Darmstädter Tagblatt 1912


14. Juni 1912

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Inſerate
werden angenommen in Darmſtadt,
175. Jahrgang
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Rheinſtraße 23, Beſſungerſtraße 47,
monatl. 60 Pfg., viertelj. 1.80 Mk., aus=
würts
nehmen die Poſtämter u. die Agen=
turen
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den Annoncen=Expeditionen. Bei
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u. 1.80 Mk. viertelj. Verantwortlichkeit
kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.
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Illuſtriertes Unterhaltungsblatt.
ſchriebenen Tagenwird nicht übernommen.
Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.

Das Neueſte vom Tage.

Die Zuſammenkunft des Zaren und des
deutſchen Kaiſers in den finniſchen Ge=
wäſſern
iſt für den Auguſt feſtgeſetzt.
Die feierliche Enthüllung des Denkmals
. Alexander III. hat geſtern in Gegenwart der Za=
renfamilie
in Moskau ſtattgefunden.
Der Ausbruch des Vulkans Katmai (Alaska)
hat ſieben Fiſcherorte zerſtört; über 200 Perſonen ſind
umgekommen.
In Südfrankreich hat ein Unwetter mit
Hagelſchlag großen Schaden in den Weinbergen
angerichtet.
Die Meldung von dem Tode des Hauptmanns
von Köpenick dem die Blätter Nekrologe gewid=
; met haben, beſtätigt ſich nicht.

Das Verhältnis zwiſchen Deutſchland
und Luxemburg.

** Anläßlich der Thronbeſteigung der Großherzogin
Maria Adelheid dürfte eine kurze Darlegung unſerer
Beziehungen zu dem kleinen Staate von Intereſſe ſein.
Durch den Londoner Vertrag vom 19. April 1839 iſt das
Großherzogtum in ſeiner jetzigen Geſtalt geſchaffen wor=
den
und das ihm verbliebene Gebiet gehörte dem deut=
ſchen
Bunde an. Als dieſer ſich auflöſte, verblieb Luxem=
burg
außerhalb der politiſchen Grenzen Deutſchlands,
jedoch hielt Preußenedie=Feſtung Luxemburg beſetzt. Eine
Löſung der hierdurch und durch die Anſprüche Frankreichs
auf das Großherzogtum entſtandenen Schwierigkeiten er=
folgte
1867 auf der Londoner Konferenz in der Weiſe,
daß Preußen ſich zur Räumung der zu ſchleifenden
Feſtung verpflichtete und Luxemburg für neutral erklärt
wurde. Trotz ſeiner ſtaatlichen Selbſtändigkeit befindet
ſich das Großherzogtum auf Grund älterer und neuerer
Verträge in ſo engen wirtſchaftlichen Beziehungen zum
Deutſchen Reiche wie kein anderes Land. Es war 1842
in den deutſchen Zollverein eingetreten, und dieſes Ver=
hältnis
erfuhr durch die Auflöſung des deutſchen Bun=
des
und die Errichtung des Deutſchen Reiches keine Aen=
derung
, vielmehr wurde in dem 1872 abgeſchloſſenen
Vertrage über die Wilhelm=Luxemburg=Eiſenbahn aus=
drücklich
feſtgeſetzt, daß während der Dauer dieſes Ver=
ltrages
auch die Zollgemeinſchaft mit Deutſchland fort=
dauern
ſolle. Die eben genannte Bahn gehörte einer
Aktiengeſellſchaft und war bis Ende 1912 an die fran=
zöſiſche
Oſtbahn verpachtet. Der Krieg 1870/71 zwang
fletztere jedoch, ihre in Elſaß=Lothringen belegenen Li=
nien
dem Deutſchen Reiche zu überlaſſen und letzteres trat
infolge gütlichen Uebereinkommens auch in die Pachtung
der Wilhelm=Luxemburg=Bahn, die der Generaldirektion
der Reichseiſenbahnen in Straßburg unterſtellt wurde.
Wie ſchon geſagt, galt die Pachtung nur bis 1912, aber ſie
iſt inzwiſchen bis Ende 1959 verlängert worden; ebenſo
lange ſoll vorläufig auch noch die Zollgemeinſchaft
dauern, die zur Folge hat, daß auch wegen gewiſſer in=
nerer
indirekter Steuern ein Gemeinſchaftsverhältnis
zwiſchen Luxemburg und uns beſteht, ſo hinſichtlich der
Salz=, Tabak=, Brau=, Branntwein=, Zündholzſteuer uſw.
Von den engen Beziehungen zwiſchen beiden Län=
dern
legt auch das ſeit 1902 wieder eingeführte interne
Briefporto im gegenſeitigen Poſtverkehr Zeugnis ab;
ſetwa die Hälfte aller luxemburgiſchen Briefſendungen
geht nach Deutſchland, das auch der beſte Abnehmer der
landwirtſchaftlichen Produkte und induſtriellen Erzeug=
niſſe
des Großherzogtums iſt. Jedenfalls kommt die
Intereſſengemeinſchaft beiden Teilen und nicht zum min=
deſten
dem kleineren Teile ſehr zunutze. Ein freundliches
Verhältnis zum Deutſchen Reiche aufrecht zu erhalten
liegt alſo im Selbſtintereſſe des luxemburgiſchen Landes.

