Darmstädter Tagblatt 1912


29. November 1912

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175. Jahrgang
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Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 18 Seiten.

Das Wichtigſte vom Tage.

Der Bundesrat hat geſtern über den Antrag Bayern
betreffend den Vollzug des Jeſuitengeſetzes
Beſchluß gefaßt.
Das Oberpräſidium in Königsberg erhielt
ein Telegramm des Reichskanzlers, in
welchem der Oberpräſident gebeten wird, der anſchei=
nend
in der Provinz herrſchenden Kriegsaufre=
gung
, die durch nichts gerechtfertigt ſei,
entgegenzütreten.
Nach einer Depeſche der Kölniſchen Zeitung aus Belgrad
berrſcht dort die Anſicht vor, daß es nicht zum
Kriege zwiſchen Oeſterreich und Ser=
bien
kommen werde. Man mache ſich mit dem Ge=
danken
vertraut, daß Serbien ſich in die Errichtung
eines unabhängigen Fürſtentums Albanien, wenn auch
notgedrungen, fügen werde.
Der franzöſiſch=ſpaniſche Marokkover=
trag
iſt am Mittwoch nachmittag unterzeichnet
worden.
Die vierte ruſſiſche Duma iſt geſtern eröffnet
worden.
Letzte Nachrichten ſiehe Seite 6.

Italien.

Das italieniſche Parlament hat jetzt ſeine
Sitzungen wieder aufgenommen, um Abrechnung übe: den
türkiſchen Krieg von der Regierung entgegenzu=
Inehmen. Hierbei befindet ſich das Kabinett in einer glück=
lichen
Lage, man kann mit einem Bombenerfolge aufwar=
ten
, obwohl niemand behaupten wird, daß ſich die italie=
niſchen
Streitkräfte zu Waſſer und zu Lande ſonderlich
mit Ruhm bedeckt hätten. Die Tückei wäre in der Lage
geweſen, den Krieg noch recht lange fortzuſetzen, denn die
Erfolge, die der italieniſche Gegner errungen hatte, waren
höchſt minimale, und wären nicht die Balkanwirren hin=
zugetreten
, ſo wäre dieſer ſeltſame Krieg vielleicht auch
heute noch nicht zu Ende.
Wie dem auch ſein möge, Italien hat eben Glück ge=
habt
und kann ſich jetzt ſeines neuen Kolonialbeſitzes er=
ffreuen
. Wäre man minder vom Schickſal begünſtigt wor=
den
, ſo hätte die jetzt in de Kammer begonnene Debatte
wohl ein etwas anderes Geſicht getragen, denn es hat
während der Kriegsperiode nicht an zahlreichen ſcharfen
Angriffen gegen die Armee und ihre Leitung gefehlt.
Nun aber kann man recht ſtolz tun und viel Lob
einheimſen. Laſſen wir die Italiener ſich des Er=
reichten
freuen, wenn dabei auch des Ueber=
ſchwanges
ein bißchen zuviel iſt und recht tönende Worte
gebraucht werden, um den Ruhm des Landes zu verkün=
den
. Der der Kammer vorgelegte Friedensvertrag von
Lauſanne bringt nichts Neues, nur daß der bisher geheim
gehaltene modus procedendi, der am 15. Oktober in Lau=
ſanne
unterzeichnet wurde, gleichfalls zur Verleſung ge=
langte
. Schließlich werden 50 Millionen Lire für das
Miniſterium der Kolonien zu öffentlichen Arbeiten und
für die Verwaltung Libyens gefordert.
Das neue Gebiet bedeutet für Italien eine nicht un=
beträchtliche
Erweiterung ſeines Länderbeſitzes und dürfte
namentlich in wirtſchaftlicher Beziehung von großer Be=
deutung
ſein. Man weiß, daß Italien ja ſchon ſeit Jah=
ren
ſehnſüchtig nach Tripolis hinüberſchaute, wo tatſäch=
lich
der italieniſche Handel dominierte. Unzweifelhaft er=
fährt
das Apenningnreich durch dieſe Erwerbung eine
ganz beſondere Stärkung, deren Früchte in nicht gar
ferner Zeit zutage treten werden; dieſe Erſtarkung kommt
indirekt auch dem Dreibunde zugute, an dem Italien
ganz entſchieden feſtzuhalten gewillt iſt. Ja, es heißt ſo=
gar
, daß Italien eine Ausdehnung dieſes Vertrages dahin
wünſcht, daß der neue Kolonialbeſitz in deſſen Beſtim=
mungen
mit hineingezogen wird, ein Beweis, welchen
hohen Wert man in Rom dieſem Vertragsverhältniſſe bei=
mißt
. Gerade in den letzten Wochen, gelegentlich der Balkan=
wirren
, hat das Apenninenreich gezeigt, daß es keines=
wegs
immer Extratouren wünſcht, ſondern daß es treu
den Verbündeten zur Seite ſehen kann, gerade zu einer
Zeit, wo man verſchiedentlich auf dem Balkan das Gegen=
teil
erwartet hatte. Die loyale Haltung Italiens gerade

während der Balkanwirren hat zweifellos viel dazu bei=
getragen
, daß der Konflikt nicht noch weitere Ausdehnung
Aefuhr.

Wirkungen der Regierungsmaßnahmen
gegen die Fleiſchteuerung.

* Nachdem nunmehr für den Monat Oktober der
Nachweis über unſeren aufswärrigen Handel vorliegt,
iſt es möglich, feſtzuſtellen, wie weit die Ende September
getroffenen Regierungsmaßnahmen gegen die Fleiſchnot
im Oktober Erfolg gehabt haben. Dabei iſt naturgemäß
zu berückſichtigen, daß die Wirkungen im erſten Monat
nur in beſchränktem Umfang in die Erſcheinung treten
konnten, weil zunächſt Verbindungen mit den betreffenden
Ausfuhrländern angeknüpft werden mußten. Durch den
Ausbruch des Balkankrieges iſt ein Teil der Maßnahmen,
der ſich auf die Einfuhr von friſchem Rind= und Schweine=
fleiſch
aus den Balkanſtaaten bezog, gegenſtandslos ge=
worden
; eine Einfuhr von dort iſt nicht gekommen.
Im übrigen aber zeigt die Geſamteinfuhr an friſchem
Fleiſch im Oktober doch eine weſentliche Steige=
rung
. Denn es iſt geſtiegen gegenüber demſelben Mo=
nat
des Vorjahres die Einfuhr von Rindfleiſch von
16076 auf 33682 Doppelzentner. Hieran ſind in erſter
Linie beteiligt Dänemark mit einer Steigerung von 5793
auf 16 257 Doppelzentner, die Niederlande von 2015 auf
12052 Doppelzentner, Frankreich von 290 auf 1587 Dop=
pelzentner
und Rußland von nichts auf 1720 Doppel=
zentner
. Dagegen iſt die Einfuhr aus Schweden zurück=
gegangen
und diejenige aus Oeſterreich nahezu in gleicher
Höhe geblieben. Die Zulaſſung von Rindfleiſch aus Bel=
gien
, deſſen Einfuhr früher verboten war, hat zunächſt
nur einen geringen Erfolg gehabt, nämlich 56 Doppel=
zentner
. Dieſe Zahl dürfte jedoch in den nächſten Mona=
ten
eine erhebliche Steigerung erfahren, weil man damit
rechnet, daß aus Belgien Fleiſch argentiniſcher Rinder
zur Einfuhr gelangen wird. Weit beträchtlicher als beim
Rindfleiſch iſt die Steigerung der Einfuhr an friſchem
Schweinefleiſch geweſen, nämlich von 1506 auf
16800 Doppelzentner. Hiervon lieferten die größte
Menge die Niederlande, nämlich 9870 Doppelzentner ge=
gen
106 im Vorjahre; aus Dänemark kamen 4206, aus
Rußland 1784, aus Schweden 673 und aus Frankreich
97 Doppelzentner. Schließlich wurde auch die Einfuhr
von Schlachtrindern aus den Niederlanden zue Abſchlach=
tung
in öffentlichen Schlachthöfen großer Städte unter
gewiſſen Bedingungen zugelaſſen. Der Erfolg war, daß
im Oktober aus den Niederlanden 1318 Stück Rinder ein=
geführt
wurden.
Von beſonderem Einfluß auf die Steigerung der
Einfuhr wird naturgemäß der Fleiſchbezug der Städte
ſein, deſſen Organiſation vielfach erſt im Beginn des No=
vember
geſchaffen werden mußte. Es wird mithin die
Statiſtik ſcheh des laufenden Monats eine waſentlich
größere Einfuhrſteigerung nachweiſen.

Deutſches Reich.

Der Papſt und die Gewerkſchafts=
Enzyklika. Man ſchreibt uns: Papſt Pius X. hat
am 20. Oktober dieſes Jahres in einem an den italieni=
ſchen
Propſt Luigi Cicerin gerichteten Handſchreiben ſehr
nachdrücklich betont, daß er in der Regierung der Kirche
allerdings von zahlreichen Kardinälen liebevoll unterſtützt
werde, daß aber keiner der Kardinäle ſich erlaube, irgend
etwas im Namen des Papſtes zu tun, was nicht vorher
vom Papſte beſtimmt oder mit ihm vereinbart worden
wäre. Auf die Gewerkſchafts=Enzyklika des jetzigen
Papſtes angewandt, ſcheint dieſes Bekenntnis zum per=
ſönlichen
Regiment mit ſehr erheblichen Nachteilen ver=
knüpft
zu ſein. Denn wie der Verlauf des chriſtlichen Ge=
werkſchaftskongreſſes
in Eſſen beweiſt, mußten die deut=
ſchen
Biſchöfe eine authentiſche Interpretation jener
Enzyklika liefern, um der Beunruhigung zu ſteuern, die
in den Kreiſen der chriſtlichen Gewerkſchaftler durch die
Enzyklika hervorgerufen war. Die Interpretation der
deutſchen Biſchöfe betrifft daher höchſt einſchneidende
Fragen. Zu ihnen gehört im weſentlichen, daß die kirch=
liche
Obriakeit mit der praktiſchen Erledigung gewerkſchaft=
licher
Einzelfragen nicht befaßt werden will, daß eine
Aufteilung der deutſchen Diözeſen zwiſchen Gewerkſchaften
und Fachabteilungen nicht geplant iſt, daß die Beobach=
tungspflicht
der Biſchöfe ſich nicht auf die wirtſchaftliche
Tätigkeit der chriſtlichen Gewerkſchaften bezieht uſw.

Wenn die deutſchen Biſchöfe genötigt waren, über der=
artige
grundlegende Punkte Erklärungen abzugeben,
dann kann hieraus geſchloſſen werden, wie mangelhaft
oder wie zweideutig der Text der Enzyklika ſelbſt iſt.
Unter ſolchen Umſtänden iſt es doppelt begreiflich, daß die
preußiſche Staatsregierung ſchon vor der Abhaltung des
Eſſener Kongreſſes Wert auf die öffentliche Feſtſtellung
legte, den Text der Gewerkſchafts=Enzyklika vor ſeiner
Veröffentlichung nicht gekannt zu haben.
Eine neue Reichstagserſatzwahl iſt
durch den Tod des reußiſchen ſozialdemokratiſchen Abge=
ordneten
Förſter nötig geworden. Bei den letzten Reichs=
tagswahlen
ſiegte Förſter mit 8542 Stimmen gegen 3804
nationalliberale und 3319 fortſchrittliche Stimmen im
erſten Wahlgange. Er eroberte damit den Wahlkreis
zurück, den 1907 bei den Blockwahlen der wildkonſervative
Amtsgerichtsrat Arnold gewann. Der Wahlkreis iſt bei
geſchloſſenem Vorgehen offenbar für die bürgerlichen Par=
teilen
zurückzuerobern.
Die Stärke der liberalen Parteien
im Reichstag. Die Liberale Korreſpondenz ſchreibt:
Die Fortſchrittliche Volkspartei des Reichstags zählt jetzt
nach der Wahl des, Abgeordneten Sivkovich mit Einſchluß
des Abgeordneten Kaempf 42 Mitglieder und einen
Hoſpitanten, zuſammen 43 Abgeordnete. Die national=
liberale
Partei beſitzt 40 Mitglieder und 4 Hoſpitanten,
zuſammen 44, die konſervative Partei 42 Mitglieder und
2 Hoſpitanten, zuſammen alſo ebenfalls 44 Herren. Die
liberalen Parteien rangieren alſo zuſammengenommen
nach der Sozialdemokratie (110 Mitglieder) und nach dem
Zentrum (88 Mitglieder) an der dritten Stelle.
Der Bau der neuen Kaiſerjacht
Hohenzollern, den der neue Marineetat fordert,
wird zehn Millionen Mark koſten, die ſich je zur Hälſte
auf 1913 und 1914 verteilen. Amtlich wird angegeben,
daß die jetzige Hohenzollern verbraucht und nicht mehr
hinreichend ſicher für die Perſon des Kaiſers iſt. Sie muß
durch einen den höchſten Anforderungen an die Schiffs=
ſicherheit
entſprechenden Neubau erſetzt werden. Die
Bauzeit, zwei Jahre, kommt der der alten Hohenzollern
gleich, die von 1891 bis 1893 auf der Stettiner Vulkan=
werft
gebaut wurde. Die neue Hohenzollern wird im
Frühjahr 1915 verwendungsbereit ſein und ſomit ihre
Tätigkeit mit der Beteiligung an der Eröffnung des er=
weiterten
Kaiſer=Wilhelm=Kanals bedeutſam einleiten
können.
Das Petroleum=Monopol. Die Nordd.
Allg. Ztg. beſtreitet die Richtigkeit des gegen den Geſetz=
entwurf
über den Verkehr mit Leuchtöl erhobenen Vor=
wurfs
, daß darin eine unberechtigte Begünſtigung der an
der Vertriebsgeſellſchaft beteiligten Großbanken enthalten
ſei, und führt dabei aus: Die als übermäßig bezeichnete
Auffüllung des Reſervefonds ſei angemeſſen, da die Bil=
dung
ſtiller Reſerven kaum denkbar ſei und da die Geſell=
ſchaft
der Gefahr ausgeſetzt ſei, im Falle eines Rückganges
des Verbrauches an Leuchtöl mit Verluſt zu arbeiten.
Die Befürchtung, daß die Geſellſchaft durch mißbräuchliche
Benutzung des Preisausgleichsfonds eine Erhöhung der
regelmäßigen Dividende ohne Zuſtimmung des Reichs=
kommiſſars
herbeiführen könne, ſei hinfällig. Mit den
ebenfalls bemängelten Vorſchriften über die Liquidation
der Geſellſchaft ſei nach keiner Seite hin irgendeine Be=
günſtigung
beabſichtigt oder ausgeſprochen. Die Bevor=
zugung
der Inhaber von Namensaktien, d. h. der Banken,
gegenüber den gewöhnlichen Ationären, ſei mit Rückſicht
darauf vorgeſehen, daß ein etwaiger Ueberſchuß haupt=
ſächlich
durch die Arbeit der Vertreter der Banken zur
Anſammlung gelangt ſei und die Beſitzer von Namens=
aktien
deren Betrag auf ein Menſchenalter feſtlegen müß=
ten
, alſo die eigentlichen Träger des Riſikos ſeien.
Luftflotten geſetz. In der Täglichen
Rundſchau verſichert ein bekannter Mitarbeiter, der ſeit
längerer Zeit ein Luſtflottengeſetz, d. h. den Bau mög=
lichſt
vieler Zeppelin=Luftſchiffe, verlangt, daß nunmehr
von der Regierung ein ſolches Geſetz beſchloſſen ſei. Es
ſei ſchon vor einem Jahre ausgearbeitet geweſen, aber die
dringliche Forderung des Generalſtabes ſei am Kriegs=
miniſterium
, Reichsſchatzamt und der Reichskanzlei ge=
ſcheitert
.
Eiſenbahnkonferenz. Am Donnerstag
traten in Berlin unter dem Vorſitz des preußiſchen
Eiſenbahnminiſters die Präſidenten der 21 Direktionen
der Preußiſch=Heſſiſchen Staatseiſenbahn, des Eiſenbahn=
zentralamtes
und der Generaldirektion der Eiſenbahnen

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Elſaß=Lothringens zu der alljährlich ſtattfindenden ge=
meinſamen
Beſprechung wichtiger Fragen des Betriebs,
des Verkehrs, der Wirtſchaftsführung und Organiſation
zuſammen.
Das ſächſiſche Volksſchulgeſetz. In
der ſächſiſchen Zweiten Kammer wurde über die grund=
legenden
Paragraphen des Volksſchulgeſetzes abgeſtimmt.
Die meiſten Paragraphen wurden in der Deputations=
faſſung
angenommen, darunter Abſatz 3 des § 2, der den
Religionsunterricht betrifft. Der Kultusminiſter bezeich=
nete
den Abſatz in dieſer Faſſung als unannehmbar. Die
Annahme erfolgte mit 60 gegen 37 Stimmen. Dagegen
ſtimmten die Konſervativen und ein Nationalliberaler.

Ausland.

Oeſterreich=Ungarn.
Die politiſchen Verhältniſſe und die
Sicherheit der Geldinſtitute. Im öſterreichi=
ſchen
Abgeordnetenhauſe beantwortete der Miniſter des
Innern eine Interpellation Langenham betreffend die
Verbreitung falſcher Gerüchte über die Folgewirkung der
politiſchen Verhältniſſe auf die Sicherheit der Geldinſti=
tute
, namentlich von Sparkaſſen.
Der Miniſter wies darauf hin, daß bereits in der
Annektionskriſis im Jahre 1909 in unverantwortlicher
Weiſe und offenbar mit Vorbedacht, zum eigenen Vor=
teil
, falſche Gerüchte in Umlauf geſetzt wurden, durch
welche der Glaube an die Sicherheit der Einlagen bei
Sparkaſſen untergraben werden ſollte. Bereits damals
hat der Finanzminiſter jenen Gerüchten mit aller Ent=
ſchiedenheit
den Boden entzogen, welche glauben machen
wollten, daß der Staat für den Fall eines Krieges die
Sparkaſſeneinlagen für ſeine Zwecke verwenden wollte.
Auf die damaligen Ausführungen ſich beziehend, könnte
es der Miniſter nur mit Entrüſtung zurückweiſen, wenn
der Verwaltung eines geordneten Rechtsſtaates neuerlich
derartige rechtswidrige Eingriffe auf das Privateigentum
zugemutet würden. Es ſei ja nach dem Völkerrecht ſelbſt
dem Feinde nicht geſtattet, die Gelder von Geldinſtituten
anzugreifen. Der Miniſter ſprach die Hoffnung aus, daß
ſich bei einiger ruhiger Ueberlegung bei dem ſparenden
Publikum die Einſicht durchſetzen werde, daß ſeine Ein=
lagen
bli der erprobten Solidität der Sparkaſſen der
Monarchie bei der durch die Verwendung der Einlagen
in Aktivgeſchäften der Sparkaſſen ſchon von ſelbſt
gegebenen Unmöglichkeit eines unbefuaten Eingreifens
von außen ſicher angelegt ſeien. (Lebhafter Beifall.)
Der Polniſchen Korreſpondenz zufolge hat die
Bankkommiſſion des Polenklubs beſchloſſen, an die Polen
Galiziens eine Kundgebung zu richten, in der gegen die
Runs auf die galiziſchen Sparkaſſen und Bankinſtitute
entſchieden Stellung genommen wird. Auf Grund der
ihr von maßgebender Seite erteilten Aufklärungen gibt
die Bankkommiſſion des Polenklubs der Ueberzeugung
Ausdruck, daß in der politiſchen Lage Befürchtungen we=
gen
drohender Kriegsverwicklungen nicht nur nicht be=
gründet
, ſondern im Gegenteil eine ernſte politiſche Ent=
ſpannung
eingetreten ſei, und daß ſich mit jedem Tag die
Anzeichen mehren, die für die Erhaltung des Friedens
ſprechen.
Die Oppoſition des ungariſchen Ab=
geordnetenhauſes
drang ſeit einiger Zeit nicht
mehr ins Parlament ein. Deshalb war am Mittwoch
keine Polizeiſperrung vorhanden. Die Oppoſition be=
nutzte
die Gelegenheit und wollte im Hauſe erſcheinen,
doch wurde ſofort die in Bereitſchaft gehaltene Polizei
und Gendarmerie zuſammengezogen, ſo daß bei dem An=
rücken
der Oppoſition das Eindringen ins Haus unmög=
lich
war. Die Oppoſition ſuchte nun durch Seitenein=
gänge
einzudringen, gelangte auch bis zur Küche des Par=
lamentsreſtaurants
, wurde jedoch hier zurückgehalten.
Die Polizei erklärte, daß nur die nichtausgeſchloſſenen
Abgeordneten eingelaſſen würden, worauf die ganze
Oppoſition ſich entfernte.
Frankreich.
Der Schutz der einheimiſchen Indu=
ſtrie
. Anläßlich der von dem Verbande der franzöſiſchen
Induſtriellen und Kaufleute angeſtellten Umfrage über
geeignete Mittel zum Schutz der heimiſchen Induſtrie er=
klärte
der Handelsminiſter David einem Berichterſtatter
u. a., daß England feſtgeſtellt hätte, daß die den fremden
Waren auferlegten Urſprungsbezeichnungen im Grunde
genommen eine Reklame für dieſe Ware bildeten, und daß
England deshalb daran denke, das made in Germany
oder Made in Austria durch den Vermerk not inglish

zu erſetzen. Wenn aber Frankreich entſchloſſen iſt, etwas
ähnliches zu tun, ſo müßte man den Ausdruck Preduit
non frangais oder Produit étranger anwenden. Das
Urſprungsland der eingeführten Waren ausdrücklich zu
nennen, ſei unklug, da dann gegen Frankreich der Vor=
wurf
der Parteilichkeit erhoben werden könnte.
England.
Luftſchiffahrt. Marineminiſter Churchill teilte
im Unterhauſe Einzelheiten über die Schiffe mit, die von
den Kolonien der Marine geſchenkt worden ſind und er=
klärte
, keines dieſer Schiffe beeinfluſſe den Entwurf eines
Flottenbauplanes, den er dem Hauſe im letzten März vor=
gelegt
habe. Das jüngſt von den malaiiſchen Staaten
geſchenkte Schiff würde zu dieſem Plan hinzuzufügen ſein.
In Beantwortung der Anfrage über das Luftfahrzeug,
das kürzlich des Nachts bemerkt worden war, erklärte
Churchill, er wiſſe nicht, ob es ein Luftſchiff oder ein
Flugzeug geweſen ſei; jedenfalls ſei es kein britiſches
Fahrzeug geweſen. In Beantwortung einer weiteren
Anfrage über die Zahl der ſtarren Luftſchiffe in England
und Deutſchland erklärte der Miniſter, Deutſchland beſitze
ein Marine=, ein Militär=, ein Verſuchs= und zwei Paſſa=
gierluftſchiffe
. Es beſtehe kein Zweifel, daß Deutſchland
in dieſem Zweige der Luftſchiffahrt ein großes Ueberge=
wicht
gewonnen habe. Was den Wert ſolcher Luftſchiffe
anbetreffe, ſo ſeien die Anſchauungen darüber verſchieden.
Ueber die Politik der Admiralität in dieſer Beziehung
möchte er keine Erklärung abgeben. Dem ganzen Gegen=
ſtande
werde die Aufmerkſamkeit zugewandt, die ſeine un=
zweifelhafte
Bedeutung erfordere.
Spanien.
Die Neuordnung des Polizeiweſens
Der König unterzeichnete das Dekret, wodurch eine allge=
meine
Polizeidirektion als Abteilung des Miniſteriums
des Innern geſchaffen wird, der ſämtliche Polizei= und
Ueberwachungskörper Spaniens unterſtehen. Dieſe Re=
organiſationsmaßnahme
ſtellt die Verhältniſſe, die 1886
ſchon beſtanden, wieder her und bezweckt, ein zerſplittertes
Vorgehen der einzelnen Behörden zu vermeiden, um die
Verübung von Verbrechen wie den Anfall auf Canalejas
möglichſt zu erſchweren. Zum Vorbild der Neuordnung
haben franzöſiſche Verhältniſſe gedient. Zum Vorſteher
der neuen Abteilung wurde der Militäroberrichter Men=
dez
Alanis ernannt, der unter der konſervativen Regie=
rung
ſchon Polizeichef war und dem auch jetzt die
Madrider Polizei gleichzeitig unterſtellt bleibt.
Der franzöſiſch=ſpaniſche Marokko=
vertrag
, der am Mittwoch unterzeichnet worden iſt,
wird am 30. dieſes Monats veröffentlicht werden. Am
Montag wird er den Cortes zur Verhandlung vorgelegt
und zweifellos ohne Schwierigkeit genehmigt werden.
Bisher ſind nur zwei Redner gegen den Vertrag einge=
ſchrieben
worden, der konſervative Abgeordnete Gabriel
Maura, ein Sohn des früheren Miniſterpräſidenten, und
der Republikaner Rodos.
Vereinigte Staaten.
Gegen das deutſche Reichspetroleum=
Monopol. Der Sun berichtet, der Kongreß werde
ein Geſetz erlaſſen, das der Regierung Vergeltungsmaß=
regeln
ermögliche, falls Deutſchland die Standard Oil
Co, vertreiben wolle, wie es jetzt den Anſchein habe. Se=
nator
Curtis hat den Entwurf ausgearbeitet und Staats=
ſekretär
Knox hat an Curtis einen Brief geſchrieben des
Inhalts, daß nach Anſicht des Staatsdepartements dieſes
Problem gelöſt werden könne mittels eines Amendements
zu Sektion 2 des Geſetzes von 1909, das genügend Dehn=
barkeit
gewährt, um die Tarifſätze entſprechend zu er=
höhen
. Das mag die Auferlegung von Zuſchlagszöllen
von fünf bis fünfundzwanzig Prozent nötig machen für
einzelne Artikel oder auch für die ganze Ausfuhr nach den
Vereinigten Staaten. Auch die Verzollung der Artikel
auf der Freiliſte könnte als Vergeltung erſcheinen für
eine derartige beleidigende Behandlung. Selbſt ein
Einfuhrverbot könnte in ſchweren Fällen nötig werden.

