Darmstädter Tagblatt 1913


10. Januar 1913

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176. Jahrgang
2
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Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 14 Seiten.

Das Wichtigſte vom Tage.

Die Wahlprüfungskommiſſion des Reichs=
tags
erklärte die Wahl des Abgeordneten Dr. Becker
(Alzey=Bingen) mit 8 gegen 5 Stimmen für un=
gültig
.
*
Dem Reichstage wird vorausſichtlich noch im Laufe
dieſes Monats eine neue Militärvorlage zu=
gehen
, die in umfaſſender Weiſe die beſtehenden Lücken
ausfüllen ſoll.
a
Der württembergiſche Landtag iſt geſtern mit
einer Thronrede vom König eröffnet worden.
Das neue portugieſiſche Miniſterium mit
Alfonſo Coſta an der Spitze hat ſich konſtituiert.
Letzte Nachrichten ſiehe Seite 5 und 6.

Der Geburtenrückgang.

II.
* Wir hatten den Geburtenrückgang als eine Folge=
erfcheinung
der drohenden oder bereits eingetretenen
Uebervölkerung, als einen Rückſchlag gegen die durch ſie
hervorgerufenen unerfreulichen Erſcheinungen dargeſtellt,
da durch ſie unſer Erwerbsleben nachteilig beeinflußt
worden iſt. Der Platz auf dem Stellen= und Arbeitsmarkt
iſt in unerwünſchter Weiſe beengt worden, und durch den
ins Grenzenloſe geſteigerten Wettbewerb, in den während
der letzten Jahrzehnte nun auch die Frauen mit einge=
dreten
ſind, iſt dem jungen Nachwuchs das Fortkommen
immer mehr erſchwert worden, zumal mit dem geſteigerten
Angebot auch die Anforderungen an die Bewerber nicht
nur ſeitens des Staates, ſondern auch ſeitens Privater in
einer mit der zu leiſtenden Arbeit oft gar nicht mehr im
Verhältnis ſtehenden Weiſe geſteigert worden ſind.
In dieſem Sinne kann man den Geburtenrückgang
an ſich, d. h. als eine tatſächliche Erſcheinung, als eine
natürliche und erwünſchte Reaktion gegen die Ueber=
pölkerung
bezeichnen. Eine gleich rapide Zunahme der
Bevölkerung wie in den früheren Jahren müßte, da neue
Erwerbs= und Beſchäftigungsgebiete und neue Berufskate=
gorien
in entſprechender Zahl nicht geſchaffen werden kön=
nen
, zu unhaltbaren Zuſtänden führen. Mindeſtens 90
Prozent aller im praktiſchen Leben ſtehenden Leute teilen
dieſe Anſicht, und wenn man ſie als richtig erkannt hat,
hat es keinen Zweck, ſie zu verſchleiern oder eine andere
Anſicht zu heucheln. Nur wer die Frage nach einem Prin=
zip
und nach wiſſenſchaftlichen Dogmen beurteilt, wird zu
einem anderen Reſultat kommen, aber die graue Theorie‟
iſt hier nicht am Platze.
Eine Gefahr iſt allerdings darin zu erblicken, daß der
Rückgang der Geburten permanent werden und noch wei=
lter
zunehmen wird. Alle Anzeichen ſprechen dafür, daß
letzteres aus den ſchon früher dargelegten Gründen der
Fall ſein wird. Von dieſem Geſichtspunkte aus und in
dem berechtigten Wunſche, daß wir wieder zu einer idea=
leren
ſittlichen Lebensanſchauung zurückkehren mögen,
verdienen die Vorſchläge, die zur Bekämpfung des Ge=
burtenrückganges
gemacht worden ſind, ernſte Beachtung.
In den letzten Jahrzehnten hat eine unverhältnis=
lmäßig
zahlreiche Abwanderung vom Lande in die Städte
ſtattgefunden, die als ein unerwünſchter Wandel in den Er=
werbsverhältniſſen
unſeres Volkes bezeichnet wird und der
im Intereſſe der Geſundheit unſeres Volkes nach Möglich=
lkeit
vorgebeugt werden müßte. Bekanntlich liefert das
Land den größeren Teil der Militärtauglichen. Drei=
viertel
aller am 1. Dezember 1906 unter den Waffen
tehenden Leute waren geboren in Städten und Dörfern
mter 5000 Einwohnern. 64 Prozent aller ſtammten aus
Bemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern, während
s nach der Zahl der Bevölkerung nur 56 Prozent ſein
lnußten. Berlin ſtellt nur 49 Prozent. In den Jahren
18951900 war die Tauglichkeit der Militärpflichtigen im
Durchſchnitt 53,55 Prozent, aber in dem induſtriearmen
Oſtpreußen betrug ſie dabei 67,18 Prozent, in Berlin nur
2 Prozent!

Dr. Ludwig Müller ſagt in einem Aufſatz in der Zeit=
ſchrift
Die Wehr hierzu:
Die volkszehrende Eigenſchaft der Großſtädte war zu
allen Zeiten bekannt. Goethe nannte daher das Bauern=
tum
die Quelle unſerer völkiſchen und ſittlichen Kraft, die
ohne beſtändige Auffriſchung vom Lande her ſich nicht
halten könne Damals beſchäftigte die Landwirtſchaft
vier Fünftel der geſamten Bevölkerung, bei Gründung des
neuen Deutſchen Reiches noch mehr als die Hälfte, heute
nur noch ein Drittel! Jedes Volk muß untergehen, wenn
es eine höhere Bevölkerungszahl in den Großſtädten
unterbringt, als das ganze moraliſch aushalten kann,
wenn die Maſſen der Entwurzelten mehr junge Meuſchen
an ſich ziehen, als das Land von ſeinem Geburtenüber=
ſchuſſe
abgeben darf. Iſt die Grenze überſchritten und=
ſie
iſt es bei uns dann greift der Verfall mit ſeuchen=
artiger
Schnelligkeit um ſich und das Verhängnis wird
ungbwendbar. Die Statiſtik zeigt in ihrer unheimlichen
Anſchaulichkeit, wie die Kurven der Verfallerſcheinungen,
die lange Zeit in gleichförmig anſteigender Bahn fort=
ſchritten
, plötzlich ſich aufbiegen und die Zukunftsbilder
der ärgſten Schwarzſeher weit hinter ſich laſſen.
Ausführlich behandelt die Bekämpfungsmittel der Ge=
burtenabnahme
Regierungsrat Dr. J. Borntraeger in
einem ſoeben erſchienenen ausführlichen Buche: Der Ge=
burtenrückgang
in Deutſchland, ſeine Bewegung und Be=
kämpfung
(Würzburg 1913). Erempfiehlt als Maßnahmen
zur Minderung der Eheloſigkeit und Bekämpfung der Ge=
burtenabnahme
u. a. Bevorzugung der Verheirateten bei Be=
ſetzung
von Stellen im Staatsdienſt, bei Bewerbung um
Stipendien und Unterſtützungen aller Art, Bevorzugung
der verheirateten Beamten bei Gewährung von Alterszu=
lagen
, Gewährung höherer Wohnungsgeldzuſchüſſe und
Umzugsgebühren an verheiratete Beamte als an ledige,
ſtärkere Heranziehung der Junggeſellen zu Einquartierungs=
laſten
, zum Schöffendienſt und anderen ehrenamtlichen
Pflichtämtern, Bevorzugung der Ehemänner beim Wahl=
recht
, ferner vor allem Erweiterung der Steuerprivilegien
für Kinder, Befreiung des 3., 5. uſw. Sohnes vom Mili=
tärdienſte
, bezw. Erleichterung ſeines Dienſtes, ausgeſpro=
chene
Förderung kinderreicher Familien und Bevorzugung
der Söhne kinderreicher Familien. Denn ſie bringen nicht
nur dem Stagte erwünſchte Erbwerte mit, ſie haben auch
durch ihre Erziehung einen beſonders ausgeprägten Fa=
milienſinn
und Gemeinſchaftsſinn erhalten, und dann iſt
es dem Familienvater eine erhebliche Beruhigung, daß
der Staat ihm die Sorge für die Söhne auch ſpäterhin er=
leichtert
; Gewährung von Kinderprämien, Erziehungs=
geldern
, Wohnungsgeldzuſchüſſen ꝛc. an kinderreiche Fa=
milien
, Beſchaffung preiswerter Wohnungen für kinder=
reiche
Familien durch Vereine, Induſtriewerke ꝛc.
Die gemachten Vorſchläge können hier nur andeu=
tungsweiſe
wiedergegeben werden. Das Kapitel von dem
Verbot prophylaktiſcher Mittel entzieht ſich der Er=
örterung
.
Im Zuſammenhange hiermit wird auch die Einfüh=
rung
einer direkten Junggeſellenſteuer gefordert, die man
früher nur verſpottet und verhöhnt hat, die aber ſicher kom=
men
wird, wie die Zuwachsſteuer gekommen iſt, da ſie einen
billigen Ausgleich ſchafft und in dieſem Sinne eine der
gerechteſten Steuern iſt. Sie wird aber lediglich eine er=
wünſchte
Einnahmequelle für den Staat bilden, auf die
Geburtenabnahme wird ſie gar keinen Einfluß haben;
denn kein Junggeſelle wird ſich durch die Beſteuerung oder
aus Furcht vor ihr in ſeiner phlegmatiſchen Ruhe ſtören
laſſen, der zu Liebe er ſeine Steuern willig bezahlen wird.
Allerdings hat der Staat und die Geſellſchaft hier wie
da ein Intereſſe daran, den Junggeſellen das Leben nicht
zu leicht zu machen.
Etwas aber, und zwar etwas ſehr Weſentliches,
ſcheint in allen Vorſchlägen vergeſſen worden zu ſein,
nämlich die Höherbewertung der Mutter vor der kinder=
loſen
Frau, die ſchon den alten Völkern eigen war. Ganz
dieſelben Vorrechte, die den verheirateten Männern vor
den ledigen eingeräumt werden, ſollten auch den Müttern
vor unvermählten und kinderloſen Frauen zugeſtanden
werden, was um ſo gerechter iſt, als dieſe nur einen
Teil der Erfahrungen beſitzen können, über die jene ge=
bieten
, weshalb ſie auch über manche Dinge, wie z. B.
Kindererziehung aus eigener Erfahrung nicht mitreden
können und deshalb auch nicht mitreden ſollten. Auch
ſind die Mütter für den Staat und die Geſellſchaft wich=
tiger
als die kinderloſen Frauen. Auch dieſe im Grunde
ſelbſtverſtändliche Wahrheit in Erinnerung zu bringen,
darf man keinen Anſtand nehmen, wenn man die Frage
des Geburtenrückganges von allen Seiten und ohne Vor=
urteil
und Heuchelei beleuchten will.

Eine neue Militärvorlage!

* Die freikonſervative Poſt macht folgende Mit=
teilung
: Durch die Nachricht, die wir heute zu verbrei=
ten
in der Lage ſind, wird allen Vaterlandsfreunden und
vor allem den tapferen Führern unſeres Heeres und ihren
Offizieren ein ſchwerer Stein der Sorge vom Her=
zen
genommen. Iſt doch ſeit der Einbringung des Quin=
quennats
im Jahre 1911 bei sallen Sachverſtändigen die
Ueberzeugung verbreitet, daß unſere Rüſtung allen Mög=
lichkeiten
gegenüber nicht ausreichend iſt und daß in
unſerem Heere Lücken beſtehen, die ſo ſchnell wie möglich
ausgefüllt werden müſſen. Die Einbringung der Militär=
vorlage
des letzten Jahres war ja der beſte Beweis für
die Unzulänglichkeit des Quinquennats. Aber auch die
Vorlage von 1912 hat nicht vollſtändig befriedigen können.
Es war wiederum nur halbe Arbeit, ſo daß die Beſorg=
nis
bei vielen verantwortlichen Stellen nicht weichen
konnte. Dazu kam die gefährliche auswärtige Lage, die
auch dem Laien die Notwendigkeit zeigte, alle Kräfte an=
zuſpannen
, um bei einem großen Weltkriege nicht Ambos,
ſondern Hammer zu ſein. Bei den letzten Haushalts=
beratungen
erklärte im Namen der Reichspartei der Ab=
geordnete
Schultz ausdrücklich, daß ſeine Partei gern be=
reit
wäre, alle Forderungen zu bewilligen, die für einen
lückenloſen Ausbau unſerer Heeresmacht notwendig ſeien.
Aehnliche Erklärungen gaben Konſervative und National=
liberale
ab, ja, zeitweilig ging ſogar das Gerücht, das
Zentrum wolle den nationalen Parteien zuvorkommen
und durch einen Initiativantrag die Vervollſtändigung
unſerer Artillerie verlangen. Aus allen dieſen Gründen
iſt an dieſer Stelle wiederholt von hohen Offizieren die
Notwendigkeit einer neuen Heeresvor=
lage
dargelegt worden. Endlich hat ſich dieſe Ueber=
zeugung
durchgerungen und die Erfüllung all jener
Wünſche beſorgter Vaterlandsfreunde und verantwort=
licher
Heerführer ſteht unmittelbar bevor.
Von hoher militäriſcher Seite erfahren wir nämlich
folgendes:
Eine neue Militärvorlage wird in nächſter Zeit, vor=
ausſichtlich
noch im Monat Januar, dem Relchstage vor=
gelegt
werden. Sie iſt beſtimmt, alle Lücken auszu=
füllen
, die die letzte Militärvorlage noch hat beſtehen
laſſen. Vor allen Dingen wird die Stärke der Kompagnien
ſo bedeutend erhöht werden, daß ſie allen Anforderungen
gewachſen iſt und eine vorzügliche Ausbildung der Leute
gewährleiſtet wird. Außerdem werden die fehlenden
dritten Bataillone nachgefordert, die Kavallerie=
diviſionen
ſchon im Frieden aufgeſtellt und die Erſatz=
reſerve
wie früher zu einer Ausbildung mit der Waffe
einberufen. Die bereits bei einigen Armeekorps beſtehen=
den
, über die normale Zahl hinausgehenden Brigaden
und Regimenter ſollen zu einem neuen Armeekorps
zuſammengefaßt werden. Auch den Wünſchen der Ar=
tillerie
nach höherer Beſpannung uſw. wird durchaus
Rechnung getragen werden.
Die Köln. Ztg. bemerkt hierzu einſchränkend: Man
weiß, daß in militäriſchen Kreiſen ſchon ſeit längerer Zeit
die Ausfüllung gewiſſer Lücken in der Heeresorganiſation
dringend gewünſcht wird. Es beſteht z. B. kein Zweifel
darüber, daß für das Luftſchifferweſen in erheblich höhe=
rem
Maße Vorſorge getroffen) werden muß. Daxüber
herrſcht auch in der Oeffentlichkeit weitgehende Ueberein=
ſtimmung
. Einen Ergänzungsetat hat auch bereits der
Staatsſekretär Kühn in ſeiner Etatsrede angekündigt.
Dieſer Nachtragsetat iſt jedoch, wie an unterrichteter Stelle
beſtätigt wird, bisher noch keineswegs ausgearbeitet. Auch
iſt ſchwerlich ſeine Fertigſtellung in allernächſter Zeit zu
erwarten, ſondern vielleicht erſt im März oder April.
Demnach ſind die Mitteilungen der Poſt unzweifelhaft
ſtark verfrüht und in mehreren Punkten wahrſchein=
lich
auch übertrieben. Man wird alſo gut tun, einſt=
weilen
abzuwarten, was aus den noch ſchwebenden Er=
wägungen
ſich ſchließlich ergeben wird. Jedenfalls möch=
ten
wir ſchon jetzt der Anſicht entgegentreten, als ob
augenblickliche Bedürfniſſe der auswärtigen
Politik neue militäriſche Forderungen nötig machten.
Mit der gegenwärtigen politiſchen Situation würden die
Aenderungen; und organkſatoriſchen Verbeſſerungen, die
in Frage ſtehen, nichts zu tun haben.
Der Frankf. Ztg. wird hierzu aus Berlin geſchrieben:
Es iſt bekannt, daß ein militäriſcher Nachtragsetat vorbe=
reitet
wird. Man wußte bisher nur, daß er in der Haupt=

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 10. Januar 1913.

Nummer 8.

ſache (zeitweilig wurde behauptet, ſogar ausſchließlich)
für die Beſchaffung von Luftkreuzern bezw. für die Flug=
ſchiffahrt
beſtimmt ſei. Wir haben Grund zu vermuten,
daß auch noch über andere militäriſch=organiſatoriſche
Dinge Entſchließungen ſchweben und dementſprechende
Forderungen erhoben werden. Forderungen in dem Um=
fange
aber, wie die Poſt ſie bezeichnet, halten wir für
unglaubwürdig. Vielleicht iſt die Mitteilung der Poſt
nur beſtimmt, nach bekannter Taktik für weitergehende
Forderungen Stimmung zu machen.

Deutſches Reich.

Vorbereitungen zur Mittelmeer=
reiſe
des Kaiſers. An Bord der kaiſerlichen Jacht
Hohenzollern, die mit verringerter Beſatzung die Win=
termonate
über auf der Marinewerft in Kiel liegt, wird
emſig gearbeitet, um das Schiff zu der Frühjahrsverwen=
dung
inſtand zu ſetzen. Die Hohenzollern ſoll planmäßig
bereits am 28. d. M. die Kieler Marinewerft verlaſſen, um
in den Kieler Hafen zu gehen und dort die letzten Inſtand=
ſetzungsarbeiten
und die Ausrüſtung für die im Februar
erfolgende Mittelmeerreiſe des Kaiſers zu erledigen. Im
vergangenen Jahre verließ die kaiſerliche Jacht erſt am
29. Februar den Kieler Hafen, um am 14. März in Vene=
dig
einzutreffen, wo ſich dann der Kaiſer mit dem Gefolge
an Bord begab und am 27. März vor Korfu anlangte.
Nach den jetzt getroffenen Beſtimmungen ſcheint mithin
die Abſicht zu beſtehen, die diesmalige Mittelmeerreiſe
früher anzutreten. Wie verlautet, geht die diesjährige
Hohenzollernreiſe im Mittelmeer zunächſt nach Haifa, dem
Hafen von Jeruſalem. Im vergangenen Frühjahr konnte
der Hohenzollern als Begleitboot der Sleipner nicht
dienen, da das Fahrzeug einer größeren Inſtandſetzung
unterzogen werden mußte. Als Erſatz wurde das Tor=
pedoboot
G. 175 herangezogen. In dieſem Jahre wird
der Sleipner wieder eintreten können. Als Begleit=
kreuzer
kommt ferner noch ein Turbinenſchiff in Frage, von
denen ja eine größere Anzahl zur Verfügung ſteht.
Die Abfindung bei Unfallrenten. Der
Bundesrat hat über die Berechnung des Kapitalwertes
bei Abfindungen für Unfallrenten auf Grund der Reichs=
verſicherungsordnung
Beſtimmungen getroffen. Danach
iſt, wenn die Abfindung im Laufe eines Jahres vom Un=
falltage
an gerechnet erfolgt, das Vierfache der Jahres=
rente
zu zahlen. Erfolgt die Abfindung ſpäter, ſo richtet
ſich das Abfindungskapital nach dem inzwiſchen erreichten
Alter des Verletzten und der ſeit dem Unfalltage verfloſſe=
nen
Zeit.
Der preußiſche Bauverwaltungs=
etat
ſieht an einmaligen außerordentlichen Ausgaben
für die Erneuerung von Schleuſentoren am Main 75 400
Mk. vor, für die Erneuerung von Böſchungsbefeſtigungen
an den Schleuſen zu Frankfurt a. M. und Flörsheim
118000 Mk., für die Fortführung der Mainkanaliſierung
oberhalb Offenbachs 100000 Mk, für die Zentralheizungs=
und elektriſche Beleuchtungs=Anlage im Dikaſterialge=
bäude
zu Koblenz 46000 Mk.
Neue Maßnahmen gegen die Land=
flucht
. Im neuen preußiſchen Staatshaushalt iſt zum
erſten Male ein größerer Poſten für die landwirtſchaft=
liche
Arbeitsvermittlung ausgeſetzt worden. Die Maß=
nahme
gewinnt dadurch beſondere Bedeutung, weil ſie als
erſter poſitiver Anfang für eine wirkſame Bekämpfung
der Landflucht einheimiſcher Arbeiter auf dieſem Wege an=
zuſehen
iſt. Im Zuſammenhang mit der Unterſtützung der
landwirtſchaftlichen Arbeitsvermittlung ſoll auch die Ver=
mehrung
der Rechtsauskunftsſtellen auf dem Lande eine
Unterſtützung erfahren. Es liegt jetzt bereits eine ganze
Reihe neuer Anträge auf Bewilligung von Staatsmitteln

vor, ſo daß man in der Folge wohl mit einer Erhöhung
des ausgeſetzten ſtaatlichen Fonds rechnen darf.

Ausland.

