Darmstädter Tagblatt 1910


21. Januar 1910

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173. Jahrgang

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Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 18 Seiten.

Die Frage der Schiffahrtsabgaben.

* In der Sitzung der Erſten ſächſiſchen Kam=
mer
kam Staatsrechtslehrer Wach nochmals auf die
Schiffahrtsabgaben zu ſprechen. Er bezeichnete
deren Einführung als einen Verſtoß gegen die
Reichsverfaſſung. Der Bundesrat ſei zu authen=
tiſchen
Interpretationen des Art. 54 der Reichsverfaſſung
nicht allein zuſtändig, ſondern dazu gehöre auch der
Reichstag. Denn authentiſche Interpretation bedeute hier
ſo viel wie Geſetz. Redner verwahrte ſich gegen den ihm
von einer Zeitung gemachten Vorwurf, er ſei Preu=
ßen
zu nahe getreten, indem er den § 19 des Waſ=
ſerſtraßengeſetzes
vom Jahre 1905 als verfaſſungswidrig
bezeichnete. Die Richter und Parlamentarier ſeien ver=
pflichtet
, darüber zu wachen, daß das Landrecht nicht gegen
das Reichsrecht verſtoße. Der Vorwurf, daß ein preu=
ßiſches
Geſetz gegen das Reichsgeſetz verſtoße, ſei alſo ganz
objektiv. Tatſächlich handle es ſich bei den beabſichtigten
Schiffahrtsabgaben um eine Aenderung der Reichsverfaſ=
ſung
, es gebe Beſtimmungen, wie die Verfaſſungsände=
rungen
durchgeführt werden könnten. Eine Verfaſſungs=
änderung
dürfe allerdings nicht erfolgen, wenn ſie nicht
durch das Reichswohl geboten ſei. Das Reichswohl könne
aber niemals in Frage kommen, wenn es ſich um eine
Schädigung, wenn auch der Minorität handle. Soweit
ſeine Informationen reichten, ſei die in die Preſſe lan=
zierte
Behauptung von einem Schwanken der ſächſiſchen
Regierung vollſtändig unbegründet. Wach ſchloß, er hoffe,
daß die Bedenken Sachſens auch im übrigen Deutſchland
Widerhall finden würden.
Aus Karlsrühe wird der Frkf. Zig. geſchrieben:
Gegenüber mancherlei durch die Blätter laufenden Nach=
richten
wird hier betont, daß Neues zur Schiffahrtsab=
gabenfrage
nicht vorliegt, daß alſo Sachſen, Baden und
Heſſen auf ihrem bekannten, entſchieden ablehnenden
Standpunkt in gleicher Weiſe nach wie vor beharren. Daß
die badiſche Regierung dem Landtag auf die An=
frage
insbeſondere nach dem Stand der Verhandlungen
mit Württemberg im gegenwärtigen Zeitpunkt eine öffent=
liche
Antwort nicht gegeben hat, verſteht und billigt man,
wenn man die Gründe für dieſes Verhalten kennt. Es
kann jedenfalls weder von Unfreundlichkeit Badens gegen=
über
Württemberg hinſichtlich der Neckarkanaliſierung ernſt=
haft
die Rede ſein, noch auch von ungenügender Entſchie=
denheit
in der Abwehr der Rheinſchiffahrtsabgaben. Die
Meldung, daß das Geſamt= oder Staatsminiſterium ſich
noch nicht mit der Schiffahrtsabgabenfrage befaßt habe,
bedarf einer teilweiſen Richtigſtellung. Dem Staatsmini=
ſterium
liegt zwar nicht die geſchäftliche Vertretung der
Abgabenfrage ob, die reſſortmäßig vom Miniſterium des
Innern beſorgt wird, aber dieſes handelt ſicher nicht ohne
die jeweilige Sanktion des Geſamtminiſteriums.
Von anderer Seite wird jetzt darauf aufmerkſam ge=
macht
, daß Sachſen ſeinen früheren Standpunkt in die=
ſer
Frage geändert habe. Es wird daran erinnert, daß
im Jahre 1897 die ſächſiſche Regierung auf Anregung
Oeſterreichs einen Staatsvertrag unterzeichnet hat,
der die Einführung von Elbſchiffahrtsabgaben vorſah.
Wenn dieſer Vertrag ſchließlich nicht zuſtande kam, ſo lag
dies nur an einer öſterreichiſchen Ablehnung. Im Jahre
1900 ſchrieb der ſächſiſche Miniſterpräſident v. Metzſch auf
eine Eingabe des ſächſiſchen Mühlenverbandes, der drin=
gend
die Einführung von Schiffahrtsabgaben forderte,
folgendes:
Den Beſtrebungen, die auf Abänderung des Ar=
tikels
54 der Reichsverfaſſung und der einſchlagenden
Staatsverträge mit Oeſterreich gerichtet ſind, und auf Ein=
führung
von mäßigen, mindeſtens teilweiſe Deckung der
Selbſtkoſten der Elbuferſtaaten gewährenden Schiffahrts=
abgaben
ſteht die königlich ſächſiſche Staatsregierung ſym=
pathiſch
gegenüber und hat an ihrem Teile bei den Vor=
arbeiten
für den Abſchluß eines neuen deutſchen Elbſchiff=
fahrtsvertrages
mit Oeſterreich in dieſem Sinne mitge=
wirkt
.
Zweifellos iſt es das gute Recht der ſächſiſchen Regie=
rung
, ihren früheren Standpunkt in dieſer Frage zu än=
dern
, und ſie wird ihre triftigen Gründe dafür haben. Daß
übrigens die öſterreichiſche Regierung diesmal ſchon An=
laß
gehabt hätte, ihre Stellung in der Frage irgendwie
zum Ausdruck zu bringen, erſcheint ſehr unwahrſcheinlich,
da Verhandlungen mit fremden Staaten naturgemäß nur
von Reichs wegen ſtattfinden könnten. Und hierfür wäre
erſt der Zeitpunkt gekommen, wenn der preußiſche Antrag
die Zuſtimmung der geſetzgeberiſchen Faktoren gefun=
den
hat.

Die Reichspartei.

Die Freikonſervative Korreſpondenz veröffentlicht
folgende programmatiſche Erklärung:
Nach den bei der Generaldebatte zum preußiſchen
Etat abgegebenen Erklärungen erblickt die freikonſer=
vative
Partei eine ernſtliche Gefahr für un=
ſer
Vaterland darin, wenn aus dem Hader über
die Finanzreform eine dauernde Spaltung der bür=
gerlichen
Parteien, ein ernſter Gegenſatz zwiſchen Stadt
und Land und eine Gegenſätzlichkeit der Intereſſen von
Landwirtſchaft einerſeits, Handel und Induſtrie auf der
anderen Seite ſich entwickeln ſollte. Sie hält es nach ihrer
hiſtoriſchen Entwickelung, nach ihrer Stellung zwiſchen den
Parteien von rechts und links und im Hinblick auf ihren
Wahlſpruch: Das Vaterland über die Partei, für ihre
Aufgabe, nach Kräften einer ſolchen Wendung der Dinge
vorzubeugen und für die Sammlung der auf na=
tionalem
Boden ſtehenden bürgerlichen
Parteien zu poſitiver, ſchaffender Arbeit und für die
Aufrechterhaltung der Intereſſengemeinſchaft zwiſchen In=
duſtrie
und Landwirtſchaft zu wirken. Sie wird die Er=
füllung
dieſer Aufgabe als Richtſchnur für ihr poſitives
Verhalten nach allen Richtungen hin anſehen. Die erſte
Konſequenz aus dieſer politiſchen Geſamtauffaſſung iſt
von ihr dahin gezogen worden, daß jetzt der Zeitpunkt
gekommen iſt, wo neben wirkſamer Fürſorge für die hei=
miſche
Landwirtſchaft auch den Intereſſen unſerer
Induſtrie eine ſorgſame Pflege gewidmet werden muß.
Dies gilt, abgeſehen von einer kräftigen Fortentwickelung
unſerer Verkehrseinrichtungen, vor allem für das Gebiet
der Sozialpolitik. Hier muß dafür Sorge getragen
werden, daß nicht aus ideologiſchen oder Wahlrückſichten
die Bewegungsfreiheit unſerer gewerblichen Unterneh=
mungen
weiter in einer ihre Leiſtungsfähigkeit beeinträch=
tigenden
Weiſe beſchränkt wird. Wir müſſen bei der Fort=
führung
unſerer Sozialpolitik fortan den berechtigten For=
derungen
unſerer Induſtrie ebenſo Rechnung tragen, wie
den Intereſſen der Arbeiter, damit dieſe auch ferner im=
ſtande
iſt, den heimiſchen Markt gegen die ausländiſche
Konkururenz zu behaupten und den Wettkampf mit letz=
terer
auf dem Weltmarkt zu beſtehen.
Unter dem leitenden Geſichtspunkte der Sammlung
der ſtaatserhaltenden Elemente hält die freikonſervative
Partei auch den Verſuch des Zentrums, durch Er=
weckung
des Anſcheines eines neuen Kulturkampfes ſeine
Wähler wieder an ſich zu feſſeln, für äußerſt bedenklich, weil
derſelbe notwendig zu einem ſcharfen Widerſtreit der Kon=
feſſionen
führen muß. Auch vom Standpunkte des kon=
feſſionellen
Friedens aus tritt ſie daher mit vollſter Ent=
ſchiedenheit
den Zentrumsbeſtrebungen entgegen, welche
unter dem Vorwande der Freiheit der katholiſchen Kirche
auf die Herrſchaft dieſer Kirche über wichtige Zweige un=
ſeres
Staates, namentlich über die Schule abzielen. Sie
hält in dieſer Hinſicht feſt an dem in Preußen ſeit den
Zeiten Friedrichs des Großen geltenden Grundſatze, daß
die Schule eine Veranſtaltung des Staates und demzu=
folge
die Kirche keine Herrſchaft über ſie zu beanſpru=
chen
hat.

Deutſches Reich.

Im preußiſchen Abgeordnetenhauſe
nahm der Miniſterpräſident von Bethmann Holl=
weg
zu den Interpellationen betreffend
Kattowitz das Wort und erklärte:
Ich bin gern bereit, über die Anordnungen der
Staatsregierung Auskunft zu geben. Es kommt für mich
darauf an, feſtzuſtellen, daß für die Entſcheidung der Re=
gierung
Parteipolitik und konfeſſionelle Gegenſätze nicht
maßgebend geweſen ſind. Die Beamten ſtimmten für einen
Kandidaten der großpolniſchen Bewegung. Ich ſtelle auf
das bündigſte feſt, daß in der geſamten Polenpolitik
der preußiſchen Regierung konfeſſionelle Gegen=
ſätze
irgend eine Rolle nicht ſpielen. In Kattowitz gaben
Beamte und Lehrer ihre Stimmen für einen großpolni=
ſchen
Kandidaten ab, obwohl ihnen erklärt worden war,
daß eine ſolche Stimmabgabe mit ihren Pflichten unver=
einbar
ſei. Die Regierung entſchied dafür, von allen dis=
ziplinaren
Maßregeln abzuſehen. Sie verſetzte die Be=
amten
im Intereſſe des Dienſtes von Kattowitz in Aemter
gleichen Ranges und Gehalts. Schikanöſe, frivole Rück=
ſichten
dürfen bei ſolchen Verſetzungen nicht mitſprechen.
Der Vorwurf einer Rechts= und Verfaſſungswidrigkeit iſt
durchaus unbegründet. Die Regierung hat unſtreitbar
das Recht, Beamte, welche ſie an beſtimmter Stelle nicht
für geeignet hält, zu verſetzen. Der Beamte ſoll in ſeiner
Freiheit des Wahlrechts nur beſchränkt werden, wenn es
das Dienſtintereſſe durchaus erfordert. Wenn mit dieſem
Grundſatze gebrochen würde, würden die Grundlagen des
Staates erſchüttert werden. Die gegenwärtige Polen=
politik
, welche von Fürſt Zismarck inauguriert und vom
Fürſten Bülow fortaeführt wurde, findet die Zuſtimmung

der Mehrheit des Hauſes. Deshalb iſt es nicht nur ein
Recht, ſondern Pflicht der Regierung, die Prinzipien dieſer
Politik auch gegen Beamte durchzuführen. Der Gedanke
und die Hoffnung auf Wiederherſtellung des
polniſchen Nationalreiches iſt das geiſtige Ele=
ment
, das die Polen zuſammenhält und das der polniſchen
Bewegung eine ſtarke Stoßkraft verleiht. Die Geſchichte
lehrt, daß eine Politik des Zuſehens und Geſchehenlaſſens
für uns verhängnisvoll wäre. Eine ſolche Politik würde
eine Stärkung des Polentums zu ungunſten des Deutſch=
tums
zur Folge haben. Das Deutſchtum im Oſten
ſtark zu erhalten, iſt das Ziel unſerer Polenpolitit
und unſerer Schul= und Anſiedelungspolitik. Ich hoffe,
daß die Mehrheit des Hauſes die Politik der Regierung
auch zukünftig unterſtützt und daß ſie anerkennt, daß ſtaats=
rechtliche
Notwendigkeit die Regierung zu ihrem Vorgehen
beſtimmte.
In der Sitzung des Reichstags vom 17. Januar
wurde aus Anlaß der Interpellation über die Pen=
ſionsverſicherung
der Privatbeamten von
mehreren Rednern der Sachverhalt ſo dargeſtellt, als ob
der Zentralverband deutſcher Induſtriel=
ler
und ſein Generalſekretär Bueck ſich zur Privatbeam=
tenverſicherung
ungünſtig geſtellt hätten. Der Zentralver=
band
macht darauf aufmerkſam, daß das unrichtig ſei, daß
vielmehr ſchon in der Delegiertenverſammlung vom 28. Ol=
tober
1907 auf Antrag Buecks ein Beſchluß einſtimmig an=
genommen
worden ſei, der einer Privatbeamtenverſiche=
rung
der geringer beſoldeten indnſtriellen Angeſtellten gün=
ſtig
geſinnt ſei.
Die Zollkommiſſion des deutſch= franzöſi=
ſchen
Wirtſchaftsvereins trat am 17. ds. in
Frankfurt a. M. zu einer auch vom Pariſer Comité com=
mercigle
franco=allemand beſchickten Sitzung zuſammen,
um über die durch Annahme des neuen franzöſiſchen
Ziolltarifes in der Deputiertenkammer geſchaffene
Lage zu beraten. Für annähernd 100 dentſche Export=
artikel
, die durch die Tarifreform betroffen werden, lagen
eindringliche Reklamationen aus allen Teilen des Reiches
vor. Es wurde beſchloſſen, mit allen Kräften dahin zu
wirken, daß bei der bevorſtehenden Beratung des franzöſi=
ſchen
Zolltarifes im Senat noch weſentliche Aenderungen
der Tarifvorlage vorgenommen würden.
Dem Reichstage ſind bekanntlich Anträge auf
Abänderung des § 100g der Reichsgewerbe=
ordnung
zugegangen, wonach eine Innung ihre Mit=
glieder
in der Feſtſetzung der Preiſe ihrer Waren und Lei=
ſtungen
nicht beſchränken darf. In einer Rundfrage,
welche die Deutſche Fleiſcher=Zeitung unter den Flei=
ſcher
=Obermeiſtern veranſtaltete, ſprachen ſich die meiſten
für die Aufhebung des § 100g aus. Doch äußerte ſich eine
ſtarke Minorität gegen jede Beſchränkung der Konkurrenz.
Die Brüder Mannesmann veröffentlichen
folgende Erklärung: Die Zuſammenſtellung des De=
mentis
einer über Staatsſekretär v. Schön veröffentlichten
gehäſſigen Bemerkung mit dem Auszuge aus dem Marokko=
Weißbuch auf derſelben Seite der Nordd. Allg. Ztg.
ſcheint andeuten zu ſollen, daß der in Rede ſtehende per=
ſönliche
Angriff auf Herrn v. Schön von uns
ausgeht. Demgegenüber erklären wir aufs energiſchſte,
daß wir dieſen wie allen früheren perſönlichen Angriffen
auf Herrn v. Schön durchaus fernſtehen, da unſerer Ueber=
zeugung
nach durch derartige Angriffe der Rechtsſtand=
punkt
, von dem aus wir allein unſere Stellung verteidigen,
lediglich verdunkelt oder geſchwächt werden könnte.
Eine einſchneidende Aenderung in dem Sy=
zſtem
der preußiſchen Klaſſenlotterie, die
einer großen Anzahl von Lotterieſpielern nicht beſonders
angenehm ſein dürfte, wird augenblicklich vom Fiskus er=
wogen
. Wie das Berl. Tagebl. aus zuverläſſiger Quelle
erfährt, beabſichtigt die Lotteriedirektion, erſtens eine durch=
greifende
Aenderung im Ziehungsmodus einzuführen. Es
ſoll das ſogenannte Zweiſerienſyſtem zur Anwendung
kommen. Durch die Einführung des Zweiſerienſyſtems
würde die Hälfte der bisherigen Losnummern wegfallen
und es würden viele Losinhaber die ſchon ſeit mehreren
Jahren geſpielten Nummern verlieren; ſie wären gezwun=
gen
, ſich neue Nummern zu beſchaffen. Zweitens ſoll eine
abermalige Vermehrung der Lotterieloſe ſtattfinden. Ob
dieſe Maßnahmen für den Fiskus lukrativ ſein werden,
bleibt abzuwarten. In der Regiſtratur der preußiſchen
Lotteriedirektion wurde auf eine Anfrage mitgeteilt, daß
dieſe Maßnahmen bereits beſprochen worden ſind. Ein
endgültiges Reſultat läge aber bis jetzt amtlicherſeits noch
nicht vor.

Ausland.

Der Oberſtlandmarſchall von Böhmen hatte mit
dem Miniſterpräſidenten Frhrn. v. Bienerth eine längere
Beſprechung, deren Gegenſtand= die Einberufung des

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21. Januar 1910.

Nummer 17.

böhmiſchen Landtages bildete. Wie verlautet, wird der
Landtag unter allen Umſtänden einberufen werden; ob
er aber diesmal imſtande ſein wird, ſeine Arbeiten aufzu=
nehmen
und vor allem ſich zu konſtituieren, darüber hat
man in deutſchen Parteikreiſen noch kein Urteil, da die
Entſcheidung hierüber von den tſchechiſchen Parteien ab=
hängt
, von dieſer Seite aber noch keine Kundgebung vor=
liegt
, die die Oeffentlichkeit orientieren würde. Was die
deutſchen Landtagsparteien anbelangt, ſo nehmen ſie nach
wie vor denſelben Standpunkt ein wie im letzten Septem=
ber
: erſt Abhilfe ihrer gerechten Beſchwerden, dann Land=
tag
. Die Wiener Deutſche Korr. ſchreibt dazu: Wollen
die Tſchechen, daß der Landtag wieder arbeite, dann haben
ſie nichts anderes zu tun, als die Deutſchen in Böhmen
nicht mehr wie ein unterjochtes Volk, ſondern als in Böh=
men
gleichberechtigt zu behandeln und durch die Einwil=
ligung
in die nationale Abgrenzung ihren ernſten Willen
zu bekunden, mit den Deutſchen in Frieden zu leben und
auf eine Eroberungspolitik zu verzichten, der gegenüber
die Deutſchen nicht anders können, als von den äußerſten
Kampfmitteln Gebrauch zu machen. Ob alſo die Ver=
handlungen
, die in Wien begonnen haben und in Prag
fortgeſetzt werden, zu einem Ergebniſſe führen, liegt aus=
ſchließlich
in der Hand der tſchechiſchen Parteien.
Die ungariſche Regierung beabſichtigt, im Abge=
ordnetenhaus
am Montag das Budget, den Handels=
vertrag
mit Rumänien, ſowie den Bericht über die Bege=
bung
der Staatskaſſenſcheine vorzulegen und gleichzeitig
ein zweimonatiges Budgetproviſorium zu fordern.
Die Verſchleppung wichtiger Geſetze, wie die der
Militärvorlagen, durch die griechiſche Kammer hat in den
maßgebenden politiſchen Kreiſen Griechenlands große Ver=
ſtimmung
erzeugt. Die Kammerſitzungen werden wahr=
ſcheinlich
nun erſt nächſten Montag wieder aufgenommen
werden, falls bis dahin nicht die Militärliga außerordent=
liche
Schritte tut, da ſie erbittert iſt über den Mangel an
Pflichttreue unter den Deputierten. Es verlautet, daß die
Liga daran denkt, die Nationalverſammlung ein=
zuberufen
, um die Wiederkehr geordneter Zuſtände zu be=
ſchleunigen
. Daß das Kabinett Mavromichalis baldigſt
demiſſioniert, findet immer mehr Glauben. Die radikale
Partei, die ſich in ihrer Generalverſammlung mit der
kretiſchen Frage befaßte, übermittelte dem kretiſchen
Exekutivkomitee eine Reſolution, worin ſie proteſtiert ge=
gen
die Bemühungen, die Kreter von der Entſendung
eigener Abgeordneter nach Athen abzuhalten, und worin
ſie verſpricht, mit allen Mitteln gegen dieſen Verrat anzu=
kämpfen
.
Die angekündigten ſechs Proklamationen
des Präſidenten Taft wegen Gewährung des Minimal=
tarifs
ſind ergangen. Sie heben gleichmäßig hervor, es
ſei der befriedigende Beweis erbracht, daß keine der be=
treffenden
Regierungen die Vereinigten Staaten irgend=
wie
ungebührlich differenziere.
In dem Ausſchuß der Kammer für Berg= und
Hüttenweſen erklärt Wilſon, Kanada beſitze drei Fünftel
des geſamten Nickelvorrates der Welt: Die Bezirke,
in denen Nickel vorkommt, ſtehen jetzt unter der Kontrolle
des amerikaniſchen Truſts International Nickel Company
New=York Wilſon empfahl der kanadiſchen Regierung
dringend, die Kontrolle über die Nickelquellen des Landes
zum Nutzen Kanadas und Großbritanniens ſelbſt in die
Hand zu nehmen. Viele Millionen Tonnen dieſes Metal=
les
lägen nutzlos da, weil der Truſt den Abbau noch nicht
wünſche. Man müſſe mit aller Energie darauf dringen,
daß Kanada dieſe Nickelvorräte an ſich nehme und ſo Eng=
land
großen Vorteil vor allen anderen Ländern für den
Bau moderner Schlachtſchiffe ſichere. Der Ausſchuß be=
ſchloß
, das Geſchäftsgebaren des Truſts zu prüſen.

** Berlin, 20. Jan.
Die Parteiführer des
Reichstages ließen dem erkrankten Präſidenten des
Reichstages einen Blumenſtrauß überreichen. Zu
Ehren der Abgeordneten von Strombeck, Dr. Spahn
und Hitze, die 25 Jahre den Zentrumsfraktionen
des deutſchen Reichstages und des Abgeordnetenhauſes

angehören, fand ein Feſtmahl ſtatt, bei dem der Frat=
tionsvorſitzende
Frhr. v. Hertling die Verdienſte der
Jubilare feierte.
Die nationalliberale
Fraktion des Reichstages veranſtaltete geſtern abend
im Reichstage einen Bierabend, zu dem die Mit=
glieder
des Bundesrats, nationalliberale Abgeordnete
aus den verſchiedenſten Bundesſtaaten, Parteifreunde
und die Preſſe geladen waren. Im Laufe des Abends
begrüßte Abg. Baſſermann die Gäſte der Fraktion.

Ein elektriſcher Haushalt.

Die bisher umfaſſendſte Anwendung der Elektrizi=
tät
iſt in einem Pariſer Hauſe gemacht worden, deſſen
Ausſtattung vor kurzem George Knap aus Troyes
vollendet hat und das modernen Komfort in höchſter
Potenz zeigt. Es kann ſich zwar nicht jeder einen der=
artigen
Haushalt einrichten, denn die Koſten der Ein=
richtung
und des Betriebes, wie auch die unerläßliche
große Dienerſchaft geſtatten den Vorzug ſeines Be=
ſitzes
nur den Reichen; doch mag er ſeiner Originalität
halber auch für andere intereſſant ſein.
Schon an der Tür wird man, wie der Pariſer Korre=
ſpondent
des Scientifie American berichtet, elektriſch
in Empfang genommen. Man drückt auf einen Knopf
und vertraut Namen und Zweck des Beſuches einem
Telephon an. Die Tür öffnet ſich, und man wird, iſt
man beiſpielsweiſe zum Diner geladen, direkt in das
Speiſezimmer geführt. Die Gäſte ſetzen ſich an den ge=
deckten
Tiſch, doch kein Diener iſt zu ſehen. Die Tafel
iſt’ ein Tiſchleindeckdich, und der dienſtbare Geiſt iſt
wiederum die Elektrizität. Der Tiſch beſteht aus zwei,
durch eine Rinne voneinander gtrennten Teilen, einem
ovalen Mittelſtück und einem breiten Rande. Der
mittlere Teil iſt mit einem prächtigen Tafelaufſatz mit
Blumenſchmuck und bunten Lichteffekten geſchmückt und
mit Roſen beſtreut. Der äußere, die Teller und Ge=
decke
der Tiſchgäſte tragende Teil, iſt nach der Rinne
zu durch ein niedriges Geländer von Glas und Silber
begrenzt. An einem Längsende der ovalen Rinne be=
finden
ſich die beiden halbmondförmigen verſilberten
Platten, welche die Tür zum Speiſenaufzug bilden.
Der letztere iſt übrigens nur die Wiederbelebung einer
alten Einrichtung; im Stadtſchloß zu Potsdam bei=
ſpielsweiſe
befindet ſich ein Tiſch mit einer Oeffnung,
durch die ſchon zur Zeit Friedrichs des Großen die Spei=
ſen
mittelſt eines einfachen mechaniſchen Aufzugs von
unten heraufbefördert wurden,

Auf dem modernen Tiſchleindeckdich zu Paris be=
finden
ſich vor dem Platz des Hausherrn vier Knöpfe
verſchiedener Farbe. Sobald alle Tiſchgenoſſen Platz
genommen haben, gibt der Wirt durch Druck auf einen
weißen Knopf dem Küchenperſonal ein Zeichen, die
Elevatortüren öffnen ſich, die Suppenterrine ſteigt, von
einer Silberplatte getragen, empor, und die halbmond=
förmigen
Türen ſchließen ſich hinter ihr wieder ſoweit,
daß nur die Rinne zwiſchen ihnen freibleibt, durch die
der Stiel der ſpeiſetragenden Platte läuft. Nun drückt
der Hausherr auf einen roten Knopf zu ſeiner Rechten
und ſofort ſetzt ſich die Platte nach dieſer Richtung in
Bewegung, indem der Stiel durch die ovale Rinne
weitergleitet. Durch Abheben des Fingers von dem
Knopf bewirkt der Hausherr, daß das Gericht vor dem
nächſten Gaſt ſtehen bleibt. Dieſer bedient ſich ſelbſt,
und ein Druck auf den Knopf befördert die Platte zum
nächſten Tiſchgaſt, wo ſie in gleicher Weiſe angehalten
wird. Der dritte, gleichfalls rote Knopf, befindet ſich
links von dem Hausherrn. Vermittelſt ſeiner kann der
Speiſenträger die Runde um den Tiſch nach links hin
machen. Durch Druck auf den vierten Knopf rotiert
der Speiſenträger um ſich ſelbſt, damit der Gaſt ſich be=
quemer
bedienen kann. Ein Doppeldruck auf den erſten
weißen Knopf befördert die zum Aufzug zurückgelangte
Platte wieder in die Küche, von wo ſie mit dem nächſten
Gericht wieder auftaucht. Das Wechſeln der Teller be=
ſorgt
inzwiſchen ein Diener.
Die Küche ſelbſt iſt ſauber und hübſch ausgeſtattet.
Der elektriſche Herd gleicht infolge ſeiner Ausführung
in Marmor und Holz einem Büfett; er trägt ein Schalt=
brett
, eine elektriſche Uhr, einen Rheoſtaten zur Re=
gulierung
des Stromes und der Heizwirkung, ſowie ein
Ammeter zum Meſſen des Stromes, der zum Kochen
jedes beſtimmten Gerichtes notwendig iſt. Die vier
elektriſchen Kocher des Herdes können ſowohl einzeln,
wie auch gleichzeitig benutzt werden. Vermittelſt der
elektriſchen Uhr iſt es möglich, jede Speiſe ganz genau
die ihr zukommende Zeit, und nicht länger, zu kochen.

Soll z. B. ein Huhn im elektriſchen Bratofen gebraten
werden, wozu nach Knaps Erfahrungen 30 Minuten
erforderlich ſind, ſo ſtellt man den elektriſchen Kontakt
der Uhr auf Ziffer 30 ein. Sobald die gewünſchte An=
zahl
Minuten verſtrichen iſt, wird der Strom automa=
tiſch
ausgeſchaltet und eine elektriſche Glocke tönt zum
Zeichen, daß das Huhn fertig iſt.
Ebenſo verhält es ſich mit allen anderen Speiſen.
Der Koch ſetzt ſie auf den Herd und iſt damit fertig;
alles übrige beſorgt der elektriſche Strom. Bei rich=
tiger
Einſtellung iſt ein Anbrennen unmöglich.
Daß die in der Küche notwendigen Hilfsfunktionen,
wie Fleiſchhacken, Sahneſchlagen, Abwaſchen u. a. m.,
gleichfalls elektriſch ausgeführt werden, bedarf wohl
kaum der Erwähnung. Einige ſonderbare Erſchein=
ungen
ſind in dieſer elektriſchen Küche zu beobachten.
So werden z. B. Eier ohne Waſſer geſotten ein
Braten wird, im Gegenſatz zu der Wirkung jedes
anderen Heizmaterials, von innen heraus gar, und die
Haut wird erſt ganz zuletzt braun und knuſperig. Nach
Knaps Behauptung iſt bei dieſer Art des Kochens ein
Trockenwerden des Fleiſches ausgeſchloſſen und ſein
Geſchmack wird vorzüglich.
Im Waſchraum neben der Küche ſind elektriſche
Waſchmaſchinen, elektriſche Trockenöfen, elektriſche
Plätteiſen und Pättmaſchinen, ſo daß die Wäſche, die
ſchmutzig in den Raum gebracht wird, denſelben ſchrank=
fertig
wieder verläßt.
Auch das Schlafzimmer hat einige hübſche Neu=
heiten
aufzuweiſen. Ein Druck auf einen Knopf bringt
mittels eines in einem Tiſchchen verborgenen Eleva=
tors
das Frühſtück und die Morgenzeitung ans Bett,
und die elektriſchen Spione, die in allen Zimmern
hinter den Tapeten verborgen und mit hochempfind=
lichen
Mikrophonen verbunden ſind, münden ſämtlich
im Schlafzimmer und ermöglichen es dem Hausherrn,
ſein ganzes Haus=zu kontrollieren, ohne das Bett zu
verlaſten.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 21. Januar.

Verſetzung in den Ruheſtand. Se. Königl.
Hoheit der Großherzog haben den Bureauvorſteher
bei dem Kreisamte Alsfeld Kanzleirat Karl Wurſtius
auf ſein Nachſuchen unter Anerkennung ſeiner lang=
jährigen
treu geleiſteten Dienſte in den Ruheſtand verſetzt
und ihm die Krone zu dem Ritterkreuz 2. Klaſſe des
Verdienſtordens Philipps des Großmütigen verliehen.
* Kirchliche Dienſtnachrichten. Ernannt wurden:
Pfarramtskandidat Weiß zu Selzen zum Pfarrver=
walter
in Reinheim, Dekanat Reinheim; Pfarramts=
kandidat
Lic. Vollrath zu Darmſtadt zum Pfarrver=
walter
in Leeheim, Dekanat Groß=Gerau; Pfarramts=
kandidat
Steiner zu Schwanheim zum Pfarrver=
walter
in Rothenberg, Dekanat Erbach; Pfarramts=
kandidat
Zur Nieden zu Bad Nauheim, Dekanat
Friedberg, zum Pfarraſſiſtenten; Pfarramtskandidat
Gerich zu Altenſchlirf zum Pfarraſſiſtenten in Kirch=
berg
, Dekanat Gießen (mit dem Wohnſitz in Lollar);
Pfarramtskandidat Eichenauer zu Ober=Ohmen zum
Pfarrvikar in Raunheim, Dekanat Groß=Gerau; Pfarr=
amtstandidat
Köhler zu Wohnbach zum Pfarraſſi=
ſtenten
an der Landpfarrei Mainz.
*X* Das Kriegsgericht der 25. Diviſion verhau=
delte
geſtern gegen den Fuhrmann Johann Krämer
von Mainz, der wegen unerlaubter Entfernung zu 2
Monaten Gefängnis, abzüglich 2 Wochen Unter=
ſuchungshaft
, verurteilt wurde. Er iſt nach kurzer
Einſtellung als unſicherer Heerespflichtiger, die im
Sommer 1908 erfolgte, zur Dispoſition der Erſatz=
behörden
entlaſſen worden, hatte alſo ſtets ſeinen Auf=
enthaltsort
dem Bezirkskommando anzugeben. Er tat
dies mehrmals nicht und entzog ſich dadurch der Kon=
trolle
. Weiter wurde gegen den Unteroffizier
des hieſigen Dragoner=Regiments Nr. 23 Johann
Hörr aus Reichelsheim wegen mehrfachen
ſchweren Diebſtahls verhandelt.
Er war be=
ſchuldigt
, zu wiederholten Malen unter Benutzung
eines falſchen Schlüſſels aus den Spinden von Unter=
gebenen
ſich Gegenſtände, Lebensmittel, Wäſcheſtücke
und dergleichen angeeignet zu haben. Einer der Be=
ſtohkenen
, der ſich auf die Lauer legte, hat nach ſeiner
beſtimmten Ausſage den Angeklagten bei Verübung
eines ſolchen Diebſtahls beobachtet. Verſchiedene ge=
ſtohlene
Gegenſtände wurden im Beſitz des Hörr ge=
funden
. Das Urteil lautete auf 5 Monate Ge=
fängnis
, abzüglich einer Woche für erlittene Unter=
ſuchungshaft
, ſowie Degradation und Verſetzung in die
zweite Klaſſe des Soldatenſtandes.
n. Herr Oberarzt Dr. Gros vom ſtädtiſchen Kran=
kenhaus
hat ſeine Stelle auf den 1. April d. J. ge=
tündigt
, nachdem er hier ſieben Jahre tätig geweſen
iſt und ſich durch ſein Wirken allgemeine Beliebtheit
erworben hat. Herr Dr. Gros, der, im 31. Lebensjahre
ſehend, bereits auf eine geſegnete Tätigkeit im Dienſt
der Allgemeinheit zurückblicken kann, wird ſich ferner=
hin
hier der Privatpraxis widmen. Er iſt bekanntlich
der zweitälteſte Sohn des Hofapothekers Gros hier.
Aus der Beſſunger Bücherhalle (Beſſunger
Straße 48) wurden im Monat Dezember 1382 Bücher
entliehen; eingeſchriebene Leſer ſeit 1. April: 429. Ge=
ſchenke
gingen ein: von Frau von Schenck 1 Jahrgang
Zeitſchriften, von Frau O. Koch 5 Jahrgänge desgl. Den
gütigen Gebern herzlichen Dank. Anmeldungen wei=
terer
Spenden von Büchern und guten Zeitſchriften,
ſowie Beitrittserklärungen zum Verein für Ver=
breitung
von Volksbildung (Mindeſtbeitrag 2 Mark
werden vom Vorſtand des Vereins (Obere Moosberg=
ſtraße
40) gern entgegengenommen. Unentgeltliche
Bücherausgabe: Dienstag, Donnerstag und Samstag
von abends 7½ Uhr bis 9 Uhr.
* Schlachtungen. Nach dem Monatsberichte des
Fleiſchbeſchauamts ſind während des Monats Dezember
im hieſigen Schlachthaus geſchlachtet worden: 146
Ochſen, 4 Bullen, 352 Kühe, 9 Jungrinder, 1339 Kälber,
2335 Schweine, 755 Schafe, 10 Ziegen und 34 Pferde.
Beanſtandet wurden: 52 Ochſen, 222 Kühe, 4
Jung=
rinder
, 19 Kälber, 372 Schweine, 151 Schafe, 2 Ziegen
und 9 Pferde. Minderwertig wurde erklärt das Fleiſch
von:
1 Ochſen, 7¾ Kühen, 1 Jungrind, 1 Kälbern,
8¾ Schweinen und 2 Ziegen. Bedingt tauglich war das
Fleiſch von: ¾ Kühen, ¾ Kälbern und 2¾ Schweinen.

