Lebenserinnerungen Heinrich v. Hahn


1951

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1951


Die ersten Monate dieses Jahres bis zum
Einzug ins neue Haus waren angefüllt
mit den letzten Vorbereitungen u. Arbeiten,
die, je näher der Termin rückte, sich häuften.
Der früher vorgesehene 1. April als Abschluß
konnte nicht eingehalten werden, auch nicht
der 1. Mai. Der wie immer schon vorher uner-
müdlich tätige Gisbert bewährte sich mit
technisch wie finanziell außerordentlicher Sach-
kenntnis. Die seit Baubeginn stetig anwach-
senden Steigerungen der Materialpreise und
Arbeitslöhne hatten zur unvorherzusehenden
Folge, daß unser Voranschlag um etwa zehn-
tausend Mark überschritten wurde. Ein daher
notwendiger Nachforderungs-Antrag an die
Postzentrale fand glücklicherweise schnelle Ge-
nehmigung, sodaß alle Arbeiten im Fluß
bleiben konnten, wobei allerdings der Installa-
teur Bechtold uns im Stich ließ.


Was sonst geschah, sei in Kürze berichtet. []
Unsere Elle machte in Hamburg im
Februar ihren Dr. jur. cum laude. Sie hat
mir die Doktorarbeit zum Geburtstag ge-
schickt. Ich konnte nur staunen, voll Bewun-
derung über diese Summe von Fleiß, Aus-
dauer, Studium, Belesenheit, Kritik u.
scharfem Urteil auf einem Gebiet, das mir
völlig fern liegt. – Maria erlitt einen Anfall
von Herzschwäche, veranlaßt durch
Ueberanstrengung ihrer Arbeit im Haus
u. Garten. Bei sorgsamer ärztl[icher] Behandl[un]g
durch den sympatischen Reinheimer Arzt
Dr. Volz erholte sie sich Gottlob bald u. ist
heute wieder mit allerdings Vorsicht lei-
stungsfähig, was für den bevorstehenden
Umzug von großer Wichtigkeit ist.


Fritzgebhardt war zweimal mit seinen 2
recht netten Töchterchen zu Besuch bei uns,
einmal mit Ursula, die uns als Frau u.
als Mutter vorzüglich gefiel. Fritz hat die
Stellung seiner Frau im Wirtschaftsamt in
Frankfurt erhalten, von der Ursula zurück-
trat, um sich nun ganz dem Haushalt in []
hübscher Wohnung – Frankf[ur]t-Westhausen –
zu widmen.


Gerda v. Gerlach, die zweite Tochter von Maria
Hoffbaur, geb. Deninger, besuchte uns mit
ihrem 14 jähr[igen] Sohne auf ihrer Rückreise vom
Schwarzwald, wo sie zur Kur weilte (Asthma)
Sie gefiel uns gut, eine genial veranlag-
te intelligenter Persönlichkeit eigner Prä-
gung voll Anhänglichkeit an die Hahnische
Familie, mit der sie ja schon garnicht mehr
verwandt ist, denn ihr Urgroßvater war ein
Vetter meines Vaters.


Bruder Fritz konnte am 6. April seinen
90. Geburtstag in voller geistigen Frische
feiern. Er erhielt 50 Besuche u. ebensoviele
Briefe. Ich schenkte ihm die beiden kleinen
Oelbilder des Urgroßvaters Fr[ei]h[err] v. Hofmann
u. s[einer] 2ten Frau geb. Pagenstecher. Obgleich
er sie früher selbst besaß, an Sofie Breyer zur
Aufbewahr[un]g gegeben, von der wir sie empfin-
gen, als sie nach Schloß Aufseß zog, erinnerte er
sich ihrer garnicht mehr u. ich mußte den []
Eindruck mitnehmen, als habe ich ihm
nicht einmal damit eine Freude gemacht.
Ich durfte meinen 85. Geburtstag in befrie-
digender Gesundheit u. Rüstigkeit feiern u.
erhielt ebenfalls 50 Glückwunschschreiben.


Gisbert ist in den Chor des Musikvereins
als aktives Mitglied eingetreten u. wirkte
als solcher auch in den Chören der Meistersin-
ger-Aufführungen der Darmst[ädter] Oper mit.


Meine Pensionsfrage wurde durch das
endlich verabschiedete neue Beamten-Versor-
gungsgesetz glücklicherweise dahin geregelt,
daß ich ab 1.4.[19]51 meine frühere volle Pen-
sion erhalten soll. Die Auszahlung freilich
wird voraussichtlich erst ab 1. Sept[ember] zu erwar-
ten sein.


