Darmstädter Tagblatt 1912


28. Juni 1912

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Inſerate
Abonnemenkspreis
werden angenommen in Darmſtadt.
175. Jahrgang
Rheinſtraße 23, Beſſungerſtraße 47,
monatl. 60 Pfg., viertelj. 1.80 Mk., aus=
wärts
nehmen die Poſtämter u. die Agen=
turen
Beſtell. entgegen zu 60 Pfg. monatl. verbunden mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage: ſowie von unſeren Agenturen und
den Annoncen=Expeditionen. Bei
gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs
u. 1.80 Mk. viertelj. Verantwortlichkeit
für Aufnahme von Anzeigen an vorge=
kommt
jeder Annoncenrabatt in Wegfall.
Illuſtriertes Unterhaltungsblatt.
ſchriebenen Tagenwirdnicht übernommen.
Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.

Das Neueſte vom Tage.

Für die Eugen Bracht=Ausſtellung in Darm=
ſtadt
übernahm die Stadtverordnetenverſammlung
geſtern ein eventuelles Defizit in Höhe von 3000 Mark.
Der Kaiſer begibt ſich am nächſten Sonntag von
Kiel an Bord der Hohenzollern nach Danzig, um
direkt nach den Finniſchen Schären abzudampfen, wo
die Zuſammenkunft mit dem Zaren ſtattfindet.
Bei der Güterverwaltung des Prinzen
Ferdinand Lobkowitz in Melnik wurden Un=
terſchlagungen
entdeckt, die über eine Million
betragen. Der Güterdirektor des Prinzen, Mathias
Deyl, wurde verhaftet.
Vor dem Reichsgericht begann der Spionage=
prozeß
gegen den Oberſignalmaat Ehlers. Die Oef=
fentlichkeit
wurde für die Dauer der Verhandlungen
ausgeſchloſſen.
Das Zeppelin=Luſtſchiff Viktoria
Luiſe iſt heute früh 6,15 Uhr mit 14 Paſſagieren an
Bord in der Richtung nach Helgoland aufgeſtiegen
und nach 10ſtündiger Ueberfahrt glatt gelandet.
In Wien hat ſich unter dem Vorſitz des Fürſten zu
Fürſtenberg ein Zentralkomitee zur Schaffung einer
öſterreichiſchen Luftflotte konſtituiert, der
ſämtliche öſterreichiſche Miniſter beitraten.
Als König Georg, der dem Walliſer Kohlengebiet
einen Beſuch macht, durch die Straßen von Cardiff
fuhr, durchbrach eine Suffragette den Abſper=
rungskordon
und ſtürzte ſich auf den Miniſter des In=
nern
Me. Kenna, den ſie in Gegenwart des Königs=
paares
wüſt beſchimpfte. Sie mußte ſchließlich mit
Gewalt entfert werden.
Durch eine Exploſions=Kataſtrophe an
Bord des franzöſiſchen Panzerſchiffes
Jules Michelet wurde ein Mann getötet, wäh=
rend
9 ſchwere Verletzungen erlitten, darunter der
Offizier, der die Schießübungen leitete.
Der Kommandeur der Grenzhaus=Wache
in Bukareſt, Hauptmann Glodindu, wurde, als er den
Wachtpoſten viſitieren wollte, erſchoſſen.
Ein Brand hat in der Ortſchaft La Madelaine bei
Lille eine große Weberei eingeäſchert. Der Schaden
ſoll ſich auf über 300 000 Fr. belaufen,
Bryan hat in Baltimore den ihm angebotenen Vorſitz
im Reſolutionskomitee abgelehnt.

Zur heſſiſchen Finanzſtatiſtik 1911.
(Nachdruck verboten.)

Ce. Zum 11. Male legt das Kaiſerliche Statiſtiſche
Amt einen Vörgleichsverſuch über die Finanzen des
Reiches und der Bundesſtaaten vor. Es iſt nur ein
Verſuch, denn Vergleiche der bundesſtaatlichen Finanz=
ſtatiſtik
ſind und bleiben immer dadurch erſchwert, daß
die vom Staat übernommenen Aufgaben für die einzel=
nen
Bundesſtaaten je nach dem Umfang des Wirkungs=
kreiſes
, der daſelbſt den Gemeinden, Kreiſen Provinzen,
ſonſtigen Intereſſen= und Zweckverbänden belaſſen oder
übertragen iſt, verſchieden abgegrenzt ſind. Infolgedeſſen
ſind Ausgaben, Einnahmen und Schulden der verſchie=
denen
Staaten nur mit Vorbehalt vergleichbar. Dieſes
Moment muß man indeſſen mit in den Kauf nehmen,
will man überhaupt zu einem Einblick in die Finanzen
der deutſchen Bundesſtaaten gelangen.
Nach den Voranſchlägen für 1911, die jetzt vergleich=
bar
zuſammengeſtellt ſind, beträgt der geſamte Staats=
bedarf
Heſſens 104742200 Mark, dagegen die Roh=
einnahme
109887800 Mark, darunter 2,1 Millionen Mark
außerordentliche, d. h. ſolche einmalige Ausgaben, die
durch Einnahmen aus vorhandenen Beſtänden und An=
leihen
Deckung finden.
Unter den ordentlichen Ausgaben nehmen die für
die Erlangung von Erwerbseinkünfzen ( Eiſen=
bahnen
, Domänen, Forſten, Bergwerke, ſonſtige Staats=
betriebe
) erſt die zweibe Stelle ein, ganz anders wie in
den anderen größeren Staaten, die den Hauptteil der
Ausgaben hierauf verwenden und ihn dadurch produktiv
anlegen. Dieſe letztere Finanzwirtſchaft dürfte jeden=
falls
die geſündere und großzügigere ſein, und Heſſen
täte nur gut daran, angeſichts ſeiner hohen Schuldenlaſt
ſich die Konſequenzen einer ſolchen rationellen Finanz=
politik
einmal klar vor Augen zu halten. Der ordentliche
Bedarf zerlegt ſich, wie folgt:
für Staatsverwaltung
38 536 200 Mark
Erwerbseinkünfte
37 721600
17 254400
. Staatsſchuld
4 285 200
das Reich
Die Staatseiſenbahnen allein beanſpruchen 32058600
Mark 32,78 Prozont; ſie erbringen aber auch roh 46,7
Mill. Mark, ſodaß ein Reinertrag von 14,6 Mill. Mark
aus den Eiſenbahnen verbleibt. Dazu kommen noch
Reinerträge aus den Forſten mit 1910 400 Mark, Domä=

nen mit 648 200 Mark, diverſen ſonſtigen Betrieben mit
908 700 Mark, während die ſtaatlichen Bergwerke nur
1300 Mark rein netto Ertrag bringen.
Zölle und Steuern ſollen 23,3 Mill. Mark er=
bringen
, und zwar allein rund 18,8 Mill. Mark die direk=
ten
Steuern 80,6 Prozent, während Bayern direkt nur
48,41 Prozent deckt, Preußen dagegen faſt genau wie
Sachſen 84,52 Prozent. Auf den Kopf entfallen ver=
gleichsweiſe
an direkten Steuern in:
15,33 Mark
Baden
14,65
Heſſen
9,95
Preußen
Reichsdurchſchnitt 11,67.
Ein unangenehmer und zum Teil wohl unmoderner
Poſten ſind die Verkehrsſteuern (Stempel) mit 3,75 Mill.
Mark, die pro Kopf 208 Mark (in Bayern 001 Mark)
ausmachen. Der Ertrag der Erbſchafts= und Schen=
kungsſteuer
(360 000 Mark) belaſtet den Kopf mit nur
0,28 Mark, gegen 0,69 in Baden, 0,51 in Württemberg
und 0,46 in Bayern.Preußen, das die Erbſchaftsſteuer
nur andeutungsweiſe nimmt, hat allerdings nur eine
Kopfquote von 0,19 Mark Aber in den Hanſeſtaaten be=
gegnen
wir Ziffern von 2,15 Mark in Lübeck, 2,96 Mark
in Hamburg, 3.34 Mark in Bremen.
Unter den direkten Steuern ſteht naturgemäß die
Einkommenſteuer mit 14,2 Mill. Mark obenan,
ſie macht 61,08 Prozent des geſamten Steuerſolls aus,
und beläuft ſich vergleichsweiſe pro Kopf in Sachſen auf
12.30 Mark, in Heſſen 11,10 Mark, in Preußen 8,37 Mk.
Abgeſehen von den Stadtcharakter tragenden Hanſe=
ſtaaten
hat Heſſen nächſt Sachſen die höchſte Quote an
Einkommenſteuer auf den Kopf. Die Ergänzungsſteuer
bringt 4 468 300 Mark, das iſt noch etwas mehr wie in
dem größeren und reicheren Sachſen (4.36 Mill. Mark).
Die Wandergewerbeſteuer trägt 86 000 Mark, annähernd
die gleiche Belaſtung wie in Preußen, Baden und
Sachſen.
An Aufwandsſteuern kennt Heſſen nur die Hunde=
abgabe
(400000 Mark), gleich ſtark belaſtet wie Baden
und Bayern.
Unter den Ausgaben für die beſondere Stagtsver
waltung ſtehen an erſter Stelle neben der Finanzver=
waltung
das Schulweſen mit 8,7 Mi‟ Mark, das Innere
mit 6,6 Mill. Mark, die Juſtiz mit 5,6 Mill. Mark, Land=
wirtſchaft
einerſeits mit 1131000 Mark. Handel und Ge=
werbe
andererſeits nur mit 486 100 Mark, mit eben ſo
viel wie die Kirche (483 200).
An Matrikularbeiträgen ſind an das Reich
4,27 Millionen zu zahlen; zurücküberwieſen bekommt Heſſen
aus der Reichskaſſe 3,26 Millionen Mark, ſodaß der Mehr=
betrag
rund 1 Million Mark iſt. Immerhin iſt die heſſiſche
Matrikularlaſt 0,98 Prozent der geſamten ordentlichen
Staatseinnahmen, während z. B. die beiden Reuß über 4
Prozent aufwenden müſſen. Bekanntlich waren die Ueber=
weiſungen
aus der Reichskaſſe bis 1898 meiſt höher als die
Matrikularbeiträge; ſeit 1899 hat ſich das Verhältnis um=
gekehrt
, ſodaß jetzt alljährlich eine Differenz zu Laſten der
Bundesſtaaten auftritt.
Zum Schluß ſei die ſtaatliche Schuldenlaſt von
1911 zurückverfolgt bis
1903: 332665 300 Mk.
1906: 384 109 800
1911: 441 242000
Leider gehört alſo auch Heſſen zu den Staaten mit
ſtändig ſteigender Schuld. Mit einer Abminderung ſeiner
Staatsſchuld ſteht nur das Königreich Sachſen unter
ſämtlichen Königreichen und Großherzogtümern einzig da;
alle anderen haben ihre Schuld dauernd vergrößert, ſo
Preußen von 7,0 Milliarden auf 8,9 Milliarden, und
Bayern von 1,46 auf 2,17 Milliarden. Nur eine Reihe von
Herzog= und Fürſtentümern iſt dem ſächſiſchen Beiſpiel ge=
folgt
. Auch auf den Kopf der Bevölkerung berechnet, er=
gibt
Heſſen ein außerordentlich ungünſtiges Verhältnis; zu
Anfang 1911 entfiel nämlich von der fundierten Staats=
ſchuld
auf den Kopf in:
Heſſen 344,17 Mk.
Bayern 314,48
Preußen 222,12
Sachſen 181,30
Recht lau betreibt Heſſen die Tilgung ſeiner Staats=
ſchuld
. Der Aufwand hierfür in 1911 betrug noch nicht 2
Millionen Mark. Auf den Kopf wurde aber vergleichsweiſe
getilgt in:
5,01 Mk.
Baden
Braunſchweig 3,57
2,46
Sachſen
1,54
Heſſen
Preußen 1,43
Da die Staatsſchuld zu einem weſentlichen Teil für
den Ankauf bezw. die Einrichtung der Erwerbsanſtalten
gebraucht wurde, haben dieſe Anſtalten auch zunächſt für
die Staatsſchuld aufzukommen. Während leider aber
z. B. in Baden und den Hanſeſtaaten die Anſtaltenreiner=
träge
nicht für den Bedarf für die Staatsſchuld ausreichen,
iſt das in Heſſen ebenſo wie in Sachſen, Preußen, Bayern
und Württemberg der Fall, allerdings reichen die heſſiſchen
Reinerträge nur knapp dazu hin; der Reinertrag von 18,1
Millionen Mark läßt nach Bezahlung des Schulden=
dienſtes
nur noch gerade 800000 Mark zur Verfügung der
Finanzverwaltung übrig.

Deutſches Reich.

Helgoland wird Handelshafen. Wie
die Braunſchweigiſche Landeszeitung meldet, erhielt das
Kanonenboot Hyäne den Befehl zur Neuvermeſſung
der Helgoländer Gewäſſer behufs Erweiterung des
Kriegshafens Helgoland zum Hafenplatz für die deutſche
Handelsſchiffahrt.
Zur Berner Kongo=Konferenz. Pariſer
Blätter berichten von Meinungsverſchiedenheiten, die bei
den Verhandlungen der deutſch=franzöſiſchen Kongo= Kon=
ferenz
zutage getreten ſeien. Daß ſolche Meinungsver=
ſchiedenheiten
ſich geltend machen würden, war als ſelbſt=
verſtändlich
vorauszuſetzen. Zeitungserörterungen aber
ſind ſicherlich ganz ungeeignet, die ’notwendige Ueber=
windung
dieſer Meinungsverſchiedenheiten zu fördern.
Ob die Pariſer Angaben, die vermutlich eine Miſchung
von Falſchem und Halbwahrem ſind, auf die franzöſiſche
Regierung oder auf die Vertreter von Kongo= Geſellſchaf=
ten
zurückgehen, muß einſtweilen dahingeſtellt bleiben.
In jedem Falle aber werden die ohne Zweifel langwieri=
gen
Arbeiten der Berner Kommiſſion am raſcheſten vor=
wärts
ſchreiten, wenn ſie vor irgend welchen äußeren
Einwirkungen bewahrt werden.
Deutſchland und Schweden. Die Köl=
niſche
Ztg. meldet aus Berlin: Die Petite Republique
wußte ihren Leſern zu erzählen, Deutſchland bot Schwe=
den
ſeine Hilfe gegen Rußland an, die von Schweden
ſtolz abgelehnt wurde. Wir würden von dieſer unſäg=
lich
dummen Behauptung, die ſich angeblich auf Mittei=
lungen
Schwedens an die Mächte des Dreiverbandes
ſtützt, überhaupt keine Kenntnis nehmen, wenn ſich nicht
das Reuterſche Bureau und flugs hinterher das Havas=
Bureau beeilt hätten, dies in die Winde weiter zu tele=
graphieren
. Für vernünftige Menſchen erübrigt ſich
wohl jedes weitere Eingehen auf das Phantaſieerzeug=
nis
des Pariſer Blattes.
Ausweiſung aus Deutſch=Südweſt.
Wie der in Windhuk erſcheinende Südweſt erfahren hat,
ſoll der durch den Präfekten v. Krolokowsky kürzlich mit
einem Baſtardmädchen getraute Deutſche Pols=
dorf
vom Bezirksamt Rehoboth ein Schreiben mit der
Aufforderung erhalten haben, ſich wieder ſcheiden zu
laſſen, widrigenfalls ſeine Ausweiſung erfolgen werde.
Im Landesrate war man ſich in der Verurteilung der
geſetzwidrigen Handlungsweiſe des Präfekten einig.
Dort wurde vom Regierungstiſche unter allgemeinem
Beifall angekündigt, was ſich jetzt vorzubereiten ſcheint.
Die Keetmanshooper Zeitung hat ſich wenige Tage
nach der Trauung bei dem Präfekten perſönlich über
deſſen Beweggründe erkundigt. Danach hat der Pater
den kirchlichen Segen nur erteilt, um das Gewiſſen ſeines
Beichtkindes, der ſeit längeren Jahren mit dem Baſtard=
mädchen
zuſammenlebt, zu erleichtern. Nur auf vieles
verzweifeltes Bitten des Polsdorf und der aus dem Ver=
hältnis
hervorgegangenen Kinder wegen habe er ſich be=
wegen
laſſen, die Trauung vorzunehmen. Was das Ver=
bot
des Bezirksamtes Rehoboth angehe, ſo ſei dieſes tat=
ſächlich
ergangen. Er habe dasſelbe jedoch ſo verſtanden,
daß die Trauung nur in dem Bezirk Rehoboth nicht ſtatt=
haft
ſei. Darüber, daß überhaupt die Trauung ſolcher
Verbindungen im ganzen Schutzgebiet verboten ſei, ſei
ihm nichts geſagt worden und ſei ihm dieſes auch nicht
bekannt. Als ihn der Vertreter der Zeitung darauf hin=
wies
, daß ihn die Unkenntnis des Geſetzes nicht vor
Strafe ſchütze, war der Betroffene gar nicht ſehr erbaut.
Aus Anlaß der Ernennung Swerbe=
jews
zum Botſchafter am Berliner Hofe
ſchreibt die Nowoje Wremja in ihrem Abendblatt:
Die Ernennung überraſcht allgemein. Swerbejew
zählt zu den IIlustres inconnus (unbekannte Berühmt=
heiten
). Man habe allgemein geglaubt, daß ein ſo ver=
antwortlicher
Poſten, wie der Berliner, mit einer Per=
ſönlichkeit
von beſtimmter politiſcher und diplomatiſcher
Phyſiognomie und großem perſönlichen Preſtige beſetzt
werde, und das in der deutſchen Reichshauptſtadt,
wo ein ſo einflußreicher Diplomat wie Kaiſer Wilhelm
leht. Swerbejews Tätigkeit während der Kriſis wegen
Bosnien und der Herzegowina ſei rein perſönlichen
Charakters geweſen. Es habe ſich nur darum gehandelt,
einen Zuſammenſtoß mit Graf Aehrenthal zu vermeiden.
Alle Inſtruktionen habe das Auswärtige ruſſiſche Amt
erteilt; eine ſelbſtändige politiſche Tätigkeit ſei von
Swerbeſew nicht verlangt worden. Saſonow ſtrebt
wahrſcheinlich nach einer Vereinbarung mit den auswär=
tigen
ruſſiſchen Vertretern über ein gemeinſames ein=
heitliches
Arbeiten. Das wäre ein Schritt vorwärts

[ ][  ][ ]

zu den lang erwarteten Reformen des Auswärtigen
Amtes. Der Kaiſer=Entrevue wird außer Kokowzow
und Saſonow der neu ernannte Botſchafter Swerbejew
beiwohnen, der dieſer Tage aus Athen in Petersburg
eintrifft.
Zu der Verhaftung des ruſſiſchen
Offiziers in Berlin wird dem Berliner Tage=
blatt
aus Petersburg telegraphiert:
Aus offizieller Quelle wird mitgeteilt, daß der in
Berlin verhaftete Kapitän Koſtewitſch von der
Hauptartillerieverwaltung nach Verſtändigung der
deutſchen Regierung durch den ruſſiſchen Miniſter des
Auswärtigen zu chemiſchen Studien abkommandiert wor=
den
ſei. Die Bitte der ruſſiſchen Regierung, Koſtewitſch
den Beſuch der deutſchen ſtaatlichen Fabriken, wo Chemie
angewandt werde, zu geſtatten, ſei höflich abgeſchla=
gen
worden. Da Koſtewitſchs Aufenthalt in Berlin
der deutſchen Regierung offiziell bekannt gegeben
worden ſei und desgleichen ſein Zweck, ſo habe die Re=
gierung
die Forderung der ſofortigen Freilaſſung Koſte=
witſchs
geſtellt und gleichfalls eine Entſchuldigung der
deutſchen Regierung gefordert, falls dieſe nicht imſtande
ſei, die konſpirative Tätigkeit Koſtewitſchs zu beweiſen.
Außerdem ſtelle die ruſſiſche Regierung Koſtewitſch frei,
Schadenerſatzklage nach dem Völkerrecht gegen die deutſche
Regierung wegen der Verhaftung einzuleiten. Einige
ruſſiſche Offiziere ſchlagen in der Preſſe vor, als Ant=
wort
auf die Verhaftung Koſtewitſchs einige deutſche
Offiziere, von denen ſich zur Erlernung der ruſſiſchen
Sprache immer einige in Rußland aufhalten, zu arre=
tieren
und ihnen in Zukunft die größten Schwierigkeiten
in den Weg zu legen. Der Fall Koſtewitſch ſtehe inſo=
fern
einzig da, als die deutſche Regierung von ſeinem
Eintreffen offiziell verſtändigt worden ſei.
Die Redaktion des Berliner Tageblatts fügt der
Wiedergabe dieſes Telegramms die Bemerkung hinzu,
das Telegramm laſſe nicht erkennen, welches die offi=
zielle
Quelle ſei, aus der die Nachricht ſtamme

Ausland.

Oeſterreich=Ungarn,
Das Wehrgeſetz. Das Abgeordnetenhaus nahm
das Wehrgeſetz in allen Leſungen an und begann mit der
zweiten Leſung der Landwehrvorlage.
Frankreich.
Bei Beratung des Kriegsbudgets kriti=
ſierte
der Sozialiſt Brizon überaus heftig die Tätigkeit
des Kriegsminiſters Millerand, dem er vorwarf, einem
Prätendenten die Wege zu ebnen. Dann griff Brizon
die dem Miniſter als Regierungskommiſſare zur Seite
ſtehenden Generale ſcharf an. Kriegsminiſter Millerand
unterbrach Brizon mit den Worten: Beſchimpfen Sie
den Miniſter nach Herzensluſt, der kann Ihnen wenig=
ſtens
antworten, aber reſpektieren Sie die Beamten, die
gezwungen ſind, zu ſchweigen.
Der Deputierte Deloncle behauptete im
Kammerausſchuß für auswärtige Angelegenheiten, daß
durch die Vereinbarungen des internationalen Konſor=
tiums
für die chineſiſche Anleihe das Finanzprojekt be=
treffend
die Verlängerung der Bahnlinie Hanoi- Lang=
ſon
nach Longtſchau im Kwangſigebiet in Frage geſtellt
werde. Wie nun offiziös erklärt wird, iſt dieſe Behaup=
tung
unrichtig. Das Konſortium hat ſich mit keinerlei
Einzelheiten beſchäftigt und die von ihm aufgeſtellten Be=
dingungen
würden in keiner Weiſe die Verteilung der in
China geplanten Bahnbauten abändern. Für das fran=
zöſiſche
Projekt ſeien Schwierigkeiten umſo weniger zu
befürchten, als das Kwangſigebiet in die franzöſiſche
Einflußſphäre falle.
Die Algerier. Der Miniſterpräſident empfing
die Abordnung der muſelmaniſchen Algerter, die ihm er=
klärte
, daß der Erlaß über die Einführung der Geſtel=
lungspflicht
unter den Eingeborenen große Aufregung
hervorgerufen habe. Die Eingeborenen ſeien bereit,
Frankreich gegenüber ihre patriotiſche Pflicht zu erfüllen,
doch verlangten ſie unter anderem, daß auch für ſie wie
für die anderen Franzoſen die Militärdienſtzeit auf
2 Jahre ermäßigt werde, daß diejenigen, die ihrer Mili=
tärpflicht
genügt hätten, auf ihr einfaches Anſuchen das

franzöſiſche Bürgerrecht erhalten könnten, ferner daß die
Steuern gerecht verteilt und den Eingeborenen eine ent=
ſprechende
Vertretung in den gewählten Körperſchaften
Algeriens von Frankreich bewilligt werde. Miniſterprä=
ſident
Poincaré erwiderte, daß er die ihm vorgelegten
Wünſche mit dem größten Wohlwollen prüfen werde.
Türkei.
Die meuternden Albaneſen. In einer
Unterredung mit dem Korreſpondenten der Neuen Freien
Preſſe äußerte ſich der Kriegsminiſter Schefket Paſcha über
die Meuterei in Albanien und über die Friedensfrage.
Der Miniſter ſagte u. a.: Im Ganzen haben in Alba=
nien
12 Offiziere und 71 Mann gemeutert. Die Offi=
ziere
haben offenbar unter dem Einfluß der nordalbani=
ſchen
Propaganda die Soldaten durch die Behauptung
verführt, daß die Regierung die europäiſche Türkei an
eine fremde Macht verkauft habe. Das Gerücht über die
Meuterei bei der Dardanellenflotte bezeichnete der
Kriegsminiſter als vollſtändig unbegründet. Der Ge=
danke
des Tanin, die von den Italienern beſetzten
Küſtenorte von Tripolis und der Cyrenaika den Italie=
nern
zu überlaſſen, ſei eine Privatmeldung dieſes Blat=
tes
. Die türkiſche Regierung könne die Souveränität
von Tripolis niemals freigeben, weil dies eine Revo=
lution
hervorrufen würde, die für den Frieden Europas
noch ſchrecklichere Folgen hätte als der bisherige Krieg.
Marokko.
Zu den franzöfiſch=ſpaniſchen Ver=
handlungen
wird aus Madrid gemeldet: Die fach=
männiſche
Kommiſſion, die die mit der Neuordnung der
Dinge und damit zuſammenhängenden Zoll= und ſon=
ſtigen
Finanzfragen zu prüfen hatte, hat ihre Arbeiten
beendet. Sie wird nur noch einmal zur Unterzeichnung
des Abkommens zuſammentreten. Der Vorſitzende der
franzöſiſchen Delegation Goiot verbleibt noch einige Zeit
in Madrid, um verſchiedene die wirtſchaftliche Entſchä=
digung
betreffende Fragen zu regeln.
China,
Die Anleihe iſt noch nicht abgelehnt.
Gegenüber den Meldungen aus Waſhington, daß die
chineſiſche Regierung die 60 Millionen=Anleihe der
Sechsmächte=Gruppe abgelehnt hätte, wird feſtgeſtellt,
daß die Verhandlungen weder abgeſchloſſen noch abge=
brochen
worden ſind. Die chineſiſche Regierung bemühe
ſich anſcheinend weiter, günſtigere Bedingungen zu erhal=
ten
. Der chineſiſche Finanzminiſter ſchlug kürzlich, au=
genſcheinlich
verſuchsweiſe, den Abſchluß einer weit grö=
ßeren
Anleihe vor, als urſprünglich geplant war, und
erkundigte ſich nach den Bedingungen. Dieſe entſprachen
den urſprönglichen Abmachungen mit Tangſchaoyi, wo=
nach
die Salzſteuer unter eine ausländiſche Kontrolle ge
ſtellt werden und die Bankengruppe Finanzagenten in
hina anſtellen ſoll. Der Finanzminiſter erhob Vor=
tellungen
gegen die Bedingungen und erklärte, er wolle
nur eine Anleihe von 10 Millionen Pfund Sterling. Die
Bankengruppe erwiderte, daß ſie nicht den Wunſch hätte,
China eine große Anleihe aufzudrängen, und ihr Pe=
kinger
Vertreter hat den Vorſchlag von fünfmonatigen
Vorſchüſſen von je 6 Millionen Taels, die von der großen
Anleihe gedeckt werden ſollen, nach Europa übermittelt.
Das iſt der augenblickliche Stand der Dinge.

* Freiburg i. B., 26. Juni. In dem heute er=
ſchienenen
Amtsblatt für die Erzdiözeſe Freiburg iſt ein
Hirtenbrief des Erzbiſchofs Thomas Nörber über
die Verlegung der Feiertage in der Erzdiözeſe
Freiburg enthalten, wonach in Zukunft die Feiertage
Maria Lichtmeß, Maria Verkündigung, Maria Geburt
ſowie der Joſefstag (19. März) in Wegfall kommen.

Stadt und Land.

