Darmstädter Tagblatt 1914


„ 9., Freitag, den 9. Januar.

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177. Jahrgang
monatl. 60 Pfg., viertelj. 1.80 Mk., aus=
werden
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ſchriebenen Tagenwirdnichtübernommen.
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kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.
Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.

Das Wichtigſte vom Tage.

Geſtern iſt der preußiſche Landtag mit einer vom
Miniſterpräſident von Bethmann Hollweg verleſenen
Thronrede eröffnet worden.

Die Urteilsverkündigung im Prozeß gegen
den Oberſten v. Reuter erfolgt am Samstag vor=
mittag
10 Uhr. Der Anklagevertreter beantragte gegen
Oberſt v. Reuter 7 Tage und gegen Leutnant Schadt
3 Tage Gefängnis.

Das für Dresden beſtimmte neue Militärluft=
ſchiff
L. Z. 22 (3. 7) hat geſtern vormittag 9 Uhr
46 Minuten unter Führung von Direktor Dürr ſeine
erſte Probefahrt von Friedrichshafen aus angetreten.

Bei der Exploſion eines Films in einer Wiener
Filmfabrik verbrannten zwei Perſonen, zwei ſind
ſchwer verletzt.
Letzte Nachrichten ſiehe Seite 8.

Wehrbeitrag und kauf=
mänitns
Milanr.

8 Die Bilanzen vieler Kaufleute werden in dieſem
Jahre beſonders genau von den Steuerbehörden darauf
angeſehen werden, ob die eingeſetzten Werte auch den
tatſächlichen entſprechen. Handelt es ſich doch diesmal
nicht nur um die Herleitung des ſteuerpflichtigen Einkom=
mens
aus der Bilanz, ſondern auch um die Ermittelung
des Vermögens für den Wehrbeitrag und die Ergänzungs=
ſteuer
. Das Handelsgeſetzbuch enthält bekanntlich und
glücklicherweiſe nur wenige Richtlinien für die Bilanz=
aufſtellung
. Es heißt im weſentlichen nur, daß ihre Auf=
ſtellung
nach den Grundſätzen ordnungsmäßiger Buch=
führung
geſchehen ſolle. Wie hat nun ein ordentlicher
Kaufmann Wertpapiere oder Waren in die Inventur und
aus dieſer in die Bilanz aufzunehmen? Zum Erſtehungs=
preiſe
, zum Kurs=(Markt)Werte, wenn dieſer niederiger
iſt als der erſte, oder zum Kurs=(Markt)Werte, wenn er
höher iſt als der Einkaufspreis?
Für die Bilanzaufſtellung der Aktiengeſellſchaften (und
verwandter Geſellſchaften) gibt das H.G.B einige Finger=
zeige
(§ 261). Danach darf niemals ein höherer Wert als
der Erſtehungspreis angeſetzt werden, iſt aber der Kurs=
wert
des Bilanzabſchlußtages geringer als der Erſtehungs=
preis
dann nur dieſer niedrigere Kurswert Viele Ein=
zelkaufleute
und offene Handelsgeſellſchaften verfahren
bei ihren Billanzen ebenſo, und man wird dieſem zweifel=
los
vorſichtigen Gebaren nicht den Vorwurf machen kön=
nen
, daß es kaufmänniſch unrichtig ſei. Anders ſteht es
dagegen mit der ſteuerlichen Richtigkeit einer nach der=
artigen
Grundſätzen aufgeſtellten kaufmänniſchen Bilanz=
Für dieſe gilt nur, was §§ 39 und 40 des H. G.B. beſtim=
men
: Jeder Kaufmann hat . . . ſeine Vermögensgegen=
ſtände
genau zu bezeichnen, dabei den Wert der einzelnen
Vermögensgegenſtände anzugeben uſw. Sämtliche Ver=
mögensgegenſtände
und Schulden ſind nach dem Werte
anzuſetzen, der ihnen in dem Zeitpunkt beizulegen iſt, für
welchen die Aufſtellung ſtattfindet. Wenn das Geſetz
wolle, daß die für die Bilanzaufſtellung der A.=G. ge=
ſtroffenen
ſchärferen Vorſchriften, die den einzelnen zur
Büchereinſicht nicht berechtigten Aktionär ſchützen ſollen,
auch für die Bilanz des Einzelkaufmanns bindend ſein
ſollten, ſo hätte es die im § 261 angeordneten Beſtim=
mungen
zweifellos ſchon in den allgemeinen Vorſchriften
des § 38 ff. zum Ausdruck gebracht Gerade deshalb, weil
dies unterblieben iſt, drängt ſich der Schluß auf, daß
unter der Angabe des Wertes der einzelnen Vermögens=
gegenſtände
nur die Angabe des wirklichen Wertes
zur Zeit der Bilanzaufſtellung zu verſtehen iſt. Iſt dieſer
geringer als der Einkaufspreis oder ihm gleich, ſo iſt die
Lage einfach: es gilt dann dasſelbe, wie für die Bilanz
der Aktiengeſellſchaften. Iſt er aber höher, ſo muß der
höhere Wert eingeſetzt werden. Hat alſo ein Kaumann
zum Betriebsvermögen gehörende Wertpapiere zu einem
Kurfe von 200 eingekauft und iſt der Kurs bis zum Ab=
ſchlußtage
auf 215 geſtiegen, ſo gehört dieſer letztere Wert
in die für die ſteuerliche Beurteilung aufzuſtellende Bi=
lanz
: ebenſo muß z. B. Zucker, der zu ör eingekauft und
bis zum Abſchlußtage auf 38½ geſtiegen iſt, mit 38½ ein=
geſetzt
werden uſw. Der Kommentar zum Wehrbeitrags=
geſetz
von Fernow ſagt zu dieſer Frage auf Seite 61: Als
Anhalt für die Schätzung (des Vermögens) können die
vorſchriftsmäßig aufgeſtellten Bilanzen und Inventuren
der Kaulleute dienen, inſofern darin die ſämtlichen Ver=
mögensgegenſtände
und Schulden nach dem Werte ange=
ſetzt
worden ſind, der ihnen in dem Zeitpunkte beizu=
Alegen iſt, für welchen die Aufſtellung ſtattfindet. Eine
Divergen= zwiſchen kaufmänniſch Richtigem und ſteuer=
lich
Richtigem findet ſich noch öſter. Steuern, namentlich
Gewerbe= und Grundſteuern, bucht der Kaufmann zumeiſt
als Geſchäftsunkoſten. Steuerlich iſt das für die Perſonal=
ſteuern
überhaupt nicht und für die Realſteuern nur bis
zur Höhe von 100 Prozent der Gewerbe= und Grundſteuer
zuläſſig.

Die Telegramme
des deutſchen Kronprinzen.

* Die Voſſiſche Zeitung und das Berliner Tageblatt
erfahren, daß der Kronprinz tatſächlich aus Anlaß
der Zaberner Vorfälle telegraphierte. Der bis=
her
veröffentlichte Text entſpreche aber in keiner Weiſe
dem wahren Wortlaut. Von durchaus zuverläſſiger Seite
werden den beiden Blättern Aeußerungen des Kronprin=
zen
vor einem größeren Kreiſe über die Zaberner Vor=
fälle
und das angebliche Telegramm mitgeteilt. Danach
äußerte der Kronprinz, er verſtehe nicht, wie man zu der
Auffaſſung komme, daß er Elſaß=Lothringen als Feindes=
land
betrachte. Er wünſche, daß zwiſchen Altdeutſchen
und Elſaß=Lothringern im Reichslande keine Gegenſätze
beſtänden, und daß die Reichsländer ſich mit der übrigen
Reichsbevölkerung als gute Deutſche fühlen möchten. Ihm
läge die Anſchauung durchaus fern, daß im Deutſchen
Reiche Willkür herrſchen dürſte und die Geſetze nicht be=
achtet
zu werden brauchten. Ueber die Zaberner
Fälle äußerte der Kronprinz, er könne nicht daran zwei=
feln
, daß das Ehrenkleid des Offiziers auch nach der An=
ſicht
der überwiegenden Mehrheit des deutſchen Volkes un=
bedingt
vor Beſchimpfungen geſchützt werden müſſe. Eines
Oberſten Pflicht gegenüber ſeinem Regiment, der Armee
und dem deutſchen Volke ſei es, ſeine Offiziere und
Mannſchaften mit allen ihm verfügbaren geſetzlichen Mit=
teln
vor Beſchimpfungen zu ſchützen. Das Gerichtsver=
fahren
könne erſt entſcheiden, inwieweit von der einen oder
anderen Seite Fehler oder Ungeſetzlichkeiten vorgekom=
men
ſeien. Er ſei entrüſtet darüber, daß man mit Fäl=
ſchung
rein privater Aeußerungen ihm ein
Eingreifen in ein ſchwebendes Verſahren andichte
und ihm unterſtelle, er ſei für eine Willkürherrſchaft und
hege die Meinung, daß die Geſetze nicht, gleichgültig von
wem immer, beachtet werden müßten.
Aus Berlin wird der Köln. Ztg. zu der Angelegenheit
telegraphiert: Der Wortlaut der Depeſche iſt nicht be=
kannt
. Nach den Mitteilungen des Pariſer Blattes, das
die erſte Nachricht brachte, beſchränkt ſich das Telegramm
auf den Ausdruck der Genugtuung, daß das Militär ein=
gegriffen
hat. Im Anſchluß daran iſt die Frage aufge=
worfen
worden, ob man angeſichts deſſen von einer
politiſchen Demonſtration des Kronprinzen
gegen den Kaiſer und den Reichskanzler ſprechen kann.
Aus dem angegebenen Wortlaut und dem Sinn der De=
peſche
läßt ſich eine derartige Folgerung nicht ziehen.
Eine politiſche Demonſtration würde nur dann vorliegen,
wenn die Depeſche nach den Debatten im
Reichstage abgegangen wäre. Das iſt aber unzwei=
ſelhaft
nicht der Fall. Der Angabe, daß es ſich um ein
Neujahrstelegramm handelte, iſt bereits widerſprochen
worden. Wir wiſſen aber auch, daß die Abſendung der
Begrüßungsdepeſche an den Oberſten von Reuter vor
der Interpellationsdebatte und unmittelbar
nach den Ereigniſſen vom 27. und 28. November erfolgt
iſt. Inhaltlich und zeitlich erſcheint alſo der Gedanke
einer politiſchen Demonſtration ausgeſchloſſen, und die
Depeſche würde demnach den Charakter einer privaten
und nicht zur Veröffentlichung beſtimmten Aeußerung des
Kronprinzen gegenüber einem anderen Regimentskom=
mandeur
gehabt haben. Das gleiche würde von einer
Depeſche an General von Deimling gelten, deren angeb=
licher
Inhalt bereits beſtimmt dementiert iſt.

Die Mächte und die Frage
der Inſeln,

* Eine Erklärung der Dreibundmächte in
der Frage der Inſeln an die engliſche Regierung dürfte
unmittelbar bevorſtehen. Auch ohne in den
Inhalt der Antwort eingeweiht zu ſein, darf man ver=
muten
, daß die Dreibundregierungen die Frage der Zu=
teilung
von Chios und Mytilene unter Geſichtspunkten
der politiſchen Zweckmäßigkeit anſehen werden. Ein Be=
ſchluß
der Großmächte, dieſe Inſeln der Türkei zurück=
zuerſtatten
, würde, ſelbſt wenn ſich ein ſolcher Beſchluß
diplomatiſch zuſtandebringen ließe, praktiſch nicht durch=
führbar
ſein. Denn keine Großmacht würde ſich dazu
verſtehen, ihre Streitkräfte aufzubieten, um Chios und
Mytilene aus den Händen der Griechen für die Türkei
zurückzuerobern, und auch die Türkei ſelbſt würde für ab=
ſehbare
Zeit ſchwerlich in der Lage ſein, einem Beſchluß
der Mächte, der ihr Chios und Mytilene zuſpräche, Gel=
tung
zu verſchaffen. Daß aber Griechenland dieſe Inſeln

ohne Kampf nicht herausgibt, hat es deutlich genug er=
kennen
laſſen. Die Umſtände liegen ähnlich wie nach der
Wiederbeſetzung Adrianopels durch die Türkei, die ent=
gegen
dem Wunſch Bulgariens, die Räumung Adriano=
pels
verweigerte. Die Großmächte waren mit dieſer
Weigerung nicht einverſtanden, zogen aber aus der Hal=
tung
der Pforte nicht die Folgerung, daß Europa durch
andere als diplomatiſche Mittel Adrianopel für Bulgarien
zurückgewinnen ſollte.
Griechenland iſt noch nicht von der Entſcheidung
der Mächte hinſichtlich des Datums, bis zu dem die Trup=
pen
zurückgezogen ſein müſſen, in Kenntnis geſetzt wor=
den
. Es ſcheint wahrſcheinlich, daß keine Mitteilung nach
Athen gemacht wird, bis die Entſcheidungen über die
Inſeln und Grenze von Epirus zuſammen mitgeteilt
werden können.
Wie weiter mitgeteilt wird, ſind ſich der Dreibund
und England völlig einig darüber, daß Italien allein
auf Grund des Friedens von Lauſanne mit der Türkei
die Angelegenheit der von Italien beſetzten Inſeln zu er=
ledigen
habe. Italien brauche die Inſeln nicht eher her=
auszugeben
, bis die Türkei ihre Verpflichtungen in Li=
byen
erfüllt habe und dann werde die Auslieferung an
die Türkei erfolgen.

Deutſches Reich.

Die Rüſtungskommiſſion. Am Mittwoch
trat der Geſchäftsordnungsausſchuß der Rüſtungskom=
miſſion
im Reichstagsgebäude zuſammen, um für die fol=
gende
Tagung der Kommiſſion die Vorbereitungen zu
treffen. Am Donnerstag, mittags 1½ Uhr, verſammelte
ſich unter dem Vorſitz des Staatsſekretärs des Innern
Dr. Delbrück die Kommiſſion ſelbſt zur Fortſetzung ihrer
Beratungen. Wie der Berl. Lok.=Anz. hört, waren für
Donnerstag die Vorträge der Herren Gontard, des Ge=
neraldirektors
der Deutſchen Waffen= und Munitions=
fabriken
, und von Mauſer, des Inhabers der Mauſerſchen
Waffenfabriken, vorgeſehen. Man beabſichtigt, bis zum
10. Januar Sitzungen abzuhalten. Inzwiſchen ſoll eine
weitere Ausgeſtaltung des Arbeitsprogramms und eine
Auswahl der Sachverſtändigen erfolgen. Auch eine Er=
örterung
der Fragen, die aus der Mitte der Kommiſſion
gewünſcht werden, iſt beabſichtigt. Am letzten Tage, dem
Samstag dieſer Woche, ſoll eine Beſichtigung der Deut=
ſchen
Waffen= und Munitionsfabriken durch die Mit=
glieder
der Kommiſſion ſtattfinden.
Die Neuausprägung von Silber=
münzen
. Noch in dieſem Monat wird dem Bundesrat
eine Vorlage zugehen über die Neuausprägung von
Silbermünzen, und zwar von Stücken im Werte von 3,
2 und 1 Mark. Die im Münzgeſetz vorgeſehene Quote
von 20 Mark auf den Kopf der Bevölkerung iſt noch nicht
erreicht; ſie ſtellt ſich vielmehr gegenwärtig auf rund 17
Mark. Im vergangenen Jahre ſind an Silbermünzen für
20 Millionen Mark geprägt, und zwar 15 Millionen in
Dreimarkſtücken, 3 Millionen in Zweimarkſtücken und
2 Millionen in Einmarkſtücken. Außerdem wurde die Prä=
gung
von Fünfmarkſtücken im Betrage von 20 Millionen
Mark vom Bundesrat beſchloſſen. Im Jahre 1911 erteilte
der Bundesrat die Ermächtigung zur Ausprägung von
Silbermünzen im Werte von 40 Millionen Mark, davon
fielen 30 Millionen Mark auf Dreimarkſtücke und je 5 Mil=
lionen
auf Zwei= und Einmarkſtücke. Außerdem gelangten
Stücke von einer halben Mark im Werte von 2½ Mil=
lionen
zur Ausprägung. Der ſinkende Silberpreis bis auf
rund 85 Mark für das Kilo Feinſilber, aus dem nach der
Beſtimmung des Münzgeſetzes 200 Mark in Silbermünzen
ausgeprägt werden, ermöglicht einen anſehnlichen Ueber=
ſchuß
aus den Prägungen für die Reichskaſſe, der be=
kanntlich
zur Beſchaffung der außerordentlichen Silber=
reſerve
verwandt wird. Insgeſamt ſind bisher Silber=
münzen
, nach Abzug der wieder eingezogenen, für 1,1
Milliarde Mark ausgeprägt gegen faſt 5 Milliarden Gold=
münzen
, 105 Millionen Nickelmünzen und 23 Millionen
Kupfermünzen.
Die chriſtliche Gewerkſchaftsbewe=
gung
im Jahre 1913. Man ſchreibt uns: Das Zen=
tralblatt
der chriſtlichen Gewerkſchaften hebt in ſeinem
Rückblick auf das Jahr 1913 ebenſo wie das Zentralorgan
der ſozialdemokratiſchen Gewerkſchaften hervor, daß die
Ungunſt der Wirtſchaftslage in manchen Gewerbezweigen
auf die Mitgliederbewegung der Berufsverbände hem=
mend
eingewirkt habe. Neben dieſen äußeren Hemmun=
gen
hatten einzelne chriſtliche Gewerkſchaften noch innere
organiſatoriſche Schwierigkeiten zu überwinden. Der

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Gewerkverein chriſtlicher Bergarbeiter zum Beiſpiel er=
höhte
ſeine Wochenbeiträge von 40 Pfg. auf 70 Pfg.; ſolche
Maßnahmen haben erſahrungsgemäß einen vorüber=
gehenden
Rückgang in der Mitgliederzahl zur Folge. Da
aber das Zentralblatt der chriſtlichen Gewerkſchaften, ohne
im einzelnen Zahlen anzuführen, die allgemeine Angabe
macht, daß die meiſten chriſtlichen Berufsverbände trotz
der rückläufigen Wirtſchaftskonjunktur ihren Mitglieder=
beſtand
noch hätten erhöhen können, ſcheint es mit Recht
für das abgelaufene Jahr einen lleinen Fortſchritt in
der Mitgliederbewegung anzunehmen. Entſpricht dieſe
Vorausſage der tatſächlichen Entwickelung, dann haben
die chriſtlichen Gewerkſchaften die Ungunſt der wirtſchaft=
lichen
Geſamtlage beſſer überſtanden, als die ſozialdemo=
kratiſchen
, die bereits für das Ende des 3. Vierteljahrs
1913 einen Rückgang von rund 15000 Mitgliedern zu ver=
zeichnen
hatten.
Der Fall Mielzynski‟ Die Staatsan=
waltſchaft
iſt beim Reichstag um die Genehmigung zum
Vorgehen gegen den Abgeordneten Grafen Mielzynski
eingekommen. Da letzterer inzwiſchen ſein Mandat nie=
dergelegt
hat, iſt der Reichstag der unangenehmen Lage
überhoben worden, eine Entſcheidung in dieſer Ange=
legenheit
zu treffen.
Aus den Kolonien.
Aus Kamerun iſt die drahtliche Meldung des Gou=
vernements
eingegangen, daß der Tod des Oberleutnants
v. Raven nunmehr ſeine Sühne gefunden hat. Raven
war am 12. Oktober 1913 beim Vorgehen gegen das zwei
Tagemärſche nordweſtlich von Nola am Sanga gelegene
Dorf Nguku, deſſen Häuptling Gabola ſchon der franzöſi=
ſchen
Verwaltung dauernd Schwierigkeiten machte, von
Eingeborenen durch einen Lungenſchuß getötet worden,
während bei derſelben Gelegenheit der Bezirksrichter Dr.
Seger durch einen Schuß in den rechten Oberſchenkel ver=
wundet
wurde. Auf die Nachricht von dieſen Ereigniſſen
brach der Leiter des Bezirks Mittel=Sanga=Lobaye, Haupt=
mann
v. Puttkamer, ſofort von Mbaiki auf, um die auf=
ſtändiſchen
Dörſer zu unterwerfen, und eroberte mit der
6. Kompagnie der Schutztruppe am 18. Dezember das
Hauptdorf Nguku nach hartnäckigem Widerſtande. Er be=
gann
ſofort die Verfolgung des fliehenden Gegners. Auf
unſerer Seite wurden zwei Soldaten verwündet. Die
Verluſte des Gegners ſind bedeutend. Ein weiteres Vor=
gehen
ſcheint noch gegen die Häuptlinge nördlich und
nordöſtlich von Nguku erforderlich, ſoweit ſie ſich der Auf=
ſtandsbewegung
anſchloſſen.

Ausland.

Oeſterreich=Ungarn.
Oeſterreich=Ungarns Verhältnis zu
Rumänien. Das Wiener Fremdenblatt ſchreibt: Die
Ausſprache, mit der der rumäniſche Miniſterpräſident in
ſeiner letzten Kammerrede die Haltung Oeſterreich= Un=
garns
während der letzten Kriſe und über die die Inter=
eſſen
Rumäniens berührenden Fragen in prägnanter
Weiſe darſtellte, dürfte nun endlich die Legende abgetan
haben, als ob die Monarchie Rumänien nicht voll und
tatkräftig unterſtützt hätte. Graf Berchtold hat Veran=
laſſung
genommen, Herrn Majorescu durch den K. K. Ge=
ſandten
in Bukareſt zu ſeiner Rede zu beglückwünſchen
Der rumäniſche Miniſterpräſident ließ durch den Ge=
ſandten
Czernin dem Grafen Berchtold für ſeine Glück=
wünſche
danken und drückte dabei die Hoffnung aus, ſeine
Worte dürften zur Beſeitigung der Mißverſtändniſſe der
letzten Zeit beitragen.
Das öſterreichiſche Herrenhaus und die
Perſonaleinkommenſteuer. Das öſterreichiſche
Herrenhaus nahm die Anträge der Finanzkommiſſion an
wonach das Herrenhaus an ſeinen bisherigen Beſchlüſſen
bezüglich der Perſonaleinkommenſteuernovelle feſthält und
die Vorlage einer gemeinſamen Kommiſſion beider Häu=
ſer
überweiſt. Es entwickelte ſich eine längere Debatte.
Freiherr v. Plehner gab dem Wunſche nach Zuſtande=
kommen
eines Kompromiſſes mit dem Abgeordnetenhauſe
Ausdruck. Der Präſident des oberſten Gerichtshofes, Ru=
ber
, trat für die unveränderte Annahme der Beſchlüſſe
ein und erklärte, es handle ſich um die Frage des Preſtiges
des Herrenhauſes. Miniſterpräſident Graf Stürgkh ver=
wies
darauf, daß das Herrenhaus wohl in materieller

Beziehung nur einen beſcheidenen Teilerfolg gegenüber
dem Abgeordnetenhauſe erzielte, jedoch in politiſcher und
parlamentariſcher Beziehung einen großen durchſchlagen=
den
Erſolg erreicht habe. Das Abgeordnetenhaus habe
mit anerkennenswerter Energie am 30. Dezember bis in
die Mitternachtsſtunde das ganze Geſetzeswerk ſeinerſeits
parlamentariſch fertiggeſtellt. Unter dem unmittelbaren
Eindruck der Geſtaltung der Dinge im Abgeordnetenhauſe
hätte das Herrenhaus über die relativ geringe Differenz
hinweggehen ſollen. Gegenüber den materiellen Beſchlüſſen.
der Steuerkommiſſion halte die Regierung an ihrem bis=
herigen
Standpunkt feſt. Die Regierung hatte Beſorgniſſe
bezüglich der Schwierigkeiten, die aus der Zuweiſung der
Vorlage an eine gemeinſame Konferenz ſich ergeben könn=
ten
. Die Regierung werde jedoch alles tun, damit das
vom Herrenhaus vorgeſchlagene Verfahren zu einem Er=
folg
führe. Der Miniſterpänident betonte die Dringlichkeit
der Steuerreform und ſprach ſchließlich die Hoffnung aus,
daß der vom Herrenhaus vorgeſchlagene Weg zum Ziele
führen werde.
Frankreich.
Geſetzentwurf über die Kapitalſteuer.
Caillaux wird ſofort nach dem Wiederzuſammentritt der
Kammer einen Geſetzentwurf, betreffend die Kapital=
ſteuer
, einbringen, die zur Deckung der durch das Drei=
jahrsgeſetz
entſtehenden neuen Ausgaben dienen ſoll.
Caillaux wird ſodann die betreffende Kommiſſion er=
ſuchen
, mit größter Beſchleunigung den Bericht zu erſtat=
ten
, damit die Kammer in kürzeſter Friſt, die höchſtens
einige Tage betragen dürfte, den Geſetzentwurf beraten
kann. Die Regierung wird hinſichtlich der weſentlichen
Beſtimmungen des Geſetzentwurfs die Vertrauensfrage
ſtellen und ſodann den Senat um ſchleunige Abſtimmung
über den Entwurf bitten.
England.
Joſeph Chamberlain teilte in einem Briefe
den Wählern Birminghams mit, daß er ſich bei Gelegen=
heit
der nächſten allgemeinen Wahlen von ſeiner parla=
mentariſchen
Tätigkeit zurückziehe. Er bedauere, den
Wahlkreis, den er 37 Jahre vertrat, aufgeben zu müſſen,
meine jedoch, daß Birmingham einen jüngeren Mann
brauche, der an den parlamentariſchen Kämpfen tätigen
Anteil nehme. Als Nachfolger werden ſeine Söhne Auſten
Chamberlain und Neville Chamberlain genannt.
Türkei.
Die Veränderungen in der Armee.
Unter den Offizieren, die ihren Abſchied erhalten, be=
finden
ſich die Marſchälle Zeki und Ibrahim Paſcha, der
General der 1. Diviſion Abdullah Paſcha, die Generale
Ahmed, Hamdi, Muenir, Enver, Ismail, Faſil, Fethi,
Yavar, Fewſi, Schewket, Torghut, Haſſan und Tahſin, im
ganzen 33 Diviſionsgenerale, 40 Brigadegenerale, 12
Oberſten im Generalſtab und 76 andere Oberſten. Die
betreffenden Jrades ſind bereits erſchienen. Gleichzeitig
ſind weitere Jrades über Ernennungen und Beförderun=
gen
erſchienen. Der Berliner Botſchafter, General Mah=
mud
Muhktar Paſcha, wird zum Inſpekteur der 3. Armee=
Inſpektion ernannt. Er erhielt vom Kriegsminiſterium
telegraphiſch den Befehl, ſofort von Berlin abzureiſen
und ſeinen neuen Poſten anzutreten. Brigadegeneral
Dſchavid Paſcha wurde zum Inſpekteur der 4., Marſchall
Osman Paſcha zum Inſpekteur der 1. und General Teki
zum Inſpekteur der 2. Armee=Inſpektion ernannt. Ein
Brigadegeneral und 30 Oberſten wurden zu Diviſionskom=
mandeuren
ernannt, u. a. Oberſt Bronſart v. Schellendor
zum Kommandeur der 3. Diviſion. In der Liſte ſteht
auch General Liman v. Sanders als Kommandeur des
1. Korps. Kriegsminiſter Enver Paſcha übernimmt auch
die Funktionen des Chefs des Generalſtabs. Der ſtellver=
tretende
Chef des Generalſtabs wird noch ernannt; zum
zweiten ſtellvertretenden Chef des Generalſtabs iſt Oberſt
Ismail Hakki, ein Schwiegerſohn des Sultans und frü=
her
Militärattaché in Wien, ernannt worden. Das neue
Budget des Kriegsminiſteriums weiſt gegen das laufende
Jahr Erſparniſſe von drei Millionen Pfund auf.

* Trieſt, 7. Jan. Heute vormittag iſt der deutſche
kleine Kreuzer Breslau unter dem Kommando
des Fregattenkapitäns Kettner aus Merſina hier einge=
troffen
und hat nach Abgabe der üblichen Salutſchüſſe vor
der Werft San Marco feſtgemacht, wo er behufs Inſtand=
ſetzung
vorausſichtlich mehrere Wochen verbleibt.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 9. Januar.

