Darmstädter Tagblatt 1912


11. November 1912

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175. Jahrgang
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Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 18 Seiten.

Das Wichtigſte vom Tage.

Geſtern fand in Gegenwart des Großherzogspaares die
Einweihung der Lutherkirche in Worms
ſtatt.
Prinz. Heinrich von Preußen iſt am Samstag
abend von ſeiner Oſtaſien=Reiſe nach Kiel zurück=
gekehrt
.
Wegen Beleidigung des preußiſchen Ab=
geordnetenhauſes
wurde der Redakteur des
Vorwärts zu 200 Mark Geldſtrafe verurteilt.
Auf dem Lordmayor=Bankett in der Guildhall zu London
hielt Premierminiſter Asquith eine Rede,
in der er ſagte: Die Landkarte Europas müſſe neu ent=
worfen
werden. Die auf den alten Ideen baſierenden
Gedanken müſſe man über Bord werfen. In einem
Punkte glaube er, ſei die allgemeine Meinung Europas
eines Sinnes: daß den Siegern im Balkankriege nicht
die Früchte geraubt werden dürfen, die ihnen ſo teuer
zu ſtehen kamen.
Die Nachricht von der Einnahme Salonikis durch
die griechiſchen Truppen erweckte in Athen große Be=
geiſterung
.
Die Kapitulation von Saloniki, ſowie des
Forts Kara=Burnu iſt am Freitag abend unterzeich=
net
worden. 25 000 Mann haben ſich ergeben.

Letzte Nachrichten ſiehe Seite 8.

Der Dreibund und die Balkankriſis.

CD Die amtliche Kundgebung zum Beſuch des
Marquis di San Giuliano in Berlin geht
von dem Charakter rückhaltloſer gegenſeitiger Offenheit
aus, den die freundſchaftlichen Beziehungen des italieni=
ſchen
Staatsmannes zu den maßgebenden Berliner Per=
ſönlichkeiten
allen Ausſprachen gegeben hätten. Wert und
Tragweite eines ſo vertrauensvollen Verhältniſſes
brauchen angeſichts der verwickelten internationalen Lage
nicht beſonders betont zu werden. Was die amtliche Kund=
gebung
in Anſchluß daran über das gemeinſchaftliche
Verhalten Italiens und Deutſchlands mitteilt, erſcheint
im Vergleich mit ſonſtigen Kommentaren zu Miniſterbe=
ſuchen
aus dem Grunde wertvoller, als es nicht die be=
liebte
Uebereinſtimmung der Anſchauungen variiert, ſon=
dern
durch die gewählte Wendung zum Ausdruck bringt,
daß beide Mächte ſich über ihre praktiſche Politik völlig
klar geworden ſind. Namentlich trifft dies auf die gegen=
wärtige
Lage im Orient zu. Worin das gemeinſchaftliche
Verhalten beſtehen wird, dafür gibt die amtliche Kund=
gebung
einen Fingerzeig. Man will vor allem den tat=
ſächlichen
Ereigniſſen Rechnung tragen. Damit iſt die
Status quo=Formel nochmals eingeſargt, damit wird ge=
ſagt
, daß die Einmiſchung auf das unerläßliche Maß
beſchränkt werden ſoll. Die amtliche Kundgebung ſtellt
dies auch ausdrücklich feſt, indem ſie die Einmiſchung von
dem Erſuchen der Nächſtbeteiligten ſowie davon abhängig
macht, daß ſpezielle und direkte‟ Intereſſen durch irgend=
welche
Ereigniſſe berührt werden. Der Kreis dieſer In=
tereſſen
iſt inſofern eingeengt, als ſie ſpezielle und
direkte ſein müſſen, wenn ſie zur Einmiſchung führen
ſollen.
Daß auch Oeſterreich=Ungarn zu einer ſo begrenzten
Einmiſchungspolitik entſchloſſen iſt, geht aus der Feſt=
ſtellung
der Note hervor, daß hierüber die Beſprechungen,
denen wiederholt auch der öſterreichiſch=ungariſche Bot=
ſchafter
beiwohnte, die volle Uebereinſtimmung der ver=
bündeten
Regierungen ergeben hätten. Die maßvolle
Haltung der Donaumonarchie gegenüber der Balkankriſis
iſt alſo von neuem erhärtet werden. Daß aber der Drei=
bund
als Ganzes bei der Löſung des Orientproblems die
Rolle des ehrlichen Maklers ſpielen will, bezeugt der
Schluß der amtlichen Kundgebung. Denn hier wird das
einmütige Zuſammengehen der Verbündeten nochmals
nur zu dem Zwecke hervorgehoben, um hinzuzufügen, es
erleichtere ihnen die ſtete herzliche und freundſchaftliche
Fühlungnahme auch mit den anderen Mächten, mit denen
ſie einzeln und zuſammen in dauerndem Gedankenaus=
tauſch
ſtünden. Der Hinweis darauf, daß der Dreibund
als ſolcher mit den anderen Mächten in dauerndem Ge=
dankenaustauſch
ſteht, beſtätigt mittelbar jene Meldun=
gen
, in denen von der Uebergabe gleichlautender Noten
der Dreibundmächte die Rede war. Wie wenig jedoch
das einmütige Zuſammengehen der Dreibundmächte in
der orientaliſchen Angelegenheit die Erlangung von Son=
dervorteilen
bezweckt, beweiſt die gleichzeitige freundſchaft=
liche
Fühlungnahme mit den anderen Mächten,

Auf dieſe Weiſe wird der Dreibund ohne Zweifel
für die friedliche Löſung des Balkanproblems am erfolg=
reichſten
wirken können.

Oeſterreich=Ungarn und Herbien.

** Die Hauptfrage, die bei dem wohl über kurz oder
lang erfolgenden Friedensſchluſſe auf dem Balkan ge=
ſtellt
wird, iſt die, welche Haltung Oeſterreich dabei ein=
nehmen
wird, und ob man ſich dazu entſchließen werde,
Oeſterreich=Ungarn gewiſſe Konzeſſionen zu
machen. Daß es ohne ſolche abgehen wird, iſt kaum
anzunehmen, denn bei ſeinem großen Intereſſe auf dem
Balkan kann die Donaumonarchie nur dann in Gebiets=
veränderungen
einwilligen, wenn ſie ſelbſt in irgend einer
Form entſchädigt wird. Auf territorialem Gebiete dürfte
dies kaum möglich ſein es kämen wohl nur die wirtſchaft=
lichen
Beziehungen in Betracht. Namentlich in Belgrad
bläht man ſich ſehr auf und fordert das Blaue vom Him=
mel
herunter, insbeſondere beſteht man darauf, daß Ser=
bien
einen Zugang zum Adriatiſchen Meere erhalten
müſſe, ein Verlangen, gegen das ſich Oeſterreich=Ungarn
begreiflicherweiſe auf das entſchiedenſte wehrt. Eine heikle
Frage bildet auch die Geſtaltung der Verhältniſſe in Alba=
nien
. Es taucht da der ſchon früher ventilierte Vorſchlag
auf, dieſer Provinz die Autonomie zu verleihen und an
ihre Spitze einen chriſtlichen Prinzen unter Oberhoheit des
Sultans zu ſtellen. In mancher Hinſicht wäre dieſe =
ſung
nicht die ſchlechteſte, ſie wäre zweifellos beſſer, als
wenn Albanien irgend einem der Verbündeten zufiele,
gleichwohl aber würde eine derartige Löſung noch den
weiteren Keim von Zwiſtigkeiten in ſich bergen. Gerade
Oeſterreich hat an der Art der Löſung das größte In=
tereſſe
und dürfte hierbei ein entſcheidendes Wort mit=
ſprechen
wollen.

Die Wiener Allgemeine Zeitung meldet aus Peſt:
Der öſterreichiſch=ungariſche Geſandte von Ugron zu
Abranſalva kehrte mit neuen Weiſungen nach Bel=
grad
zurück. Er wird dem Miniſterpräſidenten Paſitſch
mitteilen, daß die Monarchie von dem Beſtreben geleitet
ſei, mit Serbien ein ſo gutes Einvernehmen zu unterhal=
ten
, wie es unter dem Grafen Andraſſy dem Aelteren be=
ſtanden
habe. Die Monarchie ſei geneigt, die ſerbiſche
Politik Andraſſys fortzuſetzen, wenn Serbien ebenfalls
zu ſeinem damaligen Verhalten zurückkehre und eine ent=
ſprechende
Garantie biete.
Die Wiener Neue Freie Preſſe veröffentlicht ein In=
terview
mit dem in Wien weilenden Albaneſenführer
Ismail Kemal, der erklärte, die jetzigen Eroberer könnten
keine ſchwerere Sünde begehen, als wenn ſie ſich auf
Koſten der Albaneſen bereichern würden. Niemals wür=
den
die Albaneſen ſich in ein ſolches Schickſal fügen.
Europa werde die Segnungen des Friedens nicht genie=
ßen
können, wenn Albanien zerſtückelt werde. Wenn die
von den Balkanſtaaten eroberten Gebiete fortan ganz un=
abhängig
von der Türkei werden ſollten, müſſe auch Al=
banien
unabhängig werden. Albanien werde den Ehrgeiz
haben, ein ziviliſierter Staat zu ſein und, da die Alba=
neſen
ſein gutes Verhältnis zu Serbien
wünſchten, werde Serbien in der Lage ſein, ſich der
albaneſiſchen Häfen für ſeinen Handel zu bedienen. Die
Maliſſoren kämpften gegen die Türkei, aber nicht für
Montenegro, ſondern für die Unabhängigkeit Albaniens.
Albanien wolle zu einem guten Verhältnis zu Oeſterreich=
Ungarn und Italien ſtehen, um von beiden Staaten kul=
turell
und wirtſchaftlich gefördert zu werden. Ein kleiner
Staat bedürfe der Anlehnung an große Staaten und es
ſei klar, daß ſich die Anlehnung an die beiden verbündeten
Adriaſtaaten von ſelbſt ergebe. Von einem ſelbſtändigen
Albanien werde die große Nachbarmonarchie nur profi=
tieren
können.
Das Neue Wiener Tagblatt meldet aus Belgrad: An
maßgebender Stelle verlautet, daß die öſterreichiſch=
ungariſche
Regierung durch den Vertreter einer Groß=
macht
Serbien bekannt geben ließ, daß Oeſterreich=Ungarn
die Beſitznahme der eingenommenen Gebiete nur bis
Prizrend zulaſſe und wenn nötig, dieſem Verlangen mit
Waffengewalt Geltung verſchaffen wird. Die
Voſſiſche Zeitung meldet aus Peſt: Der öſterreichiſch=
ungariſche
Geſandte wird dem ſerbiſchen Miniſterpräſi=
denten
Paſitſch mitteilen, daß ſeine Regierung keines=
falls
dulden werde, daß Serbien Albanien
in Beſitz nimmt, insbeſondere einen Hafen au der

Adriaküſte beſetzt. Hierauf werden auch der deutſche und
italieniſche Geſandte beim Miniſterpräſidenten vorſprechen
und mitteilen, daß eine Feſtſetzung Serbiens in Durazzo
und San Giovanni di Medua keineswegs geduldet werde.
Die Liberté ſchreibt über die vom ſerbiſchen Miniſter=
präſidenten
Paſitſch erhobenen Anſprüche auf drei
adriatiſche Häfen, es ſei ſchwer, dieſe Anſprüche ernſt zu
nehmen. Die ſerbiſche Regierung wiſſe, daß ihre
Prätentionen nicht bloß auf die Ablehnung ſeitens
Oeſterreichs=Ungarns, ſondern auf die noch bru=
talere
ſeitens Italien ſtoßen würde. Die Uebertrie=
benheit
der ſerbiſchen Forderungen würde vor allem nur
das Ergebnis haben, zwiſchen den Regierungen von Wien
und Rom eine engere Uebereinſtimmung herbeizuführen.
Es ſcheine deshalb logiſch, daß Serbien ſein Programm
auf die Erwerbung eines einzigen Hafens
an der Adria beſchränke und dieſer Hafen ſei San Gio=
vanni
di Medua, welcher bereits jetzt von den Montene=
grinern
im Namen der Serben beſetzt ſei.

Zu dem Zwiſchenfall in Liberia

wird uns geſchrieben: Die Negerrepublik Liberia hat
ebenſo wie ihre weſtindiſche Schweſter Haiti oft wohl un=
liebſam
von ſich reden gemacht. Beide Staatsweſen ſtehen
kulturell auf niedriger Stufe, Unruhen und Beläſtigungen
der Fremden ſind an der Tagesordnung, und Liberia be=
findet
ſich überdies noch in den jämmerlichſten finanziellen
Verhältniſſen, ſo daß die Amerikaner mit dieſer ihrer
Gründung keinen Staat machen können. Liberia hat ſchon
verſchiedentlich auch ſchon mit Deutſchland Konflikte ge=
habt
, und man wird ſich erinnern, daß gegen Ende 1908
ein liberiſches Zoll=Kanonenboot wohl der vornehmſte,
wenn nicht einzige Repräſentant der Seemacht der Repu=
blik
zwei Woermann=Dampfer beſchoß, was natürlich
energiſche Reklamationen der deutſchen Regierung zur
Folge hatte. Die Republik bat dann um Entſchuldigung,
die ihr, da kein Schaden angerichtet worden war, auch
gewährt wurde. Einige Jahre vorher lag ein ernſterer
Fall vor, indem der an der liberiſchen Küſte geſtrandete
Dampfer Lule Bohlen nach Mißhandlung ſeiner Paſſa=
giere
und Mannſchaften von Eingeborenen als Strand=
gut
behandelt und ausgeplündert worden war.
Deutſchland hat mancherlei wirtſchaftliche Intereſſen
in Liberia, wo unſere großen Handelshäuſer umfangreiche
Faktoreien unterhalten. Der Warenaustauſch im Spezial=
verkehr
bezifferte ſich 1910 in der Einfuhr auf 2,2 Millio=
nen
und in der Ausfuhr auf 1,3 Millionen Mark. Wir
bezogen hauptſächtlich Piaſſavafaſern, Palmkerne und
Palmöl, während unſer Hauptausfuhrprodukt polierter
Reis war. Unſere Handelsbeziehungen mit Liberia ſind
durch einen Meiſtbegünſtigungsvertrag geregelt; im
Sommer 1908 ſchickte die Republik eine Sondergeſandt=
ſchaft
nach Berlin, die offiziell empfangen wurde und
Gaſt der deutſchen Regierung war. Vor zwei Jahren
hieß es, die Vereinigten Staaten von Amerika ſtrebten
ein Protektorat über Liberia an und wollten letzteres
finanziell unterſtützen, aber man hat ſeitdem nichts wie=
der
von einem ſolchen Plane gehört, und auch aus der
Anleihe iſt nichts geworden. Die von der deutſchen Re=
gierung
jetzt getroffenen Maßnahmen werden hoffentlich
genügen, um unſere Intereſſen in Liberia zu ſchützen und
die dieſen drohende Gefahr zu bannen

Teiſches Reich.

Der Reichsetat dürfte im Bundesratsplenum
in dieſer Woche verabſchiedet werden, ſo daß er dem
Reichstag bei ſeinem Zuſammentritt fertig vorliegen wird.
Die Leiſtungen der Reichsverſiche=
rung
. Nach einer im Reichsverſicherungsamt gefertigten
Zuſammenſtellung beträgt die Zahl der ſeit dem 1. Ja=
nuar
1891 bis einſchließlich 30. September 1912 von den
31 Landesverſicherungsanſtalten und den 10 vorhandenen
Sonderanſtalten bewilligten Invalidenrenten 2074 952.
Krankenrenten wurden in der Zeit vom 1. Januar 1900
bis einſchließlich 30. September 1912 135781 bewilligt.
Die Zahl der während desſelben Zeitraumes bewilligten
Altersrenten beträgt 513575. Seit dem 1. Januar 1912
iſt der Invalidenverſicherung die Hinterbliebenenverſiche=
rung
angegliedert worden. Bis 30. September 1912 iſt
Witwenrente und Witwerrente in 2189 Fällen, Witwen=
krankenrente
in 59 Fällen, Waiſenrente in 8538 Fällen,
Witwengeld in 2515 Fällen und Waiſenausſteuer in 56
Fällen bewilligt worden.
Reiſe des Gouverneurs von Kame=
un
, Am Ende dieſes Monats tritt Gouverneur

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912.

Nummer 266.

Dr. Ebermaier eine auf ſechs bis ſieben Monate berech=
nete
Reiſe nach dem Norden des Schutzgebietes Kamerun
an. Er wird begleitet von ſeinem perſönlichen Adjutan=
ten
, Oberleutnant von Engelbrechten, und einem land=
wirtſchaftlichen
Sachverſtändigen; auch Major Puder, der
Kommandeur der Schutztruppe, wird ſpäter zu der Ex=
pedition
ſtoßen. Die Reiſe geht über Land und berührt
die Stationen Bamenda, Banjo, Garua und Lere. Hier
wird die bekannte Etappenſtraße des Abkommens vom
4. November 1911 unterſucht werden. Dann geht es den
Logone abwärts zum Tſchadſee. Die Rückreiſe erfolgt
über Dikoa, Marua, Garua, Ngaundere, Tibati, Joko,
Jaunde und Kribi. Weſentlich ſind für den Gouverneur
auch die verkehrspolitiſchen Fragen. Wir dürfen von
ſeiner Reiſe Entſcheidungen für die zukünftige Kameruner
Eiſenbahnpolitik erwarten.
Chriſtliche Gewerkſchaften und Kon=
ſumvereine
. Der Vorſtand und Verwaltungsrat des
Verbandes katholiſcher kaufmänniſcher Vereine Deutſch=
lands
erlaſſen zu der Stellungnahme des chriſtlichen Ge=
werkſchaftskongreſſes
in Dresden zur Konſumvereinsfrage
folgende Erklärung:
Der kaufmänniſche Mittelſtand, insbeſondere die Mit=
glieder
der katholiſchen kaufmänniſchen Vereine, haben
ſtets, ſowohl die katholiſchen Arbeitervereine, als auch die
chriſtlichen Gewerkſchaften, nach Möglichkeit gefördert und
ihren zur Hebung des Arbeiterſtandes gerichteten Beſtre=
bungen
wohlwollend gegenüber geſtanden. Umſomehr
bedauern dieſe Kreiſe, daß die chriſtlichen Gewerkſchaften
durch die Einbeziehung der Konſumgenoſſenſchaftsidee in
ihr Programm eine Aufgabe übernehmen, die völlig aus
dem Aufgabenkreis der Gewerkſchaften herausfällt und
auch in keiner Weiſe der Erreichung des Gewerkſchafts=
zieles
förderlich ſein kann. Dieſe Auffaſſung wird ſelbſt
in den Reihen der Mitglieder der chriſtlichen Gewerkſchaf=
ten
vertreten, die deshalb auch weder mit dem Inhalt
der in Dresden gefaßten Reſolution, noch auch mit der
Art und Weiſe, wie dieſe ein= und zur Abſtimmung ge=
bracht
wurde, einverſtanden ſind. Die Konſumgenoſſenſchaft
kann das Einkommen der Mitglieder keineswegs kauf=
kräftiger
geſtalten, weil nachgewieſen iſt, daß der Konſum=
verein
nicht in der Lage iſt, billiger zu liefern, als der
Kleinhändler. Ebenſo iſt es durchaus unzutreffend, daß
die Konſumgenoſſenſchaftsbewegung in irgendeiner Weiſe
eher in der Lage wäre, Preiskonventionen entgegen zu
wirken, als die organiſierte Kleinhändlerſchaft. Die Dres=
dener
Reſolution iſt aber vor allem, um der Grundidee
der chriſtlichen Gewerkſchaften willen, auf das lebhafteſte
zu bedauern. Die chriſtlichen Gewerkſchaften lehnen grund=
ſätzlich
die ſozialiſtiſche Klaſſenkampfidee ab. Die Kon=
ſumgenoſſenſchaftsbewegung
iſt aber in ihrer Wirkung
nichts anderes, als der Wegbereiter der Sozialdemokratie.
Aus dieſem Grunde ſchließen ſich chriſtliche Gewerkſchaft
und Konſumgenoſſenſchaftsbewegung einander grundſätz=
lich
aus und iſt vom volkswirtſchaftlichen Standpunkte der
Verband weſtdeutſcher Konſumvereine in Mülheim
(Rhein) nicht anders zu bewerten, als der Zentralver=
band
Deutſcher Konſumvereine in Hamburg.

Ausland.

Rußland.
Dumawahlen. Bis jetzt ſind 437 Dumaabge=
ſordnete
gewählt, darunter 146 der Rechten, 16 der gemä=
ßigten
Rechten, 64 Nationaliſten, 79 Oktobriſten, 23 Fort=
lſchrittler
, 55 Kadetten, 5 Mitglieder der Arbeitsgruppe,
7 Sozialdemokraten, 13 Abgeordnete der Linken, 6 Abge=
ordnete
des Polenklubs, 4 polniſche Volksdemokraten,
4 polniſcher Sozialiſt, 3 polniſch=littauiſche Weißruſſen,
2 littauiſche Nationaliſten, 3 Muſelmanen, 5 Parteiloſe.
Amerika.
Vereinigte Staaten. Die Stimmenmehrheit,
welche Dr. Wilſon im Wahl=Kollegium davon trug, iſt
dem Staate Illinois zu verdanken, deſſen 29 Vertreter
ſich ihm zugewandt haben. Wilſon hat 442 Sitze von 531
ſgewonnen. Man glaubt, daß der nächſte Senat ebenſo
zuſammen geſetzt ſein wird.

Mexiko. Ein Telegramm aus Mexiko meldet: Die
Zapatiſten wurden nach zweitägigem Gefecht in der Nähe
von Cuernavaca endgültig geſchlagen. Sie ließen über
hundert Tote auf dem Kampffeld. Die Ueberbleibenden
flohen in die Berge.
Braſilien. Der Landwirtſchaftsminiſter weiſt in
ſeinem Bericht auf die außerordentliche Zunahme der Ein=
wanderung
namentlich in Südbraſilien hin. Er hebt die
Erfolge hervor, die mit dem neuen Syſtem des Schutzes
der Indianer erzielt wurden, ſowie die hervorragenden
Ergebniſſe, die die geſetzlichen Maßnahmen zum Schutz
der Kautſchukpflanzungen hatten.
China.
Zahlungen der Anleihe. Der Generalin=
ſpekteur
der chineſiſchen Zölle Mr. Aglen hat Juanſchikai
eine bedeutſame Denkſchrift unterbreitet, in der er ver=
ſichert
, ſämtliche Zahlungen der Anleihe und der Borer=
entſchädigung
vom 1. Januar 1913 an aus den Einnah=
men
der Seezölle beſtreiten zu können, wenn 400 000 Taels
monatlich aus der Salzſteuer zugeſchoſſen würden. Dieſer
Zuſchuß ſei notwendig, um auf ein mögliches Fallen des
Wechſelkurſes oder auf andere unvorhergeſehene Ereigniſſe
vorbereitet zu ſein. Der Bericht Aglens zeigt, daß die
finanzielle Lage Chinas weſentlich beſſer iſt, als bisher
allgemein angenommen wurde. Die Meldung, daß die
chineſiſche Regierung die Verhandlungen mit der Sechs=
mächte
=Gruppe wieder aufgenommen habe, entſpricht nichl
ganz den Tatſachen.
Gegen das ruſſiſch=mongoliſche Ab=
kommen
hat, wie verlautet, die chineſiſche Regierung
Proteſt erhoben.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 11. November.

* Vom Hofe. Oberſt Wiltſchkowski nahm am
Donnerstag an der Frühſtückstafel im Neuen Palais
teil. Am Freitag vormittag 9½ Uhr begaben ſich die
Allerhöchſten Herrſchaften mit Gefolge im Sonderzug
nach Worms und kehrten nachmittags 39 Uhr wieder
zurück. (Darmſt. Ztg.)
* Enthoben haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
den Univerſitätsprofeſſor Dr. Haller in
Gießen auf ſein Nachſuchen von der Stelle eines Mit=
gliedes
der Hiſtoriſchen Kommiſſion für das Groß=
herzogtum
Heſſen.
* Ordensverleihung. Seine Königl. Hoheit der
Großherzog haben dem Sanitätsrat Dr. Maurer
zu Darmſtadt die Erlaubnis zur Annahme und zum
Tragen der ihm von Sr. Maj. dem Deutſchen Kaiſer,
König von Preußen, verliehenen Rote Kreuz=Medaille
3. Klaſſe erteilt.
* Uebertragen wurde dem Lehrer Wilhelm Rollar
zu Raunheim, Kreis Groß=Gerau, eine Lehrerſtelle an
der Gemeindeſchule zu Weiſenau, Kreis Mainz.
* Militärdienſtnachricht. Fell (Kurt), Lt. im
Infanterie=Regiment Prinz Carl. (4. Großh. Heſſ.) Nr. 118,
ſcheidet am 22. November aus dem Heere aus und wird
mit dem 23. November 1912 in der Schutztruppe für
Südweſtafrika angeſtellt.
sk. Firmenſtreit. Urteil des Reichsgerichts vom
8. November 1912. (Nachdruck verboten.) Nach
§ 30 des Handelsgeſetzbuches muß ſich jede neue
Firma von allen an demſelben Orte oder in der=
ſelben
Gemeinde bereits beſtehenden und in das Han=
delsregiſter
eingetragenen Firmen deutlich unterſcheiden.
Wer in ſeinen Rechten dadurch verletzt wird, daß ein
Anderer eine Firma unbefugt gebraucht, kann nach § 37
H.G. B. von dieſem die Unterlaſſung des Gebrauches der
Firma verlangen. Einen weiteren Schutz der Firma ge=
währt
§ 16 des Wettbewerbsgeſetzes, der beſtimmt: Wer
im geſchäftlichen Verkehr eine Firma in einer Weiſe be=
nutzt
, welche geeignet iſt, Verwechſlungen mit der Firma
eines anderen hervorzurufen, deren ſich dieſer befugter=
weiſe
bedient, kann gleichfalls auf Unterlaſſung dieſer Be=
nutzung
in Anſpruch genommen werden. Die Klage aus
§ 34 des Handelsgeſetzbuches ſetzt voraus, daß der Be=
klagte
eine Firma unbefugt gebraucht und der Kläger da=
durch
in ſeinen Rechten verletzt wird. Die Unterlaſſungs=

