Darmstädter Tagblatt 1910


30. Dezember 1910

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Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.

Die Ausweiſung des franzöſtſchen Korreſpondenten

wird von der Köln. Ztg. verteidigt; ſie meldet dazu aus
Berlin: Halbwachs hielt ſich in Berlin ſtudierenshalber
auf; es wurde ihm dabei auch in entgegenkommender
Weiſe geſtattet, auf dem Statiſtiſchen Amte zu arbeiten.
Den Dank dafür ſtattete er ab, indem er in der Humanité
Artikel gegen den Reichskanzler veröffentlichte, die ganz
in der beleidigenden Form radikaler und ſozialdemokra=
tiſcher
Blätter gehalten waren. Daraufhin wurde er zu=
nächſt
noch nicht ausgewieſen, ſondern polizeilich verwarnt,
und erſt, als er trotzdem ſeine alte Tätigkeit fortſetzte, des
Landes verwieſen.
Berliner Blätter beſprechen die Ausweiſung des Fran=
zoſen
Halbwachs und werfen dem Reichskanzler, weil ſe
wegen beleidigender Aeußerungen gegen ihn angeordnet
ſei, Kleinlichkeit vor. In Kreiſen, die von der Vorge=
ſchichte
der Ausweiſung unterrichtet ſein müſſen, wird da=
gegen
verſichert, daß die Angriffe gegen den Reichskanzier
bei der Ausweiſung keineswegs eine ausſchlaggebende,
ſondern eine nebenſächliche Bedeutung gehabt haben. Der
Artikel in der Humanité, auf den hin die Ausweiſung ve
fügt wurde, war, wie geſagt, nicht der letzte und nicht der
einzige anfechtbare geweſen; er enthalte allerdings Angriffe
gegen den Reichskanzler, aber ſein übriger Inhalt habe
vollkommen ausgereicht, um die Ausweiſung zu rechtfer=
tigen
. Dieſe würde auch erfolgt ſein, wenn der Artikel
die gegen den Reichskanzier gerichtete Stelle nicht enthal=
ten
hätte.
Die Franzoſen werden die Handlungsweiſe der preu=
ßiſchen
Polizeibehörde verſtehen; denn bei ihnen gilt eben=
ſo
wie bei uns das ſelbſtverſtändliche Gebot, daß Stu=
denten
, die an ausländiſchen Univerſitäten ſtudieren, ſich
nicht taktlos in die Politik der Länder, deren Gaſtfreund=
ſchaft
ſie genießen, einmiſchen dürfen. Das haben ruſſiſche
Studenten an deutſchen Hochſchulen ſchon wiederholt er=
fahren
; was aber den Ruſſen recht iſt, iſt den Franzoſen
billig.
Es iſt bezeichnend, daß deutſche Blätter gegen die
deutſche Regierung für einen Ausländer, der das Anſehen
der Deutſchen im Auslande herabſetzt, Partei nehmen.
So etwas kann in anderen Ländern nicht vorkommen.
In Deutſchland zieht man ſich aber aus Humanitätsduſel
und um des Prinzips wegen ſeine Feinde ſelbſt groß.
Welches Intereſſe haben wir daran, für einen gänzlich
unbekannten Franzoſen, der die deutſche Gaſtfreundſchaft
mißbraucht und unſer Anſehen ſchädigt, einzutreten?
Was iſt ihm Hekuba, daß er um ſie ſoll weinen?

Rußland und Oeſterreich.

Die Wiederherſtellung der guten Bezieh=
ungen
zwiſchen Deutſchland und Rußland, die
durch den ſerbiſchen Konflikt beträchtlich gelitten hatten,
legt den Gedanken einer Ausſöhnung auch mit Oeſter=
reich
=Ungarn nahe, deſſen Vorgehen auf dem Balkan den
Anlaß zu der Spannung mit Rußland gegeben hatte.
Es iſt daher verſtändlich, wenn jetzt Meldungen auftau=
chen
, wonach der öſterreichiſche Thronfolger Erzherzog
Franz Ferdinand ruſſiſchen Hofjadgen beiwohnen werde.
Für den Augenblick allerdings wird dies dementiert, das
hindert aber nicht, daß eine derartige Abſicht tatſächlich
beſteht und daß ſie bei ſpäterer Gelegenheit, vielleicht noch
im Januar, zur Ausführung gelangt.
Es iſt wohl nicht ohne Intereſſe, wahrzunehmen, daß
ruſſiſche Blätter es ſind, die dieſe Mitteilung bringen und
hieran keineswegs feindſelige Kommentare knüpfen, ſon=
dern
im Gegenteil einer derartigen Wendung der Dinge
das Wort reden. Tatſächlich wäre auch der Moment für
eine Verſtändigung gegeben, da augenblicklich kaum etwas
vorliegt, was geeignet wäre, Differenzen heraufzubeſchwö=
ren
. Auch die Kretafrage, die zurzeit am drängendſten iſt,
berührt Oeſterreich erſt in zweiter Linie, da es ſich nicht
zu den Schutzmächten zählt. Ein gut Teil der antiöſter=
reichiſchen
Politik war wohl Herrn Iswolski zuzu=
ſchreiben
, der dafür Revanche nehmen wollte, daß Aehren=
thal
durch die Annexion Bosniens und der Herzegowina,
ſowie durch andere Maßnahmen ſeine Abſichten durch=
kreuzt
hatte. Iswolski iſt jetzt in ſeiner Eigenſchaft als
Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Rußlands auf
dem Pariſer Poſten kaltgeſtellt worden und es ſteht außer
Frage, daß jetzt von Petersburg her ein ganz anderer

Wind weht. Dies kam ſchon gelegentlich der Potsdamer
Entrevue zum Ausdruck, nicht nur in den offiziellen Be=
ziehungen
war ein Wandel wahrzunehmen, ſondern auch
die Preſſe ſelbſt, die bisher Deutſchland feindſelig geſinnt
war, ſchreibt ſeitdem weſentlich anders.
Auch der Draht zwiſchen den Höfen von Wien und
Petersburg ſcheint wieder geknüpft zu ſein. Eine Wiener
offiziöſe Stimme betont, daß der Verkehr zwiſchen den
beiden Höfen, ſowie auch der Briefwechſel zwiſchen den
beiden Monarchen einen durchaus herzlichen Charakter
trage. Man geht wohl in der Annahme nicht fehl, daß
auch die Potsdamer Beſprechungen auf die
Beſſerung in den Beziehungen beider Reiche nicht ohne
Einfluß geblieben ſind und daß bei dieſer Gelegenheit
Deutſchland den ehrlichen Makler abgegeben hat.
Deutſchland hat, als die Lage am gefährlichſten war, dem
Bundesgenoſſen treu zur Seite geſtanden, und ebenſo iſt
es jetzt bereit, vermittelnd einzugreifen, um ein Verhältnis
herzuſtellen, das die Erhaltung des Friedens in erhöhtem
Maße gewährleiſtet. Auf dieſe Weiſe wird allen Balkan=
kriſen
die Schärfe genommen und bei den beiderſeitigen
Beſtrebungen, für die Aufrechterhaltung des Status qno
einzutreten, ſind bei einer ſolchen Situation Verwickelun=
gen
kaum zu befürchten.
Von der Seine her tönt freilich wieder einmal ein
Mahnruf nach Petersburg hinüber, Herr Dechanel iſt es,
der ſich ein wenig wichtig machen und angeſichts der be=
vorſtehenden
Kammerpräſidentenwahl wahrſcheinlich
mit negativem Erfolge in empfehlende Erinnerung
bringen will. Dieſer Herr gibt den Mächten der Triple=
Entente, Rußland, Frankreich und England, den Rat, in
Orientfragen engere Fühlung miteinander zu nehmen, da
bei einer Verſtändigung eines Angehörigen dieſer Kon=
ſtellation
mit irgend einer Macht des Dreibundes die
größte Vorſicht geboten erſcheine. Man merkt die Abſicht
und wird nicht einmal verſtimmt. Eine Annäherung zwi=
ſchen
Rußland und Oeſterreich=Ungarn, die offenſichtlich in
der Schwebe iſt, kann allenthalben nur freudig begrüßt
werden.

Deutſches Reich.

Ueber die Lage auf Ponape ſind bisher
weitere Nachrichten nicht eingetroffen, da die Bericht=
erſtattung
allein auf das von der Inſel Jap nach Schang=
hai
gehende Kabel angewieſen iſt. Ein Grund zur Be=
fürchtung
für Leben und Eigentum der auf Ponape woh=
nenden
Weißen liegt aber jedenfalls nicht vor, zumal außer
der etwa 200 Mann betragenden Polizeitruppe der
Cormoran und wahrſcheinlich auch bereits der Planet
zur Stelle ſind. Für den ermordeten Regierungsrat Böder
hat der Oberarzt Girſchner, der ſchon viele Jahre in dem
dortigen Schutzgebiet weilt, die Verwaltung übernommen.
Der ſtellvertretende Gouverneur von Deutſch=Neuquinea
Regierungsrat Dr. Oßwald wird in den nächſten Tagen
wieder in Ponape erwartet.
Das Staatsangehörigkeitsgeſetz.
Ueber den Stand der Vorbereitungen für das ſo lange und
ſehnſüchtig erwartete Geſetz betr. die Reichs= und Staats=
angehörigkeit
verlautet zuverläſſig, daß die Verhandlungen
zwiſchen den beteiligten Stellen, deren es eine große Zahl
gibt, noch nicht zum Abſchluß gediehen ſind. Dieſe Ver=
handlungen
betreffen gerade grundſätzlich wichtige Punkte,
über die eine Einigung erzielt werden muß, ehe die Vor=
lage
an den Bundesrat gehen kann. Nach Erkundigungen
dürften noch etwa 14 Tage vergehen, bis dies geſchieht.
Das Heeresergänzungsgeſchäft 1909.
Die Ergebniſſe des Heeresergänzungsgeſchäftes im Jahre
1909 geben einen intereſſanen Ueberblick über die Aus=
nutzung
unſerer Volkskraft für die Landesverteidigung
Insgeſamt wurden in den Liſten geführt 1221730 Mann.
Von dieſen wurden vom Heeresdienſt ausgeſchloſſen 856
Mann, ausgemuſtert wurden 34890, dem Landſturm über=
wieſen
138370 Mann und der Erſatzreſerve 91 132 Mann
zugeteilt, zu denen noch 2530 Mann Marine=Erſatzreſerve
traten. Die Geſamtzahl der Ausgehobenen betrug 218541
Mann, von dieſen ſind 205032 für den Dienſt mit der
Waffe, ohne Waffe 2730 Mann ausgehoben. Zu dieſen
traten an Einjährig=Freiwilligen, Lehrern und ſonſtigen
Freiwilligen noch 53881 Mann, ſodaß die Geſamtzahl
272422 Köpfe betrug.
Handwerker=Konferenz. Die ſchon mehr=
fach
angekündigte ſogenannte Handwerker=Konferenz wird,
wie beſtimmt verlautet, am 3. März 1911 im Reichsamt des
Innern ſtattfinden. Die Einladungen zu der Konſerenz
werden in dieſen Tagen den Beteiligten zugehen. Folgende

Verbände ſind aufgefordert worden, ſich an der Beſprech ing
zu beteiligen: Der Deutſche Handwerks= und Gewerbe=
kammertag
in Hannover; der Zentralausſchuß der verei=
nigten
Innungsverbände Deutſchlands in Berlin; die
Deutſche Mittelſtandsvereinigung in Berlin. Sodann
weiter der Deutſche Handelstag in Berlin, der Zentral=
verband
Deutſcher Induſtrieller in Berlin und ſchließlich
der Bund der Induſtriellen in Berlin. Außerdem ſind
neben den beteiligten preußiſchen Miniſterien und Reichs=
ämtern
die Regierungen von Bayern, Sachſgn, Württem=
berg
, Baden, Heſſen, Hamburg und der Statthalter in
Straßburg erſucht worden, ſich bei den Beratungen durch
Kommiſſare vertreten zu laſſen. Die Beſprechung wird
lediglich einen informatoriſchen Charakter tragen.

Ausland.

Italien.
Im Senate gedachte Mortara des Unglücks, das
vor zwei Jahren über Meſſina und Reggio di Calabria
hereingebrochen iſt, und drückte ſeine Freude darüber aus,
daß beide Städte aus den Trümmern wieder erſtehen. Der
Miniſterpräſident ſchloß ſich den Worten des Vorredners
an und betonte, die Mittel, welche von der Regierung für
die heimgeſuchten Gegenden zur Verfügung geſtellt wor=
den
, beliefen ſich auf einige hundert Millionen. Man
hätte die bisherigen Ausgaben von 138 Millionen kaus
den Ueberſchüſſen des Budgets beſtreiten können. Er
möchte betonen, daß im Gegenſatz zu anderen Nationen,
die, wenn ſie von ähnlichem Unglück betroffen würden,
Kredit in Anſpruch nehmen müßten, Italien außerordent=
liche
Hilfsquellen nicht in Anſpruch zu nehmen brauchte.
Portugal.
König Manuel und die Royaliſten. König
Manuel hat die Weihnachtsfeiertage in London zuge=
bracht
und in Claridges=Hotel gewohnt, wo er mit einer
großen Anzahl von portugieſiſchen Royaliſten wiederholt
lange Konferenzen hatte. Unter ſeinen Gäſten befanden
ſich auch der Marquis von Soweral und die früheren
portugieſiſchen Geſandten in Petersburg, Paris und Rom,
die ſämtlich von ihren Poſten zurücktraten, als die Mon=
archie
geſtürzt wurde. König Manuel iſt jetzt noch Wod=
norton
zurückgekehrt.
Die deutſchen Jeſuiten. Der Proteſt Deutſch=
lands
gegen die von der Liſſaboner Regierung verfügte
Austreibung der deutſchen Jeſuiten aus den portugieſiſchen
Kolonien hat zu neuen Beſchlüſſen des Kabinetts in der
Angelegenheit geführt. Es ſoll geſtattet werden, daß die
bisher in den Miſſionsſtationen tätig geweſenen deutſchen
Jeſuiten durch andere katholiſche deutſche Geiſtlichen er=
ſetzt
werden. Es wird eine angemeſſene Friſt zur Durch=
führung
dieſes Perſonalwechſels eingeräumt werden und
es ſind auch alle Maßnahmen getroffen, um bei der Durch=
führung
des Ueberweiſungsdekrets jede Gewaltſamkeit zu
vermeiden.
Rußland.
Die Reichsduma beriet über den von 36 Oktobri=
ſten
geſtellten Antrag, den Miniſter des Aeußern wegen
der Ausweiſung ruſſiſcher Untertanen aus dem Bezirk
Mähriſch=Oſtrau zu interpellieren. Die Nationaliſten
ſchlugen vor, der Kommiſſion zur Berichterſtattung Friſt
bis zum 14. Februar zu geben. Balaſchew (Nationaliſt)
bemerkte, die Ausweiſung von 418 Ruſſen ſei kein Einzel=
fall
. Podoliſche Abgeordnete ſeien Zeugen, wie drei
Semſtwoangeſtellte, welche unvorſichtig auf Fahrrädern
eine öſterreichiſche Nachbarſtadt beſuchten, dort unter
Spionageverdacht verhaftet und wie gemeine Verbrecher
ins Gefängnis geworfen worden ſeien. Nur mit größter
Mühe und nach der Einmiſchung des Botſchafters ſei ihre
Befreiung gelungen. Solche Vorgänge ließen auf eine
gewiſſe Planmäßigkeit der Handlungen der öſterreichiſchen
Regierung ſchließen. Beſtehe eine ſolche Planmäßigkeit.
dann müſſe auch Rußland erwägen, ob der Aufenthalt der
Oeſterreicher in Rußland wünſchenswert ſei. (Beifgll.)
Polotajew (Sozialiſt) drückte ſein Befremden aus, wes=
halb
die Frage nicht auch auf die Ruſſen in Deutſchland
ausgedehnt werde. Schließlich wurde der Antrag der
Nationaliſten angenommen.
Türkei.
Die Kammer hat nach heftiger Debatte einen Au=
trag
des Führers der Volksparteiler, die Regierung wegen
der Verhaftung von Redakteuren der demokratiſchen und
ſozialiſtiſchen Organe zu interpellieren, verworfen.
Die kretiſche Frage. Wie auf der Pforte ver=
lautet
, erklärten die Schutzmächte in ihrer letzten Antwort=
note
, daß die geplanten Waffenkäufe der Kreter keine

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 30. Dezember 1910.

Nummer 300.

Beachtung verdienten. Die Mächte verſichern gleichzeitig
von neuem, daß die Rechte, Eigentum und Leben der
Mohammedaner geſchützt und die ſouveränen Rechte der
Pforte gewahrt werden ſollen.
Perſien.
Die Antwort der perſiſchen Regierung
auf die letzte engliſche Note über die unſihere
Lage in den ſüdlichen Provinzen iſt abgeſchickt worden.
Ihr Inhalt iſt noch nicht veröffentlicht worden, doch ver=
lautet
, daß die Hauptſtraße zwiſchen Abuſcher und Schiras,
auf der ſeit dem 5. Dezember keine Räubereien mehr vor=
gekommen
ſeien, jetzt für Karawanen paſſierbar ſei.
* Agra, 28. Dez. Der deutſche Kronprinz
äußerte, nachdem ſeine Beſuche der Eingeborenenſtaaten
beendet ſind, den Wunſch, bei ſeiner Weiterreiſe von offi=
ziellen
Empfängen, außer etwa in Kalkutta, abzuſehen.
Bereits hier war der Empfang in den einfachſten Formen.
Der Kronprinz erſchien in Zivil und wurde vom Leutnant=
Gouverneur Hewett empfangen. Den Wagen eskortierte
eine Schwadron Royal Dragons. Der Kronprinz beſuchte
gleich nach ſeiner Ankunft das Fort mit den alten Mogul=
paläſten
. Er wird den Aufenthalt in Agra benutzen, um
die zahlreichen hieſigen geſchichtlichen Denkmäler kennen
zu lernen.
* Aſſuan, 28. Dez. Die deutſche Kronprin=
zeſſin
iſt, nachdem Aſſuan am 26. Dezember auf dem
Nildampfer Mayflower verlaſſen wurde, in Abuſinobel
ingetroffen und beſichtigte die Tempelruinen.

Stadt und Land.