Oeſterreich=Ungarn.
Der Gegenbeſuch Giulianos verſcho=
ben
. Wie die Neue Freie Preſſe meldet, iſt der Gegen=
beſuch
des italieniſchen Miniſters des Aeußern Marcheſe
di San Giuliano bei Berchtold, der für Januar in Aus=
ſicht
genommen war, wegen der politiſchen Ereigniſſe auf
das Frühjahr verſchoben worden.
Frankreich.
Der ruſſiſche Kriegsminiſter in Paris
Einer offiziöſen Meldung zufolge wird der gegenwärtig
an der Riviera weilende ruſſiſche Kriegsminiſter Su=
chomlinow
Sonntag morgen in Paris eintreffen und vom
Miniſterpräſidenten Poincaré empfangen werden, Abends
wird er vorausſichtlich die Weiterreiſe nach Petersburg
antreten.
Portugal.
Das Miniſterium hat ſich konſtituiert.
Es ſetzt ſich folgendermaßen zuſammen: Miniſterpräſident
und Inneres: Alfonſo Coſta, Kolonien: Almeido Ribeiro,
Krieg: Pereira Baſtos, öffentliche Arbeiten: Antonio
Maria Silva, Marine: Freitas Ribeiro, und Aeußeres:
Gonſalves Teixeira. Alfonſo Coſta bot das Finanzmini=
ſterium
Marnoco Suza und das Juſtizminiſterium Paulo
Falcao an.
Niederlande.
Das Miniſterium des Krieges und der
Marine wurde in ein Miniſterium der Landesverteidi=
gung
umgewandelt. Der Beginn der Tätigkeit des Mini=
ſteriums
wird ſpäter feſtgeſetzt.
Türkei.
Vorſchuß von engliſchen Banken. Be=
züglich
des von engliſchen Banken der türkiſchen Re=
gierung
zugehenden Vorſchuſſes wird dem Temps
aus London gemeldet, daß die Türkei unverzüglich eine
Summe von 500000 Pfund erhalten ſoll. In dem dies=
bezüglichen
Vertrage verpflichtet ſich die türkiſche Re=
gierung
, dieſe Summe nicht zu militäriſchen Ausgaben.
ſondern vor allem zur Bezahlung von Beamtengehältern
zu verwenden, um ſo etwaige Ruheſtörungen, welche die
Nichtbezahlung der Gehälter insbeſondere in der aſia=
tiſchen
Türkei hervorrufen könnten, hintanzuhalten. Nach
der Unterzeichnung des Friedens werde die Türkei einen
Vorſchuß in derſelben Höhe, und zu einer noch nicht feſt=
geſetzten
Friſt einen dritten Vorſchuß erhalten.
* Brüſſel, 8. Jan. Wie die Abendblätter melden,
oll die belgiſche Regierung bereit ſein, in bezug auf die
Streitigkeiten, die über die Nachlaßverteilung
des verſtorbenen Königs Leopold ausge=
brochen
ſind, einen Vergleich mit ſeinen Töchtern ein=
zugehen
. Man nimmt an, daß die drei Prinzeſſinnen ſich
nach dieſem Vergleich in etwa 36 Millionen zu teilen
haben werden, jedoch wird nicht geſagt, ob in dieſem Ver=
gleich
die bereits verteilten Summen enthalten ſind. Die
Prinzeſſinnen haben ſchon einmal etwa 20 Millionen Mark
erhalten. Die beiden Prinzeſſinnen Stephanie und Luiſe
prozeſſieren nun um die Beträge, die König Leopold einer
Reihe von Stiftungen überwieſen hat. Die Beſtätigung
dieſer Nachricht bleibt abzuwarten.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 10. Januar.

* Vom Hofe. Prinz und Prinzeſſin
Friedrich Karl von Heſſen ſind am Mittwoch
vormittag 11 Uhr 30 Min. abgereiſt. (Darmſt. Ztg.)
Ernannt haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
den Kreisarzt bei dem Kreisgeſundheitsamte

Bensheim Medizinalrat Dr. Wilhelm Groos zum
Kreisarzt bei dem Kreisgeſundheitsamte Darmſtadt und
den Regierungsbaumeiſter Georg Sehrt in Darmſtadt
zum Brandververſicherungsinſpektor.
* Entlaſſen haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
den Kreisamtmann bei dem Kreisamte Bens=
heim
Regierungsrat Dr. Karl Löslein auf ſein Nach=
ſuchen
mit Wirkung vom 16. Januar 1913 aus dem
Staatsdienſte.
* Beſtätigt haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
die durch die Stadtverordnetenverſammlung zu
Bensheim erfolgte Wahl des ſeitherigen Kreisamtmanns
Regierungsrats Dr. Karl Löslein zu Bensheim zum
Bürgermeiſter der Stadt Bensheim mit Wirkung vom
16. Januar 1913; ferner wurde beſtätigt der von dem
Herrn Fürſten zu Solms=Lich auf die erſte Lehrerſtelle
an der Gemeindeſchule zu Södel, Kreis Friedberg, präſen=
tierte
Lehrer Heinrich Junker zu Eberſtadt, Kreis
Gießen, für dieſe Stelle.
Uebertragen wurde dem Lehrer Philipp Muth zu
Lampertheim, Kreis Bensheim, eine Lehrerſtelle an der
evangeliſchen Schule zu Bensheim; dem Schulamts=
aſpiranten
Wilhelm Walther aus Beuern, Kreis
Giezen, die Lehrerſtelle an der Gemeindeſchule zu Clim=
bach
in demſelben Kreiſe.
g. Strafkammer. Der Zuwiderhandlung gegen eine
auf Grund von § 20 Abſ. 2 des Reichsviehſeuchen=
geſetzes
erlaſſene Bekanntmachung des Kreisamts
Bensheim war geſtern die 40jährige Ehefrau des Fuhr=
knechts
Franz Eichheimer II. beſchuldigt. Die er=
wähnte
Bekanntmachung ordnete u. a. für eingeführtes
Vieh eine ſiebentägige Quarantäne an. Die Angeklagte
führte am 21. November zwei Schweine aus Weinheim
ein, die ſie nicht unter Quarantäne ſtellte. Ein Schutz=
mann
machte ſie ausdrücklich darauf aufmerkſam, daß die
Tiere erſt in Quarantäne müßten, auch war ſie bereits
vor einiger Zeit wegen eines ähnlichen Delikts beſtraft
worden. Die Angeklagte beruft ſich darauf, daß es ihr
nicht möglich war, einen Stall zu bekommen, in den die
Schweine eingeſtellt werden konnten. Das Gericht ver=
urteilte
die Angeklagte mit Berückſichtigung der immerhin
ſchwierigen Beſchaffung eines Stalles zu 20 Mark
Geldſtrafe, die evtl. mit 4 Tagen Gefängnis zu ver=
büßen
iſt. Die 26jährige Anna Emilie Minna Sche=
ler
aus Gotha, die eine reichhaltige Vorſtrafliſte aufzu=
weiſen
hat, hatte ſich wegen Diebſtahls im Rückfall
zu verantworten. Die Angeklagte hatte hier mit einem
gewiſſen Delp ein Verhältnis. Im Oktober beauftragte
ſie ein hieſiger Handelsmann, ſeine Wohnung ſauber zu
machen, wozu er ihr die Schlüſſel aushändigte. Sie be=
nutzte
die Gelegenheit, wie ſchon häufig, und entwendete
aus dem Schrank ein Portemonnaie mit 65 Mark Inhalt=
und einen Ring im Werte von 15 Mark. Mit dem Gelde
fuhr die Angeklagte mit Delp nach Luxemburg, nachdem
ſie in Koblenz den Ring verſetzt hatte. Die geſtändige
Angeklagte wurde zu 8 Monaten Gefängnis und
6 Tagen Haft verurteilt. Die Haftſtrafe wird durch die
Unterſuchungshaft als verbüßt erachtet. Der 46jährige
Bäcker Andreas Egner aus Duttenberg hat am 8. Ok=
tober
1912 in Wimpfen ſeinem Arbeitskollegen ein Hemd,
Kragen, Weſte und Kleiderbürſte im Geſamtwerte von
etwa 45 Mark entwendet. Er wurde zu 6 Monaten
Gefängnis verurteilt.
Vom Großh. Hoftheater. Heute Freitag wird
Karl Rößlers amüſantes Luſtſpiel Die fünf Frank=
furter
als 94. Abonnementsvorſtellung, Buchſtabe.
D 23, wiederholt. Beginn 7½ Uhr. Der mit großem
Intereſſe aufgenommene hiſtoriſche Poſſen=Zyklus wird
am Samstag mit einer Aufführung von Räders ſtets
wirkſamer Poſſe mit Geſang Robert und Bertram
oder die luſtigen Vagabunden unter der ſzeniſchen Leit=
ung
von Heinrich Hacker weitergeführt. Es gelten die
ermäßigten Volksvorſtellungspreiſe. Am Sonntag nache
mittag geht als ſechzehnte Volksvorſtellung zu ermäßig=
ten
Preiſen Großſtadtluft in Szene. Der Vor=
verkauf
im Verkehrsbureau iſt bereits eröffnet. Am
Sonntag abend wird zum erſten Male in dieſer Spiel=
zeit
Richard Wagners Lohengrin in vollkomme=
ner
Neuinſzenierung zur Aufführung gelangen. Die ſze=
niſche
Leitung der Neueinſtudierung hat in Abweſenheit
des beurlaubten Oberregiſſeurs Valdek zum erſten Male
Richard Lert inne. Ein Novum, das zum Glanze der
Aufführung weſentlich beitragen wird, iſt die Mitwirk= der erſten Soliſten in den Chören.
Am 21. d. M. wird Frau Kammerſängerin Cahier=
aus
Wien ein einmaliges Gaſtſpiel als Amneris ab=
ſolvieren
.

Eine japaniſche Perlenfarm.

** Japan kann ſich rühmen, die einzige wiſſen=
ſchaftlich
organiſierte Perlenfarm zu be=
ſitzen
; denn den Söhnen des fernen Oſtens iſt es gelungen,
das Geheimnis einer erfolgreichen Perlenzüchtung zu er=
gründen
. Dieſe Farm für Perlenmuſcheln, der Henry
Taylor im Wide World Magazine eine eingehende Schil=
derung
widmet, wurde von einem bekannten japaniſchen
Zoologen Dr. Mikimoto begründet. Ihr Hauptquartier
befindet ſich auf der Totokujuma=Inſel in der Ago=Bai.
Auf einer weit in das Meer hinausreichenden Landzunge
breiten ſich die mannigfachen Gebäude aus, die die Perlen=
farm
bilden, darunter ein Laboratorium für wiſſenſchaft=
liche
Experimente, Sortierhallen, Packräume, Bureaus
und die Wohnung des Direktors. Die Farm, die einen
idylliſchen Eindruck bietet, umfaßt im Ganzen eine Fläche
von 29 engliſchen Seemeilen im Geviert. Die Perlen=
auſter
, die auf dem Meeresgrunde gefunden wird, gehört
zu der Art M. martensi; ihre Produkte ähneln den be=
rühmten
Perlen Ceylons.
Der Gedanke, eine künſtliche Perlenkultur hervorzu=
rufen
, iſt ſo alt wie die Kenntnis von der Entſtehung der
Perlen. So lange die Alten ſich mit den mehr poetiſchen
als wahrſcheinlichen Erklärungen begnügten, Perlen ſeien
Tautropfen, die in Muſcheln fallen, oder Produkte des in
Muſcheln fahrenden Blitzes, konnte freilich nicht der
Wunſch entſtehen, die koſtbaren Edelſteine durch eigene
Macht hervorzubringen, aber ſchon Linné, der Vater der
Naturgeſchichte hat den Gedanken ausgeſprochen, in den
Schalen der Auſtern mit einem feinen Bohrer Löcher an=
zubringen
und dann einen kleinen Fremdkörper einzu=
führen
, der als Kern für die Anhäufung der Perlmutter=
ſchichten
notwendig iſt. Sein Gedanke iſt erſt in neueſter
Zeit von der europäiſchen Wiſſenſchaft aufgenommen wor=
den
; ſo ſah man auf der Internationalen Fiſcherei= Aus=
ſtellung
in Berlin von 1888 Perlen, die in Deutſchland
künſtlich gezüchtet waren; in den letzten Jahren haben die
Franzoſen intereſſante derartige Verſuche gemacht. Lange
vorher aber war es ſchon den Chineſen geglückt, Perlen
zu züchten, indem ſie kleine Tonkörnchen oder bleierne

Götzenbildchen in die Muſcheln einführten, die dann durch
den krankhaften Prozeß mit Perlmutterſchichten überzogen
wurden. Nirgends war man aber ſo weit gekommen, um
Perlen von wirklich hervorragender Qualität zu züchten
und da Größe, Form und Glanz für den Wert der Perle
entſcheidend ſind, ſo kam es vor allem darauf an, wirklich
erſtklaſſige Perlen hervorzubringen. Das iſt nun Dr.
Mikimoto auf ſeiner Perlenfarm nach langen Experimen=
ten
gelungen. Seit 20 Jahren wirft er, wie ſeine Be=
kannten
zunächſt ſpöttiſch ſagten, ſein Geld ins Waſſer.
Aber nun erhält er es mit Zinſen und Zinſeszinſen zu=
rück
. 1896 hat er ſeine Farm in beſcheidenem Umfange ge=
gründet
; 1898 kam die erſte Ernte auf den Markt, und
heute ſtammt ein Teil der ſchönſten Perlen von dieſer
eigenartigen Zucht in der Ago=Bai.
Die Art der Züchtung iſt ſehr einfach. Jedes Jahr in
den Monaten Juli und Auguſt werden kleine Fels= und
Steinſtücke an die Stellen gelegt, wo die Larven der
Perlenauſtern am zahlreichſten gefunden worden ſind.
Bald hat ſich Auſternlaich darauf angeſetzt, und nun wer=
den
die Steinſtückchen in flaches Waſſer geſetzt, während
des Winters dann in größere Waſſertiefe gebracht und
ſorgfältig in dafür vorbereitete Lager gelegt. Hier blei
ben die Auſtern bis ins dritte Jahr; dann werden ſie aus
dem Meer genommen, und nun erfolgt die Operation, die
zur Bildung der Perlen führt. Man hringt in die
Muſchel ein rundes Stückchen Perlmutter, das als Kern
dient, um den ſich nun die Perlmutterſchichten wie die
Häute einer Zwiebel herumlegen. Die Muſcheln werden
in die See zurückgebracht und müſſen wenigſtens 4 Jahre
in Ruhe gelaſſen werden, dann iſt die Perle fertig. Die
Perlenzucht iſt ſehr vielen Gefahren ausgeſetzt; ſie ſchädi=
gen
die üppig wuchernden Seegräſer, die Seepolypen und
jene Bakterien, die die Rotfärbung des Waſſers hervor=
rufen
. Die ganze Arbeit, vor allem auch das gefährliche
und wichtige Werk unter Waſſer, wird von Frauen be=
ſorgt
, denn die Perlentaucherei liegt in Japan von alters=
her
in den Händen des ſchwächeren Geſchlechts. Die
Frauen, die von Kindheit an zu dieſem Beruf trainiert
werden, vollbringen in ihren knappen weißen Taucher=
anzügen
wahrhaft erſtaunliche Leiſtungen und nehmen
mutig den Kampf mit den zahlreichen Seepolypen auf.

Großherzogliches Hoftheater.

Mittwoch, 8. Januar.
Der Regiſtrator auf Reiſen‟
W-l. Der für die nächſte Zeit bei aufgehobenem
Abonnement und zu ermäßigten Preiſen vorgeſehene
Poſſenzyklus wurde heute mit der Aufführung der alt=
beliebten
Poſſe Der Regiſtrator auf Reiſen vor vollbe=
etztem
Hauſe eröffnet. Die Titelcolle ſpielte Herr Jor=
dan
, der zwar äußerlich den verknöcherten Bureaukraten,
der mehr Glück als Verſtand hat, etwas behäbig verkör=
perte
, in der Darſtellung der Rolle des eingebildeten Vorz
geſetzten und liebevollen Gatten und des fern von Mut=
tern
und vom Bureau auf der Schmetterlingsjagd in
Waldkirch für ſeinen Stimmungsbericht Stoff ſammelnden
beſchränkten Aktenmenſchen aber viel Humor und zün=
dende
Komik entfaltete und außerdem durch mehrere
aktuell gefärbte Couplets das Publikum in animierter
Stimmung erhielt. Die Rolle der geſtrengen Ehegattin
Wilhelmine hatte in Frau Müller=Rudolph eine
Repräſentantin von reſoluter Perſönlichkeit und draſtiſchem
Humor erhalten. Herr Peterſen, der in Vertretung
des erkrankten Herrn Jürgas die Rolle der Spürnaſe
Zander ſpielte, fand in dieſer Gelegenheit, ſein ſchon oft
betätigtes komiſches Talent erfolgreich zu entfalten, was=
ohne
karikaturenhafte und unſchöne Uebertreibungen ge=
ſchah
.
Von den vielen anderen Rollen des Stückes ſeien aus
dem Waldkircher Idyll noch beſonders erwähnt: der
famoſe Wirt des Herrn Semler, der ſächſiſche Parti=
kulier
Heidenreich nebſt Tochter Emma, die von Herrn
Wagner und Frl. Gothe prächtig dargeſtellt wurden,
der Ingenieur Weller des Herrn Thomſen und die=
feſche
Nichte und Schauſpielerin Marie des Frl. von
Blank die Waldkirch in den Bereich des Wiener Dia=
lekts
verlegte. Herr Knispel ſpielte wieder die Rolle
des Baurats Hiller mit Würde, Herr Schneider fand=
ſich
mit der undankbaren Rolle des jungen Wichtig gut
ab, während Frl. Mühlpfort als ſtattliche Jette dem
Hauſe des Regiſtrators alle Ehre machte.

[ ][  ][ ]

Nummer 8.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 10. Januar 1913.

* Das heſſiſche Tuberkuloſe=Wander=Muſeum
wird, nachdem es durch die Landesverſicherungsanſtalt
Thüringen für die dortigen Verhältniſſe ergänzt worden
iſt, ſeit Juni 1912 in einer Reihe von Thüringiſchen
Städten ꝛc. zur Schau geſtellt. Bis zum Dezember
waren bereits 13 Städte berückſichtigt, in denen rund
70000 Beſucher gezählt wurden. Das Muſeum findet
auch in T üringen durchweg großes Intereſſe.
* Geſchäftsjubiläum. Geſtern, am 9. Januar, feierte
Herr Schirmfabrikant J. Merz, Hoflieferant Seiner
Königlichen Hoheit des Großherzogs, ſein ſilbernes Ge=
ſchäftsjubiläum
.
m. Auf dem alten Bahnhof ſind auf der Strecke
der ſeitherigen Linie alle Geleiſe bis auf eines, das zum
Materialtransport verwendet wird, entfernt worden.
Die Drehſcheibe, welche den Lokomotiven den Weg in
die alte Lokomotivwerkſtätte bahnte, iſt entfernt worden,
und zur Zeit iſt man mit dem Abtragen der viertorigen
Lokomotiohalle beſchäftigt. Das Dach iſt bereits abge
tragen und in kurzer Zeit wird die rußgeſchwärzte ehe=
malige
Halle dem Erdboden gleich ſein. Die Panierungs=
arbeiten
auf dem Gebiete zwiſchen Heſſiſchem Ludwigs=
bahnhof
und der Breiten Allee gehen ihrer Vollendung
entgegen.
Vortrag. Die Heilung der Nervoſität
durch die Beſeitigung des Gegenwillens, der Urſache
jeder Nervoſität. Hiermit ſei nochmals auf den heute
abend 8¼ Uhr im Feſtſaal des Hotel Heß ſtattfindenden
Vortrag des bekannten Pſychologen Rudolf Parthey
aufmerkſam gemacht. (Alles Nähere ſiehe Anzeigenteil.)
Lieder=Abend 1913. Der diesjährige Lieder=
Abend der Darmſtädter Männer=Geſangvereine findet
Samstag, den 11. Januar, in der Turnhalle am Woogs=
platz
ſtatt. (Siehe Inſerat.)
Martinsgemeinde. Auf den heute abend ſtatt=
findenden
Vortrag mit Lichtbildern des Herrn Miſſionars
Gutekunſt über: Die evangeliſche Miſſion in
Kamerun und Togo wird nochmals hingewieſen
mit dem Bemerken, daß der Vortrag pünktlich um
8½ Uhr besinnt.
Demokratiſche Vereinigung. Wie aus der in heuti=
ger
Nummer enthaltenen Anzeige zu erſehen, ſpricht Hans
v. Gerlach=Berlin in einer öffentlichen Ver=
ſammlung
am Dienstag abend 8½ Uhr im Saale
ider Stadt Pfungſtadt über das ſehr zeitgemäße
Thema Volksnot und Demokratie Bei der im politi=
ſſchen
Leben allgemein bekannten Perſönlichkeit des Red=
mers
darf man einen recht zahlreichen Beſuch erwarten.
Ortsgewerbeverein Darmſtadt. Auf den im Orts=
gewerbeverein
heute abend ſtattfindenden Vortrag des
Herrn Reallehrers Kahl über: Bedeutung und
Aufgaben der Gewerbevereine in der Gegenwart ſei
hiermit nochmals hingewieſen. Es werden intereſſante,
für jeden Handwerker und Gewerbetreibenden, insbeſon=
Dere auch für Innungsmitglieder wichtige Fragen be=
Handelt. Gäſte ſind daher auch freundlichſt willkommen.
* Bezirksverein Altſtadt‟ Die General= Ver=
ammlung
findet am Montag, den 13. Januar, im
oberen Saale der Brauerei Zur Krone ſtatt.
* Billard=Sport. Die Billard=Akademie
im Hotel Heß ſteht jetzt unter Leitung eines neuen
Billardmeiſters, Herrn Ch. K. Dahlem aus Frank=
furt
a. M.
Karnevalgeſellſchaft Narrhalla. Da die große
Damen= und Herrenſitzung der Karnevalgeſellſchaft Narr=
halla
am Sonntag, den 12. ds. Mts., die einzige in
fieſer Saiſon ſein wird, und auch die größte derartiger
Veranſtaltungen überhaupt, wird vorausſichtlich ein ſehr
troßer Andrang herrſchen, ſo daß es ſich dringend em=
fffiehlt
, die Gelegenheit des Vorverkaufs zu be=
nutzen
, um ſicher in den Beſitz einer Eintrittskarte zu ge=
lungen
. Um einer ſtörenden Ueberfüllung vorzubeugen,
wird der große Rat, bewährtem Brauch entſprechend, nur
oviel Karten ausgeben, als wirklich Plätze vorhanden
ſmd. Eine beſchränkte Anzahl von Plätzen iſt nume=
tiiert
. Das Programm hat noch eine Bereicherung er=
fuhren
durch Einfügung geſanglicher Solodarbietungen
die, dem Karneval natürlich angepaßt, auch von wirklich
ſihr bewährten Karnevalkünſtlern zum Vortrag
gelangen werden. In den Reigen der Büttvorträge, zu
denen ſchier unerſchöpflicher Stoff vorlag, werden dieſe
Nummern eine angenehme Abwechslung bringen. Von
Mainz werden die beſten Redner erneute Proben ihres
Könnens und damit des Meenzer Karnevals bringen
luid auch die bewährteſten Darmſtädter Redner ſind wie
irimer auf dem Platze. Dazu kommen neben den bekann=
tim
Poeten der Karnevalgeſellſchaft Narrhalla einige neue
pielverſprechende Liederdichter. Es iſt alſo alle Gewähr
gegeben, die Sitzung tatſächlich zu einem Ereignis der
Sciſon zu geſtalten.