klage aus § 16 des Wettbewerbsgeſetzes hat lediglich zur
Bedingung, daß im geſchäftlichen Verkehr eine Verwechs=
lungsgefahr
zweier Firmen beſteht. Nach dieſen Vorſchrif=
ten
hatte das Reichsgericht folgenden Firmenſtreit
zu entſcheiden. In Darmſtadt beſteht ſeit etwa 50 Jah=
ren
eine Firma: Erſte Darmſtädter Herdfabkik
und Eiſengießerei, Gebr. Röder, eine bekannte
Firma, die ſich lange Zeit allein mit der Herſtellung von
Kochherden befaßte, welche im Geſchäftsverkehr allgemein
als Darmſtädter Herde oder Röder=Herde bezeichnet wur=
den
. Ein früherer Angeſtellter dieſer Firma begründete
im November 1911 eine neue Fabrik, die ähnlich und zwar
Darmſtädter Herdfabrik und Emaillierwerke firmierte.
Die ältere Firma behauptete, dieſe Bezeichnung der neuen=
Fabrik ſei nur gewählt worden, um der älteren Firma
unlautere Konkurrenz zu machen, was auch aus dem ſon=
ſtigen
Geſchäftsgebahren dieſer neuen Firma hervorgehe.
Geſtützt auf §§ 30, 37 des Handelsgeſetzbuches ſowie auf
§§ 1 und 16 des Wettbewerbsgeſetzes, verlangte deshalb
die ältere Firma Unterlaſſung und Löſchung der neuen=
Firma und forderte Schadenerſatz; tatſächlich ſei die neue
Firma mit der älteren bereits mehrfach verwechſelt wor=
den
. Das Landgericht Darmſtadt hatte erkannt,
die beklagte Firma habe die Bezeichnung Darmſtädter
Herdfabrik bei ihrer Firmierung zu unterlaſſen. Firmen=
rechtlich
, ſo führte das Landgericht aus, ſei die neue
Firma zwar nicht zu beanſtanden. Die Worte Darm=
ſtädter
Herdfabrik führten aber zu Verwechſlungen mit
der älteren Firma, ſo daß die Unterlaſſungsklage nach
§ 16 des Wettbewerbsgeſetzes gegeben ſei. Auf die Be=
rufung
des Beklagten hatte das Oberlandesge=
richt
die erhobene Unterlaſſungsklage ganz abgewieſen.
Mit Recht habe ſchon das Landgericht, ſo hieß es in den
Gründen des Berufungsgerichts, ausgeführt, daß die neue
Firma den Vorſchriften des Handelsgeſetzbuches vollkom=
men
genüge. Denn ſie unterſcheide ſich deutlich genug
von der klägeriſchen Firma. Man könne nur eine Unter=
ſcheidung
verlangen, wie ſie der gewöhnliche Verkehr for=
dere
. Dem ſei aber nach Wort, Klang und Geſamtin=
halt
der beiden Firmierungen genügt. Aber auch die
Anwendung von § 16 des Wettbewerbsgeſetzes ſei nicht
möglich. Bei dieſem Paragraphen komme es auf die An=
ſchauungen
der beteiligten Verkehrskreiſe an. In dieſen
ſeien die Fabrikate der Klägerin nicht ſo ſehr als Darm=
ſtädter
Herde bekannt, als vielmehr als Röder=Herde‟
Darüber ließen die Ausſagen der bisherigen Kunden der
Klägerin keinen Zweifel. Daß tatſächlich Verwechſlungen
beider Firmen vorgekommen ſeien, ſei unerheblich. Denn
die Verwechſlungsfähigkeit ſei ein objektiver Begriff, der
unabhängig von tatſächlich erfolgten Verwechſlungen zu
prüfen ſei. Vereinzelte Fälle von Verwechſlungen ſeien
noch nicht geeignet, die Verwechſlungsfähigkeit beider
Firmen darzutun. Der Geſamteindruck der Firmen ſei
entſcheidend, und da müſſe man fagen, daß bei Anwen=
dung
auch nur einiger Sorgfalt die Gefahr einer Verwechs=
lung
beider Firmen recht wenig nahe liege. Scheide aber
die Gefahr einer Verwechſlung überhaupt aus, dann könne
es auf Nebenſachen nicht ankommen. Das Reichsge=
richt
erachtete aber doch objektiv eine Verwechſlungs=
fähigkeit
beider Firmen für vorliegend. Es hob deshalb
das Berufungsurteil inſoweit auf, als auf Unterlaſſung
der Bezeichnung Darmſtädter Herdfabrik bei der Fir=
mierung
, auf Löſchung einer ſolchen Firmierung und auf
Schadenerſatz geklagt war, und verwies die Sache in die=
ſem
Umfange an die Vorinſtanz zurück. Weitergehende
Anſprüche der Klägerin wurden aber zurückgewieſen.
g. Strafkammer. Ein 22jähriger Tapeziergehilfe
von hier hatte die Bezahlung zweier Rechnungen über=
nommen
und hatte zu dieſem Zweck Beträge von 6 und
8 Mark ausgehändigt erhalten. Er bezahlte die Rech=
nungen
jedoch nicht, ſondern verbrauchte das Geld für
ſich. Die beiden Rechnungen quittierte er ſelbſt. Er wurde
von der Strafkammer unter Zubilligung mildernder Um=
ſtände
wegen Betrugs und Urkundenfälſchung zu drei
Monaten Gefängnis verurteilt. Der Maurer
Benedikt Ihrig von Güntherfürſt i. O. beſitzt die Ge=
nehmigung
zum Flaſchenbierhandel, jedoch keine Wirt=
ſchaftskonzeſſion
. Seine Frau duldete nun, daß einige
Käufer ihr Bier auf einer Bank am Hauſe tranken, ſo daß
ein Verſtoß gegen § 33 der Gewerbeordnung gegeben
war. Ihrig war deshalb vom Schöffengericht zu 15 Mk.
Geldſtrafe verurteilt worden, welche Strafe am Samstag
von der Strafkammer als Berufungsinſtanz beſtätigt
wurde. Der aus Berlin ſtammende Studierende B von
der hieſigen Hochſchule hatte ſich wegen einer im Juli ver=
übten
Sachbeſchädigung vor der Strafkammer zu verant=

igen für Schantung, und Herr Tan vom Verkehrsmini=
ſterium
beide ſprechen fließend deutſch.
Den 29. September, einen Sonntag, benutzte Dr.
Sun zu eingehender Orientierung in der Kolonie, ſo=
wie
zur Abſtattung und zum Empfang zahlreicher Be=
ſuche
. Immer wieder ſah man ihn mit ſeiner Begleitung
durch die Straßen fahren.
Von den Anlagen ſchienen ihn am meiſten der Hafen,
die ganze Stadtanlage und die Anforſtungen zu inter=
eſſieren
; der Beſichtigung des Hafens hatte er volle drei
Stunden gewidmet. Auf Hafen und Forſt iſt er auch bei
Geſprächen und Reden mit ungeheuchelter Bewunderung
immer wieder zurückgekommen, ſo auch bei dem übri=
gens
in ſehr freundlichen Formen verlaufenden Be=
ſuche
beim Gouverneur. Am gleichen Tage hatte auch ich
Gelegenheit, Dr. Sun zu ſehen und zu ſprechen: Seine
Erſcheinung und ſein Weſen enttäuſchen zuerſt, wie das ja
meiſt der Fall iſt, wenn man ſich von einer Perſönlichkeit
vorher Eine beſtimmte Vorſtellung gemacht hat. Auf klei=
nem
, ſchmächtigem Körper ſitzt ein etwas zu großer run=
der
Kopf. Das Geſicht entbehrt gewöhnlich des Aus=
druckes
und des Minenſpiels, die Augen ſind niederge=
ſchlagen
. Zwei tiefe Falten ziehen von der Naſe nach
dem Mundwinkel herab. Anzug tadellos europäiſch, Zy=
linder
. Die Sprache iſt leiſe, korrekt engliſch, die Aus=
drücke
vorſichtig gewählt; er ſchiebt am liebſten den ande=
ren
die Laſt der Unterhaltung zu und ſpielt den aufmerk=
ſamen
Zuhörer. Aber ab und zu hebt ſich das Auge, ein
meſſerſcharſer Blick zuckt herüber und zeigt an, daß dieſe
ſcheinbare Ruhe nur Maske iſt. Der berühmte Verſchwö=
rer
hat ſich ſo daran gewöhnen müſſen, ſeine innerſten
Gedanken zu verbergen, daß ihm dies jetzt zur zweiter
Natur geworden iſt. Doch auch ehrliche Begeiſterung
habe ich in dieſen Augen aufleuchten ſehen, und das war,
wenn Sun in ſeinen Reden von der Zukunft Chinas,
deſſen Entwickelungsmöglichkeiten und den Wegen dazu
ſprach.
Sun iſt ein geborener Redner, wenn man ihn gehört
hat, begreift man auf einmal den geradezu faſzinieren=
den
Eindruck, den er auf ſeine Landsleute, vor allem in
Er fängt langſam und ſtockend in kantoneſiſch
in, aber man ſieht, wie ihn der Gegenſtand allmählich
erwärmt und hinreißt, die Geſtalt ſcheint zu wachſen, ver=

Brief aus Tſingtau.
Tſingtau, den 14. Oktober 1912.

So haben wir denn den jetzigen Nationalhelden Chi=
nas'
auch in Tſingtau von Auge zu Auge geſehen:
Vom 28. September bis 1. Oktober hat Dr. Sun wen
ſnlias Sun Ji hſien alias Sunyatſen mit Familie auf
der Reiſe von Tſinanfu nach Schanghai in unſeren
Mauern geweilt.
Die Neugierde unſerer Chineſen nicht etwa ihr
Enthuſiasmus war grenzenlos. Ich ſchätze die Zahl
ſder zu ſeiner Begrüßung auf dem Platze vor dem Bahn=
ihofe
Verſammelten auf 230001
Dagegen waren ſeine kantoneſiſchen Parteigenoſſen
von der Tung meng Hui ſchon einige Tage vorher rein
aus dem Häuschen. Ihre Zahl iſt hier nicht ganz un=
bedeutend
, wenn man bedenkt, daß der größere Teil der
Handlungsgehilfen, Compradore und ein Teil der Hoch=
ſchüler
Südchineſen ſind.
Um es gleich vorweg zu nehmen: Sun wen hat an
dem durchaus privaten Charakter ſeines Beſuches ſtreng
feſtgehalten und hat ſich in keiner Weiſe dazu verleiten
kaſſen, ſich auf das gefährliche Glatteis der Politik zu be=
geben
. Wenn aber auch Sun für uns reiner Privatmann
iſt, ſo bleibt er doch das Haupt der mächtigen Tung meng
Hui, der Abgott Südchinas und iſt ſo eine Art von
Staatspenſionär: bezieht er doch monatlich die Kleinig=
keit
von 30000 Dollars (etwa 66000 Mark) von Yüan
ſchy kai täglich 1000 Dollars. (Sie ahnen gar nicht,
welche Gefühle unſereinen hier draußen beim Nieder=
ſchreiben
ſolcher Summen beſchleichen, wenn der Dollar=
lkurs
, wie eben, 2,25 Mark beträgt, man alſo etwa 20 Pro=
zent
vom Werte des deutſchen Geldes beim Wechſeln ein=
büßt
!)
Dr. Sun ſtieg mit Frau und Tochter (einer ganz rei=
zenden
, graziöſen Erſcheinung, Schülerin eines amerika=
niſchen
College), ſeinem Sekretär Wan bing tſung (mit
Frau) und zwei weiteren Sekretären im Strandhotel
Prinz Heinrich ab. Dieſe Perſonen bildeten ſeinen eigent=
lichen
Stab. Außerdem waren noch 8 weitere Perſonen
im Gefolge, die Yüan ſchy kai Ehrenhalber ange
ſchloſſen hatte. Darunter Lang dſcheng, der frühere Ge
ſandte in Berlin, jetzt Provinzialminiſter des Auswär

zehrendes Feuer bricht aus den Augen, die ganze Geſtalt
wird eine rhetoriſche Geſte, die ganze Geſtalt, denn
Handbewegungen macht er nicht, da er die Hände feſt auf
dem Rücken behält.
Redneriſch hervorgetreten iſt Dr. Sun bei ſeinem Be=
ſuch
in der deutſch=chineſiſchen Hochſchule, ſowie im Can=
ton
= und Kiangſu=Klub.
Alle Reden hatten denſelben Grundton: Aufruf aller
Schichten der chineſiſchen Bevölkerung zu energiſcher,
werktätiger Mitarbeit an dem Neuaufbau, der Fortent=
wickelung
und Moderniſierung Chinas. Alle Chineſen
ſeien durch die republikaniſche Staatsform zu Mitregen=
ten
geworden, mitregieren hieße aber verantwortliche
Pflichten gegen den Staat erfüllen. Um hierzu befähigt
zu ſein, habe jeder die heilige Pflicht, ſich auf das beſte
zu rüſten und vorzubereiten. Rückhaltlos gab er zu, daß!
China zurückgeblieben ſei, um ſo eifriger müſſe jeder be=
ſtrebt
ſein, zu lernen, um das Vaterland auf die gleiche
Stufe der Vollendung zu heben, wie die anderen vorge=
ſchrittenen
Mächte. Von dieſem ernſten Wollen hinge
Chinas Entwickelung, Fortſchritt und Zukunft ab.
Und nun kam wohl das für uns Intereſſanteſte:
Rückhaltlos und in ebenſo geſchickter wie wirkungsvoller
und ſympathiſcher Weiſe würdigte Dr. Sun Deutſch=
lands
Leiſtungen auf kulturellem, wiſſenſchaftlichem
und geſetzgeberiſchem Gebiete im allgemeinen, ſowie die
deutſche Arbeit in Tſingtau und im Schutzgebiet im beſon=
deren
. (Es muß hierbei darauf hingewieſen werden,
daß Dr. Sun auch Deutſchland aus eigener Anſchauung
kennt.)
Die chineſiſchen Kaufleute ſollten an der Tatſache, wie
Deutſchland aus einem elenden Fiſcherdorf durch Erbau=
ung
eines muſtergültigen Hafens, ſowie einer das Hinter=
land
erſchließenden Eiſenbahn in der kurzen Spanne
von 12 Jahren ein blühendes Handelsemporium ge=
ſchaffen
hätte, lernen, was und wie man es zu machen
habe. Ich ſehe nicht ein, warum es dann in 40 Jahren
nicht noch 20 blühende Tſingtaus geben ſollte.
Für modernen, hygieniſchen Städtebau gäbe es gar
kein beſſeres und bequemer liegendes Muſter als dieſes
Tſingtau hier, mit deſſen Anblick er geſehen habe, daß
China trotz 1000jähriger Kultur im Städtebau nichts ge=
leiſtet
habe.

[ ][  ][ ]

Nummer 266.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912.

Seite 3.

worten. Nach einer Kneiperei in einem hieſigen Café
hatte er aus Uebermut das vor einem Laden hängende
Friſeurbecken mit ſeinem Spazierſtock derart beſchaoigt,
daß es durch ein neues erſetzt werden mußte. Da der ge=
ſchädigte
Friſeur einen Schadenerſatz nicht erlangen
konnte, ſtellte er Strafantrag wegen Sachbeſchädigung.
Das Schöffengericht ſprach den Angeklagten frei. Auf die
Berufung des Amtsanwalts verurteilte ihn die Straf=
kammer
zu 30 Mark Geldſtrafe.
* Bei der Landesverſicherungsanſtalt Großh. Heſſen
ſind im Monat Oktober 1912 267 Anträge einge=
gangen
, und zwar: 184 Anträge auf Invaliden= und Kran=
keurente
(J. und K.), 15 Anträge auf Altersrente (A.), 31
Anträge auf Witwen= und Witwerrente (W.), 30 Anträge
auf Waiſenrente (O.), 7 Anträge auf Witwengeld (Wg.).
Unerledigt wurden in dieſen Monat übernommen 298
Anträge, ſo daß 565 Rentengeſuche in Bearbeitung ſtan=
den
. Es fanden Erledigung: 247 Anträge durch Bewil=
ligung
(179 J., 8 K., 19 A., 11 W., 5 Wg., 25 O.), 6 An=
träge
durch Anwartſchaftsbeſcheid (§§ 1258, 1743 R. V.O.),
42 Anträge durch Ablehnung, weil unbegründet (28 J.,
3 A., 8 W., 2 Wg., 1 O.), 18 Anträge durch andere Weiſe
Zurücknahme uſw. (9 J., 2 A., 1 W., 4 Wg., 2 O.),
zuſammen 313 Anträge, hiervon wurden 30 Renten durch
Umwandlung erledigt, ſo daß 282 Anträge als unerledigt
auf den Monat November I. J. übernommen werden muß=
ten
. Ende Oktober 1912 waren in den nachverzeichneten
Anſtalten verſicherte Perſonen untergebracht:
1. Ernſt Ludwig=Heilſtätte bei Sandbach 114, 2. Eleono=
ren
=Heilſtätte bei Winterkaſten 54, 3. Göttmannſche Anſtalt
bei Reichelsheim i. O. 60, 4. Bad Nauheim 20, 5. Bad
Orb 14, 6. Dr. Loſſenſche Klinik 5, 7. Sonſtige Anſtalten,
wie (Krankenhäuſer, Kliniken u. dergl. m.) 29, zuſam=
men
296.
Volksvorſtellung. Als Volksvorſtellung geht am
Sonntag, den 17. November, nachmittags Alt=Heidelberg
in Szene.
70. Geburtstag. Herr Geheimerat Wil=
brand
, Vorſitzender der Miniſterialabteilung für Forſt=
und Kameralverwaltung, vollendete am Samstag, den
9. November, in voller körperlicher und geiſtiger Friſche
ſein 70. Lebensjahr. Aus dieſem Anlaß verſammelren
ſich morgens vor Beginn der Sitzung die Mitglieder
und Beamten dieſer Abteilung in dem mit Tannen=
grün
und Blumen feſtlich geſchmückten Sitzungszimmer,
um ihrem allverehrten Vorſitzenden ihre Glückwünſche
darzubringen. Den Wünſchen aller verlieh Großh.
Geh. Oberforſtrat Dr. Walter in herzlichen Worten Aus=
druck
. Im Laufe des Vormittags beglückwünſchte Se.
Exzellenz der Herr Finanzminiſter mit ſeinen Räten
den Gefeierten in ſeiner Wohnung. Auch die Ver=
bände
der Großh. Oberförſter, der Forſtaſſeſſoren, der
Domanial= und der Kommunalforſtwarte hatten es
ſich nicht nehmen laſſen, den um das geſamte Forſt=
weſen
Heſſens hochverdienten Vorgeſetzten durch Ab=
geſandte
der Liebe und Wertſchätzung zu verſichern,
deren er ſich bei allen Graden der heſſiſchen Forſt=
beamten
erfreut.
Karlsruher Kadetten in der Darmſtädter Ausſtel=
lung
Der Menſch Kürzlich wurde unſere Stadt durch
den Beſuch von etwa 30 jungen Kriegern überraſcht. Es
waren Kadetten aus unſerer Nachbar=Reſidenz
Karlsruhe, die herüber gekommen waren, um die
prächtige und intereſſante Ausſtellung Der Menſch im
hieſigen Reſidenzſchloſſe in Augenſchein zu nehmen. Vom
Bahnhof aus gingen die jungen Kadetten in
flottem Tempo unter Aufſicht zweier mit ihnen gekomme=
mer
Offiziere und unter der Führung des Herrn Poſtrats
Gehlhar von hier, zunächſt durch die Stadt, um bei
dem herrlichen Herbſtwetter die Sehenswürdigkeiten zu
beſichtigen. Dieſer Marſch durch die Stadt führte an dem
neuen Großh. Palais vorbei, durch die Villenviertel bis
zur berühmten Künſtlerkolonie. Von dort begab man
ſich zu einem kurzen Imbiß in ein Café. Dann aber kam
die Hauptſache: die Beſichtigung der Ausſtellung Der
Menſch‟ Die Ausſtellungsleitung hatte in letzter Stunde
noch gütigerweiſe für eine ſachverſtändige Führung ge=
ſorgt
, was ganz beſonders dankend hervorgehoben zu
werden verdient. Die Kadetten erhielten auf dieſe Weiſe
im Laufe von zwei Stunden ein ſo klares Bild des menſch=
lichen
Organismus, daß man dem Führer, Herrn Dr.
Staudinger, nur ein ganz beſonderes Lob ſpenden
muß. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß unter dem über=
aus
reichhaltigen Material der einzigartigen Ausſtellung
eine ſorgfältige Auswahl getroffen werden mußte, denn
matürlich eignet ſich nicht alles Gebotene für Schülerohren
und=Augen. Nachdem die jungen Marsſöhne ſich ſatt ge=

ſehen und gehört hatten, verlangte ihr eigener Organis=
mus
nach etwas konſiſtenterer Nahrung und ſo begab man
ſich in die Gartenhalle des Vereins Kaſino, wo ſich bei
einem vortrefflichen Imbiß bald eine ſehr angeregte
Stimmung entwickelte. An langer Tafel ſaßen die heite=
ren
friſchen Jungens; ſichtlich ſchmeckte ihnen Speiſe und
Trank und im Handumdrehen war die Zeit der Abfahrt
gekommen. Es tat den Kadetten ſichtlich leid, daß der
intereſſante Tag ſchon zu Ende gegangen war.
* Der Ausſchuß der vereinigten Bezirksvereine
hielt eine Sitzung ab, zu der außer den Vorſtandsmit=
gliedern
der einzelnen Vereine eine ganze Anzahl Stadt=
verordnete
eingeladen und erſchienen waren. Zur
Waſſergeldfrage hatte Herr Architekt Kugel ein
eingehendes Referat erſtattet, wobei alle gemachten
Vorſchläge nach verſchiedenen Seiten erläutert wurden.
Der Vorſchlag des Hausbeſitzervereins geht dahin, das
Waſſergeld in der Art zu erheben, wie es in Mannheim
geſchieht und zwar direkt vom Verbraucher unter Kon=
trolle
eines Waſſermeſſers in Form eines Betrages von
34 Proz. des Mietwertes der Wohnung. Ein weiterer
Vorſchlag will das verbrauchte Waſſer direkt vom Ver=
braucher
nach Angabe eines Waſſermeſſers erheben
unter Haftbarkeit des Vermieters. Weiter wird erſtrebt,
daß die Meſſer billiger denn ſeither von dem Waſſerwerk
geliefert werden, da die zur Zeit erhobene Miete für
einen 2= oder 3=Meſſer (1218) Mk. in keinem Verhältnis
zum Wert eines Waſſermeſſers ſteht. Der Waſſerpreis,
pro cbm 20 Pfg. würde auch von allen Seiten als viel
zu hoch erkannt, da er in keinem Verhältnis zu den
Selbſtkoſten ſteht. Das Waſſerwerk hat jährlich einen
durchſchnittlichen Reinverdienſt von rund 250000 Mk.
Noch ein Vorſchlag ging dahin, das Waſſergeld, wo es
gewünſcht wird, vom Verbraucher zu erheben, den Waſſer=
meſſer
gegen höchſtens 2 Mk. jährliche Miete zu ſetzen
und den Waſſerpreis für Wohnungen bis zu einem
kleinen Mehr der Selbſtkoſten herabzuſetzen. Für In=
duſtrie
ꝛc. bleibt der heutige Waſſerpreis. Für Ver=
braucher
mit 15002000 Mk. Jahreseinkommen wird
das Waſſergeld unter den Selbſtkoſten der Stadt abge=
geben
. Der Vorſitzende hob hervor, daß in den Be=
zirksvereinen
kein Beſchluß gefaßt werden kann, da dieſe
weder Hausbeſitzer= noch Mietervereine ſeien. Es ſoll
lediglich eine Ausſprache aller ſtattfinden.
* Aus der Basler Frauenmiſſion ſei folgender Ueber=
blick
über den derzeitigen Stand und guten Fortgang des
Frauenmiſſionswerkes in den Heidenländern wie im
Heimatlande gegeben. Draußen ſtehen 31 Miſſions=
ſchweſtern
in treuer, glaubensfreudiger Arbeit: 15 in
Indien, 3 in China, 4 auf der Goldküſte und 9 in Kame=
run
. Sie blieben in Gefahren unverſehrt und von be=
ſonderen
Verluſten verſchont. Ihre Tätigkeit iſt ja nach
ihrem Poſten eine verſchiedenartige, vielſeitige. Als Lei=
terinnen
und Lehrerinnen an Miſſionsanſtalten und
=ſchulen, als Krankenſchweſtern in Spitälern oder in Haus=
pflege
, als Bibelfrauen bleibt doch neben dem Unterricht
oder äußerer Hilfeleiſtung ihre größte, wichtigſte Aufgabe
die, das Evangelium in die Nacht heidniſchen Frauen=
lebens
hineinleuchten zu laſſen. Seit einem Jahr kön=
nen
die Miſſionsſchweſtern ihre Vorbereitung zum Miſ=
ſionsdienſt
in einem eigenen Schweſternheim in
Baſel erhalten. Etwa 6 Schweſtern werden jährlich
aufgenommen und nach zehnmonatlichem Kurſus ausge=
ſandt
. Dabei wird eine gute allgemeine Vorbildung für
den einen oder anderen Zweig des Miſſionsdienſtes vor=
ausgeſetzt
, wie ſie zum Beiſpiel ein Diakoniſſenhaus,
Lehrerinnenſeminar oder ſonſtige höhere Allgemeinbildung
vermittelt. Möchten nicht immer noch mehr Frauen und
Jungfrauen ſich zum Eintritt in den geſegneten Miſſions=
dienſt
entſchließen? Weiter zeigt einen erfreulichen
Zuwachs die Jahreseinnahme der geſamten Frauen=
miſſion
mit 64 215 Francs für 1911, gegen 56846 Francs
für 1910. Da aber der Voranſchlag für 1912 etwa 63000
Francs beträgt, heißt es, nicht müde werden im Fördern
und Unterſtützen des Miſſionswerkes, wo ſich Gelegenheit
bietet. Wir verweiſen auf den am 13. November
im Gemeindehaus, Kiesſtraße 17, ſtattfinden=
den
Miſſionsverkauf (ſiehe Anzeige) und laden
herzlich zu deſſen Beſuch ein.
Lichtbilder=Vortrag und Rezitationen. Am 23.
November, abends 8 Uhr, findet im Konkordiaſaal, Wald=
ſtraße
33, zum Beſten der Freiwilligen Sani=
täts
=Haupt=Kolonne vom Roten Kreuz
ein Lichtbilder=Vortrag über das Deutſche Rote Kreuz,
ſein Werden, Wachſen und Wirken ſtatt, zu dem Herr
Fredy Wiener=Darmſtadt ſeine Mitwirkung als Rezi=

tator zugeſagt hat. Das Programm weiſt an Rezitatio=
nen
auf: Die Schlacht von Frhrn. von Schiller, Im
Lazarett von Theodor Körner. Außerdem wird Herr
Fredy Wiener das ſelten zum Vortrag gebrachte Melo=
dram
Die Mette von Marienburg (Dichtung von Felix
Dahn, begleitende Muſik von Ferd. Hummel, Op. 114)
zu Gehör bringen; ein Werk, das ſowohl in muſikaliſcher
als auch beſonders in ſprachtechniſcher Beziehung an den
Rezitator höchſte Anforderungen ſtellt und außerdem eine=
hervorragende
Begleitung erfordert, für die ſich Herr
Muſikdirektor Klaſſert zur Verfügung geſtellt hat. Ein
recht lebhafter Beſuch der Veranſtaltung dürfte ſich wohl
empfehlen, da es bekannt iſt, daß die Inanſpruchnahme
der von der Freiwilligen Sanitätskolonne ſeit 1905 ein=
gerichteten
, von der Stadt unterſtützten Rettungswache
eine ſehr ſtarke iſt und ſich von Jahr zu Jahr ſteigert.
Selbſtredend gehen mit dieſer Steigerung auch die Un=
koſten
ſtetig in die Höhe. So wurde in letzter Zeit zur
Bewältigung der Krankentransporte während der Nacht
auch ein Chauffeur für die Nachtzeit eingeſtellt. Es braucht
nicht erwähnt zu werden, daß die Stadt ſelbſt nicht in der
Lage iſt, die Kolonne zu erhalten. Leider verfügt auch
die Kolonne über kein nennenswertes Vermögen, ſo daß
ſie die Mittel zu ihrem Wirken auf dem Wege allgemeiner
Mildtätigkeit aufbringen muß. Die Leiſtungen der Ko=
lonne
ſind aus dem monatlich erſcheinenden Bericht ſtets
zu erſehen. Das Programm, ſowie die Verkaufsſtellen
werden demnächſt öffentlich bekannt gemacht.
Franzöſiſche Vorleſungen. Viele Leſer unſeres
Blattes werden ſich gewiß gern der franzöſiſchen
Vorleſungen erinnern, die Herr Götſchy der
frühere Lektor der Univerſität Gießen, vor einigen Jahren
hier hielt. Sie fanden ſolchen Anklang, daß er ſie mehrere
Winter hindurch fortſetzen konnte. Nach dem Weggange
des Herrn Götſchy hatten wir kaum noch Gelegenheit,
gute franzöſiſche Vorträge zu hören. Im Laufe dieſes
Winters ſollen nun wieder franzöſiſche und auch
engliſche Vorträge hier veranſtaltet werden. Dieſe
Einrichtung wird gewiß von all denen freudig begrüßt
werden, die ſich für franzöſiſche und engliſche Sprache und
Literatur intereſſieren. (Nähere Mitteilungen folgen.)
Die Ausſtellung des Vereins für Geflügel= und
Vogelzucht Ornis, die 14. Geflügel= und Vogel= Aus=
ſtellung
des Vereins, wurde am Samstag mittag eröffnet.
Die überſichtlich angeordnete Ausſtellung in den Saal=
räumen
der Stadt Pfungſtadt weiſt eine außerordent=
lich
gute Beſchickung auf. Von Hühnern ſind 220 Num=
mern
, von Gänſen 11, Enten 26, Tauben 131 und von
Zier= und Singvögeln 16 Nummern vertreten, insgeſamt
zeigt der Ausſtellungskatalog 410 Nummern. Auch ver=
ſchiedene
Ausſteller von Futtermitteln und Zuchtgeräten
ſind mit reichen Kollektionen vertreten. Als Preis=
richter
fungieren folgende Herren: für Großgeflügel:
A. Schlegel=Hanau und Steingaß=Kirchheim=Bolanden;
für Tauben: F. Frick=Biebrich; für Vögel: Hartz=Alzey
und für Geräte, Futterartikel uſw.: das geſamte Preis=
richter
=Kollegium. Zur Verfügung ſtehen den Preis=
richtern
namhafte Preiſe. Die Ausſtellung, die nur auf
drei Tage berechnet iſt und bereits an den beiden erſten
Tagen einen guten Beſuch aufzuweiſen hatte, iſt zweifel=
los
ein weiterer Erfolg für den rührigen Verein. Mit der
Ausſtellung verbunden iſt eine Verloſung.
* Bilder vom Tage. In der Auslage unſerer Ex=
pedition
(Rheinſtraße 23) ſind von heute ab folgende!
Bilder neu ausgeſtellt: Dr. Woodrow Wilſon, der neue
Präſident der Vereinigten Staaten von Amerika: Dr.
Kaempf; Konteradmiral Trummler, der das Kom=
mando
über die nach den türkiſchen Gewäſſern entſandten
deutſchen Schiffe übernahm; Ueberſichtskarte der letzten
Verteidigungsſtellung der türkiſchen Armee; das Ziel der
vereinigten Serben und Griechen, die Zitadelle von Sa=
loniki
; verwundete türkiſche Offiziere werden von Mit=
gliedern
der deutſchen Botſchaft in Konſtantinopel ge=
pflegt
.
Adreßbuch. Der Druckbogen Nr. 10 des Adreß=
buches
für 1913, enthaltend Einwohnerregiſter Linden=
ſtruth
, Anna, bis Möller, Karl, liegt im Haupt=
meldebureau
, Hügelſtraße 31/33, Zimmer Nr. 13, während
der Bureauſtunden (812 Uhr vormittags und 26 Uhr
nachmittags) bis zum 13. November vormittags zur Ein=
ſichtnahme
offen.
Rh. Der Durchbruch der Lichtenbergſtraße
zwiſchen Kranichſteinerſtraße und Wenckſtraße iſt nun
endlich im Rohen erfolgt und ſchon iſt der neue Ver=
kehrsweg
für Fußgänger freigegeben, ſo daß
nun eine Verbindung des Rhönrings mit der Mathilden=
höhe
direkt möglich iſt. Bald wird auch die Müller=