Darmſtadt, 30. Dezember.
* Vom Hofe. Prinz und Prinzeſſin zu Löwen=
ſtein
=Wertheim=Freudenberg nahmen der Darmſt. Ztg.
zufolge Mittwoch an der Frühſtückstafel im Neuen
Palats teil.
* Keine Audienzen. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
werden am Samstag, den 31. d. Mts., weder
Audienzen erteilen, noch Meldungen und Vorträge ent=
gegennehmen
.
* Ernennungen. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
haben den Hofſtallbeiknecht Heinrich Bauer
aus Hammelbach zum Hofkutſcher und den Hofſtall=
beiknecht
Valentin Pfeiffer aus Lautern zum Hof=
wagenwärter
; mit Wirkung vom 1. Januar 1911 an,
ernannt.
* Ordensverleihungen. Der König von Preußen
hat die Erlaubnis zur Anlegung des Ritterkreuzes
1. Klaſſe des Großh. Heſſiſchen Verdienſtordens Philipps
des Großmütigen dem Generaloberarzt Dr. Eichel,
Diviſionsarzt der 37. Diviſion; des Ritterkreuzes 2. Klaſſe
desſeiben Ordens dem Garniſonverwaltungsoberinſpektor
Markert bei der Garniſonverwaltung in Hanau erteilt.
n. Der Provinzialausſchuß verhandelte geſtern über
die Anfechtung zweier Bürgermeiſterwah=
len
, derjenigen von Radheim und Reichenbach i. O.,
nachdem der Kreisausſchuß Dieburg die erſtere für ungül=
tig
erklärt und der Kreisausſchuß Bensheim die letztere
beſtätigt hatte. Bei der Radheimer Wahl am 8. Mai d. J.
waren auf jeden der beiden Kandidaten, Bachmann und
Boll, gleich viele, nämlich 41, Stimmen entfallen, und das
Los entſchied alsdann für Bachmann. Die von Bollſcher
Seite hiergegen verfolgte Reklamation ſtützte ſich darauf,
daß nach ſinngemäßer Auslegung der Landgemeindeord=
nung
vorerſt eine nochmalige Wahl und erſt dann bei
etwaiger Stimmengleichheit die Losziehung ſtattzufinden
habe. Als weiteren Anfechtungsgrund wurden Wahl=
beeinfluſſungen
behauptet. Eine nach dieſer Richtung er=
ſtattete
Strafanzeige wegen Stimmenkaufs führte zu um=
fangreichen
ſtaatsanwaltlichen Ermittelungen ( Verneh=
mung
von über 50 Zeugen), ohne bei dem Gegenüberſtehen
der einzelnen Ausſagen genügendes Beweismaterial zu er=
bringen
, weshalb die Staatsanwaltſchaft das Verfahren
einſtellte. Immerhin ſteht ſo viel feſt, daß in dem kleinen Ort
die beiderſeitige Agitation mit Hochdruck und nicht ohne
fragwürdige Mittel (Verſprechungen, Beeinfluſſung ſelbſt
durch die Frauen und dergleichen) gearbeitet wurde, auch
das Freibier die übliche Rolle geſpielt hat. So wurde mit
Bezug auf letzteres die eine Partei die Naſſen die an=
dere
die Trockenen genannt. Jenem erſten Anfechtungs=
grund
hatte der Kreisausſchuß nicht zugeſtimmt, jedoch
hinſichtlich eines Wählers unzuläſſige Beeinfluſſung ange=
nommen
. Dieſer, ein Dienſtknecht H., der ſich vielfach als
Parteigänger Bachmanns gebärdete und auch für ihn
ſtimmte, ſoll nach ſeiner eidlichen Ausſage, für Boll zu
ſtimmen beabſichtigt haben und daran durch verſchiedene
Einflüſſe und Einwirkungen verhindert worden ſein. Er
hat offenſichtlich vor der Wahl, um es nach keiner Seite
zu verderben, auf zwei Schultern getragen, und ſo er=
ſcheint
die Stimmengleichheit der Wahl erſchüttert, wozu

das übrige Agitationsbier hinzutritt Für den Rekurs
Bachmanns gegen das Kreisausſchußerkenntnis plädierte
Juſtizrat Dr. Oſann, für die Gegenſeite Juſtizrat Hall=
wachs
. Erſterer beantragte Verwerfung der Anfechtung,
weil nach früheren Miniſterialentſcheidungen lediglich eine
als ſtrafbar feſtgeſtellte (alſo im Fragefalle fehlende) Wäh=
lerbeeinfluſſung
Ungültigkeit der Wahl begründe und der
vom Kreisausſchuß bereits nicht beachtete andere Ein=
wand
irrig ſei. Juſtizrat Hallwachs hielt letztere aufrecht
und erging ſich ſehr ausführlich über die Wahlmache. Der
Provinzialausſchuß verwarf den Bachmannſchen Rekurs
unter Auferlegung der Koſten einſchließlich der anwalt=
lichen
Vertretung Bolls und eines Averſionalbetrages von
20 Mark zur Provinzialkaſſe. Bei der Reichenbacher
Bürgermeiſterwahl am 22. Auguſt hatte der Stein=
ſchleifer
Mink mit 150 Stimmen gegen den Müller
Bickelhaupt mit 140 Stimmen geſiegt. Bezüglich der
Reklamation B.s ſtellte der Kreisausſchuß zwar feſt,
daß die Wählerliſte ordnungswidrig nicht in dem zur
Gemeinde gehörigen Hohenſtein offengelegen habe und
auch verſchiedene Nichtwahlberechtigte abgeſtimmt
haben, doch ſei jener Punkt unweſentlich, weil Hohen=
ſtein
nur zwei Wahlberechtigte zähle, ihre Nichtberück=
ſichtigung
alſo für die Majorität nicht ausſchlaggebend
erſcheine, und andererſeits die nicht angefochtene Wahl=
liſte
allen Eingetragenen formelles Wahlrecht ver=
liehen
habe. Rechtsanwalt Neuſchäffer trat für
Bickelhaups Rekurs dieſer Begründung entgegen.
Nach der unterbliebenen Offenlegung ſeien die zwei
Hohenſteiner nicht nur an der Abſtimmung, ſondern
auch an jeder Reklamation gegen die Wahlliſte gehin=
dert
worden; die in die Wahlliſte Eingetragenen be=
dürften
auch der materiellen Vorausſetzungen des
Wahlrechts, das, wie nachgewieſen, bei etwa zehn Ab=
ſtimmenden
gefehlt habe. Der Provinzialausſchuß
ſchloß ſich der erſten Inſtanz an und verwarf den Re=
kurs
koſtenfällig unter Auferlegung eines Averſional=
betrages
von 5 Mark zur Provinzialkaſſe.
Die heſſiſche Regierung und die Lehrer. Vor
kurzem meldeten Berliner und andere Blätter, daß zwei
heſſiſche Volksſchullehrer ihnen verliehene Ordensaus=
zeichnungen
abgelehnt hätten, weil im Range Gleich=
ſtehende
einen höheren Orden erhalten. Im Anſchluß
hieran verlautete ſpäter, einer Deputation des Lehrer=
vereins
, die dieſerhalb und wegen anderer Fragen bei
dem Leiter des heſſiſchen Schulweſens vorſtellig ge=
worden
, ſei geſagt worden, die Lehrer ſollten ſich nicht
ſoviel um Politik bekümmern.
Der Sachverhalt iſt hier auf den Kopf geſtellt. Es
iſt zunächſt, ſo wird uns von beſtunterrichteter Seite
mitgeteilt, abſolut unwahr, daß Herr Süffert zu
den beiden Herren geäußert habe, die Lehrer
ſollten ſich nicht um Politik bekümmern. Die
beiden Herren hatten gebeten, doch dafür ein=
treten
zu wollen, daß den Lehrern das paſſive
Wahlrecht in der Landgemeindeordnung erhalten bleibe,
das bekanntlich von der Regierung in die Vorlage auf=
genommen
, vom Ausſchuß aber abgelehnt wurde. Herr
Süffert ſagte den Herren zu, dieſen Wunſch dem Herrn
Miniſter zu übermitteln, trotzdem man auch ſehr viele
Gründe für die gegenteilige Anſicht anführen könnte,
da bei kleineren Verhältniſſen auf dem Lande die Par=
teiſtreitigkeiten
leicht auch in die Schule ſelbſt über=
tragen
werden könnten. Bezüglich der Ordensange=
legenheit
hat Herr Süffert lediglich im Hinblick auf
einen Artikel, der die Ablehnung als eine mannhafte
Tat pries, bemerkt, daß er ſie eher als eine Unge=
hörigkeit
eines Beamten der Regierung gegenüber be=
trachte
, zumal die Auszeichnungen doch von allerhöchſter
Seite verliehen würden. Von Bemerkungen, wie Be=
leidigung
des Großherzogs ſelber ufw. iſt abſolut
keine Rede geweſen. Daß die Oberſchulbehörde die
Gründe für die Ablehnung kennen lernen wollte, und
die Lehrer deshalb vom Schulinſpektor befragt wurden,
iſt nur korrekt. So iſt der wahre Sachverhalt dieſer in
ſenſationeller Weiſe aufgebauſchten Unterredung.
Dik. Todesfall. Im hohen Alter von 80 Jahren
ſtarb vorgeſtern die weit über Darmſtadts Grenzen
hinaus bekannte und allgemein geehrte Frau Eliſe Hahn
Witwe. Nahezu 50 Jahre war ſie als Geſindevermieterin
tätig und kam dadurch mit allen Schichten der Be=
völkerung
in Berührung. Treu und redlich hat ſie ihren
Beruf bis ins hohe Alter ausgeführt und wenn ſie
auch manch harter Schickſalsſchlag getroffen, war ihr
doch ein ſchöner Lehensabend beſchieden.
25jähriges Jubiläum. Am 1. Januar 1911 wer=
den
es 25 Jahre, an dem Herr Melchior Siebert
in den Dienſt der Techniſchen Hochſchule (chemiſches In=
ſtitut
) eintrat. Während dieſer langen Jahre hat er
ſich durch ſein beſcheidenes, liebenswürdiges Weſen all=
gemein
beliebt gemacht. Es wird ihm daher an Ehr=
ungen
an dieſem Tage gewiß nicht fehlen.
Für Epileptiker wird, einer Anregung des ver=
ſtorbenen
Herrn Geh. Medizinalrat Dr. Ludwig= Heppen=
heim
folgend, mit Beginn des Jahres 1911 in Nieder=

Ramſtadt bei Darmſtadt eine Beratungsſtelle ein=
gerichtet
, indem der ärztliche Leiter der dortigen Anſtalt
für Epileptiker an jedem erſten Montag im Monat in
der Anſtalt, nachmittags zwiſchen 2 und 6 Uhr, für
Epileptiker und deren Angehörige zu ſprechen ſein wird.
Eine ärztliche Behandlung der Kranken findet dabei nicht
ſtatt, ſondern nur eine Auskunftserteilung über die Art
des Leidens und Hinweis auf die zu ergreiſende Maß=
nahme
. Dieſe Auskunftserteilung iſt für Unbemittelte
unentgeltlich und kann in beſonderen Fällen nach vor=
heriger
Verabredung auch zu einer anderen Zeit ſtatt=
finden
.
* Ueber ein Konzert der Kapelle Hauske ſchreibt der
Mannheimer Generalanzeiger u. a.: Das Weihnachtskon=
zert
, das im Nibelungenſaal veranſtaltet wurde, nahm
einen vorzüglichen Verlauf. Ueber 4000 Perſonen lauſchten
den ausgeſucht ſchönen Darbietungen. Die Kapelle des
Leibgarde=Infanterie=Regiments (1. Großh. Heſſ.) Nr. 115
iſt dafür bekannt, daß ſie unter der Leitung des Kapell=
meiſters
Hauske mit großer Technik und tiefer Empfindung.
zu interpretiern weiß. Das zeigte ſich namentlich bei der
Wiedergabe der das Konzert einleitenden Glocken= und
Gralsſzene aus Parſival und der Leonoren=Ouverture,
Der Streichkörper rief einen beſonders tiefgehenden Ein=
druck
hervor. Der Beifall war auch nach jeder Piece ſo
anhaltend, daß mehrere Zugaben bewilligt werden mußten.
Die kirchenmuſikaliſche Abendfeier am Mittwoch
war in allen ihren Teilen von feſtlicher Weihnachtsſtim=
mung
getragen und bot der im Glanze des Chriſtbaums
verſammelten großen Gemeinde Perlen edelſter Weih=
nachtsmuſik
, in denen noch einmal die Schönheit chriſtlichen
Innenlebens und die Tiefe frommer Empfindung ſich
widerſpiegelten. Die innige, ſeelenvolle Art, wie Frau
Dr. Bernoulli die köſtlichen Lieder ſang, ließ die an=
dächtig
lauſchenden Zuhörer in tiefſter Seele mitempfinden
und miterleben, was zuletzt unausſprechlich bleibt. Ihre
umfangreiche und dabei doch ſo weiche und reine Alt=
ſtimme
, die für den Kirchengeſang beſonders geſchaffen zu
ſein ſcheint, trug auch die leiſeſten Töne, z. B. in dem von
Alb. Becker bearbeiteten gemütstiefen Wiegenlied: Joſeph,
lieber Joſeph mein bis an die Enden der großen Stadt=
kirche
. Daß auch Herr Stadtorganiſt Borngäſſer
einen glücklichen Abend hatte, bekundete ſein Spiel nicht
nur in den mit bekannter Kunſt vorgetragenen Orgel=
ſtücken
, ſondern auch in der feinſinnigen Begleitung der
Geſänge. Aus der Abendfeier gingen Viele gewiß mit
einem Herzen voll ſtiller Freude und warmer Dankbarkeit
nach Hauſe. Es war ein erhebender Ausklang des Feſtes.
Beſſunger Kirche (Petrusgemeinde). Der Sil=
veſtergottesdienſt
beginnt nicht, wie zu Weihnachten ver=
ſehentlich
angekündigt wurde, um 5, ſondern um 6 Uhr.
§ Weihnachtsbeſcherung. In der Herberge zur
Heimat fand auch in dieſem Jahre eine Beſcherung für
die mittelloſen Durchreiſenden ſtatt. Mit dem Liede:
Stille Nacht, heilige Nacht wurde die Feier eröffnet.
Nach dem Geſang ergriff Herr Oberhofprediger Ehr=
hardt
das Wort. Er knüpfte an die Weihnachts=
geſchichte
an und ſchilderte die Bedeutung des Weihnachts=
feſtes
. Nach Schluß der Anſprache wurden die Geſchenke
an die Anweſenden, 120 Mann, verteilt. Dieſelben er=
hielten
Hemden, Strümpfe, Schuhe, Unterhoſen, Kragen.
Taſchentücher, Hüte, Zigarren und Tabak. Außerdem
wurde denſelben noch Kaffee mit Kuchen und Gebäck
verabreicht. Zu der Feier hatten ſich noch verſchiedene
Vorſtandsmitglieder der Herberge zur Heimat ein=
gefunden
.
Fechtverein Waiſenſchutz. Am Neujahrstage hält
der Heſſiſche Fechtverein Waiſenſchutz (Zweigverein Darm=
ſtadt
) ſein diesjähriges Weihnachtsfeſt im Städtiſchen
Saalbau ab. Nach den mühevollen Vorarbeiten zu urtei=
len
, verſpricht die Feier unſeren Mitgliedern und Gön=
nern
einige genußreiche Stunden zu bereiten. Beſondere
Ueberraſchung wird die von 21 Damen des Vereins
ausgeführte pantomimiſche Tanzaufführung Ein Sil=
veſtertraum
bringen. (Näheres ſiehe Anzeige.)
Der Deutſchnationale Handlungsgehilfen=
Verband veranſtaltet ſeine Weihnachtsſe er wiederum
am 1. Januar im Schützenhofſaal. Die Feſtfolge iſt auch
diesmal wieder eine ausgeſuchte. Einige Mitglieder
des Großh. Hoftheaters haben in dankenswerter Weiſe
ihre Mitwirkung zur Verſchönerung des Feſtes zugeſagt.
(Näheres ſiehe Anzeige.)
* Stenographie. Die Gelegenheit zur gründlichen
Erlernung der Stenographie bietet ſich durch den neuen
Lehrgang für Anfänger, den die Kaufmänniſche Steno=
graphen
=Geſellſchaft Gabelsberger am 10. Januar er=
öffnet
. Siehe auch das Inſerat in der heutigen Nummer
unſeres Blattes.
Orpheum. Heute Freitag findet das letzte
Gaſtſpiel des Frankfurter Intimen Theatersſtatt.
Morgen Samstag, 31. Dezember (Silveſter), iſt keine Vor=
ſtellung
. Sonntag, den 1. Jauuar, tritt in 2 Feſtvor=
ſtellungen
das geradezu glänzende Neujahrsprogramm
erſtmalig auf. (S. Inſerat.)

*) Ein prachtvolles Bild winterlicher Landſchaft
bieten zurzeit, ſo lange noch das ruhige Froſtwetter an=
dauert
, unſere Wälder. Aber auch in der Stadt konnte
man jetzt eines ſolchen herrlichen Anblickes ſich er=
freuen
. Die beſchneiten Baumgruppen vor dem Reſi=
denzſchloß
und auf dem Luiſenplatz boten namentlich
bei Abendbeleuchtung einen wundervollen Anblick.
Anm. d. Red.

Rauhreif.)

Seit Tagen zog eiſige Oſtluft über die ſchneefreien
Gefilde. Vom blankgefegten, klarblauen Winterhim=
mel
lachte in den kurzen Tagesſtunden die bleiche
Sonne über die feſtgefrorenen Felder, ſchauten abends
viele Tauſende von funkelnden Sternlein, zitternd
vor Kälte, auf die erſtarrte Erde herab. Kalt und
ſchmucklos ſtand der kahle Wald.
Eines Morgens iſt jeder Zweig, jedes Aeſtchen,
jeder Grashalm mit feinſten Kriſtallen überzogen.
Rauhreif, Rauhfroſt! Tief hängen die Zweige her=
nieder
von der Laſt, funkelnd bricht ſich das Sonnen=
licht
in den tauſend und abertauſend Eiskörperchen.
Heute zeigt ſich Wald und Flur in ſchönſter Winter=
pracht
; nicht im ernſten, weichen Federkleid ſondern
im glitzernden, edelſteinbeſetzten Feſtſchmuck. Die Birke
neigt ihre feinen Ruten tief herab, leiſe ſchwanken ſie
hin und her, bei jeder Bewegung neue Lichtſtrahlen
hervorbringend. Klar und wirkungsvoll hebt ſich das
reifgeſchmückte, zierliche Geäſt vom blauen, kalten
Winterhimmel ab; kein lichterglänzender Tannenbaum
könnte mit der ins Zimmer gebrachten bereiften Birke
wetteifern. Schade nur, daß die zierlichen Eisgebilde
die Stubenwärme nicht vertragen möchten!
Betrachten wir einmal die feinen Eiskörperchen
genauer. Wie das funkelt! Auf dem welken Gras=

halm, auf dem dunklen Tannengeäſt, auf der Hecke am
Wege baut es ſich auf; die Ränder der am Boden
lagernden braunen Blätter umzieht es ſcharf mit fein=
ſten
Eisfranſen. Jeder Zweig iſt vom zierlichſten, feſt=
ſitzenden
, undurchſichtig weißen Stachelpelz rings
umgeben; jedes der Eishärchen iſt wunderfein gefie=
dert
und manchmal bis zu einem Zentimeter lang.
Aber nicht wie bei gefallenem Schnee ſchmiegt ſich
Flaum an Flaum, nein, jedes Eisſtrählchen bleibt ſo
gut es kann für ſich, und ſo entſtehen jene ungemein
zierlichen Gebilde, welche unter Umſtänden eine ſolche
Schwere und Dichte annehmen können, daß ſie zu gro=
ßen
Waldſchäden, den Reif= und Duftbrüchen füh=
ren
können.
Wie entſteht der Rauhreif? Wenn nach langer
Kälte und klarem Sonnenſchein jeder Aſt, jedes Reis
da draußen recht weit abgekühlt iſt und dann auf ein=
mal
der trockene Oſt umſpringt und dem Südweſt=
wind
das Feld räumt, dann führt dieſer große Waſ=
ſermengen
mit herbei. Eilig verbreiten ſie ſich über
das Land; die vom tagelangen Oſtwind ausgetrocknete
Luft vermag die Feuchtigkeitsmengen ſtundenlang auf=
zunehmen
, ohne ſich merklich zu trüben, ohne den ſilbe=
rigen
Sonnenſtrahlen den Durchgang zu verwehren.
Nur an den ſtark abgekühlten Gegenſtänden in Flur
und Wald, an all den vielen Zweigen und Aeſtchen,
da ſchlägt ſich der heranwehende Waſſerdampf nieder,
um ſofort, ohne ſich erſt zu Tröpfchen verdichten zu
können, zu gefrieren. Und ſo hüllt der noch unwahr=
nehmbare
Waſſerdunſt jeden kleinſten freien Gegen=
ſtand
in feinſte weiße Eisnadeln ein. Nur die glatten,
breiten Flächen, die glattrindigen Buchenſtämme, die
abgerundeten Steine auf der Erde, die Erde ſelbſt, die
Hauswände und Dächer ausgenommen die ſcharfen
Ränder der Schiefer und Ziegel-ſind den heraneilenden
Feuchten Dünſten nicht günſtig, um Eiskriſtalle anzu=

ſetzen. Aber immer neue Nebel ſtrömen herbei, immer
eiſiger empfinden wir trotz des Südweſtwindes die
Luft, und immer länger werden die Eisgebilde an den
Bweigen. Endlich iſt die ausgetrocknete Luft völlig
geſättigt, und die überſchüſſigen Waſſermengen ſenken
ſich im feinen Regen hernieder. Die ganze Winter=
pracht
iſt erloſchen und abgewiſcht; als Erſatz bekommt
die ganze Natur, der Boden, die Steine und alles, was
ſich vorher mit dem feinen Kriſtallſchmuck nicht behän=
gen
durfte, einen glatten, gläſernen Panzer um.
Von all den vielen, ſelten wirklich eintreffenden
Wettervorherſagen des Laien iſt wohl keine ſo zuver=
läſſig
, wie die Anſage eines Wetterſturzes bei einge=
tretenem
Rauhfroſt. Meiſt ſtellt ſich der Regen pünkt=
lich
ein, trotz Sonnenſcheins, Froſt und blauem
Himmel.
Noch eine andere Art von Rauhreif gibt es. Wo
abgeſtorbenes Holz im Wald auf dem Boden liegt, er=
ſcheint
es bei eintretender Kälte oft mit fingerbreiten.
dünnen, weichen, frei abſtehenden Eisbändern beſetzt.
Jedes Band beſteht aus einer großen Anzahl feinſter,
dicht aneinander geſchloſſener Eishaare. Das abſter=
bende
Aſtſtückchen hat aus den naſſen Erd= und Laub=
ſchichten
Feuchtigkeit aufgeſogen, und der aus den
Längsriſſen des Dürrholzes entweichende Waſſerdampf
gefriert beim Ausſtrömen ſofort zu ſehr langen haar=
ähnlichen
milchweißen Kriſtallen, die ſich paliſaden=
ähnlich
zu langen Reihen dicht nebeneinander ſtellen.
Der Stadtbewohner iſt entzückt von dem mit künſt=
lichem
Rauhreif überzegenen Weihnachtsbaum; aber
unendlich prächtiger iſt die mit echtem Winterſchmuck
überkleidete Tanne draußen im Wald oder gar die
feinäſtigen Laubhölzer, vor allem die Birke mit ihren
weichen, biegſamen, herabhängenden lichten Kronen.
Geora Roedler.

[ ][  ][ ]

Nummer 306.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 30. Dezember 1910.

Seite 3.

