Darmstädter Tagblatt 1913


02. Juli 1913

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176. Jahrgang
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Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 20 Seiten.

Das Wichtigſte vom Tage.

Die elektriſche Bahn Darmſtadt-Eberſtadt
ſoll nach einer Mitteilung der Heag am 1. Oktober dem
Betrieb übergeben werden.
Der Reichstagsabgeordnete Graf v. Kanitz iſt im
Alter von 72 Jahren geſtorben.
Der franzöſiſche Publiziſt Henri Rochefort iſt in
Aix=les=Bains geſtorben.
Der Flieger Brindejonc iſt geſtern morgen 5 Uhr
31 Minuten zum Fluge nach Hamburg aufgeſtiegen und
dort um 7 Uhr 54 Minuten eingetroffen. Um 9 Uhr
37 Minuten ſtartete Brindejonc zum Fluge nach dem
Haag, wo er um 12 Uhr 59 Minuten glatt gelandet iſt.
Die bulgariſche Regierung überſandte ihren
Vertretern bei den Großmächten eine Depeſche, daß ſie
dem ruſſiſchen Geſandten ein Memorandum betreffs
des Schiedsgerichts übergeben habe, und erklärte
gleichzeitig, daß ſie bereit ſei, ſogleich eine Vertretung
nach Petersburg zu ſenden.
Letzte Nachrichten ſiehe Seite 7.

Die Annahme der Wehrs und
Deckungsvorlagen.

** Ende gut, alles gut! Die Befürchtungen,
daß am Montag den Wehr= und Deckungsvorlagen noch
neue Hinderniſſe entſtehen könnten, haben ſich nicht erfüllt,
und im Gegenſatze zu den Sturmſzenen am Samstag, ver=
lief
der Schlußakt ruhig und harmoniſch. Das große na=
tionale
Werk, dazu beſtimmt, die Zukunft Deutſchlands
zu ſichern, iſt vollendet, und mit Genugtuung kann der
Reichstag auf die geleiſtete Arbeit zurückblicken. Nicht
minder aber auch die verbündeten Regierungen, denen es
nicht leicht geworden iſt, ſo bald wieder mit großen For=
derungen
an das Volk heranzutreten, nachdem erſt im
Jahre zuvor Heer und Marine erhebliche Anſprüche ge=
ſtellt
und bewillig, erhalten hatten. Aber die Sicherheit
unſerer Grenzen war noch nicht genügend gewährleiſtet,
und die Regierung ſah die Gefahr vor Augen, daß unſere
Wehrkraft einem Angriffe von zwei Fronten her nicht
mehr gewachſen ſei, ſie hielt es deshalb für eine dringende
Pflicht, das Heer zu verſtärken, ſeine Schlagfertigkeit zu
erhöhen und überhaupt ſeinen inneren Wert zu heben.
Die Erkenntnis dieſer Notwendigkeit war in weite Kreiſe
gedrungen, und wenn wir daran zurückdenken, daß früher
bei Erhöhungen der Friedenspräſenzſtärke die bürger=
lichen
Parteien ſich ſpalteten, ſo iſt die einmütige Zuſtim=
mung
, welche die jetzige Heeresvorlage erfuhr, um ſo be=
bemerkenswerter
. Mehr als alle Bedenken gegen die
Koſten wogen die nationalen Rückſichten, die für die Re=
gierungsvorſchläge
ſprachen, und die bürgerlichen Par=
teien
waren ſich der Bedeutung des Werkes, nicht minder
aber auch der Verantwortung für die Sicherheit des Rei=
ches
bewußt. Das war nötig, denn es gehörte viel Pflicht=
gefühl
und Selbſtverleugnung dazu, in einer Zeit, wo die
Tagung des Parlaments ſchon ziemlich weit vorgeſchrit=
ten
war, noch an eine ſo wichtige und vorausſichtlich
auch langwierige Aufgabe heranzutreten. Mußte doch
nicht nur die Wehrvorlage ſelbſt erledigt, ſondern auch die
weit heiklere Deckungsfrage gelöſt werden, welche, das
ſtand von vornherein ſeſt, die bürgerlichen Parteien nicht
einmütig ſehen würde.
Der Frühling hatte ſchon ſeinen Einzug gehalten, als
die Vorlagen dem Reichstage zugingen. War die Zuſtim=
mung
zum Wehrgeſetze auch von vornherein gewiß, ſo
wurden die Verhandlungen doch dadurch erſchwert, daß
die Parteien glaubten, die Gelegenheit benützen zu müſ=
ſen
, allerhand längſt gehegte Wünſche durchzuſetzen.
Ueberhaupt war bei der Erledigung der Wehrvorlage
von einer Hurraſtimmung keine Rede, ernſt und gewiſſen=
haft
hat der Reichstag die Vorſchläge der Regierung ge=
prüft
und den Rückſichten auf die finanzielle Leiſtungs=
fähigkeit
Rechnung getragen. Es gab keine Bewilligung
in Bauſch und Bogen, das deutſche Volk darf vielmehr
überzeugt ſein, daß ſeine Vertreter in alle Einzelheiten
der Vorlage eingedrungen ſind. Iſt doch die volle Zahl
der ſechs Kavallerie=Regimenter erſt in der letzten Sitzung
auf das dringende Erfordern der Regierung und zahl=
reicher
militäriſcher Fachleute bewilligt worden.
Schwieriger war, wie ſchon geſagt, die Löſung der
Deckunasfrage. Hier haben einzelne der Regierungsvor=

lagen eine völlige Umarbeitung erfahren, eine Menge von
Anträgen mußte geprüft werden, ehe man ſich einigte und
die finanzielle Seite der Wehrverſtärkung feſtlegte. Ein=
zelne
Beſchlüſſe, namentlich die Staffelung bei den ein=
maligen
Wehrbeiträgen und bei der Vermögenszuwachs=
ſteuer
, ſtießen in weiten Kreiſen auf Widerſpruch, aber
dieſem konnte keine Folge gegeben werden, wollte man
nicht die ganze Deckungsfrage gefährden. Das deutſche
Volk wird ſich mit der vom Reichstage beſchloſſenen Auf=
bringung
der Koſten abfinden müſſen und die Opfer in
der Erwägung gerne bringen, daß unſerer ſtarken Wehr
eine neue Garantie für die Erhaltung des Friedens iſt
und daß der letztere den weiteren wirtſchaftlichen Auf=
ſchwung
des Reiches gewährleiſtet. Verſöhnens wird
auch der Gedanke wirken, daß noch niemals in ſolchem
Maße die ſchwachen Schultern geſchont worden ſind wie
bei dieſer Wehrvorlage. Möchten ſich nun auch alle die in
ſie geſetzten Erwartungen erfüllen und möchte das Deut=
ſche
Reich jetzt ſtark genug ſein, jeden Angriff von außen
her abwehren zu können!
Preßſtimmen.
Die Voſſiſche Zeitung ſchreibt anläßlich der
Annahme der Heeres= und Deckungsvorlage durch den
Reichstag in einem Nach der Entſcheidung betitelten
Artikel: Mit gewaltiger Mehrheit hat der Reichstag eine
Verſtärlung der Wehrkraft bewiligt Lediglich die So=
zialdemokraten
, die Polen und die Elſäſſer ſtimmten da=
gegen
. Deutſchland, eingekeilt zwiſchen kriegsmächtigen
Staaten, muß ſtark ſein, um ſich zu behaupten und um
den Frieden zu erhalten. Darüber iſt kein Zweifel. In
dem Augenblick, wo Deutſchland ſchwach erſcheint, haben
wir den Krieg. Was die Wehrhaftigkeit bedeutet, haben
die Balkanereigniſſe jedermann vor Augen geführt. Daß
eine große Mehrheit dieſe Lehre beherzigt hat, wird
allenthalben Eindruck machen. Aber nicht geringeren Ein=
druck
muß die Tatſache machen, daß ſich auch für die Auf=
bringung
der Koſten in der Hauptfache eine große Mehr=
heit
zuſammengefunden hat. Im Dienſte einer großen
Sache haben alle Parteien Entſagung üben, auf berech=
tigte
Wünſche verzichten und gewichtige Bedenken zurück=
ſtellen
müſſen. Das hat auch die Regierung getan. nur die
Konſervativen beharrten bei ihrer vorgefaßten Meinung.
Sie haben Bülow geſtürzt, um der Erbanfallſteuer zu ent=
gehen
, ſie wären gern bereit, auch Herrn von Bethmann
Hollweg zur Strecke zu bringen, wenn ſie eine Mehrheit
zuſammengebracht hätten. Der ſchwarz=blaue Block iſt
geſprengt, die Herrſchaft der Konſervativen gebrochen.
Das Berliner Tageblatt ſchreibt: Verbürgt
das neue Heeresgeſetz weder den Frieden, noch zurzeit
was die Zahl anlangt den Sieg, ſo ſchafft es doch im
Laufe der nächſten 16 Jahre einen um Millionen kräftige=
ren
Beurlaubtenſtand als unſerer weſtlicher Nachbar ihn
aufbringen kann. Herr von Bethmann Hollweg hat Heer=
und Deckungsvorlage zwar nicht, wie es die Schwarz=
blauen
wollten, von der großen Mehrheit, aber doch von
ſo impoſanten Mehrheiten bewilligt erhalten, wie ſie in
der Geſchichte aller deutſchen Rüſtungs= und Steuergeſetze
noch nicht zu verzeichnen geweſen ſind. Dient die neu=
geſchaffene
Rüſtung was auch wir hoffen, was aber
erſt die Geſchichte aufweiſen muß der Erhaltung des
Friedens, dann werden auch die neuen ſchweren Opfer
denen zum Vorteil gereichen, die ſie jetzt tragen müſſen.
Die Berliner Neueſten Nachrichten ur=
teilen
: Die Taktik der Konſervativen iſt falſch geweſen.
Sie ſtanden bei der Abſtimmung über die Deckung der
dauernden Ausgaben mit den Polen und Elſäſſern und
29 Gefolgleuten der Herren Herold und Graf Praſchma,
die ſich der Stimme enthielten, in der Oppoſition Mit
viel Vergnügen hat die Sozialdemokratie mitgewirkt, die
Steuer ſoll der Beſitz zahlen und darum ſagen die Par=
teien
, die den Beſitz bekämpften, ihr Ja und Amen.
Die Poſt ſagt: Daß es ſich bei dem Kampfe um die
Heeresvorlage nicht um eine Rüſtungstreiberei, wie die
Sozialdemokraten alauben machen möchten, gehandelt
hat. ſondern um die praktiſche Auswertung einer für not=
wendig
erkannten Forderung der europäiſchen Lage, das
erhellt gerade heute aus den erneuten Meldungen über
die Ereigniſſe auf dem Balkan. Die Kreuzzeitung
ſchließt ihren Artikel, der überſchrieben iſt: Der Nation
zum Heil? mit dem Hinweis: Die linke Mehrheit des
Reichstages wollte poſitive Arbeit leiſten und dabei ſich
von niemanden ſtören laſſen. Sie rechnet darauf, daß.
wenn auch das ſachliche Ergebnis des Steuerkompromiſſes
Enttäuſchung erfahren, ſeine politiſcher Erfolg deſto mehr
geſchätzt werden würde. Ob dieſe Rechnung vom partei=
politiſchen
Standpunkt aus einwandfrei iſt, wird die Zu=
kunſt
lehren. Die Deutſche Tageszeitung
ſchreibt: Die Regelung des Beſitzſteuergeſetzes bedeutet
eine Machterweiterung des Reiches und des Reichstages
gegenüber den Bundesſtaaten. Ein parlamentariſch re=
giertes
Deutſches Reich iſt völlig unmöglich und die all=
mähliche
Schwächung der Stellung der Rechte der Einzel=
ſtaaten
iſt eine Gefährdung des Reichsgedankens und der
Zukunſt des Reiches Die Tägliche Rundſchau
erklärt: Mag das Kompromiß viele Unebenheiten auf=
weiſen
und namentlich der Wehrbeitrag eine wenig er=
freuliche
Geſtalt angenommen haben die Heeresvorlage
iſt doch rechtzeitig und würdig verabſchiedet worden und
auch die Löſung der Deckungsvorlage weiſt mehr Vorzige
als Mängel auf. Deswegen verdient die große und glück=

liche Arbeit des Reichstages mit Dank und Freude ange=
nommen
zu werden. Die Berliner Morgenpoſt
meint: Wohl hat noch der Bundesrat ſeine Genehmigung
zu den Beſchlüſſen des Reichstages zu geben. Er wird ſie
ſicher nicht verweigern und ſie vermutlich ſchon in den
nächſten Tagen erteilen. Pir ſtehen als am Ende der
Wehrkämpfe. Der geſtrige Tag hat erneut die Iſolierung
der Rechten beſiegelt. Die Linke hat gewiſſe peinliche Zu=
geſtändniſſe
machen müſſen, aber in der Hauptſache hat ſie
geſiegt. Die Reichsregierung hat die Deckuna aus den
Händen einer Mehrheit entgegennehmen müſſen, deren
Hauptmaſſe die Linke ausmacht. Der Berliner
Lokal=Anzeig,er ſagt: Weittragender noch als die
rein volkswirtſchaftliche Seite der Sache iſt ſtaatsrecht=
liche
Bedeutung des Kompromiſſes. Die Finanzhoheit
der Einzelſtaaten hat einen Stoß erhalten, der nicht wie=
der
gut zu machen ſein wird.
Die Preſſe des Auslandes.
Das Wiener Fremdenblatt bezeichnet die Er=
ledigung
ſämtlicher Heeresvorlagen durch den Reichstag
als eine gewaltige Leiſtung, welche dieſem ein bleibendes
Andenken in der Geſchichte des Reichstags ſichert Jeden=
falls
iſt es bezeichnend für die Größe der Auffaſſung. die
der Reichstag von ſeiner Verantwortlichkeit hatte, daß er
der prinzipiellen Notwendigkeit ſofort zugeſtimmt hat und
daß die Entſchloſſenheit, dieſe Verſtärkung durchzuführen,
ihn nicht daran gehindert hat, mit aller Gründlichteit in
die ſachliche Erörterung einzugehen und insbeſondere in
der Deckungsfrage alle Einwendungen und Vorſchläge ge=
wiſſenhaft
zu erwägen. Das Blat betont den entſchiedenen
Anteil, den der Reichskaneler an dem Erfolge der deut=
ſchen
Volksvertretung gehabt hat, und hebt hervor, daß
ſein mannhaftes Eintreten für die Wehrmacht und die
von dem ganzen Ernſte der Verantwortung und großzügi=
ger
ſtaatsmänniſcher Auffaſſung getragenen Ausführungen
ihm das Vertrauen der Oeffentlichkeit und des Parla=
ments
erwarben. Das Blatt ſchließt: Aus dem Zuſam=
menarbeiten
der Parteien und aus dem einigen Zuſam=
menarbeiten
des Reichskanzlers und des Reichstages, aus
dieſem bedeutenden Zuſammenklang von Regierung und
Volksvertretung iſt das große Werk erwachſen, das dem
Deutſchen Reiche eine ſtarke Wehrmacht und dem deutſchen
Volke einen ſtarken und ſicheren Frieden gibt.
Die Pariſer Preſſe erblickt in der endgültigen
Annahme der deutſchen Wehrvorlage ein überaus bedeu=
tungsvolles
Ereignis. Mehrfach wird die Langſamkeit,
weiche die franzöſiſche Kammer bei der Veratung des Ge=
ſetzes
über die dreijährige Dienſtzeit an den Tag legt, der
patriotiſchen Begeiſterung des Deutſchen Reichstages ge=
genübergeſtellt
So ſchreibt der Figaro in einem Ein
Beiſpiel betitelten Artikel: Alles iſt ſo gegangen. wie es
die deutſche Regierung wollte ſo raſch und ſo vollſtändig,
wie ſie es wünſchte. Der Reichstag hatte zuerſt Miene
gemacht, der Regierung eine Kleinigkeit abzufeilſchen; er
hat aber ſchließlich die ſechs Kavallerie=Regimenter be=
willigt
. Man begreift die Freude und den patriotiſchen
Stolz, die ſich dem Deutſchen Reichstag bemächtigten, als
dieſes denkwürdige Geſetz verwirklicht war. Der Reichs=
kanzler
hat ſich in paſſenden Sätzen, die wie ein Triumph=
ſchrei
klingen, zum Dolmetſch dieſer Gefühle gemacht und
was der Reichskanzler nicht ſagen konnte, das ſchreibt die
Kölniſche Zeitung: Viele hoffnungsvolle Wege öffnen ſich
uns in Aſien und Afrika. Die Tatkraft und Geſchicklich=
keit
, mit der wir dieſe neue Gelegenheit ergreifen werden,
werden zeigen, ob die außerordentlichen Opfer, die ſich
Deutſchland freiwillig auferlegt, nützlich waren oder nicht.
Das iſt die tiefe Bedeutung dieſes Militärgeſetzes, das iſt
der Geiſt und die Hoffnung Deutſchlands am Tage nach
der Annahme dieſer Vorlage. Es iſt überflüſſig, hier auf
den ſo peinlichen Gegenſatz zwiſchen dem Reichstag und
dem Palais Bourbon hinzuweiſen. Auf der einen Seite
Entſchloſſenheit. Diſziplin und Opferwilligkeit, auf der
anderen die Tatſache, daß die Regierung und die Mehr=
heit
der Kammer durch ein Häuflein Demagogen im Schach
gehalten werden. Werden unſere Deputierten dieſe Lek=
kion
verſtehen, werden ſie endlich fühlen, daß das Land
in wachſender Verachtung die Ohnmacht des Parlaments
wahrnimmt?
Der Matin ſchreibt: Die geſtrige Abſtimmung bringt
die Friedensſtärke der deutſchen Armee auf 900 000 Mann.
Mit dieſer ſtändig geübten. gegen alle Fälle gewappneten
Armee befindet ſich Deutſchland im Zuſtande einer ſtän=
digen
Mobiliſation, die bei einem Konflikt ohne Zuhilfe=
nahme
ſeiner Reſerven ihm geſtattet, in ein fremdes Land
einzufallen. Bisher kann in keinem Staat ihm auch nur
annähernd eine derartige Militärmacht entgegengeſtellt
werden. Eelgir: Die Regierung Wilhelms II. wird
nicht von dem Gedanken beherrſcht, unnütze und gefährliche
Konflikte aufzuſuchen, wohl aber. ihren Gegner ſo zu be=
ſchäftigen
und ihn in Verlegenheit zu ſetzen, daß die Bahn
frei iſt, auf der man mit vollen Segeln an die reichen Ge=
ſtade
des Orients fahren und eine erfolgreiche Aufteilung
des noch nicht koloniſierten Afrikas vornehmen kann. Wann
wird Frankreich dieſen Vorſprung einholen? Echo de
Paris: Am Ende der Sitzung ſchmetterte der Reichskanz=
ler
eine Friedensfanfare, als bereits die Worte: Der
Krieg iſt auf dem Balkan ausgebrochen das Haus durch=
zitterten
. Er ſprach vom Frieden in einer von Blitzen
durchzuckten Atmoſphäre Der Reichstag hat in ſeiner kur=
zen
zuſammenſaſſenden Energie ein ergreifendes Beiſpiel
gegeben. Er hat gezeigt daß hinter ihm ein Volk ſteht,
das zu allen Opfern für ſeine Zukunſt bereit iſt. Schon
wiederholt habe ich die Obpferwilligkeit betont, die mich
erregte und beunruhigte. Mit eigenen Augen habe ich in
der geſtrigen Sitzung den Willen des deutſchen Volkes ge=
ſehen
, ſich zu einem gewaltigen Schlage zuſammenzutun,
Achtung! Die Zeiten ſind ernſt!

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Inli 1913.

Nummer 152.

Die Veteranenbeihilfe.

* Zur Erhöhung der Beihilfen an Kriegsteilnehmer
hat der Bundesrat genehmigt, daß zur Ergänzung des
Etats zunächſt weitere vier Millionen Mark
im Etat der allgemeinen Finanzverwaltung (Kap. 91) ein=
geſtellt
werden. Dieſe Summe dürfte zur Erhöhung der
Beihilfen für unterſtützungsbedürftige Kriegsteilnehmer
vom 1. Oktober ds. Js. ab um den Betrag von 150 Mark
jährlich zunächſt bis zum Schluß des laufenden Rechnungs=
jahres
ausreichen. Sie iſt bereits auf die einzelnen Bun=
desſtaaten
zur Verteilung gelangt. Auf Preußen entfal=
len
2,7 Millionen Mark, auf Bayern 470000 Mark, auf
Sachſen 180000 Mark und auf Württemberg 110000 Mark.
Weiter ſteht die Verabſchiedung von Ausführungsbeſtim=
mungen
des Bundesrats über die Anwendung der neuen
geſetzlichen Grundſätze über die Gewährung von Beihil=
fen
an Kriegsteilnehmer bevor. Man rechnet damit, daß
für die nächſten folgenden vollen Etatsjahre die Summe
von rund 8 Millionen Mark für die Erhöhung der Bei=
hilfen
eingeſtellt werden muß, da ſich zunächſt weitere
Kriegsteilnehmer melden, die ſich als beihilfebedürftig
herausſtellen und denen nach den neuen Grundſätzen Bei=
hilfen
gewährt werden. Unter Hinzurechnung der oben
erwähnten 4 Millionen Mark für die zweite Hälfte des
laufenden Rechnungsjahres würden im laufenden Etat im
ganzen 35 Millionen Mark für Kriegs=
teilnehmer
zur Verfügung ſtehen, und im nächſtjäh=
rigen
Etat dürften dann im ganzen 39 Millionen
für dieſe Zwecke zur Einſtellung gelangen. Es iſt anzu=
nehmen
, daß die Zahl der Veteranen und damit auch die
Höhe der eingeſtellten Summe erſt nach einigen Jahren
etwas zurückgehen wird. Außer der Erhöhung der Bei=
hilfen
der unterſtützungsbedürftigen Kriegsteilnehmer
durch 150 Mark jährlich werden auch den Witwen der
Beihilfeempfänger die Bezüge der Verſtorbenen
für die auf den Sterbemonat folgenden drei Monate be=
llaſſen
, und die Zahlung erfolgt im voraus in einer
Summe. Von weſentlicher Bedeutung iſt auch die Be=
ſtimmung
, daß die Beihilfen bei vorliegender, nicht nur=
auf
vorübergehender Urſache beruhender Unterſtützungs=
bedürftigkeit
unabhängig von dem Nachweiſe
der Erwerbsunfähigkeit gewährt wer=
den
, und daß bei der Prüfung der wirtſchaftlichen Lage
(Zuwendungen Dritter nur inſoweit zu berückſichtigen ſind
als ſie auf rechtlicher Verpflichtung beruhen. Man rechnet
Lamit, daß am 1. April 1914 von rund 346000 Kriegsteil=
nehmern
, die in Anbetracht der Abgänge noch in Frage
kommen, 261000 oder etwa 75 v. H. die Beihilfen be=
ziehen
werden.

Deutſches Reich.

Die geſetzgeberiſche Arbeit des
Reichstages. Der Reichstag hat von Ende Novem=
ber
bis Ende Juni getagt. In dieſer Zeit hat er haupt=
ſächlich
zwei Aufgaben gelöſt, vor Oſtern hat er die Haupt=
teile
des neuen Etats beraten, deſſen Fertigſtellung aller=
dings
erſt mit vierwöchiger Verzögerung, Ende April,
möglich wurde. Die Arbeit zwiſchen Himmelfahrt bis
Ende Juni war der Wehrvorlage und den Deckungsge=
ſetzen
gewidmet. Mit großem Fleiße ſind in acht Wochen
trotz vieler Bedenken dieſe Vorlagen verabſchiedet wor=
den
, eine Hinausſchiebung in den Herbſt konnte vermieden
werden. Die ſonſtige geſetzgeberiſche Ausbeute iſt nur
gering und die Geſetze, die von den Kommiſſionen vorbe=
raten
ſind und die das Plenum erſt im nächſten Winter
beſchäftigen ſollen, haben wenig günſtige Ausſichten auf
glatte Annahme. Erledigt ſind außer dem Etat, der Wehr=
vorlage
, den Entwürfen über den Wehrbeitrag, über das
Reichsſtempelgeſetz und dem Beſitzſteuergeſetz als wichtig=
ſter
Entwurf das Reichs= und Staatsangehörigkeitsgeſetz,
die übrigen erledigten Vorlagen ſind von geringerer Be=
deutung
, ſo die Schutzgebietnovelle über die Rechtsfähig=

keit kolonialer Vereine, der Entwurf über die Entſchädi=
gung
der Schöffen und Geſchworenen, die Aenderung des
Wahlreglements (Wahlurnen einheitlicher Art), der Ent=
wurf
über die Zollerleichterung bei der Fleiſcheinfuhr, die
Uebereinkunft zum Schutze des gewerblichen Eigentums,
das Abkommen über ein einheitliches Weltwechſelrecht,
ein Entwurf über die Aenderung von Reichstagswahl=
kreiſen
, Nachtragsetats, der Entwurf über den Unter=
ſtützungswohnſitz
in Bayern und einige andere kleine Ge=
ſetze
. Unerledigt ſind bisher geblieben: das Poſtſcheck=
geſetz
, das Petroleummonopolgeſetz, der Entwurf über die
Jugendgerichte, das Konkurrenzklauſelgeſetz (von den
Kommiſſionen vorberaten), ferner das neu vorgelegte
Spionagegeſetz, das noch gar nicht beraten iſt, und das
Literaturabkommen mit Rußland, ſowie drei kleine Ge=
ſetze
. Abgelehnt wurde von der Kommiſſion das Kinder=
ſaugflaſchengeſetz
. Außer den Regierungsvorlagen wur=
den
noch einige Interpellationen (Fleiſchteuerung, Wagen=
mangel
in Rheinland=Weſtfalen, reichsländiſche Diktatur=
geſetze
), wenige Anträge (u. a. Jeſuitengeſetzaufhebung)
Petitionsberichte beſprochen. Von den 79 kleinen Anfra=
gen
wurden 78 beantwortet. 11 Wahlprüfungsberichte
blieben unerledigt.
Die Petitionskommiſſion des
Reichstages hat Bericht erſtattet über die Beratung
der Petitionen über die Aenderung des Reblausgeſetzes
und erſucht den Reichskanzler, bei den Einzelſtaaten wegen
Abänderung der angefochtenen Ausführungsbeſtimmungen
vorſtellig zu werden. Die Wünſche der Petenten gehen
dahin, den Bekämpfungsdienſt anders zu regeln, da die
bisherige Praxis große Mängel hat. Eine Kommiſſion
wird demnächſt zuſammentreten, um die Wünſche zu prü=
fen
und der Regierung Abänderungsvorſchläge zu machen.
Zur Annahme der Wehrvorlage. Als
Folge der Annahme der Wehrvorlage durch den Reichstag
erwartet man verſchiedene, bisher aufgeſchobene Verän=
derungen
und Verſchiebungen in den hohen und höchſten
militäriſchen Kreiſen. Dem Kriegsminiſter ſei eine be=
ſonders
hohe Ernennung zugedacht.
Konferenz über Staatsbahnen. Im
preußiſchen Miniſterium der öffentlichen Arbeiten hat am
27. und 28. Juni dieſes Jahres eine Sitzung der deutſchen
Bundesregierungen mit Staatsbahnbeſitz ſtattgefunden.
Es war dies die erſte der regelmäßig wiederkehrenden
Sitzungen, die nach einer unter den Bundesregierungen
getroffenen Vereinbarung von Zeit zu Zeit ſtattfinden ſol=
len
, um eine möglichſt enge Fühlung in allen das Eiſen=
bahnweſen
betreffenden Fragen herbeizuführen. In der
Sitzung ſind Leitſätze für die Beratungen auf dieſen Kon=
ferenzen
vereinbart worden, nach denen dort allgemeine
Fragen aller Art zur Sprache gebracht werden können,
die das Verhältnis der Eiſenbahnen untereinander oder
zur Oeffentlichkeit betreffen. Von den übrigen Verhand=
lungsgegenſtänden
ſeien hervorgehoben die Durchſicht und
Fortbildung der Vereinbarungen vom Jahre 1905 über
die Verkehrsleitung im Güterverkehr, ſowie die grund=
ſätzliche
Einigung über ein ganz Deutſchland umfaſſendes
Fahrdienſtübereinkommen, nach dem die Leiſtungen der
Betriebsmittel und Perſonale unter den deutſchen Bahnen
nach einheitlichen Grundſätzen ausgeglichen werden ſollen.
Die nächſte Sitzung wird vorausſichtlich ſchon im Herbſt
ſtattfinden.