Darmſtadt, 28. Juni.
* Vom Hofe. Ihre Königl. Hoheit die Groß=
herzogin
beſuchten am Mittwoch vormittag 10 Uhr

das Alice=Hoſpital und hierauf das Eliſabethenſtift. Um
11½ Uhr empfingen Ihre Königl. Hoheit im Reſidenz=
ſchloß
den Generalmajor von Enckevort nebſt Gemahlin
und Fräulein Tochter. (Darmſt. Ztg.)
* Empfänge. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
empfingen am Mittwoch den Oberſt von der
Schulenburg, Kommandeur der 13. Kavallerie=Brigade,
den Oberſt v. Müller, Kommandeur des Großh. Artillerie=
Korps, 1. Großh. Heſſ. Feld=Artillerie=Regiments Nr. 25
den Oberleutnant v. Kleinſchmit und den Leutnant=
v
. Hahn von demſelben Regiment, den Hauptmann a. D.,
von dem Kneſebeck, den Miniſterialrat Weber, den Ge=
heimen
Baurat Kirchhoff von Mainz, den Reallehrer
Schneider von Worms, den Oberſchützenmeiſter Land=
tagsabgeordneten
Heerdt und den 1. Schützenmeiſter
Becker von Mainz, den Miniſterialſekretär Löhlein, den
Amtsrichter Specht von Grünberg, den Pfarrer Waldeck
von Wohnbach, den Medizinalrat Dr. Vogt von Butz
bach, den Profeſſor Dr. Roſenberg von Gießen; zum
Vortrag den Finanzminiſter Braun, den Miniſter des
Innern v. Hombergk zu Vach, den Vorſtand des
Kabinetts Geheimerat Römheld.
* Finanzamtsperſonalien. Se. Königl. Hoheit der
Großherzog haben den Kontrollbeamten der Lokal=
kaſſeſtellen
des Bezirks Darmſtadt II, Finanzrat Rober
Bangel zu Darmſtadt, zum Kontrollbeamten der
Lokalkaſſen des Bezirks I, den Kontrollbeamten des
Bezirks Darmſtadt I, Finanzrat Jakob Breitwieſer
zu Darmſtadt, zum Kontrollbeamten des Bezirks II, den
Kontrollbeamten des Bezirks Gießen, Finanzrat Emil
Schudt zu Gießen, zum Kontrollbeamten des Be=
zirks
III, und den Kontrollbeamten des Bezirks Mainz,
Finanzamtmann Heinrich Lohnes zu Mainz, zum
Kontrollbeamten des Bezirks IV, ſämtlich vom 1. Juli
1912 ab, ernannt.
* Verliehen haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
dem Kirchenvorſtandsmitglied zu Eckhartshauſen
Johann Ernſt Weitzel das Allgemeine Ehrenzeichen
mit der Inſchrift Für langjährige treue Dienſte‟.
* Ernannt wurde der Lehrer an der evangeliſchen
Schule zu Wimpfen a. B. Heinrich Volz zum Reallehrer
an der Realſchule daſelbſt mit Wirkung vom 8.Juli
1912 an unter Belaſſung in der Kategorie der Volks=
ſchullehrer
.
* In den Ruheſtand verſetzt wurde der Bank=
aſſiſtent
bei der Landes=Hypothekenbank Wilhelm=
Rühl zu Darmſtadt vom 2. Juli d. J. ab bis zur
Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit.
* Militärdienſtnachricht. Behr, Leutn. im
2. Großh. Heſſ. Feldart.=Regt. Nr. 61, zur Feldartillerie=
Schießſchule kommandiert.
Neueinteilung der Bezirke der Kontrollbeamten
für die Lokalkaſſeſtellen. Das Großh. Miniſterium der
Finanzen erläßt folgende Bekanntmachung vom
27. Juni 1912: Se. Königl. Hoheit der Großherzog=
haben
genehmigt: 1. daß vom 1. Juli lfd. Js. ah die
Stelle eines Kontrollbeamten für die Lokalkaſſeſtellen des
Bezirks Friedberg aufgehoben wird, 2. die verbleibenden
Kontrollbezirke der Lokalkaſſen die Bezeichnung I, II, III
und IV zu führen haben, 3. dieſen Kontrollbezirken die
Bezirkskaſſen und das Steueramt Gernsheim nebſt ihren
Untererhebſtellen zugeteilt werden. Bis auf weiteresiſt
der Amtsſitz der Kontrollbeamten für den Bezirk I und
II Darmſtadt, des Kontrollbeamten des Bezirks III
Gießen und des Kontrollbeamten des Bezirks IV Mainz.
g. Kriegsgericht. Wegen Mißhandlung eines Lehr=
ings
hatte ſich geſtern der Dragoner Joſeph Peter Hors=
berger
aus Siersſand vom Dragoner=Regiment Nr. 24
vor dem Kriegsgericht der 25. Diviſion zu verantworten=
Der Angeklagte war im Jahre 1909 in Füſſen (Algäu) als
Tapezierer tätig. Er war dadurch, daß der Meiſter dem=
Lehrling den Auftrag gab, den Geſellen in Abweſenheit
des Meiſters zu kontrollieren, in eine derartige Erregung=
geraten
, daß er den Lehrling verprügelte. Wegen die=
ſer
Straftat hatte er ſich nun geſtern vor dem Kriegsgericht=
zu
verantworten, da er bisher noch nicht ermittelt werden
konnte. Das Gericht erkannte auf 5 Mark Geldſtrafe.
Der Infanteriſt Johann Schmidt aus Vilbel vom=
Infanterie=Regiment Nr. 168 hatte ſich wegen Betrugs=
in
6 Fällen und Urkundenfälſchung zu verantworten. Der=
Angeklagte war mit auf Wache in Butzbach und erhielt=
im
21. April Urlaub nach der Heimat. Als ſein Urlaub=
zu
Ende war, kehrte er nicht zum Regiment zurück, ſondern
fuhr nach Frankfurt, wo er Pakete mit Bauſand bei Dienſt=
nädchen
von Herrſchaften abgab, indem er bemerkte, das
ſei Vogelſand und ſei im Geſchäft beſtellt worden. Er
erhielt auf dieſe Weiſe in ſechs Fällen Beträge von 23
Mark, in anderen Fällen hatte er keinen Erfolg. Um ſeine
Urlaubsüberſchreitung zu verdecken, fälſchte er ſeinen Ur=
laubspaß
. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu
4 Monaten Gefängnis und zur Verſetzung in die

Der ſchönſte Briefwechſel des jungen
Goethe.
Die Briefe an Auguſte zu Stolberg.)
Von Dr. Max Hecker=Weimar.

Der Liebe Sehnſucht fordert Gegenwart. Goethe,
mit jedem Pulsſchlage ſeiner Empfindung nach greifbarer
Gegenſtändlichkeit, nach ſinnenfälliger Wirklichkeit drän=
gend
, iſt zu verſichern nicht müde geworden, daß perſönliche
Bekanntſchaft erforderlich ſei, das Siegel eigentlich auf
jedes wahre ſittliche Verhältnis zu drücken. Doch auch er
hat einmal geglaubt, mit Augen der Sehnſucht den fernen=
den
Nebel durchdringen zu können, der ihm ein leiblich nie
geſchautes Antlitz verbarg, mit Armen der Freundſchaft
hinüberreichen zu können über eine Kluft, die keine un=
mittelbare
Begegnung überbrückte.
Sturm und Drang an dem ergreifendſten Er=
zeugnis
dieſer aufgewühlten Epoche, an den Leiden des
jungen Werthers hatte ſich Auguſte Luiſe Gräfin zu Stol=
berg
=Stolberg entzündet, als ſie im Januar 1775 an den
ihr fremden Dichter den erſten Brief richtete. Geboren am

*) Goethes Briefe an die Schweſter ſeiner beiden
Sturm= und Drang=Kameraden, der Grafen Stolberg,
die uns den tiefſten Einblick in die Seele des Fauſt=
Schöpfers gewähren, ſind vor etwa Dreivierteljahrhundert
einmal erſchienen und ſeitdem nur in den großen Sammel=
werken
gedruckt worden. Im Rahmen einer Sammlung
billiger Bände, deren erſte Reihe der Inſel=Verlag unter
dem Titel Inſel=Bücherei erſcheinen läßt, wird dieſer
köſtliche Schatz nun der breiteſten Allgemeinheit zugänglich
gemacht. Wir ſind in der Lage, die Einleitung zu dieſer
Neuausgabe, in der der bekannte Goethe=Forſcher Dr.
Hecker das intereſſante Problem dieſer merkwürdigen Be=
ziehung
des Dichters zu einer ihm perſönlich unbekannten
ſchönen Seele zum erſten Mal eingehend behandelt,
unſern Leſern vorzulegen.
Die Red.

7. Januar 1753, Sprößling eines uralten niederdeutſchen
Geſchlechtes, lebte ſie ſtill und bewegt ein unſcheinbares
reiches Leben; das ſüdliche Holſtein, die däniſche Inſel
Seeland, die Niederungen der Elbmündung ſind mit ihrem
Wechſel von Wieſe und Buchenwald, von Moor und Acker=
fläche
, von ſchäumender Meeresbrandung und koſendem
Landſee der begrenzte Schauplatz dieſes weiten Daſeins ge=
weſen
. Guſtchens Vater, Graf Chriſtian Günther, war ſeit
1756 Hofmarſchall der Königin=Witwe Sophia Magdalena
in Kopenhagen; als er 1765 ſtarb hatte er jedes ſeiner
zahlreichen Kinder für alle Folgezeit gefeſtigt in dem ihm
eigenen Sinne lauterer Frömmigkeit und frohen Bekenner=
mutes
. Die Mutter (geſt. 1773), eine harmoniſche Natur,
den ſchönen Seelen des Pietismus verwandt, mit reg=
ſamer
Empfindung und Kraft der Phantaſie begabt, ward
den Ihren gemütvolle Erweckerin einer entſchiedenen Neig=
ung
und Fähigkeit zur Dichtkunſt, und dieſer allgemeine
poetiſche Geiſt vertiefte und verklärte ſich am Weſen und
Werk des Meſſias Dichters Klopſtock, der, 1751 nach
Dänemark berufen, in vertrauteſter Freundſchaft zur Fa=
milie
ſtand. Klopſtock iſt der Leitſtern geblieben, nach dem
die Stolberge ihr Leben und Dichten gerichtet haben; nach
ſeinem Muſter hat Guſtchens ältere Schweſter Katharina
ihr bibliſches Drama Moſes verfaßt. Und auch Bruder
Friedrich Leopold, deſſen ſchöner ausdauernder Enthuſias=
mus
ſich die Liebe jugendlicher Mitſtrebenden wie die An=
erkennung
kritiſcher Nachwelt erwerben durfte, iſt der früh
eingeſogenen Bewunderung Klopſtocks niemals untreu ge=
worden
, ob er gleich voll Selbſtgefühls ſein Zögling nicht
hat heißen mögen, den ſchlichten Ton ſingbaren Liedes
jeder volltönenden Odenform vorgezogen hat und, von dem
Wehen des Sturmes und Dranges ergriffen, einzig im
eigenen Bewußtſein, in der ſich ſelbſt verbürgenden Dich=
terkraft
Maß und Richtſchnur ſeines Schaffens hat erken=
nen
wollen.
Sturm und Drang wohl müßte es reizvoll ſein,
dieſe mächtige Bewegung ſich in empfindſamer Mädchen=
ſeele
bewähren zu ſehen, aber die Briefe Guſtchens die

uns ſolchen Anblick bieten könnten, ſind den Flammen zum
Opfer gefallen, denen Goethe 1797 die Dokumente aller
ſeiner perſönlichen Beziehungen überantwortet hat. Da=
für
zeigen uns ſeine eigenen Antworten vom Jahre 1775
das Schauſpiel der jungen Zeit in ſeiner erhabenſten Ge=
ſtalt
. Wie machtvoll weht uns aus dieſen Zeilen, die mit
ſtrudelnder Feder hingewühlt ſind, der feurige Atem
des Dichtergenins entgegen, der das Myſterium der Welt
und des eigenen Herzens zu löſen ringt, der die Wirrſale
des Daſeins, das Wonne und Schmerz zugleich iſt, in künſt=
leriſchen
Formen zu bändigen ſtrebt! Wie wechſelt in die=
ſem
klopfenden Buſen, der Himmel und Hölle neben=
einander
umſchließt, die Flut der tiefſten Empfindung;
aus lichter Klarheit und Götternähe ins Dunkel der Erden
not hinabgeſtürzt, auftauchend aus Kleinmut und PVer
zweiflung zu hoffnungsfreudiger Zuverſicht auf die ein
geborene Kraft und das waltende Schickſal, ergreift dieſe
Gemüt jeden neuen Zuſtand mit ungeſtümer Leidenſchaft.
Dem Ueberſchwang des Gefühls verſagt ſich das ſonſt ſt
gefügige Wort; in bedeutungsſchwerem Stammeln, halben
abgebrochenen Lauten einer erſchütternden Vollnatur macht
ſich der Sturm des Innern Luft. Ich bin wie ein kleines
Kind ein Kind, das, hingegeben jedem Augenblick, ſich in
lallenden Tönen überſtürzt, um von Leiden und Freuden
ſich zu entlaſten, die das Herz erdrücken möchten. So hatte
auch Werther einſt gerufen: O, was ich ein Kind bin!
Und wie hier die Leiden des jungen Werthers ſo klin=
gen
andere Dichtungen dieſer reichen Epoche an anderen
Stellen unſerer Briefe an. Ich will Ihnen keinen Namen
geben, denn was ſind Namen gegen das unmittelbareG
fühl dieſes erſte Wort Goethes an Guſtchen iſt wahrhaft
weſensverwandt jenem Fauſtiſchen Bekenntnis: Nenn’s
Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen dafür
Fauſt ſteigt auf aus unſeren Briefen; unmittelbar in
die Werkſtatt des Dichters wird uns ein Einblick erlaubt,
wenn wir auf die Beſchreibung des Rattenliedes ſtoßen.
Und neben Fauſt ſieht Stella, das kühne Schauſpiel
für Liebende, herausgeboren aus dem ſeligſchmerzlichen

[ ][  ][ ]

weite Klaſſe des Soldatenſtandes. Von der Unterſuch=
ngshaft
wurden ihm 3 Wochen angerechnet.
* Revierpolizeikommiſſär i. P. Wilhekm Liſtmann iſt
eſtern nach längerem Leiden im 66. Lebensjahre ge=
orben
. Liſtmann war am 1. April 1863 bei dem jetzi=
en
3. Großh. Heſſ. Infanterie=(Leib=)Regiment 117 ein=
etreten
. Am 1. Januar 1876 wurde er vom Militär ent=
aſſen
und in die hieſige Schutzmannſchaft aufgenommen;
m 1. Juli 1876 erfolgte ſeine Beförderung zum Rottmei=
ter
(Wachtmeiſter) und am 1. Januar 1880 zum Revier=
olizeikommiſſär
. Nach einer Geſamtdienſtzeit von 49
Jahren trat er am 1. April dieſes Jahres in den Ruhe=
and
, deſſen er ſich nicht mehr lange erfreuen ſollte. Wäh=
end
ſeiner Militärdienſtzeit hat Liſtmann die Feldzüge
866 und 1870/71 von Anfang bis zu Ende mitgemacht und
n verſchiedenen Schlachten und Gefechten teilgenommen.
er wurde mit dem Eiſernen Kreuz zweiter Klaſſe aus=
ezeichnet
.
* Zur Lage der Heſſiſchen Nationalliberalen Partei.
Der Vorſtand des Nationalliberalen Vereins Darmſtadt
aßte vorgeſtern einſtimmig folgenden Beſchluß: Die Hoff=
nungen
auf Einmütigkeit in der National=
iberalen
Partei, die auf dem Delegiertentag in
Berlin am 12. Mai 1912 unter lebhaftem Beifall Ausdruck
gefunden hatten, haben ſich bedauerlicherweiſe nicht
erfüllt. Zu der Organiſation der nationalliberalen Ju=
gend
ſind weiter Vereinigungen auf dem rechten Flügel
und bei uns in Heſſen auch auf dem linken Flügel
gekommen. Wir ſtehen durchaus auf dem Standpunkt
der unbedingt nötigen Einigkeit der Partei,
vie ſie uns auf dem Parteitage von Baſſermann, Fried=
derg
und anderen Führern anempfohlen und durch eine
Zuſchrift des Zentralvorſtandes der Partei im Juni
ds. Js., unterzeichnet von Baſſermann, Friedberg und
Dr. Vogel, jedem einzelnen nochmals dringend ans
Herz gelegt wurde. Wir bedauern deshalb die Bil=
dung
dieſer Organiſationen, welche die Einheitlich=
keit
der Partei zu zerſtören drohen; wir be=
dauern
ſie um ſo mehr, weil ſie die Gefahr bergen, daß
Freunde und Geſinnungsgenoſſen verwirrt und damit
der Parteitätigkeit und dem öffentlichen Leben entzogen
werden. Da die Einheit durch die neueſten Sonder=
organiſationen
auf der rechten oder linken Seite gefähr=
det
iſt, ſo bitten wir unſere Freunde und Geſinnungs=
genoſſen
, ſich von allen Sonderbeſtrebungen in der
Partei fern zu halten. Die Kraft der Partei liegt in
ihrer Geſchloſſenheit nach außen; dieſe auch bei
Meinungsverſchiedenheiten zu wahren,
muß die Pflicht eines jeden Parteigenoſ=
ſen
ſein.
* Tuberkuloſe und Kindheit. Die Bekämpfung
der Tuberkuloſe iſt, ſeitdem die Forſchungen Kochs den
Erreger der Krankheit feſtgeſtellt haben, in energiſcher
Weiſe aufgenommen worden. Am wirkſamſten kann ſie
durch vorbeugende Maßreaeln erreicht werden,
5. h. durch Maßnahmen, die eine Verbreituna der Krank=
ſeit
verhindern. Es wird damit jedem Menſchen die
Möglichkeit gegeben, ſich, an dem Kampfe gegen dieſe
urchtbare Seuche zu beteiligen, die mehe Opfer fordert,
ils die übrigen Anſteckungskrankheiten (Typhus, Diph=
herie
, Ruhr, Pocken, Scharlach uſw.) zuſammen. Dieſe
Beteiliguna iſt aber nur möglich, wenn die Bevölkerung
iber das Weſen der Krankheit, die Art ihrer Verbreitung
und die Mittel zu deren Verhinderung aufgeklärt
wird. Dieſem Zwecke dient in hervorragender Weiſe
ein von Sanitätsrat Dr. M. Sonnenberger
in Worms verfaßtes Werkblatt Tuberkuloſe der
Kindheit Hier wird in kurzer und gemeinverſtändlicher
Weiſe alles Wiſſenswerte mitgeteilt. Wir erfahren z. B.
daraus, daß die Dispoſition zur Tuberkuloſe in der
großen Mehrzahl der Fälle bereits im Kindesalter
erworben wird. Sie kommt vor dem 3. Lebens=
monat
kaum vor, ſteigt dann in ihrer Frequenz all=
mählich
an und erreicht ihr Maximum gegen das Ent=
wicklungsalter
(14. bis 16. Jahr) hin. Die Schwindſucht
der Erwachſenen entwickelt ſich meiſt in einem von Kind=
heit
her tuberkulös infizierten Körper. Demgemäß gilt
es auch, in erſter Linie die Kinder vor der Anſteckungs=
gefahr
zu ſchützen. Der Verfaſſer gibt hierfür zahlreiche
Ratſchläge, die jedermann und insbeſondere die Mütter
leicht beachten können ferner weiſt er hin auf die Maß=
regeln
, die auf dem Gebiete der öffentlichen Geſundheits=
pflege
und der ſozialen Fürſorge liegen. Er betont auch,
daß die Hauptquelle für die Infektion namentlich
bei jüngeren Kindern in den Wohnungen der
Schwindſüchtigen zu ſuchen iſt, wie er überhaupt
die Wichtigkeit guter Wohnungsverhältniſſe als wirk=
ſamſtes
Mittel im Kampfe gegen die Tuberkuloſe her=
vorhebt
.
* Lupinen=Kaffee. Die vor einigen Tagen ſtatt=
gehabte
Generalverſammlung des Vereins Deutſcher
Kaffee=Groß=Händler u.=Röſter E. V., dem die bedeu=
tendſten
Kaffee=Großhändler aller Gegenden Deutſchlands

angehören, faßte eine Entſchließung, in der es heißt, ſie
verurteilt es auf das entſchiedenſte, daß einige Kaffee=
händler
dazu übergegangen ſind, geröſtete Lupinen,
Sojabohnen oder ähnliche in der äußeren Form von
Kaffeebohnen nicht oder nur ſchwer unterſcheidbare Feld=
früchte
mit Kaffeebohnen gemiſcht in den Handel zu
bringen. Derartige Miſchungen ſind geeignet, das
Publikum zu täuſchen. Nach ihrem Ausſehen erſcheinen
insbeſondere die Lupinen als Kaffeebohnen, während
ihnen die allbekannten charakteriſtiſchen Eigenſchaften
des Kaffees gänzlich fehlen. Das Publikum erhält dem=
nach
, bildlich ausgeſprochen, ſtatt Brot Steine. Daß die
Täuſchungsmöglichkeit nicht zu unterſchätzen iſt, geht
daraus hervor, daß nach verſchiedenen Gerichtsurteilen
in ſolchen Miſchungen, die unter der Bezeichnung Volks=
Melange oder ähnlichen Bezeichnungen verkauft wurden,
das Vorhandenſein von 50 bis 65 Prozent Lupinen feſt=
geſetzt
worden iſt. Alſo Vorſicht!
Warnung. In der letzten Zeit ſind mehrfach rei=
ſende
Perſonen dadurch verunglückt, daß ſie auf in Be=
wegung
beſindliche Züge aufgeſprungen
oder von ihnen abgeſprungen oder infolge vorzeitigen
Oeffnens der Wagentüren oder durch unzeitigen Aufent=
halt
auf den Plattformen der Wagen abgeſtürzt ſind. Es
muß darauf hingewieſen werden, daß allen dieſen Ver=
unglückten
ein Anſpruch auf Erſatz von Heilungskoſten
und Verdienſtausfall nicht zuſteht. Außerdem machen ſie
ſich einer Bahnpolizeiübertretung nach § 81 der Bau= und
Betriebsordnung ſchuldig, wonach das Oeffnen der Wagen=
türen
, das Ein= und Ausſteigen, der Verſuch oder die
Hilfeleiſtung dazu, das Betreten der Trittbretter und
Plattformen, ſoweit der Aufenthalt hier nicht ausdrücklich
geſtattet iſt, verboten und unter Strafe geſtellt iſt, ſolange
ein Zug ſich in Bewegung befindet. Es kann daher nicht
dringend genug vor ſolchen Uebertretungen der bahnpoli=
zeilichen
Beſtimmungen gewarnt werden.
* Eine intereſſante Naturerſcheinung wurde geſtern
nachmittag kurz nach 4 Uhr auf dem Marktplatz beobachtet.
Trotzdem es faſt windſtill war, kräuſelte ſich plötzlich ein
kleiner Luftwirbel zuſammen, der ſich alsbald zu einer
Windhoſe entwickelte. War das bei der Windſtille
ſchon bemerkenswert, ſo noch mehr die Windhoſe ſelbſt,
die ſich zu ſelten geſehener ſchwindelnder Höhe emporhob
und einen ganzen Haufen Einwickelpapier ſo weit mit in
die Höhe nahm, daß er faſt unſichtbar wurde. Dieſe Er=
ſcheinung
konnte 12 Minuten beobachtet werden.
* Der Bezirksverband Darmſtadt des Heſſiſchen Lan=
desgewerbevereins
hält ſeine nächſte Verſammlung am
kommenden Sonntag, den 30. Juni, nachmittags, in
Nieder=Ramſtadt ab Verbunden iſt damit eine Beſich=
tigung
der ausgeſtellten Zeichnungen und Schülerarbeiten
der dortigen Sonntagszeichenſchule. Im Anſchluß hieran
wird Herr Stadtverordneter Sames=Darmſtadt einen
Vortrag halten über Die Unfallverſicherung nach der
neuen Reichsverſicherungsordnung‟ Des weiteren iſt eine
Beſprechung allgemeiner Handwerkerfragen vorgeſehen.
Die Verſammlung findet im Gaſthaus zum Löwen ſtatt.
* Die Friſeur= und Perückenmacherinnung macht be=
kannt
, daß ſie infolge Steigerung der Preiſe aller Mate=
rialien
uſw. für einzelne Arbeiten eine kleine
Mehrforderung eintreten laſſen müſſe.
* Liedertafel. Es wird auf die im heutigen Blatte
enthaltene Anzeige betreffend Sommernachtfeſt
der Liedertafel verwieſen.
* Schützenhof. Heute Freitag, den 28. Juni, findet
das erſte Wochentagskonzert dieſer Saiſon ſtatt. Die
Kapelle des Großh. Art.=Korps unter Leitung des Ober=
muſikmeiſters
Mickley wird mit einem heiteren Pro=
gramm
, beſtehend aus neueſten und älteren Operetten
und Novitäten, den Reigen eröffnen. (Siehe Anzeigeteil.)
* Hugenſchütz’ Felſenkeller. Hente Freitag abend
findet wiederum ein großes Militär=Konzert
ſtatt, ausgeführt von der Kapelle des Leibgarde= Regi=
ments
. Im Programm: Sang und Klang aus Steier=
mark
, Militaria, großes patriotiſches Potpourri. (Siehe
Anzeige.)
Offenbach, 26. Juni. Die Angelegenheit des früheren
Leiters des Offenbacher Kanalamts, Ingenieur Kol=
loge
der bekanntlich von der Stadt entlaſſen war, gegen
dieſe Entlaſſung aber mit Erfolg die Verwaltungsbehör=
den
anrief, beſchäftigte geſtern wieder den Verfaſ
ſungsausſchuß. Nach längerer Beratung wurde der
Antrag des Oberbürgermeiſters, Herrn Kolloge zu penſio=
nieren
, abgelehnt und beſchloſſen, gegen Kolloge das Diſ=
ziplinarverfahren
mit dem Ziel der penſionsloſen Ent=
laſſung
zu veranlaſſen.
* Mainz, 27. Juni. Domkapitular Dr. Engel
hardt, Generalvikar der Diözeſe Mainz, und päpſtlicher
Hausprälat, iſt geſtern abend um 10 Uhr im Alter von
64 Jahren an einem Herzſchlag plötzlich verſtorben.
Wörrſtadt, 27 Juni. Erſtochen wurde geſtern
Nacht um 2 Uhr der Korbmacher Wolfrath aus Par=

tenheim. Dieſer lagerte mit ſeiner Familie und noch
einigen Genoſſen an dem Ausgange des hieſigen Ortes.
Bis um die vorbeſagte Zeit war die Geſellſchaft einig
beiſammen und ſpielte Ziehharmonika. Es entſpann ſich
ein Wortwechſel, wobei der Korbmacher Wanne=
macher
den vorgenannten Wolfrath durch einen Stich
ins Herz tötete und einen anderen lebensgefährlich
verletzte, der ins Kreiskrankenhaus nach Alzey gebracht
wurde. Der Mörder, der flüchtig ging, wurde durch die
hieſige Gendarmerie verhaftet.
Nieder=Olm, 26. Juni. Einen ſeltſamen Geld=
fund
machte geſtern der Landwirt Peter Weisrock 1. auf
ſeinem Felde beim Hacken eines Kartoffelackers. Unter
einigen dort ſtehenden Apfelbäumen lag zwiſchen den
Kartoffelbüſchen verſteckt ein großer Geldbetrag, beſtehend
aus Münzen und Papiergeld. Das Geld muß erſt kurz
vorher dorthin gelegt worden ſein, denn auch das Papier=
geld
war noch tadellos erhalten. Man glaubt, daß der
Fund von einem Diebſtahl herrührt. Der Finder lieferte
den Betrag der Polizei ab.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 26. Juni. Auf die Er=
greifung
des flüchtigen Kaſſenboten und die
Wiederbeſchaffung des geſtohlenen Geldes hat die Direk=
tion
der Dresdener Bank eine Belohnung von 10000
Mark ausgeſetzt. Der Oberlehrer Pfeffer aus Wil=
mersdorf
wollte geſtern abend auf der Potsdamerſtraße auf
einen fahrenden Motorwagen ſpringen, dabei rannte er
heftig einen Schutzmann an und ſtürzte zu Boden. Er er=
litt
eine ſchwere Gehirnerſchütterung.
Oberndorf, 27. Juni. Der Chef der Waffenfabrik, der
frühere Reichstagsabgeordnete Geheimer Kommerzienrat
Mauſer hat aus Anlaß ſeiner 60jährigen Arbeitstätig=
keit
für die Penſionskaſſe ſeiner Arbeiter 20000 Mark
geſtiftet. Zu ſeinen Ehren wird heute ein Denkmal
enthüllt.
Duisburg, 27. Juni. Geſtern nachmittag explodierte
in der Dachpappenfabrik von Julius Carſtanjen ein
Keſſel. Drei Arbeiter wurden ſchwer verletzt.
Leipzig, 27. Juni. Vor dem vereinigten zweiten und
dritten Strafſenat des Reichsgerichts, dem traditionellen
Spruchgerichtshof für Landesverratsſachen, findet heute
die Verhandlung in einer neuen Phaſe der großen Wil=
helmshavener
Spionage=Affäre ſtatt, die
längere Zeit hindurch Beunruhigung in weite Zivil= und
Marinekreiſe getragen hat. Als Haupt der Spionen=
bande
, die mit der engliſchen Admiralität in Verbindung
getreten war, galt der Schutzmann Glauß, der durch
einen leichtſinnigen Lebenswandel auf dieſe ſchiefe Ebene
gedrängt worden war. Als ſeine Verfehlungen ruchbar
wurden, wurde er in das Gefängnis Aurich eingeliefert.
Doch gelang es ihm, auszubrechen und nach Paris zu
entkommen, von wo er ſich nach England wandte. Da Gl.
und ſeine Helfershelfer auch verſchiedene ſchwere Ein=
brüche
auf dem Gewiſſen hatten, wurde er von England
ausgeliefert, aber unter der ausdrücklichen Bedingung,
daß er wegen Spionage nicht beſtraft werden dürfe. Die
Strafkammer Aurich verurteilte ihn Anfang März dieſes
Jahres wegen mehrerer ſchwerer Diebſtähle zu 6 Jahren
Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverluſt. Als ſein Komplize
bei den Spionageverſuchen wurde der Oberſignalmaat
Albert Ehlers ermittelt und feſtgenommen. Ihm wird
zur Laſt gelegt, mehrere geheim zu haltende Signal=
bücher
der kaiſerlichen Marine an England verkauft zu
haben. Ob auch die Pläne des großen Kreuzers von der
Tann in fremde Hände übergegangen ſind, wird die
Oeffentlichkeit wohl nie erfahren. Ehlers, der gegenwär=
tig
29 Jahre alt iſt, wird von dem Rechtsanwalt Prof.
Dr. Ganz verteidigt und hat bisher ſeine Schuld nicht
zugegeben.
Weimar, 27. Juni. Auf der Chauſſee nach Erfurt ſtie
das Automobil des Viehhändlers Kargut, in dem ſich
ioch der Bäckermeiſter Schröder mit Frau und Tochter, ſo=
wie
die Frau des Fleiſchermeiſters Fiſcher befanden, mit
einem Viehwagen zuſammen. Das Automobil überſchlug
ſich und vier von den Inſaſſen wurden ſchwer verletzt.
Erfurt, 27. Juni. Aeußerſt wertvolle Holzſchnitze=
reien
ſind aus dem Dom geſtohlen worden. Der Ver=
dacht
fällt auf einen Baubeamten.
Beuthen (Oberſchleſien), 26. Juni In dem Be=
trugsprozeß
Hentſchel und Genoſſen, die die
Oberſchleſiſchen Werke durch Betrugsmanöver um viele
Millionen ſchädigten, wurde der Buchhalter Beck wegen
mehrfachen Diebſtahls, Unterſchlagung und Urkunden=
fälſchung
zu 3½ Jahren Gefängnis unter Anrechnung
der dreimonatigen Unterſuchungshaft verurteilt, Frau
Beck wurde wegen Urkundenfälſchung unter Freiſpruch
der Hehlerei zu 100 Mark Geldſtrafe verurteilt, Anton
Wloszezyh, der Malermeiſter Dylla und der Weichenſtel=
er
Kopp wurden freigeſprochen, die Ehefrau und die