Stadt und Land.

Darmſtadt, 29. November.
* Empfänge. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
empfingen am Mittwoch den Generalmajor
Hildemann, Inſpekteur der 2. Pionier=Inſpektion in
Mainz, den Oberſtleutnant Zierold, Kommandeur des

Leib=Dragoner=Regiments (2. Großh. Heſſ.) Nr. 24, den
Oberſtabsarzt Dr. Langheld, Regimentsarzt des Großh.;
Artillerie=Korps, 1. Großh. Heſſ. Feld=Artillerie=Regiment
Nr. 25, den Oberſtleutnant z. D. v. Bardeleben, Komman=
deur
des Landwehrbezirks Erbach, den Profeſſor Eſſelborn,
den Reviſionsgeometer Rechnungsrat Scheld, den Rech=
nungsrat
Schömer, den Hofbankier Hofrat Sander,
den Rechnungsrat Rotté, den Geheimen Regierungsrat
Dr. Melior, Vorſitzender der Brandverſicherungskammer.
den Geheimen Oberfinanzrat Dr. Knell, Vortragender
Rat im Finanzminiſterium, den Oberbürgermeiſter
Dr. Dullo von Offenbach, den Profeſſor Eberhardt, den
Hofkanzleiſekretär Bachert, den Baurat Dofflein, den
Kaufmann Schweitzer von König i. O., den Rechnungsrat
Paul, den Regierungsrat Krug v. Nidda, Vorſitzender
des Oberverſicherungsamtes; zum Vortrag den Staats=
miniſter
Ewald, den Miniſter des Innern v. Hombergk
zu Vach, den Vorſtand des Kabinetts Geheimerat Römheld.
* Werliehen wurde das Ehrenzeichen für Mitglieder
freiwilliger Feuerwehren durch Entſchließung Sr. Königl.
Hoheit des Großherzogs an Johann Geyer und
Georg Keil, beide zu Michelſtadt.
* Ernannt wurde Karl Schaffner zum Schreib=
gehilfen
bei der Zentralſtelle für die Gewerbe in
Darmſtadt.
* Ordensverleihung. Seine Königl. Hoheit der
Großherzog haben dem Bureaubeamten Heinrich
Karl Huth zu Bad Nauheim die Erlaubnis zur An=
nahme
und zum Tragen der ihm von Sr. Maj. dem
Deutſchen Kaiſer und König von Preußen verliehenen
Südafrika=Denkmünze in Stahl und der Goldenen Medaille
zum Kronen=Orden erteilt.
* Militärdienſtnachrichten. Collmann, Major=
vom
F.=R. Nr. 25, Brandenburg, Oberlt. vom F.=R.
Nr. 61, zur Feldartillerie=Schießſchule kommandiert.
g. Schwiurgericht. In der am Montag, den 2. De=
zember
, vormittags halb 10 Uhr, beginnenden 4. Schwur=
gerichtsperiode
unter dem Vorſitz des Großh. Land=
gerichtsrats
Dr. Lehr (Stellvertreter: Großh. Land=
gerichtsrat
Schulz) kommen folgende Fälle zur Ver=
handlung
: Montag, 2. Dezember, gegen den Taglöhner=
Peter Kraft II. aus Aſchaffenburg, zuletzt in Hahn, wegen
Notzuchtsverſuch; Anklagevertreter: Gerichtsaſſeſſor Dr.=
Fuchs, Verteidiger: Rechtsanwalt Kern. Dienstag, 3.
Dezember, gegen den Schmied Valentin Kiſſel aus
Auerbach wegen Meineid: Anklagevertreter: Staatsanwalt
Dr. Krug, Verteidiger: Rechtsanwalt Neuſchäffer. Don=
nerstag
, 5. Dezember, gegen den Taglöhner Johann Karli
Köhler aus Nieder=Wöllſtadt, zuletzt in Heppenheim,
wegen Brandſtiftung pp.; Anklagevertreter: Gerichts=
aſſeſſor
Dr. Callmann, Verteidiger: Rechtsanwalt Land=
zettel
. Freitag, 6. Dezember, gegen Keſſelſchmied Karl
Sponagel, Landwirt Georg Sponagel, Maurert
Anton Ebert, ſämtlich aus Heddesheim, wegen Ver=
brechens
gegen § 118 Str.=G.=B. pp. (Widerſtand und Kör=
perverletzung
gegen einen Forſt= oder Jagdbeamten);
Anklagevertreter: Gerichtsaſſeſſor Dr. Callmann, Ver=
teidiger
: Rechtsanwälte Bendheim und Langenbach.
Vom Großh. Hoftheater. Heute, Freitag, eröffnet.
Baklanoff ſein mit Spannung erwartetes Gaſtſpiel
als Mephiſto in Gounods Fauſt. In dieſen Tagen hat
Baklanoff u. a. in Köln, Mannheim uſw. Triumphe ge=
feiert
, die ihresgleichen ſuchen. Die Häuſer, ſchon Wochen=
vorher
vollkommen ausverkauft, feierten den Künſtler in
ſelten erlebter Weiſe. Leute der vornehmſten Geſellſchaft,
die (trotz der faſt das Caruſo=Niveau erreichenden Höhe
der Preiſe) kein Billett mehr erhalten konnten, boten ſich
den Theaterleitungen als Statiſten an, nur um Baklanoff
zu hören. Auch bei uns iſt das Intereſſe äußerſt rege,
ſo daß heute ſchon die beiden Baklanoffabende faſt aus=
verkauft
ſind. Das Abonnement iſt aufgehoben, der Vor=
verkauf
findet ſowohl im Hoftheater als auch im Ver=
kehrsbureau
ſtatt. Es ſei nochmals darauf hingewieſen,
daß zu dieſem Gaſtſpiel die gewöhnlichen Preiſe
gelten. Am Samstag wird die Darſtellung der Trilogie
mit Wallenſteins Tod beſchloſſen. Zu dieſer
Vorſtellung, im Abonnement Buchſtabe A. 18, gelten die
kleinen Preiſe. Die neunte Volksvorſtellung zu ermäßig=
ten
Preiſen, Der Raub der Sabin erinnen
findet Sonntag nachmittag ſtatt. Der Vorverkauf findet
bis zum Tage der Vorſtellung im Verkehrsbureau ſtatt.
Sonntag abend verabſchiedet ſich Baklanoff bereits wie=
der
als Rigoletio in Verdis gleichnamiger Oper.
* Die Ausſtellung Der Menſch wird jetzt bereits
um 8 Uhr abends geſchloſſen, ſo daß die Beſuchszeit
demnach jetzt täglich von vormittags 9 Uhr bis abends
um 8 Uhr, auch Sonntag, iſt. Dabei ſei nochmals darauf
aufmerkſam gemacht, daß der Schluß der Ausſtellung
endgültig am Sonntag, den 1. Dezember, abends
8 Uhr erfolgt.
* 50jähriges Geſchäftsjubiläum. Man ſchreibt uns:
Die in beſtem Sinne in weiteſten Kreiſen bekannte Deli=
kateſſſen
= und Zigarrenhandlung Georg
Ludwig Kriegk Rheinſtraße 17 hier, konnte
Anfang dieſes Monats auf ihr 50jähriges Beſtehen
zurückblicken. Unter der zielbewußten tatkräftigen Lei=
tung
und dem regen Geſchäftsſinn der jeweiligen In=
haber
gelang es denſelben, die Firma ſo zu fördern, daß
ſie bald mit zu den Erſten am Platze zählte. Der der=
zeitigen
Beſitzerin der Firma möge der Erfola nicht ver=
ſagt
ſein, das Geſchäft in ſchönſter Blüte zu erhalten.

Die Eroberer in Saloniki.

** Auf die Dauer laſſen ſich die Ereigniſſe, die dem
Einzuge der Griechen in Saloniki folgten, nicht mehr ver=
heimlichen
. Der engliſche Kriegskorreſpondent Sinclair
Poclay der der griechiſchen Armee während des Feld=
zuges
in Theſſalien attachiert war und ihr nach Saloniki
folgte, gibt jetzt in einem Briefe eine ausführliche und an
tatſächlichen Einzelheiten reiche Schilderung jener Vor=
gänge
, die er beobachten mußte und über die er telegra=
phiſch
infolge der Zenſur nicht berichten konnte. Und er
beginnt ſeinen Bericht mit der Feſtſtellung, daß die Er=
oberer
auf Schritt und Tritt, unter dem Zeichen des Kreu=
zes
, plündern, rauben und morden und daß maßloſe Aus=
ſchreitungen
die Tage nach dem Einzug in Saloniki be=
gleiteten
. Das begann ſchon vorher, ſchon bei der Ein=
nahme
von Elaſſona, wo Haus um Haus jede türkiſche
Heimſtätte vollkommen ausgeraubt und ausgeplündert
wurde. Die griechiſchen und bulgariſchen Einwohner
ſchützten ſich, indem ſie ein Kreuz vor ihre Tür pflanzten.
Gnade Gott aber jenen, die das vergeſſen haben. Doch die
Sieger plündern nicht nur die Türken aus, ſie plündern
ſich auch gegenſeitig. Die griechiſche Soldateska raubt die
Häuſer der Bulgaren aus und die Bulgaren die der
Griechen. Als die Bulgaren nach dreitägigem Marſche
Janitza erreichten, wurden alle griechiſchen und türkiſchen
Häuſer völlig ausgeraubt. Aber all dieſe Greuel und Ge=
walttaten
, die oft von Mord und Blut begleitet ſind, ſind
nur ein Vorſpiel zu dem, was Saloniki durchleben mußte.
Hier in Salaniki zogen Rotteg von griechiſchen und bul=

gariſchen Soldaten, von zweifelhaften Elementen geführt,
durch die Stadt und plünderten rechts und links die Häu=
ſer
. Zuerſt und am ſchwerſten litten die Juden. Es gibt
in Saloniki viele reiche Juden: alle ihre Villen wurden
von dieſen Horden erbrochen und ausgeraubt. Bei dem
geringſten Widerſtand, ja nur bei Widerſpruch, ſprachen
die Gewehrkolben und die Revolver: mit Gewalt riß man
die Ohrringe aus den Ohren wehrloſer Frauen und die
Ketten von dem Hals des Mädchens.
Es iſt völlig nutzlos, daß die griechiſchen Behörden
dieſe Tatſachen krampfhaft abzuleugnen verſuchen. Der
Oberrabbi hat den Präfekten aufgeſucht und ihm eine
genaue, Fall für Fall in allen Einzelheiten beweisbare
Liſte vorgelegt, in der einige der alltäglichen Fälle brutaler
Ausſchreitungen verzeichnet ſind. Die Liſte ſpricht Bände.
Ueberall iſt das Ziel der gewaltſame Raub oder die Er=
preſſung
der Juwelen und des Geldes. Mit Waffen=
gewalt
, mit Bajonettſtichen und Kolbenſchlägen werden
die hilfloſen Familien gezwungen, ihren koſtbarſten Beſitz,
ihren Familienſchmuck, ihre Ringe, ihr Geld herauszu=
geben
; die Uhren werden den Männern abgenommen, die
Uhrketten vom Leibe geriſſen, ja ſogar die Teppiche und
die Wäſche werden von dieſen Soldaten davongeſchleppt.
Ich ſelbſt ſo fährt der Engländer fort, war Zeuge, wie
ein armer alter Mann, ein Jude, von einem griechiſchen
Kavalleriepoſten im Baſar einfach mit dem Säbel nieder=
gehauen
wurde. Das ganze Tſchamekidi iſt vollkommen
ausgeraubt und ausgeplündert, und jedes Fenſter in die=
ſem
Stadtteile iſt eingeſchlagen. Ja ſogar vor Leichen=
ſchändung
und Störung der Totenbeſtattung ſcheuen dieſe
Räuber nicht zurück. Ich wurde Zeuge, wie in der Rue

Sainte Sophie von griechiſchen Soldaten ein Leichenzug
aufgehalten wurde. Den Sarg ſchleuderte man auf die
Straße, der Geiſtliche wurde mißhandelt. Die Leichenträ=
ger
wurden gezwungen, den geborſtenen Sarg mitten in
der Straße liegen zu laſſen; erſt ſpäter ſchleppten ver=
ſchüchterte
Anwohner heimlich den Sarg und die Leiche in
ein Haus. Als in Karanburun die türkiſchen Soldaten
entwaffnet wurden, raubte man ihnen aus den Taſchen
jeden Heller, den ſie bei ſich trugen.
Es war nur ſelbſtverſtändlich, daß unter dieſen trau=
rigen
Vorgängen, die ſich auf europäiſchem Boden ab=
ſpielten
, das berüchtigte und gefürchtete mazedoniſche
Komitee, das 15 Jahre hindurch Saloniki terroriſierte,
mit Dolch und Piſtole ſeine Tätigkeit aufnahm und ver=
oppelte
. Dieſer bulgariſchen Organiſation macht es
nichts, auch Griechen zu ermorden; ihr Ziel iſt die Er=
richtung
der bulgariſchen Herrſchaft von der Adria bis
zum Schwarzen Meer. Ihr Werk, das mit Dolch und
Bomben verrichtet wird, richtet ſich jetzt noch mehr gegen
die Griechen als gegen die Türken. Und die Griechen an=
dererſeits
fürchten ſich, mit den Bulgaren allzu viel zu
ſchaffen zu bekommen. Sie brauchen die Bulgaren, weil
ſie ohne ſie nicht ſiegen können; aber Liebe beſteht nicht
zwiſchen ihnen. Kein Reformſyſtem der Welt wird dieſe
beiden Todfeinde ausſöhnen. und eines Tages werden
die führenden chriſtlichen Mächte der heiligen Balkan=
allianz
zwiſchen ſich doch noch auf Leben oder Tod den
Kampf ausfechten, in dem entſchieden wird, wer in Maze=
donien
herrſchen ſoll: der Grieche oder der Slave. In=
zwiſchen
iſt Saloniki das Opfer.

[ ][  ][ ]

Bekämpfung der Tuberkuloſe im Mittelſtande.
Auf Einladung des Vorſitzenden der Landesverſicherungs=
anſtalt
Großherzogtum Heſſen, Herrn Geh. Regierungs=
rat
Dr. Dietz, traten am 21. November einige Vertreter
mittelſtändleriſcher Vereinigungen zu einer Beſprechung
über das Thema Bekämpfung der Tuberkuloſe im
Mittelſtand und insbeſondere über die Frage der Be=
ſchaffung
der Mittel zuſammen. Die Abſicht, auch dem
Mittelſtande in dieſer hochwichtigen Frage zu helfen,
wurde ſehr ſympatiſch begrüßt, doch war man ſich nicht
darüber im Zweifel, daß die Mittelfrage nicht leicht zu
löſen iſt. Eine Kopfſteuer in den einzelnen Verbänden
einzuführen, wurde als nicht empfehlenswert bezeichnet.
Die meiſten Vertreter hielten es vielmehr für angezeigt,
nach und nach Fonds anzuſammeln, aus denen ihren
tuberkulös erkrankten Mitgliedern Beihilfen zu den
Kurkoſten gewährt werden könnten und ferner dem
Heilſtättenverein als Mitglied beizutreten. An
dieſen müßten auch die etwaigen Ueberſchüſſe der be=
treffenden
Fonds abgeliefert und Mitglieder für den=
ſelben
geworben werden, damit er mehr wie bisher ſich
des Mutelſtandes annehmen kann.
* Kunſtverein. Die Kollektivausſtellung Carl Felber=
Dachau, ſowie die Ausſtellung der kleineren Kollektionen
von Waldemar Coſte, Walther Bertelsmann, Ferdinand
Herwig, Franz Türcke, Ludwig Ziegler iſt noch bis ein=
ſchließlich
Sonntag, den 1. Dezember, geöffnet. Die
Kunſthalle bleibt dann einige Tage geſchloſſen.
Deutſch=Evangeliſcher Frauenbund, Orts=
gruppe
Darmſtadt. Der Teeabend für Blinde aller
Konfeſſionen, Freitag, den 29. November, nachmittags
4 Uhr, Freimaurerloge, Sandſtraße 18, findet, wie der
Verkauf der Teekarten und die eingelaufenen Gewinne
zur Verloſung beweiſen, auch dieſes Jahr wieder An=
klang
. Teekarten zu 50 Pfg. ſind in beſchränkter Anzahl
an der Kaſſe der Freimaurerloge noch zu haben.
C. Die Sektion Darmſtadt des Volksvereins für das
katholiſche Deutſchland hielt am Mittwoch im Konkordia=
ſaale
eine ſehr ſtark beſuchte, von Herrn Dr. med Kocks
geleitete Verſammlung ab, über deren Verlauf uns
geſchrieben wird: Herr Kaplan Moſer=Darmſtadt ſprach
zunächſt über den ſtillen Kulturkampf, worunter er die
Beibehaltung des ſogen. Kanzelparagraphen im Straf=
geſetzbuch
, die dem katholiſchen Element ungünſtige Oſt=
markenpolitik
, die Zurückſetzung der Katholiken im Reichs=
und Staatsdienſt, die beſchränkenden Beſtimmungen gegen
die Orden und die Imparität in Sachſen, Braunſchweig
uſw. verſteht. Er verlangte die endliche Herſtellung der
religiöſen Gleichheit im Intereſſe des religiöſen Friedens
Herr Rechtsanwalt Nuß=Seligenſtadt ging von der
ſozialen und kulturellen Bedeutung des katholiſchen Or=
densweſens
aus, und beklagte hinſichtlich des Jeſuiten=
ordens
daß Tauſende denſelben verurteilen, ohne ihn zu
kennen. Das ſog. Jeſuitengeſetz, von dem Artikel 2 be=
reits
gefallen iſt, habe, wie kein anderes, fortwährende
Korrekturen erfahren, ſo daß man ſchon deshalb an ſeiner
Güte zweifeln müſſe. Dazu komme die verſchiedene Aus=
legung
des Begriffs Ordenstätigkeit, bei der hoffentlich
die mildere bayeriſche Auslegung zum Siege gelangen
werde. Beſſer wäre aber die völlige Aufhebung dieſes
Ausnahmegeſetzes, von dem das proteſtantiſche England
und Nordamerika nichts wiſſe. Es handle ſich auch um
die Ehre der katholiſchen Kirche, die den Orden hoch ſchätze.
Der Schmerzensſchrei des katholiſchen Volkes dürfe nicht
ungehört verhallen. Zum Schluſſe verlas Herr Dr. Kocks
zwei Reſolutionen, die einſtimmig angenommen wurden.
Die erſte geht an den Bundesrat und verlangt völlige
Aufhebung des Jeſuitengeſetzes, während die andere der
Zentrumsfraktion des deutſchen Reichstags zugeſandt wird.
Die Fraktion wird darin erſucht, alles zu tun, um die
völlige Beſeitigung des Geſetzes zu erwirken.
* Experimental=Vortrag. Am Dienstag, den 3. De=
zember
, abends 8¼ Uhr, veranſtaltet der Verein für Ver=
breitung
von Volksbildung in Gemeinſchaft mit dem All=
gemeinen
deutſchen Frauenverein, Ortsgruppe Darmſtadt,
im Kaiſerſaal einen öffentlichen Experimental=Vortrag:
Praktiſches aus Naturwiſſenſchaft und
Technik für den Haushalt und das tägliche
Leben von Diplom=Ingenieur Dr. Kaufmann=
München. Der äußerſt reichhaltige Vortrag, deſſen Ka=
pitel
zur jetzigen Teuerungszeit im Mittelpunkt des
Tagesintereſſes ſtehen, beſpricht in leicht verſtändlicher
Weiſe und rein praktiſch die Grundzüge einer zweckmäßi=
gen
und billigen Ernährung, die Metalle im täglichen
Leben, die Reinigungsmittel, Licht und Wärme, nach
Maßgabe der Zeit, auch andere einſchlägige Gebiete, ſo
das Wiſſenswerteſte aus der Toilette=Chemie. Experi=
mente
und Demonſtrationen werden den Vortrag noch
feſſelnder geſtalten. Dr. Kaufmann hat mit dieſen, ſo
ganz aus dem vollen Leben geſchöpften Vorträgen in
allen Städten, in denen er ſprach, einen durchſchlagenden
Erfolg erzielt. Der Redner erteilt nicht nur praktiſche
Winke, u. a. auch durch Vorſchriften zur Selbſtbereitung
von Produkten für die Hauswirtſchaft und das tägliche
Leben, ſondern tritt auch dem Geheimmittel= und Re=

klame=Unweſen entgegen, iſt weiter auch bereit, alle zum
Thema gehörigen Fragen nach dem Vortrag zu beant=
worten
. Der Vortrag iſt für Herren und Damen geeignet,
und in Anbetracht der Wichtigkeit der behandelten Ge=
biete
für unſer tägliches Leben kann der Beſuch des ebenſo
unterhaltenden wie belehrenden Vortrages allen Be=
völkerungskreiſen
dringend angeraten werden. (Siehe
Anzeige.)
Verein für Verbreitung von Volksbildung.
Der letzte der drei Vorträge von Profeſſor Dr. Berg=
hoff
=Iſing über Deutſchland in der Weltwirtſchaft, ins=
beſonoere
neben England wird heute Freitag, abends
8¼ Uhr (Techniſche Hochſchule), ſtattfinden.
* Deutſcher Frauen=Verein vom Roten Kreuz für die
Kolonien. Der geplante Tee=Abend mit dem bereits an=
gekündigten
Vortrag der Afrikareiſenden Margarethe
von Eckenbrecher findet nun endgültig am 12. Dezember,
nachmittags, pünktlich ½5 Uhr, im Saale der Vereinigten
Geſellſchaft ſtatt. (Näheres demnächſt im Anzeigenteil.)
* Verein für Vogel= und Geflügelzucht. Wie alljähr=
lich
, findet am kommenden Samstag und Sonntag in den
Räumen des Mathildenhöhſaales die diesjährige Ver=
einsausſtellung
ſtatt. Dieſelbe gibt, den eingelaufenen
Anmeldungen nach, ein ſchönes Bild regen Zuchtfleißes
und hat trotz der für die Zucht dieſes Jahres ſo ungün=
ſtigen
Witterung alle Erwartungen übertroffen. In uber
400 Nummern ſieht der Beſchauer die meiſten Raſſen von
Hühnern, Waſſergeflügel und Tauben; auch die bei dem
im Auguſt für die Mitglieder des Vereins veranſtalteten
Preisflug prämiierten Tiere ſind unter Angabe der Flug=
zeiten
ausgeſtellt. Die im vorigen Jahre mit Beifall
aufgenommene Verkaufsklaſſe, die dem Liebhaber, der
gerade nicht auf erſtklaſſiges Material reflektiert, Gelegen=
heit
gibt, ſich für einen billigen Preis etwas verhältnis=
mäßig
Gutes anzulegen, iſt auch in dieſem Jahre wieder
eingerichtet. Mit der Ausſtellung iſt eine Verloſung ver=
bunden
, bei welcher nur lebendes Geflügel verloſt wird,
und kann man hierbei für 50 Pfg. einen Stamm Hühner,
Entenſtämme, Gänſe und verſchiedenes anderes Geflügel
gewinnen; außerdem bietet ſich bei der 10 Pfg.=Tombola
jedem Gelegenheit, ſich unter Umſtänden eine Gans. Ente
oder einen Hahn für den Topf zu ſichern. Alles Nähere
beſagen die Plakate und Anzeigen.
* Zitherklub Edelweiß. Wie aus dem Anzeigenteil
erſichtlich, feiert morgen der Zitherklub Edelweiß ſein
5. Stiftungsfeſt im Kaiſerſaal. Neben den anerkannt
guten Leiſtungen des Vereins werden die Darbietungen
des Geſangvereins Teutonia, ſowie des Celliſten Roſe=
mann
den Abend zu einem genußreichen geſtalten. Die
Zithervereine geben ſich die größte Mühe, dieſe ſchöne
Muſik als gute und edle Volksmuſik in weitere Kreiſe und
in die Familie zu tragen, deshalb iſt ihnen auch jede Un=
terſtützung
zu wünſchen.
Im Falle Weiſer nimmt die Unterſuchung ihren
Fortgang und wird zur Zeit von dem Unterſuchungsrichter
des hieſigen Landgerichts geführt. Der Student Bahr,
der ſich noch in Haft befindet, ſoll über den unglücklichen
Ausgang des nächtlichen Zuſammenſtoßes ſehr deprimiert
ſein. Dem Vernehmen nach erklärt er jedoch nach wie vor,
daß er nur in Notwehr gehandelt habe. Die Studenten
Weiſer und Allſtädt ſollen auf der Rheinſtraße bereits
handgemein geweſen ſein, als Bahr in ſtark beteunkenem
Zuſtande hinzukam. Erſt als Weiſer Schüſſe mit ſeinem
Revolver abgab, und als Allſtädt ſeinen Freund Bahr
um Hilfe anrief, will Bahr herbeigeſprungen ſein, um
ſeinen Freund vor weiteren Schüſſen Weiſers zu retten.
Die Behauptung von Bahr, daß er nicht aus feindlicher
Geſinnung gegen Weiſer, ſondern nur im Intereſſe von
Allſtädt gehandelt hat, gewinnt dadurch an Glaubwüldig=
keit
, daß er, wie ſich jetzt herausgeſtellt hat, Weiſer per=
ſönlich
überhaupt nicht gekannt hat. Die Vorunterſuchung
wird vorausſichtlich demnächſt ihren Abſchluß nehmen.
Die Akten gehen dann an die Staatsanwaltſchaft, welche
die Ergebniſſe der Vorunterſuchung vrüfen und hiernach
ihre weiteren Entſchließungen treffen wird.
* Schulgeld bezahlen! Es ſei nochmals darauf auf=
merkſam
gemacht, daß das Schulgeld, zweite Rate, in
dieſen Tagen bezahlt werden muß. Sonſt winken Mahn=
koſten
und Beitreibungsverfahren.
* Der Fermatſche Satz. Herr Ludwig Beſt in Darm=
ſtadt
hat in H. L. Schlapps Hofbuchhandlung einen Ele=
mentaren
Beweis des Fermatſchen Satzes herausgege=
ben
und ſichert 100 Mark Belohnung dem zu, der zuerſt
nachweiſt, daß dieſer Beweis falſch oder ungenügend iſt
Für den Beweis des Fermatſchen Satzes iſt von dem
verſtorbenen Herrn Dr. Wolfskehl bekanntlich ein Preis
von 100000 Mark ausgeſetzt worden.
* Ein Flieger über Darmſtadt. Der Eulerpilot Leut=
tant
Sommer und Leutnant von Beers als Paſſa=
zier
, welche auf der Fliegerſtation Darmſtadt ſtatio=
niert
ſind, ſtatteten heute den Eulerwerken durch die Luft
einen Beſuch ab. Die 27 Kilometer lange Strecke Darm=
ſtadt
-Frankfurt wurde in der kurzen Zeit von 17 Minuten
zurückgelegt und beide Städte in beträchtlicher
Höhe überflogen.