Die Entwicklung der Stadt Darmſtadt
im Jahre 1913.
(Aus dem Bericht des Oberbürgermeiſters.)
Ein Blick auf das abgelaufene Jahr zeigt, daß, trotz.
mancher außergewöhnlichen Erſcheinung, keine Veranlaſ=
ung
beſteht zu einer peſſimiſtiſchen Beurteilung der Gegen=
wart
und der Zukunſt. Wenn das Volksvermogen Frank=
reichs
nach Théry vom Jahre 1892 bis 1908 von rund 200
uf 232 Milliarden, dasjenige Deutſchlands von 1895 bis
912 von 200 auf 300320 Milliarden zugenommen hat;
wenn ferner des deutſchen Volkes Einkommen, das vor
25 Jahren hinter dem franzöſiſchen noch zurückſtand, 42
Milliarden beträgt und das franzöſiſche nicht viel mehr
ils 20 Milliarden, ſo kommt hierin ein großes Wachstum
zugunſten der deutſchen Bevölkerung zum Ausdruck.
Auch in unſerer Stadt war die finanzielle Entwicklung
eit dem Jahre 1910 günſtig. Es zeigt ſich dies in erſter
inie an dem natürlichen Wachstum der Steuerkraft. Be=
anntlich
war die Stadtverwaltung im Jahre 1910 genötigt,
infolge des Wegfalles der Oktroi=Einnahmen und einer
außerordentlichen Belaſtung durch die Reichsgeſetzgebung,
eine erhebliche Steuererhöhung eintreten zu laſſen. In
en Jahren 1911, 1912 und 1913 war es dagegen möglich,
hne Erhöhung der Zuſchlagsziffer zur Einkommenſteuer
uszukommen. Dieſen Erfolg verdankt die Verwaltung
in erſter Linie ihrer Zurückhaltung auf dem Gebiete der
Vermögensausgaben. Der Erfolg iſt bedeutſam, wenn
nan erwägt, daß das ſtädtiſche Budget ſeit dem Jahre 1910
nahezu ſechs Millionen weitere Ausgaben getragen hat.
Unter dieſen hohen Ausgaben ſind hier folgende zu nennen:
Die Stadt war genötigt, rund 2700000 Mark für ihre
Beteiligung an dem Erwerb und der künftigen Verwert=
ung
des aus Anlaß der Bahnhofsverlegung freiwerdenden
eländes zu zahlen. Der Straßendurchbruch nach dem
Oſtbahnhof, die neuen Straßen und Plätze nach und vor
den neuen Bahnhöfen bedingen mit Ausgaben der Kanali=
ſation
und anderer techniſcher Leitungen, ſowie dem Bar=
eitrag
der Stadt von einer halben Million für die Er=
bauung
des Hauptbahnhofes und anderen Ausgaben einen
oſtenaufwand von ſechs Millionen Mark. Hierzu treten
die hohen Koſten, die durch die außerordentliche Ausdeh=
nung
der Stadt in neuerer Zeit, ſowie durch die auf Rech=
ntung
des Reiches auszuführenden Bauten veranlaßt ſind.
Es iſt, wie dies auch aus der Zuſammenſtellung
ervorgeht, eine außergewöhnliche Förderung der öffent=
lichen
Bautätigkeit zu verzeichnen. Zur Genugtuung der
Steuerzahler darf konſtatiert werden, daß durch die Stra=
ßenanlagen
zu den neuen, auf Rechnung des Reiches aus=
zuführenden
Bauten eine Belaſtung der Steuerzahler nicht
hervorgerufen wird. Nach den eingehenden Vertragsbe=
ſtimmungen
, die zwiſchen dem Reich und der Stadtver=
waltung
für die neuen Bauten feſtgeſetzt ſind, tritt ein
Erſatz der Straßenkoſten ein; der Steuerzahler wird alſo
nicht belaſtet.
Ich hoffe, daß es in den nächſten Jahren möglich ſein
vird, der Förderung der gewerblichen und wirtſchaftlichen
Verhältniſſe unſerer Stadt durch Löſung weiterer Aufgaden
näher zu treten. Bereits bei der Tarifierung der Preiſe
für elektriſches Licht und elektriſche Kraft ſind wir dem Ziel
näher gekommen, die Induſtrie und das Gewerbe in gro=
em
Umfange zu fördern. Auch die Herabſetzung der Preiſe
für Gas, das weite Entgegenkommen der Stadt in der
ebernahme eines erheblichen Koſtenanteils bei Gasanſchlüſ=
ſen
verfolgen dasſelbe Ziel. In dem großen, in der Nähe
des neuen Hauptbahnhofes entſtandenen Induſtriegebiet
hat die Stadtverwaltung kein Opfer geſcheut, um den
Plan der Induſtriegleisanlage zur Durchführung zu brin=
gen
. So hat ſie noch in letzter Zeit zur Arrondierung des
vorhandenen ſtädtiſchen Grundbeſitzes ein großes Gebiet
erworben, in der ausgeſprochenen Abſicht, die Anſiedelung
neuer Induſtrien zu begünſtigen. Die ſtädtiſche Verwal=
tung
kann den Aufgaben, die im Gebiete der Förderung
des gewerblichen Lebens an ſie herantreten, nicht aus dem
Wege gehen. Nur durch Schaffung neuer Werte iſt die
Stadt vor der Gefahr geſchützt, daß das wirtſchaftliche
Leben ſtagniert. Selbſt unter dem Riſiko einer voraus=
gehenden
Belaſtung der Zukunft hat die Stadt neuen
Erundbeſitz zu erwerben, wenn es ſich darum handelt. neue
wirtſchaftliche Werte für die Folgezeit erſtehen zu laſſen.
Auch der bevorſtehende Ausbau unſerer Fernbahnen wird,
das darf beſtimmt erhofft werden, das erwerbstätige
Leben in der Stadt und in der Provinz fördern. Die
Stadtverwaltung wird in ihrem finanziellen Programm
die bevorſtehenden Aufgaben löſen müſſen, jedoch bei der
Art der Durchführung die größte Vorſicht an den Tag
legen. Nur dank der größten Zurückhaltung im Gebiete
unproduktiver Ausgaben und der in dem Ausgleichs= und
Schulhausbaufonds begonnenen Fondsbildung war es
möglich, ſich eine Reſerve für die Zeiten der Not zu ſichern.
Auch die Beteiligung der Stadt an der neugegründeten
Eiſenbahn=Aktien=Geſellſchaft kann, das darf einer ſpäteren
Beurteilung einmal vorbehalten ſein, ſich als eine Fonds=
bildung
erweiſen, ſo daß die Zeiten der Belaſtung nicht in

Eine Federzeichnung
vom Zaren.

CK. Das perſönliche Leben des Zaren, von dem bis=
her
verhältnismäßig wenig in die Oeffentlichkeit gedrun=
gen
war, wird in vielen intereſſanten Einzelheiten durch
ein Buch beleuchtet, deſſen engliſche Ueberſetzung ſoeben
erſchienen iſt. Der Verfaſſer, Generalmajor Elchaninow,
ſchildert den Beherrſcher aller Reußen als einen uner=
müdlichen
Arbeiter, der mehr vollbringt, als die meiſten
ſeiner Untertanen. Die Staatsgeſchäfte erledigt er zum
großen Teil allein, und in ſeinem 12ſtündigen Arbeitstag
verbringt er nicht weniger als 4 Stunden ohne ſeine 10
Sekretäre in angeſtrengter Tätigkeit für ſich. Er ſchläft
höchſtens 7 Stunden. Um 9 Uhr früh iſt das Frühſtück be=
endet
; er beginnt ſein Tagewerk allein in ſeinem Arbeits=
zimmer
, lieſt die Morgenzeitungen, die Telegramme und
die Informationen, die ihm von den Gouverneuren der
einzelnen Bezirke zugeſandt werden. Dabei macht er ſich
zahlreiche Aufzeichnungen in ſein Notizbuch, das ſtets auf
ſeinem Schreibtiſch liegt. Bevor die Audienzen für die
Miniſter und hohen Beamten um 11 Uhr beginnen, koſtet
er die Rationen der Soldaten, die ihm immer über den
anderen Tag von den Kaſernen der kaiſerlichen Leibwache
und ſeines Infanterie=Regiments in beſonders verſchloſſe=
nen
Schüſſeln gebracht werden. Nach einem einfachen
Eſſen mit ſeiner Familie nimmt er ſeine Arbeit, die nur
am Nachmittag wenige Stunden unterbrochen wird, zwi=
ſchen
5 und 6 Uhr wieder auf. Während dieſer Mußezeit
reitet er oder geht er ſpazieren fährt auch Rad oder unter=
nimmt
, wenn er in Peterhof iſt, einen Ausflug im Boot.

Dann arbeitet er wieder von 68, häufig allein. 1½
Stunden ſind dann dem Diner am Abend gewidmet, und
½10 Uhr ſitzt er wieder an ſeinem Schreibtiſch. Vor 11 Uhr
begibt er ſich ſelten zur Ruhe. Sein Arbeitstag endet,
wie er begann, mit einem Gebet.
Der Zar iſt ſeltſamerweiſe ein Feind des Telephons
und hat keinen Apparat in ſeinem Arbeitszimmer. Ein
Telephon iſt jedoch im Zimmer des Kammerdieners an=
gebracht
, und wenn der Zar einen telephoniſchen Auftrag
geben will, wird dieſer durch einen der Palaſtbeamten
ausgeführt. Jeden Abend, bevor ſich der Zar zur Ruhe
begibt mag er zu Hauſe oder auf Reiſen ſein, trägt er
ſeine Eindrücke des Tages in ſein Tagebuch ein. Alle
Tiſche und Sofas im Arbeitszimmer des Herrſchers ſind
mit Papieren bedeckt, aber die Arbeit wird durch dieſe
ſcheinbare Unordnung nie aufgehalten. Denn der Zar
hat ein vorzügliches Gedächtnis, erinnert ſich an den
Platz jedes Papiers und weiß alles zu finden. Den größ=
ten
Teil der Berichte, die er empfängt, öffnet und ent=
ſiegelt
er ſelbſt; ebenſo ſchließt er auch eigenhändig die
meiſten ſeiner Verordnungen und Befehle. Er lieſt auch
die unleſerlichſten Handſchriften mit großer Leichtigkeit.
Wie überhaupt in ſeinem Auftreten und in ſeinen Ge=
wohnheiten
verleugnet der Zar auch in ſeiner Arbeits=
weiſe
eine gewiſſe Sparſamkeit nicht. Mit ſeinen Schreib=
materialien
geht er recht haushälteriſch um und benutzt
z. B. alle Bleiſtifte, bis nur noch ganz kleine Endchen
vorhanden ſind. Dieſe Stümpfe ſchenkt er dann dem
Zarewitſch, der mit ihnen ſpielt. Eine Vorbereitung für
ſeine Reden kennt er nicht. Ich überlege niemals vorher
genau, was ich ſage, pflegt er zu erzählen. Aber ich
bete zu Gott, und dann ſpreche ich, was mir in den Sinn
kommt.

In ſeinem Familienleben zeigt ſich der Monarch von
ſeiner glücklichſten Seite. Seine Kinder begrüßen jede
Minute, die er mit ihnen verbringt, mit Jubel. Die
Mädchen gehorchen ihm aufs Wort; ſie ſind als gute
Haustöchter erzogen, müſſen aber auch etwas Ordentliches
lernen und haben 30 Unterrichtsſtunden die Woche. Sie
ſprechen drei Sprachen, malen und ſpielen Klavier, aber
auch in ihren Freiſtunden ſind ſie zumeiſt mit einer
Handarbeit beſchäftigt. Die höchſte Liebe des Zaren ge=
hört
aber ſeinem Sohne, den er wirklich vergöttert.
Während ſeiner jüngſten Krankheit brachte der Vater dem
kleinen Patienten häuſig einfache, aber mit dem größten
Verſtändnis für ſeine Neigungen ausgeſuchte Spielſachen,
und der Zarewitſch hatte dieſe am liebſten. Der Zar
nimmt ſeinen Jungen überallhin mit ſich, auf ſeine Spa=
ziergänge
und Ausflüge, und wenn er die Zeit findet,
verbringt er 34 Stunden mit ſeinem Sohne in geſun=
dem
Spiel im Freien, baut mit ihm Sand= und Schnee=
burgen
, ſpaltet mit ihm zuſammen Holz und rudert mit
ihm. Der Zar iſt ein großer Freund des Sports und
leiſtet darin Treffliches. Er iſt ein vorzüglicher Schwim=
mer
und Taucher ein ausgezeichneter Schütze, der die
Jagd liebt. Bei ſeinem Beſuch in Viborg ſchoß er jüngſt
einen Fuchs, und die finniſchen Behörden ſchickten ihm
die übliche Schußprämie von einem Rubel. Der Zar
nahm das Geld an und ſtellte einen Empfangsſchein aus,
der als Merkwürdigkeit bewahrt wird. Der Zar hält
alle Faſttage mit ſeiner Familie in der ſtrengſten Form;
in ſeinem Privatleben hat er eine beſondere Vorliebe für
alles Ruſſiſche, ißt am liebſten ruſſiſche Speiſen und trinkt
nur ruſſiſchen Champagner.

[ ][  ][ ]

Nummer 9.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 9. Januar 1914.

Seite 3.

vollem Unzfange in der Bilanz der ſtädtiſchen Verwaltung
zum Ausdruck kommen.
Acch Schluſſe des abgelaufenen Jahres dürfte es inter=
eſſant
ſein, die Förderung des wirtſchaftlichen Lebens der
Stadt auch nach einer anderen Richtung rückblickend zu
verfolgen. Soweit es in der Macht der ſtädtiſchen Ver=
waltung
lag, iſt ſie in jeder Weiſe darauf bedacht geweſen,
durch Förderung der öffentlichen Bautätigkeit den einhei=
miſchen
Unternehmerſtand und ſeine Arbeiter zu ſtützen.
Die folgende Zuſammenſtellung der für größere Bauaus=
führungen
in Darmſtadt aufgewendeten und noch aufzu=
wendenden
Mittel ergibt einen Betrag von etwa 18 Mil=
lionen
Mark neuer Bauwerte innerhalb der Stadtgemar=
kung
Darmſtadt.
I. In den letzten Jahren ausgeführte größere Bau=,
Straßen= und Kanalherſtellungen: 1. Kanal= und Straßen=
herſtellungen
infolge der Bahnhofsverlegung 326 100 Mk.,
2. Errichtung ſtädtiſcher Gebäude am neuen Bahnhof ( La=
gerhaus
, Oktroierhebgebäude, Bedürfnisanſtalt) 164 260
Mark 3. Kanal= und Straßenherſtellung durch die Land=
graf
=Georg=Straße (teilweiſe ausgeführt) 198000 Mark.
II. In Ausführung begriffene Herſtellungen: 4. An=
legung
eines Waldfriedhofes 623900 Mark; 5. Waſſerver=
ſorgung
von Wixhauſen und Einlegung eines neuen Druck=
rohres
für die Hochzone 65000 Mark; 6. Straßenherſtel=
kungen
215500 Mark; 7. Kanalherſtellungen 107300 Mark;
8. Krankenhauserweiterung 100000 Mark; 9. Gebäude
für die Landwirtſchaftskammer in der Breiten Allee 200000
Mark; 10. Militärbauten: Schuppen für das Artillerie=
Depot 11600 Mark, Militärlazarett 1340000 Mark, Wa=
genhalle
136000 Mark, Aufbau auf die Kavallerie=Kaſerne
26000 Mark, Schuppen im Artillerie=Depot 6000 Mark,
Stallbau für die Artilleriekaſerne 20000 Mark, Kammer=
gebäude
für Dragoner 29300 Mark, zuſammen 1568000
Mark; 11. Für Privatbauten wurden laut Bericht der
Baupolizei in dieſem Jahr aufgewendet etwa 3000000 Mk.
III. In Vorbereitung befindliche und mögliche Her=
ſtellungen
: 12. Straßenherſtellungen 231720 Mark, 13.
Kanalherſtellungen 161 150 Mark; 14. Errichtung eines Ge=
bäudes
für die Gewerbeſchule 450000 Mark; 15. Die Er=
richtung
drehbarer Hallen für die militäriſche Luftſchiffahrt
und aller in Betracht kommenden Zubehörbauten, geſchätzt
auf 1500000 Mark; 16. Militärbauten: Neubau einer
Doppelkompagniekaſerne 464000 Mark, bauliche Ausfüh=
rungen
beim Dragoner=Regiment Nr. 23 152660 Mark,
desgleichen beim Dragoner=Regiment Nr. 24 54000 Mark,
desgleichen beim Feldartillerie=Regt. Nr. 25 165000 Mark,
desgleichen beim Feldartillerie=Regiment Nr. 61 70000
Mark. Neubau einer Kaſerne für das Train=Bataillon
1000000 Mark, für Barackenbauten für das Train= Batail=
lon
72000 Mark, Neubau einer Kaſerne für die Luftſchiffer
420000 Mark, desgleichen für die Funker 630000 Mark,
Erweiterung der Schießſtände 29000 Mark, techniſche An=
lagen
für die Fliegerkompagnie 462000 Mark, Neubau
einer Kaſerne für die Fliegerkompagnie 365000 Mark, des=
gleichen
für die Maſchinengewehrkompagnie 115 = 204500
Mark, Neubau einer Bataillonskaſerne, Mietsbau 113000
Mark, desgleichen einer Garniſonskirche 480000 Mark, zu=
ſammen
4681160 Mark; 17. Erbauung einer Reforma=
tionskirche
etwa 400000 Mark; 18. Angemeldete Bauge=
ſuche
für größere Privatbauten im Werte von rund 900000
Mark; 19. Hierzu: Sonſtige Privatgebäude (es liegen zur=
zeit
ſchon zehn Baugeſuche des Bauvereins für das Hein=
rrichwingertswegviertel
vor; außerdem wird das Sander=
ſſche
Haus für die Deutſche Bank umgebaut pp.). Für Pri=
wvatgebäude
wird mit dem gleichen Betrage wie im Vor=
jahre
gerechnet werden können das ſind 3000000 Mark.
Summa: 17 Millionen 892990 Mark.
Wenn hierzu noch die weiteren, in obiger Zuſammen=
ſtellung
noch nicht enthaltenen bedeutſamen Projekte treten,
bezüglich deren die ſtädtiſche Verwaltung bereits eine för=
dernde
Stellung eingenommen hat, ſo wird die Summe
von 20 Millionen überſchritten. Mit dem neuen Haupt=
bahnhof
und ſeinen umfangreichen Terrainarbeiten betra=
gen
die Summen der Ausgaben für neue Bauwerte weit
über 40 Millionen. Die Stadtverwaltung wird fortfahren
in ihrem Streben, jede Möglichkeit zu benutzen, um das
wirtſchaftliche Leben in der Stadt auch nach dieſer Seite
Hin zu fördern.
* Vom Hofe. Prinzeſſin Friedrich Karl von Heſſen
iſt am Mittwoch vormittag 11 Uhr abgereiſt. Prinz und
Prinzeſſin Reinhard zu Solms=Lich ſind nachmittags 5.49
Uhr abgereiſt. Die Abreiſe des Prinzen Waldemar von
Preußen erfolgte abends 10.25 Uhr. (Darmſt. Ztg.)
* Ernannt haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
den Königlich Preußiſchen Hauptmann a. D.

Bornemann zum Großherzoglichen Major à la suite
der Infanterie.
* Verliehen haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
dem Ober=Poſtkaſſenrendanten Wilhelm Bön=
ning
in Darmſtadt die Krone zum Ritterkreuz 1. Klaſſe
des Verdienſtordens Philipps des Großmütigen und dem
Ober=Poſtſchaffner Nikolaus Weber in Fürth das All=
gemeine
Ehrenzeichen mit der Inſchrift Für langjährige
treue Dienſte‟
* Aus dem Staatsdienſt entlaſſen haben Se. Königl.
Hoheit der Großherzog den Oberlehrer an dem Neuen
Gymnaſium zu Darmſtadt Profeſſor Richard Hölſcher
mit Wirkung vom 1. April 1914 an auf ſein Nachſuchen
* In den Ruheſtand verſetzt haben Se. Königl Hoheit
der Großherzog den Direktor des Landeszuchthauſes
Marienſchloß, Alexander Bornemann, auf ſein Nach=
ſuchen
mit Wirkung vom 1. Februar 1914 und unter An=
erkennung
ſeiner langjährigen treuen und erſprießlichen
Dienſte. In den Ruheſtand verſetzt wurde der Ge=
fangenaufſeher
an der Zellenſtrafanſtalt Butzbach Kaſpar
Stoll auf ſein Nachſuchen unter Anerkennung ſeiner
langjährigen treuen Dienſte mit Wirkung vom 1. Februau
1914 an.
* Uebertragen wurde dem Schulamtsaſpiranten Wil=
helm
Waldmann aus Offenbach eine Lehrerſtelle an
der Volksſchule zu Hainſtadt, Kreis Offenbach.
* Das Großh. Regierungsblatt Nr. 1 enthält:
1. Bekanntmachung, die Ausführung des Reichs= und
Staatsangehörigkeitsgeſetzes vom 22. Juli 1913 betreffend.
2. Bekanntmachung, die Gründung eines Zweckverbandes
der Landgemeinden des Kreiſes Darmſtadt für den Bau
billiger Eigenhäuſer betreffend.
* Landtagserſatzwahl in Wald=Michelbach. Bei
der Stichwahl im 4. Wahlkreis der Provinz Starken=
burg
, Wald=Michelbach, wurden der Darmſt. Ztg. zufolge
nach amtlicher Feſtſtellung 3414 Stimmen abgegeben.
Hiervon entfielen auf Oberamtsrichter Wünzer= Darm=
ſtadt
(nat.=lib.) 1939, auf Gemeinderat Haſenzahl=
Erbach (ſoz.=dem.) 1475 Stimmen.
Vom Hoftheater. Heute gelangt als D= Abonne=
mentsvorſtellung
die erfolgreiche Poſſenneuheit Film=
zauber
zur Wiederholung. Der Beginn iſt auf 7½
Uhr angeſetzt. Am Sonntag nachmittag geht als neun=
zehnte
Volksvorſtellung zu ermäßigten Preiſen die
Schwanknovität Die ſpaniſche Fliege von Ar=
nold
und Bach in Szene. Die Vorſtellung beginnt aus=
nahmsweiſe
bereits um 2 Uhr. In der Sonntags= Auffüh=
rung
von Götterdämmerung in der dekorativen
Neueinrichtung der vorjährigen Frühlings=Feſtſpiele ſind
in den Hauptpartien beſchäftigt die Damen Callwey ( erſt=
malig
die Brünhilde), Geyersbach (Gutrune), Jacobs
(erſtmalig die Waltraute), Kallenſee, Becker, Jacobs
(Rheintöchter), Jacobs, Liſchke, Feiſtle (Nornen) und die
Herren Weber (Gunther), Stephani (Hagen), Becker ( Sieg=
fried
), Schützendorf (Alberich). Die muſikaliſche Leitung
hat Hofkapellmeiſter Ottenheimer, die Spielleitung Herr
Nowack. Die Vorſtellung, die im C=Abonnement ſtatt=
findet
, beginnt um ſechs Uhr.
In der nächſten Woche ſindet die Erſtaufführung des
Feldherrnhügels von Rößler (dem Autor der
Fünf Frankfurter) und Roda Roda ſtatt.
C Herr Oberingenieur Baurat Schöberl ſcheidet, wie
wir ſchon kurz gemeldet, aus den Dienſten des heſſiſchen
Staates, um eine führende Stellung in der Privatindu=
ſtrie
einzunehmen. Doch iſt die frühere Meldung dahin
zu berichtigen, daß Herr Baurat Schöberl nicht in die
A. E G., ſondern, wie wir auf Grund zuverläſſigſter In=
formation
erfahren, in den Vorſtand der Rheiniſchen
Schuckert=Geſellſchaft in Mannheim als Di=
rektor
eintritt. Der Zeitpunkt des Eintritts iſt
noch nicht feſtgelegt, ſteht jedoch in allernächſter Zeit=
zu
erwarten. Oberingenieur Baurat Schöberl war
auch früher ſchon einige Zeit in der Privatinduſtrie tätig,
ind zwar nach Beendigung ſeiner Studien an den Hoch=
ſchulen
Karlsruhe und Darmſtadt. Er kam im Jahre
1900 nach Darmſtadt zurück und war während mehrerer
Jahre Aſſiſtent und Mitarbeiter des Herrn Geheimrats
Proſeſſor Dr. Kittler, der auch ſein bewährter Lehrer
geweſen iſt, bis er in den Staatsdienſt eintrat. Er iſt
ſeit etwa 10 Jahren Dezernent im Miniſterium der Fi=
tanzen
und hat als ſolcher die elektrotechniſchen und ma=
ſchinentechniſchen
Angelegenheiten des Staates, der Kreiſe
und Gemeinden zu behandeln. Herr Schöberl genießt den
Ruf eines außergewöhnlich tüchtigen Fachmannes und
Verwaltungsbeamten, was auch mehrfach Beſtätiaung an
maßgebender Stelle fand und u. a. beredt zum Ausdruck
kam gelegentlich des letzten Beſichtigungsausflugs der
beiden Kammern mit der Regierung nach Oberheſſen, bei
welcher Gelegenheit der Herr Finanzminiſter mit lebhaf=

tem Bedauern von dem zu erwartenden Scheiden des
Herrn Schöberl aus dem Staatsdienſt Mittellung machte.
Mehrſach trat Herr Schöberl auch in der Kammer als
Regierungskommiſſar auf, und ſeine Ausführungen zeich=
neten
ſich durch Klarheit und überzeugende Darſtellungs=
kraft
aus. Seine bedeutendſten Arbeiten in Heſſen waren
die elektrotechniſchen und maſchinentechniſchen Einrichtun=
gen
der Pflege= und Strafanſtalten, das Elektrizitätswerk
und die Fernheizanlage in Bad Nauheim, das Kraft=
werk
in Wölfersheim, die Ueberlandanlage der Pro=
vinz
Oberheſſen uſw. Ueber all dieſe großzügigen und
als vorb ldlich und muſterhaft anerkannten Anlagen iſt
des öfteren in dieſem Blatte berichtet worden.
nn. Ehrung. Die Vereinigung der Reſerve= und Land=
wehr
=Offiziere des Bezirks I Darmſtadt hat an ihrem
Jahresfeſt den ſeitherigen Bezirksadjutanten, Herrn
Hauptmann Coulmann im Infanterie=Regiment Kai=
ſer
Wilhelm II. (Großh. Heſſ.) Nr. 116, in dankbarer An=
erkennung
ſeiner beſonderen Verdienſte um die Vereini=
gung
zum Ehrenmitglied ernannt und demſelben eine
kunſtvoll ausgeführte Ehrenurkunde überreichen laſſen. Die
Ausführung dee Urkunde lag in den Händen des Hofkalli=
graphen
J. Göttmann in Darmſtadt.
* 70. Geburtstag. Heute, den 9. d. M., feiert der
Großh. Hofgärtenaufſeher Johs.,Büttner in geiſti=
ger
und körperlicher Friſche ſeinen 70. Geburtstag. Büttner
iſt ſeit dem Jahre 1908 1. Vorſitzender des Haſſia=Bezirks
Darmſtadt und gehört dem Vorſtand des hieſigen Krieger=
vereins
ſchon lange Jahre an. An der Gründung der
Haſſia vor 40 Jahren war er hervorragend beteiligt. Bei
der allſeitigen Beliebtheit, der ſich der Jubilar erfreut,
wird es ihm an Ehrungen zu dieſer Feier nicht fehlen.
* Kurſus für Reparatur und Juſtierung von Wagen
und Gewichten. Die Zahl der Fachleute, welche die Re=
paratur
und Juſtierung von Wagen und Gewichten ſach=
gemäß
ausführen können, iſt im Großherzogtum Heſſen
noch ſehr gering, ſo daß zurzeit der jährlichen geſetzlichen
Nacheichungen ein empfindlicher Mangel an ſolchen Fach=
leuten
herrſcht. Daher beabſichtigt die Großh. Zentral=
tellefür
die Gewerbe in Darmſtadt im Ein=
vernehmen
mit dex Großh. Eichungs= Inſpek=
tion
, einen Kurſus abzuhalten, bei dem
Schloſſermeiſter und Mechanikermeiſter in der Reparatur
und Juſtierung von Wagen und Gewichten unterrichtet
und ausgebildet werden ſollen. Der Kurſus ſoll am
Dienstag den 3. Februar dieſes Jahres, vor=
mittags
9 Uhr bei der Großh. Eichungs=Inſpektion zu
Darmſtadt, Paradeplatz 3, beginnen. Er wird voraus=
ſichtlich
in Darmſtadt eine Woche dauern, wobei vor=
mittags
theoretiſche Vorträge und Erläuterungen; nach=
mittags
praktiſche Uebungen ſtattfinden werden. An dieſe
Woche ſchließt ſich eine weitere praktiſche Tätigkeit an
bei einem der Großh. Haupteichämter Darmſtadt, Offen=
bach
, Gießen oder Mainz von mindeſtens einwöchiger
Dauer, auf Wunſch auch länger. Die Zahl der Teil=
nehmer
am praktiſchen Teil muß aus räumlichen und Be=
triebsrückſichten
beſchränkt werden, beim theoretiſchen Teil
kann ſie größer ſein, doch genügt eine Teilnahme am letz=
teren
allein erfahrungsgemäß nicht. Anmeldungen
ſind bis längſtens zum 18. Januar an die Großh. Zen=
tralſtelle
für die Gewerbe zu Darmſtadt, Neckarſtr. 3, zu
richten. Auch Anmeldungen aus größeren Landgemeinden,
die nicht Sitz eines Eichamts ſind, ſind erwünſcht. Die
Auswahl unter den ſich Meldenden bleibt nach Maßgabe
des vorerſt dringendſten Bedarfes vorbehalten. Nach er=
haltener
Mitteilung haben die Zugelaſſenen die Gebühr
von 10 Mark für den theoretiſchen Teil bezw. 25 Mark für
den ganzen Kurſus (theoretiſchen und praktiſchen Teil)
an die Kaſſe der Großh. Zentralſtelle für die Gewerbe ein=
zuzahlen
.
V Erfolge Heſſiſcher Architekten und Ingenieure aus=
wärts
. Man ſchreibt uns: Herr Profeſſor Dr.=Ing.
Vetterlein=Darmſtadt und Herr Ingenieur A.
Imhof=Bad=Nauheim haben gemeinſam in Fürth bei
Nürnberg für eine Aktien=Geſellſchaft eine Bade=Anlage
geſchaffen, die bayeriſche Blätter als vorbildlich bezeich=
nen
. Am 4. Januar waren eine große Anzahl Aerzte
aus dem Reiche, am 5. Preſſe=Vertreter und am 6. ver=
ſchiedene
Behörden zur Beſichtigung des König Ludwig=
Bades eingeladen. Die hübſchen architektoniſchen For=
men
, verbunden mit ſehr praktiſcher Raum=Einteilung und
Ausnutzung, fanden ebenſo wohlverdiente Anerkennung,
wie die muſterhaſten und zum Teil ganz neuartigen tech=
niſchen
Einrichtungen, welche beſonders bei den Moor=
bädern
mit der Thermalwaſſerüberſchichtung und bei der
Erwärmung des Thermalwaſſers mit Vermeidung von
Kohlenſäure=Verluſt hervortraten beides patentierte
Verfahren der Firma A. Imhof in Bad=Nauheim, die
bald weitere Verwendung finden dürften.

Feuilleton.