Verhältnis zu Lili Schönemann. Lili das iſt der Ge=
genſtand
der Frankfurter Briefe. Wir ſehen das unlös=
bare
Geflecht von Qual und Entzücken, in dem ſich Goethe
verfangen hat. Das blütenjunge Mädchen, vollkommen
iſchön und liebenswürdig, in kindlicher Harmloſigkeit ſich
des Zaubers erfreuend, der von ihr ausgeht, und wiederum
fähig und bereit, dem Geliebten Familie und Heimat auf=
zuopfern
, erhebt ihn mit der Kraft ihrer innigen Neigung
izur Höhe überirdiſchen Glückes, und eine finſtere Gewalt
izerrt ihn unbarmherzig hinab in den Abgrund innerlicher
Verſtörtheit; das Grauen vor der Alltäglichkeit, der er ſich
überliefern ſoll, die Furcht vor dem platten Nachbar= und
Gevatterweſen, der Widerwille gegen das ſpießbürgerliche
Getriebe, die leere Selbſtgefälligkeit eines verrottenden Ge=
meinweſens
. Hin= und hergeriſſen zwiſchen Liebe und
Freiheitsſehnen, findet Goethe keinen Standpunkt zu
ruhiger Erwägung, ſein Groll kehrt ſich gegen die Braut
die des unſeligen Zwieſpaltes unſchuldige Urſache iſt, er
plagt ſie mit abweiſender Kälte und büßt ſein Unrecht in
bitteren Selbſtvorwürfen, er übergibt ſich dem Strudel
geſellſchaftlicher Vergnügungen, um die innere Unruhe zu
übertäuben.
Getreuen Bericht dieſer traurig=ſüßen Bräutigamszeit
hat Goethe dem unbekannten Mädchen abgeſtattet; aber
immer aufs neue bricht die Klage durch, daß er das Letzte,
Tiefſte, Geheimſte nur von Mund zu Mund ſagen könne.
So iſt er denn alſo ſchon damals der bitteren Wahrheit
inne geworden, daß aller Seelenkraft zum Trotz die per=
ſönliche
Gegenwart ganz allein ein wahres Verhältnis be=
ſtimmen
und zu befeſtigen vermögend ſei, und doch bleibt
er noch unerſchöpflich in der Erfindung von Mitteln, das
Getrennte wirkſam zu vereinigen. Von Tag um Tag, von
Stunde um Stunde gibt er Rechenſchaft, um ſich über alle
Fernen hinweg ganz darzuſtellen; er bittet: Schreiben
SSie doch auch immer die Daten weil er die lange Zeit
hinwegtilgen zu können hofft, die Guſtchens Briefe haben
reiſen müſſen, er borgt Hilfe von ſeiner Zeichenkunſt und
ſgibt der Freundin ein Bild ſeiner Stube jener Stube,

die ſeine Seufzer um Lili gehört, ſeinen Fauſt ſeine
Stella hat entſtehen ſehen. Aber Sturm und Drang
legt ſich zur Ruhe, Goethe reift feſter Männlichkeit ent=
gegen
, die nur in unmittelbarer Gegenſtändlichkeit weſen
und wirken mag, und in demſelben Maße, wie ihm volle
Realität alles Seins zur Lebensbedingung wird, welkt das
haſtig emporgetriebene Verhältnis zu Guſtchen Stol=
berg
ab.
Die einzige Gelegenheit, die ſich ihm geboten hat, die
Vertraute ſeiner Frankfurter Leiden perſönlich kennen zu
lernen, hat Goethe verſäumt, als er im Dezember 1775
ihre Brüder, entgegen dem urſprünglichen Plane, allein
von Weimar abreiſen ließ. Der herzogliche Freund hielt
ihn damals feſt, und ſie, die nun auf länger denn ein Jahr=
zehnt
ſeines heißen Verlangens unerreichbarer Pol ſein
ſollte, Charlotte von Stein. Nur ſelten wird Charlottens
Name genannt in den Briefen, die Guſtchen noch aus
Weimar erhalten hat, der Einfluß ihres ſtetig=milden We=
ſens
iſt jedoch nicht zu verkennen. Wie viel ruhiger der
Ton, wie viel gleichmäßiger Bericht und Erzählung, wie
viel gedämpfter der Ausdruck neuen Leides, deſſen Urſache
im Dunkel bleibt! Die zahlreichen Gedankenſtriche, die,
wie Erdriſſe einen heißen Boden zerklüften, die fiebernden
Frankfurter Briefe durchſetzten, kommen ſeltener und ſel=
tener
aus ruhig fortlaufender Feder. Wie erfriſchender
Frühwind eines herrlichen Sommermorgens weht es
heran, wie ein Wipfelgruß aus dem geliebten Garten im
Park. Alle ſeine früheren Geliebten haben ſie beerbt, hat
Goethe der teuern Frau geſtanden; ſie iſt auch in Guſtchen
Stolbergs Beſitzrecht eingetreten, als verſtehende Frauen=
ſeele
die Beichten eines umgetriebenen Dichterherzens ent=
gegenzunehmen
. Hier war die lebendige Hand die ſich
kühlend auf die erhitzte Stirne legen konnte, Fülle der
Wirklichkeit, Kraft der Gegenwart da mußte Guſtchens
Bild zu leerem Schemen verblaſſen.
Und noch einmal, nach einem Menſchenalter voll wech=
ſelnden
Schickſals, iſt Guſtchen ungerufen vor den Stumm=
gewordenen
hingetreten, um in eindringlichem Bekehrungs=

verſuch zu erweiſen, wie nahe ihrem liebevollen Herzen der
Freund der Jugend geblieben ſei. Kein Mephiſtopheles
begrinſe das Vertrauen dieſer guten Seele, die, ihres
Glaubens voll, ſich heilig quält, ihn, der ihr einſt ſo viel
von ſeinem tiefſten Selbſt geſchenkt, verloren halten zu
ſollen! Goethes Antwort, ernſt und würdig, iſt das er=
habenſte
Bekenntnis ſeiner reinen Weltfrömmigkeit. Mehr
als einmal iſt er das Ziel eifriger Chriſtianiſierungsluſt
geweſen, die er dann wohl mit derbem Spott in ihre
Schranken zurückverwieſen hat was iſt’s, das ihn gut=
meinender
Anmaßung hier mit Milde und verzeihendem
Verſtändnis begegnen heißt? Iſt es der beredt=herzliche
Ton der unerbetenen Mahnung?, das Andenken längſt ver=
ſunkener
Zeit?, der geſellſchaftliche Rang der Gräfin?
Alles das mag zuſammengewirkt haben, aber ein Entſchei=
dendes
kommt hinzu: die letzte Liebe iſt’s, die wie der
volle Glockenton einer weltentrückten Bergeskirche ver=
nehmbar
wird. Was ihn Ulrike v. Levetzow empfinden
gelehrt hatte, die liebliche Jungfrau, der er im Sommer
1821 entgegengetreten war, das hat Goethe, wenige Mo=
nate
nach dem Briefe an Guſtchen, offenbart:
Dem Frieden Gottes, welcher euch hienieden
Mehr als Vernunft beſeliget wir leſen’s
Vergleich ich wohl der Liebe heiterm Frieden
In Gegenwart des allgeliebten Weſens.
Der Friede Gottes, dem frommen Gemüt eines Kindes
entfloſſen, er iſt es, der Goethes letzten Brief an Guſtchen
Stolberg durchzieht; die reine Seele, die nur darum in
Goethes Leben eingetreten zu ſein ſcheint, um wie ein
Spiegel das Bild ſeines Liebens aufzunehmen, ſie hat
nun ihre Sendung ganz erfüllt, da auch Ulrikens ätheriſcher
Geiſt leiſe an ihr vorübergeglitten iſt.
Eine zierliche Greiſin, das feine Geſicht von kurzge=
ſchnittenen
ſilberweißen Haaren umrahmt, hat Guſtchen
im Kreiſe liebender Enkel ihren Lebensabend verbracht,
regſam und anteilnehmend bis ans Ende. Sie iſt ge=
ſtorben
in Kiel am 30. Juni 1835.

[ ][  ][ ]

Tochter des Wloszezyh wurden wegen Hehlerei bezw.
Beihilfe bei den Straftaten des Beck zu zwei Monaten
bezw 4 Monaten und 2 Wochen Gefängnis verurteilt
Bei beiden wurde die Strafe durch die Unterſuchungs=
haft
als verbüßt erachtet.
Hirſchberg, 26. Juni. In vielen Ortſchaften wurde
infolge Hochwaſſers großer Schaden angerichtet.
Einige Orte berichten, die durch die Wolkenbrüche ange=
richteten
Verheerungen ſeien bedeutender als bei vem
Hochwaſſer 1907. Sehr ſchlimm ſind die Nachrichten
aus Schwerta bei Markliſſa und beſonders aus Probſt=
hain
und Pilgramsdorf. Das Waſſer ſtand teilweiſe bis
an den Baumwipfeln. Viel Vieh iſt ertrunken. Die
Bäume in den Gärten wurden weggeſchwemmt, die Feld=
früchte
wurden größtenteils vernichtet. Die meiſten
Brücken wurden weggeriſſen, ſo die Brücke bei Pilgrams=
dorf
, worauf der 14jährige Sohn eines Stellenbeſitzers
ſtand. Er wurde von den Fluten fortgeriſſen und ertrank
Güſtrow, 26. Juni. Vor dem hieſigen Schwurgericht
hatten ſich der Schiffer Höppner, der Kaufmann
Janzen und der Bootbauer Steffens wegen ver=
ſuchten
Verſicherungsbetruges zu verantworten. Dem
Angeklagten wird zur Laſt gelegt, daß ſie den Saugbag=
ger
Viola angebohrt und dadurch zum Sin=
ken
gebracht haben, um ſo in den Beſitz der Verſiche=
rungsſumme
für die Viola zu kommen. Die Viola
ſtand mit 37000 Mark zu Buch und der Beſitzer, Kauf=
mann
Janzen, hatte ſchon vor einiger Zeit die Abſicht ge=
äußert
, das Schiff zu verkaufen, da es zu wenig Arbeit
habe und ſich daher nicht rentiere. Der Kaufmann ſoll
auch das Schiff um etwa 30000 Mark angeboten haben.
aber, wie durch einen Zeugen feſtgeſtellt wurde, hatte er
nicht die ernſtliche Abſicht, den Bagger zu verkaufen. In
einer Nacht, als niemand auf dem Schiffe war, ſank der
Bagger. Es wurde eine Unterſuchung eingeleitet und
feſtgeſtellt, daß Aſtlöcher ganz vorſchriftswidrig nur mit
einem loſe hineingeſteckten Pfropfen verſchloſſen waren,
daß Schrauben gelockert waren u. a. Der Verdacht der
Täterſchaft lenkte ſich auf den Schiffer Höppner, den Be=
ſitzer
des Schiffes, Kaufmann Janzen und den Boot=
bauer
Steffens. Nach einer mehrtägigen Verhandlung
verurteilte das Gericht den Schiffer Höppner zu
1 Jahr Zuchthaus und 300 Mark Geldſtrafe, ſowie zu
2 Jahren Ehrverluſt, den Kaufmann Janzen zu 1 Jahr
6 Monaten Zuchthaus, 1200 Mark Geldſtrafe und 3 Jahre
Ehrverluſt. Der Bootbauer Steffens wurde freige=
ſprochen
.
Königsberg (Preußen), 27. Juni. Als Grundſtock
zur würdigen Begehung der 1913 ſtattfindenden oſtpreußi=
ſchen
Jahrhundertfeier der Freiheitskriege bewil=
ligten
die ſtädtiſchen Kollegien 45000 Mark.
Wien, 27. Juni. In dem Betrugsprozeß gegen
den ehemaligen Direktor der zuſammengebrochenen Kredit=
anſtalt
für Handel= und Gewerbetreibende in Oeſterreich,
Sagmüller und Konſorten, wurde geſtern nach 9 tägi=
ger
Schwurgerichtsverhandlung in ſpäter Nachtſtunde das
Urteil gefällt. Sagmüller wurde zu 7 Jahren, die anderen
Angeklagten von einem bis zu 5 Jahren ſchweren Kerker
verurteilt. Ein Angeklagter wurde freigeſprochen.
Rom, 27. Juni. Die ſchöne, 34jährige Principeſſa
Marianna Brancia Aprincena in Torre del
Greco vergiftete ſich nach einer Eiſerſuchtsſzene mit
ihrem Gatten mit Sublimat.
Paris, 27. Juni. In Bayonne wurde auf der Mayon=
brücke
der Bürgermeiſter von Lahouge Ge=
los
, feſtgenommen, weil er unerlaubterweiſe das Buch=
machergewerbe
betrieb. Gelos ſetzte ſeiner Verhaf=
tung
heftigen Widerſtand entgegen und warf Papiere, die
er bei ſich trug, in den Fluß, doch konnte ſich die Polizei
des größten Teiles dieſer Papiere bemächtigen, die zwei=
fellos
Wettliſten ſind.
London, 27. Juni. Als das Königspaar auf ſei-
ner
Fahrt durch Südwales die Kathedrale in Llan=
doff
beſichtigen wollte, durchbrach eine Frauenſtimm=
rechtlerin
die Abſperrung und beſchimpfte den Miniſter
Mc. Kenna. Die wildgewordene Dame rief: Kabinetts=
mitglieder
dürften keinen Ausflug in die Provinz machen,
während Frauen im Gefängnis ſchmachteten. Bei ihrer
Feſtnahme gab die Ruheſtörerin an, aus London herüber=
gekommen
zu ſein und Ellen Craig zu heißen.
Warſchau, 27. Juni. Der Hauptmann Chazarow,
der ein Attentat auf den General von den Brinken beging
und ſich hierauf ſelbſt ſchwer verletzte, iſt, ohne die Beſin
nung wieder erlangt zu haben, geſtorben.

Santiago de Chile, 26. Juni. Wie amtlich gemeldet
wird, hat die Kommiſſion franzöſiſcher Ingenieure, die
mit der Unterſuchung der Eiſenerzgruben beauftragt iſt,
feſtgeſtellt, daß die Erzlager in der Provinz Coquimbo
über 200 Millionen Tonnen enthalten. Die
Studien ſollen ſich auch auf andere Provinzen erſtrecken.

Zur Beſoldungsreform.

* Der Verband von Vereinen akademiſch
gebildeter Beamten im Großherzogtum
Heſſen richtete unterm 17. Juni an Regierung und
Stände eine Eingabe zur Beſoldungsvorlage, der wir
Folgendes entnehmen: Hohe Regierung hat erklärt, daß
allgemein und naturgemäß da, wo die Beamtenbezüge
zuletzt aufgebeſſert werden, die fortſchreitende Verteuer=
ung
der Lebenshaltung zu höheren Sätzen führen werde,
als ſie anderwärts in früheren Jahren zu gewähren not=
wendig
erſchien. Hiermit iſt das den akademiſch gebilde=
ten
Lokalbeamten gegenüber eingeſchlagene Verfahren
unvereinbar.
Ein akademiſch gebildeter Reichsbeamter, dem bei
ſechsjähriger proviſoriſcher Vordienſtzeit zwei Jahre auf
das Beſoldungsdienſtalter angerechnet werden, bezieht
nämlich: 1. vom Beginn des 11. definitiven Dienſtjahres
zwei Jahre lang 904 Mark, 2. vom Beginn des 14. defini=
tiven
Dienſtjahres zwei Jahre lang 1072 Mark, 3. vom
Beginn des 17. definitiven Dienſtjahres zwei Jahre lang
1132 Mk., 4. vom Beginn des 20. definitiven Dienſtjahres
zwei Jahre lang 1300 Mk. jährlich mehr, als die Vorlage
Großherzoglicher Regierung den heſſiſchen akademiſch ge=
bildeten
Lokalbeamten von gleichem Dienſtalter zuweiſt.
Haben dann die heſſiſchen akademiſch gebildeten Beamten
nach Ablauf des 21. definitiven Dienſtjahres den Höchſt=
gehalt
erreicht, ſo bleiben ſie von nun ab dauernd um 760
Mark hinter dem Reich zurück. Die akademiſch gebildeten
Lokalbeamten des Großherzogtums (eines Landes, das
faſt von Preußen umſchloſſen iſt, und in dem mehr Reichs=
und nach den preußiſchen Sätzen beſoldete Beamte woh=
nen
als heſſiſche), ſollen nach der Regierungsvorlage ſogar
zurückbleiben in den Höchſtbezügen hinter Sachſen (1909)
um 440 Mark, hinter Baden (1908) um 210 Mark, hinter
Württemberg (1911) um 560 Mark. Sie ſollen nach der
Regierungsvorlage zurückbleiben im Mittel hinterm
Reich um 388 Mark, hinter Sachſen um 368 Mark, hinter
Bayern um 488 Mark, hinter Württemberg um 638 Mark.
Die unterzeichneten Vorſtände fühlen ſich gedrungen,
angeſichts dieſer Mißverhältniſſe in den Endbezügen auf
ihre Eingabe vom 18. November 1911 mit allem Nachdruck
zu verweiſen und insbeſondere die wiederholt erbetene
Gleichſtellung mit den Richtern erneut zu erbitten; vor
allem aber zu beantragen, daß keinesfalls durch die vor=
läufige
Regelung der Beſoldungen weitere Unſtimmigkei=
ten
geſchaffen oder feſtgelegt werden. Denn durch ein
etwaiges Definitivum im Sinne der Regierungsvorlage
würden die nichtrichterlichen akademiſchen Lokalbeamten
gegenüber denen des Reiches und der Bundesſtaaten zu
Beamter zweiter oder dritter Klaſſe dem Einkommen
und ſchließlich der Qualität nach herabgedrückt werden.
Außerdem bitten die unterzeichneten Vorſtände bei der
Zerrüttung unſerer Dienſtaltersordnung durch die Bemeſ=
ſung
der Beſoldungsvordienſtzeit nach dem Lebensalter
darum, die einſchlägigen Beſtimmungen des Reichsbeſold=
ungsgeſetzes
vom 15. Juli 1909 (§ 6, Abſatz 2) in das neue
Beſoldungsgeſetz zu übernehmen.

Der Berndt=Schapiro=Prozeß.

Neunter Verhandlungstag.
g. Zeuge Rechtsanwalt Schwörer=Mainz war
Vertreter, eines Frl. K. in einem Privatbeleidigungs=
prozeß
wegen Verleumdung. In dieſem Verfahren
wurde auch Frau Schapiro als Zeugin vernommen und
auch Polizeiakten ſeien als Beweismaterial benannt
worden. Er habe die Auffaſſung gehabt, daß dieſe Akten
lediglich auf einer vagen Anzeige aus Rache beruhten,
ohne daß eine Beſtätigung erfolgte; was in ihnen ent=
halten
geweſen ſei, könne er nicht mehr ſagen. Frau
Schapiro erklärt, daß ſie auf Grund einer durchaus
begründeten Anzeige und nach eingehender Beratung
nit dem Polizeirat eingeſchritten ſei. Die angeführten
Akten enthielten lediglich Protokolle über die Verneh=
mungen
. Weitere Schritte ſeien nicht getan worden.
Frau H. hat ſtets 3 bis 4 Zimmer abvermietet, in einem
vohnte ein Frl. J. Eines Morgens ſei Frau Sch. mit
einem Kriminalſchutzmann in ihre Wohnung gekommen

und habe nach Frl. J. gefragt. Sie habe ihr geſagt, ſ
ſolle einen Moment Platz nehmen. Kurz darauf habe
ſie eine heftige Debatte zwiſchen Frau Schapiro und Frl
J. gehört. Letztere habe ſich darüber empört, daß Frau
Sch. ohne anzuklopfen in die Stube gedrungen ſei. O
angeklopft worden ſei oder nicht, wiſſe ſie nicht. Es ſeien
denn noch mehrmals Schutzleute in ihre Wohnung ge=
kommen
; ſie habe jedoch niemals von dem Treiben des
Frl. J. etwas gewußt. Später wäre denn ein Verfah=
ren
wegen Kuppelei gegen ſie eingeleitet, jedoch wegen
Mangels an Beweiſen eingeſtellt worden. Schutzmann
Belzer bekundet, daß er mehrere Male Frl. J. mit
nem Einjährigen in ihrer Wohnung angetroffen hat.
ſei auch nach den Vorgängen unter Kontrolle geſtellt
worden.
Zeugin Frau Sch. betreibt eine kleine Wirtſchaft
Sie bekundet, daß eine Dame zu ihr gekommen ſei und
nach einer Wohnung gefragt habe. Sie gab an, ſie ſei
am Theater; ein Gaſt bemerkte, es ſei ja Frau Schapiro.
Frau Sch. beſtreitet, daß ſie jemals zu der Zeugin
gekommen ſei. Zeuge Wirt Nehr gibt an, er ſei von
einer Kellnerin, die er wegen Ungebühr hinauswerfen
ließ, bei der Polizei denunziert worden, in ſeinem Lo=
kale
würden ſich Animierkellnerinnen aufhalten. Darauf
ſeien dann Unterſuchungen angeſtellt und auch ſeine
Frau wegen Kuppelei vorgeladen worden. Zeuge Kri=
minalkommiſſar
Volz gibt an, daß in dieſem Falle
vorgegangen worden ſei, weil eine Klage eingelaufen
ſei, es wäre dort ein Gaſt von einer Kellnerin ge=
ſchröpft
worden. Die Frau Schapiro ſei im allgemeinen
genau ſo vorgegangen wie alle anderen. Er ſei nach
dem Hirſchprozeß in manchen Fällen etwas vorſichtiger
vorgegangen, und zwar ſei dies auf einer Konferenz
nach dem Hirſchprozeß von Herrn Beig. Berndt ange=
ordnet
worden. Zeuge insbeſondere ſei durch die Kon=
ferenz
vorſichtiger geworden und habe die Schutzleute dem=
entſprechend
inſtruiert, es ſeien auch ſeitdem die Siſtie=
rungen
weniger geworden. Frau Sch., Inhaberin ei=
ner
Wirtſchaft, gibt an, eines Tages habe ein Mädchen
oder eine Frau bei ihr nach Stellung als Animierkell=
nerin
gefragt, ein Gaſt habe darauf geſagt, das wäre
ja die Polizeiaſſiſtentin. Das habe ſie dann weiter er=
zählt
, da ſie es geglaubt habe. Als ihr Frau Schapiro
vorgeſtellt wurde, gab ſie zu, daß ſie nicht diejenige war,
die bei ihr um Stellung anfragte.
Frau Schapiro gibt nun eine eingehende Schil
derung, wie ſie vorgegangen iſt im Kampfe gegen den
Vertrieb und die Anwendung von Abortivmitteln. In=
dem
einen Fall habe ſie auf Grund von Zeitungs=
anzeigen
ſich unter einer Deckadreſſe an den Kaufmann
gewandt. In einem zweiten Falle handelte es ſich um
eine Frau, die in dem dringenden Verdacht ſtand, dieſe
Mittel gewerbsmäßig anzuwenden. Sie habe, da die
Sache dringend war und nach eingehender Beratung mit=
Polizeikommiſſär Kindhäuſer, da ihr niemand anders
zur Verfügung ſtand, ihr Dienſtmädchen zu jener Frau
geſchickt, um Gewißheit zu erlangen. Sie habe dem
Mädchen geſagt, ſie ſolle ſich unter einem falſchen Namen=
vorſtellen
und dann abwarten, was ihr die Frau raten
würde. Der Verdacht habe ſich auch nachher als begrün=
det
erwieſen und die Frau ſei zu Zuchthausſtrafe ver=
urteilt
worden. Wenn ihr vorgehalten wurde, daß jenes=
Mädchen durchaus nicht geeignet war, derartige Auf=
träge
auszuführen, da ſie ſchon mehrmals wegen Dieb=
ſtahls
vorbeſtraft war, ſo könne ſie nur ſagen, daß ihr
niemand anders zur Verfügung ſtand. Auch habe ſich
das Mädchen bei ihr ſehr gut geführt. Im übrigen halte
ſie ſich zum Vorgehen für berechtigt, da dies zur Für=
ſorgetätigkeit
gehöre und die Frauen durch ſolche Vor=
ſpiegelungen
ausgebeutet würden. Auf ähnliche Weiſe
würde auch in allen anderen Städten gegen dieſes Ge=
werbe
vorgegangen. Sie habe ſich dabei auch immen
im Einverſtändnis mit ihren Vorgeſetzten befunden,
*X* Frl. v. Barner die Inhaberin des Cäcilien=
heims
in Wiesbaden, hat häufig Mädchen, die ihr von
Frau Sch. zugewieſen wurden, aufgenommen. Der Vor
ſitzende fragte die Zeugin, ob ſie ſich auch einmal aus=
gedrückt
habe, daß Frau Sch. nicht mit dem nötigen Takt
orgehe, worauf die Zeugin antwortet, ſie habe vielfach
bei ihr die Liebe vermißt. Sie wolle immer Ordnung
alten und ging dabei auch ohne Rückſicht zu Werke. Sie
ſei aufgeregt und nervös geweſen, und es ſei der Zeugir
aufgefallen, daß Frau Sch. mit großem Intereſſe auch
ſchmutzige Angelegenheiten erörterte. Ihr kam es über

Fenilleton.

* Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben. Wie die Ber=
ltner
Morgenpoſt erfährt, hat der Mannheimer Hof=
theaterintendant
Profeſſor Ferdinand Gregori be=
reits
ſeinen am Schluß des nächſten Jahres ablaufenden
Vertrag gekündigt. Zu ſeinem Nachfolger ſoll Alfred
Schmieden auserſehen ſein.
Prinz Rudolf, der dritte Sohn des Prinzen
und der Prinzeſſin Rupprecht von Bayern. iſt am 26.
Juni, drei Jahre alt, geſtorben. Prinz Rudolf Fried=
rich
Rupprecht wurde am Pfingſtſonntag, den 30. Mai
1909, in Nymphenburg geboren als das vierte Kind aus
der Ehe des Prinzen Rupprecht mit Marie Gabriele, Her=
zogin
in Bayern. Der älteſte Sohn, Prinz Luitpold,
wurde am 8. Mai 1901, der zweite Prinz Albrecht, am
3. Mai 1905 geboren. Das zweite Kind, ein Töchterchen,
iſt, wenige Monate alt, in Tegernſee geſtorben.
C) Von Rouſſeau als Erzieher Rouſſeau, deſſen
200. Geburtstag am 28. Juni feierlich begangen wird, hat
mit ſeinem Emile zwar großen Einfluß auf die Päda=
gogik
bis in die Gegenwart gehabt, aber er wollte darin
den Erziehern keine praktiſche Anweiſung in die Hand
geben, nach der ſie nun buchſtäblich handeln ſollten. Hat
er ſeine Kinder ins Findelhaus geſchickt, weil er ſich nicht
für fähig hielt, ihnen eine gute Erziehung zu geben, ſo
hatte er auch zu den Lehren ſeines Emile ſelbſt kein
unbedingtes Vertrauen. Das wird durch zwei Geſchich=
ten
illuſtriert, die den armen Jean Jacques in ſeiner
ganzen Wunderlichkeit zeigen. Der Maler Mannlich er=
zählt
uns in ſeinen Erinnerungen, wie ſchwierig es in
Paris war, bis zu dem Einſiedler vorzudringen, der
Leuten erſten Ranges die Türe vor der Naſe zuſchlug.
Das mußte auch Graf Goertz, der Erzieher des Erb=
prinzen
und ſpäteren Großherzogs Karl Auguſt von Wei=
mar
, erfahren, der ein großer Verehrer Rouſſeaus war
und von ihm Rat für ſein Erziehungswerk haben wollte.
Ich beſuchte ihn, ohne ihn jedoch zu treffen erzählte der
Graf nach Mannlichs Bericht. Dies wiederholte ich
ſieben= bis achtmal. Immer vergeblich. Da ich ſtets meine
Viſitenkarten zurückgelaſſen hatte, war ich über ſeine Un=
nahbarkeit
ungehalten und beklagte mich meinen Be=
kannten
gegenüber. Dieſe fingen an zu lachen. Sind
Sie bei dieſem Original in dem Wagen vorgefahren?