* Parlophon=Konzert. Man ſchreibt uns: Das in der
Stadt Pfungſtadt von Herrn Valentin Bund abgehal=
tene
Parlophon=Konzert erfreute ſich eines ſehr guten
Beſuches. Das Konzert verlief vor einem lauſchenden
Publikum in ſehr muſtergültiger, abwechſelungsreicher
Weiſe und kamen nur erſtklaſſige Piecen zum Vortrag.
Am beſten gefielen Franz Steiner=Wien, Caruſo, Jörn,
Luria, Frieda Hempel, Miß Bell Fields (genannt die
ſchwarze Nachtigall). Die Vorträge waren ſo gut wieder=
gegeben
, daß man bei geſchloſſenen Augen glauben
konnte, die Sänger in Perſon vor ſich zu hören.
* Im Bürgerkeller hält das Salon=Damen=Orcheſter
Langbardel am 1. Dezember ſeinen Einzug. Der Kapelle
geht ein ſehr guter Ruf voraus, denn ſie iſt ſchon mit
gutem Erfolg in der Alhambra (London) und Drocodero
(in Mailand) aufgetreten. (S. Anz.)
-h- Von der Bergſtraße, 28. Nov. Das anhaltende
gelinde Wetter iſt für die Arbeiter von größtem Werte.
Im Baugewerbe kann faſt ohne Unterbrechung ge=
arbeitet
werden und draußen im Felde kann ſo mancherlei
Arbeit ausgeführt werden, was bei Kälte unmöglich iſt.
Auch für den Landwirt iſt das Wetter von Vorteil. Er
kann ſein Feld vollſtändig beſtellen und an ſeinen Futter=
vorräten
zurückhalten, denn bei geringer Kälte erfordert
die Fütterung des Viehes weniger Mittel, als bei intenſiv
kalter Witterung.
h- Bensheim, 27. Nov. Am Geburtstage Sr. Königk.
Hoheit des Großherzogs wurde zur Erinnerung an die in
dieſem Jahre zur Durchführung gebrachte Einführung
des ſechsklaſſigen Seminars und der Errichtung der Se=
minarſchule
auf der Weſtſeite des neuen Seminars eine
Eiche gepflanzt, die den Namen Ernſt Lud=
wigs
=Eiche erhielt. Weiter wurde zum ehrenden
Gedächtnis des heſſiſchen Schulmannes Dr. Eiſenhuth
eine Buche geplanzt, der man den Namen Eiſenhuth=
Buche beilegte. Die Pflanzung geſchah bei entſprechen=
der
Feierlichkeit in Anweſenheit der Seminariſten und der
Kinder der Seminarſchule.
Offenbach, 28. Nov. Die hieſige Handelskammer.
hat zu der Frage des Schutzes der Arbeitswil=
ligen
bei Streiks in ihrer Geſamtſitzung einſtimmig eine
Entſchließung gefaßt, worin darauf hingewieſen wird,
daß es bei den von der Handelskammer Offenbach feſt=
geſtellten
Ausſchreitungen gegen Arbeitswillige an dem
ausreichenden Schutz gefehlt hat. Die Stadti
beabſichtigt die Errichtung einer Preſſevermitte=
lungsſtelle
. Es handelt ſich hierbei namentlich um
die Veröffentlichung von Preſſenachrichten über die Aus=
ſchußſitzungen
, die in Zukunft die hieſigen und auswärti=
gen
Preſſevertreter von Amtswegen erhalten ſollen. Es
ſoll zunächſt hierüber eine Ausſprache mit den Vertretern
der Preſſe herbeigeführt werden.
Neu=Iſenburg, 28. Nov. Der Starkenburger
Geflügelzüchterverband veranſtaltet in den Tagen
vom 79. Dezember in der Turnhalle des Turnvereins
in Neu=Iſenburg ſeine diesjährige Verbandsaus=
ſtellung
. Ein Ehrenausſchuß, mit dem Kreisrat Herrn
Geheimerat Lochmann=Offenbach an der Spitze, hat
ſich gebildet und es ſteht zu erwarten, daß die Ausſtellung
eine reichhaltige Beſchickung aufweiſen wird. Der Land=,
wirtſchaftskammer=Ausſchuß hat für die von ihm als
leiſtungsfähig anerkannten Nutzgeflügelraſſen einen nam=
haften
Geldbetrag zur Prämiierung zur Verfügung ge=
ſtellt
und die dem Verbande angeſchloſſenen Vereine be=
teiligen
ſich durch Stiftung von Ehrenpreiſen. Die Aus=
ſtellung
dürfte in jeder Hinſicht ein zutreffendes Bild vom
Stande der Geflügelzucht in der Provinz Starkenburg ab=
geben
. Meldeſchluß iſt auf Sonntag, den 1. Dezember,
feſtgeſetzt.
Höchſt i. O., 28. Nov. Nachdem bei der amtlichen
techniſchen Probefahrt auf der neuen Linie Aſchaffen=
burg
-Höchſt am 26. November den vielfachen Ein=
ladungswünſchen
nicht entſprochen werden konnte, hat ſich
die Königl. Eiſenbahndirektion Würzburg bereit erklärt,
am Samstag, 30. November, zwei Zugspaare für je 300
Perſonen für die unentgeltliche Benutzung zur Beſich=
tigung
der Strecke zur Verfügung zu ſtellen. Es
wurde die Ordnung getroffen, daß die Eingeladenen der
Gemeinden Höchſt i. O., Sandbach, Neuſtadt, Hainſtadt
und Mömlingen die Bahnfahrt nach Aſchaffenburg machen
(Höchſt ab 8,00 vorm., Aſchaffenburg Hauptbahnhof an
10,10 vorm., Aſchaffenburg Hauptbahnhof ab 6,15 abends,
Höchſt i. O. an 8,20 abends), während die Geladenen der
Stadt Aſchaffenburg die Fahrt nach Höchſt i. O. machen
(Aſchaffenburg Hauptbahnhof ab 10,40 vorm., Höchſt i. O.
an 12,50, Höchſt i. O. ab 3,15 nachm., Aſchaffenburg Haupt=
bahnhof
an 5,25 nachm.). Die Einladungen werden durch
die Gemeindeverwaltungen ausgegeben entſprechend den
ihnen zugeteilten Ausweiſen, welche als Legitimation
gegenüber der Bahnbehörde gelten. Beſondere Feſtlich=
keiten
wurden für dieſe Gelegenheit nicht vereinbart, die
Teilnehmer werden für ihre Verpflegung ſelber zu ſor=
gen
haben. Dagegen fand der Vorſchlag ungeteilte Zu=
ſtimmung
, die durch die neue Bahnverbindung geſchaffe=

Konzerte.

* Der Mozart=Verein veranſtaltete am Mitt=
woch
abend im Saalbau unter Leitung ſeines Dirigen=
ten
, Herrn Kapellmeiſters Rehbock, ſein erſtes Winter=
konzert
, das reich an Genüſſen und künſtleriſchen Erfol=
gen
war. Zu dieſen trugen in erſter Linie die hervor=
ragenden
Leiſtungen des Chors bei, der hinſichtlich der
ſtimmlichen Qualität, Vortragskunſt und künſtleriſchen
Diſziplin höchſten Anforderungen entſpricht. Nach einer
einleitenden ſtimmungsvollen Hymne von Gluck gelang=
ten
zum erſten Male zwei nordiſche Chöre Olaf
Trygvaſon von Reißiger und Eine Bauernhochzeit von
Södermann zum Vortrag, deren geſangliche Schwierig=
keiten
der Chor wie ſpielend überwand und deren ſcharf
ausgeprägter Eigenart er mit verſtändnisvoller Charak=
teriſtik
und Feinheit der Tonnuancierung in meiſterhafter
Weiſe gerecht wurde. Der rhythmiſch bewegte, effektvolle
zweite Chor erntete ſo ſtürmiſchen Beifall, daß er wieder=
holt
werden mußte. Von den beiden weiter geſungenen
Chören Schlummerlied von Ferd. Büchler und Mädel,
der Mai iſt da! von Franziskus Nagler gefiel beſonders
der letztere, eine geſund empfundene, friſche und kraft=
volle
Kompoſition. Zum Schluß ſang der Chor noch
zwei deutſche Volkslieder Ich habe den Frühling ge=
ſehen
und Der Jäger aus Kurpfalz in der Bearbeitung
von Othegraven. Der Chor und ſein tüchtiger Dirigent
Herr Kapellmeiſter Rehbock, haben ſich mit ihren treff=
lichen
Leiſtungen ſelbſt das beſte Zeugnis ausgeſtellt, das
uns nur zu atteſtieren übrig bleibt.
Als Geſangsſoliſt wirkte Herr Opernſänger Robert
Hutt mit, der bei ſeinem diesjährigen Gaſtſpiel im hie=
ſigen
Hoftheater einen Aufſehen erregenden Erfolg er=
zielte
. Er ſang die Arie aus der Zauberflöte Dies Bild=
nis
iſt bezaubernd ſchön zwei Lieder von Hartl und
Hugo Wold und aus den Meiſterſingern die Geſänge

Am ſtillen Herd und das Preislied. Iſt der Eindruck,
den Herr Hutt im Konzertſaal erzielt, demjenigen auf der
Bühne auch nicht gleichzuſtellen, eine Erfahrung, die man
bekanntlich bei Bühnenſängern häufig macht, ſo erweckte
er doch durch die Friſche und die Pracht ſeiner ſtimmlichen
Mittel, die in der Höhenlage geradezu glänzend ſind, helle
Begeiſterung. An ſeeliſchem Empfinden ließ der Vortrag
manchmal, namentlich in dem wundervollen Lied Heim=
weh
von Hugo Wolf, deſſen tiefer Gehalt nicht erſchöpft
wurde, zu wünſchen übrig, in ſtimmlicher und geſangs=
techniſcher
Hinſicht war dagegen der Vortrag des Preis=
liedes
eine Glanzleiſtung. Auch das als Zugabe geſun=
gene
Lied Frühlingsfeier von Weingartner lag wegen
ſeiner dramatiſchen Akzente dem Sänger beſonders gut.
Er wurde vom Publikum ſehr gefeiert.
Eine Ueberraſchung bereitete die Pianiſtin Frl.
Fanny Weiland aus Leipzig dem Publikum, als ſie
im kurzen Kleide das Podium betrat. Die junge, kaum
der noch nicht dem ſog. Backfiſchalter entwachſene Dame
ſpielte zunächſt drei kleinere Stücke, Capriccio von Scar=
atti
, Bergeuſe von Chopin und Scherzo von d’Albert,
ind ſpäter zwei Liſztſche Kompoſitionen, Conſolation
und Rhapſodie Nr. XII. Letztere bezeichnet einſtweilen
noch die Grenze ihres Könnens, obwohl es ſtaunenswert
iſt, wie die junge Künſtlerin ihre Aufgabe bewältigte.
Ihre elegante und ſaubere Technik und ihr pianiſtiſches
Können überhaupt kennzeichnen ſie als eine jener Aus=
nahmeerſcheinungen
, die hin und wieder auftauchen und
das Staunen der Mitmenſchen erregen. Die noch fehlende
Energie des Tones und das Ueberwiegen des techniſch
Korrekten über die charakteriſtiſche Ausgeſtaltung des
Vortrages erinnern indeſſen daran, daß ein 15jähriges
Mädchen noch nicht vollkommen ſein kann. Das Publi=
kum
überſchüttete die junge Künſtlerin mit Beifall, ſo daß
ſie noch zwei Stückchen als Zugabe ſpielte.

Feuilleton.

* Das Stadion vor dem Völkerſchlachtdenkmal. Wie
aus Leipzig berichtet wird, hat der Rat den Stadtverord=
neten
jetzt die Vorlage über die Errichtung eines Sta=
dions
vor dem Völkerſchlachtdenkmal unterbreitet. Das
Stadion ſoll verſchiedenen Zwecken dienen; es ſoll eine
Stätte für Leibesübungen ſein, aber auch als Spielplatz
dienen, es ſoll ferner zur Vorführung turneriſcher und
ſportlicher Uebungen in großem Maßſtab dienen, endlich
wird damit ein Raum geſchaffen, der große Volksmengen
zu patriotiſchen Feiern vereinigen kann. Das Stadion
bildet ein Rechteck von 270 Metern Länge und 70 Metern
Breite. Es ſoll etwa drei Meter vertieft werden. Der
Uebergang zur Geländehöhe wird durch amphitheatraliſch
angelegte Stufen vermittelt, die zugleich als Sitze für die
Zuſchauer dienen ſollen. Ein ſechs Meter breiter Streifen
ſoll als Stehplatz dienen. Die Mittel zum Bau ſind be=
reits
vorhanden, da ungenannte Gönner dem Deutſchen
Patriotenbund große Summen zur Verfügung geſtellt
haben. Die Stadt Leipzig wird 173000 Mark zur Ver=
legung
der Straßen um das Völkerſchlachtdenkmal auf=
wenden
müſſen. Dieſe Summe wird ihr indeſſen aus den
Betriebseinnahmen zurückgezahlt werden.
* Die Hebung eines Hauſes. In Chicago hat
jüngſt ein merkwürdiger Hausumbau ſtattgefunden: ein
dreiſtöckiges Haus mit einer Front von einigen 30 Me=
tern
ſollte zu einem ſiebenſtöckigen Haus gemacht wer=
den
, aber es lag dem Beſitzer daran, die fehlenden vier
Geſchoſſe nicht oben aufzuſetzen, ſondern ſie ſollten unten
angeſetzt werden. Es fand ſich auch ein Baumeiſter, der
dieſe heille Aufgabe übernahm. Es iſt ihm tatſächlich
gelungen, ſie zu bewältigen, und zwar ſo, daß das übrige
Haus inzwiſchen bewohnt bleiben konnte. Der ganze
obere Teil des Hauſes wurde auf einen aroßen metalle=

[ ][  ][ ]

nen näheren Verkehrsbeziehungen zwiſchen Bayern und
Heſſen im Mai 1913 mit einem Feſte auf dem Breu=
berg
im Freien zu feiern, zu welchem die beteiligten
Gemeindebehörden und Touriſtenvereine die nötigen Vor=
bereitungen
treffen werden.
Mainz, 28. Nov. Zur Eingemeindung von
Weiſenau nahm eine zahlreich beſuchte Verſammlung
im Schwarzen Bären in Weiſenau folgende En t=
ſchließung
ein: Die heute abend tagende Intereſſen=
ten
=Verſammlung Weiſenauer Gewerbetreibender, Ge=
ſchäftsleute
und Landwirte ſpricht entſchieden ihre Miß=
billigung
gegen die beabſichtigte Eingemein=
dung
von Weiſenau mit Mainz aus, da von einer ſol=
ichen
in geſchäftlicher, ſowie landwirtſchaftlicher Beziehung
keine Beſſerung, ſondern im Gegenteil eine bedeutende
Verſchlechterung zu erwarten iſt. Eine Urſache zur Ver=
ſchmelzung
mit der Stadt Mainz liegt für unſeren Ort
keineswegs vor, da die Verhältniſſe der Gemeinde mit
denjenigen Nachbargemeinden, die infolge ihrer ungünſti=
gen
finanziellen und wirtſchaftlichen Lage zur Einge=
meindung
geradezu gezwungen waren, nicht zu vergleichen
ſind. Im Gegenteil iſt bei uns in den letzten Jahren eine
anhaltende Beſſerung der Verhältniſſe zu verzeichnen, die
wohl in Hinſicht auf das im nächſten Jahre in Kraft tre=
tende
neue Gemeindeumlagengeſetz noch weiter günſtige
Wirkungen zeitigen wird. Wir erwarten vom Gemeinde=
vorſtand
, ſowie den geſetzgebenden Körperſchaften, daß ſie
der Eingemeindung unſerer Gemeinde ſo lange nicht zu=
ſtimmen
, als nicht tatſächlich wirtſchaftliche Verhältniſſe zu
einer ſolchen zwingen.
Worms, 27. Nov. Das 50jährige Jubiläum
des Herrn Reallehrers Philipp Schüler iſt heute vor=
mittag
in der Oberrealſchule würdig, erhebend, herz=
bewegend
gefeiert worden. Kurz vor 11 Uhr begann die
Feier in Gegenwart des Herrn Geh. Oberſchulrats Nod=
nagel
, des Herrn Oberbürgermeiſters Köhler, des Heren
Geh. Schulrats Dr. Löbell und mehrerer Profeſſoren vom
Gymnaſium, des geſamten Lehrkörpers der Oberreal=
ſchule
, der Schüler und zahlreicher ehemaliger Schüler des
Jubilars. Herr Geh. Oberſchulrat Nodnagel wies hin
auf den außerordentlich ſeltenen Anlaß zur Feier: 50 Jahre
treuer Pflichterfüllung. Seit dem Dienſtantritt des Jubi=
lars
in Klein=Biberau haben ſich auf politiſchem, wiſſen=
ſchaftlichem
, techniſchem und kommerziellem Gebiete unge=
heuer
wichtige Wandlungen vollzogen. Innerhalb der
86 Dienſtjahre in Worms hat Herr Schüler das Wachſen
der Anſtalt, ihre Ueberſiedelung und ſpätere Trennung
erlebt, unter einer großen Zahl Direktoren, mit vielen
anderen Lehrern zuſammengearbeitet, eine zahlreiche Schü=
lerzahl
erzogen. In ſeinem erhabenen Beruf hat er, ohne
irdiſche Schätze und äußere Ehren anzuhäufen, in oft mühe=
voller
, aber liebevoller Arbeit die jugendlichen Kelche er=
ſchloſſen
, ſie mit würdigem Inhalt, mit dem Schönen,
Guten, Wahren erfüllt und ſo ſich ein Kapital der innig=
ſten
Verehrung und Dankbarkeit von Schülern und Kol=
legen erworben. Selbſtverſtändlich habe auch die oberſte
(Schulbehörde die ſegensreiche Arbeit des Jubilars ſtets
mit Anerkennung beobachtet und ihn, den Redner, beauf=
tragt
, ihre herzlichen Glückwünſche auszudrücken. Der
Dürektor der Oberrealſchule, Herr Geh. Schulrat Dr.
Lahm, hielt eine tiefdurchdachte Anſprache. Herr Geh.
Schulrat Dr. Löbell drückte die aufrichtige Anteilnahme
des Gymnaſiums aus, das ſich beſonders bei dieſer Feſtes=
freude
mit ihrer jüngeren Schweſteranſtalt eins fühle.
Herr Reallehrer Schüler war im Herzen bewegt von
der ihm bereiteten Feier. Er ſprach ſeine Ueberraſchung
aus über die unerwartete Ehrung; er nehme ſie mit Dank=
barkeit
hin. Beſcheiden ſchreibt er den größten Teil ſeiner
Verdienſte dem Wohlwollen, das ihm ſtets allſeits erwieſen
wurde, zu. Dann dankte er bewegt dem Landesherrn für
die Auszeichnung, dem Vertreter der Schulbehörde für
ſeine Anweſenheit und die guten Worte der Anerkennung,
dem Heren Oberbürgermeiſter für ſeine Teilnahme, dem
Gymnaſium für ſein Erſcheinen, all den Herren, die mit
ihm in gleichem Beruf an der Anſtalt wirken für den Be=
weis
der Wertſchätzung. Mit einem zweiſtimmigen Cho=
ral
von Teſchner: Iſt Gott für mich ſchloß die unver=
geßliche
Feier, der um ½2 Uhr ein Feſteſſen im Kaſino.
folgte.
Nierſtein, 28. Nov. Die mit der Betriebseinſtellung
der Rheiniſchen Bierbrauerei in Mainz ebenfalls ein=
gegangene
Malzfabrik hier iſt jetzt nach großen
baulichen und techniſchen Umbauten unter neuer Leitung
wieder in vollen Betrieb geſtellt worden. Die hoch=
moderne
Maſchinenanlage gilt weithin als die größte und
beſte dieſer Art.
Neder=Ingelheim, 28. Nov. Bei der Sektion der
Leiche des verſtorbenen Kindes des Arbeiters Volks=
heimer
, deſſen Frau kürzlich mit einem Spengler aus
Ober=Ingelheim durchgebrannt iſt, wurde Tod durch
Erſticken feſtgeſtellt.
Nieder=Saulheim, 28. Nov. Bei der Bürger=
meiſterwahl
erhielt Herr Jean Oehler, Rechner
der Spar= und Darlehenskaſſe, 270 Stimmen, Herr Wein=

