Darmstädter Tagblatt 1913


07. April 1913

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Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.

Das Wichtigſte vom Tage.

Auf die heutige Tagesordnung des Reichstags iſt die
Beratung der Wehr=und Deckungsvorlage ge=
ſetzt
. Der Reichskanzler wird die Beratung mit einer
Rede eröffnen.
Der deutſche Botſchafter in Paris, Frhr. v. Schoen,
übermittelte dem franzöſiſchen Miniſter des
Aeußern den Dank der deutſchen Regierung
für die Art und Weiſe der Erledigung des Zwiſchen=
falles
der Landung des Z. 4.
Nach Mitteilungen des preußiſchen Kriegsminiſteriums
iſt die Errichtung eines Luftſchiffhafens
in Mannheim in Ausſicht genommen.
Der franzöſiſche Miniſterrat beſchloß, dem Par=
lament
ſofort nach dem Wiederzuſammentritt den Ge=
ſetzentwurf
über die Regelung der Luft=
ſchiffahrt
vorzulegen.
Die Wiener Allgemeine Zeitung veröffentlicht nach Mit=
teilungen
von zuverläſſiger Seite aus Sofia den Inhalt
des bisher geheim gehaltenen ſerbiſch= bulgari=
ſchen
Vertrages.
Die bulgariſche Regierung hat am Samstag den Ver=
tretern
der Mächte die Antwork der ver=
bündeten
Balkanſtaaten auf deren Mitteilung
vom 22. März, betreffend die Friedensbedingungen,
übermittelt.
Letzte Nachrichten ſiehe Seite 7.

Die Stellung der National=
liberalen
zur Deckungsfrage.

* Sehr wichtig, ja ausſchlaggebend iſt die Stellung
der nationalliberalen Fraktion zur Löſung der
Deckungsfrage. Ohne die Nationalliberalen iſt eine
Mehrheit der Linken und eine Durchſetzung rein demokra=
tiſcher
Stempelpläne nicht möglich, und ſo iſt denn das Be=
mühen
der Freiſinnigen begreiflich, die liberale Nachbar=
partei
zu ſich herüberzuziehen und es wird von ihnen tak=
tiſch
als eine Dummheit bezeichnet, wenn die National=
liberalen
ſich in der Deckungsfrage zu den konſervativ=
klerikalen
Parteien ſchlagen wollten.
Daß ein Teil der Nationalliberalen derartigen Er=
wägungen
zugänglich iſt, unterliegt keinem Zweifel. Die
Frage wird alſo die ſein, welche Stellung die Mehrheit der
Partei einnimmt. Das Ergebnis der Fraktionsberatungen
liegt noch nicht vor, doch will die Tägliche Rundſchau be=
greits
wiſſen, daß ſich gegen den Plan, einen Antrag auf
Einführung der Erbanfallſteuer zu ſtellen, eine ſtarke Strö=
mung
bemerkbar mache. Wenn dieſe Strömung die Ober=
hand
bekäme, ſo würde dadurch deutlich der Wille der
Fraktion zum Ausdruck kommen, den Parteizwiſt von 1909
nicht wieder zu erneuern. Nun ſchreibt die Köln. Ztg.:
Wenn es möglich iſt, im Reichstag eine Mehrheit für
eine allgemeine Beſitzſteuer mit oder ohne Sozialdemo=
kraten
und für dieſen Beſchluß die Zuſtimmung der
Reichsregierung zu bekommen, ſo iſt uns dieſe Löſung viel
willkommener, als die in den Vorſchlägen der Regierung
enthaltene. Wenn das aber nicht möglich ſein ſollte, ſo
werden wir auch die Einführung von Beſitzſteuern,
die von den Einzelſtaaten für das Reich erhoben werden.
empfehlen. und am Schluß heißt es: Sollte eine direkte
Reichsbefitzſteuer entweder aus Gründen der Par=
teipolitik
oder wegen des bundesſtaatlichen Charakters des
Reiches nicht zuſtande kommen können, ſo iſt eben die Be=
ſitzſteuer
anzunehmen, die in der Vorlage der Reichsregie=
rung
enthalten iſt, die gewiß keine ideale Löſung des Be=
ſitzſtenerproblems
darſtellt, die aber doch das heiße Be=
mühen
der Reichsregierung zeigt, trotz allen in den Ver=
hältniſſen
ruhenden Schwierigkeiten das Verlangen des
Reichstags nach einer allgemeinen Beſitzſteuer zu befrie=
digen
.
Da eine direkte Reichsbeſitzſteuer ſicherlich nicht auf
Zuſtimmung im Bundesrat zu rechnen hat, ſo würde alſo
den Nationalliberalen nichts übrig bleiben, als dem Re=
gierungsvorſchlag
zuzuſtimmen. Gibt die Auslaſſung der
Köln. Ztg. die Anſicht der Fraktion wieder, ſo eröffnet ſie
Ausſichten auf eine ſachliche, nicht parteipolitiſche Erledi=
gung
der Deckungsfrage durch die Nationalliberalen. Zum
Schluß ſei noch eine Auslaſſung der Altnationalliberalen
Korreſpondenz erwähnt, die ſagt:
Das Deutſche Reich iſt nun einmal kein Einheitsſtaat,
und keine Partei will es dazu machen. Vor wenig Jahren
war es noch feſtſtehender Grundſatz, daß den Einzelſtaten
die direkten Steuern, dem Reiche nur indirekte Steuern ge=
bühren
. Hält man daneben die neuen Regierungsentwürfe,
die den Einzelſtaaten die Pflicht auferlegen, direkte Steuern
vom Beſitz zu erheben und an das Reich abzuliefern, ſo
kann man nicht ſagen, daß eine Abſchwächung der Reichs=
macht
eingetreten ſei.

Der Gotthardbahnvertrag.

* Wie bereits mitgeteilt, hat der ſchweizeriſche
Nationalrat den internationalen Gotthardbahnvertrag
mit 108 gegen 77 Stimmen angenommen. Der Ver=
trag
iſt damit als genehmigt anzuſehen, denn im Stände=
rat
, der in dieſer Woche mit ſeinen Beratungen beginnt, iſt
eine ſtarke Mehrheit für den Vertrag vorhanden, ſo daß
er am 1. Mai d. J. in Kraft treten kann. Wie ſchwierig
ſich die Verſtaatlichung der Gotthardbahn geſtaltet hat, iſt
ſchon äußerlich an dem weiten Abſtand der Daten zu er=
kennen
, welche die Hauptabſchnitte auf dem Wege zum
Ziele bezeichnen. Nachdem man ſich in der Schweiz zur
Verſtaatlichung der Hauptbahnen entſchloſſen und durch
Geſetz von 1907 ſich auf den Rückkauf der Gotthardbahn
feſtgelegt hatte, begannen zunächſt Verhandlungen des
Bundesrats mit der Bahngeſellſchaft, und die Streitigkeiten
über die Abfindungsſumme der Aktionäre führten zu
einem langwierigen Prozeß vor dem Lauſanner Bundes=
gericht
, der erſt nach drei Jahren, im September 1911, zu
einem Vergleich führte. Für die Linie wurde ein Betrag
von mehr als 200 Millionen Franken bezahlt, die Anleihe=
ſchuld
von 117 Millionen war ſchon früher von der
Schweiz übernommen worden, und die Aktionäre erhielten
faſt 84 Millionen, 11½ Millionen weniger, als nach der
Reinertragsrechnung gefordert worden war. Unabhängig
von dieſen Auseinanderſetzungen war die Regelung der
Verhältniſſe zwiſchen der Eidgenoſſenſchaft und den bei=
den
Subventionsſtaaten Deutſchland und
Italien. Die beiden Staaten vertraten die Auffaſſung,
daß die Schweiz die Verſtaatlichung nur mit ihrer Zu=
ſtimmung
vornehmen dürfe, und ſo kam es nach Verhand=
lungen
in Bern am 20. April 1909, zehn Tage, bevor die
Bahn an die Eidgenoſſenſchaft überging, zu einem Staats=
vertrage
über die Gotthardbahn nebſt einem Sonder=
abkommen
zwiſchen Italien und der Schweiz, wodurch die
alten Verträge von 1869, 1871, 1878 und 1879 erſetzt wur=
den
. Während der Deutſche Reichstag ſchon im
März des folgenden Jahres den neuen Vertrag geneh=
migte
, zögerte ſich die Anerkennung durch Kammer und
Senat in Italien bis zum Juni 1912 hin. Inzwiſchen
hatten die ſchweizeriſchen Vertragsgegner eine gewaltige
Bewegung gegen den Vertrag entfacht, der erſt durch die
kürzlich, vor dem Beginn der Beratung in der Bundes=
verſammlung
erfolgte Erklärung der deutſchen Regierung
über die Meiſtbegünſtigungsklauſel die Spitze abgebrochen
wurde.
Vor der Abſtimmung antwortete noch Bundesrat
Forrer auf einige in der Beſprechung vorgebrachte Be=
denken
, namentlich beſchäftigte er ſich mit der Behauptung,
der Vertrag verletze die ſchweizeriſche Neutrali=
tät
und wies darauf hin, daß ſchon 1869 beim alten
Vertrage dieſe Behauptung von franzöſiſcher Seite erhoben
wurde. Man habe aber damals feſtgeſtellt, daß es der
Schweiz freiſtehe, ſolche Verträge abzuſchließen. Ebenſo
unrichtig ſei die Behauptung, der Vertrag mache der tari=
fariſchen
Bindung wegen die Schweiz zu einem Vaſal=
lenſtaate
Deutſchlands; auch die Befürchtungen
für die ſchweizeriſche Souveränität ſeien durchaus unbe=
gründet
. In der Abſtimmung, die unter allgemeiner
Spannung vorgenommen wurde, ſtimmten die freiſinnigen
Deutſch=Schweizer in ſtarker Mehrheit für den Vertrag,
mit ihnen auch ein Teil der katholiſch=konſervativen Partei
und der liberal=konſervativen. Geſchloſſen ſtimmten die
Vertreter der Gotthardkantone (Teſſin und Luzern) für
den Vertrag. Von den Welſch=Schweizern ſprachen ſich 40
für die Verwerfung des Vertrages aus, 8 ſtimmten für
Genehmigung. Die Sozialdemokraten und oſtſchweizeri=
ſchen
Demokraten ſtimmten geſchloſſen gegen den Vertrag.

Deutſches Reich.

Der Wehrbeitrag und die Ausländer.
Die Norddeutſche Allgemeine Zeitung weiſt darauf hin,
daß zu dem Wehrbeitrag die Ausländer unbedingt bei=
tragspflichtig
ſind nur mit ihrem inländiſchen Grund= und
Betriebsvermögen. Mit ihrem ſonſtigen Kapitalvermögen,
insbeſondere alſo mit ihren bei einer Bank in Depot ge=
gebenen
Privatkapitalien ſind ausländiſche Staatsange=
hörige
nur dann beitragspflichtig, wenn ſie im Deutſchen
Reiche dauernd Erwerbes wegen ſich aufhalten, aber auch
ſelbſt dann, wenn ſie ihre Kapitalien aus einem inländi=
ſchen
in ein ausländiſches Bankdepot bringen.
Die Vorbildung der Diplomaten. Die
Bndgetkommiſſion des Reichstags wandte ſich auch der
Frage der Vorbildung unſerer Diplomaten zu. Der Re=
ferent
beklagte die häufigen Wechſel der in Frage kommen=

den Beamten und wünſchte eine Beſſerung des Nachrichten=
dienſtes
für das Ausland, um unwahren Preßtreibereien
beſſer entgegentreten zu können. Staatsſekretär v. Jagow
erklärte, er mache darauf aufmerkſam, daß man kaum die
Bezüge der jüngeren Beamten verbeſſern, die der Miſſions=
chefs
aber ohne eine Erhöhung würde laſſen können. Faſt
kein Miſſionschef ſei in der Lage, ohne eigenes Vermögen
den Poſten zu verſehen. Eine allgemeine Aufbeſſerung
würde aber ſehr erhebliche Mittel erfordern. Nichts könne
ihm ferner liegen, als der Wunſch, die diplomatiſche Lauf=
bahn
zu einer Domäne der Plutokratie werden zu laſſen;
jedem Talent ſolle der Weg zu ihr offen ſtehen. Eine end=
gültige
Aeußerung zu dieſer Frage behielt ſich der Staats=
ſekretär
für ſpäter vor. In keinem anderen Lande ſeien
aber ſo viele aus der Konſulatskarriere hervorgegangene
Beamte auf die diplomatiſchen Poſten geſandt, wie in
Deutſchland. Von 39 Botſchaften, Geſandtſchaften und
Miniſterreſidenturen ſeien 14 mit Herren aus dem Konſu=
latsdienſt
beſetzt. Die neuen Beſtimmungen für die An=
wärter
der diplomatiſchen Laufbahn tragen den Bedürf=
niſſen
handelspolitiſcher Vorbildung weitgehend Rechnung.
Abſchließende Erfahrungen liegen zwar noch nicht vor, doch
iſt der vorläufige Eindruck befriedigend. Die häufigen
Wechſel auf den diplomatiſchen Poſten beklage auch er.
Im allgemeinen werde es zweckmäßig ſein, daß die jün=
geren
Herren möglichſt viel in der Welt herum
kämen; die Miſſionschefs dagegen ſo lange wie
möglich auf ihren Poſten blieben und ſich auf
ihnen einlebten. Die Budgetkommiſſion
nahm ſchließlich eine Reſolution des Zentrums
an, wodurch der Zugang zum diplomatiſchen Dienſt den
Befähigtſten ohne Rückſicht auf Vermögensverhältniſſe er=
möglicht
werden ſoll, nachdem Staatsſekretär v. Jagow
ausgeführt hatte, er begrüße den Antrag, der allerdings
eine harte Nuß zu knacken gebe, mit Dank.
Die Fleiſcheinfuhr. Das badiſche Miniſte=
rium
des Innern hat den Antrag des Karlsruher Stadt=
rates
auf Verlängerung der Erlaubnis zur Einfuhr hol=
ländiſchen
Schlachtviehes an das Reichsamt des Innern
befürwortend weiter geleitet, doch hat ſich der preußiſche
Landwirtſchaftsminiſter nach Mitteilungen des großher=
zoglichen
Miniſteriums nicht entſchließen können, die Ein=
fuhr
von ſolchem Schlachtvieh über den 1. April hinaus
zuzulaſſen, ſelbſt wenn der in München vorgekommene
Seuchenfall, der zur vorzeitigen Sperrung der Grenze
führte, nicht eingetreten wäre, da von vornherein mit einer
Verlängerung der Einfuhrerlaubnis über den 1. April
hinaus nicht habe gerechnet werden können. Die Erlaubnis
zur Einfuhr von Schlachtvieh aus Italien, um welche der
Stadtrat nachgeſucht hatte, iſt vom großherzoglichen Mi=
niſterium
des Innern wegen der Gefahr der Einſchleppung
der Maul= und Klauenſeuche verſagt worden.
Verſchmelzung von Arbeitgeberver=
bänden
. Die beiden Zentralorganiſationen der deutſchen
AArbeitgeberverbände, die Hauptſtelle deutſcher Arbeitgeber=
verbände
und der Verein deutſcher Arbeitgeberverbände,
beſchloſſen ihre Verſchmelzung. Die Gründungsverſamm=
lung
der neuen Zentralorganiſation, die den Namen Ver=
einigung
der deutſchen Arbeitgeberverbände erhalten ſoll,
fand am 5. April in Berlin ſtatt.
Die mecklenburgiſche Verfaſſungs=
frage
. In der mecklenburgiſchen Verfaſſungsangelegen=
heit
beabſichtigt die Schweriner Regierung, einen neuen
Verfaſſungsentwurf dem außerordentlichen Landtage in
Schwerin vorzulegen, der auf die Wünſche der Ritterſchaft
zugeſchnitten iſt. Um unter den Bürgermeiſtern Anhang
zu gewinnen, hat ſie mit ihnen Verhandlungen angeknüpft.
Die mecklenburgiſchen Bürgervereine planen Demonſtra=
tionsverſammlungen
, in denen über die Stellungnahme
der Bürger zu der drohenden Verminderung ihrer Rechte
geſprochen werden ſoll.

Ausland.

Oeſterreich=Ungarn.
Die Heeresverſtärkung. Wie die Zeit er=
fährt
, wird die geplante neuerliche Erhöhung des Re=
krutenkontingents
von 15000 Mann bei dem gemeinſamen
Heere und etwa 10000 Mann bei beiden Landweh=
ren
durch eine Novelle zum § 13 des neuen Wehrgeſetzes
mit ſtufenweiſe erfolgender jährlicher Steigerung der Kon=
tingentsziffer
angefordert werden. Die Vorlage ſoll in
der nächſten Zeit in beiden Parlamenten eingebracht wer=
den
. Der Rekrutenſtand des gemeinſamen Heeres würde
alſo im dritten Jahre in Wirkſamkeit des neuen Wehrge=
ſetzes
ſtatt 159000 Mann 174000 betragen.

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Site 2.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.

Nummer 80,

Itallen.
Das Flottenprogramm. Nachdem der erſte
Keil des italieniſchen Flottenbauprogramms ausgeführt
iſt, wird man, wie die Tribuna annimmt, für den zweiten
Teil des Programms einen Linienſchiffstyp mit 10 ſchwe=
ren
Geſchützen vorziehen, die in zwei Drillingstürmen auf
der Schiffsmitte und in zwei Zwillingstürmen auf dem
Schiffsrande aufgeſtellt werden ſollen. Verſuche in dieſer
Richtung ſind glänzend gelungen. Das Schiff wird un=
gefähr
30000 Tonnen Waſſer verdrängen und mindeſtens
ſo ſchnell ſein, wie die anderen der Doria=Klaſſe. Die
Tribuna meint ſogar, daß es nicht ſchwierig ſein würde,
25 Knoten zu erreichen.
Spanien.
Verſtärkung der Militär= und See=
macht
. Ein Berichterſtatter des Pariſer Daily Mail
hatte in Madrid mit dem Miniſterpräſidenten Grafen Ro=
manones
eine Unterredung, in der er unter anderem er=
klärte
: Wohin wir auch blicken, wir ſehen überall eine be=
trächtliche
Vermehrung der Streitkräfte der Völker. Wir
Spanier ſind der Anſicht, daß wir unter dieſen Umſtänden
unſere Militär= und Seemacht verſtärken müſſen und wir
haben zu dieſem Zweck bereits Maßnahmen getroffen.
Ich ſage Ihnen dies, um Ihnen zu zeigen, daß Spanien
im Begriff iſt, eine beträchtliche Kraft zu erlangen und
ſauch, um Ihnen zu beweiſen, daß, wenn Spanien jeman=
des
Freund wird, dieſe Freundſchaft keineswegs dieſe
eines kraftloſen Volkes ſein wird. Wir ſtanden bis jetzt
allein, wir waren die Freunde von jedermann und nie=
mandes
Feind. Aber der Tag kann kommen, wo wir uns
binden müſſen. Nach welcher Richtung werden wir hin=
neigen
? Das iſt eine heikle Frage; immerhin eine Tat=
ſache
ſteht in dieſem Augenblick, wo Spanien ſich vielleicht
ſam Vorabend einer folgenſchweren Aenderung der euro=
ſpäiſchen
Lage befindet, klar vor unſerem Geiſt: Wir dür=
fen
nicht vergeſſen und wir vergeſſen es auch nicht, daß wir
in jedem Falle die oberſte Pflicht haben, unſere Angele=
genheit
ſo zu führen, daß wir immer in den beſten Be=
ziehungen
zu Frankreich, unſerem wichtigſten Nachbarn zu
Lande, und zu England, unſerem wichtigſten Nachbarn zur
See bleiben. Nichts darf unſere guten Beziehungen zu
dieſen beiden Freunden trüben.
Der Religionsunterricht in den Volks=
ſchulen
. Der Rat für das öffentliche Unterrichtsweſen
beriet den Antrag des Republikaners Labra, daß der Re
ligionsunterricht in den Volksſchulen von den Pfarrgeiſt=
lichen
gegeben werden ſoll. Der Antrag wurde mit 40 ge=
gen
3 Stimmen abgelehnt.
Vereinigte Staaten.
Tarifreviſion. Meldungen aus Waſhington be=
tonen
, nie zuvor habe ein Präſident wie Präſident Wilſon
ſo in die Tariffrage eingegriffen. Selbſt die Demokraten
der verſchiedenſten Landesteile proteſtierten gegen eine ſo
radikale Tarifreviſion. Der Gouverneur von Maſſachuſetts
bezeichne die Tarifreform als eine Gefahr für die In=
duſtrien
und verlange Gegenſeitigkeitsverträge.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 7. April.

Der Voranſchlag der Haupt= und Reſidenzſtadt
Darmſtadt
für das Jahr 1913
wird ſoeben vom Oberbürgermeiſter vorgelegt. Es heißt
in dem Vorwort u. a.:
Das Voranſchlagsjahr 1913 bietet für die finanzielle
Abſchätzung beſondere Schwierigkeiten. Iſt es doch ein
Jahr, das für die Einſchätzung der Erträgniſſe der Ein=
nahmequellen
mit dem Beginn neuer, veränderter Verhält=
niſſe
zu rechnen hat. Die finanzielle Wirkung und die Art
der Verteilung der Laſten nach dem neuen Gemeindeum=
lagengeſetz
iſt zurzeit noch nicht zu überblicken. Selbſt nach
Ablauf des erſten Jahres nach Inkrafttreten des neuen

Gemeindeſteuergeſetzes wird es nicht möglich ſein, ein end=
gültiges
, auch fernerhin zutreffendes Urteil auszuſprechen.
Hierzu kommt, daß auch die Veranſchlagung der Einnah=
men
aus den Betrieben der Stadt in dieſem Jahre nur
mit beſonderer Vorſicht erfolgen kann. Es ſtand bereits
vor Abſchluß der Verhandlungen mit der Süddeutſchen
Eiſenbahngeſellſchaft feſt, daß die erſten Jahre der Heſſi=
ſchen
Eiſenbahn=Aktien=Geſellſchaft nicht leicht ſein können.
Hat auch eine große Zunahme in dem Verbrauche der elek=
triſchen
Kraft ſtattgefunden, ſo iſt doch andererſeits mit
einem großen Anlagekapital und weiter damit zu rechnen.
daß die Geſellſchaft mit den Koſten der allgemeinen Beſol
dungserhöhung belaſtet worden iſt. Die Stadtverwaltung
muß bei allen Finanzmaßnahmen in erſter Linie das In=
tereſſe
der Steuerzahler berückſichtigen und hat daher den
vorliegenden Voranſchlag mit der durch die Sachlage ge=
botenen
Zurückhaltung aufgeſtellt. Die ſchon ſeit längerer
Zeit der Verwaltung vorgelegten Entwürfe wurden in
eingehendſter Weiſe nach dem Geſichtspunkte der Herab=
ſetzung
der Ausgaben und einer günſtigen Schätzung der
Einnahmen aufgeſtellt. Es iſt daher von vornherein ſicher,
daß angeſichts der geſpannten Verhältniſſe das künftige
wirkliche Ergebnis des Voranſchlagsjahres 1913 nicht der=
artig
günſtig ausfallen kann, wie dies in ſo erfreulicher
Weiſe von den Jahren 1909, 1910 und 1911 der Fall ge=
weſen
iſt.
An neuen Einnahmen wurden die günſtig an=
genommenen
Erträge aus der Warenhaus=, Filial= und
Billettſteuer, ſowie der Mehrertrag von Kanalbenutzungs=
gebühren
von insgeſamt 130000 Mark eingeſtellt. Eine
weitere Summe von 465000 Mark wurde aus dem Aus=
gleichsfonds
zur Herſtellung des Gleichgewichts eingeſtellt.
Dieſe Ausgleichung war um ſo mehr geboten, als die Laſten
aus der Erhöhung der Gehalte der Beamten, Lehrer und
Arbeiter, wie bereits verſprochen, zunächſt auf den Aus=
gleichsfonds
genommen werden ſollen. Die Verwaltung
iſt in jeder Weiſe bemüht, für die Gehalts= und Lohn=
erhöhungen
eine Steuererhöhung in den näch=
ſten
Jahren nicht eintreten zu laſſen. Der Vor=
anſchlag
rechnet ferner mit einer Erhöhung der ſtaatlichen
Einkommenſteuer von 85000 Mark. Ob und inwieweit bei
dieſen Einnahmen der vorliegende Voranſchlag balanziert
werden kann, hängt von dem Ergebnis der nunmehr vor=
zunehmenden
Prüfung und definitiven Stellungnahme der
Stadtverordnetenverſammlung ab. Die Stadtverwaltung
wird beſtrebt ſein, den Ausgleichsfonds, der zum großen
Teil ein hohes Zinserträgnis abwirft, nicht raſch aufzu=
zehren
, ſondern ihn möglichſt, wenn auch verkürzt, zu er=
halten
. Noch bei den letzten Anlehensverhandlungen
wurde in der Stadtverordnetenverſammlung einſtimmig
anerkannt, welch großen Wert die Exiſtenz eines derartigen
Fonds in den Zeiten der Not darſtellt.
Dieſes Beſtreben wird um ſo mehr auch die gegenwär
tige und künftige Finanzgebarung der Stadt beeinfluſſen
müſſen, als die Ergebniſſe des derzeitigen Voranſchlages
in eingehendſter Weiſe geprüft und von der Verwaltung
im Intereſſe der Ausgleichung günſtig berechnet wurden.
Hat doch die Stadtverwaltung die vorgelegten Entwürfe
inſofern geändert, als ihre Erträgniſſe von den zunächſ
beteiligten Verwaltungen um etwa 50000 Mark in der
Schätzung günſtiger berechnet wurden. Die Verwal=
tung
hat ſich auch für legitimiert erachtet
bei dem gegenwärtigen Voranſchlag nicht
mit der Ausgabe zu rechnen, die durch die
Abwälzung der Schullaſten des Staates
auf die Stadt, aus Anlaß der beabſichtig=
ten
Aufbeſſerung der Gehalte der Staats=
beamten
entſteht. Hier kommt eine jähr=
liche
Mehrbelaſtung von nahezu 80000 Mk.
zum Nachteil der Stadt Darmſtadt in Frage,
im Falle demnächſt der Landtag eine Be=
laſtung
der Gemeinden beſchließt. Bei der
unbedingten Notwendigkeit, in den Ausgaben auf allen
Gebieten zurückzuhalten, hat ſich die Stadtverwaltung,
wenn auch ſchweren Herzens, dazu entſchließen müſſen
den für den Liebfrauenplatz vorgeſehenen Schulhausneu=
bau
und andere Projekte zurzeit zurückzuſtellen. Die Aus=
führung
dieſer Aufgaben würde nicht nur eine Aufbring=
ung
erhöhter Zinſen und Tilgungsbeträge, ſondern auch
neue Betriebskoſten zur Folge haben.
Trotz aller, durch die Gegenwart gebotener Zurück=
haltung
darf die Verwaltung das Vorwort ſchließen mit
dem Hinweis, daß ein Grund zu einer peſſimi
ſtiſchen Auffaſſung über die Finanzlage
der Stadt in der Gegenwart und in der Zu=
kunft
nicht beſteht. Wenn auch, angeſichts der gro=
ßen
Abnahme der Geburten und der Abwanderung von
Arbeitern und Bauhandwerkern in die Vororte, die Be=
völkerung
nicht mehr in dem Maße zunimmt, wie dies

früher der Fall war, ſo ſteht doch durch die Erhöhung der
ſtaatlichen Einkommenſteuer feſt, daß die Steuer und Ka=
pitalkraft
der Bevölkerung zugenommen hat. Auch die
Bautätigkeit der Stadt hat nicht den Rück=
gang
erfahren, der in anderen Städten bedauer=
licherweiſe
feſtgeſtellt werden konnte. Es iſt die Hoffnung
berechtigt, daß angeſichts der Aufwärtsbewegung in der
Steuer infolge der Zunahme der Steuerkapitalien eine
weitere Beſſerung in der Zukunft möglich iſt und eine all=
gemeine
Beſſerung der wirtſchaftlichen Lage eintritt.