Untauglich waren: 4 Kühe, 1 Kalb, 1376 Organe,
210½ kg Fett und 106½ kg Fleiſch von 831 Tieren.
Auf Trichinen unterſucht wurden: 2335 im Schlachthaus
geſchlachtete und 2 von Privaten geſchlachtete Schweine,
ſowie 7928¾ kg für hieſige Metzger eingeführtes friſches
Fleiſch von 342 Schweinen.
Karnevalgeſellſchaft Narrhalla. Nach dem nun=
mehr
vorliegenden Programm für das große Muſit=
und Geſangsfeſt am Sonntag, den 23., verſpricht
dieſes neuartige Karnevalfeſt äußerſt reichhaltig und
abwechſelungsreich zu werden. Neben beſten hieſigen
Rednern wird Herr Mundo=Mainz als Damen=
mitator
auftreten und hieſige und auswärtige Salon=
humoriſten
werden Vorträge und Lieder bringen. Auch
Louis Netz wird wieder auf dem Plan ſein. Weiter
iſt eine junge Sängerin verpflichtet worden, und
ſchließlich iſt, um auch dem Auge etwas zu bieten, eine
neue Gruppe von Akrobaten engagiert, die unter
Kunſtmaler Bauers Leitung Bronzegruppen
ſtellen wird, wie ſie zurzeit im Orpheum zu ſehen ſind.
Die Gruppe zählt acht Perſonen. Es werden ſo=
wohl
ernſte, guten Kunſtwerken nachgebildete
Plaſtiken, wie eine Reihe humoriſtiſcher, dem Zwea
des Abends angepaßter Gruppen geſtellt werden.
Gemeinſame Lieder und Büttreden vervollſtändigen
das Programm, deſſen muſikaliſcher Teil in Händen
des Muſikmeiſters Karl Maria von Weber liegt,
der mit ſeiner vortrefflichen Schar eine Reihe luſtiger,
närriſcher Muſikſtücke bringt. Das Präſidium führt
Herr Max Anſpach, deſſen Name mit dem Vorge=
brachten
Gewähr dafür bietet, daß die Veranſtaltung
ebenſo glänzend verlaufen wird, wie die erſte Sitzung
nach allgemeinem Urteil verlaufen iſt. Es iſt in der
Tat nicht zu viel geſagt, daß dieſes Karnevalfeſt im
Rahmen eines Muſik= und Geſangsfeſtes vollgültigen
Erſatz für eine zweite Sitzung bieten wird. Es ſei
darauf aufmerkſam gemacht, daß wieder eine beſchränkte
Anzahl numerierter Plätze ausgegeben wird=
eine
Einrichtung, die im Publikum ſehr ſympathiſch
aufgenommen wurde, wie die ſtarke Nachfrage nach
Karten beweiſt. Es empfiehlt ſich, dieſe numerierten
Plätze baldigſt zu belegen, damit eventl. noch
Wünſche berückſichtigt werden können (Vorverkauf nur
bei O. Titze), da an der Abendkaſſe Karten für nume=
rierte
Plätze nicht mehr ausgegeben werden.
Die Geſellſchaft Harmloſe hält am kommenden
Sonntag, den 23. d. M., in dem herrlich=närriſch deko=
rierten
Kaiſer= und Fürſtenſaal aus Anlaß des 10 jäh=
rigen
Beſtehens eine große Jubiläums=Damen= und
Herrenſitzung mit darauffolgendem Tanz ab. Die
Sitzung, deren Leitung in den Händen des bewährten
Karnevaliſten Herrn Julius Simon liegt, wird ſich
nach dem bereits feſtſtehenden Programm zu einer be=
ſonders
glanzvollen geſtalten. Werden doch in dieſer
Sitzung eine große Anzahl der beſten hieſigen Karne=
valsredner
die Bütt beſteigen und die bekannteſten
Liederdichter der Reſidenz vertreten ſein. Außerdem
wird das Programm eine angenehme Abwechſelung
durch das Auftreten einer humoriſtiſchen Atrobaten=
truppe
erfahren. Bezüglich der Eintrittskarten und
Vorverkaufsſtellen wird auf die Anzeigen und Plakate
verwieſen.
Städtiſcher Saalbau. Wer vieles bringt, wird
manchem etwas bringen! Darum ſoll am nächſten Sonn=
tag
ein großes karnevaliſtiſches Konzert der
Kapelle des Leibgarde=Regiments die Reihe der ſo wohlge=
lungenen
Saalbaukonzerte im diesjährigen Faſching fort=
ſetzen
, und zwar unter perſönlicher Leitung des Herrn
Obermuſikmeiſter Hauske. Der Ruf der Kapelle und
ihres geſchätzten Leiters bürgen für frohe und genußreiche
Stunden, umſomehr, als die verſchiedenen bekannten Solo=
kräfte
, u. a. auch der beliebte Violinſoliſt Herr Czaſchke,
durch geeignete Vorträge für eine angeregte Stimmung
ſorgen werden. In das Programm hat man neue Lieder
und mancherlei Ueberraſchungen aufgenommen. Beſondere
Berückſichtigung haben die neueſten zugkräftigen Operetten=
ſchlager
gefunden, die ja auch beim Tanz im Garten=
ſaal
ihre Wirkung nicht verfehlen werden. (Näheres Inſ.)
Olympia=Kinematograph, Ernſt Ludwigſtraße,
bringt in ſeinem heutigen Programmwechſel wieder
eine Reihe ſchöner lebender Photographien zur Vor=
führung
. Beſonders erwähnt ſei: Liebestriumph,
ein zauberhaftes Märchen in Farbenkinematographie.
Eine Eisbärjagd in der Polargegend iſt eine beleh=
rende
und intereſſante Naturaufnahme, Vorher und
nachher ein humoriſtiſcher Schlager von dem bekann=
ten
Herrn M. Linder. Die Hauptrolle wird vom Ver=
faſſer
ſelbſt geſpielt. (Näheres ſiehe Anzeige.)
Pfungſtadt, 20. Jan. Ein Unfall ereignete
ſich während des Handarbeitsunterrichts in einer
Mädchenklaſſe, indem einer 11jährigen Schülerin eine
Häckelnadel in das Geſäß eindrang, als ſie ſich nieder=
ſetzte
. Sie drang tief in das Oberbein ein, doch ſoll
nach Ausſage des Arztes, der die Nadel wieder ent=

[ ][  ][ ]

Nummer 17=
Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21. Januar 1910.
Seite 3.

fernen konnte, ohne weitere Verletzungen zu verur=
ſachen
, die Wunde nicht gefahröringend ſein. Die
hieſtgen Zündholzfabrikanten ſind dem in der
vorigen Woche gegründeten Verkaufsſyndikat: Deut=
ſches
Zündholzſyndikat, G. m. b. H., beigetreten. Das
Syndilat ſoll am 1. April d. J. ſeine Tätigkeit aufneh=
Die
men und ſeinen Sitz in Dresden bekommen.
diesjährige Verbandsausſtellung des Starkenburger
weflügelzüchtervereins wird hier abgehal=
ten
. Die Mitglieder des hieſigen Vereins weiſen vor=
zügliches
Zuchtmaterial auf und haben Stämme nach
den verſchiedenen Teilen des Auslandes verſandt.
sm. Schönberg, 20. Jan. (Hochzeit im Hauſe
Schönberg.) Hatte es die Tage vorher ununter=
brochen
geregnet, ſo war der Hochzeitstag ſelbſt
hell und klar, deshalb nahmen auch viele Bewohner
des Tales und der Umgebung Veranlaſſung, zum
Schönberger Kirchlein hinaufzuwandern. Bald war
die reizende, hoch auf dem Berge liegende Kirche ge=
füllt
und alles harrte voller Erwartung des Eintritts
der fürſtlichen Gäſte. Um die Mittagsſtunde, nachdem
ſich die fürſtlichen Herrſchaften vollzählig eingefunden
haiten, trafen die nächſten Angehörigen mit dem prinz=
lichen
Brautpaare ein Feierlich hob das Orgelſpiel
an und blumenſtreuerd ſchritt die liebliche, 8jährige
Prinzeſſin Imma, die Tochter des Fürſten zu Erbach=
Schönberg, der Braut voran, welche von dem Fürſten
zn Stolberg=Wernigerode und dem Fürſten Alexander
zu Erbach=Schönberg, ihrem Bruder, geführt wurde,
Tie Schleppe der Braut trugen der Erbprinz und der
Prinz Wilhelm Ernſt zu Erbach=Schönberg. Es folg=
ten
die Prinzeſſin Luiſe von Battenberg und die Grä=
fin
Anna Eliſabeth zu Stolberg=Wernigerode als
Brantjungfern. Der Prinz=Bräutigam wurde von der
Frau Fürſtin=Mutter und der Gräfin Konſtantin zu
Stolberg=Wernigerode zu den Stufen des Altars ge=
leittt
.
Herr Paſtor Palmer von Offenbah, der bei der
kirchlichen Feier von Pfarrer Schloſſer=Gronau
und Hofkaplan Weller aſſiſtiert wurde, hielt die
Traurede, welcher er als Text die Bibelworte Jeſaia
63, 15 zugrunde legte. Die ſtandesamtliche Ehe=
ſchließung
hatte Herr Bürgermeiſter Hofmann
von Schönberg vorher im Schloſſe vollzogen. Die
Hochzeitsgäſte wurden in Automobilen, as Brautpaar
im Wagen zur Kirche gefahren. Allgemeines Inter=
eſte
erweckten die koſtbaren Toiletten der fürſtlichen
Damen. Das Brautkleid der Prinzeſſin Edda, ein
weißes Seidenkleid mit großer Schleppe, wurde beſon=
ders
bewundert. Ein wundervoller, koſtbarer Spitzen=
ſchleier
wurde von dem Myrtenkranz gehalten. Die
Großherzogin von Heſſen trug eine zart=
ginne
, golddurchwirkte Seidenrobe mit Tülleinſatz
dazu eine Toque von Hermelin mit hohem Reiher=
ſtutz
, Muff und Umhang von Hermelin. Einleitend
ſpielte Herr Wilhelm Schmitt das Härdelſche Arioſo
und Herr Kammerſänger Fahr von Darmſtadt ſang
nach der Einſegnung des hohen Paares das Lied: Wo
In hingehſt‟. Das Brautbukett beſtand aus weißen
Rojer und Maiblumen.
Um 1 Uhr fand Gratulationscour im
Schloſſe ſtatt und um 2 Uhr begann die Tafel, zu
welcher die Kapelle des Garde=Dragoner=Regiments
Nr. 23 die Tafelmuſik ſtellte. (Auch zu den Vorfeſtlich=
keiten
hatte die Kapelle der Garde=Dragoner
unter Muſikmeiſter Mittelſtädt die Muſik
geſtellt, wie berichtigend bemerkt ſei.) Die Tafel trug
reichen Blumenſchmuck von Maiblumen und weißem
Flieder. 63 Gedecke waren aufgelegt. Die erſte An=
rede
an das neuvermählte Paar hielt der Fürſt zu Er=
lach
=Schönberg; es folgte bald darauf der Fürſt zu
Stolberg=Wernigerode mit einem Toaſt auf das Haus
Erbach=Schönberg. Der Großherzog führte die
Fürſtin=Mutter, der Fürſt zu Erbach=Schönberg die
(roßherzogin. Anweſend waren noch zahlreiche
Verwandte aus den Häuſern Erbach=Crbach, Erbach=
Fürſtenau und Stolberg=Wernigerode, ſowie die Prin=
zen
und Prinzeſſinnen Reuß und die Fürſten zu Wied
und Löwenſtein. Auch Fürſt und Fürſtin Karl und
Prinzeſſin Dorothea zu Solms=Lich waren zugegen.
Die Abreiſe des jungen Paares nach Frankfurt erfolgte
um 7 Uhr. Das jungvermählte Paar wird ſeine Hoch=
zeitsreiſe
nach England unternehmen, um bis Ende
des Monats in Rom, dem Wohnſitz des Prinzen, ein=
zutreffen
.
Trebur, 19. Jan. Daß jemand ſich bei einer Hoch=
zeit
beteiligt, welche ohne ſein Wiſſen mit ſeinem
eigenen Gelde gefeiert wird, iſt eine Tatſache, die
ſich wohl ſelten ereignet, aber ſich letzthin hier zugetra=
gen
hat. Eine Witwe, die ſich eines verhältnismäßi=

gen Wohlſtandes erfreut, beſitzt ein Guthaben bei der
Spar= und Darlehnskaſſe, und hiervon hatte eine be=
ſreundete
Familie Kenntnis. Durch Liſt verſchaffte
man ſich das Sparkaſſebuch, erhot 850 Mark, feierte da=
mit
die Hochzeit der Tochter und lud die Betrogene
dazu ein. Dieſe amüſierte ſich nie die anderen gelade=
nen
Gäſte vorzüglich, ihr Geſichtsausdruck ſoll aber
ſchwer zu beſchreiben geweſen ſein, als ſie erfuhr, daß
ſie mit ihrem eigenen Gelde eine fremde Hochzeit hatte
ſcrern helfen! Die Großh. Gendarmerie bat die Sache
Lereits in Händen. (Krsbl.)
Worms, 19. Jan. Die geſtrige Straßenſenk=
ung
an der Brunhildenbrücke hat glücklicherweiſe keine
nachteiligen Folgen für den Verkehr gehabt. An jener
Stelle befindet ſich unter dem Pflaſter der frühere Ber=
trandſche
Bierkeller, den man bei Anlegung der Straße
unbegreiflicherweiſe nicht ausgefüillt hat.
Worms, 20. Jan. Dem Theaterdirektor Willy
Römheld aus Darmſtadt wurde laut Beſchluß der
Wormſer Städt. Spiel= und Feſthaus=Deputation das
Feſtſpielhaus in Worms nach Schluß der diesjähri=
gen
Spielzeit für ſeine Theatervorſtellungen überlaſſen.
A Reiskirchen (Kreis Gießen), 19. Jan. In den
letzten fünf Jahren ſind im Kreiſe Gießen über 20
Schulhausneubauten dank der eifrigen Tätig=
keit
des Kreisamts und der Kreisſchulkommiſſion ent=
ſtanden
und auch unſer Ortsvorſtand hat der Erbau=
ung
eines neuen, zweiklaſſigen Schulhauſes zuge=
ſtimmt
. Das Projekt ſtammt von dem Großh. Baurat
Diehm, dem Kreisbauinſpektor des Kreiſes Gießen.
und ſieht außer den erforderlichen Unterrichtsräumen
auch hübſche, geräumige Lehrerwohnungen vor. Die
für den Neubau erforderlichen Arbeiten und Liefer=
ungen
ſind zurzeit öffentlich ausgeſchrieben und ſollen
ſofort nach Zuſchlagserteilung in Angriff genommen
werden. Im Laufe dieſes Jahres wird auch unſere
Waſſerleitung zur Ausführung kommen, und
zwar ſoll eine in der Gemarkung gelegene ſtarke
Quelle durch ein Pumpwerk gehoben werden, nachdem
die Abſicht, mit den Nachbargemeinden Saaſen und
Lindenſtruth ein gemeinſames Gruppenwaſſerwerk zu
errichten, auf Grund der mit dieſen Gemeinden ein=
geleiteten
Verhandlungen vom hieſigen Ortsvorſtand
endgültig aufgegeben worden iſt. Auch hierfür ſind
bereits die erforderlichen Vorunterſuchungen in die
Wege geleitet.
. Aus dem Kreiſe Schotten, 19. Jan. In der letz=
ten
Woche fand in Groß=Eichen eine gemeinſame Sitz=
ung
der Ortsvorſtände von Groß=Eichen und
Sellnrod ſtatt, in der ein endgültiger Beſchluß über
die zu erbauende gemeinſchaftliche Waſ=
ſerverſorgung
in Gegenwart von Vertretern des
Großh. Kreisamts Schotten und der Großh. Kultur=
inſpektion
Gießen gefaßt wurde. Zwiſchen den beiden
Gemeinden wurde ein Vertrag vereinbart, auf Grund
deſſen die Kulturinſpektion Gießen mit der ſofortigen
Inangriffnahme der Vorarbeiten betraut wurde. Wie
wir hören, ſollen zunächſt die für die gemeinſchaftliche
Waſſerverſorgung in Betracht kommenden Quellen in
den Gemarkungen Bobenhauſen und Wohnfeld ge=
ſchürft
und längere Zeit hinſichtlich ihrer Ergiebigkeit
beobachtet werden. Die für die Schürfungen notwen=
digen
Arbeiten und Lieferungen ſind zurzeit ausge=
ſchrieben
.

Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.

J.L. Faſching und Oſtern. Der Faſching
vom mittelhochdeutſchen vaschane Faſtnacht) oder
die Karnevalszeit, die Zeit der Fröhlichkeit, über=
mütigen
Laune, Ausgelaſſenheit und Narrheit, beginnt
mit dem 6. Januar (Epiphania, d. h. Erſcheinung, oder
Feſt der Anbetung der heiligen 3 Könige, daher auch
Dreikönigstag) und endigt mit Faſtnacht ( Faſtnachts=
dienstag
). Zwiſchen letzterem Tage und Oſtern liegen
regelmäßig 46 Tage. Da aber Oſtern ein bewegliches
Feſt iſt, nämlich in die Zeit vom 22. März bis 25. April
fallen kann, ſo richtet ſich danach auch die Dauer des
Faſchings! Im laufenden Jahre iſt Oſtern am 27. März;
46 Tage zurückgezählt, kommt man auf den 8. Februar
Faſtnacht, ſo daß diesmal der Faſching vom 6. Januar
bis einſchließlich 8. Februar 34 Tage währt. Im
nächſten Jahre, 1911, fällt Oſtern erſt auf den 16. April,
Faſtnacht alſo auf den 28. Februar, womit für den
Faſching die Zeit vom 6. Januar bis 28. Februar ( 5=
Tage) in Betracht kommt. Im Jahre 1912 (Schaltjahr)
iſt Oſtern am 7. April, der Faſching dauert vom 6. Jan.
bis 20. Febr. 46 Tage. Im Jahre 1913 aber währt
dieſe luſtige Zeit nur 30 Tage, vom 6. Januar bis
einſchließlich 4. Februar, da dann Oſtern ſchon auf den
23. März fällt. Diejenigen indeſſen, welche das Jahr
1943 erleben, wo Oſtern erſt am 25. April eintritt, haben
die Genugtuung, um ſo länger, vom 6. Januar bis
9. März 63 Tage, alſo mehr als die doppelte Zeit
fröhlich, übermütig und närriſch ſein zu können.
* Leoncavallos neue Oper Maja, die
in Rom im Beiſein des Königspaares im Coſtanzi=
Theater zur Aufführung kam, bereitete allgemeine Ent=
täuſchung
. Ein überaus nichtsſagendes, konventionelles
Libretto aus dem Hirtenleben vereinigt ſich mit ebenſo
konventioneller, ſchwacher Muſik, um das Publikum
drei Stunden hindurch zu langweilen. Nur im erſten
Akte gelangen dem Maeſtro eine Romanze und ein
Liebesduett, die Beifall fanden. Von dem mit allerlei
Tarantella= und Operettenmuſik geſpickten zweiten Akt
an trat ein rapider Niedergang ein. Amüſant war, daß
das Orcheſter Mascagnidirigierte, deſſen früher
ſſehr geſpanntes Verhältnis zu Leoncavallo man kennt
Trotz einer wohlorganiſierten und aufdringlichen
Claque erlebte die Oper ein unverhülltes Fiasko. Der

Beifall war oft genug, ja faſt immer, mit Pfeifen ge=
miſcht
, oder wurde mindeſtens von dem unwilligen
Publikum energiſch gedämpft. Die römiſche Kritik
äußert ſich abſprechend. Der Popolo Romano beklagt
das kindiſche Libretto, das eine ſchlechtere Auflage des
Librettos von Mascagnis Amica ſei, und konſtatiert,
daß die Erwartung, die der Oper Maja vorausging,
gründlich getäuſcht worden ſei. Das Blatt zieht einen
Vergleich zwiſchen der tiefen Muſik des von Leonca=
vallo
bekanntlich ſo ſehr heruntergeriſſenen Strauß und
dem nichtsſagenden, unoriginellen, hohlen Machwerk
Leoncavallos, das in einemfort den Eindruck hervor=
rufe
, als habe man es ſchon irgendwo gehört. Der Geiſt
des Zuhörers errate die Entwicklung jeder Phraſe und
die Auflöſung jeder Harmonie ſchon im voraus. Der
Meſſagero ſagt etwa dasſelbe und findet zudem in
Maja zahlreiche Anklänge an Bizets Arleſienne‟
und andere Opern anderer Maeſtri. Der Schlußakt
endete ebenſo armſelig, wie er angefangen, ohne einen
Hauch des Lebens und vermochte keinerlei Leidenſchaft
zu entfeſſeln. Maja iſt unſtreitig das ſchwächſte vor
allen Werken Leoncavallos. Für dieſen Genuß hatte
das Coſtanzi=Theater die Preiſe dermaßen erhöht, daß
zum Beiſpiel ein einfacher Parkettplatz 35 Franken
koſtete!
* Kopenhagen, 19. Jan. Das Univerſi=
täts
=Konſiſtorium hielt vormittags eine Sitzung
ab zur Verhandlung über die Mitteilung der Cook=
Kommiſſion, durch die Cooks originale Notizbücher
als in allem Weſentlichen mit der Abſchrift überein=
ſtimmend
erklärt werden, auf Grund deren die Uni=
verſität
ihr Urteil abgab. Die Sache muß damit, ſoweit
das bisher vorliegende Material in Betracht kommt,
als abgeſchloſſen angeſehen werden. Sie enthält, wie
ſchon erklärt worden, nicht den geringſten Beweis, daß
Cook den Nordpol erreichte. Ebenſowenig kann aber
geſagt werden, ſie enthalte den entſcheidenden Gegen
beweis. Das Reſultat der Beratungen des Univerſi=
täts
=Konſiſtoriums wird nunmehr dem Vorſitzenden der
Cook=Kommiſſion zugeſtellt werden. Von den Verhand=
lungen
zwiſchen dieſem und dem Univerſitätsrektor
wird es dann abhängen, ob gegen Cook wegen des ihm
verliehenen Ehrendoktorgrades Schritte getan werden
ſollen.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 19. Jan. Der frühere
Vizepräſident der Reichsbank, Gallenkamp, iſt
geſtorben. Zuerſt von allen Städten des Kontinents
iſt in Schöneberg die Einrichtung getroffen worden,
daß bei jeder Alarmierung der Feuerwehr
neben dem Löſchzug auch ein Krankenwagen ausrückt.
Ein Viehkommiſſionär namens Schwarz hat ſich nach
Unterſchlagungen von ungefähr 7000 Mark, die
er auswärtigen Viehhändlern ablockte, nach dem Aus=
lande
geflüchtet. Nach dreitätiger Verhandlung iſt
heute nachmittag der Prozeß gegen den Kutſcher
Ernſt Wulff zu Ende gegangen, der ſich vor dem hie=
ſigen
Schwurgericht wegen Ermordung der Berta
Schneider auf dem Grundſtücke Gerichtsſtraße 60 im
Norden Berlins zu verantworten hatte. Da der Ange=
klagte
leugnete und die Schuld auf den großen Unbe=
kannten
ſchob, war ein umfangreicher Indizienbeweis
nötig, zu dem auch die Abhaltung eines Lokaltermins
an der Mordſtätte gehörte. Auf Grund der Beweisauf=
nahme
formulierte der Vorſitzende die Schuldfragen an
die Geſchworenen, die auf Körperverletzung mit töd=
lichem
Ausgang hinauslaufen. Der Staatsanwalt be=
antragte
, dem Angeklagten mildernde Umſtände zu ver=

ſagen. Die Geſchworenen bejahten die Schuldfrage
auf Totſchlag, worauf der Gerichtshof den Angeklagten
zu zehn Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehr=
verluſt
verurteilte.
Frankfurt, 20. Jan. In einem hieſigen Hotel am
Hauptbahnhof wurde von der Kriminalpolizei der
neunzehnjährige Heinrich Klöcking aus Roſtock verhaf=
tet
, weil er gefälſchte Briefmarken an Samm=
ler
verkaufte. Die in ſeinem Beſitz vorgefundenen
Marken hätten nach fachmänniſchem Urteil den Samm=
lerwert
von mehreren tauſend Mark, wenn ſie echt
wären. Sie wurden ſämtlich von der Polizei beſchlag=
nahmt
und an die Staatsanwaltſchaft abgeliefert. Es
fanden ſich darunter Marken im Werte bis zu 500 Mark
das Stück. Druck, Stempel und ſelbſt das Zeugnis
eines Berliner Sachverſtändigen ſind gefälſcht. Die
Marken will er aus der Schweiz bezogen haben; es
ſcheint, daß man es mit einem internationalen
Betrüger zu tun hat. Hier wohnte er unter dem
Namen Willy Nußl und Jakob Johann Wanner aus
Amſterdam. Es wurden Verzeichniſſe von Briefmar=
kenhändlern
im In= und Ausland bei ihm vorgefunden,
die er jedenfalls beſucht hat. Er hielt ſich auch in
Hannover und Mecklenburg auf. Unter ſeinem Gepäck
wurden verſchiedene Kopfbedeckungen und Haarfärbe=
mittel
gefunden, die er dazu verwendete, um ſich un=
kenntlich
zu machen. Geſchädigte wollen ſofort der Kri=
minalpolizei
Mitteilung machen.
Trier, 20. Jan. Einem verhängnisvollen
Irrtum iſt der Leutnant Caeſar vom 69. Infanterie=
Regiment zum Opfer gefallen. Der Offizier wollte zur
Beſeitigung eines Bandwurmleidens ein ihm verord=
netes
Mittel nehmen, vergriff ſich jedoch in der Flaſche
und trank Gift. Unter ſchweren Schmerzen iſt er nach
kurzer Zeit geſtorben.
Bochum, 20. Jan. Wenn auch die ſechs Ver
ſchütteten bis nachts noch am Leben waren, ſt
ließen ſich doch nur ſchwache Lebenszeichen vernehmen.
Die Rettungsarbeiten wurden die ganze Nacht
fortgeſetzt. Die Herſtellung eines Querſchachtes wird
vorausſichtlich vier Tage in Anſpruch nehmen. Bis
dahin werden die Verſchütteten in ihrem Gefängnis
ausharren müſſen.
Rom, 20. Jan. An der Südküſte von Pratieh
ſtrandete ein Dampfſchiff. Die See ſpülte 24
Leichen an Land. Auf dem aus dem Waſſer ragenden
Wrack ſollen ſich noch viele Paſſagiere befinden, deren
Rettung bis jetzt wegen des herrſchenden Sturmes un=
möglich
war.
Paris, 19. Jan. Im Prozeß der Prinzeſſin
Luiſe von Koburg gegen die Baronin Vaughan
wegen Anlegung der Siegel im Schloß Balincourt hat
heute der Staatsanwalt vor der Zivilkammer des
Appellgerichtes für die Entfernung der Siegel plädiert.
Er betonte, daß es ſich um einen Zivilprozeß handle,
aus dem jede perſönliche Rückſicht ausſcheiden müſſe.
Prinzeſſin Luiſe habe nicht einmal verſucht, zu beweiſen,
daß die Geſchenke des Königs Leopold an die Baronin
Vaughan über den legitimen Bruchteil des Vermögens
des Königs hinausgingen. Deshalb liege kein Anlaß
vor, an den Behauptungen der Baronin Vaughan zu
zweifeln. Das Gericht wird am nächſten Mittwoch das
Urteil ſprechen.
Paris, 20. Jan. Dem Verdikt der Geſchworenen
von Verſailles gegen die Frau Dallemagne, das
auf fünf Jahre Kerker lautete, gingen ſehr er=
regte
Szenen im Beratungszimmer voran. Endlich
einigten ſich alle Geſchworenen mit Ausnahme eines
einzigen, das Verdikt ſchuldig mit mildernden Um=
ſtänden
auszuſprechen, zugleich aber ein Gnaden=
geſuch
an den Präſidenten der Republik einzureichen,
worin ausdrücklich hervorgehoben werden ſoll, daß das
Attentat entgegen dem eigenen Geſtändnis der Frau
Dallemagne ohne Vorbedacht verübt worden ſei und
daß ſie nicht den Tod der Frau Berger beabſichtigt habe.
Der Präſident ſteht alſo wieder einmal vor einer ſehr
ſchwierigen Entſcheidung.
Paris, 20. Jan. Das Schwurgericht von St
Ome verurteilte den Redakteur des Blattes L’Action
Syndicale‟, Bailly, wegen eines antimilitariſtiſcher
Artikels zu zwei Monaten Gefängnis.
Philadelphia, 19. Jan. Heute vormittagbrach in
einer Kleiderfabrik Feuer aus; mehrere Ar=
beiterinnen
ſprangen aus den Fenſtern, wobei drei
Mädchen tödlich verunglückten, während zwölf
ins Krankenhaus gebracht werden mußten. Wie es
heißt, kamen viele Arbeiterinnen in den Flammen um.

Kleines Feuilleton.

* Ueber ein Biumenballfen, das zugun=
ſten
des Säuglingsheims unter dem Protektorat der
Prinzeſſin Friedrich Lcopold in den Ausſtellungshallen
in Berlin veranſtalter wurde, berichtet der Berl.
Lokalanzeiger: In des Winters feuchte Melancholie
haben ſie ein Stück Frühling kineingezaubert, haben
ſie des Sommers blühende Farbenprach ausgebreitet
Der Geſchmack ſchreitet in Berlin auch bei Feſten gro=
pen
Stils vorwärts, wir verſtehen jetzt, Feſte zu feieru,
die eine feine Entwickelung geſellſchaftlicher Kultur
offenbaren. Wer zählt die Blumen, nennt die Namen,
die geſtern die Ausſtellungshallen ſchmückten? Alle
naren ſie vertreten, vom beſcheidenen Veilchen bis
zur hoch ſich aufreckenoen Orchibee; aber der wunder=
vollſte
Blumenflor ging doch von der Jugend aus, ins=
beſondere
von jenen hundert jungen Mädchen der
Gekellſchaft, die in maleriſchem, zartem Reigen ſich
drehten, ſich umſchlangen, ſich löſten. Es läutete, der
Kavellmeiſter klopfte, der Vorhang öffnete ſich, und es
war einer der zarteſten und großartigſten Ballett=
eſſekte
, als die Blumen, die in ihrer toien Pracht am
Boden ruhten, ſich aufrichteten und zu fröhlichem Leben
erwachten. Die Berlinerin von heute hat auch die
Erazie ſich zu eigen gemacht, eine jede der hundert
Tänerinnen verdiente, als eine Erſcheinung der Au=
nut
namhaft gemacht zu werden. Von 9 Uhr an begann
das Leben. Hunderte, Tauſende ſtrömten in die
Hallen. Und in den Brumenzelten wirkten die Wohl=
tätigkeitsfeen
. Frau Exzellenz von Studt waltete
ihres Amtes in einem Zelt aus Feldblumen, Frau
Direltor Fürſtenberg, die ſich um das Jeſt wohl ein
beſonderes Verdienſt erworben tat, unter einem Balda=
chin
von gelben Nelken. Frau Oberſt von Dörrer, die
Gemahlin des württembergiſchen Bundesbevollmächtig=
ten
, hatte ihr Zelt mi: Flieder geſchmückt, Frau Nelly
Eirz mit herabhängendem Fregenhaar, Frau Präſi=
dent
von Schmidt und Frau Direktor Steinheil mit
gelben Roſen, Fräulein Lola Zeeth mit Kamelien,
Fran Herwi, Frau Paul A. Kiritein und Frau Direk=
tor
Gregor mit Stiefmütterchen, Frau Bankier Fuhr=
mann
, der Fräulein von Hopfen aſſiſtierte, mit Orchi=
deen
. Käme eine Konkurrenz in Betracht, dann müßte
das von Apfelblüten eingehüllte Teezelt der Frau Di
Jaffé und. Frau Dr. Sobernheim den erſten Preis er=

[ ][  ][ ]

Seite 4=

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21. Januar 1910.

