Darmstädter Tagblatt 1924


22. Juni 1924

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Wöchentliche illuſtrierte Beilage: Die Gegenwart, Tagesſpiegel in Bild und Wort
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Nummer 172
Sonntag, den 22. Juni 1924.
187. Jahrgang

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Nabat weg. Banſionio: Deuſche Ban und Dame
ſtädter 8 Naionalbant.

Herriots Londonreiſe.

7Britiſches Rätſelraten über den Charakter der
Unterredung.
n in Begleitung ſeines Kabinettschefs im Außenminiſterium
Vergery um 10 Uhr über Calais nach London abgereiſt.
Nach einer Havasmeldung aus London iſt Herriot heute
ſrtend um ½7 Uhr mit halbſtündiger Verſpätung auf dem Vik=
oria
=Bahnhof in London angekommen. Er war vom Dol=
Tnetſcher Camerlynk ſowie dem Kabinetschef und ſeinem Privat=
Tretär begleitet. Eine große Menſchenmenge brachte dem fran=
üniſchen
Miniſterpräſidenten Opationen dar.
Paris, 21. Juni. Havas meldet aus London: Die Reiſe
zerriots nach London iſt ohne den geringſten Zwiſchenfall ver=
autfen
. Während der ganzen Fahrt von Paris nach Calais hat
öerriot mit General Nollet und Peretti della Rocca Beratungen
zpflogen. Im Laufe dieſer langen Beratungen hat der Mini=
trpräſident
mit ſeinen Mitarbeitern die Feſtlegung aller Punkte
ſprochen, die er Maedonald im Namen der franzöſiſchen Re=
yerung
auseinanderſetzen will und die ſich ſowohl auf die Repa=
rions
= wie auch die Sicherheitsfrage beziehen.
London, 21. Juni. (Wolff.) Im Mittelpunkt des
iFentlichen Intereſſes ſteht die Ankunft des franzöſi=
chen
Premierminiſters in London. Der Pariſer
6 richterſtatter der Weſtminſter Gazette ſchreibt, daß anſchei=
luntd
Macdonald für das Geheimnis verantwortlich ſei, das die
kirteredung in Chequers umgeben werde. Herriot habe geſtern
britiſchen Korreſpondenten in Paris zu ſich berufen und
(hnen die Mitteilung der Downingſtreet vorgeleſen, in der
ſich ſei.
Dem Pariſer Berichterſtatter der Times zufolge erklärte
zrrriot bei ſeiner geſtrigen Unterredung mit den Preſſevertre=
em
, er beabſichtige, gerade heraus und offen zu ſprechen, viel=
eicht
allzu offen. Dem Berichterſtatter zufolge werde Herriot
ineifellos Macdonalds Aufmerkſamkeit auf die Frage der
ſrcherheit Frankreichs als einer Frage von größter
hwdeutung lenken. Es werde erwartet, daß er ſeine Haltung
ur die Informationen gründen werde, die von den Generalen / Die Lage der Stadt Düſſeldorf in kultureller und wirtſchaft=
2. Uet und Degouttte geliefert wurden, und daß er auf die Not=
zmdigkeit
der Aufrechterhaltung der interallierten Militär=
Se vollendet iſt. Was die künftige Sicherung Frankreichs
eren Angriffe betreffe, ſo werde wahrſcheinlich ein befriedigen=
e
: Erſatz für die Sicherheit geſucht werden, die Frankreich in
Ferſailles in dem geſcheiterten engliſch=franzöſiſchen Pakt ge=
uren
wurde. Der Widerwille des britiſchen Volkes gegen
nolich erkannt und verſtanden, es ſeien jedoch in einigen Kreiſen
eFfnungen vorhanden, daß gleichartige Garantien in den Ga=
gntiepakten
und unter der Kontrolle des Völkerbundes gefun= gebäude in der Mühlenſtraße, das Karlshaus, der Kunſtpalaſt,
er werden könnten.
Ein deutſches Memorandum für Chequers.
onalds mit Herriot hat, wie wir von zuſtändiger Stelle er= ihrer zuſtändigen Schulen verhindert ſind. Ihr Unterricht mußte
zren, die deutſche Regierung durch den Bot=
chafter
in London ein eingehendes Memorandum dem ganzen Stahlhof, einem großen Teil des Loewe=Hauſes und
berreichen laſſen, in dem die Stellungnahme der Re=
terung
zu der Frage der Durchführung des Sachverſtändigen= Ställe, Schuppen und Garagen. Zur Unterbringung von Gene=
zutachtens
unter Begründung an Hand ausführlichen Mate=
iaks
klargelegt wird. Es handelt ſich hierbei um ein Vorgehen,
nie es deutſcherſeits ſchon früher vor bedeutſamen Verhand=
mgen
der Allierten angewandt wurde. Eine Veröffentlichung
nrechungen des deutſchen Geſandten in Paris mit Herriot als waren, iſt es notwendig geworden, zur Unterbringung dieſer Fa=
ſzundlage
benutzt wurde, iſt vorerſt nicht beabſichtigt.
Mutmaßungen des Petit Pariſien.
Baris, 21. Junt. Wolff! Der Petit Pariſien ſpricht daß der durch dieſe Requiſitionen für die Stadt geſchaffene Zu=
ch
über die Fragen aus, die in Chequers zwiſchen Macdonald ſtand auf die Dauer ganz unhaltbar iſt.
nd Herriot behandelt werden könnten. Sie ſeien von zweier=
ſedeutung
die Allierten einmütig anerkannt hätten.
Was die Ausführung des Dawesplanes betrifft, ſchaftlichen Leben der Stadt durch die zahlreichen Beſchlagnah=
Habe die franzöſiſche Regierung ſchon ihre Abſicht kundgege= men von Fabrikgebäuden und anderen öffentlichen. Gebäuden
in, die Wirtſchaftseinheit des Deutſchen Neiches wiederherzus entſtehen. Ich erinnere nur daran, daß durch die Beſchlagnahme
tllen, ſobald Deutſchland das durch den Sachverſtändigenaus= des Kunſtpalaſtes die Durchführung der für dieſen Sommer ge=
huß
aufgeſtellte Programm ausgeführt habe. Der Punkt, über planten großen Kunſtausſtellung unmöglich ſein wird, und daß
in man ſich einigen müſſe, ſei die militäriſche Beſetzung. Die die für das wirtſchaftliche Leben der Stadt Düſſeldorf ſo wich=
imzöſiſche
Regierung habe erklärt, daß nach dem Sachverſtän=
genbericht
die Wiederherſtellung der deutſchen Wirtſchaftsein= können. Gerade die Wohlhabendſten meiner Mitbürger ſehen
ſt keineswegs den Verzicht auf die militäriſche Beſetzung in ſich durch die unerträglich gewordenen Einquartierungslaſten
ch ſchließe. Macdonald habe, obgleich er die Beſetzung des veranlaßt, ihren Wohnſitz von Düſſeldorf zu verlegen, wodurch
uhrgebiets niemals anerkannt habe, den belgiſchen Miniſtern, der Stadt erbebliche Einnahmen verloren gehen.
kärt, er wolle nicht auf die Vergangenheit zurückommen, und
je unſichtbar ſei, möglich wäre. Dieſe Beſetzung hätte progreſſiv, daß von der geplanten Verlegung des Artillerieregiments nach
uch Maßgabe der Erfüllung der Verpflichtungen durch Deutſch= hier Abſtand genommen wird.
und zu Ende zu gehen. Was noch geſtern möglich geweſen ſei,
ſcht einen Tag länger im Ruhrgebiet zu verbleiben, als not=
ſen
dig ſei.
Kritik an Macdonald.

London, 21. Juni. (Wolff.) Der diplomatiſche Bericht=
ſtutter
des Daily Telegraph ſchreibt, Maedonald habe
verſtehen gegeben, daß überhaupt keine Informatio=
en
über ſeine Unterredung mit Herriot für die
ſreſſe ausgegeben wverden. Dieſes Verfahren ſtehe in einem
i amen Widerſpruch zu ſeinem früheren Eintreten für eine

offene Diplomatie. Die britiſche wie die franzöſiſche öffentliche
Meinung ſeien berechtigt, zu wiſſen, wohin ihre Länder geführt
werden. Die Geſchicke der Nationen könnten nicht ausſchließlich
einzelnen Staatsmännern überlaſſen werden. Kein britiſcher
Paris 21. Juni. (Wolff.) Miniſterpräſident Herriot Premierminiſter habe ſich in der Behandlung von Problemen
dieſer Art in dem Maße iſoliert, wie es Macdonald tue, und
zwar zunächſt gegenüber ſeinen Kollegen und den Sachverſtän=
digen
anderer Aemter, als der von ihm verwalteten, zum Bei=
ſpiel
des Schatzamtes, und dann gegenüber der öffentlichen Mei=
nung
, die ihren Ausdruck in der Preſſe findet. Der Bericht=
erſtatter
weiſt darauf hin, daß Herriot nicht ebenſo verfahre. Der
franzöſiſche Premierminiſter habe ſich vor kurzem zugunſten der
offenen Diplomatie und des Vertrauens zur Preſſe ausgeſpro=
chen
. Kein franzöſiſcher Premierminiſter der letzten Zeit, nicht
einmal Poincaré, hat es je gewagt, die Preſſe und die öffent=
liche
Meinung unbeachtet zu laſſen. Die Beſchränkungen, die
der britiſche Premierminiſter ſeinem franzöſiſchen Kollegen gern
auferlegen möchte, müßten ihn in eine beſonders, ſchwierige
Stellung bringen.
Die Einquartierungslaſten.
Drohender Ruin der Stadt Düſſeldorf.
Wie man ſich erinnern wird, hat die franzöſiſche Beſatzungs=
behörde
in Düſſeldorf, trotz des wiederholten Proteſtes der
Stadt, vor etwa einem Monat zahlreiche ſtädtiſche und private
Baulichkeiten zur Unterbringung von Truppen beſchlagnahmen
laſſen. Dieſe durch kein dringendes Bedürfnis gerechtfertigten
Beſchlagnahmungen haben die Stadt Düſſeldorf in eine geradezu
kataſtrophale Lage gebracht und das wirtſchaftliche und kulturelle
Nacdonald erllärt, daß die Konferenz perſönlich und vertrau= Leben der Stadt aufs ernſtlichſte gefährdet. Die Stadtverwal=
tung
hat daher neuerdings an die Beſatzungsbehörden folgendes
Schreiben gerichtet:
An den
Herrn General Douchy,
z. d. Hand des Herrn Chefs des Büros für Zivilangelegenheiten,
Hier.
Herr General!
licher Beziehung iſt durch die außerordentlich große Garniſon,
die wohl die größte des beſetzten Gebiets und vielleicht der Welt
vrtrollkommiſſion in Deutſchland dringen werde, bis ihre Auf= ſein dürſte und jedenfalls in keinem Verhältnis zu der Größe
der Hilfsquellen der Stadt ſteht, eine überaus bedrängte, kaum
noch erträgliche geworden. Zur Unterbringung der Truppen
ſind, außer den Kaſernen der früheren deutſchen Garniſon, ein=
ſchließlich
des Bezirkskommandos, des Proviantamts, des Laza=
retts
, eine Anzahl ſtaatlicher und kommunagler Gebäude, wie die
ine bindende Militärkonvention werde in Frankreich Zollämter, die Eiſenbahnbetriebsämter, das Landgerichtsgebäude
am Königsplatz, ein Teil des Amtsgerichtsgebäudes, das Schloß
Jägerhof, die kommunale Polizeiſchule, das Polizeiverwaltungs=
der
größte Teil der Tonhalle, die Konzertſäle des Zoologiſchen
Gartens und ein Teil des Schlachthofes beſchlagnahmt worden.
Auch ſind für die Unterbringung der Truppen 19 Schulgebäude
mit 304 Klaſſenräumen, 13 Turnhallen und ſonſtigen Nebenräu=
Berlin, 21. Juni. (Radiodienſt.) Zu der Beſprechung Mac= men, beſchlagnahmt worden, wodurch 8947 Schüler am Beſuch
in anderen Schulen erfolgen. An Privatgebäuden ſind außer
des Mannesmann=Hauſes, 14 Fabriken und gewerbliche Anlagen
vollſtändig und 12 teilweiſe beſchlagnahmt worden, ferner 102
rälen, höheren Offizieren und Büros ſind weiterhin 40. ganze
Privathäuſer in Anſpruch genommen, ferner 1660 Quartiere für
verheiratete Offiziere und Unteroffiziere der Garniſon und 3600
Quartiere für ledige Angehörige der Beſatzungstruppen.
Durch die neuerdings erfolgte Beſchlagnahmung der ſog.
ez umfangreichen Schriftſtückes, das auch in den geſtrigen Be= Schupokaſerne, in der annähernd 150 Familien untergebracht
milien ſechs weitere Schulen in Anſpruch zu nehmen. Die Kin=
der
, die bisher in dieſen Schulen ihren Unterricht erhielten, kön=
nen
anderweitig zunächſt jedenfalls nicht unterrichtet werden und
entbehren daher jeden Schulunterrichts. Es liegt auf der Hand,
Ich brauche Ihnen, Herr General, wohl nicht zu ſchildern,
7 Art: die einen beträfen die Ausführung des Sachverſtän= welche nachteiligen Folgen für die Erziehung der Jugend durch
genberichts und die anderen das Sicherheitsproblem, deſſen die vorerwähnte Inanſpruchnahme von Schulgebäuden entſtehen.
Ebenſo wird Ihnen, Herr General, ohne weiteres klar, ſein,
welche außerordentlichen Nachteile dem induſtriellen und wirt=
Ich bitte Sie, Herr General, daher nochmals auf dringendſte,
tan müſſe daraus ſchließen, daß ein Einverſtändnis auf der Ihren ganzen Einfluß dahin geltend zu machen, daß eine Ver= u. a. auch zwei die Intereſſen der Deutſchen in den geraubten
trurndlage einer auf das Minimum herabgeſetzten Beſetzung, minderung der Garniſon Düſſeldorf eintritt und insbeſondere, Oſtgebieten berührende Fragen behandelt, nämlich die Frage der
Eine gerechte Verteilung der Einquartierungslaſten auf das
züufſe auch heute noch möglich ſein, da Herriot die Abſicht habe, geſamte beſetzte Gebiet iſt zur Erhaltung des wirtſchaftlichen und ein Abkommen genehmigt, welches die Anſiedler mit einer Ge=
kulturellen
Lebens der Stadt Düſſeldorf unbedingt erforderlich.
Genehmigen Sie, Herr General, den Ausdruck meiner vor=
züglichſten
Hochachtung.

i. V.: gez. Geuſen.

Die bedrohliche Lage der Stadt Düſſeldorf dürfte in obigem
Schreiben genügend klargeſtellt ſein. Sie erheiſcht dringende Ab= 1
hilfe. Wird die franzöſiſche Beſatzungsbehörde ſich dazu bereit=
finden
?. Hier iſt die erſte Gelegenheit, bei der Herr Herriot zei=
gen
kann, ob es ihm mit ſeiner Ankündigung, mit der Politik
Poincarés zu brechen, wirklich ernft iſt.

Die Woche.

Am Mittag des 14. Juni übernahm der Sieger vom 11. Mai
die Bildung der franzöſiſchen Regierung, noch am Spätabend
des gleichen Tages gab er die Zuſammenſetzung ſeines Kabinetts
offiziell bekannt, und bereits am Dienstag gab Herr Herriot
vor der franzöſiſchen Kammer die mit Spannung erwartete
Regierungserklärung ab. Angeſichts des heutigen Standes der
Dinge in Deutſchland und der Notwendigkeit nicht allein Frank=
reichs
, ſondern aller Völker, ſich gegen eine neue Offenſive des
nationaliſtiſchen Alldeutſchturts zu ſchützen, halten wir es nicht
für möglich, das Nuhrgebiet zu räumen, bevor die Pfänder, wie
ſie von den Sachverſtändigen vorgeſehen ſind, deren Be=
richt
wir ohne Hintergedanken annehmen, mit
gerechten und wirkſamen Garantien für die Durchführung kon=
ſtituiert
und den zu ihrer Verwaltung befugten internationalen
Organiſationen übergeben ſind. Wir halten es auch für nötig,
daß die Entwaffnung Deutſchlands von den Allierten gemein=
ſam
überwacht und ſobald wie möglich durch die Aktion des
Völkerbundes kontrolliert wird.
Wenn man dieſe Sätze, welche den Kernpunkt der ganzen
Erklärung bilden, ſoweit ſie ſich auf die Reparationsfrage be=
zieht
, nur ihrem Wortlaut nach anſieht, ſo muß man ſagen, daß
ſie ſtarke Aehnlichkeiten aufweiſt mit Poincaréſchen Erklärungen.
Aber nicht allein auf die Worte kommt es an, ſondern auf das,
was hinter den Worten ſteht, und gerade in Deutſchland ſollte
man ſich nüchternes Urteil nicht durch Voreiligkeiten trüben
laſſen. Bereits die Kammerdebatte über die Regierungserklä=
rung
gab Herriot Gelegenheit, ſeine Stellung zur Ruhrbeſetzung
etwas näher zu präziſieren. Auf eine Anfrage der Rechten
erklärte er, daß die Ruhrbeſetzung, wenn man ſie von der
Durchführung der Beſtimmungen des Sachverſtändigent=
Gutachtens abhängig machen wollte, 37 Jahre dauern müßte.
Wir haben ſchon mehrfach ausgeführt, daß die Stellung des
neuen franzöſiſchen Kabinetts inſofern recht ſchwierig iſt, als
es bei der geiſtigen Einſtellung des franzöſiſchen Volkes zu
nationalen Fragen die Gefahren keinen Augenblick unterſchätzen
darf, die ihm von der ſtarken Oppoſition unter Führung eines
Poincars drohen. Im Intereſſe, der künftigen Entwicklung
Europas wäre es jedoch beſſer geweſen, wenn Herr Herriot ſich
gerade in der entſcheidenden Frage etwas deutlicher ausgedrückt
hätte. In ſeiner Regierungserklärung hat der franzöſiſche
Miniſterpräſident davon geſprochen, daß er den demokratiſchen
Geiſt bei allen Völkern ermutigen und unterſtützen werde, auf
den er ſich ſelbſt berufe. Wenn man dies aus der franzöſiſchen
Terminologie ins Deutſche überſetzt, ſoll es doch wohl heißen,
daß man verſuchen werde, bei den anderen Völkern (alſo ins=
beſondere
doch wohl Deutſchland!) den Einfluß derjenigen Kreiſe
zu ſtärken, welche auf eine friedliche Verſtändigung der euro=
päiſchen
Völker hinarbeiten. Wenn das die Abſicht Herriots
iſt, ſo ſollte er ſich ſagen, daß eine unzweideutige Erklärung von
maßgebender franzöſiſcher Stelle über die Frage der Räumung
des Ruhrgebietes die allgemeine Lage ganz weſentlich klären
würde. Auch in Frankreich weiß man mittlerweile, daß eine
wirkliche Löſung der Reparationsfrage nur durch Mitwirkung
Deutſchlands zu erreichen iſt. Das Gutachten legt aber dem
deutſchen Volk Laſten von ſo ungeheuerlicher Schwere auf, daß ſie
einfach untragbar ſind, wenn nicht die Gewähr dafür beſteht, daß
durch dieſe Opfer wirklich der Weg zur Freiheit gebahnt wird,
ganz abgeſehen davon, daß das Gutachten ja die Wiederherſtel=
lung
der deutſchen Verwaltungshoheit undenkbar unter der
Drohung franzöſiſcher Bajonette geradezu zur Vorausſetzung
macht.
Beſonders bedenklich iſt die Stellung Herriots in der Frage
der Militärkontrolle, die ſchon in der Berufung Nollets zum
Kriegsminiſter zum Ausdruck kam. Man will offenbar die
vertragswidtige Fortſetzung der Militärkontrolle zur Voraus=
ſetzung
für die kommenden Verhandlungen machen. Auf der
anderen Seite aber beſteht die Gefahr, daß die Forderung der
Militärkontrolle in Deutſchland eine ſo allgemeine Erbitterung
hervorruft, daß dadurch der Fortgang der Reparationsverhand=
lungen
zum mindeſten überaus erſchwert, wenn nicht gar völlig
in Frage geſtellt wird. In der Tat iſt es für das deutſche Volk
einfach untragbar, wenn jetzt nach Jahren fürchterlichſter Be=
drückung
durch die Franzoſen franzöſiſche Offiziere in Uniform
in Deutſchland umherreiſen.
Herriot iſt nach England gereiſt, um mit dem Miniſterpräſi=
denten
Großbritanniens die Fühlung aufzunehmen, und es iſt
intereſſant, daß man in England der heutigen Begegnung mit
betontem Optimismus entgegenſieht. Die Hauptſache, ſo ſchreibt
die Weſtminſter Gazette, ſei nach wie vor die Einigung der
Allierten über die zukünftige Behandlung Deutſchlands. In
dieſer Beziehung aber ſeien die Ausſichten ſo hell, wie ſie zur
Zeit Poincarés ſchwarz geweſen ſeien. Es beſteht kein Zweifel,
daß die engliſch=franzöſiſchen Beziehungen ſich in den letzten
Wochen ganz weſentlich verbeſſert haben, und es wird gut ſein,
wenn wir wieder mit einer engliſch=franzöſiſchen Einheitsfront
uns gegenüber rechnen. So ſchreiben die Times: Der neue
Faktor ſei jetzt eine ganz veränderte Lage Frankreichs.
Herriot habe ein Programm aufgeſtellt, das ſich in weſentlichen
tige Muſterſchau vorausſichtlich nicht wird abgehalten, werden Punkten von dem unterſcheide, was man zur Zeit Poinearés
unter der Politik Frankreichs verſtand. Was das Nuhrgebiet be=
treffe
, ſo heiße die Formel jetzt nicht länger: Keine Näumung,
bevor Deutſchland zahle, ſondern Keine Räunung, bevor der
Sachverſtändigen=Bericht verwirklicht worden iſt.
Der Völkerbundsrat in Genf hat in ſeiner Schlußſitzung
Entſchädigung der deutſchen Anſiedler und die polniſchen Maß=
nahmen
gegen diejenigen Deutſchen, über deren Staatsangehö=
rigkeit
zurzeit noch verhandelt wird. In der erſten Frage wurde
ſamtſumme von 2,7 Millionen Goldfranken entſchädigt, während
in der zweiten Frage Polen eine ganz unzweideutige Rüge er=
hielt
wegen ſeiner entgegen der feierlichen Verſicherung des
polniſchen Vertreters Kozminſki eingeleiteten Gewaltmaßnahmen.
Es iſt bekannt, daß im Völkerbundsrat der franzöſiſche Einfluß
überwiegt. Auch die Erledigung von Fragen zweiter Ordnung
kann in der Politik manchmal von ſymptomatiſcher Bedeutung
ſein.
In Rom hat die Ermordung des ſozialiſtiſchen Abgeordneten
Matteotti und die ungeheure Erregung, welche im Gefolge ganz

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Darmſtädter Tagblatt, Sonntag, den 22. Juni 1924.

Nummer 172,

Italien von den Alpen bis Sizilien ergriff, ein grelles Licht
darauf geworfen, daß auch dort manches faul im Staate Däne=
mark
. Inwieweit die Stellung Muſſolinis durch dieſe Ereig=
niſſe
erſchüttert iſt, inwieweit ſie alſo möglicherweiſe Rückwir=
kungen
, auf die geſamte europäiſche Politik ausüben werden,
läßt ſich zurzeit allerdings noch nicht überſehen.
In Verlin arbeitet man mit Nachdruck an der Ausarbeitung
der Geſetzentwürfe, die eine Durchführung des Sachverſtändigen=
Gutachtens erfordert. Eindringlich hat der deutſche Reichs=
außenminiſter
nochmals am vergangenen Sonntag in Karls=
ruhe
die Auffaſſung der deutſchen Reichsregierung dargelegt..
Es wäre wahrlich zu wünſchen, daß man ſich auch auf Seiten
der Oppoſition in Zukunft ruhiger Ueberlegung zugänglicher
erwieſe als bisher. In wie ſtarkem Maße die parteipolitiſche
Zerriſſenheit Deutſchlands die Aktionsfäihgkeit hemmt, zeigt am
beſten die eine Tatſache, daß man in Bayern 2½ Monate
nach der Landtagswahl noch immer nicht in der Lage
war, eine Regierung zu bilden. Dificile est satiream non
seribere!
Daß unſere unſeligen parlamentariſchen Verhältniſſe zum
Teil auch in unſerem Wahlrecht begründet ſind, liegt auf der
Hand, und es iſt daher zu begrüßen, daß das Reichskabinett
dieſer Tage beſchloſſen hat, die Wahlreform=Novelle, über die
ſchon vor den Reichstagswahlen geſprochen wurde, nunmehr
bei den geſetzgebenden Körperſchaften einzubringen. Mit Recht
wendet man gegen das bisherige Syſtem ein, daß die großen
Wahlkreiſe und in Verbindung damit die langen Vorſchlags=
liſten
höchſt unerfreuliche Begleiterſcheinungen mit ſich bringen,
daß insbeſondere eine perſönliche Fühlungnahme zwiſchen Abge=
ordneten
und Wählerſchaft ſo gut wie ausgeſchloſſen iſt. Ueber
den Platz auf der Liſte entſcheidet nicht (ſo ſehr die perſönliche
Tüchtigkeit als lokale und Berufsrückſichten. Mehr und mehr
ſchwindet die Möglichkeit, geeigneten parlamentariſchen Nach=
wuchs
in den Reichstag zu bringen. Die Weimarer Verfaſſung
verlangt grundſätzlich ein unmittelbares Wahlrecht. Die Liſten=
wahl
in ihrer heutigen Geſtalt iſt geradezu ein indirektes Wahl=
recht
, und zwar ein ſchlechtes. Das Problem der Wahlreform
liegt darin, die Verhältniswahl ſo umzugeſtalten, daß die Per=
ſönlichkeit
bei den Wahlen wieder in den Vordergrund tritt.
Dies aber kann nur geſchehen durch Bildung kleinerer Wahl=
kreiſe
, die in ihrer Größe etwa den alten Reichstagswahlkreiſen
entſprechen würden. Es iſt zu hoffen, daß das deutſche Volk
und insbeſondere der deutſche Reichstag aus dem jammervollen
Elend der letzten Jahre genug gelernt hat, um den unbedingt
notwendigen Reformen keine Schwierigkeiten in den Weg zu
M.
legen.

DieOſtfahrt der deutſchen Journaliſten

Die Preſſetagung in Königsberg.

Königsberg, 21. Juni. Die Tagung des Reichsver=
bandes
der deutſchen Preſſe begann am Freitag mit einem
Begrüßungsabend in den Räumen des Blutgerichts im Schloß. Der
Vorſitzende des Königsberger Bezirksverbandes Dr. Rauchenplat
begrüßte die Erſchienenen, darunter die Vertreter der Regierung und

vieler Korporationen, den Oberpräſidenten Sihr, den Oberbürger=
meiſter
Dr. Lohmeyer u. a. Dr. Rauſchenplat wies auf die
nationalpolitiſche Bedeutung der Oſtfahrt der
deutſchen Journaliſten hin und auf die Aufgaben, die der
deutſchen Preſſe gegenüber der Provinz Oſtpreußen erwüchſen. Redner
ſchloß mit dem Dank an die Gäſte aus dem Reich und der Provinz.

Or. Zarres an den Reichsverband der deutſchen Preſſe.
Sturtgart, 21. Juni. Der an der hieſigen Tagung des Vereins
Deutſcher Zeitungsverleger teilnehmende Reichsminiſter Dr. Jar=

res hat an den in Königsberg tagenden Reichsver=
band
der deutſchen Preſſe folgendes Telegramm
gerichtet: Leider verhindert, an Ihrer Tagung teilzunehmen,
ſende ich aus dem Schwabenlande den deutſchen Preſſevertretern in der
Oſtmark herzliche Grüße und wünſche Ihren Beratungen beſten Erfolg.

Die Franzoſenherrſchaft in der Pfalz.

Landau, 21. Juni. Der Abgeordnete Bernzott und Gen.
(Baher. Volkspartei) hat im Baheriſchen Landtage folgende Anfragen
eingebracht: Im Bezirk Landau ſind in den Abendſtunden zahlreiche
Ueberfälle auf deutſche Einwohner vorgekommen, die
überfallen, niedergeſchlagem und beraubt wurden und dabei zum Teil er=
hebliche
Verletzungen davontrugen; ein deutſcher Gendarm wurde durch
einen Revolverſchuß ſchwer verwundet. Die Bevölkerung iſt durch die
Vorgänge ſehr beunruhigt, um ſo mehr als die am Abend die Land=
ſtraßen
paſſierenden Bewohner unbewaffnet ſich ihrer Angreifer nicht er=
wehren
können. Sind der Staatsregierung dieſe Vorgänge bekannt?
Iſt ſie bereit, den Beſatzungsmächten von den Vorfällen Kenntnis zu
geben und auf diplomatiſchem Wege raſcheſtens zu veranlaſſen,
daß der Bevölkerung genügend Schutz zuteil wird, damit ſolche Vor=
kommniſſe
durch entſprechende Maßnahmen verhindert werden?
Iſt der Staatsregierung bekannt, daß durch die Schaffung eines
großen Truppenübungsplatzes in der Südpfalz die dor=
tigen
Gemeinden häufig Einquartierungen zu ertragen haben und dieſe
Bewohner ſeit Jahr und Tag vom Reich nicht entſchädigt wurden? Iſt
die Staatsregierung bereit, raſcheſtens zu veranlaſſen, daß die in Mit=
leidenſchaft
gezogenen Bewohner baldigſt entſchädigt und für die Zu=
kunft
die Einquartierungslaſt vermindert werde?
Iſt der Staatsregierung bekannt, daß während der ſeparatiſti=
ſſten
Herrſchaft Pfälzer Geſchäftsleuten und anderen Bewohnern
ihr Eigentum weggenommen wurde und ſie heute noch ohne jede Ent=
ſchädigung
ſind? Iſt die Staatsregierung gewillt, Schritte zu tun, daß
die vorliegenden Entſchädigungsverſuche baldigſt geprüft und die Be=
troffenen
entſchädigt werden?
Iſt die Staatsregierung bereit, über die Vorgänge bei der Auf=
löſung
der ſogenannten Pfalzdienſtſtelle in Heidelberg.
dem Landtag in öffentlicher Sitzung und, wenn Staatsintereſſen dagegen
ſprechen, in einer vertraulichen Sitzung der pfälziſchen Abgeordneten
und der Fraktionsführer Aufſchluß zu geben und in eine Beſprechung

der Lage der Pfalz einzutreten?

Vom Tage.

Botſchafter bon Hdeſch iſt geſtern abend zwecks Berichterſtattung
nach Berlin gereiſt.
Die Reichsindexziffer für die Lebenshaltungs=
koſten
Ernährung, Wohnung, Heizung, Beleuchtung und Bekleidung
beläuft ſich nach den Feſtſtellungen des Statiſtiſchen Reichsamts für den
18. Juni auf das 1,12=Billionenfache der Vorkriegszeit gegenüber der
Vorwoche von 1,13 Billionen; iſt demnach eine Abnahme von 0, 9
Prozent zu verzeichnen.
Bei der Wiesbadener Regierung iſt die Nachricht
eingegangen, daß das ſeinerzeit gegen die Einreiſe und
die Amtsübernahme eingelegte Veto gegen den Regierungs=
präſidenten
Dr. Häniſch von der Interalliierten Kommiſſion zurück=
gezogen
worden iſt.
Die Verhandlungen über die Danziger Regie=
rungsbildung
ſind geſcheitert.
Wie wir erfahren, ſchließt der Etat des Auswärtigen
Amts für 1924, der demnächſt dem Reichstag zugehen wird, mit
einem Zuſchuß von rund 11 Millionen Goldmark ab. Den Ausgaben
von rund 37 Millionen Mark ſtehen Einnahmen in Höhe von rund
26 Millionen Mark gegenüber. Neu im Etat iſt der Botſchafterpoſten
in der Türkei.

ſein privates und öfentliches Leben der letzten Jahre einzuſetzen.

Muſſolini hat die Verbreitung des Oeuvre in Ita=
lien
verboten, weil das Blatt beſonders ausführliche und ent=
ſtellte
Berichte über die Matteottiaffäre veröffentlicht hat.

Die franzöſiſch=ruſſiſchen Beziehungen.

Paris, 21. Juni. (Wolff.) Auf Veranlaſſung von Miniſter=
präſident
Herriot hat nach dem Matin geſtern im Quai d’Orſay
eine erſte Konferenz in der Frage der franzöſiſch=ruſſiſchen Be=
ziehungen
ſtattgefunden. Zu ihr waren die Vertreter der fran=
zöſiſchen
Intereſſenten eingeladen. Da die Konſultation mög=
lichſt
weitgehend ſein ſoll, ſind die Intereſſentengruppen aufge=
fordert
worden, beſondere Informationen zu liefern. Die noch
nicht berufenen Gruppen ſeien erſucht worden, ſich an das
Außenminiſterium zu wenden.

Breitſcheid in Paris.

Tagungderdeutſchen Zeitungsverleger

Reichsminiſter Dr. Jarres über das
Journaliſtengeſetz.