Unsere Schlafzimmer-Einrichtung habe ich bei
der bekannten Möbelhandl[un]g der Gebr[üder] Meyer
in Reinheim bestellt: 2 Betten, Nachttisch,
Toilettenmöbel, eingebauter Wandschrank für
Kleider, Wäsche, Schuhe, alles einheitl[ich] in Buchen-
sperrholz natur. Ein Buffetmöbel ist gleichfalls
von dort vorgesehen: Muster Bruno Paul []
Ein alter Sekretär-Klappschreibtisch aus
Illbach konnte von mir leihweise für 1 Jahr
gewonnen werden. Ein Schlafsofa wurde
aus alten Bettmatratzen, die bei Nachbar
Conzelmann abgestellt waren, von einem
Darmst[ädter] Tapezier hergestellt [gestrichen: werden]. Vorhänge
für Serre bei Tritsch & Heppenheimer kauften
wir neu; für Schlaf u. Gisbertzimmer wurden
alte vorhandene verwendet. Die Küchen-Ein-
richt[un]g stellt Schreiner Burger her. Im Bad grüne
Kacheln u. Sohlenhofer Platten. Böden: in den
Stuben überall Steinholz, ins Treppenhaus u.
in die Bäder Terrazzo.


Einen guten Rückblick auf unsere ganze
Illbacher Zeit gibt das folgende Gedicht,
das ich in das Gästebuch des Hauses schrieb.


Einige Personen-Namen zur Erinnerung:
Dr. Volz, Apotheker Bechtold, Dr. Möllmann,
Frau Wörner nebst Fr[äu]l[ein] Ria u. Ellfriede, Schneider
Bach, Installateur Dieter, Zahnarzt Dietrich,
Bäcker Lorz, Friseur Daub, der Seifestöppel,
Frau Baldauf, Albert Baur vom Darmst[ädter] Hof.
Buchladen Meyer, Möbelmeyer, Textilmeyer.
Meyer-Edelweiß, Zigarren-Mengler,