Ja. Haben Sie ſich durch Ihren Lakai anmelden
aſſen? Ja. Dann freilich haben Sie es gerade ver=
kehrt
angeſtellt. Sie müſſen ſelbſt wie ein Lakai aus=
ſehen
, im grauen Ueberrock zu Fuß kommen, unter dem
Arm eine Rolle Muſikalien, die Sie abzuſchreiben haben.
Verlangen Sie ſo Ronſſeau zu ſprechen, ſo wird er ſeine
Tür, die ſo hartnäckig dem Grafen v. Goertz verſchloſſen
blieb, ſich für Sie auftun! Ich befolgte alſo dieſen Rat
und Mlle. Lavaſſeur ließ mich eintreten. Nachdem ich
meine Rolle auf den Tiſch gelegt hatte, begann ich:
Mögen Sie, Herr Rouſſeau, aus meiner Verkleidung er=
ſehen
, wie ſehr ich danach verlange, Sie über einen unge=
mein
wichtigen Punkt zu befragen! Ich bin Graf
v. Goertz bei dieſem Worte ſtarrte er mich an und
nahm ſeine Mütze ab, die er trotz meiner Bitten beſtändig
in ſeinen Händen hielt und brachte dann mein An=
liegen
vor. Nachdem mich Jean Jacques geduldig an=
gehört
hatte, lautete ſeine ganze Antwort: Herr Graf,
Ihr Schüler iſt ein Prinz? Ja. Nun gut, Sie wer=
den
nie etwas aus ihm machen. Verzeihen Sie meine
Zeit iſt koſtbar, ich habe viel zu tun. Der Graf, der ver=
ärgert
wegging, ſollte übrigens ſpäter erkennen, daß der
unwirſche Pädagog kein ſchlechter Prophet geweſen war,
denn nach dem plötzlichen Tode des Herzogs wurden
gegen den Grafen allerlei Intriguen angezettelt, ſodaß
er ſchließlich gezwungen war, ſeinen Poſten aufzugeben
und ſich vom Hofe zurückzuziehen. In Erinnerung an
Rouſſeaus Worte rief er damals laut aus: Ach, göttlicher
Jean Jacques! Keine beſſere Antwort als der weima=
riſche
Graf erhielt ein für die Probleme der Erziehung
begeiſterter Herr Huyard, der ſich in Straßburg Rouſſeau
mit den Worten vorſtellte: Sie ſehen hier einen Mann,
der ſeinen Sohn nach den Grundſätzen erzogen hat, die
er ſo glücklich war, aus ihrem Emile zu ſchöpfen.
Kurz und barſch erwiderte der Philoſoph: Um ſo ſchlim=
mer
, mein Herr, um ſo ſchlimmer für Sie und Ihren
Sohn. und ließ den Enthuſiaſten verdutzt und verwun=
dert
ſtehen.
ck. Leoncauallos Kleine Roſenkönigin mit der der
Komponiſt des Bajazzo auf dem Gebiete der heiteren
Operette debutiert, hat am Montag abend zugleich in
Rom, im Teatro Conſtanzi, und in Neapel ſeine Urauf=
führung
erlebt und in beiden Städten einen ſtürmiſchen
Erfolg davongetragen. Das graziös aufgebaute Libretto,
das in mancher Hinſicht an den Walzertraum gemahnt,

ſtammt von Forzano: die Hekdin, die Kleine Roſenköni=
gin
iſt eine niedliche, brave, luſtige, kleine Londoner
Blumenverkäuferin; der Held der Kronprinz Max, künfti=
ger
Herrſcher des echten Operettenkönigreichs Portowa,
der mit ſeinem Vetter Don Pedro und ſeinem Erzieher
London inkognito beſucht und ſich natürlich in die reizende=
Lilian ſterblich verliebt. Er will nicht heimkehren, er pfeift
auf ſeinen Rang, will auf die Krone verzichten; er will
nur Lilian zur Frau. Und nun ſſetzt ein luſtiges Intrigen=
ſpiel
ein. Um den Kronprinzen zur Heimkehr zu bewegen
engagiert ſein Erzieher Lilian als Schloßgärtnerin für
Portowa; und ſie, die nicht ahnt, daß dort ihr Max König
ſein wird, nimmt an, da die Stellung ehrenvoll iſt und ihr
die Trennung von dem Geliebten erſpart wird. Daheim
aber herrſcht bereits im Miniſterrat ratloſe Beklemmung;
man will den Kronprinzen mit ſeiner Couſine, Prinzeſſin
Anita, verheiraten und ſetzt die kleine Lilian bei ihrer An=
kunft
ins Gefängnis. Nun verbündet ſich der Kronprinz=
heimlich
mit den Revolutionären von Portowa, die Re=
volution
bricht aus, die Regentin dankt ab, Max wird
König und jubelnd wählt das Volk Lilian zur Königin,
während Prinzeſſin Anita den heimlich geliebten Don
Pedro ehelicht. Zu dieſem bunten, an luſtigen und komi=
ſchen
Zwiſchenfällen reichen Text hat Leoncavallo eine
leichte, anmutige und formklare Muſik geſchrieben, die
zwiſchen einer heiteren Operette und den alten Traditio=
nen
der alten italieniſchen Opera buffa glücklich die
Mitte hält. Eine Reihe von Liedern, Duetten und= Tän=
zen
mußten mehrfach wiederholt werden und die melodi=
ſche
Muſik wurde ſtürmiſch beklatſcht.
* Puderfriſuren in Autenil. Das jüngſte Rennen in
Auteuil hat eine neue Mode lanciert: mit einer Miſchung
von Staunen und Entzücken erblickten die eleganten Pari=
ſerinnen
das Allerneueſte: regelrechte Puderfriſuren aus
alter Zeit. Die führenden Modehäuſer hatten ihre Man=
nequins
als Apoſtel des Puders auf den Rennplatz ge=
ſchickt
und alle Zuſchauer waren ſich darüber einig, daß
die Puderfrifur die Friſche und die Jugendlichkeit des
Teints viel beſſer zur Geltung bringt, als die natürliche
Haarfarbe. Nun werden auch die Bühnen für die neue
Mode kämpfen, die führenden Schauſpielerinnen wollen
in Puderfriſuren auftreten und binnen kurzem wird die
Glanzzeit der Tizian=Zöpfe und der blonden Ringellocken
überwunden ſein.

[ ][  ][ ]

flüſſig vor, daß ſie von den Mädchen allerlei erzählte,
die ſie zu ihr brachte. Sie intereſſierte ſich oft über ver=
ſchiedene
Verhältniſſe der Mädchen mehr, als notwendig
erſchien. Der Vorſitzende hält der Zeugin vor, daß ſie
auch vor dem Unterſuchungsrichter geſagt habe, Frau
Sch, habe einen auffallenden Mangel an weiblichem
Takt bewieſen, der in ihrer amtlichen Stellung nicht be=
gründet
war und frägt, da ihre im Protokoll niedergelegte
Anſchauung bisher von niemand beſtätigt wurde, ob
Zeugin nicht in ihrer Tätigkeit auch viel Undank geern=
tet
habe. Zeugin gibt an, daß dies nur in ſeltenen
Fällen vorkam, meiſt hätten ſich die Mädchen ſehr
dankbar erwieſen. Zeuge Kundel ſchildert den von
der Aſſiſtentin gemachten Verſuch, mittelſt einer anony=
men
Karte die in einem Frankfurter Blatte inſerierten
Mittel reſp. Angabe über deren Verwendung als
Geheimmittel zu erhalten. Er habe eine anonyme An=
frage
mit dem Erſuchen erhalten, unter der Adreſſe R.
u. F, hauptpoſtlagernd Mainz eine Antwort zu erteilen.
Zeuge war zuerſt der Anſicht, daß es ſich hier um ein
Konkurrenzmanöver handle, da die Karte aber verſehent=
lich
durch einen Schutzmann überbracht wurde,
habe er ſich auf der Polizei näher erkundigt, und da ſei
ihm geſagt worden, daß das Schreiben bei einem ein=
gelieferten
Mädchen gefunden worden ſei. Später habe
er eine Vernehmung vor dem Unterſuchungsrichter ge=
habt
, es ſei aber nichts weiter erfolgt. Rechtsanwalt
Bopp gibt darauf namens des Angeklagten eine Er=
klärung
ab. Rechtsanwalt Pagenſtecher habe am
Vormittag behauptet, daß der Angeklagte ſein Material
zum Teil aus amtlichen Quellen erhalten habe. Herr
Hirſch erklärt demgegenüber, daß er niemals amtliches
Material erhalten habe. Rechtsanwalt Pagenſtecher
erklärt, er habe nicht behaupten wollen, daß Herr Hirſch
direkt amtliches Material erhalten habe, er habe auch
Herrn Hirſch keinerlei Vorwurf machen wollen. Einen
ſehr breiten Raum nimmt die Vernehmung des Polizei=
kommiſſärs
Kindhäuſer ein. Dieſer bekennt ſich als
den Urheber der Poſtkarte. Er habe ſeine Aufmerkſam=
keit
auch auf die verſteckten Zeitungsannoncen über Ge=
heimmittel
zu richten. Das von ihm beobachtete Vor=
gehen
werde auch von anderen Behörden angewendet
und erſcheine ihm auch im Intereſſe der Volkswohlfahrt
geboten. Die Kriminalbehörden müßten ſich häufig be=
ſtimmter
Vertrauensperſonen behufs Verfolgung von
Geheimmittelſchwindeleien bedienen. Die vom Zeugen
abgeſandte Karte ſei auch nicht die erſte; in den Akten
der Staatsanwaltſchaft ſei oft zu leſen, daß auf Grund
ſolcher Anfragen Strafverfahren eingeleitet wurden.
Zeuge Polizeiaſſiſtent Herz war kurz nach dem
Prozeß gegen Hirſch verſetzt worden und führte dies in
irgend einer Weiſe auf den Prozeß zurück. Vom Beig.
Berndt wird jedoch richtiggeſtellt, daß die Verſetzung
ſchon längere Zeit vor dem Prozeß beſchloſſen war.
Zeugin L. gibt an, daß ſie ſich auf Anraten eines Schutz=
mannes
ihres 15jährigen, mißratenen Mädchens wegen
an Frau Sch. gewandt habe. Dieſe habe ſich auch ihrer
ſehr angenommen und immer wieder verſucht, beſſernd
auf ſie einzuwirken, aber vollſtändig ohne Erfolg. Daß
ihre Tochter von Frau Sch. 2 bis 3 Tage in Schutzhaft
behalten wurde, ſei mit ihrem Einverſtändnis geſchehen.
Es erfolgt ſodann um halb 7 Uhr Vertagung auf
Montag früh.

Stadtverordneten=Verſammlung.

6. Sitzung.
g. Darmſtadt, 27. Juni.
Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing eröffnet die Ver=
ſammlung
um ¾4 Uhr und macht folgende
Mitteilungen.
Die bei der Stadt beſchäftigten Militär= An=
wärter
haben ihren Dank ausgeſprochen für den Be=
ſchluß
der Stadtverordneten=Verſammlung über die An=
rechnung
eines Teils der Militärdienſtzeit auf das Be=
ſoldungsalter
.
Ferner haben gedankt: der Vorſtand der Klein=
kinderſchule
der Martinsgemeinde für die
Erhöhung des ſtädtiſchen Zuſchuſſes; die Komman=
dantur
für die Bewilligung eines Beitrags zu den
Koſten des Wohltätigkeitskonzerts und die Direktionen der
Eleonorenſchule und Liebigs= Oberreal=
ſchule
für die Bewilligung der Mittel zur Ausſtattung
der Schulen mit Lehrmitteln ꝛc. Dieſe laden auch gleich=
zeitig
zu einer Beſichtigung ein. Auf Vorſchlag ſoll dies
bis zum Herbſt verſchoben werden.
Die Bewohner der Mauerſtraße bitten, die Durch=
führung
der Mauerſtraße nach der Pankratius=
ſtraße
alsbald zu beſchließen.
Es wird hierauf beſchloſſen, eine Einladung der Eiſen=
bahnverwaltung
zur Beſichtigung der neuen Eiſenbahn=
Werkſtätten anzunehmen, und dieſe am Mittwoch, den 3.
Juli, nachmittags 2½ Uhr, vorzunehmen.
Ein neues Garniſonlazakrett.
Auf dem Gelände des ehemaligen Akaziengartens an
der Eſchollbrückerſtraße ſoll ein Garniſonlazarett
erbaut werden. Der Hochbau=Ausſchuß befürwortet die
hierzu für das Verwaltungsgebäude nachgeſuchte Geſtatt=
ung
einer Ausnahme von § 5 des Ortsbauſtatuts. Nach
dem Referat des Stadtv. Markwort genehmigt die
Verſammlung die Erbauung.
Ein neuer Kanal.
Nach dem Geſamtprojekt über den Ausbau der Ka=
naliſation
iſt für die Pankratiusſtraße die Einlegung eines
neuen gemauerten Sammelkanals an Stelle des
unzureichenden alten Rohrkanals vorgeſehen. Die Aus=
führung
des neuen Kanals ſoll wegen einer beabſichtigten
Verbreiterung der Straße ſchon jetzt vorgenommen wer=
den
. Tiefbau=Deputation und Finanz=Ausſchuß ſind mit
dem Projekt einverſtanden und befürworten die Bereit=
ſtellung
der Mittel im Voranſchlagsbetrag von 21000
Mark. Die Stadtverordneten treten nach dem Referat des
Stadtv. Sames dieſem Beſchluß bei.
Abwaſſergruben.
Die Handelsgärtner Gebr. Weber haben um nachträg=
liche
Genehmigung zur Anlage von Abwaſſer=
gruben
für ihre Neubauten in der verlängerten Darm=
ſtraße
nachgeſucht. Die Tiefbau=Deputation empfiehlt, die
Anlage der Gruben in widerruflicher Weiſe zu geſtatten,
ohne hierdurch die Geſuchſteller von der übernommenen
Verpflichtung zur anteilweiſen Aufbringung der Kanal=
baukoſten
zu entbinden. Das Geſuch wird genehmigt.
Referent: Stadtv. Sames.
Das Bedürfnishäuschen auf dem Markt=
platz

ſoll beſeitigt und durch eine unterirdiſche Bedürfnis=
anſtalt
erſetzt werden. Die Tiefbau=Deputation und der
Finanz=Ausſchuß haben zugeſtimmt. Die auf 6600
Wark veranſchlagten Koſten ſollen aus vorhandegen Mit=

teln gedeckt werden. Referent: Stadtv. Wagner.
Stadtv. Friedrich regt an, auch auf dem Wilhelmsplatz
eine derartige Anſtalt einzurichten. Die Anlage und die
Koſten werden nach dem Antrag des Referenten be=
wälligt
.
Das Komitee Darmſtadt im Blumen= und
Pflanzenſchmuck
veranſtaltet auch in dieſem Jahre eine Prämiierung von
Fenſtern, Balkonen und Vorgärten, die durch geſchmack=
volle
Ausſchmückung zur Verſchönerung des Straßen=
bildes
beitragen. Zur Verwendung als Ehrenpreiſe ſollen
dem Komitee, wie in den letzten Jahren, Pflanzen aus
der Stadtgärtnerei im Werte von 200 Mark zur Verfüg=
ung
geſtellt werden. Die Summe wird nach dem Referat
des Stadtv. Dr. Bender bewilligt.
Feſtbeiträge.
Dem Hilfsfonds der Großh. Hofmuſik ſoll
zu den Koſten ſeines Konzerts ein Beitrag in Höhe der
Saalbaumiete (200 Mark) bewilligt werden. Die Ver=
ſammlung
ſtimmt dem zu. Referent: Stadtv. Dr.
Bender.
Die gleiche Bewilligung wird beantragt als Beitrag
zu den Koſten eines Wohltätigkeitskonzerts des Fecht=
vereins
Waiſenſchutz Nach dem Vortrag des=
ſelben
Referenten wird auch dieſer Betrag bewilligt.
Zuſchuß zur kaufmänniſchen Fortbildungs=
ſchule
.
Von dem Finanz=Ausſchuß wird beantragt, der
kaufmänniſchen Fortbildungsſchule auch für
das Jahr 1912 einen ſtädtiſchen Beitrag von 2500 Mark
wie ſeither), zu bewilligen, mit dem Vorbehalt, daß über
den angeſammelten Schulbaufonds demnächſt nur im
Einverſtändnis mit der Stadt verfügt werden kann. Re=
ferent
: Stadtv. Kalbfuß. Die Summe wird be=
willigt
.
Eugen Bracht=Ausſtellung.
Der Arbeitsausſchuß für die demnächſt ſtattfindende
Eugen Bracht=Ausſtellung hat um Gewährung
einer ſtädtiſchen Beihilfe gebeten. Im Einver=
ſtändnis
mit dem Finanz=Ausſchuß wird vorgeſchlagen,
für die Ausſtellung das Ausſtellungsgebäude auf der
Mathildenhöhe einſchließlich der gärtneriſchen Ausſchmück=
ung
koſtenlos zur Verfügung zu ſtellen und für den Fall
eines Defizits einen Beitrag bis zu 3000 Mark zu be=
willigen
. Referent: Stadtv. Dr. Bender empfiehlt den
Vorſchlag.
Stadtv. Friedrich meinte, es ſei eigentlich ſchon ge=
nügend
getan, wenn zu der Ausſtellung der Saal unent=
geltlich
zur Verfügung geſtellt werde. Zur Uebernahme
der Garantie ſeien doch auch noch andere Intereſſenten da.
Bürgermeiſter Mueller teilt mit, daß er jgewiß
nicht dazu angeregt hätte, die Garantie zu übernehmen,
wenn andere Intereſſenten herangezogen werden könnten.
Prof. Bracht habe zugeſagt, daß er alles beitragen werde,
um die Ausſtellung für ſeine Vaterſtadt Darmſtadt zu er=
möglichen
. Es hätten ſich auch viele andere Städte, be=
ſonders
Dresden um die Ausſtellung bemüht und deshalb
wäre es ein großer Fehler, jetzt die Sache aus der Hand
zu geben, nachdem ſich nicht genügend Intereſſenten ge=
funden
hätten. Nach ſeiner Berechnung müßte mit einem,
wenn auch geringen Defizit, gerechnet werden. Die Ueber=
nahme
ſei auch umſo eher zu gerechtfertigen, als der Ver=
ſuch
im letzten Jahre ſo gut gelungen ſei.
Stadtv. Saeng befürwortet und empfiehlt die Vor=
lage
im Intereſſe des Rufes Darmſtadt als Kunſtſtadt.
Denn dieſer Ruf gebe der Stadt auch Verpflichtungen.
Wenn jetzt die Sache zurückgegeben werden müßte, würde
das einen äußerſt ſchlechten Eindruck machen. Ober=
bürgermeiſter
Dr. Gläſſing betont, daß Darmſtadt für
derartige Zwecke einen beſtimmten Fonds haben müſſe.
Darmſtadt müſſe jedes Belebungsmittel für den Verkehr
heranziehen, das ſich ihm biete. Hierauf wird die Vor=
lage
genehmigt.
Statutenänderung.
Nach den Beſtimmungen der neuen Städteordnung
kann durch Beſchluß der Stadtverordneten=Verſammlung
beſtimmt werden, daß den Deputationen für Armen=
weſen
ꝛc. Frauen bis zu ½ der Mitglieder mit Sitz und
Stimme angehören können. Da von dieſer Möglichkeit bei
der Deputation für Armen= und Pfründnerweſen Gebrauch
gemacht und über die feſtgeſetzte Mitgliederzahl (6) hinaus=
gegangen
werden ſoll, wird beantragt, die ſeitherigen Be=
ſtimmungen
des Statuts über die Zuſammen=
etzung
der Verwaltungs=Deputationen
entſprechend zu ändern und mit den Beſtimmungen der
neuen Städteordnung in Einklang zu bringen. Nach den
erläuternden Ausführungen durch Herrn Bürgermeiſter
Mueller genehmigt die Verſammlung die ent=
ſprechende
Aenderung. Hierbei regt Stadtv. Pickart
an, daß den Stadtverordneten die neue Städteordnung zu=
gängig
gemacht wird, da ſie eine Reihe von Aenderungen
bringt. Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing ſagt dies zu.
Verwertung des Ammoniakwaſſers.
Um eine beſſere Verwertung des Ammo=
niakwaſſers
im ſtädtiſchen Gaswerk zu ermöglichen,
ſoll im Einverſtändnis mit der Gaswerks=Deputation und
dem Finanz=Ausſchuß eine beſondere Anlage zur Ver=
arbeitung
des Gaswaſſers zu Laſten von Anlehensmitteln
errichtet werden. Referent iſt Stadtv. Nöllner. Es
ſind Voranſchläge gemacht worden und danach vorge=
ſchlagen
, eine beſchränkte Ausſchreibung zu veranlaſſen.
Auf Erſuchen einer Darmſtädter Firma beſchließt die
Stadtverordneten=Verſammlung auch dieſe in die Kon=
kurrenz
einzubeziehen. Die Anlage wird nach dem Vor=
ſchlag
genehmigt.
Beitrag zum Säuglingsheim.
Die Großh. Zentrale für Mutter= und
Säuglingsfürſorge hat um Bewilligung eines
ſtädtiſchen Beitrags zu den Koſten des Betriebs des
Säuglingsheims nachgeſucht. Sozialpolitiſcher=
und Finanz=Ausſchuß empfehlen die Bewilligung eines
Zuſchuſſes von 1500 Mark. Referent iſt Stadtv. Dr.
Nöllner. Stadtv. Aßmuth regt hierbei eine größere
Zentraliſation aller ähnlichen Beſtrebungen an, worüber
ſich eine kleinere Debatte entwickelt, an der ſich die Herren
Lehr, Hüfner und Saeng beteiligen. Bürgermeiſter
Mueller teilt mit, daß bereits früher Verſuche gemacht
worden ſind, eine Zentraliſation einzuleiten. Es ſei aber
auch darauf hinzuweiſen, daß die Stadt bei allen In=
ſtitutionen
einen gewiſſen Einfluß hat, durch Herrn Amt=
mann
Krapp, der hier die Intereſſen der Stadt vertritt.
Der Zuſchuß in der geforderten Höhe von 1506 Mark wird
ſodann bewilligt.
Zur Vereinfachung der Geſchäfftsbehand=
lung

bei den laufenden Geſchäften der Armenverwaltung
und des Fürſorgeweſens iſt beabſichtigt, dem

ſtädtiſchen Pflegeamt die ſelbſtändige Erledigung der Ar=
beiten
auf den genannten Gebieten zu übertragen, mit dem
Vorbehalt, daß bei allen organiſatoriſchen und prinzi=
piellen
Sachen, ſowie bei allgemeinen Verwaltungsange=
legenheiten
und anderen beſonders wichtigen Dienſtge=
ſchäften
die Genehmigung des Oberbürgermeiſters einzu=
holen
iſt. Das ſtädtiſche Pflegeamt ſoll für die Folge die
Dienſtbezeichnung Armen= und Fürſorgeamt führen.
Die Mitgliederzahl der Armen=Deputation, die für die
Folge die Bezeichnung Deputation für das Armen= und
Fürſorgeweſen trägt, ſoll auf 10 feſtgeſetzt werden, wovon
bis zu 2 Mitgliedern aus Frauenkreiſen zu wählen ſind.
Der Deputation ſollen die nach dem Geſetz über die
Zwangserziehung Minderjähriger ſeither der Stadtver
ordneten=Verſammlung obliegenden Funktionen über=
tragen
werden. Die Deputation für Armen= und Pfründ=
nerweſen
und der Rechtsausſchuß haben dieſen Vor=
ſchlägen
zugeſtimmt. Dem Vorſchlag wird nach befür=
wortenden
Ausführungen des Herrn Bürgermeiſter
Mueller zugeſtimmt.
Schutz der gärtneriſchen Anlagen
Um die gärtneriſchen Anlagen am neuen Haupt=
bahnhof
gegen Beſchädigungen durch frei umher=
laufende
Hunde zu ſchützen, wird beantragt, die
Polizeiverordnung, die Beaufſichtigung der Hunde betr.,
dahin zu ergänzen, daß Hunde in den neuen Bahnhofs=
anlagen
zwiſchen Allee, Stirnweg und Dornheimer Weg
an der Leine geführt werden müſſen. Referent iſt
Stadtv. Dr. Bender. Dem Antrag wird zugeſtimmt
Aenderung der Feldpolizeiordnung,
Die Feldpolizeiordnung, das Pflügen
von Grundſtücken betr., die ſich auf das alte, aufgehobene
Feldſtrafgeſetz gründet, ſoll auf Grund der Beſtimmungen
des neuen Feldſtrafgeſetzes ſinngemäß geändert werden.
Die Abänderung wird nach dem Referat des Stadtv.
Möſer genehmigt.

Kongreſſe und Verbandstage.

68. Jahresverſammlung des Heſſ. Haupt=
vereins
der Guſtav Adolf=Stiftung in
Laubach.
Am zweiten Feſttage, Mittwoch, den 26. Juni, fand
vormitags 8 Uhr Kinderfeſtgottesdienſt ſtatt, zu dem ſich
die Kinder von Laubach und Umgegend ſehr zahlreich
eingefunden hatten. Dieſen Gottesdienſt hielt Pfarrer
Becker aus Fürth i. O. Um 10,15 Uhr begann der eigent=
liche
Feſtgottesdienſt in der Stadtkirche. Die Liturgie
hielt mit Unterſtützung des unter der Leitung des Real=
lehrers
Gerhard ſtehenden Kirchenchors, der die große
Doxologie ſang, Pfarrer Volp=Laubach. Nach dem
Guſtav Adolf=Feſtlied Verzage nicht, du Häuflein klein
des Kirchenchors hielt der Vorſitzende des Heſſiſchen
Hauptvereins, Pfarrer Dingeldey=Darmſtadt, eine
Anſprache an die Feſtgemeinde. Nach Gemeindegeſang
redete der Vertreter des Großh. Oberkonſiſtoriums Geh.
Oberkonſiſtorialrat und Superintendent D Peterſen=
Darmſtadt zur Feſtgemeinde. Die Schlußliturgie hielt
Pfarrer Nebel=Laubach. Die Feſtkollekte betrug 120 Mk.,
die des Kinderfeſtgottesdienſtes 14 Mark. An dem ge=
meinſamen
Feſteſſen, das im Schützenhof ſtattfand, nah=
men
auch viele Glieder der Feſtgemeinde teil. Tiſch=
reden
hielten: Se. Durchlaucht Graf Wilhelm zu Solms=
Laubach auf die hohen Protektoren des Vereins, Kaiſer
und Großherzog, Pfarrer Dingeldey=Darmſtadt auf die
Feſtſtadt, Geh. Oberkonſiſtorialrat D. Peterſen= Darm=
ſtadt
auf das gräfliche Haus, Pfarrer Nebel=Laubach
auf den Vorſtand des Heſſiſchen Hauptvereins, Dekan
Hainer=Hungen auf die Vertreter auswärtiger Haupt=
vereine
, Bürgermeiſter Ritter auf die Feſtgäſte.
Von nachmittags 3½ Uhr ab fand eine Nachver=
ſammlung
in der Traube ſtatt. Die gemeinſam geſun=
genen
Lieder begleitete der Wetterfelder Poſaunenchor,
von Pfarrer Scriba geleitet. Auch der Kirchenchor
verſchönte die Feier durch einige Liedergaben. Zu der
ſtattlichen Verſammlung ſprachen noch drei Diaſvora=
geiſtliche
, Pfarrer Roſt von Hüningen im Elſaß,
Pfarrer Rehwald=Heppenheim und Pfarrverwalter
Weiß=Bieber. Ein Verwaltungs=Sonderzug brachte
um 6 Uhr die meiſten Feſtgäſte in ihre Heimat zurück
Sie nahmen allgemein den Eindruck mit: Wir haben
in Laubach ein herrliches Feſt gefeiert, ſo ſchön wie
eins
* Dresden, 26. Juni. Der Direktor der ſtaatlichen
Jugendfürſorge in Hamburg, Dr. Peterſen, forderte
heute auf dem allgemeinen Fürſorgeerzie=
hungstage
ein Reichsgeſetz zur einheitlichen Durch=
führung
einer Erſatzerziehung und einer Erziehungsaufſicht
an gefährdeten Jugendlichen. Aus der Verſammlung
traten einer ſolchen Forderung jedoch ſo lebhafte Beden=
ken
entgegen, daß Dr. Peterſen eine von ihm eingebrachte
entſprechende Reſolution zurückzog. Doch verſicherte der
Vorſitzende der Verſammlung, Paſtor Seiffert, daß die
gegebenen Anregungen vom Verein weiter verarbeitet
werden ſollen. Die Tagung wurde heute geſchlöſſen, die
nächſte findet in Halle 1914 ſtatt.
* Schwedt 27. Juni. Auf das Huldigungstele=
gramm
der brandenburgiſchen Hauptverſammlung des
Guſtav Adolf=Vereins zu Schwedt iſt vom Kai=
ſer
folgende Antwort eingegangen: Der Kaiſer und =
nig
nehmen die freundlichen Grüße der Jahresverſamm=
lung
des brandenburgiſchen Hauptvereins der Guſtav
Adolf=Stiftung huldvollſt entgegen und laſſen für das er=
neute
Gelübde treuen Gedenkens der ſegensreichen Für=
ſorge
des Hohenzollernhauſes für die evangeliſche Kirche
vielmals danken. Auf allerhöchſten Befehl: Geheimer
Kabinettsrat v. Valentini.