Nummer 17.

halten. Oben, hinter den Logen, war das ariſtokra=
tiſche
und plutoariſtokratiſche Viertel, hier ſorgten die
Grafin von Schlippenlach in einem Diſtelzelt und die
Gräfinnen von Stillfried, von Matuſchka und Komteſſe
Matuſchka in einem Goldregenzelt für die Zukunft der
Säuglinge. Hier hatten auch Frau von Friedländer=
Fuld und Frau von Schwabach ihre Champagnerzelte
aufgeſchlagen. Um Mitternacht! Welch’ ein Gewühle in
dieſen mächtigen, endloſen Hallen, derer Logenbrüſt=
ungen
velarienartig mit Tannengrün und bunten
Blamengewinden verkleidet waren, von deren Pla=
ſond
in allzu grellen Farben, in allzu papierenen
Efſekten Rieſengirlanden hern ederwallten. Ein
wündervolles Geſamtbild! Eine feſtliche Menge, eine
rirkliche Menge, viele Tauſende, die ſich im Reiche der
Blumen froh bewegten, im anmutigen Reigen drehten.
Und wie abgetönt warcn die einzelnen Blumenbilder,
wie ſchmiegte ſich hier in künſtleriſcher Harmonie die
Tracht der Wohltätigkeitsfeen dem Blumencharakter
Erer Verkaufszelte an.
* Der türkiſche Parlamentspalaſt
Tſchiragan, deſſen Brand einen Schaden von 200
Mihionen Mark verurſacht haben ſoll, war mit unver=
gleichlicher
Pracht eingerichtet. Tſchiragan war ein
Surtanspalaſt aus neuerer Zeit, zwiſchen 1863
unv 1867 entſtanden. Es war der reichſte aller Sul=
ansſitze
, ein weißes Marmorſchloß an dem blauen
Waſſer des Bosporus. Noch vor kurzer Zeit ſorgfältig
gögeſchloſſen, zu Lande und zu Waſſer mißtrauiſch als
Johnſitz und Gefängnis des abgeſetzten Sultans Mu=
rad
gehütet, war Tſchiragan vor kurzem der laute
Mittelpunkt des Reiches geworden: der Verfaſſungs=
ultan
hatte es dem Parlament geſchenkt Es war ein
Prachtbau im Stil türkiſcher Renaiſſence, aus koſt=
varem
Stoff angelegt Marmor ſtieg in buftigem
Weiß aus den Fluten auf, Marmor bildete den Wan=
delweg
vor dem Schloſſe bis zum Meer, Marmor die
Brüſtung und die ganze Außenſeite des Baues, nicht
in dünnen Platten, ſondern in mächtigen Quadern,
aus denen die zierlichen Säuien und Säulchen, die
Niſchen und durchbrochenen Flächen empörwuchſen und
breite Fenſter und Türen umſchloſſen. So eigenartig
wic das Aeußere war auch das Innere des Schloſſes.
Bis in geringfügige Kleinigkeiten war es im Innern
ſtilvoll durchgearbeite:. Es hatte Räume, Galerien,
Erker, die unſere Phartaſie nur aus Tauſend und eine
Nocht kennt. Die Wände waren durchweg wie Tep=
piche
gemalt, grau, hellblau, dunkeiblan. Grünblaue
Säulen ſtrebten zur Decke, die aufs zierlichſte ausge=
malt
und getäfelt waren. Das reizendſte aber war

das Bad. Hier gab es nichts, das nicht aus ſchneeigem
Marmor gebildet war, Fußboden, Wände, gewölbte
Decken, Säulen, Brüſtungen wie Spihen gearbeitet,
Niſchen und Waſſerbecken. Man lieſt in Reiſeführern
von einer Faſſade des Palaſtes von über 700 Meter.
Des gibt ein falſches Bild. Die ganze Anlage am
Meere mag dieſe Ausdehnung haben, der Palaſt ſelbſt
war nicht ungewöhnlich groß. Er war von einem park=
artigen
Garten umgeben. Außer einigen alten Mo=
ſcheen
war Tſchiragan der einzige koſtbare türkiſche
Bau der Stadt, neben dem das wertloſe Gerümpel von
Jildiz wie eine Hütte erſchien. Der Palaſt war in
letzter Zeit proſaiſch geworden. Politiſche Reden
klangen durch den Raum, der das Gekicher der Frauen
und die Seufzer Murads gehört hatte.
C.K. Das Neueſte vom Schmuck. Die ele=
gamen
Modedamen Englands haben eine neue Lieb=
haberei
zum Siege geführt: in den großen Londoner
Juwelenläden ſieht man jetzt überall reizende kleine
Droſchen oder Nadeln, die die Formen großer Inſek=
ten
zeigen. Der Geoanke, die Formen von Käfern,
Bienen oder Schmetterlingen für Schmuckſachen zu
verwerten, iſt ja nicht neu, aber zum erſten Mal wer=
den
hier die Modelle genann Naturgröße ko=
rierxt
. Man ſieht alle Arten von Tieren, von der klei=
nen
Stubenfliege und dem Marienkäferchen bis hin=
auf
zu naturgroßen Eiöechſen, die kunſtvell aus dunkel=
grünem
Email der Natur nachgevildet ſind. Beſonders
reizsolle Farbenkombinationen geſtatten die Schmetter=
linge
. Als Broſchen, en denen die kleinen Uhren der
Damen befeſtigt werden, ſind reizvolle Nachbildungen
von Nachtfaltern berörzugt, wundervolle Farben=
zuſammenklänge
von leuchtendem Blau, tiefem Grün
und dunkleren Farben. Auch Nachrildungen von
Muſikinſtrumenten werden als Broſchen getragen,
zierlich gefertigte kleine Lauten, Gitarren, Violinen,
Harfen, aus Perlmutter, Opal oder Edelmetall her=
gehellt
; die Saiten ſind aus feinem Gold= und Silber=
drayt
gearbeitet. Bisweilen zieren koſtlare Edelſteine
diefe Erzeugniſſe der neueſten Schmuckmode.
* Der heiratsluſtige Dramaturg. In
einer Berliner Zeitung finden wir folnende Anzeige:
Dr., Dramaturg e. d. erſten Bühnen Deutſchlands,
Schriftſteller, Dichter, aus vornehmer Familie ( müt=
terl
. Adelsgeſchlecht), ev., Dreißiger, liebenswürdig,
ckevaleresk, ſucht glückliche Ehe it Dame, Witwe, mit
disponibl. Verm. v. ca. 300000 Mk., behufs Ueber=
nahme
eines erſten deutſchen Theater?. Und auch
noch eine glückliche Ehe ſucht der Mann!

Kunſtnotizen.
Ueber Werke, Künſtler und künſtleriſche Veranſtaltungen ꝛc., deren im Nach=
ßtehenden
Erwähnung geſchieht, behält ſich die Redaktion ihr Urteil vor.

Der Inſtrumental=Verein veran=
ſtaltet
Samstag im Fürſtenſaal unter Leitung des
Kapellmeiſters Karl Falkenſtein und unter der
freundlichen Mitwirkung des Herrn Lehrers Ludwig
Müller hier und des Herrn Paul Fay aus Frank=
furt
a. M. ſeinen diesjährigen Familienabend
ber, nach dem uns vorliegenden Programm, ein beſon=
ders
anregender zu werden verſpricht. Aus der Fülle
der orcheſtralen, kammermuſikaliſchen und ſoliſtiſchen
Nummern glauben wir beſonders auf die Liedervor=
träge
des Herrn Ludwig Müller, eines jungen, ſtimm=
begabten
Tenors, Schüler des Herrn Konzertſängers
Franz Müller, hinweiſen zu ſollen, der hier zum erſten
Male vor einem größeren Publikum Pröben ſeines
Könnens ablegen wird. Wenn es auch recht weitab
von dem muſikaliſchen Vereinszweck zu liegen ſcheint,
dem Programm Lichtbilder=Vorführungen
einzufügen, ſo darf es doch gerade für einen Fami=
lienabend
, der weniger eine Konzertaufführung, denn
eine allgemeine, edler Unterhaltung gewidmete Veran=
ſtaltung
darſtellt mit Dank und Freude begrüßt wer=
den
, daß ein Freund des Vereins, Herr Kunſtmaler
Paul Fay, ſich hat bereit finden laſſen, an dieſem
Abend eine ſtattliche Serie ſeiner in jeder Hinſicht voll=
endeten
farbigen Lichtbilder vorzuzeigen. Da ſich ver=
mutlich
auch weitere Kreiſe für dieſe Darbietung inter=
eſſieren
, ſo ſei darauf hingewieſen, daß an dieſem Abend
durch Vermittelung der Mitglieder Gäſte eingeführt
werden können. Die Veranſtaltung findet bei Reſtau=
ration
ſtatt.

Parlamentariſches.

*X* Darmſtadt, 20. Jan. In der heutigen Sitz=
ung
des Finanzausſchuſſes der Zweiten
Kammer wurde mit der Beratung des Juſtiz=
etats
fortgefahren. Abg. Brauer wies darauf hin,
daß an einzelnen Gerichten doch die Amtsrichter allzu
viel freie Zeit hätten und fragt an, ob es ſich deshalb
nicht empfehle, einige der kleineren Gerichte aufzu=
heben
und die Zahl der Richter zu beſchränken. Staats=
und Juſtizminiſter Dr. Ewald entgegnete, die Ver=
mehrung
der Amtsgerichte in Heſſen ſei nicht auf Vor=
ſchlag
der Regierung, ſondern auf Drängen der Kam=
mer
erfolgt. Jetzt könne eine Reduzierung nicht ohne
weiteres erfolgen. Dem Vorſchlag des Abg. Dr. Weber,
für kleinere Amtsgerichte nur einen Richter zu ver=
wenden
, widerſprach Abg. Dr. Gutfleiſch, der auch
die Frage aufwarf, ob es bei dem großen Ueberfluß
an der Anſtellung harrenden Juriſten nicht empfehlens=
wert
ſei, nur einmal im Jahre Examina abzuhalten.
Der Regierungsvertreter erwiderte, eine nur einmalige
Staatsprüfung im Jahre würde viele Nachteile im Ge=
folge
haben, weil ca. 60 Prüflinge in Betracht kämen.
Abg. Dr. Oſann gibt zur Erwägung, ob man nicht
unter den anzuſtellenden Juriſten auf Grund ihrer
Examina eine Auswahl treffen könne, wie dies z. B.
auch in Baden und in anderen Bundesſtaaten geſchehe:
in dieſem Falle würde man jedoch den Kandidaten
durch eine Nachprüfung die Möglichkeit geben müſſen,
ihre Note noch zu verbeſſern. Abg. Molthan weiſt
dagegen darauf hin, daß in Bayern durch die Auswahl
der Juriſten nach den beſſeren Noten im Examen viele
Klagen laut geworden ſeien und man dieſe Maßnahme
allgemein verurteile. Finanzminiſter Dr. Gnauth
bemerkt, daß in der Frſtabteilung, und auch im Bau=
amt
die beſte Note gleichfalls bevorzugt würde. Abg.
Dr. Oſann weiſt noch auf die Notwendigkeit hin, bei
den Schreibgehilfen und Aſpiranten an den Gerichten
die Kenntnis der Stenographie obligatoriſch zu ver=
langen
. Bei den ſachlichen Ausgaben für die Ge=
richte
wurde von verſchiedenen Rednern betont, daß
den Angeſtellten unbedingt die größte Sparſamkeit
ſtreng anbefohlen werden müßte. Miniſter Dr. Ewald
erklärte, er habe bereits allen Beamten die Verfolgung
ſtrengſter Sparſamkeit eingeſchärft, werde aber ſeinen
diesbezüglichen Erlaß noch einmal nachdrücklich wieder=
holen
. Die Beratung wird darauf auf Freitag vor=
mittag
vertagt.

Stadtverordneten=Verſammlung.

2 1. Sitzung.
St. Darmſtadt, 20. Jan.
Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing eröffnet die
Sitzung mit folgenden
Mitteilungen:
Zu Beginn des neuen Schuljahres 1910/11 werden
an den Mittel= und Stadtſchulen vorausſichtlich 11
neue Klaſſen errichtet werden müſſen. End=
gültige
Feſtſetzung wird demnächſt nach ſtattgefundener
Neuanfnahme erfolgen.
Herr Stadtv. Dr.=Ing. Heyd hatte den Antrag
geſtellt, es möge aus der Mitte der Stadtverordneten=
Verſammlung ein Konvent gewählt werden, der in
wichtigen Fragen. zu Vorberatungen mit der Bür=
germeiſterei
Fühlung nimmt. Nachdem ſich der Ober=
bürgermeiſter
bereit erklärt hat, in der Folge, wenn
ſich das Bedürfnis ergebe, Mitteilungen wichtiger Art
zu machen, die Vorſitzenden aller Ausſchüſſe hierzu ein=
zuladen
, hat der Wahlvorſchlagsausſchuß befürwortet,
den Antrag für erledigt zu erklären, da er ein Be=
dürfnis
zur Bildung eines Konvents nicht anerkennen
könne.
Der Oberbürgermeiſter hat an den Veranſtaltungen
aus Anlaß der Feier des 50jährigen Be=
ſtehens
des Leib=Dragoner=Regiments
Nr. 24 teilgenommen und die Glückwünſche der Stadt
und der ſtädtiſchen Verwaltung ausgeſprochen. Das
Regiment hat hierfür und beſonders für das ſeitens
der Stadt durch Ueberlaſſung der Saalbauräume be=
wieſene
Entgegenkommen gedankt.
Der Inhaber der Badeanſtalt Martin=
ſtraße
22, E. Bauer, ſucht um Bewilligung einer
Entſchädigung von 5000 Mark aus der Stadtkaſſe
nach, da er angeblich infolge der Eröffnung des ſtädti=
ſchen
Hallenſchwimmbades große Verluſte erlitten habe
und ſeine Anſtalt nicht mehr weiter betreiben könne.
Der Antrag wird dem zuſtändigen Ausſchuß über=
wieſen
.
Der
Vorſtand des
Bezirksvereins
Mathildenhöh=Viertel bittet in einer Ein=
gabe
, die Baukoſten für den Sammelkanal zur Ent=
wäſſerung
der zukünftigen Gartenſtadt am Hoh=
len
Weg nicht vollſtändig den Anliegern aufzuer=
legen
, ſondern teilweiſe auf die Stadtkaſſe zu über=
nehmen
. Auch dieſes Geſuch geht an den zuſtändigen
Ausſchuß. Herr Stadtv. Lindt hat beantragt, am
Stadthaus ein Schild anzubringen, aus dem
erſichtlich iſt, daß hier die Gemeindebehörde ihren Sitz
hat. Der Krieger=Verein Darmſtad t lader
zu der am Samstag, den 29. Januar, ſtattfindenden
Feier des Geburtstages Seiner Majeſtät des Kaiſers
ein.
Stadtv. Rockel führt ſodann aus: In die bisher
beachteten Grundſätze hinſichtlich der beruflichen Aus=
übung
für ſtädtiſche Arbeiten und Leiſtungen ſeitens
der Stadtverordneten hat Herr Oberbürgermeiſter
Gläſſing, im Gegenſatz zu ſeinen Amtsvorgängern, in=
ſofern
eine Breſche gelegt, als er vor einiger Zeit er=
klärte
, daß er nicht einſehe, daß die Rechtsanwälte und
Mitglieder der Stadtverordnetenverſammlung in der
Vertretung ſtädtiſcher Rechtsſachen bei den Gerichten
ausgeſchloſſen ſein ſollten Obwohl ich dieſer Anſicht
ſofort widerſprochen habe, iſt dieſe Frage in die Tat
umgeſetzt worden, denn nach einer Zeitungsmeldung
vertritt ein Stadtverordneter die Stadt in zwei Pro=
zeſſen
, ohne daß die Stadtverordnetenverſammlung in
dieſer wichtigen Frage einen Beſchluß gefäßt hat. Mit
vollem Recht wird dieſe Sache in Rechtsanwalts= und
in bürgerlichen Kreiſen abfällig kommentiert. Ich er=
innere
an die Tätigkeit der früheren Mitglieder Ried=
linger
, Harres, G. Mahr, Heinrich Müller, Vogt, Schöd=
ler
, Dr. Oſann u. a. m., die in den verſchiedenen Kom=
miſſionen
zwar ihr reiches Wiſſen und Können in die
Dienſte der Stadt geſtellt, aber einwandfrei ihres Amtes
gewaltet haben. Sofern ein freiwilliger Verzicht nicht
eintreten ſollte, beantrage ich, die Stadtverordne=
tenverſammlung
möge in dieſer Frage einen dahin=
gehenden
Beſchluß fäſſen, und unabhängig dieſes Be=
ſchluſſes
die Frage der Rechtsvertretung dergeſtalt
regeln, daß dabei tunlichſt im Turnus verfahren wird.
Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing=
erwidert
,
er halte es im Gegenteil für ſehr vorteilhaft für die
Stadt, wenn ein Rechtsanwalt ihre Rechte vertritt, der

vermöge ſeiner Zugehörigkeit zur Stadtverordneten=
Verſammlung von ſelbſt orientiert iſt. Das ſei übri=
gens
auch in anderen Städten ſo üblich. Doch iſt Red=
ner
bereit, der Angelegenheit nochmals näher zu
treten.
Darauf wird in die Tagesordnung eingetreten.
Vorlage des Voranſchlags.
Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing trug bei der Vor=
lage
des Voranſchlages eine Denkſchrift über die
Entwickelung der Stadt Darmſtadt und die
ſtädtiſchen Finanzen vor. (Dieſe Denkſchrift iſt auf
Seite 11 bis 14 dieſes Blattes im Wortlaut abgedruckt.
Der Ref.) Der Herr Oberbürgermeiſter wies einleitend
aus dem vorläufigen Vorwort des Voranſchlagsentwurfes
für 1910 darauf hin, daß ſchon der vorjährige Voranſchlag
(bei dem Beſtreben der Verwaltung, mit einer geringen
Steuererhöhung 6 Prozent auszukommen) nur unter
Heranziehung beſonderer, einmaliger Einnahmen aus=
geglichen
und abgeſchloſſen werden konnte. Das Fehlen
dieſer Einnahmepoſten, der rund 400000 Mark betragende
Ausfall an Oktroi (Reichsgeſetz vom 25. Dezember
1902), das regelmäßige, durch die Einnahmen nicht ge=
deckte
Anwachſen der Verwaltungsausgaben
in der derzeitigen, durch große Unternehmungen beein=
flußten
Uebergangszeit der Stadt hätten ſchon früher er=
kennen
laſſen, daß diesmal mit einem bedeutenden
Fehlbetrag zu rechnen ſei. Der Ausgleich könne nicht
allein durch Erhöhung der Gemeindeſteuer erfolgen. Es
müßten vielmehr neue Einnahmequellen ( in=
direkte
Abgaben) erſchloſſen werden. Die Unmöglichkeit,
den Fehlbetrag allein durch Erhöhung der direkten Ge=
meindeſteuer
zu beſchaffen, ergebe ſich ſchon aus der Maß=
nahme
der Regierung, daß die künftigen Gemeindeſteuer=
ausſchläge
nicht nach den neu vorgeſchlagenen, weſentlich
höheren Staatsſteuerſätzen, ſondern nach den bisherigen
ſtaatlichen Ausſchlagsziffern zu erfolgen haben; ſie ergebe
ſich ferner aus der einfachen Erwägung, daß mit der be=
deutenden
Erhöhung der direkten Staatsſteuern nicht
gleichzeitig eine gleich hohe oder gar noch höhere Gemeinde=
ſteuerveranlagung
ſtattfinden könne; endlich führe zu obiger
Erkenntnis die Tatſache, daß, wenn überhaupt, diesmal nur
mit einer geringen Mehreinnahme an Gemeindeſteuern
infolge Erhöhung der Steuerkapitalien zu rechnen ſei. Des=
halb
habe die Bürgermeiſterei, mit Ermächtigung des
ſtädtiſchen Finanzausſchuſſes, in dem Entwurf des Stadt=
kaſſevoranſchlags
für 1910 eine angemeſſene Verteilung des
Fehlbetrags auf direkte und indirekte Abgaben vorgenom=
men
und verſchiedene Vorſchläge für neue oder ver=
ſtärkte
Einnahmepoſten unterbreitet, die noch der
Genehmigung durch die Großh. Regierung bedürften. Hof=
fentlich
fänden die vorgeſchlagenen Erhöhungen, deren An=
nahme
die Bürgermeiſterei nur notgedrungen, unter dem
Druck der außerordentlich ungünſtigen Verhältniſſe emp=
fehle
, die Zuſtimmung der Stadtverordnetenverſammlung
und der Großh. Regierung. Der Voranſchlag für 1910 ſei
mit weiſer Vorſicht und unter Auferlegung größter Mäßi=
gung
bei Bemeſſung der Ausgabepoſten aufgeſtellt, ſo daß
nennenswerte Abſtriche wohl nicht werden erfolgen kön=
nen
. Es dürfe deshalb auch wohl erwartet werden kön=
nen
, daß, wie in Preußen, ſo auch bei uns in Heſſen, die
Staatsregierung den durch den bedeutenden Oktroiausfall
ſchwer bedrängten Städten unterſtützend zur Seite treten
und Finanzmaßnahmen gutheißen werde, die eine weitere
Belaſtung der Bevölkerung nicht bedeuten und daneben als
recht und gerecht empfunden werden.
Einzelheiten der Denkſchrift werden mit lebhafter Zu=
ſtimmung
aufgenommen.
Baludispenſe.
Der Steinmetz Auguſt Weicker bittet um Befreiung
von den Beſtimmungen in § 22 des O.=B.=St. für Errich=
tung
einer Halle auf dem Grundſtück Flur IV Nr. 66¾/10,
Gem. Beſſ. Das Geſuch wird von dem Hochbau=Ausſchuß
gegen Ausſtellung des üblichen Reverſes befürwortet. Ref.
Stadtv. Rockel. Ein Geſuch des Glaſermeiſters G.
Seip um Befreiung von der Beſtimmung in Art. 47 der
Allgemeinen Bauordnung für die Neubauten Heinrichs=
ſtraße
158 und 160 wird von dem Hochbau=Ausſchuß eben=
falls
zur Genehmigung empfohlen. Ref. Stadtv. Mark=
wort
. Ein Geſuch des H. Hohmann um Erlaubnis
zur Anbringung von Oberlichtern im Hauſe Waldſtraße 4
nach der ſtädtiſchen Hofreite Waldſtraße 6 zu wird gegen
Ausſtellung eines bezüglichen Reverſes und Zahlung einer
Anerkennungsgebühr von dem Hochbau=Ausſchuß befür=
wortet
. Die Verſammlung ſtimmt den Anträgen zu.
Vom Städtiſchen Ausſtellungshaus.
Um das Ausſtellungsgebäude auf der
Mathildenhöhe zur Veranſtaltung von Feſtlichkeiten
beſſer benutzen zu können, erſchien es notwendig, einen ab=
nehmbaren
, gedeckten Zugang von der Anfahrt
über die Freitreppe bis zum Haupteingang herzuſtellen.
Die Bürgermeiſterei hat im Einverſtändnis mit dem Hoch=
bau
= und Finanzausſchuß dieſen Zugang bereits herſtel=
len
laſſen, da derſelbe am 15. ds. Mts. bei dem Feſte des
Königl. Preußiſchen Geſandten erſtmalig benutzt werden
ollte. Die Einrichtung hat ſich als ſehr zweckmäßig er=
wieſen
. Zu den Herſtellungskoſten im Geſamtbetrage von
2150 Mark hat der Preuß. Geſandte einen Beitrag von 400
Mark geleiſtet. Die Bürgermeiſterei beantragt naträgliche
Genehmigung der Herſtellung und Bewilligung des erfor=
derlichen
Kredites von 1750 Mark.
Referent war Beig. Jäger. Der Vorſitzende teilt
hierzu mit, daß der Geſandte ſelbſtredend die üblichen
Koſten für die Ueberlaſſung der Räume ge=
zahlt
hat und die 400 Mark freiwillig außerdem. Die
Verſammlung genehmigt den Antrag.
Von ſtädtiſchen Gebäuden uſw.
Die ſtädt. Hofreite Hinkelsgaſſe 21, zu der
der einzige noch vorhandene und erhaltene Zwinger=
turm
der alten Stadtmauer gehört, muß einer gründ=
lichen
Herſtellung unterzogen werden. Insbeſondere ſol=
len
der unter Denkmalsſchutz ſtehende Turm und die Stadt=
mauer
mit dem dazwiſchen liegenden Zwinger wieder voll=
ſtändig
frei gelegt werden, um den maleriſchen und archi=
tektoniſch
bemerkenswerten Abſchluß der Lindenhofſtraße
und des Platzes am Hallenſchwimmbad gegen die Altſtadt
zu erhalten. Hochbau= und Finanzausſchuß haben die ge=
planten
Herſtellungen und die Bewilligung der erforder=
lichen
Mittel von 6850 Mark zu Laſten der Grunderwerbs=
kaſſe
befürwortet. Der Oberbürgermeiſter empfiehlt die
Vertagung dieſer Ausgabe auf das Jahr
1911. Die Verſammlung ſtimmt dem Vorſchlag des Ober=
bürgermeiſters
zu.
Die zurzeit leerſtehende ſtädt. Hofreite Nieder=
Ramſtädter Straße 100 (ehem. Schießhaus)
ſoll auf die Dauer von 6 Jahren an Fuhrunternehmer
Bauer um jährlich 600 Mark vermietet werden. Hochbau=
und Finanzausſchuß haben die Vermietung befürwortet,
unter der Bedingung, daß der Mieter u. a. die ſämtlichen
erforderlichen Herſtellungen an den Gebäuden uſw. auf
ſeine Koſten übernimmt. Stadtv. Dr. Bender warnt
davor, den Vertrag auf 6 Jahre abzuſchließen. Man ſollte

[ ][  ][ ]

Nummer 1

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21. Januar 1910.

Seite 5.

nur auf 3 Jahre vermieten und lieber 100 Mark weniger
nehmen. Nach längerer Debatte werden die Vorſchläge
der Ausſchüſſe angenommen.
Gegen die von der Bürgermeiſterei beantragte vor=
übergehende
Ueberlaſſung einer Wohnung im ſtädtiſchen
Haus Bismarckſtraße 38 an Pfarrer Fiſcher
wird nach Antrag der Krankenhausdeputation und des
Hochbau=Ausſchuſſes nichts eingewendet. Von der Ver=
ſammlung
auch nicht.
Erbbegräbnis.
Die Uebernahme des Erbbegräbnisplatzes der Priva=
tin
Lina Braun in Unterhaltung der Stadt wird von der
Friedhofsdeputation gegen Zahlung eines Betrags von
1000 Mark zur Genehmigung empfohlen. Die Verſamm=
lung
ſtimmt zu.
Krankenkaſſe und Krankenhaus.
Infolge der Einführung, eines neuen Tarifs
im ſtädtiſchen Krankenhauſe hat ſich die Notwendigkeit
herausgeſtellt, die mit hieſigen Krankenkaſſen
ſeither beſtandenen vertraglichen Beziehungen neu zu
regeln. Den in Betracht kommenden Kaſſen, der Ver=
einigten
Ortskrankenkaſſe und der Kranken=
kaſſe
der Firma Schenck ſoll eine entſprechende Er=
mäßigung
der neuen Tarifſätze für ihre auswärts
wohnenden Mitglieder zugeſtanden werden, wogegen
dieſe Kaſſen hinſichtlich der Verpflegung ihrer Mitglie=
der
im Krankenhauſe beſtimmte Verpflichtungen über=
nehmen
. Die Bürgermeiſterei beantragt, nach dem Re=
ferat
des Beig. Mueller, den von der Krankenhaus=
Deputation und dem Finanzausſchuß gutgeheißenen
Leuen Vereinbarungen mit Wirkung vom 1. April 1909
äb zuzuſtimmen. Da Stadtv. Stephan die Höhe
des Tarifs beanſtandet, wird die Angelegenheit noch=
mals
an den Ausſchuß zurückverwieſen.
Schulfreiſtellen.
Hinſichtlich der Vergebung von Freiſtel=
len
an der Viktoriaſchule und an den Mit=
telſchulen
ſoll für die Folge im Intereſſe einer
möglichſt raſchen Erledigung der Freiſtellengeſuche und
einer rechtzeitigen Zuſtellung der Schulgeldzettel in
gleicher Weiſe verfahren werden, wie bei den höheren
Knabenſchulen. Für die Berechnung der Zahl der zu
vergebenden Freiſtellen ſoll daher von jetzt ab die durch=
ſchnittliche
Schülerzahl des vorausgehenden Schuljahres
maßgebend ſein. Das Kuratorium und der Schulaus=
ſchuß
haben ſich hiermit einverſtanden erklärt. Referent
Stadtv. Gallus. Die Verſammlung ſtimmt eben=
falls
zu.
Grundſätze über Kabellegungen.
Nachdem das neue Elektrizitätswerk am Dornhei=
merweg
eröffnet worden iſt, erſcheint es geboten, zur
rentableren Geſtaltung des Betriebes der beiden Werke
eine möglichſte Ausnutzung ihrer Leiſtungsfähigkeit
burch Ausbau des Kabelnetzes und Erweiterung des
Stromabſatzgebietes herbeizuführen. Da die zur Zeit
beſtehenden Grundſätze für die Einlegung von Kabeln
dieſem Vorgehen in vielen Fällen hindernd im Wege
ſtehen, hat die Bürgermeiſterei eine entſprechende Aen=
derung
dieſer Grundſätze beantragt, die von der Elek=
trizitätswerks
=Deputation befürwortet wird. Re=
ferent
Beig. Ekert. Der vorgelegte Entwurf wird
genehmigt. Damit iſt die Tagesordnung erſchöpft.
Stadtv. No dn agel ſpricht noch dem Herrn
Oberbürgermeiſter für ſeine Denkſchrift in länge=
ren
Ausführungen Dank und Anerkennung aus. Der
Oberbürgermeiſter habe darin eine Art Regierungspro=
gramm
ausgeſprochen, dem man durchaus anerkennend
zuſtimmen müſſe. (Lebhaftes Bravo!)
In ſeinem
Schlußwort vertritt der Herr Oberbürgermeiſter die
Anſicht, daß in Zukunft die Oeffentlichkeit mehr für die
wichtigen Aufgaben der Stadt intereſſiert werden müſſe.
Die Herren Stadtverordneten mögen die Denkſchrift
als Material in Zukunft benützen. Auch Stadtv.
Rockel freut ſich darüber, daß der Herr Oberbürger=
meiſter
vielen Anregungen der Kommiſſionen Folge ge=
geben
hat. Darauf wird die Sitzung geſchloſſen.

Deutſcher Reichstag.