[]
Gästebuch
Illbacher Hof
Vor wenig länger als 5 Jahren
Sind wir hier bei Euch angefahren,
Nachdem uns Haus u. Heim verbrannt,
Und wir geflohen in fremdes Land.
Versehrt, verarmt und obdachlos,
Habt Ihr uns im Familienschoß
Zuflucht u. Schutz aufs Neu gegeben,
Zu gastlichem Zusammenleben!
Der Schwester Erika Revier,
Es wurde unser Hauptquartier,
Das sie uns selbstlos überließ,
Und uns viel Güt‘ u. Lieb‘ erwies.
Wir waren bestrebt, uns einzufügen,
Wo unsre Kraft mochte genügen,
Um mitzuhelfen in Garten u. Haus.
Der Park sah bald schon schöner aus,
Sodaß Herr Karl sprach: „Ach Herrje,
Die reinste Lichtentaler Allee!“ []
Holz wurde gesammelt und gesägt,
Päonien u. Dahlien gesetzt u. gepflegt,
Die Buchenhecke, die Rosen geschnitten,
Die Beeren geerntet, die Quitten,
Erdbeern versetzt trotz Bienenstich –
Wie floh man da mit Fluch u. Krisch! –
Im Odenwald wurd‘ aquarelliert,
Am Flügel zuweilen musiziert,
Familiengeschichte eifrig studiert,
[über der Zeile eingefügt: In Bücher gefaßt mit Wappen illustriert],
Zwei Gartenpläne wurden gezeichnet,
Für Uebersicht u. Anbau als Muster geeignet.
Tante Maria macht sich inzwischen
Zu schaffen im Garten u. in der Küchen.
Nach Reinheim sind wir oft gelaufen, -
Es gab dort Alles gut zu kaufen –
Mit Pferdegespann, Milchkutsch und Auto,
Auf neuer Straß‘; wie waren wir froh;
Am „Potsdamer Platz“ bei Albert Baur,
Saß ach so oft man auf der Lauer.
Eins fiel uns schwer: das Brennholz schleppen
In jeder Woch‘ hinauf sechs Treppen;
Wir habens geschafft ohne viel Klag‘,
Das macht uns Alten so bald Niemand nach! []
Der Hans u. der Ehrhart waren bereit,
Zu helfen bei gelegner Zeit.
Auch die gütige Frau Hey
Stand uns zuweilen hilfreich bei.
Manch Kälbchen, Ferkel, Gänschen, Küken,
Karnikel, Entchen, sogar Ziegen
Kamen zur Welt u. wuchsen groß:
Doch Schlachten war fast Aller Loos.
Das Ferkelgeschäft war lohnender Sport,
Wie warme Semmel gingen sie fort.
Die Metzgerei ging heuer schneller,
Nachdem aus Wembach kam Herr Keller.
Die Pferdezucht gedieh vortrefflich,
Liselott verstand sich darauf geschäftlich.
Wir freuten uns der Wiesen Blühen,
Der Wolken übern Engelberg Ziehen,
Am Horizont des Otzbergs Veste,
Der Weißerübe Mauerreste,
Wir freuten uns der weiten Flucht,
Im Winde wogender schwerer Frucht,
Des gelben Raps, des bunten Mohn, []
Der pflügenden Pferde harter Fron,
Der Kartoffel u. Rüben langen Gassen –
Wo Käfer, Engerling, Unkraut in Massen –
Der Enten Schnattern, der Tauben Gurren,
Der Gänse Schrei, der Katzen Schnurren,
Der stolzen Hähne Kikeriki
In Hof u. Stall des Morgens früh,
Der Enten im Park auf Maikäferjagd, -
Indeß der Flocki Löcher macht –
Der Amsel flötendem Gesang,
Der Raben Krächzen – den Küken wird’s bang –
Der Meisen und der Finken Schlag,
der Spatzen Schilpen früh am Tag,
Der Schwalben Flug elegant u. zierlich,
Der Staare Geschwätze höchst possierlich
Und aus der Ferne des Kukuks Ruf:
Herrliche Natur, wie Gott sie schuf!
Wie ruhig ists in Waldes Schatten,
Der freie Blick auf Höhen u. Matten,
Die Eichkatz raschelt, der Rehbock bellt,
Wie schön u. reich die Odenwald-Welt! []
In Gärten, Koppel u. aller Orten
Gabs Aepfel u. Birnen vieler Sorten;
Die jungen Zwetschenbäumchen zumal,
Sie blühten heuer zum erstenmal.
Viel Blumen in Beeten u. Stauden in Reihen,
Nur Schleierkraut wollt‘ nicht gedeihen.
Der Krokus blüht, der Veilchen Duft
Erfüllt die linde Frühlingsluft.
Die Rosenlaube, Hollunder, Jasmin
In Ueberfülle wachsen u. blühen,
Die lila Iris als Spalier
Stehen bolzenstark wie Grenadier:
Als Gegensatz aber vorhanden ist
Die Jauchepump‘ u. die Fuhren Mist.
Seitdem der Schabenpfuhl ist zu,
Schläft Mensch u. Vieh in guter Ruh.
Doch in des Parkes grünem Saal
Steigt ewig der Fontaine Strahl.
Der beiden Pappeln Wächtertürme
Sie mußten fallen, ein Opfer der Stürme
Das Personal ging klipp und klapp,
Kaum war Jemand da – schon schob er ab. []
Das einzig Bleibende war der Wechsel;
Nur einer blieb: Flocki, der Dächsel.
Doch einige dienten treu dem Haus,
Sie gingen später noch ein und aus:
Vom Roten Kreuz Luise die Schwester,
Frau Schönberger aus älterem Semester.
Merkwürdige Namen gabs: Waschbüch,
Kollak, Klumbier u. Wiedersich.
Die meisten Mädel hießen Sie
Mariechen, Maria, Marion, Marie;