Ausland.

Frankreich.
Die Beratung der Militärvorlage. Die
Kammer ſetzte die Beeatung der Militärvorlage fort.
Der Deputierte Molle erklärte, in jeder Hinſicht An=
hänger
des Gegenentwurfs Augagneur zu ſein, wobei der
Redner namentlich die regionale Rekrutierung für wert=
voll
hielt. Dann verteidigte Augagneur von neuem ſei=
nen
Gegenentwurf und verſuchte die Ziffern des Generals
Legrand zu widerlegen. Redner beſtand auf Erſetzung
der Militärhandwerker und der ſonſtigen Beſchäftigten
durch Zivilperſonen, die im Falle der Mobiliſierung die

Beſchäftigung beibehalten würden. Darauf wurde di
Beratung geſchloſſen und zur Abſtimmung über den Geger
entwurf Augagneur geſchritten. Er wurde mit 339 gege
214 Stimmen abgelehnt. Der Abgeordnete Painlevé ver
teidigte ſeinen Gegenantrag, wodurch die Jahresklaſſe
im Jahre der Aushebung vom 20. Jahre an eingeſtel
werden ſollen. Vorübergehend ſolle 1913 mit der jet
1912 genannten Jahresklaſſe eine Hälfte der Jahres
klaſſe 1913, mit der Klaſſe 1914, die andere Hälfte deſ
Jahresklaſſe 1913 eingeſtellt werden. Der Gegenentwur
hält die zweijährige Dienſtzeit aufrecht und ſieht eine En=
ſetzung
von gewiſſen Militärbeamten durch Ziviliſten vo:
Painlevé rechnet darauf, ſo 120000 Mann mehr einſtelle
zu können. Painlevé glaubte, daß ſein Syſtem in der
Jahren 1914/1915 eine ausreichende Rekrutierung ergeb
um den deutſchen Heeresverſtärkungen gewachſen zu ſeint
Nach 1916 würde die Aushebung der Araber in Senega=
die
Lücken ausfüllen. Painlevé ſchätzt das eventuell
jährliche arabiſche Kontingent auf 12000 Mann. De=
Kriegsminiſter unterbrach den Redner und ſagte, daß dieſ
Schätzung ein wenig kühn ſei. Meſſimy hält es für mög
lich algeriſche Kolonialtruppen zur Ausübung des Poli=
zeidienſtes
in Nordafrika zu bilden und ſo zu ermöglichen
die 80000 Mann, die das Mutterland dorthin entſandte
zurückzurufen. Painlevé ſchloß mit der Aeußerung, da
ſein Gegenentwurf die Diſziplin wiederherſtellen würdee
(Beifall auf der äußerſten Linken und verſchiedenen Bän=
ken
der Rechten.) Berichterſtatter Paté erklärte, die Frag=
der
Einſtellung der Zwanzigjährigen ſei vorbehalten
(Bewegung auf der Rechten und äußerſten Rechten.) Der
Berichterſtatter bekämpfte den Gegenentwurf, dem er vor
warf, daß er nur von vorübergehender Wirkung ſein und
im Oktober nur 615000 ſtatt 712000 Mann ſtellen werde=
die
Frankreich brauche. Er erinnerte ferner daran, daſ
die Kammer die zweijährige Dienſtzeit ablehnte, die der
Gegenentwurf aufrechterhalte. (Beiſall im Zentrum und
auf verſchiedenen Bänken.) Dann wurde der Gegenent=
wurf
Painlevé mit 323 gegen 233 Stimmen abgelehnt.
Die Ausgaben für Marokko. Der Finanz=
miniſter
Dumont erklärte im Budgetausſchuß der Kam=
mer
, daß er die diesjährigen Ausgaben für Marokko im
Betrage von 208 Millionen Francs mit dem Ueberſchuf
der indirekten Steuern des erſten Halbjahres 1913, ſowie
durch Ausgabe kurzfriſtiger Obligationen zu decken be=
abſichtige
.
Spanien.
Einſtellung der militäriſchen Unter
nehmungen in Marokko. Nach einer Blättermel=
dung
aus Madrid ſoll die Regierung beſchloſſen haben
während des Sommers alle umfaſſenden militäriſchen
Unternehmungen in Marokko einzuſtellen und ſich mit der
Verteidigung der beſetzten Gebiete zu begnügen. Die Re=
gierung
ſoll auch Beſprechungen mit Raiſuli angeknüpf
haben und hoffen, zu einer günſtigen Löſung zu gelangen
Portugal.
Ein Handelsvertrag zwiſchen Braſi=
lien
und Portugal in Sicht. Es wird gemeldet
daß der portugieſiſche Miniſterpräſident Dr. Alfonſo Coſtel
die Abſicht habe, demnächſt eine Reiſe nach Braſilien zu
unternehmen. Der Zweck der Reiſe ſoll die Anknüpfung
enger politiſcher und ökonomiſcher Beziehungen zwiſchen
den beiden Ländern portugieſiſcher Zunge ſein. Die bei=
derſeitigen
Geſandtſchaften ſollen zu Botſchaften erhoben
werden. Die Frage der portugieſiſchen Auswanderung
nach Braſilien ſoll geregelt und ein Handelsvertrag zwi=
ſchen
beiden Republiken abgeſchloſſen werden. Angeblich
ſoll dieſer in Ausſicht genommene Handelsvertrag Beſtim=
mungen
enthalten, welche die Errichtung eines Freihafens
für braſilianiſche Waren in Liſſabon, eine direkte Dampfer=
linie
zwiſchen Portugal und Braſilien und die Errichtung
einer Kohlenſtation für braſilianiſche Schiffe auf den
Azoren vorſehen. Man ſagt ſchließlich, daß der braſiliani=
ſche
Miniſter des Auswärtigen auf ſeiner Rückreiſe von
den Vereinigten Staaten an Bord des braſilianiſchen
Panzerſchiffes Minas Gereges die Azoren beſuchen
werde. Eine amtliche Beſtätigung dieſer Nachricht liegt=
nicht
vor.
Das Budget. In der Kammerſitzung berichtete=
der
Finanzminiſter über das Budget, aus welchem her=
vorgeht
, daß die Einnahme einen Ueberſchuß von 967 Con=
tos
ergeben, von dem 559 Contos zur Wiederherſtellung

Aus der eiſernen Zeit:
Was Karl Auguſt und ſein
Land erduldeten.

CD Kein deutſcher Fürſt befand ſich in der erſten Hälfte
des Jahres 1813 in einer ſo quälenden und furchtbaren
Lage als Karl Auguſt von Weimar, denn die Umſtände
zwangen dieſen grimmigen Franzoſenhaſſer und enthuſia=
ſtiſchen
Preußenfreund, ſich dem Franzoſenkaiſer demütig
zu unterwerfen. Stand doch die Exiſtenz ſeines Landes
auf dem Spiel, und um von ſeinen Untertanen das Aergſte
abzuwenden, mußte der ſtarke Mann ſeinen Ingrimm tief
in der Bruſt verſchließen. In die Seelenſtimmung des
Herzogs und in die Not ſeines Staates führt uns auf
Grund umfaſſender Archivſtudien und neuen Materials
ein Aufſatz ein, den Hermann Freiherr von Egloffſtein im
neueſten Heft der Deutſchen Rundſchau veröffentlicht.
Im April 1813 hatten ſich die ſeit langem am Hori=
zont
drohenden Wolken zu einem furchtbaren Ungewitter
zuſammengezogen. Die Gefangennahme eines weimari=
ſchen
Bataillons durch preußiſche Huſaren und Jäger die
die Weimaraner wie eine Befreiung von dem unerträg=
lichen
Druck der Fremdherrſchaft empfanden, ein aufge=
fangener
Brief des Kammerherrn von Spiegel an den Ge=
heimrat
Voigt, hinter dem die Franzoſen eine Verſchwör=
ung
witterten, und manches andere hatten den Zorn des
Kaiſers immer höher ſteigen laſſen. Karl Auguſt war in
höchſter Not und gab ſeinen bangen Zweifeln offenen Aus=
druck
in einem aus dem Weimarer Staatsarchiv hier ver=
öffentlichten
Brief an den franzöſiſchen Geſandten St.
Aignan, zu dem er vollſtes Vertrauen hatte. Ich ſchreibe
Ihnen, bekennt der Herzog, wie einem Freunde und vor
allem einem aufgeklärten Freunde, ich bitte um Ihren
Rat und gebe Ihnen Vollmacht, nach Gutdünken zu han=
deln
. Er weiß nicht, wen er an den Kaiſer ſchicken ſoll,
um ihn zu beſänftigen. O Gott, mein guter Gott! Was
für Sorgen in dieſer Welt! ruſt er tief bekümmert aus.
Meiner Treu, ich zerbreche mir den Kopf, um jemanden
dafür Geeigneten zu finden, und je mehr ich grüble, deſto

mehr werde ich mir der entſetzlichen Hilfloſigkeit meiner
Lage bewußt. Diejenigen, die ihrem Range nach etwa
n Betracht kämen, ſind für eine ſolche Sendung nicht ge=
eignet
, und diejenigen in entſprechender Stellung, die ge=
wählt
werden könnten, ſind in Weimar unenbehrlich an=
geſichts
der auf dieſer unglücklichen Stadt ruhenden ſchwe=
ren
Laſten. 10000 Mann ſoll ſie ernähren und verfügt
nicht über 12 Dörfer die ihr beiſtehen können. Mir dreht
ſich der Kopf, ſo ſchließt der franzöſiſch geſchriebene Brief,
und wenn ich Dummheiten ſchreibe, ſo verzeihen Sie mir:
dieſer höchſt elende Frühling zieht alle Verhältniſſe in Mit=
leidenſchaft
.
Das ſchreckliche Gewitter, das Karl Auguſt von Napo=
leons
Zorn fürchtete, wurde durch die Geiſtesgegenwart
eines beherzten Mannes, des Kanzlers von Müller, der in
einer denkwürdigen Unterredung den Korſen umzuſtimmen
wußte, noch einmal glücklich abgewendet. Ja, bei der
Durchreiſe Napoleons durch Weimar lächelte ſogar dem
Herzog die kaiſerliche Huld. Aber an der traurigen Lage
des Herzogs wurde damit nicht das Allergeringſte ge=
ändert
. In den demütigſten Ausdrücken mußte er ſich an
den Kaiſer wenden, ſo in dem Glückwunſchſchreiben zum
Siege bei Bautzen, in dem es heißt: Da mein heißes
Flehen für das Wohlergehen Ew. Majeſtät erhört worden
iſt, preiſe ich dafür die göttliche Gnade und lege Ihnen,
Sire, meine untertänigſten Glückwünſche zu Füßen. Mögen
Ew. Kaiſerliche und Königliche Majeſtät den Ausfluß
meiner tiefen Unterwerfung und einer unwandelbaren
Anhänglichkeit, die ich Ew. Majeſtät geweiht habe mit
Herablaſſung entgegennehmen. Warum der Herzog dieſe
ihn tief erniedrigenden Worte fand, geht aus dem Auftrag
hervor, den er ſeinem Abgeſandten zugleich mit dem Schrei=
ben
mitgab. Er empfahl dem Kaiſer untertänigſt das
Wohl des weimariſchen Landes das einer Laſt erliegt
die durch einige Aenderungen in den Heerſtraßen leicht ge=
lindert
werden könnte.
Die Anſprüche, die von den Franzoſen an Weimar ge=
ſtellt
wurden ſchienen darauf berechnet, das kleine Land
von 34 Geviertmeilen und knapp 120000 Einwohnern
zu Grunde zu richten. Nicht enden wollten die Durchzüge
der Napoleoniſchen Truppen. In einem Vierteljahr
haben wir 600000 Mann beköſtigt und ich weiß nicht, wie=

viel Pferde, ſchreibt am 13. Juni 1813 der greiſe Miniſter=
von
Voigt. Und immer mehr forderten die Franzoſen.
Für den Unterhalt der großen Armee verlangte der Gene=
ralintendant
Daru um die Mitte des Juni: 200000 Pfund=
Fleiſch, 100000 Rationen Zwiebackbrot, ebenſo viel Zwie=, 10000 Zentner Mehl und 200000 Scheffel Hafer.
Und dabei konnten die Weimarer Landesbehörden mit=
Mühe und Not nicht mehr als 11000 Scheffel Hafer auf=
bringen
. Dazu kamen die Forderungen für den Ausbau=
der
Erfurter Feſtungswerke: 15341 Baumſtämme täglich
153 Laſtwagen und 1904 Schanzarbeiter. Unter Androh=
ung
der ſtrengſten Mittel forderten die Bevollmächtigten
des Kaiſers die Erfüllung ihrer ungeheuerlichen Anſprüche.
Es iſt gleichſam, als ob uns die Laſt des Augenblicks er=
drücken
ſolle, ſchreibt der Präſident von Fritſch an den
Herzog. Die geringen Vorräte des Landes decken nicht=
das
Bedürfnis der Einwohner, noch der durchmarſchieren=
den
Truppen. . . In dieſen Tagen, kann Ew. Durchlaucht=
ich
unterthänigſt verſichern, befinde ich mich in einem im=
merwährenden
Fieber wo der Paroxysmus eintritt, wie
die zur Exekution gleichſam eingelegten Commiſſarien,
nämlich der franzöſiſche Commiſſaire des guerres und der
Officier vom Genie Corps, welche la rentré de la requi=
ſition
beobachten ſollen, zweymal täglich mein Zimmer
einnehmen. Soeben tritt abermals ein Employé bey mir
ein, von Gr. Daru beauftragt, nach den Verſemens zu
fragen.
Einen Einblick in die Not der napoleoniſchen Armee
gewähren übrigens die Mitteilungen eines Unparteiiſchen,
des ſächſiſchen Finanzrates von Wagner, daß in der Ge=
gend
von Reichenbach und Bautzen an 30 Dörfer ohne An=
bau
und ohne Bewohner wären; alles ſei abgebrannt, aus=
geplündert
, zertreten, niedergeriſſen, ſelbſt die Sommer=
ſaat
abfouragiert. Da die Franzoſen ſelbſt Hunger litten,
ſo war die Härte gegen Weimar begreiflich. Zwar ent=
ſchloß
ſich Karl Auguſt am 3. Juli noch einmal durch ſeinen
Abgeſandten Wolfskeel dringliche Vorſtellungen bei Daru
zu erheben. Aber auch die flehentlichen Bitten, mit denen
Wolfskeel den franzöſiſchen Intendanten beſtürmte fruch=
teten
nichts. An den einmal geregelten Requiſitionen
läßt ſich nichts ändern, erklärte Daru trocken.

[ ][  ][ ]

Nummer 152.

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Juli 1913.

Seite 3.

der Flotte verwendet werden ſollen. Der Bericht wurde
von der Mehrheit lebhafte begrüßt, ſeitens der Oppoſition
rief er feindliche Kundgebungen hervor, ſo daß der Prä=
ſident
ſich gezwungen ſah, die Sitzung aufzuheben.
England.
Asquith amtsmüde. Gerüchten von ſeiner
Amtsmüdigkeit hat der engliſche Premierminiſter Asquith
durch eine Rede im Reformklub ſelbſt erneut Nahrung
gegeben. Er deutete darin an, daß die jüngſte Kriſis, die
ſeine Partei überſtanden habe, ihm viele ſchwere Sorgen
bereite und nicht ohne Einfluß auf ſein Befinden geblieben
ſei. Selbſt in den Kreiſen ſolcher ſeiner Anhänger, die un=
gern
einen Wechſel im Kabinett ſehen würden, bricht ſich
die Anſicht Bahn, daß Mr. Asquith ſich gerne zurückzöge,
wenn er nur den richtigen Nachfolger finden könnte. Lloyd
George, der früher öfter genannt wurde, iſt durch die
Marconiſkandale vorläufig kaltgeſtellt worden. Sir Ed=
ward
Grey erſcheint der Partei ſowohl als Asquith im
Auswärtigen Amt gegenwärtig ganz unentbehrlich. Ueber
Winſton Churchill wird zwar nicht mehr als den klei=
inen
Nelſon geſpöttelt, aber als den Steuermann im
Staatsſchiff kann man ihn ſich doch nicht denken. Von
den anderen Miniſtern kommt keiner als Mr. Asquiths
Nachfolger in Betracht. Der Premierminiſter wird des=
halb
wohl nicht umhin können, ſich noch einige Monate
länger für das Wohl ſeiner Partei zu opfern, bis die
innere Politik ſich ein wenig geklärt hat.

* Graf Kanitz . Der Reichstagsabgeordnete Graf
von Kanitz iſt am Montag geſtorben. Hans Wilhelm
Alexander Graf von Kanitz war eines der älteſten Mit=
glieder
des Reichstags. Schon 186970 Mitglied des
Norddeutſchen Reichstags, gehörte er ihm ununterbrochen
ſeit dem Jahre 1889 als Vertreter des Wahlkreiſes Ragnit=
Pilkallen an. Er war 1841 geboren, ergriff erſt die Ver=
waltungslaufbahn
und war 186977 Landrat des Kreiſes
Sprottau. Dann übernahm er nach dem Tode ſeines Va=
ters
das Majorat Mednicken und Podangen. Mit dem
Grafen von Kanitz hat die deutſchkonſervative Partei einen
ihrer älteſten und tüchtigſten Parlamentarier verloren. In
den neunziger Jahren iſt ſein Name beſonders bekannt ge=
worden
durch den von ihm wiederholt eingebrachten und
nach ihm benannten Antrag Kanitz der eine ſtaatliche
Regelung der Getreidepreiſe bezweckte und nichts Gerin=
geres
forderte, als daß in Zukunft der Ein= und Verkauf
des zum Verbrauch im deutſchen Zollgebiet beſtimmten
hausländiſchen Getreides ausſchließlich für Rechnung des
Reiches erfolge. Dieſer Antrag wurde am 17. Januar 1896
abgelehnt.
* Wien, 1. Juli. Das Neue Wiener Tagblatt ſchreibt
anläßlich des Beſuches des italieniſchen =
nigspaares
in Kiel: Wir in Wien und unſere
Freunde in Berlin und Rom ſenden der Hafenſtadt des
Deutſchen Reiches, die ſich zu einem ſo impoſanten Kriegs=
hafen
entwickelt hat, herzliche Grüße. Wir freuenduns eines
Vorkommniſſes, das uns als eine ſchöne Selbſtverſtänd=
lichkeit
erſcheint und als etwas ganz Natürliches, begrün=
det
in dem familiären Charakter der Beziehungen zwi=
iſchen
den Herrſchern der Staaten, welche den Dreibund
bilden. Die Anweſenheit des Miniſters des Aeußern Mar=
cheſe
di San Giuliano und des deutſchen Reichskanzlers
macht die Entrevue zu einer neuen Manifeſtation der
Einigkeit und der Kraft des Dreibundes. Wenn irgend
zwei Teile der Allianz beiſammen ſind, iſt die dritte ſtets
im Geiſte mit anweſend, in Kiel alſo die habsburgiſche
Monarchie. Feſtgefügt ſo betont das Blatt iſt der
Dreibund; ſein ſtolzes Ziel iſt die Erhaltung des Frie=
dens
! Das Blatt verweiſt ſchließlich auf das Schlußwort
des Reichskanzlers im geſtriaen Reichstag, in dem er die
feierliche Verſicherung gegeben hat, daß die Militärvorlage
nur dem Frieden und deſſen Erhaltung diene. Das ſei
ein prächtiger Prolog zu der Entrevue in Kiel.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 2. Juli.

Ausbau der Straßenbahn Darmſtadt-Eberſtadt.
D Nachdem der Aufſichtsrat der Heag in der Sitzung
vom 3. Juni die Mittel von 600 000 Mark für den Ausbau
der Straßenbahn, Verlängerung der jetzigen elektriſchen

Bahn, und zwar von Landskronſtraße bis zum
ſüdlichen Friedhof Eberſtadt, der Direktion zur
Verfügung geſtellt hat, ſind die erforderlichen Materialien
unter Beſchleunigung beſtellt worden. Die
Herſtellung des Bahnkörpers für das zweite Gleis wird
bereits in den nächſten Tagen in Angriff genommen. Die
Schienenlieferung iſt von den betreffenden Hüttenwerken
auf Ende Juli, Anfang Auguſt zugeſprochen, und die be=
reits
im November v. J. beſtellten Trieb= und Anhänge=
wagen
ſollen im Laufe des Monats Juli und Auguſt zur
Anlieferung gelangen. Schwierigkeiten bietet nur die Be=
ſchaffung
von Rillenſchienen, welche durch den Ort Eber=
ſtadt
zur Verlegung kommen.
Der Ausbau der Strecke Darmſtadt-
Eberſtadt bis zur Ortseinfahrt in Eber=
ſtadt
kann daher derart gefördert wer=
den
, wenn die vorhandenen Telegraphen=
leitungen
entfernt worden ſind, daß bis
zum Winterfahrplan, am 1. Oktober, die
Linie dem Betrieb übergeben wird.
Wann die Strecke durch den Ort Eberſtadt fertiggeſtellt
ſein wird, läßt ſich jedoch heute noch nicht mit Sicherheit
beſtimmen.
* Vom Hofe. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
empfingen Montag vormittag 10 Uhr im
Jagdſchloß Wolfsgarten den Forſtmeiſter Schäfer aus
Mönchbruch, ſowie den Pfarrer Hartmann und Bürger=
meiſter
Anthes aus Egelsbach. (Darmſt. Ztg.)
* Ordensverleihungen. Se. Königl. Hoheit der
Großherzog haben dem Ober=Briefträger Georg
Rettig in Darmſtadt und dem Briefträger Leonhard
Emig in Bensheim das Allgemeine Ehrenzeichen mit
der Inſchrift Für langjährige treue Dienſte verliehen.
* Vom Oberverwaltungsgerichtshof. Se. Königl.
Hoheit der Großherzog haben den Vorſtand des
Polizeiamts Darmſtadt, Regierungsrat Heinrich Gennes,
für die Dauer des dermalen von ihm bekleideten Amtes
zum Mitglied des Verwaltungsgerichtshofs ernannt.
* In den Ruheſtand verſetzt wurde der Finanz=
amtsgehilfe
Adolf Treſer zu Oppenheim auf ſein
Nachſuchen, unter Anerkennung ſeiner langjährigen treu
geleiſteten Dienſte, vom 1. Auguſt d. J. an.
* Militärdienſtnachrichten. Franke, Gen.=Major
und Kommandeur der 50. Inf.=Brig. (2. Großh. Heſſ.), mit
Wahrnehmung der Geſchäfte des Feldzeugmeiſters beauf=
tragt
. Frhr. v. Speßhardt, Oberſt und Komman=
deur
des 4. Niederſchl. Inf.=Regts. Nr. 51, unter Er=
nennung
zum Kommandeur der 50. Inf.=Brig. (2. Großh.
Heſſ.), v. Behr, Oberſt, beauftragt mit der Führung
der 32. Inf.=Brig., unter Ernennung zum Kommandeur
dieſer Brig., zu Gen.=Majoren befördert.
nn. Strafkammer. In der geſtrigen Strafkammerſitzung
vurde in vierſtündiger Verhandlung unter Ausſchluß der
Oeffentlichkeit über eine unſaubere Geſchichte verhandelt.
Angeklagt waren der 42jährige Kanalarbeiter Ludwig
Bauer gebürtig aus Erfelden, und deſſen Ehefrau
Sophie Bauer, geboren zu Nieder=Ramſtadt, beide wohn=
haft
in Darmſtadt am Schillerplatz. Sie ſind angeſchul=
digt
, in den Jahren 1911 und 1912 der Unzucht in größe=
rem
Maße Vorſchub geleiſtet zu haben. Die Verteidigung
lag in den Händen des Rechtsanwalts Dr. Fulda. Zu der
Verhandlung, die nicht öffentlich war, ſind ungefähr zehn
junge Mädchen von 1820 Jahren geladen. Das Urteil
lautete gegen die Ehefrau Sophie Bauer auf 6 Monate
Gefängnis und Tragung der Gerichtskoſten. Der Ehe=
mann
wurde von Strafe und Koſten freigeſprochen. In
der Nachmittagsſitzung wurde über eine Berufungsſache
gegen den Franz Pfeffel von Bobſtadt wegen Körper=
verletzung
verhandelt. Der Angeklagte war wegen einer
Meſſerſtecherei zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt, was
ihm zu hoch ſchien. In geſtriger Verhandlung, bei der
Juſtizrat Dr. Oſann die Verteidigung führte, nahm=der
Angeklagte nach Lage der Sache die eingelegte Berufung
zurück.
* Kunſtverein. Die Kollektion Oßwald erfreut ſich
nach wie vor der Gunſt des Publikums; über Be=
gabung
wie Leiſtung des Künſtlers herrſcht nur eine
Stimme. Drei Bilder im Werte von 600, 600 und 700 Mk.
vurden letzthin verkauft. Hoffentlich hält auch die letzte
Woche der Schluß erfolgt am 6. Juli , was Schön=
heit
und Gediegenheit dieſer letzten Ausſtellung der
Saiſon allen Beteiligten zu verſprechen ſchien.
C. Infolge der neuen Bahnanlagen iſt bekanntlich
der von der Pallaswieſenſtraße ausgehende Sensfel=