Den Hochſchülern aber machte Sun noch in ganz be=
ſonders
eindringlicher Weiſe klar, daß die Verfaſſung der
Republik wohl auf Freiheit und Gleichheit beruhe, daß
dieſe beiden Begriffe aber teine unbeſchränkte Geltung
hätten. Sie gälten nicht für Beamte, Soldaten und
Schüler.
Die Schüler hätten mit Fleiß, Eifer und Selbſtver=
leugnung
zu ſtudieren, um dereinſt der ihrer harrenden
ſchweren und verantwortlichen Pflichten gegen den Staat
gerecht werden zu können. An der deutſch=chineſiſchen
Hochſchule hätten ſie die beſte Gelegenheit, ſich modernes
Wiſſen anzueignen. Sie ſollten aber auch nicht verabſäu=
men
, außerhalb der Mauern ihrer Schule an der ſich hier
bietenden Fülle des Wiſſens= und Nachahmenswerten zu
lernen. Die deutſchen Methoden und das deutſche gründ=
liche
Streben müſſe ſie zur Nacheiferung anſpornen, ihr
ganzes Vaterland in gleicher Vollendung auszugeſtalten.
Es war dasſelbe kategoriſche Lernt, das ſchon der
alte Chang=chi=tung ſeinen Landsleuten zugerufen hat.
Trotz des brauſenden Beifalls, den Suns Worte aus=
löſten
, darf nicht verſchwiegen werden, daß dieſer Hoch=
ſchulbeſuch
ein kleines, aber recht charakteriſtiſches Vor=
ſpiel
gehabt hat.
Kaum war die Nachricht von Dr. Sun wens Beſuch
bekannt geworden, als ſchon einige kantoneſiſche Stu=
denten
der Hochſchule auf eigene Fauſt den Entſchluß
faßten, den berühmten Landsmann im chineſiſchen Theater
zu bewillkommnen. Dem, ohne Benachrichtigung oder
Erlaubnis der Hochſchulleitung gefaßten Beſchluß gegen=
über
verbot das Gouvernement die Abhaltung dieſer Feier
im chineſiſchen Theater.
Die Entrüſtung der heißblütigen Südländer ſtieg zur
Siedehitze, man telegraphierte an Yüan ſchy kai, an Li=
yuen
hung in Wuchang, nach Schanghai uſw.; man peti=
tionierte
, verhandelte. Alles umſonſt, das Verbot blieb
beſtehen.
Schon ſprachen die Hitzköpfe von Verlaſſen der Schule,
begannen ihre Sachen zu packen, hoben ihre Depoſiten ab;
da kamen zwei kalte Waſſerſtrahlen. Das Gouvernement
ließ erklären, jeder abgegangene Hochſchüler verfiele ſo=
fortiger
Ausweiſung und Dr. Sun, der ſich über die Sach=
lage
unterrichtet hatte, ließ ſagen, er ſähe die Studenten
in der Hochſchule oder garnicht. Da trat ſtarke Er=
nüchterung
ein. Ein katzenjämmerliches Gefühl blieb
trotzdem beſtehen wegen der abgeſendeten Proteſttele=

gramme. Auch hier hatte Sun, der ſeine kantoneſiſchen
Landsleute kennt, in aller Stille vorgeſorgt, was erſt nach
ſeiner Abreiſe bekannt wurde. Er hatte ohne weiteres ſich
telegraphiſch an die gleichen Adreſſen gewendet und die
Abſender der Entrüſtungstelegramme völlig desavouiert.
Jetzt haben die Drahtzieher denn es ſind immer
nur einige Schreier in China, die die anderen zuerſt ein=
ſchüchtern
und dann mit ſich fortreißen das Geſicht
verloren
Einige Austritte aus der Hochſchule werden wohl die
Folge ſein. Quantité négligeable bei der notoriſchen
Ueberfüllung der Schule und dem ſtets wachſenden An=
drang
von Schülern. Einige unruhige und unliebſame
Elemente werden damit verſchwinden.
Das ganze war der, echt chineſiſch=ſtudentiſche
Sturm im Waſſerglas. Die Worte Dr. Sun wens an
die Schüler bekommen aber nach dieſem Vorſpiel
einen gewiſſen tieferliegenden Sinn, der ſogar der Pikan=
terie
nicht entbehrt.
Den 1. Oktober, ſeinen letzten Tag in Tſingtau, be=
nutzte
Sun mit ſeiner Familie zu einer Lauſchanfahrt im
Auto. Er kam ganz erfüllt von den gehabten Eindrücken,
der wilden Hochgebirgsſzenerie, der ſchönen Ausſicht, dem
einfachen, aber ſo zweckmäßigen Geneſungsheim Meck=
lenburghaus
zurück. Sofort waren ihm auch in Lauſchan
die erfreulich fortſchreitenden Aufforſtungen aufgefallen.
Mit Freude hörte er, daß dieſe Arbeiten von den Chine=
ſen
ſelbſt nach dem deutſchen Vorbilde in die Hand ge=
nommen
ſeien von denſelben Chineſen, die, kurz vor
der deutſchen Beſitzergreifung wegen Beſitzſtreitigkeiten
über den Waldbeſtand zwiſchen den Lauſchandörfern und
den Klöſtern, kurzerhand den geſamten Beſtand nieder=
geſchlagen
hatten, womit auf altchineſiſche Weiſe der
Streit mit dem Objekt allerdings aus der Welt geſchafft
war. An die unvermeidlichen, bald und immer ſtärker
hervortretenden üblen Folgen dieſer Waldverwüſtung
dachte damals niemand!
Am Nachmittag wohnte Sun als amerikaniſcher
Chriſt einem vom Reverend Scott veranſtalteten Got=
tesdienſt
bei. Man denke ſich, der Heros Chinas ein
Chriſt, und das Volk jubelt ihm zu! Eine neue Zeit zieht
wirklich über Alt=China herauf!
Zur Abfahrt Dr. Sun wens waren die Straßen des
Chineſenviertels Tapautau von dichten Scharen Neu=
gieriger
erfüllt. Am Hafen hatten ſich nur die nächſten

Freunde und Anhänger eingefunden. Der Gouverneur
hatte zur Verabſchiedung ſeinen Dolmetſcheroffizier und
den ſtellvertretenden Bezirksamtmann von Tſingtau ent=
ſendet
, denen Sun ſeinen herzlichen Dank an den Gou=
verneur
für den freundlichen Empfang und das bezeigte
Entgegenkommen auftrug. Das in Oſtaſien unvermeid=
liche
Glas Sekt und der deutſche Dampfer Loong=
moon
entführte den berühmten Gaſt nach Schanghai,
von welcher Stadt Dr. Sun nach etwa Monatsfriſt zu ſeis
ner großen Europatour aufbrechen will, die der Beſchaf=
fung
der Gelder für ſeine großen Eiſenbahnpläne gewid=
met
iſt. Drei Monate will er in Europa weilen, ſagen
die einen anderthalb Jahre meinen die anderen. Ob
es ihm gelingen wird, alle ſeine Pläne durchzuführen,
will ich mich nicht unterfangen zu prophezeien. Aber
in magnis voluisse sat est Zweifelsohne wird Dr.
Suns Tätigkeit viel dazu beitragen, China dem Welt=
handel
zu erſchließen und in nähere Berührung mit der
anderen Welt zu bringen. Die vielfach rätſelhafte Per=
ſönlichkeit
Dr. Suns hat aber nach meiner Anſicht durch
ſein Auftreten in Tſingtau gewiſſe menſchlich=ſympathiſche
Umriſſe bekommen. Er iſt keineswegs nur der große Ver=
ſchwörer
, der wohl umſtürzen und einreißen kann, dem
aber die Fähigkeit zum Wiederaufbau fehlt. Er iſt eifrig
beſtrebt, ſich am Wiederaufbau hervorragend zu beteili=
gen
, und zwar hat er ſich in richtiger Erkenntnis der Tat=
ſache
, daß er kein eigentlicher Politiker iſt, das wirtſchaft=
iche
Gebiet als Arbeitsfeld erkoren. Und auf dieſem
friedlichen Felde in China begegnen ſich Deutſchland und
Sun wen in gleichem Streben. Nach ſeiner amerikani=
ſchen
Erziehung iſt Sun ſicherlich die ſtraffe, diſziplinierte
deutſche Art früher nicht ſonderlich ſympathiſch geweſen;
gelegentliche Aeußerungen von ihm laſſen wenigſtens dar=
auf
ſchließen daß ihm nunmehr die deutſche Art zum
mindeſten Achtung abgewonnen hat, iſt jedoch ebenſo Tat=
ſache
wie die, daß er die deutſchen Methoden als ganz
beſonders geeignet für die Chineſen erkannt hat. Als
ehrlicher Mann hat er nicht gezögert, dieſer ſeiner Anſicht
Ausdruck zu verleihen.
Ich glaube, daß manche Deutſchen und Chineſen ſich
den Verlauf dieſes Beſuches etwas anders vorgeſtellt
haben; ſie ſind beide enttäuſcht worden. Wo aber die an=
zenehme
oder unangenehme Enttäuſchung liegt, möge der
Sericus.
verehrte Leſer ſelbſt beurteilen.

[ ][  ][ ]

Me 4.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912.

Nummer 266.

ſtraße aufgehört haben eine Sackgaſ ziu ſein. Gegen=
wärtig
iſt man, nachdem das Zimbrichſche Haus nieder=
gelegt
, mit der Herſtellung eines gleichmäßigen Gefälles
mit Hilfe von Rollbahnen beſchäftigt. Mit dem
Projekt der elektriſchen Bahn ins Martins=
viertel
ſcheint es auch ernſt zu werden, denn ſchon
werden die erſten Häuſer in der Pankratiusſtraße, die
die Einfahrt ſo ſehr einengten, niedergelegt.
A Durchſchnittspreiſe von den Wochenmärkten
vergangener Woche. Butter ½ Kg. 1,40 M., in Partien
1,30 M., Eier 89 Pf., Schmierkäſe ½ Ltr. 2022 Pf.,
Handkäſe 410 Pf., Kartoffeln Zentner 2.252.50 M.,
Kumpf (10 Liter) 3040 Pf., ½ Kg. 34 Pf., Mäuschen
Kumpf 1 M., ½ Kg. 89 Pf.; Obſt u. dgl.: Aepfel
Zentner 714 M. ½ Kg. 715 Pf., Birnen Zentner
815 M., ½ Kg. 816 Pf., ausländiſche Trauben ½ Kg.
*3040 Pf., Nüſſe 100 Stück 60 Pf., Zitronen 67 Pf.,
Kaſtanien ½ Kg. 1618 Pf.; Salat, Gemüſe: Kopf=
Nalat, Endivien 810 Pf., Körbchen Feldſalat 10 Pf., Bündel
Radieschen oder Römiſch=Kohl 2 Pf., Rettiche 5 Pf.,
Meerrettich 1025 Pf., Roterüben, Zwiebeln ½ Kg. 4 bis
10 Pf., Tomaten ½ Kg. 25 Pf., Spinat ½ Kg. 1820 Pf.,
Weißkraut 515 Pf., Zentner 1,502,00 M., Rotkraut 10
bis 35 Pf., Wirſing 310 Pf., Blumenkohl 1040 Pf.,
Roſenkohl ½ Kg. 20 Pf., Gelberüben ½ Kg. 5 Pf., Grün=
kohl
36 Pf.; Geflügel, Wild: Gänſe ½ Kg. 0,90
bis 1,00 M., Enten 3,003,50 M., Hahnen und Hühner
1,502,00 M., Tauben 6070 Pf., Haſen 3,504,00 M.,
Lapins 0,901,00 M.; Fiſche ½ Kg.: Hecht, Karpfen
90 Pf., Aal 1 M., andere Rheinfiſche 4050 Pf., Rot=
zungen
60 Pf., Schollen 40 Pf., Kabeljau 23 Pf., Schell=
fiſche
30 Pf., Seehecht, Seelachs 35 Pf.; in den Fleiſch=
ſtänden
½ Kg.: Rindfleiſch, Hackfleiſch 76 Pf., Rindsfett
70 Pf., Rindswürſtchen (Stück) 15 Pf., Schweinefleiſch
96 Pf., geſalzenes und Koteletts 1,06 M., Schwarten=
magen
u. Fleiſchwurſt 90 Pf., Leber= u. Blutwurſt 76 Pf.
Jugenheim, 9. Nov. Das bekannte Hotel Fels=
berg
wurde von dem Beſitzer Hallmann ge=
ſchloſſen
und verlaſſen. Hallmann, der als
Mitglied der Nieder=Modauer Kaſſe 200000 Mark ange=
fordert
erhielt, ſah ſich außerſtande, den Betrieb unter
dieſen Verhältniſſen weiterzuführen. Ein kleiner Wirt=
ſſchaftsbetrieb
wird in dem früheren Forſthaus von dem
Sohne des früheren Inhabers Simon weitergeführt.
Außer Hallmann haben auch deſſen Schwiegervater und
Schwager ihr ganzes Vermögen verloren.
Rh. Zwingenberg a. d. B., 9. Nov. Der Vollzieh=
ungsbeamte
für den Kreis Bensheim, Philipp Zacheis,
beabſichtigt, vom 15. November d. J. ab aus Geſundheits=
rückſichten
von ſeinem Amte zurückzutreten und ſich
penſionieren zu laſſen. Er trat am 3. Oktober 1889 in den
Dienſt des Kreiſes Bensheim ein und verſah mithin ſein
Amt als Vollziehungsbeamter dieſes Kreiſes über 23
Jahre.
Offenbach, 8. Nov. Eine neue ſtädtiſche An=
leihe
. Heute mittag um 12 Uhr verſammelte ſich das
Stadtverordnetenkollegium zu einer außerordentlichen,
nicht öffentlichen Sitzung, um über die Aufnahme einer
neuen ſtädtiſchen Anleihe zu beraten, da die aus der
Sechsmillionenanleihe des Jahres 1909 vorhandenen Mit=
tel
bis auf eine halbe Million erſchöpft ſind, und für ver=
ſchiedene
kommunale Zwecke neue Summen nötig ſind.
Es handelt ſich hauptſächlich um die Deckung der durch den
Umbau der Kanaliſation und die Erweiterung des Kran=
kenhauſes
und des Elektrizitätswerkes aufgewendeten
Koſten. Außerdem ſind die für den Ankauf von Grund=
ſtücken
aus dem Vermögen entnommenen Beträge zu er=
ſetzen
. Demgemäß wurde heute nach einer kurzen Er=
klärung
des Oberbürgermeiſters Dr. Dullo, der die Not=
wendigkeit
der Aufnahme der neuen Anleihe begründete,
beſchloſſen, die aus der letzten Anleihe noch zur Verfügung
ſtehenden 500000 Mark zu begeben, und außerdem eine
neue Anleihe im Betrage von 1¾ Millionen Mark
bei der heſſiſchen Landeshypothekenbank in
Darmſtadt aufzunehmen.
Seligenſtadt, 8. Nov. Der hieſigen Pfarrei war
es in den letzten Tagen vergönnt, das 25jährige Pfarrer=
jubiläum
des verdienſtreichen Dekans Dr. Weckerle zu
begehen. Der Jubelgreis, der jetzt im 71. Lebensjahre
ſteht und ſeit 46 Jahren dem Altare dient, wurde vor
25 Jahren an die Spitze der Pfarrei Seligenſtadt berufen,
wo er früher ſchon 11 Jahre hindurch als techniſcher Lei=
ter
des Real=Gymnaſiums fungierte. Unzählige Glück=

wunſchſchreiben und Gratulationstelegramme legten be=
redtes
Zeugnis ab, daß man auch außerhalb der Mauern
Seligenſtadts die Bedeutung des Feſtes zu würdigen
wußte. Die ganze Stadt prangte in reichſtem Flaggen=
ſchmucke
. Beim feierlichen Dankgottesdienſte hielt Pfarrer
Blum aus Gernsheim die Feſtpredigt über die Bedeu=
tung
des Prieſtertums für die Völker=Kultur. Den Glanz=
punkt
der Feierlichkeiten bildete eine großartige Feſtver=
ſammlung
im Rieſenſaal. In ausführlicher Feſtrede
wurde der Jubilar gezeichnet, als eine in jeder Beziehung
Achtung gebietende Erſcheinung, als das verkörperte
Ideal eines Pädagogen, als ein Mann der Wiſſenſchaft
und Prieſter nach dem Herzen Gottes. Der Biſchof von
Mainz ehrte den Jubelgreis durch Beförderung zum
Geiſtlichen Rat, und die Gemeinde Seligenſtadt ſtiftete
zwei Heiligen=Statuen, die über dem Hauptportale der
Einhart=Baſilika Aufſtellung finden ſollen. Auch in den
beiden Filialgemeinden Froſchhauſen und Klein= Welz=
heim
wurde das Jubiläum feſtlich begangen.
Neu=Iſenburg, 8. Nov. In der Plenarſitzung der
Offenbacher Handelskammer wurde beſchloſſen, die Aus=
dehnung
des Nachbarortsverkehrs auf Neu=
Iſenburg beim Reichskanzler zu beantragen. Die
Stadt Frankfurt ſoll in dieſer Angelegenheit um Unter=
ſtützung
angegangen werden.
Höchſt i. O., 9. Nov. Das 4jährige Bübchen einer hie=
ſigen
Familie kam in dem Augenblick, als ſeine Mutter nur
kurze Zeit abweſend war, dem Feuer zu nahe, wobei die
Kleider in Brand gerieten. Dadurch zog es ſich ſo
erhebliche Brandwunden zu, daß es an den Folgen ſtarb.
Wimpfen, 8. Nov. Ein frecher Einbruch wurde
geſtern nacht im erſten Pfarrhaus hier verübt. Vom
Garten aus war der Einbrecher mit einer aus dem Holz=
ſtall
geholten Leiter durch ein offenſtehendes Fenſter im
oberen Stock eingeſtiegen, dann in das im Parterreſtock
gelegene Amtszimmer gegangen und hat dort mit einem
Stemmeiſen das Pult aufgebrochen, in welchem eine kleine
eiſerne Kaſſette ſtand. Dieſe, ſowie eine kleine ver=
ſchloſſene
Blechbüchſe, in welcher er Geld vermutete, nahm
er mit in den oberen Stock des Hauſes, verſchloß das
Zimmer, in welches er zuerſt eingeſtiegen war, entleerte
die Blechbüchſe ihres Inhalts, warf ſie unter das Bett
und verließ das Haus auf demſelben Wege, auf dem er
eingeſtiegen war. Niemand von den Bewohnern war
aufgewacht. In der eiſernen Kaſſette waren nur einige
ganz wertloſe Papiere aufgehoben, ſo daß der Einbrecher
nicht auf ſeine Koſten kam. Die von ihm erbrochene
Kaſſette wurde von dem Wachtmeiſter heute nachmittag
auf dem alten Friedhof im Gebüſch gefunden. Leider hat
der kühne Geſelle keinerlei Spuren hinterlaſſen.
Viernheim, 9. Nov. Seit drei Tagen iſt man in den
Orten mit ſtarkem Tabakbau, wie Viernheim, Heddes=
heim
, Sulzbach, Hemsbach, Laudenbach uſw., mit dem
Tabakabhängen beſchäftigt. Unſere Landwirte, die
infolge der hohen Preiſe für Sandblätter dieſe wur=
den
mit 2227 Mark bezahlt glaubten, für den Tabak
wenigſtens 3235 Mark pro Zentner zu erhalten, ſind
nun wieder ſehr enttäuſcht, denn nur einige ganz
vorzügliche Partien erzielten 3032 Mark. Der meiſte
Tabak aber wurde unter 30 Mark losgeſchlagen. Ja es
ſind ſogar Verkäufe unter 20 Mark abgeſchloſſen worden,
denn die Qualität ſoll größtenteils viel zu wünſchen
übrig laſſen.
Mainz, 9. Nov. Bei den von der Eiſenbahndirektion
Mainz vorgenommenen Bohrungen im Strom=
gebiet
des Rheins zum Bau der Eiſenbahn=
brücke
bei Rüdesheim, die bis auf 40 Meter Tiefe fort=
geſetzt
wurden, ſtieß man auch in der Tiefe noch auf Letten.
Nun iſt es zwar techniſch nicht unmöglich, die Brücken=
pfeiler
im Strom auch in Letten zu errichten, aber da man
die unter dem Letten lagernden Erdſchichten nicht genau
kennt, beſchloß man, den ganzen Brückenbau um 900
Meter ſtromabwärts zu verſchieben, ſo daß man
jetzt nicht mehr von einer Brücke Geiſenheim=Gaulsheim
ſprechen kann, ſondern tatſächlich eine Brücke Rüdes=
heim
=Bingen gebaut wird. Beſonders an Rüdes=
heim
rückt die Brücke ſehr nahe heran und die großen
Steinpfeiler und Dämme auf dem Land machen den Be=
wohnern
von Rüdesheim ſpäter jedenfalls kein Ver=
gnügen
. Die Eiſenbahnverwaltung hätte, wie man hört,
das Heranrücken der Brücke an Bingen und Rüdesheim
im Intereſſe der beiden Städte gerne vermieden, aber
der Bau an der alten Stelle auf Lettenuntergrund hätte
die Aufwendung von einigen Millionen Mark erforder=

lich gemacht, wovon auf Preußen und Heſſen ein erheb=
licher
Anteil gefallen wäre. Die ganze Angelegenheit
beſchäftigt jetzt zunächſt die gemiſchte Kommiſſion, welche
die Weite und Höhe der Brückenbogen mit Rückſicht auf
die Schiffahrt zu prüfen hat, dann gelangt der Plan ins
Miniſterium und ſchließlich folgt erſt die landespolizei=
liche
Abnahme. Es dürfte daher noch längere Zeit ver=
gehen
, bevor mit dem Bau begonnen werden kann. Für
den Perſonenverkehr kommt die Brücke zunächſt nicht in
Betracht, es iſt aber wahrſcheinlich, daß ſich ſpäter ein
Lokalverkehr entwickeln wird. Ein Anſchluß an die links=
rheiniſche
Strecke erfolgt wegen der hohen Koſten nicht,
war auch von vornherein nicht vorgeſehen.
Mainz, 9. Nov. Geſtern nachmittag erſchien in einem
hieſigen Goldwarengeſchäft eine gut gekleidete
Dame und ließ ſich eine Anzahl Armbänder und Me=
daillons
zur Auswahl vorlegen. Nachdem ſie eine Be=
ſtellung
gemacht und den Laden verlaſſen hatte, be=
merkte
die Verkäuferin, daß die Dame ein goldenes Pan=
zergliederarmband
im Werte von 114 Mark und ein ſol=
ches
im Werte von 42 Mark entwendet hatte.
Worms, 9. Nov. Geſtern vormittag um 10 Uhr trafen
der Großherzog und die Großherzogin mittels
Sonderzuges auf dem hieſigen Hauptbahnhof ein. Die
Herrſchaften begaben ſich ſofort nach dem Fürſtenzimmer
und fuhren mit Gefolge in vier Automobilen nach dem
Feſthaus. Nach einem kleinen Empfang am Portale des
Feſtſpielhauſes durch die Herren Oberbürgermeiſter Köh=
ler
und Beigeordneten Metzler, ſowie die Damen der ein=
zelnen
Stände, nahm das Großherzogspaar einen Rund=
gang
durch die Räume vor, um ſich dann perſönlich an
den letzten Herrichtungen für den Verkaufstag zu
beteiligen. Um halb 2 Uhr begab ſich das Großher=
zogliche
Paar in die Wohnung des Herrn Oberbürger=
meiſters
Köhler zum Frühſtück. Um 3 Uhr erfolgte die
Rückreiſe. Am Samstag traf das Großherzogliche Paar
wiederum um 10 Uhr mittels Sonderzugs hier ein und
ſtieg im Heylshof ab. Die Stadt prangt in reichem Fah=
nenſchmuck
. Im übrigen ſiehe beſonderen Bericht.
Alzey, 8. Nov. In dem Befinden des ſchwerverletz=
ten
Bierverlegers Fr Joſ. Koch iſt, nachdem derſelbe
einige Tage ohne Beſinnung blieb, eine leichte Beſſerung
eingetreten. Dadurch, daß der Ueberfallene die ganze
Nacht und den halben Vormittag im Freien lag, befürchtet
man den Zutritt einer Lungenentzündung. Geſtern konntel
der Verletzte erklären, daß er ſich auf nichts Genaues über
das Geſchehene erinnere. Perſonen, die am Morgen an
dem Daliegenden vorbeigingen, glaubten, daß ein betrun=
kener
Handwerksburſche dort liege, der ſich am Kopfe ver=
letzt
habe; unbegreiflicherweiſe boten dieſelben nicht ſofort
hilfreiche Hand. Zwei junge Leute, einer aus Blödes=
heim
und der andere aus Heppenheim wurden verhaftet.
Der wahrſcheinlich als Haupttäter in Betracht Kommende
fuhr morgens nach Mainz und ſoll ebenfalls verhaftet
worden ſein; er ſei früher als Fuhrknecht bei Koch in
Stellung geweſen.
Monsheim, 9. Nov. Hier wurde geſtern das 6 Jahre
alte Söhnchen des dort bedienſteten Schweizers Guſtav
Schwarz aus Ober=Elſaß von einem Fuhrwerk über=
fahren
und hierbei derart ſchwer verletzt, daß es heute
im hieſigen Krankenhaus geſtorben iſt.
Gießen, 9. Nov. Geh. Kommerzienrat Heidemann=
in
Köln ſtiftete dem Fonds zur Erhaltung des
Liebig=Laboratoriums die Summe von 1000
Mark,
Nieder=Mörlen, 9. Nov. Wiederum ſind in der Miſte
kaute des Franz Schweitzer beim Aufräumen den
ſelben in einem Topfe zahlreiche Münzen mit der
Jahreszahl 1640 bis 1660 gefunden worden, ähnlich wie
im vergangenen Sommer in der Langstrofſchen Hofreite,
wenige Meter von der jetzigen Fundſtelle. Man geht in.
der Annahme wohl nicht fehl, dieſe Funde auf den 30 jäh=
rigen
Krieg zurückzuführen, wo die Einwohner aus Furcht
das Geld in den Miſtkauten verſteckten.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 9. Nov. Der Kaiſer iſt
geſtern nachmittag um 4 Uhr 10 Minuten von Wildpärk
im Sonderzuge nach Letzlingen in das Hofjagdrevier ab=
gereiſt
. Die chineſiſche Geſandtſchaft beab=
ſichtigt
, in der Umgebung der Reichshauptſtadt einen
Sommerſitz zu errichten und verhandelt wegen An=
kauf
eines geeigneten Geländes an der Unterhavel.
Der öſterreichiſch=ungariſche Botſchafter Graf Szögy=

Feuilleton.

* Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben. Man ſchreibt
uns aus Halle a. S.: Das 25jährige Bühnen=
jubiläum
von Albert Friedrich, einer der mar=
kanteſten
Erſcheinungen des deutſchen Schauſpiels, gab
dem Halleſchen Theater Veranlaſſung, Ibſens Nordiſche
Heerfahrt aufs ſorgfältigſte einzuſtudieren. Albert Fried=
rich
, Regiſſeur und Schauſpieler am Halleſchen Stadt=
theater
, wirkte mehrere Jahre in Stralſund und Potsdam,
dann 8 Jahre am Hamburger Stadttheater, 3 Jahre am
Hoftheater in Darmſtadt, ein Jahr am Deutſchen
Theater in Berlin, 3 Jahre am Kaſſeler Hoftheater und
ſeit 5 Jahren am Halleſchen Stadttheater. Die Nordiſche
Meerfahrt, die als Feſtvorſtellung für den Künſtler ge=
geben
wurde wurde in Halle aufs beſte herausgebracht.
Regie und Einzeldarſteller leiſteten Vortreffliches Fried=
rich
wurde mit Blumen überſchüttet.
Aufhebung des Kinobannes. Der Verband
deutſcher Bühnenſchriftſteller hat den Bann, mit dem jedes
für einen Kino ſchreibendes Mitglied bedroht war, zurück=
genommen
. Es kam ein modus vivendi zuſtande, der in
gleicher Weiſe die Intereſſen der Schriftſteller und der
Kinematographenbeſitzer wahren ſoll.
Parſifal in Italien. In der Mailänder Scala
wird Wagners Parſifal 1914 aufgeführt werden. Die
Ueberſetzung des Textes iſt von dem bekannten Theater=
kritiker
des Corriere della Sera, Giovanni Pazza, unter=
nommen
worden und bereits vollendet. Die Vorbereitun=
gen
zu der Aufführung haben bereits begonnen; ſie wird
dirigiert und geleitet von Tullio Serafin.
C) Aus dem Mädchentagebuch der Königin Viktoria.
Das mit Spannung erwartete Tagebuch der Königin
Viktoria aus den Jahren 1832 bis 40 iſt ſoeben unter dem
Titel Die Mädchenzeit der Königin Vik=
toria
in zwei ſtattlichen Bänden in London erſchienen.
Die innerſten Gefühle und Gedanken eines jungen Mäd=
chens
, das, kaum zur Jungfrau herangereift, die Königin
eines großen Volkes wird, ſind hier vor uns ausgebreitet.
Ein naives, beſcheidenes Kind und zugleich eine ernſte,
tieffühlende Natur, ſo wächſt ſie heran. Ihre erſte Ein=
tragung
vom 1. Auguſt 1832 erzählt von ihrer Reiſe aus
dem geliebten Heim ihrer Jugend, Kenſington Palace,
nach Birmingham: kindlich freut ſie ſich an den Ehrungen,
die ihr zuteil werden, froh kehrt ſie nach Hauſe zurück, und
auch ſpäter noch ſchweifen ſo manche ſehnſüchtigen Ge=

anken nach dem Jugendheim zurück aus der ſtarren
Pracht von Buckingham Palace, wo ſie erſt allmählich ſich
zu Hauſe fühlen lernte. Wie glücklich iſt ſie über die
kleinen Geſchenke, die ſie zu ihrem 14. Geburtstage er=
hält
: Mama gab mir eine niedliche kleine roſa Taſche,
die ſie ſelbſt gearbeitet hat, eine ſchöne kleine Opalbroſche
und Ohrringe, ein paar hübſche Bücher, ein roſa Kleid
und eirten Mantel mit Pelzbeſatz. Pflicht, das Leitwort
der Königin Viktoria in jedem Augenblick ihrer Regier=
ung
, gilt auch ſchon dem Mädchen am höchſten. Pflicht
kommt vor allen Vergnügungen ſchreibt ſie im Juni
1837 in ihr Tagebuch. Bald, überraſchend bald, naht der
Augenblick, wo ſie ihr Pflichtgefühl bewähren muß.
König William ſtirbt am 20. Juni 1837 und drei Stunden
ſpäter, um 6 Uhr morgens, iſt der hiſtoriſche Moment da,
an dem die Prinzeſſin als Königin erwacht. Mit
erſtaunlicher Ruhe zeichnet ſie dieſe weltbewegenden Er=
eigniſſe
auf: Um 6 Uhr wachte ich auf und ging zu
Mama, die mir ſagte, daß der Erzbiſchof von Canterbury
und Lord Conyngham auf mich warteten und mich zu
ſprechen wünſchten. Ich zog mich an ging ins Wohn=
zimmer
und ſprach mit ihnen allein. Lord Conyngham
(der Lordkanzler) machte mich damit bekannt, daß mein
armer Onkel, der König, nicht mehr ſei, 12 Minuten vor
2 Uhr morgens ausgeatmet hatte und ich folglich Königin
war. Der Lord kniete nieder und küßte meine Hand und
überreichte mir zugleich die offizielle Verkündigung vom
Ableben des armen Königs. Sie hörte ſich die näheren
Umſtände vom Tode ihres Vorgängers ruhig an, beauf=
tragt
den Lord, der Königin ihr Beileid zu übermitteln.
Dann ging ich in mein Zimmer und zog mich fertig an.
Schlicht iſt das Herrſcherbekenntnis das ſie
ſich ablegt: Da es der Vorſehung gefallen hat, mich an
dieſe Stelle zu ſetzen, ſo werde ich mein Aeußerſtes tun,
um meine Pflicht gegen mein Land zu erfüllen. Ich bin
ſehr jung und vielleicht in vielen, wenn nicht gar in allen
Dingen unerfahren, aber ich bin ſicher, daß ſehr wenige
mehr guten Willen und mehr echtes Verlangen haben, zu
tun, was gut und recht iſt, als ich. Um 9 Uhr empfängt
ſie den Premierminiſter Lord Melbourne, und das acht=
zehnjährige
Mädchen iſt ihm gegenüber jeder Zoll eine
Königin. Sie bittet ihn, ihr beizuſtehen, und hat ſich
ihm in der erſten Zeit ihrer Regierung anvertraut wie eine
Tochter ihrem Vater. Und die Schilderung dieſes Schick=
ſalstages
ſchließt ſie mit den Worten ab: Ich war durch=
aus
nicht nervös und hatte die Genugtuung zu hören, daß
man zufrieden war, mit dem was ich getan hatte und wie

ich es getan hatte. Wenige Tage ſpäter äußerte ſie ihre
Freude über das neue Amt: Ich habe unge=
heuer
viel zu tun, aber es gefällt mir ausgezeichnet.
Jugendliches Entzücken ruft der Beifall des Volkes bei
der Krönung in ihr hervor: Es war ein ſchöner Tag,
und die Volksmaſſen übertrafen alles was ich je geſehen
habe; viele waren es ſchon an dem Tage, als ich in die
Stadt einzog; aber es war nichts, nichts gegen die
Mengen, die Millionen meiner treuen Untertanen, die ſich
auf jedem Fleck bei der Prozeſſion verſammelt hatten. Ihr
Jubel und ihre Ergebenheit überſtieg alle Begriffe, und
ich kann wirklich nicht ſagen, wie ſtolz ich darauf bin, die
Königin eines ſolchen Volkes zu ſein. Im übrigen iſt
ſie von 4 Uhr morgens an, wo ſie die Salutſchüſſe auf=
wecken
, ruhig und gemeſſen in dem allgemeinen Lärm,
nur bei der Zeremonie ſelbſt ſtört ſie ein unangenehmes
Verſehen: Der Erzbiſchof hatte mir den Ring an den
falſchen Finger geſteckt, und die Folge war, daß ich ihn
nur mit größter Schwierigkeit wieder abnehmen konnte
es gelang mir nur unter großen Schmerzen.
Zu den anmutigſten Kapiteln des ganzen Werkes ge=
hören
die Blätter, auf denen die Königin die Geſchichte
ihrer Heirat erzählt. Schon lange bevor ſie Königin
wurde, war ſie von ihrem Onkel, dem König Leopold
von Belgien, den ſie ſehr liebte, auf eins Heirat mit
Prinz Albert vorbereitet worden. Im Mai 1836 ſah
ſie ihn zum erſtenmal. Er und der Prinz von Orange,
beide Bewerber um ihre Hand, wovon ſie nichts ahnte,
wurden ihr an ihrem 17. Geburtstag auf dem Ball vor=
geſtellt
. Der Prinz von Orange flößte ihr kein Intereſſe
ein; über Albert aber ſchreibt ſie in ihr Tagebuch: Er iſt
ſehr hübſch; ſein Haar hat etwa dieſelbe Farbe wie meins;
ſeine Augen ſind groß und blau und er hat eine ſehr ſchöne
Naſe und den ſüßeſten Mund mit feinen Zähnen. Aber
der Reiz ſeiner Erſcheinung liegt in dem Ausdruck ſeines
Geſichts, der entzückend iſt; er iſt zugleich voll von Güte
und Süße und ſehr offen und klug. Aber als die Prin=
zeſſin
Königin geworden war, wollte ſie an keinen Gatten
denken; ſie liebte ihre Autorität und ihre Stellung. Noch
im Juli 1839 berichtet ſie von einer Unterhaltung mit
Melbourne, in der ſie ſich gegen eine Verbindung mit
einem ihrer Couſins ausſpricht. Ich ſagte, ich wünſchte,
wenn möglich, nicht zu heiraten. Ich weiß nichts da=
rüber
, antwortete er. Im Oktober 1839 kam Albert wie=
der
nach England, und num änderte die junge Königin
raſch ihren Sinn. Wieder ſpricht ſie von ſeiner hübſchen
Naſe und ſeinen ſchönen, blauen Augen und ſeiner präc=

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Nummer 266.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912.

Seite 5.

eny=Marich begeht heute den Tag, wo er vor 20
Jahren den Berliner poſten übernahm. Er ſteht heute
im 71. Levensjahre und har erſucht, von jeder Feierlichteit
Abſtano zu nehmen. Das Bertiner Gaſtwirisweſen hat
im Lauſe der letzren Jahre eine ganz eigenartige Entwiak=
lung
gezeigt: treinere Gaſtwirtſchaften tonnten ſich nicht
halren uno verſchwanden von der Bildftache; größere
Gaſwirtſchaften wurden zu Großbetrieven ausgeſtartet.
Im Jahre 1911 ſind in Berlin nicht weniger wie 2000
kleine Gaſtwirtſchaften eingegangen. Dieſe
Tatſache wurde geſtern auf dem gegenwärtig in Berlin
tagenden Verbandstage der Gaſthofsbeſitzer auf dem
Lande ſtatiſtiſch feſtgeſtellt. Der Rechtsanwalt Bre=
dereck
, der von Berlin geflüchtet war, hat jetzt einem
ſeiner Bekannten ein Lebenszeichen aus New=York ge=
geben
. Bredereck ſoll ſich mehrere Wochen in Koln auf=
gehalten
haben und iſt dann über England nach New=
York gefahren. Gegenwärtig befindet ſich der Fluchtling
in New=York und gedenkt, ſich in Chicago oder Boſton
wieder einen neuen Wirkungskreis zu ſuchen.
Wegen Beleidigung des preußiſchen Ab=
geordnetenhauſes
hatte ſich der Redakteur des
Vorwärts, Albert Wachs, vor der 11. Strafkammer des
Landgerichts I zu verantworten. Der inkriminierte Ar=
tikel
war in der Nummer des Vorwärts vom 28. April
1912 enthalten und gibt eine Kritik der Handlungsweiſe
der Abgeordnetenhausmehrheit. Der Artikel iſt über=
ſchrieben
: Eine reaktionäre Affenkomödie und enthält
nach Anſicht der Anklage eine Reihe das Abgeordneten=
haus
ſchwer beleidigender Redewendungen. Das Urteil
autete auf 200 Mark Geldſtrafe eventuell 20 Tage
Gefängnis. In der Begründung trurde anerkannt, daß
der Artikel im großen und ganzen ſich gegen die Mehrheit
des Hauſes richte, und daß deswegen nicht auf Strafe
erkannt worden ſei. Gegen das Abgeordnetenhaus als
ſolches richteten ſich nur die drei Ausdrücke: Geldſack=
parlament
, Junkerparlament und Tollhaus. Die beiden
erſten Ausdrücke ſeien keine Beleidigungen, da ſie ſich nicht
gegen das Abgeordnetenhaus als ſtaatliches Inſtitut, ſon=
dern
nur gegen ſeine Entſtehung und Zuſammenſetzung
richteten; wohl aber ſei der Ausdruck Tollhaus eine Be=
leidigung
. Er habe ſich auf die Etatsberatung bezogen
und müſſe es ſo erſcheinen laſſen, als ob das Parlament
dieſe ſeine Aufgabe in ſinnloſer und ſtupider Weiſe er=
ledigt
habe. Bei Abmeſſung der Strafe hat das Gericht
mildernd erwogen, daß eine Beleidigung nur in einem
verſchwindend kleinen Teil des Artikels gefunden iſt,
ferner, daß letzterer geſchrieben iſt unter dem Eindruck
einer mehrtägigen Verhandlung und einer gewiſſen Ver=
ärgerung
und in einem politiſchen Kampf, wo man die
Worte nicht ſo auf die Goldwage legt.
Heidelberg, 9. Nov. Geſtern nachmittag halb 5 Uhr
ſtürzte von dem 25 Meter hohen Ausſichtsturm des
Königsſtuhls eine 55jährige unverheiratete, aus Karlsruhe
gebürtige, zuletzt in Mannheim wohnhafte Dame her=
ab
. Der Tod trat ſofort ein.
Weinheim a. d. B., 9. Nov. Der hieſige Arzt Dr.
dam Karrillon, der bekannte Dichter des Odenwal=
des
, von dem erſt kürzlich wieder das Werk Im Lande
unſerer Urenkel erſchien, hat auf der Ueberſeereiſe, die
er wieder als Schiffsarzt eines Ozeandampfers unter=
nahm
, einen ernſten Unfall erlitten. Das von ihm be=
nutzte
Schiff der Hamburg=Amerika=Linie geriet in einen
Taifun und war infolge eines Maſchinendefektes der gan=
zen
Unbill des Orkanes preisgegeben. Dr. Karrillon, der
hierbei erhebliche Verletzungen davontrug, befindet ſich
gegenwärtig im Hoſpital zu Hongkong unter der Pflege
von deutſchen Aerzten.
Magdeburg, 9. Nov. Durch die Kriegs=Ereigniſſe auf
dem Balkan wurde ein Teil der Magdeburger Sparer
derart beunruhigt, daß ſie in den letzten Tagen zu der
Städtiſchen Sparkaſſe eilten und ihre Einlagen
abhoben. Es wurden in kurzer Zeit 1700 Bücher mit
einer halben Million Mark Einlagen vor=
gelegt
. Nur mit Mühe gelang es den aufſichtsführenden
Beamten, die Ordnung im Kaſſenlokal aufrecht zu erhal=
ten
, um die Auszahlung glatt zu erledigen.
Magdeburg, 9. Nov. Feuer brach heute früh gegen
6 Uhr in der Kaſerne Ravensberg aus, wo das
erſte und zweite Bataillon des Infanterie=Regiments Nr.
66 liegen. Es brannten vollſtändig aus die Montierungs=
kammer
des erſten Bataillons und die Kammer der erſten
Kompagnie. Die Städtiſche Feuerwehr hatte mehrere
Stunden zu tun, um eine weitere Verbreitung des Feuers
zu verhindern. Die Urſache des Feuers konnte bisher
noch nicht feſtgeſtellt werden.
Leipzig, 8. Nov. Die Staatsanwaltſchaft ſetzte auf
die Ermittelung des Mörders der heute morgen
bei Leutzſch zerſtückelt aufgefundenen Frau eine Belohn=
ung
von 500 Mark aus. Die Ermittelungen über die
Identität der Ermordeten ergaben noch keine Anhaltspunkte.

Leipzig, 9. Nov. Zu dem geſtern gemeldeten Frauen=
mord
wird noch weiter berichtet: Die Unterſuchung der
bei dem Forſthauſe Leutzſch aufgefundenen zerſtückelten
Leiche ergab, daß es ſich um ein 18= bis 20jähriges, gut
genährtes Mädchen von kleiner Statur handelt. Der
Kopf war kunſtgerecht abgetrennt und die Trennungs=
wunde
am Hals mit Lappen zugeſtopft. Die Oberſchenkel
waren mit Iſolierdraht abgebunden. Die Polizei hält
es für wahrſcheinlich, daß der Mord zwiſchen Erfurt und
Corbetha ausgeführt worden iſt. Jedenfalls hat man die
Leiche mit dem Zuge hierher gebracht. Nach den ärzt=
lichen
Feſtſtellungen iſt der Tod in den frühen Morgen=
ſtunden
eingetreten, da die Leichenſtarre noch nicht vor der
Nacht eingetreten war. Die Leichenteile in den Paketen
waren in Sackleinwand und weißes Papier gewickelt, auf
dem, mit Bleiſtift geſchrieben, mehrere Worte ſtanden,
darunter die Namen Frank und Kraft. Die Staatsan=
waltſchaft
hat auf die Ermittelung des Mörders 500 Mk.
Belohnung ausgeſetzt.
Eiſenach, 9. Nov. Die Bankgeſellſchaft Strauß
u. Heberlein erklärte, nach dem Berliner Tageblatt den
Konkurs. Der eine Inhaber, Strauß, wurde in ſeinem
Jagdrevier erſchoſſen aufgefunden, der andere, Heber=
lein
, und der Prokuriſt, ſind flüchtig.
Geeſtemünde, 8. Nov. Die Stadt Geeſtemünde und
der preußiſche Staat kauften an dem Weſerufer, ſüdlich
vom Fiſchereihafen, gelegenes Areal von 234 Hektar für
den Preis von 2,5 bis 3 Millionen. Das Terrain ſoll
zum Ausbau des Fiſchereihafens und zur Schaffung
eines Induſtriehafens dienen.
Paris, 9. Nov. Geſtern abend gegen ½9 Uhr drangen
drei maskierte Banditen in das Poſtamt von Bézons
bei Paris, töteten den Gatten der Poſtleiterin, den
Poſtinſpektor Cartier, durch mehrere Revolverſchüſſe
raubten aus der Kaſſe an 300 Franes und ergriffen die
Flucht. Die von der Gendarmerie eingeleitete Verfolg=
ung
der Verbrecher blieb ergebnislos.
London, 8. Nov. Lord Chamberlain erlaubte Pro=
feſſor
Reinhardt die Aufführung des Stückes Eine
venetianiſche Nacht nach Vornahme der gefor=
derten
Aenderungen. Das Stück wird am nächſten Mon=
tag
im Palaſttheater aufgeführt.
Quebec, 9. Nov. Sämtliche Paſſagiere des
Dampfers Royal George ſind im Laufe des
geſtrigen Nachmittags gerettet worden. Der Unfall des
Dampfers ereignete ſich am 6. November, nachmittags
gegen 5 Uhr, während dichten Nebels. Nach Ausſagen
der Geretteten hätten mehrere Maſchiniſten erklärt, daß
der Boden des Dampfers durch das Aufſtoßen auf Grund
geriſſen ſei, und daß ſämtliche unteren Räumlichkeiten
unter Waſſer ſtänden.
New=York, 8. Nov. Der Prozeß gegen die vier
Mitglieder der Straßenbande, die als die eigentlichen
Mörder Roſenthals gelten, hat heute begonnen.

Kunſtverein für das Großherzogtum Heſſen.
St. Darmſtadt, 9. November.

Im Oberlichtſaal der Kunſthalle am Rheintor fand
heute nachmittag die nicht ſonderlich zahlreich beſuchte
ordentliche Hauptverſammlung des Kunſt=
vereins
für das Großherzogtum Heſſen ſtatt. Den Vorſitz
führte Herr Dr. W. Merck, der die Erſchienenen herz=
lichſt
begrüßte und kurz über die Vereinstätigkeit refe=
rierte
. Er berührte dabei auch den ſehr bedeutungsvollen
Vortrag des Herrn Hofrat Broderſen über Kunſt=
vereinstätigkeit
der auch im Darmſtädter Tagblatt aus=
zugsweiſe
erſchienen ſei (Samtagsnummer), und der ſehr
viel Beachtenswertes auch für die hieſigen Verhältniſſe
enthalte.
Den Jahresbericht für 1910/1911 erſtattete der
Geſchäftsführer, Herr Dr. Freund. Er verbreitete ſich
zunächſt in ſtatiſtiſchen Angaben über die in der Kunſthalle
in Darmſtadt und in den Ausſtellungsräumen zu Gießen
veranſtalteten Kollektiv= und Sonderausſtellungen der
beiden Geſchäftsjahre uſw. Mit den Einladungen zu der
im Dezember 1911 abgehaltenen Generalverſammlung iſt
an ſämtliche Mitglieder ein Rundſchreiben verſandt wor=
den
, in dem um die Mitarbeit bei der Werbung neuer
Mitglieder gebeten und der ſtändige Beſuch der Ausſtel=
lungen
angeregt wird. Ferner ſind gegen 1100 Aufforde=
rungen
zum Beitritt in den Kunſtverein abgeſchickt wor=
den
. Wegen der in den Städten Mainz, Worms, Bingen,
Offenbach, Friedberg und Bad=Nauheim beabſichtigten
Einrichtung ſtändiger Ausſtellung iſt das
Nachſtehende hervorzuheben: Für Mainz mußte dieſe
Abſicht zunächſt aufgegeben werden, da geeignete Räume=
vorerſt
nicht bereit geſtellt werden konnten. In Worms
konnte dank dem Entgegenkommen der Stadt in dem un=
entgeltlich
zur Verfügung geſtellten ſtädtiſchen Gebäude,
Römerſtraße 31, im April 1912 die erſte Ausſtellung durch

den Kunſtverein eröffnet werden. Von Bingen ging
das letzte Schreiben am 10. Mai 1912 zu, das die Wieder=
herſtellung
der für Ausſtellungen vorzuſehenden Räume
in Ausſicht ſtellt, mit dem Bemerken, daß über die zu ſol=
chem
Zwecke zu bewilligenden Mittel die Stadtverord=
neten
=Verſammlung zu beſchließen hat. Die Großherzog=
liche
Bürgermeiſterei Offenbach hat mit Schreiben
vom 11. November die Erklärung abgegeben, daß zur=
zeit
in der Stadt Offenbach a. M. keinerlei geeignete
Räume für Kunſtausſtellungen vorhanden ſind. Auf die
Mitteilung der Bürgermeiſterei Friedberg vom
18. Dezember 1911, des Inhalts: die Bürgermeiſterei habe
die Einrichtung einer Gemälde=Ausſtellung ſchon längſt
im Auge, es habe jedoch bisher an den nötigen Ausſtel=
lungsraumen
dafür gemangelt; jedoch hoffe man, die=
ſelben
im Laufe des nächſten oder übernächſten Jahres
ſchaffen zu können iſt unterm 8. Mai 1912 weitere An=
regung
gegeben worden. Das wegen der Bad= Nau=
heimer
Ausſtellungen am 8. Mai 1912 an Herrn R.
Banger, Pächter der ſtaatlichen Ausſtellungsräume da=
ſelbſt
, gerichtete Schreiben iſt bis jetzt unbeantwortet ge=
blieben
.
Aus Rechnung und Voranſchlag ſei fol=
gendes
erwähnt: 1. Einnahmen: Reſt aus dem
vorhergehenden Jahre 1910: 1128,97 M., 1911: 925,88 M.,
Voranſchlag 1912: 1766,19 M., Mitgliederbeiträge
8310 M., 8020 M., 9000 M., Eintrittsgelder 680,98 M.,
706,01 M., 900 M., für verkaufte Kunſtgegenſtände 5715,50 M.,
23625 M., 10000 M.; Summe der Einnahmen
1910: 30 843,19 M., 1911: 42834,99 M., Voranſchlag
1912: 22930 M. Ausgabe: Für angekaufte Kunſt=
gegenſtände
a) für den Verein 1910: 2116 M., 1911: 2264,70
Mark, Voranſchlag 1912: 2029,20 M., b) für Private:
5188,70 M., 21270,50 M., 9000 M., für Vereinsblätter,
Voranſchlag: 676,40 M., Ausſtellungskoſten 3763,10 M.,
4366,89 M., 3000 M., Summe der Ausgabe 1910:
29 917,31 M., 1911: 41 068,80 M., Voranſchlag 1912:
22 930 M. Das Vermögen des Vereins beträgt: 1. Für
Kunſtwerke zu öffentlicher Beſtimmung (Fonds C) 3000 M.,
Sparkaſſeguthaben 803,43 M. Für die dem Landesmuſeum
geſtifteten Kunſtwerke, die von den Herren Profeſſoren
Habich in Stuttgart und Gaul in Berlin, ſowie Bildhauer
Ccuer in Darmſtadt hergeſtellt wurden, ſind im ganzen
29 432,70 M. aufgewendet und dem Fonds C entnommen
worden. 2. Baufonds 3½prozentige Staatsſchuldbuch=
forderungen
nominell 13300 M. 3. Kunſthalle zu Darm=
ſtadt
, geſchätzt bei der Großh. Brandverſicherungsanſtalt
zu 60000 M. Die Reſtſchuld des zum Bau der Kunſthalle
bei der ſtädtiſchen Sparkaſſe aufgenommenen Darlehens
von urſprünglich 30000 M. beträgt Ende 1911 25 469,80
Mark.
Rechnung und Voranſchlag werden genehmigt, dem
Rechner wird Entlaſtung erteilt.
Es folgen Wahlen. Aus dem Ausſchuß ſchei=
den
aus die Herren Dr. Back, Dr. Gläſſing, Dr. Kienzle,
Profeſſor Pützer, die wiedergewählt werden, bis auf
Herrn Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing, an deſſen Stelle Bür=
germeiſter
Mueller gewählt wird. Weiter ſcheiden
aus Herr Regierungsrat Kranzbühler, für den Herr
Finanzrat Emmerling gewählt wird, und Herr Re=
gierungsrat
Lang, an deſſen Stelle Herr Dr. Freund
als Geſchäftsführer tritt. Aus dem Verwaltungs=
rat
ſcheiden aus für Darmſtadt die Herren Dr. Back,
Dr. Gläſſing, Profeſſor Hölſcher, Profeſſor Kröh, die ſämt=
lich
wiedergewählt werden. Für die weiter ausſcheidenden
Herren von Berswordt=Wallrabe, Frhr. von Biegeleben,
Finanzminiſter a. D. Dr. Gnauth werden gewähltdie Herren
Finanzrat Emmerling Miniſterialrat Dr. Kratz,
Miniſter des Innern von Hombergk zu Vach. Für
die verſtorbenen Herren Kraft und Wonder werden ge=
wählt
die Herren Hofbuchdruckereibeſitzer Carl
Wittich und H. Kichler. Endlich wird für den aus=
tretenden
Herrn Profeſſor Bader Herr Sanitätsrat Dr.
Maurer gewählt. Für Mainz erfolgt Wiederwahl
der ausſcheidenden Herren Geheimerat Dr. Breidert und
Dr. Gaſtell. Für Worms die Wiederwahl des Frei=
herrn
von Heyl und an Stelle des verſtorbenen Herrn
Reinhart die Neuwahl des Herrn Kreisamtmann Paul
Emmerling. Für Offenbach wird für den ver=
ſtorbenen
Herrn J. Andree Herr Direktor Eberhard
in Vorſchlag gebracht. Für Gießen wird an Stelle
des zurückgetretenen Herrn Landgerichtsdirektor Bücking
Herr Großh. Medizinalrat Dr. Sommer neu= und die
Herren Geh. Kommerzienrat Heichelheim und Profeſſor
Rauch wiedergewählt.
Zum letzten Punkt der Tagesordnung teilt der Vor=
ſitzende
, Herr Dr. W. Merck, mit, daß der Verloſungs=
modus
, entſprechend dem Beſchluß der letzten General=
verſammlung
, wieder dahin geändert wurde, daß nichtmehr

tigen männlichen Erſcheinung. Mein Herz iſt ganz er=
regt
. Sie tanzt mit Albert und er tanzt ſo wundervoll
Das iſt am 11. Oktober, zwei Tage ſpäter teilt ſie Lord
Melbourne mit: Ich habe meinen Sinn geändert (was
die Heirat mit meinem teuerſten Albert anbetrifft). Am
folgenden Tage läßt ſie ihn zu ſich kommen und bleibt mit
ihm allein. Das Tagebuch zeigt nichts von Verwirrung
bei der delikaten Aufgabe, die ihr in dieſer Verlob=
ungsſzene
zufällt: Nach einigen Minuten ſagte ich
ihm, daß ich dächte, er müßte bereits wiſſen, warum ich
ihn zu ſehen wünſchte, und daß es mich zu glücklich machen
würde, wenn er zuſtimmen würde, zu dem, was ich
wünſchte (mich zu heiraten). Wir umarmten uns und er
war ſo freundlich, ſo liebevoll. Ich ſagte ihm, daß ich
ſeiner ganz unwürdig wäre, er ſagte, er würde ſehr glück=
lich
ſein, das Leben mit Dir zuzubringen (im engliſchen
Text deutſch zitiert). Er war ſo gut und ſchien ſo glück=
lich
, daß ich wirklich fühlte, es war der glücklichſte, der
hellſte Augenblick in meinem Leben. Ich ſagte ihm, er
brächte ein großes Opfer was er nicht zugeben wollte.
Mit der Schilderung der Hochzeit ſchließt das Mäd=
hentagebuch
der Königin Viktoria ab. Die Zeremonie
war ſehr eindrucksvoll, ſchön und einfach. Mein teuerſter
Albert wiederholte alles ſehr deutlich. Ich fühlte mich ſo
glücklich, als der Ring angeſteckt wurde und von Albert.
Der gute Lord Melboume war der letzte, mit dem die
Königin ſprach, bevor das Paar abreiſte. Er drückte mir
noch einmal die Hand und ſagte: Gott ſegne Sie, gnädige
Frau, ſehr herzlich. Mein teuerſter Albert kam und führte
mich die Treppe hinunter, wo wir von Mama Abſchied
nahmen und gegen 4 Uhr abfuhren; ich und Albert allein.
Das ſind die letzten Worte des Mädchentagebuchs Vik=
torias
.
* Devot. Dem Herrn Direktor fällt die Zigarre aus
dem Mund. Er und der Herr Regiſtrator ſuchen eifrig
danach unter dem Schreibtiſch. Saperlot, ruft der
Herr Direktor ärgerlich, jetzt bin ich daraufgetreten!
Doch nicht, Herr Direktor, ſagt der Herr Regiſtrator mit
ſchiefgezogenem Geſicht, es war erfreulicherweiſe bloß
mein Daumen! (Fl. Blätter.)