* Berlin, 20. Jan. Auf der Tagesordnung ſteht zu=
nächſt
die
dritte Leſung des Handelsvertrages mit
Bolivien.
Abg. Manz (frſ. Vp.): Nachdem es geſtern zugelaſ=
ſen
worden iſt, über den franzöſiſchen Zolltarif zu ſprechen,
ſei es mir auch geſtattet, auf die große Erregung hinzu=
weiſen
, die die Spielwareninduſtrie betroffen hat, die be=
ſonders
in Mitleidenſchaft gezogen zu werden ſcheint. Es
dürfte erwünſcht ſein, daß in letzter Stunde bei den betei=
ligten
Kreiſen, Regierung und Senat, Einſicht einkehren
möge. (Beifall links.) Ohne weitere Debatte wird der
Handelsvertrag unverändert angenommen.
Es folgt die
zweite Leſung des Etats der Juſtizverwal=
tung
,
Titel 1, Gehalt des Staatsſekretärs. Abg. Dr. Belzer
(Zentr.): Zunächſt habe ich im Auftrage meiner Fraktion
unſere dankbare Geſinnung dem bisherigen Staatsſekretär
Nieberding gegenüber auszuſprechen. Wir wünſchen ihm
noch viele Jahre die verdiente Ruhe. (Bravo.)
Dem
neuen Staatsſekretär wünſchen wir, daß es ihm gelingen
möge, das Werk der Strafrechtsreform zu einem günſtigen
Abſchluß zu bringen. Wir begrüßen es, daß die Reforz
des Strafvollzuges in greifbare Nähe tritt. Abänderungen
des Bürgerlichen Geſetzbuches hinſichtlich der Tarifgemein=
ſchaft
und über den Verkauf von Immobilien ſind er=
wünſcht
. Die Gebührenordnung für Sachverſtändige iſt
abzuändern. Den Rechtsanwälten ſollten bare Auslagen
aus der Staatskaſſe erſetzt werden. Auch ein einheitliches
Reichsberggeſetz tut not. Dem internationalen Recht iſt
nach den verſchiedenſten Seiten hin große Aufmerkſamkeit
zuzuwenden. Unſere Anregungen mögen günſtig aufge=
nommen
werden. (Beifall im Zentrum.) Abg. Gieſe
konſ.): Darin, daß auch diesmal keine Reſolutionen zum
Juſtizetat geſtellt ſind, erblicken wir ein erfreuliches Zei=
chen
dafür, daß mit der Reviſion der Strafprozeßordnung
und des Strafrechts alle Wünſche erfüllt worden ſind. Die
Ueberbürdung des Reichsgerichts mit ihren unerfreulichen
Folgen iſt allſeitig anerkannt worden. Wir bitten den
Staatsſekretär, ſich über die Pläne für die Entlaſtung des
höchſten Gerichtshofes auszuſprechen. Den Sittlichkeits=
beſtrebungen
ſchließen ſich meine Freunde in allen Punk=
ten
an. Mit Freude begrüßen wir die geſetzgeberiſchen
Maßnahmen der Hamburger Bürgerſchaft in dieſer Hin=
ſicht
. Auch das platte Land wird von dieſer Schmutz= und
Schundliteratur überflutet. Da muß ganz entſchieden ein=
geſchritten
werden und wir bieten gern die Hand dazu. Das
Automobilgeſetz ſollte dahin erweitert werden, daß die
Haftpflicht des Unternehmers ſich auch auf Sachbeſchä=
digungen
erſtreckt. Die Wahrung der Rechte deutſcher
Reichsangehöriger dem Auslande gegenüber muß ausge=

baut werden. Das Bürgerliche Geſetbuch hat ſch in den
zehn Jahren ſeines Beſtehens durchaus bewährt. Möge
es immer eine Tat für die nationale Einheit Deutſchlands
ſein. (Beifall rechts.) Abg. Dr. Junck (nl.): Mit dem
Etat und den Anregungen dazu kann man einverſtanden
ſein. Auch eine Reform der Zivilprozeßordnung ſollte
nicht allzu lange verzögert werden. Einzelne Forderungen
wie die Rechtsfähigkeit für Berufsgenoſſenſchaften ſind dabei
leicht zu erfüllen. In dem jetzt ſchwebenden Kompetenz=
ſtreit
war ſeitens Rußlands ein deutſches Gericht zuerſt
angerufen worden. Dadurch hat ſich Rußland ſelbſt dem
deutſchen Recht unterſtellt. Das preußiſche Auswärtige
Amt durfte dieſes Urteil nicht als nichtig und wirkungslos
bezeichnen. Das iſt geradezu bedauernswert. Darüber
hätte man die deutſchen ordentlichen Gerichte entſcheiden
laſſen ſollen. Das preußiſche Auswärtige Amt hätte ſich
bewußt ſein ſollen, daß ſeine völkerrechtliche Auffaſſung
von der Mehrheit der Judikatur nicht geſtützt wird, zunächſt
nicht vom Reichsgericht. Für die unglückliche Hand, die
Frhr v. Schön hat, ſprechen faſt alle ſeine Zitate. ( Heiter=
keit
.) Eine gründlichere Begründung der Maßnahmen
wäre nötig geweſen. Es wäre dringend nötig, über ſolche
Fragen völkerrechtliche Verträge abzuſchließen. Schon
Friedrich der Große hat geſagt: Die Juſtiz iſt wichtiger
als das Militär; danach ſollte man verfahren zum Schutze
der Reichsangehörigen. (Beifall.
Staatsſekretär Dr. Lisco: Wegen Entlaſtung des
Reichsgerichts iſt ein Entwurf ausgearbeitet, über deſſen
Einzelheiten allerdings noch nicht geſprochen werden kann.
Das Ausführungsgeſetz über die Berner Konvention vom
13. November 1908 geht in der nächſten Woche dem Bun=
desrat
zu und wird dann ſofort veröffentlicht werden. Die
Ausdehnung der Haftpflicht der Eiſenbahnen für Sach=
ſchäden
kommt im Laufe dieſes Frühjahrs zur Verhand=
lung
. Grundbücher ſind jetzt in allen Staaten mit Aus=
nahme
von Weimar, Rudolſtadt und Elſaß=Lothringen an=
gelegt
. Ueber das internationale Wechſelrecht beginnen
demnächſt die angekündigten Konferenzen. Die Bericht=
erſtattung
über Senſationsprozeſſe wird ſich nicht in dem
Maße, wie es der Antrag Hertling wünſcht, verbieten
laſſen. Es iſt anzuerkennen, daß die Gebührenordnung
für Sachverſtändige und Zeugen der Neuzeit in keiner
Weiſe entſpricht. Es war auch bereits ein Entwurf aus=
gearbeitet
. Dieſer Entwurf iſt aber wegen der zu hohen
Koſten, die ſeine Durchführung verurſachen würde, einſt=
weilen
zurückgeſtellt worden. In dem Falle Hellfeld hat
der preußiſche Miniſter des Auswärtigen gegen den Spruch
eines deutſchen Gerichtes die Entſcheidung des Kompetenz=
gerichtshofes
angerufen. Ueber die Einzelheiten des Tat=
beſtandes
ſind Mitteilungen deshalb hier nicht möglich
Das Verfahren ſelbſt aber beruht auf reichgeſetzlicher
Grundlage. Auf Grund der Reichszivilprozeßordnung iſt
die preußiſche Verordnung erlaſſen, die die Errichtung eines
Kompetenzgerichtes über Streitigkeiten zwiſchen Gerichts=
höfen
und Verwaltungsbehörden vorſieht. Ich habe 38
Jahre in der preußiſchen Juſtiz geſtanden und da können
Sie verſichert ſein, daß ich immer für alles, was recht iſt,
mit allen meinen Kräften eintreten werde. (Lebhafter Bei=
fall
.) Abg. Dove (frſ. Vgg.): Das Reichsjuſtizamt
wäre die geeignete Stelle, in Sachen wie der Abgabenfrei=
heit
auf natürlichen Waſſerſtraßen, wo derart von Preu=
ßen
gegen die Rechtsordnung verſtoßen wird, bei den füh=
renden
Reſſorts einzutreten. Durch die Ueberlaſtung des
Reichsgerichts leidet die deutſche Juſtiz. Eine gründliche
Reviſion ſollte bald eintreten. Zur Hellfeld=Affäre habe
ich zu erklären, daß wir Feinde der Erhebung des Kom=
petenzkonfliktes
ſind. Die Zulaſſung der Preſſe zu den
Gerichtsverhandlungen und die Plazierung der Angeklag=
ten
auf der Anklagebank iſt Sache der Praxis. In der Be=
kämpfung
der Schmutzliteratur ſind wir einig. Möge der
neue Staatsſekretär ſeinem Reſſort auch bei den anderen
Stellen Geltung verſchaffen. (Beifall links.) Abg.
Heine (Soz.): Meine Parteigenoſſen haben ſtets die
Verdienſte des Dr. Nieberding anerkannt. Dem neuen
Herrn danke ich für ſeine Verſicherung, immer für das ein=
zutreten
, was er für recht hält. Die Ueberlaſtung des
Reichsgerichts erkennen auch wir an. Man ſollte aber die
letzte Reviſion nicht abſchneiden, wenn zwei übereinſtim=
mende
Entſcheidungen vorliegen. Auch in kleinen Sachen
ſollte dem Volke der Zutritt zum Reichsgericht gelaſſen
werden. Die Oeffentlichkeit darf unter keinen Umſtänden
eingeſchränkt werden. Die Pornographie bekämpft man am
beſten durch Erziehung zur Hygiene. Das Strafgeſetzbuch,
das im weſentlichen auf dem preußiſchen Strafgeſetz von
1852 beruht, muß gründlich reformiert werden und einen
großen Schritt vorwärts gebracht werden. Der Vorent=
wurf
genügt gar nicht.
Sächſiſcher Geheimrat Dr. Mayer: Das König=
reich
Sachſen hat ſich niemals einen Eingriff in das
Reichsrecht zuſchulden kommen laſſen. Abg. Dr. v.
Dziembowski (Pole): Das Reichsjuſtizamt ſolle
nicht nur eine Geſetzfabrik ſein, müßte vielmehr das
Recht ſchützen. Weshalb iſt der vom Reichstag ange=
nommene
Geſetzentwurf, betreffend den Schutz des
Eigentums im Deutſchen Reiche, vom Bundesrat ver=
worfen
worden? Die Entſcheidungen des Reichsgerichts
müſſen viel ſchneller erfolgen im Intereſſe der ärmeren
Bevölkerung. Abg. Varenhorſt (Rpt.): Die Ge=
bühren
müſſen angeſichts der heutigen Teuerungsver=
hältniſſe
erhöht werden. Die Regelung der Haftpflicht
der Eiſenbahn iſt nötig. Es wäre zu wünſchen, wenn
die Rechtsanwälte der Sitzungspolizei der Richter ent=
zogen
würden. Auch ſollten ſie, wie in Hamburg, die
Möglichkeit erhalten, in die Richterkarriere einzutreten.
Abg. Werner (deutſche Refpt.): Der Herr Staats=
ſekretär
des Auswärtigen hat ſich in der Hellfeld=Sache
in jüriſtiſche Dinge eingemiſcht, was er beſſer nicht ge=
tan
hätte. Der Zeugniszwang der Redakteure iſt ver=
werflich
. (Vizepräſident Spahn ruft den Redner bei
ſeinen weiteren Ausführungen zur Sache.) Abg. Wer=
ner
(fortfahrend): In der Vorunterſuchung dürften
Verhaftungen nur bei Kolliſionsgefahr vorgenommen
werden. Abg. Dr. Becker=Köln (Zentr.) (ſchwer
verſtändlich): Das Bürgerliche Geſetzbuch bedarf in ver=
ſchiedenen
Punkten der Aenderung und der Ergänzung,
zum Beiſpiel hinſichtlich des preußiſchen Zuſammenleg=
ungsgeſetzes
und der Auflaſſungen. Die jetzige Hand=
habung
des Ausſchluſſes der Oeffentlichkeit iſt unhalt=
kar
. Wir haben keine Klaſſenjuſtiz, wir haben einen
vorzüglichen Richterſtand. Abg. Ablaß (freiſ. Vpt.):
Das Zentrum hat ſelbſt in dieſer reinen Sachfrage
mehrfach ſeine Stellung geändert. Unſer Richterſtand
iſt moraliſch unangreifbar. Der Vorſchlag, bewährte
Rechtsanwälte in den Richterſtand zu übernehmen, iſt
zu begrüßen. Das Recht der Zeugnisverweigerung
müßte ganz allgemein in Disziplinarprozeſſen zugeſtan=
den
werden. In der Reform des Polizeirechtes liegt
eine wichtige und nicht aufzuſchiebende Aufgabe vor uns.
Hierauf wird die Debatte geſchloſſen. Der Titel
Gehalt des Staatsſekretärs wird bewilligt, ebenſo der
Reſt des Etats ohne Debatte.
Nächſte Sitzung Freitag 12 Uhr: Fortſetzung der 2.
Beratung des Etats, Reichseiſenbahnen, Nachtragsetat
für die Schutzgebiete. Schluß halb 7 Uhr.

S Perlin. 20. Jan. Die Budgetkommiſion
des Reichstages befaßte ſich mit der telegraphiſchen
Beſchwerde der Lüderitzbucht gegen den Staatsſekretäu
Dernburg. Es wurde allgemein die ſchärfſte Miß=
billigung
über das Telegramm ausgeſprochen wegen
der alles Maß überſchreitenden Form. Die Abgeord=
neten
Arendt (Rchspt.) und Erzberger Ztr.
wieſen auf etwaige Hintermänner der Beſchwerdefüh=
rer
der Lüderitzbucht hin. Staatsſekretär Dernburg
erklärte, er nehme die Angriffe nicht perſönlich und
meinte, man ſolle nicht auf den Inhalt des Telegramms,
ſondern auf Grund der in Ausſicht geſtellten näheren
Mitteilungen zu einem definitiven Schluß kommen.
Schließlich wurde die Petition einſtimmig durch die=
bisherigen
Beſchlüſſe für erledigt erklärt. Die Kom=
miſſion
begann darauf die Beratung des Hauptetats
der Kolonialverwaltung und überwies auf Vorſchlag
Semlers die Beſoldungsordnung an die Subkommiſ=
ſion
. Nächſte Sitzung morgen.
* Berlin, 20. Jan. Die Kommiſſion des
Reichstages für den portugieſiſchen Han=
delsvertrag
vertagte die für heute anberaumte
Abſtimmung auf Grund neuer, vertraulicher Erklär=
ungen
der Regierung auf den 26. Januar.

Unwetter und Hochwaſſer.

* Kannſtatt, 20. Jan. Der Neckar iſt bis geſtern
abend 9 Uhr geſtiegen. Um dieſe Zeit war der Pegel=
ſtand
4 Meter. Es trat dann ein Stillſtand ein und ſeit
heute früh fällt das Waſſer langſam. Um ¾6 Uhr früh
zeigte der Pegel 3,90 Meter.
* Mannheim, 20. Jan. Rhein und Neckar
ſind in vergangener Nacht rapid geſtiegen. Wäh=
rend
der Rhein von 3,81 auf 5,17 ſtieg, iſt der Waſſerſtand
des Neckars von 3,94 auf 6,11 angewachſen.
* Heidelberg, 20. Jan. Der Neckar hat das
Vorland größtenteils überſchwemmt.
Stuttgart, 19. Jan. Aus dem ganzen Lande
kommen Hochwaſſermeldungen. Bei Kannſtatt
mußte die Straßenbahn nach Münſter den Betrieb einſtel=
len
. Die Enz führt bei Vaihingen zahlreiche Tierleichen.
Im Ammertal ſind viele Häuſer vom Verkehr abgeſchnit=
ten
. Das Neckartal iſt unterhalb Horb ein See, Calw
und viele Straßen von Nagold ſind überflutert.
* Straßburg, 20. Jan. Wie in der Schweiz,
Oeſterreich und Frankreich manches Tal, ſo iſt die ober=
rheiniſche
Ebene von Hochwaſſer bedroht. In
der Schweiz verurſachte der fürchterliche Orkan mit 116
Kilometer Windſtärke und der 24 Stunden dauernde Regen
viele Hochwaſſerkataſtrophen. In vielen Orten mußten
Häuſer und Ställe verlaſſen werden. In Lauſanne wurde
die elektriſche Leitung zerſtört. In den Bergen herrſcht
Hochwaſſer und Lawinengefahr.
* Koblenz, 20. Jan. Auch die Moſel führt brau=
ſendes
Hochwaſſer; die Moſeltalbahn hat den Betrieb
eingeſtellt. Ebenſo iſt die Schiffahrt auf der Saar ein=
geſtellt
; viele Orte ſind überſchwemmt.
* Trier, 20. Jan. Die Moſel und die Saar
haben einen Waſſerſtand, wie ſeit 13 Jahren nicht mehr.
In Trier zeigte der Pegel heute früh 8 Uhr über 5 Meter.
Die Schiffahrt ruht. Leinpfade und Wieſen ſind über=
ſchwemmt
. Die Inſeln ſind verſchwunden. Die Saar
hat die Saarlouis=Frauenlauternerſtraße und das zwi=
ſchen
Saarlouis und Wallerfangen belegene Wieſental
überſchwemmt.
* Sigmaringen, 20. Jan. Der untere Teil
der Stadt ſteht vollſtändig unter Waſſer, ſo
daß die Brücken in Gefahr ſind, weggeſchwemmt zu wer=
den
. Das ganze Wieſental gleicht einem See, der große
Holzmaſſen mit ſich führt. Im unteren Stadtteil mußten
Notbrücken geſchlagen werden, um den Verkehr aufrecht zu
erhalten.
* Bern, 19. Jan. Infolge der heftigen Regen=
güſſe
der letzten Tage ſind in verſchiedenen Orten der
Kantone Wallis, Waadt und Neuenburg, ſowie im Berner
Jura Flüſſe und Bäche über die Ufer getreten und
haben erheblichen Schaden angerichtet. Durch Erdrutſchun=
gen
wurden vielfach Verkehrsſtörungen hervorgerufen.
H. B. Zürich, 20. Jan. Der fürchterliche Orkan
von vorgeſtern Nacht und der ununterbrochene Regen=
fall
ſeit 24 Stunden haben bereits zahlreiche Kata=
ſtrophen
im Lande verurſacht. Das Münſtertal im Ber=
ner
Jura iſt infolge Austrittes der Birs überſchwemmt.
Ueberall ſind die Feuerwehren alarmiert. Zahlreiche Häu=
ſer
ſind bedroht. Von Villeret bis Cortebert iſt das Tal
vollſtändig überſchwemmt. Auf der Bahnlinie
ſteht das Waſſer 40 Zentimeter hoch, weshalb der Bahn=
betrieb
eingeſtellt wurde. Im Waadtland iſt die Orbeſo
gewachſen, wie ſeit 50 Jahren nicht. Die Beſorgnis unter
der Bevölkerung iſt groß.
* Paris, 19. Jan. Seit 48 Stunden regnet es
in der Gegend von Belfort ununterbrochen. Zahlreiche
Ortſchaften ſind überſchwemmt, desgleichen in den
Vogeſen, wo die Moſel über ihre Ufer getreten iſt. Der
Bahnverkehr zwiſchen Buſſany und Saint Maurice iſt un=
terbrochen
.
* Gex (Dep. Ain), 20. Jan. Eine gewaltiger
Sturm, der 24 Stunden dauerte, hat hier die ganze
Ebene in einen großen See verwandelt. Alle Bahnverbin=
dungen
ſind unterbrochen. Es iſt erheblicher Schaden an=
gerichtet
worden. Sehr ſtarke Ueberſchwemmun=
gen
werden von St. Claude, Moret, Vallée und Bienne
gemeldet. Die Zufuhrſtraßen zu den genannten Städten
ſind unterbrochen.

Luftſchiffahrt.

* Friedrichshafen, 20. Jan. Gegenüber
einer Blättermeldung aus Köln, daß ein Z. mit einer
Länge von 300 Metern gebaut werde, der zur Beförde=
rung
von 300 Perſonen dienen und mit 8 Motoren aus=
geſtattet
werde, und zu den Fernverbindungen Ham=
burg
=Köln, Aachen, Baden und Hamburg=London be=
nützt
werden ſoll, teilt die Luftſchiffbau= Zeppe=
lin
=Geſellſchaft der Stuttgarter Morgenpoſt‟
mit, daß dieſe Nachricht jeder ſachlichen Grundlage ent
behre. Das im Bau befindliche Luftſchiff Z. IV und
der geplante Z. V werden eine Länge von 150 Metern
haben, einen Kubikinhalt von 20000 Kubikmetern, und
20 bis 25 Perſonen aufnehmen können. Beide Luft=
ſchiffe
werden wahrſcheinlich mit drei Motoren ausge=
ſtattet
, einer vorne und zwei hinten. Zur Beförderung
der Perſonen wird eine komfortabele Kabine eingerich=
tet
. Was die Fernverbindungen anbelangt, ſo werden
ſolche erſt eingerichtet werden, wenn die Hallen in
Hamburg, Köln und Baden fertiggeſtellt ſind. Sobald
die Halle in Hamburg fertiggeſtellt iſt, wird die Zeppe=
lin
=Geſellſchaft einen größeren Flug unternehmen.
Vorerſt kann ein ſolcher wegen der außerordentlich
ſchlechten Wind= und Wetterverhältniſſe an der Nord=
ſceküſte
nicht gewagt werden. Der Ausgangspunkt der
Fernfahrten wird vorerſt Friedrichshafen ſein. Was
die Fahrten mit einem Z. von München nach Ober=
Ammergau betrifft, ſo hängt die Einrichtung von ſolchen
Fahrten davon ab. nh München ſich daran beteiligt.

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21. Januar 1910

Nummer 17.

Zurzeit ſchweben noch immer Unterhandlungen mit
München.
er. Der deutſche Meiſterſchaftsflieger
Ingenieur Hans Grade= Magdeburg, hat ſich nach
Fatrr begeben, um dort an dem Aviatiſchen Meeting
vön Heliopolis teilzunehmen, das bekanntlich in der
Zeit vom 6. bis 13. Februar ſtattfindet.
* Paris, 20. Jan. Auf dem Flug=Meeting von
Los Angeles wurde ein Wettflug über 16 engliſche
Meilen in 23 Minuten 43 Sekunden von Courties
unternommen. Paulhan gebrauchte zu der Strecke
25 Minuten 5 Sekunden.

Sport.

At. Das diesjährige Automobilmanö=
ver
der Freiwilligen Automobil= Korps
wird, wie ſchon kurz gemeldet, am 11. Mai ſeinen An=
fang
nehmen, und zwar in Dresden, von wo aus ſich
die Uebungen während zweieinhalb Tagen bis Wien
hinziehen werden. Beteiligt ſein werden das Freiwil=
lige
Deutſche Automobilkorps, das Freiwillige Oeſter=
reichiſche
Automobilkorps und das neu gegründete
Sächſiſche Automobilkorps, während das Ungariſche
Korps von der urſprünglich beabſichtigten Beteiligung
abgeſehen hat, weil es ihm nicht möglih ſein würde,
eine genügende Anzahl von Mitgliedern zu ſtellen.
Offiziell treten als Veranſtalter aber nur das Freiwil=
lige
Deutſche und Oeſterreichiſche Automobilkorps her=
vor
. Ueber die Art der Korpsführung und die zu ſtel=
lenden
Aufgaben, die von den Generalſtabsoffizieren
Deutſchlands und Oeſterreichs ansgearkeitet werden,
verlautet bisher noch nichts Näheres; wie auch bei den
früheren Fahrten, ſo werden auch in dieſem Jahre die
geſtellten Aufgaben geheim gehalten werden. Für das
beſte Drittel der Teilnehmer ſind Dipiome als Aus=
zeichnungen
vorgeſehen. Ferner ſoll zwiſchen den Korps
nach Beendigung der Manöver eine Sonvenir ausge=
täuscht
werden.
sr. Im Schach=Weltmeiſterſchaftskampf
Lasker-Schlechter hat in Wien die vierte Partie
begonnen, die jedoch noch keine Entſcheidung brachte.
Nach vierſtündigem Kampfe wurde die Partie, die Dr.
Lasker als Anziehender ſpaniſch eröffnete abgebrochen.

Vermiſchte?.

Tſchechiſche Streichhölzer. Der tſche=
chiſche
Schulverein Matica, der ſich die Bekämpfung
des Deutſchtums zur Aufgabe macht, befaßt ſich nach dem
Vorgang anderer Vereine mit dem Verkauf von Streich=
hölzern
zum Beſten der Zwecke des Vereins. Dieſe
Streichhölzer werden nun auch ſo unglaublich es
erſcheint in Deutſchland vertrieben und gekauft,
ohne daß die Käufer natürlich wiſſen, um was es ſich
dabei handelt. Die Streichholzſchachteln zeigen auf gel=
bem
Grunde rot=weiß=blaue Streifen mit tſchechiſcher
Aufſchrift, und oben links ein blaues Wappen mit wei=
ßem
Stern darin. Die deutſchen Käufer ſolcher Streich=
hölzer
ahnen gewiß nicht, daß ſie durch ihr Geld dazu
beitragen, ihre Brüder im Auslande zu ſchädigen und
die Zwecke der Deutſchfeinde im Auslande noch durch
ihr Geld unterſtützen. Wer dies nun weiß, wird ſie
mnicht kaufen.

Stimmen aus dem Publikum.
Für die Veröffentlichungen unter dieſer Ueberſchrift übernimmt die Redaktion
kinerlei Verantworkung; für ſie bleibt auf Grund des § 21 Abſ. 2 des
Preßgeſetzes in vollem Umfange der Einſender verantwortlich.)

Wer den Zuſtand des Dreiſchlägerwegs von der
Hammelstrift bis an den Bahnhof Kranichſtein kennt, wird
ſich nicht wenig wundern über den ablehnenden Beſchluß
der Stadtverordnetenverſammlung vom 4. November v. J.
betr. Herſtellung desſelben zu einer Kreisſtraße, zumal es
ſeitens des Kreiſes als ein Bedürfnis anerkannt und unter
Zuſatz von mehr als der Hälfte Baukoſten befürwortet
wurde. Es mag vorſtehender Beſchluß wohl darauf zurück=
zuführen
ſein, daß den meiſten Herren der Weg unbekannt
iſt, oder aber der Weg einfach abgelehnt wurde, weil er
Geld koſtet und außerhalb der Stadttore liegt. Es würde
ſich ſehr empfehlen, wenn ſich die Herren gerade jetzt einmal
überzeugen würden von dieſem Spott und Hohn ſprechen=
den
Zuſtand. Den Namen Weg verdient er eben nur noch,
weil er als ſolcher benutzt werden muß.
C.

(a
Die engliſchen Wahlen.

* London, 20. Jan. Nach den bis jetzt vorliegen=
den
Wahlergebniſſen ſind gewählt: 129 Unio=
niſten
, 118 Liberale, 44 Nationaliſten und 23 Mitglieder
der Arbeiterpartei. Die Unioniſten gewannen 57, die
Liberalen 9 Sitze, die Arbeiterpartei gewann einen
Sitz. Die Unioniſten gewannen heute den Sitz in
Nottingham=Süd von der Arbeiterpartei, ebenſo ſiegten
ſie in Nottingham=Oſt.
* London, 20. Jan., mittags. Nach den bis jetzt
porliegenden Ergebniſſen, wurden noch 5 Unio=
niſten
und ein Liberaler, der Kanzler des Herzogtums
Lancaſter, Samuel, gewählt. Die Unioniſten ge=
wannen
dabei drei Sitze. Alſo ſind bis mittags ge=
wählt
: 136 Unioniſten, 119 Liberale, 23 Mitglieder der
Arbeiterpartei und 44 Nationaliſten.
* London, 20. Jan., 1 Uhr 15 Min. Bis Nach=
mittags
waren gewählt: 151 Unioniſten, 127 Libe=
rale
, 23 Mitglieder der Arbeiterpartei und 46 Nationa=
liſten
. Die Unioniſten gewannen 66 Sitze; die Gewinne
der übrigen Parteien ſind unverändert. Staatsſekretär
Sir Edward Grey wurde in Berwick wiedergewählt.
London, 20. Jan. Bis halb 2 Uhr nachmittags
waren gewählt: 155 Unioniſten, 130 Liberale, 25
Mitglieder der Arbeiterpartei und 47 Nationaliſten.
Die Unioniſten gewannen bis jetzt 69 Sitze, während
bei den anderen Parteien die Gewinnziffer unveräu=
dert
iſt.

Der Brand des türkiſchen Parlaments=
gebäudes
.

* Konſtantinopel, 19. Jan. Das Feuer im
Tſchiraganpalaſt iſt lokaliſiert. Die geſamte Ein=
richtung
des Palaſtes iſt zerſtört, nur die Umfaſſungs=
mauern
ſind teilweiſe erhalten.
* Konſtantinopel, 19. Jan. Bei dem
Brande des Tſchiraganpalaſtes ſind auch die
Parlamentsakten größtenteils verbrannt. Wegen
des heutigen griechiſchen Feiertages fand keine Sitzung
ſtatt. Das Gebäude war nicht verſichert; der Schaden
beträgt zehn Millionen Pfund.
77
Konſtantinopel, 19. Jan. Die erſte An=
nahme
, daß der Brand des Parlamentes infolge der
Exploſion in einer Heizungsanlage ausgebrochen
ſſei, wird nicht allgemein geteilt. Der Präſident der
Kammer und der Miniſter des Innern halten dies für

ausgeſchloſſen und meinen, daß jedenfalls infolge des
Verſchuldens von Parlamentsangeſtellten das Feuer
ſolche Dimenſionen annehmen konnte. Augenzeugen
behaupten, daß das Feuer gleichzeitig an meh=
reren
Stellen zum Ausbruch gekommen ſei. Die
Unterſuchung wurde eingeleitet. Aus der Provinz
lanſen Beileidsdepeſchen ein. Der Präſident
der Kammer hat die Deputierten für Samstag zu einer
Sitzung behufs Vorlegung des Regierungsprogrammes
einberufen. In welchem Lokal die Sitzung abgehalten
wird, iſt noch unbekannt, wahrſcheinlich in dem dem
Parlament gegenüberliegenden Deputiertenklub. Den
Nachmittag verwandten die Miniſter dazu, ein paſſen=
des
Gebäude zu ſuchen. Für den Senat iſt ein kaiſer=
licher
Kiosk am goldenen Horn ausgewählt worden.
Die Kammer dürfte in dem alten Poſtgebäude oder
was wahrſcheinlicher iſt im Muſeum in Stambul
tagen. Allgemein fiel die Teilnahmsloſigkeit in den
unteren Bevölkerungskreiſen auf, während in der Stadt
große Erregung herrſcht und der Brand als nationales
Unglück angeſehen wird.

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Berlin, 20. Jan. Der Zentralausſchuß der
Reichsbank iſt für morgen vormittag 10½ Uhr ein=
berufen
.
* Berlin, 20. Jan. Der Berliner Lokalanzeiger
meldet aus Rixdorf: Heute nacht verſuchte der 29 Gärtner Mollik ſeine Geliebte, die 25jährige
Marie Kaſten, in der Nollendorferſtraße auf offener
Straße zu erſchießen und ſich ſelbſt in der Wohl= zu vergiften; beide liegen ſchwer danieder.
* Gelſenkirchen, 20. Jan. Die Arbeiten zur Rettung
der auf der Zeche Holland Verſchütteten ſind er=
folglos
geweſen, da geſtern abend ein erneuter Einſturz
das Rettungswerk vernichtete. Seitdem geben die Ver=
unglückten
kein Lebenszeichen mehr; die Hoffnung, ſie
noch lebend zu bergen, iſt nur ſehr gering. Der Schacht
iſt noch in Bewegung; es muß jetzt alles daran geſetzt
werden, weitere Nachſtürze zu verhüten. Inzwiſchen
verſucht man, von einer anderen Stelle zu den Ver=
ſchütteten
zu gelangen; der Durchſtoß dürfte aber, da
25 Meter Geſtein zu durchbrechen ſind, erſt in ſieben
Tagen gelingen.
* Rom, 20. Jan. An der Küſte bei Prattica di
Mare erlitt der engliſche Segler Unione mit einer
Kohlenladung von Malta nach Follonica beſtimmt,
Schiffbruch. Von elf Mann der Beſatzung wurden
ſieben gerettet, darunter der Kapitän. Drei verwun=
dete
Matroſen wurden nach Rom ins Krankenhaus ge=
ſchafft
; drei werden vermißt, einer wurde als Leiche
an den Strand geſpült.
* Paris, 20. Jan. Die Kammer ſetzte die Be=
ratung
der Interpellationen über die Laienſchulen fort.
Abbé Gayrand führte aus, die Biſchöfe ſeien im Recht,
wenn ſie die Schulbücher verurteilten, und die Eltern
täten ihre Pflicht, indem ſie den Biſchöfen gehorchten.
Die Prieſter ſtänden unter keinerlei politiſcher Beein=
fluſſung
. (Beifall rechts.) Gayraud proteſtierte gegen
die Abſichten des Unterrichtsminiſters und verlangte
eine aufrichtige Anwendung der Unterrichtsfreiheit.
* Paris, 20. Jan. Vor dem Zivilgericht in
Reims beginnt heute der von dem Lehrerverband
des Marnedepartements gegen den Erzbiſchof
Lucon wegen des von ihm unterzeichneten Hirten=
briefes
des franzöſiſchen Epiſkopates angeſtrengte
Schadenserſatzprozeß. In der Klage heißt es,
daß durch den Hirtenbrief, in welchem die Lehrer als
Teilnehmer an einem Werke der Demoraliſierung be=
zeichnet
ſind, die materiellen und moraliſchen Intereſſen
der Lehrer geſchädigt werden und die Würde der ganzen
Körperſchaft verletzt und die Lehrer in der Ausübung
ihres Amtes behindert werden.
* New=York, 19. Jan. Evening Poſt ſchreibt:
daß die Ausſchließung
Jedermann muß hoffen,
Deutſchlands und Frankreichs aus der Liſte
der Länder, die mit Amerika in Tariffrieden leben, nur
temporär ſein kann; ein Tarifkrieg mit Deutſch=
landoder
Frankreich würde nur die verheeren=
den
Folgen haben, die ſeinerzeit der franzöſiſch= ſchwei=
zeriſche
Tarifkrieg hatte; auf beiden Seiten iſt nür der
Geiſt der Nachgiebigkeit notwendig, um ein gutes Ein=
vernehmen
herbeizuführen. Die Waſhingtoner Behör=
den
ſollten bedenken, daß der Payne=Tarif ſchon genug
Odium hervorgeruſen hat. Der Globe hebt die Be=
dentung
des Handelsverkehres mit Deutſchland hervor
und die durch einen eventuellen deutſch=amerikaniſchen
Zollkrieg hervorgerufene Kalamität. Es ſei ein Glück
für beide Länder, daß Präſident Taft kein Tariffrömm=
ler
ſei; es könne nicht ſtart genug wiederholt werden,
daß kein antideutſches Gefühl in Amerika und keine
Neigung vorhanden ſei, Dentſchland unterſchiedlich zu
behandeln.
* New=York, 20. Jan. Nach einer Meldung aus
Peling teilte die japaniſche Regierung der
chineſiſchen nicht formell mit, ſie beabſichtige in gemein=
ſamem
Vorgehen mit Rußland, den Vorſchlag des
Staatsſekretärs Knox abzulehnen; China trage für
dieſen Vorſchlag die Verantwortung und habe ſich damit
eines unfreundlichen Aktes gegen Japan ſchuldig ge=
macht
.
* Philadelphia, 20. Jan. Bei dem gemeldeten
Brande in der Kleiderfabrik ſind 25 Arbei=
terinnen
in den Flammen umgekommen, andere werden
vermißt.

HB. Petersburg, 20. Jan. In der Fabrik von
Siemens u. Halske brach ein Großfeuer aus,
wobei die Abteilung für Eiſenbahn=Signale, die Tiſch=
lerei
, das Kontor ſowie die Empfangsräume vollſtändig
niederbrannten. Der Schaden wird auf 200000 Mark
geſchätzt.

Todes-Anzeige.
(Statt jeder beſonderen Anzeige.)
Heute verſchied ſanft im 91. Lebensjahre
meine liebe Tante
(B1898
Fräulein Elise Mufot.
Darmſtadt, den 19. Januar 1910.
Emma Colin,
geb. Mulot.
Die Beerdigung findet am Samstag, den
22. Januar, nachmittags 3 Uhr, vom Beſſunger
Friedhofe aus, ſtatt.

Todes-Anzeige.
Heute Nacht entſchlief ſanft in Gott, nach
langem Leiden, mein unvergeßl icher Gatte,
unſer treubeſorgter Vater, Bruder, Onkel und
Großonkel
(*1594
Herr Ludwio Knell
im 72. Lebensjahre.
Bie trauernden Hinterbliebenen:
Frau Johanna Knell
und Kinder.
Darmſtadt, den 20. Januar 1910.
Die Beerdigung findet Samstag, den 22. Jan.,
nachmittags 2¼ Uhr, vom Portale des Darm=
ſtädter
Friedhofes aus, ſtatt.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
bei dem Hinſcheiden meiner innigſtgeliebten Gattin,
unſerer lieben guten Mutter, Schweſter, Schwägerin
und Tante
(B1902
Frau Susanne Koch
geb. Wambold
ſowie für die troſtreiche Grabrede des Herrn
Pfarrers, für die zahlreichen Blumenſpenden,
meinen Herren Vorgeſetzten, Mitarbeitern und
dem Werkſtätteverein der Eiſenbahn= Betriebswerk=
ſtätte
, und Allen, welche ihr die letzte Ehre er=
wieſen
, ſagen wir hierdurch unſeren herzlichſten
Dank.
Darmſtadt, den 20. Januar 1910.
J. Koch und Kinder.

Amtlicher Wetterbericht.

Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.
Verlauf der Witterung ſeit Mittwoch früh: Das
nördliche Tiefdruckgebiet zieht unter Auflöſung oſtwärts
ab; es hat geſtern und in der Nacht noch wiederholt
Schneeſchauer gebracht. Im Gebirge liegt tiefer Schnee.
Ueber Nordweſteuropa auf der Rückſeite des abziehenden
Wirbels iſt hoher Druck in Bildung begriffen; Nord=
winde
führen dort Abkühlung herbei, die ſich weiter auch
nach Deutſchland fortpflanzt, ſo daß Froſt bevorſteht.
Ausſichten in Heſſen am Freitag, den 21. Januar:
Nördliche Winde und Froſt, noch ſtrichweiſe leichte
Schneeſchauer im Süden, ſtärkere im Norden.

Tageskalender.

Großh. Hoftheater, Anfang 7 Uhr: Minna von
Barnhelm
Vorſtellung um 8 Uhr im Orpheum.
Vortrag von Dr. med. Kleinſchrod um 8¼ Uhr im
Kaiſerſaal (Naturheilverein).
Vortrag von Frl. Dr. phil. Schirmacher um 8 Uhr im
Fürſtenſaal (Landesverband für Frauenſtimmrecht).
Konzert um 8 Uhr im Hotel Heß.
Konzert um 8 Uhr im Bürgerkeller.
1. Darmſtädter Kinematograph (Ecke Rhein= und
Grafenſtraße): Vorſtellungen von 4½11 Uhr.
Olympia=Kinematograph Ernſt=Ludwigſtr. 23.
Kaiſerpanorama Luiſenplatz 1 (von Trieſt nach Athen
und Klein=Aſien).

Verſteigerungskalender.
Samstag, 22. Januar.

Dünger=Verſteigerung um 10 Uhr in der Art.=
Kaſerne (Regt. Nr. 61).