derweg, der durch den Walddiſtrikt Täubcheshöhle,
zwiſchen Gräfenhauſen und Wixhauſen hindurch nach Erz=
hauſen
führt, zwiſchen Pallaswieſenſtraße und Täubches=
höhle
von mehreren Bahnlinien durchſchnitten worden,
ohne daß man Uebergänge geſchaffen hat. Neuerdings iſt
nun von der Frankfurter Straße aus, einige Schritte jen=
ſeits
des Nordbahnhofes, ein fahrbarer Weg geſchaffen
worden, der in weſtlicher Richtung nach dem alten Damm
der Main=Neckarbahn hinzieht und kurz vor deſſen Er=
reichung
in den Sensfelderweg einmündet. Zugleich iſt
der an der Südſeite der Merckſchen Fabrik hinführende
alte Verbindungsweg geſchloſſen worden.
* Darmſtädter Turnerſchaft. An dem Probe=
turnen
für das deutſche Turnfeſt in Leipzig, das
heute abend im großen Turnſaale der Turngemeinde am
Woogsplatz ſtattfindet, beteiligen ſich über 200 aktive
Turner und Turnerinnen. Die Uebungen beginnen um
8½ Uhr. Alle Mitglieder und Turnfreunde ſind hierzu
herzlichſt eingeladen.
* Pfalztour des Odenwaldklubs. Die Ortsgruppe
Darmſtadt hat es ſich von jeher zum Ziel geſetzt, ihre
reuen Wandergenoſſen und Freunde einmal im Jahre
außerhalb des eigentlichen Klubgebietes, des Oden=
waldes
, zu führen; es wurde diesmal die an zahlreichen
Naturſchönheiten herrliche Pfalz gewählt. Die Tour am
6. Juli führt nur in einen der ſchönſten Teile des Pfäl=
zerwaldes
, nach der Kropsburg und nach der 673 Meter
hohen Kalmit. Allerdings heißt es diesmal zeitig auf=
ſtehen
, denn ſchon um 4.15 Uhr führt die Bahn die
Teilnehmer nach Mannheim. Von hier geht es zu Fuß nach
Ludwigshafen, wo ſich die Wanderer im Bahnhofs=
Reſtaurant an einer guten Taſſe Kaffee ſtärken können.
Für Extrawagen iſt geſorgt und der Sonntagszug bringt
die Klubfreunde nach Edenkoben, wo die Wanderung be=
ginnt
. An herrlichen Weinbergen vorüber führt der Weg
hinauf nach dem Franzoſen=Denkmal, mit hübſchen Aus=
blicken
nach der Rietburg, St. Annakapelle, hinüber nach
Landau. Bei ganz klarem Wetter iſt ſogar Straßburg
ſichtbar. Alsdann wird das prächtige Sieges= und Frie=
densdenkmal
erreicht. Nach kurzer Raſt geht es weiter;
ſchon von ferne grüßt die Wanderer das erſte Ziel: die
Kropsburg. Hier iſt fünfviertelſtündiger Aufenthalt vor=
geſehen
. Der zweite Teil geht nun auf ſchönen Wegen
aufwärts nach der Kalmit. Durch prächtigen Wald er=
reicht
man den Höhenweg mit ſeinen lohnenden Aus=
blicken
nach St. Martin und Edenkoben. Am hochinter=
eſſanten
Felſen vorüber gelangt man nun auf die Kal=
mit
, den zweithöchſten Berg der Pfalz. Auf ſeiner Hoch=
fläche
iſt ein ſteinerner Turm erbaut, von deſſen Platt=
form
aus man eine entzückende Ausſicht nach dem Don=
nersberg
, über die ganze Haardt und über die Rheinebene
von Darmſtadt bis nach Straßburg hat. Die Ludwigs=
hafener
Hütte lädt alsdann zur kleinen Ruhepauſe ein.
Noch ein zweiſtündiger Marſch führt dann abwärts durch
das romantiſche Schöntal, am Kurhaus Königsmühle
vorüber nach dem Endziel: Neuſtadt a. d. H. Hier er=
wartet
die Wanderer ein kräftiges Mahl, und die treff=
lichen
Pfälzer Weine dürften auch ihre Liebhaber finden.
Mitglieder des Pfälzerwaldvereins haben ihren Beſuch
angekündigt, und es wird ſich wohl alsbald ein echt
touriſtiſcher Frohſinn entwickeln. Die Tour iſt in keiner
Weiſe anſtrengend, da durchweg ein angenehmes Tempo
innegehalten wird, um die Eindrücke voll und ganz äuf
ſich wirken zu laſſen. Gebeten wird noch, die Tiſchkarten
im voraus bei Herrn Bergmann zu löſen, auch den Be=
trag
der Fahrkarte Ludwigshafen-Edenkoben, 80 Pfg.,
zu entrichten. Freitag abend findet Bierabend in der
Brauerei Zur Krone ſtatt; dort ſind die Führer zur
näheren Auskunft gerne bereit.
* Die Wetterfeſten. Sonntag, den 6. Juli, findet
die 8. Wanderuna ſtatt. (Näheres ſiehe Anzeige.)
* Von der Wach= und Schließgeſellſchaft. Im
Monat Juni ergaben die fortlaufenden Reviſionen
der Nachtwachbeamten folgende Fälle: 361 offene Haus=
türen
und Tore vorgefunden, 83 mal brannte Licht in
Geſchäfts= und Bureaulokalitäten, Kellern und Boden=
räumen
, bezw. wurde vergeſſen dasſelbe zu löſchen,
15 defekte Schlöſſer und Türen, ſowie ſteckengebliebene
Schlüſſel vorgefunden, 13 offenſtehende Parterrefenſter
ermittelt, 14 Hausbewohnern, die ihre Schlüſſel vergeſſen
hatten, geöffnet.
* Kinotheater. Man ſchreibt uns: Reſidenz=
theater
am Weißen Turm. Das grandioſe Lebensbild
Zuma iſt nun doch, nachdem der zum erſtenmal angezeigte
Film durch widrige Umſtände nicht vorgeführt werden
konnte, eingetroffen. Neben dieſem Saiſonſchlager befin=
det
ſich noch ein Zweiakter: Staatsgeheimnis im Pro=
gramm
. Die genannten zwei Dramen ſind von der be=
Gaa

Feuilleton.

C) Sommerpelze‟ Wenn elegante und geſchmackvolle
Damen der guten alten Zeit in den ſommerlichen Tagen
dieſes Jahres die Rennbahnen oder die faſhionablen Pro=
menaden
beſuchen könnten, würden ſie bei allem Verſtänd=
nis
für die koketten Kapricen der Mode doch verwundert die
Köpfchen ſchütteln. Denn in den letzten Jahren hat ſich
das Charakterbild der Frauenmoden um einige Züge be=
reichert
, die früher weniger ſtark zutage traten. Der Hang
zum Exotiſchen und die Neigung zu launiſchen kleinen
Narrheiten tummeln ſich in einer Freiheit, die früheren
Zeiten nicht offen ſtanden. Damals herrſchte mit faſt pe=
dantiſcher
Strenge das ungeſchriebene Geſetz: im Winter
ſchmückſt du deinen Hut mit Federn, im Sommer aber mit
Blumen. Im Winter legt man Samt an, von Pfingſten
ab aber iſt das leichte lockere Muſſelin Herrſcherin der
Mode. Das alles iſt vorüber, die Willkür der Phantaſie
ſetzt ſich über den Ordnungsſinn der älteren Generation
hinweg, die Jahreszeiten greifen ineinander über, und es
iſt auch nicht zu leugnen, daß die bunte Vielfältigkeit de
Gegenwart manches für ſich hat. Aber wenn man jetzt
bei den großen Pariſer Rennen an warmen ſonnigen
Junitagen die eleganten Modedamen mit Pelzen behan=
gen
erſcheinen ſieht, dann blickt der abſeits der Modeſtröm=
ungen
ſtehende ſchlichte Bürger doch mit einigem Erſtau
nen auf dieſe Geſtalten, die in ihrer Tracht die Sonne miß=
achten
und den Sommer zum herben kalten Winter ver=
wandeln
. Es iſt nicht mehr zu beſtreiten, Paris hat es
glücklich zuſtande gebracht: der Sommerpelz iſt modern
geworden. Beim Derby in Chantilly, unter ſtrahlender
Sonne, oder am letzten Sonntag in Auteuil bei ſchönem,
warmem, geradezu ſchwülem Wetter ſah man mehr als ein
Viertel aller Damen mit Pelzen geſchmückt. Natürlich
keine Pelzmäntel und keine Pelzjacken nur Pelzſtolen und
Boas; und nur lichte Farben, Silberfuchs, Weißſuchs,
Hermelin und hellgraue Pelzarten. Skunks beiſpielsweiſe
gilt im Sommer als ſtreng verpönt, während die Pariſerin
nicht zögert, den nicht weniger wärmenden Silberfuchs
ohne Bedenken anzulegen. Dabei wäre die Boa, die Kra=
watte
nicht mehr eng um den Hals ge=
ſchlungen
: es wäre bei der Hitze nicht aus=

zuhalten. Auch darf das Ende nicht mehr maleriſch über
die Schulter zurückgeworfen werden: es wäre die Zerſtör=
ung
der Linie der diesjährigen Mode. Der Pelzkragen
wird flach und ſchlicht über die Schultern gelegt, phan=
taſtiſche
Knoten und Verſchlingungen ſind nicht angängig
der Eindruck wäre ſonſt zu polarartig. Aber auch ohne
dies amüſiert ſich der Pariſer Volkswitz über dieſe ſelt=
ſame
neue Mode der Sommerpelze, und einige der Da=
men
mußten das in Auteuil auch erfahren. Denn als ſie
in ihren prächtigen Silberfüchſen die Bahn verließen, hörte
man ringsum lachende Zurufe: Ha wieder eine, die ihre
Pelze angezogen hat, damit die Motten nicht hinein=
kommen
..
* Die Times hat mit ihrer uns vorliegenden Sonder=
Nummer vom 27. Juni, der Textile Number, eine Leiſt=
ung
vollbracht, die einmal in der Geſchichte
der Preſſe, zum andern in der angewandten Volkswirt=
ſchaft
verzeichnet zu werden verdient. Auf 62 Seiten ihres
ſechsſpaltigen Rieſenformats gibt ſie eine faſt enzyklopä=
diſche
Darſtellung des Textilweſens in all ſeinen Formen;
die Gewinnung des Rohſtoffes, ſoweit ſie hier unentbehr=
lich
iſt, eingeſchloſſen. Die Arbeiten, deren Sammlung
und Ordnung die journaliſtiſche Leiſtung darſtellt, beginnen
mit ausgezeichneten hiſtoriſchen Darſtellungen. Es folgen
ſtatiſtiſche Zuſammenſtellungen über das Wachstum der
einzelnen Induſtriezweige, wobei den überſeeiſchen Län=
dern
als Fabrikſtätten die nötige Aufmerkſamkeit gezollt
wird. In der Mitte des Intereſſes ſtehen natürlich die
großen engliſchen Betriebsgaue, namentlich für Baum=
wolle
. Nach einer Ueberſicht der einzelnen techniſchen
Zweige der Verarbeitung ſchließt die logiſch geordnete
Artikelreihe, der auch Kartenſkizzen und alte Bilder bei=
gegeben
ſind, mit einigen Angaben über den geſchäftlichen
Kreislauf der Fabrikate.
Die Detektivin im Salon. Miß Maud Weſt, eine
junge Engländerin, hat ſich als ausgezeichneter Detektiv
einen großen Ruhm erworben und wird in den vornehm=
ſten
Kreiſen der engliſchen Geſellſchaft viel beſchäftigt. In
einer engliſchen Wochenſchrift plaudert die Dame die über
einen großen Stab von Mitarbeiterinnen verfügt, in in=
tereſſanter
Weiſe von ihren Arbeiten und Erfahrungen
während der Sommermonate. In dieſer Jahreszeit, ſo
erzählt ſie, haben wir viel damit zu tun, für die Sicher=

heit der Schätze und Wertgegenſtände zu ſorgen, die in den
eleganten Wohnungen allein ſtehen während die Herrſchaf=
ten
aufs Land gezogen ſind. Häufig beauftragt man mich
auch, ein beſonderes Auge auf eine reiche Dame zu haben,
die als Kleptomanin bekannt iſt. Die Kleptomanie tritt
in den höheren Geſellſchaftsklaſſen meiſtens ſo auf, daß die
Kranke nur ganz beſtimmte Gegenſtände und nichts an=
deres
an ſich nimmt. So hatte ich kürzlich auf eine reiche
Dame der beſten Geſellſchaftskreiſe aufzupaſſen, die nichts
anderes ſtiehlt, als Schnupftabakdoſen. Nun war ſie bei
einer Freundin zu Beſuch, die über eine koſtbare Samm=
lung
altfranzöſiſcher Schnupftabaksdoſen verfügt, von denen
manche Kunſtgegenſtände von höchſtem Wert ſind. Die
meiner Aufſicht anvertraute Kleptomanin ſchlängelte ſich
bald in das betreffende Zimmer und mir blieb nichts an=
deres
übrig, als ſie in ein langes Geſpräch zu verwickeln,
das ſie auf jede Weiſe beenden wollte. Doch ich ließ nicht
ab und ſo mußte ſie ſchließlich unverrichteter Sache den
Raum verlaſſen, wo die ihr ſo gefährlichen Koſtbarkeiten
ſtanden. Ich war als Freundin der Gaſtgeberin eingeführt
worden, und niemand hatte von meinem wirklichen Beruf
eine Ahnung. Doch nicht nur Kleptomanen gibt es bei
großen geſellſchaftlichen Veranſtaltungen, ſondern auch
wirkliche Diebe, die Wertſachen aller Art ſtehlen, wenn ſie
glauben, daß man ſie dabei nicht erwiſcht. Die beſte Ge=
legenheit
dazu bietet ſich bei Gartenfeſten. Wenn alle Gäſte
im Freien ſind, begibt ſich der Dieb unter dem Vorwand,
ſich einmal die Wohnung anzuſehen in das Haus, und
ſteckt dann möglichſt kleine und dabei wertvolle Sachen un=
auffällig
zu ſich. Ich arbeite regelmäßig in dem Haus
einer hohen Ariſtokratin, wenn ſie ihr allſommerliches
Gartenfeſt gibt, und habe ein Dutzend Gehilfinnen zu
meiner Unterſtützung, die als Dienſtmädchen verkleidet ſind
und beim Servieren des Tees helfen. Solche Geſellſchafts=
diebe
ſind zumeiſt dunkle Exiſtenzen, von denen man nicht
genau weiß, wie ſie in die beſten Kreiſe hineingekommen
ſind die ſich aber ungezwungen und elegant zu benehmen
wiſſen. Bisweilen ſind es auch Ariſtokraten oder Ariſto=
kratinnen
, denen das Meſſer an der Kehle ſitzt und die
ſtehlen, weil ſie keinen anderen Ausweg wiſſen. Zumeiſt
ſind ſie durch Spielſchulden in eine verzweifelte Lage ge=
raten
. Sind ſolche Verbrecher überführt, ſo kommt es ſel=
ten
zur gerichtlichen Verfolgung, weil man jeden Skandal

[ ][  ][ ]

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Juli 1913.

Nummer 152.

rühmten Filmfabrik Eines, welche ſich durch ihren Auf=
ſehen
erregenden Film Quo vadis beſtens eingeführt
hat. Die intereſſanten Naturaufnahmen Lappland und
Wochenchronik, die reizende Komödie Der einzige Aus=
weg
, die Humoreske Der Gefangene ſind Films, welche
man geſehen haben muß. (S. Anz.) Uniontheater
(Kunſtlichtſpiele, Rheinſtraße 6). Für die nächſten Tage
iſt es der Leitung des U. T. gelungen, einen der neueſten
Schlager: Geld macht nicht glücklich ein realiſtiſches
Lebensbild in zwei Akten, zu gewinnen. Das Werk ſchil=
dert
in ergreifender Weiſe die Schickſale einer zu Geld
gekommenen Bauernfamilie, die mit dem ihr zugefallenen
Reichtum nichts anzufangen weiß und lieber wieder in
ihr bäuerliches Heim zurückkehrt, als in der Stadt unglück=
lich
zu leben. Neben dieſem Hauptſchlager begegnen wir
auf dem reichhaltigen Programm noch einem hervorragen=
den
Drama: Schickſals Walten, deſſen Sujet ebenfalls
dem Leben entnommen iſt. Eine mehr als intereſſante
Naturaufnahme bringt uns in dem Film Die Süß=
waſſerſchildkröte
deren Leben und Wirken näher, wäh=
rend
die zweite, Der Baikalſee intereſſante landſchaft=
liche
Schönheiten vor unſerem Auge erſtehen läßt. Be=
ſondere
Aufmerkſamkeit wurde dem komiſchen Genre ge=
widmet
. Die Komödie Blindekuh, die Humoresken
Rechtsanwälte Blink und Iinks und Der magiſche
Stock ſorgen für die erwünſchte Bewegung der Lach=
muskeln
. Daneben fehlt es nicht an intereſſanten Ein=
lagen
, die alle als erſtklaſſig bezeichnet werden müſſen.
* Konzertveranſtaltungen. Ludwigshöhe.
Bei dem heutigen Nachmittags=Kurkonzert und im
Abendkonzert, verbunden mit großer Illumination, wird
ein von Herrn Hans Fiſcher komponiertes Lied:
Heimweh ein muſikaliſch wertvolles Stückchen, erſt=
malig
zur Aufführung gebracht werden, worauf die
Freunde des hier anſäſſigen Komponiſten aufmerkſam
gemacht ſeien. (Siehe auch Anzeige in heutiger Nummer
unſeres Blattes.) Heſſiſcher Hof. Im heutigen
Mittwochskonzert der Infanteriekapelle wird ein vor=
zugsweiſe
heiteres Programm zur Wiedergabe gelangen
und ſei auch auf den Auszug im Anzeigenteil hinge=
wieſen
. Don Quixote von Rupprecht und Aufzug
der Stadtwache aus der Biedermeierzeit ſind Stücke
von geſundem Humor.

Urkundenfäſſchung aus Herger.
chdruck verboten.)

Rbg. Reichsgerichtsentſcheidung. Vor der Straf=
kammer
Darmſtadt hatten ſich am 1. April 1913
der Maurermeiſter S. Schallenburger und der
Steinmetzmeiſter Schepp wegen Urkundenfälſchung zu
verantworten. Schallenburger hatte für ſeinen Vetter S.
die Errichtung eines Hauſes für den feſten Preis von 4500
Mark übernommen. Der Preis war aus verwandtſchaft=
lichen
Gründen ſo niedrig bemeſſen, daß er faſt nichts
daran verdiente. Anſtatt nun mit dieſem Entgegenkom=
men
ſeines Vetters zu rechnen, erzählte S. jedem, der es
hören wollte, wie billig er zum Haus gekommen ſei. Dies
kam dem Schallenburger zu Ohren, und er war darüber
ſehr erboſt, weil er nunmehr befürchten mußte, daß auch
andere Bauluſtige bei ihm mit dieſem billigen Preiſe
rechnen würden und er dadurch geſchädigt würde. Um nun
ſeinem Vetter den wirklichen Wert der Bauarbeiten vor
Augen zu führen, bat er den Steinmetzmeiſter Schepp,
ihm für die von ihm gelieferten Arbeiten eine neue Rech=
nung
auszuſtellen, und zwar unter Einſetzung eines
höheren Preiſes und unter Verwendung eines anderen
Namens für den Lieferanten. Es war ihm dabei haupt=
ſächlich
, nach Annahme des Gerichts, darum zu tun, nicht
an den ſeinem Vetter berechneten Preis gebunden zu ſein.
Sch. ging auf den Vorſchlag ein und ſtellte die Rechnung
bezw. die Quittung auf den Namen eines vor vier Jah=
ren
geſtorbenen Kollegen aus. Dieſes Schriftſtück legte
Schallenburger nun ſeinem Vetter vor. Hierin erblickt
das Gericht Urkundenfälſchung. Die Abſicht der Ange=
klagten
ging dahin, den S. zu veranlaſſen, daß er in Ge=
ſprächen
mit anderen den ihm von Sch. berechneten Preis
für Steinmetzarbeiten als durchaus berechtigt aner=
kenne
. Die Angeklagten wollten vermeiden, daß ſpäter
einmal andere Kunden ſich auf die dem S. berechneten
billigen Preiſe beriefen und auf Herabminderung der
ihnen berechneten Preiſe dringen ſollten. Dieſe Abſicht
war nach Anſicht der Strafkammer eine rechtswidrige.
Beide waren deshalb der Urkundenfälſchung für über=
führt
anzuſehen. Schallenburger wurde zu zwei Wochen
und Schepp zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Gegen
dieſes Urteil legten die Angeklagten Reviſion beim Reichs=
gericht
ein und rügten das Vorhandenſein der rechtswidri=
gen
Abſicht und des Erſtrebens eines Vermögensvorteils.
S. habe nicht getäuſcht werden können, da er einen recht=
lichen
Anſpruch auf weitere billige Preiſe gehabt habe und

Sch. habe ſeine normalen Preiſe berechnen können. Der
Reichsanwalt meint nur, es könne bedenklich erſcheinen,
ob die Angeklagten wirklich einen Vorteil erſtrebten. Da
dies aber tatſächlich feſtgeſtellt iſt, ſo könne dagegen nichts
eingewendet werden. Er beantragte deshalb Verwerf=
ung
der Reviſion. Der hohe Senat erkannte nach dieſem
Antrag und verwarf beide Reviſionen koſtenpflichtig.

Offenbach, 30. Juni. Nach längerem Leiden ſtarb
geſtern vormittag ½6 Uhr der Großh. Kreisarzt des Krei=
ſes
Offenbach, Geh. Medizinalrat Dr. Georg Pfann=
müller
. Mit ihm iſt ein pflichtgetreuer Arzt und Beam=
ter
aus dem Leben geſchieden, der ſich den ſchweren Auf=
gaben
ſeines Berufes mit freudiger Hingabe widmete und
in ſeiner Eigenſchaft als Kreisarzt eine außerordentlich
erſprießliche Tätigkeit im Dienſte der allgemeinen Ge=
ſundheitspflege
entwickelte.
Mainz, 30. Juni. Zwiſchen dem Rheinheſſiſchen Be=
obachter
und dem Ingelheimer Anzeiger beſteht ſeit lan=
ger
Zeit bittere Feindſchaft. Beide Blätter machen ein=
ander
den Vorwurf, daß auf ihren Redaktionen der geiſtige
Diebſtahl mittels der Schere vorherrſchend ſei, und daß
die meiſten Anzeigen zur Füllung der Spalten koſtenlos
aufgenommen würden. Ein Eingeſandt im Beobachter
von Mehreren Hausfrauen, das ſich mit ungenügender
Ernährung der Waiſenhauskinder beſchäftigte, veranlaßteden
Verwalter des Waiſenhauſes Meiſter in ebenſo ironiſcher
Weiſe im Ingelheimer Anzeiger zu antworten. Der Ge=
ſchäftsführer
des Beobachter, Ludwig Greif in Ober=
Ingelheim, und der Schriftſteller Karl Meiſner, der
als Redakteur im Beobachter tätig geweſen war, hatten am
Aſchermittwoch eine Faſtnachtsnummer herausgegeben, In
dieſer Nummer waren in verſchiedenen Anzeigen beleidi=
gende
Aeußerungen gegen den Verleger des Ingelheimer
Anzeiger, Eckold, deſſen Tochter, den Waiſenhausverwalter
Meiſter und deſſen Frau enthalten. In der Nummer wa=
ren
als verantwortlich zwei Kaufmannslehrlinge ange=
geben
, außerdem war der Verleger in unrichtiger Weiſe
benannt. Wegen Beleidiaung ſtellten Eckold und Meiſter
Strafantrag. Greif und Meiſner hatten ſich vor der Straf=
kammer
in Mainz wegen Beleidigung und wegen Ver=
gehens
gegen den § 8 des Preßgeſetzes zu verantworten.
Meiſner war zur Verhandlung nicht erſchienen, er wurde
auf televhoniſche Aufforderung von Bingen aus vorge=
führt
. Die Angeklagten verteidigen ſich damit, daß das
ganze nur ein Faſtnachtsſcherz geweſen ſei und eine Be=
leidigung
nicht beabſichtigt war. Die Beweisaufnahme
dauerte mehrere Stunden. Das Gericht kam zu der An=
ſicht
, daß nicht ein harmloſer Karnevalſcherz, ſondern eine
grobe Beleidigung vorliege. Für die Beleidigungen ſeien
beide Angeklagte ſtrafrechtlich verantwortlich. Wegen der
Preßvergehen komme nur Meiſner, wegen der Uebertre=
tungen
wieder beide Angeklagte in Betracht. Straferſchwe=
rend
falle ins Gewicht, daß die Angeklagten ein junges,
unbeſcholtenes Mädchen, das ſich nicht dagegen wehren
konnte, in der ſchwerſten Weiſe beleidigt hätten. Beide
Angeklagte ſind vorbeſtraft, Meiſner wegen Wuchers und
Sittlichkeitsvergehens, Greif wegen Unterſchlagung; dieſer
Umſtand kam bei der Strafbemeſſung inſofern beſonders
in Betracht, als das Gericht feſtſtellte, daß die Angeklagten
mit ihren Vorſtrafen am allerwenigſten berufen ſeien,
wirkliche oder vermeintliche Mißſtände zu beſprechen, und
daß ſie beſonderen Grund hätten, ſich vor Beleidigungen
in Acht zu nehmen. Meiſner wurde zu zwei Mo=
naten
Gefängnis und 170 Mark Geldſtrafe, Greif zu
einem Monat Gefängnis und 95 Mark Geldſtrafe
verurteilt. Außerdem wurde verfügt, daß das Urteil im
Beobachter und im Ingelheimer Anzeiger zu veröffentlichen
iſt. Beide Angeklagten wollen gegen das Urteil Revi=
ſion
einlegen. (M. Tgbl.)
* Mainz, 1. Juli. Die Vorfeier des Schützen=
feſtes
, das am Sonntag beginnt, iſt gut verlaufen. Das
Probebankett hat gezeigt, was Küche und Keller vermögen.
Die Schießanlagen haben ſich vollauf bewährt. Im
Probeſchießen ſtanden Frankfurt und Wiesbaden im
Vordertreffen; ſie teilten ſich in die 10 ſilbernen Becher,
die als Preiſe geſtiftet waren. Nun gehts auf die Haupt=
feier
zu, die mit dem großen hiſtoriſchen Feſt=
zug
am 6. Juli anhebt; er wird in vortrefflich ausgear=
beiteten
Prunkgruppen Bilder aus der Neuzeit und ſolche
aus der Vergangenheit der Stadt bringen. Auch der
Mainzer Humor wird zu Wort kommen, beſonders in der
Gruppe der ABC=Schützen, lauter echte Määnzer Bub=
cher
An Feſtlichkeiten in der Feſtwoche mangelts nicht.
16 Konzerte finden unter Mitwirkung der Mainzer Ver=
eine
ſtatt. Lehrer=Sängerchor, Männer=Geſangverein,
Liederkranz, Sängerbund u. a., die Turn= und Fechtver=
eine
uſw. wetteifern in dem Beſtreben, den Beſuchern das
Beſte zu bieten. Die bis jetzt geſtifteten Ehrengaben
haben einen Geſamtwert von über 22000 Mark.
Friedberg, 30. Juni. Den Gläubigern des ſich im
Konkurs befindlichen erſten Konſumvereins dürf=
ten
, dem M. Tgbl. zufolge, wenn alle Mitglieder, auch
die früheren, die volle Haftſumme von 30 Mark bezahlen,
60 Prozent aus der Maſſe ausbezahlt werden. Auf
Grund eines früher gefaßten Vergleichs hatten nun ſchon
zahlreiche Mitglieder ihre Haftſummen zugunſten der
Gläubiger an den Vorſtand abgeführt; jetzt ſollen die
Leute die gleiche Summe noch einmal dem Konkursver=
walter
behändigen, da die Einziehung dieſes Geldes im
Falle eines Konkurſes dem Verwalter zuſteht. Anderer=
ſeits
bekommen die Mitglieder von ihren zuerſt bezahlten
Haftſummen jetzt 60 Prozent davon wieder heraus, da
ſie in dieſem Falle als Gläubiger des Vereins angeſehen
werden.