Hotel Heß. In Anbetracht der diesjährigen
kurzen Faſchingszeit iſt für die Beranſtaltungen im
Hotel Heß ein ganz hervorragendes Programm zu=
ſammengeſtellt
. Auch für die Karnevalſaiſon 1913 wird,
wte in früheren Jahren, der Karneval im Hote
Heß
eine führende Rolle übernehmen. Prunkhafte
Dekorationen ſind vorgeſehen. Erwähnt ſei auch, daß
für dieſes Jahr zu allen größeren Veranſtaltungen
Herr Obermuſikmeiſter Weber mit ſeiner Kapelle,
unter perſönlicher Leitung, verpflichtet wurde.
Im Bürgerkeller konzerriert ſeit 1. Januar Herr
Kapellmeiſter Jankowsky mit ſeinem Konzert=
Enſemble. Dieſe Kapelle übt eine große Anziehungs=
kraft
auf das Publikum aus. Täglich ſind abends faſt
alle Stühle beſetzt und werden die vorzüglichen Leiſtungen
dieſer jungen Damen ſtets mit reichem Beifall belohnt.
X
Schlachtungen. Nach dem Monatsberichte des
Fleiſchbeſchauamts ſind während des Monats Dezember
im hieſigen Schlachthaus geſchlachtet worden: 129
Ochſen, 1 Bulle, 285 Kühe, 17 Jungrinder, 878 Kälber,
2381 Schweine, 275 Schafe, 9 Ziegen und 38 Pferde.
Beanſtandet wurden: 72 Ochſen, 1 Bulle, 171 Kühe,
6 Jungrinder, 5 Kälber, 375 Schweine, 44 Schafe, 2 Ziegen
und 2 Pferde. Minderwertig wurde erklärt das
Fleiſch von: 4 Ochſen, 29 Kühen, 1 Jungrind, 1 Kalb,
10¾ Schweinen und 2 Ziegen. Bedingt tauglich
war das Fleiſch von: ¾ Kühen und 1 Schwein. Un=
tauglich
waren: 1068 Organe, 140 kg Fett und 122 kg
Fleiſch von 678 Tieren.
Auf Trichinen wurden
unterſucht: 2381 im Schlachthaus geſchlachtete und 3 von
Privaten geſchlachtete Schweine, ſowie 2391 kg für hieſige
Metzger eingeführtes friſches Fleiſch von 105 Schweinen.
Der Nachunter ſuchung wurden unterzogen: 596 Sen=
dungen
eingeführtes Fleiſch, enthaltend: 10966 kg Rind=
fleiſch
, 2658 kg Schweinefleiſch, 98 kg Kalbfleiſch, 187 kg
Hammelfleiſch, 256 kg Ziegenfleiſch und 320 kg Pferde=
fleiſch
.
D Nieder=Ramſtadt, 9. Jan. Gemeinderechner und
Untererheber Georg Wagner III. von hier beabſichtigt,
in nächſter Zeit ſeine Aemter niederzulegen und in den
wohlverdienten Ruheſtand zu treten. Wagner ſteht im 65.
Lebensjahre und verſieht bereits nahezu 29 Jahre das
Amt als Gemeinderechner und über 12 Jahre, ſeit dem
1. Oktober 1900, dem Zeitpunkte der Neuorganiſation des
ſtaatlichen Kaſſenweſens, die Dienſtgeſchäfte der hieſigen
Untererhebſtelle.
Erbach, 9. Jan. Geſtern früh gelangte die bedauer=
liche
Kunde hierher, daß Hauptmann Franz Ne=
bel
, ein geborener Erbacher, an den Folgen eines kürz=
lich
erlittenen Sturzes mit dem Pferde geſtern nacht in
Koblenz geſtorben iſt. Nebel, ein überaus fähiger und
beliebter Offizier, wäre in Kürze Major geworden und
erfreute ſich ſowohl bei ſeinem Truppenteile in Koblenz,
dem Infanterie=Regiment Nr. 68, wie hier in ſeiner alten
Heimat, allgemeiner Beliebtheit. Sein frühes und tragi=
ſches
Ende iſt daher tief zu beklagen.
Offenbach, 9. Jan. Eine Diebes= und Ein=
brecherbande
treibt ſeit einigen Tagen ihr Unweſen.
Sie hat es beſonders auf Wirtſchaften abgeſehen. So
beſuchte ſie die Wirtſchaft von Theodor Groh in der
Querſtraße, die Wirtſchaft zum Ratskeller (Anna Wag=
ner
), die Weinwirtſchaft von Schulz auf dem Wilhelms=
platz
, die Wirtſchaften der Frau Reinhardt, Ecke Karl=
und Biebererſtraße und des Herrn Dehn in der Bieberer=
ſtraße
. In allen Fällen benützten die Diebe Nach=
chlüſſel
; obwohl ſie verſchiedentlich bei ihren nächt=
lichen
Raubzügen beobachtet wurden, entkamen ſie ſtets
unerkannt. Seinem Leben durch Erhängen ein
chnelles Ende bereitet hat der ſtädtiſche Arbeiter Martin
Hannemann, der in dem Hauſe Sandgaſſe 36 wohnt.
Das Motiv zur Tat dürfte auf Krankheit zurückzuführen
ſein. Bei der Lederwarenfabrik von L. Kahn u. Co
wurde in den Bureauräumen ein Einbruch verübt und
von den Dieben der Kaſſenſchrank geſprengt. Den Die=
ben
fielen 300400 Mark in die Hände. Der Offen=
bacher
Kreisſchulinſpektor Schulrat Scherer, der ſeit
dem 1. Oktober vorigen Jahres hier tätig iſt, begeht am
15. Januar ſein 25jähriges Jubiläum als
Kreisſchulinſpektor.
Mainz, 9. Jan. Der 9jährige Sohn eines Oberbahn
aſſiſtenten geriet geſtern mittag an der Ecke der
Leſſing= und Boppſtraße beim Ueberſpringen des Gelei=
ſes
unter die Straßenbahn; zum Glück kam er
inmitten der Vorderplattform zu liegen. Es gelang dem
Fahrer, den Wagen zum Stehen zu bringen. Der Unvor=
ſichtige
kam mit einem ſchweren Armbruch, Verletzungen
am Kopfe und Hautabſchürfungen davon. Ein Zug
der Dampfſtraßenbahn, der geſtern um 3 Uhr durch die
Große Bleiche fuhr, überrannte einen Kraft=

wagen, deſſen Führer in großer Eile vor dem Zug
vorüber wollte. Das Dach und die Schutzſcheibe wurden
zertrümmert. Der Führer des Wagens kam glück=
licherweiſe
mit dem Schrecken davon. Wegen des
Einbruches in die alte Synagoge wurden 4
Burſchen feſtgenommen. Bekanntlich hatte der Metzger
Michael Schäfer in ſeinem Laden auf dem Kaiſer Wil=
helm
=Ring in Mainz an ſeine Kunden Pferdefleiſch
alsprima Ochſenfleiſchverkauft. Das Pferde=
fleiſch
wurde ihm von einem Pferdemetzger geliefert, und
zwar brachte die Tochter das Fleiſch in einem Sack des
Morgens in der Frühe in einen Hausflur auf der Kaiſer=
ſtraße
, woſelbſt es von Schäfer per Fahrrad abgeholt
wurde. Kürzlich hatte ſich Schäfer, der Pferdemetzger
und deſſen Tochter am Schöffengericht zu verantworten.
Schäfer wurde wegen Betrugs zu 20 Mark Geldſtrafe
verurteilt, der Pferdemetzger und ſeine Tochter freige=
ſprochen
. Der Amtsanwalt legte wegen der Strafe
des Schäfer Berufungein. Von der Mainzer Straf=
kammer
wurde geſtern das Urteil aufgehoben und Schä=
fer
zu 3 Wochen Gefängnis verurteilt.
Oppenheim, 9. Jan. Die geplante und bereits aus=
gemeſſene
Unterführung auf dem hieſigen
Bahnhof ſoll nach einer Miniſterialverfügung vor=
läufig
inhibiert worden ſein, bis eine Entſcheidung über
eine eventuelle Verlegung des geſamten Bahnhofs her=
beigeführt
worden iſt. Einer ſolchen, für die hieſigen
Verkehrsverhältniſſe höchſt bedeutſamen Entſcheidung
ieht man hier mit geſpanntem Intereſſe entgegen. Durch
eine ſolche Entſcheidung dürfte auch die Frage erledigt
werden, ob der benachbarte Ort Dienheim eine Halteſtelle
bekommt oder nicht. Auf der Chauſſee von Oppenheim
nach Dienheim ſind nächtlicherweile wiederum eine An=
zahl
jung angepflanzter Bäumchen von
ruchloſer Hand abgebrochen worden. Die Gen=
darmerie
iſt eifrig bemüht, den Tätern auf die Spur zu
kommen.
Eine Traubenzuchtverſuchsan=
ſtalt
beabſichtigt die Großh. Wein= und Obſtbauſchule
zu errichten. Eine unent geltliche Abgabe von
Edelreiſern veranſtaltet in dieſem Jahre der hie=
ſige
Obſt= und Gartenbauverein an ſeine Mitglieder. Zur
Verteilung gelangen Aepfel, Birnen, Kirſchen und
Steinobſt.
Dalsheim, 9. Jan. Die bei der Reſtaurierung der
früher den Lutheranern gehörigen, jetzt evangeliſchen
Kirche entdeckten Deckengemälde wurden unter
Denkmalſchutz geſtellt. Die neue Orgel, die
automatiſch in Betrieb geſetzt werden ſoll, dürfte in einer
Kirche die erſte in ganz Deutſchland ſein.
Siefersheim, 9. Jan. Als abends ein Knabe mit
drei Flaſchen Bier über die Straße ging, wurde er von
fünf Rohlingen in einer dunklen Ecke überfallen
und beraubt. Durch Verfolgung wurden die Namen
der Burſchen feſtgeſtellt und der Gendarmerie angezeigt.
(*) Gießen, 8. Jan. Ein großzügiger Umbau
des hieſigen Güter= und Rangierbahnhofes iſt
ſeitens der Eiſenbahndirektion geplant. Es handelt ſich
um eine direkte Verbindung der Bahnen Köln-Gießen
und Frankfurt-Gießen für den Güterverkehr, mit Um=
gehung
des Gießener Bahnhofes. Beide Bahnen ſtoßen
im Bahnhof Gießen in einem ſpitzen Winkel zuſammen
und in dieſem Winkel liegt Klein=Linden mit dem am näch=
ſten
nach Gießen vorgeſchobenen Dorfteile Bernhards=
hauſen
. Zwiſchen dieſem und Alt=Klein=Linden ſoll die
zweigleiſige Verbindungsbahn durchgeführt werden. Die
Pläne und Bauwerkverzeichniſſe liegen gegenwärtig auf
der Bürgermeiſterei Klein=Linden offen. Die landespoli=
zeiliche
Prüfung des Projektes iſt auf den 14. Januar feſt=
gelegt
. Wie groß die Neuanlagen werden ſollen, geht
aus der Tatſache hervor, daß ſie ſich in die Gemarkungen
Klein=Linden, Allendorf, Heuchelheim und Großen=Linden
erſtrecken. Angeblich ſind drei Millionen Mark für die
Anlage vorgeſehen. Der abermaligen Beſchneidung der
Gemarkung Klein=Linden ſieht man dort mit ſehr gemiſch=
ten
Gefühlen entgegen.
Gießen, 9. Jan. Der geſchäftsführende Ausſchuß
der Jubiläums=Vereinigung ehem 116er
hielt am 30. Dezember v. J. eine Sitzung ab. Es wurden
ſämtliche einzelnen Arbeitsausſchüſſe ſgebildet
und ihnen ihre Aufgaben zugewieſen. Beſprochen wurde
beſonders die Einteilung des Feſtplatzes. Für den Ver=
ein
ſelbſt ſoll eine Militärkapelle für die drei Tage des
Feſtes angenommen werden, neben der vielleicht noch
eine weitere Militär= und Zivilkapelle in Tätiakeit treten.
Bis zur nächſten Sitzung ſollen die Einzelausſchüſſe ihre
Voranſchläge vorlegen. In der Einquartierungs=
frage
iſt beabſichtigt, demnächſt gemeinſam mit dem
Herrn Regimentskommandeur einen Aufruf an die
Bürgerſchaft Gießens um Zeichnung von Freiquar=
tieren
und Einquartierungszuſchüſſen zu veröffentlichen.
Im Anſchluß daran werden Zeichnungen durch die Be=

Feuilleton.

Filchners antarktiche Expedition.
* Berlin, 8. Jan. Oberleutnant Filchner tele=
ſtaphiert
aus Buenos=Aires: Das Schiff Deutſch=
and
iſt hier eingetroffen. Es muß im Dezember noch=
mals
ſüdlich fahren, um die Forſchungen programmäßig
urchzuführen. Nach Durchquerung von 1200 Seemeilen
n den Breiten des Eisgürtels wurde im Februar bei 76
Grad 35 Minuten ſüdlicher Breite und 30 Grad weſtlicher
Lange neues Land entdeckt und nach dem Ehrenprotektor
Prinz=Regent Luitpold benannt. Das Land wurde bis
Grad ſüdlicher Breite und 30 Grad weſtlicher Länge
eitgeſtellt. Auf dem 78. Breitegrad ſchließt ſich hieran als
ſüdliche Begrenzung die Weddelſee, nach Weſten zu
ie Kaiſer Wilhelm=Barriere. Als die Landung daſelbſt
durchgeführt wurde, wurden durch die Springflut
nehrere Quadratkilometer ſamt der Station abgeſprengt,
etztere wurde an Bord gerettet. Das Schiff kam Anfang
eirz in die Eisdrift. Wertvolle Ergebniſſe
nd erzielt worden. Ausrüſtung und Schiff ſind in
eiter Verfaſſung. Die Tiere, der Proviant und die
ſohlen ſind vollſtändig intakt. Im Auguſt ſtarb in Süd=
eorgien
der verdienſtvolle Kapitän Vahſel an einem
erzleiden.
Profeſſor Penk, der Vorſitzende der Geographiſchen
eſellſchaft, teilt dem W. J.=B. hierzu folgendes mit:
Nach dem vorſtehenden Telegramm iſt Oberleutnant
ichner im ſüdlichen Eismeer 400 Kilometer wei=
er
ſüdlich gelangt, als es bisher in der Weddelſee
eſchah. Ein Vordringen in die vereiſten Antarktika
lurde durch das Zerſtören eines Teiles der Eisbarriere,
f der ſich die Station befand, vereitelt. Die Seereiſe
edeutet einen großen Erfolg, wie ihn die maritimen Ex=
ditionen
des Antarktis ſeit langem nicht erzielt haben,
nd bezeichnet die Entdeckung ähnlicher Verhältniſſe in
r Weddelſee, wie ſie in der Roß=See als Ausgang wei=
ſer
Vorſtöße gegen Süden erfolgreich gedient haben.

* Neue Bosniſche Briefmarken. Der Namenstag
Kaiſer Franz Joſefs hat der Sammlerwelt eine freudige
Ueberraſchung gebracht. An dieſem Tage wurde näm=
lich
ſeitens der Kaiſerk. und Königl. Militärpoſtverwalt=
ung
in Bosnien und der Herzegowina eine neue, aus 20
Werten beſtehende Briefmarkenreihe verausgabt, deren
künſtleriſche Ausführung in prächtigem Kupferdruck ent=
ſchieden
Aufſehen erregt. Ueber die Zeichnung der neuen
Poſtwertzeichen ſei geſagt, daß alle Werte in einem ver=
zierten
Rahmen das wohlgelungene Bildnis des Kai=
ſers
Franz Joſef tragen, und zwar zeigt ſich auf den Wer=
ten
von 130 Heller, 1 und 2 Kronen der Kopf des Mon=
archen
von vorn, auf denjenigen von 3572 Heller, 3 und
5 Kronen hingegen von der Seite. Die Hellerwerte ſind
auf weißes, die Kronenmarken auf farbiges Papier ge=
druckt
; außerdem haben letztere noch zur beſſeren Unter=
ſcheidung
ein etwas größeres Format. Die vorherige
Ausgabe wies bekanntlich 18 Landſchaftsbilder und nur
auf einer Marke, der zu 5 Kronen, den Kopf des Mon=
archen
auf.
** Spielfieber in London. In den letzten Monaten
iſt über London eine Flutwelle leidenſchaftlichen Spiel=
fiebers
niedergegangen, und die Verhältniſſe haben ſich
bereits ſo zugeſpitzt, daß die Oeffentlichkeit den Ruf nach
Abhilfe erhebt. Gegenwärtig wird in keiner Stadt der
Welt ſo viel Haſard geſpielt wie in London, erklärt ein
großes City=Blatt in einem Artikel, der ſich mit dieſer
plötzlich aufgetauchten verderblichen Methode beſchäftigt.
Hauptſächlich wird Chemin de ker geſpielt und die Ver=
luſte
, die allnächtlich erlitten werden, ſind enorm. Während
der letzten Monate ſind nicht weniger als zwölf junge
Leute, Angehörige der höchſten Ariſtokratie und der vor=
nehmſten
Geſellſchaftskreiſe, durch dieſe Spielhöllen und
über Nacht entſtandenen heimlichen Spielklubs vollkom=
men
ruiniert worden. Allein in Weſtend wird Abend für
Abend in mindeſtens zwölf dieſer heimlichen Klubs ge=
ſpielt
, und durchſchnittlich in jeder Nacht werden 300000
Mark verloren und gewonnen. Man kann ſich ausrechnen,
welche Rieſenſummen in ganz London während der letzten
Wochen verloren worden ſind. Der Polizei, deren Hilfe
jetzt von der Oeffentlichkeit angerufen iſt, harrt eine ſehr

ſchwere Aufgabe, weil es ſich bei all dieſen faſhionablen
Spielergeſellſchaften nicht um ſtändige polizeilich gemel=
dete
Klubunternehmungen handelt. Die heimlichen Klubs
ſpielen nicht zwei Abende hintereinander im ſelben Hauſe,
ſie wechſeln Tag für Tag ihr Quartier, und erſt am ſpä=
ten
Nachmittag erfahren die Spieler, wo ſie ſich am Abend
treffen werden. Es gibt in London unzählige Häuſer, in
denen einzelne Zimmer an Aerzte und kleine Juriſten zu
Konſultationszwecken auf beſtimmte Tageszeiten ver=
mietet
werden; die Einnahmen dieſer Hausbeſitzer ſind
ſehr gering, und wenige werden der Verſuchung trotzen,
wenn ihnen plötzlich für eine einmalige Ueberlaſſung eines
ſolchen Zimmers auf eine Nacht 500 Mark und mehr ge=
boten
werden. Neben dieſen wandernden Spielerge=
noſſenſchaften
gibt es aber noch Leute, die in ihrer meiſt
herrſchaftlich eingerichteten luxuriöſen Privatwohnung
einen geheimen Spielklub gründen. Einer dieſer Klub=
beſitzer
, der in Mayfair ſeine nächtlichen Sitzungen leitet,
gibt zu daß er ſeit September über 400000 Mark bar ver=
dient
hat, nicht etwa durch Teilnahme am Spiel, ſondern
nur durch die Spielgelder, die ihm zufloſſen. Um die Be=
deutung
dieſes Reingewinnes ganz zu ermeſſen, muß man
wiſſen, daß die Ausgaben eines ſolchen Klubgründers
unverhältnismäßig hoch ſind, denn er muß über ſchöne
Räume verfügen, ſein zahlreiches Dienerperſonal durch
ungewöhnlich hohe Gehälter zum Schweigen verpflichten
und außerdem noch alle Klubmitglieder allnächtlich be=
wirten
, ohne für die dargereichten Delikateſſen und Er=
friſchungen
entſchädigt zu werden. Zu dieſen nächtlichen
Klubs, bei denen nur Herren Einlaß finden, geſellen ſich
noch andere ähnliche Unternehmungen, die am Nachmittag
ihre Sitzungen abhalten und auch Damen aufnehmen.
Ueberall werden Spielgelder erhoben, die mit 5 Prozent
des Bankgewinnes beginnen und bis zu 30 Prozent
wachſen, je nach der Höhe des Gewinnes des Bankhalters.
Freunde, auf die man ſich verlaſſen kann. Jenkins
iſt jung verheiratet und wohnt auf dem Lande. Neulich
morgens küßt er ſeine junge Frau zum Abſchied, erklärt,
um 6 Uhr zum Eſſen wieder daheim zu ſein, ſteigt in ſein
Auto und fährt in die Stadt. Um 6 Uhr ertönt kein Hup=
venſianal
und die Gattin wird unruhig. Als die Mitter=

[ ][  ][ ]

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 10. Januar 1913.

Nummer S.

zirksobmänner des Wohnungsausſchuſſes eingeholt wer=
den
. Die nächſte Sitzung des großen Feſtausſchuſſes der
Jubiläums=Vereinigung wurde auf den 8. Februar, vor=
mittags
10 Uhr, beſtimmt. Auf Anfragen wurde von
dem Vorſitzenden mitgeteilt, daß die kürzlich in verſchie=
denen
Zeitungen erſchienene Veröffentlichung, wonach
das Feſt vom 13, bis 15. Juni ſtattfinde, unrichtig iſt,
daß vielmehr Se. Kgl. Hoheit der Großherzog als Feſt=
tage
die Zeit vom 7. bis 9. Juni beſtimmt haben.
Friedberg, 9. Jan. Dem Sattlermeiſter Hieroni=
mus
wurden aus einem Schreibtiſch von einem Burſchen
700 Mark geſtohlen. Der jugendliche Dieb wurde
beim Verlaſſen des Zimmers überraſcht und verhaftet.

nachtsſtunde ſchlägt und der Gemahl noch immer nicht ge=
kommen
iſt, vermag ſie ihre Nervoſität nicht länger zu
bezähmen. Sie ſteht auf, weckt ihren Vater, und ſchließ
lich ſchickt man fünf Telegramme an die fünf beſten Klub=
freunde
des Verſchollenen. Die Telegramme enthalten die
Anfrage, ob der Vermißte vielleicht bei einem ſeiner
Freunde die Nacht verbracht habe. Als der Morgen graut,
fehlt noch jede Nachricht. Um 6 Uhr fährt ein Bauern=
wagen
vor; darauf ſitzt an der Seite des Bauern der Ver=
mißte
; der Wagen ſchleppt die Reſte ſeines Autos. Aber
im ſelben Augenblick bringt der Poſtbote ein Telegramm,
und in kurzen Pauſen vier weitere. Es ſind die Antworten
der Klubfreunde. Und alle fünf Telegramme lauten: Ja=
wohl
, John übernachtete heute bei mir. . . .

Max Hofpauer.?)

