Lebenserinnerungen Heinrich v. Hahn


1952

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1952


Dieses neue Jahr stand unter dem
Zeichen unserer goldenen Hochzeit, die
wir Gottlob frisch an Körper und Geist
in guter Stimmung, froh des wiederge-
wonnenen Heimes [gestrichen: v]erleben durften.
Wir gaben einen Familienkaffee,
zu dem wir 20 Gäste eingeladen hatten.
Es waren zugegen: Schwester Mariechen,
Werner u. Jula Wittich, Elisabeth - Cannstatt,
Fritzgebhardt u. Ursula, Lotte - Wiesbaden,
Karl, Mariechen v. Willich – Illbacher Hof,
Sofie Roth, Schwester Erika, Ernst u. Liesl
Pfeiffer – Wiesbaden, Irmgard v. Gilsa –
Jugenheim, Ella Becker, Paula Müller.
Unser früheres Hausmädchen Marie Bohland
verh. Schwinn war aus Großumstadt da
zur Hilfe in der Küche.

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Es gab Kaffee oder Tee, Kuchen u. Torten
(5) Gebäck, Krachkuchen, Salzstangen,
später Ananasbowle, belegte Weißbrötchen
(100 Stück). Alles fand viel Lob u. Nach-
frage. Nach meiner Rede, die im Anhang
aufbewahrt ist, herrschte lebhafte Stimmung
u. erst um 10° Ab[en]ds verabschiedeten sich die
letzten Gäste, die alle etwas mitgebracht
hatten: Blumen, Silber, Weinkaraffen,
Vasen, Wein, Sekt, Aepfel, Schokolade ff.
Wir [über der Zeile eingefügt: er] hielten an die 40 Briefe, 20 Telegramme
Schreiben vom Reg[ierungs] Präs[identen] Wiesbaden, Ober-
bürgermeister Darmst[adt], Kirchenvorst[and] Paulusgem[einde].


Maria, die im Februar leider wie-
der einmal Herzbeschwerden hatte u. sich
einer Spritz u. Liegekur unter dem sehr
sympatischen uns neuen Arzt Dr. Andreß
unterziehen mußte, war wieder leidlich her-
gestellt u. genoß den schönen wohlgelunge-
nen Tag des seltenen Festes froh u. dankbar. []
Gisbert half wie immer unermüdlich u.
sachgemäß. Unser großes Wohnzimmer
bewährte sich glänzend; 3 runde Tische,
gedeckt mit allem, was wir an Porzellan
(8 Tassen lieh uns Olitsch) u. Bestecken hatten,
zu je 6 Personen fanden reichlich Platz.
Die Durchreiche zur Küche erleichterte die
Bedienung, die von Paula Müller u. Ella
Becker überwacht wurde.


Das Wetter war im Winter sehr wechselnd;
viel Sturm, Regen, Schnee, aber selten
Ostwind, sodaß wir nie froren. Das
Frühjahr setzte plötzlich ein; schon ab 6
April ersparte sich die Ofenheizung u.
an den Ostertagen herrschte sommerliche
Wärme.


Das hess[ische] Finanz-Ministerium hatte die
Herausgabe des vom Artill[erie]-Reg[imen]t 33 auf der
Hess[ischen] Bank deponierten Silberschatzes des
ehemal[igen] Großh[erzoglichen] Artilleriekorps genehmigt.
Es entstand die Frage, wer von den noch []
lebenden alten Herrn die Uebernahme
u. Abwicklung zu übernehmen bereit war.
Seederer u. ich, die wir den Antrag gestellt
hatten, hofften, daß wir hierin durch jüngere
Kräfte entlastet würden; wir dachten an
Bickel u. Kleinschmit. Beide lehnten aus
Krankheitsgründen ab; so blieb, da Recke
u. Geldern dazu uns nicht geeignet erschie-
nen, die Aufgabe an uns 2 Alten hängen.
Sie war nicht einfach.


Mit Hilfe von Gisbert packte ich zunächst
die 2 große Holzkisten aus u. machte ein
Verzeichnis. Da die Aufbewahrungskosten der
Bank für 1938-[19]52 schätzungsweise 400 DM
ausmachten u. wir Vermögen nicht besaßen,
beschlossen Seederer u. ich [gestrichen: uns] folgendes.

1.
Die Bestecke einzuschmelzen
2.
Die großen Gegenstände, für die keiner
mehr Raum u. Verwendung haben konnte,
zu verkaufen
3.
Die kleinen Gegenstände als Andenken []
den etwa 20 noch lebenden [über der Zeile eingefügt: aktiven] R[e]g[imen]tskamera-
den entsprechend ihren nach der Liste zu
äußernden Wünschen zu verteilen u. un-
entgeldlich zuzuschicken.


