Darmstädter Tagblatt 1912


12. August 1912

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175. Jahrgang
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kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.
Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 14 Seiten.

Das Neueſte vom Tage.

Der Kaiſer begab ſich am Freitag abend von Eſſen
nach der Zeche Lothringen und von da nach Wilhelms=
höhe
.
Am geſtrigen Sonntag trat die 59. Generalver=
ſammlung
der Katholiken Deutſchlands
in Aachen zuſammen.
Geh. Baurat Profeſſor Paul Wallrt, der Erbauer
des Reichstagsgebäudes, iſt im Alter von 71 Jahren
geſtorben.
Das Luftſchiff Viktoria Luiſe iſt am Sams=
tag
vormittags 10,30 Uhr, von Baden=Oos kommend,
nach ſechsſtündiger Fahrt in Gotha gelandet.
Bei einer Benzin=Exploſion in der Opel=
garage
in Frankfurt a. M. wurden der Buchhalter,
der Garagemeiſter und der Chauffeur getötet.
Letzte Nachrichten ſiehe Seite 6.

Pikante Hiſtörchen.

* Die Köln. Ztg. ſchreibt: Der ruſſiſche Hauptmann
Koſtewitſch, der, wie bekannt, ſeit längerer Zeit wegen
Spionageverdachts in Unterſuchungshaft ſitzt, ſoll
nach Mitteilungen aus den letzten Tagen gegen Stellung
einer Kaution demnächſt freigelaſſen werden. Ueber ſeinen
Fall gehen nach der Magdeburger Zeitung in diploma=
tiſchen
Kreiſen allerlei pikante Hiſtörchen um. Dieſe
Bezeichnung iſt ſo vielverſprechend, daß der Leſer offen
geſtanden recht ſehr enttäuſcht ſein wird, wenn er das
nach Anſicht mehrerer deutſcher Blätter ſo pikaſite
Hiſtörchen zu Ende geleſen hat. Es wird nämlich er=
zählt
, daß der Staatsſekretär des Auswärtigen Amts ge=
glaubt
habe, dieſen intereſſanten Fall auf diploma=
tiſchem
Wege erledigen zu müſſen, und daher von
Rußland verlangt habe, daß als Entgelt für Koſtewitſch
der wenige Tage ſpäter gewiſſermaßen als Austauſch=
ſpion
in Warſchau verhaftete deutſche Artillerieleut=
nant
Dahm aus Wolfenbüttel freigelaſſen wurde, Ruß=
land
habe ſich damit einverſtanden erklärt, falls für dieFrei=
laſſung
des Leutnants Dahm ebenfalls eine Kaution hin=
terlegt
werde. Der Gewährsmann der Magdeburger
Zeitung hält dieſes Hiſtörchen für geeignet, um ein ſelt=
ſames
Licht auf den Fall Koſtewitſch zu werfen, der nach
ſeiner Anſicht durch den Staatsſekretär des Auswärtigen
Amts auf diplomatiſchem Wege erledigt werden ſolle,
mit anderen Worten unter Beiſeiteſchiebung des Rechts=
ſtandpunktes
. Das muß man wenigſtens aus ſeiner Dar=
ſtellung
entnehmen, und ſo faßt auch die Deutſche Tages=
zeitung
das pikante Hiſtörchen auf, wenn ſie den Aus=
tauſch
von Spionen ein bedenkliches und bei uns bisher
nicht übliches Spiel nennt. Damit hat das Blatt voll=
ſtändig
recht, nur daß dieſe Kritik keineswegs allein für
die Vergangenheit, ſondern ebenſo für jetzt und für die
Zukunft zu Recht beſteht und maßgebend iſt. Man
dürfte in den erwähnten diplomatiſchen Kreiſen eigent=
lich
wiſſen, daß die Entlaſſung in Unterſuchungshaft be=
findlicher
Spione zu verfügen ausſchließliche Sache und
Recht des Reichsgerichts oder beſſer des Unter=
ſuchungsrichters
iſt, daß alſo ein diplomatiſcher
Schritt, wie er hier gemeint iſt, überhaupt nicht in Frage
kommen kann. Es iſt nicht bekannt, ob und welche
Schritte das Auswärtige Amt zugunſten des in Rußland
verhafteten deutſchen Offiziers unternommen hat, aber
man müßte es eigentlich für ſelbſtverſtändlich halten, daß
unſererſeits alles getan wird, ihn möglichſt bald aus der
Haft zu befreien. Sollte alſo das Reichsgericht
tatſächlich demnächſt den Hauptmann Koſtewitſch gegen
Kautionsſtellung in Freiheit ſetzen, ſo wäre es doch nur
das Gegebene, wenn das Auswärtige Amt unter
Hinweis auf unſer Entgegenkommen für den deutſchen
Offizier dieſelbe Vergünſtigung zu erlangen verſuchte.
Geſetzt dieſen Fall aber, iſt es doch mehr als unverſtänd=
lich
, unſern Behörden daraus einen Vorwurf zu machen,
daß ſie vollkommen innerhalb ihrer Zuſtändigkeit die In=
tereſſen
deutſcher Reichsangehöriger wahrnehmen. Man
iſt ja doch ſonſt ſo leicht bei der Hand, irgend wo und wie

ſchwächliche Nachgiebigkeit unſerer Regierung gegen
andere Staaten zu entdecken, und gerade dort pflegt man
mit ſeiner Kritik hiergegen nicht zurückzuhalten, wo man
dieſes pikante Hiſtörchen ausgegeben hat und weiter=
gibt
.

Die Haftpflicht des Fiskus bei Eiſenbahn=
unfällen
.

* Zur Reiſezeit intereſſiert eine Reichsgerichtsent=
ſcheidung
, die auf die vertragliche Haftung der Bahn
näher eingeht. Iſt jemand auf einer Eiſenbahnfahrt ver=
unglückt
, ſo haftet der Fiskus zunächſt auf Grund des
Reichshaftpflichtgeſetzes aus Betriebsunfall. Die An=
ſprüche
aus Betriebsunfall verjähren in zwei Jahren vom
Tage des Unfalls an. Günſtiger in Bezug auf die Ver=
jährung
iſt der Verunglückte geſtellt, wenn er die An=
ſprüche
auf unerlaubte Handlungen oder vertragliches
Verſchulden des Fiskus gründen kann; dann kommt die
drei= und vierjährige Verjährungsfriſt in Frage. Tatſäch=
lich
ſchließt jeder Eiſenbahnreiſende mit der Erwerbung
der Fahrkarte einen Beförderungsvertrag mit
der Bahn ab. Aus dieſem Vertragsverhältnis haftet der
Eiſenbahnfiskus, wenn ihn oder einen ſeiner Erfüllungs=
gehilfen
ein Verſchulden an dem Unfall trifft. Eigentlich
liegt dem Kläger die Beweislaſt für das Verſchulden des
Fiskus ob. Von Bedeutung iſt deshalb die vorliegende
Entſcheidung, die ausſpricht, daß bei einem ſchweren
Eiſenbahn=Unfall, der nur durch ein Verſchulden der
Bahnbedienſteten eingetreten ſein kann, dem Reiſenden
nicht zuzumuten iſt, die ſchuldige Perſon aus der Mitte
der Beamten herauszuſuchen, um ſo den Beweis des
Verſchuldens zu erbringen. In ſolcher Lag= iſt es Sache des
Fiskus, den Beweis zu erbringen, daß ihn oder ſeine
Beamten keine Schuld treffe. Der Rechtsſtreit zeigt folgen=
den
Sachverhalt:
Der Viehhändler S. aus Wongrowitz fuhr am 27.
März 1907 mit einem Schnellzuge von Berlin nach Po=
ſen
. Der von dem Kläger benutzte Zug fuhr mit zwei
Lokomotiven, Kurz vor der Einfahrt auf dem Bahnhof
in Poſen ſtieß er mit einer Rangiermaſchine ſo heftig zu=
ſammen
, daß die Rangiermaſchine und beide Maſchinen
des Schnellzuges zertrümmert wurden. Ein Reiſender
wurde getötet, mehrere andere Perſonen wurden ſchwer
verletzt. Der jetzt auf Schadloshaltung klagende S. hat
eine ſchwere Störung des Nervenſyſtems erlitten. Er
verlangte unter Vorbehalt weiterer Anſprüche‟ 3109 Mk.
Der Fiskus erkannte den Anſpruch in Höhe von 337.75
Mark an und wurde nach dieſem Anerkenntnis verurteilt.
Erſt Ende des Jahres 1900 erhob der Kläger weitere
Anſprüche auf Zahlung von 100 Mark und 1800 Mark
jährliche Rente Dieſe Anſprüche des Klägers ſind vom
Oberlandesgericht Poſen weſentlich auf Grund der vom
Fiskus erhobenen Einrede der Verjährung abgewieſen
worden. Das Oberlandesgericht geht davon aus, daß es
ſich lediglich um einen Anſpruch aus dem Reichshaft=
pflichtgeſetz
handele, der in zwei Jahren vom Tage des
Unfalls an verjährt. Die Einwendung, daß die Klage
auf den Transportvertrag geſtützt ſei, weiſt das
Oberlandesgericht zurück, weil dieſe Begründung eine
unzuläſſige Klageänderung darſtelle, denn in er=
ſter
Inſtanz ſei die Klage nicht auf den Beförderungs=
vertrag
geſtützt geweſen.
Gegen dieſes Urteil hat der Kläger mit Erfolg Re=
viſion
beim Reichsgericht eingelegt. Das Reichs=
gericht
erklärt, daß hier keine Klageänderung vorliegt.
Zur Begründung dieſer Feſtſtellung führt der höchſte
Gerichtshof zunächſt aus: Den Klagegrund bildet die
Summe derjenigen Tatſachen, aus denen der Kläger fei=
nen
Rechtsanſpruch ableitet. Der Tatbeſtand, daß Klä=
ger
in einem Abteil dritter Klaſſe des Schnellzuges ge=
ſeſſen
hat und dabei verunglückt iſt, genügt zur Begrün=
dung
eines Schadenerſatzanſpruches aus
dem Beförderungsvertrag. Zweifellos war
damit geſagt, daß dem Kläger als Fahrgaſt bei der Be=
förderung
auf der Eiſenbahn des Beklagten der Unfall
zugeſtoßen ſei. Sodann geht das Reichsgericht auf die
Schwere des Unglücks ein und führt in Bezug auf die
Frage des Verſchuldens aus, daß gerade in dem vorlie=
genden
Fall nicht von dem Kläger der Nachweis eines
Verſchuldens des Fiskus verlangt zu werden braucht.
Denn es iſt kaum denkbar, daß ein ſo gearteter und ſo
ſchwerer Unfall bei ordnungsmäßigem Funktionieren
aller Einrichtungen und bei gehöriger Sorgfalt aller Be=
amten
ſich hätte ereignen können. Dem Kläger kann nicht
zugemutet werden, zur Begründung dieſes Anſpruchs die
beſtimmte Perſon aus der Mitte der bei dem betreffenden
Betriebsvorgang beteiligten Bahnangeſtellten nachzuwei=

ſen, auf deren Tun oder Unterlaſſen der Unfall zurückzu=
führen
iſt. Das Urteil des Oberlandesgerichts Poſen
iſt deshalb aufgehoben, die Sache ſelbſt an das Ober=
landesgericht
zur anderweitigen Vexhandlung und Ent=
ſcheidung
zurückverwieſen worden.

Deutſches Reich.

Die kommende Reichstagsſeſſion.
Während der neue Reichstag in dem erſten halben Jahre
ſeines Beſtehens mit Vorlagen abſichtlich nicht beladen
worden war neben dem Etat und den Wehrvorlagen
beſchäftigte ihn nur das bisher noch unerledigte Staats=
angehörigkeitsgeſetz
, wird der zweite Seſſionsabſchnitt
der erſten Seſſion im Spätherbſt ein recht arbeitsreicher
werden. Eine Reihe neuer Vorlagen iſt fertiggeſtellt und
wird im Laufe der nächſten Monate vollendet werden.
So weit bis jetzt feſtſteht, werden dem Reichstag zugehen:
das Poſtſcheckgeſetz, der Etat für 1913, ein Entwurf über
die Unfallfürſorge bei Arbeiten, die freiwillig zur Rettung
von Perſonen oder Bergung von Sachen in Notfällen ge=
leiſtet
werden, ein Reichstheatergeſetz, eine Novelle zur
Gewerbeordnung zur Regelung des Kinematographen=
weſens
, ein Entwurf über die Haftpflicht von Straßen=
und Nebenbahnen für Sachſchäden, ein Nachtragsetat für
Neukamerun (Erforſchung und Vermeſſung der neuen
Kolonie), ein Nahrungsmittelgeſetz, ein Entwurf über
Neuregelung der Konkurrenzklauſel, ein Entwurf über
Neuregelung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, eine
Novelle, betreffend die Einführung des Wiederaufnahme=
verfahrens
im Disziplinarverfahren für Reichsbeamte,
eine Novelle zum Patentgeſetz, ein Reichskomptabilitäts=
geſetz
, Novellen zur Neuregelung der Wandergewerbe=
ſcheine
und der Wanderfürſorge, ſchließlich die vom
Reichstag geforderten Beſitzſteuerentwürfe. Es iſt mög=
lich
, daß auch das eine oder andere Geſetz noch zurückge=
halten
wird, wenn ſich Schwierigkeiten für ſeine glatte
Erledigung einſtellen ſollten.
Die Erſatzkaſſen in der Angeſtellten=
verſicherung
. Eine offiziöſe Korreſpondenz ſchreibt:
Nach Aeußerungeneder Preſſe erwartet man anſcheinend
noch an einzelnen Stellen den Erlaß von Ausführungs=
beſtimmungen
über die Zulaſſung von Erſatzkaſſen zur An=
geſtelltenverſicherung
. Wie wir erfahren, ſind ſolche Aus=
führungsbeſtimmungen
nicht in Ausſicht genommen, da
die Entſcheidung über die Zulaſſung einer Kaſſe als Er=
ſatzkaſſe
nur nach Lage des einzelnen Falles getroffen wer=
den
muß.
Angebrachte Vorſicht. Der Matin meldet
aus Straßburg, die deutſche Regierung vergrößere die
Schwierigkeiten für franzöſiſche Offiziere, die annektierten
Provinzen Elſaß=Lothringen zu beſuchen. Früher ge=
nügte
es, wenn ein franzöſiſcher Offizier einige Tage im
Elſaß zubringen wollte, daß er den Ort, in dem er ſich
aufhielt, angab. Jetzt muß der Offizier die Gründe ſeines
Aufenthaltes angeben, ferner die Namen der Perſonen,
bei denen er ſich aufhält. Andererſeits wird gemeldet,
daß vom 15. Auguſt ab es jedem franzöſiſchen Offizier
unterſagt ſein wird, ſich in Elſaß=Lothringen aufzuhalten.
Der Grund hierfür ſind die großen Manöver, die in der
zweiten Hälfte des Monats dort ſtattfinden. Derartige
ſtrengere Beſtimmungen würden bei dem Eifer, mit dem
man ſich in Frankreich auf einen deutſch=franzöſiſchen
Krieg vorbereitet, durchaus am Platze ſein.
Geplante Verbeſſerungen in den
Dienſt= und Ruhezeiten der Betriebsbe=
amten
der deutſchen Eiſenbahnen. Wie man
Berliner Blättern ſchreibt, ſchweben zwiſchen dem Reichs=
eiſenbahnamt
und den Verwaltungen ſämtlicher deutſchen
Staatseiſenbahnen Verhandlungen über Verbeſſerungen
der Dienſt= und Ruhezeiten der Eiſenbahn= Betriebsbe=
amten
. Sowohl im Reichstag wie im preußiſchen Abge=
ordnetenhauſe
ſind eine ganze Reihe von Wünſchen zur
Verbeſſerung der dienſtlichen Verhältniſſe der Angeſtell=
ten
bei den deutſchen Eiſenbahnverwaltungen den zuſtän=
digen
Stellen unterbreitet worden. Sie beziehen ſich in
erſter Linie auf eine Verkürzung der Dienſtſchichten, auf
die Gewährung längerer Ruhezeiten und auf eine höhere
Bewertung des Nachtdienſtes. Das Reichseiſenbahnamt
iſt nun mit ſämtlichen deutſchen Staatsbahnen in Ver=
bindung
getreten und hat dieſe zu gemeinſamen Verhand=
lungen
aufgefordert. Es iſt zu hoffen, daß auf dieſe Weiſe
manche Wünſche, die in den Parlamenten zum Ausdruck

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kommen, ſchon in nicht ferner Zeit ihre Verwirklichung
finden werden.

Ausland.

Italien.
Die Friedensverhandlungen. Laut Se=
colo
werden die vor einem Monat eingeleiteten, dann
aber durch den Sturz des türkiſchen Kabinetts unterbro=
chenen
Friedensverhandlungen jetzt in der Schweiz fort=
geführt
werden. Bezüglich Libyens ſei die Einigung auf
gutem Wege. Italien verzichtet auf die Souveränitäts=
anerkennung
ſeitens der Türkei, garantiert das religiöſe
Kalifat und zahlt eine Entſchädigung, über deren Höhe
noch diskutiert wird. Die größten Schwierigkeiten beſtehen
hinſichtlich der Inſeln im Aegäiſchen Meer. Die Türkei
fordert den Status quo, Italien hingegen die Abtretung
von Aſtropalia und Gewährung von Zugeſtändniſſen an
die griechiſche Bevölkerung auch auf den nicht beſetzten
Inſeln. Man hofft, dieſe Frage durchtein internationales
Schiedsgericht löſen zu können und inzwiſchen wenigſtens
einen Waffenſtillſtand herbeizuführen.
Frankreich.
Frankreichs ſchwarzes Armeekorps. Der
Matin veröffentlicht eine intereſſante Statiſtik über die
Zmkunft der ſchwarzen Truppen in Frankreich. Aus die=
ſem
Bericht geht hervor, daß Frankreich zur Zeit ſechs
ſchwarze Bataillone in Marokko in Stärke von 4800 Mann
haben wird, dazu kommen noch 800 Mann Reſervetrup=
pen
in Senegal, ſo daß Frankreich im ganzen 5600 Mann
ſchwarzer Truppen beſitzt. Dieſe Zahl wird im Jahre
1913 bereits auf 15200 angewachſen ſein, die ſich aus
folgenden Kontingenten zuſammenſetzen wird: 6 Ba=
taillone
in Marokko, dazu weitere 2 Bataillone, die be=
reits
in der Ausrüſtung begriffen ſind und außerdem
6 neue Bataillone, die von dem franzöſiſchen Kriegs=
miniſter
Millerand verlangt worden ſind Dazu kom=
men
3 Reſervebataillone in Senegal und 2 in Algier. Im
Jahre 1914 wird die ſchwarze Armee eine weitere Ver=
ſtärkung
erhalten. Es werden 2 neue Bataillone for=
miert
werden, die je 900 Mann ſtark ſein follen, dazu
kommt noch je ein Bataillon am Niger und in Südſene=
gal
, ſo daß Frankreich am Ende des Jahres 1914 ziemlich
20000 Mann ſchwarzer Truppen beſitzen wird, oder ein
Armeekorps. Man wird alſo in Zukunft nicht mehr
mit 20, ſondern mit 21 franzöſiſchen Armeekorps zu
rechnen haben.
Rußland.
Miniſterpräſident Poincaré iſt an Bord
der Jacht Newa am Samstag eingetroffen. Am Lan=
dungsplatze
erwarteten ihn Kokozow und Saſonow, ſo=
wie
andere Vertreter des Auswärtigen Amtes und des
Hofminiſteriums, der Chef des Generalsſtabs der Marine
Fürſt Lieven und der franzöſiſche Botſchafter. Kokosow
und Saſonow begrüßten Poincaré herzlich.
Montenegro.
Der türkiſche Geſandte iſt von Cetinje abge=
teiſt
. Die Pforte hat die diplomatiſchen Beziehungen
nicht abgebrochen, dieſe werden durch den montenegri=
niſchen
Geſchäftsträger in Konſtantinopel fortgeſetzt.
Vereinigte Staaten.
Die Reviſion des Zolltarifs. Präſident
Taft legte ſein Veto gegen das Geſetz betr. die Reviſion
des Zolltarifes ein, das ſo niedrige Raten vorſieht, daß
das unausbleibliche Ergebnis ein nicht wieder gut zu
machender Schaden der Wollinduſtrie ſein würde und
eine Stillegung von Fabriken und ſomit die Arbeitsloſig=
keit
von tauſenden von Arbeitern herbeiführen würde.
Präſident Taft verlangte dringend, daß der Senat ſich
nicht vertage, bis Maßregeln Geſetzeskraft erlangt hät=
ten
, durch die die weſentlichen Reduktionen, die das Ta=
rifamt
für möglich erachtet, durchgeführt werden, ohne
daß irgend eine beſtehende Induſtrie gefährdet werde.