Schützenhof. Am Silveſter=Abend wie auch am
Sonntag=Abend findet im Schützenhof Konzert einer
Abteilung der Kapelle des Großh. Art.=Korps ſtatt.
Wintervergnügen. Man ſchreibt uns: Jetzt
iſt die Zeit gekommen, wo jung und alt
hinausſtrömt, um dem herrlichen, geſunden Winter=
ſport
zu huldigen. Von Darmſtadt aus hat
man nicht gerade nötig, lange Reiſen zu machen,
ehe man den Fuß auf eine ſchöne Skierbahn oder
Rodelbahn zu ſetzen in der Lage iſt. Ganz in unſerer
Nähe haben wir bereits das ſchönſte Gelände, und dürfte
manchem Darmſtädter das ſchön gelegene Nieder= Beer=
bach
bekannt ſein, was außer einer guten, hausmachen=
den
Küche auch ſchönſte Gelegenheit für obigen Sport
bietet. Die bekannte Rodelbahn iſt in ſchönſtem Zu=
ſtande
und ſollten Rodler und Skier nicht verfehlen,
die Vorzüge Nieder=Beerbachs kennen zu lernen.
* Die Turngemeinde Darmſtadt eröffnet ihre karne=
valiſtiſchen
Veranſtaltungen für das Jahr 1911 mit dem
am Neujahrstage ſtattfindenden karnevaliſtiſchen Kon=
zert
mit Tanz. Unter Herrn Obermuſikmeiſter
Hauskes Leitung wird die Kapelle des 115. Infan=
terie
=Regiments in der erſten Abteilung ernſtere Muſik=
ſtücke
zu Gehör bringen, während mit den weiteren Ab=
teilungen
der Karneval ſeinen Einzug in die närriſch
dekorierte Halle halten wird. Schöne karnevaliſtiſche
Lieder werden zur Erhöhung der Stimmung beitragen
und der anſchließende Tanz der Jugend einige ver=
gnügte
Stunden bereiten. Ueber die weiteren Veran=
ſtaltungen
zum Karneval wird durch Plakate und An=
zeigen
frühzeitig Kenntnis gegeben werden. Wir kön=
nen
aber jetzt ſchon verraten, daß der Karneval= Aus=
ſchuß
ſeit Wochen fleißig an der Arbeit iſt, die Veran=
ſtaltungen
der Turngemeinde in ſchönſter Weiſe vor=
zubereiten
. Altbekannte tüchtige Redner, die Turn=
mannſchaft
, alles ſtellt ſeine Kräfte zur Verfügung, um,
wie in früheren Jahren, ſo auch dem Karneval 1911 in
der Turnhalle eine Stätte wahren karnevaliſtiſchen
Lebens und Treibens zu bereiten.
3 Pfungſtadt, 29. Dez. Die hieſige Bäckerin=
nung
hat in den letzten Tagen einen erheblichen Brot=
aufſchlag
eintreten laſſen. Um billigeres Brot zu be=
ſchaffen
, beabſichtigt der Arbeiter=Konſumverein eine
Konſumbäckerei zu errichten, die im kommenden Jahre
ihren Betrieb eröffnen ſoll. Traurige Weih=
nachten
hatte die Taglöhnersfamilie Ph. Jäger hier.
Aus Unvorſichtigkeit wurde dem 1½ Jahre alten Söhn=
chen
heiße Suppe über Hals, Bruſt und Arme geſchüttet.
An den erlittenen Verletzungen iſt das Kind geſtor-
ben
. Im kommenden Jahre werden in der hieſigen
Gemeinde Kurſe für ſchulentlaſſene Mädchen zur Aus=
bildung
in den hauswirtſchaftlichen Fächern eingerichtet.
A Vom ſüdlichen Odenwalde, 28. Dez. Heute früh
traten Bahnſchlitten und Schneeſchaufler in Tätigkeir.
Mächtiger Schneefall, von heftigem Nordwind ſtellen=
weiſe
oft meterhoch aufgetürmt, ſtörte anfangs den
Verkehr. Auch tagsüber erhöhte ſich die Schneedecke
noch um einiges. Wo während der Feiertage Schirme
durch Straßenkot und Waſſerpfützen ſpazieren getragen
und gefahren wurden, da tönt jetzt fröhliches Schellen=
geklingel
.
Offenbach, 28. Dez. Wegen Wechſelfälſchung
wurde geſtern der 24jährige Kaufmann Fr. Krämer
von hier verhaftet. Er hatte von Mailand aus durch
Vermittelung eines ſchweizeriſchen Bankhauſes ge=
fälſchte
Wechſel auf hieſige und Frankfurter Firmen
gezogen bezw. zu ziehen verſucht. In einem Fall war
ihm der Schwindel bei einem Frankfurter Bankhaus
mit 1500 Mark geglückt. Die Firma hatte auch anfangs
von der Erſtattung einer Anzeige abgeſehen. Auch bei
einem zweiten Falle war ihm der Coup mit ebenfalls
1500 Mk. geglückt, doch wurde das bereits abgeſandte
Geld unterwegs noch angehalten. Als aber der
Schwindler weitere Wechſel im Betrage von 5000
Francs und 13000 Lire in Umlauf ſetzte, erfolgte An=
zeige
. Krämer beſaß noch die Kühnheit, von Mai=
land
hierher in ſeine Heimat zurückzukehren, was
ihm jedoch zum Verhängnis wurde, denn er wurde
geſtern von der Kriminalpolizei gefaßt.
* Mainz, 28. Dez. Heute erſchoß der Wirtsſohn
Krämer der bei dem Pionier=Bataillon Nr. 14 in

Kehl dient und ſich zurzeit auf Urlaub befindet, ſeine
Geliebte Bennroth und beging dann einen Selbſt=
mordverſuch
. Seine Verletzungen ſind ſo ſchwer, daß
ſein Zuſtand hoffnungslos iſt. Aus einem bei dem
Mädchen gefundenen Briefe geht hervor, daß die Tat
mit ihrem Einverſtändnis begangen wurde.
Worms, 29. Dez. Die in unſerer Nr. 305 vom 29.
Dezember enthaltene Mitteilung, daß der tödlich verlau=
fene
Unfall des Poſtillons Karl Thielmann in
Worms durch einen herabhängenden, mit der Leitung der
Städtiſchen Straßenbahn in Berührung ſtehenden Draht
des Fernſprechnetzes der Reichspoſtverwaltung verurſacht
worden ſei, berichtigen wir auf Grund einer Mitteilung
der Kaiſerlichen Oberpoſtdirektion in Darmſtadt dahin, daß
es ſich im vorliegenden Falle um die Berührung einer der
Stadtverwaltung in Worms gehörigen Feuermeldeleitung
mit der Leitung der Straßenbahn gehandelt hat. Aus
Anlaß des 100jährigen Beſtehens der Firma
Heinrich Hüttenbach fand heute in den oberen
Räumen des Geſchäftshauſes eine Feier ſtatt, zu der, lt.
W. Ztg., Freiherr von Heyl zu Herrnsheim als Reichs=
tagsabgeordneter
und Vertreter der Großinduſtrie, ſeitens
der Stadt Oberbürgermeiſter und Landtagsabgeordneter
Köhler und Bürgermeiſter Dr. Wevers, von der Handels=
kammer
Kommerzienrat Baruch und Koelſch, von der
Juſtizbehörde Geh. Juſtizrat Metzler, ferner der Vorſtand
des Vereins ſelbſtändiger Kaufleute und der Vertreter der
Kaufmannſchaft der Stadt erſchienen waren. Einen
Selbſtmordverſuch machte geſtern abend in ihrer
Manſardenſtube in der Mainzerſtraße eine 23 Jahre alte,
aus Oppenheim gebürtige Fabrikarbeiterin, indem ſie ſich
mittels Kleeſalz zu vergiften ſuchte. Die Gründe ſind noch
nicht bekannt. Sie wurde in das ſtädtiſche Krankenhaus
gebracht; es beſteht Lebensgefahr.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 28. Dez. Ueber den von
der Stadt Berlin feit fünf Jahren geplanten Weſt=
hafen
, deſſen baldige Herſtellung bei der jüngſten Be=
ſprechung
der Verkehrsfragen in der Stadtverordneten=
verſammlung
gewünſcht wurde, verbreitet heute das
ſtädtiſche Nachrichtenamt eine Mitteilung, in der die
Schwierigkeiten, die dem Bau entgegenſtehen, ausführ=
lich
dargelegt werden. Die Verhandlungen mit den
Aufſichtsbehörden wegen Uebernahme der Koſten durch
die Gemeinde ſind demnach bis jetzt noch nicht zum
Abſchluß gelangt. Die Eiſenbahnverwaltung hat gegen
den Gleisanſchluß, zu dem ſchon Pläne vorliegen, nichts
einzuwenden, desgleichen auch nicht der Miniſter des
Innern. Wie berichtet wird, ſoll in Berlin der ſchon
ſo lange in Ausſicht genommene Bebauungsplan
des alten Botaniſchen Gartens verwirklicht
werden. Profeſſor Heſſe, der Schöpfer des Bayeriſchen
Platzes in Schöneberg, hat bereits einen Bebauungs=
plan
ausgearbeitet, wonach dem umfangreichen Terrain
in der Potsdamerſtraße bei der Bebauung die Geſtalt
eines Forums gegeben werden ſoll. Vorgeſehen ſind
auch ein ſtädtiſcher Straßenbahnhof und ein ſtädtiſches
Verkehrsbureau. Die Geſamtkoſten des Planes werden
auf 20 Millionen veranſchlagt. Auch in der Frage der
Verſtadtlichung der Verkehrsmittel ſoll ein ſchnelleres
Tempo eingeſchlagen werden. Die Kontrakte mit den
Straßenbahn= und Omnibusgeſellſchaften werden nicht
mehr erneuert, dieſe Betriebe werden 1920 in eigene
Regie übernommen. Nach dreitägiger, durch die
Weihnachtsfeiertage bedingter Ruhepauſe, wurden heute
die Verhandlungen in dem Moabiter Krawall=
prozeß
vor der 3. Strafkammer des Landgerichts I
unter dem Vorſitz des Landgerichtsdirektors Dr. Lieber
wieder aufgenommen. Die Zahl der erſchienenen An=
geklagten
beträgt nur noch acht; auch ſind nur zwei Ver=
teidiger
zugegen. Die Beweisaufnahme über den all=
gemeinen
Teil der Anklage wird fortgeſetzt; es iſt wenis
Ausſicht vorhanden, daß die Verhandlung bis Mitte
Januar zu Ende geht. Die Verkehrsziffern
der Weihnachtsfeiertage ſind, nach den vor=
läufigen
Feſtſtellungen, bei den großen Berliner Ver=
kehrsgeſellſchaften
gegen das Vorjahr nicht unerheblich
geſtiegen. Die Hoch= und Untergrundbahngeſellſchaft
beförderte während des Feſtes rund 560000 Perſonen,

das heißt, 60000 Fahrgäſte mehr als im Vorjahre. Am
ſtärkſten war der Verkehr am zweiten Weihnachtsfeier=
tag
, an dem rund 194000 Perſonen die Hochbahnzüge
benutzten. Durch die Wagen der Allgemeinen Berliner
Omnibusaktiengeſellſchaft wurden am Heiligabend und
an den beiden Weihnachtsfeiertagen zuſammen 1075901
Perſonen befördert, das heißt 72500 Fahrgäſte mehr
als im Vorjahre. Auf die Kraftomnibuſſe entfielen
diesmal 275540 Perſonen, 51 442 mehr als Weihnachten
1909, auf die Pferdeomnibuſſe 800361 Perſonen (21123
mehr). Auch bei der Großen Berliner Straßenbahn
hat ſich eine Steigerung des Verkehrs gezeigt. Der
Verkehr auf der Stadt= und Ringbahn hielt ſich dagegen
ſo ziemlich in gewöhnlichen Grenzen.
Frankfurt, 29. Dez. In den Räumen der Frank=
furter
Loge tagt zurzeit der fünfte Verbandstag
des Verbandes der jüdiſchen Lehrervere
eine im Deutſchen Reiche. Der Verband zählt 19 Ein=
zelvereine
mit zirka 1100 Mitgliedern und bezweckt in
erſter Reihe die Förderung der Intereſſen der jüdiſchen
Religionsſchule und der jüdiſchen Religionslehrer, die
im Rahmen der allgemeinen Lehrervereine keine Pflege
finden können. Zu den Verhandlungen ſind 65 Dele=
gierte
aus allen Teilen des Deutſchen Reiches und zahl=
reiche
Gäſte erſchienen, die den großen Saal der Frank=
furter
Loge bis in die letzte Ecke füllen.
München, 28. Dez. Ein ganz gefährlicher Gau=
ner
, der ſteckbrieflich verfolgt wird, iſt der Münchener Po=
lizei
in die Hände gefallen. In dem Zuge, der von Zürich
nach München fuhr, bemerkte ein Reiſender plötzlich, daß
ihm die hintere Hoſentaſche aufgeſchnitten und die Geld=
börſe
entwendet worden war. Der Dieb wurde bald un=
ter
den Mitreiſenden entdeckt und in München der Polizei
übergeben. Dieſe erkannte in dem Spitzbuben den vor
einigen Tagen aus einer Strafanſtalt in der Schweiz ent=
wichenen
Gauner und Mädchenhändler Ludwig Hai=
dacher
, der zuletzt in Frankfurt a. M. unter dem Na=
men
eines Stud. med. Baron Jean v. Palffy ſich in einem
feinen Penſionat eingemietet und dann nach Verübung
verſchiedener Schwindeleien ohne Begleichung ſeiner Rech=
nung
mit einer Bardame flüchtig gegangen war. Vermut=
lich
hat er dieſe verkuppelt. Es beſteht der Verdacht, daß
er ſchon ſeit längerer Zeit Mädchenhandel nach Argen=
tinien
treibt. Er hat ſich längere Zeit dort ſowohl, wie
auch in Frankreich. Braſilien und Nordamerika aufgehal=
ten
. Die Wiener Polizei erließ wegen Mädchenhandels
einen Steckbrief gegen ihn, er wurde auch vor Jahresfriſt
in Innsbruck verhaftet, es konnte ihm aber nichts
tives nachgewieſen werden und man mußte ihn nach drei=
monatiger
Unterſuchungshaft freilaſſen. Dann wandte er
ſich nach Deutſchland und von hier aus nach der Schweiz,
wo er wegen Zechprellereien zu einer Freiheitsſtrafe ver=
urteilt
wurde. Aus der Strafanſtalt iſt er dann, wie ſchon
erwähnt, entwichen, um nach kaum gewonnener Freiheit
wieder in die Hände der Polizei zu fallen. Die weiteren
Recherchen der Münchener Polizei haben nun ergeben,
daß der Herr Baron mit Vorliebe Pariſer Mädchen zu=
nächſt
nach Deutſchland lockt und von hier aus über Hol=
land
und die Schweiz nach Argentinien ervortiert.
Karlsruhe, 28. Dez. Fünf Tagediebe ſaßen in der
Herberge zur Heimat. Einer von ihnen erzählt eine
etwas ſengerige Geſchichte von jemandem, den er kennt,
und die Geſellſchaft beſchließt darauf, gegen den Schwa=
ger
des erwähnten jemand eine Erpreſſung ins
Werk zu ſetzen. Dieſer Schwager war der Oberbuch=
halter
des katholiſchen Oberſtiftungsrats und die Er=
preſſer
rechneten damit, daß er für die bedrohte Ehre
der Familie einen blauen Lappen opfern würde. Das
verlangten ſie in einem Brief, der folgenden Wortlaut
hatte: Durch Mißſtände bin ich in Not geraten und ge=
zwungen
, mich an Sie zu wenden. Durch Zufall bin
ich Mitwiſſer verſchiedener Straftaten Ihres Schwagers.
Ich erſuche Sie, dem Ueberbringer dieſes 100 Mark zu
geben. Wenn dies nicht geſchieht, zeige ich Ihren
Schwager an. Dieſer Brief wurde von einem der
Kumpane dem Beamten ganz ungeniert in deſſen
Bureau überreicht, während die vier anderen freudig
erregt den Erfolg in der Nähe abwarteten. Sie hatten
bereits ausgemacht, daß der Erfinder des genialen
Planes 80, die übrigen vier je 5 Mark bekommen ſoll=

Reichsausſtellung, nicht Weltausſtellung.

Von Max Osborn.
Die Beſtrebungen gewiſſer Intereſſenten, Berlin
mit einer Weltausſtellung zu beglücken, ſind in der
Oeffentlichkeit neuerdings wieder energiſch zurück=
gewieſen
worden, und wir ſelbſt haben eingehend die
Gründe dargelegt, aus denen eine Weltausſtellung
für Berlin ein Unding iſt. Gegen Ausſtellungen an
ſich iſt natürlich nichts einzuwenden, aber es müſſen
eben nicht Weltausſtellungen ſein.
Früher war’s ein großer Klang: Weltausſtel=
lung
! Und was unter dieſer Flagge 1851 in Lon=
don
, 1867, 1878 und 1889 in Paris, 1893 in Chicago
die Völker unſeres Planeten zu einem Rendezwous
entbot, waren in der Tat Unternehmungen, die zu
einem internationalen Wettbewerb den paſſenden
Rahmen abgaben. Das Zeitalter der erwachenden
modernen Induſtrie, der werdenden Weltſtädte, hatte
ſich in ihnen ſeine Repräſentation geſchaffen.
Die Pariſer Weltmeſſe von 1900 aber bildete den
Abſchluß dieſer Entwickelungsreihe. Die Franzoſen
ſetzten ſie durch, weil ihre eiferſüchtige Vaterlands=
liebe
der Menſchheit demonſtrieren wollte, daß das
Jahrhundertende in Sachen der Kultur trotz allem
doch nach Frankreich gehöre und mit dem Talent
für derartige Rieſenjahrmärkte, das ſie von Natur
beſaßen und durch Dezennien ausgebildet hatten,
brachten ſie noch einmal ein glänzendes Feſt der Ar=
beit
und der Kunſt zuſtande. Aber bei allem Zauber,
der davon ausging, war es doch ſchon eine Ungeheuer=
lichkeit
, in der ſich kein Beſucher mehr zurechtfinden
konnte, und deſſen koloſſale Koſten ſich für die betei=
ligten
Nationen nicht mehr lohnten. Die allgemeine
Anſicht war: das iſt, wenigſtens für das Abendland,
der Abſchied von den Expositions internationales
et universelles‟
Die Erfahrungen, die wir ſeither ſammelten,
haben bewieſen, daß dieſe Anſicht ſtimmte. Der Name
WWeltausſtellung verlor ſeinen großen Klang und
ſank zu einer Reklamebezeichnung herab, die als
Scheidemünze von Land zu Land ging und heute faſt
völlig abgegriffen iſt. 1904 in St. Louis ging er um
wie ein Geſpenſt aus dem vergangenen Jahrhundert.
Anderwärts gab und gibt er den Deckmantel ab für
Veranſtaltungen, deren relative Harmloſigkeit ſich mit
dieſer großſpurigen Bezeichnung in Szene ſetzen will.
Man lächelt darüber und läßt ſie gewähren, weil nie=
*) Aus der Berliner Morgenpoſt.

mand mehr das Aushängeſchild ſo blutig ernſt nimmt.
Täuſchen wir uns doch nicht darüber: die hübſche
Brüſſeler Weltausſtellung dieſes Jahres war über=
haupt
nur möglich, weil ſie im Grunde gar keine
Weltausſtellung war, ſondern nur ein Miniaturbild
davon, ein Auszug zum bequemen Gebrauch. Und
wenn jetzt Turin, Antwerpen, Madrid die Backen
voll nehmen und für die nächſten Jahre ähnliche
Spektakula ankündigen, ſo wird’s und kann’s nicht
anders werden als in Brüſſel. Nur Tokio wird viel=
leicht
eine Ausnahme bilden; denn hier wird auf alle
Fälle ein bedeutſames neues Dokument für das Ein=
rücken
Japans in den Konzern der Großmächte ge=
liefert
werden.
Wir Deutſche haben im neunzehnten Jahrhundert
den Anſchluß verpaßt. Wir hatten damals wichti=
geres
zu tun, mußten Orönung im eigenen Hauſe
ſchaffen. Als wir kurz vor Toresſchluß einen An=
lauf
nahmen, das Verſäumte raſch noch nachzuholen,
zeigte es ſich, daß wir noch zu ſchwerfällig dazu waren,
und die Aktion endete in der Berliner Gewerbeaus=
ſtellung
von 1896. Auch das war nicht einmal ein
voller Erfolg. Jetzt aber hinter den übrigen Natio=
nen
herzuhinken, wäre ein völlig verkehrter Gedanke.
Mit einem Extrakt wie Brüſſel könnte ſich die Haupt=
ſtadt
des Deutſchen Reiches nicht begnügen. Hier
würde es ein Jahrmarkt werden, deſſen Größenver=
hältniſſe
ſich nur Schwindelfreie ausmalen können,
und den kein Menſch mehr zu durchwandern vermag.
Und da eben ſitzt der Punkt: die Geſchäftswelt weiß
das, fühlt das und verſpricht ſich darum von den Un=
getümen
nichts mehr, zu denen ſich alle ernſthaften
Weltausſtellungen künftig auswachſen müßten. Die
allgemeine Entwickelung des gewerblichen und indu=
ſtriellen
Lebens auf der bewohnten Erde iſt ſeit Jahr=
zehnten
eine ſo ungeheure geweſen, daß es vielleicht
heute ſchon nicht mehr, möglich ſein würde, den gan=
zen
Umfang der internationalen Reſultate dieſer Ent=
wickelung
mit nennenswerter Vollſtändigkeit in einen
Ausſtellumngszaun zu ſpannen, und ſei er noch ſo
weit gezogen. Nein, es herrſcht bei den Kennern
und Fachleuten kaum mehr ein Zweifel darüber, daß
die Forderung lauten muß: wohl große ſpe=
ziale
, lokale oder nationale Ausſtel=
lungen
! Aber keine Weltausſtellung im
früheren Sinne mehr! Zwar heißt es, daß die
Franzoſen noch Abſichten auf 1920 haben; aber war=
ten
wir’s ab, ob der Plan zuſtande kommt und wie die
Aktion ausläuft.
Doch wenn man ſich beſchränkt, ſo heißt das nicht,
daß man ſich dabei immer wieder im gewohnten