Stuttgart, 21. Juni. Offizieller Bericht von der Tagung des
Vereins Deutſcher Zeitungsverleger:
In Gegenwart des Reichsminiſters des Innern Dr. Jarres, des
Chefs der Preſſeabteilung der Reichsregierung Dr. Spiecker, des Prä=
ſidenten
, Thilo vom Reichspoſtminiſterium, mehrerer württembergiſcher
Miniſter und ſonſtiger Vertreter von Behörden begrüßte heute vormit=
tag
der Vorſitzende des Vereins Deutſcher Zeitungsverleger, Kommer=
zienrat
Dr. Krumbhaar=Liegnitz die 30. Hauptverſammlung des
Vereins, unterHinweis auf ihre Bedeutung als Jubeltagung und teilte

der Arbeiterſchaft der Badiſchen Anilin= und Sodafabrik hinter ſich zu
haben, erliten bei den Betriebsratwahlen in dieſer Fabrik eine Nie=
derlage
.
Der Hauptausſchuß des preußiſchen Landrags beendete
die Beratung des Haushalts der Bergverwaltung und nahm einen An=
trag
aller Parteien an, die Arbeiter und Angeſtellten des Saarberg=
baus
in Wahrung ihrer nationalen Geſinnung mit allen Kräften zu un=
terſtützen
und alle Opfer des franzöſiſchen Terrors im deutſchen Bergbau
unterzubringen und gegen alle Angehörigen des deutſchfeindlichen Saar=
bunds
, die ſich in preußiſchen Staatsdienſten befinden, diſziplinariſch
einzuſchreiten.
Das eſthniſche Parlament hat nun auch den zweiten, am
27. Juni 1923 in Reval abgeſchloſſenen Vertrag, der die mit dem
Weltkrieg zuſammenhängenden Fragen regeln ſoll ratifiziert.
Der erſte dieſer Verträge, das deutſch=eſthniſche Wirtſchaftsabkommen,
wurde bereits im Dezember 1923 angenommen. Deutſcherſeits ſtehen
die beiden Verträge auf der Tagesordnung der nächſten Reichstags=
ſitzung
.
Miniſterpräſident Herriot iſt geſterm nachmittag um 2 Uhr in
Calgis eingetroffen und um 2.25 auf dem Paſſagierdampfer
Invicta nach Dover weitergefahren.
Wie ein Wochenblatt berichtet, beabſichtigt der ehemalige Präſident
der Republik Millerand ſeine Kandidatur für einen der freien
Sitze in der Academie Francaiſe aufzuſtellen.
Miniſterpräſident Herriot hat am Freitag den Leiter, der
franzöſiſch=belgiſchen Eiſenbahnregie im beſetzten Gebiet,

dert wären. Der Vorſitzende ſchlug dann die Abſendung eines Begrü=
ßungstelegramms
an den Ehrenpräſidenten des Vereins, Dr. Robertz
Faber=Magdeburg vor, was mit großem Beifall beſchloſſen wurde,
Dr. Krumbhaar ging dann im einzelnen auf die außerordentliche Ent=
wicklung
des vergangenen Geſchäftsjahres ein und ſtellte mit Genugs
tuung feſt, daß der Verein zurzeit nicht mehr gezwungen iſt, ſeine ganzé
Tätigkeit und Arbeitskraft auf die Bewältigung wirtſchaftlicher und ma=
terieller
Fragen einzuſtellen, ſondern ſich wieder in weit höherem Maßs
als bisher den großen geiſtigen und ethiſchen Belangen des Zeitungs=
weſens
zuwenden kann. Redner berührte dann auch noch dis Frags
des Journaliſtengeſetzes.
Reichsminiſter Jarres ging dann, nachdem er namens der
Reichsregierung für die Einladung gedankt hatte, auf diefe Frage näher
ein und führte aus, es beſtehe ein gewiſſer Gegenſatz der
Auffaſſung zwiſchen den Verlegern und der Re=
gierung
. Daß das ganze Preſſegeſetz neu geregelt
werden müſſe, unterliege keinem Zweifel, wohl aber beſtänden Mei=
nungsverſchiedenheiten
über die Neuregelung der Rechtsverhältniſſe der
Schriftleiter. Faſt ſämtliche Parteien des Reichstags ſtänden auf dem
Standpunkt, daß dieſe Frage einer geſetzlichen Regelung bedürfe und
ein entſprechender Parteiantrag liege bereits vor. Der vor einiger
Zeit herausgegebene Referentenentwurf wolle den Gegenſtand lediglich
in die Diskuſſion werfen, er habe aber das Reichskabinett noch nicht
beſchäftigt. Die Reichsregierung werde das Ergebnis der heutigen
Beratungen abwarten, um dann mit den Spitzenorganiſationen beider
Seiten in Verbindung zu treten, denn nur ſo könne der Weg gefunden
werden zur Aufrechterhaltung einer Preſſe, wie wir ſie bisher gehabt=
hätten
, die ſich eines Hochſtandes erfreue, um den die ausländiſche

Die Times meldet aus Paris, die de jure=Anerkennung
der Sowjetregierung durch die franzöſtſche Regie=
rung
werde vermutlich Ende Juni bekanntgegeben.
Der Präſident der Republik Frankreich, Doumergue hat ſei=
nen
Vorgänger Millerand empfangen. Dieſer erwiderte ihm den
Beſuch, den Doumergue am Tage ſeiner Wahl durch die Nationalver=
ſammlung
dem ehemaligen Präſidenten gemacht hatte.
Der frühere italieniſche Unterſtaatsſekretär Finei hat den Kam=
merpräſidenten
gebeten, einen Unterſuchungsausſchuß über

ſtengeſetz ſolle gefunden werden. Gewiß müſſe der Verleger einen
bedeutenden und in vielen Punkten endgültigen Einfluß auf die Zeitung
behalten; andererſeits aber müſſe nicht nur das Arbeitsrechtsverhältnis
des Schriftleiters, ſondern auch ſein berufliches. Anſehen ſo gehoben
werden, daß wirklich ein kraft= und wertvoller Schriftleiterkranz dem
Verleger zur Seite ſtehe. Wir werden in objektiver Würdigung der bei=
derſeitigen
Belange dasjenige vorſchlagen, was wir im Intereſſe der
deutſchen Preſſe, der Verleger und der Schriftleiter für notwendig hal=
ten
. Der Miniſter gedachte dann, ebenſo wie ſchon vorher der Vor=
ſitzende
des Vereins Deutſcher Zeitungsverleger, der aufopferungsvollen
Hingabe der Verleger im beſetzten Gebiet an das Vaterland und
teilte mit, daß bisher 40 Verleger zwangsweiſe die Heimat verlaſſen
mußten, und daß über 500 Zeitungen im beſetzten Gebiet durch Gewalt=
akte
unterdrückt worden ſeien.

Regierung und Preſſe.

Die Morning Poſt meldet, in Kapſtadt werde erwarter, daß
General Smuts am Sonntag ſeinen Rücktritt einreichen werde.
Nach einem Telegramm aus Mexiko hat der engliſche Ge=
ſchäftsträger
Cummins die Stadt verlaſſen. Die
britiſche Fahne wurde auf dem Legationsgebäude einge=
zogen
.
Zwei Mitglieder der Mount Evereſt=Expedition
haben bei dem letzten Verſuch, den noch nie erreichten Gipfel des Ber=
ges
zu erreichen, ihr Leben eingebüßt.

Nach der Rede des Reichsminiſter Dr. Jarres ergriff Profeſſor Dr.
Julius Ferd. Wolf=Dresden, zweiter ſtellvertretender Vorſitzender
des Vereins Deutſcher Zeitungsverleger, das Wort zu einem umfaſſen=
den
und großzügig angelegten Vortrag über das Thema Regie=
rung
und Preſſe‟ Er ſchilderte an Hand der Geſchichte des Zei=
tungsweſens
und der Preſſegeſetzgebung in den Kulturländern, wie es
immer zum Unheil für Volk und Staat ausgeſchlagen iſt, wenn die
Geſetzgeber verſucht haben, die Preſſefreiheit durch theoretiſche, direkte
oder indirekte Einflüſſe zu beſchränken. Seit dem Wormſer Edikt gegen

Paris 21. Juni. Breitſcheid hat ſich einem Vertreter des Deuvre
gegenüber über den Zweck ſeines Aufenthaltes in Paris geäußert. Er
ſagte, er halte ſich hier weder in offizieller noch in offiziöſer Weiſe auf
und ſei lediglich nach Pavis gekommen, um ſich mit Herriot, den er vor
2 Jahren bennen gelernt habe, rein perſönlich über die internationale
Lage zu unterhalten. Breitſcheid fügt hinzu: Ich glaube, daß der
Reichstag den Sachverſtändigenbericht annehmen wird. An der Regie=
rungserklärung
hebt Breitſcheid die Stelle hervor, die ſich auf die Räu=
mung
des Ruhrgebietes bezieht. Nach ſeiner Auffaſſung ſeien keine
Pfänder und Garantien im Sachverſtändigenbericht, und wenn Pfänder
ergriffen werden ſollten, ſo ſei das ein Grund zu neuen Schwierig=
keiten
und neuen Auseinanderſetzungen. Breitſcheid ſpricht ſich dann
gegen die Wiederaufnahme der Militärkontrolle aus, die die öffent=
liche
Meinung in Deutſchland ſehr demütige. Die deutſche Regierung
habe hinſichtlich der Note betreffend die Militärkontrolle in Deutſchland
noch keinerlei Beſchluß gefaßt, doch ſei Breitſcheid ſicher, daß ſie alles tun
werde, um zu verhüten, daß die Frage der Kontrolle die Verſtändigungs=
möglichkeiten
beeinträchtigen könne. Zum Schluß ſagte Breitſcheid: Ich
glaube, daß die beſte Sicherheit für Frankreich ſich aus einer Politik
der Verſöhnlichkeit zwiſchen beiden Ländern ergeben wird.

zuſammenhängende Urteilsweiſe des engliſchen Volkes in ſeinen tieſ=
gründigen
Ausführungen auf
Der Vortrag des Prof. Wolf löſte einen in der Geſchichte der Haupl=
verſammlungen
des Vereins Deutſcher Zeitungsverleger bisher faſt
kaum gekannten Beifall aus. Es wurde beſchloſſen, den Vortrag durch
Druck der breiteſten Oeffentlichkeit bekannt zugeben.
Im Anſchluß an dieſen Vortrag wurde in die Beratung des ge=
ſchäftlichen
Teils der Hauptverſammlung eingetreten, wobei insbe=
ſondere
die Frage des Journaliſtengeſetzes behandelt wurde. Nachmit=
tags
beginnen die Beratungen der Delegiertenverſammlung.
Im weiteren Verlauf der Tagung nahm Dr. Simon=Frankfurt
a. M. Vorſitzender des Arbeitgeberverbands für das ganze Zeitungs=
gewerbe
, in ausführlicher Rede Stellung zur Frage des Journaliſten=
geſetzes
. Er ſchilderte die Schwierigkeit und teilweiſe Unmöglichkeit die
Begriffe öffentliches Intereſſe, Preſſe, Redakteur und Verleger eindeu=
tig
und erſchöpfend zu verhandeln. Beſonders ſcheine es unmöglich, die
allerperſönlichſten Beziehungen von Verleger und Redakteur, die nur
uf gegenſeitigem, keinem Geſetz unterworfenen Vertrauen beruhen ge=
ſetzlich
zu erfaſſen. Nötig und wünſchenswert aber ſei es, zur Siche=
rung
der Redakteure bei Arbeitsunfähigkeit und Alter und für den Fall
des Todes für ihre Hinterbliebenen, den zu ihrem Beruf nötigen Ideg=
lismus
von außen her zu ſchützen und zu fördern.

Dr. Carpe=Berlin hob beſonders drei Geſichtspunkte hervor. E=
wies
auf die Gehaltregulierung hin, die nach ſeiner Meinung ſeit Ende
der Inflation in einem für die Journaliſten durchaus günſtigen Sinn

gelöſt worden ſei. Ferner ſtellte er die Beziehungen zwiſchen Verleger
und Redakteur als ganz individuell und auf geiſtigen und Charakter=

grundlagen beſtehend hin, und hob weiter beſonders die Reinheit der
deutſchen Preſſe hervor. Er bekannte ſich als Gegner des Journaliſten=

geſetzes und rief der Regierung zu: Hände weg vom Journaliſten=

geſetz!
Reichsminiſter Dr. Jarres nahm nochmals zu längeren Ausfüh=
rungen
das Wort, um den Standpunkt der Regierung darzulegen, die
einen Ausgleich zwiſchen den einander entgegenſtehenden Anſchauungen
erſtrebe. Ihm erwiderten noch Dr. Jänicke=Hannover und Prof,
Wolf=Dresden, der in ſeinem Schlußwort nochmals entſchieden die
Aufaſſung der deutſchen Verleger betonte. Damit war die Frage des
Journaliſtengeſetzes erledigt und die Verſammlung wandte ſich den üb=
rigen
Arbeitgeberfragen zu. Die ausſcheidenden Mitglieder des Vereins
wurden durch Zuruf einſtimmig wiedergewählt. Ebenſo wurden die vor=
geſchlagenen
Satzungsänderungen angenommen.

*Konzert.

F.N. Der vierte Beethoven=Abend des Drumm= Quar=
tetts
hatte wieder zahlreiche Muſikverſtändige in das Kleine
Haus des Landestheaters gelockt. Auch heute gab eine Gegen=
überſtellung
von Frühwerk (Op. 18 Nr. 6), reifer Kunſt (Op. 59
Nr. 1) und ſpäter, weit in die Gefilde der Romantik reichender
Kompoſition Gelegenheit, die ungeheure Entwickelung zu be=
ſtaunen
, die ſich hier im Lebenswerk eines einzigartigen Genies
und unermüdlichen Geiſteskämpfers kund tut. Die vorzüglichen
Künſtler, die Herren Drumm, Scheidhauer, Sprenger und
Andreae, waren vom erſten Ton ab mitten im Darſtellen, trotz
der großen Aufgaben, die beſonders die Rieſenformen der beiden
letzten Quartette an Weite des Aufbaus und Tiefe des Erfaſſens
ſtellen. Kaum irgendwo machte ſich eine kleine Ermüdung geltend
dadurch, daß einmal ein Zuſammenklang nicht völlig rein, ein
Rhythmus nicht ganz klar in Erſcheinung trat. Froh, heiter,
oft mit dem Eſprit Haydns, trugen ſie das Quartett aus Op. 18
vor. Vergleicht man ſeine Art der Themenausnutzung mit der
in den beiden anderen Werken, ſo iſt hier noch alles durch rein
muſikaliſche Rückſichten der Klangſchönheit, logiſchen Folge des
Formaufbaus bedingt, während in Op. 59 der Wille, die Geiſtig=
keit
die Durchführungen entſtehen läßt. Nun ſind es innere
Vorgänge, die der Rückſicht auf äußere Vollendung das Gleich=
gewicht
halten und den eigentlichen Antrieb zum Schaffen bil=
den
. Und in voller Stärke ſiegt dies Innenleben in den Spät=
werken
des Tauben. Die Dankſagung eines Geneſenen an die
Eottheit gehört zu dem Subjektivſten, was es in der Tonkunſt
gibt, und ihre hehre Herbheit kam durch den Vortrag der Künſt=
ler
ganz beſonders zur Geltung. Drumm iſt ſeit dem Winter
des Beethoven=Jubiläums noch ſtrenger, größer im Ton und
rücktſichtsloſer in der Freiheit der Auffaſſung geworden. Für
Beethoven iſt das von beſonderem Wert. Der begeiſterte Beifall
war darum im vollſten Maße berechtigt.

* Ooſtoſewski über Oeutſchland.

Von Dr. Fritz Gerathewohl.
Wenn je eines Dichters Werk aus Sinn und Sehnſucht
ſeines Volkes heraus entſtand, ſo war es das Werk Doſtejewskis.
Was durch ihn Geſtaltung fand, war die ruſſiſche Seele in ihren
Tiefen und Höhen, ihrer Kraft und Schwäche, ihrem Glauben
und Unglauben. Wohl erkannte der ſcharfſinnige Politiker in
Doſtejewski ſchon in den ſiebziger Jahren, daß ſein Volk an
einem Endpunkt ſtand, und über dem Abgrund ſchwankte‟
wie Mereſchowski in der Einleitung zu des Dichters politiſchen
Schriften ſagt, einem Bande der vortrefflichen Doſtojewski= Aus=
gabe
des Verlages R. Piper u. Co. München aber er war
überzeugt, daß Rußland die Kriſe überwinden, auf ſich ſelbſt be=
harren
und ſeiner Beſtimmung treu bleiben werde. Das ruſſi=
ſche
Bauerntum, verbunden mit ruſſiſchem Chriſtentum, ſchien
ihm unerſchöpflich an Kraft, imſtande, aus ſich ſelbſt heraus eine
neue Welt zu gebären. Doſtojewski war in ſeinen reifen Jahren
Nationaliſt von unerſchöpflicher Begeiſterung für ſeines Volkes
Miſſion. Jedes große Volk, ſo ſagt er im Tagebuch eines
Schriftſtellers, glaubt und muß glauben, daß in ihm und nur
in ihm allein die Rettung der Welt liegt, daß es bloß lebt, um
an die Spitze aller Völker zu treten und ſie zu dem letzten Ziele,
das ihnen allen vorbeſtimmt iſt, zu führen Der große Eigen=
dünkel
, der Glaube, daß man das letzte Wort der Welt ſagen
will und kann, iſt das Unterpfand des höchſten Lebens einer
Nation
Dieſen Glauben nahm er für ſich und ſein Volk in Anſpruch
und er beſtimmte ihn, gegen alle anzukämpfen, die nach ſeiner
Anſicht das ruſſiſche Volk von der Verwirklichung ſeiner Idee
abbringen wollten. Dieſen Glauben aber fühlte er auch in
einem anderen Volke lebendig, dem deutſchen.
Im Mai des Jahres 1877 veröffentlichte Doſtojewski einen
Aufſatz über Die deutſche Weltfrage‟. Scharf trennte er darin
Deutſchlands Aufgabe von der des Weſtens; zu proteſtieren

gegen romaniſche Kultur iſt Deutſchlands Beſtimmung ſeit zwei
Jahrtauſenden. Darin ſieht er den charakteriſtiſchen Zug dieſes
großen, ſtolzen und beſonderen Volkes, daß es ſich niemals
mit der äußerſten weſtlichen und europäiſchen Welt hat vereini=
gen
wollen. Es ſuchte von jeher ſeine eigenen Wege zu gehen,
wenn es auch nicht ausſprach. Der Glaube daran, daß es
einſtens imſtande ſein werde, dieſes Wort zu ſagen und damſt
die Menſchheit zu führen, war nach des Ruſſen Meinung im
Deutſchen immer lebendig.
Das deutſche Wort wäre unſer ſcharf formuliertes, eige
nes Ideal, der poſitive Erſatz für die vom Deutſchen zerſtörte
altrömiſche Idee‟.

Aus der Beſtimmung des deutſchen heraus, gegen die weſt
liche Kultur zu proteſtieren, glaubt Doſtojewskii auch die Eine

gung der deutſchen Stämme verſtehen zu können: mit der franzo=
ſiſchen
Revolution ſucht die weſtliche Welt ſich in eine nene
Wahrheit umzugebären, gegen die der germaniſche Geiſt nichts
zu ſagen vermochte. Dieſer ahnte die Gefahr, die ihm drohte,
ahnte, daß er keinen Körper und keine Form für ſeinen Aus=
druck
hatte. Das Schickſal war ihm günſtig: er fand den ihm
notwendigen feſten Organismus, der es ihm möglich machle
im Kampf mit Eiſen und Blut ſich in der Welt zu behauptel
Wird aber dieſer Organismus von ewiger Dauer ſein, o
fragt ſich Doſtojewski, wird er nicht wieder an ſich ſelbſt zer
fallen? Die große Maſſe der Deutſchen iſt leichtſinnig genug
ſich darüber keine Gedanken zu machen; aber ein kleiner Krel=
einſichtiger
Politiker begann ſehr bald nach Beendigung de
deutſch=franzöſiſchen Krieges darüber nachzuſinnen. An ihre
Spitze glaubt der Dichter Bismarck zu erkennen. Er, der Geniak
Mißtrauiſche weiß wohl, daß die römiſche Gefahr noch nich
gebannt iſt, er ſieht Deutſchlands Aufgabe noch nicht vollende.
ſein Wort noch nicht geſprochen. Frankreich iſt augenblicklig
eſchlagen, jetzt gilt es für ihn, die weſtliche Idee an ihrer Qucl=
zu
erfaſſen, in Rom. Das Papſttum will Bismarck beherrſchen
darum ſein Bündnis mit Italien, darum auch ſeine katholikelg
feindliche Politik in Deutſchland.

[ ][  ][ ]

Seite 3.

Rummer 172.

* Der Anſchlag auf den
Abgeordneten Matteotti.
Von unſerem Korreſpondenten.
Dr. Z. Rom, den 19. Juni 1924.
Heute, wo die Lage ſich einigermaßen aufzuklären beginnt,
gan man eine genauere Chronik der Vorfälle geben, als die er=
en
eiligen Notizen.
Am Dienstag, den 10. d. M. wurde der ſozialiſtiſche Abge=
hionete
Matteotti von fünf Unbekannten in der Gegend des
ibers angegriffen, als er ſich von ſeiner Wohnung ins Parla=
nnt
begeben wollte.
Er beabſichtigte, dort eine Oppoſitionsrede zu halten gegen
ſie Regierung, worin ſchwerwiegende Enthüllungen über einige
Tochſtehende Perſönlichkeiten der faſziſtiſchen Politik gemacht wer=
er
ſollten. Der Abg. Matteotti, von der Zahl ſeiner Angreifer
berwältigt, konnte nicht verhindern, daß dieſe ihn in ein bereit=
ſehendes
Automobil riſſen und entführten. Am darauffolgenden
age rief zwar die Nachricht, daß Matteotti nicht nach Hauſe
nückgekommen war, Ueberraſchung hervor, aber noch keine be=
undere
Beſtürzung, um ſo weniger, als von ſeiten der Polizei
ſiernand Verdacht ſchöpfte und daran dachte, nach dem Vermiß=
n
zu ſuchen. Als die erſten Nachrichten, daß Matteotti ver=
hwunden
ſei, in der Oeffentlichkeit bekannt wurden, ſetzte ſich die
reſſe in fieberhafte Bewegung, um Licht in die Angelegenheit
bringen, die ſich mehr und mehr als entſetzliches Verbrechen
uſchleierte.
Eine ſtürmiſche Sitzung der Kammer ſpitzte die ganze poli=
che
Situation vollends zu, ſo daß jeder Gefahr Tür und Tor
bffnet wurde. Aber am darauffolgenden Tage gelang es dem
niſterpräſidenten, die Aufregung zu dämpfen, mit der Zuſiche=
ing
, daß die Schuldigen rückſichtslos der verdienten Strafe zu=
führt
werden ſollten, und die Kammer vertagte ſich auf unbe=
imte
Zeit.
Inzwiſchen ſchritten die Nachforſchungen der Polizei fort
er dem Druck der geſamten Preſſe, ja der geſamten Bevöl=
ng
. Von einer gemeinſamen Empörung gefaßt, wirkte alles
ammen, und ſo gelang es ſehr ſchnell, zunächſt einmal das
uto feſtzuſtellen, mit Hilfe deſſen die Entführung ausgeführt
orden war und den Weg, den es zurückgelegt hatte, ſowie die
Fſonen, die das Verbrechen tatſächlich ausgeführt hatten. Je=
dch
gelang es bis heute noch nicht, die Leiche des Ermordeten
finden, über deſſen Schickſal die ſchrecklichſten Vermutungen
n Umlauf ſind. Es wurde darauf eine Reihe von Perſonen
ihaftet, die alle beſchuldigt wurden, an der Ausführung des
erbrechens mittelbar oder unmittelbar beteiligt zu ſein und die
uun Teil, wie Dumini, Putato, Mazzuoli, Volpi und Viola, der
olizei längſt bekannt waren, als zum Bodenſatz der faſziſtiſchen
artei gehörig.
So wurde die öffentliche Meinung von dem fürchterlichen
Iſpdruck befreit, den das Unerhörte des Verbrechens auf ſie aus=
zubt
hatte, denn man begriff, daß die Verhafteten Menſchen
taren, die eigentlich ſchon außerhalb der Geſetze ſtanden. Was
ſooch ſofort klar wurde, war, daß hinter den Kuliſſen Leute
ſinden, die im öffentlichen Leben ſehr bekannt waren und viel
enannt wurden, und unter dieſen in erſter Linie Finzi der
irerſtaatsſekretär im Miniſterium des Innern, und Roſſi,
er Preſſechef der Reichskanzlei, ſowie Filipelli, der Direk=
u
der Zeitung Il Corriere Italiano
Der Miniſterpräſident gab eine Probe großer Entſchloſſen=
li
, als er am Samstag Finzi und Roſſi aufforderte, ihre Ent=
Uſſuingen einzureichen. Am gleichen Tage trat Filipelli von ſei=
z
! Stellung zurück. So klärte ſich die Situation bis zu einem
wiſſen Grade wieder auf.

Die Perſönlichkeit Matteotti.
Giaomo Matteotti war in den letzten Zeiten im politiſchen Leben
einer beſonders hervortretenden Geſtalt geworden. Er war ſchließ=
nicht
mehr nur Sekrteär ſeiner Partei, ſondern ihr eigentlicher
eiseler und Organiſator. Kein Angehöriger irgend einer Partei war
roie er befähigt und berufen, das Für und Wider des politiſchen
minpfes auf der Grundlage von Dokumenten zu führen, die Miß=
tänche
und Gewalttätigkeiten, die in der gegenwärtigen Situation
wirr Gipfel erreichten, mit Tatſachen und untrüglichen Unterlagen zu
Heeichten.
Matteotti war Parteimann und überaus zäher Kämpfer; ſeine
ſeien und Schriften beweiſen, von welch heißem Verlangen nach Wahr=
tit
er bei all ſeinen Handlungen beſeelt war und der Bericht, den er
ie die Bilanz des Jahres 19221923 der Kammer vorlegte, iſt das
tdrutendſte Dokument aus jener Zeit der Anſtrengungen aller Par=
ter
zum finanziellen Wiederaufbau des Landes.
Matteotti gehörte zum rechten Flügel ſeiner Partei und war keines=
/s der extreme Radikale und der rabiate Umſtürzler, den ſeine faſzi=
ſſceren
Gegner und ihre Mitläufer aus ihm machen wollten, um ihn
iſtr wirkſamer angreifen zu können. Er war durch und durch Real=
tlEiker
und ſeine Natur drängte ihn, der Regierung nicht in un=
fustbarer
Polemik entgegenzutreten, ſondern ihr konkrete Vorſchläge
ehegenzuſtellen, Maßnahmen anzuzeigen und vorzuſchlagen, und all
ts, ohne je dabei die Möglichkeit ihrer Verwirklichung aus dem Auge
zlaſſen. Keiner war weiter von vagen Ideen und leerem Gerede ent=
fuc
wie er. Er war ganz von unſtillbarem Durſt nach klarer Prä=
zierung
und Verwirklichung durchdrungen.
Mutig bis zur Unerſchrockenheit trotzte er und verachtete die Dro=
Engen und Ränke, die ſich in der letzten Zeit gegen ihn erhoben
Iten.
Seit einem Jahr war er mit der Zuſtimmung der älteſten und an=
eHenſten
Angehörigen ſeiner Partei das, was man im Engliſchen
ep nennt, d. h. ihr Einpeitſcher und eigentlicher Organiſator,
E iſt es, dem man die jüngſte Einſtellung zu verdanken hät, die, ohne
f die ſozialiſtiſchen Ideale zu verzichten und auch ohne von vornherein
* Möglichkeit eines Zuſammenſchluſſes des Proletariats (jedoch unter
2isſchluß aller kommuniſtiſchen Elemente) zurückzuweiſen, unter Be=
tarng
der Notwendigkeit des demokratiſchen Prinzips der Confede=
zione
del Lavoro (Arbeiterbund) autonome Rechte zugeſtand und
t endgültige Beſchlüſſe faßte und prinzipielle Entſcheidungen traf, um
uter Reſpektierung aller Rechte und Freiheiten und unter Kultivierung

Inwieweit Doſtojewski in Bismarck die wahren Gründe
ih. bleibe dahingeſtellt. Recht gab ihm die Geſchichte darin, daß
den deutſchen Kampf gegen den Weſten in ſeinen Jahren noch
ichtfür beendet anſah. Ob er auch Recht behält, wenn er meinte,
eutſchland werde auf ewig mit der weſtlichen Welt, in Konflikt
ſhen, in dieſem Kampf aber nicht Untergang finden, ſondern
in Ende ſein Ideal verwirklichen? oder ob er ſich hierin täuſchte
in Ende ſein Ideal verwirklichen? Oder ob er ſich hierin täuſchte
Goethe auf dem Schlachtfeld von Jena
im Jahre 1807.
Ein, ſächſiſcher Landprediger in der nächſten Nähe von
ena, der die Kriegszeit von 1806 bis 1815 miterlebt hat,
reibt von ſeinen Erlebniſſen in dieſen Kriegsjahren: Im
Fühling des Jahres 1807 wollte ich das Schlachtfeld beſehen
ud ſtieg den hohen, ſteilen Apoldger Berg hinauf, auf deſſen
ſipfel, dem ſog. Windknollen, man Napoleon zu Ehren oder
telrnehr zur Aufnahme der vielen Beſucher einen kleinen Tem=
t
! erbaut hatte. Als ich in denſelben trat, fand ich darin den
ſeheimrat von Goethe, dem bekannt zu ſein ich die Ehre
utte. Er kam mir mit ſeiner gewöhnlichen Freundſchaft ent=
tgen
, und da er eben im Begriffe war, einigen Damen in ſeiner
Zegleitung den Verluſt der Schlacht zu erklären, ſo vernahm ich
ſlgendes: Als die Franzoſen bemerkten, daß der Windknollen
uht beſetzt war, wagten es 20 Mann, hinaufzuſchleichen, um zu
ſyeni, ob ſie dort Fuß faſſen könnten. Kaum hatten die preu=
iſcen
Huſaren in dem gegenüberliegenden Dörfchen Iſſerſtadt
bemerkt, als ſie auch ihren Rittmeiſter um die Erlaubnis
lten, dieſe Wagehälſe den Berg hinunterzuſtürzen. Er wagte
ger nicht, dieſe Erlaubnis aus eigener Machtvollkommenheit zu
tben, ſondern ſchickte nach Kapellendorf an den Feldmarſchall
ſingen, dieſer aber an den Ober=
ſüt
ſten von Hohenlo‟
raunſchweig in Haſſenhauſen, und
ᛋdherrn, den Herzag

Zzblatt, Senntag, den 22. Junf 1324.

vater
(hen Gefühle den Einheitsſozialismus in den Rahmen
der Nation e lzuordnen
Matteotti hatte gerade eine neue bedeutende Rede über die Finanzen
des Landes in Vorbereitung, von der er einigen Freunden die großen
Richtlinien mitgteilt hatte, und es iſt leicht möglich, ja ſogar wahrſchein=
lich
, daß, obgleich ihm nichts ferner lag, als die Herbeiführung von Skan=
dalen
, er die Abſicht hatte, neuerdings vollzogene, finanziell bedeutende
Regierungsakte zu beleuchten, der Grund für die Gerüchte im faſziſti=
ſchen
Lager über bevorſtehende ſchwere Anklagen war.
Er war Gegner des Faſzismus im Rahmen der Geſetze, von hoher
Idealität erfüllt, wie ſelbſt der faſziſtiſche Abgeordnete Delcroix (der im
Krieg das Augenlicht und beide Hände verloren hat) zugeſtand, aber
niemals war er Feind ſeines Vaterlandes, und während er die Regierung
bekämpfte, war weder in ſeinen Schriften noch in ſeinen Reden, weder in
der Heimat noch im Ausland, jemals auch nur ein Wort, das geeignet
geweſen wäre, ſeinem Vaterland zu ſchaden.
Sein vornehmſtes Beſtreben war immer die feſte Grundlage ſtabiler
Finanzen, die Italien unter den größten Opfern in der Vergangenheit
errungen hatte und die ihm mit Vertrauen in die Zukunft des Landes
erfüllten.
Regierungsmaßnahmen.
Kaum hatte der Miniſterpräſident die Fäden des Geheim=
niſſes
in der Hand, als er mit der Entſchloſſenkeit zur Tat ſchritt,
die man immer an ihm bewundert hatte, ohne daß er dabei
irgendwelchen Gefühlen Einfluß auf ſeine Entſchlüſſe geſtattete.
Finzi wird in ſeinem Haus bewacht, da im Volk Gerüchte ver=
breitet
ſind über ſeine politiſche Tätigkeit, nach denen er Inter=
eſſe
gehabt hätte an der Beſeitigung Matteottis. Er wollte ſich
zum Beweis ſeiner Unſchuld einem Ehrenausſchuß der faſziſti=
ſchen
Kamermehrheit ſtellen, was von dieſer jedoch abgelehnt
wurde. Filipelli, der geflohen war, wurde im Motorboot, als
er eben nach Frankreich wollte, im Golf von Genua verhaftet,
während der Rechtsanwalt Naldi, früher Direktor der Zeitung
Il Tempo, der Filipellis Flucht begünſtigt hatte, in Rom ver=
haftet
wurde.
Roſſi, ebenfalls geflohen, wird verfolgt und man iſt ihm
auf der Spur. Volpi wurde auf dem Comerſee verhaftet, als
er eben in die Schweiz wollte. Der Generaldirektor der Poli=
zei
, De Bono, wurde entlaſſen und durch den Präfekten Man=
cada
erſetzt. Auch der Präfekt der Provinz Rom wurde ſeines
Amtes enthoben.
Geſtern abend hat der verſammelte Miniſterrat das Mini=
ſterium
des Innern an den bisherigen Kolonialminiſter Feder=
zoni
übertragen, während Muſſolini interimiſtiſch das Kolonial=
miniſterium
übernimmt.
Der Abgeordnete Federzoni iſt hochgeachtetes Mitglied der
Rechten, alter Nationalſozialiſt und bekannt wegen der Redlich=
keit
ſeiner Geſinnung. Er bietet wohl die beſte Garantie, daß
das Miniſterium des Innern geſäubert wird.
Mit der Uebergabe der Unterſuchung an die Gerichtsgewalt,
die ſie mit allen Mitteln betreibt, und mit den obengenannten
Maßnahmen auf politiſchem und adminiſtrativem Gebiet hat die
Regierung ihre Pflicht getan und den erſten Moment der Panik
und Beſtürzung, in die ſie ſelbſt verfallen ſchien, glücklich über=
wunden
.
Alle Verſuche, die öffentliche Ordnung zu ſtören, ſind an der
Haltung des Landes geſcheitert, das ſich über alle Parteiunter=
ſchiede
hinweg eins erklärt hat mit ſeinem Miniſterpräſidenten.
Das Volk iſt überzeugt, daß die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen
wird, und daß die Leiche Matteottis, von dem ja nun wohl als
ſicher angenommen werden muß, daß er auf barbariſche Weiſe
ermordet worden iſt, aufgefunden wird.
Die Ruhe iſt völlig wiederhergeſtellt und die ganze Nation
folgt mit Anteilnahme dem Werk Muſſolinis, der beſtrebt iſt, die
oberen Reihen ſeiner Anhänger unweigerlich zu reinigen durch
Neuordnung der Regierung und der faſziſtiſchen Partei, die von
einigen Gewiſſenloſen ſo ſchwer verraten wurde,
Das Geſtändnis Duminis.
TU. Rom, 21. Juni. Der Hauptſchuldige bei der Ermor=
dung
Mateottis, Dumini, hat geſtern ein volles Geſtändnis ab=
gelegt
. Er ſagte aus, daß die Mordtat auf Veranlaſſung des
Preſſechefs im Miniſterium des Innern, Roſſi, des Direktors des
Corriere d’Italiano, Filipelli, und des zuletzt verhafteten
Marinelli vollbracht worden ſei. Mateotti ſei ſogleich tot geweſen.
Sein Leichnam ſei hinter eine Hecke geworfen und ſpäter ver=
brannt
worden.
Die Erregung in Italien dauert an.
EU. Rom, 21. Juni. Mateottis Leiche iſt unauffindbar.
Bei der Polizei laufen faſt täglich anonyme Anzeigen ein, von
denen man nicht weiß, ob ſie dazu dienen ſollen, Licht oder Ver=
dunkelung
zu ſchaffen. Ein neuer Zeuge ſoll behauptet haben,
daß die Leiche in der Nähe des Ufers des Vicoſees verſcharrt
geweſen ſei, aber, als das Verbrechen ans Tageslicht kam, von
Bekannten anderswohin gebracht wurde.
Ein Zeichen des Eingreifens des neuen Miniſters des
Innern iſt ein ſtrenger Befehl an alle Polizeidirektoren, mit
allen Mitteln, die ihnen zu Gebote ſtehen, gegen die in den letz=
ten
Tagen einſetzende Sabotage der Oppoſitionspreſſe durch die
Faſziſten der Provinz anzugehen. In Bologna, Florenz, Turin
und anderen Städten ſuchten die Faſziſten bei der Ankunft die
Züge auf, riſſen die Opoſitionszeitungen aus den Wagen und
zerſtreuten ſie. In Neapel kam es zu ſchweren Zuſammenſtößen
zwiſchen der Bevölkerung und den Faſziſten.