Ich stellte hiernach dies Verzeichnis nach
Gruppe I, II, III auf u. verschickte ein von uns
unterschrieb[enes] vervielfältigtes Schreiben
an die 20 Herrn zur Kenntnis u. Namhaft-
machung ihrer Wünsche. Sodann verpackte
ich wieder mit Gisberts Hilfe die Sachen zu
I und II in eine Kiste, die Sachen zu III in die
zweite Kiste. Erstere wurde, aus der Bank
entnommen, zu Juwelier u. vereidigt[em] Taxator
Macholdt, Rheinstr[aße] Saalb[au] Str[aße] gebracht; die
zweite in der Bügelstube unserer Wohnung
abgestellt. Nach dem 1. Mai (als Wunsch-
Termin) wollten wir an die Verteilung u.
den Versandt herangehen.


Diese recht mühevolle Arbeit wurde mit Hilfe
von Gisbert u. Felicitas Seederer, die sich zum
Verpacken u. Versandt der 20 Päckchen äußerst []
geschickt erwies, im Laufe des Mai u. Juni
zu großer Befriedigung aller Empfänger
erledigt, deren Anschriften z. T. schwer zu er-
mitteln waren. Auch Wünsche für Erwerb von
Bestecken zum Silberwert 8 Pf[ennig] das Gramm
konnten weitgehend berücksichtigt werden, wo-
bei mir beim Anblick so vieler teuerer Namen
u. Wappen alte liebe Erinnerungen auftauchten,
die bis zum Jahre 1885 zurückgingen.


Außerdem beschenkten wir alle Herrn mit je
3 Bildern unserer alten Kasino-Räume, deren
Originale ich in meinem Besitz fand, sowie
mit einer Anschriftenliste der noch lebenden
aktiven u. Reserve-Offiziere. Durch den hierdurch
veranlaßten lebhaften Briefverkehr wurde die
persönliche Verbindung der alten zerstreut
wohnenden Kameraden mit uns u. unterein-
ander in erfreulicher Weise erneuert.


Gisbert hat im Juli sein Agenten-Amt der
Versich[erungs] Gesellsch[aft] „Wegweiser“ aufgegeben und
eine Stellung als Fahr-Lehrer an der Fahrschule
des Dr. Meyer in Nördlingen angenommen. []
Er hat es gut getroffen, ist in Möttingen
bei seinem Chef in dessen Familie mit
Wohnung u. Verpflegung voll aufgenommen
– altes Schloß mit Park u. Mühle – u. wird
gut versorgt. Genügende Arbeit, jedoch wenig
Anregung u. Verkehr. Als Anfang genügend.


Das Conzelmannische Haus neben uns
wurde vom Korps Cheruskia, das es gekauft
u. neu aufgebaut hat, feierlich eingeweiht.
Maria u. ich waren eingeladen u. freundlich
begrüßt u. geehrt. Die alten Herrn sowie
die jungen Studenten benahmen sich sehr
liebenswürdig, gastlich u. wohlerzogen.


Unser anderes Nachbarhaus, das Langenbach-
ische hat Herr Dr. Köhler von der Göbel-
A.G. gekauft; die Ruine wurde enttrümmert
u. bis auf den Kellerstock abgetragen.
Wir haben nun freien Blick auf Paulus-
Kirche u. Hyp[otheken] Bank. Wie lange, ist fraglich.


Die zwei Hitzewellen im Juli u. August
schadeten den Blumen, die auf allen 4 []
Gartenteilen in üppigem Flor stehen,
u. auch den Rasenstücken nichts anhaben
können, da jeden Abend mit 3 Schläuchen
tüchtig gewässert wurde, aber dem Obst
geschadet, das in großen Mengen, die
Aepfel unreif, von den Bäumen fielen.
Die Ernte war fürs erste Jahr, erheblich:
40 Pf[und] Süßkirschen, 60 Pf[und] Sauerkirschen,
1 C[en]t[ne]r Zwetschen, 10 Pf[und] Erdbeeren vorher u.
einige Himbeeren, Brom- und Joh[annis] Beeren.
Die Himbeerstöcke sind mangehaft ange-
gangen; ein Pfirsisch hat versagt, alle an-
deren gut. Die Blumen-Rabatten u. das
Alpinum haben sich gefüllt, die Rosen
im Vorgarten blühen ununterbrochen, die
Hochstämme ohne zweite Blüte. Den arg
verwilderten Bleichplatz-Rasen brachte ich
durch Scheeren mit neu zugelegter Mäh-
Maschine u. tägl[ichem] Spritzen in leidliche Ordnung.
Beim Rasenmähen halfen mir Holk u. sein
Freund Eckhart, die auf einer Radreise von []
nach Heidelberg bei uns für 2 Tage Station
machten u. uns sehr erfreuten.