Das Panamakanal=Geſetz. Der Senat hat
die Beſtimmung des Panamakanal=Geſetzes angenom=
men
, durch die den amerikaniſchen Eiſenbahngeſellſchaften
verboten wird, in ihrem Beſitz befindliche Schiffe den
Panamakanal paſſieren zu laſſen. Weiter wurde ein Zu=
ſatzantrag
angenommen, in dem auch ſolchen Schiffen die
Durchfahrt verſagt wird, die einer geſetzwidrigen indu=
ſtriellen
Kombination gehören. Alle Eiſenbahngeſellſchaf=
ten
ſollen aufgefordert werden, ſolche Dampferlinien, die
im Falle ihrer Unabhängigkeit ihre Konkurrenten wären,
von ſich abzuſtoßen.
Kanada.
Die Teilnahme Kanadas an der Reichs=
verteidigung
. In einer großen öffentlichen Ver=
ſammlung
der Konſervativen von Kanada hielt Kriegs=
miniſter
Fughes eine Rede, in der er erklärte, Kanada
müſſe mit Neu=Seeland, Südafrika und Auſtralien einer
Kombination angehören, um das Mutterland mit einem
allgemeinen Syſtem der Verteidigung zu unterſtützen. Die
Welt müſſe gelehrt werden, daß die Kronkolonien in der
Verteidigung mit Großbritannien einig ſind. Er be=
lächelte
die Idee, daß Großbritannien einen Einfall er=
dulden
könne. Der Krieg iſt näher, als das Volk ſich
einbildet, weil Deutſchland innerhalb eines Menſchen=
alters
Kolonien haben muß, wenn es nicht abwärts gehen
will. (!) Es iſt wohl bekannt, daß Deutſchland ein An=
gebot
machte, den Wettbewerb in den Schiffsbauten ein=
zuſtellen
, und daß dieſes Angebot verlockend war. Das
wird aber ſo lange nicht geſchehen, wie die alte Flagge
weht. Der Zeitpunkt wird kommen, an dem ein defini=
tiver
Plan der Reichsverteidigung angenommen werden
muß. Wie die Blätter aus London erfahren, wird der
Premierminiſter Borden auf Anſuchen der britiſchen Re=
gierung
den Expremierminiſter Sir Wilfried Laurier ein=
laden
, an einer Konferenz über die Verteidigung zur See
teilzunehmen, die hier ſtattfinden ſoll.
Marokko.
Die Abdankung des Sultans. Der Korre=
ſpondent
des Echo de Paris meldet aus Rabat: Sultan
Muley Hafid werde nach Frankreich abreiſen. Er mache
eine Erholungskur in Vichy. Muley Hafid reiſt an Bord
eines Paſſagierdampfers, der von Gibraltar herüber=
kommt
, um ihn abzuholen. Die Landung erfolgt in Mar=
ſeille
. Muley Hafids Abdankung ſteht unmittelbar be=
vor
, jedoch iſt über die Modalitäten und über die Bezeich=
nung
des Nachfolgers noch nichts beſtimmt. Es wird
verſichert, daß das Abdankungsſchreiben ein Zeugnis der
Freundſchaft für Frankreich enthalten werde. General
Liautey hatte den Sultan für Samstag zum Diner ein=
geladen
. Der Sultan hat die Einladung mit großer Herz
lichkeit angenommen.

Stadt und Land.

Darmſtadt, 12. Auguſt.
* Empfänge. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
empfingen am Samstag den Rittmeiſter und
Eskadronchef Rogalla v. Bieberſtein, den Oberleutnant
Riedeſel Frhrn. zu Eiſenbach (Johann) und den Leutnant
. Boetticher im Leib=Dragoner=Regiment (2. Großh.
Heſſ.) Nr. 24, den Oberlandſtallmeiſter v. Willich gen.
v. Pöllnitz, den Präſidenten des Verwaltungsgerichts=
hofes
Dr. Dr.=Ing. A. C. Weber, den Geheimen Ober=
ſchulrat
Block, den Verlagsbuchhändler Diemer in Mainz,
den Kaiſerlich Ruſſ. Kammerherrn v. Bioncourt in Bern;
zum Vortrag den Finanzminiſter Braun, den Oberjäger=
meiſter
Frhrn. van der Hoop, den Vorſtand des Kabi=
netts
Geheimerat Römheld.
* Verliehen haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
dem Wirklichen Geheimerat Dr. med. h. c.
K. A. Lingner Exz. aus Dresden das Großkreuz des
Verdienſtordens Philipps des Großmütigen.
* Erlaubnis zur Annahme von Orden. Se. Königl.
Hoheit der Großherzog haben dem Obergarten=
inſpektor
Ludwig Dittmann die Erlaubnis zur An=
nahme
und zum Tragen des ihm von Sr. Maj. dem
Deutſchen Kaiſer und König von Preußen verliehenen
Roten Adler=Ordens 4. Klaſſe erteilt.

* Uebertragen wurde dem Schulamtsaſpiranten
Heinrich Landzettel aus Darmſtadt eine Lehrerſtelle
n der Gemeindeſchule zu Groß=Gerau mit Wirkung
vom 1. Oktober d. J. an.
g. Ferienſtrafkammer. Wegen Verbrechens nach
§ 176,3 wurde der aus Ballenſtedt gebürtige 37jährige
Friſeur Friedrich Auguſt Louis Groſſe aus Neu= Iſen=
burg
zu 8 Monaten Gefängnis abzüglich 1 Mo=
nat
der Unterſuchungshaft verurteilt. Wegen des glei=
chen
Vergehens in drei Fällen wurde der noch unbeſtrafte
61jährige Schmiedemeiſter Auguſtin Konſtantin Tho=
mas
I. aus Dieburg zu 10 Monaten Gefäng=
nis
verurteilt. Von der Unterſuchungshaft wurde ihm
1 Monat angerechnet. Wegen Verbrechens nach § 175,2
wurde der 17jährige Dienſtknecht Philipp Nickel aus
Pfungſtadt zu 1 Monat Gefängnis verurteilt; die
Strafe wurde durch die Unterſuchungshaft als verbüßt er=
achtet
. Die wegen Landſtreicherei in Haft genommene 23 Schirmmacherin Sophie Steinbach aus Wil=
helmsthal
hatte bei ihrer Eintragung in das Gefangenen=
regiſter
in Langen als ihren Namen Sophie Born ange=
geben
und ſich dadurch der intellektuellen Urkundenfäl=
ſchung
ſchuldig gemacht. Sie wurde zu 3 Wochen Ge=
fängnis
verurteilt. Von der Unterſuchungshaft wur=
den
ihr zwei Wochen angerechnet. Der ſchon wegen
Rückfalldiebſtahls mehrfach vorbeſtrafte 23jährige Stein=
gutdreher
Chriſtoph Dröſcher aus Grünſtadt, Kreis
Frankenthal, hatte ſich wegen eines Diebſtahls und eines
Einſteigdiebſtahlverſuchs zu verantworten. Dröſcher wurde
am 4. Juli aus dem Gefängnis entlaſſen und ihm 85 Mk.
ausgehändigt. Jedoch ſchon am 10. Juli ging er ſeinen
Diebſtahlsneigungen nach, trotzdem er noch im Beſitz von
40 Mark war. An dieſem Tog zog er, eine günſtige Ge=
legenheit
erſpähend, in Darmſtadt umher und kam in der
Erbacherſtraße in ein Haus, wo er ſich erſt durch Klingeln
überzeugte, ob jemand anweſend ſei. Als ihm zufällig
jemand entgegenkam, fragte er nach einem Herrn Zinn=
gruber
, deſſen Namen er vorher auf einer Viſitenkarte an
der Tür geleſen hatte. Als ihm bedeutet wurde, daß die=
ſer
vorläufig nicht nach Hauſe käme, trieb er ſich noch im
Hofe umher. Er ſah bier über einem Stall ein offen=
ſtehendes
Fenſter. Die Gelegenheit zu einem Diebſtahl
ſchien ihm günſtig. Er kletterte an einem dort ſtehenden
Reck empor, dann auf das Dach des Schuppens, um von da
in das Zimmer zu gelangen. Als er ſich beobachtet ſah, ſuchte
er das Weite. In der Nachbarſchaft kam er dann auf
dieſelbe Weiſe in das Haus der Frau Beſt; er ging in
das offenſtehende Zimmer hinein, obgleich in der Neben=
ſtube
jemand anweſend war, durchwühlte eine Kommode
und ſteckte 6 Zigarren und 4,85 Mark zu ſich. Beim Hin=
ausgehen
verurſachte er ein Geräuſch, wodurch er beob=
achtet
und ſchließlich dingfeſt gemacht werden konnte. Den
Diebſtahl gibt der Angeklagte zu. den Diebſtahlsverſuch
beſtreitet er. Er ſei nur deshalb auf die Stange geklettert,
um einen Vogel zu fangen. In beiden Fällen war der
Angeklagte im Beſitze eines geladenen Revolvers. Das
Gericht erkannte wegen beider Fälle auf eine Geſamt=
Zuchthausſtrafe von 3 Jahren und 10 Jahren Ehrver=
luſt
. Der 18jährige Zwangszögling Joſef Hirſch
und der 17jährige Tagelöhner Chriſtian Wilhelm Hoff=
mann
, beide aus Offenbach und vorbeſtraft, kamen in der
Nacht zum 14. Mai an dem Zigarrengeſchäft von Roſa
Schiretzki in Offenbach vorbei. Sie ſtiegen durch ein
offenſtehendes Fenſter in den Laden ein und entwendeten
Zigaretten im Werte von 7 Mark. Einen Teil davon
verbrauchten ſie, ein Teil wurde noch bei ihnen vorgefun=
den
. Das Gericht verurteilte den Hirſch zu 1. Jahr
Gefängnis abzüglich 2 Monat und 2 Wochen, den
jugendlichen Hoffmann zu 3 Monaten Gefäng=
nis
abzüglich 2. Wochen der Unterſuchungshaft. Der
bei dem Frankfurter Unternehmer Bratengeier in Arbeit
geweſene 42jährige Tagelöhner Adam Kratz aus Mör=
felden
hatte am 25. März eine Lohnliſte gefälſcht, indem
er aus 15½ geleiſteten Arbeitsſtunden 25½ gefnacht hatte,
Es wurden ihm dadurch 4,30 Mark zu viel ausgezahlt.
Da ſich Kratz durch dieſe widerrechtliche Aenderung der
Urkundenfälſchung in Idealkonkurrenz mit Betrua ſchul=
dig
gemacht hat, erkannte das Gericht unter Zubilliaung
mildernder Umſtände auf die Mindeſtſtrafe von 3 Mo=
naten
Gefängnis.
Freifrau Elſa Laura von Wolzogen iſt dieſer
Tage von einem bedauerlichen Unfall betroffen
worden. Bei einem Ausritt, den ſie in der Geſellſchaft
nehrerer bekannter Herren unternahm, ſcheute am
Fuße der Ludwigshöhe plötzlich ihr Pferd und warf die
Reiterin ab. Freifrau von Wolzogen erlitt ſchwere
Verletzungen am Kopf, Arm und Schultern, die zwar
ſehr ſchmerzhafter Natur, aber, wie ſich ſpäter heraus=
ſtellte
, glücklicherweiſe nicht lebensgefährlich ſind. Herr

Tragikomiſches aus der Schwarzen
Republik.

C) Die an Unruhen und Aufſtänden überreiche Ge=
chichte
der Negerrepublik Haiti iſt um ein neues
düſteres Blatt bereichert: Der Präſident General Le=
onte
iſt mit ſeinem Palaſt durch ein Dynamitattentat
n die Luft geſprengt worden. So tragiſch auch dieſer
Vorfall iſt, ſo bleibt es doch das eigenartige Vorrecht
ieſes kurioſen Operettenſtaates, daß ſelbſt die Tragik
m bunten Lichte der Sonneninſel und unter den kleinen
Verhäktniſſen einen komiſchen Anſtrich erhält. Haiti, das
Land der Franzöſiſch radebrechenden Neger und der
zigaretten rauchenden Feldmarſchälle in Galauniform und
mit ſchleppendem Kavallerieſäbel, iſt ja die klaſſiſche Hei=
tat
der Tragikomödie weil unter ſeinen Bewohnern,
dieſen halbwilden Negern, die plötzlich zu Untertanen
einer modernen Regierung erklärt wurden, primitive
Roheit und äußerlich aufgepfropfte Kultur eine heilloſe
und wunderliche Verwirrung angerichtet haben. Jeden=
falls
iſt das Dekret des Pariſer Nationalkonvents von
1794, das den Schwarzen in den franzöſiſchen Kolonien
gleiche Rechte mit den Weißen einräumte, für die kleine
Inſel beſonders verhängnisvoll geworden. Seitdem iſt
das herrliche Eiland, das von der Natur mit den ſprich=
wörtlichen
Reichtümern des alten Golkonda ausgeſtattet
iſt und bereits das Entzücken ſeines Entdeckers, Chriſtoph
Columbus, erregte, unabläſſig von ſchrecklichen Wechſel=
fällen
heimgeſucht und von blutigen Revolutionen durch=
tobt
worden.
Als die Inſel während der napoleoniſchen Kämpfe
von den Franzoſen aufgegeben wurde, da gab es herr=
liche
Plantagen und Gärten, ſchöne Landhäuſer und ein
Netz wohlgepflegter Straßen; ſeitdem iſt diefer paradie=
ſiſche
Garten immer mehr und mehr in Verfall geraten;
die Neger, ſich ſelbſt überlaſſen, ſind degeneriert und mas=
kieren
ihre wüſten Orgien mit jenen alten primitiven
Kuktzeremonien, die ſich unter dem Begriff Woodoo zu=
ſamuenallen
. Ein Harsſcher unnd Roagent i8. Sa anderen

in dieſen hundert Jahren gefolgt, und der einzige feſte
Punkt in der ewigen Flucht der Erſcheinungen war der,
daß der eine immer nicht beſſer war als der andere, daß
keiner die Reformen, von denen er vorher ſo viel geredet,
wirklich ausführte, daß die Kaiſer, Könige und Präſiden=
ten
afrikaniſche Neger blieben, die ſich in einem Milieu
von Grauſamkeit und Mord auf alle wilden und ſchreck=
lichen
Inſtinkte ihrer Raſſe beſannen. Unter den gold=
geſtickten
Uniformen ſchlagen die Herzen mit der unge=
zügelten
Wut und Leidenſchaft, wie ſie nur irgend ein
Häuptling eines Kannibalenſtammes im Innern des
ſchwarzen Erdteils aufbringen kann. So bot Haiti das
merkwürdige Schauſpiel einer Art Kinderſtube der Staa=
ten
, in der noch unreife und unerzogene Naturkinder mit
den ſchweren und gefährlichen Waffen, mit den kompli=
zierten
Einrichtungen der modernen Ziviliſation ſpielten.
Der erſte, der ſich nach der Vertreibung der franzöſi=
ſchen
Soldaten zum Herren dieſer Perle der Antillen
aufwarf, der ſchwarze General Deſſalines, nahm den
Kaiſertitel unter dem Namen Jacob I. an. Ein Jahr
ſpäter bereits fiel er dem Haß ſeiner politiſchen Gegner
zum Opfer, die ihm zunächſt die Finger abſchnitten, um
ſich ſeiner Ringe zu bemächtigen, und ihn dann langſam
mit einzelnen Axthieben umbrachten. Der Nachfolger
Deſſalines, Chriſtophe, nannte ſich einfach König Hein=
rich
I., umgab aber dafür ſeine Monarchie mit allem nur
möglichem Pomp. Er ließ ſich ſehr feierlich krönen, ſchuf
eine Unzahl von Prinzen, Herzögen und Grafen und er=
richtete
einen regelrechten Hofſtaat mit allen Hofchargen.
Puder, Degen und Spitzenjabot wurden anbefohlen; das
Zeremoniell ſchrieb tauſend Kleinigkeiten vor und alles
war auf das ſchönſte geordnet. Aber leider behielt dieſer
frühere Cafékellner, der ſich auf den wolligen Kopf dieſe
Faſchingskrone geſetzt hatte, nicht immer das königliche
Zepter in der Hand, ſondern er legte es ab, um ſtatt deſſen
einen kräftigen Stock aus Kokosholz in die Hand zu neh=
men
, den er mit unnachſichtlicher Grauſamkeit ſeinen Wür=
denträgern
zu koſten gab. Die Herrlichkeit des Königs
Heinrich hatte bald ein Ende; nun nahm Präſident Beyer
die Regierung in die Hand. Doch die Verſchmörungen

und Revolutionen dauerten fort. 1847 hebt das Schickſal
en Negergeneral Soulouque zum Präſidenten der Re=
publik
empor. Unter Beyer war er Kapitän geweſen und
hatte den Dienſt bei Mlle. Joute gehabt, einer bronze=
farbenen
Pompadour, der drei oder vier Präſidenten
nacheinander huldigten. Ziemlich ſpät wurde er General,
wenigſtens für die Verhältniſſe von Haitig wo man ſonſt
die höchſten Ehrenſtellen und =titel mit derſelben Schnel=
ligkeit
erlangt, mit der ſich die Vegetation dort entwickelt.
Die Gunſt, deren er ſich bei der Favoritin erfreute, war
ihm jedenfalls nützlicher als ſein Generalstitel, und ſo
ward er denn durch den Willen des Volkes zum Kaiſer
Fauſtin I. proklamiert.
Damals entfaltete ſich das Operettenkaiſerreich zur
ſchönſten Blüte mit allem grotesken Pomp und Prunk.
Freilich war die allgemeine Heiterkeit etwas gezwunge=
ner
Natur, denn der neue Kaiſer hatte eine große Angſt
vor Verſchwörungen und vor Gift und brachte ſich lieber
ſelbſt um, als daß er ſich der Gefahr ausſetzte, umgebracht
zu werden. Um ſich der Perſon, die ſein Mißfallen er=
regte
, zu entledigen, hatte er eine beſonders ſinnreiche
Methode erfunden: er ließ in dem Fauteuil, auf dem er
das Opfer liebenswürdig zum Setzen einlud, eine Nadel
anbringen, deren unſichtbare Spitze mit einem ſehr ſtar=
ken
, unfehlbar tödlich wirkenden Gift beſtrichen war.
Einer ſeiner Miniſter war von dem Gedanken an dieſe
qualvolle Todesart ſo ergriffen, daß er ſich ſelbſt bei dem
Beſuch von fremden Kriegsſchiffen nur auf Rohrſtühle
ſetzen wollte. Die Offiziere, die das wußten, machten ſich
den Spaß ihm nur Polſterſitze anzubieten; aber er lehnte
energiſch ab und holte ſich ſelbſt irgend woher einen un=
gefährlichen
Stuhl. Nach der Abdankung dieſes Scheu=
ſals
hat eine Unzahl von Präſidenten die Inſel beglückt,
bis auf den vor einem Jahre zur Herrſchaft gelangten
Leconte. Ein ſolcher Aufruhr, wie wir ihn jetzt wieder
erleben, iſt etwas durchaus nicht Ungewöhnliches auf der
Inſel der Sonne und der Revolutionen reine Prtvat=
ſache
der Neger, die die Weißen dabei nicht beläſtigen,
ſondern die in ihren Köpfen gärende Hitze nach bewähr=
ter
Methode unter einander austoben laſſen.