Zwei Japaner ermzordet.
San Pedro (Kalifornien), 21. Juni. (Wolff.) Auf den
Schießplätzen bei Port Arthur wurden die von Kugeln
durchbohrten Leichen zweier Japaner gefunden.

es kam ein Verbot zurück. Aus den 20 Franzoſen waren inzwi=
ſchen
200 geworden. Neue Anfrage, neue Sendungen, neues
Verbot. Nun hatten ſich die 200 Mann zu einem ſtarken Regi=
ment
vermehrt. Die Preußen brannten vor Begierde, ſie an=
zugreifen
, der Fürſt erhielt aber zur Antwort ein noch ſtrengeres
Verbot bei Verluſt ſeines Kopfes; denn es ſollten die Feinde
durchaus nicht bei Jena gereizt werden, um ſie nach Haſſen=
hauſen
zu ziehen, und dort wollte man en bataille rangée (in
Schlachtordnung, d. h. wie es unter Friedrich d. Gr. geſchehen
war) nach alter preußiſcher Art ſchlagen. So waren denn die
Franzoſen bald in großer Maſſe oben auf den ſteilen Bergen,
von denen ſie leicht hätten abgehalten werden können. Als der
Fürſt bald nach dem Beginn der Schlacht ſehen mußte, daß er
eine überlegene Macht gegen ſich hatte, ſchickte er den General
Rüchel, welcher mit der Reſerve in dem Gehölz Webicht vor
Weimar ſtand, daß er ihm zu Hilfe kommen möchte. Aber
Rüchel kam nicht, obwohl er dreimal aufgefordert wurde. Um
ſich für eine wirkliche oder vermeintliche Zurückſetzung, die er
früher im Kriege am Rhein, vom Fürſten erlitten zu haben
glaubte zu rächen, wollte er ihn die Schlacht verlieren laſſen, um
ſie dann wieder herzuſtellen und den Ruhm allein zu haben.
Als er endlich kam, fand er ſchon alles in Flucht und Verwir=
rung
, er kommandierte: Linke Schulter vor! Feuer! und war
kaum zu überzeugen, daß er Preußen auf Preußen ſchießen
ließ. Der eingebildete Wiederherſteller der verlorenen Schlacht
mußte mit den Fliehenden fliehen.
So weit Goethe. Der Beſtürzung in Weimar kam nichts
gleich als der Mangel an Lebensmitteln. Was noch
daran zu finden war, gehörte den Siegern. Der damalige Re=
gierungsrat
, ſpätere Präſident von Ziegeſar ſchätzte ſich glücklich,
noch eine Semmel bei dem Bäcker gefunden zu haben, die er der
regierenden Herzogin in ſeiner Taſche heimlich zutrug. Herzog
Bernhard hatte nichts zu eſſen als eine Rübe von einem Acker
in ſeines Vaters Lande.
Ein Notjahr von beſonderer Härte war alſo auch das
Jahr 1807!
Römheld.

Franzoſen und Separatiſſen.

Eine wichtige Dokumentenveröffentlichung.
Die bisher von uns veröffentlichten Dokumente haben den
eindeutigen Beweis erbracht, daß der Kreisdelegierte der Inter=
alliierten
Rheinlandkommiſſion in Bingen den Separatiſten die
Waffen geliefert hat. Sie haben ferner gezeigt, wie unter den
Augen dieſes doch ſonſt ſo verordnungskundigen Herrn ſich ein
militäriſcher Betrieb abgeſpielt hat, der, wäre er nicht von
ſeinen ſeparatiſtiſchen Freunden und Brüdern geübt worden,
eine Gefährdung der Sicherheit der Beſatzungsarmee darge=
ſtellt
hätte, was für den Beteiligten lebenslängliche Kerkerhaft
und ſchwerſte Drangſalierungen zur Folge gehabt hätte.
Die heute von uns veröffentlichten Urkunden 29 ae, die
wir den Beiträgen zur Geſchichte des Separatismus in Rhein=
heſſen
entnehmen, beweiſen, daß die franzöſiſche Delegation in
Bingen dem Kommando der Rheiniſchen Miliz volle Verpflegung
zur Verfügung geſtellt hat. Von Bezahlung iſt keine Rede. Un=
entgeltlich
wurde ihnen alles geliefert. Das nennt der
Franzoſe wahre Neutralität
Anlage Nr. 29.
Rheiniſche Republik
Bingen, 15. November 1923.
Kreisamt Bingen.
Beſcheinigung.
Wir ermächtigen hiermit Herrn Max Bleiſtein, die Geſchäfte
des Furier=Unteroffiziers zu übernehmen und bitten, ihn mit
den näheren Weiſungen zu betrauen.
gez.: Dr. Klein.
Im Verkehr mit der Delegation.

Anlage Nr. 29 a.
Rheiniſche Republik
Bingen, den 23. Nov. 1923.
Kommando der Miliz.
An die Delegation Bingen.
Der bevollmächtigte Furier=Unteroffizier Bleiſtein iſt hier=
mit
berechtigt, für 25 Mann folgende Lebensmittel in Empfang
zu nehmen:
20 Brote, 5 Kilo Fleiſch, 50 Kilo Kartoffeln, 2 Kilo Fett,
1½ Kilo Kaffee, 1 Kilo Zucker, 1 Kilo Dörrgemüſe, 1 Kilo Mehl,
2 Kilo Salz.
Baaden, Kapitän.
Anlage Nr. 29b.
Rheiniſche Republik
Bingen, den 25. Nov. 1923.
Kommando Bingen.
An die Delegation Bingen.
Der bevollmächtigte Furier=Unteroffizier Bleiſtein iſt hier=
mit
berechtigt, für 50 Mann folgende Lebensmittel in Empfang
zu nehmen, und zwar für Samstag und Sonntag:
40 Brote, 10 Kilo Fleiſch, 100 Kilo Kartoffeln, 4 Kilo Fett,
3 Kilo Kaffee, 2 Kilo Zucker, 2 Kilo Dörrgemüſe, 2 Kilo Mehl,
1 Kilo Salz.
Baaden, Kapitän.

Anlage Nr. 29 c.
Bingen, den 26. Nov. 1923.
Rheiniſche Republik
Kreisamt Bingen.
An die Delegation hier.
Der bevollmächtigte Furier=Unteroffizier Bleiſtein iſt hier=
mit
berechtigt, für 20 Mann für zwei Tage folgende Lebens=
mittel
in Empfang zu nehmen:
40 Brote, 15 Kilo Fleiſch, 150 Kilo Kartoffeln, 5 Kilo Fett,
4 Kilo Dörrgemüſe, 3 Kilo Mehl.
Capitän.
Anlage Nr. 29 d.
Rheiniſche Republik
Bingen, den 26. Nob. 1923.
Kreisamt Bingen.
An die Delegation hier.
Der bevollmächtigte Furier=Unteroffizier Bleiſtein iſt hier=
mit
berechtigt, für 20 Mann folgende Lebensmittel in Empfang
zu nehmen:
20 Brote, 6 Kilo Fleiſch, 70 Kilo Kartoffeln, 2½ Kilo Fett,
2½ Kilo Dörrgemüſe, 2 Kilo Mehl.
Capitän.
Anlage Nr. 29e=
Rheiniſche Republik
Bingen, den 28. Nov. 1923.
Kreisamt Bingen.
An die Delegation hier.
Der bevollmächtigte Furier=Unteroffizier Bleiſtein iſt hier=
mit
berechtigt, für 20 Mann für zwei Tage folgende Lebens=
mittel
in Empfang zu nehmen:
25 Brote, 10 Kilo Fleiſch, 75 Kilo Kartoffeln, 4 Kilo Schmalz.

Immer noch Kriegsgerichtsurteile.
Berlin, 21. Juni. Von dem franzöſiſchen Kriegs=
gericht
in Landau wurde der Student Ludwig aus
Mannheim wegen angeblicher Spionage und Geheim=
bündelei
zu einem Jahr Gefängnis und die Studenten
Herrgot und Serfiling zu je zwei Jahren Gefängnis
und 5000 Mark Geldſtrafe verurteilt. Ludwig hat im März in
einem Paddelboot die beiden anderen Studenten, die keine
Päſſe hatten, von dem pfälziſchen Ufer in das unbeſetzte
Gebiet hinübergeſetzt. Aus dieſer Tatſache konſtruierte
das Kriegsgericht Spionage und Geheimbündelei.

Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.
fm. Der Fall Cortolezis. Seinerzeit hatte der aus
Mitgliedern der Regierung und Stadtverwaltung zuſammen=
geſetzte
Verwaltungsrat des Badiſchen Landestheaters den auf
Lebenszeit lautenden Vertrag des Operndirektors Fritz Corto=
lezis
gekündigt, weil der Künſtler gegen, wie es heißt, wichtige
Intereſſen des Landestheaters verſtoße. Cortolezis beantragte
daraufhin beim Münchener Bühnenſchiedsgericht eine einſtwei=
lige
Verfügung, die ihm die Weiterführung ſeines Dienſtes er=
laubt
. Das Bühnenſchiedsgericht entſchied zugunſten Corto=
lezis‟
. Durch dieſe Entſcheidung iſt zweifellos eine Verſchärfung
der Kapellmeiſterkriſe eingetreten, inſofern, als es damit dem
Operndirektor geſtattet iſt, weiterhin ſeinen Dienſt auszuüben.
Der lebenslängliche Vertrag Cortolezis' ſtammt übrigens
entgegen Annahmen, die in der Oeffentlichkeit beſtehen nicht
aus dem Jahre der Revolution, ſondern vom 1. Oktober des
Jahres 1922. Intereſſant dürfte nun das weitere Verhalten
des Verwaltungsrats des Landestheaters angeſichts dieſer Ent=
ſcheidung
ſein.

Buchanzeigen.
Das Kaiſerbuch. Ein Epos in drei Teilen von Paul Ernſt. Erſter Teil,
Die Sachſenkaiſer. (Verlag der Hochſchulbuchhandlung Max Hueber,
München.)
Es iſt an ſich ein gigantiſches Unternehmen, ein Epos von dieſem Umfang
zu ſchreiben, ein Unternehmen aber, das nach dem vorliegenden erſten
Band, der Autor unbedingt zu meiſtern ſcheint. Die Form ſeiner Dich=
tung
iſt bei ſtarker Kernhaftigkeit, oft auch Derbheit, klau und feſſelnd,
gedanklich und hiſtoriſch erſchöpfend. Nirgends byzantiniſch, abgeſehen
von der dichteriſchen Freiheit, durchaus hiſtoriſch und dennoch eigene
feſſelnde Dichtung gebend. Der erſte Band beginnt mit einer fauſtiſchen
Zueignung, geht dann aus über Herzog Wittekind, Ludwig das Kind,
König Heinrich und Heinrich den Vogler, über Otto, Ludolf und Byzanz
bis zu Ottos Tod. Man darf auf die Fortſetzung des umfangreichen
Werkes geſpannt ſei
M. St.

[ ][  ][ ]

Seite 4.

2Z. Zun 1924.

Rummer 172.

Londoner Beief.

Von unſerem Londoner Kordeſpondenten.
v. Kr. London, Mitte Juni.

Herzlichen Dank für die liebe=
vollen
Aufmerkſamkeiten anläß=
lich
unſerer Vermählung

Leo Krämer und Frau
Gretel, geb. Kuhl
Raffe 9

Todeg=Anzeige.

Gottes Wille hat heute in
der Frühe meine liebe Frau

Frau Ilſe Monjé
geb. Holzamer
aus dem Leben abberufen.
Darmſtadt,
Heppenheim a. d. B.,
18073 Holzamerhaus,
21. Juni 1924.
Robert Monjé.

die Beerdigung findet am Mon=
ag
, /4 Uhr, vom Trauerhauſe
(Heppenheim) aus, ſtatt.

Dankſagung.

Für die vielen Beweiſe herzlicher Teil=
nahme
, die zahlreichen Kranzſpenden,
insbeſondere Herrn Pfarrer Beringer /
für die tröſtenden Worte am Grabe
bei dem Heimgang unſerer lieben Ent=
ſchlafenen
danken wir hiermit herzlichſt.

Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Friedrich Kröh.
18040

Dankſagung.

Für die vielen Beweiſe aufrich=

tiger Teilnahme bei dem Hinſcheiden
meines lieben Sohnes ſage ich und

meine Familie herzlichen Dank.

Frau J. Bopp Ww.
Sandbergſtr. 33.
3121

Dr. Beoler

8132

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Das Pfingſtfeſt hat neben einer Reihe großer öffentlicher
Luſtbarkeiten eine politiſche Saure=Gurkenzeit gebracht. Das
Parlament hat ſich auf 10 Tage vertagt und der Premiermini=
ſter
Macdonald iſt auf Urlaub nach Schottland gefahren. Der
König hat in Aldershot eine große Parade abgenommen und,
gäbe es nicht den Streik auf den Untergrundbahnen, ſo würde
England den Eindruck vollkommener politiſcher Ruhe machen.
Indeſſen darf man ſich durch dieſe Anzeichen politiſcher Stille
nicht zu dem Glauben verführen laſſen, daß die Politik einge=
ſchlafen
wäre. Im Gegenteil, die Erfahrung beweiſt, daß gerade
dieſe feiertäglichen Ruhepauſen zur Vorbereitung politiſcher
Neugruppierungen benutzt werden. Wenn man auch ſagen kann,
daß das Kabinett Macdonald menſchlichem Ermeſſen nach für
die nächſten Monate geſichert iſt, ſo iſt damit nicht geſagt, daß
die Oppoſition und die nicht in der Oppoſition befindlichen
Gegner der Regierung eingeſchlafen wären. Im Gegenteil: es
gärt in allen Parteien. Der Untergrundbahnſtreik iſt ein Zeichen
dafür, daß auch die radikalen Elemente in der Arbeiterpartei
mit der gegenwärtigen, durch die Verhältniſſe bedingten poli=
tiſchen
Zurückhaltung keineswegs zufrieden ſind. Daß man in
konſervativen Kreiſen der gegenwärtigen Regierung bei der
erſten ſich bietenden günſtigen Gelegenheit ein Bein ſtellen
möchte, braucht nicht beſonders betont zu werden. Aber der
Schlüſſel der Lage liegt nach wie vor bei den Liberalen, die ſich
mit dem Entſchluß, eine Arbeiterregierung ins Leben zu rufen,
politiſch zwiſchen zwei Stühle geſetzt haben. Stürzt man die
Negierung heute oder ſpäter, ſo iſt mit größter Wahrſcheinlich=
keit
mit Abwanderung eines großen Teils der liberalen Stim=
men
zu rechnen. Sowohl die Arbeiterpartei wie die Konſer=
dativen
würden den Vorteil haben, und wenn auch vielleicht das
Geſamtergebnis einer Neuwahl cein von den gegenwärtigen
Mehrheitsverhältniſſen nicht weſentlich verſchiedenes Bild er=
geben
würde, inſofern nämlich weder Arbeiterpartei noch Kon=
ſervative
die Mehrheit erringen würden, ſo iſt die Ausſicht, die
gegenwärtige Politik mit ſtark verminderter Mandatsziffer be=
treiben
zu müſſen, nicht beſonders lockend. Einzig unſicher iſt
in dieſer Rechnung der Faktor Lloyd George. Lloyd George
könnte unter Umſtänden mit ſeinen Anhängern in die Oppoſi=
tion
übergehen. Man vermutet, daß er alles daranſetzen wird,
um dem gegenwärtigen Miniſterpräſidenten die Teilnahme an
einer internationalen Konferenz unmöglich zu machen. Ihn
läßt der Ruhm Macdonalds nicht ſchlafen. Und er hofft, mit
einem ſolchen Vorgehen gleichzeitig die Führung der liberalen
Partei an ſich reißen zu können, der der alternde Aſquith nicht
mehr ganz gewachſen iſt. Da die Mehrheit der Regierung, wie
die letzte entſcheidende Abſtimmung im Unterhauſe bewies, recht
brüchig geworden iſt, könnte er in der Tat mit einigen 30 bis 40
Abgeordneten eine Niederlage der Regierung herbeiführen.
Jedenfalls rechnet man mit dieſer Möglichkeit im Konſervativen
Lager und hofft, auf dieſe Weiſe das Odium eines Regierungs=
ſturzes
vermeiden zu können.
Man begreift im Lager der Oppoſition ſehr wohl, daß es
gegenwärtig vor allem darauf ankomen muß, den Eindruck
politiſcher Böswilligkeit zu vermeiden. Das Arbeiterkabinett
ſoll nicht eines gewaltſamen Todes ſterben. Es ſoll an ſeiner
eigenen Unfähigkeit zu Grunde gehen. Innerpolitiſch iſt dieſes
Ziel zum großen Teile ſchon heute erreicht. Weder für die Ar=
beitsloſen
, noch für die Löſung der Wohnungsfrage, noch für die
Wiederherſtellung des induſtriellen Friedens iſt irgend etwas

Weſentliches erreieht oder etwas Neues in Ausſicht geſtellt wor=
den
. Es bleibt heute nur noch die Rückſicht auf die außenpoli=
tiſche
Lage, die die Ausdehnung der Schonzeit rechtfertigt.
Alle dieſe Fragen werden zurzeit weiter erörtert und man
kann annehmen, daß nach dem Wiederzuſammentritt des Par=
laments
die endgültige Entſcheidung über die für die nächſten
Monate zu verfolgende politiſche Linie fallen wird.
Alles in allem kann man alſo ſagen, daß die engliſche Poli=
tik
auf Abwarten eingeſtellt iſt. Man ſieht zu, wie ſich die Dinge
innerhalb des eigenen Reiches wie außerhalb entwickeln werden.
Man iſt zu dieſer Politik um ſo mehr imſtande, als die aus=
wärtige
Politik Macdonalds im weſentlichen eine gradlinige
Fortſetzung der konſervativen Politik darſtellt. Man weiß, daß
eine Weltkonferenz das Ziel der Macdonaldſchen Träume iſt
Aber gerade im Hinblick auf die innerpolitiſche Lage erſcheint es
zweifelhaft, ob man ihm dieſen Erfolg gönnen wird.

Hetzfeldzug gegen Deutſchland.
Die angeblichen deutſchen Rüſtungen.

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Der Graff=Prozeß in Stettin.

Radiodienſt.
Berlin, 21. Juni. Der Reichswehrminiſter Dr. Geßler
hatte mit einem Vertreter der Hearſt=Preſſe heute eine Unter=
redung
, in welcher er ausführte: Mit Beginn der Regierungs=
kriſe
und Zurückdrängung der Rechtsparteien hat in Frank=
reich
ein ſyſtematiſcher Preſſefeldzug eingeſetzt,
deſſen Ziele auf der Hand liegen. Er beabſichtigt, erneut die
Weltmeinung durch die Lügenmeldungen über angebliche deutſche
Rüſtungen zu vergiften. Von dem Matin und der Daily
Mail in Szene geſetzt, von allen franzöſiſchen Zei=
tungen
gierig aufgegriffen und auch von der eng=
liſchen
Preſſe mehr oder minder kritiklos wiedergegeben, ſind
eine Reihe von Artikeln und Nachrichten erſchienen, die Ueber=
ſchriften
tragen wie: Deutſchlands militäriſche Wiedergeburt
oder Ausbildung junger Jahresklaſſen oder Das Krümper=
ſyſtem
oder Die Mobilmachung iſt fertig. Schließlich ver=
ſteigt
ſich der Matin zu der kühnen Behauptung:
Deutſchland iſt moraliſch und materiell für eine ſofortige Mobil=
machung
bereit.
Dieſe Meldungen ſollen in der Welt den Anſchein erwecken,
als ob in Deutſchland ein fieberhafter Rüſtungs=
wahnſinn
eingeſetzt hätte, und das zu einer Zeit, wo Deutſch=
land
ebenſo wie alle anderen am wahren Frieden intereſſierten
Mächte für die endgültige Durchführung der brennenden wirt=
ſchaftlichen
Fragen eine ruhige und unvergiftete Atmoſphäre
benötigt. Alle dieſe Nachrichten entbehren natürlich jeder Grund=
lage
. Deutſchland hat abgerüſtet. Es fehlt ihm
jede materielle Möglichkeit, einen Krieg zu füh=
ren
. Frankreich hat ein Heer von mehr als
700 000 Mann, Deutſchland ein ſolches von nur
100 000. Frankreich hat ſchwere Artillerie, Tanks, Tauſende
von Flugzeugen. Deutſchland hat alle dieſe Waffen nicht, ohne
die ein Krieg heute überhaupt nicht geführt werden kann. Es
wäre für die ſo wichtigen Entſcheidungen der nächſten Wochen
überaus ſchädlich, wenn dieſer Hetzfeldzug, der zugeſtandener=
maßen
die Beſprechungen zwiſchen Herriot und Macdonald in
Checquers beeinfluſſen ſoll, von Erfolg gekrönt wäre und wenn
die Atmoſphäre der kommenden Verhandlungen unter der Wir=
kung
dieſes Giftes ſtände.

Stettin, 21. Juni. Heute wird zunächſt Fräulein Ga=
briel
vernommen, eine Freundin des von den Belgiern ver=
urteilten
Schupobeamten Grabert. Nach Schilderung der Zeu=
gin
ſei Grabert nicht als Mitſchuldiger anzuſehen, da ſie mit
ihm in der fraglichen Zeit zuſammen war. Nach dem Verhör
ſagte einer der Belgier unter Bedrohung mit der Waffe zu ihr,
was ſie da geſagt habe, werde ſie bereuen. Die Zeugin iſt aber
zu der Hauptverhandlung in Aachen nicht geladen worden. Die
dann vernommenen Eltern der Zeugin Gabriel beſtätigen im
allgemeinen die Schilderung ihrer Tochter auch. Zwei weitere
Zeugen können bekunden, daß Grabert an dem fraglichen Abend
mit Fräulein Gabriel zuſammengetroffen ſei. Auf eine Zwi=
ſchenfrage
erklärt Hauptmann Häder, daß Grabert Gelegenheit
gehabt habe, zu entfliehen. Es wurden noch einige Zeugen ver=
nommen
, die, ſoweit ſie verhäftet waren, die Schilderung ihrer
Kameraden von der Art der Verhandlungen bei der Zeugenver=
nehmung
durch die Belgier beſtätigten. Der Schupobeamte
Möricke beſtätigte, daß er am Nachmittag vor der Erſchießung
des belgiſchen Oberleutnants an der Pollmannsecke mit Gra=
bert
zuſammen war. Der Zeuge kann aber nicht ſagen, ob die
Angeklagten an Grabert herangetreten und ihn über den Fall
Schmilewski befragt hätten. Die Verhandlung wurde auf Mon=
tag
vertagt.

Reichskanzler Marx über die Völkerbundfragen

London, 21. Juni. Der Berichterſtatter des Daily Tele=
graph
hat geſtern von hochſtehenden Perſönlichkeiten im Reiche
maßgebliche Aeußerungen über die zukünftige deutſche Politik
erhalten, die in engliſchen Regierungskreiſen erhebliches Auf=
ſehen
erregen. Reichskanzler Dr. Marx erklärte, daß die
Frage des Eintritts Deutſchlands in den Völkerbund noch nicht
reif für die Diskuſſion ſcheine. Die Frage werde erſt akut wer=
den
, wenn der Völkerbund den Eintritt aller Nationen, ein=
ſchließlich
Rußlands, möglich machen werde, und wenn Deutſch=
land
die gleichen Rechte zugebilligt werden, wie anderen Natio=
nen
. Deutſchland könne Aufforderungen, dem Völkerbund bei=
zutreten
, die begleitet ſeien von irgendwelchen Beſchränkungen
deutſcher Rechte, und die Deutſchland nicht zugleich einen ſtan=
digen
Sitz im Völkerbundsrat ſichern, nicht annehmen. Die
deutſche Regierung ſei durchdrungen von dem Gedanken einer
Solidarität der Völker. In dieſem Sinne habe ſie wiederholt
ihre Zuſtimmung zu den Grundſätzen des Völkerbundes ge=
macht
. Die organiſatoriſchen und ſonſtigen Mängel des Völker=
bundes
ſeien aber derartig, daß die deutſche Regierung in dem
Völkerbund nicht einmal eine Annäherung an die eigenen Ideale
zu erblicken vermöge. Aus dieſem Grunde beeilt ſich die Regie=
rung
keineswegs, dem Genfer Völkerbund beizutreten. An=
dererſeits
lehnt ſie den Eintritt in den Völkerbund, nicht ab,
wenn dieſer Eintritt vom Völkerbund gewünſcht werden ſollte.
Bisher hatte Deutſchland ſich über dieſe Frage gar nicht zu ent=
ſcheiden
.

Ablehnung des Eſſener Schiedsſpruches in
der Metallinduſtrie.

Eſſen, 20. Juni. In der am 18. Juni ſtattgefundenen
Sitzung der Zentralleitung und des Bezirksausſchuſſes des
Chriſtlichen Metallarbeiterverbandes wurde nach eingehender
Beratung der am 13. Juni in Eſſen gefällte Schiedsſpruch in der
Lohn= und Arbeitszeitfrage abgelehnt. Es beſteht demnach die
Gefahr neuer Arbeitskämpfe in der Metallinduſtrie.

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Seite 5.

Darmſtadt, 22. Juni.
Diplom=Ingenieur=Tagung in Darmſtadt.
Dev erſte Vortrag wurde von Herrn Dipl.=Ing. Carl Weihe,
frankfurt, Dozent für Geſchichte der Technik an der Techniſchen Hoch=
ſchule
, gehalten, und zwar über das Thema: Die kulturellen
Aufgaben des Ingenieurs‟. Er ging von einem allgemeinen
Strukturſchema der Kultur aus, aus dem ſich ergab, daß man unter
Kaultur nicht die Betätigung einiger Kräfte des Menſchen, etwa lediglich
der ethiſchen oder der äſthetiſchen, zu verſtehen hat, ſondern daß man
von wahrer Kultur nur dann reden kann, wenn alle im Menſchen
ſchhlummernden Kräfte ausgebildet ſind und zur Auswirkung kommen.
Demgemäß kann man drei große Hauptgebiete menſchlicher Betätigun=
uiterſcheiden
: Geiſtesarbeit, Wirtſchaftsarbeit, Seelenarbeit. In die=
ſen
drei Gebieten wirken die einzelnen Kräfte nach den verſchiedenſten
Richtungen, ſich gegenſeitig unterſtützend, teilweiſe aber auch ſich gegen=
ſeitig
widerſtrebend. Wenn von einer Vollkultur die Rede ſein ſoll, ſo
müſſen alle dieſe Kräfte im Gleichgewicht ſein, oder, in der Sprache des
Technikers ausgedrückt, das aus demſelben Punkt, dem Kulturmittel=
punkt
angreifenden Kräfte konſtruierte Krafteck muß in ſich geſchloſſen
ſein. Die Spenglerſche Anſicht, daß notwendig jede Kultur untergehen
mäiſſe, ſei hinfällig. Die untergegangenen Kulturen waren eben keine
Vollkulturen, ſondern hatten ſich lediglich auf die Ausbildung einiger
Kräfte des Menſchen gelegt, ohne das harmoniſche Gleichgewicht aller
Kräfte anzuſtreben.
Die Technik tritt als ein Teil der Geiſtes= und der Wirtſchafts=
wbeit
mit als Kulturfaktor auf, und zwar als einer der weſent=
lichſten
, denn ſie bildet die Grundlage aller Kultur und ſie iſt auch ihre
hauptſächlichſte Förderin. Die Technik darf allerdings nicht lediglich
als Geldverdienmaſchine benutzt werden, ſondern es muß eben ent=
ſprechend
ihrer Bedeutung für die Geſamtkultur auch ihre richtige Ein=
rihung
in das geſamte Kulturgeſchehen erfolgen. Dementſprechend
etſtehen für den Ingenieur eine Reihe von Kulturaufgaben. Die erſte
davon iſt die Betätigung in der Technik ſelbſt, denn ohne Technik
findet der Menſch weder Muße noch Kraft, ſich ſonſt kulturell zu be=
tätigen
, ganz abgeſehen davon, daß die heutige Lage in Deutſchland
iſt, daß nur durch erfolgreiche techniſche Arbeit einer vollſtändigen
Verſklavung des deutſchen Volkes vorgebeugt werden kann. Aber nicht
allein in der techniſchen Arbeit darf der Techniker aufgehen, ſondern er
hat auch die Verpflichtung, ſich mit dem Problem Menſch zu beſchäftigen.
Es ſind alſo ſoziale und ethiſche Aufgaben, die an ihn herantreten
und die namentlich auf die Stellung des Arbeiters in der Fabrik abzielen.
Der Ingenieur, insbeſondere der akademiſche Ingenieur, hat gewiſſer=
maßen
als Zwiſchenglied zwiſchen Arbeitgeber und Arbeitnehmer aus=
gleichend
und verſöhnend zu wirken und beide Teile von übertriebenen
Forderungen abzuhalten. Schließlich hat der Ingenieur auch die Auf=
gabe
, darüber zu wachen, daß die Werke der Technik auch vom Schön=
heitsſtandpunkt
aus befriedigend ſind. Die Kunſthat bisher die Technik
eiſt ſehr wenig behandelt, obwohl gerade künſtleriſches und techniſches
Schaffen viel Aehnlichkeit haben, da ſie beide derſelben Wurzel, dem
Schöpferdrang des Menſchen, entſpringen.
Der Verband Deutſcher DiplomIngenieure pflegt in ſeiner Zeit=
ſchrift
Technik und Kultur, die unter der Schriftleitung des Vortragen=
den
ſteht, insbeſondere die Grenzgebiete der Technik, und ſucht durch
dieſe Zeitſchrift Aufklärung über die Bedeutung der Technik für die
Kaltur zu ſchaffen und Verſtändnis für die Technik als Kulturfaktor zu
Nrbreiten.
Wiederhelebung der Bauwirtſchaft durch ſteuerliche Be=
gänſtigungen
. Nach einer Verfügung des Heſſiſchen Miniſteriums
der Finanzen an die Finanzämter iſt die für die Rechnungs=
ihre
1924, 1925 und 1926 zu veranlagende ſtaatliche Grund=
ſteuer
von Wohnungsneubauten auf Antrag niederzuſchlagen.
Eritſprechendes gilt für den verhältnismäßigen Teil der
Grundſteuer von ſolchen Neubauten, die nur zum Teil
Bohnzwecken dienen und für das aus dem Um= oder Ausbau
zicker Gebäude zu Wohnzwecken ſich etwa ergebende Mehr an
Brundſteuer, falls der Steuerwert des Gebäudes ſich durch den
Un= oder Ausbau um mindeſtens 10 000 Mark erhöht. Aus=
Rchloſſen von der Begünſtigung ſind Gebäude oder Gebäudeteile,
die nicht Wohnzwvecken dienen, ferner ſolche, die vor dem 1. April
D24 bezugsfertig wurden und ſolche, deren Neu=, Um= oder
Atsbau nach dem 31. Dezember I. J. begonnen wird. Bezüg=
iich
der ſtädtiſchen Grundſteuer iſt zu bemerken, daß gemäß
dimn Beſchluß der Stadtverordneten=Verſammlung für alle in
dmi Jahren 1924 und 1925 fertiggeſtellten Wohnhausbäuten drei=
ſührige
Steuerfreiheit gewährt wird. Auch findet ein Erlaß aller
Ariliegerbeiträge ſtatt.
* Regelung der Preisauszeichnung für Tabak und Tabakwaren.
B3her haben die Gerichte nicht einheitlich die Frage beurteilt, ob Zi=
farren
, Zigaretten und ſonſtige Tabakwaren als Gegenſtände des täg=
ichen
Bedarfs anzuſehen ſind oder nicht. Für Gegenſtände des täg=
ichen
Bedarfs beſteht nämlich die Preisauszeichnungspflicht im Schau=
er
ſter des Händlers, nicht aber für Waren, die nicht tägliche Bedarfs=
rikel
ſind. Das Reichswirtſchaftsminiſterium hat nun dieſe ſtrittige
ßrage endgültig durch eine Verfügung geregelt, welcher ſie das Gut=
ichten
der Tabakzeitung Zigarren= und Zigaretten=Spezialiſt ( Dres=
ter
) zugrunde gelegt hat, nach welchem geringwertige Tabakwaren als
9 genſtände des täglichen Bedarfs anzuſehen, alſo preisauszeichnungs=
flichtig
ſind, während Zigarren im Werte von über 25 Pfg., Zigaret=
er
im Werte von über 15 Pfg. je Stück, ſowie Rauchtabak, der mehr
IIs 30 Mark je Kilogramm im Kleinverkauf koſtet, dem Preisauszeich=
runigszwang
nicht unterliegen.
Sonderzug nach Schleſien. Der Schleſierverein Darmſtadt ſchreibt
us: In der Nacht vom 10. auf 11. Juli fährt ab Frankfurt a. M.
210 Uhr nachts ein Sonderzug nach Schleſien mit dem Endziel Bres=
ar
. Ankunft des Zuges am 11. Juli in Görlitz 1.58 nachm.. Lau=
jart
3.04 nachm., Hirſchberg 4.11 nachm., Dittersbach 5.17 nachm., Walden=
urg
5.28 nachm., Nieder=Salzbrunn 5.41 nachm., Königszelt 6.06
hends, Breslau 7.01 abends. Fahrkarten zu bedeutend ermäßigtem
Sreiſe gibt es nur nach Hirſchberg (43 Mk.), Waldenburg (45 Mk.) und
Sreslau (45 Mk.). Die Preiſe gelten für Hin= und Rückfahrt 3. Klaſſe.
Die Fahrkarten haben 8 Wochen Gültigkeit und kann die Rückfahrt in
terhalb dieſer Zeit mit jedem Zuge des täglichen Verkehrs erfolgen.
Inſchlüſfe nach Oberſchleſien in Breslau, evtl. auch in Hirſchberg für
ie Richtung Camenz-Neiſſe. Anmeldungen von Zugteilnehmern ſind
aldigſt an den Vorſitzenden des Schleſiervereins, Oberſtadtſekretär
Zaſſitta, Beſſunger Straße 99, 2. Stock, zu richten.
CAbreßbuch 1924. Das in dem Adreßbuch aufzunehmende Ge=
verberegiſter
liegt in der Zeit vom 23. bis einſchl. 28. Juni
m Stadthaus, Zimmer 23, zur Einſicht offen. Intereſſenten werden
ebeten, Einſicht zu nehmen, damit eventuelle Aenderungen vorgenom=
nen
werden könne
Automsbillandplage an Sonntagen. Die immer mehr anwach=
ende
Zahl der Automobile läßt die Schattenſeite eines an ſich be=
rißensverten
Verkehrsmittelfortſchritts namentlich an Sonntagen be=
unders
ſcharf heraustreten. Die badiſche Regierung hat ſich daher be=
ugen
geſehen, den Kraftwagenverkehr an Sonntagen zu Gunſten der
icht= und lufthungrigen Wanderer und Ausflügler entſprechend einzu=
chränken
, beziehungsweiſe in beſtimmten Gebirgsgegenden ganz zu
erbieten. Der Abgeordnete Dr. Werner (deutſchnatl.) beantragt da=
er
beim Landtag, die Regierung zu erſuchen, raſcheſtens in Erwägung
u ziehen, inwieweit der heſſiſche Staat dem Beiſpiel folgen könnte.
Heffiſches Landestheater. Die heutige Neuinizenierung von Bizets
Carmen iſt die letzte gemeinſame Arbeit von Guſtav Hartung und
7. C. Pilartz in Darmſtadt. In der heute im Kleinen Haus ſtatt=
indenden
Aufführung von Bürger Schippel verabſchiedet ſich Franz
Schneider, der an das Schauſpielhaus in Frankfurt a. M. verpflichtet
ſt, vom Darmſtädter Publikum. Eliſabeth Stieler und Walter
ſteymer treten in der am Montag ſtattfindenden Aufführung von
Boethes Urfauſt als Gretchen und Fauſt zum letzten Male vor

Das Drumm=Quartett gibt am Montag, den 23. Juni, 7 Uhr
ibends, im Kleinen Haus ſeinen 5. Beethovenabend. Zur Auf=
übrung
gelangen: Streichquartett Op. 18 Nr. 5, Streichquartett Op. 74
und Streickquartett Op. 131.

