Darmstädter Tagblatt 1914


Freitag, den 17. Juli.

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Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Nr. 194.

Freitag, den 17. Juli.

1914.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.

Das Wichtigſte vom Tage.

Die Reichstagserſatzwahl in Labiau-
Wehlau ergab Stichwahl zwiſchen Schrewe (konſ.)
und Wagner (Fortſchr. Volkspt.).
Nach den Ermittelungen des phyſikaliſchen Inſtituts der
Leipziger Univerſtät erreichte der Flieger Helerich
auf ſeinem Höhenweltrekordfluge eine Höhe
von über 8000 Metern.
Die Abdankung Huertas wurde durch amtliche
Manifeſte bekanntgegeben. Der Miniſter Carbajal
legte den Eid als Präſident von Mexiko
vor den verſammelten Abgeordneten und Senatoren ab.
Huerta iſt abgereiſt.
Siehe auch Letzte Nachrichten.

Polenfreundliche Rattenfänger

verſchiedener Art laſſen ſich in der Preſſe vernehmen, um
einer Aenderung der Oſtmarkenpolitik das Wort zu reden.
Zentrumsmänner, die aus Partei=Egoismus die über=
lieferte
Relle von Beſchützern des Polentums ſpielen; Sa=
lonpolitiker
, die ruſſiſche Zeitungen leſen können, aber
nicht danach fragen, wieviel polniſche Federn in ihnen tätig
ſind; radikal=demokratiſche Doktrinäre, die ſich von einem
Eigenbrödler angefeuert fühlen ſie ſtimmen in dem Be=
mühen
überein, uns das polenfreundliche Rußland
aus Rückſicht auf die Notwendigkeiten der inter=
nationalen
Politik als nachahmenswertes Beiſpiel
vorzuhalten. Was zu ſolchen Bemühungen hauptſächlich
den Anlaß gibt, geplante Neuerungen in der Verwaltung
Polens, die den Gebrauch der polniſchen Sprache geſtatten,
liegt bereits einige Zeit zurück und hat früher die Zuſtim=
mung
des ruſſiſchen Reichsrates nicht gefunden. Wenn
derſelbe Verſuch von der ruſſiſchen Regierung jetzt erneuert
wird, ſo bleiben zunächſt ſein Erfolg und alsdann Art und
Wirkungen ſeiner Durchführung abzuwarten.
Selbſt angenommen, daß dieſem ruſſiſchen Vorgehen
die Abſicht zugrunde läge, bei den Polen Stimmung für
Rußland und gegen Preußen zu machen, ſo dürfte darüber
doch nicht eine gleichzeitige Maßnahme vergeſſen werden,
die für die Mehrheit der ruſſiſchen Polen eine ſchroffe Ver=
letzung
ihrer religiös=kirchlichen Gefühle durch das amtliche
Rußland bedeutet: die Förderung der mariawitiſchen
Bewegung im Zarentum Polen. Die Erleichterung der
mariawitiſchen Propaganda geht nach einer Erklärung
des Miniſters Maklakow auf die Erwägung zurück, daß
die Mariawiten, obgleich ſie nach ihrem Kultus Katholiken
ſeien, ſich doch der orthodoxen Kirche nähern, die Lehre
von der päpſtlichen Gewalt ablehnen, die Liebe zu den
Ruſſen als dem ſlawiſchen Hauptſtamm predigen, in Polen
den katholiſchen Fanatismus dämpfen uſw. Unter ſolchen
Umſtänden iſt die Köln. Volksztg. ſicherlich im Rechte, wenn
ſie dieſe ruſſiſche Taktik, einen Keil in die der Ruſſifizierung
geſchloſſen widerſtrebende polniſche Geſellſchaft zu treiben,
als eine Herausforderung des katholiſchen Polentums be=
urteilt
. Es wäre ſeltſam, könnten in Ausſicht genommene
Erleichterungen des Gebrauches der polniſchen Sprache die
ruſſiſchen Polen mit der Begünſtigung einer katholiſchen
Sekte ausſöhnen, die die religiös=kirchlichen Anſchauungen
der großen Maſſe des polniſchen Volkes aufs ſchwerſte
verletzt.
Trägt mithin die ruſſiſche Verſöhnungspolitik gegen=
über
den Polen an und für ſich einen recht zweifelhaften
Charakter, ſo fordert das Verlangen, daß Preußen mit
Rückſicht auf die Notwendigkeit der internationalen
Politik ſeinen Polenkurs ändern müſſe, grundſätzlich den
ſchärfſten Widerſpruch heraus. Denn jenes Verlangen kann
nur bedeuten, daß Preußen auf dem Gebiete der Polen=
politik
an Polenfreundlichkeit mit dem Auslande wett=
eifern
müſſe, um im Falle kriegeriſcher Verwicklungen die
Stimmung der Polen auf ſeiner Seite zu haben. Eine der=
artige
Auffaſſung wäre nach einem militäriſchen
Zuſammenbruch des Deutſchen Reiches zur
Not verſtändlich. Jedoch unter den beſtehenden Verhält=
niſſen
, wo die deutſche Rüſtung zu Lande und zu Waſſer
uns geſtattet, auch einem Koalitionskriege ungleich ver=
trauensvoller
entgegenzublicken, als das noch lange nicht
gerüſtete Rußland und das ſich keineswegs erzbereit
fühlende Frankreich unter ſolchen Verhältniſſen ſind wir
nicht nur berechtigt, ſondern auch verpflichtet, die preußiſche
Polenpolitik ausſchließlich unter den Geſichtspunkten der
inneren Politik zu beurteilen. Die deutſch=ruſſiſchen
Beziehungen ſind heute gewiß nicht mehr ſo, wie ſie es vor

einigen Jahren waren; ſie ſind aber kaum ſchlechter, als zu
Beginn des Jahres 1888, d. h. zu jener Zeit, wo Fürſt
Bismarck im Reichstage ſagte: Um Liebe werben wir
nicht mehr, weder in Frankreich noch in Rußland. An
eine Aenderung der preußiſchen Polenpolitik, die ſeit 1886
mit dem Beginn des Anſiedelungswerkes die bisherige
Defenſive des preußiſchen Staates in eine nationale
Offenſive verwandelt hatte, hat trotzdem Fürſt Bismarck
weder im Jahre 1888 noch ſpäter gedacht. Es iſt nicht
abzuſehen, aus welchen Gründen das Beiſpiel, das er
hiermit gab, heute nicht mehr gültig ſein ſollte. Was uns
in unſerer Oſtmark vor allem nottut, iſt Stetigkeit, ſchreibt
Fürſt Bülow in ſeiner Deutſchen Politik. Und der
frühere Reichskanzler, der auf dem Gebiete der Oſtmarken=
politik
die Wege Flottwells, Grolmanns, Bismarcks und
Miquels gegangen iſt, ſchließt den innerpolitiſchen Ab=
ſchnitt
ſeines Buches u. a. mit den nachſtehenden Sätzen:
Es iſt verſtändlich, wenn die öſterreichiſche Monarchie,
die nicht ein auf der Grundlage einer Nationalität errich=
tetes
Staatsweſen iſt, aus Gründen innerer und äußerer
Politik ſeit den ſievziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
im Kronlande Galizien auf jede weitere Germaniſierung
verzichtet hat und den polniſchen Wünſchen auf das wei=
teſte
entgegengekommen iſt. Preußen iſt der Träger des
Deutſchen Reiches und des nationalen Gedankens,
iſt der deutſche Nationalſtaat und kann ſolche
Zugeſtändniſſe nicht machen, ohne ſeiner Vergangenheit,
ſeinen Traditionen und ſeiner deutſchen Miſſion untreu
zu werden. Preußen muß nach deutſchnatio=
nalen
Geſichtspunkten regiert und ver=
waltetwerden
. Hätten wir im Oſten der preußiſchen
Monarchie die ſlawiſchen Elemente in der Weiſe um ſich
greifen und die Deutſchen überfluten laſſen, wie es in
einem Teil von Zisleithanien geſchehen iſt, wir häten
heute anſtatt eines ſchwierigen Kampfes um das Deutſch=
tum
in der Oſtmark einen Kampf um die Erhaltung der
preußiſchen Staatseinheit, wir hätten nicht eine polniſche
Frage, ſondern eine polniſche Gefahr. Unſere Oſt=
markenpolitik
iſt nationale Pflicht des deutſchen Volkes
gegen ſich ſelbſt. Eine hochkultivierte und ſtarke Nation
darf nicht einen einmal errungenen nationalen Beſitz kampf=
los
aufgeben, ſie muß den Glauben an die Werbekraft ihrer
nationalen Kultur und das Vertrauen in die eigene Kraft
ſo weit haben, daß ſie ſich fähig und berechtigt fühlt, ihn
zu befruchten. Ob wir unſeren Beſitzſtand im Oſten feſt=
halten
oder nicht, ob unſere Oſtmarkenpolitik im nationalen
Gleiſe verharrt, was aus unſerer Oſtmark wird, das iſt
keine parteipolitiſche, ſondern eine allgemeine nationale
Frage, eine Frage, von deren bejahender oder verneinen=
der
Beantwortung nicht nur das Schickſal der Deutſchen
im preußiſchen Oſten, ſondern die Zukunft Preußens und
des Reiches und des geſamten Deutſchtums abhängen.
Was wollen neben der Wucht dieſer Mahnungen die
Ausſtrenungen polenfreundlicher Rattenfänger ſachlich be=
deuten
?

Die internationale Finanzs
kontrolle in Griechenland.

*⁎* In Athen machten ſich ſchon ſeit einigen Jahren
Beſtrebungen geltend, der internationalen Kontrolle der
griechiſchen Finanzen ſich zu entziehen. Das iſt noch mehr
der Fall ſeit der politiſchen Umwälzung auf der Balkan=
halbinſel
, ſeitdem Griechenland ſo große militäriſche Er=
folge
erzielt hat und ein Machtfaktor im Südoſten Euro=
pas
geworden iſt. Das Nationalitätsgefühl der Griechen
hat ſich bedeutend gehoben und wird es nicht länger als
unumgänglich notwendig iſt, zulaſſen, unter der Aufſicht
Europas zu ſtehen. Freilich iſt die Beſeitigung, dieſer Kon=
trolle
nicht ſo einfach, weil vorher die Garantie dafür ge=
ſchaffen
werden muß, daß die griechiſchen Gläubiger nicht
geſchädigt werden.
Bekanntlich waren die Finanzen des Hellenenreiches
von jeher in bedenklicher Verfaſſung. Der Befreiungs=
kampf
hatte die Hilfsquellen des Landes erſchöpft, und
ſpäter ließ die Wirtſchafts= und Finanzpolitik viel zu wün=
ſchen
übrig. Die Kriegsrüſtungen, insbeſondere die Aus=
gaben
für die Marine, überſtiegen die Kräfte des griechi=
ſchen
Staatsweſens und führten ſchließlich im Jahre 1893
zum Bankrott. Jahrelang wurden die Zinſen für die aus=
wärtigen
Anleihen willkürlich auf die Hälfte des urſprüng=
lichen
Betrages oder noch niedriger herabgeſetzt. Ganz
ſchlimm wurde es, als Griechenland im Jahre 1897 den
Krieg mit der Türkei provozierte und dabei ſo unglücklich
abſchnitt, daß nur mit Rückſicht auf die Mächte die Türken
von der völligen Zertrümmerung Griechenlands zurückge=
halten
wurden. Um jedoch deſſen Staatsgläubiger vor zu
großen Verluſten zu bewahren und einigermaßen Ordnung
in die Finanzen des Königreichs zu bringen, wurde dem
Finanzminiſter eine aus je einem Vertreter der ſechs euro=
päiſchen
Großmächte beſtehende internationale Finanz=

kontrolle mit dem Sitze in Athen beigegeben. Das Arrange=
ment
vom 26. Februar 1898 überwies als Garantie für
den Dienſt der äußeren Schuld folgende Staatseinkünfte:
die Monopoleinnahmen aus Salz, Petroleum, Streich=
hölzern
, Spielkarten, Zigarettenpapier und Naxosſchmirgel
mit einem jährlichen Mindeſtbetrage von 12300000 Drach=
men
; aus Tabak mit 6600000 Drachmen; aus der Stem=
pelſteuer
mit 10 Millionen, zuſammen 28 900000 Drachmen.
Falls dieſer Betrag nicht erzielt wird, ſind noch die Pi=
räuszölle
, deren Jahresertrag auf durchſchnittlich 10 700000
Drachmen angeſetzt iſt, verpfändet. Der Zinſendienſt für
die einzelnen Anleihen wurde prozentual geregelt. Ueber=
ſchüſſe
aus den verpfändeten Staatseinkünften ſollen zwi=
ſchen
der griechiſchen Regierung, welche 40 Prozent des
Ueberſchuſſes erhält, und den Gläubigern, die 30 Prozent
erhalten, verteilt, während 30 Prozent zur Amortiſation
beſtimmt ſind. Auf Grund des Artikels 2 des griechiſch=
türkiſchen
Präliminarfriedensvertrages vom 6./18. Sep=
tember
1897 wurde die Kommiſſion eingeſetzt. Deren
Mitglieder werden direkt von den ſechs Mächten Deutſch=
land
, Frankreich, England, Italien, Oeſterreich=Ungarn und
Rußland ernannt; ihre Aufgabe iſt die Einziehung und
Verwendung der Staatseinkünfte, die für den Dienſt der
Kriegsentſchädigungsanleihe von 1897 und der ſeit 1833
kontrahierten griechiſchen Anleihen beſtimmt ſind. Die
Kommiſſion hat ſehr weitgehende Kontrollbefugniſſe.
Seit der Einführung der Kontrolle iſt eine unverkenn=
bare
Beſſerung der griechiſchen Finanzen zu verzeichnen.
Zwar waren die Budgets von 1898 bis 1908 durch die Fer=
tigſtellung
der Bahnlinie vom Piräus bis zur türkiſchen
Grenze, durch Ausgaben für Heer und Flotte, ferner durch
die Koſten für Unterhaltung und Anſiedlung flüchtiger
Griechen aus Bulgarien und Rumänien derart überlaſtet,
daß die Budgets mit Fehlbeträgen abſchloſſen. Aber der
Regierung gelang es, Anleihen unterzubringen, und die
Etatsjahre 1910 und 1911 ſchloſſen mit Ueberſchüſſen ab.
Eine bedeutende Umwälzung auch auf finanziellem Ge=
biete
wird die Vergrößerung Griechenlands zeitigen, deſſen
wirtſchaftliche Verhältniſſe früher hauptſächlich von dem
Ausfall der Korintenernte abhingen, nun aber durch den
Zuwachs an fruchtbaren Gebieten eine ganz andere, aus=
ſichtsreichere
Baſis zu erhalten. Das wird auch nicht ohne
Einfluß auf die griechiſchen Finanzen bleiben, doch muß
das Ergebnis erſt abgewartet werden, bevor an die Ver=
änderung
der jetzigen Rechtslage gedacht und der Wunſch
des Miniſterpräſidenten Venizelos in Berückſichtigung ge=
zogen
werden kann, eine Unifizierung der ſogen. alten
Staatsſchuld durchzuführen und die internationale Finanz=
kontrolle
abzuſchaffen. Bisher haben ſich die Mächte gegen=
über
dieſem Wunſche ablehnend verhalten.

Deutſches Reich.

Der Rücktritt des Oberpräſidenten
von Schleswig=Holſtein v. Bülow wird in
der Politiſchen Korreſpondenz als bevorſtehend bezeich=
net
und in Verbindung gebracht damit, daß ſeitens der
Staatsbehörden neuerdings an unſerer Nordgrenze etwas
ſchärfer als bisher gegen die däniſche Agitation vorge=
gangen
wird.
Der gegenwärtige Notſtand auf dem
Bau= und Immobilienmarkt hat den Verband
vereinigter Baumaterialienhändler Deutſchlands, e. V.,
veranlaßt, auf ſeiner letzten Generalverſammlung eine
Entſchließung zu faſſen, welche nunmehr an die Regierun=
gen
des Deutſchen Reiches ſowie ſämtlicher deutſcher Bun=
desſtaaten
, an die Verwaltungen aller größeren deutſchen
Städte, ſowie an ſämtliche deutſchen Handelskammern und
Hypothekenbanken zum Verſand gekommen iſt. Die Ent=
ſchließung
lautet:
Der Verband vereinigter Baumaterialienhändler
Deutſchlands, e. V., erblickt in dem gegenwärtigen Not=
ſtande
auf dem Bau= und Immobilienmarkte eine Gefahr
für das geſamte deutſche Wirtſchaftsleben. Der Verband
bittet daher dringend die verbündeten Regierungen des
Reiches und die Kommunen, auf Mittel zu ſinnen, um den
Grundbeſitz ſteuerlich zu entlaſten. Der Verband richtet
ferner an die verbündeten Regierungen des Reiches die
Bitte, die geſetzlichen Maßnahmen zur Beſchränkung der
Miets= und Zinszeſſionen zu beſchleunigen und Unzu=
länglichkeiten
des Zwangsverwaltungs= und Zwangsver=
ſteigerungsverfahrens
zu beſeitigen. Alle dieſe Verhältniſſe
haben dazu geführt, daß ſich das Privatkapital für zweite
Hypotheken ganz vom Baumarkte zurückzieht und ſelbſt
erſte Hhpotheken nur ſehr ſchwer und teuer zu erhalten ſind.
Zur Beſeitigung dieſes Notſtandes iſt die Hilfe der ver=
bündeten
Regierungen des Reiches und der Kommunen
dringend erforderlich Der Verband bezeichnet es im übri=
gen
als eine unbedingte Notwendigkeit, auf die Hypo=

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 17. Juli 1914.

Nummer 194.

thekenbanken in dem Sinne einzuwirken, daß ſie den wirt=
ſchaftlichen
Verhältniſſen Rechnung tragen und von er=
ſchwerenden
Bedingungen bei der Rückforderung fälliger
Hypotheken durch Zinsſteigerungen und Proviſionen Ab=
ſtand
nehmen, damit nicht auch ferner viele Hausbeſitzer
und Gläubiger zweiter Hypotheken zugrunde gerichtet wer=
den
. Der Verband vereinigter Baumaterialienhändler
Deutſchlands, e. V., beauftragt den Vorſtand, durch ge=
eignete
Maßnahmen auf Abſtellung der geſamten Miß=
ſtände
hinzuwirken, damit auf dem Baumarkt bald wieder
geſunde, dem geſamten deutſchen Wirtſchaftsleben erſprieß=
liche
Verhältniſſe Platz greifen.

Ausland.

Oeſterreich=Ungarn und Serbien.
Oeſterreichs Beziehungen zu Serbien.
Im Abgeordnetenhauſe beantwortete Miniſterpräſident
Graf Tisza die Interpellation, betreffend die Bezie=
hungen
zu Serbien. Der Miniſterpräſident führte
aus, die Beziehungen zu Serbien müßten geklärt werden.
Er könne ſich, da die Frage noch in der Schwebe ſei, über
die Methode noch nicht definitiv äußern. Er wolle nur
im allgemeinen ſagen, daß die verantwortlichen Faktoren
ſich deſſen bewußt ſind, welche Intereſſen ſich an die Er=
haltung
des Friedens knüpften. Die ſchwebende Ange=
legenheit
müſſe nicht unbedingt zu kriegeriſchen Ent=
ſcheidungen
führen. Doch ein Staat, welcher den Staat
nicht als die ultima ratio betrachte, könne ſich als Staat
nicht behaupten. Der Miniſterpräſident widerlegte die
Auffaſſung, als ob die Zuſtände in Bosnien revolutionär
ſeien und als ob außerordentliche Maßnahmen getrof=
fen
werden müßten. Allerdings werde eine großſerbiſche
Agitation betrieben, der mit aller Energie entgegenge=
treten
werden müſſe. Auf die Interpellation des Gra=
fen
Apponyi, betreffend die Lage der öſterreichiſch= unga=
riſchen
Staatsbürger in Belgrad, ſagte der Miniſterpräſi=
dent
: Unſer Geſandter Giesl erhielt alarmierende Nach=
richten
, die ernſt erſchienen, ſo daß die ſerbiſchen Behör=
den
von ihm erſucht wurden, Vorſichtsmaßregeln zu tref=
fen
. Doch bewahrheiteten ſich die alarmierenden Nach=
richten
glücklicherweiſe nicht. An der Haltung der Bel=
grader
Bevölkerung iſt nicht wahrzunehmen, daß ſie be=
abſichtigt
, irgend welche feindſeligen Kundgebungen
auszuführen. Die beiden Antworten des Miniſterpräſiden=
ten
wurden von dem Hauſe zur Kenntnis genommen.
Die Londoner Times veröffentlichen einen
Leitartikel über Oeſterreich=Ungarn und Serbien. Wäh=
rend
offiziell die Haltung der beiden Regierungen kor=
rekt
ſei, heißt es darin, ſei die Preſſe der beiden Länder
in eine Kampagne eingetreten, die zu wirklich unheilvol=
len
Folgen führen könne. Das Blatt verzeichnet mit Ge=
nugtuung
, daß die große Mehrheit der verantwortlichen
Zeitungen in Oeſterreich dem Beiſpiel des Kaiſers folgte,
von der Mordtat in Serajewo mit Beſonnenheit und Zu=
rückhaltung
zu ſprechen. Sie verlangt mit vollem Recht
eine gründliche Unterſuchung aller Umſtände des Ver=
brechens
, ſowie der Natur und der Verzweigung der Ver=
ſchwörung
, die unzweifelhaft dahinterſtehe. Die Blätter
fordern auch eine gebührende Beſtrafung der Schuldigen.
Ferner beſtehen ſie darauf, daß Oeſterreich=Ungarn wirk=
ſame
Garantien gegen die Unterſtützung aufrühreriſcher
Bewegungen in der Monarchie durch ſerbiſche Untertanen
erhält. Hierin ſtimmen wir alle überein, ſagen die
Times, und dies iſt eine Pflicht, die die Serben ſich ſelbſt
ſchuldig ſind, und der ſie auch nachkommen werden. Das
Blatt fährt fort, daß die rückſichtsloſe und provozierende
Sprache vieler ſerbiſcher Blätter vor und nach der Mord=
tat
Europa empört und die Sympathie der ziviliſierten
Welt abgewendet habe. Der weiſe und ehrenvolle Kurs
für Serbien ſei, aus eigener Initiative die Unterſuchung
vorzunehmen und einen vollſtändigen Bericht den Mäch=
ten
vorzulegen. Andererſeits müßte Oeſterreich=Ungarn
eingedenk ſein, daß die ſüdſlawiſche Frage, von der die

Beziehungen zu Serbien einen Teil bildeten, in einer
für die Monarchie befriedigenden Weiſe nicht durch Ge=
walt
oder durch Drohungen mit Gewalt gelöſt werden
könne. Jeder Verſuch in dieſer Richtung werde eine neue
Gefahr für den europäiſchen Frieden bilden. Bisher habe
Oeſterreich=Ungarn mit Selbſtbeherrſchung und Zurück=
haltung
gehandelt und es ſei ernſtlich zu hoffen, daß es
bis zum Schluß darin fortfahren werde.
Frankreich.
Präſident Poincaré iſt in Begleitung des
Miniſterpräſidenten Viviani geſtern um Mitternacht nach
Dünkirchen abgereiſt, von wo aus er ſich zu Schiff nach
Rußland begeben wird.
Die Heereskommiſſion der Kammer
hat fünf ihrer Mitglieder dazu beſtimmt, ſich der Heeres=
kommiſſion
des Senats anzuſchließen. Die Kammer ver=
öffentlicht
die Liſte der Mitglieder, die mit der Prüfung
des Kriegsmaterials beauftragt worden ſind. Es ſind
die Abgeordneten Girod, Treignier, Jaurés, Accambriag
und General Pedoya.
Die infolge der Enthüllungen des
Senators Humbert eingeſetzte Unter=
kommiſſion
des Heeresausſchuſſes des Senats hielt
eine Sitzung ab, in der ſie ihr Arbeitsprogramm auf=
ſtellte
und insbeſondere über die an Ort und Stelle vor=
zunehmenden
Beſichtigungen Beſchluß faßte. Die mit
derſelben Aufgabe betraute Unterkommiſſion des Heeres=
ausſchuſſes
der Kammer, deren Mitglieder General Pe=
doya
, Accambriag, Girod, Treignier und Jaurés durch=
weg
entſchiedene Gegner des Dreijahrgeſetzes ſind, dürfte
durchaus unabhängig von der Unterkommiſſion des Se=
nats
zu Werke gehen. Jaurés erklärte einem Berichter=
ſtatter
, daß das Kriegsminiſterium ſeiner Unterkommiſ=
ſion
die Arbeit erleichtern werde, und fügte ironiſch hin=
zu
, daß er vor allem wiſſen möchte, was die Feſtungen
in der Rue Saint Dominique der Sitz des General=
ſtabs
enthalten.
England.
Das Oberhaus hat die Bill, betreffend die Ab=
ſchaffung
der Pluralwahlſtimmen, die zum zweiten Male
unter der Parlamentsakte an das Oberhaus verwieſen
war, mit 119 gegen 49 Stimmen abgelehnt.
Der Ulſterkönig Carſon wurde mitten in
einer Truppenübung durch eine dringende Depeſche aus
Weſtminſter Donnerstag nacht nach London gerufen. Die
eilige Berufung Carſons durch die Regierung wird all=
gemein
als ein gutes Zeichen für die friedliche Einigung
gehalten.
Rußland.
Der erſte Rat Arzimowitſch iſt zum Ge=
hilfen
des Miniſters des Aeußern ernannt worden.
Bulgarien.
Die Anleihe. In der Sobranje ſollte die Ver=
handlung
der Anleihe beginnen. Bei Beginn der Sitzung
verlas der Führer der Radikalen Tſanow im Namen der
geſamten Oppoſition eine lange Erklärung, welche mit den
Worten ſchließt, daß die Oppoſition die Anleihe als
entehrend und unheilvoll für das Land erachte, das kei=
nerlei
Vorteile für die zahlreichen überaus ſchweren
Laſten, die ſich aus der Kreditoperation ergäben, erhalte.
Die geſamte Oppoſition proteſtiere gegen die Gewäh=
rung
der Ausbeutung der Kohlenminen, die einen ſchwe=
ren
Schlag für die heimiſche im Entſtehen begriffene In=
duſtrie
bedeute, und erkläre, daß die Unterzeichnung der=
artiger
Verträge durch den bulgariſchen Miniſter ein Ver=
brechen
an der Würde und dem Kredit Bulgariens be=
deute
, angeſichts der Möglichkeit, die Anleihe anderswo
zu günſtigeren Bedingungen ohne wirtſchaftliche Opfer
und Konzeſſionen oder politiſche Verpflichtungen aufzu=

nehmen. Die Vorlage derartiger Verträge in der So=
branje
ſei eine Herausforderung des bulgariſchen Volkes,
ihre Genehmigung ein gefährlicher Eingriff in die fi=
nanzielle
und wirtſchaftliche Unabhängigkeit des Landes,
ſowie der Beginn der Unterwerfung unter fremde Staa=
ten
. Die Verleſung der Erklärung wurde von ſtürmiſchen
Proteſtrufen der Abgeordneten der Mehrheitspartei un=
terbrochen
. Der Führer, der reformiſtiſchen Sozialiſten
verlas eine Erklärung, in welcher die Regierung beſchul=
digt
wird, daß ſie beabſichtige, durch die Gewährung der
Konzeſſion für die Hafenbauten in Portolagos und
durch die Ausbeutung der Gruben zu Pernik und Bobov=
dol
Fremde ins Land kommen zu laſſen. Während der
Verleſung herrſchte ein immer mehr anwachſender Lärm.
Schließlich verlas Blagoeff, der Führer der doktrinären
Sozialiſten, gleichfalls eine Erklärung, die in demſelben
Sinne gehalten war. Während der Verleſung der Er=
klärung
kam es zu einem Zwiſchenfall. Als Blagoeff er=
klärte
, er proteſtiere dagegen, daß die ruſſiſche Geſandt=
ſchaft
durch die Veröffentlichung des Communiqués über
die Anleihefrage ſich in die inneren Angelegenheiten ein=
miſche
, begann die Majorität lebhaft zu applaudieren.
Der Unterrichtsminiſter Peſcheff rief, indem er auf die
Demokraten hinwies: Sie ſind es, denen man dieſe
Aeußerungen der ruſſiſchen Preſſe zu verdanken hat, von
der Sie Ihre Aufträge erwarten. Als der Führer der
Demokraten heftig dagegen proteſtierte, erwiderte der Un=
terrichtsminiſter
, Malinow ſei ein Fremder. Auf dieſe
Worte hin erhob ſich ſchreiend die geſamte Oppoſition.
Malinow rief dem Miniſter zu: Feigling! Die Abge=
ordneten
ſchlugen auf die Pulte. Wegen des ungeheuren
Lärmes unterbrach der Präſident die Sitzung. Nach
ihrer Wiederaufnahme dauerte der Lärm in der gleichen
Heftigkeit fort, ſo daß die Sitzung nochmals geſchloſſen
werden mußte. Die Oppoſition beſchloß, die Verhandlung
der Vorlage um jeden Preis zu verhindern.