Kreiſe herumdrehen muß. Es gibt noch originelle
Möglichkeiten! Da faßt z. B. im Dezemberheft der
Darmſtädter Zeitſchrift Deutſche Kunſt und
Dekoration der Herausgeber, Alexander
Koch, einen vielfach ſchon nebelhaft aufgetauchten
Gedanken in guter Formulierung zuſammen. Koch
denkt an eine Deutſche Reichsausſtellung,
die man langſam und ſorgfältig vorbereiten müſſe,
und für die natürlich als Schauplatz allein Berlin
in Frage käme. Und er meint, dieſe Ausſtellung ſoll
eine) Stadt ſein: keine romantiſhe alte Stadt
mit ſogenannten maleriſchen Winkeln, ſondern eine
moderne Stadt mit allen Errungenſchaften der Tech=
nik
, der Hygiene, der Baukunſt, des Verwaltungs=
und Verkehrsweſens, in welchem Gebilde ebenſo ſehr
die Stätten der Erziehung, der Erholung, des Ver=
gnügens
, wie der Waſſer=, Licht= und Lebensmittel=
Verſorgung vertreten ſein müßten. Es könnte etwa
der Kern einer mittleren Stadt ſein, mit Schulen,
Kirchen, Verwaltungs=Gebäude, Markthalle, Kran=
kenhaus
, Mufeum, Theater, Konzertſaal, Orpheum,
Zirkus uſw., Ausſtellungshallen, Park, Gartenanla=
gen
, Brunnen, Badeanſtalt, Börſe, Bankgebäude.
Verkaufsläden, Poſt, Verkehrsmittel der verſchieden=
ſten
Art und an was alles der moderne Städtebauer
zu denken hat. Daß an einer ſolchen Ausſtellung alle
Berufe und Gewerbe beteiligt ſein würden, bedarf
keiner beſonderen Hervorhebung: Gewerbe, Hand=
werk
, Kunſtgewerbe, Kunſt, Handel, Induſtrie und
Landwirtſchaft könnten hier einander die Hand rei=
chen
. Daß hierbei der erfahrene Ausſtellungstechniker
und Organiſator in allen Fragen zu hören ſein
würde, erſcheint ſelbſtverſtändlich, denn es gilt doch
in erſter Linie wieder, eine ſolche Stadt als Aus=
ſtellungs
=Objekt zu zeigen, das Unternehmen als ſol=
ches
aber auch rentabel zu geſtalten.
Keine Frage: Dieſer Vorſchlag hat einen ſehr ge=
ſunden
Kern. Er könnte zu einem Friedenswerk
größten Stiles führen, das den Völkern der Erds
wahrhaft zeigen würde, was das Deutſche Reich im
erſten Halbjahrhundert ſeines Beſtehens geleiſtet, und
wie es ſich in dieſem Zeitraum auf zahlloſen Gebie=
ten
aus eigener Kraft zu einem Führer der Welt
emporgeſchwungen hat. Es würde lohnen, das
nochſche Projekt einmal genauer zu) durchleuchten.
Vielleicht liegt auf dieſem Wege, wenn auch das Ziel,
zu dem er führen mag, ſchließlich veränderte Geſtalt
annimmt, die Löſung und Erlöſung unſerer Berliner
Ausſtellungsſehnſucht.

[ ][  ][ ]

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 30. Dezember 1910.

Nummer 306.

ten; außerdem war für den Abend eine Kneiperei vor=
geſehen
, für die ein Teil der 80 Mark verwendet werden
ſollte. Dieſe angenehme Ausſicht wurde aber zu Waſſer,
denn der Oberbuchhalter rief ſofort telephoniſch die
Polizei herbei, als der Mann mit dem Briefe erſchien.
Dieſer geſtand dann auch, wo ſeine Verbündeten war=
teten
, und ſo wurden auch ſie in Haft genommen. Die
hieſige Strafkammer verurteilte die fünf dummen Er=
preſſer
zu Gefängnisſtrafen von zwei Wochen
bis zu vier Monaten.
Erfurt, 29. Dez. Im Städtiſchen Pflegehauſe am
Lindenweg ſind heute nacht vier Frauen an Gasver=
giftung
geſtorben, zwei lebensgefährlich erkrankt.
Da im Hauſe ſelbſt eine Gasleitung ſich nicht befindet,
wird angenommen, daß von der vor dem Hauſe ſtehen=
den
Straßenlaterne, wahrſcheinlich infolge Froſtes,
das Gasrohr geplatzt und das ausſtrömende Gas in
das Pflegehaus eingedrungen iſt.
Kuxhaven, 28. Dez. Der Fiſchereidampfer Senator
Mummſſen fiſchte am 19. Dezember bei 58 Grad 39
Minuten nördlicher Breite und 10 Grad 45 Minuten
öſtlicher Länge einen grauen Ueberzieher auf.
In den Taſchen befanden ſich neben anderen kleinen
Gegenſtänden zwei weiße Taſchentücher, gezeichnet O. L.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Gegenſtände
Leutnant Otto Lange, dem Führer des verunglückten
Ballons Saar, gehörten.
Bremen, 29. Dez. In der letzten Nacht wurde durch
Großfeuer die Kiſtenfabrik von Taſte & Ko. faſt
vollſtändig zerſtört. Die Holzvorräte gaben dem Feuer
reichlich Nahrung. Der Brand wurde von der Feuerwehr
auf ſeinen Herd beſchränkt, ſodaß Gefahr für die übrigen
Gebäude nicht vorhanden war.
Rom, 28. Dez. Aus Anlaß des zweiten Jahres=
tages
der Erdbebenkataſtrophe in Kalabrien
und Sizilien ſind heute auf den Friedhöfen von Meſſina
und Reggio di Calabria Gedächtnisfeiern abgehalten
worden.
Paris, 28. Dez. Da das Geſetz, welches die Teile der
Champagne genau begrenzt, die ihrem Schaumwein die
Bezeichnung Champagner geben dürfen, noch immer
nicht in Kraft getreten iſt, ſo fahren die Weinhändler fort,
gefälſchten Champagner in die Welt zu ſetzen. Aus die=
ſem
Anlaß kam es geſtern abend zu Unruhen in der
Ortſchaft Hautvillers bei Eltville. Dort waren Rollkut=
ſcher
damit beſchäftigt, eine Anzahl von Fäſſern, deren
Inhalt aus gefälſchtem Champagner beſtand, nach der
Bahn zu transportieren. Die Winzer erhielten rechtzeitig
Nachricht davon, zogen die Sturmglocke, und binnen kur=
zem
waren etwa 1500 Weinbauern verſammelt,
welche die Wagen umringten, die Kutſcher verprügelten
und den Inhalt der Fäſſer auslaufen ließen. Die Wein=
händler
, welche ihre Waren beſchützen wollten, bedrohten
ſie, ſo daß dieſe die Flucht ergriffen; auch die Gendar=
merie
mußte ſich zurückziehen. An den Tumultſzenen be=
teiligten
ſich ſogar die Frauen und Töchter der Winzer
ſehr eifrig.
Paris. 28. Dez. Die behördliche Unterſuchung im
Zuſammenhange mit dem Bankrott der Pariſer
Markthallenbank wird fortgeſetzt. Der geſtern
verhaftete Direktor Gaillard erklärt ſich perſönlich für
ſchuldlos, er ſei bloß nominell Direktor der Bank ge=
weſen
, in Wahrheit aber ein einfacher Angeſtellter. Der
eigentliche Leiter der Bank ſei ein Baron Limber ge=
weſen
. Die Differenz der Bank wird auf 600000 Francs
geſchätzt, doch dürfte ſich dieſer Betrag noch weſentlich
erhöhen und eine Million überſchreiten. Gaillard ſelbſt
führte einen beſcheidenen Haushalt, er ſcheint in der
Tat nur ein Strohmann geweſen zu ſein. Außer dem
Direktor Gaillard iſt auch der Inhaber eines anderen
Bankhauſes namens Riſſer wegen zweifelhafter Hand=
lungen
verhaftet worden.
Paris, 28. Dez. In Compiegne brach heute vormit=
tag
in der Kaſerne des 54. Infanterie=Regiments
Feuer aus, welches insbeſondere die Uniformen
und Waffenmagazine einäſcherte. Nach einer weiteren
Meldung wurden 12000 Gewehre vernichtet. Der Scha=
den
wird auf ½ Million geſchätzt.
Paris, 29. Dez. Im Bahnhof von Cholet ſtieß ein
von Angers kommender Perſonenzug mit einer
rangierenden Lokomotive zuſammen. Fünf Zug=
bedienſtete
und fünf Reiſende, durchweg Soldaten, wur=
den
verwundet, darunter mehrere ſchwer.
London, 28. Dez. Das Herzogspaar von
Connaught und die Prinzeſſin Patrizia ſind wieder
aus Südafrika hier eingetroffen.

London, 28. Dez. In der Zeit der Fleiſchnot ver=
nehmen
wir mit einem Gefühl, das des ſchmerzlichen
Neides nicht entbehrt, die Nachricht, daß in London
35000 Truthähne auf einmal den Verbrenn-
ungsöfen
übergeben worden ſind. In England
darf am Weihnachtsfeſt in keiner Familie, wo die Mittel
es nur irgendwie erlauben, der Truthahn fehlen. Die
einheimiſchen Vögel reichen daher bei weitem nicht aus,
und ſo beziehen die engliſchen Geflügelhändler dieſe
begehrte Weihnachtsware aus dem Ausland, und zwar
hauptſächlich aus Oeſterreich und Italien. Infolge der
außergewöhnlichen, milden Witterung ſind nun wäh=
rend
der Weihnachtswoche von den importierten Tieren
ungefähr 35000 Stück in einem derartigen Zuſtande
drüben angekommen, daß ſie die Marktinſpektion für
ungenießbar erklären und zur thermiſchen Vernichtung
verurteilen mußte. Eine einzige Firma war gezwun=
gen
, für 30000 Mark ſolcher Vögel zu opfern. Den
Hauptverluſt aber erleiden die Abſender; den engliſchen
Großhändlern entgeht nur die Gelegenheit, ihren Pro=
fit
bei dem größen Umſatze einzuſtreichen.
London, 29. Dez. Eine Feuersbrunſt zerſtörte
geſtern die Lederfabrik von Gebrüder Léon in der City.
Die 500 Angeſtellten, die ſich in dem Gebäude befanden,
entkamen, mit Ausnahme eines bejahrten Krüppels, der
in einem hinteren Schlafzimmer verbrannte.
Petersburg, 29. Dez. Im Kreiſe Peterhof ſind nach
dem Abendmahl in der lutheriſchen Dorfkirche 32 Per=
ſonen
erkrankt. Der Kirchenälteſte goß ſtatt Wein eine
Miſchung von Schwefelſäure und chromſaurem Kali in
den Kelch.

Kunſtnotizen.
Aeber Werke, Künſtler und künſtleriſche Veranſtaltungen ꝛc., deren im Nach
ſtehenden Erwähnung geſchieht, behält ſich die Redaktion ihr Urteil vor.

Ueber Herrn Wilhelm Backhaus
deſſen heutiger Klavier=Abend das ganze muſika=
liſche
Darmſtadt im Feſtſaale der Turngemeinde ver=
ſammeln
wird, leſen wir im Neuen Wiener Journal:
Wilhelm Backhaus hat geſtern ein Konzert im Böſen=
dorfer
=Saal gegeben. Klavierkonzerte fürch=
tet
man im allgemeinen! mit Recht. Sie zäh=
len
zur Schablone. Eine gewaltige Aus=
nahme
iſt Wilhelm Backhaus. Es iſt einem
nur ſehr ſelten vergönnt, im Konzertſaal einen ſo
hohen, reinen Genuß zu erleben. Backhaus ſpielt
Klavier als ein Künſtler. Er ſchafft das Kunſtwerk ſo
nach, daß es klingt wie eine geniale, vom Augenblick
geſchaffene Inſpiration: Eine ſolche Größe, ein ſolcher
Schwung beſeelt ſein Spiel. Ueppig, breit, mächtig
klingt ſein Klavierton; ein Forte, das eherne Kraft
hat, ein Piano von einer berückenden Läſſigkeit. Nicht,
daß er alle Elemente der Virtuoſität ſouverän be=
herrſcht
, iſt das Entſcheidende. Aber wie er jedes davon
genau an der Stelle verwendet, an der es am Platze
iſt, die künſtleriſche Sicherheit des Stils, die iſt ſo ſel=
ten
, ſo einzig geradezu. Ich glaube nicht, daß ſeit
Rubinſtein eine Beethoven=Sonate ſo prachtvoll geſpielt
worden iſt.

Die neue Feuerwache.

St. Die Großh. Bürgermeiſterei hatte geſtern nach=
mittag
zur Beſichtigung des fertiggeſtellten Hauſes der
Feuerwache, früheres Schulhaus an der Stadtkirche, ein=
geladen
. DieRäume, die unſerer ſtets hilfsbereiten und
ſchlagſertigen Feuerwache ein ebenſo praktiſches wie zweck=
mäßiges
Heim bieten, wurden damit ihrer Beſtimmung
übergeben. Der Einladung hatten u. a. Folge geleiſtet die
Herren Provinzialdirektor Fey, Regierungsrat Dr.
Kranzbühler, Amtmann Lauteſchläger, Polizei=
rat
Krämer, Bürgermeiſter Mueller, Beigeordneter
Ellert, Stadtbaurat Buxbaum, die Vorſtände des
Waſſerwerks und des Elektrizitätswerks, die Brand=
meiſter
, faſt ſämtliche Stadtverordneten und zahl=
reiche
ſonſtige Intereſſenten. Die Herren wurden von
Branddirektor Fiſcher herzlichſt begrüßt, der dann auch,
unterſtützt durch Oberbrandmeiſter Vogel, die Führung
durch die blitzſauberen Räume übernahm und die nötigen,
ſehr intereſſanten Erläuterungen gab. Herr Brand=
direktor
Fiſcher führte u. a. aus, daß vor Jahren ſich
das Bedüfnis gezeigt habe, die Einrichtung der Feuer=
wache
, ſowohl der Gerätehallen als Mannſchaftsräume,
einer Erweiterung unterziehen zu müſſen, wonach
eine diesbezügliche Eingabe dem Großh. Polizeiamt
unterbreitet wurde und von da mit dem größten Wohl=
wollen
der Großh. Bürgermeiſterei zur Vorlage kam.

Die vorgeſchlagene Verbeſſerung wurde in gleichem
Sinne aufgenommen und das Stadtbauamt zur als=
baldigen
Vorlage von geeigneten Plänen beauftragt, die
auch hier in der praktiſchſten Weiſe ausgearbeitet
und ausgeführt wurden. Es muß hier beſtätigt werden,
daß Herr Baurat Buxbaum, Herr Bauinſpektör
Kling, Herr Bauaufſeher Graf, welch letzterem die
Ausführung übertragen war, mit dem größten Intereſſe
dem Umbau folgten, ebenſo das ſtädtiſche Elektrizitäts=
werk
, das unter Leitung des Herrn Ingenteurs Herzog
die Beleuchtungs= und Alarmanlage ausführte. Auch
waren die Vorſtände ds Gas= und Waſſerwerkes be=
müht
, die von da benötigten Einrichtungen in der ge=
naueſten
Ausführung zu ſhaffen, und ſo iſt auch unter
Mithilfe der fleißigen Hände der Feuerwehrleute eine
Feuerwehrſtation geſchaffen, die in einer einfachen aber
doch praktiſchen Anlage ſich unſeren anderen ſtädtiſchen
Einrichtungen beſtens zur Seite ſtellen kann. Ehe wir
nun zur Beſichtigung ſchreiten, fühle ich mich verpflich=
tet
, die Herren auf das herzlichſte zu begrüßen und für
ihr Erſcheinen beſten Dank zuſagen, denn es iſt hier=
durch
der erneute Beweis für das Wohlwollen und
Intereſſe für die Feuerwehrſache bekundet. Zum weite=
ren
geſtatte ich mir, den Herren vor der Beſichtigung
eine Erklärung der Anlage zu geben:
Das Erdgeſchoß enthält zwei geräumige
Hallen mit ſechs Ausfahrtstoren und Standort für
ſechs Fahrzeuge, dazwiſchen liegt der Melderaum,
zugleich Aufenthaltsort des Oberfeuerwehrmannes; im
erſten Obergeſchoß links iſt der Mannſchaftsaufenthalts=
raum
, anſchließend Kochraum, und rechts befindet ſich
der Schlafraum mit Platz für 30 Betten, daneben Waſch=
raum
mit zwei Brauſe= und einem Wannenbad, auch
iſt in dieſem Geſchoß der Arbeitsraum des Branddirek=
tors
. Oeſtlich des Hauſes iſt der Steig= und
Schlauchtrockenturm angebaut. Die ganze Au=
lagen
ſind mit elektriſchem Licht und Läutewerk verſehen,
welches bei einlaufendem Alarm ſelbſttätig wirkt. Von
dem Schlafſaal führen drei Rutſchſtangen nach den
Gerätehallen, wonach bei Alarm die Feuerwehrleute
in der kürzeſten Zeit nach den Fahrzeugen gelangen, ſo=
daß
Tag= und Nachtalarm der Zeit nach gleichgeſtellt iſt.
Es folgte eine Beſichtigung der verſchiedenen Ge=, daran ſchloſſen ſich praktiſche Vorführungen, be=
ſonders
Alarmierungen. Auf einen Druck des
Polizeiamts oder des erſten Reviers tritt die ſogen.
grote Linie in Tätigkeit. Sämtliche Lampen im
ganzen Hauſe, darunter rote Signallampen, erglühen.
Gleichzeitig werden zahlreiche Alarmglocken oder
Wecker in Tätigkeit geſetzt und, von der geheimnis=
vollen
Kraft der Elektrizität getrieben, öffnen ſich
ſelbſtätig die Luken zu den Rutſchſtangen, an denen
die oben untergebrachten Mannſchaften blitzſchnell in
den Geräteraum hinabgleiten, und zu gleicher Zeit
öffnen ſich die großen Tore, ſodaß tatſächlich in einem
Nu die Geräte mit allem, was zur erſten dringenden
Hilfe nötig iſt, ausfahrbereit ſind, gleichviel, ob Tag=
oder
Nachtzeit. Natürlich werden von dieſem Alarm=
apparat
auch die in den Ställen wachenden Mann=
ſchaften
alarmiert, die ſofort die ſtets angeſchirrten
Geſpanne hinausführen, und im nächſten Augenblick
ſauſen ſie im Galopp der Brandſtelle zu. Von dem
Moment, da die Glocken ertönten, bis zur Meldung
zur Abfahrt fertig war eine knappe Minute ver=
ſtrichen
und wenige Sekunden danach waren zwei Ge=
fährte
abgefahren. Schneller iſt Alarmierung und
Fahrbereitſchaft tatſächlich kaum denkbar. Die Herren
ſprachen denn auch ihre volle Befriedigung dar=
über
aus.
Es darf übrigens noch erwähnt werden, daß die
Feuerwehrleute ſelbſt viel an dem Umbau=
mitarbeiteten
; ſie fertigten ſelbſt ihre Fußböden und
Möbel uſw. aus den Pitchpinebohlen des alten Fuß=
bodens
an uſw., ſonſt hätte ſich der Um= und Neubau
wohl nicht ſo billig insgeſamt zirka 30000 Mark
inkl. Steigturm herſtellen laſſen.
Die Feuerwache iſt mit Nr. 1772 direkt an
das Fernſprechnetz angeſchloſſen. Es kön=
nen
Feuermeldungen alſo jederzeit telephoniſch direkt
zur Hauptfeuerwache gelangen. Es empfiehlt ſich da=
bei
genaue Bezeichnung der Brandſtelle und möglichſt
auch Angabe, ob Keller=, Zimmer=, Kaminbrand oder
Großfeuer.
Wie uns Herr Branddirektor Fiſcher mitteilt,
iſt Intereſſenten die Beſichtigung der Feuerwache
jederzeit gerne geſtattet.

Großherzogliches Hoftheater.
Mittwoch, 28. Dezember:

Madame Sans=Gén e‟.
W-l. Die heutige Wiederaufführung von Sardous
unterhaltendem und ſpannendem Luſtſpiel Madame
Sans=Gene fand vor ſtark beſetztem Hauſe ſtatt.
Die hierdurch und durch die Aufführung ſelbſt zutage
getretene Zugkraft des -übrigens ſeit einigen Jahren
nicht mehr aufgeführten Stückes hat wohl manche
überraſcht, iſt aber in ſeiner außerordentlich geſchick=
ten
Mache, ſeiner amüſanten Handlung und ſeiner
ſtarken Bühnenwirkung genügend begründet.
Die Titelrolle ſpielte zum erſten Male Fräulein
Oſter, die ſich in dieſer Rolle auf einem ihr ferner
liegenden Gebiete bewegte. Dies trat namentlich in
dem Vorſpiel, in dem das Mädchen aus dem Volke
als Wäſcherin im Wäſcherinkoſtüm und Schürze agiert,
zutage, aber auch in der Darſtellung der zur Herzogin
emporgeſtiegenen Wäſcherin fehlte ihr die nötige
Natürlichkeit und Ungezwungenheit in Spiel und
Sprache, während ihre Erſcheinung einer Salondame
Ehre machte. Am beſten, weil ihrer Individualität
am meiſten entſprechend, gelang ihr die Szene und
das kokette Spiel mit Napoleon im zweiten Akte.
Die zweite Hauptrolle, die des Napoleon, ſpielte wie=
der
Herr Lehrmann der, ſeiner früheren Auffaſ=
ſung
treu bleibend, ſich in der Charakteriſtik der Rolle
an die hiſtoriſche Geſtalt des Kaiſers hielt und, ohne
die humoriſtiſche Seite außer Acht zu laſſen, ſie nicht
zu einer bloßen auf äußerliche Wirkung berechneten
Luſtſpielfigur machte. Die Durchführung der Rolle
war einheitlich und folgerichtig.
Den eiferſüchtigen Liebhaber, geadelten Marſchall
und glücklichen Ehemann Lefébore ſpielte Herr Bau=
meiſter
mit impulſivem Temperament und der an=
geeigneten
Würde eines Emporkömmlings. Ein präch=
tiges
Beiſpiel eines ſolchen aus dem erſten Kaiſerreich
iſt auch der von Herrn Heinz verſtändnisvoll dar=
geſtellte
Fouché und ſpätere Herzog von Otranto. Den
ungeſchickten Polizeiminiſter ſpielte Herr Wagner,
den Grafen von Neipperg Herr Weſtermann, deſ=
ſen
Charakteriſtik aber zu wenig männlich war. Lo=
bende
Erwähnung verdient noch die hübſch perſiflierte
Königin des Fräulrin Heumann.