Oeſterreichs Wehrreform.

Wohin man ſieht, allerorts Wehrvorlagen. Nach=
dem
Deutſchland die ſeinige unter Dach und Fach ge=
bracht
hat, iſt ſofort Frankreich erſchienen, deſſen Kriegs=
budget
jetzt die ſtattliche Summe von 957 Millionen er=
reicht
hat, wovon 19 Millionen allein für Aviatik ver=
wendet
werden ſollen, zudem ſoll die Heerespräſenz um
zirka 9000 Mann vermehrt werden. Auch in England

wird man wohl bald ähnliches hören, die Konferenzen
von Malta dürften ſchwerlich ohne Folgen bleiben, wie
ja auch der auffallende Amtswechſel Haldanes, der auf
einen ruhigen Poſten abgeſchoben wurde, wohl ſicherlich
damit zuſammenhängt. In Oeſterreich=Ungarn arbeitet
man ſchon lange an einer Wehrreform, ſie hat große pär=
lamentariſche
Kriſen mit ſich gebracht, namentlich in Un=
garn
hat man Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten ge=
häuft
, jetzt aber ſcheinen doch die Vorlagen in den ſicheren
Port einlaufen zu ſollen. Im ungariſchen Abgeordneten=
hauſe
iſt die Annahme dank der Energie des Präſidenten
Tisza erfolgt, und auch im öſterreichiſchen Parlament iſt
alle Ausſicht auf eine ſchnelle Erledigung vorhanden, nur
daß ſie hier einen wirklich legalen Charakter trägt. Der
Tſchechenklub, der mit Obſtruktion gedroht hatte, falls
ſeine Wünſche nicht befriedigt würden, iſt eingeſchwenkt,
und ſo wurden denn auch im Ausſchuß alle bisher ein=
gebrachten
Abänderungsanträge zur Wehrvorlage abge=
lehnt
.
Die Annahme der Wehrvorlage im Plenum wird
aller Vorausſicht nach noch in dieſem Monat glatt erfol=
gen
, weil alle Parteien im Grunde genommen überzeugt
ſind, daß die Erhöhung der Friedenspräſenz ein Gebot
der Notwendigkeit und der Bündnisfähigkeit der Donau=
*monarchie iſt. War doch die Armee und noch mehr die
Marine Oeſterreich=Ungarns in den letzten Jahrzehnten
nicht verſtärkt worden, obwohl bei allen Großmächten
Heer und Flotte vermehrt wurden. Es lag das an den
innterpoſiliſchen Streitigkeiten, infolgedeſſen die Vor=
lagen
ſcheiterten, weil die Parteien und Nationalitäten
ihre Zuſtimmung von beſonderen Forderungen abhängig
machten und dabei ihre eigenen Intereſſen durchzu=
drücken
ſuchten. Als dann aber die ſchwere Balkankriſis
kam, die Oeſterreich=Ungarn vor die Notwendigkeit eines
Krieges ſtellte, erkannte man doch die ſchwere Gefahr,
die Oeſterreich=Ungarn aus der Vernachläſſigung ſeiner
Wehrkraft erwuchs, und ſo hat man ſich denn eines Beſ=
ſeren
beſonnen. Freilich iſt das nicht ganz ſo glatt ge=
gangen
wie jetzt im letzten Stadium, noch immer kam
man über Parteiintereſſen nicht hinwes. Vielleicht hat
das Beiſpiel Deutſchlands gewirkt, wo die Wehrvorlagen
bei den bürgerlichen Parteien einmütige Annahme fan=
den
, und man glaubt wohl, ebenfalls zeigen zu müſſen,
daß Oeſterreich hinſichtlich der Verſtärkung ſeiner Wel
kraft nicht hintanſteht. Dieſe Bereitwilligkeit iſt ſehr not=
wendig
, denn die Gegner des Dreibundes haben ſchon
mehrfach verſucht, in der Hoffnung auf die ſlawiſchen
Völker der Donaumonarchie Oeſterreich=Ungarn auf ihre
Seite hinüberzuziehen. Eine Ablehnung der Wehrvor=
lagen
wäre Waſſer auf die Mühle dieſer Kreiſe geweſen,
und ſo iſt denn die jetzt eingetretene Wendung nur zu
begrüßen.