händler Ludwig Schlamp 249 Stimmen. Oehler iſt ſo=
nach
gewählt. Die Wahlbeteiligung war etwas gerin=
ger
als bei der vorigen Wahl.
(*) Gießen, 27. Nov. Schwer verletzt wurde der
Heizer Storz aus Klein=Linden. Er fuhr mit einer
Maſchine nach Wetzlar; bei Dorlar ſchlugen ihm die Flam=
men
der Maſchine ins Geſicht, er taumelte zurück und
ſtürzte von der Maſchine auf den Bahnkörper.
Er erlitt einen doppelten Schädelbruch und erhebliche
äußerliche Verletzungen. In der Klinik mußte er ſofort
operiert werden.
i. Gießen, 28. Nov. Im Kaufmänniſchen Verein hielt
der Prokuriſt der Heſſiſchen Landes=Hypothekenbank, Herr
Seipp=Darmſtadt, einen Vortragüber die Börſe
der in leicht verſtändlicher Form Organiſation und Zweck,
ſowie den Börſenverkehr in ſeinen verſchiedenen Arten
ſchilderte und eine recht beifällige Aufnahme fand. In
nächſter Zeit ſoll ein zweiter Vortrag über die Reichs=
bank
und ihre Diskontpolitik folgen.
Friedberg, 28. Nov. Im Anſchluß an die neue Blin=
denanſtalt
für das Großherzogtum Heſſen, die geſtern
eingeweiht wurde, plant man noch den Bau einer Be=
ſchäftigungsanſtalt
für ſchulentlaſſene
bedürftige Blinde. Aus freiwilligen Spenden
ſind für dieſen Bau bereits 200000 Mark aufgebracht.
Die Zufuhr von Zuckerrüben nach dem hieſigen
Bahnhofe iſt bereits zu einer Kalamität ausgewachſen
deren die Fabrik nicht mehr Herr werden kann. Infolge=
deſſen
hat die Fabrikleitung die Einſtellung der Rüben=
lieferung
bis Ende nächſter Woche angeordnet, um zu=
nächſt
wieder einmal geregelte Zuſtände in dem ganzen
Betriebe herbeizuführen.
(*) Lumda bei Grünberg, 27. Nov. Ein ſchweres
Unglück trug ſich geſtern abend auf dem hieſigen Bahn=
hof
zu. Der von Grünberg eintreffende Güterzug mußte
auf dem Bahnhof rangieren. Dabei wurde nach Zuſam=
menſetzung
des Zuges der dienſttuende zweite Stations=
vorſteher
vermißt. Als man nun im Bahnhof nachſuchte,
fand man ihn leblos im Rangiergleis liegen
Er war jedenfalls beim Anhängen zwiſchen die Puf=
fer
geraten, die ihm die Bruſt eindrückten, dann iſt
er zwiſchen die Wagen gefallen, die ihm beide Beine ab=
quetſchten
.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 27. Nov. Heute mittag
ſtarb der Generalleutnant z. D. Wilhelm v. Holleben
zuletzt Kommandeur der 27. Infanterie=Brigade in Düſſel=
dorf
. Nach faſt ſechzehnſtündiger Verhandlung verkün=
dete
der Vorſitzende des Ehrengerichts, Geheimer
Juſtizrat Dr. Kraus nachts um 2 Uhr 15 Min. das Urteil
im Ehrengerichtsverfahren gegen die Rechtsan=
wälte
Dr. Jaffe und Alsberg. Rechtsanwalt Dr.
Jaffe wird wegen Verletzung der Anwaltsſtändeſitten zu
einem Verweis und 1000 Mark Geldſtrafe für drei Fälle
verurteilt. In den übrigen Fällen erfolgt die Freiſprech=
ung
. Rechtsanwalt Alsberg wird zu einem Verweis ver=
urteilt
. Die Koſten des Verfahrens ſallen den Angeklag=
ten
zu Laſten. Die Verurteilung des Rechtsanwalts Dr.
Jaffe erfolgte wegen Ablehnung der Richter im Metter=
nich
=Prozeß und wegen des Vorwurfs gegen den deutſchen
Juſtizminiſter, daß er die Richter beeinflußt habe. Im
Kinderhort der 41. Gemeindeſchule wurden heute
nachmittag fünf Mädchen im Altar von 10 bis 12 Jahren
während des Kaffeetrinkens plötzlich bewußtlos,
offenbar infolge Einatmens nicht genügend verbrannten
Kochgaſes. Eines der Kinder, die ſämtlich ſogleich mit
Sauerſtoffapparaten behandelt wurden, mußte ins Kran=
kenhaus
gebracht werden, die übrigen wurden in ihre
Wohnungen übergeführt. Direkte Lebensgefahr beſteht
bei keinem der Mädchen. Die Urſache der Gasvergiftungen
dürfte ſein, daß ein Gasrohr undicht geweſen iſt, und das
Gas längere Zeit ausſtrömen konnte. Die Schulbehörde
hat die Unterſuchung des Vorfalls eingeleitet. Die heu=
tige
Mitgliederverſammllung ſämtlicher Bran=
chen
des Schneiderverbandes gab einſtimmig ihre
Zuſtimmung zu der von den Herrenkonfektionsſchneidern
und den Koſtümſchneidern= und Schneiderinnen geplanten
Lohnbewegung. Gefordert wird von den Konfektions=
ſchneidern
hauptſächlich ein einheitlicher Tarif für alle in
Frage kommenden Geſchäfte, ſowie eine durchſchnittliche
Lohnerhöhung von zehn Prozent, für die Koſtümſchneider
die Verkürzung der Arbeitszeit von 9 auf 8½ Stunden
ſowie ebenfalls Lohnzulagen. In Frage kommen zuſam=
men
gegen 6000 Arbeitnehmer. Ihres Kindes ent=
ledigte
ſich bei einem Auflauf am Alexanderplatz eine
Unbekannte. Sie übergab einex Frau ein Kind weib=
lichen
. Geſchlechts im Alter von etwa 14 Tagen mit der
Bitte, es einige Augenblicke zu halten, da ſie ſich die
Schuhe zubinden wolle. Die Perſon verſtand es ſodann,
in dem Gedränge zu verſchwinden. Das Kind, das in
ein ganz neues weißes Steckkiſſen gebettet und in ein
grauwollenes Umſchlagetuch gehüllt war, wurde dem

nen Rahmen geſetzt und dann mit zahlreichen Winden,
ganz vorſichtig, millimeterweiſe, an allen Seiten gleich=
zeitig
gehoben. Dies gelang ſo gut, daß nicht einmal der
Kalkbewurf der Mauern Riſſe bekam. Darauf wurde der
untere Neubau ausgeführt, hierauf das alte Haus auf
das neue um einen geringen Abſtand geſenkt, und, nach=
dem
noch die nötigen Verbindungen hergeſtellt waren,
war die Aufgabe beendet. Während des ganzen Um=
baues
war das Haus von 12 Parteien bewohnt.
Der Kinematognaph im eigenen Heim. Die Lon=
doner
werden ſich demnächſt der Annehmlichkeit erfreuen,
ſich kinematographiſche Vorführungen in der Wohnung
leiſten zu können. Paris und Brüſſel ſind bereits in der
glücklichen Lage, dank eines ſinnreich konſtruierten Appa=
rates
, der ſo leicht und bequem wie eine kleine Hand=
nähmaſchine
von einem Haus zum anderen und von einem
Zimmer ins andere transportiert werden kann. Man
braucht nur einen Handgriff zu betätigen, um eine in dem
Apparat angebrachte kleine Dynamomaſchine in Gang zu
ſetzen und durch ſie ein ſechskerzenſtarkes elektriſches Licht
aufleuchten zu laſſen, um auf den 3½ Meter großen
Schirm eine wechſelnde Folge von ſcharf projizierten Bil=
dern
vorüberziehen zu ſehen. Die Films ſind feuerſicher
imprägniert, und auch ſonſt iſt der Feuerſicherheit weit=
gehend
Rechnung getragen, da eine Drehung des Hand=
griffes
das Licht ſofort erlöſchen läßt. Die Bilder, die
der Apparat vorführt, unterſcheiden ſich in nichts von
jenen, die man in den Kinematographentheatern zu ſehen
bekommt.
* Das vortreffliche Dienſtmädchen. Der Frau eines
Advokaten, der ſeinen Wohnſitz von Amſterdam nach Hil=
verſum
verlegt hatte, war es, wie das Blatt Het Nieuws=
blad
van Nederland berichtet, nach vielfachen gründlichen
Enttäuſchungen gelungen, endlich einen Dienſtboten nach
ihrem Sinn zu finden. Ihren Bekannten gegenüber
rühmte die Frau bei jeder Gelegenheit die Vorzüge ihres
tenſtmädchens, deſſen Auftreten darauf ſchließen ließ,

Waiſenhauſe in der Alten Jakobſtraße übergeben. An
dem Steckkiſſen hatte die Mutter einen neuen Gummi=
ſauger
befeſtigt.
Groß=Auheim, 28. Nov. Hier hat heute die Kunſt=
ſeidefabrik
ihren ſämtlichen Arbeitern ge=
kündigt
. Das Werk kämpft ſchon ſeit längerer Zeit
mit Zahlungsſchwierigkeiten.
Düſſeldorf, 28. Nov. Im Alter von 102 Jahren
verſtarb geſtern die älteſte Einwohnerin, eine Witwe
Röder.
Gablonz, 28. Nov. In dem benachbarten Wieſenthal
wurden ein Gaſtwirt, ſeine Frau, drei eigene Kinder und
ein Pflegekind durch Gas vergiftet tot aufge=
funden
. Es ſteht noch nicht feſt, ob die ſechs Perſonen
einem Unglücksfall oder einem Verbrechen zum Opfee ge=
fallen
ſind.
Hamburg, 27. Nov. Anläßlich des Gefchäfts=
jubiläums
der Firma Wörmann hat dieſe der
Adolf Wörmann=Stiſtung 100600 Mark zugunſten der
Angeſtellten überwieſen.
Paris, 27. Nov. Von einem hieſigen Gericht wurde
geſtern die Prinzeſſin Luiſe von Belgien zur
Zahlung von 300 Francs Schadenerſatz an den
Empfangschef eines Pariſer Hotels verurteilt. Dieſer,
der von der Bulldogge der Prinzeſſin in die Wade ge=
biſſen
worden war, hatte die Prinzeſſin auf 5000 Francs
Schadenerſatz verklagt, weil der Wert ſeiner Perſon durch=
den
Biß ſehr verringert worden ſei‟ Das Gericht konnte
ſich jedoch dieſer Anſicht nicht anſchließen und hielt eine
Sühne in Höhe von 300 Francs für ausreichend.
Paris, 28. Nov. Wie aus Lons le Saunier gemeldet
wird, wurde auf dem Gleiſe der Paris=Lyon= Mittelmeer=
bahn
bei Mouchard die furchtbar verſtümmelte Leiche
des Pariſel: Kunſthändlers Chardon aufgefunden
Bisher konnte nicht feſtgeſtellt werden, ob er einem Ver=
brechen
zum Opfer gefallen iſt oder ob Selbſtmord vorliegt
London, 28. Nov. Sir Eduard Henry, der Präſi=
dent
der Metropolitan=Polizei, war geſtern
abend gerade aus ſeinem Auto vor ſeiner Wohnung aus=
geſtiegen
, als ein gut gekleideter junger Mann wortlos
drei Schüſſe auf ihn abgab. Der erſte Schuß traf den
Präſidenten in die Leiſtengegend der zweite ſtreifte den
Unterleib und der dritte durchlöcherte ſeinen Rock. Sin
Eduard Henry brach ſofort zuſammen. Der Chauffen
ſtürzte ſich auf den Täter und nahm ihn feſt. Der Zuſtand
Henrys iſt bedenklich. Der Attentäter iſt ein Autoführen
dem von der Polizei die Lizenz zur Führung eines Autos
nicht gegeben wurde.

Parlamentariſches.

*X* Darmſtadt, 28. Nov. Der Geſetzgebe
ungsausſchuß der Zweiten Kammer hielt
heute vormittag eine Sitzung ab, in welcher mehrere, von
den Ausſchußreferenten verleſene Berichte über früher
gefaßte Ausſchußbeſchlüſſe genehmigt wurden. Die Be=
ratung
über den Geſetzentwurf betr. die Abänderung des
Geſetzes über die Handelskammern wurde nicht zu Ende
geführt. Der Ausſchuß nimmt beſonders Anſtoß an der
Beſtimmung des Artikels 1 Abſatz 3, wonach es der Re=
gierung
überlaſſen bleiben ſoll, die Grenze für die Heran=
ziehung
zur Beitragspflicht für die Detailliſten uſw. zu
beſtimmen. Es ſoll in einer morgen nachmittag gemein=
ſam
mit der Regierung ſtattfindenden Sitzung näher dar=
über
beraten werden.
*X* Darmſtadt 28. Nov. Der 4. (Petitions=
Ausſchuß der Zweiten Kammer beſchäftigte ſich heute
in Gegenwart der Regierungsvertreter Geh. Rat Beſt
und Regierungsrat Pfeiffer noch ausführlich mit der
Vorſtellung des Gaſtwirtes Rotenhäuſer wegen Verwei=
gerung
der Wirtſchaftskonzeſſion. Die Verhandlungen
darüber wurden auch heute noch nicht zu Ende geführt.
Die vom Abg. Raab verfaßten Berichte über die Aus=
ſchußverhandlungen
in betreff der Vorſtellungen mehrerer
Zündholzſchachtelmacher aus dem Odenwald wurde ge=
nehmigt
, desgleichen der Bericht über den Antrag Ulrich,
betreffend die ſtaatliche Mobiliarverſicherung, und eine
Reihe anderer Anträge Ulrich, ſowie über die Vorſtellung
der Geometer zweiter Klaſſe. Zuletzt wurde über die Vor=
ſtellung
einer Anzahl Mainzer Steueraufſeher beraten,
worin dieſe erſuchen, die ihnen irrtümlich für das Jahr=
1910 zu viel gezahlten Vergütungen für Schiffsbegleitun=
gen
nicht zurückzuverlangen. Der Ausſchuß beſchloß, zu
beantragen, daß die ſtrittige Summe von zirka 900 Mark
auf die Staatskaſſe übernommen wird.

Deutſcher Reichstag.

* Berlin, 28. Nov. Am Bundesratstiſche: Frei=
herr
v. Schorlemer, Kühn. Präſident Dr. Kaempf eröffnet
11 Uhr 15 Min. die Sitzung. Die Beſprechung der
Teuerungsinterpellation
in Verbindung mit der erſten Leſung der Vorlage, be=
treffend
vorübergehende Zollerleichterung bei der Ein=
fuhr
von Fleiſch wird fortgeſetzt. Abg. Wendorf
(Fortſchrittl. Volksp.): Die Tatſache, daß wir wieder
einmal eine Teuerungsdebatte haben, iſt darin begrün=
det
, daß ſich die wirtſchaftliche Lage außerordentlich zu=
geſpitzt
hat. Angeſichts der ernſten Zuſtände iſt es Pflicht
des Reichstages, ſeine Anſicht zu äußern, und es iſt be=
dauerlich
, daß der Reichstag nicht ſchon früher zur Er=
örterung
dieſer ſchwerwiegenden Frage zuſammenberufen
worden iſt. (Große Unruhe. Präſident Dr. Kaempf
bittet wiederholt um Ruhe.) Man ſollte erwägen, ob
nicht eine Ergänzung der Reichsverfaſſung geboten iſt,
durch die es dem Reichstag ermöglicht wird, eine Ein=
berufung
zu fordern. Bezüglich der Teuerung glaubt
niemand mehr an die vorübergehende Erſcheinung. Der
Landwirtſchaftsminiſter ſollte ſich einmal darüber äußern,
wie der gegenwärtige Stand der Viehſeuchen iſt. Die
Behauptung, daß die Fleiſchteuerung durch den Zwiſchen=
handel
hervorgerufen iſt, entſpricht nicht den Tatſachen,
und ich begrüße es deshalb, daß die Regierung die En=
quetekommiſſion
einberufen hat, die auch über dieſe Frage
Klarheit ſchaffen wird. Die wahren Urſachen der Fleiſch=
teuerung
liegen in unſerer Wirtſchaftspolitik, die nur
für die deutſche Landwirtſchaft zugeſchnitten iſt. Wenn
man wirklich für die Landwirtſchaft etwas tun will, dann
darf man die Futtermittel nicht durch Zölle verteuern.
(Lachen und Unruhe rechts.) Sie (nach rechts) werden
mich durch Ihr Lachen nicht hindern, das zu ſagen, was
ch im Intereſſe des deutſchen Volkes zu ſagen habe.
(Schallendes Gelächter rechts. Sehr gut bei den Frei=
innigen
.) Die Abhilfemaßnahmen dürfen ſich nicht be=
ſchränken
auf die großen Städte. Die kleinen Städte
ſind noch ſchlechter geſtellt, da der dortige Viehbeſtand
in die großen Städte abgetrieben wird. Gegen den vor=
liegenden
Geſetzentwurf haben wir mancherlei Beden=
ken
. Die Kollerleichterung für Vieh bevorzuat das aus=
ländiſche
Vieh. das unter günſtigeren Produktionsbedin=
gungen
gezüchtet wird (hört, hört! rechts), da das Aus=

daß ſie den ſogenannten beſſeren Geſellſchaftsklaſſen anzu=
gehören
ſchien; es waren namentlich die Aufmerkſamkei=
ten
gegen die Frau des Hauſes und deren 18jährige Toch=
er
, in dem ſich dieſes Mädchen für alles nicht genug tun
konnte. Aber ſchon nach einer Woche kündigte ſie den
Dienſt, die Frau bot ihr umſonſt einen höheren Lohn an,
alle Vorſtellungen waren umſonſt, bis das Dienſtmädchen
endlich mit dem Bekenntnis herausrückte, daß ſie kein
Mädchen, ſondern ein Junge ſei. Er hatte mit eini=
gen
Freunden um eine ziemlich hohe Summe gewettet,
daß er mit Leichtigkeit eine Stelle als Dienſtmädchen be=
kommen
und dieſe Rolle eine Woche lang ſpielen könne.
Man kann ſich den Schrecken der Frau und der Tochter
denken, denen das Dienſtmädchen bei der Toilette Tag
für Tag die herkömmlichen Dienſte geleiſtet hatte, und der
empörte Herr des Hauſes ſoll, wie behauptet wird, wegen
Vorſpiegelung ſalſcher Tatſachen eine Klage beim zuſtän=
igen
Gericht eingereicht haben.
* Ein ſchlagender Beweis. Der kürzlich zum Präſi=
denten
der Royal Society gewählte Sir Archibald Geikie
erzählt von ſeinem Verwalter eine luſtige Geſchichte.
Der alte Mann war ein Gegner der Schulen und beſon=
ders
der humaniſtiſchen Bildung; zwar ſchickte er ſeinen
Jungen aufs Gymnaſium, aber von all dem Zeug das
man dort lernte, hielt er nicht viel. Und er bewies ſeine
Anſchauung. Eines Tages erſcheint er bei dem Klaſſen=
lehrer
, und beſchwert ſich: Sie bringen meinem Jungen
nichts Vernünftiges und Praktiſches bei! Ich habe ihn
gefragt, was er lerne, und darauf ſagte er mir, beſonders
Lateiniſch, Griechiſch und Algebra. Ich machte gleich
eine Probe. Ich fragte den Jungen nur, wie geröſtete
Kartoffeln auf Algebra heißen. Und ſelbſt das wußte
der Bengel nicht.
** Seine Anſicht. Junggeſelle: Nein, dieſe
Türken, lauter Niederlagen! Sind doch ſonſt ſo mutige
Leute : manche ſollen gegen fünfzig Frauen haben!

[ ][  ][ ]

land nicht unter Futtermittelzöllen leidet. Die Aufhebung
der Futtermittelzolle iſt im Intereſſe der tleinen Land=
wirte
eine notwendige Forderung. Wir können dem
Geſetz nicht ohne weiteres zuſtimmen und beantragen Be=
ratung
in einer Kommiſſion von 21 Mitgliedern. Die
Zulaſſung ausländiſchen Gefrierfleiſches würde keines=
wegs
den Konſum des inländiſchen Fleiſches beeinträch=
tigen
. Das jetzige Einfuhrſcheinſyſtem, das eigentlich
eine Ausfuhrprämie darſtellt, muß dahin geändert wer=
den
, daß es nur Gültigkeit behält für dieſelbe Getreide=
art
und für dieſelben landwirtſchaftlichen Produkte. Die
heutige Wirtſchaftspolitik ſteht einer wirkſamen inneren
Koloniſation entgegen. Zuerſt muß ein Abbau der Ge=
treidezölle
erfolgen. Wir hoffen, daß dieſe Debatte den
Anſtoß gibt zur Inangriffnahme der nötigen Maßnah=
men
für die Landwirtſchaft und für die kleinen viehzüch=
tenden
Landwirte. Stadt und Land Hand in Hand!
(Lebhafter Beifall bei den Freiſinnigen.)
Preußiſcher Landwirtſchaftsminiſter
Freiherr v. Schorlemer: Ich bin der Anſicht,
daß die vorjährige Dürre und die Maul= und Klauenſeuche
einen erheblichen Rückſchlag in unſere Viehhaltung und
eine anhaltende Teuerung nicht verurſachen wird. In
Preußen iſt ein Fortſchreiten des Beſtandes bei allen
Tiergattungen feſtzuſtellen geweſen. Bei den Schlach=
tungen
haben die Ochſen 16 Prozent, Bullen 19 Prozent,
Kühe 6 Prozent, Jungrinder 23 Prozent und Kälber 23
Prozent zugenommen, bei den Schweinen iſt ein Plus
von 2 Prozent zu verzeichnen geweſen. Dazu kommt,
daß der Fleiſchkonſum in der Bevölkerung erheblich zu=
genommen
hat. Ich glaube, daß es nicht nachgewieſen
werden kann, daß die deutſche Landwirtſchaft in Zukunft
nicht imſtande ſein würde, dem Fleiſchbedarf
in bezug auf Quantität und Qualität nachzukommen.
In Preußen iſt die Maul= und Klauenſeuche nunmehr
faſt vollſtändig erloſchen. Nur in einem Regierungsbezirk
iſt die Seuche wieder eingeſchleppt worden. Es iſt zu
hoffen, daß wir im Laufe des Winters der Maul= und
Klauenſeuche vollſtändig Here werden, da wir nunmehr
zur ſofortigen Abſchlachtung ſchreiten können. Die Zu=
nahme
der Pferdeſchlachtungen iſt auf den vergrößerten
Pferdebeſtand und auf die Zunahme der Vorliebe für
Pferdefleiſch zurückzuführen. (Unruhe und Zurufe links.)
Ueber die Frage, in wieweit das Fleiſch durch den
jZwiſchenhandel verteuert wird, wird die von uns einge=
ſſetzte
Kommiſſion weitere Klarheit ſchaffen. Aber ſchon
jetzt kann geſagt werden, daß gerade bei den Großſtädten
lund die dorthin gelangten Viehtransporte durch die am
Verkauf intereſſierten Inſtanzen eine erhebliche Veeteuer=
ung
eintreten muß. Wenn es einzelnen Stadtverwalt=
ungen
gelungen iſt, billiges einheimiſches Fleiſch zu lie=
fern
, dann kommt das daher, daß es gelungen iſt, den
Zwiſchenhandel auszuſchalten. (Widerſpruch links.)
Ueber die Forderung der Beſeitigung der Futtermittel=
zölle
will ich nicht eingehen, nachdem ich inich bereits im
vorigen Jahre darüber ausgeſprochen habe Die Behaup=
tung
, die Zölle hätten auf die Tuttermittel verteuernd ein=
gewirkt
, iſt hinfällig. (Lebhafter Widerſpruch und Lärm
links.) Das wichtigſte Argument gegen die Ermäßigung
dieſer Zölle auf Mais, Hafer und Futtergerſte liegt darin,
daß dieſe Ermäßigung nicht den Verk auchern, ſondern
dem Handel zugute kommt. (Sehr richtig und Zuſtimm=
ung
rechts, Widerſpruch links.) Das iſt erwieſen, noch im
vorigen Frühjahr, wo ſich der Reichstag mit der Erweiter=
ung
der Subvention der Kartoffelzölle einverſtanden er=
klärte
. (Sehr richtig rechts.) Die Frage, wie viel preu=
ßiſche
Domänen keine Viehzucht treiben, gehört nicht vor
dieſes Haus (Aha! links), aber es dürfte Sie doch intereſ=
ſieren
, daß es nur drei Domänen gibt, bei denen kein Vieh
gehalten wird. Auf den anderen preußiſchen Domänen
ſind zuſammen über 130000 Stück Rindvieh und über
88000 Schweine vorhanden.
Die Behauptung, daß nur die Großgrundbeſitzer ein
Intereſſe an der Aufrechterhaltung der Zölle haben, iſt
eine objektive Unwahrheit. Gerade die kleinen Beſitzer
haben im Intereſſe ihrer Viehwirtſchaft ein großes Inter=
eſſe
daran, und das haben auch die Freiſinnigen auf ihrem
letzten Parteitage erklärt. (Sehr gut rechts.) Auch in
einer ſozialdemokratiſchen Zeitung war derſelbe Stand=
punkt
vertreten, man dürfe bei der Agitation auf dem
platten Lande nicht zu ſehr für Aufhebung der Zölle ein=
treten
, da der kleine Landwirt ſie gebrauche, um lohnende
Preiſe für Vieh und Getreide zu erhalten. (Hört, hört!
Sehr richtig rechts.) Aus den Kolonien Vieh einzufüh en.
iſt aus manchen Gründen nicht möglich. Das Fleiſch
könnte nur in geſchlachtetem Zuſtande herüberkommen
und dazu wären koſtſpielige Einrichtungen auf den
Schiffen nötig, die ſich wegen der geringen Menge der
Einfuhr nicht verlohnen würden. Meines Erachtens hat
die Preußiſche Landwirtſchaftsverwaltung alles getan,
um die Domänen in den Dienſt da: inneren Koloni=
ſation
zu ſtellen. Die Auffaſſung des Abg. Scheidemann,
daß die Maßnahmen der Regierung unzulänglich ſeien,
iſt nicht zutreffend. In weiten Kreiſen wird das Ein=
greifen
der Regierung anerkannt, durch das ein Regu=
lieren
der Fleiſchpreiſe möglich würde
Das erfreuliche Mitwirken bei der Linderung der Not=
lage
läßt erkennen, daß die Städte die Verpflichtung er=
kannten
, in weiteſtem Maße auch ihrerſeits einzugreifen.
Die Städte, die direkt regulierend eingreifen wollen,
mögen ſich mit den landwirtſchaftlichen Abſatzgenoſſen=
ſchaften
verſtändigen. Ein Uebereinkommen dürfte wohl
zu erzielen ſein auf Grund langjähriger Verträge. Eine
möglichſte Kultivierung der Moore und Oedländereien
und die ſchnelle Förderung der inneren Koloniſation wer=
den
das ihre tun. Mittel dazu werden in dem weiteſten
Maße angefordert werden. Als ich im Abgeordneten=
hauſe
auf die ſonſtigen Nahrungsmittel hinwies, wollte
ich eine Verhöhnung der ärmeßen Bevölkerung in
keiner Weiſe. (Lärm bei den Sozialdemokraten
Es muß rechtzeitig dafür geſorgt werden, daß auch auf
den Fiſch= Gemüſe= und Milchkonſum hingewieſen wird.
Die Einfuhr argentiniſchen Gefrierfleiſches würde in erſter
Linie den Schweinefleiſchkonſum einſchränken und damit
den bäuerlichen Landwirt und Landarbeiter in ſeiner
Exiſtenz gefährden. (Bravo!) Wir müſſen die Produktion
in Landwirtſchaft und Induſtrie ſchützen, damit die Zu=
kunft
des deutſchen Vaterlandes geſichert iſt. (Toſender,
ſich wiederholender Beifall bei der Mehrheit. Ziſchen
links.)
Abg. Löſcher (Reichspartei): Das Syſtem der Ein=
fuhrſcheine
liegt in erſter Linie im Intereſſe der kleinen
Viehzüchter. Insbeſondere würde die Einſchränkung der
Einfuhrſcheine bei den kleinen Produzenten von Nachteil
ſein. Auch die Zunahme der Sparkaſſeneinlagen iſt ein
Beweis für die günſtige Wirkung unſerer Wirtſchafts=
politik
. Eine Aufhebung des § 12 des Fleiſchbeſchauge=
ſetzes
lehnen wir ab da dadurch unſere heimiſche Vieh=
produktion
geſchädigt würde. (Sehr richtig! rechts.) Eine
Abhilfe des Notſtandes wäre nur zu erwarten von der
Schaffung einer Reichsviehverſicherung und einer Reform