Stadt und Land.

Darmſtadt, 17. Juli.
* Vom Hofe. Die Großherzoglichen Herre
ſchaften mit dem: Erbgroßherzog und dem
Prinzen Ludwig begaben ſich Mittwoch 2½ Uhr
nachmittags mit Gefolge im Auto nach Bad Nauheim
und wohnten im Kurhaus der Aufführung der Elizabeth
Duncan=Schule zum Beſten des Alice=Frauen=Vereins
Darmſtadt an. Die Prinzen kehrten um 8¼ Uhr abends
nach Jagdſchloß Wolfsgarten zurück, während die Groß=
herzoglichen
Herrſchaften um 11¼ Uhr daſelbſt ein=
trafen
. (Darmſt. Ztg.)
* Ordensverleihungen. Der Großherzog hat
dem Oberingenieur Wilhelm Kitz zu Guſtavsburg die
Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen des ihm von
Sr. Maj. dem König von Preußen verliehenen Roten
Adler=Ordens 4. Klaſſe erteilt und dem Branddirektor
Jean Scholl in Bingen das Ritterkreuz 2. Klaſſe des
Verdienſtordens Philipps des Großmütigen verliehen.
* Ernannt wurden der Amtsgerichtsdiener bei dem
Amtsgericht Wald=Michelbach Reinhard Lehmann
zum Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgericht Bad Nau=
heim
mit Wirkung vom Tage des Dienſtantritts ſeines
Nachfolgers und der Gefangenaufſeher am Landeszucht=
haus
Marienſchloß Friedrich Schneider zum Amts=
gerichtsdiener
bei dem Amtsgericht Wald=Michelbach mit
Wirkung vom 1. Auguſt 1914.
* Großh. Regierungsblatt. Die Beilage Nr. 9
vom 16. Juli hat folgenden Inhalt: 1. Oeffentliche
Anerkennung. 2. Vekanntmachung, die Ergebniſſe aus
der Rechnung der Staatsſchuldenverwaltung für das
Etatsjahr 1911 betreffend. 3. Bekanntmachung, den
Ausſchlag des Gehalts des Rabbinen zu Bingen für
das Jahr 1914 betreffend. 4. Ueberſicht über die in den
Gemeinden des Kreiſes Offenbach zu erhebenden Ge=
meindeumlagen
für das Rechnungsjahr 1914. 5. Ueberſicht
über die in der Stadt Offenbach zu erhebenden Ge=
meindeſteuern
für das Rechnungsjahr 1914. 6. Ueberſicht
über die in den Gemeinden des Kreiſes Oppenheim zu
erhebenden Gemeindeumlagen für das Rechnungsjahr
1914. 7. Ueberſicht über die in der Stadt Bingen zu er=

Ricarda Huch.

Zu ihrem 50. Geburtstag, 18. Juli.
Von Dr. Paul Landau.
Ww. Wenn die deutſche Frauenbewegung einen
Namen auf ihre Fahne ſchreiben wollte, dann müßte es
der dieſer Frau ſein. Nicht daß ſie beſonders gekämpft
hätte für das Recht des ſchwächeren Geſchlechts, für die
Gleichſtellung mit dem Manne; im Gegenteil, ihr Werk
iſt das weiblichſte, das je eine große Dichterin geſchaffen.
Aber allein durch ihr Daſein wirkt ſie mehr als tauſend
Vereine; ihre Bücher verkünden herrlich die Sieges=
kraft
des Weibes, beſchämen die Männer, die nichts Gleich=
wertiges
ihnen zur Seite ſtellen können, offenbaren eine
Harmonie von Seeleninbrunſt und Geiſtesklarheit, von
leidenſchaftlicher Hingabe und ſtolzeſter Selbſtzucht, wie
ſie einzig daſteht in unſerer Zeit. Wir wollen nicht den
müßigen Streit heraufbeſchwören, ob Ricarda Huch der
größte heute lebende deutſche Dichter ſei. Manche, und
nicht die ſchlechteſten Beurteiler, glauben es. Mögen an=
dere
, männliche Bewerber um dieſen Rang begabter ſein,
mögen ſie heißer mit den Rätſeln des Lebens ringen, hel=
denhafter
den Geiſt unſerer Zeit erfaſſen; ihr Weg ging
abwärts, ihr Schickſal iſt ein Erliegen und Ermatten, eine
Niederlage, wenn auch die eines Heros. Der Weg dieſer
Frau ging empor, immer ſteiler der Sonne zu, der Voll=
ndung
entgegen. Unendlich viel Schönes, eine verſchwen=
deriſche
Fülle der Poeſie hat ſie auf dieſer Bahn geſpendet.
Aber ſie wurde zugleich zu einem Pfad der härteſten Ar=
beit
, der zäheſten Entſagung und Erziehung. Nun ſteht
die Künſtlerin allein auf dem goldenen Triumphbogen,
den ſie zwiſchen Wirklichkeit und Traum in den Himmel
geſchlagen, und bewundernd und ſtaunend, mißverſtehend
und nicht verſtehend auch, blickt die Mitwelt zu ihr empor.
Wäre Ricarda Huch ein Knabe geweſen, ſo wäre ſie
wohl früher zu Studium und Dichten gekommen. Die
mehr als 20 Bände, die wir heute von ihr beſitzen, ſtam=
men
alle aus der zweiten Hälfte ihres 50jährigen Daſeins.
So manche Kämpfe muß die Braunſchweiger Patriziers=
tochter
durchgemacht haben, bevor ſie in ihrem dreiund=
zwanzigſten
Jahre zum Studium nach Zürich zieyen

durfte, erlöſt von der prunkvollen Schwere und der vor=
nehmen
Enge einer bürgerlichen Kulturſphäre, wie Mi=
chael
Unger, der Held ihres ſicherlich viel Autobiographi=
ſches
enthaltenden Romans Vita somnium breve. Von
entſcheidender Wirkung iſt dieſer mehrjährige Schweizer
Aufenthalt auf ihre Entwickelung geweſen. Hier hat ſie
in tüchtiger hiſtoriſcher Gelehrtenarbeit den Grund für
ihr gewaltiges geſchichtliches Wiſſen gelegt, das ſie ſogar
ſpäter durch die entſagungsvolle und ſchwierige Heraus=
gabe
einer Urkundenſammlung vertiefte; hier hat ſie die
Kunſt der großen Schweizer Poeten tief durchlebt, an die
ſie zunächſt in ihrem eigenen Dichten anknüpfte. Ihre
dramatiſchen Erſtlinge, gleichſam Präludien ihres eigent=
lichen
Schaffens, ihr erſter Gedichtband (1891), ſie ſtehen
deutlich in ihrem ſtiliſierenden Pathos, in ihrer gedämpf=
ten
Formenfülle unter dem Stern Conrad Ferdinand
Meyers; ihr früheſter Roman, Erinnerungen von Ludolf
Ursleu, dem Jüngeren aber, durch den ſie mit einem
Schlage berühmt wurde, zeigt in der wundervollen Rhyth=
mik
ihrer Proſa, in dem bunten Bilderreichtum, wie in
manchen ſpielenden Arabesken aufs klarſte das Vorbild
Gottfried Kellers.
Das Renaiſſancedrama Evoé (1892) dringt mit ſei=
nem
bacchantiſchen Hymnus an den Rauſch des Lebens
jedoch ſchon über den bedächtigeren Kreis der Schweizer
hinaus, wie auch die lyriſch reich blühende Wirrnis des
entzückenden Märchenſpiels Dornröschen ſich in den
Traumtänzen ausgelaſſener Romantik verliert. Im Urs=
leu
(1893) iſt die Allgewalt einer ekſtatiſch beglückenden
düſter vernichtenden Leidenſchaft mit ſchrankenloſer Ein=
ſeitigkeit
dargeſtellt. Ricarda Huch iſt lange Zeit für das
Publikum nur die Dichterin dieſes Buches geweſen; trotz
aller Genialität des frühreifen Meiſterwerkes ſehr zu Un=
recht
, denn die künſtliche Ruhe und Geſchloſſenheit des
Chronikſtils verleiht den Geſtalten etwas Unwirklich=
Maskenhaftes, und die Dichterin mußte erſt dieſe über=
nommene
Form zerſchlagen, um eine originale, organiſch
gewachſene Geſtalt für ihre Werke zu gewinnen. Wie ein
Erholen und Verſuchen muten die Novellen=Bände an,
die folgten, auch ſie noch Kellers Weſensart fortſpinnend,
bald phantaſtiſch=barock, wie manch Gebilde des Sinn=
gedichts
(Mondreigen von Schlaraffis), dann graziös=
ironiſch
, voll ſchalkhaften Humors, eine Tonart, in der

ſie ſpäter, in den juwelenhaft ſchillernden Seifenblaſen
und dem gravitätiſch=komiſchen Hahn von Quakenbrück,
ihre Höhepunkte erreichte, oder hiſtoriſch=pſychologiſch, wie
in Fra Celeſte oder der eigenartigen Neudichtung des
armen Heinrich. Mit übermütiger Luſt und genialer
Ungebundenheit tummelt ſie ſich in den reichen Irrgärten
der Neu=Romantik, während ſie gleichzeitig in ernſteſter
Forſchung ein meiſterhaft objektives Bild der alten Ro=
mantik
erſtehen ließ. Mit ihren beiden Bänden Blüte=
zeit
und Ausbreitung und Verfall der Romantik (1899,
1902) hat Frau Huch ein literargeſchichtliches Standard=
werk
geſchaffen, das der Wiſſenſchaft neue Wege wies in
den wundervollen Charakteriſtiken des erſten Teils und der
Erſchließung eines vorher kaum geahnten romantiſchen
Weltbildes im zweiten Teil. So ſtand Ricarda um die
Jahrhundertwende da: als ein Dichter von Gottes Gna=
den
und als eine wiſſenſchaftliche Größe erſten Ranges,
der kein Profeſſor ebenbürtig war. Das neue Jahrhun=
dert
ſollte die Verſchmelzung und innerliche Durchdringung
dieſer beiden getrennten Mächte bringen.
Ihr zweiter großer Roman, der 1901 bei Eugen Diede=
richs
erſchien die anderen wichtigen Werke hat jetzt der
Inſel=Verlag ſind die Lebensſkizzen Aus der
Triumphgaſſe Auch hier iſt noch ein fremder, männlicher
Erzähler vorgeſchoben, und in ſeiner warmherzig anteil=
nehmenden
, dennoch vornehm egoiſtiſchen Art dem ungeheu=
ren
Elend des Armengäßchens fein gegenübergeſtellt. Aber
viel gewaltiger als im Ursleu bricht hier das Empfin=
den
der Dichterin hervor, und durch dieſe perſönliche Glut
wird die lange Reihe der Figuren und Epiſoden zu einem
unvergeßlichen Bilde menſchlichen Jammers und Elends
zuſammengeſchweißt, über dem ſich in leuchtender Schöne
der Triumphbogen der Phantaſie wölbt. Nie iſt die enge
Dumpfheit der armen Leute, der Verkommenen und Aus=
geſtoßenen
, verklärter dargeſtellt worden, als in dieſem
Ausſchnitt aus dem Armenviertel von Trieſt. Verklärt
und doch wahr bis zur Grauſamkeit. Die Dichterin be=
ichtet
klar und kalt entſetzliche Verbrechen, furchtbare Nöte,
widrigſte Häßlichkeit; aber ſie läßt uns keinen Augenblick
vergeſſen, daß alles Aeußere nichts iſt gegen das Helden=
um
der Seele und die Wunder der Phantaſie. Sie macht
ihre Krüppel und Bettler zu Heroen und wirft den Pur=
purmantel
der lateiniſchen Raſſe, der erhabenen Volks=

[ ][  ][ ]

Nummer 194.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 17. Juli 1914.

Seite 3.

hebenden Gemeindeumlagen für das Rechnungsjahr
1914. 8. Ueberſicht der von Großh. Miniſterium des
Innern für das Rechnungsjahr 1914 genehmigten Um=
lagen
zur Beſtreitung der Kommunalbedürfniſſe der
iſraelitiſchen Religionsgemeinde Worms. 9. Ueberſicht
über die in den Gemeinden des Kreiſes Schotten zu er=
hebenden
Gemeindeumlagen für das Rechnungsjahr 1914.
10. Charaktererteilungen.
* Die Reifeprüfung an den Gymnaſien. Mit
Ermächtigung des Großherzogs vom 4. Juli 1914 hat
Großh. Miniſterium des Innern beſtimmt, daß dem
Abſatze 1 des § 17 der Verordnung, betreffend die Reife=
prüfung
an den Gymnaſien vom 18. Januar 1893,
folgender Zuſatz beigefügt wird: In dem Falle, daß
der Inhaber des Reifezeugniſſes eines deutſchen Real=
gymnaſiums
nach dem Ausweis dieſes Zeugniſſes als
Schüler des Realgymnaſiums ſowohl in den Klaſſen=
leiſtungen
als auch in der Reifeprüfung den Anfor=
derungen
im Lateiniſchen ohne jede Einſchränkung ge=
nügt
hat, iſt bei ihm von einer beſonderen Prüfung
in dieſem Fache abzuſehen. Dieſem Zuſatze iſt lt.
Darmſt. Ztg. rückwirkende Kraft vom Juli 1912 ver=
liehen
worden.
* Der Miniſter des Innern von Hombergk zu
Vach hat einen mehrwöchigen Erholungsurlaub ange=
treten
.
* Kommando zum Militär=Reit=Inſtitut. Die in Nr.
93 des Mil.=Wochenbl. veröffentlichte Liſte der zum In=
formationskurſus
für Stabsoffiziere der Kavallerie zum
Militär=Reit=Inſtitut kommandierten Offiziere erhält fol=
gende
Veränderungen: Für den erkrankten Major v.
Teichman u. Logiſchen vom Drag.=Regt. 24 iſt der
Major Freiherr v. Bellersheim vom Drag.=Regt.
Nr. 23 kommandiert.
g. Ferienſtrafkammer. Der Körperverletzung und des
Verbrechens nach § 176,3 Strafgeſetzbuch war der 35 jäh=
rige
Friſeur Wilhelm Neuhaus von hier angeklagt.
Er wird nach nichtöffentlicher Verhandlung nur wegen
Körperverletzung zu 6 Mark Geldſtrafe eventl. 1 Tag
Gefängnis verurteilt. Der Drehermeiſter Karl
Meißenbach von Niedernhauſen i. O., hatte ein Straf=
mandat
erhalten, weil an einem Sonntag ſein Geſelle in
der Werkſtatt gearbeitet haben ſollte. Er gibt an, er ſelbſt
habe gearbeitet und ſein Geſelle habe nur die Hobelbank
gereinigt, wozu er am Tage vorher keine Zeit gehabt
habe. Das Schöffengericht hatte auf Freiſprechung er=
kannt
, weil eine Arbeit nicht vorliege. Die Staatsanwalt=
ſchaft
legte hiergegen Berufung ein, doch erkannte auch die
Strafkammer auf Freiſprechung, weil in dem Strafbefehl
der Name des Geſellen mit dem bei dem Bruder des An=
geklagten
beſchäftigten Geſellen verwechſelt worden
war. Der 26jährige Händler Peter Zörgiebel von
Unter=Moſſau hatte von zwei Mannheimer Händlern
innerhalb 14 Tagen etwa 25 Zentner Honig bezogen, den
er anſcheinend verſchleuderte. Nach Eröffnung des Kon=
kurſes
über ſein Geſchäft ging er mit einem Mädchen nach
London, kehrte jedoch nach 3 Wochen zurück. Wegen Be=
trugs
hatte ihn das Schöffengericht zu 3 Wochen Ge=
fängnis
verurteilt, da er in dem Beſtellſchreiben ſagte,
er würde in 3 Wochen zahlen können, da das Geſchäft gut
ginge, wodurch ſich der Lieferant zu weiterer Lieferung
beſtimmen ließ. Die Ferienſtrafkammer verwarf geſtern=
die
von ihm eingelegte Berufung.
g. Kriegsgericht. Der aus Lützel=Wiebelsbach ſtam=
mende
Dragoner Jakob Schnell bacher vom Drag.=
Regiment Nr. 23 entfernte ſich am 28. Juni von ſeinem
Truppenteil, als er vom Wachtmeiſter zur ärztlichen
Unterſuchung geſchickt wurde, weil er eine 4wöchige ſtrenge
Arreſtſtrafe antreten ſollte. Er trieb ſich bis zu ſeiner am
8. Juli erfolgten Verhaftung in Darmſtadt umher und
verübte während dieſer Zeit zwei Zechprellereien, durch
die zwei Wirte um 65 und 61 Pfennig geſchädigt wurden.
Der eine Fall ſcheidet jedoch aus, da der Wirt erklärte,
dem armen Soldaten auch in Kenntnis der Mittelloſig=
keit
etwas gegeben zu haben. Das Gericht verurteilte den
Angeklagten wegen unerlaubter Entfernung, Zechbetrugs
und Angabe eines falſchen Namens bei ſeiner Feſtnahme
zu 3 Monaten und 1 Tag Gefängnis und 3 Tage
Haft, ſowie Verſetzung in die zweite Klaſſe des Soldaten=
ſtandes
. 1 Tag Gefängnis und 3 Tage Haft wurden als
durch die Unterſuchungshaft für verbüßt erachtet.
Wegen Fundunterſchlagung erhält der bei der 1. Batterie
des Artillerie=Regiments Nr. 61 dienende Kanonier Karl
Joſef Martin aus Kirchheimbolanden 3 Wochen
Mittelarreſt. Er hatte auf der Mannſchaftsſtube
3 Paar Strümpfe, ein Meſſer und ein leeres Porte=
monnaie
gefunden und für ſich behalten.
* Der Leibchauffeur des Großherzogs. Ein bemer=
kenswertes
Jubiläum konnte in dieſen Tagen Herr Hof=
chauffeur
Georg Laun hier feiern. Derſelbe ver=
ſieht
nunmehr ſeit 10 Jahren ununterbrochen ſein verant=
wortungsvolles
Amt als Leibfahrer im Dienſte Sr. Kgl.

Hoheit des Großherzogs. Man kann ſich einen Begriff
von ſeiner Tätigkeit machen, wenn man bedenkt, daß der
Großherzog in dieſen zehn Jahren rund eine Viertel=
million
Kilometer im Automobil zurücklegte, und ſich dabei
ſtets der treuen und zuverläſſigen Führung Launs be=
diente
. Auch eine große Zahl hervorragender Gäſte
wurde in dieſer Zeit unter Herrn Launs Leitung in den
Großh. Automobilen befördert, an erſter Stelle Se. Maje=
ſtät
der Zar von Rußland, welcher ihn wiederholt durch
ehrenvolle Anerkennungen auszeichnete. Der Großherzog
ſelbſt ſetzt großes Vertrauen in ſeinen Leibfahrer, welcher
auch ſeinerzeit die Ehre hatte, ſeinen hohen Herrn in der
Lenkung eines Automobils zu unterweiſen. Da der
Großh. Wagenpark aus lauter ſehr ſchnellen, vielſitzigen
Automobilen beſteht, ſo darf es als ein Beweis für die
hervorragende Tüchtigkeit Launs angeſehen werden, daß
ſich in ſeiner langen Dienſtzeit noch kein einziger nennens=
werter
Unfall bei ſeinen Fahrten ereignete.
* Die Feſtveranſtaltungen der vereinigten Darmſtädter
Krieger= und Militärvereine im Großh. Orangeriegarten
nehmen am Samstag abend ihren Anfang. Den Glanz=
punkt
des Abends bildet die Aufführung des vaterländi=
ſchen
Feſtſpiels von H. Enders Armin, der Be=
freier
das abends 8 Uhr zum erſten Male auf der
Naturbühne des Orangeriegartens zur Darſtellung ge=
langt
und mit allgemeiner Spannung erwartet wird. Da
nur eine beſchränkte Anzahl von Sitzplätzen vorhanden
iſt, ſo empfiehlt es ſich, ſolche im Vorverkauf in der Muſi=
kalienhandlung
von Arnold, Wilhelminenſtraße 9, zu ent=
nehmen
; auch an den beiden Abendkaſſen werden eventl.
noch Karten für Sitzplätze ausgegeben. Die Beteiligung
an den verſchiedenen Feſtlichkeiten verſpricht auch von aus=
wärts
eine außerordentlich ſtarke zu werden. Viele der
auswärtigen Krieger= und Militärvereine treffen bereits
im Laufe des Samstags hier ein und nehmen für die
drei Tage Quartier, ſo daß ſich während dieſer Zeit, be=
ſonders
im Beſſunger Stadtteil, ein lebhafter Verkehr ent=
wickeln
wird. Die Bevölkerung der Reſidenzſtadt wird
es ſich jedenfalls auch nicht nehmen laſſen, den feiernden
Darmſtädter Korporationen und den vielen hierher kom=
menden
kameradſchaftlichen Vereinigungen durch reichen
Fahnenſchmuck ein berzliches Willkommen entgegen=
zurufen
. Es würde damit zugleich ein äußeres Zeichen
dafür gegeben ſein, daß die Bevölkerung an den mit gro=
ßen
Opfern und Mühen vorbereiteten Feſtveranſtaltungen
freudigen Anteil nimmt und daß die vaterländiſche Ge=
ſinnung
und der nationale Gedanke in der Landeshaupt=
ſtadt
noch immer tiefe Wurzeln hat. An dem großen Feſt=
zug
am Sonntag nachmittag 2½ Uhr werden ſich auch
ſämtliche zur Feier hier anweſenden Krieger= und Mili=
tärvereine
aus der näheren und weiteren Umgebung mit
ihren Fahnen beteiligen. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzogk
wird den Feſtzug vorausſichtlich am Denkmal Lud=
wigs
IV. vor dem Reſidenzſchloß abnehmen. Da an den
beiden Tageskaſſen zu beſtimmten Stunden ein ſtarker
Andrang ſtattfinden wird, iſt es ratſam, die Tageskarten
à 50 Pfg. und die Dauerkarten für 1 reſp. 2 Mk. möglichſt
ſchon an den bekannten Vorverkaufsſtellen zu entnehmen.
* Geſangverein Liederzweig. Das Sommerfeſt des
Liederzweig findet nächſten Sonntag, den 19. Juli, nach=
mittags
, in den Räumen des Schützenhofes ſtatt. Außer
Konzertnummern einer Abteilung der Kapelle des Art.=
Regt. Nr. 61 wird der Chor einige Chöre vortragen. Zum
Gedächtnis des vor kurzem verſtorbenen Schweizer Män=
nerchor
=Komponiſten, Karl Attenhofer, wird deſſen popu=
lärſtes
Werk: Dort liegt die Heimat mir am Rhein zur
Aufführung gelangen. Weiter ſind vorgeſehen: Chöre von
Sonnet, Pauli, Schauß und der bekannte Chor: Friedrich
Rotbart mit Orcheſterbegleitung von Podbertsky, der am
Samstag in dem Konzert auf der Ausſtellung ſo großen
Erfolg hatte. (Näheres Programme und Anzeige.)
* Vogelsberger Höhenklub, Zweigverein Darmſtadt.
Man ſchreibt uns verſpätet: Zur 4. Wanderung hatten
ſich 120 Wanderer am Hauptbahnhof eingefunden. Kurz
nach ½9 Uhr war Hofheim a. T. erreicht. Nach einer hal=
ben
Stunde war der Kapellenberg mit ſchattigem Wege er=
ſtiegen
und von hier ging es auf ſchönem, ſchattigen Wald=
höhenweg
am Meiſterturm vorbei über den Lorsbacher
Kopf nach der Gundelhand, einem alkoholfreien Reſtau=
rant
, woſelbſt im Walde kurze Frühſtücksraſt gehalten
wurde. Kurz nach 11 Uhr war der Staufen erreicht, von
deſſen Ausſichtsturm ſich ein herrlicher Rundblick auf
das Lorsbacher Tal, die nähere und weitere Umgebung
von Eppſtein bot. Von der Felſenterraſſe oberhalb des
Kaiſertempels genoß man dann einen entzückenden Blick
auf Eppſtein, die Perle des Taunus. Um 12 Uhr war Epp=
ſtein
erreicht, wo in der Reſtauration Zur Oelmühle‟
längere Raſt gehalten wurde. Auf ſchattigem Wege
längs des Fiſchbachtales gelangte man nach Fiſchbach und
von da auf recht ſonnigen Wegen über Hornau nach dem
Endziel Bad Soden. In der Reſtauration von Weigand

wurde der übliche Kaffee mit Kuchen eingenommen und
nach Beſichtigung der Kuranlagen wurde die Rückreiſe
nach der Reſidenz angetreten, wo man kurz nach ½9 Uhr
eintraf. Wenn auch die Sonne am Nachmittag ihre ſen=
genden
Strahlen auf die wackeren Wanderer wirken ließ,
ſo konnte dies der gemütlichen Stimmung doch keinen
Abtrag tun und allgemein waren die Wanderer von dem
Geſehenen höchſt befriedigt.
* Von den Trauerfeiern für den ermordeten öſter=
reichiſchen
Erzherzog in Oeſterreich und Deutſchland bringt
die neueſte Nummer 29 unſerer Tiefdruckbeilage Illu=
ſtrierte
Wochenchronik zahlreiche Aufnahmen und
ferner mehrere Photographien von den antiſerbiſchen De=
monſtrationen
in Serajewo. Zum deutſchen Siege im
franzöſiſchen Automobil=Grand=Prix bringt das Heft
neben anderen Aufnahmen den Sieger Lautenſchlager in
ſeinem Mercedeswagen. Von Bildern vom Tage nennen
wir: Erzherzog Friedrich, der zum Generalinſpekteur der
öſterreichiſch=ungariſchen Armee ernannt wurde, General
Pollio, Generalſtabschef der italieniſchen Armee, der in=
folge
eines Schlaganfalls ſtarb den neuen Fernſeh=
apparat
, die ſehr intereſſante Erfindung des Dr. A. M.
Low, eine Aufnahme, die das Ausbooten europäiſcher
Freiwilliger für Albanien in Durazzo zeigt und den
Stapellauf des Luftfahrzeugs Amerika mit dem Leut=
nant
Porte den Ozean überfliegen will. Das Strand=
leben
am Berliner Wannſee und an der Nordſee ſchildern
vier ſehr hübſch von der photographiſchen Kamera feſt=
gehaltene
Badeſzenen. Für unſere Damen ſind in der
neuen Ausgabe mehrere eigenartige Modebilder und
andere die Damenwelt intereſſierende Aufnahmen ent=
halten
. Eine Novelle, Das Hotel am Gauriſankar die
drollige Geſchichte eines Films, bereichert textlich den In=
halt
der Nummer.
§ Feſtgenommen. Der Trompeter=Unteroffizier
Schwarz des Dragoner=Regiments Nr. 23, welcher ſeit
acht Tagen ſich von ſeinem Truppenteil entfernt hat, iſt
Dienstag nacht in der Obergaſſe, woſelbſt er mit einem
ſcharf geladenen Revolver einen Schuß abgab, von
einem Schutzmann feſtgenommen und an die Kaſernen=
wache
des Infanterie=Regiments Nr. 115 abgeliefert
worden.