Ein Geleitwort von Dr. Michael Georg Conrad.
Nennt man die beſten Namen aus der Blütezeit des
Münchener Gärtnertheaters, ſo erſcheint Max Hof=
pauer
mit in der erſten Reihe. Der Glanz echter Volks=
tümlichkeit
, der das Charakterbild unvergänglicher Zier=
den
edel=heiteren Spiels in den Königlichen Muſentem=
peln
an der Iſar umwittert, iſt mit nicht geringerer Kraft
auch an dem Namen Max Hofpauers haften geblieben.
Raſtlos wie ſeine berühmten Kunſtgenoſſen iſt er in die
Welt gezogen, um überall in Nord und Süd, Oſt und
Weſt eine unvergänglich leuchtende Spur echteſter Mün=
chener
Kunſt zurückzulaſſen. Sein raſſiges Temperament,
ſein Talent, ſo ſtahlfeſt wie geſchmeidig, konnte ſich, wie
ſein geſunder Ehrgeiz, der ſtets nach dem höchſten Lor=
beer
ſtrebte, nur in einer weitgeſchwungenen Linie dra=
matiſcher
Betätigung ausleben. Die feine künſtleriſche
*) Mar Hofpauer wird demnächſt zum erſten
Male nach Darmſtadt kommen und auf Einladung des
Vortragsverbandes hier einen Peter Roſegger=
Abend geben.

Erziehung, die ihm durch ſeinen Münchener Lehrer, den
berühmten Hofſchauſpieler und Profeſſor Heinrich Richter,
den Weg zu den idealen Stürmer=Gipfeln des klaſſiſchen
Repertoires finden ließ, gewann eine geſunde Ergänzung
in dem belehrenden Zuſpruch der genialen Marie Geiſtin=
ger
; im Fluge eroberte ſich der mit dem Titel eines Kgl.
Bayeriſchen Hofſchauſpielers geſchmückte jugendliche Mime
alle Domänen der heiteren Muſe und wurde einer der
gefeiertſten Darſteller komiſcher Charakterfiguren. So
bleibt Bild und Name Max Hofpauers für alle
Zeit mit dem Aufſchwunge der volkstümlichen Kunſt und
Dichtung im neuen Deutſchen Reiche untrennbar verbun=
den
. Was er in München an urwüchſiger Kraft und Tüch=
tigkeit
in ſich geſammelt, konnte er ſpäter, nachdem er ſich
in der Reichshauptſtadt Berlin feſtgeſetzt, in einem noch
unerprobten Wirkungskreiſe als Regiſſeur und Leiter
eines neuen Opernunternehmens im Theater des Weſtens
zu wertvollſter Entfaltung bringen.
Alle dieſe Kraftproben des gereiften Künſtlers reizten
nur Hofpauers Schaffensfreude, in immer neuen
Taten ſeine ungewöhnliche Jugendfriſche zu bewähren.
Es war vorauszuſehen, daß ſeine prachtvolle Art des Ein=
fühlens
und Nachſchaffens, verbunden mit einer hervor=
ragenden
Sprechtechnik, ihn bald auch zu einem der geſuch=
teſten
Vortragskünſtler machen mußte. Wie er einſt im
Volksſtück durch ſeine Triumphzüge in Europa, Rußland
Holland und Amerika dem deutſchen Namen Ruhm er=
warb
, ſo finden wir ihn jetzt als Rezitator am
Pult überall da, wo ein feinſinniges Publikum den
auserleſenſten Schöpfungen deutſcher Hoch= und Dialekt
dichtung Sinn und Verſtändnis entgegenbringt. Damit
iſt Max Hofpauer einer der vorzüglichſten Förderer deut=
ſcher
Sprache und Poeſie im In= und Auslande geworden,
und es iſt nicht überraſchend, daß er von den deutſchen
Geſellſchaftskreiſen in Mailand, Genua, Neapel, Rom,
Brüſſel, Antwerpen, Lüttich, Amſterdam, Rotterdam uſw.
uſw. ſtets enthuſiaſtiſche Einladungen zu neuen Vorträ=
gen
erhält. Auf dieſem Gebiet blüht jetzt der Hofpauer=
ſchen
Volkskunſt die reichſte Ernte.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 8. Jan. Kronprinzeſ=
ſin
Cecilie iſt nur mit ihren beiden älteſten Söhnen
nach Garmiſch=Partenkirchen gereiſt. Wie mitgeteilt wird,
werden nur die beiden Prinzen in Partenkirchen längeren
Aufenthalt nehmen. Die Kronprinzeſſin wird bereits in
den nächſten Tagen nach Berlin zurückkehren. Die Aus=
ſchmückungskommiſſion
des Reichstages hat einem Antrag
des Reichsamtes des Innern ſtattgegeben, wonach eine
Herme Wallots in der Oſthalle des Reichstags=
gebäudes
Aufſtellung finden ſoll. Die Büſte wird
von Profeſſor Diez hergeſtellt werden. Der über 1000
Mitglieder zählende Berliner Grundbeſitzerverein von
1865, der die Intereſſen der inneren Stadtteile vertritt,
beſchäftigte ſich in ſeiner geſtrigen Hauptverſammlung
mit der Frage des neuen Opernhauſes. Der
Vorſchlag, den Neubau am Schloßplatz zu errichten, fand
eine überaus beifällige Aufnahme, wenngleich die Koſten=
frage
einige Bedenken verurſachte. Der Magiſtrat hat
an den Landwirtſchaftsminiſter den Antrag gerichtet, die
Erleichterungen für den Bezug ruſſiſchen
Fleiſches, die zunächſt nur bis zum 31. März dſs. Js.
erlaubt wurden, auch über dieſen Termin hinaus zu ge=
nehmigen
. Der Magiſtrat hat ſich bereits mit Vorkehrun=
gen
beſchäftigt, die den Bezug ruſſiſchen Fleiſches auch
während der wärmeren Jahreszeit ermöglichen ſollen.
Nach dem Berliner Lokalanzeiger ſind heute der Defrau=
dant
Guſtav Bruning und ſein Komplize Beermann
unter ſicherem polizeilichen Geleit von Winnipeg abge=
reiſt
.
Hanau, 9. Jan. Die Krankheit im hieſigen
Eiſenbahn=Regiment iſt anſcheinend zum
Stillſtand gekommen, denn neue Erkrankungen ſind nicht
zu verzeichnen. Heute ſind noch 173 Kranke gegen 176 am
geſtrigen Tage vorhanden. Auch die Zahl der in hohen
Fiebern liegenden Soldaten iſt ſeit geſtern um 12, von
38 auf 26, zurückgegangen. Der Rekonvaleſzentenſtand
beträgt 75.
Schlettſtadt, 9. Jan. Verhaftet wurde geſtern hier
der Direktor der hieſigen Filiale der Allgemeinen Elſäſſi=
ſchen
Bank=Geſellſchaft, Karl Müller, nach vorausge=
gangener
Bücherreviſion durch die Generaldirektoren die=
ſer
Geſellſchaft. Man ſpricht von einem Fehlbetrage von
80000 Mark. Müller führte ein einfaches Leben und ge=
noß
allgemeine Achtung. Er iſt das Opfer einer unbän=
digen
Spekulationsmanie geworden. Das nicht unbedeu=
tende
Vermögen des Verhafteten iſt gerichtlich mit Be
ſchlag belegt und auch ſonſt iſt, wie man hört, dafür ge=
ſorgt
worden, daß die Klientel der Bank keinerlei Ver
luſte erleidet.
Köln, 9. Jan. Als mutmaßlicher Mörder der vor=
geſtern
auf dem Eiſenbahngleis Mülheim-Schlebuſch
aufgefundenen Frau wurde deren Ehemann Reuter aus
Dünnwald, der ſeit mehreren Jahren von ihr getrennt
lebte, von der Polizei verhaftet.
Oberſtein, 9. Jan. Ein 13jähriger Burſche
ſchoß aus Uebermut mit einem Flobert in eine Gruppe
Burſchen und verletzte einen Wjährigen Goldarbeiter
lebensgefährlich durch einen Schuß in den Kopf. Der
Verletzte iſt ins Krankenhaus gebracht worden.
Stendal, 9. Jan. Hier iſt eine Reihe von Perſonen
an Nahrungsmittel=Vergiſtung erkrankt
Ein 16jähriges Mädchen iſt bereits geſtorben. Zwei wei=
tere
Perſonen liegen im Sterben.
Prenzlau, 9. Jan. Heute morgen um 6.03 Uhr ent
gleiſte auf dem hieſigen Bahnhof in der Kreuzweiche
der von Paſewalk kommende Güterzug 9442. Der
Packer Dahn aus Paſewalk wurde getötet, der Hilfs=
bremſer
Neſe aus Papendorf bei Paſewalk erlitt eine
Quetſchung des rechten Fußes bis zum Knöchel. Er
wurde dem Krankenhaus zugeführt. Ein Hilfszug aus
Paſewalk iſt inzwiſchen eingetroffen. Der Schaden iſt un=
bedeutend
, die Urſache noch unaufgeklärt.
Hamburg, 8. Jan. Am Bramfelder See wurden Teile
der Leiche eines 17jährigen Mannes gefunden. Daneben
lag ein blutbeflecktes Raſiermeſſer. Anſcheinend ſind die
Leichenteile in einem gleichfalls in der Nähe aufgefun=

denen Ruckſack dorthin gebracht worden. Es wird Mord
vermutet.
Peſt, 8. Jan. Zwiſchen dem Grafen Tisza und dem
Grafen Aladar Szechenyi fand ein Säbelduell
ſtatt, weil Szechenyi ſchriftlich erklärt hatte, er habe den
Gruß Tiszas nur irrtümlich erwidert. Szechenyi erhielt
einen Hieb am Kopfe. Tisza blieb unverletzt. Die Ab=
geordneten
der Regierungspartei bereiteten Tisza Ova=
tionen
.
Paris, 8. Jan. Der Prozeß gegen die Anarchiſten=
bande
der Genoſſen Bonnot=Garnier deren
Schreckenstaten, wie erinnerlich, ganz Frankreich im Früh=
jahr
vorigen Jahres monatelang in Aufregung verſetzten,
wird am 3. Februar vor den Geſchworenen von Paris
zur Verhandlung gelangen. Es wird ein Monſtreprozef
werden, wie ihn ein Schwurgericht in Frankreich bisher
ſelten geſehen haben dürfte. Die Zahl der Angeklagten
beträgt 21, die der Belaſtungszeugen 150, die der Entlaſt=
ungszeugen
ebenfalls 150. Die Zahl der Fragen, die den
Geſchworenen vorzulegen ſind, iſt durch den Unterſuch=
ungsrichter
auf 567 angeſchwollen. Für die Verhandlung
ſind 15 Sitzungstage vorgeſehen; nämlich vier Tage für
die Verhöre der Angeklagten, ſechs für die Zeugenver=
nehmungen
, einer für die Anklagerede des Staatsanwalts,
drei für die Verteidigungsreden und einer für den Ur=
teilsſpruch
der Geſchworenen. Da für die Angeklagten
auf der gewöhnlichen Anklagebank nicht genügend Platz
iſt, ſo wird für ſie ein beſonders abgeſperrter Raum ge=
ſchaffen
werden. Außerdem wird der Sitzungsſaal noch
eine beſonders umfangreiche Ausſtellung von Verbrecher=
werkzeugen
aller Art, als Revolver, Karabiner, Brecheiſen
und Nachſchlüſſel aufweiſen, die die Automobilräuber und
ihre Genoſſen bei ihren Taten gebrauchten.
Paris, 9. Jan. Bei der geſtern vom Präſidenten Fal=
lieres
veranſtalteten letzten Jagd erhielt der dem Mili=
tärſtab
des Elyſees angehörige Oberleutnant Boulanger
eine Schrotladung ins Geſicht. Die Jagd wurde
ſofort abgebrochen. Boulanger erlitt einen ziemlich ſtar=
ken
Blutverluſt, doch iſt ſeine Verletzung nicht ſchwer
London, 9. Jan. In einer New=Yorker Pfan d=
leihe
fand die Polizei bei einer Hausſuchung Juwe=
len
im Werte von zwei Millionen Mark die
ſämtlich von den Diebſtählen einer wohlorganiſierten
Bande herrühren. Bisher gelang es nur ein junges Mäd=
chen
feſtzunehmen, die in Verbindung mit den Dieben
ſtand. Die Juwelen ſollen auf myſteriöſe Weiſe bei
Diners in der New=Yorker Geſellſchaft verſchwunden ſein
New=York, 8. Jan. Nach einer Meldung aus Ottawa
wurde feſtgeſtellt, daß die Herzogin von Con=
naught
neuerlich an Bauchfellentzündung erkrankt iſt
Sie wurde nach dem Royal Viktoria Hoſpital gebracht.
New=York, 8. Jan. 10000 Kimonoſchneide=
rinnen
haben ſich dem Streik angeſchloſſen. Geſtern kam
es zu einem ernſten Zuſammenſtoß zwiſchen Streikenden
und 60 Poliziſten.
Aſtoria (Oregon), 8. Jan. Von den drei Ueber=
lebenden
des Dampfers Roſecrans, die
ſich auf die Maſtſpitze gerettet hatten, hat einer die ſechs
Meilen bis zur Küſte durchſchwommen. Die beiden an=
deren
wurden von einem Rettungsboot aufgenommen,
das aber nicht zur Küſte zurückkehren konnte, ſondern ſich
bis zu einem Leuchtſchiff durcharbeitete, das Retter und
Gerettete an Bord nahm.

Parlamentariſches.

*X* Darmſtadt, 9. Jan. Der Finanzaus=
ſchuß
der Zweiten Kammer erledigte heute in
raſcher Reihenfolge eine große Anzahl von Etatskapiteln,
die ſich gegen das Vorjahr nur wenig oder gar nicht ver=
ändert
haben. Zunächſt Kap. 13: Landſtände, bei welchem
die Ausgaben gegen 146098 Mark im Jahre 1912 für die=
ſes
Jahr nur 140888 Mark betragen, weil keine größeren
baulichen Reparaturen nötig waren. Bei den Kapiteln
des Staatsminiſteriums: 1422, begrüßte der Ausſchuß
den Regierungsvorſchlag, die durch Penſionierung des
Geh. Staatsrats Krug v. Nidda erledigte Miniſterial=
ratsſtelle
nicht mehr zu beſetzen und nur die Stelle eines
Vortragenden Rates zu bewilligen. Es ſollen aber noch
Erörterungen mit der Regierung darüber ſtattfinden, ob
nicht auch der angeforderte Sekretär geſtrichen werden
kann. Beim Titel Verwaltungsgerichtshof werden ſtatt
11460 Mark im Vorjahre jetzt 19510 Mark angefordert,
und vom Ausſchuß für begründet erachtet, weil die Kom=
petenzen
und der Geſchäftskreis weſentlich erweitert wor=
den
ſind. Auch die Mehrforderung von 20660 Mark für
das Haus= und Staatsarchiv für Einrichtung von Akten=
geſtellen
uſw. wurde, nachdem ſchon vorher eine Beſichtig=
ung
an Ort und Stelle ſtattgefunden hatte, bewilligt. Die
übrigen Kapitel dieſes Miniſteriums wurden gutge=
heißen
.
Beim Etat des Miniſteriums des Innern wird eir
neuer Sekretariats=Aſſiſtent verlangt. Die Regierung ſoll

um Mitteilung darüber erſucht werden, ob dadurch nicht
die Stelle eines akademiſchen Hilfsarbeiters erſpart wer=
den
könne. Beim Kapitel Provinzialdirektionen und
Kreisämter, Ausgabe 679341 Mark, wurde die beanträgte
Erhöhung des Dispoſitionsfonds von 16000 Mark auf
21000 Mark für Vergütungen und Aushilfekoſten abge
lehnt. Kapitel Polizei, 163 220 Mark, und Polizeikaſſen,
194 450 Mark, wurden genehmigt. Bei letzterem Kapitel=
ſoll
behufs Erzielung von Erſparniſſen eine Vereinigung
mit den Kriminalkaſſen angeſtrebt werden. Beim Kapitel
Techniſche Hochſchule, Einnahme 346715 Mark, Ausgabe
730 Mark, beſchloß der Ausſchuß, die Prüfungsgebüh=
ren
von 26000 auf 30000 Mark zu erhöhen, da dieſe
Summe in den früheren Jahren ſtets höher angeſetzt war.
Der hier angeforderte Lehrauftrag für Flugtechnik und
Luftſchiffahrt wurde genehmigt, ebenſo die Lektoren für
neuere Sprachen. Die übrigen Anforderungen dieſes Ka=
pitels
wurden ebenfalls gutgeheißen. Das Kapitel Gym=
naſien
, Realgymnaſien, Oberreal= und Realſchulen, ſowie
pädagogiſche Seminare, Einnahme 2045 536 Mark, Aus=
gabe
3085 314 Mark, wurde nicht beanſtandet; ebenſo Ka=
pitel
Höhere Bürgerſchulen, Ausgabe 154326 Mark, nicht.
Beim Kapitel Lehrerſeminare, Vorſeminare und pädago=
giſcher
Kurſus, Ausgabe 2389716 Mark, ſoll noch einmal
die Frage der Einführung eines Schulgeldes für die Se
minariſten mit der Regieruna diskutiert werden. Kapitel
Volksſchulen erfordert eine Ausgabe von 2939870 Mark.
Auch hier wurden die einzelnen Forderungen gutgeheißen,
Bezüglich der Forderung von 15000 Mark für Jugend=
pflege
ſoll von der Regierung Auskunft über die Ver
wendung der Summe im Jahre 1912 eingeholt werden.
Der Ausſchuß erledigte ſchließlich noch die Kapitel
öffentliche Geſundheitspflege und Veterinärweſen. Die
Fortſetzung der Etatsberatung erfolgt morgen vormittag

Die Wahl in Bingen-Alzey.

* Berlin, 9. Jan. Die Wahlprüfungs
Kommiſſion des Reichstags hat in ihrer heu=
tigen
Sitzung die Wahl des zu keiner Partei gehörigen
Abgeordneten Dr. Becker (Bingen=Alzey) mit 8 geger
5 Stimmen für ungültig erklärt.
Bekanntlich wurde nach der Reichstagswahl im Ja=
nuar
v. J. der fortſchrittliche Kandidat Korell zuerſt als
gewählt bezeichnet. Das wirkliche Ergebnis ſtellte aber
für Becker eine Mehrheit von 2 Stimmen feſt. Gegen
die Wahl wurde alsbald Proteſt erhoben.

Der württembergiſche Landtag

iſt geſtern vom König mit einer Thronrede eröffnet
worden, die zunächſt den wohlgeordneten Zuſtand der
Finanzen feſtſtellt und hervorhebt, daß die Ausdehnung
des Kreiſes der Staatsaufgaben auch in Württemberg
höhere Anforderungen als je zuvor bedingt. Die Aus=
gaben
für kulturelle und Wohlfahrtszwecke, beſonders in
den Departements des Innern und des Kirchen= und
Schulweſens, ſind unabläſſig geſtiegen, Fortſchritte, die
die wirtſchaftliche Blüte des Landes ermöglichten. Hoffent=
lich
können die eingeſchlagenen Wege weiter verfolgt und
an der Vervollkommnung derjenigen öffentlichen Einrich=
tungen
fortgebaut werden, die dem Leben des deutſchen
Einzelſtaates ſeine beſondere Weihe geben. Die erfreu=
liche
Weiterentwickelung des Verkehrs wird wieder be=
deutende
Aufwendungen verurſachen. Als eine der vor=
nehmſten
Aufgaben bezeichnet die Thronrede die plans
mäßige Fürſorge für alle Zweige des Unterrichts. Sie
kündigt weiter an die Anpaſſung des Körperſchafts= Be=
amten
=Penſionsgeſetzes an das ſtaatliche Beamtenrecht,
verbunden mit der Unfallfürſorge für die im Dienſte ver=
unglückten
Körperſchafts=Beamten, ferner eine Erweiter=
ung
des Beſteuerungsrechtes der Gemeinden, eine neue
Wegordnung, eine Neuordeung der Gebäude= Brandver=
ſicherung
und die Einführung eines Rechnungshofes.
Schließlich ſpricht die Thronrede den Wunſch aus, daß
unter den Segnungen des Friedens, der allein die Stärke
der Nation erhalten könne, auch die Zukunft dem Volke
in allen ſeinen Teilen Glück und Gedeihen bringen möge,
Den Landſtänden Württembergs iſt zur Landtags
eröffnung der neue Haupitfinanzelat zugegangen
Nach dem Staatsanzeiger bezeichnet der Finanzminiſter
den Abſchluß des Etats als nicht ungünſtig, da es ſich habe
ermöglichen laſſen, trotz der erheblichen Mehrforderungen
das Gleichgewicht zwiſchen Ausgaben und Einnahmen
herzuſtellen. Vorausſetzung iſt hierbei allerdings, daß in
der wirtſchaftlichen Lage eine Verſchlechterung nicht ein=
tritt
. Der Staatsbedarf beträgt für 1913 118828 521 Mark
für 1914 121692658 Mark. Gegen den Etatsſatz von 1912
iſt das ein Mehr von 7,3 bezw. 10,2 Millionen. Die Eins
nahmen ſied veranſchlagt für 1913 auf 119059073 Mark
für 1914 auf 122018620 Mark, wovon 63,1 bezw. 64 Mil=
lionen
auf die Landesſteuern fallen. Die Steigerung der
Einnahmen wurde insbeſondere durch die Einſtellung
höherer Erträge bei den Verkehrsanſtalten und bei den
direkten Steuern erreicht. Im Ganzen ergibt ſich ein
Ueberſchuß von 230552 Mark für 1913 und von 325.96g
Mark für 1914. Es müſſen aber für außerordentliche Be=
dürfniſſe
der Verkehrsanſtalten und für die Landes
Waſſerverſorgung Anlehen im Geſamtbetrage von 8
Millionen Mark ausgegeben werden, die mit je 21 Millio=
nen
auf die beiden Jahre 1913 und 1914 verteilt werder
ſollen.

Deutſcher Reichstag.

* Berlin, 9. Jan. Präſident Dr. Kaempfer
öffnet die Sitzung um 1 Uhr 20 Minuten. Auf der Te
gesordnuna ſteht zunächſt die Fortſetzung der Beſprechung
der ſozialdemokratiſchen
Interpellation betreffend den Wagenmangel.
Abg. Frhr. v. Gamp (Reichspt.): Bei der ganzen
Kalamität in der Verkehrsſtockung handelt es ſich ledig=
lich
um die Schwierigkeit, dem Induſtrierevier die nötige
Anzahl Güterwagen zuzuführen und zur Verfügung zu
ſtellen. Die Wagennot iſt ihrerſeits entſtanden aus den
unzulänglichen Gleisanlagen und den zu kleinen Bahn=
höfen
. Der Vorwurf des Abgeordneten Dove, daß es
eine Eligentümlichkeit der Staatseiſenbahn ſei, immer
unzulängliche bauliche Anlagen zu ſchaffen, iſt nicht zu=
treffend
. Auch Kommunen leiden an dieſem Fehler. So
zeigt es ſich in Berlin, daß die Stadtväter, die erleuchte=
ſten
Perſönlichkeiten Deutſchlands, ihre Rathäuſer ſtets zu
klein anlegen. (Sehr gut!) Angeſichts des Notſtandes
hätte die Sonntagsruhe im Güterwagenverkehr einge=
ſtellt
werden können. Die Termine für Vorzugstarife im
Düngertransport könnten verlängert werden. Auch da=
durch
würde ein erheblicher Teil des Fuhrparks für den
Kohlenverkehr frei werden. Auch die Grubenhölzer könn=
in

ten hauptſächlich während der von dem Kohlenver
Anſpruch genommenen Zeiten von dem Eiſenba

[ ][  ][ ]

Nummer 8.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 10. Januar 1913.