des Realkredits auf dem Lande. Zu bedauern iſt, daß der
Bauernſtand in der Enquete=Kommiſſion nicht vertreten
iſt. Wir halten feſt an unſerer bewährten Wirtſchafts=
politik
. (Bravo! rechts.)
Abg. Molkenbuhr (Soz.): Mit der Forderung,
daß auch die Bauern in die Enquete=Kommiſſion entſandt
werden, erkannte der Vorredner an, daß die großen
Grundbeſitzer des Bundes der Landwirte nicht die be=
rufenen
Vertreter der Bauern ſind. (Sehr gut! bei den
Soz.) Der hohe Seuchenſtand iſt erſt nach der Sperrung
der Grenzen in die Erſcheinung getreten. Die Grenzſperre
iſt ein untaugliches Mittel geweſen; wenn man eine brot=
verteuernde
Politik treibt, muß man auch dafür ſorgen,
daß auch die Löhne entſprechend ſteigen. Aber gerade die=
jenigen
, die die Zölle aufrecht erhalten wiſſen wollen, ſind
dieſelben Leute, die die Arbeitslöhne herabdrücken möch=
ten
. Es iſt ausgeſchloſſen, daß die deutſche Landwirtſchaft
ſo viel Vieh produziert, wie die Bevölkerung zur Ernähr=
ung
nötig hat. Man ſollte bei Zeiten daran denken, daß
es nicht Aufgabe des Staates iſt, die Beſitzenden zu
ſchützen, ſondern in erſter Linie, unſerer Bevölkerung eine
geſunde Nahrung zukommen zu laſſen. (Beifall bei den
Sozialdemokraten.)
Abg. Dr. Matzinger (Zentr.): Ein Abbau oder
eine Beſeitigung der landwirtſchaftlichen und induſtriellen
Zölle wird bei uns keine Unterſtützung finden. Wir hal=
ten
an unſeren Beſtrebungen feſt, unſere Landwirtſchaft in
ihrer Produktion unter allen Umſtänden zu ſchützen. Ein
Beweis dafür, daß die Fleiſchnot nur eine vorüber=
gehende
Erſcheinung iſt, liegt darin, daß die deutſche
Viehzucht ſich regelmäßig von Jahr zu Jahr geſteigert
hat, ſobald nicht eine Mißernte oder eine andere Kala=
mität
eintrat. Das aus dem Ausland bei uns eingeführte
Kühlfleiſch iſt oft geringwertiger, als unſer einheimiſches
Fleiſch und es iſt deshalb mehrfach abgelehnt worden.
Gute Ware iſt auch im Auslande teuer.
Präſident des Reichsgeſundheitsamtes Geheimer
Regierungsrat Dr. Bumm: Es iſt mehrfach auf das
Reichsgeſundheitsamt und ſeine Denkſchrift Bezug ge=
nommen
worden, in der geſagt wurde, es ſei die Aufgabe
und ſogar die Pflicht der Reichsregierung, dafür zu ſor=
gen
, daß dem Volk zur Erhaltung ſeiner Lebenskraft auch
jederzeit Fleiſch in ausreichendem Maße und zu erſchwing=
lichen
Preiſen zur Verfügung ſteht. Dieſen Grundſatz
vertreten wir natürlich auch heute noch. Aber der Eiweiß=
bedarf
in der Nahrung ſtellt ſich ſehr verſchieden nach
Raſſe, Arbeit und Lebensweiſe. Deshalb, iſt es verfehlt,
wenn man den Fleiſchbedarf für das ganze Volk einheit=
lich
beſtimmen will. Sehr viel Eiweiß enthalten auch
Fiſch, Gemüſe und Milch. Allerdings kann man nicht ver=
langen
, daß ein an Fleiſchgenuß gewöhntes Volk ſich
plötzlich zu einer anderen Lebensweiſe entſchließt. Des=
halb
muß auch dafür geſorgt werden, daß die Preiſe für
Fleiſch billiger zu ſtehen kommen, als dies heute der Fall
iſt. Bekannt iſt, daß ies eine Zeit gab, wo man dachte,
geſund zu leben, wenn man möglichſt viel Alkohol zu ſich
nahm. Dies iſt vorbei; Gott ſei Dank. Vielleicht kommt
auch einmal die Zeit, wo man nicht mehr die Mahlzeit für
die beſte hält, bei der möglichſt viel Fleiſch verzehrt wird.
Das ſoll nicht nur ein wohlwollender Rat ſein, ſondern
das ſtützt ſich auf die Ernährungsphyſiologie der ganzen
Welt. Daß das deutſche Volk an Unterernährung leidet,
iſt nicht erwieſen. Auch das Wohnungsweſen ſpielt in
dieſer Hinſicht eine große Rolle. Die Tatſache, daß die
Maul= und Klauenſeuche trotz der Fleiſchbeſchaubeſtim=
mungen
und der Grenzſperre einen ſo großen Umfang an=
genommen
habe, beweiſt doch nur, daß auch das Einfuhr=
verbot
allein nicht den gewünſchten Erfolg erzielen kann.
Aber es ſteht auch feſt, daß ſeitdem die chroniſchen Seu=
chen
erheblich zurückgegangen ſind. Es iſt nicht richtig
wenn geſagt wird, der § 12 des Fleiſchbeſchaugeſetzes ſei
nur aus wirtſchaftlichen Gründen erlaſſen.
Hierauf vertagt ſich das Haus. Nächſte Sitzung Frei=
tag
1 Uhr pünktlich. Tagesordnung: Kurze Anfragen,
Fortſetzung der heutigen Debatte, Interpellation der
Sozialdemokraten über den Wagenmangel, kleine Vor=
lagen
, darunter die Vorlage betr. Schiffszuſammenſtöße
und=bergungen. Schluß 5¼ Uhr.

* Berlin, 28. Nov. Der Seniorenkonvent
des Reichstages trat vor Beginn des Plenums zu=
ſammen
, um über die Geſchäftslage zu beraten.
Man einigte ſich, nach Beendigung der Debatten über die
in Angriff genommenen Interpellationen, die am Freitag
erwartet werden, in die Beratung kleinerer Vorlagen ein=
zutreten
. Auf die nächſte Tagesordnung ſollen geſetzt
werden: Der Entwurf eines Geſetzes über den Zuſam=
menſtoß
von Schiffen und über Bergung und Hilfeleiſtung
in Seenot, der Entwurf eines Geſetzes über Kinderſaug=
flaſchen
, der Entwurf eines Poſtſcheckgeſetzes, der Geſetz=
entwurf
betr. die vorübergehende Zollerleichterung der
Fleiſcheinfuhr und eventuell die dritte Leſung, der Bericht
der Reichsſchuldenkommiſſion vom 23. März 1912. Am
Montag iſt beabſichtigt, in die erſte Leſung des Etats ein=
zutreten
, falls der Reichskanzler alsdann in der Lage
iſt, ſich über die auswärtige Politik zu äußern. Nach
Schluß der Etatsberatung ſoll der Geſetzentwurf über den
Verkehr mit Leuchtöl beraten werden. Der Beginn der
Weihnachtsferien iſt einſtweilen auf den 13. Dezember feſt=
geſetzt
. Am 8. Januar ſollen die Beratungen wieder auf=
genommen
werden. Wenn es möglich iſt, wird vor Ferien=
beginn
noch ein Schwerinstag eingeſchaltet.

Eine franzöſiſche Probemobilmachung
an der Oſtgrenze.

* Paris 27. Nov Frankreich hat ſeine Truppen
an der Oſtgrenze mobil gemacht! So hieß es heute
nachmittag plötzlich. Glücklicherweiſe war es nur ein
Schreckſchuß, blinder Lärm, wenn auch in der Tat ſchon
nobil gemacht war zur Probe und aus Irrtum. Das
Kriegsminiſterium verfügte geſtern abend eine Probe=
mobilmachung
, die ſich nach den bisher vorliegenden Nach=
richten
auf die Garniſon Naney und drei in Belfort
ſtehende Regimenter erſtreckte. Ueber ihren Verlauf in
Nancy bringt das Journal des Debats von dort folgen=
den
Bericht: Am Dienstag fand um Mitternacht eine
Probemobilmachung der Truppen des XX. Korps ſtatt.
In weniger als einer halben Stunde waren alle Stafetten
zu Fuß und zu Pferde nach allen Richtungen aus=
marſchiert
und benachrichtigten nicht nur alle Offiziere,
ſondern auch alle andern ſonſtigen Perſonen,
die in irgendwelcher Verbindung an der
Mobilmachung teilnehmen müſſen. Um
1 Uhr beſetzte eine Truppenabteilung die Hauptpoſt und
ließ ſie durch Poſten bewachen. Alle Wegekunſtbauten ſo=
wie
der Bahnhof wurden ebenfalls beſetzt. Eine Anzahl
Hauptwachen zogen ab, um ihne Poſten einzunehmen. Die
ganze Nacht war ein unaufhörliches Gehen und Kommen
von eifrig beſchäftigten Militärperſonen, die ihren Vorge
ſetzten Meldungen überbrachten oder Beſehle entgegen=
nahmen
. Während der Nacht beſetzte ein Regiment außer=
halb
der Stadt die Eiſenbahnlinie von Amance. Auf dem

Bahnhof jagte ein Telegramm das andere und die Be=
amten
reichten nicht mehr aus, um ſie zu befördern. Um
4 Uhr morgens nahmen die Stationsvorſteher und alle
mobil zu machenden Beamten ihre Poſten ein. Um 5 Uhr
var die Mobilmachung vollſtändig. Soweit über die
Probemobilmachung in Nancy. Daß ſie gleichwohl nicht
gewöhnlichen Zieles war, beweiſt die probeweiſe Mobil=
machung
der im Ernſtfalle an ihr beteiligten Zivil=
perſonen
, namentlich der Beamten der Bahnverwaltung
und die Beſetzung auch des Poſi= und Telegraphenamts
durch das Militär. In dieſem Punkte ergänzt ein Bericht=
erſtattel
des Temps den Sachverhalt noch durch die Meld=
ung
, daß die Truppen auch namentlich noch die Bahn=
ſtrecken
beſetzten und Streifwachen von Gendarmen und
Zollbeamten die ihnen für den Ernſtfall angewieſenen
Poſten einnahmen. Nach den jüngſten Kundgebungen des
Allgemeinen Arbeitsbundes, die ſämtlich die Sabotage der
Eiſenbahn= und Telegraphenlinien ankündigten, wird in der
Tat auch wohl im Ernſtfalle die erſte Sorge der Regier=
ung
ſich darauf richten müſſen, den Bahn= und Tele=
graphendienſt
zu ſichern. Dafür dürfte ſie dann aber wohl
kaum die aktive Armee, ſondern die Landwehr verwenden,
die in Paris wenigſtens wie es ſchien, auch ſchon
entſprechende Weiſungen erhalten hat, um ſofort hierfür
bereit zu ſein.
Von der Probemobilmachung in Belfort meldet
man, daß ſie nur eine einfache Alarmierung der drei Re=
gimenter
von der Art geweſen ſei, wie ſie um dieſe Jahres=
zeit
regelmäßig ſtattfinden, um die neu eingetretenen
Mannſchaften und ihre Ausbildung zu erproben. Ganz
anders verlief aber die Probemobilmachung in dem hart
an der deutſchen Grenze zwiſchen ihr und Luneville ge=
legenen
Bezirk Arracourt. Hier erhielt der Gendar=
meriewachtmeiſter
des kleinen Bezirksortes ein Tele=
gramm
, das er für den Befehl zur Mobilmachung ſelbſt
auslegte. Er öffnete deshalb ſofort auch die geheimen,
f4: dieſen Fall bereitliegenden Dienſtanweiſungen und
handelte danach. Er alarmierte den Bürgermeiſter, der
ſeinerſeits auch die Vorſteher aller übrigen acht Gemeinden
ſeines Bezirks alarmierte, und bald hallte durch die Nacht
von allen Türmen dieſer Gemeinden das Sturm=
geläute
und Trommelwinbel holte die geſtell=
ungspflichtigen
Männer bis zu 45 Jahren aus den Betten.
Die ganze Bevölkerung dieſes Bezirks kam auf die Beine.
Die Männer nahmen ihre Habſeligkeiten unter den Arm
und begaben ſich auf den Weg nach ihrer Garniſon. Die
Frauen und Kinder weinten. Ihre Tränen floſſen indes
nicht lange. Bei Tagesanbruch ſchon erfuhren ſie, daß es
für dieſes Mal noch nicht losgehe. Ein Teil der ab=
marſchierten
Männer, Brüder und Söhne kehrten mit der
Nachricht heim, daß ein Irrtum vorliege. Andere er=
fuhren
dies aber erſt bei ihrer Ankunft in Luneville, Nancy
und Toul, wohin ſie bereits den Zug genommen, ehe der
hinter ihnen hergeſchickte Gegenbefehl ſie erreicht hatte.
Man hat den Wachtmeiſter von Arracourt wegen ſeines
Irrtums oder blinden Uebereifers verhaftet. Er behaup=
tet
aber nach der Meldung des Gewährmannes des Jour=
nal
des Debats, daß er das erhaltene Telegramm keines=
wegs
mißverſtanden habe; dies ſei klar und deutlich ge=
weſen
. Die nächſte Frage zur Aufklärung der Sache muß.
allerdings auch wohl nicht dahin gehen, wie der Wacht=
meiſter
des garniſonloſen kleinen Bezirksortes das Tele=
gramm
über die Probemobilmachung mißverſtehen konnte,
ſondern wie es kam, daß er für dieſen Ort und die zuge=
hörigen
Gemeinden überhaupt mitten in der Nacht ein
ſolches Telegramm zur Probemobilmachung der fried=
lichen
Bürger und Dorfbewohner erhielt. Darüber gibt
die amtliche Mitteilung des Kriegsminiſteriums keine
Auskunft; ſie erklärt nur, daß kein Reſerviſt einen Ge=
ſtellungsbefehl
erhalten habe.
* Paris, 28. Nov. Die in der Angelegenheit der
irrtümlichen Mobiliſierung angeordnete
Unterſuchung hat ergeben, daß die Schuld an dem
Irrtum den Poſtmeiſter von Arracourt Defaut trifft.
Dieſer erhielt in der vergangenen Nacht ein amtliches
Telegramm, in dem er beauftragt wurde, den Gendarmen
und Zollbeamten gewiſſe Weiſungen betreffs der Mobili=
ſierung
zu übermitteln. Infolge eines Mißver ſtänd=
niſſes
teilte jedoch der Poſtleiter den Gendarmen und
Zollbeamten jene Weiſungen mit, denen zufolge eine tat=
ſächliche
Mobiliſierung vorgenommen wurde. Defaut,
gegen den eine Diſziplinarunterſuchung eingeleitet wurde,
iſt vorläufig ſeines Amtes enthoben worden.

Der Balkankrieg.

Zur Lage.
Eine offiziöſe Erklärung der öſter=
reichiſchen
Regierung.
* Wien, 28. Nov. Das Fremdenblatt ſchreibt: In
der öffentlichen Meinung machen ſich ſeit einiger Zeit die
Zeichen einer immer ſteigenden Bewegung
bemertbar. Die intranſigenten Erklärungen des ſerbiſchen
Miniſterpräſidenten, die an aufregenden Zwiſchenfällen
ſo reiche Angelegenheit Prohaska, die aufreizende und
gehäſſige Sprache der nationaliſtiſchen Preſſe Serbiens
gegen Oeſterreich=Ungarn verurſachten, daß ein Gefühl
lebhafteſten Unwillens in der Monarchie zutage tritt. So
begreiflich und ſo verſtändlich dieſer Unmut weiter Kreiſe
der Bevökerung iſt, ſo darf ſich aber die Regierung eines
Großſtaates nicht allein von den Impulſen der öffent=
lichen
Meinung leiten laſſen und darf ſich nicht von den
feſt vorgezeichneten Richtlinien ihrer Politik abdrängen
laſſen. Oeſterreich=Ungarn, das nirgends ſtörend
in die kriegeriſchen Operationen eingegriffen hat,
wünſcht ein gedeihliches Ende der Frie=
densverhandlungen
. Das Blatt bezeichnet die
Behauptung eines Teiles der ausländiſchen Preſſe von
einer Ermunterung der Türkei zur Fortſetzung des Krie=
ges
ſeitens Oeſterreich=Ungarns als leichtfertige und bös=
willige
Erfindung. Oeſterreich=Ungarn bewies den Bal=
kanſtaaten
ſtets wohlwollendes Entgegenkommen, wel=
ches
gewiß auch vollauf anerkannt und gewürdigt wurde.
Dieſe Haltung der Monarchie berechtigt zu der Annahme,
daß die Bemühungen Oeſterreich=Ungarns, mit den Bal=
kanſtaaten
in die freundſchaftlichſten und beſten Bezie=
hungen
zu treten, nur dann von Erfolg begleitet ſein
können, wenn dieſe Bemühungen nicht einſeitige bleiben,
ſondern auch ſeitens der Balkanſtaaten in demſelben
Sinne Oeſterreich=Ungarn gegenüber gehandelt wird.

* Wien 27. Nov. Die Politiſche Korreſpondenz
veröfſentlicht folgende Note: In den Erörterungen der
öffentlichen Meinung über den Standpunkt Oeſterreich=
Ungarns gegenüber den Anſprüchen, die Serbien
in bezug auf die Neuregelung der territorialen Beſitz=
ſtände
am Balkan erhebt, kehrt vielfach die Annahme wie=
der
, als ob das Wiener Kabinett ſeine Auffaſſung der
ſerbiſchen Regierung mit der Aufforderung zu einer Ant=
wort
hätte mitteilen laſſen. Es ſei nun feſtgeſtellt, daß

[ ][  ][ ]

dieſe Vorausſetzung den wirklichen Vorgängen nicht ent=
ſpricht
, ſondern der Verlauf der gegenſeitigen Aeußerun=
gen
vielmehr folgender war: Die ſerbiſche Regierung hat
die Initiative ergriffen und verſucht, durch ihren Geſandten
in Wien, Simitſch, der öſterreichiſch=ungariſchen Regie=
rung
die Rechtmäßigkeit ihrer Anſprüche zu begründen.
Das Wiener Kabinett ſah ſich dadurch veranlaßt, durch
ſeinen Geſandten in Belgrad, v. Ugron, der ſerbiſchen
Regierung ſeinen Standpunkt darlegen zu laſſen, ohne
jedoch daran die Aufforderung zu einer Gegen=
äußerung
zu knüpfen. Es kann ſomit nicht nur von
einer kurzen Friſt die dem Belgrader Kabinett für
die Beantwortung geſtellt worden wäre, keine Rede
ſein, ſondern es iſt überhaupt die unzutreffende Anſicht
ſallen zu laſſen, als ob aus dem Ausbleiben einer Ant=
wort
, die bisher nicht verlangt worden iſt, Schlüſſe auf
den Stand dieſes Teils der Balkanfragen gezogen werden
könnten.
* Paris 27. Nov. Die Abendblätter ſtellen den
günſtigen Eindruck feſt, der durch die Veröffent=
lichung
der Norddeutſchen Allgemeinen
Zeitung hervorgebracht worden iſt. Man muß in
der Tat, ſo ſagt der Temps, anerkennen, daß Deutſch=
land
ſich in wirkſamer Weiſe den Friedensbemühungen
der Großmächte beigeſellt. Die Note der Norddeutſchen
Allgemeinen Zeitung hat das Reſultat gehabt, in der
Meinung Europas eine Detente herbeizuführen und eine
optimiſtiſche Auffaſſung zu erzeugen, welche über die bis=
herigen
Wünſche hinaus gegangen zu ſein ſcheint. Die
Ratſchläge, welche indirekt in Berlin der öſterreichiſchen
Regierung durch das Organ des Reichskanzlers gegeben
worden ſind, werden, wie man hoffen muß, dazu beitra=
gen
, daß ſich Oeſterreich nunmehr ohne Vorbehalt dem
Standpunkt der anderen Großmächte anſchließt, welche
ſich für eine Beſeitigung des öſterreichiſch=ſerbiſchen Kon=
flikts
und der übrigen Balkanfragen bemühen. Auch
das Journal des Debats beglückwünſcht die Diplomatie
dazu, daß es ihr gelungen ſei, einig zu bleiben und alle
beſonderen Fragen zu vertagen bis zur Prüfung der aus
den Ereigniſſen ſich ergebenden Geſamtſituation. Wenn
dieſe kluge Ueberlegung fortdauere, ſo werde die Gefahr
eines allgemeinen Konfliktes abgewendet.
* London, 27 Nov. Wie das Reuterſche Bureau
erfährt, wird in amtlichen engliſchen Kreiſen die ſtändige,
ſelbſtloſe Mitwirkung ſehr gewürdigt, welche der eng=
liſchen
Regierung von den Mächten in ihrem
Bemühen zuteil wird, eine friedliche Löſung der
verſchiedenen Fragen zu finden, die ſich aus dem gegen=
wärtigen
Krieg ergeben. Die Anſichten, die man in amt=
lichen
Kreiſen hegt, zeigen keinen Peſſimismus. Es
herrſcht im Gegenteil ſtark der Eindruck vor, daß unter
den Großmächten keine ſo abweichenden Anſichten ent=
ſtehen
werden, die die Befürchtung rechtfertigen, daß es
zu ernſten Schwierigkeiten unter ihnen kommen könnte,
Die letzten Berichte beſtätigen dieſen Eindruck. Alle
Gründe ſprechen für die Annahme, daß bald ein Weg ge=
ffunden
werden wird, um alle Fragen zu regeln, die An=
laß
zu Meinungsverſchiedenheiten unter den am unmit=
telbarſten
betroffenen Großmächten geben könnten.
Die Friedensverhandlungen.
* Konſtantinopel, 27. Nov. Die türkiſchen
und bulgariſchen Delegierten ſind heute zu=
ſammengekommen
. Bis zum Abend hatte die Pforte, die
mit dem Hauptquartier in telephoniſcher Verbindung
ſteht, noch keine Nachricht über das Ergebnis der Beſprech=
ung
. Die türkiſchen Delegierten ſind noch nicht in das
Hauptquartier zurückgekehrt.
* Sofia, 27. Nov. Hier beſteht der Eindruck, als
ob die Türken die Verhandlungen über den Friedensſchluß
möglichſt zu verſchleppen ſuchen. Man iſt jedoch auf
bulgariſcher Seite entſchloſſen, dies nicht zuzugeben und
nötigenfalls energiſch Entſcheidung zu fordern.
* Konſtantinopel, 28. Nov. Nach Mitteilungen
aus amtlicher Quelle haben die Beſprechungen der
Bepollmächtigten der Türkei und Bul=
gariens
geſtern zu keinem Ergebnis geführt und wer=
den
heute fortgeſetzt. Da die Gründe, die zur Landung
der fremden Seeleute geführt haben, größtenteils hin=
fällig
geworden ſind, wurden die Matroſen Oeſterreich=
Ungarns, Deutſchlands und einiger anderen Mächte wie=
der
eingeſchifft.
* Konſtantinopel 27. Nov. Osman Ni=
ſami
Paſcha traf heute hier ein und ſuchte ſofort den
Großweſir auf. Er ſchien ſehr befriedigt von den Reſul=
taten
ſeines rumäniſchen Beſuchs. Von autoritativer tür=
kiſcher
Seite wird dem Vertreter des Wolff=Bureaus ver=
ſichert
, die Grundbedingung für den Frieden ſei das Ver=
bleiben
Adrianopels in türkiſchen Händen.
Die Beſetzung Durazzos durch die Serben.
* London, 28. Nov. Der Daily Telegraph meldet
aus Durazzo vom 27. d. M.: Die türkiſche Regierung
von Durazzo hat tatſächlich aufgehört zu beſtehen. Der
Gouverneur rüſtet ſich zur Abreiſe. Das Gericht iſt auf=
gelöſt
und das Bataillon der Reſerviſten entlaſſen worden.
In den großen Städten Albaniens wird allgemein die
Autonomie proklamiert und man ruft den Schutz
Oeſterreichs, Frankreichs und Italiens an. Eine ſpätere
Depeſche des Daily Telegraph aus Durazzo beſagt, die
albaniſche Nationalflagge, ein ſchwarzer Adler auf rotem
Grunde, wurde auf den Regierungsgebäuden ohne Zere=
monie
gehißt. Die Beamten ſind auf friedlichem Wege
überredet worden, entweder das neue Regime anzuer=
kennen
oder die Stadt zu verlaſſen. Flüchtlinge drängen
ſich in die Stadt. Alle türkiſchen Flaggen im Hafen ſind
eingeholt worden.
Durazzo 28. Nov. Heute iſt hier die otto=
maniſche
Flagge eingezogen und die Fahne des
unabhängigen Albaniens gehißt worden. Der türkiſche
Muteſſarif hat Durazzo verlaſſen und Aſſad Bey iſt zum
proviſoriſchen Gouverneur im Namen des unabhängigen
Albaniens ernannt worden. Die Serben ſtehen noch in
Croja, etwa 30 Kilometer von hier entfernt.
* Wien, 27. Nov. Man nimmt hier an, daß die
Serben heute in Durazzo eingezogen ſind,
wenn auch authentiſche Meldungen über die Beſetzung
Durazos noch ausſtehen.
HB. Wien 28. Nov. Aus Durazzo wird das
Eintreffen ſerbiſcher Beſatzungstruppen
beſtätigt. Dieſer Tatſache gegenüber hält man an maß=
gebender
Stelle in Wien an der Haltung feſt, die man
von vornherein für eine ſolche Eventualität bekannt ge=
geben
hat. Man betrachtet dieſe Maßnahme Serbiens als
eine rein militäriſche, deren Verhinderung ein Akt der
Unfreundlichkeit gegenüber dem ſerbiſchen Staate wäre,
den man vermeiden will. Es kann aber nicht oft genug
wiederholt werden, daß hieraus keine ſtichhaltigen For=
derungen
auf die künftigen definitiven Beſitzverhältniſſe
gezogen werden können.
Sonſtige Meldungen.
* Sofia, 28. Nov. Die Agence Bulgare dementiert
die Meldungen auswärtiger Blätter, wonach die Bul=