[ ][  ][ ]

Oberſtabsarzt Dr. Beck von den Krefelder Huſaren, der
hier zu Beſuch weilt und ſich in der Nähe der Unfall=
ſtelle
befand, leiſtete die erſte Hilfe und brachte die
Schwerverletzte mit dem inzwiſchen herbeigeeilten Kranken=
haus
=Automobil in ihr Heim. Der an ſich ſchwere Un=
fall
iſt für die hochgeſchätzte Künſtlerin verhältnismäßig
gut abgelaufen. Es ſind keine Komplikationen einge=
treten
und vor allem kein Bluterguß ins Gehien erfolgt,
wie zu befürchten war. Allerdings wird der erlittene
Nervenchock eine ſehr lange Ruhe= und Erholungszeit be=
dingen
. Die äußeren Verletzungen verheilen normal.
* Heſſiſcher Verein für ländliche Heimat= und
Wohlfahrtspflege. Am Mittwoch, den 16. Oktober
d. Js., nachmittags 3½ Uhr, wird im Saalbau zu
Darmſtadt eine Verſammlung des Vereins unter dem
Vorſitz des Herrn Provinzialdirektor Fey=Darmſtadt
ſtattfinden, zu der außer den Vereinsmitgliedern auch
Freunde der Sache Zutritt haben. Auf der Tages=
ordnung
wird ſtehen: 1. Bedeutung des Heimatſchutzes
und der Heimatpflege, ſowie deren wechſelſeitige Be=
ziehungen
auf dem Lande. Vortrag des Herrn
Profeſſor Dr. Frenzel=Darmſtadt. 2. Anlage länd=
licher
Friedhöfe, ſowie Grabdenkmäler auf denſelben. Vor=
trag
des Herrn Bürgermeiſters Kraft aus Trebur. Im
Anſchluß an die Vorträge finden Beſprechungen ſtatt.
* Bilder vom Tage. In der Auslage unſerer Expe=
dition
(Rheinſtraße 23) ſind von heute ab folgende Bil=
der
neu ausgeſtellt: Herr und Frau Krupp von Bohlen
und Halbach; vom Einſturz des Kraftwerks Franken bei
Nürnberg; die Ankunft des erſten Zuges auf der Station
Jungfraujoch; die Heimkehr des Nordpolfahrers
Mikkelſen.
* Schlachtungen. Nach dem Monatsberichte des
Fleiſchbeſchauamts ſind während des Monats Juli
im hieſigen Schlachthaus geſchlachtet worden: 163
Ochſen, 6 Bullen, 280 Kühe, 11 Jungrinder, 915 Kälber,
2564 Schweine, 162 Schafe, 2 Ziegen und 12 Pferde.
Beanſtandet wurden: 79 Ochſen, 5 Bullen, 172 Kühe,
7 Jungrinder, 16 Kälber, 449 Schweine, 28 Schafe, 1 Ziege
und 3 Pferde. Minderwertig wurde erklärt das Fleiſch
von: * Ochſen, 6 Kühen 1¾ Kälbern, 16¼¾ Schweinen
und 1 Ziege. Bedingt tauglich war das Fleiſch von:
¾ Ochſen, ½ Kuh, 1¼ Kälbern und 3¼ Schweinen.
Untauglich waren: 1 Kuh, 1288 Organe, 150½ kg
Fett und 90 kg Fleiſch von 760 Tieren. Auf Tri=
chinen
wurden unterſucht: 2564 im Schlachthaus ge=
ſchlachtete
Schweine, ſowie 2492½ kg für hieſige Metzger
eingeführtes friſches Fleiſch von 125 Schweinen. Der
Nachunter ſuchung wurden unterzogen: 670 Sendungen
eingeführtes Fleiſch, enthaltend: 13477 kg Rindfleiſch,
2988. kg Schweinefleiſch, 205 kg Kalbfleiſch, 307 kg
Hammelfleiſch und 63 kg Ziegenfleiſch.
§ Unſall. Am Freitag vormittag gegen 11 Uhr
wurde an der Merckſchen Fabrik in der Frankfurter=
ſtraße
ein Taglöhner von einem Automobil umge=
fahren
. Der Taglöhner, welcher ſchwer verletzt wurde,
iſt zunächſt auf der Unfallſtation der Merckſchen Fabrik
verbunden und dann mittelſt Krankenautomobil in das
Städtiſche Krankenhaus verbracht worden.
=gs- Unfälle. Samstag vormittag 8 Uhr fiel ein
Hilfsarbeiter aus Pfungſtadt, der bei einer hieſigen
Sortieranſtalt beſchäftigt iſt, vom Wagen und zog ſich
einen ſchlimmen Beinbruch dabei zu. Kurz vor
10 Uhr kam ein Schloſſer aus Wallerſtädten in einem
hieſigen Betrieb in die Transmiſſion; derſelbe zog ſich
dabei am Oberarm ſchwere Verletzungen zu. Beide
Verletzte wurden durch die Rettungswache in das
Städtiſche Krankenhaus gebracht.
§ Selbſtmord. Ein Mann hat Freitag nachmittag
in ſeiner Wohnung ſeinem Leben durch Erhängen
ein Ende gemacht.
§ Hundefang. Im Juli ſind durch den hieſigen
Polizeihundefänger 36 Hunde eingefangen worden.
Hiervon wurden 21 Hunde von ihren Eigentümern
wieder ausgelöſt. 4 Hunde ſind verkauft worden und
11 Hunde mußten getötet werden.
Aus dem Ried, 10. Aug. Die Hamſterplage
wächſt ſich im Ried bis an die Bergſtraße allmählich zu
einer ſchweren Kalamität für die Landwirtſchaft
aus, die ſich trotz aller angewandten Vertilgungsmetho=
den
immer weiter ausbreitet. In manchen Gemarkungen
ſind verſchiedene Felder völlig untergraben, ſo in Biebes=
heim
, Büttelborn, Groß=Gerau; in Heppenheim wurden

in wenigen Tagen etwa 10000 Stück dieſer Nager ge=
fangen
, in Biebesheim mehr als 8000. Die Gemeinden
haben vielfach erhebliche Summen für Fangprämien aus=
geworfen
, und manche Familien verdienen ſich gegen=
wärtig
durch das Aufgraben der Hamſterbaue bis
zu 10 Mark täglich. An einigen Stellen verſucht man
bereits die Tiere durch Schwefelkohlenſtoff zu töten, eine
Methode, die ſich in den letzten Jahren im klaſſiſchen
Lande der Hamſter, dem Regierungsbezirk Magdeburg,
mit zunehmendem Erfolge eingebürgert hat.
Hirſchhorn, 10. Aug. Wegen Verdachts der Brand=
ſtiftung
in dem Müllerſchen Sägewerk bei der Gai=
mühle
wurde der aus einer Zwangserziehungsanſtalt
entlaufene Gg. Eberhardt verhaftet. Er gibt an, den
Brand verurſacht zu haben, um ins Zuchthaus zu kom=
men
, denn da ſei es ſchöner als in der Erziehungs=
anſtalt
.
Mainz, 10. Aug. Ein arges Mißgeſchick iſt, dem
M. J. zufolge, einem auswärtigen Tierarzt paſſiert.
Er ſteuerte ſeinen Wagen zu ſpäter Abendſtunde bei der
Rückkehr von der Praxis in den Straßengraben. Erfolg:
Wagen defekt. Beſitzer verwundet. Acht Tage bettlägerig.
Nach der Wiederherſtellung bittet er den ihn behandeln=
den
Arzt um Ueberlaſſung ſeines Autos und Chauffeurs
auf gewiſſe Stunden. Der Wunſch wird erfüllt. Bei der
erſten Ausfahrt trägt der Tierarzt noch einen kleinen Ver=
band
. Es begegnet ihm ein Bauernfuhrwerk mit tem=
peramentvollem
Pferd. Der Bauer ſpringt ſofort nach
Sichtbarwerden des Autos vom Wagen und führt ſein
Pferd am Zügel. Im Augenblick des Herannahens macht
das Pferd einen Seitenſprung und wirft ſeinen Führer
quer über die Straße. Der Chauffeur hat nur zwei
Wege: entweder den Bauern überfahren oder das Ge=
fährt
in den Graben ſteuern. In ſeiner Geiſtesgegenwart
tut er das letztere. Anprall heftig. Der Tierarzt fliegt
durch die große Glasſcheibe, hat aber Glück, verletzt ſich
an der eben geheilten Stirn und an der großen Zehe, im
übrigen kommt er heil durch die gefährliche Paſſage und
landet in großem Bogen durch die Luft auf einem Kar=
toffelacker
. Das Auto iſt ſchwer beſchädigt. Arzt und
Tierarzt ſind jetzt in der Auto=Reparatur begriffen.
Gonſenheim, 10. Aug. In neuerer Zeit hat man ein
Verfahren entdeckt, um mit Sprengpulver, das
durchaus ungefährlich iſt, Baumlöcher zu machen,
ganze Flächen ohne Spaten und Schaufeln umzuſtürzen,
alten Bäumen, die mit den Wurzeln auf Geſtein auf=
ſitzen
, durch eine Tieferſprengung des Bodens zu helfen
und dergleichen. Die Landwirtſ chaftskammer
beabſichtigt, eine Probeſprengung vornehmen zu laſſen, zu
der alle Intereſſenten und Fachleute Heſſens eingeladen
werden ſollen. Die Probevorführungen ſollen in Gon=
ſenheim
ſtattfinden. Tag und Stunde werden demnächſt
noch bekannt gegeben.
Bad Nauheim, 10. Aug. Sir Edmond Goſchen,
der großbritanniſche Botſchafter in Berlin, iſt zur Kur
hier eingetroffen. Im letzten Künſtlerkonzert im gro=
ßen
Konzerthauſe ſpielte Hofkonzertmeiſter Guſtav Have=
mann
früher in Darmſtadt, das große Violinkonzert
von Brahms mit Orcheſter in D=dur und ein Konzert
von Mozart.
Nauheim, 10. Aug. Im hieſigen Pfarrhauſe
wurde geſtern nacht eingebrochen. Es ſind den
Tätern Fleiſch= und Wurſtwaren in die Hände gefallen.
Geld erreichten ſie nicht. Die Einbrecher, die in letzter
Zeit die Pfarrhäuſer der Bergſtraße und des Odenwalds
unſicher machten, ſcheinen ihre Tätigkeit von da nach dem
Ried verlegt zu haben.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 10. Aug. Der nationale
deutſch=amerikaniſche Lehrerbund, welcher
ſich ſeit Anfang Juli, von New=York kommend, auf einer
Reiſe durch die größeren deutſchen Städte befindet und
dabei viel zum gegenſeitigen Meinungsaustauſch mit der
deutſchen Lehrerſchaft beigetragen hat, beendet dieſe Stu=
dienfahrt
am kommenden Sonntag in der Reichshaupt=
ſtadt
. Hierſelbſt finden ſich die 375 Delegierten des natio=
nalen
deutſch=amerikaniſchen Lehrerbundes zur 40. Jah=
resverſammlung
dieſes Bundes zuſammen. Es iſt das
erſte Mal, daß der deutſch=amerikaniſche Lehrertag nicht
in den Vereinigten Staaten abgehalten wird. Das hie=

ſige Frauengefängnis wird am 1. Oktober d. J.
als beſondere Anſtalt eingerichtet und ausſchließlich weib=
licher
Leitung unterſtellt. Für die Vorſteherin iſt außer
freier Wohnung ein Gehalt von 24000 Mark feſtgeſetzt.
Zu Beginn dieſes Jahres machte das eigenartige Ver=
ſchwinden
des Berliner Rechtsanwalts Hail=
lant
in Berlin großes Aufſehen. Haillant hatte es
durch geſchickte Manipulationen verſtanden, den Glauben
zu erwecken, als ob er beim Schneebad erfroren ſei. Man
fand die Kleider des Vermißten im Grunewald. Von da
ab war jede Spur von ihm verſchwunden. Die Ermittel=
ungen
ergaben indeſſen, daß Haillant wegen großer Un=
terſchlagungen
flüchtig geworden war. Er wurde ſteck=
brieflich
vom Staatsanwalt geſucht. Die Höhe der defrau=
dierten
Summe beträgt rund 150000 Mark. Jetzt taucht
nun die Meldung auf, daß Haillant, der ein Pole iſt, unter
fremdem Namen im Warſchau als Bankbeamter tätig iſt.
Die behördlichen Nachforſchungen wurden ſofort ein=
geleitet
.
Frankfurt, 10. Aug. Geſtern abend gegen 7¾ Uhr er=
eignete
ſich auf dem Gelände der Opelgarage an der Main=
zer
Landſtraße eine ſchwere Benzinexploſion,
durch die der Buchhalter Fritz Götze ſofort getötet und
der Garagemeiſter Anton Froſch, ſowie der Chauffeur
Adam Rat ſo ſchwer verletzt wurden, daß ſie bald darauf
im ſtädtiſchen Krankenhaus ſtarben. Die Kata=
ſtrophe
war von einer heftigen Detonation begleitet, die
weit über das Bahnhofsviertel hinaus hörbar war. Paſ=
ſanten
eilten ſofort an den Schauplatz des Unglücks, wo
ihnen mächtige Flammen entgegen ſchlugen Die Exploſion
war bei dem Nachfüllen von Benzin in die unter dem
Keller des Verwaltungsgebäudes, deſſen Front an der
Mainzer Landſtraße liegt, eingemauerten Benzintanks er=
folgt
. Eines der 300 Liter faſſenden Benzinfäſſer hatte
Feuer gefangen und durch die Gewalt der Exploſion war
auch ein zweites daneben liegendes Faß zertrümmert und
ebenfalls in Brand geſetzt worden. Die hochlodernden
Flammen ergriffen die Fenſterrahmen der im erſten Stock
gelegenen Bureauräume und bedrohten das ganze An=
weſen
. Der Luftdruck war ſo gewaltig, daß in der gegen=
überliegenden
Schuhfabrik zahlreiche Fenſterſcheiben zer=
ſprangen
. Wie das Unglück geſchehen iſt, konnte durch die
bisherige Unterſuchung noch nicht ermittelt werden. Die
Entſtehungsurſache der Exploſion dürfte wohl auch ſchwer
feſtzuſtellen ſein, da die bei der Benzinabfüllung beteilig=
ten
Perſonen tot ſind.
Aſchaffenburg, 9. Aug. Akademie=Profeſſor h. e.
Dr. K. L. Barthels, der während des japan.=ruſſ.
Krieges (1904/05) ein aus militäriſch ausgebildeten
Franzoſen, Belgiern und Luxemburgern beſtehendes frei=
williges
Sanitätskorps organiſierte und befehligte (er
wurde nach dem Kriege zum lebenslängl. Mitglied der
Société Imperiale de la Croix=Rouge Japonaiſe ernannt
und erhielt die japan. Rote Kreuz=Medaille am Bande),
wurde durch das kgl. Hauptzollamt eine mit Gold aus=
gelegte
Ehrenſchale des Prinzen Kotohito, Ehren=
präſident
obiger Geſellſchaft, zugeſtellt.
München, 10. Aug. Das Schwurgericht Straubing
hatte im vergangenen Jahre den Taglöhner Riedl aus
Gſenget bei Waldkirch wegen Ermordung ſeiner Gelieb=
ten
, der Beſitzerswitwe Kellermann, zum Tode ver=
urteilt
. Nunmehr hat der Prinzregent den zum Tode
Verurteilten zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.
Speyer, 10. Aug. Geſtern abend fuhr das Auto=
mobil
des Eiſenhändlers von der Heydt bei Dudenhofen
gegen einen Stein. Das Automobil, in dem ſich fünf Per=
ſonen
befanden, geriet in Brand und wurde vollſtändig
zerſtört. Einer der Inſaſſen, ein Lehrling, erlitt ſchwere
Brandwunden, während die anderen ſich rechtzeitig retten
konnten.
Köln, 9. Aug. Die Kölniſche Zeitung meldet: Die
Zweifel, ob nach dem Diebſtahl der Kaiſerkette
weitere Kaiſer=Wettſtreite ſtattfinden würden, wurden
durch die Aeußerung des Monarchen beſeitigt. Der Kaiſer
erklärte gelegentlich der geſtern abend von 750 Arbeitern
und Angeſtellten der Kruppſchen Werke unter Leitung des
königlichen Muſikdirektors Neumann dargebrachten Sere=
nade
dem Dirigenten, er erwarte, daß auch die Kruppſchen
Sänger im nächſten Jahre zum Kaiſerſingen nach Frank=
furt
kommen würden. Daraus iſt zu entnehmen, daß für
die geſtohlene Kaiſerkette Erſatz geſchaffen wird und
das Wettſingen im Frühjahr nächſten Jahres in Frank=
furt
ſtattfindet.

Feuilleton.

* Wertvolle Briefe. In London fand jüngſt ein gro=
ßer
Autographenverkauf ſtatt, wo Briefe von engliſchen,
franzöſiſchen und deutſchen berühmten Perſönlichkeiten
unter den Hammer kamen. Hier einige Preiſe: Ein Brief
von Carlyle brachte 540 Mark, ein Brief von Swinburne
200 Mark, ein Brief von Gordon=Paſcha‟400 Mark, eine
Schülerarbeit von Oskar Wilde 187 Mark. Die Briefe
von Dickens ſind ſo zahlreich, daß ſie nur 40 bis 60 Mark
brachten; ungefähr ebenſo viel erzielte Alfred Tennyſon.
Ein franzöſiſch geſchriebener Brief von Richard Wag=
ner
, in dem es heißt: Tout se fait dans ma vie
dlune maniére extraordinaire und in dem der Meiſter
ſich für einige Tage 4000 Francs zu borgen ſucht, wurde
mit 386 Mark bezahlt. Hoch im Preiſe ſteht Lord
Byron. Seine Briefe ſind ſelten, ünd alle ſind intereſ=
ſant
. Ein von Piſa datierter (1822), in dem von Shelleys
Tod die Rede iſt, brachte 5000 Mark ein; ein anderer
Brief, den Byron wenige Tage vor ſeinem Tode ſchrieb,
brachte 1020 Mk. Für einen kurzen Brief Oliver Crom=
wells
, datiert Cambridge, Ende Januar 1643, wurden
6355 Mark gezahlt, und für ein an ſich belangloſes Doku=
ment
, das Maria Stuart unterzeichnet hat. 4400
Mark. Andere intereſſante Autographen waren: Kurzer
Brief der Königin Eliſabeth 4400 Mark, anderthalb
Seiten langer Brief ihres Geſandten in Edinburg, der
Maria Stuarts Abſicht, Lord Darnley zu heiraten, mel=
det
, 6150 Mark.
* Schlangen als Haustiere. Von einem franzöſiſchen
Gelehrten wurde vor einiger Zeit empfohlen, daß ein
jeder Haushalt ſich eine Schlange an Stelle von Katzen
und Hunden zulegen ſollte, die geeigneter ſeien als irgend
ein anderes Tier das Haus von Ratten und Mäuſen zu
ſäubern. Das iſt abſolut keine neue Weisheit, ſagt die
amerikaniſche Zeitſchrift Fireſide and Farm. Denn ſchon
die alten Römer hielten ſich zu demſelben Zwecke Schlan=
gen
im Hauſe. Seit jener Zeit jedoch iſt das Reptil durch
Hunde und Katzen verdrängt worden. Und die moderne
Hausfrau empfindet Schrecken vor jeder Schlange, ob ſie
nun gefährlich oder harmlos iſt. Dieſe feindliche Haltung
gegen Schlangen iſt jedoch zum größten Teil nur auf Un=
wiſſenheit
zurückzuführen. So wird zum Beiſpiel ange=
nommen
, daß die Schlangen ſchleimig ſind. Das entſpricht
aber nicht den Tatſachen. Die Haut der Schlangen fühlt
ſich kühl an, iſt aher ſonſt vollſtändig trocken. Man könnte

annehmen, ſie ſei aus Porzellan. Der Hauptnachteil bei
Katzen oder Hunden iſt der, daß dieſe Tiere ebenſolche
Träger von Krankheitskeimen ſind, wie die Ratten und
Mäuſe, die ſie vernichten ſollen. Viele Hunde und Katzen
töten Ratten und Mäuſe ohne ſie zu verzehren, und laſſen
ſie an unzugänglichen Plätzen, wo ſie verweſen. Die
Schlange tut das niemals. Eine jede Ratte, die ſie tötet,
verſchlingt ſie auch ſofort. Hierzu kommt noch, daß Schlan=
gen
ſauberer ſind als irgend ein anderes Haustier.
C) Von der Ariſtokratie der Diebeszunft. Ueber das
Weſen und die Organiſation der großen internationalen
Diebesbanden, die jetzt wieder durch die kühne Entwend=
ung
der Juwelen der Fürſten Thurn und Taxis Aufmerk=
ſamkeit
erregen, machen zwei langjährige frühere Beamte
der Pariſer Geheimpolizei, die Kriminaliſten A. M. Cal=
chas
und W. V. Debisſchop, intereſſante Mitteilungen in
einer Arbeit, die jetzt im Matin veröffentlicht wird. Das
Beſtehen internationaler Diebesverbände iſt früher oft
geleugnet worden weil es der Polizei faſt nie gelang,
die meiſterhaft verwiſchten Spuren zwiſchen den einzelnen
Mitgliedern der Gemeinſchaft nachzuweiſen. Erſt die Er=
fahrung
hat die europäiſchen Kriminalbeamten gelehrt,
daß die häufige Erfolgloſigkeit ihrer Bemühungen ſich
nur durch die ganz eigenartige Organiſationsform dieſer
Diebesgenoſſenſchaften erklärt und kein Beweis gegen ihr
Daſein iſt. Während die kleinen Diebe, die Gelegenheits=
einbrecher
, gerne feſt organiſierte Banden mit gemein=
ſamen
Abzeichen und Verſtändigungsmitteln bilden, ver=
ſchmähen
es die großen Diebe, die Ariſtokraten der Die=
bes
=Zunft, Vereinsmeierei zu treiben; ſie lehnen jede
bindende Feſſel ab und begründen ihre Zuſammenge=
hörigkeit
nur auf der Baſis diskreter Sympathie. Sie
kennen ſich perſönlich, aber nie werden ſie zwei große
Coups hintereinander gemeinſam ausführen; zu jeder
neuen Tat bildet ſich eine neue Gruppe, die ſich dann
ſofort wieder auflöſt und ſorgſam jeden direkten Verkehr
vermeidet. Daher wird die Arbeit des Kriminaliſten
gewaltig erſchwert, ſobald dieſe intelligenten, in allen
Sätteln gerechten großen Arbeiter in Frage kommen,
denn ſie leben in der Welt der Kultur und des Luxus.
verfügen ſtets über Geld und gewandte Lebensformen,
wiſſen ſich in jeder Geſellſchaftsſphäre als Gleichberech=
tigte
zurechtzufinden und fallen nirgends auf. Ein Ge=
ſetz
aber, wohl das einzige das ſie anerkennen, regiert
dieſe Menſchen: das der gegenſeitigen unerſchütterlichen
Treue. Darin beruht das Geheimnis ihrer Organiſation,
und an dieſer Treue, die weder Drohungen noch Beſtech=

ungen zugänglich iſt, ſcheitern die Bemühungen aller Kri=
minalbehörden
der Welt. Untreue und Verrat iſt in die=
ſen
Kreiſen die höchſte Schmach und das ſchwerſte Ver=
brechen
und wird auch immer und unfehlbar mit dem Tod
beſtraft. Iſt einer von ihnen verhaftet, ſo arbeiten alle
gemeinſam an ſeiner Freiſprechung oder Befreiung; wenn
ſie aber ſcheitert, dann wird dem Verurteilten ſein Beute=
anteil
aufbewahrt, durch Unterſtützungen das Schickſal
im Gefängnis erleichtert; der Familie des Ergriffenen
aber zahlt man eine Penſion und bewahrt ſie bis zur
Freilaſſung ihres Oberhauptes vor jeder Not. In der
kriminaliſtiſchen Praxis ſcheitert die Verfolgung von
Dieben dieſes Schlages regelmäßig an der Unmöglichkeit,
dem Band des einen zum anderen nachzuſpüren; unter
ſich ſind ſie eine Gemeinſchaft, der Polizei gegenüber aber
nur Individuen. Der erfahrene Kriminaliſt wird durch
den Tatbeſtand immer nur auf den einen Täter, der den
gemeinſamen Plan ausführte, aufmerkſam; zu den Hel=
fershelfern
führt nie eine Spur. Den Täter aber erkennt
man in der Regel an der Form, in der das Verbrechen
ausgeführt wurde, an den Einzelheiten der Tat, denn
jeder von dieſen Ariſtokraten der Diebeszunft hat in der
Praxis und mit der Erfahrung beſondere, nur ihm eigene
Formen und Handgriffe entwickelt, die er als ſeine ſpezi=
fiſche
künſtleriſche Note mit Stolz hütet als eine Eigen=
tümlichkeit
der von ihm ſelbſt geſchaffenen Technik.
Die Hand als Verlobungsanzeige. Bisher, wenn
eine Dame ihrem Verehrer die Hand zum ewigen Bunde
reichte, hielt man es nicht für nötig, dieſem ſymboliſchen
Ausdruck nun auch eine wortwörtliche Präziſierung zu
verleihen. Seit einiger Zeit aber hat man in der vorneh=
men
Geſellſchaft dieſen ziemlich landläufig gewordenen
Ausdruck auf eine amüſante Weiſe in die Tat umgeſetzt.
Es gehört zum guten Ton, daß Verlobte ſich gegenſeitig
eine Abformung ihrer rechten Hand zum Geſchenk machen.
Ja, man benutzt ſogar dies originelle Symbol an Stelle
von Verlobungsanzeigen. Elegante Damen ſenden ihren
nächſten Bekannten ihre Hand aus Bronze, die dann ein
niedliches Kunſtwerk abgibt und ſich auf einem Tiſch oder
Kamin ſo gut ausnimmt wie eine Bronzeſtatuette. Es
iſt freilich eine ziemlich langweilige und auch nicht ganz
angenehme Prozedur, ſich zunächſt einen Gipsabguß über
der Hand nehmen zu laſſen. Aber da es die Mode ver=
langt
ſo unterziehen ſich die Bräute dieſer kleinen Un=
annehmlichkeit
recht gern. Wer es ſich nicht leiſten kann,
ſchickt einen Gipsabguß der Hand, denn die hübſchen
Bronzegüſſe ſind ziemlich teuer.