Die Vorarbeiten für ein neues R. St. G. B.

* Die am 1. April v. J. zuſammengetretene Kom=
miſſion
zur Beratung des Vorentwurfs zu einem deut=
ſchen
Strafgeſetzbuch hatte bis zum Ende vorigen Jah=
res
den erſten allgemeinen Teil erledigt. Von dem zwei=
ten
beſonderen Teil iſt bisher das erſte Buch zum Ab=
ſchluß
gebracht. Die noch verbleibenden vier Bücher
dürften bis Ende dieſes Jahres durchberaten ſein.
Damit wäre dann die erſte Leſung für den Entwurf eines
Strafgeſetzbuches abgeſchloſſen. Im Beginn des nächſten
Jahres wird die Kommiſſion eine zweite Leſung vor=
nehmen
, die vorausſichtlich ein halbes Jahr in Anſpruch
nehmen wird. Im Laufe der Gerichtsferien des näch=
ſten
Jahres wird dann der Entwurf der Kommiſſion
fertig vorliegen. Daraufhin wird eine neue Kommiſſion
berufen werden, um ein Einführungsgeſetz zum neuen
Strafgeſetzbuch auszuarbeiten. Ob dieſe Arbeit der bis=
herigen
oder einer kleineren Kommiſſion übertragen
werden wird, ſteht zurzeit noch nicht feſt. Auch dieſes
Einführungsgeſetz wird geraume Zeit in Anſpruch neh=
men
. Man kann damit rechnen, daß es vor Ende des
Jahres 1913 nicht fertiggeſtellt ſein wird. Im Beginn
des Jahres 1914 würde dann im Reichsjuſtizamt ein
endgültiger Entwurf für den Bundesrat aufgeſtellt wer=
den
, der aber zunächſt den Bundesregierungen zur Be=
gutachtung
zugehen muß. Nach Abſchluß dieſer Ver=
handlungen
gelangt die Vorlage an den Bundesrat, wo
ſie naturgemäß auch noch einer gründlichen Durchbera=
tung
in den Ausſchüſſen unterzogen wird. Als Maß=

ſtab für die erforderliche Geſamtzeit können die Vorar=
beiten
zu dem Entwurf für die Strafprozeßreform die=
nen
, daß etwa im Jahre 1917 dem inzwiſchen neu g
wählten Reichstags der Entwurf eines Strafgeſetzbuches
nebſt Einführungsgeſetz zugehen wird. Nach ſeiner
Verabſchiedung dürften ſich Vorlagen über die Straf=
prozeßordnung
und den Strafvollzug anſchließen.

Deutſches Reich.