Am 7 Juli starb mein Bruder Fritz im
91 Lebensjahr in Nieder-Ramst[ädter] Krankenheim
nach Gottlob kurzen Leidenstagen, in denen
ein schneller Kräfteverfall stattfand. Es war
ihm, dessen Charakter in Pflichttreue, Güte,
vornehmer Gesinnung bestand, trotz schwerer
Schicksalschläge in Familie, Beruf, Krieg ein
glückliches Leben beschieden. Denn er besaß
die Gabe, mit Standhaftigkeit, Geduld u. Gott-
vertrauen über alle Verluste, Entbehrungen,
Nöte hinwegzukommen u. sich mit kleinsten
Ansprüchen bei bis zuletzt erstaunlich frischer
geistiger Spannkraft zufrieden zu geben,
betreut in rührender Aufopferung von Mieze,
seiner doch immer recht leidenden Frau.


Nachdem es bekannt geworden, daß wir wieder
in Darmstadt wohnen u. also erreichbar sind,
melden sich alte u. neue Bekannte u. es ver-
geht keine Woche ohne daß Jemand an die Türe []
klopft u. uns freudig überrascht: zu
Ella Becker, Paula Müller, Sophie Guyot
kamen Marianne Klostermann-Olbrich,
Frau Posch, Carola Pertsch, welch‘ letztere
ein paar Tage in Gisberts Stübchen wohnte.


In Basel wurde im Sept[ember] Hochzeit von
Alfred Neeff mit … gefeiert,
in Hamburg im Oktober Hochzeit von Karl
v. Hahn mit Ursula Roßener aus Hamburg.
Meine höchste Freude ist, daß sich Maria
im neuen Heim so außerordentlich wohl
fühlt, gradezu neu auflebt, jünger wird,
u. sogar in der Kochkunst u. Einmachen des
Gartenobstes immer mehr Fortschritte u. Be-
friedigung findet.


In Bremen hat sich Dorothee Werner am
4. Oktober [19]52 vermählt mit Rudolf Konitzky.
Nachdem Annelis Lossen schon seit längerer
Zeit mit einem prakt[ischen] Arzt in Godesberg ver-
heiratet ist und Marl[ies] Moeller mit einem
Kolonialha[n]d[lun]gs-Besitzer in … wiederverhei[ratet]
ist, sind alle früheren Liebschaften Gisberts
unter anderen Hauben.

[]


Großen Genuß fanden wir beim An-
blick der nachgelassenen Oelbilder (Spachtel)
von Alexander Posch, die uns seine anregende
Witwe in der Mansarde des Großen Glückert-
hauses zeigte. Wie gern hätte ich eins im eig[enen]
Besitz! Starke Anregung brachte mir die
Lektüre von Hermann Hesses Meister-Roman
„Das Glasperlenspiel“. Ueberraschend besuchte
uns Gabriele Dambacher, die uns einen kl[einen]
Teppich mitbrachte, i[m] Uebr[igen] wenig Interesse
für uns zeigte, nur jammerte u. nur 4 Stunden
blieb. Der Erlös der versteigerten Bibliothek
betrug etwas über 5 000 DM. Uns will sie
nur 400 DM. geben. Ich werde mich dagegen
wehren. – Zwei alte Freunde starben: Oberst
Michally, der 10 Jahre lang mit mir Batteriechef
im Gr[oßerzoglichen] Art[illerie] Korps gewesen u. Lutz Riedesel in
Lauterbach, der Erbmarschall der Familie, den ich
im alten Reg[imen]t mit erziehen geholfen.


Die 61er Artilleristen hatten im Oktober in
Darmstadt ein Treffen, an dem ich jeoch nicht []
teilnahm, denn die alten Offiziere vorm
Krieg sind tot, die jungen kenne ich nicht.
u. überdies waren mehr Frauen u. Witwen
da, als Männer u. Kameraden. Wenn
ich u. Seederer vielleicht demnächst die noch
lebenden 20 früheren Offiziere des Großh[erzoglichen]
Artilleriekorps zusammenrufen, werden es
nur die männl[ichen] Kameraden sein, nicht die
Kommisweiber, u. im Frühjahr od[er] Sommer muß
es sein bei längeren Tagen in unserer herrl[ichen]
Umgebung.