[ ][  ][ ]

Ems, 10. Aug. Der frühere Präſident von Mexiko,
Porfirio Diaz, iſt hier zum Kurgebrauch ein=
getroffen
.
Eiſenach, 9. Aug. Geſtern wurde auf dem hieſigen
Hauptbahnhof ein Herr von einem Eiſenbahnzug über=
fahren
und getötet. Heute iſt ermittelt worden,
daß dies der hier zur Kur weilende Generalleutnant z. D.
v. Kroſigk iſt.
Leipzig, 9. Aug. Die Verſammlung der Dresdener
Künſtler und Architekten beſchloß die Errichtung eines
Dresdener Hauſes auf der Leipziger Bauausſtel=
lung
. Der Arbeitsausſchuß für die weitere Vorbereitung
hat ſich unter Oberbürgermeiſter Geheimen Rat Dr.=Ing.
Beutler konſtituiert.
Zoſſen, 9. Aug. Die in der Nähe des Bahnhofes
Wünsdorf gelegene große Dampfmühle von Gerts=
hofer
iſt geſtern niedergebrannt. Wertvolle Ma=
ſchinen
ſind verbrannt oder verwendungsunfähig gewor=
den
. Nur der tatkräftigen Hilfe einer Abteilung der In=
fanterie
=Schießſchule iſt es zu danken, daß die angrenzen=
den
Baracken, in denen über hundert Arbeiter ſchliefen,
und ein weiteres Holzlager gerettet wurden. Bei den
Aufräumungsarbeiten wurde der verkohlte Leichnam des
Heizers aus den Trümmern hervorgezogen. Er iſt ver=
mutlich
im Schlaf von den Flammen überraſcht worden.
Braunſchweig, 9. Aug. Ein dramatiſcher
Zwiſchenfall ſpielte ſich heute, wie die Braunſchw.
Landesztg. meldet, im Sitzungsſaal der 1. Ferienkammer
ab. Dort hatte ſich der Schriftſteller Paul Kochendörfer
wegen Widerſtands gegen die Staatsgewalt und ver=
ſuchter
Nötigung zu verantworten. Als der Vorſitzende
das auf neun Monate Gefängnis und ſofortige Verhaft=
ung
lautende Urteil verkündete, zog der Verurteile plötz=
lich
ein Fläſchchen aus der Taſche und trank deſſen In=
halt
raſch aus. Bewußtlos brach er zuſammen. Der
ſofort hinzugezogene Arzt konnte nur noch den infolge
Vergiftung mit Zyankali eingetretenen Tod feſtſtellen.
Peſt, 9. Aug. Die Aufhebung der Untzer=
ſuchungshaft
und die Einſtellung des wei=
teren
Verfahrens gegen den Urheber des Anſchlags
gegen den Grafen Tisza, den Abgeordneten Kovacs,
welche der Unterſuchungsrichter angeordnet hatte weil die
gerichtsärztlichen Sachverſtändigen erklärten, daß Kovacs
bei Verübung ſeiner Tat unzurechnungsfähig geweſen ſei,
wurde heute auf Grund der Berufung des Staatsanwalts
vom Anklageſenat behandelt. Dieſer bezeichnete die Un=
zurechnungsfähigkeit
als zweifelhaft, weil Beweiſe dafür
vorlägen, daß Kovacs ſeine Tat mit Vorbedacht verübt
habe, und ordnete daher die Ueberprüfung des Gut=
achtens
der gerichtsärztlichen Sachverſtändigen durch den
juſtizärztlichen Senat an. Erklärt dieſer, daß Kovacs bei
der Verübung der Tat zurechnungsfähig war, ſo wird das
Verfahren jedenfalls fortgeſetzt, ſchließt er ſich dem ärzt=
lichen
Gutachten an, ſo wird das Gericht zu beſchließen
haben, ob das Verfahren fortgeſetzt werden ſoll oder nicht.
Bis auf weiteres bleibt Kovacs in Haft.
Meran, 10. Aug. Der Fabrikbeſitzer Quaaß aus
Meran fuhr heute früh 3 Uhr mit ſeinem Auto in
ſchnellſtem Tempo gegen einen Baum. Von den Inſaſſen
wurde ein Fräulein Seidel aus Groß=Röhrsdorf gegen
eine Telegraphenſtange geſchleudert. Sie erlitt einen
Schädelbruch und war auf der Stelle tot. Der Kaufmann
Wolf aus Meran ſowie der Beſitzer des Autos wurden
ſchwer verletzt. Das Auto wurde völlig zertrümmert.
Rom, 10. Aug. Die neueſten Nachrichten beſagen,
daß der Stromboli ſtarken Aſchenregen aus=
wirft
und Rauchſäulen von über 1000 Meter aus dem
Krater emporſteigen unter ſtarkem Getöſe im Innern des
Vulkans.
Palermo, 10. Aug. Eine eigenartige Krankheit iſt hier
ausgebrochen. 1200 Perſonen ſind nach dem Genuß von
Waſſer aus einem anſcheinend vergifteten Brunnen unter
Vergißtungserſcheinungen erkpankt. Drei
ſind bereits geſtorben, viele liegen in ernſtem Zuſtand da=
nieder
. Die Regierung hat eine Unterſuchung über die
Urſache der Erkrankungen angeordnet.
Paris, 9. Aug. Der Kaſſationshof hat das vom
Schwurgericht in Rouen gegen den Sekretär eines Arbei=
terſyndikats
, Durand, ausgeſprochene Todesurteil
aufgehoben. Durand war beſchuldigt, zur Ermor=
dung
des Arbeitswilligen Dongé angeſtiftet zu haben, die
in einer Verſammlung von Ausſtändigen in Havre, in der
er den Vorſitz führte, beſchloſſen wurde. Die Angelegen=
heit
hat ſeinerzeit großes Aufſehen gemacht und iſt auch
im Parlament erörtert werden. Nunmehr wird ein an=
derer
Gerichtshof über den Fall Durand zu befinden
haben.
Petersburg, 9. Aug. In den beiden Reſidenzen
herrſcht andauernd eine ungewöhnliche Hitze und
Trockenheit. Aus anderen Orten des Reiches wird
gemeldet, die Hitze erreichte 3540 Grad. Die Wald=
brände
nehmen zu und heiße Winde ſchädigen das Ge=
treide
. Es treten Hitzſchläge auf.
Wjasma, 10. Aug. Durch eine Feuersbrunſt
wurden in vier Straßen über 80 Häuſer einge=
äſchert
.
Waſhington, 9. Aug. Das Linienſchiff Neb=
raska
ſtieß geſtern nacht auf eine auf den Karten nicht
verzeichnete Sandbank bei New=Port auf und wurde
ſo ſchwer beſchädigt, daß es in das Trockendock der Bo=
ſtoner
Werft gehen mußte. Zur ſelben Zeit brach das
Flaggſchiff Connecticut den Kranſtänder und wurde
nach Philadelphia geſandt, wo der Schaden ausgebeſſert
werden ſoll.
Detroit, 9. Aug. Nachdem ſchon kürzlich gegen 9 Mit=
glieder
des Detroit Comon Council Haftbefehle er=
laſſen
worden waren, ſind heute früh 15 Aldermen unter
der Beſchuldigung verhaftet worden, große Summen Be=
ſtechungsgelder
angenommen und die Veräußerung
ſtädtiſchen Eigentums an eine Eiſenbahngeſellſchaft be=
günſtigt
zu haben.

Entwurf eines Geſetzes über die Aenderung des
Geſetzes vom 6. Auguſt 1902, die Handels=
kammern
betreffend.

* Das Miniſterium des Innern hat folgen=
den
Entwurf eines Geſetzes über die Aenderung des
Geſetzes vom 6. Auguſt 1902, die Handelskammern
betreffend, nebſt Begründung den Ständen des Groß=
herzogtums
zur verfaſſungsmäßigen Beratung und Be=
ſchlußfaſſung
überſandt:
Artikel I: Artikel 3 erhält folgende Faſſung: Die
Mitglieder der Handelskammer werden gewählt. Be=
rechtigt
, an der Wahl teilzunehmen, und verpflichtet, zu
den Koſten der Handelskammer beizutragen, ſind, ſofern
ſie zu Gemeindeumlagen vom Gewerbebetrieb veranlagt
ſind: 1. alle natürlichen Perſonen, Geſellſchaften und juri=
ſtiſchen
Perſonen, die in einem Handelsregiſter des
Kammerbezirks als Inhaber einer Firma eingetragen
ſind: 2. alle ein Handelsgewerbe treibenden Genoſſen=
ſchaften
, die in einem Genoſſenſchaftsregiſter des Kammer=

bezirks eingetragen ſind; 3. Bergwerksgeſellſchaften, auch
wenn ſie nicht die Rechte einer juriſtiſchen Perſon beſitzen
und im Handelsregiſter nicht eingetragen ſind (Artikel 5
des Einführungsgeſetzes zum Handelsgeſetzbuch); 4. die
Beſitzer ſolcher im Kammerbezirk belegener Betriebsſtät=
ten
, die zu einem außerhalb des Kammerbezirks gelegenen,
im Handelsregiſter eingetragenen Unternehmen gehören,
auch wenn die Betriebsſtätten nicht im Handelsregiſter
eingetragen ſind, ſofern ſie nur einen in kaufmänniſcher
Weiſe eingerichteten Geſchäftsbetrieb erfordern.
Unſer Miniſterium des Innern kann nach Anhören
oder auf Antrag der Handelskammer beſtimmen, daß für
deren Bezirk Wahlrecht und Beitragspflicht außer von
den Erforderniſſen des Abſatzes 2 von einer beſtimmten
Mindeſthöhe des rauhen Wertes des dem Gewerbe die=
nenden
geſamten Vermögens oder, falls eine Gemeinde
von der ihr zuſtehenden Befugnis des Artikels 16 des
Geſetzes, die Gemeindeumlagen betreffend vom 8. Juli
1911 Gebrauch gemacht hat, von einer beſtimmten Min=
deſthöhe
der durch die Ortsſatzung vorgeſehenen Merk=
male
für den Umfang des Betriebes bedingt ſein ſoll.
Artikel II. Artikel 18 Abſatz 2 wird wie folgt
geändert: Für die Verteilung der Handelskammermit=
glieder
auf dieſe Abteilungen ſind die Steuerwerte des
gewerblichen Anlage= und Betriebskapitals der Wahl=
berechtigten
in den einzelnen Erwerbsgruppen maß=
gebend
. Es muß jedoch jede Erwerbsgruppe in allen
Fällen durch mindeſtens einen Vertreter in der Handels=
kammer
vertreten ſein. Unter dem Steuerwert des ge=
werblichen
Anlage= und Betriebskapitals iſt der Anſatz zu
verſtehen, der nach den Vorſchriften der Artikel 9 bis 12
des Gemeindeumlagengeſetzes die Grundlage für die Be=
rechnung
der Gemeindeſteuern vom Gewerbebetrieb
bildet. Hat die Gemeinde von der Befugnis des Artikels
16 des genannten Geſetzes Gebrauch gemacht, ſo tritt an
die Stelle des Steuerwertes des gewerblichen Anlage=
und Betriebskapitals der durch die Ortsſatzung nach an=
deren
Merkmalen für den Umfang des Betriebes feſt=
geſetzte
Beſteuerungsmaßſtab.
Artikel III. Artikel 23 wird durch folgende Vor=
ſchrift
erſetzt: Die Handelskammern haben alljährlich
einen Voranſchlag aufzuſtellen und dem Miniſterium des
Innern zur Genehmigung vorzulegen. Die nach dem
Voranſchlag erforderlichen Summen werden, ſoweit ſie
nicht durch den Staatszuſchuß gedeckt ſind, auf die ein=
zelnen
Wahlberechtigten des Bezirks (Artikel 3) nach dem
ihnen zur Laſt ſtehenden Steuerwert des gewerblichen
Anlage= und Betriebskapitals (Artikel 18 Abſatz 2) oder
nach dem gemäß Artikel 16 des Gemeindeumlagengeſetzes
anderweitig feſtgeſetzten Beſteuerungsmaßſtab ausge=
ſchlagen
. Befindet ſich in dem Bezirk einer Handelskam=
mer
eine Gemeinde, die von der ihr nach Artikel 16 des
Gemeindeumlagengeſetzes zuſtehenden Befugnis Gebrauch
gemacht hat, ſo iſt in dem Voranſchlag der Handelskam=
mer
zugleich feſtzuſtellen, welcher Teil der insgeſamt auf=
zubringenden
Summen auf die in dieſer Gemeinde wahl=
berechtigten
Mitglieder der Handelskammer auszuſchlagen
iſt. Auch dieſe Feſtſtellung unterliegt mit dem Voran=
ſchlag
der Genehmigung Unſeres Miniſteriums des In=
nern
. Die Verzeichniſſe der Umlagepflichtigen und ihrer
umlagepflichtigen Steuerwerte, der Ausſchlag, die Heb=
regiſter
und die Anforderungszettel werden von den
Finanzämtern gefertigt, die Hebregiſter nach erfolgter
Offenlegung von dem Vorſitzenden der Handelskammer
für vollziehbar erklärt. Für die Offenlegung der Heb=
regiſter
und deren Anfechtung gilt Artikel 11 dieſes Ge=
ſetzes
entſprechend. Die Erhebung der Beiträge erfskgt
entweder durch die Handelskammer ſelbſt, oder auf deren
bei dem Miniſterium des Innern vorzubringendes Ver=
langen
durch eine ſtaatliche oder Gemeindekaſſenbehörde.
Rückſtändige Beiträge werden, wenn die Erhebung durch
eine ſtaatliche Kaſſenbehörde erfolgt, in gleicher Weiſe wie
die Staatsſteuern, andernfalls wie die Gemeindeſteuern
beigetrieben.
Für die Tätigkeit der Finanzämter, ſowie der mit
der Erhebung der Beiträge beauftragten Staats= und
Gemeindekaſſenbehörden ſind an die Staatskaſſe und an
die Gemeindekaſſe Vergütungen zu zahlen, deren Höhe
von dem zuſtändigen Miniſterium feſtgeſetzt wird.
Artikel IV. Dieſes Geſetz tritt am 1. April 1913
in Kraft.
In der Begründung heißt es: Wahlberechtigung
und Wählbarkeit zur Handelskammer ſind nach Artikel 3
des Handelskammergeſetzes vom 22. Auguſt 1902 unter
anderen Vorausſetzungen von der Veranlagung zu einer
der vier erſten Klaſſen der Gewerbeſteuer abhängig. Da
das am 1. April 1913 in Kraft tretende Geſetz, die Ge=
meindeumlagen
betreffend, vom 8. Juli 1911, Gewerbe=
ſteuerklaſſen
im Sinne des jetzigen Gewerbeſteuergeſetzes
nicht kennt, iſt es notwendig, den Artikel 3 des Han=
delskammergeſetzes
zu ändern.

Zentralanſtalt für Arbeits= und Wohnungs=
nachweis
.

* Die Zentralanſtalt für Arbeits= und Wohn=
ungsnachweis
in Darmſtadt, Grafenſtraße 30, Telephon
Nr. 371, hat an die maßgebenden Behörden und an eine
große Anzahl intereſſierter Korporationen, Verbände und
Vereine ein Rundſchreiben verſandt am 31. Juli 1912,
in dem es heißt:
Zu den wichtigſten ſozialen Aufgaben unſerer Zeit
gehört die zweckmäßige Organiſation und der Ausbau
der Arbeitsvermittelungstätigkeit. Bei aller Rückſicht=
nahme
auf die Eigenart und die beſonderen Bedürfniſſe
der einzelnen Berufszweige muß der Arbeitsmarkt zen=
traliſiert
werden. Nur wenn ſich Arbeitsangebot und
nachfrage von einer Stelle aus überſehen laſſen, kann
die Vermittelungstätigkeit den Anforderungen entſpre=
chen
, die ein vielgeſtaltiges Wirtſchaftsleben und das
Gemeinwohl an ſie ſtellen. Nichts kann hier mehr ſcha=
den
, als die Zerſplitterung der Kräfte. Trotzdem be=
ſtehen
in Darmſtadt eine Reihe von Arbeitsnachweis=
ſtellen
nebeneinander. Es fehlt ihnen bedauerlicherweiſe
jede Verbindung. Nach den Geſchäftsergebniſſen beur=
teilt
, wird unſere Anſtalt wohl die erſte Stelle unter
hnen einnehmen. Von Herrn Geheimerat Fey ins
Leben gerufen, hat ſie ſich in beinahe zwanzigjährigem,
ſegensreichem Wirken ſehr aut entwickelt. EEs ſind dann,
abgeſehen von den gewerbsmäßigen Stellenvermittlern,
die Facharbeitsnachweiſe und Nachweiſe von Intereſſen=
gruppen
zu nennen. Auch die Lehrſtellenvermittelung
der Handwerkskammer, des Landesgewerbevereins und
der Innungen ſei hier erwähnt. Die ganze Entwickelung
bat die Tendenz einer fortſchreitenden Zerſplitterung der
Vermittelungstätigkeit. Sie verurſacht naturgemäß den
Verluſt von Arbeitskräften und Arbeitsſtellen für das
Wirtſchaftsgebiet der Stadt Darmſtadt und der Provinz
Starkenburg. Die Unüberſichtlichkeit des Arbeitsmarktes
birgt die Gefahr in ſich, daß unſer heimiſches Wirtſchafts=
gebiet
in Abhängigkeit von auswärtigen Vermittelungs=
eentralen
gerät. Daß dies verhindert werde, liegt im