garen mehr als 90000 Mann verloren hätten
und die Vervollſtändigung der Munition mangelhaft ſei.
Es ſei unnötig, zu erklären, daß die bulgariſche Armee,
deren Macht ſich Tag für Tag auf dem Kampfplatz feſtige,
mit allem Nötigen, insbeſondere mit Munition, gut ver=
ſehen
ſei und daß ſie mit derſelben Begeiſterung, die ſie
bisher bewieſen habe, bereit ſei, den Krieg fortzuſetzen.
* Sofia, 27. Nov. Die Rekruten des Jahr=
ganges
1914 ſind für den 3. Dezember zu den Fahnen
einberufen. Wie das Blatt Mir erfährt, erbeuteten die
Bulgaren bis jetzt ſechs Lokomotiven und 350 Waggons.
* Belgrad, 27. Nov. Durch Kundmachung des
iebenten Belgrader Ergänzungsbezirkskommandos wer=
den
die bisher zum Militärdienſt nicht herangezogenen
Reſerveoffiziere und Militärbeamten auf=
gefordert
, ſich binnen 24 Stunden bei den Kommandos
zu melden.
Letzte Nachrichten.
* Königsberg i. Pr., 28. Nov. Das hieſige
Oberpräſidium erhielt ein Telegramm des
Reichskanzlers, in welchem der Oberpräſident ge=
beten
wird, der anſcheinend in der Provinz herrſchenden
Kriegsaufregung, die durchnichts gerecht=
fertigt
ſei, entgegenzutreten. Die alarmierenden Nach=
ichten
über angebliche Kriegsvorbereitungen diesſeits
ind jenſeits der preußiſch=ruſſiſchen Grenze entbehrten
eder Grundlage. Deutſcherſeits ſeien keinerlei beſondere
militäriſche Maßregeln ergriffen worden. Auch ſeien hier
keine Nachrichten über ruſſiſche militäriſche Maßnahmen
ingegangen, die deutſche Gegenmaßregeln veranlaßten.
HB. Berlin, 28. Nov. Der Lok.=Anz. berichtet:
Die in letzter Zeit wiederholt aufgetretene Idee der Ein=
berufung
einer Botſchafter=Konferenz zur Löſ=
ungder
Balkanfrage hat jetzt endlich feſte Geſtalt
ingenommen. Sir Edward Grey, der britiſche Miniſter
des Auswärtigen, hat den Großmächten einen dahin=
gehenden
Vorſchlag unterbreitet, und da möchte er die
folgenden drei Fragen auf einer in einer europäiſchen
Hauptſtadt abzuhaltenden Botſchafter=Konferenz zur Be=
ratung
geſtellt haben: 1. die albaniſche Frage; 2. die
Frage der Aegäiſchen Inſeln, und 3. die Meerengenfrage.
* Konſtantinopel, 28. Nov. Es verlautet: Bei
der geſtrigen Sitzung verharrten die ottomaniſchen
Bevollmächtigten bei ihrer Forderung nach
einer Grenzlinie die der Türkei das Gebiet hinter
er Linie Saloniki-Kirk=Kiliſſe, beide Städte inbegriffen,
läßt. Die verbündeten Balkanſtaaten beſtanden auf der
Grenzlinie Enos-Saraj-Midia.
HB. Konſtantinopel 28. Nov. Den letzten
Nachrichten von der Front zufolge haben die Bulgaren
am Sonntag die Verteidigungslinie von Tſchatald=
ſcha
angegriffen, jedoch ohne Erfolg. Die Zahl der Tür=
ken
bei Tſchataldſcha belief ſich anfangs auf 70000. In=
zwiſchen
iſt ihre Zahl auf etwa über 100000 geſtiegen und
in wenigen Tagen werden ſie nach Eintreffen weiterer
Verſtärkungen 130000 zählen.
* Sofia, 28. Nov. Angeſichts der in der letzten Zeit
vielfach bemerkten Tendenzen, die definitive Entſcheid=
ing
des Balkankrieges einer europäiſchen
Konferenz zu unterbreiten, ſteht die bulgariſche Re=
gierung
entſchieden auf dem Standpunkte, daß die Löſung
der Balkanfrage keiner Konferenz bedürfe. Die bulgariſche
Regierung würde nur dann einer Konferenz=Idee zu=
ſtimmen
, wenn das Konferenzprogramm von vornherein
feſtgeſetzt würde und bloß die Sanktionierung oder An=
erkennung
enthielte.
Wien, 28. Nov. In der heutigen Sitzung des
Seniorenkonvents des Abgeordneienhauſes teilte
der Miniſterpräſident mit, daß er dem Hauſe in den näch=
ſten
Tagen drei Geſetzentwürfe vorlegen werde:
1. einen über die Pferde=Stellung; 2. ein Geſetz betreffend
die Unterſtützung der Familienangehörigen, und 3. ein
Geſetz über Leiſtung von Einquartierungen und Trans=
portmittel
Privater und Gemeinden im Mobilmachungs=
falle
. Der Miniſterpräſident betonte die Dringlichkeit der
geſamten Vorlagen und erſuchte die verbündeten Senioren,
ſich mit ihren Parteien über die ſchnellſte Verabſchiedung
dieſer Vorlagen ins Einvernehmen zu ſetzen.

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Donaueſchingen, 28. Nov. Der Kaiſer, der Fürſt
zu Fürſtenberg und die Jagdgeſellſchaft begaben ſich heute
vormittag zur Jagd nach der Brugger Halde. Das Früh=
tück
wurde im Freien eingenommen.
* München, 28. Nov. Geſtern abend iſt infolge des
eftigen Sturmes das in Reichenau bei Innsbruck
gelegene Materialdepot der Haubitzendiviſion bis auf die
Grundmauern eingeſtürzt. Ueber die Hälfte des eine
Fläche von 700 Quadratmetern bedeckenden zweiſtöckigen
Gebäudes fiel wie ein Kartenhaus zuſammen. In dem
Depot war Kriegsmaterial im Werte von über 1 Million
Kronen aufgeſpeichert. Menſchen ſind nicht verunglückt.
* Dresden, 28. Nov. Die Zweite Kammer nahm
bei der fortgeſetzten Beratung des Volksſchulgeſetz=
entwurfes
den § 8 in der von der Kommiſſion ge=
gebenen
Faſſung im Gegenſatz zu der Faſſung der Regie=
rungsvorlage
gegen die Stimmen der Konſervativen an.
Der § 8 führt nach der Kommiſſionsfaſſung für die all=
zemeinen
Volksſchulen die Schulgeldfreiheit ein.
* Wien, 28. Nov. Das Abgeordnetenhaus
begann heute die erſte Leſung des Budgetproviſoriums.
Der Seniorenkonvent beſchloß mit Rückſicht auf die An=
kündigung
des Miniſterpräſidenten, von der Beratung
über die Geſchäftsordnungsreform, die urſprünglich nach
der Erledigung des Budgetproviſoriums auf die Tages=
rdnung
geſetzt werden ſollte, abzuſehen.
* Paris, 28. Nov. Das Kriegsminiſterium
hatte infolge einer Blättermeldung, daß die ſtaatlichen
Waffenfabriken von Puteaux und Chatterault für Rech=
nung
einer privaten Waffenfabrik mehrere von Italien be=
ſtellte
Kanonen erzeugt hätten, eine Unterſuchung an=
geordnet
. Wie nun offiziös gemeldet wird hat dieſe er=
geben
, daß die genannten ſtaatlichen Waffenfabriken in
der Tat vier für Italien beſtimmte Kanonen hergeſtellt
haben; daß es ſich aber durchaus nicht um einen außerge=
wöhnlichen
Vorfall handle.
H. B. Berlin, 28. Nov. Der Führer der chineſiſchen
Reformbewegung. Dr. Sunyatſen wird Ende De=
zember
in Berlin eintreffen, um ſich über alle Verhältniſſe
des öffentlichen Lebens eingehend zu informieren und mit
den maßgebenden Militärbehörden zwecks Ueberlaſſung
von Inſtruktions=Offizieren zu verhandeln.
HB. Berlin, 28. Nov. Als Zentrale für das ge=
ſamte
Marineflugweſen errichtet das Reichs=
Marineamt, wie das Herold=Depeſchenbureau erfährt, ein
beſonderes Dezernat für Luftſchiff= und Flug=
weſen
. Bisher war letzteres dem Dezernat für Schiffbau=
Ausrüſtung unterſtellt, das dem Werft=Dezernat reſſor=
tierte
. Nun iſt das Luftſchiff=Flugweſen von dem ge=
nannten
Dezernat getrennt und direkt dem Werft=Dezernat
untorſtellt worden.

Hildesheim, 28. Nov. Auf der Gewerkſchaft Hohe=
feld
bei Wohmingen trug ein Bergmann eine Kiſte Dyna=
mit
auf ſeinem Rücken nach der Arbeitsſtelle. Plötzlich
explodierte das Dynamit und der Mann wurde
buchſtäblich in Stücke zerriſſen.
HB. Schneidemühl, 28. Nov. Ein ſchweres Eiſen=
bahnattentat
wurde geſtern in Schneidemühl auf=
gedeckt
. Als ein Streckenwärter gegen 10 Uhr nachts die
Strecke Berlin-Schneidemühl abging, machte er auf der
Strecke die Entdeckung, daß eine Schiene gelöſt war. Der
Wärter benachrichtigte ſofort die Station, die dann den
bald darauf fälligen Eilzug noch im letzten Augenblick zu=
rückhalten
ließ. Der Eilzug und die beiden nachfolgenden
Züge erlitten Verſpätung. Man nimmt an, daß es ſich
um einen verbrecheriſchen Anſchlag handelt, da das
Kronprinzenpaar urſprünglich beabſichtigte, auf dieſem
Wege von Danzig nach Berlin zu fahren. Die Reiſe
wurde aber erſt heute vormittag mit dem Nord= Expreß=
zug
ausgeführt.
H. B. Graudenz, 28. Nop. Zwei ruſſiſche Spione,
darunter ein ruſſiſcher Major, ſind in Mariendorf ver=
aftet
und in das hieſige Unterſuchungsgefängnis einge=
liefert
worden.
H. B. London, 28. Nov. Lord Roberts erklärte
geſtern in einer Rede in London, daß er in Mancheſter
anläßlich ſeiner Anſprache, die ſo großes Aufſehen
erregte und ſogar zu einer Interpellation im Abgeord=
netenhauſe
führte, weder die Offiziere noch die Mann=
ſchaften
der Armee angegriffen habe. Er hielt jedoch ſeine
Behauptung aufrecht, daß das Heer keinen großen Er=
lolg
, was Diſziplin, Truppenanzahl, Ausrüſtung und
Exerzitien anlange, darſtelle. Nach der Birmingham
Poſt habe Lord Roberts weiter geſagt, daß kein Schema
für die Verteidigung einer Nation mit ſo geringem Fleiß
ausgearbeitet worden ſei, wie das britiſche. Wenn erſti
einmal der Ernſt der Lage ans Tageslicht komme, wür=
den
die Engländer den Fehler einſehen, ihre Verteidigungt
einem unzulänglichen Heere anzuvertrauen und es würdet
dann die Forderung zu einem obligatoriſchen Militär=
dienſt
geſtellt werden.
London, 28. Nov. Infolge des anhaltenden Stur=
mes
der letzten Tage ſind in der Nordſee und im Kanalſ
mehrere Schiffsunfälle paſſiert. Viele Fahr=
euge
treiben führerlos und als Gefahr für die Schiffel
umher.
H.B. London, 28. Nov. Nach einem New=Yorker
Telegramm ſollen bei einem Unfall auf der Penn=
ſylvania
=Eiſenbahn 28 Perſonen getötet worden
ſein.
New=York. 28. Nov. Der Gouverneut bes
gnadigte den Anwalt Patrick, der wegen Ermord=
ung
des Millionärs Rios in New=York im April 1900
zum Tode verurteilt aber zu lebenslänglichem Gefängnis
begnadigt wurde.

lies der Bichentstche

Der Erweiterungsneubau der Firma Frank
& Baer Frankfurt a. M. iſt vollendet und bietet durch
ſeine formvollendete und impoſante Geſtalt eine wirkliche
Zierde unſerer Zeil. In der außerordentlich kurzen Zeit
von 7½ Monaten hat die Firma durch die bekannten
Architekten Rindsfüſſer & Kühn ein Wunderwerk erſtehen
laſſen. Wer noch vor kaum fünf Wochen die Zeil
paſſierte und die frühere Eiſenfaſſade neben dem neuen
Erweiterungsbau ſah, hätte es kaum für möglich ge=
halten
, daß in dieſer kurzen Zeit der ganze Neubau
fertig geſtellt ſein könnte. Ohne weſentliche Betriebs=
ſtörung
iſt dieſe Umwandlung vor ſich gegangen, auch
ein Dokument für die großen Fortſchritte der modernen
Bautechnik. Die inneren Lokalitäten, welche ohnehin
bereits gewaltige Dimenſionen aufwieſen, ſind an Um=
fang
und Größe nunmehr verdoppelt und werden durch
zwei rieſige Lichthöfe mit reichem Licht verſorgt. Das
Haus wurde in allen ſeinen Teilen neu ausgeſtattet und
viele neuzeitigen Errungenſchaften verwertet. Der Werde=
gang
der Firma Frank & Baer aus kleinen Anfängen
bis zur heutigen Größe iſt ein Beweis dafür, daß die
Firma es verſtanden hat, ſich das Vertrauen des kaufen=
den
Publikums in ſtets wachſendem Maße zu erwerben.

[ ][  ][ ]

Dankſagung.

Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
beim Ableben unſeres lieben Gatten, Vaters,
Schwagers und Onkels, des Herrn
(24488
Reallehrer Römer
ſagen aufrichtigen Dank.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen.

Dankſagung.
Für die aufrichtigen Beweiſe herzlicher Teil=
nahme
während der ſchweren Krankheit wie auch
bei dem Hinſcheiden unſeres unvergeßlichen Vaters
und Bruders
(24487
Johann Aavel Scherter
Bildhauer
ſagen wir Allen, insbeſondere dem Geſangverein
Liederzweig für die ſchöne Kranzſpende, ſowie
für die zahlreichen Blumenſpenden unſeren tief=
gefühlten
, innigſten Dank.
Im Namen der tieftrauernden Hinterbliebenen:
Ernſt Scherrer, Bildhauer.
Darmſtadt, den 28. November 1912.
Nieder=Ramſtädterſtraße 59.

Dankſagung.

Für die freundlichen Beweiſe herzlicher Teil=
nahme
bei dem Hinſcheiden meines innigſtgeliebten
Mannes, unſeres lieben Bruders und Onkels
Herln Friodrich Nelning
ſagen herzlichen Dank.
(B24490
Die trauernden Hinterbliebenen:
Anna Reining,
Marie Eck,
Chriſtine Reining,
Sofie Eck.

Statt jeder beſonderen Anzeige.
Heute verſchied nach langem, ſchwerem,
mit: Geduld getragenem Leiden unſere liebe
Schweſter, Schwägerin und Tante (24547
Frau Luise Molter
geb. Dörner
im 64. Lebensjahre.
Für die trauernd Hinterbliebenen:
Lina Dörner, Darmſtadt.
Dora Meyer, geb. Dörner, Charlottenburg.
Lolo Weſp, geb. Dörner, Darmſtadt.
Darmſtadt, Charlottenburg, 28. Nov. 1912.
Die Beerdigung findet Samstag, den 30. ds. Mts.,
nachmittags 2 Uhr, von der Leichenhalle des
Friedhofes in Eberſtadt b. D. aus, ſtatt.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
während der Krankheit und Beerdigung meines
lieben, guten Gatten, unſeres Vaters, Großvaters
und Schwiegervaters
(24458
Herrn Jacob Niederauer
ſagen wir Allen, insbeſondere Herrn Pfarrer Lauten=
ſchläger
für ſeine troſtreiche Grabrede, dem Eiſen=
bahn
=Arbeiter=Verein, ſowie für die zahlreichen
Blumenſpenden auf dieſem Wege unſeren herz=
lichſten
Dank.
Die trauernden Hinterbliebenen:
Dorothea Niederauer Wwe.,
Familie Adolf Grabe.

Amtlicher Wetterbericht.

Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.
Die nördliche Depreſſion wandert oſtwärts, während
von Südweſten her der Druck ſteigt. Doch ſchon wieder
deutet ſich weſtlich von Irland eine neue Zyklone an.
Bei weſtlichen Winden herrſcht bei uns trübes, regneriſches
Wetter. Die Morgentemperaturen liegen zwiſchen 2 und
5% C. Wir haben zunächſt langſames Aufklaren und
Sinken der Temperatur zu erwarten. Später dürfte die
neue von Weſten her vordringende Depreſſion Einfluß
auf unſer Wetter gewinnen.
Ausſichten in Heſſen für Freitag, den 29. No=
vember
: Vorübergehend Aufklaren, trocken, kühl, Nacht=
froſt
, ſpäter wieder trüb und regneriſch.

Getiesdienſt der israelitiſchen Religiousgemeinde.

Haupt=Synagoge (Friedrichſtraße 2).
Freitag, den 29. November:
Korabendgottesdienſt 4 Uhr 30 Min.
Samstag, den 30. November:
Morgengottesdienſt 8 Uhr 45 Min. Sabbatausgang
5 Uhr 20 Min.
Mittwoch, den 4. Dezember:
Beginn des Chanukkafeſtes. 4 Uhr: Chanukkafeier,
Jugendgottesdienſt und Predigt.

Gottesdienſt in der Synagoge der israelitiſchen Religions=
geſellſchaft
.

Samstag, den 30. November:
Vorabend 4 Uhr. Morgens 8 Uhr. Nachmittags
3 Uhr 30 Min. Sabbatausgang 5 Uhr 20 Min.
Wochengottesdienſt von Sonntag, den 1. Dezember, an:
Morgens 7 Uhr Nachmittags 4 Uhr.
NB. Mittwoch abend, den 4. Dezember:
Beginn des Chanukkoh=Feſtes.

Tageskalender.
Broßh. Hoftheater (Außar Abonnement), Anfang
7 Uhr: Fauſt
Vorſtellung um 8¼ Uhr im Oepheum.
Vortrag von Profeſſor Dr. Berghoff=Iſing um 8¼ Uhr
im Hörſaal 330 der Techniſchen Hochſchule ( Volksbild=
ungsverein
).
Vortrag von Realſchuldirektor Dr. Schnell um 8½ Uhe
im Fürſtenſaal
Konzerte: Hotel Heß um 3 Uhr. Bürgerkeller um
8 Uhr.
Ausſtellung Der Menſch im Großh. Reſidenzſchloß
(geöffnet von 9 Uhr vormittags bis 8 Uhr abends).
Bilder vom Tage. (Auslage Rheinſtraße 23): Die
Wartburg, von einem Zeppelitz=Luftſchiff aus aufge=,
nommen; vom Balkankriege; türkiſche Flüchtlinge bei
ihrer Ankunft in Konſtantinopel; türkiſche Gefangene
werden unter Bewachung durch die Straßen Belgrads
transportiert; die Türken auf der Flucht nach der
Schlacht von Tſchorlu.
Verſteigerungskalender.
Samstag, 30. November.
Hofreite=Verſteigerung der Heinrich Butterfaß
Witwe (Pallaswieſenſtraße 32) um 10 Uhr auf dem
Ortsgericht I.

Städtiſches Muſeum (Schloßgraben 9). Geöffnet
Sonn= und Feiertags, ſowie Mittwochs und Freitags
von 111 und 24 Uhr, bei freiem Eintritt.
Dienstags, Donnerstags und Samstags von 101 Uhr
(Eintritt 30 Pfg.).

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei,
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil, Inſeratbeilagen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftsleben: Hans Seitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

ertei
Abitnrient erfolgr. Nachhilfe
in allen Fächern, ausgenommen
Latein und Griechiſch. Beſte Refe=
renzen
, mäßiges Honorar. Gefl.
Anfragen u. L 45 Exp. (*12909fs

Wer erteilt
Machem. Unterriche
in Abendſtunden? Off. m. Pr. unt.
K 78 an die Exv. (*12693mdf

-Stunden erteilt zu
jed. Tageszeit (24411a
Phil. Scholl, Tanzlehrer,
Tan2 Mühlſtraße 26, 2. St.

Freunde der italienischen Sprache
machen wir aufmerksam, dass Anfang Dezember ein
Literaturkursus
eröffnet wird. Der Unterricht wird von Herrn Simoncelli
2 mal in der Woche erteilt. (24502fs
Honorar Mk. 15.
4
Anmeldungen von 81 und 310 Uhr in der
Berlitz School, Wilhelminenstr. 19, II.
Telephon 613.

Bügel-Unterricht
erteilt gründl. nach leicht. Methode.
Honorar mäßig. (*12935
Luisenstr. 6, 2. Etage.

Herl & lohn, Maufaturust. (1490

Fung. Mädch. k. d. Kleidermach.
u. Zuſchneid. gründl. erlernen.
Konfektion Mühlſtr. 40, I. (24308a

Neu= und Anſtricken
von Strümpfen ſow. Beinlängen
auf der Maſchine billig u. prompt.
Heinheimerſtr. 20, 3.Stock. (827a

des Lobes, wenn Sie einen Verſuch mit Apo=
theker
Ehrecke’s Lebertran gemacht haben:
jetzt iſt es Zeit zur Kur für Kinder und Er=
wachſene
. Flaſche 30, 50, 85 Pfg. (21805a
Pankratius-
Martinsdrogerie, strasse 41.

Kurſe vom 28. November 1912.
Mitgeteilt von Hermann Reichenbach.