Turnfeſt in König.
L König, 29. Juni. Die Hauptfeier des Jubi=
läumsfeſtes
des hieſigen Turnvereins, das
29. Gauturnfeſt des Odenwaldgaues für
welches der Feſtausſchuß, an ſeiner Spitze der Vereins=
vorſtand
, ſchon wochenlang fieberhaft gearbeitet hatte und
für das bereits große Opfer gebracht waren, hatte ſehr
unter der Ungunſt des Wetters zu leiden. Schon früh=
zeitig
ſetzte heftiger Regen ein, der ſich immer wieder im
Laufe des Vormittags wiederholte, ſo daß mit dem
Preisturnen aufgehört werden mußte, ſo unangenehm
dieſe Unterbrechung auch empfunden wurde. Der Feſtzug
bot des Schönen und Sehenswerten gar vieles; hervor=
zuheben
wäre beſonders das vom Radfahrerverein Ge=
botene
, der für ſein Teil ganz Hervorragendes geleiſtet
hatte. Außerordentlichen Beifall fand ein von dieſem
Verein im Zug geführtes Auto, zuſammengeſtellt aus
Fahrrädern, Tannengrün und Blumen, auf dem ein klei=
ner
Junge Keulenſchwingen übte.
Auf dem Feſtplatz begrüßte der erſte Vorſitzende des
feſtgebenden Vereins, Herr Heinrich Keller, die Feſtver=
ſammlung
und wünſchte allen ein vergnügtes Feſt. Herr
Bürgermeiſter Büchner begrüßte im Namen der Gemeinde
König die von auswärts herbeigeeilten Turner und Feſt=
gäſte
und wünſchte den Beſtrebungen der Turner beſten
Erfolg. Seine Ausführungen gipfelten in der Mahnung
an die Turner, alle Turnertugenden zu pflegen, immer
vorwärts zu ſchreiten in der Uebung von Leibesgewandt=

heit, und den Körper zu ſtählen und widerſtandsfähig zu
machen, aber auch nicht zurückzubleiben in der Pflege des
Geiſtes und in der Liebe und Treue zum Vaterland. Der=
erſte
Vorſitzende des Gaues, Herr Kurz aus Michelſtadt,
zeigte in längerer Rede das Edle und Hohe der Turner=
ſache
, die den Körper gelenkig mache und ſtähle und den
Geiſt wach und rege mache, erinnerte die Turner aber auch
an ihre Pflichten und ermahnte ſie, daß ſie auch, wie ihre
Vorbilder, die großen deutſchen Männer, Jahn und Ernſt
Moritz Arndt, außer der Pflege der Leibesübungen ihr
Vaterland lieben, achten und ehren ſollten. S. D. Fürſt
zu Erbach=Schönberg beglückwünſchte den Turnverein zu
ſeinem goldenen Jubiläum und dankte mit herzlichen
Worten für ſeine Ernennung zum Ehrenmitglied des Ver=
eins
. Als Dank für dieſe Ehrung und zum Zeichen ſeiner
Wertſchätzung ſtiftete der Fürſt eine koſtbare Fahnen=
ſchleife
mit dem Wappen ſeines Hauſes. Sein Hoch galt
dem Turnverein und der edlen Turnkunſt. Der erſte Vor=
ſitzende
des Vereins, Herr Keller, dankte dem hohen
Protektor des Jubiläumsfeſtes und dem ganzen fürſtlichen
Hauſe für das erwieſene Wohlwollen und beſonders für
das herrliche Geſchenk und ſchloß mit einem begeiſtert auf=
genommenen
Gut Heil! auf den Fürſten und unſer
Fürſtenhaus. Der Geſangverein Liederkranz ſang
auf der Bühne: Quer übern Weg und ſpäter vor dem
Fürſtenzelt, in dem außer dem Fürſten nebſt hoher Ge=
mahlin
noch der Bruder des Fürſten, Prinz Viktor zu
Erbach=Schönberg und Gemahlin, Platz genommen hat=
ten
: Morgenrot‟ Die gut geſungenen Chöre fanden
freudigen Beifall. Die Uebungen der Preisturner waren
inzwiſchen wieder aufgenommen worden, und man konnte
ſchöne Leiſtungen von Gelenkigkeit, zäher Kraft und
federnder Sprungkraft ſehen. Beſonders Intereſſe erregte
die Damenriege aus Groß=Zimmern und die Knabenriege
ebendaher. Das Wetturnen konnte leider nicht vollendet
werden, da gegen abend ein heftiger Sturm und ein furcht=
barer
Regenſchauer einſetzten, die alles weitere Turnen
unmöglich machten.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 30. Juni. Durch das Ver=
ſagen
einer Weiche fuhr geſtern abend an der Hohenſtraße
ein elektriſcher Straßenbahnwagen auf einen
Anhängerwagen eines entgegenkommenden Zuges und=
zertrümmerte
dieſen vollſtändig. Mehrere Perſonen, die
ſich auf den beiden zuſammenhängenden Wagen befanden,
erlitten erhebliche Verletzungen. Fünf wurden nach der
Rettungswache im Eliſabethenkrankenhaus gebracht, wo
man ihnen Notverbände anlegte. Alle konnten ſpäter ihre:
Wohnungen aufſuchen. Ein Kaufmann aus Frankfurtt
a. M. hatte in Berlin einen Lotteriegewinn zu
holen. Um ganz ſicher zu gehen, nähte er das Geld inz
ein Handtuch, das er ſich als Gürtel um den Leib band.
Zu Hauſe angekommen, entdeckte er, daß ihm 24500 Mk.
fehlten. Er glaubt, das Geld in einem Reſtaurant, das er
in Berlin beſuchte, verloren zu haben. Einem Berliner
Kaufmann aus der Düſſeldorfer Straße wurde heuter
abend auf der Strecke Karlsbad-Dresden im Eiſenbahn=
abteil
von 3 internationalen Taſchendieben eine Brief=
taſche
mit 12300 Franes in Wertpapieren geſtohlen.
Ein großer Silberdiebſtahl iſt in der Nacht zum
Sonntag in dem Schloſſe des Grafen von Wartensleben
in Fürſtenwalde verübt worden. Am Abend war
bei dem Grafen Geſellſchaft geweſen. Als die Gäſte das
Haus wieder verlaſſen hatten, drangen Einbrecher durch
ein Fenſter in das Schloß ein. Mit Bohrer und Meißel
erbrachen ſie in einigen Räumen Schränke und Schreib=
tiſche
. Wahrſcheinlich vermuteten die Täter darin viel
Geld. Sie erbeuteten aber nur annähernd 200 Mark. Da=
gegen
fielen ihnen erhebliche Vorräte an Silbergeräten
zur Beute. Mehrere Dutzend ſilberne Meſſer und Gabeln,
Löffel und andere Silbergeräte, die meiſt das Jagowſche
Wappen trugen, wurden von den Dieben geſtohlen. Auch
Schmuckgegenſtände, darunter ein goldener Siegelring mit
dem Wartenslebenſchen Wappen, fielen den Eindringlin=
gen
zur Beute. Ein leerer Silberkaſten, der viele Silber=
geräte
enthalten hatte, wurde morgens im Schloßgarten
aufgefunden. Der Wert der entwendeten Gegenſtände iſt
bedeutend. Es wird vermutet, daß der Einbruchsdiebſtahl
durch Berliner Einbrecher verübt worden iſt, und daß
die Einbrecher den erſten Frühzug nach Berlin benutzt
haben.
Heidelberg, 30. Juni. In Anweſenheit des Großher=
zogs
und der Großherzogin von Baden nahm der erſte
Tag des Schloßfeſtes anläßlich der 300. Jahrfeier des
Einzuges der Prinzeſſin Eliſabeth Stuart mit Fried=
rich
V. von der Pfalz in Heidelberg einen glänzenden Ver=
lauf
. Ueber 600 Perſonen ſtellten den Einzug dar, der
durch die Koſtbarkeiten der Gewänder beſonderes Intereſſe
erregte. Starken Beifall fand ein von acht Rittern ge=
rittenes
mittelalterliches Turnier.
Koblenz, 30. Juni. In dem am 6. Mai begonnenen
Automatenprozeß wurde heute nachmittag das Ur=
teil
verkündet. Die fünf Inhaber der Firma und 12 ihrer
Angeſtellten wurden freigeſprochen, ſieben weitere Reiſende
wurden entſprechend der Anzahl der ihnen nachgewieſenen
Btrugsfälle zu Gefängnisſtrafen von 2½ Jahren bis 2½
Monaten verurteilt, unter Anrechnung eines entſprechen=
den
Teiles der Unterſuchungshaft.
Kaſſel, 30. Juni. Ein Dynamit=Anſchlag auf
der Strecke Berlin-Halle-Kaſſel wird durch folgende amt=
liche
Meldung bekannt: Am 26. ds. Mts. abends ſind auf
der Böſchung bei Kilometer 13 der Hauptbahn Halle-
Kaſſel zwölf Dynamitpatronen gefundn worden. Die
Eiſenbahndirektion Halle hat eine Belohnung von 300 Mack
auf die Ergreifung des Täters ausgeſetzt. Ob die Pa=
tronen
befeſtigt geweſen ſind iſt nicht bekannt. Hierzu
wird weiter aus Halle gemeldet: Bisher iſt es noch nicht
gelungen, den myſteriöſen Dynamitanſchlag bei der Station
Zſcherben aufzuklären. Der Bahnwächter der die Strecke
kontrollierte, bemerkte zwiſchen 10 und 11 Uhr in einiger
Entfernung vor der Station zwiſchen den Verbindungen
der Schienen, dicht hintereinander, 12 Dynamitpatronen,
die ſenkrecht ſtanden. Der erſte Zug, der die Strecke paſ=
ſiert
hätte, würde unbedingt die Patronen zur Exploſion
gebracht haben, die natürlich ein furchtbares Unglück ange=
richtet
hätten. Die Patronen ſind Fabrikate der Anhaltiſch=
Weſtfäliſchen Sprengſtoff=Geſellſchaft. Man nimmt an, daßt
ſie aus einem der zahlreichen Kohlen= und Kalibergwerkel
der Umgebung geſtohlen worden ſind.
Weimar, 1. Juli. Geſtern ſtarb im Alter von 65
Jahren der Hofſchauſpieler und Dichter Karl Weiſer=
Hildesheim, 28. Juni. Hildesheim hat ſeit geſtern
einen originellen Katzenbrunnen. Auf dem Neuſtäd=
ter
Markt, einem jener Teile des norddeutſchen Nürnberg‟
in dem der mittelalterliche Baucharakter in ſchönen Re=
naiſſanceſchöpfungen
zum Ausdruck kommt erhebt ſich als
Schmuck des ganzen Platzes ein ſechs Meter hoher Brun=
nen
aus Dolomitkalkſtein. Der Brunnen behandelt in
origineller Art eine alte Hildesheimer Sage von dem
Nachtwächter und den Katzen. Dieſer Stoff iſt nun von

vermeiden will. Ein Gardeoffizier und ſeine Frau, die im
Laufe der Zeit Juwelen und Koſtbarkeiten im Werte von
einer Million geſtohlen hatten wurden, nachdem ſie ent=
deckt
waren, nur gezwungen, England zu verlaſſen. Auch
den Untaten von Suffragetten, die ſich in die Geſellſchaft
einſchleichen, ſuche ich vorzubeugen, und habe ſchon ſo
manche Beſchädigung koſtbarer Bilder die von Suffraget=
ten
geplant war, verhindern können.
* Verſchenkte Banknoten. Die Gaſſenjungen
von Neapel seugnizzi auf echt neapolitaniſch, ſind
ils enfants terribles aller Welt bekannt; die unglaublich=
ſten
Streiche ſind von ihnen zu erwarten. Daß aber einer
davon auch gar noch ſo viel kindliche Einfalt beſitzt, um
Banknoten zu verſchenken, übertrifft jedenfalls die kühn=
ſten
Erwartungen. Vor wenigen Tagen ſtand, ſo wird
der Köln. Ztg. berichtet, ein rotbackiges Bübchen am
Tramhalteplatz beim Muſeum S. Martino und beluſtigte
ſich damit, den Ausſchreier eines Kinematographentheaters
zu ſpielen und alle Vorübergehenden zum Beſuch eines
ſolchen einzuladen. Soweit wäre die Vorübung zu, dem
Schauſpielerberuf nicht bedenklich geweſen; aber der kleine
Ausrufer verteilte auch ſofort Eintrittskarten und Pro=
gramme
an jeden, der vorbeikam, und dieſe angeblichen
Reklamezettel waren nichts anderes als echte und rechte
Banknoten zu 50 und 100 Lire. Sonſt pflegt das Straßen=
publikum
die Reklamezettel, die ihm zugeſteckt werden,
ſofort in den Rinnſtein zu werfen; in dieſem Falle aber
bewahrte jeder das geſchenkte Papier ſorgfältig auf und
ging ſeines Weges weiter. Dieſes Spiel eines glücklichen
Zufalles hätte noch manchen erfreut, wenn nicht die Väter
von zwei mit ſolchen Kientopp=Programmen beglückten
Knaben die Sache bemerkt und ihr ſofort nachgeforſcht
hätten. Da ſtellte ſich heraus, daß der vielverſprechende
seugnizzo auf dem Grundſtück ſeines Vaters kurz zuvor
einen ganzen Pack ſolcher Papiere gefunden hatte, die ihm
die Anregung zu ſeinem eigenartigen Spiel gaben. Die
Noten waren von Dieben vorläufig verſteckt worden, und
es gelang auch, den rechtmäßigen Beſitzer ausfindig zu
machen. Aber deſſen Freude war nicht ungetrübt, denn
von 2025 Liren, die der luſtige Junge verſchenkt hatte,
konnten nur 900 zurückerlangt werden.

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Nummer 152.

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Inli 1913.

Seite 5.

Profeſſor Seeboeck=Rom zu einem ſchönen plaſtiſchen Bilde
geformt worden. Der Brunnen wird von der überlebens=
großen
Figur eines Nachtwächters gekrönt, der in der Rech=
ten
den Spieß und in der Linken die Laterne trägt. Er
ſpäht hinab nach dem Brunnenbecken, aus dem vier fau=
chende
Katzen am Brunnenſchaft zu ihm emporklettern. Das
Ganze iſt von feinem Reiz, und der originelle Brunnen
bildet ein neues Zierſtück unſerer Stadt. Der neue Brun=
nen
iſt das Geſchenk von Geheimrat Leeſer, dem die Stadt
ſchon manche Verſchönerung verdankt.
Frauenſtein, 29. Juni. In unſerer Stadt wurde heute
das Dreikönigdenkmal enthüllt, das nach Plänen
und Modellen des Profeſſors Albin Müller,
Darmſtadt errichtet wurde. Das in Muſchelkalkſtein
hergeſtellte architektoniſche Monument beſteht aus einer
gewaltigen kannelierten Säulentrommel, die eine Königs=
krone
trägt. An dieſen Unterbau ſchließen ſich 3 hochra=
gende
kraftvolle Säulen, die einen mehrfach gegliederten,
mit bildneriſchem Schmuck verſehenen Baldachin tragen,
der ſich ſchützend über der Krone wölbt. Die drei Archi=
travflächen
des Baldachins enthalten die Namen der =
nige
: Albert, Georg, Friedrich Auguſt III. während an
dem Kronenunterbau in lapidarer Schrift, gleich einem
umſpannenden Ring, ruhmreiche Tage der ſächſiſchen Ge=
ſchichte
vermerkt ſind. Der Denkmalskörper wird in Art
altgermaniſcher Kultſtätten von ſchlanken Monolithen,
die in ovaler Reihenfolge aufgeſtellt ſind, weihevoll um=
zirkt
.
Breslau, 30. Juni. Heute vormittag fand in Gegen=
wart
zahlreicher Ehrengäſte und Vertreter der königlichen
und ſtädtiſchen Behörden die Eröffnung der Kolo=
nial
=Ausſtellung ſtatt. Geheimrat Par, der Vor=
ſteher
dieſer Abteilung, begrüßte die Gäſte und dankte allen,
die ſich um das Zuſtandekommen des Werkes verdient ge=
macht
haben. Oberbürgermeiſter Motting nahm die Aus=
ſtellung
namens der Stadt als letzten Schlußſtein der Ju=
biläumsveranſtaltungen
in Empfang und ſprach ſeinen be=
ſonderen
Dank an Profeſſor Pax aus. Prof. Winkler, der
an dem Zuſtandekommen der Kolonialausſtellung auf
Grund ſeines langen Aufenthaltes in den Tropen, beſon=
ders
in den deutſchen Kolonien, hervorragenden Anteil
hat, führte darauf die Gäſte durch die Halle, das Gewächs=
haus
und die äußeren Anlagen.
Pillau, 30. Juni. Der der Reederei Zedler=Elbing
gehörende Dampfer Jaroslawna iſt 300 Meter
vom Rettungsſchuppen entfernt auf der Nehrung ge=
ſtrandet
. Es wird mittelſt Raketenapparates verſucht,
die Paſſagiere zu bergen.
Wiener=Neuſtadt, 30. Juni. Im Munitionsdepot 5
der Wöllersdorfer Munitionsfabrik, welche
unweit des im vorigen Jahre explodierten Objekts 48 gele=
gen
iſt, brach heute nachmittag ein Brand aus, der bei
dem herrſchenden ſtarken Wind für die Umgebung ſehr ge=
fährlich
war. Die in dem Objekt aufgeſtapelten Artillerie=
geſchoſſe
und andere Sprengſtoffe explodierten unter Ge=
töſe
. Die Umgegend war in dichte Rauchwolken gehüllt.
Militäckommandos und die Feuerwehr aus Wiener= Neu=
ſtadt
und den umliegenden Ortſchaften rückten aus und be=
mühten
ſich, die umliegenden Munitionsdepots zu erhalten.
Mehrere Soldaten und Zuſchauer aus der Beyölkerung
von Wiener=Neuſtadt welche zu dem Brandplatz eilten,
erlitten durch herumfliegende Holzteile Verletzungen. Am
ſpäten Abend, nachdem auch Regen eingeſetzt hatte, war
das Depot niedergebrannt, und die Gefahr für die Umge=
bung
beſeitigt. Die Brandurſache iſt unaufgeklärt.
Luxemburg, 1. Juli. In Rümebugen hatten Kinder
im Walde Erdbeeren gepflückt und auch Toll=
kirſchen
gefunden, die ſie für Erdbeeren hielten und von
denen ſie aßen. Ein 9jähriger Knabe ſtarb an der Vergif=
tung
. Die anderen kamen dank ärztlicher Hilfe mit dem
Leben davon.
London, 1. Juli. Daily Expreß erfährt, daß die
Londoner Behörden einem neuen, ſehr gefährlichen
Komplott einer kleinen bösartigen Suffragetten=
Abteilung auf die Spur gekommen ſind. Die näheren
Einzelheiten werden ſtreng geheim gehalten. Es ſoll ſich
darum handeln, daß einige hyſteriſche Frauen den Ent=
ſchluß
gefaßt haben im Falle des Ablebens einer der ein=
geſperrten
Suffragetten im Gefängnis gegen einige hoch=
ſtehende
Perſonen Attentate zu verüben. Zwei Miniſter
ſollen beſonders in Gefahr ſchweben.
Madrid, 30. Juni. Eine große Feuersbrunſt
brach in einer Apotheke in Avila aus. Das Feuer griff
auf das Zentralgebäude des Telephonamts über, das
zerſtört wurde. Zwei andere Gebäude ſind ebenfalls
den Flammen zum Raube gefallen. Ein Telephoniſt
wurde verletzt.
Liſſabon, 30. Juni. In den letzten 24 Stunden fanden
infolge der großen Hitze 18 Brände, beſonders in
Hafenſpeichern ſtatt. Der Schaden wird auf mehrere Mil=

lionen geſchätzt. Das Waſſer beginnt zu mangeln, große
Menſchenmengen belagern die öffentlichen Brunnen.
Konſtantinopel, 1. Juli. Geſtern nachmittag brach in
einem der älteſten Stadtviertel zwiſchen der Sophienkirche
und der Pforte ein großer Brand aus, der in kurzer
Zeit etwa 200 Häuſer einäſcherte. In den ſpäten Nacht=
ſtunden
dauerte der Brand noch an. Ob Menſchenleben
zu beklagen ſind, iſt noch nicht bekannt.

Gerichtszeitung.
Das Münchener Anarchiſtenattentat vor
Gericht.

München, 30. Juni. Das folgenſchwere Attentat
auf den preußiſchen Militärattaché in München, Major
von Lewinski, beſchäftigt nach einer überraſchend kur=
zen
Vorunterſuchung am kommenden Donnerstag das hie=
ſige
Schwurgericht. Unter der Beſchuldigung des zwei=
fachen
Mordes wird auf der Anklagebank der 34jährige
Zinngießer Johann Straſſer Platz nehmen, ein ver=
kommenes
Subjekt, das bereits achtzigmal wegen Bet=
telns
, Landſtreichens, Diebſtahls und Gewalttätigkeiten
vorbeſtraft iſt und auch ſchon mehrmals mit dem Zuchthaus
Bekanntſchaft gemacht hat. Der Angeklagte gehört nicht
zu den Enterbten des Glückes er entſtammt vielmehr
einer kleinbürgerlichen Familie, die ſich durch Fleiß und
Sparſamkeit ein kleines Vermögen erworben hatte. Gerade
dies ſollte dem Angeklagten aber zum Verhängnis werden.
Im Jahre 1900 wurde ihm bei ſeiner Volljährigkeit ſeine
Erbſchaft von 4000 Mark in Form einer Hypothek ausge=
zahlt
, die er ſofort für 3400 Mark weiterverkaufte. Seit
dieſer Zeit, alſo ſeit 13 Jahren, hat der Angeklagte nach
ſeinen eigenen Angaben nicht mehr gearbeitet. Natürlich
war das kleine Kapital bald verbraucht, aber, einmal ar=
beitsſcheu
geworden, hatte Straſſer zu keiner ehrlichen Ar=
beit
mehr Luſt, ſondern verlegte ſich auf Bettelei und Dieb=
ſtähle
, die er in Oeſterreich und Italien ebenſo ausführte
wie in Bayern, wenn er auf ſeinen Streifzügen wieder
einmal in die Heimat kam. Nachdem er erſt einmal hinter
den Mauern des Zuchthauſes geſeſſen hatte, ſank er bald
tiefer und tiefer und ließ ſich auch mehrere Verbrechen zu=
ſchulden
kommen, die ſeinen beſtialiſchen Charakter ver=
rieten
.
Zwiſchen den einzelnen Straftaten betätigte ſich der
Angeklagte als Anarchiſt, er wurde daher in den Liſten
der Münchener Polizei auch als ein ſolcher geführt und
überwacht. Leider konnte dieſe Ueberwachung das furcht=
bare
Verbrechen, wegen deſſen er nunmehr abgeurteilt wer=
den
ſoll, nicht verhindern. Der Angeklagte hatte, wie er
angibt, eingeſehen, daß ſein Leben verpfuſcht ſei und er
beſchloß daher, ſeinem Leben ein Ende zu machen, gleich=
zeitig
aber einen Höherſtehenden mitzunehmen. Mit die=
ſem
Plane durchirrte er die Straßen Münchens, bis ihm
der preußiſche Militärattaché Major v. Lewinski vor
Augen kam, deſſen Uniform ihm ſagte daß ihm ein geeig=
netes
Objekt für ſeinen Haß erſchienen ſei. Ohne ein
Wort zu ſprechen, ſchoß der Verbrecher hinterrücks auf den
nichtsahnenden Offizier. Dieſer war ſo überraſcht, daß
er ſich im erſten Augenblick gar nicht zur Wehr ſetzte und
ihm erſt Paſſanten zuriefen, er ſolle ſeinen Säbel ziehen
und im Zickzack gehen, damit er kein ſo unbewegliches Ziel
bilde. Major v. Lewinski tat das zwar, erhielt jedoch
trotzdem einen zweiten Schuß, der ihn in die linke Bauch=
ſeite
traf und zu Boden ſtreckte. An den Folgen dieſer
Verletzung iſt er dann geſtorben. Ein vorübergehender
Soldat, Oberwachtmeiſter Bolländer der dem An=
gegriffenen
zu Hilfe eilen wollte, erhielt Schüſſe in den
Unterleib und in den Kopf, die ihn auf der Stelle töteten.
Der Mörder wurde ſodann von den Paſſanten überwäl=
tigt
und gefeſſelt. Die Wut des Publikums war ſo groß,
daß man dem Verbrecher einen Strick um den Hals legte
und verſuchte, ihn an den nächſten Laternenpfahl zu knüpfen.
Die Polizei verhinderte jedoch den Akt der Lynchjuſtiz,
der lediglich Unſchuldige auf die Anklagebank und ins Ge=
fängnis
gebracht hätte. Da die Unterſuchung ergab, däß
von Geiſteskrankheit bei dem Angeklagten keine Rede ſein
könne, ſo wurde gegen ihn das Hauptverfahren vor dem
hieſigen Schwurgericht eröffnet.