Beſichtigung des Großh. Reſidenzſchloſ=
es
: Dienstags und Freitags von 34 Uhr, Sonn=
tags
von 111 Uhr. Eintrittskarten werden beim
Schloßinſpektor abgegeben: Einzelkarte 50 Pfg., Fa=
milienkarten
(3 Perſonen) zu 1 Mk.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldacſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil: J. Kroſt, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nichs
zurückgeſandt.

[ ][  ][ ]

Nummer 17.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21. Januar 1910.

Seite 7.

Bei Bedart in Flaſchenbieren wende man sich an die
2
(1891a
Viktoriastr. 28
Lud. Dexheimer: reiston 1527.

Biergroßhandlung
von

Meine Flaschenbiere sind von bestem Wohlgeschmack, vorzüglichster Bekömmlichkeit und vielfach ärztlich empfohlen
*3
und erfreuen sich infolge ihrer hervorragenden Eigenschaften, allgemeiner Beliebtheit. Jeder Versuch führt zur dauernden Kundschaft.

*1578) Frau nimmt Waſchen u. Flicken
an Fuhrmannſtraße 12, I. St. links.

D=
le
=jähriges Mädchen
welch. ſchon ged., ſucht Stelle zu Kind. od. in kl.
Haushalt hier oder auswärts
(*1582
Franks Stellenbureau, Karlſtr. 31.

B190) Gut empf. Frau ſ. Laufdienſt vor=
od
. nachmittags 2 Std. Ludwigshöhſtr. 78.
mehrere Landmädchen
Stellen ſuchen mit guten Zeugniſſen
ſofort und ſpäter durch Frau Weißmantel,
Eliſabethenſtraße 37.
(*1609

ſofort Stelle
Einfaches Mädchen ſucht in Geſchäfts=
haus
, junge Frau ſucht Laufſtelle
Stellenbureau Debus, (*1607
Telephon 1737.
Karlſtraße 79.

*1598) Mehrere Alleinmädchen, welche
kochen und nicht kochen, ſuchen Stellen
Stellenbureau Dingeldein,
Schützenſtraße 10½, Telephon 531.

1aot
gedienter Kavalleriſt,
Junger Mann, ſucht Beſchäftigung als
Fuhrmann. Wo? ſagt die Exped.
(*1543

Bautechniker (5.)
Abſolvent einer Baugewerkſchule, einige
Semeſter Hochſchule, die Zeit her ſelbſtändig
im Baugeſch., ſucht Stellung. Uebernimmt
auch Bauleitung außerhalb. Gefl. Offerten
unt. E 91 an die Exped. ds. Bl. (*1583fs

Ich ſuche für meinen Sohn
der bis Oſtern die Primareife und die Be=
rechtigung
zum Einjährigen=Freiwilligen
erreicht hat, paſſende Lehrſtelle. Gefl. Ant=
wort
unter E 79 an die Exped. (*1554dfs

Kaufmänn. Sehrstelle-Gesuch.
Für meinen Sohn (einjähr. Freiw. und ein Jahr Handelsſchule
Neuchätel) ſuche ich per Anfang April ds. Js. Lehrſtelle in leb=
haftem
, feinen Detailgeſchäft der
Konfektion-, Manufaktur- oder Besatzbranche
wo ihm Gelegenheit geboten, ſich unter den Augen des Chefs
ſowohl im Verkauf wie im Kontor gediegene kaufmänniſche Kennt=
niſſe
anzueignen. Gefl. Offerten mit Lehrbedingungen befördert
Rudolf Mosse, Karlsruhe i. B., unter F. K. 4061.
(18762f

Grafen=
Grafen=
8
ſtr. 18 Schledels ſtr. 18
Theater- und Masken-Garderobe
71.

Verleih= und Verſandhaus.
Größtes Lager am Platze.

Ueber 1200 Kostüme und Dominos für Herren,
Damen und Kinder.
Hiſtoriſche Koſtüme für Feſtzüge und Koſtümfeſte.

Kulissen: Fahnen von 50 Pf. an zu verleihen. (1563a
Geen
Hauſierer und Hauſtererinnen

e
für einen lohnenden Artikel, welcher faſt in jeder Familie gebraucht wird, gefucht.
(*1314mf
Näheres Expedition.
Glühen, ſrehſanen teule
welche die ernſte Abſicht haben, ſich eine gute
Exiſtenz zu gründen, iſt durch Vertretung
eines hier bereits eingeführten Kredithauſes
Gelegenheit dazu geboten. Selbige iſt je=
doch
vorerſt nur als Nebenbeſchäftigung
zu betrachten. Kenntniſſe nicht erforderlich,
(*1593
dagegen kleine Sicherheit.
Offert. unt. L. S. 87 poſtlagernd.

Junger, flotter
Zeichner
von hieſiger Maſchinenfabrik geſucht. (1866
Angebote unter E 83 an die Exp. d. Bl.

*1538) Tüchtiger Schmiedgehilfe ſof.
Magdalenenſtraße 11.
geſucht

Weissbindergehilfe
zum Ausmeſſen und Berechnen von Arbeiten
wird ein tüchtiger Gehilfe geſucht. Selbſt=
geſchr
. Off. u. E 84 an d. Exp. (1864fs

1808dfs) Wir ſuchen zum ſofortigen Ein=
tritt
eine durchaus erfahrene und begabte
M
Stenotypistin
Rechtsanwälte
Dr. Bender. Schoedler, Raab,
Kaſinoſtraße 8.

Gesucht

für gleich eine gelernte perfekte Kranken=
pflegerin
zu ſchwer kranker alter Dame.
Meldungen Wilhelminenſtr. 50, II. (*1574

1895fsoi) Tüchtige Maſchinenſtickerin
für Soutache und Kurbelſtickerei zum bald.
Eintritt geſucht. Off. m. Gehaltsanſprüchen
hei freier Station und Wohnung an
Hans Evanschitzky.
Soutache und Kurbelſtickerei,
Saarbrücken, Bahnhofſtr. 40.

Eine angehende zweite und eine
zweite
Arbeiterin für Putz
(1878
für Frühjahr geſucht.
Carl Arnheiter.

1886) Für das ſtädtiſche Kraukenhaus,
Grafenſtraße 9, wird zum 1. Februar l. Js.
eine perfekte
Büglerinf. Stärkwäſchegeſucht.
Bewerberinnen wollen ſich alsbald unter
Vorlage ihrer Zeugniſſe über die ſeitherige
Tätigkeit bei dem Oberverwalter des ſtädt.
Krankenhauſes melden.


(
Gesuch


jetzt oder ſpäter zur vollſtändigen Führung
eines ruhigen Haushaltes eine erfahrene
Frau oder Mädchen. Muß richtig kochen
können. Nur ſolche mit guten und mehr=
jährigen
Zeugniſſen wollen ſich melden.
Näheres in der Expedition ds. Bl. (*1484dfs

Geſunde Schenkamme
ſofort geſucht Soderſtraße 95, II. (*1387mf
Eine tüchtige Haushälterin
in allen Arbeiten erfahren, auch in Kranken=
pflege
durchaus tüchtig, ſucht Stelle Näh. bei
Herrn Bruchäuser, Schwanenſtr. 70. (*1336mfo
*1564) Fleißiges,, junges Mädchen
für tagsüber in beſſeren Haushalt ge=
ſucht
Schloßgartenſtraße Nr. 5, 1. Stock
links.

. Stellung finden:
Haus=, Kinder=, Zimmer= und
Alleinmädchen, die kochen und
nicht kochen können, ſowie tücht.
Servierfrl. durch Fr. A. Schmilt,
Stellenb., Ballonpl. 5, II. (*1591

Ein zuverläſſiges Mädchen,
in allen Hausarbeiten gründlich erfahren,
tagsüber geſucht Mühlſtr. 62, III. (*1595fs Süchtige, Mläbchen,
das gut kochen kann, per 1. Februar geſucht
Viktoriaſtraße 30, I. (1905a *1551) Mädchen von 10 Uhr morgens
bis gegen Abend geſucht Heidelbergerſtr. 23. Junges Laufmädchen
geſucht
(*1612
Kaffeegeſchäft Ernſt=Ludwigſtraße 10. Gesucht
eine ehrliche, reinliche Lauffrau 2 Stunden
täglich Steinackerſtraße 11.
(B1911 *1599) Schenkammen geſucht Ammen=
vermittelung
Frau Dingeldein, Schützen=
ſtraße
10½, Telephon 531. *1600) Köchinnen Hausmädchen, tüch=
tige
Alleinmädchen, Mädchen in Geſchäftsh.,
mehr. jüng. Mädch. erh. tägl. St. Büro
Dingeldein, Schützenſtr. 10½, Tel. 531. ſofort geſucht Wendelſtadt=
Lauffrau ſtraße 8, I.
(*1601 welches alle
Ein braves Mädchen, Hausarbeit ver=
ſteht
und zu Hauſe ſchlafen kann, ſofort ge=
ſucht
Schuſtergaſſe 10.
(*1602 Gebildete jüngere Dame
geſucht als Geſellſchaft u. Unterſtützung
zu älterer Dame. Antworten unt. E 99
an die Expedition ds. Bl.
(*1614fso Mätig
II1875)
Tauger Agent
geſucht für Verkauf von Waren auf Ab=
zahlung
. Off. erb. u. H. T. 495 an
Haaſenſtein & Vogler, A.=G., Hamburg. *1563)
Gewandter
Ile
Städtreisender
für gut eingeführte, hieſige Firma geſucht.
Offerten unter E 85 an die Exped. d. Bl.

in jeder Höhe
Für Kapital=Geſuche ſuche Vertreter
zur Entgegennahme von Anträgen.
1887) E. Hengstmann, Dortmund 115.
ſe auf Leib= und Bett=
Tüchtige Reiſenbt wäſche für Abzahl.
geſucht. Offerten unter E 78 an die
Expedition dieſes Blattes.
(*1553fsoi

Junger intell. Bursche
in dauernde Beſchäftigung geſucht (1867fs
Druckerei Heinrich Eibert
Ernſt=Ludwigſtraße 9.

Solider ſleißiger Burſche
ſtadtkundig, als Bäckerhausburſche geſucht.
Keine Nachtarbeit. Koſt u. Wohn. i. Hauſe.
(*1562
Bleichſtraße 13, Mainzer.

1353fik) In einer Großhandlung dahier
ſind auf Oſtern einige
Lehrstellen
für zum einjährigen Militärdienſt Berechtigte
mit guter Handſchrift zu beſetzen. Näheres
in der Expedition dieſes Blattes.

Shtke
Schn uchater Eilein
mit beſſerer Schulbildung, wird Oſtern als
Lehrling aufgenommen
(*1585fs
Osc. Ensslinger, Hofphotograph.

ot
Ordentlicher ftrißeger Lehrling
für kaufmänniſches Bureau geſucht. Selbſt=
geſchriebene
Offerten an Rast & Co.,
(*1910fs
Aliceſtraße 5.

Für altes Eisen, alte Metalle,
Papierabfälle aller Art, Geschäfts-
Dapiere, Bücher und Akten
unter Garantie des Einſtampfens zahle
ſtets die höchſten Preiſe.
(126a
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Aufträge werden jederzeit prompt erledigt.

Lche
Sen

Dunges Ehepaar ſucht zum 1. Mai d. Js.
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in ruhiger Lage. Offert. mit Preisangabe
unter E 81 an die Exped. ds. Bl. (*1558

Schöne 3= ev. 4=Zimm.=Wohnung, part.,
ſof. geſ., ev. leicht zugängl. Seitenbau.
Off. unt. E 94 a. d. Exped. ds Bl. (*1592fs

Im Zentrum od. Nordviertel
2 Parterre=Zimmer, event. 2= Zimmerwoh=
nung
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(*1552


2 leere Zimmer
zu Unterrichtszwecken geeignet (möglichſt
im Zentrum), ſofort zu mieten geſucht.
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Fräulein
ſucht per 1. od. 15. März einfach möbl.
Zimmer mit Kaffee, event. auch Mittagstiſch.
Angeb. m. Preis u. E 76 an die Exp. (*1546

1610fs) Schuhmachergehilfe ſofort ge=
ſucht
Lichtenbergſtraße 68.

Sunger Mann ſucht Zimmer in ruhigem
Hauſe, Nähe des Marktes. Offerten
mit Preis unter E.90 an die Exped. (*1577

Nur & Tage! ns

araä
Eiebestrlamphe
Zauberhaftes Märchen in Farben=
kinematographie
von Pathé freres.
n
Eiehfiyige
Eile Eisbarjagd.
Intereſſante Naturaufnahme.

Vorher und nachher.
Humoriſtiſcher Schlager von Max
Linder. Geſpielt vom Verfaſſer ſelbſt.

Die Schwiegermutter
:: Iernt reiten :
Humoriſtiſch.
(1897
Jeder muß lachen!

usw.

usw.

usw.

Jeden Dienstag und Freitag
Programmwechſel.
24
(22

Zur gefl. Beachtung!
Durch Ankauf eines neuen Nusik.
Instrumentes sind wir in der Lage,55
Opern. Musikstücke usw. in pracht:
voller Tonart d. geehrten Besuchern
unseres Theaters zum Gchör bringen
zu können.Die pianistischen IIIn-
strationen
während den Vorführ-
ungen
werden wirkungsvoller und
das Instrument wird allgemeine
Bewunderung finden. da es eine der
*2s
letzten Neuheit der Eründung auf
:dem mnsikalischen Gebiete ist.:g

u große Stücke 10 Pfg.,
Wäſche z. Waſchen kleine Stücke 4 Pfg.

(*1794mf)

J. Plösser I., Malchen.

Guten Mittag= u. Abendtiſch Wendel=
ſtadtſtraße
31, Gartenh. part. (*841dfso

Peſſere Herren können einen gut bürgerl.
Oylittagstisch mit Kaffee von 70 Pfg.
an erhalten Luiſenſtraße 14, II.
(*1529

Damen
erhalten guten Mittags= und Abendtiſch
von 60 Pfg. an. Alexanderſtraße 4, I.
2
ahverg
Junge, ſtaatl. gepr. Leyrerin
erteilt Nachhilfeſtunden in allen Fächern.
Zu erfragen Expedition.
(*1573fsm

230
Kochstunge.
An dem jetzt beginnenden Kurs können
(792a
ſich noch einige Damen beteiligen.
7
J. Friedrich
Frankfurterſtraße 74, I.

[ ][  ][ ]

Beginn Samstag, den 22. ds. Mts.

Verkauf nur so lange Vorrat.
(1894

Seiten Sanstige Räufgelesennen tar Hetels, wirle und Pelsiohen.

Inmnmi

5
5
Glaswaren

Porzellan u. Steingut
Wirtschafts-Artikel

250

15

150
1

(5

15 Pfg.

Ein Posten
Porzellan-Teller
tief oder flach
. . Stück 10 Pfg.
Ein Posten
Suppen-Tonnen
Stück
zum Ausſuchen .
Ein Posten
Kuchen-Teller
weiß, mit kleinen Fehlern Stück 1 Pfg.
Ein Posten
Aschen-Teller
Porzellan . . .
Stück 15 Pfg.
Ein Posten
Eier-Becher
Porzellan . . .
jet 15
Ein Posten
Hand-Leuchter
Porzellan, dekor. .
ber. 30
Ein Posten

Wasser-Kannen
zu Garnituren paſſend, Stück 66 Pfg.
Ein Posten

Fleisch-Platten
Porzellan. . Stück 60 und 60 Pfg.
Ein Posten
Porzellan-Terrinen
mit Löwenkopf . . . Stück 40 Pfg.
Ein Posten
Porzellan-Terrinen
oval . . Stück 115 und 00 Pfg.
Ein Posten
Kaffee-Kannen
Porzellan, 2 Ltr. Inhalt, Stück
46
Ein Posten
Salz- u. Mehl-Metzen
mit Holzrückwand . . Stück 60 Pfg.
Satz Schüsseln
6 Stück im Satz zuſammen 60 Pfg.

Ein Posten
Bier-Gläser
mit Fuß .
Stück
Ein Posten
Bier-Becher
mit Bordüre . .
6 Stück
Ein Posten
Gold-Rand-Becher
zum Ausſuchen .
6 Stück
Ein Posten
Sahnen-Service
enorm billig .
Stück
Ein Posten
Tee-Becher
mit Rand . . .
Stück
Ein Posten
Stangen-Gläser
volier
Stück
Ein Posten
Gold-Rand-Becher
mit Buchſtaben .
Stück
Ein Posten
Kaiser-Becher
mit Eckenſchliff u. Namen, Stck.
Ein Posten
Blumen-Vasen
mit Beſchlag .
Stück
Ein Posten
Küchen-Lampen
komplett
Stück
Ein Posten
Fisch-Glocken
enorm billig
Stück

N

6

Pfg.

Ein oroster Posten
Kartoffel-Schäler
zum Ausſuchen. .
Stück

8

Pfg.

1

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Ein Posten
5 Kaffee- u. Zucker-Dosen
fein lackiert . . . . Stück
Ein Posten
Aermel-Bretter
Stück
Ein Posten
Besteck-Kasten
Holz, 3teilig,
Stück
Ie Ein Posten
Wasche-Trockner
Stück
mit 5 Armen . .
Ein Posten
5
Servier-Bretter
Holzm. Einlage u. Griff, Stück

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Ein Schock
Wäscheklammern
60 Stück
Ein Posten
Petroleum-Kannen
lackiert, 2 Liter . . . Stück

Pfg.

Pfg.

Ein Posten
Eck-Etageren
Holz, geſchnitzt . . . Stück

Pfg.

Wirtschafts-Artikel

Ein Posten
Wand-Sprüche
2
50, 25 und

Ein Posten

Ein Posten
Blumen-Ampeln
Majolika m. Meſſingkette, Stck.
Ein Posten
Tisch-Lampen
mit Guß=Fuß . . . Stück
Ein Posten
mit Majolika=
Brotkörbe Einlage und
vernickeltem Rand . . Stück
Ein Posten
Tassen
ohne Unterteller. . . Stück
Ein Posten
Tassen Steingut,
Stück
mit Unterteller . .
Ein Posten
Milch-Becher
Steingut, weiß . . . Stück


.
9
6

Pfg.
145
Pfg.
Pfg.
5n=
Pfg.
Pfg‟

Ein Posten
Löffel-Blech,
Emaille . . . .
Stück
Ein Posten
Zwiebel-Kasten
Stück
Emaille .
Ein Posten
Küchen-Wagen
10 Kilo wiegend
Stück
Ein Posten
Sand-Seife-Soda
Emaille .
Stück
Ein Posten
Spiritus-Kocher
Stück
enorm billig .
Ein Posten
Servier-Tabletts
lackiert, Delftmuſter . Stück
Ein Posten
Zwiebel-Kasten
fein lackiert
Stück
Ein Posten
Sand-Seife-Soda
und 60 Klammern, zuſammen

5 Haus-Segen

39


26
(5
3 Pfg.

Pfg.
Pfg.
835
Pfg.
45
Pfg.
5 Pfg.

Ein Posten
Wand-Gemälde

mit Holzrahmen, 3.25, 1.15 u.

8
unter Glas . . . . Stück 60 Pfg.
60
Ein Posten
5 Garderobehalter 9
20
mit 3 Haken
Stück
Ein Posten
55
Garderobe-Halter
95
mit 5 Haken, vernickelt, Stück
Ein Posten
5 Haus-Apotheken
Stüick 48
Holz, geſchnitzt . .

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Pfg.

Ein Posten
s Bürsten-Halter
Stück

Pfg.

Ein Posten

Schlüssel-Halter
mit 4 Meſſing=Haken, Stück Pfg.

Ein Posten
9h
s Zeitungs-Halter
Hob, geſchmint, . . Stück 80
30 Pfg.

Pfg.

I!

IIniihmnmn


Wronker & Cie. Darmstadt.
O

[ ][  ][ ]

30 17.

Freitag, 21. Januar.

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Die Aebelfrau.
Roman von Anny Wothe.
(Nachdruck verboien.)
11)

Wo bleibt Ihr denn ſo lange? rief eine ſchmollende,
ſüße Stimme von der Tür her. Großmutter iſt ſchon zur
Ruhe gegangen, und der Tee wartet. Wollt Ihr denn
nicht herüber kommen, Undine?
Gräfin Fridruns lockiger Kopf wurde durch die Tür=
ſpalte
ſichtbar. Befremdet, mit faſt entſetzten Augen ſtarrte
ſie auf das Paar, das noch immer ganz ſelbſtverloren ver=
harrte
und gar nicht wußte, daß es ſich bei den Händen
hielt.
Komm nur herein, Fridrun, forderte Undine ſie auf,
und es ſchien Reimar, als klänge ihre Stimme kalt und
hochmütig. Ich habe mich ſoeben mit Graf Randolt ver=
lobt
.
Ein gellender Schrei klang von der Tür her, und mit
dumpfem Fall ſtürzte Fridrun zuſammen.
Einen Augenblick ſenkten ſich Undines und Reimars
Augen feſt ineinander.
Die wars! ſchien einer in des anderen Augen zu le=
ſen
, dann aber ſchritt Undine gelaſſen zur Tür.
Es hat nichts zu ſagen, bemerkte ſie ruhig. Es iſt ei=

Ger eren ne ete e e en
bei kleinen, ſeeliſchen Erregungen einſtellen.
Sie ſpritzte ihr energiſch ein wenig Waſſer ins Geſicht,
ohne allzu viel Rückſicht auf die braune Lockenpracht zu
nehmen, und Fridrun ſchlug dann auch bald die Augen
auf, verſtört und zweifelnd um ſich blickend.
Aber Graf Reimar fand ihr Auge nicht. Er hatte
ſtill das Zimmer verlaſſen.
Iſt es wahr? ſchrie ſie plötzlich auf. Du, Du haſt es
gewagt?
Ja, ſagte Undine eiſig. Ich habe mich zu Eurem, vor
allem zu Deinem Beſten ſoeben verkauft.
Und ohne Fridrun weiter Rede zu ſtehen, ging ſie aus
dem Zimmer, die Füße waren ihr bleiern ſchwer.
Fridrun ſah ihr verſtört, zweifelnd nach. Dann aber
ſchluchzte ſie wie wahnſinnig auf, und ihre Hände tief in
die braune Haarflut grabend, jammerte ſie:
Verloren! Wieder verloren durch dieſes niederträch=
tige
, herzloſe Geſchöpf, das nur da iſt, mir das Leben
zur Laſt und Qual zu machen, aber ich will mich rächen,
ſchrecklich rächen. Ich kenne meine Macht und ſeine elende
Schwäche, ich kenne ſie!
Und obgleich die Füße ſie kaum trugen, ſchwankte ſie
doch herüber nach dem Speiſezimmer. Er mußte ja gleich
zum Tee erſcheinen, da wollte ſie ihm dann noch ein paar

poſtede Rerie nu der mnpaſenden enohn ir ein
Trauerhauſe ſagen.
Aber ſo lange ſie auch wartete, weder Reimar noch
Undine kamen zum Tee.
Undine ſaß am Bettchen ihrer kleinen Schweſter und
ſtarrte, die Hände verzweifelt gefaltet, in das roſige Kin=
dergeſichtchen
, das lächelnd auf den weißen Kiſſen ſchlum=
merte
. Wie ein goldener Kranz lagen die blonden Locken
auf dem Bettchen um das zarte Antlitz der Kleinen, an
deren ſeidenen Wimpern noch eine glänzende Träne hing.
Lorl, flüſterte Undine bang. Lorl, höre mich, Lieb=
ling
. Für Dich muß es ſein. Du wirſt reich, Du wirſt
glücklich ſein, wie es unſer Vadding ſo ſehr gewünſcht,
und ich werde im Dunkeln ſtehen, ganz im Dunkeln.
Das Kind lächelte im Schlaf und griff mit ſeinen kleis
nen, roſigen Händen in die Luft.
Lorl will eine Krone haben, flüſterte ſie im Schlaf.
Lorl will Märchen ſpielen. Lorl will alles haben. Lorl
braucht alles.
Erſchreckt nahm Undine das Kinderköpfchen zwiſchen
ihre Hände.
Das unheilvolle Erbteil der Mutter. Alles haben, das
wollte Fridrun auch. Dieſes Kind die rechte Bahn zu füh=
ren
, ihres Vaters Herzblatt dem unheilvollen Einfluß der
Mutter fernzuhalten, ſeine reichen Anlagen ſozu ent=

[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21. Januar 1910.
. .=.

Nummer 17.

Heute Freitag

(1877

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ee
kind würde, das war wohl ein zerbrochenes Leben wert.
Inbrünſtig küßte ſie das zarte Händchen des Kin=
des
. Undine war jetzt ganz ruhig geworden. Grabes=
dumpf
ſchluchzten die Wellen herüber von dem weiten
Meer. Der Sturm heulte, und es war Undine, als ſäße
da drüben auf der ſtarren Klippe, die ſo geſpenſtig auf=
ragte
, im Mondennebel eine grinſende Geſtalt. Das
war der Tod. Er lachte wohl über ihre geſtorbene
Jugend.

Der Sturm raſte. Mit dumpfem Brauſen donner=
ten
die Wogen an den Strand. Durch die ſturmerprob=
ten
Dünen ging ein Zittern. Ein wildes Donnern,
Wogen und Brauſen war in der Luft.
Schwer hing der Nebel herab und hüllte alles in
ein wogendes, graues Meer.
In dem einſamen Haus des kleinen, weitgeſtreckten
Marſchendorfes, dort, wo die Dünen mächtig anſtiegen,
faſt im Sande vergraben, brannte ein Licht. Es war
eine große, niedere Seemannsſtube, aus der es hinaus=
leuchtete
in die ſtürmiſche, dunkle Mittſommernacht.
Die Wiedingharde, ſo hieß das Haus, war Ekke
Thornſen zu eigen.
(151 55
Der Alte ſaß ſtill in dem großen Lehnſtuhl am
flammenden Herde, deſſen breite Kachelwand fromme
Bilder ſinnig ſchmückten, und horchte auf den Sonn=
wendſturm
.
Die Scheiben klirrten, und die alte, roſtige Wetter=
fahne
auf dem mooſigen Schilfdach knatterte und ſtöhnte.
Der Alte legte die Hand ans Ohr.
Rief nicht die Nebelfrau, Dorret? fragte er.
Nein, Großvater, entgegnete das junge Mädchen,
das, die Hände um die Knie geſchlungen, auf einem
niederen Schemel hockte und in die Herdflammen ſtarrte.
Es iſt der Sturm,

Heieheit het dire ſch es gan deuic, Derel=
Olaf ſollte an den Strand gehen, zu ſehen, ob er nicht
helfen kann.
Hoiahoi, ſo rief ſie damals auch in der Sturmnacht,
als Deine Mutter zu Grunde ging.
Ihr ſolltet ſchlafen gehen, Vader, mahnte eine tiefe
Männerſtimme von der anderen Seite des Herdes her,
wo Olaf, der Sohn des Hauſes, emſig an einem großen
Fiſchernetz ſtrickte. Es iſt bald Mitternacht und der
Sturm nimmt zu. Tjalda wird Euch geleiten.
Die alte, getreue Magd und Hüterin der Wieding=
harde
ſtellte gehorſam ihren Rocken gegen die Wand
und trat auf Ekke Thornſen zu.
Zurück! rief der Alte, gebieteriſch die Hand er=
hebend
. Was ſtört Ihr mich? Hört Ihr nicht die Not=
ſchüſſe
über die Deiche rollen? Seht Ihr nicht die Ra=
keten
ſteigen, die Hilferufe gellen? Menſchen ſind in
Gefahr, Menſchen! Hoiahoi!
Langgezogen klang der Seemannsruf durch das
ſtille Gemach. Schauerlich tönte es von den Wänden
wieder.
Ihr ſeht Geſpenſter, Vader, rief der Sohn, ein
breitgebauter, kräftiger, blonder Mann mit großen,
lichtblauen Augen und einem blonden Schifferbart um
das breite Kinn, und warf ärgerlich ſeine Strickarbeit
zuſammen. Wie oft habt Ihr mich ſchon vergeblich des
Nachts an den Strand gehetzt. Legt Euch aufs Ohr.
Kommt, Herr, bat die alte Tjalda. Ich braue Euch
den Nachttrunk.
Zurück! gebot Ekke Thornſen noch einmal. Hört
Ihr nichts?
Der Großvader hat recht, rief Dorret aufſpringend.
Ein Schiff iſt in Not.
Die Nebelfrau ſingt, kicherte der Alte. Ich kenne
ihr Lied. Hoiahoi!
Einen Augenblick war es ſtill in der Stube. Nur
die alte Wanduhr tickte, und das geſchnitzte Schifflein,

das von der Decke nach Seemannsbrauch herabhing,
pendelte hin und her.
Den Südweſter, die Teerjacke her! gebot Olaf den
Franen. Hurtig, wird’s bald? Soll ich Dir Beine
machen, Tjalda? Hol’ die Laterne, Dorret.
Gemach, gemach, Herr Olaf, brummte die Magd.
Meine Beine ſind auch die jüngſten nicht mehr. Bei
dem Sturm kann doch niemand hinaus.
Laß Dein Geklön, Alte! So, jetzt noch das Licht.
Und Deine Hand, Dorret, als Wegegruß.
Er hielt die wohlgeformte, leichtgebräunte Mäd=
chenhand
einen Augenblick in ſeiner großen Fauſt.
Laßt mich mit an den Strand, Ohm Olaf. Ich habe
Angſt um Euch.
Die blauen Augen in dem braunen Schiffergeſicht
leuchteten auf.
Nun wird mein Weg leicht ſein, Dorret, gehab Dich
wohl. Wenn der Tag anbricht, bin ich zurück. Du
bleibſt bei Ekke Thornſen. Tjalda, achte auf Dorret,
die Nacht iſt ſchlimm. Der Sturm heult ja wie beſeſſen,
Hoiahoi!
Iſt er fort? fragte geheimnisvoll Ekke Thornſen.
Nun geht Olaf dahin, wo ſie immerfort ſingt. Sie
konnte ſo ſüß ſingen, die Frau, die in den Nebel ging,
ſo ſüß.
Der Alte ſtarrte vor ſich hin.
Dorret ſchmiegte ihren blonden Kopf furchtſam
gegen ſein Kinn.
Erzählt noch ein bißchen von der Nebelfrau, Groß=
vader
.
Das fehlte auch noch, ſchalt Tjalda, ihr grobknochi=
ges
Geſicht mit den klaren, grauen Augen von heller
Röte übergoſſen. Anſtatt Großvadding die alten, dum=
men
Geſchichten auszureden, ſitzt Du da und hörſt zu,
als ob Dir Ekke Thornſen das Evangelium predigt.
Marſch, zu Bette.
(Kortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Nummer 17.
Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21, Januar 1910.

Seite 11.

Die Entwickelung der Stadt Darmſtadt
und die ſtädtiſchen Finanzen.

