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Nummer 273
Sonntag, den 2. Oktober 1927. 190. Jahrgang
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Darm=
ſädter und Natonalban
* „Der große Menſch iſt eine lebendige Quelle des Lichts, ihm
nahe zu ſein, tut wohl. Es iſt das Licht, das die Dunkelheit der
Welt erleuchtete. Nicht Menſchenhand entzündete es. Es leuchtet
und mußte leuchten wie die Sonne, die am Himmel ſtrahlt. In
ihm enthüllt ſich der Dinge
Kern, wird das Weſen des
Menſchen offenbar, erſcheint die
Hoheit des Heldentums. Wen
es umfließt, der fühlt ſich
ge=
borgen.” Man wird die Gefühle
des deutſchen Volkes, das heute
den 80. Geburtstag
Hinden=
burgs feſtlich begeht, kaum
beſ=
ſer zuſammenfaſſen können als
mit dieſen Worten Carlyles,
denn ſchwer iſt es, über eine
Perſönlichkeit wie die
Hinden=
burgs zu ſprechen. Worte klingen
leicht hohl, phraſenhaft. Nicht
der große Feldherr, nicht der
Reichspräſident allein iſt
Hin=
denburg dem deutſchen Volke.
Er iſt ihm die Verkörperung
des deutſchen Weſens in ſeinen
beſten Eigenſchaften, er iſt uns
zum Mythos geworden. „In
ihm enthüllt ſich der Dinge
Kern, wird das Weſen des
Menſchen offenbar, erſcheint die
Hoheit des Heldentums.” Mit
ähnlichen Worten hat ein
ande=
rer Denker — Emmerſon — die
Wirkung der großen
Perſön=
lichkeit geſchildert: „Die Völker
haben zu allen Zeiten ſich an
wenige große Männer
ange=
ſchloſſen, die teils durch die
Kraft der in ihnen ſich
verkör=
pernden Idee, teils durch die
Größe ihrer Aufnahmefähigkeit
zu der Rolle von Herrſchern
oder Geſetzgebern beſonders
be=
rufen waren. Solche
Män=
ner offenbaren uns die
geheimen Kräfte
ur=
ſprünglicher Natur und
gewähren uns einen
Einblick in das Weſen
der Dinge.”
Zweimal ſchon ſchien das
Lebenswerk Hindenburgs
abge=
ſchloſſen, zweimal wurde er von
neuem vor größte Aufgaben
ge=
ſtellt. Der kommandierende
Ge=
neral des 4. Armeekorps erbat
nach einer militäriſchen
Lauf=
bahn, wie ſie nur wenigen
be=
ſchieden, im Jahre 1911 ſeinen
Abſchied, um jüngeren Kräften
Platz zu machen. Der Auguſt
1914 ſtellte ihn vor die
Auf=
gabe, Oſtpreußen vor dem
Feinde zu retten.
Den Feldherrnſtab legte er
aus der Hand, nachdem die
ſchwerſte der ihm geſtellten
Auf=
gaben, die Zurückführung der
deutſchen Heere nach dem
Zu=
ſammenbruch, vollendet. Das
Lebenswerk ſchien getan, ein
ruhiger Lebensabend ihm
be=
ſchieden, deſſen Namen mit
ehernen Lettern im Buch der
Geſchichte verzeichnet.
Doch abermals rief ihn das deutſche Volk, und mit
uner=
ſchütterlichem Pflichtgefühl folgte der 77jährige dieſem Ruf.
„Mein Amt und mein Streben gehören nicht dem einzelnen dem Deutſchen ein leuchtendes Vorbild gezeigt, daß er ihm ge=
Stande, nicht einem Namen oder einer Konfeſſion, nicht einer
Partei, ſondern, dem geſamten durch hartes Schickſal verbundenen
Kdeutſchen Volke in all ſeinen Gliedern.” Mit dieſem Bekenntnis, Reichspräſident dem deutſchen Volk zurief, ſind nicht Worte ge=
Kdas zugleich ein Gelöbnis war, hat Hindenburg das ihm vom blieben. Er hat ſich allem Parteiweſen und allem Parteiſtreit
Kdeutſchen Volke übertragene hohe Amt des Reichspräſidenten
ſübernommen. Mit gläubigem Vertrauen ſah das deutſche Volk
ißzu ihm auf. Was Hindenburg gelobt, hat er gehalten. Zwei tiſchſte Kritiker muß zugeben, daß er die nicht immer leichte Auf=
Fahre mit immer neuen Anforderungen ſind ins Land gegangen.
9Hoch über dem Streit der Meinungen ſteht der Präſident des
Beiches, vom ganzen Volk geachtet und verehrt. Vater des
Waterlandes hat ihn der deutſche Reichskanzler genannt und gehören zuſammen, denn ſie ſind unmittelbar aus den Wahlen
wamit dem ganzen deutſchen Volk aus dem Herzen geſprochen.
Wo immer Hindenburg ſich zeigt, fliegen ihm die Herzen zu;
un=
muslöſchlich für jeden der Eindruck, der einmal ihm gegenüber
weſtanden. Nicht der ruhmgekrönte Feldherr, der dieſen Eindruck ſouveränität, die die Grundlage unſeres geſamten heutigen Ver=
hinterläßt, ſondern die große Perſönlichkeit. Wir danken
Hinden=
burg für ſeine Taten im Felde, wir danken Hindenburg, dem
Reichspräſidenten, daß er trotz ſeines hohen Alters die ſchwere
Bürde des Amtes noch einmal auf ſich genommen hat und ſo
zum weithin ſichtbaren Symbol des Staatsgedankens für uns
geworden iſt. Wir danken Hindenburg, dem Menſchen, daß er
zeigt, wie er ſein ſollte.
Die Worte, die Hindenburg bei ſeinem Amtsantritt als
bewußt ferngehalten trotz mannigfaltiger Bemühungen, auch ſeine
Perſon in den Streit des Tages hineinzuziehen. Auch der
ſkep=
gabe ſeiner hohen Stellung klar erfaßt hat, und daß er ſo im
politiſchen Getriebe in Wahrheit zum ruhenden Pol in der
Er=
ſcheinungen Flucht geworden iſt „Reichstag und Reichspräſident
des deutſchen Volkes hervorgegangen. Aus dieſer gemeinſamen
Grundlage allein leiten ſie ihre Machtvollkommenheiten her.
Beide zuſammen erſt bilden die Verkörperung der Volks=
faſſungslebens bildet. Das iſt der tiefe Sinn der Verfaſſung,
auf die ich mich ſoeben durch mein Manneswort feierlich
verpflichtet habe.” In nichts zerflattert ſind alle die
Beden=
ken, die ſeinerzeit gegen ſeine Wahl erhoben wurden.
„Ich ſchwöre bei Gott, dem
Allmächtigen und Allwiſſenden,
daß ich meine Kraft dem Wohle
des deutſchen Volkes widmen,
ſeinen Nutzen mehren, Schaden
von ihm wenden, die
Verfaſ=
ſung und die Geſetze des
Rei=
ches wahren, meine Pflichten
gewiſſenhaft erfüllen und
Ge=
rechtigkeit gegen jedermann
üben werde, ſo wahr mir Gott
helfe.” Als Hindenburg den
von der Weimarer Verfaſſung
vorgeſchriebenen Eid vor den
verſammelten Vertretern des
deutſchen Volkes leiſtete, hat er
für die Verankerung unſerer
gegenwärtigen Staatsordnung,
für eine ruhige
Weiterentwick=
lung unſeres ſtaatlichen
Geſche=
hens mehr getan als tauſend
Geſetze und Reſolutionen.
Auch vom ganzen Ausland
wurde die Wahl Hindenburgs
zum Reichspräſidenten als ein
Markſtein der deutſchen
Ge=
ſchichte angeſehen. Sein großer
Name hob das deutſche
An=
ſehen weithin. Seine Wahl und
ſein Amtsantritt wurden mit
Recht aufgefaßt als das
Zei=
chen dafür, daß das deutſche
Volk auf dem Wege ſei, die
ſchweren revolutionären
Er=
ſchütterungen mit allen ihren
Begleiterſcheinungen zu
über=
winden.
Was Hindenburg, der mehr
wie ein halbes Jahnhundert
ſeines Königs Rock getragen,
der Entſchluß gekoſtt haben
mag, ſich mit eigener Perſon
an die Spitze der deuitſchen
Re=
publik zu ſtellen, darüber hat er
nie geſprochen; ebenſowenig
ge=
ſprochen wie über die
Selbſt=
überwindung, die es ihn
ſicher=
lich gekoſtet hat, als er ſich
da=
mals inmitten des allgemeinen
Zuſammenbruches den
Volks=
beauftragten zur Verfügung
ſtellte. Nur an einer Stelle
ſei=
ner Lebenserinnerungen findet
ſich ein Satz, der ermeſſen läßt,
wie tief im Herzen ihn der
Zu=
ſammenbruch von 1918
getrof=
fen, dort, als er von der
Sehn=
ſucht ſpricht, „nichts mehr
wiſ=
ſen zu wollen von einer Welt,
in der die aufgewühlten
Lei=
denſchaften den wahren
Wert=
kern unſeres Volkes bis zur
Unkenntlichkeit entſtellten”. Was
er mit dieſer inneren
Ueber=
windung für das deutſche Volk
K2—t
geleiſtet hat, hat erſt jetzt
wie=
der der frühere
Reichswehr=
miniſter Noske, ein ehrlicher
und überzeugter
Sozialdemo=
krat, anerkannt.
Das Bewußtſein der Pflicht ſeinem Volke gegenüber hat
Hindenburg ſein ganzes langes Leben geleitet. Auch als der Ruf
des deutſchen Volkes zum letztenmal an ihn erging, hat er es
für ſeine Pflicht gehalten, dieſem Rufe zu folgen, und ihm
dafür dankbar zu ſein, haben ſicherlich auch diejenigen die
aller=
größte Veranlaſſung, die ſich auf Grund irriger Erwägungen
damals gegen ſeine Wahl wandten
„Als Menſch” ſo ſchrieb Hindenburg in ſeinem großen
Er=
innerungswerk, „habe ich gedacht, gehandelt und geirrt,
Maß=
gebend in meinem Leben und Tun war für mich nicht der Beifall
der Welt, ſondern die eigene Ueberzeugung, die Pflicht und das
Gewiſſen.” In dieſem Bekenntnis von ergreifender
Beſcheiden=
heit kommt die ganze Perſönlichkeit dieſes großen Menſchen zum
Ausdruck. In Liebe und dankbarer Verehrung begeht heute mit
ihm das deutſche Volk die Feier ſeines 80 Geburtstags. Ein
Wunſch aber iſt es, der uns alle beſeelt; Möge uns unſer
Hindenburg noch lange erhalten bleiben.
M.
Geite 2
Sonntag, den 2. Oktober 1927
Nummer 273
Auſtart dar Gesdelsragsſeier bes Reicsprafventen.
Die Gratulationen. — Die Ehrengabe des deutſchen Volkes. — Die Feſigabe der
Reichs=
regierung. — Hindenburg=Dank der Oeutſchen Wirtſchaft. — Erſte Hilfe für die Kriegsopfer.
Perlin rüſtet zur Geburtstagsfeier.
Maſſenzuſtrom aus dem Reich. — Hochbetrieb bei der
Reichspoft. — Schwarz=rot=gold und Schwarz=weiß=rot
weiteifern in der Ehrung Hindenburgs.
In der Wilhelmſtraße herrſchte ſchon am Samstag
Hoch=
betrieb. Eine große Anzahl von Neugierigen hielt bereits von
den frühen Mongenſtunden an den Bürgerſteig vor dem
Präſi=
dentenpalgis beſetzt, während eine lange Kette von Gratulanten
vor einem Nebeneingang harrte, um ſich in die ausgelegte
Ein=
zeichwungsliſte einſchreiben zu können. Inzwiſchen roullte ein
Auto nach dem anderen heran, denen nacheinander die
Reichs=
miniſter, Vertreter der Länder, der Wirtſchaft und zahlreicher
Organiſationen entſtiegen, um dem Reichspräſidenten, der ſchon
von 10 Uhr ab ſeine Gäſte empfing, ihre Glüchwünſche zu
über=
bringen und ihm zugleich die zahlreichen Geſchenke
auszuhän=
digen, an deren Spitze ſelbſtverſtändlich die
Hindenburg=
ſpende ſtand. Sie iſt wohl das ſchönſte Geſchenk, welches das
deutſche Volk ihm machen konnte. Daneben fiel die
Reichs=
regierung mit ihrem prachtvollen Tafelſervice,
das ſich aus über 500 einzelnen Stücken zuſammenſetzt, auf.
Die Oſtpreußen überbrachten dem Reichspräſidenten die
Eigentumsurkunde über das Stammſchloß der
Hindenburgs, Gut Neudeck. Aber auch der
Reichs=
präſident ſelbſt nahm nicht nurentgegen, ſondern
dachte vor allem an jene Kreiſe des deutſchen
Volkes, die durch Krieg und Kriegsnöte am
allermeiſten gelitten haben. Auf ſeinen Wunſch hin
wurden am 1. Oktober aus der Hindenburgſpende nicht weniger
als 1500 Kriegsinvaliden und Kriegshinterbliebenen je 200 Mark
überreicht. Ferner gab er einer ganzen Reihe von
Perſonen, die Freiheitsſtrafen zu verbüßen
hatten, die Freiheit wieder, ebenſo zog er
ſämt=
liche Strafanträge zurück, die in ſeinem Namen
geſtellt waren, ebenſo wie er auch an die Regierungen der
Länder die Bitte gerichtet hatte, ihrerſeits für die Amneſtierung
dieſer Leute zu ſorgen, die wegen Angriffen auf ſeine Perſon der
gerichtlichen Verfolgung ſich ausgeſetzt hatten.
In der Landeshquptſtadt ſelbſt ging es am Samstag
vor=
mittag noch ziemlich ruhig zu. Nur auf den Feſtſtraßen
waren noch Handwerker mit der Ausſchmückung
be=
ſchäftigt, während allerdings hie und da bereits die Fahnen
hochgingen und die Geſchäfte Hindenburgbüſten und
Dekoratio=
wen zur Schau ſtellten. Ein großes Berliner Kaffee hatte ſogar
auus Glühbirnen ein rieſiges Porträt des Reichspräſidenten
her=
geſtellt, das in den Abendſtunden unter Beifall aufflammte.
Nachmittags allerdings machte ſich bereits Feſtbetrieb
bemerkbar, zumal aus dem Reich außerordentlich
biele Fremde und Teilnehmer, zu dem
Reichs=
kriegertag herbeigeſtrömt ſind. Am Abend waren bereits
ſämtliche großen und kleinen Hotels, Penſionen und Hoſpize
be=
legt, ſo daß in erheblichem Umfange Privatquartiere belegt
wer=
den mußten. Am ſtäriſten dürfte wohl die Reichspoſt den
Geburtstag des Reichspräſidenten zu ſpüren bekommen haben.
Auf Anordnung des Reichspoſtminiſters iſt ein Sonderdienſt noch
eingerichtet worden, um ſtündlich ganze Waſchkörbe
voll Telegramme, Briefe und Pakete im
Präſi=
dentenpalais abzuliefern. Die Reichspoſt hat aber
auch für ein beſonderes, auf Büttenpapier abgezogenes
Tele=
grammformular geſorgt, auf das jedes Glückwunſchtelegramm
an den Reichspräſidenten übertragen wird. Für den erſten Tag
ſind nicht weniger als 10 000 Exemplare gedruckt worden, doch
mußten bereits an die Reichsdruckerei Nachbeſtellungen
heraus=
gegeben werden. Die Nachfrage nach Fahnen und
Fahnentuch iſt in den letzten Tagen ſo außerordentlich ſtark
geweſen, daß die Läger der Berliner Fahnenſpezialgeſchäfte trotz
der getroffenen Vorſorgemaßnahmen vollſtändig ausverkauft ſind.
In einem Geſchäft wurden insgeſamt 15 000 Meter Fahnentuch
neben zahlreichen fertigem Fahnen verlauft, und zwar werden
ſchwarz=rot=goldene und ſchwarz=weiß=rote
Fahnen gleichmäßig ſtark verlangt.
Wenn heute alle Deutſchen, die es gut meinen und ehrlich
mit dem Geſchick der Volksgemeinſchaft, ſich zuſammenfinden mit
Glück= und Segenswünſchen für einen Deutſchen, für den einen,
dem das deutſche Volk voll Vertrauen mit der Aufgabe, ſein
Führer zu ſein, ſein Schickſal in die Hand gab, ſo iſt das etwas
auderes, iſt unendlich mehr als traditionelle Pflichterfüllung, iſt
ein im tiefſten Herzen widerklingender Wunſch für den Mann,
der auf dem Höhepunkt ſeines Erdenwallens ſteht, dahingehend,
daß Gott ihm die Kraft und die Fähigkeit geben möge, dieſes
höchſte Amt, Führer eines Sechzig=Millionen=Volkes zu ſein, noch
viele Jahre auszuüben. Wenn ſechzig Millionen Deutſche heute
nach Jahren der Wirrnis und Zerſetzung wieder in der Lage
ſind, zu einem Mann vertrauend und dankbar aufzublicken,
dann muß dieſer Mann einer der Erleſenen ſein, die einem Volke
nur ſelten geboren werden und die ihm vom Schickſal beſtimmt
ſind.
In Wahrheit: Paul von Hindenburg, der deutſchen Armee
Heerführer im ſchwerſten Ringen, das die Weltgeſchichte
ſah, des deutſchen Volkes Führer in ſchwerſter Zeit, iſt ein
vom Schickſal erleſener und begnadeter Menſch. Wir wollen
heute und an dieſer Stelle nicht Hindenburg als Heerführer, nicht
Hindenburg als Staatsmann feiern. Was er in dieſer Hinſicht
iſt, ſteht in das Buch der Geſchichte des deutſchen Volkes, und
ſoweit das weltumwälzende Ereignis des letzten Krieges in
Frage kommt, in der Geſchichte der Menſchheit unvergänglich
eingetragen.
An was wir aber, wir Deutſche, uns heute alle erinnern
wollen und ſollen, iſt die Menſchlichkeit Hindenburgs, iſt ſein
leuchtendes Vorbild als Deutſcher. Wie einſt mit dem Namen
Bismarck der Inbegriff allen Deutſchtums verkörpert war, iſt
heute Paul von Hindenburg ſchlechthin der Deutſche, iſt der
Mann, in dem die hervorſtechendſten Charaktereigenſchaften des
deutſchen Volkes in ausgeprägter Vollendung ſich verkörpern. Er
iſt heute die Inkarnation des deutſchen Volkscharakters. Schlicht
und beſcheiden, aber groß und unbeugſam, ſchweigſam und ernſt,
ohne Lebensfreude nicht zu kennen, Großes vollbringend, ohne
davon zu ſprechen, höchſtes Ziel unverrückbar im Auge habend
und zielbewußt verfolgend, ohne je auch nur Unerreichbares oder
zurzeit Unmögliches gewaltſam erſtrebend. All das überſtrahlt
von einer heißen, aber ſo ſelbſtverſtändlichen Liebe zu ſeinem
Volk, zu ſeinem Vaterland, das er durch ſo Schweres ſchreiten
fah und dem er in dieſem Schreiten voranging, überſtrahlt von
einer durch nichts beirrbaren, auch durch keinen Undank zu
beein=
trächtigenden Treue, ſo ſteht heute der Mann vor uns, den
höchſter Feldherrnruhm in Kaiſerglanz umſtrahlte, der aber
Ueberreichung der Urkunde über die
Hindenburg=Spende.
Berlin, 1. Oktober.
Heute vormittag 11.15 Uhr fuhren vom Kuratorium der
Hin=
denburgſpende Reichskanzler Dr. Marx, Arbeitsminiſter Brauns
und Miniſterialrat Karſtädt beim Präſidentenpalais vor, um
dem Reichspräſidenten namens des Kuratoriums eine künſtleriſch
wertvolle Adreſſe zu überreichen, in der dem Reichspräſidenten
das Verfügungsrecht über die bisher eingegangenen und noch
weiter zur Hindenburgſpende eingehenden Beträge übertragen
wird. Der Reichspräſident dankte den Herren und nahm die
Ur=
kunde, die auf Pergament in goldener und ſchwarzer Schrift
ge=
zeichnet iſt, entgegen. Das Dokument liegt in einer grünen
Leder=
mappe, die am Kopf das Reichswappen zeigt, während in der
Mitte die Worte zu leſen ſind: „Zum 2. Oktober 1927‟.
Bei der Ueberreichung der Hindenburgſpende richtete
Reichs=
kanzler Dr. Marx an den Reichspräſidenten folgende Anſprache:
„Am Vorabend Ihres 80. Geburtstages beehrt ſich die
Reichs=
regierung, Ihnen, hochverehrter Herr Reichspräſident, das
Ver=
fügungsrecht über die bisher eingegangenen und die noch weiter
zur Hindenburgſpende eingehenden Beträge zu übertragen. Sie
gibt dabei ihrer beſonderen Freude darüber Ausdruck, daß es
dank ihrer nahezu einmütigen Unterſtützung des geſamten
deut=
ſchen Volkes daheim und draußen gelungen iſt, Ihnen, Herr
Reichspräſident, entſprechend Ihrem Wunſche die Möglichkeit zu
geben, ſtärker als bisher in Ergänzung der amtlichen Fürſorge
Not und Elend in den Kreiſen der Kriegsbeſchädigten und
Kriegs=
hinterbliebenen zu lindern.”
Reichsminiſter Dr. Brauns berichtete anſchließend, daß,
einem Wunſche des Herrn Reichspräſidenten entſprechend, am
heutigen Tage 1500 in beſonders dringender Notlage befindliche
Kriegsbeſchädigte und Kriegshinterbliebene vorſchußweiſe aus
Mitteln der Hindenburgſpende mit Beihilfen von je 200 Mark,
alſo im Geſamtbetrage von 300 000 Mark, bedacht worden ſind.
Der Herr Reichspräſident erwiderte mit Worten
herz=
lichen Dankes für die Männer, die die Hindenburgſpende ins
Leben gerufen und durchgeführt haben und verſicherte alle, die
durch ihre Gabe und Beteiligung das erfreuliche Ergebnis erzielt
haben, ſeiner beſonderen Dankbarkeit. Zum Schluß erbat der
Herr Reichspräſident von dem Herrn Reichskanzler und dem
Herrn Reichsarbeitsminiſter Vorſchläge über die Bildung und
Zuſammenſetzung eines Beirats, mit dem zuſammen er ſelbſt
über die Verwendung der Mittel der Hindenburgſpende im
ein=
zelnen Entſcheidung treffen wolle, ſobald die Sammlung
abge=
ſchloſſen ſein wird; er nehme an, daß dies Anfang November
geſchehen könne.
Das Geburtstagsgeſchenk der Reichsregierung
Der Herr Reichspräſident empfing ferner heute vormittag
den Herrn Reichskanzler und den Herrn Reichsvizekanzler, in
Begleitung des Staatsſekretärs in der Reichskanzlei, die ihm das
Geſchenk der Reichsregierung zu ſeinem 80. Geburtstag
überreich=
ten. Das im Auftrage der Reichsregierung von der Staatlichen
Porzellanmanufaktur in Berlin angefertigte Geburtstagsgeſchenk
beſteht aus einer für 36 Perſonen beſtimmten Neuherſtellung des
Tafelſervices, das erſtmals vor 160 Jahren von der Manufaktur
für ihren Gründer, Friedrich den Großen, zu deſſen perſönlichem
Gebrauch ausgeführt worden iſt. Das hiſtoriſche Service wurde
erſt jetzt wieder in ſeinem ganzen Umfange mit zahlreichen
Tafel=
leuchtern angefertigt. Es zeigt eine ſchöne Ausgeglichenheit
zwi=
ſchen dem flüſſigen Schwung der Form und der wundervollen
Handmalerei, wie ſie ſich gerade in der Berliner Manufaktur vom
18. Jahrhundert bis heute erhalten hat. Jedes der über 500
Stücke trägt eine Verbindung mit dem Blauſchuppenmuſter, ein
anderes wiederum Motive und echte Vergoldung. Die Rückſeite
eines jeden Stückes zeigt neben der alten Szeptermarke eine auf
den 80. Geburtstag des Reichspräſidenten bezügliche Widmung.
höheren Ruhmes Lorbeerblatt um ſeine Stirne wand, als er zu
einer Zeit, da andere, da auch andere Große längſt von ihrem
Schaffen und Wirken verdient ausruhten, von des deutſchen
Volkes Vertrauen an ſeine Spitze berufen, es übernahm, ihm
auch im Frieden Führer zu ſein, nachdem feindliche Uebermacht
und Geſchickes Ungunſt ihm die ſchimmernde Wehr zertrümmert.
Was wir bewundern an dieſem Greis, der heute noch
unge=
beugt und in der Vollkraft körperlichen Schaffens ſteht, iſt, daß
neben der Liebe und neben der vorbildlichen Treue, die
ſein ganzes Weſen leuchtend umſtrahlen, eiſernes
Pflicht=
bewußtſein allein ſein Tun und Handeln leiten. Die Pflicht
über alles! Die Pflicht gegen ſein Volk, der gegenüber alles
Perſönliche ſchweigen muß. Wenn ein anderer Großer auf ſeinen
Grabſtein einmeißeln ließ „Ein treuer Diener ſeines Herrn”, ſo
iſt des Deutſchen Reiches zweiter Präſident Paul von
Hinden=
burg mehr wie irgend einer berechtigt, daß ihm die Geſchichte
eines Tages, den Zunamen prägt: „Der treueſte Diener ſeines
Volkes”. Und wenn ihm dieſer Ehrentitel gegeben wird, iſt ihm
damit das Höchſte gegeben.
Wenn wir heute am 80. Geburtstag unſeres
Reichspräſi=
denten in ehrlichſter Dankbarkeit zu ihm aufblicken und ihm
unſere herzlichſten Glückwünſche darbringen, ſo wollen wir dieſe
Dankbarkeit und dieſe Wünſche nicht laut im Munde führen,
ſondern wollen ſie durch die Tat beweiſen. Hindenburg ſelbſt
hat — auch das iſt ja bezeichnend für ſeinen vorbildlichen
Cha=
rakter — den dringenden Wunſch geäußert, ſeinen 80.
Geburts=
tag nicht in lauten Feiern zu begehen. Er, der im Kriege wie
jeder deutſche Soldat ſeine Pflicht getan, nur mit unendlich
größerer Verantwortung, ihm war das Leben von Millionen
anvertraut, deſſen Wille aber heute nur der friedlichen
Wieder=
aufſtiegarbeit am deutſchen Volke, am Vaterland gilt, will nicht
laute Feiern. Was er aber will, iſt, daß die Schenkfreudigkeit
des Deutſchen, die ja vorhanden iſt im Palaſt und in der
klein=
ſten Hütte, ihm Mittel an die Hand gäbe, mit denen er Wunden
heilen, Nöte ſtillen will, die die ſchwere Zeit ſo vielen von uns
ſchlug. Können wir ihm einmal unſeren Dank, die Erwiderung
ſeiner Treue dadurch ausdrücken, ſo ſollten wir es zum andern —
und dazu möge der heutige Tag uns allen Anlaß ſein — im
Nacheifern in der Erfüllung der Pflicht, die jeder Deutſche als
höchſte in ſich fühlen müßte, ſein Vorbild in allen Tugenden
des deutſchen Volkscharakters in uns aufleichten zu laſſen, das
Streben erweckend, ihm gleich zu werden. Liebe und Treue zur
deutſchen Nation, Selbſtloſigkeit und Pflichtbewußtſein und
Arbeit. Arbeit an uns und am Volk, an der deutſchen Nation,
vor allem daran, daß ein unverrückbares Gemeinſchaftsgefühl,
daß der Wille zur Gemeinſchaft uns alle eint, das ſind Geſchenke,
mit denen wir den Führer des deutſchen Volkes erfreuen können
und ſollen. Gott ſchütze ihn!
Max Streeſe.
Der Herr Reichspräſident ſprach den Herren mit Worten des
herzlichen Dankes ſeine Freude über die ſchöne Gabe aus und
bat, ſeinen Dank auch den übrigen Herren der Reichsregierung
ſowie der Staatlichen Porzellanmanufaktur, der Herſtellerin des
prächtigen Kunſtwerkes, zu übermitteln.
Weitere Geburtstagsempfänge. —
Ueber=
reichung der Eigentumsurkunde über das
Stammgut Neudeck.
Im Laufe des Vormittags empfing der Herr
Reichspräſi=
dent ferner ein aus führenden Männern der deutſchen
Wirt=
ſchaft, nämlich Geheimrat Duisberg, Geheimrat Ravené,
Geheim=
rat Rießer, Graf Roedern, Herzog, Plate Schäffer ſowie als
Ver=
treter Oſtpreußens Kammerherrn von Oldenburg=Januſchau
be=
ſtehendes Komitee, das dem Herrn Reichspräſidenten als „
Hin=
denburgdank” des deutſchen Volkes die Eigentumsurkunde über
das Stammgut der Familie von Hindenburg Neudeck in
Oſt=
preußen übergab, welches dieſes Komitee aus freiwilligen
Bei=
trägen aller Gruppen der deutſchen Wirtſchaft erworben und nun
dem Herrn Reichspräſidenten zum perſönlichen Geſchenk
über=
tragen hat. — Ferner empfing der Herr Reichspräſident am
heu=
tigen Tage zur Entgegennahme perſönlicher Glückwünſche den
Vorſtand des Deutſchen Offiziersbundes unter Führung des
Generals der Infanterie a. D. von Hutier, die Bundesleitung
des Stahlhelm unter Führung von Seldte, den von Dr.
Löwen=
ſtein geführten Vorſtand des Bundes jüdiſcher Frontſoldaten,
ſowie eine von Herrn Dr. Unger=Breslau und Profeſſor Dr.
Schmeidler=Breslau geleitete Abordnung des Reichsverbandes
akademiſcher Kriegsteilnehmer, die dem Herrn Reichspräſidenten
als Ehrengabe eine Sammlung von Werken der im Kriege
ge=
fallenen deutſchen Dichter überreichten. Neben einer Reihe
pri=
vater Empfänge nahm der Herr Reichspräſident auch den Beſuch
des Vorſtandes des Allgemeinen. Deutſchen Jagdſchutzvereins
unter Führung des Prinzen Alfons von Iſenburg entgegen, der
dem Herrn Reichspräſidenten namens der deutſchen Jägerei
ſeine herzlichſten Glückwünſche ausdrückte und ihm den
Ehren=
ſchild des Allgemeinen Deutſchen Jagdſchutzvereins überbrachte.
Der Zapfenſireich.
Für den Abend war vor dem Reichspräſidentenpalais eim
Fackelzug der Wachtkompagnie mit anſchließendem Zapfenſtreich
vorgeſehen. Schon ſtundenlang zuvor hatten ſich dichte
Zu=
ſchauermengen zu beiden Seiten der Wilhelmſtraße und in den
Querſtraßen eingefunden, die ſchließlich unüberſehbar waren.
Mehrere Hundertſchaften Schutzpolizei mußten aufgeboten
wer=
den, um die Maſſen zurück= und die Anmarſchſtraßen freizuhalten.
Punkt 9.15 Uhr bog denn auch die Wachtkompagnie in die
Wil=
helmſtraße ein. Voraus mehrere Züge Fackelträger, dahinter
ein Muſikkorps, dann die Fahnen, darauf die eigentliche
Ehren=
kompagnie, wiederum mehrere Muſikkorps und zum Schluß
dann noch einmal Fackelträger. Außerdem war der Zug von
fackeltragenden Reichswehrſoldaten zu beiden Seiten
einge=
ſäumt. Unter nicht endenwollenden brauſenden Hochrufen
marſchierte die Kompagnie auf. Ein ſcharfes Kommando, eine
exakte Wendung der Ehrenkompagnie in Front des
Präſidenten=
palais. Im gleichen Augenblick erſchien Reichspräſident v.
Hin=
denburg in alter Generalsuniform auf dem blumengeſchmückten
Balkon. Stürmiſche Hochrufe der Menge, und die einzelnen
Muſik=
korps marſchierten in den Vorhof. Unter tiefſtem Schweigen der
Menge ſetzte dann auf dem nur von den Fackeln erhellten Hof
die mehrere hundert Köpfe ſtarke Muſikkapelle ein. Ein
reich=
haltiges Programm wurde in flottem Tempo erledigt, während
draußen beſonders bei dem Deutſchlandlied, das von den
Zu=
ſchauern mitgeſungen und zu dem die Ehrenkompagnie
präſen=
tierte, ſich lebhafter Beifall äußerte. Kurz nach 10 Uhr war die
eindrucksvolle Feier zu Ende. Wiederum ein Kommando und
als die Kompagnie abrückte, war kein Halten mehr. Die
Poli=
zeiketten wurden einfach durchbrochen und
über=
rannt, alles, was ſich draußen angeſammelt
hatte, drängte nach dem Präſidentenpalais und
unter nicht endenwollenden Hochrufen mußte
der Reichspräſident immer wieder auf den
Bal=
kon hinaustre ten, bis dann ſchließlich die
un=
geheure Zuſchauermenge ſich zerſtreute.
Ein Tag aus dem Leben des Reichspräſidenten.
Hindenburg gehört zu jenen ſeltenen Lieblingen der Natur,
denen ſie noch bis ins höchſte Alter volle Geſundheit und
Rüſtig=
keit beſchieden hat. Seiten 80. Geburtstag feiert er mit der
Friſche, deren er ſich ſein ganzes Leben zu erfreuen hatte, und
er iſt auch noch in dieſem hohen Alter imſtande, das
arbeits=
reiche und verantwortungsvolle Amt des Reichspräſidenten
aus=
zufüllen. Dieſer Poſten iſt ja durchaus keine Sinekure, ſondern
nimmt den allergrößten Teil ſeiner Zeit in Anſpruch.
Wie Hindenburgs Arbeitstag verläuft, das iſt anſchaulich in
einem vor kurzem erſchienenen Büchlein „Ein Tag aus dem
Leben des Reichspräſidenten” von einem Eingeweihten
geſchil=
dert worden. Hindenburg iſt als alter Soldat ein Frühaufſteher,
der ſich um ſechs oder ſieben Uhr morgens erhebt. Um acht Uhr
tritt er, von ſeinem Lieblingshunde Rolf, einem deutſchen
Schäferhund, begleitet, in den großen Garten hinter ſeinem
Palais. Da ſieht man ſeine hohe wuchtige Geſtalt im dunklem
Zivilanzug langſam über die Wege wandern, und das weiße
Haar des meiſt entblößten Hauptes ſchimmert durch das dunkle
Grün der Bäume. Nur bei ſchlechteſtem Wetter verzichtet er auf
dieſen Morgenſpaziergang in ſeinem Park, denn er hat ein
inniges Verhältnis zur Natur; Luft, Licht und Bäume ſind ihm
ſo ſelbſtverſtändliches Bedürfnis, daß er ſie auch in der
Groß=
ſtadt nicht entbehren kann. Gegen neun Uhr ſetzt er ſich an
ſeinen Schreibtiſch, um die Arbeit zu beginnen. Im Büro iſt
unterdeſſen eine Flut von Akten und Schriftſtücken eingelaufen,
die geordnet werden, und die wichtigſten Papiere wandern in
die Mappe des Staatsſekretärs der Reichskanzlei, der ſeinem
Vorgeſetzten jeden Morgen um ½10 Uhr Vortrag hält. Der
Reichspräſident erhält dadurch einen Ueberblick über die Lage
der äußeren und inneren Politik, er erfährt, was die deutſchen
Auslandsvertreter berichten und was im Lande felbſt an
wich=
tigen Dingen paſſiert iſt. Auch alle möglichen Geſuche und
Bitt=
ſchriften werden, ihm unterbreitet. Außerdem legt ihm der
Staatsſekretär ein ſorgſam ausgearbeitetes Tagesprogramm
vor, in dem die bevorſtehenden Unterredungen und
Veranſtal=
tungen verzeichnet ſind. Danach regelt ſich dann der weitere
Verlauf der Amtsſtunden. An den Vortrag des Staatsſekretärs
ſchließen ſich gewöhnlich die Vorträge einzelner Referenten der
Reichskanzlei, z. B. des Preſſechefs. Dann folgt eine
Miniſter=
beſprechung, Empfänge finden ſtatt. Vertreter führender
Wirt=
ſchaftsgruppen wollen dem Reichspräſidenten ihre beſonderen
Wünſche ans Herz legen. Ein neubeglaubigter Geſandter wird
feierlich eingeführt oder bedeutende Perſönlichkeiten des In= und
Auslandes machen ihm ſeine Aufwartung.
Beim Mittageſſen ſieht der Präſident nicht ſelten Gäſte, und
die Beſprechungen werden fortgeſetzt. Mehrmals im Jahre
fin=
den größere Feſtlichkeiten ſtatt, im Sommer häufig im Garten,
im Winter in den prächtigen Räumen des erſten Stocks, denn
Nummer 273
Sonntag, den 2. Oktober 1927
Seite 3
Die Hindenburg=Amneſtie.
Zahlreiche Begnadigungen aus Anlaß des 2.Oktober.
Berlin, 2. Oktober.
Aus Anlaß ſeines 80. Geburtstages hat der Reichspräſident
auf Vorſchlag des Reichsminiſters der Juſtiz in 75 Fällen
Stra=
fen, die von Gerichten des Reiches erkannt worden ſind, im
Gna=
denwege erlaſſen oder gemildert. Die Gnadenerweiſe betreffen
Strafen, die vom Reichsgericht, vom Staatsgerichtshof zum
Schutz der Republik und von außerordentlichen Gerichten des
Reiches erkannt worden ſind. Sie ſind vorzugsweiſe ſolchen
Per=
ſonen zuteil geworden, die aus politiſchen Beweggründen
gehan=
delt haben. Dabei iſt auf die politiſche Einſtellung der
Verur=
teilten, ſoweit ſie etwa in der Straftat zum Ausdruck gekommen
iſt, keine Rückſicht genommen worden. Berückſichtigt ſind bei den
Gnadewerweiſen vorzugsweiſe Straftaten, die zeitlich länger
zu=
rückliegen, insbeſondere in die Jahre 1923 und 1924 fallen. Von
den 161 Perſonen, gegen die zurzeit wegen Hochverrats und
an=
derer politiſcher Delikte der Gerichte des Reiches Strafen
voll=
ſtreckt werden, ſind 70 begnadigt worden. Im ganzen ſind 75
Perſonen mit Gnadenerweiſen bedacht worden. Der
Reichs=
präſident hat ſich ferner entſchloſſen, ſeine ſämtlichen
Straf=
anträge wegen Beleidigung zurückzuziehen und bei den
Länder=
vegierungen die Begnadigung der wegen Beleidigung ſeiner
Perſon bereits abgeurteilten Perſonen in Anregung zu bringen.
Die Länderregierungen haben ſich bereit erklärt, dieſer Anregung
zu entſprechen. Die Länder haben ihrerſeits den 80. Geburtstag
des Reichspräſidenten zum Anlaß genommen, in gleicher Weiſe
für die Strafen, die von ihren Gerichten erkannt worden ſind,
Einzelgnadenerweiſe in größerer Anzahl zu bewilligen oder in
Ausſicht zu nehmen.
Die Länder=Amneſtie.
Aus Anlaß des Geburtstages des Reichspräſidenten findet
bekanntlich in allen deutſchen Ländern eine Amneſtie ſtatt. In
Württemberg ſind 296 Verurteilte begnadigt
worden, davon ſind 67 Strafgefangene, die heute zur
Ent=
laſſung kommen. Die ſächſiſche Regierung hat ebenfalls
eine Verordnung erlaſſen, durch die Strafen für politiſche
Ver=
gehen aufgehoben wenden; u. a. iſt auch eine Herabſetzung und
Umwandlung von Strafen angeordnet. Ebenſo ſollen die
Ver=
fahren in den Fällen ausgeſetzt werden, in welchen eine
Begna=
digung anzunehmen iſt. Auch das Staatsminiſterium
Mecklenburgs gibt heute die beſchloſſenen Amneſtierungen
bekannt. Politiſche Verbrechen finden keine beſondere
Berückſich=
tigung, namentlich iſt eine Begnadigung oder ein Straferlaß
für die von den mecklenburgiſchen Gerichten verurteilten
Feme=
verbrecher nicht beſchloſſen worden. Das
braunſchwei=
giſche Staatsminiſterium hat in etwa 60 Fällen
Ein=
zelbegnadigung ausgeſprochen. Die Landesregierung
von Schaumburg=Lippe hat ſich ebenfalls dem
Vor=
gehen des Reiches und der übrigen Länder angeſchloſſen und
Einzelgnadenerlaſſe in großer Zahl
vorgenom=
men. — Der Bremer Senat hat bei 121 Gefangenen
teils vollen teils bedingten Straferlaß ſowie
Straf=
milderungen eintreten laſſen. — Der Senat der
Freien Stadt Hamburg hat eine erhebliche Zahl von
Strafen erlaſſen oder gemildert. Insbeſondere wurden politiſche
Vergehen, ferner Straftaten, die aus Not begangen wurden und
Straftaten geringerer Bedeutung, die von erſtmalig beſtraften
Perſonen verübt wurden, berückſichtigt. In Baden ſind eine präſidenten von Hindenburg: Herrn Reichspräſidenten von
Anzahl Einzelgnadenerweiſe ausgeſprochen worden, Hindenburg, Berlin. Zum 80. Geburtstage entbiete ich
Darunter befinden ſich auch zwölf in Bruchſal inhaftierte, vom
Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik ſeinerzeit verurteilte, lichſten Glück= und Segenswünſche. Das deutſche Volk hat am
Gefangene.
Umfangreiche Gnadenerweiſe in Preußen.
Im Einvernehmen mit dem Reiche hat das Preußiſche
Staatsminiſterium aus Anlaß des 80. Geburtstages des Reichs= gleicher ungeſchwächter Geſundheit und Kraft zu wirken.
Ade=
präſidenten die Erteilung von Gnadenerweiſen in größerem
Maße in Ausſicht genommen. Es wird ſich bei den
Gnaden=
erweiſen, abgeſehen davon, daß ſie ſich auch auf Geldſtrafen
er=
ſtrecken, nicht nur darum handeln, durch Erlaß, Ermäßigung oder
Ausſetzung bereits in Verbüßung begriffener Strafen
Haftent=
laſſungen zu bewirken, ſondern es wird in zahlreichen Fällen, in
denen die Strafen noch nicht angetreten ſind, eine völlige
Ab=
ſtandnahme von der Vollſtreckung in Frage kommen. Die
Gnadenerweiſe werden im Laufe der nächſten
Wochen ausgeſprochen werden. Es iſt zu vermuten, daß es
ſich um mehrere Tauſend handeln wird.
Vom Tage.
In der Urabſtimmung der Berliner
Straßenbah=
ner zu dem neuen Schiedsſpruchhaben ſich 11 390 für
Ablehnung und nur 822 Angeſtellte für Annahme des
Schieds=
ſpruches erklärt.
Der litaniſche Miniſterpräſident Dr. Woldemaras
traf, aus Rom kommend, in Berlin ein und hatte im Auswärtigen Amt
mit Dr. Streſemann eine Unterredung.
Die deutſch=polniſchen
Handelsvertragsverhand=
lungen ſollen am Mittwoch nächſter Woche wieder
auf=
genommen werden, nachdem der deutſche Geſandte Rauſcher aus
Berlin neue Inſtruktionen erhalten hat.