H. Die erſten bayeriſchen Königsmarken werden noch
im Laufe des Frühjahrs zur Ausgabe kommen und eine
im Briefmarkendruck noch nie angewandte Reproduk=
tionstechnik
zeigen. Sie ſind im Mezzotintendruck herge=
ſtellt
, dem neuen Kupfer=Tiefdruck, mit dem eine Reihe
von Blättern prachtvolle Reproduktionswirkungen erzielt
hat. Die neuen Marken zeigen den König Ludwig III.
in zwei verſchiedenen Auffaſſungen nach Entwürfen des
bekannten Münchener Kunſtmalers Profeſſor Walter
Firles eines gebürtigen Schleſiers. Die Markenwerte von
380 Pfennig zeigen den Kopf des Königs en face, leicht
nach rechts gewendet in kreisförmiger Umrahmung; die
Werte zu 1. 2. 3, 5. 10 und 20 Mark zeigen das Profil=
Porträt des Königs aus allerjüngſter Zeit in einfachem
ovalen Rahmen. Bei den Werten zu 5, 10 und 20 Mark
wird das Bild von einem breiten Lorbeerkranz umrahmt.
Die Werte bis zu 80 Pfennig haben die Größe der bis=
herigen
niederen Werte die Werte von 1. 2 und 3 Mark
die Größe der bisherigen 30=Pfennig=Marken und die
Werte zu 5, 10 und 20 Mark die Größe der bisherigen
Markenwerte, jedoch in ſtehendem Rechteck. Die Poſt=
karten
, Poſtanweiſungen und Kartenbriefe werden wie
bisher im Buchdruck gefertigt und zwar nach den Ent=
würfen
des bekannten Heraldik=Malers Profeſſor Otto
Hupp=Schleißheim, demſelben Künſtler, der auch das Werk
geſchaffen, das die Stadt München dem Kaiſer bei ſeinem
Regierungsjubiläum zum Geſchenk gemacht hat.
** Die verkehrsreichſten Straßen der Welt. Unter=
ſuchungen
der jüngſten Zeit, die ſich mit dem Straßen=
verkehr
in den Großſtädten beſchäftigen, haben feſtgeſtellt,
welche von den Hauptſtraßen der größten Städte der Welt
lals die belebteſten anzuſehen ſind. Das Reſultat ergab
lals die beiden verkehrsreichſten Straßen, die es heute auf
Erden gibt, die Straßenecke bei Manſion Houſe in der
City von London und den Pariſer Opernplatz. Bei
Manſion Houſe kommen täglich die meiſten Fußgänger vo=
bei
; über den Opernplatz fahren die meiſten Wagen. An
jedem Wochentag beträgt die Zahl der Perſonen, die bei
Manſion Houſe vorbeigehen, durchſchnittlich 500000, die

Zahl der Gefährte beläuft ſich auf 50000. Den Opernplatz
paſſieren 450000 Fußgänger und 63000 Wagen. Nach
dieſen beiden größten Verkehrsadern der modernen Groß=
ſtädte
iſt der Broadway von Neu=Yock zu nennen, den
täglich 480000 Fußgänger im Durchſchnitt paſſieren. Be=
rechnet
man die Zahl der Menſchen, die hier in Straßen=
bahnwagen
und anderen Gefährten vorbeikommen, ſo be=
läuft
ſie ſich ſogar auf über 700000. An vierter Stelle
dürfte die Puerta del Sol in Madrid ſtehen, in der 9 oder
10 große Verkehrsadern zuſammentreffen; durch dieſes
Tor gehen durchſchnittlich 360000 Leute am Tage. Mit
je 300000 Paſſanten ſchließen ſich die Friedrichsſtraße in
Berlin und der Wladimirski=Proſpekt in St. Petersburg
an, während der Wiener Graben durchſchnittlich von
270000 Perſonen täglich paſſiert wird.
5 Millionen Brandſchaden durch die Wahlweiber!
5 Millionen Mark iſt die Summe, die die Times nach einer
glaubwürdigen Schätzung als den Schaden angibt, der
durch die Brandſtiftungen der Wahlweiber im vergange=
nen
Jahre verurſacht wurde. Die Geſamtzahl der Brände.
die auf ſie zurückgeführt werden müſſen, beläuft ſich auf
33, und dabei ſind nur die Brände berechnet, deren Scha=
den
ſich auf über 20000 Mark beläuft. Der ſchlimmſte
Monat war der Juni; er brachte 7 Feuersbrünſte mit
einem Schaden von faſt 1 Million Mark; April Oktober
und Dezember wieſen je 5 große Brände auf; die beiden
Feuersbrünſte, die im September von den Wahlweibern
angelegt wurden, riefen allein einen Schaden von 1 Mil=
lion
Mark hervor. Wie ſehr dieſer Schaden den Geſamt=
feuerſchaden
von 1913 beeinflußt, geht daraus hervor, daß
die Geſamtſumme der Verluſte durch Feuer ſich im vorigen
Jahre auf über 72 Millionen Mack belief, während ſie im
Jahre 1912 nur 54 Millionen und im Jahre 1911 gegen
64 Millionen betrug. Mitſchuldig an dieſen Verluſten
ſind die engliſchen Behörden, die dieſen verabſcheuungs=
würdigen
Verbrecherinnen gegenüber eine zu große Nach=
ſicht
an den Tag legen.
* Vier Brüder gleichzeitig bayeriſche Generale. Durch
die zum Geburtstag König Ludwigs III. von Bayern er=
folgten
Beförderungen tritt jetzt der in der deutſchen
Armee einzig daſtehende Fall ein, daß vier Brüder zu
gleicher Zeit der aktiven Generalität angehören. Es be=

trifft dies die Brüder Schoch. Der älteſte, General=
leutnant
Guſtav Ritter von Schoch, befehligt die 5. Di=
viſion
in Nürnberg, der zweite Generalleutnant Albert
Ritter von Schoch, führt die 1. Diviſion in München, der
dritte, Generalmajor Emil Schoch, iſt Brigadekomman=
deur
in Augsburg und der vierte, Generalmajor Karl
Schoch, ſolcher in Neu=Ulm. Sie ſind Söhne des 1868 zu
München verſtorbenen Oberſten im Generalquartier=
meiſterſtabe
Karl Schoch, eines wiſſenſchaftlich ſehr hochge=
bildeten
Offiziers, und haben alle in bevorzugten
Stellungen, teils im Generalſtab, teils in der höheren
Adjutantur gedient.
* Nach der Gemeinderatswahl. Von den letzten würt=
tembergiſchen
Gemeinderatswahlen erzählt das Stuti=
garter
Neue Tagblatt. Morgens 9 Uhr klingelt es bei
dem Arzte eines Dorfes im württembergiſchen Ober=
ſchwaben
. Vor der Tür ſteht ein Bauernjunge von etwa
13 Jahren und ſagt: Der Herr Doktor ſoll au in
d’ Gmeind komme. Mei Vater mueß verbunne werre.
Der Arzt fragt: Was iſch denn deim Vater g’ſchehe?
Er hat e blau’s Aug? Sonſchſt nix? Doch ſonſchſt
noch alles. Was denn alles? I weiß nitt! Hot denn
noch aner e blau’s Aug? Jo. Wer denn? Der Knabe
nannte darauf drei oder vier Namen. Darauf der Arzt:
Sag deim Vater, ich komm mittags. Mittags traf der
Arzt in dem fünf Kilometer entfernten Flecken ein. Der
Doktor fand den Patienten im Bett liegen mit einem
Katzenjammer einem gehörig verſchlagenen Schädel, einem
usgerenkten Arm, einem verſtauchten Bein und einer ſtark
gequetſchten Zehe. Während er den Verletzten verband,
fragte er nach den Urſachen: Sagt Bärenbauer! Geſtern
war doch nit Sonntich, nit Kerme und nirgends Tanz,
Kindstauf oder Hochzeit. Warum hent r g’rauft? Dar=
auf
antwortete der Bärenbauer: 's war Gemeinderats=
vahl
!
* Das Wiederſehen, Frau Schulze macht im Pfarr=
haus
Beſuch. Ach, was für ſchöne Knöpfe nähen Sie da
an Ihres Mannes Weſte, meint ſie, als ſie die Frau
Pfarrer an ihrem Nähtiſch begrüßt, wiſſen Sie, mein
Mann hatte einmal ebenſolche Knöpfe. Worauf die
Frau Pfarrer in freundlicher Erklärung erwidert: Ja,
wir fanden ſie immer Sonntags im Klingelbeutel..

[ ][  ][ ]

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 9. Januar 1914.

Nummer 9.

nn. Haupt= und Fachprüfung der heſſiſchen Finanz=
amts
=Gehilfen. An der diesjährigen Haupt= und Fach=
prüfung
der heſſiſchen Finanzamts=Gehilfen haben 28
Kandidaten aus den Provinzen Starkenburg, Rheinheſſen
und Oberheſſen teilgenommen. Als Prüfungskommiſſäre
amtierten die Herren Oberfinanzrat Braun=Darmſtadt,
Finanzrat Nikolaus=Mainz und Finanzrat Stroh=
Darmſtadt. Von den 28 Kandidaten waren 2 während der
Prüfung zurückgetreten, 6 haben die Prüfung nicht beſtan=
den
und 20 Kandidaten, darunter einer mit der Note ſehr
gut, haben die ſehr umfangreiche Prüfung im Finanz=
verwaltungsfach
beſtanden. Die Fachprüfung für
die Kreisamtsgehilfen wird vorausſichtlich
Ende Januar im Prüfungslokal am Paradeplatz zu
Darmſtadt ſtattfinden.
* Die Zeichnung auf die Darmſtädter Stadtanleihe
iſt wegen ſtarker Ueberzeichnung alsbald nach der Er=
öffnung
wieder geſchloſſen worden.
* Die Ausſtellung der Staatsbauten im Gewerbe=
muſeum
iſt noch bis einſchließlich 18. dieſes Monats zu
beſichtigen.
* Ueber die Tätigkeit der Arbeitsnachweisſtelle im
ſtädtiſchen Hauſe Waldſtraße 6 und Grafenſtraße 30 ( Tele=
phon
371) werden für den Monat Dezember folgende
Zahlen mitgeteilt: 420 offene Stellen, 711 Arbeitſuchende,
230 Vermittelungen, darunter 40 Dienſtboten.
Im 4. neuſprachlichen Vortrag redete Herr
Wright über Eecentric authors at the time of the
revolution‟. Obwohl der Engländer ſehr konſervativ
iſt, wurde er im 18. Jahrhundert doch ſtark von den Enzy=
klopädiſten
beeinflußt, und wenn ſich ſein proſaiſcher Cha=
rakter
mit revolutionären Ideen erfüllte, entſtand die
Geiſtesrichtung, die im Engliſchen eccentrie heißt. Als
erſten Vertreter lernte man Thomas Day kennen, der
Rouſſeauſche Grundſätze allzu getreulich in Wirklichkeit
umſetzen will. In Tom Paines Lebenslauf ſieht man,
wie ein Theoretiker, der ſeine Ideen verwirklichen will,
ſoweit kommen kann, ſeine Vaterlandsliebe zu vergeſſen.
Bekannter als dieſe beiden iſt Shelley. Schon auf der
Schule ein Träumer, der am liebſten chemiſche Verſuche
anſtellt, wird er in Orford, namentlich unter dem Einfluß
von Godwins Political Juſtice, zum Verbreiter revolu=
tionärer
Ideen. Der Grundzug bei ſeinem Tun, das die
Zeitgenoſſen meiſt verkannten, war Menſchenliebe. Der
Redner ſprach außerordentlich deutlich und klar, ſo daß es
ein Genuß war, ſeinen Ausführungen zu folgen.
* Krieger=Verein Darmſtadt. In ſeinem Vereinslokal,
der Turnhalle der Turngemeinde Darmſtadt, hielt der
Verein ſeine recht gut beſuchte Januar=Verſammlung ab.
Der 1. Vorſitzende eröffnete die Tagung, den Mitgliedern
aufrichtige Glück= und Segenswünſche zum begonnenen
neuen Jahre wünſchend. Einen Ausblick in das neue
Jahr werfend, teilte er mit, daß der Verein in dieſem
Jahre ſein 40jähriges Beſtehen feiern werde in Verbin=
dung
mit dem gleichalterigen Kameradſchaftlichen Krieger=
Verein und noch anderen hieſigen Haſſia=Vereinen. Nach
Verleſung des Protokolls der letzten Monatsverſammlung
berichtete der 1. Vorſitzende über die Tätigkeit des Vor=
ſtandes
im abgelaufenen Monat. Das Andenken der ver=
ſtorbenen
Kameraden ehrte die Verſammlung durch Er=
heben
von den Sitzen. Sodann ergriff Kamerad Ober=
bürgermeiſter
Schäfer das Wort, um in einem längeren
Vortrag über das Thema Warum braucht Deutſchland
eine ſtarke Flotte zu ſprechen. Den ſehr bedeutenden
Ueberſeehandel Deutſchlands mit dem der anderen Groß=
mächte
, ſowie die Flottenſtärken des Dreiverbandes mit
denjenigen des Dreibundes vergleichend, auch die im
Ernſtfalle bedingte Stellungnahme der in Frage kommen=
den
ſogen. neutralen Staaten beleuchtend, konnte die Ver=
ſammlung
mit dem Redner nur dahin einig gehen, daß
zur Erhaltung des Friedens und um gegneriſchen An=
griffen
entgegentreten zu können, der weitere Ausbau
einer ſtarken Flotte eine unbedingte Notwendigkeit ſei.
Der Vorſitzende ſprach im Namen der Verſammlung dem
Redner ſeinen Dank für den überaus lehrreichen Vortrag
aus. Nach erfolgter Bücherausgabe ſchloß der Vorſitzende
die Verſammlung.
* In der Freien Literariſch=Künſtleriſchen Geſellſchaft
wird Montag, den 12. Januar, abends 8 Uhr ( Mathilden=
höhſaal
), Rudolf G. Binding eigene Dichtungen zur
Vorleſung bringen. Der Dichter lebt in der Frankfurt
am Main benachbarten Villenkolonie Buchſchlag, zu deren
Bürgermeiſter er unlängſt gewählt worden iſt. Er iſt be=
kannt
als geiſtvoller Feuilletoniſt, als Verfaſſer des pracht=
vollen
Novellenbandes Die Geige als feinſinniger Nach=
dichter
franzöſiſcher und italieniſcher Literatur, und jetzt
zu Weihnachten iſt von ihm ein ſtattlicher Gedichteband
in der hieſigen Ernſt Ludwig=Preſſe zu Druck gekommen,
der ganz köſtliche Gaben echter Poeſie enthält. So wird
man dem Programm des Montagabends berechtigtes
Intereſſe entgegenbringen. Es enthält Stücke aus dem
Triſtan nach dem Franßöſiſchen, ein paar Legenden
aus den Blümlein des Heiligen Franz nach dem Alt=
italieniſchen
eine Ausleſe von Gedichten und die Novelle:
Die Waffenbrüder. Auch Nichtmitglieder er=
halten
Karten in A. Bergſträßers Hofbuchhandlung, Rhein=
ſtraße
6. (Vergl. Anzeige im heutigen Anzeigenteil des
Blattes.)
* Im Ortsgewerbeverein ſpricht am Freitag, den 16.
ds. Mts., Herr Profeſſor Dr. Kollmann über Hand=
werk
und Maſchine eine für Handel= und Gewerbe=
treibende
ganz hochbedeutſame Frage. Nähere Mit=
teilungen
folgen demnächſt.
* Darmſtädter Schwimmklub Jung=Deutſchland. Am
18. Januar, nachmittags 4 Uhr, findet das dieswinter=
liche
und ſeit Begründung des Klubs zweite öffent=
liche
Schwimmfeſt im Hallenſchwimmbad
ſtatt Zahlreiche Schwimmer und Springer von Berlin,
Mainz. Frankfurt, Wiesbaden, Magdeburg haben bereits
ihr Erſcheinen zugeſagt, darunter Luber und Lang, zwei
deutſche Meiſter, und es ſteht zu erwarten, daß es zu
ſpannenden Kämpfen kommen wird. Die Glanzpunkte
werden der Kampf um den Wanderpokal Sr. Königl.
Hoheit des Großherzogs (Verteidiger Gymnaſial=
Schwimmverein Wiesbaden) und das Städte= Waſſerball=
wettſpiel
Wiesbaden=Darmſtadt (Sieger 1913: Wies=
baden
) bilden. Allen kräftigen Darmſtädter Jungen, die
dem ſo ſchönen Schwimmſport noch ferngeblieben ſind,
ſollten dieſe Wettkämpfe, in denen der junge Klub die
heſſiſchen Farben gegen eine altbewährte Mannſchaft des
nachbarlichen Preußen trägt, der Anlaß ſein, durch ihren
Beitritt neue Kräfte für ſpätere Sportfeſte zuzuführen
* Vereinigung der Freunde des humaniſtiſchen Gym=
naſiums
. Es ſei nochmals auf den Vortrag von Profeſſor
Bulle hingewieſen, der heute im Kaiſerſaal ſtatt=
finden
wird. (Näheres ſiehe Anz.)
* Stenographen=Vereinigung Gabelsberger. Zu dem
am 5. Januar begonnenen Lehrgang für An=
fänger
können Anmeldungen noch bis 12. Januar ent=
gegengenommen
werden. (Näheres ſiehe Anzeige.)
* Odenwaldklub, Ortsgruppe Darmſtadt. Die 10.
Wanderung führt am nächſten Sonntag von Darm=
ſtadt
nach Zwingenberg. Der Abmarſch erfolgt
um 8 Uhr von der Landskronſtraße. In Frankenhauſen,

auf der Kuralp und in Zwingenberg werden die Klub=
genoſſen
Schuchmann, Bormuth und Fuchs die Wander=
ſchar
freundlich aufnehmen. Die friſch aufſtrebende Orts=
gruppe
Zwingenberg hat einen fröhlichen Empfang zu=
geſagt
. Näheres über die Wanderung iſt Freitag abend im
Klublokal zu erfahren. Friſch auf!
* Karnevalgeſellſchaft Narrhalla. Das erſte große
Eröffnungskonzert der Karnevalgeſellſchaft Narchalla im
großen Saale des Städtiſchen Saalbaues wird, wie be=
kanntlich
alle Veranſtaltungen dieſer Geſellſchaft, in ge=
wohnt
großzügigem gediegenen Rahmen gehalten ſein
und einen fröhlichen Auftakt bilden zu den kommenden
Veranſtaltungen, die der Zahl nach, den allgemeinen Zeit=
läuften
Rechnung tragend, wohl beſchränkt werden, im
einzelnen aber deſto ſchöner und glanzvoller werden ſollen.
Wer alſo in dieſem Jahre des Heils die Karnevalsfreu=
den
bis zur Neige auskoſten will, der wird gut tun, ſämt=
liche
Veranſtaltungen der Narrhalla zu beſuchen.
Der darf aber auch ſchon das erſte Eröffnungskonzert nicht
verſäumen, um ſo weniger, als ihm dieſer Beſuch Ge=
legenheit
bietet, die größte Veranſtaltung des Darm=
ſtädter
Faſchings, den Maskenball am Faſtnachtsſamstag,
zu bedeutend ermäßigtem Preiſe zu beſuchen. Gegen
Vorzeigung ſeiner Karte zum Eröffnungskonzert erhält
nämlich jeder Maskenballbeſucher das Anrecht auf eine
Mitgliedskarte. Der dem Konzert folgende Tanz wird
dadurch von beſonderem Intereſſe ſein, daß er den be=
rühmten
Tango argentino, in muſterhafter Weiſe
getanzt, bringen wird. Das Konzert ſelbſt ſpielt die Ka=
pelle
Weber. Zu ihrem Lobe braucht kaum noch etwas
geſagt zu werden. (Siehe Anz.)
Droſchken=Anruf Luiſenplatz Nr. 1770. Auf dem
Luiſenplatz neben der jetzigen Halteſtelle der Pferdedroſch=
ken
iſt nunmehr ein Fernſprechgehäuſe aufgeſtellt, neben
dem auch die Autodroſchken in Zukunft halten. Wer raſch
ein Auto oder eine Droſchke braucht, läßt ſich an ſeinem
Telephon verbinden mit dem Deoſchken=Anruf Luiſen=
platz
, der die Nummer 1770 führt. An dem Telephon=
häuschen
iſt eine ſtändige Wache, die den Auftrag ent=
gegennimmt
und das gewünſchte Fahrzeug (Pferde= oder
Autodroſchke) zu dem Beſteller ſchickt.
§ Einbruchsdiebſtahl. Mittwoch abend zwiſchen
9 und 12 Uhr iſt in einem Laden in der Ernſt= Ludwig=
ſtraße
ein Einbruchsdiebſtahl verübt worden. Die Ein=
brecher
haben eine Anzahl Waffen, Munition, Meſſer
und ſonſtige Gegenſtände im Werte von etwa 700 Mark
geſtohlen.

Strafkammer.

g. Der 23 Jahre alte Geſchäftsdiener Franz
Guthier von Kirchhauſen trat im November vorigen
Jahres in Salzburg in einem Gaſthofe in Stellung. Am
23. November öffnete er, wie er angibt, vorſchriftsmäßig‟
die Kaſſe und entnahm ihr den Betrag von 609,88 Kronen,
außerdem erbrach er die Kaſſe des Automobilklubs und
erbeutete hier 197 Kronen. Unter Mitnahme eines Segel=
tuchkoffers
und eines Schirmes machte er ſich auf die
Heimreiſe. Das Geld verjubelte er in München und in
Frankfurt und wurde dann in der Nähe ſeines Heimat=
ortes
feſtgenommen. Die Strafkammer verurteilte den
Angeklagten zu einem Jahr Gefängnis, abzüglich
zwei Monate der Unterſuchungshaft. Der 33jährige
Schuhmacher Eugen Decker von Weißweiler trieb ſich
im Jahre 1911 hier in Darmſtadt herum und ſtahl bei
Gelegenheit in der Bleichſtraße von einem Wäſchewagen
ein Paket Wäſche, das er dem ihm begegnenden 28jährigen
Taglöhner Jakob Schmidt von Zotzenbach zum Tragen
gab. Letzterer gab ihm an, wo er die Wäſche verkaufen
könne. In zwei Trödlern der Schloßgaſſe fanden ſie Ab=
nehmer
des Diebesgutes. Schmidt erhielt von dem Erlös
50 Pfg. Decker hat ſich weiter einer Urkundenfälſchung
und eines verſuchten Betrugs dadurch ſchuldig gemacht, daß
er den Vertrag über den Kauf eines Fahrrades mit einem
falſchen Namen unterſchrieb. Auf Grund dieſes Vertrages
hätte er ein Fahrrad erhalten, wenn er eine bare Anzah=
lung
geleiſtet hätte. Darum war es ihm jedoch nicht zu
tun, ſondern er verſuchte, ſich auf den Vertrag hin von
einem Wirt 20 Mark geben zu laſſen. Er ſpiegelte ihm
vor, er bekäme das Fahrrad, wenn er ihm 20 Mark gäbe.
Das Gericht verurteilte Decker zu drei Monaten
Gefängnis und Schmidt wegen Hehlerei zu drei
Wochen Gefängnis.
Der 28jährige vielfach vorbeſtrafte Taglöhner
Michael Schröbel von Ober=Klingen war in
Groß=Zimmern bei einem Mühlenbeſitzer tätig und
erhielt am 8. November von einem Landwirt in Klein=
Zimmern einen Sack Korn im Werte von 16 Mark zum
Transport in die Mühle. Dieſen Sack lieferte er jedoch
nicht ab, ſondern verkaufte ihn für 5 Mark. Am 23. Nov.
ſtieg er in der Frühe in den Hühnerſtall des Gaſtwirts
Pullmann und nahm drei Hühner im Werte von 9 Mark
mit. Er wurde verhaftet, als er in Darmſtadt verſuchte,
die Tiere zu verkaufen. Er wurde wegen Unterſchlagung
und Diebſtahls zu drei Monaten zwei Wochen
Gefängnis, abzüglich ſechs Wochen der Unterſuchungshaft,
verurteilt. Am 12. Oktober kam es in der Weißſchen
Wirtſchaft in Bensheim zu einem Renkontre zwiſchen dem
39jährigen Taglöhner Friedrich Kalkbrenner und
anderen Gäſten wegen der an Kalkbrenner gerichteten
Frage, ob er organiſiert ſei. Als nun K. ſeine Zeche be=
zahlen
wollte, gab es mit dem Wirt eine Differenz, die
ſofort beigelegt werden konnte. Nun ging jedoch die Sti=
chelei
weiter, denn dem K, wurde vorgeworfen, er habe den
Wirt betrügen wollen. Als ſich der 21jährige Schneider
Pfeiffer hinaus begab ging Kalkbrenner hinterher und
verſetzte ihm einen Meſſerſtich in den Kopf. Das Schöffen=
gericht
hatte den Angeklagten zu ſechs Monaten Ge=
fängnis
verurteilt. Kalkbrenner legte gegen dieſes
Urteil Berufung ein; er bezweckte Herabſetzung der Strafe.
Auch die Amtsanwaltſchaft hatte Berufung eingelegt. Die
Strafkammer verwarf beide Berufungen.

Kriegsgericht.

g. Eine längere Verhandlung des Kriegsgerichts be=
traf
eine Anklage wegen gemeinſchaftlicher Kör=
perverletzung
gegen den aus dem Elſaß ſtammen=
den
Dragoner Nikolaus Bürell vom Dragoner= Regi=
ment
Nr. 24 und den Dragoner Paul Vogel aus Wil=
lau
(Kreis Zwickau) von demſelben Regiment. Es wurde
ihnen zur Laſt gelegt, die Rekruten mißhandelt zu haben,
indem ſie nächtlicherweile als Klopfgeiſter auftraten.
Die Rekruten der Stube 22 fanden am 5. November bei
der Rückkehr von einem Spaziergang ihre Lampe zerſchla=
gen
vor. Der im dritten Jahre dienende Angeklagte Bürell
hatte dies geſehen und fiel nun über den Rekruten Löſſer
her, warf ihn an die Wand und warf ihm einen Schemel
in den Rücken mit dem Ausruf: Was, ihr Hammel, wir
ſollen die Lampe zerſchlagen haben! Als nun die Rekru=
ten
zu Bett gegangen waren, erſchienen die Klopfgeiſter
nachdem ſie vorſichtshalber die Flurlampe ebenfalls aus=
gelöſcht
hatten. Die alten Leute waren mit Schemelbei=

nen, Klopfpeitſchen und ähnlichen Inſtrumenten bewaff=
net
. Die den Rekruten zugefügten Verletzungen waren
teils ſehr ſchwerer Natur. Der Rekrut Kratzert hatte von
Bürell einen Schlag ins linke Auge erhalten, wodurch er
auf dieſem Auge das halbe Sehvermögen einbüßte. Es
konnten leider nur die beiden Angeklagten ermittelt wer=
den
. Die 16 vernommenen Rekruten ſind ſehr ängſtlich
in ihren Ausſagen, zwei wollen von dem nächtlichen Spuk
überhaupt nichts gehört haben, ſo daß ſie nicht vereidigt
werden. Das Gericht ſah die gemeinſchaftliche Körperver=
letzung
nicht als erwieſen an und erkannte deshalb auf
Freiſprechung. Wegen des Wurfes in den Rücken mit dem
Schemel wird Bürell zu 4 Wochen Gefängnis verurteilt.
Der beim Dragoner=Regiment Nr. 24 dienende Sattler
Johann Heinrich Kaſpar von Darmſtadt iſt wiederholt
diſziplinariſch beſtraft wegen Urlaubsüberſchreitung und
unerlaubter Entfernung. Auch am Silveſterabend konnte
er den Urlaub nicht einhalten und überſchritt die Zeit um
zwei Stunden. Am 2. Januar blieb er jedoch länger
als einen Tag fort. Er hatte, wie er angibt, ſtets große
Sehnſucht nach ſeinen Eltern, die in Eberſtadt wohnen.
Das Gericht erkannte wegen zwei unerlaubten Entfernun=
gen
auf 2 Monate Gefängnis und Verſetzung in
die zweite Klaſſe des Soldatenſtandes. Der Musketier
vom Infanterie=Regiment Nr. 168 in Offenbach Jakob
Möſinger aus Stockſtadt a. Rh., der Burſche eines
Leutnants war, hatte einen Auftrag ſeines Leutnants nicht
ausgeführt. Später ging er, von Reue getrieben, in die
Wohnung ſeines Leutnants, um ſich zu melden. Dabei ſah
er den Schreibtiſch offen ſtehen. Dieſem entnahm er 20 M.,
um jedoch ſpäter wieder 10 Mark zurückzulegen. Das
Kriegsgericht, vor dem ſich Möſinger deshalb zu verant=
worten
hatte, verurteilte ihn wegen Nichtausführung eines
Befehls und Diebſtahls zu 24 Tagen ſtrengem
Arreſt und Verſetzung in die zweite Klaſſe des Solda=
tenſtandes
.

Kunſtnotizen.

Ueber Werke, Künſtler und künſtleriſche Veranſtaltungen ꝛc., deren im Nach=
ſtehenden
Erwähnung geſchieht, behält ſich die Redaktion ihr Urteil vor.
Darmſtädter Kammermuſikvereini=
gung
(de Haan, Schmidt, Raſche, Sprenger, Andrege). Es
ſei nochmals auf die am Sonntag, den 11. ds., ſtattfin=
dende
Schubert=Matinee aufmerkſam gemacht, deren Pro=
gramm
wieder Großes verſpricht. Das neu zuſammen=
getretene
Streichquartett, das ſich in der erſten Matinee
gewiß aufs vorteilhafteſte eingeführt hat, wird die Reihe
mit dem A-moll=Quartett eröffnen und die Stimmung
für die folgenden Lieder vorbereiten, zu deren Wieder=
gabe
ſich Frau Sophie Schmidt=Illing in liebenswürdi=
ger
Weiſe bereit erklärt hat. Den Beſchluß bildet das
einzig ſchöne Forellen=Quintett für deſſen Ausführung
die Vereinigung den erſten Kontrabaſſiſten des Hof=
orcheſters
, Herrn Kammermuſiker Müller, zugezogen hat.
Der Beginn der Veranſtaltung, der aus den Plakaten nicht
erſichtlich iſt, iſt, wie immer, auf 11 ¼ Uhr feſtgeſetzt.
* Reſidenztheater am Weißen Turm. Es=
wird
an dieſer Stelle nochmals darauf aufmerkſam gemacht,
daß das Luſtſpiel Die Tangokönigin mit H. Weiſe nur
heute noch gezeigt wird. Der Film mit der Film= Prima=
donna
Aſta Nielſen wird nur einmal, und zwar nachm. 5½.
Uhr, vorgeführt. Morgen kommt die Löſung der vie=
len
Fragen: Woiſt die blaue Maus?. Die blaue
Maus iſt ein Luſtſpiel in vier Akten von Alex. Engel und
Jul. Horſt. In der Titelrolle Madge Leſſing, welche ſei=
nerzeit
ſchon im Coletti ſo rieſig gefallen hat. Der luſtige
Inhalt des Schwankes kommt in der Darſtellung durch
die Kinekunſt zur vollen Wirkung. Wer einmal von Herzen
lachen will, verſäume nicht, ſich dieſen Film anzuſehen.
(Siehe Anzeige.)

=gs. Arheilgen, 8. Jan. (Selbſtmordverſuch.)
Geſtern abend ſprang ein 18jähriges Mädchen aus dem
Fenſter ihrer Wohnung und erlitt einen Oberſchenkel= und
Naſenbeinbruch. Sie wurde durch die Rettungswache in
das Städtiſche Krankenhaus nach Darmſtadt gebracht.
* Wixhauſen, 8. Jan. (Prämiierter Geflügel=
züchter
.) Bei der Allgemeinen Ausſtellung für Geflü=
gelzucht
in Heilbronn erhielt Peter Dietz II. folgende
Auszeichnungen: Die ſilberne Klubmedaille des Deutſchen
Raſſegeflügelzüchterklubs, vier Ehrenpreiſe, zwei 1., zwei
2. und einen 3. Preis.
W Gernsheim, 8. Jan. (Feuer.) Heute nacht um
3 Uhr ertönte Feuerlärm. Es brannte in dem Anweſen
der Frau Witwe Wenzel in der Ludwigſtraße, und zwar
brannten das zweiſtöckige Wohnhaus und die Scheuer voll=
ſtändig
nieder. Der raſch zur Stelle gerufenen Feuer=
wehr
gelang es, die Nachbarhäuſer, von welchen das
Wohnhaus des Herrn Allendörfer ebenfalls ſchon Feuer
gefangen hatte, zu ſchützen. Das Vieh konnte nach be=
endetem
Brande unbeſchädigt aus dem Stalle herausgeholt
werden. Beſondere Schwierigkeiten veranlaßte das Her=
beifahren
von Waſſer, da Gernsheim eine der wenigen
Gemeinden iſt, welche leider immer noch ohne Waſſer=
leitung
ſind.
M. Stockſtadt, 8. Jan. (Unfall.) Einen bedauer=
lichen
, recht ſchweren Unfall erlitt der Bauers=
mann
G. Müller von hier. Derſelbe war in der Nähe
der Bahn mit Ackern eines Feldes beſchäftigt. Durch den
Eilgüterzug ſcheu geworden, raſte das junge Pferd über dier
Aecker. Dabei kam der Bauersmann zu Fall und direkt
vor die ſcharfe Pflugſchar zu liegen und
wurde in dieſer gefährlichen Lage eine große Strecke ge=
ſchleift
. Dabei riß ihm die Pflugſchar das ganze rechte
Bein etwa 40 Zentimeter weit auf. Mittelſt Wagen wurde
der Verunglückte nach Hauſe geſchafft, woſelbſt ihm Herr
Dr. Barth aus Goddelau und die hieſige Krankenſchweſter
die erſte Hilfe angedeihen ließen.
Offenbach, 8. Jan. (Weiterbau der Bahn=
linie
Offen bach-Dietzenbach.) Seit Eröffnung
der Nebenbahn Offenbach-Dietzenbach ſind nunmehr 15
Jahre verfloſſen. Da der Perſonen= und Güterverkehr ein
recht lebhafter war, hat ſich die Strecke als rentabel erwie=
ſen
. Die Weiterführung nach Darmſtadt ſoll jetzt bean=
tragt
werden in einer demnächſt ſtattfindenden Verſamm=
lung
. (Racheakt.) Die Vermutung, daß bei dem
Brand der Feuerbachſchen Scheune am vergangenen Sonn=
tag
Obdachloſe, die darin genächtigt haben, ums Leben
gekommen ſind, hat ſich nicht beſtätigt. Das Abſuchen der
Brandſtätte hat nach dieſer Richtung hin auch nicht den
geringſten Anhaltspunkt ergeben. Ebenſo haben die poli=
zeilichen
Ermittelungen nach dem vermutlichen Brandſtifter
zu keinem beſtimmten Ergebnis geführt. Es liegt ohne
Zweifel ein Racheakt vor.
Groß=Steinheim. 8. Jan. (Die Bürgermeiſter=
wahl
.) Die Beſtätigung des im November gewähl=
ten
Bürgermeiſters Jean Buſch iſt bisher noch nicht
erfolgt. A Grund der Verzögerung glaubt man, die
Verhandlungen wegen Beſetzung der Krankenhausverwal=
terſtelle
annehmen zu dürfen, die ſeither ſtets der jeweilige
Bürgermeiſter inne hatte und zu der ſich jetzt noch andere
Bewerber gemeldet haben.