Dieser Gedanke hat im Januar [19]53 erst feste
Form gewonnen. Vorläufig konnte ich nur
die Auflösung des Silberschatzes abschließen,
indem ich Jedem unserer 20 Beteiligten je 106 DM
noch vor Weihnachten zuschickte u. dafür wirk-
lich sehr nette Dank-Antworten erhalten durfte.
Zum Schluß eine unangenehme Ueberraschung
die jedoch einmal kommen mußte: der Sohn des
kürzlich verstorbenen Herrn Nohl ließ auf seinem
Grundstück neben uns ausschachten zum Bau
eines Eigenheims.

2309

Rede von Heinrich von Hahn, gehalten am 20. März 1952 zur goldenen Hochzeit von Heinrich und Maria v. Hahn geb. Dambacher (Manuskript, 8 Seiten, und Typoskript, 6 Seiten) (HStAD, O 59 v. Hahn Nr. 87)

2310

Olitzsch, Ernst: Glas, Porzellan, Geschenke, Haus- und Küchengeräte, Sitz: Marktplatz 3 (Adressbuch Darmstadt 1952/53, S. 404)

2311

Macholdt, Hermann: Juwelier, Rheinstraße 24 (Adressbuch der Stadt Darmstadt 1952/53, S. 127)

2312

Seederer, Felicitas (* 1908) (StadtA Darmstadt, ST 12/18 Nr. 809/5)

2313

Im Familienarchiv (HStAD, O 59 v. Hahn) nicht überliefert

2314

Möttingen, Schloss Lierheim: steht in Lierheim, einem Ortsteil der Gemeinde Möttingen im Landkreis Donau-Ries. Reste der alten Burg sind in den nördlichen Grundmauern des Schlosses enthalten. Es befindet sich in Privatbesitz und ist nicht öffentlich zugänglich. (https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Lierheim)

2315

Darmstadt, Landsmannschaft Cheruskia: studentische Verbindung seit 1876 (https://www.cheruskia.de/)

2316

Langenbach, Ernst „Israel“, Gemeinde-Sekretär, 1942 wohnhaft Annastraße 22 (Adressbuch Darmstadt 1942, S. 113)

2317

Köhler, Helmut Dr. jur., Prokurist: 1949 wohnhaft Alexandraweg 35 (Adressbuch Darmstadt 1949, S. 92)

2318

Darmstadt, Firma Goebel AG, Spezialmaschinenfabrik, Sitz: Goebelstraße 21 (Adressbuch Darmstadt 1952/53, S. 71)

2320

Pertsch, Carola (* 1906) (StadtA Darmstadt, ST 12/18 Nr. 708/3)

2321

Hahn, Carl v. (1924-2008), Direktor der Esso Chemie in Köln und Hamburg

2322

Hahn, Ursula v. geb. Rossner (1929-2013)

2323

Darmstadt, Glückert-Häuser (Alexandraweg 23 und 25): Bauherr der beiden Wohnhäuser war der Darmstädter Möbelfabrikant Julius Glückert, der mit der Künstler-Kolonie in Verbindung stand. Die Bauten waren Teil eines architektonischen Gesamtkonzepts von Joseph Maria Olbrich für die Ausstellung „Ein Dokument Deutscher Kunst“ 1901. Das große Glückerthaus wurde zunächst als Ausstellungshaus des Möbelfabrikanten genutzt, erst nach dem 1. Weltkrieg als Wohnhaus. Heute, im Zustand von 1901 rekonstruiert und im Besitz der Stadt Darmstadt, ist das große Glückerthaus Sitz der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und des Deutschen Literaturfonds. (https://www.mathildenhoehe-darmstadt.de/mathildenhoehe-darmstadt/gebaeude-objekte/grosses-haus-glueckert-16/show/)

2324

Hesse, Hermann (1877-1962), Schriftsteller: Roman „Das Glasperlenspiel“, erste Veröffentlichung 1943 (https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Hesse)

2325

Riedesel zu Eisenbach, Ludwig Moritz (Lutz) Freiherr v. (1878-1952) (https://parlamente.hessen.de/abgeordnete/1186397020-riedesel-freiherr)

2326

2. Großherzoglich Hessisches Feldartillerie-Regiment Nr. 61 des Deutschen Reichs: gegründet 1899 (https://wiki.genealogy.net/FAR_61)

2327

Nohl, Ernst, Dipl.-Ing., Inhaber der Firma Jacob Nohl, wohnhaft Moserstraße 16 (Adressbuch Darmstadt 1954/55, S. 177)