Intereſſe aller Faktoren des Wirtſchaftslebens der Stadt
Darmſtadt und der Provinz. Es gilt, Mittel und Wege
zu finden, die örtlichen Nachweisſtellen und alle Behör=
den
, Vereine und Korporationen, die an der Geſtaltung
des Arbeitsmarktes unmittelbar oder auch nur mittelbar
intereſſiert ſind, zu gemeinſamer Betätigung zuſammen=
zuführen
, ohne daß dieſe Stellen etwa gehalten ſein
ſollen, dem Ganzen berechtigte Sonderwünſche zu opfern.
Einſchränkung iſt natürlich erforderlich. Wer ein Ganzes
will, darf nicht zögern, ſich einzuordnen. Keine ein=
ſeitige
Intereſſenvertretung, kein Kampfmittel ſoll ge=
ſchaffen
werden, allein zum Ziele führen kann nur eine
gemeinnützige und allgemeine, unparteiiſch geleitete Nach=
weisanſtalt
auf paritätiſcher Grundlage. Den guten
Willen aller Beteiligten vorausgeſetzt, wird es gelingen,
die richtige Form zu finden.
Vorbildlich für die Neuordnung der gemeinnützigen
Vermittelungstätigkeit in Darmſtadt könnte das Arbeits=
amt
der Stadt Wiesbaden ſein. In dieſem Amt, ſo ge=
nannt
, weil die Führung eine behördliche iſt, iſt das Ge=
werbe
der Stadt Wiesbaden zu einer beſonderen Korpo=
ration
zur Pflege des Arbeitsnachweiſes vereinigt wor=
den
. Mitglieder ſind die geſetzlichen Vertretungen von
Handel und Gewerbe, der Landes= und Ortsgewerbe=
verein
, die Vereine und Korporationen des Gaſtwirte=
gewerbes
, die kaufmänniſchen Vereine und Korporatio=
nen
, die Frauenvereine, das Gewerkſchaftskartell, die
evangeliſchen und katholiſchen Arbeitnehmervereine und
das chriſtliche Gewerkſchaftskartell. Organ des Verban=
des
iſt die Verbandsverfammlung, die aus je einer glei=
chen
Anzahl von Arbeitgeber= und Arbeitnehmer= Ver=
tretern
beſteht. Die Mitglieder der Verbandsverſamm=
lung
werden von den in Wählergruppen eingeteilten
Verbandsangehörigen auf 2 Jahre gewählt. Die lau=
fenden
Geſchäfte werden von einem unparteiiſchen Vor=
ſitzenden
beſorgt, der nebſt ſeinem Stellvertreter vom
Magiſtrat auf 2 Jahre ernannt wird. Auch der Rech=
nungs
= und Kaſſenführer und der Geſchäftsführer wer=
den
vom Magiſtrat beſtellt. Die Facharbeitsnachweiſe
ſind dem Verbande ſo angegliedert worden, daß ſie
innerhalb desſelben ihre Selbſtändigkeit behalten. Zu
ihrer Verwaltung werden aus den in Betracht kommen=
den
Fachverbänden paritätiſche Ausſchüſſe gewählt. Den
Vorſitz in dieſen Ausſchüſſen führt der von dem Magiſtrat
ernannte Vorſitzende des Arbeitsamts oder deſſen Stell=
vertreter
. So iſt es möglich, den Arbeitsmarkt, bei zweck=
entſprechender
Dezentraliſation der Vermittelungstätig=
keit
und Rückſichtnahme auf die Eigenheiten und beſon=
deren
Bedürfniſſe der einzelnen Berufszweige und
=gruppen, von einer Stelle aus zu überſehen. Das Wir=
ken
des Arbeitsamts iſt in Wiesbaden trotz der kurzen
Zeit ſeines Beſtehens ſchon ſehr ſegensreich empfunden
worden. So viel uns bekannt geworden iſt, hat ſich die
Organiſation durchaus bewährt. Eine gleiche Regelung
würde auch für die hier in Betracht kommenden Ver=
bände
, Vereine und Korporationen große Vorteile mit
ſich bringen. Der Arbeitsmarkt könnte ſoweit, als nur
irgend möglich, überſehen werden. Der Betrieb der be=
ſtehenden
Nachweisſtellen würde durch die Zuſammen=
legung
vereinfacht und verbeſſert. Durch die formelle
Verbindung der einzelnen Abteilungen beſtünde die
größte Gewähr für ein raſches Ausgleichen von Arbeits=
angebot
und =nachfrage. Den ſeither privaten Arbeits=
nachweiſen
kämen alle Vorteile zugute, die öffentlichen
gemeinnützigen Vermittelungsſtellen in weitgehendem
Maße durch Geſetz und Entgegenkommen der Regierung
zugeſtanden ſind. (Es gehören hierher beiſvielsweiſe
die Fahrpreisermäßigungen für Stellenſuchende und für
zugewieſene Arbeiter.)
Die an die Neuregelung geknüpften Erwartungen
werden ſich allerdings nur dann in befriedigender Weiſe
erfüllen, wenn möglichſt alle beteiligten Verbände, Ver=
eine
und Korporationen bereit ſind, ihre Kräfte in den
Dienſt der Sache zu ſtellen, ſei es auch teilweiſe unter
Aufgabe von Sonderwünſchen. Wir gehen voran und
zögern nicht, unſere Verfaſſung, die ſich ſeither bewährt
hat, und es ermöglichte, unter Wahrung voller Unpar=
teiiſchkeit
, im beſten Sinne ſozial zu wirken, einer der
Geſamtorganiſation dienenden Reviſion zu unterziehen.
Wenn die um ihre Mitarbeit angegangenen Stellen
uſagende Antworten erteilen, wird die Zentralanſtalt
ein Organiſationsprojekt ausarbeiten, auf Grund deſſen
dann in die Verhandlungen über die Einzelheiten der
geplanten Regelung eingetreten werden kann. Es iſt
zu wünſchen, daß alle beteiligten Stellen in richtiger Er=
kenntnis
der großen Bedeutung eines gut organiſierten
Arbeitsnachweiſes die Gelegenheit wahrnehmen, durch
tatkräftige Förderung der Beſtrebungen der Zentral=
anſtalt
für Arbeits= und Wohnungsnachweis einem drin=
genden
Bedürfnis des wirtſchaftlichen Lebens der Stadt
Darmſtadt und der Provinz Starkenburg zu entſprechen.

Das=Grubenunglück bei Bochum.

Der Kaiſer auf der Zeche Lothringen.
* Gerthe, 9. Aug. Der Kaiſer traf heute nach=
mittag
¾5 Uhr mit Prinz Heinrich, dem Reichs=
kanzler
und den Herren des Gefolges auf der Un=
glücksſtelle
bei Bochum ein. Dem Kaiſer wurde trotz des
Ernſtes der Stunde ein außerordentlich herzlicher Emp=
fang
zuteil. Im Gefolge befanden ſich auch Krupp von
Bohlen und Halbach und ſein Schwager, Freiherr von
Wilmowski; ſerner Staatsſekretär Dr. Delbrück, Berg=
hauptmann
Liebrecht, Bergrat Frielinghaus. Ferner
waren anweſend Oberpräſident Prinz zu Ratibor=Corvey,
Regierungspräſident Bake und Polizeipräſident Landrat
Gertſtein. Der Kaiſer deſſen tiefernſtes Weſen all=
gemein
bemerkt wurde, ließ ſich ſofort den Grubenvor=
ſtand
, an deſſen Spitze Kommerzienrat Korte, und die
anweſenden Herren der Behörden vorſtellen. In dem
Verwaltungsgebäude waren Grubenkarten ausgelegt,
auf denen dem Kaiſer von der Direktion und von Berg=
hauptmann
Liebrecht die Lage der Unglücks=
ſtelle
bezeichnet und der Hergang des Unglücks erklärt
wurde. Aus den Erklärungen ſei folgendes wieder=
gegeben
: Bis jetzt ſind 105 Tote geborgen, zwei nachts
Geſtorbene liegen im Krankenhaus Bergmannsheil
ſechs liegen tot an der Wetterſtrecke, wohin die Rettungs=
leute
bisher nicht dringen konnten (inzwiſchen ſind hier=
von
drei aufgefunden worden), einer wird vermißt. Von
den Verunglückten ſind 80 Familienväter, 41 wohnen in
der Zechenkolonie. Das Unglück ereignete ſich in
einem Querſchlag auf der 354 Meterſohle vor dem Ort,
wo das aus dem Geſtein austretende Schlagwetter durch
Dynamitſchüſſe freigelegt und angeſteckt worden war.
Dieſe Schlagwetter ſind vorher bereits in geringer Menge
feſtgeſtellt worden. Es war beſonderer Auftrag gegeben
worden, ſie zu beſeitigen und erſt dann zu ſchießen. Trotz=
dem
und obwohl ſelbſt die Betriebsleiter und ein Beam=
ter
an Ort und Stelle waren, wurde kurz darauf ge=
ſchoſſen
. Es iſt freilich feſtgeſtellt worden, daß die Mann=
ſchaft
zunächſt die Wetterfühung

[ ][  ][ ]

nicht ſo, daß ohne Gefahr hätte geſchoſſen werden können.
Nach den erſten Schüſſen ſammelten ſich infolge der plötz=
lichen
Entladung ſtärkere Wetter, die durch den nächſten
Schuß entzündet wurden. Dafür ſpricht auch die Tat=
ſache
, daß nach der Exploſion die Zündmaſchine, noch mit
Zündſchnüren verbunden, 60 Meter vor dem Ort gefun=
den
wurde. Der Schlüſſel ſteckte noch darin. Daneben
wurden zwei Tote gefunden; einer war ein Hilfsſteiger.
Drei andere Häuer wurden durch die Kraft der Explo=
ſion
in das gleich am Querſchlag befindliche Ueberhauen
hineingeſchleudert. Außerdem wurden in der Nähe zwei
Bohrmaſchinen gefunden, womit die Löcher zum Schießen
hergeſtellt wurden. Die Exploſion erfolgte ſofort nach
dem Schuſſe.
Der Kaiſer unterbrach den Vortrag durch viele
eingehende Fragen, ließ ſich die Entſtehung der Schlag=
wetter
erklären und fragte nach einzelnen Sicherheits=
ſprengſtoffen
bei der Verwendung des Dynamits. Es
wurde geſagt, daß bei der Verwendung von Sicherheits=
ſtoffen
das Unglück vielleicht hätte vermieden werden
können, doch ſei bei ſolchen Geſteinſorten, wie hier, die
Anwendung ſtärker wirkenden Dynamits nicht berggeſetz=
lich
verboten. Als der Kaiſer forſchte, wie die Schlag=
wetter
erkannt würden und ob es hierfür Apparate gäbe,
wurde ihm die Anwendung der Sicherheitslampe ge=
zeigt
. Er ließ ſich den Querſchlagsbetrieb auseinander=
ſetzen
und fragte, wie es mit der Verwendung des Sicher=
heitsſprengſtoffes
beim Anfahren eines Flötzes gehalten
würde. Ebenſo richtete Prinz Heinrich eine große
Reihe von Fragen an die anweſenden Fachleute. Der
Kaiſer ließ ſich darauf zwei Bergleute der Rettungs=
mannſchaft
und zwei Väter verunglückter Bergleute
vorſtellen. Beſonders eingehend befragte er den Berg=
mann
Strauch, der ſeinen einen Sohn tot aus der Zeche
geholt hat, und ließ ſich genau die Auffindung erzählen
und die Eindrücke ſchildern, die Strauch bei dem Unglück
gehabt habe. Er ſprach den beiden Vätern ſein Beileid
aus und beauftragte den Kommerzienrat Korte, dieſes
auch allen Angehörigen der Verunglückten zu über=
mitteln
. Sodann begab ſich der Kaiſer auch nach dem
Zechenplatz zu den dort aufgeſtellten Rettungsmannſchaf=
ten
und Bergleuten, und trat ſofort auf den geretteten
Steiger Kühn zu, den er unter anderem fragte, ob die
Verunglückten wohl ſchwer zu leiden gehabt hätten. Der
Kaiſer trat noch an vier weitere Bergleute heran, mit
denen er ebenfalls längere Zeit ſprach. Der Rettungs=
mannſchaft
drückte er für ihr Verhalten ſeine Aerken=
nung
aus.
Nachdem er ſich verabſchiedet hatte, wurde um 5,25
Uhr die Fahrt, nach dem Krankenhaus Berg=
mannsheil
angetreten, wo der Kaiſer den verunglück=
ten
Bergleuten einen Beſuch abſtattete. Er beſuchte unter
Führung des ſtädtiſchen Oberarztes Dr. Radefeld das
Krankenhaus und die Krankenräume und ſprach mit meh=
reren
Schwerverletzten. Nach einem etwa viertelſtündi=
gen
Aufenthalt verließ der Kaiſer das Krankenhaus und
begab ſich im Automobil nach dem Bahnhof Bochum=Süd,
wo er, nachdem er ſich von ſeinem Gefolge verabſchiedet
hatte, um 5,50 Uhr die Weiterfahrt nach Wilhelmshöhe
antrat.
Beileidskundgebungen.
* Berlin, 9. Aug. Der Präſident des Reichs=
tages
ſandte an die Verwaltung der Zeche Lothrin=
gen
folgendes Beileidstelegramm: Anläßlich der ſchwe=
ren
Grubenkataſtrophe, die Ihr Werk betroffen hat, gebe
ich namens des Reichstages meinem tiefen Schmerz Aus=
druck
, daß ſo viele fleißige und wackere Bergleute mitten
in ihrer harten, dem deutſchen Wirtſchaftsleben gewid=
meten
Arbeit vom Tode ereilt ſind. Ich ſpreche allen
denen, über die durch den Verluſt ihrer Angehörigen ſo
ſchwerer Kummer hereingebrochen iſt, mein aufrichtigſtes
Mitgefühl aus.
* Gerthe, 10. Aug. Bei der Direktion der Grube
Lothringen iſt folgendes Telegramm eingelaufen:
Aufs tiefſte bewegt durch das ſchwere Unglück, das über
die Grube Lothringen hereingebrochen iſt, ſpreche ich
Euer Hochwohlgeboren und den betroffenen braven
Bergleuten und deren Familien im Namen des Abgeord=
netenhauſes
die innigſte Teilnahme aus. Der Präſident
des Abgeordnetenhauſes. In Vertretung
Dr. Krauſe.
* Wien, 9. Aug. Die Neue Freie Preſſe ſchreibt
anläßlich des Grubenunglücks in Bochum: Die ganze
Oeffentlichkeit Oeſterreichs ſteht unter dem
Eindruck der Nachrichten über das Grubenunglück. Die
öſterreichiſch=ungariſche Monarchie, namentlich die Deut=
ſchen
dieſes SStaates, ſind durch ſo viele Bande gemein=
ſchaftlicher
Intereſſen und durch ſo viele geſchichtliche Er=
innerungen
mit dem Deutſchen Reiche verbunden, daß
jedes Unglück dort uns faſt ſo berührt, als wenn es ſich
im eigenen Lande zugetragen hätte. Wie in Deutſchland
ſo iſt in Oeſterreich der lebhafte Wunſch vorhanden, daß
die Technik und alle Hilfsmittel, welche die Induſtrie be=
ſitzt
, und aller Reichtum, der durch die Arbeit geſchaffen
wird, in erſter Linie verwendet werde, um die Einrichtun=
gen
der Bergwerke und Fabriken zu verbeſſern, damit die
Geſundheit und das Leben der Arbeiter bis zur äußerſten
Grenze der möglichen Sicherheit geſchützt ſind.
* Rom, 10. Aug. Der Popolo Romano ſchreibt:
Die italieniſche Regierung ließ der deutſchen
Regierung ihr lebhaftes Bedauern anläßlich des Gruben=
unglücks
von Bochum übermitteln. Italien könne die
Gefühle des Bedauerns für das ſchwere Unglück, das ſo
viele Arbeiter, die, wie Kaiſer Wilhelm ſagte, auf dem
Felde der Ehre gefallen ſind, nur teilen.
* Paris, 10. Aug. Der ſtellvertretende Miniſter des
Aeußern Briand ließ dem deutſchen Geſchäftsträger
Freiherrn von der Lancken die aufrichtige Teilnahme der
franzöſiſchen Regierung an dem Gruben=Unglück bei
Bochum ausdrücken.
* Gerthe, 11. Aug. Bereits heute wurde die vom
Kaiſer geſpendete Summe den Hinterbliebenen der
Verunglückten durch Zechenbeamte übergeben. Jede
Familie erhielt einen Betrag von 100 bis 150 Mark.
Alle Verunglückten ſind bis auf 2 geborgen.
* Bochum, 11. Aug. Wie uns von der Knapp=
ſchafts
= und Berufsgenoſſenſchaft mitgeteilt wird, iſt es
gelungen, das Entſchädigungs=Verfahren für
die Hinterbliebenen der bei dem Maſſenunglück auf
der Zeche Lothringen verunglückten Bergleute ſo zu
beſchleunigen, daß bereits heute innerhalb drei
Tagen nach dem Unfalle die Anweiſung der
Hinterbliebenenrente erfolgen konnte. Noch vor der
morgen ſtattfindenden Beerdigung erhalten die Hinter=
bliebenen
Mitteilung über die Bezüge, die ihnen aus der
öffentlich rechtlichen Unfallfürſorge zuſtehen. Einſchließ=
lich
der im Krankenhauſe Bergmannsheil Verſtorbenen
betragen die tödlich Verunglückten 110, davon
ſind, ſoweit feſtgeſtellt iſt, 74 verheiratet und 36
ledig. Die Verheirateten hinterlaſſen 74 Witwen und
214 Kinder. Die Geſamtſumme der zu zahlenden
Jahresrente beträgt 64081 Mk., darunter Witwen=

renten im Betrage von 18859 Mk. und Kinderrenten in
Höhe von 44581 Mk. Das Sterbegeld beträgt insgeſamt
11838 Mk.

Der Kaiſerbeſuch in der Schweiz.

* Bern 10. Aug. Das endgültige Pro=
gramm
für den Beſuch des deutſchen Kaiſers
in der Schweiz iſt heute erſchienen. Der kaiſerliche
Sonderzug wird am Dienstag, den 3. September,
nachmitags 3 Uhr 35 Minuten, in Baſel eintreffen, wo ſich
zugleich die zu der Perſon des Kaiſers kommandierten drei
ſchweizeriſchen Offiziere vorſtellen werden. Eine Abord=
nung
des Regierungsrates des Kantons Baſel=Stadt und
ein Vertreter der ſchweizeriſchen Bundesbahnen werden
dem Kaiſer vorgeſtellt. Um 3 Uhr 45 Min. erfolgt die Ab=
fahrt
nach Zürich, die Ankunft daſelbſt auf dem Haupt=
bahnhof
um 5 Uhr 30 Min., wo der Kaiſer durch eine
Delegation des Bundesrates (der Bundespräſident, der
Vorſteher des Militärdepartements und deſſen Stellver=
treter
, begleitet von den Züricher Behörden) begrüßt wird.
Dann begibt ſich der Kaiſer nach der Villa Rietberg, das
Abſteigequartier des Kaiſers. Die bundesrätliche Dele=
gation
nimmt Wohnung im Hotel Baur au lac. Abends
7.30 Uhr findet im Hotel Baur ein Diner ſtatt.
Am Mittwoch, den 4. September, etwa 6½
Uhr morgens, erfolgt die Abfahrt von Zürich nach Wyl,
die Ankunft daſelbſt um 7½ Uhr. Hieran ſchließt ſich eine
Fahrt im Automobil ins Manövergebiet. Um 11½ Uhr iſt
das Manöver beendigt und es folgt eine Automobilfahrt
nach der Karthauſe Itingen bei Frauenfeld, um 3.30 Uhr
Abfahrt von Frauenfeld, 4.22 Uhr Ankunft in Zürich und
Fahrt ins Abſteigequartier. Um 7 Uhr Abfahrt des
Dampfſchiffes und eine Fahrt auf dem Züricher See mit
Seenachtfeſt auf dem See.
Am Donnerstag den 5. September, früh=
morgens
Abfahrt nach Wyl, danach im Automobil ins
Manövergebiet, 9½ Uhr vormittags Schluß des Manövers,
10.55 Uhr Abfahrt des bundesrätlichen Zuges von Wyl
nach Bern, Ankunft daſelbſt um 2.15 Uhr. Um 11 Uhr
Abfahrt des kaiſerlichen Zuges von Wyl nach Bern, wo
der Zug um 2.30 Uhr eintrifft. In Bern Empfang des
Kaiſers durch den Bundesrat, begleitet von den Präſi=
denten
des Nationalrates, des Ständerates und des
Bundesgerichts, ſowie von Vertretern der Berner Be=
hörden
. Es folgt der Beſuch des Bundeshauſes und um
3 Uhr nachmittags eine Fahrt durch die Stadt. Auf der
eutſchen Geſandtſchaft verabſchiedet ſich der Bundesrat
vom Kaiſer. Nach dem Beſuch auf der Geſandtſchaft be=
gibt
ſich der Kaiſer mit Gefolge nach dem Hotel Berner
Hof, wo um 6½ Uhr abends Empfang der in Bern be=
glaubigten
Miſſionschefs durch den Kaiſer ſtattfindet.
Dieſem Empfange folgt ein offizielles Diner. Um 9.15
Uhr abends Abfahrt nach Interlaken, Ankunft daſelbſt
10.25 Uhr. Der Kaiſer ſteigt im Hotel Viktoria ab.
Freitag, den 6. September: 7.55 Uhr nach
Jungfraujoch, Ankunft daſelbſt 11.03 Uhr, Abfahrt von
dort 11.44 Uhr, Ankunft in Eismeer um 12 Uhr, Lunch
daſelbſt. Um 1.10 Uhr=Abfahrt vom Eismeer über Grin=
delwald
zurück nach Interlaken, Ankunft daſelbſt 4.15 Uhr.
Bei ungünſtigem Wetter wird die Fahrt nur bis Eismeer
usgeführt. Die Rückfahrt nach Interlaken würde dann
4 Stunden früher erfolgen. Um 7½ Uhr abends Diner
im Hotel Viktoria, um 9 Uhr abends Konzert im Kurſaal
nd Feuerwerk.
Samstag, den 7. September: Um 8½ Uhr
morgens ein Aufzug, welcher das Alpenleben in der Ver=
gangenheit
und der Gegenwart darſtellt. Um 9.20 Uhr
von Interlaken über Brünig nach Alpnachſtadt, Fahrt
mit dem Dampfſchiff nach Luzern, Ankunft daſelbſt um
1.40 Uhr, Lunch im Hotel National, um 3.50 Uhr Verab=
chiedung
auf Bahnhof Luzern und Abfahrt des kaiſer=
ichen
Sonderzuges nach Baſel. Die Ankunft in Baſel er=
folgt
um 5.42 Uhr.