In der polniſchen Oeffentlichkeit herrſcht die größte Erregung
darüber, daß die litauiſche Regierung 300 der Amtsſprache
nicht mächtige polniſche Lehrer entlaſſen will.
Der frühere polniſche Miniſterpräſident und jetzige Miniſter für
öffentliche Arbeiten im Kabinett Pilſudſki, der
Sozialdemokrat Moraczewfki, iſt aus der polniſchen
Sozial=
demokratiſchen Partei ausgeſchloſſen worden.
Nach dreimonatigem Aufenthalt in Konſtantinopel iſt Kemal
Paſcha nach Bruſſa abgefahren, von wo er ſich nah einem kurzen
Aufenthalt nach Angora zurückbegibt.
Nach einer Havasmeldung aus Barcelona erklärte General Primo
de Rivera, daß die Eröffnung der ſpaniſchen
National=
verſammlung am Nachmittag des 10. Oktober ſtattfinden
werde.
Nach einer Meldung aus Liſſabon beſchloß die
portugie=
ſiſche Regierung, dem früheren Truppenführer Marſchall
Gomez da Coſta die Rückkehr von den Azoren, wohin
er ſeinerzeit verbannt worden war, zu geſtatten.
Wie verlautet, hat Luxemburg in Genf mit Frankrcich
und Belgien Schiedsverträge ausgearbeitet, denen ſpäter
ein gleicher Vertrag mit Deutſchland folgen ſoll.
Das argentiniſche Parlament nahm einen Geſetzentwurf
an, durch den außer in Frankreich auch die Geſandtſchaften und
Legationen in Großbritannien, Mexiko, Peru, Nruguay und beim
Vatikan zum Nang von Botſchaften erhoben werden.
Wie aus Tokio gemeldet wird, iſt Tſchiangkaiſchek in
Ja=
pan eingetroffen und hat ſich in einen Erholungsort in der Nähe von
Nagaſaki begeben.
Das Exekutivkomitee der kommuniſtiſchen Internationale hat Trotzki
ausgeſchloffen.
220 Begnadigungen in Bayern.
Bei dem Gnadenakt der bayeriſchen Regierung aus Anlaß
des 80. Geburtstages des Reichspräſidenten handelt es ſich, wie
wir ergänzend mitteilen können, im ganzen um 220
Amneſtie=
rungen, unter denen ſich außer den ſchon Genannten befinden:
Graf Arco, der wegen der Erſchießung Eisners zum Tode
ver=
urteilt, dann zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt worden
war und ſchon vor längerer Zeit Strafunterbrechung zugebilligt
erhielt, ferner die Huſaren, die im katholiſchen Geſellenhaus das
Blutbad anrichteten; von den 16 Räterepublikanern, die ſich noch
in Haft befanden, werden 14 entlaſſen, nicht amneſtiert werden
von ihnen der Auer=Attentäter Lindner, der zu 14 Jahren
Zucht=
haus verurteilt worden iſt, und der letzte Räterepublikaner Kopp,
der an dem Miesbacher Mord beteiligt war und erſt im Jahre
1924 aufgegriffen wurde. Separatiſten werden nicht amneſtiert.
Der Heſſiſche Landtagspräſident Adelung
ſandte nachſtehendes Glückwunſchtelegramm an den Herrn
Reichs=
im Namen des Heſſiſchen Landtags Ew. Exzellenz die
herz=
heutigen Tage Anlaß, mit großer Dankbarkeit ſeines
Reichs=
präſidenten zu gedenken. Was Sie in ſchwerſten Zeiten dem
deutſchen Volke waren, wird für immer unvergeſſen bleiben.
Möge es Ew. Exzellenz vergönnt ſein, noch recht viele Jahre in
lung, Präſident des Heſſiſchen Landtags.
Der Bundesvorſtand des Reichsbanners Schwarz=Rot=Gold
ließ dem Herrn Reichspräſidenten aus Anlaß ſeines 80. Geburtstages
eine künſtleriſch ausgeführte Glückwunſchadreſſe überreichen, die
folgen=
den Wortlaut hat: „An den Herrn Reichst Läſidenten Sr. Exz. Paul
v. Beneckendorff und v. Hindenburg, Berlin. Sehr geehrter Herr
Reichspräſident! Zu Ihrem 80. Geburtstage endbietet Ihnen, dem
Ober=
haupt der Deutſchen Republik, das Reichsbanner Schwarz=Rot=Gold und
der Bund der Republikaniſchen Kriegsteilnehmer, die herzlichſten
Glück=
wünſche. Der Bundesvorſtand. J. A. Hörſing, Höltermann, Dr.
Bohner, Hatzelmann.”
Die Heſſen in Berlin.
Die Fahne von 1742.
Von unſerer Berliner Redaktion.
Aus Berlin wird uns gedrahtet: Zu dem Reichskriegertag
ſind auch viele heſſiſche Vereine nach Berlin gekommen. Trubel
und Jubel am Standquartier der Heſſen, dem Königgrätzer
Hof, dem Anhalter Bahnhof gegenüber. Fortdauerndes
Kom=
men und Gehen, letzte Parolen, an langen Tiſchen die
Kamerad=
ſchaften aus Dietzenburg, Dieburg, Schafheim, Birſtein und
ſogar aus Lollar. Der Krieger= und Veteranenverein Lollar hat
ein Heiligtum mit nach Berlin gebracht: die Fahne von
1742. Generationen blicken voll Stolz auf dieſe Flagge. 1742,
zwei Jahre nach dem Regierungsantritt des großen
Preußen=
königs entſtand das Banner. Fünf Mann vom Verein Lollar
geben ihm das Geleit. Ueber hunderte Kameraden blieben
da=
heim, mußten bleiben, weil Reiſekoſten, Familie und Beruf ſie
zwangen, aber Wünſche und Gedanken webten ſie in das
Fahnentuch. Die Fahne: auf ſeidenem, blauen Grund die
neun=
mal geſtreiften, doppelt geſchwänzten Löwen mit der Bügelkrone,
darunter die Jahreszahl 1742. Wunderſam iſt die Geſchichte
dieſes hoch in Ehren ſtehenden Kleinodes, das im Jahre 1846
ganz unverhofft in den Beſitz des Krieger= und Veteranenvereins
Lollar kam. Ein Mitglied fand die Fahne auf einem
Korn=
ſpeicher hinter einem Balken verſteckt, verſtaubt, zerfetzt. Die
Ueberlieferung erzählt, wie das Banner entſtand. In jenen
Zeiten, im Anfang des 18. Jahrhunderts und beſonders
wäh=
rend des ſiebenjährigen Krieges trieben ſich Banden im
Heſſen=
lande herum, Marodeure, Strolche, davongelaufene Soldaten.
Räuberbanden ſtreiften durch die preußiſchen Wälder und wenn
die Nacht kam, dann fielen die Banden in die ſchlafenden Dörfer
ein, raubten und mordeten. Um ſich gegen dieſe Banden zu
ſchützen wurden Bürgergarden gebildet. Im Heimatdorf und
auf dem Trieb bei Gießen oder auf den Feldern von
Heuchels=
heim wurde Abwehrdienſt geübt. Auch Lollar hatte ſeine
Bür=
gergarde unter einem Hauptmann zum Abwehrdienſt
ausge=
bildet. Dieſe Garde hatte eine Fahne, eine alte Feldfahne.
Heute iſt ſie das Panier des Krieger= und Veteranenvereins
Lollar, der auch der älteſte Kriegerverein Heſſens und der Haſſia
iſt. Wenn am Montag beim Reichskriegertag Fanfarenklänge
das Stadion durchjauchzen und ſich der Wall der Fahnen neigt,
dann ſenkt ſich auch dieſe Fahne von 1742 grüßend vor dem
greiſen Feldmarſchall.
Glückwünſche der Parteien.
Die Reichstagsfraktion der Deutſchen Volkspartei
hat an den Reichspräſidenten folgendes Glückwunſchtelegramm gerichtet:
„In treuer Anhänglichkeit übermittelt die Fraktion der Deutſchen
Volkspartei im Reichstage ihre aufrichtigen, aus dankbarem Herzen
kommenden Segenswünſche und verbindet damit die frohe Hoffnung, daß
ein gütiges Geſchick dem deutſchen Volk ſeinen als Menſch und
Staats=
diener gleich vorbildlichen Reichspräſidenten noch eine Reihe von Jahren
erhalten möge. Gez. Dr. Scholz=Brüninghaus.”
Die Deutſchnationale Volkspartei
hat an den Herrn Reichspräſidenten folgendes Glückwunſchtelegramm
geſandt: „Hochverehrter Herr Reichspräſident! In unwandelbarer Treue
übermittelt Eurer Exzellenz die D.N.V.P. die innigſten Glück= und
Segenswünſche zu Ihrem 80. Geburtstag. Möge Gott der Herr, der
Ihren Lebensweg bisher ſo ſichtbar beſchirmt hat, auch in Zukunft mit
Ihnen ſein. Gott erhalte Eure Exzellenz dem deutſchen Volke noch
lange Jahre zum Segen unſeres geliebten Vaterlandes. Gez. Graf
Weſtarp.”
Das Glückwunſchtelegramm des demokratiſchen Parteivorſtandes
lautet: „Hochverehrter Herr Reichspräſident! Der Vorſtand der
Deutſch=Demokratiſchen Partei übermittelt Ihnen zu Ihrem 80.
Ge=
burtstag die herzlichſten Glück= und Segenswünſche der deutſchen
De=
mokraten. Die Wünſche gelten dem höchſten Repräſentanten des
Deut=
ſchen Reiches, in dem ſich uns Würde und Einheit der deutſchen
Re=
publik verkörpern. Sie gelten aber auch dem großen Führer im
Kriege und den Mann, der 1919 treu ausharrend half, das Chaos zu
verhindern. So ſind Sie allen ein Symbol der Pflichterfüllung, vielen
ein Führer zur Staatsgeſinnung geworden. Mögen Ihnen noch viele
Jahre der Geſundheit und des Schaffens beſchieden ſein. Vorſtand der
Deutſch=demokratiſchen Partei, Koch, Erkelenz, Fiſcher.”
Der Landesvorſtand der Bayeriſchen Volkspartei
hat dem Reichspräſidenten von Hindenburg in einem Schreiben die
auf=
richtigen Glückwünſche zum 80. Geburtstage ausgeſprochen. Ferner hat
Kronprinz Rupprecht dem Reichspräſidenten ſeine Glüchwünſche
übermittelt.
die Repräſentationspflichten bilden einen wichtigen Teil ſeiner
Tätigkeit. Die Amtsſtunden des Nachmittags verlaufen in
gleicher Weiſe wie die des Vormittags. Beſuche wechſeln mit
Beſprechungen; Depeſchen treffen ein, eilige Sachen müſſen
ſo=
fort erledigt werden. Hindenburg aber bewahrt in allem Trubel
die große Ruhe, die das Geheimnis ſeiner Erfolge iſt; er allein
wird nie nervös. Eine hübſche Anekdote aus dem Kriege
be=
leuchtet dieſen Grundzug ſeines Charakters. In einer der
Kriſen=
zeiten fragte ihn einmal ein neugieriger Journaliſt: „Was
machen Sie, wenn Sie nervös werden?‟ Darauf Hindenburg:
„Dann pfeife ich”. Aber, ich habe Sie noch niemals pfeifen
chören”, meinte der Frager verwundert. „Ich auch nicht”
er=
klärte Hindenburg lächelnd. Um ½8 Uhr ißt der Reichspräſident
zu Abend. Vorher hat er noch einen Gang durch den Garten
gemacht. Auch des Abends nehmen ihn häufig geſellſchaftliche
Verpflichtungen in Anſpruch. Dringende Schriftſtücke müſſen
moch ſtudiert werden. Aber wenn er einmal frei iſt, dann
ver=
bringt er die Abendſtunden im Kreis ſeiner Familie, beſonders
mit ſeinen Kindern und Enkelkindern. Wenn die blonden
Töchter ſeines Sohnes um den Großvater herumſpringen, dann
äſt er ſo recht in ſeinem Element und ſieht ihren Spielen mit
wergnügtem Lächeln zu.
Ueberhaupt iſt der Verkehr mit der Jugend für ihn ein
Quell der Erholung. Wenn er bei irgend einem Feſt zugegen iſt,
twird man ihn bald in Geſellſchaft der jüngſten Gäſte finden,
Denen er mit ſeinem breiten, gemütlichen Humor Geſchichten aus
Teinem langen Leben erzählt. Das iſt ſeine Art, das Leben zu
genießen, indem er mit der Jugend jung wird; dagegen nimmt
er an den Freuden der Tafel nur äußerſt maßvoll teil; trinkt
niur hin und wieder ein Glas Wein oder raucht eine Zigarette,
uind dieſe Enthaltſamkeit, zuſammen mit der regelmäßigen kör=
Herlichen Bewegung in freier Luft iſt zweifellos neben der
ur=
püchſigen Kraft ſeiner Natur der Grund für die Rüſtigkeit des
Achtzigjährigen.
* Heſſiſches Landestheater.
Kleines Haus. — Samstag, den 1. Oktober.
Die Hoſe.
Ein bürgerliches Luſtſpiel von Carl Sternheim.
Es war einmal eine Zeit, in der der Bürgerin Luiſe Maske
auf offener Straße die Hoſe fiel, und dieſer Fall die Bürger
eitr Reſidenz entflammte.
Es war einmal eine Zeit, in der der Schriftſteller Carl
Sternheim, als eines reichen Bankiers Sohn, auf der Welle
des bürgerlichen Kapitalismus behaglich durch das Daſein
ſchwimmend, aus dieſem Fall eine heldenhafte Attacke gegen
Sesſelbe Bürgertum ſchuf.
Es war einmal eine Zeit, in der desſelben Carl Sternheim
manierierte Sprache als epochale Neuheit galt und in der der
Berliner Polizeipräſident die Aufführung der „Hoſe” aus
Grün=
den der Sittlichkeit verbot.
Doch was ſoll uns dies heute?
Heute, da das Bürgertum, gegen das Sternheim den Pfeil
ſeiner „Komödien aus dem bürgerlichen Heldenleben” richtete,
durch die wirtſchaftliche Entwicklung vernichtet und aufgerieben iſt?
Heute, da die Anſchauungen über geſellſchaftliche Prüderie
vollſtändig gewandelt ſind?
Heute, da der manierierte Stil Sternheims als manieriert
erkannt iſt, und die Kunſt nach Sachlichkeit und Klarheit ſtrebt?
Nicht aus dichteriſchem Empfinden, nicht aus teilnehmendem
Herzen iſt Sternheims Werk entſtanden, ſondern mit dem
kalten Griffel des Zynikers iſt es geſchrieben. Iſt nun aber
noch die Form veraltet, ſo tritt die Erbärmlichkeit des
tatſäch=
lichen Inhalts um ſo ſtärker zutage. Selten wohl iſt die Frau
auf der Bühne ſo jämmerlich, ſo entehrend, ſo rein als Maſchine
in gewiſſer Hinſicht behandelt, wie in dem letzten Aufzug dieſes
Stückes! Wohl kann ein Dichter die delikateſten Probleme
behan=
deln, wenn es in dichteriſcher Geſtaltung und aus künſtleriſcher
Notwvendigkeit geſchieht. Fehlen dieſe Vorausſetzungen, ſo bleibt
dem Zuſchauer nur der üble Nachgeſchmack im Munde, den eine
verdorbene Speiſe hinterläßt.
Solche Gerichte zu ſervieren, iſt nicht Aufgabe des
Heſſi=
ſchen Landestheaters.
Die Mitwirkenden waren unter der Leitung von Hans
Aſchaffenburg um ein flottes Zuſammenſpiel bemüht.
Man ſuchte offenbar dem Marionettenſtil Sternheims zu folgen,
zwiſchen Nobert Klupp als Scarron und Beſſie Hoffart als
„Luiſe Maske” zutage. Die Szene, in der der literariſche Aeſthet
der Bürgerin in vielen Worten ſeine Liebe erklärt, ſie aber im
entſcheidenden Augenblick, als ſie ihm hinſchmelzend in die Arme tempo rubato unberechenbar ſind, ganz im Gegenteil, ſeine
Füh=
ſinken will, verläßt, um das Ereignis literariſch feſtzulegen, war
ſchauſpieleriſch am gelungenſten. Geſchickt fand Beſſie Hoffart die
kühle Linie für das mißhandelte Weibweſen, das ſich ſeiner
Miß=
handlung gar nicht bewußt wird.
Die anderen Darſteller gingen aus der Stiliſierung ſtärker in
die Tatſächlichkeit über. Paul Maletzki gab den „Bürger
Maske” mit kräftigem Muskel und behäbigem, ſelbſtüberzeugtem vorzüglich, hier kam ihr feiner Anſchlaa ſehr ſchön zur Geltung
Humor. Der abgeſtandenen Jungfer „Deuter” widmete Käthe
Gothe die Luſtigkeit ihres köſtlichen Mienenſpiels. Hugo
Keßler, ein amüſanter „Mandelſtam”, brachte ſtellenweiſe faſt
Letztere hatte Wilhelm Reinking durch Verbindung mit den
zeitweiſe erhellten Nebenräumen originell ausgeſtaltet. —
Ein Börſianer bemerkte zum Schluſſe: Sternheims „Hoſe‟:
leider keine Hauſſe, ſondern ſtarke künſtleriſche Baiſſe! Z.
*Plolin=Abend Guſiav Havemann.
In der Otto=Berndt=Halle, die gut beſucht war, fpendete
Pro=
feſſor Guſtav Havemann ſeinen zahlreichen Freunden und
Ver=
ehrern Proben ſeiner hervorragenden Kunſt. Er iſt der
aus=
gereifte Meiſter der Geige, auf dem Gipfelpunkt ſeines Könnens
ſtehend, Beherrſcher jeder Technik und Künſtler von eigenem,
ihn von allen anderen bedeutenden Spielern ſcharf
unterſcheiden=
dem Gepräge. Seine Kunſt iſt bewußt bis in die kleinſte
Einzel=
heit des Ausdrucks hinein, unbeeinflußt von unberechenbaren
Launen, herb, kraftvoll, ſie iſt Dienſt am Kunſtwerk. Man wird
wenige Künſtler finden, die ſo objektiv zu ſpielen vermögen. Vor
allem trat dies in der unvergleichlich klar und in der Form
feſt=
umriſſen geſpielten D=Moll=Partita für Solo=Violine von Bach
hervor, deren Höhepunkt die berühmte Chaconne bildet, ebenſo
aber auch in der erſten Violinſonate von Brahms. Der
wunder=
volle Ton, die meiſterhaft disponierte Klanfarbengebung und die
großzügige Geſtaltung ließen das Werk herrlich erſtehen,
beſon=
ders ſympathiſch waren die gemäßigten, dem Willen des
Kom=
poniſten entſprechenden Tempi, die der hyſteriſchen jetzt üblichen
Uebertreibung der Schnelligkeit wie ein Fels gegenüberſtand.
Ein erſtaufgeführtes Konzert in A=Moll von Max Trapp, mit
Klavierbegleitung vorgetragen, intereſſierte in allen Teilen, denn
Havemann wußte auch Kleinformiges groß zu geſtalten.
Charak=
teriſtiſch für die Kompoſition ſind die vielen muſikaliſchen
Paren=
theſen, die in jedem Satz ein breiteres Ausſchöpfen einer Idee
durch Anhäufen von Gegenſätzlichkeiten zu vermeiden ſuchen.
Daß Havemann nach allen Werken begeiſtert gefeiert wurde, iſt
ſelbſtverſtändlich, man durfte ſich darüber freuen, daß die
Ge=
traf ihn aber nicht einheitlich. Am reinſten trat er in dem Spiel meinde, die ſolch hohe Kunſt zu würdigen weiß, in Darmſtadt
doch ziemlich groß iſt.
Neben Havemann hat es eine Begleiterin nicht leicht! Nicht
daß er ſchwer zu begleiten wäre wie Künſtler, die in ihrem
rung iſt ſtark und ſicher. Aber ihm an Ausgeglichenheit der
Dar=
ſtellung, an Großzügigkeit gleich zu kommen, das dürfte vielen
beſonders ſchwer ſein, den meiſten nicht gelingen. Darum iſt es
eine große Anerkennung, wenn man von Frau Lydia
Hoff=
mann=Behrendt (Berlin) ſagen kann, ſie beſtand neben
ihm in Ehren. Beſonders als Begleiterin erwies ſie ſich als
und hier wurde ihr rückſichtsvolles Spiel zur Tugend, während
man bei der Wiedergabe der Wanderer=Fantaſie von Schubert
zuweilen das Letzte an Kraft und Pathos vermiſſen mußte.
Dem=
warme Töne in die kühle Atmoſphäre von Maskes Wohnſtube, gegenüber ſei hervorgehoben, daß die Künſtlerin im Ausdruck
vornehm und eigen geſtaltete, ſo daß ſie des reichen Beifalls
würdig war, der auch ihr zuteil wurde.
P. P.
Seite 4
Sonntag den 2 Oktober 1927
Nummer 273
Weitere Hindenburg=Ehrungen.
Die badiſche Staatsregierung hat dem Reichspräſidenten durch den
Staatspräſidenten Dr. Trunk Badens Ehrengabe überreichen
laſſen. Das Geſchenk iſt ein fünfteiliger, 60 Zentimeter hoher, aus
Silber gefertigter Tafelaufſatz.
Der Reichsverband der Rheinländer überreichte dem
Reichspräſidenten zu ſeinem 80. Geburtstag eine
Huldigungs=
adreſſe.
Die Stadt Düſſeldorf wird ihren Ehrenbürger, den
Reichs=
präſidenten Hindenburg; anläßlich ſeines 80. Geburtstages durch
die Ueberreichung einer künſtleriſch ausgeſtatteten,
von Nichard Schwarzkopf entworfenen Adreſſe ehren.
Der Magiſtrat und das Bürgervorſteherkollegium der Stadt
Han=
nover haben dem Reichspräſidenten ein Schreiben und eine
Blumen=
ſpende überreicht und einen Straßenzug „Tannenberg=Allee”, benannt
und 50 000 Mark der Hindenburg=Spende überwieſen.
Die Univerſität Jena, deren Ehrenbürger der
Reichspräſi=
dent iſt, hat an ihn ein Glückwunſchtelegramm geſchickt. Eine
künſt=
leriſch angefertigte Glückwunſchadreſſe wird dem Reichspräſident vom
Verband der deutſchen Hochſchulen zugehen.
Der Nat der Stadt Dresden hat anläßlich des
Geburts=
tages des Reichspräſidenten in Ausſicht genommen, das frühere
Parade=
feld, den Alqunplatz, zu einem großen Sportpark ausbauen zu laſſen.
Auf Beſchluß des Braunſchweigiſchen
Staatsmini=
ſteriums iſt dem Bureau des Reichspräſidenten eine
Fürſten=
burger Prunkvaſe für den Reichspräſidenten zu ſeinem 80.
Ge=
burtstage überſandt worden. Miniſter Marquardt wird bei dem
Gra=
tulationsempfang der Staats= und Miniſterpräſidenten der Länder am
2. Oktober dem Reichspräſidenten die Glückwüinſche der Braunſchweiger
Bevölkerung ausſprechen.
Der Hamburger Bürgermeiſter Dr. Peterſen wird
dem Reichspräſidenten namens Hamburgs ein Gemälde des Grafen
Kalkreuths, das eine Elbelandſchaft darſtellt, als Geburtstagsgabe
über=
reichen.
Vom Senat der Stadt Lübeck wird der Reichspräſident eine
rieſige Marzipantorte, die die Silhouette der Stadt trägt, erhalten.
Der Karton trägt eine von einem Kranz von 80 Kerzen umrahmte
Wid=
mung des Senats.
Der Oberpräſident der Provinz Oſtpreußen hat
an den Reichspräſidenten ein Glückwunſchtelegramm geſandt, in dem
„Oſtpreußen in treuer Dankbarkeit ſoines Befreiers gedenkt‟. Der
Oſt=
preußiſche Städtetag überſandte dem Reichspräſidenten eine
Glückwunſch=
adreſſe.
Annäherungsverhandlungen
zwiſchen Zentrum und Bayeriſcher Volkspartei
* Berlin, 1. Okt. (Priv.=Tel.)
Die Verhandlungen zwiſchen dem Zentrum
und der Bayeriſchen Volkspartei über eine
gegenſeitige Annäherung ſind wieder einmal in Fluß
gekommen. Sie nahmen ihren Anfang vor faſt einem Jahr,
da=
mals mit dem Ziel einer Verſchmelzung der beiden Parteien.
Es ſtellte ſich aber bald heraus, daß die Gegenſätze zu
groß waren. Die Gegenſätze waren nicht ſo ſehr politiſcher,
wie taktiſcher und organiſatoriſcher Natur, wobei vor allem die
Pfalz eine große Rolle ſpielte. Hier hat das Zentrum ein
eige=
nes Mandat, und die Bayern verlangen als Preis einer
Ver=
ſtändigung, daß das Zentrum zukünftig auf jede Aktion dort
ver=
zichten ſollte. Das wollte das Zentrum nicht. Man hat dann
eine Kommiſſion eingeſetzt, die vor einigen Wochen in Nürnberg
tagte. Damals ſchien eine Baſis gefunden, windeſtens für eine
gemeinſame Arbeit der Fraktionen. In der Zwiſchenzeit haben
aber verſchiedene politiſche Vorfälle, vornehmlich das Verhalten
der Gruppe Wirth, Befremden ausgelöſt, ſo daß die Nürnberger
Abmachungen in der Luft hängen.
Am Samstag ſind nun die beiden Kommiſſionen in Berlin
erneut zuſammengetreten. Die Bayern hatten ihren Parteiführer
Leicht, den Vorſitzenden des bayeriſchen Landtages, und Dr.
Heim geſchickt, das Zentrum war durch ſeinen
Fraktionsvorſitzen=
den im Reichstag, von Guérard, den Abg. Joos und den
Gene=
ralſekretär der Partei vertreten. Ob diesmal ein beſſeres
Ergeb=
nis erzielt wurde, iſt noch ungewiß, aber ſelbſt wenn das der Fall
wäre, iſt zu berückſichtigen, daß die Grenzen der Unterhändler
begrenzt ſind und eine Zuſtimmung der beiderſeitigen
Partei=
inſtanzen notwendig iſt.
Flaggen und Farben.
Die „Enthüllungen über die gefährlichen Pläne im
Reichs=
innenminiſterium” werden in der demokratiſchen Preſſe
fortge=
ſetzt. Herr von Keudell ſoll die Abſicht haben, die Handelsflagge
ſchwarz=weiß=rot mit der ſchwarz=rot=goldenen Göſche zur
Reichs=
flagge erklären zu laſſen, und zwar mit der Begründung, daß es
ſich um keine Verfaſſungsänderung handle. Dieſer Gedankengang
iſt vor Jahr und Tag ſchon einmal entwickelt worden. Er geht
davon aus, daß im Artikel 3 der Reichsverfaſſung ſchwarz=
rot=
gold als die deutſchen Farben bezeichnet ſind, daß aber von einer
Flagge nur im Zuſammenhang mit der Handelsflagge die Rede
iſt, woraus ſich folgern ließe, daß ſchwarz=rot=gold als
Reichs=
farbe beſtehen bleiben und im Reichswappen wie in den
Kokar=
den der Reichswehr geführt werde, daß dagegen die eigentliche
Flagge Deutſchlands die Handelsflagge ſei. Es gibt viele
Ju=
riſten, die dieſe Beweisführung für ſtichhaltig anſehen; von
anderer Seite wird ſie ebenſo beſtritten. Soweit wir wiſſen, denkt
der Reichsinnenminiſter gar nicht daran, von ſich aus einen
der=
artigen Vorſtoß zu unternehmen. Wenn dagegen die Demokraten
mit ihren angekündigten Anträgen kommen, die grundſätzlich nur
ſchwarz=rot=gold anerkennen und alle anderen Farben verbieten
wollen, dann iſt allerdings zu erwarten, daß — nicht aus dem
Bereich des Innenminiſteriums — aus den Kreiſen der Parteien
der Rechten der Antrag geſtellt werden wird, wie er bereits
ſkiz=
ziert worden iſt, lediglich alſo in der Abwehr.
Das Geſchenk der preußiſchen Stan sregierun z.
Die preußiſche Staatsregierung hat aus Anlaß des 80.
Ge=
burtstages des Reichspräſidenten in der Staatlichen
Porzellan=
manufaktur Berlin vier Porzellangemälde ausführen
läſſen. Die Bilder zeigen in feinſter
Porzellanmale=
rei nach hiſtoriſchen Vorlagen gemalte
Denk=
würdigkeiten Altberlins: das Brandenburger Tor,
die alte Wache, das Leipziger Tor und Schloß Sansſouci. Jedes
der Kunſtwerke trägt die Widmung der preußiſchen
Staats=
regierung.
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ichmachen 6).Lichtige Bereitung
des Wassers A der Waschlauge 2 Kochender Wäsche
2O
Kfe
A
Aau
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E
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Sinmalige.
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Die locker in die fertig bereitete kalte Versillauge
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Kau=
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Nummer 223
Sonntag den 2 Oktober 1922
Aus der Landeshauptſiadt.
Darmſtadt, 2. Oktober.
* Das 25jährige Dienſtiubiläum
des Herrn Verbandsdirektors Berg
wurde geſtern nachmittag mit einem Feſteſſen im Hotel „Zur
Traube” offiziell gefeiert. Zu dieſer Feier waren u. a. erſchienen
als Vertreter des Arbeits= und Wirtſchaftsminiſteriums Herr
Präſident Uebel, ferner Miniſteriakrat Schroth, ferner die Herren
Präſident Bill vom Verband der heſſiſchen landwirtſchaftlichen
Genoſſenſchaften, Direktor Gennes vom Reichsverband der
deut=
ſchen landwirtſchaftlichen Genoſſenſchaften, Berlin, Direktor
Mager von der Landwirtſchaftlichen Genoſſenſchaftsbank, ſowie
zehlreiche Vertreter und Abordnungen von Genoſſenſchaften aus
Heſſen und dem Reich.
In längerer Rede beleuchtete Präſident Bill die Verdienſte
des Jubilars um das landwirtſchaftliche Genoſſenſchafts= und
Bankweſen im allgemeinen und um die heſſiſchen
Genoſſenſchaf=
ten im beſonderen. Er ſtellte den Jubilar als leuchtendes
Bei=
ſpiel von treuer Pflichterfüllung und aufopfernder Arbeit hin
und ſprach im Namen der heſſiſchen Genoſſenſchaften die
herz=
lichſten Glückwünſche zum Jubiläum aus. Präſident Uebel
gratulierte im Namen der heſſiſchen Staatsregierung und im
beſonderen des Miniſteriums für Arbeit und Wirtſchaft,
Direk=
tor Gennes im Namen des Reichsverbands der deutſchen
land=
wirtſchaftlichen Genoſſenſchaften, Herr Direktor Dr. Hamann
im Namen der Landwirtſchaftskammer. Desgleichen ließen
zahl=
reiche Genoſſenſchaften aus Heſſen und dem Reich durch ihre
Vertreter Glückwünſche ausſprechen. In allen Reden kam das
pflichttreue, dabei zurückhaltende und beſcheidene Weſen, ebenſo
wie das ſehr erfolgreiche Arbeiten des Jubilars im Dienſte der
Genoſſenſchaften zum Ausdruck. Sehr groß waren die äußeren
Zeichen in Form von Blumenarrangements und wertvollen
Ge=
ſchenken, die dem Jubilar überreicht wurden. Unter letzteren
war u. a. eine koſtbare Bronze, ferner ein Bildnis von dem
Jubi=
lar ſelbſt, das der bekannte Kunſtmaler Hildebrandt=München im
Auftrag malen ſoll, weiter ein Bildnis des früheren Führers
der Genoſſenſchaften, Geheimrat Saas, und ein ſilberner Pokal.
Herr Direktor Berg dankte für die Ehrungen in längerer
Rede, die ganz ſeinem zurückhaltenden Charakter entſprach und
darin gipfelte, daß er nicht allein in der Lage war, die gewiß
ſorgenvolle Arbeit zu leiſten, wenn nicht ſeine Mitarbeiter und
vor allem die leuchtenden Vorbilder wie Geheimrat Haas und
Direktor Walter ihm dabei treue Gehilfen geweſen wären. Im
weiteren verbreitete ſich Herr Direktor Berg in längeren
Aus=
führungen über die Bedeutung der genoſſenſchaftlichen
Bewe=
gung für die heſſiſche und darüber hinaus für die deutſche
Land=
wirtſchaft, die namentlich in den letzten 40 Jahren einen
unge=
ahnten Aufſchwung genommen hat, und betonte die
Notwendig=
keit, daß immer weiterer und engerer Zuſammenſchluß aller erſt
zum Ziel führen könne. Herr Direktor Berg überreichte der
Land=
wirtſchaftlichen Zentralgenoſſenſchaft eine ſilberne
Präſidenten=
glocke.
Die Feier wurde durch künſtleriſche Darbietungen von
be=
ſonderem Niveau verſchönt, u. a. ſtellte ſich das jüngſte Mitglied
unſerer Landesoper, Herr J. Herrmann (Bariton) als
ſtimm=
lich außergewöhnlich begabter Künſtler vor. Sein Geſang, u. a.
der Prolog aus „Bajazzo”, Lieder von Profeſſor Beines, das
Hochzeitslied von Löwe, Wotans Abſchied (Wagner) zeugten von
dem vornehmen künſtleriſchen Geſchmack des Sängers, ebenſo
wie von hervorregendem techniſchen Können. Der rauſchende
Beifall, mit dem ihm gedankt wurde, veranlaßte den Künſtler
zu einer Zugabe aus „Carmen”, Fräulein A. Kaiſer ſang vereinigte bereits geſtern abend eine überaus große Anzahl ehemaliger
Zugabe verſtehen mußte. Hofrat Ottenheimer hatte die Be= vor. Es iſt zweifellos ein Zeichen treuer Anhänglichkeit und
Kamerad=
gleitung am Flügel übernommen, und dieſe, wie immer, mit ſchaft, daß die große Feſthalle bis auf den letzten Platz beſetz= war.
feinem Führertalent durchgeführt.
„Carmen” ſingt Leo Barezinſki die Rolle des Escamillo.
tag, und aus dieſem Anlaß iſt ins Programm ſeine ſiebente Sinfonie. „Alte Kameraden‟. Die Fahnenabordnungen gruppiarten ſich im
Halb=
aufgenommen.
Generaldirektion für dieſe und die nächſte Spielzeit die Aufführung der menter 33 und 24 in der althergebrachten Unform Aufſtellung
genom=
noch gar nicht oder ſelten in Darmſtadt geſpielten Werke des Dichters, men. Unter lautloſer Stille nahm Oberſt a. D. Freiherr v. Weſter=
Als erſtes wird am 18. Oktober, dem Geburtstage ſelbſt „Käthchen weller das Wort zu einer Begüßungsanſprache, in der er u. a.
Generalintendant.
für Samstag, 8. Oktober, „Salome” von Richard Strauß, und für Erſcheinen. Ich begrüße ganz beſonders die die ſelbſt weite Wege und
Anfang November Muſſorgschs „Boris Godunow”. Von früheren Koſten nicht geſcheut haben, zur Feier ihrer Regimenter hierher zu kom=
Inſzenierungen wird „Aida” die „Gezeichneten” von Schreker und der men. Die Kameraden aus dem beſetzten Gebiete ſollen ſich in dem Kreiſe
Zigeunerbaron” von Vohann. Strauß wieder in den Spielplan aufge= der Ihren einmal wieder wohlfüllen, frü von der auf ihnen laſtenden
nommen — das letztgenannte Werk ſchon am Sonntag, 9. Oktober. — Fauſt. Weiter beguüße ich die Vertreter der befremdeten Regimenter
Im Kleinen Haus wird Mitte Oktober ein moderner Einakter=Abend und Verbände, die unſeren Abend verſchönern helfen.
ſtattfinden, an dem Werke von Hindemith, Toch, Poulene und
Stra=
winſty aufgeführt werden.
Schreiber bei der Landwirtſchaftskammer ſein 25jähriges Dienſt= wir, welchen Wert die Vereine auf ihre Fahnen legen, welche ein
äuße=
jubiläum.
— Arbeitsjubiläum. Am 1. Oktober waren es 30 Jahre, daß Herr an alle der Ruf, ſich an Regiments= und Kriegervereine anzuſchließen.
Georg Kuhlmann, Schneider, bei der Firma Seip Mauer= Denn dieſe Verine treiben keine Partei= ſondern vaterländiſche Politik.
ſtraße 112, tätig iſt. Aus dieſem Anlaß wurde ihm von der Firma ein Wir wollen unſer Vaterland von dem Schandfleck der Kriegsſchnldlüge
Geſchenk überwieſen.
— Orpheum: „Meſſalinette‟. Die reizende Operetten= wollen wir alle Gegenſätze in unſerem Volke überbrücken, damit es wie=
Revue Meſſalingtte” Muſik von Walter Bromme, wird der einia werde, denn nur dunch Eimigkeit wrden wir wieder zu dem
nach der geſtrigen erfolgreichen Erſtaufführung heute und folgende Anſehen gelangen, das unſer Vaterland beſeſſen hat. Wenn endlich der
Tage wiederholt. — Der Sonntagskartenverkauf, findet. Geiſt des Neides gewichen iſt, dann wird auch Einigkeit unter den
Völ=
ſtatt: Verkehrsbureau von 9—12 Uhr, Zeitungskiosk Ernſt=Ludwigsplatz kern zu erreichen ſein. Darum tue jeder an ſeinem Platze ſeine Pflicht
(gegenüber dem Verkehrsbupau) von 11 Uhr vormittags bis 18 Uhr für ſein Vatzwland! Sein begeiſtert aufgenommenes dreifaches Hoch
nachmittags, fowie Kaſſe des Orpheums ab 15 Uhr ununterbrochen, galt dem deutſchen Vaterland. Stehend ſang die Verſammlung die erſte
Telephoniſche Beſtellungen Nr. 389. (Siehe heutige Anzeige.)
Neue Herbſtkurſe in Kurzſchrift und Maſchinenſchreiben. Der ſtaatl.
gepr. Lehrer der Stenographie Hans Schlöſſer. Darmſtadt, Standarten der Kreisvereine Darmſtadt und Friedberg ehemaliger Leib=
Schwanenſtraße 30, 1. Stock, eröffnet in ſeinen Unterrichtsräumen neue Dragoner und die Fahne ehemaliger 116er Darmſtadt eingebracht. Herr
Anfängerkurſe in Reichskurzſchrift und Maſchinenſchreiben. Beginn des Pfarrer Haupt hielt eine
neuen Anfängerkurſus am Dienstag, den 4. Oktober 1927. (Siehe
Anzeige.)
APEIEN
Hochstaetter
Geite 5
Der Oragonet=Tag in Darmſtadt.
Das Oenkmal der Heſſiſchen Oragoner.
* Der Begrüßungsabend
der Heſſiſchen Oragoner=Regimenter.
Lieder von Schubert und Brahms, die ebenfalls herzliche Aner= Dragoner im der geſchmückten Fſthalle. Die Vortragsfolge ſah ein
Konzert der Beamtenvireinigung ehemaliger Militärmuſiker unter der
kennung fanden, ſo daß die Künſtlerin ſich ebenfalls zu einer Leitung von Obermuſikmeiſter a. D. Rühlemann und Böhme
*,* Unter den zahlreichen Ehnmgäſten bemerkte man uter anderem den
ehemaligen Chef des Leibgarde=Dragonerregiments Großherzog Ernſt
Ludwig und zahlreiche Generäle. Eröffnet wurde der Begrüßungsabend
— Heſſiſches Landestheater. In der heutigen Aufführung von durch den „Friderieus Rex=Marſch”, weiter „Jubel=Quverture” und das
Montag abend am 10. Oktober, findet das 1. Sinfoniekonzert „Soldatenleben”. Alsdann enfolgte der Einmarſch der Fahnen und
des Landestheaters ſtatt. Es iſt der Vorabend von Bruckners Todes= Standarden der Vereine unter den Klängen des bekannten Marſches
kreis um das Rednerpult auf der Bühne und boten ſomit ein farben=
Zur Feier von Heinrich von Kleiſts 150. Geburtstag plant die prächtiges Feſtbild. An den Flanken hatten je ein Dragoner der
Regi=
von Heilbronn”, zum erſten Male geſpielt. Die Regie führt der folgendes ausführte: „Von der Denkmals=Leitung wurde mir der
ehren=
volle Auftrag, Sie alle herzlich zu begrüßen. In Ihrer alten Garniſon
Die Oper bereitet für das Große Haus folgende Novitäten vor; heiße ich Sie herzlich willkommen und danke Ihno für Ihr zahlreiches
Die Fahnenweihe dreier Vereine
— Dienſtiubiläum. Am 1. Oktober feierte Herr Verwaltungsinſpektor können wir mit unſerem Begrüßungsabend verbinden. Darauus erſehen
res Zeichen ihrer Zuſammengehörigb it bilden. Es ergeht daher auch
befreien und eintreten für die Wehrhaftigkeit unſeres Volk.s. Weiter
Strophe des Deutſchlandliedes.
Unter den Klängen eines Marſches wurden die zu weihenden
Weiherede,
in der er ausging von der Erſcheinung in der Natur, die uns gerade
jetzt durch das Fallen der Blätter die Vergänglichkeit alles Irdiſchen
vor Augen ſührt. Das Geſetz vom „Werden und Vergehen” iſt
unum=
ſtößlich, und auch wir Menſchen ſind dieſem Geſetze unterworfen. Wie
anders ſah es vor Jahren aus, wiebiele ſtarben in ſtolzer Hoffnung für
das Glück rnſeres Vaterlandes! Die Pflicht der Ueberlebenden iſt es,
der Taten der Verſtorbenen zu gedenken. Eimns muß foſtſtehen bei uns
Ueberlebenden: die treue Menſchenſeele. Gerade die Standarten ſind
Symbole dieſer Treue. Dieſe Treue müſſen wir halten bis über das
Grab. Zwar gibt es in jedes Menſchm Leben Einwirkungen, die
rich=
tunggebend ſind, aber der Urgrund der Seele bleibt ſtets derſelbe, mögen
die Erlebniſſe noch ſo hart und überwältigend ſein. Wir ſehen dies an
unſerem großen Vorbild Dr. Martin Luthn, der im ſtarken Glauben
bis an ſein Lebensende ſtets der gleiche blieb. Ein einmal gegebener
Schwur darf niemals vergehen. Gleich wie unſer Heiland an ſeinem Volk
gehangen hat, ſo muß ein jeder von uns ſagen: ich bin geboren, deutſch
zu fühlen, bin ganz auf deutſches Denken eingeſtellt; erſt kommt mein
Volk und dann die anderen alle! Unſere Väter haben für ihre Ideale
gelebt, ſie ſind für dieſe Ideale geſtorben, und unſere Sache iſt es, dieſe
Ideale hoch zu halten, für unſer Vaterland zu leben und einzutreten.
Ein weiteres großes Vorbild haben wir in unſevem allverehrten
Hinden=
burg, deſſem Schweſtr gerade mir anläßlich der von ihr gegebenen
Bibel=
ſtunde die Seele ihres Bruders geoffenbart hat. Folgen wir ihm in
aufopfernder treuer Vaterlandsliebe. So weihe ich denn dieſe Fahnen
als alter Soldatenpfarrer im Geiſte der Offenbarung Johannes: Sei
getreu bis in den Tod!