Seite 5.

vort ausgeſchloſſen werden. Die ungeheure Zahl fehlen=
der
Wagen wird wohl darauf zurückzuführen ſein, daß
die Unternehmer, denen die gewünſchte Zahl nicht geſtellt
werden konnte, vorſichtshalber die doppelte Anzahl be=
ſtellten
. Von dem Reichseiſenbahngeſetz kann ich mir
einen Vorteil nicht denken. Auch iſt ſeine Schaffung eine
höchſt ſchwierige Aufgabe. Abg. Dr. Mumm ( Wirt=
ſchaftliche
Vereinigung): Bedauerlich iſt es, daß nicht auch
die Arbeiterſchaft zu den Konferenzen im Ruhrrevier hin=
zugezogen
wurde. Neben der Kohleninduſtrie haben auch
alle Induſtriezweige, ſo die Baumwollinduſtrie in Weſt=
falen
, ſchwer unter der Kalamität des Wagenmangels ge=
litten
. Einen Vorſtoß gegen das Staatseiſenbahnſyſtem
kann man aus dieſer Kalamität nicht herleiten. Ein Auf=
geben
des Schleppmonopols würde eine Preisgabe an
die Truſts bedeuten.
Präſident des Reichseiſenbahnamts Dr. Wacker=
zapp
: Der Vorwurf, daß die Eiſenbahnverwaltung die
Verkehrsſteigerung nicht vorausgeſehen hätte, während
ſie es hätte tun können, iſt nicht zutreffend. Seit vielen
Jahren werden mit dem Vergrößern der Induſtrie
Schätzungen der Verkehrsſteigerung vorgenommen. Da=
bei
hat ſich ergeben, daß, während früher die letztere er
heblich hinter den Schätzungen zurückblieb, in letzter Zeit
die Schätzungen von der Möglichkeit um das Dreifache
überholt worden ſind. Wir haben es alſo mit vollſtän
dig unſicheren Grundlagen zu tun. Bei den Urſachen
der Kalamität handelt es ſich in erſter Linie um eine
außerordentliche Verkehrsſteigerung, die insbeſondere
durch die gegenwärtigen großen Bahnhofsumbauten im
Ruhrrevier verſchärft wurde. Es trifft nicht zu, daß
ſauch heute noch ein Wagenmangel beſteht. Seit Mitte
Dezember liefen ſogar im Ruhrrevier leere Wagen.
Abg. Dittmann (Soz.): Die geſtrige Rede wie
auch die heutige des Präſidenten des Reichseiſenbahn=
amts
war eine bedingungsloſe Kapitulation des Reichs=
eiſenbahnamts
vor der preußiſchen Eiſenbahnverwaltung
Wir müſſen dagegen proteſtieren, daß jetzt der Verſuch
gemacht wird, den Reichstag in Eiſenbahnfragen zu einer
preußiſchen Marionette zu machen. Mit ſolchen Reden
wie ſie uns hier gehalten worden ſind, ſollte man uns
verſchonen. Es iſt objektiv unwahr, die Kalamität ſei ſo
plötzlich hereingebrochen, daß man Vorbeugungsmaß=
regeln
nicht hätte treffen können. Wir ſind ſicher, daß
zum Herbſt mindeſtens die gleiche Kalamität wieder ein=
treten
wird. Auf unſere Anfrage, ob es richtig ſei, daß
die Eſſenbahnverwaltung wegen der kritiſchen politiſchen
Lage Wagen zurückgehalten und dadurch den Wagen=
mangel
und die Verkehrsſtockung verurſacht hat, iſt uns
vom Regierungstiſch keine Antwort gegeben worden. Der
Eiſenbahnminiſter hätte auch die Anforderungen des
Militarismus in Rechnung ſtellen müſſen. Es hat ſich
gezeigt, daß auch nur die Kriegsgefahr eine erhebliche
wirtſchaftliche Schädigung darſtellt. Im Kriegsfalle wird
das ganze Wirtſchaftsleben zuſammenbrechen. Ueber
kurz oder lang haben wir die gleiche Kalamität wieder.
Will man wirklich Abhilfe ſchaffen, dann muß das preu=
ßiſche
Steuerſyſtem beſeitigt werden. Die Eiſenbahn
darf nicht zur Plusmacherei benutzt werden, lediglich um
die ſteuerſcheuen Junker zu ſchonen. Schon Herr von
Swinner hat im preußiſchen Herrenhauſe nachgewieſen
daß unſere Finanzwirtſchaft jeder finanzwiſſenſchaftlichen
Einſicht entbehrt, da die Eiſenbahnverwaltung bei der
Hochkonjunſtwe ſtets falſche Dispoſitionen trefft. Das
Reichseiſenbahngeſetz muß unbedingt geſchaffen werden.
Ziehen wir aus der heutigen Debatte die Konſequenzen,
damit die Aktion nicht ausläuft wie das Hornberger
Schießen. Wir ſind, wie an allen kulturellen Fragen,
bereit, auch in der Eiſenbahnfrage voranzugehen. Dr.
Böttger (natlib.): Wenn wir von den Sozialdemo=
kraten
als freiwillige Reichsfeuerwehr bezeichnet worden
ſind, ſo können wir das gelten laſſen. Trotz und dem
Vaterland zur Ehr, dem Nächſten zur Wehr. (Sehr gut!)
Die wirtſchaftlichen Schädigungen, die in der geſamten
Induſtrie durch die Eiſenbahnkalamität entſtanden ſind,
ſind mindeſtens auf 7080 Millionen Mark zu ſchätzen.
Wir müſſen für die Zukunft unbedingt dafür ſorgen, daß
eine Wiederholung ſolcher Zuſtände unmöglich wird. Mit
Oank erkennen wir deshalb die Maßnahmen des Eiſen=
bahnminiſteriums
an, das für die Vermehrung des rollen=
den
Materials erhebliche Mittel angefordert hat. Prä=
ſident
des Reichseiſenbahnamts Wackerzapp: Die Be=
hauptung
, daß die Güterwagen aus militäriſchen Grün=
den
zurückgehalten worden ſeien, entbehren jeder Grund=
lage
. Auch iſt die Behauptung nicht richtig, daß im Falle
eines wirklichen Krieges die Störungen noch größer wer=
den
würden. Die Störungen traten nur bei der Zu= und
Abfuhr der Güterwagen ein, eine Schwieriakeit, die im
Kriegsfalle durch ganz andere Verkehrsmethoden ohne
weiteres verſchwinden würde.
Damit ſchließt die Beſprechung. Es folgen
Wahlprüfungen.
Es werden ohne Debatte für gültig erklärt die Wahl
der Abgeordneten Schwabach (ntlib.) und Dr. Werr
(Zentrum)
Es folgt dann die Beratung der von der Wahlprüf=
ungskommiſſion
bei der Wahl im Wahlkreiſe
Schwetz gefaßten Reſolution den Reichskanzler
zu erſuchen, den Wahlkommiſſär dieſes Wahlkreiſes auf
das Ungeſetzliche ſeiner Handlungsweiſe hinzuweiſen.
Miniſterialdirektor Lewald: Auf Grund der Ermitte=
lungen
iſt der Wahlkommiſſär vor geraumer Zeit darauf
hingewieſen worden, daß ſein Verfahren ungeſetzlich war
Der Reſolution iſt alſo ſchon längſt entſprochen worden
Abg. Dr. Laszewski (Pole): Der Wahlkommiſſät
hat die Praxis der Reſultatsermittelung ſchon dem pol=
niſchen
Kandidaten gegenüber angewendet. Der der Wahl
in Schwetz gefolgte Tumult, den die Danziger Studenten
verurſacht haben, dürfte bekannt ſein. (Vizepräſident
Dove bittet den Redner, auf dieſe Siegesfeſte nicht weiter
einzugehen, die hätten die Wahlkommiſſäre nicht ver=
hindern
können.) Aus nichtigen Gründen hat man auch
bei der jetzt ganz plötzlich erfolgten Nachwahl in Schwetz
polniſche Stimmen kaſſiert. Es gilt in Schwetz als ſelbſt=
verſtändlich
, daß derjenige, der die meiſten Stimmen er=
Abg. von Oertzen
halten hat, unterlegen iſt.
(Reichsp.), führt aus, daß nach ſeiner Ueberzeugung bei
der im Dezember erfolgten Nachwahl in Schwetz polniſche
Stimmen zu Unrecht für ungültig erklärt wurden.
Abg. Stadthagen (Soz.) verlangt, daß in ſolchen
Fällen mit der größten Schärfe vorgegangen werde und
zieht ſich bei ſeinen weiteren Ausführungen einen Ord=
nungsruf
des Vizepräſidenten Paaſche zu. Redner bittet
dringend. der Reſolution zuzuſtimmen, damit rückſichtslos
gegen Wahlfälſcher vorgegangen werden könne. Abg
Dr. Pieper (Ztr.): Es kann kein Zweifel ſein, daß von
Halem zu Unrecht als gewählt erkläxt worden ſei. Abg
Neumann=Hofer (Fortſchr. Vpt.): Jeder national
empfindende Deutſche muß von ſolchen Vorkommniſſen
ſchmerzlich berührt werden. Große Vorſicht muß bei der
Wahl der Wahlkommiſſäre walten. Nach kurzen Bemer=
kungen
des Abg. v Trampezynski (Pole), ſchließt
die Debatte, die Reſolution wird gegen die Stimmen der
Reichspartei angenommen.

Es folgt die
Denkſchrift über die Beamtenorganiſation der Reichspoſt=
verwaltung
.
Abg. Wurm (Soz.): Als wir dieſe Denkſchrift for
derten haben wir gedacht, daß einige Poſitionen von
Unterbeamten erledigt werden mögen. Es hat ſich aber
gezeigt, daß die Unterbeamten wieder einmal die Ge=
ſchädigten
ſind. Auch die mittleren Beamten ſtehen wenig
gebeſſert da. Da zeigte ſich wieder die unheilvolle Plus=
macherei
der Verwaltung, die alle ſozialpolitiſchen Rück=
ſichten
hintanſetzt. Wir beantragen Ueberweiſung an die
Budgetkommiſſion
Hierauf wird vertagt auf Freitag 1 Uhr 15 Min.
Vorher kurze Anfragen. Schluß ¾6 Uhr.
* Berlin, 9. Jan. Die neunte Kommiſſion
des Reichstages, betr. vorübergehende Zollerleich=
terung
bei der Fleiſcheinfuhr, ſetzte heute die am
6. Dezember unterbrochene Beratung fort. Ein Regier=
ungsvertreter
erklärte, die Verlängerung des Termins
über den 1. April 1914 hinaus ſei für die Zulaſſung des
ausländiſchen Fleiſches vorerſt nicht beabſichtigt.

Stimmen aus dem Publikum.

Für die Veröffentlichungen unter dieſer Ueberſchrift übernimmt die Redaktion
keinerlei Verantwortung; für ſie bleibt auf Grund des § 21 Abſ. 2 des
Preßgeſetzes in vollem Umfange der Einſender verantwortlich.
Zu Gunſten des Photographiſchen
Inſtituts der Großh. Heſſ. Techniſchen Hochſchule will
Herr Profeſſor Dr. Limmer demnächſt drei Lichtbildervor=
träge
halten, die auch die Allgemeinheit, beſonders den
kunſtliebenden und kunſtverſtändigen Teil, intereſſieren.
Jedoch meine ich, daß die Zeit 5½6½ zu ſchlecht gewählt
iſt, als daß der Beſuch dem Zweck entſprechend ein
recht großer werden könnte. Wer kann ſchon um 5 Uhr ſein
Bureau oder Geſchäft verlaſſen, um zur Hochſchule zum
Vortrag zu eilen? Wohl die wenigſten ſind in dieſer
glücklichen Lage und müſſen alſo auf die Vorträge ver=
zichten
zum Schaden des anzuſammelnden Fonds. Auch
unſere ſich für die Sache intereſſierenden Studierenden
zum Beiſpiel Architekten, müßten andere Vorleſungen
ausfallen laſſen, wollen ſie dieſe Vorträge beſuchen. Ließe
ſich nicht eine andere Zeit zu ſpäterer Stunde wählen
etwa gegen 8 Uhr, zu welcher Zeit auch u. a. die Vorträge
des Volksbildungsvereins ſtattfinden. Herr Proſeſſor
Dr. Limmer würde ſich ein großes Verdienſt und den
Dank Vieler erwerben, wollte er die Vorträge zu ſpäterer
Stunde abhalten. Der freudige Dank recht zahlreicher
Beſucher und damit ein größerer Erlös zu Gunſten ſeines
Inſtituts würden ihm das Entgegenkommen lohnen.
Einer, der die Vorträge gerne beſuchen möchte,
aber um 5¼ Uhr nicht beſuchen kann.

Vermiſchtes.

* Wahrheitsgetreue Berichte über Ge=
richtsverhandlungen
. Von der Anklage der Be=
leidigung
durch die Preſſe freigeſprochen wurde von der
Strafkammer beim Amtsgericht Waldenburg in Schleſier
am 17. Auguſt 1912 der Redakteur Paul Luſcher. Am 21.
April vorigen Jahres hatte ſich Luſcher vor dem Amts=
gericht
wegen Beleidigung des Pfarrers aus Weißſtein
zu verantworten. Von dieſem hatte er nämlich behaup=
tet
, er habe einmal von der Kanzel herab zum Boykott
gegen einen Kaufmann aufgefordert, und habe die Schul=
kinder
gefragt, ob deren Eltern die Bergwacht leſen und
im Konſumverein ſeien. Durch dieſe Behauptungen, die
den Vorwurf religiöſer Unduldſamkeit und Mißbrauch
der Amtsbefugnis enthielten, fühlte ſich der Pfarrer in
ſeiner Ehre verletzt. Den Bericht über dieſe Gerichtsver=
handlung
, in der naturgemäß alles genau zur Sprache ge=
kommen
war, veröffentlichte der Angeklagte tags darauf
in ſeiner Zeitung, der Schleſiſchen Bergwacht, deren ver=
antwortlicher
Redakteur er iſt. In dieſer Veröffentlich
ung ſollte, wie ihm die Anklage zur Laſt gelegt hatte, eine
erneute öffentliche Beleidigung im Sinne des § 186
Strafgeſetzbuchs, ſowie ein Preßvergehen liegen. Das
Gericht hat jedoch eine Beleidigung nicht für vorliegend
erachtet, da Luſcher nur einen wahrheitsgetreuen Bericht
einer öffentlichen Gerichtsverhandlung gebracht habe.
Gegen das Urteil hatte die Staatsanwaltſchaft Revi=
ſion
eingelegt, mit der Begründung, daß ſelbſt wahr=
heitsgetreue
Berichte über Gerichtsverhandlungen nicht
immer und ohne weiteres einwandfrei ſeien und ihr Ver=
faſſer
nicht immer von jeglicher Beleidigung freizuſprechen
ſei. Auch im vorliegenden Falle liege zweifellos eine Be
leidigung des Pfarrers vor. Das Reichsgericht tra
jedoch der Anſicht des Vorderrichters bei, daß in dem Be=
richte
eine Beleidigung ſowie eine beleidigende Abſicht
nicht zu finden ſei, da der Angeklagte nur eine Gerichts=
verhandlung
wahrheitsgetreu wiedergegeben und nur be=
richtet
habe, was ohnehin vor Gericht öffentlich zur
Sprache gekommen ſei; es verwarf deshalb die Reviſion
des Staatsanwalts als unbegründet. (Köln. Ztg.).

Der Balkankrieg.

Die Friedensverhandlungen und die Mächte.
* London, 9. Jan. Nach der Times beſteht Hoff=
nung
, daß die kriegführenden Parteien zu
einem Vergleich kommen, bevor die Mächte ihren
Einfluß geltend machen. Dieſe Hoffnung wird durch die
Gerüchte über die Begegnung zwiſchen Nazim Paſcha
und General Sawow bekräftigt. Ein freundſchaftlicher
Vergleich über Adrianopel ſtehe keineswegs außer Frage
* Rom, 8. Jan. Die Zeitungen veröffentlichen fol=
gende
Depeſche aus London: Die Meldungen einiger
franzöſiſcher und anderer Blätter über das Schickſal der
Inſeln und anderen Fragen werden in politiſchen und
diplomatiſchen Kreiſen, die gut informiert ſind, nicht für
vollſtändig richtig gehalten. Der Dreibund ſcheint in
der Tat darauf zu beſtehen, daß außer 4 den Dardanellen
benachbarten Inſeln, nämlich Imbros, Tenedos, Lemnos
und Samothrake auch Chios, Mytilene Kos und Rhodos
der Türkei mit wirkſamen Garantien zugunſten der Be=
wohner
verbleiben. Es ſcheint auch eine vollſtändige
Uebereinſtimmung zwiſchen dem Dreibund und der Tripel
entente zu beſtehen über die Notwendigkeit, Adrianopel
an Bulgarien abzutreten mit einigen Klauſeln zugunſten
der Moſcheen, Kirchengüter und Gräber der Khalifen
London 9. Jan. Der türkiſche Botſchafter in
Berlin, Osman Nizam Paſcha, der zu den Friedens=
delegierten
gehört, erklärte heute, er halte es für
unwahrſcheinlich, daß die Großmächte alle zuſammen
in Konſtantinopel weitere Zugeſtändniſſe durchſetzen
wollen. Die Türkei ſei bei ihren letzten Zugeſtändniſſen
angelangt. Adrianopel werde ſie auf keinen Fall her=
zeben
, ebenſowenia wie die ägäiſchen Inſeln. Falle

Adrianopel durch Hungersnot oder Peſt, ſo dürften die
Bulgaren dennoch die für den Waffenſtillſtand um Adria=
nopel
beſtehende Demarkationslinie nicht überſchreiten.
Der Botſchafter kritiſierte ferner ſcharf das unkorrekte Ver=
halten
des Präſidenten Nowakowitſch in der letzten Sitz=
ung
. Die Türken dächten nicht daran, die Verhandlungen
wieder hervorzurufen. Sie hätten das dreifache Ulti=
matum
der Blockdelegierten nicht angenommen, alſo ſei
die Lage klar, die ſich wohl bereits morgen entſcheiden
werde.
Der Streit um Adrianopel.
* Konſtantinopel, 9. Jan. Die Beſpre=
chung
, die am Dienstag bei Tſchataldſcha ſtatt=
fand
, erregte hier großes Aufſehen. Sie galt, wie ver=
lautet
, der Beſtimmung einer Grenze für das Wilajet
Adrianopel. Wie verſichert wird, iſt es bei dieſer
Zuſammenkunft zu keiner Verſtändigung gekommen, da
ſich die Bulgaren ablehnend verhielten und erklärten, die
Angelegenheit ſei Sache der Bevollmächtigten in London.
Ueber das Ergebnis der Unterredung konferierte geſtern
vormittag der Miniſter des Aeußern mit dem Großweſir.
Später wurden lange Telegramme nach London geſandt.
* Konſtantinopel, 8. Jan. Ikdam erfährt
Sir Grey machte bezüglich Adrianopels den Vor=
ſchlag
, zwiſchen der Türkei und Bulgarien eine neutrale
Zone zu ſchaffen, von welcher das Wilajet Adkianopel
ein Teil ſein ſoll. Die Verwaltung ſoll Beamten über=
tragen
werden, die dem türkiſchen Dienſt entnommen wer=
den
ſollen. Ein ähnlicher Vorſchlag wird für die Inſeln
des griechiſchen Archipels gemacht. Der Vorſchlag wird
gegenwärtig zwiſchen den Großmächten beraten. Man
glaubt nicht an den Abbruch der Verhandlungen.
Rückzug Serbiens von der adriatiſchen Küſte.
* London, 8. Jan. Das Reuterſche Bureau erfährt,
die Mächte werden heute offiziell benachrichtigt, daß Ser=
bien
zum Beweiſe ſeines guten Willens, im Intereſſe
des allgemeinen Friedens Opfer zu bringen, ſich ent=
ſchloß
, unmittelbar nach dem Friedensſchluß die Truppen
von der Küſte des Adriatiſchen Meeres zu=
rückzuziehen
. Die ſerbiſche Regierung hoffe, indem
ſie ſo handle, daß Europa von ihrer Mäßigung Kenntnis
nehmen und keine weiteren Opfer verlangen werde, die
außerhalb der Grenzen ihrer Macht ſein könnten.
* Paris, 9. Jan. Bezüglich der Reutermeldung,
daß Serbien beſchloſſen habe, ſofort nach Unter=
zeichnung
des Friedensvertrages die Trup=
pen
von der adriatiſchen Küſte zurückzu=
ziehen
, erklärte der ſerbiſche'Delegierte Nowako=
witſch
dem Londoner Sonderberichterſtatter des Matin
u. a.: Wir haben dieſes Gebiet unter großen Opfern an
Gut und Blut beſetzt. Da aber die Mächte erklärt haben,
daß ſie ein autonomes Albanien wünſchen und nicht
wollen, daß Serbien in den territorialen Beſitz eines
adriatiſchen Hafens gelangt, haben wir uns loyal gefügt.
Indem wir uns der Entſcheidung der Mächte unter=
warfen
, haben wir gleichzeitig beweiſen wollen, daß wir
in guten Beziehungen zu unſerem mächtigen Nachbar=
Oeſterreich=Ungarn leben wollen. Wir werden demnach
nicht bloß die adriatiſche Küſte, ſondern alle weſtlich der
Seen und des Drin gelegenen Gebiete räumen, weil dieſe
dem künftigen Albanien angehören werden. Aber gleich=
zeitig
erklären wir laut, daß die von unſeren Truppen
öſtlich des Drin beſetzten Punkte, wie z. B. Dibra, Priz=
rend
uſw., Serbien verbleiben ſollen. Wir zweifeln nicht
daran, daß die Mächte unſere Geſichtspunkte und unſere
gerechten und loyalen Wünſche unterſtützen werden. Ser=
bien
hat einen neuen Beweis dafür erbracht, daß es, ſo=
weit
es in ſeiner Kraft ſteht, zu einer raſchen Regelung
der ſchwebenden heiklen Fragen beitragen will, und wir
hoffen, daß man dies berückſichtigen wird.
Letzte Nachrichten.
* Paris, 9. Jan. Der Schritt der Mächt
bei der Türkei wird wahrſcheinlich nicht vor Ende
der Woche vor ſich gehen. Die Verſtändigung ſcheint be=
treffs
Adrianopels vollſtändig zu ſein; aber es
beſtehen noch Meinungsverſchiedenheiten über die Aegäi=
ſchen
Inſeln. Die Tripelentente iſt geneigt, die Abtret=
ung
der Inſeln an Griechenland zu unterſtützen, der Drei=
bund
ſcheint der Türkei die der Küſte benachbarten Inſeln
belaſſen zu wollen, beſonders die Inſeln in der Nähe der
Dardanellen, wie Chios und Mytilene. Es ſcheint
alſo zweifelhaft, ob der in Konſtantinopel ausgeübte
Druck ebenſo energiſch betreffs der Inſeln ſein kann, wie
Die Frage der Abgrenzung
betreffs Adrianopels.
Albaniens wird ſpäter in Angriff genommen; ſie
ſcheint ſchwer zu regeln zu ſein, da Oeſterreich=Ungarn
noch immer beabſichtigt, Skutari Albanien einzuverleiben