Sonntag:
Montag
Dienstag:
Mittwoch;
Donnerst.:
Freitag:
Samstag:
Sonntag
Sonntag:
Montag:
Samstag

Nan Ees -eittffsi-RLrn
vom 22. bis 29. Juni 1924.
Großes Haus.
6 Uhr: Carmen Oper von Bizet. Neuinſzenie=
rung
Guſtav Hartung.) Zuſatzmiete X 11. Preiſe:
1,50 bis 15 Mk.
7 Uhr: Urfauſt, Schauſpiel von Goethe. Schau=
ſtielmieten
a 12 und b12. Preiſe: 0,70 bis 7 Mk.
7 Uhr: Carmen Zuſatzmieten T12 und VIT 12.
Preiſe: 1,20 bis 12 Mk.
7 Uhr: Karl XII. Schauſpiel von Strindberg.
E23, c12 und e 12. Preiſe: 0,70 bis 7 Mk.
7 Uhr: Martha. Oper von Flotow. Zuſatzmiete
VITT12. Preiſe: 0,80 bis 8 Mk.
7 Uhr: Cavalleria ruſticana, Oper von Mascagni.
Hierauf: Der Bajazzo. Oper von Leoncavallo.
Zuſatzmieten IV 12 und X12. Preiſe: 1 bis 10 Mk.
7 Uhr: Die beiden Schützen. Oper von Lortzing.
Zuſatzmieten IIT 12 u. TX 12, Schülermiete gelb 10.
Preiſe: 0,80 bis 8 Mk.
6 Uhr: Carmen. E24. Preiſe 1,50 bis 15 Mk.
(Letzte Vorſtellung der Spielzeit.)
Kleines Haus.
7 Uhr: Bürger Schippel, Kombdie von Stern=
heim
. Zuſatzmiete TX 11. Preiſe: 1 bis 5 Mk.
7 Uhr: Fünfter (letzter) Beethoven=Abend des
Drumm=Quartetts. Preiſe: 1, 2, 3 Mk.
Eröffnung der Sommerſpielzeit Bruno Harprecht:
Wenn der junge Wein blüht Von Björnſon.
Mit Robert Nhil vom Deutſchen Schauſpielhaus in
Hamburg a. G.

Verbandstag der Mitteldeutſchen Küferinnungen. Wie wir be=
reits
mitteilten, ſind aus Anlaß des Verbandstages der Mitteldeutſchen
Küferinnungen der große Saal der Turnhalle am Woogsplatz und meh=
rere
Nebenräume zu einer großen Ausſtellung von Erzeugniſſen des
Küfereigewerbes umgewandelt worden, die noch am heutigen Sonntag
und am morgigen Montag beſichtigt werden kann. Die Ausſtellung,
die auch Erzeugniſſe verwandter Berufsgruppen, Haushaltungsgegen=
ſtände
uſw. bietet, iſt von 9 Uhr vorm. bis 7 Uhr abends geöffnet und
ſehr ſehenswert. Geſtern vormittag fand in Gegenwart zahlreicher Ver=
treter
von Behörden und geladener Gäſte die feierliche Eröffnung ſtatt.
Der Vorſitzende des Veranſtaltungsausſchuſſes des Ortsgewerbevereins
und der Handwerkerinnung, Herr Obermeiſter Kraus, wies in ſeiner
Anſprache auf den Zweck des Unternehmens hin und begrüßte die Er=
ſchienenen
. Dann übernahm der Obermeiſter der Küfer=Zwangsinnung
in Darmſtadt die Ausſtellung, richtete ebenfalls herzliche Worte der Be=
grüßung
an die Gäſte und erklärte die Ausſtellung für eröffnet. Dieſem
Akte ſchloß ſich ein Rundgang an, wobei die Ausſtellungsgegenſtände
mit großem Intereſſe beſichtigt wurden.
Johannisfeier der Buchdrucker. Wie alljährlich feiert der hieſige
Bezirksverein des Verbandes der Deutſchen Buchdrucker das Johannisfeſt
zum Gedächtnis ſeines Altmeiſters Gutenberg im Saale der Turn=
gemeinde
am Woogsplatz am Samstag, den B8. Juni 1924, abends
8 Uhr. Die zur Ausarbeitung des Feſtprogramms gewählte Kommiſſion
bietet die Gewähr dafür, daß ein der Würde dieſes Tages entſprechendes
Programm zur Aufführung gelangt.
Ev. Jugendgemeinſchaft. Es wird noch einmal auf den Vortrag
des Herrn Privatdozenten Dr. Noack über das Volkslied hingewie=
ſen
, der Montag, den 23. Juni, abends 8 Uhr, im Gemeindehaus in der
Kiesſtraße, ſtattfinden wird.
E Raubmord, 700 Mark Belohnung. Das Verbrechen, das
am 17. Juni in Offenbach aufgedect wurde, hat inſofern ſeine
Aufklärung gefunden, als man nunmehr die Perſonalien des
Mannes ermitteln konnte, der dem verbrecheriſchen Anſchlag zum
Opfer gefallen iſt. Wie wir bereits am Freitag gemeldet haben,
wurde am 17. Juni im Main zwiſchen Frankfurt und Offenbach
(an der Offenbacher Schleuſe, Gemarkung Offenbach) die Leiche
eines jungen Mannes gefunden, deſſen Hände auf dem Rücken
ſtark gefeſſelt waren. Bei dem Toten wurden keinerlei Wert=
ſachen
gefunden. Er iſt zweifellos beraubt und in den Main
geworfen worden. Aeußere Verletzungen wies die Leiche nicht
auf. Zum Feſſeln wurde eine 3 Millimeter dicke, vierdrahtige
gute, mehrere Meter lange Hanfkordel verwandt, wie ſie zum
Verſchnüren ſchwerer Pakete benutzt wird. Die Art der Feſſe=
lung
läßt auf eine gewiſſe Gewandtheit im Verſchnüren ſchließen.
Bei dem Toten wurde u. a. eine Hotelkarte des Hotel Savoy,
Frankfurt, Zimmer 88, gefunden. In der Nacht vom 11. auf
12. Juni hat in fraglichem Zimmer der Kaufmann Ernſt Henke
gewohnt. Seine Angehörigen haben den Ermordeten als den
Ernſt Henke anerkannt. Henke hat am Morgen des 12. Juni
gegen 10 Uhr das Hotel Savoy verlaſſen. Ueber ſein Verbleiben
bis zu ſeiner Ermordung fehlt bis jetzt jeder Anhalt. In der
Nacht vom 12. auf 13. Juni (Donnerstag auf Freitag) gegen
½3 Uhr vormittags hörte ein Fiſcher, der etwa 150 Meter ober=
halb
des erſten Schleuſentores im Main angelte, gellende Hilfe=
rufe
. Etwa an der gleichen Stelle, von der die Rufe kamen,
wurde die Leiche ſpäter gefunden. Gleich darauf kam ein Mann
ſchnell laufend den Main entlang, der auf die Frage des Fiſchers,
was los ſei, antwortete: Es iſt nichts los. Dort unten ſind
Menſcher und nach Offenbach weiter lief. Die Perſonalien des
Mannes, der als Täter in Betracht kommt, lauten: Zirka 180 bis
185 Zentimeter groß, blonden ſtarken Schnurrbart, ſchwarzer
weicher Filzhut, gelbbraune Weſte (Strickweſte?), dunkler Rock
und ebenſolche Hoſe. Der Mann ſprach Dialekt hieſiger Gegend.
Es iſt anzunehmen, daß Henke mit dem oder den Tätern ( mög=
licherweiſe
kommen mehrere in Betracht) in Lokalen geweſen
und vielleicht betrunken gemacht worden iſt. Henke war in
Frankfurt nicht bekannt, hatte dort auch keine Bekannten. Es
iſt von beſonderer Wichtigkeit, feſtzuſtellen, wo ſich Henke am
12. Juni aufgehalten hat und mit wem er zuſammen war.
Henke war Reiſender für die Zigarettenfabrik. Gebr. Schmidt
u. Co. in Stuitgart und hatte ſeinen Wohnſitz in Iſerlohn. Auf
die Ermittlung des oder der Täter hat die Staatsanwaltſchaft
Darmſtadt eine Belohnung von 700 Goldmark ausgeſetzt. Wer
in der Lage iſt, zweckdienliche Mitteilungen zu machen, möge
dieſe der Staatsanwaltſchaft Darmſtadt mitteilen.
Der Einbruch bei dem Freiherrn von Oettinger hat teilweiſe
ſeine Sühne gefunden. Im November v. J. hat dieſer Einbruch großes
Aufſehen erregt, wurden doch für nicht weniger als 45 000 Goldmark
Schmuck und Wertgegenſtände von den Tätern erbeutet. Den emſigen
Ermittlungen der Kriminalpolizei gelang es, zwei Perſerteppiche, eine
Ledermappe und ein Herrenhemd zu ermitteln, wodurch die Spur auf
den vielfach vorbeſtraften 26jährigen Händler Georg Schüßler von
Frankfurt gelenkt wurde, und mit dieſem war wegen Begünſtigung
der ebenfalls von Frankfurt ſtammende Monteur Wilhelm Kretz ange=
klagt
. Beide leugneten bis aufs äußerſte, jedoch Gerichtschemiker Prof.
Dr. Popp aus Frankfurt erbrachte die Indizienbeweiſe, und ſo wurde
Schüßler zu 3 Jahren Zuchthaus, abzüglich 6 Monate Unterſuchungshaft,
zu fünfjährigem Ehrverluſt verurteilt. Kretz erhielt 1 Monat Ge=
fängnis
.
Lokale Veranſtaltungen.

Die bierunter erſcheinenden Notizen ſind ausſchließlich als Hinweiſe auf Anzeigen zu betrachten.
in keinem Falle irgendwie als Beſprechung oder Kritik.
Vortragsgemeinſchaft techn.=wiſſenſchaftlicher
Vereine. Am Mittwoch, 25. Juni, 8 Uhr abends, Lichtbildervortrag
üiber Eiſenbahnunfälle und deren Verhürung, (Siehe Anzeige.)

2,

Pſchaftliche Zentralgenoſſenſchaft,
Darmſiadt.

Die 34. ordentliche Generalverſammlung der Landwirtſchaftlichen
Zentralgenoſſenſchaft e. G. m. b. H., Darmſtadt, die geſtern vormittag
kurz nach 10 Uhr vom Vorſitzenden des Aufſichtsrats der Genoſſenſchaft,
Beiſer, Gutsbeſitzer in St. Johann (Rheinheſſen) eröffnet wurde,
erfreute ſich eines guten Beſuches. Aus allen,Gauen des Heſſenlandes
waren die Vertreter der landwirtſchaftlichen Genoſſenſchaften herbei=
geeilt
, um ihr Intereſſe an der Tagung zu bekunden. Der Vorſitzende
gab ſeiner Freude darüber ſichtbaren Ausdruck in herzlichen Be=
grüßungsworten
an die Vertreter der Behörden und an die Genoſſen=
ſchaftsvertreter
. Beſonders gedachte er der notleidenden Bauernſchaft
im beſetzten Gebiet und der Ausgewieſenen, für die er ſchöne Worte
des Troſtes und des Dankes hatte, und denen er die beſten Segens=
wünſche
für die Zukunft mit auf den Weg gab. Der Vorützende ging
dann kurz auf die ſchwere wirtſchaftliche Kriſe ein, die die Landwirtſchaft
durchgemacht hat und zurzeit noch durchmacht, und appellierte an den
ernſten Willen der Genoſſenſchaftsmitglieder, die Genoſſenſchaft wieder
auf eine geſunde Baſis zu bringen zum Wohl, der Landwirtſchaft und
nicht zuletzt zum Wohl des geſamten deutſchen Vaterlandes.
Anſchließend brachte der Vorſitzende des Vorſtandes, Direktor
Berg=Darmſtadt, den Geſchäftsbericht (ſ. Nr. 167) zur Kenntnis. Er=
wähnt
ſei noch, daß der Warenumſatz gegen früher um 50 Prozent
zurückblieb, was auf die Abdroſſelung der beſetzten Gebiete zurückzu=
führen
iſt. Bemerkenswert iſt ferner, daß der Umſatz der erſten 5 Mo=
nate
des Jahres 1924 bereits den Geſamtumſatz des Jahres 1923 über=
ſteigt
. Zur Papiermarkbilanz führte Herr Direktor Berg an, daß das
Inventar und die Lagergebäude mit 27 408 802 915 Millionen Mark ab=
geſchrieben
wurden, ſo daß in der Papiermarkbilanz Inventar und
Lagergebäude mit einer Mark bewertet wurden und überhaupt nicht
mehr aufgeführt wurden. Die Papiermarkbilanz per 31. De=
zember
1923 verzeichnet (alles in Millionen Mark auf der Aktivſeite)
einen Kaſſenbeſtand von 47 293 597 781, Deviſen 29 840 150 000, Wert=
papiere
40, Warenbeſtände 771 169 350 000, Debitoren 210 978 279 200,
Bankguthaben 68 688 760 000 und Beteiligungen 250 000 098, während
die Paſſivſeite an Reſerven 247 Kreditoren 332 204 754 000, Wechſel=
verbindlichkeiten
500 000 000 000 und an Reingewinn 296 219 182 860 Mk.
aufweiſt.
Die Goldmarkbilanz hat die Papiermarkbilanz zur Grund=
lage
und ſtimmt mit dieſer beſonders bei den Poſten Kaſſe, Reichsbank,
Poſtſcheckkonto, Warenbeſtände, Deviſen und Landesgenoſſenſchaftsbank
überein. 1 Billion Mark iſt in der Bilanz 1 Goldmark gleich. Neu er=
ſcheinen
in der Bilanzbewertung Gebäude und Inventar. Die Immo=
bilien
ſtehen mit 315 000 Mk. in der Bilanz, welcher Wert unter den
heutigen Verhältniſſen aus ihnen zu erzielen iſt. Das genau aufge=
ſtellte
, ſehr wertvolle Inventar iſt mit 29 061 Mk. angegeben. An Paſ=
ſiven
ſtehen gegenüber Reſerven 500 000 G.=Mk., Wechſelverbindlichkeiten
500 000 G.=Mk., Kreditoren 332000 204,75 G.=Mk. Hierzu kommen noch
140 21 G.=Mk. an Geſchäftsguthaben der Mitglieder, die durch Aufwer=
tung
entſtehen. Der Ueberſchuß an Papiermark=Reingewinn wird auf
neue Rechnung vorgetragen.
Ueber die Geſchäftsausſichten iſt zu ſagen, daß ſie günſtig
ſind. Auch die Landwirtſchaftliche Zentralgenoſſenſchaft ſteht im Zei=
chen
des Abbaues. Die Zahl der Angeſtellten und Arbeiter wurde ver=
mindert
, und man iſt dabei, die Ausgaben mit den Geſchäftserträgniſſen
in Einklang zu bringen. Den geſunden wirtſchaftlichen Sinn, der in
der Genoſſenſchaft zu Hauſe iſt, charakteriſiert nichts treffender als die
folgenden Sätze des Vorſitzenden: Je ſchärfer auf den Pfennig geſehen,
je rationeller gearbeitet wird, deſto beſſer wird die Kriſe überſtanden
werden. Es kommt weniger darauf an, viel Vermögen aus der Infla=
tionszeit
herüberzuretten, als vielmehr darauf, produktive Arbeit zu
leiſten. Es gibt nur ein wirkſames Mittel, ſich den veränderten Ver=
hältniſſen
anzupaſſen, und das iſt, die Ausgaben mit den eigenen Mit=
teln
in Einklang zu bringen.
Der Bericht des Aufſichtsrats wurde genehmigt. Ebenſo Punkt 3
der Tagesordnung: Beſchlußfaſſung über die Genehmigung der Jahres=
rechnung
und Bilanz, ſowie die Verwendung des Papiermark= Rein=
gewinns
, und Punkt 4: Beſchlußfaſſung über die Genehmigung der
Goldmarkeröffnungsbilanz für den 1. Januar 1924. Dem Vorſtand und
Aufſichtsrat wurde Entlaſtung erteilt. Die durch Ablauf der Wahl=
peribde
ausſcheidenden Vorſtands= und Aufſichtsratsmitglieder werden
einſtimmig wiedergewählt. Die Zuſammenlegung der Ge=
ſchäftsanteile
wurde beſchloſſen, und zwar wurde der Antrag des
Aufſichtsrats angenommen, wonach die Zahl der Geſchäftsanteile im
Verhältnis von 2:1 zuſammenzulegen iſt. Dabei ſich ergebende unge=
rade
Zifern ſind nach oben abzurunden. In Goldmark feſt=
geſetzt
wurden die Haftſumme und die Geſchäfts=
anteile
. Die diesbezüglichen Anträge des Aufſichtsrats wurden an=
genommen
. Der Geſchäftsanteil wurde auf 300 Goldmark und die Haft=
ſumme
auf 3000 Goldmark feſtgeſetzt. Der Geſchäftsanteil iſt in zwei
Raten einzuzahlen, die erſte Hälfte zum 31. Dezember ds. Js., der Reſt
zum 31. Dezember des Jahres 1925. Die zweite Hälfte iſt unverzins=
bar
. Das Geſchäftsguthaben der Mitglieder nach dem Stande vom
31. Dezember 1923 iſt aufzuwerten, d. h. Einzahlungen bis zum 31. De=
zember
1917 werden als Goldmarkeinzahlungen betrachtet. Einzahlungen
im Jahre 1918 werden 1 Mk. mit 50 Pf. umgerechnet. Einzahlungen
vom 1. Januar 1919 ab werden über den jeweiligen Dollarſtand am
Tage des Eingangs der Zahlungen in Goldmark umgerechnet. Iſt der
Aufwertungsbetrag höher als die nach der Zuſammenlegung vorhan=
dene
Geſchäftsanteilſumme, dann ſind ſo viele weitere Anteile zu er=
werben
, daß eine Herauszahlung des überſchießenden Geſchäftsgut=
habens
nicht in Frage kommt. Wird die hiernach erforderliche Ueber=
nahme
weiterer Geſchäftsanteile abgelehnt, ſo fließt der entſprechende
Betrag der Betriebsrücklage zu.
Hierauf folgte der Bericht über die derzeitige Ge=
ſchäftslage
, den Direktor Strasburger erſtattet. Aus dem
Bericht iſt hervorzuheben, daß, wenn die Verhältniſſe ſich nicht ändern,
der Umſatz im zweiten Halbjahr ganz erheblich zurückgehen wird, da
die Spanne zwiſchen dem Preis für landwirtſchaftliche Produkte und
dem Anſchaffungspreis für landwirtſchaftliche Betriebsmittel viel zu
hoch iſt. In der dann folgenden Ausſprache wurden von verſchiede=
nen
Seiten Beſchwerden, Wünſche und Anregungen vorgebracht, denen
von ſeiten der Vorſtandſchaft Beachtung geſchenkt wurde.
Größeres Intereſſe beanſpruchte das Referat des Herrn Direktors
Berg=Darmſtadt über Genoſſenſchaftliche Viehverwer=
tung
, Pflicht der Landwirtſchaft ſeiles, ſo heißt es in dem Referat,
die Ernährung des Volkes ſicherzuſtellen. Jeder müſſe durch Steigerung
ſeiner Ertragswirtſchaft dazu beitragen, das Land von der Einfuhr
aus dem Ausland unabhängig zu machen. Der Einzelne ſei dazu nicht
imſtande, wohl aber die Genoſſenſchaft. Um dieſes Ziel zu erreichen,
müſſe die Genoſſenſchaft zur Selbſthilfe greifen. Nur durch die Selbſt=
hilfe
könne die Landwirtſchaft ihre wirtſchaftliche Lage verbeſſern. Ein
gangbarer Weg zu dieſem Ziel ſei die genoſſenſchaftliche Viehverwertung.
Der Vortragende ſtützte ſich bei ſeinen Ausführungen auf eine Schrift
des Bürgermeiſters Schröder von Elbenrod, die ſich eingehend mit
der genoſſenſchaftlichen Viehverwertung befaßt, und weiſt auf die Er=
fahrungen
hin, die man ſchon in den Städten mit der genoſſenſchaft=
lichen
Viehverwertung gemacht hat, u. a. in Frankfurt a. M., Berlin,
Köln, Chemnitz und Bremen.
Der Referent verlas dann ein Nundſchreiben, das die
genoſſenſchaftliche Viehverwertung betrifft und an die
Mitglieder geſandt werden ſoll. Darin heißt es unter anderem:
Die gegenwärtigen Verhältniſſe im Viehabſatz haben uns veran=
laßt
, die genoſſenſchaftliche Viehverwertung in den beiden Provinzen
Oberheſſen und Starkenburg aufzunehmen. Die erſte Vorausſetzung
für eine erfolgreiche gemeinſame Verwertung von Vieh iſt eine geſicherte
Abſatzmöglichkeit durch direkten Verkauf des Viehs an Großſchlächter
auf den Schlachthöfen. Die von einer Schweſternorganiſation bereits
ſeit 15 Jahren in Frankfurt a. M. auf dem Viehhof eingerichtete Zen=
tralgeſchäftsſtelle
für Viehverwertung ſoll mitbenützt werden. Die
Viehverwvertung ſoll mit dem Abſatz von Schweinen und Kälbern begin=
nen
und ſpäter auf Großvieh, ſowie die Beſchaffung von Nutz= und
Zuchtvieh ausgedehnt werden. Des weiteren gibt es Aufſchluß über die
Verladung und Behandlung des Viehs während des Transpouts und
nach der Ankunft am Beſtimmungsort. An einer anderen Stelle des
Rundſchreibens heißt es: Auf dem Viehhof erfolgt der Verkauf nach
Lebendgewicht, und zwar nur gegen Bezahlung. Der Verkaufserlös
ſwird den Verkäufern ſofort nach dem Verkauf überwieſen. Bis zum
Verkauf an dem Beſtimmungsmaukt behalten die Ablieferer das Eigen=
tumsrecht
an ihrem Vieh. Die Ortsgenoſſenſchaften ſowohl als auch

Flottweg=
Motorräder
1 PS. u. 2 PS. neueſte
Modelle, ſofort liefer=
bar
.
(5882a
Donges & Wieſt.

Hu

Im Anfertigen ſämtl.
Damen= u. Kinder=
Garderoben
mpf. ſich Engraf,
Gervinusſtr. 40,III.

[ ][  ][ ]

Seite 6.
die Zentralgenoſſenſchaften üben lediglch Kommiſſionstätigkeit aus. Um
die Eigentümer gegen Verluſte (Traysport= und Schlachtverluſte) zu
ſchützen, werden die Tiere verſichert.
Zweck der genoſſenſchaftlichen Viehrsrwertung ſoll eine beſſer Be=
lebung
im Viehabſatz, eine angemeſſene Preisbildung und die Ausſchal=
tung
der Zwiſchenhändler ſein. Die Landwirtſchaft hofft, auf dieſe
Weiſe die Preisſpanne zwiſchen dem Fleiſchpreis in den Städten und
dem Lebendgewichtpreis auf dem Lande auszugleichen.
Der Vortrag fand den ungeteilten Beifall der Verſammlung. Es
wurde dann folgende Reſolution einſtimmig ange=
nommen
:
Mit Rückſicht auf die durch die wirtſchaftlichen Verhältniſſe be=
dingte
allgemeine Abſatzſtockung und die Tatſache, daß:
1. Der Erlös aus den tieriſchen Erzeugniſſen eine Haupteinnahme=
quelle
für die große Mehrheit der heſſiſchen Landwirtſchaft bildet;
2. die Landwirte keinen Einfluß auf die Preisbildung im Vieh=
handel
auszuüben vermögen, die vielmehr abgeſehen von der Markt=
lage
in den Händen des Viehhandels liegt, und
3. der Zwiſchenhandel Formen angenommen hat die nicht nur
preisdrückend für den Produzenten, ſondern auch fleiſchverteuernd für
den Verbraucher wirken,
hält es die 34. ordentliche Hauptverſammlung für dringend geboten, den 1. Juli, vormittags 10 Uhr, findet in Groß=Bieberau i. Odw. (Kr.
daß der Genoſſenſchaftsviehabſatz ſofort durch die landwirtſchaftlichen
Genoſſenſchaften in die Wege geleitet wird.
Nach einer kurzen Ausſprache, in der das lebhafte Intereſſe der
Ausdruck kam, und nach einſtimmiger Annahme einiger weiterer An=
Stiftungsfeſt früherer Leibgardiſten.
tag ihr 20jähriges Stiftungsfeſt, verbunden mit Fahnen= Groß=Vieberau, und die Landwirtſchaftskammer Darmſtadt.
weihe. Das Feſt begann geſtern mit einem Konzert, das urſprünglich
im Garten des Saalbaues ſtattfinden ſollte, aber wegen der ungünſti=
gen
Witterung in dem großen Saal abgehalten wurde, der dicht beſetzt unreife Stachelheeren gegeſſen und erkrankte. Unter gräßlichen Schmer=
war
. Von weit her waren ehemalige Angehörige des Leibregiments
herbeigekommen. Unter den Gäſten waren das Großherzogspaar, als
Vertreter der Stadt Bürgermeiſter Mueller ſowie viele Vertreter an=
ziert
. Der Beamtenverein ehemaliger Militärmuſiker unter Leitung
von Herrn Georg Greilich leitete den Abend ein mit dem Marſch Alte
Kameraden von C. Teike, der mit lebhaſtem Beifall aufgenommen
wurde. Nachdem dann die Klänge von Webers Freiſchütz=Ouvertüre
verklungen waren, hielt Herr Rechtsanwalt Kalbhenn eine Anſprache, in
der er das Großherzogspaar, die Vertreter der Regierung, den Vertre=
ter
der Stadt, ſowie die anderen Gäſte begrüßte. Er wies in zündenden und Frank an der hieſigen Volksſchule ſind zu Rektoren beför=
Worten auf Ziel und Zweck der Vereinigung hin, die Erinnerung an
das Regiment wachzuhalten, Vaterlandsliebe und Kameradſchaft zu ganzen Landes werden dieſe Beförderungen beſonders auch deshalb
pflegen. Lebhafte Beifallskundgebungen folgten dieſen Ausführungen,
worauf der muſikaliſche Teil des Programms ſeine Fortſetzung fand.
Trompete in der Entfernung von P. Dierig (Soliſt Herr W. Dickel= bewährte ältere Lehrer zu Nektoren befördert, die ſich bereits in der
mann); u8 kommt ein Vogel geflogen, ein deutſches Volkslied im Stile
älterer und neuerer Meiſter von S. Ochs. Der zweite Teil des Pro= geſtanden iſt. Das iſt bei den beiden hieſigen Ernennungen der Fall.
gramms brachte noch Zwei alte heſſiſche Märſche von Landgraf Lud=
ſchen
Fahnenmarſch; ferner 1813 Tongemälde von Saro; An der
ſchönen blauen Donau Walze von J. Strauß; Soldatenleben Ma=
növerbild
von Kéler=Béla, ſowie zum Schluß den Zapfenſtreich mit
Gebet.
beginnt im Rummelbräu ein Volkskonzert.

Darmſtädter Tagblatt, Sonntag, den 22. Juni 1924,

Nummer 173.

Aus Heſſen.

=a= Griesheim, 21. Juni. Bei dem am vergangenen Sonntag in
Dieburg ſtattgefundenen Geſangswettſtreit errang der hieſige Geſang=
verein
Liedertafel bei ſehr ſtarker Konkurrenz in der 3. Land=
klaſſe
mit 172 Punkten den 4. Preis und im Klaſſenehrenſingen mit
91 Punkten den Ehrenpreis.
z Eberſtadt, 21. Juni. Marktmeiſter. Zum Markt= und
Wiegemeiſter für den hieſigen Obſtmarkt iſt Jakob Schweitzer kreis=
amtlich
verpflichtet worden.
* Eberſtadt, 21. Juni. Obſtmarkt. Der geſtrige 2. Tag des
Obſtmarktes erfreute ſich ebenfalls eines guten Zuſpruches, ſo daß alle
Vorbedingungen für ein gutes Gelingen gegeben ſind.
t. Waſchenbach, 21. Juni. Am 24. d. M. feiert der in weiten Krei=
ſen
bekannte Landwirt Philipp Schneider 1. in völliger körperlicher
und geiſtiger Friſche ſeinen 70. Geburtstag. Der Jubilar ver=
richtet
noch jeden Tag ſämtliche landwirtſchaftliche Arbeiten und iſt ſeit
42 Jahren Abonnent des Darmſtädter Tagblatts.
Groß=Bieberau, 21. Juni. Fohlenauktion. Am Dienstag,
Dieburg) auf dem Brauereihofe eine Pferde= und Fohlenauktion der
Pferdezüchtervereinigung Groß=Bieberau und Umgebung, anerkannt von
der Landwirtſchaftskammer für Heſſen, ſtatt. Zur Auktion gelangen
Mitglieder an der genoſſenſchaftlichen Viehverwertung ſichtlich zum Saug= und 1=, 2= und Zjährige Fohlen der belgiſchen und oldenburgi=
ſchen
Naſſe, welche Landwirten gehören. Der größte Teil der Fohlen
träge des Aufſichtsrats wurde die Generalverſammlung geſchloſſen. B=r., ſtammt von Stammbuchſtuten des Heſſiſchen Pferdeſtammbuchs und Be=
ſchälern
des Heſſiſchen Landgeſtüts ab. Es bietet ſich alſo für Züchter
und Händler hier Gelegenheit, erſtklaſſiges Zuchtmaterial aus Züchter=
hand
direkt zu kaufen. Groß=Bieberau iſt ſelbſt Station und die Foh=
len
können dort mit der Bahn verladen werden. Jede nähere Auskunft
Die Vereinigung früherer Leibgardiſten feiert Samstag und Sonn= erteilt der Vorſitzende der Züchtervereinigung, Herr Ludw. Schönberger, und einen abgetragenen, hellrauen Sackanzug, olivarüne Sportmütze,
Erbach i. Odw., 20. Juni. Anunreifem Obſt geſtorben
iſt das 12jährige Töchterchen einer hieſigen Familie. Das Mädchen hatte
zen ſtatb das Kind innerhalb eines Tages.
r Babenhaufen, 19. Juni. Die höhere Bürgerſchule und
derer Behörden. Das Podium war reich mit Fahnon und Wappen ge= Volksſchule veranſtalten kommenden Montaa (23. Juni), vormittags, Arbeitgeber der Provinzen Heſſen=Naſſau und Oberheſſen fand hier im
gemeinſam ihr Jugendfeſt auf dem Feſtplatz des Kriegervereins.
Sportliche Uebungen, Wettkämpfe, Stabübungen Maſſenchöre vorgetra=
gen
von den Schülern der vereinigten oberen Klaſſen der beiden Schu=
len
. Gedichtvorträge und Volkstänze der Mädchen verheißen ein frohes
Jugendfeſt.
dert worden. Von der Lehrerſchaft unſerer Stadt und wohl auch des
freudig begrüßt, weil durch ſie der Grundſatz, daß möglichſt jeder Lehrer
ſchließlich einmal Rektor werden ſoll, ohne die älterer Lehrerſchaft des
Auf der Spielfolge ſtanden die nachſtehenden Stücke: Melodien aus der geſamten Landes in ihren Bezügen zu beeinträchtigen, bewußt zur An=
Operette Der Vogelhändker von C. Zeller; Auf der Wacht Lied für wendung zu kommen ſcheint. Dies kann nur geſchehen, wenn man nur
Gehaltsgruppe befinden, die den Rektoren an großen Vollsſchulen zu=
wig
Ulll, von Heſſen, und zwar einen Parademarſch und einen heſſi= bedeutend erweitert worden und macht jetzt den Eindruck einer zeit= Bäume ſind mit den Gewehen der Froſtſpinner bedeckt. Die Ausſichten
gemäßen Bodeanlage.
Ein Spazſergang auf die Marſtenhöhe
gehört mit zu den ſchönſten Annehmlichketen Darmſtadts, wenn man
Heute vormittag 11 Uhr iſt im Saalbaugarten Frühkonzert und ſich durch Kulexin vor den aufdringlichen und läſtigen Schnaken ge=
nachmittags
halb 3 Uhr die Fahnenweihe in der Stadtkirche. Um 4 Uhr ſchützt hat. Frauen und Kinder ſind beſonders dankbar dafür. Näheres des u. krättigendes Fohimbin-Hlormon-Präparat. Fachärztlich begut-
im
heutigen Anzeigenteil.
(S128

* Groß=Gergu, 21, Kunf. Unfall. Einer hieſigen Landwirtsfrau
wurde auf dem Felde von einer durch Inſektenſtiche unruhig gewordenen
Kuh ſo unglücklich mit einem Horn in den Leib geſtoßen, daß ſie eine
zirka 8 Zentimeter breite Wunde davontrug, die vernäht werden mußte.
Die Frau liegt noch im Krankenhaus, befindet ſich aber auf dem Wege
der Beſſerung.
* Groß=Gerau, 21. Juni. Eine üble Verwechslung. Als
dieſer Tage ein Landwirt vom Felde nach Hauſe kam und, um ſeinen
Durſt zu löſchen, nach einer Flaſche griff, bekam er unglücklicherweiſe
eine Flaſche voll Salmiakgeiſt in die Hände. Ehe er den Frrtum merkte,
hatte er ſich ſchon ſchwere innere Verletzungen zugezogen. Dennoch ſchemtt.
die Verwechſleung gut abgegangen zu ſein, denn er befindet ſich außer
Gefahr.
X Godbelau, 21. Juni. Philippshoſpital. Die Landes=
Heil= und Pflegeanſtalt Philivpshoſpital errichtet einen Neubau, der
große Stallanlagen vorſieht. Der Neubau ſoll u. g. eine Schweineſtal=
lung
für 100 Schweine und eine Futterküche enthalten.
Alzeh, 18. Juni. Frecher Schwindel. Hier hat ein gewiſſer
Willy Häniſch aus Zweibrücken einen frechen Schwindel verübt. Häniſch
war früher Angeſtellter der Pfälziſchen Volksbühne in Zweibrücken. Mit
Formularen dieſes Vereins und ſonſtigen Papieren ausgerüſtet, hat er
es in Alzey verſtanden, Geſchäftsleute zu täuſchen. Er ſetzte einen Vor=
verkauf
für Paſſionsſpiele ins Werk, legte das ganze auf breiter Baſis
und recht großzügig an, und hat ſo im Vorverkauf einige hundert Mark
eingenommen, mit denen er das Weite ſuchte. Abgereiſt iſt er in Alzeh
am Sonntag, den 15. Juni, nachmittags. Er iſt mittelgroß, hat dunkel=
blondes
, gelocktes Haar, rundes Geſicht, braune Augen, trägt dunkel=
randige
Hornbrille, hat ſchlechte Vocderzähne, die er beim Lachen und
Sprechen durch Vorhalten der Hand vor den Mund zu verdecken ſucht.
Er reiſt in Geſellſchaft ſeiner angeblichen Gattin, einer mittelgroßen
Blondine, friſches Geſicht hellblaue Augen. Gekleidet war der Schwind=
ler
bei ſeiner Abreiſe in hellbraune Sporthoſe, die er in Alzeh kaufte
ebenfalls neu. Die Begleiterin trug orangefarbenen Jumper, grün ge=
ſtreift
und Lederhut. Beide ſtehen in den er Jahren. Die Krimingl=
polizei
wird gebeten, nach dem Schwindlerpaar zu fahnden und deſſen
Feſtnahme zu veranlaſſen. Meldung an die Polizeiverwaltung Alzeh
erbeten. Um Nachdruck wird erſucht.
Bad=Nauheim, 20. Juni. Die Hauptverſammlung der
im Heſſen=Naſſauiſchen Wirtſchaftsverbande vereinigten kommunglen
Stadthauſe unter Leitung des Vorſitzenden Bürgermeiſter Müller von
Marburg ſtatt. In dem Verbande ſind über 60 Kommunen vereinigt,
die einſtimmig der Auffaſſung waren, daß der Verband ſeine Aufgaben
im abgelaufenen Geſchäftsjahre zum Nutzen der Allgemeinheit erfüllt
habe. Gegenſtand der Beſprechungen war der Ruhelohn, die tarifliche
+ Neu=Ffſenburg, 20. Juni. Man ſchreibt uns: Die Lehrer Dern Regelung der Gehalts= und Arbeitsbedingungen der kommunalen An=
geſtellten
und die lohnpolitiſchen Aufgaben der Kommunen in der kom=
menden
Zeit.
Aus der Wetterau, 19. Juni. Der Stand der Fluren iſt
dank des günſtigen Wetters ein guter zu nennen. Beſonders die Kar=
toffel
= und Zuckerrübenfelder zeigen einen prächtigen Stand. Das
gleiche gilt von Hafer und Gerſte. Das Wintergetreide, Roggen und
Weizen, hat ſich beſſer entwickelt, als man im Frühjahr hoffte. Aller=
dings
hat der Weizen auf feuchten Aeckern infolge Auswinterung ge=
litten
. Die Heuernte hat begonnen und ſie liefert heuer einen Ertrag,
wie wir ihn ſeit Jahren nicht hatten. Die Kirſchenernte iſt im Gange,
8 Rüſſelsheim, 21. Juni. Das Volksbad des Heimatvereins iſt der Ertrag unter mittel. Aepfel wird es nicht viele geben, ganze
auf Zwetſchen ſind gering, nur die Birnbäume verſprechen eine gute
Ernte.
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Kummer 172.