Unter den Klängen „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre” wurden
dia Standarten des Kreisvereins Darmſtadt der 24er Dragoner, des
Kreisverins Friedberg der 24er Dragoner und die Standarte und
Fahne des Infanterie=Regiments 116 feierlich enthüllt. Eine überaus
große Anzahl von Patenvereinen, ſowie befreundeten Vereinen ehrten
ihre Kameraden durch Ueborreichung von Schleifen und Fahnennägeln,
verbunden mit herzlichen Glückwunſchanſprachen.
Unter den Klängen eines flotten Marſches begaben ſich die
Fahnen=
abordnungen in geſchloſſenem Zuge aus der Feſthalle. Somit war der
eigentliche feierliche Akt beendet. Es entwickelte ſich bei ſchneidiger Muſik
der Beamtenvereinigung ehemaliger Militärmuſiker eine lebhafte
Unter=
haltung, wobei zahlreiche Erinnerungen ausgetauſcht und alte, längſt
ruhende kameradſchaftliche Freundſchaft erneuert wurde. Wie treu die
Kameradſchaft war, bewieſew nicht nur alle die zahlreichen jungen
Dra=
goner, die zu ihrem Feſte herbeigeeilt waren, ſondern auch viele
Veteranen. Wohl einer der älteſtm iſt der im 87. Lebensjahr ſtehende
Stationsvorſteher i. R. Müller, Bismarckſtraße, der von 1861 bis
1871 ſtrammer Dragoner war und ſeinem Regiment mit Leib und Seelle
heute noch ergeben iſt wie damals. Mit jeder Stunde wurde die
Untel=
haltung lebhafter, und ſelbſt dann verſtummte ſie zunächſt nicht ganz, als
die libenden Bilder, geſtellt von der Tumgemeinde 1875, vorgeführt
wurden, die in ihrem erſten Teil Deutſchlands Größe vor dem
Zu=
ſammenbruch zeigten. Um ſo erſchütternder war die Ruhe, die eintrat,
als die Bilder „Totemehrung” und „Deutſchlands Knechtung”, geſtllt
wurden. Und jubelnd wurde wiederum das Hoffnungsbild kraftvoller
deutſcher Zukunft aufgenommen, das in muſtergültiger Weiſe von den
ſehnigen Geſtalten der Turner verkörpert wurde. Die Erläuterung zu
dieſen Bildern gab in vorbildlicher Weiſe Tumwart Matthes.
Bei temperamentvoller Kavalleriemuſik unter dem Wahrzeichm der
beiden feiernden Dragoyer=Regimenter, die in feſtlicher Beleuchtung zu
Seiten der Bühne prangten, gedachte man noch einige Stunden in
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ſelliger Unterhaltung entſchwundener Zeiten.
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lan
Pfund
Seite 6
Sonntag, den 2. Oktober 1927
Nummer 273
*Hindenburg=Geburtstagsfeier.
Am. Inmitten der ehemaligen Leibgarde=Kaſerne, deven Hof nebſt
dem umſchließenden Baulichkeiten einen ernſten, ſchlichten Rahmen der
Bedeutung des Tages angepaßt abgab, gedachte man am Samstag
nach=
mittag unſeres Hindenburg. Der Einladung des Feſtausſchuſſes, der
ſich aus den verſchiedenſten vaterländiſchen Verbänden und Vereinen
zu=
ſammenſetzte, war die Bevölkerung Darmſtadts in ſtärrſtem Maße
ge=
folgt. Schneidig geſpielte Muſikſtücke der Kapelle ehemaliger
Militär=
muſiker leiteten die Feier ſtimmungsvoll ein. Die Fahnen der
Studen=
tenſchaft umwallten feierlich die Freitreppe, von der aus die Fahne
des Vereins ehemaliger Marineangehöriger geweiht wurde und von der
ſodann mit weithin ſchallender Stimme Herr Pfarrer Berck folgende
Feſtanſprache hielt:
„Die Zukunft Deutſchlands ſteht vor uns. Im Dunkel liegt ſie
noch. Gelichtet hat ſie ſich ſchon gewiß und lichten wird ſie ſich weiter.
Von Perſönlichkeiten kommt ein feder Fortſchritt in der
Ge=
ſchichte. Wohl dem Volke, dem Führer erſtehen in der Not, wie ſie die
Belaſtungsproben, die dem deutſchen Volke geſtellt ſind, erfordern. Seit
Bismarck ward keiner ſo groß wie er — Hindenburg, der Held.
Aus tiefer Not ward er zum Höchſten berufen, und er hat die gottliche
Sendung, unſer Hindenburg. Der Befreier der Oſtwark, der Führer
des Heeres, der Retter des Staates, der Vater des
Vaterlan=
des. Viermal ſchien ſein Arbeitstag zu Ende und viermal ging ihm
wieder die Sonne neuer, größerer Pflicht auf. Jedesmal geſtaltete ihn
das Schickſal größer demn zuvor. Er ſtellte den ausgedienten General
an die Spitze des Heeres. Er bürdete dann dem getreueſten Lehnsmann
ſeines oberſten Kriegsherrn die ungeheure Aufgabe auf, unter dem
Druck des härteſten Waffenſtillſtandes das Heer in die Heimat
zurück=
zuführen. Er vertraute ihm das Uebermenſchliche an, unter
Hintanſtel=
lung perſönlicher Wünſche und Meinumgen auf dem Poſten zu bleiben
und dem neuen Regenten die Hand zur Rettung vor dem drohenden
Zu=
ſammenbruch zu reichen. Er holte den zur Seite getredenen greiſen
Großen noch einmal hervor ud erkor den Kriegsführer zum
Frie=
densführer der Nation. Wer hat den Mann ſo groß gemacht?
Eine einzige, eine ewige Kraft: die Pflicht. An Hindenburg iſt alles
herb und ſtreng, hart iſt ſeine Jugend, knapp und karg des Mannes
Weiſe. Soldat iſt er ſchlicht und ſtets. Stets auch die Stimme der
Wahrheit. Drum muß er am Gedenktag von Tannenberg bekunden, daß
nicht wir es warem, die die Weltnot ſchufen, die man Weltkrieg nennt,
daß wir mit reinen Händen zu reinen Waffen
grei=
fen mußten, ſchickſalshaft. Ein Mann ſchreitet vor uns
her ſchnurgerade ſeinen Weg, durch Wetterſturm und Niederbruch
un=
verzagt umd umbeirrt durch der Parteien Gunſt und Haß. Ein Mann
ſtehr zu uns, uns kündend, daß es im Wandal der Schickungen ein Feſtes
gibt: die Mannestreue, die das Gebot der Stunde ſchlicht und ſtill
erfüllt. Ein Mann ſchaut auf uns, der im entſagenden Dienſt am
Vater=
land die große Zuverſicht auf des deutſchen Landes Geſundung und
Sendung uns zuträgt. Und das macht ihn zum Volkshelden, daß wir
in ſeinem Schickſal unſer Schickſal ſchauen, daß wir das deutſche
Schick=
ſal erleben, wie er es erlebt. Achtzig Jahre währte ſein Leben. Es
war köſtlich. Bewahre es Gott, daß es immer köſtlicher werde und es
uns mehr glauben lehre, an die deutſche Nation, an das deutſche Herz
und ihre Zukunft.”
Mit dem machtvoll aus Tarſenden vom Kehlen zum Herbſthimmel
aufſteigenden Deutſchlandlied endete die eigentliche Feier, die in
Muſik=
vorträgen ausklang und in ihrer knappen Schlichtheit zum Symbol
wurde. — Ein Huldigugstelegramm ſoll an den Reichspräſidenten
ge=
ſandt werdem.
H. W. W.
— Das neue Gefchäftsjahr der Volkshochſchule. Die Volk zhochſchule
beginnt im Oktober ihr neues Geſchäftsjahr. Der neue Arbeitsplan
zeigt, die für den nächſten Abſchnitt geplanten Kurſe an. Anmeldungen
ſind an die Geſchäftsſtelle, Mathildenplatz 17, zu richten. Die
Volks=
hochſchule Darmſtadt dient in erſter Linie der Fortbildung derjenigen
Erwachſenen, die nach ihrer Vorbildung und beruflichen Stellung das
Bedürfnis fühlen, die Lüchen in ihrem Wiſſen nach Möglichkeit
auszu=
füllen. Dieſem Zweck dienem die Vorkurſe in Deutſch und Rechnen, die
an den Unterricht der Volksſchule anknüpfen und das Verſtändnis
der übrigen Kurſe erleichtern ſollen. Die freien Fach= und
Fortbildungs=
kurſa verfolgen in ſyſtematiſchem Aufbau den Zweck der reinen
Wiſſens=
vermittlung und der beruflich=ſachlichen Weiterbildung (Franzöſiſch,
Engliſch, Spaniſch, Italieniſch, Buchführung). Die eigentlichen
Volkshoch=
ſchulkurſe umfaſſen Vortragsreihen von ſechs oder acht Abenden, am
denen die Hörer in die verſchiedenſten Wiſſensgebiete eingeführt werden.
An den Vortrag des Dozenten ſchließt ſich eine Ausſprache an. Daneben
wird in Arbeitsgemeinſchaften, die ſich aus den
Vortrags=
reihen entwickeln, eine regere Mitarbeit der Hörer durch ſchriftliche und
mündliche Referate gefordert. Die in Volkshochſchulkurſen zur
Behand=
lung kommenden Gebiete ſind etwa folgende: Philoſophie und
Reli=
gionswiſſenſchaft; „Erziehumgslehre, Rechtswiſſenſchaft und
Volkswirt=
ſchaftslehre; Geſchichte und Staatsbürgerkunde: Deutſche Literatur,
Phyſik, Chemie und Technologie: Biologie und Geſundheitslehre;
bildende Kunſt. Nach Bedarf werden Einzelvorträge über ein beſtimmtes
Thema gehalten. Die Arbeit in den Kurſen wird ergänzt durch
ge=
meinſame Veranſtaltungen, wie: Botaniſche und geologiſche
Wanderungen, Führungen durch Muſeen und Galerien, Studienfahrten
und Morgenfeiern. Beſondere Sorgfalt wird den Ferienburſen
ge=
widmet, die dem Zweck haben, eine Anzahl von Hörern unter Führung
eines Dozenten vierzehn Tage lang zu einer Arbeits= und
Lebensge=
meinſchaft in einer landſchaftlich reizvollen Gegend zu vereinen. Die
Volkshochſchule, die von Staat und Stadt finanziell gefördert wird,
ver=
waltet ſich ſelbſt unter weitgehender Mitarbeit von Dozenten und
Hörern. Sie iſt politiſch und konfeſſionell neutral und ſieht als ihre
letzte höchſte Aufgabe an, die Zerriſſenheit unſeres Volkes durch
Ueber=
brückung der Gegenſätze auf Grund echter Volksbildungsarbeit und
menſchlichen Gemeinſchaftsſtrebens zu überwinden.
— Ihren 80. Geburtstag feiert heute in ſeltener Rüſtigkeit Frau
Johanna Jgkob, Kirſchenallee 87. Mögen der alten Dame noch
ſchöne Jahre zu ihrem Lebensabend beſchieden ſein.
— Zeltlagerabend. Heute abend um 8 Uhr wird im Gemeindehaus
der Johannesgemeinde Pfarrer Goethe einen Vortrag halten an Hand
einer größeren Anzahl ſehr ſchöner Lichtbilder über ſeine Erlebniſſe,
die er als Leiter des Reichszeltlagers des Bundes deutſcher
Jugend=
vereine im Südharz machte. Die Gemeindeglieder, Eltern und Freunde
der Jugend ſind herzlich eingeladen.
— „Liebe, Ehe, Scheidung, Krankheit und Geſundheit”, heißt das
Thema eines Vortrags, den am Mittwoch, den 5. Oktober, abends 8 Uhr,
im Fürſtemſaal Frau Agnes Krägeloh aus Köln hält. Wir
ver=
weiſen im einzelnen auf die heutige Anzeige.
Freimachung der Poſtkarten nach der Tſchechoflowakei und Ungarn.
Trotz wiederholter Hinweiſe werden immer noch Poſtkarten in großer
Zahl nach der Tſchechoſlowakei und Ungarn nur mit 8 Pfennig
anſtatt, wie es richtig iſt, mit 10 Pfg. freigemacht. Um Verzögerungen
und ſonſtige Mißhelligkeiten zu vermeiden, wird den Abſendern dringend
mpfohlen, auf die richtige Freimachung der nach der Tſchechoſlowakei
und Ungarn gerichteten Poſtkarten beſonders zu achten.
Lokale Veranſtaltungen.
Die bierunter erſcheinenden Rollzen find andſchlieällch als Hinweiſe auf Anzeigen zu betrachten.
in teigem Faſſe irgendwie als Bebrechung oder Krliſk.
— Im Hotel Prinz Heinrich (Bleichſtraße) findet heute
Sonntag abend Familienkonzert ſtatt. Der Beſuch wird beſonders
empfohlen. (Siehe Anzeige.)
Grenzgang.
Wenn der wundervolle Wald, der Darmſtadt umkränzt, im Herbſt
ſein königlich Purpurkleid anlegt, das ſein einſt=friſches Grün in ein
leuchtend Meer von Farben taucht, wenn die Zeit naht, da die Natur
nach letztem Auf= und Ausleben zum Winterſchlaf zurüſtet, beſinnen ſich
unſera Stadtväter und =Mütter gerne darauf, daß ſie neben
Bureau=
oder Parteimaſchinen auch Menſchen ſind von Fleiſch und friſchem,
warmem Blut, daß ſie Menſchen ſind mit Sinnen und Dürſten nach
Schönheit, daß auch ſie in der Lage ſind, einmal allen Aktenſtaub und
alles Parteigezänk und alle Tätigkeit für die Allgemeinheit zu vergeſſen
und die Lungen voll zum pumpen mit dem belebenden Ozon des Waldes,
der herrlichen Natur. Dann — wenn dieſes Beſinnen kommt — rüſtet
man zum Grenzgang.
Der Grenzgang — geheiligt durch die Jahrhunderte alte Tradition —
iſt die einzige Gelegenheit, da alle, die daran teilzunehmen die
Aus=
zeichnung genießen, wiſſen, daß ſie Menſchen ſind, die trotz uller
Ver=
ſchiedenheit doch geeint werden in einem Ziel, in einem Streben:
das dem Wohl und Wehe der Heimat, der Vaterſtadt gewidmet iſt, zu
der die Liebe alle Gegenſätze ausgleicht.
Es iſt, als ob ſelbſt der Himmel dieſes fromme Tun geſegnet: Nach
langer unfreundlicher Regenzeit brach geſtern ein Sonne=durchleuchteter
wundervoller Herbſttag an, der die herrliche Natur in einen
Strahlen=
glanz von Sonne und Farbe tauchte. Märchenſtimmung, die dem Städter
leider ach ſo ſelten zuteil wird. —
Um 11 Uhr verſammelten ſich die Grenzgänger an den Hirſchköpfen.
Die Stadtverwaltung, vertreten durch die Herren Büvgermeiſter Mueller,
Buxbaum, Ritzert, Delp, die Verwaltungsvorſtände, als Ehrengäſte
Finanzminiſter Henrich und ſonſtige Herren von den Miniſterien;
weiter Reichsbankdirektor Müller, Direktor Purpus und viele andere.
Die Führung, flott, teilweiſe ſehr flott, und die Wege mit beſter
Sach=
kenntnis und Sinn für romantiſche Waldesſchönheit wählend, lag bei
Herrn Forſtaſſeſſor Arnoldi in beſtbewährten Hünden (bzw. Füßen!).
Von den Hirſchköpfen aus ging der Marſch am Oberwald entlang durch
die Backofenſchneiſe, unter Kreuzung der Roßdörfer Straße den
Haupt=
weg zur Oppermannswieſenſchneiſe, den entzückenden Schmampelweg zum
herrlich am Wald=Wieſenrand gelegenen Alexandertempel, wo Raſt
ge=
halten wurde. Mit dieſer Raſt verbunden war eine auch nur bei dieſer
Gelegenheit alljährlich wiederkehrende Wiederſehensfeier mit dem —
Würſtweck, der nach dem flotten Marſch bei einem Glas Bier
treff=
lich mundete. Nach dieſer traditionellen Stärkung ging der Weg weiter
durch die Forſtmeiſterſchneiſe, vorbei an der Klipſteineiche und nachher
dem Bismarcktempel, durch die Wilhrandtſchneiſe zur Ludwigshöhe,
Während des ebenfalls traditionellen Hirſcheſſens hielt
Bürger=
meiſter Mueller die Begrüßungsanſprache, in der er ungefähr
ausführte:
Unter dem Geleit prominenter und liebenswürdiger Gäſte,
ſach=
verſtändig geführt von bewährten Männern der grünen Farbe, ſo
haben wir auch heute wieder nach altem Brauch unſeren köſtlichſten Beſitz,
unſere Wälder, durchſtreift. Einmal im Jahre reißen wir uns
gemein=
ſchaftlich los vom Staub der Akten, vom Bureau und Werkſtatt und
Geſchäft, löſen wir uns aus dem ſteinernen Meer der Stadt, ſtrömen
wir lufthungrig und ſchönheitsdürſtend in’s Freie. Der Ruf:
Grenz=
gang” riittelt die Gemüter auf, er wirkt immer wieder wie ein
Zauber=
wort, wenn ſchon er längſt ſeinen eigentlichen Sinn verloren hat.
Nie=
mand mehr macht uns ja unſere Gemarkungsgrenzen ſtreitg. Wir
brauchen nicht mehr, wie einſt, unſere Kinder an die Grenzſteine zu
führen, ſie dort nach alter Sitte, damit ſie ſich ja den Standort
gründ=
lich einprägen, zu ohrfeigen und wieder durch Brezeln zu verſöhnen.
Das war ja auch der Grund, weshalb man ſchon vor langer Zeit den
offiziellen Grenzgang ganz aufgegeben hatte, er war überflüſſig geworden.
Wenn wir ihn vor etwa 20 Jahren wieder der Vergeſſenheit entriſſen
haben — unter zeitgemäßer Beſchränkung auf einen kleinen Streifzug
durch die ſtädtiſchen Wälder, ſo leitete uns dabei vor allem die Pietät
von einer jahrhundertealten Tradition. Es kam hinzu das Bedürfnis
des Nervenbündels, wie man den modernen Menſchen nennt, nach
Ent=
ſpanmng nach des Jahres Laſt und Mühe, vor Juangriffnahme der
harten Winterarbeit. Wir können heute in der Tat dieſen der Mutter
Natur geweihten Tag weniger denn je entbehren. Der Kampf ums
Daſein zermürbt manchen vor der Zeit; den Sorgen des Einzelnen
geſellen ſich die Sorgen um das Wohlergehen und die Zukunft unſerer
Stadt. Die finanzielle und ſoziale Not, insbeſondere die
Wohnungs=
miſere, drücken uns nieder. Hinzu kommt die ſeeliſche Depreſſion, die
aus dem verlovenen Kriege, der Demütigung und Verarmung des
Vaterlandes emporwächſt.
Was kann uns beſſer tröſten und aufrichten als der feierlich
ge=
dämpfte Klang unſerer Schritte auf dem blätterbedeckten Waldesboden,
als der Geſang der Vögel, als das Rauſchen der Bäume im Wind? Wo
noch tritt uns die erhabene Größe des göttlichen Gedankens, des
Schöpferwaltens ſo unmittelbar, ſo gewaltig vor die Sinne wie hier?
Der Wald weiß nichts von Streit und Hunger und Not, er weiß nichts
von Tugend und Laſter, ihn kümmert nicht Luſt und Leid und Liebe der
Menſchen. Aber wir fühlen, daß wir hier nicht einſam, nicht verlaſſen
ſind, daß die ſtummen Stämme, die grünen und die braunen Blätter,
die tauſend kleinen Bewohner des Waldes Nachſicht und Verſtändnis
haben müſſen für uns und unſer Glück und unſere Sorgen. Ja, mehr
noch, wir werden beglückt gewahr, daß die Natur ein Jungbrunnen
für uns iſt, daß wir neue Kraft ſaugen aus der Scholle, neues
Zu=
trauen zu uns gewinnen, neuen Mut ſchöpfen zu froher, zielbewußter
Tat. Wir ſpüren ordentlich, wie ſich dieſe Quellen der Natur umſetzen
in Energien. Und mit der wachſenden Kraft erneuert ſich das
Ver=
trauen in den Segen unſerer Arbeit, und in gleichem Maße gleitet von
uns ab die lähmende Depreſſion wie ein häßliches, läſtiges Gewand.
Das Bewußtſein der Schwierigkeit des Kampfes ſtärkt unſere
Wider=
ſtandskraft, ſtählt uns zum Angriff. Der Winter ſteht vor uns bis an
die Zähne bewaffnet. Wohlan, mag er kommen, gehen wir ihm
furcht=
los und ſiegesbewußt entgegen. Wo ein Wille iſt, da iſt auch ein Weg.
Ich begrüße Sie alle, meine Damen und Herren, die Sie nach dem
herrlichen Gang nun hier an hergebrachter Hirſchtafel mit uns vereinigt
ſind zu angeregter Zwieſprache. Unſere Gedanken ſchweifen i alle
Welt hinaus und bleiben wohl vielfach haften an der ehrwürdigen
Per=
ſönlichkeit unſeres allverehrten Herrn Reichspräſidenten, der morgen den
80. Geburkstag feiert, dem auch wir unſere herzlichſten Grüße und
Glück=
wünſche überſandt haben. Unter ſeinem Schutz und Schirm dürfen wir
vertrauensvoll in die Zukunft blicken, nicht zuletzt in die Zukunft
un=
ſerer Stadt, der am Grenzgangstage, wie ſtets, ſo auch heute, unſer
Hoch erklingen ſoll.
Finanzminiſter Henrich dankte in ſeinem und im Nanen der
übrigen Gäſte für die freundliche Einladung und für die herzlichen
Be=
grüßungsworte. Seine Legitimation — ſo führte der Herr
Finanz=
miniſter aus —, hier under dieſer Verſammlung zu weilen, möchte er
nicht herleiten aus ſeiner gegenwärtigen Amtsſtellung; ſie ſei vielmehr
älteren Datums. Seit 1908 habe er in näheren Beziehungen zu der
Stadtverwaltung geſtanden als Stadtverordneter und ſpäter als
Bei=
geordneter. Die Zahl ſeiner damaligen Mitarbeiter ſei allerdings heute
ſehr zuſammengeſchmolzen, und nur wenige ſehe er hier, mit denen
zuſammngearbeitet zu haben ihm eine freundliche Erinnerung ſei. Er
wiſſe, daß es trotz mancher Kämpfe gemütlich, zum mindeſten
gemit=
licher im Stadtdarlament zuging als in einem anderen Parlament, und
wenn etwa einer der hier Anweſenden die Abſicht habe, auf der
Stufen=
leiter ſeiner Tätigkeit aus dieſem Parlament in das andere einzuziehen,
ſo möchte er ihn ehrlich warnen. „Noch keinen ſah ich glücklich enden”,
der ſeine Schritte in das Parlament oder noch weiter gelenkt habe, wohl
aber haben viele nicht nur einen Splitter, ſondern einen ganzen Balken
gefunden. Im übrigen aber freue er ſich, daß die Stadtverwaltung an
der ſchönen Uebung des Grenzganges feſthalte, und daß es auch heute
wieder ſehr gemütlich zugehe. Das gebe Stärkung zu neuer
gemein=
ſamer Arbeit im Dienſte der Vaterſtadt. Ihr und ihrer Verwaltung,
in erſter Linie Herrn Bürgermeiſter Mueller, galt ſein Hoch.
Herr Stadtverordneter Aßmuth erinnerte daran, daß der
heu=
tige Grenzgang eigentlich die Feier eines ſehr bedeutſamen hiſtoriſchen
Ereigniſſes ſei. Vor 40 Jahren nämlich ſei die Vereinigung der beiden
Schweſtern Darmſtadt und Beſſungen erfolgt. Im Frühjahr
des Jahres 1886 haben die Verhandlungen eingeſitzt und kamen ſo um
die Zeit des 1. Oktober zum Abſchluß. Seit dieſer Zeit leben die beiden
„Stadtſchweſtern”, die früher wohl nebeneinander wohnten, aber
ge=
trennten Haushalt führten, friedlich und in ſteter Fortentwicklung
zu=
ſammen. Der Redner warf einen ſehr interſſanten Blick auf die
da=
maligen Verhandlungen, deren dreifaches Scheitern bis zum endlichen
Erfolg, und verſtand es, dieſen geſchichtlichen Rückblick mit köſtlichem
Humor auszuſchmüchen. Sein Toaſt galt allen denen, die ihre
Arbeits=
kraft in den Dienſt der Vaterſtadt ſtellten und heute noch ſtellen.
Herr Stadtv. Kolb gab dann in der üblichen, humorgewürzten
Weiſe in gebundenem Vortrag einen ſehr umfaſſenden Rückblick auf
das verfloſſene Jahr, der ebenfalls mit dankbarem Beifall aufgenommen
wurde. — Herr Präſident Rieß vom Heſſen=Darmſtädter
Volksfeſt=
verein dankte ebenfalls ſür die freundliche Einladung und verſprach,
wenn er wieder nach Amerika zurückgekehrt ſein werde, es dem
Bürger=
meiſter Buxbaum gleichzutun und ſeine Reiſeeindrücke in Deutſchland
gegen ein gleich fürſtlich’s Honorar zu veröffentlichen. In dieſen
Er=
innerungen wird dann der heutige Gvenzgang ein beſonders
angeneh=
mes Kapitel werden.
Die weiteren Reden, deren es vermutlich noch eine große Zahl gab,
wiederzugeben, ſind wir leider nicht in der Lage, da b rufliche Pflichten
uns leider vor Einbruch des Sonntagmorgen ſchon abriefen. „*
Die muſterhafte Bedienung wurde geſtellt von dem Bund der Hotel=,
Reſtqurant= und Café=Angeſtellten Deutſchlands, Ortsgruppe Darmſtadt.
— Standkonzert auf dem Paradeplatz. Auf das heute mittag um
12 Uhr ſtattfindende Standkonzert anläßlich der Geburtstagsfeier des
Herrn Reichspräſidenten ſei nochmals hingewieſen. Leitung Herr
Ober=
muſikmeiſter M. Weber.
Kunſfnotizen.
Ueber Werte, Künſier oder künſtleriſche Veranſtaltungen, deren im Nachſſehenden drwihnung
geſchleht, behält ſich die Redaktion ihr Urteil vor
— Union=Tßeater: „Regine die Tragödie einer
Frau”. Nach Gottfried Kellerſchen Motiven, von denen aber einzig
der äußere Gang der Handlung blieb, verſucht Erich Waſchneck,
ſchickſal=
haftes Erleben und tragiſche Verknüpfung eines Frauendaſeins zu
for=
men. In einer kleinen Stadt wächſt die blonde Regine auf, geduldiges
Arbeitstier für den verkommenen Vater und den arbeitsſcheuen Bruder,
die das wehrloſe Mädchen immer wieder zu Diebſtählen anſtiften
wol=
len. Und dann kommt das große Glück: ein reicher Mann führt ſie in
ſein Haus. In Geſtalt einer Frau tritt das Schickſal drohend an ſie
heran. Und unkundig der geſellſchaftlichen Sitten, Spielball in den
Hän=
den dieſes Vampyrs, verwickelt ſich Regine in ſo falſch erſcheinende
Situationen, daß ſie nicht mehr hinausgelangen kann. Der Mann kehrt
heim, verläßt ſie toll vor Eiferſucht, findet aber ſchließlich doch den Weg
zu ihr zurück. Dazwiſchen liegt noch die tiefe Erſchütterung, als ſie
nächtens ihrem Bruder begegnet, der ſeinen Vater ermordet hat. Ein
Thema mit vieler Handlung und ausdeutbaren Möglichkeiten. Waſchneck
begnügt ſich mit ſparſamen Andeutungen, die mitunter ſtark wirken.
Dann wieder malt er in der größten Breite aus. Lee Parry hat
ein=
zelne Szenen von guter Eindringlichkeit. Harry Liedtke, ein kraftvoller,
echter, lebendiger Mann. Peter Leſcha, Oskar Homolka, Albert
Stein=
rück zeichnen knapp und kurz intereſſierende Menſchen. Vivian Gibſon
wird allzu ſehr auf übermondäne Frau dreſſiert. In einer kleinen
Epi=
ſodenrolle Hermine Sterler, fein und deſtinguiert ausſehend, eine
wirk=
liche Dame.
— Im Reſibenz=Theater kommt der neue Domo=Strauß=
Film „Primanerliebe” zur Aufführung. Robert Land, der
be=
kannte Regiſſeur der „Venus im Frack” hat in dieſem neuen Werk ein
lebendiges Bild der Freuden und Leiden, welche unſere Jugend in
ihrem letzten Schuljahr bedrängt, gegeben. Er hat ein erleſenes
En=
ſemble erſter Darſteller, wie Grete Mosheim, Agnes Straub, Wolfgang
Zilzer, Fritz Kortner, Paul Otto, Jaro Fürth und Adolphe Engers
für die Verkörperung der Hauptrollen in die Handlung geſtellt. Der
Film, welcher vor der Filmprüfſtelle eine Art von Kulturkampf
ent=
feſſelt hat und erſt nach einem Sachverſtändigenurteil der bekannten
demokratiſchen Abgeordneten Frau Dr. Gertrud Bäumer freigegeben
wurde, iſt ein Ereignis allererſten Ranges,
— Palaſt=Lichtſpiele: „Der letzte Walzer‟. Der
Regiſſeur Dr. A. Robiſon kann einen Erfolg auf ſein Konto buchen; er
verſteht es, an kritiſchen Stellen mit einem luſtigen Einfall einzugreifen.
Darſtelleriſch iſt der Film ungewöhnlich fein. Ausgezeichnet war das
Spiel von Suzi Vernon, Willi Fritſch und Liane Haid ſowie Fritz Raſp.
H. A. von Schlettow weiß der Figur des Großfürſten ſo viel freundliche
Züge abzugewinnen, daß die Zuneigung der Fürſtin (Liane Haid)
ver=
ſtändlich wird. Im Zentrum der Handlung und des Intereſſes Willi
Fritſch, der ſchon vom erſten Auftauchen ſeines hübſchen Jungengeſichtes
an alle Herzen gewonnen hat. Sehr ſpaßig die vundliche Majeſtät Sophie
Pagays. — „Der Seeoffizier‟. Den Helden ſpielt Ramon
No=
varro, aus dem Ben Hur=Film beſtens bekannt, ein bildhübſcher,
ſym=
pathiſcher Junge und nicht ohne Humor. Ramon Novarro hat eine
Paraderolle. Er ſieht natürlich bezaubernd aus und iſt außerdem ein
Ausbund an Güte, Edelmut und Pflichterfüllung. Trotzdem wirkt er
immer lebendig und jungenhaft und bleibt in allen dieſen Abenteuern
der ritterliche, junge Kavalier.
Tageskalender für Sonntag, den 2. Oktober 1927.
Landestheater Großes Haus. Anfang 19 Uhr, Ende 22¼
Uhr: „Carmen” — Kleines Haus, Anfang 20 Uhr: Tanzabend
Manda von Kreibig. — Orpheum, Anfang 20 Uhr: „
Meſſa=
linette‟ — Heſſ. Dragoner nachm. 5 Uhr: Große
Wieder=
ſehensfeier; Konzert in der Feſthalle. — Konzerte: Ludwigshöhe;
Schloß=Café; Hotel Schmitz; Café Rheingold; Hotel Waldſchlößchen;
Münchener Hofbräu; Bismarck=Eck; Frankfurter Hof; Reichskrone;
Café Egenrieder; Haferkaſten; Spaniſche Bodega; Meenzer Müller;
Schweizerhaus Eberſtadt; Hotel Prinz Heinrich. — Zentral=
Hotel, Obergaſſe: Tanz. — Kinovorſtellungen: Union=,
Reſidenz=Theater, Palaſt=Lichtſpiele. — Kirchweihe in
Roß=
dorf: Darmſtädter Hof. — Gaſthaus zum Odenwald,
abends 8½ Uhr, in Ernſthofen: Feier des Geburtstages von
Hin=
denburg.
Rauche mit Verfand,
Salmede den HABdKdb.
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Nummer 273
Gonntag er 2 Oftober 1927
Geite 7
Der Verwaltungsgerichtshof
htte geſtern vormittag in einer Sitzung zu entſcheiden, ob den
Stadt=
rordneten der Stadt Mainz eine laufende monatliche
Aufwandsent=
aädigung von 30 Mark zu gewähren ſei. Der Gerichtshof verneinte
ſies, ſodaß
keine pauſchale Aufwandsentſchädigung für die Stadtverordneten
ur Stadt Mainz in Frage kommt. Die Verhandlung leitete als
Vor=
it ender Präſident Süffert. Den Bericht erſtattete
Oberlandgerichts=
ier Schade. Es handelte ſich um einen Antrag der kommuniſtiſchen
sradtverordneten der Stadt Mainz, die eine pauſchale monatliche
Auf=
prnts ntſchadigung von 50 Mark vorſchlugn. Die
Stadtverordneten=
vrſammlung in Mainz ſtimmte in einer Sitzung dieſem Antrag zu,
este aber die Pauſchale auf 30 Mark feſt. Seither war di ſe Form der
Aafwandsentſchädigung in Heſſen nicht üblich, wurde auch in keiner
S adt — außer in Offenbach — gefordert. Dir Oberbürgermeiſter der
S adt Mainz ſowie der Provinziglausſchuß von Rheinheſſen haben den
8eſchluß der Stadtverordneten gutgeheißen, während das Kreisamt und
de Vorſitzende des rheinheſſiſchen Provinzialausſchuſſes gegenteiliger
Aaſicht waren.
Herr Reg.=Nat Falck als Vertreter des Kreisamtes und des
Pro=
unnzialdirektors führte u. a. aus, daß die Entſcheidung von
weittragen=
ur= Bedeutung auch ſür die etwa 1000 übrigen Gemeinden in Heſſen ſei.
5- führte, die Art. 90, 91 und 1382 der Städteordnung an und
er=
lerte, daß es nicht im Sinne des Geſetzgebers war, eine laufende,
feſt=
ncende Aufwandsentſchädiung der ehrenamtlich tätigen
Stadtverordne=
en zu gewähren, ſondern eine Entſchädigung wie ſeither nach Maßgake
diee vorgelegten Aufwandsforderungen. Da die Stadtverordnten ihre
2rtigkeit am Orte ausüben, ſei eine pauſchale Entſchädigung in
Form=
um Tagesgeldern uſw. nicht berechtigt. — Der Vertreter des
Ober=
urgermeiſters der Stadt Mainz, Bürgermeiſter Ehrhard, vertrat
ermen Standpunkt und erklärte, daß die Anſicht des Kreisamts formell
deſelbe wie die des Oberhürgermeiſters ſei; aber rechtliche Bedenken,
o0 man 8 91 der Städteordnung nun ſo anſehe, daß eine Entſchädigung
nnch jedesmaliger Forderungſtellung vorgenommen werde oder pauſchal.
A tänden wohl nicht. Man wolle kein Entgelt für geleiſtete Mühe und
die ehrenamtliche Tätigkeit der Stadtverordneten, ſondern lediglich eine
uegenommene Aufwandsentſchädigung. Deshalb habe man die monat=
1Se Pauſchſumme auf 30 Mark feſtgeſetzt, nicht, wie den Vorſchlag der
urmmuniſtiſchen Stadtterordneten forderte, auf 50 Mk. Die
Stadtver=
uonetenverſammlung ſei auch zweifellos mit ihrem diesbezüglichen
Be=
elluß nicht über den Rahmn der Selbſtverwaltungsbefugnis
hinaus=
usangen. Der Vertreter des Oberbürgermeiſters ging dann im
ein=
n nen auf die Ausführungen ſeines Vorredners ein und bat mit
Nück=
iwt auf die heutigen veränderten Verhältniſſe, den Beſchluß der
Stadt=
vrordneten gutzuheißen. Rea.=Rat Falck betonte in ſeiner
Erwide=
nmg, daß an dem Willen des Geſetzgebers nach Formulierung der 8890,
u und 198 kein Zweifel beſtehe. — Der Vertreter des
Staatsinter=
iſgs, Reg.=Nat Dr. Bornſcheuer, erklärte, daß er nach dem Sinn
de vorgenannten Paragraphen und bei Beurteilung des Falles die
Be=
affung des Kreisamtes und des Provinzialdirektors des rheinheſſiſchen
Prorinziglausſchuſſes unterſtützen müſſe und bat, das Urteil des
Pro=
znzialausſchuſſes für nichtig zu erklären.
Der Präſident des Verwaltungsgerichtshofes erkannte zu Recht, daß
8 Urteil des Provinzialausſchuſſes aufgehoben wird. Eine pauſchale
Unfwands niſchädigung wird den Stadtverondneten der Stadt Mginz
nEht zueikannt. T. Koſten hat die Stadt Mainz zu tragen.
J. Griesheim, 1 Okt. Vom nächſten Montag an nehmen an der
zuſigen Volksſchule die Herbſtferien ihren Anfang, ſie dauern 3 Wochen.
— Der Vormittagsgottesdienſt in unſerer evangeliſchen Kirche beginnt
um Sonntag ab erſt um 10 Uhr. — Sonntag abend 8 Uhr werden in
de Kirche der Vater des hieſigen Pfarraſſiſtenten Kalbhennn und ſeine
dri Brüder ein Kirchenkonzert veranſtalten. Die Familie Kalbhenn hat
chon viele Gemeinden unſres Landes mit ihren Liedern erfreut. Den
zichlreichen muſikliebenden Kreiſen unferer Gemeinde ſteht ein
be=
ſennderer Kunſtaenuß bevor. Das Konzert bietet meiſtens in Sätzen des
biHeutendſten Komponiſten des 18. Jahrhunderts, Johann Sebaſtian
Tach, einen Gana durch das Kirchenjahr in Liedern von Advent über
Leihnachten, Paſſion. Oſtern bis Pfingſten. Der Eintrittsppeis beträgt,
um auch gering Bemittelten einen erlefenen Genuß zu bieten, nur
9. Pfg. Der Reinertrag iſt zur Hälfte für das Krüppelheim in
Nreber=Ramſtadt und für unſere Kinderſchule beſtimmt. Das
Pro=
grumm gilt als Eintrittskarte. — Gefunden: Eine waſſerdichte
Pferde=
dcke, eine waſſerdichte Weſte, eine emaillierte Kaffeeflaſche, ein
Taſchen=
wieſſer, ein Kopftragkiſſen (Kringen). Die Gegenſtände können auf der
Birgermeiſterei Zimuer 1 abgeholt werden — Schießtage.
Kom=
wende Woche wird auf dem hieſigen Truppenübungsplatz mit Gewehren
uurd Maſchinengewehren an nachſtehenden Tagen ſcharf geſchoſſen
Montag, den 3. Oktober vorm. von 8—11½ Uhr und nachm von 13
his 18 Uhr, Dienstag, den 4. Oktober, vorm. von 8—11½ Uhr, und
no chm. von 13½—17½ Uhr, Mittwoch, den 5. Oktober, vorm. von
8—11½ Uhr, und nachm. von 13½—17½ Uhr, Donnerstag, den 6.
Or=
taber vorm. von 8—12 Uhr und nachm. von 14—16 Uhr, Freitag, den
Oktober, vorm. von 7½—11½ Uhr, und nachm von 13—17½ Uhr,
Samstag, den 8. Oktober, vorm „von 7½—12½ Uhr.
G. Ober=Ramſtadt, 30. Sept. Die nächſte Säuglingsberatungsſtunde
ſiürdet am Montag, den 3. Oktober ds. 58., nachmittags von 2—3 Uhr,
m unteren Rathausſaale ſtatt.
N. Aus dem Gerſprenztal, 1. Okt. Der Michaelistag als
FSiertag. In dem ganzen Kirchſpiel Reichelsheim wird, alter Sitte
gmnäß, der Michgelistag gleich einem Sonntag kirchlich gefeiert und
mieiſt Sonntagsruhe gehalten. Dieſer lokale Feiertag wurde ſeinerzeit
bm der gräflichen Regierung Erbach in der ganzen Grafſchaft geſetzlich
augeordnet und gilt dem Andenken eines über die Gemarkungen der
Litſchaften des oberen Gerſprenztales, mit den Seitertälern am
A. September 1732 niedergegangenen großen Wolkenbruchs, der
fürch=
ſek liche Ueberſchwemmungen verurſachte. Trotz der gerade jetzt
drän=
narden Herbſtarbeiten iſt auch der heurige ſonnige Michgelistag wie ein
Fiiertag mit Vor= und Nachmittagsgottesdienſt begangen worden. Im
Nachmittagsgottesdienſt werden nach altem Herkommen auch die nächſte
Sitern zur Konfirmation kommenden Schulkinder für den
Konfirman=
darunterricht aufgenommen, welcher Handlung nicht nur die Eltern,
ſondern auch Paten und ſonſtige Angehörige beiwohnen.
* Reichenbach i. O., 1. Okt. Hier wird zurzeit eine
Jugend=
herberge eingerichtet, welche noch im Oktober benutzbar wird. Sie
erthält zunächſt 10 Betten. Es wird hiermit ſicher einem großen
Be=
durfnis Rechnung getragen, da der Felsberg mit ſeinen
Sehenswürdig=
k ten immer viele Wanderer anlockt. Die Jugendherberge liegt zwiſchen
dem Herbergen Auerbach und Lindenfels und iſt vom Bahnhof
Bens=
hüm in 1½ Stunden zu erreichen.
mmmmmmmm
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1V. 616
Urteilen in den Apotheken.
Oſe Bekämpfung von Forſenſekten.
Vor einigen Tagen iſt über den ungeheuren Schaden der Raupe, der
Kiefernblattweſpe in den Wäldern des badiſchen Forſtamtes
Schwetzin=
gen berichtet worden. Stellenweiſe haben die Raupen dieſer
Schäd=
linge ganze Waldbeſtände kahlgefreſſen. Infolge der Witterung iſt die
Entwicklung der Naupen ſehr begünſtigt worden; auch die
Kiefern=
ſpannerraupe, die noch gefährlicher iſt, konnte in zahlreichen Exemplaren
feſtgeſtellt werden. Durch die ſofortige Aufnahme der
Bekämpfungs=
arbeiten mittels Flugzeug und Motorverſtäuber des Merck=Junkers
Arſenbefluges iſt dem Umſichgreiſen dieſer Schädlingsplage Einhalt
ge=
boten worden.
Von den badiſchen Forſtb hörden fand dieſer Tage ein Rumgang
durch die befallenen Waldungen ſtatt, an dem auch der bekannte
Forſt=
entomologe, Herr Geheimrat Prof. Dr. Eſcherich von der forſtlichen
Ver=
ſuchsanſtalt München, und einige Herren der Firma E. Merck,
Darm=
ſtadt, teilnahmen. Der Erfolg der Bekämpfungsverſuche war ein
aus=
gezeichneter. Um jeden Baum lagen dicke Schichten toter Raupen. Auch
die ganze Waldfläche iſt ſtark mit toten Raupen bedeckt, ſo daß ſich
teil=
weiſe ein ſtarker, unangenehmer Geruch bemerkbar macht.
Die Raupen ſterben millionenweiſe, und der Fraß hat zum größten
Teile aufgehört.
Das Badiſche Forſtamt Schwetzingen hat ſich ſehr anerkennend über
die Durchführung der Bekämpfungsmaßnahmen und den hiermit erzielten
Erfolg ausgeſprochen.