* Vom Hofe. Prinz Albert zu Schleswig=Holſtein
iſt am Samstag vormittag 7 Uhr 41 Minuten zum
Beſuch im Neuen Palais eingetroffen. (Darmſt. Ztg.)
* Empfänge. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
empfingen am Samstag den Oberſt Riedl,
Kommandeur der Kgl. Bayeriſchen 8. Infanterie=Brigadg
in Metz, den Oberſt Hannappel, Kommandeur des Kgl.
Bayeriſchen 8. Infanterie=Regiments Großherzog Friedrich
von Baden in Metz, den Oberſt von der Schulenburg,
Kommandeur der 13. Kavallerie=Brigade in Münſter, den
Rittmeiſter v. Schmelzing u. Wernſtein, Adjutant des
Generalkommandos III. Armeekorps in Berlin, den
Hauptmann Freiherrn v. Buddenbrock=Hettersdorf, Kom=
pagniechef
im Leibgarde=Infanterie=Regiment (1. Großh.
Heſſ.) Nr. 115, den Oberleutnant Andrege, die Leutnants
Graf v. Hacke, Weiſe, Peucer, v. Michael und v. Einern,
die ſechs letzten von der Reſerve des Garde=Dragoner=
Regiments (1. Großh. Heſſ.) Nr. 23, den Finanzrat Flath
von Butzbach, den Kreisaſſiſtenzarzt Dr. Schäfer von
Mainz, den Oberbahnaſſiſtent Brehm von Mainz, den
Schriftſteller Stockhauſen, den Geheimen Regierungsrat
de Beauclair, den Forſtrat Heinemann; zum Vortrag
den Staatsminiſter v. Ewald, den Finanzminiſter Braun,
den Miniſter des Innern v. Hombergk zu Vach, den
Vorſtand des Kabinetts Geheimerat Römheld, den
Oberſt z. D. Freiherrn Röder v. Diersburg.
* Ordensverleihung. Seine Königl. Hoheit der
Großherzog haben dem Oberbrandmeiſter Johann
Thorn zu Worms die Krone zum Silbernen Kreuz
des Verdienſtordens Philipps des Großmütigen verliehen.
* Verſetzt haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
den Oberförſter der Oberförſterei Romrod
Forſtmeiſter Karl Hoffmann zu Romrod in gleicher
Dienſteigenſchaft in die Oberförſterei König.
* Erledigte Stelle. Die erſte Lehrerſtelle an der
Gemeindeſchule zu Bindſachſen, Kreis Büdingen,
mit der Organiſtendienſt verbunden iſt. Das Präſen=
tationsrecht
ſteht dem Herrn Fürſten zu Iſenburg=
Birſtein zu.
* Militärdienſtnachrichten. v. Schmelzing u.
Wernſtein, Rittm. und Eskadr.=Chef im Garde=Drag.=
Regt. (1. Großh. Heſſ.) Nr. 23, zum Adjutanten des
Generalkommandos des III. Armeekorps ernannt. Witt,
Rittm. und Lehrer am Militär=Reitinſtitut, mit Patent
vom 11. April 1905 als Eskadr.=Chef in das Garde=Drag.=
Regt. (1. Großh. Heſſ.) Nr. 23 verſetzt.
Landwirtſchaftliche Genoſſenſchaftsbank. Blätter=
meldungen
zufolge haben 13,2 Millionen Mark
von den ſich auf 14,7 Millionen Mark belaufenden
Gläubigerforderungen dem Moratorium zu ge=
ſtimmt
, das bei der in der Saalbauverſammlung ge=
faßten
Reſolution beſchloſſen wurde. Der neu=
gegründeten
Zentralkaſſe der Landwirtſchaft=
lichen
Genoſſenſchaft haben ſich ſchon über
100 Genoſſenſchaften angeſchloſſen. Täglich
zehen neue Meldungen, ſowie Zuſtimmung zu dem
Moratorium noch ein.
Stadtverordneten=Verſammlung. Die Tages=
ordnung
zur 1. Sitzung der Stadtverordneten=
Verſammlung am Donnerstag, den 10. April,
nachmittags 3½ Uhr, lautet: 1. Mitteilungen. 2. Ver=
waltungsbericht
für 1911. 3. Geſuche um Geſtattung
einer Ausnahme von der Beſtimmung in § 5 des Orts=
bau
=Statuts: a) für den Heinrichwingertsweg ( Garten=
häuschen
), b) für Kaſtanienallee 21. 4. Geſuche um Be=
freiung
von baulichen Beſtimmungen: a) in §§ 38 und 69
der Ausf.=Verordn. zu Art. 50a der A. B. O., für Lud=
wigſtraße
14, b) in Art. 45 und 47 der A. B. O. und
§ 19 der Ausf.=Verordn. hierzu für Rhönring 97 und 99
c) in § 68 der Ausf.=Verordn. zur A. B. O. für Ernſt=
Ludwigs=Platz 2, d) in § 32 der B. P. O. für Pankratius=
ſtraße
1. 5. Bebauungsplan für das Gebiet weſtlich der
alten Main=Neckar=Bahnlinie zwiſchen alter und neuer
Bahnlinie Beſſungerſtraße und Holzhof=Allee. 6. Frei=
gabe
der Verbindungsſtraße öſtlich der Beckſtraße zwiſchen
Soder= und Darmſtraße zum Anbau. 7. Entwäſſerung
von Neubauten nächſt der Nieder=Ramſtädterſtraße.
8. Kreditnachbewilligung für die Unterhaltung der Be=

Geburt und Tod der Sterne.
Plauderei von Marcel Gollé.
(Nachdruck verboten.)

E. Auch Sterne ſterben! In dem unaufhörlichen
Werde= und Vergehungsprozeß, der das Leben des zeitlich
Gewordenen kennzeichnet, nehmen auch ſie, die majeſtätiſch
durch das All hinbrauſenden Weltkörper, nur eine Stufe‟
ein . . .. ſie werden geboren wie der kleinſte Grashalm
und die winzigſte Mikrobe geboren wird und ſie ſterben
eines Tages und ſei es nach Jahrmillionen! und
ſind alsdann aus der Geſchichte des Weltalls ausgelöſcht.
Dieſer Gedanke einer erſchütternden Tragik, die ſich im
Daſein des Univerſums offenbart, darf uns nicht traurig
ſtimmen; ſehen wir doch gleichzeitig, wie alle Kräfte und
Lebensenergien des Weltganzen ſich beſtändig erneuern
und wie die Offenbarung des Lebens ſich unter ſteten
Wundern vollzieht. Erſt verhältnismäßig ſpät in der
Menſchengeſchichte iſt man auf dieſe Wunder aufmerkſam
geworden, und erſt die moderne Aſtronomie hat ſie uns
in ihrer ganzen Schönheit offenbart.
Im ſechzehnten Jahrhundert machte man die erſten
Beobachtungen darüber, daß die Sterne nicht fertige, un=
veränderlich
bleibende Himmelskörper ſind, ſondern eine
beſtimmte, zeitlich und räumlich genau definierbare Ent=
wicklung
durchmachen. In der Nacht des 11. November
1572 erſchien zum großen Erſtaunen der zünftigen Aſtro=
nomen
ein neuer Stern. Selbſtredend war er längſt vor
her dageweſen, aber man hatte ihn wegen ſeiner Kleinheit
nicht bemerkt. Zum erſten Male wurden die Himmels=
forſcher
vor die Frage geſtellt, wie man das Aufflammen
dieſes Geſtirns erklären ſollte. War es einer in unge=
heurer
Entfernung ſich vollziehenden geheimnisvollen
Kataſtrophe zuzuſchreiben, daß dieſer Stern plötzlich in
ungewöhnlichem Glanze erſchien? War er vielleicht mit
ſeinem anderen Himmelskörper zuſammengeſtoßen und
durch den ungeheuren Anprall in Flammen aufgegangen?
Oder hatte er ſich bloß, getrieben durch eine unbekannte
Kraft, unſerem Sonnenſyſtem in ungewöhnlich ſchneller
Zeit genähert und verdankte dieſer Annäherung ſeinen
Glanz und Schimmer? Das Problem orſchien, wie man
ſſieht, nicht ganz einfach und es wurde für dieſen erſten

neuen Stern keineswegs gelöſt. Die Wanderin (ſo
hatte man ihn getauft) wurde eine Zeitlang immer heller
und erſchien ſchließlich in ſolch blendendem Lichte, daß er
die Venus überſtrahlte und ſelbſt bei hellem Tage geſehen
werden konnte. Bald aber nahm ſein Glanz wieder ab
und ſchließlich mußte er unter die teleſkopiſchen Sterne
eingereiht werden, d. h. unter die ungeheure Menge der
Geſtirne, die nicht mit freiem Auge, ſondern nur im Tele=
ſkop
ſichtbar ſind. Dieſer erſten Beobachtung eines plötzlich
aufflammenden Sterns, die von keinem Geringeren als
dem berühmten Aſtronomen Tycho Brahe angeſtellt wor=
den
war, folgten bald andere. Zweiunddreißig Jahre
nachher und zwar am 10. Oktober des Jahres 1604 ent=
deckte
man ein Geſtirn von außergewöhnlichem Glanze im
Sternbild der Schlange. Diesmal wurde ſeine Bahn be=
rechnet
und man gelangte zu wertvollen Ergebniſſen über
die Urſache des plötzlichen Aufflammens, als welche ſich
im weſentlichen eine Bahnänderung infolge von Stör=
ungen
durch andere Himmelskörper herausſtellte. Es
würde zu weit führen, wollte man alle die Beiſpiele auf=
zählen
, wann im 17. und 18. Jahrhundert neue Sterne ge=
ſichtet
wurden. Die meiſten der beobachteten Fälle er=
wecken
nur ein engeres fachwiſſenſchaftliches Intereſſe.
Jedoch ſeien einige merkwürdige Sternerſcheinungen aus
dem vergangenen Säkulum nicht vergeſſen. So beobachtete
man Mitte Mai des Jahres 1866 auf verſchiedenen euro=
päiſchen
und amerikaniſchen Sternwarten das Auf=
flammen
eines prächtigen gelben Geſtirns, das nachher
mehrmals ſeine Farbe änderte und Anlaß zu höchſt inter
eſſanten Theorien über die Entſtehung neuer Himmels=
körper
gab. In den Jahren 1876, 1885 und 1892 beobach=
tete
man weitere merkwürdige Sternbildungen; ſchließlich
im Jahre 1901 am 21. Februar tauchte der berühmt ge=
wordene
Stern im Bilde des Perſeus auf, deſſen man ſich
noch allgemein erinnern dürfte. Er nahm in kurzer Zeit
derart an Glanz zu, daß er die hellſten Sterne überſtrahlte
und gewiſſe Leute ſogar eines Tages von der Furcht be=
fallen
wurden, er möchte eine unſerem Sonnenſyſtem ver=
derbliche
Größe erreichen und eines Tages mit einer ge=
waltigen
Himmelsrevolution das Ende der Welt herbei=
führen
. Nun, ſo ſchlimm wurde es allerdings nicht. Der
junge Stern erreichte bald das Maximum ſeines Glanzes,
wurde von da an allmahlich dunkler und teilte das Schick=

ſal faſt all ſeiner Vorgänger, indem er von einem gewiſſen
Zeitpunkte an unter Millionen teleſkopiſcher Geſtirne
ſeinen beſcheidenen Platz fand.
Betrachten wir beſtimmte Teile des Himmels durch
ein gutes Fernrohr, ſo können wir dem Werden und Ver=
gehen
der Sternwelten in der intereſſanteſten Weiſe zu=
ſchauen
; denn dieſe Wunder des Entſtehens und Umfor=
mens
der himmliſchen Materie vollziehen ſich tagtäglich
unter unſeren Augen. Große dunkle Räume, wo mit
freiem Auge nicht das geringſte zu ſehen war, erſcheinen
jetzt wie mit goldſilbernem Staub überſät. Dazwiſchen
nehmen wir merkwürdige Bildungen wahr, die weißem
Rauch, Nebeln und Wolken gleichen. Was haben dieſe
Gebilde zu bedeuten? Die Aſtronomie lehrt, daß wir hier
in den meiſten Fällen einen Entwicklungsprozeß vor uns
ſehen, der aus ungeformter kosmiſcher Materie einen
neuen Stern ſchafft. Mehr als viertauſend ſolcher ent=
ſtehenden
Welten ſind bis jetzt bekannt; dieſe ſtellen ſelbſt=
redend
nur einen verſchwindend geringen Teil der in
Wirklichkeit im unendlichen Weltall vorhandenen dar. Die
aus mehr oder minder dichten glühenden Gaſen beſtehen=
den
Sternnebel ſind (oft um verſchiedene Zentren herum)
in Rotation begriffen. Erreicht dieſe eines Tages eine be=
ſtimmte
Stärke, ſo ziehen ſich die Nebelmaſſen (die eine
Ausdehnung von Milliarden von Kubikmetern haben)
mehr und mehr zuſammen, bis ſich ſchließlich ein kompri=
mierter
Kern bildet. Dieſer ſtellt ſozuſagen den Em=
bryo
des neuen Geſtiens dar. Ein ſolcher Entwicklungs=
prozeß
geht ſelbſtredend in ungeheuer langen Zeiträumen
vor ſich; wir dürfen, ohne zu übertreiben, Hunderte von
Millionen Jahren dafür annehmen, wie ſich denn über
haupt im Univerſum nicht bloß der menſchliche Begriff
des Raumes, ſondern auch derjenige der Zeit (gemeſſen
an armſeligen Sonnenjahren) ins Gigantiſche und Un=
faßbare
verliert. Man glaube ferner nicht, daß ſich die
Entſtehung eines neuen Himmelskörpers, ſelbſt wenn er
uns relativ nahe iſt, dem Aſtronomen allſogleich an=
kündige
. Im Gegenteil: die Geburtsanzeige eines
Sterns läßt oft recht lange auf ſich warten. Erwägen
wir z. B., daß nach den ſcharfſinnigen Berechnungen der
Forſcher der Stern Alpha im Bild des Zentauren von der
Erde nicht weniger als 41 Milliarden Kilometer entfernt
iſt. Das Licht (welches bekanntlich in der Sekunde rund

[ ][  ][ ]

Nummer 80.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.

Seite 3.

dürfnisanſtalten. 9. Pachtung von ehemaligem Eiſen=
bahngelände
zur Ablagerung von Hauskehricht. 10. Ueber=
nahme
der Reinhaltung eines Teils des Exerzierplatzes
durch die Stadtgärtnerei. 11. Anlage eines neuen Druck=
rohres
für den nordöſtlichen Teil der Hochzone. 12. Ge=
ſuch
um Rückerſtattung der für die Waſſerleitung im
Heinrichswingertsweg vorgelegten Koſten. 13. Errich=
tung
einer zentralen Reinigungsanlage für die Abwäſſer
im Schlachthof. 14. Verlängerung des Feldbahngleiſet
im Schlachthof. 15. Aenderung der Haus= und Bade
ordnung des ſtädtiſchen Hallenſchwimmbades. 16. Ge=
ſuch
des Odenwaldklubs um Erhöhung des ſtädtiſchen
Beitrags zu den Koſten der Schülerwanderungen.
17. Die Einrichtung der neuen Räume ber Schul
zahnklinik.
Im Gewerbemuſeum ſind für die Dauer von
4 Wochen (6. April bis 4. Mai) neu ausgeſtellt Archi=
tekturaufnahmen
von Suſanne Homann=Darmſtadt.
Dieſe neue Serie, die dritte, die hier zur Ausſtellung
gelangt, umfaßt die Städte Bamberg, Koburg, Weimar,
Dresden, Goslar, Münſter in Weſtfalen, Potsdam und
Danzig. Die Ausſtellung iſt bei freiem Eintritt täglich
geöffnet von 111 Uhr.
Ueber die Tätigkeit der Arbeitsnachweisſtelle
im ſtädtiſchen Hauſe, Grafenſtraße 30 (Telephon 371),
werden für den Monat März folgende Zahlen mit=
geteilt
: 834 offene Stellen, 983 Arbeitsſuchende, 370 Ver=
mittelungen
, darunter 170 Dienſtboten.
* Heimverband Darmſtadt. Es wird an dieſer Stelle
nochmals auf die Mitgliederverſammlung aufmerkſam ge=
macht
, zu der die Einladung ſchon vor einigen Tagen
durch die Anzeigen ergangen iſt. Die Verſammlung fin
det Mittwoch, den 9. April, nachmittags 3 Uhr, im
ſtädtiſchen Rathauſe ſtatt. Die Mitglieder, Freunde und
Gönner des Verbandes bekunden ihr Intereſſe hoffentlich
durch ein recht zahlreiches Erſcheinen. Außerdem ſind
alle, die irgendwie der dem Heimverbande zugrunde
liegenden Idee ihre Sympathie ſchenken, als Gäſte will=
kommen
. Den Beweis ihrer Lebensfähigkeit hat die erſte
Gründung des Verbandes das Heim in der Annaſtraße
jetzt ſchon erbracht, und zahlreiche Anfragen beweiſen,
wie erſtrebenswert der weitere Ausbau des Unter=
nehmens
iſt.
Odenwaldklub. Die Hauptverſammlung
des Geſamtodenwaldklubs findet am 25. Mai in
Heidelberg ſtatt. Die gaſtfreundliche Stadt am
Neckar wird an dieſem Maientag den aus allen Teilen
des Klubgebietes mit Weib und Kind zuſtrömenden Klub=
igenoſſen
nicht nur ihr prangendes Frühlingsgewand zei=
gen
, ſondern auch Herz und Auge erfreuen durch eine Be=
leuchtung
des Schloſſes, der Neckarbrücke und ein Feuer=
werk
, deſſen Funkenregen ſich in den Fluten des Fluſſes
widerſpiegelt. Nehmen wir noch hinzu die Gaben, die die
feſtgebende Ortsgruppe Heidelberg ihren Gäſten bietet, ſo
kann ein Tag in Ausſicht geſtellt werden, der unauslöſch=
lliche
Erinnerungen bei jedem Feſtteilnehmer hinterlaſſen
ſwird. Der Zentralausſchuß des Odenwaldklubs rechnet
auf das oft bewieſene Entgegenkommen der Eiſenbahn=
direktion
in ſeinem Bemühen, durch Sonderzüge den
Klubgenoſſen die Heimfahrt nach der Schloßbeleuchtung zu
erleichtern.
Einziehung von Fernſprechgebühren. Am
7. April wird mit der Einziehung der Fernſprech
gebühren begonnen werden. Es empfiehlt ſich, die
fälligen Beträge bereitzuhalten.
Schlachtviehmarkt Darmſtadt. In der Woche
vom 31. März bis 5. April wurden 461 Schweine,
148 Kälber und 3 Schafe aufgetrieben.
Warnung für Hundebeſitzer. In den letzten
3 bis 4 Tagen ſind in der Gegend des Böllenfalltor,
Martinspfad uſw. fünf wertvolle Hunde ein=
gegangen
und zwar alle mit den Anzeichen einer Ver=
iftung
durch Strychnin. Die Hundebeſitzer
ſeien gewarnt. Vor einiger Zeit ſind in Bingen zahl=
reiche
wertvolle Hunde auf die gleiche Weiſe vergiftet
worden, ohne daß es gelang, den Täter zu ermitteln.
Die Polizei meldet hierzu: In der Gegend
Böllenfalltor-Altes Schießhaus ſind in letzter Zeit eine
Reihe von wertvollen Hunden von Spaziergängern ganz
plötzlich verendet, ſodaß der dringende Verdacht beſteht,
daß Giftbrocken in jener Gegend liegen. Die Polizei iſt
eifrig bemüht, den Tätern auf die Spur zu kommen und
hat in einer öffentlichen Bekanntmachung darum gebeten,
daß jedermann, der über dieſe Vorgänge etwas Sachdien=
liches
gehört hat, dem Großh. Polizeiamt, Hügelſtraße
81/33, alsbald Mitteilung mache. Es wird davor ge=
warnt
, Hunde in jenem Gelände frei laufen zu laſſen.

Wegen der Gemeingefährlichkeit ſolcher Giftleger iſt es im
öffentlichen Intereſſe erwünſcht, daß die Polizei in ihren
Ermittlungsbeſtrebungen von jedermann, der Wahr=
nehmungen
gemacht hat, unterſtützt wird.

Verkehrs=Verein.

V.V Eine gut beſuchte und anregend verlaufene
Sitzung hielt der Vorſtand des Verkehrs=
Vereins am Freitag abend im Reſtaurant Sitte ab
Das Eiſenbahn=Betriebsamt teilte auf die Eingabe des
Vereins betr. die ſchlechte Beleuchtung der
Bahnſteige mit, daß dieſe nunmehr ſo reguliert wor=
den
iſt, daß ſie wieder als ausreichend gelten kann. Ebenſo
ſei es auch gelungen, die eiſernen Türen im Hauptbahn=
hof
gangbarer zu machen. Einer weiteren Anregung hat
die Eiſenbahnverwaltung entſprochen, indem die Güter=
expeditionen
, Abteilung für Empfangsgüter, unter Nr. 2533
und diejenige für Verſandgüter unter Nr. 2534 an das
öffentliche Fernſprechnetz angeſchloſſen wurden. Hier=
durch
wurde vielen berechtigten Wünſchen entſprochen.
Bezüglich des Verbots der Abhaltung von öffentlichen
Luſtbarkeiten in der Karwoche wurde mitgeteilt, daß in
dieſem Jahre in Mainz und Gießen während dieſer Zeit
Theatervorſtellungen ſtattgefunden haben. Dieſe für den
Fremdenverkehr ſehr wichtige Angelegenheit beſchäftigt den
Verein ſchon ſeit Jahren und er wird nichts unverſucht
laſſen, damit dieſes veraltete Verbot auch für unſere Stadt
aufgehoben wird. Die diesjährige Hauptverſamm=
lung
findet am Samstag, den 19. April, im Fürſten
ſaale ſtatt. Herr Profeſſor Dr.=Ing. Vetterlein hat
in freundlicher Weiſe zugeſagt, einen Vortrag über
das hieſige Hoftheater zu halten. Ueber den
Inhalt des Vortrages wird näheres noch in den nächſten
Tagen bekannt gegeben. Der priv. Schützengeſellſchaft
wurden zur Feier ihres 350jährigen Beſtehens, wozu eine
größere Anzahl auswärtiger Gäſte erwartet werden, die
gewünſchte Zahl des kleinen Führers von Darmſtadt über=
laſſen
. Bezüglich des Pharusplanes wurde der Bericht
der Kommiſſion gutgeheißen. Großes Befremden erregte
eine in der Daily Chronicle anläßlich des Beſuches des
Prinzen von Wales in Darmſtadt erſchienene Beſchreib=
ung
unſerer Stadt, welche offenbar von jemand geſchrie=
ben
wurde, der unſere Stadt gar nicht kennt. Da aber
derartige Artikel geeignet ſind, eine Stadt ganz bedeutend
zu ſchädigen, ſoll verſucht werden, ob dieſe Zeitung nicht
eine Berichtigung aufnehmen wird. Zum Schluſſe der
Sitzung wurden noch die Steuerverhältniſſe un=
ſerer
Stadt zur Sprache gebracht und darauf hinge=
wieſen
, daß alle in Betracht kommenden Korporationen
zuſammenwirken müßten, daß weitere Steuererhöhungen
unter allen Umſtänden vermieden werden, damit auch
Darmſtadt in der Lage bleibt, einigermaßen eine Konkur=
renz
mit anderen Städten auszuhalten. Nur dann könnte
der Zuzug von auswärts gefördert werden. Hierauf
konnte der Vorſitzende die Sitzung kurz vor 11 Uhr
ſchließen.

Verzeichnis neu hergeſtellter Fernſprech=
anſchlüſſe
und Henderungen bei beſtehenden
Sprechſtellen.

a) Neue Anfchlüſſe. 2212 Aulock, von, Major,
Feldart.=Regt. 25, Landskronſtraße 91. 2216 Bauer, Wil=
helm
, Rinds= und Kalbsmetzger, Wendelſtadtſtraße 22
2211 Berger, Bernhard, Zivilingenieur, Landskron=
ſtraße
61. (303) Bickerle, Jakob, Metzgerei, Waldſtraße 11.
2209 Clauß, Eduard, Rentner, Roquetteweg 33
2214 Deinhard, M., Vizeadmirals=Witwe, Exzellenz,
Riedeſelſtraße 17. 2489 Deuſter, Wilhelm, Konfektions=
haus
für Herren= und Knabenbekleidung, Markt 11½
2201 Erholungshaus Elim, Traiſa. 2218 Frau Miguel,
Südfrüchte, Kirchſtraße 19. 2217 Grulich, Emil, Dr. med.,
Abteilungsarzt der Ernſt=Ludwigs=Heilanſtalt Stein=
ſtraße
, Mathildenſtraße 11. 2221 Güttich, Hauptmann
beim Stabe des Großh. Art.=Korps, Martinſtraße 35.
2485 Heyne, G., Syndikatsdirektor, Heidelbergerſtraße 132.
2072 Hill, Max, Innenarchitekt, Atelier für Raumkunſt,
Haus Eiſenhut bei Darmſtadt. 1675 Müller, Karl, Direk=
tor
, Dieburgerſtraße 194. 2213 Pieper, Dr., Frau, Ho=
brechtſtraße
8. 2202 Roßbach, Auguſt, Schweinemetzgerei.
Taunusſtraße 28. 2207 Schreiner, Dr., Privatier, Nikolai=
weg
5. 2204 Schubert, J., Stukkateur und Weißbinder,
Heinheimerſtraße 13. 2196 Siemenſen, Max, Hofſchneider,
Waldſtraße 8. 2232 Wißner, K. W., Prof., Großh. Ober=
lehrer
, Mühlſtraße 46.

b) Aenderungen. 538 u. 2515 Backſteinverkaufs=
ſtelle
, jetzt Eliſabethenſtraße 51. 1855 Buxbaum, Philipp,
jetzt Saalbauſtraße 40. 2081 Curſchmann, Eliſe, jetzt
Margold, Em. J. 2538 Fenner, Rittmeiſter a. D., jetzt
Graf von Limburg=Stirum, Oberltn., Drag.=Regt. 24.
585 Garniſon=Lazarett Neubau, jetzt Stadtallee 5 ( Aka=
ziengarten
). (221) Luckhardt, Heinr., Privatier, jetzt Hein=
richſtraße
40. 1152 Maxim, Weinreſtaurant, J. Kaiſer,
jetzt Gehri, Gg. Maxim=Bar. 1594 Moeſer, F., jetzt
Hügelſtraße 51. 1255 Italiener, Bruno, Dr., jetzt Riedeſel=
ſtraße
19. 961 Olberg, F. von, jetzt Ohlyſtraße 31.
180 Sterbekaſſe des Bundes Deutſcher Gaſtwirte, jetzt
Schulſtraße 14. 1068 Till, Karl, Nachf., jetzt Wilhelminen=
ſtraße
31. 461 Wach= und Schließgeſellſchaft, jetzt Eliſa=
bethenſtraße
31. 1691 Wartensleben, Gebr., jetzt War=
tensleben
, Ferdinand. 906 Weygandt, K., jetzt Eichberg=
ſtraße
11.
c) Abgebrochene Sprechſtellen. 2099 Agthe=
1910 Auto=Meiſinger. 1114 Darmſtädter Aktien=Ziegelei.
2084 Gies. 2054 Kotze, von. 2503 Landau. 1259 Müller,
1861 Pariſh, von. 1606 Treſſer.