[ ][  ][ ]

Heppenheim a. d. B., 8. Jan. (Die Finanzlage
Heppenheims.) Aus der letztjährigen Rechnung iſt
erſichtlich, daß die Stadt eine Einnahme von 431399 Mark
hatte, denen eine Ausgabe von 393955 Mark gegenüber=
ſteht
, ſo daß ein Ueberſchuß von 37455 Mk. vorhanden iſt.
Erbach, 8. Jan. (Einlegung eines Eilzug=
paares
Darmſtadt-Eberbach.) An den Fürſten
zu Erbach=Schönberg, der ſich in der Angelegenheit in dan=
kenswerter
Weiſe perſönlich in Berlin bemüht hat, iſt jetzt
ein Schreiben des Eiſenbahnminiſters eingelaufen, wonach
die Einlegung eines Eilzugpaares ſich vorausſichtlich im
Laufe des Jahres 1914 ermöglichen laſſen wird‟. Es=
würde
damit ein langgehegter Wunſch unſerer Bevölkerung
endlich zur Verwirklichung kommen und die Anſtrengungen
der beteiligten Herren, an der Spitze Seine Durchlaucht
der Fürſt zu Erbach=Schönberg, hätten endlich den wohl=
verdienten
Lohn gefunden. (Kreisbl.)
Wald=Michelbach, 8. Jan. (Neuer Schnee.) Geſtern
und vorgeſtern iſt der Schnee in hieſiger Gegend durch das
Tauwetter ſehr zurückgegangen. In letzter Nacht hat es
aber wieder recht gefroren und neuer Schnee iſt gefallen.
An Plätzen für den Schneeſport ſind zu nennen die Tromm,
ſowie die nächſte Umgebung von Wald=Michelbach.
Mainz, 8. Jan. (Beleidigungsprozeß.) Am
30. Juni vor. Js. wurde der Redakteur Karl Meisner
aus Frankfurt a. M., der damals am Rheinh. Beobachter
in Ober=Ingelheim tätig war, und der Redakteur vom
Anzeigenteil Greif, wegen ſchwerer Beleidigung des Kon=
kurrenten
des Beobachters, Buchdruckereibeſitzer E. und
deſſen Tochter, ſowie des Waiſenhausinſpektorehepaares
M. von Ingelheim, verübt in der Faſchingsnummer 14
vom 5. Februar 1913, von der Mainzer Strafkammer ver=
urteilt
; Meisner erhielt zwei und Greif einen Monat Ge=
fängnis
; außerdem wurde Meisner wegen drei weiteren
Fällen zu je 50 Mark, Greif zu je 25 Mark Geldſtrafe ver=
urteilt
. und wegen der verſchiedenen Preßdelikte wurde auf
je 20 Mark Geldſtrafe erkannt. Dagegen hatten die Beiden
Reviſion beim Reichsgericht eingelegt. Die
Reviſion wurde verworfen. Nur wegen des Preß=
deliktes
bei Meisner, da auf zwei beſondere Geldſtrafen
erkannt worden war, wurde dieſer Strafausſpruch auf=
gehoben
und an die Vorinſtanz zurückgewieſen. Meisner
war heute nicht erſchienen. Es mußte wegen des Preß=
deliktes
das Verfahren eingeſtellt werden.
Nierſtein, 8. Jan. (Ein Opfer ſeines Berufs.)
iſt Jak. Geſſert II. geworden. Bei Vornahme von
Sprengarbeiten erlitt er ſehr ſchwere Verletzungen
und mußte nach Mainz ins Krankenhaus gebracht werden.
An den Folgen dieſer ſchweren Verletzungen iſt jetzt Geſ=
ſert
im Krankenhaus geſtorben.
Aus Rheinheſſen, 8. Jan. (Unangenehme Fol=
gen
des Verſagens der elektriſchen Be=
leuchtung
.) Recht unangenehme Folgen können für
das Elektrizitätswerk Rheinheſſen die in letzter Zeit wie=
der
öfter vorgekommenen Störungen haben. So war die=
ſer
Tage eine Frau in Dienheim mit Melken im Stall
beſchäftigt, als plötzlich das Licht ausging. Die Kuh
ſcheute, und nur dem raſchen Hinzuſpringen der zufällig
auch im Stall anweſenden Tochter hatte ſie es zu verdan=
ken
, daß ſie von der wildgewordenen Kuh nicht totgetreten
wurde. Das häufige Verſagen wird darauf zurückgeführt,
ddaß entlaſſene Monteure durch aufgeworfenen Draht die
Leitung unterbrechen, um die Geſellſchaft zu ſchädigen.
Damit die Täter gefaßt werden können hat die Geſellſchaft
größere Beträge für entſprechende Mitteilungen ausge=
ſſchrieben
.
Laubach, 8. Jan. (Von Wegelagerern ange=
fallen
.) Ein Fuhrwerk der Wollſpinnerei Walkmühle
bei Lauter wurde zwiſchen Falltorhaus und Jägerhaus
von einem Wegelagerer angefallen. Der Kutſcher hatte bei
der Einkehr auf dem Falltorhaus beim Bezahlen ſeiner
Zeche einen Fünfzigmarkſchein wechſeln laſſen, was jeden=
falls
von dem im Wirtszimmer anweſenden Handwerks=
burſchen
bemerkt worden war. Noch vor Abfahrt des
Fuhrwerks war dieſer verſchwunden. Auf der Straße
zwiſchen Falltor= und Jägerhaus ſprang er plötzlich auf
den Wagen und bedrohte den Kutſcher; dieſem gelang es
aber, ihn vom Wagen herunterzuſtoßen und davon zu fah=
ren
. Der Burſche gab noch mehrere Schüſſe auf den Wagen
ab, die aber fehlgingen.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 7. Jan. Ludwig Hoff=
manns
Pläne für das neue Opernhaus, die nach
den erſten, dem Kaiſer vorgelegten Skizzen unter Mitwir=
kung
einer Reihe von Architekten zeichneriſch ausgearbeitet
rverden, ſollen bis zum 15. d. M. fertiggeſtellt werden, da=
mit
die Entwürfe den beteiligten Miniſtern und dem Ab=
geordnetenhaus
rechtzeitig zugehen können. Im Abgeord=
metenhaus
, das die erſte Leſung des Etats wahrſcheinlich
am nächſten Montag beginnen wird, dürften die Hoffmann=
ſſchen
Opernhauspläne erſt der Budgetkommiſſion vorgelegt
werden, wenn dieſe den Bauetat behandelt. Wegen
Vergehen gegen das Geſetz über Verrat
militäriſcher Geheimniſſe waren die Handels=
ſchülerin
Anyſas=Riga, der Filmſchauſpieler Kiehn und das
Stubenmädchen Finck=Charlottenburg angeklagt. Die Ver=
handlung
und auch die Urteilsbegründung fanden unter
Ausſchluß der Oeffentlichkeit ſtatt. Die Anyſas und Kiehn
wurden zu je einem Jahr Gefängnis unter Anrechnung
von je drei Monaten Unterſuchungshaft, die Finck zu zwei
Monaten Gefängnis, die als verbüßt erachtet wurden, ver=
urteilt
. In der in der Gerichtsſtraße untergebrachten
Melde= und Zahlſtelle der Berliner Allgemeinen
Ortskranken kaſſe kam es in den geſtrigen Vormit=
tagsſtunden
zu heftigen und ſogar tumultuariſchen Auf=
tritten
. Der Andrang des Publikums zu den Neuanmel=
dungen
hatte gegen 11 Uhr einen derartigen Umfang an=
genommen
, daß die Schalterräume geſperrt werden muß=
ten
. Eine große Anzahl von Frauen wurde durch das
ſtundenlange Warten ohnmächtig. In den Schalterräumen
ſelbſt nahm das Gedränge lebensgefährliche Formen an.
Die an den Schaltern befindlichen Perſonen wurden direkt
in die Schalterfenſter hineingepreßt, ſo daß dieſe in Trüm=
mer
gingen. Die Polizei legte ſich ins Mittel. Das Publi=
kum
wurde im ſpäteren Laufe des Tages nur noch trupp=
weiſe
eingelaſſen.
8. Jan. Der ſeit Anfang Dezember flüchtige Direktor
Dr. Seeger der Berliniſchen Lebensverſicherungsgeſell=
ſchaft
hat ſich ſelbſt der Polizei geſtellt. Er be=
findet
ſich bereits im Unterſuchungsgefängnis Moabit.
Frankfurt, 8. Jan. (Mord.) Heute morgen er=
ſchoß
der in der Höhenſtraße 40 wohnhafte 28jährige
Rudolf Kleinſchrot aus Neckarſulm die 29 Jahre alte Ehe=
frau
ſeines Logisherrn, des Kutſchers Epple, mit der er,
wie aus einem von ihm hinterlaſſenen Briefe an den Ehe=
mann
hervorgeht, ein Liebesverhältnis angeknüpft batte.
Er drang heute früh, während Frau Epple noch ſchlief, in
ihr Zimmer ein und tötete ſie durch zwei Schüſſe in die
Alinke Schläfe und die Herzgegend. Hierauf brachte er ſich
ſelbſt einen Schuß in die rechte Schläfe bei und verletzte ſich
tödlich. Nachbarn, denen das lange Geſchloſſenſein der

Wohnung auffiel, verſtändigten die Polizei, und dieſe fand
den Kleinſchrot auf dem Boden liegend, die Frau im Bett
tot vor. Die ſtaatsanwaltſchaftliche Unterſuchung iſt ein=
geleitet
.
Mannheim, 7. Jan. (Der nervöſe Hofkapell=
meiſter
.) Der erſte Kapellmeiſter des hieſigen Hofthe=
aters
Arthur Bodanſky hatte gegen den Muſikreferen=
ten
der hieſigen Volksſtimme Dr. Egel Klage erhoben, weil
er bei Beſprechung eines Konzerts, in dem Bodanſky
wegen Unruhe des Publikums abgeklopft hatte, ihm vor=
warf
, er habe taktlos gehandelt. Vom Amtsgericht wurde
geſtern die Klage des Hofkapellmeiſters Bodanſky koſten=
pflichtig
abgewieſen mit der Begründung, daß Dr. Egel
in Wahrung berechtigter Intereſſen gehandelt habe.
München, 8. Jan. (Erfroren.) Der Beſitzer Rei=
cher
von Neuenberg (Oberbayern) iſt beim Holzfahren mit
ſeinem Fuhrwerk in eine Schneemulde geraten und mit
ſeinem Kinde, ſowie den zwei Pferden erfroren.
Oberneubrunn (Thüringen), 8. Jan. (Brand.)
Hier iſt das Hohmannſche Sägewerk niederge=
brannt
. Drei der in dem Gebäude wohnenden Arbeiter
wurden von dem Feuer im Schlafe überraſcht und ſpran=
gen
aus dem Fenſter. Sie erlitten ſchwere Verletzungen.
Dresden, 8. Jan. (Stiftung.) Der ſeinerzeit bei
dem Eiſenbahnunglück in Dänemark umgekommene Fabrik=
beſitzer
Wellner aus Dresden hat ſeiner Vaterſtadt Plauen
die Summe von 100000 Mark vermacht, die unbemittelten
älteren Plauener Bürgern zugute kommen ſoll.
Wien, 8. Jan. (Brandunglück.) In den Räu=
men
der Filmfabrik Gaumont in der Mariahilfer=
ſtraße
explodierte heute vormittag infolge Unvorſich=
tigkeit
einer Arbeiterin, die Films mit Benzin reinigte,
eine Anzahl Films. Die Flammen verbreiteten ſich mit
raſender Geſchwindigkeit. Zwei Beamtinnen ſind ver=
brannt
; zwei Perſonen wurden ſchwer verletzt, eine Per=
ſon
wird vermißt. Nach zweiſtündigen Löſcharbeiten
wurde das Feuer auf ſeinen Herd beſchränkt.
Brüſſel, 8. Jan. (Prinz Eitel Friedrich), ber
ſich ſeit Montag inkognito hier aufhält, und bei dem Her=
zog
von Arenberg abgeſtiegen iſt, wird nach einer Blätter=
meldung
Gaſt des belgiſchen Königspaares ſein.
Orleans, 7. Jan. (15 Jahre in einer Hunde=
hütte
angekettet.) Dem Matin wird gemeldet daß
in dem ſieben Kilometer von der Stadt entfernten Dorfe
Olivet ein ſchweres Verbrechen entdeckt wurde.
Dort iſt in einem Bauernhofe ein älteres Mädchen auf=
gefunden
worden, das ſeit 15 Jahren von ſeiner Stiefmut=
ter
und ſeinem Stiefbruder in einer Art Hundehütte ein=
gekerkert
und an Ketten angeſchloſſen war. Als
Nahrung bekam es nur Küchenabfälle und gegen die Un=
bilden
der Witterung hatte es nichts als ein Decke. Sonſt
war es nackt. Die entmenſchten Verwandten ſperrten das
arme Mädchen ein, weil dieſes von ſeinem Vater 15000
Francs geerbt hatte, in deren Beſitz ſich Stiefmutter und
Stiefbruder ſetzen wollten, Zufällig hörte ein Geſchäfts=
reiſender
, der in Abweſenheit der beiden den Bauernhof
betrat, das Wimmern der Unglücklichen und entdeckte ſie in
der Hundehütte, worauf er dem Gemeindewächter davon
Mitteilung machte. Der legte ſich in der nächſten Nacht
auf die Lauer und machte die gleiche Beobachtung. Er ver=
haftete
dann Mutter und Sohn und befreite das Mädchen,
das ſich in einem erbarmungswürdigen Zuſtand befand,
aus ſeinem Kerker. Die Verhafteten legten bereits ein
Geſtändnis ab mit der Erklärung, ſie hätten gehofft,
daß das Mädchen in der elenden Behauſung bei der küm=
merlichen
Nahrung und der ungenügenden Bekleidung
eines natürlichen Todes ſterben würde.

Stilſtrömungen in der Kunſt des
13., 14. und 15. Jahrhunderts.

Vortragszyklus im Volksbildungsverein
I.
St. Im Hörſaal 326 der Techniſchen Hochſchule er=
öffnete
geſtern abend Herr Profeſſor Dr. Pinder auf
Veranlaſſung des Vereins für Verbreitung von Volks=
bildung
einen auf drei Abende berechneten Vortrags=
zyklus
. Der Saal war überfüllt. Die Vorträge ſollen
Ergänzungen bilden zu den Ausführungen des Herrn
Profeſſors Dr. A. E. Berger im vergangenen Jahre übet
Kulturgeſchichte des Mittelalters‟. Die Stilwandlung in
drei Jahrhunderten ſoll an Beiſpielen aus der deutſchen
Plaſtik erläutert werden, mit wenigen Seitenblicken auf
Baukunſt und Malerei.
Der erſte Vortrag behandelt den Stilcharakter
des 13. Jahrhunderts und bewegte ſich etwa in
folgendem Gedankengange: Trotz des bedingten Zuſam=
menhanges
mit den Vortragszyklen über die Kulturge
ſchichte haben die heutigen Vorträge eine innere Unabhän=
gigkeit
, ſind ſie von der Kulturgeſchichte gewiſſermaßen ganz
zu trennen. Die Stilſtrömung bedeutet eine Bewegung für
ſich. Die Belege für das Auszuführende ſind der deut=
ſchen
Kunſt entnommen, weil es abſolut unnötig iſt, hier
auf außerdeutſche Kunſt zurückzugreifen, und weil die
Kenntnis der deutſchen Kunſt für uns naturgemäß dop=
pelter
Gewinn iſt. Zum Teil ſtammen wir ja noch ab
von den Menſchen, die die alte deutſche Kunſt und Kultur
geſchaffen haben, doch ſind wir ſpätere Menſchen, derer
Anſchauung ſich doch weſentlich anders entwickelt hat.
Jene anderen Menſchen haben etwas anderes gewollt, als
wir heute wollen. In der künſtleriſchen Entwicklung han=
delt
es ſich niemals um ein Fortſchreiten der Erkennung
der Naturwahrheit. Die italieniſche Renaiſſance, die An=
tike
ſelbſt ſind Beweis dafür. Es iſt unter allen Um
ſtänden zu beſtreiten, daß das höchſte Können der Kunſ
darin zu ſuchen iſt, etwa den menſchlichen Körper möglichſt
naturwahr, in möglichſt anatomiſcher Treue darzuſtellen.
Wolle man dieſe Forderung erheben, fällt damit eine un=
geheure
Menge Kunſt, beſonders der Plaſtik, wie der ägyp=
tiſchen
, japaniſchen und mittelalterlichen. Die ganze mit=
telalterliche
Plaſtik iſt keine Standbildkunſt. Unbeſtritten
iſt, daß die Kirche von durchaus maßgebendem Einſluß
auf die Entwicklung der Kunſt des 13. Jahrhunderts
ward. Daß die Gothik eine Laienkunſt, eine Volkskunſt
war, iſt total falſch, obwohl es auch heute noch behaupter
wird. Dieſe Kunſt iſt durchaus unbürgerlich. Wohl aber
lieferten die Ritter vermöge ihrer geiſtigen Bildung und
auf ſportlicher Grundlage beruhenden Körperkultur etwas
ähnliches wie die durchgebildeten Menſchen der griechiſchen
Kultur. Die Bauhütten (deren heutigen Reſte die Frei=
maurerlogen
ſind), deren Arbeitsart Gleichgewicht
und Gemeinſchaft zwiſchen Architektur und Plaſtik
war, die von großem Einfluß auf die Kunſtent=
wicklung
waren und in denen keineswegs nur die
Künſtler des betreffenden Landes tätig waren, ſchufen die
Plaſtik in der Kathedralbaukunſt. Dieſe Kunſt ging
keineswegs auf eine möglichſt naturtreue Darſtellung aus,
wie die Kathedralen und ihr bildneriſcher Schmuck be=
weiſen
, ſondern vielmehr auf die Verherrlichung, die Ver=
jüngung
der Darzuſtellenden. Hierin liegt eine Verwandt=
ſchaft
mit der Antike: Völlig getrennt behandelt dieſe
Kunſt die Darſtellung des menſchlichen Körpers und die

Gewandung. Die ganze große Kunſt war eine Kathe=
dralenkunſt
. Nur in Deutſchland gingen ihr gewiſſe bild=
haueriſche
, bildneriſche Kunſtbeſtrebungen voraus. Das
Halberſtädter Kruzifix führte der Vortragende als Muſter=
beiſpiel
hierzu vor. Es zeugt ſchon deutlich von einem
Streben, den inneren Ausdruck feſtzuhalten. In der deut=
ſchen
Kunſt erwuchs ein ungeheuer kraftvolles zeichneri=
ſches
Können und Ausdrucksvermögen, mit dem die Ent=
wicklung
einer höchſtkünſtleriſchen Formengebung Hand in
Hand ging. Trotz bedeutend fortſchreitender Kenntnis und
Erkenntnis der Natur und des Naturſehens entfernte man
ſich, um eben Kunſt zu ſchaffen, von dem natürlichen Ein=
druck
. Der in vielen Plaſtiken wundervoll komponierte
Faltenwurf beweiſt das deutlich. Beſonders ausgeprägt
betonte die ſächſiſche Kunſt jener Zeit das Typiſche einer
heute auch von franzöſiſchen Forſchern anerkannten deut=
ſchen
Kunſt. Das plaſtiſche Ideal blieb die jugendliche
Schönheit, zu deren Ausdruck ſich in der deutſchen Kunſt
die urwüchſige Kraft geſellte, im Gegenſatz zu der fran=
zöſiſchen
, in deren Werken eine höfiſche Feinheit, oft nicht
frei von Süße, Triumphe feierte. Obwohl faſt alle kirch=
lichen
Plaſtiken jener Zeit in Gewändern dargeſtellt ſind
und gerade der Faltenwurf, wie ſchon geſagt, die unge=
mein
feine Linienführung in dieſem und die Kompoſition
der reich fließenden Gewänder um den Körper die Meiſter=
ſchaft
der deutſchen Künſtler belegen, prägt ſich deutlich
die Entfaltung blühender Körperlichkeit aus, und klar ſind
Körperformen und Gewand in der Statue unterſchieden.
Hier tritt deutlich eine innere Verwandtſchaft mit der
Antike zutage, und die Meiſter des 13. Jahrhunderts ſchu=
fen
die erſte der Antike ebenbürtige Plaſtik. Zu ganz
wunderbaren Schöpfungen führte das Hintereinander=
ſtellen
künſtleriſcher Formen, wie es z. B. in der Syna=
goge
der weiblichen Figur mit verbundenen Augen und
dem zerbrochenen Stab, im Gegenſatz zur jubilierenden
Kirche dargeſtellt iſt. Mit ſtaunenswerter Meiſterſchaft
iſt hier das dünne, ſchleierartige Tuch, das die Augen
verſchließt, aus dem Stein herausgearbeitet, ſo daß die
Formen der Augen und Stirn noch zutage treten
Eingehender behandelte der Vortragende dann das
Verhältnis der deutſchen Kunſt zu der der anderen Län=
der
. Dabei kommt er an Hand überzeugender Beiſpiele
zu dem Schluſſe, daß z. B. Italiens Kunſt im Rückſtand
blieb gegen die nordiſche, während ſich vielfach enge Be=
ziehungen
zu Frankreich nachweiſen laſſen. So zwar, daß
an vielen berühmten Werken franzöſiſcher Kathedralen=
plaſtik
die Künſtlerhand deutſcher Meiſter heute nachge=
wieſen
iſt. Intereſſante Beiſpiele aus der Mitte des
Jahrhunderts im Dom zu Bamberg, deſſen Vorbilder ſich
in Reims nachweiſen laſſen, die aber doch ein durchaus
eigenes kraftvolles Kunſtſchaffen verraten, belegen das.
Während die franzöſiſche Monumentalfigur zum Teil mit
und aus der Gewänderfigur entwickelt wurde, entſtand
die deutſche mehr aus der beweglichen Kunſt, bedingt durch
die Bedeutung der Metall= und Kleinkunſt in Deutſch=
land
. Die deutſchen Meiſter kamen zu einer ſcharfen Kon=
traſtierung
innerhalb der Figuren und deren Gewandung,
gleichwie ſie Michel Angelos Werke aufweiſen, was zu
ganz überraſchender kraftvoller Wirkung führte, zu einer
fabelhaften Klarheit des künſtleriſchen Ausdrucks, mit der
wunderbare Feinheiten im einzelnen (Gewandung.
Hände uſw.) Hand in Hand gingen. In dieſer abſicht=
lichen
Kunſtſtilgebung iſt keineswegs eine Primitivität der
Anſchauung oder gar des Könnens gegeben. Im Gegen=
teil
, die Künſtler, die dieſe Plaſtiken ſchufen, konnten ein=
fach
alles. Wie ſie es ſchufen, diktierte der Ausdruck
ihres künſtleriſchen Wollens. Eine große Aehnlichkeit
ſpiegelt ſich wieder zwiſchen dem 5. Jahrhundert, der grie=
chiſchen
Kunſt, und dem 13., der nordiſchen Kunſt. Das
Eindringen der franzöſiſchen Gothik brachte den Sieg der
Kathedralenplaſtik Die höhere Freiheit der deutſchen
Meiſterleiſtungen aber bewieſen die Beiſpiele aus Sachſen,
Bamberg, Straßburg und Naumburg überzeugend.
Die zahlreichen Zuhörer ſpendeten dem Vortragenden
rauſchenden Beifall.

Stadtverordnetenverſammlung.

St. Darmſtadt, 8. Januar.
19. Sitzung.
Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing eröffnet die Sitz=
ung
um 4 Uhr und ſpricht in ſeinem und der Verwaltung
Namen den Stadtverordneten herzlichſte Glückwünſche
zum neuen Jahre aus. Seine erſte Amtshandlung beſteht
heute in der
Einführung und Verpflichtung der neu
gewählten Stadtverordneten.
Es ſind dies die Herren Hammann, Herbert, Wolf, Jung,
Ritzert, Kalbfuß, Delp, Schönberger. (Die Stadtvv. von
Heſſert und Haury ſind bereits verpflichtet.)
Nach einer kurzen Anſprache, in der er die neuen
Stadträte ermahnte, das Intereſſe der Stadt ſtets allem
anderen voranzuſtellen, leiſteten die Herren durch Hand=
ſchlag
den Eid. Die wiedergewählten Herren werden auf
ihre frühere Verpflichtung verwieſen.
Der Vorſitzende macht dann die Mitteilung von einem
Vermächtnis.
Die verſtorbene Privatin Lilli C. Heyl hat letzt=
willig
die Stadt Darmſtadt zu zwei Dritteln ihres Nach=
laſſes
als Erbin eingeſetzt mit der Maßgabe, daß ſie ver=
pflichtet
ſein ſoll den Zinsertrag des ihr zuſtehenden
Erbteils in erſter Linie dazu zu verwenden, jährlich bei
Beginn der Schule für den Winter arme, kränkliche und
ſchwächliche Kinder mit Schuhen zu beſchenken und das
ererbte Geld niemals zu Bauten oder Denkmälern zu ver=
wenden
. Das Vermächtnis wird mit Dank ange=
nommen
.
Der Vorſitzende gibt weiter Kenntnis von einer Ein=
gabe
der Vereinigung der Spenglermeiſter
und Inſtallateure in Sachen der von der Stadtverord=
neten
=Verſammlung beſchloſſenen Maßnahmen zur Er=
höhung
des Gasverbrauchs. Die Eingabe geht an die
Gaswerks=Deputation.
Stadtv. Bormet hat einen Antrag eingereicht auf
Schaffung eines Verbindungsweges im Zuge der
projektierten Verlängerung der Landskronſtraße nach dem
Südbahnhofe. Der Antrag geht in geſchäftsordnungs=
gemäße
Behandlung.
Steuerpfändung Arbeitsloſer.
Stadtv. Dr. Fulda kommt auf ſeine Mitteilung in
letzter Sitzung zu ſprechen, nach der Arbeitsloſe der rück=
ſtändigen
Steuern wegen gepfändet wurden. Der Ober=
bürgermeiſter
habe das bezweifelt und Redner legt heute
die urkundlichen Beweiſe der Richtigkeit ſeiner Angaben
vor. Er hoffe, daß der Oberbürgermeiſter dieſe Richtig=
keit
nunmehr öffentlich anerkennen werde. Stadtv. Delp
führt ebenfalls einige Fälle an, die das Geſagte be=
tätigen
.
Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing: Wenn das rich=
tig
iſt, ſei es gegen ſeine Anordnung geſchehen, und er

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 9. Januar 1914.