A. Fürth i. Odw., 1. Okt. Es iſt nichts ſofein geſponnen,
es kommt doch ans Licht der Sonnen. Auf einfache Art
wollte ein Landwirt aus Knoden ſeine Gemeindeſteuer begleichen. Er
quittierte die Anforderung des Gemeinderechners ſelbſt, indem er
ein=
fach den Namen desſelben unter die Quittung ſetzte. Als der
Ge=
meinderechner ihn wiederholt zur Zahlung aufforderte und ſchließlich
den Vollziehungsbeamten ins Haus ſchickte, zeigte der Landwirt den
falſchquttierten Steuerzettel vor. Der Gemeinderechner zeigte den Fall
ſeiner vorgeſetzten Behörde an, die nun durch die Polizei Schriftproben
bei dem Delinguenten aufnehmen ließ. An Hand dieſer Proben konnte
die Fälſchung nachgewieſen werden. Nun geſtand der Landwirt ſeine
Schuld zu. Dieſe Urkundenfälſchung koſtete nun den Uebertreter des
Geſetzes nicht nur die Zahlung der Steuer nebſt Beitreibungsgebühren,
ſondern auch der Gerichtskoſten. Er kann noch von Glück ſagen, daß er
vom Gericht milde bebandelt und nur zu 14 Tagen Gefängnis
ver=
urteilt wurde. — Fallen der Nußpreiſe. Entgegen aller
Er=
wartung ſind die Nußpreiſe ſeit Donnerstag plötzlich pro Zentner um
2—3 RM. gefallen, während in früheven Jahren immer von Woche zu
Woche eine Steigerung zu verzeichnen war. Ob dies nur eine
vorüber=
gehende Erſcheinung iſt oder ob ſich die Preiſe noch weiter verſchlechtern,
ſteht in Frage. Jedenfalls ſind die Landwirte den Händlern gegenüber
machtlos. Sie ſind zum Teil gezwungen, die Nüſſe baldmöglichſt
abzu=
geben, da ſie ſich in ungedörrtem Zuſtand nicht lange aufheben laſſen.
N. Aus dem Obenwald, 1 Okt. Landwirtſchaftliche
Er=
trägniſſe. Durch eine überreiche Futter= und Obſternte iſt das
heurige Jahr ausgezeichnet. Nicht nur die Wieſentäler, ſondern auch die
auf Anhöhen belegenen Klee= und anderen Futteräcker lieferten,
begün=
ſtigt durch die häufigen Niederſchläge, ſo ausgiebige Ernten, wie noch
ſelten im Jahr. Selbſt der im Getreide gewachſene Klee, der ſogen.
Stoppelklee, iſt fett und üppig geworden, ſo daß er dieſelben Mengen
ergibt, wie das reine Kleefeld. Auch die Rüben= und Dickwurzelernte
bietet die gleich guten Ausſichten. In den letzten ſchönen Tagen hat
man nun mit dem Ausmachen der Kartoffeln angefangen. Nach
allge=
meinem Urteil fällt auch dieſe Grnte ſehr gut aus. Und daß die
Obſt=
ernte als eine ausgezeichnete zu betrachten iſt, ſieht man an den
Güter=
bahnhöfen, wo namentlich Aepfel verfrachtet werden. Ebenſo haben die
Küfer vollauf zu tun mit dem Reinigen der Fäſſer, die den Apfel= und
Birnenmoſt aufnehmen ſollen. Wenn bei dieſen reichen Erträgniſſen
von Obſt auch der Preis unter dem des Vorjahres zurückbleibt, ſo wird
die Einnahme für Obſt doch durch die großen Mengen mehr als
aus=
geglichen. An Einnahmen wird es alſo den Landwirten in dieſem
Herbſt nicht fehlen, da auch ſolche für den Verkauf der Kartoffeln in
Rechnung zu ſtellen ſind. — Wenn die Witterung nun beſtändiger bleibt,
ſo wird auch die durch die Regenperiode verzögerte Beſtellung der
Fel=
der in Angriff genommen werden. Alles in allem wird der Landwirt
das Jahr 1997, trotz der übermäßigen Niederſchläge, noch als ein
ziem=
lich gutes buchen können, wenn auch die Getreideernte in höheren
Ge=
genden unter der Ungunſt der Witterung vieles zu wünſchen übrig ließ.
— Hirſchhorn, 1. Okt. Waſſerſtand des Neckars am
30. September 1,74 Meter, am 1. Oktober 1,66 Meter.
H. Aus dem Neckartal, 1. Okt. Hochwaſſer. Nachbem das
Hoch=
waſſer zurückgegangen war, wurde feſtgeſtellt, daß 70—80 Feſtmeter
Grubenholz durch die Fluten abgeſchwemmt wurden, wodurch den
Be=
ſitzern großer Schaden erwächſt. — Dienjubiläum. Heute feiert
der Zollaſſiſtent K. Haſſelhuhn in Neckarſteinach ſein vierzigjähriges
Dienſtjubiläum. Trotz der Schwierigkeit ſeines Amtes hat der Jubilar
es verſtanden, die Achtung aller derer zu erwerben, mit denen er
dienſt=
lich zu tun hatte.
H. Bon der Bergſtraße, 1. Okt. Kampf gegen die Raupen.
Die Bekämpfungsmaßnahmen gegen die Naupen der Kieferblattweſpe im
Schwetzinger Gemeindewald, über die wir bereits berichteten, hatten
einen überaus günſtigen Erfolg, obſchon die Beſtäubung wegen des
reg=
neriſchen Wetters nicht zur vollen Wirkung kam. Die Nauven ſterben
millionenweiſe und der Fraß iſt zum Stillſtand gekommen. Der Boden
an den Stämmen iſt von toten Raupen ganz bedeckt; die Naupen ſind
mitten in ihrem Aufwärtsklettern zugrunde gegangen. Trotzdem hat
das Junkersflugzeug der Firma Merck in Darmſtadt
den Wald nochmals beſtäubt, und wird dies wiederholen, ſobald man
es für nötig hält.
j. Von der Bergſtraße, 1. Okt. Der Arbeitsausſchuß der
Theater=
gemeinde Weinheim beſchloß in ſeiner geſtrigen Abendſitzung einſtimmig.
am Sonntag, den 9. Oktober, eine gemeinſame Theaterausfahrt nach
Darmſtadt zum Beſuche der Strauß=Operette „Der Zigeunerbaron”
zu unternehmen.
n. Bensheim, 1. Dkt. Aus der letzten
Stadtverord=
netenverſammlung. Bewilligt wurden für den Ausbau des
oberen Wingertsweges 9000 Mark. Die Fußſteige ſollen mit
Baſalt=
ſteinen gepflaſtert werden. Etwa 3500 Mark haben, die Anlieger zu
dieſer Ausführung aufzubringen. — Die Provinzialverwaltung
beabſich=
tigt, die Straße von Bensheim bis Lindenfels mit Kleinpflaſter zu
ver=
ſehen und frug bei der Stadtverwaltung in Bensheim an, ob ſie bereit
ſei, ihre Durchfahrt — in Betracht kommt die Strecke von der
Park=
ſtraße bis, zum Baßmann (Schönhof) — auch mit Kleinpflaſter zu
ver=
ſehen. Erforderlich ſind 55 000 Mark. Der Bauausſchuß beantragt die
Einſtellung des Betrages in den Voranſchlag unter gleichzeitiger
Zurück=
ſtellung der Sache bis zur Klärung der Bahnbaufrage nach Lindenfels.
Dieſem Antrag wurde von der Verſammlung zugeſtimmt. — Die zwei
neuen Straßenzüge zwiſchen Rhein= und Gartenſtraße werden „
Anna=
ſtraße” und „Ottoſtraße” beuannt. — Für, die Hindenburgſpende
be=
willigt die Verſammlung 200 Mark. — Ebenfalls 20 Mark erhält die
Landwirtſchaftskammer zur Unterſtützung der durch Unwetterſchäden in
Not geratenen Landwirte.
42. Bensheim a. d. B., 1. Okt. Weinleſebeginn. Durch
Dringlichkeitsbeſchluß hat die Stadtverordnetenverſammlung beſchloſſen,
daß die allgemeine Weinleſe in Bensheim am Montag, den 3. Oktober,
beginnt. Auch in Auerbach beginnt die Weinleſe am Montag.
— Gernsheim, 1. Okt. Waſſerſtand des Rheins am
1. Oktober 3,54 Meter.
Rheinheſſen.
Oppenheim, 29. Sept. Ein netter Finderlohn. Die oberſte
Mädchenklaſſe der hieſigen Vollsſchule fend auf einem Ausflug einen
Bündel Kinderballons. Die anhängende Adreſſe wurde
beſtimmungs=
gemäß der Weinhandlung Joh. Schenek in Maikammer (Pfalz)
über=
mittelt. Dieſer Tage kam nun ein herzl. Dankſchreiben und als Finder,
lohn mit gleicher Poſt vier Flaſchen „Zeller Schwarzer Herrgolt”, die
dem Wunſche der Kinder entſprechend verwendet wurden.
f. Nieder=Olm, 30. Setzt. Ein Unglücksfall ereignete ſich
hier an der ebangeliſchen Kirche. Ein engliſches Panzerauto, das in
der Nichtung nach Klein=Winternheim fuhr, ſtieß mit einem aus
ent=
gegengeſetzter Richtung kommenden Geſchütz einer franzöſiſchen
Ar=
tillerieabteilung zuſammen. Außer einigen Beſchädigungen beiderſeits
brach noch an dem Geſchütz die Deichſel ab. Soldaten und Pſerde
wur=
den glücklicherweiſe nicht verletzt. — Der Portugieſer=Herbſt
hat bereits hier begonnen. Im allgemeinen iſt der Ertrag gut. Für
das Pfund werden 25—30 Pf. bezahlt.
. Eſſenheim, 30. Sept. Eim ſchwerer unglücksfall
ereig=
nete ſich auf der Straße Eſſenheim-Mainz am Bahnübergange. Ein
hieſiger Einwohner, der mit einem Begleiter mit ſeinem Motorrade
nach Mainz fahren wollte, rannte an genannter Stelle mit aller Wucht
gegen ein in derſelben Richtung fahrendes Fuhrwerk. Der Andrall
war ſo heftig, daß an dem Fuhrwerk der Bremsbalken in der Mitte
entzweibrach. Die beiden Motorradfahrer wurden in weitem Bogen
auf die Straße geſchleudert und dabei ſchwer verletzt. In bewußtloſem
Zuſtande wurden ſie nach Hauſe gebracht. Das Motorrad wurde total
zertrümmert. — In einer Verſammlung des hieſigen
Winzerver=
eins, der bereits 2 Jahre beſteht, wurde von einigen Mitgliedern
der Antrag geſtellt, den Verein aufzulöſen. Die Mehrheit war jedoch
für das Weiterbeſtehen desſelben.
* Gundheim, 29. Sept. Neue Glocke. Dieſer Tage wurde von
der Glockengießerei Hamm in Frankenthal die vierte Glocke für die
bieſige Pfarrkirche gegoſſen. Sie iſt von dem in der Schweiz lebenden
Gundhemer Ga. Hipleh geſtiftet worden. Die feierliche Einweihung der
Glocke ſoll im November in Verbindung mit dem Bjährigen Gedenktag
der Einweihung der hieſigen Pfarrkirche geſchehen.
k. Nieder=Saulheim, 1. Okt. Seit 6 Wochen weilen in hieſiger
Ge=
meinde 2 Beamte der Oberrechnungskammer in Darmſtadt, um eine
Reviſion der hieſigen Gemeindekaſſe vorzunehmen. Es
ſcheint, daß vieles im argen liegt, denn die Rebiſion erſtreckt ſich auf die
Jahre von 22 bis dato. Da die hieſige Gemeinde wenig mehr denn
2000 Seelen zählt, iſt die Angelegenheit, bedingt durch die lange Zeit,
die die Unterſuchung in Anſpruch nimmt, fehr verdächtig und iſt die
hieſige Gemeinde auf den Ausgang der Reviſion fehr geſpannt.
Oberheſſen.
Af. Friedberg, 1. Okt. Geiſtliche und Lehrer unſeres Kreiſes hatten
zu einer Kundgebung gegen den neuen Reichsſchulgeſetzentwurf
aufge=
rufen, die vorgeſtern mittag im Singſaal der Aufbauſchule ſtattfand.
Es wurde folgende Reſolution angenommen: Die am 29. Sebtember
1927 im Friedberg i. H. tagende Verſammlung von Lehrern Geiſtlichen
und anderen Vertretern der Einwohnerſchaft des Kreiſes fordert von
der hefſiſchen Regierung, insbeſondere auch von dem Landesamt für das
Bildungsweſen, dem Landtag und dem Landeskirchenamt, daß ſie alles
aufbieten, um die in Heſſen geſchichtlich gewordene und in jeder
Be=
ziehung bewährte Simultanſchule unbefriſtet und uneingeſchränkt zu
er=
halten
Gießen, 1. Okt. Ein falſcher Geiſtlicher. Das hieſige
Poli=
zeiamt warnt öffentlich vor einem Schwindler, der ſich den Namen eines
bekannten heſſiſchen Geiſtlichen beigelegt hat und unter dieſem Namen
ſein Unweſen treibt. Da er die Familienverhältniſſe des Geiſtlichen ſehr
gut kennt, iſt es ihm ſchon mehrfach gelungen, hohe Geldbeträge zu
er=
ſchwindeln. — Aus der Gießener
Stadtverordnetenver=
ſammlung. Die Stadtverordnetenverſammlung beſchloß in ihrer
geſtrigen Sitzung, aus Anlaß des 80. Geburtstages des
Reichspräſiden=
ten eine Stiftung zu errichten, durch die alljährlich 500 Mark zugunſten
von Kriegsbeſchädigten und Kriegshinterbliebenen verteilt werden
ſollen. Weiter genehmigte die Stadtverordnetenverſammlung 50 000
Mark zur Erbauung von weiteren Notwohnungen und ebenſo 50 000
Mark für die Ausgeſtaltung des Gießener Flughafens. Im übrigen
wurden noch erhebliche Mittel für die Herſtellung von Straßen
be=
willigt.
WSN. Gießen, 28. Sept. Einweihung des Gießener
Flughafengebäudes. In Anweſenheit der Vertreter von
Pro=
vinz, Stadt und des Verbandes Oberheſſen und Lahngau iſt bier das
neue Flughafengebäude eingeweiht worden. Oberbürgermeiſter Dr.
Kel=
ler betonte in ſeiner Anſprache, daß auch in Zukunſt alles getan werden
würde, um Gießens Stellung im Luftverkehr auf der Höhe zu halten und
zu ſichern
F. Grünberg, 29. Sept. Bei einem hieſigen Metzgermeiſter wurden
297 Mark geſtohlen. Man kann nicht ſagen, ob der Dieb durch den
Haus=
eingang oder von der hinteren Seite des Hauſes, wo ſich eine Lerter
befand und die Fenſter offen ſtanden, ſeinen Weg genommen hat,
Spuren ſind nirgends zu entdecken. — Bei den Verhaftungen, die
wegen den Fuldger Eiſenbahndiebſtählen vorgenommen, ſind auch zwei
Diebe aus dem Siegerlande feſtgenommen worden. Dieſe haben
geſtan=
den, daß ſie auch den Einbruchsdiebſtahl im Schuhgeſchäft Seng=
Grün=
berg begangen haben. — Bei der ſtädtiſchen Obſtduerſteigerung wurden
trotz der Menge Obſt verhältnismäßig ziemlich hohe Preiſe erzielt. Für
Tafelobſt wurde ungefähr 4 Mark, für Wirtſchaftselſt 3 Mark und für
reines Kelterobſt 150 bis 2 Mark pro Zentner am Baume bezahlt.
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Seite 8
Sonntag den 2 Oktober 1927
Nummer 273
Statt Karten.
Die Verlobung unserer Kinder
Marge und Ernst Eugen
beehren sich anzuzeigen
Hanna Heicke, geb. Brofft
Staatsrat Dr. Eugen Wagner
und Frau Anna, geb. Riel
Oktober 1927
Frankfurt a. M.
Rubensstr. 12
Empfang: Sonntag, den 9. Oktober 1927
Meine Verlobung mit Fräulein
Marga Heicke
beehre ich mich anzuzeigen
Ernst Eugen Wagner
Referendar
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Darmstadt
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werden gut u. billig
geflochten (*26011
Eliſabethenſtr. 19, II.
Dr. med. Angust Haller
Hargarete Haller
geb. Gutbell
Vermählte
Darmstadt Frankfurt a. M.
29. September 1927.
(15178)
Willi Pfaff
EmiPfaff, geb. Kropp
VERMAHLTE
Darmstadt, 28. September 1927.
Bessungerstr. 66. (B.15167
Heinrich Eidenmüller
Käthe Eidenmüller
geb. Kredel
Vermählte 25908
Darmſiadt, den 2. Oktober 1927.
Am Dienstag, den 4. Oktober begehen
die Eheleute Beorg Hunsdorf und Frau
Sophie, geb Mathes, Mühlſtraße 17½
das Feſt der (*25939
Silb rnen Hochzeit.
Nach ſchwerem Leiden iſt unſer
guter Gatte und Vater
Johann Conrad
kaiſerlicher Oberbahnaſſiſtent a. D.
Inhaber des Verdienſtkreuzes in Gold
und bieler Orden
Wirtſchaftsbeirat der Debewag,
Franlfurt a. M.
von uns geſchieden.
Die trauernd. Hinterbliebenen.
Darmſtadt, 1. Oktober 1927. (25921
Die Einäſcherung findet am 3.
Ok=
tober 1927, nachmittags 2½ Uhr,
auf dem Waldfriedhof ſtatt.
Von Beile dsbeſuchen und
Kranz=
ſpenden bitten wir abzuſehen.
Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe
wohl=
tuender Anteilnahme an dem uns
ſo ſchwer betroffenen Verluſte,
ſo=
wie für die reichen Blumenſpenden
ſagen wir auf dieſem Wege Allen
herzlichen Dank. Beſonders danken
wir Herrn Pfarrer Schäfer für die
troſtreichen Worte am Grabe,
eben=
ſo dem Kirchenchor der
Petrus=
gemeinde, der Turngemeinde
Beſ=
ſungen und der Singmannſchaft der
Turngemeinde Beſſungen für ihren
erhebenden Geſang und
Kranznieder=
legungen.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen:
Kath. Fiſcher, geb Schmahl
Johanna Fiſcher. ( 25934
Dankſagung.
Für die herzliche Teilnahme bei dem
Heimgang unſerer lieben Entſchlafenen
Frau Eliſabethe Verner
ſagen wir Allen, insbeſondere für die
liebevolle und hingeben e Pflege der
Schweſter Thea vom Alice=Ho pit I in
Darmſtadt, für die troſtreichen Worte
des Herrn Ojarrer Meiſinger und die
zahlreichen Kranz= und Blumenſpenden
(15201
unſeren innigſten Dank.
Die trauernden Hinterbliebenen
Reinheim, den 1. Oktober 1927.
Lodes=Anzeige.
Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, unſeren lieben
Bruder, Schwager, Paten, Onkel und Großonkel
Herrn
Nüteo Tevet
Ehrenobermeiſter der Bäckerinnung Darmſtadt
und Vervandsvorſitzender d. Zweigverb. Heſſen
im 72 Lebensjahre heute Mittag plötzlich und unerwartet
zu ſich in die Ewigkeit abzurufen.
Er ruhe in Frieden!
Im Namen aller trauernd Hinterbliebenen:
Friedr Weber und Familie,
Darmſiadt u Texarkana in U S. I.
Georg Ph. Weber und Familie,
Darmſtadt
Johann J Weber und Familie,
Oexbach in Oberheſſen
Heinrich Weber und Familie,
Ober=Aſphe in Oberheſſen
Anna Brühl und Famlie,
Dexbach in Oberheſſen.
Statt jeder beſonderen Anzeige.
Nach jahrelangen, mit größter Geduld
ertragenen Leiden, hat unſere innigſtgeliebte
Mutter, Schwiegermutter, Großmutter,
Ur=
großmutter, Schweſter, Schwägerin u Tante
Frau einnma Krag
geb. Nover
wohlvorbereitet durch die Tröſiungen der
hl Kirche, heute ihre treuen Augen für immer
geſchloſſen.
Wir werden ſie Dienstag, den 4. Okt,
nachmittags 3 Uhr, im alten Friedhof, zur
ewigen Ruhe betten
Helene Knapp, geb. Kratz
Eugenie Kratz, geb. Hofmann
Bankdirektor Arnold u. Frau Anna, geb. Kratz
profeſſ. Schmidt u. Frau Joſephine, geb. Kratz
Shndikus a. D. Fritz Zedner u. Frau Thusnelde,
Eliſab th Kratz
geb. Kratz
Gartenbaudirektor Hans Kratz u. Frau Klara,
geb. Nober
Hermann Zybon und Frau Dora, geb. Kratz
profeſſor Dr. J. Nober und Frau Joſephine,
geb. Wilhelmi
10 Enkel und 3 Arenkel.
Darmſtadt, 1. Oktober 1927. (15224
Wir bitten herzlich von Beileidsbeſuchen abzuſehen.
im Geſicht, Nacken:
Achſelhöhlen uſw.
önnen Sie leicht
be=
ſeitigen. Dieſes
ein=
fache Mittel teile gern
koſtenlos mit. Frau
M. Poloni, Hannover
N22, Edenſtr. 30 A.
(IV 13421)
Wenns juokt
oder bei Flechten,
Pickel Schuppen,
Schnupfen, läs ig.
Schweiß,
Hämmor-
rhoid. Beinschäd.,
Krätze jordern Sie
ditte, Sprötin”100Gr.-
Pack. RM 2.—
Drog. Beckenhaub,
Schulstraße. (12-71a
Kraut wird
einge=
ſchnitten.
Barkhaus=
ſtraße 15 pt. (*25979
Penſionen
An kl. Priv.=
Mittags=
tiſch können 2—3 b.
Herren teiln.
Schwa=
nenſtr. 65 I. (*25888
Rfe
Darmſiadt, den 30. September 1927.
(15194
Die Beerdigung findet Montag, den 3. Oktober,
nach=
mittags 3 Uhr, auf dem alten Friedhofe ſiatt.
Für die herzliche Anteilnahme
und Ehrung beim Hinſcheiden
unſe=
res Sohnes
Hans Völker
Cand. mach.
ſagen wir Allen, beſonders den
An=
weſenden der Akademiſchen
Flieger=
gruppe bei der Ueberführung von
Dieburg bis zum Grabe, dem
Rek=
torat der Techniſchen Hochſchule,
dem Ausſchuß der Studentenſchaft
und Herrn Profeſſor Dr. Schlink
unſeren herzlichen Dank.
L:uis Völker und Familie.
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Sonntag, den 2. Oftober 1927
„Leibesübung iſt Dienſt am Paterlande!"
Rund 21000 deutſche Turn= und Sportvereine begehen am
2. Oktober bei Spielen und Kämpfen ein Feſt: Sie alle feiern
u iſeres Reichspräſidenten 80. Geburtstag. Einundzwanzigtauſend
Agereine, Hunderttauſende von Männern und Frauen, Knaben
and Mädchen eines Sinnes, in einem Gedanken vereint:
Hin=
denburg.
Zwiſchen Hindenburg und der deutſchen Turn= und
Sport=
bewegung beſteht ja manche Verbindung. Als Hindenburg am
26. April 1925 zum Reichspräſidenten gewählt wurde, blickten die
Vereine und Verbände des Deutſchen Reichsausſchuſſes für
Lei=
besübungen mit der feſten Zuverſicht und Hoffnung auf ihn, daß
in ihm ein neuer mächtiger Förderer ihrer Sache entſtehen
möchte. Dieſer Mann, der von Jugend auf bis zu jenen Jahren,
da er als unſer großer militäriſcher Führer Deutſchland gegen
eine Welt von Feinden verteidigte, im Dienſte des Vaterlandes
gearbeitet hatte und dem die Liebe des Volkes gehörte, von dem
durfte die deutſche Sportwelt wohl erwarten, daß er nach dem
Verluſt der Charakterſchule des Heeres ſich nunmehr für eine
Volkserziehung durch Turnen und Sport einſetzen würde, und ſie
wurde nicht enttäuſcht. Schon bald nach dem Antritt ſeines Amtes
ließ ſich Hindenburg von einer Abordnung des DRA. in
münd=
lichem Vortrag über die Ziele und Wege der deutſchen Turn= und
Sportverbände unterrichten, über die Olympiſchen Spiele, die
Deutſchen Kampfſpiele, Reichsjugendwettkämpfe, das deutſche
Turn= und Sportabzeichen, über die Deutſche Hochſchule für
Leibesübungen, über die tägliche Turnſtunde, die
Spielplatzbe=
wegung uſw. Bekannt iſt ſein Schreiben, das er am Tage nach
dieſem Beſuch an den Präſidenten des Reichsausſchuſſes, Exz.
Lewald, richtete, in dem er auf alle dieſe Programmpunkte
ein=
ging und zuſammenfaſſend ſchrieb: „Leibesübung iſt
Bürgerpflicht: ſie ſichert uns die
Geſunderhal=
tung des Volkes und die Förderung von
Tat=
kraft Gemeinſinn und Mut, Eigenſchaften, die
die Grundlage jedes geſunden Staatsweſens
bilden” Bald übernahm Hindenburg dann das Protektorat
über die Deutſchen Kampfſpiele und ſtiftete für die erſten zehn
vom Hundert der Sieger bei den Reichsjugendwettkämpfen eine
Ehrenurkunde. Auch der olympiſchen Arbeit ſchenkte er ſeine
Auf=
merkſamkeit. „Der deutſchen Olympiaarbeit „Glückauf”! Möge
unſere Jugend bei den Olympiſchen Spielen erfolgreich ſein!“
ſchrieb er als Geleitwort eigenhändig für das von Doerry und
Doerr mit Unterſtützung des DRA. herausgegebene
Olympia=
buch. Wie Hindenburg ſchon als Kompagnieführer und ſpäter als
kommandierender General immer wieder auf die Bedeutung der
Eskaladierbahn, des Turnens und des Schwimmens für die
kör=
verliche Erziehung der Truppen hingewieſen und in ſeinem
Be=
fehlsbereich auf die Durchführung der Leibesübungen gedrungen
hat, ſo iſt es vielleicht auch ſeiner Mitwirkung zuzuſchreiben, daß
die Reichswehr jatzt das Deutſche Turn= und Sportabzeichen zur
Uniform tragen darf. Durch den betreffenden Erlaß des Chefs
der Heeresleitung, des Generals Heye, iſt ein Wunſch in
Erfül=
lung gegangen, den bereits die Abovdnung des Reichsausſchuſſes
dem Reichspräſidenten vorgetragen hatte. Ganz augenfällig
be=
kundete Hindenburg ſeinen Willen, Turnen und Sport zu
för=
dern, als er am 18. Oktober 1925 die Weihe vom Grundſtein des
Deutſchen Sportforums vollzog und ſo den erſten großen
Staats=
akt für unſere Sache, der alle Reichs= und Staatsbehörden
amt=
lich vereinte, einleitete. Am 21. Mai 1927 nahm er dann
eben=
dort an der Grundſteinlegung der Deutſchen Turnſchule teil. Für
ſich perſönlich ſteht der Reichspräſident als alter Offizier
natur=
gemäß dem Reitſport am nächſten; an den großen Turnieren im
Berliner Sportpalaſt hat er regelmäßig teilgenommen und bei
ſeinen Reiſen durch die deutſchen Länder hat er immer den
länd=
lichen Reitervereinen, z. B. in Oldenburg und in der Nordmark,
durch Beſuche ſeine Teilnahme bewieſen. Die anderen Zweige der
Leibesübungen liegen ihm aber keineswegs fern; der Deutſchen
Turnerſchaft ſchrieb er bereits 1921 aus ſeiner Mußezeit in
Han=
nober daß er die Ziele und Arbeiten der Turnerſchaft mit
wärm=
ſtem Intereſſe verfolge, und für viele ſportliche Wettkämpfe, für
Regatten, Heimatſtaffeln, örtliche Kampfſpiele uſw. hat er
Ehren=
preiſe geſtiftet, hervorragende Amateur=Sportsleute, wie
Rade=
macher, Dr. Peltzer und die Amerikariege der Deutſchen
Turner=
ſchaft, ſind von ihm freundlich empfangen und perſönlich
beglück=
wünſcht worden. Wenn der Reichspräſident die deutſchen Städte
beſucht, dann gehört zu ſeinem feſten Programm auch die
Beſich=
tigung der Kampfbahnen und die Teilnahme an den Turn= und
Sportfeſten der Jugend. Beſonders wird man ſich ſeines Beſuchs
im Stadion zu Düſſeldorf 1925 und dann deſſen im Frankfurter
Valdſtadion eentſinnen, wo er ſtundenlang in den herrlichen
An=
lagen weilte und ſeinen Eindruck über die vielfachen
Darbie=
tungen der neueren Körpererziehung geſprächsweiſe einmal ſo
zuſammenfaßte: „das ſind doch andere Uebungen, als wir ſie
früher machten, da werden die Körper und Muskeln erſt richtig
abgehärtet und geſtählt.”
Aus dieſen vielen Beiſpielen möge nur hervorgehen, wie ſehr
ſich unſer Reichspräſident von jeher für Turnen und Sport
ein=
geſetzt hat. Jetzt vollendet er in voller körperlicher Rüſtigkeit das
erſte Jahrzehnt über das bibliſche Alter hinaus; da ziemt es ſich
wohl, daß die deutſchen Turn= und Sportvereine ihm einmal
ge=
ſchloſſen ihren Dank darbringen. Am 2. Juli hat der DRA. auf
ſeiner Hauptverſammlung in Karlsruhe beſchloſſen, dieſem Dank
durch allgemeine Wettſpiele auf allen deutſchen Turn= und
Sport=
plätzen einen würdigen Ausdruck zu geben. Nicht durch Kommerſe
und ähnliche Veranſtaltungen einer vergangenen Zeit will die
deutſche Jugend den Ehrentag ihres bejahrten Führers begehen,
nicht durch Reden, ſondern ganz in Hindenburgs Sinn, durch die
Tat, möglichſt unter freiem Himmel und bei ihrer ſchönſten und
edelſten Betätigung, im Spiel der Leiber. Und das iſt ſchön ſo
und ſinnvoll, und es iſt zugleich eine Erhebung. Was nämlich
mit Recht von den beſten Männern unſerer Sache, von Turnern
wie Sportsleuten, immer wieder betont wird, daß die
Leibes=
übungen in dem Dienſt eines höheren Ideals ſtehen, tritt das
hier nicht in Augenſchein? Iſt nicht der Dank an Hindenburg
zugleich ein Ausdruck, daß auch wir für Volk und Vaterland
arbeiten, wenn wir zu ſpielen ſcheinen?
21000 deutſche Turn= und Sportvereine haben dem
Reichs=
ausſchuß gemeldet, daß ſie am 2. Oktober Hindenburgſpiele
durch=
führen wollen. Kaum einer iſt zurückgeblieben. Geht hinaus und
ſeht ſie euch an, die Läufer und Ballſpieler auf den grünen
Plätzen, die Ruderer, Segler und Paddler auf dem blanken
Waſſer, die Turner, die Reiter und Radfahrer, Schützen und
Schwerathleten, die Golf= und Tennisſpieler, und ſchließlich die
Motorſportler, die auf der Straße, auf dem Waſſer und ſogar in
der Luft ihren Reigen führen werden: ſie alle huldigen an dieſem
Tage ihrem Sport. Und was hier getrieben wird, das findet
gleichen Widerhall bei den deutſchen Turn= und Sportvereinen
und deutſchen Schulen der großen Städte Nordamerikas,
Süd=
amerikas, in Madrid, Mailand, im Bruderland Oeſterreich und
in Böhmen, in Ungarn, Bulgarien, der Türkei, ja ſelbſt bis
hinein nach Perſien, Japan und China, überall wo deutſche Turn=
und Spielplätze ſind: Iſt es nicht ein großartiger Volksfeſttag
aller Deutſchen, nicht von einer Amtsſtelle hervorgerufen oder
auch nur angeregt, ſondern ganz allein aus dem freien Entſchluß
und der begeiſterten Hingabe der im DRA. zuſammengefaßten
Turn= und Sportverbände erwachſen? Ein ganz großes
Jung=
volk in ſeiner froheſten und ſchönſten Betätigung, ohne
Unter=
ſchied von Stand und Rang, von politiſcher oder religiöſer
Be=
kenntnis: vom Mann im Beruf bis zum Schüler und Lehrling,
vom einfachſten Arbeiter bis zum Direktor und Leiter, Mädchen
und Frauen, was nur immer im höheren Sinne turnt, ſpielt
und Sport treibt, alle tun es heute in frohem Gedenken eines
verdienten Mannes. Man wird ſchwerlich eine ähnliche Tat in
der Vergangenheit aufzeigen können. Erſt die gewaltige
Er=
ſtarkung unſerer Bewegung und ihr feſter Zuſammenſchluß in
den Verbänden und im Reichsausſchuß hat dieſen Tag
herbei=
geſührt. Und iſt es etwa als bloßer Zufall zu werten, daß man
für die Hindenburg=Huldigung der Zehntauſende von
Schulkin=
dern, die am Sonntag in Berlin zuſammenkommen und die doch
unmittelbar mit der Turn= und Sportbewegung nicht zu tun hat,
das Deutſche Stadion erwählte, jene vom Reichsausſchuß
ge=
ſchaffene Mutterkampfbahn aller deutſchen Stadionanlagen?
Dieſer Oktoberſonntag wird einen Platz in der deutſchen
Volkserinnerung einnehmen. Die deutſche Sport= und
Turner=
jugend prägt durch ihre Hindenburg=Spiele dieſen Tag zum
Volkstag als lebendiges Bild des Mannes, ſeiner Würde, ſeiner
Stellung, eben „einer für alle, alle für einen”!
Wir Teilnehmer an dieſen Spielen können gewiß ſein, daß
wir dem alten, ſo ſchlichten erſten Mann unſeres Volkes eine
herzliche Freude bereiten. Er ſelbſt iſt ja, wie Exz. Lewald erſt
kürzlich ſchrieb, in ſeiner Friſche, ſeiner unermüdlichen Hingabe
und Pflichtreue ein leuchtender Beweis dafür, daß körperliche
Zucht und Uebung, ein langes Leben hindurch geführt, rüſtiges
Alter und volle Harmonie des Seins verbürgen. Darum wird
unſer Reichspräſident, wenn er heute mit ſeinem geiſtigen Auge
auf Zehntauſenden von Sportplätzen Hunderttauſende junger
Männer und junger Mädchen ſich in Kraft, Freude und Friſche
üben und tummeln ſieht, in Abwandlung des alten fauſtiſchen
Wortes ſagen dürfen:
„Solch ein Gewimmel durft ich ſeh’n,
Auf freiem Grund mit freiem Volke ſteh’n”.
Pferdeſport.
Die Frankfurter Oktober=Rennen.
Auch der letzte Annahmetermin für die Oktoberrennen iſt ganz
vor=
züglich ausgefallen, ſo daß auf alle Fälle mrit ſehr gutem Sport zu
rech=
nen iſt. Eie Reihe der großen auswärtigen Ställe hat bereits ſeine
Dispoſitionen getroffen, und folgende Pferde ſind von ihnen für die
Nennen beſtimmt: Stall Weinberg: Lampos, Fervida,
Mar=
queſa, Patriotm, Meton und Augenweide; Stall Opel: Dalipor,
Fonta, Lichtelfe, Tarzan, Cocktail, Kairos und Ruzilo; Trainer
Kietzer: Fuchſie und Catania; Hujka: Quick und Stalliebling;
Trainer Roſak: Taugenichts, Chronos, Donnerwetter und
Hei=
liger Narr; Trainer Reith: Mumpitz; Trainer Holli:
Venezianerin; Trainer Frick: Malvoiſie und Dojan; Trainer
Printen: Reveillee, Diavolo und Niederland; Trainer
Ma=
chan: Rheinſtein, Ueberläufer und Valos; Trainer Seiffert:
Cannebieve, Cupido, Laxenburg, Corpsgeiſt, Pandora und Creta;
Trainer Bencze: Capland, Hilf dir ſelbſt und Bajuvare.
Die beiden großen Flachrennen des Sonntags werden jebenfalls
folgende Starterliſten aufweiſen:
Oktober=Preis für Zweijährige (Ehrenpreis der Stadt
Frankfurt a. M. und 10 000 RM., 1400 Meter): Wink (X), Meute (Nagy),
Cocktail (Narr), Dalibor (Unger), Strug (Gabor), Meton (O. Schmidt).
Wäldchens=Rennen (10000 RM., 3000 Meter): Taugenichts
(Jentzſch), Kairos (Narr), Iſonzo (Gabor), Hans Günther (X), Lampos
(O. Schmidt), Caro Bub (X).
Pferderennen zu Hoppegarten am 1. Oktober.
Der Mohr=Rennen; 2800 Mk., 1600 Meter: 1. M. Herdings
Mu=
latte (E. Böhlke), 2. Vineta, 3. Portland. Ferner liefen: Tarnhelm,
San Marco, Ruwenzori, Efeu, Trieberg, Alſterluſt. Tot. 19, Pl. 13,
17, 31:10. 3—6 Lg.
Prunus=Rennen; 5200 Mk., 1200 Meter: 1. A. und C. v. Weinbergs
Farinelli (Varga), 2. Teukros, 3. Liederkranz. Ferner: Narciß, Irmin.
Tot. 15, Pl. 13, 24:10. Kopf—½ Lg.
Ariel=Rennen; 3900 Mk., 1600 Meter: 1. C. O. Schmidts Altenberg
(Grabſch), 2. Palamedes, 3. Original. Ferner: Amenophis, Hurone,
Pers, Pompejus, Maravedis, Runkler, Phariſäer. Tot. 57, Pl. 22,
23, 23:10. 2—1 Lg.
Skarabge=Rennen; 5200 Mk., 1400 Meter: 1. M. Herdings Favorit
(E. Böhlke), 2. Graue Theorie, 3. Leibküraſſier. Ferner: Domfalke,
Heros de Legende, Vardar, Gherarda delle Notti, Kikeriki II, Madame
Pompadour. Tot. 62, Pl. 18, 14, 29:10. 5/.—1½ Lg.
Wallenſtein=Rennen; 10 400 Mk., 2400 Meter: 1. R. Haniels Palü
(Bleuler), 2. Aurelius, 3. Serapis. Ferner: Hödur, Eiſenkanzler,
Fürſtenbrauch, Olympier, Wanderer, Fochenbach. Tor. 434, Pl. 88, 19,
19:10. 1—1 Lg.
Wiener Mädel=Rennen; 5200 Mk., 1200 Meter: 1. A. und C. von
Weinbergs Mallorka (O. Schmidt), 2. Lotos, 3. Lykaſte. Ferner:
Gondwana, Ferrara, Tasna, Selecta. Tot, 49, Pl. 16, 25, 25:10.
5).—3ſa Lg.
Marmor=Rennen; 3900 Mk., 280 Meter: 1. R. Eichbergs Avea
Dieux (O. Schmidt), 2. Himalaya, 3. La Piave. Ferver: Bonheur,
Borgia, Otavi, Lindwurm, Rückſicht, Pan Robert, Gradatim. Tot. 69,
Pl. 22, 18, 28:10. ½ Lg.—Hals.
Reichshuldigungsfahrt des A. D.A. C. 2500 Kraſtwagen und
Kraft=
räder mit zirka 12000 Perſonen werden in Berlin eintreffan, um dem
Reichspräſidenten von Hindenburg am 2. Oktober nachmittags auf ſeiner
Fahrt zum Stadion die Huldigung des A. D.A. C. darzubringen.
Eine Ueberraſchung gab es am Samstag beim Freundſchaftsſpiel in
München, wo München 1860 die Spog. Fürth mit 4:1 ſchlug.
Die deutſche Vertretung ſtir die Europameiſterſchaften im
Amateur=
ringen vom 3. bis 6. November in Budapeſt lautet vom Bantam= bis
Schwergewicht: Maier=Dortmund, Sperling=Nürnberg, Bräun=
Kreuz=
nach, Rieger=Berlin, Müller=Kreuznach.
Nummer 273
Die A. D.A. C.=Motorboot=Herbſtregatta brachte am Samstag das
Rennen der Rennboote. Opel II kam wegen Motordefektes nicht zur
Geltung; die ſchnellſte Runde fuhr mit 60,8 Stdn.=Klm. in der 12 Liter=
Klaſſe „Urſel VI”.
Die Nürnberg=Fürther Motorradfahrer ſind aus dem D.M.V.
aus=
getreten und haben ſich dem A. D.A.C. angeſchloſſen.
Rudi Schwarz, der bekannte Hockeyſpieler des S. C. 1880 Frankfurt,
iſt an den Folgen eines Motorradunfalls geſtorben.
Die Herausforderung des Italieners Bonaglia an Max Schmeling
um die Europameiſterſchaft im Halbſchwergewicht iſt anerkannt worden,
Der Kampf muß innerhalb von drei Monaten ſtattfinden.
Geſchäftliches.
Was verſtehen wir unter Gicht und Rheumatismus? Soweit bis
jetzt feſtzuſtellen iſt, eine Anhäufung von harnſauren Salzen in den
Geweben. Da die Harnſäure an allen gichtiſchen und rheumatiſchen
Prozeſſen beteiligt iſt, zielt die moderne Heilkunſt dahin, eine
Aus=
ſcheidung der auf dieſe Weiſe angehäuften Giftſtoffe zu bewirken. Die
Aufgabe erfüllen die Togal=Tabletten in beſonderem Maße. Die oft
überraſchenden Erfolge ſind ärztlicherſeits anerkannt und von Laien
gerühmt.
Rundfunk=Programme.
Frankfurt.
Sonntag, 2. Okt. 8: Uebertr. von Kaſſel: Morgenfeier. Mitw.:
Chor der Cyriſtuskirche Kaſſel. — Herr Spenner (Tenor). —
Po=
jaunenchor des Chriſtl. Vereins Junger Männer. O 11.30:
Eltern=
ſtunde. Dr. Polag: Von der Angſt der Mütter. o 12: Uebertr.
aus der Ausſtellung „Die Blume im Heim”: Mittagsſtändchen.
O 13: Frau Dr. Schachzikowski: Die hauswirtſchaftl. Ausbildung
der Jugendlichen an den Vereinigten Haushaltungsſchulen. O 16:
Kaſperlſtunde der Kaſperltante. Wunſchſtunde — Für Kinder vom
4. Jahre ab. 17: Zither=Sextett. 18: „Walter Flex, aus
ſeinen Kriegsbriefen und Dichtungen” (zum 10. Todestag), Vorl.
von Gerdi von Hirſchhendt. O 19.30: Sport. O 20.30: Uebertr.
von der Funf=Stunde Berlin: Konzert anl. des 80. Geburtst, des
Reichspräſidenten. Beethoven: Coriolan=Ouv. — Bach: Alt=Solo mit
Chor. — Anſprache des Generall. Gröner: „Hindenburg als Soldat,
Feldherr und Staatsmann.” — Beethoven: Erſter Satz a. d. Sinf.
Nr. 3 (Eroica). — Wagner: Wachet auf” Chor und Schluß a. d.
„Meiſterſingern von Nürnberg”. Anſchl.: Tanzprogramm.
Stuttgart.
Sonntag, 2. Oktober. 11.30: Evang. Morgenfeier. Ausf.:
Prof. Keiler (Harm.). Matthäuskirchenchor. Leit.: Oberlehrer Ade,
Lic. Waldemaier. o 13.15: Konzert. o 15: Prof. Verweyenz
Lebenswert der Schönheit. o 15.30: Onkel Ott erzählt. o 16:
Uebertr. aus dem Stadion Berlin=Grunewald: Hindenburg=Feier.