Darmſtädter Wochenmarkt.
Marktpreiſe am 5. April.

Butter, ½ kg . . 1,50 M.
i. Part., ½ kg 1,40 M.
8 Pf.
Eier, Stück .
Schmierkäſe, ½ Liter 20
Handkäſe, Stück . 410 Pf.
Kartoffeln, Ztr. 33,50 M.
Kumpf (10 Liter) 50 Pf
Mäuschen, Kumpf 1 M.
½ kg . . . . 910 Pf.
Obſt u. dergl.:
Aepfel, ½ kg . 1525 Pf
Zitronen, Stück . . 5 Pf.
Apfelſinen, Stück . 68 Pf.
Salat, Gemüſe uſw.
Kopfſalat, Stück 815 Pf
Feldſalat, Körbchen 10 Pf
Radieschen, Bündel 5 P
Rettiche, Bündel 1020 Pf
Meerrettich, Stück 1020 Pf
Roterüben, ½ kg . . 12 Pf.
Zwiebeln, ½ kg . 68 Pf.
Tomaten, ½ kg 5060 P
Spinat, ½ kg 1520 P
Weißkraut, Stück 2030 P
Rotkraut, Stück 5070 P
Blumenkohl, Stück 2060 Pf
Wirſing, Stück . . 70 Pf
Grünkohl, Stück . . 5 Pf.

Roſenkohl, ½ kg
25 Pf.
Gelberüben, ½ kg
5 Pf
Schwarzwurz, ½kg 25-30 Pf.
1,20 M.
Spargeln, ½ kg
Schnittlauch, Bündel 2 Pf.
Geflügel, Wildpret:
Enten, Stück . 4,505 M.
Hahnen und Hühner,
Stück
33,50 M.
Tauben, Stück .
70 Pf.
Lapins, Stück . 11,10 M.
Zicklein, ½ kg . . 60Pf.
Fiſche:
Hecht, ½ kg . . . 90 Pf.
Aal, ½ kg . . . . 1,10 M
Karpfen, ½ kg
80 Pf.
Andere Rheinfiſche,
.5060 Pf.
½ kg.
Rotzungen. ½ kg . 80
Schollen, ½ kg . . 80
35 Pf
Kabeljau, ½ kg .
Schellfiſche, ½ kg2540 Pf.
In den Fleiſchſtände
Rindfleiſch, ½ kg . 70
Pf.
Hackfleiſch, ½ kg . 76 P
56
Rindsfett, ½ kg
Rindswürſtchen, Stück 15 Pf.

Eberſtadt, 5. April. In der geſtrigen Gemeinde=
ratsſitzung
wurde nochmals in Anweſenheit der Herren
Provinzialdirektor Fey und Direktor Möller über den
vorgelegten Vertragsentwurf wegen Errichtung der ekek=
triſchen
Bahn von Darmſtadt nach Eber=
ſtadt
geſprochen. Der Gemeinderat ſtimmte nunmehr
demſelben zu, nachdem in einigen Kommiſſionsſitzungen
Direktor Möller einzelne Beſtimmungen des Vertrags er=
läutert
und auch ſonſtige Fragen über den Bau und den
Betrieb der elektriſchen Bahn beſprochen hatte. Der Ver=
trag
, wie er im Wortlaut auch den übrigen Ge=
meinden
zugeſtellt worden iſt, iſt nunmehr end=
gültig
zwiſchen der Gemeinde Eberſtadt und der Heſſiſchen
Eiſenbahn=Aktien=Geſellſchaft abgeſchloſſen, ſo daß die
Elektrifizierung der Dampfbahn Tatſache geworden iſt.
Sollten die Schienen noch im Laufe dieſes Jahres recht=
zeitig
angeliefert werden können, ſo kann man nach den
Angaben der Heag damit rechnen, daß noch in dieſem
Jahre der elektriſche Betrieb aufgenommen wird, wenn
auch die Betriebseröffnung der Strecke durch den Ort
Eberſtadt etwas ſpäter erfolgen dürfte.
M. Stockſtadt 5. April. Eine Naturſeltenheit,
nämlich ein geſchecktes Reh, befindet ſich auf dem
bei Stockſtadt gelegenen Freiherrlich=Heylſchen Gute Gun=
tershauſen
in freier Wildbahn. Des öfteren wird es in
dem Diſtrikt Guntersblumer Geyer und in dem Geyer=
wald
beobachtet, wo es ſeinen Wechſel nach den Wieſen
des Jungbuſches hat.
Mainz, 5. April. Für die Mainzer Blinden=
anſtalt
ſind in der letzten nichtöffentlichen Stadtverord=
neten
=Verſammlung die Zinſen eines Vermächt=
niſſes
zur Vergebung gelangt, das eine nicht alltägliche

800000 Kilometer zurücklegt), braucht zirka 4 Jahre und
4 Monate, um auf ſeiner raſenden Fahrt durch den
Weltenraum vom genannten Sternbild bis zu uns zu ge=
langen
. Vorausgeſetzt nun, daß heute nacht im Syſtem
des Zentauren ſich ein neues Geſtirn bildete, ſo würden
wir erſt nach über 4 Jahren dieſen heute geborenen
Himmelsprinzen zum erſtenmal erblicken und ihm durch
die Augen unſerer Rieſenteleſkope den Dank für die
freundliche Geburtsanzeige zuſenden können. Dabei iſt
der Stern Alpha noch einer von den nahen Geſtirnen
des Univerſums. Für den im Februar 1901 aufgetauch=
ten
neuen Stern im Bilde des Perſeus hat man berechnet,
daß er bereits vor mehreren Jahrhunderten geboren
wurde. Sollte aber eines Tages in dem berühmten Stern=
nebel
der Andromeda ein Himmelsprinz zur Welt kom=
men
, ſo würde erſt nach 40000 Jahren die Kunde per
Lichttelegraph zur Erde gelangen.
Wie von der Geburt, ſo auch vom Tode der
Himmelskörper haben wir durch genaue Beobachtungen
wiederholt Kenntnis erhalten. Dieſes Sterberegiſter=
beginnt
im Jahre 1437 wo der Aſtronom Ulugh Beigh
feſtſtellte, daß nicht weniger als acht große Sterne, welche
in den Himmelsatlanten des Ptolemäus verzeichnet ſtan=
den
, inzwiſchen verſchwunden waren. Während des 17
Jahrhunderts zeigte Caſſini das plötzliche Verſchwinden
eines, Sterns im Kleinen Bären an; ſpäter ſtellte
Herſchel feſt, daß mehrere Geſtirne, die ſeit langem in den
Bildern des Löwen, des Skorpions und der Jungfrau
notiert waren, das Zeitliche geſegnet hatten. Sie irren,
wie Tauſende (vielleicht Millionen) vor ihnen, als dunkle
Kugeln durch den unendlichen Raum. In der Tat iſt das
Erlöſchen eines Sterns ſo zu denken, daß er nach unge=
heuer
langer Abgabe ſeiner Eigenwärme an den eiſigkal=
ten
Weltenraum nach und nach erkaltet, ſeinen Glanz ver=
liert
und ſich ſchließlich mit einer harten Kruſte überzieht,
die nicht mehr leuchtet. So war das Schickſal unſerer Erde
und des ſie begleitenden Mondes, ſowie der übrigen Pla=
neten
des Sonnenſyſtems. Und auch die Sonne ſelbſ
wird ſich eines Tages in derſelben Weiſe umformen und
wie ſchon die heilige Legende zu berichten weiß ein=
mal
keinen Schein mehr geben Immerhin dürfte die=
ſer
Weltuntergang nach menſchlicher Berechnung, falls
er nicht einmal durch unvorhergeſehene Urſachen herbei=
geführt
wird, erſt in beiläufig 10 Millionen Jahren ein=
treten
. Alſo kein Grund zur Beunruhiaung,)

Feuilleton.

W-l. Großh. Hoftheater. Am Freitag ſang Frau
Kallenſee erſtmalig die Partie der Violetta in Verdis
Oper La Traviata und bewies, daß es nicht nötig iſt,
in die Ferne zu ſchweifen, wenn man nach einer geeigneten
Vertreterin der durch auswärtige Divas zu einer Aus=
nahme
=Partie geſtempelten Violetta Umſchau hält. Stimm=
lich
gut disponiert, ſicher in der Beherrſchung des Kolo=
raturwerks
und vornehm und gewandt in der äußeren
Repräſentation und der Darſtellung der Rolle war Frau
Kallenſee eine bevorzugte Vertreterin der Violetta, die den
ihr geſpendeten reichen Beifall als wohl verdient anſehen
darf. Sehr ſchön ſang auch Herr Globerger wieder
den Alfred.
* Die enterbten Töchter Leopolds II. Im Beruf=
ungsprozeß
der belgiſchen Prinzeſſinnen
Luiſe und Stephanie um das Erbe des Königs
Leopold II. wurde, wie ſchon gemeldet, das Urteil des
Appellationsgerichtshofes verkündet. Es weiſt ſämtliche
Anſprüche der Klägerinnen ab und beſtätigt damit die
Entſcheidungen des Erſten Gerichtshofes. Die Prin=
zeſſinnen
erhalten nichts von den 60 Millionen, die ſie aus
den hinterlaſſenen Kongowerten, Grundſtücken und insbe=
ſondere
aus der Niederfüllbacher Stiftung forderten. Die
Niederfüllbacher Stitfung wurde von Leopold II. mit dem
Sitze in Koburg gegründet, und es wurde ihr eine Reihe
von Liegenſchaften in Koburg und Bayern, ſowie Wert=
papiere
im Nominalwerte von etwa 40 Millionen Fran=
ken
, im tatſächlichen Wert jedoch von über 70 Millionen,
zugewieſen. Die Prinzeſſinnen beanſpruchten das Stif=
tungsvermögen
mit der Begründung, die Stiftung be=
ſtände
in Belgien nicht zu Recht, und deshalb falle auch
dies Vermögen in den Nachlaß des Königs.
Leopold II. hat in ſeinem Teſtament 15 Mil
lionen als die einzige Hinterlaſſenſchaft ſeiner Eltern
bezeichnet. Es war aber nicht ſchwer nachzurechnen, daß
dieſe von Leopold I. geerbte Summe, ſelbſt bei geringer
Verzinſung am Todestage des Königs zu der Summe von
80 Millionen angewachſen ſein mußte. Leopold II. hat
jedenfalls im Gegenſatz zu ſeinem Teſtament ſein Privat=
vermögen
auf 60 bis 80 Millionen angegeben. Sehr viele
Gründungen, die auf den Namen anderer Perſonen, z. B.
des Verwalters der Zivilliße und des Leibarztes liefen,

ſind nichts anderes geweſen als Unternehmungen, die ge=
halten
und geſtützt wurden von dem Privatvermögen
Leopolds II. Ueber 30 Millionen ſind in dieſen, auf
fremde Namen lautende Organiſationen feſtgelegt. Merk=
würdigerweiſe
fehlen alle Dokumente, die über die be=
ſtrittenen
Millionen Aufſchluß geben könnten. Keine Rech=
nung
, keine Aufſtellung, keine Bilanz. Wer hat den In=
halt
der Archive verbrannt? Die Advokaten der Töchter
Leopolds II. haben ſich alle Mühe gegeben, dieſes Ge=
heimnis
aufzuhellen. Es iſt nicht gelungen. Und ſie haben
ſich wohl gehütet, Schuldige zu nennen, ſolange man nichts
beweiſen kann. Die letzten Unternehmen Leopolds II.
waren ebenſo geheimnisvoll. Noch im Februar 1907 grün=
dete
er die Riviera=Stiftung für Roſenkultur und
Gartenbau. Vier Millionen wurden darin feſtgelegt. Die
Geſellſchaft wurde eine anonyme Handelsgeſellſchaft, deren
Aktionäre der Leibarzt des Königs und der König ſelber
waren. Die Generalverſammlung bildeten wieder der
Leibarzt und der König. Aber es wurde gerichtsnotoriſch,
daß der Leibarzt nur ſeinen Namen für die Gründung des
Königs hergegeben hat und kein Pfennig von dem Ver=
mögen
der Geſellſchaft ihm gehörte, ſondern alles nur dem
König. Die letzte Stiftung, die einige Monate vor dem
Tode des Königs errichtet wurde, iſt die Société ano
nyme de Sites. Sie ſollte Hotelbetriebe, Fabriken
und Induſtrieunternehmungen umfaſſen und war ſeltſam
genug zuſammengeſetzt; ſogar Damen befanden ſich unter
den Mitgliedern, ſo die Gattin des Barons Janſſen, eines
Vertrauten des Königs. Die prozeſſierenden Töchter Leo=
polds
II. konnten beweiſen, daß dieſe Dame als Geſellſchaf=
terin
Güter einbrachte, die von dem Gelde des Königs
bezahlt wurden.
Zu allerletzt gab Leopold das aufſehenerregende
Schauſpiel des Verkaufs all ſeiner Möbel und ſeiner
beweglichen Habe. Nur vier Zimmer behielt er für ſich
ſelbſt, in denen er dann geſtorben iſt. Er räumte alle
Möbel aus den Schlöſſern von Oſtende, Brüſſel und Lae=
ken
. Er ließ das Porträt ſeiner Mutter und ſeines Vaters
ausbieten. Als er dieſe Bilder und noch andere nicht los=
werden
konnte, als ſich auch für ſeine Bibliothek keine
Liebhaber meldeten, brachte er den Reſt als Vermögens=
zuſchuß
in die Societé anonyme de Sites ein. Alles dies
natürlich, um die Prinzeſſinnen zu enterben.
Und wie fein alles geſponnen war, das zeigte ſich jetzt
im Prozeſſe vor dem höchſten Gerichtsbof Belgiens. Die

[ ][  ][ ]

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.

Nummer 50.

Vorgeſchichte hat. Vor einigen Jahren vermachte eine
alte Dame der Stadt ihr großes Grundſtück in Gonſen=
heim
zur Errichtung einer Blindenanſtalt. Da aber
Mainz bereits eine ausreichende Blindenanſtalt in einem
ſtädtiſchen ehemaligen Schulgebäude beſitzt, lehnte die
Stadt das Vermächtnis ab, das daraufhin an einen Stadt=
verordneten
fiel. Der aber überwies der Stadt den Wert
des Vermächtniſſes in bar, und aus dieſem Kapital ſind
jetzt die Zinſen für die Zwecke der Mainzer Blindenanſtalt
verwendet worden. In den Rhein ſtürzte ſich, weil
ſſie nicht nähen lernen wollte, geſtern abend die
15jährige Martha Matzlawik aus der Forſterſtraße.
Sie wurde von mehreren Paſſanten auf ihr Hilfegeſchrei
dem naßkalten Element wieder entriſſen. Die Sanitäts=
wache
brachte die Lebensmüde ins Rochushoſpital.
* Mainz, 5. April. Heute nacht erſtach der 24 jäh=
rige
frühere Zwangszögling und jetzige Händler Robert
Schmitt den ledigen 22jährigen Taglöhner Nikolaus
Haas indem er ihm die Schlagader am rechten Ober=
ſchenkel
durchſtach. Auf dem Transport nach dem
Krankenhauſe ſtarb der Verletzte. Der Täter ging flüchtig,
konnte aber heute vormittag feſtgenommen und in
das Unterſuchungsgefängnis abgeführt werden. Er gibt
die Tat zu, will ſich aber in Notwehr befunden haben.
Worms, 5. April. Im Stadtteil Worms=Neuhauſen
ſtieß geſtern abend nach 8 Uhr vor der Bayerſchen Wict=
ſchaft
ein 20jähriger Taglöhner mit ſeinem Fahrrad
mit einem entgegenkommenden Wagen der elektriſchen
Straßenbahn zuſammen. Der Taglöhner wurde
dadurch auf die Straße geſchleudert, wobei er erheb=
liche
Verletzungen am Hinterkopf und am linken
Auge erlitt. Nach den Feſtſtellungen war der Radfahrer
dem Wagen nicht rechtzeitig ausgewichen.
Gimbsheim, 5. April. Im Rübenkrieg hat die
Mehrzahl der hieſigen Landwirte doch die Waffen geſtreckt
und werden zu dem von den Fabriken angebotenen Preis
von 1,10 Mark pro Zentner mehrere hundert Morgen an=
gebaut
. Aehnlich liegen die Vechältniſſe in Hamm und
Eich. Im Kreiſe Oppenheim und auch in vielen Berg=
orten
des Kreiſes Worms und Mainz erfolgt zum größten
Teil ein Rübenbau nicht. An ſeine Stelle iſt die Anpflan=
zung
von Frucht und Hafer getreten.
Gießen, 5. April. Prof. Dr. Haller hat den an ihn
zum 1. Oktober ergangenen Ruf an die Univerſität =
bingen
angenommen.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 5. April. Beim Polizeiprä=
ſidium
wird jetzt mit photographiſchen Aufnahmen für das
Verbrecheralbum auch gleich eine kinemato
graphiſche Aufnahme verbunden, damit bei Steck=
briefen
den Behörden in den Provinzen ſofort Bilder zu=
geführt
werden und in öffentlichen Kinos vorgeführt wer=
den
können. Das Eiſenbahnunglück auf dem
Bahnhof Janowitzbrücke, bei welchem der Arbeiter Klin=
genberg
getötet und über 70 Perſonen zum Teil ſchwer ver=
fletzt
wurden, kommt am 20. Mai zur Verhandlung
wor dem Landgericht. Angeklagt wegen fahrläſſiger Tötung
ſund Körperverletzung, ſowie fahrläſſiger Gefährdung eines
Eiſenbahntransportes iſt der 33 Jahre alte Eiſenbahnge=
hilfe
Landt. Ein neunjähriger Weltreiſen=
der
wurde geſtern auf dem Lehrter Bahnhof von der
KKriminalpolizei angehalten. Einem Beamten der Bahn=
hofswache
fiel dort ein Knabe auf, der ſich eine Fahrkarte
nach Hamburg gekauft hatte und nun reiſefertig auf dem
Bahnſteige ſtand und auf die Abfahrt des Zuges wartete.
Er fragte ihn ſcheinbar harmlos aus und erfuhr, daß der
junge Reiſende ein Schüler Erich N. aus Adlershof war,
der die Abſicht hatte, in Hamburg zur See zu gehen, um
eine Weltreiſe zu machen. Dazu kam er aber jetzt nicht
Der Beamte nahm den Bengel mit nach der Wache, weil er
gleich überzeugt war, daß es bei ſeiner Reiſe nicht mit rech=
ten
Dingen zugehe. Dieſe Vermutung wurde auf An=
frage
von Adlershof her bald beſtätigt. Es ergab ſich, daß
N. einer Frau, die er beim Umzug beobachtete, die Hand=
ſtaſche
mit 300 Mark geſtohlen hatte und dann ſeinen El=
tern
entlaufen war. 114 M. beſaß er noch. Für das an=
dere
Geld hatte er ſich Kleidungs= und Ausrüſtungsgegen=
ſtände
gekauft. Arg enttäuſcht wurde der unternehmende
Weltreiſende in Gewahrſam genommen, um den Eltern
wieder zugeführt zu werden. Reiche Beute machten
Einbrecher, die einen Reichstagsabgeordneten in der
Bamberger Straße heimſuchten. Der Abgeordnete fuhr
Ende vorigen Monats auf acht Tage auf ſein Gut in Oſt=
preußen
. Seine Gattin beſuchte unterdeſſen ihre Schweſter
Das Dienſtmädchen erhielt die Erlaubnis, auf einen Tag
zu ihren Verwandten zu fahren. Als es am nächſten Tage
zurückkehrte, entdeckte es, daß Einbrecher in die ohne Auf=
ſicht
gelaſſene Wohnung eingedrungen waren und mehrere
Behältniſſe erbrochen hatten. Die Flurtür ſtand noch auf
Die von dem Pförtner benachrichtigte Polizei nahm den
Befund auf und der Abgeordnete ſtellte bei ſeiner Rück=

kehr feſt, daß die Verbrecher für 6000 Mark Silber= und
Goldzeug und einige Kleidungsſtücke geſtohlen hatten.
Potsdam, 5. April. In ihrer Wohnung in Potsdam,
Zimmerſtraße 7, wurde geſtern nachmittag das am 16.
März 1857 geborene Fräulein Gertrud von Schoenfeldt
als Leiche aufgefunden. Der Toten war von
einer Zuggardinenſchnur eine Schlinge um den Hals ge=
legt
; das Ende der Schnur war an einem Fuße des Kla=
viers
befeſtigt. Das Fehlen zweier wertvoller Miniatur=
bilder
und andere verdächtige Begleitumſtände laſſen die
Annahme als gerechtfertigt erſcheinen, daß möglicherweiſe
kein Selbſtmord, ſondern ein Raubmord vorliegt. Ein
in Potsdam wohnender Althändler iſt vorläufig in Haft
genommen worden, bis ſich weitere nach Berlin führende
Spuren aufgeklärt haben.
Frankfurt a. M., 5. April. Auf offener Straße brachte
ſich im Nordend eine Dame einen Schuß in die Herz=
gegend
bei. Aus hinterlaſſenen Briefen geht hervor
daß es ſich um die 29jährige Tänzerin Oli Marzelli aus
Wien handelt. Der Tod trat ſofort ein. Das Motiv der
Tat ſoll Liebeskummer ſein.
Homburg v. d. H., 5. April. Der Kaiſer unternahm
heute morgen einen Spazierritt über die Saalburg und
verweilte längere Zeit im Kaſtell. Er beſichtigte dabei u. a.
vier neue Büſten römiſcher Kaiſer, Stiftung eines Gön=
ners
der Saalburg, die Kopien nach Originalen dar=
ſtellend
, welche ſich in Muſeen Roms befinden. Prinz
Adalbert iſt heute morgen hier eingetroffen und hat im
Königlichen Schloſſe Wohnung genommen.
Eſſen, 5. April. In der Stadtverordnetenſitzung
wurde beſchloſſen, zum Regierungsjubiläum des Kaiſers
für die Errichtung eines Schweſterhauſes des rhei=
niſchen
Mutterhauſes vom Roten Kreuz 350000 M.
und für die Errichtung eines Volksgartens 200000 M. zu
bewilligen.
Hamburg, 5. April. Nach Unterſchlagung von
700000 Mark hat ſich, wie erſt jetzt bekannt wird, der
Rechtsanwalt Dr. Siegfried Lehmann in Hamburg in
einer der letzten Nächte erſchoſſen. Aus hinter=
laſſenen
Briefen geht hervor, daß Lehmann ſich an den
ihm anvertrauten Geldern vergriffen hat. Er lebte ſeh
lururiös und war namentlich in Sportkreiſen eine bekannte
Perſönlichkeit. Lehmann hinterläßt eine Frau und drei
Kinder. Es ſind keinerlei Vermögensobjekte vorhanden.
Breslau, 5. April. Bei der Verhandlung des Pro=
zeſſes
der Bahnwärtersfrau Meyer gegen den
Grafen Zbigniew und Joſeph Kwilecki, worin die
Pflegerin den Grafen Joſeph als ihr uneheliches Kind
reklamierte, kam zur Sprache, daß die Leiche der Gräfin
Kwilecki auf Verlangen ihres Gatten exhumiert und
ſeziert worden war, da Gerüchte über einen Selbſtmord
aufgetreten waren. Die Aerzte ſtellten Herzſchlag als
Todesurſache feſt. So hat die arme Gräfin auch im Grabe
keine Ruhe.
Uſedom, 5. April. Bei einer im Auftrag des Regie=
rungspräſidenten
ausgeführten außerordentlichen Kaſ=
en
=Reviſion wurde die Kaſſe in tadelloſer Ordnung
befunden. Ueber den Aufenthalt des verſchwundenen Bür=
germeiſters
Trömel iſt noch nichts näheres bekannt.
Zürich, 5. April. Bei Bauarbeiten an der Furka=
Bahn, oberhalb von Gletſch, wurde eine Arbeiter=
kolonne
von einer Lawine verſchüttet, wobei drei
Arbeiter getötet und 14 verletzt wurden.
London, 5. April. Als Proteſt gegen die Verur=
teilung
der Frau Pankhurſt veranſtalteten die
Wahlbanditinnen in Mancheſter eine große Verwüſtung
in der dortigen Gemäldegalerie. Mit ſchwe=
ren
Hämmern bewaffnet, hielten ſie in der Gemäldegalerie
ihren Einzug und ſchlugen 13 der berühmteſten Bilder
vollkommen zuſammen. Es konnten nur drei Verhaftun=
gen
vorgenommen werden. Angeſichts der Drohungen
der Verbrecherinnen werden nach einer Meldung aus Lon=
don
die Eiſenbahnlinien bewacht. Trotzdem iſt
ein Teil des Bahnhofs Oxted (Grafſchaft Surrey) zer=
ſtört
worden; ein anderes Attentat iſt bei Stockport
(Grafſchaft Lancaſter) vorgekommen, wo in einem Leerzug
eine eiſerne Schachtel explodierte und einen Waggon zer=
ſtörte
.

Deutſcher Reichstag.