Vortrag des Großh. Oberbürgermeiſters
Dr. Gläſſing,
erſtattet in der Sitzung der Stadtverordneten=
Verſammlung am 20. Januar 1910.
Meine Herren! Im Anſchluſſe an die Mitteilung
über den diesjährigen Voranſchlag möchte ich Ihnen
zu Beginn des neuen Jahres über die Entwicklung der
Stadt und ihre Finanzen eingehende Mitteilung
machen. Ich habe es für meine Verpflichtung gehalten,
den Voranſchlag in der erſten Sitzung des Jahres vor=
zülegen
und zur Orientierung der Oeffentlichkeit eine
Denkſchrift auszuarbeiten. Die Denkſchrift will in
kurzen Strichen einen Ueberblick über die
Finanzen und die Gründe des Wachstums
der Ausgaben bieten. Ich werde mich über die
gegenwärtige Uebergangszeit der Stadt
und die ſichere Hoffnung des Wachstums ihrer
Einnahmen verbreiten. Alsdann ſoll ein Ueberblick
über die von mir getroffenen Anordnungen zur
Vereinfachung der Verwaltung und Er=
zielung
von Erſparniſſen erfolgen. Im An=
ſchluſſe
hieran wird eine Information über die
Leiſtungen der Stadt in der Vergangen=
heit
, ihre Finanzwirtſchaft und die bevor=
ſtehenden
kommunalen Aufgaben gegeben.
Der Auffaſſung der Verwaltung über eine vorſichtige,
auf Ausgabenerſparniſſe und Einnahmevermehrung
hinwirkende Finanzpolitik wird zum Schluſſe gedacht.
Es iſt bekannt, daß nicht nur in Darmſtadt, ſon=
dern
auch in anderen Städten die Jahresvoranſchläge
in dem letzten Jahrzehnt nur ſchwer abzuſchließen und
Steuererhöhungen als Folgen des nicht leicht einzu=
dämmenden
, wachſenden Bedarfes unvermeidlich waren.
Die Forderungen, die heute auf allen Kulturgebieten
an die ſtädtiſchen Verwaltungen geſtellt werden, ſtehen
mit der Zuſammendrängung eines immer größer wer=
denden
Bruchteils der Bevölkerung in den ſchnell wach=
ſenden
Städten und dem ſozialen Problem in Be=
ziehung
. Der Geiſt der Zeit ſtellt heute an Staat und
Gemeinde Anforderungen, die in der Zeit der 70er
Jahre des letzten Jahrhunderts noch nicht vorauszu=
ſehen
waren. Dies gilt nicht nur für die Großſtädte,
ſondern auch für die Mittelſtädte. Städte, wie Frank=
furt
a. M., Wiesbaden und München, die bei ihren
Steuermaßnahmen von dem offenſichtlichen Beſtreben
geleitet ſind, die kapitalkräftigen Bewohner und den
Fremdenverkehr zu erhalten, haben mit einem gewal=
tigen
Mehrbetrag zu rechnen. Der in Frankfurt neu
zu deckende Bedarf beträgt 5100000 Mark. Ohne Frage
muß gegenüber dem gewaltigen Auwachſen der Laſten
im Gebiete des Staates und der Gemeinden die Be=
fürchtung
ausgeſprochen werden, daß die Ueber=
ſpannung
des Bogens die Gefahr eines Rückſchlages in
ſich birgt und Fortſchritte in kultureller Hinſicht in
Zukunft unüberwindlichen Hinderniſſen unterliegen
können. Die Voranſchläge der Städte geben nicht nur
die Aufgaben und Anforderungen eines örtlichen Ver=
waltungskörpers
wieder, ſie ſind auch das Spiegelbild
der ſteuerlichen und geſellſchaftlichen Lage, der ſozialen
Auffaſſung und der wirtſchaftlichen Konjunktur. Da die
Städte als eigene Einnahmen vorwiegend nur die Er=
trägniſſe
ihrer Betriebe, das Oktroi und ihre Steuer=
einnahmen
beſitzen, ſo entſtehen in Zeiten wirtſchaft=
lichen
Tiefſtandes, der eine Schmälerung der Ein=
nahmen
aus den ſtädtiſchen Betrieben zur Folge hat,
beſonderé Schwierigkeiten in den Voranſchlagsab=
ſchlüſſen
. Dieſer Fall iſt für die Stadt Darmſtadt bei
dem Voranſchlagsabſchluß für 1910 in Erſcheinung ge=
treten
. Die ungünſtige Lage wird noch verſchärft durch
die Entſcheidung des Reichstags, die die Stadt Darm=
ſtadt
durch die Aufhebung eines Teiles des Oktrois
einer Einnahmequelle von annähernd 400000 Mark im
Jahr beraubt. Die Geſamtbelaſtung des
Budgets für 1910 infolge der neuen
Reichsgeſetzgebung iſt, wie noch ſpäter auszu=
führen
iſt, auf zirka eine halbe Million zu
veranſchlagen. Gewiß würde es heute bedenklich
ſein, Oktroi auf ſolche Lebensmittel einzuführen, die
nur für die unterſten Schichten der Bevölkerung in
Betracht kommen. Die Frage der Aufhebung des
Oktrois iſt jedoch anders zu behandeln, als diejenige
der Neueinführung. Nach den Vorgängen, die
ſich in Mannheim und anderen Städten bei Aufhebung
des Oktrois abgeſpielt haben, iſt keine Sicherheit vor=
handen
, daß die Preiſe der Lebensmittel als Folge der
Aufhebung des Oktrois heruntergehen werden; dagegen
wird die Allgemeinheit mit hohen Steuererhöhungen
belaſtet. Neben dem Rückgang und dem vielfach einge=
tretenen
Stillſtand im Erwerbsleben ſowie neben der
Beſeitigung eines Teils der Oktroieinnahme kommen
folgende Tatſachen für die ungünſtige Geſtaltung des
Jahresvoranſchlags der Stadt Darmſtadt für 1910 als
ſchwerwiegende Faktoren in Betracht.
Bei der Vorlage der Voranſchläge der Jahre 1908
und 1909 konnte in überſichtlicher Weiſe nachgewieſen
werden, wie von Jahr zu Jahr der Geſamtmehrbedarf
geſtiegen iſt. Es liegt ein regelmäßiges Steigen vor,
ohne daß es möglich wäre, bei einzelnen Verwaltungs=
zweigen
Einſchränkungen eintreten zu laſſen. Das
Jahr 1905 erforderte gegen 1904 einen Geſamtmehr=
bedarf
von 396000 Mk., 1906 von 200000 Mk., 1907 von
321350 Mk., 1908 von 405690 Mk., 1909 von 307800 Mk.
Es beträgt alſo das Wachstum des Mehrbedarfs in den
Jahren 1905 bis 1909 durchſchnittlich 326 100 Mk. Hier=
bei
iſt zu bemerken, daß die hohe Steigerungsſumme
des Jahres 1908 mit 405 690 Mk. im weſentlichen darauf
beruhte, daß der in den Voranſchlag für 1908 überge=
gangene
Kaſſevorrat um 161440 Mk. geringer war als
im Jahre vorher. Die ſtädtiſche Verwaltung hat ein
Verfahren angenommen, durch das die Schwankungen,
die durch den Reſt aus früheren Jahren herbeigeführt
wurden, in Zukunft vermieden werden ſollen. Kann
doch das Kaſſeergebnis eines Jahres in ſeiner Einwir=
kung
auf das betreffende Voranſchlagsjahr mit Rück=
ſicht
auf die große Bedeutung des verfügbaren Kaſſe=
vorrats
allein ſchon imſtande ſein, für das Vor=
anſchlagsjahr
eine Steuererhöhung hervorzurufen. Bei
der Steigerung des Mehrbedarfs der Jahre 1905 bis
1909 betrugen die Steuerausſchlagsziffern 88,2, 91,2,
97,2, 103,8, 109,8 Proz. Bei dieſer Steigerung des Ge=
ſamtmehrbedarfs
waren im einzelnen nach dem Durch=
ſchnitt
der fünf Jahre beteiligt:
1. die Beiträge zur Kreiskaſſe (Kreis= und Provin=
zialumlagen
) mit 4,8 Proz.; ſie betragen zurzert
377717 Mk. 12 Pfg.,
2. die allgemeine Verwaltung(hierunter ſind alle
nicht beſonders genannten Verwaltungszweige
einbegriffen, auch Ruhegehalte, Vermeſſung, Land=
wirtſchaftszwecke
und weitere Zwecke, die ſtreng

genommen nicht zur ſtädtiſchen Verwaltung ge=
hören
) mit 8,3 Proz.,
3. Polizeiweſen, öffentliche Sicherheit, Feuerlöſch=
weſen
mit 9,8 Proz.,
4. Schulen mit 16 Proz.,
5. Armen= und Krankenpflege mit 6,4 Proz.,
6. Straßen, Plätze, Kanalanlagen mit 4,5 Proz.,
7. Schuldenverwaltung, d. h. Zinſen und Tilgung
mit 30,4 Proz.,
8. Elektriſche Straßenbahn mit 5,4 Proz.
Die Geſamteinnahmen aus der Verwaltung be=
trugen
1905 5006700 Mk.,. 1906 5 328 220 Mk.,
1907 6026 120 Mk., 1908 6 144800. Mk., 1909
6511 120 Mk.
Im Jahre 1909 ſtellte das Oktroi mit 728747 Mk.
11,2 Proz., die Gemeindeſteuer mit 3003 640 Mk.
46,1 Proz. und die ſonſtigen Einnahmen mit 2778 733
Mark 42,7 Proz. der Geſamteinnahme dar. Hiernach
iſt es klar, daß die Beſeitigung einer Oktroieinnahme
von 400000 Mk., das fortgeſetzte Wachstum der Aus=
gaben
ohne gleichmäßige Steigerung der Einnahmen
und die ungünſtigen Wirtſchafts= und Erwerbsverhält=
niſſe
der Gegenwart tief eingreifende Folgen für die
Finanzverhältniſſe der Stadt haben müſſen. Bei allem
hoch anerkennenswertem Eifer, die außer=
gewöhnliche
Kluft zwiſchen Einnahmen
und Ausgaben der letzten Voranſchläge zu
überbrücken und Erſparniſſe zu erzielen,
um die Gemeindeſteuer ſo niedrig wie
nur möglich zu halten, darf doch nicht ver=
kannt
werden, daß damit die Spannung
gerade für das vorliegende abnorme
Jahr noch verſchärft wurde. Die Bürger=
meiſterei
hat bei Beratung des Voranſchlags im Jahre
1908 und im Jahre 1909 in eindringlicher Weiſe darauf
hingewieſen, daß der Fehlbetrag für 1910 um ſo ſchärfer
in die Erſcheinung treten müſſe, je mehr Zurückhaltung
man ſich bisher in der Frage der Steuer auferlegt habe,
während auf der andern Seite fortgeſetzt weitere An=
ſprüche
an die Stadtverwaltung herantreten. Ange=
ſichts
des großen Ernſtes unſerer Lage habe ich es für
meine erſte Pflicht betrachtet, nicht nur für eine
Verteilung neuer Laſten auf ſpätere
Jahre zu ſorgen, ſondern auch Erſparniſſe
zu erzielen, in dieſer Beziehung ſofort wirkende
Anordnungen zu treffen und weitere Maßnahmen in
die Wege zu leiten, die der Zukunft zugute kommen
werden. Am Schluſſe meiner Ausführungen werde ich
hierauf zurückkommen.
Sodann befindet ſich die Stadt in einer Ueber=
gangsperiode
, die eine verhältnismäßig
hohe Belaſtung der Gegenwart durch eine
ganze Reihe großzügiger Unternehmun=
gen
gebracht hat.
In dieſer Beziehung darf zunächſt auf die Folgen der
Verlegung des Hauptbahnhofs
hingewieſen werden. Es iſt heute ein leichtes und müßi=
ges
Unternehmen, zu ſagen, daß im Jahre 1905 eine an=
dere
Entſcheidung der Bahnhofsfrage hätte getroffen wer=
den
ſollen. Die Stadt hat in erſter Linie ſtets die Erhal=
tung
der Bahnhofsanlagen an der jetzigen Stelle unter
Tieferlegung der Gleiſe der Main=Neckarbahn unter Be=
zugnahme
auf die Gutachten ihrer Sachverſtändigen durch=
zuſetzen
verſucht. Eine Tieferlegung der Main= Neckar=
bahn
unter Belaſſung der Höhenlage der Ludwigsbahn
hätte nach Anſicht der Eiſenbahnverwaltung bauliche und
betriebstechniſche/ Unvollkommenheiten zur Folge gehabt,
ſo daß dieſe Löſung nicht ohne weiteres durchführbar war.
Es hätte vielmehr auch eine Tieferlegung des ganzen
Ludwigsbahnhofs ſtattfinden müſſen, wodurch eine voll=
ſtändige
Umgeſtaltung des Bahnhofsprojektes ſich als not=
wendig
ergab. Hierbei hätten die Gleiſe der Ludwigs=
bahn
über den jetzigen Bahnhofsplatz bis über die Rhein=
ſtraße
hinaus erſtreckt werden müſſen und einſchneidende
Umgeſtaltung der Straßenverhältniſſe notwendig gemacht.
Die Mehrkoſten dieſes Projektes, die ſich auf viele Millio=
nen
Mark beliefen, glaubte die Eiſenbahnverwaltung nicht
ſelbſt tragen zu dürfen, und ſo hätte dieſe Löſung nur unter
bedeutend höheren Aufwendungen der Stadt, gegenüber
den jetzigen Beiträgen, durchgeführt werden können. Wenn
auch ein Umbau beider Bahnhöfe und eine Tieferlegung
ihres größeren Teils unter dieſen Umſtänden nicht un=
möglich
ſchien, ſo lag doch auf der Hand, daß ein ſolcher
Umbau unter gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Be=
triebs
außerdem ganz außergewöhnliche Schwierigkeiten
zur Folge haben mußte, namentlich durch die dabei erfor=
derlichen
Proviſorien. Auch wären die Koſten des Um=
baues
beider Bahnhöfe ſchließlich ſo teuer geworden wie
der Bau eines neuen Bahnhofs. Die Eiſenbahn entſchloß
ſich daher zu letzterem, weil ſie dann ein auf der Höhe der
Zeit ſtehendes Werk ſchaffen konnte, das längere Zeit ſei=
nem
Zweck zu genügen imſtande war, während ſie bei
einem Umbau eine derartig vollkommene Anlage nicht er=
halten
konnte und dabei noch eine fortwährende Gefähr=
dung
des Betriebs befürchten mußte. Für die Eiſen=
bahnverwaltung
kam auch die Erhaltung des Darmſtädter

Verkehrs in Frage. Sogenannte durchgehende Kurs=
wagen
hätten große Entfernungen zurücklegen müſſen, um
von dem Niveau der Main=Neckarbahn auf das Terrain
des Ludwigsbahnhofs zu kommen. Erſt nachdem nach
jahrelangen Verhandlungen feſtſtand, daß ſeitens der
Eiſenbahnverwaltung auf einen Umbau der Bahnhöfe
nicht eingegangen werden konnte, hat die Stadt der Ver=
legung
der Bahnanlagen zugeſtimmt. Die Entſcheidung
bedingte eine große Belaſtung der Gegenwart zugunſten
der Zukunft Darmſtadts, auf deſſen Intereſſen in weit=
gehendem
Maße Rückſicht genommen iſt. Auch das neue
Elektrizitätswerk kann als Folge des Bahnunternehmens
bezeichnet werden. Iſt doch ein großes neues Verſor=
gungsgebiet
entſtanden. Das Verſorgungsgebiet hat die
Grundlagen der zwiſchen Stadt und Eiſenbahn verein=
barten
Verträge ſchon inſofern überſchritten, als eine Lo=
komotivwerkſtätte
mit 84 ſtatt 44 Ständen errichtet wird
und noch größere Erweiterungen in Frage ſtehen. Trotz=
dem
iſt nicht zu verkennen, daß das neue, zurzeit noch nicht
voll ausgenutzte Werk mit ſeiner großen Verzinſung und
Tilgung ungünſtig auf den Geſamtabſchluß wirkt. Zurzeit
ſchweben Verhandlungen auf weitere Ausnutzung des
Werkes. Die Stadt wird die Abnahme von Licht und
Kraft zu erleichtern ſuchen. Die Bürgermeiſterei wird zu
dieſem Zwecke die zurzeit gültigen Grundſätze einer Re=
viſion
unterziehen. Da der Stadt weitere größere Ein=
nahmen
geſichert ſind, hofft ſie ein intenſives wirt=
ſchaftliches
Zuſammenarbeiten des alten und
neuen Werkes zu erreichen. Der Preis für elektriſches Licht
ſoll demnächſt gleichfalls einer Reviſion unterzogen wer=
den
. Nach Ueberwindung der Uebergangszeit ſtehen alſo
auch hier höhere Einnahmen zu erwarten.
So ſehr anzuerkennen iſt, daß alle beteiligten Behör=
den
das Rieſenunternehmen der neuen Bahnhofsanlage
gefördert haben, ſo muß doch ausgeſprochen werden, daß
die Stadt ſehr ſtark belaſtet worden iſt und Darmſtadt
weitere hohe Laſten nicht auf ſich nehmen kann. Die Mehr=
arbeit
der ſtädtiſchen Verwaltung infolge der Bahnhofs=
verlegung
war außergewöhnlich groß. War doch die Stadt,
neben der hohen finanziellen Belaſtung, vor die Verpflich=
tung
geſtellt, ſämtliche Verkehrsentſcheidungen (Straßen,
Verbreiterung der Ueberführungen, Kanaliſation uſw.) ſo
zu treffen, daß die Zukunft vor außergewöhnlich hohen
Koſten verſchont bleibt. Die Stadt mußte in dem ſchweren
Bewußtſein einer großen Belaſtung der Gegenwart auch
die Zukunft des Verkehrs in Betracht ziehen.
Zur Förderung der Volkshygiene hat die Stadtver=
waltung

die Errichtung eines Schwimmbades
beſchloſſen, das nunmehr ſeit einem halben Jahre in Be=
trieb
iſt. Soziale Erwägungen waren für dieſe Entſchei=
dung
in hohem Maße mitbeſtimmend. Die Stadtverwal=
tung
war ſich darüber klar, daß der Aufwand für Verzin=
ſung
und Tilgung der Baukoſten bis jetzt noch von keiner
Stadt aus den Betriebseinnahmen gedeckt wurde. Man
war außerdem darauf vorbereitet, daß ein Zuſchuß zu den
eigentlichen Betriebskoſten erforderlich werden kann. Die
Statiſtik des Jahrbuchs deutſcher Städte ergibt, daß ge=
rade
in dem letzten Jahrzehnt eine überaus große Anzahl
neuer Schwimmanſtalten im Reiche errichtet wurde. Alle
Anſtalten bedürfen Zuſchüſſe aus öffentlichen Mitteln. Wo
ein Ueberſchuß erzielt wurde, hängt dies in der Regel da=
mit
zuſammen, daß die Aufwendungen für Tilgung und
Verzinſung nicht mit in Rechnung geſtellt wurden. Es iſt
nicht angängig, aus dem Betriebsabſchluß auf die mehr
oder weniger mit Erfolg betriebene wirtſchaftliche Aus=
nutzung
der einzelnen Anſtalten Schlüſſe zu ziehen. Die
Grundlagen, nach denen die Abrechnungen aufgeſtellt ſind,
ſind von Fall zu Fall verſchieden. Die Behandlung der
Verzinſung und Tilgung, die Berechnung des Mietwertes
der Gebäude, die Abſchreibungen, ſowie die Einſtellung
des Preiſes für Waſſer und Gas ſpielen hierbei eine große
Rolle. Die Bürgermeiſterei hält feſt an der Auffaſſung,
daß die Anſtalt das Waſſer bezahlen muß im Intereſſe
einer geordneten Betriebsführung und einer gleichmäßigen
Behandlung der verſchiedenen ſtädtiſchen Betriebe. Zur=
zeit
iſt der Beſuch des Schwimmbades verhältnismäßig
gut. Dies gilt insbeſondere auch von der Benutzung der
Wannenbäder.
Wenn das Badebedürfnis bei der Bevölkerung noch
mehr verbreitet und die Erkenntnis von dem hohen geſund=
heitlichen
Wert der Schwimmbewegung während des gan=
zen
Jahres noch in weitere Kreiſe gedrungen iſt, wird der
Beſuch des Schwimmbades ſich fortgeſetzt heben. Die
Stadt wird alles tun, was geeignet erſcheint, die Frequenz
zu erhöhen, ſie wird auch in Zukunft der Veranſtaltung
von Sportfeſten, dem Beſuch der Schwimmvereine und der
Mitglieder der Turngemeinde ſympathiſch gegenüberſtehen.
Mit Rückſicht auf die verhältnismäßig hohen Koſten der
elektriſchen Beleuchtung hat die Stadtverwaltung es für
angezeigt gehalten, Erſparniſſe an der Beleuchtung wäh=
rend
der ſpäten Mittags= und Abendſtunden, ſoweit dies
möglich erſchien, herbeizuführen.
Die Einnahmen des Schwimmbades haben bis jetzt
folgendes Reſultat ergeben:

Zuſammenſtellung der Einnahmen des ſtädtiſchen Hallenſchwimmbades.

Verſchiedene Von
Verleihen Ver=
An
Schwimm=Wannen=1 Brauſe=I Heil=
Bäder 1Kranken= Hunde=
ſchiedenes
Geſamt=
von

25
Kohlenſäure=
Privat=1 Anſtalts=( Eintritts=
uſw
. 1 bäder
Monat bäder bäder 1 bäder bäder u. Selbäder Kaſſen
arten, Poſtzeinnahme
wäſche
wäſche
445
uſw.)
karten uſw.)
62
** (21 131 31 130 12) 151 1al 5r 151
2
12
1909
5 687/30) 2 6671901 131 (3ol 1285 150l 483
68 175l 217125l 644 155) 392 (20 11 57717o
11 Juli . .
5 304190 2 730190) 242 1 907 150 528 117612 115l 81 (50l 20785) 697 190 11 501/80
2 Auguſt .
927
273
69 25) 141
31 September . 2737120 170560) 176
25) 443 185) 148 301 6 621/45
4 Oktober . . 3 276150) 1789/20l 199 lsol 914
210 175 107 160) 77 2121 516 45) 160 125) 7 463155
5 November . 1921/20l 1617 153 120 906 150 164 150 85 30 63 150) 95 /80l 443 195l 125 125) 5 576/20
6 1 Dezember . 1662/10 1951150) 173 140j 961 178 125) 108 190 83 25) 62 165/ 517 45) 135 145 5 833105
Summa 20 589/20 12 462/10 1075 170 5901 50) 1837 50) 913 195 443 25) 936 180 3263 25 1151 4548 573/75
Miete für den Friſeurladen für die Zeit vom 1. Juli 1909
bis 31. März 1910. .
450)
Geſamtſumme 149023175

Die Bürgermeiſterei iſt zurzeit nicht in der Lage,
Geſuche auf Preisermäßigung zu befürworten. Durch
die Statiſtik läßt ſich nicht nachweiſen, daß eine Steige=
rung
der Frequenz hervorgerufen wurde, die den Ein=
nahmeausfall
deckte. Sobald das Schwimmbad die
Uebergangszeit des Betriebes hinter ſich hat, wird es
möglich ſein, ein ſicheres Urteil über die finanzielle
Seite des Unternehmens zu gewinnen.
Auch die
elektriſche Straßenbahn
befindet ſich zurzeit in einer Uebergangszeit. Bekannt=

lich hat die Bürgermeiſterei keine Aufwendungen ge=
ſcheut
, um die Durchführung des zweigleiſigen Betriebes
zu ermöglichen. Im September v. Js. wurden 120000
Mark zur Durchführung des zweigleiſigen Ausbaues
genehmigt. Erſt nach Durchführung des Ausbaues
werden wir einen Verkehr erreichen, welcher die der=
zeitigen
günſtigen Verkehrsziffern übertrifft.
Erſt dann iſt eine weſentlich erhöhte Fahrgeſchwin=
digkeit
und ein ganz anderer Betrieb möglich. Es wird
ſtets verkannt, daß die Bürgermeiſterei angeſichts der
feſtgeſetzten Fahrgeſchwindigkeiten und der hiernach

[ ][  ][ ]

Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21. Januar 1910.

Nummer 17.

eingerichteten Ausweicheſtellen nicht in der Lage iſt,
allen Wünſchen des Verkehrs alsbald gerecht zu wer=
den
. Wir befinden uns zurzeit in einer
Uebergangszeit, die die Schaffung einer
vollendeten Einrichtung nicht möglich
macht. Zurzeit hat die Bürgermeiſterei alles getan,
was geeignet war, um ſchon für die Gegenwart eine
weſentlich erhöhte Fahrgeſchwindigkeit herbeizuführen.
So wurde eine erhöhte Fahrgeſchwindigkeit nach den
Bahnhöfen herbeigeführt.
Die Fahrzeit von der
Schulſtraße nach den Bahnhöfen iſt um zwei Minnten
abgekürzt. Die lange Wartezeit beim Umſteigen nach
9 Uhr abends und beim Uebergang vom 7½= Minuten=
verkehr
zum A=ſtündigen Betrieb iſt gleichfalls gemil=
dert
; auch wurde eine größere Geſchwindigkeit für die
Abendſtunden herbeigeführt. Es iſt die lange Wartezeit
in den früheren Ausweichen am Kapellplatz und in der
Hölgesſtraße in Fortfall gekommen, auch wird der
Vorteil allgemein anerkannt, nunmehr auf der am
ſtärkſten benutzten Strecke von der Schulſtraße nach den
Bahnhöfen alle drei bis vier Minuten Fahrgelegenheit
zu finden und auf dieſer Strecke abends einen 7½= Mi=
nutenbetrieb
ſtatt des früheren A=ſtündigen Verkehrs zu
haben. Es wurde ferner die langgewünſchte Umſteige=
kelle
an der Schulſtraße geſchaffen, der abendliche Be=
trieb
auf der Strecke Hirſchköpfe=Saalbaulinie ver=
längert
und der erhöhte Betrieb für die Sonntagabende
ausgedehnt Es iſt klar, daß der Kommunalbetrieb der
Straßenbahn nicht ohne weiteres mit dem Betriebe
einer Privatgeſellſchaft verglichen werden kann. Der
ſtädtiſchen Verwaltung fehlt im allgemeinen die für
einen geſchäftlichen Betrieb unbedingt notwendige
Aktionsfreiheit. Soziale und allgemeine Erwägungen
ſtehen auch dem Ziele der Privatgeſellſchaft, eine mög=
lichſt
hohe Rente zu erzielen, entgegen. Um nur eine
Frage zu berühren: Welcher Privatunternehmer würde
weitgehende Rückſicht nehmen auf die Intereſſen der
Einwohner der Stadt bei Anlage einer Betriebsſtation?
Hier wurden die Depots des Tiefbauamtes und der
Straßenbahn an die Peripherie der Gemarkung gelegt
und damit erhöhte Strom= und Fahrkoſten zu Laſten
des Betriebs übernommen. Trotzdem muß anerkannt
werden, daß die Rente der ſtädtiſchen Straßenbahn auch
im Hinblick auf die erzielten Reſerven gut iſt und die
Straßenbahn im weſentlichen den Anforderungen des
Verkehrs entſprochen hat. Die ſtädtiſche Ver=
waltung
wird unter Ablehnung aller
weiteren Neuerungsvorſchläge auch die
Verſuche um Verkehrseinſchränkungen
zurückweiſen. So ſehr es unzuläſſig iſt.
gerade im Verkehr zu einer Stagnation
zu kommen, ſo wird doch die Verwaltung
zurzeit es als ihre Aufgabe betrachten,
dem ferneren Verkehr die erwünſchte
Stetigkeit und Ruhe zu ſichern. Selbſt wenn
Zuſchüſſe auch in der Zukunft erforderlich ſein ſollten,
muß das Ziel eines guten Verkehrs unter allen Um=
ſtänden
entſcheidend ſein. Ein gehobener Verkehr wird
ſtets dem Rufe der Stadt und der Allgemeinheit zu=
ſtatten
kommen. Es iſt ſelbſtverſtändlich unmöglich,
allen Anſprüchen gerecht zu werden. Alle Hinweiſe auf
Frankfurt a. M. ſind zwecklos, da die Verkehrsverhält=
niſſe
von Frankfurt und Darmſtadt nicht vergleichbar
ſind. Im übrigen muß jedoch darauf aufmerkſam ge=
macht
werden, daß man ſich einer Täuſchung hingeben
würde, wenn angenommen würde, in Frankfurt
herrſche in den einzelnen Linien der 1=Minutenverkehr;
das iſt durchaus nicht der Fall. Auch in Frankfurt wird
der Verkehr nach dem Verkehrsbedürfnis der einzelnen
Quartiere differenziert. Es entſteht dadurch, daß auf
der ſtärkſt befahrenen Linie Zeil=Bahnhof eine große
Anzahl Linien zuſammentreffen, das falſche Bild eines
rapiden Verkehrs aller Linien; in Wahrheit iſt in
Frankfurt auf den meiſten Linien auch
nur ein Durchſchnittsverkehr von 6 bis
8 Minuten. Auf einigen Strecken vergrößert ſich
der Abſtand zeitweiſe auf 15 Minuten, nur bei wenigen
Linien iſt im Fahrplan ein 3= bis 5=Minutenverkehr
vorgeſehen. Es iſt auch unmöglich, allen Anſprüchen
auf Führung neuer Linien gerecht zu werden. Ange=
ſichts
der Finanzlage der Stadt und der außerordentlich
hohen Aufwendungen für Straßenbahnzwecke muß
darauf hingewieſen werden, daß ein Fortſchritt im Ver=
kehr
der Straßenbahn und ein weiterer Ausbau nicht
auf einmal in vollem Umfange durchführbar erſcheint.
Wenn man hört, wie in Köln und in anderen Städten
des Induſtriegebietes trotz des außerordentlich leb=
haftet
Verkehrs hohe Zuſchüſſe zur Straßenbahn zu
leiſten ſind, ſo wird dieſe Tatſache auch durch den Um=
ſtand
erklärt, daß ein allzu dichtes Verkehrs=
netz
nur geeignet iſt, den finanziellen
Effekt zu ſchmälern. Der Magiſtrat zu Frank=
furt
hat als Ablieferung der Straßenbahn für 1910
400000 Mk. eingeſtellt, im Gegenſatz zu 1300000 Mk.,
die noch 1908 veranſchlagt waren. Auch darf die Frage
aufgeworfen werden, ob es berechtigt erſcheint, bei den
Verhältniſſen Darmſtadts die Beſtrebungen auf Er=
bauung
neuer Linien in der Gegenwart rückhaltlos zu
unterſtützen. Für die ſtädtiſche Verwaltung kommen
durch die Erbauung des neuen Bahnhofs weitere er=
höhte
Aufwendungen für Straßenbahnzwecke in Be=
tracht
, die bereits bei der Finanzlage der Stadt zurzeit
ſehr ſchwer ins Gewicht fallen.
Die Schonung der Steuerkraft der Bevölkerung
muß auch in Verkehrsfragen um ſo mehr beachtet wer=
den
, als die Stadt nicht fortgeſetzt enteignen und hohe
Preiſe bezahlen kann. Angeſichts der Aufwendungen
in dem letzten Jahre ſieht ſich die Stadt zu der Er=
klärung
veranlaßt, daß ſie ſelbſt bei dem zweigleiſigen
Betriebe einzelne eingleiſige Strecken zur=
zeit
erhalten muß. Bei den Forderungen der Grund=
beſitzer
kann die Verwaltung nur ſchrittweiſe vorgehen.
Auch die
Bewirtſchaftung der ſtädtiſchen Waldungen
befindet ſich zurzeit in einer Uebergangsperiode, die
eine Beſſerung des Waldertrages für die Zukunft und
eine Mindereinnahme für die Gegenwart zur Folge
hat. Bei der jetzigen intenſiven Wirtſchaft werden die
hiebsreifen Beſtände möglichſt auf Nutzholz zu ver=
werten
geſucht und die zu begründenden Beſtände tun=
lichſt
nutzholztüchtig angelegt. Letztere Maßnahme be=
dingt
zurzeit erhöhte Koſten und reduziert die Ein=
nahmen
. Zur Einnahmeverminderung trägt auch die
derzeitige Konjunktur bei. Die Bürgermeiſterei wird
eifrig beſtrebt ſein, eine Verminderung der Kulturkoſten
zu erreichen.
Als weitere Folge der ungünſtigen wirtſchaftlichen
Konjunktur macht ſich ſeit mehreren Jahren auch bei
der Stadt Darmſtadt
die Sorge für die Arbeitsloſen
in ernſter Weiſe geltend. Auch die Stadt Darmſtadt
vertritt die Anſicht, daß nur eine reichsgeſetzliche
obligatoriſche Arbeitsloſenverſicherung das wirkſamſte
Mittel wäre, die wirtſchaftlichen und ſozialen Folgen
ter Arbeitsloſigkeit zu mildern, Allein gegen die

Schaffung eines ſolchen Geſetzes ſprechen zurzeit noch
ſchwere Bedenken geſetzestechniſcher und wirtſchaftlicher
Art. Solange eine reichsgeſetzliche Regelung noch
nicht eingetreten iſt, kann die Stadt als Mitglied des
großen Mitteldeutſchen Arbeitsnachweisverbandes neben
den lokalen Aufwendungen ihre Fürſorge in der
Kräftigung der
Arbeitsnachweiſe be=
tätigen
. Würde eine Stadt die Initiative ergreifen, für
den Stadtbezirk und ſeine Umgebung eine Arbeits=
loſenverſicherung
in die Wege zu leiten, ſo könnte der
Zuzug Arbeitsloſer ſo ſtark werden, daß die Verſiche=
rung
ihre Leiſtungen nicht erfüllen könnte. Die Städte
Bern und Köln hatten eine Verſicherungskaſſe gegen
Arbeitsloſigkeit gegründet; die Beteiligung war frei=
willig
. Der Zuſchuß in Bern war auf eine Maximal=
leiſtung
von 12000 Franken, der Zuſchuß in Köln auf
20000 Mark beſchränkt. Die Beteiligung an beiden
fakultativen Einrichtungen war äußerſt gering. Nach
dem ſogenannten Genter Syſtem wurden öffentliche
Zuſchüſſe zu den von den Gewerkſchaften gegebenen
Arbeitsloſenunterſtützungen geleiſtet. Der grundſätz=
liche
Mangel dieſes Syſtems beruht jedoch darin, daß
es nur der organiſierten Arbeiterſchaft zu Gute kommt.
Nach dieſen Verſuchen kann ſich die Stadt nicht ent=
ſchließen
, die Initiative zu einer lokalen Verſicherung
zu ergreifen. Die Bürgermeiſterei kann ſowohl auf
ihren durchaus unparteiiſch geleiteten Arbeitsnachweis,
wie auf die großen Aufwendungen hinweiſen, die zur
Beſchaffung von Arbeitsgelegenheit ſeither ſtets gut=
geheißen
wurden. In ihrer Vorlage vom 2. Oktober
1909 iſt feſtgeſtellt, daß die Stadt in den Wintern von
1906 bis 1909 800 Arbeitsloſe beſchäftigt
und über 100000 Mk. Löhne angewieſen hat.
Es werden hier ſchon ſeit einer längeren Reihe von
Jahren alle verſchiebbaren Arbeiten auf den Winter
zurückgeſtellt und insbeſondere in größerem Umfange
eigentliche Notſtandsarbeiten, wie Erdarbeiten und
Steinſchlagen, vorbereitet. Bei dem außergewöhn=
lichen
und frühzeitigen Notſtand dieſes Winters hat die
Stadtverordnetenverſammlung weitere Notſtandsarbei=
ten
in Höhe von 22 100 Mk. zu Laſten des Voranſchlags
für das Jahr 1910 genehmigt. Mit den Krediten des
Voranſchlags 1909 wurden Arbeiten im Werte von
84 200 Mk. zur Beſchäftigung von Arbeitsloſen gutge=
heißen
. Das ſtädtiſche Budget wird durch dieſe Arbeiten
hoch belaſtet. Sowohl die Einflüſſe der Witterung, wie
die mangelnde Ausbildung der als Notſtandsarbeiter
eintretenden Arbeiter haben eine durchſchnittliche Ver=
teuerung
der für Erdarbeiten verausgabten Löhne in
Höhe von etwa 30 Prozent zur Folge. Bei dem durch
Beſchäftigungsloſe hergeſtellten Steinſchotter iſt mit
einer Mehrbelaſtung des Straßenbaues in Höhe von
30 Prozent zu rechnen. Die Mehrkoſten im Vergleich
mit Maſchinenſchotter ſtellen ſich auf 54,33 Prozent.
Ohne Frage hat die Stadt die Aufgabe, zu verhindern,
daß arbeitswillige und arbeitsfähige Leute der Armen=
pflege
anheimfallen. Angeſichts des ſtarken Andranges
muß die Stadt jedoch dringend wünſchen, daß auch
andere Behörden und das Privatunter=
nehmertum
durch ihre Fürſorge für Arbeitsloſe
die ſtädtiſche Verwaltung entlaſten. Mehr wie je ſollte
ſich in dieſer großen, ernſten Frage ein Zu=
ſammengehen
mit vereinten Kräften ermöglichen laſſen.
Wer heute ausſpricht, daß die ſtädtiſche Verwaltung in
letzter Linie alle denkbaren Laſten auf ſich zu nehmen
habe, handelt nicht im Intereſſe unſeres Gemeinweſens.
Die Lage der Zeit macht ſich ferner im
Armenweſen
geltend. Die Anforderungen an die öffentliche Armen=
pflege
ſteigen von Jahr zu Jahr. Ihre Urſache hat
dieſe Erſcheinung einmal in der Zunahme der Bevölke=
rung
, ſodann aber vor allem in der eingetretenen Ver=
tenerung
der Lebenshaltung und der wirtſchaftlichen
Ungunſt unſerer Zeit. Als Glied des großen Organis=
mus’
ſozialer Fürſorgetätigkeit ſteht die Armenpflege
in engem Zuſammenhang mit dem Erwerbs= und
Wirtſchaftsleben. Alle einzelnen Erſcheinungen auf
dieſem weitverzweigten Gebiete üben mehr oder
weniger Einfluß aus auf die Entfaltung der öffent=
lichen
Fürſorge. Gerade in letzterer Zeit ſind dieſe
Einflüſſe nur ungünſtiger Natur; vor allem macht ſich
die zurzeit noch herrſchende, ſchon geraume Zeit an=
dauernde
Arbeitsloſigkeit außerordentlich unangenehm
bemerkbar. Die überwiegende Zahl Arbeitſuchender
findet zwar Beſchäftigung bei den ſtädtiſchen Notſtands=
arbeiten
; trotzdem bleibt aber die Zahl der Arbeits=
loſen
, die nirgends Einſtellung finden können, immer
noch erheblich. Für ſie muß die öffentliche Armenpflege
eintreten; die Aufwendungen zu dieſem Zweck ſind
nicht unerheblich. Die dadurch verurſachten höheren
Bedürfniſſe treten naturgemäß nur als vorübergehende
Unterſtützungen in die Erſcheinung, als Aufwendungen
zur Hebung oder Linderung vorübergehender Notlagen.
Sie erſcheinen rechnungsmäßig als außerordentliche
Unterſtützungen oder in Form der Gewährung ärzt=
licher
Hilfe mit Medikamenten und Stärkungsmitteln,
ſowie von Krankenhauspflege.
An außerordentlichen Unterſtützungen wurden auf=
gewendet
:
in 1905
28 311 Mk.
32860
1906 . .
36 916
1907 .
50 993
1908

Für Krankenhauspflege und Gewährung ärztlicher
Hilfe in der offenen Pflege wurden erforderlich:
in 1905
. . . 61 230 Mk.
69880
1906 . .
73 789
1907 . . .
1908
76 120
Neben dieſen recht beträchtlichen Steigerungen hat
es ſich aber ermöglichen laſſen, den Hauptausgabepoſten
der Armenverwaltung die regelmäßigen wöchent=
lichen
Geldunterſtützungen verhältnismäßig niedrig
zu halten.
Dieſe Aufwendungen betrugen:
in 1905 . . . . 97604 Mk.
1906 . . . . 105 140
1907 . . . . 106 260
98 853
1908 .
In außerordentlich erfreulicher Weiſe haben ſich
auch die eigenen Einnahmen der Armenverwaltung
die Erſatzleiſtungen von anderen Armenverbänden, von
den verſchiedenen Verſicherungsarten und von zivil=
rechtlich
Verpflichteten entwickelt.
Sie betrugen:
27780 Mk.
in 1905
7740
1906
1907 5 40 413
46 638
1908
Alle dieſe verſchiedenen Erſcheinungen in ihren
Wirkungen zuſammengenommen finden ihren gemein=
ſamen
Ausdruck in der Höhe des Zuſchuſſes, den die
Stadtkaſſe alljährlich an die Armenkaſſe zu leiſten hat.
Das nicht ungünſtige Bild geſtaltet ſich wie folgt:

An Zuſchüſſen der Stadtkaſſe wurden erforderlich:
146 329. Mk.
im Jahre 1905 .
1906 . . . 185 187.