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Berlin, 9. Jan. Der Berliner Lokalanzeiger
meldet: Profeſſor William Wolf, Chordirigent der
Synagoge Lindenſtraße, erlag während eines Vortrages
im Lette=Verein einem Herzſchlag. Er hatte eben
ſeine Ausführungen beendet, als er plötzlich zuſammen=
brach
und wenige Augenblicke ſpäter ſtarb.
*Deidesheim, 9. Jan. Heute vormittag hat ſich der
Gutsbeſitzer Heinrich Leonhard Biffar, in Firma Hein=
rich
Biffar I., erſchoſſen. B. ſtand, wie der Pfälz.
Kurier meldet, mit der Firma Leopold Mayer I. in ge
ſchäftlichen Verbindungen. Letztere Firma hat, wie bereits
gemeldet, geſtern ihre Zahlungen eingeſtellt.
* Saybuſch (Galizien), 9. Jan. Heute vormittag fand
im engſten Familienkreiſe die Vermählung der Erz
herzogin Eleonore der Tochter des Erzherzogs Karl
Stephan, mit dem Linienſchiffsleutnant v. Kloß ſtatt.
* Paris, 9. Jan. Die Handelskammer von Lorrient
überſandte dem Miniſter des Innern und des Handels
einen Beſchlußantrag, in dem unter Hinweis auf das
durch die Betriebseinſtellung der Sardinen=
konſerven
=Fabriken verurſachte Elend die Re=
gierung
aufgefordert wird, raſcheſtens die Mittel zur Be=
ſeitigung
der ſchweren Kriſe zu prüfen, die den Handel
und die Bevölkerung der bretoniſchen Küſte mit dem Ruin
bedrohen.
* Liſſabon, 9. Jan. Im Miniſterium Coſta
iſt in der Beſetzung einzelner Reſſorts ein Wechſel einge=
treten
. Es übernehmen das Präſidium und die Finan=
zen
: Alfonſo Coſta, Inneres: Rodrigues, Juſtiz: Alavro
CCaſtro und Aeußeres: Antono Macieira.
Ringenwalde, 9. Jan. Wir berichteten bereits über
eine grauenhafte Mordaffäre auf dem märki=
ſchen
Gutshofe Ringenwalde bei Batzlow. Die Getöteten
ſind als der Steuererheber Kaliß und ſeine Frau
rekognoſziert worden. Außerdem wurde aber feſtgeſtellt,
daß auch die Tochter des Ermordeten, ſowie das Dienſt=
mädchen
der Familie verſchwunden ſind
Die Berl. Ztg. meldet hierzu: Die beiden Töchter des
Ehepaares Kaliß in Ortwig wurden im elterlichen Haus,
wo ſie der Mörder eingeſchloſſen hatte, lebend und
unverletzt aufgefunden. Nach ihren Erzählungen iſt Ka=

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 10. Januar 1913.

Nummer 8.

liß am Dienstag früh von dem Knecht im Stall nieder=
geſchlagen
und erdroſſelt worden; dann begab ſich
der Knecht in das Wohnzimmer, in dem ſich Frau K.
befand und erdroſſelte ſie; ſodann kam er zu den in dem
Nebenzimmer befindlichen Töchtern und ſagte ihnen, ſie
ſollten ſich ruhig verhalten, ſonſt würde er ſie ums Leben
bringen. Vermutlich hat dann der Mörder das Dienſt=
mädchen
in den Stall gelockt und dort erdroſſelt.
Der Knecht ſchickte ſpäter die Arbeiter mit dem Bemerken
fort, es würde heute nicht gearbeitet. Die Herrſchaft ſei
für einige Tage zu einer Hochzeit gefahren. Der Mörder
hat dann alle Beſucher des Gehöftes mit dieſer Ausrede
abgewieſen und den Mädchen um die Mittagsſtunde zu
eſſen gebracht, wobei er ſeine Drohungen wiederholte. Er
vernagelte ſämtliche Fenſter des Hauſes und ſchloß die
Türen ab. Dann brachte er noch die Leichen des Ehe=
paares
nach der Strohmiete in Ringenwalde, die er
anzündete. Die Leiche des Dienſtmädchens ließ er
im Stalle liegen. Erſt heute morgen wurde die Leiche ge=
funden
und die beiden Mädchen, die in dem Kleiderſchrank
des Zimmers eingeſchloſſen waren, befreit. Aus dem
Geldſchranke war ſämtliches Bargeld geſtohlen, auch viele
Wertgegenſtände fehlen. Der Name des Mörders, wel=
cher
noch nicht verhaftet wurde, iſt nicht bekannt, da er
polizeilich noch nicht gemeldet war, obwohl er ſchon
mehrere Wochen bei Kaliß im Dienſt war. Ob er Kom=
plizen
hat, ſteht noch nicht feſt. Möglicherweiſe ſollen noch
vier bis fünf andere Männer an dem Mord beteiligt ſein.
(Schluß des redaktionellen Teils.)

der 2. Preuss.-Süddeutsch.
KLASSEN-LOTTERIE

Achtel Viertel
Halbe
Ganze in jeder Klasse
Mk. 5. Mk. 10. Mk. 20. Mk. 40. empfiehlt
OM i. Fa.: Müller & Rühle,
OsthrFeire

Hofbuchhandlugg,
Kgl. Preuss.
5 Elisabelhenstrasse 5.
Lotterie-Einnehmer
(IV1238, 129)

Gottesdienſt der israelitiſchen Religionsgemeinde.

Haupt=Synagoge (Friedrichſtraße 2).
Freitag, den 10. Januar:
Vorabendgottesdienſt 4 Uhr 45 Min.
Samstag, den 11. Januar:
Morgengottesdienſt 8 Uhr 45 Min. Sabbatausgang
5 Uhr 40 Min.

Gottesdienſt in der Synagoge der israelitiſchen Religion;.

Samstag, den 11. Januar:
Vorabend 4 Uhr 20 Min. Morgens 8 Uhr. Nach=
mittags
3 Uhr 45 Min. Sabbatausgang 5 Uhr 40 Min.
Wochengottesdienſt von Sonntag, den 12. Januar,
an: Morgens 7 Uhr Nachmittags 4 Uhr.

Heute morgen 7 Uhr verſchied nach ſchwerem, mit Geduld ertragenem Leiden mein geliebter
Gatte, unſer guter Vater, Schwiegervater und Großvater
(*813
Mer Clristian Mhender Waiber
im vollendeten 65. Lebensjahre
Die trauernden Hinterbliebenen.
J. d. N.:
Christine Waibel, geb. Graf.
Darmſtadt, den 9. Januar 1913.
Die Beerdigung findet Samstag, den 11. Januar, nachmittags 4 Uhr, vom Friedhofe aus, ſtatt.

Für die wohltuende Teilnahme an
dem ſchweren Verluſt, der uns be=
troffen
hat, ſage ich im Namen der
Hinterbliebenen herzlichſten Dank.
Ludwig Römheld,
Rechtsanwalt und Notar.
Darmſtadt, 10. Januar 1913.
(1354

Dankſagung.

Für die uns in ſo reichem Maße
erwieſene Teilnahme an dem uns be=
troffenen
ſchmerzlichen Verluſt ſagen
wir hierdurch Allen herzlichen Dank.
Familie Fink.
Darmſtadt, 9. Januar 1913. (1350

Dankſagung.

Für die uns bewieſene Teilnahme bei dem
Heimgang unſeres lieben
(B1333
Gretchen
ſagen herzlichen Dank; beſonders Herrn Pfarr=
aſſiſtent
Herpel für ſeine troſtreiche Grabrede.
Im Namen der Hinterbliebenen:
Eliſabethe Seibert Witwe.
Darmſtadt, den 9. Januar 1913.

Heute verſchied ſanft nach kurzem Leiden
meine liebe Mutter, unſere liebe Großmutter,
Schwiegermutter und Tante
(1322
Frau Bertha Wolff
geb. Anspach
im 83. Lebensjahre.
Darmſtadt, 9. Januar 1913.
Die trauernden Hinterbliebenen
i. d. N.:
Sigmund Wolff.
Die Beerdigung findet ſtatt: Sonntag, den
12. d. M., vormittags ½11 Uhr, vom Portale
des iſraelitiſchen Friedhofes aus.
Blumenſpenden und Kondolenzbeſuche dankend
verbeten.

Tageskalender.

Großh. Hoftheater (Ab. D). Anfang 7½ Uhr:
Die fünf Frankfurter.
Vorſtellung um 8½ Uhr im Orpheum.
Vortrag von Pſycholog Parthey um 8¼ Uhr im Hotel
Heß.
Lichtbildervortrag von Herrn Wohlgemuth um
8½ Uhr in der Turnhalle am Woogsplatz (Vereinigte
Kriegervereine).
Lichtbildervortrag von Miſſionar Gutekunſt um
8½ Uhr Mollerſtraße 23 (Männervereinigung der
Martinsgemeinde).
Vortrag von Reallehrer Kahl um 8½ Uhr im Reſtau=
rant
Sitte (Ortsgewerbeverein).
Bilder vom Tage. (Auslage Rheinſtraße 23): Die
Kandidaten für die Präſidentenwahl in Frankreich; drei
infolge des letzten Sturmes in der Nähe von Plymputh
geſtrandete Schiffe; der Winterſport in St. Moritz.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil, Inſeratbei agen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftsleben: Hans Heitz, ſämtlich in Darmſtadt.
-
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

Kurſe vom 9. Januar 1913.
Mitgeteilt von Hermann Reichenbach.

InProz.
Staatspapiere.
4 Dtſche. Reichsſchatzanw. 99,80
3½ Deutſche Reichsanl. . 89,0)
78,60
do.
4 Preuß. Schatzanweiſg. 99, O
3½ do. Conſols . . . 89,10
78,70
do.
do.
4 Bad. Staatsanleihe . . 100,00
93,20
3½
do.
do.
4 Bayr. Eiſenbahnanleihe 99,90
87,75
do.
3½
do.
78,20
4 Hamburger Staatsanl. 99,80
4 Heſſ. Staatsanleihe . . 100,00
4 do. do. (unk. 1918) 99,90
do.
3½
88,00
do.
76,50
3 Sächſiſche Rente.
78,80
4 Württemberger v. 1907 100,00
do. v. 1875 93,60
5 Bulgaren=Tabak=Anl. 99,50
Griechen v. 1887 . . 54,65
3¾ Italiener Rente .
4½ Oeſterr. Silberrente 88,70
4 do. Goldrente . . . 92,50
do, einheitl. Rente 86,20
3 Portug. unif. Serie I 63,80
3 do. unif. Ser. III 66,20
3 do. Spezial . . . . 10,10
5 Rumänier v. 1903 . . 109,00
do. v. 1890 . . 95,00
do. v. 1905 . . 87,70
4 Ruſſen v. 1880 . . . . 90,50
do. v. 1902 . . . . 91,0)
½ do. v. 1905 . . . . 99,80
90,50
3½ Schweden . . . . .
4 Serbier amort. v. 1895 81,00
4 Türk. Admin. v. 1903 78,59
4 Türk. uniſiz. v. 1903 36,20
4 Ungar. Goldrente . . . 88,75
4 do. Staatsrente. . . 85,85

InProt.
Zf.
5 Argentinier . . . . . .101,20
98,20
do.
4½ Chile Gold=Anleihe. 91,00
5 Chineſ. Staatsanleihe.
-
4½
do.
4½ Japaner . . . . . . . 92,90
5 Innere Mexikaner . . . 94,70
59,40
do.
4 Gold=Merikanerv. 1904 83,20
5 Gold=Mexikaner . . . 100,20
3 Buenos Aires Provinz 69,00
Aktien inländiſcher
Transportanſtalten.
9 Hamb.=Amerika= Paket=
fahrt
. . . . . . . 163,50
5 Nordd. Lloyd . . . . . 125,90
6½ Südd. Eiſenb.=Beſ. 126,75
Aktien ausländiſcher
Transportanſtalten.
5 Anatol. Eiſenb. 60%
Einz. Mk. 408 . . 113,25
6 Baltimore und Ohio . 106½
6 Schantungbahn . . . . 133,10
6 Luxe nb. Prince Henri 159,50
0 Oeſt. Südbahn (Lomb.) 21,50
6 Pennſylvania R. R. . 124,00
Leßte Induſtrie=
Aktien.
Divid.
3 Brauerei Werger
65,50
25 Bad. Anilin= u. Soda=
Fabrik .
533,25
14 Chem. Fabrik Gries=
heim
. . . .
248,00
30 Farbwerke Höhſt
640,00
20 Verein chem. Fabriken
Mannheim . . . . 347,50
)Cement Heidelberg . . 146,00
30 Chem. Werke Albert 433,00
14 Holzverkohlung Kon=
ſtanz
. . . . . . . 338,30
5 Lahmeyer . . . . . . .

Eiete
en
Twid.
7½ Schuchert, Nürnberg 151,00
12 Siemens & Halske .223,00
5 Veramann Electr. . . 123,50
10 Deutſch. Ueherſee Electr. 163,95
80,00
25 Gummi Peter . . .
0 Kunſtſeide Frankfurt 78,00
30 Adler=Fahrradwerke
Kleyer . . . . . . 595,00
10 Maſchinenf. Badenia 180,00
16 Wittener Stahlröhren
8 Steana Romana Petr. 149,00
15 Zellſtoff Waldhof . . 232,00
12½ Bad. Zucker=Wag=
Dh
198,25
häuſel.
10 Neue Boden=A. A.=Beſ. 100,75
3 Südd. Immobilien . 62,00
Bergwerks=Aktien.
12 Aumetz=Friede . . . . 179,10
12½Bochumer Bergb. u.
Gußſt.
. . . . . 218,00
11 Deutſch=Luxemburg.=
Bergb. . . . . . . 168,75
10 Gelſenkirchener . . . . 20),00
9 Harpener . . . . . . . 193,00
18 Phönir Bergb. und
Hüttenbetrieb. . . 266,75
0 Oberſchl. Eiſen=Ind.=
Caro. . . . . . . . 84,50
6 Laurahütte . . . . . . 170,00
10 Kaliwerke Aſchersleben
Weſteregeln 211,50
11
7½ South Weſt Africa 128,50
Prioritäts=
Obligationen.
3½ Südd. Eiſenb.=Geſ. 89,10
1 Nordd. Lloyd=Obl.
4 Eliſabethbahn, freie . . 93,40
4 Franz=Jofefs=Bahn . . 87,70
3 Prag=Durer . . . . . . 76,10
5 Oeſterr. Staatsbahn .
4 Oeſterr. Staatsbahn . 93,20
77,60
do.
5 Oeſterr. Südb. (Lomb.) 99,75
do.

In Prot.
Zf.
2¾/10 Oeſt. Südb. (Lomb.) 52.70
3 Raab=Oedenburg
77,00
4 Kronprinz Rudolfbahn 93,10
4 Ruſſ. Südweſt. . . . . 88,20
4½ Moskau=Kaſan . . . 96,20
88,30
do.
4 Wladichawchas
89,00
4 Rjäſan Koslow . .
3 Portugieſ. Eiſenb. . . 74,00
do.
24/ Livorneſer
71,10
3 Salonique=Monaſtir . 62,70
4 Baadadbahn . . . .
81,10
½ Anatoliſche Eiſenb.. 94,60
4 Miſſouri=Paciſic. . .. 71,90
Northern=Paciſic . . . 99,30
4 Southern=Paciſie
93,90
5 St. Louis und San
Francisco. . . . . 84,20
5 Tehuantepec . . . . . . 98,30
Bank=Aktien.
10 Bank für elektriſche
Untern. Zürich
187,50
7 Bergiſch=Märkiſche
.150,30
Bahn . . .
9½ Berlin. Handelsgeſ. . 169,25
6½ Darmſtädter Bank . 123,20
12½½ Deutſche Bank . . . 254,10
6 Deutſche Vereinsbank . 125,00
6 Deutſche Effekt.= und
W.=Bank . . . . . 121,40
10 Diskonto=Kommandit 189,20
8½ Dresdener Bank 157,50
9½ Frankf. Hypoth.=B. 215,00
6½ Mitteld. Kreditbank 121,40
Nationalb. für Deutſchl. 124,00
Pfälziſche Bank. . .
130,00
5.86 Reichsbank . . . . 133,00
7 Rhein. Kreditbank. . . 136,50
7½ A. Schaaffhauſen.
Bankverein . . . . 118,90
7½ Wiener Bankverein . 133,50
Pfandbriefe.
4 Frankf. Hypoth.=Bank
S. 21. . . . . . . 98.50

Iupron
St.
3½ Frankf. Hypoth.=Bank
87,10
S. 19 . . . . .
4 Frankf. Hyp.=Kreditv.
98,20
S. 52 . . . . ..
4 Hamb. Hypoth.=Bank . 98,00
87,25
do.
3½
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bank. 99,30
7,30
do.
3½
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bank
98,70
S. 12, 13, 16 .
S. 14, 15, 17, 24/26
98,95
1823 . . .
3½ Heſſ. Land.=Hyp.=Bank
S. 1 u. 2, 68 . . . 87,30
S. 35 . . . . . . . . 87,
S. 911 . . .
87,20
4 Meininger Hyp.=Bank 98,00
31
86,50
do.
4 Rhein. Hypothek.=Bank
(unk. 1921) . . 98,00
3½ do. (unk. 1914) .
86,90
4 Südd. Bd.=Kr.=Bk.=Pf. 99,50
do.
87,60
3½
Städte=
Obligationen.
98,00
Darmſtadt . . . .
3½ do.
88,50
4 Frankfurt. . . .
99,00
3½
do.
96,00
Gießen . . . . . . .

3½
do.
Heidelberg . . . . . . 97,10
3½
do.
87,20
4 Karlsruhe . . . . . . 97,10
3½
do.
88,30
Magdeburg. . . .
-
3½
do.
Mainz . . . . . . . .
89,00
3½ do.
4 Mannheim . . . . . . 97,30
3½
do.
87,50
4 München . . . . .
98,40
3½ Nauheim . . . . . .
Nürnberg . . . . . . . 98,00
34.
do.
87,00
4 Offenbach . . . . . . .

5ſ.
In geo.
3½ Offenbach . . . . . .
4 Wiesbaden . . . . . . 99,00
95,10
do.
3½
4 Worms . . . . . . . . 97,00
3½
88,00
do.
4 Liſſaboner v. 1888 . 77,90
Verzinsliche
Anlehensloſe.
4 Badiſche . . Tlr. 100 170,10
3½ Cöln=Mindner , 100 138,70
3 Holl. Komm. . fl. 100 112,50
3 Madrider . . Fs. 100 74,50
4 Meininger Pr.= Pfand=
brieſe
. .
. . . 137,50
4 Oeſterr. 1860er Loſe . 176,50
3 Oldenburger . . . . . . 129,60
2½ Raab=Grazer fl. 150 112,70
Unverzinsliche
Anlehensloſe.
Augsburger . . . . . fl. 7
Braunſchweiger Tlr. 20 208,10
Freiburger . . . . Fs. 15
-
Mailänder . . . . Fs. 45
. . . . Fs. 10 33,40
do.
*4 90
Meininger . .
fl. 7

Oeſterreicher v. 1864fl. 100 543,00
v. 1858 fl. 100
do.
Ungar. Staats . . fl. 100 383,00
Venediger . . . . Fs. 30
Türkiſche . . . . Fs. 400 159,40
Gold, Silber und
Banknoten.
Engl. Sovereigns . . . . 20,43
20 Franks=Stücke . . . . 16,20
Amerikaniſche Noten . . . 4,19
Engliſche Noten . . . . . 20,45
Franzöſiſche Noten. . . . 81,20
Holländiſche Noten. . . . 169,35
Italieniſche Noten . . . . 80,15
Oeſterr.=Ungariſche Noten 84,75
Ruſſiſche Noten . . . . .
Schweizer Noten . . . . . 80,95

Reichsbank=Diskonto.
Reichsbank=Lombard Zsf. 7

[ ][  ][ ]

Nummer 8.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 10. Januar 1913.

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[ ][  ][ ]

Seite 8.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 10. Januar 1913.

Nummer 8.

Jungliberaler Verein.
Nächſten Dienstag, 14. Januar, abends 8½ Uhr,
im Fürſtenſaal, Grafenſtraße:
von Herrn Lehrer Page,
Lichtbildervortrag Darmſtadt, über=
Eine Fahrt nach der Wasserkante
(etwa 100 große Lichtbilder).
Jedermann (auch Damen) willkommen!
(1292
Eintritt frei!
Der Vorstand.
Zu zahlreichem Beſuche ladet ein

Freie lterarisch-Künstierische Gesellschaft

& 8 Uhr

Freitag, 17. Januar, Mathildenhöhesaal, abends.
Staatsanwalt Dr. Erich Wulffen (Dresden)
spricht über:
Mantespeares. Große Verbrecher
Karten für Nichtmitglieder zu M. 2. und M. 1.,
im Vorverkauf bei A. Bergstraesser (Rheinstrasse)
An der Abendkasse M. 2.50 und M. 1.50. (1293fi

44
*SS im Festsaal des Hotel Hess 2
Freitag, den 10. Januar, abends 8¼ Uhr
400
60
Vortrag des Psvchologen R. Parthey, Etüngen, Schweiz, 7
0
über
Hervosltat
W
Heilung durch Beseitigung des Gegenwillens,
der Ursache jeder Nervosität!
Karten: à Mk. 1.50 und 1. nur an der Abendkasse. Broschüren:
Der Weg zur Heilung der Nervosität und Gemütsleiden gegen Mk.