Nummer 9.

werde ſofort veranlaſſen, daß ſeine Anordnungen befolgt
werden. In dem Augenblick, da ihm die Unterlagen zur
Verfügung ſtehen, werde er den ſozialpolitiſchen Ausſchuß
damit ſofort beſchäftigen. Er ſtehe nicht an, zu erklären,
daß der Beamte, der ſo gegen ſeine Anordnung gehandelt
habe, ihm perſönlich dafür verantwortlich ſein werde.
Stadtv. Saeng rügte, daß, nachdem die Angelegenheit
vor 14 Tagen hier zur Sprache gebracht wurde, noch nicht
die nötigen Feſtſtellungen erfolgt ſind. Das mußte viel
ſchneller gehen. Der Oberbürgermeiſter ſtellt feſt, daß
er erſt vor zwei Tagen die Mitteilung erhielt, daß die
Originalurkunden heute ihm überreicht werden würden.
Er habe ſofort der Stadtkaſſe entſprechende Mitteilung
gemacht und heute doch erſt das Material echalten. Nun=
mehr
würde die Unterſuchung ſofort eingeleitet, und an
die Stadtkaſſe iſt ſtrengſte Anordnung ergangen, daß der=
artige
Fälle ſich nicht wiederholen.
Stadtv. Delp: Das Ungeheuerliche liegt darin, daß
noch nach der letzten Stadtverordneten=Verſammlung
ſolche Lohnpfändungen und Zahlungsverbote vorgekom=
men
ſind. Den Arbeitgebern iſt es ſelbſt unangenehm,
ſolchen Geboten Folge zu leiſten. Stadtv. Saeng iſt
mit der Erklärung noch nicht zufrieden und wirft der
Stadtverwaltung bureaukratiſche Handlungsweiſe vor, ein
Vorwurf, der vom Oberbürgermeiſter unter noch=
maliger
Darlegung der Maßnahmen auf das Entſchiedenſte
zurückgewieſen wird. Stadtv. Schäfer möchte doch
bitten, nicht in dieſer ſcharfen Weiſe hier Vorwürfe zu er=
heben
, die doch nicht berechtigt ſind. Er hoffe, daß die
ſcharfe Auseinanderſetzung kein ſchlechtes Omen für das
neue Geſchäftsjahr bedeuten möge. Nach weiterer kurzer
Auseinanderſetzung ſchließt die Beſprechung.
Ausſchußwahl.
Es folgt die Wahl eines Ausſchuſſes zur Vor=
lage
von Vorſchlägen für die Neuwahl der
Deputationen und Ausſchüſſe. Stadtv.
Dr. Noellner macht folgenden Vorſchlag: Stadt=
verordnete
Sames, Saeng, Dr. Kolb Henrich,
Kahn Bormet, Link, L. Lautz, Wittmann,
Dr. Noellner Dr. Oſann, Markwort,
Aßmuth. Stadtv. Dr. Bender hat eine Wieder=
wahl
abgelehnt.
Stadtv. Lindt beantragt, dieſer Ausſchuß ſolle auch
einen Ausſchuß wählen, der die neue Geſchäftsordnung
zu beraten hat. Doch wird der Antrag nach kurzer Be=
ratung
zurückgezogen. Der Vorſchlag Dr. Noell=
ners
wird dann einſtimmig angenommen.
Es folgt der
Bericht des Oberbürgermeiſters über den Stand der
Gemeindeangelegenheiten.
Der Bericht erwähnt zunächſt die mehrfachen Per=
ſonalveränderungen
, über die wir im einzelnen jeweils be=
richtet
haben. Ueber die
Verwaltungstäſigkeit im allgemeinen
und die allgemeine Finanzlage
führt der Bericht folgendes aus:
Das Jahr 1913 war für die finanziellen Verhältniſſe
der Stadt von beſonderer Bedeutung. Für die Ein=
ſchätzung
der Erträgniſſe der Einnahmequellen war von
vornherein mit dem Beginn neuer veränderter Verhält=
niſſe
zu rechnen. Die Wirkungen des neuen Gemeinde=
umlagengeſetzes
das am 1. April 1913 in Kraft getreten
iſt, waren in Betracht zu ziehen; die Vertragsgemeinſchaf
mit der Heſſiſchen Eiſenbahn=Aktiengeſellſchaft erforderte
beſondere Vorſicht in der Veranſchlagung der Einnahmen
aus den Betrieben, und ſchließlich war erſtmals mit den
neuen Einnahmen aus der Warenhaus= und Filialſteuer,
der Billettſteuer und der Erhöhung der Kanalbenutzungs=
gebühren
zu rechnen. Dazu kam die Belaſtung, die durch
die Erhöhung der Gehalte der Beamten und Lehrer und
der Löhne der Arbeiter, ſowie durch die Aufnahme eines
neuen Anlehens bedingt waren. Der verhältnismäßig
günſtige Abſchluß des Jahres 1912 die vorgeſehene
Entnahme aus dem Ausgleichsfonds iſt trotz der Be=
laſtung
durch die Erhöhung der Beamten= uſw. Gehalte
nicht erforderlich geworden läßt aber vielleicht erhoffen,
daß das finanzielle Ergebnis des Jahres 1913 nicht ſo
ungünſtig ſein wird, wie angeſichts der geſpannten Ver=
hältniſſe
angenommen werden mußte.
Was die Feſtſtellung der Gemeindeſteuern für
das Jahr 1913 anlangt, ſo wurde, um den Steuerertrag
in der ſeitherigen Höhe zu erhalten, eine allgemeine Er=
höhung
alſo zu vermeiden, der Ausſchlagskoeffizient nach
Maßgabe der neuen Beſtimmungen des Gemeinde=
umlagengeſetzes
wie folgt feſtgeſetzt: 128,4 Pfennig auf
1 Mark ſtaatlicher Einkommenſteuer, 21,6 Pfennig auf 100
Mark ſteuerbares Vermögen. Der Ausſchlag ergab hier=
nach
für das Jahr 1913: 894940 Mark Grundſteuer,
391 274 Mark Gewerbeſteuer, 369914 Mark Kapitalſteuer,
2247307 Mark Einkommenſteuer und im ganzen
3903 435 Mark. Aus dem Ergebnis der Veranlagung
folgt im allgemeinen, daß das neue Gemeindeumlagen=
geſetz
für die Stadt Darmſtadt eine ſtärkere Belaſtung
des Grundvermögens und neben einer geringen Beſſer=
ſtellung
des Kapitalvermögens eine Entlaſtung des mitt=
leren
und kleinen Gewerbebetriebes gebracht hat. Bei
Beurteilung der Wirkungen des neuen Gemeindeumlagen=
geſetzes
muß berückſichtigt werden, daß die Grundlagen
der Beſteuerung ſich vollſtändia geändert haben und die
frühere Art der Grundbeſitz= und Gewerbebeſteuerung ver=
altet
und unzweckmäßig war. Trotzdem ſind einzelne Kla=
gen
aus den Kreiſen von Grundbeſitzern und Gewerbe=
treibenden
über große Härten des Geſetzes vorgebracht
worden, deren Berechtigung nicht von der Hand gewieſen
werden kann und die bereits der Regierung Veranlaſſung
zu Erhebungen gegeben haben. Auch die Stadtverwaltung
hat auf einen Antrag aus der Mitte der Stadtverordneten=
Verſammlung ſich bereit erklärt, mit den Verwaltungen
der anderen heſſiſchen Städte an der Hand von amtlichem
Material die Wirkung der neuen Steuergeſetze und etwa
geplanter Geſetzesänderungen feſtzuſtellen und auf einem
demnächſt einzuberufenden Städtetag hierzu Stellung zu
nehmen.
Die erſtmalige Veranlagung der auf Grund des Ge=
meindeumlagengeſetzes
vom 1. April 1913 ab eingeführ=
ten
Filial= und Warenhausſteuer ergab für die
in Betracht kommenden Gewerbebetriebe (3 Warenhäuſer
und etwa 30 Filialgeſchäfte) die Summe von rund 38 500
Mark. gegenüber 30000 Mark im Voranſchlag.
Ein beſonders günſtiges Ergebnis hatte die mit dem
gleichen Zeitpunkt eingeführte Billettſſteuter. Die
bis Ende des Jahres erfallene Einnahme beträgt rund
24000 bis 25000 Mark, wobei zu beachten iſt, daß die
Veranſtaltungen, die der Steuerpflicht unterliegen, in der
nächſten Zeit durch den Karneval beſonders zahlreich ſein
werden. Die auf 20000 Mark geſchätzte Einnahme wird
daher bis zu Ende des Rechnungsjahres noch eine be=
trächtliche
Steigerung erfahren.
Von dem zu Beginn des Jahres feſtgeſtellten An=
lehensbedarf
von 8 Millionen Mark iſt, wie be=
kannt
. nur ein Teil von 4 Millionen Mark alsbald be=
geben
worden, der für den Beitraa der Stadt zu den

Koſten der Bahnhofsverlegung von 2,7 Millionen Mark,
ſowie für die Koſten der Krankenhauserweiterung und
der neuen Friedhofsanlage erforderlich war und in dieſer
Höhe bereits früher die Genehmigung der Regierung ge=
funden
hatte. Aus dem Geſchäftsbereich der Hauplver=
waltung
iſt von Intereſſe, daß infolge des Ablebens von
Beamten im Laufe des Jahres Gelegenheit zu einer Neu=
einteilung
der Sekretariate gegeben war, die in der Weiſe
erfolgt iſt, daß an Stelle der bisher vorhandenen fünf
nur drei Sekretariate unter der Leitung je eines Ober=
ſekretärs
gebildet wurden, nämlich das Sekretariat der
allgemeinen Verwaltung, das Finanzſekretariat und das
Sekretariat für Bauweſen und Betriebe. Die Zahl der
Oberſekretärſtellen iſt dementſprechend reduziert worden.
Eine weitere Vereinfachung des Oktroiverwaltungsappa=
rats
iſt dadurch erreicht worden, daß die Oktroierhebſtellen
am Dornheimer Weg und an der Stadtallee künftig durch
Aufſeher verſehen werden. Die Anordnung bedeutet gleich=
zeitig
eine Verminderung der bisherigen hohen Verwal=
tungskoſten
. Der Mangel einer beſonderen Deputation
für die Behandlung der Markt= und Meßangelegenheiten
hat ſich früher des öfteren ſtörend bemerkbar gemacht
Dieſer Mangel iſt nunmehr dadurch beſeitigt worden, daß
der Verkehrsausſchuß ermächt’gt wurde, hinſichtlich der
Marktangelegenheiten die Funktionen einer Deputation
auszuüben.
Von der in Artikel 132 der Städteordnung erteilten
Ermächtigung, in beſtimmte Deputationen Frauen als
ſtimmberechtigte Mitglieder zu wählen, iſt
erſtmals für die Deputation für das Armen= und Für=
ſorgeweſen
Gebrauch gemacht und dieſe Deputation durch
Zuwahl von zwei Frauen ergänzt worden. Dieſe Ein=
richtung
hat ſich bisher beſtens bewährt.
Am 16. Mai ſind nach längeren Verhandlungen die
Verträge mit der Militärverwaltung zum Abſchluß gekom=
men
, durch die die Stadt das Gelände des Hopfengartens
und des ſtädtiſchen Waldes an der Weſtſeite des Exerzier=
platzes
gegen Gelände dieſes Platzes längs der Allee aus=
getauſcht
und die Verpflichtung übernommen hat, auf dem
Mittelſtück des Hopfengartens eine Kaſerne für ein
Bataillon Infanterie zu erbauen und an die
Militärverwaltung zu vermieten, unter Zuſicherung des
Ankaufsrechtes zum Buchwert und der unentgeltlichen
Uebereignung an den Reichsfiskus nach erfolgter Amorti=
ſation
. Die beiderſeitige Geländeübergabe hat nach er=
folgter
Beſtätigung der Verträge durch das Kriegsminiſte=
rium
inzwiſchen ſtattgefunden. Auf dem öſtlichen Teil des
Hopfengartengeländes wird zurzeit eine Kaſerne für zwei
Kompagnien Infanterie erbaut. Mit dem vorgeſehenen
Kaſernenbau durch die Stadt wird im neuen Jahre be=
gonnen
werden.
Auf einem Teil des in den Beſitz der Stadt überge=
gangenen
Exerzierplatzgeländes längs der Allee, den die
Stadt inzwiſchen weiter veräußert hat, iſt mit den Bau=
arbeiten
für einen Neubau der Landwirtſchaftskammer
bereits begonnen worden.
Kurze Zeit nach obigem Vertragsabſchluß war die
Stadt abermals in die Lage verſetzt, der Militärverwalt=
ung
Entgegenkommen zu beweiſen, nachdem durch die
neue Wehrvorlage unſere Stadt als Station für die
Militärluftſchiffahrt und Standort für
eine Luftſchifferkompagnie beſtimmt worden
war. Die Anforderungen, die in dieſer Hinſicht an die
Stadtverwaltung geſtellt wurden, ſind nach eingehenden
Verhandlungen auf die unentgeltliche Hergabe des für die
Kaſernenbauten beanſpruchten Grund und Bodens be=
ſchränkt
worden. Die Stadtverwaltung hatte ſich zur Ge=
ländeſtellung
unter der Vorausſetzung bereit erklärt, daß
die Kaſernenbauten auf Darmſtädter Gebiet errichtet wür=
den
. Anfänglich beſtand nämlich die Abſicht, die Kaſernen
in unmittelbarer Nähe des als Militärluftſchiffhafen in
Ausſicht genommenen Weiterſtädter Exerzierplatzes auf
Weiterſtädter Gemarkung zu erbauen. Dieſem Verlangen
der Stadtverwaltung wurde durch die Wahl des ange=
botenen
Standortes in der Nähe des neuen Hauptbahn=
hofes
entſprochen. War das Opfer auch hoch, das die
Stadtverwaltung gebracht hat, ſo ſtand doch von vorn=
herein
feſt, daß die Neuanlagen von großer Bedeutung
und geeignet ſind, eine wirtſchaftliche Förderung der
Stadt Darmſtadt herbeizuführen. Die Stadtverwaltung
hat bei dem Abſchluſſe des Vertrages an die Militärver=
waltung
das Erſuchen gerichtet, bei allen in Betracht kom=
menden
Arbeitsvergebungen auf den einheimiſchen Ge=
werbeſtand
Rückſicht zu nehmen. Das Gelände iſt der
Militärverwaltung inzwiſchen übereignet und zum Teil
bereits abgeholzt worden. Die Wegeherſtellungsarbeiten
ſind in der Ausführung begriffen; auch liegen die Pläne
für die Kaſernenbauten der Baupolizei vor, ſo daß mit
dem Bau in aller Kürze begonnen werden kann.
Im Laufe des Jahres iſt die unter Mitwirkung der
Stadtverwaltung von dem Generalſekretär des Vereins für
Kommunalwirtſchaft und Kommunalpolitik herausge=
gebene
Monographie der Stadt Darmſt adt,
als einer der erſten Bände des Sammelwerkes Mono=
graphien
deutſcher Städte erſchienen. Das Buch, das einen
Umfang von 220 Seiten hat, und mit zahlreichen Abbil=
dungen
geſchmückt iſt, gibt ein anſchauliches Bild von dem
Stand unſeres Gemeinweſens und dem wiſſenſchaftlichen
und künſtleriſchen Leben unſerer Stadt. Es hat bei ſeinem
Erſcheinen eine ſehr günſtige Beurteilung erfahren und iſt
ſicher ein ſehr geeignetes Werbemittel, um die Kenntnis
von den Annehmlichkeiten und Vorzügen unſerer Stadt in
weitere Kreiſe zu tragen. Von dem Buche iſt eine größere
Anzahl von Exemplaren beſchafft worden, die bei Kon=
greſſen
und ähnlichen Veranſtaltungen von beſonderer Be=
deutung
an auswärtige Teilnehmer abgegeben werden
ſollen.
Der Bericht wird mit lebhaftem Bravo aufgenom=
men
. Stadtv. Schäfer: Dem Lob, das der Ober=
bürgermeiſter
der ſtädtiſchen Bauverwaltung ge=
ſpendet
hat könne man ſich durchaus anſchließen. Doch
ſei es vielleicht nicht richtig, daß dieſe Tätigkeit nicht auch
hier, ſondern nur auswärts anerkannt worden ſei. Er,
Redner, habe wiederholt gerne Gelegenheit genommen,
dem Hochbauamt Dank und Anerkennung und Lob aus=
zuſprechen
, beſonders auch Herrn Stadtbaurat Buxbaum.
Der Oberbürgermeiſter ſtimmt dem zu. Seine Feſt=
ſtellungen
betrafen nicht die Stadtverordneten, ſondern die
Oeffentlichkeit, die ſich ſo ſelten zu einem Lob aufſchwingt,
daß man in dem Schweigen der Kritik die höchſte An=
erkennung
zu finden ſich gewöhnt habe. Hingegen haben
Kapazitäten auf baulichem Gebiete, wie der Berliner
Stadtbaumeiſter, der verſtorbene Meſſel ꝛc. der Stadt=
bauverwaltung
öfters höchſtes Lob geſpendet.
Stadtr. Kahn als Aelteſter der Stadtverordneten=
Verſammlung ſpricht dem Herrn Oberbürgermeiſter für
ſeinen Vortrag den verbindlichſten Dank aus,
ebenſo den übrigen Herren der Stadtverwaltung. (Bravo!)
Stadtv. L. Lautz vermißt in dem Bericht etwas über
die Grube Meſſel. Stadtv. Lehr wollte das
gleiche fragen. Der Oberbürgermeiſter dankt für das
Lob und dehnt es auf ſeine Kollegen und die Stadtver=
ordneten
=Verſammlung aus. Was die Grube Meſſel be=
trifft
, ſo möchte er der Hoffnung Ausdruck geben, daß es

ihr gut gehen möge. Man habe jedenfalls Anlaß, dem
Herrn Spiegel zu vertrauen, der ein Gutachten für die
nächſte Zeit in Ausſicht geſtellt hat.
Stadtv. Saeng freut ſich, dem Herrn Oberbürger=
meiſter
nun auch ein Kompliment machen zu können. Er
ſchließt ſich dem Dank an.
Dienſtbotenverſicherung.
Stadtv. Dr. Noellner fragt an, ob der Oberbür=
germeiſter
Auskunft geben kann über den Stand und die
Handhabung der Dienſtbotenverſicherung, über die in der
Stadt vielfach Unkenntnis herrſche. Oberbürgermeiſter
Dr. Gläſſing teilt mit, daß formell der Antrag bei
der Regierung geſtellt iſt, eine Kaſſe zu errichten, um ſich
auch nach dieſer Richtung zu ſichern. Die Angelegenheit
liegt noch beim Oberverſicherungsamt, das noch Entſchei=
dung
zu treffen habe. Der ſeinerzeit gefaßte Beſchluß,
die Dienſtboten der Ortskrankenkaſſe zu überweiſen, beſteht
roch zu Recht, da die Ortskrankenkaſſe ſich mit allen Be=
dingungen
einverſtanden erklärt habe. Von der Ent=
ſcheidung
des Oberverſicherungsamtes wird das weitere
abhängen. Stad’v. Dr Noellner weiſt nochmals auf
die Notwendigkeit der Klärung der Angelegenheit hin.
Auch Stadtv. Sames hält eine orientierende Veröffent=
lichung
für notwendig. Der Oberbürgermeiſter ſagt die
Veröfſentlichung einer entſprechenden Notiz zu. Es ſpre=
chen
noch zu der Angelegenheit Stadtv. Dr. Kolb, der
Oberbürgermeiſter, Stadtvv. Dr. Vaubel, Dr. Noell=
ner
, Dr. Fulda, Sames.
Ein Wandermuſeum
Beig. Jäger: Die in der internationalen Baufach=
ausſtellung
in Leipzig in einer beſonderen wiſſenſchaft=
lichen
Abteilung ausgeſtellt geweſenen Gegenſtände über
Städtebau, Siedelungs= und Wohnweſen wurden nach
Schluß der Leipziger Ausſtellung in einem Wander=
muſeum
vereinigt, um in dieſer Form in einer größeren
Anzahl deutſcher Städte zur Schau geſtellt zu werden.
Die Stadtverwaltung hat ſich auf Anfrage ſeinerzeit bereit
erklärt, die Ausſtellung aufzunehmen. Die hierfür von
der Stadt aufzubringenden Koſten betragen, wenn die
Ausſtellung auf 14 Tage in dem Ausſtellungsgebäude
untergebracht wird, rund 3000 Mark. Die Verwaltung
eantragt die Bewilligung eines Kredits in dieſer Höhe
unter der Vorausſetzung, daß ſich der Staat mit einer
angemeſſenen Summe beteiligt
Stadtv. Schäfer hält es für notwendig, die Aus=
ſtellung
aufzunehmen und nach Kräften zu fördern. Er
bittet, den Antrag ohne weiteres anzunehmen. Stadtv.
Gretzſchel ſchließt ſich dem an. Da die Ausſtellung
ruch noch anderen Städten der Umgebung angeboten iſt,
empfiehlt es ſich, ſchnellſtens zuſtimmenden Beſchluß zu
faſſen. Stadtv. v. Heſſert iſt entgegengeſetzter Mei=
nunng
, zumal für die kurze Zeit die Aufwendungen doch
hoch ſeien und die Oeffentlichkeit wenig Intereſſe an der
Ausſtellung habe. (Widerſpruch.) Der Oberbür=
germeiſter
meint, man müſſe eine längere Dauer der
Ausſtellung anſtreben. Entgehen laſſen dürfe ſich Darm=
ſtadt
die Ausſtellung nicht. Stadtv. Dr. Noellner iſt
ebenfalls für eine längere Dauer der Ausſtellung.
Stadtv. Sames tritt auch für die Ausſtellung ein.
Stadtv. Delp ſtellt feſt, daß auch die Arbeiterſchaft ein
großes Intereſſe an der Ausſtellung hat. Er bittet um
Zuſtimmung und eventuell ebenfalls um längere Dauer
der Ausſtellung. Nach weiteren Ausführungen des
Stadtv. Wolff und des Oberbürgermeiſters wird be=
ſchloſſen
, den Betrag unter der Vorausſetzung zu be=
willigen
, daß die Ausſtellung vier Wochen nach Darm=
ſtadt
kommt. Damit iſt die Tagesordnung erledigte

Gerichtszeitung.

Prozeß gegen den Oberſten v. Reuter.
(Vierter Verhandlungstag.)
* Straßburg (Elſaß), 8. Jan. Auf dem Platze
or dem Gerichtsgebäude herrſcht Ruhe, und nur wenige
Paſſanten kreuzen die Straße. Als erſter Zeuge ſagt heute
Major Ude u. a. aus, daß nach ſeiner Anſchauung die
Polizei in Zabern ſehr minderwertig ſei, und daß ſie auch
ſonſt nur eingeſchritten ſei, wenn es nötig geweſen iſt.
Zeuge, der außerhalb der Stadt wohnt, hörte von ſeinem
Friſeur am Morgen des 1. November, daß es geſtern in
der Stadt ſehr luſtig geweſen ſei, ſo eine Art Gaudi, wie
m Karneval, und die Polizei ſei feſt verhöhnt worden.
Man habe aber allgemein die Anſicht gehabt, daß alles auf=
gehört
hätte, ſobald die Polizei bezw die Gendarmerie
heimgegangen wäre. Dieſen ſeinen Bericht beſtätigt Zeuge
Friſeur Anſtatt. Gendarmeriewachtmeiſter Schmitt=
weiß
von Steinwürfen zu berichten, von deren einem er
ſelbſt getroffen worden ſei. Ein Polizeidiener habe einen
Steinwurf gegen den Kopf über die Schuppenkette des
Helms erhalten. Die Menge an dem kritiſchen Montage
ſchätzt Gendarmeriewachtmeiſter Schmitt auf 800 bis 1000
Perſonen, meiſtens junge Leute, viele neugierige Frauen
und Kinder. Auf Befragen erklärt Zeuge, daß das Kom=
mando
über Polizei und Gendarmerie der alte Polizei=
wachtmeiſter
Mutſchler gehabt habe.
Die nächſten Zeugen, mehrere Gendarmeriewacht=
meiſter
aus Zabern, berichten nur Bekanntes aus jenen
bewegten Tagen. Einer, Gendarmeriewachtmeiſter Stei=
ner
, erklärt ausdrücklich, daß ihm das Auftreten der pro=
menierenden
Offiziere nicht provozierend vorgekommen
ſei. Kreisdirektor Mahl ſei immer auf der Straße ge=
weſen
. Einer der Beiſitzeroffiziere fragte den Zeugen, ob
die Gendarmerie und Polizei nach ſeiner Anſicht wohl in
der Lage geweſen ſeien, die Offiziere vor Beſchimpfungen
und Anrempelungen zu ſchützen. Der Zeuge bejaht dies
bedingt; ja, wenn wir ſolche Fälle geſehen hätten, und ſo
weit wir in der Lage dazu waren. Gendarmeriewacht=
meiſter
Dörin g beſtätigt auf Befragen, daß die Gen=
darmerie
mit der Maſſe nicht hätte fertig werden können.
Leutnant Tigör erklärt hierzu, daß ihm ein Gendarm
auf dem Schloßplatz ſagte: Wir können hier nichts machen;
ich glaube, es iſt das beſte, wenn man Militär requiriert.
Hauptmann Köppen erklärt, wie er mit anderen Offi=
zieren
gegen 7 Uhr abends im Karpfen geſeſſen ſei, haben
man auf dem Platze lebhaftes Gehen und Geſchrei gehört;
dann ſei ein Trommelwirbel erfolgt, und da ſeien ſie nach
der Kaſerne gegangen. Hauptmann Velte: Die Bevöl= in Zabern hielt es, wie ich jetzt weiß, ſchon für pro=
vozierend
, wenn die Leutnants die Hand am Degengriff
hielten. Zeuge ſagt noch aus, die Gendarmen in Zabern
hätten auf ihn einen geradezu unerklärlichen Eindruck ge=
macht
. Major Rabe von den 99ern hat auf Befragen
eines Gendarmen die Antwort erhalten: Die Straßen
werden deshalb nicht geräumt, weil Kreisdirektor und
Bürgermeiſter die Weiſung gegeben hätten, es dürfe nicht
ſcharf vorgegangen werden. Als der Zeuge einem Feuer=
wehrchargierten
zurief, er möge doch endlich zu ſpritzen
beginnen, damit die Schreier den Rücken kehren, habe
dieſer erwidert: Glauben Sie denn, daß wir gegen unſere
Mitbürger kämpfen? Die Polizei in Zabern erſchien dem
Zeugen ungenügend. In den Aufläufen ſei ein gewiſſes

[ ][  ][ ]

Nummer 9.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 9. Januar 1914.

Seite 7.

Syſtem geweſen, wobei die Kinder in den Vordergrund
gedrängt wurden. Leutnant von Forſtner ſagt aus,
er habe gehört, wie Major Rabe von einem Gendarmen
die Antwort erhielt: Wir dürfen nicht energiſch eingreifen,
der Kreisdirektor hat es verboten. Gendarmeriehaupt=
mann
Schotte erklärt, der Oberwachtmeiſter habe einen
ſehr eingeſchüchterten Eindruck gemacht. Den Befehl über
die Gendarmerie führe immer der Oberwachtmetſter, nie
ein Polizeiwachtmeiſter. Von der Tätigkeit der Polizei in
Zabern hätten die Gendarmen eine ſehr geringe Achtung
gehabt. Kreisdirektor Mahl erklärte: Ich hatte den
Oberbefehl ſelbſt übernommen. Die Gendarmen waren
gern bereit, ſich den Anordnungen des dienſtälteſten Poli=
zeiwachtmeiſters
unterzuordnen. Als zur Zeugenver=
eidigung
geſchritten wird, teilt Gendarmeriewachtmeiſter
Schmitt II. mit, daß ſie die Gendarmen im Auftrage
der Ortspolizei gehandelt hätten. Es folgt die Vereidig=
ung
der Zeugen, Offiziere und Gendarmen, ſowie des Fri=
ſeurs
Anſtätt. Die Gendarmen verſichern wiederholt, daß
ſie vom Kreisdirektor in keiner Weiſe beeinflußt ſeien.
Gendarmeriewachtmeiſter Schmitt II. erklärt noch aus=
rdrücklich
, die Polizei hätte nicht ausgereicht. Nach Ver=
leſung
der verſchiedenen Artikel im Zaberner Anzeiger vom
November wird um halb 12 Uhr die Beweisauf=
mahme
geſchloſſen.
Nach einer kurzen Pauſe nimmt der Kriegsgerichtsrat
Oſſiander das Wort zur Begründung der An=
klage
und führt aus: Seit zwei Monaten iſt Zabern
aktuell geworden und ſeit fünf Wochen wurden über die
dortigen Vorfälle widerſprechende Meldungen und An=
ſichten
verbreitet. Feſtgeſtellt iſt, daß am 8. November eine
brüllende Menge vor dem Karpfen ſtand. Oberſt von
Reuter holte den Leutnant von Forſtner heraus. Typiſch
iſt nun die Ausſage der Zeugin, daß der Oberſt gekommen
ſei wie ein Engel vom Himmel. Sicherheitsbeamte
waren nicht da. Der Oberſt richtete eine Anſprache an die
Menge, die aber vom Volk ganz anders aufgefaßt wurde,
als ſie gemeint war. Es wurden vielfach Schimpfworte,
wie Schwob gerufen. Auch ein Beitrag zur Harmloſig=
keit
und Friedfertigkeit der Bevölkerung! fügt der An=
klagevertreter
hinzu. Bezeichnend ſei die Ausſage der Zeu=
gin
Görke bezüglich der Vorfälle am folgenden Sonntag.
Die ſprach von einer Horde‟ Das werde ihr unauslöſch=
lich
ſein; ſie habe es nicht für möglich gehalten, daß auf
deutſchem Boden deutſche Offiziere in dieſer Weiſe be=
läſtigt
und angegriffen werden könnten. Es beſteht alſo
die Tatſache, daß ohne jeden Grund auf der Straße zwei
Offiziere Leutnant von Forſtner und Sanitätsoffizier
Wogt von einer großen ſchreienden Menge in gröblich=
ifter
Weiſe beläſtigt und mit etwa 20 Steinen beworfen
rvurden. Der Aufzug ſetzte ſich abends auf der Straße
Fort. Nachmittags ſah es aus, wie am Karneval. Man
amüſierte ſich auf Koſten des Leutnants von Forſtner.
Während Janus am Tage ſein heiteres Geſicht trug, trug
er mit dem Einbruch der Dunkelheit ſein ernſtes Geſicht zur
Schau. Der Anklagevertreter ſchildert in eingehender
Weiſe die Vorgänge an den folgenden Tagen. Es erhebt
ſich nun die Frage, ob die Maßnahmen des Kreisdirektors
genügten, oder nicht. Ich möchte die Frage bejahen unter
der Vorausſetzung, daß eine Kontrolle über die Polzei
ausgeübt wurde, ob ſie auch ihre Pflicht und Schuldig=
eit
in vollem Maße erfüllte. Der Anklagevertreter kommt
des weiteren auf die Haltung des Zaberner Anzeigers zu
ſprechen. Er ſei überzeugt, daß Redakteur Wiebecke einen
großen Teil der moraliſchen Schuld für die Vorkomm=
niſſe
in Zabern trage. Er ſei gleichſam der Regiſſeur der
Verhetzung geweſen. Als der Oberſt, der am 12. Nov.
beurlaubt worden war, am 17. November die Führung des
Regiments wieder übernahm, hätten die hetzeriſchen
Artikel wieder eingeſetzt. Der Pöbel machte ſich erneut
bemerkbar. Ich ſagte mit Abſicht Pöbel weil ich die
gute Zaberner Bevölkerung nicht für fähig halte, ſich an
derartigen Demonſtrationen zu beteiligen. Es waren
kalbwüchſige Burſchen, die Freude am Spektakel hatten.
Zisher war von ſeiten der Offiziere nichts geſchehen, um
ſich der Schmähungen zu erwehren. Man muß ſich aber
fragen: Hatte denn die Bevölkerung ein Recht, ſich über
vie Offiziere in der Weiſe auszulaſſen? Waren die Offi=
ziere
vogelfrei? Weder durch die Polizei, noch von der
Gendarmerie wurden ſie beſchützt. Aus allem, was wir
ſhörten, ſchließe ich, daß Syſtem in der Handlungsweiſe
der Unruheſtifter war. War nun das Einſchreiten des
Militärs berechtigt? Hat dieſe Hauptverhandlung dar=
über
Klarheit geſchaffen? Dieſe Frage habe ich heute dem
Gericht vorzulegen.
Der Anklagevertreter kommt zu dem Schluß: Nachdem
die Polizei verſagt hatte, war Oberſt v. Reuter
der vollen Ueberzeugung, daß ihm Pflicht und Ehre ge=
bieten
, die angegriffene Ehre und das geſchädigte An=
ſehen
der Offiziere wieder herzuſtellen. Er hielt ſich für
berechtigt, am 28. November an die Stelle der ausſtän=
digen
Zivilgewalt zu treten. Damit fällt das Be=
pußtſein
der Rechtswidrigkeit. Es galt
eben taſächlich, den unwürdigen Zuſtänden ein Ende zu
bereiten. Daß Mißgriffe in der Ausübung des Befehls
vorgekommen ſind iſt angeſichts der Situation begreiflich.
Die Annahme, daß ſich Oberſt v. Reuter die Exekutiv=
gewalt
angemaßt habe läßt ſich nicht aufrecht=
erhalten
und er beantrage daher, in dieſem Punkt die
Freiſprechung. Anders ſtehe es mit der Anklage
wegen Freiheitsberaubung. Hier beantrage er
ſieben Tage Gefängnis. Der Angeklagte durfte
die Ziviliſten nicht länger zurückhalten, nachdem ihm Re=
lgierungsamtmann
Großmann auf das Beſtimmteſte ver=
ſichert
hatte daß er weiterhin mit allen ihm zu Gebote
ſtehenden Mitteln für die Aufrechterhaltung der Ordnung
ſorgen werde. Der Oberſt hatte infolgedeſſen nicht
Amehr die Gewalt in Händen. Gegen Leutnant
Schadt beantragte der Anklagevertreter drei Tage
Gefängnis weil er es für erwieſen hält, daß Leut=
nant
Schadt dem Zeugen Kornmann auf die Backe ge=
ſchlagen
habe. Von der Anklage der Freiheits=
beraubung
und des Hausfrie densbruchs
ſei Leutnant Schadt freizuſprechen.
Rechtsanwalt Groſſert führt in längerer Rede
aus, daß Oberſt v. Reuter ſchweres Unrecht geſchehen ſei.
Man müſſe lebhaft beklagen, daß der Zaberner Angelegen=
heit
eine politiſche Note gewaltſam aufgedrängt worden
ſei und im Reichstag niemand Mannes genug
geweſen wäre mit dem Reichskanzler zu ſagen:
Wartet ab es ſteht Ausſage gegen Ausſage, die Ge=
richte
werden die volle Aufklärung bringen. Die Mahn=
rufe
des Reichskanzlers und des Kriegsminiſters verhall=
ten
in dem Wutgeſchrei der Parteien. Was in Zabern
vorgekommen, das ſei nicht von den guten Elementen aus=
gegangen
, ſondern von Leuten, die Unfrieden ſchaffen
wollten und nur ihr eigenes Intereſſe im Auge hatten.
Man wird jetzt aufatmen und jeder anſtändige Elſäſſer wird
ſſich ſagen, daß es nur infolge der infamen Aufbauſchung
lund Entſtellung des wahren Sachverhalts, geſtützt auf die
AArtikel des Zaberner Anzeigers, ſo weit kommen konnte.
Es war ein Schimpf für Zabern, daß am hellen Tage
lauf öffentlicher Straße Offiziere der deutſchen Armee in