Geſang der Chöre von etwa 7000 Schulkindern. Anſprache des
Reichspräſidenten von Hindenburg. O 16.45: Aus Stuttgart und
Freiburg: Konzert. Mitw.: Käte Mann, H. Hanus, C. Struve,
Funkorch. 18.15: K. F. Oßwald: Wie erziehe ich mein Kind
zur Wahrhaftigkeit. O 18.45: Alex von Frankenberg lieſt eigene
Dichtungen. O 20: Kurzgeſchichten „Der Findling”, von H. v. Kleiſt.
O 20.30: Uebertr. aus Berlin: Konzert anl. des 80. Geburtstages
des Reichspräſidenten. Beethoven: Coriolan=Ouv. — Bach: Alt=Solo
mit Chor. — Anſprache des Generals Gröner. — Beethoven:
Satz aus der „Eroica”. — Wagner: Wachet auf! aus „Die
Meiſterſinger” Anſchl. aus Stuttgart und Freiburg: Heitere
Stunde. Souſa: Waſhington Poſt. — Stolz: Wien, Dir hat man
bald verziehn (Käte Mann). — Haſelov: Das iſt der Rhein (H.
Hanus). — Cremieux: Quand lamour refleurit. — Herrlinger:
Die Geſchmäcker ſind verſchieden (Heye). — Lanner: Hofballtänze.
— Das Scheidungsſouper. Luſtſpiel in 1 Akt von M. Hene.
Engelberger: Im Prater am Abend. — Strauß: Vielleicht (Käte
Mann). — Strecker: Im Liebhardſtal (Hanus). — Fetras:
Frei=
kugeln, Marſch. O 22.40: Sport.
Berlin.
Sonniag. 2. Oktober. 9: Morgenteier: Erntedankfeſt. Mitw.:
M. Philipps.Marg.=Böhme=Heidenreich, Sopran. Kirchenchor
Im=
manuel I1. Joh. Schulzke. Pfarrer Tombers. 11.30: Platzmuſik des
Potsd Tonkünſtler=Orch. Unter deutſchem Banner. — Zimmer:
Ouv. „Vivat academia” — Strauß: Geſchichten aus dem Wiener
Wald. — Ailbout: Ung Ballett. — Godard: Berceuſe de Jocelyn.
— Lincke: Anima. — Springefeld: Verlorene Heimat. —
Wagne=
riana. — Zimmer: Türk. Abendſtändchen. — Erneſti: Unſer
Reichs=
präſident. Marſch. O 14.30: Major a. D. v. Rudolphi: „
Kultur=
geſchichte im Bilde der Briefmarken” O 15: Diplom=Landwirt
Bohne: Die Bedeutung der deutſchen Pflanzenzüchtung für das In=
und Ausland.‟ 15.30: Jugendſtunde: Hindenburg. O 16: Uebertr.
der Hindenburg=Feier aus dem Stadion Berlin=Grunewald (Chöre
von mehreren tauſend Schulkindern). O 17: Kapelle Gebr. Steiner:
Adam: Ouv. Wenn ich König wär. — Lehar: Zigeunerliebe. —
Weber: Fant. „Freiſchütz”. — Blon: Viſion. — Godard: Marquis
und Marquiſe. — Maſſenet: Elegie. — Monti: Cſardas. —
Man=
fred: L= Paloma. O 19: Einf. zu der Uebertr. aus der Staatsoper
am 3. Oktober. O 19.30: Saudek: Anonyme Briefſchreiber. O 20.30:
Konzert anl. des 80. Geburtst. Hindenburgs. Beethoven: Ouv.
„Coriolan”. — Bach: Kantate Nr. 71. Tenor: George Meader;
Alt: Hildegard Gaiewska. — Feſtrede Groeners: Hindenburg als
Soldat. Feldherr und Staatsmann. — Beethoven: Erſter Satz
aus der Eroica. — Wagner: „Wach auf” aus „Meiſterſinger”.
O 22.30: Tanzmuſik.
Stettin. 9 Morgenfeier. Erntedankfeſt. Tunder: Sinf. für
7 Violinen. Mitgl. des Städt. Orch. — Cleff: Erntedanklied. Paſt.
Langkutſch, Rezit. — Bruhns: Der 100. Pſalm. Cantate für
Tenor=Solo Streichorch Trompete, Fagott und Klavier. (Ferd.
Schneider, Tenor). — Konſiſtorialrat Lic. Meyer: Anſprache. —
Bach: O Seelenparadies. Arie. — Der 91. Pſalm (Paſtor
Lang=
kutſch). — Choral: Nun danket alle Gott.
Königswuſterhauſen. Sonntag, 2. Oktober. 9: Morgenfeier.
O 11.30: Potsdamer Tonkünſtler=Orch. O 14.30: Major a. D. von
Rudolphi: Kulturgeſchichte im Bilde der Briefmarken. O 15: Dr.
Lieckfeld: Sachgemäße Jungviehfütterung. O 15.30: Jugendſtunde:
Hindenburg‟ o 16: Uebertr. der Hindenburgfeier aus dem Stadion
Berlin Geſänge der Chöre von etwa 7000 Schulkindern. O 17:
Ka=
pelle Steiner. O Prof. Fries: Der Mythos im Wandel der Zeiten.
O 19: Dr. Gertrud Haupt: Frauen um Goethe: Chriſtiane. O 19.30:
Dr. Legewie: Die ſozialen Inſtinkte bei Tieren und Menſchen.
Wetterbericht.
Witterungsausſichten für Montag, den 3. Oktober
(nach der Wetterlage vom 1. Oktober).
Wolkig, auch zeitweiſe aufheiternd, Temperaturen wenig veränder!
und meiſt trocken.
Die Heſſiſche Wetterdienſtſtelle.
Hauptſchriftleitung: Rudolf Mauve
Verantwortlich für Politik und Wirtſchaft: Rudolf Mauve; für Feuilleton, Reich un
Ausland und Heſſiſche Nachrichten: Max Streeſe; für Sport: Dr. Eugen Buhlmanr
für den Handel: Dr. C. H. Quetſch; für den Schlußdienſt: Andreas Bauer; fü
„Die Gegenwart”: Dr. Herbert Neite; für den Inſeratenteil: Willy Kuhle; Drut!
und Verlag: L. C. Wittich — ſämtlich in Darmſtadt
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Die heutige Nummer hat 24 Seiten.
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Nummer 273
Sonntag, den 2 Oktober 1927
Geite 11
Zwangsverſteigerung.
Die nachſtehend bezeichneten Grundſtücke, die zur Zeit der
Eintragung des Verſteigerungsvermerks auf den Namen der
1. Eliſe Hugenſchütz, geb. Link, Witwe von Friedrich
Hugenſchütz, Rentner in Darmſtadt, zu /s
Regine Gerlach, geb. Hugenſchütz, Witwe von
Lud=
wig Gerlach, Uhrmacher in Darmſtadt, zu /
A. Ludwig Hugenſchütz, Rentner in Darmſtadt, zu s,
4 a) Maria Magdalene Hugenſchütz, geb. Wenzel,
Witwe von Johannes Hugenſchütz, Rentner in Darmſtadt,
b) Minna Schmank, geb. Hugenſchütz, Ehefrau von
Wilhelm Schmank, Innenarchitekt in Darmſtadt,
c) Bertha Söder, geb. Hugenſchütz. Ehefrau von
Al=
bert Söder, Kaufmann in Freiburg i. Br.,
d) Eliſabeth Schmank, geb. Hugenſchütz, Ehefrau
von Theodor Schmank, Kaufmann in Darmſtadt,
e) Johann Hügenſchütz, Bankbeamter in Frankfurt (M.),
1) Henriette Lengfelder, geb. Hugenſchütz, Ehefrau
von Arthur Lengfelder, Diplom=Ingenieur in Zilina
(Tſchechoſlowakei),
g) Margarethe Hugenſchütz, ohne Beruf, Freiburg i. Br.
h) Helene Hugenſchütz, ohne Beruf in Darmſtadt,
Ge=
ſamtgut der ungeteilten Erbengemeinſchaft, zu s,
5. Jakob Hugenſchütz, Rentner in Darmſtadt, zu
s=
ur Grundbuch eingetragen waren, ſollen
Mkenstag, den 8. November 1927, nachmittags 31, Uhr,
ſurch das unterzeichnete Gericht an Gerichtsſtelle, Zimmer
ſr. 219, verſteigert werden.
Die Verſteigerung erfolgt zum Zweck der Aufhebung der
gemeinſchaft auf Antrag des Privatmanns Jakob
Hugen=
chütz in Darmſtadt, Herdweg 93, vertreten durch
Bürger=
meiſter Heinrich Martin Brücher in Groß=Zimmern.
Der Verſteigerungsvermerk iſt am 17. Auguſt 1927 in das
9rundbuch eingetragen worden.
Inſoweit Rechte zur Zeit der Eintragung des
Verſteige=
ungsvermerks aus dem Grundbuche nicht erſichtlich waren,
in d ſie ſpäteſtens im Verſteigerungstermin vor der
Auffor=
ſerung zur Abgabe von Geboten bei dem unterzeichnete
8 richt anzumelden und, wenn der Gläubiger widerſprich",
lmubhaft zu machen, widrigenfalls ſie bei der Feſtſtellung
()eB. geringſten Gebots nicht berückſichtigt und bei der Ver=
Vexung des Verſteigerungserlöſes dem Anſpruche des
Gläu=
ſipers und den übrigen Rechten nachgeſetzt werden.
Diejenigen, welche ein der Verſteigerung
entgegenſtehen=
es Recht haben, werden aufgefordert, vor der Erteilung des
Zuſchlags die Aufhebung oder einſtweilige Einſtellung des
Verfahrens herbeizuführen, widrigenfalls für das Recht der
Vrrſteigerungserlös an die Stelle des verſteigerten
Gegen=
tarndes tritt.
Darmſtadt, den 31. Auguſt 1927.
(14220a
Heſſiſches Amtsgericht I.
Bezeichnung der Grundſtücke:
brundbuch für Darmſtadt, Bezirk V, Band XXXIV, Bl. 2233.
Betrag der
Arr. Flur Nr. Kulturart u. Gewann am Schätzung
VII 175” vo Bauplatz Hobrechtſtr. 1466 11728 RM
* UII 262, Bauplatz am
Flur=
graben
1166 9328 RM.
Wegen Auflöſung des Haushaltes des
verſtor=
enen Geh. San.=Rats Dr. Strein verſteigere ich
Mittwoch, den 5. Oktober, und Donnerstag,
em 6. Oktober ds. Js., jeweils vormittags
u0 Uhr, u. nachm. /=3 Uhr beginnend. in
Griesheim bei Darmſtadt
Saal des Darmſtädter Hofs
Endſtation der Elektriſchen Bahn
athfolgend verzeichnete Mobilien freiwillig gegen
darzahlung:
(15151
kompl. mit Roßhaarmatratzen, 1 Ruhe=
Betken, bett, 2 O.wans, 1 Diwan m. 2 Seſſeln,
2 Schreibſeſſel, 1 Nachtſtuhl, 24 Rohrſtühle;
1M
1 Bücherſchrank, 1
Glas=
piegelſchränke, ſchrank, 1 Wäſcheſchrank,
1 Vorratsſchrank, 1 Eckſchrank, 3 lack,
Kleider=
ſchränke, 1 Pfeilerſchrank, 1 Waſchſchrank, ein
Waſchſchrank mit Marmorplatte, 1
Waſchkom=
mode mit Marmorpiatte, 2 Nachtſchränke, ein
Nachtſchrank m. Marmorplatte, 5 Kommoden
mit Aufſätzen, 1 Ausziehtiſch,
Schreibtiſche 2Klapptiſche, 4vierechige Tiſche,
1 runder Tiſch, 1 Spieltiſch, 1 Nähtiſch, ein
Bauerntiſch;
gemalt von Geh. Rat Profeſſor
Delgemält
Bracht, 6Oelgemälde, ſonſtige
Bilder aller Art, 1 Konſoleſpiegel, 1
Empire=
ſpiegel, andere Spiegel, 1 Wanduhr, 2 kleine
Standuhren, 1 Regulator, 1 Borometer, ein
Kaffee= und Teeſerv ce, Ziertaſſen, Kriſtall,
Glas und Porzellan aller Art ſowie ſämtliches
Küchengeſchirr, Aufſtellſachen;
Beleuchtungskörper, eine
Berrenfahrrad, runde Badewanne;
Wartie Herrenbekleidungsſtücke und
Stiefel;
Partie Bettwäſche, Tiſchwäſche und
Hauswäſche;
4 ſilberne Leuchter,
Wartie Silberbeſtecke, gold. und 3 ſilb.
Herrenuhren.
ſeſſichtigung Dienstag, den 4. Oktober 1927,
— nachmittags von 2—6 Uhr. —
Verſteigerungsfolge:
ſtwoch vormittag: Hausrat, Porzellan, Glas, Kriſtall und
Aufſtellſachen;
ſitwoch nachmittag: Silber, Schmuck, Oelbilder, Spiegel
und Kleinmöbel;
ſon nerstag vormittag: Kleider und Weißzeug;
on nerstag nachmittag: Großmöbel.
DDarmſtadt, den 2. Oktober 1927.
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Amtsgerichtstaxator.
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Die
Siebentach gelagerte
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ertordert mehr Arbeit und kostet
deshalb mehr als andere.
Natürlich dauert der Bau eines Motors mit siebenfacher
Lagerung länger als der eines solchen mit nur drei oder
vier Hauptlagern.
Mindestens drei Lager mehr müssen geschliffen und
poliert werden. Der Nash-Motor hat mehr Lagerfläche
als andere Sechszplinder in der gleichen Preisklasse mit
viermal gelagerten Kurbelwellen.
Es sind drei weitere Lager zuzurichten, drei weitere Lager
zu justieren.
Deshalb also muss der Bau einer siebenmal gelagerten
Nash-Kurbelwelle mehr Zeit und Geld kosten.
Warum baut Nash überhaupt solche Kurbelwellen, wenn
andere Konstrukteure immer noch Motoren mit weniger
Lagern verwenden?
Weil die Besitzer von Nash-Wagen sich daran gewöhnt
haben, von dieser Marke sehr viel mehr zu erwarten
als von irgendeinem anderen Wagen gleichen Preises.
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Damenhut. 1 brauner Damenledergürtel
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ſticktes Kinderhandtäſchchen mit
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tuch und 3 Pfg. 1 geſticktes Deckchen. Ein
Taſchentuch. 1 Neues Teſtament. 1 Leiter
(etwa 3 m lang’. 1 weißes Kinder=
Stoff=
handtäſchchen mit Taſchentuch.
Arbeitszentrale für
Er=
werbsbeſchränkte
Abteilung: Fliegende Kolonne
erledigt
Gelegenheitsarbeiten und =
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gungen
jeder Art für alle Wirtſchaftszweige,
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hörden und Haushaltungen
durch zuverläſſige Kräfte,
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Donnerstag, den 6. Oktober 1927,
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Seite 12
Sonntag, den 2. Oktober 1927
Nummer 273
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Nummer 273
Reich und Ausland.
Kobelpreisträger Prof. Einthoven
geſiorben.
Prof. Einthoven
t 67jährig in Leyden geſtorben. Der große
hol=
än diſche Gelehrte war der Erfinder des
Saiten=
awaniſators zur Unterſuchung der Herzmuskulatur.
ſm Jahre 1924 hat er den Nobelpreis für Medizin
erhalten.
Frankfurter Chronik.
FernſprechſchnellverkehrFrankfurt
ſannheim? Im Frankfurter Wirtſchaftsbezirk
i.d zurzeit der Fernſprechſchnellverkehr eingerichtet.
ſaiau, Höchſt, Wiesbaden, Biebrich und Mainz ſind
ereits mit Frankfurt und untereinander durch
ſanellverkehr verbunden. Im kommenden Frühjahr
bl die Umſtellung der Taunusorte Homburg,
Ober=
riel und Königſtein auf Schnellverkehr folgen.
ſe ner wird zurzeit noch geprüft, ob auch Friedberg
m Bad Nauheim in den Schnellverkehr mit
einbe=
pieen werden können. Neuerdings beabſichtigt man,
uc Mannheim dem Schnellverkehr anzuſchließen. Ob
die Einbeziehung von Mannheim wirtſchaftlich
trag=
at, ſein und ſich verantworten laſſen wird, muß erſt
ſe genaue Koſtenberechnung ergeben. —
Flug=
ſeug=Eiſenbahn=Güterverkehr (Flei)
5 1 Oktober. In Frankfurt a. M. fanden am
). d. M., wie wir erfahren, die abſchließenden
Ver=
moarungen zwiſchen Vertretern der Deutſchen
Luft=
aiffa und der Reichsbahngeſellſchaft über das
zwi=
ar den beiden Unternehmungen vereinbarte
Ab=
immen betreffend den Flugzeug=Eiſenbahn=
Güter=
er ehr, den ſogen. Flei=Verkehr, ſtatt, der mit dem
Loktober in Wirkſamkeit tritt. Es handelte ſich dabei
da= um die letzten ergänzenden
Ausführungsbeſtim=
ungen und geringfügige Aenderungen. Der
Flei=
er ehr iſt eine notwendige Entwicklung und
Ergän=
uig des Luftgütertransports. Er iſt inſofern eine
drutende Verbeſſerung, als es jetzt von jeder
be=
ehirgen Bahnſtation aus möglich iſt, mittels eines
ſunderen Frachtbriefes Güter für den Lufttransport
ra bei der Reichsbahn aufzugeben. Ebenſo erfolgt
en, jetzt ab auch automatiſch die Weiterleitung des
unes von der Flugendſtation zum Beſtimmungsort.
eizenüber der bisherigen umſtändlichen
Transportbe=
nölung bringt der Flei=Verkehr alſo auch eine
be=
u ende Beſchleunigung mit ſich, die ja bei den
ürern des Luftverkehrs an ſich notwendig iſt.
Hof=
ni ich folgen dieſem erſten Schritt der
Vereinheit=
hung von Luft= und Bahntransport, die einer
An=
gung aus der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M.
Aanken iſt, bald auch entſprechende Vereinbarungen
Werſonenverkehr. — Neue Nagetiere im
ow.. Um einen intereſſanten Typ wurde die
Nage=
raammlnug des Frankfurter Zoo bereichert. Es
in elt ſich dabei um eine kletternde Stachelſchwein=
It aus Nordamerika, das ſogen. Baumſtachelſchwein.
ü, dieſem Tier zuſammen kam noch eine Reihe
wei=
rei= nordamerikaniſcher Eichhörnchen und Mäuſe, die
Bher in der Sammlung gefehlt haben. Als Geſchenk
deſer Abteilung erhielt der Garten einen der
zier=
heet Agutis oder Goldhaſen.
Tödlicher Unglücksfall.
MAſchaffenburg. Ein verhältnismäßig
gering=
hiner Unglücksfall hat am Donnerstag einer Frau
B Leben gekoſtet. Eine 83 Jahre alte
Rentners=
efau wollte in der Faſanerie einen ſteil ab=
UUeniden Fußweg mit einem mit Holz beladenen
enbwagen herunterfahren. Hierbei verlor ſie die
iri ſchaft über den Wagen; dieſer kippte um und
z ſäe mit in einen Waſſerfall hinab. Bei dem Sturz
Am, die Frau auf einen harten ſcharfkantigen Ge=
Apſand ſo unglücklich zu fallen, daß ſie ſich eine
be klaffende Wunde am Kopf zuzog, an deren
lpen ſie kurz darauf verſtarb.
Starker Schiffsverkehr auf dem Main.
Der gegenwärtige hohe Waſſerſtand des Mains
in flußt die Schiffahrt auf heſſiſchem Gebiet durch=
8 Lungünſtig. Infolgedeſſen herrſcht zwiſchen Mainz
1. Frankfurt mainauf= und abwärts reger
Schif=
uresverkehr. Am ſtärkſten iſt jedoch der Verkehr
tih aufwärts. Der Andrang an den Schleuſen,
be=
ſiders bei Kelſterbach und Raunheim, iſt oft derart
ſei, daß der Fährverkehr zwiſchen Rüſſelsheim und
zürsheim eingeſchränkt werden mußte. In der
uptſache ſind die Schleppkähne mit Kohlen
be=
en—. Sie führen durchſchnittlich vier Anhänger
. Die Schleppzüge, die talabwärts fahren,
be=
ſidrrn Kies, Sand und Steinmaterial. Auch der
B5Setrieb auf dem Main iſt ſehr ſtark. In den
ſtern Tagen wurden Flöße in einer Länge von 300
in einer Breite von 60 Metern gemeſſen. Je
(h der Art des Holzes wurde ein
Durchſchnitts=
wicht von 45 000 Zentnern errechnet. Die Holz=
Be waren größtenteils für den Niederrhein oder
fa für Holland beſtimmt. Ganz im Gegenſatz
rzut ſteht der Betrieb in den Hafenanlagen zu
Eſtnvsburg. Infolge ſchlechter Beſchäftigung der
hſchlagsvorrichtungen ſind dort ſeit Tagen mehrere
(yn anlagen ſtillgelegt.
Sonntag, den 2 Oktober 1927
Koenneckes „Germania” abgeſtürzt.
Der Flieger nur leicht verletzt, das Flugzeug beſchädigt.
Kvennecke iſt in der Nähe von Bagdad mit ſeinem Flugzeug abgeſtürzt.
Der Flieger und ſein Begleiter, Graf Solms, haben nur unbedenkliche Verletzungen erlitten.
Der Oſtaſienflug iſt in Frage geſtellt, da die „Germania” beſchädigt iſt.
Todesſturz des Fliegers Wulf mit der „Focke=Wulf=Ente‟.
Das Entenflugzeug der Focke=Wulf=Flugzeugbau=Geſellſchaft ſtürzte bei einem Uebungsflug in
Bremen aus 40 Meter Höhe ab."
Der Führer und Konſtrukteur des Apparates, Direktor Georg Wulf, lag tot unter den Trümmern.
Der „Enten”=Typus der Konſtruktion Wulf hat den großen Hauptflügel und die beiden Motoren
hinten, die Steuerorgane dagegen vorn. Wulf war der Anſicht, daß die „Ente” ſich bei Start und
Landung unmöglich überſchlagen kann, da ſie anſtatt des nach hinten ragenden Schwanzes einen
weit nach vorn ausladenden Hals hat. Der Start glückte. Zu einer Landung iſt es leider nicht
gekommen. Die „Ente” ſtürzte in 40 Meter Höhe ab."
Zur Kataſtrophe in den Alpen.
Eine zerſtörte Brücke in Südtirol.
Unwetter und Hochwaſſer haben faſt alle Verkehrsverbindungen in Südtirol zerſtört. Straßen,
Bahnlinien und Brücken ſind der Kataſtrophe zum Opfer gefallen.
Der Hund als Lebensretter.
Bad Ems. Bei dem benachbarten Becheln
wurde eine Frau, die mit ihrem Enkelkinde das Vieh
hütete, von einem wütenden Bullen angegriffen.
Das ſonſt ſehr zahme Tier war durch das rote
Mäntelchen des Kindes gereizt worden und ſtürzte
in raſendem Lauf auf das Kind zu. Die Frau hatte
ſoviel Geiſtesgegenwart, das Kind weit zur Seite
zu werfen und ſtellte ſich dem Bullen entgegen, der
ſie zu Boden ſtieß. In dieſem Augenblick ſprang der
Hofhund herbei und biß dem wütenden Bullen in
die Naſe, bis Hilfe herbeikam. Die Frau iſt mit
leichteren Verletzungen und das Kind mit dem
Schrecken davongekommen.
Zugunfall.
Karlsbad. Auf dem oberen Bahnhof fuhr eine
Rangierlokomotive infolge falſcher Weichenſtellung
auf einen auf einem Nebengleis ſtehenden
Güter=
wagen, der mit etwa 10 000 leeren Glasflaſchen
be=
laden war. Acht Perſonen wurden unter den
Trüm=
mern von mehreren tauſend Flaſchen begraben und
erlitten erhebliche Schnittwunden. Die Verletzungen
von fünf Perſonen ſind ſchwerer Natur.
Fernſprechkabel Budapeſt—Wien-Berlin
in Betrieb.
Berlin. Das neue Fernſprechkabel Budapeſt—
Wien, in dem auch zwei neue Leitungen von
Buda=
peſt nach Berlin, eine nach Frankfurt a. M. und
eine nach Nürnberg verlaufen, iſt am Samstag
feier=
lich dem Betrieb übergeben worden.. Bei der
feier=
lichen Eröffnung des Verkehrs auf dem Fernkabel
Budapeſt—Wien wechſelten über eine der neuen
Fernſprechleitung Berlin-Budapeſt der ungariſche
Handelsminiſter Herman und Reichspoſtminiſter Dr.
Schätzel bei ausgezeichneter Verſtändigung Anſprachen.
Den drei deutſchen Städten ſtehen mit der
Inbe=
triebnahme des neuen Kabels neue, von
atmoſphäri=
ſchen Einwirkungen unabhängige und eine
gleich=
mäßige Sprechverſtändigung gewährleiſtende
Kabel=
leitungen für den Verkehr mit Ungarn zur
Ver=
fügung. Dieſer Verkehr, der ſich bisher in der
Hauptſache nur auf einer oberirdiſchen Leitung
ab=
vickelte, wird durch die neuen Leitungen weſentlich
verbeſſert und beſchleunigt. Damit erfahren auch die
wirtſchaftlichen Beziehungen zwiſchen Deutſchland
und Ungarn ſowie zwiſchen Weſt= und Oſtpreußen
eine Verbeſſerung.
Wirbelſiurm am Mifſiſſippi.
St. Louis vom Tornado zerſtört. — Viele
hundert Tote unter den Trümmern.
Unſere Karte zeigt das Gebiet,
in dem der furchtbare Tornado raſte. Mit 140
Kilometerſtunden — alſo 40 Meter
Sekundenge=
ſchwindigkeit — fegte der Wivbelſturm über die
Staaten Arkanſas, Kanſas, Miſſouri und Oklahoma,
Die Stadt St. Louis mit ihren 500 000 Einwohnern
lag im Mittelpunkt der Kataſtrophe. Mehr als 5000
Häuſer wurden vernichtet.
Eine Frau mit drei Kindern überfahren.
Halle. Am Freitag abend überfuhr ein
Renn=
auto eine Frau mit ihren drei Kindern. Im
Kran=
kenhaus ſind die Frau und ihr ſechsjähriges
Söhn=
chen geſtorben, die beiden anderen Kinder ſind ſchwer
verletzt. Der Rennfahrer wurde der
Staatsanwalt=
ſchaft zugeführt.
Flüchtig gegangen.
Trier. Ein Angeſtellter einer hieſigen
Privat=
bank unterſchlug nach und nach zirka 30 000 Mark.
Eine plötzliche Reviſion ergab die Unregelmäßigkeiten
und andererſeits die geradezu ſorgloſe
Vertrauens=
ſeligkeit des Bankiers. Der Dieb flüchtete von Trier
nach Luxemburg und dort weiter nach Paris.
Großfeuer.
Brünn. In der Fabrik der Firma Johann
Heinrich Offermann, eines der älteſten Unternehmen
der Brünner Textilinduſtrie, iſt in der letzten Nacht
Feuer ausgebrochen, dem die ganze Fabrik zum
Opfer fiel..
Todesurteil.
Prag. Der ehemalige Grundbeſitzer Friedrich
Vojtechovſky wurde wegen Giftmordes an ſeiner
Gattin, deren Lebensverſicherung er kurz vor ihrem
Tode bedeutend erhöhte, zum Tode verurteilt. Die
Hauptfrage auf Meuchelmord wurde von den
Ge=
ſchworenen mit 8 Ja und 4 Nein, die Frage auf
verſuchten Betrug mit 9 Ja und 3 Nein
beant=
wortet. Gleichzeitig wurde ausgeſprochen, daß der
Angeklagte aus niedrigen, unehrenhaften Motiven
handelte. Der Verteidiger meldete die
Nichtigkeits=
beſchwerde und Berufung an.
Flugzeugunglück in Teheran.
Teheran. Bei Akrobatikflügen einer
Sport=
maſchine ſtürzte am Freitag nachmittag der
Junkers=
pilot Peter Wagner auf dem Flugplatz in Teheran
ab und verunglückte tödlich.
Sieben deutſche Seeleute ertrunken.
Oslo. Ein 2000 Tonnen großer deutſcher
Oel=
leichter geriet Samstag morgen im Korsfjord in der
Nähe von Bergen auf Grund und brach auseinander.
Die aus ſieben Mann beſtehende Beſatzung, die in
die Takelage flüchtete, konnte, obwohl ein
Rettungs=
dampfer nach der Strandungsſtelle geſchickt wurde,
nicht mehr gerettet werden, da ſie von den Wellen
fortgeſpült wurde
Ueber einhundert Tote in St. Louis.
NewYork. Die Zahl der Toten der letzten
Wirbelſturmkataſtrophe in St. Louis hat ſich auf
94 erhöhte. Man vermutet, daß noch weitere
Lei=
chen unter den Trümmern liegen. Die
Notſtands=
apbeiten ſind in vollem Gange.
Anhängerflugzeuge für Ozeanflüge.
Der Untergang der engliſch=amerikaniſchen Flieger
auf dem Fluge nach Amerika läßt den Gedanken bei
den zuſtändigen Regierungen auftauchen, den Flug
über den Ozean vorläufig überhaupt zu verbieten,
zum mindeſten ſo lange, bis alle techniſchen
Neue=
rungen gründlich durchprobiert ſind und bei der
Aus=
führung des Ozeanfluges zur Verwendung kommen
können. Die Raab=Katzenſtein=Flugzeugwerke in Kaſſel
haben nun den Gedanken des Anhängerflugzeuges in
die Tat umgeſetzt und auch mehrfach bei
Flugveran=
ſtaltungen praktiſch vorgeführt, u. a. auch in dieſem
Sommer auf der Strecke Kaſſel—Frankfurt a. M.
Dieſer Anhängegedanke, der umgekehrt ein
Schlepper=
gedanke iſt, d. h. ein Flugzeug, das nicht allein aus
eigener Kraft in die Höhe kommen kann, durch ein
vorgeſpanntes Flugzeug ebenſo in die Höhe zu
brin=
gen, wie der Junge, der über das Feld läuft und
ſeinen Drachen in die Höhe ſteigen läßt, iſt von
vorn=
herein zum Patent angemeldet als „Erhöhung der
Tragfähigkeit eines Flugzeuges durch Vorſpann eines
anderen Flugzeuges‟. Dadurch ergibt ſich die
Mög=
lichkeit, daß das Ozeanflugzeug, das vor der
Weſt=
küſte Irlands aufzuſteigen hätte und wegen ſeiner
vollen Tanks nicht mehr aus eigener Kraft
empor=
ſteigen kann, durch zwei Flugzeuge, die vorgeſpannt
ſind, in die Luft gezogen werden kann und dadurch
eine größere Sicherheit zur Durchführung des
Ozean=
fluges gegeben iſt. Das Reichsverkehrsminiſterium, die
Deutſche Lufthanſa und die Verſuchsanſtalt für
Luft=
fahrt haben dieſen Gedanken ernſthaft aufgegriffen
und ſind in Verbindung mit den Raab=Katzenſteinſchen
Flugzeugwerken zurzeit mit Erwägungen beſchäftigt,
die eine größtmögliche Sicherheit für die
Durch=
führung des Ozeanfluges vorausſichtlich gewähren
würden.
Nummer 273
Sonntag, den 2 Ok ober 1927
Landestheater.
Großes Haus.
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Sonntag, 2. O.t.
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Carmen
Große Operin 4Akten
Muſikaliſcher Leiter:
Dr. Karl Böhm
In der Inſzenierung
von Guſtav Hartung
Bühnenbild:
T. C. Pilartz
Chöre: Berth Sander
Tänze:
Manda von Kreibig
Mitwirkende:
Margarete Albrecht
Paula Kapper
Moſe Landweh:
Martha Liebel
Rudolf Balve
Leo Barczinski
Ka I Ebert
Al red Karen
Hans Ney
Eugen Vogt
Spielwart: Fr. Wilde
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Kleines Haus.
Außer Miete
Sonntag, 2. Okt.
Anfang 20 Uhr
Ende gegen 22 Uhr
Tanz=Abend
M. v. Kreibig
Am Klavier:
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Residenz-Thezler
Palask-Lichtspiele
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Vorletzter Tagl
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Die Tragödie
einer Frau
Frei nach Gottfried Kellerschen
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Hauptdarsteller:
Lee Parry.
Harry Liedtke
Albert Steinrück, Wilheim
Diegelmann
Regie: Robert Land mit Grete Mosheim und
Wolfgang Zilzer — Dieser Film wurde in allen
Städten mit dem größten Interesse aufgenommen
derselbe bleibt noch Sonnt g und Montag
auf dem Spielplan
Der Schrecken von London
Abenteurer-Roman in 6 Akten (15221
Anfang 2 Uhr
BerletzteWalzer
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Reichspräsidenten
von Hindenburg
zu seinem 80. Geburtstag
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Suzy Vernon, Liane Haid,
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Das Eistournier auf
auf dem Wannsee
Eine Geschichte von lustigen Streichen und ernsten Abenteuern:
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Liebes-Abenteuer, aufregende und heitere Episoden
In der Hauptrolle: Ramon Novarro
der Hauptdarsteller aus „Ben-Hur‟ (
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Warum werden viele Frauen viel zu früh alt? —
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während der Ehe wissen? — Welche Mädchen
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[ ← ][ ][ → ]Nummer 273
Sonntag, den 2. Okfober
Dumn ſweveänſchen Preuatienmärti.
Der ſüddeutſche Getreidemarkt lag in der Berichtswoche ſtetig. Man
rechnet jetzt damit, daß Nordamerika und Kanada über eine
Ausfuhr=
menge von 600 Millionen Buſhels verfügen werden, und glaubt
des=
halb unter Umſtänden mit niedrigeren Preiſen als den gegenwärtigen
rechnen zu müſſen. An der Donnerstagsbörſe hat Argentinien die 5
bis 10 Prozent höher gehaltenen amerikaniſchen Forderungen dazu
benutzt, von ſeinen eigenen Beſtänden abzugeben. Bei kleinem
An=
gebot entwickelte ſich in inländiſchem Weizen nur wenig Verkehr.
Da=
bei verlangte man für die 100 Kg. in Reichsmark, waggonfrei
Mann=
heim, bei prompter Lieferung: Für badiſchen Weizen 26,50—27,
pfäl=
ziſchen 27—27,50, bayeriſchen 27,50—27,75, Wetterauer, 27,
mitteldeut=
ſchen 28, und für rheiniſchen Weizen, Septemberlieferung, fracht= und
verſicherungsfrei Mannheim, 26,90. Der Roggenmarkt lag ſtetig; da
man mancherorts glaubt, mit einem Notſtand für Roggen rechnen zu
müfſen, hat der Verband Deutſcher Müller erneut die Forderung
ge=
ſtellt, ein Roggenausfuhrverbok zu erlaſſen. Da jedoch die kanadiſche
Roggenernte um rund 20 Prozent größer iſt als im Vorjahre, dürfte
ſie ſich noch fühlbar machen. Inländiſcher Roggen kam nur wenig an
den Markt, die Mühlen bekundeten jedoch auch nur geringe
Kaufnei=
gung; ausländiſcher Roggen blieb angeboten, Weſtern Rye II,
waggon=
frei, mit 26—26,50 RM., ſeeſchwimmend u. Oktoberabladung, fracht= und
verſicherungsfrei Rotterdam, mit 11,55 Fl. (1 Fl. — 1 Holl. Gulden
— 1,6868 RM.), Plata=Roggen, 75 Kg., loko, Rotterdam, mit 12,50 Fl.,
pfälziſcher Roggen mit 25,30—25,60 RM., badiſch. mit 25,25—2,50 RM.,
Wetterauer mit 26 RM. und rheiniſiher mit 25,50—25,75 RM. Am
Gerſtenmarkt blieb Durchſchnittsware reichlich angeboten, wogegen ſich
für Ausſtichqualitäten weitere Nachfrage zeigte. Man bewerte pfälziſche
Braugerſte mit 29—30,50 RM., rheinheſſiſche mit 26,75—29 RM.,
frän=
kiſche mit 26—26,75 RM., badiſche mit 26,50—27,50 RM. ab Stationen;
Futtergerſte koſtete waggonfrei Mannheim, prompt, 23—24 RM. Hafer
wurde wenig verlangt und unberegnete Ware mit 22,50 RM.
ange=
boten, Plata=fag=Hafer, 46/47 Kg., mit 24,25—24,50 RM. Mais hatre
ruhigen Markt und koſteten die 100 Kg. mit Sack, waggonfrei
Mann=
heim, Plata=Mais 19,50—19,75 RM. Das Mehlgeſchäft blieb unbelebt,
obwohl die Mühlen die Forderungen gegen die Vorſvoche etwas
er=
höhten. Dem Futtermittelmarkt fehlte es gleichzeitig an Anregung,
weil man den Ausfall der Kartoffelernte abwarten will, die vorläufig
auf 33 Millionen Tonnen geſchätzt wird. Man verlangt für die 100 Kg.
Nachmehl 23,50—24 RM., Futtermehl 17 RM., Weizenkleie fein 12,75
Reichsmark. grob 13,50 RM Roggenkleie 14 RM., Biertreber 16,25
bis 17 RM., Malzkeime, helle engliſche, 16—17 RMM., Erdnußkuchen
22,75 RM., Leinkuchen 22,25—22,50 RM., Reisfuttermehl 18—19 RMN.,
desgl. weiß 22,50—23 RMN.
Vom ſüddeutſchen Hopfenmarkt. Bei etwas lebhafterem Geſchäft
erfuhren die Preiſe ſeit dem letzten Bericht eine kleine Steigerung,
vev=
anlaßt durch auswärtige Aufkäufe. In der Südpfalz wurde für gute
Ware, je Zentner, 200 RM., für ſcheckige 140—150 RM., in Baden für
Hopfen aus der Walldorfer Gegend, in prima grüner Qualität, 230 bis
270 RM., Mittelqualität 150—200 RM., und in geringer
Beſchaffen=
heit, je nach Farbe, 100—130 RM. bezahlt.
Wirtſchaftliche Rundſchau.
Die Reichsindexziffer im September 1927. Die Reichsindexziffer
für die Lebenshaltungskoſten (Ernährung, Wohnung, Heizung,
Beleuch=
tung, Bekleidung und ſonſtiger Bedarf) beläuft ſich nach den
Feſt=
ſtellungen des Statiſtiſchen Reichsamtes für den Durchſchnitt des Monats
September auf 14771 gegen 146,6 im Vormonät. Sie iſt ſonach um
0,3 v. H. geſtiegen.
Die Kohlenförderung im Ruhrgebiet. Nach den vorläufigen
Be=
rechnungen wurden in der Zeit vom 18. bis 24. September im
Ruhr=
gebiet in ſech3 Arbeitstagen 2 215 061 To. Kohle gefördert gegen 2 244 061
Tonnen in der vorhergehenden Woche in ebenfalls ſechs Arbeitstagen.
Die Kokserzeugung ſtellte ſich in den ſieben Tage der Berichtswoche (in
den Kobereiem wird auch Sonntags gearbeitet) auf 533 820 To. gegen
529 833 To in der vorhergehenden Woche, die Preßkohlenherſtellung auf
62 427 To. gegen 61 063 To. in ſechs Arbeitstagen. Die arbeitstägliche
Kohlenförderung betrug in der Zeit vom 18. bis 24. Sept. 369 177 To.
gegen 374 127 To. in der vorhergehenden Woche. Die tägliche
Koks=
erzeugung ſtellte ſich auf 76 260 To. (75 690), die arbeitstägliche
Preß=
kohlenherſtellung auf 10 405 (10 177) To. Die Zahl der wegen
Abſatz=
mangels eingelegten Feierſchichten ſtellte ſich auf 46 286 To (
arbeitstäg=
lich 7714) gegen 23 470 (3912) in der vorhergehenden Woche.
Der Röhrenverband im September. Das Inlandsgeſchäft zeigte
nach der geringen, durch die Sommermonate bedingten Abſchwächung, die
erwartete Beſſerung, wenn auch die Aufträge noch nicht im
entfern=
teſten an die Leiſtungsfähigkeit der deutſchen Röhrenwerke heranreichen.
Am Auslandsmarkt iſt die Lage gegenüber dem Vormonat unverändert
geblieben. Die amerikaniſch=engliſche Konkurrenz macht ſich auf den
Exportmärkten nach wie vor ſowohl in der Preisgeſtaltung als auch im
Auftragseingang bemerkbar. Trotzdem iſt es den kontinentalen Kartellen
gelungen, einige größere Exportaufträge in Bohr= und Leitungsröhren
hereinzunehmen.
Viehmärkte.
Auf dem Schweinemarkt in Weinheim a. d. B. am 1. Oktober 1927
wurden zugeführt: 396 Schweine, verkauft wurden 304 Stück.
Milch=
ſchweine wurden verkauft das Stück von 5 bis 9 RM., Läufer das Stück
von 12.— bis 40.— Reichsmark.
Frankfurter Effektenbörſe.
Frankfurt a. M., 1. Oktober 1927.
Zum Wochenſchluß nahm die Börſe einen recht feſten Verlauf.
Immer noch beſchränkte ſich die lebhaftere Geſchäftstätigkeit auf
Spezial=
werte, doch hat ſich der Kreis dieſer bevorzugten Papiere merklich
er=
weitert. Neben Intereſſenkäufen nahmen die Deckungen heute größeres
Ausmaß an, da noch ein ziemlich bedeutendes Decouvert beſtehen ſoll,
das erſt jetzt nach dem reibungsloſen Verlauf des Ultimos wieder gedeckt
wird. Der weiter angeſpannte Geldmarkt bleibt unbeachtet, auch der
Monatsbericht der Dresdner Bank, der Beſorgniſſe über die zukünftige
Entwicklung des Geldmarktes äußert, ſchenkte man wenig Aufmerkſamkeit.
Elektrowerte wurden weiter hauſſiert; hier werden die Auslandskäufe
fortgeſetzt. Größeres Intereſſe wandte ſich heute dem Montanmarkt zu,
wobei der Bericht des Röhrenverbandes über beſſeren Geſchäftsgang
im September etwas anregte. Lebhaftere Umſätze verzeichneten ferner
wieder J. G. Farben aus den bekannten Gründen, doch entbehren die
Kapitalerhöhungsgerüchte noch jeder Begründung. Gegen die geſtrige
Abendbörſe ergaben ſich durchſchnittliche Kursbeſſerungen von 1½ bis
3%= Stärker geſteigert waren Harpener, Gelſenkirchner, Zellſtoff Waldhof
und Siemens, die bis 5% anzogen. Rheiniſche Braunkohle konnten ſogar
7½0 gewinnen. Banken blieben vernachläſſigt und nur gut behauptet.
Ebenſo eröffneten Scheideanſtalt nur wenig verändert. Schiffahrtswerte
traten etwas hervor bei Kursbeſſerungen bis zu 3%= Der Anleihemaukt
verzeichnete auch heute nur kleines Geſchäft bei geringen
Kursverän=
derungen. Im weiteren Verlaufe blieb das Geſchäft für die genannten
Papiere ziemlich lebhaft, doch bröckelten die Kurſe auf Realiſationen
ver=
ſchiedentlich ab. Tägliches Geld unverändert 70 Am Deviſenmarkt
nannte man Mark gegen Dollar 4,1967, gegen Pfunde 20/423, London=
Paris 124,02, Mailand 89,10, Madrid 27,80.