* Berlin, 5. April. Präſident Dr. Kaempf er=
öffnet
die Sitzung um 2 Uhr 20 Min. Auf der Tagesord=
nung
ſtehen zunächſt die Reichshaushaltsrech=
nung
für 1910 und die Rechnung über den
Haushalt der Kolonien für 1906. Dieſe wer=
den
ohne Debatte in dritter Beratung nach dem Antrage
der Rechnungskommiſſion erledigt. Es folgt die
zweite Berakung des Etats für den Reichstag.
Abg. Baſſermann (natl.): Unſere Reſolutionen,
die freie Eiſenbahnfahrt auf die ganze Dauer der Legis=
laturperiode
anfordert, iſt dringend zu empfehlen, um

einem ganz unwürdigen Zuſtand ein Ende zu bereiten.
Der Bundesrat mag, wie in Sachen der Wahlkiſten, auch
in dieſer Sache eine baldige Entſcheidung treffen, zumal
an unſerer Geſundheit Raubbau getrieben wird. (Bravo!)
Abg. Stücklen (Soz.): So lange die bürgerliche
Mehrheit ſich dieſe Behandlung der Regierung gefallen
läßt, wird auch der Bundesrat keine Aenderung in der
gewünſchten Richtung eintreten laſſen. Wir ſtimmen der
Reſolution Baſſermann zu. Anders iſt es mit der Reſolu=
tion
der Nationalliberalen, die Mandatsprüfungen einem
ordentlichen Gerichtshof zu übertragen. Nachdem wir
nunmehr ſeit 40 Jahren vom Reichstag dieſes Geſchäft
ſelber haben beſorgen laſſen, können wir uns jetzt unmög=
lich
ein derartiges Armutszeugnis ausſtellen, als ob wir
in Zukunft nicht mehr in der Lage wären, über uns ſelber
zu Gericht zu ſitzen. Das Verfahren unſerer Wahlprü=
ſungskommiſſion
ſollte reformiert, nicht aber uns genom=
men
werden. Vor allen Dingen iſt es notwendig, um den
unhaltbaren Zuſtänden ein Ende zu machen, eine ſchnelle
Erledigung der bei den Wahlprüfungen notwendig wer=
denden
Erhebungen herbeizuführen. Abg. Dr. v. Cal=
ker
(natl.): Wenn wir auf ein uns zuſtehendes Recht ver=
zichten
, ſo müſſen durchſchlagende Gründe dazu obwalten.
Nach unſerer Anſicht iſt das Plenum daran ſchuld, daß die
Entſcheidung über Wahlen, auf deren baldige Erledigung
der Wähler Anſpruch hat, verſchleppt wird. Nach unſerer
Anſicht iſt das Plenum nicht dazu geeignet, die Entſchei=
dung
zu treffen, denn für das Plenum iſt jede Abſtimmung
eine Machtfrage. Ich empfehle die Einſetzung eines be=
onderen
Wahlprüfungsſenats bei dem zu errichtenden
Reichsverwaltungsgericht und bis zu deſſen Konſtituier=
ung
beim Reichsgericht. Dieſer Senat hat zu beſtehen aus
Abgeordneten und Richtern. Abg. Dove (Fortſchr.
Vpt.): Der Reſolution auf freie Fahrt ſtimmen wir zu;
diejenige auf Uebertragung der Mandatsprüfungen bean=
tragen
wir, an die Geſchäftsordnungskommiſſion zu ver=
weiſen
. In der erſten Reſolution ſind wir uns einig, be=
züglich
der Wahlprüfungen gehen bei uns die Anſichten
auseinander. Die heutige Beſetzung iſt nicht geeignet, eine
derartig wichtige Frage zu entſcheiden.
Abg. Spahn (Zentr.): Der freien Fahrt während
der ganzen Legislaturperiode ſtimmen wir aus ſachlichen
Gründen zu. Die Verhandlung der Wahlprüfungen im
Plenum des Reichstages hat doch manches Gute an ſich.
Das geſchloſſene Zimmer eines Gerichtshofes iſt nicht ge=
eignet
, Mißſtänden im Wahlbetriebe entgegenzutreten.
Mißſtände müſſen in der Oeffentlichkeit gerügt werden;
dieſes iſt nur im Plenum möglich. Dazu kommt, daß nicht
bloß Rechtsfragen bei den Wahlprüfungen zu erledigen
ſind; es muß das Wahlergebnis geprüft werden, und des=
halb
kann auch im Plenum von einer Machtfrage nicht die
Rede ſein. Abg. Dr. Arendt (Reichspt.): Dem Antrag
Baſſermann bezüglich der freien Fahrkarten ſtimmen wir
zu, ebenſo dem Antrage auf Ueberweiſung der Wahlprü=
fungen
an einen Gerichtshof. Der Reichstag kann das
ihm durch die Verfaſſung gewährleiſtete Recht einem Ge=
richtshofe
übertragen. Beſonders wichtig bei den Wahl=
prüfungen
iſt die Schnelligkeit der Erledigung; dieſe wer=
den
wir im Reichstage aber nicht erreichen. Sollte der
Antrag jetzt nicht angenommen werden, ſo wird er wieder=
kehren
, bis er Erfolg gefunden hat. Abg. Dr. Neu=
mann
=Hofer (Fortſchr. Vpt.): Vor allem iſt eine Be=
ſchleunigung
in der Erledigung der Wahlprüfungen drin=
gend
notwendig. Damit aber Zweifel in der richtigen
Behandlung der Wahlprüfungen in der Wahlprüfungs=
kommiſſion
beſeitigt werden, könnte man einen Verſuch
mit der öffentlichen Verhandlung der Wahlprüfungskom=
miſſion
machen. Abg. Fiſcher=Berlin (Soz.): Dem
Antrag, die Reſolution bezüglich der Wahlprüfungen an
die Geſchäftsordnungskommiſſion zu verweiſen, ſtimmen
wir zu. Nur die öffentliche Kritik kann beſſernd eingrei=
fen
; das ſehen wir auch in den endlich eingeführten Wahl=
kiſten
. Die Gerichte ſetzen ſozialdemokratiſch geſinnte Be=
amte
ab, und zu denen ſollen wir hier Vertrauen haben.
Da ſpricht man von unabhängigen Richtern. Ja, gibt es
denn das überhaupt in Preußen? (Vizepräſ. Dr. Paaſche:
Sie dürfen einen derartigen generellen Vorwurf nicht
machen!) Das Reichsgericht iſt höchſt ungeeignet als
Forum für die Mandatsprüfungen. Politiſche Anſichten
der Regierung haben noch ſtets beim Reichsgericht eine
Stütze gefunden. (Vizepräſident Dr. Paaſche bittet den
Redner, zur Sache zu ſprechen.) Ich habe nicht das Ver=
trauen
zum Reichsgericht und zur Rechtspflege überhaupt.
Abg. van Calker (natl.): Für die Ausſchaltung des
Reichstages bin auch ich nicht. Der Vorwurf der Partei=
lichkeit
gegen dieſe Rechtſprechung iſt ungerechtfertigt; ſie
iſt in rechtlicher Beziehung unantaſtbar. Nach weiteren
kurzen Ausführungen des Abg. Bernſtein (Soz.)
ſchließt die Diskuſſion. Die Reſolution über die Wahl=
prüfungen
wird an die Geſchäftsordnungskommiſſion ver=
wieſen
. Die Reſolution auf freie Fahrt wird ange=
nommen
.
Es folgt der Etat des Reichsſchatzamtes.
Bei Kapitel 68 Titel 7:
Beihilfen an bedürftige Kriegsteilnehmer,
bemerkt Staatsſekretär Kühn: Ich kann nur wieder=
holen
, daß die Regierung beabſichtigt, dem Reichstag einen
Geſetzentwurf über die Beihilfen an bedürftige Kriegsteil=
nehmer
vorzulegen. Einen ganz beſtimmten Termin über
die Einbringung kann ich noch nicht angeben, da die Re=
zierung
noch mit der Ausarbeitung beſchäftigt iſt. Aus
dem gleichen Grunde kann ich Mitteilungen über den In=
halt
des Entwurfs nicht machen. Abg. v. Schönaich=
Carolath (natl.): Ich bin dem Herrn Reichsſchatzſekre=
tär
für ſeine Erklärung außerordentlich dankbar. Bekom=
men
wir keine Vorlage, ſo wollen wir unter allen Um=
ſtänden
darauf dringen; eventuell müſſen wir ſie in die
Wehrvorlage hineinarbeiten. Den Kreis, dem die Bezüge
zuteil werden, wollen wir erweitert wiſſen und wir wollen
die Bezüge ſelbſt erhöht haben. Mit zwanzig Mark
jährlich kann niemand eriſtieren. Wir legen auch Wert
darauf, daß politiſche Geſinnung bei der Gewährung von
Beihilfen nicht maßgebend iſt. Die ärztliche Unterſuchung
müßte fortfallen, oder ſie müßte von Militärärzten unent=
geltlich
vorgenommen werden. Wohlhabende Veteranen
ſollen natürlich nichts bekommen. Mir iſt auch ein der=
artiger
Fall nicht bekannt. Wie bei dem Veteranenfonds
Erſparniſſe gemacht werden konnten, iſt mir unerklärlich.
Die Mithilfe der Kommunen bei der Beſſerſtellung der
Veteranen iſt dankbar anzuerkennen. Abg. Schöpflin
(Soz.): Es iſt eine jährlich wiederkehrende Unannehmlich=
keit
, daß der Reichstag die Regierung an eine Pflicht er=
innern
muß. Es iſt deingend nötig, daß allen bedürftigen
Veteranen Beihilſen gewährt werden. Man ſoll da nicht
ſo ängſtlich vorgehen, lieber ſoll man einen mehr als einen
zu wenig bedenken. Der Herr Staatsſekretär hat leider
nur von einer Neuregelung der Beihilfen geſprochen, nicht
aber von einer Erhöhung. Es iſt mindeſtens eine Ver=
doppelung
der Bezüge notwendig. Die ärztliche Unter=
uchung
ſollte wegfallen. So ſollte ein 76jähriger Veteran
ein ärztliches Atteſt beibringen. Ein grober Unfug ſind
die in Schwung gekommenar Kornblumentage. D

Unternehmer halten auch vor den ſtrengſten Richtern ſtand
Nachdem Leopold das Werk der Verſchleierung und Ver=
bergung
ſeines Vermögens vollendet hatte, fuhr er nach
Balaincourt zu ſeiner Freundin, um ſich zu erholen. Aber
er erholte ſich nicht, kehrte nach drei Tagen nach Brüſſel
zurück, fing an zu kränkeln und ſtarb 17 Tage ſpäter
Während im Nebenraum die Aerzte die Operation vor=
bereiteten
, hielt der König ſeinen alten Notar Duboſt
feſt und traf trotz furchtbarer Schmerzen die letzten An=
ordnungen
zur Enterbung ſeiner Kinder. Zwei Sterne
des Leopoldordens, ein Hoſenbandorden, 6 Suppenter=
rinen
, 600 Teller, 24 Salzfäſſer, 2 Kaſſerolen, 10 rote La=
kaienweſten
, alles mußten die Notare aus den Schränken
holen und zum Inventar ſchreiben. Die Prinzeſſinnen
wollten es bis heute nicht glauben, wie ſicher das alles
eingefädelt war und wieſen die Vergleichsvorſchläge des
belgiſchen Staates zurück. Der Staat iſt Sieger geblieben.
Die Rechtsmittel ſind erſchöpft. Sie erhalten nur einige
Millionen Anteil an den 15 Millionen, die Leopold II. in
ſeinem Teſtament als einziges Privatvermögen erklärt hat.
CK. Tafts Einzug in Yale. Aus New=York wird
berichtet: Am Mittwoch traf Expräſident William Taft in
der Yale=Univerſität ein, um ſein Amt als Profeſſor der
Rechtskunde anzutreten. Eine große Anzahl von Studen=
ten
war zum Bahnhof geeilt, um den neuen Ordinarius
feſtlich willkommen zu heißen, und als der dicke Billy er=
ſchien
, wurde er mit großem Hallo begrüßt. Die Studen=
ten
gaben Taft bis zu ſeiner Wohnung das Ehrengeleit
und ſangen dabei das amerikaniſche Lied: Er iſt ſchon
von der rechten Sorte‟. Taft war in beſter Laune, ſchien
herzlich froh, die Bürde des Präſidentenamtes nicht mehr
auf ſeinen Schultern zu ſpüren, und begrüßte die Studen=
ten
mit einer ſehr lakoniſchen, jovialen Anſprache. Na,
ſa, Jungens, ſagte er, ich habe das Weiße Haus ge=
räumt
. Als ich Inventur machte, ſtellte ich feſt, daß alles,
was ich beſaß, nur ein etwas befleckter Ruf als Rechts=
anwalt
war, als Erinnerung an einen Beruf, den ich vor
80 Jahren aufgegeben hatte. Aber Präſident Hadley von
der Yale=Univerſität beſchloß, daß das Sctige der Rechts

kunde, das ich noch habe, hier betätigt werden ſollte; und
ſo bin ich denn wieder hier, um von neuem ein aktiver
Yale=Mann zu werden. Die Studenten beantworteten
dieſe Anſprache mit Hochrufen und ſangen dann im Chor
das Lied: Du ſchöne Studentenzeit.
** Die Spielhölle auf hoher See. Das Vorgehen der
belgiſchen Regierung, das durch das neue Spielverbot in
Oſtende den ſchönen Tagen der Roulette ein Ende be=
reitete
, hat den erfinderiſchen Beſitzer des Kaſinos von
Oſtende, M. Marquet, nicht in Verlegenheit gebracht. Der
unternehmende Mann läßt jetzt eine große Dampfjacht
mit einem prächtigen großen Spielſaal verſehen. Die Jacht
wird fortan zwiſchen Oſtende und den anderen Seebädern
der Küſte kreuzen. Und man wird in aller Ruhe ſein
Spielchen beginnen, ſobald die Jacht drei engliſche Meilen
von der Küſte entfernt iſt und damit nicht mehr unter der
Gültigkeit der Landesgeſetze ſteht. So werden die Spiel=
freunde
foctan auf hoher See ihr Geld verlieren und nicht
mehr auf belgiſchem Boden. Trotz des Verbotes aller
Glücksſpiele iſt der ehemalige Spielſaal für die kommende
Saiſon von einer franzöſiſch=belgiſchen Gruppe gemietet
worden, die für die Sommermonate den ſtattlichen Miet=
preis
von 200000 Francs entrichtet.
* Ein Schreibmaſchinenfräulein, das Liebesbriefe
ſchreibt, gibt es nicht. Wenigſtens nicht nach Anſicht des
Kaufmänniſchen Verbandes für weibliche Angeſtellte, der,
wie der Berl. Lokalanzeiger ſchreibt, als Standesorgani=
ſation
der Stenotypiſtinnen über ein bekanntes Schreib=
maſchinenwerk
den Boykott verhängt hat, weil auf einem
zu Reklamezwecken vertriebenen Kunſtblatt eine Schreib=
maſchinendame
beim Schreiben eines Liebesbriefgs abge=
bildet
iſt. Der Verband bezeichnet dieſes als eine grobe
Taktloſigkeit und ſchwere Beleidigung des ganzen Standes
und fordert alle Stenotypiſtinnen auf, keine Schreibmaſchine
des betreffenden Syſtems mehr zu benutzen. An alle
Handelsſchulen wurde gleichfalls das dringende Erſuchen
gerichtet, keine neuen Maſchinen des betreffenden Werkes
mehr zu kaufen. Wenn jetzt aber das geſchädigie Weck ſo
boshaft ſein ſollte, die Feſtſtellungsklage zu erheben?

[ ][  ][ ]

Nummer 80.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.
Seite 5.

werden die Löhne der Blumenarbeiterinnen aufs äußerſte
gedrückt. Es wird Zeit, daß dem Reichstag endlich eine
entſprechende Vorlage gemacht wird, damit dem Reichstag
dieſe alljährlich wiederkehrende Debatte erſpart wird.
Reichsſchatzſekretär Kühn: Die Regierung geht
jedem einzelnen Falle, den man ihr vorlegt, nach. Unſer
Aktenmaterial ſtellen wir gerne zur Verfügung. Daß nicht
allen Wünſchen ohne weiteres entſprochen werden kann,
ergibt ſich von ſelbſt. Abg. Baumann (Ztr.): Die
Veteranen müſſen mit allen Kräften unterſtützt werden
Die Beſſerſituierten ſollten auf die Beihilfe verzichen
Eine Erhöhung iſt unbedingt notwendig.
Es wird ein Antrag auf Vertagung angenommen.
Nächſte Sitzung: Montag 2 Uhr. Wehr= und
Deckungsvorlagen. Schluß halb 6 Uhr.

Parlamentariſches.

*X* Darmſtadt, 6. April. Der Sonderausſchuß
für die Reviſion der landſtändiſchen Geſchäfts=
ordnung
hielt unter. Vorſitz des Kammerpräſidenten
Köhler=Worms eine längere Beratung ab, in welcher der
abgeänderte Entwurf der landſtändiſchen Geſchäftsord
nung vom 17. Juni 1874 zunächſt einer mehr proviſoriſchen
Erörterung unterzogen wurde, und zwar bis Artikel 38
Auch die von der Regierung und dem Präſidium der
Erſten Kammer zu dem Entwurf gemachten Abänderungs
vorſchläge ſtanden mit zur Beratung. Es wurde be=
ſchloſſen
, noch eine zweite Leſung über den Geſetzentwur
abzuhalten. Die Fortſetzung der Beratung wird am
Samstag, den 12. April, erfolgen.

Zu dem Beſuch des 2 k‟
in Frankreich

liegen noch folgende Meldungen vor:
* Paris, 5. April. Wie aus Luneville gemeldet wird,
hat der Führer des Z. 4 vor der Abfahrt dem Bürger=
meiſter
der Stadt für die durch die Ueberwachung des
Ballons und den Ordnungsdienſt verurſachten Ausgaben
2000 Mark übergeben. General Hirſchauer ſagte einem
Berichterſtatter: Das Abenteuer, das dem deutſchen Luft=
ſchiff
zugeſtoßen iſt, iſt ein ganz gewöhnliches und kann
morgen einem franzöſiſchen Luftſchiffe widerfahren. Der
Gedanke, daß es ſich irgendwie um Spionage handelt, iſt
vollſtändig ausgeſchloſſen; wir haben wohl einige Photo=
graphien
gefunden, aber ſie waren ohne jedes Intereſſe
und auch nicht während dieſer Fahrt aufgenommen. Die
übrigen beſchlagnahmten Papiere haben keinerlei Bedeut=
ung
. Es iſt allerdings ſicher, daß die Führer des Luft=
ſchiffes
während der Fahrt ſich allerlei Apparate und
wahrſcheinlich auch Papiere entledigt haben, die ihnen
unbequem werden könnten. Wir werden Nachforſchungen
anſtellen, hoffen aber nicht, irgend welche Anzeichen von
Spionage zu finden.
Der nationaliſtiſche Deputierte von Nancy, Major
Driant, hat das deutſche Luftſchiff eingehend be=
ſichtigt
und gibt von demſelben in der Libre Parole
eine eingehende Schilderung. Er erzählt dabei,
daß er einige Augenblicke auf der Plattform des
Luftſchiffes geblieben ſei und ſich vorzuſtellen verſucht
habe, wie die daſelbſt zur Bedienung der Maſchinen=
gewehre
aufgeſtellten Soldaten die franzöſiſchen Flug=
zeuge
angreifen würden. Jedenfalls möchte er den fran
zöſiſchen Fliegern den Rat geben, ſich daran zu erinnern
daß die Maſchinengewehre des Zeppelin
vorne aufgeſtellt werden und daß es daher vor=
teilhaft
ſei, dieſen Luftſchiffkreuzer von rückwärts anzu=
greifen
.
* Metz 5. April. Das Luftſchiff Z. 4 wurde
auf ſeiner Rückfahrt von Kapitän Gluud geführt; der
dritte Offizier der Abnahmekommiſſion, Oberleutnant
Jacobi, war gleichfalls geſtern abend mit den beiden Mit=
gliedern
der Kommiſſion per Bahn hier eingetroffen.
* Metz, 5. April. Geſtern abend trafen von den
Offizieren des Z. 4 Hauptmann George, Oberleutnant
Brandeis und Kapitän Gluud, ſowie Ingenieur Sieges
hier ein. Die Inſaſſen des um halb 5 Uhr gelandeten
Luftſchiffes waren total erſchöpft, da ſie faſt 41
Stunden Dienſt getan hatten. Weder Zeichnungen noch
Photographien des Z. 4 wurden in Frankreich ange=
fertigt
. In Luneville ſelbſt wurde Oberleutnant
Jacobi vom Z. 4 von einem Ziviliſten mit Steinen
beworfen. Kapitän Gluud wurde mit den Worten: Sie
haben hier nichts zu ſuchen vom Luftſchiff fortgeſtoßen.
Die hintere Gondel wurde gewaltſam beſchädigt.
Erſt als Gluud mit dem Eingreifen der deutſchen Bot=
ſchaft
drohte, wurden die Franzoſen höflicher. Während
der Nacht wurden an der Gondel des Z. 4 Inſchriften:
Vive la France Schmutziges Sauerkraut Kommt
nur nicht wieder, Auf bald Tod den Querköpfen.
Nieder mit den Preußen Nieder mit Deutſchland, an=
gebracht
. Z. 4 wurde drei Stunden lang von
General Hirſchauer und ſeinen Offizieren peinlich ge=
nau
beſichtigt, ſtellenweiſe durch ein Auseinander=
nehmen
des Luftſchiffes. Auch zahlreiche photographiſche
Aufnahmen wurden gemacht. Als ſich Z. 4 über dem
Forts Menoviller ſenkte, wurden drei blinde Kanonen=
ſchüſſe
abgefeuert als Aufforderung zum Landen. Die
Fliegeroffiziere von Nancy beſichtigten auch das
Maſchinengewehr eingehend. Die hinterlegte Zoll=
ſumme
wird wieder erſtattet.
Die Meldung franzöſiſcher Blätter, das Luftſchiff habe
beim Landen die deutſche Flagge zerriſſen, iſt
erfunden. Graf Zeppelin hat ſich über die glatte Er=
ledigung
der Angelegenheit durch die franzöſiſchen Behör=
den
ſehr befriedigend ausgeſprochen. Da ſich Z. 4 auf
ſeiner Fahrt mit Eis verſehen hatte, mußten Reſerveteile
zur Gewichtserleichterung herausgeworfen werden. Der
letzte deutſche Ort, der feſtgeſtellt wurde, war Villingen.
Nach dem Friedrichshafener Telegramm haben die
Franzoſen alſo den Z. 4 als deutſchen Boden reſpektiert
und von einer auf Ausſpähung des Konſtruktionsgeheim=
niſſes
gerichteten Beſichtigung des Fahrzeuges Abſtand ge=
nommen
. Vorausgeſetzt, daß dieſe vom Luftſchiffbau
Zeppelin in Friedrichshafen verbreitete Meldung den
Tatſachen entſpricht, ſo würde das ganze Verhalten der
franzöſiſchen Behörden ein ſo außerordentlich ent=
gegenkommendes
und korrektes geweſen ſein,
daß man ihnen zu großem Danke verpflichtet iſt. Auch den
franzöſiſchen Militärluftſchiffern kann jeden Augenblick ein
gleiches Mißgeſchick widerfahren, und ſie dürfen überzeugt
ſein, daß ſie in einem ähnlichen Falle ſeitens Deutſchlands
das gleiche Entgegenkommen zu erwarten haben würden.
Sei dem wie ihm ſei, ſo ſchreibt die Poſt, die Angelegen=
heit
des Ausreißers kann für uns mit der Rückkehr des
Fahrzeuges noch nicht als erledigt gelten, auch wenn wir
mit einem blauen Augen davongekommen ſind. Das Volk
darf vielmehr erwarten, daß eine peinliche und rückſichts=
los
geführte Unterſuchung Klarheit darüber ſchafft, ob und
welche Fehler in der Führung des Luftſchiffes begangen

worden ſind. Daß aus dem Ergebnis dieſer Unterſuchung
und aus den aus dem Zwiſchenfall gewordenen Erfah=
rungen
die entſprechenden Folgerungen gezogen werden
müſſen, iſt ſelbſtverſtändlich.
* Paris, 5. April. Der heutige Miniſterrat be=
ſchloß
, dem Parlament nach dem Wiederzuſammentritt den
Geſetzentwurf über die Regelung der Luftſchiff=
fahrt
vorzulegen.
* Paris, 5. April. Der Botſchafter Freiher:
von Schön ſandte dem Miniſter des Aeußern Pichon
ein Schreiben, in dem er ihm mitteilt, daß er von
ſeiner Regierung beauftragt ſei, der franzöſiſchen Regie=
rung
für die Art und Weiſe, wie ſie den Zwiſchenfall
der Landung des deutſchen Luftſchiffes er=
ledigt
haben, den lebhafteſten Dank auszuſprechen. Die
deutſche Regierung ließ auch durch den Botſchafter Cam=
bon
der franzöſiſchen Regierung danken für die Courtoiſie,
mit der ſie die Beſatzung des Luftſchiffes aufgenommen,
ſowie für das Entgegenkommen, mit welchem ſie dem Luft=
ſchiff
bei der Rückfahrt behilflich war.

Luftfahrt.

Fliegerbeſuch in Darmſtadt.
Am Sonntag vormittag gegen ¼11 Uhr erſchien in
großer Höhe ein Eindecker im Typ der Taube über
Darmſtadt und ging nach einem prachtvollen Schleifenflug
plötzlich ſehr ſteil und ſchnell nieder, ſo daß ſich das Gerücht
verbreitete, der Flugapparat ſeiabgeſtürzt in der Nähe
des kleinen Exerzierplatzes. Schutzmannſchaft wurde als=
bald
hinbeordert und eine große Menſchenmenge ſtrömte
zum Exerzierplatz. Tatſächlich waren aber die Flieger in
einem ſehr ſteilen Gleitfluge, mit abgeſtellten
Motor, glatt auf dem Exerzierplatz gelandet. Es waren
die Herren Trautwein (Führer) und Leutnant a. D
Kuhlmann (Beobachter), die auf einem Eindecker der
Goedeckerwerke Mainz=Gonſenheim 5 Minuten vor
10 Uhr dort aufgeſtiegen waren und nach 23 Minuten Flug
über Groß=Gerau uſw. abſichtlich in Darmſtadt gelandet
waren. Die Flieger haben von Mainz aus alsbald eine
Höhe von 1500 Metern erreicht und hatten in dieſen Höhen
ſehr unter ſchweren Böen zu leiden. Vor dem Fluge nach
Darmſtadt, deſſen Schönheit hier allgemein auffiel, hatten
die Flieger mit dem gleichen Apparat einen Stundenflug
in 2000 Meter Höhe über Mainz und Umgegend abſolviert.
Der Apparat wurde hier von vielen Hunderten beſichtigt
Nachdem die Herren im Britanniahotel ihr Frühſtück
eingenommen, wurde kurz vor 12 Uhr der Rückflug nach
Mainz angetreten. Der Apparat umkreiſte fünf bis ſechs=
mal
den Exerzierplatz, ſchraubte ſich dabei auf zirka 1200
bis 1500 Meter Höhe empor und flog dann in ſchönem
Fluge in der Richtung auf Groß=Gerau davon.
Kurz nach dem Aufſtieg der Goedeckerflieger erſchien
wiederum in großer Höhe eine Taube über der Städt,
die ſie von Weſten nach Oſten überflog. Es waren dies
die Herren Leutnant Kaſtner (Führer) und Leutnant
Reinhold (Beobachter) von der Fliegerſtation Metz,
die ſeit einigen Tagen bei der Darmſtädter Fliegerſtation
weilten und nun auf ihrer Rumpler=Taube den
Weiterflug nach Halle angetreten hatten. Die Herren
hoffen, da ſie günſtig mit dem Winde fliegen, ohne Zwi=
ſchenlandung
Halle zu erreichen.
Ein Militär=Luftſchiffhafen in Mannheim.
* Mannheim, 5. April. Nach Mitteilungen des
Kriegsminiſteriums in Berlin iſt die Errichtung eines
militäriſchen Luftſchiffhafens in Mannheim unter der
Vorausſetzung in Ausſicht genommen, daß die Stadt=
gemeinde
Mannheim das für die Bauten (Kaſerne für die
Luftſchiffer=Kompagnie und die Luftſchiffhalle) erforderliche
Gelände in der Größe von etwa 4 Hektar unentgeltlich
zum Eigentum überläßt und ein Anfluggelände von er=
heblichem
Umfange pachtweiſe zur Verfügung ſtellt. Hier=
für
kommt =Waldgelände von der ehemaligen Gemarkung
Sandhofen weſtlich der Riedbahn in Betracht. Der Stadt=
rat
beſchloß, das erforderliche Gelände in der gewünſchten
Weiſe bereitzuſtellen und die prinzipielle Zuſtimmung des
Bürgerausſchuſſes hierzu in der nächſten Sitzung einzu=
holen
.