W1.20 vom institut für seelische Behandlung, Villa Parthey, Eitingen,
Schweiz, zu beziehen.
(25629a

0
7

Seelenleiden, Angst- u. Unruhezustände, Energielosigkeit, Herzklopfen,
eingebildete Leiden, Zwangsgedanken, Erröten, Geh-, Schreib- und
Denkstörungen, Gereiztheit, Schlaflosigkeit, Zerstreutheit, Depressionen
aller Art usw.

Mauer
3
verem für die Piemkinderſchule, ſtraße.
Mitgliederverſammlung
Freitag, den 17. Januar 1913, abends 6 Uhr,
im oberen Rathausſaale.

Tagesordnung:
Berichterſtattung und Rechnungsablage.
Wahl des Vorſtandes.
Der Vorſtand der Kleinkinderſchule.

(1347

Bezirks=Verein Altſtadt.
General-Verſammlung
Montag, den 13. Januar, abends 9 Uhr
im oberen Saale der Brauerei Zur Krone‟
Um zahlreiches Erſcheinen wird gebeten.
(1337so
Der Vorſtand.

D
EDER-ADE
der Darmstädter Gesangvereine 1913
Samstag, den 11. Januar 1913, abends 8½ Uhr
in der Turnhalle am Woogsplatz.
Teilnehmende Vereine: Singmannschaft der Turngemeinde Darmstadt.
Gesangverein Olympia‟ Gesangverein Einigkeit‟ Gesangverein Germania‟
Gesangsabteilung des Milltär-Anwärter-Vereins. Gesangverein Teutonia‟. Sing-
mannschaft
der Turngemeinde Bessungen. Singmannschaft der Turngesellschaft
Darmstadt. Doppelquarteit Rheingold‟. Männergesangverein Concordia‟. Ge-
sangverein
Liederzweig‟. Gesangverein Liederkranz‟ Orth’sches Männer-
Quartett. Gesangverein Frohsinn‟. Gesangverein Freundschaft‟
Eintrittskarten sind im Verkehrsbüro, sowie abends an
der Kasse zu haben.
Damen ist der Zutritt gestattet. (1291
Deutſchvölkiſcher Turnverein Jahn
Darmſtadt
Deutſcher Turnerbund.
E
ulfeier
Samstag, den 11. Hartungs 1913.
Abmarſch 9¼ Uhr vom Böllenfalltor zur Feier im Freien.
Nachfeier im Vereinsheim Zum Deutſchen Haus‟, Alexanderſtr. 18.
Eintritt 1,80 Mk.
(1336

I MEC
S5MER's
BERUHNTE
THEE-MiSCHUNGEN
PROBEPAKETE
5 100g 055 Mk- 140 Mk



*50

(1
V


risdemer Unereinwarmslad

S

Freitag, den 10. Januar 1913, abends 8½ Uhr,
im Restaurant Sitte, gelber Saal,

Karlstrasse 15

2
V. Winter Versanmane
Vortrag des Herrn Reallehrer Kahl

Bedeutung und Aufgaben der Gewerbe=
vereine
in der Gegenwart
Hierzu laden wir unſere Mitglieder und ſonſtige Intereſſenten
(1168mf
ergebenſt ein.
Der Vorstand.

Richard Wagner-Verein Darmstadt.
Dienstag, den 14. Januar 1913, abends 8 Uhr,
im Festsaale der Turngemeinde

Erstes Konzert

des

eg Gschen
Sese9-
Tauenchors
aus Frankfurta, M. Dirigentin: Grethchen Dessoff.
Mitwirkende: Die Herren Wilhelm Bauer aus
Frankfurt a. M. (Harmonium und Klavier), Adam
Hahn (Harfe), Fritz Koennecke (Horn) und
Theodor Böhm (Horn) aus Wiesbaden.
Programm: Frauenchöre von Johann Adolf Hasse, Jan Pieters
Sweelinck, Orazio Benevoli, Wolfgang Amadeus Mozart, Franz
Schubert, Johannes Brahms und Arnold Mendelssohn.
Der Ibach-Konzertflügel und das Hofberg-Harmonium
sind aus dem Lager der Firma Hoflieferant Heinrich Arnold,
(Wilhelminenstrasse 9 und Mühlstrasse 13).
Eintrittskarten für Nichtmitglieder: Sperrsitz im Saal zu
5 Mk., Numerierter Balkon zu 3 Mk., Galerie zu 1.50 Mk., Studen-
tenkarten
zu 1. Mk. und Schülerkarten (für Schüler unter 21 Jah-
ren
) zu 50 Pfg. bei Heinrich Arnold, im Verkehrsbureau und
abends an der Kasse. Beitrittserklärungen für das am
1. Januar 1913 begonnene neue Vereinsjahr, die noch vor dem
obigen Konzerte erfolgen, berechtigen zu dessen freiem Besuche.
Der Beitrag für das Jahr 1913 beträgt 12 Mk., für einen Sperr-
(1287
sitzplatz 20 Mk.
Der Vorstand.

Karnebaigesenschuft Harrhand.

Sonntag, den 12. Januar 1913
im Städtischen Saalbau:
Einzige große glanzvolle
Jamcn u. Herron Ortzung
mit Tanz.
Hervorragende Mainzer und
Darmstädter Büttredner.
Lieder erster Dichter.
Der grosse Rat.
Alb. Supp
Präsident.

Eintrittspreise

(1140mfs)
Vorverkauf im Verkehrsbüro und bei
R. Schneider (Feitlers Zigarren-Filiale), Ecke
Nieder-Ramstädter- u. Hochstr., Mk. 1.,
numerierter Platz Mk. 2..
An der Abendkasse: 2, bezw. 3 Mk.

Orf. Heut I.
Man 389 Letzte 5 Tage!

Die von Publikum und Presse
glänzend beurteilte
I. Januar-
Künstler-Serie:
Eain und
Hertha Aithoff
die jugendl. Musik-Phänomen
des XX. Jahrhunderts.
Odys
lyrische Tänze.
Cherber
und weitere

Herrkaul u. Fraitg. Mh. bichmt.,

Schachklub
Darmstadt.
Jeden Mittwoch, abends von
8½ Uhr an, Spielabend im Kaiſer=
ſaal
Grafenſtraße
317fso
Gäſte, auch ſolche, die das Schach=
ſpiel
erſt erlernen wollen, ſind
jederzeit willkommen.

Rest. Wzur Enie
Samstag, 11. Januar:
-id. Metzel=
e

A
Suppe
wozu ergebenſt einladet (*822
Johann Berlieb.

Großherzogl. Hoftheater
Freitag, den 10. Januar 1913.
94. Abonnem.=Vorſt. D 23.
Die fünf Frankfurter.
Luſtſpiel in 3 Akten v. Carl Rößler.
Perſonen:
Die alte Frau/ Minna Müller=
Rudolph
Gudula
Adolf Jordan
Anſelm,
Guſtav Semler
Nathan,
. Richard Jürgas
Salomon,
. Kt. Weſtermann
Karl,
Franz Schneider
Jakob,
Charlotte, Salo=
Käthe Gothe
mons Tochter

Heinrich Hacker
Hanna Raffay

Guſtav, Herzog v.
Kurt Ehrle
Taunus
Prinzeſſin Eveline Barb. Uttmann
Fürſt von Klaus=
thal
=Agordo .
Die Fürſtin
Graf Fehrenberg,
Hofmarſchall . . W. Riechmann
Frau v. St. Ge
Tilli Art’l
orges
Baron Seulberg. Emil Kroczak
Jaul Eisner
Der Domherr .
KabinettsratYſſel Paul Peterſen
Erſter Kammerd. K. Enzbrenner
Zweiterld. Herzogs Frz. Herrmann
Hofjuwelier Boel Herm. Knispel.
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I. Rang 4.60 M., II. Rang: 1.6
Reihe 2.60 M., 7. u. 8. Reihe 2.05 M.,
Sperrſitz: 1.13. Reihe 4.10 M.,
14.20. Reihe 3.30 M., Parterre:
5. Reihe 2.80 M., 6.8. Reihe
2.25 M., I. Gal. 1.25 M., II. Gal.
0.65 M.
Anf. 7½ Uhr. Ende 10 Uhr.
Kartenvk. v. 9½1½ u. v. 6 ½ U. an.
Vorverkauf für die Vorſtellungen
Samstag, 11. Jan. Außer Ab.
Poſſen=Zyklus (zu ermäß.
Preiſen.) II. Abend: Robert
und Bertram. Anf. 7½ Uhr.
(Vergl. beſondere Anzeige.)
Sonntag, 12. Jan. Nachmittags
2½ Uhr: 15. Volksvorſtellung zu
ermäß. Preiſen. Die Groß=
ſtadtluft
. Vorverkauf bie
einſchl. Samstag, 11. Jan., nur
im Verkehrsbüro, Ernſt= Ludwigs=
platz
. Verkauf der noch vorhan=
denen
Karten an der Tageskaſſe in
Hoftheater am Tage der Vorſtel=
lung
, vormittags von 11 Uhr ab.
Abends 6½ Uhr: 95. Ab.=Vſt.
B 24. Neu inſzeniert: Lohen=
iarin
. Gewöhnliche Preiſe.

[ ][  ][ ]

Nummer 8.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 10. Januar 1913.

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Marktplatz-Ecke.

Vollreis

iſt nicht der heute allgemein
verwendete glänzende Reis,
der geſchält und poliert iſt und
dadurch ſeiner beſten Nähr=
ſtoffe
, der Nährſalze beraubt
iſt, welche bei den Früchten
direkt unter der Schale liegen.
Um das ſchöne Ausſehen zu
erzielen, wird der Glanzreis
mit Parafin, Talkum, Utra=
marinblau
uſw. behandelt.
Aus

Vollreis

ſchöpfen die Japaner und
Chineſen ihre Kraft und Aus=
dauer
und zwar nur deshalb,
weil ſie den Reis eben als
Vollreis, d h. vollwertig und
ungekünſtelt genießen. Wenn
wir von Getreide nur das
Innere als Nahrung gebrau=
chen
, ſo geniezen wir faſt nur
das nicht ſo wertvolle Stärke=
mehl
, während wir die wich=
tigen
Nährſalze und Kleber=
ſtoffe
dem ſchönen Ausſehen
zuliebe opfern.
(142a
Verwenden wir deshalb

Vollreis

wie ihn die Natur gibt, dann
haben wir auch gute Nerven,
geſundes Blut und ſchöne
Zähne und brauchen keine
künſtlichen Nährſalze.
Vollreis, ungeſchält
Pfund 35 Pfg.
unpolierter Reis I
Pfund 38 Pfg.
unpolierter Reis II
Pfund 30 Pfg.
bei 5 Pfd. 2 Pfg., bei 10 Pfd.
3 Pfg. per Pfund billiger.

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Mk. 5.
Mk. 20.
Mk. 40.
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(67a

Gretchens Roman.
Von Fr. Lehne.
(Nachdruck verboten.)
27

Es war faſt, als ob er ſich auf ſie ſtürzten wollte
aber mit aller Macht bezwang er ſich und ſagte in leid=
licher
Ruhe:
Schon einmal machten Sie mir eine ſolche Andeutung
ich kann es allerdings noch nicht glauben
Nun, mein Freund, dann warten Sie noch zwei Tage,
bis Sie die Beſtätigung ſchwarz auf weiß haben war
ihre lächelnde Erwiderung, und diesmal ſprach ſie die
Wahrheit er ſah es in dem triumphierenden Leuchten
ihrer Augen, in ihrer ganzen, ſiegesbewußten Haltung.
Ah, alſo Baron von Riedberg doch in der Tat, eine
große Ueberraſchung brachte er mühſam hervor.
Nein, mein Teurer, fehlgeſchoſſen! Tröſten Sie ſich
mit dem guten kleinen Baron! er iſt ebenfalls der Düpierte
der Glückliche iſt anderswo zu ſuchen
Wer war es denn, wenn nicht Riedberg? Im Geiſte
ließ Ernſt alle Herren Revue paſſieren, die in Betracht
kommen konnten da war aber nicht einer und mit
faſt grauſamem Lächeln ſah Claudia auf ihn und koſtete
ihren Triumph voll aus. Sie bemerkte wohl, wie jäh
und überraſchend ihn jene Mitteilung getroffen, wie er un=
ter
dem Treubruch jenes Weſens litt, das ſeine ganze
Seligkeit war, wie er ſelbſt ſagte.
Nun, edler Sänger, intereſſiert es Sie nicht, zu wiſſen,
wer der Beglückte iſt? fuhr die Majorin fort, da er auf
ihre letzten Worte ſchwieg ich will Sie iedoch nicht län=

ger auf die Folter ſpannen es iſt Mr. Lionel Catlin
Sie erinnern ſich gewiß noch des enorm reichen Ameri=
kaners
von dem Wolhtätigkeitsfeſt vor Weihnachten her,
der iſt’s
mit dem wir an einem Tiſche ſaßen
Ja, mein Fräulein Tochter weiß ſich gut und warm zu
betten ſie verſteht’s
1 Aber eine Jacht auf dem
Mittelländiſchen Meer und eine Villa in San Remo zu
beſitzen, muß doch ſo viel Annehmlichkeiten haben, daß
man bei dem zukünftigen Gatten ein bißchen Schwindſucht
mit in Kauf nimmt und leichten Herzens auf den Herrlich=
ſten
von allen verzichtet, obwohl man genügend ſelbſt
Mittel beſitzt, um ſich das Leben amüſant zu geſtalten
Claudias Ton war förmlich von Hohn und Spott
durchtränkt, und mit jedem Wort ſchlug ſie Ernſt eine
tiefe Wunde. Wie betäubt ließ er ihren Redeſchwall über
ſich ergehen.
Und wann war das? fragte er, nur um etwas zu
ſagen.
O, Catlin hat ſchon ſeit Wochen regelmäßig geſchrieben
und die herrlichſten Blumen geſchickt. Vor fünf Tagen
kam dann auch endlich der längſt erwartete Heiratsantrag,
den Margareta natürlich mit tauſend Freuden annahm
ich bitte Sie, ſolche Chancen hat man nicht alle Tage, die
Gattin eines Millionärs zu werden, da beſinnt man ſich
nicht lange! Das zuſagende Telegramm wurde ſofort
abgeſandt, und morgen wird der Bräutigam ankommen.
An einem der darauffolgenden Tage werde ich dann
das Vergnügen und die Ehre haben, mich als Schwieger=
mutter
unſeren Gäſten zu präſentieren, unter denen wir
Sie ſelbſtverſtändlich zu ſehen hoffen!
So, mein Freund, das iſt die große Neuigkeit, die ganz

C. in Bewegung ſetzen wird daß das Goldfiſchchen
ſich nun endlich entſchieden hat!
Mir tut nur Baron Riedberg leid, der ſich ſo ſichere,
allerdings auch nicht ganz unbegründete Hoffnungen auf
und Sie, mein armer
Margareta gemacht hat
Freund in heuchleriſcher Teilnahme legte ſie die Hand
auf die Schulter des jungen Künſtlers, der mit ſteinernem,
unbewegtem Antlitz vor ihr ſtand nur ſeine Augen
glühten dunkel.
Ich ſehe, daß jene Nachricht Sie hart getroffen hat,
und ich bedauere Sie wegen der Enttäuſchung, die Sie er=
litten
haben! Ja, ja, das ſüße, holde Geſchöpf mit den
ſanften Madonnenaugen hat ſich als eine gar kluge Speku=
lantin
gezeigt ſogar ich war überraſcht, trotzdem ich
Grete ganz zu kennen glaubte! Ich hatte Sie gewarnt,
mein Freund, doch Sie achteten meiner Worte nicht
Sie waren gefühllos, grauſam ſchleuderten mir Haß,
ſogar Ekel ins Geſicht
Ernſts Hände umklammerten die Lehne des Stuhles.
den er gefaßt hielt, ſo heftig, daß ſie unter ſeinem Griff
brach. Er ſah den geſättigten Triumph, die unverhüllte
Schadenfreude trotz ihrer bedauernden Worte auf Clau=
dias
Geſicht, und ein Zorn erfüllte ihn auf ſie, daß er ſich
kaum noch beherrſchen konnte. Drohend flammten ſeine
Augen auf einmal vor Jahren hatte ſie ihn ſo geſehen;
ſie fürchtete ſich vor ihm und wandte ſich der Tür zu. Für
ſie war doch nichts zu hoffen; ihr Gift hatte ſie außerdem
genügend und wirkungsvoll verſpritzt. Deshalb ſagte ſie,
indem ſie den Mantel feſter um die Schultern zog und den
Schleier wieder vor das Geſicht band:
Ich werde Sie jetzt von meiner ſo verhaßten Gegen=

[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 10. Januar 1913.

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wart befreien und Sie mit Ihrer Enttäuſchung allein
laſſen! Nun werden Sie es an ſich ſelbſt erfahren, was
es heißt, verſchmäht zu werden wie Du mir, ſo ich
Dir mit einem boshaften Auflachen ſchritt ſie hin=
aus
, und gleich darauf hörte Ernſt die Tür des Vorſaales
ins Schloß fallen er war allein!
Mit einem tiefen Aufſtöhnen ließ er ſich in den Seſſel
fallen, in dem Claudia vorhin geruht hatte. Aber es
war ihm, als ob etwas von dem ſüßlichen, ein wenig auf=
dringlichen
Parfüm, das dieſe ſo liebte, in ſeinem Zim=
mer
zurückgeblieben ſei beengend legte es ſich ihm auf
die Bruſt ſo daß er aufſprang und beide Fenſterflügel
aufriß er glaubte zu erſticken
Luft! Luft!
O, dieſe Frau! Alles Bittere in ſeinem Leben war
ihm von ihr gekommen ſie hatte ſein Vertrauen, ſeinen
Glauben an das Weib erſchüttert bis er in jener an=
deren
ein ſo großes, nie geahntes Glück gefunden zu haben
glaubte und die war auch nicht beſſer auch ſie
verkaufte ſich! O Weiber!
Das Gehörte erſchien ihm unfaßlich je mehr er
nachdachte, deſto unmöglicher war es ihm, daß die Ge=
liebte
ihn ſo leicht und kaltherzig aufgeben konnte nur
um ſchnöden Goldes willen, ſie, die ſelbſt reich war und
wählen konnte, wen ſie wollte, durch keine Rückſichten ge=
bunden
!
Schließlich aber konnte er doch nicht anders
er
mußte Claudias Worten glauben! Was hätte es für
Sinn gehabt, ihn in dieſer Weiſe zu belügen, wo ſie in
jeder Minute hätte überführt werden können, daß ſie die
Unwahrheit geſprochen! Nein, nein, es wäre ja Wahn=
witz
geweſen!
Margareta war überdies ſelbſtändig genug, wie er ſie
erkannt hatte, um ſich nicht gerade von Claudia in ihren
wichtigſten Entſchlüſſen beeinfluſſen zu laſſen nein, es
war ihr freier Wille geweſen, und ſie r: noch um Auf=

klärung über das Geſchehene zu bitten, wäre ganz zweck=
los
geweſen!
Sie hatte vielleicht eingeſehen, daß eine Verlobung
mit einem fahrenden Sänger doch nicht ganz ſtandes=
gemäß
ſei, und beizeiten deshalb ein Ende gemacht!
Deutlich genug hatte ſie ihm ſchon bei jener letzten
Begegnung gezeigt, wie er ihr läſtig war; ſie ſollte in
Zukunft keinen Grund haben, ſich darüber zu beklagen!
Und wie hatte er Margareta geliebt! Aus der Tiefe
ſeines heiß empfindenden Mannesherzens heraus, mit
einer faſt anbetenden Liebe wie eine Heilige hatte er
ſeine weiße Roſe verehrt und nun dieſes Ende ſeines
berauſchenden Glückstraums!
Es hatte ihn ſchwer getroffen, ſo ſchwer, daß er
meinte, ſich nie wieder davon erholen zu können! Ein
Leben ohne ſie hatte keinen Reiz mehr für ihn in ſeinen
ſeligſten Gedanken hatte er ſich vorgeſtellt, wie herrlich
es ſein müßte, war ſie erſt ſein Weib und er ſtändig in
ihrer beglückenden Gegenwart und nun lag ſeine
ſüßeſte Hoffnung in Trümmern.
Finſter und traurig ſtarrte er vor ſich hin. Daſfühlte
er es heiß in ſeine Augen ſteigen es mußte vorbei ſein
mit allem, was ihn wochenlang mit einem ſo großen,
unbeſchreiblichen Glück erfüllt hatte und er ſchämte ſich
der Tränen nicht, die nun langſam über ſeine Wangen
rollten; wie hatte ſie ihm das antun können!
Ihm war jetzt, als ob die Wände des Zimmers ihn
zu erdrücken drohten. Er konnte es in dem engen Raum
nicht mehr aushalten.
Ernſt warf ſeinen Mantel über und ſtürmte hinaus
auf die ſtille, mondbeglänzte Straße, um ſich dort zu ſam=
meln
und das Gleichgewicht ſeiner Seele wiederzufinden.
16. Kapitel.
Margareta von Löwens Verlobung mit Mr. Catlin
baite große Soratien in der Setellſchaft erregt.

Das hatte eine Ueberraſchung gegeben, wie ſie ſo
leicht nicht wieder vorkam, und ſie bildete tagelang das
Geſpräch in der Stadt.
Kurt von Riedberg beſonders war förmlich nieder=
geſchlagen
; er hatte ſich ja ſo ſichere Hoffnung auf den
Beſitz des reizenden Mädchens gemacht und war nun
bitter enttäuſcht, daß dieſe ſo zu ſchanden wurde.
Hätte er nur nicht auf die Majorin gehört und mit
ſeiner Werbung gewartet vielleicht wäre es doch an=
ders
gekommen! Faſt grollte er ihr aber Frau Clau=
dia
ſchien ſelbſt ſo gänzlich überraſcht und ahnungslos
und hatte gegen ihn ein leiſes Kopfſchütteln über dieſe
exzentriſche Verlobung, ein leiſes Wort der Mißbilli=
gung
, daß er ſein Unrecht gegen die wohlmeinende Frau
einſah und ihr keinerlei Schuld beimaß. Er war über=
zeugt
, daß ſie genug zu ſeinen Gunſten geredet hatte.
Wenige Tage nach Claudias Beſuch bei ihm fand
Ernſt Brand wirklich die in vornehmſtem Stil gehaltene
Verlobungsanzeige auf dem Kaffeetiſch.
Claudia hatte die Adreſſe geſchrieben. Er ſah ſie vor
ſich, mit welchem Triumphgefühl ſie dieſen Pfeil auf ihn
abgedrückt es war aber doch gut geweſen, ſchon vor=
her
darum zu wiſſen, als wenn er der vollzogenen Tat=
ſache
ſo gänzlich unvorbereitet gegenüberſtand. Dafür
mußte er ihr eigentlich noch dankbar ſein!
Mit bitterem Lächeln ſtarrte er auf die beiden Na=
men
: Margareta von Löwen, Lionel Catlin, Verlobte
welch eine Welt von Seligkeit hätte es für ihn bedentet,
wenn ſtatt jenes fremden Namens der ſeinige zu leſen
geweſen wäre! Immer und immer wieder drehien ſich
ſeine Gedanken um den einen Punkt.
Da las er noch: Empfang am .
Das war ja ſchon
morgen, dem Datum nach!
Alſo mußte er pflichtſchuldigſt den Gratulationsbeſuch
machen und konnte ſich gleichzeitig von dem Glück des
Brauthaan her
(aaaihung fplat.