Und als ein Joseph auch gewärtig,
da war die heilige Familie fertig.
Der Fruchtbarkeit in Illbach wegen
Gabs dort auch reichen Kindersegen.
Neun Frauen arbeiteten im Garten,
Ringsum die Kinderwagen warten.
Mit Glabs, Bruchs, Kramers u. Kinder
Vertrugen wir uns mehr oder minder.
Zuweilen war Zank dort mit Weh u. Ach,
Mit uns jedoch gabs niemals Krach;
Dies möchten wir besonders melden,
Weil unter Verwandten bekanntlich selten. []
Manch‘ Erntefest wurd‘ inszeniert,
Mit witzigen Kouplets garniert.
Frau Ravoy und Elfried‘ im Duett,
die waren besonders fesch und nett.
Der Erntekranz mit buntem Behang
Wurd‘ feierlich eingebracht mit Gesang,
Im flotten Tanzgewühl – oho!
Schwankte Frau Herzens Prachtpopo.
Das große Gut, das fruchtbare Land,
Es wird verwaltet mit fester Hand.
Herr Bleul ist besonders zu loben,
Der Segen kommt nicht blos von Oben.
Der Schweizer u. der Schweinemeister,
In ihrem Fach vortreffliche Leister,
Dem Stellmacher u. auch dem Schmied
Die Arbeit immer gut geriet.
Die Frauen aus Reinheim kamen auf Wagen,
Sie füllten sich Mittags gehörig den Magen.
Viel Kinder sind herumgehupft,
Und haben Unkraut u. Rüben gezupft.
Die Sträflingsbuben bummeln ins Feld,
Und haben manch‘ Unfug angestellt. []
Der Bulldoks u. Traktoren Gedröhn
Knarrt Tag für Tag – s war weniger schön!
Der Kukuk schlägt, der Tisch ist bereit,
Die Saalmaid serviert von der falschen Seit‘.
Illbacher Erbssupp ist berühmt,
Auch s grüne Sößchen wird gerühmt.
Für einen fehlt stets das Gedeck,
Großmutter Kramers täglicher Schreck!
Es kam auch immer einer zu spät.
Wie dies im Gutsbetriebe so geht.
Und auf dem Tische fehlte als
Das von Herrn Bruch beliebte Salz.
Die Tante Sofie waltet am Herd,
Ist auch als Flick u. Bügelmutter begehrt.
Viel Gäste kamen u. gingen im Haus,
Oft reichte der Platz an der Tafel kaum aus.
Es kam Besuch zu uns von Verwandten,
Den treuen Sekretärinen u. Bekannten.
Frau Toni Ritsert in steter Frische
Saß oft mit uns am gleichen Tische.
Ein häufiger Gast war auch Herr Rapp,
In Kniehosen u. mit weißer Kapp. []
Herr Mahr war ein „beliebter“ Gast;
Mit Paula v. Lyncker macht oft er Rast.
Kam Gilla plötzlich angerutscht,
Hei, hat die Arbeit da geflutscht!
Sehr lieb war stets Karola gewesen,
Mit ihrem so sympatischen Wesen.
Weihnachten, Ostern, Familienfeste,
Wir feierten mit, bewirtet aufs Beste.
Die Baronin war rastlos allerort,
In Aufsicht u. Zugriff hier und dort,
Teilt ein u. aus von früh bis spät,
Wo es auch sei, ihr nichts entgeht.
Herrscht streng u. gerecht über Mädels u. Leut‘,
Macht eine was falsch – da hört man s weit!
Die Gänse, Enten, Hühnerfarm
War ihre Sorge und ihr Schwarm.
Die Bienen füttert sie im Winter,
Und schleudert Honig für Große u. Kinder.
Der Mistbeet-Anzucht tut sie warten,
Gemüs, Tomaten, Salat für den Garten.
Für uns hatt‘ sie Nachsicht und Geduld,
Und schenkte Gisbert ihre Huld. []
Sie stiftet dem Onkel in jedem Jahr
Geburtstagsbretzel mit Bratwurst sogar.
Herrn Karl fehlt nie die Pfeife im Mund,
Er wandert im Klub, oder feldwärts im Rund.
Sein Wahlspruch lautet jeden Falles:
„Es geht auch so, es geht überhaupt Alles“.
Von Reinheim kommt er pünktlich zum Essen,
Die Zeitung zu holen, hat er vergessen.
Sein herrliches Gut, stolz darf er’s bewahren:
Familienbesitz seit hunderten Jahren.
Für uns war er zu jeder Zeit
Großzügig schutz und hilfsbereit.
Herrn Ludwig die Arbeit Freude macht,
Hans Albert tobt, das Mäuschen lacht.
Werner tat uns oft photographieren,
Wir konnten zum Töchterchen gratulieren.
Tante Georgina kam zur Tauf‘ –
Jugenderinnerungen tauchten auf.
So waren wir ohne große Sorgen
5 Jahre hier gar wohlgeborgen, []
Genossen Alles inniglich,
Erinnerung bleibt ewiglich.
Trotz Rheuma, Herz u. Asthma-Plagen,
Trotz Ofenqualm an stürmischen Tagen,
Trotz Lärm der Luftbrück nach Berlin,
Die lange zog über Illbach hin,
Trotz Janoschs Gebell u. der Winde Gesang,
Die heulten um uns Nächte lang,
Trotz Allem geben wir Euch kund:
Wir blieben rüstig und gesund.
Und nirgendwo ein Amisoldat,
Der uns und Andere stören tat.
Wir haben uns vertragen mit Allen,
Sind hoffentlich Niemand zur Last gefallen.
Wir danken Euch mit Hand u. Mund,
Bleibt weiter hier frisch u. gesund,
Gedenket unserer in Freundlichkeit,
Gott segne Hof Illbach in aller Zeit!