Zur Krupp=Feier.

* London 10. Aüguſt. Die Times ſchreibt: Die
Hundertjahrfeier in Eſſen iſt in England und zweifellos
auch in anderen Ländern mit ſympathiſchem Intereſſe
verfolgt worden. Die Anweſenheit des Kaiſers hat der
Feier einen nationalen Charakter gegeben und das deut=
ſche
Volk hat allen Grund, aus dieſem Anlaß nationalen
Stolz zu empfinden. Das heutige Deutſchland in Waf=
fen
, fährt die Times fort, iſt in materiellem Sinne von
Krupp geſchaffen, aber die Firma Krupp hat, wie der
Kaiſer in ſeiner Feſtrede betonte, mehr für die Nation
getan, als ſie bloß zu bewaffnen. Sie ſteht an der Spitze
der induſtriellen Tätigkeit, von der das moderne Deutſch=
land
lebt und von der alle energiſchen Nationen, England
ganz beſonders, mehr und mehr abhängig werden. Die
Times hebt hervor, was die Stadt Eſſen der Firma
Krupp verdankt, und fährt fort: Wir hören heutzutage
und nirgends ſo leicht wie in Deutſchland einen wachſen=
den
Chor von Klagen und Vorwürfen gegen die moderne
Induſtrie und die Männer, die ſie geſchaffen haben. Die
Antwort darauf iſt, daß die Induſtrie und ſie allein dem
Volk es zunächſt möglich macht, zu leben und zweitens
in einem ſtändig ſteigenden Grade von Behagen zu leben.
Eſſen iſt ein Beiſpiel dafür, aber nur ein einziges Seit
der Gründung der Firma Krupp iſt die Bevölkerung
Deutſchlands von 25 auf 60 Millionen gewachſen und der
Standard der Lebenshaltung iſt von äußerſter Aermlich=
eit
zu einem hohen Grade von Komfort geſtiegen. Eſſen
zeigt, wie das geſchehen iſt und Eſſen iſt die Schöpfung
ingewöhnlicher Männer. Der Staat hätte das nicht tun
können und ebenſowenig alle Arbeiter zuſammen, die von
der Firma ſeit ihrer Gründung beſchäftigt worden ſind.

Paul Wallot 7F.

* Langenſchwalbach, 10. Aug. Heute nacht
iſt der in Langenſchwalbach zur Kur weilende Geheime
Baurat Profeſſor Paul Wallot, der Erbauer des
Reichstagsgebäudes, im Alter von 71 Jahren ge=
ſtorben
.
Paul Wallot war am 26. Juni 1841 in Oppen=
heim
geboren und beſuchte zuerſt die Gewerbeſchule in
Darmſtadt, ſpäter das Polytechnikum in Hannover,
die Akademie in Berlin und die Univerſität in Gießen.
Im Jahre 1868 machte er eine Studienreiſe nach Italien.
In Frankfurt a. M. begann er dann ſeine Tätigkeit als
Architekt. Nachdem er mehrfach bei öffentlichen Bewer=
bungen
erfolgreich geweſen war, erhielt er im Jahre 1882
den 1. Preis bei dem Wettbewerb zur Erbauung des
Reichstagsgebäudes, deſſen Ausführung von 188494
dauerte. 1886 wurde er zum Baurat ernannt und
folgte ſodann einem Rufe als Profeſſor an der Akademie
der Künſte und der Techniſchen Hochſchule zu Dresden.
Er war auch der Erbauer des ſächſiſchen Ständehauſes
und des Palais für den Reichstagspräſidenten in Berlin.
Wallot war u. a. Ehrenmitglied der Akademie in Berlin

und Petersburg, Ehrendoktor der Techniſchen Hochſchule
Darmſtadt und Dresden und Ehrenbürger der Städte
Oppenheim und St. Franzisko.
Langenſchwalvach, 11. Aug. Die Leiche
Profeſſor Wallots wurde geſtern abend nach Oppen=
heim
a. Rh. übergeführt, woſelbſt die Beiſetzung erfolgt.

Luftfahrt.

Fahrt der Viktoria Luiſe nach Gotha.
* Baden=Oos, 10. Aug. Das Luftſchiff Vik=
toria
Luiſe iſt heute morgen 4 Uhr 25 Minuten mit
5 Paſſagieren an Bord unter Führung von Kapitän
Blew zur Fahrt nach Gotha aufgeſtiegen; es ſoll keine
Zwiſchenlandung vorgenommen werden. Die Fahrt=
richtung
geht über Meiningen nach Gotha.
* Eiſenach, 10. Aug. Das Luftſchiff Viktoria
Luiſe paſſierte um 9 Uhr 20 Minuten Eiſenach in der
Richtung auf Gotha.
* Meiningen, 10. Aug. Das Luftſchiff Vik=
toria
Luiſe überflog heute morgen ½9 Uhr die
Stadt Meiningen, führte eine Schleifenfahrt aus und
ſetzte dann, das Erbprinzliche Palais und das Herzog=
liche
Schloß überfliegend, ſeine Fahrt nach Gotha fort.
H.B. Gotha, 10. Aug. Das Zeppelin=Luftſchiff
Viktoria Luiſe iſt heute vormittag 10½ Uhr, von
Baden=Baden kommend, in Gotha eingetroffen und glatt
gelandet.
H. B. Hamburg, 10. Aug. Aus bisher unaufge=
klärter
Urſache iſt geſtern abend 10½ Uhr auf dem Exer=
zierplatz
in Wandsbek ein Schuppen für Luft=
fahrzeuge
in die Luft geflogen. Dabei wur=
den
zwei Flug=Apparate, Modell Taube des Referendar
Casper und ein Doppeldecker von Sohm, total vernichtet.
Ob Fahrläſſigkeit oder Brandſtiftung vorliegt, iſt bis
jetzt noch nicht feſtgeſtellt.

Potsdam, 11. Aug. Der Ingenieur Gſell, Pilot
der Dornerwerke in Johannisthal, unternahm geſtern Abend
und heute früh unter Leitung des Prinzen Sigis=
mund
mit dem von dieſem konſtruierten Aeroplan
mehrere wohlgelungene Flüge von 10 bis 15 Minuten
Dauer auf dem Bornſtedter Felde bei Potsdam. Der
Pilot erreichte Höhen bis zu 150 Meter.
* Hamburg, 11. Aug. Das Luftſchiff Hanſa
das heute morgen um 6 Uhr 30 Minuten zu einer Fahrt
nach Flensburg aufgeſtiegen war, überflog Kiel, die
Kieler Förde, die Eckernfördernbucht und Kappeln und
randete um 10 Uhr in Flensburg. 10 Uhr 32 ſtieg
ie Hanſa auf, überfuhr die Flensburger Förde und
Kappeln und nahm die Richtung nach der Oſtſee, wo ſie
mit dem dort ankernden Kreuzergeſchwader Grüße
tauſchte. Ueber die Kieler Förde, Kiel und Neumünſter
fuhr das Luftſchiff nach Hamburg, wo es 2 Uhr 36 glatt
landete.
Kopenhagen 10. Aug. Heute morgen 10 Uhr
ſtiegen die drei Militärluftſchiffer, Oberleut=
nant
Ramm als Führer, Hauptmann Anderſen und Ober=
leutnant
Brandt mit dem Ballon Danmark zu einer
Uebungsfahrt auf. Nachdem der Ballon ungefähr eine
halbe Stunde in ſüdöſtlicher Richtung dahingeflogen war,
platzte plötzlich aus bisher noch nicht bekannter
Urſache die Hülle und das Gas ſtrömte aus. Der Bal=
lon
begann ſofort ſchnell zu ſinken und ſtürzte ſchließlich
mit ſeinen drei Inſaſſen in der Nähe der Inſel Salt=
holm
in den Sund. Der Ballon wurde infolge des
heftigen Wellenganges auf dem Waſſer hin= und herge=
ſchleudert
und die Offiziere ſchwebten über eine Stunde
in großer Lebensgefahr, doch konnten ſie ſchließlich von
einem vorüberfahrenden Dampfer aufgenommen und nach
Kopenhagen gebracht werden, wel ſie um ½2 Uhr nach=
mittags
ankamen. Später konnte auch der Ballon gebor=
gen
werden.

Sport.

Leichtathletik. Am Sonntag fanden in Stuttgart
die ſüddeutſchen Athletik=Meiſterſchaften
ſtatt, wobei ſich Joſ. Schröck vom F.=K. Olympia im
800 und 1500 Meter=Lauf beteiligte. Nach ſehr ſchwerem
Kampf gelang es ihm, den 2. Platz gegen den Olympia=
kämpfer
Amberger=Straßburg zu belegen; mit großen
Abſtänden folgten Hoy=München und Klein=Völklingen.
Im 800 Meter=Lauf mußte Schröck leider durch Sturzi
ausſcheiden, nachdem er in ausſichtsvollſter Lage dicht
hinter Amberger ſich befand. Das Feſt fand unter
ſtrömendem Regen bei einer Zuſchauermenge von ca.
2500 Perſonen ſtatt.
* Grünau=Berlin, 11 Aug. Die ſiebente
deutſche Meiſterſchafts=Regatta wurde heute
auf dem Langen See bei kühlem Wetter und friſchem
Winde, der die Ruderer nicht ſehr behinderte, ausge=
fahren
. Im Achterrennen ſiegte der Berliner Ru=
derverein
1876 nach ſcharfem Kampfe über den Mainzer
Ruderverein, der 1½ Längen zurücklag. Der Berliner
Ruderklub Sport Boruſſia gab auf. Der Ruderverein
Sport Germania=Steitin und der Spindlersfelder Ru=
derverein
1873 ſchieden bei dem Vorrennen am Samstag
aus. Im Zweierrennen ohne Steuermann ging
der Ludwigshafener Ruderverein allein durchs Ziel. Der
Berliner Ruderverein 1876 gab, hoffnungslos geſchlagen,
bei 1000 Meter auf. Das dritte Rennen um den Einer
brachte die erſte Ueberraſchung. Bei dem Vorrennen ver=
ſagte
unſer erſter Vertreter in Stockholm, Martin Stahnke
vom Ruderverein Wratislavia=Breslau vollſtändig, auch
Nünnighoff, Kölner Klub für Waſſerſport, ſchied aus.
Das Hauptrennen wurde infolge Kolliſion abgebrochen.
Schließlich ſiegte nach heißem Kampfe zur allgemeinen
Ueberraſchung Curt Hoffmann, Mainzer Ru=
derverein
, über Bernhard von Gaza, Rudergeſellſchaft
Wiking=Berlin. Auch das letzte Rennen brachte eine
Ueberraſchung. Da der Berliner Ruderverein 1876 ab=
meldete
, ſtanden ſich in dem Rennen im Vierer ohne
Steuermann der Olympia=Sieger, der Ludwigs=
hafener
Ruderverein und Mainzer Ruderverein gegen=
über
. Boot an Boot lagen die beiden Gegner während
des ganzen Rennens, bis ſich die Ludwigshafener 10 Me=
ter
vor dem Ziel verſteuerten und mit Mainz kollidierten.
Ludwigshafen wurde deshalb als geſchlagen bezeichnet.

Erdbeben.

* Konſtantinopel, 10. Aug. Das Erdbeben
war beſonders ſtark in Kadikoej und auf den Prin=
zen
=Inſeln, doch ſcheint es ſich auch auf das Wilajet
Adrianopel erſtreckt zu haben. Nähere Nachrichten fehleng
da die Telegraphenlinien zerſtört ſind. In Pera iſt die
Waſſerleitung beſchädigt worden. In Tſchorlu, an der
Eiſenbahnlinie nach Adrianopel, wurden etwa 400 Häu=
er
, ſowie die Telegraphenſtation durch Feuer zerſtört. In
Zallipoli ſind einige Häuſer und das Telegraphenamt
ingeſtürzt.

[ ][  ][ ]

Konſtantin opel, 10. Aug. Das Erdbeben
hat furchtbare Verwüſtungen beſonders an der
Nordküſte des Marmarameeres angerichtet. Dort ſind an=
geblich
20 Ortſchaften zerſtört. Ein Ort in Wilajet
Adrianopel iſt abgebrannt. Dabei herrſcht ein furchtbarer
Sturm, der das Rettungsſchiff an der Landung verhinderte.
Viele Menſchenleben wurden vernichtet. Die Griechen in
Konſtantinopel planen eine Hilfsexpedition. Ganos,
Chora und Myriophito ſowie andere an der europäiſchen
Küſte des Marmarameeres gelegene Ortſchaften ſind am
härteſten von den mit dem Erdbeben im Gefolge entſtande=
nen
Bränden mitgenommen worden. Samstag nach=
mittag
wurde abermals in Konſtantinopel ein heftiger
Erdſtoß verſpürt. Die Leute verließen ſchleunigſt ihre
Wohnungen und ſtürzten ſich auf die Straße. Wer ſich
gerade auf der Straße befand, als der Erdſtoß wahrge=
nommen
wurde, wurde von einem Schwindel erfaßt und
zu Boden geworfen.
* Konſtantin opel, 11. Aug. Das Erdbehen
hat Konſtantinopel und andere Orte der Küſte des Mar=
marameeres
, namentlich Jallipoli und Myriophito, ſchwer
heimgeſucht. Viele Häuſer ſind eingeſtürzt. Die Straßen
ſind mit Trümmern bedeckt. Kochendes Waſſer füllt ent=
ſtandene
Spalten. Angeblich ſind 300 Menſchen tot
oder verwundet.
* Konſtantinopel, 11. Aug. Berichte von
Augenzeugen beſtätigen, daß das Erdbeben das
Dardanellengebiet ſchwer heimgeſucht hat.
Viele Häuſer ſind eingeſtürzt, darunter das Haus des per=
ſiſchen
Konſuls, ſowie zwei angrenzende Gebäude, in dem
einen das öſterreichiſch=ungariſche Konſulat ſeinen Sitz hat.
Eine Moſchee, die griechiſche Kirche und das engliſche Kon=
ſulat
wurden beſchädigt. Der Uhrturm büßte ſeine
Spitze ein. Die Mauern der Faſſaden der am Meere ge=
legenen
Häuſer wurden weggeriſſen. Längs des Kais,
zwiſchen dem öſterreichiſchen und dem engliſchen Konſulat
wies der Boden große Riſſe auf. Das Kai wurde an meh=
reren
Stellen von kochendem Waſſer überflutet, welches
auch die Spalten füllt. Sämtliche Straßen ſind mit
Trümern bedeckt. Viele Perſonen wurden getötet. Auch
die Landhäuſer wurden ſtark in Mitleidenſchaft gezogen.
Die Stadt Gallipoli wurde noch mehr heimgeſucht. Die
Bevölkerung kampiert im Freien. Ganos und mehrere
andere Orte an der Küſte des Marmarameeres wurden
durch Erdſtürze in Trümmern gelegt. Eine Hilfsexpedition
iſt dorthin abgegangen. In Adrianopel weiſen mehrere
Häuſer Riſſe auf. Ueber das Schickſal Rodoſtos fehlen
nähere Nachrichten. Verletzte die hier eingetroffen ſind,
erzählen erſchütternde Einzelheiten über die Erdbeben=
kataſtrophe
in Myriophito, Ganos, Chora und Periſteri.
Mehrere Brände brachen in Myriophito aus, welches voll=
ſtändig
in einen Trümmerhaufen verwandelt wurde.

Literariſches.

* Reiſebücher. In der Sammlung Hend=
ſchels
Luginsland Beſchreibungen von Eiſen=
bahn
= Poſt= oder Dampfſchiffsſtrecken in Wort und Bild
(Expedition: Hendſchels Telegraph, Frankfurt am Main),
erſchienen als Fortſetzung die Hefte 28, 29, 30. Heft 28
behandelt eine Donaufahrt: Paſſau-Linz-Grein-Melk=
Krems-Wien; Heft 29: Salzkammergut (Salzburg-St.
Wolfgang-Iſchl-Hallſtatt-Auſſee-Salzthal und Jſchl=
Gmünden-Attnang; Heft 30 endlich eine Reiſe mit der
Karwendel=Bahn (München-Starnberg-Murnau- Gar=
miſch
-Partenkirchen, Mittenwald-Innsbruck und Mur=
nau
-Oberammergau. Die reich illuſtrierten und mit
vorzüglichem Kartenmaterial ausgeſtatteten Reiſebücher
empfehlen ſich von ſelbſt.

Darmſtadt, 12. Auguſt.
g Die Unfallgefahren in der Holzinduſtrie. In der
Städt. Turnhalle, Grafenſtraße 30, Eingang Eliſabethen=
ſtraße
wurde geſtern eine vom Deutſchen Holzarbeiterver=
band
veranſtaltete und von hiegen Firmen unterſtützte
Ausſtellung eröffnet, die zeigen ſoll, wie weit gerade in
der Holzbearbeitungsinduſtrie und ſpeziell in der Möbel=
tiſchlerei
die Verwendung von Maſchinen ſich eingeführt
hat und welche Gefahren hierdurch für den Arbeiter ent=
ſtanden
ſind. Die erſte Gefahr der Maſchinenarbeit beſteht
für die Hände und Finger der an den Maſchinen Arbeiten=
den
. Hier ſind nun in der Ausſtellung zunächſt Photo=
graphien
von Handverſtümmelungen vereinigt. An unge=
ſchützten
älteren und praktiſcheren neuen Holzbearbei=
tungsinſtrumenten
wird dann die Entſtehung dieſer ge=
fährlichen
Verletzungen erklärt und ſchließlich gezeigt, wie
durch ſinnreich konſtruierte Vorrichtungen dieſe Arbeiten,
wenn nicht gefahrlos, ſo doch erheblich ungefährlicher
werden. Drei bedeutende Darmſtädter Möbeltiſchlereien
haben eine Anzahl kleinerer Gegenſtände ausgelegt, die
ausſchließlich mit der Maſchine hergeſtellt ſind und die in
ihrer Zierlichkeit und Kompliziertheit erkennen laſſen, mit
welcher Gefahr derartige Arbeiten verbunden ſind Es
ſind dies faſt alles Arbeiten, die nur mit der Fräß=
maſchine
hergeſtellt ſind, ohne daß noch ein anderes In=
ſtrument
verwendet wurde Weiter zeigt die Ausſtellung
Verbandskäſten, wie ſie ſein ſollen und wie ſie nicht ſein
dürften. Ein anderer Feind der Holzarbeiter iſt der
feine Staub, der ſich in die Atmungsorgane feſtſetzt und
oft ſchwere Erkrankungen hervorruft. In kleinen Gläs=
chen
iſt derartiger Staub von den verſchiedenſten Holz=
arten
gezeigt. Gegen dieſen Feind kämpft man am
ſicherſten, wie ein Modell zeigt, durch Anbringung eines
Exhauſtors, der den Staub ſofort an der Entſtehungsſtelle
aufſaugt und ins Freie führt. Die einzelnen Maſchinen
werden durch Rohre an dieſen Exhauſtor angeſchloſſen.
Die Ausſtellung zeigt ſchließlich noch eine Reihe Abbil=
dungen
von Arbeitsräumen, in denen die hygieniſchen
Erforderniſſe nach Möglichkeit erfüllt und die Unfallge=
fahren
für die Arbeiter auf ein Mindeſtmaß herabgemin=
dert
ſind. Andere Abbildungen zeigen Arbeitsräume, die
mit den Fortſchritten der Technik und der Hygiene nicht
Schritt gehalten haben. So zeigt die Ausſtellung, die

den Zweck haben ſoll, eine Erweiterung der Vorſchriften
über Anbringung von Schutzvorrichtungen an Holzarbei=
tungsmaſchinen
und ſtrengen Maßnahmen zur Durch=
führung
dieſer Vorſchriften herbeizuführen, in gleichem
Maße jedem etwas, dem Arbeitnehmer, wie er die Schutz=
vorrichtungen
benutzen ſoll und dem Arbeitgeber, wie
dieſe Schutzvorrichtungen am zweckmäßigſten einzurichten
ſind.
=gs- Schneller Tod. Am Samstag abend 5½ Uhr
wurde der Gemeindeeinnehmer von Groß=Zimmern in
der Kapellſtraße hier von einem Schlaganfall be=
troffen
. Er wurde durch die herbeigerufene Rettungs=
wache
mittelſt Krankenwagen in das ſtädtiſche Kranken=
haus
verbracht, woſelbſt nur noch der Tod feſtgeſtellt
werden konnte.
D Unfall. Am Samstag vormittag, kurz vor 12 Uhr,
iſt die Ehefrau des Fabrikarbeiters Jakob Müller aus
der Merck’ſchen Fabrik bei der Hammelstrift aus einem
fahrenden Zug der Dampfſtraßenbahn rückwärts ab=
geſprungen
und dabei zu Fall gekommen. Sie
ſchlug mit dem Hinterkopf heftig auf dem Boden auf,
blieb einige Minuten bewußtlos liegen und wurde
ſodann in ihre Wohnung verbracht.