Freie literariſch=künſtleriſche Geſellſchaft.

Man mag darüber geteilter Meinung ſein, und wir
haben das ſelbſt ſchon mehrfach zum Ausdruck gebracht,
ob es künſtleriſch berechtigt iſt, einen Dichter ſeine Werke
ſelbſt vor einem breiten Publikum leſen zu laſſen, was
letzten Endes doch nichts anderes iſt, als den Dichter nach
Zirkusmanier öffentlich vorzuführen‟. Da das Publi=
kum
aber zu Tauſenden in dieſe ſogen. Dichterabende
läuft, auch nach den mancherlei erlebten Enttäuſchungen,
verſtärkt es damit die in Frage kommenden Faktoren in
der Ueberzeugung, daß ſie dem Geſchmack des Publikums
Rechnung tragen, wenn ſie immer wieder Dichter zum
Vorleſen eigener Werke animieren. Iſt dem ſo, dann
hat das Publikum nach unſerer unmaßgeblichen Meinung
auch die Pflicht, eventl. kleine Enttäuſchungen, die ein
ſolcher Abend bringt, hinzunehmen, und es muß als un=
gehörig
gerügt werden, daß eine Anzahl Damen ſtörend
den Saal verläßt, ohne auch nur das Mindeſte, was
die Rückſicht gebietet eine Pauſe abzuwarten. Einem
Dichter ſelbſt kann man es wohl in den wenigſten Fällen
verübeln, wenn er jede Gelegenheit wahrnimmt, ſein
Werk einem Publikum, von dem er neben einem Mindeſt=
maß
von Kunſtverſtändnis doch auch Intereſſe an ſei=
ner
Dichtung vorausſetzen muß, bekannt zu geben.
Nur ſo iſt es doch zu erklären, daß ein Dichter und ein
Mann wie Otto Borngräber, der ſeine ſehr geringe
Vortragskunſt doch kennt und offen zugibt, ſich bereit fin=
den
läßt, ſein Werk ſelbſt zu leſen. Ein guter Inter=
pret
war er ſeiner Dichtung nicht.
Ein endgültiges Urteil läßt ſich nach den Bruchſtücken,
die Otto Borngräber las, über ſein neues Werk König
Friedwahn nicht fällen. Aber es darf geſagt wer=
den
, daß es wie auch ſein erſtes, Die erſten Menſchen,
die unendlich gedankentiefe Arbeit eines von titanen=
haftem
Wollen erfüllten Dichters iſt. Eines Dichters, der
überragende Geſtalten voll Geiſt und Leben, der Schön=
heiten
kraftvoller Art ſchuf in ſeinen Seelengemälden,
und dieſen einen Rahmen gab in poeſieerfüllter, kernig=
deutſcher
Sprache, die ſein Werk weit hinaushebt über

viele Erzeugniſſe unſerer Zeit. Allerdings ſcheint er
ſeiner Aufgabe nicht immer reſtlos gewachſen, doch kann,
wie geſagt, darüber auf Grund des Gehörten nicht geur=
teilt
werden.
Der Dichter nennt ſein Werk eine Tragödie des
Weltfriedens In dem Titelhelden ſchuf er einen Napo=
leon
, der durch innere und äußere Wandlungen auf der
Höhe ſeines äußeren Lebens zur Chriſtusnatur wird.
Schon das kennzeichnet die gigantiſche Größe der Dicht=
ung
und die Schwierigkeiten, an denen die Darſteller, bis
auf einen, bisher ſcheiterten. Friedwahn und Volkmund
ſind Zwillingsbrüder, doch niemand weiß, wer der Erſt=
geborene
und Thronerbe iſt. Nach des Vaters Tod
kämpfen ſie um die Herrſchaft. Friedwahn, der geborene
König, ſiegt über den Bruder, der im Grunde nur ein
Durchſchnittsmenſch iſt; doch als Volkmund überwunden
zu ſeinen Füßen liegt, da geht in Friedwahn, dem frü=
her
harten, herzloſen Mann, eine ſeeliſche Wandlung
vor, das Mitleid mit dem einen und mit allen Menſchen
packt ihn, nach Borngräbers Wort wird er, der bis da=
hin
ein Napoleon war, jetzt eine Heilandfigur, ein Frie=
densfürſt
. Er zieht als wandernder Büßer in die Welt
hinaus, um für ſeinen hohen Beruf reif zu werden; der
Anblick des aus dem Kriege heimkehrenden armen Vol=
kes
führt ihn zur Selbſtbeſinnung, er will nicht nur den
Frieden, ſondern auch den ſozialen Ausgleich bringen,
der abſolute König ergreift die Fahne der Revolution
und des Sozialismus. Aber im Volk und im Adel
wächſt die Unzufriedenheit, Friedwahn wird entthront
und verbannt; ein alter Sänger und Friedlieb deren
Haß ſich in Liebe wandelte, begleiten ihn in die Einſam=
keit
, in der er nach einer großen, viſionär durchleuchteten
Liebesſzene den Tod findet.
So ungefähr ſkizzierte der Autor ſelbſt ſein Werk, das
ſich am Schluſſe den letzten Akt las der Dichter ganz
zu Fauſtiſcher Größe entwickelt, wie denn auch Fauſtiſche
Myſtik es in bedingtem Maße durchweht. Das Publikum
ſpendete am Schluſſe lebhaft und dankbar Beifall. Mag
der Abend auch äußerlich in mancher Beziehung nicht be=
riedigt
haben, ein verlorener war er nicht. Wir möchten
MM. St.
ihn nicht miſſen.

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912.

Nummer 266.

Anteilſcheine, ſondern die Kunſtgegenſtände direkt ver=
loſt
werden. Er erbat und erhielt ferner die Genehmi=
gung
, den ganzen zur Verfügung ſtehenden Ueber=
ſchuß
zu Zwecken der Verloſung zu verwenden. Weiter
nahm Redner Gelegenheit, die von gewiſſer Seite gegen
den Kunſtverein in einigen Blättern gerichteten An=
griffe
als bewußt falſch und feige aus dem Hinterhalt
erfolgt zurückzuweiſen. Herr Naumann rügt, daß
in den Ausſtellungen in letzter Zeit zu viel die ganz mo=
derne
Richtung bevorzugt worden ſei und bittet, auch
wieder anderem Geſchmack Rechnung zu tragen. Es wird
das vom Vorſtand zugeſagt und dabei betont, daß ein
Kunſtverein allerdings die Pflicht habe, tunlichſt alle
wichtigen Neuerſcheinungen der Kunſt vorzuführen, wenn
ſie eben künſtleriſch bedeutend ſind. Nach weiterer kurzer
Debatte über den Wunſch, daß der Geſchäftsführer zu ge=
wiſſen
Zeiten in der Kunſthalle anweſend ſein möge, dem
ebenfalls Rechnung getragen werden ſoll, wird die Ver=
ſammlung
geſchloſſen.

Verſammlung des Heilſtättenvereins für das
Großherzogtum Heſſen.

** Worms, 9. Nov. Der Heilſtättenverein für
das Großherzogtum Heſſen hielt heute vormittag im hie=
ſigen
Rathausſaal ſeine diesjährige ordentliche Mit=
gliederverſammlung
ab, die ſehr zahlreich aus allen Teilen
des Landes, auch von Damen, beſucht war. Die Frau
Großherzogin, die ebenfalls ihr Erſcheinen in Ausſicht ge=
ſtellt
hatte, war im letzten Moment infolge des Verkaufs=
tages
verhindert worden. Unter den) Anweſenden, be=
merkten
wir die Herren Geh. Obermedizinalrat Dr.
Hauſer als Vertreter der Medizinalabteilung des
Miniſteriums des Innern, Herrn Geh Regierungscat Dr.
Kayſer, Herrn Oberbürgermeiſter Köhler u. a. Der
Vorſitzende des Vereins, Herr Geh. Regierungsrat Dr.
Dietz, hieß die Erſchienenen herzlich willkommen und
gedachte alsdann zunächſt des verſtorbenen früheren Vor=
ſtandsmitgliedes
Geh. Obermedizinalrat Dr. Neidhart,
der dem Verein ſtets ein eifriger, treuer Freund und Be=
rater
war. Die Verſammlung ehrte das Andenken des
Verewigten durch Erheben von den Sitzen.
Aus dem gedruckt vorliegenden Jahresbericht
haben wir Wiſſenswertes bereits veröffentlicht. Der Be=
richt
wurde gutgeheißen.
Die gedruckt vorliegende Jahresrechnung für
1911 wurde, nachdem ſie durch Rechnungsreviſoren geprüft
und für richtig erklärt worden war, von der Verſammlung
ohne Debatte genehmigt. Desgleichen wurde debattelos
dem Voranſchlag für 1913 zugeſtimmt, der für den Heil=
ſtättenverein
eine Geſamteinnahme und=Ausgabe von
153000 Mark feſtſetzt. Unter den Ausgaben befinden ſich
ueben denen für die Heilſtätte im Betrag von 137000 M
noch 10000 M. für Unterſtützung von Tuberkuloſe= Für=
ſorgeſtellen
und Tuberkuloſe=Ausſchüſſen, unbemittelter
Tuberkulöſer uſw., und 3000 M. Zuſchuß zu den Betriebs=
koſten
des Lupusheims. Der Voranſchlag für die Eleono=
ren
=Heilſtätte balanziert in Einnahme und Ausgabe mit
137000 M. Bei der Ausloſung und Neuwahl von Mit=
gliedern
des Landesausſchuſſes wurden die Herren Mini=
ſterialrat
Dr. Kratz und Pfarrer Eckel=Lampertheim
neugewählt.
Es folgte nun noch ein höchſt inſtruktiver Vortrag des
Herrn Prof. Dr. Jeſionek=Gießen über das Thema:
Heliotherapie und ihre Anwendung bei Tuberkuloſe.
Der Redner führte aus, daß es unſerer Zeit vorbehalten
geblieben ſei, die biologiſche Wirkung der Sonnenſtrahlen
zu erforſchen, ſie zu faſſen und als neues Heilmittel ein=
zuführen
, was allerdings aus verſchiedenen Gründen
nicht leicht war. Der heilende Einfluß der Sonnenſtrah=
len
auf den menſchlichen Körper ſei ein ganz außerordent=
licher
, und zwar beſonders bei den Lupuskrankheiten. Das
Sonnenlicht beſitze auch die Eigenſchaft, auf der geſunden
und kranken Haut Entzündungen hervorzurufen, und könne
neben der Hauttuberkuloſe, beſonders auch bei der ſoge=
nannten
chirurgiſchen Tuberkuloſe. mit Erfolg angewendet
werden. Es werde Aufgabe der Wiſſenſchaft ſein, die viel=
fachen
Einwirkungen der Heilungsvorgänge durch die
Sonnenſtrahlen zu erforſchen und die Heliotherapie dem
Wohl der leidenden Menſchheit dienſtbar zu machen.
Dem lebhaften Dank der Zuhörerſchaft für die ausge=
zeichneten
Darlegungen gab der Vorſitzende Ausdruck,
worauf die Verſammlung ihren Abſchluß fand, nachdem
Herr Sanitätsrat Dr. Sonnenberaer noch Herrn
Geh. Rat Dr. Dietz und dem geſamten Vorſtand des Heil=
ſtättenvereins
herzlichen Dank für ihre ſegensvolle Tätig=
keit
ausgeſprochen hatte.

Kongreſſe und Verbandstage.
Verband Mitteldeutſcher Inlduſtrieller.

Am 8. November hielt die Ortsgruppe Darm=
ſtadt
des Verbandes Mitteldeutſcher In=
duſtrieller
eine Induſtriellen= Verſamm=
lung
ab, in der über die demnächſt in Kraft tretenden
Geſetze über die Gemeindebeſteuerung und Angeſtellten
verſicherung beraten wurde. Als erſter Redner ſprach Herr
Prokuriſt Fiſcher aus Offenbach a. M. über Das An=
geſtelltenverſicherungsgeſetz
, unter beſonderer Berückſichtig=
ung
der Frage der Verſicherungspflicht der in der In=
duſtrie
tätigen Angeſtelltengruppen‟. Einleitend berichtete
der Referent über die Schwierigkeiten, die ſeinerzeit dem
Zuſtandekommen des Geſetzes entgegenſtanden und wandte
ſich alsdann einer Betrachtung des nunmzehr geltenden
Geſetzes zu. Vor allem erläuterte er die Vorzüge der
Angeſtelltenrente im Gegenſatz zu den einmaligen Lei=
ſtungen
der privaten Verſicherungsgeſellſchaften, den Wert
des bereits am 1. Januar 1913 in Kraft tretenden Heil=
verfahrens
, die Witwen= und Kinderrenten und den Be=
griff
der Berufsinvalidität. Hinſichtlich der fraglichen
Verſicherungspflicht gewiſſer Angeſtelltengruppen ſei zu
wünſchen, daß die Prinzipale in der Anmeldung ihrer An=
geſtellten
nicht allzu engherzig ſein ſollen. Ein Nachteil
des Geſetzes, beſonders für die älteren Mitglieder, ſei die
10jährige Wartefriſt. Wer jedoch jetzt im Alter von etwa
18 Jahren in die Verſicherungspflicht eintrete, habe be=
treits
mit 28 Jahren einen Anſpruch auf eine Rente. In=
ſofern
ſeien die Privatbeamten noch günſtiger geſtellt als
die Staatsbeamten, die niemals in ſo frühem Alter zu
dem gleichen Rechte gelangen könnten. Zum Schluß ge=
dachte
der Redner mit großer Genugtuung des günſtigen
Ausgangs der Vertrauensmännerwahlen für Nejenigen
Angeſtelltengruppen, die an dem Zuſtandekommen des Ge=
ſetzes
mitgearbeitet haben und gab der Hoffnung Aus=
druck
, daß es der Freien Vereinigung, die da Privat
angeſtellten den Klaſſenkampf predigen will, nicht gelinge
möge, den Privatbeamten die Freude an dem
vergällen. Den Ausführungen ſchloß ſich ein
kuſſion an, in der Herr Fiſcher die an ihn geſtellten
fragen beantwortete.
Herr Aſſeſſor Meißinger von der Geſchttsfül
ua des Verbandes Mitteldeutſcher Induſtrieller

über die Wirkungen das neuen Gemeindeumlagengeſetzes
für die Induſtrie. Als Beſteuerungsmaßſtab ſeien ſeither
Steuerkapitalien unter Zugrundelegung eines durchſchnitt=
lich
mittleren Ertrags angenommen worden. Dieſe
Steuerkapitalien wurden in den verſchiedenen Geſetzen
über die Realbeſteuerung durch ausdrückliche Beſtimmung
fixiert und waren im finanzrechtlichen Sinne unbeweglich.
Die Ermittelung des jährlichen Steuerbetrags erfolgte an
Hand dieſer Steuerkapitalien auf Grund eines in den Fi=
nanzgeſetzen
feſtgeſetzten Ausſchlagskoeffizienten. So lange
der Staat Realſteuern noch für ſich erhob, d. h. bis zur
Einführung der allgemeinen Vermögensſteuer im Jahre
1899 war mit den für den Staat feſtgeſetzten Ausſchlags=
koeffizienten
gleichzeitig die Grundlage für den Betrag ge=
geben
, auf Grund deſſen die Gemeinden ihre Zuſchläge er=
hoben
. Für die Zeit nach Einführn der ſtaatlichen Ver=
mögensſteuer
war in dem Artitel 6 des Gemeindeumlagen=
geſetzes
vom Jahr 1901 der Ausſchlagskoeffizient auf
15 Prozent für alle Realſteuern fixiert. Das neue Ge=
meindeumlagengeſetz
geht von dem Prinzip aus, daß ein
Gemeindeſteuerſyſtem aus einer Kombination von Per=
ſonalſteuer
(Einkommenſteuer) und Realſteuern aufgebaut
ſein muß. Wir finden deshalb auch für die Zukunft in
den Gemeindegrundſteuern Gewerbeſteuern und Kapital=
ſteuern
, letztere an Stelle der früheren Kapitalrenten=
ſteuer
, und Einkommenſteuern. Die große Bedeutung der
Gemeindeſteuerreform beſteht darin, daß an Stelle des
ſeitherigen Beſteuerungsmaßſtabes der Steueslapitalien
durchweg eine Beſteuerung nach dem gemeinen Wert der
Steuerobjekte geſchaffen worden iſt, wodurch für die Zu=
kunft
eine Garantie für eine gerechtere Beſteuerung ge=
boten
iſt, die ſeither bei Anwendung des ſtarren Syſtems
der Steuerkapitalien vielfach nicht durchführbar war. Zu
den einzelnen Steuerarten machte der Referent im An=
ſchluß
an die für die Deklarationen zu benutzenden Formu=
lare
folgende Ausführungen: Der Grundſteuer ſind in einer
Gemeinde unterworfen die dem Fabrikbetrieb dienenden
Grundſtücke und Gebäude nebſt ihrem Zubehör. Die Steuer
wird nach dem gemeinen Wert der ihr unterliegenden
Gegenſtände erhoben; die Berechnung dieſes gemeinen
Wertes erfolgt in der gleichen Art, wie dies aus der Praxis
bei den Vermögensſteuerdeklarationen üblich iſt. Affek=
tionswert
wird der Beſtenerung billigerweiſe wohl nicht
zugrunde gelegt werden dürfen. Für die Induſtrie iſt
noch von beſonderem Intereſſe die Vorſchrift, daß auf An=
trag
des Steuerpflichtigen dem Wert des Grund und
Bodens als beſonderer Wert für die Gebäude höchſtens der
Brandverſicherungswert zugerechnet werden darf. Ein
Schuldenabzug findet bei Berechnung des gemeinen Wer=
tes
nicht ſtatt, namentlich dürfen Hypotheken nicht in Ab=
zug
gebracht werden. Der Gewerbeſteuer ſind alle Fabrik=
betriebe
als ſtehende Gewerbe unterworfen. Den Be=
ſteuerungsmaßſtab
bildet in Zukunft der Beſtand des in
dem Betrieb innerhalb der Gemeinde arbeitenden Anlage=
und Betriebskapitals. Dieſes gewerbliche Betriebskapital
umfaßt ſämtliche dem Gewerbebetrieb gewidmeten Gegen=
ſtände
und Rechte, außer dem bereits in der Grundſteuer
belaſteten gewerblichen Grund= und Gebäudebeſitz. Hier=
von
gehören beſonders die zum Betrieb verwendeten und
im Eigentum des Fabrikanten ſtehenden Maſchinen, Ge=
räte
, Werkzeuge und Werte ſonſtiger Betriebseinricht=
ungen
. Demnach werden auch die ſeither in den Bilanzen
vielfach mit dem Wert 1 bezeichneten Modelle und der=
gleichen
für die Folge mit dem Wert einzuſetzen ſein, den
ſie tatſächlich für den Betrieb haben. Einen Schuldenabzug
geſtattet die Gewerbeſteuer als Realſteuer prinzipiell nicht,
nur dürfen die aus dem laufenden Geſchäftsbetrieb
(nicht Geſchäfts jahr) herrührenden ſogenannten laufen=
den
Betriebsſchulden in der Höhe vom Betriebskapital ab=
gezogen
werden, ſoweit ihnen die laufenden Betriebsvor=
räte
an Gold, Papiergeld, Banknoten, Wechſel=, Wert=
papieren
, Aktivausſtände und Kontokorrentguthaben
gegenüberſtehen. Die laufenden Warenvorräte dürfen
hierbei nicht berückſichtigt werden. Der Schwerpunkt für
die Induſtrie liegt bei der Gewerbeſteuer in dem ſoge=
nannten
Ertragszuſchlag: Wenn in dem abge=
laufenen
Geſchäftsjahr der Ertrag des Gewerbebetriebs
ſich auf mehr als 6 Prozent des geſamten dem Gewerbe
dienenden Vermögens berechnet, ſo wird von dem über=
ſchüſſigen
Ertrag ein progreſſiver Betrag dem Anlage= und
Betriebskapital zugrunde gelegt. Eine Milderung dieſer
unter Umſtänden ſehr einſchneidenden Beſtimmung ſchafft
das Geſetz dadurch, daß es von dem jährlichen Ertrag ge=
wiſſe
Abzüge geſtattet. Als Ertrag im Sinn des Artikels
11 hat nämlich der Rohertrag unter Abzug der zuläſſigen
Abſchreibungen und der abzugsfähigen Betriebsausgaben
zu gelten. Was darunter zu verſtehen ſei, ſetzte der Re=
ferent
an Hand einer Zuſammenſtellung auseinander, die
die Ortsgruppe Darmſtadt des Verbandes Mitteldeutſcher
Induſtrieller ihren Mitgliedern zur Verfügung ſtellt.
Inwieweit durch das neue Geſetz für das Gewerbe eine
Mehrbelaſtung zu erwarten iſt, läßt ſich heute noch nicht
mit Beſtimmtheit ſagen. Infolge der veränderten Beſteuer=
ungsmaßſtäbe
wird anzunehmen ſein, daß die Grundſteuer
einen höheren Ertrag ergibt und daß vor allen Dingen im
Rahmen der Gewerbeſteuer ſelbſt Verſchiebungen ein=
treten
dadurch, daß beſtimmte Gewerbe, die ſeither kaum
gefaßt werden konnten, durch die Ertragszuſchläge unter
Umſtänden mit erheblichen Beträgen zur Steuer heran=
gezogen
werden. Bei einem gleichen direkten Steuer=
bedarf
der Gemeinde Darmſtadt erſcheint es ſonach nicht
ausgeſchloſſen, daß für die Induſtrie vielleicht unter Aus=
ſchluß
der beſonders rentierenden Betriebe keine allzu=
großen
Ueberraſchungen bevorſtehen. Jedenfalls aber muß
dem neuen Geſetz das große Verdienſt zugeſprochen wer=
den
, daß in Zukunft für eine gerechte Beſteuerung
der einzelnen Gewerbebetriebe alle Grundlagen geſchaffen
ſind. Und dieſes Verdienſt erkennt die Induſtrie an, auch
wenn unumgängliche Mehrbelaſtungen eintreten. Anderer=
ſeits
aber darf man ſeitens der Induſtrie mit gutem Recht
Beſchwerde führen über eine Begünſtigung der Land=
wirtſchaft
, die neben anderen Beiſpielen am treffendſten
dadurch zum Ausdruck kommt, daß die Ertragszuſchläge
des Artikels 11 für die Landwirtſchaft ausſcheiden. Daß
die Organiſation der heſſiſchen Landwirtſchaft und die
dadurch zweifellos weſentlich beeinflußte Zuſammen=
ſetzung
des heſſiſchen Landtags mit als Urſache für dieſe
Begünſtigung der Landwirtſchaft angeſprochen werden
müſſen, ſei nicht zweifelhaft. So bietet denn das Ge=
meindeumlagengeſetz
eines der vielen Beiſpiele für die
Notwendigkeit, daß auch die heſſiſche Induſtrie endlich zu
einer einheitlichen Organiſation kommt. Denn nur ſo
kant es nach Lage der heutigen Verhältniſſe der In=
duſtrie
gelingen, bei Regierung und Parlament den Ein=
fluß
zu gewinnen, der ihrer Bedeutung entſpricht und den
ſie nachgerade nicht entbehren kann für ihre weitere ge=
deihliche
Entwickelung. In ſeinem Schlußwort
rankte der Vorſitzende, Herr Direktor Brink den Herren
ihr Erſcheinen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß
uch fernerhin die Induſtriellen für Darmſtadt und Um=
die
, für die einheimiſche Induſtrie ſo wichtigen
ebungen der Ortsgruppe des Verbandes Mittel=
Induſtrieller nach beſten Kräften fördern

Wormſer Feſttage.
Der Verkaufstag der Großherzogin.
. Worms, 9. Nov.

Die Stadt prangt in reichſtem Flaggenſchmuck. Die
Bürgerſchaft nimmt regen Anteil an den Feſttagen. Be=
reits
am Mittwoch und geſtern früh traf das Groß=
herzogspaar
im Automobil hier ein, um im Feſt=
haus
alle Vorbereitungen für den Verkaufstag zu über=
wachen
. Heute früh um 10 Uhr traf der Extrazug
mit dem Großherzogspaar und dem Gefolge auf
dem hieſigen Hauptbahnhof ein. Die hohen Herrſchaften
begaben ſich ſofort in das Feſthaus, um die letzten Vor=
bereitungen
zu treffen. Unter vieltauſendſtimmigen Hoch=
rufen
der Menge begaben ſie ſich um 12¾ Uhr zur Früh=
ſtückstafel
im Heylshof, wo die hohen Herrſchaften
auch übernachten. Im Gefolge befinden ſich General=
major
Hahn, Generaladjutant des Großherzogs, Hof=
marſchall
Frhr. v. Ungern=Sternberg, Kammer=
herr
v. Leonhardi, Flügeladjutant Rittmeiſter Frhr.
v. Maſſenbach, dieſe Herren mit Damen, ferner
Flügeladjutant Oberleutnant v. Schröder, ſowie die
Hofdame Freiin v. Rotsmann und die Ehrendame
Freiin v. Bellersheim.
Der Verkaufstag begann um 3 Uhr. Der Beſuch war=
äußerſt
rege, namentlich drängte ſich alles zu dem Stand,
wo das Großherzogspaar eifrig tätig war. Beſonders
gern gekauft wurden die von dem Großherzogspaar ſelbſt
gefertigten und vom ruſſiſchen Kaiſerpaar ge=
ſtifteten
Sachen. Die ovale Form der in Weiß, Grün
und Gold geſchmückten Bühne des Theaters war gar=
nicht
wieder zu erkennen. Auch an den übrigen Ständen
haben die verkaufenden Damen alle Hände voll zu tun.
Das Zarenpaar hat viele ſchöne Gegenſtände zur Verfüg=
ung
geſtellt, wie Zigaretten, Lackwaren, bemalte Por=
zellanvaſen
von hohem Werte und viele andere Dinge,
Jeder Stand iſt ein wahres Schatzkäſtlein für ſich.
Der Verkauf wird vorausſichtlich bis Mitternacht ausge=
dehnt
werden, da der Andrang in den Abendſtunden
außerordentlich wächſt.
Nach einem vorläufig feſtgeſtellten Reſultat belaufen
ſich die Einnahmen auf zirka 36000 Mark. Der Groß=
herzog
verlieh dem Stadtbaurat Metzler das Ritter=
kreuz
1. Klaſſe des Verdienſtordens Philipps des Groß=
mütigen
.

Die Einweihung der Lutherkirche.