Der Kaiſer trifft am nächſten Sonntag, 16. ds.,
vormittags 8 Uhr, von Wildpark kommend, in Hamburg
auf dem Dammtorbahnhof ein und nimmt an Bord der
an den St. Pauli=Landungsbrücken liegenden Jacht
Hohenzollern Wohnung. Nachmittags wird der Kaiſer
die Rennen in Horn beſuchen und dann an der Mit=
tagstafel
beim preußiſchen Geſandten v. Bülow teil=
nehmen
. Für Montag hat ſich der Kaiſer im Hauſe des
Generaldirektors Ballin zum Frühſtück angeſagt, worauf
er ſich mit der Hohenzollern nach Brunsbüttel begeben
wird, um am Dienstag an der Unterelbregatta des Nord=
deutſchen
Regattavereins und ſpäter an der Mittagstafel
auf dem Dampfer der Hamburg=Amerika=Linie Viktoria
Luiſe teilzunehmen.
Der Bundesrat und die Erbſchafts=
ſteuer
. Die offiziöſen Berliner Politiſchen Nachrichten
ſchreiben: Wie jetzt bekannt wird, hat der Bundesrat
dem von den Abgeordneten Baſſermann und Erzberger
eingebrachten Geſetzentwurf auf Hinausſchiebung der
Anſetzung der Zuckerſteuer und auf Vorlegung einer all=
gemeinen
Beſitzſteuer bis 30. April 1913 zugeſtimmt und
die Reichsfinanzverwaltung mit der Ausarbei=
tung
einer entſprechenden Vorlage beauftragt. Hiermit
entfiel für den Bundesrat die Möglichkeit, dem Antrage
der Fortſchrittlichen Volkspartei auf Wiederholung des
Erbſchaftsſteuerentwurfs vom 14. Juni 1908 zuzuſtim=
men
. Während der Reichstag beide Anträge annahm und
damit, wie es der Abgeordnete Baſſermann im Plenum
des Reichstags ausdrückte, den verbündeten Regierun=
gen
zwei Offerten nebeneinander machen konnte, war es
für den Bundesrat ausgeſchloſſen, der Reichsfinanzver=
waltung
zwei Aufträge zu erteilen, von denen der zweite
ſpezialiſierte dem erſten allgemeinen vorgriff. Wenn da
her der Bundesrat den Geſetzentwurf Baſſermann= Erz=
berger
und nicht den der Fortſchrittlichen Volkspartei
annahm, ſo hat er damit entſprechend den Erklärungen
des Reichsſchatzſekretärs im Reichstage, ſich vollkommen
freie Hand über die Ausgeſtaltung der ſeinerzeit vorzu=
legenden
allgemeinen Beſitzſteuer gelaſſen, ohne etwa
gegen die in dem zweiten Entwurf empfohlene Erbſchafts=
ſteuer
Stellung zu nehmen.
Der Altnationalliberale Reichs=
verband
hat die erſte Nummer ſeines neu gegründeten
Korreſpondenzblattes, Altnationalliberale Reichskor=
reſpondenz
, herausgegeben. Sie enthält als Eingangs=
artikel
einen Aufſatz Was will der Altnationalliberale
Reichsverband?, in dem das Programm des altnational=
liberalen
Reichsverbandes dargelegt wird; es folgen
zwei weitere politiſche Aufſätze: Am Scheidewege? und
Nationale Gemeinbürgſchaft. Das Blatt erſcheint in
Berlin.
Landtagswahlen in Koburg. Bei der
letzten Wahlmännernachwahl zum Koburger Landtag
ſiegte im 9. Bezirk Oeslau infolge Uneinigkeit der bür=
gerlichen
Parteien die ſozialiſtiſche Liſte. Bislang war
der Kreis nationalliberal vertreten. Die vorausſichtliche
Zuſammenſetzung des neuen Landtags dürfte 3 National=
liberale
, 3 Freiſinnige, 4 Agrarier und 1 Sozialdemo=
kraten
umfaſſen.

Ausland.

Oeſterreich=Ungarn.
Das öſterreichiſche Abgeordnetenhaus
hält am Dienstag ſeine nächſte Sitzung ab, um dem
Wehrausſchuß und dem Budgetausſchuß Gelegenheit zu
geben, intenſiver zu arbeiten.
Frankreich.
Die Kammer nahm einſtimmig die Geſetzesvor=
lage
betreffend die Bewilligung eines Kredits von
550000 Francs für die Entſendung einer Kommiſſion
zur Feſtſtellung der Grenzen zwiſchen der Aequatorial=
provinz
und Kamerun an.
England.
Die Mittelmeerflotte. Im Unterhauſe
fragte Pole=Carew, ob Premierminiſter Asquith im=

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 14. Juni 1912.

Nummer 138.