1907 . . . 189299

1908 . . . 182804
Anordnungen der Verwaltung.
Angeſichts dieſer kritiſchen Lage der Stadt habe ich
es für meine erſte Pflicht gehalten, nicht nur eine Re=
form
der Ausgaben einzuleiten, ſondern auch unter
dem Geſichtspunkte der Erzielung größter Sparſamkeit
auf eine Vereinfachung des Verwaltungsapparates
hinzuwirken. Es iſt klar, daß große erhebliche Erſpar=
niſſe
nicht ſofort von heute auf morgen durchgeführt
werden können. Es iſt jedoch nötig, daß die Sparſam=
keit
in allen Zweigen des Haushalts nicht nur in pla=
toniſchen
Verſicherungen verſprochen, ſondern auch in
ernſtlicher Weiſe vorbereitet wird. Die ſtädtiſche Ver=
waltung
iſt in der Lage, auf folgende Maßnahmen hin=
zuweiſen
:
1. Es ergingen an alle ſtädtiſchen Dienſtſtellen hinſichtlich
der Vereinfachung des inneren Dienſtverkehrs eingehende
Anordnungen, die ihre günſtige Wirkung bereits gezeigt
haben. Es wird zurzeit ſchon erheblich an Schreibwerk,
Papier und Porto geſpart; die Maßnahmen des Staates
haben bei der Stadt eine weitere Ausbildung erfahren.
Die Dienſtſtunden für alle ſtädtiſchen Verwaltungen ſind
gleichmäßig neu angeordnet, ihre pünktlichſte Einhaltung
iſt eingeſchärft.
2. Die Arbeiten des Pexſonals in den Bürgermeiſterei=
ſekretariaten
haben zum Teil eine neue Einteilung erfah=
ren
, die eine einheitliche und präziſere Erledigung der
Dienſtgeſchäfte gewährleiſtet.
3. In eingehender Weiſe iſt die Frage geprüft, ob und
an welchen Stellen Perſonal geſpart werden kann. Eine
ganze Reihe von Maßnahmen iſt in dieſer Beziehung ge=
troffen
worden. Die Kanzlei wurde organiſiert und ent=
laſtet
; die Sekretariate, denen die Bearbeitung der Kon=
zepte
obliegt, beſorgen zum Teil auch, im Intereſſe der
raſchen Erledigung der Amtsgeſchäfte, die Ausfertigungen.
4. Bei Neubeſetzung von Stellungen wird in eingehen=
der
Weiſe geprüft, wie dem Gedanken der Zentraliſation
Rechnung zu tragen und eine Vereinfachung der Verwal=
tung
herbeizuführen iſt. Andererſeits nimmt jedoch die
Verwaltung darauf Bedacht, das Verantwortlichkeitsgefühl
des einzelnen Beamten zu erhöhen und zu ſchützen.
5. Der Wegfall eines großen Teiles unſerer bisherigen
Oktroieinnahme nötigt die Stadtverwaltung zu Einſchrän=
kungen
im Betriebe der Oktroiaufſicht und=Erhebung.
Hierüber iſt eine ausführliche Vorlage ausgearbeitet.
Schon vor langer Zeit erging an alle ſtädtiſchen Aemter
die Weiſung, keine freien Stellen in dem betreffenden
Dienſtbetrieb zu beſetzen oder deren anderweitige Beſetzung
zu beantragen, wenn die Beſetzung dieſer Stellen mit ent=
behrlich
werdenden Oktroierhebern und=Aufſehern möglich
iſt. In einigen Fällen, in denen ſich die Beſetzung bis zum
1. April 1910 nicht hinausſchieben ließ, iſt bereits Oktroi=
perſonal
in anderen Dienſtzweigen verwandt oder es iſt in
anderer ſachdienlicher Weiſe ein proviſoriſcher Zuſtand zu=
gunſten
von Oktroibeamten und damit auch zugunſten der
Stadt geſchaffen worden. Eine Reihe von Maßnahmen iſt
in dieſer Beziehung bereits durchgeführt. Schon am 18.
Auguſt vorigen Jahres hatte die Bürgermeiſterei ihre Vor=
lage
über die Reorganiſation der Oktroiverwaltung aus=
gearbeitet
. Die Vorlage hat eine Verminderung des Be=
amtenapparates
, die Möglichkeit der Wiederverwendung
von penſionierten Aufſehern, das Schickſal der einzelnen
Erhebſtellen, die Kontrolle des Marktdienſtes durch Oktroi=
aufſeher
im Zuſammenhang mit der Frage des der Stadt
verbleibenden Oktrois und der Feſtſetzung neuer Oktroi=
abgaben
bearbeitet. Es ſoll das Ziel erreicht
werden, daß auf der einen Seite die ange=
ſichts
der gegenwärtigen finanziellen
Kriſis der Stadt unbedingt nötigen in=
direkten
Einnahmen möglichſt geſichert
werden. Andererſeits ſind jedoch die Verwaltungskoſten
derartig einzuſchränken, daß ſie nicht nur dem reduzierten
Oktroi entſprechend erſcheinen, ſondern auch ſo verringert
werden, daß noch die notwendigen Penſionsaufwendungen
von rund 24000 Mark aus dem reduzierten Betrag der
Verwaltungskoſten gedeckt werden können. Die Bürger=
meiſterei
hat in ihrer Vorlage vom 18. Auguſt vorigen
Jahres eingehende Anträge geſtellt; es iſt anzunehmen, daß
mit der Annahme dieſer Anträge das geſteckte Ziel erreicht
wird. Naturgemäß iſt es nicht möglich, bei Aenderungen
von ſo einſchneidender Art alle Intereſſen und Wünſche zu
befriedigen. Als nicht erfreuliches Ergebnis der Reorga=
niſation
tritt die Notwendigkeit der Einkommensvermin=
derung
bei einem Teil der bisherigen Bedienſteten in Er=
ſcheinung
.
6. Die letzte allgemeine Regelung der Gehaltsverhält=
niſſe
der ſtädtiſchen Beamten hat nicht allgemeine Aner=
kennung
gefunden. Eine Anzahl von Beamten hat in Ein=
gaben
Wünſche auf Einreihung in höhere Gehaltsklaſſen
und Gehaltsſtufen geäußert. Dazu hat ſich, wie im
Staatsdienſt, das allgemeine Verlangen nach Teuerungs=
zulagen
angeſichts der ungünſtigen Wohn= und Lebensver=
hältniſſe
mehrfach zu erkennen gegeben. So ſehr die Bür=
germeiſterei
das Bedürfnis einer Aufbeſſerung anerkennt,
ſo ſieht ſie ſich doch zurzeit, angeſichts des ungünſtigen
Voranſchlagsabſchluſſes, außerſtande, den verſchiedenen
Wünſchen Rechnung zu tragen. Hoffentlich bietet das
nächſte oder nächſtfolgende Jahr die Möglichkeit, auch hier
helfen und beſſernd einzugreifen.
7. Um in der Anſtellungsfrage und zur Beurteilung
des Qualifikationsbedürfniſſes für die einzelnen Dienſt=
ſtellen
einen Ueberblick zu gewinnen, iſt die Aufſtellung
eines Stellenetats für die geſamte ſtädtiſche Ver=
waltung
angeordnet worden. Umfangreiche Vorarbeiten
ſind geleiſtet und harren nun der weiteren Bearbeitung.
Es ſoll nach Aufſtellung und Genehmigung dieſes Etats
durch die Stadtverordnetenverſammlung künftighin eine
Anſtellung nicht mehr allein von der Ableiſtung einer ge=
wiſſen
Reihe von Dienſtjahren, ſondern auch von dem Be=
ſtehen
einer beſtimmten Prüfung und von dem Vorhan=
denſein
einer unbeſetzten etatsmäßigen Stelle abhängen.
Für die Oberaſſiſtenten= und Sekretärſtellen bei der Bür=
germeiſterei
und den dieſen gleich zu erachtenden Stellen
bei den Nebenverwaltungen wird nach wie vor die Ablei=
ſtung
der ſtaatlichen Prüfung für die mittleren Finanz=
beamten
oder für die Gerichtsſchreiber maßgeblich ſein. Für
die Stellen der Bureauaſſiſtenten und der angeſtellten Bu=
reaugehilfen
wird die Möglichkeit beſonderer Prüfung er=
wogen
. Unter aller Rückſichtnahme auf die Beamten, ins=
beſondere
in Erwägung einer gebotenen Uebergangszeit,
muß doch eine geſunde und naturgemäße Regelung der
Verhältniſſe und die Erzielung von Erſparniſſen an den
ſich ſtets ſteigernden Perſonalkoſten erreicht werden.
8. Beanſtandungen beſonderer Art in einem Spezial=
fall
haben die Notwendigkeit einer Neubearbeitung der
ſehr veralteten Schuldienerdienſtanweiſung er=
geben
. Die Verwaltung kann auf die Dauer das Prinzip
nicht aufrechterhalten, daß jede beſondere Tätigkeit eine be=
ſondere
Vergütung zur Folge hat.

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Nummer 17.

Darmſtädter Tagblatt, Freitng, den 21. Januar 1910.

Seite 13.

9. Die Geldanſchläge der ſtädtiſchen
Dienſtwohnungen und die Vergütungen
oder Anſchläge für in einzelnen Fällen gewährte
Heizung und Beleuchtung ſind durchaus verſchieden, weil
von Fall zu Fall feſtgeſetzt. Es iſt eine Neuordnung nach
einheitlichen Grundſätzen in Ausſicht genommen. Auch in
dieſer Hinſicht iſt eine Entlaſtung der Allgemeinheit
herbeizuführen. Die Entſcheidung kann naturgemäß nur
bei Neuanſtellungen oder bei einer ſpäteren allgemeinen
Gehaltsaufbeſſerung in volle Wirkung treten, da die jetzi=
gen
Barbezüge dekretmäßig garantiert ſind. Als Grund=
lage
für die Neufeſtſetzung der Wohnungsanſchläge iſt rei=
ches
Material von anderen Stadtverwaltungen eingezogen.
10. Mit aller Energie wird darauf geſehen werden,
daß die verſchiedenen techniſchen Verwal=
tungen
zuſammenarbeiten und alle unnötigen
Koſten vermieden werden.
Angeſichts der gegenwärtig ſchweren Zeit muß die
ſtädtiſche Verwaltung darauf ſehen, daß ſie von anderer
Seite nicht fortgeſetzt zu neuen Ausgaben gedrängt wird
und ihr insbeſondere ihre gegenwärtigen Ein=
nahmen
tunlichſt erhalten bleiben. In einer
ganzen Reihe von Einzelfällen, ſo der Frage der Bewir=
kung
von ſtädtiſchen Zuſtellungen durch die Polizei, der
Erhöhung des Pflegegeldes der Provinzialpflegeanſtalt in
Eberſtadt, der angeregten Umwandlung des Unterſuchungs=
amtes
als Provinzialanſtalt, mußten wir in erſter Linie
die Notwendigkeit einer ſparſamen Finanzwirtſchaft be=
tonen
. An dieſer Stelle muß hervorgehoben werden, wie
die ſtädtiſche Verwaltung auch in ihren eigenen Reſſorts
in jeder Weiſe auf Ausgabenverminderung bedacht iſt. So
iſt eine genaue Kontrolle hinſichtlich der
Ausgaben angeordnet, welche auf den Re=
ſervefonds
übernommen werden. Bei jeder
Vorlage, die hinſichtlich einer außeretatsmäßigen Ausgabe
an die Stadtverordnetenverſammlung gelangt, wird der
Stand des Reſervefonds genau nachgewieſen, ſodaß die
Ueberſchreitungen der letzten Jahre in Zukunft nicht mehr
möglich ſein werden. Dieſe Maßnahme bedingt für den
Leiter der ſtädtiſchen Verwaltung, daß er ſich fortgeſetzt den
Ueberblick über die Verwaltung erhält, um demnächſt ohne
Bedenken jede Ausgabe ablehnen zu können, die nicht etat=
mäßig
vorgeſehen iſt. Die Anzahl der außeretatsmäßigen
Vorlagen iſt zu verringern. Es darf auch darauf hinge=
wieſen
werden, wie heute die Geſetzgebung von
der Tendenz geleitet wird, die Städte fort=
geſetzt
zu belaſten. Das Reichsſtempelgeſetz
erhöhte den Emiſſionsſtempel für inländiſche Schuldver=
ſchreibungen
der Kommunen von 2 auf 5 Prozent. Das
Leuchtmittelſteuergeſetz iſt ſoweit gegangen, die
Beſteuerung ſelbſt auf die in eigenem Betrieb der Gemeinde
zur Verwendung gelangenden Beleuchtungsartikel ( Glüh=
körper
, Brennſtifte) auszudehnen. Die Reichsfinanz=
reform
hat neben einer Reihe ungünſtiger Einwirkun=
gen
auf ſtädtiſche Verhältniſſe auch ſchwerwiegende Bela=
ſtungen
der ſtädtiſchen Budgets gebracht. Es erſcheint an=
geſichts
des fortgeſetzt wachſenden Finanzbedarfs die
Grenze in Sachen der Reichs=, Landes= und Kommunal=
inanzen
bedenklich gelockert. Das Reich hat einen Zu=
ſchlagsſtempel
zu dem Landesſtempel bei Grundſtücksver=
äußerungen
beſchloſſen. Damit iſt die Erhebung einer
ſtädtiſchen Abgabe bei dem Immobiliarſtempel nicht er=
leichtert
. Es iſt außerdem eine Reichswertzuwachsſteuer
geplant. Da ihr jedoch meines Erachtens kaum überwind=
bare
Schwierigkeiten im Wege ſtehen (man denke nur an
die Frage der rückwirkenden Kraft, die Uebergangszeit
und die Notwendigkeit einer örtlichen Behandlung dieſer
Steuer), habe ich es für meine Verpflichtung
gehalten, im Namen der heſſiſchen Städte
eine Eingabe an den Reichstag und an die
Regierung zu richten, daß von dem geplan=
ten
Vorgehen Abſtand genommen werden
möge. Kommt die Reichswertzuwachsſteuer zurzeit
iſt mit dieſer Möglichkeit bei der unberechenbaren Haltung
des Reichstages zu rechnen ſo verliert die Stadt ihre
Einnahme aus der Zuwachsſteuer. Es dürfte doch ernſt=
lich
zu erwägen ſein, ob die Stadt auch jetzt und für die
Zukunft von dem Zuſchlag auf den Immobiliarſtempel
abſehen will. Behält die Stadt ihre reſervierte Haltung
bei, ſo wird der Reichstag, welcher bereits auf die Stem=
peleinnahme
Beſchlag gelegt hat, unbedenklich der Stadt
dieſe Einnahmemöglichkeit in Zukunft gänzlich nehmen.
Bei der Reichswertzuwachsſteuer iſt ein Vorbehalt nur zu
Gunſten der Städte gemacht, welche dieſe Einnahme ſeit
langer Zeit haben. Es wäre nicht zu verſtehen, wenn man
hier aus theoretiſchen Bedenken auf dieſe Einnahme ver=
zichten
wollte und damit den Erfolg erreichte, daß das
Reich demnächſt dieſe erhebliche Einnahme aus dem Lokal=
verkehr
der Gemeinde bezieht! Worms, Gießen und andere
heſſiſche Städte haben längſt die Zuwachsſteuer und den
Immobiliarſtempel. Dasſelbe gilt von allen preußi=
ſchen
Städten upſerer Umgebung. Dabei hat Frank=
furt
a. M. eine Mietſteuer und weitere Belaſtungen, die
wir hier nicht kennen. Dort ſtellt die Kommiſſion für den
Frankfurter Etat 1910 feſt, daß es unrichtig ſei, wenn ge=
ſagt
wird, das Syſtem und die ſehr hohe Wertzuwachs=
ſteuer
hätten die Erwerbsverhältniſſe geſchädigt. Trotz der
Reichsſtempelabgabe will Frankfurt eine weitere ſchärfere
Heranziehung des unbebauten Spekulationsgrundbeſitzes
erreichen. Eine erhebliche Belaſtung der kommunalen
Budgets hat die Geſetzgebung dadurch gebracht, daß die
Talonſteuer ſich nicht als eine Beſitzſteuer, ſondern als
Schuldenſteuer ergibt. Die große Ungerechtigkeit,
die darin beſteht, daß die Papiere des Staates ſteuerfrei,
die Kommunalpapiere jedoch ſteuerpflichtig ſind, verſetzt die
Städte in die Zwangslage, im Intereſſe des Kurſes ihrer
Papiere die Talonſteuer zu Laſten der Allgemeinheit der
Steuerzahler zu übernehmen. Die Talonſteuer be=
dingt
für die Stadt eine Ausgabe von etwa
180000 Mark von den zurzeit begebenen Anleihen. Es
kann ferner darauf hingewieſen werden, wie auch die Ar=
mengeſetzgebung
zum Nachteil der Städte dadurch ver=
ſchlechtert
wurde, daß die Vorausſetzungen für den Erwerb
des Unterſtützungswohnſitzes geändert und eine weitere
ſtändige Belaſtung der Städte beſchloſſen wurde. Die
Geſamtbelaſtung des ſtädtiſchen Budgets
für 1910durch die Reichsgeſetzgebung iſt auf
ca. eine halbe Million zu veranſchlagen. Es
iſt begreiflich, daß bei dieſer Sachlage die Budgets al=
ler
Städtewachſen und die Ausgaben ſich ſtändig er=
höhen
müſſen. Sonach können die Städte nur innerhalb
der örtlichen Verhältniſſe erreichen, daß durch eine vorſich=
tige
Finanzpolitik, durch eine Verteilung der Laſten die
Folgen der Kriſen überwunden werden. Es iſt notwen=
dig
, daß angeſichts der ſtets wachſenden Geſamtausgaben
die Stadtverwaltung als die Repräſentantin der Allge=
meinheit
, daran denkt, die Steuerzahler in ihrer Geſamt=
zahl
zu entlaſten und die Ausgaben zu verteilen. In die=
ſer
Hinſicht muß nicht nur auf die vorſichtige Prüfung der
Poſten der Budgets in den letzten Jahren verwieſen wer=
den
. Es iſt auch auf die Aenderungen der §§ 810 des
Ortsbauſtatuts zu verweiſen, wonach ein beſſeres Verhält=
nis
zwiſchen der ſeitherigen Belaſtung der Allgemeinheit
und der Belaſtung der Anlieger für Darmſtadt geſchaffen
wird. Dabei wird die Stadt die Pflicht der Förderung der
Bautätigkeit nicht vergeſſen. Dieſe Pflicht wird ihr um io

leichter gemacht, als finanzielle Bedenken nunmehr nicht
die Entſcheidung neuer Straßenzüge ſo beeinfluſſen, als
dies früher unter Geltung des alten Ortsſtatuts der Fall
war.
12. Die Bürgermeiſterei hat im Gegenſatz zu ihrer
letzten, von den Ausſchüſſen bereits gutgeheißenen An=
lehensvorlage
im Intereſſe der Schonung der
Steuerzahler es für richtig gehalten, von dem genehmigten
Anlehn von 10000000 Mark nur einen Teilbetrag von
6000000 Mark aufzunehmen. Hierbei wurde im Intereſſe
der Steuerzahler die Bedingung feſtgehalten, daß die De=
potgelder
mit mindeſtens 3 Prozent zu verzinſen ſeien. Es
wurde nicht nur die 3prozentige Verzinſung der Depotgel=
der
, ſondern auch ein im übrigen guter Kurs erreicht.
Angeſichts des ſeitherigen Anleihebedarfs der Stadt
Darmſtadt wird die Bürgermeiſterei einer Beförderung
der Anleihewirtſchaft nicht das Wort ſprechen. Die ſeit=
herige
, durchaus ſolide Finanzgebarung der Stadt erfor=
dert
es, daß, nach Ueberwindung der Uebergangszeit, in
der Anſammlung von Fonds weiter fortgeſchritten wird,
zumal durch die Fondsanſammlung der Steuerzahler nicht
ſo belaſtet wird wie bei det Anleihe, die Verzinſung und
Tilgung erfordert. Gelehrte und Praktiker haben in letzter
Zeit die Verbeſſerung des Kommunalkredits zum Gegen=
ſtand
lebhafter Erörterungen gemacht. Schon auf dem
Münchener Städtetag wurde der Gedanke einer Zentrali=
ſierung
des Kommunalkredits eingehend erörtert. So
theoretiſch richtig dieſer Gedanke ſein mag, ſo beſteht doch
bei allen einſichtigen Praktikern die Ueberzeugung, daß eine
Kreditzentrale für die Städte ein toter Gedanke bleibt, da
niemals eine Bindung aller Städte für das aufzugebende
Bankpapier erreicht werden kann. Daß das Deutſche Reich,
das ſelbſt in der größten Geldnot ſich befindet, die Bankier=
geſchäfte
für die Städte übernehmen würde, iſt wohl ernſt=
haft
nicht anzunehmen. Nach wie vor können die Städte
nur durch Vermittelung der Großbanken ihr Kreditbedürf=
nis
verwirklichen. Auch hinſichtlich der Tilgungsquote un=
terliegen
die Städte zurzeit lebhafter Kritik. Die Stadt
Wiesbaden hat in der Abſicht der Erzielung eines guten
Kurſes die Anregung gegeben, bei Stadtanleihen jede Til=
gung
innerhalb möglichſt langer Friſt auszuſchließen. Mit
Genehmigung der Regierung iſt an die Stelle der Tilgung
der Anleihen durch Ausloſung oder Ankauf von Schuldver=
ſchreibungen
folgendes Verfahren gutgeheißen worden:
durch Anſammlung von jährlich 2,13 Prozent der Schuld=
ſumme
iſt ein Tilgungsfond zu bilden, der nach Ablauf
von höchſtens 29 Jahren die Rückzahlung der geſamten
Schuld auf einmal ermöglicht. Die Aulage des Fonds
ſoll etwa in mündelſicheren Papieren oder Hypotheken er=
folgen
. Bei dieſem Verfahren begibt ſich die Stadt der
Möglichkeit einer Konvertierung. Trotzdem die Stadt die
Tilgung auf 30 Jahre ausſchließt, muß ſie doch jedes Jahr
dieſelben Leiſtungen für Zinſen und Tilgungen bewirken,
die bei dem Verfahren einer Tilgung durch Ausloſung vor=
liegen
. Ferner iſt die Stadt in die Notwendigkeit verſetzt,
nur einen zeitlich beſchränkten Hypothekarkredit geben zu
können, ſie muß auch die Kursverluſte tragen, im Falle
ſie aus den Mitteln des angeſammelten Fonds Papiere
kauft. Die Stadt Darmſtadt hat bei den letzten Anlehen,
um die Beliebtheit des Papieres zu erhöhen, gleichfalls die
Tilgung auf ſieben Jahre ausgeſchloſſen, ohne die oben ge=
ſchilderten
Nachteile in Kauf zu nehmen. Sie wird einen
weiteren Ausſchluß der Tilgung in Erwägung ziehen. Die
Stadt kann hinſichtlich ihrer ſoliden Finanzgebarung auf
die Feſtſtellungen hinweiſen, die bei Beratung des Budgets
im Jahre 1909 von dem Referenten des Finanzausſchuſſes,
Herrn Stadtverordneten Götz, getroffen wurden. Damals
wurde in dem Bericht mit allem Nachdruck die Tatſache
hervorgehoben, daß die Finanzlage nicht ungünſtig ange=
ſehen
werden könne, wurde doch ſeither aus Mitteln
der Steuerzahler die Anſammlung eines
Schulhausbaufonds von 300000 Mark und
ein außerordentlicher Tilgungsbetrag von
jetzt jährlich 150000 Mark erreicht.
Seit Einführung der Städteordnung im Jahre 1874
hat die Stadt Darmſtadt zur Beſtreitung der Koſten für
außerordentliche Aufwendungen, insbeſondere für Erbau=
ung
öffentlicher Gebäude und Schulhäuſer, für Gebäude=
und Grundſtückserwerbungen, für Kanal= und Straßenher=
ſtellungen
, für Anlage und Erweiterung der ſtädtiſchen
Werke (Waſſerwerk, Gaswerk, Elektrizitätswerk, Schlacht=
hof
, elektriſche Straßenbahn und Hallenſchwimmbad), ſowie
an Beitragsleiſtungen für den Neubau der Techniſchen
Hochſchule, für den Umbau des Hoftheaters, für Erbauung
der Bahn nach Groß=Zimmern und für die Verlegung der
Hauptbahnhöfe ſowie für alle ſonſtigen, in den einzelnen
Verwaltungsberichten näher bezeichneten außerordent=
lichen
Ausgaben, Anlehensmittel im Geſamtbetrage
von rund
49000000 Mk.
aufgenommen.
Auf dieſe Schulden ſind bis jetzt abge=
tragen
worden rund
9000000.

Es beſteht ſomit dermalen noch eine
zu verzinſende und auf Grund feſtgeſetzter
Tilgungspläne abzutragende Anlehens=
ſchuld
von rund
.. . . . . . . 40000000
Die Hälfteentfällt auf wer=
bende
Anlagen.
Dieſer Anlehensſchuld ſteht ein Ver=
mögen
gegenüber von rund . . . .
70000000
Die Berechnung des Vermögens iſt nach kaufmänni=
ſchen
Grundſätzen erfolgt. Ebenſo iſt zur Orientierung
der Oeffentlichkeit eine kaufmänniſche Bilanzüber=
ſicht
eingeführt.
Nach wie vor wird ſchon im Intereſſe des Anſehens
der Verwaltung und der Aufrechterhaltung ihrer ſoliden
Finanzwirtſchaft auf die verſtärkte Tilgung geſehen. Die
Stadt iſt in der Lage, auf den Erfolg ihres letzten An=
lehens
hinzuweiſen: Es fand nicht nur alsbald
eine Ueberzeichnung des Anlehens ſtatt
die Papiere waren auch in ſehr kurzer Zeit
ſämtlich im Handel untergebracht.
13. Angeſichts der wachſenden Ausgaben für Schul=
zwecke
muß darauf hingewieſen werden, daß durch die neue
Oberrealſchule, die Höhere Mädchenſchule und die Hilfs=
ſchule
der aus Mitteln der Steuerzahler für Schulbetriebs=
koſten
zurzeit aufzuwendende Betrag von zirka 1300000
Mark eine Erhöhung erfahren wird um etwa 80000 Mark.
Der Mehrbetrag an Verzinſung und Tilgung der drei
Schulbauten beträgt 163803 Mark. Hierzu kommt ein
neues Schulhaus Oſt in dem Koſtenbetrag von zirka
1300000 Mark, deſſen Notwendigkeit durch einſtimmige
Beſchlußfaſſung des Schulausſchuſſes bereits vor einem
Jahre anerkannt iſt. Die Bürgermeiſterei hat es für ihre
Pflicht gehalten, den Neubau des Schulhauſes Oſt zu ver=
tagen
da es möglich gemacht werden muß, in die Schul=
räume
der Höheren Schulen und der Hilfsſchule den jähr=
lichen
Mehrbedarf von zirka 15 neuen Klaſſen bei den
Volks= und Mittelſchulen während 23 Jahren unterzu=
bringen
. Alle Bedenken der Schulleiter müſſen angeſichts
der ſtark wachſenden Koſten für die Schulen zurücktreten.
Ebenſo muß erreicht werden, daß in den nächſten Lritisshen

Jahren Teilungen von Klaſſen unter.50 Schülern zu unter=
bleiben
haben. Die Bürgermeiſterei bedauert, zu dieſen
durchaus nicht fortſchrittlichen Maßnahmen genötigt zu
ſein, ſie iſt nach wie vor der Ueberzeugung,
daß für die Kinder unſerer Schulen das
Beſte gerade gut genug iſt. Angeſichts der finan=
ziellen
Notlage iſt ſie jedoch der Anſicht, daß pädagogiſche
Bedenken und die Wünſche der Eltern in den nächſten Jah=
ren
zurücktreten müſſen. Erſt dann iſt es der Verwaltung
möglich gemacht, den anſchwellenden Finanzbedarf auf
mehrere Jahre zu verteilen.
14. Es iſt beabſichtigt:
a)ſpätere Vereinigung der Gaswerks=
kaſſe
und Straßenbahnkaſſe mit der
Stadtkaſſe zur Vereinfachung des Geſchäftsver=
kehrs
auf dieſen drei Stellen, zur Vermeidung er=
tragsloſer
Geldanſammlung, ſowie des Hin= und
Rücklaufs von Barmitteln zwiſchen den drei Kaſſe=
ſtellen
; die direkte Ablieferung der Fahrgeldein=
nahme
an die Stadtkaſſe iſt bereits angeordnet,
b)gemeinſame, monatliche Aufnahme
und Erhebung von Waſſer=, Gas= und
Stromzins, in Willfahrung zahlreicher Geſuche
von Konſumenten, ſowie zur Vereinfachung der
Betriebsgeſchäfte, raſcheren Einbringung der Gel=
der
zur Kaſſe und Verhürung von Verluſten durch
Konkursfälle uſw., bei verzögerter (vierteljährlicher
ſtatt monatlicher) Erhebung,
e) im Gebiete des Rechnungsweſens und der
ſtaatlichen Aufſicht hat die Verwaltung Maßnah=
men
zur Vereinfachung bereits erreicht und
weitere Anträge geſtellt, welche eine Beſchleunigung
des Geſchäftsganges im ſtädtiſchen Kaſſeweſen und
eine Vereinfachung des Reviſionsgeſchäftes be=
zwecken
.
Es ſoll ferner angeregt werden eine demnäch=
ſtige
Herbeiführung gemeinſamer Erheb=
ung
der direkten Staats= und Gemeinde=
ſteuer
durch die Stadtkaſſe. Eine ſolche Ein=
richtung
wird in erſter Linie im Intereſſe des zahlen=
den
Publikums gelegen ſein; ſie wird aber auch dem
Staat und der Stadt zum Vorteil gereichen, da mit
weniger und teilweiſe mit billigeren Kräften gearbeitet,
die Beitreibung in beiderſeitigem Intereſſe beſſer ge=
handhabt
und ausgenutzt, auch an ſachlichen Koſten ge=
ſpart
werden kann. Dieſe Maßnahme hängt in erſter
Linie von der Stellungnahme des Staates ab. Die
Stadt kann naturgemäß nur gegen entſprechende Ver=
gütung
die Mehrarbeit leiſten, Staat und Stadt hätten
in erſter Linie ſich über die Organiſations= und Lokal=
frage
zu verſtändigen.
Der Vereinfachung des kommunalen Geſchäfts=
ganges
und derjenigen ſtaatlichen Geſetzgebung, welche
das kommunale Intereſſe berührt, werde ich im Land=
tage
als Mitglied des Ausſchuſſes für die Verwalt=
ungsgeſetzgebung
die größte Aufmerkſamkeit widmen.
Ich hoffe, daß es auch möglich wird, endlich eine Ver=
einfachung
des Inſtanzenzuges in Sachen der Bauord=
nung
zu erreichen. Zu Unrecht wird die Gemeinde für
den derzeitigen Geſchäftsgang verantwortlich gemacht.
Zu oft wird überſehen, daß die gegenwärtige,
durchaus veraltete Geſetzgebung und die Ueber=
laſtung
der Bauabteilung mit Sachen geringerer =
deutung
gleichfalls verantwortlich zu machen iſt für
das derzeitige Verfahren und ſeine Folgen. Ich möchte
auch die Hoffnung ausſprechen, daß es möglich ſein
wird, die Vereinfachung der Verwaltung
auch im Wege einer Stärkung der Selbſt=
verwaltung
der Gemeinden zu erreichen. Die An=
zahl
der Berichte, die heute ſelbſt in Sachen ge=
ringerer
Bedeutung zu erſtatten ſind, führt nur zu einer
fortgeſetzten Vermehrung der Perſonalausgaben in
beiden Verwaltungen. Auch hier iſt die Regierunig
nach ihrem neueſten Erlaſſe gewiß bereit, das Schreib=
werk
auf ein erträgliches Maß zu beſchränken.
Wer das heutige Darmſtadt mit der Stadt ver=
gleicht
, die bei Einführung der Städteordnung im
Jahre 1874 vorhanden war, muß anerkennen, was die
ſtädtiſche Verwaltung in dieſem Zeitraum geleiſtet hat.
Die Hauptgebiete der kommunalen =
tigkeit
: Volkshygiene, Städtebau, Wohn=
ungsweſen
, Sozialpolitik, Armenpflege,
Volksbildung, Wirtſchaftspflege ſind in
intenſiver Weiſe belebt und bereichert
worden. Die Stadt ſorgt im kommunalen Betrieb
für die öffentliche Geſundheitspflege durch die Kanali=
ſation
, die Straßenreinigung, die Haus= und Kehricht=
abfuhr
, durch öffentliche Bedürfnisanſtalten und durch
ihre Teilnahme an der Abdeckerei. Es erfolgt eine
Kontrolle des Nahrungsmittelverkehrs. Der Schlacht=
hof
iſt erweitert. Durch das neue Schwimmbad, Spiel=
und Turnplätze kann recht viel für die Förderung der
Körperpflege geſchehen. Das ſtädtiſche Krankenhaus
hat eine bedeutungsvolle Erweiterung erfahren; die
Sanitätswache und Desinfektionsanſtalt wurde orga=
niſiert
. Die Stadt unterſtützt faſt alle ſozialen Wohl=
fahrtseinrichtungen
. Im Städtebau und Wohnungs=
weſen
ſteht die Stadt jeder Förderung einer geſunden
Bodenpolitik ſympathiſch gegenüber. Sie fördert die
Bodenpolitik durch den Erwerb von Grund und Boden,
die Umgeſtaltung und Ausbildung von Bebauungs=
plänen
und Bauordnungen, die die Beſchränkung der
Bodenausnutzung, die Beſchränkung der Miets=
kaſernen
und die Förderung des Kleinwoh=
nungsweſens
anſtreben, ſowie durch den Betrieb und
Ausbau kommunaler Straßenbahnnetze. Sie verweiſt
auf ihre Wohnungsinſpektion, die Wohnungsſtatiſtik
und den Wohnungsnachweis. Im Gebiete der Volks=
bildung
hatte die Stadt große Ausgaben zu beſtreiten.
Vom Jahre 1873 an wurden zu Laſten
von Vermögensmitteln für Schulhaus=
bauplätze
und für Erbauung von Schul=
häuſern
, ſowie für Erweiterungen ſol=
cher
nach den betreffenden Rechnungen
verausgabt beziehungsweiſe beſchloſſen:

1. Für das Realgymnaſium
828 456 Mk. 75 Pfg.
. neue Gymnaſium .
60000
3. die Oberrealſchule (Ausbau
des früheren Schulgebäudes der
Techniſchen Hochſchule)
88846 55
Für die Höhere Mädchenſchule 848 660
68
5
das ehemalige Hufnagelſche
5.
Haus (nun Gewerbeſchule)
82 285
,
Für die Knabenmittelſchule I
345 782

,
. Mädchenmittelſchule I. 305 462
8. Mittelſchule II
745 563 39
9. Stadtknabenſchule I . 315 746

,
. 282 233
22
II.
10.