Luftfahrt.

Die Viktoria Luiſe über Helgoland.
* Hamburg, 27. Juni. Das Luftſchiff Vikto=
ria
Luiſe iſt heute morgen um 6 Uhr 15 zu einer
ehnſtündigen Ueberſeefahrt auf der Nordſee
mit 12 Paſſagieren aufgeſtiegen. Es iſt geplant, Helgo=
land
zu berühren und bei günſtigem Wetter die Fahrt
über die oſtfrieſiſchen Inſeln auszudehnen. Das Luft=
ſchiff
wurde um 8 Uhr 15 über Cuxhaven geſichtet.
* Helgoland, 27. Juni. Das Luftſchiff Vik=
toria
Luiſe umkreiſte um 9,15 Uhr vormittags Helgo=
land
und fuhr mit ſüdlichem Kurs weiter.
* Norderney, 27. Juni. Das Luftſchiff Vik=
oria
Luiſe paſſierte um 11 Uhr 55 Minuten Norder=
ey
in flotter Fahrt und nimmt nunmehr über Norden die
Richtung nach Borkum.
* Emden, 27. Juni. Das Luftſchiff Vikto=
ria
Luiſe paſſierte um 12½ Uhr Wittmund ( Oſtfries=
and
); es nahm die Richtung nach Wilhelmshaven. Das
uftſchiff fuhr ziemlich niedrig.

[ ][  ][ ]

* Wilhelmshaven, 27. Juni. Das Luftſchiff
Viktoria Luiſe paſſierte auf ſeiner Rückfahrt nach
Hamburg 12,45 Uhr Wilhelmshaven in flotter Fahrt.
* Hamburg, 27. Juni. Das Luftſchiff Vik=
toria
Luiſe iſt gegen 2¼ Uhr von ſeiner großen See=
fahrt
zurückgekehrt. Es überflog die Stadt und lan=
dete
kurz nach 3 Uhr glatt vor der Luftſchiffhalle.

* Baden=Baden 26. Juni. Heute iſt ein Jahr
verfloſſen, ſeit das Luftſchiff Schwaben von Fried=
richshafen
aus ſeine erſte Fahrt unternahm. Während
dieſes Jahres wurden insgeſamt 228 Fahrten ausgeführt
die Zeit, die das Luftſchiff während dieſer Fahrten in der
Luft verbrachte, betrug 20 Tage, 13 Stunden und 37 Mi=
nuten
. Die über dem Boden zurückgelegte Strecke betrug
insgeſamt 27559 Kilometer, die Zahl der beförderten
Paſſagiere 4545; dabei iſt zu beachten, daß die Schwaben
in den Wintermonaten, ein Drittel der ganzen Zeit hin=
durch
, außer Betrieb war.
* Frankfurt a. M., 27. Mai. Das Luftſchiff
Schwaben iſt heute vormittag um 7 Uhr 5 Min. in
Baden=Oos zur Fahrt nach Frankfurt a. M. aufgeſtiegen
und hier um 10 Uhr 20 Min. glatt vor der Halle gelandet.
* Frankfurt, 26. Juni. Der Kaiſer hat für den
vom Deutſchen Fliegerbund in der Zeit vom 29.
Auguſt bis 5. September geplanten Erſten Deutſchen Waſ=
ſerflugmaſchinen
=Wettbewerb einen Preis
geſtiftet. Dieſe Preisſtiftung dürfte auf die gegenwärtige
hohe nationale Bedeutung des Wettbewerbs zurückzufüh=
ren
ſein, und iſt darin ein erneuter Beweis für das hohe
Intereſſe zu erblicken, das Se. Majeſtät dem deutſchen
Flugweſen entgegenbringt.
* Johannisthal, 27. Juni. Heute morgen
überſchlug ſich der Flugapparat des Aviatikers Fok=
ker
, welcher mit ſeinem Schüler, dem Oberleutnant z. S.
Ruetſcher, aufgeſtiegen war, in 5 Meter Höhe. Fokker blieb
unverletzt, Oberleutnant Ruetſcher erlitt äußere Verletzun=
gen
und Quetſchungen.
* Elmshorn, 26. Juni. Nordmarkenflug.
Schauenburg iſt 5 Uhr 1 Min. bei Heide aufgeſtiegen und
5 Uhr 36 in Itzehoe gelandet, von wo der Flieger gegen
8 Uhr aufſtieg, um 8 Uhr 31 in Elmshorn landete und
8 Uhr 55 nach Hamburg weiterflog. Horn, der eine Not=
landung
vornehmen mußte, iſt um 5 Uhr 44 auf dem
Flugplatz in Itzehoe glatt gelandet und um 7 Uhr 4 wie=
der
aufgeſtiegen. Er landete um 8 Uhr 22 in Elmshorn
glatt und ſtartete um 8 Uhr 35 nach Hamburg.
* London, 27. Juni. In Widford bei Chelm=
hurſt
findet die Hochzeit des Fliegers Graham White
mit der amerikaniſchen Fliegerin Dorothea Taylor ſtatt.
Die meiſten Gäſte erſcheinen auf Flugzeugen.
* Petersburg, 25. Juni. Die offizielle Prüfung
des automatiſchen Fallſchirm=Syſtems Ko=
telnickow
, die heute ſtattfand, ergab glänzende Re=
ſultate
. Eine 70 Kilogramm wiegende Puppe wurde
aus 150 und 60 Meter Höhe bei heißer, windſtiller Witte=
rung
herabgeworfen. Der Fallſchirm entfaltete ſich 12 Me=
ter
unterhalb der Abſturzſtelle. Die Schnelligkeit des Fal=
les
betrug 1,65 Meter pro Sekunde.

Von der Kieler Woche.

* Kiel, 26. Juni. Bei der erſten internatio=
nalen
Europawettfahrt erhielt in der A. I=Klaſſe
Meteor den erſten Preis und den Ehrenpreis des
Kaiſers: Germania den zweiten. In der A. II=Klaſſe
Komet den erſten Preis. In der 23=Meterklaſſe Sham=
rock
den erſten und den Ehrenpreis des Herrn Biermann;
in der 19=Meterklaſſe Oktavia den erſten Preis und den
Preis des Senats der Stadt Hamburg; Norada den
zweiten Preis. In der 15=Meterklaſſe Paicla 2 den
erſten Preis und den Preis des Königs von England,
Iſtria den zweiten, Vanity den dritten Preis. In der
12=Meterklaſſe Irene den erſten, Magda 9 den zwei=
ten
Preis; in der 10=Meterklaſſe Tarpon 2 den erſten
Preis und den Preis des Königs von Spanien, Kitty
den zweiten, Dampero den dritten, Peſa den vierten
Preis; nicht geſtartet iſt Tamino, aufgegeben haben
Pinguin 4 und Iſar 3 In der 9=Meterklaſſe erhielt
Regina 4 den erſten Preis; in der 8=Meterklaſſe Lucie‟
den erſten, Woge 6 den zweiten, Antwerpia den
dritten, Toni 9 den vierten, Ariadne 3 den fünften
Preis. Nicht geſtartet: Piehne und Clio‟. In der
7=Meterklaſſe erhielt Kismat 2 den erſten, Blitz 14 den
zweiten, Meluſine 2 den dritten, Giralda 2 den vier=
ten
Preis. Nicht geſtartet: Ginevra und Chixta 2
In der 6=Meterklaſſe erhielten Gefion 3 den erſten,
Neerlandia 5 den zweiten, Harals 5 den dritten und
Schelm den vierten, Hans Fuergen den fünften,
Jenquil den ſechſten, Preußen den ſiebenten, Hela
den achten, Johanna 2 den neunten, Windſpiel 16"
den zehnten Preis. Nicht geſtartet: Sansſouci Vin=
ga
2, Finn 2, Bunty‟, Momo und Wawi. In
der 5=Meterklaſſe erhielt den erſten Preis Kiebitz, den
zweiten Scherz‟ In der Sonderklaſſe erhielt den erſten
Preis Wittelsbach 8, den zweiten Reſi 5 den dritten
Molch den vierten Ilſe, den fünften Chriſtoph Alt
den ſechſten Triumph Aufgegeben: Angela 5 und
Lunula‟
* (Kiel 27. Juni. Heute vormittag begann die
zweite Wettfahrt der internationalen Europa=
Woche bei prächtigem Wetter und guter ſüdweſtlicher
Briſe. Schon von 6 Uhr ab ſteuerten zahlreiche Begleit=
dampfer
und Jachten nach der Strander Bucht, wo der
Start für die großen Jachten erfolgte. Unter den Begleit=
fahrzeugen
befinden ſich der Vergnügungsdampfer Vikto=
ria
Luiſe der Poſtdampfer Prinz Waldemar und die
Stationsjacht Carmen mit den hier anweſenden fürſt=
lichen
Damen; viele engliſche und amerikaniſche Dampf=
jachten
und Fahrzeuge der Kriegsmarine. Um 10 Uhr
20 Minuten ſtarteten die Jachten der A. I=Klaſſe: Meteor,
Hamburg, Germania und Waterwich. Dann folgte die
A. II=23=Meterklaſſe und die 19=Meterklaſſe. Von 11 Uhr
ab ſtarteten bei Heikendorf die Jachten der mittleren Klaſ=
fen
von der 15=Meterklaſſe. Sämtliche acht gemeldeten
Klaſſen waren zur Stelle, desgleichen die fünf Jachten der
12=Meterklaſſe. Als letzte Klaſſe folgten um 11 Uhr 25
Minuten die Sonderklaſſenboote. Inzwiſchen waren die
Begleitfahrzeuge in den Hafen zurückgekehrt, um dem
Start der mittleren Klaſſen beizuwohnen. Um 12 Uhr
5 Minuten erfolgte bei Kitzeberg der Start der kleineren
Jachten von 7 bis 5 Meter herunter zu der Binnenwett=
fahrt
im Kieler Hafen.
* Kiel 27. Juni. Der Kaiſer nahm heute vor=
mittag
im Kaiſer Wilhelm=Kanal Beſichtigungen vor.
Mittags ſpeiſte der Kaiſer auf der Jacht Utowana.
* Kopenhagen, 26. Juni. Der König ant=
wortete
auf das Telegramm Kaiſer Wilhelms
folgendermaßen: Eure Majeſtät werden gebeten, meinen
herglichtten Dan für die anerkennenden Worte entgegen=

zunehmen, die Eure Majeſtät anläßlich des Beſuchs auf
dem Fionia mir ſandten, was ich mit Freuden der
Schifswerft mitteilte.

Sport.

* Wiesbadener Pferderennen. Für die am
Samstag, den 29. Juni, beginnenden Wiesbadener Som=
merrennen
ſind insgeſamt die ſtattliche Zahl von rund 45
Pferden genannt worden. Es kommen durchweg hof
Preiſe zur Entſcheidung; am Samstag 24500 Mk., am
Sonntag, den 30. Juni, 31 300 Mk. und am Dienstag, den
2. Juli, 44 400 Mk., im ganzen 100 200 Mk. Im Preis von
Oranien 20000 Mk., ſind für 14, im Preis der Stadt
Wiesbaden 10000 Mk., für 20 Pferde die Gewichte ange=
nommen
worden. Beide Rennen werden hochintereſſanten
Sport beſter Pferde bieten. Es kommen weiter 2 Preiſe
16000 Mk., 7 Preiſe von 4000 Mk., bis 4600 Mk., und 8
Preiſe von 3000 Mk., bis 3200 Mk. und ſchließlich noch 2
Preiſe von 2500 Mk. zur Entſcheidung. Für 6 Rennen ſind
für jedes einzelne Rennen über 30 Pferde genannt. Die
Wiesbadener Bahn findet nach vorſtehenden Feſtſtellungen
immer mehr Anerkennung und Bedeutung.

Handel und Verkehr.

Schiffsliſtefürbillige Briefenach den
Vereinigten Staaten von Amerika (10 Pfg.
für je 20 Gramm): Die Portoermäßigung erſtreckt ſich nur
auf Briefe, nicht auch auf Poſtkarten, Druckſachen uſw. und
gilt nur für Briefe nach den Vereinigten Staaten von
Amerika, nicht auch nach anderen Gebieten Amerikas, z. B.
Canada. George Waſhington ab Bremen 29. Juni,
Kronprinz Wilhelm ab Bremen 2. Juli, Kaiſer Wil=
helm
II. ab Bremen 9. Juli, Kaiſerin Auguſte Viktoria
ab Hamburg 13. Juli, Kaiſer Wilhelm der Große ab
Bremen 16. Juli, Kronprinzeſſin Cecilie ab Bremen
23. Juli, Amerika ab Hamburg 27. Juli. (Poſtſchluß nach
Ankunft der Frühzüge.) Alle dieſe Schiffe ſind Schnell=
dampfer
oder ſolche, die für eine beſtimmte Zeit vor dem
Abgange die ſchnellſte Beförderungsgelegenheit bieten. Es
empfiehlt ſich, die Briefe mit einem Leitvermerk wie di
rekter Weg oder über Bremen oder Hamburg zu ver=
ſehen
.

Landwirtſchaftliches.

* Groß=Gerau, 27. Juni. Ueber den Verlauf des
heutigen Ferkelmarktes iſt folgendes zu berichten: Der
Auftrieb betrug 439 Tiere und waren ziemlich Käufer an=
weſend
, ſodaß die ohnedies ziemlich feſten Preiſe noch
etwas in die Höhe gingen. Es koſteten nämlich Ferkel 1
bis 24 Mark. Springer 26 bis 35 Mark und Einleger 37
bis 57 Mark per Stück. Am Schluſſe des Marktes war
alles verkauft. Mit dem nächſten Ferkelmarkt, am Montag,
den 1. Juli ds. Js., iſt eine Prämiierung verbunden und
in lebhafter Geſchäftsgang zu erwarten.

Streiks.

* Hannover, 27. Juni. Die ſtreikenden und
ausgeſperrten Metallarbeiter von Hannover=
Linden nahmen, ſoweit ſie dem Deutſchen Metallarbeiter=
verband
angehören, geſtern in vielen Verſammlungen zu
dem Angebot der Unternehmer Stellung. In geheimer
Abſtimmung wurde das Angebot mit 5411 gegen 152 Stim=
men
abgelehnt.
* Toulouſe, 26. Juni. Der Streik der Bäcker iſt
durch ein Uebereinkommen zwiſchen der Gemeindeverwal=
tung
und den Bäckern beendigt worden.
* Paris, 27. Juni. Das Echo de Paris meldet,
Miniſterpräſident Poincaré werde, falls die Schiff=
fahrtsgeſellſchaften
die von den eingeſchriebenen Seeleuten
vorgeſchlagene Schiedsgerichtskommiſſion ablehnen ſollten,
ſich in Beſprechungen mit den Reedern bemühen, eine an=
dere
Löſung des Zwiſtes ausfindig zu machen.
* Paris, 27. Juni. Aus Marſeille wird gemeldet,
daß bisher infolge des Seemannsſtreiks im ganzen
59 Schiffe abgetakelt werden mußten, die zuſam=
men
eine Beſatzung von 300 eingeſchriebenen Seeleuten
hatten.
* Paris, 27. Juni. Das Komitee der fran=
zöſiſchen
Reeder teilte dem Handelsminiſter mit,
daß es den Vorſchlag, die Streitfrage einem Schiedsgericht
zu unterbreiten, nicht annehmen könne.
* London 26. Juni. Die Angeſtellten der Great
Eaſtern und London=Tilbury=Southland
Eiſenbahn hielten geſtern abend in Stratford eine
Verſammlung ab. Entgegen dem Beſchluß, den ſie am
Montag in Stratfort gefaßt hatten, rieten ihnen ihre Füh=
rer
dringend davon ab, zur Unterſtützung der Hafenarbeiter
die Arbeit einzuſtellen, indem ſie gleichzeitig mitteilten,
daß ſie geſtern eine Unterredung mit Miniſter Aſquith ge=
habt
hätten, der ſie gebeten hätte, der Beilegung des
Hafenarbeiterſtreiks nicht hindernd in den Weg
zu treten. Der Streik dürfte demnächſt zu Ende gehen. Ein
vom Exekutivkomitee des Allgemeinen Eiſenbahnverban=
des
erlaſſener Aufruf erinnert die Mitglieder des Verban=
des
an ihre Verpflichtung, ihren Vertrag mit den Geſell=
ſchaften
inne zu halten. Dieſe Stellungnahme rief unter
den an der Verſammlung teilnehmenden Hafenarbeitern
große Erregung hervor. Der Arbeiterführer Ben Tillet=
hielt
eine Anſprache, in der er den Eiſenbahnern Mangel
an Mut vorwarf. Die Transportarbeiter würden ſich durch
ein derartiges Verhalten nicht abſchrecken laſſen, den Streit
weiterzuführen.
* London, 27. Juni. Die Times meldet aus
New=York vom 26. ds.: Der Streik der Kellner und
ſonſtigen Angeſtellten der Hotel= und Reſtaurakkonsbetriebe
iſt geſtern abend für beendet erklärt worden. Die
Leute haben ihre Forderung auf Anerkennung der Ge=
verkſchaft
aufgegeben und wollen auf Grund der ihnen
kürzlich angebotenen Bedingung, die eine Lohnerhöhung
enthält. um Wiederanſtellung nachſuchen.
* Montreal 27. Juni. Drei Millionen
Buſhel Getreide in Schiffen oder Elevatoren ſind
im hieſigen Hafen durch den Londoner Dockarbeiter=
ſtreik
aufgehalten worden. Die Schiffer weigern ſich,
Getreide als Fracht anzunehmen. Der Dampfer Afgha=
nia
iſt von London mit einer Getreidefracht zurückgekehrt,
die er vor zwei Monaten exportiert hatte.

Ein neuer Unfall in der franzöſiſchen Marine.

* Toulon, 26. Juni. Während Schießübungen
bei Salinsdyeres ereignete ſich an Bord des Panzers
Jules Michelet ein Unglücksfall, dem mehrere
Menſchen zum Opfer gefallen ſind.
* Toulon, 26. Juni. Nach einer ſpäteren Meld=
ung
ſoll an Bord des Jules Michelet eine Geſchütz=
exploſion
ſtattgefunden haben, bei der gegen zwanzig
Mann verwundet wurden.

* Toulon, 27. Juni. Die Schießübungen
auf dem Jules Michelet verliefen ausgezeichnet.
Panzerkreuzer war 16 Meilen von Toulon entfernt.
das Geſchütz an Backbord achterſchiffs zerſprang. D
zehn Perſonen wurden verletzt und nach St. Mandrie
bracht. Als darauf die Schießübungen, denen der Admi
Sourrien beiwohnte, wieder aufgenommen wurden,
eignete ſich ein neues Unglück, indem die Flamme zurü
ſchlug, ähnlich wie auf der Gloire im September 19
Hierdurch wurden weitere zehn Mann verletzt, darunt
ein Schiffsleutnant. Zwei Marineoffiziere erlitten ſchre
liche Brandwunden an den Händen und im Geſicht; ein
vurde der Arm weggeriſſen. Das Befinden des Schif
leutnants iſt ſehr ernſt.
* Toulon, 27. Juni. Man gab die Hoffnung au
fünf Verletzte vom Jules Michelet am Lebe
zu erhalten.
* Paris, 26. Juni. Nach einem vom Marin
miniſterium veröffentlichten Bericht ereignete ſichd
Exploſion auf dem Panzer Jules Michelet
einem Geſchützturm dieſes Schiffes. Sie iſt dur
die Entzündung einer Kartuſche, die in das Geſchützrol
eingeführt werden ſollte, verurſacht worden. 20 Perſona
vurden verwundet; fünf davon ſchwer. Einer iſt berei
bei der Einlieferung ins Krankenhaus geſtorben.
Nach weiteren Mitteilungen dürfte das Unglück a
dem Panzerkreuzer Jules Michelet ebenſo wie das at
der Gloire durch vorzeitige Entzündun
verurſacht worden ſein.

Zum Krieg um Tripolis.

* Rom, 26. Juni. Die Agenzia Stefani meld
aus Maſſaua vom 25. dieſes Monats: Die türkiſch
Barniſon der Farſan=Inſeln die aus über
Mann beſtand, wurde von Truppen Said Idris,
auf elf kriegsmäßig ausgerüſteten arabiſchen Segelſchiffe
dorthin geſchickt worden waren, gefangen genommen,D
Garniſon leiſtete nur geringen Widerſtand. Auf dem Feſl
lande fanden in der letzten Woche mehrere Zuſammen
ſtöße ſtatt, die ſämtlich günſtig für Said Idris waren.
Soliman Paſcha, der in Ebha eingeſchloſſen
iſt, verſuchte auszubrechen, wurde aber nach kurzen
Kampf, in dem er über 200 Mann verlor, gezwungen,ſi
neuerlich in einer kleinen Feſtung einzuſchließen, woe
nur mit den notwendigſten Lebensmitteln verſehen, be
lagert wird. Auch Confuda wird von Truppen Said
Idris belagert. Loheia und Hodeida droht Belagerung.
Die Anhängerzahl des Scheiks wächſt jeden Tag. Auch
einer der ſtärkſten Stämme Iman Jahias, der Stamm
Hasced, der mehrere Tauſend Gewehre zählt, iſt von
Iman zu Said Idris übergegangen und befindet ſich
gegenwärtig in Haroda. Dies iſt ſehr wichtig, weil der
Abfall von Iman Jahia auch die Lage in Sana,d
Hauptſtadt des Yemen, prekär macht. Ueber türkiſche Be=
wegungen
gegen den Scheik liegen keine Nachrichten vor=
Im Gegenteil werden die Nachrichten über Kamelankäuſc
die die Türken vornehmen ſollten, aus guter Quellei
Abrede geſtellt.
* Konſtantinopel, 27. Juni. In Regierungs
kreiſen iſt man wegen der Ereigniſſein Monaſti
ernſtlich beſorgt. Der Platzkommandant von Konſtanti=
nopel
iſt geſtern abend mit 150 Soldaten nach Monaſtir
abgereiſt, um, wie verlautet, gegen die Deſerteure vorzu
gehen. Der Miniſterrat beſchäftigte ſich geſtern mit der
Vorgängen in Monaſtir und mit den Maßnahmen, dierd
Regierung ergreifen ſoll. Der Deputierte Seyid Bei
wird wieder als Führer der jungtürkiſchen Truppen=g
nannt. Er verfolgt gemäßigte Tendenzen.

Amerikas Präſidentenwahl.

* Baltimore 26. Inni. Auf Antrag Bryan
beſchloß das Reſolutionskomitee mit 22 gegen 16 Stim=
nen
die Aufſtellung des Parteiprogramms bis nach=d
Nominierung des Kandidaten der Partei für die Präſi=
dentſchaft
zu vertagen.
* Baltimore 26. Juni. Bryan lehntede
Vorſitz im Reſolutionskomitee ab, der ihm auf Anregung
Parkers angeboten wurde.

Vermiſchtes.

* Armee und Gefangenenarbeit.
einer intereſſanten Gerwendung des Altmaterials in de
Armee hat der Kieler Werftprozeß, der noch in Erinne=
rung
ſein dürfte, geführt. Dieſes bei den Truppenteiler
ausrangierte Material (Bekleidungs= und Ausrüſtung=
gegenſtände
aller Art), das bis dahin der Händlerrin
zu billigen Preiſen an ſich brachte, ſoll in den Strafge
fängniſſen Verwertung finden. Die alten Sachen wer
den repariert oder, wenn ſich dies nicht mehr lohnt,
anderen Zwecken verwendet, ſo die Tuchſtücke zu Putz
lappen, wie ſie unſere Marine in Maſſen verbraucht,d
Lederſtücke z. B. zu Schutzhandſchuhen, wie ſie die Stein=
träger
gebrauchen, die Abfälle zu Lederkohle, die das
Kilogramm zu 20 Mark bezahlt wird uſw. Nachde
ſich der erſte Verſuch bewährt hat, iſt man jetzt dazu über
gegangen, das Altmaterial der geſamten deutſchen Arm=
den
Strafgefängniſſen zu überweiſen. Es ſind ſech
Zentralen gebildet worden, die die Gefangenen m
dieſer lohnenden und dauernden Arbeit beſchäftigen.
Der Juſtizfiskus begnügt ſich mit den Selbſtkoſtenz
reparierten Sachen werden teils den betr. Regimenternzu
rückgegeben, teils finden ſie in Handwerkern und Land
arbeitern willige Abnehmer. Die Nebenerzeugniſſe wer
den an Staatsbehörden verkauft, und der Reingewinn al
den Militärfiskus abgeführt.
* Leipzig die drittgrößte Stadt
Deutſchen Reiche! Am 1. Juli d. J. wird
große Vorort Leutzſch und am 1. Januar 1913 die ne
größere Gemeinde Schönfeld nach Leipzig einverleil
werden. Schon mit der Einverleibung von Leutzſe
wird Leipzig die drittgrößte Stadt im Reiche werde
München, das hinter Berlin und Hamburg lange=
den
dritten Platz behauptete, wird überflügelt. Die=Re
henfolge der Großſtädte mit mehr als 300 000 Einwol
nern iſt dann folgende: Berlin, Hamburg, Leipz
München, Dresden, Köln, Breslau, Frankfurt a=
Düſſeldorf, Nürnberg, Charlottenburg und mögliche
weiſe hat auch Chemnitz das dritte Hunderttauſend ſchor
überſchritten.
Leipziger Lebensverſicherungs
Geſellſchaft auf Gegenſeitigkeit (Alte Leipz
ger). Bei dieſer Geſellſchaft, die zu den älteſten Lebens
verſicherungsgeſellſchaften Deutſchlands gehört, hat je
der Verſicherungsſtand eine Milliarde Mark überſchritter
Das verfloſſene Geſchäftsjahr hat ſich nach dem Rechen
ſchaftsbericht erfreulich weiter entwickelt. Der Abſchluß
an neuen Verſicherungen und der Reinzuwachs ſind be=
deutend
höher als in den Vorjahren geweſen; der Ver=
lauf
der Sterblichkeit und die Zinserträgniſſe der Ver=

[ ][  ][ ]

nögensanlagen haben ſich ebenfalls günſtig geſtaltet, ſo
eine erhebliche Steigerung des Ueberſchuſſes zu ver=
eichnen
war. Eingereicht wurden im verfloſſenen Jahr
1358 Anträge über 93,39 MMillionen Verſicherungsſumme,
um Abſchluß gelangten 10314 Verſicherungen (gegen das
Vorjahr 1166 mehr) über 83,66 Millionen Verſicherungs=
umme
(mehr 8,59 Millionen Mark). Der reine Zuwachs
ſat 4567 Perſonen betragen, die mit 50,75 Millionen Mk.
erſichert ſind. Der Ueberſchuß der Todesfallverſicher=
engen
beträgt 12411 236 (im Vorj. 11 429931) Mark er
ſt der größte, den die Geſellſchaft bis jetzt erzielt hat.
Dem Ausgleichungsfonds werden davon 500000 Mark
iberwieſen, wodurch er ſich auf 4,3 Millionen Mk. erhöht.
Schlachtvieh= und Fleiſchbeſchau im
Deutſchen Reiche. Aus der im 2. Vierteljahrs=
gefte
zur Statiſtik des Deutſchen Reichs, 1912, veröffent=
lichten
Zuſammenſtellung des Kaiſerlichen Statiſtiſchen
Amtes der im 1. Vierteljahr 1912 beſchauten Schlacht=
tiere
ergibt ſich, daß der Schlachtvieh= und Fleiſchbeſchau
unterzogen wurden
im 1. Vierteljahr
1911
1912
Pferde und andere Einhufer
43 586 39293
Ochſen .
6
132 431 143130
Bullen
97172 102620
Kühe
459037 437 489
Jungrinder über drei Monate alt
210 588 199396
Kälber unter drei Monate alt 1144613 1064607
Schweine .
4 973859 4 532816
457465 464999
Schafe
Ziegen
111084 136 194
2441
Hunde
2180

Literariſches.