20 Mai 1946 bis 28 Juni 1951.

[]
Das neue Heim


Am 28. Juni zogen wir ein, sodaß
Mutti am Morgen ihres Geburtstages
am 29. im neuen Schlafzimmer aufwachte,
das Tags zuvor vom jungen Georg
Meyer, der ein so netter Mensch u. tüchtiger
Schreiner ist, aufgestellt worden war. Sie
war aufs Höchste befriedigt von der saube-
ren Schreinerarbeit, die schlicht u. praktisch in
hellem Buchenholz mattiert zur grünen
Wand u. grünem Fußboden gut stand,
beglückt von der Lage des Zimmers, nach Sü-
den mit weitem Blick über den wiederher-
gestellten Paulusplatz zu den Höhen u. Wäl-
dern der Ludwigshöhe. Auch das Wohnzimmer
erwies sich durch Anschluß der früheren Serre
hell u. warm, eine herrliche Raumwirkung.
Küche u. Bad ideal trotz kleinen Maßen.


Den Umzug besorgte nach vorheriger
Bereitstellung von im Ganzen 20 Kisten, []
Koffern u. Packeten die Reinheimer Spe-
dition Breitwieser schnell u. pünktlich – wir
fuhren im Lastwagen mit – und das Aus-
packen u. Einräumen an Ort u. Stelle ging
mit Hilfe der unentbehrlichen Paula, die
auch die Vorbereitungen in Illbach besorgt
hatte, so rasch, daß am Abend des 28. schon
alle Packgefäße entleert weggeräumt
waren auf den geräumigen Dachboden,
oder in das sogenannte Bügelzimmer, das,
ursprünglich als Vorratskeller uns zugeteilt,
seine alte Verwendung erhielt, vorläufig
als Abstellraum, später Gast u. Bügelzimmer,
was möglich wurde dadurch, daß wir in einer
freien Kellerecke einen Holzverschlag für
Kartoffel, Aepfel, Wein in betr. Verschlägen
einrichteten u. den Eisschrank in eine andere
Kellerecke stellten.


Die 3.40 m. lange Schrankwand im Schlafz[immer]
erwies sich als grade noch ausreichend für unseren
doch noch recht großen Vorrat an Kleidern, Schuhen, []
Wäsche, Hüte; die Silberkasten u. kl[einen] Koffer
mußten ja auch hinein. Das Buffetmöbel
bewährte sich glänzend zur Unterbringung
von Porzellan, Glas, Bestecke u. Schaustellung
unseres schönen Silbers. Die Küchen-Einricht[un]g
noch im Rohbau, gestellt vom Hoxhohler Schreiner
Burger, der auch alle Türen lieferte, war sau-
ber u. übersichtlich, der Röderherd erhielt zwei
Anschlußplatten; das geplättelte Bad trotz
seiner Enge bequem. Die schönen bei Firma
Nohl von mir frühzeitig ausgesuchten Beleuch-
tungskörper, sowie die von Tritsch u. Heppenh[eimer]
bezogenen Vorhänge (Fräul[ein] Bock) hingen
schon u. befriedigten sehr.


Die dem Garten zugewandte Terrasse hatte
Gisbert, der unermüdliche u. sachkundig[gestrichen: e] tätige,
aufgebaut, so zwar, daß 2 breite Stufen nach
Süden zum Kastanienplatz führten. Die
Mieter hatten ihre Viertel Garten bereits zu
Bebauen angefangen u. benahmen sich höflich
u. freundlich.

[]


Im Großen Ganzen war die Wohnung
also fertig u. bewohnbar. Aber noch Wochen
ja Monate lang kleinere Arbeiten für
Schreiner, Tapezier, Installateur, Anstreicher
notwendig. Als Hausgehilfin, 2mal die
Woche stundenweise gelang es, geeignete
Kräfte zu finden, außer Paula, die gesund-
heitlich behindert, nur manchmal kam.


Leider stellte es sich bald bei den
Mietern sowohl wie bei uns heraus, daß
die Steinholzfußböden nicht hielten, offenbar
weil das verwendete Material nicht ein-
wandfrei gewesen war. Die berechtigten
Klagen hatten zur Folge, daß fast alle
Fußböden im ganzen Hause erneuert
werden mußten. Da die neuen Böden nicht
unmittelbar betretbar waren, wurde ein
ständiges Umziehen mit Möbeln u. Betten
von Zimmer zu Zimmer nötig, viel Zeit be-
ansprucht, Staub, Dreck u. Aerger verursacht
u. hatte eine Wertminderung der Wohnun-
gen zur Folge, die in Abzügen von der
Sollmiete zum Ausdruck kam.


[]
Die Verantwortung dafür trug die Stein-
Fußbodenfirma Euler, die dafür haftet.
Diese Reparaturen zogen sich 4 Monate hin
u. verursachten für alle Beteiligte große
Unbequemlichkeiten u. Aerger. Ein Glück
daß ein sehr warmer Spätsommer war.


Eine komische Episode dabei: in dem
ersten Arbeiter der Firma Euler lernten
wir einen verkappten Heldentenor kennen,
früh[er] Schüler von Joh[annes] Bischoff, der alle Partien
fast noch auswendig sang, u. über das
ganze Darmst[ädter] Opernpersonal seit 30 Jahren
genau Bescheid wußte.