* Konzerte. Hugenſchütz Felſenkeller. Das
heutige Freitagskonzert wird von der Kapelle des Großh.
Heſſ. Art.=Regts. Nr. 61 ausgeführt und iſt in der Haupt=
ſache
dem Andenken Theodor Körners gewidmet.
Ein gleiches Konzert wurde bereits voriges Jahr zur
Aufführung gebracht und fand ungeteilten Beifall. Der
übrige Teil des Programms iſt ebenfalls dem Geſchmacke
des Publikums angepaßt. (Siehe auch Anzeige.)

W Reinheim, 15. Juli. (Die kommende
Landtagswahl.) Bei den bis jetzt hier ſtattge=
fundenen
Vertrauensmännerverſammlungen für den
6. Wahlkreis Ober=Ramſtadt-Reinheim, dem die Orte
Asbach, Brensbach, Dilshofen, Ernſthofen, Frankenhauſen,
Georgenhauſen, Groß= und Klein=Bieberau, Gundern=
hauſen
, Habitzheim, Herchenrode, Webern, Nieder= und
Ober=Modau, Neutſch, Ober=Ramſtadt, Reinheim, Rodau,
Rohrbach, Roßdorf, Spachbrücken, Ueberau, Wembach
mit Hahn, Werſau und Zeilhard angehören, und deſſen
wohlverdienter und langjähriger Landtagsabgeordneter
Herr Bierbrauereibeſitzer Georg Schönberger in Groß=
Bieberau iſt, der ſeines hohen Alters wegen nicht mehr
kandidieren wird, wurden die Herren Oekonomierat
Fritſch zu Dilshofen und Likörfabrikant Ludwig Palmy
zu Gundernhauſen in Vorſchlag gebracht, die beide auch
die Kandidatur angenommen haben. Da noch ein ſozial=
demokratiſcher
und ein freiſinniger Kandidat zu erwarten
ſind, ſo wird vorausſichtlich die für Oktober vorgeſehene
Wahl eine recht rege werden.
Crumſtadt, 16. Juli. (Geſangverein Germa=
nia
.) Der Geſangverein Germania ſchließt das lau=
fende
Vereinsjahr mit einem am Samstag, den 18. Juli,
ſtattfindenden Familienabend. Der muſikaliſche Teil wird
von einer Künſtler=Kapelle ausgeführt. Der Verein kann
in dieſem Jahr auf eine Reihe erfolgreicher Veranſtal=
tungen
zurückblicken, die er zur Erinnerung an ſein 50 jähri=
ges
Fahnen=Jubiläum abhielt. Von einem offiziellen
Feſt wurde in dieſem Jahre abgeſehen, da das Jahr 1916
das 75jährige Stiftungsfeſt des Vereins bringt.
Mainz, 16. Juli. (Ein Stadtſyndikus.) Die
Stadtverordneten beſchloſſen geſtern in nichtöffentlicher
Sitzung, einen Syndikus anzuſtellen, der der Bürger=
neiſterei
zwecks Entlaſtung von juriſtiſchen Arbeiten bei=
gegeben
werden ſoll.
Mainz, 16. Juli. (Stadtverordneten= Ver=
ſammlung
.) Der in Kaſtel gewählte Stadtverordnete
Dyckerhoff wurde eingeführt und verpflichtet. Die Wahl
des Herrn Hirſchbiegel in Kaſtel war mit Erfolg ange=

dichtung, über ſie hin. So wird alles in Elanz und
Größe, in Feuer und Sonne getaucht und der Menſchheit
ganzer Jammer in Herrlichkeit geläutert. Noch reiner ge=
lingt
dies in dem innerlich weniger beſeelten, dichteriſch
ſchwungvolleren Roman Von den Königen und der
Krone in dem ſlawiſch=romaniſche Heldenſagen Leben,
Lieben und Sterben verkommener Sproſſen einer uralten
Herrſcherfamilie umklingen. Es ſind fabelhafte Orgien
des Gefühls, der Farbe und des Wortes, die ein grandio=
ſes
Talent in dieſen von Poeſie übervollen Büchern feiert,
und eine ähnliche üppige Verſchwendung herrſcht auch in
dem ſpäter Michael Unger getauften Roman Vita
somnium breve der im realiſtiſchen Milieu zwar in die
Kreiſe des Ursleu zurückkehrt, aber in herrliche Einzel=
heiten
zerflattert und in dem Ringen des Helden um
Leben und Schönheit nur ein trübes, reſignierendes Träu=
men
darſtellt.
Der Stil der Ricarda hat in dieſen Werken an Glut
des Bekennens und Kraft des Kolorits der gehaltenen
Ruhe und dem ſilbrigen Grau des Ursleu gegenüber
unendlich gewonnen. Das Maleriſche, Bildhafte ihres
Schauens, das höchſte Anſchaulichkeit gewährt, iſt voll
ausgebildet. Zugleich iſt das lyriſche Element immer
ſtärker geworden und droht im brauſenden Strom die
Schranken der epiſchen Form zu zerſchellen. Das bewei=
ſen
auf dem Gebiet der Lyrik ihre Neuen Gedichte die
nichts mehr von der artiſtiſchen Bewußtheit der früheren
haben, ſondern inbrünſtige Liebesbekenntniſſe ſind von
echt weiblicher Hingabe und einer verzückten Myſtik, die
ihresgleichen nicht ſinden, die reifſte Liebeslyrik, die uns
eine Frau ſeit Sappho geſchenkt. Echt weiblich iſt auch
in ihren Romanen die Verehrung der äußeren Schönheit
der Helden, ihr Verliebtſein in Edzard, Michael und Lasko,
echt weiblich und die hymnenhaften Einlagen, die den
haſtigen Rhythmus ihres heißen Fabuliertalentes unter=
brechen
. Ihre Technik beſteht nun in einem Aneinander=
reihen
einzelner abgeſchloſſener, impreſſioniſtiſch geſehener
Szenen, die ſich mehr oder weniger zu einem Ganzen =
gen
. Sie iſt eine Meiſterin der Epiſode, die ſie zunächſt
eigenwillig nach Kellers Art arabeskenhaft die Handlun=

gen umſpielen läßt, allmählich aber immer einheitlicher
einfügt und auf den Grundton abſtimmt. Das Subjektive
ihres Stils wird gemildert durch eine Bevorzugung der
indirekten Rede, die eine objektive Kühle und epiſche Ruhe
hereinbringt Und ebenſo iſt ihr eine unerſchütterliche Ge=
laſſenheit
, eine unmittelbare Selbſtverſtändlichkeit in der
Wiedergabe des Grauſigſten und Entſetzlichſten eigen. So
hat ſie alle Mittel des großen Epikers in der Hand; im
letzten Jahrzehnt fand ſie die großen, dieſer Kunſt wür=
digen
Stoffe.
Von Anfang an war Ricarda Huch ein hellſeheriſcher
hiſtoriſcher Sinn eigen, ſie hat ihn in ihren geſchichtlichen
Arbeiten, in ihren geſchichtlichen Dramen und Novellen,
deren Zeitſtimmung ſtets vorzüglich feſtgehalten iſt, in
ihren Balladen erwieſen, von denen die aus dem 30 jähri=
gen
Krieg ſogleich am bekannteſten wurden. Im hiſtori=
ſchen
Roman, dem ſie ſich ſeit 1905 zuwandte, hat ſie nun
ihr Höchſtes vollbracht, etwas ganz Neues geſchaffen. Ihre
überall in ihren Werken hervortretende Begeiſterung für
Italien trieb ſie zum Studium der Schickſale des jungen
Königreichs, in dem ſie eine Zeit lang lebte. So ſtieß ſie
in der Geſchichte der Befreiung auf die faſzinierende Ge=
ſtalt
Garibaldis und machte ihn zum Helden eines zwei=
bändigen
heroiſchen Proſagedichtes, deſſen erſter Teil be=
ſonders
von leuchtender Poeſie durchſtrömt iſt. Wie die
Jünglingsgeſtalten eines antiken Friedens ziehen die ed=
len
Verteidiger Roms und ihre Todeskämpfe für die Frei=
heit
an uns vorüber. Aber die Dichterin hat die lyriſchen
Elemente ihrer früheren Romane noch nicht überwun=
den
; der Hymnenſtil einer Sinfonia eroica wechſelt mit
politiſch=hiſtoriſchen Geſprächen und Abhandlungen, bei
denen der ſpröde Gehalt der Studien nicht in das Gold
der Poeſie rein aufgelöſt iſt; außerdem nimmt Ricarda
für ihren Helden leidenſchaftlich Partei und gewinnt
nicht die gerechte hiſtoriſche Stellung, indem ſie das All=
zumenſchliche
und ſehr Bedenkliche in Garibaldis Charak=
ter
überſieht. Wie ſehr tritt im zweiten Teil der wahre
Befreier Italiens, Cavour, gegen ihn zurück! Noch ein=
mal
mußte ſie es mit dem ſtreng wiſſenſchaftlichen Ton
verſuchen. Ihre Studien hatten ſie von der Garibaldi=

Zeit auf die erſten Verſuche der Befreiung in den 20er
Jahren zurückgeführt. In einem wundervollen Buch
prägte ſie nun ſieben Schickſale und Geſtalten Aus dem
Zeitalter des Riſorgimento zu ſcharfen kunſtvollen Me=
daillen
und fand in dem ergreifenden Leben eines dieſer
frühen Märtyrer der italieniſchen Freiheit, des Grafen
Federigo Confalonieri, das Thema für ein erſchüttern=
des
Seelengemälde, das trotz ſeines mächtigen hiſtoriſchen
Hintergrundes ein vollendetes pſychologiſches Kunſtwerk
wurde. Ein Zeichen für die geſchloſſene Reife der Tech=
nik
, die ſie erlangt, iſt auch die geiſtreiche, ſpannend vir=
tuoſe
Anarchiſtengeſchichte in Briefen Der letzte Som=
mer‟
. Im Vollbeſitz all ihrer Kräfte glückte nun Ricarda
Huch in ihrer bisher letzten Arbeit, dem dreibändigen
Werk Der große Krieg in Deutſchland die geſchichtliche
Dichtung höchſten Stils, um die ſie ſo lange gerungen.
Nur dargeſtellt hat ſie, wie der Titel mit ſtolzer Schlicht=
heit
ſagt, aber zugleich damit eine ganz neue Form ge=
geben
, eine kaum glaubliche Beſeelung der Vergangenheit,
eine wahre geſchichtliche Geiſterbeſchwörung. Hier fügen
ſich die Einzelſzenen reſtlos zur Einheit zuſammen, wie
die Tupfen eines Impreſſioniſten zum Bilde; hier haben
die grandioſen Epiſoden ihre rechte Stelle, ihre tiefe Be=
deutung
; hier verleiht der knappe Stil der indirekten Rede
den einzelnen Ausrufen in direkten Sätzen die blitzende
Leuchtkraft; hier iſt aus der Chronik des Ursleu die
geniale Meiſterſchaft einer dichteriſchen Geſchichtsſchreibung
geworden. Man weiß nicht, was man mehr bewundern
ſoll: die ſouveräne Beherrſchung der Quellen, die weit=
ſichtige
hiſtoriſche Gerechtigkeit, die mit gleicher Anteil=
nahme
die Sonne ihrer Kunſt über Gerechte und Unge=
rechte
leuchten läßt, die Geſtaltungsmacht, die einer wim=
melnden
Fülle von Fürſten und Bürgern, Feldherrn und
Geiſteshelden, Körper und Blut verleiht, oder die einzig=
artige
Beleuchtung und Ergründung der kulturellen At=
moſphäre
. Ricarda Huch hat hier etwas Einzigartiges
vollbracht, mit dem nichts in unſerer Dichtung ſich meſſen
kann. Möge ſie von ihrer Höhe uns Bewunderern im Tal
weiter königlich von ihren reifen Gaben ſchenken!

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Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 17. Juli 1914.

Nummer 194.

fochten worden und ſo gilt Herr Dyckerhoff nach der Ent=
ſcheidung
des Verwaltungsgerichtshofes als gewählt.
Das Geſuch von ſtädtiſchen Beamten um Gewährung
freier Fahrt auf der Straßenbahn wird abgelehnt. Für
Leute mit einem Gehalt unter 1800 Mark werden ſteuer=
pflichtige
Wochenfahrkarten zu ermäßigten Preiſen aus=
gegeben
. Ein Antrag auf Beihilfen zur Ermöglichung
des Beſuches der Ausſtellung für Buchgewerbe und Gra=
phik
in Leipzig wurde nach längerer Debatte der Konſe=
quenzen
wegen abgelehnt.
Nierſtein, 16. Juli. (Intereſſante Uebun=
gen
der Luftſchifferabteilung) finden kom=
mende
Woche in der Gegend des Nierſteiner Wartturms
ſtatt. Mannſchaften und Offiziere werden während der
Dauer der Uebung hier einquartiert. (Eine Sub=
miſſionsblüte
) ergab ſich geſtern bei der Eröffnung
der Angebote zur Ausführung von Beton= und Erdarbei=
ten
am Rheindamm. Höchſt= und Mindeſtfordernde wa=
ren
zwei Mainzer Firmen. Die Höchſtforderung betrug
36071 M., die Mindeſtforderung 20939 M., alſo eine Dif=
ferenz
von ziemlich 16000 M.
Nackenheim, 16. Juli. (Unglücksfall.) In der
Transformatorenſtation wurde ein Maurer tot aufge=
funden
. Der Verunglückte hat ſich ſeinen Tod durch eigene
Unvorſichtigkeit zugezogen. Dem Manne war angegeben,
daß er die Station nicht ohne Aufſicht betreten ſollte;
trotzdem iſt er von einer Leiter durch ein Fenſter einge=
ſtiegen
, muß dabei an die Hochſpannungsleitung gekom=
men
ſein und ſtürzte, nachdem er einen elektriſchen Schlag
erhalten hatte, durch die Steigöffnung vom zweiten Ge=
ſchoß
ins Erdgeſchoß, woſelbſt er dann verblutet aufge=
funden
wurde. Beim Fallen hatte der Maurergehilfe ſich
den Arm aufgeſchlagen, wodurch ein ſtarker Blutverluſt
eintrat.
Heidesheim, 16. Juli. (Zum Mordverſuch.)
Am Montag und Dienstag hielt der Unterſuchungsrichter,
Geh. Juſtizrat Hattemer aus Mainz, wegen des Revol=
verattentats
im Heidesheimer Walde Lokaltermin ab.
Gegen Simon wird vorausſichtlich Anklage wegen
verſuchten Mordes erhoben werden. Der Unter=
ſuchungsrichter
hat deshalb die Fortdauer der Unter=
ſuchungshaft
angeordnet.
(*) Büdingen, 15. Juli. (Lehrerjubiläum.) Der
dienſtälteſte Lehrer des Kreiſes, Lehrer Strack= Orleshau=
ſen
, feierte heute im Kreiſe ſeiner Kollegen, der Gemeinde=
vertreter
und ſeiner Schüler ſein goldenes Dienſt=
jubiläum
. Die Feier begann in Orleshauſen und
wurde dann im Hotel Stern=Büdingen fortgeſetzt. Der
Bezirkslehrerverein Büdingen war vollzählig erſchienen.
Der Jubilar verließ 1864 das Lehrerſeminar zu Fried=
berg
. Er wirkte 22 Jahre in Rainrod, 21 Jahre in Glas=
hütten
, und ſeit 7 Jahren bekleidet er die Schulſtelle im
benachbarten Orleshauſen.

Das Wanderſparkaſſenbuch.*)

* Bei meinen Streifzügen durch unſer Volksleben
bin ich auf viele Fälle geſtoßen, in denen eine Kataſtrophe
über einen Menſchen nur deshalb hereingebrochen war
und nur deshalb hereinbrechen konnte, weil er in einem
kritiſchen Moment ohne jede Geldmittel war, und es ihm
in der plötzlichen Not nicht gelang, ſichere Ruhe und kla=
ren
Verſtand zu behalten, um die dem weiten ſchwer=
fälligen
Volke weſensfremden und tatſächlich ihm noch
verſteckten und ſchwer zugänglichen offiziellen Rettungs=
und Hilfsſtationen zu erreichen, die auch oft genug ver=
ſagen
. Faſt immer hätten ein paar Mark ſchnell zur Hand
den Zuſammenbruch verhüten und eine Brücke zum auf=
rechten
Weiterſchreiten im Leben ſchlagen können. Oft
fehlten nur Pfennige. Hier hätte ein Brief für 10 Pfg.
an die Mutter alles retten können, dort ein Telegramm
an eine Schweſter, und bei jener hätten 23 Mark genügt,
um ſie den Ort der früheren Herrſchaft wieder aufſuchen
zu laſſen, in derem Hauſe ihrer Not ſtets ſicherer Hort war!
Wie oft in beſſeren Zeiten hatten ſie das Geld nutzlos
vertan und verſchleudert. In dem gänzlichen Mangel an
Geld, in der harten abſoluten Fremde, da wurde ihnen
erſt das Bewußtſein klar, wie jeder Pfennig machtvoll
befreiend, und aber auch ſklaviſch feſſeln konnte. Und oft
waren die Geſcheiterten nicht einmal mittellos daheim
lag ihr Sparkaſſenbuch hier war ihre Not, und
die Entfernung ließ beides ſich nicht ausgleichen. Um
bei den Stellen= und Ortswechſeln nicht das Umſchreiben
des Sparkaſſenbuches nötig zu haben, waren ſie bei der
heimatlichen Sparkaſſe geblieben.

*) Aus Gemeinnützige Blätter für Heſſen und
Naſſau

Vor allem den alleinſtehenden Frauen eine Waffe
zum Ueberwinden plötzlicher Not unabhängig vom Orte
wäre das Wanderſparkaſſenbuch, das ſich be=
reits
in den Volksſchulen einbürgern müßte. Das Buch
trägt die Perſonalien des Eigentümers und eine, von der
Ausgabe=Sparkaſſe eingeklebte und abgeſtempelte Photo=
graphie
des Inhabers. An jedem Orte, auf Sparkaſſen
oder womöglich auf dem Poſtamte, könnten Einzahlungen
und Abhebungen jederzeit vorgenommen werden. Der
Aktenmechanismus iſt durchaus ſicher funktionierend denk=
bar
. Die Zinſen könnten jährlich verrechnet werden.
Bedenkt man, daß dieſe Einrichtung vor allem den
beruflich viel auf Ortswechſel angewieſenen Mädchen, alſo
den heimatloſen Einſamen, zugute kommen würde, und
daß momentan dieſe armen Geſchöpfe, kleine Artiſtinnen,
mittelbegabte Schauſpielerinnen, Ladnerinnen, Friſeuſen,
Kellnerinnen uſw. faſt alle Opfer momentaner Not wer=
den
, ſo wird mein Vorſchlag bei allen einſichtigen Ret=
tungswilligen
als eine durchaus berechtigte zeitgemäße
Forderung erſcheinen, deren Erfüllung viele Not, die jetzt
dem Staate zur Laſt fällt, ſich nicht vollenden, ſondern
ſelbſt regulieren ließe, und die ein Weg zu eigener Scholle
werden könnte.
E. W. M., Darmſtadt.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 14. Juli. Von unterrich=
teter
Seite erfährt das Berliner Tageblatt, daß mehreren
Lektoren der fremden Sprachen an der Ber=
liner
Handelshochſchule zum 1. Oktober gekündigt wor=
den
iſt. Es ſeien ihnen neue Verträge vorgelegt worden,
die bedeutend niedrigere Gehälter feſtſetzen, als die bisher
bezogenen. Der Präſident der Aelteſten der Kaufmann=
ſchaft
, Kaempf, erklärte einem Mitarbeiter des Berliner
Tageblatts, daß die Entlaſſungen mit der geplanten
Reorganiſation des fremdſprachlichen
Unterrichts zuſammenhingen, der dann durch Lektoren
der Berliner Univerſität geleitet werden ſolle. Es ſei ſehr
wahrſcheinlich, daß einzelne der gekündigten Lehrer wie=
der
engagiert würden. Beſtimmtes aber ſtehe noch nicht
feſt. 900ehemalige Artilleriſten aus Würt=
temberg
und Baden, die an dem erſten allgemei=
nen
deutſchen Artilleriſtenappell in Bremerhaven teilge=
nommen
haben, trafen geſtern nacht auf dem Lehrter Bahn=
hof
ein, um Berlin zu beſichtigen. Die Gäſte wurden im
Hotel de Ruſſie, Savoyhotel, Zentralhotel uſw. einquar=
tiert
und nahmen am Abend an einer feſtlichen Veran=
ſtaltung
im Kriegervereinshauſe teil, die die früheren An=
gehörigen
der württembergiſchen Regimenter ihnen zu
Ehren gaben. Heute wird Berlin in einer großen Auto=
mobilreiſe
beſichtigt. Man wird das Mauſoleum in Char=
lottenburg
, das Reichstagsgebäude und andere Sehens=
würdigkeiten
beſuchen. Die Arrangements wurden von
dem deutſchen Konſul in Patras getroffen, der ſelbſt ge=
borener
Württemberger iſt und zurzeit gerade in Deutſch=
land
zu Beſuch weilt. Er ſelbſt iſt gedienter Artilleriſt und
Ehrenmitglied des Ludwigsburger Artilleriſtenhauptver=
eins
, dem eine große Anzahl der Teilnehmer angehört.
Der Polizei gelang es nach langen Beobachtungen eine
Einbrecher= und Hehlerbande feſtzuneh=
men
. Es handelt ſich um die beiden Mechaniker Otto
und Paul Günther und den Schloſſer Paul Böhm, die
in den letzten Wochen mehrere Einbrüche verübten und
die geſtohlenen Gegenſtände bei etwa 15 Hehlern unter=
brachten
.
16. Juli. Der Radierer Köpping iſt heute vormit=
tag
in Tegel geſtorben. In der erſten mediziniſchen
Klinik der Königlichen Charité iſt Radium im Werte
von 20000 Mark abhanden gekommen.
Saarbrücken, 16. Juli. (Geſtändige Mörder.)
Der Arbeiter Wagner, der wegen Ermordung des Berg=
manns
Peter Marx aus Ottenhauſen zum Tode verurteilt
worden iſt, hatte ausgeſagt, daß die Tochter des Ermor=
deten
und deren Ehemann, der Arbeiter Müller, an dem
Morde beteiligt ſeien. Die beiden letzteren, die ſich ſeit
dem 8. Juli in Unterſuchungshaft befinden, haben nach
längerem Leugnen heute ein volles Geſtändnis abgelegt.
Stuttgart, 16. Juli. (Von der Techn. Hoch=
ſchule
.) Auf den Lehrſtuhl für deutſche Literatur,
Aeſthetik und Redeübungen an der Stuttgarter Tech=
niſchen
Hochſchule iſt als Nachfolger des verſtorbenen
Profeſſors Harnack der Direktor des Gymnaſiums zu
Ulm, Dr. Theodor Meyer berufen worden.
Stuttgart, 16. Juli. (Ungetreuer Kaſſen=
diener
.) Seit Montag nachmittag iſt der am 2. Januar
1878 in Nürnberg geborene Konrad Wohlleben, der bei

einer hieſigen Firma als Kaſſendiener beſchäftigt war,
und im Vororte Bothnang wohnte, mit 12000 Mark ver=
ſchwunden
. Es fehlt jede Spur von ihm.
Karlsruhe, 16. Juli. (Dr.=Ing. hon. causa.)
Von der Großh. Techniſchen Hochſchule zu Karlsruhe
wurden dem Direktor der II. Deutſchen Ramié= Geſell=
ſchaft
, Franz Joſeph Baumgartner in Emmendingen
(Baden), in Anerkennung ſeiner hervorragenden Verdienſte
um die deutſche Textilinduſtrie, beſonders ſeiner Schöpf=
ungen
und Vervollkommnungen in der Verarbeitung der
Ramié, ſowie dem Profeſſor Dr. Albert Friedrich Flieg=
ner
in Zürich in Anerkennung ſeiner hervorragenden Ver=
dienſte
um die Förderung der techniſchen Wiſſenſchaften,
die er ſich durch zahlreiche theoretiſche und experimentelle
Forſchungsarbeiten auf dem Gebiete der Thermodynamik
und der Hydraulik, insbeſondere der Maſchinentheorie und
der Turbinentheorie, erworben hat, die Würde eines
Dr.=Ing. hon. causa verliehen.
Konſtanz a. Bodenſee, 16. Juli. (Die große Hitze)
der letzten Tage hat auch am Bodenſee Todesopfer
gefordert. Hier brach geſtern der Kaufmann Ganter,
als er gerade in den Zug einſteigen wollte, auf dem
Trittbrett zuſammen und ſank tot auf den Bahnſteig.
In Uttwil (Schweizer Seite) wurde ein Fiſcher wäh=
rend
des Fiſchfangs in ſeinem Boote von einem Hitz=.
ſchlag getroffen. Er wurde tot ans Land gebracht.
Duisburg, 16. Juli. (10 Perſonen ertrunken.)
Vorgeſtern und geſtern ſind beim Baden im Rhein 10 Per=
ſonen
ertrunken. Bei Emmerich kamen zwei Brüder bei
dem Verſuche, einem ertrinkenden Vetter zu helfen, ums
Leben.
Magdeburg, 16. Juli. (Selbſtmord eines Sol=
daten
.) Vorgeſtern wurde zwiſchen der Pionierbade=
anſtalt
und der Eiſenbahnbrücke im rechten Flußbett der
Stromelbe die Leiche des Musketiers Bren=
necke
von der 10. Kompagnie des 26. Infanterie= Regi=
ments
(Magdeburg) mit geknebelten Händen aufgefunden.
Vermutlich lag eine Scheinknebelung vor. Der
Mann hatte ſeinen Heimaturlaub überſchritten und war
vor das Kriegsgericht der ſiebenten Diviſion wegen einer
Diebſtahlsangelegenheit in der Zitadelle vorgeladen wor=
den
. Man nimmt an, daß er an den Diebſtählen beteiligt
war und aus Angſt vor Strafe in den Tod gegangen iſt.
Innsbruck, 16. Juli. (Schweres Unglück.) An
dem Militärexerzierplatz bei Triſtach (Tirol) fanden Kin=
der
in einem Gebüſch die geöffnete Hülſe eines Artillerie=
geſchoſſes
. Sie ſchütteten das Pulver heraus und zün=
deten
es an. Es erfolgte eine furchtbare Exploſion, durch
die zwei Kinder ſofort getötet wurden.
Paris, 16. Juli. (Eine neue Bodenſenkung)
ereignete ſich heute früh an der Ecke der Boulevards
Malesherbes und Haußmann über dem großen Haupt=
kanal
von Asniéres nahe der Schienenkreuzungen der
Untergrundbahn. Nach dem Paſſieren eines Mietsautos
zeigte ſich ein 75 Zentimeter breites Loch. Der Verkehr
wurde ſofort eingeſtellt. Es werden noch zwei andere
Fälle von Straßenſenkungen gemeldet. Wahrſcheinlich iſt
der heftige Gewitterregen der letzten Nacht die Urſache.
Paris, 16. Juli. (Todesfall.) Hier iſt geſtern
nacht der ehemalige rumäniſche Geſandte Vacarescu, der
Vater der rumäniſch=franzöſiſchen Dichterin Helene Vaca=
rescu
, geſtorben.
Paris, 16. Juli. (Jſadora Duncan), die erſt
unlängſt den Tod ihrer beiden Kinder zu beklagen hatte,
iſt von einem neuen Schickſalsſchlag heimgeſucht worden.
Ihre Tanzſchule in dem Pavillon de Bellevue iſt vollſtän=
dig
ausgebrannt. Die kleinen Schülerinnen konnten noch
rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden.
Petersburg, 16. Juli. (Feuer.) Ein im Arbeiter=
viertel
in der Nähe des Nikolausbahnhofes ausgebroche=
nes
Feuer hat 25 Häuſer zerſtört und gegen 1000 Per=
ſonen
obdachlos gemacht. Unter den Trümmern wurden
vier Leichen gefunden. Sechs Kompagnien Soldaten hal=
fen
der Feuerwehr bei der Löſchung des Brandes.
Thumen, 16. Juli. (Rasputin) iſt heute operiert
worden; ſein Geſundheitszuſtand iſt günſtig.
Tiflis, 16. Juli. (Eine Räuberbande) über=
fiel
die Kreditanſtalt der Stadt Gori und raubte 13000
Rubel. Die Polizei erſchoß zwei der Räuber. Von den
Polizeibeamten wurden vier verwundet.
Neu=York, 15. Juli. (Verhafteter Defrau=
ant
.) Der 24jährige Aushilfsſchreiber der Kölner
Reichsbanknebenſtelle, Wilhelm Martin, welcher die
Reichsbanknebenſtelle in Barmen mit Hilfe des gefälſchten
utſcheinformulars um 45000 Mark betrogen hat und auf
dem Imperator nach Amerika geflüchtet war, iſt hier
auf Erſuchen des deutſchen Konſuls verhaftet worden.