[ ][  ][ ]

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 10. Januar 1913.

Seite 11.

Amtliche Nachrichten des Großh. Polizeiamts Darmſtadt.

Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde: In polizei=
licher
Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: Pinſcher, 1 Foxterrier. 1 Pinſcher, 1 Boxer (zugelaufen).
Die Hunde können von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier aus=
gelöſt
werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet
dortſelbſt jeden Werktag, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.
(13. 6

Bekanntmachung.

Am 10. ds. Mts. beginnen die Arbeiten zur Abräumung der
Erdmaſſen der alten Bahnhofsanlagen zwiſchen Breiter Allee und
Dornheimer Weg‟. Dieſe Arbeiten werden mit Hilfe maſchineller
Einrichtungen (Bagger) ausgeführt. Auf dem noch vorhandenen Gleis
werden häufig lange Materialzüge verkehren. Im Intereſſe der
öffentlichen Sicherheit wird daher der Fußſteig im Zuge der Bleich=
ſtraße
und des Griesheimer Wegs vom 10. d. Mts. an bis
auf weiteres für den Verkehr geſperrt.
Darmſtadt, den 8. Januar 1913.
(1307fs
Großherzogliches Polizeiamt.
Gennes.

Städtiſcher Fleiſchverkauf.

Schlachthof. Lauteſchlägerſtr. 13. Kiesſtr. 21. Langgaſſe 7.
Beſſungerſtr. 92. Auf dem Marktplatz (während der Marktzeit).
Beſtes holländiſches Rindfleiſch,
alle Stücke, zu 82 Pfg. das Pfund.
1132a)
Der Oberbürgermeiſter.

Lieferung des Kohlenbedarfs der Stadt Darm=
ſtadt
im Verwaltungsjahr 1913.

Die Lieferung des Kohlenbedarfs verſchiedener Betriebe und
Verwaltungen der Stadt Darmſtadt im Verwaltungsjahr 1913 ( um=
faſſend
die Zeit vom 1. April 1913 bis 31. März 1914) ſoll ver=
dungen
werden.
Die Lieferungsbedingungen können im Stadthaus, Zimmer
Nr. 39, eingeſehen werden; ſie werden daſelbſt auch gegen Entrichtung
von 50 Pfg. (nach auswärts gegen Einſendung von 60 Pfg. in
Briefmarken) abgegeben.
(1321sid
Angebote ſind verſchloſſen und mit entſprechender Aufſchrift
verſehen bis zum 10. Februar 1913 einzureichen
Darmſtadt, den 3. Januar 1913.
Der Oberbürgermeiſter.
I. V.: Ekert.

Stamm=, Blungen= und Brennhotz=
Verſteigerungen.

Mittwoch, den 15. d. M., vormittags 9½ Uhr
anfangend, werden im Roßdörfer Gemeindewald an Ort und Stelle
verſteigert:
I. Im Diſtrikt Mark (Tannenkopf)
Stämme: Kiefern 80 Stück von 2055 cm mittl. Durchmeſſer
64,33 fm.
Hieran anſchließend im Diſtrikt Hundsrück:
Stämme: Eichen 21
Stück von 3055 cm mittl. Durchm. 12,64fm
50
Kirſchbaum 1
0,29
,
Buchen 24
3050
18,62
5
Kiefern 6
2843
3,34

Fichten 2
1922
1,16
Stangen: Fichten und Lärchen 80 Stück
0,56
Donnerstag, den 16. d. M., vormittags 9½ Uhr
anfangend, im Diſtrikt Mark (Margarethenberg)
Srämme:
Fichten 9 Stück 1,15 fm
Derbſtangen:
1794 67,53

18,83
1261
Reisſtangen:
Zuſammenkunft jedesmal auf der Kubig am Eingang des
Waldes.
Brennholz.
Montag, den 20. d. M., vormittags 9½ Uhr
anfangend, auf dem Rathaus dahier, aus dem Diſtrikt Mark und
Hundsrück
Scheiter, rm: 152 Buchen, 28 Eichen, 2 Kirſchbaum, 32 Kiefern,
Knüppel, 64
4 Fichten,
Stöcke,
43
11
47 .
Wellen, Stück: 3375 Buchen, 465 Eichen, 25 Kirſchbaum.
Förſter Haber zu Roßdorf erteilt nähere Auskunft.
Roßdorf, den 8. Januar 1913.
(1288fs
Großherzogliche Bürgermeiſterei Roßdorf.
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Donnerstag, 16. Januar d. J.,
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Groß=Bieberau nach Brensbach
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an der Halteſtelle Werſau i. O.
Dieburg, 8. Jannar 1913. (1289fi
Der Großh. Kreisbauinſpektor.

Bekanntmachung.

Freitag, 7. Februar 1913,
vormittags 10 Uhr,
ſoll die den Wirt Georg Martin
Junghans II. Eheleuten zu Rein=
heim
, im Grundbuch hieſiger Ge=
markung
zugeſchriebene Liegen=
ſchaft
:
Flur Nr. qm
768 Hofreite
XVII 17
Sandſtraße
Nr. 42,
in unſerem Bureau zwangsweiſe
(K108/12
verſteigert werden.
Darmſtadt, 20. Dezember 1912.
Großh. Ortsgericht Darmſtadt I.
Müller. (V26394

bil. g zu ver=
Groß. Füllofen kau en (1338a
Alexand erſtraß. ), part.

ſuf den ehemaligen Bahng=
lände
in Darmſtadt ſollen

18 Kaſtanienbäume u. 1 Linden
baum um Dienstag, den 14. ds.,
vormittags 10 Uhr, meiſtbietend
verſteigert werden.
Beginn der Verſteigerung vor
dem Bureaugebäude an dem pro=
viſoriſchen
Wege zwiſchen altem
Bahnhofsplatz und Feldbergſtraße.
Die Bedingungen werden vor
Beginn des Termins bekannt ge=
macht
. Nähere Auskunft wird im
Bureau der unterzeichneten Dienſt=
ſtelle
ehemaliger Main=Neckar=
Bahnhof, nordöſtlicher Flügel
(IV1308
erteilt.
Großh. Eiſenbahn= Bauabtei=
lung
Darmſtadt.

Bekanntmachung.

Die am 6. und 7. ds. Mts. in
Roßdorf abgehaltene Holzver=
ſteigerung
iſt genehmigt. Die
Abfuhrſcheine können vom 15. ds.
Mts. an abgeholt werden. (1324
Ober=Ramſtadt, 8. Januar 1913.
Großherzogliche Oberförſterei
Ober=Ramſtadt.
Daab.

Zeitſchriften (geleſen)

Woche‟, Jugend‟
Meggen=
dörfer
ſind ſtets abzug. (*802fc
Cliſabethenſtr. 21 (Friſeurladen).

Der Plan über die Verlegung
der oberirdiſchen Telegra=

phenlinie an der Landſtraße von
Darmſtadt nach Eberſtadt zwi=
ſchen
Moosbergſtraße und Lands=
kronſtraße
liegt bei dem Kaiſer=
lichen
Telegraphenamt hier von
heute ab 4 Wochen aus. (1286
Darmſtadt, 8. Januar 1913.
Kaiſerliche Ober=Poſtdirektion.

Wenig gebrauchte
deal- u. Stoewer-
Record-Schreibmaschine
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August Engel, Schuchardstr 8.

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[ ][  ][ ]

Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 10. Januar 1913.

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*824)
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*806)
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[ ][  ][ ]

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[ ][  ]

Seite 14.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 10. Januar 1913.

Nummer 8.

e
ub, ap Gorzenaweueb Mlalgkorffun=
a

über 34,000 ähnlich lautende ſchriftliche Anerkennungen!

vorträge.

Vortragskurſus der Landwirtſchafts=
kammer
. Am Mittwoch hielt als erſter Redner Herr
Dr. Kittel, Syndikus der Handelskammer Würzburg,
ein Referat über: Die heutige Lage unſeres
Weinbaues und die Weinverwertung. Red=
ner
behandelte in zwei Gruppen, Weinbau und Keller=
wirtſchaft
, eine Anzahl wichtig erſcheinende Fragen. Eine
Mittellinie in den Auffaſſungen von Weinbau und Wein=
handel
wurde mit Rückſicht auf bie Hauptfrage eines
guten Weinabſatzes als notwendig erachtet. Den Anfor=
derungen
des Weinmarktes, der herrſchenden Geſchmacks=
richtung
uſw. müſſe Rechnung getragen werden, zumal
ein bedeutender Rückgang des Weinkonſums Tatſache ſei.
Die dieſe Erſcheinungen mitbedingenden Urſachen, wie
Antialloholbewegung, weitere Verbreitung von Obſt=
weinen
, Limonaden in Verbindung mit der Hingabe wei=
terer
Kreiſe an Sport, ſeien wohl zu beachten. Als geeig=
nete
Maßnahmen, dieſen Erſcheinungen zu begegnen,
empfahl Redner eine Reihe der bekannteſten Mittel wie
Berückſichtigung reinen Rebſatzes, Freihalten der Trau=
ben
von Pilzkrankheiten, ſpäte Leſe, ausgedehnte
Keklame uſw. In der Kellerwirtſchaft ſei in Anlehnung
an die Weingeſetzbeſtimmungen auf gute Faßbehandlung
(Schwefelmengen), Verwendung von Reinhefe, Heizen
der Keller uſw. zu ſehen.
Als zweiter Referent des Vortragstages war Pro=
feſſor
Dr. Remy=Bonn gewonnen worden, welcher
über: Tagesfragen aus dem Gebiete des
Acker= und Pflanzenbaues ſprach. Der Reſe=
rent
behandelte zuerſt die neuen Fortſchritte der Boden=
bearbeitung
. Von den neuen Säeverfahren, die er ſelbſt
durch eingehende Verſuche prüſte, hat die Rillenſaat bei
Wintergetreide auf nicht zu naſſem ſchwerem Boden die
meiſte Zukunft, während ſich das Kammdrillverfahren zu
Rüben bis jetzt nicht bewährt hat Auch die Drilbdüngung
hat nach den Ergebniſſen der Verſuche des Reſerenten
keine Vorzüge, insbeſondere keine Steigerung der Er=
träge
hervorgebracht. Bei der Saatgutbeſchaffung wies
auch er auf die große Bedeutung der Saatenanerkennung
hin, daß die anerkannten (in Heſſen angekörten) Saaten
den Vorzug vor anderen Saaten verdienen. Für die
Sicherheit des Anbaues und die Ertragsfähigkeit der
Kleearten iſt ihre Bodenſtändigkeit von großer Bedeut=
ung
. Auf dieſe Tatſache müßte von den Landwirten
weit größeres Gewicht gelegt werden. In eingehender
Weiſe behandelte dann der Reſerent die Frage der Waſſer=
verſorgung
der Kultunpflanzen. Den Rückgang der Ge=
rinnungsdauer
der Luzerne führte der Referent auf die
zu ſtarke Vergraſung der Luzernefelber zurück. Der hoch=
intereſſante
Vortrag wurde mit großem Beiſall aufge=
nommen
. Der Vortragskurſus war auch am zweiten
Tag ſehr zahlreich beſucht. Am Freitag, dem letzten Tage,
werden ſprechen: Dr. Müller=Darmſtadt über: Was
kann der Landwirt aus den neueren Vererbungs= und
Stammbaumforſchungen für ſeine praktiſche Tierzucht

lernen? (mit Lichtbildern) und Geh. Landes= Oekonomie=
rat
Müller Darmſtadt über: Die Anwendung der
Glashäuſer zur Erzeugung von Tafeltrauben, Obſt und
Gemüſe in England, Belgien und Holland und Lehren
hieraus für uns.
Das Deutſche Reich und der Islam
lautete das Thema des Vortrages, den am Mittwoch
abend auf Veranlaſſung der Ortsgruppe Darmſtadt des
Alldeutſchen Verbandes Herr Dr. Ritter=
Mainz im Kaiſerſaal hielt. Der Vortragende erörterte
in flottem Vortrage nicht nur die mit dem jetzigen
Balkankrieg aktuell gewordene Frage der Herrſchaft des
Halbmonds, ſondern dehnte ſeine Ausführungen auf
die allgemeine politiſche Weltlage ſeit King Edwards
Einkreiſungsbeſtrebungen aus, die zum Zweck hatten,
Deutſchland zu iſolieren und dann mit Hilfe anderer
Völker Deutſchlands Anteil am Welthandel zu beſchnei=
den
und ſeine Weltmachtſtellung zu beſeitigen. Auf ſeine
Politik ſeien die freilich erfolgloſen Beſtrebungen zurück=
zuführen
, Deutſchland mit Frankreich und Rußland in
kriegeriſche Verwickelungen zu ſtürzen. Dies ſei aber
nicht gelungen. Redner bedauerte dann, daß Deutſch=
land
in der Marokkoaffäre ſo zurückhaltend geweſen iſt
und daß Oeſterreich gegenüber dem übermütigen Serbien
eine ſo unentſchloſſene Rolle ſpielte. Nach der ganzen
geſchichtlichen Tradition ſei ſtets Oeſterreich als die Nach=
folgerin
der Türkei auf dem Balkan angeſprochen wor=
den
. Wenn jetzt die kleinen Balkanvölker den türkiſchen
Beſitz unter ſich aufteilen, dann ſei die ausſchlaggebende
Rolle Oeſterreichs auf dem Balkan unmöglich. Deutſch=
land
habe durch dieſe Entwickelung der Dinge den Nach=
teil
, daß es jetzt rings von feindlich geſinnten Völkern
eingeſchloſſen ſei und daß ihm der Weg nach Südoſten
und auch nach Kleinaſien und dem indiſchen Ozean ver=
ſperrt
ſei, denn einer geſchickten engliſchen Politil ſei es
ein leichtes, die Balkanſtaaten an ſich zu ketten und für
ſich dienſtbar zu machen. Dem Vortrag wurde lebhafter
Beifall gezollt, dem der Vorſitzende nach durch Worte
Ausdruck verlieh.

Kunſtnotizen.

Ueber Werke, Küt
e und künſtleriſche Veranſtaltungen ꝛc., derenm
ach=
chn

ſtehenden Er
na geſchieft, behält ſich die Rebakion
Der Richard Wagner=Verein wird am
nächſten Dienstag (an welchem Tage das Großh. Hof=
theater
geſchloſſen bleibt) dem Darmſtädter Publikum
einen ganz beſonderen Kunſtgenuß vermitteln: das erſte
Auſtreien des Deſſoffſchen Frauenchors aus
Frankfurt a. M., der ſeit dem Wiesbadener Brahmsfeſte
des letzten Frühjahrs europäiſchen Ruf erlangt hat.
Dr. Rudolf Louis ſchrieb damals in den Münchener
Neuſten Nachrichten: Ich habe mir bis zuletzt die Wür=
digung
deſſen aufgeſpart, was für mich und wohl auch für
viele andere die eigentliche künſtleriſche Senſation des
ganzen Feſtes war: der Leiſtungen des von Fräulein
Gretchen Deſſoff geleiteten Frauenchores
aus Frankfurt. Dieſe Darbietungen waren nicht nur aller=
erſten
Ranges, wie vieles, wenn nicht das meiſte was
auf dem Wiesbadener Feſt geboten wurde. Sie hatten
außerdem auch noch den köſtlichen Reiz des Seltenen,
kaum jemals zuvor Gehörten: denn, wann bekommt man
überhaupt einmal einen Frauenchor zu hören, und wann
ſo, wie es da der Fall war, daß die ſtrengſten Anforde=
rungen
, die man in geſanglicher, muſikaliſcher und ſtiliſti=
ſcher
Hinſicht an den a capella=Vortrag ſtellen kann, reſt=
los
erfüllt werden? Fräulein Deſſoff, die Tochter des be=
kannten
früheren Kapellmeiſters der Frankfurter Oper,
verfügt über einen Chor von über 90 Stimmen, den ſie
ſich und zwar nicht nur muſikaliſch, ſondern vor allem
auch geſanglich zu einem ganz wunderbar funktionie=
renden
muſikaliſchen Apparat herangezogen hat Die ta=
delloſe
Reinheit der Intonation, die wundervolle Belebt=
heit
, ja Beſeeltheit der dynamiſchen und agogiſchen Nüan=
cierung
, der hochkultivierte Geſchmack und das nie fehl=
greifende
Stilgefühl im Vortrag, das waren Vorzüge,
die mir die Darbietungen des Deſſofſchen Frauenchores
mit zum tiefſt und nachhaltigſt fortwirkenden gemacht ha=
ben
was ich je auf dem Gebiete des Chorgeſangs hörte.
Dabei entzückte dieſe dirigierende Dame nicht nur die

Ohren ſiebot auch den Auge ein höchſt anmutiges Bild.
Die Bewegungen des Dirigenten ſind einerſeits Aus=
drucksbewegungen
, anderezſeits Zweckbewegungen. In
dem harmoniſchen Ausgleich dieſer beiden Seiten beruht
die Schönheit des Dirigierens; und ich muß ſagen, daß
ich nur ganz wenige männliche Dirigenten kenne, denen
dieſer Ausgleich ohne Affektation und Poſe, ja viel=
leicht
ohne bewußte Abſicht ſo gut gelungen wäre, wie
Fräulein Deſſoff.
Die Freie Literariſch=Künſtleriſche
Geſellſchaft hat für Freitag, den 17. Januar, den
bekannten Dresdener Staatsanwalt Dr. Erich Wulf=
fen
, deſſen Werke über die Pſychologie des Verbrechers
und den Sexualverbrecher berechtigtes Aufſehen erregt
haben, zu einem Vortrag über Shakeſpeares
große Verbrecher gewonnen. Herr Dr. Wulffen
wird hier mit den neueſten, in der Pſychiatrie und Kri=
minalpſychologie
verwerteten wiſſenſchaftlichen Methoden
der Seelenerforſchung (pſychiſchen Analyſe)
unter=
ſuchen
, ob das, was uns die literariſche Kritik bisher an
Shakeſpeares Geſtalten gezeigt hat, durch weitere Offen=
barungen
vervollſtändigt werden kann. Der Vortrag
dürfte weit über die literariſchen Kreiſe unſerer Stadt
hinaus, insbeſondere die juriſtiſchen Kreiſe, intereſſieren

Literariſches.

In der Reihe der Künſtlermonographien
erſchien ſoeben Ph. A. von Läszlé als 106. Band.
Preis 4 Mark (Velhagen u. Klaſing, Bielefeld und Leip=
zig
). Dem Maler ſchöner Frauen und bedeutender Männer
iſt dieſes Buch gewidmet. Wer es durchblättert, ſieht an
ſeinem Auge in künſtleriſcher Geſtaltung faſt vollſtändig alle
die Perſönlichkeiten vorüberziehen, die für das geiſtige und
geſellige Leben unſerer Zeit von ausſchlaggebender Be=
deutung
ſind. Dabei tritt deutlich erkennbar hervor daß
Läszlös Kunſt nicht von vornherein oder frühzeitig fertig
war, ſondern ſich vielmehr ſtändig entwickelte, und auch
beute noch nicht zu ſelbſtgenügſamem Stillſtand gekommen
iſt. Dies gegenüber vorſchnellen Urteilen zum erſten Male
gründlich und kenntnisreich dargelegt zu haben, iſt das
Verdienſt des Verfaſſers O. v. Schleinitz. Unterſtützt wird
er dabei durch das überaus reichhaltige Bildermaterial
des Buches, das faſt für jedes Jahr der künſtleriſchen
Tätigkeit des Meiſters reichliche Proben gibt, darunter
auch viele in treuer farbiger Wiedergabe.
Die deutſchen Volkstrachten. Geſammelt
zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach dem Leben auf=
genommen
und beſchrieben von Roſe Julien. Mit
250 Abbildungen, wovon 16 auf farbigen Tafeln. In far=
bigem
Umſchlag broſchiert 4,80 Mk., in Pappband gebd=
6 Mark. Verlag von F. A. Bruckmann A. G., München.
Das Intereſſe der Verfaſſerin für die Volkstracht wurde
in früheſter Jugend geweckt, in ihrer ſchönen Heimat, im
Frankenlande, wo prächtige Volkstümlichkeit noch heute
gedeiht. Von Süd nach Nord, von Weſt nach Oſt hat
Fräulein Julien Deutſchland für ihr Buch durchzogen
und überall an Ort und Stelle mit großem Geſchick und
künſtleriſchem Geſchmack Aufnahmen nach dem Leben ge=
macht
. So iſt es gelungen, eine durch Fülle und Reiz des
Stoffes frappierende Sammlung, viel ganz Neues, im
gannzen etwas ganz Einziges zu bieten, ein Buch, wie es
kaum wieder geſchaffen wird, da die Volkstrachten rapid
ſchwinden.
Heitere Lebensweisheit. Plauderſtun=
den
mit der Jugend von C. Wagner. Aus dem Fran=
zöſiſchen
überſetzt von C. Fuhrmann mit einem Vorwort
von Geh. Oberregierungsrat Dr. J. Norrenberg. 210 S.,
mit zahlreichen Abbildungen. In Originalleinenband
3.20 Mk. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. 1912.
Daß man heiter erziehen, daß man beſſern und zugleich
unterhalten kann, zeigt uns vorliegendes Buch in vorbild:
licher Weiſe Wagners Schriften ſind in Frankreich in
Hundertkauſenden von Eremplaren verbreites und haben
in Amerika, wo ſie durch Rooſepelts Empfehlung einge=
führt
wurden, den größten Erfolg. Die Heitere Lebens=
weisheit
wird auch bei unſerer Jugend begeiſterte Auf=
nahme
finden. Reizende Vignetten zieren das Werk, das
man nur wärmſtens empfehlen kann.

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