma Thies Nachf., Eliſabethenſtraße 12.
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Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 19. November 1912.
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