Eberſtadt, 10. Aug. Ein ſchweres Unwetter
ſeltenſter Art ging heute nachmittag gegen 5 Uhr in hie=
ſiger
Gegend nieder. Es regnete ca. eine Stunde in
wolkenbruchartigen Strömen, ſodaß binnen kurzer Zeit
die tief liegenden Straßen einem förmlichen See glichen.
Am meiſten heimgeſucht wurde die Alte Darmſtädterſtraße,
die 1½ Stunde lang völlig unpaſſierbar war, denn dort
vereinigten ſich die Fluten, die aus den umliegenden
Bergen in unſeren Ort geſtrömt kamen. Die Kanäle
vermochten bei weitem nicht die ungeheuren Waſſer=
mengen
aufzunehmen und ſo kam es auch, daß das
Waſſer in die Stäkle und Keller drang. Die Alte Darm=
ſtädter
=, Wieſen= und Weinſtraße glichen nach dem Wetter
durch den koloſſalen Schlamm, der angeſchwemmt wurde,
einem großen Stück Feld. Die Straßenbahn, welche 64
hier eintreffen ſollte, blieb an der Schirmſchneiſe im
Schlamm ſtecken und traf mit ¾ Stunde Verſpätung ein.
Der Schaden im Feld iſt unüberſehbar groß.
Wie verlautet, ſind bei dem geſtrigen Gewitter in
Groß=Umſtadt durch Blitzſchlag und nachfolgenden
Brand 2 Wohnhäuſer und 7 Scheuern eingeäſchert
worden.
* Griesheim, 11. Aug. Das geſtern nachmittag
ber die hieſige Gegend ziehende Gewitter entlud ſich
über unſeren Ort mit beſonderer Heftigkeit. Nicht weniger
als viermal ſchlug der Blitz ein, jedoch glück=
licherweiſe
ohne zu zünden. Ein Söhnchen des Pfläſterers
Fickel in der Frankfurterſtraße wurde von einem vom
Hauſe abſpringenden Blitz getroffen und teilweiſe gelähmt.
In einem anderen Falle erſchrak ein Mann durch einen
vor ihm niederfahrenden Blitzſtrahl derart, daß er die
Sprache verlor und dieſelbe bis heute noch nicht wieder
rlangt hatte.

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* München, 11. Aug. Der Kammer der Reichsräte
hat Reichsrat Graf von Crailsheim ſeinen Bericht über
den Entwurf des Lotteriegeſetzes ſowie über den
Preußiſch=ſüddeutſchen Lotterieſtaatsvertrag unterbreitet,
der bekanntlich von der Kammer der Abgeordneten ab=
gelehnt
worden war. Graf Crailsheim bezeichnet die
gegen den Staatsvertrag vorgebrachten Einwendungen
nicht für ſtichhaltig und den Weg der Einrichtung einer
bayriſchen Staatslotterie im Regiebetrieb für ſchwer
gangbar, ſowie die Verpachtung einer ſolchen wegen ver=
ſchiedener
ihr entgegenſtehender Bedenken nicht für rat=
ſam
. Der Referent beantragt daher, der Reichsrats=
ausſchuß
wolle dem Plenum die Zuſtimmung zum Voll=
zug
des Staatsvertrages mit Preußen empfehlen.
* Aachen, 11. Aug. Die Generalverſamm=
der
Katholiken Deutſchlands wurde geſtern
eingeleitet mit feierlichem Glockengeläute von allen Kir=
chen
der Stadt. Heute vormittag 11 Uhr fand im Kur=
hauſe
die erſte geſchloſſene Verſammlung des Katholiken=
tages
ſtatt. Der Präſident des Lokalkomitees Winands
eröffnete die Verſammlung. Er verlas eine Adreſſe des
Papſtes an das Lokalkomitee und brachte im Anſchluß
daran ein Hoch auf den Papſt aus. Es wurde dann zur
Konſtituierung des Vorſtandes geſchritten. Zum Präſi=
denten
des Katholikentages wurde Juſtizrat Schmidt=
Mainz gewählt. Zum Ehrenpräſident ward gewählt Geh.
Oberjuſtizrat, Oberlandesgerichtspräſident Dr. Spahn.
Ferner wurden gewählt: Fabrikbeſitzer Brands=M.= Glad=
bach
, ſowie Reichstagsabgeordneter Engelen= Osna=
brück
. Zum erſten Vizepräſidenten wurde Grad Edwin
Henckel von Donnersmarck gewählt, als Stellvertreter
Jakob Weber=Kray bei Eſſen; zum erſten und zweiten
Schriftführer Oberpfarrer Drammer und Juſtizrat Buſſe=
Aachen, zum dritten Schriftführer Profeſſor Kinzinger,
zum vierten Schriftführer Gronowski=Dortmund. Sodann
erfolgte die Wahl der Vorſitzenden der Ausſchüſſe. In
den erſten Ausſchuß wurden gewählt als Vorſitzender
Amtsgerichtsdirektor Giesler, als Stellvertreter Profeſſor
Dr. Scholl=Aachen; in den zweiten Ausſchuß als Vor=
ſitzender
Dr. Pieper=M.=Gladbach, als Stellvertreter Pfr.
Cohn=Aachen; in den dritten Ausſchuß wurden gewählt
als Vorſitzender Dr. Werthmann, als Stellvertreter
Fabrikbeſitzer Menghius=Aachen; in den vierten Ausſchuß
Oberlandesgerichtsrat Marx=Düſſeldorf, als Stellvertre=
ter
Religionslehrer Dr. Richard Stark. Sodann verlas
der Vorſitzende ein Schreiben des Domkapitularvikars
der Erzdiözeſe Köln, in welchem dieſer das hohe Inter=
eſſe
des verſtorbenen Kardinals Fiſcher an der Katholiken=
verſammlung
rühmt und mitteilt, daß er als ſeinen Stell=
vertreter
den Domkapitularvikar Dr. Ludwig entſandt
habe. Die Verſammlnug ehrte das Andenken des ver=
ſtorbenen
Kardinals. An den Kaiſer wurde folgende

Depeſche geſandt: Viele tauſend katholiſche Männer, die
zur 59. Generalverſammlung der Katholiken Deutſchlands
in der alten Kaiſerſtadt Aachen, der Stadt Karls des Gro=
ßen
, verſammelt ſind, bringen Ew. Kaiſerlichen und =
niglichen
Majeſtät ihre Huldigungen und ihr Gelöbnis
der unverbrüchlichen Treue zu Kaiſer und Reich dar. Er=
füllt
von Gefühlen der Liebe und der Verehrung für die
erhabene Perſon Ew. Majeſtät, gedenken dankbar Ew.
Majeſtät, die in dieſer alten, ehrwürdigen Stadt ſich zur
Kirche bekannt und beten zu Gott, er möge in ſeiner
Gnade Ew. Majeſtät noch lange Jahre reich geſegneter
Regierung unſeres geliebten deutſchen Vaterlandes ſchen=
ken
. An den Papſt wurde folgende Depeſche geſandt:
Die zur 59. Generalverſammlung der Katholiken Deutſch=
lands
in Aachen verſammelten Scharen vieler Tauſende
katholiſcher Männer richten am Beginn der Tagung ehr=
furchtsvolle
Blicke nach Rom zu Dir, heiliger Vater,
Stellvertreter Chriſti auf Erden und von Gott eingeſetzten
Lehrer der Chriſtenheit. Dir legen wir in unverbrüch=
licher
Liebe und Treue das Gelöbnis des Gehorſams und
der Anhänglichkeit zur Kirche zu Füßen und erflehen von
Dir, heiliger Vater, ehrerbietigſt den apoſtoliſchen Segen
ür alle Beratungen. Geſtern nachmittag hatte die
Stadt gemeinſam mit der Kurdirektion die Vertreter der
Preſſe zu einer Beſichtigung der Stadt und der Anlagen
eingeladen. Unter Führung des Kurdirektors Heyl
wurde der Kaiſerſaal im Rathaus beſichtigt, nachdem
Oberbürgermeiſter Veltman die Vertreter der Preſſe be=
grüßt
hatte. Nach einer Fahrt durch den Stadtpark ver=
inigte
die Preſſevertreter ein Imbiß im Belvedere.
Bremen, 11. Aug. Der Dampfer Frankfurt
des Norddeutſchen Lloyd iſt heute morgen 4 Uhr bei
Scheveningen mit dem Dampfer Barmen der Dampf=
ſchiffahrtsgeſellſchaft
Argo kollodiert. Der Dampfer
Frankfurt wird in Rotterdam angeſchleppt. Es beſteht
keinerlei Gefahr. An Bord iſt alles wohl.
* Wien, 10. Aug. Das Wiener Fremdenblatt gibt
bekannt: Der Reichskanzler ſtattet in der erſten
Hälfte des September dem Miniſter des Aeußern, Grafen
Berchtold, einen Gegenbeſuch in Buchlau ab. Voraus=
ſichtlich
leiſtet auch die Gattin des Reichskanzlers der Ein=
ladung
der Gräfin Berchtold nach Buchlau Folge. Auf
Schloß Buchlau werden zur ſelben Zeit auch der deutſche
Botſchafter in Wien v. Tſchirſchky und Gemahlin erwartet.
*Wien, 10. Aug. Das Wiener Fremdenblatt mel=
det
aus Sankt Ulrich: Heute früh iſt es gelungen, die
Leiche des ſeit acht Tagen vermißten Touriſten Karl
von Kirchbach aus Dresden, aufgefunden. In
den letzten Tagen iſt ein Polizeihund verwendet worden,
der die Spur aufſtöberte. Die Leiche lag am Fuße der
Oſtwand des Puflatſch, von Kirchbach war, wie der
Augenſchein ergab, etwa 150 Meter tief abgeſtürzt. Daß
der Tod durch Abſturz erfolgte, iſt unzweifelhaft feſtge=
ſtellt
. Damit werden alle Gerüchte, die von einem Ver=
brechen
wiſſen wollen, zum Schweigen gebracht.
* Paris, 10. Aug. Präſident Falliéres erhielt
geſtern vom deutſchen Kaiſer aus Söſt ein Tele=
gramm
nach Rambouillet, welches lautet: Die freund=
lichen
Worte, die E. Exzellenz aus dem traurigen Anlaß
der ſchrecklichen Kataſtrophe von Bochum an mich zu rich=
ten
die Liebenswürdigkeit hatten, haben mich tief bewegt.
Ich bitte Sie. Herr Präſident, meinen aufrichtigſten Dank
entgegenzunehmen.
* Paris, 10. Aug. Entgegen der Depeſche eines
franzöſiſchen Morgenblattes, die von der bevorſtehenden
Reiſe Mulay Hafids nach Frankreich ſprach,
beſagt eine Depeſche aus Tanger, daß jetzt von einer Orts=
veränderung
des Sultans keine Rede ſei. Der Sultan
ſcheine noch immer den Wunſch zu hegen, abzudanken.
Er beabſichtige zwar, nach Mekka zu gehen, doch ſei die
Verwirklichung dieſes Planes augenblicklich wenig wahr=
ſcheinlich
.
* Cetinje, 10. Aug. Reguläre türkiſche Trup=
pen
wiederholten geſtern die Angriffe auf die
montenegriniſche Grenze bei Velika. Das Ge=
fecht
dauerte den ganzen Tag. Die Angreifer wurden
zurückgeſchlagen. Heute richtete die montenegriniſche Re=
gierung
an die hieſigen Vertreter der Großmächte
eine Zirkularnöte, in der erklärt wird, der könig=
lichen
Regierung ſei jede Möglichkeit entzogen, mit Aus=
ſicht
auf Erfolg ſich mit der Türkei direkt zu verſtändigen.
Die Regierung appelliert deshalb an die Großmächte, ſie
möchten ein radikales Mittel finden zur Beſeitigung
eines Zuſtandes, der nun ſchon lange zum Nachteil der
friedlichen Entwicklung Mentenegros andauere.
*Jaroslaw, 11. Aug. Ein Sturmwind warf
en letzten Brückenbogen der Brücke, die über die
Wolga gebaut wird, um. Zwei Mann wurden getötet,
zwei verwundet.
H. B. München, 10. Aug. Gegen den bayeriſchen Land=
tagsabgeordneten
Oswald (Zentrum) der durch ſeine
Angriffe auf den Verkehrsminiſter von Frauendorffer den
Sturz des Miniſteriums Podewils eingeleitet hat, ſchwebt
ein Verfahren wegen Verleitung zum Meineide.
Der Geſchäftsordnungsausſchuß des Landtages hat jedoch
dem Plenum vorgeſchlagen, die Erlaubnis zur Strafver=
folgung
zu verſagen.
Eiſenach, 11. Aug. Zum Selbſtmord des= General=
leutnants
z. D. von Kroſigk, der ſich in der Nähe
von Eiſenach von einem Eiſenbahnzug überfahren ließ,
iſt noch folgendes zu berichten: v. Kroſigk hatte längere
Zeit in Eiſenach zur Kur geweilt. Er machte einen Aus=
flug
nach Wuta. Abends wollte er ſich anſcheinend wie=
der
nach Eiſenach zurückbegeben. Er ging auf den dorti=
gen
Bahnhof und warf ſich plötzlich, bevor er
daran gehindert werden konnte, vor einen gerade einfah=
renden
Zug. Die Räder gingen über ihn hinweg und
töteten ihn auf der Stelle. Man fand bei der Leiche ein
Portemonnaie mit 50 Mark Inhalt und eine Fahrkarte
dritter Klaſſe nach Eiſenach. Allem Anſchein nach hat der

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verübt.
Tanger, 10. Aug. Der Deutſche Opitz iſt einer
Verbrecherbande, die, teils zu Fuß, teils beritten, die Um=
gegend
von Marrakeſch durchſtreifte, begegnet und von
ihr ermordet worden. Der Eigentümer des Gartens,
in welcher die Leiche gefunden wurde, erklärt, eine Kopf=
wunde
geſehen zu haben. Er verbarg die Leiche in einem
Waſſergraben, verbrannte ſie aber ſpäter in einem Ziegel=
ofen
, aus Furcht, in die Angelegenheit verwickelt zu wer=
den
. Drei Leute von der Bande ſind verhaftet. Zwei der
eigentlichen Mörder ſind nach Rehamna geflohen. Alles
wird verſucht, um ſie zu faſſen. Die noch vorhandenen
Ueberreſte der Leiche ſind nach Marrakeſch gebracht
worden.

Brieſtaſten.

Wega, Zwbg. Den Angaben der Längen im Berliner
Aſtronomiſchen Jahrbuch liegt der Meridian von Green=
wich
zugrunde, ſoweit nicht auf den Berliner Meridian
ſelbſt bezogen wird.

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Druck und Berlage 4. 6. Wilicſche Hoſnachnctaet.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil, Inſeratbeilagen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftsleben: J. V.: Adam Fleiſchmann, ſämt=
lich
in Darmſtadt. Für den redaktionellen Teil be=
ſtimmte
Mitteilungen ſind an die Redaktion des Tag=
blatts
zu adreſſieren. Etwaige Honorarforderungen
ſind beizufügen; nachträgliche werden nicht berückſichtigt.
Unverlangte Manuſkripte werden nicht zurückgeſandt.

Danksagung.
Für die vielen Beweise herzlichster Teilnahme bei dem Hinscheiden
unserer lieben, guten Frau und Mutter
Frau Susanne Schwab, geb. Leist
Sprechen wir hiermit Allen unseren innigsten Dank aus, besonders auch
Herrn Pfarrer D. Dr. Diehl für seine trostreichen Worte und den sehr
verehrten Krankenschwestern für ihre treue Pflege.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen:
Heinrich Schwab und Tochter Anna.
Darmstadt, Schustergasse 11, den 10. August 1912.
(16954

Unterfertigter erfüllt hiermit die traurige
Pflicht, ſeine lb. A. H. A. H., I. A. I. A., A. A.
von dem Hinſcheiden ihres lb. A. H. (16962

Dr. med. Gustar Haustaedt
Chefarzt und Stabsarzt a. D.
geziemend in Kenntnis zu ſetzen.
J. A.:
Be
Nuss
Heidelberg, im Auguſt 1912.

Todes=Anzeige.
Allen Verwandten, Freunden und Be=
kannten
die traurige Nachricht, daß unſer lieber
Vater, Großvater, Schwager und Schwieger=
vater

(16963
Johann Georg Leuchner
Bürodiener
heute Nacht im Alter von 73 Jahren infolge
eines Schlaganfalles plötzlich verſchieden iſt.
Die trauernden Hinterbliebenen.
Darmſtadt, den 11. Auguſt 1912.
Die Beerdigung findet Dienstag, den 13. Aug.,
nachmittags 5 Uhr, vom Portale des ſtädtiſchen
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Tags zuvor eröffnete und bis zum 31. Auguſt in
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Eingang Eliſabethenſtraße.
Es ergeht an alle Kreiſe des Volkes, ohne Unterſchied von
Stand und Beruf die höflichſte Bitte, in dieſer Verſammlung zu er=
ſcheinen
und der Ausſtellung gefl. Beachtung zu ſchenken. (16927
Deutſcher Holzarbeiter=Verband
Zahlſtelle Darmſtadt.
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Flechte, gut bewährt hat.
Indem ich Ihnen nochmals meinen
herzlichſten Dank entgegenbringe, be=
grüße
ich Sie
hochachtungsvoll
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Btsmark, 1.Mk. 1905.
Dieſe Rino=Salbe wird mit Erfolg
gegen=Beinleiden, Flechten und Hauk=
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angewandt, iſt in Doſen à
Mk. 1.15 und Mk. 2. 25in denApotheken
vorrätig; aber nur echt in Origtnal=
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leidende
ſo oft herunterbringt, Mat=
tigkeit
, Appetitmangel, Stuhl u.
Urin beſſern ſich ſchnell, wenn man
regelmäßig Altbuchhorſter Mark=
ſprudel
Starkquelle trinkt. Schon
nach kurzem Gebrauch dieſes aus=
gezeichneten
Heilwaſſers werden
Männer und Frauen ſeine wohl=
tätige
Wirkung empfinden, der
Körper kommt zu Kräften u. die alte
Spannkraft u. Lebensfreude kehrt
zurück. Von zahlr. Profeſſoren u.
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36

Suſanne fühlte ſich zu Hauſe. Sie ließ ſich bedienen,
als ob ſie noch das junge Kind von ehedem wäre, Für
alles war geſorgt, die Alte erzählte mit Stolz, daß ſie
jeden Tag friſches Waſſer aus dem Brunnen geholt habe,
all die Monate lang, aber ſtets vergebens.
Das junge Mädchen badete ſich in friſchem Waſſer,
ordnete ihr reiches Haar zu der kleidſamen Friſur, die
ſie Berlin verdankte, und griff nach einem weißen Kleide.
Sie wollte nicht als graue Motte neben Annas Eleganz
ſtehen. Hier war ſie Haustochter, die Enkelin des Haus=
herrn
, ſie wollte ſich ſchmücken.
Am Fenſter blühte eine herrliche Roſe, ſie ſteckte
einige Blüten in den Gürtel, das geſättigte Roſa hob
ſich kräftig von der weißen Toilette ab. Noch einen prü=
fenden
Blick warf ſie in den Spiegel, ſteckte die funkelnde
Schmucknadel noch ein wenig feſter und ſchritt dann ein
wenig bleich mit klopfendem Herzen, aber mit leidlicher
Faſſung dem Wiederſehen mit den Ihrigen entgegen.
Man war ſchon im Eßzimmer verſammelt, und Anna
hatte es vorgezogen, Suſannes Anweſenheit nicht zu ver=
raten
. Ihr Inſtinkt ſagte ihr, daß das junge Mädchen
vorläufig ihr Zuſammentreffen im Park verſchweigen
würde.
Suſannes Eintritt war Senſation ſie konnte zu=
frieden
ſein.
Bubis Aufjauchzen griff allen ans Herz, und wäh=
rend
er auf die Tante losſprang, bemerkte niemand
außer Auna, wie verzehrend die Blicke Friedrich Wil=
helms
an dem ſchönen Mädchen hingen,

Da war nichts vergeſſen worden, und in dem Herzen
der jungen Frau loderte es auf in wilder Eiferſucht. Ein
wunderliches Spiel begann in den nächſten Tagen. Su=
ſanne
war mit Anna unzertrennlich, ſie heftete ſich an
die Ferſen der Hausfrau, und dieſe wiederum ließ die
Rivalin im Herzen ihres Mannes nicht aus den Augen.
Zur großen Befriedigung der alten Getreuen, die
die Ehre des Hauſes bewachten, reiſte Hachfeld einige
Tage nach Suſannes Heimkehr ab, er hatte Anna nicht
mehr ohne Zeugen ſprechen können. Und an demſelben
Tage ſetzte Suſanne ihre Rückkehr nach Berlin auf den
nächſten Morgen feſt. Es war ihr ſchwer genug gewor=
den
, hier auszuhalten. Großvater war alt geworden und
wurde von der jungen Frau völlig beherrſcht, er tat ihr
allen Willen. Mit Friedrich Wilhelm war kein unbefan=
gener
Verkehr möglich, denn Anna belauerte jedes Wort
jeden Blick. Nur das Kind, das blieb ihr unbeſtrit=
tenes
Eigentum in den wenigen Tagen. Bubi hatte es
ſogar durchgeſetzt, daß er bei Tante ſchlafen durfte, das
war die höchſte Gunſt, die er zu verſchenken hatte.
Als Suſanne abermals ſchied, rieſelte der Herbſt=
regen
nieder, die Luft war trübe und kalt, fröſtelnd
wickelte ſie ſich in ihren Pelz, als ſie einſam ihres Weges
dahinfuhr ſie hatte ſich jede Begleitung verbeten. SSie
war daheim eine Fremde geworden, ſie hatte es ſelber
nicht anders gewollt, aber dem ſalten Stamm hatte ſie
den Erben aus eigenem Fleiſch und Blut geworben. Sie
hatte ihre Miſſion erfüllt.
Zwölftes Kapitel.
Ein Jahr war vergangen. In Berlin wurde die Hitze
fühlbar, man begann ſich mit Reiſevorbereitungen zu be=
ſchäftigen
, der Juli war vor der Tür.
Suſanne kam eines Tages von einer ihrer Wander=

ungen zurück, ſie hatte ihre Pfleglinge beſucht und auch
Recherchen angeſtellt, da neue Fälle größter Not angemel=
det
waren. Müde und erhitzt ſtieg ſie zu ihrer Wohnung
hinauf, die ſie in einem der großen Heime genommen hatte.
Die Poſt lag auf dem Tiſch und ſie griff gleich nach
dem erſten Brief, der die Handſchrift ihres Großvaters
trug. Er ſchrieb ſelten genug, der alte Herr. Haſtig er=
brach
ſie das Kuvert, denn Wilhelm hatte in letzter Zeit in=
folge
des Stickhuſtens, der ihn in den letzten Winter=
monaten
befallen hatte, vielfach gekränkelt.
Liebe Suſanne!
Anna iſt mit Bubi auf Anraten des Arztes nach Wyk
abgereiſt, Jette begleitet ſie auf ihren Wunſch. Leider hat
mich auch Friedrich Wilhelm verlaſſen, er will endlich die
längſt geplante Uebung zum Rittmeiſter machen, da bleibt
er für Wochen fern. Wie wäre es, wenn Du als erſehnter
Lückenbüßer einſprängſt. Laß die Findelkinder ſich einmal
allein ihren Weg in dieſer mangelhaften Welt ſuchen und
komm zu mir, der ich auch bald ſo hilflos ſein werde wie
ein ſolches armes Wurm. Der Turm mit Dörthe erwartet
Dich mit ungeſtümer Sehnſucht. Als ich der Alten meine
Abſicht verriet, Dich herzulocken, weinte ſie vor Freuden,
und der alte Johann ging bei meinem einſamen Mahl
im Tanzſchritt um mich herum. Du darfſt ihnen wirklich
nicht den Tort antun, Dich umſonſt erwarten zu laſſen.
Auch Andreas will den großen Fiſchfang bis zu Deinem
Kommen verſchieben. Alſo, Herzenskind, komm bald zu
Deinem einſamen Großvater
Bagewitz.
Da war ſie ſchon, die große Sehnſucht, das brennende
Heimweh, die ſie ſo oft beſchlichen. Gleich morgen konnte
ſie reiſen, wenn ſie nur wollte. Müde, wie ſie war, eilte
ſie doch wieder davon, ſich Urlaub zu erbitten, der ihr, der
pflichttreuen beliebten Pflegerin, ſofort erteilt wurde.