Von der Kieler Woche.

* Kiel, 30. Juni. Ergebnis der Wettfahrten in
den 8= bis 5=Meter=Klaſſen des Kaiſerlichen Jachtklubs
des Norddeutſchen Regattavereins. 8=Meter=Klaſſe:
1. Mariechen: 7=Meter=Klaſſe: 1. Veb 2. Panne
3. Primula II‟. Dad ſtartete nicht; 6=Meter=Klaſſe:
1. Windſpiel XVII‟ (Ehrenpreis Chr. Lange), 2. Ilſe‟
3. Fara V 4. Margarete‟ Nichtſtarter: Wawi

Locco, Mosquito 5=Meter=Klaſſe: 1. Scherz; Son=
derklaſſe
: 1. Reſi V‟, ſie errang damit zum zweitenmal
den Samoapokal des Kaiſers und den Armourpokal;
2. Eliſabeth des Prinzen Eitel Friedrich, 3. Serum,
4. Tilly XVII‟, die Prinz Heinrich ſteuerte, 5. An=
gela
Vl die der Kronprinz ſteuerte. Wind: 7 Sekunden=
meter
Nordweſt.
* Kiel, 30. Juni. Der Kaiſer nahm in den Räu=
men
des Kaiſerlichen Jachtklubs um 7¾ Uhr die Preis=
verteilung
für die Wettfahrten der Kriegs=
ſchiffsboote
vor. Hieran ſchloß ſich ein Feſtmahl des
Kaiſerlichen Jachtklubs, an dem u. a. auch die hier weilen=
den
fremden Marineattachés, die Kommandanten der
Trinacria und des Amalfi teilnahmen. Im Verlaufe
des Mahles brachte Prinz Heinrich ein Hoch auf den Kai=
ſer
aus. Der Kaiſer forderte die Anweſenden auf, die
Gläſer zu füllen und brachte drei Hurras für den Kaiſer=
lichen
Jachtklub, ſowie deſſen Gäſte aus. Die Muſik ſpielte
den Yorckſchen Marſch. Der Kaiſer ließ heute nachmittag
der Flotte die Annahme der Wehrvorlage durch ein Sig=
nal
bekanntgeben.
* Kiel, 30. Juni. Die Kaiſerin beſuchte heute
vormittag die Jacht Iduna und begab ſich zum Start
der Sonderklaſſen. Der Kaiſer hörte heute vormittag einen
Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts und beſuchte ſpäter
den großen Kreuzer Seydlitz, Kommandant Kapitän von
Egidy. Zur Mittagstafel iſt der Chef des Admiralsſtabes
Admiral v. Pohl geladen worden.
* Kiel, 1. Juli. Der Kaiſer begab ſich um 8 Uhr
an Bord der Segeljacht Meteor und die Kaiſerin
gleichzeitig auf die Jacht Iduna‟ Generaloberſt von
Pleſſen ſegelte auf der Jacht Hamburg II‟ Zum Mit=
ſegeln
an Bord des Meteor ſind geladen: Großadmiral
v. Köſter, kommandierender General v. Quaſt, Mr. Ar=
mour
, Regierungspräſident v. Meiſter, Landrat Ritter von
Marx, Oberförſter Freiherr Speck von Sternburg, öſter=
reichiſcher
Militärattaché Graf von Colloredo=Mannsfeld
und Botſchafter a. D. Freiherr Mumm von Schwarzen=
ſtein
.

Luftfahrt.

Bodenſeewaſſerflug 1913.
* Konſtanz, 30. Juni. Um 6,15 Uhr nachmittags
ſtartete Vollmöller auf Albatros=Eindecker (mit
75 PS.=Mercedes=Motor) für den Preis für Sportflug=
zeuge
und den Ehrenpreis des Kaiſerlichen Automobil=
Klubs im Bojen=Viereck bei Konſtanz, überflog die Kon=
trollſtation
Romanshorn und waſſerte vorſchriftsmäßig
hinter der Ziellinie auf dem Unterſee; bei Radolfzell
ſtieg er wieder auf und flog nach dem Bojen=Viereck nach
Konſtanz zurück. Vollmöller benötigte für die zirka 95
Kilometer lange Strecke 48 Minuten, was einer Stunden=
geſchwindigkeit
von 105 Kilometern entſpricht. Der Flie=
ger
Gſell erfüllte die letzte Bedingung für den Be=
fähigungsnachweis
, der mit nur 70 Metern von ſtatten
ging.
* Konſtanz, 1. Juli. Heute wurde zum erſtenmal
um den Großen Preis vom Bodenſee (40000 Mark und
Ehrenpreis des Staatsſekretärs des Reichsmarineamts)
geſtartet. Trotzdem heute nur der kleine Motorbootsdienſt
zur Sicherung vorgeſehen war, ſtarteten vormittags 8.52
Uhr Gſell auf Friedrichshafen=Zweidecker, dann um 8.56
Uhr Thelen auf Albatros=Doppeldecker beide mit Paſſa=
gieren
. Der Abflug erfolgte bedingungsgemäß vom Land
aus, zweimal um den Bodenſee mit Zwiſchenwaſſerungen
bei Lindau und Konſtanz. Flieger= und Fluggaſtgewicht
iſt auf 180 Kilogramm ergänzt, Flughöhe einmal min=
deſtens
500 Meter, Geſamtſtrecke 200 Kilometer. Als erſter
traf im Bojen=Viereck in Konſtanz Gſell ein, der zu den
zwei Runden 106 Min. 51 Sek. gebrauchte, bald darauf
Thelen mit 108 Min. 51 Sek. Flugdauer. In Anbetracht
der ſchweren Bedingungen ſind gegenüber den bisherigen
Waſſerwettbewerben die Leiſtungen des heutigen Tages
am Bodenſee ganz hervorragende. Heute nachmittag wer=
den
weitere Maſchinen um den Großen Preis ſtarten.
Außerhalb dieſem Wettbewerb hat heute Faller auf Aviatik=
Zweidecker den Höhenbefähigungsnachweis erbracht. Hirth
führte Probeflüge auf Albatros=Eindecker von etwa einer
Stunde Dauer aus.
C Darmſtädter Flieger Der Feldpilot Traut=
wein
der Deutſchen Sommerflugzeugwerke ſtieg am
Montag abend 6.05 Uhr zu einem Ueberlandflug auf und
landete 7.55 Uhr in Freiburg.
H. B. Mainz, 1. Juli. Leutnant Schulz und Ma=
jor
Siegert von der Fliegerſtation Metz trafen auf
ihrem Fluge von Darmſtadt nach Köln bei Bingen
ſchwere Wolkenbänke und mußten auf dem Flugplatz
Mainz eine Zwiſchenlandung vornehmen. Der Wei=

Vor kundert Jahren.
Erinnerungsausſtellung im Gewerbemuſeum.
II.

Einen breiten Raum in der Ausſtellung nehmen die
Gebrauchsgegenſtände des täglichen Lebens ein, vornehm=
lich
das Porzellan. An dieſen Stücken, deren Mehr=
zahl
man den täglichen Gebrauch anſieht, ein Beweis da=
für
, daß es nicht Zierſtücke auf dem Nippesſchrank oder
der Etagere waren, ſieht man erſt, welche Verflachung
in der Kunſtform und damit im Verſtändnis für die ge=
diegene
Schönheit der uns täglich und ſtündlich umgeben=
den
Dinge des Alltags= und Werkgebrauchs die Fabrik=
induſtrie
gebracht hat, wie unperſönlich und ſchablonen=
haft
die Dinge ſind, die man uns heute vorſetzt. Und
es darf als ein Glück unſerer Zeit betrachtet werden, daß
auch hier die moderne Kunſt, das Gewerbe veredelnd,
mächtig eingeſetzt hat, uns von neuem die Schönheit des
Zweckmäßigen, des Gebrauchsgegenſtandes ſchätzen zu ler=
nen
. Schönheit beherrſcht alle dieſe Formen der Taſſen
und Täßchen, Teller und Tellerchen, der Schalen und Tab=
lette
, Leuchter uſw. uſw. Und wenn das mit Vorliebe
verwendete Gold in einigen dieſer Porzellanſervice uns
auch hier und da protzenhaft erſcheint, ſo muß man doch
zugeben, daß ſelbſt in den goldenen Taſſen und Kannen,
die ja doch wohl Prunk=oder Feſttagsgegenſtände geweſen
ſein mögen, das Gold nie Selbſtzweck, es immer der zier=
lichen
feinen Kunſt untertan war, ſei es in der Form
oder in dem reichen feinen Dekor.
Zierlich und fein! Das iſt das Signum all dieſer
Gegenſtände in ihrer künſtleriſchen Geſtaltung. Dabei nir=
gends
geſuchte Formen. Meiſt einfach Kugel= und Halb=
kugelform
oder vielfach variierte Schweifungen. Aber wie
edel ſind ſie in ihrem ſimplen Ausdruck und dann wie
köſtlich zierlich das Beiwerk, in der Form meiſt der Henkel,
im Dekor der ornamentale oder maleriſche Schmuck.
Man kann, nein, man muß ſich zu dieſen Dingen die
Menſchen denken, zierlich in der Kleidung, in den Um=
gangsformen
, anheimelnde Familienidylle, Ruhe und Be=
dächtigkeit
in den Bewegungen, in der Unterhaltung.

Und doch, wie ſtark war die Generation, was hat ſie ge=
leiſtet
! Neben Meißner Porzellan im Dekor Gold mit
weiß, oder grün, öfters noch blau mit Gold, oft auch
bunt und mit köſtlichen Malereien geſchmückt, war auch
Wedgewood ſehr beliebt. Einige köſtliche Stücke in
ſchwarz und in hellblau ſind ausgeſtellt.
Zierlich in Form und im Ornament iſt auch der Tafel=
ſchmuck
in Silber oder Gold, Bronze= oder Meſſingguß.
Es ſind Stücke von ganz entzückender Feinheit darunter,
beſonders unter den Filigranarbeiten. Aber auch die
Ziſelierungen zeugen von meiſterhafter techniſcher Fertig=
keit
, wie von dem alles beherrſchenden Kunſtempfinden
und Geſchmack, der immer eine ausgeſprochene perſönliche
Note verrät. Prunkſtücke an Material und an Reichtum
der Formen, des künſtleriſchen Ausdrucks ſind meiſt die
Standuhren, zu denen vielfach mehrarmige Leuchter als
Pendents gehören an denen ornamentaler oder tektoni=
ſcher
Schmuck oft in reichſter Fülle angebracht iſt. Auch
eine Anzahl fein aufgefaßte Porträtbüſten und Figuren
ſind in dieſem Zuſammenhange zu nennen. Ein großer
Glasſchrank enthält ausſchließlich koſtbares ſilbernes
Tafelgerät und einige charakteriſtiſche Waffen, vor=
nehmlich
Reiterſäbel, feſt und ſchwer in der Form und
fein in den Gravierungen und in dem Scheidenſchmuck.
Eine Vitrine enthält ausſchließlich Miniatur=
bildniſſe
, die zu allen möglichen Zwecken, vornehm=
lich
wohl ein der Nachahmung empfohlener Brauch
zu Geſchenken Verwendung fanden. Wir ſehen, daß
Künſtlerhand Taſſen und Teller, Broſchen und Anhänger,
Ringe und ſonſtigen Schmuck, dann aber auch Buch=
deckel
, Etuis, Doſen und Büchschen, Schmuckkäſtchen uſw.
mit Miniaturbildniſſen ſchmückte. Und die große
Mehrzahl dieſer Bildchen iſt von unbeſtrittenem künſt=
leriſchen
Wert. Man betrachte einmal eingehender die
Zeichnungen, die Leuchtkraft der Farben in dem ſtets ge=
ſchmackvollen
Kolorit.
Drei große Tiſchvitrinen enthalten wertvolle ſchrift=
liche
Dokumente aus der großen Zeit, die meiſt vom
Haus= und Staatsarchiv zur Verfügung geſtellt wurden,
und aus dem Beſitz der damaligen Prinzeſſin Luiſe ſtam=
men
. Brieſe, Widmungen, Gedichte uſw. Wir ſehen viele
Originale aus der Hand Ernſt Moritz Arndts, dann von

Friedrich Ludwig Jahn, Freiherrn vom Stein, Max von
Schenkendorf. Heinrich von Kleiſt, Nettelbeck, Chriſtian
Gottfried Körner, Scharnhorſt, York, Gneiſenau, Bülon
von Dennewitz, Blücher, Nollendorff u. v. a. Inhaltlich
ſind das alles Dokumente von dem die Zeit beherrſchenden
Geiſt. Ein anderer Kaſten enthält außer Briefen eine
Anzahl Ordensdekrete, Orden der Ehrenlegion, die an
heſſiſche Tapfere verliehen wurden, einen Reiſepaß des
Prinzen Emil von Heſſen uſw.
Hierunter befindet ſich auch ein Ordensſtern
Napoleons aus dem Beſitz der Frau von Wuſſow
Exz. In einem käſtchenartigen Doppelrahmen iſt links
der Ordensſtern, Silber, mit der geſtickten Inſchrift:
PROVTDENTIAE MEMOR, rechts eine Beſtätigung ſei=
ner
Echtheit und Verfügung des Beſitzers in folgendem
Wortlaut:
Dieſer Ordensſtern Napoleons gehört zu denen,
welche der Kaiſer in ſeinem Wagen zurückließ, als ſich
derſelbe in der Nacht nach der Schlacht von Belle=Alliance,
vom 18ten zum 19ten Juni 1815, den unter Anführung des
Generals von Gneiſenau verfolgenden preußiſchen Trup=
pen
durch die Flucht entzog.
Da mir das Glück zu Theil geworden iſt, als Offi=
zier
des Generalſtabes des Feldmarſchalls von Blücher,
nicht allein jener Schlacht beizuwohnen, ſondern auch zur
Begleitung des Generals von Gneiſenau während der
Verfolgung nach der Schlacht zu gehören, ſo möge dieſer
Ordensſtern Napoleons als ein ehrenwertes Andenken
von mir und meinen Nachkommen fort und fort bewahrt
werden.
J. G Philipp von Wußow,
geb. den 1. May 1792.
Eine dritte Vitrine enthält Notizbücher, Scherz= und
Glückwunſchkarten, Spielkarten uſw., auch Dokumente
der Zeit. Zu den bereits erwähnten zahlreichen Bildern,
Stichen und Originalbildern, die die Porträts der be=
deutendſten
Perſönlichkeiten zeigen, ſeien noch Bilder aus
Alt=Darmſtadt erwähnt, die ſicher ebenfalls lebhaftes In=
tereſſe
erregen.
M. St.

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Juli 1913.

Nummer 152.

terflug ſoll, wenn das Wetter günſtiger wird, morgen er=
folgen
.
* Altenburg, 30. Juni. Anläßlich der Einweih=
ung
des Altenburger Flugſtützpunktes am
Samstag fand zwiſchen dem Kaiſer und dem Herzog
ein Depeſchenwechſel ſtatt. Der Herzog telegra=
phierte
an den Kaiſer: Es gereicht mir zur großen
Freude, Ew. Majeſtät melden zu können, daß heute in
Altenburg unter zahlreicher Beteiligung von Militär=
und Zivilfliegern der zweite Flugſtützpunkt des Deutſchen
Reiches eingeweiht worden iſt. Ernſt. Hierauf ging
folgendes Telegramm des Kaiſers ein: Ich danke Dir
für die erfreuliche Nachricht. Möge das Flugweſen in
Deutſchland, welchem Du ſo tätige Unterſtützung leiſteſt,
eine weitere erfolgreiche Förderung erfahren. Das iſt
mein aufrichtiger Wunſch. Wilhelm.

Sporf, Spiel und Turnen.

Radſport. Gaunachtfeſt des Gaues 9 D.
R.=B. Samstag, 5. Juli, findet das diesjährige Nachtfeſt
des Gaues 9 des D. R.=B. im neuen Waldreſtaurant in
Buchſchlag ſtatt. Die Wertung erfolgt von 11½ Uhr an.
Ein ſchönes Programm verſpricht einige frohe Stunden
allen Freunden des Radſports.
Radler=Rheinfahrt des Gaues 9 D. R.=B.
Bei Gelegenheit der im Auguſt ſtattfindenden Wander=
fahrt
des Gaues 9 des D. R.=B. durch das Wiſperthal
nach Lorch a. Rh. ſoll eine Rheindampferfahrt mittelſt
Sonderdampfer der Köln=Düſſeldorfer Geſellſchaft die Teil=
nehmer
durch den ſchönſten Teil des Rheins führen. An=
gehörige
der Gaufahrtteilnehmer können die Tal= Dampfer=
fahrt
von Mainz nach Caub benützen. Berg= und Talfahrt
koſten 3 Mk., Bergfahrt 2 Mk. Anmeldungen an den Gau=
fahrwart
M. Bogdann, Frankfurt=Eckenheim baldigſt er=
beten
.
* Gau=Algesheim, 30. Juni. Der zweite Tag des
Rheinheſſiſchen Gauturnfeſtes war dem
Wetturnen von Unteroffizieren und
Mannſchaften der Garniſonen Mainz, Darm=
ſtadt
und Worms gewidmet. Das Turnen ſtand unter
der Leitung des in ſportlichen Kreiſen bekannten Ober=
leutnants
Peters vom Pionier=Bataillon Nr. 25 und des
1. rheinheſſiſchen Gauturnwarts Frey=Mainz. Eingeleitet
wurden die Wettübungen durch einen intereſſanten Ent=
ſcheidungskampf
der Fußballmannſchaften des Infanterie=
Regiments Nr. 87 und des Infanterie=Regiments Nr. 117
um die Goldene Kette von Mainz, einen vom Mainzer
Ruderverein geſtifteten Wanderpreis. Fünf Minuten vor
Schluß des Spiels ſtanden beide Parteien gleich (222).
Da gelang es im letzten Moment der Fußballmannſchaft
der 117er, mit einem Tor plus den Sieg davonzutragen.
Den einzelnen Spielern der ſiegenden Mannſchaften wur=
den
kunſtvolle, vom Mainzer Ruderverein geſtiftete Er=
innerungsmedaillen
überreicht. Am Riegenturnen betei=
ligten
ſich 12 Riegen mit 220 Turnern, am Einzelwett=
turnen
, im Schleuderball, Wettlaufen (100 Meter) und
Freiweitſpringen 209 Turner. 70 Unteroffiziere und
Mannſchaften blieben Sieger. Die vom Mainzer Ruder=
verein
geſtiftete Plakette als Wanderpreis für die beſte
Leiſtung im Tauziehen errang die Mannſchaft des Pio=
nier
=Bataillons Nr. 25 in Mainz.

Handel und Verkehr.

Schiffsliſte für billige Briefe nach den
Vereinigten Staaten von Amerika (10 Pf.
für je 20 g): Kaiſer Wilhelm der Große ab Bremen
1. Juli. Amerika ab Hamburg 3. Juli, Kaiſer Wil=
helm
II. ab Bremen 8. Juli, Imperator ab Ham=
burg
9. Juli, Cleveland ab Hamburg 10. Juli, Prinz
Friedrich Wilhelm ab Bremen 12. Juli, Kronprinz
Wilhelm ab Bremen 15. Juli, Kaiſerin Auguſte
Victoria ab Hamburg 17. Juli, Berlin ab Bremen
19. Juli, Kronprinzeſſin Cecilie ab Bremen 22. Juli,
George Waſhinoton ab Bremen 26. Juli, Kaiſer
Wilhelm der Große ab Bremen 29. Juli, Imperator
ab Hamburg 30. Juli, Main ab Bremen 2. Auguſt.
Alle dieſe Schiffe, außer Cleveland und Main, ſind
Schnelldampfer oder ſolche, die für eine beſtimmte Zeit
vor dem Abgange die ſchnellſte Beförderungsgelegen=
heit
bieten. Es empfiehlt ſich, die Briefe mit einem
Leitvermerke wie direkter Weg oder über Bremen oder
Hamburg zu verſehen.

Vermiſchtes.

* Der Verband ſtädtiſcher Pfandmeiſter
Heſſens hielt im Reſtaurant Altmünſterhof zu Mainz
ſeine Hauptverſammlung ab, die gut beſucht war. Um
10 Uhr vormittags begannen die Verhandlungen, welche
ſich bis 3 Uhr ausdehnten. Hieran ſchloß ſich ein gemein=
ſchaftliches
Mittageſſen und dann Spaziergang und Be=
ſichtigung
der Sehenswürdigkeiten der Stadt Mainz. Aus
den Verhandlungen iſt u. a. hervorzuheben, daß nach Be=
kanntgabe
des Jahresberichts und der Rechnungsablage,
der Vorſtand beauftragt wurde mit den maßgebenden Vor=
ſtänden
zwecks Zuſammenſchluß ſämtlicher heſſiſchen Pfand=
meiſter
in Verbindung zu treten. Ferner wurde beſchloſ=
ſen
, an Großh. Regierung durch den Vorſtand Vorſchläge
zur bevorſtehenden Umänderung der derzeitigen Dienſt=
vorſchriften
einzureichen. Weiter wurden einige neue Mit=
glieder
aufgenommen und als Ort der nächſten Hauptver=
ſammlung
Worms beſtimmt. Der ſeitherige Vorſtand
wurde einſtimmig wiedergewählt.

Literariſches.

Die glänzende Feſtrede, die der Rektor der
Landesuniverſität, Prof. D. Eck, bei der gemeinſamen
Jahrhundertfeier von Stadt und Univerſität Gießen am
1. Juni gehalten hat, wurde auf vielfaches Verlangen
als Sonderdruck hergeſtellt und iſt für 40 Pfg. in allen
Buchhandlungen oder vom Verlag Alfred Töpelmann in
Gießen zu erhalten.

Die Hitze in Amerika.
* Neu=York 30. Juni. Die von Oſten über das
Land ſich heranwälzende Hitzwelle erreichte jetzt die
atlantiſche Küſte.
* Neu=York, 30. Juni. In den Städten des We=
ſtens
ſind 33 Todesfälle infolge Hitzſchlag vor=
gekommen
.
* Chicago, 30. Juni. Infolge der ſeit drei Tagen
andauernden großen Hitze ſind 42 Todesfälle einge=
treten
.

Zur Annahme der Wehr= und
Deckungsvorlagen

ſchreibt die Norddeutſche Allgemeine Zeitung:
Nach vollendeter Erledigung der großen Aufgaben iſt der
Reichstag jetzt in die Ferien gegangen. Von dem
Augenblick an, wo die Regierung, mit den Vorarbeiten her=
vortrat
, bekannte ſich das deutſche Volk mit feſter Ent=
ſchiedenheit
für die Vorlage. Der Reichstag ſah ſich vor
große Aufgaben geſtellt und er hat die gewaltige Arbeit,
namentlich in den Verhandlungen der Budgetkommiſſion,
bis zum Ende durchgeführt. Die Regierung hat die Freude,
die Vorlagen in vollem Umfange Geſetz werden zu ſehen.
Wir begrüßen es beſonders im Intereſſe der Grenzprovin=
zen
, daß es gelungen iſt, auch die Bewilligung der gefor=
derten
Kavallerie=Regimenter durchzuſetzen.
Weit ſchwieriger als die Erledigung der Vorarbeiten
zur Heeresvermehrung war die Feſtſtellung der Koſten=
deckung
. Auch hierbei hatte der Reichstag eine feſte Stütze
in der Opferwilligkeit des Volkes, das ſeine Ueberzeugung
klar und prachtvoll bekundete. Der Gedanke der Wehr=
beiträge
wurde ſofort mit faſt einmütiger Zuſtimmung
aufgenommen und nicht umſonſt wurden die Vorbilder
unſerer Geſchichte aufgerufen. Sie kräftigten überall den
Entſchluß, auch in der Hergabe materieller Güter es den
Vätern nach zu tun. Wenn auch der Reichstag bei der
Deckung der laufenden Ausgaben ſich von dem Vorſchlag
der Regierung entfernte, wuchs doch das Kernſtück eines
Beſitzſteuerkompromiſſes aus dem Regierungsentwurf her=
vor
. Gewiß beſtanden vom Standpunkte der Einzelſtaaten
Bedenken gegen die Vorſchläge des Reichstags. Aber an=
geſichts
der Größe der Aufgaben wurden ſie zurückgeſtellt.
Das Ziel, für die Durchführung der allgemeinen
Wehrpflicht finanzielle Fürſorge zu treffen, wurde erreicht,
und ſo darf man auf das Geſamtergebnis der ſchwierigen
Verhandlungen über das Wehrgeſetz und die Deckung ſei=
ner
Koſten mit Befriedigung blicken. Es iſt ein gutes
Stück Arbeit getan. Möge es dem Vaterlande zum Segen
ſein!

Die Lage auf dem Balkan.