Bilderatlas der Sommer= und
Herbſtblumen 40 Tafeln mit 162 Abbildungen von
H. Schuhmacher. Preis gebunden Mk. 3. Verlag von
Otto Maier, Ravensburg. Die Blumenfreunde unter
unſeren Leſern, beſonders unſere Jugend, werden mit
Intereſſe davon Kenntnis nehmen, daß ſoeben als Fort=
ſetzung
zum Bilderatlas der Frühlingsblumen der
langerwartete Bilderatlas der Sommer= und Herbſt=
blumen
erſchienen iſt und man muß nach Durchſicht wirk=
lich
anerkennen, die Beliebtheit und Verbreitung, deren
ſich dieſes prächtige Werkchen erfreut, iſt voll berechtigt,
denn wie kein zweites ſetzt es jedermann ohne irgend=
welche
Vorkenntniſſe in den Stand, die Pflanzen, denen
wir auf Spaziergängen begegnen, ſofort nach den Far=
ben
der Blüten zu beſtimmen. Wie bei ſeinen Früh=
lingsblumen
ſieht der Herausgeber auch hier von weit=
ſchweifigen
, theoretiſchen Erklärungen ab, er zeigt uns
vielmehr nach ſeiner bewährten originellen Methode alle
vorkommenden Sommer= und Herbſtblumen in ihren
charakteriſtiſchen Farben und Merkmalen im Bilde, ſtellt
die gleichfarbigen Blüten dann wieder zuſammen und
ordnet ſie innerhalb ihrer Farben nach ihren Standorten.
Geht man alſo im Sommer z. B. an einem Feldraine
entlang und findet eine blaue Blume, ſo ſchlägt man mit
einem Griff die leporelloartig aneinander hängenden Ta=
feln
, wo die blaublühenden Blüten aufgezeichnet ſind,
auf, findet hier wiederum die an Feld= und Wieſenrai=
nen
wachſenden zuſammengeſtellt, und die in natürlichen
Farben ausgeführten, außerordentlich lebensvollen Zeich=
nungen
ermöglichen es ſogar einem Kinde, den Namen
der gefundenen Pflanze feſtzuſtellen. Stichworte verwei=
ſen
uns dann auf den beiliegenden Tert, wo wir in
kurzer drägnanter Form alles weitere Wiſſenswerte über
die Lebensbedingungen der gefundenen Pflanze finden.
Der Reiſebegleiter. Bearbeitet von J.
G. Stutz, Könkgl. Eiſenbahn=Oberſekretär in Mainz;
Oktav (Taſchenformat), 112 Seiten, gebunden, Preis
Mk. 1.50. Verlag von Oskar Schneider in Mainz. Ein
Handbuch, das zur bequemen und eingehenden Unter=
richtung
über die beſtehenden Reiſebeſtimmungen und
zur ſchnellen und ſicheren Ermittelung von Reiſe= und
Frachtkoſten dient. Ein wirklich nützliches und preis=
wertes
Werk, das nicht nur als zeitgemäßer Reiſebeglei=
ter
, ſondern auch als praktiſcher Ratgeber und unentbehr=
liches
Handbuch ſich bald Eingang in den weiteſten Krei=
ſen
verſchaffen wird.
Brunner, Ferdinand von Schill und ſeine
Getreuen. Nach zeitgenöſſiſchen Quellen. Bibliothek Au=
auſt
Scherl, Berlin. 235 Seiten. Eleg. in Leinen geb. 90 Pf.
Ob man jung oder alt iſt, ob man geſchichtliches Wiſſen
oder gar keine Vorkenntniſſe hat dieſes Schillbuch ver=
ſetzt
den Leſer leibhaftig in die Vergangenheit und läßt
ihn die großen Ereigniſſe jener Epoche mit eigenen Au=
gen
anſchauen, gleich als ſpielte ſich dieſe Tragödie in
unſeren Tagen ab.
Der Götze Theater. Ein Bühnenroman von
Anny von Panhuys. Hinauf auf die Bretter, die die
Welt bedeuten führt uns dieſer ſpannend geſchriebene
Roman und zeigt wie ganz anders dieſe Welt, die wir
nur im Rampenlichte kennen, im Lichte des blaſſen Tages
ausſieht. Aktuell im beſten Sinne, belehrend und aufklä=
rend
aber wirkt das Buch, weil es die Mißſtände ſchildert
und kritiſch beurteilt, mit denen ſich das kommende Reichs=
theatergeſetz
beſchäftigen wird. Es iſt ein intereſſantes,
viele Mißſtände aufdeckendes und Verbeſſerungen anbah=
nendes
Buch, und doch gleichzeitig eine ſo unterhaltende
Lektüre, daß es auch den gefangen nehmen wird, der nur
Unterhaltung in ihm ſucht.

Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)

* Berlin, 27. Juni. In der heutigen Sitzung des
Bundesrates wurde dem Antrage des Königreichs
Sachſen, betreffend die Prägung von Denkmünzen aus
Anlaß der Einweihung des Völkerſchlachtdenkmals bei
Leipzig, Zuſtimmung erteilt. Der Pomona=Diamanten=
Geſellſchaft wurden die Rechte einer Kolonialgeſellſchaft
verliehen. Von dem Protokoll über das Ergebnis der
zwiſchen den deutſchen und den italieniſchen Delegierten
ſtattgehabten Verhandlungen über verſchiedene Zollfra=
gen
wurde Kenntnis genommen. Zugeſtimmt wurde fer=
ner
den Vorlagen betreffend den Veredelungsverkehr mit
ausländiſchen Taſchenuhren, Taſchenuhrgehäuſen uſw.,
betreffend die Aenderung und Ergänzung des Taratarifs,
betreffend die Vorſchläge für die Aenderung und Ergänz=
ung
der Mineral=Zollordnung, betreffend die Aenderun=
gen
und Ergänzungen des Warenverzeichniſſes zum Zoll=
tarif
uſw., betreffend die Beſtimmungen für die Vor=
nahme
einer Viehzählung am 2. Dezember 1912, den Ent=
wurf
und Verordnung betreffend die Inkraftſetzung der
Vorſchriften der Reichsverſicherungsordnung, den Ent=
wurf
der Ausführungsbeſtimmungen für die Angeſtellten=
verſicherung
, die Vorlage betreffend die Uebergangsbe=
ſtimmungen
für die Unfallverſicherung nach der Reichsver=
ſicherungsordnung
.
* Zweibrücken, 27. Juni. Sechs Jahre Zuchthaus,
zehn Jahre Ehrverluſt und Stellung unter Polizeiaufſicht

erhielt vom Pfälziſchen Schwurgericht der Tüncher Chr.
Bieber aus Mittelbaxbach, der am 26. Juli vorigen
Jahres einem 14jährigen Kinde im Walde bei Mittel=
baxbach
einen Betrag von 5 Mark geraubt hatte. Der
Verurteilte hatte wegen Raubmordverſuchs bereits zehn
Jahre Zuchthaus verbüßt.
* Nordhauſen, 27. Juni. Der Magdeburger Bank=
verein
machte die Stadt Stolberg für den Verluſt
von 180000 Mark, den ſie durch Unterſchlagungen des
dortigen Bürgermeiſters Pampel erlitten hat, haft=
pflichtig
und erzielte beim Landgericht Nordhauſen ein
obſiegendes Urteil. Geſtern wurde die Berufung der
Stadt von dem Oberlandesgericht Naumburg verworfen.
* Peſt, 27. Juni. Das Abgeordnetenhaus
wurde durch ein Königliches Reſkript bis zum 17. Septem=
ber
vertagt. Auch während der letzten Sitzungstage
erneuerten die oppoſitionellen Abgeordneten täglich vor
dem das Abgeordnetenhaus umgebenden Militärkordon
ihren Proteſt. Der Eindruck ſchwächte ſich aber ſchließlich
vollkommen ab.
* Paris, 27. Juni. Die Kammer ſetzte die Berat=
ung
der Artikel des Kriegsbudgets fort. Kriegsminiſter
Millerand verſicherte, auf verſchiedene Reden erwidernd,
er beſchäftigte ſich beſtändig mit der Sicherheit der Flie=
ger
. Hirſchauer, Direktor des Militärflugweſens, erklärte,
daß er ſein Möglichſtes täte. um die Gefahren zu vermin=
dern
, und fügte hinzu, der Sicherheitskoeffizient hätte ſich
ſeit 1910 verſechsfacht, die Abſtürze um die Hälfte abge=
nommen
. Alle wünſchenswerten Vorkehrungen ſeien für
die Rekrutierung der Luftſchiffer getroffen, von denen
viele ſchon wirkliche Meiſter geworden ſeien. (Lebhafter
Beifall.)
Berlin, 27. Juni. Der Kaſſenbote Bruning
hält ſich anſcheinend in Berlin verborgen. Die Dresdener
Bank erhielt einen Brief von einer Dame, der mit den
Anfangsbuchſtaben Q. F. unterzeichnet iſt. Danach hält
ſich Bruning bei der Dame verborgen. Er empfinde tiefe
Reue und wolle die 260000 Mark zurückerſtatten, wenn
die Bank ihm Strafloſigkeit zuſichere.
Tegel, 27. Juni. Aus unbekannter Urſache brach
heute nachmittag 2 Uhr in der bekannten Humboldtmühle,
in der ſich 80000 Sack Mehl befanden, ein Brand aus,
der den größten Teil der Mühle einäſcherte.
Leipzig, 27. Juni. In der Maſchinenfabrik Kaſ=
ſel
bei Köthen in Anhalt platzte eine 150 Zentner
glühendes Metall faſſende Pfanne. Der Arbeiter Kru=
bitſch
wurde ſo ſchwer verbrannt, daß er nach zwei Stun=
den
den erhaltenen Verletzungen erlag.
London, 27. Juni. Der Erlös aus dem Hecken=
roſentag
an dem auch die Gattinnen des Premier=
miniſters
Asquith und Lloyd George teilnahmen, wird
auf 600000 Mark geſchätzt. Er ſoll gemeinnützigen
Anſtalten, insbeſondere Hoſpitälern zugute kommen.

Amtlicher Wetterbericht.
Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.

Das Hochdruckgebiet, das geſtern über Spanten lag,
hat ſich über Mitteleuropa ausgebreitet. Unter ſeinem
Einfluß herrſcht heute morgen heiteres Wetter. Geſtern
fielen noch ſtrichweiſe, zum Teil erhebliche Niederſchläge
(Swinemünde 15 mm). Die Morgentemperaturen liegen
in derſelben Höhe wie geſtern. Ueber England iſt wieder
eine Depreſſion erſchienen, die uns morgen ſchon leicht
beeinfluſſen dürfte.
Ausſichten in Heſſen für Freitag, den 28. Juni:
Wolkig, bis auf Gewitterregen trocken, mäßig warm.

Auf kaum über 1 Pfennig ſtellt ſich eine Taſſe
SANG90 JEE Gea
Dieſe vorzügliche und durch ihre Ausgiebiakeit im Ge=
brauch
ſo billige Teemiſchung vorzugsweiſe britiſch=
indiſcher
Teeſorten iſt zum täglichen Genuß ganz
beſonders geeignet. Das 125 Gr.=Paket 90 Pfg.
(½ Ko.=Paket Mk. 3.50). Moriz Landau, Fernſpr. 116.

Aus dem Geſchäftsleben.

Die Entwickelung der Darmſtädter Möbel=Induſtrie
ſchreitet immer rüſtig voran. Nach wie vor zeitigt die
Schöpfung unſeres kunſtſinnigen Großherzogs immer neue
Früchte. Beſonders aber in der Wohnungs= und Raum=
kunſt
. Daß der gute Ruf, den Darmſtadt in bezug auf
Wohnungseinrichtungen nun einmal weit über die deutſche
Grenze hinaus genießt, immer mehr gefördert wird, in
der Rührigkeit beſonders hervorragender Firmen nicht zum
wenigſten zu danken. So hat die Firma Aug. Schwe=
jr
., Rheinſtraße 39/41, in der letzten Zeit ganz bedeu=
tende
und ſehr vorteilhafte Geſchäftserweiterungen vor=
genommen
. Bei einem Rundgang durch die neuen Aus=
ſtellungsräume
finden wir, daß alle Verkaufsräume zu
wirklichen Wohnungsräumen umgebaut ſind. Dem neu=
zeitlichen
Geſchmack Rechnung tragend, iſt jedes einzelne
Zimmer mit extra genau paſſenden Tapeten, Teppichen,
Bezügen und Lüſtern aufgeſtellt. Auf dieſe Weiſe wi
eine warme Stimmung und harmoniſche Wirkung erzielt,
welch letztere bekanntlich auf die Umgebung einen beſonders
günſtigen Einfluß ausübt. Man wird gewerſermaßen be=
lehrt
, wie man ſich wohnlich gemütlich und doch preiswert
einrichten kann. Schon bei dem Anblick der ganz neu deko=
rierten
Schaufenſter kann man ſich ein lebhaftes Bilh von
dem Beſtreben der Firma machen. Die dazu verwandten
Tapeten ſind die beſten Stoffimitationen. Dieſelben ſind
echten Gobelins täuſchend ähnlich. Auch die übrigen De=
korationen
, Teppiche und Bezüge ſind nur künſtleriſch
durchgeführt. Unter anderem iſt zurzeit ein hochelegantes
Schlafzimmer ausgeſtellt, welches mit allen modernen Ein=
richtungen
, die auf dieſem Gebietet geleiſtet werden kön=
nen
, ausgeſtattet iſt. Der 3teilige Schrank mitten vorge=
baut
, hat 4 Schubladen und rechts engliſche Züge, ferner
iſt derſelbe mit 2 großen Ankleideſpiegeln verſehen
dient ſogleich als Kleider= und Wäſcheſchrank und Friſier=
toilette
. Um dieſes ſo reich ausgeſtattete und doch ſo ver=
hältnismäßig
billige Möbelſtück in der praktiſchen Verwen=
dung
vorzuführen, ſitzt eine lebensgroße Figur im Matinee=
Koſtüm bei der Toilette und zeigen die Spiegel, wie man
ſich bei dieſer Beſchäftigung von allen Seiten beſehen kann.
Jedenfalls iſt eine Beſichtigung der hübſch dekorierter
Schaufenſter ſowohl als der ganzen Ausſtellung zu emp=
fehlen
.
Ein willkommener Ratgeber für die Hausfrau iſt,
beſonders während der heißen Jahreszeit, das Koch=
büchlein
der Corn Products Co., Hamburg 1,
die das Meismehl Maizena in den Handel bringt.
Dieſes Büchlein wird allen Hausfrauen auf Verlangen
koſtenlos überſandt. Aus dem intereſſanten Kochbüchlein
iſt die vielſeitige Verwendungsmöglichkeit des Maizena
zur Zubereitung der verſchiedenſten Speiſen, wie Pud=
dings
, Kuchen, Suppen, Saucen, Sommerſpeiſen, ſowie
Kranken= und Kinderkoſt erſichtlich.

Dädeniat= und
aiſon=Ausverkäufe!!
Um dem Satz der aus obigen Anläſſen in unſerer
Ausgabe vom
Montag, den 1. Juli er.,
erſcheinenden Anzeigen die gebührende Sorgfalt
widmen zu können, erbitten wir uns die Manuſkripte
hierfür möglichſt bis
heute Freitag,
den 28. Innier., abends.
Darmſtädter Tagblatt
Expedition.

Familiennachrichten.

Todes=Anzeige.
(Statt beſonderer Anzeige.)
Verwandten, Freunden und Bekannten die
traurige Mitteilung, daß es Gott, unſerem
himmliſchen Vater, gefallen hat, heute nacht
12 Ahr unſeren lieben, treubeſorgten Gatten,
Vater, Schwiegervater und Großvater
Herrn Wilhelm Listmann
Revier-Polizei-Kommissär i. P.
(Ritter des Eisernen Kreuzes und Inhaber vieler Auszeichnungen)
nach längerem Leiden im 66. Lebensjahr aus
dieſem Leben abzurufen.
Darmſtadt, 27. Juni 1912.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen:
Luise Listmann, geb. Rahn
Wilhelm Listmann, Stadtbauamtsassistent, Worms
Emilie Listmanu, geb. Stürtz
Luise Listmann
Wilhelmine Graf, geb. Listmann
Ludwig Graf, Stadtbauführer
Karl Listmann, Architekt
und 6 Enkelkinder.
Die Beerdigung findet ſtatt: Samstag, 29. Juni,
nachm. 4 Uhr, vom Trauerhauſe, Soderſtr. 104,
aus. Einſegnung ¾4 Uhr.: (13955

Kriegerverein
Darmſtadt.
Die Beerdigung unſeres Mit=
glieds
und Feldzugskameraden

Kertn Whnem Mschann
Revier-Polizeikommissär i. P.
Inhaber des Eisernen Kreuzes und anderer hoher Orden
findet am Samstag, den 29. d. M., nachmittags
4 Uhr, vom Sterbehauſe, Soderſtraße 104,
aus, ſtatt.
Wir erſuchen die Kameraden von Ram=
dohr
bis Schulz, ſowie des 6. Bezirks, ſich
dort zu verſammeln.
(13960
Der Vorſtand.

Todes=Anzeige.
(Statt beſonderer Mitteilung.)
Nach langem Nervenleiden verſchied heute
mein lieber Gatte, unſer Vater, Bruder,
Schwager und Onkel
Herr Kaufmann
Fritz Chelius
im 49. Lebensjahre.
(13970
Um ſtilles Beileid bitten
Die tieftrauernden Hinterbliebenen.
Darmſtadt, den 27. Juni 1912.
Die Beerdigung findet ſtatt: Samstag, den
29. Juni 1912, nachmittags 3¼ Uhr, von der
Friedhofskapelle aus.
Von Beileidsbeſuchen bittet man abſehen
zu wollen.

[ ][  ][ ]

Todes=Anzeige.
Heute morgen entſchlief nach längerem
Leiden unſer innigſtgeliebter guter Sohn und
Bruder
(13998
Philipp Müller
im 21. Lebensjahre.
Darmſtadt, den 27. Juni 1912.
Die trauernden Eltern und Schweſter.
Die Beerdigung findet ſtatt: Samstag nach=
mittag
5 Uhr, vom Sterbehauſe, Mühlſtraße 62.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme,
bei dem uns ſo ſchwer betroffenen Verluſte meines
lieben Gatten, unſeres Vaters, Schwiegerſohnes,
Bruders, Schwagers und Onkels
Herrn Louis Lange
ſagen wir allen Verwandten, Freunden und Be=
kannten
und beſonders Herrn Pfarrer Weißgerber
für ſeine troſtreichen Worte, unſeren tief=
gefühlteſten
Dank.
(13943
Familie Lange.
Darmſtadt, den 26. Juni 1912.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
und die zahlreichen Blumenſpenden bei dem Hin=
ſcheiden
unſerer lieben Mutter, Schweſter, Schwieger=
mutter
, Schwägerin und Tante
Frau Maig. Rolhhard. Mrr70
ſagen wir herzlichſten Dank.
Darmſtadt, 27. Juni 1912.
(13966
Die tieftrauernden Hinterbliebenen.
In deren Namen:
Kätchen Reinhardt
Schuſtergaſſe 13.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher
Teilnahme bei dem mich betroffenen
ſchmerzlichen Verluſt ſage ich allen
hiermit herzlichen Dank.
Darmſtadt, den 27. Juni 1912.
Philipp Kling

Schuſtergaſſe 12.

13967

Gotiesdienſt der israelitiſchen Religiousgemeinde.

Haupt=Synagoge (Friedrichſtraße 2).
Freitag, den 28. Juni:
Vorabendgottesdienſt 7 Uhr 30 Min.
Jugendgottesdienſt und Predigt 6 Uhr 30 Min.
Samstag, den 29. Juni:
Morgengottesdienſt 8 Uhr 30 Min. Sabatt=
ausgang
9 Uhr 35 Min.

Gottesdienſt in der Synagoge der israelitiſchen Religions=
geſellſchaft
.

Samstag, den 29. Juni:
Vorabend 7 Uhr 40 Min. Morgens 7 Uhr 30 Min.
Nachmittags 5 Uhr. Sabattausgang 9 Uhr 40 Min.
Wochengottesdienſt von Sonntag, den 30. Juni an:
Morgens 6 Uhr. Nachmittags 7 Uhr 15 Min.
NB. Dienstag, den 2. Juli (Faſttag) T. des 17 Tamus

Tageskalender.

Konzerte: Schützenhof um 8 Uhr. Perkeo um 8
Uhr. Hugenſchütz’ Felſenkeller um 8 Uhr.
Vorſtellungen im Reſidenztheater von 411 Uhr.
Bilder vom Tage. (Auslage Rheinſtraße 23): Ent=
hüllung
des Denkmals für den Zaren Alexander III. in
Moskau; Oberſt J. E. B. Seely, der neue engliſche
Kriegsminiſter; die Großherzogin von Luxemburg auf
der Fahrt zur Eidesleiſtung; die Eiſenbahnkataſtrophe
bei Malmslätt in Schweden.

Verſteigerungskalender.

Samstag, 29. Juni.
Mobiliar= uſw. Verſteigerung um 9 Uhr in der
Ludwigshalle‟

Gewerbe=Bibliothel u. Vorbilderſamm=
lung
. Der Leſeſaal iſt geöffnet: an allen Wochen=
tagen
von 8½12½ u. 35½ Uhr (Samstag=Mittag
ausgenommen). Leſeabende: Dienstags und Frei=
tags
, abends von 810 Uhr.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: i. V.: Max Streeſe; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil, Inſeratbeilagen und Mitteilungen
aus der Geſchäftswelt: Hans Heitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

zutgeh. Spezialgeſch. (k. Lad.)
m. feſt. Kundſchaft, w. Wegz.
bill. abzug., a. v. der Frau all. z. verſ.
Offert. v. U 58 a. d. Exp. (*15666

Glückliches Heim
für 6500 Mark
Verkaufe mein Landhaus mit
ſchöner Einricht. u. großem
Garten für obigen Preis ſof.
unt. günſt. Bed. Das Anweſ.
bef. ſich 10 Min. v. Darmſt.
u. eignet ſich für Beamten.
Off. erb. unt. U 43 an die
Erped. ds. Bl.
(13952a

erhält man auf
Darlehen Wechſel, Schuld=
ſchein
, Mobiliar in jeder Höhe,
ſowie Hypotheken=Vermittelung ꝛc.
durch E. Mauthe, Vertr. R. Foege,
Riedeſelſtr. 48, 1. St. Sprechſtund.
von 912 und 26 Uhr, Sonn=
tags
von 91 Uhr.
(13171a
Kleine Darlehen
gibt Selbſtgeber. Anfragen mit
genauer Angabe der perſönlichen
Verhältniſſe, Höhe d. Darleh. uſw.
unter U 35 an die Exp. (*15590df

Befriebs=
Kapital-
erhalten
Firmen aller Branchen
durch Akzeptaustauſch raſch und
diskret. Off. unt. M. C. 6986 bef.
Rudolf Mosse, München. (138700f

Geſucht

56000 Mk., 2. Hyp., a. prima
Objekt von pünktl. Zinszahl. Off.
unt. U 41 an die Exp. (*15624fo

Gedeutendes hieſiges Fabrikunter=
nehmen
ſucht auf ſicher
II. Stelle (innerh. 60% d. Taxwert.
Mk. 30000
gegen gute Verzinſung. Gefl. Off
unt. U 54 an die Exped. (13956

Nur direkt vom Selbst-
geb
. suche ich 3000 Mk.
auf 5 Monate zu leihen gegen
3500 Mk. zurück. Vollſte
Sicherheit nachgewieſ. Diskret.
Beding. Off. u. F. P. 2. 9956
an Rudolf Mosse, Frank=
furt
a. M.
(139450f

gewiſſenh. und
Wer überſetzl unter Diskret.
Korreſpondenz. in holländ. Sprache.
Offerten erbeten unter U 46 an
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Waſſerwärme vorm. 7 Uhr 21%C.
Woog=Polizei=Wache.

erloren
Auf einer Bank am Wege zur
Ludwigshöhe ein Opernglas
liegen geblieben. Abzugeben geg.
Belohnung Mathildenſtraße 47,
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(*15639

Verloren
am Dienstag, den 25. Juli, abends
zwiſchen 8 und 9 Uhr, auf dem
Wege Martinſtr., Soderſtr., Woog,
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aus kleinen Brillanten und Ru=
binen
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Geg. hohe Belohnung abzugeben
B13932) Martinſtr. 74, 1. St.

Gila Beutel verloren. Gegen
Belohnung abzugeben (*15622
Heinrichſtraße 97, part.

Danarienbogel entflogen. Geg.
R. Belohnung abzugeben (*15619
Pankratiusſtr. 4, 1. Stock.

beſſ. Herkunft wird von
Kind beſſ. Leut. auf d. Lande
n der Nähe Darmſtadts in Pflege
und Erziehung genommen. Offert.
int. U 49 an die Exp. (*15647fso

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beſſeren Standes möchten 12
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evtl. auch Schüler o. Schülerin. Off.
unter § 44 an die Exp. (13196a

Kurſe vom 27. Juni 1912.
Mitgeteilt von Hermann Reichenbach.

In Proz.
Staatspapiere.
4 Ttſche. Reichsſchatzanw. 100,00
3½ Deutſche Reichsanl. . 89,90
do.
3
80,20
4 Preuß. Schatzanweiſg. 100,10
3½ do. Conſols . . . 90,10
3 do. do.
80,00
4 Bad. Staatsanleihe . . 99,40
3½
do.
93,10
3
do.
4 Bayr. Eiſenbahnanleihe 100,00
do.
3½
88,10
3
do.
78,50
4 Hamburger Staatsanl. 100,20
4 Heſſ. Staatsanleihe . . 99,50
4 do. do. (unk. 1918) 99,50
3
do.
88,26
do.
77,70
3 Sächſiſche Rente.
. 80,00
4 Württemberger v. 1907 100,10
do. v. 1875 95,00
3½
5 Bulgaren=Tabal=Anl.
1¾ Griechen v. 1887 . . 55,60
3¾ Italiener Rente . .
4½ Oeſterr. Silberrente 99,50
do. Goldrente . . . 95,80
4 do. einheitl. Rente 87,80
3 Portug. unif. Serie I 64,00
3. do. unif. Ser. III 66,20
3 do. Spezial . . . . 9,75
5 Rumänier v. 1903 . . 101,20
4 do. v. 1890
4 do. v. 1905 . . 91,50
4 Ruſſen v. 1880 . .
90,40
4 do. v. 1902 . . . . 90,50
4½ do. v. 1905 . . . . 100,50
3½ Schweden
4 Serbier amort. v. 1895 85,70
4 Türk. Admin. v. 1903 82,00
4 Türk. unifiz. v. 1903 90,50
4 Ungar. Goldrente .
90,60
4 do. Staatsrente . . . 88,30

Zf.
In Proz.
5 Argentinier .
. 100,60
4
do.
86,90
4½ Chile Gold=Anleihe 90,80
5 Chineſ. Staatsanleihe . 98,80
4½
do.
92,80
4½ Japaner .
94,60
5 Innere Mexikaner . . . 95,00
3
60,50
do.
4 Gold=Mexikanerv. 1904 88,00
5 Gold=Mexikaner . . . . 100,00
3. Buenos Aires Provinz 71,00
Aktien inländiſcher
Transportanſtalten.
9 Hamb.=Amerika= Paket=
fahrt

. . . . 140,90
5 Nordd. Lloyd . . . . . 116,60
6 Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 124,50
Aktien ausländiſcher
Transportanſtalten.
5 Anatol. Eiſenb. 60%
Einz. Mk. 408 . . 112,75
8 Baltimore und Ohio . 106,60
6½ Schantungbahn . . . 131,00
6 Luxemb. Prince Henri
0 Oeſt. Südbahn (Lomb.) 18,90
6 Pennſylvania R. R. . 120,50
Letzte Induſtrie=
Divid. Aktien.
4 Brauerei Werger
75,00
25 Bad. Anilin= u. Soda=
Fabrik
505,00
14 Chem. Fabrik Gries=
heim

.244,50
80 Farbwerke Höchſt . . 618,00
20 Verein chem. Fabriken
Mannheim . . . . 350,00
10 Cement Heidelberg . . 145,00
30 Chem. Werke Albert 450,50
12½ Hblzverkohlung Kon=
ſtanz

.. . 309,30
4 Lahmeyer . . . . . . . 124,50

Letzte
In Proz.
Divid.
7½Schuchert, Nürnberg 156,40
12 Siemens & Halske . 236,05
5 Bergmann Electr. . . 141,00
10 Deutſch. Ueberſee Electr. 168½
0 Gummi Peter . . . . 126,30
0 Kunſtſeide Frankfurt 160,00
30 Adler=Fahrradwerke
Kleyer
. . . 504,75
10 Maſchinenf. Badenia 187,00
6 Wittener Stahlröhren
8 Steana Romana Petr.
15 Zellſtoff Waldhof . . 232,50
12½ Bad. Zucker=Wag=
. . . 216,40
häuſel .
10 Neue Boden=A. A.=Geſ. 117,60
3 Südd. Immobilien . 69,00
Bergwerks=Aktien.
12 Aumetz=Friede .
. 186,50
12½ Bochumer Bergb. u.
Gußſt.
228,00
11 Deutſch=Luxemburg.=
Bergb.
172,60
10 Gelſenkirchener . . . . 187,00
8 Harpener
184½
15 Phönix Bergb. und
Hüttenbetrieb. . . 257,90
0 Oberſchl. Eiſen=Ind.=
Caro.
. 81,60
4 Laurahütte
. . . 173,00
10 Kaliwerke Aſchersleben
11 Weſteregeln 193,00
7½ South Weſt Africa 144,00
Prioritäts=
Obligationen.
3½ Südd. Eiſenb.=Gef. 88,00
4½ Nordd. Lloyd=Obl. 99,80
4 Eliſabethbahn, freie . . 95,00
4 Franz=Jofefs=Bahn .
3 Prag=Duxer . . . . . . 76,00
5 Oeſterr. Staatsbahn . 104,00
4 Oeſterr. Staatsbahn . 94,50
do.
78,20
5 Oeſterr. Südb. (Lamh.) 99,75

3t.
Znpro
4 Oeſterr. Südb. (Lomb.) 77,70
do.
53,40
3 Raab=Oedenburg
76,80
4 Kronprinz Rudolfbahn
4 Ruſſ. Südweſt . . . . . 88,20
4½ Moskau=Kaſan . . . 96,40
do.
88,10
4 Wladichawchas . . . . 88,25
4 Rjäſan Koslow .
3 Portugieſ. Eiſenb.
74,50
4½
do.
2¼/10 Livorneſer . . . . . 67,40
3 Salonique=Monaſtir . 63,20
4 Bagdadbahn
83,30
4½ Anatoliſche Eiſenb. . 96,80
4 Miſſouri=Pacific.
72,00
4 Northern=Pacific . . . 100,40
4 Southern=Pacific
95,50
5 St. Louis und San
Francisco.
87,10
5 Tehuantepec .
99,00
Bank=Aktien.
10 Bank für elektriſche
Untern. Zürich . . 194,90
7 Bergiſch=Märkiſche
Bahn
. 150,20
9½ Berlin. Handelsgeſ. . 164,90
6½ Darmſtädter Bank 121,10
12½ Deutſche Bank . . . 253,00
6 Deutſche Vereinsbank . 123,40
6 Deutſche Effekt.= und
W.=Bank . . . . . 117,10
10 Diskonto=Kommandit 183,80
8½ Dresdener Bank . . 152,60
9½ Frankf. Hypoth.=B. 200,00
6½ Mitteld. Kreditbank 118,00
7 Nationalb. für Deutſchl. 122,10
7 Pfälziſche Bank . . . . 130,00
5.86 Reichsbank . . . . . 134,90
7 Rhein. Kreditbank . . . 135,00
7½ A. Schaaffhauſen.
Bankverein . . . . 123,00
7½ Wiener Bankverein . 132,50
4 Frankf. Hypoth.=Bank
S. 16 u. 17 . . . 98,50

Inßro,
Bl. Pfandbriefe.
3½ Frankf. Hypoth.=Bank
S. 19.
. 89,30
4 Frankf. Hyp.=Kreditv.
S. 1519, 2126 97,50
4 Hamb. Hypoth.=Bank . 99,00
do.
80
88,00
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bank 100,20
do.
89,50
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bank
S. 12, 13, 16
99,90
S. 14, 15, 17, 24/26
1823.
99,95
Heſſ. Land.=Hyp.=Bank
S. 1 u. 2, 68
89,50
S. 35 .
89,30
S. 911
89,40
4 Meininger Hyp.=Bank 99,20
do.
8½
88,30
4 Rhein. Hypothek.=Bank
(2sk. 1917) . . 97,80
3½ do. (unk. 1914) . . 88,00
4 Südd. Bd.=Kr.=Bk.=Pf. 99,90
do.
9½
89,40
Städte=
Obligationen.
1 Darmſtadt .
4
8½ do.
89,50
4 Frankfurt.
99,60
8½ do.
93,00
4 Gießen
3½ do.
90,50
4 Heidelberg
98,00
8½ do.
4 Karlsruhe
8½ do.
88,70
4 Magdeburg
99,00
3½ do.
4 Mainz

3½ do.
90,00
4 Mannheim . . . . . . 98,80
3½ do.
4 München . .
100,00
3½ Nauheim . . . . . .
4 Nürnberg . . . . . . . 100,00
3½ do.
89,70
4 Offenbach . .