Berliner Effektenbörſe.
Berlin, 1. Oktober 1927
Die heutige Börſe begann im Anſchuß an die feſte Haltung des
Frank=
furter Abendverkehrs mit einigen Spezialbewegungen, die der geſamten
Tendenz ein freundliches Gepräge gaben. Die Aufwärtsbewegung ging
wieder vom Markte der Elektrizitätsaktien aus, wo die ausländiſchen
Käufe in Licht und Kraft uſw. anhielten. Die Spekulation ſchloß ſich dem
an, zumal die Elektrohauſſe einen internationalen Charakter hat. Nach
den nicht neueſten Berichten wird von einem engen Zuſammenſchluß
der kontinentalen Geſellſchaften geſprochen. Stärker beachtet waren
ferner Glanzſtoff im Hinblick auf die bevorſtehende Einführung an
führenden ausländiſchen Börſenplätzen. Der Auftragseingang ließ bei
den Banken zu wünſchen übrig, doch konnte durch die günſtigen Berichte
der Banken eine zuverſichtliche Haltung feſtgeſtellt werden. Einen guten
Eindruck rief der Rückgang zum Dollarkurſe in Berlin auf 4,1960 hervor,
der zum Teil mit einer beruhigten Auffaſſung über die Anleihefragen
zuſammenhängt. Das engliſche Pfund ſetzte ſeinen geſtern begonnenen
Rückgang ſcharf fort, London=New=York notierte 4,8625 (am Freitag
4,8656½). Die ſpaniſche Währung befeſtigte ſich nach der geſtrigen
Ab=
ſchwächung, London=Madrid 27,92. Am Geldmarkt war die Lage noch
unverändert angeſpannt und insbeſondere Tagesgeld nur mit 7½ bis
9% erhöht, man nannte vereinzelt ſogar Sätze über 9%. Monatsgeld
8—9%0, Warenwechſel 6¾4%=
Aſchaffenb. Zellſtof)
Augsb. Nürnb. Maſch.
Bamag=Meguin.
Berlin el. W.
BerlinKarlsruheInd
Braunkohl.=Briketts.
Bremer Vulkan
Bremer Wolle..
Deutſch.=Atlan 1. Tel.
Deutſche Maſchinen
Deutſch.=Nieb. Tel.
Deutſche Erdöl.
Teutſche Petroleum.
Dt. Kaliwerke..
Tonnersmarckhütte .
Tynamit Nobel
Elektr. Lieferung. ..
J. G. Farben. ... .."
R. Friſter........."
Gaggenau Vorz....
Eelſenk. Berg.
G. f. elektr Untern..
Halle Maſchinen. . . .
Han .Maſch. Egeſt.
Hanſa=Dampfſchf. ..
Helſingſors..
Wien.....
Prag .....
Budapeſt ..
Sofia
Kolland.
Eslo ..
Kopenhagen.
Stockholm.
London.
enos Aires
New York
Belgien.
Deviſenmarkt.
30. 9. 1. 10. 30. 9. 1. 10. Geld/ Brie Geld / Brief Geld Brie Geld Brief 10.562 10.58: 110.565 10.585) Italien. 122.895/22.93 22.87 22.81 59.19 59.3 59.14/ 59.2 Paris. 16.45 16.4 6.445 16.485 12.441 12.46112.429 12.44‟ Schweiz. 80.885 81.04 180.855 01.015 73.32/ 73 4e 73.33/ 73.4: Spanien. 73.20 73.3 73.13 13 27 3.030, 3.036 3.030/ 3.036 Danzig. 81.40 81.5 81.42 81.58 168.17 168.51 68.08 168.42 Fapan. 1.953/ 1.95 1 955 1.959 110.64 110.86 10.44 110.6e Rio de Janeiro 10.500510.502 0.5005 0.5025 112.35 112.57 12.32/1 12.54 Jugoſlavien 7.393/ 7.40 7.393 7.407 112.80 113.02 12.77/112 9e Portugal 20.78 20.81 20.78 20.82 20.41/ 20.45 20.402 20.44: Athen 5.544 5.55 5.544 5.556 1.7821 1.796 1.790/ 1.794 Konſtantinopel, 2. 198 2.20: 2.203 2.207 4.1945 4 202 1.1925 4.2005 Kanada. 4. 198 4.206 4. 196/ 4.204 58.41/ 58.53 58.40/ 58.52 Uruguay 4.246 4.254 4.246 4.254 Amerikaniſche Kabelnachrichten
New York, 1. Oktober.
Zucker: Der Rohzuckerterminmarkt beendete die Berichtswoche in
äußerſt ruhiger Haltung. Die Tendenz war als gut behauptet zu
be=
zeichnet. Es wurden einige Deckungen vorgenommen. Das Angebot
war nur geringfügig.
Kaffee: Die Kaffeepreiſe hatten zum Wochenſchluß unter
Realiſatzio=
nen und Abgaben der Kommiſſionsfirmen, ſowie europäiſcher Häuſer zu
leiden. Verſtimmend wirkte die Tatſache, daß die Verſchiffungen aus
Braſilien recht groß ſind. Später kam es unter Deckungen zu einer
teil=
weiſen Erholung.
Baumwolle: Unter dem Eindruck von Meldungen über Regenfälle
im Südweſten und im Zentrum des Anbaugebietes, ſowie infolge der
Vorausſage, daß in Texas und Oklahoma mit naßkalter Witterung zu
rechnen ſein dürfte, erfuhren die Baumwollpreiſe heute zunächſt eine
leichte Befeſtigung, zumal die vorliegende private Ernteſchätzung 3 la
Hauſſe lautete und den Handel zu Anſchaffungen veranlaßte. Später
gingen die erzielten Gewinne unter Hedgingsverkäufen des Südens und
Liquidationen Wallſtreet wieder verloren.
Fettwaren: Am Schmalzmarkte regte die lebhaftere
Exportnach=
frage ſowie Vorausſagen einer Abnahme der kontraktlichen Vorräte die
Pacherfirmen zu Käufen an, die ſich in einer Steigerung der
Notierun=
gen auswirkten.
Chicago, 1. Oktober.
Weizen: Der Weizenmarkt eröffnete heute unter dem Eindruck von
Meldungen über Niederſchläge in Kanada, ſowie ifolge von
Voraus=
ſagen, daß die unbeſtändige Witterung in Kanada anhalten und in
Alberta mit dem Eintreten einer Abkühlung zu rechnen ſein dürfte, in
behaupteter Haltung. Später kam es im Einklang mit den ſchwächeven
Winnepeger Notierungen zu einem Preisrückgang, zumal aus Auſtralien
Meldungen über weitere Regenfälle vorlagen und die Nachfrage des
Auslandes hinter den gehegten Erwartungen zurückblieb.
Mais: Die Tatſache, daß in faſt allen Staaten Regenfälle
nieder=
gegangen ſind, war neben Berichten über Ernteſchäden in Illinois und
Vorausſagen unbeſtändiger Witterung am heutigen Maismarkte die
Veranlaſſung zu einer Aufwärtsbewegung der Preiſe.: Später führten
jedoch Liquidationen zu einem beträchtlichen Abgleiten der Notierungen,
Im allgemeinen rechnet man damit, daß die Mentag zur
Veröffent=
lichung gelangende pridate Ernteſchätzung freundlicher lauten wird.
Roggen: Die Tendenz am Roggenmaukt war zunächſt ſtetig, was
auf den günſtigen Eindruck einer Ernteſchätzung zurückzuführen war.
Die unbeſtändige Witterung im Nordwveſten ſtimuliert die Kaufluſt
gleichfalls. Im Verlaufe blieb jedoch auch hier die Reaktion nicht aus,
da die ſchleppende Nachfrage des Auslandes und die Schwäche der
nord=
weſtlichen Märkte Verſtimmung auslöſten.
Hafer: Hafer tendierte heute beeinflußt dunch die ſchwächere
Hal=
tung des Winnepeger Marktes ſowie infolge einer Schätzung, die den
franzöſiſchen Ernteertrag höher beziffert, überwiegend ſchwöcher.
Es notierten nach Meldungen aus Chicago am 1. Okt.:
Getreide: Weizen, Dez. 129½, März 132½, Mai 134½: Mais,
Dez. 93½, März 96, Mai 99; Hafer, Dez. 48½, März 50½, Mai
51½: Roggen, Dez. 95½, März 98½.
Schmalz: Okt. 12,30, Dez. 12,55, Jan. 13,02½.
Fleiſch: Okt. 11,85, Dez. 11,85, Jan. 12772½; Speck loco 12,25:
leichte Schweine 10,60—11,55, ſchwere Schweine 10,35—11,60;
Schweinezufuhr Chicago 3000, im Weſten 23000.
Es notierten nach Meldungen aus NewYork am 1. Okt.:
Getreide: Weizen Nr. 2 rot 138½, hart 141½: Mais neu ank.
Ernte 102; Mehl ſpring wheat clears 6,65—700; Fracht nach
England 2—3,6, nach Kontinent 14.
Kakao: Tendenz ſtetig, Umſatz in lots 53, Okt. 14,62, Nov.
14,33, Dez. 13,78. Jan. 13,58, Febr. 13,52, März 13,50, April
13,57, Mai 13,67, Juli 13,77, Loco 15.
Kleine Wirtſchafts=Nachrichten.
Die Beſprechungen, die zwiſchen den Vertretern der großen
Kom=
munen, dem Reichsfinanzminiſterium und der Reichsbank geführt und
für vertraulich erklärt wurden, haben in der Hauptſache den Zweck gehabt,
die Frage der Befriedigung der legalenBedürfniſſe der Gemeinden in.
gemeinſamer ausführlicher Ausſprache zu erklären. Irgendwelche
Be=
ſchlüſſe ſind vorläufig nicht gefaßt worden.
Wie gemeldet wurde, wird die ungariſche Banken=Union in New=York.
5 Mill. Dollar hypothekariſch geſicherter Bonds, mit 7% verzinslich, zu.
97% auflegen.
In den erſten ſieben Monaten des laufenden Jahres betrug die
Pro=
duktion der polniſchen Zinkhütten 85328 Tonnen gegenüber 69789
Tonnen in der gleichen Zeit des Vorjahres. Die Ausfuhr von Zinkſtaub
betrug in der Zeit vom 1. Januar bis 30. Juli 70 210 Tonnen.
Nach römiſchen Meldungen wurden bisher im Jahre 1927 in Italien
7875 000 dz. Südfrüchte geerntet. Dieſe Mengeſ etzt ſich aus 4771000
dz Zitronen, 2705000 d2 Apfelſinen, 350 000 d2 Mandarinen und
50000 dz verſchiedener anderer Südfrüchte zuſammen."
Wie der „International News Service” aus Moskau meldet,
ſind=
zwiſchen amerikaniſchen Banken und der Sowjetregierung Verhandlungen
über die Gewährung einer Anleihe von 30 Millonen Dollar im Gange,
die zum Ausbau des ruſſiſchen Eiſenbahnnetzes beſtimmt iſt.
Staatspapiere
a)Deutſche
D. Reichsanl. Ablöſ=
Schuld einſchl.
Ausloſ. Sch. I. Teil
II. Teil
D. Reichsanl. Ablöſ.
Schuld ohne
Aus=
loſungsſcheine ..
4% Dt. Schutzgeb.=
Anl. . . .. . . .. .."
b) Ausländiſche
5% Bos. E. B. 1914
5% „L.Inv. 1914
4½% „1898 ....
4½% „1902...
4% Bosnien ...
5% Bulg. Tabak.0
4½%Oſt. Staatsr.
v. 1913, Kdb.1918
41/.%Oſt. Schatz. 14
4:ſ.% Oſt. Silberr.
Goldr.
40
4% Oſt. Goldrente
lt. Innsbr. Abk.
4% Oſt. einh. R. /k.)
3% Port. (Spz.) III
5%Num.am. R.08
4½%„Gold. 13...
4% „am R. kon.
4½ „ am. R 05
47Türk. (Adm.103
4% (Bagd.)
4% (Bagd.) II
4½ „unif. 1903
4% „1911 Boll
4½%Ung. St. 1913
4½% „ „ 1919
It. Innsbr. Abk.)
4½%Ung. St. 1914
4½%Ung. St. 1914
lt. Innsbr. Abk.
4½ Ung. Goldr.
55.35
16
9.4
3.8
RI.
18.5
5‟1
18
13.9
20-.
25 8
24os
48 Ung. Goldr.
(lt. Innsbr. Abk.)
129 Ung. Staatsr.
v. 10 ........
4% Ung. Kronr. . . . / 20.5
3% Ung. Eiſ. Tor.
Außereuro-
päiſche
5%Mex.amn. i.abg.
5% „äuß. 99 „
4½ „ Goldo4ſtf.
3% „ konſ. inn. . .
4½%, Irrigat. .„
5% Tamaulipas I .
Sachwert=
Schuld=
verſchreibungen
Mit
Zinsberech=
nung
10%Berl. H.=Bt. G.
39 Berl. St. Gold
32 Darmſt. St.=G.
8 % D. Hyp.=Bank
Meining. Goldpf.
Dresd. St.=G.
%Frkf. St.=G...
8% Frkf. Hyp.=Bk.
Goldpfbr.
7% Frkf. Hyp.=Bk
Goldpfbr.
6% Frkf. Hyp.=Bk.=
Goldpfbr.
8% Frkf. Pfbr.=Bk.
Goldpfbr.
7%o Frkf Goldpfbr.
6% Frkf. Pfbr.=Bk.
Goldpfbr.
5% Frkf. Pfbr. Bk.
Goldpfbr. . ..
7% H.=St.=
Gold=
anl. . . ."
8% Heſſ. Lanb.=Bk.
Goldpfbr.
7% Heſſ. Land.=Bk.
Goldpfbr.
Goldobl. Goldobl. 97.5 103.5 8% Württbg. Hyp.=
Bank Goldpfbrf Darmſt 8% K. Landesbank Darmſt. Reihe II 99 berechnung 8% Ldwgshf. Stadt= Goldan .. 5% Bdw. Kohl 23 7% M. KraftHöchſt 89.75 6% Großkr. Mannh.
Kohl. 23
— 8% Mainz.=St.=G. 8% Mannh. St.=G. 106.75 6%Heſ. Brk.=Rg. 23 6.5 6% Mannh. St.=G 82.5 5% Heſſ. Volksſtaat 70 M., Stahlw. 27 95.5 Roggen 23..... 8.25
— 8% Naſſ. Ldb. Gold 101.25 5% Pr. Kaliwert. . 8% Nbg. St. Gldal. — 5% Pr. Roggenw. 8.9 8% Pfülz. Hyp. Bk.=
Goldpfbr. 5% Südd. Feſt. B. G 2.22 98.5 Vorkriegs=Hyp.=B. 7% Pfälz. Hyp.=Bk.
Goldpfbr. . . .
6% Pfälz. Hyp.=Bk. Pfandbriefe
Bayr. Vereinsb. . — Goldpfbr. Bayr. Handelsb. — 8% Pforzh. St.=G. 98 Bahr. Hyp. u. Wechſ. — 88 8% Pirmaſ. St.=G 97.75 Berliner Hyp.=Bk. 15.5 100 8% Pr. Centr. Bd.= Frkf. Hyp.=Bk. 16.90 Cr.=Bk. Gldpfbr. 101.5 Frkf. Pfandbr.=Bk. —
— 8% Pr. Centr.=St. Hamb. Hyp.=Bk. —
— ſchafts=Goldpfbr. 101 Mecklb. Hyp.=u. Wb. — 7% Pr. Centr.=St. Meining. Hyp. Bk. 12.7 90.75 chafts=Goldpfbr. 98 Nordd. Gr.=Cr.=Bk.! — 96.5 8%Rh.=Hyp.=Bk... Pfälz. Hyp.=Bk. .. — 92 Goldpfbr. . . .. Preuß. Bod.=Cr.=B. „ „ „ „ Pr. Cent.=B.=Cr. B. — 100 6% „ „ Preuß. Pfdbr.=Bk.! 4½%„Lig. Pfb. 78.25 Rhein. Hyp.=B. ... 13.25 96.5 4½%„„Anteilſch. 55.5 Rh.=Wſtf. B.=Cr.=B. 7½%Rh. Stahlw. Südb. Bovenkr... 15 92 25 ..
. 149 Württ. Hyp. Bk. 14.25 100
96.5 10%Rh.=Weſtf.=B. 100 Staatl. ob. prov.
garantiert Cr.=Bk. Goldpf.
Heſſ. L.=Hyp.=B. 12.08 92 2 Südd. B.=Cr. B. Landeskr. Caſſel. Goldpfdbr. Naſſau. Ldsb. .. . ." 9.1 81 % V. Stahlw. Düſ= Obligationen v. ſeldorfHyp.=Gld. 90.5 obl. mit Option 97.5 Transportanſt. 7% V. Stahlw. Düſ= 4% Eliſ.=Bahn ſtfr. 4.6 99 ſeldorföyp.=Gd.= 4% Galiz. Carl= obl. ohne Option Lud.=B. D 7% Viag(V. Ind.= abg. Unt. Bln.) 27 ... 5% Oſt, Sd. (L.)itfr.
2,6% Alte Oſt. Sübb.
2,60 Neue" „
4%Oſt Staatsb. 83
%Oſt. 1. b.8. E.
3%Oſt. „ „abg.
„9.Em.
„abg.
1885
„ . abg.
gOſt. , Erg. Netz
3Oſt. „ „abg.
% RaabOebd. 83
91
3% „
07
*
48 Rud. Silber.
4% Rud. (Salzkg.)
4½%Anat., S. I
4½% Anat., S. II
4½% Anat., S. III
3% Salon. Monaſt.
5% Tehuantepec..
½%
Bank=Aktien
Allg. D.=Kredit.. . .
Bad. Bk. .... . . .
Bk. f. Brauind. . .
Barmer Bankv.
Bay. Hyp.=W.hſ.
Berl. Handelsgeſ.
Comm. u. Privatb.
Darmſt. u. Nat.=Bk.
Deutſche Bank
D. Eff. u. Whſ.=Bk.
D. Hyp.=Bk. Mein
D. Vereins=Bk. 1104
Disk.=Geſellſch.
Dresdener Bk. . .
Frankf. Bk.
Frankf. Hypth.=Bk.
Frkf. Pfdbr. Bk. . . .
Gotha. Grundkr. Bk
Zur. Intern. Bank
Metallbank. .
Mittelo. Crebitb.
Pfälz. Hyp.=Br. . .
Pr. Bd.=Creditbank
Hyp.=Akt.=Bank.
Reichsbank=Ant.
Rhein. Creditbk. .. .
Rhein=Hyp.=Bk.
Südd, B.=Erebitbk.
14,
10.25
20.25
23.5
20
18.5
3. 2
4
21.75
17
147
164
175
230.75
167
123.75
132.5
157
163.5
129
149
146
7.5
142
239
185.5
135
128
Süidd. Disc.-Geſ. /142
Oſterr. Creditanſt
Wiener Bankverein/ 17.75
Bergverk3=Nkt.
Buderus..."
Eſhv. Bergw.
Gelſenkirch. Bgw. . 1152.5
Harp. Bergb.
Iilſe Bergb. St....
„Genußſ hein .. . 127.25
Kali. Af hersleben
Kali. Salzdetfurth. 261
Kali. Weſterre geln".
Klöcknerwerke (abg.
Lothr=Hütte) ..
Mannesm.=Röhr. 1173
Mansfelder
131
104
Oberbedarf
Otavi=Min.=Ant. . . 33.5
Phönix=Bergb. . . . 1113.5
Rhein. Braunk. . .
Rhein. Stahlw. . . . 1198
Riebeck Montan...
Salzwerk Heilbronn 178
Tellus Bgb. ..
112
Ver. Laurahütte . .
Ver. Stahlwerke . . 1127
.1111.5
.1203
fndu trie=Akt.
Brauereien
Eichbaum(Mannh.) 271
13
Henninger ..
Hereules, Heſſiſche 13)
Löwenbr.=Mün hen 353
Mainz. Aktienbr. 5)
S höfferhof (Bind.) 337
S chwarz=Storchen
Tu her, Nürnberg
Werger
.
178
175
Akkum. Berlin.
Adler &Oppenh. 1130.5
Adlerw. (v. Kieher) 110.5
5%A. E. G. Vfg. A. 83.5
5% A. E. G. Vjg. B. 83.5
A. E. G. Stamm . . . 183. 7.5
ad. Maſh. Durlach 153
Bad. Uhren, Furtw. 153
Bamag=Meguin .. 45
Baſt Nürnberg ...! —
Banr. Spiegel
Beck & Henkel
Bergmann El .. . . 203
Bing. Metall.
Brem.=Beſigh=Ol.
Bürſtenfbr. Eclang
Tement. Heidelb. . . 142.5
Tement. Kirlſtadt
Temnent. Lothr
CThemn. Albert. . . .."
Chem Brocky
Chen. Nilh
Daimler=Benz A. G./122
Dt. Eiſenhandel
Deutſ he Eroöl
D. G. . Silb. S heit
D. Linoleumw. Bln
Din iler, Z veibrück.
Dresv. Shtellor. 1144
Dürkoppw. ( St)
Dürr. Ratingen
Dyckerhoff & W.
Eiſenw. Kniſersl.
E. Liht n. Kraft. . 1229
El. Lieferung . . . 193.5
Elſ. Ba0. Woille
Enail. lillrih
Erzin ger Werke
Ezlinger. Miſh.
Ettlinger Syinn. ..
Fiber Bleiſtift
Fiber & S hlei herl101
Fahr Pirmaſen3
Firbenind. F. G. (393
Felten E Guil ean.
Feinmeh. (Fetter
Feiſt. Sekt
Frankfurter Ga3
Frunkfurter Hof
Frkf.-M. B;k u. W
Keilin! & Sie
Büldſhnidt, Eh. 13)
Botha Wiiyon
Hritzner. Niſh
Hrün & Bilfinger. 1177
Hafennihle Frkft.
Haid & Neu ...
Himnerſen ..
Hanfwv. Füſſen.... 131.4
Hinſa=Lloyo, Be.
Hurtm. & Binun..!
62.5
65
195
147.25
55
9)
15)
213
243
70
42.25
29
82
23)
53
14
19)
43.5
12
74.75
115
145
53 25 1
Heyligenſtaedt.
Hilpert Arm itur.
Hindrichs=Aufferm.
Hirſh. Kupfer
Hoh=Tief Eſſen ...
Holzmann .. . . . ..
Holzvert. Ind...
5ydron Breslau
Fnag
Fanyhanz St.
eanny. Kriſerst.
Karlsraher Maſh.
Kacſtaot. R
elein S h.EBecker!
Lnorr, Heilbron:
Konſero. Briſn
Lriv. Alt=Virtt6g.
Prauz & Co
Liyneyer .......!
2eh. Atg3burg ...!
Veverv. Kyth=
Leder v. Spihirj.
Zin gel S huh v.
Vöhrbery. Mühle
Livisy. Wi(zm
Zidenſ heid. Metall
Kuinkcaft 53ht
Nirz= 3. Liriberg 1
Neta(lgeſ. Ferf.
Niry, Kihlenb
Keis. Stinn
Nytreif Detz
Nytorenf. Overarf.
Nith. Zihtipielk.
Tektri. Fayrf.
Nektrv. Szlingen
3eter3 U rion
1
Pfif; Nih Kayſer
Pyilipos..
Pyrfellan Weſſei.
Tein. G=6b. ES hall
K)ein Elektr
R)enanin, Kunheim
Ritgers verke
Shreio & Hanau.
Shiellvr. Frank 93. 25
Shrinn Lickfr
S hriftn. Sleno
Shickert Elektr 2)3.5
Shihfbr. Weſſel.
Shuhf. Herz.....
S hulß Grünlack 53.5
Seilind Wolff
Siemens Glas
Siemens & Halske. 1301
Süvo Immob.
Südb. Zucker-A.G 1139.7
Thür. Lief. Gotha 114.5
ſuhren Furtwängl. 17.5
Unterfr. Kr.=El.=V. 105
Beithwerfe
z Ver. f. Chem. Jnd 1114.75
Ver d. Olfor Mann / 92
Ver Faßf. Caiſel 54
Gumm: Bin =Frkf. / 98
5=Pinſel=Nürnbery .
AUltramarin
Zeliſtoff Berl. .... 160
VJytl. Miſch .... 1101
Voigt & Haeffner 1187
Vothom Seil 67
Wunß & Frentag 1163
Wegelin Rußfbr. 150
Zellſt Aichaffenba 203.5
Zellit Memel.
4Zellſt. Wilohof . . 319.5
Zucker Rheingau
Tranzport= und
Verſi herungs=Akt.
Di. Reichsb=Vorz 99:1
A. Di Eiſenbahn 84
A. Lotalb u. Kraft 1176.25
Di. Eiſenb.=Gei 133.5
z 1S hantung E.B
Sivv Eiſenb.-Ge/ 1142
15rong
152
Noroo Bloyd 155
93
53
16
152
38
79.5
Ferft Aug. Ver
Franfonia Rücko 153
darmſtädter Berte
Bahnbedari
Dunpft Rooberg
Helvetia Konſ.
Bebr Luß
Nſtorf. Darmſt
GGebr. Roeder
VenulethEEllenb..
150
35
141
[ ← ][ ][ → ]2. Oktober 1927
Uummer 40
Wie ein helles, klares, freundſchaftliches Auge tut
ich der Morgen auf.
Es iſt Cag geworden, und durch das Fenſter ſiehſt
du grüne, etwas glänzende Sweige im ungeſtört
gleich-
mäßigen weißlichen Blau.
Hinaus in den kühlen, hellen Morgen!
Erfriſcht ſtehen die Geranien in den Käſten, und die
Fuchſien laſſen die roten Glöckchen luſtig zwiſchen den
grünen Blättern ſpielen, ohne Bewegung ſtehen die
hohen Bäume da, die Kaſtanien und uralten Linden,
und höher ragt der Kirchturm des ſtillen Dorfes ins
Blau, grau=bläulich glänzend, und die Schwalben
fliegen hoch um ſeine Spitze, zanken mit dem goldenen
Hahn, den das nicht kümmert. Unentwegt reckt er ſein
euchtendes Haupt gen Oſten und kündet der Welt
weiter gutes Wetter an. Er, der mit den höchſten
Geiſtern zu flüſtern meint und nicht weiß, daß nur der
Wind in ſeiner Laune ihn hin und her bewegt.
Fröhliches Licht, heiteres Leben in der leichteren
Luft. Wir gehen ein paar Schritte durch das kühle,
naſſe Gras. Der Cau perlt in tauſend Lichtern,
weiß=
lich im feinen Sonnenglänzen liegt das grüne Gras,
und in den Hecken hängen wie Derlenketten, Diademe,
die Spinngewebe. Wie die Cannen harziger duften in
der feuchten Kühle, tief atmen die Lungen neue Jugend
und Geſundheit ein.
Als wir Kinder waren . .. wir denken dieſer
Seiten. Wir brachten die Kühe auf die Felder, da
nach dem Mähen der Klee wieder neu ergrünte . . .
am Waldhang, wo die ſchwarzen, blauen Brombeeren
ſtanden, wo die roten Perlen der Ebereſchen und des
wilden Schneeballs in dem Grün der Blätter
leuch=
teten . . . am Felrain, wo Chymian duftete und des
Nainfarn gelbe Köpfe . . . da ließen wir den
Wind=
vogel ſteigen . . . hoch, immer höher in das weißliche,
herbſtliche Blau . .. höher, bis faſt zum Mond, der
wie eine blaſſe Milchglasſcheibe mittags noch am
Him=
mel ſtand . . .
Nun ich traumperloren dieſer Seiten denke, da die
Bäume bunt von ſüßen Früchten waren . . . Aepfeln,
Birnen, Pflaumen, Pfirſiſchen und noch zuletzt . ...
dieſer bunten Seiten, bunten, frohen Lebens . . .
küh=
ler Morgen, lichtüberſponnener Mittage und
träum=
verdämmernder Abende . . . fühle ich ſtark und neue
der Gegenwart beglückende Stunde.
Wie iſt dies alles Schönheit und Licht, die Blumen
und die Bäume und die Dächer der Häuſer und die
Celegraphenſtangen mit den glanzweißen porzellanenen
Glöckchen . . . und die Kinder mit den bunten
Kleid-
hen auf der Straße . . . wie ſie beglückt und eifrig
mit den kleinen Mündern ſchwatzen und mit den
bun=
ten Aepfeln ſchmatzen .. .
„Vater, wir wollen in die Heide gehen
Ganz gewiß, wir gehen in die Heide!
Die Heide liegt da, wartend noch des Mittags,
wenn Spinngewebe über ſie hinfliegen, wenn der Slanz
über ſie gebreitet iſt und ſie, auch wie Glanz iſt dies
in ſummenden Bienenliedern unter ihrem roten Blühen
ſelig iſt.
Die Heide liegt da wie ein wartender, verzauberter
Garten .. mit ihren grünen Birkenkindern, die die
leichten Neigen ſpielen und den uralten Wochholdern,
die im leiſen Wind mit ihren Aeſtchen lächeln . . . ſie,
die ſchon über dreihundert Jahre alt dies Wechſelſpiel
der Jahreszeiten kennen.
Die Heide wartet ſo auf uns . . . hinter den
Bäumen liegt ſie weit gebreitet . . . die Kinder
war=
ten den Morgen wie vor verſchloſſener Cür, bis der
Mittag endlich kommt . . .
Die Stunden des leiſen Nebels nun, wie
Schwer=
mut ein wenig und doch golden überglänzt . .. . die
Stunden warmen Sonnenſcheins bis zum Abend hin ..."
dann leuchten die ſtillen Hauslichter zwiſchen Bäumen
her, und die ew’gen Sterne ſchauen auf uns nieder..
leis iſt die Luft gebeizt vom Qualm der
Kartoffel=
feuer .."
Ja, und es iſt ſo, daß der Wald „ſchwarz und
ſchweigend” ſteht und der weiße Nebel aus den Wieſen
wunderbar ſich hebt..
Wo biſt du Seele nun in dieſem Craum, nicht dort,
nicht hier? . . . allüberall: hoch in den Sternen und
doch auf der Erde, dieſer, unſerer Erde
llen Menſchen, allen Seelen in großer, immer neuer
Liebe nah.
nA
[ ← ][ ][ → ] Sum Cempel
der großen Erleuchtung und dem Miao Feng Shan.
Der Herbſt iſt in China die beſte Jahreszeit, um Cempel und
Bergklöſter aufzuſuchen, berühmte Stätten kaiſerlicher Stifter,
Wallfahrtsorte, zu denen das Volk an Feſttagen zu tauſenden
ſtrömt, Opfer zu bringen, Segen zu erflehen, zu bitten und zu
danken.
Strahlend klarer nordchineſiſcher Herbſthimmell Der Weg nach
Ca chüch Sſe, dem Cempel der großen Erleuchtung, führt aus
Pekings nordweſtlichem Cor hinaus, die große Straße nach dem
bekannten Sommerpalaſt, dort wartet das große Gepäck, um von
Nickſchahs auf Eſel geladen zu werden. Die Straße wird
ver=
laſſen und in leichtem Crabe kommt man den Bergen ſchnell
näher. Pekings Ebene liegt im Nücken, der Weg ſteigt an,
wird ſteinig und führt durch mittägliche Glut nach Hei Lung
Cang, der Halle des ſchwarzen Drachens. Dort ſpendet eine
kriſtallklare Quelle, die in einem in Stein gefaßten runden
(Weiher ſprudelt, Kühlung. Schattende Katalben breiten ihre
Sweige darüber, zierliche Wandelgänge faſſen das Ganze ein und
laden zur Nuhe im Hauber der Mittagsſtunde. Der
wunder=
tätige Drache, nach dem der Cempel ſeinen Namen führt, hat ſich
lange nicht gezeigt. Doch blitzt da nicht ſein Auge aus der
türkis=
farbenen Waſſertiefe?
Weiter den Bergen entgegen zum Cempel der Erleuchtung,
durch fruchtbares, herbſtliches Land. An ſpärlich belaubten
Sweigen leuchtend rot die großen runden Früchte der Perſimonen,
dazu der tiefblaue Himmel, ein farbenprächtiges Bild.
Weiß=
ſtämmige Pappeln ſäumen den Weg, zeigen die Nähe des
Kloſter=
gebiets an, ebenſo wie die gepflegten Perſimonengärten und
Gruppen von Edelkaſtanien. Die Cempelanlage zieht ſich den
Berg hinauf. Von den Wirtſchaftshöfen unten ſteigt man zu
den eigentlichen Cempelhöfen mit ihren großen Hallen und
ſeit=
lich liegenden Mönchs= und Gäſtewohnungen empor. Ca chüch
Sſe iſt gegründet als einer der acht geweihten Plätze der
nörd=
lichen Chin Kaiſer, Ende des zwölften Jahrhunderts. Die größte
Blütezeit des Cempels fällt in die Mingzeit, 14. bis 17.
Jahr=
hundert. . Aus einer ſpäteren Periode iſt im oberſten der Höfe
Kaiſer Kang Hſi’s, des großen Mandſchu=Kaiſers, Chronzimmer
erhalten. Kang Hſi iſt Seitgenoſſe des Großen Kurfürſten. Swei
gewaltige alte Ginkobäume beſchatten die Haupttempelhalle in
der Mitte der Anlage, wo die goldenen Gottheiten in Weihrauch
eingehüllt ſeit Jahrhunderten auf den Altären thronen. Dieſe
geheimnisvollen Bäume, halb Laub=, halb Nadelholz, werden
von den Einheimiſchen wie den Fremden mit gleichem
ehrfürch=
tigen Staunen bewundert. Goethes Seilen aus dem weſtöſtlichen
Diwan kommen in den Sinn:
Dieſes Baums Blatt, der von Oſten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu koſten,
Wie’s den Wiſſenden erbaut.
Der vorausgeſchickte Diener hat die Beſuchskarten bei dem
gaſtfreundlichen Abt abgegeben und auf der oberen Cerraſſe in
einem der Gäſte=Pavillons die Feldbetten aufgeſchlogen und die
Abendmahlzeit bereitet. Schnell bricht die Dunkelheit herein, der
Mond geht auf, die Grillen ſingen noch unermüdlich, hell rieſelt
die Quelle, Gongſchlag tönt zu der Mönche Abendgebet und
ver=
ſetzt in eine Stimmung der Weltferne, des Friedens und der
glückſeligen Stille. Ein Ahnen von der ſich ins Herz der
Gläu=
bigen ſenkenden „Großen Erleuchtung” zieht durch die Seele.
Am nächſten Morgen ſtehen die Cragſtühle bereit. Nun
be=
ginnt ein ſteiler Aufſtieg ins Gebirg auf ſteinigem, gewundenen
Pfad nach dem Aang Shan, der Paßhöhe. Die Cräger gehen
bewundernswert ſicher auf ihren Strohſohlen. Kurz, ehe die
Höhe erreicht iſt, ladet ein kleiner Cempel zur Naſt. Ein alter
freundlicher Prieſter fragt nach Woher und Wohin und bietet
Pilgerſtäbe zum Geſchenk an, als er hört, daß der „erhabene
Gipfel” der Miao Feng Shan, Siel der Wanderung iſt. Auf
der Paßhöhe entzücken blumige Wieſen das an den braunen Löß
der Ebene gewöhnte Auge. Eine Biegung, das Kloſter auf dem
erhabenen Gipfel grüßt herüber; aber noch liegt trennend ein
tiefes Cal dazwiſchen. Steil geht es hinab zu dem reizend
ein=
gebetteten, von hohen Bergen umgebenen Dorf Chien Kou. Die
Dörfler ſind mit dem Einbringen der Herbſternte beſchäftigt, auf
den flachen Dächern liegen leuchtend gelbe Maiskolben zum
Crocknon und im felſigen Bachbett Haufen grüner Nußſchalen.
Die Nußbäume ſind abgeeerntet. Hoch ragt das Kloſter Ling
Kan Kung auf dem „erhabenen Gipfel” auf ſchroffem Felſen
über das Cal. Der Cempel mit ſeinen drei weiblichen Gottheiten
iſt taoiſtiſch und im Frühjahr das Siel von Cauſenden frommer
Pilger, die den weiten, unbequemen Weg nicht ſcheuen, um an
dieſem künſtleriſch unbedeutenden, aber landſchäftlich wunderbar
gelegenen Platz Nachkommenſchaft und Geſundheit für die
Kin=
der zu erbitten, im feſten Glauben an die Hilfe der Göttin. Der
Blick vom ſteinernen Balkon des Wohnraums des Prieſters,
den dieſer gegen Vergütung als Gaſtzimmer abgibt, über die
Ve
K
Ke
Ke
Ke
Ke
war, daß er an Furchtbarkeit deutlich verloren hatte. Durch
„Du wirſt aufgeſchrieben, da gibt es nichts,” verhieß er laut,
ſolche Erkenntnis ward er nur tückiſcher.
Der Gartenwächter.
da er wachſend Suſchauer bekam. Wie heißt du denn?”
Von A. M. Frey.
An die dreißig Jahre verſah der Wächter Storhaas immer
in dem gleichen öffentlichen Garten der großen Stadt ſein Amt.
Er war bekannt und gefürchtet unter Dienſtmädchen, jungen
Frauen, Hundebeſitzern, die hier durchkamen oder gar verweilen
wollten. Hunde mußten knapp an der Leine geführt werden;
Kinder durften nicht im Kies der Wege ſcharren, ganz zu
ſchweigen etwa vom Betreten der Naſenflächen. Kinderwagen
durften ſich überhaupt nicht ſehen laſſen. Das war ein reichlich
rätſelhaftes Verbot, aber wehe, wenn es übertreten wurde! Mit
verſchüchterten Ammen und jungen Müttern knüpfte er
beſon=
ders gerne an, ſie waren leicht zu packen, wenn ſie langſam und
ahnungslos ihres Weges fuhren, ſie vermochten nicht zu
ent=
wiſchen, ſie waren hilflos und ließen ſich vertattert abkanzeln
und aufſchreiben. An ihnen konnte er ſeine Befugniſſe bequem
entfalten und ſich ſelbſt genießen; konnte ſeine Macht
miß=
brauchen, ohne daß ſie nach dem Buchſtaben mißbraucht worden
wäre.
Denn all die Verbote, deren Einhaltung er gierig verfolgte,
ſtanden aufgezeichnet auf ein paar dürftige Cafeln an Ein= und
Ausgängen des kleinen Gartens — von niemanden geleſen, kaum
lesbar, aber magiſtratiſch abgeſtempelt.
Auf die verwitterten Anſchläge berief er ſich — mit ſeinem
verwitterten, bösartigen Feldwebelgeſicht. Können Sie nicht
leſen? — war ſein ſtändiger Spruch, gekläfft im Kaſernenhofton.
AAls Militäranwärter und ausrangierter Unteroffizier hatte er
ſeinerzeit, lange vor dem Weltkrieg, dieſen Parkwächterpoſten
zugeteilt bekommen, hatte ihn, beachtet von allen, die er
über-
wachte und peinigte, verſehen — aber nun, in den letzten Jahren
der Republik, ſtieß er auf immer mehr Unbotmäßige. Auf ſolche,
die ſein Gekeif lächelnd oder mit wegwerfenden Worten
hin=
nahmen. Gewiß, er konnte ſie aufſchreiben kraft der
bröckeln=
den Cafeln aus dem Jahre 1882 — er tat es auch, er ſchrieb viel
mehr auf, als vor dem Kriege, ſeine Notizbücher füllten ſich
ſchneller; inſofern ging es ihm gut, er fühlte ſich wirken — aber
die nachdrücklichen Spuren, die er früher bei den Ertappten zu
hinterlaſſen wußte, wollten ſich nicht mehr zeigen.. Meiſtens
gingen die Sünder, die er geſtellt und zurechtgewieſen hatte,
obenhin achſelzuckend ihres Weges. Was ihn dauernd wurmte,
Die Kinderwagen, ſeine beſonders geſchätzte Beute, wurden
ſpärlicher. Ebenfalls eine Errungenſchaft der Nepublik —
ſchimpfte er bei ſich — die Leute machen weniger Gören!
Höchſtens noch uneheliche — fügt er in Gedanken bei und ſann
erbittert über ſeine eigenen Familienverhältniſſe nach.
Sielen ſie ihm auch deshalb ein, weil dort hinten ein
Mädel=
chen auftauchte, das einen Puppenwagen ſchob? Wie ſehr die
Kleine mit ſeiner Familie zu tun hatte, ſollte ihm alsbald zu
ſeiner Wut klar werden. Er hatte das Kind mit ſeinem
Wägel=
chen unter den jung begrünten Bäumen dieſes Frühlingsmorgens
kaum erſpäht, als er ſchon darauf zuſteuerte. Es bewegte ſich
ſchräg von ihm weg und erreichte einen Pfad, in den es einbog;
ſo bekam es den Verfolger in den Nücken.
Das machte, daß er nicht gleich erkannte, wem er da auf
den Pelz rückte: ſeiner eigenen Enkelin, der Cochter ſeiner
ledigen Cochter. Hätt’ er es rechtzeitig begriffen, es wäre ihm
vielleicht gelungen, ſeine Strafgelüſte zu unterdrücken, ſich in die
Büſche zu ſchlagen und die Kleine des Weges ziehen zu laſſen.
So aber holte er ſie ein, packte ſie hart am Aermchen, warf
ſie herum und ſchrie: „Weißt du nicht, daß es verboten iſt —‟
da erſtarrte er, denn er entdeckte die Gerda.
„Großvater —” ſagte ſie angſtvoll, dennoch zutraulich.
Storhaas erholte ſich von ſeinem Staunen — aber nur, um
in doppelten Aerger zu fallen. Was, das Lausmädel kutſchierte
hier herum? Nicht genug, daß ſie auf der Welt war, ſie mußte
ihn auch noch amtlich behelligen!
„Nichts da Großvater!” knurrte er. „Was treibſt du hier?
Wo kommſt du her? Was fällt dir denn ein?”
„Von Haus,” erklärte die kleine immer noch tapfer. „Die
Mutter ſagt, jetzt bin ich ſchon ſieben. Da darf ich ſchon allein
über die Straße. Ich paſſe auch gut auf.”
„Geſchwätz! Halt’s Maul!” befahl der Wächter. „Du weißt
es doch, daß man hier mit Wagen nicht herumfahren darf?
Hab’ ich daheim nicht oft genug davon geſprochen, liederliches
Ding?‟
Das Kind begann zu weinen — und Gartenbeſucher
began=
nen ſtehen zu bleiben.
Das brachte ihn ſtärker auf. — Niemand darf erfahren, daß
der Fratz eigentlich zu ihm gehört und verwandt iſt mit mir,
ſagte er ſich. Da wär ich ſchön blamiert!
„Aber Groß —” begann die Kleine ſchluchzend.
„Wie du heißt!” unterbrach er mit Geſchrei. „Kannſt du
nicht hören? Vorwärts! Namen und Wohnung!” Er hielt
ſchon das Notizbuch in den Catzen.
„Was hat ſie denn verbrochen?” fragte jemand.
„Geht Sie das was an?” erwiderte Storhaas ſcharf.
„Ja, das geht uns wohl was an!” miſchte ſich erregt eine
Frau ein. „Wir wollen nicht dulden, daß unſere Kinder ſinnlos
ſchikaniert werden.”