Die Londoner Botſchafter.
London 30. Juni. Wie das Reuterſche Bureau er=
fährt
, werden die Botſchafter morgen nachmittag im
Auswärtigen Amt wieder zuſammentreten; ob=
wohl
die letzte Zuſammenkunft der Botſchafter erfolglos
verlief, haben kürzlich fortlaufende Beſprechungen zwiſchen
den verſchiedenen Regierungen und auch zwiſchen den Bot=
ſchaftern
außerhalb der Botſchafterkonferenz ſtattgefunden,
um über die Fragen, über die auf der Konferenz ſelbſt kein
Fortſchritt erzielt werden konnte zu einem Uebereinkom=
men
zu gelangen. Dieſe Beſprechungen haben einigen Er=
folg
gehabt und man glaubt, das Ergebnis werde ſein, daß
die Beſprechungen auf den Zuſammenkünften der Botſchaf=
ter
beſchleunigt und fruchtbarer ausfallen werden, ſelbſt
über die ſchwierige Frage der Grenzen von Epirus. Die
Verhandlungen zwiſchen Rom und Paris ſind nicht ohne
Reſultat geblieben, und es iſt wahrſcheinlich, daß ein
Kompromiß erzielt wird. Die Botſchafter haben die
Hoffnung, daß die Arbeit der Kommiſſion vor Ende Juli
glücklich beendet ſein wird. Vorausſichtlich werden die
Botſchafter morgen über die Verfaſſung Albaniens und
die Frage des Zugangs Serbiens zum Adriatiſchen Meere
beraten.
Der Zwiſt unter den Balkanſtaaten.
* Sofia, 30. Juni. Die Regierung beauftragte die
Vertreter Bulgariens in Belgrad und Athen,
gegen die Zwiſchenfälle, welche die abſolut nicht zu recht=
fertigenden
Angriffe ſerbiſcher und griechiſcher Truppen
hervorriefen, und gegen die offenbar eine Herausforderung
bezweckende Zuſammenziehung griechiſcher und ſerbiſcher
Truppen zu proteſtieren. Die bulgariſche Regierung lehne
jede Verantwortung für die Folgen ab, die aus einem ſol=
chen
Vorgehen unmittelbar vor der friedlichen Liquidie=
rung
der territorialen Streitigkeiten ſich ergeben können.
* Belgrad 30. Juni. In der heutigen Beantwor=
tung
der Interpellation in der Skupſchtina ſagte der
Miniſterpräſident Paſitſch u. a.: Nachdem die ſerbiſche
Regierung die Ueberzeugung erlangte, das ruſſiſche
Schiedsgericht erfolge auf einer breiteren Baſis und der
ſerbiſch=bulgariſche Konflikt werde gleichzeitig mit dem grie=
chiſch
=bulgariſchen Konflikt verhandelt, beſchloß ſie, das ruſ=
ſiſche
Schiedsgericht könne angenommen werden. Der ſer=
biſche
Standpunkt wird in dem ſerbiſch=bulgariſchen No=
tenwechſel
und dem der ruſſiſchen Regierung zu unterbrei=
tenden
Memorandum dargelegt. Die ſerbiſche Regierung,
dem Schiedsgericht zuſtimmend, verblieb bei dem im letzten
Expoſé feſtgeſetzten Standpunkte. (Beifall und Händeklat=
ſchen
rechts.)
* Wien 1. Juli. Die Südſlawiſche Korreſpon=
denz
erfährt aus unterrichteten diplomatiſchen Kreiſen Bel=
grads
: Die ruſſiſchen Geſandten in Sofia,
Belgradund Athen richten ernſte Ermahnungen
an die dortigen Regierungen, die begonnenen Feindſelig=
keiten
ſofort einzuſtellen und nichts zu verabſäumen, um
Verhandlungen im friedlichen Wege einzuleiten. Sie er=
innern
gleichzeitig an die Einladung nach Petersburg und
verlangen die Feſtſetzung des Termins für die Zuſammen=
kunft
. Die diplomatiſchen Vertreter Frankreichs unter=
ſtützen
die Schritte Rußlands.
Die Angriffe der Bulgaren.
* Athen, 30. Juni. Das amtliche Preſſebureau ver=
öffentlicht
folgende Depeſche aus Saloniki: Die bul=
gariſche
Armee begann einen allgemeinen An=
griff
gegen die griechiſchen und ſerbiſchen Streitkräfte.
In der durch die Serben beſetzten Region überſchritt ſie
die durch das Protokoll feſtgeſetzte Grenzlinie und rückte
gegen Metzikovo, Bogdantza und Gewgeli. In der An=
nahme
, daß Gewgeli von den Bulgaren beſetzt ſei, über=
ſchritt
die bulgariſche Armee die gleichfalls im griechiſch=
bulgariſchen
Protokoll feſtgeſetzte Grenze bei dem Pan=
gäongebirge
und marſchiert auf Eleftera. Die in Eleftera
ſtationierte griechiſche Kompagnie iſt abgeſchnitten.
Eine griechiſche Abteilung, die im Tale von Muſteni an=
gegriffen
wurde, zog ſich auf Tzyeſi zurück. Von der Kom=
pagnie
in Eleftherai liegen keine anderen Nachrichten vor,
als daß geſtern abend 6.50 Uhr 20 Kanonenſchüſſe gegen
den Ort abgegeben worden ſind. Heute früh um vier Uhr
wurde auf dem linken Ufer des Wardar Geſchützfeuer ver=
nommen
. Drei bulgariſche Regimenter aus Deirance
griffen auf dem linken Ufer des Wardar bei Metzikovo die
ſerbiſchen Vorpoſten an. Bulgariſche Artillerie beſchießt
die auf dem rechten Ufer befindlichen Befeſtigungen. Heute
um 5 Uhr früh wurde der griechiſche Poſten, der 12 Kilo=
meter
von Karasniti entfernt in der Nhe von Kilindra
ſtand, angegriffen. Um 7.45 Uhr morgens griff ein bul=
gariſches
Bataillon den griechiſchen Poſten bei Nigrita an,
um 8.50 Uhr rückten die Bulgaren gegen den Bagolitza=
See vor.

* Belgrad, 30. Juni. Das ſerbiſche Preſſebureau
teilt mit: Die geſtern nachmittag überreichte bulgariſche
Note, die gegen angebliche ſerbiſche Ueberfälle an der
Grenze Einwendungen erhebt trägt den Charakter ſyſtema=
tiſcher
Vorbereitung, da in ihr von Ereigniſſen geſprochen
wird, die erſt heute nacht eingetreten ſind. Auffallend iſt
es, daß die bulgariſche Telegraphen=Agentur von ſerbiſchen
Ueberfällen zu erzählen wußte, zu einer Zeit, da der
Kampf, der von den bulgariſchen Truppen eingeleitet wor=
den
iſt, noch gar nicht begonnen hatte. Es iſt konſtatiert
worden, daß der erſte Angriff von ſeiten der
Bulgaren erfolgt iſt, und zwar heute nacht um 2 Uhr
10 Minuten. Ueberdies waren bulgariſche Truppenbeweg=
eungen
und Verſchiebungen ſchon am 28. Juni an der
Grenze zu bemerken, die den Anlaß zu Vermutungen ga=
ben
, daß ſeitens der Bulgaren Vorbereitungen zur Eröff=
nung
der Feindſeligkeiten getroffen wurden. Auch der
unvermutete plötzliche Angriff auf die griechiſchen Poſitio=
nen
beweiſt, daß von den Bulgaren die Eröffnung des
Krieges geplant und mit Vorbedacht eingeleitet worden
iſt. Als ſchlagender Beweis für das unloyale, allen
Kriegsregeln ſpottende Vorgehen der bul=
gariſchen
Regierung gegen Serbien und
Griechenland muß die Zurückhaltung des offiziellen
Geſandtſchaftskuriers von Sofia in dem Grenzorte Zari=
brod
angeſehen werden, der die offizielle Geſandtſchafts=
poſt
für das Miniſterium des Aeußern mit ſich führte. Von
dem Verbleib dieſes Kuriers iſt trotz dringlicher Anfragen
bis zur Stunde nichts bekannt. Die ſecbiſche Regierung
muß ihrem Erſtaunen darüber Ausdruck geben, daß Bul=
garien
die Feindſeligkeiten eröffnet hat, ohne ſich im min=
deſten
an Sitte und Gepflogenheit zu halten. Die Ant=
wort
der ſerbiſchen Regierung beſagt dasſelbe.
* Athen, 30. Juni. Der gemeldete Angriff der
bulgariſchen Truppen ſcheint ohne ernſte ſtra=
tegiſche
Bedeutung zu ſein. Von zuſtändigen Krei=
ſen
wird erklärt, daß der bulgariſche Angriff gegen die
griechiſch=ſerbiſche Front ſich lange vorbereitete. Die grie=
chiſche
Regierung traf alle notwendigen Maßregeln, um
die Sicherheit des eroberten Landes aufrecht zu erhalten.
Eine amtliche Nachricht über die Kriegserklärung Bul=
gariens
liegt jedoch nicht vor. Der Miniſterrat hat be=
ſchloſſen
, heute abend in Sofia energiſchen Proteſt=
gegen
die neue Verletzung des Demarkationsprotokolls ein=
zulegen
. Die öffentliche Meinung iſt über das Verhalten
der Bulgaren auf das äußerſte empört.
Nach einer Meldung der Frankf. Ztg. habe der grie=
chiſche
Miniſter des Aeußern, Koromilas, ecklärt: Nachdem
Bulgarien alle verſöhnlichen Schritte Griechenlands durch
wiederholten Vertragsbruch und die Ueberſchreitung der
vor kurzem feſtgeſetzten proviſoriſchen Grenzlinie beant=
wortet
und jetzt den allgemeinen Angriff begonnen habe,
habe die griechiſche Regierung nicht umhin gekonnt, ihren
mazedoniſchen Diviſionen den Befehl zur Offen=
ſive
zu erteilen. Damit ſei der Krieg ohne formelle
Erklärung entfeſſelt. Die Regierung werde in die=
ſem
Sinne in Sofia eine Erklärung abgeben. Griechen=
land
lehne die Verantwortung für den Krieg, der zweifel=
los
ernſte Folgen haben werde, ab.
Die Klagen Griechenlands gegen Bulgarien.
* Athen, 1. Juli. Die geſtern nachmittag in
Sofia übergebene griechiſche Note beſagt u. a.:
Das Bündnis, welches Bulgarien mit uns ſchloß, war
fraudulös, denn es hat die daneben gegen unſere
Intereſſen mit anderen geſchloſſenen Uebereinkommen uns
verſchwiegen. Auch die Art und Weiſe, wie Bulgarien
den Vertrag ausführte, iſt gegen Treu und Glauben. An=
ſtatt
mit allen Kräften gegen den gemeinſamen Feind zu
marſchieren, entſandte es bedeutende Kräfte nach Oſtmaze=
donien
, das von türkiſchen Truppen entblößt war, um
illoyaler Weiſe Saloniki zu beſetzen, während die türki=
ſchen
Truppen ſich noch gegen die griechiſchen ſchlugen.
Anſtatt den Krieg bis zur Vernichtung des türkiſchen
Widerſtandes durchzuführen, heuchelte es Ermüdung und
befolgte die wiederholten Vorſchläge nicht, Verſtärkungen
nach Tſchataldſcha zu ſchicken und Gallipoli zu beſetzen,
damit die griechiſche Flotte die Dardanellen forcieren und
ſo die Türkei niederwerfen könnte. Vertragswidrig.
ſchloß Bulgarien ohne unſere Genehmigung einen Waffen=
ſtillſtand
ab, nachdem es durch ſeine Haltung den Friedens=
ſchluß
verhindert hatte. Nachdem es ſo den Krieg ver=
längert
und ſich dann noch wiederholt heimlich mit dem
gemeinſamen Feinde verſtändigt hatte, ſchloß Bulgarien
den Frieden und andere Vereinbarungen mit der Tür=
kei
gegen die Meinung und die Intereſſen der Verbün=
deten
ab. Bulgarien ſuchte den Charakter der Beſetzung
Salonikis durch die griechiſche Armee zu ändern, indem
die bulgariſchen Trupen das dort gewährte Gaſtrecht in
eine Mitbeſetzung umzugeſtalten und Zivilbehörden ein=
zuſetzen
verſuchte. Hinterliſtig und gewaltſam ſetzte es
Zivil= und Militärbehörden in den von Griechen beſetz=
ten
Bezirken ein. Die Note zählt ſodann Gewalttaten
aller Art auf gegen die griechiſchen Geiſtlichen, Lehrer,
Schulen, Kirchen, Gemeinde= und Privateigentum, Män=
ner
, Frauen und Kinder, Inſulten gegen Bilder des
Königs und griechiſche Fahnen, die Beſchlagnahme grie=
chiſcher
Handels= und die Beſchießung griechiſcher Kriegs=
ſchiffe
, die Feſtnahme griechiſcher Soldaten, Organiſation
von Banden und ſogar von Albanien aus Umtriebe ge=
fährlichſter
Art in Saloniki, Aufreizung bulgariſcher Be=
völkerungsteile
gegen die griechiſchen Okkupationsbehör=
den
und eine Reihe einzelner Gewalttaten. Sie erinnert
ferner an die Angriffe bulgariſcher Truppen gegen die
griechiſchen Stellungen bei Nigrita, Pangäon und an=
derwärts
, all das, während die bulgariſche Regierung
wiederholt verſicherte, ſie hätte Befehl gegen das Un=
weſen
gegeben. Schließlich verwarf Bulgarien alle Vor=
ſchläge
Griechenlands zur Herbeiführung eines Schieds=
gerichts
, während Griechenland aufrichtig und ehrlich eine
Verſöhnung angeſtrebt und ſelbſtverleugnend alles getan
habe, um das Bündnis aufrecht zu erhalten und einen
ſchändlichen Bruderkrieg trotz aller bulgariſchen Heraus=
forderungen
zu verhindern.
* Athen, 1. Juli. Meldung der Agence d’Athènes
Der bulgariſche Geſandte ſuchte heute den Mini=
ſterpräſidenten
Venizelos auf, um wegen der Angriffe
auf die Bulgaren bei Pangäon und Eleuthera zu pro=
teſtieren
, wobei er die Verantwortung den Griechen zu=
ſchieben
wollte. Venizelos antwortete, er ſei erſtaunt
ber einen derartigen Schritt der bulgariſchen Regierung,
die um jeden Preis den Krieg wolle, aber die Verant=
wortung
für die Taten ablehne in dem Augenblick, wol
bulgariſche Truppen auf einer Front von Hunderten von
Kilometern anzugreifen begonnen hätten.
Serbien und Bulaarien.
* Belgrad, 1. Juli. Skupſchtina. In ſeiner
geſtrigen Rede gab Paſitſch zunächſt eine kurze Ueber=
ſicht
über die politiſchen Beziehungen er=

[ ][  ][ ]

Nummer 152.

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Juli 1913.

Seite 7.

biens zu Bulgarien mit dem letzten Expoſé. Die
ſerbiſche Regierung habe verlangt, daß auf Grund des
revidierten Vertrages zu einer Teilung der eroberten Ge=
biete
geſchritten werde und daß die Verbündeten dieſe
Fragen im Einvernehmen löſen ſollten. Nach dem Brief
des ruſſiſchen Kaiſers an die Könige Serbiens und Bul=
gariens
habe die ſerbiſche Regierung, um ihren guten
Willen zu beweiſen, vorgeſchlagen, den ſerbiſch= bulgari=
ſchen
Streitfall friedlich zu ſchlichten und von der bulga=
riſchen
Regierung in einer Note die gleichzeitige Herab=
ſetzung
des Beſtandes der Armeen auf ein Viertel gefor=
dert
. In ihrer Erwiderung habe die bulgariſche Regier=
ung
Bedingungen geſtellt, deren Unannehmbarkeit ſie
vorausſehen konnte. Die ſerbiſche Regierung mußte alſo
die bulgariſchen Bedingungen zurückweiſen und gleich=
zeitig
den eigenen Vorſchlag, bedingungsloſe Herabſetzung
der Truppenbeſtände, aufrecht erhalten. Erſt nach Beant=
wortung
der letzten ſerbiſchen Note über die Truppen=
reduzierung
habe Bulgarien die erſte ſerbiſche Note, betref=
fend
die Reviſion des Bündnisvertrages, in der bekann=
ten
Weiſe beantwortet. Die ruſſiſche Regierung habe der
ſerbiſchen und bulgariſchen Regierung vorgeſchlagen, ſie
ſollten erklären, daß ſie einwilligten, ſich bei der Zuſam=
menkunft
in Petersburg über den durch den Vertrag feſt=
geſetzten
Schiedsſpruch zu unterhalten. Serbien habe ge=
antwortet
, einen Schiedsſpruch auf der Grundlage des
Vertrages nicht annehmen zu können. Da auch der grie=
chiſch
=bulgariſche Grenzſtreit ernſt ſei und ebenſo die In=
tereſſen
aller Balkanverbündeten berühre, ergebe ſich, daß
die durch den gemeinſam geführten Krieg entſtandenen
Fragen für die Balkanſtaaten gleichzeitig gemeinſam ge=
löſt
werden müßten, und zwar bei der Zuſammen=
kunft
der vier Miniſterpräſidenten. Wenn
die Zuſammenkunft nicht zuſtande käme oder nicht alle
Streitfragen gelöſt würden, wäre die unvermeidliche
Folge, daß alle dieſe Fragen einem Schiedsrichter
unterbreitet werden müßten. Die ſerbiſche Regierung ent=
ſchied
ſich mehr dahin, daß ein Schiedsſpruch auf der an=
gezeigten
Grundlage in dem dargelegten Sinne ange=
nommen
werden könnte. Die ſerbiſche Regierung bleibe
auf dem Standpunkt, den ſie in dem Expoſé für die
Skupſchtina eingenommen habe. Indem ſie die Einlad=
ung
nach Petersburg annehme, gebe ſie einen neuen Be=
weis
ihrer Abſicht, die Streitigkeiten auf friedliche Art
gelöſt zu ſehen.
Die Haltung Rumäniens.
* Wien, 1. Juli. Die Politiſche Korreſpondenz
meldet aus Bukareſt: Die Regierung hält nach wie vor
an dem Standpunkt feſt, daß in dem Augenblick, wo der
krieg zwiſchen Serbien und Bulgarien un=
vermeidlich
iſt, die Mobiliſierung der rumäni=
ſchen
Armee anzuordnen ſei. Hier herrſcht allgemein
die Ueberzeugung, daß die rumäniſche Armee in dieſem
Falle die Linie Tuturkai=Baltſchik beſetzt. Der Wunſch,
daß der Frieden noch erhalten werden möge, iſt ſehr leb=
haft
, doch weiſt man in unterrichteten Stellen darauf hin,
daß es keiner Regierung gelingen würde, das rumäniſche
Volk in dem neuen Balkankrieg zu einem ruhigen Abwar=
ten
der Ereigniſſe zu veranlaſſen, und daß es ratſamer
ſei, die in einem feſten Rahmen abgegrenzte militäriſche
Aktion aufzunehmen, als ſich von der erregten öffentlichen
Meinung in eine waghalſige Abenteuerpolitik treilen zu
laſſen.
Letzte Nachrichten.
* Belgrad, 1. Juli. Aus Uesküb wird gemeldet:
Nach Schätzung des ſerbiſchen Oberbefehlshabers haben
100000 Bulgaren an den als ernſt zu bezeichnenden
Gefechten teilgenommen. Seit heute morgen 6 Uhr ruht
der Kampf.
* Saloniki, 1. Juli. Bei der Entwaffnung
der in der Stadt befindlichen Bulgaren mußten die grie=
chiſchen
Militärbehörden nach Ablauf der für die Abliefe
rung der Waffen geſtellten Friſt zu den ſchärfſten Mitteln
greifen. Es begannen regelrechte ſchwere Kämpfe, be=
ſonders
in der Hamidiehſtraße, wo große Abteilungen
bulgariſcher Soldaten einquartiert ſind. Die Bulgaren
leiſteten erbitterten Widerſtand Es wurden Kanonen=
ſchüſſe
und zahlloſe Gewehrſchüſſe gewechſelt, zahlreiche
Bomben explodierte‟ Die Straßen, in denen der Kampf
tobte, bieten einen troſtloſen Anblick.

Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)

* Hamburg, 1. Juli. Der Kreuzer Derfflinger
ſt heute mittag glücklich vom Stapel gelaufen.
* Pillau, 1. Juli. Ueber die Strandung des
Dampfers Jaroslawna wird noch gemeldet:
Das Schiff iſt geſtern abend bei dichtem Nebel auf ein
ſtiff geraten. Da die ausgeworfenen Anker nicht hiel=
ten
, wurde der Dampfer dem Strande zugetrieben. Der
Naſchinenraum lief voll Waſſer, wodurch das Feuer ge=
löſcht
wurde. Die Regierungs=Lotſendampfer nahmen
ſofort die Rettungsarbeiten auf. Ein von der Jaros=
lawna
ausgeſetztes Beiboot mit 4 Bootsleuten und 8
Paſſagieren ſchlug um; die Inſaſſen wurden aber dem
Strande zugetrieben und konnten gerettet werden. Der
übrige Teil der Beſatzung, etwa zehn Mann, wurde
durch einen Raketenapparat geborgen. Der Dampfer ſitzt
noch feſt.
* Wien, 1. Juli. Auf Anordnung des Kaiſers erhält
das im Bau befindliche Schlachtſchiff 7 den Namen
Scentiſtvan.
* Wien, 1. Juli. Der Brand in der Wöllers=
dorfer
Munitionsfabrik iſt wahrſcheinlich durch
vier im Objekt 5 beſchäftigte Arbeiter verurſacht worden.
Ungefähr dreißig Perſonen wurden leicht verletzt. Der
Schaden wird auf ungefähr eine Million geſchätzt.
* Johannesburg, 1. Juli. Der Streik im Rand=
Gebiet hat eine ernſtere Wendung genommen. Die
Streikführer hatten geſtern die Leute aufgefordert, bewaff=
net
zu den veranſtalteten Demonſtrationen zu kommen,
und gedroht, daß eventuell die Maſchinen und das ſonſtige
Grubeneigentum nicht geſchont werden würde. Das Ka=
binett
hielt in Pretoria eine beſondere Sitzung ab um
über die Lage zu beraten. Die Arbeiter auf der Brack=
pan
=Kraftſtation der Victoria Falls Power Company, die

mit ihren drei Stationen Brackpan, Roſherville und Sim=
merpan
, ſowie die Rand=Minen, mit Ausnahme der Rand=
fontein
= und der Eaſt=Proprietary=Mine, mit Licht und
Kraft verſieht, haben ſich ebenfalls dem Streik ange=
ſchloſſen
. Die Arbeiter auf der Geduldgrube ſtreiken ſeit
geſtern abend.
* Neu=York, 1. Juli. Heute nacht brach in einem
Einwandererhaus in dem 70 Polen, Deutſche und
Iren ſchliefen, die am folgenden Tage nach Europa zurück=
kehren
wollten, Feuer aus. 12 Perſonen wur=
den
getötet, 20 erlitten ſchwere Brandwunden oder
ſonſtige Verletzungen durch Springen aus den Fenſtern.
Man vermutet Brandſtiftung.
* Lawrence (Maſſachuſetts), 1. Juli. Der Laufſteg
zum Städtiſchen Badehaus iſt zuſammengebrochen.
Zwölf Knaben ertranken.

IB. Osnabrück, 1. Juli. Trotz aller Unterſuchung iſt
es bisher nicht gelungen, die Urſache der Erkrankun=
gen
im 78. Infanterie=Regiment in Osna=
brück
zu ermitteln. Die Polizeidirektion von Osnabrück
hat eine Bekanntmachung erlaſſen, nach der ſich alle Per=
ſonen
, bei denen ſich Vergiftungserſcheinungen irgend=
welcher
Art bemerkbar machten, zu melden hätten. Bis
heute iſt eine Anmeldung dieſer Art nicht erfolgt, ſo daß
es als ſicher bezeichnet werden kann, daß in der Bevölke=
rung
Krankheitsfälle nach dem Genuß von Fleiſch nicht
vorgekommen ſind. Der Magiſtrat beabſichtigt, eine offi=
zielle
Darſtellung der Angelegenheit herauszugeben, die
ſich auch mit der Stellungnahme der Militärbehörden be=
ſchäftigen
dürfte. Wie das Osnabrücker Tageblatt meldet,
hat ſich heute der die Unterſuchung führende Regiments=
arzt
. Profeſſor Otto=Hannover, nach Osnabrück begeben,
um die Nachforſchungen an Ort und Stelle fortzuſetzen.
HB. Rathenow. 1. Juli. Schwere Ausſchrei=
tungen
haben in der letzten Nacht vier junge Leute ver=
übt
. Die Gelegenheitsarbeiter Mar Altmann, Bruno
Frommhagen, Karl Radtke und der Maſchiniſt Paul Furch
drangen dort in angetrunkenem Zuſtande in die Arbeiter=
kaſerne
der Firma Schulze und Pfeil ein und verlangten
mit vorgehaltenen Revolvern Bier. Hierauf zogen ſie nach
dem Exerzierplatz, wo ſie auf die Militärpoſten mehrere
Schüſſe abgaben, ebenſo auf einen Bahnbeamten und
einen anderen Mann. Schließlich wurden ſie von Poli=
ziſten
feſtgenommen und mit Hilfe von mehreren Zivilper=
ſonen
nach der Wache gebracht und ſpäter ins Amtsge=
richtsgefängnis
eingeliefert. In ihrem Beſitz wurden Re=
volver
, Schlagringe, Patronen und Dolche gefunden und
beſchlagnahmt.
HB Amſterdam, 1. Juli. Die Königin empfing
den Führer der ſozialdemokratiſchen Partei, Dr. Tröl=
ſtra
, zur Konferenz auf Schloß Loo. Trölſtra ſteht an
der Spitze der reviſioniſtiſchen Gruppe der ſozialdemokra=
iſchen
Partei.

Amtlicher Wetterbericht.
Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.

Die Wetterlage hat ſich ſeit geſtern nur wenig ver=
ändert
. Einem Hochdruckgebiet über Weſteuropa lagert
ein Tiefdruckkern über Weſtrußland gegenüber. Infolge=
deſſen
wehen bei uns meiſt nördliche Winde, die uns
kühles, veränderliches Wetter bringen. Auch morgen
haben wir noch keine weſentliche Aenderung des Wetters
zu erwarten.
Ausſichten in Heſſen für Mittwoch, den 2. Juli:
Veränderlich, vereinzelt Regenſchauer, kühl, nördliche
Winde.
(Schluß des redaktionellen Teils.)