Feuilleton.

Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.
ml. Friedrich Gernsheim. (Zum 75. Geburts=
tag
am 17. Juli.) Mit ſeltener geiſtiger Friſche, die auch
nicht das leiſeſte Nachlaſſen der ſchöpferiſchen Kraft er=
kennen
läßt, iſt Friedrich Gernsheim, der vor 24 Jahren
aus ſeiner rheiniſchen Heimat nach der Reichshauptſtadt
überſiedelte und ſeither als Tonſetzer, Pianiſt, Dirigent
und Lehrer im Berliner Muſikleben an hervorragender
Stelle wirkt, als ſchaffender Muſiker am Werke. Das hat
erſt ſein neues Violinkonzert gezeigt, das in voriger Sai=
ſon
wiederholt mit ſchönem Erfolg zur Aufführung ge=
langte
und das alle Lichtſeiten des Gernsheimſchen Ta=
lents
in ungetrübtem Glanze hervortreten läßt. Dieſes
Talent wurzelt ausgeſprochenermaßen im Formalen und
findet in der ſorgſam ausgeführten Kunſtarbeit ſeinen an=
ziehenden
Ausdruck. In all ſeinen Werken begegnet man
dem untrüglichen Stilgefühl des gründlich und vielſeitig
gebildeten, an klaſſiſchen Vorbildern geſchulten Muſikers,
der ſich der techniſchen Mittel ſeiner Kunſt mit hervor=
ragendem
Geſchick und ſicherem Geſchmack bedient. So
redet Gernsheim ſtets und immer die gewählte Sprache
des vornehm und fein empfindenden Muſikers, der auch
dort, wo er keine individuellen Inhaltswerte prägt, durch
den ſinngefälligen Ausdruck und die geſchmackvolle Faſſung
ſeiner Gedanken das Intereſſe anzuregen und zu feſſeln
weiß. Das Schönſte und Wertvollſte hat Gernsheim in
ſeinen Kammermuſikwerken für Klavier und Streichinſtru=
mente
geſchaffen, aber auch ſeine in größeren Formen ge=
haltenen
Werke, die vier Sinfonien, die Ouvertüren, und
ſeine Chorwerke, vor allem die für Männerchor und Or=
cheſter
haben wie ſein Klavierkonzert und die Violin=
konzerte
Anſpruch auf bleibenden Wert. Am 17. Juli 1839
in Worms geboren, vollendete Gernsheim ſeine in
Frankfurt a. M. begonnenen Studien am Konſervatorium
in Leipzig, nach deſſen Abſolvierung er 1855 nach Paris
ging. 1861 begann er ſeine praktiſche Tätigkeit als Muſik=
direktor
in Saarbrücken. 1865 folgte er einem Ruf als
Lehrer der Kompoſition und des Klavierſpiels an das
Konſervatorium in Köln, wo er gleichzeitig als Dirigent
mehrerer Geſangvereine tätig war. Von Köln ging

Gernsheim 1874 nach Rotterdam, um als Nachfolger Bar=
giels
die Leitung der Maatſchappij=Konzerte zu überneh=
men
. 1890 kam er dann nach Berlin, wo er zunächſt als
Lehrer am Sternſchen Konſervatorium und ſpäter als
Dirigent des Sternſchen Geſangvereins wirkte. Seit 1897
iſt Gernsheim, der bereits 1872 vom Herzog von Koburg=
Gotha zum Profeſſor ernannt worden war, Mitglied des
Senats der Akademie der Künſte und ſeit 1901 Vorſteher
einer akademiſchen Meiſterſchule für Kompoſition zu
Berlin.

B. Der große Mac. Der gegenwärtige Aufenthalt
Arthur Nikiſchs in England gibt einem Londoner Blatte
Gelegenheit, an eine luſtige Umtaufe zu erinnern, die Ni=
kiſch
ſich in Schottland gefallen laſſen mußte. Als der be=
kannte
Dirigent vor einigen Jahren zu einem Gaſtſpiel
nach London kam, telegraphierte der Londoner Korreſpon=
dent
eines ſchottiſchen Blattes ſeiner Redaktion nach Glas=
gow
, the great Nikiſch ſei in London eingetroffen, um
dann und dann Konzerte des Londoner Sinfonieorcheſters
zu leiten. Der fremdklingende Name machte dem Glas=
gower
Telegraphiebeamten Kummer und er bemühte ſich
bei der Ausfertigung des Telegramms, den Namen mög=
lichſt
undeutlich zu ſchreiben. Der Glasgower Redakteur
war kein Muſikfreund und hatte nie von Nikiſch gehört.
Er las nur das Adjectiv great und das genügte, um
ihn zu überzeugen, daß es ſich natürlich nur um einen
Schotten handeln könne. Am nächſten Tage prangte im
Blatt die Mitteilung, the great Mekiſh ſeit in London
eingetroffen .
ck. Kann man über Nacht grau werden? Zahlreiche
Berichte erzählen von Perſonen, die aus Schrecken oder
Gram in einer einzigen Nacht graue oder weiße Haare
bekommen haben. All dieſe Geſchichten, die wir ſo oft ge=
hört
haben, ohne ſie zu bezweifeln, will nun ein Aufſatz
des Journal of the American Medical Aſſociation in
das Reich der Fabel verweiſen. Der Autor faßt die neue=
ſten
, beſonders von deutſchen Gelehrten durchgeführten
Unterſuchungen auf dieſem Gebiet zuſammen und erörtert
zunächſt die Frage: Warum wächſt das Haar an gewiſſen
Stellen bei gewiſſen Perſonen und bei andern nicht? Das
Raſieren des Bartes hat z. B. nach allen Beobachtungen
eine anregende Wirkung für das Wachstum; augenſchein=
lich
wird dadurch eine günſtige Reaktion hervorgerufen,

die die Blutzirkulation und die Ernährung der Gefäße an
dieſen Stellen befördert. Ebenſo hat man beobachtet, daß
Einwirkungen von Hitze auf die Haut den Haarwuchs in=
tenſiver
machen. Die Färbung des Haares aber hat da=
mit
nichts zu tun. Wenn das Pigment, das die natürliche
Farbe des Haares hervorruft, fehlt, dann erhält das Haar
ein graues oder weißes Ausſehen. Die ſilbrige Färbung
kann außerdem veranlaßt werden durch das Vorhanden=
ſein
von mehr oder weniger Luft im Haar. Nicht aber iſt
dieſes Bleichen des Haares, wie vielfach behauptet wor=
den
iſt, eine Folge der Zerſtörung des Pigmentes, denn
das Haarpigment iſt eine der widerſtandsfähigſten orga=
niſchen
Subſtanzen, die es gibt, und kann nur durch die
ſchärfſte chemiſche Behandlung vernichtet werden. Eine
Zerſtörung des Pigmentes iſt kaum denkbar ohne gleich=
zeitige
Zerſetzung des Haares ſelbſt. Trockene Haare ent=
halten
mehr Luft und werden deshalb etwas heller in der
Farbe erſcheinen als die feuchten; aber ſchwarzes Haar
kann bis aufs Aeußerſte getrocknet werden, ohne eine graue
Farbe anzunehmen, und die Haare der Mumien, die durch
Jahrtauſende getrocknet wurden, zeigen noch genau ſo ihr
Pigment, wie friſche Haare. Der Verfaſſer kommt alſo zu
der Anſicht, die mit den neueſten Unterſuchungen überein=
ſtimmt
, daß die Erklärung für den Farbenwechſel des
Haares nicht in einer Zerſtörung des Pigments, ſondern
in einer vollkommenen Erneuerung des Haares geſucht
werden muß. Das pigmentierte Haar fällt aus und wird
durch unpigmentiertes oder weißes erſetzt. Das Auftreten
des grauen oder weißen Haares rührt alſo von der Bil=
dung
eines neuen Haarkleides her und nicht von der Ver=
änderung
des alten. Gut pigmentiertes Haar wird nie=
mals
grau, ſondern fällt aus. Es iſt jedoch auch beobachtet
worden, daß der Prozeß der Pigmentbildung während der
Haarentwicklung aufhört. In dieſem Falle wird die
Spitze pigmentiert bleiben, während die Baſis weiß er=
ſcheint
. Die gleiche Beobachtung hat man übrigens auch
in der Tierwelt gemacht. Nach den Studien Schwalbes
ſteht es feſt, daß der weiße Winterpelz, den manche Tiere
bekommen, nicht durch eine Veränderung der Farbe des
Sommerpelzes entſteht, ſondern daß die ſchwarzen Haare
ausfallen, wenn der Sommer zu Ende geht, und an ihrer
Stelle weiße Haare wachſen. Nirgends ſind plötzliche Ver=
änderungen
gefunden worden. Durch dieſe Feſtſtellungen
richten ſich aber die Erzählungen von dem Ergrauen des

[ ][  ][ ]

Nummer 194.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 17. Juli 1914.

Seite 5.

Stadtverordnetenverſammlung.

8. Sitzung.
g. Darmſtadt, 16. Juli.
Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing eröffnet die Sitz=
ung
um ¾4 Uhr mit folgender
Mitteilung:
Der Darmſtädter Lehrerinnenverein hat
gebeten, durch Ortsſtatut die Fortbildungsſchulpflicht für
die weiblichen Handwerkslehrlinge einzuführen.
Nach Anhörung der Handwerkskammer iſt dem Lehre=
rinnenverein
mitgeteilt worden, daß die Vorlage eines
neuen Geſetzentwurfs über die Schaffung der weiblichen
Pflichtfortbildungsſchule bevorſteht und daher ſtädtiſcher=
ſeits
eine Entſcheidung jetzt nicht getroffen werden könne.
Stadtv. Hammann frägk an, wann ſich der ſozial=
politiſche
Ausſchuß mit ſeiner Anfrage über die Anſtel=
lungsverhältniſſe
der in den Dienſt der Heag überge=
gangenen
ſtädtiſchen Beamten beſchäftigen wird. Auch
über die Frage, ob die Zulagen penſionsberechtigt ſind,
herrſchen noch Zweifel. Oberbürgermeiſter Dr. Gläſ=
ſing
bemerkt, daß es gar nicht zweifelhaft ſein könne,
daß die Zulagen penſionsberechtigt ſeien. Der ſozial=
politiſche
Ausſchuß wird in der nächſten Woche zuſammen=
treten
und ſich mit der Sache beſchäftigen.
Die Stadtvv. Aßmuth und Friedrich haben, wie
der Oberbürgermeiſter mitteilt, den Antrag geſtellt, die
Entlaſſung eines Bademeiſters, mit der ſich die letzte Ver=
ſammlung
bereits befaßte, der Bäder= und Woogsdepu=
tation
zu unterbreiten und deſſen Entlaſſung rückgängig
zu machen. Der Oberbürgermeiſter erklärte entſchieden,
daß eine Rückgängigmachung nicht erfolgen könne. Im
übrigen werde nähere Mitteilung in der Deputation ge=
macht
werden.
Stadtv. Dr. Noellner ſpricht ſich entſchieden da=
gegen
aus, daß die Stadtverordneten als Prellbock zwi=
ſchen
den Beamten und Arbeiterſchaft einerſeits und der
Bürgermeiſterei andererſeits benutzt werden. Das ſei ent=
ſchieden
zurückzuweiſen im Intereſſe der Diſziplin. Es
äußern ſich darüber weiter die Stadtvv. Haury und
Saeng.
Der Oberbürgermeiſter bemerkt gegenüber
einer in einer hieſigen Zeitung erſchienenen Notiz, daß er
noch nicht in Urlaub geweſen ſei.
Stadtv. Dr. Vaubel ſtellt der Verwaltung anheim,
Erhebungen anzuſtellen darüber, ob die in Tübingen aus=
geführte
Fern=Warmwaſſerleitung nicht auch hier praktiſch
verwendet werden könnte und zwar zur Ausnutzung der
in dem Gaswerk vorhandenen Wärmemengen für das
Hallenſchwimmbad. In Tübingen wird das heiße Waſſer
über eine Entfernung von 1½ Kilometer geleitet unter
Verluſt von nur 1 Grad.
Der Oberbürgermeiſter berichtet hierauf über die
Verſicherung der Dienſtboten.
Bei den erſten Verhandlungen mit der Ortskranken=
kaſſe
hat ſich der Vorſtand verpflichtet, für die Dienſt=
boten
eine beſondere Kaſſe zu führen, die Einnahmen und
Ausgaben getrennt zu verrechnen, um der ſtädtiſchen Ver=
waltung
einen Ueberblick zu gewähren. Die Sachbezüge
ſollten mit 1 Mark pro Tag in Anrechnung gebracht wer=
den
, der Beitrag ſollte nicht mehr als 4 Prozent des Ver=
dienſtes
betragen. Das Oberverſicherungsamt hatte Be=
denken
gegen ein derartiges Abkommen. Der ſozialpoli=
tiſche
Ausſchuß kam ſchließlich zu dem Entſchluß, das
proviſoriſche Abkommen vom 1. Januar zu einem defini=
tiven
zu machen, nämlich die Beiträge jederzeit wider=
ruflich
wie die der übrigen Verſicherten auf 4¼ Prozent
zu belaſſen und auch die Sachbezüge nicht auf 1 Mark
ſondern nur auf 75 Pfg. zu bemeſſen. Dieſe Regelung ſei
in vielen Fällen günſtiger. Der Vorſtand erklärte ſich auch
bereit, dem Wunſche der Frauenvereine nachzukommen
und eine weibliche Hilfskraft anzuſtellen. Auch ſoll zu=
nächſt
den Dienſtboten geſtattet werden, den Arzt auf=
zuſuchen
, ohne ſich vorher von der Kaſſe eine Beſchei=
nigung
zu holen, obgleich die Kaſſe hiergegen ſtarke Be=
denken
hegte. Der Oberbürgermeiſter ſpricht weiter die
Hoffnung aus, daß es der Kaſſe möglich ſein wird, einen
Weg zu finden, der auch den Intereſſen der Kaſſe ent=
ſpricht
. Im Intereſſe der Gerechtigkeit müſſe betont wer=
den
, daß eine ſtädtiſche Kaſſe mit den höheren ſtädtiſchen
Beamtengehältern teurer arbeiten müßte.
Die Vereinbarung lautet: 1. Die Dienſtboten bleiben
bei der Allgemeinen Ortskrankenkaſſe verſichert mit der
Maßgabe, daß ſie in eine beſondere Klaſſe auf Grund des
§ 384 R.V.O. eingereiht werden. Es wird für dieſe
Klaſſe eine von den übrigen Verſicherten getrennte Rech=
nung
geführt, und die Einnahmen und Ausgaben dieſer
Klaſſe ſind der ſtädtiſchen Verwaltung alljährlich nachzu=
weiſen
. 2. Der Beitragsſatz beträgt für die Dienſtboten

4 Prozent. Der Wert der Sachbezüge für die Dienſtboten
wird auf 1 Mark für den Tag feſtgeſetzt. 3. Die ſtädtiſche
Verwaltung will jedoch mit Rückſicht darauf, daß die ſeit=
herige
interimiſtiſche Berechnung eines Beitragsſatzes von
4¼ Prozent bei einer Zugrundelegung von 75 Pfg. als
Werts der Naturalbezüge pro Tag in ihrer finanziellen
Geſamtwirkung der unter 2. feſtgeſetzten Berechnungs=
weiſe
etwa gleichwertig iſt, daß eine abermalige Umrech=
nung
für die Ortskrankenkaſſe mit großer Arbeit und be=
ſonderen
Koſten verbunden wäre, möglicherweiſe auch
eine neue Beunruhigung in die Kreiſe der beteiligten Dienſt=
herrſchaften
und Dienſtboten tragen würde, auf einer Ein=
haltung
der Vereinbarung zu 2. in jederzeit widerruf=
licher
Weiſe verzichten und ſich bis auf weiteres mit einer
Fortſetzung des Proviſoriums (4½ Prozent Beitragsſatz
und 75 Pfg. Wert der Naturalbezüge) einverſtanden er=
klären
.
4. Die Ortskrankenkaſſe wird alsbald wenigſtens
eine weibliche Hilfskraft als Krankenbeſucherin ein=
ſtellen
. 5. Die Ortskrankenkaſſe wird alsbald einen rechts=
gültigen
Beſchluß darüber herbeiführen, daß die Dienſt=
boten
vor dem Aufſuchen des Arztes nicht mehr genötigt
ſind, ſich in dem Kaſſengebäude einen Ausweis zu beſor=
gen
. 6. Die Ortskrankenkaſſe wird die Kaſſenbeiträge nach
wie vor monatlich erheben, aber auf beſonderen Wunſch
einzelner Dienſtherrſchaften auch dort eine viertel=, halb=
oder
ganzjährige Erhebung (vorauszahlungsweiſe) ein=
treten
laſſen.
Bei dem Abſchluß der vorſtehenden Vereinbarung
wird ausdrücklich Bezug genommen auf die von den Vor=
ſtandsmitgliedern
der Ortskrankenkaſſe namens dieſer
Kaſſe in der Sitzung des ſozialpolitiſchen Ausſchuſſes vom
30. Dezember 1913 abgegebenen Erklärung, wonach die
Kaſſe, wenn die Notwendigkeit einer Beitragserhöhung
ſich ergeben ſollte, zunächſt nicht eine ſolche, ſondern eine
Herabſetzung der Leiſtungen herbeiführen wird. Der
Vorſtand der Ortskrankenkaſſe wird die obige von meh=
reren
Vorſtandsmitgliedern der Ortskrankenkaſſe abge=
gebene
Erklärung durch die Einholung eines beſonderen
Beſchluſſes beſtätigen.
Stadtv. Dr. Noellner begrüßt das Abkommen. Die
Erregung, die ſeit Jahresbeginn unter den Herrſchaften
herrſche, ſei jetzt nach und nach ruhiger geworden. Die
Bürgerſchaft könne mit dem, was erreicht worden iſt, zu=
frieden
ſein. Auch Stadtv. Ritſert iſt mit dem Ab=
kommen
einverſtanden, doch beſtänden über die geſchäft=
liche
Abwickelung noch Klagen, beſonders über die Er=
hebung
der Beiträge. Es müſſe auch eine Ablöſung mög=
lich
ſein. Stadtv. Friedrich iſt ebenfalls im weſent=
lichen
mit dem Abkommen einverſtanden, nur wünſche er
eine endgültige Feſtſetzung des Beitrags. Stadtv. Dr.
Kolb begrüßt ebenfalls das Abkommen, da eine beſon=
dere
ſtädtiſche Kaſſe viel teuerer gekommen wäre. Es
ſprachen weiter hierzu die Stadtvv. Dr. Vaubel, Dr.
Noellner, K. Lautz, Haury, Jung, Herbert
und Aßmuth. Nach weiteren Ausführungen des Ober=
bürgermeiſters
wird das Abkommen genehmigt mit der
Maßgabe, daß die Beitragsfeſtſetzung bis auf weiteres
Geltung habe, d. h. bis eine Ueberſicht über die Wirkung
möglich iſt. Gleichzeitig wird anerkannt, daß das Be=
dürfnis
für eine Kontrolle beſteht.
Ueber einen Zuſatz zur Polizeiverordnung, betr. die
Anlage von Lumpenmagazinen uſw.,
berichtet Beig. Jäger. Der Zuſatz wird genehmigt.
Ueber eine
Krediterweiterung für die Wiederher=
ſtellung
des Rathauſes im Aeußeren
berichtet Stadtv. Markwort. Nach Abſchlagen des
Verputzes hatte ſich herausgeſtellt, daß der Sandſtein er=
heblich
ſchlechter ſei, als vermutet. Hierfür und für andere
Herrichtungen wird eine Summe von 5000 Mark nach=
gefordert
, die in den Voranſchlag 1915 einzuſtellen iſt.
Die Verſammlung ſtimmt dieſer Forderung zu. Es
wird hierauf in die Beratung des Entwurfes einer
neuen Friedhofsordnung für den Haupt=
friedhof

eingetreten. Es referiert hierzu der Oberbürgermeiſter:
Um jeden Zweifel über die Auslegung der Benutzungsart
der alten Erbbegräbnisplätze auf dem Friedhof an der
Nieder=Ramſtädter Straße auszuſchließen, hat ſich die
Verwaltung entſchloſſen, den Vorſchlag zu machen, daß
die gewahrten Rechte aufrecht erhalten blei=
ben
nach Maßgabe der alten Vorſchriften.
Nur ſoll ein Recht auf Tieferlegung für die alten Fried=
höfe
wie für den Friedhof an der Breiten Allee nicht mehr
gewährt werden. Im übrigen hat die Verwaltung den
noch nicht beratenen Teil der neuen Friedhofsordnung der
Stadtverordnetenverſammlung unterbreitet, damit es
möglich gemacht werden kann, die Friedhofsordnung als=

bald der vorgeſetzten Behörde zur endgültigen Genehmig=
ung
vorzulegen. Von der Vorlage ſind ausgeſchieden die
in der erſten Vorlage der Verwaltung enthaltenen Be=
ſtimmungen
der ſogenannten Beſtattungsordnung. Die
Frage, ob die Stadt dazu übergehen ſoll, das Begräbnis=
weſen
, d. h. die Hilfeleiſtungen nach dem Todesfalle und
die Ueberführung der Leichen nach dem Friedhofe, in
eigene Regie zu übernehmen, ſoll erſt ſpäter entſchieden
werden. Hiernach wird beantragt, über die Beſtimmungen
in §§ 61, 63, Abſatz 2 und 64 bis 71 der alten Friedhofs=
vorlage
abzuſtimmen. Dieſe Vorſchriften handeln im
weſentlichen von den Beerdigungszeiten und der Auf=
bewahrung
der Leichen.
Hinſichtlich der Frage der Benutzung der al=
ten
Erbbegräbnisplätze auf dem Friedhof
an der Nieder=Ramſtädter Straße iſt, wie be=
reits
bemerkt, beſtimmt, daß auch fernerhin Beerdigungen,
nach Maßgabe der neuen Friedhofsordnung und unter
ſinngemäßer Anwendung der für die al=
ten
Friedhöfe erlaſſenen Vorſchriften, zu=
läſſig
ſein ſollen. Jedoch wird ein Recht auf Tieferlegung
der Leichen nicht mehr gewährt. Die Verwaltung hatte
ſchon früher erklärt, daß Beſorgniſſe in der Rich=
tung
nicht beſtehen, daß mit der Eröffnung des
neuen Friedhofs die beſtehenden Begräbnisſtätten an der
Nieder=Ramſtädter Straße für Beſtattungen aus=
geſchloſſen
werden. Eine ſolche unzweideutige
Erklärung iſt auch in den Tageszeitungen vom 30. Mai
ds. Js. erſchienen. Die Erklärung enthielt u. a. den
Paſſus: Es iſt ſelbſtverſtändlich, daß die Rückſichten der
Pietät und die hervorragende landſchaftliche Schönheit der
alten Darmſtädter Friedhofsanlage ihre Erhaltung er=
fordern
.
Die §§ 56 und 57 der Friedhofs=Vorlage ſollen nach
den Vorſchlägen der Verwaltung lauten: § 56. Auf den
Erbbegräbniſſen dieſer Friedhöfe ſind nach dieſer Fried=
hofs
= und Begräbnisordnung und unter ſinngemäßer An=
wendung
der für die alten Friedhöfe erlaſſenen Vor=
ſchriften
Beerdigungen auch fernerhin geſtattet, jedoch mit
der Einſchränkung, daß ein Recht auf Tieferlegung der
Leichen (vergl. § 22 des Statuts der Friedhofsordnung
vom 9. Juni 1909) nicht mehr gewährt wird. An die
Stelle des § 57, der zu ſtreichen iſt, kommt folgende Be=
ſtimmung
: Es bleibt der Stadtverordnetenverſammlung
überlaſſen, den Zeitpunkt zu beſtimmen, von dem ab Be=
ſtattungen
nicht mehr vorgenommen werden dürfen.
Stadtv. Friedrich bedauert es, daß die Be=
ſtattungsordnung
von der Friedhofsordnung abgetrennt
und ſomit in Frage geſtellt worden ſei. Stadtv. K.
Lautz iſt der Anſicht, daß es ſich hier um eine Frage
handelt, die von ſehr einſchneidender Bedeutung ſei und
deshalb einer eingehenden Beratung bedürfe. Stadtv.
Dr. Noellner tritt warm für die Kleinmeiſter ein, die
ſchwer um ihre Exiſtenz zu kämpfen haben. Es ſprechen
weiter die Stadtvv. Lehr, Herbert, Delp, L. Lautz
und Aßmuth. Die Abänderungen der beiden Para=
graphen
werden ſodann einſtimmig genehmigt. Die
weiter zur Annahme gelangten Paragraphen der Be=
ſtattungsordnung
lauten nach einigen Abände=
rungen
:
§ 61. Aus geſundheitlichen Gründen und im Intereſſe
der Hinterbliebenen ſollen die Leichen baldmöglichſt (in
der Regel innerhalb 24 Stunden nach dem Tode) in die
Leichenhalle des Friedhofs oder, wenn die Beerdigung
außerhalb Darmſtadts ſtattfindet, nach dem Beſtattungs=
ort
übergeführt werden. Wünſchen die Hinterbliebenen
ein längeres Verbleiben der Leiche im Sterbehauſe und
keine Aufnahme in die Leichenhalle, ſo kann dieſem
Wunſche auf Grund eines ärztlichen Zeugniſſes, das die
Unbedenklichkeit der Erfüllung dieſes Wunſches in all=
gemeiner
geſundheitlicher Hinſicht beſcheinigt, entſprochen
werden. Leichen von an anſteckenden Krankheiten Ver=
ſtorbenen
müſſen baldigſt, ſpäteſtens aber 24 Stunden nach
dem Tode, in die Leichenhalle verbracht und hier in
einem beſonderen Raum aufgeſtellt werden.
§ 63. Totgeborene Kinder können ohne Leichenwagen
nach dem Friedhof verbracht werden. Die Ueberfüh=
rungszeit
ſoll möglichſt in die Früh= oder Abendſtunden
fallen. § 64. Die Ueberführung der Leichen darf im Som=
merhalbjahr
nicht in der Zeit zwiſchen 10 Uhr vormit=
tags
und 6 Uhr nachmittags, im Winterhalbjahr nicht
zwiſchen 11 Uhr vormittags und 4 Uhr nachmittags ſtatt=
finden
. Rheinſtraße, Straße nach Griesheim und Gries=
heimer
Weg von der Feldbergſtraße bis zum Hauptbahn=
hofe
dürfen bei der Ueberführung nicht benutzt werden.
Ausnahmen ſind mit beſonderer Genehmigung des Ober=
bürgermeiſters
zuläſſig. § 65. Die Zeit für die Beſtat=
tung
ſetzt die Friedhofsverwaltung feſt. An Sonn= und
Feiertagen, vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenunter=
gang
, ſowie in der heißen Zeit zwiſchen 10 Uhr vormit=
tags
und 4 Uhr nachmittags ſollen Beerdigungen nicht
ſtattfinden. Ausnahmen ſind nur zuläſſig, wenn die Be=
ſtattung
keinen Aufſchub erleiden darf, wenn mehrere
Feiertage aufeinander folgen, oder wenn der Oberbürger=
meiſter
aus beſonderen Gründen die Genehmigung er=
teilt
hat.
§ 66. Finden Beſtattungen unmittelbar im Anſchluß
an eine Ueberführung ſtatt, dann dürfen die Leichen=
wagen
nur bis zum Haupteingang vorfahren. Die Särge
ſollen in dieſem Falle ebenſo wie bei Beſtattungen von
der Leichenhalle oder der Einſegnungshalle ab auf be=
ſonderen
Leichenwagen oder Bahren durch die Friedhofs=
arbeiter
bis unmittelbar an das Grab geführt werden.
§ 67. In der Leichenhalle kann die Leiche bis zur Be=
ſtattung
unentgeltlich in einer Leichenzelle aufgenommen
werden. Zu den Leichenzellen haben nur die Angehörigen
oder die von ihnen beauftragten Perſonen in Begleitung
des Friedhofsperſonals Zutritt. Der Zutritt iſe zu ver=
ſagen
, wenn eine Geſundheitsgefährdung zu beſorgen iſt.
IIII. Teil: Schlußbeſtimmungen. § 68. Ver=
fehlungen
gegen die Vorſchriften dieſer Friedhofs= und
Beſtattungsordnung werden, ſoweit nicht reichs= oder
landesgeſetzliche Beſtimmungen zur Anwendung kommen,
nach Maßgabe der im Anſchluß an die Friedhofs= und
Beſtattungsordnung erlaſſenen Polizeiverordnung beſtraft.
§ 70. Beim Auftreten anſteckender Krankheiten kann der
Oberbürgermeiſter im Einverſtändnis mit dem Großher=
zoglichen
Kreisgeſundheitsamt Beſtimmungen dieſer
Friedhofs= und Beſtattungsordnung vorübergehend auf=
heben
und durch geeignete Vorſchriften erſetzen. § 71.
Dieſe Friedhofs= und Beſtattungsordnung tritt mit der
Eröffnung des Hauptfriedhofs an der Griesheimer Straße
in Kraft. Der Tag wird in üblicher Weiſe bekannt ge=
geben
.
Einteilung der Wahlbezirke für die
Landtagswahl.
Hierüber berichtet Stadtv. L. Lautz. Der Wahlaus=
ſchuß
, der die Einteilung in die einzelnen Bezirke einſtim=
mig
gutgeheißen hat, ſprach ſich auch für einen Antrag Dr.
Noellner aus, die Wahlberechtigten durch die Poſt zu
benachrichtigen, daß ſie wahlberechtigt ſeien. Die Koſten