Das mehrfache Verſprechen bei einzelnen Darſtel=
lern
war wohl auf eine gewiſſe Nervoſität bei der Eeſt=
aufführung
zurückzuführen. Das Stück fand beim
Publikum ſehr beifällige Aufnahme.

Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.

* Zuwendung für Zweecke der Kunſt. Der
verſtorbene Begründer der Maſchinenfabrik R. Wolf
in Buckau bei Magdeburg, Geh. Kommerzienrat Rud.
Wolf, hat dem Kaiſer Friedrich=Muſeum in Magde=
burg
letztwillig den Betrag von 200000 Mark zuge=
wendet
.
* Prozeß um die Luſtige Witwe‟ Um
Lehars Luſtige Witwe iſt in Paris ein eigenartiger
Theaterprozeß entbrannt. Den Verlegern wird näm=
lich
vorgehalten, ſie hätten es bei der Aufführung des
Werkes in Paris unterlaſſen, entſprechend der franzö=
ſiſch
=öſterreichiſch=literariſchen Konvention die Auffüh=
rungen
anzumelden; man könne daher die Luſtige
Witwe in Frankreich als ein der Oeffentlichkeit frei=
gegebenes
Werk betrachten. Von den Verlegern da=
gegen
wird geltend gemacht, daß das Werk gleichzeitig
in Oeſterreich und in Deutſchland aufgeführt worden
ſei und daß Deutſchland der Berner Konvention, nach
der das Aufführungsrecht der Operetten geſchützt iſt,
beigetreten ſei. Der Prozeß dürfte Ende Januar in
Paris verhandelt werden.

Kleines Fenilleton.

* Das Weihnachtsgeſchenk Kaiſer Wil=
helms
für den Zarewitſch. Die Rußkoje Sta=
rina
bringt in ihrer letzten Nummer eine Beſchreibung
des Weihnachtsgeſchenkes, das Kaiſer Wilhelm für den
jungen ruſſiſchen Thronfolger beſtimmt hat, und das
vor einigen Tagen in Petersburg mit einem freund=
lichen
Begleitſchreiben des Kaiſers eintraf. Das Weih=
nachtsgeſchenk
ſtellt eine Miniaturdampfmaſchine dar,
die trotz ihrer geringen Größe tadellos funktioniert
und bis in alle Einzelheiten auf das feinſte durchge=
arbeitet
iſt. Sie gilt geradezu als ein Wunderwerk der
Technik, zumal ſie nicht länger ſein ſoll als 3 Zenti=
meter
. Dabei entwickelt ſie eine recht bedeutende Kraft
und genügt zum Antrieb von kleinen Betrieben aller
Art, die gleicherweiſe geliefert worden ſind. Beſonders

ſind kleine landwirtſchaftliche Betriebe dabei berückſich=
tigt
, ſo daß der junge Thronfolger Gelegenheit haben
wird, immerhin einen erſten Einblick in den maſchinel=
len
Betrieb der Landwirtſchaft zu erhalten. Kaiſer
Wilhelm ſoll den Zarewitſch ſehr in ſein Herz geſchloſ=
ſen
haben, nachdem er mit ihm mehrere Male geſpielt
hatte. Während der Anweſenheit der Zarenfamilie in
Deutſchland hat der Kaiſer dem Sohne des Zaren auch
einige kleine Geſchenke übermitteln laſſen, wie ſie für
einen Knaben und zukünftigen Soldaten paſſen. Am
meiſten Begeiſterung ſoll von den Geſchenken ein Regi=
ment
der preußiſchen Huſaren Nr. 4 ein echtes, ſchö=
nes
Bleiſoldatenregiment, das in allen Einzelheiten
völlig echt gehalten war erregt haben. Der Kaiſer
ſchenkte dem Zarewitſch gerade dieſes Regiment aus
dem Grunde, weil der Zar der Chef dieſes Regiments
iſt. Der kleine Prinz erhielt außerdem noch eine Uni=
form
dieſes Regiments, bei der auch nicht ein Knopf
anders war, als bei einer echten Uniform. Auch die
Töchter des Zaren wurden mit Geſchenken, wie alljähr=
lich
, bedacht. Bekannt iſt, daß der Kaiſer mit dem
Zaren ſelbſt auch alljährlich Weihnachtsgeſchenke aus=
tauſcht
, gleicherweiſe wie die beiden Kaiſerinnen. Die
beiden Herrſcher ſchenken einander meiſt irgend ein
koſtbares Stück zur Uniform, wie z. B. Ehrendegen
und ähnliches.
* Der Ehering in der Weſtentaſche.
Amerikas Frauenſtimmrechtlerinnen ſuchen immer mehr
Gewalt über den Herrn der Schöpfung zu erlangen.
In New=Jerſey haben ſich Tauſende verheirateter
Frauen im Cupids Wing=Klub zuſammengetan, um
einen Feldzug gegen die Ehemänner zu eröffnen, die
außerhalb des Hauſes ihren Ehering nicht tra=
gen
. Schutz unſerer Töchter gegen die Angriffe ver=
heirateter
Männer, die ſich als Junggeſellen ausgeben
iſt die Forderung der Frauen. Die Aufmerkſamkeit der
geſetzgebenden Verſammlung von New=Jerſey ſoll auf
dieſe Frage gelenkt und eine Geſetzesvorlage eingebracht
werden. 500 Dollars oder Freiheitsſtrafen bis zu zwei
Jahren Gefängnis werden danach den Ehemann treffen
der ſeine Pflicht vernachläſſigt und den goldenen Reiſ
nicht am Ringfinger der linken Hand, ſondern an der
Uhrkette oder gar in der Weſtentaſche trägt. Die Füh=
rerin
der Bewegung, Mrs. Charkes Howell, begründete
die neue Forderung, indem ſie ausführte: Tagtäglich

[ ][  ][ ]

Nummer 306.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 30. Dezember 1910.

Seite 3.

Der Vatikan und das ſächſiſche Königshaus.

* Dresden, 28. Dez. Das Dresdner Journal
ſchreibt: Das Dresdner Journal brachte am 23. Dezem=
ber
die Mitteilung, daß Baron de Mathies dem
Könige ſein Bedauern über die in ſeinem
Buche Wir Katholiken und die andern enthaltenen
beleidigenden Bemerkungen ausſprechen ließ. Dieſe
Mitteilung wie die andere über die beabſichtigte Aende=
rung
der beleidigenden Stelle in der zweiten Auflage
des Buches halten wir aufrecht. Nachdem aber dieſer
Mitteilung ein Dementi entgegengeſetzt wurde, wird
nun dazu von berufener Stelle darauf hingewirkt wer=
den
, daß der Wille des Papſtes ganz ausgeführt werde,
der nach unſerer früheren Mitteilung in Nr. 266 am
27. November dahin geht, daß er ſo bald als möglich
einen öffentlichen Widerruf und eine Ent=
ſchuldigung
ſeitens Mathies herbeiführen werde. (Ut
male dicta reprobet et apud omnes sese exeuset.)
* Rom, 28. Dez. In eingeweihten Kreiſen ver=
lautet
, daß Prinz Max zu einer Kirchenſtrafe
verurteilt worden ſei. Ferner verlautet, daß dem
Prinzen von der Kongregation befohlen worden ſei,
falls er noch einmal über denſelben Gegenſtand ſchrei=
ben
wolle, einem von ihr beſtellten Zenſor die Manu=
ſkripte
zu unterbreiten. Der Baſilianerabt Pelegrini
wird ſtrengere Strafe erhalten.
* Rom, 28. Dez. In der Angelegenheit des
Prinzen Max von Sachſen iſt irgend eine amt=
liche
oder halbamtliche Mitteilung des Vatikans bisher
nicht erfolgt. Corriere d’Italia beſtreitet entſchieden,
daß die Inquiſition ſich mit der Revue Roma e IOriente
befaſſen werde und erklärt, die genannte Revue werde
fernerhin regelmäßig erſcheinen.
H.B. Rom, 29. Dez. Prinz Max von Sach=
ſen
verläßt bereits heute abend Rom. Die Gerüchte,
daß er zu Kirchenſtrafen verurteilt worden ſei, beſtätigen
ſich nicht.

Der Empfang der Delegationen durch den
Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand.

* Peſt, 29. Dez. Die feieerl iche Eröffnung
der Delegationen fand heute mittag, unter
dem üblichen Zeremoniell ſtatt. Der Präſident der
öſterreichiſchen Delegation ſagte: Erfüllt von unwan=
delbarer
Dankbarkeit blicken die Völker zu dem Kai=
ſer
als Hüter des Friedens und Beſchirmer aller
friedlichen Arbeit auf. Auch die Völker Oeſterreichs
würden die Zeit willkommen heißen, wo es gelänge,
die Segnungen des Friedens ohne jene Rüſtungen
zu erhalten, in denen ſich heute die Staaten über=
bieten
. Die Monarchie kann aber, ſo lange das hohe
Ziel nicht erreicht iſt, ohne ihr Anſehen, ihren Ein=
fluß
und die Sicherheit auf das Spiel zu ſetzen, keine
Sonderſtellung einnehmen. Die Delegation wird
deshalb die in Ausſicht geſtellte, weſentlich erhöhte
Forderung für die Wehrmacht unter Bedachtnahme
auf die internationale Stellung der Monarchie, aber
auch auf die Leiſtungsfähigkeit der Volkswirtſchaft
gewiſſenhaft prüfen, und erwartet, daß die notwen=
digen
Opfer für eine einheitliche und auf den alten
Grundlagen beruhende Armee gebracht werden. Durch
die Beſeitigung aller Hemmniſſe, insbeſondere durch
die zu erhoffende nationale Verſtändigung der Volks=
ſtämme
und durch eine ungeſtörte Entwickelung der
Volkswirtſchaft werden wir imſtande ſein, die Anfor=
derungen
der ſozialen Verpflichtungen mit der inten=
ſiven
Pflege der Wehrmacht, ohne Beſorgnis wegen
der Höhe der Militärlaſten, in Einklang zu bringen.
Der Präſident der ungariſchen Delegation feierte den
Herrſcher als Friedensfürſten und erklärte, die unga=
riſche
Delegation werde nicht vergeſſen, was ſie dem
Anſehen des Thrones und der Machtſtellung des Lan=
des
ſchulde. Den Anſprachen der Präſidenten folgten
lebhafte Hoch= und Eljenrufe.
* Peſt, 28. Dez. Bei dem Empfang der Delegationen
in der Hofburg erwiderte auf die Huldigungsanſpra=
chen
der Präſidenten der Delegationen Erzherzog

Franz Ferdinand namens des Kaiſers und
Königs:
Die Gefühle treuer Anhänglichkeit an Seine
Majeſtät, welche Sie eben zum Ausdruck brachten,
werde ich nicht verſehlen, Seiner Majeſtät zur Kennt=
nis
zu bringen. Indem ich Sie zum Beginn der
Ihrem Wirkungskreis vorbehaltenen wichtigen Tätig=
keit
namens Seiner Majeſtät begrüße, hebe ich zu=
nächſt
allerhöchſt deſſen wahre Genugtuung darüber
hervor, daß ſich die auswärtigen Verhält=
niſſe
durchaus erfreulich geſtalten. Geſtützt
auf ihre Allianzen und dank der guten Beziehungen
zu allen Mächten wird die Monarchie auch künftighin
die bisherigen erfolgreichen Bemühungen für die Er=
haltung
und Befeſtigung des Friedens nachdrück=
lich
fortſetzen. Das Erfordernis der Kriegsverwalt=
ung
für das Heer weiſt gegen das Vorjahr eine Stei=
gerung
auf, welche die endliche Richtigſtellung der
einzelnen Budgetpoſten bezweckt. Die Kriegs=
marine
dagegen benötigt die Bewilligung größerer
Mittel, um ſich angeſichts der einſchlägigen Vorbereit=
ungen
aller anderen Mächte auf der Höhe ihrer Auf=
gaben
zu erhalten. Dieſe Kreditforderung wird aber
nicht nur die Schlagfertigkeit der Kriegsmarine er=
höhen
, ſondern auch wirtſchaftlichen Nutzen bringen.
Von Seiner Majeſtät beauftragt, Ihnen den Aus=
druck
allerhöchſten Vertrauens in Ihre bewährte Ein=
ſicht
und patriotiſchen Eifer kund zu tun, wünſche ich
Ihren Arbeiten beſten Erfolg, und heiße Sie herz
lichſt willkommen.
* Peſt, 29. Dez. Der Thronfolger empfing
heute vormittag den ungariſchen Miniſterpräſidenten in
Audienz. Im Verlaufe der Audienz kam auch die
Armeefrage zur Sprache. Der Thronfolger hob
hervor, daß Ungarn, wenn es im Rahmen des neuen
Wehrgeſetzes der Monarchie und der Heeresverwaltung
alles bewillige, was für die Großmachtſtellung der
Monarchie und die Kriegsbereitſchaft des Heeres uner=
läßlich
ſei, jenes große, politiſche Anſehen, welches es
früher beſaß und den Glanz ſeines politiſchen Preſtiges,
das in den letzten Jahren etwas gelitten habe, wieder=
gewinne
. Der Thronfolger erklärte, er ſehe der politi=
ſchen
Zukunft vertrauensvoll entgegen.

Schneeſturm.

* Worms, 28. Dez. Der geſtrige Schnee=
ſturm
hat nicht weniger als 450 Telephonanſchlüſſe
in der Stadt, ebenſo die Telephonverbindungen näch
auswärts, ausgenommen die Linie nach Mainz, zer=
ſtört
. Die Kreisſtraße Pfiffligheim-Pfeddersheim,
auf der ſämtliche Telegraphenſtangen vom Sturm
weggeriſſen wurden, iſt wegen der Wiederherſtellung
auf mehrere Tage für den Fuhrverkehr behördlich
geſperrt.
* Neuſtadt, 29. Dez. Die durch den vorgeſtri=
gen
Schneeſturm hervorgerufenen Störungen im
Telephon= und Telegraphenverkehr hal=
ten
zum größten Teil noch an. Die Telegramme kom=
men
daher mit großen Verſpätungen an und die
Telephonverbindungen können nur auf Umwegen
hergeſtellt werden. Im Eiſenbahnverkehr haben die
Verſpätungen etwas nachgelaſſen. Auf der Strecke
Neuſtadt=Schifferſtadt ſind ſämtliche Telegraphen=
ſtangen
umgeworfen worden.
* Frankfurt, 29. Dez. Das Kaiſerliche Fern=
ſprechamt
teilt mit: Wie die Fernſprechteilnehmer wohl
zum großen Teil ſelbſt bereits feſtgeſtellt haben, hat der
überaus heftige Schneeſturm vom 27., ſowie der
darauf folgende ſtarke Rauhfroſt dem hieſigen Fern=
ſprechnetze
, ſowie den Fernſprechverbind=
ungslinien
nach außerhalb übel mitgeſpielt.
Zahlreiche Stangen ſind gebrochen und an 540 An=
ſchlußleitungen
, ſowie 120 Fernleitungen geſtört wor=
den
. Obwohl vom Fernſprechbaubureau die Wiederher=
ſtellungsarbeiten
an den Fernleitungen mit 16 Bau=
kolonnen
und unter Aufbietung weiterer Hilfskräfte
ſofort, in Angriff genommen worden ſind, iſt der
Fernverkehr mit Frankreich, Elſaß=Lothringen, der
Pfalz und Baden noch unterbrochen, während er nach
den anderen Gegenden in beſchränktem Umfange ab=
gewickelt
werden kann; die Arbeiten gehen aber raſch
voran. Da die geſtörten Anſchlußleitungen zum gro=
ßen
Teil an denſelben Geſtängen mit den Fernleit=
ungen
geführt ſind, werden ſie gleichzeitig mit inſtand
geſetzt, außerdem hat das Fernſprechamt ſein Stör=
ungsſucherperſonal
verſtärkt und iſt dauernd bemüht,
den Teilnehmern, die durch höhere Gewalt für einige
Tage von dem Amte abgeſchnitten ſind, recht bald wie=
der
die Benutzung ihres Fernſprechers zu ermöglichen.
* Berlin, 29. Dez. Hier herrſcht andauernder
Schneefall.
H. B. Paris, 29. Dez. Aus St. Etienne und
Douai wird ſtarker Schneefall gemeldet. Die
Eiſenbahnzüge erleiden große Verſpätungen.

Luftſchiffahrt.

* Paris, 28. Dez. Der junge ſpaniſche Sports=
mann
Mariano Pola, welcher heute vormittag in Iſſy=
les
=Moulineaux mit dem Flieger Laffont den Tod fand,
war der Eigentümer des verunglückten Aeroplans.
* Paris, 28. Dez. In Iſſy=les= Mou=
lineaux
landete heute nachmittag wohlbehalten der
engliſche Lenkballon City of Cardiff der vor
einigen Wochen den Kanal überflogen hat, jedoch infolge
wiederholter Havarien den Flug nach Iſſy=les= Mouli=
neaux
erſt in langen Unterbrechungen und in mehreren
Etappen zurücklegen konnte.

Handel und Verkehr.

* Die Reichspoſtverwaltung beabſichtigt,
den Eilbeſtelldienſt in größeren Städten dahin
zu erweitern, daß die Poſtanſtalten auf Fernſprechanruf
oder ſchriftliches oder mündliches Verlangen den Auf=
traggebern
zur Abholung von Briefſendungen Boten
zuſchicken, die dieſe Sendungen unmittelbar daran an=
ſchließend
beſtellen. Dies wird dem Publikum die ge=
ſetzlich
unzuläſſige Briefbeförderung durch private Eil=
botenbeſtellung
(Meſſengerboy=Inſtitute) erſetzen. Außer=
dem
will die Reichspoſt einrichten, daß gewöhnliche
Briefſendungen bei den Abſendern auf Wunſch durch
Eilboten gegen eine Gebühr von 25 Pfennig abgeholt
werden können. Beide Neuerungen ſind zum 1. April
1911 geplant.
Eine neue Verkehrseinrichtung. Eine
neue, für den Verkehr in den größeren Städten wichtige
Einrichtung plant das preußiſche Miniſterium des Innern.
Es ſollen zunächſt in Berlin, dann aber auch in allen
Städten über 100000 Einwohner umfangreiche Verkehrs=
bureaus
geſchaffen werden, die in ihren Aufgaben von
den beſtehenden erheblich abweichen. Dieſe amtlichen
Bureaus ſollen drei Abteilungen erhalten, eine für Ver=
kehrsmittel
, eine zweite für ſtädtiſche Anlagen, wie Mu=
ſeen
, Theater uſw., und eine dritte, die die Beherbergung

von Maſſen bezwecke, z. B. Herbergen und wohltätige In=
ſtitute
. Die Verkehrsbureaus ſollen neben dem amtlichen
Leiter einen ſtädtiſchen Beirat erhalten.
Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Berlin, 29. Dez. Zu den Meldungen von einer
an der deutſch=chineſiſchen Hochſchule in
Tſingtau ausgebrochenen Kriſis wird von unter=
richteter
Seite mitgeteilt, daß den Herren Jeroſch und
Gutherz ſeitens des Reichsmarineamts gekündigt wurde,
weil das Unterbleiben der Kündigung vor Ablauf der
vereinbarten Probejahre eine langfriſtige Bindung zur
Folge gehabt hätte, die angeſichts der noch im Werden
begriffenen Verhältniſſe inopportun erſchien. Im
übrigen handelt es ſich um gewiſſe Mißhelligkeiten in
bezug auf die Schulordnung, die derzeit einer Reviſion
unterzogen wird, und es iſt mit Beſtimmtheit zu hoffen,
daß die Reviſion zu einem für alle Teile befriedigenden
Ergebnis führe.
** Stuttgart, 29. Dez. Der Staatsſekretär des Aus=
wärtigen
, v. Kiderlen=Waechter, iſt heute, dem
Staatsanzeiger zufolge, vom Könige in Audienz
empfangen worden.
** Ruda, 29. Dez. Nachdem heute früh um 7 Uhr
in der mit reichem Trauerſchmuck ausgeſtatteten St.
Joſephskirche ein feierliches Requiem für den Grafen
Balleſtrem ſtattgefunden hatte, dem die gräfliche
Familie, die Angeſtellten und eine ſehr große Trauer=
verſammlung
beiwohnten, begann um 10 Uhr vormittags
die Trauerfeier. In Vertretung des Kardinal=
Fürſtbiſchofs Kopp zelebrierte der Weihbiſchof Auguſtin=
Breslau das Totenamt. Anſprachen hielten der Pfarrer
von Ruda in polniſcher Sprache und der Pfarrer von
Zabrze in deutſcher Sprache. Die Gedächtnisrede hielt
der Berliner Kanzelredner Pater Boneventura. Er
ſchilderte die Verdienſte des Verſtorbenen und gedachte
der wohltätigen Stiftungen für ſeine Angeſtellten und
Arbeiter. Als Vertreter des Kaiſers nahm der Fürſt
von Hatzfeldt an der Trauerfeier teil. Ferner waren
vertreten die Präſidien des Reichstages, des Herren=
hauſes
und des Abgeordnetenhauſes. Um 12 Uhr wurde
der Sarg, während draußen Böllerſchüſſe ertönten, vom
Katafalk gehoben, nach der Krypta in die Kirche getragen
und beigeſetzt.
* Petersburg, 29. Dez. Von den nach dem Abend=
mahl
in der Dorfkirche erkrankten Perſonen ſind drei
geſtorben.
* Santiago de Chile, 29. Dez. In der Kammer
bemängelte Lorca, daß die Regierungsvorſchläge für
den Bau zweier Dreadnoughts die engliſchen
Schiffsbauer bevorzugten und betonte, daß ſie alle
Schiffswerften zulaſſen müſſen. Der Marineminiſter
erwiderte, das Beſtreben der Regierung laufe darauf
hinaus, eine Einheitlichkeit in den Typen der Flotte zu
ſchaffen. Alle Vorſchläge würden in Erwägung ge=
zogen
, aber getrennt für Schiffe und Armierung.