Hin wohlſchmeckendes Morgen=, Mittag= und
Abendgetränk ſtatt Kaffee und Tee iſt eine Ab=
kochung
von Kufeke in Milch (1 Teelöffel Kufeke‟
auf 1 Taſſe Milch, 5 Minuten gekocht). Es wird von
Kindern und Erwachſenen gern genommen und iſt in
vielen Familien ſtändig im Gebrauche, beſonders zur
Kräftigung von ſchwächlichen Perſonen, Nervöſen und
Rekonvaleszenten. Auch Sie ſollten einen Verſuch mit
Kufeke machen, wenn Sie ſich matt und abgeſpannt
fühlen; Sie werden ſich dann am eigenen Körper von
der belebenden Wirkung dieſer ſtärkenden Koſt über=
zeugen
. Suppen, mit Kufeke zubereitet, ſind
ebenfalls ſehr beliebt, ſie ſind ſchmackhaft, kräftigend und
appetitanregend; die erforderlichen Kochrezepte erhalten
Sie in Apotheken u. Drogengeſchäften gratis. IV,14321,72

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9 Uhr 30 Min. morgens von Neu=York nach Newport
News. Inkula 28. Juni 7 Uhr 15 Min. morgens
von Baltimore nach Hamburg. Patricia 28. Juni
2 Uhr nachm. von Neu=York über Boulogne nach Ham=
burg
. Pennſylvania, von Neu=York kommend, 29. Juni
12 Uhr 45 Min. nachm. in Hamburg. Preſident Grant
nach Neu=York, 29. Juni 10 Uhr abends von Southampton.
Willehad, von Kanada kommend, 29. Juni 9 Uhr
30 Min. morgens in Hamburg. Wittekind nach
Quebec und Montreal, 29. Juni 9 Uhr 30 Min. abends
in Rotterdam. Vergnügungsdampfer Meteor von
der zweiten Nordlandfahrt kommend, 30. Juni 8 Uhr
0 Min. morgens auf der Elbe.

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Friede um 8½ Uhr im Reſtaurant Kaiſerſaal
Abendſpaziergang des Vogelsberger Höhenklubs
(Abmarſch um 7½ Uhr vom Woogsdamm), von 9 Uhr
ab Zuſammenſein im Schützenhof.
Konzerte: Ludwigshöhe um 4 und 8 Uhr. Heſſiſcher
Hof um 8 Uhr. Bürgerkeller um 8 Uhr.

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Jahren im Gewerbemuſeum (Neckarſtraße 3), täglich ge=
öffnet
von 111 Uhr und von 35 Uhr, mit Ausnahme
der Sonntagnachmittage.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtek; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Mar Streeſe;
für des Inſeratenteil, Inſeratbeilagen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftsleben: Hans Heitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
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[ ][  ][ ]

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Inli 1913.

Nummer 152.

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[ ][  ][ ]

Nummer 152.

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Juli 1913.

Seite 11.

Amtliche Nachrichten des Großh. Polizeiamts Darmſtadt.

Gefunden: 1 ſchwarze Handtaſche. 1 gelblichgrauer Damen=
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1 ſchwarze Handtaſche mit lila Perlen beſetzt. Zugelaufen: 1 junge
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ſchwarze Katze mit weißen Pfoten. 2 junge Entchen.
Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde: In polizei=
licher
Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 1 Pinſcher, 1 Wolfshund. Die Hunde können von den
Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt werden. Die Ver=
ſteigerung
der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werk=
(14323
tag, vorm. um 10 Uhr, ſtatt.
Straßenſperre. Wegen Vornahme von Kanalbauarbeiten wird
die Beckſtraße zwiſchen der Darm= und Soderſtraße vom 3. bis
zum 5. Juli lfd. Js. für den Fuhrwerks= und Radfahrverkehr ge=
ſperrt
. Wegen Herſtellung von Gräben zwecks Bewäſſerung der
Bäume wird der Platanenhain vom 3. bis zum 5. Juli lfd. Js. für
(14375
jeglichen Verkehr geſperrt.

Bekanntmachung
über die Durchführung des Reichsgeſetzes, betreffend die Be=
zeichnung
des Raumgehaltes der Schankgefäße, vom 20. Jul
1881, in der Faſſung der Novelle vom 24. Juli 1909.

Da nach § 2 Abſatz 4 des genannten Geſetzes, welches am
1. Auguſt 1909 in Kraft getreten iſt, nach dem 1. Oktober 1913 auch
der Gebrauch von Schankgefäßen für Bier mit dem früher zuläſſigen
geringeren Abſtand des Füllſtrichs vom oberen Rande des Gefäßes
nicht mehr geſtattet iſt, müſſen von dieſem Tage an alle zur Ver=
abreichung
von Wein, Obſtwein, Moſt oder Bier dienenden Schank=
gefäße
in Gaſt= und Schankwirtſchaften den neuen Vorſchriften,
namentlich hinſichtlich des Abſtandes des Füllſtrichs vom
oberen Rande des Gefäßes entſprechen. Wir werden daher nach
dem 1. Oktober ds. Js. gemäß § 6 der heſſiſchen Ausführungsver=
ordnung
vom 19. März 1913 zu obengenanntem Reichsgeſetz eine
Nachprüfung der Schankgefäße in den Gaſt= und Schankwirtſchaften
vornehmen laſſen und fordern deshalb alle Inhaber von Wirt=
ſchaften
hiermit auf, bis ſpäteſtens zum 1. Oktober diejenigen
Maßnahmen zu treffen, welche erforderlich ſind, damit ihre Schank=
gefäße
vom genannten Tage ab allen Vorſchriften des erwähnten
Geſetzes entſprechen.
Ein Auszug aus dem Geſetze veröffentlichen wir nachſtehend
mit dem Anfügen, daß unter den im § 4 genannten gehörig ge=
ſtempelten
Flüſſigkeitsmaßen geeichte Flüſſigkeitsmaße zu verſtehen
ſind. Mit Hilfe dieſer geeichten Flüſſigkeitsmaße haben ſich die
Wirte ſelbſt von der Richtigkeit ihrer Schankgefäße vor der Inge=
brauchnahme
zu überzeugen, auch haben ſie auf Verlangen ihren
Gäſten und Kunden die verabreichten Getränke vorzumeſſen.
Wir bemerken ferner noch, daß nach § 5 der heſſiſchen Aus=
führungsverordnung
zu dem Reichsgeſetz die Schankgefäße nur einen
Füllſtrich und eine Bezeichnung des Sollinhalts haben dürfen;
jedoch ſind alte Füllſtriche und Bezeichnungen, die in haltbarer und
jeden Zweifel ausſchließender Weiſe durchſtrichen oder vernichtet ſind,
insbeſondere dann nicht zu beanſtanden, wenn der maßgebende neue
Füllſtrich nebſt zugehöriger Bezeichnung auf der entgegengeſetzten
Seite des Gefäßes liegt.
Darmſtadt, den 23. Juni 1913.
Großherzogliches Polizeiamt.
Gennes.

Auszug
aus dem Geſetz, betreffend die Bezeichnung des Raumgehaltes
der Schankgefäße, vom 20. Juli 1881 (Reichsgeſetzblatt S. 249)
in der Faſſung der Novelle vom 24. Juli 1909 ( Reichsgeſetz=
blatt
S. 891).

Schankgefäße (Gläſer, Krüge, Flaſchen nſw.), welche zur
Verabreichung von Wein, Obſtwein, Moſt oder Bier in Gaſt=
und Schankwirtſchaften dienen, müſſen mit einem bei der Auf=
ſtellung
des Gefäßes auf einer horizontalen Ebene den Sollinhalt
begrenzenden Strich (Füllſtrich) und in der Nähe des Strichs
mit der Bezeichnung des Sollinhalts nach Litermaß verſehen
ſein. Der Bezeichnung des Sollinhalts bedarf es nicht, wenn
derſelbe ein Liter oder ein halbes Liter beträgt.
Der Strich und die Bezeichnung müſſen durch Schnitt, Schliff,
Brand oder Aetzung äußerlich und in leicht erkennbarer Weiſe an=
gebracht
ſein.
Zugelaſſen ſind nur Schankgefäße, deren Sollinhalt einem
Liter oder einer Maßgröße entſpricht, welche vom Liter auf=
wärts
durch Stufen von einem halben Liter, vom Liter abwärts
durch Stufen von Zehnteilen und vom halben Liter abwärts
durch Stufen von Zwanzigteilen des Liters gebildet wird.
§ 2.
Der Abſtand des Füllſtrichs von dem oberen Rande der Schank=
gefäße
muß
a) bei Gefäßen mit verengtem Halſe, auf dem letzteren ange=
bracht
, zwiſchen 2 und 6 Zentimeter,
b) bei Schankgefäßen für Bier zwiſchen 2 und 4 Zentimeter,
c) bei anderen Gefäßen zwiſchen 1 und 3 Zentimeter
betragen.
Der Maximalbetrag dieſes Abſtandes kann durch die zuſtändige
höhere Verwaltungsbehörde hinſichtlich ſolcher Schankgefäße, in welchen
eine ihrer Natur nach ſtark ſchäumende Flüſſigkeit verabreicht wird,
über die vorſtehend bezeichneten Grenzen hinaus feſtgeſtellt werden.
Die höhere Verwaltungsbehörde iſt ferner befugt, den in Abſatz
1 zu b bezeichneten Mindeſtbetrag des Abſtandes für Gefäße von
einem halben Liter Inhalt und darüber bis auf 3 Zentimeter zu erhöhen.
Bis zum 1. Oktober 1913 iſt der Gebrauch von Schankgefäßen
für Bier mit einem Mindeſtabſtande von 1 Zentimeter geſtattet.
§ 3
Der durch den Füllſtrich begrenzte Raumgehalt eines Schank=
gefäßes
darf
a) bei Gefäßen mit verengtem Halſe höchſtens ½o,
b) bei anderen Gefäßen höchſtens ½o geringer ſein als der
Sollinhalt.
§ 4
Gaſt= und Schankwirte haben gehörig geſtempelte Flüſſigkeits=
maße
von einem zur Prüfung ihrer Schankgefäße geeigneten Einzel=
oder
Geſamtinhalt bereit zu halten.
§ 5
Gaſt= und Schankwirte, welche den vorſtehenden Vorſchriften
zuwiderhandeln, werden mit Geldſtrafe bis zu einhundert Mark oder
mit Haft bis zu 4 Wochen beſtraft. Gleichzeitig iſt auf Einziehung
der vorſchriftswidrig befundenen Schankgefäße zu erkennen, auch kann
die Vernichtung derſelben ausgeſprochen werden.
§ 6
Die vorſtehenden Beſtimmungen finden auf feſtverſchloſſene ( ver=
ſiegelte
, verkapſelte, feſtverkorkte uſw.) Flaſchen und Krüge, ſowie auf
Schankgefäße von ½ Liter oder weniger nicht Anwendung. (14054oms
Artikel II
Dieſes Geſetz tritt am 1. Auguſt 1909 in Kraft.

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des Heſſiſchen Schutzvereins für entlaſſene Gefangene findet
Dienstag, den 8. Juli ds. Js., nachmittags 3½ Uhr,
zu Gießen, im Sitzungsſaal des Regierungsgebäudes ſtatt.
Um recht zahlreiches Erſcheinen wird im Intereſſe der guten
Sache freundlichſt gebeten.
(14374
Darmſtadt, den 1. Juli 1913.
Der Vorſtand des Vereins:
Dr. Preetorius, Geheimerat,
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Großh. Generalſtaatsanwalt,
Großh. Direktor,
Vorſitzender.
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Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Juli 1913.

Nummer 152.

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Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Inli 1913.

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25

Das ging ſo bis gegen vier Uhr; draußen wurde es
allgemach ſchummrig; die erſten Stadtbahnzüge fuhren
bereits.
Um dieſe Zeit bezahlte, man im Café Bauer gerade
ſeinen letzten Mokka und ließ ſich in den Mantel helfen.
als Brackenow plötzlich ſo etwas wie ein unartikuliertes
Röcheln von ſich gab.
Gradeaus und dann links rum! ſagte der kleine Traſ
ſingk hilfsbereit. Aber beeilen Sie ſich, damit Sie nicht den
Anſchluß verpaſſen. Wir wollen uns nämlich noch eine
Stunde auf das geehrte Ohr legen.
Das Kaſinoküken war beleidigt.
Nee, liebes Herz mir iſt durchaus wohl. Und wenn
Ihr mich noch tiefer unter Alkohol ſetzt, macht mir das
ebenſowenig.
Aber ich habe eben eine Viſion gehabt eine grauen=
hafte
Idee!
Graf Eſchweege, Oberleutnant bei den Graf= Alexan=
dern
, den ſie unterwegs aufgegriffen hatten, erkundigte ſich
hoffnungsfreudig:
Haben Sie vielleicht Ratten oder weiße Mäuſe laufen
ſehen? . . . damit fängt nämlich meiſtens das delicium
tremens

Brackenow muſterte mit fatalem Lächeln die etwas
zerknitterten Phyſiognomien der Kameraden.
Wie iſt denn das gleich, meine Herren, fragte er voll
hinterliſtiger Tücke; wenn ich mich nicht ganz infan
irre, hat die Brigade für heute Montag früh halbſieben
Uhr Gefechtsübung bei Döberitz angeſetzt? !!
Lähmendes Schweigen. Der bekannte Engel ſchwebte
durch den Raum. Man glotzte ſich gegenſeitig recht töricht
an. Es war förmlich zu fühlen, wie die verſchiedenen
Talglichter aufgingen.
Herrgott die Gefechtsübung, die man total ver=
geſſen
hatte!!
Herzlichſten Glückwunſch, lieben Leute! ſagte Eſch=
weege
trocken, den die Geſchichte eigentlich doch garnichts
anging.
Schlug den Mantelkragen hoch und verſchwand. Aber
von draußen ſteckte er noch einmal den Kopf durch die Tür
und grinſte ſataniſch.
Ich erwarte, daß jeder von euch draußen in Döberitz
ſeine Schuldigkeit tut! Dulce et decorum est, pro
patria mori . . . .
Man ließ dieſe Blasphemie ſchweigend über ſich er=
gehen
. Man war total gebrochen.
Lanzoff kämpfte ſtumm mit einem Selbſtmordanfall.
Traſſingk dagegen hatte herausgefunden, daß es
eigentlich eine dramatiſche Situation ſei: Und ſofort be=
kam
er ſeine düſtere Intrigantenſtimme.

Unſeliger, weshalb ſagen Sie denn das erſt jetzt?
Ich hab doch ebenſowenig daran gedacht, wie ihr allel
verteidigte ſich Brackenow, dem innerlich reichlich ſonder=
bar
zu Mute war.
Jawohl . . . ſagte Oſtheeren . Regimentsbefehl: -
Fünf Uhr zehn ſtehen die Batterien zum Abmarſch auf
dem Kaſernenhof!
Das iſt eine Stunde Zeit, um nach Haus zu fahren;
den dampfenden Schädek ins Waſchbecken zu ſtecken; ſich
umzuziehen und rechtzeitig in der Kaſerne zu ſein!
Na, vorläufig ſtehen wir ja noch ganz gemütlich in
Ueberrock und Mütze im Café Bauer herum! konſtatierte
der baumlange Leutnant Ramin von der erſten Batterie
etwas mühſam.
Was zur Folge hatte, daß man ſich eine Minute ſpäs.
ter auf der Straße befand und wiederum eine Minute=
darauf
ſechs ſchwer überfrachtete Autos die Linden
hinunterglitſchten, um am Brandenburger Tor in alle
vier Himmelsrichtungen auseinander zu ſpritzeng
Es wurde niemals aufgeklärt, ob der Brigadekom=
mandeur
aus direkter ironiſcher Bosheit oder nur aus
Unkenntnis der Sachlage gerade dieſen Morgen nach der
Siegesfeier für eine Gefechtsübung gewählt hatte.
Tatſache war jedenfalls, daß man draußen in Döberit
um punkt halbſieben mit wütendem Geſchützfeuer gegen
markierte feindliche Infanteriemaſſen vorging; daß die

[ ][  ][ ]

4,

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Juli 1913.

Nummer 152.

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Batterien gottesläſterlich herumgejagt wurden, weil von
drüben alle Naſelang aufdringliche Kavallerie attackierte;
und daß die Leutnants öfter als gemeinhin üblich die
Helme lüfteten, um feſtzuſtellen, wie ſich der friſche Mor=
genwind
heute zu den ausgepuſteten Gehirnen verhielt.
Nachher wurde es obendrein auch noch heiß!
über einem brannte die Sonne unter einem ſchwitzte
der Gaul; der ſchwelende Pulverdampf legte ſich wie dicker
Nebel auf die Lungen; im Magen revoltierte alles mög=
liche
, über das man ſich in der Eile doch nicht klar wer=
den
konnte.
Mit einem Wort es war lieblich!!
Und der Brigabekommandeur ließ es richtig Mittag
werden, ehe er das zweckloſe hinhaltende Feuergefecht ab=
brach
und die Batterien wieder abrücken konnten.
Auf dem Rückwege hatte der Oberſt von Lühe am
Reichskanzlerplatz, in deſſen Nähe er wohnte, das Kom=
mando
an den Etatsmäßigen abgegeben, war vom Gaul
geklettert und mit der nächſten Droſchke nach Hauſe ge=
fahren
.
So wurde auch Lanzoff als Adjutant frei. Und da
der Major ſchläfrig vor ſich hin döſte, ſchlängelte ſich der
Oberleutnant unauffällig nach hinten zur dritten Bat=
terie
, wo Oſtheeren ihn mit etwas verglaſten Augen
empfing.
Nett von Ihnen, Lanzoff, daß Sie mich hier in
meiner Einſamkeit beſuchen. Wenn Sie nachher wieder
nach vorn kommen, dann tun Sie mir die einzige Liebe
und veranlaſſen Sie den Major, daß er antraben läßt!

Bei dieſer Zottelei brauchen wir ja geſchlagene drei
Stunden bis zur Kaſerne!
Weshalb denn dieſe Eile, Oſtheeren? wunderte ſich der
Adjutant. Sie haben doch nachmittag keinen Dienſt und
können ausſchlafen.
Wenn’s nicht wichtigere Dinge auf der Welt gäbe
ſicherlich. So aber leg ich mich nur für eine Stunde auf
die Chaiſelongue und kriech um vier ſchon wieder in den
Ueberrock.
Der Aeltere muſterte den Kameraden etwas ſkeptiſch.
Five ofelock tea oder Rendezvous! Aber von beidem
rate ich deingend ab. Dagegen wäre es durchaus ange=
bracht
, Sie gingen bis morgen früh in Quarantäne
indem, daß Sie nämlich eine grüngelbe Leichenfarbe
haben!
Der Baron rauchte mannhaft.
AAlſo das iſt mir nun ſchon ganz ſchnuppegal, lieber
Herr. Außerdem handelt ſichs weder um einen ſive
o’elock noch um ein Rendezvous, ſondern . . . er brach ab.
Ne ernſthafte Geſchichte?
Sozuſagen ja.
Pauſe.
Sehen Sie, Lanzoff, die Neuigkeiten, die Sie mir da
geſtern mit ins Rennen gegeben haben, laſſen mir keine
Ruhe mehr; haben mich ſchlankweg aus der Faſſon ge=
bracht
. Vielleicht bin ich auch nur aus dieſem Grunde bis
zum Morgengrauen mit euch allen herumgezogen.
Der Oberleutnant wußte ſofort, worum es ſich han=
delte
. Er wurde unruhig.
Und was folgt daraus?

Daß ich mir vorgenommen habe, heute nachmittag
reinen Tiſch zu ſchaffen.
Der Andere zog ſo ſcharf an den Zügeln, daß ſein
Rappe erſtaunt den Kopf wandte.
Sie ſind verrückt, Oſtheeren; oder mindeſtens nervös
überreizt!
Keine Idee!
Aber ſelbſtverſtändlich. Und ich ſage Ihnen, laſſen
Sie um Gottes willen den Rittmeiſter in Frieden, ſonſt
gibts einen großen Skandal mit dem einzigen Reſultat,
daß Sie ganz unnötig Fräulein Krottenheim bloßſtellen.
Der Baron machte große Augen.
Sierndorff? . . . ich denke ja gar nicht daran, mich mit
ihm zu haken. Wie können Sie nur auf ſolch abſurde
Vermutung kommen?!
Aber ich will mir wenigſtens . . . die Frau ſichern,
damit ich, falls erforderlich, ein Recht habe, für ſie ein=
treten
.
Ach ſo! . . . ſagte der Adjutant ſtill.
Und es verging doch einige Zeit, bis er die Antwort
fand.
Geſtern das Rennen heute die Braut . ich kanns
Ihnen gar nicht mal verargen, wenn Sie die Glücks=
ſträhne
feſthalten, die augenblicklich durch ihr Leben läuft.
Da ſchüttelte der Leutnant von Oſtheeren plötzlich
ſeine Müdigkeit ab und wurde lebhaft.
Aber er ſprach leiſe; denn der Wachtmeiſter ritt in der
Nähe, und auf dem Asphalt der Heerſtraße war das
Trappeln der Pferdehufe ganz gedämpft.
(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Nummer 152.

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Inli 1913.

Seite 15.

Sport, Spiel und Turnen.

sr. Pferderennen zu Hamburg=Horn. Der
Schlußtag des Derbymeetings am Montag hatte gleich
dem Derbytage unter der Ungunſt des Wetters zu leiden.
Regenſchauer wechſelten mit Sonnenſchein ab und der
Beſuch war ziemlich ſchwach. Die Hauptnummer, das
mit 20000 Mark ausgeſtattete Renard=Rennen, nahm trotz
des ſchmalen Feldes einen ſpannenden Verlauf. Alvarez
führte vor Eiſenmenger, Pelleas, Cambronne und Ca=
rino
. Der letztere galoppierte mit gewohnter Unluſt
und fiel bald aus dem Rennen. Im Horner Bogen legte
ſich Cambronne auf den zweiten Platz und ging im Ein=
lauf
an dem Favoriten Alvarez vorbei. Cambronne ſah
in der Diſtanz wie der Sieger aus, hatte ſeinen Vorſtoß
aber etwas zu früh gemacht, denn er vermochte dem zum
Schluß mächtig aufrückenden Pelleas nicht mehr genügen=
den
Widerſtand zu leiſten und wurde von dieſem um
einen Hals geſchlagen. Vergleichs=Rennen; 6000 Mark,
Diſtanz 1000 Meter: 1. Herren A. und C. von Weinbergs
Aſtarte (Fox), 2. Santa Patricia (Burns), 3. Mormone
(Weatherdon). Tot. 33:10, Pl. 12, 11, 19110. Unpl.
Peri (4), Mon Plaiſir, Ratzeburg, Jenn, Miß Con. Leicht
* Lg. Horner Handikap; 12000 Mark, Diſtanz
2100 Meter: 1. Herrn Balduins Papyrus (Davies),
2. Boling Hot (Sumter), 3. Mielleux (Raſtenberger). Tot.
33:10, Pl. 21, 37, 24:10. Unpl.: Mansfeld (4), Porte
Bonheur, Nabob, Hock, Lin, Franzisko. Saint Maximin
kam als Erſter ein, wurde aber wegen Anreitens disqua=
lifiziert
. Sicher 11 Lg. Jenfelder=Rennen; 5000
Mark, Diſtanz 1400 Meter: 1. Herrn F. Strauchmanns
Gardeſtern (Fox), 2. Patſy (Davies), 3. Rauhreif (H.
Teichmann). Tot. 51:10, Pl. 19, 32, 17110. Unpl::
Traum (4), Henry Clay, Yazna, Faſt, Premier, Chutbeth.
Ueberlegen 1½1 Lg. Renard=Rennen; 20000 Mark,
Diſtanz 2800 Meter: 1. Herrn von Weinbergs Pelleas
(F. Bullock), 2. Cambronne (Sumter), 3. Alvarez ( Archi=
bald
). Tot. 46:10, Pl. 23, 26:10. Unpl.: Eiſenmenger (4),
Carino. Kampf, Hals-/ Lg. Troſt=Handikap: 5000
Mark, Diſtanz 1600 Meter: 1. Herrn C. Fröhlichs Spion
(Raſtenberger), 2. Corvette (Davies), 3. Mansfeld
(Burns). Tot. 39110, Pl. 13, 16, 18:10. Unpl.: Alibi,
Fox, Mielleux, Proſpero, Felſenburg, Götterſage. Leicht
1¾ Lg. Altes Hamburger Jagd=Rennen; Ehren=
preis
und 10000 Mark, Diſtanz 5600 Meter: 1. Herrn
Zeyns Tucker (Lt. Demnig), 2. Coram populo (Dr.
Rieſe), 3. Turandot (Herr Purgold). Tot. 52110, Pl. 18,
22, 23:10. Unpl.: Fair King, Ochmiana, Thus lieber,
Chanoine, Bakers Bad, Haſchich, Miß Gris, Kollege. Sehr
leicht 2½34 Lg.
Das Alkoholpferd Feſttarock iſt, wie
aus Hamburg gemeldet wird, von Graf E. Treuberg an
Herrn Eiſen verkauft worden und ſoll nunmehr in dem
von Herrn K. von Tepper=Laskis geleiteten Mönchshei=
mer
Stall zum Steepler ausgebildet werden. Der vier=
jährige
Feſtino=Sohn war ſtets ein an Klaſſe hochſtehen=
des
Pferd, ſteckte es aber als Zwei= und Dreijähriger faſt
in allen ſeinen Rennen vollſtändig auf, ſo daß er ſeinem
Beſitzer eine Enttäuſchung nach der anderen brachte. Nach=
dem
auch die im letzten Winter vorgenommene Kaſtrierung
ſein Temperament nicht gebeſſert hatte, verſuchte man es
mit Alkohol, der geradezu Wunderdinge bewirkte! Feſt=
tarok
erhielt mit Erlaubnis des Rennvorſtandes vor jedem
ſeiner Rennen eine Flaſche Kornbranntwein eingeflößt,
die ihm ſo gut zu ſchmecken ſchien, daß er nacheinander
vier wertvolle Flieger=Rennen, darunter den Preis der
Stadt Hannover, und zuletzt, am Sonntag, in Hamburg
den Pokal gewann. Seine Gewinnſumme beträgt in die=
ſem
Jahre 33850 Mark.
Herrn R. Haniels Gewinnſumme beläuft
ſich nach dem Siege von Turmfalke im Deutſchen Derby
auf 161 230 Mark, erreicht alſo bald die in der ganzen
vorjährigen Saiſon erzielte Höhe von 194 450 Mark. Auf
den Caius=Sohn Turmfalke entfallen davon allein
114310 Mark. Herr R. Haniel, der Beſitzer des im Elſaß
gelegenen Schloſſes und Geſtüts Walburg, ſteht nunmehr
unter den erfolgreichen Rennſtallbeſitzern an zweiter
Stelle hinter Freiherrn S. A. von Oppenheim mit 334870
Mark. Ueber 100000 Mark vermochte nur noch Herr W.
Lindenſtaedt zu gewinnen, deſſen Pferde durch eine ganze
Reihe kleinerer Erfolge 108860 Mark zuſammengalop=
pierten
.
* Die olympiſchen Spiele des Fußballklubs Olym=
pia‟
=Darmſtadt am Sonntag, den 13. Juli, begegnen an=
dauernd
lebhaftem Intereſſe. Die ausgeſchriebenen viel=
ſeitigen
Konkurrenzen werden intereſſante ſportliche Wett=
kämpfe
bringen; nach den ſchon jetzt geſicherten Meldungen
iſt eine Beteiligung erſtklaſſiger Sportvereine gewährleiſtet.