Als Lichtblick fiel in diese Zeit die endliche
Zusendung der uns von Schwägerin Gabriele
aus Baden-Baden versprochenen Gegenstände
Teppich, Oelbild der Mutter Dambacher, Liege-
stuhl nebst Tischchen, nachdem wir den Darmst[ädter]
Spediteur Alter beauftragt hatten: eine große
Verbesserung u. Verschönerung des Wohnzimmers.


Ganz überraschend mußte ich mich einer []
Operation unterziehen. Mein langjähr[iger]
Bruch war durchgebrochen u. festgeklemmt.
Die sofortige Untersuchung d[ur]ch Dr. Göbel, der
in nächster Nähe von uns praktiziert, ergab
die Notwendigkeit sofortigen Eingriffs. Ich
hatte das Glück im Elisabethenstift Bett
u. Arzt zu finden u. lag am selben Tag
bereits unterm Messer. Die Operation verlief
gut u. völlig schmerzlos bei vollem Bewußt-
sein, dauerte aber, da Verwachsungen die
Arbeit komplizierten, 1 ½ Stunden. Die Hei-
lung schritt bei sehr angenehmer Pflege u.
Verpflegung so schnell voran, daß ich am
13. Tag entlassen werden konnte und mich
wohler fühlte, als vorher.


Nachdem wir den herrlichen Spätsommer
u. warmen Herbst bei kaum ein paar
Regentagen im Haus u. auf der Terrasse
sehr genossen hatten, kam im Oktober u.
November die Zeit der Gartenbestellung.


Es wurden neu gepflanzt: an der []
Mauer 3 Pfirsische, 2 Aprikosen, 1 Birne
1 Renklode in Buschformen; neben dem
früh[eren] Gartenhaus ein Hochstamm Apfel Cox-
Orange-Reinette. Nach Süden 4 Reihen Erd-
beeren u. Einfaß längs des Weges, 3 Reihen
Himbeeren, 4 rote, 4 schwarze Joh[annis] Beeren
3 Brombeeren ans Gitter, 1 Mirabelle, 1
Quitte Halbstämme. Vor dem Schlafzimmerfenster
6 Rosen-Hochstämme; links aufs Beet Stauden
aller Art von Seibert-Roßdorf. Im Vorgarten
ein Buschrosenbeet mit 20 rosa 10 d[un]k[e]lroten
Stöcken aus Nauheim (Schulz) 8 Päonien ans
Haus von Roßdorf, 3 Ligusterhecken als Ab-
grenzungen; 2 Hortensienbüsche folgen im
Frühjahr, desgl[eichen] Bepflanz[un]g des Alpinums.
Gute Gartenerde war angefahren, die
Komposterde angefahren, Kunstdünger von
Ulbrich besorgt, Beete rechts u. links des Gar-
tenhauses gesäubert u. ausgeschnitten.


Den Kartoffel-Vorrat – 4 C[en]t[ne]r – lieferte Ulbrich
Aepfel 1 C[en]t[ne]r vom Illbacher Hof bei Gelegenheit []
einer Autofahrt Gisberts mit Holk mit-
gebracht.


Denn für 14 Tage war unser 2ter Enkel
Holk aus Cuxhaven bei uns eingetroffen.
Auch er hat uns, ebenso wie sein älterer
Bruder im vorigen Sommer sehr gut ge-
fallen: Erziehung, Benehmen, Auftreten,
Haltung tadellos; Hilfsbereitschaft größer
u. nützlicher als bei Eyk; viele gute Charak-
ter-Eigenschaften seines Vaters; äußerliche
Aehnlichkeit mit Mutter u. Großm[utter] Rathje.
Da das Bügelzimmer noch zu feucht war,
mußte er auf der Coutsch im Wohnzimmer
schlafen, unten sich an u. umziehen. Wir
konnten ihm, da in der Stadt, mehr bieten,
als s[einer] Z[ei]t Eyk auf dem Lande. Ein Konzert
mit Cello-Solist. 1 Oper (Rigoletto) 1 Kunst
Ausstellung im Museum, Herrngarten,
Prinz Georg-Garten, Orangerie. Autofahrt
durch den Odenwald – Bergstraße, Lindenfels,
Michelstadt, Erbach nebst Museum, Otzberg, []
Illbacher Hof. Wir haben Holk in seinem
offenen sicheren Wesen, seiner Frische, seiner
Aufgeschlossenheit für alles Schöne, für
Natur u. Landschaft lieb gewonnen, und
er hat sich bei uns offenbar wohlgefühlt.