H. B. Berlin, 29. Dez. In ſeiner Wohnung zu Pots=
dam
iſt heute mittag der frühere kommandierende General
des 1. Armeekorps, General Ewald von Kleiſt, im
87. Lebensjahre an den Folgen eines Schlaganfalles ge=
ſtorben
.
H. B. Madrid, 29. Dez. Am 23. Januar, dem Namens=
feſte
König Alfons wird Infant Alfons von
Bourbon=Orleans in ſeine früheren Rechte und
Würden wieder eingeſetzt werden. Der Infant war wegen
ſeiner gegen den Willen des Königs von Spanien mit der
Prinzeſſin Beatrice von Sachſen=Koburg=Gotha geſchloſſe=
nen
Ehe in Ungnade gefallen und ſeines Titels als Infant
von Spanien und ſeiner militäriſchen Charge entkleidet
worden.
H.B. Madrid, 29. Dez. Zu dem über die kanari=
ſchen
Inſeln niedergegangenen Unwetter wird
noch gemeldet: Ein furchtbarer Wirbelſturm hat die
Inſel Hormira verwüſtet. Der Schaden iſt ſehr be=
trächtlich
. 400 Familien ſind obdachlos. Im Tal
Gomara ſtürzte ein Haus ein, in das ſich etwa 50 Per=
ſonen
vor dem Sturm geflüchtet hatten. Bisher wurden
22 Tote und zahlreiche Verwundete aus den Trümmern
hervorgezogen. Auch mehrere andere Häuſer ſind ein=
geſtürzt
.

die Kinder, wenn ſchneidende Kälte herrſcht, wenn
der Wind pfeift und der Schneeſturm durch die
Straßen heult. So ein Schulweg im Winter iſt
wirklich bedenklich, und wer ſeine Kinder geſund
erhalten will, der kleide ſie nicht nur warm der
gebe ihnen ſtets auch ein paar Fays ächte Sodener
Mineral=Paſtillen mit auf den Weg, die gegen
Erkältung ſchützen und vorhandene Erkältung ſchnell
und naturgemäß bekämpfen. Die Schachtel koſtet
nur 85 Pfg. und iſt in allen einſchlägigen Ge=
ſchäften
zu haben, weiſe aber Nachahmungen ent=
ſchieden
zurück.
(24291M

Gedenket der echten Köhlerſohlen
und der hungernden Vögelein,
ſo habt Ihr warme Füße und ein warmes Herz.
Echte Köhlerſohlen (extrawarm) überall erhältlich.
1 Paar 40 Pfg., 3 Paar 1 Mark. Proſpekte gratis
durch die Köhlerſohlenfabrik Neu=Iſenburg.
(24999a

Wetter.
Ausſichten in Heſſen am Freitag, 30. Dezember:
Niederſchläge, meiſt Schnee, ſüdweſtliche Winde, milder.

Tageskalender.
Hoftheater, Anfang 7 Uhr (Ab. D): Die Brüder von
St. Bernhard‟
Vorſtellung um 8 Uhr im Orpheum.
Klavier=Abend von Wilhelm Backhaus um 8 Uhr
in der Turnhalle am Woogsplatz (Richard Wagner=
Verein).
Verſteigerungskalender.
Samstag, 31. Dezember.
Mobiliar= ꝛc. Verſteigerung um 10 Uhr Pallas=
wieſenſtraße
54.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe; den Inſeratenteil: J. Kroſt, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

ſtoße ich auf Liebestragödien, bei denen ſich ein junges,
unerfahrenes Mädchen in einen verheirateten Mann
verliebt hat. Warum? Sie ſah nicht, daß er bereits
gebunden iſt und hielt ihn für frei. Hätte er den Ring
getragen, viel Leid wäre ihr erſpart geblieben. Mrs.
Howell hat recht!
* Die Modelaune als Urſache eines
Jabrikbankrotts. Das Beſtreben der Damen,
möglichſt ſchlank zu erſcheinen, führt ein bankrott ge=
wordener
Londoner Fabrikant als Urſache ſeines Ruins
an. Der Mann hatte eine Unterrockfabrik, die noch bis
vor wenigen Monaten ſehr gute Erträge brachte. Seit
Frau Mode aber die Hüftenloſigkeit dekretiert und alle
nicht von Natur Lilienſchlanken nur durch das Fort=
laſſen
der Unterkleider ein wenig geradliniger zu ſchei=
nen
vermögen, blieben als begreifliche Folge den Ge=
ſchäftsleuten
die ſchönſten Jupons liegen. Die treuen
Ladenhüter machten das Beſtellen neuer Ware unnötig,
und ſo ſahen ſich verſchiedene Spezialmanufakturen für
Unterröcke gezwungen, einſtweilen zu feiern oder ſich
einem anderen Artikel der weiblichen Garderobe zuzu=
wenden
.
* Ein Ehepaar an einem Tage geboren
und an einem Tage geſtorben. Das Friedrich
Deckerſche Ehepaar in Uthleben bei Nordhauſen, das
vor 3¾ Jahren ſeine goldene Hochzeit gefeiert hat und
das an einem Tage geboren war, wenn auch zeitlich
zwei Jahre getrennt, iſt am 22. Dezember an einem
Tage geſtorben, der Mann im 80., die Frau im 78.
Lebensjahr; beide ſind am 1. Weihnachtsfeiertag in
einem Grabe beerdigt worden.
* Wie man Reklame macht. Aus Traiſa,
28. Dez., wird uns geſchrieben: Wie literar=hiſtoriſche
Förſchung feſtſtellen zu dürfen glaubt, hat Altmeiſter
Goethe die ſtoffliche Anregung zu ſeinem Erlkönig
während ſeines Darmſtädter Aufenthalts durch Ge=
ſchehnis
aus hieſigem Ortsbereich empfangen. Das
Werdienſt, dieſe Erlkönig=Sage hier aufgefriſcht zu
haben, gebührt unſerem Mitbürger Wilhelm Leißler;
indem derſelbe ſeine in der Darmſtädter Straße er=
öffnete
, neuzeitlich anheimelnde Wirtſchafts=Lokalität
Zum Erlkönig benannte, ſetzt er die Sage in blei=
bende
Erinnerung. Der Genuß, Goethes Erlkönig
in Schubertſcher Vertonung kommenden Freitag im
Liederabend des Herrn Dr. Wüllner=Berlin in muſter=
gültiger
Vortragsweiſe zu vernehmen, iſt durch Er=
krankung
des geſchätzten Künſtlers leider auf ſpäter
verſchoben. Unſere Literatur=, Muſik=, Kunſtfreunde‟
werden zum Erſatz am genannten 30. dieſes Monats
zu gemütlicher Abendſitzung bei zwangloſer Ausſprache
im Erlkönig eingeladen. Kunſtfreunde ſind will=
kommen
. Ehrt eure deutſchen Meiſter dann bannt
ihr gute Geiſter.

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 30. Dezember 1910.

Nummer 306.

Srohe Fostch viter=Schandarel

hatten wir Gelegenheit
bedeutend unter Fakturenpreis
einzukaufen.
Dieſe Sachen kommen, ſo lange Vorrat reicht, von heute, Freitag, ab zum Verkauf.
(24973

Schwarzweiſte Rebatimarkent

mart 5. Gebr. Blum
Konfektion und Schuhwaren.

Markt 5.

Schwarzeweiſe Rakatinarten

L
haben ſich wegen Unterlaſſung der
konventionellen Neujahrsbeſuche ferner
die folgenden Perſonen entſchuldigen laſſen
und gleichzeitig auf Ueberſendung von
Neujahrs=Gratulationskarten verzichtet:
Prof. Dr. Kart Alt, Hoflieferant Hubert
Bringer u. Frau, Fräul. Eitzenberger, Real=
lehrer
Fuchs u. Frau, Rentner Moritz Hirſch,
Miſter Harford, Großbritanniſcher Geſchäfts=
träger
, Archiket Eduard Harres, Architekt
Julius Harres u. Frau, Prokuriſt Franz
Harres u. Frau, Regierungsrat Dr. Kranz=
bühler
u. Frau, Polizeirat Kraemer, Dipl.=
Ingenieur Karl Kraemer u. Frau, Polizei=
ſekretär
Kaiſer u. Frau, Medizinalrat Dr.
Lehr und Frau, Polizeiamtmann Laute=
ſchläger
u. Frau, Regierungsaſſeſſor Linken=
held
, Profeſſor Dr. Liſt u. Frau, Zahnarzt
Nachtigall. Sanitätsrat Dr. Wilhelm Orth
u. Frau, Apotheker Ludwig Paſſet u. Frau,
Zahnarzt Dr. Repp u. Frau, Frau Luiſe
Noll Wwe., Architekt C. C. Rückert u. Frau,
Hochbauaufſeher Schwarz und Frau, Hof=
tanzlehrerin
Betty Swoboda, Hoflieferanten
Thiele 6. Bötinger Hofſteinmet Heinrich
Wagner u. Frau, Direktor J. Weitzel und
Frau, Staatsminiſter Dr. Ewald u. Frau,
Miniſter v. Hombergk zu Vach, Hofdentiſt
Bauer u. Frau, Regierungsrat de Beauclair
u. Frau, Rechnungsrat Beckenhaub u. Frau,
Geheimerat Dr. Beſt, Geheimerat W. Beſt
u. Frau, Archivar Betz u. Frau, Geheimer
Oberſchulrat Block, Rechnungsrat Dauber
u. Frau, Kanzleirat Dauber u. Frau, Mi=
niſterialreviſor
Frank u. Frau, Regierungs=
rat
Gräf, Geheimer Obermedizinalrat Dr.
Hauſer u. Frau, Regierungsrat Hechler u.
Frau, Obermedizinalrat Dr. Heyl, Mini=
ſterialrat
Hölzinger, Baurat Prof. Knapp
u. Frau, Fräul. Anna Kratz in Büdingen,
Stabsquartiermeiſter Landzettel und Frau,
Rechnungsrat Lang u. Frau, Rechnungsrat
Leiſer u. Frau, Geheimer Regierungsrat
Dr. Linß, Miniſterialrat Lorbacher u. Frau,
Geheimer Obermedizinalrat Dr. Lorenz,
Oberbaurat Mangold u. Frau, Geheimer
Obermedizinalrat Dr. Neidhart, Geheimer
Oberſchulrat Nodnagel, Geheimer Oberſchul=
rat
Dr. Scheuermann, Rechnungsrat Schil=
ling
, Rechnungsrat Schönberger und Frau,
Regierungsrat Schwarz. Regierungsrat
Spamer, Geheimerat Süffert, Geheimerat
Dr. Weber u. Frau, Oberregierungsrat Dr.
Weber u. Frau, Oberregierungsrat Wagner,
Baurat Wagner u. Frau, Kanzleirat Wett=
laufer
u. Frau, Regierungsrat Dr. Wörner,
Ludwig Heil u. Frau, Taunusſtr. 5, Phil.
Kahlert u. Frau, Rechnungsrat A. Kalb=
fleiſch
u. Frau, Gekretariatsaſſiſtent Karl
Reichel u. Frau, Pfarrer Ernſt Widmann u.
Frau, Louis Riſting, Uniformen= u. Militär=
Effekten=Fabrik., Kaufmann Theodor Kalb=
fuß
u. Frau, Jak. Nohl, Inſtallationsgeſch.,
Rechnungsrat Wambold u. Frau, Rentner
Noll, Rentner Nachtigall, Hofbuchdruckerei=
beſitzer
L. Kichler u. Frau, Rentner Stroh=
meyer
u. Frau, Speiſer, Hofopernſänger u.
Fr. Hofopernſängerin Speiſer=Suchanek, Frl.
Howard, Hofopernſängerin, Jordan, Hof=
ſchauſpieler
, Regiſſeur Kammerſänger Riech=
mann
u. Frau, Oberinſpektor Schwerdtfeger
und Frau, Hofrat de Haan, Kaufmann
Conzen, Maior Schnittſpahn u. Frau, Hof=
ſchauſpieler
Wagner, Frau Wagner=Kläger,
Ehrenmitglied des Hoftheaters, Hofſchau=
ſpieler
Heinz, Oberregiſſeur Baldek u. Frau,
Kapellmeiſter Rehbock und Frau, Fräul.
Wisthaler, Hofſchauſpielerin, Frl. Heumann,
Hoſchauſpielerin, Frau Scherbarth, Hof=
ſchauſpielerin
, Hofſchauſpieler Baumeiſter u.
Frau, Hofſchauſpieler Lehrmann, Fräul.
Gothe, Hofſchauſpielerin, Fräul. Grünberg,
Hofſchauſpielerin, Frau Müller=Rudolph,
Hofſchauſpielerin, Regiſſeur Hacker u. Frau,
Frau Maſch.=Direktor K. Brandt Hofſchau=
ſpieler
Knispel u. Frau, Frl. Oſter, Hof=
ſchauſpielerin
, Eller, Nebel, Hofſchauſpieler
Holler u. Frau, Hekorationsmeiſter Mäller,
Kammerſänger Weber, Geh. Hofrat Werner
u. Frau, Direktor d. Elektr. Werkes Meyer
u. Frau, Frau Profeſſor Philipp C. Schmitt,
Willy Hutter, Pianiſt und Frau, Willy
Schmitt, Tonkünſtler und Frau, Mafor
F Schenck, Fabrikant E. Schenck, Hofrat
Winter u. Frau, Frl. E. Ditmann, Hof=
ballettmeiſterin
i. P., Hauptmann a. D.
Winter und Frau, Hofopernſänger Hacker,
Fräul. Schreiner, Wilhelm Faix und Frau,
Dipl.=Ingenieur Friedrich Vogel und Frau,
Exzellenz v. Weſterweller, Sanitätsrat Dr.
Maurer u. Frau, Frau Dr. Nell, Dr. Otto
Waldaeſtel u. Frau, Lehrer Johann Rais=
u
. Frau, Kreiskaſſerechner Stauf und Frau,
Apotheker Leuchtweis.

Gelber, rauhaariger
Zwergpinscher

entlaufen. Wiederbringer er=
hält
gute Belohnung.
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Abzugeben Viktoriaſtraße 50, 2. Stock.

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Am 1. Januar, ven 7 Uhr abend: Künstler-Konzer

Heute
Letzte Vorführung des
sensationellen Schlagers
Der

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mehr billig abzugeben Stiftſtraße 59,
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Eloren. Gegen gute Belohnung abzu=
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Roßdörferſtraße 80, 3. St. (*31194fs

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Wollen S1e
Ihre Füße von den läſtigen Hühneraugen
befreien, ſo laſſen Sie dieſelden von mir
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Lichtenbergſtr. 18.
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Glühwein
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OKrnzon

Stiente!
Freitag, 30. Dezbr.:
Letztes Gastspiel

Fraukfarter Iutimnes Theater‟

Aar
Irber

u. a. m.

(24974

der Aulbange 37 Par. e
Preise wie gewöhnlich.

Samstag, 31. Dezember (Silvester)
geschlossen.

Fest-

Vorstenungen.

Nleujahrs=Entſchuldigungskarten zum
N Beſten der Armen des St. Vinzenz=
und St. Eliſabethenvereins haben fol=
gende
Perſonen gelöſt:
Chr. Angeli, Frl. P. Bachem, B. (H.),
D. Ballweg, A. Bauer, J. Bauer, Zeichen=
lehrer
Bender, Hoflieferant Beuer, Frl.
B. v. Biegeleben, Frl. v. Bothmer, =
dinger
, L. Bürner, Frau Cämmerer, A.
v. Chrismar Rechnungsrat Denzinger, Joſ.
Deutſch, Frau Dienſt, Kommerzienrat
Diſchinger, J. Duball, Frl. Eckhardt, Dom=
kapitular
Dr Elz, Frau Fecher, Pfarrer
Fink, Oberlandesgerichtsrat Forch, Geh.
Oberrechnungsrat Dr. Frank, J. Frener,
W. Friedhof, H. Gaßmann, A. Gehring,
K. Geißner, Frau Gerſchlauer, H. Göckel,
G. Grohe, H. Gröninger, Ph. Haas, Hap=
pel
, Prof. Dr. Hattemer, Oberrechnungsrat
Hiemenz, Rechnungsrat Hiemenz, F. Hoock,
Ad. Horn, Frau Direktor Horſtmann, Frau
Direitor Hügel, Frau Direktor Ihm, A.
Kaiſer J. Kapp, Kaplan Kaſtell, Krauß,
J. Keßler, Frau Dr. König, Frl. Kräßer,
H. Kramer, Rechnungsrat Kuhn, L. (M.),
Lang, Prof Laufer W Leinberger, Rech=
nungsrat
Lohrum, Miniſterialrat Lorbacher,
K. Malzi, O. Markus, E. Niemann, N. N.
(zweimal), J. Oberle, P. P., E. Pallmann,
L. Pappert, Apotheker Petermann, L. Pfeifer,
R., Oberlehrer Roos, S. (G.), Frau Schanz,
Otto Prinz zu Schaumburg=Lippe, Gg.
Scherbel, Frau Geheimerat Schlippe, Schmitt,
Lor. Schmitt, Val. Schmitz, J. Schtöck,
Pfarrer Schütz=Oſthofen, Frau Gottfr.
Schwab, Schwarzkopf, Intendanturſekretär
Seidel. Pfarrkurat Singer, Frau Sonne,
Joh. Stenger, Geh. Hofrat Dr. Thiel, C.
Tuma, W. (L), Johs. Wagner L. Wald=
chmitt
, Ludw. Weiler, C. Welzbacher,
Oberhofmarſchall a. D. Frhr. v. Weſter=
veller
, E. Würth, Zimmermann, 3 Namen
inleſerlich. Familie Haar, Frau Inſpeitor
(24986
Anton.
Heidelberger=
ſtr
. 72. (*31209

Roglian
Verschnitt
deutsch
ffein und mild
die ¼ Literflaſche Mk. 2.
ohne Glas
Gebrüder Vierheller
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Telephon 200. (21413a

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Wäſche Stücke 10 Pfg., kleine Stücke
4 Pfg. J. Plößer I., Malchen. (23675a
per Rolle 30 Pfg.
Tapezieren
empfiehlt (24876a
Karl Roth, Schloßgartenſtraße 49.

Sperrsitzabonnement B 237
für den Reſt der Saiſon abzugeben
Frankfurterſtraße 62, I. (*31213

Großherzogliches Hoftheater.
Freitag, den 30. Dezember 1910.
*80. Abonnements=Vorſtellung.
Abonnement D 23.
Die Brüder von St. Bernhard.
Schauſpiel in 5 Aufzügen von Ant. Ohorn.
Spielleitung: Regiſſeur Hacker.

Nach dem 3. Aufzuge findet eine
längere Pauſe ſtatt.
Preiſe der Plätze:
(Kleine Preiſe)
Proſzeniumsloge 5 Mk., Fremdenloge 5 Mk
Balkonloge 4.50 Mk., 1. Rang 4 Mk., 2. Rang
(1.6. Reihe) 2. Mk., (7. und 8. Reihe)
1.60 Mk., Sperrſitz: (1. bis 13. Reihe) 3.50 Mk.,
(14. bis 20. Reihe) 3. Mk., Parterre: (1. bis
5. Reihe) 2.20 Mk., (6. bis 8. Reihe) 1.80 Mk.,
1. Galerie 1. Mk., 2. Galerie 50 Pfg.
Kartenverkauf von 11 bis 1 Uhr und von
6 Uhr an.
Anfang 7 Uhr. Ende vor 10 Uhr.
Vorverkauf
von 111 Uhr für die Vorſtellungen:
Samstag, 31. Dez. Außer Abonnement.
Sylveſter=Vorſtellung zu ermäß. Preiſen:
Der Regiſtrator auf Reiſen.=
Anfang 7 Uhr. (Vergl. beſond. Anzeige.)
Sonntag, 1. Januar 1911. 90. Ab.=Vorſt.
B 23. Lohengrin. (Feſtvorſtellung.)
Große Preiſe. Anfang 6 Uhr.
Montag, 2. Jan. 1911. 91. Ab.=Vorſtell.
C 23. Precioſa. Kleine Preiſe. An=
fang
7 Uhr.
Aus dem Spielplan.
Dienstag, 3. Jan. 1911. 92. Ab.=Vorſtell.
A 23. Suſannens Geheimnis.
Hierauf: Orpheus und Eury=
dike‟
. Kleine Preiſe. Anfang 7 Uhr.