Menſchenhaares in einer Nacht von ſelbſt. Es bedarf einer
längeren Zeit, bis die ſchwarzen Haare ausfallen und die
weißen wachſen, und auch der größte Schrecken, die furcht=
barſte
Erregung kann dieſen Vorgang in der Natur nicht
aufheben. Eine ſorgfältige Unterſuchung der einzelnen
Berichte zeigt übrigens, daß ſie der Legende angehören.
Der Autor weiſt dies an dem Beiſpiel von Marie Antoi=
nette
nach, von der immer wieder berichtet wird, ſie ſei in
der Nacht nach ihrer Verurteilung zum Tode grau gewor=
den
. Betrachtet man die Schilderungen der Zeitgenoſſen
enauer, ſo ergibt ſich, daß ihr Haar bei ihrem Tode grau
war; aber es wird mehrfach berichtet, daß es bereits wäh=
rend
der Zeit ihrer Gefangenſchaft lange vor dem Tode
grau geworden iſt.
C In der Faſanenfabrik. In den prächtigen großen
Jagdrevieren in der Umgebung von Paris herrſcht ſeit 6
Wochen bange Unruhe. Alljährlich um die gleiche Zeit
kehren dieſe Tage der Mühe und der Sorge wieder. Sie
beginnt mit dem Auskriechen der kleinen Faſanenküken,
die dann wochenlang gepflegt und verhätſchelt werden wie
leibhaftige kleine Fürſtenkinder. Dann wird man ſie hin=
auslaſſen
in den Wald, wo ſie in der Freiheit ein fröhliches
und ſorgloſes Leben führen dürfen, bis der Augenblick
kommt, da die fauchenden Automobile die Jagdgäſte brin=
gen
und die erſten Schüſſe fallen. Kurz iſt das Leben der
jungen Faſane, aber der Tierfreund darf ſich mit der Ueber=
zeugung
tröſten, daß dieſes kurze Leben wenigſtens gut
und glücklich iſt. Guſtave Voulquin erzählt im Figaro
von der bangen Sorgfalt, mit der die kleinen Faſanen vom
Tage ihrer Geburt an behütet werden; mit vorſichtiger
Hand bettet man die ausgekrochenen Küken in eine mollig
mit Daunenfedern gefüllte Kiſte, deckt ſie mit weichen Woll=
decken
zu und bringt ſie in die Nähe eines leicht geheizten
Ofens, wo die kleinen Faſanenjungen dann der Obhut
ihrer Pflegemutter, der zärtlichen Bruthenne, übergeben
werden. Mit unſäglicher Vorſicht ſorgen die Züchter für
die Ernährung der zarten kleinen Tierchen; allerlei Lecker=
biſſen
harren ihrer, von friſchen Ameiſeneiern bis zu fein
geriebenem friſchen Weißbrot, gehacktem Salat und ge=

kochten friſchen Eiern. Erſt nach 5 Tagen wird der er=
fahrene
Züchter den Speiſezettel ſeiner Pflegebefohlenen
vielleicht um etwas Hirſe, Spitzſamen und kleinen Doſen
phosphorſauren Kalkes bereichern. Aengſtlich werden den
empfindlichen Tierchen alle Aufregungen ferngehalten; ihr
Leben und Treiben vollzieht ſich ſtets unter dem wach=
ſamen
Auge der Hüter, und gegen die Berührung mit
einem nicht ſtandesgemäßen Umgang bewahrt man ſie mit
der Umſtändlichkeit, die dem Baby eines Millionärs nicht
ſorglicher angedeihen kann. Ja, den kleinen Faſanen geht
es gut, beſſer wie ihren Wärtern und Hütern. Die leben
jetzt in ſtändiger Sorge und ſchlafen gleichſam nur mit
einem Auge. Denn es gilt, dieſe hüpfende undiſziplinierte
kleine Welt, die der ängſtlichen Rufe der Pflegemutter
ſpottet, in allen ihren Lebensregungen zu beobachten. Im
Seine=Departement gibt es Hunderte von Faſanerien, und
die am Waldrand liegenden Gehege ſind jetzt dicht bevöl=
kert
. Gar oft erſcheinen mit ſorgenvollen Geſichtern die
jagdfrohen Beſitzer der großen Reviere, um in Begleitung
ihrer Wildhüter die Möglichkeiten des Herbſtes abzu=
ſchätzen
, die Stücke zu zählen, die den Büchſen der ge=
ladenen
Jagdgäſte zur Verfügung ſtehen werden, und die
Strecke zu ermeſſen, die der September verheißt. Nur
die Eingeweihten kennen alle die Aufregungen. Sorgen
und Koſten, die die Faſanenzucht fordert. Wenn es
das Unglück will, kann eine Epidemie in wenigen Tagen
die ganze Faſanerie ausſterben laſſen, denn die kleinen
Faſanen ſind ſo empfindlich wie kaum andere Tiere. Und
wenn Worte wie Diphtherie, Darmentzündungen oder
dergleichen fallen, ſo rieſelt den Züchtern und Hütern ein
kalter Schauer über den Rücken. Sind ſpäter die Faſanen
in den Wald ausgeſetzt, ſo erſteht die Aufgabe, ſie vor ihren
Feinden zu beſchützen. vor Raubvögeln und Füchſen. Wel=
chen
Umfang die größeren Faſanerien in Paris haben,
dieſe regelrechten Faſanenfabriken ſieht man vielleicht
am beſten in La Guitonnerie. Es iſt die Faſanerie des
Grafen Potocki, auf der zurzeit über 12000 Faſanenküken
gehegt werden.

[ ][  ][ ]

Seite 6

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 17. Juli 1914

Nummer 194.

ſolle die Stadt tragen. Der Oberbürgermeiſter erklärt ſich
grundſätzlich für den Antrag, doch müßten erſt Erhebun=
gen
über die Koſten gemacht werden. Die Koſten würden
ziemlich erheblich ſein, da die Arbeiten in den Ueber=
ſtunden
gemacht werden müßten. Stadtv. Delp meint,
daß es zweckmäßig wäre, den Wahlberechtigten gleich=
zeitig
mitzuteilen, in welchem Bezirk ſie wahlberechtigt
ſeien. Stadtv. Saeng ſpricht die Erwartung aus,
daß dieſe Benachrichtigungen auch bei Reichstags= und
Stadtverordnetenwahlen erfolgen ſollten. Die Wahl=
bezirkeinteilung
wird ſodann gutgeheißen.
Die Ueberſicht über die Einnahmen und Ausgaben des
Realgymnaſiums der Ludwigs= und der
Liebigs=Oberrealſchule für 1913
wird nach den Berichten der Stadtvv. Henrich und Dr.
Noellner ebenfalls gutgeheißen.
Das Schuldgeld an den Frauenſchulen.
An den Frauenſchulen wurde ſeither kein Unterſchied
gemacht hinſichtlich des Schulgeldes für hieſige und aus=
wärtige
Schülerinnen. Nach dem Bericht des Stadtv.
Dr. Noellner wurde beſchloſſen, das Schuldgeld für
Auswärtige um 20 Mark zu erhöhen.
Schluß der öffentlichen Sitzung um 6½ Uhr.

Reichstagserſatzwahl.

* Labiau, 16. Juli. Bei der heutigen Reichs=
tägserſatzwahl
für den verſtorbenen Abg. von
Maſſow (deutſchkonſ.) erhielten Schrewe (konſ.) 7504,
Bürgermeiſter Wagner (Fortſchr. Vpt.) 6123 und
Linde (Soz.) 2192 Stimmen. Es findet Stichwahl
zwiſchen Schrewe (konſ.) und Wagner (Fortſchr.
Vpt.) ſtatt. Ein Wahlbezirk ſteht noch aus.
Bei der Wahl im Jahre 1907 erhielt der Kandidat
der Konſervativen 11575, der Volkspartei 1760, der So=
zialdemokratie
3179 Stimmen; 1910 in der Hauptwahl
der Konſ. 7060, der Volkspartei 5400, der Soz. 3600 Stim=
men
, in der Stichwahl der Konſ. 7140, der Volkspartei
9762; 1912 in der Hauptwahl der Kandidat der Konſ.
8357, der Volkspartei 5850, der Soz. 2961, in der Stich=
wahl
der Konſ. 9104, der Volkspartei 8694 Stimmen.

Gerichtszeitung.

Die Tragödie eines Oberlehrers.
sh. Hirſchberg i. Schl., 15. Juli. Von einem
furchtbaren Geſchick iſt der 39jährige Oberlehrer Dr. Gott=
fried
Thimme heimgeſucht worden. Schon ſeit längerer
Zeit litt ſeine Gattin an einem ſchweren unheilbaren Lei=
den
, weshalb ſie ihn andauernd beſtürmte, ihren Qualen
doch ein Ende zu machen und ſie zu töten. Kurz nach
Oſtern ds. Js. konnte Thimme dem Flehen ſeiner Frau
nicht mehr widerſtehen und ſchritt zu der furchtbaren Tat.
Aber nachdem er ſie mit einem gutgezielten Schuß ſofort
niedergeſtreckt hatte, vermochte auch er nicht länger zu
leben und jagte auch ſich eine Kugel in die Schläfe. Allein
ihm ſollte der Schuß nicht ſo gut gelingen. Wohl hatte die
Kugel die ſchreckliche Wirkung, daß ſie in die Augen traf
und ihm beide Sehnerven durchſchlug, wodurch der un=
glückliche
Mann völlig erblindete. Aber im übrigen iſt er
durch die Kunſt der Aerzte von den Wirkungen des
Schuſſes geheilt worden. Die traurige Folge des erſchüt=
ternden
Dramas war jedoch ein Verfahren wegen Tötung
auf ausdrückliches Verlangen, das von der Hirſchberger
Staatsanwaltſchaft gegen Thimme eingeleitet wurde.
Denn das Strafgeſetzbuch bedroht bekanntlich dieſes Ver=
gehen
mit Gefängnisſtrafe von nicht unter 3 Jahren bis
zu 5 Jahren. Nach längerer Unterſuchung iſt dieſes Ver=
fahren
aber in den letzten Tagen wieder eingeſtellt und
der Beſchuldigte außer Verfolgung geſetzt worden, da die
Staatsanwaltſchaft annimmt, daß er bei dem ſtändigen
Anblick der Schmerzen ſeiner Frau und durch deren fort=
geſetzte
Bitten völlig den Kopf verloren hat, ſo daß eine
krankhafte Störung der Geiſtestätigkeit im Sinne des
§ 51 St.=G.=B. vorgelegen haben mag, als er zu der grau=
ſigen
Tat ſchritt. Da Oberlehrer Thimme ſich hier allge=
meiner
Beliebtheit nicht nur bei den Schülern der Ober=
realſchule
, ſondern auch in ſeinen ganzen Kollegen= und
Bekanntenkreiſen erfreut, ſo wird hier die Niederſchlagung
des Strafverfahrens gegen ihn mit größter Genugtuung
begrüßt.

Zum Prozeß Caillaux.
* Paris, 16. Juli. Der Figaro erzählt, daß
der Oberſtaatsanwalt Herbaux ſeine Anklageſchrift
im Prozeß der Frau Caillaux dem Vertreter der Privat=
beteiligten
bisher noch nicht übermittelt habe. In poli=
tiſchen
und Advokatenkreiſen frage man ſich bereits, ob
Herbaux nicht vielleicht die Anklage wegen Vorbedachts
fallen gelaſſen habe. Und doch befinde ſich in den Pro=
zeßakten
ein Schriftſtück, das den Vorbedacht in unbe=
ſtreitbarer
Weiſe feſtlegt. Dies ſei der Brief, den Frau
Caillaux am 16. März, zwei Stunden vor dem Attentat,
an ihren Gatten geſchrieben habe. Das Schreiben lautet:
Mein vielgeliebter Mann! Als ich Dir heute morgen
über meine Unterredung mit dem Präſidenten Monier
Bericht erſtattete, der mir eröffnet hatte, daß wir in
Frankreich kein Geſetz haben, um uns gegen die Verleum=
dungen
der Preſſe zu verteidigen, ſagte ich mir, daß Du
an einem dieſer Tage dem elenden Calmette den Schädel
einſchlagen würdeſt. Ich begriff, daß Deine Entſcheidung
unwiderruflich ſei. Da faßte ich den Entſchluß, ich ſelbſt
werde mir Recht verſchaffen. Frankreich und die Repu=
blik
bedürfen Deiner; ich ſelbſt werde den Akt begehen.
Wenn Du dieſen Brief erhalten haſt, werde ich mir Recht
verſchafft haben, oder zum mindeſten verſucht haben, mir
Recht zu verſchaffen. Verzeihe mir, aber meine Geduld
iſt zu Ende. Ich liebe Dich und umarme Dich aus tief=
ſtem
Herzen.
* Paris, 16. Juli. Der Temps veröffentlicht be=
reits
heute die der Schwurgerichtsverhandlung gegen Frau
Caillaux vorgehaltene Anklageſchrift des Ober=
ſtaatsanwalts
Herbaux. In den Schlußfolgerungen
derſelben wird erklärt: In welcher mpraliſchen Auf=
regung
Frau Caillaux ſich auch befunden haben mag,
ſo muß man doch feſtſtellen, mit welcher Leichtigkeit ſie den
Gedanken des Verbrechens gefaßt hat, und auf
den logiſchen Zuſammenhang der Tathandlung, init wel=
chem
ſie das Verbrechen vorbereitete, ſowie auf die Kalt=
blütigk
eit hinweiſen, welche ſie bei deſſen Assführung
bewieſen hat. Demzufolge wird Frau Caillaux angeklagt,
am 16. März 1914 an Herrn Gaſton Calmette einen ge=
fliſſentlichen
und mit Vorbedacht verübten Mord begangen
zu haben.

Luftfahrt.

* Hirzfelden (Oberelſaß), 16. Juli. Bezüglich
der beiden heute vormittag hier gelandeten franzöſi=
ſchen
Fliegeroffiziere iſt vom Generalkommando
Karlsruhe verfügt worden, daß nach Aufnahme eines
Protokolls den beiden Offizieren die Rückreiſe frei
zu geben ſei. Der Apparat wurde abmontiert und wird
auf einem Fuhrwerk nach Altmünſterol transportiert wer=
den
, während die beiden Aviatiker noch heute abend im
Automobil nach Belfort zurückkehren. Der Name des Füh=
rers
lautet richtig Tretard. Es ſoll ſich um Offiziere der
Fliegerſtation Beſancon handeln.
* Schwerin, 16. Juli. Der Fluglehrer Gei=
gant
, der am Dienstag auf dem Goerries durch den
Zuſammenſtoß ſeines Apparates mit dem des
Leutnants von der Lühe einen Unglücksfall erlitt und in
eine Privatklinik übergeführt wurde, iſt dort geſtern
abend infolge der erlittenen Gehirnerſchütterung ge=
ſtorben
. Er hatte ſeit dem Unfall das Bewußtſein
nicht wieder erlangt.
* Petersburg, 15. Juli. Das Verzeichnis
der Strecken in den weſtlichen Grenzgebieten, in wel=
chen
die Luftſchiffahrt ohne beſondere Er=
laubnis
verboten iſt, iſt heute veröffentlicht wor=
den
. Um Erlaubnis ſind die Chefs der Militärbezirke
oder beſonders bevollmächtigte Behörden anzugehen.
Photographieren und Zeichnen iſt in dieſen Gebieten un=
ter
allen Umſtänden verboten. Beim Landen muß ſich
der Flieger bei den Behörden melden und ſeine Habe zur
Durchſicht vorlegen.

Arbeiterbewegung.

* Kottbus, 16. Juli. Der Geſamtvorſtand des Ar=
beitgeberverbandes
der Lauſitzer Tuchinduſtrie wurde
nach Kottbus einberufen, um für die bevorſtehende Ge=
neralausſperrung
die notwendigen Ausführungs=
beſtimmungen
zu beſchließen. Auch der Textilarbeiterver=
band
beruft für morgen in Kottbus, Forſt, Guben und
Spremberg Mitgliederverſammlungen ein, die ſich mit der
Lage im Lauſitzer Textilgewerbe beſchäftigen.
* Breslau, 16. Juli. Die ausſtändigen Ar=
beiter
der Linke=Hofmann=Werke erklärten
mit 3007 gegen 406 Stimmen ſich für die Einſtellung
des Streiks. Der Streik koſtete über eine Million
Mark. Die Arbeit wird binnen kurzem wieder aufgenom=
men
werden.
* London, 16. Juli. Die heute abgehaltene Ver=
ſammlung
des Ausſchuſſes der vereinigten Ver=
bände
und Maſchiniſtn und Schiffsmaſchi=
niſten
faßte einen endgültigen Beſchluß über die in dem
Maſchiniſtenausſtand einzuſchlagende Haltung.
Es wurde eine Erklärung abgegeben, nach welcher der
Ausſchuß beſchloſſen hat, die Maſchiniſten von allen be=
troffenen
Schiffen zurückzuziehen. Es gingen ſogleich Ab=
geordnete
nach der Provinz ab, um überall die nötigen
Vorkehrungen zu treffen.

Die albaniſche Kriſis.

Fürſt Wilhelm bleibt.
* Wien, 16. Juli. Der albaniſche Geſandte Sureja
Bey Vlora teilt mit, er habe einen Brief des Fürſten Wil=
helm
erhalten, den dieſer in gedrückter Stimmung ge=
ſchrieben
habe. Er habe darin mit keinem Worte
der Abſicht Erwähnung getan, abzudanken.
Der Fürſt und die Fürſtin werden vielmehr in
Durazzo bleiben.

* Durazzo, 16. Juli. Der vergangene Tag verlief
ohne Zwiſchenfall. Um 3 Uhr morgens ſtieg eine Rakete
auf, deren Bedeutung nicht aufgeklärt werden konnte.
Aus Valona wurde das von Hauptmann Ghillard dort=
hin
gebrachte Geſchütz, ſowie vier Maſchinengewehre hier=
her
geſchafft, und es wurde beſchloſſen, Durazzo bis
zum Aeußerſten zu verteidigen, falls die Stadt
angegriffen werde. Zahlreiche Gendarmerieoffiziere,
welche aus gefallenen Städten geflüchtet waren, ſind hier
eingetroffen.
* Valona, 16. Juli. Ismael Kemal Bey
hat geſtern die Bevölkekung Valonas zuſam=
menberufen
und ſie aufgefordert, ſich des Namens
der Skipetaren würdig zu erweiſen, zu den Waffen zu
eilen und die Stadt gegen die vorrückenden
Feinde zu verteidigen. Die Bevölkerung rief be=
geiſtert
: Es lebe der Krieg, es lebe Albanien, es lebe
unſer König Wilhelm‟. Es wurde eine Kommiſſion ge=
bildet
, deren Aufgabe iſt, die Mittel zuſammen zu brin=
gen
, um den Flüchtlingen aus den von den Rebellen be=
ſetzten
Gebieten zu helfen und für die Familien der Ver=
teidiger
der Stadt zu ſorgen. Von Koritza, Tepeleni,
Berat und Fieri ſind große Scharen Flüchtlinge einge=
troffen
, die von entſetzlichen Greueltaten,
Bränden und Maſſakres berichten, die in ihrem
Gebiete begangen worden ſeien. Auch die albaneſiſchen
Truppen, die in dieſen Ortſchaften in Garniſon lagen,
ſind aufgelöſt und entkräftet eingetroffen.
* Wien, 16. Juli. Der Albaniſchen Korreſpondenz
zufolge iſt Prinz Günther von Schönburg=
Waldenburg geſtern aus Durazzo hier eingetroffen
und nach Sinaja weitergereiſt.
* Köln, 16. Juli. Die Kölniſche Zeitung meldet aus
Berlin: Obwohl das Werbebureau für Frei=
willige
nach Albanien auf deutſchem Boden, wie ge=
meldet
wurde, aufgelöſt worden iſt, gelangen doch noch
nach Durazzo beſonders aus Deutſchland öfters An=
fragen
von Reichsangehörigen, meiſtens jun=
gen
Leuten, die ſich nach den Bedingungen für den Ein=
tritt
in die albaniſche Armee erkundigen. Wir
werden aus dieſem Anlaſſe darauf aufmerkſam gemacht,
daß die albaniſche Regierung weder im Auslande noch
in Durazzo, weder für das albaniſche Heer noch für die
Fremdenlegion ein Werbebureau unterhält, daß deshalb
die Geſuchſteller aus Deutſchland ſich nicht wundern dür=
fen
, wenn auf ihre an das albaniſche Werbebureau ge=
richteten
Anfragen keine Erwiderung eingeht.

Vom Balkan.

* Serajewo, 16. Juli. In dem Dorfe Blazni er=
mordeten
Serben den aus Oeſterreich ſtammenden
Gaſtwirt Hufnagel wegen angeblicher ſerbenfeindlicher
Aeußerungen. Die Mörder ſteckten hierauf das Haus des
Hufnagel in Brand und griffen auch die Häuſer anderer
öſterreichiſcher und ungariſcher Staatsangehöriger an. Die
Mörder wurden verhaftet.
* Sofia, 16. Juli. Der Miniſterpräſident hatte vor=
mittags
mit den Führern der oppoſitionellen Parteien
eine Beſprechung, die ſich mit der durch die geſtrige
Abſtimmung in der Sobranje über die Anleihe ge=
ſchaffenen
Lage beſchäftigte.

* Sofia, 16. Juli. Die Majorität der Deputierten
beſchloß, wegen der Vorgänge in der geſtrigen Sobranje
die Abſtimmung über den Anleiheentwurf ſchrift=
lich
zu bekräftigen.
* Konſtantinopel, 16. Juli. Der griechiſche
Geſandte hatte heute nachmittag eine Unterredung mit
dem Großweſir. Wie verlautet, lenkte er deſſen Aufmerk=
ſamkeit
u. a. auf die Ermordung einiger griechiſcher Unter=
tanen
auf der Inſel Ingloſiniſſa.
* Konſtantinopel, 16. Juli. Der ſerbiſche
Geſchäftsträger iſt abberufen worden. Der Ge=
ſandtſchaftsſekretär
Riſtitſch hat die Geſchäfte übernommen.
* Konſtantinopel, 16. Juli. Die Regierung
unterbreitete der Kammer einen Geſetzentwurf, betref=
fend
außerordentliche Kredite von 5 Millionen
Pfund (115 Millionen Francs) für Bewaffnungs=
zwecke
, um gegen jede Eventualität gerüſtet zu ſein.
Der Geſetzentwurf wurde an die Militärkommiſſion ver=
wieſen
. Die Kammer begann ſodann die Debatte über
das Budget des Kriegsminiſteriums. Kriegs=
miniſter
Enver Paſcha erinnerte in einer kurzen Rede
an die Schickſalsſchläge, nach welchen er die Leitung des
Kriegsminiſteriums mit der Aufgabe übernahm, die Armee
zu reorganiſieren und ſie in den Stand zu ſetzen, die er=
littenen
Unglücksfälle wieder gut zu machen. Ich mußte,
fuhr der Miniſter fort, aus dem Armeeverband gegen
meinen Willen einige Kameraden entlaſſen, die vor etwa
vierzig Jahren die Schule verließen und nicht mehr die
modernen Syſteme lernen konnten. Ich erſetzte ſie durch
junge, arbeitsfähige Offiziere. Infolge der territorialen
Verluſte wurde der früher zu große Stand der Armee
herabgeſetzt. Die früher nicht gut geleitete Armee konnte
ihre Aufgabe nicht erfüllen. Aber ich hoffe, daß ſie infolge
der neuen Organiſation das wird erfüllen können, was
ſie in der Vergangenheit nicht konnte. Mit dem ordent=
lichen
und dem außerordentlichen Budget wird die Armee
in den gewünſchten Stand geſetzt werden. Der Miniſter
drückte ſchließlich die Hoffnung aus, daß die Armee das
Land werde verteidigen können. (Lebhafter Beifall.)
Die Kammer nahm ſodann debattelos das ge=
ſamte
Kriegsbudget in Höhe von ſechs Millionen
Pfund an.

Aus Mexiko.