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Sie traf noch eine Auswahl unter ihren Kindern, deren ſie
ſechs mitzunehmen gedachte, ſie wollte ſie bei Leuten im
Dorfe unterbringen, damit ſie in ihren gewohnten Ver=
hältniſſen
blieben, das Eſſen würden ſie vom Schloß be=
kommen
.
Das war ein Jubel bei den Auserwählten und ein
Jammern bei den Zurückbleibenden. Auch zwei elende
junge Menſchenkinder, in Geſtalt von zwei bleichen
Schneiderinnen, nahm ſie mit, ſie ſollten bei ihr im Turm
wohnen, Dörthe würde ſchon gut ſorgen. Sie konnten ſich
nebenher bei den Kindern nützlich machen.
Im Turm hatte ſie allein Hausrecht, Großpapa würde
von der Einquartierung kaum etwas merken.
Ach, daß es nicht noch mehr ſein konnten von den
armen Enterbten. Aber es waren ihr vorläufig noch enge
Grenzen geſteckt, und ſchon dieſes Wenige fiel ihr unver=
hofft
in den Schoß.
Sie beſchloß, die Reiſe wieder zu Waſſer zu machen,
und in Friedrichshof gedachte ſie einen Leiterwagen zu
nehmen, der ſie nach Altenwerder bringen ſollte. Dann
blieb alles in den Rahmen, wie ſie ſich ihn gar nicht paſſen=
der
für ihre Pflegebefohlenen denken konnte. Großvater
ſollte mit ihrer baldigen Ankunft überraſcht werden, ſie
würde ſchon vor ihm ſtehen, wenn er erſt nach der Antwort
ausſah.
Sie wählte ein ſpäteres Schiff, damit ſie der Kühle
des Abends entgegenführen. Doch die Hitze wurde auch
im Beginn der Fahrt nicht läſtig, es wehte ein friſcher
Wind vom Nordoſt. Wie ſich bei Wind und Sonne die
Wangen röteten, und die Kinderangen beim Anblick des

Neuen, Wunderbaren blitzten. Pflegemütterchen mußte
erklären und erzählen, der Mund ſtand ihr nicht ſtill.
Lächelnd bemerkte ſie, wie ihre Schar die Aufmerkſamkeit
der Paſſagiere eregte, und ſie beſchloß ſofort, den Boden
zu beackern, der wohl fähig war, für ſie und ihre Miſſion
Früchte zu tragen. Ehe ſie ihr Ziel erreicht hatte, waren
ſechs weitere Pfleglinge bei guten Landleuten unterge=
bracht
. Auch für zwei kränkliche Schneiderinnen fand ſie
noch gute Unterkunft. Es wurde gleich Alles in die rich=
tigen
Wege =geleitet, und dann erzählte Suſanne den neu
gewonnenen Helferinnen mancherlei von der ſegensreichen
Wirkung des Fürſorge=Vereins. Zuletzt wurde ſogar der
Kapitän gewonnen, daß er verſprach, die kleinen Paſſagiere
für ermäßigte Fahrpreiſe zu befördern.
Die weitere Reiſe verlief programmäßig bei dem herr=
lichſten
Wetter. Suſanne ſah die Wälder wieder in pran=
gendem
Grün, das Rohr rauſchte ſein altes Lied, und der
Rohrſperling ließ von überall ſeinen Sang ertönen. Sie
blieb mit ihrer Schar am Waſſer und durch einen Jungen,
der am Landungsplatz war, wurde Botſchaft nach Fried=
richshof
getragen, daß der Wagen ſie hier abholen ſollte.
Sie lagerten ſich in das weiche Gras und verzehrten
die letzten Vorräte mit größtem Appetit. Dann ging es in
die Blaubeeren, das war ein Jubel. Knapp, daß beim
Vaſſer die letzten Spuren von Geſicht und Händen ver=
tilgt
waren, da fuhr auch ſchon der große Leiterwagen
herbei, der Inſpektor kam ſelbſt mit und hatte ganz im
Sinne von Suſanne eine Kanne Milch mitgebracht. Wie
das den Kindern ſchmeckte und die dicke Stulle Schwarz=
brot
dazu.

Nun ging es mit Geſang durch den tiefen Wald, zu=
letzt
wurde alles ſtill, denn Suſanne begann zu erzählen
von Hirſch und Reh, von dem Meiſter Fuchs und dem
ſcheuen Haſen, bis ſie an eine einſame Wieſe kamen, dort
hielten ſie ſtill und belauſchten das Wild, als es heraus=
trat
, um zu äſen. Die Kinder glaubten, ein Märchen zu
erleben.
So, nun aber zu, Kutſcher, rief zuletzt Suſanne, oder
wir kommen zu nachtſchlafender Zeit in Altenwerder an.
Mit Halloh und Peitſchenklang ging es die Auffahrt
empor zum Schloßportal. Der ungewohnte Lärm rief
Johann und Dörthe herbei. Was die für Augen machten,
als ſie ſahen, welche Maſſeneinquartierung um Obdach
bat. Doch einter der tatkräftigen Leitung Johanns und
der Mamſell war alles raſch geordnet, und die Kinder be=
kamen
noch in ihrem Quartier von der Abendſuppe mit,
die ſchon brodelnd auf dem Herde ſtand.
Suſanne ſelber ging mit ihren großen Pflegebefohle=
nen
gleich zum Turm, wo Dörthe ihnen unten ein Zimmer
anwies, in denen zwar noch die Betten fehlten, die aber
bald beſchafft waren. Erſt als alles geregelt war, machte
das junge Mädchen Toilette und ließ ſich beim Groß=
vater
, der nichts von der geräuſchvollen Ankunft vernommen
hatte, melden.
Er ſaß ganz einſam in ſeinem Zimmer am Fenſter,
und man ſah es ſeinen Augen an, daß ſeine Gedanken
keine freudigen waren, die trübe Vergangenheit war wohl
wieder wach geworden.
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[ ][  ]

Handel und Verkehr.

H. Frankfurt a. M., 10. Aug. ( Börſenwochen=
bericht
.) Die deutſchen Börſen laſſen ſich in ihrer feſten
Grundſtimmung nicht beirren, obwohl während der erſten
Wochenhälfte die politiſchen Vorgänge in der Türkei
einigen Anlaß boten. Die weiteren Nachrichten von dort
lauten entſchieden beruhigter und laſſen erkennen, daß viel=
fach
mit Senſation depeſchiert wurde. Sonſt iſt nur höchſt
erfreuliches zu melden, in erſter Linie wieder aus der In=
duſtrie
. So hat der Eſſener Roheiſenverband eine ziem=
lich
bedeutende Preiserhöhung (4 Mark pro Tonne) vor=
genommen
, was auf eine große Tätigkeit in den Werken
reſp. ſtark damit verbundener Nachfrage für Roheiſen
ſchließen läßt. Vom amerikaniſchen Eiſen= und Stahlmarkt
ſchreibt der Ironmonger daß ſtetig zunehmende Feſtig=
keit
vorhanden iſt. Der Begehr nach Fabrikaten ſei ſo be=
trächtlich
, daß für prompte Lieferung bis zu 4 Dollar Auf=
geld
bezahlt werde. Die Preiſe ſeien ungefähr einen
Dollar höher. Die Nachfrage für Roheiſen wäre beträcht=
lich
, aber die Abſchlüſſe ſeien mäßig bei jedoch anziehen=
den
Preiſen. Am Geldmarkt herrſcht gegenwärtig eine
gewiſſe Unſicherheit. Während der Privatdiskont ſeither
zwiſchen 3½3¾ variierte, ſtieg er heute in Berlin auf
4 Prozent und wird ſomit bereits jetzt ſchon für den
Herbſtbedarf geſorgt. Dabei iſt tägliches Geld reichlich
und bei etwa 4 Prozent vorhanden. Zu den Einzelheiten
des Verkehrs übergehend, hatte die Kaufluſt für deutſche
Renten in dieſer Woche merklich nachgelaſſen und ſind da=
her
kleine Abſchwächungen zu verzeichnen.
Von den Ausländiſchen Staatsfonds waren die Ruſſi=
ſchen
, Ungariſchen und Türkiſchen recht feſt; auch Japaner
ſind erholt. Die ſchwache Haltung für argentiniſche Werte
iſt etwas beſonderes da doch die glänzende Ernte eher zur
Kaufluſt anregen ſollte. Es ſcheint hier das Angebot vieler
neuer Werte zu drücken und hierdurch auch die ſonſt gut
plazierten älteren Werte in ungünſtiger Weiſe zu beein=
flußen
.
Am Markt für Transportwerte erzielten Südd. Eiſen=
bahn
=Geſellſchaft eine größere Avance auf die Feſtſetzung
der Dividende (6½ Prozent gegen 6 Prozent im Vorjahre).
Sonſt waren noch Lombarden (Südbahn) und Südbahn=
Prioritäten in beſſerer Frage, wogegen Hamburger Paket=
fahrt
ſowie Nordd. Lloyd bei Wochenſchluß ſtärker an=
geboten
wurden, da die Spekulation darin mit Gewinſt=
realiſationen
auftrat. Schantung ſchließen beſſer auf den
Einnahmeausweis per Juli, der die Betriebseinnahme
auf 262000 Dollar angibt, gegen 220000 Dollar im Vor=
jahr
. Die Mehreinnahme für die erſte Hälfte des Jahres
beträgt 20 Prozent. Auch Orientbahnen und Prince
Henri haben befriedigende Ergebniſſe aufzuweiſen; die
Aktien der erſteren erhöhten ſich auf 158 und der letzteren
auf 159. Bankwerte lagen ſtiller bei faſt unveränderten
Kurſen. Die Unſicherheit über das Schickſal der inſol=
venten
Berliner Baufirma Kurt Berndt und der Intereſſen=
umfang
der beteiligten Banken haben gleichfalls zum Teil
auf die Zurückhaltung eingewirkt.
Am Montangebiet war hingegen ein recht lebhaftes
Geſchäft, da ſowohl die Spekulation größeres Intereſſe, als
auch bedeutende Privatkäufe vorgenommen wurden.
Hauptſächlich bevorzugt zeigten ſich Gelſenkirchner, die an=
ſehnlich
ſteigen konnten. Man ſprach davon, daß ſich der
Betrieb dieſes ſtark auf den Kohlenbergbau baſierten
Unternehmens ſehr günſtig geſtaltet hat. Auch wurde das
Gerücht verbreitet, daß man in Belgien die Gründung eines
neuen Kohlenſyndikats plane, das dann wahrſcheinlich wie=
der
die frühere Verſtändigung mit dem rheiniſch= weſt=
fäliſchen
Kohlenſyndikat herſtellen werde. Fernerhin
ſtimulierte die Mitteilung, daß der Roheiſenverband be=
reits
ſeine Verkaufstätigkeit für 1913 aufgenommen habe.
Für Phönix zirkulierten erneute Dividendentaxationen
bis zu 18 Prozent gehend. Die Dividende für Aumetz=

Friede wird mit 12 Prozent wie im Vorjahre veran=
ſchlagt
. Elektrizitätsaktien waren im Ganzen recht belebt,
jedoch bei Wochenſchluß wieder etwas abgeſchwächt; da
man hörte, daß bei der ruſſiſchen Siemens= und Halske=
Geſellſchaft die Arbeiter ſeit dem erſten Mai in den Aus=
ſtand
getreten ſeien.
Gut disponiert bleibt auch der Kaſſſainduſtriemarkt,
wo bei zeitweiſen Gewinſtabgaben immer erneutes In=
tereſſe
die Oberhand hat. Dieſe Woche ſtanden Akkumula=
toren
Berlin=Hagen im Vordergrunde bei ſteigenden
Kurſen bis 560. Man hört jetzt, daß die Geſellſchaft bei
ihrer demnächſtigen Aktienerhöhung ein ſehr wertvolles
Bezugsrecht in Ausſicht ſtellt: angeblich 100 Prozent
Emiſſionspreis. Deutſche Gold= und Silber=Scheideanſtalt
wiederum von beſter Seite gekauft und weſentlich höher
(715½ nach 728), Höchſter Farbwerke waren ruhiger (658),
benſo Badiſche Anilin 540, Holzverkohlung 326,75, Kunſt=
ſeide
120½ und Kleyer 555. Einen Kursrückgang bis
505 erfuhren Bielefelder Maſchinenfabrik Dürkopp, da man
darüber enttäuſcht iſt, daß keine Kapitalerhöhung bevor=
ſteht
. Bemerkenswert feſt waren Armaturen Hilpert (104)
anſcheinend auf guten Geſchäftsgang. Die Spekulation hat
ſich neuerdings auf Naphtha geworfen, die bis 325
ſtiegen; aber es iſt anſcheinend der ruſſiſche Markt, welcher
dafür eintritt. Benz waren dieſe Woche ganz vernach=
läſſigt
, während Daimler=Motoren nach zeitweiſer Er=
mattung
wieder 349,75 ſchließen.
Von Loſen notieren: Augsburger 35,70, Braunſchweiger
197,, Pappenheimer 65, Genua 206,. Türkiſche
70,50, Freiburger 73,25, Ungariſche 357, Meininger
35,40, Venediger 46,, Mailänder 45=Francs=Loſe 145
(nominell), Mailänder 10=Francs=Loſe 32,90, Raab=Grazer
Anrechtsſcheine 36,90 in Reichsmark; Gothaer Prämie II
117,, Donau=Regulierung 148, Madrider 72,75, in
Prozent. Ferner ſchließen: 4proz. Reichs (bis 1918 unkünd=
bar
) 101, 3½proz. Reichs 89,75, 3proz. Reichs 79,80,
4proz. Heſſen von 1899 100,, 4proz. Heſſen von 1906 100
G., 4proz. Heſſen von 1908/09 100 G., 4proz. Heſſen ( un=
kündbar
bis 1921) 100,50, 3½proz. Heſſen 87,90 G., 3proz.
Heſſen 77,55, 4proz. Darmſtädter 99,10, 3½proz. Darm=
ſtädter
89 G., 4proz. Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie
1823) 99,80 G., 4proz. Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie
2425) 99,90 G., 3½proz. Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie
5) 89,, 3½proz. Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie
911) 88,80 G., 4proz. Heſſ. Kommunal=Pfdbr. (Serie
1012) 89,80 G., 4proz. Heſſ. Kommunal=Pfdbr. (Serie
1314) 99,90, 3½proz. Heſſ. Kommunal=Pfdbr. (Serie
13) 89 G., 3½proz. Heſſ. Kommunal=Pfdbr. (Serie 4)
88,90 G Darmſtädter Bank 121½, Südd. Eiſenb.= Geſell=
ſchaft
128,75, Südd. Immobilien=Geſellſchaft (Mainz) 63,50
G., Lederwerke vorm. Spicharz (Offenbach a. M.) 65 B.,
Schramms Lack= und Farbenfabriken (Offenbach a. M.)
271 B., Chemiſche Mühlheim a. M. 62,75, Schantungbahn
131½, South=Weſtafrika 144½, Otavi=Anteile 100½, Otavi=
Genußſcheine 74 G., 4½proz. Ruſſen 100,50, 4proz. 1880er
Ruſſen 90,40 G., 4proz. 1902er Ruſſen 90,90, 3¼oproz.
Ruſſen 88,25, 3½proz. Ruſſen 83,50, 3proz. Ruſſen 80,75,
4proz. unifizierte Türken 89,90, 4proz. Adminiſtrations=
Türken 82 G., 4proz. Bagdadbahn 83,30, 4proz. konventierte
Türken (1905/11) 80,50, 5proz. Chineſen 99,80, 4½proz.
Chineſen 94 B., 5proz. Chineſen (Tientſin=Pukow) 97,50,
4½proz. Japaner 94, 4proz. Japaner 88,50, 5proz.
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(gef.). Ueberlegen 6 Lg.-Weile.

Gewinnanszug
der
1. Brenßiſch-Füddentſchen
(227. Königlich Preußiſchen) Klaſſenlotterie
2. Klaſſe 1. Ziehungstag 9. Auguſt 1912

Auf jede gezogene Nummer find zwei gleich hohe Gewinne
gefallen, und zwar je einer auf die Loſe gleicher Nummer
in den beiden Abteilungen 1 und II.

(Ohne Gewähr A. St.=A. f. Z.)
(Nachdruck verboten)
In der Vormittags=Ziehung wurden Gewinne über
96 Mk. gezogen:
2 Gewinne zu 60000 Mk. 101149
2 Gewinne zu 3000 Mk. 28114
4 Gewinne zu 1000 Mk. 93829 192265
2 Gewinne zu 500 Mk. 6117
12 Gewinne zu 400 Mk. 15203 90555 99952 106409
109318 174963
22 Gewinne zu 300 Mk. 6728 13253 35362 59064
79394 81000 84197 90478 154172 167930 168641
92 Gewinne zu 200 Mk. 2556 4094 4877 6630
17299 23388 29900 30137 32630 35602 45556 46463
47578 49469 63153 72938 75682 82440 86882 92913
93101 97420 102466 109884 113295 118856 123884
125566 126592 132117 133122 136597 137028 138064
138658 138922 143370 145644 146992 150459 157867
163651 163706 166909 167051 189167
In der Nachmittags=Ziehung wurden Gewinne über
96 Mk. gezogen:
2 Gewinne zu 40000 Mk. 105610
2 Gewinne zu 3000 Mk. 87630
4 Gewinne zu 1000 Mk. 31309 126394
12 Gewinne zu 500 Mk. 78854 154466 155371
181110 186489 191724
12 Gewinne zu 400 Mk. 34519 45236 87694 95203
166536 192857
26 Gewinne zu 300 Mk. 6736 14102 23383 40645
62659 53986 61400 66395 69372 105442 124794
126353 128964
64 Gewinne zu 200 Mk. 4020 4306 7942 20668
22573 31372 36133 49812 59453 68785 73519 78070
93372 96881 98180 100031. 104341 107096 109739
111316 118132 121320 131093 145765 147173 161755
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Begründet und herausgegeben von
Dr. Hermann Bräuning=Oktavio u. D. Dr. Wilh. Diehl
Inhalt: Profeſſor Karl Raupp: Aus den Erinnerungen eines deutſchen
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Landgraf. Dr. L. Schuſter: Der Seligenſtädter Geleitslöffel. Stadt=
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