* Freiburg i. Br., 4. April. Der Bürgerausſchuß
hat in ſeiner heutigen Sitzung den Abmachungen mit dem
Militärfiskus wegen Errichtung einer Militärflie=
gerſtation
in Freiburg zugeſtimmt. Die Sozial=
demokraten
enthielten ſich der Abſtimmung. Die Stadt
übernimmt die Verpflichtung, unentgeltlich Grund und
Boden herzugeben, ſowie die Errichtung einer Mann=
ſchaftskaſerne
und eines Wirtſchaftsgebäudes für das Offi=
zierkorps
mit einem Kapital von 350000 Mark, das mit 5
Prozent verzinſt wird.
Paris. 6. April. In Paris ſind 31 Zöglinge
der Militärſchule von Tlalvam (Mexiko) eingetroffen, um
ſich in Frankreich zu Militärfliegern auszubilden.

Der Balkankrieg.

Die Entwirrung der Kriſe.
* Wien, 5. April. Das Fremdenblatt betont, daß
wenn auch manchen der zur Entwirrung der Kriſe
angewandten Methoden Mängel und Nachteile anhaften
und insbeſondere die durch ſie bedingte Langſamkeit in
der Entwirrung der Kriſe da und dort Gefühle der Un=
geduld
und Unzufriedenheit auslöſen dürfte, ſo empfehlen
ſich doch dieſe Methoden ohne jeden Zweifel, da ſie den
ungeheuren Vorteil bilden, daß ſie imſtande ſind, die
denkbaren Gefahren und Verwickelungen auf das richtige
Maß herabzudrücken, das unter den gegebenen Verhält=
niſſen
unvermeidlich erſcheint. Die Tatſache, daß beide
Mächtegruppen geſchloſſen vorgehen, woran der Um=
ſtand
nichts ändert, daß die eine oder die andere Macht
in der internationalen Flotte nicht vertreten iſt, hat die
eine große und wertvolle Bedeutung, weil ſie allen phan=
taſtiſchen
Kombinationen und Hoffnungen der ſüdöſtlichen
Balkanſtaaten die Spitze abbricht. Die Hauptaufgabe zur
Niederringung des Widerſtandes Serbiens und
Montenegros wird für die ſo glücklich vereinigten
beiden Mächtegruppen darin beſtehen müſſen, den prakti=
ſchen
Beweis zu erbringen, daß die Beſchlüſſe Europas
nicht leere Worte bleiben dürfen. Auch die öſterreichiſch=
ungariſche
Monarchie, die zur Aufrechterhaltung und
Feſtigung des europäiſchen Konzertes ſo viel beigetragen
hat, würde den Bankerott der europäiſchen Beſchlüſſe als
ein großes Unglück betrachten.
Rußland und die Balkanverbündeten.
* Petersburg, 5. April. Der Tee, den der Mini=
ſter
des Aeußern, Saſonow, den Dumavertre
tern gab. wurde mit einem Expoſé über die äußere Po
litik Rußlands eingeleitet. Mehrere Abgeordnete und der
Präſident der Duma, Rodzianko, richteten Fragen an den

Miniſter, der ausführlich antwortete unter Zitierung der
Akten und Korreſpondenzen der ruſſiſchen Botſchafter.
Saſonow ſtellte in Beantwortung der Fragen feſt, Ruß=
land
habe keine kriegeriſchen Verwicklungen zu fürchten.
Die Forderungen der Balkanverbündeten würden mehr
oder weniger erfüllt werden. Die geringſte Genugtuung
würde Montenegro, das Skutari nicht erhalten würde, er=
jahren
. Der Streit um die bulgariſch=ſerbiſche Grenze
würde noch große und ſchwere Verwickelungen im Ge=
folge
haben. Die Entwickelung der militäriſchen Opera=
tionen
habe Serbien weiter ſüdwärts geführt, als es der
Bündnisvertrag erlaubte. Bis heute mäßen beide Par=
teien
der Frage wenig Wichtigkeit bei, da ſie glaubten, daß
der ruſſiſche Kaiſer die oberſte Entſcheidung treffen
würde. Indeſſen gingen in der letzten Zeit die Serben
einer ſolchen Löſung aus dem Wege. Die Dardanellen=
frage
hält der Miniſter noch nicht für reif und erachtet es
vorläufig für unzeitgemäß, ſie aufzuwerfen. Nach dem
Meinungsaustauſch kamen die Abgeordneten des Zen=
trums
zu dem Ergebnis, daß die ruſſiſch=ſlawiſchen Inter=
eſſen
genügend vertreten ſeien. Die Progreſſiſten waren
der Meinung, daß der politiſche Kurs richtig, aber ſchwäch=
lich
ſei.
Die Antwort der Balkanſtaaten an die Mächte.
* Sofia, 5. April. Die den Vertretern der
Mächte überreichte Antwort hat folgenden Wortlaut:
Die Verbündeten ſprechen den Mächten für ihre Bemüh=
ungen
, den Friedensſchluß herbeizuführen, ihren Dank
aus und nehmen in dem aufrichtigen Wunſch, ihre Auf=
gabe
zu erleichtern, die von den Mächten vorgeſchlagenen
Bedingungen für die Vermittelung mit folgenden Vor=
behalten
an:
1. Gelegentlich der endgültigen Feſtſetzung der Gren=
zen
Thraziens wird die in den von den Mächten formu=
lierten
Bedingungen enthaltene Linie als Grundlage und
nicht als endgültige Grenzlinie angenommen.
2. Die ägäiſchen Inſeln werden von der Türkei den
Verbündeten abgetreten.
3. Die Verbündeten meinen, daß ſie die in Ausſicht
genommenen Grenzen Albaniens im voraus kennen ler=
nen
müſſen und hoffen, daß dieſe mit jenen Grenzlinien
übereinſtimmen werden, die ſie in London vorgeſchlagen
haben.
4. Die Forderung nach einer Kriegsentſchädigung ſoll
im Prinzip angenommen und die Aufgabe, ihre Höhe zu
beſtimmen, der Kommiſſion überlaſſen werden, die ſich mit
der Inſelfrage beſchäftigen wird und in der die Alliierten
vertreten ſein werden.
5. Die Alliierten ſtimmen zu, daß die Kriegsoperatio=
nen
von dem Augenblick an aufhören, wo die oben ange
führten Bedingungen im günſtigen Sinne aufgenommen
und zur Annahme gelangen werden
Skutari wird weiter bombardiert.
* Wien, 5. April. Die Nachricht, daß Skutari
ſeit vorgeſtern neuerlich bombardiert werde, wird
von unterrichteter Seite beſtätigt.
Den Oberbefehl
über die belagernden Truppen führt der ſerbiſche General
Bojovitſch. Mit dem Generalſturm ſoll, wie berichtet
wird, bis zu dem Eintreffen weiterer ſerbiſcher Verſtär=
kungen
gewartet werden. Das Kommando über die inter=
nationale
Flotte, die die montenegriniſche Küſte blockiert,
führt der engliſche Vizeadmiral Cecil Burney, der ſich auf
dem Schlachtſchiff King Edward VII. eingeſchifft hat.
Um Albanien.
* Wien, 5. April. Die Politiſche Korreſpondenz
weiſt auf die zahlreichen Erörterungen in der ſerbiſchen
Preſſe hin, nach denen Oeſterreich=Ungarn auf Grund des
Protektorats über die Katholiken Albaniens ein politiſches
Protektorat über den künftigen albaniſchen Staat anſtrebe,
ſowie auch insbeſondere auf die an Italien gerichteten
Ermahnungen, gegenüber den angeblichen Abſichten der
Monarchie auf der Hut zu ſein, und ſagt, daß das Beſtre=
ben
, durch eine Verdächtigung der Wiener Politik Miß=
trauen
bei dem verbündeten Italien zu erregen, mit Hän=
den
zu greifen ſei. Der von dem Wiener Kabinett her=
rührende
und von den Mächten angenommene Vorſchlag
betr. den Schutz der nationalen und religiöſen Minoritäten
beziehe ſich überhaupt nicht auf Albanien, ſondern nur auf
die in Serbien und Montenegro einzuverleibenden Ge=
bieten
. Hier ſolle eine europäiſche Schutzwehr für alle na=
tionalen
und konfeſſionellen Minoritäten geſchaffen wer=
den
. Die öſterreichiſche Politik= verfolge eine völlig un
eigennützige Tendenz, und nur eine erkünſtelte und unehr=
liche
Auslegung könne dem Vorſchlag des Wiener Kabi=
netts
ein anderes Ziel unterlegen.
Die Flottendemonſtration.
* Wien 5. April. Die Neue Freie Preſſe meldet aus
Antivari von 10 Uhr vormittags: Heute vor 5 Uhr
morgens erſchienen vor Antivari aus ſüdlicher Richtung
kommend ein engliſcher und ein franzöſiſcher
Panzer und nahmen vor Antivari Aufſtellung. Um
9 Uhr ſetzten ſich die Breslau und vier öſterreichiſche
Panzer der nördlichen Demonſtrationsflotte in Bewegung
gegen den Hafen Antivari. Die Breslau fuhr in den
Hafen ein, wo ſie noch weilt. Um 10 Uhr näherten ſich auch
die beiden italieniſchen Panzer den übrigen Schiffen
Zwei öſterreichiſche Torpedoboote liegen vor Spizza ver=
ankert
.
Der ſerbiſch=bulgariſche Vertrag.
* Wien, 5. April. Die Wiener Allgemeine Zeitung
veröffentlicht nach Mitteilungen von zuverläſſiger Seite
aus Sofia den Inhalt des bisher geheimgehaltenen ſer=
biſch
=bulgariſchen Vertrages, der zunächſt
eine defenſive ſpäter eine offenſive Militärkonvention war
und der beim Ausbruch des Krieges erweitert wurde. Den
Mitteilungen zufolge heißt es in dem Vertrage: Falls das
Reſultat des Krieges ein ſolches wäre, daß Mazedonien
an Serbien und Bulgarien abgetreten werden ſollte, ſo
fallen Monaſtir, Prilep, Ochrida und Iſtip an Bulgarien.
Was Uesküb und Kumanowo anlangt, wurde in dieſer
Beziehung kein Einverſtändnis erzielt; nach Beendigung
des Krieges ſoll über die Zugehörigkeit der beiden Städte
eventuell durch ein Schiedsgericht oder auf andere Art eine
Entſcheidung gefällt werden. Bezüglich des Sandſchaks
enthält der Vertrag keinerlei Abmachung. Serbien und
Bulgarien verpflichten ſich, gemeinſam Frieden zu
chließen, ein Seperatfriedensſchluß wird für ausge=
ſchloſſen
erklärt. Die Dauer des Vertrages wird dahin
beſtimmt daß das Ende des Krieges auch ſein Ende be=
deute
. Der Vertrag beſtimmt die Bündnispflicht bloß im
Falle eines Krieges mit der Türkei, nicht auch im Falle
eines Krieges gegen andere Mächte.
Gegen Montenegro.
* Berlin, 6. April. Die Norddeutſche Allgemeine
Zeitung ſchreibt in ihrer Wochenrundſchau: Die Annahme
der von den Großmächten für die Friedensver=
mittelung
aufgeſtellten Bedingungen iſt in der letzten
Note des Balkanbundes mit Vorbehalten begleitet

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Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.

Nummer 80.

worden, die weitere Verhandlungen erforderlich machen.
Ueber die Antwort der Mächte auf dieſe Wünſche des
Balkanbundes wird die Londoner Botſchafterverſammlung
Beſchlüſſe ſaſſen. Ohne Rückſicht auf die allſeitigen Ab=
machungen
der europäiſchen Diplomatie fährt Montenegro
fort, die Eroberung Skutaris zu betreiben. An=
geſichts
der Nichtbeachtung diplomatiſcher Ratſchläge wird
nunmehr gegen die Küſte Montenegros die Blockade
durch ein internationales Geſchwader ver=
hängt
. Die Zuſtimmung aller Großmächte zu dieſer Maß=
regel
und ihre ſolidariſche Durchführung beweiſt, daß
Europa darin einig bleibt, ſeinem Beſchluß Achtung zu ver=
ſchaffen
, wonach Skutari albaniſch wird. In Petersburg
iſt am Freitag den Vertretern in der Reichsduma von be=
rufener
Seite erklärt worden, Montenegro werde
Skutarinicht erhalten. König Nikolaus wird ſich der
Einſicht nicht verſchließen können, daß für die dauernde
Erwerbung Skutaris gegen den Willen der Großmächte
die Umſtände nicht günſtig ſind. Bei den Beratungen der
Botſchafter in Petersburg unter dem Vorſitz Saſonows
zeigte ſich überall die Bereitwilligkeit, in der Siliſtriafrage
den berechtigten Wünſchen Rumäniens Rechnung zu tra=
gen
. So laſſen ſich bereits die Umriſſe einer friedlichen
Löſung erkennen, die mit dem Wiederbeginn der Frie=
densverhandlungen
zur Beendigung des Balkankrieges
feſtere Geſtalt annehmen werden.
* Berlin, 6. April. Nachdem der kleine Kreuzer
Breslau zu der Blockadeflotte vor Antivari geſtoßen
iſt, um bei der Flottendemonſtration gegen Mon=
tenegro
die deutſche Flagge zu vertreten, iſt das Schiff zu
dem etwa notwendigen Schutze deutſcher Reichsangehöri=
ger
im Orient nicht mehr verfügbar. Um die hieraus ſich
ergebende Lücke auszufüllen, kann es notwendig werden,
einen bis zwei weitere kleine Kreuzer ins Mittelmeer zu
entſenden; deshalb ſind zwei kleine Kreuzer der Hochſee=
flotte
angewieſen worden, ſich zur Ausreiſe bereit zu
halten.
Rom, 6. April. Die Agencia Stefani erfährt:
Geſtern hielten die Kommandanten der in den mon=
tenegriniſchen
Gewäſſern verſammelten Kriegsſchiffe
unter dem Vorſitz des engliſchen Vizeadmirals Cecil Bur=
ney
eine Beratung ab, auf Grund deren an die montenegri=
niſche
Regierung die telegraphiſche Aufforderung gerichtet
wurde, den einſtimmigenBeſchluß der Großmächte
zu reſpektieren und unverzüglich eine Antwort
zu erteilen.
* Paris, 6. April. Der König von Montene=
gro
richtete an den Petersburger Korreſpondenten des
Temps eine Depeſche, in welcher es heißt, er erfahre mit
Schmerz, daß das Panzerſchiff Edgar Quinet Frankreich
bei der Flottendemonſtration vertrete, durch welche Mon=
tenegro
gezwungen werden ſolle, die Belagerung von
Skutari aufzuheben. Wir bedauern tief, daß infolge einer
bitteren Ironie der Name des berühmten Schriftſtellers
und beredten Dolmetſchers der um Einheit und Unab=
hängigkeit
ringenden Völker in dieſer Expedition gegen
einen kleinen tapferen Vorkämpfer der Unabhängigkeit des
Balkans und der orientaliſchen Chriſtenheit geſandt wurde.
Sie können ſagen, daß Montenegro trotz der von Europa
ergriffenen Zwangsmaßnahmen nur der Gewalt
weichen wird. Es bleibt Europa nur übrig, ſeiner Un=
gerechtigkeit
durch einen Gewaltſtreich noch den Stem=
pel
der Lächerlichkeit aufzudrücken.
Letzte Nachrichten.
* Sofia 6. April. (Agence Bulgare.) Um die in
der ausländiſchen Preſſe verbreiteten tendenziöſen oder
unrichtigen Meldungen über die Uebergabe Schukri
Paſchas zu entkräften und die Wahrheit feſtzuſtellen,
teilt das Hauptquartier die von Schukri Paſcha abgegebe=
nen
Erklärun gen mit: Am 26. März befand ich mich
mit meinem Stabe im Quartier in dem alten Fort Ildi=
rim
. Nach dem Einmarſch der bulgariſchen Truppen in
den Oſtſektor gab ich das Signal zur Einſtellung der Ope=
rationen
. Eine halbe Stunde darauf fand ſich bei mir der
Kommandant des bulgariſchen Garderegiments Oberſt
Marſcholew ein, der ungefähr eine Stunde bei mir
blieb. Sodann begab ich mich in Begleitung zweier Offi=
ziere
des Garderegiments zu General Waſſow der ſich in
der inneren Stadt befand. Ich ſtellte mich ihm vor und
blieb dort eine halbe Stunde, worauf ich mit General
Waſſow im Automobil zur Brücke fuhr, wo ſich General
Iwanow, der Kommandeur der zweiten bulgariſchen
Armee befand, der mich eine weitere halbe Stunde zurück=
hielt
. Sodann kehrte ich in mein Quartier zurück. Wäh=
rend
meiner Abweſenheit war ein ſerbiſcher Major mit
mehreren Soldaten in meinem Quartier erſchienen; ich
habe ſie nicht geſehen.
* Belgrad 6. April. Das Telegramm das
der engliſche Vizeadmiral Cecil Burney der als rang=
älteſter
Offizier der Befehlshaber der internationalen
Flotte iſt, aus Cattaro an den montenegriniſchen
Miniſterpräſidenten richtete, lautet folgender=
maßen
: Ich habe die Ehre, Sie zu benachrichtigen, daß
eine internationale Flotte vor Antivari in den montene=
griniſchen
Gewäſſern ankert. Die Flotte erſchien, um gegen
die Weigerung Montenegros, die Wünſche der Groß=
mächte
zu erfüllen, zu proteſtieren. Ich möchte die Auf=
merkſamkeit
Eurer Exzellenz auf die Anweſenheit der
internationalen Flotte lenken, die nicht nur bezeugt, daß
die Großmächte einig ſind, ſondern auch, daß ſie wünſchen,
daß ihre Entſcheidungen unverzüglich angenommen wer=
den
. Ich bitte Sie, mir ſofort mitzuteilen, daß Ihre Re=
gierung
bereit iſt, die Wünſche der Großmächte zu er=
füllen
.
* Athen, 5. April. Zwei auf Grund geſetzte tür=
kiſche
Torpedobootsjäger ſind wieder flott ge=
macht
und der griechiſchen Flotte einverleibt worden. Die
griechiſche Regierung beſchäftigt ſich ernſtlich mit der Frage
der Verbeſſerung der Verkehrsverbindungen mit dem
Weſten von Mazedonien und Epirus Sie beabſichtigt, das
Eiſenbahnnetz im Südweſten Mazedoniens mit Saloniki
zu verbinden durch Ausbau und Verlängerung der fiskali=
ſchen
Bahnen. Die Bahn Volos-Kalabaka wird bis nach
Grevena und von dort bis nach Sorovitſch verlängert und
ſo ein Anſchluß hergeſtellt mit der Linie Saloniki- Mo=
naſtir
. In Grevena wird eine Linie ſich abzweigen, die
über Metzovon nach Janina führen wird. Auch dem Bau
von Chauſſeen wendet die griechiſche Regierung ihre Auf=
merkſamkeit
zu.
* Port Said, 6. April. Der türkiſche Kreuzer
Hamidije iſt hier eingetroffen.

* Wien, 5. April. Die Neue Freie Preſſe erfährt
von beſonderer Seite aus London, daß die ſerbiſche
Regierung dort das Verſprechen abgegeben habe
Montenegro keine weiteren Truppen zu ſen=
den
. Die letzte Truppenſendung in Stärke von 11000
Mann erfolgte auf Grund eines am 20. Februar Monte=
negro
gegebenen Verſprechens.
Paris, 5. April. Dem Temps wird aus Peters=
burg
telegraphiert, daß der Botſchafter Iswolski be=
auftragt
worden ſei, bei der demnächſt in Paris zuſam=
mentretenden
Konferenz in der Frage der Kriegs=

entſchädigung den Standpunkt der Balkanverbün=
deten
zu unterſtützen. Das ruſſiſche Miniſterium des
Aeußern glaube, daß auch die franzöſiſche Regierung der
diesbezüglichen Forderung der Balkanverbündeten nicht
ungünſtig gegenüberſtehe.

Die Berichterſtattung über militäriſche
Angelegenheiten.

* Berlin, 5. April. Mit der in der Norddeutſchen
Allgemeinen Zeitung an die Preſſe aller Parteien gerich=
teten
Bitte, weder Nachrichten über Erfindungen oder
Verbeſſerungen auf dem Gebiete der Bewaffnung und
Ausrüſtung des Heeres, noch über Uebungen ſolcher Spe=
zialtruppen
zu veröffentlichen, wovon man annimmt, daß
ſie denen anderer Länder überlegen ſind, beſchäftigte ſich
heute der geſchäftsführende Ausſchuß des
Reichsverbandes der deutſchen Preſſe in
eingehender Beratung. Da die Bedeutung dieſer Mei=
nung
für die geſamte reichsdeutſche Preſſe nirgends ver=
kannt
werde, andererſeits aber feſtgeſtellt wurde, daß
praktiſche Vorſchläge zur Beſeitigung der vorhandenen
Mißſtände am beſten von den hierzu am meiſten Berufe=
nen
, nämlich von den Redakteuren und Mitarbeitern der
deutſchen Tagespreſſe gemacht werden können, beſchloß der
geſchäftsführende Ausſchuß, die Frage der Behandlung
militäriſcher Nachrichten auf die Tagesordnung der am
31. Mai und 1. Jun in Düſſeldorf ſtattfindenden Dele=
giertenverſammlung
des Reichsverbandes der
deutſchen Preſſe zu ſetzen. Das Referat übernahm Chef=
redakteur
Heinrich Rippler. Die Behandlung der Frage
wird eng an die Verhandlung über ein Thema von noch
allgemeinerer Bedeutung anſchließen, das an die Spitze
der Tagesordnung geſetzt wird, worüber Miniſterialdirek=
tor
a. D. Dr. Hermes referieren wird, nämlich über die
Aufgaben der Preſſe in Kriſenzeiten.

Literariſches.

Des Deutſchen Vaterland. Deutſchland
in landſchaftlicher, geſchichtlicher, induſtrieller und kultur=
geſchichtlicher
Hinſicht unter beſonderer Berückſichtigung
des Volkstums. Unter Mitwirkung hervorragender
Schriftſteller herausgegeben von Hermann Müller=
Bohn. Mit Originalzeichnungen und Kopfleiſten von
Franz Staſſen und Georg Eichbaum, Federzeichnungen
von F. Fennel, einem Gemälde von R. Hellgrewe, farben=
photographiſchen
Aufnahmen von Hans Hildenbrand und
nahezu tauſend Abbildungen, davon 17 Dreifarbentafeln
8 Duplextafeln und 16 Doppeltontafeln. Verlag der Chr.
Belſerſchen Verlagsbuchhandlung, Stuttgart. Preis zwei
Bände gebunden à 20 Mark; auch in 45 Lieferungen à 80
Pfennig. Soeben erſchien Band I eines Werkes über un=
ſer
deutſches Vaterland, das die Aufmerkſamkeit aller Ge=
bildeten
der Nation verdient. Der als Biograph und
hiſtoriſcher Schriftſteller bekannte Herausgeber dieſes
Werkes, Hermann Müller=Bohn, hat den beſonders glück=
lichen
Gedanken gehabt, die Gauen unſeres deutſchen
Vaterlandes durch hervorragende Schriftſteller behandeln
zu laſſen, die in der betreffenden Gegend bodenſtändig
ind. So weht uns aus jedem Abſchnitt dieſes umfangrei=
chen
Werkes gewiſſermaßen Heimatluft an. Wir empfin=
den
beim Leſen jedes Kapitels, daß der Verfaſſer mit
ganzem Sinnen und Fühlen dabei geweſen iſt, als er dieſe
Zeilen niederſchrieb, die das Werden und Blühen ſeiner
Heimat und ſeiner Landsleute Bräuche ſchildern ſollte.
Der erſte Band, der nahezu 700 Seiten in Groß=Format
umfaßt, beſchäftigt ſich nach den geſchichtlichen und kultur=
geſchichtlichen
Einleitungsabſchnitten von Hofrat Dr. C.
Spielmann (Zweitauſend Jahre deutſcher Geſchichte), von
Profeſſor Dr. O. Weiſe (Die deutſchen Volksſtämme) und
von Pfarrer R. Reichardt (Deutſche Volksſitten und Feſt=
bräuche
) in der Hauptſache mit Preußen und den nord=
deutſchen
Bundesſtaaten. Eine ſehr eingehende und liebe=
volle
Würdigung erfährt namentlich in den Kapiteln
die der Herausgeber Hermann Müller=Bohn geſchrieben
hat die Mark, Brandenburg, die Wiege des preußi=
ſchen
Staates die in Poeſie und Proſa wie in trefflich
wiedergegebenen Bildern behandelt wird. Auch die Pro=
vinzen
ſind geſchickten Schilderern anvertraut.
Der Skitouriſt von Karl J. Luther und
Dr. G. P. Lücke. 169 Seiten Text mit vielen Textilluſtra=
tionen
und Abbildungen in zweifarbigem Einband. Geb.
2 Mark. (Verlag der J. Lindauerſchen Univerſitätsbuch=
handlung
(Schöpping, München.) Dieſes Buch nimmt
in der reichen Winterſportliteratur eine Sonderſtellung
ein, denn es iſt die erſte Spezialarbeit über den touriſti=
chen
Skilauf. Die Abſicht der Verfaſſer, in Wort und
Bild eine in allen Punkten erſchöpfende Anleitung zum
Tourenlauf auf ſportlicher Grundlage zu geben, iſt gelun=
gen
. Das Buch verdient daher eingehendſte Beachtung
Auch der erfahrene Skiläufer wird manches Neue, manche
Anregung darin finden oder ſich für die Stellungnahme
der Verfaſſer zu bekannten aktuellen Fragen intereſſieren.
Die Ausſtattung des Buches iſt gut.

Verbandstag der Desinfektoren
in Heſſen.