Nach zweijähriger Bauzeit wurde geſtern vormittag
11 Uhr die auf dem Waſſerturmplatz ſtehende Luther=
kirche
in Anweſenheit des Großherzogspaars
feierlichſt eingeweiht. Das ſtolze Werk wurde von
Profeſſor Pützer=Darmſtadt errichtet. Am 5. Novem=
ber
1910 erfolgte die Grundſteinlegung und heute, am
Geburtstag Martin Luthers, konnte die Kirche der Ge=
meinde
übergeben werden. Die Opferwilligkeit der evan=
geliſchen
Bürger war ſehr groß, Außer der veranſchlag=
ten
Bauſumme von 430000 Mark wurden noch 80000
Mark für die innere Ausſchmückung durch Feſtſpiele und
namhafte freiwillige Beiträge zuſammengebracht. Der
Lutherkirche, die 1200 Sitzplätze enthält, iſt ein Pfarrhaus
mit zwei Gemeindeſälen angegliedert. Seit 1768 hatte
die evangeliſche Gemeinde kein neues Gotteshaus mehr
erhalten. Die nach dem Gotteshaus führende Donners=
bergſtraße
war auf das ſchönſte mit Girlanden und Fah=
nen
dekoriert. Dicht gedrängt ſtand das Publikum an der
Kirche und in den ſie umgebenden Straßen. Um 11 Uhr
erſchien der Großherzog und die Großherzogin im Auto=
mobil
, vom Heylshof kommend, von der Bevölkerung
ſtürmiſch und herzlich begrüßt. Der Landesfürſt trug die
Generalsuniform und wurde am Eingang der Kirche, wo
weißgekleidete Mädchen Spalier bildeten, von Super=
intendent
Euler und Pfarrer Pabſt empfangen und auf
den vorgeſehenen Platz gegenüber der Kanzel geleitet,
wo das Gefolge bereits ſaß. Von ſeiten der Regierung
waren die Miniſter von Hombergk=u Vach und
Ewald anweſend, von Worms die Spitzen der Zivil=
und Militärbehörden. Die Muſikkapelle des Infanterie=
Regiments 118 leitete die Feier mit dem Vortrag Die
Ehre Gottes aus der Natur von Beethoven ſtimmungs=
voll
ein. Die Weihehandlung nahm Herr Superinten=
dent
Euler=Darmſtadt vor. Es folgte Glockengeläute
und Orgelſpiel des Organiſten Deboben. Herr Pfarrer
Pabſt hielt die Feſtrede, der er den 26. Pſalm, Vers 12,
zugrunde gelegt. Der gemiſchte Chor des Kirchengeſang=
vereins
trug hierauf unter Herrn Muſikdirektor L.
Hohmeier eine weihevolle Kantate, die der bekannte
Kirchenkomponiſt Ferdinand Thieriot eigens zur Ein=
weihung
der Lutherkirche geſchrieben, mit beſtem Gelin=
gen
vor. Das Schlußgebet ſprach Dekan Benemann.
Nach einer kurzen Beſichtigung der Kirche durch das Groß=
herzogspaar
fuhren die hohen Herrſchaften wieder zum
Schloß des Freihern von Heyl. wo Tafel ſtattfand.
Gegen 3 Uhr kehrte das Landesfürſtenpaar wieder nach
F.
Darmſtadt zurück.

Der Balkankrieg.
Die Türkei und die Beſetzung Konſtantinopels.

H. B. Konſtantinopel, 9 Nov. Seit der Rück=
kehr
des Thronfolgers aus dem Haupt=
quartier
iſt ein Umſchwung in der Haltung
der türkiſchen Regierung bemerkbar. Erſt
wünſchte man einen Waffenſtillſtand, jetzt will man einen
entſcheidenden Waffengang wagen. Dieſer Umſchwung wird
auf Marſchall Fuad Paſcha zurückgeführt, der den Thron=
folger
begleitet. Die Zahl der türkiſchen Soldaten, die
noch nicht nach Tſchataldſcha gegangen ſind, wird auf=
80000 Mann geſchätzt. Dieſe irren in der Umgebung um=
her
, in der Abſicht, zu plündern. In Silivri am Mar=
mara
=Meer wurden bereits 60 Chriſten umgebracht. Die
aus Tſchataldſcha zurückgekehrten Militär=Attachés und
die verwundeten Offiziere erklären, daß die Befeſtigungen
von Tſchataldſcha völlig vernachläſſigt und die Truppen
demoraliſiert ſeien. Anläßlich der türkiſchen Niederlagen
bringen mehrere Blätter Angriffe gegen die deutſchen
Inſtrukteure, deren Syſtem völlig verſagt habe. Auch die
Kruppſchen Kanonen ſeien von ſchlechter Qualität.
* Konſtantinopel, 9. Nov. Der Scheik ül
Islam veröffentlicht einen Aufruf an die Ule=
mas
in dem es heißt: Während alle religiöſen Ober=
häupter
, mit dem Kreuz in der Hand, daran arbeiten, die
Truppen zu ermutigen, iſt es völlig unzuläſſig, daß unſere
Ulemas dieſe Pflicht noch nicht erfüllen. Die Ulemas
müſſen deshalb gleichfalls den Religicnskrieg verkünden,
um dadurch die Moral unſerer Truppen zu ſtärken. Der
Scheik ül Islam fordert die Ulemas, die glauben, dieſe
Fähigkeiten für die heilige Aufgabe zu beſitzen, ſich zu
melden.
Wien, 8. Nov. Die Neue Freie Preſſe meldet aus
Konſtantinopel: Von beſtunterrichteter Seite ver=
lautet
: Der Beſchluß des Miniſterrats, den Krieg bis
zum Aeußerſten fortzuſetzen, wird mit aller
Energie durchgeführt werden. Mahmud Schefket Paſcha,
den der Sultan als ſeinen erſten Adjutanten zur Inſpektion

[ ][  ][ ]

Nummer 266.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912.

Seite 7.

der Oſtarmee entſendet, wird nach ſeiner Rückkehr zum
Großwenr, der ſoeben aus dem Jemen heimgerehrte Ge=
neralſtabschef
Izzer Paſcha zum Generaliſſimus ernannt
werden. Beſonderes Gewicht wird auf die Hebung der
Moral der Truppen durch religiöſe Andachtsſtunden ge=
legt
werden, zu welchem Zweck einige hundert Imame zur
Armee entſandt werden. Offiziere und Unteroffiziere er=
halten
den Befehl, die Mannſchaften durch tägliche An=
ſprachen
über die Bedeutung des Entſcheidungsrampfes
für die Türkei und den Islam aufzuklären. Der Sultan
ſelbſt wird heute zum vierten Male ſeit Beginn des
Krieges beim Mantel des Propheten beten.
* Konſtantinopel 8 Nov. Die geſamte Preſſe
fordert die Regierung auf, im Widerſtand zu be=
harren
, um die militäriſche Ehre der Türkei zu retten,
und den Einzug der Bulgaren in Konſtantinopel zu ver=
hindern
. Der Tanin glaubt, daß es noch hinter der Tſcha=
taldſcha
=Linie möglich ſein würde, eine dritte Verteidig=
ungslinie
zu bilden, nämlich San Stefano=Tſchekmedſche=
Kithane. Die ganze Einwohnerſchaft Kon=
ſtantinopels
ſolle helfen, die Verteidigungs=
werke
aufzuführen, die mit Geſchützen armiert werden
könnten. Ein nationales Verteidigungskorps müſſe or=
ganiſiert
werden. Vorher hätten alle geſagt, daß ſie ihr
Blut vergießen wollten; warum, ſo fragt der Tanin,
gehen wir jetzt in den Straßen Stambuls ſpazieren, ohne
etwas zu tun? Alle müſſen kämpfen, denn es iſt wahr=
ſcheinlich
, daß dies der letzte Krieg iſt, den wir in
Europa führen.
* Konſtantinopel, 8. Nov. Faſt alle türkiſchen
Blätter veröffentlichen in bewegten Worten einen pa=
triotiſchen
Aufruf, in dem alle Ottomanen
aufgefordert werden, an der Verteidigung der Hauptſtadt
mitzuwirken. Die Jeni Gazeta z. B. ſchreibt: Der Sitz
des Kalifats der islamitiſchen Welt iſt in Gefahr. Der
Sultan und das geſamte kaiſerliche Haus haben ge=
ſchworen
, ihr Leben zu opfern. Europa kann alle Ver=
träge
zerreißen. Wir aber können weder den Koran noch
die türkiſche Geſchichte zerreißen. Der Großweſir, die Mi=
niſter
, die Armee und die Nation haben geſchworen, ihren
letzten Blutstropfen zu vergießen. Weiterhin fordert das
Blatt die Ottomanen auf, die Gefahr eines bulgariſchen
Einzuges in Konſtantinopel und einer Wiederaufrichtung
des Kreuzes in der Sophienkirche zu beſchwören. Die
Blätter fordern alle außer Dienſt befindlichen Offiziere
auf, den aktiven Dienſt wieder aufzunehmen, und alle
Einwohner ſich als Freiwillige einſchreiben zu laſſen,
unter Umſtänden wenigſtens als Krankenpfleger oder bei
einem anderen Hilfsdienſt.
* Wien, 8. Nov. Die Wiener Allgemeine Zeitung
meldet: Wie in gut unterrichteten diplomatiſchen Kreiſen
verlautet, beſteht bei den Balkanſtaaten die Abſicht, daß
jedenfalls die proviſoriſche Beſetzung Kon=
ſtantinopels
durch Truppen der drei großen Balkan=
ſtaaten
ſtattfinden ſoll. An dem Einmarſch der Bulgaren
nach dem Fall von Tſchataldſcha ſollen auch Abteilungen
der ſerbiſchen und griechiſchen Armee teilnehmen. Die
griechiſchen Truppen ſeien im Begriff, im Golf von
Teres zu landen, und ſich von dort mit der bulgariſchen
Armee zu vereinigen. Es ſei beabſichtigt, in Gegenwart
der militäriſchen Vertreter Bulgariens, Griechenlands und
Serbiens einen feierlichen Gottesdienſt in der Sophien=
kicche
abzuhalten.
* Paris 9 Nov. Der Sonderberichterſtatter des
Matin meldet, Kiamil Paſcha habe den Botſchaftern
der Großmächte erklärt, daß er die Ordnung ſo=
wohl
in Konſtantinopel, wie in Klein=Aſien ver=
teidigen
werde. Wenn er jedoch durch den Einmarſch des
Feindes in Konſtantinopel in die Unmöglichkeit verſetzt
würde, die Ordnung aufrecht zu erhalten, wenn man die
unglückliche Bevölkerung durch die Greuel des Krieges
zur Verzweiflung brächte, dann würde er für die hieraus
etwa erwachſenden Folgen das Gewiſſen Europas ver=
antwortlich
machen. Rechnen Sie nicht darauf, habe Kia=
mil
Paſcha hinzugefügt, daß ich jemals Konſtantinopel
im Stiche laſſen oder daß der Sultan es verlaſſe. Eher
müßte man meinen Souverän in ſeinem Palaſte und mich
in meinem Arbeitszimmer töten.
* Konſtantinopel, 8. Nov. In langen Zügen
treffen die muſelmaniſchen Landleute aus den
von den Bulgaren bedrohten Gebieten ein. Stambul
iſt voll von einer langen Reihe von Karren, auf denen
Frauen, Kinder, Dienſtboten und Tiere in bejammerns=
wertem
Zuſtande kauern. Was an Hausrat mitgeführt
werden konnte, das hat man bei ſich. Die meiſten von
ihnen befinden ſich auf dem Wege nach Aſien. Zahl=
reiche
freiwillige Kurden, Laſen und Tſcherkeſſen ſind nach
Tſchataldſcha abgegangen, deſſen Befeſtigung weiter ver=
ſtärkt
wird.
* Wien, 9. Nov. Nach einer Meldung aus Buka=
reſt
wurden geſtern in Konſtantza Gerüchte über blutige
Chriſtenmaſſſakre in Konſtantinopel ver=
breitet
. Das Stadtviertel Golata ſoll in Flammen ſtehen
und große Kurdenabteilungen ſollen die Stadt mordend
durchziehen. Die türkiſchen Behörden verweigern jede
Auskunft. Tatſächlich werden ſeit geſtern die ſonſt nach
Konſtantinopel aus Deutſchland über Konſtantza überge=
leiteten
Geldſendungen in Konſtantza zurückgehalten.
Zwei rumäniſche Dampfer ſind zur Abholung der Landes=
angehörigen
nach Konſtantinopel abgefahren.

Die Einnahme von Saloniki.

* Wien, 9. Nov. Der Kriegsberichterſtatter der
Reichspoſt bei der bulgariſchen Hauptarmee
meldet aus dem großen Hauptquartier unter dem ?
ids. Mts.: Die Bulgaren führen, geſtützt auf die bereits
gewonnene Poſition, ihren Angriff gegen die übrigen
Linien der Tſchataldſchaſtellung mit Aufbietung
aller Kräfte durch. Die dritte Armee iſt bereits in das
Waldterrain ſüdlich des Derkosſees vorgedrungen, wäh=
rend
die erſte Armee im Kampfe um die türkiſche Haupt=
poſition
öſtlich Tſchataldſcha ſteht. Der bevorſtehende
Durchbruch der türkiſchen Stellung, die aus mehreren
hintereinander befindlichen Linien beſteht, iſt noch nicht
erfolgt, doch iſt das Niederringen der Verteidigung nur=
mehr
eine Frage der kürzeſten Zeit. Die türkiſchen Trup=
pen
kämpfen ſehr ungleich. Einzelne Abteilungen, die
offenbar noch nicht im Kampfe waren, leiſten hartnäckigen
Widerſtand, der Reſt der Armee Nazim Paſchas zeigt nur
noch die herabgeminderte Widerſtandskraft geſchlagener
Truppen. Bei der Einnahme von Strandza bei dem miß=
glückten
türkiſchen Vorſtoß von Kapakli=Bunar nach Nord=
oſten
ſpielten ſich furchtbare Szenen ab. Die von drei
Seiten von einer Uebermacht angegriffenen Türken ſtürz=
iten
in wilder Flucht auf Kapakli=Bunar zurück, wurden
kaber, noch ehe ſie dieſes erreichten, durch das bulgariſche
Artillerie= und Infanteriefeuer dezimiert. Die Bulgaren,
obwohl ſelbſt von den Kämpfen und Gewaltmärſchen er=
ſchöpft
, zerſprengten durch ihre rückſichtsloſe Verfolgung
aalle Verbände der Armee Nazim Paſchas.
Adrianopel ſteht unmittelbar vor der Kapit u=
Mation. Die eingeleiteten Verhandlungen führten zwar
noch zu keinem endgültigen Ergebnis, aber ſeitdem die

Bulgaren nach der ſiegreichen Zurückweiſung des letzten
großen Ausfalles eine dominierende Stellung auf der
Nordweſtfront Adrianopels in Beſitz nahmen, iſt jede
weitere Verteidigung ausſichtslos.
In Adrianopel richtet der Typhus unter der
Beſatzung große Verheerungen an. Mehrere tauſend
Mann ſind ſchon typhuskrank. Die Beſatzung der Feſt=
ung
wird trotz vieler Verluſte noch auf 40000 bis 50000
Mann geſchätzt. Einzelne Stellungen der Türken ſind ſehr
ſtark. Hunger und Krankheit ſetzen der Beſatzung mehr
als der Feind zu. Das Kommando der bulgariſchen Be=
lagerungstruppen
beabſichtigt keine forcierte Eroberung
der Feſtung, richtet vielmehr das Augenmerk auf eine
lückenloſe Einſchließung. Pourparlers wegen
der Uebergabe Adrianopels ſollen bereits eingeleitet
ſein.
* Athen, 9. Nov. Ueber die Kapitulation
von Saloniki erhielt das Kriegsminiſterium von
dem die Truppen befehligenden Thronfolger folgenden
Bericht: Während des ganzen geſtrigen Tages über=
ſchritt
die Armee den Axiosfluß. Die Generalkonſuln
von England, Frankreich, Deutſchland und Oeſterreich, der
Platzkommandant von Saloniki und ein Vertreter Tak=
ſchin
Paſchas, des Befehlshabers der türkiſchen Armee,
kamen nach meinem Hauptquartier in Topſin, um mir
Vorſchläge über die Kapitulation der Stadt und des
Heeres zu machen. Sie verlangten, daß die Armee gegen
die Verpflichtung, bis zum Ende des Krieges neutral zu
bleiben, die Waffen behalten ſollte. Ich lehnte dies ab
und forderte als conditio sine qua non die Ueber=
gabe
der Waffen, wobei ich nur das Zugeſtändnis
machte, daß die Waffen nach Beendigung des Krieges
zurückgegeben werden ſollten. Den Ablauf der Friſt für
eine definitive Antwort ſetzte ich auf 6 Uhr morgens feſt.
In der Tat kam um 5 Uhr morgens der Platzkom=
mandant
von Saloniki, begleitet von einem
diplomatiſchen Unterhändler, zurück. Er überbrachte
einen Gegenvorſchlag, der die Auslieferung der Waffen
im Prinzip zugeſtand, wobei jedoch eine Ausnahme mit
5000 Flinten gemacht werden ſollte, die zur Ausbildung
der Rekruten beſtimmt ſeien. Da dies nicht zugegeben
wurde, kehrten ſie wieder zurück, nachdem ſie eine neue
Friſt von zwei Stunden erhalten hatten, um ſich mit dem
Oberkommandierenden zu verſtändigen. Da die Friſt
verſtrich, ohne daß eine Antwort erfolgte, gab ich den
Befehl zum Vormarſch, der um 9 Uhr morgens be=
gann
. Als ſich gegen ½5 Uhr nachmittags unſere Linie
den Vorpoſten des Feindes näherte, entſandte Takſchin
Paſcha einen Offizier mit einem Brief. in dem er erklärte,
er nehme die Bedingungen an. Ich hieß infolgedeſſen
den Vormarſch unterbrechen und entſandte zwei Offiziere
um das Protokoll der Uebergabe der Waffen und der Ka=
pitulation
der Stadt aufzuſetzen. Unſere Truppen ſtehen
vor der Stadt. Kronprinz Konſtantin.

Vom ſüdlichen Kriegsſchauplatze.

* Athen, 9. Nov. Die ſeit einer Woche ſehnlichſt
erwartete Einnahme von Saloniki iſt geſtern Er=
eignis
geworden. Am Nachmittag wurde ſie in der Form
eines Telegrammes des Telegraphenamtes Gida an das
Kriegsminiſterium bekanntgegeben. Der König erhielt
die Meldung vom Kronprinzen und reiſte geſtern nach=
mittag
ſofort nach Saloniki mit dem Expreßzuge ab. Als
die Nachricht von der Einnahme Salonikis bekannt wurde,
entſtand unter der Bevölkerung eine ſtürmiſche Begeiſter=
ung
. Die Stadt iſt beflaggt und illuminiert. Eine rie=
ſige
Menſchenmenge durchzog die Straßen unter Fahnen=
ſchwenken
, Abſingen der Nationalhymne und Hochrufen
auf den Kronprinzen und die Armee und den Miniſter=
präſidenten
. In der Kathedrale wurde ein Tedeum zele=
briert
und die Glocken aller Kirchen begannen das Feſt=
geläute
. Der Umſtand, daß die Einnahme Salonikis mit
dem Feſt des Heiligen Demetrius, dem Schutzherrn Salo=
nikis
, zuſammenfiel, machte tiefen Eindruck. Nach dem
Tedeum begaben ſich der Bürgermeiſter und der Munizi=
palrat
an der Spitze eines großen Zuges zu dem Miniſter=
präſidenten
und überreichten ihm im Namen der Stadt
eine Glückwunſchadreſſe.

Die Haltung der Mächte.

H. B. Wien, 9. Nov. Die Reichspoſt veröffentlicht
ein Interview ihres Kriegskorreſpondenten mit dem
bulgariſchen Miniſterpräſidenten Geſchow. Dieſer
äußerte u. a.: Auch ich bin und war ein Mann des Frie=
dens
und hoffe, daß wir bald einen dauernden Frieden
haben werden. Ob wir die Vermittelung der
Großmächte annehmen werden, weiß ich noch nicht.
Das hängt von den Bedingungen der Türkei und der
Einwilligung unſerer Verbündeten ab. Da unſere Inter=
eſſen
mit denen Oeſterreich=Ungarns kollidieren, ſo wird
es ſchwer halten, eine Formel zu finden, welche den bei=
derſeitigen
Intereſſen Oeſterreich=Ungarns und Bul=
gariens
entſpricht. Was Rumänien anlangt, ſo äußerte
ſich der Miniſter folgendermaßen: Rumänien iſt das ein=
zige
Nachbarland, mit dem das alte Bulgarien ſtets fried=
lich
zuſammenlebte. Es wäre ein ungeheures Verbrechen,
wenn wir jetzt, im 20. Jahrhundert, einen Krieg mit ihm
hätten. Ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß die
Schuld an einem ſolchen Verbrechen auf uns nicht fallen
wird. Was das gute rumäniſche Volk und den großen
und glorreichen König von Rumänien betrifft, ſo bin ich
ſicher, daß dieſe den Krieg nicht wollen.
* London, 9. Nov. (Reuter.) Die öſterrei=
chiſch
=ſerbiſche Seite der Balkankriſis
beanſprucht die ſchärfſte Aufmerkſamkeit der
Mächte. Erkundigungen in diplomatiſchen Kreiſen
haben ergeben, daß zwar allgemein die Lage nicht ſo
ernſt betrachtet wird, wie ſie von der Preſſe dargeſtellt
worden iſt. Dennoch vergegenwärtigt man ſich, daß die
Frage, wenn ſie nicht ſorgfältig behandelt wird, ernſte
Möglichkeiten bietet. Unterhaltungen mit Diplomaten,
deren Anſichten als diejenigen der Triple=Entente bezw.
des Dreibundes betrachtet werden, bewieſen, daß die
Meinung von allen geteilt wird, daß es um ſo beſſer iſt,
je weniger gegenwärtig über dieſen Gegenſtand geſpro=
chen
wird. Man fühlt, daß Fragen, wie die eines ſer=
biſchen
Hafens am Adriatiſchen Meer, beſſer der Erörter=
ung
durch die Mächte überlaſſen werden, als daß dar=
über
zwiſchen einer Großmacht und einem kleinen Staate
verhandelt wird. In diplomatiſchen Kreiſen, die den
Dreibund vertreten, wird angedeutet, daß die wahrſchein=
lich
vorgenommene Internationaliſierung Salonikis Ser=
bien
den gewünſchten Zwang zur See bieten würde. In
diplomariſchen Kreiſen der Triple=Entente wird
unter dem Ausdruck der Sympathie für die Beſtrebungen
Serbiens hervorgehoben, daß der ſicherſte Weg iſt, die
Dinge nicht zu überſtürzen, um den natürlicherweiſe ſtar=
ken
Gefühlen, die durch die militäriſchen Erfolge hervor=
gerufen
ſind, Zeit zu geben, ſich zu legen, ſowie die allge
meineren enropäiſchen Intereſſen zu berückſichtigen. Der
Friede Europas iſt ſchließlich das allerwichtigſte. Den
Intereſſen Serbiens wird am beſten gedient, wenn die
Mächte die dornigen Fragen internationaliſieren wür=
den
, weil die Mächte unter ſich zweifellos die Mittel fin=

den dürften, um die wichtigſten, wenn nicht alle in Be=
tracht
kommenden Punkte zu erledigen.
H.B. Petersburg, 9. Nov. Die Nowoje Wremja
erklärt in einem Artikel von heute morgen, daß es für
Oeſterreich wohl ſchwer ſei, Serbien der Früchte
aller ſeiner Erfolge zu berauben. Rußland habe be=
ſchloſſen
, eine energiſche Haltung einzunehmen. Die
Zeitung gibt der Hoffnung Ausdruck, daß auch Frank=
reich
und Großbritannien dieſes in ſeinen Be=
ſtrebungen
unterſtützen wird.

Letzte Nachrichten.

* Malta, 9. Nov. Die Linienſchiffe Hiber=
nia‟
. Britannia, Commonwealth, Dominion
Blaokprince und Cumberland erhielten Befehl, ſo=
fort
von Malta abzugehen und ſich nach Häfen des
Orients zu begeben. In Malta befinden ſich jetzt
keine Schiffe mehr außer einigen Torpedobootszer=
ſtörern
. Die unerwartet ſchnelle Abfahrt der Kriegsſchiffe
wird auf die Kapitulation von Saloniki zurückgeführt.
Man glaubt, daß die Schiffe nach Saloniki fahren.
* Konſtantinopel 10. Novbr. Der öſterreichiſch=
ungariſche
Kreuzer Aſpern und der italieniſche Kreuzer
Emanuele Filiberto trafen geſtern hier ein; es liegen
nunmehr ſechs Kreuzer vor Konſtantinopel.
* Rjeka, 9. Nov. Geſtern wurde die Beſchieß=
ung
Skutaris mit den Belagerungsgeſchützen fort=
geſetzt
. Den Berichten zufolge herrſcht in der Stadt eine
Panik. Die Katholiken flüchteten in die Kathedrale, wo
auch der Erzbiſchof weilen ſoll. In Skutari ſind die Preiſe
aller Bedarfsartikel unerſchwinglich. Der franzöſiſche
Konſul ſoll von ſeiner Regierung die Weiſung erhalten
haben, mit den franzöſiſchen Staatsangehörigen und
etwaigen Schutzbefohlenen die Stadt zu verlaſſen.
* Wien 10. Nov. Der Kriegsberichterſtatter der
Reichspoſt meldet aus dem bulgariſchen Hauptquartier
vom 9. November: Die gemeldete Einnahme zweier
türkiſcher Poſitionen auf der Südoſtfront des Adria=
nopeler
Fortsgürtels durch die Bulgaren er=
folgte
in der Nacht vom 7. zum 8. November. Nach einem
furchtbaren Artilleriefeuer wurde eine Brigade, der wei=
tere
Reſerven folgten, zum Sturm auf die beiden Forts
Kartaltepe und Papztepe angeſetzt. Trotz der
türkiſchen Scheinwerfer und des Geſchoßhagels der den
Angreifern entgegenſchlug, gelang es der bulgariſchen In=
fanterie
ſchließlich, die beiden Forts zu ſtürmen. Die
Bulgaren zogen ſofort Verſtärkungen nach, namentlich
Artillerie, wieſen alle Gegenangriffe der Türken zurück
und begannen die genommenen Poſitionen auf der Kehl=
front
gegenüber Adrianopel zu befeſtigen. Von den er=
oberten
Forts wurde beſonders Kartaltepe ſehr ſtark be=
feſtigt
. Das Fort liegt auf einem 143 Meter hohen Hügel
und beherrſcht ſowohl die Stadt, wie die ſich anſchließen=
den
Gürtelwerke. Die Einahme dieſer Forts, ſowie die
gleichzeitig erfolgte Erſtürmung des Forts Karta=
ſtepe
machen die weitere Verteidigung ausſichtslos. Die
Kapitulation der Feſtung wird ſtündlich erwartet.
Ueber den Kampf um die Tſchataldſcha=Linie
kann nur mitgeteilt werden, daß die bulgariſche Angriffs=
aktion
erfolgreich fortſchreitet. Die Bulgaren haben wei=
tere
Vorpoſitionen genommen. Der entſcheidende Stoß
ſoll mit ſolcher Gewalt geführt werden, daß die Bulgaren
gleichzeitig mit den fliehenden Türken vor den Forts Kon=
ſtantinopels
eintreffen. Durch die unverzügliche Beſetzung
der Stadt ſollen ſowohl die diplomatiſche Einmiſchung,
wie die drohenden Chriſtenmaſſakres verhindert werden.
* Rom 10. Novbr. Das italieniſche Rote Kreuz
entſandte nach Griechenland und Montenegro je ein voll=
ſtändiges
Kriegslazarett von 50 Betten mit 200 Kiſten
Sanitätsmaterial. Die Abreiſe der Expeditionen des
italieniſchen Roten Kreuzes nach Bulgarien und Serbien
ſteht unmittelbar bevor. In der Türkei, und zwar in
Konſtantinopel und Saloniki, ſollen zwei italieniſche La=
zarette
errichtet werden.