der unerhörteſten Weiſe beleidigt und beläſtigt worden
ſind. Im Elſaß ſei man ſo etwas nicht gewöhnt. Am
28. November hätten Volksaufläufe ſtattgefunden.
Der Verteidiger beſpricht hierauf auf Grund der
einſchlägigen geſetzlichen Beſtimmungen und militäriſchen
Dienſtvorſchriften den Standpunkt, daß Oberſt v. Reuter
auch objektiv zu ſeinen Maßnahmen berechtigt war. Die
Verhafteten habe er zum Zweck der Feſtſtellung zurück=
halten
müſſen. Oberſt v. Reuter ſei nicht der Soldat, der
ſich auf das Bürgertum geſtürzt hat, ſondern der in ehr=
licher
Ueberzeugung beſtrebt war, die Ordnung wieder
herzuſtellen, die in unverantwortlicher Weiſe geſtört wor=
den
war. Die Perſon des Oberſten v. Reuter ſei in jeder
Beziehung einwandfrei, wenn auch das Verhältnis zwi=
ſchen
ihm und dem Kreisdirektor nicht war, wie es ſein
ſollte. Der Oberſt ſei ein Mann, vor dem man Achtung
haben müſſe. Man dürfe einen verdienten Offizier, der
ſeit 35 Jahren ſeine Pflicht tadellos erfüllt habe, nicht ins
Gefängnis ſchicken, weil er das Anſehen der deutſchen
Armee wahrte. Der Verteidiger beantragt volle
Freiſprechung des Oberſten von Reuter. Nach
kurzer Berührung des Falles Kornmann dieſer Zeuge
hatte behauptet, von Leutnant Schadt geſchlagen
worden zu ſein und einen Backenzahn verloren zu haben
äußerte der Verteidiger den Vorfall habe niemand ge=
ſehen
und Behauptung ſtehe gegen Behauptung. Der
Verteidiger kommt daher zu dem Schluß, auch der Ange=
klagte
Schadt, der in ſtrenger Pflichterfüllung gehandelt
habe und dem weder Borſätzlichkeit noch Fahrläſſigkeit
beizumeſſen ſei, ſei freizuſprechen. Redner iſt über=
zeugt
, daß die ſogenannte öffentliche Meinung nach dem
Ergebnis des Prozeſſes umſchwenken werde.
In ſeinem Schlußwort tritt der angeklagte
Oberſt dafür ein, daß bei dem, was vorgekommen, nur
ihn, nicht ſeine Offiziere, Unteroffiziere und Mannſchaften
die volle Verantwortlichkeit treffe. Auch heute noch habe
er den Eindruck, daß er gezwungen geweſen ſei, ſo
zu handeln, wie er es tat, und daß er genau nach den Vor=
ſchriften
gehandelt habe und in bitterer Notwendigkeit.
Auch menſchlich gerecht ſei ſein Handeln geweſen; denn
hätte er die Leute aus dem Keller an jenem Abend noch
freigegeben, ſo wären Ruheſtörungen und vielleicht Blut=
vergießen
ſicher geweſen und das ſei ſo verhütet worden.
So habe er in jeder Hinſicht ſeine Pflicht und Schuldig=
keit
getan. Leutnant Schadt betont noch einmal,
daß er getan habe, was er für recht hielt und für not=
wendig
, um die Ruhe herzuſtellen.
Die Verkündigung des Urteils wird
ausgeſetzt, weil die Prüfung ſchwieriger Rechts=
fragen
Zeit beanſprucht; ſie wird am kommenden Sams=
tag
vormittags zehn Uhr erfolgen.
Kurz nach zwei Uhr ſchloß nach dreieinhalbtägiger
Dauer die Verhandlung. Vor dem Gerichtsgebäude hatten
ſich zahlreiche Gruppen Neugieriger angeſammelt, zu
ruheſtörenden Auftritten iſt es aber nicht gekommen.
* Berlin, 7. Jan. Die Mitteilung des Oberſten
v. Reuter in dem zurzeit vor dem Kriegsgericht in
Straßburg gegen ihn ſchwebenden Prozeß daß ihm die
Poſt zwar Hunderte von offenen Schmähkarten pünktlich
beſtellt, dagegen Zuſchriften, die Zuſtimmungen enthielten,
zurückgehalten habe, hat, wie aus Kreiſen der Poſtver=
waltung
verlautet, Anlaß zu einer eingehenden Unter=
ſuchung
gegeben. Dieſe iſt noch nicht abgeſchloſſen; aber
es heißt, daß nach dem, was bisher ſchon ermittelt worden
iſt, tatſächlich mit der Möglichkeit gerechnet werden muß,
daß die in Zabern herrſchende Stimmung zu Pflichtver=
letzungen
geführt hat, die im deutſchen Poſtdienſte für un=
erhört
gelten. Es iſt ſelbſtverſtändlich, daß über das
Reſultat der abgeſchloſſenen Unterſuchung eine öffentliche
amtliche Mitteilung erfolgen muß. (Frankf. Ztg.).

Zabern.

* Straßburg, 8. Jan. In der dritten Plenarſitz=
ung
der Zweiten Kammer richtete vor Eintritt in
die Tagesordnung der Abg. Böhle (Soz.) an die Re=
gierung
die Anfrage, ob es richtig ſei, daß geſtern eine
Schwadron Hufaren in Zabern zum Ein=
greifen
bereitgehalten worden ſei. Unterſtaats=
ſekretär
Mandel bemerkt, daß während der Kriegsge=
richtsverhandlung
im Einverſtändnis mit der Zivil= und
Militärbehörde eine Schwadron Huſaren bereitgehalten
worden ſei, um ſie auf Erſuchen der Zivilverwaltung un=
verzüglich
eingreifen zu laſſen. Die Regierung erhoffe aber
von dem geſunden Sinn der Bevölkerung, daß ein Ein=
greifen
nicht nötig werden würde.
* Straßburg, 8. Jan. Von zuſtändiger Seite wird
dem W. T.=B. geſchrieben: Hieſige Blätter brachten die
Nachricht, Oberkriegsgerichtsrat Dr. Medikus
habe geäußert, am Donnerstag werde Oberſt von
Reuter freigeſprochen und am Samstag werde
ich von Forſtner freiſprechen. Selbſt wenn das Dr.
Medikus geſprochen habe, habe dies für die Kriegsgerichts=
verhandlung
nichts zu ſagen, denn Oberkriegsgerichtsrat
Dr. Medikus hat weder mit der Verhandlung
gegen den Oberſten von Reuter etwas zu tun, noch
wird er in der Verhandlung vor dem Oberkriegsgericht
gegen von Forſtner irgendwie befaßt werden.

Eröffnung des preußiſchen Landtags.

* Berlin, 8. Jan. Der preußiſche Landtag wurde
heute mit folgender, vom Miniſterpräſidenten v. Beth=
mann
Hollweg verleſenen Thronrede eröffnet:
Die Staatsfinanzen befinden ſich auf dem Wege
völliger Geſundung. Das Etatsjahr 1912 ergab einen
Ueberſchuß von 29 Millionen, zu dem noch eine Rücklage
von 173. Millionen für den Ausgleichsfonds der Eiſen=
bahnverwaltung
hinzutritt. Der Staatshaushalt für das
laufende Jahr, in deſſen Voranſchlag zum erſtenmal wie=
der
die Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht ſtan=
den
, läßt gleichfalls befriedigende Ergebniſſe erwarten.
Neuerdings wurde zwar, dem Gange des Wirtſchafts=
lebens
folgend, ein Nachlaſſen in der Entwicklung der
Staatsertragniſſe bemerkbar. Der Haushalt iſt aber der=
art
gekräftigt, daß auch im Voranſchlag für 1914 die Aus=
gaben
in den Einnahmen volle Deckung finden und für
den Eiſenbahnausgleichsfonds noch eine an=
gemeſſene
Rücklage vorgeſehen werden kann. Dabei iſt der
Fonds für außerordentliche Ausgaben ſo reichlich ausge=
ſtattet
, daß eine erwünſchte Stärkung des In=
duſtriemarktes
und des Arbeitsmarktes durch
Staatsaufträge ermöglicht iſt.
Dem Vorgehen des Reiches entſprechend, konnten
etatsmäßige Mittel für die Aufbeſſerung der Be=
ſoldung
einzelner Beamtengruppen bereit=
geſtellt
werden. Es wird Ihnen deshalb ein Geſetzent=
wurf
zugehen, der für den geringer beſoldeten Teil der
Unterbeamten, ſowie für die Aſſiſtenten und die mit dieſer
Beſoldungsklaſſe zuſammenhängenden Beamtengruppen
Gehaltserhöhungen vorſieht. Für die Erweiterung und
beſſere Ausrüſtung des Staatseiſenbahnnetzes, ſowie für

den Bau von Kleinbahnen wird auch diesmal eine um=
fangreiche
Vorlage unterbreitet. Die wirtſchaftliche Ent=
wicklung
und die ſie begleitenden Verſchiebungen der Be=
völkerung
führten vielfach zu unbefriedigenden Zuſtänden
in den Wohn= und Unterkunftsverhältniſſen der minder=
bemittelten
Schichten. Durch den Ihnen zugehenden Ent=
wurf
eines Wohnungsgeſetzes ſollen die geſetzlichen
Grundlagen für eine nachhaltige Verbeſſerung der Zu=
ſtände
geſchaffen werden. Die Jugendpflege hat ſich
auch in dieſem Jahre erfreulich entwickelt. Zu ihrer wei=
teren
Förderung wurden die im Kultusetat eingeſtellten
Mittel nicht unerheblich erhöht.
Auf dem Gebiete der Verwaltungsreform
wird der Entwurf einer umfaſſenden Novelle zum Landes=
verwaltungsgeſetz
zur Beſchlußfaſſung gelangen, die u. a.
auch die Verbeſſerung des Abgabenweſens der Gemein=
den
und weiteren Kommunalverbände bezweckt. Im An=
ſchluß
daran erſcheint noch ein Geſetzentwurf über die
Feſtſtellung der Zuſtändigkeit beim Volks= und
Privatſchulweſen. Der im Vorjahr nicht zur Ver=
abſchiedung
gelangte Entwurf eines Ausgrabungs=
geſetzes
wird wiederum vorgelegt werden. Ferner ſoll
eine Neuordnung des Rechtes der Familienfidei=
kommiſſe
vorgenommen werden. Schließlich wird dem
Landtag der Entwurf eines Grundteilungsgeſetzes beſchäf=
tigen
, um der unwirtſchaftlichen Zerſchlagung ländlicher
Grundſtücke entgegenzutreten, andererſeits aber die Tei=
lung
ſolcher Grundſtücke zur Förderung der inneren
Koloniſation zu erleichtern. Mit einem Ausblick auf den
geſicherten Weltfrieden und die dadurch geſchaffene
Gewähr nutzbringender Arbeit ſchließt die Thronrede.
* Berlin, 8. Jan. Auf Vorſchlag des Herzogs
v. Trachenberg wurde das bisherige Präſidium
des Herrenhauſes: v. Wedel=Piesdorf als Präſi=
dent
, Exzellenz v. Becker als Erſter, und Freiherr v. Lands=
berg
als Zweiter Vizepräſident durch Zuruf wieder=
gewählt
.
* Berlin, 8. Jan. Das dem Landtage vor=
gelegte
Wohnungsgeſetz ſtellt in dem Artikel 1, Bau=
gelände
, Normen für die Verwendung des Baugeländes
in bewohnten Orten gemäß den verſchiedenen Wohnbe=
dürfniſſen
und dem Bedarf an Freiflächen auf und regelt
die Befugniſſe der zuſtändigen Behörden. Artikel 2 ( Bau=
polizeiliche
Vorſchriften) neht Bauordnungen vor, die
die vauliche und induſtrielle Bodenausnützung, ſowie die
Herſtellung von Straßen in verſchiedenen Gemeinden und
Gemeindeteilen unterſchiedlich regeln und Einfluß auf das
architektoniſche Bild der Straßenfronten nehmen. Artikel 3,
Benutzung der Gebäude, ſchreibt den Erlaß von Woh=
nungsordnungen
für alle Orte mit mehr als 10000 Ein=
wohnern
vor, welche die Benutzung von Gebäuden zum
Wohnen, Schlafen, die bauliche Inſtandhaltung, die Be=
legungszahl
der Wohn= und Schlafräume, die Trennung
der Haushaltungen, die Beſchaffenheit der Schlafräume
für Dienſtboten, Gewerbegehilfen, das Chambregarniſten=
und Schlafgängerweſen und die Beſchaffenheit von Ar=
beiterunterkünften
regeln. Nach Artikel 4, Wohnungs=
aufſicht
, müſſen für die Großſtädte und können für kleinere
Gemeinden, auch für mehrere gemeinſam, Wohnungsämter
errichtet werden, denen auf Anordnung des Regierungs=
präſidenten
auch die Nachweiſung kleinerer Wohnungen
zu übertragen iſt. Ferner wird hier die Wohnungsauf=
ſicht
geordnet. Die Schlußbeſtimmungen nehmen die
Schlöſſer des Königs und der Kgl. Familie, öffentliche
Gebäude und ſtaatlich beaufſichtigte Anſtalten von dem
Geſetze aus, dem eine umfangreiche Begründung bei=
gegeben
iſt.

Vom Balkan.

Der Handſtreich von Valona.
* Valona, 7. Jan. Geſtern abend traf der Dampfer
Meran von Konſtantinopel mit 200 Soldaten
und ſechs türkiſchen Offizieren ein, welche beabſichtigten,
nachts zu landen und die Bevölkerung aufzu=
wiegeln
, um Izzet Paſcha zum Fürſten von
Albanien zu proklamieren. Die proviſoriſche Regie=
rung
ließ ſofort im Einverſtändnis mit der Kontrollkom=
miſſion
und den holländiſchen Gendexmerie=Offizieren die
Türken feſtnehmen. Das Ereignis rief einen tiefen Ein=
druck
hervor.
* Rom, 7. Jan. Die Tribuna meldet aus Valona:
Nachdem die Regierung den Belagerungszuſtand
verhängt hat, hat ſie ein Kriegsgericht unter Leitung der
holländiſchen Offiziere eingerichtet. Die holländiſchen
Offiziere haben im Einverſtändnis mit der Regierung die
Bevölkerung zu einer ſofortigen Auslieferung der Waffen
gezwungen. Bei den türkiſchen Offizieren, die verhaftet
wurden, als ſie von dem Dampfer Meran an Land
gingen, wurden bedeutende Summen Geldes gefunden.
* Rom, 8. Jan. Der Handſtreich von Valona
hat die offiziellen Kreiſe nicht überraſcht. Man wußte
von dem Plan und hatte die internationale Kommiſſion
angewieſen, Gegenmaßregeln zu treffen. Ueberraſcht war
man jedoch, daß der Verdacht gegen Ismael Kemal, mit
Izzet unter einer Decke zu ſtecken, falſch geweſen iſt. Prinz
Wilhelm zu Wied dürfte infolge des Handſtreiches ſeine
Thronbeſteigung beſchleunigen. Die in Bari angekom=
mene
albaneſiſche Huldigungsdeputation begibt ſich über
Rom direkt nach Neuwied.
* Konſtantinopel, 7. Jan. Die Generaldirek=
tion
der Preſſe im Miniſterium des Aeußern veröffent=
licht
folgendes Communiqué: Die Veröffentlichungen,
denen man ſeit einigen Tagen in der Preſſe begegnet, wo=
nach
der geweſene Kriegsminiſter Izzet Paſcha an=
geblich
in Beziehungen zu gewiſſen politiſchen Bewegun=
gen
in Albanien ſtände, ſind vollſtändig unbegründet und
erfunden.
* Wien, 7. Jan. Der Konſtantinopeler Korreſpon=
dent
der Neuen Freien Preſſe befragte den früheren
Kriegsminiſter Izzet Paſcha über die Nachricht von
ſeiner Proklamation in Durazzo. Der General
erwiderte wörtlich: Davon weiß ich gar nichts. Sie
können melden, daß ich der Sache gänzlich fernſtehe.
Ich habe ein amtliches Dementi betreffs meiner Perſon
bereits veranlaßt. Ich beſitze wohl Güter in dem jetzt
griechiſchen Südalbanien und Verwandte und Freunde in
Nordalbanien. Mit Eſſad Paſcha, namentlich ſeit ſeinen
Heldentaten in Skutari, ſtehe ich in freundſchaftlichem
Briefwechſel. Ich habe aber keinen politiſchen Ehrgeis,
ſondern will nur nach zehn Dienſtjahren ausruhen und
Europa beſuchen.
* Rom. 8. Jan. Der Präſident der proviſoriſchen
Regierung Albaniens, Ismail Kemal, telegraphierte
der Agenzia Stephani: Valona Wollen Sie, bitte, ſo
energiſch wie möglich jede Beziehung zwiſchen
mir und Izzet Paſcha dementieren Ich ar=
beitete
und arbeite für die Proklamation des von den
Großmächten auserſehenen europä ſchen Fürſten, ohne
den weder die Unabhängigkeit noch das Schickſal Alba=
niens
geſichert werden kann.

[ ][  ][ ]

Seite 8.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 9. Januar 1914.

Nummer 9.

* Konſtantinopel, 8. Jan. Faſt alle Mili=
tärattachés
im Auslande ſind abberufen worden
und werden durch neue erſetzt werden. Es bleiben nur
Blaque Paſcha in Wien und Chemel Bey in Berlin.
* Rom, 8. Jan. Die Tribung ſchreibt: Die Ant=
wort
des Dreibundes in der Frage der Aegäiſchen
Inſeln ſtehe nahe bevor, werde aber weder heute noch
morgen, vielleicht auch noch nicht übermorgen überreicht
werden können. Zwiſchen den Mächten des Dreibundes
herrſcht über die wichtigſten Punkte vollſtändiges Ein=
vernehmen
. Es bleibt nur noch feſtzuſetzen, wem Lem=
nos
und Samothoka zuerkannt werden ſolle.

Zur Lage in Mexiko.

* Mexiko (City), 7. Jan. Alles in Mexiko vor=
handene
Papiergeld wurde heute zwangsweiſe
in Umlauf geſetzt nach Erlaß einer Verfügung
Huertas, wodurch die Noten aller Staatsbanken als ge=
ſetzliches
Zahlungsmittel bezeichnet werden und die An=
nahme
für alle Zahlungen obligatoriſch gemacht wird.
Die Einlöſung dieſer Noten ſoll ſichergeſtellt werden durch
Fonds, die von den Ausgabebanken aufgebracht werden.
Zur Regulierung dieſer Fonds wurde eine Kommiſſion
eingeſetzt.
* Mexiko, 8. Jan. Der Erlaß Huertas übet
die Banknoten hat die Lage noch nicht gebeſſert.
Der Geldmangel in den von der Zentralregierung kon=
trollierten
Städten veranlaßt zahlreiche bedeutende Ban=
ken
, die Frage in Erwägung zu ziehen, ihre Geſchäfte zu
ſchließen. Einige Banken haben Papiergeld ausgegeben,
das auch angenommen wurde. Der Geſchäftsträger der
Union=Staaten begab ſich auf Aufforderung des Sonder=
geſandten
Lind nach Veracruz. Der katholiſche Erz=
biſchof
und andere kirchliche Würdenträger richteten an die
Umgebung Huertas die Bitte, bei dieſem alle für den
Frieden notwendigen Zugeſtändniſſe durchzuſetzen. Höhere
Militärs und andere Perſonen verſuchen Huerta von der
Notwendigkeit ſeines Rücktritts zu überzeugen.

Der Eiſenbahnerausſtand in Südafrika.

* Johannesburg, 7. Jan. Der bevorſtehende
Eiſenbahnerſtreik durch welchen die Zufuhr von
Kohlen zu den Elektrizitätswerken und Goldminen un=
möglich
gemacht würde, rief hier ſchwere Beſorg=
niſſe
hervor, da man befürchtet, daß die Minen ge=
zwungen
werden, die Arbeit einzuſtellen.
* Johannesburg, 7. Jan.Die Eiſenbahnver=
waltung
hat beſchloſſen, im Falle des Streikes einen
eingeſchränkten Bahnverkehr aufrecht zu er=
halten
. Die Banken haben das für den Export beſtimmte
ungemünzte Gold heute per Bahn abgeſchickt, anſtatt mor=
gen
. Der Streik iſt jetzt auf morgen 7 Uhr feſtgeſetzt. Nach
Nachrichten, welche die Führer der Eiſenbahner erhalten
hahen, werden ſowohl die Angeſtellten der verſchiedenen
Eiſenbahnwerkſtätten wie auch das Fahrdienſtperſonal
in den Streik treten. 300 Eiſenbahnangeſtellte aller Grade
in Braamfontein haben ſich für einen ſofortigen Streik
entſchieden.
* Kimberley, 7. Jan. Eine Abſtimmung der
organiſierten und nichtorganiſierten Arbeiter ergab 58
Stimmen gegen und 41 für den Streik.
* Kapſtadt, 7. Jan. Eine Maſſenverſammlung von
Eiſenbahnangeſtellten und Hafenarbeitern hat beſchloſſen,
über die Frage eines Streikes noch nicht abzu=
ſtimmen
, ſondern die Lage erſt in einer neuen Ver=
ſammlung
zu beſprechen. Die allgemeine Stimmung war
gegen einen Streik. Das hieſige Lokomotivperſonal hat
einſtimmig eine Reſolution angenommen, ſich an keiner,
ſaufgefordert werden. Im Laufe des Abends wurde be=
teiligen
.
* Pretoria, 7. Jan. Die Behörden erließen
heute nachmittag einen Aufruf, in dem die Bürger zur
Bildung freiwilliger Schutzmansſchaften
aufgefordert werden. Im Laufe des abends wurde be=
reits
eine große Zahl Freiwilliger vereidigt. Wie der
Korreſpondent des Reuterſchen Bureaus erfährt, ver=
ſprachen
die Mitglieder der Gewerkſchaftsverbände, den
Generalſtreik zu erklären, falls bis Samstag keine Eini=
gung
erzielt iſt.
* Pretoria, 7. Jan. Die Bürgerwehr wurde
für heute nacht zuſammengerufen. 400 Schützen der berit=
tenen
Polizei werden die Eiſenbahnſtation von Mitter=
nacht
an bewachen.
* Pretoria, 7. Jan. Der Sekretär des
Eiſenbahnarbeiterverbandes beſuchte heute
nachmittag verſchiedene Mitglieder des Gewerkſchaftsver=
bandes
, die verſprachen, um der gewerkſchaftlichen Sache
Willen nichts anzurühren, was nach 7 Uhr morgen früh
durch die Eiſenbahnzüge nach den Minen befördert würde,
ſeien es Kohlen oder Nahrungsmittel.
* Durban, 7. Jan. Die Arbeiter in den Eiſen=
bahnwerkſtätten
haben beſchloſſen, auf ein gegebengs
Signal hin ſofort mit dem Streik zu be=
ginnen
.
* Pretoria, 8. Jan. Die Angeſtellten der
Eiſenbahnwerkſtätten begaben ſich heute nicht
zur Arbeit. Die Polizei bewachte den Bahnhof und die
Werkſtätten und ſchützte die Zugangeſtellten, von denen
keiner fehlte. Der Eiſenbahnverkehr iſt normal.
* Johannesburg, 8. Jan. Das Verhalten
der Ausſtändigen iſt ruhig. Die Angeſtellten von
Braamfontein, die geſtern den Streik beſchloſſen hatten,
erſchienen zur Arbeit erklären aber, die Arbeit nieder=
legen
zu wollen, ſobald ſie dazu die Anweiſung von Pre=
toria
erhalten.

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Berlin, 8. Jan. Der Kronprinz hat geſtern dem
Reichskanzler einen längeren Beſuch abgeſtattet.
* Berlin, 8. Jan. Der Bundesrat ſtimmte der
Vorlage betreffend Prägung von Denk=

münzen anläßlich der Silberhochzeit des
Herzogspaares von Anhalt zu. Er vollzog
hierauf die Wahl von Beiſitzern der Berufungskommiſ=
ſion
für das Ordnungsſtrafverfahren wegen verbotener
Börſentermingeſchäfte in Getreide und nahm den Entwurf
des Beſoldungs= und Penſionsetat für die höheren Be=
amten
der Reichsverſicherungsanſtalt für Angeſtellte auf
das Geſchäftsjahr 1914 an, ferner die Vorlage betreffend
die von den privaten Verſicherungsunternehmungen zu
erhebenden Gebühren für 1913 und die Berechnung der
nach dem Reichshaushaltetats 1914 zur Deckung der Ge=
ſamtausgabe
des ordentlichen Etats aufzubringenden
Matrikularbeiträge.
* München. 8. Jan. In der heutigen Verhand=
lung
des Landtags kam bei der Beratung des
Militäretats der ſozialdemokratiſche Abgeordnete Schmitt
auf die Zaberner Angelegenheit zu ſprechen,
wobei er gegen das Verhalten des deutſchen Kronprinzen
und des preußiſchen Kriegsminiſters ſcharfe Ausfälle
richtete.
* Karlsruhe, 8. Jan. Die von der Badiſchen Warte
aus der Süddeutſchen Korreſpondenz übernommene Nach=
richt
, Staatsminiſter Freiherr v. Duſch ſei amtsmüde
und der Miniſter des Innern v. Bodman ſei als ſein
Nachfolger auserſehen, iſt, wie von maßgebender Stelle
erklärt wird, unbegründet
* Konſtanz, 8. Jan. In der heutigen Stadtrats=
ſitzung
gab der Oberbürgermeiſter Dr. Weber
die Erklärung ab, daß er wegen ſeines leidenden Geſund=
heitszuſtandes
gezwungen ſei, ſein Amt niederzu=
legen
und am 1. März in den Ruheſtand zu treten be=
abſichtige

* Rom, 8. Jan. Die Tribuna glaubt zu wiſſen, daß
der Miniſter des Aeußern di San Giuliano in den
erſten Apriltagen nach Wien reiſen werde.
** Rom, 8. Jan. Als in der Ortſchaft Paliano,
wo es unter der bäuerlichen Bevölkerung gärt, eine
Gruppe Bauern vor den Fenſtern eines gewiſſen Andree
Tucci Demonſtrationen veranſtaltete, ſchoß Tucci auf die
Menſchenmenge und tötete ein junges Mädchen
und verletzte 30 Perſonen.
* Paris, 8. Jan. Einer offiziöſen Meldung zufolge,
wird in Paris eine aus franzöſiſchen, deutſchen, engliſchen
und ſpaniſchen Ingenieuren beſtehende Kommiſſion
zuſammentreten, um die von dem Oberingenieur der
Generalreſidentſchaft in Rabat Porché ausgearbeiteten
Pläne betreffend den Hafen von Tanger zu prüfen.
Die Kommiſſion wird auch über die Vergebung des Baues
Beſchluß faſſen.
* Waſhington, 8. Jan. Der Generalſtabschef Wood
riet dem Militärkomitee dess Repräſentan=
tenhauſes
, indem er ausdrücklich betonte, daß ſeine
Anſicht nicht durch die Lage in Mexiko beeinflußt
werde die ſechs Millionen Dollars für Feldartillerie und
Munition zwiſchen der regulären Armee und den Milizen
zu teilen. Er erklärte, wenn die Truppen im gegenwär=
tigen
Zuſtande ohne Kanonen und Munition ins Feld ge=
ſchickt
würden, bedeute dies eine vollſtändige Niederlage.
Er fügte hinzu, das Kriegsamt halte in einem Kriegsfalle
mit einer Macht erſten Ranges eine Armee von 500000
Mann für nötig, um Ausſicht auf Erfolg zu haben. Im
Invaſionsfalle müßte dieſe Anzahl ſofort zur Verfügung
ſtehen, damit man eine genügende mobile Streitmacht bil=
den
könne.

Die Kommiſſion für die Rüſtungslieferungen.
* Berlin, 8. Jan. In der heutigen Sitzung der
Kommiſſion zur Prüfung der Rüſtungs=
lieferungen
waren ſämtliche Mitglieder und zahl=
reiche
Mitglieder der betreffenden Reſſorts vertreten. Der
Vorſitzende, Staatsſekretär Dr. Delbrück, gab eine län=
gere
Darlegung. Daran ſchloß ſich eine Diskuſſion. Die
Beratungen werden morgen fortgeſetzt.

Zum Ausgleich in Böhmen.
* Wien, 8. Jan. Miniſterpräſident Graf Stürgkh
richtete an die Vorſtände der Parteien Böhmens Ein=
ladungen
zu einleitenden Beſprechungen
über die Ausgleichsfrage. Bei den Beſprech=
ungen
, die am 20. Januar ſtattfinden werden, wird den
Parteivertretern von der Regierung eine Ausarbeitung
des Entwurfs vorgelegt werden, die als Baſis für die
weiteren Verhandlungen beſtimmt iſt.
(Schluß des redaktionellen Teils.)