C Zur Beratung einer Reihe von Standesfragen
hielt der Verband der amtlichen Desinfektoren im Groß=
herzogtum
Heſſen geſtern einen Verbandstag im Kaiſer=
ſaal
ab. Erſchienen waren Vertreter aus den Kreiſen
Darmſtadt, Bensheim, Gr.=Gerau, Erbach, Offenbach,
Friedberg, Büdingen, Gießen, Alzey, Bingen, Oppenheim
und Mainz. Als Vertreter der Großh. Regierung wohnte
Geh. Medizinalrat Dr. Balſer und als Vertreter des
Großh. Polizeiamtes Regierungsrat Dr. Gennes, ſo=
wie
der Führer der Hauptſanitätskolonne Darmſtadt
Hauptmann à la suite R. Lotheißen, den Verhandlun=
gen
bei. Nach Begrüßung der Ehrengäſte und der Ver=
ſammlung
durch den Vorſitzenden Herling=Darmſtadt
erſtattete dieſer den Geſchäftsbericht über das abgelau=
fene
Vereinsjahr, der ein erfreuliches Bild über die Ent=
wicklung
des Desinfektionsweſens in Heſſen gab. Leider
bringe man auf dem Lande dieſem wichtigen Zweig der
Geſundheitspflege noch ſehr wenig Verſtändnis entgegen.
Er fordert einheitliche Bekämpfungsmaßregeln bei den
Kinderkrankheiten, wie Diphtherie, Maſern, Scharlach uſw.
in Schule= und Hausdesinfektion, und gleichmäßige
Durchführung der Schutzfriſt für den Schulgang von er=
krankten
Kindern in allen Kreiſen des Landes. Wün=
ſchenswert
ſei die Mithilfe der Behörden bei der Tuber=
kuloſebekämpfung
. Das Gebiet der Desinfektoren müſſe er=
weitert
, fremde, unerfahrene Hände ausgeſchaltet und ein
Verbot gegen die Desinfektion durch die Schweſtern erlaſ=
ſen
werden. Das ganze Desinfektionsweſen in Heſſen
ollte durch Geſetz geregelt werden.
Geheimerat Dr. Balſer betont als perſönliche Mei=
nung
die völlige Richtigkeit der hier aufgeſtellten Forde=
rungen
. Die in den 18 Kreiſen des Landes erlaſſene Po=

lizeiverordnung werde verſchiedenartig gehandhabt. Gleich
dem Viehſeuchengeſetz ſei ein einheitliches Desinfektions=
geſetz
für Epidemiekrankheiten als Landesgeſetz notwen=
dig
. Bei der Großherzoglichen Regierung veſtehe die be=
ſtimmte
Abſicht, ein derartiges Geſetz nach preußiſchem
Muſter zu erlaſſen. Beſonders die Bekämpfung der Tu=
berkuloſe
ſei energiſch zu fördern. Dieſe graſſiert mehr.
auf dem Lande als in den Städten. Die Einführung
einer umfangreichen Zwangs=Schlußdesinfektion ſei hier=
dringend
zu fordern. Auch die Maßregeln zur Desinfek=
tion
der Schulen auf dem Lande uſw. ſeien eventuell durch
Einführung der laufenden Desinfektion zu verſchärfen.
Dank dem Eingreifen von Geheimerat Dr. Dietz werde
hier eine planmäßige Tuberkuloſebekämpfung mit gutem
Erfolge durchgeführt. Aus der Verſammlung wurden
Klagen gegen die Desinfektion durch Schweſtern im Kreiſe=
Erbach geführt, ebenſo dagegen, daß in Mainz die Des=
infektoren
zur Straßenreinigung Verwendung finden. Der
Verband wird hiergegen vorgehen. Ein Antrag auf Her=
beiführung
einer einheitlichen Desinfektions= und Dienſt=
ordnung
in Heſſen ſowie auf Verbot an die Landgemein=
den
wegen Beſtellung beſonderer Gemeinde=Desinfektoren
fand einſtimmig Annahme.
Ein weiterer Antrag an die Großh. Kreisämter auf
Gewährung eines feſten Monatsgehaltes von mindeſtens
125 Mark und evtl. Uebernahme der Garantie einer Min=
deſteinnahme
für die Desinfektoren ſowie Gewährung von
Kilometergeldern für Desinfektionen außerhalb des Wohn=
ortes
(10 Pfg. pro Kilometer) als Entſchädigung für
Transport und Verpflegung fand nach eingehender Bera=
tung
Annahme. Bei der Beſprechung des Antrags auf
Einführung von einheitlicher Dienſtkleidung für die Des=
infektoren
wurde von Hauptmann Lotheißen der Anſchluß
des Verbandes an die Haupt=Sanitätskolonne angeregt.
und warm befürwortet. Der Antrag fand einſtimmige
Annahme. Ein Antrag auf Verſicherung der amtlichen
Desinfektoren gegen Krankheit und Unfall bei einer ſtaat=
lichen
Kaſſe fand einſtimmige Annahme und ſoll Großh.
Regierung zur Genehmigung unterbreitet werden. Da=
mit
war die Tagesordnung erledigt.
Am Nachmittag fand noch eine Hauptverſammlung
des Verbandes ſtatt, in welcher u. a. die Vorſtandswahlen
erfolgten. Herling=Darmſtadt wurde wieder zum
I. Vorſitzenden gewählt. Eine Beſichtigung der Darmſtäd=
ter
Rettungsſtation und ihrer Einrichtung bildete den Ab=
ſchluß
der Tagung des Verbandes.

Künſtlerfeſt.
Darmſtadt, 7. Arik.

Zum Beſten der Wohlfahrtseinrichtungen der Deut=
ſchen
Bühnengenoſſenſchaft veranſtaltete der Ortsverband
Hoftheater Darmſtadt in ſämtlichen Räumen des Städti=
ſchen
Saalbaues am Samstag abend ein Künſtlerfeſt, das
einen ſehr ſchönen und animierten Verlauf nahm, aber
nicht ſo zahlreich beſucht war, wie man es ſonſt gewohnt
iſt, was wohl auf die vorgeſchrittene Zeit und auch darauf
zurückzuführen iſt, daß in den letzten Wochen an guten
und hervorragenden Kunſtgenüſſen in Darmſtadt gerade
kein Mangel war. Das Programm des Künſtlerfeſtes war
in ſeinem erſten Teil nach dem durchaus nachahmens= und
lobenswerten Grundſatz aufgeſtellt: Wenig, aber gut,
und machte in dieſer Beziehung eine rühmliche Ausnahme
Es brachte dafür aber Kunſtgenüſſe ganz beſonderer Art:
ein Konzert der Hofkapelle unter Generalmuſikdirektor
Fritz Steinbach=Köln. Wie bei der Triſtan= Auf=
führung
am letzten Sonntag löſten die hervorragenden
Leiſtungen unſerer Hofkapelle freudige Ueberraſchung aus.
Mit Begeiſterung leiſteten unſere Hofmuſiker dem aufs
Höchſte gerichteten künſtleriſchen Wollen des Dirigenten
Gefolgſchaft, und indem ſie ſo ſich ſelbſt übertrafen, brach=
ten
ſie dieſem Wollen ein Vollbringen, das in den herr=
lichen
Tonſchöpfungen Beethovens und Brahms’ ganz
neue ungeahnte Schönheiten offenbarte. Die wunderſam
empfindungstiefe Leonoren=Ouvertüre Nr. 3 leitete den
Abend ein; ſie wurde mit reſtloſer Erſchöpfung des un=
endlich
reichen ſeeliſchen Gehalts geſpielt, und all die fei=
nen
, intimen muſikaliſchen Schönheiten, die die dramatiſche
Wucht der Kompoſition ſo wunderbar umweben, mit
meiſterhafter Herausarbeitung der Pointen entfaltet. Dann
folgte Beethovens Violinkonzert, das dem Soliſten des
Abends. Herr Hofkonzertmeiſter Guſtav Havemann=
Leipzig, Gelegenheit zur Entfaltung ſeiner fabelhaften
Technik gab. Herrn Havemanns Können hat merklich zu=
genommen
an Reife und Vertiefung. Er zeigte aufs neue
ein begnadetes Künſtlertum, das ſich am beſten darin
offenbart, daß er ſein eminentes techniſches Können nie
als ſolches brillieren läßt, ſondern es ſtets der Kunſt ſelbſt
unterordnet. Was der Künſtler gibt, iſt kein Bluff, ſon=
dern
eine Offenbarung des verſtändnisvollen Erfaſſens des
Feingehaltes der von ihm interpretierten Kunſtwerke. Was
wir an ihm beſonders ſchätzen, iſt die Größe der Auffaſſung
der Tonſchöpfungen; ſie iſt der Maßſtab ſeines Wollens,
dem die virtuoſe Technik allerdings das Können garan=
tiert
. Als letzte Nummer des Programms ergoß ſich dann
rauſchend und brauſend der Melodienreichtum der Brahms=
ſchen
Sinfonie in C=moll über das Auditorium, das ſich
atemlos lauſchend dem unendlichen Zauber dieſer über=
reichen
Fülle tonlicher Schönheiten hingab. Herr Stein=
bach
dirigierte dieſes ganze gewaltige Werk ohne Parti=
tur
. Das Publikum bereitete den beiden Künſtlern und
der Kapelle lebhafte Ovationen.
Dem Konzert folgte nach kurzer Pauſe ein Feſtball,
der den zweiten und ungleich ausgedehnteren Teil des
Programms bildete. Von 12 Uhr ab fanden in einem der
oberen Säle Kabarettvorſtellungen ſtatt, in
denen die Mehrzahl der Solokünſtler des Schauſpiels und
der Oper mitwirkte. In den Nebenſälen entwickelte ſich
ein lebhafter Baſarbetrieb. Es waren ſchön geſchmückte
Büfetts aufgeſchlagen, in denen Damen der Geſellſchaft
und die Künſtlerinnen und Künſtler, denen hunderte jun=
ger
Mädchen zur Seite ſtanden, Erfriſchungen feilboten.
Weiter waren vorhanden Blumentempel, Poſtkartenkiosk,
Sektſtände, Münchener Biergarten u. v. a. Eine Bauern=
kapelle
wechſelte mit einem Wiener Orcheſter ab, und ein
Tiroler Quartett ſang unermüdlich Jodler, Schnada=
hüpfeln
und Berglieder. Kurz, es war ein ſehr reger und
fideler Betrieb, deſſen Arrangement durch Frau Luiſe
Hacker in langen, arbeitsreichen Wochen in aufopfernder
Weiſe vorbereitet worden war. Auch Frau Prof. Lenz
und Frl. Eppenetter, die ihr helfend zur Seite ſtanden,
haben ſich hierbei ſehr verdient gemacht. Dem Konzert
hatte auch das Großherzogspaar beigewohnt.

Vermiſchtes.

Bad Homburg, 5. April. Der Frühling iſt in
dieſem Jahre ſehr früh gekommen, ſo daß die Saiſon
bereits am 1. April ihren Anfang nehmen konnte und
ſchon Ende März ein ſtattlicher Fremdenverkehr zu
verzeichnen war. Weſentlich hat dazu die Anweſenheit des
Kaiſerpaares und der Prinzeſſin Viktoria Luiſe beigetra=
gen
. Die Allerhöchſten Herrſchaften unternehmen täglich
Spaziergänge in die reizende nähere oder weitere Um=

[ ][  ][ ]

Nummer 80.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.

Seite 7.

gebung unſerer Stadt oder Autofahrten in den Taunus,
wo eben die Buchen die erſten Blättchen zeigen. Weit
mehr vorgeſchritten iſt natürlich die Vegetation im Kur=
park
, wo alles grünt und blüht wie ſonſt im Mai. Zahl=
reiche
Spaziergänger beleben ſchon jetzt den Park. Der
Eliſabethbrunnen. Landgrafen= und Auguſta= Viktoria=
brunnen
ſind bereits geöffnet und die Trinkkur hat ſich
ſchon ganz hübſch entwickelt. Wie alljährlich, ſo hat auch
diesmal die Kurverwaltung eine Reihe von Neuerungen
und Verbeſſerungen im Kurbetrieb geſchaffen. Unermüd=
lich
auf wichtige Aenderungen im Intereſſe der Gäſte ſin=
nend
, iſt man auch zu einer teilweiſen, ſehr vorteilhaften
Umgeſtaltung des Kurgartens übergegangen, die jetzt
vollendet iſt und ſicher allgemeiner Zuſtimmung begegnen
wird. Der Homburger Kurgarten gehört dank ſeiner
landſchaftlichen Umgebung zu den ſchönſten derartigen An=
lagen
, die Ausſicht von der Terraſſe hat ihresgleichen
nirgends mehr; mit Bewunderung genießt jedermann den
herrlichen Blick in die idylliſche Landſchaft. Wer den
Park beſucht, wird dort angenehm empfinden, daß man
den Wünſchen des Kaiſers nach Schaffung weiterer Licht=
ungen
gerecht geworden iſt. Es ſind dadurch Durchblicke
nach den Taunusbergen geſchaffen, die unvergleichlich ſchön
ſind. Hotels und Kurvillen haben ihre Pforten bereits
geöffnet, die Frühjahrsſaiſon hat mit einer ſtarken Be
ſucherzahl eingeſetzt und es ſteht zu erwarten, daß bereits
die nächſten Wochen noch erheblich mehr Gäſte bringen.

Darmſtadt, 7. April.
* Hanns Pellar hat ſoeben ein Porträt der
Prinzeſſin Viktor zu Erbach=Schönberg fertig geſtellt.
Das Bild, das am Mittwoch nach Wien zur Ausſtellung
geht, iſt morgen Dienstag im Atelier des Künſtlers von
101 Uhr vormittags ausgeſtellt.
Vermißt. Der Schüler Wilhelm d’ Alleux,
geboren am 5. März 1894, Sohn des Kgl. Bezirkstier=
arztes
d’Alleux in Frankenthal (Pfalz), iſt am Montag,
den 31. März, abhin vormittags mit dem Zug 9.02 Uhr
von dort in der Richtung Worms=Goddelau= Darm=
ſtadt
=Aſchaffenburg abgereiſt, um in die Realſchule
Miltenberg (Unterfranken) einzutreten, wo er nachmittags
mit Zug 2.25 Uhr hätte eintreffen ſollen. Der Gemeinte,
welcher das Semeſtergeld, 350 Mk. in Gold, mit ſich
führte, iſt an ſeinem Beſtimmungsorte nicht angekommen
und ſeit ſeiner Abreiſe ſpurlos verſhwunden. Die ge=
löſte
Fahrkarte 3. Klaſſe lautete bis Aſchaffenburg. Das
als Paſſagiergut aufgegebene Gepäck kam in Milten=
berg
an. Seine Eltern vermuten, daß dem Ver=
mißten
auf der Reiſe ein Leid zuſtieß oder daß
er einem Verbrechen zum Opfer fiel und ſeiner Bar=
haft
beraubt wurde; andererſeits wird vermutet, daß
er Werbern behufs Eintritt zur Fremdenlegion in
die Hände gefallen iſt. d’Alleux iſt ſchlank, blond, hat
friſches Geſicht, jugendliches Ausſehen, trug braunen
Sackanzug, braunen Ulſter, braunen weichen Filzhut,
neue ſchwarze Schnürſchuhe mit Lackkappen, ſchwarzlederne
Handtaſche, Schirm und Reißſchiene und beſaß auf
ſeinen Namen lautende Legitimationen. Auf ſeine Er=
mittelung
ſtellen die Eltern eine namhafte Belohnung
in Ausſicht.

Offenbach, 5. April. In der Nähe des Bahnhofs
wurden heute nachmittag gegen 6 Uhr zwei Kinder
von einem Lokalbahnzug, der eben nach Frankfurt aus=
uhr
, überfahren. Die beiden Kinder waren ſofort tot.
Die Namen ſind noch nicht feſtgeſtellt.

Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)

Homburg v. d. H., 5. April. Nach der Frühſtücks=
tafel
beſuchte das Kaiſerpaar mit den niederländiſchen
Herrſchaften die Erlöſerkirche, worauf die letzteren nach
Hohemark zurückkehrten. Am ſpäteren nachmittag machte
der Hof auch den gewohnten Ausflug in den Taunus.
* Homburg v. d. H., 6. April. Der geſamte
Hof nahm heute vormittag an dem Gottesdienſt in der
Erlöſerkirche teil. Der Kaiſer machte ſpäter einen Spazier=
gang
. Die Kaiſerin machte, begleitet von dem Prinzen
Adalbert und der Prinzeſſin Viktoria Luiſe, der Königin
Wilhelmina der Niederlande einen Gegenbeſuch auf
der Hohemark. Zur Frühſtückstafel im Schloß Homburg
waren geladen General Hildemann, Baurat Jakobi und
Pfarrer Füllkrug. Heute abend trifft hier Prinz Ernſt
Auguſt, Herzog zu Braunſchweig und Lüneburg, ein; er
nimmt im Schloß Wohnung.
Kreuznach, 5. April. (Amtlich.) Heute früh 4 Uhr
50 Min. traten vor dem Bahnhof Gundersheim an
der Stelle, wo der Eiſenbahndamm infolge ſchlechten
Untergrundes ſchon mehrmals gerutſcht war, erneut
Rutſche ein. Hierdurch iſt das Hauptgleis Nieder=
flörsheim
=Gundersheim unterbrochen. Der Verkehr wird
bis auf weiteres durch Umſteigen aufrechterhalten.
* Barmen, 6. April. Der 18. chriſtlich=ſoziale
Kongreß iſt heute in Gegenwart von 6000 Perſonen
mit einem Gottesdienſt eröffnet worden.
* Hamburg, 5. April. Wie alljährlich, fand heute
im Hotel Atlantic das von dem Oſtaſiatiſchen
Verein gegebene Liebesmahl ſtatt, an dem u. a.
Prinz Waldemar von Preußen, Bürgermeiſter
Schröder und der preußiſche Geſandte v. Bülow teil=
nahmen
. Nachdem der Vorſitzende des Vereins bei der
Begrüßung ein Hoch auf den Kaiſer und die Stadt
Hamburg ausgebracht hatte, ſprach Bürgermeiſter
Schröder über die politiſchen Verände=
rungen
der letzten Zeit in China und Japan und
betonte die Wichtigkeit der deutſchen Handelsbeziehungen
in Oſtaſien und der Verſtärkung der deutſchen Flotte.
Der Redner ſchloß mit einem Hoch auf den Oſtaſiatiſchen
Verein. Der letzte Redner des Abends gedachte in
längeren Ausführungen der in Oſtaſien weilenden
Landsleute.
* Wien, 5. April. Der Tiſchlergeſelle Freiber=
ger
, welcher aus München hierher kam, um den Land=
tagsabgeordneten
Kunſchak, den Bruder des Mörders
des Abgeordneten Schuhmeier zu töten, wurde wegen
gefährlicher Drohung zu zwei Jahren ſchweren Kerkers
verurteilt
Salzburg, 5. April. In Nußdorf bei Oberndorf
brach in einem Gaſthauſe Feuer aus, deſſen Ausbreitung
vom Winde begünſtigt wurde. Es ergriff die Kirche
und den Kirchturm, der einſtürzte. Die Kirche
brannte gleichfalls aus und iſt dem Einſturz nahe. Bis=
her
wurden 21 Häuſer eingeäſchert.
Aus Salzburg iſt
militäriſche Hilfe requiriert worden.
* Peſt, 5. April. Die Königliche Tafel annu=
lierte
als Berufungsinſtanz das Urteil erſter Inſtanz
in dem Verleumdungsprozeß des Miniſterpräſidenten
Lukacs gegen den Abgeordneten Deſy und ordnete ein
neues Beweisverfahren auf der ganzen Linie mit Aus=
nahme
der die Klaſſenlotterie betreffenden Angelegen=

heit an und verwies die Sache zur neuerlichen Verhand=
lung
an die erſte Inſtanz zurück.
* Fiume, 5. April. Die geſtrigen Verhandlungen zur
Beilegung des Streiks auf den Ganz=Danubius=
Werften ſind reſultatlos geblieben. Einer Blätter=
meldung
zufolge traf geſtern ein Delegierter der Heeres=
verwaltung
ein, um die Urſache der Arbeiterausſperrung
gründlich zu unterſuchen und feſtzuſtellen, welche Wirkung
der Streik auf den für die Lieferung des Dreadnoughts
feſtgeſetzten Termin ausüben kann. Von dem Ergebnis
der Unterſuchung wird es abhängen, ob die Heeresverwal=
tung
der Ganz=Danubiuswerft eine Verlängerung der
Lieferungsfriſt gewähren wird. Angeblich ſoll der Ver=
treter
des Kriegsminiſteriums auch mit den Arbeitern
Fühlung nehmen, um dem Kriegsminiſterium einen voll=
ſtändigen
Bericht vorlegen zu können.
2
Paris 5. April. Der anarchiſtiſche Bandit
Laeoube floh heute vormittag von dem Gefängnishof,
wo er unter Bewachung einen Spaziergang machte, auf
das Dach, ſtürzte ſich, als er ein Entkommen als unmög=
lich
erkannte, hinab und blieb auf der Stelle tot.
Paris, 5. April. Den Blättern zufolge ſoll der
amerikaniſche Milliardär W. Vanderbilt das Schloß
Chenonceaux, welches kürzlich von Staats wegen als
hiſtoriſches Baudenkmal erklärt wurde, bei der heutigen
Verſteigerung um 1717000 Francs gekauft haben.
* Paris, 6. April. Der von der Regierung ge=
plante
Geſetzentwurf über die Regelung der
Luftſchiffahrt wird vom Miniſter der öffentlichen
Arbeiten vorbereitet werden. Nach einer offiziöſen Mel=
dung
werden in dem Entwurf u. a. folgende Punkte be=
handelt
werden: Beſtimmung der nationalen Luftfahr=
zeuge
, Regelung der Luftſchiffahrt von ſteuer= und zoll=
politiſchen
Geſichtspunkten aus, Fragen der nationalen
Verteidigung und Regelung der Luftſchiffahrt vom Ge=
ſichtspunkte
der Sicherheit. Im weſentlichen dürften die
Beſtimmungen der Seeſchiffahrt als Grundlagen für die
Luftſchiffahrt dienen. Man glaubt, daß man anläßlich
des Vorkommniſſes von Luneville die ſeinerzeit abge=
brochenen
Arbeiten in der Konferenz für internationale
Luftſchiffahrts=Geſetzgebung in nicht allzu ferner Zeit von
neuem aufnehmen dürfte.
* London, 5. April. Die große Tribüne des
Rennplatzes in Ayr in Schottland geriet heute um Mit=
ternacht
in Brand und wurde vollſtändig zerſtört. Der
Schaden wird auf 3000 Pfund Sterling geſchätzt. An
der Brandſtelle aufgefundene Zettel weiſen darauf hin,
daß es ſich um die Tat von Anhängerinnen des
Frauenſtimmrechts handelt.
London, 5. April. In Kelſo in Schottland wurden
heute vormittag zwei Frauenrechtlerinnen ver=
haftet
in dem Augenblicke, als ſie eine große Tribüne
des Rennplatzes in Brand ſtecken wollten. Sie
hatten bereits mit Petroleum getränkte Papierſtücke an=
gezündet
.
* Helſingfors, 5. April. Der Landtag hat die end=
gültige
Faſſung der Geſetzesvorlage betreffend die Be=
rechtigung
von Perſonen ruſſiſcher Herkunft zur gewerb=
lichen
Niederlaſſung angenommen. Der Landtag hat fer=
ner
einer Geſetzesvorlage zugeſtimmt, nach welcher den
Ruſſen Rechte hinſichtlich der Kommunalverwaltung zu ge=
währen
ſind.

Potsdam, 5. April. Zu dem Verbrechen
dem die hier wohnende Privatiere Gertrud v. Schönfeld
zum Opfer fiel, wird jetzt gemeldet, daß als Täter ein
Mann in Frage kommen dürfte, der ſich dem Antiquitäten=
händler
Händel als Uhrmacher Guhle vorſtellte und die
im Beſitz der Verſtorbenen geweſenen Miniaturen verkaufte.
München, 6. April. Im Walchenſee ertränkte
ich geſtern ein Poſtſekretär aus München mit ſeinen
beiden Kindern im Alter von 5 und 8 Jahren. Nach
hinterlaſſenen Briefen hat ein Nervenleiden ihn in den
Tod getrieben.
Zoſſen, 5. April. Ein großer Waldbrand
brach auf dem Truppenübungsplatze Zehrensdor
aus. Bisher konnten Militär und Feuerwehren den
Brand nicht bewältigen. Das Feuer ſoll durch Unacht=
ſamkeit
von Waldarbeitern entſtanden ſein, die ihr Mit=
tageſſen
dort abkochten.
Hamburg, 6. April. Heute früh fand bei den
Kokswerken am Indiakai eine Keſſelexploſion
ſtatt, bei der zwei Mann ſchwer verletzt wurden; einer
iſt bereits geſtorben, der andere dürfte kaum mit dem
Leben davonkommen.

Schiffsunglück.

Aſtoria, (Oregon), 7. April. Der deutſche Vier=
maſter
Mimi aus Hamburg kenterte, als er von
einem Riff abgeſchleppt wurde. Die Beſatzung von
30 Mann einſchließlich des Kapitäns Weſtphal iſt
ertrunken.
(Schluß des redaktionellen Teils.)

Für unſere Kleinen,
Jede Mutter findet in Califig dem
bekannten originalen kaliforniſchen Feigen=
Men
Syrup, einen wahren Freund für ihre
Kinder. Califig bewährt ſich bei Ver=
ſtopfung
, ſchlechter Verdauung und deren
10
N
Folgen, indem es den Stuhlgang milde
(c,
anregt und dem Eintritt chroniſcher Ver=
ſtopfung
vorbeugt. Sein lieblicher Ge=
e

ſchmack behagt den Kindern ſo, daß ſie
won
Caliſig immer gerne nehmen.
Hr
1,50 die
In allen Apotheken zu hal
hen
Mk. 230. Beſt.;
aſche. Ext
große Flaſe

Senn. Iqu. 20, Ellx.
Syr. Aci Californ. 75, E
Caryoph. comp. 5.

Auch der harknäckigſte Huſten
hält den erprobten Wyberk=Tabletten nichk ſtand, ſo ſteht in
einem der zahlreichen Zeugniſſe über dieſes ausgezeichnete Mitkel zu leſen.
5
Wer irgend zu Erkälkung neigk, viel zu ſprechen hak, ſeinen Hals ſchonen
muß, läßk ſie nie ausgehen und nimmt ſie regelmäßig, wobei er immer
von neuem ihre erfriſchende und wohlkuende Wirkung verſpürt. Die
Schachtel koſtek in allen Apotheken und Drogerien 1 Mark.
Aus dem Geſchäftsleben.
Man ſchreibt uns: Eine große Fabrik=Anlage
an der Gemarkungsgrenze Darmſtadt, neben der W. Gg.
Ottoſchen Gießerei, geht gegenwärtig der Vollendung ent=
gegen
. Nachdem die Elektrotechniſchen Werke, G. m. b. H.
zu Darmſtadt, wiewohl beſtens blühend, aus privaten
Gründen ſich auflöſte, ſetzte eine neue Geſellſchaft unter
dem Namen Deka, Darmſtädter Exhauſtoren=,
Klein=Motoren= und Apparate=Fabrik,
G. m. b. H., nach Uebernahme eines größeren Teiles der
Maſchinen, Einrichtungen uſw., der alten Beamten und
Arbeiter, die Fabrikation erneut fort. Die neu gebildete
Geſellſchaft erſtand an der Gemarkungsgrenze Darmſtadt
neue eigene Grundſtücke von 18500 Quadratmeter Fläche.
Die Fabrikanlage wurde nach den Einteilungen und Ent=

würfen des Direktors der Geſellſchaft errichtet und nach
den darauf gegründeten Bauzeichnungen der Firma Valen=
tin
Hofmann in Griesheim, von dieſer ausgeführt. Die
Anlage beſteht im gegenwärtigen erſten Ausbau aus einem
zweiſtöckigen Verwaltungsgebäude von 18 Meter Länge,
einem anſtoßenden Fabrikbau von 90 Meter Länge, einem
Materialbau mit Wagenremiſen von 55 Meter Länge
und ferner aus einem beſonderen Garderobebau von 22
Meter für die Arbeiter, welcher in praktiſcher Weiſe an
das Fabrikgebäude angeſchloſſen iſt, und einem Pförtner=
hausgebäude
. Mit den einzelnen Arbeiten der Neubauten
wurden ausſchließlich Darmſtädter und Griesheimer Fir=
men
betraut. Die Eröffnung der neuen Fabrikanlage iſt
für den Monat Mai bezw. Juni 1913 feſtgeſetzt.