Perſonen:
Der Prior
Hr. Heinz
Der Subprior
3 Hr. Knispel
F. Fridolin
Hr. Lehrmann
P. Servaz
Hr. Schwarze
P. Simon
Hr. Hacker
P. Meinrad
25 Hr. Baumeiſter
Fr. Ehrhard,
Hr. Semler
Fr. Paulus, Kleriker
Hr. Weſtermann
Fr. Sales,
2 Hr. Kroczak
Fr. Bruno, Noviz,
Hr. Schneider
Döbler, Drechsler .
Dr. Wagner
Marie, ſeine Frau
Fr. Scherbarth
Grete, ihre Tochter
.Frl. Gothe
Franz Richter Tiſchler . . Hr. Speiſer
Brinkmann, Kloſterförſter . Hr. Riechmann

[ ][  ][ ]

Nummer 306.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 30. Dezember 1910.

Seite 7.

Soubers
à Mk. 2.00.

KonzerC.
Gemütlicher Familien-Abend

Vergnügungs-
nd
Erholungs-
reisen
Zurz
See

Richard wagner-Verein Darmstadt.
Freitag, 30. Dezember 1910, abends 8 Uhr
im Festsaale der Turngemeinde (Woogsplatz 5)
Zum Besten des Festhaus-Vereins Darmstadt:
Volkstümlicher Klavier-Abend

von

Dachhaub

Programm: Stücke für Klavier von Bach, Beethoven, Brahms;
Schumann, Felix Mendelssohn und Weber.
Der Konzert-Flügel von Steinway und Sons in New-Tork ist aus dem
Pianolager der Firma Hoflieferant A. W. Zimmermann (Inh. Ludwig Schweisgut).
Die Mitglieder des Richard Wagner-Vereins haben für obiges
Konzert eine Zusatzkarte zum Preise von 1 Mark zu lösen. Nur mit
dieser Zusatzkarte kann der Eintritt gestattet werden. (Die ausge=
gebenen
Sperrsitz-Abonnements behalten dabei Gültigkeit). (24863mf
Die Zusatzkarten sowie Eintrittskarten für Nichtmitglieder: Sperrsitz zu
5 M., Saal zu 3 M., Vorsaal zu 1.50 M. und Galerie zu 1.50 M.: Studentenkarten zu
1 M. und Schülerkarten zu 50 Pfg. bei Georg Thies Nachfolger, im Verkehrs=
büro
u. abends an der Kasse. Beitrittserklärungen für das Jahr 1911, welche
noch vor dem obigen Konzerte erfolgen, berechtigen gegen Lösung einer Zusatz-
karte
zu dessen Besuche. Jedes Mitglied hat das Recht, an der im Januar statt-
findenden
Verlosung der von dem Verein angekauften Eintrittskarten (zu 20 M.)
zu den Bayreuther Bühnenfestspielen des Sommers 1911 teilzunehmen.
Die für den Wüllner-Abend am 30. Dezember
Zur gell. Beachtung: gelösten Billetts werden auf Wunsch wieder
zurückgenommen, da ein neuer Termin für diesen Lieder-Abend zur Zeit noch
Der Vorstand.
nicht bestimmt werden kann.

Wbarmstädter Her Fungstaut.
Am Neujahrsſonntag findet bei dem Unterzeichneten
gutbeserzte Lanzmusik
F
ſtatt, wozu höfl. einladet
Heinrich Spieß.
24972fs)

Bestaurant Brauerei Fay
23 Alexanderstrasse 23
Bier vom Fass Vorzügliche Küche Mässige Preise
Carl Gröltz, Inhaber.
120a)

Ortsgruppe Darmstadt.
Weinkachffsterer
verbunden mit Vorträgen und Tanz
am 1. Januar 1911 im Schützenhofsaal.
Anfang punkt 4 Uhr nachmittags. (24996

Schutzenkol
Silvester-Abend in den Keller-Lokalen
Iiilitar Mreich=Konzert
Sonntag, den 1. Januar, abends von ½8 Uhr an,
in den Keller-Lokalen
Iiialsvnreich=Kongert.

An beiden Abenden Eintritt frei.

(*31205

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Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 30. Dezember 1910.

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Andrees ſchweigend den Reſt der kaltgewordenen
Grütze. Als er hinausging, traf er Wiebke auf der Diele.
Er wies mit einer Kopfbewegung hinter ſich. Kannſt ab=
decken
; ich bin fertig. Das war in derſelben Tonart ge=
ſprochen
, wie vorhin ihre Worte.
Sie begehrte auf. So, das klingt ja gerade ſo, als
wäre ich Deine Dienſtdeern! Zum erſten Male ſagte ſie
direkt Du zu ihm, wie es den Dienſtboten gegenüber Ge=
brauch
war. Bin ich Dein Knecht, biſt Du meine Deern,
gab Andrees zurück.
Einen Augenblick lang maßen ſie ſich mit den Augen
wie ein Paar Ringkämpfer. Sie hielten beide den Kopf
in den Nacken geworfen, das Haar zurückgeſtrichen, und
ihre Augen blitzten. Als ſie dann einer in des anderen
Antlitz geleſen hatten, daß ſie ſich gleich waren an Kühn=
heit
und Kraft, da gingen ſie, ohne ſich umzuſehen, hoch=
aufgerichtet
aneinander vorbei.
Es iſt gut, dachte Wiebke, er ſoll ſeinen Willen nicht
haben. Gitta kann die Schüſſeln abräumen. Als ſie aber
in die Stube trat, war die Alte ſanft eingeſchlafen. Der
Ausdruck friedlichen Behagens lagerte auf ihrem Geſichte.
Mit gerunzelter Stirn ſtellte Wiebke die Teller zuſam=
men
. Sie horchte hinaus, ob Andrees in dem Stall war;
ſie wollte das Geſchirr in die Küche tragen, ohne daß er
es merkte.
Flink, auf Zehenſpitzen, huſchte ſie über die dunkle
Diele. Da ſtieß ſie mit jemandem zuſammen, die Teller

entſeien iher dund. Dr mnere, es ver äcbtes, in
ruhig weiter.
Sie las die Scherben zuſammen, mit Tränen der Wut
in den Augen. Daß ſie ſich dabei in die Finger ſchnitt,
achtete ſie nicht. Die Scherben warf ſie auf den Stein=
bruch
des Hofes; es ſchallte weithin. Etwas befriedigt
ging ſie hinein; den Hof zu fegen, war Andrees Sache.
Eine halbe Stunde ſpäter ſaßen ſie ſich wie allabend=
lich
in der dämmerigen Wohnſtube gegenüber. Licht wurde
nicht mehr gebrannt; da es ja Sommer war, ſo legte die
Dämmerung einen Schleier über die Züge, die von Haß
und Zorn entſtellt waren.
Es lag heute etwas Schwüles, Heißes in der Luft.
Wiebkes Wangen brannten und in Andrees Augen zuckte
es ab und zu auf wie ein Wetterleuchten.
Gitta war aus ihrem Schläfchen erwacht: Sie verfiel
zuſehends; von Tag zu Tag ſtumpften ſich ihre Sinne
mehr ab. Sie ahnte nicht, daß die beiden jungen Men=
ſchen
ſich wie Todfeinde gegenüber ſaßen.
Ja, ja , begann ſie.
Still war es in der Stube. Andrees rauchte. Der
bläuliche Rauch zog zu Wiebke hinüber, die, den Strick=
ſtrumpf
im Schoß, am Fenſter ſaß. Sie hüſtelte. Ja, ja,
kicherte die Alte. Sie meinte offenbar, es war etwas ge=
ſprochen
worden.
Wiebke ſchrie der Alten ins Ohr, ſie möchte mal etwas
erzählen. Sie konnte die unheimliche Stille nicht mehr
ertragen. Ihr war es, als müßte Andrees ihr Herz klopfen
hören.
Die alte Gitta lachte. Es war das harmloſe Lachen
eines alten Kindes. Dann fing ſie an zu erzählen; ihre
Sprechwerkzeuge waren noch in guter Ordnung.

Oiſ. De hiueg ue der Sig iber dins Sit gan,
wo das lange Lieſchgras wächſt, da ſitzt bei Sonnenunter=
gang
eine ſteinalte Frau im grauen Rock; die ſpinnt auf
feurigem Spinnrad von Eiſen einen glühenden Faden,
und wer um die Zeit da vorbeikommt, der muß ihn ab=
haſpeln
, ſonſt verwirrt er ſich in dem glühenden Faden
und muß elendiglich ſterben. Haſpelt er ihn aber bis zum
Ende ab, dann verwandelt er ſich in Gold und er iſt ſchwer=
reich
. Hihi!
Da iſt mal ein armer Junge geweſen, der hatte eine
reiche Bauerntochter lieb. Sie mochte ihn auch gern lei=
den
, aber Geld und Gut waren ihr doch man lieber. Ja,
wenn er nur reich wäre, dann wollte ſie ihn wohl nehmen.
Eines Abends kurz vor Sonnenuntergang ging er fort,
und ſie ſah ganz deutlich das feurige Spinnrad und den
glühenden Faden. Als dann die Sonne untergegangen
war, wartete ſie, daß er zurück kam mit der goldenen
Haſpel. Ja, ja hm.
Und hat er ſie bekommen? fragte Wiebke.
Sie wartete und wartete bis zum anderen Morgen.
Und hat er ſie bekommen? ſchrie Wiebke der Alten
ins Ohr.
Nein, er iſt nicht wieder gekommen.
Alt=Gitta erzählte ſchon wieder etwas anderes. Stellt
Ihr Eure Schuhe auch richtig vors Bett, ſodaß die Hacken
gegen das Bett ſtehen? Sonſt kommt die Nachtmähre und
drückt und plagt Euch. Sie ſeufzte. Ja, mich drückt ſie
manche Nacht.
Es bedurfte keiner Aufforderung mehr, weiter zu er=
zählen
. Es waren keine Erzählungen, Warnungen waren
es aus einem Herzen, dem in der Einſamkeit oft bange
geworden war.

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und der ſchwatzhaften Elſter. Einſt kam ein Spielmann
nach Heiſterneſt. Er hatte gehört von dem wunderſchönen
Fräulein Elline, das Wolber Krak gefangen hielt. Es
war ein ſchmucker Junge mit langen gelben Locken und
blauen Augen. Hihi!
Er ſetzte ſich in einen Baum vor dem Fenſter des
Fräuleins und fing an zu ſpielen und zu ſingen. Sie öff=
nete
ihr Fenſter und warf dem Spielmann ihre Halskette
zu; die war aus lauter Edelſteinen in Gold gefaßt. Hihi!
Da trat Wolber Krak aus der Tür. Der große, mäch=
tige
Räuberhauptmann ſah den Spielmann, und die
Adern ſchwollen ihm an. Er ging auf den Baum zu, um
ihn zu ſchütteln, daß der Knabe herunterfiele wie ein reifer
Apfel. Er war wohl ein Mann, der Bäume aus der Erde
reißen konnte. Eine Waffe hatte er im Augenblick nicht
zur Hand und hielt wohl auch den Spielmann zu gering
für die Waffe. Hihi!
Aber der war behende; er konnte ſpringen und klettern
wie ein junges Eichhörnchen. Raſch ſprang er auf den
nächſten Baum die Bäume ſtanden ſo dicht, daß die
Aeſte dicht ineinander wuchſen und der Wald zog ſich
hinein bis Krelau. Von Baum zu Baum kletterte der
junge Spielmann. Kaum hatte Wolber Krak den Stamm
erfaßt, um ihn zu ſchütteln, war er ſchon weiter. Bald
war er hier, bald dort. Sein buntes Kleid ſchien durch die
Bäume und der Räuber jagte hinter dem bunten Vogel
her, aber er konnte ihn doch nicht fangen. Er lauerte
darauf, daß ſich die langen goldenen Haare in den Zwei=
gen
feſthaken ſollten, aber es ging immer weiter. Hihi!
Das ging ſo viele Stunden lang, bis der Wald zu
Ende war. Da ſprang der Knabe von dem letzten Baume
in ies msate Garten hirein und des Bauernvogts

Tochter machte ihm die Tür auf. Sie iſt nachher ſeine
Frau geworden und hat die Kette getragen. Der Räuber
aber, als er den Spielmann verſchwinden ſah, nahm zwei
Tannen, die ihm zunächſt ſtanden, eine in jede Hand und
riß ſie aus mit Stumpf und Stiel. So kühlte Wolber
Krak ſeine Wut. Ja, ja, hm!
Wiebke ballte im Dunkeln ihre Hände. Ich wollte,
ich könnte es auch, dachte ſie. Ach, daß ich bloß ein Weib
bin. Zum erſten Male während dieſes Abends ſtreifte
ihr Blick wieder mit ſtolzem Haß die Geſtalt Andrees.
Die Alte erzählte weiter, wie um ſich die eigene Angſt
vom Herzen zu reden und ſich zu entſchädigen für lange
Jahre des Schweigens.
Sie erzählte von Niß Puck, dem böſen, ſchelmiſchen
Kobold, der hier nahm und dort gab, der den Reichen
Streiche ſpielte zugunſten Armer, Liebespaare neckte und
Kinder irre führte. Sie erzählte von dem Steenabendkerl,
dem Moorkerl, von dem ſchwarzen Nachthund mit den
Feueraugen, der herumläuft mit heraushängender, blu=
tiger
Zunge. Und hier , fuhr die Alte fort und dämpfte
unwillkürlich ihre Stimme, als ſtände draußen vor der
Tür ein Geſpenſt, das es hören könnte hier geht es
auch um. Der junge Herr hat keinen Abend in ſeinem
Bette Ruhe gefunden, ehe er nicht noch mal in die beſte
Stube hereingegangen iſt. Ich hörte ihn jeden Abend die
Diele entlang gehen, dann knarrte die Tür. Mein Alter
iſt ihm mal nachgegangen und hat geſehen, wie er herum=
gegangen
iſt und hat mit der Hand über die Möbel ge=
ſtrichen
, über die neuen, den Nähtiſch und den Lehnſtuhl
und das kleine Sofa, und dann hat er dabei geſeufzt und
hat für ſich geſprochen. Der junge Herr ſoll, ehe er hierher
kam, eine liebgehabt haben und hat ſie nicht gekriegt. Viel=
leicht
iſt ſie ihm untreu geworden oder ſie iſt geſtorben.
Ja, und jetzt, wo er tot iſt, höre ich ihn noch jeden Abend

die Diele entlang ſchleichen, und dann knarrt die Tür, und
er ſeufzt. Jede Nacht geht der junge Herr hier um.
Wiebke mußte unwillkürlich lächeln. Die Alte war faſt
taub, wenn ſie einen leiſen Schritt und einen Seufzer
hörte, ſo war es ſicher nur in ihrer Einbildung.
Aber etwas war von all dem Geheimnisvollen und
Unheimlichen, was die Alte erzählt hatte, doch an Wiebke
hängen geblieben. Als ſie über die Diele nach ihrem
Schlafzimmer ging, das Talglicht in der Hand, da war es,
als grinſte ihr aus jedem Winkel ein Geſpenſt entgegen.
Sie ſchauerte zuſammen und hätte gern Andrees Rock an=
gefaßt
, als ſie hinter ihm ſchritt. Aber ihr Stolz war
größer als ihr Grauen. Mit halbgeſchloſſenen Augen auf
das Licht in ihrer Hand ſehend, ging ſie in ihre Stube.
Lange ſtand ſie hier und ſtarrte in das Licht, deſſen
kurzer Stumpf auf einem Provitchen ſteckte. Sie vergaß
alles um ſich her, bis der Docht in dem letzten flüſſig ge=
wordenen
Tropfen verſank. Da zog ſie ſich raſch im Dun=
keln
aus und dachte im Bett noch darüber nach, wie es
kam, daß ſie ein Licht hatte und doch im Dunkeln zu Bett
gehen mußte. Ach, Paul, Paul! ſeufzte ſie, warum bliebſt
Du mir nicht treu? Du, der einzige, dem ich mich mit
Demut ergeben hatte!
Sie konnte lange Zeit hindurch nicht einſchlafen. Die
Fledermäuſe umflatterten wie allabendlich das Haus. Sie
ſtießen ab und zu gegen das Fenſter. Von unten tönte
das Quaken der Fröſche durch die Frühſommernacht und
das Singen eines fernen Singvogels miſchte ſich hinein.
Sie mußte noch einmal aufſtehen und das Fenſter ſchließen.
Dann wurde es ihr wieder zu warm, und als ſie end=
lich
einſchlief, träumte ſie von böſen Geiſtern, die ſie um=
gaben
. Mit einem Schrei erwachte ſie, da war bereits die
Stube voll Sonnenſchein.
(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Nummer 306,

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 30. Dezember 1910.

Seite 11.

Amtliche Nachrichten des Großherzoglichen Polizeiamts Darmſtadt.

Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde.
In polizeilicher Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 4 Spitzhunde, 3 Pinſcher.
Die Hunde können von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt
werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werk=
tag
, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.

Bekanntmachung,

die Behandlung der Zugtiere im Winter betreffend.
An alle Beſitzer von Zugtieren und Leiter von Fuhrwerken richten wir die
dringende Mahnung, bei Kälte und Straßenglätte ernſtlich darauf Bedacht zu.
nehmen, daß die Zugtiere vor den nachteiligen Einflüſſen der Witterung nach
Möglichkeit geſchützt werden, daß namentlich:
1. die Zugtiere niemals länger als unbedingt erforderlich und niemals un=
bedeckt
im Freien ſtehen gelaſſen werden, und
2. das Zaumzeng im Stall aufbewahrt oder andernfalls vor dem Anlegen das
Gebiß erwärmt wird, und
3. die Hufeiſen der Pferde zum Schutze gegen das Ausgleiten gehörig geſchärft
oder mit Stollen verſehen ſind.
Darmſtadt, den 29. Dezember 1910.
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Großherzogliches Polizeiamt Darmſtadt.
Dr. Kranzbühler.

Versteigerungs=Anzeige.

Samstag, den 31. Dezember I. Js., vormittags 10 Uhr,
verſteigere ich auf dem ſtädtiſchen Lagerplatze, Pallaswieſenſtraße Nr. 54 dahier,
zwangsweiſe gegen Barzahlung:
(24903df
1 Nähmaſchine, 1 Bettſtelle mit Wollmatratze, 1 Feldbett und 3 Bilder.
Die Verſteigerung findet beſtimmt ſtatt.
Darmſtadt, den 29. Dezember 1910.
Vörr, ſtädt. Pfandmeiſter.

Großer Reste=Verkauf.
Fortsetzung am Mittwoch, den 28. Dez., bis Samstag, den 31. Dez.
den ganzen Tag geöffnet, verkaufe zu jedem annehmbaren Preiſe:
1 Poſten Wolle u. Baumwolle für Bluſen, Kleider u. Röcke,
Hemdenflanelle für Männer und Frauen,
Buckſkin für Anzüge und Hoſen ꝛc.
im Auktionslokal Magdalenenstr. 7.
Johannes Krummeck, Anktionator und Taxator,
(24872m
Wohnung: Grafenstrasse 4.

Stamm= und Brennholz=Verſteigerung.

Dienstag, den 3. Januar 1911, vormittags 9½ Uhr anfangend, ſollen im Eber=
ſtädter
Gemeindewald, Diſtrikt Klingsackertanne und Kirchtanne 40 Kiefern=Stämme
von 3 bis 15 Mtr. Länge und 22 bis 50 Ctm. Durchmeſſer verſteigert werden. Gleich=
zeitig
kommen zum Ausgebot:
108 Rm. Kiefern=Scheiter
106
Knüppel
40
Stöcke
330 Kiefern Wellen.
Bemerkt wird, daß ſämtliches Dürrholz mit Ausnahme der wertvollen Stämme
(mehrere 200 jährige Oberſtänder) ungeſehen verkauft wird.
Nähere Auskunft erteilt Forſtwart Kirſchner, Müllerſtraße 11.
Die Zuſammenkunft iſt am Waldfriede.
Eberſtadt, den 27. Dezember 1910.
Großherzogliche Bürgermeiſterei Eberſtadt.
(24893df
Schäfer.

Darmstädter Sprach- und Handelsschule
Leiter:
Hieron. Schneider
Emil Held
Bücher-Revisor
beeid. Bücher-Revisor
10 Luisenstrasse 10.
Gründl. Unterricht in allen kaufmännischen Fächern, Stenographie,
Maschinenschreiben, fremden Sprachen, bes. Korrespondenz.

Beginn neuer Kurse

Donnerstag, 5. Januar 1911.
Anmeldungen möglichst frühzeitig erbeten. Anfang der Abend- und
(20601a
Einzelkurse jederzeit.
Die Leiter der Anstalt empfehlen sich zu sachgemässer
Einrichtung, Revision und Abschluss von Geschäfts-
büchern
unter strengster Diskretion.

eingetragene Genoſſenſchaft mit beſchränkter Haftpflicht.
Wegen Vornahme der Inventur
bleibt unſer Geſchäftslokal am
(25118
Samstag, den 31. Dezember, nachmittags
geschlossen.