InProz.
Zf.
Staatspapiere.
4 Dtſche. Reichsſchatzanw. 99,70
3½ Deutſche Reichsanl. . 88,30
77,25
do.
4 Preuß. Schatzanweiſg. 99,40
88,20
3½ do. Conſols
77,40
3 do. do.
4 Bad. Staatsanleihe . . 99,75
93,00
do.
3½
3
do.
4 Bayr. Eiſenbahnanleihe 99,40
86,65
do.
3½
do.
4 Hamburger Staatsanl. 99,00
4 Heſſ. Staatsanleihe . . 99,25
4 do. do. (unk. 1918) 99,60
do.
86,80
3½
76,20
do.
3
78,10
3 Sächſiſche Rente.
4 Württemberger v. 1907 99,70
do. v. 1875 93,70
5 Bulgaren=Tabak=Anl.
1¾ Griechen v. 1887
53,25
3¾ Italiener Rente
3½ Oeſterr. Silberrente 86,80
4 do. Goldrente . . . 92,00
4 do. einheitl. Rente 83,20
4 Portug. unif. Serie I 62,25
3 do. unif. Ser. III
3 do. Spezial
10,00
5 Rumänier v. 1903 99,20
4 do. v. 1890 . . 92,50
4 do. v. 1905 . . 87,40
4 Ruſſen v. 1880 .
88,70
4 do. v. 1902 .
88,70
4½ do. v. 1905 . . . . 100,10
89,80
3½ Schweden . . .
4 Serbier amort. v. 1895 79,00
4 Türk. Admin. v. 1903 77,30
4 Türk. unifiz. v. 1903 84,50
4 Ungar. Goldrente . . . 87,20
4 do. Staatsrente. . . 83,70

In Prot=
.100,00
5 Argentinier
85,10
do.
4½ Chile Gold=Anleihe. 90,75
5 Chinef. Staatsanleihe. 99,30
92,90
do.
4½
92,90
4½ Japaner . .
94,00
5 Innere Mexikaner.
do.
59,00
3
4 Gold=Mexikanerv. 1904 87,70
99,40
5 Gold=Mexikaner . .
3 Buenos Aires Provinz 68½
Aktien inländiſcher
Transportanſtalten.
9 Hamb.=Amerika=Paket=
.152,90
fahrt . . .
5 Nordd. Lloyd . . . . . 119,70
6½ Südd. Eiſenb.=Gef. . 124,50
Aktien ausländiſcher
Transportanſtalten.
5 Anatol. Eiſenb. 60%
Einz. Mk. 408 . . 110,30
6 Baltimore und Ohio . 105,00
6 Schantungbahn . . . . 125,50
6½ Luxemb. Prince Henri
0 Oeſt. Südbahn (Lomb.) 17,50
6 Pennſylvania R. R. . 120,70
Letzte Induſtrie=
Divid. Aktien.
65,00
3 Brauerei Werger
25 Bad. Anilin= u. Soda=
. . 516,25
Fabrik .
14 Chem. Fabrik Gries=
.246,50
heim
30 Farbwerke Höchſt 621,50
20 Verein chem. Fabriken
Mannheim . . . . 346,50
10 Cement Heidelberg . . 151,75
30 Chem. Werke Albert 453,00
14 Holzverkohlung Kon=
ſtanz
. . . . . . . 324,00
5 Lahmeyer . . . . . . . 120,50

Türid.
7½ Schuchert, Nürnberg 148,00
12 Siemens & Halske .221,00
5 Beramann Electr. . . 118,00
10Deutſch. Ueberſee Electr. 157,00
25 Gummi Peter . . . . 90,00
0 Kunſtſeide Frankfurt 90,25
30 Adler=Fahrradwerke
Kleyer . . . . . 562,00
10 Maſchinenf. Badenia 176,00
16 Wittener Stahlröhren
8 Steana Romana Petr. 144,25
15 Zellſtoff Waldhof . 230,00
12½ Bad. Zucker=Wag=
. . . 199,90
häuſel.
10 Neue Boden=A. A.=Geſ. 92,50
3 Südd. Immobilien 56,00
Bergwerks=Aktien.
12 Aumeß=Friede . . . . 171½
12½Bochumer Bergb. u.
Gußſt.
..213,25
11 Deutſch=Luxemburg.=
Bergb.
.165,70
10 Gelſenkirchener .
. 191,60
9 Harpener
183,80
18 Phönix Bergb. und
Hüttenbetrieb. . . 260,20
0 Oberſchl. Eiſen=Ind.=
Caro. .
84,00
6 Laurahütte.
. . 163,10
10 Kaliwerke Aſchersleben
Weſteregeln 212,25
11
7½ South Weſt Africa
Prioritäts=
Obligationen.
3½ Südd. Eiſenb.=Geſ. 88,40
4½ Nordd. Lloyd=Obl. 99,30
4 Eliſabethbahn, freie . . 92,50
4 Franz=Jofefs=Bahn
3 Prag=Durer .
74,50
5 Oeſterr. Staatsbahn
4 Oeſterr. Staatsbahn . 92,90
do.
5 Oeſterr. Südb. (Lomb.) 97,50
do.
4
76,50

InPren=
2¾ Oeſt. Südb. (Lomb.) 50,80
3 Raab=Oedenburg
76,20
4 Kronprinz Rudolfbahn 91,70
4 Ruſſ. Südweſt.
85,90
4½ Moskau=Kaſan . . . 95,30
do.
4 Wladichawchas .
88,00
86,70
4 Rjäſan Koslow .
3 Portugieſ. Eiſenb. . . 74,50
do.
69,50
2¼ Livorneſer
3 Salonique=Monaſtir . 62,60
80,60
4 Baadadbahn .
4½ Anatoliſche Eiſenb.. 94,75
4 Miſſouri=Paciſic.
72,50
4 Northern=Pacific . . . 99,50
4 Southern=Pacific . . . 93,80
5 St. Louis und San
Francisco. . . . . 85,00
5 Tehuantepec . . . . . . 97,75
Bank=Aktien.
10 Bank für elektriſche
Untern. Zürich 183,25
7 Bergiſch=Märkiſche
.146,70
Bahn .
½ Berlin. Handelsgef. . 163,00
6½ Darmſtädter Bank 119,10
12½ Deutſche Bank . 2487
6 Deutſche Vereinsbank 121,00
6 Deutſche Effekt.= und
W.=Bank . . . . 114,50
10 Diskonto=Kommandit 183,20
8½ Dresbener Bank 1 150,40
9½ Frankf. Hypoth.=B. 209,00
6½ Mitteld. Kreditbank 116,90
7 Nationalb. für Deutſchl. 120,40
7 Pfälziſche Bank. . . . 126,25
..132,10
5.86 Reichsbank
7 Rhein. Kreditbank. . 133,40
7½ A. Schaaffhauſen.
Bankverein 115,50
7½ Wiener Bankverein . 126,25
Pfandbriefe.
4 Frankf. Hypoth.=Bank
S. 21. . . . . . . 98,70

In Proz.
3½ Frankf. Hypoth.=Bank
S. 19.
88,00
4 Frankf. Hyp.=Kreditv.
S. 52 .
98,50
4 Hamb. Hypoth.=Bank . 98,00
do.
87,25
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bank 99,70
do.
87,80
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bank
S. 12, 13, 16
99,20
S. 14, 15, 17, 24/26
1823
99,40
3½Heſſ. Land.=Hyp.=Bank
S. 1 u. 2,
87,80
S. 35
87,60
S. 911
87,70
4 Meininger Hyp.=Bank 98,20
31
do.
87,00
4 Rhein. Hypothek.=Bank
(unk. 1921) . . 98,50
3½ do. (unk. 1914) . . 86,80
4 Südd. Bd.=Kr.=Bk.=Pf. 99,50
3½
do.
87,20
Städte=
Obligationen.
4 Darmſtadt.
do.
4 Frankfurt.
99,20
3½ do.
94,30
4 Gießen .
97,30
do.
Heidelberg
97,00
do.
87,00
4 Karlsruhe
97,30
do.
88,30
4 Magdeburg.
3½ do.
Mainz
do.
88,70
4 Mannheim
98,50
do.
86,80
4 München
.99,30
Nauheim
4 Nürnberg.
98,80
do.
87,00
4 Offenbach .

Zu Pro.
8½ Offenbach
99,50
4 Wiesbaden
89,10
8½ do.
97,30
4 Worms
87,50
3½ do.
4 Ziſſaboner u. 1888
Verzinsliche
Anlehensloſe.
4 Badiſche . . . Tlr. 100 171,50
8½ Cöln=Mindner 100 134,90
3 Holl. Komm. . fl. 100
3 Madrider . . Fs. 100 70,50
4 Meininger Pr.= Pfand=
briefe
. . . . . . . 140,20
4 Oeſterr. 1860er Loſe . 174,80
3 Oldenburger . . . . . . 130,50
3½ Raab=Grazer fl. 159 110,10
Unverzinsliche
Anlehensloſe.
Augsburger . . . . . ſl. 7
Braunſchweiger Tlr. 20 203,00
Freiburger
Fs. 15
Mailünder
Fs. 45
do.
Fu. 10 36,00
Meininger .
.fl. 7 34,30
Oeſterreicher v. 1864 fl. 100 527,00
do. v. 1858 fl. 100
Ungar. Staats . . ſl. 100 382,00
Benediger . . . . Fs. 30
Türkiſche . . . . Fs. 400
Gold, Silber und
Bankaoten.
Engl. Govereigns .
20,46
20 Franks=Stücke
16,24
Amerikaniſche Noten . . (. 4,20½
Engliſche Noten .
20,48
Franzöſiſche Noten.
81,30
Holländiſche Noten.
169,25
Italieniſche Noten . . . . 80,20
Oeſterr.=Ungariſche Notes 84,40
Ruſſiſche Noten . . . .
Schweizer Roten . . . . . 89,70
Reichsbank=Diskonto
Reichsbanl=Bombarb 464 7

[ ][  ][ ]

Neue Messina-Zitronen 5 Pf
10 Stück 40 Pfg., 100 Stück 3.50 Mk.

Phönix-Extra

von H. Hildebrand & Söhne, ist anerkannt teinstes
Konfekt- und Kuchenmehl
Original-
Säckchen von 2½ Kilo 1.05 5 kilo 2.00 12½ Kio 4.80
auf Bestellung liefere auch Original-Säcke von 25, 50 und 100 Kilo.
Hildebrand’s Weizenmehl O
in Original-Säcken von 50 Kilo 18.50 Mk.
lose per Pfund 20 Pfg. 5 Pfund 95 Pfg.
Nr. I 18 Pfg. 5 85 Pfg.
feinste Pflanzen-Butter-Margarine
per Pfund 90 Pfg.
Palmona,

Kienstr.1
Eillunderruld

Kfrenstr.1
Elllanderrald
Frankenthaler Zucker
anerkannt feinster
Konfekt- und Backzucker
Gem. Frankenthaler Zucker 22
Gries, Puder, Farin etc., lose und in Original-Säcken von
25, 50 und 100 Kilo billigst.
Auserlesene neue handgew. Bari-Mandeln, Sultaninen
per Pfund 38
und Rosinen, Korinthen .
per Pfund 85
Neue Haseinusskerne .
Citronat, Orangeat, Ceylon-Zimt, Nelken, Carda-
momen
, Streuzucker, Oblaten, Wachs.
Oetkers Backpulver u. Vanille-Zucker.
Echte Bourbon- Vanille.
Haselnüsse, Feigen, Walnüsse, Lebkuchen,
(24501fi
Weihnachtslichte.

Von Brot
enthält, im Gegenſatz zu dem
gewöhnlichen Brot, alle wert=
vollen
Beſtandteile der Korn=
frucht
, die durch eine lange
Backzeit zu vollſter Aus=
nützung
erſchloſſen werden.
Voll=Brot
wird von zahlreichen Aerzten
u. Hygienikern gegen Darm=
trägheit
, Verdauungsſtörun=
gen
, Blinddarmentzündung,
Zuckerkrankheit, Fettleibigkeit,
Bleichſucht, Zahnkrankheiten
u. a. empfohlen.
Nachſtehend Auswahl her=
vorragender
Erzeugniſſe, Ab=
wechslung
iſt wichtig, man
ſoll nicht immer dieſelbe Sorte
Brot eſſen.
Pfg.
Eiſen=Kraftbrot
ungeſäuert
30
Wird vom ſchwächſten
Magen vertragen.
Nußſchrotbrot
35
Bananenbrot 35
35
Früchtebrot
Delikateß=
Früchtebrot 25 u. 50
Sanitasbrot
(Roggen) 32 u. 62
Sanitasbrot
(Weizen) 32 u. 62
Simonsbrot
(Roggen) 30 u.60
Grahambrot 30
Rheiniſches
Schwarzbrot 40
Weſtfäliſches
Bauernbrot . 60
Steinmetzbrot 35
Weizenſchrotbrot
hefefrei
60
Molkenbrot
hell
18 u. 60
Molkenſchrotbrot 18 u. 60
Reformgeschäft
AriStu
gesundheitliche Nahrungs-
und Genussmittel
Anton Braunwarth
Ernst Ludwigstr. 3
Fernſpr. 971. (23164a
Brautausſtattung
(noch nicht in Gebrauch geweſen),
als: echt nußb. pol. engl. Schlaf=
zimmer
, beſt. in 2 ſchweren engl.
Betten mit beſt. Inh., groß 2tür.
Spiegelſchrank, ſchöner Waſchkom.
mit weißem Marmor u. Toilette,
2 Nachtſchr. mit Marmor, Hand=
tuchhalter
; Wohnzimmer, beſteh.
aus fein. Diwan, eleg. Vertiko m.
3 Spieg., groß. Auszugtiſch, 4 beſſ.
Stühlen, ſowie der hochf. Küchen=
einrichtung
, als: Schrank, Anrichte
m. Meſſingverglaſ., Tiſch, 2 Stühle,
Ablaufbrett, alles zuſammen f. nur
1650 Mk. abzugeben (*12865
Heidelbergerſtraße 85, 2. St.

2 C.

Scharrocke
10.50- 16.- 22.- 26.- 36.

Hausjoppen
15.- 18.- 22.- 30.- 34.-

Samt=Smokings

Fhlipr Hen Darmstadf
Spezialhaus für moderne Herren- und Knaben-Bekleidung.
An allen Sonntagen vor Weihnachten bleibt
mein Geschäft geschlossen.

Brautleute!
Wegen Rückgang einer Verl
Hochmod. Schlafzimmer, eiche
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Donnerstag, den 5. Dezember 1912, abends 8 Uhr,
im Festsaale der Turngemeinde:
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Joan de Manén
unter Mitwirkung von Lorenzo Matossi (Klavier).
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Eintrittskarten für Nichtmitglieder: Sperrsitz im Saal
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Luftfahrt.

* Der Deutſche Ueberlandflug=
Rekord der bisher ſeit dem 12. Juni dieſes Jahres
von Helmut Hirth mit einem Ueberlandfluge Bres=
lau
-Wien von 320 Kilometer gehalten wurde, iſt von
dem bekannten Flieger Lt. Joly verbeſſert wor=
den
. Es gelang Joly die Strecke Jüterbog-Rogowo
die 350 Kilometer beträgt, ohne Zwiſchenlandung zurück=
zulegen
und zwar in der vorzüglichen Zeit von 2 Stunden
50 Minuten.
Sr. Der Britiſche Michelin=Preis der
Aviatiker in Höhe von 10000 Mark, der für den läng=
ſten
Flug ausgeſetzt war, wurde dem Aviatiker Hawker
zuerkannt, der zu Brooklands mit einem Doppeldecker
8 Stunden 23 Min. in der Luft geblieben war.

Sport.

* Pferdeſport. Eine ausgezeichnete Leiſt=
ung
vollbrachte am Mittwoch bei den Rennen in Vin=
cennes
=Paris die fünfjährige Halbblutſtute Har=
monie
III des Herrn Olry=Roederer. Die von dem be=
kannten
Traberhengſt Trinqueur ſtammende Stute, die
ſchon am vergangenen Samstag in Vincennes die unge=
wöhnlich
hohe Bürde von 98½ Kilo zu einem ſpielenden
Siege getragen hatte, ſchleppte diesmal 101½ Kilogramm,
alſo mehr als zwei Zentner und ſiegte trotzdem

mit Jackei W. Ferres im Sattel im Prir Ereteil im
Handgalopp mit 30 Längen gegen die 40 Pfund weniger
tragende Excelſa. Es iſt dies das höchſte Gewicht, unter
welchem jemals ein Rennpferd in einem Hindernisrennen
gelaufen iſt. Eine ähnliche gute Leiſtung iſt vor langer
Zeit auch in Deutſchland vollbracht worden. In den 80er
Jahren endete die 101 Kilogramm tragende Moderowna
in Charlottenburg in einem Hunters=Flachrennen mit
Leutnant v. Schlüter, dem jetzigen preußiſchen Landſtall=
meiſter
a. D., im Sattel als Zweite. Der Sieger Moritz
war mit 88½ Kilogramm belaſtet und wurde von Leut=
nant
v. Schmidt=Pauli, dem jetzigen Präſidenten des Ver=
eins
für Hindernis=Rennen, Generalmajor z. D. von
Schmidt=Pauli, geritten.
*: Das Lawn=Tennis=Match Paris-Bremen wurd
am zweiten Tage mit vier Einzelſpielen und zwei Doppel=
ſpielen
beendet. Die deutſchen Vertreter wurden aber=
mals
geſchlagen. Die Niederlage gegen Paris iſt eine
noch größere als gegen London, denn in den 12 Kämpfen
vermochten die Bremer Spieler nur einen Sieg zu er
ringen. Dieſer entfällt auf das Konto von Heyden=
Grimm, die im Doppelſpiel gegen Chelly=Gault nach
intereſſantem Kampfe 622, 4:6, 6:4 ſiegreich blieben. Die
übrigen Spieler brachten den Franzoſen durchweg ſchöne,
wenn auch teilweiſe knappe Siege.
* Der Deutſche Eislauf=Verband hat eine Neu=Aus
gabe ſeiner Wettlaufordnung veranſtaltet. Die Wettlauf
Ordnung enthält die Beſtimmungen über Vorbereitung
Ausſchreibung und Abwicklung von Kunſt= und Schnell=
laufen
, ſowie die Vorſchriften über das Kunſtlaufen in
ſeinen beiden Teilen, dem Laufen der Pflichtübungen und
dem Laufen nach freier Wähl (Kürlaufen). In einem An=
hange
ſind die ſämtlichen Eislauf=Figuren bildlich dar
geſtellt, aus denen die Pflicht=Uebungen im Kunſtlaufen
entnommen werden, beginnend mit dem einfachen Bogen=
Achter und aufſteigend zu den ſchwierigſten Kombinatio=
nen
. Das Heft wird auch für ſolche Freunde des Schlitt=
ſchuhlaufens
nützlich ſein, die ſich an ſportlichen Wett=
bewerben
nicht beteiligen wollen; es bietet mannigfache
Anregungen und reichen Uebungsſtoff. Es iſt zum Preiſe
von 50 Pfg. durch die Geſchäftsſtelle des Deutſchen Eis=
lauf
=Verbandes Berlin SW. 47, Katzbachſtraße 7, zu be=
ziehen
.

Handel und Verkehr.

Weihnachtsſendungen betreffend.
Die Reichs=Poſtverwaltung richtet auch in dieſem
Jahre an das Publikum das Erſuchen, mit den Weih=
nachtsſendungen
bald zu beginnen, damit die
Paketmaſſen ſich nicht in den letzten Tagen vor dem Feſte

zu ſehr zuſammendrängen. Bei dem außerordentlichen
Anſchwellen des Verkehrs iſt es nicht tunlich, die gewöhn=
lichen
Beförderungsfriſten einzuhalten und namentlich auf
weite Entfernungen eine Gewähr für rechtzeitige Zu=
ſtellung
vor dem Weihnachtsfeſte zu übernehmen, wenn die
Pakete erſt am 22. Dezember oder noch ſpäter eingelieſert
werden.
Die Pakete ſind dauerhaft zu verpacken.
Etwaige auf dem Verpackungsſtoff vorhandene ältere Auf=
ſchriften
und Beklebezettel müſſen beſeitigt oder unkennt=
lich
gemacht werden. Die Beziutzung von dünnen Papp=
kaſten
, ſchwachen Schachteln, Zigarrenkiſten uſw. iſt im
eigenen Intereſſe der Abſender zu vermeiden. Die Auf=
ſchrift
der Pakete muß deutlich, vollſtändig und halt=
bar
hergeſtellt ſein. Kann die Aufſchrift nicht in deutlicher
Weiſe auf das Paket ſelbſt geſetzt werden, ſo empfiehlt
ſich die Verwendung eines Blattes weißen Papiers,
das der ganzen Fläche nach feſt aufgeklebt
werden muß. Am zweckmäßigten ſind gedruckte Auf=
ſchriften
auf weißem Papier, dagegen dürfen Formulare
zu Poſtpaketadreſſen für Paketaufſchriften nicht verwandt
werden. Bei in Leinwand verpackten Sendungen mit
Fleiſch und anderen Gegenſtänden, die Feuchtigkeit, Fett,
Blut uſw. abſetzen, darf die Aufſchrift nicht auf die Um=
hüllung
geklebt werden. Der Name des Beſtimm=
ungsorts
muß recht groß und kräftig gedruckt oder
geſchrieben ſein. Die Paketaufſchrift muß ſämtliche An=
gaben
der Poſtpaketadreſſe enthalten, alſo auch den Franko=
vermerk
, bei Paketen mit Poſtnachnahme den Betrag der
Nachnahme, ſowie den Namen und die Wohnung des Ab=
ſenders
, bei Eilpaketen den Vermerk durch Eilboten uſw
damit im Falle des Verluſtes der Poſtpaketadreſſe das
Paket doch dem Empfänger ausgehändigt werden kann.
Auf Paketen nach großen Orten iſt die Wohnung des
Empfängers, auf Paketen nach Berlin auch der Poſtbezirk
(C., W., SO. uſw.) anzugeben. Empfehlenswert iſt die
Anbringung einer zweiten Aufſchrift innerhalb der Ver=
packung
. Zur Beſchleunigung des Betriebs trägt es
weſenlich bei, wenn die Pakete frankiert aufgeliefert,
d. h. die zur Frankierung erforderlichen Marken ſchon vom
Abſender auf die Poſtpaketadreſſe aufgeklebt werden.
Die Verſendung mehrerer Pakete mittels
einer Poſtpaketadreſſe iſt für die Zeit vom 12. bis ein=
ſchließlich
24. Dezember weder im inneren deutſchen Verkehr,
noch im Verkehr mit dem Ausland ausgenommen Argen=
tinien
geſtattet. Nach Argentinien können auch in die=
ſer
Zeit mehrere, jedoch höchſtens drei Pakete, mit einer
Poſtpaketadreſſe verſandt werden. Gemeinſchaftliche Ein=
lieferungsbeſcheinigungen
über mehrere gewöhnliche Pa=
kete
werden abgeſehen von Sendungen nach Argen=
tinien
in der bezeichneten Zeit nicht ausgeſtellt.

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iſt eins der vielen Schlagworte unſerer
Zeit, die von der großen Menge nicht
nach ihrer ganzen Bedeutung gewür-
digt
werden. Durch Turnen, Rudern,
Schwimmen, Fechten bemüht man ſich,
eine harmoniſche Ausbildung des Kör-
pers
zu erreichen und bedenkt nicht, daß
zur Erzielung eines wirklichen Erfolges
eine rationelle Ernährung des Körpers
mit ſeiner äußeren Pflege aufs Innigſte
Hand in Hand gehen muß. Das ideale,
Wohlgeſchmack mit höchſter Nahrhaftig-
keit
vereinende Frühſtücksgetränk, das
uns eine gütige Natur in dem Kakao
ſchenkte, hat zwar in den letzten Jahren
ſo an Verbreitung gewonnen, daß
ſich ſein Verbrauch mehr als ver=
doppelt
hat. Aber trotzdem nimmt
es in der Volksernährung längſt
nicht den Platz ein, der ihm zukommt.
Güekenet.
=Kakao iſt wegen ſeiner vollendeten
Qualität und ſeiner Wirtſchaftlichkeit im
Gebrauch beſonders geeignet, dieſem
Idealgetränk neue Freunde zu werben.
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[ ][  ][ ]

Amtliche Nachrichten des Großh. Polizelamts Darmſtadt.

Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde: In polizei=
licher
Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 1 Pinſcher, 1 Kriegshund. 2 Pinſcher (zugelaufen). Die
Hunde können von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier aus=
gelöſt
werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet
dortſelbſt jeden Werktag, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.
(24485
Straßenſperre. Wegen Vornahme von Kanalbauarbeiten wird
die Pankratiusſtraße zwiſchen der Müller= und Schloßgartenſtraße
vom 28. November bis zum 14. Dezember ds. Js. für den Fuhrwerks=
verkehr
geſverrt.
(24484

Verioſung von Schuldverſchreibungen der
Stadt Darmſtadt.