Sehr angenehm wurde der Voll-elektr[ische]
Betrieb empfunden; in Küche u. Bad stets
warm Wasser; jeden Tag bei vorsichtiger
Einteilung 1 Vollbad möglich, obgleich nur
Nachtstrom benutzt wird. Elektr[ischer] Herd, kein
Gas, keine Kohle. Zentralheiz[un]g für unsere
Wohnung, die sich bis jetzt - Dez[em]b[er] - durchaus
bewährt hat. Kohlenschneider lieferte erst 20,
dann nochmals 20 C[en]t[ne]r und 3 C[en]t[ne]r Braunk[ohle]-Brik[ets] u.
5 C[en]t[ne]r Eierbrikets. Holz 10 C[en]t[ne]r Teichhausstraße.
Schmerzlich allerdings 270 M[ar]k für Isolier[un]g
der Heizöfen im Keller, die jedoch in 2 Tagen
hergestellt war. Daß alle 3 Zimmer, Küche
u. Bad immer gleichmäßig warm, war doch
für uns alte Leute sehr angenehm. Dabei
machten wir vorläufig erst um 12° Feuer. []
Die Waschküche wurde von den Mietern
bis jetzt nicht beansprucht; um so eifriger
der Bleichplatz u. zw[ar] ohne Wochen-Einteilung,
wie ich sie vorschlug, nur nach gegenseit[iger]
Verabredung. Wie lange?


So wird vorläufig die Waschküche als Geräte
u. Abstellraum benutzt.


Gleich kamen viele Bekannte ins Haus,
teils aus Neugier, teils von uns geladen.
Viele fanden die Wohnung praktisch und
wohnlich, Wenige bewunderten die neue
Einrichtung, kaum Einer die schöne Gesamt-
Anlage, Einzelmöbel, Bilder u. vor Allem
die persönliche Note u. die Wohnkultur.


So erlebten wir es in allen unseren 5
nach unserem Geschmack eingerichteten
Wohnungen (3 ganze Häuser darunter)
seither immer: Alles wurde als selbstver-
ständlich angesehen, oder garnicht beachtet.


Wir aber fühlten uns im neuen Heim
so unvollkommen es z. T. noch sein mußte, []
zufrieden u. glücklich, endlich wieder
selbständig wirtschaften zu können, ob-
gleich die ungewohnte Arbeit ohne ständi-
ge Haushilfe für Mutti eine schwere Auf-
gabe war, die sie aber vorläufig wenig-
stens gut u. freudig bewältigte. In
ganz anderer Weise als früher und
unter nicht leichten Belastungen war
es denn doch geglückt, auf eigenem
Grund u. Boden in bester, schönster
Stadtlage Hausbesitzer u. Hausherr
zu bleiben. Und, was noch erstaunlicher
ist, ohne eine Mark eigenes Vermögen
zu besitzen, das beigesteuert hätte weden
können.


In den [gestrichen: m] milden Wintermonaten konnten
alle Gartenarbeiten vollendet werden; nur
das Alpinum wollten wir erst im Frühjahr
bepflanzen. Sehr zu Statten kam uns die
Abgabe von Stallmist seitens des Nachbarmie-
ters Sponheimer, der vom Marstall zuviel er-[]
erhalten hatte.


Die Fußboden-Erneuerungen fanden erst
am 1. November ihren Abschluß. Eine Scha-
denersatz-Forderung durch Ausfall an Miet-
beträgen von 800 M[ar]k blieb zu Lasten der Firma
Euler, die noch einzutreiben ist.


Weihnachten u. Sylvester, zum ersten Mal
seit 7 Jahren wieder in eignem Heim ver-
lebt, feierten wir still u. nach alten Fami-
lien-Gebräuchen. Maria, die sich wohl an
deren Vorbereitungen (Gebäck, Hausputz ff)
etwas überanstrengt hatte, mußte sich
wegen hohen Blutdrucks einer Spritzkur
unterziehen, für die sie sich einem neuen
Arzt Dr. Andreß in d[er] Hoffmannstr[aße] 58 an-
vertraute, der sich ihr sehr sympatisch erwies.
Gisbert war über Neujahr zur Erholung
in Bielefeld als Gast einer Freundin.
Wir hatten, besonders Sonntags, häufig
Besuch. Ueberraschend besuchten uns Anni
von Stosch, Käte Walter-Lippert, Gusti v.
Bellersh[eim] u. Tilde Neeff.

2279

Hahn, Elke v., verh. v. Schmeling-Diringshofen (* 1941) und Sigrid v. Hahn, verh. Schenk (* 1945)

2280

Hahn, Ursula v. geb. Schrader (1910-1987)

2281

Gerlach, Jürgen Dr. jur. (* 1936)

2282

Hofmann, August Konrad Freiherr v. (1776-1841), großherzoglich hessischer Finanzminister (HStAD, S 1 Hofmann, August Konrad Freiherr v.)