Darmſtädter Tagblatt, Sonntag, den 22. Juni 1924.

Seite 7.

Lizenzſchwindfer.

bz. Die Dummen werden nicht alle. Dieſes goldene Sprich=
port
iſt in der Tat ein goldenes, denn diejenigen, die es ſich
ſupellos zunutze machen, ernten Gold in Hülle und Fülle.
inter den modernen Wegelagerern, die den Sinn des Sprich=
portes
voll und ganz erfaßt haben, nehmen die Lizenzſchwindler
ine hervorragende Stellung ein. Jeder Betrüger geht von dem
frundſatz aus, gegen hohe Bezahlung nichts oder möglichſt wenig
u liefern, und dieſer Grundſatz iſt bei keiner anderen Ver=
frecherkategorie
ſo ausgeprägt wie beim Lizenzſchwindler. Und
gs Gefährliche und Beklagenswerte bei der Sache iſt, daß dieſen
freibeutern durch die Strafbehörde außerordentlich ſchwer bei=
ukommen
iſt, weil ſie mit patentamtlich abgeſtempelter Ware
andeln, deren Wert unſchätzbar iſt und von dem Laienpubli=
um
immer höher angenommen wird, als er in Wirklichkeit iſt.
Unter einer Lizenz verſteht man bekanntlich die Erlaubnis,
velche der Inhaber eines Patentes oder eines Gebrauchsmuſters
inem anderen erteilt, die Erfindung in einem beſtimmten Be=
irk
für ſich gewerblich zu benutzen. Für die Lizenz pflegt als
begenleiſtung eine Abgabe an den Inhaber des Schutzrechtes
ſezahlt zu werden in der Art, daß der Lizenznehmer von jedem
erkauften Stück eine gewiſſe Summe an den Lizenzverteiler zu
ihlen hat. Das heißt mit anderen Worten, wenn der Lizenznehmer
heſchäfte macht, verdient auch der Lizenzerteiler, der ſich höch=
ſens
zum Schutz gegen unfähige und böswillige Lizenznehmer
ſas eine vorbehält, daß der Lizenzvertrag erliſcht, wenn binnen
ner gewiſſen Friſt nicht ein gewiſſer Umſatz erzielt wird.
So etwa ſieht ein normaler Lizenzvertrag aus, der, wie
der vernünftiger Menſch einſehen wird, für beide Teile von
futzen iſt, wenn der Gegenſtand des Patentes oder Gebrauchs=
nuſters
beim Publikum uſw. Anklang findet. Findet er keinen
inklang, ſo verdienen eben beide Teile nichts, was dann eben
ſicht zu ändern iſt.
Dieſe Art des Lizenzgeſchäftes paßt aber dem Lizenz=
ſchwindler
abſolut nicht. Er denkt gar nicht daran, erſt abzu=
darten
, wie ſich die geſchäftliche Sache einführt, ſondern er will
iter allen Umſtänden Geld machen, ganz gleich, ob der Lizenz=
ſehmer
dabei, wie es nicht ſelten vorkomt, ſein ganzes Ver=
nögen
los wird und wirtſchaftlich vollkommen ruiniert wird.
Während der ehrliche Lizenzerteiler ſich nur mit Fachleuten
inläßt, die ihm kaufmänniſch oder techniſch eine gewiſſe Gewähr
lieten, daß ſie etwas von der Sache verſtehen, macht es der
izenzſchwindler gerade umgekehrt. Er arbeitet am liebſten mit
höglichſt ungebildeten Laien, die er auf raffinierteſte Weiſe ins
ſarn lockt und dann ſofort mit geſchickt abgefaßten Verträgen
un für alle mal bindet, bis ſie den Lizenzvertrag erfüllt und
abei in den meiſten Fällen alles verloren haben.
Zu dem Zwecke erläßt der Lizenzſchwindler eine Annonce
nit der Ueberſchrift: Sichere Exiſtenz, Lebensſtellung Be=
uemer
Nebenverdienſt uſw. (übrigens ein ſicheres Kennzeichen
uch bieler anderen Schwindelfirmen), in welcher ein jährliches
ikommen von 10= bis 20000 Mark zugeſichert wird ohne
ranchekenntniſſe. Der Betreffende braucht nur 1000 bis 4000
Lark zu beſitzen, alles andere finde ſich dann von ſelber. Da
8 im deutſchen Vaterlande immerhin eine ganze Menge Men=
ſhen
gibt, die gern 10= bis 20000 Mark jährlich verdienen möch=
in
, ſo laufen zahlreiche Meldungen ein, unter denen ſich der
ienzſchwindler ſeine Opfer mit größter Gemütsruhe ausſucht.
Zu dieſem Zweck ſchickt er ſeine Agenten auf die Reiſe in=
eni
er jedem einen beſtimmten Bezirk überweiſt, und das Spiel
ſeg innt.
Der Agent mietet ſich im feinſten Hotel der Stadt ein
immer und ladet die verehrlichen Intereſſenten ein, ihn zwecks
ebertragung der Sicheren Exiſtenz zu beſuchen. Mit der
ene eines Gönners und Freundes empfängt er ſeine Kunden,
ict, ohne darauf hinzuweiſen, daß ſo und ſo viele ſich ge=
neldet
hätten und führt ſeinen geſchützten Artikel vor. Nachdem

die Vorteile desfelben in das hellſte Licht geſett ſind, erzählt
er ſeinem erſtaunten Gaſt, daß an Hand der von ihm aufgeſtell=
ten
Rentabilitätsberechnung mit Leichtigkeit 10= bis 20 000 Mark
pro Jahr zu verdienen wären, daß er dieſer Glückliche ſein ſolle,
aber unter einer Bedingung, er müſſe ſich ſchnell entſchließen
und den Bedingungen ſeiner Firma entſprechend eine kleine
Anzahlung von 1000 bis 4000 Mark leiſten. Wenn der Inter=
eſſent
dann zweifelnd, bald das geſchützte Modell, bald den
freundlichen Wohltäter der Menſchheit betrachtet und ſchließlich
kleinlaut erklärt, daß er nicht ſo viel bares Geld flüſſig habe,
tröſtet ihn der Schwindler mit dem Hinweis, daß er in dieſem
Ausnahmefall auch Akzepte nehmen werde. Je nach der Ueber=
redungskunſt
des Gauners und der mehr oder weniger großen
Unerfahrenheit ſeines Opfers gelingt es dann meiſtens ſchnell,
den Lizenzvertrag abzuſchließen. Hiermit iſt für den Lizenz=
ſchwindler
das Geſchäft erledigt. Er händigt ſeinem Opfer den
Lizenzvertrag und das dazugehörige Modell aus, gibt ihm An=
weiſungen
, wo er die Ware beziehen kann und verſchwindet
dann möglichſt ſchnell vom Orte ſeiner Tätigkeit mit dem leicht
erbeuteten Gelde und den Wechſeln in der Taſche.
Wenn dann dev Lizenznehmer vergeblich Zeit, Geld und
Mühe aufgewendet hat, um den ganz unverkäuflichen geſchützten
Gegenſtand an den Mann zu bringen, ſo verſucht er wenigſtens
um die Einlöſung der von ihm ausgeſtellten Akzepte herumzu=
kommen
, indem er im Wechſelprozeß den Einwand des Betruges
erhebt. Aber auch hier hat der Gauner ſchon vorgebeugt, indem
er ſofort nach Erhalt der Wechſel dieſe an ein befreundetes
Bureau weitergegeben hat, ſo daß der § 82 der Wechſelordnung,
wonach ſich der Wechſelſchuldner nur ſolcher Einreden bedienen
kann, welche aus dem Wechſelrecht ſelbſt hervorgehen oder ihm
unmittelbar gegen den jedesmaligen Kläger zuſtehen, zu
Ungunſten des Geprellten in Kraft tritt.
Er iſt vollſtändig in der Hand des Lizenzverkäufers, deſſen
Hintermann ihn ohne Gnade auf Grund der Akzepte auspfändet.
Auch wenn ſpäter im Zivilprozeß der ganze Vertrag wegen
argliſtiger Täuſchung für nichtig erklärt wird, ſo kommt der
Geſchädigte doch höchſt ſelten wieder zu ſeinem Gelde, weil das=
ſelbe
von dem Lizenzſchwindler inzwiſchen längſt verſchoben iſt.
Reich und Ausland.
Unpolitiſche Tagesſchau.
Eine tragikomiſche Gerichtsſzene ſpielte ſich jüngſt in Moabit ab.
Einem Staatsanwaltſchaftsrat lief ſeine Frau mit einem Haupt=
mann
a. D. davon. Die Frau ſetzte die Scheidung vor Gericht durch.
Der Staatsanwaltſchaftsrat verklagte ſeine frühere Schwiegermutter,
in der er die Hauptriebfeder für den Gattenwechſel ſah, wegen Mein=
eids
. Dieſe wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Doch ganz
ohne Kampf wollte ſich
die ſtreitbare Amazone
nicht in ihr Schickſal fügen. Als ſie von einem Gerichtsdiener galant
aus dem Sitzungszimmer über den Flur des Gerichtsgebäudes geführt
wurde, ſah ſie ihren früheren Schwiegerſohn in ſiegesfroher Stimmung.
Wie der Blitz ſtürzte ſie auf ihn und ſchleuderte ihm mit zielſicherem
Blick ihre Handtaſche an den Kopf, und noch ehe es der Gerichtsdiener
hindern konnte, ſtand ſie vor ihrem Todfeind und bemühte ſich, ihm
mit den Nägeln ins Geſicht zu fahren. Dieſer ſuchte ſich natürlich die
wütende Angreiferin vom Leibe zu halten. Der Hauptmann a. D., der
dieſem Duell beiwohnte, fühlte ſich verpflichtet, ſeiner nunmehrigen
Schpiegermutter ritterlichen Beiſtand angedeihen zu laſſen und griff
ebenfalls in das Handgemenge ein, während der wackere Gerichtsdiener
noch immer ſeine Faſſung nicht wiedergewonnen hatte. Aus dieſer
höchſten Not rettete ſich der ehemalige Schwiegerſohn durch ſchleunige
Flucht in den Gerichtsſaal. Von dort aus brachte er ſich durch einen
Nebenausgang in aller Stille in Sicherheit.
Einem jungen Mann wurde zur Laſt gelegt, eine wertvolle Hand=
taſche
mit Inhalt geſtohlen zu haben. Der Verteidiger erhielt das
Wort. Obwohl die Tat des Angeklagten außer Zweifel ſtand, erklärte
der Verteidiger ſeinen Klienten, der ſein dümmſtes Geſicht aufgeſetzt
hatte, für unſchuldig. Im Verlaufe ſeiner ſenſationellen Rede führte

er mit lächelnder Miene aus, daß nicht der Angeklagte, ſondern nur
deſſen linker Arm des Diebſtahls bezichtigt werden könne, und daß daher
unmöglich der ganze Menſch beſtraft werden dürfe, wo nur ein Glied
ſchuldig ſei. Durch dieſe durchaus logiſche Entwickelung war das
Publikum verblüfft, doch der Richter erwiderte unbeirrt in demſelben
ſpöttelnden Tone, den ſein Vorredner geſchlagen hatte: Sehr geehrter
Herr Verteidiger! Ich muß unbedingt den Scharfſinn und die Ueber=
zeugungskraft
Ihrer Darſtellung anerkennen und kann mich der Wucht
Ihrer Beweisführung nicht entziehen. Sie haben recht: Nur der linke
Arm des Angeklagten hat den Diebſtahl ausgeführt, alſo iſt auch nur
der linke Arm ſchuldig zu ſprechen. Nun wohl! Ich verurteile dem=
gemäß
den linken Arm des Angeklagten zu 2 Jahren Gefängnis. Wenn
der linke Arm des Angeklagten die Strafe abbüßen kann, vne daß er
in Perſon in die Gefängniszelle zu gehen braucht, ſo iſt auch ſo dem
Geſetze und dem Kläger Genugtuung geleiſtet. Das Publikum klatſchte
ſtürmiſch Beifall. Der Verteidiger aber murmelte grinſend durch
die Zähne:
Shilock auf dem Gerichtsſtuhl.
Der Angeklagte machte kein dummes Geſicht mehr. Er trat vor den
Richter, ſchraubte ſeinen linken Herzarm ab und legte ihn auf den Tiſch
des Hauſes. Jetzt machte der Richter das dumme Geſicht. Unter dem
brüllenden Gelächter des Publikums machte ſich der Angeklagte unge=
ſchoren
aus dem Hauſe, während zwei ſchwer bewaffnete Gerichtsdiener
den verurteilten Holzarm in die bereit gehaltene Gefängniszelle bringen.
Solches geſchehen im Jahre 1924 im Lande der unbegrenzten Mög=
lichkeiten
in Amerika!
Um den Oberbürgermeiſterpoſten in Frankfurt.
Frankfurt. Außer dem bisherigen Oberbürgermeiſter Voigt
werden als Kandidaten für den Poſten des Oberbürgermeiſters noch
genannt der frühere Reichsinnenminiſter und ehemalige Bürgermeiſter
von Kaſſel Koch, der gegenwärtige Innenminiſter Dr. Jarres, ehemali=
ger
Bürgermeiſter von Duisburg, und Finanzminiſter Dr. Luther, frü=
her
Bürgermeiſter in Eſſen.
Briefkaſten.
T. R., hier. Bis 10 Uhr abends.

beseitigt sicher
Hiihneraugen
das Radilkalmittel Lebesvoht.
Hornhaut an der Fußsohle verschwindet durch
Lebewohl-Ballen-Scheiben.
Kein Verrutschen, kein Festkleben am Strumpf.
8114a
In Drogerien und Apotheken.
Man verlange ausdrücklich Lebewohl‟‟

Tageskalender.
Landestheater, Großes Haus, Anfang 6 Uhr, Ende 9½ Uhr
(Zuſatzmiete X1): Carmen. Kleines Haus, Anfang 7 Uhr, Ende
9½ Uhr (Zuſatzmiete 1X1); Bürger Schippel. Geſang=
verein
Sängerluſt, Traiſa: Fahnenweihe. Mitteldeut=
ſcher
Küferinnungsverband, 8 Uhr vormittags: Konzert
im Rummelbräugarten, von da Abmarſch mit Muſik zur Verbands=
ſitzung
im Perkeo. Vereinigung früherer Leibgar=
diſten
, Darmſtadt, vorm. 11 Uhr: Frühkonzert im Bürgerhof, nachm.
2½ Uhr: Weihe der neuen Fahne in der Stadtkirche, anſchließend
Konzert und Tanz im Rummelbräu. Herrngarten, 11 Uhr:
Promenadekonzert. Vereinigte Geſellſchaft: Garten=
konzert
. Park=Café: Konzert. Café Aſtoria: Konzert.
Sportplatz=Reſtaurant (Böllenfalltor); von 47 und
811 Uhr: Konzert. Mozartſaal, abends 8½ Uhr Vortrag:
Unſere Zeit im Lichte der Weisſagung. Union=, Reſidenz=, Cen=
tral
=Theater, Palaſt=Lichtſpiele: Kinoverſtellungen.
Hauptſchriftleitung: Rudolf Mauve
Verantwortlich für Politik und Wirtſchaft: Rudolf Maupe
Verantwortlich für Feuilleton und Heſſiſche Nachrichten: Max Streeſt
Verantwortlich für Sport: Dr. Eugen Buhlmann
Verantwortlich für Schlußdienſt: Andreas Bauer
Verantwortlich für den Inſeratenteil: Willy Kuhle
Druck und Verlag: L. C. Wittich ſämtlich in Darmſtadt.
Die heutige Nummer hat 16 Seiten

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7Z.

Darmſtädter Tagblatt, Sonntag, den 92. Junf 1994.

Seite 9

Sport, Spiel und Zurnen.

Der Sport des Sonntags.
Aus der Hochflut der ſportlichen Ereigniſſe ragt im Rennſport die
Derby=Woche

Neben Augias 65 Kilo (O. Schmidt) ſtehen Eigilbert 60 (Jentzſch),
Hausfreund 60 (Bleuler), Staffelſtab 60 (Oleinik), Fundin 55½ (Blume),
Falſum 55½ (Pretzner), Moloch 51 (Raſtenberger), Grenzſchutz 51
ſolckermann) und Kili 48 (Tarras) für das Rennen in Bereitſchaft, das
Augias gegen Staffelſtab und Fundin gewinnen ſollte. Magdeburg
bietet auch am Sonntag ein ſtark beſetzes gemiſches Programm, das in=
tereſſanten
Sport verſpricht. In Weſtdeutſchland ladet Horſt=Emſcher
zur Gaſte, in Oſtdeutſchland Königsberg. In Mailand gelangt der
Große Preis von Mailand, leider ohne deutſche Beteiligung zur Ent=
ſcheidung
, und in Budapeſt das ungariſche Derby. Die Pauſe im Ber=
liner
Galoppſport füllen die Traber in Ruheleben aus, die jetzt ſogar
dazu übergegangen ſind, neun Rennen auszuſchreiben. Im Mittel=
pmkt
ſteht die Berolina für 3= bis 5jähr. inländiſche Pferde über 2800
Meter. Weiterhin iſt der Sulky noch in München=Daglfing in Be=
vegung
. Der
Radſport
iſt durch den Konflikt zwiſchen VDR. und DRV. noch immer brachge=
ſegt
, aber ſchon in acht Tagen iſt mit der beſtimmten Abhaltung von
Berufsradrennen zu rechnen gleichviel, welchen Ausgang die Verhand=
lungen
nehmen werden. Gut beſetzte Amateur=Bahnrennen ſind in
Dortmund und Frankfurt a. M. vorgeſehen. Das Programm der
Straßenfahrer ſieht folgende Veranſtaltungen vor: Rund durch
Tachſen über 300 Kilometer in Leipzig (SRB.), Großer Induſtrie=
Straßenpreis in Paſina über 210 Kilometer, Askania=Preis in Zerbſt
über 125 Kilometer (DRU.) ſowie BerlinRheinsbergBerlin über
125 Kilometer und die Rundfahrt durch Oberſchleſien über 244 Kilome=
er
in Hindenburg für Bundesmitglieder. Im
Automobilſport

ind zwei Veranſtaltungen von überragender Bedeutung zu verzeichnen,
die 24 Stundenfahrt im Taunus, und die Mitteldeutſche Zuverläſſig=
keitsfahrt
, die am Sonntag in Magdeburg ihren Abſchluß findet. Die
Oeſterr.=ungariſche Tourenfahrt die am 14. Juni in Budapeſt begon=
nen
hat, wird gleichfalls in Wien abgeſchloſſen. Den Motorradfah=
ur
dürfte die Bergprüfungsfahrt auf den Feldberg, der Große Motor=
radpreis
von Norddeutſchland, der durch den Klub Braunſchweiger Mo=
rradfahrer
für DMV.=Mitglieder zum Austrag kommt, die Rennen
auf der Weißenſeer Bahn, die Märkiſche Rundfahrt über 323 Kilometer
und die Wanderfahrt durch Brandenburg am meiſten intereſſieren.
Ir der
Leichtathletik
herrſcht Hochbetrieb. Das Internationale der S.V. Siemens=Berlin
bringt eine Reihe guter Athleten mit Vertretern von Hakoah=Wien zu=
ammen
. Zu den von Viktoria 96=Magdeburg ausgeſchriebenen Wett=
ämpfen
entſendet der Sportverein Brandenburg ſeine erſte Rennmann=
ſchaft
, der S. C. C. zahlreiche Damen. Die Spielvereinigung Leipzig
bringt im Rahmen eines großen Sportfeſtes den Lauf Quer durch
Leipzig über 15 Kilometer zum Austrag, der zahlreiche Vertreter aus
illen Teilen Deutſchlands, beſonders aber aus Berlin, am Start ſehen
wrd. Houben und Bedarff, die deutſchen Meiſter im Kurz= und Lang=
meckenlauf
, gehen in Kopenhagen an den Start. Im
Handball
nkereſſiert die zweite Zwiſchenrunde zur Meiſterſchaft der DSB. in
Hagen zwiſchen Sportfreunde=Breslau und Hagen 05. Aus dem
Brogramm des
Fußball
een die Geſellſchaftsſpiele zwiſchen der Städteelf von Haag und
ſen 99 Schwarz=Weiß in Eſſen, DFC.=Prag gegen Chemnitzer BC.,
NTK.=Budapeſt gegen Bremer Sportverein und der Länderkampf
ſiegyptenOeſterreich in Wien regiſtriert. Das Hauptereignis im
Ruderſport
ßt die Große Grünauer Regatta, die am Samstag begonnen hat, und
Imter den zehn Rennen des Sonntags ſo wichtige Prüfungen wie Kai=
ZeVierer, Doppelzweier v. St., Gaſt=Vierer, Verbands=Achter und
9rünauer=Vierer aufweiſt. Die 12. Regatta des Mittelrheiniſchen

Regatta=Verbands in Koblenz, die ſich gleichfalls über zwei Tage er=
ſtreckt
, ſieht die beſten Mannſchaften aus Süd= und Weſtdeutſchland im
friedlichen Wettſtreit. Das Betätigungsfeld der Ruderer iſt damit
aber noch nicht erſchöpft. Auch in Stuttgart, Küſtrin, Calbe finden
Kämpfe ſtatt. Auf der Jſar zwiſchen Tölz und München wird die
4. Deutſche Faltbootregatta abgehalten. Die
Schwimmer
ſind in großer Zahl in Leipzig verſammelt, wo die auf zwei Tage ver=
teilten
, verbandsoffenen Wettkämpfe von SC. Poſeidon V.f.B. vor
ſich gehen. Die Elite der deutſchen Schwimmer gibt ſich hier ein Stell=
dichein
. Unſere beſten
Tennis=
ſpieler
weilen in Köln beim Turnier des dortigen Tennis=Turnier=
Klubs. Froitzheim, Hannemann, Kreutzer, Rahe, H. Kleinſchroth,
Demaſius, Kupſch, Fr. Friedleben, Frl. Weihermann, Fr. Neppach,
Fr. Kaeber uſw., um nur einige Namen zu nennen, ſtehen ſich hier ge=
genüber
. Die Reichshauptſtadt ſteht im Zeichen der Turn=
und Sportwoche, die im Vorjahre von Oberbürgermeiſter Böß
mit ſo gutem Erfolg ins Leben gerufen wurde.

Fußball.

Sportvereinigung 04 Arheilgen.
Für den heutigen Tag hat die Sportvereinigung anläßlich des
Wjährigen Beſtehens die Ligamannſchaft von Phönix Karlsruhe ver=
pflichtet
. Phönix in kompletter Aufſtellung bietet Gewähr für erſt=
klaſſigen
Fußball. Dem Spiel voraus geht ein Verbandsſpiel der an füh=
render
Stelle ſtehenden Liggerſatzmannſchaft gegen die gleiche von
Sandhofen. Die Einweihung des Gefallenen=Gedenkſteins erfolgt um
½10 Uhr auf dem Sportplatz.
Internationale Fußballregeln.
Der International Board, die oberſte internationale Behörde für
die Ausarbeitung und Beaufſichtigung der Fußballreglements, tagte in
London unter dem Vorſitz von Pickford (England) Die von Schott=
land
vorgeſchlagenen Abänderungen bezüglich der Arbeitsregeln wurden
zum Studium an die nationalen Verbände verwieſen. Der Wettſpiel=
Paragraph 13 wurde dahin präziſiert, daß ein Wettſpiel vom Schieds=
richter
nur unterbrochen werden kann, wenn eine ſchwere Verletzung
eines Spielers vorliegt. Bei leichten Zwiſchenfällen ſoll künftig keine
Spielunterbrechung mehr erfolgen. Die Spieler ſind berechtigt, vom
Schiedsrichter die Motive ſeiner Entſcheidungen zu erfragen, dagegen
darf über die Antwort nicht diskutiert werden. Eine der wichtigſten
Aenderungen wurde hinſichtlich der Corner=Regel beſchloſſen. Ein
künftig durch direkten Schuß vom Cornerflag aus erzieltes Tor wird
anerkannt. Bisher mußte ein Eckball zuerſt von einem Spieler be=
rührt
werden, ehe ein Tor auf Eckball anerkannt wurde. Die betref=
fenden
Entſcheidungen werden den Verbänden ſofort zur Kenntnis
gebracht.
Berufsſpielertum in Oeſterreich.
Die großen Wiener Vereine ſind in einer Beſprechung übereinge=
kommen
, den derzeitigen Pſeudo=Amateurismus aufzugeben und ſich
ehrlich und offen zum Berufsſpielertum zu bekennen. Es ſoll allerdings
eine Uebergangszeit geſchaffen werden, in der in der Liga ſowohl
Amateur= wie Profeſſional=Mannſchaften ſpielen dürfen. Gleichzeitig
wurde beſchloſſen, die Gagen, die die Spieler erhalten dürfen, nach oben
und unten zu limitieren. Als Höchſtgrenze wurde fünf Millionen
Kronen (300 Mark) monatlich angeſehen. Nun wird der Verband dazu
Stellung nehmen müſſen.

Beginn der Hamburger Derbywoche.
Bis zur Mittagszeit war das Wetter heiß und ſchwül. Dann reg=
nete
es ſich nach einem kurzen Gewitter richtig ein, aber erſt nach Be=
ginn
der Rennen, ſodaß der Beſuch durch das Wetter nicht beeinträch=
tigt
werden konnte. Trotzdem wies die Bahn nicht die erwarteten Maſſen
auf. Sportlich hielt der Eröffnungstag, was er verſprochen hatte, be=
ſonders
die beiden Handicap intereſſierten in hohem Maße. Im Ulrich
von Oertzen=Rennen, führte Barde in ſchaufer Fahrt vor Anmarſch,
Augias und Hexenmeiſter II. Im Horner Bogen ging der Weinberger
auf den zweiten Platz vor Anmarſch und ſchritt Mitte der Geraden
zum Angriff auf Barde. Der Pergoleſeſohn mußte energiſch aufgerüt=
telt
werden, gewann aber leichter, als es für das Auge ſchien. Für
dieſen Sieg hat Augias im Großen Hanſa=Preis zwei Pfund mehr
zu tragen. Er ſteht hier vor einer bedeutend ſchweren Aufgabe. Den
Eilbecker Ausgleich gewann Humboldt, den moraliſchen Sieger hat man
aber in dem dreijährigen Aigilolf zu ſehen, der viel Boden gutmachen
mußte und in der Geraden zu ſpät freie Bahn fand. Felſenroſe beſetzte
den dritten Platz vor dem gut gelaufenen Mazeppa. Im Jugend=
Rennen bereitete der hochgehaltene Weiler Hermoder feinen zahlreichen
Anhängern eine Enttäuſchung. Der Fervgſohn lief noch ziemlich grün
und wechſelte mehrfach die Beine. Der Seger Nemen v. Gulliver II.,
Nona, iſt ſicher ein früh fertiges Pferd. Die Reſultate: Eröff=
nungs
=Rennen 5000 Mark. 1200 Meter: 1. Stall Halma’s
Licht=Alberich (O. Schmidt), 2. Schirmherr (Kaſper), 3. Leiſtung
(Huguenin. Tot.: 34, Pl. 10, 10, 10. Ferner: Tamara (4), Cyane,
Maimond, Aiſha. 34½ Lg. König Midas=Rennen.
6000 Mark. 1800 Meter: 1. Baldauf’s Miſty Bridge (Olefnik), 2. Pik=
dame
(Torke), 3. Escorial (O. Schmidt). Tot.: 71, Pl. 12, 12, 11. Ferner:
Gnadenfriſt, Train, Wackerbart, Llewelyn. 1Kopf. Eilbecker
Ausgleich. 6000 Mark. 1400 Meter: 1. Geſt. Starpel’s Humboldt
(Blume), 2. Eigilolf (Jentzſch), 3. Felſenroſe (Huguenin). Tot.: 86,
Pl. 28, 32, 29. Ferner: Mazeppa (4), A:Dalk, Sapientia, Kiuma, Trajan,
Heimartreuer, Rüſtung, Salas y. Gomez, Tingel Tangel, Herzig. Kopf
Sſ. Lg. Ulrich v. Oertzen=Rennen. Ehrenpreis und 15000
Mark. 1600 Meter: 1. v. Weinberg’s Augias (O. Schmidt), 2. Barde
(Teichmann), 3. Anmarſch (Terke). Tot.: 10, Pl. 10, 13. Ferner:
Hexenmeiſter II. ½3 Lg. Jugend=Rennen. 5000 Mark.
1000 Meter: 1. Stall Kohls Namen (Franzke), 2. Hermoder (Oleinik),
3. Marzellus (F. Kaſper). Tot.: 71, Pl. 19, 13. Ferner: Aarau, Caro
Bube. ½3 Lg. Hammonia=Ausgleich. 8000 Mark. 2400
Meter: 1. Stall Kohls Vergleich (Blume), 2. Sonnenkönig (Tarras),
3. Eigilbert (Raſtenberger). Tot.: 114, Pl. 25, 71, 17. Ferner: Baju=
ware
(4) Sanguiniker, Lorenzo, Rotdorn, Caſſiopeja, Perſieus, General,
Ilſen, Chere Cherry. 21 Lg. Hannibal=Rennen. 6000
Mark. 1600 Meter: 1. Stall Halma’s Hannar (Raſtenberger), 2. Bardes
Bruder (Oleinik), 3. Olifant (H. Müller). Tot.: 29, Pl. 15, 25. Ferner:
Palamedes, Kardinal II., Eichkatze. 1½1½4 Lg.
Mannheimer Juli=Pferberennen.
Bei dem neu einzuführenden Sommer=Meeting in Mannheim läßt
ſich ganz verlockend für die Nennſtälle der zweite Renntag (Mittwoch,
16. Juli) an, der als Pfälzer Weinorte=Renntag bezeichnet wird, da
in allen 7 Rennen Gruppenſtiftungen aus den vornehmſten und erleſen=
ſten
Weinſortiments von der ſonnigen Mittelhardt gegeben ſind, durch
Weingüter, Winzerkreiſe, Winzergenoſſenſchaften und Winzervereine ge=
ſtiftet
. Es gibt wohl kein erleſenes Wachstum, das unter den angeführ=
ten
ſtolzen Namen fehlt. Dieſe guten Tropfen für den Beſitzer des Sie=
gers
ſind mehrfach außerdem auch dem Beſitzer des zweiten Pferdes und
einmal ſogar (im Preis von Deidesheim) dem Beſitzer des dritten
Pferdes zugedacht. Dieſer originelle Gedanke, zugleich mit den Pferde=
rennen
auch eine Propaganda für die edelſten Gewächſe unſever pfäl=
ziſchen
Heimar zu verbinden, wird ſeine Wirkung ſicherlich nicht verfehlen,

Radfahren.

Zum Bundestag in Frankfurt a. M.
Das größte bisher in Deutſchland abgehaltene Sportfeſt, die Rad=
fahrer
=Sportwoche und Bundestag in Frankfurt a. M. (31. Juli bis
10. Auguſt 1924), zu welchem auch das Ausland eine Reihe Meldungen
abgegeben hat, wird unſerem Vernehmen nach um eine Anzahl wei=
terer
ſportlicher Senſationen vermehrt. Die Leitung pflegt zurzeit
Unterhandlungen mit den Box= und Fußballverbänden, um die deut=
ſchen
Meiſter dieſer Sportarten zu Kämpfen gegen erſtklaſſige Gegner
zu gewinnen.

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25

[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Sonntag, den 22. Juni 1924.

Rummer 122.

Ein raſendes Männchen die glühende Sonne,
Der Erde ſie blinzelt in glänzendem Kleide,
Mitgeriſſen als Weib in firahlender Wonne,
Stets die Erde hübſch tanzt in herrlichſter Weiſe.

Es ſehen die Menſchen mit Staunen das Wunder,
Die Muiter gekleidei zur Freude von Allen,
Kopf und Füße ſchneeweiß den Buſen viel bunter,
Umarmt von dem Gatten ſanft fliegt ſie im Lachen.

Sie rufen: ach Kinder, verſöhnt euch doch baldigſf,
Ihr lebt doch wahrhaftig in geiſtiger Fülle,
Sanft reicht euch die Hände, ihr ſeid doch gewaltig,
Oen Teufel zu verbannen, zu leben im Himmel.

Wer leben will einig wie Sonne und Erde,
Der kaufe bei Hörr ſich die ſtrahlenden Kleider,
Mit ihm lacht das Weibchen, denn dann ſeine Ehre
Erweitert er mächtig zur Liebe von Beiden.

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Ke

In der Strafſache gegen den Phi=
lipp
Abel und drei Genoſſen in Darm=
ſtadt
, wegen Aufruhrs uſw. hat das Be=
zirksſchöffengericht
des Landgerichts in
Darmſtadt am 8. Mai 1924 für Recht
erkannt:
Der Angeklagte Abel wird wegen
Auflauf und wegen Beleidigung, vorge=
ſehen
durch 88 116, 185, 196, 200 St. G. B.,
zu einer Geſamtgefängnisſtrafe von 6
Wochen verurteilt.
Der Angeklagte Haller wird wegen
Beleidigung, vorgeſehen 88 185, 196 200
St. G.B., zu einer Geldſtrafe von achtzig
Goldmark oder zu zwanzig Tagen Ge=
fängnis
verurteilt.
Den Beleidigten Hilfsw. Rexroth, dem
Oberw. Schneider, Hilfsw. Hartmann
bei der heſſ. Schutzpolizei Darmſtadt
wird die Befugnis zugeſprochen, den ent=
ſcheidenden
Teil des Urteils, ſoweit es
ſich auf die Beleidigten bezieht, binnen
vier Wochen nach Rechtskraſt durch je
einmaliges Einrücken im Heſſ. Volks=
freund
und Darmſtädter Tagblatt auf
Koſten der Angeklagten öffentlich bekannt=
zumachen
.
Die Richtigkeit der auszugsweiſen Ab=
ſchrift
der Urteilsformel wird beglaubigt
und die Vollſtreckbarkeit des Urteils be=
ſcheinigt
.

Darmſtadt, den 24. Mai 1924.

gez. Unterſchrift.
Gerichtsſchreiberd. Bezirksſchöffengerichts.

Abſchrift!