In Proz
Bf.
3½ Offenbach
4 Wiesbaden . . . . . 5 100,00
89,80
3½ do.
4 Worms .
3½ do.
4 Liſſaboner v. 1888 . 79,00
Verzinsliche
Anlehensloſe.
4 Badiſche . . . Tlr. 100 172,40
3½ Cöln=Mindner 100 134,60
3 Holl. Komm. . fl. 100 107,75
3 Madrider . . Fs. 100 75,40
4 Meininger Pr.= Pfand=
briefe
. . . . . . . 136,25
4 Oeſterr. 1860er Loſe . 173,40
3 Oldenburger . .
2½ Raab=Grazer fl. 150
Unverzinsliche
Anlehensloſe.
Augsburger . . . . . fl. 7 34,60
Braunſchweiger Tlr. 20 197,10
Fs. 15 68,00
Freiburger .
Fs. 45
Mailänder .
Fs. 10 29,00
do.
fl. 7 35,40
Meininger .
Oeſterreicher v. 1864 fl. 100
do. v. 1858fl. 100 451,00
Ungar. Staats . . fl. 100
. Fs. 30 41,00
Venediger
Fs. 400 169,40
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Banknoten.
20,42
Engl. Sovereigns
16,22
20 Franks=Stücke .
Amerikaniſche Noten . . . 4,18
20,44
Engliſche Noten
Franzöſiſche Noten. . . . 81,05
Holländiſche Noten. . . . 169,30
80,20
Italieniſche Noten .
Oeſterr.=Ungariſche Noten
Ruſſiſche Noten
Schweizer Noten . . . . . 80,90
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Dieburgerſtraße hierſelbſt.
Treffpunkt: Eingang zur Großh. Hofgärtnerei Roſenhöhe vom
Seitersweg aus, pünktlich 3 Uhr nachmittags. (13949
Dienstag, den 9. Juli, nachmittags:
Beſuch der Gartenanlagen von Frau Medizinalrat
Dr. Vix, von den Herren Sanitätsräten Dr. Hüffell und
Dr. Maurer, ſowie von Herrn Maurer, Heinrichſtr. 6.
Treffpunkt: am Hauſe Karlſtraße Nr. 74, präzis 4 Uhr.
Die verehrlichen Mitglieder werden hierzu freundlichſt eingeladen.
Der Vorstand.

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Unsere Mitglieder, sowie Freunde und Gönner des Vereinswerden
hiermit freundlichst eingeladen. DER VORsTAMD.
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Samstag, den 29. Juni 1912, abends 8½ Uhr
im Städt. Saalbau
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I. Teil: Konzert ees Garde-Prag.-Reg. No. 23
II. Tanz.
(13922
Bel ungünstiger Witterung findet das Fest im Saal
statt. : Anmeldungen zur Mitgliedschaft können
noch vor dem Feste gemacht werden.
DER VORSTAND.

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Freitag, den 28. Juni:
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unter perſönl. Leitung Herrn Obermuſikm. F. Mickley.
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mannſtraße
1, zwangsweiſe ver=
ſteigert
werden.
Die Genehmigung der Ver=
ſteigerung
wird auch dann erfolgen,
falls ein der Schätzung entſprechen=
der
Preis nicht erzielt wird und
andere rechtliche Hinderniſſe nicht
entgegenſtehen.
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Großh. Ortsgericht Darmſtadt II
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Frantz. (V13384

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Freitag, den 12. Juli I. Js.,
vormittags 10 Uhr,
ſoll die dem Kaufmann Heinrich
Philipp Jacoby dahier zugeſchrie=
bene
Liegenſchaft:
Flur Nr. qm
V 72327/1000 136 Hofreite Par=
cusſtraße
7,
7 7231/1000 67 Grabgarten
daſelbſt,
in unſerem Bureau zwangsweiſe
verſteigert werden. (K22/12
Falls andere rechtliche Hinder=
niſſe
nicht entgegenſtehen, kann Ge=
nehmigung
der Verſteigerung auch
dann erfolgen, wenn das eingelegte
Meiſtgebot die Schätzung nicht er=
reicht
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Darmſtadt, den 17. Juni 1912.
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Kunſt und Welt.
Roman von O. Elſter.
(Nachdruck verboten.)

Elfriede atmete auf, als ſie in die reine Atmoſphäre
eintrat, welche die edle, gütige Fürſtin um ſich zu verbrei=
ten
wußte. Die Herzogin empfing ſie mit faſt mütterlicher
Zärtlichkeit. Sie hatte nie eigene Töchter beſeſſen; ihre
beiden Söhne ſtanden als Offiziere in Potsdam, ihr Gatte
war ſehr häufig abweſend, auf Reiſen in Wien oder Ber=
lin
; er liebte die Aufregungen des großen Lebens, wäh=
rend
die Herzogin, durch ihre zarte Geſundheit ge=
zwungen
, ein zurückgezogenes Leben führte. In früheren
Jahren hatte ſie ſich wohl oft vereinſamt gefühlt, die bei=
den
alternden Prinzeſſinnen, Couſinen des Herzogs, die
in Neuenburg lebten, konnten ihr die Familie nicht er=
ſetzen
; die Kunſt und die Wohltätigkeit halfen ihr jedoch
über dieſes Gefühl der Vereinſamung hinweg und ſchließ=
lich
fühlte ſie ſich glücklich und zufrieden in der Weltz die
ſie ſelber ſich geſchaffen. Geliebt von ihrem Volke, verehrt
von Allen, die mit ihr in Berührung kamen, erfreute ſie
ſich trotz ihres zurückgezogenen Lebens eines bedeutenden
Einfluſſes auf den Herzog, der gern ihren Rat hörte, und
auf ihre Söhne, welche die Ueberlegenheit der Mutter an
Geiſt und Herz willig und ehrerbietig anerkannten.

Es mur woßt ſehſderſähndlich daß eſide ſch mit
inniger Liebe und Verehrung der hochherzigen Fürſtin
anſchloß. Faſt ſtets war ſie in Geſellſchaft derſelben; und
als man beim Nahen des Frühlings das neuhergerichtete
Schlößchen Monrepos bezog, erhielt Elfriede ihr Zimmer
unmittelbar neben den Gemächern der Herzogin. Die Ober=
hofmeiſterin
, Gräfin Wattenſee und die Hofdame Fräulein
von Imhoff und Komteſſe Dahlheim rümpften wohl die
Naſe über den intimen Verkehr der Fürſtin mit der Schau=
ſpielerin
, wie ſie Elfriede insgeheim nannten, aber ſie
waren auch wieder ganz zufrieden, wurden ſie ſelbſt doch
dadurch in ihrem Dienſt entlaſtet.
Elfriede fühlte ſich glücklich in dem ſtillen, friedlichen)
vom Glanz der Kunſt und der wahren Menſchenliebe er=
füllten
Daſein. Die Welt lag ſo weit, ſo fern, daß kaum ein
Ton der Unruhe, des Haſtens in den ſtillen Frieden ihres
Lebens auf Schloß Monrepos drang. Die glücklichſten
Stunden waren ihr die, wenn Graf Ellerburg zur Herzogin
kam. Dann wurde muſiziert, deklamiert und vorgeleſen;
der Plan der Aufführung auf dem kleinen Schloßtheater
beſprochen, Szenen wurden probiert und eingeübt, und am
Abend vereinigte die Herzogin in ihrem Salon eine kleine,
ausgewählte Geſellſchaft zu anregender Unterhaltung.
Kein Wort wurde zwiſchen dem Grafen und Elfriede
gewechſelt, das nicht Jedermann hätte hören dürfen. Aber

ire Anger uihten oſt inchuander, uit nigen Andteit
ſich grüßend, und Beide erkannten, daß die Liebe noch
immer ſtill und verborgen im tiefſten Winkel ihres Her=
zens
ruhte und mit träumenden Märchenaugen hervor=
blickte
.
Ein wehmütig ſüßer Schmerz erfüllte beider Seelen.
Sie beugten ſich dem Geſchick, das mächtiger war, als ſie.
Aber dieſer Schmerz beſaß keine Bitterkeit, es war viel=
mehr
ihr Glück, denn ſie wußten ſich eins in einer nie er=
löſchenden
Liebe.
Oftmals beobachtete die Herzogin ſie mit freundlich
aufmerkſamen Blicken, und wenn nach einem jener Unter=
haltungsabende
Elfriede wohl ſtill und von einer ſanften
Traurigkeit befangen daſaß, dann ſtrich die gütige hohe
Frau liebkoſend über den blonden Scheitel des jungen
Mädchens, und dieſes verſtand die gütige, edle Herrin und
küßte ihr in inniger Dankbarkeit die Hand.
Im Herbſt erlitt das ſtille, friedliche Leben eine Unter=
brechung
. Der Herzog kehrte nach längerer Abweſenheit
heim und brachte ſeinen zweiten Sohn mit, den Prinzen
Friedrich, der aus dem Militärdienſt ausgeſchieden war.
Man erzählte ſich, dieſer Abſchied ſei nicht ganz frei=
willig
geweſen, der Prinz hatte ſehr flott gelebt, ſollte
eine große Schuldenlaſt auf ſich gehäuft haben und ſchließ=
lich
ſogar in die Hände einer Spielergeſellſchaft geraten

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ſein, die ihn gehörig gerupft habe. Deshalb hatte der
Herzog es für gut gefunden, ſeinen Sohn in die ſtille Re=
ſidenz
Neuenburg heimzuholen.
Der Herzogin bereiteten dieſe Verhältniſſe ihres
Sohnes großen Kummer, zumal Prinz Friedrich ſtets ihr
Liebling geweſen war. Er hatte ihre künſtleriſchen An=
lagen
geerbt, mehr als der Erbprinz, der wie ſein Vater
ganz im Soldatenberuf aufging. Aber ſie freute ſich auch,
ihren Sohn wieder um ſich zu haben und hoffte, ihn durch
ihren Einfluß auf beſſere Wege zu lenken.
Das ſchien auch in der Tat der Fall zu ſein, denn
Prinz Friedrich war ein faſt täglicher Gaſt auf Schloß
Monrepos und intereſſierte ſich lebhaft für die Auf=
führungen
auf dem kleinen Theater, die demnächſt be=
ginnen
ſollten.
Für Elfriede aber waren Glück und Frieden vorüber.
Zuerſt ſah ſie den Prinzen im Salon ſeiner Mutter. Aber
obgleich die Herzogin zugegen, ruhten ſeine Blicke doch in
unverhohlener Bewunderung und kecker Leidenſchaftlich=
keit
auf Elfriedens ſchlanker Geſtalt und ihrem ſchönen
Antlitz. Die Fürſtin ſchien nichts zu bemerken, aber El=
friede
fühlte, auch wenn ſie mit abgewandtem Geſicht da=
ſtand
, dieſe Blicke, die ihr die heiße Schamröte in die
Wangen trieb. Die Kühnheit derſelben erfüllte ſie mit
banger Ahnung; der Prinz, eine ſtattliche, ſchöne Erſchein=
ung
, war wegen ſeines Glückes bei den Damen bekannt;

ſeiner liebenswürdigen Keckheit widerſtand ein Frauen=
herz
ſelten.
Seit dieſer erſten Begegnung verfolgte der Prinz El=
friede
mit ſeinen Huldigungen, und die Proben zu den
Aufführungen, an denen auch der Prinz teilnahm, gaben
ihm leider Gelegenheit, Elfriede öfter allein zu ſprechen.
Dann ließ er alle Minen ſeiner Liebenswürdigkeit ſprin=
gen
und überſchüttete ſie mit Schmeicheleien, die ihr Herz
mit Scham und Widerwillen erfüllten.
Dennoch mußte ſie ſchweigen um der Fürſtin willen!
Aber ſie bemerkte wohl, daß einer dieſe kecken Huldig=
ungen
des Prinzen bemerkte Graf Ellerburg. Es er=
füllte
ſie mit tiefem Schmerz, daß er an ihr zu zweifeln
ſchien, daß ſein Benehmen ihr gegenüber kühler und förm=
licher
wurde.
Die erſte Aufführung in dem kleinen Privattheater der
Fürſtin war vorüber. Man hatte das idylliſche Trauer=
ſpiel
Racines Berenice gegeben und Elfriede hatte die
Zuſchauer durch die Wiedergabe der Titelrolle entzückt und
hingeriſſen. Nach dem Theater verſammelte ſich die Ge=
ſellſchaft
in den Salons der Fürſtin. In dem großen
Saale war ein reichhaltiges Büfett aufgeſtellt; Lakaien
präſentierten Erfriſchungen aller Art, und bald brach ſich
eine lebhafte, ungezwungene Unterhaltung Bahn, wie der
Herzog und die Herzogin es liebten. Im Saale ſelbſt,
an den eine große Gartenterraſſe ſtieß, wurde getanzt.

Weshalb gehen Sie nicht in den Saal, liebes Kind?
fragte die Herzogin Elfriede, die neben ihrem Seſſel ſtand.
Sie ſind jung und finden doch wohl auch am Tanz Ver=
gnügen
?
In dieſem Augenblick trat Prinz Friedrich näher.
Geſtatteſt du, Mama, ſagte er mit liebenswürdigem
Lächeln, daß ich unſere reizende Berenice zum Tanz in
den Saal führe?
Elfriede erſchrack; als jedoch die Herzogin ihr freund=
lich
zunickte, da durfte ſie den Prinzen nicht zurückweiſen;
bebend legte ſie die Hand auf ſeinen Arm.
Raſch führte der Prinz ſie durch den Salon in den
Saal, wobei Elfriede fühlte, daß er verſuchte, ihren Arm
näher an ſeine Bruſt zu ziehen.
Weshalb entziehen Sie ſich unſerer Geſellſchaft,
ſchöne Berenice? flüſterte er und neigte ſich lächelnd zu
ihr nieder. Sie gehören zur Jugend . . .
Mein Platz iſt bei Ihrer Hoheit . . .
Bah, Sie ſehen ja, daß Mama Sie gern beurlaubt.
Sie dürfen uns nicht wieder entfliehen.
Aller Augen richteten ſich auf das Paar, als es in
den Saal trat. Die Geſellſchaftsdame der Herzogin
am Arm des Prinzen, das war freilich eine ungewöhn=
liche
Erſcheinung und gab der Geſellſchaft zu denken und
zu flüſtern.
(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Ernſt Ludwig=Verein.
Hefſiſcher Zentralverein für Errichtung billiger
Wohnungen.
Darmſtadt, 27. Juni.

Im Städtiſchen Saalbau hielt heute der Ernſt Lud=
wig
=Verein ſeine Hauptverſammlung ab, an der u. a.
teilnahmen die Herren Miniſter des Innern von Hom=
bergk
zu Vach, Geh. Staatsrat Krug von Nidda,
der den Staatsminiſter Ewald Exz. wegen Krankheit ent=
ſchuldigte
, Miniſterialräte Hölzinger, Dr. Kratz, Geh.
Oberbaurat Hofmann, Reg.=Rat Pfeiffer, von
der Verſicherungsanſtalt Regierungs=Aſſeſſor Dr. Fuchs,
vom Sozialen Ausſchuß in Frankfurt Herr Metz ler
vom badiſchen Landeswohnungsverein Generalſekretär
Kampfmeyer, Provinzialdirektor Fey, Landtags=
präſident
Köhler, viele Kreisräte und Bürgermeiſter,
darunter als Vertreter der Stadt Darmſtadt Bürger=
meiſter
Mueller. Finanzminiſter Braun Exz. hatte
ſich entſchuldigen laſſen.
Den Vorſitz führte Reichstagsabgeordneter Frhr.
Heyl zu Herrnsheim, der nach Eröffnung der Ver=
ſammlung
die Erſchienenen herzlichſt begrüßte, inſonder=
heit
die genannten behördlichen Vertreter, und ſich dann
kurz über die neuere Tätigkeit der Geſetzgebung, des Bun=
desrats
und Reichstages über die Materie des Klein=
wohnungsbaues
und anderer ſozialer Fragen verbreitete,
beſonders über eine in jüngſter Zeit gefaßte Reſolution,
in der ausgeſprochen wird, daß die Wohnungsfürſorge
für Minderbemittelte Sache der Bundesſtaaten iſt und
das Reich nur dann eingreifen könne, wenn ein Bundes=
ſtaat
verſagt, und in der die Regierung erſucht wird, auf
die Bundesſtaaten in dieſem Sinne einzuwirken.
Danach erſtattete nach entſprechender Genehmigung
der Aenderung der Tagesordnung Herr Bürgermeiſter
Dr. Frenay=Bensheim ein Referat über:
Die Fortbildung der Heſſiſchen
Wohnungsgeſetzgebung.
Redner führte etwa aus: Genau vor zwanzig Jahren
faßte unſere heſſiſche Regierung zunächſt die Ordnung
der Mietwohnungsverhältniſſe ins Auge und nach län=
geren
Verhandlungen kam im Jahre 1893 als erſter geſetz=
geberiſcher
Schritt das Geſetz, die polizeiliche Beaufſich=
tigung
von Mietwohnungen und Schlafſtellen betreffend.
zuſtande. Teilweiſe ergänzt wurde dieſes Geſetz durch
das Wohnungsfürſorgegeſetz von 1902, das in der Haupt=
ſache
die poſitive Förderung der gemeinnützigen Wohn=
ungserſtellung
und die organiſche Zuſammenfaſſung aller
Wohnungsfürſorgebeſtrebungen in eine Landeszentrale
bezweckt. Inzwiſchen ſind eine Reihe von Bundesſtaaten
dem Beiſpiele Heſſens gefolgt und haben ſich teils im
Wege der Geſetzgebung, teils im Wege der Verordnung
mit dem Wohnungsweſen befaßt. Das heſſiſche Geſetz
kennt nur eine Beaufſichtigung von Mietwohn=
ungen
, und die Wohnungsaufſicht macht vor der
Eigentümerwohnung Halt. Ganz ſicher hat
nun die Wohnungsaufſicht in erſter Linie Bedeutung für
die Mietwohnungen, es kann aber auch bei den von den
Eigentümern bewohnten Kleinwohnungen unter Umſtän=
den
das Eingreifen des Wohnungsbeamten ſehr nötig
erſcheinen. Als Prinzip ſollte man feſtſtellen, daß
kein zum Wohnen oder dauerndem Aufenthalt von
Menſchen beſtimmter Raum ſo beſchaffen ſein darf, daß
Geſundheit und Sittlichkeit der Bewohner gefährdet wer=
den
, einerlei, ob die Räume im einzelnen Falle dem Mie=
ter
oder dem Eigentümer und ſeiner Familie zum Woh=
nen
dienen. Von dieſem Geſichtspunkte aus iſt die Frage
in den anderen Bundesſtaaten geregelt, ſodaß dort grund=
ſätzlich
auch die Eigentümerwohnungen der
Aufſicht unterſtehen. Selbſtverſtändlich kann es ſich hier
nur um einzelne, beſonders geartete Fälle handeln, in
welchen man den Wohnungsbeamten die Möglichkeit
geben ſollte, einzuſchreiten. Als weitere Frage erſcheint,
ob nicht der Kreis der aufſichtspflichtigen
Wohnungen etwas erweitert werden ſoll. Nach
heſſiſchem Recht kann der Wohnungsbeamte auch nicht=
aufſichtspflichtige
Wohnungen beſichtigen, und er wird es
bei Vorhandenſein eines triftigen Grundes immer tun.
Einſchreiten auf Grund des Wohnungsgeſetzes kann er
aber nur bei ſogenannten aufſichtspflichtigen Wohn=
ungen
. Deshalb ſollte man den Rahmen der aufſichts=
pflichtigen
Wohnungen nicht zu eng ſpannen. Es iſt ja
nicht notwendig, daß bei der Beaufſichtigung dieſer
Wohnungen immer und überall der regelmäßige Beſich=
tigungsturnus
eingehalten wird. Des weiteren müßte
unſere Geſetzgebung ähnlich, wie dies anderwärts ge=
iſchehen
, auch die Möglichkeit geben, gegen den Mieter
einſchreiten zu können. Es iſt eine alte Klage der Wohn=
ungsaufſichtsbeamten
, daß ſehr viele Wohnungsmiß=
ſtände
auf die mangelhafte und zweckwidrige Art des
Bewohnens, alſo auf ein Verſchulden des Mieters zurück=
zuführen
ſind. In ſolchen Fällen kennen z. B. andere
Bundesſtaaten, wie die Hanſaſtädte, Bayern, Württem=
berg
, Sachſen und Baden, die Möglichkeit einer verant=
wortlichen
Heranziehung des Mieters. Endlich dürfte
es als eine Lücke unſeres Mietwohnungsgeſetzes bezeich=
net
werden, daß dasſelbe keinerlei Beſtimmungen dar=
über
hat, wie die Wohnungen und Wohnräume über=
haupt
beſchaffen ſein müſſen, damit ſie zum Aufenthalt
von Menſchen geeignet ſind alſo ſogenannte Mindeſt=
forderungen
nicht aufſtellt. In anderen Bundes=
ſtaaten
finden wir genaue Normativbeſtimmungen dar=
über
, was im Intereſſe der Geſundheit und Sittlichkeit
verlangt werden muß, damit eine Wohnung noch genügt.
Unſere Geſetzgebung dürfte hier etwas weiter auszu=
bauen
ſein; dem Praktiker kann es nur erwünſcht ſein.
wenn er auf ſicherer Grundlage arbeiten kann, wie ſie
präziſe geſetzliche oder ſtatutariſche Vorſchriften genann=
ter
Art darbieten. Auch der Reichstag hat ſich ja in die=
ſem
Sinne ausgeſprochen.
Bisher ſprachen wir nur von Maßnahmen, die ſich
auf vorhandene Wohnungen beziehen; gleich wichtig, oder
vielleicht noch wichtiger, iſt die Vorſorge für die zu
erbauenden Wohnungen, ſowohl nach der Richt=
ung
, daß unſere allgemeinen Baugeſetze den Kleinwohn=
ungsbau
innerhalb des Rahmens der zu beachtenden
feuerſicherheits= und geſundheitspolizeilichen Vorſchriften
überhaupt fördern, alſo auch nach der Richtung, daß wir
mehr und mehr danach ſtreben, die Produktion guter und
preiswerter Wohnungen mit dem Bedürfnis in Einklang
zu bringen. Angedeutet ſeien nur die Notwendig=
keit
einer Reviſien unſer Bauordnung
unterBerückſichtigung des Kleinwohnungsbaues, weiter die
Notwendigkeit eines geſetzlich geregelten Umlegungsver=
fahrens
, ſowie die Reviſion des Enteignungsgeſetzes.
Welche Wertverſchiebungen ſind wohl hier in Darm=
ſtadt
durch die Verlegung des Bahnhofes eingetreten
und erſcheint es nicht angebracht, für ſolche und ähnlich
Fälle die Benutzung großer Geländekomplexe nach ſoziolen
Geſichtspunkten zu ſichern? Vor allem hat aber unſer Ver
ein den dringenden Wunſch, daß der gemeinnützige Wohn=
ungsbau
durch vermehrte und erleichterte Zuführung von