2283

Hofmann, Johannette Charlotte Friederike Jakobine Freifrau v. geb. Pagenstecher (1779-1854), HStAD, S 1 Hofmann, Johannette Charlotte Freifrau v.)

2284

Beamtenversorgungsgesetuz vom 17- Mai 1950 (https://epub.ub.uni-muenchen.de/10125/1/10125.pdf)

2285

Paul, Bruno (1874-1968), Architekt, Möbeldesigner, Inneneinrichter und Karikaturist (https://de.wikipedia.org/wiki/Bruno_Paul)

2286

Solnhofer Platten: Solnhofer Plattenkalk, auch Solnhofer Kalkstein oder Lithographenschiefer: Bezeichnung für einen Naturwerkstein aus dem Altmühljura der Fränkischen Alb in Bayern, im Handel kurz Solnhofener genannt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Solnhofener_Plattenkalk)

2287

Steinholz (Belag) ist ein fugenloser Estrich und Bodenbelag aus Magnesia bzw. Sorelzement und organischen oder mineralischen Füllstoffen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Steinholz_(Belag))

2288

Möllmann, Ernst Eberhard Dr. med. (1893-1983), Arzt in Reinheim (HStAD, R 12 P Nr. 4222)

2289

Wörner, Elisabeth geb. Matthes (* 1906), Lehrerin in Reinheim (HStAD. H 2 Dieburg Nr. 9634)

2290

Daub, Georg: Friseur in Reinheim (HStAD, G 28 Reinheimm Nr. R 28)

2291

Bauer, Paul Albert: Gastwirt in Reinheim (HStAD, G 15 Dieburg Nr. V 1334)

2292

Meyer, Ludwig: Wäscherei „Edelweiß“ in Reinheim (StAD, H 2 Dieburg Nr. 3276)

2293

Lyncker, Paula v. (1886-1984) (HStAD, R 12 P Nr. 7804)

2294

Willich gen. v. Pöllnitz, Gisela (Gilla) (* 1949), verh. mit Dr. med. Dent. Karl Feldmann

2295

Willich gen. v. Pöllnitz, Karola geb. Fritsch (1921-1985)

2296

Darmstadt, Moserstraße 14 / Haus von Heinrich v. Hahn (1866-1958) / Bild 101 A: Gartenansicht, 1951
(https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction.action?detailid=v6942593&icomefrom=search)

2297

Herdfabrik, Eisengießerei und Emaillewerk Gebrüder Roeder AG, Sitz: Rheinstraße 99 (Adressbuch Darmstadt 1952/53, S. 159)

2298

Firma Jakob Nohl, Inhaber J. Otto Nohl, Sanitär-, Heizungs- und elektrische Anlagen, Beleuchungskörper in Darmstadt, Sitz: Martinsstraße 22/24 (Adressbuch Darmstadt 1952/53, S. 143)

2299

Möglicherweise Euler, Wilhelm, Fabrikant, Sitz: Dachsbergweg 9 (Adressbuch Darmstadt 1952/53, S. 56)

2300

Bischoff, Johannes (1874-1936), Opernsänger, Theaterschauspieler und Regisseur am Hoftheater Darmstadt
(https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Bischoff)

2301

Alter’s Möbeltransport: Sitz: Hohler Weg 26 (Adressbuch Darmstadt 1952/53, S. 19)

2302

Goebel, Wilhelm Dr. med., wohnhaft Darmstadt, Am Erlenweg 30 (Adressbuch Darmstadt 1952/53, S. 19)

2303

Alpinum (oder Alpen-, Hochalpengarten): spezieller Steingarten mit Schwerpunkt auf Alpenflora und Pflanzen aus anderen hochalpinen Regionen der Welt (https://de.wikipedia.org/wiki/Alpinum)

2304

Ulbrich, Wilhelm: Getreide-, Futter- und Düngemittel …Kartoffel-Großhandlung, Sitz: Stiftsstraße 38 (Adressbuch Darmstadt 1952/53, S. 198)

2305

Schneider, Georg, Kohlen, Baustoffe, Karbid, Sitz: Steubenplatz 12 (Adressbuch Darmstadt 1952/53, S. 174)

2306

Sponheimer, Heinrich, Postrat, wohnhaft Moserstraße 14 (Adressbuch Darmstadt 1952/53, S. 187)

2307

Andreß, Fritz Dr. med., Arzt: Sitz: Hoffmannstraße 58 (Adressbuch Darmstadt 1952/53, S. 19)

2308

Walter-Lippert, Käthe, tschechische oder deutsche Opernsängerin (https://www.flickr.com/photos/135304665@N07/26183000174)