Preisherabſetzung für Metalldrahtlampen.
Man ſchreibt uns aus Berlin: Die Siemens & Halske
Aktiengeſellſchaft hat die Liſtenpreiſe ihrer Wotan= und
Tantal=Metalldrahtlampen um ca. 25% heruntergeſetzt.

Dampfernachrichten.

Hamburg=Amerika=Linie. Mitgeteilt von dem
Vertreter: Adolph Rady in Darmſtadt, Zimmerſtraße 1
Nordamerika: Hoerde von Neworleans kommend,
1. April 5 Uhr nachm. in Hamburg. Preſident Lin=
coln
, von New=York kommend, 2. April 1 Uhr 20 Min.
morgens auf der Elbe. Wasgenwald 29. März 5 Uhr
nachm. von Philadelphia nach Hamburg. Südamerika,
Weſtküſte Amerikas: Bermuda, von dem La Plata
kommend, 1. April morgens in Liſſabon. Etruria von
dem La Plata kommend, 1. April 8 Uhr abends in
Hamburg. König Friedrich Auguſt nach dem La
Plata, 1. April 2 Uhr nachm. von Liſſabon. Oſt=
aſien
: Braſilia 1. April 5 Uhr 20 Min. nachm. von
Cuxhaven nach Algier. Goldenfels, von Oſtaſien kom=
mend
, 2. April 8 Uhr morgens in Hamburg. Pathan
1. April 7 Uhr 30 Min. morgens von Liverpool nach
Wladiwoſtock. Verſchiedene Fahrten: C. Ferd. Laeisz‟,
von Indien kommend, 1. April von Malta nach Ham=
bur
. Ekbatana von Perſien kommend, 1. April 9 Uhr
30 Min. abends in Hamburg. Kurmark 1. April von
Suez nach Colombo.
Nordd. Lloyd, Bremen. Mitgeteilt von dem Ver=
treter
Anton Fiſcher in Darmſtadt, Frankfurterſtr. 12/14.
George Waſhington 31. März 6 Uhr vorm. in Bremer=
haven
. Neckar 31. März 3 Uhr nachm. in Balti=
more
angekommen. Prinz Friedrich Wilhelm 31. März
4 Uhr nachm. in New=York angekommen. Main
31. März 12 Uhr 30 Min. Lizard paſſiert. Derfflinger
31. März 4 Uhr nachm. in Neapel angekommen. York
31. März 1 Uhr nachm. in Hongkong angekommen.
Prinzeß Alice‟ 31. März 10 Uhr vorm. in Yokohama
angekommen. Roon31. März 6 Uhr vorm. in Adelaide
angekommen. Zieten 31. März 11 Uhr abends von
Suez nach Auſtralien abgegangen. Weſtfalen 31. März
10 Uhr abends in Bremen angekommen. Franken
31. März 7 Uhr nachm. Gibraltar paſſiert. Schwaben
31. März 1 Uhr nachm. von Port Said nach Bremen
abgegangen. Göttingen 31. März 12 Uhr mittags in
Sydney angekommen. Alrich 30. März 6 Uhr vorm.
von Genua nach Auſtralien abgegangen. Sierra Ne=
vada
30. März in Antwerpen angekommen. Alſter
30. März in Galveſton angekommen. Wittekind
1. April von Hamburg nach Bremen abgegangen.
Würzburg 30. März von Oporto nach Bremen ab=
gegangen
. Prinz Heinrich 31. März 6 Uhr vorm. in
Marſeille angekommen. Prinzregent Luitpold 31. März
12 Uhr mittags in Alexandrien angekommen. Schleswig‟
31. März 3 Uhr nachm. von Korfu nach Venedig ab=
gegangen
. Manila 31. März von Amboine nach
Singapore abgegangen.
Holland=Amerika=Linie. Mitgeteilt von dem
Vertreter Aug. Cellarius in Darmſtadt, Bleichſtr. 53.
Rotterdam 27. März nachm. in Rotterdam eingetroffen.
Nieuw Amſterdam 1. April vorm. von New=York ab=
gegangen
. Noordam 1. April vorm. in New=York ein=
getroffen
. Ryndam 30. März 3,10 Uhr nachm. Scilly
paſſiert. Potsdam 25. März vorm. von New=York
abgegangen.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe aufrichtiger Teil=
nahme
und die zahlreiche Beteiligung bei der
Beerdigung unſeres lieben Vaters, Schwieger=
(*9359
vaters und Großvaters, des
Herrn
Friedrich Korell
ſagen wir Allen, insbeſondere dem Herrn Pfarr=
aſſiſtenten
Lic. Adolph für die troſtreichen Worte
am Grabe und ferner für die vielen Blumenſpen=
den
unſeren herzlichſten Dank.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Ludwig Korell.
Darmſtadt, den 5. April 1913.

Tageskalender.

Großh. Hoftheater. Anfang 7 Uhr, Ende gegen
10½ Uhr (Ab. D): Die Wildente‟
Konzert des Mozart=Vereins um 8 Uhr im Saalbau.
Miſſionstee des Hilfsvereins der Baſeler Frauen=
miſſion
um 4 Uhr im Feierabend (Stiftſtraße).
Monatsverſammlung des Vereins für Vogel= und
Geflügelzucht um 9 Uhr in der Krone.

Verſteigerungskalender.
Dienstag, 8. April.

Dünger=Verſteigerung um 8½ Uhr in der
Artillerie=Kaſerne (Regt. Nr. 25), um 9½ Uhr in der
Dragoner=Kaſerne (Regt. Nr. 23).
Stammholz=Verſteigerung um 9 Uhr ( Zuſam=
menkunft
auf der Chauſſee Meſſel-Urberach an der
Schmallenbruchſchneiſe).

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeze;
für den Inſeratenteil, Inſeratbeilagen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftsleben: Hans Heitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

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Seite 8.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.

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vom 1. Oktober 1911 bis 1. Januar 1913.
Einnahmen.

Kaſſenbeſtand am 1. Oktober 1911
Durch die Büchſe in den Sitzungen
Durch die Kollekte der außerordentl. Mitglieder
Gaben von beſonderen Wohltätern . . .
Ertrag einer Extraſammlung.
Ertrag der Weihnachtslotterie v. 1911 u. 1912
Durch Kirchenkollekten
Außerordentliche Gabe d. Fräulein Frank.
Beſondere Weihnachtsgaben 1911 und 1912
Gaben für Erſtkommunikanten . . . . . .
Für Erziehungszwecke
.,,,,,
Gaben für weißes Brot . . . . . . . .
, ,
Zinſen von Legaten .
Zuſammen
Ausgaben.

St. Ludwig

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573.65
367.96
398.
313.05
667.54
476.-
357.25
200.-
88.
180.50
158.50
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St. Eliſabethſ

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St. Martin einnahmen

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260.
188.55
351.
128.30
300.
263.
129.50

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Für Kohlen und Briketts . . . . . . . .
Für Lebensmittel
a) Brot
,,,
b) Kartoffeln . .
.,,,,
c) Fleiſch und Fett
d) Reis, Hülſenfrüchte und Mehlwaren. .
e) Eier, Milch, Wein, Kakao . .
,,
f) Kaffee
,.,.,
Für Erziehungszwecke .
Koſten der Weihnachtsbeſcheerung für 1912
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Nummer 80.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.

Seite 9.

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[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.

Nummer 80.

Sankfur Handelund mnaustrie
Bilanz per 31. Dezember 1912


Aktiva
2.
21989976/13
Kasse, fremde Geldsorten und Kupons
Guthaben bei Noten- und Abrechnungs-
24652252154
(Clearing-) Banken
Wechsel u. unverzinsl. Schatzanweisungen
a) Wechsel (mit Ausschluss von b, C,
u. unverzinsliche Schatzanweisungen
des Reichs und der Bundesstaaten . 112003850718g
770866/185
b) eigene Akzepte
,
,
c) eigene Ziehungen
11647118
d) Solawechsel der Kunden an die Order
20530/52/120946376144
der Bank .
5683484952
Nostroguthaben bei Banken u. Bankfirmen
Reports u. Lombards gegen börsengängige
124729505l82
Wertpapiere .
(Vorschüsse auf Waren und Warenver-
8981972110
schiffungen
davon am Bilanztage gedeckt:
a) durch Waren, Fracht-
2416741.59
und Lagerscheine .
b) durch and. Sicherheiten 2991000.60
Eigene Wertpapiere
a) Anleihen und verzinsliche Schatz-
anweisungen
des Reichs und der
17017028130
Bundesstaaten .
b) sonstige bei der Reichsbank und
anderen Zentralnotenbanken beleih-
bare
Wertpapiere
5235 223/15
c) sonstige börsengängige Wertpapiere 1797872812.
7015 661178l 47246641146
d) sonstige Wertpapiere . . . . .
45 440304187
Konsortialbeteiligungen
Dauernde Beteiligungen bei anderen Banken
19064209195
und Bankfirmen
Debitoren in laufender Rechnung
1337854890196
)gedeckte . .
, ,,
b) ungedeckte . . . . . . . . . . 71163512/731409018403/69
c) Aval- u. Bürgschafts-
debitoren
. . . . . 37577594.66
15 461904/98
Bankgebäude
163385/63
Sonstige Immobilien . . . . . . . . .
(894529783/13



Passiva
3
160000000
Aktien-Kapital . . . .
32000000
Reserven . . . . . . . . . . . .
Kreditoren:
17402160
a) Nostroverpflichtungen
b) seitens der Kundschaft bei Dritten
2623 418198
benutzte Kredite
c) Guthaben Deutscher Banken und
32194596178
Bankfirmen .
d) Einlagen auf provisionsfreier Rechnung
53718 188/51)
1. innerhalb 7 Tagen fällig
2. darüber hinaus bis zu 3 Monaten
. . 1 6872251256
fällig .
3. nach drei Monaten fällig . . . 3949930939
e) sonstige Kreditoren
171808 132195
1. innerhalb 7 Tagen fällig
2. darüber hinaus bis zu 3 Monaten
154557574193
fällig
3. nach 3 Monaten fällig . . . . 24293749180/54759150550
Akzepte und Schecks
13847848518z
a) Akzepte
1999891/381140478377120
b) noch nicht eingelöste Schecks . .
c) Aval- u. Bürgschafts-
verpflichtungen
. . . 37577594.66
168 907.63
Eigene Ziehungen
davon für Rechnung Dritter 1052436.45
Weiterbegeb. Solawechsel
der Kunden an die Order
der Bank
,
Sonstige Passiva:
22432198
Unerhobene Dividende . . . . . .
1600000
Talonsteuer-Reserve .
Verrechnungskonto der Zentrale mit
den Filialen und Niederlassungen . 1682167/42l 330460040
1115530009
(Gewinn- und Verlust-Konto . . . .
804 525 785ſ1s

Gewinn- und Verlust-Konto pro 1912

Soll
4 ſo. 4. (6
Geschäfts-Unkosten:
Handlungsunkosten (einschliesslich der
Tantiémen an den Vorstand u. die Ober-
beamten
im Betrage von 1566 623.27,
9507668(32
verteilt auf 183 Köpfe) . . . . .
118279787
Steuern .
Gratifikationen an die Beamten ( Weih-
nachten
, Abschluss, Invaliden-u. Kranken-
versicherung
, Teuerungszulage), Ehren-
gaben
an Beamte, Zuwendung an die
Pensionskasse u. für wohltätige Zwecke 1 1952080167l 12642546186
Abschreibung auf Immobilien und Mobilien
568270/95
Talonsteuer-Reserve . . . . . .
,
620000
Gewinn-Saldo . . . . . . . . . . .
11155300103
Verwendung des Gewinnes:
1. Dividende pro 1912v. 6½% 10400000.
280000.-
2. Tantiémen d. Aufsichtsrats
3. Gewinn-Vortrag. . . . 475300.03
249801170t
3
4 ſ6 4
Haben
Provisionen .
., ,
951847173
Zinsen:
)Zinsen- und Wechsel-Konto
10020063/94
b) aus dauernden Beteiligungen bei an-
deren
Banken und Banküirmen .
1150383/36
69655572) 11867003102
c) aus Valuten . . .
,
Gewinne aus Effekten
158689194
Gewinne aus Finanzoperationen . .
1526593/85
20246/20
Diverse Eingänge .
Gewinn-Vortrag von 1911 . . . . . . .
466911/10
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Wir bringen hiermit zur Kenntnis, dass der Gewinnanteil für das Ge-
schäftsjahr
1912
für die Aktien à Mk. 1000 auf Mk. 65.
à 1. 250 27.85 1 pro Aktie
, ,
,
estgesetzt wurde. Die Auszahlung erfolgt gegen Einreichung der Gewinn-
anteilscheine
No. 12 bzw. No. 8 sofort:
bei den Kassen unserer Niederlassungen in Berlin ( Schinkel-
platz
14), Darmstadt, Bamberg, Beuthen O.-S., Breslau, Cott-
bus
, Düsseldorf, Forst i. L., Frankfurt a. M., Frankfurt a. O.,
Freiburg i. B., Fürth (Bayern), Glessen, Glatz, Gleiwitz, Görlitz,
Greifswald, Guben, Habelschwerdt, Halle a. S., Hamburg,
Hannover, Jauer, Kattowitz, Kreuzburg, Landau (Pfalz), Lauban,
Lelpzig, Leobschütz, Ludwigshafen a. Rh., Mannheim, Mün-
chen
, Myslowitz, Neustadt (Haardt), Neustadt (O.-S.), Nürnberg,
Offenbach a. M., Oppeln, Prenzlau, Quedlinburg, Ratibor,
Rybnik, Sorau (N.-L.), Spremberg, Stargard i. P., Stettin, Strass-
burg
i. E., Wiesbaden, Zabrze und Ziegenhals
sowie in Augsburg bei den Herren Gebr. Klopfer,
Braunschweig bei der Braunschweigischen Bank und
Kreditanstalt Aktien-Gesellschaft,
Bremen bei der Deutschen Nationalbank Kommandlt-
Gesellschaft auf Aktien,
Cöln bei den Herren Sal. Oppenheim jr. & Co.
und bei dem A. Schaaffhausen’schen Bankverein,
Dortmund bei der Deutschen Nationalbank Kommandit-
Gesellschaft auf Aktien,
Dresden bei den Herren Albert Kuntze & Co.,
Essen a. d. Ruhr bei Herrn Simon Hirschland.
Glogau bei Herren H. M. Fliesbach’s Wwe.,
Grünberg 1. Schl. bei Herrn H. M. Fllesbach’s Wwe.,
Hamburg bei den Herren Joh. Berenberg, Gossler & Co-,
Hannover bei den Herren Ephraim Meyer & Sohn,
Hellbronn bei den Herren Rümelin & Co.,

Karisruhe bei Herrn Veit L. Homburger,
Königsberg i. Pr. bei der Ostbank für Handel u. Gewerbe,
Mainz bei den Herren Schmitz, Heidelberger & Co.,
München bei den Herren Merck, Finck & Co.
und bei der Baverischen Handelsbank,
Nürnberg bei der Vereinsbank,
Osnabrück bei der Deutschen Natlonalbank Kommandit
Gesellschaft auf Aktien,
Pforzheim bei den Herren Fuld & Co.,
Posen bei der Ostbank für Handel und Gewerbe.
Rostock bei der Vereinsbank in Wismar, Filiale Rostock,
Stuttgart bei der Württembergischen Bankanstalt vorm.
Pflaum & Co.,
bei der Württembergischen Verelnsbank
und bei der Königl. Württembergischen Hofbank,
G. m. b. H.,
Wismar bei der Verelnsbank in Wismar,
Amsterdam, für die Niederlande, bei der Amsterdamschen
Bank,
Wien bei der K. K. priv. Bank und Wechselstuben-Aktien-
Gesellschaft Mercur‟.
Nach dem 30. April 1913 werden die Gewinnanteilscheine nur bei
den Niederlassungen unserer Bank ausbezahlt.
Die neuen Dividendenscheinbogen zu unseren Aktien werden im
Dezember ds. Js. zur Ausgabe gelangen.
Berlin und Darmstadt, den 4. April 1913.
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[ ][  ][ ]

Nummer 80.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.

Seite 11.

Amtliche Nachrichten des Großh. Polzeiamts Darmſtadt.
Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde: In polizei=.

licher Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 2 Pinſcher (zugelaufen). Die Hunde können von den
Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt werden. Die Verſteige=
rung
der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werktag
vorm. um 10 Uhr, ſtatt.
(8267

Bekanntmachung.

Wir ſehen uns veranlaßt, die nachſtehende Polizeiverord=
nung
für die Stadt Darmſtadt, betreffend die Ver=
hütung
von Geſundheitsgefahren bei dem Betriebe
von Backereien, vom 12. April 1897 und 21. März 1899,
erneut bekannt zu machen. Dabei weiſen wir beſonders auf die
§§ 4 und 6 dieſer Verordnung hin. Die Schutzmannſchaft iſt ange=
wieſen
, auf die genaue Befolgung der genannten Verordnung zu achten.
Darmſtadt, den 2. April 1913.
Großherzogliches Polizeiamt.
Gennes.

Polizeiverordnung
für die Haupt= und Reſidenzſtadt Darmſtadt,

betreffend die Verhütung von Geſundheitsgefahren bei dem Betriebe
von Bäckereien.
Vom 12. April 1897 und 21. März 1899.
§ 1. Die in Bäckereien den Arbeitern (Geſellen, Gehilfen und
Lehrlingen) zugewieſenen Schlafräume müſſen entweder ordnungs=
mäßig
unterkellert oder gegen die Bodenfeuchtigkeit anderweit aus=
reichend
geſchützt ſein, ſowie mit trockenem (feſtgedielten, zementierten
oder aſphaltierten) Fußboden verſehen ſein. Für jeden Arbeiter muß
ein Luftraum von mindeſtens 10 Kubikmeter in jedem Schlafraum
vorhanden ſein. Die Schlafräume müſſen mit Fenſtern verſehen ſein,
welche die direkte Luftzuführung von außen ermöglichen. Auf den
Kopf der zuläſſigen höchſten Zahl von Bewohnern ſoll mindeſtens
¼ QLuadratmeter Fenſteröffnung vorhanden ſein.
§ 2. Für jeden Arbeiter muß in dem Schlafraum eine be=
ſondere
Lagerſtätte und entweder in dem Schlafraum oder in einem
neben demſelben gelegenen Raume eine beſondere Waſchvorrichtung
vorhanden ſein. Schlafräume, Lagerſtätten und Waſchvorrichtungen
ſind ſtets in einem, den ordnungsmäßigen Gebrauch ermöglichenden
ſauberen Zuſtande zu erhalten.
§ 3. (Aufgehoben.)
§ 4. Mehl und Backwaren ſind in geeigneten Be=
hältern
aufzubewahren und zu transportieren, ſowie gegen
Verunreinigung ausreichend zu ſchützen. Insbeſon=
dere
müſſen die zum Transport der Backwaren
dienenden Körbe, Mahnen uſw. ſtets in reinlichſtem Zu=
ſtande
erhalten werden und dürfen nicht zur Auf=
bewahrung
anderer Gegenſtändeverwendet werden.
Ebenſo muß ſich das die Backwaren herumtragende Per=
ſonal
beſonderer Reinlichkeit auch in der Kleidung
befleißigen und bei dem Transport jede Verun=
reinigung
der Backwaren durch Ueberdecken der Körbe
mit reinen Decken von heller Farbe vermeiden.
§ 5. In jeder Backſtube muß eine an die ſtädtiſche Waſſerleitung
unmittelbar angeſchloſſene Waſcheinrichtung vorhanden ſein, welche
das Abſpülen der Hände und Arme ermöglicht.
Sind die räumlichen Verhältniſſe der Backſtube derartig, daß für
die Anbringung der Waſchvorrichtung kein geeigneter Platz vorhanden
iſt oder daß die in der Backſtube aufgeſtellten oder gebrauchten Back=
materialien
oder Geräte bei Benützung einer daſelbſt angebrachten
Waſchvorrichtung der Gefahr einer Verunreinigung ausgeſetzt würden,
ſo iſt die Waſchvorrichtung in dem Backhauſe, inſofern dieſes unmittel=
bar
an die Backſtube anſtößt, oder, wenn dies untunlich iſt, in einem
unmittelbar an die Backſtube anſtoßenden, jederzeit leicht zugänglichen
Raum anzubringen.
§ 6. Der Arbeitgeber darf keinen Arbeiter beſchäftigen,
welcher an einer anſteckenden und ekelerregenden Kränkheit leidet.
Tritt eine ſolche Krankheit bei einem im Dienſt befindlichen Arbeiter
ein, ſo iſt von dem Erkrankten die Arbeit im Bäckereigewerbe bis zur
vollſtändigen Heilung einzuſtellen. In dieſem Falle ſind die Lager=
ſtätten
und die ſonſt vom Arbeiter benutzten Gegenſtände gehörig zu
reinigen und, ſoweit nötig, in der ſtädtiſchen Desinfektionsanſtalt zu
desinfizieren.
§ 7. Zuwiderhandlungen gegen die vorſtehenden Beſtimm=
ungen
werden falls nicht andere geſetzliche Beſtimmungen, ins=
beſondere
diejenigen des Geſetzes vom 1. Juli 1893, betreffend die
polizeiliche Beaufſichtigung der Mietwohnungen und Schlafſtellen,
verletzt ſind mit Geldſtrafe bis zu 30 Mark beſtraft.
Sofern infolge obiger Vorſchriften eine bauliche Veränderung
vorgenommen, oder eine beſondere Einrichtung getroffen werden muß,
tritt eine Strafbarkeit erſt ein, wenn eine von der Polizeibehörde
hierfür geſetzte angemeſſene Friſt fruchtlos verſtrichen iſt.
(8265oi

Warnung vor unlauteren Darlehensvermittlern.

Wir haben ſchon wiederholt vor dem unlauteren Geſchäfts=
gebahren
gewiſſer Darlehensvermittler gewarnt, die in Zeitungen
ſich zur Vermittelung oder Beſchaffung von Darlehen unter an=
ſcheinend
günſtigen Bedingungen erbieten, denen es aber vielfach
weniger um die Beſchaffung der Darlehen zu tun iſt, als um die Er=
zielung
von Gewinn; entweder machen ſie die Behandlung der Dar=
lehensgeſuche
von der Vorauszahlung eines die wirklichen Auslagen
überſteigenden Koſtenvorſchuſſes für Einholung einer Auskunft
über die Kreditwürdigkeit des Nachſuchenden uſw. abhängig oder ſie
überſenden auf Grund von zur Irreführung geeigneter Zeitungs=
annoncen
und Proſpekten den Darlehenſuchenden eine ſogenannte
Geldoffertenliſte, d. i. ein umfangreiches Verzeichnis von Darlehens=
vermittlern
und Darlehensgebern, gegen Bezahlung einer Gebühr,
die meiſt durch Nachnahme erhoben wird. Wie berechtigt dieſe War=
nung
iſt, beweiſt die Tatſache, daß fortwährend Verurteilungen der=
artiger
Perſonen wegen Betrug zu empfindlichen Strafen bekannt
werden.
Da auch hieſige Einwohner durch das unlantere Geſchäfts=
gebahren
derartiger Perſonen zu Schaden gekommen ſind, können
wir unſere Mahnung zur Vorſicht gegenüber unbekannten Darlehens=
vermittlern
nur wiederholen.
Darmſtadt, den 3. April 1913.
(8266
Großherzogliches Polizeiamt Darmſtadt.
Gennes.

Bekanntmachung.

In den letzten Tagen ſind auf dem Gelände Böllenfalltor=
Altes Schießhaus mehrfach Hunde von Spaziergängern ganz plötzlich
und unter Erſcheinungen verendet, die den Verdacht rechtfertigen,
daß in iener Gegend Giftbrocken liegen.
Wir warnen daher davor, Hunde in jener Gegend frei laufen
zu laſſen, und bitten jedermann, der ſachdienliche Angaben über dieſe
Erſcheinungen machen kann, um baldgefl. ſchriftliche oder mündliche
Mitteilung ſeiner Beobachtungen an uns.
Darmſtadt, den 5. April 1913.
Großherzogliches Polizeiamt.
(8303oim
Gennes.

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Bekanntmachung,

betreffend: Frühjahrsmeſſe 1913.
Auf Grund von § 366,10 R. St. G. B., Art. 264 Pol. St. G. B.
und Artikel 129b, Abſ. 2, der Städteordnung wird wegen der Früh=
jahrsmeſſe
für die Zeit vom 10. bis 24. April ds. Is einſchließ=
lich
angeordnet:
1. Der zwiſchen Mühl= und Stiftſtraße liegende Teil der Linden=
hofſtraße
iſt für Fuhrwerke geſperrt.
2. Auf den das Meſſe=Gelände umgebenden Straßenteilen darf
nur im Schritt gefahren oder geritten werden.
3. Durch die Reihen der Schau= und Verkaufsbuden darf weder
gefahren noch geritten noch geradelt werden.
Darmſtadt, 4. April 1913.
(8302oim
Großherzogliches Polizeiamt.
Gennes.

Holz-Verſteigerung.
Donnerstag, den 10. April I. Js., von
vormittags 9½ Uhr an,

ſollen in der Wirtſchaft des Johann Heinrich Laumann II. zu
Meſſel aus dem Meſſeler Gemeindewald Diſtrikt I Gemeindswäld=
chen
und Diſtrikt II Hügelteile aus verſchiedenen Abteilungen ver=
ſteigert
werden:

A. Nutzholz.

23 Stück Eichen=Stämme I., III., IV., V. Kl. 8,86 fm
Kiefern= III. Kl.
3,38
,
86 Fichten=
,.. . 20,11
44 Lärchen=
.
. 8,61
Eiche=Derbſtange
,
0,12
Birken=Derbſtangen.
0,09
323 Fichten=
I., II. Kl. .
. 13,51
3 Lärchen=
. 0,28
97
Fichten=Reisſtangen
0,43
2 rm Eichen=Nutzknüppel 2,5 m lang.

B. Brennholz.
Scheiter, rm: 39=Eichen, 31 Kiefern.
Knüppel, rm: 99 Eichen, 4 Buchen, 21 Birken, 20 Erlen,
508 Kiefern.
Knüppel=Reiſig, rm: 89 Eichen, 6 Erlen, 30 Kiefern.
Reiſig, Wellen: 430 Buchen, 420 Birken, 1940 Kiefern.
Stöcke, rm: 74 Eichen, 54 Kiefern.
Nähere Auskunft erteilt Forſtwart Engel zu Meſſel.
Meſſel, 4. April 1913.
*
Großherzogliche Burgermeiſterei Meſſel.
Hickler.
(8285

Holz-Verſteigerung.