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
während der Krankheit und bei dem Hinſcheiden
meines lieben, guten Gatten, unſeres Vaters,
Sohnes, Bruders, Schwiegerſohnes, Schwagers
und Onkels
Herrn Carl Ueker
Eiſenbahn=Aſſiſtent
ſagen wir Allen, insbeſondere Herrn Pfarrer Marx
für die troſtreichen Worte, dem Trompeterkorps
des Großh. Heſſ. Train=Bataillons Nr. 18, den
Stations= und Telegraphenbeamten des Haupt=
bahnhofs
Darmſtadt, dem Verein mittlerer Staats=
eiſenbahn
=Beamten, ſowie für die überaus zahl=
reichen
Blumenſpenden auf dieſem Wege unſeren
(1432
innigſten Dank.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen:
J. d. N.:
Christine Ueker, geb. Hallstein.

Unterfertigte erfüllt hiermit die traurige
Pflicht, ihre lb. A. H. A. H. und A. M. A. M.
von dem am 19. Dezember 1913 in Raſtatt i. B.
erfolgten Ableben ihres lieben A. H. (1412
Herrn

aktiv W. S. 97/98 W. S. 98/99
geziemend in Kenntnis zu ſetzen.
Die A. T.V. Alemannia‟
J. A.:
Rich. Halbach X.
Darmſtadt, am 9. Januar 1914.

Statt jeder beſonderen Nachricht.
Wir machen hierdurch die traurige Mit=
teilung
, daß unſer lieber Vater, Schwieger=
vater
und Großvater
(1411
Georg FriedrichBraun
heute vormittag im 87. Lebensjahre ſanft
entſchlafen iſt.
Darmſtadt, den 8. Januar 1914.
Lilli Braun,
Familie Vonderheit.
Die Beerdigung erfolgt in der Stille.
Blumenſpenden ſind nicht im Sinne des Ver=
ſtorbenen
.

Todes=Anzeige.
(Statt jeder beſonderen Anzeige.)
Heute früh 8 Uhr entſchlief ſanft nach
kurzem, ſchwerem Leiden im 36. Lebensjahre
meine innigſtgeliebte Gattin, die liebe Mutter,
Schweſter, Schwägerin und Tante
(*654
Frau
Margarethe Frank
geb. Spengler.
Darmſtadt, den 8. Januar 1914.
Die trauernden Hinterbliebenen:
Anton Frank,
Kunſt= und Handelsgärtner.
Die Beerdigung findet Samstag, den 10. Jan.,
vom Sterbehaus Pankratiusſtr. 49 aus, ſtatt.

Tageskalender.

Großh. Hoftheater Anfang 7½ Uhr, Ende gegen
10½ Uhr (Ab. D): Filmzauber
Vorſtellung um 8 Uhr im Orpheum.
Vortrag von Profeſſor Dr. Bulle um 8½ Uhr im
Kaiſerſaal (Vereinigung der Freunde des humaniſti=
ſchen
Gymnaſiums).
Verſteigerungskalender.
Samstag, 10. Januar.
Bauplatz=Verſteigerung des Ludwig Finger
(Rhönring) um 10 Uhr auf dem Ortsgericht I.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil: Max Streeſe; für den Inſeratenteil,
Inſeratbeilagen und Mitteilungen aus dem Geſchäfts=
leben
: Carl Sriedrich Romacker, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren.
Etwaige Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträg=
liche
werden nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte
werden nicht zurückgeſandt.

[ ][  ][ ]

Nummer 9.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 9. Januar 1914.

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Dame
mit violettem Kleid,
mit grünem Hut und weißer
Feder, die am 7. Januar
1914 im Café Ernſt= Lud=
wig
in Begleit. eines Herrn
und einer Dame war, wird,
wenn Annäherung geſtattet,
um Lebenszeichen unt. E. Z.
1000 Darmſtadt hauptpoſt=
lagernd
gebeten.
(*607

Entlaufen
am Mittwoch nachmittag
deutſcher, kurzhaar. Jagdhund,
hellbraun geſcheckt, ohne Hunde=
marke
. Vor Ankauf wird gewarnt.
Wiederbringer Belohnung.
Wilhelminenſtr. 59.
*657)

Große ſüße
Valencia-
Orangen
10 Stück . . 48 Pfg.
extra große ſüße
10 Stück 58 Pfg.
feinſte ſüße
Murcia-Orangen
10 Stück 68 Pfg.
Zitronen
ſper Stück von 4 Pfg. an
Friſche Sied=

Pfg.
10 Stück von 68 an
empfiehlt
Darmſtädter
Tiergroßhandel
Hath. Rosenstock
Ludwigſtr. 18, Filial. Karlſtr. 102,
Kaupſtr. 42, Landwehrſtr. 13
und
Nd.=Ramſtädterſtr. 53.
1425

20
12210

sowie alle modernen und hier üblichen Tänze lehrt einzelnen
Personen und Gesellschaften zu jeder beliebigen Zeit

Tanzlehrer Guttmann
Telephon 1679
Wendelstadtstr. 26.

(1067ifg

[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 9. Januar 1914.

Nummer 9.

SAISON-ASSVERRAUFF

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Freitag:
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Weiblich

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Damen= u. Kindergarderob., empf.
ſich für in u. außer dem Hauſe
Grafenſtr. 22, 1. St.
(*651

nimmt noch
Tücht. Schneiderin Kunden in
u. auß. dem Hauſe an, daſ. wird
Weißnäh u. Maſchinenſtopf. ange=
nomm
. Näh. Ruthsſtr. 19, I. (*5981g

perf. in ſein. Damen=
Schneiderll, u. Kindergarderobe,
nimmt noch Kundſch. an in u. auß.
d. H. Rhönring 123, III. (*381mf

Aelt. anſtänd. Fräulein ſucht
Stelle zu einzelnem Herrn als
Haushälterin. Offerten unter
W12 an die Expeditton. (*538df

Frau h. noch T. z. Waſch. u. Putz.
frei. Näh. Lauteſchlägerſtr. 48, II. (*18

Jg. ſaubere Frau ſucht morgens
2 Std. Laufſtelle Löffelgaſſe 23,
parterre, rechts.
(*591

Jg. Frau ſ. Aufwärtung nur m
nettem, angene)m. Haush. Näh.
Pallgswieſenſtr. 37, 3. St. (*652

Junge franz. Schweizerin
ſucht Stelle zu Kindern für 1.
Februar. Näheres Freundinnen=
büro
Wittmannſtr. 45. Sprechſtdn.
Montag und Donnerstag von 11
bis 12 Uhr.
(*645

Männiien

Ein Her, verhetralet, empiehlt
ſich zur Anfert. aller ſchriftl. Arb.,
Nachtragen von Büchern insbeſ.
Anfertigung jeglicher Geſuche an
alle Behörd. Ludwigſtr. 10 II. (*586
Zuverläſſiger, verh. Mann ſucht
anderweitig Sellung als Kafſter,
Lageriſt od. ſonſt Vertrauenspoſt.
Kaulion kann geſtellt werd. Off.
u. W45 an die Exp. (*642fi

Dunge, 16 J. alt, ſucht Stelle als
Hausburſche od. dergl. ſofort.
Näh. Arheilgerſtr. 75, Lad (*545df

n verh., ſucht Stell.
Jg. Mann als Haus= oder
Fahrburſche. Derſ. iſt im Fahren
bewand. Zeugn. vorh. Zu erſr. bei
A. Lohr, Fuhrmannſtr. 12, I., r. (*594

Junger Mann
militärfrei, ſucht Stelle als Haus=
od
. Fahrburſche ſofort od. ſpäter.
Gute Zeugn. vorhand. Off. u. W43
a. d. Exped. d. Bl. erbeten. (*625fs

gedienter Artilleriſt, im 2. Jahre
Majorsburſche, fleißig u. gewiſſen=
haft
, ſuch als Herrſchaftskutſter
dauernde Stellung. Da verheiratet,
kann Hausverwaltung mit über=
nommen
werden. Gefl. Offerten
unter W 53 an die Expedition
dieſes Blattes.
(6591s

Käffe
W.

zu Per 1. März 2m
ſuchen tüchtige
Verkäuferin
für unſere Putz=Abteilung.
Offert. mit Zeugnisabſchriften
u. Gehaltsanſprüchen erbitten
Cehr. Rolsehlt
Markt. (164a

Suche per 1. März a. C.
mehrere tüchtige (1391sms
Putzverkäuferinnen
und Putzlehrmädchen
Adolf Geiger.

Wir ſuchen per 15. Februar
eine tüchtige, ſelbſtändige
Verkäuferin
für unſere Putzabteilung. Offert.
nebſt Gehaltsanſprüchen, Zeugnis=Tüchtiges, gewandtes Daus=
Abſchriſten und Photographie er=
beten
an
(1374
Carl Schürmann & Co.

ge=
II. Putzarbeiterin ſucht.
Gg. Heckmann-Schmidt
Darmſtadt. (117 mdf

Wir ſuchen zum Eintritt per
1. Febr. einige tüchtige (1372
Putz-
arbeiterinnen

Garlseautrmanngte.

ſelbſtändige Arbeiterin, die auch
im Verkauf tätig ſein muß, zum
15. März geſucht. Offerten mit
Zeuanisalſchriften und Gehalts=
forderungen
unter W 41 an die
Expedition.

Wir ſuchen für unſer Mode=
warengeſchäft
per Oſtern einige
Lehrmädchen
gegen ſofortige ſteigende Ver=
(1373
gütung.
Carl Schürmann &Co.

Weien Erkrankung meines jetzigen
W Mädchens ſuche für ſofort ein
für die Haus=
Mädchen arbeit. (177a
L. Graßmann. Wilhelminenſtr. 6.

Wetblich
Köchin, die Hausarbeit ver=
richtet
, wird ab 1. Februar oder
früher geſucht. Nur ſolche mit
guten Zeugniſſen haben ſich zu
melden. Offerten unter W 44
(*620
an die Exped. d. Bl.

Jg. ſanb. Mädchen
das kochen kann, tagsüber
geſ. Kiesſtr. 66, II. (1077a

Rheinſtraße 3, 2. Etage.

Junges Mädchen tagsübert
geſucht Stiſtſtraße 52, part. (1275a Ein tücht. Hausmädchen
geſucht zu 2 Damen. Eintr. 1. Febr.
Nähen und Bügeln verlangt.
t
Zu erfr. in der Exp. (1329a! geſucht für vor= und
Lauffrau nachmittags
Grüner Weg 14, pt.
*519df) Unabh. Frau od. Mädch. tags=
über
geſ Viktoriaſtr. 69, I. (*608 h
Mädchen
zum Spülen und Putzen ſofort p
geſucht. 30 Mk. Gehalt. (*596F
Britannia=Hotel.n
Chriſtliches Dienſtmädchenlo
ſof. geſ. für alle Arbeit und zu
2 Kind. Wienersſtr. 52, II., I. (*597 Aushilfe tagsüber oder Lauf=
frau
auf ſofort geſucht Roßdörfer=a
ſtraße 76, III.
(1405fs Laufmädchen ſofort geſucht
Mathldenſtraße 17 (*67 Unabhängiges, ſauberes Lauf=
mädchen
oder Frau für 2 Stun=?
den vormittags geſucht Bismarck=
(*614
ſtraße 31, I. mädchen für ſofort oder 15. Jan.
geſucht. Gute Zeugniſſe Beding=
(*613fo
ung. Näheres
Wilhelmſtraße 18. Wbaſchfrau e
Läheres Exvedition. (*3291s Zum baldigen Eintr. ſauberes
ordtl. Dienſtmädch. geſ. Frau Postrat
Scherpo, Martinſtr. 70, I. (*583fs Zwölfähriges
ſauberes Mädchen 1.
für Nachmittags zu einem Kinde
geſucht. Näheres Eliſabethenſtr. 56,
(*585
Laden. Tüchtiges Mädchen bis nach
dem Spülen geſucht Riedlinger=
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ſtraße 29, II. Angenehme
Stelle! (1382
find. Witw. beſſeren Standes,
kinderlos, jedoch mit einfachem
Weſen evang., in den 40er Jahr.
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Langgaſſe 32. (*632 Braves Mädchen mit guten
Zeugniſſen, das koch. kann u.
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für vorm. 2 Std., nachm. 1 Std.
geſucht Mollerſtr. 34, III. (*639

S che Laufmädch. für vorm.
Zeughausſtr. 7, part. (14301ag

Lauffrau
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ig u. zuverläſſig, für morgens
nachmittags
(1424
Martinſtraße 52, I.

Mäanlieh

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Tüchtige
redegewandte Herren

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allr Vereuf
enthält ſtets
ze Vakanzen=
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Oe e ee
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ſucht b. Weinhdl. u. Brauer=
eien
ꝛc. eingef. Platzvertreter
f. Darmſtadt u. Umgeb. Off.
unt. F. T. M. 186 an Rudolf Mosse,
(I, 1383
Trankfurt a. M.

Mlaniger Schihnacher
35dtz.
Friedrichſtraße 13.

Güng. reinl. Hausburſche ſofort
geſ. (Kein Fortbildungsſchüler).
Roßdörferſtraße 40.
(*547df
ſichiger
Hausbursche
(Radfahrer) für unſer Delika=
teſſengeſchäft
geſucht Antritt
1. Februar. Koſt u. Wohnung
im Haus (301s
Oskar u. Ernst Matzelt
Hoſleſeranten
*Darmſtadt, Schulſtr. 4, Tel. 233.
Junger, ſauberer Hausburſche
Radfahrer) per ſofort geſucht
Hofmetzger Schneider
Holzſtraße 5. (*619

in
Junge Lehre geſucht.
J. Luckhaupt, Tapeziermſtr.,
Mühlſtraße 62. (*603

Hieſiges en gros Geſchäft ſucht
für Oſtern
(1401fsg
Lehrling.
Off. unt. W 33 an die Exped.

Ordentlicher Junge kann geg.
ſof. Vergütung die ſeinere Maß=
ſchuhmacherei
erlernen. Eintritt
ſofort ider auf Oſtern.
J. Lotz, Schuhmachermeiſter,
Saalbauſtr. 38. (1417fse

Junge, ſtrebſame Leute
ſuchen die Leitung einer Filiale
zu übernehmen (gleich welcher
Branche). Kaution kann geſtellt
werden. Off. unter V 33 an die
Exped. d. Bl. erbeten. (1968a
und Rar bei der Della=
Beihilſe ration z. Wehrsteuer
von erfahrenem Herrn. (*581
Näh. unt. W. St. 13 an Café,
Landgraf Georgſtr. 34, part.
Hektdr.
Ich ſuche für Verwandten ohne
deſſen Vorwiſſen ein tüchtiges,
einfaches, aber nicht ungebildetes
Fräulein. Er iſt Beamter in nettem
Städtchen, 39 Jahre alt, evange=
liſch
, ledig, 3400 (bis 4800) Mk. Ge=
halt
, ſchuldenfrei vermögend und
wird deshalb größeres Vermögen
gewünſcht. Offerten mit Angabe
der Familien= und genanen Ver=
mögensverhältniſſe
unter W 32
an die Exped ds. Bl. (*611
Diskretion Ehrenſache. Anonym
und poſtlagernd ganz zwecklos.

Mittlerer Beamter, 43 Jahre,
M vermögend, mit 3 erwachſen.
Kindern, ſucht die Bekanntſchaft
eines braven Mädchens, welches
kinderlieb u. ein ſorgenfr. gemütl
Heim ſucht, wenn auch ohne Verm.,
zwecks bald. Heirat. Offert. u.
W 42 an die Expedit. (*821

Jg. Mann, 25 J., mit ſicherem
Einkomm., jährl. 34000 Mk.,
ſucht ſich ſofort b. längſt. Anfang
Febr. m. Frl. od. Witwe, ev. mit
1 Kind, zu verheir. Annon. zweckl.
Off. u. W 7 a. d. Exped. (*506df

vermittelt ſtreng reil
Heiraten ohne Vorſpeſen. Off.
unter W 28 an die Exp. (*600

Kakaos- und Schokoladen-Niederlage.
Wir ſuchen zur Bedienung unſerer Privatkundſchaft und

Mtent. 3.
artir
Geſucht
möglichſt per ſofort
größere Lager= und Kellerräumlichkeiten
ev. mit Laden am Markt
oder unmittelbarer Nähe desſelben. Gefl. Offerten mit An=
gabe
der Laze, der Größe und des Preiſts erbeſen unter
G. 14047 an Haasenstein & Vogler, A.-G., Frank-
furt
a. M.
(II,1384

[ ][  ][ ]

Nummer 9.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 9. Januar 1914.

Seite 11.

Amtliche Nachrichten des Großh. Polizeiamts Darmſtadt.
Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde: In polizei=
licher
Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 1 Wolfshund. 1 ſchottiſcher Schäferhund (zugelaufen).
Die Hunde können von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier
ausgelöſt werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde
findet dortſelbſt jeden Werktag, vormittaas 10 Uhr, ſtatt.
(1392

Bekanntmachung.

Betreffend: Die Organiſation des Rettungsdienſtes in der Stadt
Darmſtadt.
Der allgemeine Rettungsdienſt (Hilfeleiſtung bei Unglücks=
fällen
) wird in der Stadt Darmſtadt von der ſtändigen Rettungs=
wache
der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz dahie
ausgeführt. Die Mitglieder dieſer Kolonne ſind im Rettungs= und
Krankenträgerdienſt ausgebildet und ſtehen zur Leiſtung der erſten
Hilfe bei Unglücksfällen zur Verfügung. Die ſtändige Rettungs=
wache
hat ihren Sitz in dem Hauſe Bismarckſtraße 28. In deſſen
Erdgeſchoß befindet ſich der vom Hauseingang zu erreichende Ver=
bandsraum
, das Krankentransport=Automobil und der mit Pferden
beſpannbare Krankenwagen; in dem 1. und 2. Obergeſchoß der Tages=
und Schlafraum der Wache, ſowie die Wohnung des Obmanns der
Rettungswache.
Der Rettungsdienſt iſt folgenderweiſe organiſiert:
I. Um bei plötzlichen Unglücksfällen die erſte Hilfeleiſtung
raſch zu ermöglichen, ſind an den nachſtehend aufgeführten 21 Stellen
der Stadt Räderbahren (R.=B.), Krankentragen (K.=T.) und Ver=
bandskäſten
(V.=K.), für das Publikum jederzeit zugänglich, auf=
geſtellt
:
1. Dienſtgebäude des Großh. Polizeiamts Hügelſtraße 31/33
(V.=K.)
2. Dienſträume des I. Polizeireviers (V.=K.)
3. Dienſträume des II. Polizeireviers (V.=K.)
4. Orpheum (V.=K.)
5. Alicehoſpital (K.=T.)
6. Oberwaldhaus (K.=T. und V.=K.)
7. Einſiedel (K.=T. und V.=K.)
8 III. Polizeirevier: Griesheimer Weg 28, Maſchinenfabrik
Göbel (K.=T.)
9. Ständige Rettungswache der Sanitätskolonne, Bismarck=
ſtraße
28 (3 R.=B.)
10. Landwehrſtraße 79: Zugführer der Sanitätskolonne Stier
(V.=K. und R.=B.)
11. Dienſträume des IV. Polizeireviers (V.=K.)
12. Karlſtraße 55: Kaufmann Chriſt (V.=K.)
13. Dienſträume des V. Polizeireviers (R.=B. und V.=K.)
14. Heidelberger Straße 72: Sanitätskolonnenmitglied Friſeur
Zeſchky (V.=K.)
15. Klappacherſtraße 90 (Oktroihaus) (K.=T.)
16. Ludwigshöhe: Reſtaurateur Wenz (K.=T. und V.=K.)
17. Dienſträume des VI. Polizeireviers (V.=K.)
18. Im Geißenſee 9: Lehrer Heinrich Schäfer (V.=K.)
19. Böllenfalltor, Elektriſche Wagenhalle (K.=T.)
20. Dienſträume des VII. Polizeireviers (V.=K.)
21. Arheilger Straße 43 (V.=K.)
Außerdem ſteht zur Beförderung der Krankentransport=
Kraftwagen und ein geſchloſſener mit Pferden beſpannbarer Kranken=
wagen
zur Verfügung.
II. Die Inanſpruchnahme der Hilfeleiſtung erfolgt entwede
durch Vermittlung der Polizeiwache, Hügelſtraße 31/33 (Telephon
Nr. 8 und 109) oder durch unmittelbaren Anruf der ſtändigen
Rettungswache (Telephon Nr. 1707). Beide Stellen können von
eder Fernſprechſtelle der Reichsfernſprechanlage, ſowie von jeder
Feuer= und Unfall=Meldeſtelle, die als ſolche durch Schilder und
Laternen gekennzeichnet iſt, zu jeder Tages= und Nachtzeit angerufen
erden. Die Bermittlung kann auch durch die einzelnen Polizei=
reviere
erfolgen, die an die Reichsfernſprechanlage angeſchloſſen ſind,
und zwar:
I. Polizeirevier: Tel. Nr. 2161,I V. Polizeirevier: Tel. Nr. 2165,
II
2162,
2166,
III.
2163, IVII.
2167.
IV
2164,
III. Bei Veranſtaltungen, mit denen eine größere Menſchen=
anſammlung
oder eine erhöhte Gefahr für die Teilnehmer ver=
bunden
iſt, werden zufolge polizeilicher Anordnung Sanitätsmann
ſchaften von der freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz
geſtellt, die mit den erforderlichen Hilfsmitteln ausgeſtattet ſind.
Insbeſondere ſind bei jeder Vorſtellung im Großh. Hoftheater
land im Orpheum zwei Krankenträger zur Verſehung des Rettungs=
dienſtes
anweſend. Bei jedem größeren Brand hat ſich eine Ab=
eilung
der Sanitätskolonne an der Brandſtelle einzufinden. Falls
Hilfeleiſtungen in außergewöhnlich großem Umfang notwendig werden
ſollten, ſind Alarmvorkehrungen getroffen, durch die die Heranziehung
der geſamten freiwilligen Sanitätskolonne in kürzeſter Zeit gewähr=
eiſtet
iſt.
(1009id
Darmſtadt, den 3. Januar 1914.
Großherzogliches Polizeiamt Darmſtadt.
Gennes.

Bekanntmachung.

Betreffend: Die Feuer= und Unfallmeldeſtellen.
Die zurzeit in der Stadt Darmſtadt vorhandenen Feuer= und
Unfallmeldeſtellen bringen wir hierdurch wiederholt zur öffentlichen
Kenntnis.
Die Meldeſtellen ſind ſämtlich mit der Haupt=Polizeiwache im
Polizeiamtsgebäude und der Feuerwehrwache durch eine beſondere
ſtädtiſche Fernſprechleitung verbunden und jederzeit, auch nachts
zugänglich. Sie ſind durch Schilder und während der Dunkelheit
durch Laternen mit grünen (bei Polizeiwachen blauen) Scheiben und
entſprechender Inſchrift kenntlich gemacht.
Das Polizeiamt kann außerdem von jeder Fernſprechſtelle der
Reichsfernſprechanlage jederzeit, auch nachts, angerufen werden
(Telephon Nr. 8 und 109), ebenſo die Feuerwehrwache in der Kirch=
ſtraße
(Telephon Nr. 1772) ſowie die einzelnen Polizeireviere (I. Revier:
Telephon Nr. 2161, II. Revier: Telephon Nr. 2162, III. Revier:
Telephon Nr. 2163, IV. Revier: Telephon Nr. 2164, V. Revier:
Telephon Nr. 2165, VI. Revier: Telephon, Nr. 2166, VII. Revier:
Telephon Nr. 2167). Um Verzögerungen zu vermeiden, empfiehlt
les ſich, Feuermeldungen direkt der Feuerwehrwache (Telephon
Nr. 1772) oder dem Polizeiamt (Telephon Nr. 8 und 109)
zu übermitteln.
Die Rettungswache der Freiwilligen Sanitätskolonne befindet
ſich in dem Hauſe Bismarckſtraße Nr. 28 (Telephon Nr. 1707).
Darmſtadt, den 3. Januar 1914.
(1010id
Großh. Polizeiamt Darmſtadt.
Gennes.
Feuer= und Unfallmeldeſtellen in der Stadt Darmſtadt:
Im I. Polizei=Revier:
1. Kirchſtraße 9 (Polizeiwache).
2. Alexanderſtraße 10 (Branddirektor Fiſcher).
3. Kirchſtraße 13 (Feuerwehrwache).
4. Obergaſſe 42 (Bäckermeiſter Heinrich Jäckel).
Im II. Polizei=Revier:
1. Alexanderſtraße 26 (Polizeiwache).
2. Dieburger Straße 104 (Oktroi=Erhebeſtelle).
3. Erbacher Straße 41 (Oktroi=Erhebeſtelle).
4. Kranichſteiner Straße 58 (Oktroi=Erhebeſtelle).
Im III. Polizei=Revier:
1. Lagerhausſtraße 5 (Polizeiwache).
2. Bleichſtraße 13 (Hofbäckermeiſter Mainzer).
3. Feldbergſtraße 71 (Bäckermeiſter Deuchert).
4. Griesheimer Weg 57 (Maſchinenfabrik Göbel).
5. Pallaswieſenſtraße 33 (Bäckermeiſter Sproß).

6. Pallaswieſenſtraße 121 (Kolonialwarenhdlg. von W. Deeg).
7. Rheinſtraße 55 (Oktroi=Erhebeſtelle).
8. Dornheimer Weg 31 (Gaſtwirt Miſchlich).
9. Dornheimer Weg 60 (Elektrizitätswerk).
Im IV. Polizei=Revier:
1. Hügelſtraße 31/33 (Polizeiamts=Wache).
2. Waldſtraße 21 (Polizeiwache).
3. Heidelbergerſtraße 17 (Oktroi=Erhebeſtelle).
4. Heinrichſtraße 42 (Kolonialwarenhandlung von Jean Chriſt).
5. Saalbauſtraße 29 (Kolonialwarenhandlung von Wilh. Beck).
6. Waldſtraße 17 (Lohnkutſcher Fiſcher).
Im V. Polizei=Revier:
1. Ludwigshöhſtraße 4 (Polizeiwache).
2. Heidelberger Straße 112 (Oktroi=Erhebeſtelle).
3. Karlſtraße 98 (Bäckermeiſter Hofmann).
4. Klappacherſtraße 90 (Oktroi=Erhebeſtelle).
5. Schießhausſtraße 64 (Kolonialwarenhandlung von Axt).
Im VI. Polizei=Revier:
1. Nieder=Ramſtädterſtraße 51 (Polizeiwache).
2. Hochſtraße 44 (Schuldienerwohnung der Viktoriaſchule).
3. Im Geißenſee 8 (Lehrer Wilhelm Grimm).
4. Soderſtraße 79 (Bäckermeiſter Heinrich Lepp).
Im VII. Polizei=Revier:
1. Schwanenſtraße 66 (Polizeiwache).
2. Arheilger Straße 43 (Städt. Faſelſtall).
3. Frankfurter Straße 59 (Oktroi=Erhebeſtelle).
4. Schloßgartenplatz 14 (Gendarmerie=Kaſerne).

Freiſtellen an den Mittelſchulen.

Geſuche um Freiſtellen an den Mittelſchulen für das Schul=
jahr
1914/15 ſind bis zum 15. Januar 1914 bei mir einzureichen.
Es wird darauf hingewieſen, daß Freiſtellen nur bis zu 5%
der Zahl der Schüler und Schülerinnen und nur in den vier oberſten
Klaſſen vergeben werden können. Vorausſetzung der Bewilligung
iſt die Bedürftigkeit der Eltern ſowie regelmäßiger Schulbeſuch,
Fleiß, Ordnungsliebe, Reinlichkeit und gutes Betragen des betreffen=
des
Kindes.
Die Vergebung der Freiſtellen erfolgt auf ein Jahr und in
ſtets widerruflicher Weiſe. Für die Kinder, die für das laufende
Schuljahr im Beſitze einer Freiſtelle ſind, muß ſonach um weitere
Verleihung nachgeſucht werden.
In den Geſuchen iſt außer dem Beruf und der Wohnung der
Eltern oder der Pflegeeltern noch die Schulgruppe, die das betreffende
Kind beſucht, anzugeben.
(246fof
Darmſtadt, den 29. Dezember 1913.
Der Oberbürgermeiſter
Dr. Gläſſing.

Stenographen-Vereinigung, Gabelsberger‟
Übungslokal: Luisenstr. 10, II. (Handelsschule Held & Schneider).
Lehrgang für Anfänger
unter bewährter Leitung Montag, den 12. Januar.

1415)

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Paul Kratzsch
staatl. geprüfter Lehrer der Stenographie.
Wittmannstrasse 31.

Garrenkanst

Auf Wunſch des Gartenbauvereins veranſtalten wir, anſchließend
an den Lichtbildervortrag des
Herrn Gartenarchitekten Hans Gerlach
über die Gartenkultur des 20. Jahrhunderts und ihre ſoziale Bedeutung
am Donnerstag, den 8. Januar 1914
im Kaiſerſaal (Grafenſtraße), abends 8 Uhr,
eine Gartenkunſt=Ausſtellung
und laden hiermit zum Beſuche dieſer Veranſtaltung ergebenſt ein.
Eintritt frei.
W. Cossmann Nachf.
Wirtz & Eicke, Gartenarchitekten,
Darmſtadt, Neckarſtraße 11.
(844a

Mein diesjähriger
Saison-
Ausverkauf
beginnt (*643
Samstag, 10. Dezember
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(*634
Näheres auf der Abbruchſtelle.

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für die Schwitzbäder 1½ Stunde
vor Ablauf der Badezeit.
Die Badeverwaltung.

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Freitag, 30. Januar I. Js.,
vormittags 10 Uhr,
ſoll die den Gaſtwirt Heinrich
Steinhaus Eheleuten dahier zuge=
ſchriebene
Liegenſchaft:
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17 25 1062 Hofreite Sand=
ſtraße
Nr. 40,
nebſt Wirt=
ſchafts
= In=
ventar
,
in unſerem Bureau zwangsweiſe
verſteigert werden. (K72/13
Falls andere rechtliche Hinder=
liſſe
nicht entgegenſtehen, wird Ge=
nehmigung
der Verſteigerung auch
dann erfolgen, wenn das eingelegte
Meiſtgebot die Schätzung nicht er=
eicht
.
Darmſtadt, 5. Januar 1914.
Großh. Ortsgericht Darmſtadt I.
Müller. (VIII, 1389

Bekanntmachung.