Huertas Abdankung.
* Mexiko, 15. Juli. Amtlich wird mitgeteilt,
daß Präſident Huerta dem Kongreß heute nachmittag
4 Uhr ſeine Abdankung unterbreitet hat.
* Mexiko, 16. Juli. Huerta und Blanquet
haben Mexiko=City geſtern nacht verlaſſen. Sie
beſtiegen den Zug einige Meilen außerhalb der
Stadt. Man nimmt an, daß ſie ſich nach Puerta=
Mexiko begeben haben.
* Mexiko, 16. Juli. Die Abdankung Huer=
tas
wurde vom Kongreßmit 121 gegen 17 Stim=
men
angenommen. In ſeiner Botſchaft über
ſeinen Rücktritt hebt Huerta ſeine Anſtrengungen
hervor, den Frieden herbeizuführen, ſowie die Schwierig=
keiten
, denen er dabei begegnete, da die nötigen Fonds
fehlten und die große Macht des amerikaniſchen Konti=
nents
offenkundig die Rebellen ſchützte. Dieſer Schutz
habe ſeinen Höhepunkt erreicht in dem empörenden Vor=
gehen
der amerikaniſchen Flotte vor Veracruz, gerade in
dem Augenblick, als die Revolution niedergeſchlagen war.
Huerta weiſt weiter die Behauptung zurück, daß bei ihm
perſönliche Intereſſen vorherrſchend geweſen ſeien. Seine
Abdankung ſei ein Beweis dafür, daß das Intereſſe des
Staates ſein erſter Gedanke geweſen ſei. Später erſchien
Huerta in ſeinem Lieblingscafé, gefolgt von einer unge=
heuren
Menſchenmenge, die Hochrufe auf ihn ausbrachte.
Viele ſchüttelten ihm die Hand, andere umarmten und
küßten ihn. Von Rührung überwältigt, erhob Huerta ſein
Glas und ſagte: Dies ſoll hier mein letzter Toaſt ſein,
ich trinke auf den neuen Präſidenten von Mexiko. Die
Straßen waren bis zur ſpäten Stunde voll von Menſchen,
doch kam es zu keinen Ruheſtörungen. Es ereignete ſich
ein einziger Zwiſchenfall. Als der neue Präſident, Carba=
jal
, die Kammer verließ, da ertönten Rufe des Unwillens
gegen die Abgeordneten, die ſich geweigert hatten, ihre
Stimme für die Annahme der Abdankung Huertas abzu=
geben
. Die Truppen zerſtreuten aber die Demonſtranten.
* Mexiko, 16. Juli. Faſt alle Mitglieder des bis=
herigen
Kabinetts, mehrere Generale und hohe
Beamte verließen geſtern nachmittag vor Huerta die
Hauptſtadt. Eine Sonderkommiſſion, aus drei früheren
Abgeordneten beſtehend, begab ſich nach Celaya, um mit
den Führern der Konſtitutionaliſten Abmachungen
für einen friedlichen Einzug in die Hauptſtadt
zu treffen.
* Waſhington, 16. Juli. Die Abdankung
Huertas wird in amtlichen Kreiſen als erſter, wirklicher
Schritt zur baldigen Löſung der mexikaniſchen Frage be=
trachtet
, obwohl die Konſtitutionaliſten erklärten, ſie wür=
den
Carbajal nicht anerkennen wollen. Wie es heißt, wird
die neue Regierung nur ſo lange am Ruder bleiben, bis
hinreichende Abmachungen für den Einzug Carranzas in
die Hauptſtatt getroffen ſind.
Der neue Präſident.
* Mexiko, 16. Juli. Der Miniſter des Aeußern
Carbajal legte geſtern abend den Eid als Präſi=
dent
von Mexiko vor den verſammelten Abgeord=
neten
und Senatoren ab. Darauf begab er ſich, von der
Garde geleitet, unter begeiſterten Zurufen der Menge
zum Nationalpalaſt. Nachdem Huerta geſtern abend
ſeine Abdankung den Abgeordneten unterbreitet hatte,
beauftragte das Außenminiſterium eine Kommiſſion mit
der Erſtattung des Berichtes, wonach entſchieden werden
ſoll, ob die Abdankung anzunehmen iſt. Die Abgeord=
neten
und Tribünenbeſucher riefen Hoch Huerta! als
die Abdankungsakte verleſen wurden.
Rücktritt des Kabinetts
* Mexiko, 15. Juli. Alle Mitglieder des
Kabinetts ſind zurückgetreten.
* Waſhington 15. Juli. Präſident Wilſon
hat von einem Mitgliede des Ordens der chriſt=
lichen
Brüder ein Telegramm erhalten, demzufolge
der Direktor und der Inſpektor der Schule des Ordens
in Zacateca getötet und 11 andere Mitglieder, ſämtlich
Franzoſen, gefangen genommen worden ſind. Der Or=
den
hat ſich auch an die franzöſiſche Regierung um Hilfe
gewandt, um die Freilaſſung der Gefangenen zu erwirken
und der Wiederholung ſolcher Ereigniſſe in anderen mexi=
kaniſchen
Städten, die auch ſolche Schulen haben, vorzu=
beugen
.
* Mexiko, 16. Juli. Der Regierungswechſel
wird von der Bevölkerung ruhig aufgenommen.
Bevor Huerta die Stadt verließ, ſtattete er Carbajal im
Palaſte einen Beſuch ab und ſprach ihm ſeine Glück=

[ ][  ][ ]

Nummer 194.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 17. Juli 1914.

Seite 7.

winſche and. Die Bildung des neuen Kabinets wird
heute erwartet. Carbajal hatte eine Beſprechung mit den
Unterſtaatsſekretären der verſchiedenen Miniſterien. Auf
Freitag iſt ein offizieller Empfang des diplomatiſchen
Korps angeſetzt.

* Veracruz, 16. Juli. Der deutſche Kreuzer Dres=
den
und der engliſche Kreuzer Briſtol ſind von hier nach
Puerto=Mexiko abgegangen.
* Puerto=Mexiko, 16. Juli. Der deutſche Kreu=
zer
Dresden und der britiſche Kreuzer Briſtol
ſind hier eingetroffen und vor Anker gegangen.

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* München, 16. Juli. Die Kammer der Reichs=
räte
ſtimmte dem Geſetzentwurf, betreffend die Erhebung
von Zuſchlägen zur Reichserbſchaftsſteuer,
in der Faſſung der Abgeordnetenkammer zu. Der Zuſatz,
wonach Kirchenſtiftungen und ſonſtige gemeinnützige Stif=
tungen
vom Zuſchlag befreit ſein ſollten, wurde abge=
lehnt
. Reichsrat Graf Crailsheim ſprach ſich namens des
Reichsrats gegen eine Nachſeſſion aus. Miniſterpräſident
Graf Hertling betonte, daß der Landtag erſt ein Ende
finden könne, wenn das Budget erledigt ſei.
* Düſſeldorf, 16. Juli. Die Leitung der nächſtjährigen
großen Düſſeldorfer Ausſtellung beſchloß, da das Jahr
1915 zugleich denkwürdig iſt durch die hundertjährige Zu=
gehörigkeit
der Rheinlande zur Krone Preußens und
durch die hundertſte Wiederkehr des Geburtstages
Bismarcks eine umfaſſende Erinnerungsaus=
ſtellung
für den eiſernen Kanzler zu veranſtalten.
* Paris, 16. Juli. Der franzöſiſche Sozia=
liſtenkongreß
nahm mit großer Mehrheit den von
Jaurés und Vaillant eingebrachten Beſchluß=
antrag
an, welcher die ſeinerzeit in Kopenhagen ge=
faßte
Reſolution mit folgenden Zuſätzen enthält: Der
Kongreß ſieht unter allen Mitteln, welche den Krieg ver=
hindern
und die Regierungen zur Anrufung eines
Schiedsgerichts zwingen ſollen, den gleichzeitigen und
internationalen Geſamtſtreik in den beteiligten Ländern,
ſowie eine volkstümliche Bewegung als beſonders wirk=
ſam
an. Weiter nahm der Kongreß einen dem Wiener
internationalen Sozialiſtenkongreß vorzulegenden Be=
ſchlußantrag
über die deutſch=franzöſiſiſche Annäherung
an, in welchem die in Bern und Baſel zwiſchen deutſchen
und franzöſiſchen Parlamentariern abgehaltenen Be=
ſprechungen
mit Freuden begrüßt und mit beſonderem
Dank die verſchiedenen Kundgebungen der Elſaß= Lothrin=
ger
gegen die Revanche=Idee hervorgehoben werden. Die
Internationale unterſtützt, ſo heißt es weiter, die in den
Kundgebungen der elſaß=lothringiſchen Sozialdemokraten
am 16. März 1913 erhobenen politiſchen Forderungen und
verlangt im Einvernehmen mit dem Jenenſer Kongreß
der deutſchen Sozialdemokraten, daß Elſaß=Lothringen
ſeine Autonomie erhalte, von der Ueberzeugung durch=
drungen
, daß hierdurch die für den Weltfrieden notwen=
dige
deutſch=franzöſiſche Annäherung in ſehr großem
Maße erleichtert werden würde.
* Paris, 16. Juli. Nach einer Blättermeldung aus
Madrid hielt der Marineminiſter in Santan=
der
eine Rede, in welcher er unter Hinweis auf das ge=
plante
zweite Geſchwader ankündigte, daß die Regierung
beabſichtige, den geſamten Schiffsbau, ſowie alle
Lieferungen für die Flotte in Staats=
regie
zu übernehmen. Zu dieſem Zwecke ſollen ſowohl
für die Kriegs= wie die Handelsflotte neue Werften ein=
gerichtet
werden.
* Paris, 16. Juli. Das Feuer in der Tanz=
ſchuke
der Iſadora Duncan entſtand geſtern
nachmittag, während die Duncan einen Spaziergang
machte. Die Schülerinnen waren ſeit drei Tagen auf
einem Erholungsurlaub. Nur ein junges Mädchen war
zurückgeblieben. Dieſes fiel beim Ausbruch des Feuers
in Ohnmacht und mußte ins Hoſpital gebracht werden.
Das Feuer iſt vermutlich durch Kurzſchluß entſtanden.
Der Schaden ſoll bedeutend ſein. Es verbrannten u. a.
Tanzpartituren im Werte von 7000 Francs und zahlreiche
wertvolle Kunſtobjekte.
* Petersburg, 16. Juli. Neben einem kleinen Theater
ſind fünf am Fontankakanal gelegene große Maga=
zine
und Niederlagen niedergebrannt.
* Reval, 16. Juli. Auf der Weft der Aktiengeſellſchaft
Nobleßner fand heute die feierliche Kiellegung von
12 Unterſeebooten ſtatt.
* Konſtantinopel, 16. Juli. Der deutſche Bot=
ſchafter
Freiherr v. Wangenheim iſt hierher zurück=
gekehrt
.
* Rabat, 16. Juli. Am 13. Juli ſchlug Oberſt Odry
einen heftigen feindlichen Angriff bei Henifra
zurück, wobei die Feinde fünf Tote zurückließen. Als Odry
bereits in das Lager zurückgekehrt war, erfolgte ein neuer
Angriff. Die Eingeborenen wurden durch Artillerie und
Maſchinengewehre in die Berge zurückgeſchlagen. Auf
franzöſiſcher Seite wurden ſieben Mann verwundet, dar=
unter
drei Europäer.

Durch Blitzſchlag getötet.
* Mirkhauſen (Kr. Wittgenſtein), 16. Juli. Bei dem
geſtrigen ſchweren Gewitter iſt ein 12jähriger Hüte=
junge
vom Blitz getötet worden.
* Trier, 16. Juli. In der Eifel gingen geſtern ſehr
ſchwere Gewitter nieder. Zwei Männer und ein
junges Mädchen wurden vom Blitzerſchlagen.
* Oedheim (Württbg.), 16. Juli. Bei dem geſtern
nachmittag niedergegangenen ſchweren Gewitter
wurde die 40 Jahre alte Ehefrau Franz Decker, die
unter einem Weidenbaum Schutz geſucht hatte, vom
Blitz getötet. Ferner wurde die Ehefrau des Uhr=
machers
Moſthaf vom Blitz getroffen und ſchwer verletzt.
Der Briefträger Moſthaf, der ebenfalls unter dem Baume
Schutz geſucht hatte, kam mit dem Schrecken davon.

Aier enter ententen
* Baleſtrand, 16. Juli. Nach einem früh morgens
unternommenen Spaziergang hörten der Kaiſer und
ſein Gefolge einen kriegsgeſchichtlichen Vortrag des Ge=
neralleutnants
Freiherrn von Freytag=Loringhofen. Am
ſpäten Nachmittag fuhr der Kaiſer mit den Herren ſei=
ner
Umgebung an Land und nahm den Tee im Garten des
Profeſſors Dahl.

Spionage.
* Paris, 15. Juli. Ueber die neue Touloner Spio=
nageaffäre
wird gemeldet, daß die verhaftete Frau eine
Polin ſei, bei der angeblich kompromittierende, aus
Deutſchland ſtammende Briefe gefunden worden ſeien. Fer=
ner
wird berichtet, daß in Marſeille ein Mann verhaftet
wurde, der am 10. Juli in Algier ſehr wichtige militäriſche
Schriftſtücke entwendet habe.

Revolution in Venezuela.
* Bogota, 16. Juli. Nachrichten von der Grenze mel=
den
: In Venezuela iſt eine Revolution ausge=
brochen
, die ſich weiter ausbreitet. Eine Feuersbrunſt
zerſtörte bedeutende Gebäude und reiche Warenlager.

Tageskalender.
Freitag, 17. Juli.

Konzerte: Platanenhain um 4½ und 8 Uhr.
Hugenſchütz’ Felſenkeller um 8 Uhr.
Perkeo um
8 Uhr.

Pulver, Dr. Kuhn, giftfrei,
Guthaarungs tauſendf. bewährt, 3.50, 2.50 u.
1.50. Franz Kuhn, Kronen=Parf., Nürnberg.
Hier: F. B. Grodhaus, Seifenfabr. a. weißen
Turm, ſowie in Apotheken, Drog. u. Parfüm. (IX,266

Todes=Anzeige.
(Statt beſonderer Mitteilung.)
Nach Gottes unerforſchlichem Ratſchluß ent=
ſchlief
heute früh 10 Uhr mein lieber teurer
Gatte, unſer guter Sohn, Schwiegerſohn,
Bruder, Schwager und Onkel
Dr. Wilhelm Heyl
Lehramtsassessor
nach kurzem, ſchwerem Leiden im 30. Lebensjahre.
Bensheim, Darmſtadt, Pfungſtadt, den
16. Juli 1914.
In tiefem Schmerz:
Maria Heyl,
Anna Heyl,
Lina Engel,
Marie Wetzel,
Joh. Wetzel.
Die Beerdigung findet Sonntag, 19. Juli,
nachm. 3 Uhr, in Bensheim, vom Trauerhauſe
Eliſabethenſtr. 4 aus ſtatt.
(16351
Beileidsbeſuche dankend abgelehnt.

Todes=Anzeige.
Hiermit die traurige Nachricht, daß heute
morgen 10 Uhr unſer lieber, einziger, hoffnungs=
voller
Sohn
(16341
Franz
infolge eines Unglücksfalles im 18. Lebens=
jahre
plötzlich und unerwartet verſchieden iſt.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen:
Familie Jakob Auracher
Rhönring 57.
Darmſtadt, den 15. Juli 1914.
Die Beerdigung findet am Freitag, nachmit=
tags
4 Uhr, vom Beſſunger Friedhof aus, ſtatt.

Dankſagung.
Für die uns beim Hinſcheiden meines
lieben Mannes, unſeres guten Bruders,
Schwagers und Onkels bewieſene herz=
liche
Teilnahme ſagen wir unſeren innig=
ſten
Dank.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Minna Baldauf.
Darmſtadt, den 16. Juli 1914.
(16325

Todes=Anzeige.
(Statt beſonderer Anzeige.)
Heute morgen entſchlief ſanft nach langem,
ſchwerem Leiden unſere gute Mutter, Schwieger=
mutter
, Großmutter und Tante
(16345
Frau Sattlermeister
Jacob Heil Witwe.
Darmſtadt, den 16. Juli 1914.
Wittmannſtr. 34.
Die trauernden Hinterbliebenen.
Die Beerdigung findet am Samstag, vormit=
tags
10 Uhr, auf dem Beſſunger Friedhofe
ſtatt.

Gottesdienſt der israelitiſchen Religionsgemeinde
Haupt=Synagoge (Friedrichſtraße 2).
Freitag, den 17. Juli: Vorabendgottesdienſt 7 Uhr
30 Min.
Samstag, den 18. Juli: Morgengottesdienſt 8 Uhr
30 Min. Sabbatausgang 9 Uhr 25 Min.

Gottesdienſt in der Synagoge der israelitiſchen Religions=
geſellſchaft
.
Samstag, den 18. Juli: Vorabend 7 Uhr 30 Min.
Morgens 7 Uhr 30 Min. Nachmittags 5 Uhr. Sabbat=
usgang
9 Uhr 25 Min.
Wochengottesdienſt von Sonntag, den 19. Juli, an:
Morgens 6 Uhr. Nachmittags 7 Uhr 15 Min.
NB, Freitag, den 24. Juli:
Rausch Caudesch Aw.

Dampfernachrichten.

Hamburg=Amerika=Linie. Mitgeteilt von dem Ver=
treter
Adolf Rady in Darmſtadt, Zimmerſtraße 1.
Nordamerika: Amerika nach Boſton, 14. Juli 8 Uhr
15 Min. abends von Hamburg. Armenia 14. Juli
3 Uhr 15 Min. nachm. in Baltimore. Barcelona,
Neu=York=Levante=Dienſt, 14. Juli von Conſtanza.
Bulgaria nach Baltimore, 14. Juli 6 Uhr 30 Min.
morgens Lizard paſſiert. Eincinnati von Boſton
kommend, meldet drahtlos, am 15. Juli 4 Uhr nachm.
in Plymouth zu ſein. Cleveland‟ 13. Juli 2 Uhr nachm.
in Boſton. Hamburg von Neu=York, 14. Juli 6 Uhr
morgens in Genua. Vaterland, von Neu=York kom=
mend
, 14. Juli 4 Uhr 10 Min. nachm. auf der Elbe.
Willehad nach Kanada, 13. Juli 5 Uhr 30 Min. nachm.
von Rotterdam. Verſchiedene Fahrten: Nicomedig
von Perſien kommend, 14. Juli nachm. von Algier.
Steiermark 13. Juli in Swakopmund, ausgehend.
Victoria Luiſe, dritte Nordlandfährt, 14. Juli in Akureyri.
Nordd. Lloyd, Bremen. Mitgeteilt von dem Ver=
treter
: Anton Fiſcher in Darmſtadt, Frankfurterſtr. 12/14.
Schneldampfer Kronprinz Wilhelm 14. Juli 7 Uhr
in Bremerhaven angekommen. Schnelldampfer Kron=
pinzeſſin
Cecilie‟ 14. Juli 1 Uhr nachm. von Bremer=
haven
abgegangen. Schnelldampfer Prinzeß Irene‟
14. Juli 8 Uhr vorm. Gibraltar paſſiert. Schnelldampfer
König Albert 13. Juli 7 Uhr nachm. von Gibraltar
abgegangen. Schnelldampfer Barbaroſſa‟ 13. Juli
12 Uhr mittags in Bremerhaven angekommen. Schnell=
dampfer
Chemnitz 11. Juli 6 Uhr nachm. von Gal=
veſton
abgegangen. Schnelldampfer George Waſhington‟
11. Juli 3 Uhr vorm. von Neu=York abgegangen.
Schnelldampfer Berlin 13. Juli 11 Uhr vorm. in
Neu=York angekommen. Reichspoſtdampfer Derfflinger
14. Juli 3 Uhr nachm. in Singapore angekommen.
Reichspoſtdampfer Prinz Eitel Friedrich 14. Juli
4 Uhr von Schanghai abgegangen. Reichspoſtdampfer
Prinzeß Alice‟ 14. Juli 12 Uhr mittags von Port Said
bgegangen. Reichspoſtdampfer Scharnhorſt 14. Juli
5 Uhr vorm. in Suez angekommen. Reichspoſtdampfer
Roon‟ 14. Juli 12Uhr mittags von Genua abgegangen.
Frachtdampfer Poſen‟ 14. Juli 9½ Uhr vorm. Vliſſingen
paſſiert. Frachtdampfer Schwaben‟ 14. Juli 2 Uhr vorm.
von Meſſina abgegangen. Frachtdampfer Thüringen
14. Juli 4 Uhr vorm. von Antwerpen abgegangen.

Amtlicher Wetterbericht.

Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.
Das weſtliche Tiefdruckgebiet drang Mittwoch mit
ſeinen Ausläufern nach Mitteleuropa vor und verur=
ſachte
verbreitete Gewitter und Regenfälle. Wir haben
heute auf ſeiner Rückſeite noch vielfach wolkiges, bei
meiſt nordweſtlichen Winden kühles Wetter und ver=
einzelte
Niederſchläge zu erwarten.
Ausſichten in Heſſen für Freitag, den 17. Juli:
Vorwiegend wolkig, vereinzelt Regenfälle, kühl, nord=
weſtliche
Winde.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Fruilleton,
Reich und Ausland: i. V.: Max Streeſe; für den übrigen
redaktionellen Teil: Mar Streeſe; für den Inſeratenteil,
Inſeratbeilagen und Mitteilungen aus dem Geſchäfts=
leben
: Paul Lange, ſämtlich in Darmſtadt. Für den
redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind an die
Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.


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In kleinem herrſchaftlichen Haus=
halt
in Wiesbaden wird ein brav.
beſſeres evangeliſches (II,16321
Zweitmädchen
aus ordentl. Fam. geſucht. Nur
gut empf. Mädch., die nähen, büg.
u. ſervieren können, wollen ſich unt.
näh. Angabe melden: Villa Dora,
Schützenſtr. 1, Wiesbaden.

Tücht. Putzfrau ſof. geſ. (*1395
Ireneſtr. 9, II., a. d. Frankfurterſtr.

Ein ſauberes Mädchen
gegen hohen Lohn geſucht (*1441
Eliſabethenſtr. 2
(Reſtauration Stadt Pfungſtadt‟).

od. unabhäng.
Küchenmädchen Fran z. Spül.
für großes Reſtaurant bei hohem
Lohn geſucht, ſolche, die zu Hauſe
ſchlafen können. Off. unt. H 97
an die Exp. ds. Bl
(*1443

Männlich

Altrenommierte Stearin-,
Paraffin- und Luxus-

ſucht tüchtigen, branchekundigen

welcher auch die chemiſchen Er=
zeugniſſe
, wie Parkettwachs, Schuh=
putzmittel
und Nebenprodukte zu
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Nummer 194.

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Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 17. Juli 1914.

Seite 9.

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Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 17. Juli 1914.

Nummer 194.

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Mitglieder des V. C. D. haben freien Eintritt!

Vereinigte Kriegervereine
Darmſtadts.

Wir geben unſeren Mitgliedern davon Kenntnis, daß am
Sonntag, den 19. Juli d. Js., vormittags 8 Uhr, ein Kirchgang
nach der Ludwigskirche und Stadtkirche ſtattfindet.
Die Zuſammenkunft für beide Kirchen findet um 7½ Uhr
vorm. an der Turnhalle am Woogsplatz ſtatt.
Um recht zahlreiche Beteiligung wird gebeten.
(16306
Der Vorſtand.

Darmſtähdter Ktiegerſeſt19014
18.20. Juli.
Sonntag, den 19. Juli d. Js., treffen zur
Teilnahme an dem geplanten Feſtzuge eine große
Anzahl auswärtiger Krieger=, Marine= uſw. Vereine
in Darmſtadts Mauern ein. Da die hieſige Einwohnerſchaft bei
jeder Gelegenheit zur Verherrlichung patriotiſcher Feſtlichkeiten,
beſonders auch durch Fahnenſchmuck der Häuſer, beigetragen hat,
ſo richtet der Feſtausſchuß an alle patriotiſch geſinnten Einwohner
die Bitte, ihre Häuſer am 18., 19. und 20. Juli mit
Fahnenſchmuck verſehen zu wollen.
Gleichzeitig geſtatten wir uns nochmals auf die am
18.20. Juli d. Js. im Großh. Orangeriegarten ſtattfinden=
(16308
den Feſtlichkeiten aufmerkſam zu machen.
Der Feſtausſchuß.

Varieté- und
Theater-Saalf erkeg

Ab heute, 16. Juli:

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Grosser Programmwechsel.

Inhaber Hans Tod.

Hugenschütz Felsenkeller. Dieburgerſtr. Tel. 1445.
Jeden Dienstag und Freitag große Militärkonzerte!
Freitag. 17. Juli, abends 8 Uhr: Vollzählige Kavelle des Großh.
Heſſ. Art.=Regts. Nr. 61. Leitung: Obermuſikmeiſter M. WEBER.
3. Teil des Programms:
Dem Andenken Theodor Körners gewidmet!
Preußens Gloria, Armeemarſch Nr. 240
von Piefke.
Trauermuſik, geſpielt bei der Einweihung des Theodor Körner=
Denkmals zu Wöbbelin, am 29. September 1814. (Marcia mode-
rato
. Wie ſie ſo ſanft ruh’n. Hör' uns, Allmächtiger.) Aus
Körners Gedichten.
Deutſchlands Erhebung, Feſtmuſik zum Andenken an Theodor
Körner, von Riccius. Kommentar: Das von Frankreich in Feſſeln
geſchlagene Vaterland. Tieſes Trauern ob der Schmach und des
Kriegselendes in Deutſchlands Gauen. Der Aufruf des Königs
von Preußen an ſein Volk. Der Abmarſch der Truppen gegen
den Feind. Die Schlacht beginnt. Vater, ich rufe dich. Du Schwert
an meiner Linken. Was glänzt dort im Walde im Sonnenſchein.
Pariſer Einzugsmarſch. Dem Höchſten Dank für die wieder=
gewonnene
Freiheit im Vaterland.
Erinnerung an die Freiheitskriege, Feſtmarſch . . von Weber.
Eintritt mit Programm 15 Pfennig.
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Ludwigshöhe.
Jeden Mittwoch und Samstag
Kur-Konzert.
Eintritt 30 Pfg. 10 Abonnementskarten (inkl. Steuer) Mk. 2.
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[ ][  ][ ]

Nummer 194.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag den 17. Juli 1914.

Seite 11.

Die Dienſtſtunden der ſtädtiſchen Verwaltungen.

Die gegenwärtig herrſchende Hitze hat mich veranlaßt, die
Dienſtſtunden der ſtädtiſchen Verwaltungen, ſoweit es möglich war,
vorübergehend von Freitag, den 17. Juli ab, durchgehend auf
die Zeit von 7 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags zu ver=
legen
. Das Publikum wird gebeten, dieſe Zeit zur Erledigung von
Dienſtgeſchäften zu benutzen. Für die Erledigung dringlicher Ange=
legenheiten
ſind von 26 Uhr nachmittags ſtets Beamte im Stadt=
haus
und bei allen übrigen ſtädtiſchen Verwaltungen anweſend.
Darmſtadt, den 15. Juli 1914.
Der Oberbürgermeiſter.
Dr. Gläſſing.
(16313fs

Bekanntmachung.

Das Umlagekataſter der Land= und forſtwirtſchaftlichen Berufs=
genoſſenſchaft
für das Großherzogtum Heſſen für das Jahr 1913 liegt
zwei Wochen lang, nämlich vom 20. Juli 1914 bis zum 3. Auguſt 1914
dieſes Jahres auf der Bürgermeiſterei zur Einſicht der Beteiligten
offen. Etwaige Widerſprüche dagegen, daß ein Betrieb in das Kataſter
aufgenommen oder nicht aufgenommen, ſowie dagegen, wie er ver=
anlagt
iſt, ſind innerhalb eines Monats nach Ablauf der Offen=
legungsfriſt
bei dem Vorſtande der Land= und forſtwirtſchaftlichen
Berufsgenoſſenſchaft in Darmſtadt zu erheben. Später eingehende
Widerſprüche können keine Berückſichtigung mehr finden.
Arheilgen, den 16. Juli 1914.
(16304
Großherzogliche Bürgermeiſterei Arheilgen.
Benz.

Bekanntmachung.

Das Umlagekataſter der Land= und forſtwirtſchaftlichen Berufs=
genoſſenſchaft
für das Großh. Heſſen für das Jahr 1913 liegt zwei
Wochen lang, nämlich vom 17. Juli bis zum 31. Juli dieſes Jahres
auf der Bürgermeiſterei zur Einſicht der Beteiligten offen. Etwaige
Widerſprüche dagegen, daß ein Betrieb in das Kataſter aufgenommen
oder nicht aufgenommen, ſowie dagegen, wie er veranlagt iſt, ſind
innerhalb eines Monats nach Ablauf der Offenlegungsfriſt bei
dem Vorſtande der Land= und forſtwirtſchaftlichen Berufsgenoſſen=
ſchaft
in Darmſtadt zu erheben. Später eingehende Widerſprüche
können keine Berückſichtigung mehr finden.
Pfungſtadt, den 15. Juli 1914.
(16298
Großherzogliche Bürgermeiſterei Pfungſtadt.
Lang.

Bekanntmachung.