Darmſtadt, 11. November.
g. Schauturnen der Turngemeinde Beſſungen.
In dem großen Saale ihres Turnhauſes in der Heidel=
bergerſtraße
hielt geſtern nachmittag die Turnge=
meinde
Beſſungen ihr diesjähriges Schau=
turnen
ab. Der 1. Sprecher der Turngemeinde, Herr
Profeſſor Kiſſinger, begrüßte in längerer Rede die
zahlreich erſchienenen Freunde und Gönner des Vereins.
Getreu dem Wahlſpruch Friſch, fromm, froh, frei ſei
im Verein die Turnſache ſtets mit friſchem Mut und
friſchem Wagen getrieben, fromm in dem Sinne,
wie ihn Jahn zur Richtſchnur für die Er=
ziehung
von Körper und Geiſt gegeben, in Achtung
des Glaubens und der Geſinnung anderer, doch un=
erſchütterlich
in dem als richtig erkannten eigenen
Glauben. Fröhlich ſolle das Turnen getrieben werden
und frei ſolle ſich der Turner fühlen, frei nicht in miß=
verſtandener
Zügelloſigkeit, ſondern frei unter Achtung
des Geſetzes und der geſchaffenen Inſtitutionen. In
den vorderſten Reihen der Jungdeutſchlandbewegung
ſtehend, ſei die deutſche Turnerſchaft berufen,
die deutſche Jugend zu rechten deutſchen Männern
heranzubilden. Seine Rede klang aus in ein begeiſtert
aufgenommenes dreifaches Gut Heil auf den Verein
und die deutſche Turnerſchaft. Hierauf begannen in
raſchem Wechſel die mannigfachen turneriſchen Vor=
führungen
, die dem turneriſchen Eifer der Mitglieder und
der Arbeit der Vorturner das beſte Zeugnis ausſtellten.
Eröffnet wurde das reichhaltige Programm mit einem allge=
meinen
Aufmarſch, dem Freiübungen folgten, hierbei als neue
Variation und beſonders reizvolle Bilder erzielend, ver=
ſchiedene
Freiübungen der einzelnen Gruppen zu gleicher
Zeit. Dem allgemeinen Riegenturnen an den verſchie=
denen
Geräten folgte das Turnen der erſten Zöglings=
riege
am Tiefreck, wobei ganz bemerkenswerte Leiſtungen
der jungen Turner zu verzeichnen waren. Ebenfalls
recht vorteilhaft machte ſich das Arrangement von ver=
ſchiedenartigen
Uebungen der einzelnen Gruppen zu
gleicher Zeit bei dem nun folgenden Keulenſchwingen
der Schüler bemerkbar. Es war hierbei zum
Vorteil für den guten Eindruck der Wert mehr
auf exakte Ausführung als auf komplizierte
Uebungen gelegt, dasſelbe läßt ſich ſagen von
dem Turnen der Zöglinge an zwei Barren unter Muſik=
begleitung
. In anmutvollen Bewegungen führten nun=
mehr
die Turnerinnen der Damenabteilung Freiübungen
mit Hüpfübungen vor, die ebenſo, wie das hierauf
folgende Keulenſchwingen mit einer Keule vorzügliche
Gruppenbilder ergaben. Nach dem Sturmſpringen der
Schüler und korrekt ausgeführten Stabwindübungen
der Männerriege folgte als intereſſanteſte Leiſtung
das Turnen der erſten Turnerriege am Schaukelreck.
Was da an dem freiſchwingenden Reck von jedem
einzelnen Turner geleiſtet wurde, geht weit über das
Durchſchnittskönnen hinaus. Die mitunter ſehr gefähr=
lich
ausſehenden Uebungen wurden vom Publikum mit
lebhaftem Beifall ausgezeichnet. Den Beſchluß des
Programms bildete ein Turnſpiel mit zwei Loſthällen

[ ][  ][ ]

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912.

Nummer 266.

das große Heiterkeit erregte. Den Vorführungen
wohnten u. a. auch mehrere Offiziere und zahlreiche
Lehrer bei. Nach dem Turnen fanden ſich Turner und
Gäſte im Kner okal zu einem gemütlichen Beiſammen=
ſein
ein, dem ſich dann ſpäter ein flotter Tanz anſchloß.

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Berlin, 9. Nov. Von kompetenter Seite wird
mitgeteilt, daß Direktor Völker und der Buchhalter
Eifler durch vorgeſtern feſtgeſtellte Ordnungswidrig=
keiten
die Privatbank in Gotha geſchädigt ha=
ben
. Der ermittelte Schaden für die Bank beläuft ſich
auf etwa 36000 Mark an eigenen und fremden Wertpapie=
ren
. Bei der Zentrale in Gotha und der Filiale in Wei=
mar
ergab ſich ein muſterhaftes Vorhandenſein. Auch bei
den übrigen Filialen wurde die Ordnungsmäßigkeit der
Geſchäftsführung durch unangemeldete Reviſionen feſt=
geſtellt
. Das bedauerliche Vorkommnis hat auf die allge=
meinen
Verhältniſſe der Bank keinen Einfluß, zumal der
Semeſtralabſchluß einen Mehrgewinn aufweiſt.
* Karlsruhe, 9. Nov. Heute nachmittag 2 Uhr 44 Min.
iſt der nach Herrenalb fahrende 2ug der Albtalbahn bei
der Unterführung der Staatsbahn infolge von auf den
Bahnkörper gelegten Schotters entgleiſt. Der Wagen=
führer
wurde im letzten Moment auf die Gefahr aufmerk=
ſam
und bremſte ſofort. Es war aber ſchon zu ſpät. Der
Motorwagen ſtemmte ſich gegen die Tunnelmauer und die
folgenden Wagen ſtießen hart aufeinander. Der Material=
ſchaden
iſt ſehr erheblich. Im ganzen ſind vier Perſonen
durch Quetſchungen leicht verletzt worden.
Hochſtatt (Kanton Altkirch im Oberelſaß), 10. Nov.
Heute früh 5 Uhr kam es hier zu einem Zuſammenſtoß
zwiſchen den Jagdhütern Gebrüder Karm und zwei
Wilderern, wobet der eine Wilderer,; der Fabrik=
arbeiter
Ludwig Kuttler, durch einen Schuß in den
Unterleib ſo ſchwer verletzt wurde, daß er nach wenigen
Minuten verſtarb. Vor ſeinem Tode gab er den Namen
des anderen Wilderers, der nach einigen Schüſſen ge=
flohen
war, an. Es iſt dies der Fabrikarbeiter Ludwig
Neff, ebenfalls von hier. Der Jagdhüter Karl Karm
wurde durch einen Schrotſchuß in die rechte Seite ſchwer,
aber nicht tödlich, verletzt.
* Weimar, 9. Nov. Der 18jährige Schüler Burk=
hardt
aus Auma, der wegen Teilnahme an einer
Schülervereinigung aus dem hieſigen Realgymnaſium ent=
fernt
worden war, ſchoß ſich mit einem Revolver ins
Herz. Schwer verletzt wurde er ins Krankenhaus ge=
bracht
.
* Leipzig, 9. Nov. Die Polizei ſtellte feſt, daß die
zerſtückelt aufgefundene Leiche die der 23jährigen Ehe=
frau
des inzwiſchen verhafteten Maurers Rothe
iſt. Rothe tötete ſeine Frau, die Kellnerin war, in ſeiner
Wohnung durch Dolchſtiche in den Hals, zerſtückelte die
Leiche und trug den Rumpf in einem Korb in den Wald.
Er fuhr darauf nach Leipzig, wobei er die Gliedmaßen in
einem Paket mitnahm, das er in einem Eiſenbahnabteil
liegen ließ.
* Halberſtadt, 10. Nov. Als ſich heute vormittag eine
Hochzeitsgeſellſchaft aus Böhnshauſen hierher zur Trau=
ung
begeben wollte, kam der Wagen ins Rutſchen und
prallte gegen einen Maſt der elektriſchen Leitung. Sechs
Perſonen wurden ſchwer verletzt ins Krankenhaus ge=
bracht
.
Verſailles, 10. Nov. Der Anarchiſt Renard,
Mitglied der Bande Bonnot, der im Januar den ihn
verfolgenden Gendarmeriewachtmeiſter erſchoß, iſt vom
Schwurgericht zum Tode verurteilt worden.
* Madrid, 10. Nov. Nach Blättermeldungen heerſcht
unter den Minenarbeitern der Rio Tinto=Bergwerke eine
gewiſſe Gärung. Es laufen Gerüchte von einem Aus=
ſtand
um.
Tomsk, 10. Nov. Auf der ſibiriſchen Eiſenbahn
iſt ein Zug mit Arbeitern für die Amurbahn entgleiſt,
wobei drei Arbeiter getötet, 26 verwundet wurden.
* Tanger, 10. Nov. Der engliſche Geſandte Reginald
Liſter erlag unerwartet einem Anfall von Malaria.
Rio de Janeiro, 10. Nov. Hier läuft das Ge=
rücht
um, daß in Ceara ſich ſchwere Ausſchreitungen
ereignet haben. Die der Familie des ehemaligen Präſi=
denten
Accioly gehörenden Fabriken ſollen einge=
äſchert
ſein. Die Deputierten werden vom Pöbel ver=
folgt
, wenn ſie ſich ſehen laſſen. Viele Familien ver=
laſſen
die Hauptſtadt, in der vollſtändige Anarchie herr=
ſchen
ſoll. Die Unruhen werden zurückgeführt auf die
Kämpfe der politiſchen Parteien um die Vorherrſchaft
im Parlament.
H.B. Eiſenach, 9. Nov. Zu der Meldung über den
Zuſammenbruch des Bankhauſes Strauß
u. Heberlein wird weiter berichtet, daß in Eiſenach
große Beſtürzung herrſcht, da viele Geſchäftsleute und
Penſionäre geſchädigt werden. In Bankkreiſen hat die
Firma einen nur unbedeutenden Kredit genoſſen. Da ſich
aber die beiden Inhaber infolge ihrer geſellſchaftlichen
Stellung großen Anſehens erfreuten, war die Zahl der
Kunden ziemlich groß und das Geſchäft erreichte in den
letzten Jahren einen nicht unbedeutenden Umfang. Man
ſchätzt die Höhe des Fehlbetrages auf annähernd eine
Million Mark. Der Selbſtmord des Inhabers Strauß
hat zu allerhand unkontrollierbaren Gerüchten Anlaß ge=

geben. Der Konkursverwalter prüft egegenwärtig noch,
ob die Depots intakt ſind.

Briefkaſten.
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Annoncen=Nummer verſehen ſind, ſind keine redaktionellen
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Onkel
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Herr
Hartin Schwerckere
im 68. Lebensjahre.
Die tieſtrauernden Hinterbliebenen.
Darmſtadt, Bensheim, Leipzig, Valparaiſo,
11. November 1912.
Die Beerdigung findet ſtatt: Dienstag, den
12. November, nachmittags 3 Uhr, vom Sterbe=
haus
, Schuſtergaſſe 8 aus.

Todes=Anzeige.

Geſtern nacht entſchlief nach kurzem Kranken=
lager
unſere liebe, gute Mutter, Schwieger=
mutter
und Großmutter
(23368
Frau Golda Siegel.
Darmſtadt, den 10. November 1912.
Die trauernden Hinterbliebenen:
Jos. Wartensleben u. Familie.

Die Beerdigung findet Dienstag, den 12. Nov.,
vormittags 10 Uhr, vom Sterbehauſe Hein=
heimerſtraße
11 aus, ſtatt.
Blumenſpenden dankend verbeten.

Für die vielen Beweiſe herzlicher
Teilnahme, die mir und meiner Fa=
milie
aus Anlaß des ſo ſchmerzlichen
Trauerfalls zugegangen ſind, ſpreche
ich meinen aufrichtigen Dank aus.
Michelſtadt, den 9. November 1912.
v. Wachter,
Hauptmann a. D.
(23369

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
bei dem Hinſcheiden meiner unvergeßlichen Mutter,
(23370
unſerer Schweſter und Tante
Frau
Elisabeth Herrmann
geb. Bär
ſage ich Allen innigen Dank.
Im Namen der Hinterbliebenen:
Marie Lerch.
Darmſtadt, den 9. November 1912.

Tageskalender.
Konzert der Großh. Hofmuſik um 7 Uhr im Hoftheaten
(Hauptprobe vormittags 10 Uhr).
Vorſtellung um 8¼ Uhr im Orpheum.
Vortrag von Pfarrer Laible um 3½ Uhr im Kaiſer=
ſaal
(Kirchlich=poſitive Vereinigung).
Verſammlung der Schillerſtiftung um 5 Uhr im
Lehrerzimmer des Ludwig Georg=Gymnaſiums.
Generalverſammlung des Kath. Frauenbundes
um 8 Uhr im Geſellenhauſe.
Wahl zur Handelskammer (Gruppe Klein=
handel
) von 1012 Uhr Rheinſtraße 9.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckereig
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſex
für den Inſeratenteil, Inſeratbeilagen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftsleben: Hans Heitz, ſämtlich in Darmſtadt=
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaigen
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
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Nummer 266.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912

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Seite 10.

Darmſtädter Tagbkatt, Montag, den 11. November 1912.

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Ich kauſte mir 2 Doſen und die
Flechte iſt ſeitdem verſchwunden.
Ich ſage Ihnen meinen beſten Dank
ſo ſpät, weil ich erſt wiſſen wollte,
ob der Erfolg ein dauernder iſt, was
ich jetzt nach 2 Jahren wohl annehmen
darf.
Em. Marx.
Görlitz, den 14./2. 06.
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[ ][  ][ ]

Nummer 266.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912.

Seite 11.

Spülung des Waſſerrohrnetzes.

Im Laufe der nächſten Woche wird eine Spülung des Waſſer=
gohrnetzes
in den unten bezeichneten Stadtteilen vorgenommen, welche
En der Zeit von 10 Uhr abends bis 5 Uhr morgens eine zeitweiſe
Ulnterbrechung der Waſſerabgabe, ſowie eine Trübung des Waſſers
mit ſich bringt; die Waſſerabnehmer werden deshalb gebeten, ſich
worher mit Waſſer zu verſorgen.
Spülplan.
1. In der Nacht von Montag, den 11. zu Dienstag, den
112. November 1. Js. werden geſpült:
die Spülbezirke 1 und II.
In dieſe Bezirke fallen alle Straßenzüge ſüdlich der Bismarck=
ſſtraße
, weſtlich vom Paradeplatz, nördlich des Teiles der Rheinſtraße
zzwiſchen Ernſt=Ludwigs=Platz und Wilhelminenſtraße, weſtlich des
Teiles der Wilhelminenſtraße, zwiſchen Rheinſtraße und Heinrichs=
fſtrase
, weſtlich vom Wilhelminenplatz, nördlich des Teiles der Heinrichs=
ſtraße
von der Wilhelminenſtraße bis zur Heidelberger=Straße, öſtlich
ides Teiles der Heidelberger=Straße, zwiſchen Heinrichsſtraße und
Eſchollbrücker=Straße, nördlich der Eſchollbrücker=Straße, zwiſchen Heidel=
berger
=Straße und Stadtallee, nördlich der Stadtallee von der Eſcholl=
brücker
=Straße bis zur Main=Neckar=Bahn und öſtlich der Main=Neckar=
Bahn zwiſchen Stadt=Allee und Bismarckſtraße.
Von den dieſe Spülbezirke umgrenzenden Straßen und Plätzen
werden mitgeſpült die Bismarckſtraße, die oben angegebenen Teilſtrecken
der Wilhelminenſtraße und der Heinrichsſtraße und die Nordſeite der
Rheinſtraße, zwiſchen Ernſt=Ludwigsplatz und Wilhelminenſtraße.
Ferner wird noch mitgeſpült die Frankfurter=Straße, zwiſchen Bis=
marck
= und Kahlertſtraße.
In der Nacht von Mittwoch, den 13. zu Donnerstag,
den 14. November 1. Js. werden geſpült:
die Spülbezirke III und IV.
In den Spülbezirk III fallen ſämtliche Straßenzüge nördlich
der Bismarckſtraße und weſtlich der Frankfurter=Straße, ſowie die
Straßenzüge nördlich der Holzhofallee und weſtlich der Main=Neckar=
Bahn.
Von den dieſen Bezirk umſchließenden Straßen werden mitge=
ſpült
die Frankfurter=Straße von der Kahlertſtraße aus in der Richtung
nach Arheilgen und die Holzhofallee.
In den Spülbezirk IV fallen die Straßenzüge öſtlich des Teiles
der Wilhelminenſtraße, zwiſchen Heinrichs= und Rheinſtraße, ſüdlich
des Teiles der Rheinſtraße, zwiſchen Wilhelminenſtraße und Ernſt=
Ludwigs=Platz, ſüdweſtlich vom Ernſt=Ludwigs=Platz und Marktplatz,
ſüdweſtlich und weſtlich der Kirchſtraße, weſtlich des Teiles der
Karlsſtraße, zwiſchen Kirchſtraße und Heinrichsſtraße und nördlich des
Teiles der Heinrichsſtraße, zwiſchen Karls= und Wilhelminenſtraße.
Von den dieſen Spülbezirk eingrenzenden Straßen und Plätzen
werden mitgeſpült die Kirchſtraße, die oben angegebenen Strecken der
Karls= und Heinrichsſtraße, ſowie die Südweſtſeite des Ernſt=Ludwigs=
und des Marktplatzes und die Oſtſeite des Wilhelminenplatzes, ferner
wird mit dieſem Bezirk geſpült die Kapellſtraße.
3. In der Nacht von Samstag, den 16. zu Sonntag, den
17. November I. Js. werden geſpült:
die Spülbezirke VI und VII.
Dieſe Bezirke liegen einmal zwiſchen Dieburger= bezw. Alexander=
ſtraße
und Heinrichsſtraße und erſtrecken ſich ferner vom Parade=,
Ernſt=Ludwigs= und Marktplatz, ſowie der Kirch= und Karlsſtraße bis die Eröffnung des Konkursver=
zum
Woog und der Odenwaldbahn; ausgeſchloſſen iſt die Mathilden=fahrens beantragt hat.
höhe, ſowie die Alexander= und Dieburger=Straße ſelbſt.
Darmſtadt, den 5. November 1912.
(23185so
Städtiſche Waſſerwerks=Verwaltung.
Rudolph.

Städt. Fleiſch=Verkauft
Aene Markthalle im Schlachtho
und im Hauſe Kiesſtraße 21 (zwiſchen
Hoch= und Karlſtraße)
alle Wochentage von vormittags 7 Uhr an Saal 219, Termin anberaumt.
Rindfleiſch (alle Stücke p. )Pfund 82 Pfg.
Schweinefleiſch per Pfund 88 Pfg.
Kotelettſtücke

Steuer=Erhebung.

Das 4. Ziel der Gemeinde=
ſteuer
für das Rechnungsjahr
1912 iſt, bei Vermeidung der Mah=
nung
, bis längſtens Ende dieſes
Monats an den Werktagen, vor=
mittags
von 8½ bis 12½ Uhr,
hierher zu entrichten.
Im Intereſſe raſcheſter Ab=
fertigung
an den Zahlſchaltern
wird gebeten, die Gelder abge=
zählt
bereit zu halten.
Darmſtadt, 2. November 1912.
Die Stadtkaſſe.
Koch. (23069a

Schulgeld=Erhebung.

Das Schulgeld für das Großh.
Realgymnaſinm und deſſen Vor=
ſchule
, die Großh. Liebigs= und
die Großh. Ludwigs= Oberreal=
ſchule
, die Vorſchule der Großh.
Gymnaſien, die Viktoriaſchule
und das Lehrerinnenſeminar, die
Eleonoren= und Frauenſchule,
ſowie die Mittelſchulen für das
IV. Kalendervierteljahr 1912
iſt bei Meidung des Beitrei=
bungsverfahrens
bis Ende lfd.
Mts. an den Werktagen, vormit=
tags
von 8½ bis 12½ Uhr, hierher
zu entrichten.
Darmſtadt, 2. November 1912.
Die Stadtkaſſe.
Koch.
(23068a

(Düſſeld.
ſpottbillig abzugeben. Anzuſehen
Sonntags zwiſchen ½111 Uhr.
Heidelbergerſtr. 3, part. (*11330so

Bekanntmachung.

Auf freiwilligen Antrag des
Schreinermeiſters Wilhelm Her=
mann
dahier ſollen deſſen Immo=
bilien
:
1. Flur III Nr. 1459/100 300 qm
Hofreite Kranichſteinerſtraße
Nr. 35,
2. Flur III Nr. 1459/10a 159 qm
Grabgarten daſelbſt,
Donnerstag, 14. November I. Js.
vormittags 9 Uhr,
in unſerem Bureau Grafen=
ſtraße
30 zum dritten und
letztenmal öffentlich verſteigert
werden und bei annehmbarem Ge=
bot
ſoll Zuſchlag erfolgen. (V22388
Darmſtadt, 25. Oktober 1912.
Großh. Ortsgericht Darmſtadt I.
Müller.

Die Epileptiſchen=Anſtalt
zu Nieder=Ramſtadt bitt. wieder=
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um getragene Kleider, altes
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brauchsgegenſtände
aller Art.
Die Sachen werden nach Beſtellg.
(telephoniſch Amt Darmſtadt Nr. 572
oder ſchriftlich in den Briefkaſten
Kiesſtraße 30, part.) jederzeit mit
herzlichem Dank im Hauſe abgeh.
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(23350omd

Konkursverfahren.

Nachſtehender Gerichtsbeſchluß
wird hierdurch zur öffentlichen
Kenntnis gebracht:
Ueber den Nachlaß des am
26. September 1911 zu Darmſtadt
verſtorbenen Dr. Wilhelm Bieſer,
Oberſtabsveterinär, wird heute,
am 7. November 1912, nachmittags
4 Uhr, das Konkursverfahren er=
öffnet
, da der Nachlaß überſchul=
det
iſt und der Nachlaßverwalter
Der Kaufmann Karl Dechert in
Darmſtadt wird zum Konkurs=
verwalter
ernannt.
Konkursforderungen ſind bis
zum 25. November 1912 bei
dem Gerichte anzumelden.
Es wird zur Beſchlußfaſſung
über die Beibehaltung des er=
nannten
oder die Wahl eines ande=
ren
Verwalters, ſowie über die
Beſtellung eines Gläubigeraus=
ſchuſſes
und eintretenden Falls
über die in § 132 der Konkurs=
ordnung
bezeichneten Gegenſtände,
ſowie zur Prüfung der angemelde=
ten
Forderungen auf (23352
Montag, 2. Dezember 1912,
nachmittags 4 Uhr,
vor dem unterzeichneten Gerichte,
Allen Perſonen, welche eine zur
Konkursmaſſe gehörige Sache in
Beſitz haben oder zur Konkursmaſſe
etwas ſchuldig ſind, wird aufgege=
ben
, nichts an den Gemeinſchuld=
ner
zu verabfolgen oder zu leiſten,
auch die Verpflichtung auferlegt,
per Pfund 90 Pfg. von dem Beſitze der Sache und von
den Forderungen, für welche ſie aus
der Sache abgeſonderte Befriedig=
ung
in Anſpruch nehmen, dem Kon=
kursverwalter
bis zum 25. Novem=
ber
1912 Anzeige zu machen.
Darmſtadt, 7. November 1912.
Der Gerichtsſchreiber
Großherzoglichen Amtsgerichts I.

Amtliche Nachrichten des Großh. Polizeiamts Darmſtadt.

Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde: In polizei=
ſicher
Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 1 Foxterrier, 1 deutſcher Schäferhund. Die Hunde können
von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt werden.
Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden
Werktag, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.
(23324

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Sie werden aber glauben ſolche zu haben, ſobald Sie die
Qualität Ihrer täglichen Nahrung danach einrichten und für ver=
brauchtes
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Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912.

Nummer 266.

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zu 3.50 M., Saal zu 2.50 M., Vorsaal zu 1.50 M., Galerie zu 2 M.,
Studentenkarten zu 1.50 M., Schülerkarten zu 1 M. sind in der
Hofmusikalienhandlung von Heinrich Arnold, Wilhelminen-
strasse
9, zu haben.
Der Vorverkauf ist eröffnet.
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Mittwoch, 13. November, abends 8¼4 Uhr

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J. Gengnagel.

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Nummer 266.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912.

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Mannchen.
Roman aus Maſuren von Horſt Bodemer,
(Nachdruck verboten.)
9)

Dittmark fand es an der Zeit, das Geſpräch wieder
in ein harmloſeres Geleiſe zu bringen. Herrſchaften,
hören wir mit ſolchen philoſophiſchen Geſprächen auf. Die
Kinder ſitzen mit am Tiſche.
Gott, ja, beinahe hätt’ ich’s vergeſſen! Jungens,
morgen abend ſehen wir uns das neue Blumenthalſche
Luſtſpiel an Gunildchen, Sie ſind auch freundlichſt
eingeladen! Oder geben Sie mir altem Manne einen
Korb? Ich denke, erſt eſſen wir nen Happen zuſammen
und nach dem Theater wiederholen wir, was wir vorher
getan haben. Um Mitternacht liefere ich die Jugend wohl=
behalten
hier wieder ab.
Die Jugens jubelten, Gunild wußte nicht recht, was
ſie ſagen ſollte. Sie war ganze zwanzig Jahre alt und
paßte eigentlich nicht zu den jüngeren Brüdern und
dem alten Sollenſtern.
Der Vater ſagte ſchnell für ſie zu. Du biſt zu freund=
lich
, lieber Chriſtoph. Natürlich machſt Du meinen Kin=
dern
eine rieſige Freude!

Der eite Zungeſele ſchunzeler Des uid mu
ein Feſt für mich! Wenn ich altes Haus mit ſo nem
ſchönen Mädel in die Loge trete, wird man die Hälſe
recken!
Gunild verzog den Mund. Dieſe Oſtpreußen waren
wirklich ungehobelte Kerle! Und in dieſe Geſellſchaft
ſollte ſie nach der deutlichen Anſpielung Sollenſterns hin=
einheiraten
? Sie bedankte ſich ſchön! Als junges Ding
hatte ſie ſich ja wunderbar in Maſuren amüſiert, aber als
Frau brächten ſie nicht zehn Pferde in dieſe Ecke. Die
Milchbücher und Schweineſtälle zu revidieren und Obſt
einzumachen, war gar nicht nach ihrem Geſchmack.
Alſo um ſechs holt mich die Jugend morgen im Hotel
Continental ab nicht wahr?
Die Jugens jubelten und Gunild ſtattete mit wohl=
geſetzten
Worten ihren Dank ab.
Und ’n gute Laune mitbringen, damit wir berat=
ſchlagen
können, was wir die anderen Tage anfangen!
Als Sollenſtern gegangen war, begehrte Frau von
Dittmark, ſobald die Söhne das Zimmer verlaſſen hatten,
auf. Lieber Andreas, ſtatt mir, Deiner Frau, beizuſprin=
gen
, munterſt Du Deinen biederen Freund noch auf. mir
die Leviten zu leſen!

über Sereſei
Allerdings hat er das getan, wenn auch nicht mit
allzugroßem Geſchick. Ich merkte ſofort die Abſicht! Wie
unerhört taktlos er von Herrn von Wullnow ſprach! Es
war Deine Pflicht, ihm zu verbieten, in dieſer Weiſe wei=
ter
über Deinen zukünftigen Schwiegerſohn zu reden!
Nun, vorläufig habe ich Got ſei Dank noch
keinen!
Soll das vielleicht heißen, Du biſt mit Gunilds Wahl
nicht einverſtanden?
Du allein haſt gewählt, nicht Gunild!
Die Tochter wollte das Zimmer verlaſſen.
Frau von Dittmark herrſchte ſie an: Du bleibſt hier,
ſonſt heißt es wieder, ich beeinfluſſe Dich!
Ruhig blieb Gunild an der Tür ſtehen. Es war nicht
die erſte Szene zwiſchen den Eltern, die ſie erlebte. Ihr
Vater ſetzte ſich behaglich auf einen Stuhl. Ließ er ſeine
Frau ausreden, das war das beſte.
Mich würde es gar nicht wundern wenn Plattangen
morgen auch im Theater wäre!
Das glaube ich nicht!
Nun, Dein guter Freund Sollenſtern hat ein dickes
Fell! und deshalb iſt mir’s gar nicht recht, daß Gunild
mitgehen ſall.