Freitag, 30. Januar I. Js.,
vormittags 10 Uhr,
ſoll die den Zimmermann Lud=
wig
Roßler Eheleuten dahier zu=
geſchriebene
Liegenſchaft:
Flur Nr. qm
I 427 212 Hofreite Kleine
Kaplaneigaſſe
Nr. 5,
in unſerem Bureau zwangsweiſe
erſteigert werden. (K63/13
Falls andere rechtliche Hinder=
niſſe
nicht entgegenſtehen, wird Ge=
nehmigung
der Verſteigerung auch
dann erfolgen, wenn das einge=
legte
Meiſtgebot die Schätzung
nicht erreicht.
Darmſtadt, 5. Januar 1914.
Großh. Ortsgericht Darmſtadt I.
Müller. (VIII.1388

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Samstag, 10. Januar 1914, abends 8 Uhr,
im Festsaale der Turngemeinde:
KONZERT

von

Franz von Vecsey (Violne)

unter Mitwirkung

(1429

von Professor Hermann Lafont (Klavier).
Programm: 1. Konzert in E-moll für Violine, op. 64 von
Felix Mendelsschn. 2. Chaconne für Violine allein aus der 4. Sonate
in D-moll von Johann Sebastian Bach. 3. Symphonie Espagnole
für Violine, op. 21 von Fduard Lalo. 4. Vier Stücke für Violine:
a) Adagio aus dem 11. Violin-Konzert von Ludwig Spohr, b) Valse
mignonne (zum erstenmale) von Paul Juon, c) Nocturne Des-dur von
Friedrich Chopin, d) Caprice (zum erstenmale) von Franz von Vecsey.
Der Schiedmayer-Konzertflügel ist aus dem Lager der Piano-
fortefabrik
von Karl Arnold (Mühlstraße 12).
Eintrittskarten für Nichtmitelieder: Sperrsitz im Saal zu
5 Mk., Saalkarten zu 3 Mk., Numerierter Balkon zu 3 Mk. und
Galerie zu 1.50 Mk.; Studentenkarten zu 1 Mk. und Schülerkarten
zu 50 Pfg. bei Heinrich Arnold, im Verkehrsbüro und abends
an der Kasse. Beitrittserklärungen für das am 1. Januar
begonnene neue Vereinsjahr, die noch vor dem obigen Konzerte
erfolgen, berechtigen zu dessen freiem Besuche. Der Jahres-
Der Vorstand.
beitrag beträgt 12 Mk.

Freie Eterarisch-Kunstierische Gesellschalt.
Montag, 12. Januar, abends 8 Uhr, Mathildenhöhsaal
(Dieburgerstrasse 26):
Rudolf G. Binding (Buchschlag)
liest seine Dichtungen.
Karten für Nichtmitglieder zu Mk. 3., 2., 1. in
A. Bergstraesser’s Hofbuchhandlung, Rheinstrasse 6 und an
(1400
der Abendkasse.

Vereinigung uel Freunde deb Hamahist. G)hhablums
Einladung.
Freitag, den 9. Januar 1914, 8½ Uhr abends,
im Kaiſerſaal, Grafenſtraße
Vortrag mit Lichtbildern
von Herrn Univerſitätsprofeſſor Dr. Bulle=Würzburg
über:
Die griechiſche Schönheit
Gäſte, auch Damen, willkommen.
(1378
Eintritt frei.
Der Vorſtand: Velte.

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Jeden Mittwoch und Samstag
Kur-Konzert.

Eintritt 30 Pfg. 10 Abonnementskarten (inkl. Steuer) Mk. 2.
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10. Ausflug
Sonntag, den 11. Jan. 1914.
Odenweldk
Ziel:
Zwingenberg.
Abmarſch8Uhr
pünktl. Lands=
kronſtr
. Marſch=
zeit
6¼ Stund.
Führer:
H. u. K. chäfer.
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. bei R. Berg-
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(1376
tags im Kruviokal.
Der Vorstand.

Anfing 8 Uhr.

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Ab Mittwoch, den 7. Januar
finden im Lichtbildtheater,
Grafenſtr. 12, tägl. um 3 u. 5 Uhr
Märchenvorträge mit wunder=
vollen
Bildern aus Künſtlerhand
von Heinz Weila ſtatt.
Eröffnungsprogramm:
1. Frau Holle mit Bildern v. F. Kunz.
2. Hans im Glück m. Bild. v. Hans Schroedter.
3. Heinzelmäunchen m. Bild. v. A. Schmid-
hammer
, (humoriſtiſch).
4. Rotkäppchen m. Bild. v. A. Schmidhammer.
5. Bilder aus den 3 Helden v. A. Schmid-
hammer
, (humoriſtiſch).
Muſikaliſche Einlagen zwiſchen
den Rezitationen.
Preiſe: I. Pl. 50 Pf., II. Pl. 30 Pf.,
III. Pl. 15 Pf.
Programme u. Karten im Vor=
verkauf
ſind in der Papierhandlung
von Lautz, Ecke Rhein= u. Grafen=
(1334a
ſtraße, zu haben.

ORPHEUM

Gastspiel: Max
Walden-Ensemble.

Freitag,
Mente
9. Januar
und folgende Tage:
Nur noch wenige
Aufführungen!
Die erfolgreiche Flieger-Posse:

Restaurat. Michael Roth.
Samstag, den 10. Jan. 1914:
Meßzel=
Suppe
wozu freundlichſt einladet (*514fs
Ludwig Roth, Wirt.

Im 2. Akt:
Gross. Gesangs- u. Tanzfinale
(Bärentanz und Schieber)
Nächste Novität:
DasFarmermädchen
Operette in 3 Akten.
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Freitag, den 9. Januar 1914.
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Filmzauber.
Poſſe mit Geſang und Tanz in
4 Bildern von Rudolph Bernauer
und Rudolph Schanzer. Muſik
von Walter Kollo und Willy
Bredſchneider.
Spielleiter: Bruno Harprecht.
Muſikal. Leiter: Erich Kleiber.
Perſonen:
Erſtes Bild.
Franz und Fränze‟.
Adalb. Muſenfett Br. Harprecht
Fränze Papendieck Käthe Gothe
Max Rademacher Frz. Schneider
Wanda Hammer=
Hede Schaub
ſchmidt .
Eufemia Breit= Minna Müller=

ſprecher .
Anaſtaſius .
v. Klemczinski

Rudolph
Paul Peterſen
Rich. Jürgas

Maria Geſticulata Charlotte Pils
Clement. Feiſtle
Erſtes
Louiſe Kümmel
Zweites
Drittes Tipp= Lydia Riethof
Viertes (fräulein Evelyn Moore
L. Sturmfels
Fünftes
Eva Unger
Sechſtes)
Zweites Bild.
Napoleon
und die Müllerstochter.
Friedrich Auguſt
Käſebier . . . Adolf Jordan
Cordula, ſ. Frau Sofie Doſtal
Adalbert Muſen=
fett
. . . . . Br. Harprecht

FränzePapendieck Käthe Gothe
Max Rademacher Frz. Schneider
Wanda Hammer=
Hede Schaub
ſchmidt .
Maria Geſticulata Charlotte Pils
Eufemia Breit= Minna Müller=
ſprecher
.
Rudolph
Paul Peterſen
Anaſtaſius .
Thomas Rind=
. Adolf Klotz
fleiſch
(In der Filmaufnahme: Die Völ=
kerſchlacht
bei Leipzig.)
Napoleon( Muſen=
fett
) . . .
Br. Harprecht
Müllerstochter
. Käthe Gothe
(Fränze) .
Marketenderin 1 Minna Müller=
(Eufemia) .
Rudolph
Der meldende
Offizier.
Heinrich Geyer
Der Spion.
Fr. Jachtmann.
Drittes Bild:
Hab’n wir uns nicht ſchon
mal kennen gelernt?
Geheimrat Papen=
dieck
.
Heinrich Hacker
Fränze, ſ. Tocht. Käthe Gothe
Adalb. Muſenfett Br. Harprecht
Friedrich Auguſt
Käſebier . . . Adolf Jordar
Wanda Hammer=
ſchmidt
.
Hede Schaub
Max Rademacher Frz. Schneider
v. Klemczinski . Richard Jürgas
Eufemia Breit= 1 Minna Müller
ſprecher . . .
Rudolph
Viertes Bild:
Otto der Faule‟.
Adalb. Muſenfett Br. Harprecht
Fränze Papendieck Käthe Gothe
Friedrich Auguſt
Käſebier
Adolf Jordan
Cordula Käſebier Sofie Doſtal
Max Rademacher Frz. Schneide.
Wanda Hammer=
ſchmidt
. .
Hede Schaub
v. Klemczinski . Rich. Jürgas
Eufemia Breit=1 Minna Müller=
ſprecher

Rudolph
Thomas Rind=
,
fleiſch
. Adolf Klotz
Anna, Stuben=
mädchen
. . . Ellen Widmann
Preiſe der Plätze (Gew.
Preiſe): Sperrſitz: 1.13. Reihen
4.20 , 14.20. Reihe 3.40 ,
Parterre: 1.5. Reihe 290 ,
6.8. Reihe 2.35 , Proſzeniums=
loge
6.20 , Mittelloge 6.20 ,
Balkonloge 5.20 , 1. Rang 4.70 ,
2. Rang: 1.6. Reihe 2.70 , 7. u
8. Reihe 2.15 , 1. Galerie 1.35 ,
2. Galerie 0.75 .
Kartenverkauf: an der Tages=
kaſſe
im Hoftheater von 9½1½
Uhr und eine Stunde vor Beginn
der Vorſtellung; im Verkehrsbüro
von 81 Uhr und von 2½ Uhr
bis kurz vor Beginn der Vor=
ſtellung
. (Im Verkehrsbüro wer=
den
auch telephoniſch Kartenbe=
ſtellungen
entgegengenommen.
Telephon Nr. 1582.)
Anf. 7½ U. Ende geg. 10½ I
Vorverkauf f. die Vorſtellungen:
Samstag, 10. Jan. Außer Ab.
VIII. Sonder=Vorſtellung. Rog
bert und Bertram. Anfang
8 Uhr. (Zu dieſer Vorſtellung
findet kein Kartenverkauf ſtatt.)
Sonntag, 11. Jan. Nchm. 2 U.
Auß. Abon. 19. Volksvorſtellung
zu ermäß. Preiſen. Die ſpa=
niſche
Fliege. Vorverkauf
bis einſchl. Samstag, 10. Jan,
nur im Verkehrsbüro, Ernſt= Lud=
wigspl
. Verkauf der etwa noch
vorhandenen Karten auch an der
Tageskaſſe im Hoftheater am Tage
der Vorſtellung, vorm. von 11 Uhr
ab. Abds. 6 Uhr. 88. Ab.=Vſt.
C 22. Der Ring des Nibelungen
Dritter Tag: Götterdäm=
merung‟
. Gew. Preiſe.
Montag, 12. Jan. Außer Ab.
Vorſtellung zu Volksvorſtellungs=
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Familien=Roman aus den Jahren 1812 und 1813.
Von Oskar T. Schweriner.
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright 1913 by Carl Duncker in Berlin.

(Nachdru verboten.)
35
Und Dir! murmelte Sander mit einem warmen Blick
zu Fritz hinüber. Der hörte die Worte nicht; Ruth aber
hatte ſie vernommen. Sie drückte dem jungen Manne in
fieberhafter Erregung dankbar die Hand.
Mehr kann ich Euch heute nicht berichten. Sobald der
König Berlin verlaſſen hat, werden unauffällig eine grö=
ßere
Anzahl von Offizieren und Mannſchaften gleichfalls
nach Breslau aufbrechen. Unter den allererſten werden
ſelbſtverſtändlich wir vier ſein. Es iſt ſo eingerichtet, daß
Awir womöglich gleichzeitig mit dem König in Breslau ein=
treffen
. Ihr ſeht alſo, wozu ich Euch in der Hauptſache
hierher beruſen habe. Es gilt, Abſchied zu nehmen. Ueber=
Amorgen ziehen wir davon, um entweder als Sieger und
freie Männer zurückzukehren oder gar nicht!
Tiefſte Stille folgte dieſen Worten. Keiner wagte,
ſich zu rühren.
Plötzlich lautes Schluchzen. Franz hatte Kopf und
Arme auf den Tiſch geſchlagen und weinte laut wie ein
Kind. Und Lieſelotte hatte ihren Kov’ neben den ſeinen
Agelegt und tat das gleiche.

Fritz erbleichte; dann erhob er ſich zögernd und trat
zum Freund und zur Schweſter.
Sei ein Mann, Franz, ſagte er, ihm beruhigend die
Hand auf die Schulter legend. Dabei zitterte die eigene
Stimme.
Franz blickte auf; ſein Geſicht war gramverzerrt.
Du biſt mein Freund, Fritz! Ich fühle es, ich weiß
es! Ihr alle hier ſeid meine Freunde! So helft mir.
Ich bitte Euch um alles, was Euch heilig iſt helft mir!
Sie verſtanden ihn alle. Und keiner ſſchien eine Ant=
wort
finden zu können. Sie konnten nur Mitleid haben
mit dem Verzweifelnden- hlfen konnten ſie nicht.
Da ertönte Ruths Stimme:
Ich will Euch einen Ausweg weiſen, ſagte ſie ruhig.
Wie neu belebt, richteten Franz und Lieſelotte ſich
auf.
Dann retten Sie damit mein Leben!
Wie Sie einſtmals halfen, das meinige zu retten, er=
widerte
Ruth. Sie war aufgeſtanden. Begeiſtert blickte
Fritz zu ihr auf; wie eine Göttin der Erleuchtung, der
Weisheit, der Energie ſchien ſie ihm.
Hört, meine Lieben, was ich Euch zu ſagen habe. Ich
beabſichtige, mit in den Krieg zu ziehen.
Ruth!
Dabei blickte Fritz erſchreckt hinüber zum alten Salo=
mon
. Doch der blieb ruhig und lächelte mild. Auch
die übrigen Anweſenden ſchüttelten verwundert die Köpfe.

Sei ruhig, Fritz, und laß mich ausſprechen, ſetzte Ruth
indeſſen fort. Auch ich will mitarbeiten an der heiligen
Sache. Was mir gehört, gehört dem Vaterland. Aber
mit materiellen Opfern iſt es nicht getan; Ihr werdet
Pflegerinnen im Felde brauchen und das ſoll meine Auf=
gabe
ſein! Die Verwundeten will ich pflegen, die Kran=
ken
heilen helfen!
Eine lange Pauſe entſtand.
Und Dein Vater, Ruth?!
Denkt wie ich. Gott hat ihm das Leben erhalten; da=
für
will ich verſuchen, es anderen zu erhalten. Wir haben
längſt alles beſprochen. Haben auch ſchon eine gewiſſen=
hafte
Pflegerin gefunden, die meine Stelle vertreten wird,
bis wir zurückkehren.
Salomon nickt zuſtimmend vor ſich hin.
Wir müſſen mithelfen! Wir ſind alle in Gottes Hand.
ſagte er mit leiſer Stimme.
Wieder entſtand eine Pauſe. Alle waren ergriffen.
Und ich? Es war Franz.
Und Sie, Franz, tun dasſelbe. Müſſen Sie denn die
Waffen ergreifen? Müſſen Sie denn Partei nehmen?!
Kommen Sie mit mir ins Feld; ſorgen auch Sie für
Kranke und Verwundete und Sie erweiſen damit dem
deutſchen Vaterland einen Dienſt, erweiſen der Menſch=
heit
einen Dienſt, und niemand kann dann ſagen, daß
Franz Schwabe ein Feigling ſei, oder auf ſeine Brüder
geſchoſſen hätte!

[ ][  ][ ]

Seite 14.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 9. Januar 1914.

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Auch Fritz war entzückt.
Ruth, mein Liebling, den Gedanken hat Dir Gott
eingegeben!
Er umſchlang und küßte ſie. Nur der alte Dögen hatte
anſcheinend ruhig und teilnahmslos zugehört. Jetzt
wandte er ſich an ſeine Tochter:
Und Du, Lieſelotte?
Sie ſah ihn fragend an.
Du willſt zurückſtehen, wo alles hinauszieht in den
heiligen Krieg?!
Lieſelotte machte große Augen; ihre Wangen röteten
ſich, ein Feuer, das nie zuvor dageweſen, kam in ihre
Augen.
Vater darf ich?!
Der Alte nickte nur ſtumm, während eine Träne ihm
über die Wange lief.
Da ſtanden ſie alle auf; Männer und Frauen. Und
erhoben ihre Hand zum Himmel und ſchwuren, Gut und
Blut einzuſetzen für König und Vaterland.

Es mer es demn niſchedet. Ate gihner heale
ſie zugleich von dannen ziehen. Franz mit Lieſelotte, Fritz
mit Ruth und den anderen. Am liebſten wäre der alte
Dögen auch noch ins Feld gezogen; dann fand er ſich mit
dem Gedanken ab, daß er auch in Berlin etwas nützen
könne. Um den alten Salomon wollte er ſein; Tag und
Nacht.
Der nächſte Tag war mit den dringendſten Vorberei=
tungen
ausgefüllt. Da mußten Pferde beſorgt werden
und Wagen für die beiden Mädchen, Verbandzeug und
ſonſtige notwendige Lazarettbedürfniſſe. Die Koſten für
alles zuſammen beſtritt Ruth aus ihren reichen Mitteln.
Am Morgen des zweiundzwanzigſten Januar ver=
ſammelten
ſie ſich alle noch einmal in der Heiligengeiſt=
ſtraße
. Die Dienerſchaft war entlaſſen worden; ein ein=
ziger
, treu erprobter alter Diener und die Pflegerin blie=
ben
bei dem Bankier zurück.
Ein letzter wehmütiger Abſchied von Haus und Hof.
Und dann fiel mit einem lauten Schlag die Tür ins
Schloß. Am Fenſter ſtand Salomon. Noch einen letzten
Gruß mit der Hand. Dann war die kleine Gruppe auff
dem Wege zum Schloßplatz. Mit Bewunderung im Her=
zen
bemerkte Fritz, daß ſich Ruth an der Ecke nicht einmal

in dnen leite Alſchicebick atf dnter und deis un
wendete.
Etwa eine halbe Stunde, nachdem der König Berlin
verlaſſen und das Volk ſich verlaufen hatte, machte ſich
auch unſere kleine Heldenſchar au fden Weg, denſelben
Weg, den der König eingeſchlagen.

Es kam, wie Fritz Dögen vorausgeſagt hatte. Vier=
zehn
Tage nachdem der König Berlin verlaſſen hatte, for=
derte
er das Volk zur Bildung von Freiwilligen=Korps
auf. Wie ſie da herbeieilten; die Tauſende aus allen
Ständen! Wie die Begeiſterung ſtieg! Wie arm und reich
alles nur Entbehrliche auf dem Altar des Vaterlandes
opferte! Der Jubel erreichte den Höhepunkt, als am 28.
Februar zu Kaliſch das Bündnis mit Rußland geſchloſſen
wurde. Nun mußte bald die Kriegserklärung erfolgen.
Länger ließ ſich das Volk nicht zurückhalten.
So kam der denkwürdige 17. März. Ueberall in
deutſchen Landen las man ſich gegenſeitig die Worte des
Königs von Preußen vor. An mein Volk! waren ſie
überſchrieben.
(Schluß folgt.)

[ ][  ][ ]

Nummer 9.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 9. Januar 1914.

Seite 13.

6

CALIFORN. FEIGEN-
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Das beliebte Abführmittel
Angenehmer Geschmack. Vorzüglich milde, gründliche Wirkung.

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Vorträge von Profeſſor D. Dunkmann.

II.
Jeſus ſo lautete das Thema des Vortrages,
den Profeſſor D. Dunkmann am 6. Januar im
dichtbeſetzten Kaiſerſaal hielt. Er begann mit der Be=
merkung
, daß der Maßſtab für die Beurteilung einer Per=
ſönlichkeit
auf dem Gebiete zu ſuchen ſei, dem ihre Wirk=
ſamkeit
hauptſächlich angehört habe, alſo bei Jeſus auf
dem Gebiete der Religion. Vergleicht man nun die Re=
ligion
, die er gebracht hat, mit den anderen ſo zeigt ſich,
daß ſie weitaus die reinſte Sittlichkeit enthält
und, da hiernach der Wert der Religion zu bemeſſen iſt,
die übrigen auch den Buddhismus völlig in den
Schatten ſtellt. Das wird auch von den Meiſten zugege=
ben
. Allein man möchte häufig zwar den ſittlichen Kern
des Chriſtentums feſthalten, aber vieles andere ihm
Eigentümliche, woran man Anſtoß nimmt, fallen laſſen:
Was ſoll, ſo fragt man wohl, der religiöſe Aufputz
in den Evangelien? Was ſollen die Wunder, der Jeſus=
kült
, der Chriſtusglaube die Mythen und Legenden, die
dort erzählt werden? Auf dieſem Standpunkt ſtehen viele
Moderne‟. Es iſt nicht ſchwer, ſolche unüberlegte Fragen
zu beantworten.
Sittenlehren können nur dann Erfolg haben, wenn
bes Sittenlehrers Handlungsweiſe im Einklange
mit ſeinen Forderungen ſteht. Das war ein Unterſchied
von anderen, z. B. von den Phariſäern, bei Jeſus in
pollem Maß der Fall. Darum iſt alles, was die Evan=
gelien
von ſeinem Tun und Leben uns berichten, von Be=
beutung
und Intereſſe. Und von den einzelnen Hand=
lungen
wendet ſich bald der Blick auf die Perſon, von
der ſie ausgehen. Jeſus iſt, was er lehrt, iſt die leben=
dige
Darſtellung ſeiner Sittenlehre in der Bergpredigt.
Schon deshalb ſteht ſeine Perſon im Mittelpunkt der
Svangelien. Jeſus iſt die vollkonmene Geſtaltung der
beinſten Sittlichkeit, der Gottes= und der Menſchenliebe,
die in völligem Gehorſam gegen Gott und den Men=
ſchen
gegenüber in dienender, helfender, rettender Hei=
landsliebe
ſich betätigt. Beſonders deutlich tritt in dem
Charakterbild der Evangelien Jeſu Leidensgeſtalt
hervor, ſeine Selbſterniedrigung von der Krippe bis zum
Kreuz. Das Leiden Jeſu iſt ein überzeugender Beweis
der Wahrheit ſeiner Liebe und ſeiner ſittlichen Hoheit
überhaupt. Wir wollen nicht leiden, ſondern leben, weil
uns Selbſtſucht erfüllt. Das iſt unſere ſündige Natur,
baß wir nicht leiden mögen, ſagt Melanchthon. Jeſus
dagegen leidet gehorſam, leidet freudig. In ſeinem Lei=
ben
, das am Kreuze gipfelt, ſteht er in übermenſch=
ſicher
Hoheit vor uns. Rieſengroß iſt der Abſtand zwi=
ſchen
ſeiner göttlichen Hoheit und unſerer Jämmerlichkeit.
Er iſt der vollendete Offenbarer Gottes der Sohn des
ſebendigen Gottes, deſſen Liebe in ihm Fleiſch geworden
iſt. Zugleich aber iſt er in ſeiner Erniedrigung und ſeinen
Leiden uns nahe gerückt, unſer Bruder geworden, der, ſich
unſerer Not erbarmend, zu uns ſagen kann: Sei getroſt,
mein Kind, deine Sünden ſind dir vergeben. So ſchil=
dern
uns die Evangelien den leidenden Jeſus in ſeiner
Erniedrigung und ſeiner göttlichen Hoheit, ſo ſtellt ſich
ſchon in ihnen nicht erſt bei Paulus die Religion
Geſu, von der ſo oft in unſerer Zeit geſprochen wird,
als Jeſusreligion, als Chriſtusglaube dar.
Ans aber bringt der Blick auf den gekreuzigten Heiland
polle Erkenntnis unſerer Sündennot und der in ihm uns
pffenbarten Gottesliebe. Es zeigt ſich alſo, daß uns
weder bloße Sittenlehren helfen können, noch die beliebte
Schwärmerei für hohe Grundſätze, ſondern allein die der
Wirklichkeit entſprechende Geſtalt des Leidensmeſſias wie
ihn uns die Evangelien ſchildern. Aber es muß dieſe Er=
kenntnis
auch in unſerem Leben Wahrheit werden. Welche
Segensſtröme ſind doch von der chriſtlichen Liebestätigkeit
ſchon ausgegangen. Und welche Bedeutung hat echtes

Chriſtentum, das durch Ueberwindung der Selbſtſucht die
rechte ſoziale Geſinnung ſchafft, auch im Völkerleben
der Gegenwart. Die Chriſtusreligion wird nicht ver=
gehen
. Möge an ihr auch unſer Volk zu ſeinem Heile
feſthalten.
6.

Landwirtſchaftliches.

Schlachtviehmarkt Darmſtadt. Schweine=
markt
am 7. Januar. Auftrieb durch Händler 174
Schweine. Preiſe 1. Qual. für Schlachtgewicht 50 Kilo=
gramm
75 Mk., 2. Qual. 74 Mk., 3. Qual. 73 Mk. Markt=
verlauf
: mäßig, Ueberſtand. Schweinemarkt am
8. Januar. Auftrieb durch Händler 183 Schweine. Preiſe:
1. Qual. für 50 Kilogramm Schlachtgewicht 75 Mk., 2.
Qual. 74 Mk., 3. Qual. 73 Mk. Marktverlauf: rege, Ueber=
ſtand
. Kälbermarkt am 8. Januar. Auftrieb durch
Händler 191 Kälber, 1 Schaf. Preiſe je nach Qualität für
50 Kilogramm Lebendgewicht 6066 Mk. Marktverlauf:
lebhaft.
Frankfurt a. M., 8. Jan. Schlachtvieh=
markt
. (Amtlicher Bericht.) Auftrieb: Rinder 158
Stück: darunter Ochſen 32. Bullen 4, Färſen und Kühe
122, Kälber 846, Schafe 129, Schweine 886 Stück.
Preiſe für 1 Zentner Lebendgewicht (Schlachtgewicht) in
Mark: Kälber: a) Doppellender ſeinſte Maſt 6870
(116117), b) feinſte Maſt= (Vollm.=Maſt) und beſte
Saugkälber 6367 (105114), e) mittlere Maſt= und gute
Saugkälber 5862 (98105), d) geringere Saugkälber
5054 (8592). Schafe: a) Maſtlämmer und jüngere
Maſthammel 4445 (9294), b) ältere Maſthammel und
gut genährte Schafe 5658 (8690). Schweine:
a) Fettſchweine über 3 Zentner Lebendgewicht 56½58
(7275), b) vollfleiſchige Schweine über 2½ Zentner
Lebendgewicht 5657½ (7174), c) vollfleiſchige Schweine
über 2 Zentner Lebendgewicht 5658 (7174), d) voll=
fleiſchige
Schweine bis zu 2 Zentner Lebendgewicht 56
bis 58 (7274). Marttverlauf: Kälber gedrückt, Schafe
ruhig, Schweine rege, bei Schweinen Ueberſtand.

Handel und Verkehr.

* Mergentheim, 8. Jan. Bei der geſtrigen
Generalverſammlung der Süddeutſchen Volks=
bank
erſtattete der Aufſichtsrat und Liquidator Bericht.
Die von dem Liquidator aufgeſtellte Bilanz bis 13. Oktober
1913 weiſt eine Liquidationsmaſſe von 93000 Mark auf.
Dieſe Bilanz wurde von der Generalverſammlung ein=
ſtimmig
angenommen. Der Bericht des Liquidators be=
ſagt
u. a., daß ſich unter den Ausſtänden etwa 850 000 Mk.
befinden, die teilweiſe vollſtändig uneinbringlich ſind. Es
wird noch geraume Zeit anſtehen, bis die verſchiedenen
Konkurſe und Prozeſſe abgewickelt ſind und ſich ein genaues
Bild der tatſächlichen Verluſte ergeben wird. Der Liqui=
dator
ſprach die Hoffnung aus, daß von den zweifelhaften
Ausſtänden mehr als angenommen eingehen wird. Unter
den Paſſiven ſind alle an die Geſellſchaften gemachten, wenn
auch zweifelhaften. Anſprüche eingeſtellt. Die Erhebungen
von Regreßanſprüchen an die Mitglieder des früheren
Aufſichtsrats und an die Gründer ſind Sache eingehender
Unterſuchung. Als Grundlage für die Feſtſetzung des
Wehrbeitrages können 90 Prozent pro Aktie angenommen
werden.
* Hamburg, 8. Jan. Der Aufſichtsrat der Ham=
burgSüdamerikaniſchen
Dampfſchiff=
fahrtsgeſellſchaft
beſchloß, 14 Prozent Dividende
bei noch reichlicheren Abſchreibungen und den gleichen
Rückſtellungen wie im Vorjahre vorzuſchlagen.
* London, 8. Jan. Die Bank von England
ermäßigte den Diskont von 5 auf 4½ Prozent.

Hochwaſſer.

* Stolp (Pommern), 7. Jan. (Amtlich.) Die Strecke
Bütow-Rummelsburg iſt durch weitere Damm=
rutſchungen
bei Kilometer 4.2 und 10.17 unfahrbar.
Der Betrieb auf der Strecke Bütow-Groß=Tuchen iſt voll=
ſtändig
unterbrochen. Auf der Strecke Groß=Tuchen-
Rummelsburg wird er aufrechterhalten. Die Störung
wird mindeſtens bis zum 10. Januar währen.
* Wismar, 7. Jan. Seit heute nachmittag 4 Uhr
herrſcht bei ſtarkem Schneeſturm Hochwaſſer. Die am
Hafen gelegenen Straßen ſind überflutet und das Waſſer
iſt in die Häuſer eingedrungen.
* Roſtock, 8. Jan. Durch die erneut drohende
Sturmflutgefahr ſind die Einwohner Roſtocks und
Warnemündes aufs ſchwerſte beunruhigt. Das zwi=
ſchen
Roſtock und Gehlsdorf verkehrende Motorboot hat,
wie dem Berliner Lokalanzeiger gemeldet wird, geſtern
mittag ſeine Fahrten eingeſtellt, da die Anlegebrücken
überſchwemmt ſind. In Warnemünde hat die Flut den
Waſſerflugzeugplatz und den Marineflugzeugſchuppen
überſchwemmt.
* Brüſſel, 8. Jan. Infolge der eingetretenen
Schneeſchmelze und fortdauernden Regenfälle
wächſt die Maas und ſämtliche Nebenflüſſe in
rapider Weiſe. Es ſind ganz beſonders die Gegend von
Lüttich und Namur gefährdet, ſowie die Täler in den
Ardennen. Wenn kein Stillſtand eintritt, ſo ſind ſtarke
Ueberſchwemmungen in den nächſten Tagen zu erwarten.

Gstiesdienſt der israelitiſchen Religionsgemeinde
Haupt=Synagoge (Friedrichſtraße 2).
Freitag, den 9. Januar:
Vorabendgottesdienſt 4 Uhr 45 Min.
Samstag, den 10. Januar:
Morgengottesdienſt 9 Uhr. Sabbatausgang 5 Uhr 35 Min.
Gottesdienſt in der Synagoge der israelitiſchen Religions=
geſellſchaft
.
Samstag, den 10. Januar:
Vorabend 4 Uhr 20 Min. Morgens 8 Uhr. Nachmittags
4 Uhr. Sabbatausgang 5 Uhr 35 Min.
Wochengottesdienſt von Sonntag, den 11. Januar, an
Morgens 7 Uhr Nachmittags 4 Uhr. 40 Min

Inventur-Ausverkaufsferz!

D. Dennann, Prannrarr u. M.

des grossen

[ ][  ]

Seite 16.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 9. Januar 1914.

Nummer 9.

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