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In der Strafſache gegen den Phi=
lipp
Schmidt und 8 Genoſſen von Darm= /Wohn. in ſüdl. Stadt=
ſtadt
wegen Auflaufs uſw. hat das Be=
zirksſchöffengericht
in Darmſtadt am
14. Mai 1924 für Recht erkannt:
Die Angeklagten uſw.
1. Wilhelm Thier, geb. am 5. Juli
1906 zu Dieburg, Arbeiter in Darm=
ſtadt
, ledig;
2. Johann Bajus, geb. am 21. Juni
1869 zu Syrakuſe, Nordamerika, Tag=
löhner
in Darmſtadt, verheiratet, vor=
beſtraft
,

werden verurteilt:
Thier, wegen Beleidigung nach 88 185,
196, 200 St. G. B. zu einer Geldſtrafellein zu verm. (augen
von achtzig Mark, im Uneinbring=
lichkeitsfalle
mit zwanzig Tagen

Gefängnis zu verbüßen;
Bajus, wegen Beleidigung nach 88 185,
196, 200 St. G. B. zu einer Geldſtraße
von hundert Goldmark, im Un=
einbringlichkeitsfalle
mit 25 Tagen
Gefängnis zu verbüßen.
Die Angeklagten haben die Koſten
HI.
des Verfahrens zu tragen.
Den Beleidigten Wachtmeiſter Ri=
chard
Schmidt, Zehfuß und Keil! der heſſiſchen Schutzpolizei und
dem Polizeiwachtmeiſter Schlipf
wird die Befugnis zugeſprochen, den
entſcheidenden Teil des Urteils, ſo=
weit
er die Beleidigung betrifft, bin=
nen
einer Woche nach Zuſtellung einer
Ausfertigung drei Tage lang durch
Aushang am Nathaus in Darm=
ſtadt
und einmalige Veröffentlichung
im Darmſtädter Tagblatt und im
Volksfreund auf Koſten der weger
Beleidigung Verurteilten öffentlich
bekanntzumachen.
Die Richtigkeit der Abſchrift der Ur=
teilsformel
wird beglaubigt und die Voll=
ſtreckung
der Urteile beſcheinigt. (8138
Darmſtadt, den 22. Mai 1924.
gez. Unterſchrift
Gerichtsſchreiber d. Bezirksſchöffengerichts

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Kaufmann in Darmſtadt, Herbert Over=
mann
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Der Gefellſchaftsvertrag iſt am 26. März
1924 feſtgeſtellt. Sind mehrere Geſchäfts=
führer
beſtellt, ſo wird die Geſellſchaft
durch je zwei Geſchäftsführer oder durch
einen Geſchäftsführer und einen Proku=
riſten
vertreten. Jeder der Geſchäfts=
führer
Guſtav Büſcher und Herbert Over=
mann
iſt berechtigt, die Geſellſchaft alleit
zu vertreten. Die Geſellſchafter Guſtav
Büſcher in Darmſtadt und Herbert Over=
mann
in Frankfurt a. M. bringen auf
ihre Stammeinlagen, jeder zur Hälfte,
das Geſchäftsinventar des von ihnen
bisher zur Vorbereitung der Gründung
betriebenen Radio=Ingenieur=Büros, zum
angerechneten Werte von 950 Goldmark,
in die Geſellſchaft ein. Die Bekannt=
machungen
der Geſellſchaft erfolgen nur
durch den Deutſchen Reichsanzeiger.
Darmſtadt, den 14. Juni 1924.
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[ ][  ][ ]

Nr. 24, Sonntag,/ 22. Juni 1924
Deutſche Gegenwartsſchriftſtellerinnen
Von Dr. Ella Menſch.
Jgna Maria.
Unter dieſem Decknamen ſind in den Jahren nach Deutſch=
ands
Erniedrigung ſchon verſchiedene Bücher einer jungen
rankfurter Schriftſtellerin hinausgegangen, die ſämtlich den
arken Wirklichkeitsſinn der Verfaſſerin nebſt ethiſchem Einſchlag
hne tendenziöſe Aufdringlichkeit bekunden. An den Roman Die
chs Matthies ſchließt ſich Georg Freiberg an ( Aſchen=
orf
, Münſter i. W.), ein Entwicklungsroman, in dem deutſche
haraktertüchtigkeit ſteckt. Wir verfolgen mit Teilnahme die Lauf=
ahn
eines jungen Dörflers, des Sohns eines philoſophiſch ver=
nlagten
Schäfers, der ſich durch eiſernen Fleiß und unermüd=
chen
Ehrgeiz zum Erfinder=Ingenieur und Teilhaber einer
Zeltfirma emporarbeitet. Dabei bleibt dieſem Georg Freiberg,
er auch ſeine dunklen Stunden durchpilgern muß, alles ſern,
as nach Strebertum ausſchaut. Die erſte Hälfte des Buches,
welcher uns die ſtillen, ſchlichten Menſchen aus Georgs Hei=
natsdorf
umgeben, wirken wie wenn man die friedliche Beſchau=
ſchkeit
einer Reihe Hans Thomaſcher Bilder in ſich hineinzieht.
ann wird der Schauplatz bewegter. Die Geſtalten drängen ein=
ader
, Beziehungen, auch zärtlicher Natur, knüpfen ſich und
verden wieder gelöſt, ohne daß jedoch der Held ſein Ziel aus
en Augen verliert oder ſich mit einem nicht wieder zu ſühnenden
(nrechte belaſtet. Die Frauen, die Georg Freibergs Lebensweg
leuzen, ſind in feſten Umriſſen geſchaut, am deutlichſten tritt die
ngendgefährtin Georgs, die tapfere und entſagungsmutige Ka=
arina
hervor. Und ihr zunächſt feſſelt den Leſer die Ziehmutter
teorgs, das wie aus einem Dürerſchen Holzſchnitt heraus=
hauende
treue liebe Altjungferngeſicht der Lina Damm. Jgna
karia hat in dieſem Roman ihre Begabung für das Volks=
uuch
erbracht.
Emmy Hardt.
Sie ſchreibt aufregend, dieſe der jüngeren Generation an=
thörender
Berliner Fabuliſtin, und ihre Stoffe, ob nun aus dem
ſorden oder dem Weſten Berlins bezogen, bergen in ſich ſchon
en Zündſtoff für Kataſtrophen. Man kann ſagen: Emmy Hardt
ihrt da fort, wo Paul Lindau aufgehört hat. Ihr Tempo aber
entſchieden beſchleunigter als das des Verfaſſers von Arme
üDchen und Zug nach dem Weſten Angelegentlich beſchäf=
1 Emmy Hardt das Schickſal der Mädchen aus engen, gedrück=
z
Verhältniſſen, die hochkommen wollen und auf dem Pflaſter
er Weltſtadt das Glück ſuchen, wie der Zufall es ihnen gerade
ergegenträgt. Herz und Gemüt werden von dieſen Glücksſuche=
nnen
als überflüſſiger Ballaſt empfunden. Aber es kann trotz=
im
geſchehen wie in dem Roman Satanella, daß die Hel=
m
, die ſkrupellos die Lebensleiter emporgeſtiegen iſt, die Liebe
u) Treue und alles, was damit zuſammenhängt, als Torheit
erlacht hat, zuguterletzt ihr Herz entdeckt und es an einen
uwen, jungen Menſchen hängt, der nichts damit anzufangen
eiB. Dieſe demütigende Enttäuſchung überliefert Satanella, die
roße Egoiſtin, dem Selbſtmord.
In den Romanen Maienſünde und Möblierte
kirnmer trägt der Mann die Koſten des Spiels, der ehrliche,
ter herzige kleine Beamte, der einem auf Genuß und Luxus ein=
eſtellten
Geſchöpf ein ſchlichtes bürgerliches Heim geboten hat,
un die Erfahrung zu machen, daß die Ehefrau über ſein Daſein
hnweg aus dieſen Wänden hinausſtrebt. Möblierte Zim=
ger
bietet zugleich eine mit ſicherer Hand entworfene Sitten=
ſdie
aus dem modernen Babel.
DDie Trachtenbewegung in der Schweiz

Wie bei uns in Deutſchland, hat auch in der Schweiz ſchon
ſ Vorjahre eine Beſtrebung eingeſetzt, das Tragen alter, ſchöner
ſolkstrachten wieder einzuführen. Eine vom Verein junger
kürdnerinnen gegründete Trachtenzentrale unterſtützt dieſe
Eeſtrebung durch Ratſchläge, Zeichnungen, Vermittlung von
Eoffen, Schnittmuſtern uſw. Das in dieſem Jahre in Truns
hrgeſehene 500jährige Jubiläum des Grauen Bundes wird die
enjinſchte Gelegenheit bieten, die Fortſchritte der Trachten=
bwegung
ſowohl in einem geplanten großen Feſtzuge, wie auch
G
Kinder
Dicht drängten ſich 3 Buben zwiſchen 7 und 3 Jahren um
ba Seſſel der Mutter, um das Schweſterchen zu beſehen, das
yn die Mutter heute aus der Klinik mitgebracht hatte.
Mutti, ſagte Dieter, der Jüngſte, das Schweſterchen darf
ſute mal mit meinem Baukaſten ſpielen. Gelt, da freut ſich
18s Schweſterchen, wenn ich ihm das ſage. Komm! ermunterte
packte das kleine Aermchen und wollte das Schweſterchen mit
ſy ziehen.
Halt, Dieterle, wehrte die Mutter, ſpielen kann das
Ehwweſterchen noch nicht. Und ſo feſt anpacken darf man es auch
ihr. Du zerbrichſt es ja.
Zerbrechen? Kann man es denn kaput machen? Aengſt=
h
ſchaut der dicke Mann aus ſeinen großen blauen Augen das
unzige Ding auf Mutters Schoß an.
So ſchlimm iſts nicht tröſtet die Mutter. Guck, ſo muß
ain ’s machen. Sie nimmt das Knaben Hand und ſtreichelt da=
it
ſachte des Schweſterchens Geſichtlein.
Mutti, greift hier Uli, der zweite, ein, doch kann man das
Ehweſterchen kaput machen. Nämlich, wenn man eine Axt
Unmt und draufhaut, da iſt’s kaput. Ja! bekräftigt er, als er
)* Mutter entſetzten Blick ſieht.
Weißt du, Mutti, erklärt nun Peter, der älteſte der Drei,
5hab jetzt, wie du weg warſt, dem Uli gezeigt, wie ich mit der
11 Holz hacke, damit er mir helfen kann. Da iſt ihm jetzt die
1t noch was Neues und er meint, er muß immer davon reden.
Aer dem Schweſterchen tut er doch nichts damit, gelt Uli? Und
bin ja auch da und werd ſchon aufpaſſen. Ueberhaupt, Uli,
Axt gehört in den Holzkeller und ſonſt nirgends hin; du darfſt
nie mit heraufbringen ins Kinderzimmer, hörſt du?"
Mit zuſtimmendem Nicken nimmt Uli die Belehrung ent=
ſgeri
. Trotz des nur geringen Altersunterſchiedes iſt Peter für
: unbedingte Autorität.
Peter hat ſich wieder dem Schweſterchen zugewandt. So ſieht
nicht mehr den warmen Blick der Mutter, der nachdenklich,
ſet dankbar, auf ihm ruht. Ihr Peter, ihr Aelteſter! Faſt
Feund iſt er ihr geworden, ſeit der Vater durch ſeinen Beruf
ſelten nur zu Hauſe ſein kann; ihr Troſt geworden in Stun=
i
der Angſt und Traurigkeit, Hilfe im Haushalt und bei den
diei kleinen Brüdern. Er wird auch wachen über der kleinen
Prothea; ſie iſt deſſen gewiß. Leiſe ſtreicht ſie über ſeinen blonden
Rcke nkopf. Die Berührung weckt ihn aus ſeiner Verſunkenheit.
Sag, Mutti, hat das Schweſterchen auch Beine und einen
lb wie wir? Und warum hat es immer die Augen zu, und
ram ſpricht es gar nicht? Eine vage Erinnerung iſt in ihm,
13 Die Mutter ſchon einmal weggegangen war, um das Sc.

Wenn im Alte die Tage verfließen,
Iſt’s, wie wenn Vögel im Dämmer verſchweben.
Aber auch leichter wird dann das Leben.
Wie ein Krug, den wir ausgießen.
Frida Schanz.

Reangannnnnndonnnne
in einer Reihe Feſtlichkeiten zu zeigen, in denen alte Sitten und
Gebräuche des Grauen Bundes vorgeführt werden. Auch der
bündneriſche Heimatſchutz nimmt ſich in befonderer Weiſe der
Trachtenbewegung an und hat kürzlich eine Sammlung zu dieſem
Zwecke veranſtaltet, deren reicher Ausfall jenen Trachtenbeſtre=
bungen
zugute kommen ſoll, die in beſonderer Weiſe die vater=
ländiſche
alte Landestracht wieder zu erneuter Geltung
bringen.
Babetiche in der Schul
(Oberheſſiſch.)
Lehrer: Babettche kannſt du mir wohl ſagen, wo der liebe
Gott wohnt.
Babettche: Ich waaß net.
L.: Wohin blickſt du dann, wenn du nach oben ſiehſt?
B.: An die Deck.
L.: Ja aber, was iſt denn über der Decke.
B.: Da is die Schlafſtub.
L.: Nun und was iſt über der Schlafftub?
B.: Da is widder e‟ Deck.
L.: Wieviel Decken ſind denn bei Euch?
B.: Soviel wie mer Zimmer habbe und dann habbe mer aach
noch a Bettdeck und e Tiſchdeck de Sonndaagh.
L.: Befinn dich Babettche wann du draußen ſtehſt, wo blickſt
du dann hin?
B.: Ei, in die Bääm.
L.: Nun, und was iſt denn über den Bäumen?
B.: Ei da tue die Veeſchelſcher flieſche.
L.: Nun, ich will einmal anders fragen, wo ſteht denn die
liebe Sonne?
B.: Im Leſebuch uff de zwaat: Seit.
L.: Nun, ich meine die Sonne draußen, die ſo ſchön ſcheint,
wo ſteht dann die?
B.: Ei, in de‟ Luft.
L.: Ich will anders fragen, Babettche. Was kannſt du mir
für Farben ſagen?
B.: Schwatz.
L.: Weiter.
B.: Grien.
L.: Gut, weiter.
B.: Geel.
L.: Richtig. Und was gibt es noch für Farben?
B.: Weiter gibts kei Fab.
L.: Aber beſinne dich, Babettche, es gibt noch eine ſchöne
Farbe, die du alle Tage ſiehſt, wenn du zur Schule gehſt?
B.: Ei, braun.
L.: Warum braun?
B.: Ei de Ranze von unſer Lisbeth.
L.: Nun, und was haſt du denn noch im Auge, wenn du
zur Schule gehft?
B.: Ei, de Schlaf de Moind. (Morgens.)
L.: Aber Babettche, wer iſt es denn, der dich im Schlafe
behütet und an den du denkſt, wenn du ſchlafen gehſt?
B.: Ei, unſer Lisbeth; mir ſchlafe zuſamme.
L.: Nein, Babettche, das iſt der liebe Gott, und nun weißt
du doch wo der wohnt?
B.: Ei, in unſer Schlafſtub.
L.: Nein, nein entſinne dich einmal, du kennſt das Wort
ganz genau Hi hi hi
B.: Ei, in der Hinnergaß? Da müßt ich in doch kenne, da
wohne mir ja.
L.: Nun, Babettche ſchäme dich, die anderen Kinder
werden es jetzt dir ſagen. Wer weiß von euch wo der
liebe Gott wohnt?
Alle: In de Kerch!
Elſa von der Lich.

Darmſtädter Tagblatt

Ferien in Sicht
Die Geldknappheit zwingt leider viele Familien, die ſich den
ganzen Winter über ſchon auf die Ferien gefreut hatten, zum
Verzicht auf dieſe. Es wird ihnen nicht leicht. Bewahre. Dazu
ſind wir zu ſehr abgeſpannt und durchaus erholungsbedürftig,
wenn es uns auch keiner von unſeren Verwandten und Bekann=
ten
ſo recht anſieht.
Was nun tun? Nichts! erwidern voll Bitterkeit die einen,
während die anderen jener genoſſenen Erholungsſtunden ge=
denken
, da ſie eigentlich vor= und nachher doppelte Arbeit zu
verrichten hatten, um ihrer Familie das gewohnte Behagen zu
verſchaffen und ſie für die kritiſchen Tage des Aufenthaltes am
fremden Orte erſt würdig vorzubereiten und hinterher das ſtark
Verbrauchte, durch Sonne Verblaßte und Ausgezogene an Klei=
dungsſtücken
nochmals zum Tragen in erneuertem Glanze für den
Reſt des Sommers neu vorzurichten. Dieſe Hausfrauen unter
uns, die für eine größere Anzahl Familienglieder vorzubereiten
hatten, ehe die eigentliche Sommerreiſe angetreten wurde, ſind
im Grunde ihres Herzens nicht einmal allzuſehr enttäuſcht, daß
aus der geplanten diesjährigen höchft wahrſcheinlich nichts werden
wird. Dann gehen wir eben recht oft hinaus ins Freie und be=
ſuchen
bald dieſes, bald jenes Gartenlokal, in dem wir ebenfalls
ſtundenlang Erholung finden können. So ſagte mir kürzlich
eine Bekannte, als wir dieſes leidige Ferienthema ſeufzend be=
ſprachen
. Was ich ihr erwiderte, möchte ich aber auch hier wieder=
holen
. Nein, dieſen Sommertags= und Feriengenuß kann ich
nicht als Erholungsaufenthalt anſehen. Der Zwang des Still=
ſitzens
, das Taſſen= und Gläſergeklirr, das nicht endenwollende
Stimmengewirr, Kinderjubel und =Geſchrei rings um uins her,
dem wir ſtundenlang beim Sitzen in ſolchem Lokal ausgeſetzt
ſind macht uns erfahrungsgemäß abgeſpannter und erholungs=
bedürftiger
, als wir dieſen Ausflug antraten. Ich weiß mir denn
doch etwas Beſſeres an deſſen Stelle zu ſetzen und wir haben
ſchon im Vorjahre oftmals die Probe aufs Exempel gemacht,
uns wirkliche Nervenerfriſchung und körperliche Erholung nach
anſpannender und ermüdender Wochenarbeit am arbeitsfreien
Sonntag auf unſere Weiſe zu verſchaffen. Am Samstag,
abends, nach vorangegangenem Bad, wird früh zu Bett ge=
gangen
und am Sonntag, morgens, möglichſt der Sonne ent=
gegengegangen
oder gefahren. Mit Straßen= oder Eiſenbahn,
die letztere noch früher als die andere zu benutzen, wird ein
Stück hinaus ins Land gefahren, wobei abwechſelnd jedes Fa=
milienglied
einmal unter den längſt feſtgeſetzten und aufnotier=
ten
Reiſezielen das ihm beſonders reizvoll erſcheinende wählen
darf. Einfach ſchlichte Kleidung geſtattet jedem Teilnehmer das
Tragen des Ruckſackes, wie das Lagern im Freien auf einem
Raſen= oder Moosteppich, am Waldrande, auf dem Wieſen= oder
Bergabhange, und meiſt finden bald auf dieſen Wanderungen
idylliſche Plätzchen, auf denen wir uns für den ganzen Tag
häuslich niederlaſſen. Hier erhält jeder vollſte Bewegungsfrei=
heit
, ſofern ihm danach gelüſtet. Mit Leſen, mit Handarbeit,
mit einem Spiel oder auch ſchlafend wird die Zeit zwiſchen
den einzelnen Mahlzeiten ausgefüllt, die Kinder und die Jugend
geht gern auf Entdeckungsreiſen aus und ſchließlich mutet man
auch ſeiner Kaſſe einmal die Einkehr in einem ländlichen Gaſt=
hauſe
zu, während ſonſt oberſtes Geſetz iſt, alle erſehnten Gaumen=
genüſſe
dem Ruckſack zu entnehmen, in dem auch alles nötige
zur Bereitung von Kaffee, Tee oder Kakao oder zum Kochen
oder Braten einiger Eier enthalten iſt. Wir haben im Vorjahre
dank dieſer Entdeckungsreiſen in der engeren und weiteren Um=
gebung
unſerer Heimat ſchon vor den Ferien vollſtändig die
Luſt verloren, draußen in mehr oder weniger weiter Ferne un=
bekannten
Naturſchönheiten nachzugehen und hatten im Herbſt,
als uns die rauhere Jahreszeit wieder mehr ans Zimmer feſſelte,
an Hand der flüchtigen Notizen, die wir uns über die einzelnen
Ziele und die dabei gemachten Erfahrungen oder Entdeckungen
gemacht, an Naturſchönheiten zu verzeichnen, wie ſie ſelbſt die
ſchönſten Ferienziele kaum in größerer Abwechſlung bieten konnten.
Vielleicht bieten dieſe meine Erfahrungen mancher meiner
Mitſchweſtern einen Anſporn zu gleichem Tun, zumal ihr und
ihrer Familie dabei die wieder eingeführten, ſtark ermäßigten
Sonntagsfahrkarten, teilweiſe ſchon am Samstag, mittags, an
gültig, Vorſchub leiſten.

ſterchen zu holen. Sie hat aber den Dieter mitgebracht. Doch
wie ganz anders ſieht der Dieter aus als dies winzige Dingelchen
hier mit dem kleinen Geſichtchen, den kohlſchwarzen Härchen, den
dünnen, zum Fäuſtchen geballten Fingerchen. Peter kann die
Sache nicht rund kriegen.
Uli und Dieter iſt das Anſchauen langweilig geworden und
ſie ſind zu ihrem Spiel zurückgekehrt. So kann die Mutter in
Ruhe mit ihrem Aelteſten reden, der immer noch zweifelnd das
Schweſterchen betrachtet. Da ſpitzte das Kleine das Mäulchen,
ſein Geſicht zieht ſich zuſammen in tauſend Fältchen, und gleich
darauf hebt es ein jämmerliches Weinen an. Peter ſchießen die
Tränen in die Augen.
Es hat Hunger, erklärt ihm die Mutter. Sie öffnet ihr
Kleid und legt das Kindlein an die Bruſt, wo es ſofort behag=
lich
zu ſchmatzen beginnt.
Peter ſtaunt faſſungslos dies neue Wunder an.
Mutti, was tut es? Ißt es dich auf?
Nein, Bub, es trinkt.
Was denn?
Milch.
Aber warum trinkt es die denn nicht aus der Taſſe wie wir?
Es ift noch zu klein dazu.
Noch zu klein. Ja, klein, winzig klein iſt es, das Schweſter=
chen
. Noch viel, viel kleiner als Dieter und Uli, die er und Mutti
doch die Kleinen nennen. Ihn nennt die Mutter manchmal
mein Großer, und wenn er erſt groß iſt, wirklich groß, dann
wird er ebenſo groß wie der Vater ſein; das hat ihm die Mut=
ter
verſprochen. War er denn auch einmal ſo klein wie die Klei=
nen
? Etwa gar wie das Schweſterchen? Er weiß ſich noch zu
erinnern, daß er nicht in die Schule gegangen iſt. Damals trug
er den Anzug, den jetzt Uli trägt. Alſo muß er doch ſo groß
oder ſo klein wie Uli einmal geweſen ſein. Aber vorher? Vor=
her
? Gedanken drängen in ihm, für die er keine Worte finden
kann, unvorſtellbare Vorſtellungen. Geradezu ſorgenvoll wird
ſein Kindergeſicht über dem Bemühen, einen Weg zu finden in
dieſem Dunkelen, Unbekannten.
Da ſagt die Mutter: Als du ſo klein warſt wie das Schwe=
ſterchen

War ich das? War ich wirklich einmal ſo klein? In atem=
loſem
Erſtaunen weiten ſich Peters Augen. Und hab auf deinem
Schoß gelegen? Und du haſt mir von dir Milch zu trinken ge=
geben
?
Die Mutter nickt. Wie deutlich ſteht die Zeit vor ihr, als ſie,
ſelbſt noch ein halbes Kind, dies ihr erſtes Kind zur Welt brachte.
Als ſie es zum erſtenmal an ihre Bruſt legte. Faſt nur Naſe war
ſein Geſicht geweſen, und ein paar ernſte blaue Augen, die fra=

gend in die fremde Welt ſahen. Nun ſteht dies ſelbe Kind hier
neben ihr, ein ſchlankes Bürſchlein von ſieben Jahren, und taſtet
ſich mit ſeinen immer noch fragenden Augen heran an das Wun=
der
des werdenden Menſchen.
Aber Mutti, hör, ehe ich auf deinem Schoß lag wo war
ich da? Hab ich da eine andere Mutti gehabt?. Haſt du mich von
der gekauft?
Nein, Peterchen, ich war immer deine Mutti, von allem
Anfang an. Weißt du noch, wie wir im Frühling Samenkerne in
die Blumenkaſten geſteckt haben?"
Und dann ſind die kleinen Pflänzchen herausgekommen?
Meinſt du das, Mutti?
So biſt du auch aus einem Samenkern geworden. Das
Samenkorn hat der liebe Gott in die Mutti hmeingelegt. In der
Mutti iſt es gewachſen, weil ihm die Mutti von allem, was ſie
gegeſſen und getrunken, immer ein bißchen abgegeben hat. Es
iſt gewachſen, bis es ein kleiner Menſch war, ein ganz richtiger
Menſch mit Kopf und Leib und Armen und Beinen und Augen
und Händchen und Härchen und allem. Das hat lange gedauert,
und die Mutti hat oft viele Schmerzen gehabt, wie das kleine
Menſchenkind immer größer geworden iſt. Dann eines Tages hat
der liebe Gott geſagt: Fertig! und hat dem Menſchlein eine Türe
aufgemacht, durch die iſt es herausgekommen ans Sonnenlicht
ſo, wie die Pflänzchen aus der dunklen Erde herausgekommen
ſind. Weißt du nun, woher du kommſt, mein Peterbub?
O ja, nun weiß er es. Gewachſen iſt er aus einem Samen=
korn
, in der Mutti gewachſen und in der Mutti zu einem richtigen
kleinen Menſchen geworden.
Mutti, ſo bin ich ja eir Teil von dir! Wie eine warme
Welle überrieſelt ihn das Bewußtſein ſo inniger Zuſammengehö=
rigkeit
. Seine Augen ſtrahlen.
Ein Teil von dir! wiederholte leiſe die Mutter. Und küßt
ihren Buben.
Das Schweſterchen iſt über ſeiner Mahlzeit eingeſchlafen. Die
Mutter ſteht auf und legt es in ſein Bettchen. In verſonnenem
Träumen geht Peter hinaus in den Garten. Mit Geſchrei be=
grüßen
ihn die Brüder vom Sandhaufen her, und fünf Minuten
ſpäter iſt er ebenſo eifrig wie ſie beim Graben eines unterirdi=
ſchen
Ganges.
Von dem Tag an fand die Mutter allabendlich etwas
auf ihrem Kopfkiſſen: eine Blume, ein Bildchen, eine Vogelfeder,
ein Steinchen oder wenigſtens ein buntes Wollſädchen oder ein
farbiges Papierſtückchen. Warum Peter das tat, hätte er wohl
kaum ſagen könne.n. Sein kleines Herz ſuchte und fand
darin Ausdruck für etwas, für das ſeinem Verſtand noch die
Worte fehlten.
Nck.

[ ][  ][ ]

Nr. 24, Sonntag, 22. Juni 1924

Darmſtädter Tagblatt

K38242

H38245

MMkAtM
109½2/r

*Oas Sommerkleid ohne Aermel
In neckiſcher Laune liebt, es die Mode ſeit Jahren, es
irgendwo an Stoff fehlen zu laſſen, nur eins hat ſie dabei ver=
ſäumt
: die dadurch unbedeckten Stellen des Körpers einer Schön=
heitskontrolle
unterwerfen zu laſſen. Zuerſt kürzte ſie die un=
tere
Rocklänge mehr und mehr und brachte dadurch zwei In=
duſtriezweige
buchſtäblich auf die Beine‟. Nie ſah man vorher
ſo luxuriös und raffiniert ausgeſtattetes Schuhwerk, nie ſo hauch=
feine
Strümpfchen, wodurch natürlich unwillkürlich der Blick nach
unten gezogen wurde. Oft ſehr reizvoll, meiſtens jedoch nein,
meine Höflichkeit gebietet mir Schweigen! Dann folgte die
Freilegung des Halſes, die ſich an Geſellſchaftskleidern im Rücken
ſogar bis zum Gürtelſchluß erſtreckte und beängſtigende Perſpek=
tiven
erweckte. Heute haben wir es mit einer ärmelloſen Mode
zu tun. Nicht nur Ball= und Geſellſchaftskleider, ſondern auch
Haus= und Straßenkleider bieten den ungewohnten Anblick des
ganz entblößten Armes, der bei der Arbeit ſicher praktiſche Vor=
teile
hat. Ein kleiner, mit Kimonoſchnitt angefügter Anſatz,
epaulettartig von der Achſel herabhängende Garniturteile, eine
Glockenfalbel oder die Ausſchnittblende wagen den ſchüchternen
Verſuch, wenigſtens die Armkugel zu decken. Durch dieſe Mode=
laune
iſt wiederum den Handſchuhfabrikanten Gelegenheit ge=
boten
, die Handbekleidung in phantaſtiſcher Weiſe zu geſtalten.
Denn nicht etwa in ganzer Länge wird der Arm bedeckt, nein,
in Erinnerung der Mode in den 70er Jahren, da zum kurzärme=
ligen
Ballkleid der kurze Handſchuh gehorte, trägt auch die Mode=
dame
von heute den kurzen Handſchuh mit angeſetzter Stulpe
aus Wildleder, häufig zweifarbig, im Spitzenmuſter perforiert,
mit Malerei und Stickerei bedeckt. Das Kleid ohne Aermel iſt,
wie vieles andere der heutigen Mode entgegen der ſonſtigen
Regel dem Kinderkleid entnommen, eine Mode, die Selbſt=
prüfung
und Urteilsfähigkeit vorausſetzt, damit nicht böſe Zun=
gen
läſtern können: Man iſt ſo alt, wie man ſich fühlt, aber man
iſt ſo jung, wie man ſich kleidet.
Wie reizvoll die Mode ohne Aermel ſein kann, beweiſen
unſere heutigen Abbildungen, für die Beyer=Schnitte und
Abplättmuſter erhältlich ſind.
Sehr einfach im Schnitt und beſcheiden im Material iſt das
Kleid K 38245, deſſen Garnitur einzig in der verſchiedenen Ver=
arbeitung
des geſtreiften Frottees liegt. Dem glatten Leibchen
ſind nur kleine Kimonoanſätze angeſchnitten. Erf.: etwa 2,75 m
Stoff, 110 cm breit. Beher=Schnitt für 46 cm Oberweite.
Himbeerote Chinaſeide ergibt das durchweg fein pliſſierte
Kleid K 38242, mit dunkelblauem Samtbandgürtel und Glocken=
falbeln
. Erf.: etwa 6,50 m Stoff, 100 cm breit. Beyer=Schnitt
für 46 cm Oberweite.
Das Hängerkleidchen aus lichtblauem Batiſt MK 48111 iſt
mit Säumchen, Handhohlnaht und Madeiraſtickerei geſchmückt.
Erf.: etwa 1,30 m Stoff, 80 cm breit. Beyer=Schnitt für 4 und
6 Jahre.
Zartblaue Ausſchnittſtickerei und Hohlnaht zieren das Kleid
aus korallenroſa Batiſt mit blauer Seidenſchärpe K 58 154. Erf.:
etwa 4 m Stoff, 80 cm breit. Beher=Schnitte für 44 und 48 cm
Oberweite. Beher=Abplättmuſter Nr. 20 478/II 1 m, 20 488/I
6 Stück.
Geſtickter und glatter Schleierſtoff ſind in geſchickter Anord=
nung
für das Kleid K 38 185 verarbeitet, das von einem faltigen
Stoffgürtel umſpannt wird. Erf.: 2,25 m glatter, 2,40 m beſtick=
ter
Stoff, je 100 cm breit. Beher=Schnitt für 46 em Oberweite.
Wo keine Schnittverkaufsſtelle am Ort, ſind alle Schnitte und
Muſter zu beziehen durch Beyer=Schnitte, Leipzig, Rathaus=
ring
13.
Farbige Bordürenſtoffe
für Kleider und Jumper
Beginnt der handgearbeitete, gehäkelte oder geſtrickte Jum=
per
allmählig unmodern zu werden? Faſt will es uns ſo ſcheinen
wenn wir die vielen neuen Modelle dieſer Art, aus Crepe, Maro=
cain
, einfarbig durchgemuſtert oder bordürenartig gewebt, be=
wundern
. Neben naturaliſtiſchen und expreſſioniſtiſchen Motiven
werden außerordentlich viel türkiſche, rumäniſche, ſtreng ägyp=
tiſche
, japaniſche und chineſiſche Muſterungen angeboten. Die
ausgeſprochenen Bordürenſtoffe aber, aus denen auch Kleider
gefertigt werden, beſtehen aus farbigen Uniſtoffen, die einſeitig
mit ein bis zwei Hände breiter Bordüre ausgeſtattet, wie gute
Handſtickereien in Seide oder Wolle ausgeführt ſind, Selbſtredend
erübrigt ſich an Kleidern und Jumpern aus dieſen Geweben
jeder weitere Schmuck. Ganz vereinzelt nur grenzt Kleid oder
Jumper am Hals ein ſchwarzer, ſchmaler Paſpel ab, der dann
zumeiſt mit den Borden harmoniert, da faſt in jeder Muſterung
geri ge ſchwarze Effekte vorhanden ſind.