In Vollziehung des Schuldentilgungsplanes der Stadt Darm=
ſtadt
ſind heute nachſtehende 3½prozentige Schuldverſchreibungen auf
den Inhaber durch Verloſung zur Rückzahlung berufen worden,
nämlich:
1. Rückzahlbar am 1. Februar 1913.
Buchſt. H Abt. I über 2000 Mk. Nr. 104, 108, 231, 331, 431,
486, 662, 752, 891.
H II über 1000 Mk. Nr. 88, 91, 226, 234, 249, 293,
373, 461, 516.
H III über 500 Mk. Nr. 57, 191, 197, 450, 452, 588,
797, 862.
H IV über 200 Mk. Nr. 120, 133, 174, 215, 373,
603, 681, 709, 859.
2. Rückzahlbar am 1. Juni 1913.
Buchſt. U Abt. I über 1000 Mk. Nr. 18, 44, 72, 88, 144, 169,
274, 306, 352, 388, 446, 611, 654, 701,
719, 840, 903.
U II über 500 Mk. Nr. 134, 335, 345, 478, 637,
664, 665, 670, 699, 777, 901, 919, 941,
966, 971, 977.
½ U III über 200 Mk. Nr. 1, 53, 67, 80, 138, 140,
168, 213, 269, 286, 349, 381, 421, 449,
532, 531, 604, 613, 729, 321, 973.
3. Rückzahlbar am 1. Juli 1913.
Buchſt. K Abt. I über 2000 Mk. Nr. 5, 57, 138, 187, 193, 264,
303, 380, 394, 463, 492. 570, 644.
K II über 1000 Mk. Nr. 24, 152, 351, 370, 447,
480, 484, 509, 630, 646, 770, 825, 840,
892, 894, 1037, 1065, 1187, 1197, 1279,
1308, 1345, 1379, 1498, 1500, 1546, 1571,
1784, 1905, 1995.
K III über 500 Mk. Nr. 122, 139, 204, 330, 345,
368, 543, 714, 728, 771, 929, 966, 989,
1035, 1141, 1296, 1356, 1411, 1439, 1444,
1449, 1492, 1506, 1523, 1539, 1051, 1748,
1904, 1950, 1951.
K IV über 200 Mk. Nr. 301, 475, 483, 499, 512,
668, 797, 897, 924, 954.
4. Rückzahlbar am 1. Oktober 1913.
Gaswerksſchuldverſchreibungen Buchſt. A über 200 Mk. Nr. 107,
205, 215, 334, 355, 398, 412, 539, 598, 605, 692, 711, 823, 840, 905, 929,
1052, 1061, 1117, 1159, 1186, 1206.
Die Einlöſung aller Stücke geſchieht bei der Stadtkaſſe Darm=
ſtadt
, außerdem erfolgt die Rückzahlung der Schuldverſchreibungen:
des Anlehens Buchſt. H bei der Dresdener Bank in Berlin
und deren Niederlaſſung zu Frankfurt a. M., bei der
Oldenburgiſchen Spar= und Leihbank zu Oldenburg
und bei dem Bankhauſe Ephraim Meyer & Sohn zu
Hannover;
des Anlehens Buchſt. U bei der Bank für Handel und In=
duſtrie
zu Darmſtadt und Berlin und deren übrigen
Niederlaſſungen;
des Anlehens Buchſt. K bei der Bank für Handel und In=
duſtrie
zu Darmſtadt und Berlin und deren übrigen
Niederlaſſungen, bei den Bankhäuſern Delbrück, Schickler
& Cie. zu Berlin, Ferdinand Sander zu Darmſtadt
und Frankfurt a. M. und bei der Deutſchen Vereins=
bank
, Filiale Darmſtadt, vormals Ed. G. Gerſt zu
Darmſtadt;
des Gaswerksanlehens Buchſt. A bei dem Bankhauſe Ferdi=
nand
Sander zu Darmſtadt und Frankfurt a. M.
Die Verzinſung der Schuldverſchreibungen hört mit den oben
genannten Verfallterminen auf.
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Roman aus Maſuren von Horſt Bodemer.
(Nachdruck verboten.)
25)

Herr von Roßdorff, ich komme in ernſter Angelegen=
heit
.
Bitte, nehmen Sie Platz, Herr von Wullnow.
Danke! Er ſetzte ſich und fuhr ſogleich fort: Warum
meiden Sie eigentlich mein Haus ſo auffällig?
Weil mich Umſtände dazu zwingen!
Wollen Sie ſich nicht offen ausſprechen? Vielleicht
laſſen ſich dadurch manche Bedenken aus der Welt ſchaffen.
Daß Sie Herrn v. Plattangens Freund ſind, weiß ich, aber
das iſt doch ſchließlich kein ſchwerwiegender Grund!
Wenigſtens haben Sie ſich anfangs uns gegenüber viel
freundſchaftlicher geſtellt!
Roßdorff wurde die Antwort nicht leicht, es galt eine
Dame zu ſchützen.
Sie haben recht, eine offene Ausſprache wird die
Situation klären. Ich bin auf meiner Heimreiſe einige
Tage in Plattangen geweſen, auch bei Ihren Verwandten
in Tampiſchkehnen war ich eingeladen. Ich erkundigte
mich bei Ihrer Frau Gemahlin, ob ſich die Herrſchaften
wohl und munter befänden, das war mir Herzensbedürf=
nis
. Jawohl! Die gnädige Frau fragte mich, wie ſich

Plattangen in der Heimat fühle und ließ durchblicken,
er aus pekuniären Gründen ſeinen Abſchied habe ein=
eichen
müſſen. Ich war wie aus den Wolken gefallen,
enn Plattangen hatte mir niemals geſagt, daß der Schul=
den
habe. Wir ſtanden uns im Regiment ſo gut, keiner
hatte vor dem anderen Geheimniſſe, ſo daß ich natürlich
ber dieſe Eröffnung ſprachlos war. Ich wollte wiſſen
wer das Gerücht in die Welt geſetzt hatte. Leider ver=
weigerte
mir Ihre Frau Gemahlin eine erſchöpfende Ant=
wort
auf meine Frage. Ich zog daher bei Herrn von Sol=
enſtern
Erkundigungen ein. Man hatte mal wieder aus
einer Mücke einen Elefanten gemacht. Um Ihre junge
Ehe nicht zu ſtören, habe ich mir bis heute die weiteſt=
gehende
Reſerve auferlegt. Sind Sie nun mit meinen Er=
ffnungen
zufrieden, Herr von Wullnow?
Doch noch nicht ganz, Heer von Roßdorff!
Da zog der junge Offizier die Augenbrauen hoch.
So bitte ich, erſchöpfende Fragen zu ſtellen!
Wiſſen Sie, wer meiner Frau dieſes Gerücht mit=
geteilt
hat?
Allerdings, Herr von Wullnow Sie!
Der Legationsſekretär zuckte leicht die Achſeln. Ich
habe es meiner Frau mitgeteilt, ſo nebenbei, wie ich es
ehört habe!
Und dafür habe ich eben kein Verſtändnis. Ich gebe

zu, ich bin Partei, und deshalb wird es das beſte ſein,
Herr von Wullnow, unſer Verkehr beſchränkt ſich auf das
Minimum, welches nötig iſt, um Klatſchereien zu ver=
meiden
!
Man klatſcht ſchon!
Das tut mir leid, ich kanns aber nicht ändern. Mögen
ie Herrſchaften ruhig annehmen, daß wir uns nicht ſym=
pathiſch
ſind.
Wullnow zog die Oberlippe zwiſchen die Zähne. Wie
geſchickt ihn dieſer harmloſe Offizier abfing!
Und während er noch überlegte, wie er am beſten den
Kopf aus der Schlinge ziehen könnte, fragte Roßdorff
ruch noch im eiſigſten Tone der Welt: Haben Sie ſonſt
noch Fragen, Herr von Wullnow?
Er ſtand auf. Nein, Herr von Roßdorff!
Dann darf ich wohl um meine ergebenſten Empfehlun=
gen
an die gnädige Frau bitten! Ich werde mir in den
nächſten Tagen erlauben, mich perſönlich für die liebens=
würdige
Einladung zu bedanken.
Der kluge Wullnow war einfach ſprachlos. Ihn ſelbſt
varf dieſer Roßdorff hinaus, und Gunild wollte er be=
ſuchen
! Er verzog die Mundwinkel und machte eine kurze
Verbeugung, desgleichen der Offizier.
Die Tür fiel ins Schloß.
So, dem hab ichs gegeben uff! Er rieb ſich dis

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Stirne. Helmut Roßdorff, manchmal langts doch da
oben!
Als Wullnow in der miſerabelſten Stimmung heim
kam, empfing ihn Gunild mit verweinten Augen. Haſt
Du mit Roßdorff geſprochen? fragte ſie erregt.
Natürlich, er läßt ſich ſchönſtens empfehlen, wird Dir
nächſtens ſeine Aufwartung machen, das hab ich ihm bei=
gebracht
. Du wirſt ihn aber nicht empfangen!
Sie hörte aus allem nur heraus, daß es zu keinem
heftigen Zuſammenſtoß gekommen war.
Und künftighin trage Dein Herz nicht ſo auf der
Zunge! Ich rede keine Unwahrheiten!
Da verließ ſie das Zimmer.
Und als am Ende der Woche Roßdorff gemeldet
wurde, nahm ſie ihn an.
Gnädige Frau, ich habe nicht damit gerechnet, von
Ihnen empfangen zu werden. Leider habe ich das Tiſch=
tuch
zwiſchen Ihrem Herrn Gemahl und mir zerſchneiden
müſſen, es ging beim beſten Willen nicht anders. Nach
außen hin werden wir beide das Dekorum aber jeden=
falls
zu wahren wiſſen!
Ja, aber
Verzeihung! Bitte, forſchen Sie nicht nach Einzel=
heiten
! Im übrigen hat Plattangen wirklich einmal hoch
geſpielt, auch bedeutend verloren. Ich habe es erſt vor
kurzem erfahren, Aber in irgend welcher pekuniärer Be=
drängnis
hat er ſich nicht einen einzigen Tag befunden!
Sie haben mir das Herz erleichtert dafür danke
ich Ihnen!
Roßdorff zieht ihre Hand an die Lippen. Ich muß
nun gehen und bitten, gnädige Frau, daß Sie mir ein
gutes Andenken bewahren. Und wenn ich Ihnen in den
Geſellſchaften begegne, dann werde ich nie verſäumen,
mich Ihnen zu nähern!

Ganz Maſurenland arbeitete mit Hochdruck. Es gab
viel nachzuholen, denn zur rechten Zeit mußten die Fel=
der
beſtellt ſein, ſonſt reiften die Saaten auf dem Halme
nicht, wenn wieder der Herbſt frühzeitig mit ſtarken Regen=
güſſen
und bitterkalten Nächten einſetzen ſollte.
Plattangen war den ganzen Tag draußen bei ſeinen
Arbeitern, er lernte die einfachen, ſtillen Leute bald mit
anderen Augen anſehen. Treue herrſcht im Maſurenland.
Wenn es not tat, ſchafften ſie, ſo lange die Kräfte aus=
hielten
, ohne Murren. Ihre Fehler haben ſie freilich
auch, ſie lieben die Schnapsflaſche über Gebühr, und ab
und zu ſtellen ſie auch einmal ein Schlingchen. Dann fährt
wohl mal ein Donnerwetter herunter vom Inſpektor oder
Förſter, aber das nimmt der Maſur nicht weiter übel.
Er tröſtet ſich mit ſeinem Fläſchchen.
Der alte Agrameit war auf dem Poſten wie der jüng=
ſten
einer.
Nun ſchonen Sie ſich aber! ſagte Plattangen zu ihm,
als die ſchlimmſte Arbeit vorüber war.
Aber da hatte der Inſpektor mit ſeinen ſtahlgrauen,
energiſchen Augen ſeinen Herrn angeſehen. Jetzt heißt
es, die Wälder in Ordnung bringen, denn unſer Winter=
ſchlaf
war lang genug!
Mannchen fing das Gewiſſen zu ſchlagen an. An ſo
viel Treue und Arbeit war er die beſten Jahre ſeines Le=
bens
vorbeigegangen ohne das geringſte Verſtändnis. Er
meinte, Tüchtiges habe er geleiſtet, wenn er als Offizier
ſeinen Dienſt getan und nebenbei auf den Rennplätzen
herumgejagt war um Ehrenpreiſe, um Geld, um den Bei=
fall
einer Menge, die ſich zum guten Teile aus Tagdieben
zuſammenſetzte. Da lernte er endlich ſeine Heimat, ſeinen
Grund und Boden, der mit ſo vielem Schweiße gedüngt
wurde, über alles lieben.
Ueber alles? Ja und nein! Er fand Zufriedenheit in
ſeiner Arbeit, er lernte ſie ſchätzen als das köſtlichſte Gut

auf Erden. Wenn ſich aber die Abendſchatten auf ſein
einſames Haus ſenkten, dann trat Gunild immer wieder
lautlos über die Schwelle, und er ſaß, den heißen Kopf
in die Hände geſtützt, am Tiſche. Wie er ſich auch mühte,
die Gedanken ließen ſich nicht bannen, das Herz ſchlug
ſchneller, und jeder Schlag trieb ihm heftiger das Blut
ins Hirn, er wähnte, eine innere Stimme ſchrie ihm im
Takte zu: Gu-nild Gu-nild Gunild!
Eines Tages kam wieder einmal Sollenſtern ange=
fahren
.
Mannchen, nächſten Sonntag biſt Du mein Gaſt, die
Tampiſchkehner kommen auch! ſchrie er ihm gentgegen.
Laß mich in Ruhe, Onkelchen, mir tun die Menſchen
weh!
So gehſt Du kaput, nimm Vernunft an!
Plattangen wehrte energiſch mit der Hand ab und
blieb ſtumm.
Agathchen fährt nämlich auf vierzehn Tage nach Pe=
tersburg
am Dienstag, und Du wirſt doch wohl wenig=
ſtens
Grüße an Roßdorff mitgeben wollen?
Erſtaunt ſah Plattangen ſeinen Onkel an.: Ich denke,
Roßdorff kommt ſo gut wie gar nicht mehr mit Wullnows
zuſammen?
Mag der Himmel wiſſen, was vorgefallen iſt! Am
Donnerstag erhielten die Tampiſchkehner ein Telegramm
von Gunild, Agathe möge ſofort kommen. Du kannſt
Dir denken, wie die Kleine gebettelt hat. Da gab der
gute Dittmark klugerweiſe nach.
Dann werde ich allerdings morgen den Gehrock aus
dem Schranke nehmen müſſen.
Adjüs, Mannchen, hab gar keine Zeit, ſo in Ortels=
burger
Baumeiſter will ſchleunigſt drei Waggons Bretter
haben, ich muß zu Hauſe Dampf machen!
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Vorträge.

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für das Großherzogtum Heſſen. Man ſchreibt
uns: Nachdem in den letzten Jahren meiſt akademiſche
Theologen in der Vereinigung geſprochen haben, ſind es
in dieſem Winter im praktiſchen Amte ſtehende Geiſtliche,
welche die Vorträge über vier Grundfragen religiöſer
Weltanſchauung übeenommen haben. Als erſter unter
ſihnen redete am Montag abend Pfarrer Freundlieb=
Vilbel, bei vielen Darmſtädtern von ſeiner Pfarraſſiſten=
tenzeit
her noch in beſter Erinnerung ſtehend. Zur Be=
antwortung
der Frage: Warum glauben wir an einen
perſönlichen Gott? führte ee zunächſt mit einer Darlegung
über die Entſtehung des Glaubens überhaupt einen brei=
ten
Unterbau auf. Glauben iſt keine Sache des Intellekts,
ſondern des Gefühls und des Willens. Das zeigt ſchon
ein Blick auf das Heidentum, in welchem die erſte Regung
menſchlichen Geiſteslebens, die Angſt um die Erhaltung
des Daſeins, allmählich durch die Ueberwindung der Ge=
fahren
aufgrund von Denken, Wiſſen und Können ſchwin=
det
und damit auch das Gefühlsleben umgeſtaltet wird:
es entſteht die Frage nach dem Sinn des Lebens, und die
Angſt vor dem Endlichen wandelt ſich in Ehrfurcht und
Vertrauen zu dem Allmächtigen. Auch im Chriſtentum
findet ſich dieſe Entwicklung in etwas veränderter Form:
im Mittelpunkt ſteht die Frage nach dem ewigen Leben,
die Furcht vor dem Unergründlichen wandelt ſich in Ver=
trauen
zu dem Vatergott. Wenn auch die ſteigende Kul=
tur
dieſe Veränderung bewirkt, ſo iſt es doch nicht ſo, als
ob die Religion abhängig ſei von der wiſſenſchaftlichen
Eckenntnis. Dieſe iſt Sache des Intellekts, beim Glauben
aber handelt es ſich um die Frage: wo fühle ich mich
innerhalb der ſo oder ſo erkannten Schöpfung, alſo nicht
um Intellekt, ſondern um Gefühl. Alſo auch nicht um
eine Lehre; durch korrekte Lehre wird keiner religiöſer,
durch inkorrekte braucht keiner irreligiös zu werden. So
kann auch naturwiſſenſchaftliche Erkenntnis die geiſtige
Provenienz der Religion im Menſchenleben nicht erſchüttren,
ſondern höchſtens noch intenſiver zu der Frage anregen:
wie ſtehe ich nun dem veränderten Weltbild gegenüber?
Und andererſeits wird eine am alten Weltbild hängende,
ſich alſo an etwas Intellektuelles klammernde Theologie
auf Irrwege geraten: ſie vergißt, daß es ſich um die innere
Stellung zu Gott handelt. Nux da, wo irrtümlich der

Glaube als Sache des Intellekts gefaßt wird, kann man
die Frage nach einem perſönlichen Gott mit dem einfachen
Hinweis auf Schrift und Bekenntniſſe löſen. Sie ſind un=
entbehrliche
wertvolle Zeugniſſe für das Weſen des
Chriſtentums, aber ſie ſind es nicht allein, und ſie machen
das eigene Gewiſſen nicht überflüſſig. Sie fördern uns
in dem Glauben an Gott, der ſich uns geradezu aufdrängt
in der Fülle der Tatſachen die uns umgeben. Um deren
Wertung für unſer Leben handelt es ſichs in der Religion.
Wiſſenſchaft kann den Glauben ſo wenig widerlegen, wie
ie ihn beweiſen kann; hier gilt lediglich die eigene innere
Ueberzeugung. Wo dieſer das Daſein eines waltenden
Geiſtes, der hinter dem geordneten Ganzen ſteht, als
unwiderlegliche Wahrheit aufgegangen iſt, da wird
ſie ihn mit Jeſus Chriſtus als den Gott der Liebe faſſen,
wie ja auch in unſerem kleinen Menſchenleben nicht Wiſſen
und Verſtand, ſondern Liebe und Güte das Höchſte iſt,
worauf das Menſchenleben beruht.
Der Redner mutete ſeinen Zuhöreten mit dieſen hier
nur andeutungsweiſe wiedprgegebenen Ausführungen
etwas zu, entſchädigte ſie aber auch durch den Eindruck des
tiefſten religiöſen Ernſtes, den ſeine Darlegungen machten,
und hat gewiß manchem unter den zahlreichen Anweſenden
neue Wege zum Glauben gezeigt, wie denn auch reicher
Beifall ſeinen Worten folgte. Auf den zweiten Vortrag
am 4. Dezember, in welchem Pfarrer Lie. Fuchs=
Rüſſelsheim über die Frage: Gibt es ein ewiges Leben?,
ſprechen wird, ſei jetzt ſchon aufmerkſam gemacht.

Literariſches.

Du ſollſt ein Mann ſein, Roman von
Olga Wohlbrück. Die Schärfe der Beobachtung und
die Liebenswürdigkeit zugleich, mit denen Olga Wohl=
brück
die mannigfaltigſten Geſellſchaftskreiſe in ihren Ro=
manen
ſchildert, rücken ſie in die erſte Reihe der modernen
deutſchen Erzähler. Wie der Held des Buches über alle
Fährlichkeiten hinweg zu einem ganzen Mann und makel=
loſen
Charakter emporwächſt, iſt mit künſtleriſchem Ernſte
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Dialekte (Nr. 725726). Willibald von Reuß
ſchildert in einem Zeitromane von feſſelndem Inhalte und
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ſchließende Schickſal eines Uebermenſchen (Nr. 727730).
Behaglicher Humor zeichnet Th. Oelckers Geſchichten
(Nr. 731) aus: Ein ſeltener Advokat; Dr. Schmidt und
Magiſter Müller. Die Beiträge des Thüringer Wald=
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Auguſt Trinius (Nr. 732) ſind ebenfalls auf einen
lebensfrohen Ton geſtimmt. R. Kohlrauſchs Novelle
Wotans Verlobung ſpielt im heutigen Künſtlerleben,
Italien iſt der Hauptſchauplatz des Spiels (733/734).
Höher ſtehen die drei Novellen Paul Quenſels in den
Schlußnummern (735/736).
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Haſten und Jagen unſerer ſchnellebigen Zeit noch ein
Herz bewahrt hat, das für die ſtille, ruhige Schönheit emp=
fänglich
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J. M. Sick zu uns ſpricht, eine Stätte finden, die ihm
in allen Lebenslagen ein unerſetzbares Heiligtum be=
deuten
wird, einen Tempel, wo nur Reinheit und Schön=
heit
wohnt.

Gewinnauszug
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5. Klaſſe 15. Ziehungstag 26. November 1912

Auf jede gezogene Nummer ſind zwei gleich hohe Gewinne
gefallen, und zwar je einer auf die Loſe gleicher Nummer
in den beiden Abteilungen 1 und II.

(lachbruck verdoten)
(Ohne Gewähr A. St.=A. f. Z.)
In der Vormittags=Ziehung wurden Gewinne über
240 Mk. gezogen:
2 Gewinne zu 30000 Mk. 108488
4 Gewinne zu 10000 Mk. 15187 82419
4 Gewinne zu 5000 Mk. 116802 122376
68 Gewinne zu 3000 Mk. 10924 17472 22848 24327
28794 30359 31120 37382 45164 45391 47705 65851
59695 63299 63374 73934 84928 114508 118107
121969 125374 136632 140187 144478 145984 146046
146906 149069 152173 153538 168736 176652 186363
186581
122 Gewinne zu 1000 Mk. 4937 8102 10986 13530
16264 20990 29575 34310 35656 36432 40051 47800
48945 51388 52006 53066 55868 58289 66090 66815
67412 70454 72134 76065 78408 87540 88964 89152
90250 90755 101130 102249 102507 106644 106787.
108100 109581. 112690 112789 114162 114801 117816
118522 124852 127872 135430 136371 140131 140754
153200 159032 162077 166008 173841 183613 185323
185818 192996 197636 203362 205367
214 Gewinne zu 500 Mk. 6526 5885 6357 8619
10230 11301 16526 23592 25667 27017 30517 31584
33009 33875 34109 34660 34959 40446 40561 41588
42057 743197 44400 44785 47282 50000 51085 52138
55175 58807 59516 61809 62378 63743 64255 64804
64854 65047 65578 66131 69027 70603 70751 71250
75335 75348 77162 78323 80241 80489 82397 84183
90142 90876 91437 98020 99182 101039 110856
111365 112792 114662 117078 117980 119341 120112.
120539 122069 125273 126721 127592 130397 182664.
135699 135784 139377 142281 143787 146851 151277
152033 154902 166203 157380 153812 162807 162984
163981 165456 166912 168272 170580 170706 171831
172203 179636 181645 183769 186733 192692 196540
197831 197432 198611 201843 204878 207875
In der Nachmittags=Ziehung wurden Gewinne über
240 Mk. gezogen:
4 Gewinne zu 10000 Mk. 160057 170484
10 Gewinne zu 5000 Mk. 40239 49933 69097
85515 110569
64 Gewinne zu 3000 Mk. 6923 7147 27453 29416
30865 57862 66102 69643 71184 77704 77781 88636
92683 95486 97832 101648 106535 110514 117952
120320 123684 128422 129281 145247 156684 161661f
162505 190600 196780 200221. 203394 204312
104 Gewinne zu 1000 Mk. 8364 16267 19275 21685
22178 25058 26591 30152 34781 39489 40349 43982,
44022 44729 47741 55188 55401 56788 56836 65990)
67862 81776 87648 94378 96413 98291 98681 100687
102447 116198 124750 126141 127468 133779 135222
136716 143169 151928 156567 158905 162225 168569
174029 181589 184387 185143 194561 195883 201265
201389 202961 202994
170 Gewinne zu 500 Mk. 2639 7539 3891 16799
24924 25272 26250 33025 35988 39564 40265 49629.
60089 51249 62470 52888 56237 57796 60907 66692)
68790 69042 69959 70177 71543 73268 78500 73888
73690 76602 78790 81582 81675 84382 89329 90382
91999 95179 95592 97920 102917 110815 113918
116012 119635 121235 121636 126458 128093 129979
130268 130359 135438 137367 139798 143427 143480.
144100 144531 148704 152290 152605 154054 155366
158927 159683 160625 162189 169521 170710 171130
179086 181475 184549 185060 186137 186814 187339
189660 191929 196731 196980 197621 200244 203130

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