„Unſere Kinder?” ſchrie Storhaas wütend, der beſſer als
der ganze Kreis wußte, weſſen das Kind war. „Iſt’s vielleicht
das Ihre? Stecken Sie die Naſe nicht in Sachen, die Sie nichts
angehen. Ich bin hier im Amt!”
Einige begannen zu lächeln.
„Hat das Kind geſtohlen oder Bäume ausgeriſſen?” ſpottete
einer.
Storhaas nahm ſich zuſammen. „Es fährt hier mit einem
Wagen,” klärte er die Verſammelten erzwungen ruhig und
ge=
wichtig auf. „Kinderwagen ſind aber verboten.”
Nun lachte man laut. „Ein Puppenſpielzeug!”
„Fällt unter die Vorſchrift. Das hab’ ich zu entſcheiden.
Man hat meinen Anordnungen zu folgen. Alle haben ſie zu
be=
folgen.
„Er wird uns noch ſämtlich verhaften,” kicherte ein Fräulein
dem Begleiter zu, ſo laut, daß Storhaas es hören mußte.
Aus war es wieder mit der Haltung. „Will ich auch!” pfiff
er. Verhöhnt ſah er ſich, angetaſtet ſeine Würde, ſah ſich immer
weniger ernſt genommen, je mehr er darum kämpfte — ſah
Seinde ringsum.
„Machen Sie ſich nicht lächerlich,” ſagte wohlwollend ein
Mann. „Laſſen Sie das Kindchen ziehen.”
„Und machen Sie ſich nicht ſtrafbar,” ſchrie Storhaas. „Was
erlauben Sie ſich! Sie heißen Sie denn, Sie muß ich notieren!"
„Ach, Unſinn,” begütigte der Mann. „Sehen Sie nicht, dah
man Sie auslacht?” Und zu Gerda: „Fahr du ruhig weiter,
mein Kind. Schau, daß du fortkommſt aus dem Garten.”
Dem Wächter ſchlug das Blut dunkelrot ins Geſicht, ſein!
Augen ſchwammen in Dampf. „Amtsanmaßung!” keuchte er
„Das wird Sie teuer zu ſtehen bekommen!”
Bergketten und das Hunhotal iſt unvergeßlich ſchön. Hinter dem
Sempelgebäude erhebt ſich noch eine Bergkuppe. Von dieſer
pöchſten Spitze ſchweift der Blick zu herrlicher Nundſicht zu den
gewaltigen Sacken des Po Hua Shan, zu den blauen Linien der
ſernen Nankou Berge im Norden, der zweiten Pekinger Ebene
in Oſten und den Silberarmen des Hunho im Süden. Im Cal,
Shien Kou das lieblich erntefrohe Dörfchen, umrahmt von
Dängen fruchtbeladener Bäume. Man ruht in Matten, auf
venen Enzian, Nitterſporn und Skabioſen blühen, nach heißem
Sag in kühler, würziger Luft und köſtlich tiefer Stille.
Am nächſten Morgen wallendes wogendes Nebelmeer und
ein farbenprächtiger Sonnenaufgang. Die braven Packeſel
jehen mit ihrer Laſt und ihren immer unverdroſſenen Creibern
nierſt ab. Steinige, ſteile Cagesmärſche legen dieſe Ciere ſchwer
eiaden bei kärglichem Futter zurück, ebenſo anſpruchslos wie
ſhre Führer, die den tapferen Cieren aufmunternd und ſchiebend
ber die faſt ungangbaren Pfade bergauf und Bergab helfen.
Am Flußbett in Chien Kou hat ſich die bronzebraune, wenig
ekleidete Dorfjugend verſammelt und intereſſiert ſich für den
Elbmarſch unſerer kleinen Karawane. Der Nückweg nach Peking
führt jetzt durch ein Seitental des Hunho und wieder ſteil
auf=
wärts, um auf halber Höhe den Windungen des Flußtals zu
ſwlgen. Ein kleiner, zerfallener Cempel liegt am Weg, Mong
Shan Ling ſagen die Cräger. Zwei ſteinerne Löwen halten davor
Wacht, die große Glocke hängt abſeits an einem Baum. Einzelne
rächtige Kiefern und Nußbäume geben der Landſchaft Gepräge.
Cief im Cal rauſcht der Fluß, zu dem der Pfad wieder ſteil
hinunterführt, an maleriſchen Flecken vorbei. Mittagsraſt iſt
am Waſſer zwiſchen großen Felsblöcken, dem Hauptbeſtandteil des
Flußbettes, denn die Negenzeit mit ihrem Waſſerſchwall iſt vor=
bei. Die Cräger hocken ſich reſpektvoll in
einiger Entfernung nieder und ziehen die
unentbehrliche Pfeife aus dem Gürtel.
Das Cal wird immer enger, ſteil ſteigen
die Berge aus der Schlucht, wild=
roman=
tiſch türmen ſich die felſigen Hänge,
un=
heimlich und öde iſt es plötzlich, das
Fluß=
bett faßt nur Geröll, der Weg ſpringt
von einer Seite zur anderen und verdient
kaum mehr dieſen Namen. Die Kulis
federn mit ihrer Laſt von Stein zu Stein
und ſuchen ſich die flachſten Stellen aus.
In unendlicher, ſtundenlanger Einſamkeit,
die das Gemüt ruhevoll und ernſt
beein=
druckt, windet ſich der Weg wieder zu
einer Paßhöhe hinauf. Endlich iſt ſie
erreicht! Auf der anderen Seite im Cal
winken die Fluten des Hunho. Der
Fähr=
mann ſetzt Noß und Mann über den
Strom, und von San Chia tien bringt der
Abendzug in kurzer Seit nach dem
wim=
melnden, lichterglänzenden ewigen Peking
zurück.
M. B. Cheobald.
Gerüſt am Mainzer Dom
Von Nikolaus Schwarzkopf, Darmſtadt.
Von fern ſteht der vollauf eingerüſtete Dom da wie ein fein
abgeſtuftes Hochhaus. Keine Linien ſind ſichtbar als die
holz=
hellen Vertikalen und Horizontalen, und das verjüngt ſich bis zur
letzten Plattform, die dem Hahn gegeben iſt.
Dieſen Hahn hätte ich ſchon als Kind gern beſucht; weil er
mir ſo unerreichbar ſchien, hab ich ihn gefürchtet, und oft träumte
mir des Nachts: er ſäße auf dem Fenſterbrett und komme herein
an mein Bett. Ich brauchte doch kein ſchlechtes Gewiſſen zu
haben wie St. Peter, der, noch bevor der Hahn zweimal krähen
konnte, ſeinen Herrn und Meiſter ſchon dreimal verraten hatte!
Warum ſetzt man überhaupt Hähne auf die Cürme? Ich weiß:
man will den Gläubigen die Kleinmut Petri ſtets vor Augen
halten; man will den Gläubigen die eigene Kleinmut gern vor
Augen halten (aber die einen ſagen: Petrus hat’s auch getan,
und die anderen ſagen: er kann ja nicht krähen!); man will den
Gläubigen zeigen, woher der Wind weht, damit ſie ſich darnach
richten können! Auch ich habe mich ehedem ſchon oft im Leben nach
dem Curmhahn gerichtet und habe mich dreimal verleugnet, ehe
ich den Hahn krähen hörte!
Die Gelegenheit, dem Hahn Aug’ in Aug” zu ſehen, war alſo
günſtig, und ich ſtieg empor. Weil er meinetwegen nicht mehr
zu krähen braucht, hätte ich ihm frei ins Auge ſehen können!
So ſtieg ich in dem nördlichen Seitenturm des öſtlichen Haupt=
turmes die ſogenannt: Eſelstreppe hinan, die deshalb ſo heißt,
weil über ihre fachen Stufen ſeinerzeit, als der Curm gelaut
wurde, Eſel die auſene ſch eppen mußten, denn damals konnte
an ein ſolches Gerüſt noch nicht hinſtellen. Dann ſchlüpfte ich
durch eine vermorſchte Cür in den Längsſpeicher, ſchritt an dei
ſieben Gewölben des Hauptſchiffes hin, kletterte über ein
Panzer=
fort, an einer Leiter empor, über eine Schlucht, daß man ſich
eigentlich anſeilen müßte, wie im Hochgebirg, heraus in den erſten
Nundgang des Hauptturmes.
Die ungeheuren Maſſen von Sichtenholz, die da emporſtreben,
duften ſtark nach wonnigem Harz, und man wähnt ſich ſchier im
Gebirg. Einen ganzen Berg hat man abholzen müſſen für dieſes
Gerüſt, an zweihundert Feſtmeter, achtzig Connen! Ningsum
klopft’s und knattert’s, Steine bröckeln ab, Staub fliegt auf, und
hundert Menſchen krabbeln umher und ſchaffen. Ein Bleigießer
ſteht ſeitab, der muß die vielen eiſernen Klammern, die das
Mauerwerk ſeit Jahrhunderten ſchon halten — wenn ſie durch
neue erſetzt ſind — umbleien, daß die Witterung ihnen nichts
mehr anhaben kann. Sind die Klammern allzu groß (wie jene,
die der Erbauer des letzten Curmaufſatzes, Balthaſar Neumann,
ſie rundum ſchon anbrachte), ſo muß die Hülle aus Sement gemacht
werden. Die armdicken Sprünge, die ich vor Jahresfriſt ſchon
einmal geſehen, ſind ausgegoſſen mit Sement, der dauert bis an
das Ende der Cage.
Das Gerüſt laſtet auf dem Giebel des Querhausflügels, deſſen
Dach ganz maſſiv ausgemauert iſt, und dort auf dieſem Siebel
ragt zwei Meter hoch und mehr eine Kreuzblume ins Blaue, die
ſtemmt ein Schwein empor, lebensgroß und regelrecht ausgehauen;
aber Blume und Schwein ſind aus dem Lot geraten, die
Klam=
mern, die man vor hundert Jahren in Lende und letztes
Blumen=
blatt ſchlug, ſind verroſtet, der Blitzableiterdraht, der Schwein
und Blume ſchützt, baumelt mit kupferner Spitze nach unten und
kitzelt des edlen Cieres Weichen.
Schon kann ich dem einen Seitenturm des weſtlichen
Haupt=
turmes auf den blankſcharrierten Helm ſehen, aber ich will ja
zum Gockelhahn Hinauf! Ich klettere an den Glocken vorüber,
die ganz nah an die Schallöcher kommen, um zu ſehen, was
vor=
geht (ſie haben zudem nichts zu tun, ſolang gebaut wird, und
lang=
weilen ſich wie Arbeitsloſe). Eine Steinplatte kommt
herauf=
gerattert, tief vom Werkplatz herauf, ſchwebt an mir vorüber,
wird ſachte hinaufgelenkt in die oberſte Sattelung, wo ihr ſteiles
Lager für die folgenden Jahrhunderte ſchon bereitet iſt in zartem
Sementmörtel. Fortan muß dieſe Platte das Negenwaſſer der
Weſtwinde hinüberleiten zu dem Kupfertier, das ein Freund des
Schweines iſt, das in hohem Bogen das Waſſer hinausſpeit aufs
Dach des Querhauſes.
Aus den Stangen lächelt ein Engel mich an, der guckt mit
dem gleichen Lächeln ſchon ſeit etlichen Jahrhunderten hinunter
in die Gaſſen und weiß nicht, mit wem er lächelt! Er wiegt viele
„Geh nur,” nickte der Mann unbekümmert.
„Bravo!” riefen einige erleichtert. „Necht ſo!”
Und die kleine, der immer weniger geheuer wurde, ſetzte ſich
z0 ghaft in Gang.
Nun hätte der Wächter ſie laufen laſſen können aus
doppel=
tem Gründen: Einmal waren gnügend andere Verbrecher da,
A ebellen, die er zur Strecke bringen mußte, zweitens war ihm
erigefallen, daß, wenn er Gerda notierte und anzeigte, er
eigent=
lich ſich, ſelber aufſchrieb, denn wer würde die Strafe zu zahlen
huben? Schließlich doch er, der für die Enkelin aufkam.
Aber gerade der empöreriſchen Menge wegen konnte er den
Ausweg nicht wählen. Es wäre eine Niederlage. Niemals
dieſe! Sondern immer ſiegreich!
Mit einem Sprung war er hinter der Kleinen her —
Ge=
ärhter ihm im Nücken — er riß ſie herum — „auskneifen willſt
du auch noch!” — und er verſetzte ihr einen Schlag auf den
Kopf.
Da aber bekam er ſelbſt eine klatſchende Maulſchelle — die
eiſte ſeines Lebens — und obendrein von einem Weib.
Mit ſechsundſechzig Jahren einem ehemals kaiſerlichen
Sol=
datten eine Ohrfeige! Er hatte das aufſchwellende, das
über=
chwellende Bedürfnis, die da, die herumſtanden, Genugtuung
n ihren Blicken, mit einem einzgen Hieb zu vernichten. Er hob
ſ ſchweren Arme, als wolle er alle niederdreſchen, er gurgelte
— und ſchlug ſelber ſchwer zu Boden.
„Die Leute ſtanden unbeweglich — jener lag unbeweglich.
E: blieb ſo liegen auf dem Nücken.
„Den hat wohl der Schlag getroffen,” meinte jemand, nicht
ganz unbefriedigt. Einer ſprach matt vom Arzt, und ein dritter
vori der Seuerwehr. Keiner wollte ſich des Geſtürzten ſo recht
umjehmen. Niemand beugte ſich zu ihm.
Nur die Kleine ſtolperte erſchrocken herbei, mitſamt ihrem
Dmppenwagen. Der fiel um — und die Puppe kam auf den
Pei-b des Coten zu liegen. Von dort aus ſtarrte ſie in den
Früh=
insshimmel, mit glaſigen Augen, ähnlich wie der, auf dem ſie
1Dte.
Das Kind kauerte ſich hin. Seine Hände berührten ratlos
ſe Schulter des ſchrecklichen Mannes. „Großvater
agrte es ganz leiſe.
Im Hauſe der Swerge.
Novelette von A. von Gleichen=Nußwurm.
Von ihrem Schloſſe in Mantua aus ſchrieb Oſabella ihrer
Freundin: „Nun haben wir endlich für unſer Swerghaus ein
ſchönes Swerglein bekommen, es heißt Naſino und ſoll ſich mit
der bisher einſamen kleinen Cibia vermählen. Ein drolliges
Paar! Aber Naſino lehnt unwirſch Cibias Härtlichkeiten ab.
Man wird ihn prügeln müſſen, meint der Kaſtellan.
Die ſchöne Iſabella wußte nichts von des armen Naſinos
Herzensgeſchichte, ſie iſt aber ſeltſam und des Erzählens wert.
Bei Ruffiano ſah man ihn zuerſt, einem abenteuerlichen Mann,
der mit Affen und Cigern und Löwen das Land durchzog, gern
geſehen in den Schloßhöfen und auf den Marktplätzen der
Städte. Wenn dieſer bärtige Menagerie= oder Sirkusdirektor,
wie man ihn nennen mag, ſeine Vorſtellungen gab, begann
Naſino gleichzeitig mit den Affen auf einer großen Lederkugel
eine Art Canz, und die Leute lachten wie toll, wenn ſie Naſino
und den Affen kaum voneinander unterſcheiden konnten. „Er iſt
lüß — ganz wie ein Aeffchen — nur floht er ſich nicht vor den
Leuten,” bemerkte die ſchöne Prinzeſſin Angela, als ſie ihn ſah.
Die anderen Damen in der Loggia oder am Fenſter meinten aber
in ihrem humaniſtiſch gefärbten Gedankengang, es ſei die Kugel
des Glücks, die die Swerge und Affen der ſchönen Göttin
For=
tung weggerollt hätten, und richtig — da kam ſie ſelbſt, antik
gekleidet, noch aufgeſchürzt, verjagte das Swerglein mit ſeinem
grotesken Ciergefolge und tanzte ſelbſt auf der Lederkugel über
die Szene. Dann brauſte Beifall und Naſino grinſte ſo
jämmer=
lich zärtlich zu der üppigen Frau, daß wiederum alles lachte und
wohlgefällig mit den Singern auf den Swerg deutete.
Niemand ahnte, daß es ihm die wilde Arabella, wie
Ruffia=
nos Genoſſin hieß, angetan hatte. Naſino war verliebt und eine
große Leidenſchaft durchflammte den häßlichen, kleinen Körper.
Er wandte kein Auge von ihr und kauerte verängſtigt in der
Ecke, wenn Arabella in den Löwenkäfig trat, der nach ſeiner
Nummer auf die Szene gerollt wurde und ihren Kopf in Sultans
Nachen legte. Dieſe Liebe füllte Naſinos Leben, aber verzehrte
es auch, und da ſie ihm ſelbſt durchaus hoffnungslos erſchien,
ſann der Swerg darüber nach, wie er ſeinem Daſein ein Ende
bereiten konne.
In der Kirche machte ihm da eine Predigt großen Eindruck,
in der mit leidenſchaftlichen Worten ein Mönch ſchilderte, wie
die erſten Chriſten im großen Sirkus von den wilden Cieren
zer=
riſſen wurden, und er ſchlich des abends, wenn alle ſchliefen oder
auf Liebesabenteuer ausgegangen waren, an Arabellas Käfigen
vorüber, wo Sultan, der Löwe, melancholiſch in die Nacht blickte,
wo die magere Huäne gewohnheitsmäßig ihr heiſeres Geheul
ausſtieß oder die ſchwarze Pantherkatze ſich in die Ecke gerollt
hatte.
Und bei jedem beſann er ſich, ob er das Cürlein öffnen und
hineintreten ſollte.
Als der Frühling ins Land zog, mit mächtiger Schmeichelei
die Herzen umgaukelnd, da hielt es Naſino nicht mehr aus —
Arabella war an dieſem Cage ſchöner und wilder wie je geweſen
und er ſpürte noch wie eine Liebkoſung den Schlag ihrer
Peitſche. — Er zog den Bügel an Sultans Käfig zurück, öffnete
einen Spalt und wollte ſich gerade hineingleiten laſſen, dort zu
ſterben, wo ihr Haupt geruht hatte . . . als ihn eine Hand
kraftvoll zurückſchleuderte und eine Slut von Schimpfworten ſein
Ohr traf. Arabella wollte vor dem Schlafengehen noch einmal
den Verſchluß der Käfige prüfen und trat aus dem Dunkel.
Doch Nuffiano, ihr Begleiter hielt ſie zurück, als ſie den
Swerg züchtigen wollte. Naſino hat Schneid,” meinte er, „und
ſtrebt nach Künſtlertum. Er will im Löwenkäfig tanzen, das ſoll
er tun.” Und ſo geſchah es, das zitternde Swerglein lernte ſein
Kugelſpiel hinter Sultans Gitterſtäben und tröſtete ſich für ſein
Liebesleid durch den kreiſchenden Beifall der Menge und die
vielen Leckereien, die man ihm zuwarf, und die ihm weder
Suſ=
tan noch Aarabella ſtreitig machten. Er tröſtete ſich, daß er mit
ihr eine Gefahr teilte und ihre ſtarke Hand ſein ſchmächtiges
Sigürchen hochhob, wenn die Vorſtellung zu Ende war.
So fand ihn eines Cages Iſabella in Mantua und kaufte ihn
für das kleine Haus, in dem ihre Swerge angeſiedelt waren.
Seitdem trauerte er und ſehnte ſich nach Arabella, nach
Sul=
tan, nach dem Beifall der Menge. Er ſehnte ſich, bis der Ceich
vor den Coren der Stadt das kleine Körperchen aufnahm und
Iſabella im nächſten Brief an ihre Freudin ſchrieb: „Naſino iſt
dumm geweſen. Solche Geſchöpfe verſtehen nicht, gücklich zu
ſein. Denke dir, man fiſchte neulich ſeine Leiche aus dem See.
Schade, er hatte ſo gut zu Cibia gepaßt.”
viele Seniner; ſeine Wangen ſind verkruſtet, ſeine Flügel, wie von
heftigen Kämpfen zerzauſelt und zerrupft, ragen kampfesmutig in
den entgotteten Cag, und die Steinmetzen nehmen ſich der
Ge=
fieder an und der Locken und ſetzen dem Engel ein kupfernes
Pfaffenkäppchen auf den verwitterten Scheidel. Acht ſolcher
Engel ſtehen da an den acht Seiten des Curmes, jeder bis zur
Grimaſſe verwittert, aber jeder hat in den verunſtalteten Wangen
noch das himmlichſte Lächeln gerettet, und dies Lächeln iſt achtmal
anders und iſt achtmal dasſelbe: eine entzückende Melodie des
Lächelns, und ich möchte unſere Frauen heraufſchicken, daß ſie ſich
an den ſteinernen Klötzen erbauen wie an der Mona Liſa, und den
klaſſiſchen Saltenwurf ihrer Geſichtszüge ſtudieren, ſofern ſie
der-
artige Studien zu treiben ſich bemühen!
Mächtig in Buchſtaben, ſo groß wie ich ſelber bin, ſteht hier
der Name eines Engels geſchrieben, eines ganz bekannten Engels:
Gabriel! Denk ich: was muß der Erzengel Gabriel, der
bekannt=
lich der hl. Maria die Botſchaft brachte, daß ſie Mutter des
Sohnes Gottes werde, was muß er ſeinen Namen hier
ein=
ſchreiben, als bedürfe er der Neklame gleich einer großen Firma?
Ach, ich unterſchätze die Himmliſchen ſehr, wenn ich ſo denke, denn
jener Gabriel, der ſeinen Namen großmächtig hier hinſchrieb,
das iſt der Erbauer des Gerüſtes (Gabriel A. Gerſter), und der
darf, da er ſonſthin in die Geſellſchaft von Engeln nicht
auf=
genommen werden kann, ſeines Namens wegen in dieſen Höhen
ſich nach irdiſcher Art empfehlen, auf daß, wenn der Himmel
ſelber eines Cages einbrochen ſollte, Gottvater ſogleich weiß, an
wen er ſich zu wenden habe!
Noch drei Leitern übereinander, dann kann ich an das
Kreuz greifen, auf dem der Hahn ſitzt! Der maleriſche
Curm=
abſchluß, der von unten ausſieht, wie wenn ein Suckerbäcker oder
ein Sektfabrikant ihn geſtiftet habe, iſt nochmals ein ganzer Berg
für ſich, wie der Dom ein Gebirge iſt! Ungeheuerlich ſchwer laſten
die Steinplatten, die über drei Gewölbe hinab den Druck auf
die Grundfeſten auf dreißigtauſend Connen ſteigern.. Aus dem
Sichtenholz, das nach Weſten zu ſchon anzugrauen beginnt, blänkt
das friſchgelackte Kreuz, und ich eile, ſoweit ich noch eilen kann,
empor. Ich faſſe mich am Querbalken, um mich auf die letzte
Plattform aufzuſchwingen, aber die letzte Plattform iſt leer, der
Hahn iſt ausgeflogen! Da ſteh ich nun und möchte zu krähen
beginnen, aber ich fürchte, beim hl. Petrus in ein ſchiefes Licht zu
geraten, und halte mir den Mund zu. Wenn ich ſenkrecht
hinun=
terſehen könnte, wenn ich ein Lot könnte hinunterfallen laſſen
durch die Wucht der Steinmaſſen und Connen, ſo träfe mein
Blick jetzt den Mittelpunkt des Altartiſches, auf dem die
Neliquien des hl. Martinus eingemauert ſind, genau den Stein,
der dieſe Neliquien birgt, genau den Platz, auf dem in ruhigeren
Seiten der Kelch des Prieſters ſteht.
Ich drehe mich wie im Wind nach allen Seiten. Die
Land=
ſchaft, für mich die ſchönſte, feierlichſte, erhabenſte, die es in
Deutſchland gibt (durchaus nicht die großartigſte), dehnt ſich
weit=
hin bis Bingen, Worms und Frankfurt, und der Rhein, ſo nah,
daß man mit der Hand Waſſer ſchöpfen könnte, liegt wie ein
liebender Arm um den Gürtel des ſchönen Soldatenmädchens
Mainz. Dampfer brummen, Pappeln winken in langen
Pro=
zeſſionen, ganze Nudel von Buben tollen pudelnackicht auf einem
Sloß umher, ein Eiſenbahnzug ſchiebt ſich gemächlich über eine
der vier Brücken.
Ich breite die Arme weit aus, der Heimat zu, und mein
Herz klopft raſch, weil der Dom unter mir nicht mehr ganz meine
Heimat iſt!
Abenteuer aus aller Welt.
Die Geſchichte einer Beleidigung.
Die Vorgeſchichte:
Ein Wiener Mieter bekommt von ſeinem Hauswirt, einem
Fliſchhauermeiſter, einen Brief, und da das Verhältnis zwiſchen
Mietern und Hauswirten in Wien nicht ſonderlich glücklich iſt,
ergeht ſich auch dieſer Brief nicht in ausnehmend höflichen
Wen=
dungen. Der Mieter aber iſt ein Mann von Menſchenkenntnis,
er geht auf den Con nicht ein, macht aber auf das Schreiben
einen entſprechenden Vermerk und will es nachher dem Hauswirt
zurückſenden. Inzwiſchen aber erſcheint ſein guter Freund, ſie
reden über dies und das und ſchließlich über eine neue
Welthilfs=
ſprache, die der Sreund jetzt lernt. Um die Sprache zu
demon=
ſtrieren, ſchreibt er vier Worte belangloſen Inhalts auf ein Stück
Papier. Und dieſes Papier iſt gerade der Brief des
Haus=
wirtes, der nachher in deſſen Wohnung geſchickt wird.
Die Beleidigung:
Es vergehen zwei Wochen, und der Mieter wird wegen
Be=
leidigung des Hauswirtes vor Gericht zitiert. Und hier ſtellt
ſich der Sall vor dem ſich völlig unſchuldig fühlenden Angeklagten
wie folgt dar: der Hauswirt hat den Brief empfangen und geleſen.
Auf der Rückſeite findet er vier Worte in einer ihm
unbekann=
ten Sprache. Er denkt nicht lange darüber nach, was dieſe vier
Worte bedeuten könnten. Er iſt ſich darüber klar, daß ſie die
Ueberſetzung eines vielbenutzten Goethe=Wortes ſind. Was zum
Ceufel hätte der Mieter auch ſonſt auf den Brief antworten
können! Wir ſehen, der Hausherr iſt ein Mann, der ſich gut
Er iſt ſich darüber klar, daß es die Ueberſetzung eines
vielbenutzten Soethe=Wortes iſt.
einzuſchätzen weiß. So geht er denn hin und klagt, und da er
ſo genau weiß, was die vier Worte bedeuten, bemüht ſich das
Gericht nicht erſt um die Ueberſetzung. Es nimmt die Klage an.
Das Urteil:
Der Angeklagte klärt den „Irrtum” auf, ein
Sachverſtän=
diger beſtätigt nach vertagter Verhandlung die Ausſage, und
nun kommt der Nichter zum Urteil. Es lautet auf Freiſprechung.
Aber in der Begründung ſagt der Nichter: Wir müſſen Sie
frei=
ſprechen, weil das dem Geſetz entſpricht, das nur ſchriftliche oder
Beleidigungen vor Seugen kennt. Hier liegt keine von beiden
vor; aber der geſund Menſchenverſtand urteilt nicht nach Art
und Sinn, ſondern nach der Wirkung. Der Kläger hat ſich durch
die vier Worte in der fremden Sprache, die nach Ausſage des
Sachverſtändigen „Ich gehe im Garten” bedeuten, ebenſo
be=
leidigt gefühlt, als ob es ſich um vier eindeutige deutſche Worte
gehandelt hätte. Sein Suſtand war zweifellos der des Beleidigt=
Seins, er hatte volles Necht zu klagen. Es wäre allerdings ſeine
Pflicht geweſen, die vier Worte vorher überſetzen zu laſſen. Das
Gericht hat ſich daher entſchloſſen, die Koſten des Verfahrens
nicht dem Kläger, ſondern der Staatskaſſe aufzuerlegen.
Der wiedererſtandene Cote.
Die Frau des verſtorbenen Bürgermeiſters von Neichenhall
hat ein ſeltſames Erlebnis gehabt.
Im Juli des vergangenen Jahres weilte die Familie des
Bürgermeiſters zur Erholung im öſterreichiſchen Salzkammergut.
Bei dieſer Gelegenheit wurde auch St. Wolfgang beſucht.
Da=
mals weilte in St. Wolfgang eine Berliner Filmgeſellſchaft, die
dort den Schwank von Kadelburg „Im weißen Nößl” drehte. Es
wurden auch Aufnahmen von der Kurpromenade und ihrem
Creiben darauf gemacht. Ohne es zu wiſſen, wurde der
Bürger=
meiſter Filmſtatiſt. Er ging in einer Szene groß und deutlich,
mit einer dicken Sigarre im Mund, über die Bildfläche. Bald
darauf ſtarb er in Reichenhall.
Der Silm wurde noch im vergangenen Jahr fertiggeſtellt,
kam aber jetzt erſt nach Reichenhall. Das Geſchick wollte es,
daß bei der erſten Aufführung die Witwe des Bürgermeiſters
im Suſchauerraum ſaß. Völlig unvermittelt, mitten im heiteren
Spiel, taucht plötzlich die Geſtalt des Bürgermeiſters,
ſelbſtver=
ſtändlich, unbeobachtet, wie man ihn tarſendmal durch die Straßen
gehen ſah, auf der Leinwand auf.
Die Witwe hat einen Nervenchock erlitten.
Wie oft betrachtet man nicht Bilder lieber Verſtorbener
mit einer leiſen Wehmut im Herzen. Aber man vergegenwärtige
ſich dieſe Situation. Die Gattin des Verſtorbenen hat das
Cheater vielleicht aufgeſucht, um ihren Gedanken eine andere
Nichtung zu geben — und plötzlich taucht wie aus einer anderen
Welt das Bild des Coten, bewegt, natürlich, wie er im Leben
war, vor ihr auf. Ein Erlebnis, wie es grauenvoller nicht
aus=
gedacht werden kann.
Unter Gebildeten.
In einem eleganten Badeort der Bretagne herrſcht der
vor=
nehme Betrieb der Vorſaiſon. Sur Vorſaiſon kommen
bekannt=
lich nur die reichſten, die ganz vornehmen Leute, die Creme
ſozuſagen. Man amüſiert ſich, promeniert am Strand, flirtet,
tanzt und führt an der Cafel des größten Hotels gebildete
Ge=
ſpräche. Da trifft eines Cages ein Celegramm aus Paris ein:
„Ankomme morgen . . . Sie geſtatten doch, daß ich am Abend
aus eigenen Werken leſe. Dierre Matouryel.”
Der Direktor des Unternehmens iſt entzückt. Das iſt ganz
außerordentliches Glück, das ihm dann in den Schoß fällt. So
eine Kanone ſoll gerade bei ihm vortragen. Denn zweifelsohne
iſt Dierre Matournel eine Kanone. Unerhört geradezu, daß er
noch nichts von ihm geleſen hat! Am gleichen Cage prangt in
der Halle ein Plakat. Dierre Matournel lieſt morgen abend aus
eigenen Werken. Eintritt . . . zig Francs".
An der Cafel herrſcht am bedeutungsvollen Cage große
Auf=
regung. Nein, ſo etwas, Pierre Matournel kommt, einer unſerer
Beſten. Sie haben doch ſicherlich alle ſeine Nomane geleſen,
meine Gnädigſte? Aber natürlich, ich ſchickte immer gleich darum,
wenn ein neuer erſchien, dieſe faſzinierende Kunſt des Erzählens,
dieſe Sinnlichkeit in jedem Wort, dieſer berückende Stil . .. ich
finde, er wird noch viel zu wenig gewürdigt. Juliette wird ſich
ärgern, wenn ich ihr erzähle, daß ich ihn kennen gelernt habe..."
Am Abend ſteht Pierre Matournel entzückend nachläſſig an
— — wie eben nur Pierre
den Slügel gelehnt und lieſt."
Matournel leſen kann, heißt es im Auditorium.. Und die
Gat=
tin eines Bankdirektors ſagt zu ihrer Freundin: Ich muß
ge=
ſtehen, ich bin bisher nie dazu gekommen, ihn zu ſehen, ich habe
ihn mir immer anders vorgeſtellt, aber jetzt ſehe ich — gerade
dieſes etwas Nachläſſige in ſeinem Auftreten, dieſes berückende
Am Abend ſieht Pierre Matournel entzückend nachläſſig
am Slügel und lieſt ..
Hinwegſetzen über den guten Con, dieſe etwas verballhornte
Sprache . . . das iſt das Fludium, das ihn und ſein Werk ſo
beliebt macht".
Dieſe Sachen kenne ich ja faſt alle, es iſt ganz unglaublich,
daß ich bisher nicht wußte, daß ſie von Matournel ſind. Einfach
unverſtändlich. Nur nichts merken laſſen .."
Pierre Matournel bleibt trotz des Drängens der Gäſte nur
noch dieſen Abend. Nicht einmal die ſchwärmenden Augen der
jungen Damen können ihn zu längerem Verweilen veranlaſſen.
Wir ſehen uns wieder in Paris!
Am nächſten Cage iſt die Polizei da. Sie ſucht einen gewiſſen
Pierre Matournel, ausgebrochenen Sträfling, Sirkusartiſt,
Schauſpieler, Hochſtapler . . . Was — großer Dichter? Keine
Spur, der Kerl hat nie eine Seile geſchrieben! Und die Gedichte,
die er vorlas . . . dieſer wunderbare „Ritt in die Sonne‟?
Stammt von einem unbekannten Italiener des 16. Jahrhunderts!
Sagt der Polizeileutnant, ein Mann mit Durchſchnittsbildung.
Partie 42.
Nummer 227.
(Geſpielt zu Buenos=Aires am 16. u. 17. September 1927 als 1. Partie
des Wettkampfes um die Weltmeiſterſchaft)
Franzöſiſche Partie.
Schwarz:
Weiß:
Capablanca Dr. Aliechin
1. e2—e4 e7—e6
Aliechin wählt die geſchloſſene
Spiel=
weiſe vermutlich, um der
ſchwieri=
gen Verteidigung der ſpaniſchen
Partie aus dem Wege zu gehen.
2. d2—d4 d7—d5
3. Sb1—c3 Lf8—b4
Bekanntlich von Maröczy
bevor=
zugt. Es gewährt eine einfache,
gute u. ſichere Verteidigung, wenn
man den w Sfeſſelt und ſo den B
20 Db3—b5 h7—h5
Nun ergreift Schw. doch die
Offen=
ſive.
21. h2—h4
Te8-—e4
wieder angreift. 4. e4Xd5 e6Xd5 5. Lf1—d3 Sb8—c6 6. Sg1—e2 Sg8—e7 7. 0—0 Lc8—15 8. L.d3Xf5 Se7X15 9. Dd1—d3 Dd8— d7 10. Sc3—d1? Dieſes S=Ma=növer findet nicht unſeren Beifall,
Droht TXh4 23. gXh4 Dg4+
und & in 3 Zügen.
22. Le3—d2 Verhindert das
T=Opfer, da nun nach Te2—e8 +
der w. K über e2 entweicht.
22..
„
Te4tXd4
23. L.d2—c3 Td4—d3
24. LC3—e5 . Ta8—d8
25. L.e5Xd6 Td8Xd6
26. Te2—e5 Df5—f3
27. Te5Xh5 Df3Xh5
28. Te1—e8+ Kg8—h7
29. Db5Xc3 + Dh5—g6
30, Dd3—d1 Td6—e6l
31. Te8—a8 Te6—e5
32. TasXa7 Trotz nunmehr
gleicher Bauernzahl iſt das
End=
ſpiel für Weiß unhaltbar.
10.......
11. Sd1—e3
22. Lc1Xe3
13. Se2—14
14. Tf1—e1
15. Dd3—b3?
0—0
Sf5Xe3
T18—e8
Lb4—d6
Sc6—b4
Ein bei dem
Weltmeiſter ſeltenes Verſehen. Beſ=
32... . ..."
33. Ta7—d7
34. Dd1—d3++
35 Td7—d8
36. a 2—a4
37. Kg1—g2
38. 12—13
39. Dd3—d1
C7—c5
Dg6—e6
g7—g6
(k5— d4
Te5—e1*
De6-—C6-
Te1—e3
Vom 37. Zug an
ſer war 15. Dd12. Auf den Textzug bis zum Ende iſt alles erzwungen
hin verliert W. einen B.
39. . . . . . . Dc6—e6
15. ..
Dd7—15! 40. g3—g4 Te3—e2+
16 Ta1—c1 Auf Tel—e1
erhält Schw. durch L XS Angriff.
Sb4Xc2!
16..
17. Te1Xc2 Df5—f4
18. g2—g3 Df4—f5
19. Tc2—e2 b7 — b6
41. Kg2—h3 De6-e3
42. Dd1—h1 De3—f41
Der Todesſtoß!
43. h4—h5 Te2—f2
Weiß gibt auf.
Rätſel
II
Kreuzworträtſel.
Von links nach rechts: 2. Papagei, 4. Fiſch, 6. Teil der
Jagd, 7. Farbe, 8. Abſchiedswort, 12. Düngerpflanze, 14. Epos von
Homer, 17. Torheit, 20. Berg in Paläſtina, 22. Edilſtein, 23. Großer
Strom, 24. Gartenfrucht, 26. Kletterpflanze, 28. Futterpflanze, 29.
Sing=
vogel, 32. Prophet, 34. Verkehrsmittel, 35. Rückſtand, 36. Nebenfluß
der Havel, 39. Anrede, 40. Fürwort, 41. Gerbereiprodukt 42. Beweisſatz.
Von oben nach unten: 1. Symbal, 2. Geſtalt aus „Peer
Gynt”, 3. Norddeutſche Stadt, 5. Längenmaß, 6. Waffenkonſtrukteur,
7. Schynuckſtück, 9. Vorraum, 10. Hoher Prieſtin, 11. Geſtalt aus
„Martha”, 12. Ferment, 13. Wiederherſtellung, 15. Ort eines
Eiſen=
bahnattentats, 16. Nebenfluß der Donau, 18. Europäiſche Hauptſtadt,
19. Ausführung, 21. Feuerwerkskörper, 24. Getränk, 25. Bekannter
Ort in Schleſien, N7. Verordnung, 30. Planet, 31. Folge einer S=, 33. Nordſeebucht, 37. Windrichtung, 38. Ausruf, 41. Franzöſiſcher
Artik. I.
Röffelſprung=Aufgabe.
Vorſtehende acht Quadrate enthalten acht Wörter, die mit
Röſſel=
ſprung zu ſuchen ſind; ihre erſten und ſiebenten Buchſtaben nennen
Carl Deubel.
zwei ſehr empfindliche Gegenſätze.
Auflöſung der Rätſel aus Nr. 39.
Stern=Rätſel.
1—2 Strom, 2—3 Magen, 3—4 Nonne, 4—5 Ebers. 5—1 ſtets:
„Regen”.
D Un 1 Mald 00 ue b. Aitf4c 8. F Lzzuſtingnt, alle in Darmſtadt.
Druck u. Verlag: L. C. Wittich ſche Hofbuchdruckerei, Rheinſtr. 23.— Veraut wortlich f.d Nedaktion: Dr. H. Nette. Feruſtr 1 2739—2392 Alle Mechte
Schließlich un endlich, hab ich mir geſagt, du mußt aach
widder=emol unſere bairiſche Bundesbrieder in Minche en Beſuch
abſtatte, dann wann die in Erfahrung bringe, wen ich diß Johr
all mit meine holde Awäſeheit beehrt hab, un ich war net aach
bei ihne, dann ſetzt’s ſchließlich en echt bajuwariſche Krach vun
wääche dere Zurickſetzung, un ſie fiehle ſich uff’s Hiehneraag
ge=
dräte un ſpiele de Beleidichte. Un was däß haaßt, wärd mer
wiſſe, dann es ſin ſchwieriche Brieder, die Baiern, ſozuſage die
ſchwierichſte in dem ganze rebublikaniſche Raiffeiſeverband, mer
nruß ſe behannele wie e roh Ei, ſunſt raachts in de Ebbelkammer.
Awwer wann mer’n de Wille dhut, do kann mer ſe um de
Finger wiggle. So ſin ſe halt, die Baiern, mit ihrm goldene
Einnergemier, un mit ihrm rauhe, awwer herzliche Dialeckt, den
die, wo=en net richdich kenne, for grob halte, was awwer en
großer Errdumm is. Ich hab in meim ganze Läwe noch kaan
growe Baier kenne gelernt, noch viel wenicher erſt en growe
Minchner. Ganz im Gäächedaal, es gibt gorkaan
liewenswär=
dichere un hilfsbereidere Menſch wie de Minchner, mer därf em
bloß net dumm kumme un beiſpielsmeeßich vun=em wiſſe wolle,
wo die Pinnabodehk is, odder die Schackgallerie. Dann woher
ſoll e Minchner däß wiſſe? — Awwer wo’s Hofbräuhaus is, däß
eecht=er dir im Schloof, un er geht ſogar mit, ohne daß des
ver=
langſt, un hilft dir, wo un ſo gut er kann, daß de zu deine „Maß”
EEmmſt; un wann=er dir ärchendwo wiſſawie ſitzt, am Wärtsdiſch
iſdder ſo, un er waaß, daß de e Fremder biſt, dann gibt=er dir
mehr ſcheene Ratſchleech, wie de alte Polenius ſeim Lärdes, als
der uff die Walz gemacht is .. . Un in ſeine ſamfde Art un
Weiß, die wo kaan Widderbadd erlaawe dhut, kleert er dich
ſtwwer Bolledick un Bierunnerſchiede uff, un wann de zufellich
zi Zwicker uff de Nas hoſt, macht=er dich zum Dockter, wann net
wr zum Brofäſſer . . . Nor aans verlangt=er vun dir, nemlich,
daß de zugibſt, daß Minche die ſchennſt Stadt is uff de Welt, un
laß dort des beſte Bier gebraut wärd, un daß alle bedeidende
Männer vun Minche ſtamme. Dann däß muß=em de Neid loſſe,
ſwlz is er net, de Minchner, ſundern er feecht grad wie er’s
Lenkt . . . Un wann de wo en Zweifel hoſt un du ſeechſt valleicht:
„Erlaawe Se giedichſt. . ." dann led er dich mit däre bekannde
Pedensart aus=em Götz vun Berlichinge in aller Härzlichkeit uff
die Kerb ei' — —, was iwwrichens kaa Beleidichung is, wie
ſ ller Amtsrichter ſeinerzeit entſchiede hott, ſundern e gang un
gäiwene Redensart, die wo in Minche dezu benutzt wärd, wann
er mit jemand e Geſpräch beendiche odder a knibbele
mill".
Alſo indem daß ich’s mit de Minchner net verdärwe un mir
net de Vorworf mache wollt loſſe, ich hett ihr Ausſtellung,
nem=
lah des „Bayriſche Haudwärk”, geſchnitte, do hab ich die
Ge=
lwächenheid, mei Zwangsmiedern un den Sonderzug vun de
Reichsbahn ergriffe, un bin iwwer Sunndag nooch Minche
huinner gemacht. Die Fahrt hatt alſo aanerſeits en rein
dibblo=
wadiſche, un annerſeits en rein bildende Hinnergrund; net,
daß ganer glaabt, ich weer vergniechungsſichdicherweis uff’s
Oktowerfeſt gefahrn, obgleich mer do net drum erum kimmt,
ann mer ſich kaa Bläß gäwwe will. Dann des Oktowerfeſt
heert äwenfalls zu de Bildung un is e bairiſch
Kulldur=
ufffgab, die wo Heern=ſe haaßt, un wo man hineingedräten
ſtän muß. Un im letztere Fall hab ich nor bedauert, daß ich kag
Kmnoneſtiwwel ahatt, obgleich mei Zugſtiwwel immer noch beſſer
gſotze hawwe, wie meine Zwangsmiedern ihr ausgeſchniddene
Krokoſulljee aus Babbedeckelſchlangehaut, mit dene wo ſe alleritt
eniol in dem Feſtblatzflabbch un Schlammbes ſtecke gebliwwe is.