III
71426 13
11.
Stadtmädchenſchule I
12.
45
346567
(2 Schulhäuſer)
35
13. Für die Stadtmädchenſchule II . 421 590
34
III . 259063
14
*
82
15. Zezirisſchule IV . . . 484815
zrübertragen 5 486591 Mk. 51 Pfg.

[ ][  ][ ]

Seite 14

Nummer 17.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21. Januar 1910.

Uebertrag 5 486501 Mk. 51 Pfg.
16. Für den Neubau einer Höheren
Knabenſchule
570000
17. Für den Neubau einer Höheren
Mädchenſchule einſchl. Turnhalle 640 000
v.
Schuldienerwohnhaus.
33000
Der buchmäßige Wert des ehe=
maligen
Gaswerksgrundſtückes
beträgt
316 461
18. Für den Neubau einer Hilfsſchule
200000
einſchl. Bauplatz rund . .
7 245962 Mk. 51 Pfg.
19. Für die Techniſche Hochſchule
1210039 . 65.22
(1893/94 und 1894/95)
Summe 8 456002 Mk. 12 Pfg.
1. Von den vorſtehend aufgeführten Koſten (von 115)
entfallen:
auf die Jahre
18731875 (Knabenmittelſchule I). . zirka 200000 Mk.
1878
(Realgymnaſium, Stadt=
knabenſchule
II u. Stadt=
mädchenſchule
I)
750000
18861887 (Mädchenmittelſchule I)
300000
18891891 (Höhere Mädchenſchule u.
Stadtknabenſchule I)
300000
18971899 (Höhere Mädchenſchule u.
Mittelſchule II)
800000
18991902 (Stadtknabenſchule II u.
Mittelſchule II)
300000
19031904 (Bezirksſchule IV) .
450000
1905
(Mittelſchule II)
800000
1907
(Stadtmädchenſchule II) 450000

Summe 4350000
Der Reſtbetrag von zirka 1100000 Mk. für die
unter 115 aufgeführten Koſten verteilt ſich in kleine=
ren
Poſten auf die Jahre:
1873 bis einſchließlich 1907 (35 Jahre).
2. Die unter 1618 aufgeführten Summen ſind
Voranſchlagsbeträge des Rechnungsjahres 1908.
Zur Aufklärung iſt feſtzuſtellen, daß der Steuer=
zahler
nur mit dem Aufwande für Verzinſung und
Tilgung belaſtet wird. Städte wie Wiesbaden und
München beſtreiten den Schulaufwand nicht aus An=
lehnsmitteln
, die Schulbaukoſten werden von den
Steuerzahlern aufgebracht.
Die Stadt iſt ſtets beſtrebt geweſen, hinſichtlich des
Baues, der Ausſtattung und Unterhaltung der Schul=
häuſer
, der Feſtſetzung der Klaſſenfrequenz, der Unter=
richtszeit
der Schüler und Lehrer den Grundſätzen der
Schulhygiene und Pädagogik zu folgen. In der gegen=
wärtig
ſchweren Zeit wird ſie jedoch mit aller Energie
an der Forderung feſthalten, daß die Schullaſten nicht
in das Unendliche vermehrt werden. Die Stadt hat
durch die Errichtung einer Hilfsſchule für minderbe=
gabte
Kinder ſich mit beſonderer Liebe dieſer Kinder
angenommen; ſie wird der Schule in einem Neubau
richtige Unterkunft ſchaffen, zumal dieſer Reſerve=
räume
für den Bedarf der Volks= und Mittelſchulen
bietet: Sie überwacht dem Geſundheitszuſtand der
Schüler durch Schulärzte. Die ſtädtiſche Schulzahn=
klinik
wurde als erſte Anſtalt im Reiche ins Leben ge=
rufen
. Wenn angeſichts der enormen Schullaſten die
an ſich gewiß rückſchrittliche Maßnahme einer Erhöh=
ung
der Schulgelder nicht zu umgehen war, ſo wird
doch nach wie vor darauf geſehen, daß hervorragend be=
ſähigte
Kinder mittelloſer Eltern an dem Unterrichte
in höheren Schulen teilnehmen können. Es iſt ferner
auf die Errichtung der Leſe= und Bücherhalle und der
Volksbibliotheken zu verweiſen. In der Wirtſchafts=
pflege
hat die Stadt die Forderung einer kommunalen
Regie von Waſſerwerken, Licht=, Kraft= und Wärmezen=
tralen
, von Straßenbahnen ſeit langer Zeit erfüllt. In
der Sozialpolitik iſt die ſtädtiſche Verwaltung durch
den Erlaß von Grundſätzen über die Möglichkeit von
Penſionierungen ſtädtiſcher Bedienſteter und Arbeiter
vorbildlich vorgegungen. Sie hat in der Regelung des
Submiſſionsweſens bei Erteilung von Zuſchlägen die
Arbeiterintereſſen dadurch gewahrt, daß ſie die Forder=
ung
guter Löhne einfügte und die Erfüllung der ſozial=
pplitiſchen
Verpflichtungen der Unternehmer kontrol=
liert
. In der ſpeziellen Sozialpolitik ſteht die Bearbei=
tung
einer Arbeitsordnung bevor. Wenn die
ſtädtiſche Verwaltung ſelbſſtolerſtändlich
alle unerfüllbaren Anſprüche abgelehnt
hat, ſo darf ſie doch darauf hinweiſen, daß
ſie in ſchweren Zeiten ſtets auf eine an=
gemeſſene
Lohnfeſtſetzung der unteren
Klaſſen der Bedienſteten geſehen hat.
Auch in dem jetzigen Budget iſt ein Betrag
von nahezu 30000 Mark zur Beſſerſtell=
ung
der Arbeiter, des Straßenbahnper=
ſonals
und der Laternenwärter enthal=
ten
. Im Gebiete der Armenpflege iſt die Forderung
einer Heranziehung ehrenamtlicher Elemente, insbe=
ſondere
der Frauen erfüllt. Die Waiſen= und Halte=
kinderpflege
erfolgt nach modernen und pädagogiſchen
Grundſätzen. Leider iſt es bis jetzt nicht möglich ge=
worden
, die gerade in Darmſtadt immer
dringenderwerdende Fürſorgefür allein=
ſtehende
Frauen und Mädchen des Mittel=
ſtandes
zu erfüllen. Das ſtädtiſche Pfründner=
haus
iſt überfüllt. Es wäre unbedingt nötig, ein der=
artiges
Heim ins Leben zu rufen in dem alleinſtehende
Mädchen und Frauen Beſchäftigung und Unterkommen
finden könnten.
Wenn die Stadt hiernach in den angeführten Ge=
bieten
alles getan hat, was möglich war und ſie ins=
beſondere
in dieſem Gemeindeprogramm ſoziale Grund=
ſätze
und Forderungen erfüllt hat, ſo iſt es andererſeits
klar, daß nicht nur die Errichtung, ſondern
der Betrieb der geſamten Gemeindeein=
richtungen
fortgeſetzt wachſende Aus=
gaben
erfordert. Der außerhalb der ſtädtiſchen
Verwaltung ſtehende Kritiker macht oft die Bemerkung,
es ſei ein unverzeihlicher Fehler, die Ausgaben ſtets
größer werden zu laſſen als die Einnahmen, es müſſe
eine Finanzreform erfolgen, die die Bemeſſung der
Ausgaben nach den Einnahmen enthalte. Es iſt ſelbſt=
verſtändlich
unmöglich, eine ſolche Forderung zu er=
füllen
. Werfen wir einen Blick in den Schuletat, ſo
ſteht feſt, daß die Perſonalkoſten von Jahr zu Jahr
um 6070000 Mk. wachſen und zurzeit
einen Koſtenaafwand von zirta 1300000.0
Mark erfordern. Die Verzinſung und Tilgung
der Schulbauten iſt hier nicht einbegriffen. Erfolgt
eine Aufbeſſerung der Gehalte, ſo ſtehen wir vor
einem Uebergangsjahr, das nicht nur das Wachstum
der Gehalte von 60000 Mt., ſondern auch den Mehr=
betrag
der Aufbeſſerung aufzubringen hat. Wer weiß,
wie die Schullaſten in anderen Städten geſtiegen ſind,
die ſich eines ſtarken Wachstums zu erfreuen haben,
und wer berückſichtigt, welche Kulturfortſchritte die
deutſchen Städte gerade in den letzten Jahrzehnten er=
treicht
haben, den wird der Hlaube an die Zukunft nicht.

verlaſſen. Es liegt keinerlei Veranlaſſung vor, peſſi=
miſtiſch
und trüb in die Zukunft zu blicken. Der Wohl=
ſtand
der Bevölkerung hat ſich gehoben, aus den unteren
Klaſſen hat ein Anſchluß an die mitileren Klaſſen ſtatt=
geſunden
. Es liegen Anzeichen für eine Beſſerung der
Konjunktur vor, die Vermehrung des Wohlſtandes im
Reiche hat auch zu einer großen Verminderung der
deutſchen Auswanderung geführt. Nach Ueber=
windung
der Uebergangszeit ſteht der Stadt ein
ſicheres Wachstum der Einnahmen bevor.
Die ſtädtiſche Verwaltung wird die Erhalt=
ung
der Einnahmen erreichen, indem ſie
ihre Kräfte nicht zerſplittert, ſondern
konzentriert.
Zu den nnmittelbar bevorſtehenden notwendigen
Aufgaben ſind folgende zu rechnen:
Die Stadt muß die ſchwer zu löſende Auſgabe
vorbereiten und löſen, den neuen Bahnhof durch die
Vermittlung von Wohnquartieren mit der Stadt zu
verbinden.
2. Sie hat dafür zu ſorgen, daß die Intereſſen der
Induſtrie gefördert werden, ſie darf nicht außer acht
laſſen, die Anſiedlung einer kapitalkräftigen Induſtrie
in Darmſtadt zu begünſtigen. Sie hat insbeſondere
bei der Aufgabe mitzuhelfen, der Induſtrie die An=
ſchlüſſe
an den neuen Bahnhof zu ermöglichen. Die
Grundlagen eines an die Stadtverordnetenverſamm=
lung
zu richtenden Vortrages ſind vorbereitet. Die
Vorlage wird erfolgen, ſobald ſeitens der Intereſſenten
und der Königlichen Eiſenbahndirektion diejenigen
Vorausſetzungen gewährleiſtet werden, die die Bürger=
meiſterei
für unerläßlich hält.
3. Angeſichts der Belegungsverhältniſſe unſeres
Friedhofes an der Nieder=Ramſtädterſtraße wird die
Anlage eines Teils des neuen Friedhofes in der Tanne
für das Jahr 1911 vorzuſehen ſein. In Verbindung
mit dem neuen Friedhof ſoll auch das Krematorium er=
errichtet
werden. Dank ihres Grundbeſitzes kann die
Stadt den Friedhof ohne die ſonſt ungeheuere Laſt
eines Geländeerwerbes durchführen.
4. Nach wie vor wird die Stadt nach großen Ge=
ſichtspunkten
in ihrer Bodenpolitik fortfahren müſſen.
Zurzeit umfaßt der Flächeninhalt der Gemarkungen
Darmſtadt=Beſſungen 5760,16 Hektar.
Der Flächeninhalt des ſtädtiſchen Grund=
beſitzes
betrug Ende 1907 innerhalb der
Gemarkung
1955,5335ha
33,94% des Stadtgebietes)
Der ſtädtiſche Grundbeſitz in benachbarten
Gemarkungen betrug
186,1478
Der Wert des geſamten ſtädtiſchen Grund=
beſitzes
betrug Ende 1907 (ausſchließlich
--
Gebäudewert
18 757,718 Mk.
(Grund und Boden der Gebäude . 5 783981 Mk.
Baugelände .
316 278
1837635
Acker= und Wieſengelände
2 636 200
Waldungen
Immobilien der Grunderwerbskaſſe 3831910
48 390
Waſſerwerk . .
Gaswerk .
954 178
,,
Elektrizitätswerk
384 650
Schlachthof .
. . . . 283890 .
48 280
Straßenbahn . .
. , .
366 900
Saalbau.
Sparkaſſe
26832


Armen= und Pfründnerhaus . . . 952850
Krankenhaus
1285744 )
Naturgemäß muß die Stadt ſchon im Intereſſe der
Aufrechterhaltung der Grunderwerbskaſſe und der hier=
durch
möglichen Entlaſtung der Stenerzahler die Ge=
fahr
beachten, welche zurzeit durch die Zinspflicht der
Grundſtücke und die minimalen Erträgniſſe gegeben iſt.
In dieſer Hinſicht iſt eine Entlaſtung vorbereitet, auch
wird mit dem Verkauf ſtädtiſchen Grundbeſitzes in vor=
ſichtiger
Weiſe begonnen werden.
5. In verkehrspolitiſcher Hinſicht wird die Stadt
der Förberung des Verkehrs ihre größte Aufmerkſam=
keit
zuwenden. Sie wird nicht nur auf den Ausbau
ihres Straßenbahnnetzes bedacht, ſondern auch beſtrebt
ſein, die zurzeit in Verkehrsfragen neu geförderten be=
deutungsvollen
Verhandlungen zu einem guten Ende
zu führen.
6. Die Stadt erkennt die Notwendigkeit eines Neu=
baues
für die Gewerbeſchule an. Sie wird im
Intereſſe der Koſtenerſparung prüfen, wie die Gewerbe=
ſchule
mit dem demnächſt zu erbauenden Schulhauſe zu
vereinigen iſt. Ich halte es jedoch für unerläßlich, daß
Staat und Gemeinde ſich zunächſt hinſichtlich einer Or=
ganiſation
verſtändigen, welche den gegenwärtigen,
durchaus unwirtſchaftlichen Zuſtand des=
ſelben
Unterrichtes in verſchiedenen An=
ſtalten
beſeitigt. Hoffentlich wird es möglich ſein,
hierbei die Erfahrungen zu verwerten, welche wir bei
Beſichtigung der Münchener Anſtalten gewonnen haben.
Die Organiſation muß eine Vereinfachung des Lehr=
planes
und der zur Mitwirkung berufenen Stellen
ergeben.
Darmſtadt hat dank der Initiative Seiner König=
lichen
Hoheit des Großherzogs und der bisherigen
Ausſtellungen eine Stellung im Gebiete der Kunſt und
des Kunſtgewerbes erhalten. Offen wird heute aner=
kannt
, in welcher Weiſe in Darmſtadt und in Heſſen
das Kunſtgewerbe belebt und bereichert worden iſt
Auch auf dieſem Gebiete hat die ſtädtiſche Verwaltung
Unternehmungen zu unterſtützen, zumal ſie dem Ver=
kehr
der Stadt und damit der Allgemeinheit in hervor=
ragendem
Maße zugute kommen. Selbſt Frankfurter
Blätter, die aus lokal=patriotiſchen Gründen Darmſtadt
nicht aufkommen laſſen wollen, erkennen an, daß Darm=
ſtadt
innere Schönheiten und große Anziehungspunkte
für den Fremdenverkehr bietet, und der Verkehr eine
außerordentliche Hebung erfahren hat. Auch das Darm=
ſtädter
Schwimmbad bietet für den Fremden einen
nenen Anziehungsvunkt.
Die Stadt wird die gegenwärtige Krieſe überſtehen,
wie ſie die früheren überwunden hat. Wir werden
fortfahren in dem Beſtreben, die unvergleichlich ſchöne
Lage der Stadt durch Erweiterung der Bebauungs=
pläne
auszünützen. Wir werden die Anſiedlung von
Fremden und kapitalkräftigen Rentnern begünſtigen
und ihnen entgegenkommen. Wir werden in der Er=
füllung
dieſer Aufgabe auch dafür zu ſorgen haben, daß
die Preiſe des Grundbeſitzes nicht unmäßig in die Höhe
gehen. Auch das Hohlerwegviertel wird im Falle einer
günſtigen Entwickelung demnächſt ein Gewinn für die
Stadt werden, da es möglich ſein wird, zu maßvollen
Grundſtückspreiſen ſchön gelegene Bauplätze zu erhal=
ten
. In der Ueberzeugung, daß es notwendig erſcheint,
die Bautätigkeit zu fördern, erkennt die Bürger=
meiſterei
an, daß die ſeitherige reſervierte
Haltung der Stadtverwaltung im In=
tereſſe
der Entwicklung unſeres Gemein=
weſens
gemildert werden muß. Wenn die
Ausübung der Bautätigkeit in der Regel nur inner=
halb
des Bebgnungsplanes geſtattet wird, ſv iſt es klar.

daß Monopolpreiſe entſtehen und erhalten werden,
wenn die Bantätigkeit an der Peripherie des Beban=
ungsplanes
angelangt iſt und weiteres Gelände, abge=
ſehen
von ſehr teueren Bauplätzen im Innern der
Stadt, nicht zur Verfügung ſteht. Die Bürgermeiſterei
hat es daher für angezeigt gehalten, die Erweiterung
des ganzen Bebauungsgebietes zu fördern und die
grundſätzlich bereits genehmigten Bebauungspläne für
die Erweiterung des Stadtgebietes offen zu legen. Wir
verweiſen in dieſer Beziehung auf den Beginn des Be=
bauungsplanes
des Viertels am Hohlen Weg, des Weſt=
viertels
am neuen Beſſunger Bahnhof, des Viertels
am neuen Hauptbahnhof und des großen Oſtgebietes,
das ſich von der Roſenhöhe bis zum Böllenfalltor er=
ſtreckt
. Letzterer Bebauungsplan iſt von Herrn Pro=
feſſor
Pützer nach modernen Geſichtspunkten aufgeſtellt
und zurzeit Gegenſtand weiterer Bearbeitung. In den
Entſernungen unſeres Stadtgebietes liegen zugleich
ſeine großen Vorzüge. Darmſtadt war in den letzten
Jahren der Ort großer Kongreſſe. Wir haben vor
Fremden nur eine Stimme der Anerkennung über
die weiträumige Bebanung und die Naturſchönheiten
der Umgebung gehört. Die Stadt iſt glücklicherweiſe
in einem zwar nicht rapiden, aber ſtetigen und ſicheren
Wachstum begriffen, ſodaß es möglich erſcheint, die
Koſten, die durch die Ausdehnung der Bebanungspläne
hervorgerufen werden, ſchrittweiſe der Entwickelung
anzupaſſen.
Die ſtädtiſche Verwaltung wird in der Lage ſein,
die Entwickelung Darmſtadts durch eine vorſich=
tige
Finanzpolitik zu fördern. Wenn ge=
ſagt
wird, daß bei großen Steuererhöhungen
reiche Lente von Darmſtadt wegziehen,
ſo darf däranf verwieſen werden, daß die
Reichsgeſetzgebung alle Städte belaſtet
und in allen Städten ſich in dieſer Hin=
ſicht
das gleiche Bild zeigt. Hierzu kommen
die Staatsſteuererhöhungen, die in Preußen und in
anderen Bundesſtaaten in den letzten Jahren gleich=
falls
beſchloſſen werden mußten. Man leſe nur die
Etatreden des preußiſchen und badiſchen Finanzmini=
ſters
zu dem Budget 1910. In Preußen betrug der
Etatfehlbetrag 1908: 200, im Entwürf für 1909: 156
Millionen, das Defizit für 1910 iſt auf 92 Millionen
veranſchlagt. Der badiſche Finanzminiſter denkt bei
dem rapiden Wachstum der Ausgaben an Stenererhöh=
ungen
und muß zugeſtehen, daß der ganze Betrag
der badiſchen direkten Steuern durch den
Aufwand für Beamte verzehrt wird und außer=
dem
noch zu gleichem Zwecke 13,8 Millionen aus ſon=
ſtigen
Quellen beſchafft werden. Der Perſonalaufwand
in Baden erfordert 55,3 Prozent des geſamten Staats=
aufwandes
. Und hinſichtlich der badiſchen Anleihen
ſagt der Finanzminiſter, daß von den 69 Millionen der
Etats von 1908 und 1909 nur 67 Millionen nach
Miquelſchen Finanzgrundſätzen aus Anleihen entnom=
men
werden dürften. Herr Oberbürgermeiſter
Adickes hat bei dem Etat der Stadt Frankfurt nur
eine allgemeine Wahrheit ausgeſprochen, wenn er ſagt:
In Wahrheit iſt die Sachlage die, daß wir,
gleich allen deutſchen Städten, mit Aus=
nahme
der Umgebung von Berlin, der der
Zug nach den Zentrum zugute kommt, mit
einem wachſenden Mißverhältnis zwi=
ſchen
Ausgaben und Einnahmen zu rech=
nen
haben. Trotzdem darf nicht verkannt werden,
daß die Tendenz der Gegenwart, alle Ausgaben der
Kommunen vorwiegend auf den Stenerausſchlag zu
nehmen, eine große Gefahr in ſich birgt. Es entſteht
für den Fremden, der ſich über die hieſigen Verhältniſſe
informieren will, das durchaus ſalſche Bild, daß man
anderwärts geringere Abgaben zu entrichten habe. Da=
bei
wird ſehr oft überſehen, welche Abgaben auf in=
virektem
Gebiete in anderen Städten zu entrichten
ſind. Auch die Bürgermeiſterei hält es für ihre Ver=
pflichtung
, das Mißverhältnis in den direkten und in=
direkten
Einnahmen, wie es nunmehr durch die Ent=
ſcheidung
des Reichstags geſchaffen worden iſt, für die
Zukunft möglichſt auszugleichen. Es darf nicht über=
ſehen
werden, daß die indirekten Einnahmen der Ge=
meinden
und die Gebühren nicht in demſelben Maße
von der wirtſchaftlichen Konjunktur abhängig ſind, wie
das bei der Einkommenſteuer der Fall iſt. In dieſer
wichtigen Frage wird eine beſondere, eingehend be=
gründete
Vorlage der Stadtverordnetenverſammlung
vorgelegt. Man muß ſich darüber klar ſein, daß jeder
Einnahmeausfall auf indirektem Ge=
biete
eine Erhöhung der direkten Steuer
bedingt.
So ſehr die modernen Grundſätze unſerer neuen
Einkommenſtenergeſetze als ſozial gerecht anzuerkennen
ſind, ſo kann doch weder der Staat noch die Gemeinde
ohne indirekte Einnahmen auf die Dauer exiſtenzfähig
bleiben. Auch die Regierung in Preußen,
welche ja ſeinerzeit auch der Aufhebung der Oktroiein=
nahmen
zugeſtimmt hat, wird im Gebiete der in=
direkten
Einnahmen, ſo weit mir= bekannt iſt,
die Intereſſen ihrer Städte ſchützen. In
Heſſen liegen an ſich die Verhältniſſe zum Nachteil
der Städte noch ſchlechter wie in Preußen, wenn
man erwägt, daß der heſſiſche Staat ſchon einen Teil
der indirekten Einnahmen beſitzt, welche die preußiſchen
Städte (z. B. Immobiliarſtempel und andere Einnah=
men
) für ihre Budgets haben. Staat und Gemeinden
müſſen gerade in Heſſen vermeiden, daß infolge fortge=
ſetzter
Steuererhöhungen die Entwickelung der Städte
gehemmt oder doch ihre Stellung im Verhältnis zu den
uns umgebenden preußiſchen Städten nachteilig beein=
flußt
wird. Die Bürgermeiſterei wird, wie ſie bereits
den diesjährigen Etat mit größter Vorſicht aufgeſtellt
hat, jeder Anregung ſympathiſch gegenüberſtehen, die
im Intereſſe der Schonung der Steuerkraft der Be=
völkerung
eine andere Form des Etats und einen ge=
ringeren
Steuerausſchlag ermöglicht. Dabei dür=
fen
wirjedoch nicht das Ziel aus dem Auge
verlieren, den Etat von großen Geſichts=
punkten
zu beurteilen und ſchon heute die vor=
ausſichtliche
Geſtaltung der nächſten Etatsjahre in Be=
tracht
zu ziehen. Es erſcheint dringend ge=
boten
, in den nächſten Jahren, ſoweit wie
nur möglich, weitere Steuererhöhungen
und damit eine fortgeſetzte Beunruhig=
ung
der Bevölkerung zu vermeiden. Ich
bin überzeugt, daß trotz des Kampfes materieller In=
tereſſen
, die die Gegenwart erfüllen, es möglich ſein
wird, der Allgemeinheit zu dienen, wenn wir die Ein=
zelintereſſen
den allgemeinen Intereſſen unterordnen
Wir werden der Unterſtützung der Bürgerſchaft
Darmſtadts ſicher ſein, wenn wir beſtrebt ſind, mit
größter Sparſamkeit, mit Ernſt und opferwilliger Liebe
die Stadt durch die Gefahren der bevorſtehenden
Uebergangszeit hindurchzuführen und demnächſt, nach
Feſtigung unſerer Verhältniſſe, mit Stetiakeit und
Ruhe das Wohl unſeres Gemeinweſens zu fördern.
Mögen die bevorſtehenden Entſcheidungen der Stadt
und ihrer Entwickelung zum Segen gereichen!

[ ][  ][ ]

Nummer 17.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21. Januar 1910

Seite 154

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Amtliche Nachrichten des Großherzoglichen Polizeiamts Darmſtadt.

Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde.
In polizeilicher Verwahrung und Pflege in der Hofreite Schulzengaſſe Nr. 3 be=
finden
ſich: 1 Ulmer Dogge, 1 ſchottiſcher Schäferhund, 1 Pinſcher, 1 Hofhund.
1 Pinſcher (zugelaufen).
Die Hunde können von den Eigentümern bei dem 1. Polizei=Revier ausgelöſt
werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werk=
tag
, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.

Bekanntmachung.

Betreffend: Den Fahrverkehr auf dem Luiſenplatz.
Zur Aufrechterhaltung eines geordneten Fahrverkehrs in den Straßen der Stadt
weiſen wir darauf hin, daß nach der Polizeiverordnung vom 20. Februar 1904, betreffend
den Verkehr von Fuhrwerken in der Haupt= und Reſidenzſtadt, alle Fahrzeuge, alſo
insbeſondere Wagen jeder Art, Automobile, Handkarren, Fahrräder uſw., ſtets die
rechte Seite der Fahrbahn einzuhalten haben. Nach der anderen Seite der Fahr=
bahn
darf nur, wenn dort angehalten werden ſoll, und nicht früher als notwendig, ab=
gebogen
werden. Zuwiderhandlungen können mit Geldſtrafe bis zu 60 Mk. oder mit
Haft bis zu 14 Tagen beſtraft werden.
Mil Rückſicht auf den ſtarken Verkehr auf dem Luiſenplatz iſt die Schutz=
mannſchaft
angewieſen worden, darauf hinzuwirken, daß alle Fahrzeuge, die die Rhein
ſtraße herauf= oder herunterfahren, ſtets rechts am Ludwigsdenkmal vorbeifahren
und auch hierbei die rechte Seite der betreffenden Fahrbahn einhalten.
Darmſtadt, den 18. Januar 1910.
(1884fs
Großherzogliches Polizeiamt Darmſtadt.
Dr. Kranzbühler.

Bekanntmachung,

Die Beleuchtung von Einfahrten, Höfen, Treppen, Fluren uſw. betreffend.
Wir weiſen wiederholt auf die den Eigentümern von Grundſtücken obliegende
Verpflichtung hin, die Toreinfahrten, Höfe, Hausflure, Gänge und Treppen, ſo=
fern
und ſolange ſie jedermann zugänglich ſind, während der Dunkelheit ſo aus=
reichend
zu beleuchten, daß für die daſelbſt verkehrenden Perſonen keine Gefahr
beſteht.
Dieſe Verpflichtung liegt namentlich auch den Inhabern von Fabriken, ge=
werblichen
Anſtalten und Arbeitsſtätten, von Vergnügungs=, Verſammlungs= und
Schankſtätten (den letzteren insbeſondere auch hinſichtlich der Bedürfnisanſtalten) ob.
Pflichtwidrige Unterlaſſung der Beleuchtung würde, falls hierdurch jemand zu
Schaden kommt, die Entſchädigungspflicht ſowie die ſtrafrechtliche Verantwortlich=
keit
begründen.
Die obengenannte Verpflichtung kann durch Vertrag auf Hausverwalter,
Mieter uſw. übertragen werden. Dies ſetzt jedoch die übereinſtimmende Willeus=
erklärung
beider Parteien, des Vermieters und des Mieters voraus. Eine einſeitige
Erklärung des Vermieters (als ſolche iſt auch der ohne vorherige Verſtändigung mit
dem Mieter erfolgende Aushang einer Hausordnung zu zählen) kann die obengenannte
Verpflichtung für den Mieter nicht begründen.
(1879fs
Darmſtadt, den 18. Januar 1910.
Großherzogliches Polizeiamt.
Dr. Kranzbühler.

Faſelvieh=Vergebung.

Ein der Gemeinde Pfungſtadt gehöriger guterhaltener Faſelochſe, Faſeleber, ſo=
wie
ein Ziegenbock ſollen auf dem Submiſſionswege vergeben werden.
Offerten ſind bis Mittwoch, den 26. ds. Mts., vormittags 11 Uhr, bei der
unterzeichneten Behörde verſchloſſen einzureichen, woſelbſt auch bis zu genanntem Ter=
mine
die Submiſſionseröffnung ſtattfindet.
Die Bedingungen liegen auf hieſiger Bürgermeiſterei zur Einſicht offen.
Pfungſtadt, den 19. Januar 1910.
(1903fs
Großherzogliche Bürgermeiſterei Pfungſtadt.
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Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21. Januar 1910.

Nummer 17.


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Szeniſche Leitung: Regiſſeur Hacker.
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Der Wirt .
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allen Wochentagen, vormittags von 10 bis
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[ ][  ]

Seite 18

Der
diesjährige

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 21. Januar 1910.

Nummer 17.

der Aur
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findet am 29. Januar in sämtlichen Räumen der Turnhalle am Woogsplatz statt. (1896
Fremdenkarten im Vorverkauf 2 Mk. Studierende erh. Karten zu ermässigtem Preise beim Pförtner Guyot. Mitglieder der Turngemeinde erh. Karten zu ermässigtem Preise b. Hausmeister.

Vereinigte Seiellſchaft.
Mittwoch, den 26. Januar 1910, abends 8 Uhr:
HAe
Se eeen
Gee
esoban

zur Feier des Geburtstags Seiner Majestät des Kaisers.
Der Beſuch der Bälle iſt nur im Frack geſtattet. (1890fo
Karten zu dem gemeinschaftlichen Abendessen zum Preiſe von Mk. 2.
werden bis zum 26. ds. Mts., mittags 12 Uhr, durch den Geſellſchaftswirt ausgegeben.
Für Teilnehmer ohne Karten erhöht ſich der Preis des Gedeckes auf Mk. 2.50. Im
Intereſſe geordneten Servierens wird gebeten, die Löſung von Tiſchkarten nicht zu ver=
ſäumen
.
Der Ausschuss.

eim Weihnachtsball in der Vereinigten Geſellſchaft:
wurde ein Damenschirm verwechſelt.
Umtauſch beim nächſten Ball erwünſcht. Fr. Stroh. (*1571

Preitſtrnainrgenaßeſehens u. geineiſeſ r. 3 ,.
(Naturheilverein):: Darmſtadt.
Am Freitag, den 21. Januar 1910, abends 8¼ Uhr,
wird Herr Dr. med. Kleinschrod aus Wörrishofen
im Kaisersaal‟ (Grafenstrasse)
einen
öffentlichen Vortrag
halten über:
Geſetze der Naturheilkunde‟.
Jedermann iſt freundlichſt eingeladen. Unſere Mitglieder mit Familie, ſowie
neu beitretende Mitglieder haben freien Eintritt. Von Nichtmitgliedern wird
30 Pfennig Eintrittsgeld erhoben, die Gewerkſchaftsmitglieder zahlen 10 Pfennig.
Der Vorſtand.
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Mäuſen, Schwaben, Wanzen und Unge=
ziefer
jeder Art.
Bitte Offerten in der Expedition ſchrift=
(1697mdf
lich niederzulegen.