Wie im Vorjahr, ſo hat ſich der Fußballklub Olympia‟
auch diesmal der Unterſtützung des heſſiſchen Landesfür=
ſten
zu erfreuen, der in bereitwilligſter Weiſe das Protek=
torat
über die geſamte Veranſtaltung wieder übernom=
men
hat und hiermit erneut Kunde gibt, daß der olympiſche
Sport es wert iſt, von allen Seiten unterſtützt zu wer=
den
. Wer Freude hat am Leben in der Natur und an der
bewußten Ausbildung ſeiner Körperkräfte, dem kann der
Beſuch dieſer Veranſtaltung empfohlen werden. Wer
Sport treibt, wünſcht geſund zu ſein, darin liegt die Ge=
währ
gegen viele Abwege und Gefahren. Der olympiſche
Sport iſt es beſonders, der die Kultur des Körpers und
ſeiner Bewegungsformen wie kein anderer Zweig der Lei=
besübung
gefördert hat. Ein Hinweis auf die olympiſchen
Spiele aller Völker und auf die unvergeßlichen, gewaltigen
Eindrücke der Stadionweihe in Berlin veranſchaulicht es.
sr. Lawn=Tennis. Die engliſchen Lawn=
Tennis=Meiſterſchaften in Wimbledon wurden
bei prachtvollem Wetter und außerordentlich ſtarkem Be=
ſuch
fortgeſetzt. Der Frankfurter O. Kreuzer ſchnitt von
den beteiligten deutſchen Spielern bisher am beſten ab,
denn er vermochte ſich ſchon bis zur fünften Runde durch=
zuſpielen
. In der dritten Runde gewann er gegen C. R.
Leach ohne Spiel und in der vierten Runde bildete ſein
Sieg über den engliſchen Meiſterſpieler A. W. Gore mit
36, 75, 62, 60 die Ueberraſchung des Tages. Die
Weltmeiſterin Frl. Rieck vermochte ſich mit dem unge=
wohnten
Grasboden nicht abzufinden. Sie gewann in
der zweiten Runde gegen Miß H. Lane 26, 61, 62,
wurde aber dann von Mrs. Satterthwaite 61, 62 leicht
abgefertigt. Im Herren=Doppelſpiel konnte Rahe=H.
Kleinſchroth in der zweiten Runde einen leichten Sieg
mit 60, 62, 75 gegen A. D. Prebble=G: A: Thomas
erringen. In der gleichen Runde war Kreuzer mit dem
Engländer Hicks als Partner über H. C. Webb=H. F.
Guggenheim mit 61., 64, 61 erfolgreich. Im gemiſch=
en
Doppelſpiel (2. Runde) ſchlugen H. Kleinſchroth=Frl.
Rieck mit 63, 62 das Ehepaar Beamiſh, dagegen
unterlag Kreuzer mit Mrs. Satterthwaite als Partnerin
gegen Graf Salms=Mrs. J. F. Suard 86, 46.

Landwirtſchaftliches.

Die Schweinehaltung in Heſſen.
D Bei der Zählung am 2. Juni ds. Js. wurden im
Großherzogtum Heſſen 340775 Schweine feſtgeſtellt. Es
ſind dies 4651 Stück mehr als bei der Zählung am 2. De=
zember
1912. Trotz dieſes Zuwachſes iſt erſt wieder der
Stand vom Jahre 1904 erreicht. Gegenüber dem Jahre
1907 mit 384593 Stück bleibt der jetzige Beſtand noch um
43818 Stück zurück. Allerdings iſt ein Vergleich mit den
früheren Zählungen nicht ohne weiteres geſtattet, weil
diesmal im Sommer, früher dagegen ſtets im Winter
gezählt wurde. Und gerade bei den Schweinen iſt der Som=
merbeſtand
von dem des Winters weſentlich verſchieden.
So beträgt z. B. der Anteil der unter einem halben Jahre
alten Schweine an dem Geſamtbeſtande bei der Zählung
am 2. Juni ds. Js. 70 Prozent, am 2. Dezember 1907 da=
gegen
nur 52 Prozent. Die genannte Zunahme der
Schweine während der letzten 6 Monate beſchränkt ſich le=
diglich
auf die Provinz Rheinheſſen, wo die Zahl der
Schweine von 60086 auf 66621 geſtiegen iſt. In Starken=
burg
iſt der Beſtand unverändert geblieben, in Oberheſſen
ſogar um ein Geringes zurückgegangen.
In Preußen iſt die Zahl der Schweine in den letz=
ten
6 Monaten um 11605 Stück gefallen und belief ſich am
2. Juni ds. Js. auf 15 441346 Stück. Auch in Württem=
berg
iſt ein Rückgang zu verzeichnen von 482081 auf
455 688 Stück.
Getreide=Wochenbericht
der Preisberichtſtelle des Deutſchen Landwirtſchaftsrats
vom 24. bis 30. Juni 1913.
Es hat in der Berichtswoche wieder mehrfach gereg=
net
, aber vielfach wird aus den nordöſtlichen Landes=
teilen
berichtet, daß die Niederſchläge zu ſpät gekommen
ſeien, um die Schäden der vorangegangenen Trocken=
periode
noch ganz ausgleichen zu können. Wie ſich jetzt
herausſtellt, ſcheint die Roggenblüte durch die Nachtfröſte
um Mitte Juni ſtärker gelitten zu haben, als bisher an=
genommen
wurde, und recht ungünſtig lauten die Be=
richte
über die Haferfelder in Weſtpreußen und Bran=
denburg
, ſowie teilweiſe in Pommern, Poſen und Mecklen=
burg
. Weſtlich der Elbe ſind die Ausſichten im allgemei=
nen
günſtig, und da in dieſen Gebieten bereits genü=

gend Feuchtigkeit vorhanden iſt, wäre trockenes und ſon=
niges
Wetter dort ſchon willkommen. Während vom
Auslande wenig Anregung vorlag, erwieſen ſich die Be=
richte
über den Felderſtand zeitweiſe als Stütze für die
Preiſe. Aber wie draußen, ſo beſtand auch hier wenig
Unternehmungsluſt. Es gilt dies beſonders für Weizen,
worin mäßige Bedarfsanſprüche immer noch im Inlande
gedeckt werden können, und es iſt bemerkenswert, daß ſo=
gar
noch genügend Material für die Juli=Abwickelung
zur Verfügung ſteht. Unter dieſen Umſtänden erfolgten
Begleichungen, die den Julipreis bis Samstag um 2¾4
Mark herabdrückten, während September nur zirka 1 Mark
verlor, wodurch ſich allmählich ein Aufgeld für neue
Ernte herausbildete. Zum Schluß war Juli allerdings
leicht befeſtigt, da ſich die Hälfte der angedienten Ware
als nicht lieferfähig erwies. Feſter war die Stimmung
im allgemeinen für Roggen. Das mäßige Angebot er=
zielt
bei den Provinzmühlen beſſere Preiſe als in Ber=
lin
, auch regte ſich der Export nach dem Norden und
Weſten, ſowie über die ruſſiſche Grenze. Im Zuſammen=
hang
damit gab ſich im Lieferungsgeſchäft Deckungs=
begehr
kund während weniger günſtige Berichte über
den Roggenſtand Herbſtkäufe veranlaßten. Zum Schluß
drückten Andienungen den Julipreis um 1¼ Mark unter
den vorwöchigen Stand herab, auch September mußte
ſeinen Gewinn wieder aufgeben. Im Hafergeſchäft er=
wies
ſich das Aufgeld für Herbſtlieferung inſofern als
Stütze, als die Beſitzer ihre Ware mehr zurückhalten und
in Tauſch gegen Septemberabgaben Juli=Deckungen vor=
nahmen
. Für die ſpärlich angebotenen beſſeren Quali=
täten
zeigte ſich Kaufluſt ſeitens der Exportfirmen. Gerſte
war bei andauernder Zurückhaltung Rußlands eher
feſter, auch Mais konnte ſich trotz umfangreicher argen=
tiniſcher
Abladungen gut im Preiſe behaupten. Es ſtell=
ten
ſich die Preiſe für inländiſches Getreide am letzten
Markttage wie folgt:

Weizen Roggen Hafer
164
Königsberg
Danzig
164
)162½(-
213 (*
195 (4
164 (45) 163
Stettin
163
153
Poſen
194
Breslau
196
160 (*1 ) 151
Berlin
)182
202
164
)172
Magdeburg . 199
164
184
202
Halle .
167
202
165 (*1 ) 177
Leipzig
205
170
Hamburg
190
Hannover
180
196
171
182
215
Düſſeldorf
176
175 ( ) 190
Frankfurt a. M. 210
177½ (
Mannheim . 217½
Straßburg . . 230
) 180
180

München
166
. 215 (*3
158

Weltmarktpreiſe: Weizen Berlin Juli 204
2,25),
Sept. 203,50 ( 1), Peſt Okt. 190,20 (0,50), Paris
1,15),
Juni 229,25 (0,80), Liverpool Juli 167,70
Chicago Juli 138,85 (1,15), Roggen: Berlin Juli
166,75 ( 1,25), Sept. 168,50 (), Hafer: Berlin Juli
161 (1,25), Sept. 165,75 (0,75), Futtergerſte: Süd=
ruſſ
. fr. Hamburg unverzollt Juni 121,50 (), Herbſt
119,25 (0,50), Mais: Argent. Juni/Juli 107,50 (1).

Stimmen aus dem Publikum.
(Für die Veröffentlichungen unter dieſer Ueberſchrift übernimmt die Redaktion
keinerlei Verantwortung; für ſie bleibt auf Grund des § 21 Abſ. 2 des
Preßgeſetzes in vollem Umfange der Einſender verantwortlich.)

Darmſtadt im Blumenſchmuck.
Wie ſchon ſeit längeren Jahren, werden auch dieſes
Jahr die Häuſer unſerer Stadt wieder mit Blumen ge=
ſchmückt
. Eines der ſchönſt geſchmückten iſt dem Einſen=
der
in der Kleinen Kaplaneigaſſe aufgefallen, ſchade, daß
es in der engen Gaſſe nicht beſſer in den Vordergrund
treten kann. Wie wäre es, wenn unſere Bewohner des
Marktplatzes auch ein wenig ſchmücken würden? Fenſter
und Balkons ſind doch genug dort vorhanden, wo ſich
Blumen ſehr ſchön ausnehmen würden. Vor allem aber
ſollte da unſer ehrwürdiges Rathaus mit einem guten
Beiſpiel vorangehen, zumal doch die Blumen von der
Stadt koſtenlos geliefert werden könnten, und zur Pflege
der Blumen findet ſich auch jemand. Wäre es ſchon ge=
ſchehen
, ſo hätten unſere heſſiſchen Amerikaner einen
beſſeren Anblick auf unſerem Marktplatz gehabt. Ich
möchte daher bitten, an unſer Rathaus vor allem zu
denken, und für die anderen Häuſer ſind Blumen genug
auf dem Markt.
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anſchwellung operieren laſſen. Die
Wunde iſt längſt vernarbt, trotzdem
waren die Drüſen im Januar wieder
ſtark angeſchwollen. Auf ärztl.
Rat trank ich Altbuchhorster
Mark-Sprudel Starkquelle
(Jod= Eiſen=Mangan= Kochſalz=
quelle
). Der Erfolg war über=
raſchend
. Schon nach 6 Fl. waren
die Drüſen zu meiner größten
Freude völlig zurückgegangen. Ich
werde den Markſprudel immer
trinken er ſchmeckt prachtvoll, wirkt
appetitanregend, verdauungför=
dernd
und blutverbeſſernd und be=
kommt
mir viel beſſer als Lebertran,
den ich früher trank. H. G. Aerztl.
warm empf. Fl. 65 u. 95 Pf. in der En=
gros
=Niederlage Friedr. Schaefer
u. in d. Hofdrogerie Chr. Schwinn,
Rheinſtraße. 8.
(IV,11047,26

[ ][  ][ ]

5 152.

Mittwoch, 2. Juli.

1913.

Kongreſſe und Verbandstage.

69. Generalverſammlung des Heſſi=
ſchen
Hauptvereins der Guſtav=Adolf=
Stiftung und 50jähriges Jubiläum der
Kircheinweihung von Bensheim, ſowie 25 Jubiläum der Kircheinweihung
in Heppenheim.
Bensheim, 29. Juni. 25 Jahre ſind ver=
floſſen
, ſeitdem der Heſſiſche Hauptverein der Guſtav=
Adolf=Stiftung ſeine 44. Jahresverſammlung in unſeren
Mauern gehalten hat. Heute war er zum zweiten Male
hier zuſammengetreten, um in ernſten Beratungen der
ihm geſtellten hohen Aufgaben gerecht zu werden. Einem
Aufruf der Großh. Bürgermeiſterei entſprechend, hatte
die Stadt reichen Fahnenſchmuck angelegt. Ebenſo herz=
lich
, wie vor 25 Jahren, wurde auch dieſes Mal wieder
der Verein von der Gemeinde aufgenommen. Schon ſeit
Wochen war man hier eifrig bemüht, alle Vorarbeiten
zu tkeffen, um den lieben Gaſt ſo würdig als möglich zu
empfangen und zu beherbergen und die Verhandlungen
des Vereins ſo fruchtbringend als möglich geſtalten zu
helfen. Der 29. Juni 1913 bildet in der Geſchichte der
hieſigen evangeliſchen Gemeinde einen wichtigen Mark=
ſtein
Eine vom Kirchenvorſtand herausgegebene kleine
Denkſchrift kennzeichnet das Werden dieſer Gemeinde.
50 Jähre ſind in dieſem Jahre verfloſſen, ſeitdem die
Gemeinde ein eigenes Gotteshaus beſitzt, und am 29. Juni
war es uns vergönnt, dieſe neu und würdig hergeſtellte
Andachtsſtätte wieder dem Gebrauch zu übergeben, nach=
dem
ſeit einigen Wochen unſere Gottesdienſte in der
Turnhalle des früheren Lehrerſeminars, die uns die
Stadt zu dieſem Zwecke in liebenswürdiger und zuvor=
kommender
Weiſe zur Verfügung geſtellt hatte, abgehal=
ten
werden mußten. Der Bauleitung, die in den Händen
des Herrn Hauptlehrers und Architekten Eiſen=
hardt
hier lag, und der zugleich die Pläne
entwarf, iſt es trefflich gelungen, die Kirche in
wirklich praktiſcher und wirkungsvoller Weiſe herzurich=
ten
und ihr auch in bezug auf künſtleriſche Ausſchmük=
kung
unter Leitung des Herrn Hauptlehrers und Kunſt=
malers
Hammann hier ein durchaus würdiges Ausſehen
zu geben. Eingeleitet wurde dieſer Tag in würdiger
Weiſe am Vorabend durch die Aufführung des Feſtſpiels
Luther auf der Coburg.
Das erſte Gedenken am Feſttag galt den Toten. An
dem Grabe des langjährigen und um die Gemeinde hoch=
verdienten
Pfarrers und Dekans Anthes, ſowie an
den Ruheſtätten der ehemaligen Kirchenvorſtandsmitglie=
der
Leo und Guntrum und des langjährigen Leh=
rers
, Organiſten und Rechners der Gemeinde, Zim=
mermann
, wurden im Auftrage des Kirchenvorſtan=
des
Kränze der Ehrung und dankbaren Erinnerung nie=
dergelegt
. Bei den hierauf in Bensheim und Heppen=
heim
abgehaltenen Jubiläumsgottesdienſten
waren die Kirchen dicht beſetzt. Der Feſtprediger des
Bensheimer Jubiläumsgottesdienſtes war Herr Dekan
Zaubitz=Bensheim, während in Heppenheim Herr Pro=
feſſor
Lampas=Friedberg, der früher in Bensheim Pfarr=
aſſiſtent
war, den Jubiläumsgottesdienſt leitete. Außer=
dem
ſprach in Bensheim während des Gottesdienſtes
im Namen der Oberſten Kirchenbehörde noch Herr Prä=
lat
D. Dr. Flöring=Darmſtadt. In Bensheim war der
Feſtgottesdienſt nach Wort, Lied und Gebet vollſtändig
dem Weihegottesdienſt angepaßt, mit dem vor 50 Jah=
ren
die Gemeinde zum erſten Male an dieſer Stätte ihrem
Gott gedient hatte. Zu gleicher Zeit wurden in den um=
liegen
Orten größtenteils durch auswärtige Feſtprediger

ee e ee
in Bensheim und Heppenheim, die Kirchengeſangvereine
der Gemeinden mitwirkten und zur Erhöhung der Feier
weſentlich beitrugen. An den Jubiläumsgottesdienſt in
Bensheim ſchloß ſich ein Jugend=Feſtgottesdienſt an, den
Herr Pfarrverwalter Weiß=Bieber leitete.
Der Nachmittag galt der öffentlichen Feſtverſamm=
lung
und einer zweimaligen Aufführung des oben ge=
nannten
Feſtſpieles für die auswärtigen Teiknehmer,
Unter ſehr ſtarker Beteiligung von außen, die die Anord=
nung
einer Parallelverſammlung nötig machte, wurden
am Nachmittag im Hotel Deutſches Haus und im Deut=
ſchen
Kaiſer hier die öffentlichen Feſtverſammlungen
von dem Vorſitzenden des Heſſiſchen Hauptvereins, Herrn
Pfarrer Dingeldey=Darmſtadt, mit Worten herzlich=
ſter
Begrüßung eröffnet. Pfarrer Freſenius= Eſſen=
heim
ſprach über: Die Guſtav=Adolf=Gemeinden im
Kampf um ihren Glauben. Hierauf ſprach Militär=
pfarrer
Dr. Plitt=München über Ernſtes und Heite=
res
aus der bayeriſchen Diaſpora‟ Nächſter Redner war
Pfarrer Spanuth=Leoben, der ſich über Kämpfe
und Siege des Evangeliums in Steiermark verbreitete.
Die Feſtverſammlung, die unter Mitwirkung der vereinig=
ten
Kirchen= und Poſaunenchöre aus einer großen An=
zahl
von Gemeinden des Dekanats Zwingenberg ſtatt=
fand
und von ihnen weſentliche und dankbare Förder=
ung
erhielt, nahm einen in jeder Beziehung großarti=
gen
und eindrucksvollen Verlauf.
Der Schluß des erſten Tages galt den Familien=
Abenden in Bensheim und Heppenheim.
In erſterem, von Dekan Zaubitz=Bensheim eröffnet und
geleitet, ſprach Pfarrer Vogel=Gernsheim über Guſtav
Adolf am Rhein An dieſen Vortrag reihten ſich Be=
grüßungen
und Anſprachen in bunt wechſelnder Zahl.
Sie einzeln zu nennen, würde zu weit führen. Alle fan=
den
ein dankbares Publikum, das den Verſammlungsſaal
bis zum letzten Platz füllte. Dasſelbe gilt auch von dem
Familienabend in Heppenheim, der von dem Orts=
pfarrer
Rehwald eröffnet und geleitet wurde. Nach
der Eröffnungsanſprache des Verſammlungsleiters er=
öffnete
Herr Dekan Bayer=Raunheim als Vertreter des
Heſſiſchen Hauptvereins der Guſtav=Adolf=Stiftung den
Chor der Glückwünſchenden, der Badiſche Hauptverein
ſchloß ſich an, andere folgten. Durch Bürgermeiſter
Fuchs=Zwingenberg, dem Vorſitzenden des Zwingen=
berger
Zweigvereins der Guſtav=Adolf=Stiftung, wurde
die im Zweigverein geſammelte Feſtgabe in der beträcht=
lichen
Höhe von 1141,24 Mark dem Guſtav=Adolf=Verein
überreicht. Kinder überbrachten eine Gabe von 173,44
Mark, der Zwingenberger Frauenverein ließ 100 Mark
übermitteln. Die Reihe der Anſprachen wurde eröffnet
durch Pfarrer Spanuth=Leoben. Ihm folgte als
nächſter Pfarrer Berck=Mainz=Mombach, der ſchon
vorher die Grüße des Evangeliſchen Bundes überbracht
hatte. Er verbreitete ſich über Guſtap Adolfs Taten im
Mainzer Land Pfarrer Roos=Lampertheim ſprach
über Dampfmaſchine und Diaſpora. In ſeiner An=
ſprache
über Ein heſſiſches Guſtav=Adolfswort, ein
Mahnwort ans Heſſenvolk knüpfte Pfarraſſiſtent Eck=
hard
=Groß=Steinheim an ein Wort an, das einſt
Guſtav Adolf im Feldlager vor der alten kurmainziſchen
Veſte Steinheim den Frankfurter Abgeſandten zurief, die
um ihrer ſpaniſchen Wechſelgeſchäfte willen ſeine Beſitz=
ergreifung
von Frankfurt mit leeren Ausflüchten verhin=
dern
ſollten. Ich bitte euch um Chriſti Blut, daß ihr
euch des evangeliſchen Weſens mehr annehmen möchtet!
Pfarrer Spanuth=Leoben ſprach über die Pflege=
gemeinden
Heſſens in der Steiermark. Zwiſchen den
Reden auf beiden Familienabenden erfreuten die Kirchen=

e
ung ihrer bewährten Dirigenten, der Herren Reallehrer
Mohr=Bensheim und Lehrer Müller=Heppenheim, die
Feſtteilnehmer durch mehrere gut vorgetragene Chöre.
Ihnen, wie auch den muſikaliſchen Gliedern der Gemein=
den
, die ihr Können bereitwilligſt in den Dienſt der guten
Sache ſtellten, gebührt ein weſentlicher Anteil am guten
Gelingen.
Nachrichten des Standesamts Darmſtadt I.
Geöffnet an Wochentagen von 9 12 Uhr vorm. und
8 5 Uhr nachmittags. Samstags nachmittags nur für
dringende Fälle und Sterbefallsanzeigen.
Geborene. Am 24. Juni: dem Schutzmann Friedrich
Günter, Karlſtraße 12, eine T. Regina Margareta Am
25.: dem Großh. Landgerichtsrat Dr. Ferdinand Stein,
Heinrichſtraße 143, ein S. Arnold Alfred Wilhelm. Am
29.: dem Fabrikarbeiter Gabriel Rupprecht, Liebfrauen=
ſtraße
82 ein S. Joſeph. Am 26: dem Buchhalter Wil=
helm
Brückner Kranichſteiner Straße 59, ein S. Wilhelm
Johann. Am 30.: dem Hilfskeſſelſchmied Phil. Dietrich,
Große Bachgaſſe 21, ein S. Heinrich. Am 27.: dem Fuhr=
mann
Michael Krämer, Arheilger Straße 39, eine T.
Marie. Am 28.: dem Schloſſer Wilhelm o Kiefer, Hohler
Weg 11 ein S. Georg Wilhelm.
Aufgebotene. Am 26. Juni: Taglöhner Georg
Hartmann, Kranichſteiner Straße 11, mit Hausmädchen
Anna Hotz, Dieburger Straße 50. Korreſpondent Eduard
Julius Kientz, Liebfrauenſtr. 142, mit Franziska, geru=
fen
Fanny, Mittermaier Liebfrauenſtraße 27. Am 27.:
Stuckateur Adam Heinlein. Eberſtadt, mit Dienſtmädchen
Eliſabeihe 5 Schuchmann, hier. Straßenbahnwagenführer
Heinrich Greb, Bredeney, mit Dienſtmagd Anna We=
ber
. Marktplatz 5. Wagenführer und Schaffner bei der
elektriſchen Straßenbahn Nikolaus Simon, Luiſen=
ſtraße
30 mit Eliſabetho Krämer, Feldbergſtraße 71.
Eheſchlicßungen. Am 25. Jnni. Kaufmann Adam
Heldmann mit Heimarbeiterin Margareta Lochner.
beide hier. Am 26.: Bäckermeiſter Leonhard Glenz mit
Katharing Loos, beide hier. Am 28.: Lehrer Karl
Darmſtädter in Heubach mit Marig Greim, hier.
Handlungsgehilfe Karl Schäfer mit Maria Chriſten,
beide hier. Fabrikarbeiter Gg. Harbach, hier mit Luiſe
Wagner in Griesheim. Amtstierarzt im Städtiſchen
Schlacht= und Viehhofe Ludwig Ehrensberger in Augs=
burg
mit Eva Freiin von Wedekind, hier. Inſtalla=
teur
Friedrich Iſelin mit Margareta Schmidt, beide
hier. Dekorationsmaler Peter Schneider mit Anna
Lenhart, beide hier. Bauunternehmer K. Roſſel in Lau=
fenſelden
mit Wilhelmine Schlegelmilch, hier Großh.
Hofnruſiker Guſtav Wendorf mit Katharing Margareta
Sulzmann, beide hier. Kaufmann Philipp Jung in
Arheilgen mit Wilhelmina Wurm, geb. Böttinger, hier.
Kaufmann Ludwig Finger in Frankfurt a. M., mit
Eliſe Rebel, hier. Poſtſchaffner Jakob Lerch, hier, mit
Klara Obmann in Eberſtadt. Schneider Peter Zufraß
mit Anna Roßler, beide hier. Vizewachtmeiſter Wil=
helm
Klein mit Eliſabetha Rahn, beide hier.
Geſtorbene. Am 26. Juni: Franziska Katharina Volk,
geb Krug, 67 J., kath. Witwe des Oberamtsrichters. Geh.
Juſtizrat in Mainz, Stephansplatz 1, hier Wilhelminen=
ſtraße
5. Am 27.: Ottilie Stumpf, geb. Herche, 63 J., ev.,
Ehefrau des Privatiers, Ruthsſtr. 18. Am 29.: Albrecht
Friedrich Heinrich Walter Hoos, 3 J., ev., Sohn des
Großh. Landgerichtsrats Friedrich Werner Conrad Hein=
rich
Berthold Hoos, Heinrichſtraße 103. Am 30.: Mar=
gareta
Barbarga Seibel, 53 J., ev., Ehefrau des Ka=
ſernenwärters
Holzhofallee 25. Heinrich Dietrich, 8
Stunden, Sohn des Hilfskeſſelſchmieds Phil. Dietrich,
Große Bachgaſſe 21.

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[ ][  ][ ]

Seite 18.

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Juli 1913.

Nummer 152.

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Wohnungs=Anzeiger beſtimmte Inſerate müſſen ſtets tagsvorher bis ſpäteſtens 12 Uhr mittags zur Aufgabe gelangen. Später uns zugehende Inſerate können
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[ ][  ][ ]

Nummer 152.

Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 2. Juli 1913.

Seite 19.

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