Der Vorstand.

Vo Gond Mekkaner Vor 1000

betreffend empfehle ich die alsbaldige Einlöſung der Januar
Coupons 1911, um hierbei die Durchſicht aus Anlaß der ſtatt=
gehabten
großen Verloſung vornehmen zu können.
Die Auszahlung der gezogenen Stücke erfolgt koſtenfrei.
Friedrich Zaun,
1 Luiſenplatz 1.
(24858dfso

Brennholz-Verſteigerung Nr. IV.
(Stadtwald.)
Freitag, den 6. Januar n. Jahres, morgens 9 Uhr, ſollen im Saale der Turn=
gemeinde
, Woogsplatz 5 hier, aus den Abtrieben in den Diſtrikten: Steckertswieſen=
ſchlag
11 und Pfarrwinkelfleck 7a der Forſtwartei Beſſ. Laubwald (Förſter Lehr,
Klappacherſtraße 84) verſteigert werden:
Scheiter: 329 rm Buchen, 100 rm Eichen Knüppel: 83 rm Buchen, 49 rm
Eichen; Reiſigknüppel: 34 rm Eichen; Reiſigwellen: 26 Hundert Buchen;
Stöcke (fein): 90 rm Buchen, 69 rm Eichen.
Das Holz ſitzt für die Abfuhr gut.
Zur gewünſchten Vorzeigung und Auskunft wird Herr Förſter Lehr am
2. Januar bis morgens 9 Uhr zu Haus ſein.
(24958fi
Darmſtadt, den 24. Dezember 1910.
Großherzogliche Oberförſterei Darmſtadt.
Kullmann.

Bekanntmachung.

Für den Verkauf des Holzes in dem Holz=
hofe
dahier ſind folgende Preiſe pro Rm.
bis auf weiteres feſtgeſetzt:
Buchen=Scheiter I. Kl. 12 Mk.
II. Kl. 10
Kiefern=Scheiter I. Kl. 10
II. Kl. 8
Scheiter II. Kl. beſtehen aus aufgeſpal=
tenem
Knüppelholz.
Die Beſtellungen des Holzes haben bei
Großh. Bezirkskaſſe Darmſtadt II zu er=
folgen
.
(6746a
Darmſtadt, 12. März 1910.
Großh. Holzmagazins=Verwaltung.
Heinemann, Geh. Forſtrat.

Bekanntmachung.

Immobilienverſteigerung in Traiſa.
Donnerstag, den 5. Januar nächſten
Jahres, nachmittags 3 Uhr, werden auf
dem Rathaus zu Traiſa nachſtehende Im=
mobilien
auf freiwilliges Anſtehen der
Philipp Wittmann Eheleute dahier weg=
zugshalber
meiſtbietend verſteigert werden:
Fl. Nr.
1. I 1189/100 Hofreite kleine
Hohl
2. I 1188/100 Grabgarten da=
257qm
ſelbſt mit hier=
auf
erbauter
Scheuer
*3. I 17929/100 Acker im Ebing 182 qm
4. I 385 Acker Langenſtrich=831qm
Es wird hierzu bemerkt, daß die Gebäude
erſt vor einigen Jahren erbaut wurden und
in ſehr ſchöner Lage der Röderſtraße ſich
befinden. Bei annehmbarem Gebot kann
Zuſchlag erteilt werden.
(24990
Traiſa, den 29. Dezember 1910.
Großherzogliches Ortsgericht Traiſa.
Walter, Vorſteher.

Un1e

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empfehlen (21412a
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in Terrinen à Mk. 1.50, Mk. 2.
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und Mk. 2.50.


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*1
½ Pfd.=Doſe Mk. 2.50
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¼ Tube 60 Pfg., ½ Tube 35 Pfg.
Türk& Pabst’s Sardellenbutter
¼ Tube 60 Pfg., ½ Tube 35 Pfg.
Strassburger Pains:
Haſen, Reh, Faſanen, Gänſeleber,
Dose 60 Pfg., 10 Dosen Mk. 5.50.

Hochfeine Fisch-Marinaden
Delikate Bismarckheringe
ſow. in klein. Doſen à Mk. 1.25
Appells Senfheringe
ohne Gräten, Doſe 85 Pfg.
(
Appells Bismarckheringe
in Tomatenſauce, Doſe 95 Pfg.
Aechte Christiania Anchovys Dose 85 Pfg.
Matjes-Gabelbissen Dose 85 Pfg.
En
Appetit sild Dose 85 Ffg.
Delikatess-Heringe in div. Saucen
e
85 Ffg. und 150 Pfg.

Lachs in Gelee Dose Mk. 1.20.
Aal in Gelee Dose Mk. 1.20.
l

Hering in Gelee
1 Pfd.=Doſe 60 Pfg. 2 Pfd.=D.90 Pfg.
Oel-Sardinen, erſte Marken,
in großen und kleinen Doſen
Nürnberger Ochsenmaulsalat
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Doſe Mk. 1.
Kronen-Hummer Labrador-Salm.
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Mayonnaise- und Remouladen-Sauce
per Glas 50 Pfg., 85 Pfg. u. Mk. 1.25
Hochfeinen Emmenthaler

Edamerkäse, Alter Gouda,

Camembert,
Allgäuer Dessert-Rahmkäse St. 30 Pfg.
Sökeland’s Pumpernickel

Freiburger Bretzel
Käse-Waffeln Paket 60 Pfg.
6.
Südfrüchte
1
nur auserleſen ſchöne Früchte

Muskat-Datteln, Smyrna-Feigen,
Haselnüsse, Tafelrosinen
1

Extragrosse Tafelmandeln
(
(
Süsse Orangen

faſt ohne Kern
(249
Stück 7 Pfg. Stück 8 P
10 Stück 65 Pfg. 10 Stück 75

Prompter Verſand nach allen Stadt=

teilen und auswärts.
Telephon 116.

[ ][  ][ ]

Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 30. Dezember 1910.

Nummer 306,

IotarAusverkaufdes Setamaders

der Firma

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15 Ludwigsstrasse 15

1
Schluss:

Januar 1911

Von Montag, 2. Januar bis Samstag, 14. Januar werden die Restbestände dieses Lagers,
bestehend aus:

Mäntel-Konfektion, Kostüm-Konfektion, Blusen, Kleider
stoffen, Seidenstoffen, Leibwäsche, Bettwäsche, Gebild-
zeugen
, Decken jeder Art, Taschentüchern, Baumwoll-
waren
, Futterstoffen, Dekorationen, Vorhangstoffen etc. etc.
reisen
zu Versteigerungs
abgegeben.
Ernst Wolff, Amtsgerichtstaxator
Liquidator der Firma Joseph Stade.
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und wird es auch bleiben. So rar und teuer wie gute Butter, iſt auch
reiner Bienen-Honig.
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hingewieſen werden, der zu dem billigen Preiſe von Mk. 1. per
Pfund loſe und in Gläſern bei mir und in den bekannten Verkaufs=
ſtellen
zu haben iſt
Das Ergebnis der Ernten in deutſchem Honig iſt derartig gering,
daß durch dasſelbe der Bedarf in Deutſchland nicht annähernd bofriedigt
werden kann. Wäre es daher nicht möglich, guten, garantiert reinen
ausländiſchen Honig, wie meinen Zapaterv, auf den Markt zu
bringen, ſo würde, bei uns in Deutſchland Honig bald ſo teuer
ſein, daß ihn nur die oberen Zehntauſend zu kaufen im Stande wären.
Es würde alsdann Honig ein Lurusartikel ſein, ſtatt ein

Volksnahrungsmittel
das noch den Vorteil hat, daß es ſelbſt der ſchwächſte Magen verträgt.
Alleinvertrieb des Honigs Zapatero für Deutſchland
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[ ][  ][ ]

Nummer 306.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 30. Dezember 1910.

Seite 13.

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[ ][  ][ ]

Seite 14.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 30. Dezember 1910.

Nummer 306,

Der Kaiſer und Admiral Montagu.

C. K. In London ſind vor kurzem die Erinnerungen
des bekannten engliſchen Admirals Montagu erſchienen,
der ſich in den Krimkriegen und während des großen Auf=
ſtandes
in Indien beſonders ausgezeichnet hatte und ſo=
wohl
mit dem verſtorbenen König Eduard als auch mit
dem deutſchen Kaiſer in nahen perſönlichen Beziehungen
ſtand. Als Patenkind der Königin Viktoria ſtand er ſchon
von Kindheit an mit der britiſchen Herrſcherfamilie in
enger Berührung, und die perſönlichen Erinnerungen an
die ihm befreundeten Monarchen verleihen dem Buche
einen beſonderen Reiz. Als begeiſterter Freund des Segel=
ſportes
, als Mitglied der Royal Yacht Squadron ſah man
den britiſchen Admiral auch oft in Kiel, und wenn immer
der Kaiſer in England weilte, verſäumte er nicht, Montagu
zu ſich zu Gaſt zu bitten. Bei einer Regatta in Cowes,
noch zu Lebzeiten der Königin Viktoria, kam es dabei zu
einem amüſanten Konflikt. Der Admiral wurde von der
Königin zur Tafel befohlen, abends um halb neun ſollte
er in Osborne zum Diner eintreffen. Unmittelbar nach
Empfang dieſer Einladung überbrachte man dem Admiral
ein großes Kuvert mit dem Siegel des deutſchen Kaiſers:
es war eine Einladung, am ſelben Abend an Bord der
Hohenzollern mit dem Kaiſer zu ſpeiſen. Das Schlimmſte
war, daß zu beiden Einladungen verſchiedene Trachten
vorgeſchrieben waren, zum Diner bei der Königin die Hof=
kleidung
, zum Diner beim Kaiſer die kleine Admirals=
uniform
. Der vielbegehrte Gaſt war verzweifelt: was
ſollte er tun? In ſeiner Not ſignaliſierte er dem Prinzen
von Wales, dem ſpäteren König Eduard, ſein Dilemma
und bat um einen guten freundſchaftlichen Rat. König
Eduard traf ein ſalomoniſches Urteil: er riet dem Freunde,
erſt zur Königin zu gehen und dann ſchleunigſt zum
Kaiſer. In wilder Haſt ſchlüpfte Montagn in die ſeidenen
Beinkleider und raſte nach Osborne. Unmittelbar nach
dem Diner beurlaubte ihn die Königin, und nun galt es,
mit Sturmeseile zur Hohenzollern zu kommen. Die
erſte Schwierigkeit ſo erzählt der Admiral, war, einen
Ort ausfindig zu machen, wo ich die Hoftracht mit der
Uniform wechſeln könnte. Ich entſchloß mich ſchließlich,
das in der Droſchke zu tun, und flehte den Kutſcher an,
nicht allzu raſch berg ab zu fahren. Wie jedermann weiß,
iſt es nicht ſchwierig, ſich in einer Droſchke aus= und wieder
anzuziehen, ſelbſt bei völliger Dunkelheit; aber dann
kommt ein Augenblick, wo man aufſtehen muß, um die
Toilette zu vollenden, und das war das Dilemma. Ich
verſuchte alles, umſonſt Kutſcher! rief ich ſchließlich,
halten Sie einen Augenblick und ſchlagen Sie das
Wagendach zurück. Es regnet in Strömen meinte der
Roſſelenker bedächtig, aber ich beharrte bei meinem Vor=
ſatz
: Das iſt einerlei, Sie ſind ſowieſo naß, und über
mich können Sie Ihren Mantel halten. Das Arrange=
ment
bewährte ſich prachtvoll, ein paar Augenblicke ſpäter
kam ich zur Landungsſtelle, ſprang in die bereitſtehende
Barkaſſe und war wenige Minuten ſpäter an Bord der
Hohenzollern‟. Der Kaiſer empfing mich mit ſeiner ge=
wöhnlichen
Herzlichkeit und amüſierte ſich dann köſtlich
über die Schilderung meiner Abenteuer. Nun, meinte
er ſchließlich, ich bin noch niemals zweimal am gleichen
Tage von zwei Königen eingeladen worden. Wollen Sie
wirklich noch einmal eſſen?
Eine andere luſtige Szene, in der ebenfalls die
Koſtümfrage ihre Rolle ſpielte, ereignete ſich ſpäter in Kiel.
Der Admiral nahm an Bord ſeiner Jacht gerade ſein
Morgenbad, als man ihm zurief, der Kaiſer käme mit

ſeiner Gig herangefahren. Was ſollte ich tun, völlig un=
bekleidet
, wie ich war? Da ertönte auch ſchon die
Stimme des Kaiſers: Montagu, kommen Sie ſchnell her=
auf
, ich will Ihnen Ihre Inſtruktionen geben. Majeſtät,
ſchrie ich verzweifelt, ich kann nicht, ich bin ja ganz
nackt! Schadet nichts, kommen Sie rauf! tönte es
zurück. Zum Glück hatte mein Badetuch reſpektable Dimen=
ſionen
, ich packte mich ein, ſo gut es ging, und kletterte
hinauf. Wie ein alter Nero ſehen Sie aus in Ihrem
Aufzuge meinte der Kaiſer lächelnd, bevor er mir die
Inſtruktionen für das bevorſtehende Rennen erteilte. Ent=
gegen
dieſer fröhlichen Toleranz legte König Eduard auf
ſorgſame und korrekte Kleidung beſonderes Gewicht, und
wenn immer ein Offizier nicht vollkommen de rigueur‟
angezogen war, rügte er jeden Mangel. Mehr als ein=
mal
ſagte er mir bei Geſellſchaften im Marlborough Houſe
mit einem mißbilligenden Kopfſchütteln: Viktor, mir ge=
fällt
Deine Art nicht, die Orden zu tragen. Aber bei der
nächſten Gelegenheit fand er wieder Grund zur Kritik und
meinte verzweifelt: Ich habe Dir doch erſt vor einem
Jahr geſagt, daß Du das ändern ſollteſt, und nun kommſt
Du genau wieder ſo daher

Vermiſchtes.

Die Tragik des perſiſchen Fraueulebens ſchil=
dert
auf Grund genauer Kenntniſſe Ella C. Sykes im
National Geographical Magazine. Es iſt ein trübes
Bild, das uns aus dieſer ausführlichen Darſtellung,
deren bezeichnendſte Züge im Globus wiedergegeben
werden, entgegentritt. Bis auf das Leben und Schick=
ſal
der Frauen erſtrecken ſich die modernen Reformen
noch nicht, die ſich nun auch im Lande des Schahs
Bahn brechen; vielmehr iſt ihr vom Eintritt in die
Welt bis zum Tode, ja auch im Jenſeits, noch die
ſchlechteſte Seite des Daſeins vorbehalten. Den Perſer
lehren ſchon die Prieſter, daß er immer am beſten
fahre, wenn er gerade das Gegenteil von dem tue,
was ihm eine Frau rät. Im Paradieſe aber ſtehen
auch dem ärmſten Gläubigen 72 engelgleiche Huris
zur Verfügung, die ihm den leiſeſten Wunſch erfüllen
und ihn alle Frauen vergeſſen laſſen, die er auf Erden
gekannt. Schon die Geburt eines Mädchens iſt ſtets
unwillkommen; mit acht Jahren wird es bereits in
den für die Frauen beſtimmten Teil des Hauſes ein=
geſperrt
und zumeiſt ohne jede Bildung gelaſſen. Nur
ſelten kann eine Perſerin leſen und ſchreiben; ſie ver=
bringt
ihre Zeit mit der Anfertigung von Stickereien,
der Bereitung ſüßer Speiſen und Getränke und im
Geſchwätze mit Dienerinnen oder Freundinnen. Ohne
daß nach ihrem Willen gefragt wird, wird ſie dem von
den Eltern gewählten Manne in die Ehe ausgeliefert,
und ihr ſehnlichſter Wunſch iſt nun darauf gerichtet,
einen Sohn zu bekommen; denn nur dann kann ſie
die Zuneigung ihres Mannes erringen, während ſie
ſonſt von ihrem Manne entweder nach Hauſe geſchickt
wird, oder zum mindeſten eine Rivalin erhält. Nie
kann das Weib die wirkliche Gefährtin des Mannes
ſein, denn ihr ganzes Leben iſt von dem ſeinen ge=
ſchieden
; ſie iſt von ſeiher Welt, wie von der Außen=
welt
überhaupt, abgeſchloſſen. Auf der Straße darf
der Gatte ſeine Ehefrau ſelbſt nicht grüßen, wenn er
ſie unter dem dichten, ſie verhüllenden Tſchargat er=
kennt
.
Ihre Zeit verbringt die Perſerin mit der Pflege
ihres Aeußeren; ſie ſchminkt und pudert ſich in höchſt
barbariſcher Weiſe; gebraucht Kohle, um den Augen
einen ſchmachtenden Blick zu verleihen und die Stärke

der Augenbrauen zu erhöhen, die über der Naſenwur=
zel
zuſammenzuſtoßen ſcheinen. Ihr Haar ſchneidet ſie
quer über der Stirn zu geraden Franſen und durch=
flicht
es mit Pferdehaaren. Ihre kosmetiſche Verſchö=
nerung
ſetzt ſie dann im öffentlichen Bad fort, in deſſen
heißer, dampferfüllter Luft ſie viele Stunden im Ge=
plauder
mit den Freundinnen verbringt und das ihre
Hauptzerſtreuung bildet. Die Dienerinnen färben ihr
Haar mit Henna und Indigo und verzieren auch ihre
Fingerſpitzen und Zehen mit dem ſcharlachroten Saft.
Das Hausgewand beſteht im Sommer aus einer Jacke=
aus
Gaze und kurzen, das Knie nicht erreichenden
Hoſen; dieſe Tracht ſoll Schah Naſr=ed=din aus Europa
eingeführt haben, wo ihm das Koſtüm der Pariſer
Balletteuſen beſonders imponiert hatte. Das Einer=
lei
der Woche wird am Freitag für die verheiratete
Perſerin durch einen Beſuch der Moſchee unterbrochen,
wo ſie in ihrem dicht vergitterten Käfig nur wenig
von dem Gottesdienſt ſieht und hört. Der einzige Licht=
ſtrahl
in dieſem düſteren Daſein iſt die Liebe der Per=
ſerin
zu ihren Kindern, die von dieſen erwidert wird:
Auch der Perſer liebt ſeine Mutter, aber das hat
keinen Einfluß auf das Benehmen gegen ſeine Gattin.
Auch im Jenſeits harrt der perſiſchen Frau ein beſon=
ders
tragiſches Los. Sie wird in der Hölle mit ganz
ausgeſuchten Qualen geplagt; und um dieſem farcht=
haren
Geſchick zu entgehen, ſchmeichelt ſie ihrem Mann
Geld ab, verkauft wohl auch ihre Edelſteine, nur um
durch eine Pilgerreiſe nach Mekka das Paradies zu
erlangen. Aber auch wenn ſie nach dem Tode glücklich
die über die Hölle geſpannte Siratbrücke, die dünner
iſt als ein Haar und ſchärfer als ein Schwert, über=
ſchritten
hat, lebt ſie in Abgeſchloſſenheit weiter; ihren
Gatten trifft ſie im Paradies nicht.
* Hundefleiſch als Menſchennahrung. Gemeinhin
nimmt man an, daß Hundefleiſch nur ausnahmsweiſe
als menſchliche Nahrung verwandt wird. Wer jedoch
die Verhältniſſe in unſeren Arbeiterkolonien, in den
Arbeitervierteln mancher Großſtädte und in wirklich
armen Gegenden auf dem Lande kennt, wird wiſſen,
daß der Verbrauch an Hundefleiſch durchaus nicht ge=
ring
iſt. Ein niederrheiniſcher Jagdaufſeher verkauft
ſowohl Hunde als auch Katzen zum Preiſe von einer
Mark durch einen Milchhändler in eine Großſtadt der
Umgebung. Er kann an eine feſte Kundſchaft gar nicht
genug liefern. Ein Förſter, der bei einem Reviergange
zwei wildernde, große Metzgerhunde erſchoſſen hatte,
erzählte dieſen Vorfall ſeinen Holzhauern. Nachher
bat einer derſelben um nähere Angabe der Oertlichkeit,
wo die Hunde zu finden ſeien. Mit ſchmunzelnder
Miene gab er die Verſicherung, daß Rücken und Schin=
ken
ſolcher Tiere etwas ganz Vorzügliches in der
Pfanne abgäben. Vor einigen Jahren wurde in einer
niederrheiniſchen Kolonie feſtgeſtellt, daß ein Arbeiter
gegen ein halbes Dutzend Köter für die Weihnachtszeit
mäſte. Kenner ſolcher Verhältniſſe unter den Jägern
wiſſen, daß gar mancher wertvolle Jagdhund, der ab=
handen
gekommen iſt, in den Kolonien verzehrt wird.
Beim Anblick beſonders feiſter Hunde hört man wohl
die Redensart: Das iſt etwas für die Kolonie.
Manche Leute haben heutzutage auch noch den Aber=
glauben
, daß Hundefleiſch die Schwindſucht heile. Wer
ein ganz beſonderer Feinſchmecker ſein will, hängt den
abgezogenen Hundekörper einige Tage in gut fließendes
Bachwaſſer. In ähnlicher Weiſe bereiten auch die Be=
wohner
armer Waldgegenden Fuchs und Dachs zum
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