Das Umlagekataſter der Land= und forſtwirtſchaftlichen Berufs=
genoſſenſchaft
liegt vom 18. Juli ab auf der Bürgermeiſterei 14 Tage
lang zu Jedermanns Einſicht offen.
Weiterſtadt, den 15. Juli 1914.
(16303
Großherzogliche Bürgermeiſterei Weiterſtadt.
I. V.: Meinhardt.

Verſteigerungs-Anzeige.

I. Freitag, den 17. Juli 1914, vorm. 10 Uhr,
verſteigere ich Blumenthalſtraße 115, 4. Stock, auf freiwilligen
Antrag, aus einem Nachlaß herrührend:
3 Betten, 2 Kleiderſchränke, Küchenſchrank, Anrichte, Waſſer=
bank
, verſchiedene Küchengeräte, 1 Singer=Nähmaſchine mit
Fußbetrieb, 1 Lexikon, Spiegel, Bilder, Stühle, Tiſche,
Uhren, verſchiedene Kleidungsſtücke u. a. m.;
II. Freitag, den 17. Juli 1914, nachm. 3 Uhr,
im Verſteigerungslokal Zur Ludwigshalle (Obergaſſe) zwangs=
weiſe
gegen Barzahlung:
1 National=Kontroll=Regiſtrierladenkaſſe (neueſten Sy=
ſtems
), 194 Flaſchen Eliſabetiner=Likör (Erſatz für Bene=
diktiner
), 110 Flaſchen Südweine, 38/1 u. 15/2 Flaſchen franz.
Champagner, 10 Flaſchen Likör und Kognaks, Bijouterie=
waren
, Weiß= und Schnittwaren;
ferner auf freiwilligen Antrag:
1 Grammophon mit 52 meiſtens doppelſeitig ſpielbaren
Platten, 1 Kinderpult und Waſchgeſtell.
(16342
Kapp, Großh. Gerichtsvollzieher
in Darmſtadt, Georgenſtr. 1.

Futter=Verſteigerung.

Die Verſteigerung des Graſes
von der ſtädtiſchen Pallaswieſe
vom 9. lfd. Mts. iſt genehmigt.
Die Mähſcheine ſind bei der Stadt=
kaſſe
erhältlich und müſſen bis
zum 20. dieſes Monats abge=
(16287df
holt ſein.
Darmſtadt, 11. Juli 1914.
Der Oberbürgermeiſter.
J. V.: Schmitt.

Kanalbauarbeit.

Die Ausführung eines 225 m
langen Steinzeugrohrkanals in der
Allee ſoll vergeben werden.
Arbeitsbeſchreibungen und Be=
dingungen
liegen bei dem Tiefbau=
amt
, Zimmer Nr. 4, zur Einſicht
offen. Auch werden dort die An=
gebotſcheine
abgegeben.
Angebote ſind bis
Donnerstag, 23. Juli I. Js.,
vormittags 10 Uhr,
bei unterzeichneter Stelle einzu=
(16312fs
reichen.
Darmſtadt, 15. Juli 1914.
Tiefbauamt.

Steuer=Erhebung.

Das II. Ziel der Gemeinde=
ſteuern
für das Rechnungsjahr
1914 iſt, bei Vermeidung der Mah=
nung
, bis Ende dieſes Monats
an den Werktagen, vormittags von
8 bis 12½ Uhr, hierher zu ent=
richten
.
Im Intereſſe raſcheſter Ab=
fertigung
an den Zahlſchaltern
wird gebeten, die Gelder abge=
zählt
bereit zu halten.
Darmſtadt, 13. Juli 1914.
Die Stadtkaſſe.
Koch. (16317a

Schöne Stachelberen
zu verkaufen per Pfund 12 Pfg
(16346
Frankfurterſtr. 36.

Konkursverfahren.

Nachſtehender Gerichtsbeſchluß
wird hierdurch zur öffentlichen
Kenntnis gebracht.
Ueber das Vermögen des Han=
delsmannes
Julius Cohn zu
Darmſtadt wird heute, am 13. Juli
1914, vormittags 11 Uhr, das Kon=
kursverfahren
eröffnet, da die Zah=
lungseinſtellung
dargetan iſt.
Der Kaufmann Ludwig Raab
zu Darmſtadt wird zum Konkurs=
verwalter
ernannt.
Konkursforderungen ſind bis zum
1. Auguſt 1914 bei dem Ge=
richte
anzumelden.
Es wird zur Beſchlußfaſſung über
die Beibehaltung des ernannten
oder die Wahl eines anderen Ver=
walters
, ſowie über die Beſtellung
eines Gläubigerausſchuſſes und
eintretenden Falls über die in § 132
der Konkursordnung bezeichneten
Gegenſtände und zur Prüfung der
angemeldeten Forderungen auf
Montag, 10. Auguſt 1914,
vormittags 9 Uhr,
vor dem unterzeichneten Gerichte,
Zimmer Nr. 201, Termin anbe=
raumt
.
Allen Perſonen, welche eine zur
Konkursmaſſe gehörige Sache in
Beſitz haben oder zur Konkurs=
maſſe
etwas ſchuldig ſind, wird
aufgegeben, nichts an den Gemein=
ſchuldner
zu verabfolgen oder zu
leiſten, auch die Verpflichtung auf=
erlegt
, von dem Beſitze der Sache
und von den Forderungen, für=
welche
ſie aus der Sache abgeſon=
derte
Befriedigung in Anſpruch
nehmen, dem Konkursverwalter bis
zum 5. Auguſt 1914 Anzeige zu
(16324
machen.
Darmſtadt, 13. Juli 1914.
Großherzogliches Amtsgericht I.

eine Inckerbirnen, Pfund=
15 Pfg., abzugeben Kranich=
(*1401fs
ſteinerſtr. 65, Hth.

16326fs)

für 9 Mark
ſchläger zu verkaufen
Viktoriaſtraße 81, part.

Klapp=Sportwagen, faſt neu,
für 6 Mk. zu verkaufen (*1388
Schießhausſtraße 63.

Aenderung der §§ 34 und 38 des Ortsbauſtatuts der Stadt Darmſtadt.

Die Stadtverordneten=Verſammlung hat durch Beſchluß vom 9. ds. Mts. nachſtehende neue
Faſſung der §§ 34 und 38 des Ortsbauſtatuts gut geheißen.
Einwendungen gegen dieſe Statutänderungen ſind, bei Meidung des Ausſchluſſes, in der Zeit
vom 16. bis 31. ds. Mts. bei dem Stadtbauamt, Grafenſtr. 30, ſchriftlich oder zu Protokoll vorzubringen.
Darmſtadt, den 14. Juli 1914.
(16311
Der Oberbürgermeiſter: J. V.: Schmitt.

Alte Faſſung.
§ 34.
Die Umfangsmauern aller Wohngebäude und
aller ſonſtigen Gebäude, die außer dem Erd=
geſchoß
noch ein oder mehrere Stockwerke mit oder
ohne Feuerungseinrichtung haben, müſſen maſſiv
erbaut werden; bei ſolchen Gebäuden müſſen die
Umfangsmauern im oberſten Stock beziehungs=
weiſe
Knieſtock eine Stärke von mindeſtens
45 Zentimeter bei Bruchſteinen und 25 Zenti=
meter
bei Backſteinen haben. Bei Bruchſtein=
mauern
muß die Stärke nach unten von Stock=
werk
zu Stockwerk um mindeſtens je 10 Zenti=
meter
, bei Backſteinen alle zwei Stockwerke um
mindeſtens einen halben Stein zunehmen. Bei
dieſen Dimenſionen ſind Stockwerkshöhen nicht
über 4 Meter im Lichten und Zimmertiefen nicht
über 7 Meter vorgeſehen; werden dieſe Dimen=
ſionen
überſchritten, ſo ſind auch die Mauer=
ſtärken
entſprechend zu vergrößern. Die Außen=
mauern
von Treppenhäuſern bedürfen der Ver=
ſtärkung
nach unten nicht, wenn ſie 45 Zentimeter
bezw. 1½ Steine ſtark bei nicht mehr als 12 Meter
Höhe ausgeführt ſind.
Stockwerksaufſetzungen auf beſtehende Ge=
bäude
ſind nur dann zuläſſig, wenn dieſe Mini=
malmaße
noch ohne Anblendung an beſtehende
Mauern eingehalten werden können.

Neue=Faſſung.
§ 34.
Die Umfangsmauern aller Wohngebäude
und aller ſonſtigen Gebäude, die außer dem Erd=
geſchoß
noch ein oder mehrere Stockwerke mit
oder ohne Feuerungseinrichtung haben, müſſen
maſſiv erbaut werden; bei ſolchen Gebäuden
müſſen die Umfangsmauern im oberſten Stock
beziehungsweiſe Knieſtock eine Stärke von min=
deſtens
45 Zentimeter bei Bruchſteinen und
25 Zentimeter bei Backſteinen haben. Bei Bruch=
ſteinmauern
muß die Stärke nach unten von
Stockwerk zu Stockwerk um mindeſtens je 10 Zenti=
meter
, bei Backſteinen alle zwei Stockwerke um
mindeſtens einen halben Stein zunehmen. In
den oberen Geſchoſſen können die Außenmauern
auch 38 Zentimeter ſtark ausgeführt werden, ohne
daß dadurch die obigen Mindeſtmaße beeinflußt
werden. Bei Fabrikgebäuden bleibt es der Bau=
polizei
vorbehalten, Erleichterungen eintreten zu
laſſen. Bei dieſen Mindeſtſtärken ſind Stockwerks=
höhen
nicht über 4 Meter im Lichten und Raum=
tiefen
nicht über 7 Meter vorgeſehen; werden
dieſe Maße überſchritten, ſo ſind auch die Mauer=
ſtärken
entſprechend zu vergrößern. Die Außen=
mauern
von Treppenhäuſern bedürfen der Ver=
ſtärkung
nach unten nicht, wenn ſie 45 Zentimeter
bezw. 1½ Steine ſtark bei nicht mehr als 12 Meter
Höhe ausgeführt ſind.
Stockwerksaufſetzungen auf beſtehende Ge=
bäude
ſind nur dann zuläſſig, wenn dieſe Mindeſt=
maße
noch ohne Anblendung an beſtehende
Mauern eingehalten werden können.

§ 38.
Von den inneren Wänden müſſen bei den
Gebäuden mit maſſiven Umfangswänden ganz
in Stein errichtet werden:
a) Je nach der Größe der Gebäude mindeſtens
eine der zur Balkenunterſtützung erforder=
lichen
Scheidewände und zwar wenigſtens
1 Stein ſtark im oberſten Stockwerk; aus=
genommen
hiervon ſind einſtöckige Gebäude.
b) Alle Treppenhauswände von den Außen=
mauern
bis zur Gangwand 25 Zentimeter
ſtark in Backſteinen, 45 Zentimeter ſtark in
Bruchſteinen. Sollen dieſe Wände zum
Auflagern von Holzteilen dienen, ſo muß
die Mauerung zwiſchen der inneren Treppen=
hausfläche
und dem Holzteile mindeſtens
13 Zentimeter betragen. Ausgenommen
hiervon ſind einſtöckige Gebäude.
c) Alle Scheidewände, an welchen ſich andere
als gewöhnliche Ofen= und Kamin= Feue=
rungen
befinden, auf jeder Seite wenigſtens
50 Zentimeter über die äußeren Teile der
Herde hinaus und mindeſtens 1 Stein ſtark.

§ 38.
Von den inneren Wänden müſſen bei den
Gebäuden mit maſſiven Umfangswänden ganz
in Stein errichtet werden:
a) Je nach der Größe der Gebäude mindeſtens
eine der zur Balkenunterſtützung erforder=
lichen
Scheidewände und zwar, wenigſtens
1 Stein ſtark im oberſten Stockwerk; aus=
genommen
hiervon ſind einſtöckige Gebäude.
Bei kleineren Einzelhäuſern kann im oberſten
Stockwerk 13 Zentimeter ſtarkes Fachwerk
zugelaſſen werden.
b) Alle Treppenhauswände von den Außen=
mauern
bis zur Gangwand 25 Zentimeter
ſtark in Backſteinen, 45 Zentimeter ſtark in
Bruchſteinen. Sollen dieſe Wände zum
Auflagern von Holzteilen dienen, ſo muß
die Mauerung zwiſchen der inneren Treppen=
hausfläche
und dem Holzteile mindeſtens
13 Zentimeter betragen. Ausgenommen
hiervon ſind einſtöckige Gebäude und kleine
Einzelhäuſer.
c) Alle Scheidewände, an welchen ſich andere
als gewöhnliche Ofen= und Herdfeuerungen
befinden, auf jeder Seite wenigſtens
50 Zentimeter über die äußeren Teile der
Herde hinaus, und mindeſtens 1 Stein ſtark.

Die Atbeiten bei Ausführung der Verbeſſerungsmaßnahmen
an den Infantierie=Schießſtänden 46 ſollen in einem Loſe
öffentlich vergeben werden.

Die Zeichnungen und Bedingungen liegen im Geſchäftszimmer
des Militär=Bauamts Darmſtadt, Riedeſelſtraße 60, II., während der
Dienſtſtunden, vormittags von 8½ bis 12½ und nachmittags von
3 bis 6 Uhr, offen und können daſelbſt die Verdingungsunterlagen zum
Preiſe von 1.10 Mk. gegen poſt= und beſtellgeldfreie Einſendung des
Betrages bezogen werden.
(16339
Die ausgefüllten Angebote nebſt den vorgeſchriebenen Proben
ſind verſiegelt, mit entſprechender Aufſchrift verſehen, bis zum 27. Juli
1914, vormittags 10 Uhr, an das vorgenannte Geſchäftszimmer poſt=
und beſtellgeldfrei einzuſenden, zu welchem Zeitpunkte die Eröffnung
erfolgt. Die Zuſchlagsfriſt beträgt 28 Tage.
Militär=Bauamt.

Monatsſchrift für Familien= und Ortsgeſchichte
in Heſſen und Heſſen=Naſſau
Begründet von Dr. Hermann Bräuning=Oktavio
Herausgegeben von D. Dr. Wilh. Diehl
Dritter Jahrgang:: Heft 7, Juli 1914
Inhalt: Johann Heinrich Eckardt: Selbſtbiographie und Stammbuch von
Friedrich Carl Mader. Dr. Karl Eſſelborn: Peter Bajus, der Schnell=
läufer
. (Mit einem in den Text gedruckten Bild.) Ernſt Challier ſen.:
Die Muſik in Heſſen und Heſſen=Naſſau. II. Ludwig Geiger: Iffland
als politiſcher Berichterſtatter. Kleine Mitteilungen: Landgraf Philipp
(der Großmütige) von Heſſen und der Alkohol. Bücherſchau. Aus
Zeitſchriften. Austauſch. Auskünfte.

Preis: Jährlich 12 Hefte: 6 Mark, vierteljährlich 3 Hefte:
1,50 Mark, Einzelhefte gegen Voreinſendung des Betrags
60 Pfge. Probehefte unentgeltlich.

Man abonniert bei dem Verlag der Heſſiſchen Chronik‟
L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei, Darmſtadt, und allen
(16338fsg
Buchhandlungen.

die faſt neue Einrichtung einer Villa ſofort preiswert zu ver=
kaufen
. Herrenzimmer (eichen) mit dreitür. Bibliothek, eleg.
Speiſezimmer (eichen) mit Standuhr, Schlafzimmer mit Bett=
umbau
und Seitenſchränkchen, Salongarnitur (Sofa, 4 Seſſel),
Wohnzimmer, beſtehend aus Büfett, Tiſch uſw., Kücheneinrich=
tung
, weißes Bluſenſchranken, Friſiertoilette. Sehr günſtige
Gelegenheit für Brautleute. Adreſſe zu erfragen in der Exped.
(*1361
ds. Bl. Händler beſ. ſtreng verbeten.

Feinſte holl. und heſſiſche
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Allerfeinſte marke)
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per 1 Pfund Mk. 1.45

(reines Kokosſpeiſefett)
per 1 Pfund 58 Pfg.
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Pflanzenbutter=Marg.
Hend per 1 Pfund 90 Pfg.
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(16343
empfiehlt
Darmſtädter

Math. Rosenstock
Ludwigſtr. 18 und Filialen
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1500 Mk., hat abzugeben (*1387fs
G. Wittersheim
in Nieder=Ramſtadt.

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*1399) Beſſungerſtraße 94, I.

Ein Fahrrad
mit Freilauf, wie neu, ſofort bill.
zu verkaufen.
(*1408
Stadt Nürnberg‟‟,Obergasse38.

[ ][  ][ ]

Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 17. Juli 1914.

Nummer 194.

Frankfurter Kursbericht vom 16. Juli 1914.
Mitgeteilt von der Bank für Handel und Industrie. (Darmstädter Bank.)

Staatspapiere.
100,60
De. Riéhnschatzanw.
99,70
Dt. Reichsankeihe v. 1918
99,70
do. . . . . p. 1925 .
86,50
(o. . . . . . . . . . .
1500
(o. . . . . . . . . .
4 100,30
Preußischo Schatzanw.
4 91,30
Btaffolanleiho. . .
3½ 86,50
Consol . . . .
75,75
do. ... . . . . . .
Badischo Stuata-Anleihe: 4 97,60
do,V. 92/94 . . . . . . . 3½ 89,30
do:- . . . . . . . . . . . . . 3 1 84,50
97,90
Bavorische Ablös.-Rento
L.-B.-Anl. kdb. ab 1006 4 1 90,00
4 98,70
do. unkdb. p. 1918 . .
4 98,80
do. unkdb. p. 1920 . .
E.-B.- u. Allgom. Anl.
unkdb. p. 1930 . . . . 4 99,00
3½ 84,90
do. Anleiho . .
3 75,90
do.
Hamburgor Staats-Anl. . 4 1 98,50
31
do. v. 1887/94 . . . .
3 80,20
do. . . . . .
Hensischo Staats-Anlotho 4 97,60
4 97,80
do, unkdb. p. 1921
.3½ 85,25
(o. .
do. . . . . . . . . . . . . . 3 7400
Sächsische Btaate-Ronto 3
Württombg. Staats-Anl.
4 99,20
(unkab. p. 1921).
do. v. 79/80 . . ..
.3½ 88,00
3 77,30
(0. . . . . .
Bulgarischo G1d.-Anl.
5 95,70
Griech. Anl. v. 1890 .
100
do. v. 1887 Monopol 1%
Italionische Ronte.
Outorr. Staats-R. v. 1913 . 4½ 89,00
do. Hülbor-Ronte . . . . 14½ 83,05
do, Papior-Ronte
.4½)
do. Gold-Ronto . . . . . 4 84,90
do, einhoitl. Ronto . . 4 79.90
Portug. Tab-Anl. 1891
4½ 97,90
do. inn. amort. 1905 .
75,75
do. unif. Herie I
3 6500
do.
. III. 3 66,10
do. Spozial Titel. .
9,50
Rumänon v. 1903 .
5 99,80
do. Gold v. 1913.
14½1100,50
do. Schatzuch. v. 1913 . 4½ 90,85
do. oonv..
4 8500
do. v. 1890
4 94,00
do. v. 1891
2
do, v. 1905
4 85,00
do. v. 1908
4 85,10
do, v. 1910
4 85,00
Runsische St-AAnl. v. 1905 4½ 98,30
do. kons. v. 1880
4 56,00
.do, Gold v. 1890
41 2
do. v. 1902
4 89,15
Schwodon v. 1680
Oc
do. v. 1896 .
86.60

Schweden v. 1890.
85,00
:
Sorben stouorfrei
do, amort. v. 1895 . . .
Türk. Egypt. Tribut
do, kons, stouerfreio .
75,25
do. Admin. v. 1903. .
81,80
do. unif. v. 1903. . .
71,00
do. v. 1905. . . . . . .
Ungarische Stants-Ronts
1913 unkdb. bis 1923 . . 4½ 87,40
Ungar. Stautsk.-Scheino
v. 1913. . . . . . . . . . . .4½ 98,75
61,00
do. Gold-Ronte. . . . .
do. Staats-Rento 1910.
78,30
do. Kr. 4 78,15
Argont. innere Gold-Anl.
v. 1887
98,50
do, äußero v. 1890
5 1100,00
.4½—
do. innero v. 1888
do, Kußero v. 1888 . . .4½ 92/30
do. v. 1897 . .
4% 78,30
Chile Gold-Ani. v. 1911.
95,00
do. v. 1889 . . .
4,
do. v. 1906
4½ 89,50
Chines. St.-Anl. v. 18
6‟—
do. v. 1896
5 99,30
do. Reorg. Anl.
5 87,50
do. v. 1898
4½ 90,75
Japanor . . . .
4½
Innere Mezikaner:
5 68,55
Außero do.
5 85,75
Mexikan, Gold v
4 75,00
do. cons. . .
3 47,00
do, Irrigat.-An
4½ 67,80
Buonos-Kires Prov
3½
Tamaulipas .
5
Suo Pauſo E.-I
5
do, v. 1913
5 97,80
Ziam v. 1907. .
4½ 96,70
Prioritäts-
Obligationen.
Südd. Eisonb.-Gesollsch.
v. 1895/97
84,60
, v. 1904 3½ 85,00
Hesn. Eisenb.-Akt.-Ges.
Oblig., gar. v. d. Stadt
Darmstadt. . . . . . . . 4 93,95
Nordd. Lloyd-Obligat. . . 4½
Donau-Dampfschiff. v. 82 4 91,00
Elisabothbahn . . . .
489,00
Franz-Josof-Bohn.
Kaschau-Oderborger v. 89 4 86,10
Prag-Duxer . .
3 71,80
Osterreich. Staatsbahn . 5 (101,20
do. . . . .
do. . . . .
72,00
do. Südbahn (Lomb.)
97,30
do. d0,
69,80
do. do.
49,80
Raab-Oedenburg .. . .
75,80
Kronprinz Rudolfbohn .
84,20
Russ. Südwost .
484,30

Moskau-Kasan . . . . . . .4½ 94,60
84,40
do. . . . . . . ..
.
4 85,40
Wladikawkas. . . . . . .
Kjünan-Koslow:
65,0
Portugieb. Lisenb.
4½ 83,75
do.
69,10
Livornoser .
60,50
Salonique Monastir.
4 77,80
Bagdadbahn
Anatolische Eisenbahn 4½ 90,15
90,00
Missouri-Pacifie I.
444,00
do. do. v. 1905
4 95,00
Northern-Pacifio.
4 91,60
Southern-Pacifie.
dt. Louis & San Francisco 5

Tchuantepec . .
5 98,00
Ungar. Lokalbahn
Provinz-Anleihen.
Rheinprov. Obl. Em. 20/21 4 97,30
3½ 87,75
do. Em. 10 .
3 84,00
do. 9.
3½ 84,00
Poson Prov.. .
4 95,80
Wostfalen Prov. V.
4 95,40
Hoss. Prov. Oberhosson
3½ 86,00
do. Starkonburg.
Städte-
Obligationen.
Darmstadt.
4 95,00
Poe
d0. ...
3½
Frankfurt
4½ 97,00
do. . . .
.3½ 88,10
Gießon . .
4% 95,40
do. . . . .
3½ 87,00
Heidelberg.
4 95,00
do. . . .
3½ 87,20
Karlsruho
4½ 94,90
do. . ..
3½ 86,50
Magdeburg
4
Mainz . . .
4 94,90
do. ..
3½ 88,00
Mannheim.
4½ 95,00
d0.
3½ 80,50
München.
4 96,40
Kauheim
3½
Nürnborg
4% 95,50
do. ..
3½ 88,00
Offonbach
494,80
do. v. 1914
4
do. ..
3½
Wiesbaden.
4
do.
. 3½
Worms .
4 94,40
do. .
..3½ 88,00
Lissabon v. 1888

4
Moskau v. 1912
4½ 94,00
Stockholm v. 1880
4
Wien Komm. .
-
Wiener Kassenscheine
99,10
Zürich v. 1889 .
Buonos Stadt v. 1892 . .

Pfandbriefe.
Berliner Hyp.-Bk.-Pf. . . 4½1100,00
9800
do. unkdb. 1918. . . .
95.75
do.
1919. . . .
9475
do.
1921 . . ..
60
do.
1922. . . .
3½ 83,50
do. . . . . . . . . .
95,00
do. Komm.-Obl. unk. 1918
Frankf. Hyp.-Bk. pr. 1910) 4 95,00
4 96,00
1915
do.
1920 . . . . 4 1 96,50
do.
dc. Sor. 1219. . . . . . 3½ 86,40
Kommunal-Oblig. Sor. 1,
unkdb. 1910 . . . . . . . 3½ 86,50
Frankf. Hyp.-Krod.-Ver.
94,00
Sor. 1542
94,90
4849
do. . ..
96,00
do. unk. 1922
52
9½88,00
do. 1913. . . . . .
86,50
do. Sor. 45 . . . . . . . . 31
Hoss. Land.-Hyp.-Bk. Pf.
96,90
Sor. 12, 13, 16
do. . . . . 14, 15, 17 4 96,00
do. unkdb. 1920 . . . . 4 97,40
do. 1923 . . . . 4 97,50
do. Ber. 1, 2.68 . . . . 3½ 84,80
do. 35 . . . . . . . 3½ 84.50
3½ 84,80
do, kündb. 1915
96,90
do. Komm. unk. 1913
96,90
1914
do.
97,10
. 1916
do.
97,40
do,
1920
1927 4 97.50
do.
84,80
do. verlosb. u. kündb.
84,85
do.
unkdp. 1915
94,80
Meininger Hyp.-Bk. Pfdb.
96,00
do. unkdb. 1922. . . .
86,00
do. . . .
Rheinische Hyp.-Bk. Pfv.
unkdb. 1917
94,20
94,20
do. . . ... 1919
914,20
do. . . . .. 1921
96,50
do. . . . .. 1924
do. . . . . . . .
3½ 84,40
do. Komm. unk. 1923
95,20
1924
do.
96,50
Südd. Bod.-Kred.-Pfdbr.
97,00
d0.......
89,40
Bank-Aktien.
Bank für elektr. Unter-
nehmungen
Zürich . . 10 (198,00
Berg.-Märkische Bank. . 77
Berliner Handelsges.. . . 8½
Darmstädter Bank . . . . 6½ 1113,75
Deutsche Bank. . . . . . .12½1231,70
Deutsche Vereinsbank. . 6 11875
Dt. Effekt.- u. Wechs.-Bk. 6 1112,00
Disk.-Kommand.-Ant. . . 10 181,00
Dresdner Bank . . . . . . . 8½ 1145,10

Frankf. Hypothek.-Bank 10 (215.50
do. do. Krod.-Ver. 8½ (155.80
Mitteldeutscho Kred.-Bk. 6½ (115,10
Nation.-Bank f. Deutschl. 6 1106,00
121,00
Pfälzische Bank . . . . . . 8.43 138.90
Reichsbank . . . . . . . . .
125,00
Rheinische Kredit-Bank.
1106,50
A. Schaaffhaus, Bk.-Ver..
Wiener Bank-Verein. . . 8 127,00
Aktien von Trans-
port
-Anstalten.
Hamb.-Amorika-Packetf. 10 124,65
Norddeutacher Lloyd. .. 8 106,70

Frankfurt. Schleppschiff. 4
Südd. Eisenb.-Gesellsch..6½ 128,00
219
Anatol. Eisenb. 60%-Akt.5½
688,00
Baltimore
10 1866
Canada . .
7½ 1125%
Schantung.
76
*9
Prins Henry.
016,50
Lombarden .
6 1110,50
Pennsylvania.
Industrie-Aktien.
(561,50
28
Badische Anilin-Fabrik
Chem. Fabrik Griesheim 14 240,00
Farbworke Höchst . . . . 1 30 1459.00
Ver, chom. Fabr. Mannh.. 20 302.00
Zomont Heidolborg . . . . 10 (143,00
Chemische Worke Albort 30 393,00
Holzverkohl. Konstanz 1 15 1269,00
122,00
Lahmeyer . . . . . .
139,00
Schuckert, Nürnberg.
12 208,50
Siemens & Halske.
Bergmann Eloktr..
5 109,50
Allg. Elektr.-Goselisch. . 14 1238½
Hagen Akkum..
25 1281,00
Deutuch. Üborsee-Elektr. 11 (162,50
Gummi Peter . .
0 78,00
Adler-Fahrradwerke . . . 25 (284,75
Maschinenfabr. Badenin . 6 1122,00
Wittener Stahlröhren . . 0
Motoren, Oberursel . . .8½ 1151,00
Gasmotoren, Deutz . . . . 9
Siemens Glas-Industrie . 15
Enzinger Filter . . . . . . 23 1274,50
Steaus Romana
. . . . 10 146,60
Zellstoff Waldhof . . . . . 12 1167,50
Bad. Zucker-Waghäusel .12,831214,50
Neue Boden-Aktion-Ges. . 74,00
Süddeutsche Immobilien 0
54,50
Bergwerks-Aktien.
Aumotz-Friede .
12
Bochum. Borgb. u. Gußst. 14 (217,90
Loonhard, Brounkohlen . 9 1155,00
Konkordia Bergbau
23 353,00
Deutsch-Luxemb. Bergb. 10 123,50
Eschweiler . . . .
10

Gelsenkirchen Borgw. . . 11 177,00
Harpon Borgbau. . . . . . 11 1172,50
Kaliwerke Aschorsleben - 10
Kaliwerko Westeregeln . 13 187,00
Königin Marienhütte . . 5
Laurahütto . . . . . . . . . 8 (140,00
Oberschles. Eisenbed. . . 4
Oberschl. Eisen-Industrio 0 I 80,50
Phönix Bergbau . .
18 1227,75
Rheinische Braunkohlen 11 227,00
Riebeck Montan . . . . . . 11 (176,00
South West.-Afr. Shares . 5
Vorzinsliche
Anlehenslose. (Zf.
Badische . . . . . TIr. 100 4
Cöln-Mindener . TIr. 1003½139,50
Holländ. Komm. . f1. 100 3 114,90
Madrider . . . . . Frs. 100 3
Meininger Prüm.-Pfdbr. . 4 (143,00
Osterreicher 1860or Lose . 4 180.20
Oldenburger . . . . TIr. 40 3 128,00
Raab-Grazer . . . . H. 1502½
Unverzinsliche
Mk.
Anlehenslose.
p. St.
Augsburger
.A.7
Braunschwe
TIr. 20 1206,00
Mailänder
Fa. 45
do.
Fs. 10 33,00
Meininger
.. H.7 37,00
Osterreicher v. 186
f. 100
v. 1853
u. 100
do.
Ungar. Staate
u. 100 1442,00
Venodiger
Fu. 30 70,60
Türkische ......
Fa. 400 1158,00
Gold, Hilber und
Banknoten.
Engl. Sovereigns.
20,45
20-Franks-Stücke . . .
16,39
Amerikanische Noton .
4,19
Englische Noten . .
20,52
Französische Noten.
81,50
Holländische Noten
169,45
Italienische Noten
81,20
Ostorr.-Ungarische Noton
84,95
Russische Noten . . . . .
Schweizer Noton. . . . . . . . 81,55

Reichsbank-Diskont . . .
do. Lombard Zuf..
Tendenz:
Fest.

handel und verkehr.