Weiß=Rot, die große Mode
im kommenden Sommer
Weiß=rot, rot=weiß, ſo marſchierten eine ganze Reihe
höchſt apart gekleideter Mannequins hintereinander auf, um in
einem gelungenen Reigen der Frauenwelt ausgiebig Gelegenheit
zu bieten, die reizvolle Wirkung dieſer beiden Farben nach jeder
Richtung hin feſtſtellen zu können. Bald war der dicht pliſſierte
Rock völlig weiß gehalten, eine lachsfarbige Bluſe, Schoß= oder
Kaſſakform, je nachdem die darüber getragene Jacke halb= oder
dreiviertellang war, zeigte weiße Aermelſchoßanſätze und Gür=
tel
, und die feuerrote loſe Jacke vorn offen, von der Seite ab
nur durch Innengürtel gehalten, weiße Aermelaufſchläge und
einen weißen Vatermörder=Kragen, zu mit rotem Chiffon ver=
kleideter
Hutrand zu weißem Hutkopf mit lachsfarbigen kleinen
Phantaſieblüten. Ein anderes rot=weißes Sommergewand wieder
zeigte eine lange weiße Kaſſakbluſe mit reicher roter Korallen=
ſtickerei
in zwei Schattierungen: lachsfarbig, feuerrot, 3 Zenti=
meter
hoch am unteren Rande, 10 Zentimeter hoch am halb=
langen
, mäßig weiten Glockenärmel, daumenbreit rings um den
kleinen Halsausſchnitt, und eine ſchmale Spange an der mäßigen
ſeitlichen Faltung der Kaſſakbluſe rechts und links auf den Hüf=
ten
. Ein nur 30 Zentimeter ſichtbar werdender blutroter Rock
und eine kurze, loſe flotte Jacke in gleicher Farbe, mit weißer
Perlſtickerei handbreit rings um den Rand wie an den Aermeln
und am angeſchnittenen, hohen, ſtehenden ſchlichten Kragen, dazu
ein roter Hut mit einem Kranz weißer Stiefmütterchen, auf dem
äußerſten Rande mit einer roten länglichen Perle als Blüten=
kelch
, einer langen roten Flatterſchleife rechts ſeitlich, mit weißen
Perlmaſchen an den langen Enden, ſo zeigt ſich das zweite Modell
dieſer Art. Höchſt reizvoll, wenn auch bedeutend einfacher wie
das ſoeben beſchriebene, bot ſich eine dritte weiß=rote Zuſam=
menſtellung
. Der in ziemlich grobe, breite Pliſſeefalten gelegte,
weiß=rot geſtreifte flotte Frotteerock wurde in ſeiner zu breiter
Quetſchfalte geordneten Mitte vom Rockbund her mit fünf ſchö=
nen
, großen, roten Galalithknöpfen rechts und links geſchmückt,
eine darunter getragene rot=weiß bizarr gemuſterte Bluſe aus
bedrucktem Marocain ſtimmte mit ſeinem Hütchen, aus gleichem
Stoff gefertigt, überein, deſſen tiefrote Randunterfütterung und
ſeitliche Schlupfengarnitur wieder mit dem kurzen Sakkojäckchen
harmonierte, das, aus tiefrotem Tuch beſtehend, Aufſchläge und
Stehumlegkragen aus dem Stoff des Rockes aufwies, die wieder
mit den gleichen Knöpfen wie am Rock garniert waren. In
ähnlicher Weiſe, immer völlig übereinſtimmend, gleichviel, ob
zwei= oder dreiteilig gehalten, zeigten ſich auch die anderen weiß=
roten
, überraſchend gefälligen und äußerſt kleidſamen Modelle,
die ſicher das Entzücken unſerer Jungmädchenwelt wie aller
jugendlichen Schönen hervorrufen werden.
E. M.
*Der garnierte Sommermantel
Für die elegante Frau iſt er, dieſer auffallende Neuling unter
ſeinesgleichen, unerläßlich. Wenn kühle Tage eine wärmende
Hülle notwendig machen. Sie wird ihn mehr oder weniger ele=
gant
wählen, je nachdem er als Promenademantel oder Abend=
mantel
getragen werden ſoll. Ob ſie ihn für die Vormittagsſtunden
für Beſorgungszwecke oder für die Mittagsſtunden zum Beſuche=
machen
beſtimmt. Neben Stickereien in buntfarbiger Seide, in Gold=
oder
Silberfäden, mit Belebung durch Perlen, werden neuerdings
außerordentlich viel ſchmalſte Falten und Pliſſees in verſchiedenſter
Breite als Garnitur oder Anſatz an dieſen eleganten Mänteln
verwendet. Bei faſt völliger Faltenloſigkeit der Rückenpartie
und faſt durchweg gerader Form, ſind vorwiegend die Vorder=
teile
von der verlängerten Taille abwärts, mit Falbeln oder
Blenden, eine den Anſatz der anderen deckend, beſetzt, die viel=
fach
noch durch farbige Seiden= Tuch=, Ledervorſtöße oder Paſpe=
lierungen
belebt werden. Pliſſeebeſätze dagegen umgeben zumeiſt
den langen Mantel ringsum in ziemlicher Breite, wenn ſie nicht,
wie an einem beſonders eleganten Modell dieſer Art, einem
feinen ſchwarzen Tuchmantel, der in der Mitte ringsum
den Mantelrand mit feinem Ripsband zuſammengehalten
werden und oben und unten nur ganz wenig dann und wann
gehalten, in Tüten ausfallend, eine Garnitur, die ſich auch an
den ſehr hohen gleichartigen Aermelbeſätzen von feinem Pliſſee
wiederholte, wie an dem Halspliſſee, das rings um den Kopf
mit ſeinen ausfallenden Fältchen nach oben wie ein Stuartkragen,
auf den Schultern wie eine Tollfaltenrüſche wirkte, während das
Ripsbändchen im Nacken zu flatternder Schleife gebunden, den
eigentlichen Stehkragen darzuſtellen ſuchte, der vorn bei mäßig
tiefem Ausſchnitt ebenfalls in einem Schleifchen ausfiel. Die
gleichen Hängeſchleifchen an den Aermeln und rechts und links an
den Seiten des Mantelrockbeſatzes und eine ſehr reiche Gold= und
Silberfadenſtickerei am breit umgeknöpften Vorderteil, das ſeitlich
links mit feiner Metallſpange gehalten wurde, geſtalteten dieſen
garnierten Mantel zu einem wahren Prachtſtück vornehmſter
Eleganz.

K 38185

Der zeitgemäße Haushalt
* Entfernen von Fliegenſchmutz von Lampen=
ſchirmen
kann man mit einem kleinen ſauberen Läppchen,
das man in warmem Waſſer anfeuchtet, feſt ausdrückt und in
reinen Salmiakgeiſt tupft, die Stelle vorſichtig abreibt, bis die
Flecken verſchwunden ſind, dann mit einem zweiten Läppchen
und warmen Waſſer gut nachſpült und mit trockenem Tuch ab=
trocknet
. Es empfiehlt ſich, mit einem kleinen Muſter oder an
wenig ſichtbarer Stelle den Stoff zu prüfen auf Farbenechtheit.
Hellfarbige Sonnenſchirme im Hauſe zu rei=
nigen
. Dieſe ſo ſchwierig erſcheinende Arbeit gelingt doch tadel=
los
, wenn man den ſchmutzig gewordenen Schirm nacheinander,
geſchloſſen und offen reinigt. Zunächſt muß er freilich erſt gründ=
lich
durchnäßt werden. Am beſten geſchieht das in der Weiſe, daß
man in einem langen flachen Gefäß eine Löſung von 2 Eßlöffel
Quedlin (Drogerie) in 57 Liter Waſſer gut warm, ſchaumig
ſchlägt, bis das Pulver völlig gelöſt iſt, den geſchloſſenen Schirm
dann hineintaucht und mit weicher Bürſte gründlich darin
durchbürſtet, bis er ſauber iſt. Dann erſt aufſpannen, um auch
die Brüche der einzelnen Stoffteile, die immer beſonders ſchmutzig
ſind, ebenfalls gründlich zu reinigen und ſchließlich den ganzen
Schirm reichlich mit warmem Waſſer zu übergießen, um ihn aus=
geſpannt
, mit dem Griff nach unten, im Schatten zu trocknen.
Der letztere muß natürlich zur Verhütung von Beſchädigungen
durch Waſſer mit altem Leinenlappen umwunden werden.
Stumpf gewordene und von der Sonne aus=
gebleichte
Eichenmöbel aufzufriſchen. Zunächſt
reibe man die Fläche mit wollener Socke und Terpentinöl nach
der Holzfaſer ab, um alles Wachs zu entfernen. Dann bereite
man mit Spiritus und ſpirituslöslicher Braunsſcher Holzbeize
im gleichen Farbton wie die noch gut erhaltenen Flächen der
Eichenmöbel eine Löſung, die mit weichem Schwämmchen oder
dickem Wattebauſch halbnaß aufgetragen wird. Laſſe ſie gut
trocknen und bohnere dann das ganze Möbelſtück gleichmäßig
mit gutem Bohner= oder Möbelwachs, um es nach einigen Stun=
den
, tüchtig frottierend, mit wollenem Lappen blank zu reiben.
Die Uebergänge zu den noch gut erhaltenen Möbelflächen müſſen
natürlich dünner eingebeizt werden, damit keine dunkleren Rän=
der
entſtehen.
* Erfriſchender Brotbelag zum Frühſtück
oder Veſper. Friſche Erdbeeren zerdrückt man mit der Gabel
und zuckert ſie, belegt dann die (evtl. mit Butter beſtrichene)
Schwarz= oder Weißbrotſchnitte mit dem Mus, das jedoch erſt
bei Tiſch bereitet werden darf, da es ſonſt zuviel Saft zieht. Be=
ſonders
Kinder lieben die Erdbeerſchnitten und bei ſchlecht er=
nährten
Kindern mit Appetitmangel wirken dieſelben oft Wunder.
Größere Stücke Fleiſch an warmen Tagen vor
dem Verderben zu ſchützen. Hat man durch einen gün=
ſtigen
Einkauf größere Fleiſchſtücke im Hauſe, wie Filet= Kalbs=
oder
Hammelkeule uſw., ſo genügt das Einſchlagen desſelben
in einem in Eſſigwaſſer mit Salzzutat ausgewundenem grob=
fädigem
Tuche.
Sommerſuppen aus Speiſereſten. Jeder Reſt von
Kompott ſollte noch zu einer der ſo wohlſchmeckenden Kaltſchalen
verwendet werden, die namentlich am Abend gern genoſſen wer=
den
. Mit Waſſer verlängert und mit Gewürz, wie Zitronen=
ſchale
, Zimt, einigen geriebenen bitteren Mandeln uſw. auf=
gekocht
und mit Kartoffelmehl entſprechend verdickt und bis zum
Abend kaltgeſtellt, ſchmecken ſie mit eingebrocktem Zwieback aus=
gezeichnet
. Gemüſereſte dagegen ſollte man zu Abendſuppen bei=
kochen
. Mit einer hellen oder dunklen Mehlſchwitze, Sago, Gries
u. a. m. verkocht, mit Soßenreſten oder etwas gebratenem Speck
gekräftigt oder mit einer gebräunten Zwiebel gewürzt, ſchmecken
ſie ausgezeichnet und können zur Sättigung noch mit kleinen
eigroßen Schwemmklöſen gereicht werden.
Einen billigen vorzüglichen Mürbteich für
Obſttorten bereitet man wie folgt: 1 Ei verrührt man mit 2
Löffel Zucker und 1 Eßlöffel heiß aufgelöſtem Süßſtoſtff, fügt 2
Löffel zerlaſſene Butter, Margarine oder Oel bei, ferner 2 Löffel
Milch, das Abgeriebene einer halben Zitrone und rührt zuletzt
45 Löffel Milch darunter. Gut verknetet werden die Zutaten
(möglichſt in kaltem Raume, damit der Teich nicht flüſſig wird).
Nicht zu dünn auf dem eingefetteten Springformboden aus=
gemangelt
, ſetzt man eine kleinfingerdicke Rolle aus dem Teig
rundum, kerbt mit einer Gabel ein und belegt nun mit Rhabal=
ber
uſw.
Speiſezettel.
Sonntag: Kalbfleiſchröllchen mit Blumenkohlgemüſe.
Rote Grütze mit Saft.
Montag: Käſeſpätzle mit grünem Salat.
Dienstag: Rhabarberreis.
Mittwoch: Miſchgemüſe mit Grießklößchen.
Donnerstag: Hefeklöſe mit geſchmorten Stachelbeeren.
Freitag: Gebackener Seelachs mit pilanter Dillſoße,
Samstag: Arme Ritter mit Rhabarberkompott.

[ ][  ][ ]

Rummer 122.

Sunndas Kadchndags Bedriackdunge.

Mir Schriftſteller miſſe mit allerhand Leit verkehrn, deß
bringt der ſunnerbare Beruf ſo mit ſich. Un daß mer aach mit
iwwerſinnliche Perſone im Verkehr ſteh, wie beiſpiels=
meeßich
mit Stadträd, mit Reichsdags= un Landdagsabgeordnede
un ſo Art Zeitgenoſſeriche, deß is hielenglich bekannt un leßt ſich
net ganz vermeide. Awwer daß ich aach emol mit werkliche Ge=
ſpenſter
, mit richdichgehende Geiſter aus de vierde odder fimfde
Diviſſion in nehere Beriehrung kumme dhet un dhet em
Freund. Datterich wieſawie gechenniwwerſteh un mit doode
Swwerborjemaaſter ſogar uff em Duhzfuß alſo mit aam
Word, deß hett ich mer dann doch net drahme loſſe.
Was, deß glaawe Se net?! Gud, ich kann de Wahrheizbeweis
adräde, Sie ſolle ſich ſchnärrn. Ich werr Ihne zeiche un haar=
klaa
verzehle, wie deß is mit dem ogguldiſtiſche Schbirreduwiß=
muß
haha, deß weer gelacht!
Alſo uffgebaßt: Es gibt bekanntlich noch allerhand Dinger
zwiſche Himmel un Erd, wo devo ſich unſer Schulweisheit nir
drahme loſſe leßt, hodd de Hamlädd emol beilaifich bemerkt. Un
der Spinnegigges, der mondſichdiche, der hodd deß domols aach
gor net wiſſe kenne, dann dem ſei Offehlia, die hadd bloß en ge=
weehnliche
Hick, woherngäche mei Zwangsmiedern en richdich=
gehende
iwwernadierliche Spritzer uffweiſe kann. Schawoll, deß
is e Mediumm e delleſchineeſiſch Fonomän, un die kann ſich in
jedere beſſere Meßbud for Geld ſähe loſſe. Sie werrn ſich um=
gucke
, deß is kaa Hogußboguß vun wäche Geſchwindigkeit is keine
Hexerei; o nag, die kann Geſpenſter ziddiern aus de älſte Adreß=
picher
vun Darmſtadt, alle Sorde vun Geiſter, beriehmde un be=
richdichte
, geweehnliche, außergeweehnliche un exdraordinäre.
Binne Null Komma nix leßt die Ihne maddrialiſierde Gächeſtend
dorch die Luft ſauße un ſchmeißt, ohne daß ſe mit de Hand dra
limmt, Diſch un Stiehl iwwern Haufe. Alſo mit aam Word, die
hodd de Boge haus vun wäche dene ogguldiſtiſch=ſpirreduwiſtiche
Schbojemende.
Daß es mit dere als emal net ganz richdich is in ihrm
Dwwerſtibbche, deß hab ich ja ſchun oft wahrgenumme. Zum
Beiſpiel, wann ich ſo hinnerum die Redd uffs Loſchiegeld ge=
bracht
hab, alſo do war ſe immer wie geiſtesabwäſend un hodd
ärr gebabbelt, ganz kommfuß Zaick. Un dann is mer’s awwer
gach ſchun uffgefalle, wiederholt uffgefalle, daß Sache bei mir
verſchwunne ſin, wie zum Beiſpiel mei ſchwergoldern Dubblee=
broſch
, uff e ganz unhaamlich Ard un Weis, es war als diräckt
beengſtichend. Ich hab mer deß die Zeid her als, net erkleern
kenne, awwer jetzt bin ich aus em Dhran haus, wie geſagt, mei
Zwangsmiedern is e Medjumm, un die Haamduckſern hodd net
e Word devo verrade. Un, wie ich bereits ſchun agedidde hab, ſie
hodd net bloß nadierliche, ſundern ſogar iwwernadierliche indime
Beziehunge un ſchwäzzt mit Geiſter wie mit ihresgleichen.
Deß haaßt, daß mei Zwangsmiedern ſo e iwwerricks Bega=
wung
hodd, deß ſag ich nadierlich nor Ihne, un ich bidd mer aus,
daß Se nir em Herr Dockder Zander verrade, ſunſt, wann der
ſe verwiſcht, der is imſtand un ſäwelt dere in de Geſchwindich=
nit
ſchließlich de ganze Schbirreduwißmus eraus; der hodd ſchun
imehr kranke Leit geſund un munder haamgeſchickt un hinnenooch
hodd ärjendwo doch e Stickelche gefehlt.
Aach dem Schrenk=Notzing in Minche derfe Se nix devo ver=
lickern
, der dhut ſe wie’s Gewidder addrabbiern, un dann ſin
imer ſe los. Un deß derf net ſei, unner kaane Umſtend, dann
fnann net alle Zeiche drieche, wert ſich mei Zwangsmiedern in
füre fänominale Eichenſchaft als Schwäzzmedjumm zu ere
(Aodracktzion aus, erſter Klaß. Die ſchwäzzt mit de Zeid alle
fannern Schwäzzmedjumme iwwern Haufe, die ganz Bloos, vun
1hindt bis Kaul un noch e Stick driwwer naus. Selbſt de Bäcker=
Jumaſter Finger, unſer ſprachgewaldicher Stadtbabba, un ſogar
ee Scheherezade aus Deitſch=Siedweſt=Affrigga, die wo dene
(Landdagspaſcha neierdings allerhand Märncher uffbinne dhut,
elbſt die ſin gege mei= Zwangsmiedern die reinſte Waaſebiebcher.
forz un gut, mei Zwangsmiedern, deß gibt e Sähenswerdichkeik zu gucke un neie Brojäckde auszuſimmbeliern? Die ſolle doch erſt
Ifm Darmſtadt, die hodd Band an de Hoſe. Un die bringt Geld in emal die alte richdich verdaue!
ſde Stadt, an dere kenne mer uns geſund mache.
Awwer ich will Ihne de Mund net lang mache, ſundern ich
Fwill Ihne de Reih naach verzehle, wie deß for ſich gange is mit
dere Geiſterſpuckerei. Alſo mir ſitze neilich emal widder ſchee bei= mächer ſage, en ſcheene Gruß vum Ohly, un wann ſe glaawe
dimnme, ich un mei Zwangsmiedern un ihr neier Freind. Mir
).wwe nemlich grad widder aan vun meine Zwangsmiedern arch uff em Holswähk. Die paar Gärde in Darmſtadt ſoll mer
ihre Gebordsdäg gefeiert. Nemlich ſchun deß mit dere ihre Ge=
ſordsdäg
, deß grenzt diräckt ſchun an’s Jwwernadierliche, an’s
Uieſtiſche. Dann kaum daß die en neie Freund hodd, baufdich, ſchun immer en Dorn im Aagg!
ide hodd ſe aach gleich druff ihrn Gebordsdag. Meiner Beräch=
vierunzwanzig
Gebordsdäg feiern, wann ſe ſich, gißt e bißche
ſora hellt.
Alſo, mei Zwangsmiedern hodd mit ihrm neiſte Freund ihrn eme feudahle Hodäll!"
eiſte Gebordsdag gefeiert. Ich war dezu eigelade un mir
uarn ganz andernu unner uns un hawwe geiſtreiche Geſpräche
jpfiehrt un Erdbiernbohl dezu gedrunke. Speeder hawwe=mer, wie bei de Hinkel; als mit em Dodder ins kalte Waſſer do
ſann aach Geſpenſtergeſchichte verzehlt un Friedhofsſtickelcher vergeht’s ſchun. Jawohl, ſoviel ich die Sach vun do howwe aus
um Beſte gäwwe, wo’s aam ſo recht a genehm gruſelich debeiwerd.
Wie mer die Erdbiernbohl ſchun beinah gelebbert hadde, do
dudd ſich uff gamol meine Zwangsmiedern ihr Freund als
Schbirrediſt uffgeworfe un hodd geſagt: Schatz, ſetz dich emol uff
nein Schooß un guck emol in ganer Dur uff mei Grawadde= Fremde frage bloß, was es koſt. Un e feudahl Hodäll? For
nadel. Alſo mei Zwangsmiedern, net faul, ſetzt ſich dem uff de wen?! Ich hab noch net geſähe, daß aaner in de griene Bedd=
Schooß un ſtiert in gam Stick uff dem ſei ächt Simmelie=Brill= lad hodd kammbiern miſſe. Un iwwrichens, hodd mer aus eme

Darmſtädter Tagblatt, Sonntag, den 99. Junf 1924.
Zwangsmiedern die Aaage verdreht un hodd gekriſche: Willäm, friedhof wenichſtens Kadoffel druff blanze iwwer die Dickte
mich hodd’s! Un mit dene Worde is ſe de lange Wähk in Dranſe, werd mer ſich ſpeter wunnern. Dann Eier Tonkunſtaggademie,
gefalle. Ich hab de=erſt gor net net gewißt, wie mer geſchied, wie die unner alle Umſtend in die Eliſabethenſtroß eneigepercht mußt

Seite 13.

villſte doch emol ſähe, wie die die Nadel ewäckogguldiert, vielleicht
lann ich dodebei erausbringe, wo mei Broſch hiekumme is.

2

mei Zwangsmiedern mit ihrm Freund uff meim Kannebee in
Dranſe fellt. Un ich hab deshalb gleich geſagt: Holla, deß is
Sinde wieder den Geiſt, deß duld ich in meim Loſchie net!
Awwer uff aamol hodd mei Zwangsmiedern agefange,
ärr zu babbele und hodd gerufe: Ich bin beſäſſe, aus mir will
en Geiſt babbele! Awwer der Schbirrediſt war gleich gewerffelt
un hodd geſagt: Emmanuell erſcheine was iſt dein Bagehr?!
Do hodds mit Grawesſtimme aus meine Zwangsmiedern ge=
klunge
: Liſäddche, noch en halwe Schobbe Rode un e halb
Portzion kalte Hammelsbrade . . ."
Deß is de Datterich, hodd der
Schbirrediſt geſagt un hodd meine
Zwangsmiedern dreimol widder die
Stern gedubbt un hodd geruffe:
Herr Datterich, ſin Sie’s? Do=
druffhie
hodd mer widder den Staa=
kohlebaß
ernumme: Aha, die Mor=
jendviſidde
gehn ſchun widder, los
wer is dann do? No, der
Schbirreduwiſt hodd mer jetzt en
Stumber gäwwe, als godderſprich,
ich ſollt die Unnerhaltung weider
fiehrn. Ach, Herr Datterich, hab
ich geſagt, Sie entſchuldiche, ich bin
des Bienche ..."
Wer werd dich net kenne, alt Schadeek! No, hab ich
geſagt, Ihne Ihr aziegliche Redensarde kenne Se ſich ſparn
wolle Se mer emal en Gefalle dhu?
Ich hab kaa Geld bei mer, hodd=der gebrummt. Do=
drum
dreht ſich’s aach net, hab ich geſagt, awwer wann’s meeg=
lich
weer, ich dhet gern emol de Herr Owwerborjermagſter Ohly
ebbes frage is er net driwwe?!"
Freilich, hodd de Datterich ge=
ſagt
, der macht heid widder mit
ſeim Eelfabbdibbche uff de Milch=
ſtroß
erum un maggiert die Gächend,
daß ſich kaans verleeft, ſoll ich
en rufe?
Sin Se ſo freundlich, hab ich ge=
ſagt
. Un was denke Se, gleich
druff hab ich em Ohly ſei Stimm
vernumme: No, Bammbernellſen,
was hoſt=de dann for Schmerze?!
Ach, Herr Owwerborjermaaſter,
hab ich geſagt, nich wollt Ihne emal
frage, was halte Sie dann devo,
nemlich die wolle unſern alte Ballee=
gadde
zubaue! Was, ſeegt=
derr
, ſchun widder? Hawwe die
do unne dann gor nix annerſter zu dhu, als duſchur in aa Loch
Hab ich aach geſagt, Herr Owwer .....
Halt’s Maul, mit deim Herr Owwer, beiuns werd ſich net
geſietzt, hodd=er geſagt, nun im Jwwriche kannſte dene Brojäckde=
dhete
, domit dhete ſe de Fremdeverkehr hewe, do weern ſe
net zubaue ſundern die ſoll mer dem Verkehr erſchließe. Deß=
dewäche
ſolle ſe mal die ſchineeſich Mauer umrobbe, die war mir
Ja, mein liewer Ohly, hab ich geſagt, ganz meiner Mei=
rang
nooch kann die ſo im Laaf vun eme Johr gud un gern ihr nung. Awwer die, die wo des neie Brojäckt ausgebrieht hawwe,
die ſage, der Gadde, muß unner alle ſibbzeh Umſtend zugebaut
werrn, weil’s hier an große un ſcheene Läde fehle dhet un an
So, hodd de Ohly geſagt, weider nix? No, wann bei
Eich Verſchiedene widdermal briehich ſin, dann macht’s doch ſo
nichdern un indräſſelos beaagabbele kann, maan ich doch,
Ihr hedd in Darmſtadt große un ſcheene Läde genug bloß an
de zahlkräfdiche Kundſchaft fehlt’s. Dann die Eiheimiſche maane
immer noch, ſie kreegte’s in Frankfort geſchenkt, un die
andgrawwaddenadel. Ich hab ſchun im Stille gedenkt: jetzt Hodäll e Bank mache kenne, ſo kann mer ſchließlich aach aus ere
Bank e Hodäll mache. Deßhalb brauch mer net gleich en ſcheene
Gadde midde in de Stadt zuzubaue!
Ja, hab ich geſagt, Ohlyche, mir ſchwant ſo ebbes, als
wann mer bei dem Balleegadde unner zwag Meeglichkeite dod=
ſicher
uff die dritt verfellt, die wo ſich widdermal als en große
Schenieſtraach entpubbe dhut, un wo ſich hinnenooch als Katz
ohne Schwanz präſſendiert.
Katze ohne Schwenz habt=derr in Darmſtadt in Hill un
Fill hodd de Ohly druff geſagt. Bedracht Eich nor emol Eiern
Gemäldezerrkuß uff de Madhildeheeh, 3 is ſchad for den ſcheene
Kommblär. Dreiverrdel Jahr ſteht er leer un aaverrdel Jahr
gehnt niemand enei. Dodefor is die Geſchicht zu ſchad, do dhet
ich en Feſtſpielhauserſatz draus mache; ſoviel Blatz, um alle
Summer e paar mehr odder wenicher fragwerdiche Kunſtbroduckte
an die Wand zu henke, bleibt aach noch iwwrich. Zweidens
de Neibau vun de Sparkaß, der geheert unner Glas un Rahme.

No, was ſoll ich ſage, denke Se hie, uff aamol hodd mei Do ſchlag ich vor, Ihr dhut uff den mindelſichere Hibbodehke=
werr
. Die geheert in de alte Ludwigsbahnhof, do kenne ſe
blooſe im Große un ſinge un klinge un geiche, un ſtreiche uff
Mord un Kabudd, un do brauch wenichſtens die Nachberſchaft
net zwangsmeeßich am Unnerricht daalzunemme, daß ſe for Ver=
zweiflung
an de Wend in die Heeh krawwelt. Die paar Aemd=
cher
, die wo ſich noch im Ludwigsbahnhof mehr, wie needich
braad mache, die ſchrumbele doch ſowieſo eines Dags emol ei,
wann ſe ſich aach noch ſo arch degege ſtraiwe! No, un der lang=
weiliche
Beamdefriedhof in de Rheinſtroß, ſoll der unner Denk=
malsſchutz
geſtellt werrn? Do geheern große un ſcheene Läde
enei wann’s ſchun emol an Läde fehlt. Domals, wie’s um=
gebaut
worrn is, hodd mer die Läde net ſchnell genug zubaue
kenne. Genau ſo, hab ich mer ſage loſſe, ſoll’s aach jetzt mit dene
Läde im Rodhaus gemacht werrn e Glick, daß deß de J. A.
Supp mit ſeim Adlerblick net mehr zu erläwe brauch, ſunſt weer
deß ſein Dod!
No, un wie ſteht’s dann mit Eierm Radskeller, hodd do de
Datterich dezwiſche gebrummt, wann kann mer dann do de erſte
Halwe drinn verleede?
Wie unſer Stadträd ihr erſt geheim Sitzung drinn ab=
halde
, hab ich geſagt, do werſt Du dezu eigelade, Du alter
Schnudedunker ....
In dem Momend is mer e Weiglas an de Kobb gefloge, es
hodd en Mordsſchlag gedha un die Lamb is umgefalle mitſamſt
em Diſch

Hoffentlich is der nixnutzig Pfeil ſo rickſichtsvoll un makkt
net in die Zeidung, wie’s am annern Morjend nooch dere ſchbirre=
diſtiſche
Erdbiernbohlſitzung in meine Stubb ausgeſähe hott, deß
weer mer peinlich. Awwer ich hedd werklich net gedenkt, daß ſo
e beleidicht Geſpenſt ſo en Dorchenanner mache kennt. Un dem
Schbirrediſt ſei Grawwaddenadel war aach fort, die hodd ſich
jedenfalls der Datterich zum Adenke mitgenumme. Under=
ſchemtheit
!
Iwwrichens, in meine Stubb werd kaa Geiſterſitzung mehr
abgehalte, for die Zukunft foll mer die Stadt for derardiche Aex=
bärrimende
en geeichende Raum zur Verfiechung ſtelle. Annern=
falls
ſoll ſe ſich ihr doode Owwerborjemagſter ſelwert ebeiziddiern
un ſoll ſe ausfrage.
Bienche Bimmbernell.
Poſtſchkribbdumm. Erſtens: Iwwrichens, deß will ich
heit gleich ſage: meintwäche kenne die Geiſterbeſchwerer bei ihre
ſchbirreduwiſtiſche Teekrenscher ziddiern wen ſe wolle: de Ju=
lius
Zäſa odder de ſchwazze Peter, de Ludwig de Erſte odders
Jumfer Liesche, de Naboleon odder de Späckfräſſer, de Niewer=
gall
odder die Streichhelzerraab wann ſe mir nooch
meim Dod mei großherzoglich=freiſtaatliche Ruh net loſſe un ich
muß uff Kummando ſpucke dann ſpuck ich awwer aach! Un
net zu knabb! Ich nemm mer ärdra e Schoorche mit eniwwer
un ſpeutz dorch die Zeeh wie en Maurerbollier! No, for’s
erſte bräſſiert mer’s noch net, un es gibt ja aach im Läwe ſchun
reichlich Gelächenheite, wo mer im Nodfall druffſpeutze
kann, aach wann mer kag Geiſt is. Wers waaß, werd’s wiſſe!
Zweidens: For die Eiladung am neechſte Sunndag zum
Gau=Tornfeſt in Owwerramſcht dank ich beſtens. Es is werklich
e groß Ehr for mich, daß ich im Feſtzug die Germania mag=
giern
ſoll, ich waaß deß zu ſchätze. Awwer reide? Un aach noch
uff eme Eſel? Wie dhet dann deß ausſähe: des Bienche als Ger=
mania
uff eme Eſell. Naa, wann mer die Owwerremſchder dode=
zu
kaan helzerne Rabarwerhengſt zur Verviechung ſtelle kenne,
muß ich den ehrenvolle Uffdrag dankend ablehne. uffeme Eſel
is mer die Sach e bißche zu ſchenierlich.
Drittens: Jwwrichens, es gibt aach noch annern Sache, wo
mer drufferumreide kann, de Dockder Fauſt is ſogar uff eme Faß
geridde. Allerdings, do kenne die Kiefermaaſter heid net mehr
mit; aach des Urbild vun dem Kunſtausſtellungsblaggad= Sauer=
krautſtenner
hab ich in de Tornhall vermißt. Awwer deß muß
mernn loſſe: der Middeldeitſche Kieferinnungs=Verbandsdag
der bringt Läwe in die Bud.
No, ich un de Herr Borjemaaſter Mueller, mir zwaa krieje
ewe nir geſchenkt, un mir kumme aus de Feſtifidhäde gor net
mehr eraus un aus de Verbandsdäg. Jedenfalls, wann mir
zwaa heid Awend in de Vereinigt Geſellſchaft unner de middel=
deitſche
Kiefermaaſter ſitze und bräche ere gude Flaſch de Hals,
dann wiſſe mer widdermal, was mer hinner uns hawwe un was
mer die Woch geleiſt hawwe!