Kapital gefördert werde, und dieſer Wunſch betrifft be=
ſonders
unſer Wohnungsfürſorgegeſetz. Nach
der Auslegung, die unſer Miniſterium dieſem Geſetz ge=
geben
hat, werden die Mittel der Landeskreditkaſſe nur
zur Erſtellung von Miethäuſern, alſo nicht für Eigen=
häuſer
zur Verfügung geſtellt. Nun beſteht die Tätig=
keit
der Bauvereine in kleineren Städten und auf dem
Lande faſt nur in der Errichtung von Kleinhäuſern, die
nicht zum Vermieten, ſondern zur Veräußerung beſtimmt
ſind; ſolche Häuſer zu vermieten, wäre finanziell bedenk=
lich
, auch die Verwaltung, Unterhaltung uſw. viel zu um=
ſtändlich
und koſtſpielig. Als Miethäuſer kommen alſo
für die Regel nur große Häuſer, und zwar dort in Be=
tracht
, wo der Bodenpreis ſchon eine gewiſſe Höhe er=
reicht
hat, alſo an größeren Orten. Die Auffaſſung des
Miniſteriums ſtützt ſich darauf, daß das Geſetz nicht die=
ſem
oder jenem zu einem Eigentum verhelfen wolle.
Allein das Geſetz will doch dem Wohnungsmangel ſteuern,
es will bei der Bevölkerung wieder Liebe und Verſtänd=
nis
für Heim und Heimat fördern, und in dieſer Be=
ziehung
leiſten ja die Baugenoſſenſchaften durch Erricht=
ung
von Eigenhäuſern ſehr wertvolle ſoziale Arbeit. Da=
her
möge man den bisherigen Standpunkt verlaſſen und
eventuell geſetzlich feſtlegen, daß die Landeskreditkaſſe
auch für Eigenhäuſer Darlehen geben kann, ſelbſtverſtänd=
lich
unter den nötigen Kautelen, ſowohl betreffs der
Sicherheit des Darlehens aals auch der dauernden Zweck=
beſtimmung
der Fürſorgemaßregel.
Redner ſchloß ſeine intereſſanten Ausführungen mit
folgenden Worten: Wir ſind alle davon überzeugt, daß
die Wohnung ein Kulturbedürfnis erſten
Ranges iſt, und daß, ſo lange auf dem Gebiete des
Wohnungsweſens noch Mißſtände beſtehen, wie wir ſie
leider beklagen müſſen, all unſere ſonſtigen, auf
Erſtarkung von Geſundheit und Sittlich=
keit
, auf Hebung unſeres Volkslebens ge=
richteten
Beſtrebungen halbe Maßregeln
bleiben müſſen. Es wäre ungerecht, wenn wir
das, was unſere Regierung vor zwanzig Jahren in bahn=
brechender
Weiſe begonnen und in den Jahren 1902 und
1908 fortgeſetzt hat, gering ſchätzen wollten; im Gegen=
teil
, jede Verſammlung unſeres Vereins
erbringt Beweiſe für die ſegensreichen
Folgen dieſer Geſetzgebung. Ich glaube, daß
wir auf eine ſachliche Würdigung um ſo mehr rechnen
dürfen, als erſt gelegentlich der Frühjahrsverhandlungen
unſerer Landſtände von hervorragender Seite betont
wurde, daß man in der Wohnungsfrage gar
icht genug tun kann, und daß es ſich doch
ſchließlich um das Wohl und Wehe der
breiten Maſſe des Volkes desüberwiegen=
en
Teils unſerer Mitbürger handelt.
(Lebh. Beifall.)
Der Vorſitzende dankte, indem er darauf hinwies, daß
Bürgermeiſter Dr. Frenay auch in der Praxis große Er=
folge
erzielt habe, daß ſeine Ausführungen alſo auch von
großer praktiſcher Bedeutung für Intereſſenten ſeien. Der
Verein müſſe ſein Augenmerk beſonders auf die Bau=
tätigkeit
in den Städten richten; während für die länd=
lichen
Gemeinden die Eigenwohnungen das Gegebene
ſind, ſei hier zu berückſichtigen, daß in den Städten klei=
tere
Eigenwohnungen leicht Spekulationsobjekte wer=
den
, wenn nicht Vorſorge getroffen wird. Der ſpringende
Punkt ſei die Kapitalbeſchaffung, damit man an Stelle
der alten ſchlechten Wohnungen neue gute ſetzen könne;
in dieſer Hinſicht ſei es wünſchenswert, wenn die Vor=
ſchläge
des Referenten betr. Landeskreditkaſſe Beachtung
fänden. In der Diskuſſion berichtete zunächſt
Juſtizrat Dr. Görtz=Mainz über die Erfahrungen, die
er als Vorſitzender des Aufſichtsrats der Baugenoſſen=
ſchaft
Mainz gemacht habe. Die Entwickelung der letz=
en
Jahre habe dahin geführt, daß die ganze Bautätigkeit
für Minderbemittelte durch die Entwickelung der Ver=
hältniſſe
lediglich in die Hand der Bauvereine gelegt
vorden ſei. Man müſſe ängſtlich darauf bedacht ſein, nicht
einſeitige Vergünſtigungen und geſetzliche Zugeſtändniſſe
für Genoſſenſchaften zu erlangen, ſondern ebenſo für
jeden gemeinnützigen Wohnungsbau für Arbeiter und
Minderbemittelte, wenn die Garantie gegeben iſt, daß
nicht Objekte der Spekulation entſtänden.
Miniſterialrat Hölzinger bemerkt, daß man bei
der Schaffung der Landeskreditkaſſe nur daran gedacht
habe, die Kaſſe ſubſidiär für das Wohnungsweſen heran=
zuziehen
, wenn andere Geldgeber ſich nicht finden. Hieran
habe es bisher in Heſſen nie gefehlt; die Geldnehmer
fahren bei der Landesverſicherungsanſtalt weit beſſer, da
die Landeskreditkaſſe zum Beiſpiel 4,12 Prozent verlan=
gen
müſſe. Das Geſetz läßt ſich nicht anders auslegen.
als es durch das Miniſterium geſchieht. Auch kommt
dazu, daß bei der Einbeziehung der Eigenhäuſer die
Kontrolle ſehr erſchwert, der Beamtenapparat alſo wie=
der
vergrößert würde. Und ſchließlich ſei es doch eine
prinzipielle Frage, ob der Staat tatſächlich ſo weit gehen
ſolle, allen Wünſchen auf Geldhergabe zur Errichtung
von Eigenhäuſern nachzugeben, ſo lange nicht direkte
Wohnungsnot vorliege.
Finanzrat Emmerling betont, daß die Berück=
ſichtigung
des Kleinwohnungsbaues gerade eine der Auf=
gaben
ſei, die bei der Reviſion der Allgemeinen Bauord=
nung
einer befriedigenden Löſung entgegenzuführen ſein
wird. Gegenteilige Befürchtungen, wie ſie in der vor=
jährigen
Verſammlung geäußert wurden, ſind deshalb
unbegründet. Redner erörtert dann eine Reihe von
Punkten, in denen Erleichterungen für den Kleinwohn=
ungsbau
vorzunehmen ſein werden. Jedenfalls ſolle bei
der Reviſion, ſoweit möglich, auch der Kleinwohnungs=
bau
begünſtigt werden.
Der Vorſitzende berührt einige in der Diskuſſion zu=
tage
getretenen Gegenſätze zu ſeiner Auffaſſung, über die
er ſich in längeren Ausführungen verbreitet. Provin=
zialdirektor
Fey befürwortet den Kleinwohnungsbau
auf dem Lande, wo ausgedehntere Möglichkeiten zu billi=
gem
Geländeerwerb beſtehen, als in der Stadt, und wo
der Arbeiter auch am zweckmäßigſten ſich anſiedelt. Der
Verein ſoll in Erwägung ziehen, ob es nicht möglich ſei,
tach Art des Arbeits= und Wohnungsnachweiſes
einen überſichtlichen Nachweis über Bauplätze und
Grundſtücksmarkt zu ſchaffen.
Bürgermeiſter
Mueller=Darmſtadt teilt imit, daß auch die Stadt
Darmſtadt der vom Referenten kurz geſtreiften Verſchieb=
ung
der Geländewerte durch die Bahnhofsverlegung Be=
achtung
geſchenkt habe, und ſpricht über die Wohnungs=
verhältniſſe
in Darmſtadt, die den Bau von Mietwohn=
ungen
als Hauptaufgabe erſcheinen laſſen, während
Eigenwohnungen für Darmſtadt nicht empfohlen wer=
den
können. Nach einem Schlußwort des Referenten
folgt de
eſchäftsbericht des Generalſekretärs
Landeswohnungsinſpektors Gretzſchel.
Das Jahr 1911 iſt der Errichtung kleiner Wohn=
ungen
wie überhaupt dem Wohnungsbau günſtiger ge=
weſen
, als ſeine Vorgänger. Sowohl das private Bau=
gewerbe
als auch die Tätigkeit der Bauvereine hat ſich

im verfloſſenen Jahre mehr und mehr belebt. In die=
ſem
Jahre ſcheinen die Verhältniſſe noch beſſer zu wer=
den
, da insbeſondere auch die Bauvereine in den großen
Städten wieder mit der Erſtellung neuer Häuſer beginnen
wollen. Wenn alſo von einer erfreulichen Wieder
belebung des Baugewerbes berichtet werden
kann, ſo muß doch auch gleichzeitig geſagt werden, da
die Produktion kleiner Wohnungen an manchen Orten
immerhin noch zu wünſchen übrig läßt.
gibt eine ganze Anzahl Städte und länd=
liche
Gemeinden, in denen offenbar Mangel
an kleinen Wohnungen herrſcht und wo es bisher
trotz wiederholter Verſuche nicht gelungen iſt, Abhilfs
maßregeln durchzuſetzen. Das hat zum Teil ſeinen Grund
darin, daß und das trifft namentlich für die ländlichen
Gemeinden zu man die Errichtung kleiner Wohnun
gen gar nicht gern ſieht, weil die Gemeindeverwaltunger
befürchten, daß dadurch nur neue und unerwünſchte Ele=
mente
in den Ort hereingezogen würden oder weil man
einen Mangel an kleinen Wohnungen überhaupt nicht an=
erkennen
will. Der erſte Einwand iſt praktiſch ziemlich
haltlos. Auch iſt es für die Gemeinde gewiß nicht von
Vorteil, wenn aus ſolchen ziemlich eng begrenzten An=
ſchauungen
heraus die Bautätigkeit und damit die Weiter=
entwickelung
der Gemeinde gehemmt wird. Die Beur
teilung der Frage, ob das Wohnungsangebot
ausreicht, geſchieht nicht immer unter den richtigen
Geſichtspunkten. Es genügt nicht, wenn überhaupt nur
einige Wohnungen am Orte leer ſtehen, ſondern es kommt
darauf an, ob ſie wirklich einwandfrei und für Minder
bemittelte beſtimmt und ob ſie überhaupt mietbar ſind
Denn es kann natürlich an einem Orte eine noch ſo große
Zahl teurer Wohnungen leer ſtehen, dem Arbeiter iſt da=
mit
eben nicht geholfen. In der Unterſtützung ge=
meinnütziger
Bauvereine durch die Gemeinden
kann von einem weiteren Fortſchritt berichtet werden, in=
dem
von mehreren Gemeindevertretungen im verfloſſenen
Jahre beſchloſſen worden iſt, die Bürgſchaft für Darlehen
der Bauvereine zu übernehmen. Die Entwickelung der
gemeinnützigen Bautätigkeit iſt bei uns in den letzten
Jahren eine langſamere geweſen. Das hat ſeinen natür=
lichen
Grund darin, daß unſer Heſſenland nur verhältnis=
mäßig
wenig größere Gemeinden aufweiſt, in denen für
die Gründung gemeinnütziger Bauvereine genügend
Intereſſenten vorhanden ſind, und in vielen dieſer Ge=
meinden
beſtehen bereits ſolche Organiſationen. Es iſt=
bisher
trotz mancher Verſuche nicht gelungen, in allen
Orten den Gedanken der gemeinnützigen Wohnungsfür=
ſorge
in die Tat umzuſetzen, und man darf doch ſagen,
daß in mehreren Fällen mangelndes Intereſſe der Ge=
meindeverwaltungen
hieran mit die Schuld trägt. Wik
können ja mit einiger Genugtuung feſtſtellen, daß die Be=
ſtrebungen
, die wir verfolgen, ſich doch immer weiter aus=
breiten
. In einigen Orten ſteht die Gründung von
gemeinnützigen Bauvereinen bevor, und in einer größe=
ren
Gemeinde, nämlich Neu=Iſenburg, hat die Verwalt=
ung
in neueſter Zeit Mittel zur Erbauung von Klein=
wohnungen
bereit geſtellt. Wir kommen alſo doch immer=
hin
Schritt für Schritt weiter. In den vielen kleinen Ge=
meinden
, wo wegen Mangel an einer zur Gründung eines
Bauvereins genügenden Anzahl Perſonen die Wohn=
ungsfürſorge
mit Hilfe eines ſolchen nicht durchführbar
iſt, müſſen jedoch andere Wege eingeſchlagen werden,
wenn nicht überhaupt dieſe Gemeinden von der doch ge=
wiß
ſegensreichen Arbeit der Wohnungsfürſorge auss
geſchloſſen bleiben ſollen. Wie kann nun in den
kleinen Landgemeinden die gemein=
nützige
Wohnungsfürſorge durchgeführt
werden? Einmal könnten die Gemeinden ſelbſt Häuſer
mit kleinen Wohnungen errichten. Dies iſt in Heſſen ſchon
verhältnismäßig häufig geſchehen. Zum anderen könnten
ſich die Gemeinden darauf beſchränken, bauluſtigen Min=
derbemittelten
die zweite Hypothek bis zu 80 oder 90 Pro=
zent
des Herſtellungswertes der Häuſer zu beſchaffen.
Auch das iſt ſchon mehrfach geſchehen, noch in allerletzter
Zeit von ſeiten der Gemeinde Lörzenbach. Ein dritter
Weg zur Erreichung jenes Zieles bietet den Kreiſen
Gelegenheit zu einem Eingreifen. Wir werden nun in
dieſer Beziehung auch zu einem greifbaren Ergebniſſe
kommen. Der Kreis Worms wird den Anfang machen
durch Bildung eines Kreisbauvereins auf Grund der Art.
195 ff. der neuen Landgemeindeordnung. Es würde dem
Ernſt Ludwig=Verein eine Genugtuung ſein, wenn man
in anderen Kreiſen ein ähnliches Vorgehen einleiten
wollte.
Es ſei hier eingeſchaltet, daß wir in letzter Zeit bei
den Kreisverwaltungen in Deutſchland
eine Umfrage über ihre Tätigkeit auf dem
Gebiete der Wohnungsfürſorge veranſtaltet
haben. Die eingelaufenen Mitteilungen ſind ſehr inter=
eſſant
und lehrreich; wir werden ſie in nächſter Zeit zu=
ſammenſtellen
und allen Kreiſen zugänglich machen.
Man hört ſo oft den Einwand, daß durch die Tätig=
keit
der Bauvereine oder durch Eigenbau der Gemeinden
das Privatgewerbe geſchädigt werde. Das iſt aber doch
durchaus nicht zutreffend. Denn, meine Herren, durch
jene Tätigkeit wird ja gerade dem Gewerbe Arbeitsge=
legenheit
verſchafft, und zwar zu denſelben lohnenden
Preiſen, wie ſie ſonſt üblich ſind. Ueberdies handelt es
ſich doch um die Ausfüllung von Lücken, die eben das Pri=
vatgewerbe
gelaſſen hat und hinſichtlich welcher die ge=
meinnützige
Bautätigkeit erſetzend eingreifen muß.
Dieſe Tatſache hat auch die Zentralſtelle für die Ge=
werbe
hier richtig erkannt und ſie hat demgemäß die Ge=
werbevereine
angeregt, ihrerſeits der Frage ihre
Aufmerkſamkeit zuzuwenden, ob dieſe Vereine ſich nicht
bei den Bauvereinen beteiligen ſollten.
Uebrigens iſt auch daran zu denken, wie man in jenen
Gemeinden die private Bautätigkeit für die Er=
ſtellung
von Kleinwohnungen intereſſieren könnte, wobei
es beſonders wünſchenswert wäre, wenn unter gewiſſen
Vorausſetzungen auch Häuſer, die von Privatunterneh=
mern
auf eigene Rechnung erſtellt werden, mit Hypothe=
ken
zu billigem Zinsfuß und über die Mündelſicherheit
hinaus beliehen würden.
Einen bedeutenden Einfluß auf die heſſiſchen Wohn=
ungsverhältniſſe
üben die großen Wirtſchafts= und Indu=
ſtriezentren
aus, die in unmittelbarer Nachbarſchaft unſe=
res
Landes liegen. Es iſt hier in erſter Linie zu nennen
Frankfurt a. M. und in zweiter Linie Mannheim. Die
Stadt Frankfurt hat nun gerade gegenwärtig wieder über
ſtarken Mangel an Wohnungen, insbeſondere an Klein=
wohnungen
, zu klagen. Unter den Abhilfsmitteln befindet
ſich auch der Vorſchlag, zu verhindern, daß die Arbeiter=
ſchaft
ſich noch in größeren Maſſen in der Stadt ſelbſt nie=
derläßt
; man möchte erreichen, daß ſich die Leute in der
ländlichen Umgebung der Stadt anſiedeln, um dieſe zu
entlaſten. Hierbei iſt nun Heſſen in erheblichem Maße
intereſſiert. Die Frage iſt eine recht ernſte und bedarf der
vorſichtiaſten Behandlung. Denn, da Frankfurt leider
nicht heſſiſch iſt, ſo ergibt ſich aus jenen Beſtrebungen das
Verhältnis, daß die Stadt die Induſtrie und den Handel
in ſich konzentriert, ihr damit auch die ſteuerkräftigen Ele=

[ ][  ][ ]

nte verbleiben, während die umliegenden heſſiſchen
meinden die Arbeiterſchaft zum Teil aufnehmen müſ=
i
, die ja nur geringe Steuerkraft beſitzt und mancherlei
ften verurſacht. Wenn alſo auch im allgemeinen der
danke, die Bevölkerung zu dezentraliſieren, ein durch=
s
geſunder iſt, ſo kollidiert im vorliegenden Falle dieſer
danke doch mit den Verhältniſſen der verſchiedenen
atlichen und kommunalen Zugehörigkeit.
Eine ſehr wichtige Frage bleibt nach wie vor die Be=
)affung der 2. Hypotheken für den Kleinwoh=
ngsbau
, ſowohl als auch für den Wohnungsbau über=
upt
, eine Frage, die im letzten Jahre alle an der Woh=
ngsreform
beteiligten Kreiſe lebhaft beſchäftigt hat.
ich für uns iſt ſie von Bedeutung. Der Vereinsvorſtand
t hierüber bereits ein erhebliches Material geſammelt,
ſen Bearbeitung eine der nächſten Aufgaben ſein wird.
* Worms iſt die Stadtverwaltung mit der Ausarbeitung
tes Regulativs zur Bereitſtellung 2. Hypotheken aus
itteln der Sparkaſſe beſchäftigt, in Darmſtadt hat die
dtiſche Sparkaſſe ſich zur Hergabe 2. Hypotheken in be=
fränktem
Umfange bereit erklärt. Im abgelaufenen
eſchäftsjahr iſt wiederum die Landesverſicher=
ngsanſtalt
die ſegenſpendende Quelle geweſen, aus
r die Bauvereine ihr Bedürfnis nach Geld decken konn=
n
. Sie hat 1911 im ganzen rund 430000 Mark Darlehen
r unſere Zwecke bewilligt. Es darf bei dieſer Gelegen=
it
auch der Sparkaſſen gedacht werden, die ſich die
örderung unſerer Beſtrebungen haben angelegen hefn
ſſen. Auch die Landes=Hypolhekenbanl ſei
t dieſer Stelle erwähnt, die durch koulante Gewähr von
ypotheken dem Kleinwohnungsbau in Heſſen ebenfalls
hon erhebliche Mittel zugeführt hat.
Ein weiterer Gegenſtand, der uns ja auch ſchon früher
ſchäftigt hat, iſt die kommunale Bodenpolitik.
ie auf dieſem Gebiete inzwiſchen geſammelten praktiſchen
rfahrungen ſind ziemlich zahlreich, nachdem ſchon eine
inze Reihe deutſcher Städte mit Maßnahmen in dieſer
ichtung vorgegangen ſind. Einer Anregung unſeres
errn Vorſitzenden entſprechend, haben wir das Erb=
aurecht
erneut in den Kreis unſerer Beratungen ge=
ogen
. Wir können in Ausſicht ſtellen, daß die Arbeit
äteſtens zur nächſten Hauptverſammlung, vielleicht aber
uch ſchon früher, fertig ſein wird. In der letzten Sitzung
nſeres Vorſtandes, die am 27. März d. J. ſtattfand,
durde von einem Vorſtandsmitgliede auf die Notwendig=
eit
hingewieſen, den jungen Mädchen in den Haushal=
ungsſchulen
Unterricht erteilen zu laſſen über zweck=
räßige
und den Anforderungen der Geſundheit und der
sittlichkeit entſprechende Benutzung der Wohnungen. In
inigen größeren Städten des Landes iſt, zum Teil eben=
ills
angeregt durch unſere wiederholten Hinweiſe, der
Schaffung von Kleingärten Aufmerkſamkeit ge=
henkt
worden. Vor den Toren der Stadt belegene grö=
ere
Ländereien in ſtädtiſchem Beſitz ſind parzelliert und
n weniger bemittelte Bewohner verpachtet worden. Das
ſt eine ſo ſchöne Verwendung ſtädtiſchen Grundbeſitzes,
ſie unbedingt Nachahmung verdient. Am 29. Oktober
911 fand in Heppenheim a. d. B. der Verbandstag der
ſeſſiſchen Bauvereine bei ſtarker Beteiligung ſtatt. (Wir
erichteten darüber. D. Red.) Erwähnt ſei noch die Tätig=
eit
verſchiedener Arbeitgeber auf dem Gebiete der Woh=
rungsfürſorge
. Die Firma Heyl unterſtützt ihre Arbeiter
eim Erwerbe eigener Häuſer durch ihre Grund= und
Hauserwerbskaſſe, aus welcher 2. Hypotheken zu 3 Prozent

gewährt werden; ſie hat außerdem ſelbſt eine große Wohn=
kolonie
errichtet und iſt an der Aktien=Baugeſellſchaft in
Worms beteiligt, die das von ihr bebaute und noch zu be=
bauende
Gelände von der Firma Heyl zu mäßigem Preiſe
erworben hat. Die Firma Merkel in Dalsheim betreibt
neben anderen Wohlfahrtseinrichtungen ebenfalls Woh=
nungsfürſorge
in größerem Maßſtabe; es ſei hinzugefügt,
daß ſie Arbeitern, die mindeſtens 10 Jahre bei ihr be=
ſchäftigt
ſind, bei Verheiratung die Wohnungseinrichtung
zum Geſchenk macht. Auch andere Arbeitgeber, wie die
Brückenbauanſtalt Guſtavsburg, die Firma Merck in
Darmſtadt, die Vereinigten Strohſtoffabriken in Rhein=
Dürkheim, die Firma Doerr u. Reinhart uſw. haben zahl=
reiche
Wohnungen für ihre Arbeiter erbaut. Andere Ar=
beitgeber
, wie die Firma Opel in Rüſſelsheim und die
Firma Enſinger in Pfeddersheim haben den dortigen Bau=
genoſſenſchaften
größere Summen zur Verfügung geſtellt,
aus denen die Genoſſenſchaften 2. Hypotheken gewähren.
Auch im abgelaufenen Jahre ſind wir bemüht geweſen,
zur Hebung der Bauweiſe und des guten Geſchmacks beim
Bauen zu einem beſcheidenen Teile beizutragen. Immer
wo es uns irgend möglich war, iſt darauf hingewirkt wor=
den
, daß die Entwürfe zu kleinen Häuſern neben zweck=
mäßiger
Innengeſtaltung auch ein befriedigendes Aeußere
zeigten. Weſentliche Hilfe haben hierbei geleiſtet die ſtaät=
lichen
Kreisbaubeamten, vor allem aber auch die Mini=
ſterial
=Bauabteiſung, die ſich in entgegenkommendſter
Weiſe bereit erklärt hat, die von den gemeinnützigen Bau=
vereinen
ausgearbeiteten Projekte zu prüfen und eventl.
Vorſchläge für Abänderungen zu machen. Der Vereins=
vorſtand
möchte indeſſen auch der Frage der rationel=
len
Grundriß’geſtaltung beim Kleinwohnungss
bau ſeine beſondere Aufmerkſamkeit zuwenden. Die im
Laufe der Jahre gemachten Beobachtungen haben ergeben,
daß auch in dieſer Richtung noch manches verbeſſert wer=
den
könnte. In einer auf Veranlaſſung des Miniſteriums
des Innern ſtattgehabten Sitzung, an der auch Vertreter
der Miniſterial=Bauabteilung, der Zentralſtelle für die Ge=
werbe
und die Direktoren der heſſiſchen Baugewerk=
ſchulen
teilgenommen haben, iſt deshalb beſchloſſen
worden, daß die Lehrer der letzteren die Ausarbeitung ſol=
cher
Entwürfe nach einem noch zu vereinbarendem Pro=
gramm
übernehmen und die Entwürfe dem Verein zur
Verwendung überlaſſen. Ueber die Einzelheiten wird
noch in einer demnächſt ſtattfindenden Vereinsvorſtands=
ſitzung
Beſchluß gefaßt werden.
Redner möchte nicht ſchließen, ohne allen den Behör=
den
und Einzelperſonen, die uns auch im abgelaufenen
Jahre in unſerer Tätigkeit unterſtützt haben, herzlichen
Dank für ihre Mithilfe auszuſprechen. Auch der Preſſe
gilt unſer Dank, die uns nach wie vor in unſerer Arbeit
durch Aufnahme von Artikeln und Notizen über die Woh=
nungsfrage
weſentlich unterſtützt hat. (Lebh. Beifall.)
Der Vorſitzende ſprach dem Redner für den Be=
richt
und für ſeine langjährige erſprießliche Tätigkeit über=
haupt
, herzlichſten Dank aus. In der Diskuſſion gab
Herr Geh. Oberbaurat Hofmann ſeiner Freude darüber
Ausdruck, daß man nunmehr die über tüchtige Lehrkräfte
verfügenden Landesbaugewerkſchulen zur Errichtung
muſtergültiger Kleinwohnungsentwürfe heranziehe. Bis=
her
war es ein Hauptſchaden, daß ungeſchickte Hände und
Köpfe dieſe Entwürfe ausarbeiteten. Weiter betonte Red=
ner
die Notwendigkeit, auf dem Lande auch zu wirklich
ländlichen Ausdrucksformen im Haus= und Straßenbau

zu kommen und durch Verminderung der Nebenkoſten
Straßenbau, Kanal, Einfriedigung uſw. zur Erzielung
billiger Wohnſtätten beizutragen.
Darauf erſtattete Hegr Direktor Döring= Giſeßen
den Rechenſchaftsbericht. Die Einnahmen betrugen 4418
Mark, die Ausgaben 4525 Mark, der Vermögensbeſtand
4533 Mark.
Dem Redner wird mit Dank Entlaſtung erteilt. Darauf
ſchließt Frhr. v. Heyl die Sitzung um 2 Uhr.

Sport.

* Pferdeſport. Rennen zu Strausberg. Prei=
von
Alte Mühle; 2000 Mark, Diſtanz 1000 Meter: 1. Hrn.
E. F. Gütſchows Heuſchrecke (Torke), 2. Jeune Fil
(Jangl), 3. Courſchleppe (Dreißig). Tot. 24:10. Preis
vom Schützenhaus; 2500 Mark, Diſtanz 2600 Meter:
Frau von Bentheims Royal Flaſh (Th. Baſtian), 2. Kc
rola (Adolph), 3. Moſel (Jentzſch). Tot. 37110. Preis
von Hubertusſtock; Ehrenpreis und 2500 Mark; Diſtan
4000 Meter: 1. Herrn E. Sacks Lucky Wave (Herr von
Weſternhagen), 2. Prognoſe (Beſ.), 3. Vel=Vel (Herr
Jahrmarkt), Tot. 41:10. Preis von Zinndorf; 2009
Mark, Diſtanz 3000 Meter: 1. Leutn. Struves Wacker los
(V. Roſak), 2. Galvani (Weishaupt), 3. Bleibtreu
(Fritſche). Tot. 50110. Juni=Jagdrennen; Ehrenpreis
und 2100 Mark, Diſtanz 3500 Meter: 1. Leutn. Prinz zu
Schaumburg=Lippes Kilmallock (Leutn. Graf Strachwit
2. Angola (Leutn. v. Egan=Krieger), 3. Conto loro (3
v. Ekeller). Tot. 57:10. Müggel=Preis; 2000 Mark, Di
1500 Meter: 1. Geſtüt Sonnenhauſens Haſtings (Dietric
2. Hended (Schläfke), 3. Polonius (Sandmann). Tot.
187110.
Grande Courſe de Haies. Am Mittwoch kam
in Auteuil das höchſtdotierte Hürden=Rennen zur
Entſcheidung. Die mit 75000 Francs ausgeſtattete Prüf=
ung
endete mit einer Ueberraſchung, da der heiße Favorit
Rioumajou des Monſ. Veil=Picard eine Niederlage erlitt.
An dem über die ungewohnte Diſtanz von 5000 Meter
führenden Hürden=Rennen nahmen neun Pferde teil, dar
unter der engliſche Intereſſen vertretende Baleſadden
Rioumajou ſtand den weiten Weg nicht durch und mußte
ſich mit dem dritten Platz begnügen. Mr. Bower=Ismays
Balcſadden (Rene Souval) gewann ſicher gegen Made in
England (G. Hall), während acht Längen zurück Riou=
majou
vor Hopper endete. Tot. 56:10.
* Deutſche Golfſpiele. Zur Hebung des Spieles der
Berufsſpieler auf den norddeutſchen Plätzen fand in Kitze=
berg
(Kiel) ein Lochwettſpiel der Berufsſpieler über 18
Löcher und ein Viererſpiel der Berufsſpieler mit je einem
Amateur ſeines Klubs ſtatt. Die Reſultate des letzteren
waren: Sowerbutts=Richardſon (Bremen) 311 gegen Gan=
dell
=Andrews (Reinbeck): Dr. Schlepegrell=Holt ( Ham=
burg
) 5.3 gegen Rechtsanwalt Theophile=Warburton
(Kitzeberg); Dr. Schlepegrell=Holt (Hamburg) 422 gegen
Gandell=Andrews (Reinbeck).
* Automobilſport. Boillot Sieger im Grand
Prix des Automobilklub de France. Am zweiten und
letzten Tage des Grand Prix=Meetings hatten die 25 ge=
ſtarteten
Fahrer wiederum 10 Runden von 77 Kilometer
Länge zu durchfahren. Boillot behauptete ſeine am erſten
Tage erlangte günſtige Poſition und ſteuerte ſeinen Peu=
geot
=Wagen zum Siege.

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KöhleréCo., Breslau5
Postnel 2097

Liebhaber=
ein

t Milch=Schokolade
n ſich nur

Milch=Schokolade
Preis pro ½ A=Tafel 30 Pfg.
Ernſt=Ludwigſtraße 19.