Sdenfalls hab ich mer vorgenumme, wann mich je in meim
Uriwe de Zufall noch emol uff’s Minchner Oktowerfeſt fiehrn ſoll,
irnn nemm ich mer e Paar Stelze mit, dann des Wetter ſcheint
ſo zimmlich des aanziche zu ſei, was des Minchner Oktowerfeſt
hät de Darmſtädter Meß gemein hott.
Awwer nixdeſtodrotz hawwe mer uns, ich un mei
Zwangs=
äedern, dorchdrunge vun dem ernſte Pflichtgefiehl, daß es ganz
fach Ehrenſach is, daß mer ſich uff ſo=eme Oktowerfeſt „köſtlich”
riiſiert un „glorios” unnerhalte dhut, un daß mer ganz un=
weicherlich die Aufgab hott, vun däre bekannt bairiſche
Gemied=
lichkeid ſoviel zu genieße, als in aam geht — hawwe mer uns
alſo, ganz ergäwe un uff alles gefaßt, in den Druwel eneigeſtärzt,
un zwar mit dem Erfolg, daß ich ſchun nooch de erſte halwe
Stund mei ganz Faſſong verlorn hatt, indem daß ich hilf= un
willelos vun däre beſäſſene Oktowerfeſtmenſchheit verdrickt,
ver=
quetſcht un verknutſcht mitgeſchleift worrn bin. Zimmlich
ramm=
boniert un ganz außer Odem hawwe mich dann glicklich in
ſo=
eme großmächdiche Bierpallaſt die Woge an de Strand geſpielt.
Un do is es äwenfalls ſo „vergniechlich, un „gemietlich”, un
„ammeſierlich” hergange, daß mer vor lauder Krach, Radau un
Gebloos ſei eiche Wort net verſtanne hott. Mit aam Wort: es
war ſaufidöll . . .!
Mei Zwangsmiedern hatt allerdings noch mehr Bäch, indem
ſe die in e Hibbodrom eneibugſiert hawwe un hawwe ſe uff en
Gaul druffmondiert, un hawwe ſe zum allgemeine Gaudie als
„Kunſtreidern” ausgäwwe. Nadierlich hatte=ſe=re en ſchwazze
Schärz umgebunne, damit mer net hiegucke kann .. . Nemlich däß
is Vorſchrift in Minche, do halte ſe uff Sitte un Zucht, die
„Korzröckiche” kriege do äxdra en ſchwazze Schärz vorgebunne,
wohlgemärkt: en ſchwazze . . . un wohlgemärkt, nor im
Hibbo=
drom — in de ſogenannte „Rewieh”, do hannelt ſich’s bei de
Demlichkeide bloß noch um de „nackte”, Exiſtenzkambf, un däß
ſteert die Siddebollezei net.
Awwer dovo hab ich all net ſchwäzze wolle, ſundern s
Wich=
dichſte war doch die Ausſtellung, nemlich: „Das bayeriſche
Hand=
werk‟. Dann däß hawwe ſe in Minche aach ſchun los, daß ſe
mit ſounſoviel Quaddratmeder bemalter Leinwand kaan
Fremde=
fang mehr veriewe kenne un daß ſe, wann ſe als Fremdeſtadt
uff de Heeh bleiwe wolle, uff neie Eiffäll kumme miſſe. Un ſo
hawwe ſe diß Johr e Ausſtellung uffgezoge, die wo ſich ſtolz
„Das bayriſche Handwerk” nennt, warum, wiſſe die Gödder
dann em richdiche nooch hett’s „Das deutſche Handwerk”
haaße miſſe, indem nemlich alles däß, was do for de Aage des
Publigumms „auf freier Bühne”, „auf freiem Theater”
gehen=
mert, gemaaſelt, gebohrt, gehuwwelt, geleimt, geneht, gebunne,
gedruckt, gefeilt, geſtichelt, geboſſelt, gebabbt, geſchnitzelt,
gezim=
mert, geworſchtelt, gebacke, gekocht, gebrode, geſchuſtert, gegoſſe,
gedreht, gebaut, fawriziert un hergeſtellt wärd, däß wärd
jeden-
falls annerwärts aach net annerſter gemacht, was mer die
Darm=
ſtädter Handwerksmaaſter, die wo äwenfalls bildungshalwer
mit=
gefahrn ſin, gern un koſtenlos beſtädiche wärrn. Alſo, die
Aus=
ſtellung als „bairiſch” zu bezeichne, däß is widder e Zeiche
vun de echt Minchner Beſcheidenheit
Annererſeits muß mer awwer de Reichsbahn grad for den
Sonderzug nooch Minche allerhand Dank ſage, daß ſe’s aam for
wenich Geld meeglich gemacht hott — abgeſähe vun de annern
Sähenswärdichkeite, wo Minche biet —, grad die Ausſtellung
zu beſuche, dann for uns Durchſchnittsmenſche is däß doch e
hochindräſſant Sech gewäſe, un mer krickt do en gewaldiche
Reſchbäckt for de „deitſche Arweit” im allgemeine un for unſerm
Handwerkerſtand im beſunnere. Un es hott ſchun ſei
Richdichkeit, was de Schorſch Kraus am Sunndag bei de
Magſter=
brieſ. Jſwerreichung geſagt hott, nemlich:
Ehre, deutſches Volk, und hüte
*
Treulich deinen Handwerksſtand;
Als das deutſche Handwerk blühte,
Blühte auch das deutſche Land.
Grad der Sinn vun dem Vers is aam noch emol ſo recht
zum Bewußtſein kumme, wie mer uff de Rickfahrt Nürnberg
beſichdicht hawtve — wo ſich iwwrichens mei Zwangsmiedern
nadurgemäß gornet, ſatt gucke konnt, in de Folterkammer, ſie
draamt heit noch devo un ſeecht, ich hett Glick, daß es heit ſowas
net mehr gebt, ſunſt hett ich nix zu lache —, während ich mich zum
Beſchluß noch emol allaa ins „Golderne Poſthorn” geſetzt hab un hab
mer en Halwe genehmigt, un hab mer vorgeſtellt, ſie kemte jetzt
erei, die ſtolze Maaſter ſeiner Zeit: de Hans Beheim, die Vei
Stoß, de Albrecht Dürer, de Adam Kraft, de Hans Sachs, un wie
nix vun Ameriga gewißt . . . Wie geſagt: „Ehret Eure deitſchen
Meiſter” — un ſo —
Daß aach die Sonderfahrt widder ganz famos onganiſierk
war, un daß alles wie am Schnierche geklabbt hott, verſteht ſich
vun ſelbſt, un de Herr Geheimerat Schmidt, de Herr Baurat
Lucht, un die zwaa Ober=Inſpekter, de Fritz Beck aus
Darm=
ſtadt un de Paul Korell aus Meenz, die hawwe am End vun
de dißjähriche Sonderfahrte ganz entſchiede en Orden verdient.
Leider hab ich awwer kaan bei de Hand, un ſo ernenn ich ſe
hiermit feierlichſt zu Ehrenmitglieder vun de
Sonderzugsgemein=
ſchaft, däß wärd=en noch liewer ſei. —
Bienche Bimmbernell.
Poſtſchkribbdumm. Ich mecht bloß noch emol druff
hiegeditte hawwe, daß net aaner in ſeine Affalt glaabt, ich dhet
die Sonderfahrerei aus purer Vergniechungsſucht mitmache un
dhet iwwer däß mei Vadderſtadt vergäſſe. So is däß dann doch
net. Sundern die Fahrte ſolle aam e bißche de Blick weite, un
de Horizont vergreeßern, un des Gude und Scheene un
Nitzliche, wo mer draus ſieht, däß ſoll mer, wann’s geht, for
dehaam zu verwerte ſuche. Womit ich net geſagt hawwe mecht,
daß uns jetzt de Auguſt im Handumdrehe e „Dominande” uff
die Nas ſetzt, un ſchafft dofor die Stroßekehrer ganz ab, un jeder
dhut ſein Dreck nachts uff de Gaß verbeenne; wann ich aach
annererſeits nix degääche ei zuwenne hett, wann de
Iwwerland=
zentralekall de „Fuffzehfennich=Einheiz=Tarief” uff de Elecktriſch
eiffiehrn dhet. — Eweſowenich wie ich nu’ es Minchner
Oktower=
feſt nooch Darmſtadt verbflanze mecht. Alſo es hott alles ſei
Grenze. Awwer daß was geſchähe muß, dodriwwer ſin mer
uns alle Drei aanich, ich, de Auguſt un de Kall. Nemlich mit
dem „Platz an de Sunn” wie de Wilhälm Leuſchner in ſeine
wohlwollende Weis die Woch bei de „Scheuerhof”=Eiweihung
geſagt hawwe ſoll — alſo mit dem Blatz an de Sunn, däß is
doch net ſo, daß mer däß afach ſo ſeecht. Gott ja, mir hawwe
alſo jetzt des feinſte Hotel vun Middeleiroba, un die ſchennſt
Feſthall vun de Welt, awwer es geniecht nadierlich net, daß däß
bloß ſo do erumſteht, ſundern do haaßt’s: „Vorne geriehrt,
brennt hinne net a‟‟. Mer wärd ſich alſo bei de zuſtendiche
Stelle de Kobb verbräche miſſe, was all geſchähe ſoll. No, for
diß Johr ſin mer ſoweit iwwer’n Berg driwwer, s Tornfeſt
un die Landwärtſchaftlich, däß warn Sache! — Un jetzt kimmt
noch emol e Handelsſchau=Ausſtellung vun allerhand
Nahrungs= un Genußmiddel in die Feſthall, die wo beweiſe ſoll,
daß Darmſtadt aach in däre Beziehung ſein Mann ſteht. Un
wie ich mer hab ſage loſſe, iwwerdrifft die Ausſtellung ſo
zimm=
lich alles, wo bis jetzt dogewäſe is. Mer redde de nechſte
Sunn=
dag devo. — Ferner is for de 16. dieſes Monats en Maſſe=
Luft=
ballon=Wettflug geblant, den wo ich aller Vorausſicht nooch
heechſtperſeenlich mitmach, wann’s aaner mit mer rißgiert. —
Mer ſieht, daß alſo aach in de nechſte Zeit hier allerhand
ge=
fellich is, un daß in Darmſtadt jetzt en ganz annere Danz a geht.
Allerdings is däß alles net ſo affach, wie wann unſer Manda
vun Kreibich mit ihre Baa Darmſtadt uff die Baa bringe
dhut, dann die macht es Klaane Haus ganz allaa voll. Alſo mei
Brogramm for die nechſte drei Sunndag is gemacht: Heit awend
zu de Kreibichſen ins Klaane Haus, de nechſte Sunndag
uff die Handelsſchau un de iwwernechſte per
Luft=
balloo unbekannt wohie. Wer ſich einſtweilen vun mer
ver=
abſchiede will, drifft mich heit awend bei de Manda uff meim
Stammblatz: Juchhä, zweide Reihe, Midde; odder in de Paus
am Biffee, links.
For die Sparbix: Vun’s Herr Profäſſer Lauterbache in
Freiborch i. B.: 3 Mack. Vun de Mondags=Geſellſchaft: 50 Mack.
Danke ſchee! — Un im Iwwriche: Harre, meine Seele".
Der zeitgemäße Haushalt.
Verwachſene und zu eng gewordene Sweater
wiieder zu verwenden. Man trenne zunächſt aus ihnen
die Aermel heraus oder ſchneide ſie, wenn im Ganzen gearbeitet,
mrt ziemlich breiter Achſel ab, nähe die offene Naht des Arm=
(ahes zunächſt mit Hexenſtich auf der linken Seite feſt und
ſäatme dann einen Schrägſtreifen oder ein ſchmales
baumwolle=
mas Band mit unſichtbaren Stichen dagegen. Die vordere Mitte
ſchneide man auseinander, verſäubere den Rand ringsherum in
gleicher Weiſe und umhäkle ihn dann mit einem zwei Finger
brzeiten, andersfarbigen, ſchnellfördernden Häkelbörtchen, das man
guch an den Armlöchern wiederholt. Schadhafte Stellen unter
om Arm ergänze man durch Einfügen eines Seitenteils aus
dm ausgetrennten Aermeln oder unterhefte ſie mit Hexenſtichen
uan links, wenn ſie nur abgetragen, aber noch nicht
durch=
göcheuert ſind, mit einem Stück desſelben, wodurch ſie erneute
Hultbarkeit erlangen. Dieſe neue ärmelloſe Weſte iſt bei rechts
oder links gehäkeltem Rande ſowohl von Herren, wie von
2mmen, von Knaben, wie von Mädchen zu tragen und erſetzt
uAlſtändig ein neues Stück dieſer Art.
Wenn man die Hände beim Feuermachen
ilcht beſchmutzen will. Mit der wieder eintretenden
Heizperiode werden wieder viele Hausfrauen über ihre rauhen
öirnde klagen, die ſie beim täglichen Feueranmachen erhalten.
2ſeſes Uebel iſt jedoch zu umgehen, wenn ſie ſich dazu ein Paar
msrangierter Handſchuhe bedienen, die ſie zu dieſem Zwecke
leich beim Holzkorb aufbewahren, um ſie immer „zur Hand”
u haben.
Selbſt herſtellbares Putzmittel. In einer Flaſche
niſcht man 20 Gramm Salmiakgeiſt mit 150 Gramm
Brenn=
rirritus, 50 Gramm Kieſelkreide und 20 Gramm Stearinöl. Gut
umgeſchüttelt, wird dieſe Putzlöſung gut verkorkt aufbewahrt und
aun zum Putzen ſämtlicher Metalle Verwendung finden.
Feine Brombeertörtchen. ½ Pfund Mehl, 100
Yamm Butter und 50 Gramm Zucker verarbeitet man zu einem
Mäirbteig, von dem man, ausgemangelt, mit einem großen
Emſſerglas kleine runde Törtchen ausſticht, die man mit einem
nick Eiweiß aufgellebten Rande verſehen, mit folgendem
Frucht=
ſeſag verſieht: Ein Pfund ſauber abgewaſchene Brombeeren
werden mit einem Eßlöffel Himbeerſaft im Waſſerbad
weichge=
dünſtet, dann mit Süßſtoff nach Bedarf abgeſchmeckt und auf die
Törtchen ohne jeden Saft gegeben. Mit geſüßtem Eisſchnee
überzogen, werden ſie nochmals „lichtbraun” überbacken.
Ausgezeichnetes Kompott von roten Rüben.
Die ſauber gebürſteten, weichgekochten Rüben werden in
Schei=
ben geſchnitten und in einer Löſung von Kunſthonig in Waſſer,
ein halbes Pfund Honig, eine halbe Taſſe Waſſer auf zwei Pfund
Rüben gerechnet, unter öfterem Schütteln gedünſtet. Dann fügt
man den Saft einer ganzen Zitrone und zwei Löffel geriebene
Nüſſe bei, läßt den Saft einkochen und rührt leicht einen
Tee=
löffel voll geſtoßenen Ingwer darunter, ehe man ſie noch heiß
in Gläſer füllt.
Speiſezettel.
Sonntag: Pilzſuppe, Hammelbraten mit Wirſing,
Vanille=
ſpeiſe mit Fruchtſaft. — Montag: Gefüllte Tomaten zu dickem
Reis. — Dienstag: Möhren mit weißen Bohnen und
gebra=
tener Leber. — Mittwoch: Brennſuppe, Pfifferlinge mit
Bratkartoffeln. — Donnerstag: Makkaroni mit
Tomaten=
ſoße und gekochtem Schinken. — Freitag: Fiſchauflauf in der
Form gebacken, Bohnen/Tomatenſalat. — Samstag:
Apfel=
kartoffeln und gekochtes Schwarzfleiſch.
Zukunfts=Ausſichten.
int o r
K
Alles in Ordnung. „Ich muß einmal eine Stunde fortgehen,” ſagt
die Frau zu ihrem ſchwerkranken Manne. „Ich habe Stoff zu einem
— „Daran denkſt du alſo,” ſagt
neuen Kleid bei der Schneiderin
er vorwurfsvoll, „während ich ſo krank bin.” — „Ach mein Lieber, es
iſt alles in Ordnung — es iſt ja ein ſchwarzes Kleid.”
Die beſte Auskunft. „Wieſo ſind Sie eigentlich mit den
Verhält=
niſſen von Müllers ſo vertraut?” — „Wir hatten doch in den vorigen
Sommerferien ihren Papagei zur Aufbewahrung.”
Leichte Arbeit. „Ich ſehe jetzt Ihren Mann immer im Hinterhof
Frau Müller, wie er Papiere verbrennt. Wozu macht er denn das?‟
— „Aber er iſt doch jetzt als Zettelverteiler angeſtellt.”
Die gute alte Zeit. „Meine Frau und ich, wir erziehen unſere
Kinder noch nach der guten alten Art,” ſagt der Landwirt ſtolz zu
einem Beſucher aus der Stadt. — „Und wie machen Sie das?‟
„Nun, ganz einfach, meine Frau ſchimpft mit den Mädels von Morgen
bis Abend und läßt ſie machen, was ſie wollen, und ich zanke mich
tag=
aus, tagein mit den Jungens und laſſe ſie dann ihrer Wege gehen."
Die drahtloſe Rache. (Judge, Neo=York.)
C.K. Allerlei Humor. Auf der Bildungsreiſe. Herr
Neureich tut etwas für ſeine Bildung und beſucht das Muſeum einer
großen Staot. Der Führer zeigt ihm ein altägyptiſches Kunſtwerk und
erzählt ihm, daß es dreitauſend Jahre alt iſt. Was iſt ſo was wert?”
meiſten Männer denken erſt daran, ein Vermögen zu machen, wenn ſie
v.rheiratct ſind,” feufzt ſie. „Wahrſcheinlich nril ſie erſt dann erfahren,
wie bitter rotwendig ſie es brauchen,” erwidert er. —
Unter=
weiſung. „Hat der Vorarbeiter Ihnen ſchon geſagt, was Sie zu
tun haben? fragt der Direktor den neuen Anzeſtellten. „Ja, er ſagte
mir, ich ſollte aufpaſſen, wenn ich Sie kommen fähe.” — Schwere
Aufgabe. „Nun, habe ich jetzt den freundliehen Ausdruck, den Sie
inſchen?” fragt der Herr nach langem Mühm den Photvargphen.
„Jawvohl.” „Dann machen Sie aber recht fix, den das Geſicht tut mir
ſchon dauon weh.”
Der Sieg der Strickmode
Es gibt wohl keine andere Induſtrie, die einen
ſo unglaublich raſchen Aufſtieg erlebte, wie die
Striclwaren=Erzeugung. Aus ganz einfachen, ja
beinahe primitiven Anfängen wurde ſie während
der leitzten Jahre raſch in den Vordergrund gerückt,
und vielleicht brachte es die große Beachtung, die
ihr zuiteil wurde, und der ungeteilte Beifall, den
ſie fand, mit ſich, daß ſich auch das Kunſtgewerbe
auf dieſes Gebiet warf und auf dieſe Weiſe durch
Hand=in=Hand=Arbeit der Induſtrie und Kunſt ein
Gewerbezweig geſchaffen wurde, der heute — man
kann es ruhig behaupten — die Welt erobert hat.
Beſonders der Wiener Schule gebührt das
Ver=
dienſt, auf dieſem Gebiete bahnbrechend geweſen
zu ſein, und auch heute noch gilt die Wiener
Strick=
mode als vorbildlich für Europa und Amerika.
Die letzte Wiener Meſſe hat neuerlich den Beweis
für die Lebenskraft der Wiener Wollinduſtrie
er=
brocht, die heute keineswegs mehr ein Stiefkind
der Mode, ſondern zu einem ſehr wichtigen und
beachtenswerten Faktor geworden iſt. Hat ſie es
doch ſogar verſtanden, den führenden
Modell=
häuſern inſofern großen Schaden zuzufügen, als
das Stoffkleid, das och ſeit jeher als ſogenanntes
„Schneiderkleid” in der Garderobe der Frau
ge=
radezu unentbehrlich war, heute ganz und gar
er=
ledigt iſt, weil es durch die Strickmodelle
voll=
ſtändig ve=drängt wurde.
Darum wird auch auf die Schönheit der neuen
Wollſachen ſo großer Wert gelegt. Die kommenden
Trottenr=Strickſachen ſieht man darum auch in den
denkbar aparteſten Farben, aber auch die Strickart
ſelbſt iſt heute keineswegs mehr ſo einfach wie
ehe-
mals. Ganz im Gegenteil vermag man hier Effekte
zu erreichen, die in keinem Stoff denkbar wären.
Wenn man ſich zum Beiſpiel den immer beliebter
werdenden „Strick=Shetland”, der wie broſchiertes
Wollmaterial wirkt, vergegenwärtigt und ſich der
aparten „Trikot=Friſés” erinnert, die wie ſchöne
Seidenſamte ausſehen und ihnen das neumodiſche,
federleichte, elegante und kamelhaarähnliche
„Angora” an die Seite ſtellt, ſo kann man einen
Reichtum an Möglichkeiten feſtſtellen, der ſicherlich
nicht zu überbieſten iſt.
Die Strickinduſtrie hat im übrigen den Vorzug großer
Rührig=
keit; denn kaum wird eine Idee von den großen Modehäuſern
gebracht, iſt die Wollmode auch ſchon daran, ähnliche Schaffungen
in ihrer Techmik wiederzugeben und die Entwürfe der
Mode=
häuſer womöglich noch zu übertreffen. So ſollen z. B. die
Metall=
effekte einen ganz beſonderen Platz in der Strickmode der
kom=
menden Saiſon erhalten; bekanntlich werden ſie ſeit einiger Zeit
in der Mofſe ſehr bevorzugt und haben ſomit ſofort auch auf die
Strickmode übergegriffen. Buntgeſtreifte Jumper, die ſich unter
dem Pelz ſehr gut ausnehmen werden, ſind mit Metallfäden
durchzogen und gewinnen ſomit einen von den früheren
Schaf=
fungen darchaus verſchiedenen Charakter. Auch ganz metalliſche
Strickſtoffe bekommt man zu ſehen, die von Lame kaum zu unter=
ſcheiden ſind und wohl zu dem Aparteſten zählen, das uns die
diesjährige Mode bringt.
In der Regel wird das Strickkleid auf die noch immer für
Strapazier=, vormittägliche und ſportliche Zwecke beliebte
Jumperform aufgebaut, doch gibt es hier eine ſolche Fülle von
Möglichkeiten, daß die einzelnen Modelle einander keineswegs
ähnlich ſind, ſondern außerordentlich reichhaltige Abwechſlung
bieten. Man ſieht hier trotz der immer gleichbleibenden
Grund=
form vielerlei aparte Ausſchnitte, originelle Deſſinierungen und
voneinander grundverſchiedene Rockpartien, ſo zum Beiſpiel ganz
gerade, pliſſierte oder in Hohlfalten gelegte Röcke.
An Hand unſerer Skizzen wollen wir auf die letzten
bahn=
brechenden Neuheiten der Strickmode näher eingehen. Da ſieht
man im erſten Bilde den metalldurchwirkten Juy
per, den wir ſchon früher erwähnten und Du
ſicherlich die bedeutſamſte Neuerung iſt, die d0
Strickinduſtrie für die kommende Saiſon vorb
reitet. Man denke ſich dieſen ſchief gekreuzten un
mit einer Knopfleiſte verſchloſſenen Oberteil u
roten und königsblauen Streifen deſſiniert, zru
ſchen denen ein Silbergrund ſichtbar wird. Au
die Aermel zeigen den gleichen Streifen=Effekt. Li
Knopfleiſte ſetzt ſich auf dem in feſtgeſtep!
Hohlfalten geteilten Rocke fort, der einfarbig /
halten iſt.
Das zweite Bild zeigt, wie raſch ſich die Strü
mode der neuartigen Strahlenwirkungen, die Su
den führenden Modehäuſern in verſchiedenari
gefärbten Stoffen oder in glänzender und mate
Seide (etwa in zweiſeitiger Verarbeitung d/
Krepp=Satins) erzielt werden, bemächtigt hat. C9
wöhnlich wird das Kleid ſelbſt in der hellen)
Tönung gehalten, während das Strahlenmuſe
des Oberteiles und der Aermel den dunklen
Farbton bringt. Das in unſerem Bilde feſtgehu
tene Modell hat man ſich etwa in Hell=Beige zu
dunkelbraunen Ornamenten zu denken.
Das nächſte Bild, unterrichtet über die no
Aufmachung für ſportliche Gelegenheiten un
Weekend=Fahrten. Hier wird man einer lebhafe
Deſſinierung ſicherlich den Vorzug geben, den
nichts ſieht für den Sport weniger nett aus, ic
„langweilig” wirkende Strickſachen. Modell 3 —
ſerer Gruppe iſt in grellen Farben auf neutrall
(etwa beigefarbenim oder grauem, auch ſandf:
benem) Grunde ausgeführt. Beachtenswert iſt
Deſſinierung der Aermel bis in die Mitte 5e
Oberarmes.
Großen Beifall finden die dreiteiligen Strd
ſachen, die aus Rock, Jumper und ärmellng
Weſte beſtehen, wie überhaupt die Weſten (urtd
der Bezeichnung „Cardegan”) heuer in
Wollmode eine ganz überragende, Rolle zu ſpiel
berufen ſind. Unſer letztes Bild gibt über ei:
dieſer neuen „Weſten=Complets” Aufſchluß. Wal
hat ſich die Grundfarbe etwa in Beige vorzuſtelle)
wobei der Rock ganz in Strickpliſſés gelegt iſt, d
E ſe
gegenüber den Dampfpliſſés den Vorteil haleſ
niemals aufzugehen, ſondern ihre Form — auf
wenn ſie naß werden — vollkommen beizubehal.eſ
Der Jumper iſt viereckig ausgeſchnitten und mit königsblase
Streifen garniert. Auch die ärmelloſe Weſte iſt in dieſer Fa!
abgekantet.
Daß die Strickinduſtrie ſich auch der Mode des Kindes bem.ch
tigt hat, kann wohl nicht wundernehmen, weil man ſich für d0
Kleinen ſicherlich kein zweckentſprechenderes Kleidungsſtück E
ſtellen könnte. Im Vordergrunde unſerer Gruppe iſt ein nei
Strickanzug zu ſehen, deſſen Oberteil in Weiß gehalten iſt un
bunte Kragen= und Manſchettengarnituren zeigt, während
angeknöpfte Hoſe eine ſehr grelle Farbe bringt, und zwar 2
möglich im Haupttone des bunten Kragens. So nimmt ſich z.
ein weißer Oberteil mit einem kornblauen, orangefarbenen, kra)
roten oder giftgrünen Höschen reizend aus.
W. L
Kinderkleider
für den Herbſt
Die Herſtellung der Garderobe für das Kind
bedentet bekanntlich für die Mutter immer eine
ganz beſondere Freude, und ſoweit als tunlich
ward man ſich das Vergnügen nicht verſagen, die
neuen Herbſtſachen für das Kind im Hauſe
her=
zuſtellen, da ſchon die Anproben, die Auswahl des
Materials und der Beſätze für die Mutter eine
Quelle der Freude ſind. Nicht ſelten wird das
Kind auch ſeinen eigenen Geſchmack betätigen, und
man kann dann einen früh entwickelten Sinn für
Formen und Farben der Garderobe feſtſtellen und
entſprechend pflegen. Es iſt in ſolchen Fällen
allen=
falls gut, den Wünſchen der Kleinen Rechnung zu
tragen, denn nur auf dieſe Weiſe iſt die richtige
Erziehung zu urperſönlichem Geſchmack möglich.
In der Regel werden Kinder inſtinktiv zu ſehr
farbenfrohen Effekten greifen, und man ſoll ſie
dann niemals darin behindern, da die
Kinder=
kleidung ja niemals durch Buntheit, ſondern
höch=
ſtens unter der Ueberladenheit leiden kann. Ein
zu ſtark garniertes Kinderkleid, fällt vollkommen
aus dem Rahmen und wird niemals — wie viele
Mütter anzunehmen ſcheitien — graziös und
eigen=
artig wirken. Durch zu ſtark gepützte Kleider wird
das Kind gehemmt, das ja im übrigen niemals
durch ſolche, allenfalls ſchwer zu reinigende Sachen
behindert werden ſollte. Das ewige Achthaben auf
die Kleidungsſtücke iſt eir Faktor, der bei einfachen
Sachen, die man unſchter waſchen kann,
vollkom=
men ausſchaltet, und nur in ſolchen Kleidern kann
ein Kind wirklich unbefaangen und froh ſein.
Für die Ueberganeszzeit wird man noch keine
allzu ſchweren Stücke lwählen, die Umhüllen aber
*
immerhin ſo warm arbheiten, daß ſie auch ſchon für
winterliche Tage zu gebrauchen ſind. Sicherlich
iſt der Mantel die wichtigſte Frage, denn wenn
man nicht rechtzeitig fün: ſeine Herſtellung Sorge trägt, kann man
leicht von den kühlen agen überraſcht werden, für die das Kind
mit einem Sommermäntelchen keineswegs genügend geſchützt wäre
und damit Erkältungen Tür und Tor geöffnet ſein würde.
Man garniert die herbſtlichen Umhüllen des Kindes gern mit
Fell, wählt aber lieber (in wenn auch noch ſo kleines Stück echten
Pelzwerks als die verſchiedenen Nachahmungen, die ja immer
Haare laſſen, was für das Kind höchſt ungeſund iſt. Außerdem
ſind die verſchiedenen. Imitationen ſo wenig dauerhaft, daß ſie
ſchon nach ſehr kurzer Zeit unſchön ausſehen. Was die für die
herbſtliche Garde obe des Kindes zur Verarbeitung gelangenden
Materialien betrifft, ſo muß immer wieder geſagt werden, daß
hier das Beſte gerade gut genug
iſt, um ſo mehr, als ja die
Erſpar=
niſſe, die man bei den geringen für
das Kind notwendigen
Stoff=
mengen machen könnte, kaum in
die Wagſchale fallen. — Zur
Her=
ſtellung der herbſtlichen Umhülle für den Jungen wird man gern
einen engliſchen Stoff wählen, und zwar in einer möglichſt
neu=
tralen Farbe, die zu jedem Anzug getragen werden kann.
Unſer erſtes Bild zeigt einen netten Mantel, der — obzwar
die Aermel raglanartig eingeſetzt ſind (dies ſtellt eine
neueſtens ſehr beliebte Type des Kindermantels dar) — ganz
gerade fällt. Unterhalb der Patten der aufgeſetzten Taſche
läuft der Gürtel durch, der den Mantel zuſammenhält,
hier jeglicher Knopfverſchluß fehlt. Die obere Kragenpat
wird man gern mit Fell verbrämen und wählt am lieb fen
Nutria oder Opoſſum, das dauerhafteſte Pelzwerk, das t
Gebrauchsſtücke in Frage kommt. Anſtatt der original-en
liſchen Stoffe greift man bei dieſen Mänteln gerne auch
dem genoppten Homeſpun oder zu dem flauſchigen „Wine)
Fresto” einem Material, das zwar ſpröde wirkt, aber denroſ
ſehr weich iſt und durch die Originalität ſeiner Struktur au
fallen wird. — Eine Schild=Kappe aus gleichem Mateii
ſieht zu einem Mantel dieſer Art ſehr gut aus.
Dem kleinen Mädchen wird man gerne einen an )
Kanten mit Fell verbrämten Mantel in einer leuchten !e
Farbe anfertigen, der nur durch eine große Knopflochlaffl
die übergeknöpft iſt, zuſammengehalten wird. (Skizze
Man denke ſich dieſes Stück etwa in leuchtendem Gxu
Pflaumenblau oder Goldbraun mit entſpreckiſ
dem Fell garniert. Dazu einen aufgebogein
Hcarfilzhut in der gleichen Farbe. Unter diee
Mantel trägt das Kind einen entſprechend abſcheſ
tierten Wollſchall, der unter dem Rande der 1M
hulle mitſamt ſeinen Franſen hervorkommt, uſt
einen ganz allerliebſten Eindruck macht.
Im dritten Bilde zeigen wir ein gutes Schl
kleidchen für das kleine Mädchen; der Falterniu
in Verbindung mit dem geſtrickten Pullover
ſicherlich gut ſtrapazierfähig und nett zugleich.
Stroh=Eßkörbchen, das hier wiedergegeben
ſcheint, iſt neuerlich für das Gabelfrühſtück
gebräuchlich geworden.
Der Schulanzug für Knaben wird aus mit
farbenem, alſo grauem, grau=grünem oder brau 1g
Stoff verfertigt, hat kurze Hoſe und einen gerad
Oberteil (Sakko) mit aufgeſteppten Taſchen.
ſchmaler Gürtel aus gleichem Material oder
Wildleder ſieht immer hübſch aus. Der ſteife wil
Kragen und die entſprechenden Manſchetten in A0
bindung mit einem getupften Schlips ſind un
mein appetitlich.
Als eleganten Anzug für Beſuchszwecke hat man das u
letzte Bild aufzufaſſen. Auch hier der ſteife weiße Kragen
in gekreuzt geſchnittenes Sakko, das ringsum und an
Taſchen mit Borten abgekantet iſt. — Die weite OxfordM
hat — wie man ſieht — auch auf die Kindermode übergegrif”
— Einen Anzug wie den eben beſchriebenen wird man allenf!
in Schwarz oder in Dunkelblau anfertigen und an dem n.
nehmen Ausfehen immer ſeine Freude haben.
Die jüngſten Modedamen dürften wohl mit Freude
einem in Volants geſchnittenen ärmelloſen Stilkleidchen greiſ
ſſen Oberteil mit bunter Stickerei garniert iſt. (Letzte Skizi
Willy unga.
Nummer 273
Sonntag, den 2 Oktober 1922
Seite 23
Oas ſamſende Meer.
Roman von Werner Scheff.
11)
(Nachdruck verboten)
„Und warum ſoll er es nicht erfahren?” erkundigte ſich
Herbert, faſt verletzt durch dieſen Wunſch ſeiner Braut.
„Weil er ſich ſonſt zu früh um einen Erſatz für mich
um=
ſehen würde.”
„Aber du haſt es doch nicht mehr nötig, für ihn zu
arbei=
ten. Bleib” zu Hauſe bei deinen Eltern.”
„Ich weiß, was du damit ſagen willſt. Aber wir ſind noch
nicht verheiratet, Herbert. Bis dahin ſind wir beide frei. Eine
iUnterſtützung von deiner Seite würde ich alſo auf keinen Fall
sannehmen. Folglich bleibt mir nichts anderes übrig, als in
mneiner Stellung auszuharren, bis wir Mann und Frau ſind.
Tu' mir daher den Gefallen und verrate Ernſtheimer nichts von
rinſeren Plänen.”
„Wie du willſt, Lotte.”
Er ſah ein, daß ſie recht hatte. Und wieder bewunderte
er, wie ſie alles im Leben ſo einzurichten verſtand, wie es ihr
matſam ſchien.
Für ihn ſelbſt gab es jetzt viel Kopfzerbrechen. Die erſten
SSitzungen mit dem Bankier und Erasmus Ender brachten eine
Fülle von Arbeit. Robert Ernſtheimer war äußerſt genau in
Feinen Vorarbeiten. Jede Kleinigkeit wurde bedacht, denn es
galt denen, die ihr Kapital für die Gründung zur Verfügung
ſtellen ſollten, mit einer geſviſſenhaften Ueberſicht entgegenzu=
Kreten.
Doch war man noch nicht allzuweit in dieſer Tätigkeit ge=
Kommen, als ſich den Beratungen ein vierter zugeſellie. Es
ſvar Gyula Gubaſſy, Düſtingens Vertrauensmann.
Schon am zweiten Tage nach der Unterredung, in der
Ellens Gatte des ehemaligen Artillerieoffiziers Erwähnung
ge=
man hatte, ſtellte ſich der Ungar bei Robert Ernſtheimer vor. Er
ſandte eine Karte voraus und wurde ſofort vorgelaſſen.
Der erſte Eindruck, den der Bankier von ihm empfing, war
wurchaus günſtig. Der unterſetzte, breitſchulterige Mann mit
Den unverkennbar madjariſchen Zügen, dem mit ſeinen Enden
Teicht abwärts hängenden Schnurrbart und dem rabenſchwarzen,
ſän der Mitte geſcheitelten Haar hatte weltmänniſche Umgangs=
(Formen. Gubaſſy zog das rechte Bein ein wenig nach. Das
DDeutſche ſprach er mit einem leichten Anklang, das den
Aus=
länder verriet.
Robert Ernſtheimer erkannte, daß er den richtigen Mann
gefunden habe. Er zögerte nicht, Gubaſſy in ſeine Pläne
ein=
zuweihen und ihm den Vorſchlag zu machen, neben Doktor
Brakke als Leiter der Aquanit=Werke zu wirken, und Gubaſſy
nahm an. Das Waſſer ſtand ihm bis zum Munde. Außerdem
merkte er, daß bei der Sache etwas zu holen wär.;
Am Tage darauf unterzeichnete er einen Vertrag, den ihm
der Bankier vorlegte, und am dritten Tage nahm er ſchon an
den Beratungen teil.
Herbert Brakke war zuerſt verblüfft, als ihm ſo ſchnell ein
Mitabeiter gegeben wurde. Doch er war zu gerecht, als daß
er nach einigem Ueberlegen hierin eine Spitze gegen ſeine
Per=
ſon geſehen hätte. Allein konnte er die Arbeit nicht bewältigen.
Er nahm aber als ſelbſtverſtändlich an, daß Gubaſſy ihm
unter=
geordnet ſei. Zuerſt hatte es auch den Anſchein, als wäre dies
beabſichtigt. Denn der frühere Artillerieoffizier dienerte vor
dem jungen Erfinder, ſagte ihm Schmeicheleien und
wider=
ſprach ihm nie. Da er außerdem über gute Kenntniſſe
ver=
fugte, die Herbert ebenſo abgingen wie Profeſſor Ender, war
ſeine Hilfe als höchſt willkommen anzuſehen. Er war ein
Prak=
tiker durch und durch. Beſonders für die Anlage der Fabrik
gab er wertvolle Aufſchlüſſe. Mit Feuereifer entwarf er
Skiz=
zen und Pläne und machte ſich raſch unentbehrlich.
Nach etwa acht Tagen ſagte Ernſtheimer gelegentlich zu
Doktor Brakke: „Es würde mich freuen, Sie meiner Frau
vor=
ſtellen zu können. Machen Sie uns doch einmal das
Vergnü=
gen zum Tee. Vielleicht gleich morgen.”
Herbert ſagte zu. Aber es war ihm doch recht peinlich. Er
hatte noch wenig Gelegenheit gehabt, ſich in Geſellſchaften zu
bewegen. Das vertraute er Lotte an. Sie aber lachte ihn aus.
„Sei nicht ſchüchtern und benimm dich ſo, als ſeieſt du
täg=
lich mit den Leuten zuſammen,” riet ſie ihm, „und im übrigen
überwinde das Lampenfieber.”
Das war leichter geſagt als getan. Aber Doktor Brakke
beſchloß, ſich nicht einſchüchtern zu laſſen. Er ſah jetzt recht
vor=
nehm aus. Anfangs war er ſich in der neuen Aufmachung
un=
beholfen vorgekommen. Da er aber bemerkte, daß kein anderer
dieſe Wahrnehmung machte, verlor er alle Scheu.
Als er dem Lakaien in der Halle der Ernſtheimerſchen Villa
Mantel, Hut und Stock übergab, klopfte ihm das Herz bis zum
Halſe. Beim Betreten des Salons war er ſchon ruhiger.
Be=
ſonders als ihm der Bankier ſelbſt ſehr liebenswürdig
ent=
gegenkam, ſeinen Arm unter den des Doktors ſchob und leiſe
meinte: „Man iſt auf Sie ſchon recht geſpannt, lieber Doktor,
ich habe viel von Ihnen erzählt.”
Frau Ernſtheimer lächelte freundlich, als der Chemiker
vor ihr ſtand und ihre Hand an ſeine Lippen führte.
Eigent=
lich war ſie etwas enttäuſcht. Käthe hatte doch behauptet, er
betrage ſich ſo komiſch. Wie er aber heute ausſah, ſtach er durch
nichts von den anderen Herren ab. Nur etwas hübſcher und
ſtattlicher war er als die übrigen.
„Guten Tag, Herr Doktor, Sie kennen mich wohl, nicht
mehr,” klang eine ſriſche Stimme neben der Frau des Hauſes.
Käthe ſtand bei der Mutter und begrüßte den Gaſt mit
einem Händedruck. Auch ſie fand ihn anziehend und nett.
Außerdem erinnerte fie ſich an Papas Mahnung, ihn gut zu
bebandeln.
„Ich hätte Sie ſogar an Ihrer Stimme wiedererkannt.”
antwortete der Chemiker. Was aber Ihre Erſcheinung
an=
langt, gnädiges Fräulein, ſo können Sie ſicher ſein, daß man
ſie nicht ſo raſch vergißt.”
„Sie ſind ſehr galant.”
„Und ich ſchmeichle dabei nie!”
„Um Vergebung, Herr Doktor, aber Sie können Käthe
ſpä=
ter den Hof machen” lachte Ernſtheimer, der Herbert nicht
frei=
gab, „vorläufig gehören ſie noch mir.”
Es waren etwa zwanzig Verſonen anweſend. Doktor
Brakke lernte ſie raſch kennen. Er hörte Namen, die ihm fremd
waren. Auch einen Bekannten traf er hier. Den
Verwaltungs=
rats=Tiger Erasmus Ender. Er fehlte ſelten bei den Tees im
Hauſe Ernſtheimer, weil er ſtets hoffte, etwas über die
Ereig=
niſſe an der Börſe zu hören. Sein Bart war heute friſch
ge=
färbt und beſaß einen dunkelbraunen Schein. Der Profeſſor
be=
grüßte den jungen Kollegen wie einen aften Freund.
Der größte Teil der Gäſte rekrutierte ſich aus Bankkreiſen.
Abſichtlich hatte Ernſtheimer niemand zu ſich geladen, der für
die Gründung der Aquanit=Werke in Betracht gekommen wäre.
Es waren höchſt gleichgültige Vekannte des Hauſes, denen er
Herbert zeigte. Am intereſſanteſten war noch die Baronin
Karen mit Tochter und Sohn. Sie war eine Dame von etwa
fünfundfünfzig Jahren, vielleicht auch etwas älter. Es ließ ſich
ſchwerlich genau feſtſtellen, denn, wie Spötter behaupteten, es
hatte noch kein Sterblicher ihr wahres Antlitz geſehen. Dieſes
Geſicht, das vor Jahren ſicherlich einmal ſchön und anziehend
geweſen, war ſtets mit einer dicken Schicht von Schminke und
Puder bedeckt. Ein feiner Beobachter mußte wahrnehmen, daß
die Baronin kaum wagte, zu lächeln, damit dieſe Maske keine
Falten zog. Aber der äußerliche Mangel an Natürlichkeit wurde
durch ihr Weſen wettgemacht. Sie galt als Wohltäterin und
Kunſtkennerin. Einen bedeutenden Teil ihrer Renten hatte
ſie in früheren Jahren für arme Künſtler, beſonders Maler,
verwendet.
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