Eind neiberinnf und Dmerreicht
Hodelle 1924 in nöchster Vollendung
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WWer hätte nicht die Erfahrung gemacht, daß auch bei täglicher Reinigung mit Mundwasser die Zähne schlecht und häßlich
gefärbt bleiben? Ist das nicht ein deutliches Zeichen dafür, daß die Mundpflege mit Mundwasser und Zahnbürste nicht genügt?
Die Zähne sind oft mit einer graubraunen Schicht belegt, die den Anlaß zur Fäulnis geben kann. Da nutzt alles Mundspilen nichts
FFlier muß der mechanische Reinigungsprozeß in Anwendung kommen, der nur auf eine Art zu erzielen ist, nämlich durch tägliches
Bitrsken mit Chlorodont=Zahnpaste. Chlorodonk enthält keine schädlichen, penetrant riechenden und unangenehm schmeckenden
Chemikalien, wie Salol ete,, die die-Mundschleimhaut angreifen und den Schmelz schädigen. Chlorodont enthält mikroskopisch
Feinen; reinen, präzipitierten, kohlensauren Balk, ein seit altersher bekanntes unentbehrliches Putzmittel für die Lähne, scwie neutrale
Salze, die durch vermehrte Speichelbildung eine natürliche Mundreinigung bewirken, Deshalb ist Chlorodont wissenschaftlich längst
anerkannt und wegen seines herrlich erfrischenden Geschmacks täslich von Millionen im Gebrauch.
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[ ][  ][ ]

Darmfkädter Tagblaft

22. Juni 1924 Nr. 172

* Süddeutſcher Holzmarkt.
Von unſerem Sonderberichterſtatter.
Mannheim, den 21. Juni.
Ueber allen Wipfeln iſt Ruh! muß man weniger poetiſch als
furchtbar real ſagen, wenn man einen Blick auf die gegenwärtige Lage
des Holzmarktes wirft. Es iſt eine traurige Gewißheit, die der aufmerk=
ſame
Beobachter ſchöpft, daß infolge der allgemeinen Stagnation eine
holzverarbeitende Induſtrie nach der anderen zur Kurzarbeit übergehen
oder die Tore ganz ſchließen und den Konkurs anmelden muß; gerade
auch aus Baden liegen uns Informationen vor, wonach ſchon in
kürzeſter Friſt auf dieſem Gebiete mit Ueberraſchungen zu rechnen iſt.
Die Lage der mittleren und kleinen Sägen kann dahin charakteriſiert
werden, daß angenblicklich gar nichts zu verkaufen iſt, es ſei denn, daß
man dem Käufer langfriſtige Borgfriſten einräumt. Müßten die all=
bekannten
und zum Himmel ſchreienden Zuſtände nicht endlich auch dem
Vater Staat und dem übrigen Waldbeſitz ans Herz legen, in ſeinen
Zahlungsbedingungen größere Rückſicht Platz greifen zu laſſen und die
augenblicklichen Beſtimmungen ein Drittel innerhalb 14 Tagen, den
Reſt innerhalb zwei Wochen durch Verlängerung der Schonzeit abzu=
mildern
?
Der Rundholzeinkauf iſt wohl in der Hauptſache abgeſchloſ=
ſen
, zumal die Waldbeſitzer dem Vernehmen nach ihre Abſicht, die
Sommerfällung ſtark einzuſchränken, durchführen. Trotzdem die Rund=
holzpreiſe
ſtark zurückgegangen ſind, ſind die Preiſe für Schnitt=
waren
z. T. noch darunter oder höchſtens um ein paar Mark höher,
die aber den Einſchnitt, Arbeits= und Fuhrlöhne nicht decken. Aus dem
ſtarken Mißverhältnis zwiſchen Angebot und Nachfrage erklärt ſich die
Mattheit der Tendenz und die Preisſchwankung auf den einzelnen Pro=
duktionsgebieten
und Produzentenkreiſen. Hierbei iſt wieder die Tat=
ſache
feſtzuſtellen, daß die bayeriſchen Produzenten meiſt mit viel niedri=
geren
Angeboten an den Markt kommen als die Schwarzwälder Säge=
reien
. So betrug die Spannung bei 1611 unſortierten ſägefallenden
Brettern, faul= und bruchfrei, 10 Mark und darüber; in Bayern notierte
man für die Ware 30, höchſtens 40 Mk., während im ſchwarzwälder Er=
zeugungsgebiet
40 Mk. die unterſte Preisgrenze im Durchſchnitt dar=
ſtellte
. 21/22 Millemeter ſtarke Fichten= und Tannenholzbretter waren
bahnfrei Karlsruhe=Mannheim zuletzt bei 36 Meter Länge
und 58 Breite unſortiert zu etwa 1,701,80 Mk., Ia Ware zu 1,63
bis 1,90 Mark und zweitklaſſige Ware zu 1,651,73 Mk. an Hand je
Quadratmeter. Unſortierte ſägefallende 16. 12 1½ und 2 Tannen=
und Fichtendielen waren ſchon von 37 Mk. an zu haben, wobei Forde=
rungen
bis zu über 50 Mark gingen. Ausſchußdielen waren zu 6265
Mark, X=Dielen zu 5255 Mk., gute‟ Dielen zu 8087 Mk. und reine
und halbreine Ware zu Preiſen über 100 Mk. angeboten. Bahnfrei
Karlsruhe=Mannheim wurden für unbeſäumte Fichten= und Tannen=
dielen
4650 Mk. je Kubikmeter verlangt, ungefähr die gleichen Preiſe
für Tannen= und Fichtenbauhölzer in regelmäßigen Abmeſſungen ab
gleichen Bahnſtationen. Aeußerſt gedrückt war naturgemäß auch das
rheiniſch=weſtfäliſche Geſchäft. Hier ſtellten ſich die regulären
Großhandelspreiſe beim Verkauf ſortierter 16 1 512 Bretter, wag=
gonfrei
Mittelrhein, ohne Zoll für Ausſchußwaren 5860 Mk., X=Ware
4850 Mk., gute‟ Ware 7880 Mk. und für reine und halbreine Ware
auf 98110 Mk.
Handel und Wandel in Heſſen.
Odenwälder Hartſtein=Induſtrie A. G., Darm=
ſtadt
. Die Geſellſchaft erzielte im Geſchäftsjahre 1923 einen Betriebs=
gewinn
von 54 344 Bill. Mk. (i. V. 76 827 087 Mk.) und an ſonſtigen Ein=
nahmen
26 145 Bill. Mk. (5394 Mk.). Andererſeits erforderten Hand=
lungsunkoſten
42 888 Bill. Mk. (43 171 094 Mk.) und Abſchreibungen 393
Bill. Mk. (3 279 388 Mk.). Es verbleibt ſomit einſchließlich 5 430 467
(59 568) Mk. Vortrag aus dem Vorjahre ein Reingewinn von 37 207
Bill. Mk. (30 441 564 Mk.). Daraus ſoll eine Dividende von 10 Gmt.
gleich 10 Billionen Papiermark je Aktie auf die 3,3 Mill. Mk. Stamm=
aktien
(i. V. 2000 Papiermark je Aktie) verteilt und der Reſt auf neue
Rechnung vorgetragen werden. In der Bilanz erſcheinen unter anderem:
Wertpapiere 18 046 Bill. Mk. (569 779 Mk.), Vorräte aller Art 16 Bill.
Mk. (18 733 900 Mk.), Außenſtände 34 646,7 Bill. Mk. (129 949 941 Mk.),
Kaſſe 7806,9 Bill. Mk. (266 693 Mk.) und Buchſchulden 23 307,9 Bill.
(117 936 208) Mark. Dem Geſchäftsbericht entnehmen wir folgende
Ausführungen: Im abgelaufenen Geſchäftsjahre hatten wir mit erheb=
lichen
Betriebsſchwierigkeiten zu kämpfen. Infolge der Abſchnürung
des linksrheiniſchen und Ruhrgebietes war es uns nicht möglich, unſere
im beſetzten Gebiete gelegenen Betriebe aufrecht zu erhalten; wir muß=
ten
ſie vielmehr in der zweiten Hälfte des Geſchäftsjahres ganz ſchließen.
Auch die Werke im unbeſetzten Gebiete hatten unter der Ruhrbeſetzung
in verſchiedener Hinſicht zu leiden, da einerſeits die Kohlenverſorgung
ſehr ſchwierig war und andererſeits wir keine Möglichkeit hatten, die
gewonnenen Materialien in unſere Hauptabſatzgebiete zu verfrachten.
Auch im übrigen Deutſchland war die Abſatzmöglichkeit ſehr beſchränkt.
da den ſtaatlichen und ſtädtiſchen Behörden Mittel für Straßenbauzwecke
nur in ganz geringem Umfange zur Verfügung ſtanden. Nur die Reichs=
bahn
unterſtützte uns in anerkennenswerter Weiſe durch Erteilung von
Aufträgen, ſo daß es uns möglich war, die im unbeſetzten Gebiet liegen=
den
Betriebe bis in den Dezember hinein voll aufrecht zu erhalten.
Erſt in der zweiten Hälfte des Monats Dezember mußten wir auch hier
wegen Mangel an Aufträgen zu Kurzarbeit übergehen. Ueber die Aus=
ſichten
für die Beſchäftigung unſerer Werke im neuen Jahre läßt ſich
nichts vorher ſagen. Das hängt vielmehr von der weitereh Entwicklung
der wirtſchaftlichen und politiſchen Verhältniſſe ab. Zurzeit ſind wir
mit Aufträgen verſehen, die uns ermöglichen, voll zu arbeiten.
* Oelfabrik Groß=GerauBremen. Das Geſchäfts=
jahr
1923 ſchließt ab mit einem Reingewinn von 201 438 Bill. Mk., der
ohne Dividendenverteilug vorgetragen werden ſoll.
* Keramiſche Werke Offſtein und Worms A. G. in
Worms. Die ordentliche Hauptverſammlung der Geſellſchaft findet
am 28. Juni in Heidelberg ſtatt. Der Hauptverſammlung ſoll die Jah=
resabrechnung
für das Geſchäftsjahr 1923 vorgelegt, die Wahl des Auf=
ſichtsrats
erneuert und Satzungsänderungen vorgenommen werden, die
durch die Umſtellung auf Goldmark bedingt ſind.
Faber u. Schleicher A. G., Offenbach a. M. In der
am 24. Juni anberaumten Generalverſammlung kommen außer den Re=
gularien
die Aenderung des § 16 der Statuten und Aufſichtsratswahlen
zur Beratung. Nach dem Bericht war der Beſchäftigungsgrad befriedi=
gend
, eine Arbeitseinſchränkung nur vorübergehend erforderlich. Die in
Betrieb genommene neue Gießerei hat größere Umſtellungen der alten
Werke notwendig gemacht. Der Reingewinn beträgt 15 518 (im Vorj.
11,6 Mill.) Bill. Mk. Es wird vorgeſchlagen, von der Ausſchüttung
einer Dividende abzuſehen (i. V. 4 Proz. Dividende). In der Bilanz
ſtehen alle Anlagewerte mit 1 Mk. zu Buch. Ferner werden ausgewieſen
in Bill. Mk. (Vergleichszahlen in Mill. Mk.): Waren mit 93 949 (123)
Wechſel 144 016 (),7), Schuldner 105 841 (47); andererſeits an Paſſiven:
Gläubiger 329 484 (87), darunter Anzahlungen 131 276 (54), Bankſchul=
den
40 670 (26,7), ſonſtige Verpflichtungen 157 536. Der Reingewinn er=
rechnet
ſich aus dem Rohgewinn von 91 524 nach Abzug der Unkoſten von
36 546 (27) und Abſchreibungen an Maſchinen von 9146, Werkzeugen
7662 und Modellen von 2249 Bill. Mk.
* Gasapparat und Gußwerk A. G., Mainz. Die Gene=
ralverſammlung
genehmigte die Papiermarkbilanz und erteilte Ent=
laſtung
. Die Umwandlung der 600 000 Mk. Vorzugsaktien in Stamm=
aktien
wurde genehmigt.
Chemiſche Werke Brockhues A. G. in Niederwal=
luf
a. Rh. Die zum 28. Juni einberufene ordentliche Generalverſamm=
lung
ſoll auch über die Umſtellung des Aktienkapitals auf Goldmark Be=
ſchluß
faſſen.

Die Wirtſchaftslage in Argentinien.
Der argentiniſche Konſul in Berlin, Oberſtleutnant Juſto
E. Diana, beurteilt die Wirtſchaftslage in Argentinien wie
folgt: Die weltwirtſchaftliche Kriſis, die dem Weltkriege infolge
ſeiner mißlungenen Liquidation folgte, hat auch Argentinien
nicht verſchont, wo ſie mit beſonderer Schärfe 1921 auftrat. Dank
ſeines geſunden Wirtſchaftskörpers befindet ſich Argentinien
jedoch bereits wieder in der Rekonvaleszenz. Die Temperatur
einer Nation iſt ihre Handelsbilanz und diejenige Argen=
tiniens
nähert ſich wieder der Norm. Die Handelsbilanz, die
früher ſtets mit einem Aktivſaldo zugunſten Argentiniens ab=
ſchloß
, zeigte 1921 den erſchreckend hohen Paſſivſaldo von 78,4
Mill. Goldpeſos, der ſich 1922 auf 13,6 Mill. Goldpeſos und 1923
noch weiter vermindert hat, ein Zeichen, daß ſich die Kriſis löſt.
Ihre Haupturſache bildete die verringerte Aufnahmefähigkeit des
kontinentalen Europas für die Produkte Argentiniens; während
man in Mitteleuropa kein Geld zur Bezahlung hatte, hielt man
in Frankreich und Italien mit den Käufen zurück, um die Wäh=
rung
nicht zu gefährden. Unter dieſer Abſatzſtockung hatte
namentlich die argentiniſche Viehzucht zu leiden, da die Vieh=
preiſe
auf einen Bruchteil des normalen Preiſes ſanken.
Die Paſſivität der Handelsbilanz iſt auch der Grund für den
ungünſtigen Wechſelkurs der argentiniſchen Währung gegenüber
Dollar und Pfund. Da die einzige Einnahmequelle Argen=
tiniens
der Erlös ſeiner Ausfuhr iſt und es andererſeits nam=
haſte
Beträge für den Zinſendienſt ſeiner Anleihen nach Eng=
land
und Nordamerika zu remittieren hat, ſo muß, wenn wie
gegenwärtig die argentiniſche Einfuhr größer iſt als die Aus=
fuhr
, ſich die Währung zwangsläufig verſchlechtern. Gleichwohl
iſt der argentiniſche Peſo mit einer Golddecke von 80 Prozent
die beſtfundierte Währung der Welt (der Dollar iſt zu 31 Proz.,
das Pfund nur zu 24 Proz. durch Gold gedeckk). Die inländiſche
Kaufkraft des Peſo hat weniger gelitten als diejenige der meiſten
Währungen. Die Preiſe in Argentinier ſind gegenwärtig
nur 36 Prozent höher als 1913: gleichzeitig ſind aber die Löhne
um 71 Prozent geſtiegen, ſo daß der Reallohn weſentlich größer
iſt als vor dem Kriege. Ein Kilogramm Rindfleiſch koſtet nur
17 Centavos (24 Pfg.) gegen 39 Centavos vor dem Kriege. Die
übrigen Nahrungsmittel liegen etwa 40 Prozent über den Vor=
kriegspreiſen
. Infolge der auch in Argentinien herrſchenden
Wohnungsnot ſind die Mieten um 50 Prozent höher als 1913.
Die deutſche Einfuhr in Argentinien hat 1922 92,7
Mill. Goldpeſos betragen, d. h. mehr als vor dem Kriege (1913:
83,9 Mill., 1912: 74,2 Mill. Goldpeſos). Die argentiniſche Aus=
fuhr
nach Deutſchland hatte 1922 einen Wert von 52,8 Mill.
Goldpeſos (1913: 62,2 Mill.); ſie wächſt ſtändig. In der letzten
Zeit haben ſich die Viehpreiſe etwas erholt: Rinder für die
Herſtellung von Gefrierfleiſch koſten jetzt 90130 Papierpeſos;
Rindshäute notieren 11½14 Papierpeſos. Die Getreide=
ernte
1923/24, die jetzt hereingekommen iſt, wird für die größte
gehalten, die Argentinien je zu verzeichnen hatte. Es wurden
ſchätzungsweiſe geerntet: 7058000 Tonnen Weizen, 4 800 000
Tonnen Mais, 1606 000 Tonnen Leinſaat, 1191000 Tonnen
Hafer und 276 000 Tonnen Gerſte. Das Eiſenbahnnetz (38000
Kilometer) wird weiter ausgebaut, die Staatsbahn allein hat
3000 Kilometer in Angriff genommen, darunter eine neue Trans=
andenbahn
von Salta nach Fagoſta. Die öffentliche Schuld
Argentiniens (einſchließlich derjenigen der Provinzen und Ge=
meinden
) beträgt 3 Milliarden Papietpeſos, iſt alſo, verglichen
mit der Einwohnerzahl (10 Millionen) und den großen natür=
lichen
Hilfsquellen des Landes, relativ klein.

Wirtſchaftliche Rundſtau.
w. Reichsbankausweis. Die geſamte Kapitalanlage der
Reichsbank erfuhr nach dem Ausweis vom 14. Juni in der zweiten
Juniwoche eine Ermäßigung um 9,6 Trill. Mk. auf 2141,1 Trill. Mark.
Auf den einzelnen Anlagekonten trat eine Verſchiebung ein dergeſtalt,
daß die Rentenmarkanlage in Wechſeln und Lombarden zuſammen ſich
um 30,8 Mill. Rmk. auf 1201,5 Mill. Rmk. verminderte, während ſich
die Papiermarkanlage in Wechſeln und Lombard zuſammen um 24,6
auf 862,9 Trill. Mk. ſteigerte. Im Zuſammenhang mit der Abtragung
von Rentenmarkkrediten und mit Eingängen im Rentenmarkgiroverkehr
erhöhte ſich der Beſtand der Reichsbank in Rentenmark um 79,4 auf
413 343,3 Bill. Rmk., ſvährend der Umlauf an Rentenmark entſprechend
auf rund 1636,0 Mill. Rmk. zurückging. Auch der Umlauf an Reichs=
banknoten
erfuhr eine Verminderung, nämlich um 30,7 Trill. Mk. auf
923,6 Trill. Mk. Die fremden Gelder der Reichsbank vermehrten ſich im
ganzen um 156. Trill. Mk. auf 1001,6 Trill. Mk. Von dieſer Zunahme
entfielen auf Rmk. 117,7 Mill. Rmk. Der Goldbeſtand der Reichsband
wurde mit 448 Mill. Mk. ausgewieſen, alſo gegenüber der Vorwoche mit
einem Zuwachs von 6 Mill. Mk., der aus Goldankäufen herrührt. Der=
Darlehensbeſtand bei den Darlehenskaſſen und dementſprechend der Be=
ſtand
der Reichsbank an Darlehenskaſſenſcheinen ermäßigte ſich weiter,
wenn auch nur geringfügig, auf 0,85 Trill. Mk.
Geſchäftsaufſicht zur Abwendung des Konkur=
ſes
. Aus den neuen, am 14. ds. in Kraft getretenen Beſtimmungen
iſt hervorzuheben:
Während der Dauer der Aufſicht iſt die Entſcheidung über Anträge
auf Eröffnung des Konkursverfahrens auszuſetzen.
Das Gericht hat zur Aufklärung die erforderlichen Ermittelungen
anzuſtellen; es kann Zeugen und Sachverſtändige vernehmen, auch eine
Gläubigerverſammlung berufen. Letztere muß berufen werden, wenn
ſie von der Aufſichtsperſon, dem Gläubigerbeirat oder von Gläubigern
beantragt wird, ſofern deren Forderungen nach Schätzung des Gerichts
zuſammen den 5. Teil der Forderungen der beteiligten Gläubiger er=
reichen
.
Vor Entſcheidung über den Antrag iſt vom Gericht, wenn Schuld=
ner
Handel= oder Gewerbetreibender oder Landwirt iſt, die zuſtändige
amtliche Vertretung des Berufs oder ein Sachverſtändiger zu hören
ſofern nicht Gefahr im Verzuge iſt. Die Vertretung hat ſich über den
Antrag ſpäteſtens vor Ablauf einer Woche zu äußern. Vor Entſcheidung
über den Antrag kann Gericht von Amts wegen dem Schuldner beſon=
dere
Verpflichtungen zur Sicherung der Gläubiger auferlegen.
Gericht beſtellt eine oder mehrere Aufſichtsperſonen. Anordnung
der Aufſicht und Namen der Aufſichtsperſon iſt im Deutſchen Reichs=
anzeiger
, gegebenenfalls auch in anderen Blättern, bekannt zu machen.
Die amtliche Vertretung hat ſich vor Ablauf einer Woche zu äußern,
ob die Vorausſetzungen der Geſchäftsaufſicht für vorliegend erachtet
werden. Die Aufſichtsperſon hat darauf zu achten, daß das ſchuldne=
riſche
Geſchäft, ſoweit angängig, weiter betrieben wird, vorhandene
Beſtände erweitert, eingegangene Verpflichtungen abgewickelt werden.
Die Aufſicht iſt aufgehoben:
1. Wenn ſich Gläubigerverſammlung in Mehrzahl der am Zwangs=
vergleich
beteiligten Gläubiger gegen Fortdauer des Verfahrens erklärt;
die Forderungen der Mehrzahl müſſen wenigſtens die Hälfte der Ge=
ſamtſumme
der Forderungen der beteiligten Gläubiger betragen;

2. wenn der Schuldner nicht bis zum Ablauf eines Monats ſeit An=
ordnung
einen den Erforderniſſen des § 41 Abſ. 1 genügenden Antrag
auf Eröffnung des Vergleichsverfahrens einreicht. Verlängerung der
Friſt iſt bei Zuſtimmung der Mehrzahl der beteiligten Gläubiger
möglich;
3. wenn 3 Monate ſeit Anokdnung verſtrichen ſind.
Die Verordnung findet auf die am 14. Juni 1924
beſtehenden Geſchäftsauſichten Anwendung. In die=
ſem
Falle iſt auch die Veröffentlichung entſprechend dem oben Geſagten
nachzuholen; iſt die Geſchäftsaufſicht vor 1. Mai 1924 ange=
ordnet
, ſo kann Gericht von ſolcher Veröffentlichung abſehen.
* Güterwagen der deutſchen Eiſenbahn. Beiden
Güterabfertigungen ſind nach einer Mitteilung der Handelskammer
Darmſtadt zum Preiſe von 1 Mk. Druckſachen zu erhalten, aus
welchen alles Wiſſenswerte über die Bauart, Beſtellung und Ver=
wendung
der Güterwagen der deutſchen Reichsbahn hervorgeht.
Die Veröffentlichung enthält in kurzer überſichtlicher Form die
Gattungszeichen und die Zeichnungen der einzelnen Güter=
wagen
ſowie die Wagenverwendungsvorſchriften, die Beſtellungs=
vorſchriften
und eine Ueberſicht der Einheitswagen
* Verſand von Waren nach den Ver. Staaten
von Nordamerika. Nach einem neueren amer. Geſetz muß,
wie die Handelskammer Darmſtadt mitteilt, beim Verſand von
Waren, falls dieſer nicht durch den Fabrikanten ſelbſt erfolgt,
und falls die Verſendung nicht auf einem Kaufvertrag beruht
(Tauſch, Geſchenk uſw.), folgendes von dem Verſender ange=
geben
werden: Name und Wohnort ſeines Lieferanten, Datum
ſeines Kaufs und die Summe, die er für die Ware bezahlt hat,
unter Angabe, ob in Gold, Silber oder Papier. Wenn möglich,
ſoll auch die Fabriknummer der Ware angegeben werden.
Das amerikaniſche Generalkonſulat Frankfurt a. M. wird in
ſolchen Fällen zukünftig Begleitfakturen, die dieſen Vorſchriften
nicht genau entſprechen, nicht legaliſieren.

Erwerbsgeſellſchaften.

Continentale Telegraphen=Company (Wolffs
Telegraphiſches Bureau A. G.). Die Geſellſchaft will ihr Kapital von
1 Million auf 800 000 Gmk. herabſetzen.
G. Hirths Verlag A. G. in München. Die ordentliche
Generalverſammlung genehmigte die Bilanz und Gewinn= und Verluſt=
rechnung
und beſchloß, den Reingewinn von 1926 Billionen Mark auf
neue Rechnung vorzutragen. Die Verwaltung wurde entlaſtet. Die
Frage der Goldmarkbilanz wurde von der Tagesordnung abgeſetzt und
ſoll einer ſpäteren Generalverſammlung zur Genehmigung vorgelegt
werden. Mitgeteilt wurde, daß der Verlag durch die Gründung der
Münchener Illuſtrierten Preſſe erweitert wurde, die jetzt in 50 000
Exemplaren verſandt wird. Die Verwaltung hofft, daß die gegenwär=
tige
Wirtſchaftskriſe von dem Unternehmen überwunden werden wird,
Warenmärkie
w. Berliner Produktenbericht. Geſtern nachmittag
hatte ſich die Abwärtsbewegung der Preiſe noch fortgeſetzt. Bei ſchwachem
Beſuch war heute das Geſchäft für Brotgetreide ſehr ſtill bei wenig ver=
änderten
Preiſen. Der Abſatz in Weizen= und Roggenmehl ſtockt bei
den bisherigen niedrigen Preiſen noch immer, weshalb auch die Umſätze
in Weizen und Roggen ſehr unbedeutend blieben. Hafer war unver=
ändert
ſtark angeboten.
* Tee=Bericht per Monar Mai 1924. (Mitgeteilt von der
Firma Carl Schaller, Teeimport in Karlsruhe.) Stärkeres Angebot
geringer und geringſter Qualitäten führte ein langſames, aber über den
Monat ſtetig verteiltes Abbröckeln der Preiſe für ordinäre Tees herbei.
Für mittlere und beſſere Sorten und insbeſondere für wirklich feine
Qualitäten, welche nach wie vor ſehr knapp blieben, herrſchte lebhafte
Nachfrage zu ſtetigen und teilweiſe langſam ſteigenden Preiſen. Die
Berichte über die neue Ernte gehen durchweg dahin, daß die Produktion
zunächſt durch ungünſtige Witterung beeinträchtigt worden iſt. Dem=
entſprechend
haben die Märkte in den Produktionsländern ſpäter als
ſonſt eröffnet werden können. Auch die Verladungen haben ſpäter und
in kleinerem Umfange als im vorigen Jahre begonnen. Dies gilt ſo=
wohl
für Indien als auch insbeſondere für China, wo die Ernte 1014
Tage ſpäter als in normalen Jahren an den Markt kommt. Leider iſt
auch in Menge wie Güte das Produkt durch die ungünſtigen Witte=
rungsverhältniſſe
beeinflußt. Da jedoch von manchen Seiten aus an=
ſcheinend
mit einer Knappheit an verfügbarer Produktion gerechnet
wird, haben die Märkte in den Produktionsländern auf einem Niveau
eingeſetzt, das erheblich höher liegt als das vorjährige. Es wird dem=
nach
anſcheinend zunächſt mit einem Heruntergehen der Preiſe in den
Konſumländern nicht zu rechnen ſein. Wenn auch der Teehandel direkt
durch die Schwierigkeiten, die ſich im deutſchen Wirtſchaftsleben während
des Monats Mai gezeigt haben, nicht berührt wird, ſo wird es ebenſo
wie alle anderen Zweige des Handels von der in vermehrtem Maße zu=
nehmenden
Kapitalknappheit betroffen. Gleich wie in faſt allen Artikeln
herrſchte auch in dem unſerigen ein faſt vollkommener Stillſtand. Es
wurde nur in kleinſtem Umfange und für den unmittelbarſten dringen=
den
Bedarf gekauft. Unter dieſen Umſtänden konnte bisher auch die
Tatſache, daß die in unſeren früheren Berichten geforderte Deviſenzu=
teilung
ſeitens der Reichsbank durchgeführt wurde, für den Teehandel
keine Erleichterung bringen.
Börſen.
* Frankfurter Börſenbericht für die Zeit vom 16.21,
Juni 1924. (Eigener Bericht.) Der Beſchluß der Berliner Stempelver=
einigung
, zum Zwecke einer Stützungsaktion an den Effektenmärkten
einen größeren Betrag bereitzuſtellen, hat genügt, um die auf der Börſe
ſeit langem laſtende Mißtrauensſtimmung etwas zu mildern. Obgleich
bis jetzt noch in keinem Falle ein Eingreifen des Stützungskonſortiums
zu bemerken war, zeigten die Kurſe doch auf allen Gebieten eine erhöhte
Widerſtandsfähigkeit, und es war im Verlaufe der Berichtswoche eine
leichte Erholung des Geſamtniveaus zu erkennen. Es mag zu dieſer
Entwicklung mit beigetragen haben, daß der Geldmarkt augenblicklich
eine kleine Erleichterung zeigt, ſo daß der Börſe, die ja ohnehin nicht
ſehr bedeutende Beträge die das gegenwärtige Geſchäft erfordert
zu verhältnismäßig billigen Sätzen zur Verfügung ſtehen. In beſchei=
denem
Maße machten ſich auch Käufe zu Anlagezwecken bemerkbar, doch
kann man ſagen, daß die Beteiligung des Publikums wenigſtens an den
Aktienmärken eher noch geringer war als in den Vorwochen. Im Gegen=
ſatz
zu dem äußerſt ſtillen Aktiengeſchäft hatten die Rentenmärkte in
der Berichtswoche eine geradezu ſtürmiſche Bewegung zu verzeichnen.
Hoffnungen auf eine baldige Aufwertung der älteren Staatsanieihen,
die durch allerhand teils unkontrollierbare Nachrichten und Gerüchte her=
vorgerufen
und genährt wurden, führten dieſem Markte zahlreiche Käu=
fer
zu, und die Spekulation, deren Beſtätigungsmöglichkeiten zur Zeit
nicht ſehr zahlreich ſind, bemächtigte ſich dieſer Sache um ſo lieber, als
hier ein Engagement mit geringen Mitteln möglich iſt. In erſter Linie
waren Kriegsanleihen und Preußiſche Konſols beachtet und trotz der
äußerſt ſkeptiſchen Haltung, die ſowohl die Preſſe als auch die Mehrzahl
der Wirtſchaftspolitiker zu der Aufwertungsfrage einnahmen, hielt die
Bewegung, die verſchiedentlich zu Kursverdoppelungen geführt hat, bis
zum Ende der Woche an. Zu erwähnen iſt noch eine ſehr lebhafte Be=
wegung
in ausländiſchen, ſpeziell Ungar. Renten, die am letzten Tage
der Woche einſetzte und die Kurſe ſtark in die Höhe trieb.

Einr
OOi

[ ][  ][ ]

Seite 15.

Darmſtädter Tagblatt, Sountne, de. 22. Jini 1924,

Rummer 122

Das deutſche Herz.
Roman von Adolf Schnitthenner.
(Nachdruck verboten.)
Er hielt die Ampel hoch, faßte ſein Weib an der Hand und
chritt vorwärts. Sie zögerte noch immer, ſo daß ihr Arm und
er ziehende ihres Gatten geſtreckt waren. Durch das auf und
u wehende Fenſter und das raſch bewegte Windlicht entſtanden
uſchende, ſtreichende, ſich beugende Schatten an der langen Wand
ſes Ganges.
Urſula ſtieß einen markerſchütternden Schrei aus und vor=
ebeugt
hielt ſie ſich zitternd feſt an ihrem Gatten.
Sieh! ſieh! dort! ſtammelte ſie.
Es iſt nichts, ſagte er erſchüttert.
Doch! Eine Geſtalt eine Frau iſt aus der Mauer ge=
reten
, mir in den Weg, und ſie hat die Hände erhoben, ſo, Frie=
rich
, ſo, wie du mir vorhin gezeigt haſt.
Der Junker ſank in die Knie. Es ſträubten ſich ihm die Haare.
Geh! rief er, und wie ein Flüchtiger drängte er ſein Weib
n die Stube zurück.
Er ſtellte das Licht auf den Tiſch und ging einigemal im Zim=
ner
auf und nieder. Dann ging er mit feſten Schritten durch den
inſteren Gang und ſchloß das auf= und zuſchlagende Fenſter. Ur=
ulg
ergriff die Leuchte und hielt ſie ihm zum Rückweg entgegen.
in der Mitte des Ganges bückte er ſich und hob etwas vom Bo=
en
auf. Er brauchte dazu längere Zeit, als dieſes Geſchäft er=
udert
hätte. Als er das Ding in der Hand hielt, ſchüttelte er den
kopf, ſah an der Wand empor und ſchüttelte den Kopf von neuem.
Als er in die Stube trat, ſah er ſo bleich aus wie ein Menſch,
er ein Geſpenſt geſehen hat.
Urſulg bemerkte die Wandlung bei ihrem Manne und jetzt
urde ſie ruhig und ſicher.
Verzeih mir, Geliebter, ſagte ſie zu ihm. Ich war eine
=örin, aber es iſt vorbei. Laß mich dir leuchten und komm!
Sie wollte voraus in den Gang hinein. Er aber war ans
fenſter getreten.
Sie ſtellte die Lampe auf einen Stuhl und trat zu ihm.
Das Gewitter iſt näher gekommen. Wie es blitzt! Der ganze
himmel ein Feuer. Aber noch regnet es nicht. Das Wetter ſteht
joch hinter dem Berg.
Friedrich ſchwieg.
Sind auch unſere Gäſte alle gut untergebracht? Ich weiß,
ieben Herrſchaftshäuſer und zwei Wirtshäuſer haſt du dazu ein=
erſchtet
. Vortrefflich, ich weiß es, aber ich bin doch etwas in
Sorge. Meine Muhme, die Degenfeld, iſt ſo heikel.
Wenn ich nur jemand hätte, den ich ſchicken könnte, ſagte
Friedrich, ſo ließe ich jetzt alſogleich den Trompeter holen, um ihn
tvas zu fragen.
Was haſt du mich doch über das Fragen gelehrt? ſagte Ur=
Ua lächelnd.
Aber alle meine Leute ſind drunten; nur der Wärtel iſt da,
felleicht auch ſein Knecht, aber wahrſcheinlich nicht.
So geh doch ſelbſt!

Ich dich verlaſſen?
Ioch gehe mit dir, lieber Herr!
Friedrich zog ſie an ſein Herz.
Nein, ich ſchicke morgen einen reitenden Boten mit einem
ledigen Gaul nach Kirchheim. Sie ſpielen dort auf. Dann iſt
er gegen Mittag hier.
Und nun? fragte Urſula nach einer Pauſe. Lieber Herr!
Warum ſagſt du jetzt ſo zu mir?
Ich weiß nicht, wie ich dich faſſen ſoll, damit du wieder
Sie brach ab und wurde blutrot.
Er rührte ſich nicht.
Sie ſchmiegte ſich an ihm und flüſterte: Es ziemt ſich nicht,
daß die Braut komm!
Ja, komm! ſeufzte er, und ging vom Fenſter.
Wohin? fragte ſie betreten und ſah ihn mit großen
Augen an.
Laß mich! ſagte er und trat wieder hinaus auf den Altan.
Willſt du eine naſſe Braut in dein Bette tragen? fragte ſie
ihn verwundert und folgte ihm.
Und nun ſtanden ſie wieder draußen und ſchauten hinunter
ins Tal.
Es lag ganz finſter. Die Fackeln am Strande zeigten, wie
ſchwarz die Nacht war. Das Gewitter war näher gekommen. Un=
aufhörlich
flammte es hinter den Bergen vor und das Rollen des
Donners hatte keine Pauſe. Es rauſchte in der Schloßlinde, und
ein Weben und Sauſen kam vom Walde herüber. Aber noch führte
der Sturm Staub und Bläuter mit ſich. Noch war kein Tropfen
gefallen.
Vom Strande her hörte man das Sprechen und Rufen ar=
beitender
Männer. Sie ſchlugen die Zelte ab und brachten die
Fäſſer und Kannen unter Dach und Fach. Die Häuſer der Stadt
waren noch alle erleuchtet. Die Muſik ſpielte in einem der Wirts=
häuſer
.
Sie können nicht genug bekommen, ſagte Friedrich. Aber
es iſt mir lieb, daß die Muſikanten hier bleiben.
Grauſig ſchön müßte es ſein, in dieſer Nacht den Neckar
hinunterzufahren.
Schön, aber gefährlich, denn wenn die Wetterbraut in den
Neckar fällt, wird er wild. Ich wüßte die Leute heute nacht
nicht gern auf dem Fluß. Es iſt die Johannisnacht. Es iſt ein
wunderlich Ding. Ich glaube nicht dran, aber es ſchaudert mich
doch. So iſt es auch mit dem Strauße hier. Es iſt ein Wetter=
ſtrauß
. Hätte er ihn mitgenommen, ſo wäre ich ruhiger. Nun
lag der Strauß in der Burg, und zwar ſeltſamerweiſe
Friedrich brach ab.
Was bewegt dich ſo? Ich verſteh’ dich nicht. Wovon redeſt
du?
Von dieſem Sträußchen hier. Der Trompeter hat es am
Wams getragen. Ich habe es wohl bemerkt. Und nun lag es
mitten im Gang, hart an der Mauer.
Was iſt daran Wunderliches? Lieber, ich muß über dich
lächeln."
Es ſind Himmelfahrtsblumen. Sie ſind ſelten und werden
in dieſen Tagen von den Leuten im Wald geſucht. Sie wachſen

am liebſten unter hohen Eichen, die der Blitz getroffen hat. Man
ſagt, daß ſie aus Wetterſamen ſprießen, und daß ſie bei Sturm
und Blitz Schutz gewähren. Aber wie kommt der Strauß dorthin?
Das iſt leicht zu erraten, ſagte Urſula. Der Trompeter
hat ihn verloren."
Er hat ja den Gang gar nicht betreten! Keines Menſchen
Fuß hat ihn betreten außer mir. Die unſer Zimmer bereiteten,
kamen vom Turm hinein. Den Schlüſſel zum Gang trug ich in
der Taſche.
O, ich weiß, rief Urſula; ſie rief es fröhlich, denn es war
ihr ein Anliegen, daß ihr Herr wieder froh wurde.
Du haſt ja die Tür geöffnet, als ſie uns im Zuge hinein=
geleiteten
. Ich habe nicht hineingeſehen, denn ich verbrannte vor
Scham. Aber der Trompeter hat hineingeſchaut, und da er wußte,
daß dort unſer Brautgemach iſt, hat er die Blumen in den Gang
geworfen, damit wir ſicher ruhen in Sturm und Wetter.
Ein greller Blitz, ein heftiger Donnerſchlag. Friedrich ſah
erdfahl aus im Wetterſchein.
Warum gerade dorthin? ſchrie er in das Krachen des Don=
ners
.
Als der Donner verrollte, ergriff er heftig Urſulas Hände
und drückte ſie, aber ſeine Stimme war ſanft geworden.
O, jetzt weiß ich es, ſagte er leiſe. Der Herr hat’s ihn ge=
heißen
.
Urſula ſah angſtvoll zu ihrem Gatten auf.
Friedrich, weder ich noch du haben uns heute früh vorge=
ſtellt
, daß wir um Mitternacht auf dem Altane ſtehen würden.
Muß ich es ſein, die zum Gehen mahnt?
Er ſchüttelte abwehrend mit dem Kopf und lauſchte ins Tal
hinaus.
Zwei Burſchen kamen ſingend vom Städtchen her, auf der
Straße, die unten an der Burg vorüberführt gen Langental.
Jeden Ton, jedes Wort konnte man verſtehen, denn das Gewitter
ſchwieg; es ſchien ſich zu entfernen.
Wohlan, ſo heben wir wiederum an
Vom Herrn zu Handsſchuchheime,
Wie ihn der wilde Hirſchhorn erſtach
Auf dem Markt zu Heidelberge.
Der Ritter trat ſeufzend von der Brüſtung und lehnte ſich an
die Mauer. Urſula warf ſich ihm um den Hals, dann hielt ſie
ihm in krampfhafter Heftigkeit mit beiden Händen die Ohren zu.
Er ſträubte ſich und ſie rangen miteinander. Darüber gingen
einige Strophen an dem Gehöre vorüber.
(Fortſetzung folgt.)

Sie dürfen es nicht
als Ihr Geheimnis betrachten, daß Sie Ihre Kleider, Bluſen, Gar=
dinen
uſw. nur mit den weltberühmten echten Heitmann’s Far=
ben
, Marke Fuchshopf im Stern, ſelbſt färben, ſondern Sie
müſſen es auch Ihren Freundinnen und Bekannten erzählen. (TK, 5103
Heitmann’s Farbe ſpart den Färber.

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