Frankfurt a. M., 16. Juli. Der Umſchwung
in der Beurteilung der politiſchen Lage, der bereits geſtern
zu erkennen war trat heute noch deutlicher in Erſcheinung
und veranlaßte Deckungen und vereinzelte Meinungskäufe
der Spekulation. Einen beſonders günſtigen Eindruck rief
ein Artikel der Times hervor, der die Stellung Oeſterreich=
Ungarns zu Serbien behandelt und der im Zuſammen=
hang
mit den günſtigen Nachrichten aus Mexiko ſowie
feſten Wiener Anfangskurſen die Baſis für eine feſte Börſe
wurde. Zuſtatten kam dem Markt noch, daß die umfang=
reichen
Exekutionen, die beſonders während der letzten
Tage die Kurſe gedrückt hatten, anſcheinend ſchon geſtern
beendet waren und daß im Verlauf ſowohl London wie
Paris höhere Kurſe meldeten. Nach vorübergehender Ab=
ſchwächung
auf Berliner Einfluß konnte ſich die feſte Ten=
denz
behaupten. Allerdings kann von einer allgemeine=
ren
Beteiligung der Spekulation noch nicht die Rede ſein.
Maßgebend für die Zurückhaltung ſind die Syndizierungs=
fragen
, deren Löſung nach neueren Berichten, wenn über=
haupt
, erſt Ende September zu erwarten iſt, und nicht zu=
letzt
die Verhältniſſe in Amerika, die ſich in den weichen=
den
Kurſen einiger Spezialwerte widerſpiegeln. Heimiſche
Fonds lagen heute feſter, ebenſo konnten ſich Oeſterreichiſch=
Ungariſche Werte und beſonders Mexikaner erholen. Der
Kaſſamarkt bot heute noch kein einheitliches Bild; neben
Kursbeſſerungen ſind noch vereinzelt Kursrückgänge zu
verzeichnen. Geſamttendenz feſt.
* Ausnahmetarif. Mit Gültigkeit vom 1. Auguſt d. J.
wird für den Binnenverkehr der preußiſch=heſſiſchen
Staatsbahnen ein Ausnahmetarif für getrocknete Kar=
toffeln
(Flocken, Scheiben, Schnitzel, Schrot) zu Futter=
zwecken
beſtimmt eingeführt. Er gilt bei Fracht=
zahlung
für mindeſtens 10000 Kilogramm pro Fracht=
brief
und Wagen. Die Frachtberechnung erfolgt nach den
Sätzen des Rohſtofftarifs.

Landwirtſchaftliches.

—Schlachtviehmarkt Darmſtadt. Schweine=
markt
am 15. Juli. Auftrieb: 172 Schweine. Preiſe
1. Qual. (Schlachtgewicht 50 Kilogramm) 62 Mk., 2. Qual.
61 Mk., 3. Qual. 60 Mk. Marktverlauf: drückend, Ueber=
ſtand
. Schweinemarkt am 16. Juli. Auftrieb 201
Schweine. Preiſe 1. Qual. (Schlachtgewicht 50 Kilo=
gramm
) 62 Mk., 2. Qual. 61 Mk., 3. Qual. 60 Mk. Markt=
verlauf
: drückend, Ueberſtand. Kälbermarkt am 16. Juli.
Auftrieb 105 Kälber, 1 Schaf. Preiſe 1. Qual. ( Lebend=
gewicht
50 Kilogramm) 54 Mk., 2. Qual. 50 Mk., 3. Qual.
48 Mk. Marktverlauf: lebhaft.
* Groß=Gerau, 15. Juli. Vor allem zeichnete
ſich der letzte Ferkelmarkt durch den großen Auftrieb
von 1187 Tieren aus. Die Prämiierungskommiſſion hatte
daher auch 26 Preiſe zuerkannt. Der Geſchäftsgang war
ziemlich lebhaft und koſteten Ferkel 617 Mark und
Springer 1932 Mark pro Stück. Einleger waren keine
vorhanden. Am Schluſſe des Marktes war nur noch ein
kleiner Reſtſtand übrig. Der nächſte Ferkelmarkt findet
am Montag, den 20. ds. Mts., ſtatt.
* Petersburg, 16. Juli. Laut Handels= und In=
duſtriezeitung
hat ſich der Saatenſtand in Ruß=
land
in den letzten Monaten verſchlechtert. Am 1. Juli
a. St. waren die Winterſaaten gut Mittel, die Sommer=
ſaaten
kaum Mittel, Winterweizen war allgemein gut
Mittel. Gut im Weſten, in Kleinrußland, in den Grenz=
bezirken
, im Süden, in den Zentralgouvernements und
im Nordkaukaſus, ſtellenweiſe auch in Polen und im Nor=
den
; unbefriedigend und ſchlecht an einzelnen Stellen der

ſüdweſtlichen und der nordweſtlichen Gouvernements, in
den übrigen Gebieten befriedigend. Roggen war allge=
mein
gut Mittel; gut in Kleinrußland, in den angrenzen=
den
Bezirken der Zentralgouvernements, zum größten
Teil in den ſüdweſtlichen Gouvernements und im Nord=
kaukaſus
, ſtellenweiſe in den ſüdlichen, in Polen und den
nordweſtlichen Gouvernements; unbefriedigend ſtellen=
weiſe
im Südweſten, an der Zentralwolga und in den
nordöſtlichen Gouvernements. Die Sommerſaaten haben
ſich bedeutend verſchlechtert, beſonders im Nordoſten und
im Norden und ſtellenweiſe auch an der Wolga und im
Zentrum. Sommerweizen war im allgemeinen kaum
Mittel, unbefriedigend zum Teil im Süden, in Kleinruß=
land
und im Nordoſten, ſtellenweiſe im Zentrum, an der
Wolga und im Nordweſten; gut im Nordkaukaſus ſtellen=
weiſe
auch im Transuralgebiet, in den übrigen Gebieten
befriedigend. Hafer war unbefriedigend, auch ſchlecht, an
der Oberwolga, im Nordoſten, Norden, zum Teil im Zen=
trum
, in Kleinrußland, im Süden, im Uralgebiet, im
Nordkaukaſus, ſtellenweiſe in Polen, im Zentrum, in den
übrigen Gebieten befriedigend. Gerſte war allgemein
kaum Mittel; unbefriedigend an der Oberwolga, im Nor=
den
, zum Teil im Südoſten, im Zentrum, in Kleinrußland,
an der Mittelwolga und im Süden; gut im Südweſten,
im Nordkaukaſus, den angrenzenden Gebieten der ſüd=
weſtlichen
Gouvernements, zum Teil in Polen und im
Transuralgebiet. Im Weſten erweiſt ſich der Saatenſtand
als allgemein gut Mittel.

eurnen, Spiele und Sport.

* Rad=Rennbahn. Die Training=Rennen,
die am Dienstag, den 21. Juli abends ſtattfinden werden,
verſprechen außerordentlich intereſſant zu werden. Spe=
ziell
die beiden Tandemfahren werden heiße Kämpfe brin=
gen
. Denn zu den bisher genannten Bader, Peter und
Ritzenthaler kommen noch E. Müller und F. Nagel= Karls=
ruhe
, Pawke=Berlin und M. Gruber=Straßburg. Die
Tandempaare Peter-Bader, Ritzenthaler-Pawke und
Gruber-Müller ſind ſich ſo ziemlich gleich und da ein
jedes 2000 Meter 4 Runden=Rennen immer Poſitions=
kämpfe
vor dem Endſpurt bedingt, wird der Ausgang
des Tandem=Hauptfahrens wohl hauptſächlich von der
Taktik der einzelnen Fahrer abhängen. Das Tandem=
Vorgabefahren wird die Sieger vom Mal ab ſtarten ſehen,
während die Vorgaben je nach Ausgang des erſten Ren=
nens
vom Preisgericht feſtgeſetzt werden. Neben den
verſchiedenen Berufsfahrer=Fliegerrennen wird voraus=
ſichtlich
auch ein Training=Rennen der Amateur= Mann=
ſchaft
des Velociped=Klubs Darmſtadt ausgefahren wer=
den
, und Damus, Sehring und Thomae werden beweiſen,
daß deren Zeiten hinter den Berufsfahrer=Zeiten nur ſehr
wenig zurückſtehen. Wir möchten den Beſuch dieſes Trai=
ning
=Rennens am Dienstag abend dem Darmſtädter
Publikum dringend empfehlen.
* Der A. D. A.C.=Proteſttag in Eiſenach läßt eine recht
rege Beteiligung erwarten, um ſo mehr, als auch ſeitens
der Behörden die Klubleitung alle Unterſtützung findet.
Die Zielkontrollen ſind für Teilnehmer an der Geſell=
ſchaftsfahrt
ſchon Samstag 48 Uhr geöffnet und dann
Sonntag 810 Uhr. Die Proteſtverſammlung ſelbſt fin=
det
pünktlich 1 Uhr Sonntag mittag im Hotel Fürſten=
hof
ſtatt, wo am Abend bei Konzert und feſtlicher Be=
leuchtung
der Burg die Preisverteilung erfolgt. Zu den
vom Klub in Höhe von 15000 Mk. ausgeſetzten Preiſen
haben inzwiſchen auch noch die D. A. P. G. 4 Preiſe zu in
Summa 500 Mark und die D. B. V. 3 Preiſe von 150 Mark
und 100 Mark geſtiftet. Das Wohnungs= und Sport=
bureau
iſt im Karthäuſer=Hof‟. Ob nach der Proteſt=

verſammlung ein Korſo ſtattfindet, hängt vom Wetter ab.
Um nun bei dem aus allen Teilen des Reiches zu erwar=
tenden
Zuſammenſtrömen der Kraftfahrer eine Beläſtigung
des Publikums zu vermeiden, hat der Klub ſeinen 27000
Mitgliedern einzeln noch einmal die Mahnung zugehen
laſſen: Je näher Eiſenach, um ſo rückſichtsvoller fahren
und immer rechts fahren! Man kann das wohl billigen
und wenn jeder Fahrer das ſtets beherzigen wollte, dann
wäre gewiß bald das beſte Verhältnis zum nicht auto=
fahrenden
Publikum hergeſtellt.
Malmö (Schweden), 15. Juli. Ihre Majeſtäten,
die Könige von Schweden und Dänemark be=
ſuchten
heute die baltiſche Ausſtellung und weilten beſon=
ders
lange in der von der deutſchen Automobil=Induſtrie
reich beſchickten deutſchen Abteilung. Der Vertreter der
deutſchen Auto=Induſtrie, Herr Kom.=Rat Dr. Opel, be=
grüßte
die Fürſtlichkeiten und geleitete ſie durch die deut=
ſchen
Stände. Das Intereſſe der beiden Könige war ein
ſehr reges und verweilten dieſelben vor jedem deutſchen
Ausſtellungsſtand längere Zeit. Herr Kom.=Rat Dr. Opel
wurde gebeten, der deutſchen Auto=Induſtrie das unein=
geſchränkte
Lob der Majeſtäten zu übermitteln.
sr. Pferdeſport. Hoppegarten. Totaliſator=
Rennen; 5000 Mark, Diſtanz 1000 Meter: 1. Kgl. Würt=
tembergiſches
Privat=Geſtüt Weils Wolferat (Schläfke),
2. Wand, 3. Eifer. 91:10. 29 22, 2510. Danubia=
Rennen; Ehrenpreis und 10000 Mark, Diſtanz 1800 Me=
ter
: 1. Hrn. A. u. C. v. Weinbergs Fabella (Shaw), 2.
Askania, 3. Mon Deſir. 64:10. 29, 20:10. Aſche=Rennen;
5000 Mark, Diſtanz 1000 Meter: 1. Hrn. R. Haniels Pon=
treſina
(F. Lane), 2. Waſſerroſe, 3. Invicta. 31:10. 12,
12, 12:10. Herdringen=Rennen; 5000 Mark, Diſtanz
1600 Meter: 1. Kgl. Hauptgeſtüt Graditz’ Waldteufel, 2.
Nicolo, 3. Malta II. 18:10. 11, 13, 16:10. André= Er=
innerungs
=Handikap; 13000 Mark, Diſtanz 2400 Meter:
1. Hrn. A. u. C. v. Weinbergs Pirol (Shaw), 2. Rheingau,
3. Teddy. 2910. 13, 18, 23:10. Sommer=Verkaufs=
Rennen; 3800 Mark, Diſtanz 1600 Meter: 1. Hrn. W.
Lindenſtaedts Gracchus (Plüſchke), 2. Madiſon, 3. Dodil=
berga
. 20.10. 11, 12, 123:10. Dalberg=Handikap; 6200
Mark, Diſtanz 1800 Meter: 1. Hrn. R. Cordes Mars la
Tour (Wedgewood), 2. Eidechſe, 3. Luntrus. 33.10. 16,
40, 56:10.

Luftfahrt.

Angelbomben für den Luftkrieg.
In der amerikaniſchen flugtechniſchen Zeitſchrift
Flying wird über eine ſoeben patentierte neue Erfin=
dung
Bericht erſtattet, deren Zweck es iſt, dem Bomben=
wurf
aus der Flugmaſchine größere Treffſicherheit zu ver=
leihen
. Die neue Erfindung, die auf das in Philadelphia
lebende Mitglied des amerikaniſchen Aero=Klubs Joſeph
A. Steinmetz zurückgeht, beſteht in einer Art Angel=
bombe
. Die Bombe iſt an einem langen, ganz feinen
Drahtſeil oder an einer dünnen Silberſchnur befeſtigt. Der
Flieger, der dem gegneriſchen Flugzeug oder Luftſchiff die
Höhe abgewonnen hat, wirft ſeine am Draht befeſtigte
Bombe aus, derart, daß der Draht hinter den Gegner zu
liegen kommt. Beim Vorwärtsfliegen legt ſich der Draht
nun an das feindliche Luftfahrzeug und die Bombe wird
emporgezogen. Der Exploſivkörper iſt ſo konſtruiert, daß
er an der Oberfläche einen Zünder trägt, der bei der leich=
teſten
Berührung den Sprengſtoff automatiſch entzündet.
Auch bei der Zerſtörung feindlicher Werke, Werften, =
fen
und Forts würde dieſe Angelbombe vom Luftſchiff
wie vom Flugzeug aus eine größere Treffſicherheit, als
ſie die bisher erſonnenen Vorrichtungen ermöglichen, ge=
währleiſten
.

[ ][  ][ ]

Nummer 194.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 17. Juli 1914.

Seite 13.

Son-Ausverkauf

Der beständige Modewechsel
Saison-Artikel und kommen

Herren-

in der Schuhwarenbranche erfordert eine vollständige Räumung der
deshalb zu folgenden ausserordentlich billigen Preisen zum Verkauf:

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L. Spier

1 Louisenplatz 1.

Die höhere Pflicht.
Roman von Doris Freiin von Spättgen.
(Nachdruck verboten.)

26)
Sein Geſicht verfinſterte ſich, und ärgerlich betrachtete
er die aufgeregte Frau.
Nein ich laß Dich net, bevor Du mir ſagſt, daß nix
Fremdes zwiſchen uns liegt. Gerald ich bin’s ja nur
dem Namen nach noch Dein Frau! Jedwed’ Harmonie
unter uns ſcheint’s aufgehört zu haben. Du haſt’s kein
Vertrau’n, keine Lieb’ mehr für mich und das das
ertrag’ ich net!
Olly brach in konvulſiviſches Schluchzen aus und ver=
barg
das Geſicht.
So blieb ſie mehrere Sekunden, ohne ſich zu rühren,
bis des Gatten Hand ganz ſanft und beruhigend über ihr
goldblondes, duftendes Haar ſtrich. Dann erſt erhob ſie
wieder den geſenkten Kopf.
O nein, Olly, durchaus nichts Fremdes! Das liegt in
Deiner Einbildung, Deiner aufgeregten Phantaſie, die
Dir ſchon öfters einen Streich geſpielt hat. Was veran=
laßt
Dich denn überhaupt, an mir zu zweiſeln?
Des Freiherrn Stimme bekam bei dieſer Frage einen
matten Klang.
Betroffen ſchaute ſie ihn an.
Einbildung, ſagt’s? Ja, am End’ iſt’s nur Einbil=
dung!
Aber ich möcht’s oft laut aufſchrei’n in Angſt und
Zorn wann ich zuſchau’n muß, wie’s dem Mäd’l ſo viel
Gut’s antuſt, ſo viel Lieb’ und Herzenswärme zeigſt! Das
frißt an mir, das macht mich damiſch wild! Nenn’s Eifer=
ſucht
na ja doch ich will Dich halt ganz für mich
allein haben!
Olly, bedenke das vater= und mutterloſe Kind!
Die?! Mit den Augen, mit dem G’ſchau! Wann

e e e e e
Haus genommen haben! rieſ ſie heſig und ſprang enpor.
Voll Trauer begegnete er ihrem funkelnden Blick und
erwiderte ernſt:
Du haſt es um meinetwillen getan, Olly. Du wußteſt,
wie mein ganzes Sehnen und Verlangen damals danach
ausging, zu fühnen, an anderen Kindern zu fühnen, was
ich in quälender Selbſtanklage gleich Sklavenketten durchs
Leben zog. Und dieſes mir nun von Gott anvertraute
Gut halte ich heilig, Olly! Auf alle Deine ſo wenig
ſchönen, faſt kränkenden Worte kann ich Dir nichts anderes
erwidern.
Baron Solten war ebenfalls aufgeſtanden und griff
nun liebevoll nach der Gattin Hand.
Wir wollen dieſe unerquickliche Sache nun ruhen laſſen
und ſie nie mehr berühren. Ja, Olly?
Sie nickte zögernd.
Und nie mehr das Vertrauen verlieren zu demjenigen,
der Dir Treue gelobt hat willſt Du?
Sein anſprechendes, geiſtvolles Geſicht mit den trau=
rigen
Augen zeigte einen ſo wunderbaren Ausdruck ſee=
liſcher
Abgeklärtheit und feſter Manneswürde, daß die
junge Frau den Blick beſchämt zu Boden ſchlug.
Verſuchen will ich’s ſchon aber . . . Olly ſtockte,
wobei es in den eben noch ſo angſtvoll geſpannten Zügen
faſt ſchalkhaft zu blitzen begann.
Wie das ihr Naturell war, ſchien die junge Frau
ganz plötzlich wieder völlig beruhigt zu ſein, und als Ge=
rald
den Arm um ihre Schulter legte, faßte ſie ſeinen Kopf
zwiſchen beide Hände und küßte ihn auf den Mund. Dar=
auf
vollendete ſie erſt den begonnenen Satz:
Aber gelt ja, wir ſorgen dafür, daß das Mäderl bald
einen braven, ſcharmanten Mann kriegt. Der Geldringen

war ein Lumpazi, ein Flirt und nie nix wert; haſt’s da=
mals
ſchon recht g’habt. Wir wiſſen’s in Wien ſo viel
vornehme, reiche Leut. Vielleicht, wenn’s mein Vatter. ..
So ſchlag Dir doch dieſe unglaubliche Idee aus dem
Sinn, Olly. Dorthin gebe ich Reinette niemals!
Sie lachte über ſeine Angſt und verließ, wieder
völlig beruhigt und in beſter Laune, leichten, tänzelnden
Schrittes das Gemach.

Seit des Hofrats Abreiſe ſchien die Stimmung in
Schönſtein viel freier geworden zu ſein.
Olly bekümmerte ſich anſcheinend mehr um ihren
Mann, ſie begleitete ihn zu Pferde oder zu Fuß, wenn
Geſchäfte ihn nach dem Forſt oder der Landwirtſchaft rie=
fen
, und ließ ſich auch herab, über den projektierten Um=
bau
des Barockſaales zu ſprechen.
Daß mir keins von Euch dort hineingeht! Der Archi=
tekt
befürchtet weiteres Loslöſen vom ſchadhaften Pla=
fond
. Verſchiedene Deckenbalken ſollen total brüchig und
verſport ſein, hatte Gerald gleich nach ſeiner Unterredung
mit Olly noch beim Mittageſſen eindringlichen Tones zu
dieſer und Reinette geſagt.
Das junge Mädchen ſchaute bei jener Weiſung etwas
trübſelig drein, während Olly unter Lachen erwiderte:
Na, weißt’s, mir darfſt ſo was net erſt langmächt’g
verbieten! Ich geh’ ja nimmer gern in dies Rattenkaſterl.
Aber die dort ſie wies nach der Nichte hat’s einen
Narren gefreſſen an dem morſchen Plunder und den gi=
gag’ſen
Fratzen an den Wänden. Alſo merk' Dir’s, was
der g’ſtrenge Onkel g’ſagt.
Geſtrenge Herr Onkel! Reinette ſah verſtohlen über
den Tiſch nach ihm hinüber.
Ob es wirklich ſo ernſt gemeint mar?

[ ][  ][ ]

Seite 14.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 17. Juli 1914.

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Schade, ſchade! Und ſie ſaß doch ſo brennend gern
an einem der hohen Bogenfenſter jenes einer längſt ent=
ſchwundenen
Epoche angehörenden Raumes. Die kleinen,
viereckigen Scheiben derſelben waren allerdings ſchon
grünlich= oder opalſchillernd und an manchen Stellen faſt
blind geworden. Allein es wehte in dem alten Bau ſtets
etwas ſo myſtiſch Geheimnisvolles, ein undefinierbarer
Duft, und eine Art magiſcher Kraft ſchien ſie dort hinein=
zuziehen
.
Dort ließ es ſich ſo herrlich träumen. Dann tauchten
allerlei Phantaſiegebilde vor ihr auf. Nicht mehr an
jenen glänzenden Feſtabend dachte Reinette. O nein
dieſe Erinnerungen waren abgetan wie ein zerbrochenes
Spielzeug, das beiſeite geworfen wird. Auch nicht an die
trübe Vergangenheit des Elternhauſes wollte ſie mehr
denken das arme, liebe Mütterlein vermochte gewiß
vom Himmel aus zu ſehen, wie gut verſorgt das Kind
war. Nur allein mit der Gegenwart beſchäftigte ſich ihr
Geiſt. Dieſe Gebirgspartie mit dem tragikomiſchen Aben=
teuer
auf der Leierbaude hatte einen ſeltſamen Eindruck
hinterlaſſen. Die Erinnerung an das ihr dort von Onkel
Gerald geſchenkte, wahrhaft beglückende Vertrauen machte
noch jetzt ihr Herz unruhig pochen.

Doch hinterher kam dann die Ernüchterung, o weh!
Tante Ollys Strafſermon!
Schuldbewußtſein oder Gewiſſensbiſſe empfand Rei=
nette
indes keine Spur, nur dünkte es ſie, als ſei dadurch
ein ſtörendes Hemmnis, eine unſichtbare Schranke zwiſchen
ſie ſelbſt und Onkel Gerald getreten, als ob plötzlich die
Harmloſigkeit ihres Verkehrs beeinträchtigt worden wäre.
Kam es ihr vielleicht nur ſo vor, daß er zurückhalten=
der
, befangener war, wenn er mit ihr redete oder lag
jene Scheu, jene Verlegenheit an ihr?
Lex hatte der Schweſter bald nach ſeiner Ankunft in
Wien einen begeiſterten Brief geſchrieben.
Wenn er des Abends neben dem Herrn Hofrat in
deſſen Loge im Opernhauſe ſaß wenn er im bequemen
Landauer an deſſen Seite durch den herbſtlich ſchönen
Prater fuhr oder bei Sacher ein exquiſit feines Sou=
per
einnahm, da käme er ſich wie der verwunſchene
Prinz im Märchen vor.
Und nun gar erſt Neunkirchen! Der Herr Hofrat hätte
ihn dort durch all ſeine ausgedehnten Etabliſſements her=
umgeführt
, und da ſeien ihm erſt die blöden Augen auf=
egangen
über menſchliche Intelligenz und Schaffenskraft.

Bei Gott, angeſichts ſolcher Unternehmungen könne
man verſucht werden, die ganze Juriſterei an den Nagel
zu hängen und in die Fußſtapfen dieſes genialen Mannes
zu treten.
Ich wünſchte, Du, Reinette, dürfteſt das alles auch
genießen! Uebrigens läßt der Herr Hofrat Dich herzlichſt
grüßen! hatte Lex, das Wort herzlich dreimal unter=
ſtrichen
, am Schluß der langen Epiſtel noch beigefügt, was
dieſe immer wieder zu heftiger Oppoſition herausforderte,
ſo daß ſie nur der alte Eſel! ſagte und des Bruders
Schreiben unmutig in die Taſche ſchob.
Aber auch Frau Olly brachte die Morgenpoſt, ſechs
Tage nach des Hofrats Abreiſe, einen Brief aus Wien.
In heiterſter Stimmung, die ſie nunmehr täglich
zeigte, nahm ſie denſelben ungeöffnet mit nach ihrem
Boudoir, um ihn dort ganz ungeſtört zu leſen.
Der alte Herr verfaßte ſonſt nie ſehr lange, meiſt nur
im Depeſchenſtil gehaltene Briefe; um ſo mehr überraſchte
es die Tochter, als heute vier eng beſchriebene Seiten aus
dem Kuvert herausfielen.
(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

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