Freitag, 11. April I. Js., morgens 9½ Uhr ab, wird bei
Wilhelm Gruber Wwe. zu Thomashütte verſteigert das Ergebnis
an Dürrholz und Windfällen, ſowie von Durchforſtungen und Ab=
trieben
(Tongruben) aus Forſtwartei Thomashütte, Röder Mark
und Dieburger Mark, und zwar: Stämme: 14 Kiefern ( Schnitt=
holz
) 8 fm, 6 Lärchen 1,5 fm, 2 Fichten 2,29 fm: Derb=
ſtangen
: 91 Fichten 6,5 km; Scheiter, rm: 3 Buchen, 56 Eichen,
dabei Werkholz, 121 Kiefern, dabei 27 rm Rundſcheiter in Ober=
wäldchen
1 (Stockſchlag), 2 Fichten; Knüppel, rm: 14 Buchen,
105 Eichen, 2 Erlen, 114 Kiefern, 25 Fichten; Knüppelreiſig, rm:
38 Buchen und Eichen, 22 Kiefern und Fichten; Stöcke, rm: 10 Kiefern,
2 Fichten. Sämtliches Holz iſt vorher einzuſehen. Auskunft er=
teilen
Forſtwart Engel und Forſtwartaſpirant Dillemuth, beide
zu Meſſel.
Meſſeler Forſthaus, 4. April 1913.
Großherzogliche Oberförſterei Meſſel.
Schlag.
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Die bei Erwelerung
der Stadtkaſſe

vorkommenden Glaſerarbeiten ( Ver=
glaſungen
), ſowie das Liefern und
Verlegen von Fußbodenplatten (ca.
115 qm) ſollen vergeben werden.
Arbeitsbeſchreibungen und Be=
dingungen
liegen bei dem unter=
zeichneten
Amte, Grafenſtraße Nr. 30,
Zimmer Nr. 9, offen.
Angebote ſind bis
Dienstag, 15. April 1913,
vormittags 10 Uhr,
einzureichen.
(8301oi
Darmſtadt, 5. April 1913.
Stadtbauamt.
Buxbaum.

Spenglerarbeiten.

Die bei Erbauung eines Kre=
matoriums
beim neuen Friedhof
vorkommenden Spenglerarbeiten
aus Kupfer (ca. 250 qm Abdeck=
ungen
und dergleichen) ſollen ver=
geben
werden.
Arbeitsbeſchreibungen und Be=
dingungen
liegen bei dem unter=
zeichneten
Amte, Grafenſtraße Nr.30,
Zimmer Nr. 9, offen.
Angebote ſind bis
Freitag, 18. April 1913,
vormittags 10 Uhr,
einzureichen.
(8196so
Darmſtadt, 4. April 1913.
Stadtbauamt.
Buxbaum.

Oütrol= Zlckwergiltung.

Anſprüche auf Oktroi= Rückver=
gütung
aus dem Verwaltungsjahr
1912 (1. April 1912 bis 31. März
1913) müſſen unter Vorlage der be=
züglichen
Ausfuhrbeſcheinigungen
(zuſammengeſtellt) und der Quit=
tungen
über die bezahlte Oktroi=
abgabe
längſtens bis zum 1. Mai
ds. Js. geltend gemacht werden.
Darmſtadt, 2. April 1913.
Der Oberbürgermeiſter.
J. V.: Schmitt. (8230so

Bekanntmachung.
(Stadtwald.)

Die am 29. v. Mts. abgehaltene
Verſteigerung wird bezüglich des
Buchen=, Lärchen= und Fichten=
Stammholzes, ſowie der Derb=
und Reisſtangen genehmigt.
Nicht genehmigt iſt das Eichen=
Stammholz I., II., III. Klaſſe, mit
Ausnahme einiger Nummern, fer=
ner
das Eichen=Stammholz IV.,
V. und VI. Klaſſe, ſowie das Hain=
buchen
=, Elsbeer= und Birken=
Stammholz.
Die Abfuhrſcheine können am
11. ds. Mts. in Empfang genom=
men
werden. Die Ueberweiſung iſt
(8257
Tags darauf.
Darmſtadt, 4. April 1913.
Großh. Oberförſterei Darmſtadt.
Kullmann.

Dünger=Verkauf.

Dienstag, 8. April, von
980 Uhr vormittags ab
wird auf dem hinteren Hofe der
alten Kavallerie=Kaſerne in Darm=
ſtadt
die Matratzenſtreu einer
Eskadron öffentlich meiſtbietend
(8001so
verſteigert.
Garde=Dragoner=Regiment
(1. Großh. Heſſ.) Nr. 23.
Belehrungen
über das eheliche Güterrecht
und das Erbrecht der Ehegatten
nach dem Bürgerlichen Geſetzbuch
für das Gebiet der hieſigen Stadt
werden koſtenfrei bei den hieſi=
gen
Standesämtern in Darm=
ſtadt
im Rathauſe am Markt, in
Beſſungen Wittmannſtraße Nr. 1
während deren Dienſtſtunden ab=
(8251
gegeben.

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Großherzogl. Hoftheater
Montag, den 7. April 1913.
153. Abonnem.=Vorſtellung. D 39.
Ibsen-Zyklus.
II. Abend.
Neu einſtudiert:
Die Wildente.
Schauſpiel in 5 Aufzügen von
Henrik Ibſen. Aus dem Nor=
wegiſchen
übertragen von Ernſt
Brauſewetter.
Spielleiter: Emil Valdek.
Perſonen:
Werle, Werkbe=
ſitzer
und Groß=
händler
.
Gregor Werle,ſ.
Sohn
Hjalmar Ekdal,
Sohn Photogr. Richard Jürgas
Gina Ekdal, Hial=
Hedwig, d. Tocht.,
14 Jahre alt . . Tilli Art’l
Fr. Sörby, Haus=
hälterin
b. Groß=
händler
Werle . Herta Alſen
Molvig, ehemal.
Paul Peterſen
Theolog
Kammerherr Flor Ludw. Wagner
KammerherrBalle Adolf Jordan
Kammerherr Kas=
Herm. Knispel
perſen
Groberg, Buch=
Frz. Herrmann
halter
Petterſen, Bedien=
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Jenſen, Lohndien. Emil Kroczak
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Der erſte Aufzug ſpielt beim Groß=
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Aufzüge beim Photogr. Ekdal.
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loge
5.10 M., Balkonloge 4.60 M.,
I. Rang 4.10 M., II. Rang: 1.6.
Reihe 2.05 M., 7. u. 8 Reihe 1.65 M.,
Sperrſitz: 1.13. Reihe 3.60 M.,
14.20. Reihe 3.10 Mk., Parterre:
1.5. Reihe 2.25 M., 6.8. Reihe
1.85 M., Erſte Galerie 1.05 M.,
Zweite Galerie 0.55 M.
Anf. 7 Uhr. Ende gegen 10½ Uhr.
Kartenverk. v. 9½1½ u. v. 6 U. an.
Vorverkauf für die Vorſtellungen:
Dienstag, 8. April. 154. Ab.=Vſt.
C 38. Der Barbier von
Sevilla. Kleine Preiſe.
Anfang 7½ Uhr.
Mittwoch, 9. April. Keine Vor=
ſtellung
.
Donnerstag, 10. April. Außer
Abonnem. Frühlings= Feſt=
ſpiele
. II. Abend. Neu einſtud.
und neu inſzeniert: Der Ring
des Nibelungen. Vorabend:
Das Rheingold‟. Erhöhte
Preiſe. Anfang 7 Uhr. (Vergl.
beſondere Anzeige.)
Freitag, 11. April. Außer Ab
26. Volksvorſtellung zu ermäßigten
Preiſen. Die fünf Frank=
Anfang 7½ Uhr.
urter
Vorverkauf bis einſchl. Donners=
tag
, 10. April, nur im Verkehrs=
büreau
(Ernſt=Ludwigsplatz). Ver=
kauf
der noch vorhandenen Karten
an der Tageskaſſe im Hoftheater
am Tage der Vorſtellung, vorm
von 11 Uhr ab=

[ ][  ][ ]

Nummer 80.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.

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Das Stärkſte.
Roman von Fritz Gantzer.
(Nachdruck verboten).
21)

Tobias Bruns ſtand ſekundenlang wie erſtarrt.
Dann ſchien es, als wolle er auf Signe zuſtürzen, um ſie
mit Gewalt zum Gehorſam zu zwingen. Aber ſchon nach
wenigen Augenblicken veränderten ſich ſein Geſichtsaus=
druck
und ſeine Gebärden. Etwas Müdes, Schlaffes trat
in ſeine Züge, ſein Körper ſchien in ſich zuſammenzufallen,
kleiner zu werden. Und eiſig ſagte er: So folge Deinem
ſtärkeren Geſetz. Jetzt und immer.
Das Wort war wie ein trennender Schnitt. Signe
fühlte, wie es ihr gleich einem ſcharfen Stich durch die
Seele fuhr. . . Und ſie ſtand noch ſekundenlang zögernd..
Frau Barbara litt unſäglich. Sollte es auf dieſe
Weiſe zu einem Ende kommen? Oh, das durfte, das
konnte nicht ſein! Es mußte ſich ein Band finden, das
das hart vor dem völligen Zerſpringen ſtehende alte, fried=
ſame
Glück neu umſchlang und vor dem Vernichtetwerden
bewahrte. Aber ihr grübelndes Suchen taſtete ſich nicht
zurecht. Und als niemand mehr ſprach, es bedrückend ſtill
im Zimmer war, nur Johannes Sörenſen ſchnaufendes
Atmen ſtörend erklang, ſetzte Signe ihren Weg zur Tür
fort öffnete ſie und trat auf den Flur.
So, das ſcheidet uns! erklärte Tobias Bruns ſofort,
ſich wie vernichtet auf ſeinen Stuhl ſetzend.
Wir wollen doch nicht hart ſein, Tobias, flehte Frau

Lardarn, mit Ganat einen ſöh auſteigenden, wirgen=
den
Weinen wehrend.
Ho ha, nein, nicht hart ſein, krähte Sörenſen nach,
während er ſich zurechtrückte, als erwarte er nur eine
lange Auseinanderſetzung zwiſchen den Gatten, in der er
als erwünſchter Rechtsbeirat und als höchſte Inſtanz
Hattingshauſens den entſcheidenden Spruch zu tun beab=
ſichtigte
.
Sein Gelüſt wurde ihm jedoch ſchnell zerſtört. Gleich
nach ſeinem Sprechen, das Herr und Frau Bruns erſt
wieder auf ſeine Anweſenheit aufmerkſam zu machen
ſchien, denn ſie ſahen faſt erſchrocken zu ihrem Beſucher
hinüber, verſicherte Tobias Bruns: Das ſind rein perſön=
liche
Angelegenheiten, Herr Bürgermeiſter, in die wir
keine fremde Einmiſchung wünſchen. Und zu ſeiner Frau
gewandt, fuhr er fort: Wir ſprechen nachher darüber,
Barbara.
Herr Johannes war empört. Er erhob ſich brüsk und
empfahl ſich nach einigen Redensarten mit merklicher
Schnelligkeit. Da hatte man ſich dieſes Bruns wegen
Scherereien gemacht, ſogar die Mühe einer perſönlichen
Benachrichtigung nicht geſcheut und wurde jetzt wie eine
überflüſſig gewordene Puppe von der Bildfläche abge=
ſchoben
. Eins war ſicher: der raſende Inhaftierte flog
noch heute wieder auf die Straße. Was ſollte man denn
auch noch mit dem! Es verurſachte der Stadt nur Koſten.
Mochte ihn füttern, wer wollte.
Bevor der ergrimmte Stadtgewaltige aber ſeine Ab=

ſicht zur Ausführung bringen ließ, begab er ſich in Haſt zu
Frau Malwine, die ſchon darauf brannte, von dem
neueſten Stande der Dinge zu erfahren.
Signe hatte inzwiſchen das Rathaus erreicht. Auf
dem kurzen Wege dahin hatten ſich noch einmal all ihre
Gedanken im wilden, wieren Wirbel um das eine Ueber=
legen
gedreht: Tue ich das Rechte? Ach, ein Ueberlegen
war’s wohl kaum. Eher ein maßlos erſchütterndes
Schreien ihrer zerriſſenen Seele, ein unendlich bitteres
Weinen ihres Herzens. Es kam kein klares Ja. Ihr Sein
hing an dem Hauſe, das ſie eben verlaſſen, war verknüpft
und verwurzelt mit ihm ſeit bald achtzehn Jahren. Und
das neue war erſt Stunden alt, war ihr kaum wohl zum
Bewußtſein gekommen mit ſeiner ganzen Gewalt und
Tragweite. Sie glaubte auf einer anderen Welt zu ſein,
deuchte ſich nicht mehr ſich ſelbſt, fühlte ſich wie verwandelt
und verkehrt.
Verängſtigt, zitternd ſtand ſie nun auf dem weiten,
flieſenbelegten Flur des Rathauſes. Sie mußte ſich im
Gefühl einer plötzlichen Schwäche gegen die Wand lehnen.
Ein junger Menſch, der einen Stoß Akten trug, ging an
ihr vorüber und muſterte ſie neugierig. Sie zwang ſich
zu einer Frage an ihn, wo ſie Rackelmann fände.
Da kam er ſchon. Sein Einherſchreiten war gewichtig,
faſt königlich, und ſeine Stimme klang ähnlich, wie ſein
Gang berührte. Er glaubte ſich ſchier Sörenſen in Perſon.
Schön, Fräulein Bruns, daß Sie da ſind. Na, da
kommen Sie man ſchon, daß wir erſt Ruhe ins Land krie=

[ ][  ][ ]

Seite 14.

latt, Montag, den 7. April 1913.
Da

Nummer 80.

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I. 27h)

e er e e e ete
Kerl geſchlacht’t werden ſollte, ſo wahnſinnig hat ’r ge=
ſchrien
und lamentiert. Dieſer vermaledeite Halunke!. .
(Was will er denn man bloß von Ihnen?
Signe antwortete nicht. Es war ihr unmöglich, einen
Laut über ihre Lippen zu bringen. Die Angſt vor dem
zu Erwartenden ſchnürte ihr die Kehle zu.
Einen langen, halbdunklen Gang ging es hinab, auf
dem ſich ein ſtockiger Geruch unangenehm bemerkbar machte.
Rackelmann ſchritt vorauf, ſchwenkte ein großes Schlüſſel=
bund
mit ſo vieler Ueberhebung und Gewichtigkeit, daß
man denken konnte, er ſei der Beſchließer eines Königs=
ſchloſſes
, und erging ſich in einer endloſen Reihe von
Schmähworten, die alle dem verkommenen Lumpen und
erbärmlichen Landſtraßentreiber galten.
Signe vermochte das wüſte Gerede nicht mehr länger
zu ertragen. Schweigen Sie endlich! forderte ſie hart. Der
Mann, von dem Sie da fortwährend reden, iſt mein
Vater!
Rackelmann unterbrach ſeinen Redeſtrom ſofort und
fuhr ſcheu zu Signe herum. Er ſtarrte ſie an, als ver=
mute
er bei ihr einen Wahnſinnsanfall. Dann ging es
dunkel in ſeinem Erinnern auf: Richtig, richtig! Dieſe
Signe war ja überhaupt keine Bruns! Hatte man ihn
damals vor zehn Jahren . .. nein, vor mehr, viel mehr,
nicht auf eine Fährte geſetzt, um die nichtsnutzigen Pup=
pneſpieler
zurückzuholen? Gewiß . . . und die Familie
Bruns hatte ſich eines verlaſſenen Kindes angenommen.
Da ſtand es ja erwachſen vor ihm. Ganz langſam kam
dies Erinnern. Und während er ſich mühſam zurechtfand,
ſtand er mit weitgeöffnetem Munde, hob endlich beide
Hände wie in Abwehr und ſtieß heraus: Gott bewahr‟
mich! Solch einen Vater!
Das geht Sie gar nichts an, Rackelmann, wie mein

Vater iſt. Und wenn er noch tauſendmal ſchlechter wäre!
Sie ſagte es ſo ſcharf, daß der Zurechtgewieſene ſtumm
weiterſchritt.
Endlich das Ende des Ganges. Zur Linken eine eiſen=
beſchlagene
Tür, hinter der es rumorte und ſtöhnte.
Rackelmann ſchloß auf und gab den Eingang frei:
Bitt’ ſchön! ſagte er mit höhniſcher Betonung.
Signe zauderte noch einen Augenblick und trat dann
tapfer über die Schwelle, die Tür hinter ſich zuziehend.
Hart gegen den Pfoſten gepreßt bliebe ſie ſtehen. Sie
wagte ſich in das dumpfe, feuchte, nur notdürftig erhellte
Loch keinen Schritt hinein und mußte die Augen ſchließen.
Lange ſtand ſie ſo, wartend, voll wahnſinniger Angſt
wartend, was nun geſchehen würde.
Stephan Frank war bei ihrem Eintritt jäh zuſammen=
gezuckt
. Sein wirres, wüſtes Reden war verſtummt. Er
zitterte am ganzen Leibe. Endlich wankte er näher und
preßte mit heiſerer Stimme ein einziges Wort heraus:
Signe!
War das Scham, Reue, Liebe? Fiel ein warmer Licht=
ſtrahl
in die dunkle Seele?
Signe erſchauerte bis ins Mark und zwang ihre Augen
zum Sehen.
Ein wüſtes, von Leidenſchaften und Elend durchwühl=
tes
Geſicht bot ſich ihrem Blick. Glühende, tiefliegende
Augen, aus denen es wie beginnender Irrſinn glomm,
ſtarrten ſie an. Wie ein abgetriebenes, ausgemergeltes
Laſttier ſah der Mann vor ihr aus. Alles an ihm ſchlot=
terte
. Ueberall hingen ihm die Kleider in Fetzen vom
Leibe. Die Füße umſchloſſen kotbeſpritzte Schuhe mit weit=
klaffenden
Löchern, aus denen die nackten, wunden Zehen
ſahen. Wer dieſem Menſchen allein begegnete, mußte
ſich fürchten und würde ihm ſcheu aus dem Wege gehen.
Und dieſer Mann iſt Dein Vater, Signe:

Sie fühlte, wie ihr dieſes Bewußtſein zunächſt einen
Ekel, zum mindeſten eine grenzenloſe Abſcheu ins Blut
jagte, daß es empört aufwallte und ihr ein heißes Brennen
der Scham über die bleichen Wangen ſchüttete. Mit aller
Gewalt mußte ſie ſich zum Bleiben zwingen.
Stephan Frank ſah, was in ſeinem Kinde vorging.
Er taſtete ſich in die äußerſte Ecke der Zelle zurück und
kauerte ſich auf dem dort ſtehenden Schemel nieder.
So iſt’s beſſer! keuchte er heiſer. Ich glaube ſchon,
daß Du mich nicht in der Nähe magſt. Ich ſehe, Du fürch=
teſt
Dich vor mir. Aber habe keine Angſt. Es paſſiert
Dir nichts!
Was ſoll ich hier? ſtieß Signe dumpf hervor. Sprich
zu allererſt davon.
Sehen wollte ich Dich, Signe! ſchrie Stephan Frank.
Geſtern abend hat Dich der Satan am Arm gehabt, und
der Satan hat Dir Dein Geheimnis verraten. Dein Vater
war das nicht. Und während der langen Nacht hat ſich
mein ganzes Leben neben mich geſtellt und hat mir alle
meine Schande und Sünde ins Ohr geſchrieben. Zualler=
erſt
die Sünde, die ich an Dir, meinem Fleiſch und Blut,
beging. Ein furchtbares Bereuen quälte mich. Schließlich
kam die Sehnſucht nach einem Wiedergutmachen. Und ſo
bitte ich Dich nun: Vergib mir, was ich an Dir ſündigte!
Sein anfängliches lautes Sprechen, das faſt ein
Schreien geweſen, war zuletzt ganz in ſich zuſammenge=
krochen
. Und er ſelbſt ſaß geduckt da wie einer, der den
Schlag der ſchon erhobenen Hand fürchtet.
Signe kam noch nicht zum Verſtehen der in ihr wogen=
den
Gefühle Noch rangen Angſt und Abſchen mit etwas
andereri, dem ſie keinen Namen zu geben wußte. Und ſie
ſchwieg lange.
Signe ſtöhnte es endlich aus der dunklen Ecke her.
Warum redeſt Du nicht?
(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Nummer 80.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.

Seile 15.

Achtung: Es gibt ganz wertloſe Nach=
ahmungen
in täuſchend ähnlicher Verpackung!
Man verlange ausdrücklich Forman!
(I,6439

Luftfahrt.

sr. Der Aeroplanflug Rund um Berlin
wird in dieſem Jahre am 30. und 31. Auguſt zum zweiten
Mal gemeinſam vom Kaiſerlichen Automobil=Klub
Kaiſerlichen Aero=Klub und Berliner Verein für Luft=
ſchiffahrt
veranſtaltet werden. Das Protektorat hat Prinz
Heinrich von Preußen übernommen. Die Ausſchreibung
iſt bereits von der Flugſport=Kommiſſion des Deutſchen
Luftfahrer=Verbandes genehmigt worden. Startberechtigt
ſind deutſche Offiziere der Landarmee und der Marine
mit einem Flugzeug einſer deutſchen Heeresverwaltung
oder der Marine, ſowie Mitglieder eines der drei veran=
ſtaltenden
Vereine, welche anerkannte Flugzeugführer ſind.
Das Internationale Motorboot= und
Waſſerflugzeug=Meeting von Monaco
brachte die Ausſtellung der Waſſerflugzeuge im Hafen von
Monaco. Von 26 gemeldeten Maſchinen waren 16 zur
Stelle, die in vier Reihen von je vier Flugzeugen im Hafen
waren. Nach der offiziellen Beſichtigung unternahmen
mehrere Teilnehmer Probeflüge. Hierbei hatte der vor=
jährige
Sieger Fiſcher das Unglück, ſeinen Henry Farman=
Zweidecker bei einer harten Landung ſo ſchwer zu be=
ſchädigen
, daß ſeine Teilnahme am Meeting ernſtlich in
Frage geſtellt iſt. Alle Führer für die verſchiedenen
Apparate ſind jetzt beſtimmt worden. Es ſtarten Fiſcher
für Henry Farman, Gaubert für Maurice Farman, Wey=
man
und Eſpanet für die beiden Nieuport, Gaudart für
d’Artois, Daucourt und Chenet für die Borrel=Apparate,
Gilbert für Morane=Saulnier Bregi und Moinaux für
Breguet, Bielovuccic für de Marcay, Prevoſt, Vienne und
Scoffier für Deperduſſin, Labouret und Barra für Aſtra.

Sport, Spiel und Turnen.

* A. D. A. C.=Wagenfahrt 1913 durch Süddeutſchland.
Wie alljährlich, ſo wird auch in dieſem Jahre der Allge=
meine
Deutſche Automobil=Club dafür Sorge tragen, daſ
eine großzügige Deutſche Motorwagen=Prüfungsfahrt
dem kaufenden Publikum wichtige Aufſchlüſſe über die
Leiſtungsfähigkeit und Zuverläſſigkeit moderner Kraft=
wagen
gibt. Die Fahrt beginnt am 4. Juni 1913 in Mei=
ningen
und endet am 7. Juni 1913 in Heilbronn am
Neckar, dem Sitze des diesjährigen Jubiläums=A. D. A.C.=
Tages. An der Fahrt, die nur offen für A. D. A. C.= Mit=
glieder
iſt, werden Drei= und Vierrad=Fahrzeuge bis zu
12 Steuer=Ps teilnehmen. Die Strecke Regensburg=
München, die durch den bayeriſchen Wald führt, wird den
Teilnehmern außer landſchaftlich reizvollen Momenten
Gelegenheit geben, zu zeigen, wie die leichten Wagen den
bayeriſchen Bergen gewachſen ſind. Die Ausſchreibungen
der Fahrt ſind von der Zentral=Geſchäftsſtelle des Allge=
meinen
Deutſchen Automobil=Klub, München, Neuturm=
ſtraße
5/I erhältlich.

Handel und Verkehr.

Gebrauchsmuſter=Erteilungen. ( Mit=
geteilt
von Diplom=Ingenieur Herszberg.) 37e.
545 551. Gerüſthalter, gleichzeitig als Abſprießer dienend.
Johann Adam Berlieb, Darmſtadt, Große Kaplanei=
gaſſe
16. 28. 2. 13. B. 63 474. 63 b. 546 328. Tropenfahr=
zeug
, ſogen. Kuli=Wagen, mit heraufklappbarer Fußruhe.
Petri u. Lehr, Offenbach a. M. 27. 2. 13. P. 23 165.
Patent=Anmeldung. 70b. B. 68 794. Federhal=
ter
mit Einſtellung des Federträgers für verſchiedene
Federſtellungen. Louis Bellinger, Lauterbach, Ober=
heſſen
. 9. 7. 12.

Stimmen aus dem Publikum.
(Für die Veröffentlichungen unter dieſer Ueberſchrift übernimmt die Redaktion
keinerlei Verantwortung; für ſie bleibt auf Grund des § 21 Abſ. 2 des
Preßgeſetzes in vollem Umfange der Einſender verantwortlich.)

Die Hausbeſitzer der Heidelbergerſtraße ſollen nur
ſtandhaft ſein und weiter ſich ſträuben, gegen die Anbring=
ung
von Roſetten für die elektriſche Straßenbahn; denn
warum ſollen den Hausbeſitzern Opfer zugemutet werden?
Werden dieſelben nicht jahrein und jahraus mit neuen
Laſten bedacht? Diejenigen Hausbeſitzer, die mit Roſetten
beglückt werden ſollen, ſollen ſich doch einmal bei den
Hausbeſitzern erkundigen, die welche haben, und welche
Annehmlichkeiten damit verbunden ſind. Nur gegen, wenn
auch kleine Entſchädigung pro Jahr, ſoll ein Hausbeſitzer
ſeine Genehmigung geben.

Literariſches.

Die neueſten Pariſer und Wiener Frühjahrskdilet=
ten
, die für die diesjährige Saiſon maßgebend ſein wer=
den
, bringt das dreizehnte Heft des 26. Jahrganges der
Wiener Mode in einer Sonderbeilage. Wer dieſes
neue Heft der Wiener Mode zur Hand nimmt, wird
ſicherlich von dem Inhalt auf das Angenehmſte überraſcht
ſein. In ganz neuer, ſehr überſichtlicher und praktiſcher
Weiſe ſind die aparten, neuartigen Modebilder angeordnet.
Der Unterhaltungsteil hat originelle Bereicherungen er=
fahren
und die praktiſche Hausfrau wird viele Anregungen
finden. Der Geſamtinhalt des Heftes und der hochkünſt=
leriſche
Umſchlag geben ein deutliches Zeugnis davon, daß
die Wiener Mode aus ihrer führenden Stellung nicht
mehr zu verdrängen iſt.

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Seite 16.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 7. April 1913.

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