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Ich habe für meine Tochter zugeſagt und dabei bleibt
es!
Du biſt es, der ſie beeinfluſſen will, nicht ich?
Aber, Thereſe! Nimm ſelbſt an, Plattangen wäre im
Theater, hat denn Gunild nicht, von meiner Seite wenig=
ſtens
, freie Entſcheidung, zu handeln, wie ſie will?
Du biſt im Komplott mit Sollenſtern!
Nein aber geſagt hab’ ich ihm, daß mir nichts Be=
ſonderes
daran liegt, Wullnow zum Schwiegerſohn zu
haben!
Und daß Dir Plattangen lieber wäre?
Das iſt auch meine felſenfeſte Ueberzeugung, liebe
Thereſe.
So, Gunild, nun kennſt Du die Anſicht Deines Vaters.
Gehen wir jetzt ſchlafen, ſonſt hört die Streiterei doch
nicht auf. Mir aber mache, bitte, nie mehr Vorwürfe, daß
ich meine Tochter beeinfluſſe. Es geſchieht von Deiner
Seite‟
Du wirſt alſo ganz die geſetzte Dame ſein! ſagte
Frau von Dittmark am anderen Abend. Ich vermute,
Du ſollſt für Plattangen intereſſiert werden. Ich will
Dich natürlich gar nicht beeinfluſſen, gebe Dir aber zu be=
denken
, was für ein Leben in Maſuren auf Dich wartet
Dort würdeſt Du binnen wenigen Jahren feſtſitzen, bis
Du die Augen zumachſt, lediglich auf Plattangen angewie=
ſen
und die wenigen Nachbarn, die Du ja kennſt!
Gunild wollte ſchon auf ihrer Hut ſein, und während
die Jungen aufgeregt neben ihr hergingen, beſchäftigten

ſich ihre Gedanken mit Wullnow. Es war noch immer
ſehr die Frage, ob er um ſie anhalten würde. Wenigſtens
hatte ſein erſter Beſuch nach dem Briefe lange genug auf
ſich warten laſſen, und wenn ſie ihm nicht über den Weg
gelaufen wäre, wer weiß, ob er ſich bis heute eingefunden
hätte. Sehr zuvorkommend hatte ihn ihr Vater ja durch=
aus
nicht behandelt. Eine leichte Röte überzog ihr Geſicht.
Eigentlich war die Rolle, die ſie ſpielte, doch recht peinlich!
Die Mutter bot ſie auf dem Präſentierbrett dem jungen
Diplomaten an, reinweg vernarrt war ſie in ihn.
Hegte ſie ſelbſt denn nun wirklich ein tieferes Gefühl
für Wullnow? Sie vermochte ſich keine klare Antwort
darüber zu geben. Jedenfalls wurde ſie viel lieber deſſen
Weib, wie Plattangens. Der war gewiß ein forſcher
Kerl, aber weder eine Schönheit, noch geiſtig ſo bedeu=
tend
wie der Legationsſekretär. Aber den einen Vorteil
hatte er, das geſtand ſie ſich unumwunden ein: er war
gerader, ehrlicher, ſeine Mienen hatte er nicht ſo in der
Gewalt, ſeine Empfindungen lagen offen auf ſeinem Geſicht.
Auch ihr Vater ſtand auf ſeiner Seite! Niemals hatte
er es ausgeſprochen, aber doch durchfühlen laſſen, wenn er
mit ihr von der Zukunft geſprochen. Wenn ſie nur klar
über Wullnow ſehen könnte, mit ihm ehrlich, vertrauens=
voll
reden, aber das war in ihren Kreiſen nicht Sitte. Man
ließ ſich den Hof machen, und wenn man glaubte, es
wurde Ernſt, gab man dem Werber von Zeit zu Zeit ein
kleines Zeichen ſeiner Gunſt, wollte man ihn erhören.
Ihre Brüder hatten viel zuſammen zu ſchwatzen. Sie
hatten bisher nur einige klaſſiſche Stücke geſehen, ein paar

Opern gehört, und nun wollte ſie der gute Onkel Sollen=
ſtern
mit in ein Luſtſpiel nehmen. War das eine Freude!
Da durchzuckte Gunild der Gedanke: ich werde über=
haupt
noch nicht heiraten, weder Wullnow noch Plattan=
gen
; zwei, drei Jahre kann ich noch ruhig in Berlin aus=
gehen
, ohne zur alten Garde zu gehören! Doch, da drängte
ſich ihr Blut wieder zum Herzen, denn ſie wollte der
Vormundſchaft der Mutter enthoben ſein, die ſie auf ihre
Art doch recht tyranniſierte. Und dann das unbekannte
Leben, das auf ſie wartete, reizte ſie, die eigene Häuslich=
keit
, in der ſie ſchalten und walten konnte nach eigenem
Willen. Sie war ihrer Mutter Tochter, ſie ſehnte ſich nach
Selbſtändigkeit. Dieſes fortwährende Mahnen fiel ihr
auf die Nerven, kein Tag verfloß, an dem ihr nicht geſagt
wurde: tue das, tue jenes hüte Dich vor dem, komme
dem anderen ein wenig mehr entgegen. Aber nur ein
wenig, liebe Gunild! Und als Frau eines Diplomaten=
würde
ſie eine andere Rolle ſpielen, wie als Frau
eines Offiziers, mochte er Plattangen oder anders heißen!
Abhängig blieb ein Soldat immer in viel höherem Grade,
und ſchließlich winkte ihr doch irgendwo in der Provinz
aller Wahrſcheinlichkeit nach die Klitſche. Mochte ſie nun
in Schleſien, Oſtpreußen, Pommern, Brandenburg oder
ſonſtwo liegen. Sie geſtand ſich’s ganz ehrlich ein,dſie
hing weniger an der Perſon Wullnows als an ſeinem
Berufe, und ob ſich ihr die Gelegenheit wieder bot, einen
Diplomaten zu heiraten, war doch noch ſehr die Frage
bei ihrer mäßigen Mitgift.
(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Nummer 266.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912,

Seite 15.

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[ ][  ][ ]

Seite 16.

Darmſtadter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912.

Nummer 266.

Tehte Heiten.

Dinige Tappen!
Immer größer wird die Zahl der Hausfrauen, die bei den
teneren Fleiſchpreiſen regelmäßig Knorr=Suppenwürfel verwenden,
aber noch mehr Hausfrauen gibt es, die dieſe, für jeden Haushalt
nützlichen und praktiſchen Suppen noch gar nicht kennen. Warum?
Weil viele glauben, der Fabrikant könne unmöglich für 10 Pfg.
3 Teller gute Suppe liefern. Und doch iſt es ſo. Warum kann
Knorr für wenige Pfennige ſo viel bieten? Weil in dem großen
Fabrikbetrieb alle Vorteile des Einkaufes, der Herſtellungsweiſe und
des Vertriebes ſich vereinigen, ſodaß jeder, der für 10 Pf. einen
Knorr==Suppenwürfel kauft, aus allen dieſen Vorteilen Nutzen zieht.
Intereſſantes über Knorr’s Fabrikbetrieb.

Knorr ſat
eigene Müfle

Sorgfältig ausgeſuchte Rohmaterialen, wie Erbſen,
Grünkern, Reis, Gerſte uſw., werden in großen Mengen
gekauft und vermittelſt moderner Maſchinen nach
bewährten, in annähernd 40jähriger Praxis erprobten
Methoden zu Mehl verarbeitet, das für die Suppen=
würfel
gebraucht wird.

Knorr fiat eigene

Ein weſentlicher Beſtandteil der Knorr= Suppen=
würfel
ſind getrocknete Gemüſe aller Art. Viele
Dörrgemüse-Fabpiff Tauſende Zentner Karotten, Wirſing, Weißkraut,
Blumenkohl, Lauch, Zwiebeln uſw. werden in der
Knorr=Gemüſefabrik getrocknet, um dann für die
Knorr=Suppenwürfel Verwendung zu finden.

Knorr fiat eigene
Giernudel-Jabrik

Knorr hat eigene
Würze-Fabrik

Kraft-Zentrale

Neben der größten Makkaronifabrik Deutſchlands
beſitzt Knorr eine ſehr große Eier=Nudelfabrik, in der
all die Eierfadennudeln, Eierriebele, Eierſternchen uſw.,
hergeſtellt werden, die man für die Suppenwürfel=
Fabrikation braucht.
Um den Suppen einen würzigen Fleiſchbrühe=
Geſchmack zu geben, werden den Suppenwürfeln
verſchiedene Arten von Würze beigeſetzt, die nach
eigenem Verfahren in der Knorr=Würzefabrik erzeugt
werden.
Einen Begriff von der Größe der Fabrikeinrichtung
bekommt man, wenn man hört, daß in der Fabrik
von Knorr, Heilbronn, 2. Dampfmaſchinen und
1 Dampfturbine mit zuſammen über 2800 Pferde=
kräften
arbeiten, um die vielen Maſchinen in Betrieb
zu ſetzen, die in dem weit verzweigten Betrieb not=
wendig
ſind.

45 Sorten

Knorr macht 45 verſchiedene Sorten Suppenwürfel.
Jede Sorte hat ihren Eigengeſchmack, jede Suppe iſt
Knorr-Juppenwürfel wohlſchmeckend, kräftig und nahrhaft.
39 Sorten Suppenwürfel werden à 10 Pf.
à 15 Pf.
6 pikante
verkauft und ſind in jedem beſſeren Geſchäft erhält=
lich
. Jeder Suppenwürfel genügt für 3 Teller Suppe.
Die in den Suppenwürfeln enthaltene Maſſe wird
Kochanweisung
zerbröckelt, mit etwas kaltem Waſſer angerührt und
dann mit ¾ Liter Waſſer 15 bis 20 Minuten lang=
Knorr-Suppenwürfel ſam gekocht; weder Gewürz noch Fleiſchbrühe noch
ſonſt etwas ſoll zugegeben werden, die Suppe enthält
alles, was zu einer kräftigen Fleiſchbrühſuppe
nötig iſt.
Bitte, machen Sie einen Verſuch und verlangen Sie bei Ihrem Kaufmann ausdrücklich einen
er iſt der
Knorr=Suppenwürfel beſte!

Blumenkohlſuppe,
Neue Sorten:
Frankfurterſuppe,
Pariſerſuppe,
Spargelſuppe
Feine Julienne=Suppe: 1 Würfel 3 Teller 15 Pfg.

1 Würfel
3 Teller
10 Pfg.

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[ ][  ]

Seite 18.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 11. November 1912.

Nummer 266.

Vom Kriegsſchauplatz.
Von Heiner Bennelbächer.
III.

Kirk=Kiliſſe, am 1. November.
Jetz wärn mer alſo glicklich drin in Kirk=Kiliſſe, un
den meegt ich emol ſehe, der wo uns wida erausbringt.
Sis wohr, ’s hot jo hart genug gehalde un de Derk hot
ſich gewehrt wie e Wilder, un hiwe un driwe is es net ſo
glatt abgange. Mir howen owa gepackt, de Derk, un
wann er ſeegt, er hedd erjendwo geſiegt, do kann er höch=
ſtens
ſage: Auwaih, gewunne!
Owa jetz muß ich ſchee de Reih nooch berichde! Unſa
Kriegsrood neilich hot net ſehr lang gedauert, dann mir
worn all ganig. Wos mer alles verhannelt un feſtgeſetzt
howe, des derf ich freilich net varoode, dann dodruf ſteht
Standrecht, un wer milledeeriſche Geheimniſſe vareed, der
werd aafach ſo lang erſchoſſe, bis er dod is, un des meegt
ich doch net riskiern.
Kenne Se reide, Herr Bennelbächer? freegt mich de
Owerſt, wie de Kriegsrood ausgeweſe is. Ja des is
ſo e Sach! Bis jetz hob ich’s nor als emol uf eme Kar=
reſellgaul
browiert, un des is aach ſchun ziemlich lang
hher. No, ’s werd ſchun gehn maant er. Mein Borſch
hot do noch e Reſervepferd, en famoſe Gaul, der, wo grod
for Ihne baſſe dhet. Dann wiſſe Se, heit Owend geht’s
enaus un morge frieh wern mer ins Gefecht kumme, un
ich glaab, for Sie wär’s am beſte, wann Se aach im Re=
jjemendsſtab
mit reite dhete, do ſehe Se doch wenigſtens
wos for Ihr Geld! Ui, hob ich gedenkt, des werd gut,
un bin hin un hob mer den famoſe Gaul emol angeguckt.
No, ’s hot mer geſchiene, als wann’s grode kaa arabiſch
Vollblut wär, er is mer eher vorkumme wie e Kreizung
um ere Kuh un eme Sääkbock. Vorne derr, hinne mager,
uf dem aane Aag wor er ſchääl, owa dodefor hot er uf
dem annere gor nix geſehe, un wie ich glicklich uf em ge=
ſeſſe
hob un hob die Ziegel feſt in die Hand genumme,
do hot er ſe feſt ins Maul genumme. Un wann mich
jemand gefrogt hedd: Heiner, wo reideſt De dann hin?
do hedd ich aach ſooge kenne: Waaß ich’s? Frog meim
Gaul! Owa ſunſt war’s e ganz guter Kerl, milledeer=
fromm
, an’s Knalle gewehnt un hot die Singnale beſſa
verſtanne, als wie ich. Er is aach ſchee imma in de Heerd
mitgelaafe, un ſo hot kaa Menſch viel devo gemerkt, wos
de Heiner for e ſchneidiger Reidersmann is.
Am Owend ſin mer nu zwar net mehr fortkumme,
owa am annere Morjend, do is es glei losgange, un wie!
So weit man ſehe konnt, nix wie Blitz un Knall un
Pulwadampf, un unſa Leit ſein druf enei wie die Leewe;
ſowa die Derke hawe uns doch ſchwer zu ſchaffe gemacht.
(Sie worn e poor dauſend Mann ſtärker wie wir un hadde
gude Stellunge ein, un wann mir dreimol Hurra gerufe
fhowe, do howe die Derke viermal Allah gebrillt. Mir
ſhadde uns vorgenumme: Kabudd oda en Ranze! Hiwwe
un driwwe hot’s beeſe Licke in die Reihe gewwe, owa
am End howe mer’s doch gepackt un die Derke mit Glanz
kaus ihre feſte Stellunge enaus geworfe. Wos noch laafe
konnt vun en un net gefange worn is, des is ausgeriſſe
wie Schoofledda, daß die Schlabbe gefloge ſin. So gäje
Middoog is es dann allmelich ruhiger un ruhiger worn:
iwwerall hot ma die Singnale geheert: Das Ganze halt!
Sammeln! Un die Sunn hot dorch den Newwel un den
Pulwadampf geblinzelt, un ich glaab, ſie hot ſich net ge=
freit
iwwa des, wos ſo geſehe hot. Un mir ſin hinna
unſam Owerſt nachgeridda, all worn mer net mehr ſo
beiſamme, wie am Morjend un wie ich mich ſo um=
geguckt
hob, do hot’s mich aach net gefreid, wos ich geſehe
thob, un ich hob for mich gedenkt: Muß des ſein? Mich
hot’s uf amool ſo in de Noos gekriwwelt un ich konnte net
imehr recht deitlich ſehe. Un wie ich in meim Hoſeſack
nooch meim letzte ſauwere Sackduch gefuſchelt hob, do
dreht ſich de Owerſt erum un ſeegt: No, Herr Bennel=
bächer
, is Ihne wos? Ach naa, Herr Owerſt, nix . ..
ich glaab ’s is mer wos in’s Aag gefloge! Ja no
ſeegter, ſehn Se, des is emol ſo, des bringt de Krieg ſo mit
ſich; wer reit der reit’ wer leit, der leit. Mir is aach
ſchun mehr wie aamol wos in’s Aag gefloge!
Indem ſin er poor Kumbanie vun de 297er vorbei
un hadde die Spielleid bei ſich un worn ſtolz un vagniegt,
wann ſe aach ſchwazz un dreckig genug geweſe ſin und
aach genug gefehlt howe. Heit kumme mer doch net mehr
dezu, daß mer in Kirk=Kiliſſe einziehe kenne ſeegt de
Owerſt; erſt miſſe unſa Drubbe ſich e bisje vaſchnaufe‟.
Un ſo ſinn mer langſam nooch unſam Biwak zu geridde.
Herr Bennelbächer redt mich uf amool de Owerſt wida
an, was halde Se vun unſere Drubbe? Es ſteckt doch e
guter Geiſt in dene Leid maane Se net aach? Des
maan ich allerdings, un ich maan aach noch, der Geiſt,
des mißt en Landsmann vun mir ſein, e guda Damm=
iſchdädda
, un er mißt mit ſeim Vorname Alexander
haaße!
Und der Abend kam und wir ritten hintan, rings=
um
die Wachtfeuer lohten wie’s in dem Lied haaßt. Hie
un do hot als noch en Schuß geknallt, am Himmel hot
mer verſchiedentlich Feiaſchein geſehe, un in de Fern do
hot en Hund gehailt. Dem is es jedenfalls gange wie
ſſeim Herr: er hodd Hunga un ſei Hidd wor em abge=
brennt
. Un jetz is uf de ganze Linie de Zabbeſtreich ge=
drummelt
un gebloſe worn, un unſa Regimendskabell hot
geſpielt: Wir beten an die Macht der Liebe‟.
Am annern Morjend is dann vor alle Dinge emol
die Kriegsbeid e bische ſondierd worn, un die Gefangene

ſin verlade worn. Die orme Deiwel worn nor froh, daß
ſe wida emol wos Geſcheides zu eſſe krickt howe un daß
ſe ſich emol e bisje ausruhe dorfte. Vum Krieg hadde ſe
ſcheint’s genug. Owa mit dere Kriegsbeid! Allaane
poor tauſend Geſchitze mit ſamt de Beſpannung un de
Munition, en Haufe Gewehrn, ſo hoch wie de Hochzeits=
torm
, die Derkeſäwel ſin raummeterweis ufgeſetzt worn
un, ’s Allerſchennſte, die ganz derkiſch Kriegskaß, des
haaßt nor vun dem Daal vun de derkiſche Armee, mit dem
mir zu dhun hadde. Drei Eiſebahnwäje, geſchwab=
beld
voll Goldſticka! Un dann noch die annern Geſchichde
all, zum Beiſpiel fünf Wäje voll Gawallerieſtiwwel, owa
leider Goddes nor lauda linkſe, die rechtſe miſſe ſe noch
mitgenumme hawe; no, un wos waaß ich, wos noch ſunſt
alles! Wann ich mer net feſt vorgenumme hedd, nor die
reinſte Wahrheit zu berichte, un waan ich’s net ſelwa
ſchreiwe dhet, do dhet ich ſoge: ’s is geloge!
Speeda ſin mer dann feierlichſt in Kirk=Kiliſſe enei=
gezoge
. Am Stadtdhor hot de Kummandand geſtanne un
hot erſt ſein Säwel obgewwe und dann hot er ufgeſchloſſe
und hot geſagt: Sall emal erein kumme! Unſer Leid
howe die Schliſſel an ſich genumme und dann ſin mer uf
de Mack gezoge. Wie mer do hin kumme, ſteht de Imam
do un de Kadi un de Mufti ſtehn bei em. Un der Imam
hot als geſchennt wie e Rohrſpatz un ſeegt, er hedd en
Brief vum Schäckel=Islam im Sack un er mißt unbedingt
er poor Chriſtenhunde in Grund=Erddboddem enei
vafluche. Billiger dhet er’s net. De Kadi hot en als
mi’m Elleboge geſtumbt un haamlich zu em geſogt: Helt=
ſte
dann Dei bees Maul! Wann die des jo heern, ſin
mer all minnanna de Katze! Un de Mufti ſeegt: Wann
De jetz net glei ſtill biſt, gehn mer haam und dann kannſte
allaa ſehe, wie De fertig werſt. Mittlerweil hadd ſich
imma mehr Bevelkerung vaſammelt und die hawe um
uns erum geſtanne un Kumblemente gemacht un als in
aam fort gebrummelt: Sall emal erein kumme; ſall emal
erein kumme! Uf emol is dem Owerſt die Geſchicht doch
zu langweilig worn un er hot ſich emol den Imam kaaft
un hot em die Feldflaſch hingehalde, weil er grod kaan
annern Dolmetſcher bei de Hand hadd. De Imam hot
erſt emol dran geroche un dann emol dran gezoge, net ſo
knabb, un dann hot er geſogt: Kimmel un Korn! Allah
is groß un e Muhkalb is kaa Profeed! Ich hob gedenkt,
ich dhet en aach net for’n Profeed halde. Dann hot er noch
emol gehowe un hot die Flaſch em Kadi gewwe. Un de
Kadi hot ſe em Mufti gereicht, do wor owa ſchun nix
mehr drin un der konnt emol dran riche und ſich ſei Bro=
mel
mi’m Stobbe einreiwe. Nachdem mir alſo de Status
gug wida hergeſtellt hadde, ſin mer mit den Spitzen der
Behörden uf’s Roodhaus, un do worn zu unſerer Be=
grießung
ſchun die Gemeinderät angedrede, ſoweit ſe net
grod zu dreſche oda Miſt zu fohrn hadde oda ſunſt dienſt=
lich
vahinnerd worn. Wir hawe unſa Einquadierungs=
kadde
krickt, un de Owerſt mit ſeim Stab und meim Gaul
ſin ins erſte Hoddell, in de Gaſthof Zum kranke Aff,
kumme, un ich bin newedran beim Abbedeeker unnerge=
brocht
worn. Un wie ich mich inwennig un auswennig
einigermaße wida e bisje erholt hadd, hob ich mit Wal=
lenſtein
geſagt: Ich denke einen langen Schlaf zu tun,
denn dieſer letzten Tage Qual war groß! Dann hob ich
mei Päckelche Inſektepulwa aus meim Ruckſack eraus ge=
dhan
, mei Bedd orndlich eingeſtaabt un bin in Morfeuſ=
ſens
Arme geſunken.

Luftfahrt.

sr. Der Rundflug um London, bei welchem
der als Zweiter angekommene Hamel als Sieger erklärt
wurde, da der Erſte, Sopworth, einen Signalmaſt
nicht vorſchriftsmäßig umflogen hatte, hat jetzt ein ande=
res
Reſultat erhalten. Sopworth hatte ſeinerzeit Proteſt
bei dem engliſchen Aero=Klub gegen die Entſcheidung ein=
gelegt
. Dieſem iſt jetzt ſtattgegeben und Sopworth als
Sieger beſtätigt worden. Hamel hat jetzt das zweifelhafte
Vergnügen, die ihm übergebenen Gewinne, einen Bar=
preis
von 5000 Mark und den Gold=Pokal der Daily Mail,
wieder zurückzugeben.

Vermiſchtes.

* Tiere nicht küſſen! Tiere, zumal Haustiere, ſind
oft äußerſt treu und anhänglich, und es iſt begreiflich, daß
der Menſch ſeine Freude an ihnen hat, ſie gut und liebe=
voll
behandelt und auch zärtlich zu ihnen iſt. Nur ſoll
man auch darin nicht zu weit gehen. Gewiß, das Schoß=
hündchen
der gnädigen Frau iſt überaus niedlich, das
Kätzchen iſt zu drollig und poſſierlich und das Pony iſt
entzückend! Aber iſt es deshalb nötig, daß man die Tier=
chen
mit ſich aus einem Teller eſſen läßt oder ſie auf die
mehr oder minder feuchte Schnauze küßt! Tiere, und ſeien
ſie noch ſo reinlich und ſauber gewaſchen, ſind meiſt die
Träger von Krankheitskeimen, die durch die enge Berühr=
ung
mit dem Munde des Menſchen auf dieſen übertragen
werden und oft den Grund zu anſteckenden Krankheiten
legen. Es iſt ſonderbar, daß gerade Perſonen, die ſonſt auf
Reinlichkeit peinlich bedacht ſind, dieſer unappetitlichen Ge=
wohnheit
huldigen. Die Ausſtellung Der Menſch
in Darmſtadt die in Wort und Bild über dieſe und
andere Unſitten belehrt, hebt dabei ausdrücklich hervor,
daß ſie durch ſolche Mahnungen nicht eine unangebrachte
Bakterienfurcht großziehen wolle, aber ſie will auf die

Möglichkeit der Weiterverbreitung anſteckender Krankhei=
ten
aufmerkſam machen, und mit Recht ſagt ſie uns, daß es
unvernünftig und leichtſinnig wäre, wollte man dieſe An=
ſteckungsmöglichkeiten
nicht zu vermeiden ſuchen. Das
Küſſen von Tieren iſt eine unangebrachte und gefährliche
Zärtlichkeit, die man im Intereſſe ſeiner Geſundheit unter=
laſſen
ſollte.

Literariſches.

Die Autobiographie Richard Wag=
ners
. Rechtzeitig, vor Beginn des Jahres, in welchem
die geſamte gebildete Welt die 100. Wiederkehr von Rich.
Wagners Geburtstag feiern wird, bringt die Verlags=
handlung
Louis Oertel in Hannover von Rich. Wagners
Lebensbericht (Deutſche Originalausgabe von The work
and mission of my life, by Richard Wagner) eine Volks=
ausgabe
zu 1 Mark in guter Ausſtattung heraus. Dieſer
Selbſtbericht gibt eine überſichtliche Zuſammenſtellung
der mannigfachen Mitteilungen Richard Wagners über
ſein eigenes Leben, ſein künſtleriſches Ideal und ſeine Be=
ſtrebungen
, wie ſie in ſeinen geſammelten Schriften über=
all
hin verſtreut ſich finden; ein reicher Stoff authentiſchen
Urſprungs in knapper Faſſung!

Rewinnansiug
der

1. Drenſtiſch-Küddentſchen
(227. Königlich Prenßiſchen) Klaſſenlotterig
5. Klaſſe 1. Ziehungstag 8. November 1912

Auf jede gezogene Nummer ſind zwei gleich hohe Gewinne
gefallen, und zwar je einer auf die Loſe gleicher Nummer
in den beiden Abteilungen 1 und I.

(Nachdruck verboten)
(Ohne Gewähr A. St.=A. f. Z.)
In der Bormittags=Ziehung wurden Gewinne über
240 Mk. gezogen:
2 Gewinne zu 15000 Mk. 114851
3 Gewinne zu 10000 Mk. 84393 93336 169082

2 Gewinne zu 5000 Mk. 169922
76 Gewinne zu 3000 Mk. 2749 13003 13636 30007
39771. 40003 42320 49652 63450 70296 70381 74571
74777 81397 93119 111326 118192 120820 124674
127139 129862 132566 133032 138681 149698 153520
155978 159154 161069 170980 173852 174611 181277
185771 189769 194553 201261 207464
124 Gewinne zu 1000 Mk. 2653 7522 13171 28642
31580 31908 39429 40884 45128 45159 48640 50779
51286 58399 68853 61291 71301 71946 74359 75628
92764 94126 96295 97142 107348 107516 118078
123441. 127743 128948 129660 129743 129837 131471
140261 145474 152640 154436 156652 159854 169526
170216 170767 176129 176743 176966 182505 182818
186139 188880 189399 190284 190562 194483 194674.
196985 196920 201912 203011 205622 206507 207320
164 Gewinne zu 500 Mark 377 2721 5508 7571.
9221 9688 10695 10793 12599 16036 17554 21863
23305 23857 24630 28812 31995 32350 36749 38054
40981. 42121 45281. 49452 52778 55354 56298 62131
67233 67926 77205 77666 77936 80549 86369 86963
38236 89169 89653 96081 98243 98258 99674 102418
110460 112467 116204 116699 122914 123002 128617
126976 127239 141249 142115 146295 152512 156098
56953 158080 158370 161618 164455 166518 171203
171557 172038 176509 177380 178354 181249 181383
181813 182375 183803 192070 195164 195388 198234
199646 201655 206309

In der Nachmittags=Ziehung wurden Gewinne über
240 Mk. gezogen:

8 Gewinne zu 5000 Mk. 99625 118295 124065
167698
80 Gewinne zu 3000 Mk. 1168 11790 13426 17053
17067 26647 35907 46632 57032 58087 58674 68109
68676 72204 76977 88267 88971. 92146 94904 102244
108955 128360 134016 134220 140188 153433. 164791
175026 180555 184654 185451 186534 187549 187576
194204 199258 201203 201906 205862 205886
118 Gewinne zu 1000 Mk. 234 2267 225 6547
11411 14826 15946 30748 30868 31720 33407 35343
36494 42394 49094 49990 50164 52921 64571 (65834
70234 73813 75781 75846 77009 78078 79283 90664
95784 96627 97787 100044 102904 108335 1111179
113716 121361 122150 123029 125510 132627 139245
141623 149093 158433 167190 167673 167887 189867
190280 190939 192303 194435 198432 201117 201178
203047 206426 207594
206 Gewinne zu 500 Mk. 1411 4001 4607 7958
8428 10788 11870 14044 14503 15533 22604 23890
27122 28055 33928 36071 37485 38205 38570 38860
41844 41877 41972 42106 43408 43982 45639 46832
47062 48046 48374 51053 51441 53344 56220 56443
57293 59984 66026 69255 69944 73196 73463 73955
75088 77429 81020 82887 82920 82955 85252 85527
87013 88408 90791 91108 95586 101428 101806 105310
107897 108521. 109185 110002 112703. 114872 119430
120166 123628 124671 129792 131833 131813 133364
137279 137734 138761 141284 141779 144508 147516
r51797 153619 154443 160481 165818 168675 169053
174545 179570 179650 182816 182939 183198 187022
193250 197151 198054 198972 200429 202628 205717
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