ſtande ſei, über die zukünftige Verteilung und die Stärke
der briſiſchen Mittelmeerflotte eine Erklärung abzugeben.
Marineminiſter Churchill erwiderte: Es wird wahr=
ſcheinlich
als zweckmäßig empfunden werden, einen Er=
gänzungsetat
für die Flotte im Juli vorzulegen und
dabei den Flottenbau zur Debatte zu bringen. Ich werde
dann die günſtige Gelegenheit benutzen, über die Flotte
weitere Erklärungen namens der Regieruna abzugeben.
Portugal.
Das neue Kabinett iſt gebildet unter dem
Präſidium von Auguſt Vasconocllos, der das Porte=
feuille
des Aeußern übernimmt. Die neuen Miniſter
gehören keiner parlamentariſchen Gruppe an, die meiſten
ſind überhaupt keine Parlamentsmitglieder.
Vereinigte Staaten.
Internationale Seekonferenz. Der Se=
nat
nahm eine Reſolution an, in der Taft ermächtigt
wird, die Mächte zu einer internationalen Seekonferenz
einzuladen, auf der über die von dem Unglück der Ti=
tanic
gegebenen Lehren beraten werden ſoll. Der
Präſident wurde ermächtigt, die Einladung Deutſchlands
an die Vereinigten Staaten zur Teilnahme an der Kon=
ferenz
anzunehmen.
China.
Die Anleihefrage. Premierminiſter Tang=
ſhaeyi
teilte der ausländiſchen Bankengruppe mit, daß
er während des Monats Juni 19 Millionen Taels brauche.
Falls er die Summe nicht erhalte, nehme er ſich das
Recht, an anderer Stelle aufzunehmen. Die Bankengruppe
will das Ergebnis der aufgeſchobenen Verſammlung in
Paris abwarten. Halbamtlich wird feſtgeſtellt, daß ſich
Rußland an der Transaktion und den Anteilen ſchwerlich
beteiligen werde, dagegen übernehme möglicherweiſe Japan
Rußlands Anteil. Das Parlament lehnte den Plan ab,
nicht amortiſierbare Schatzſcheine auszugeben. Es be=
willigte
die Emiſſion nationaler Obligationen von 95
Prozent, rückzahlbar in 10 Jahren und im Geſamtbetrage
von 100 Millionen Dollars.

* Der Stand des Genoſſenſchaftswe=
ſens
Nach dem Jahrbuch des Allgemeinen Deutſchen
Genoſſenſchaftsverbandes hat die Entwicklung der Ge=
noſſenſchaften
im Deutſchen Reiche während des ver=
gangenen
Jahres wieder gute Fortſchritte gemacht.
Man zählte am 1. Januar 1911 in Deutſchland 30 556
Genoſſenſchaften gegen 29497 des Jahres vorher. Die
Geſchäftsſtatiſtik des Verbandes erfaßte 23 521 Genoſſen=
ſchaften
, die 4471721 Mitglieder hatten, was gegen das
letzte Jahr eine Vermehrung um 6,5 Prozent bedeutet.
Das eigene Vermögen dieſer Genoſſenſchaften betrug
640 Millionen Mark; das fremde Kapital, das bei ihnen
arbeitete, erreichte den Betrag von 4172 Millionen Mark.
Der Wert der geſamten geſchäftlichen Leiſtungen kommt
in einem Umſatz von 23 Milliarden Mark zum Ausdruck.
Am ſtärkſten verbreitet ſind die Kreditgenoſſenſchaften
mit einer Zahl von 16 238; daneben beſtehen 1449 Kon=
ſumvereine
, 739 Baugenoſſenſchaften, 2508 Molkerei=,
2085 landwirtſchaftliche Bezugsgenoſſenſchaften, 120 Win=
zergenoſſenſchaften
, 239 gewerbliche Rohſtoffgenoſſen=
ſchaften
, 20 gewerbliche Magazingenoſſenſchaften, 68 ge=
werbliche
Produktivgenoſſenſchaften, 60 gewerbliche Werk=
genoſſenſchaften
und 79 Einkaufsgenoſſenſchaften der
Kleinhändler. Obenan ſtehen alſo wie immer in der
Genoſſenſchaftsbewegung die Landwirte. Doch hat auch
das Handwerk einen erfreulichen Aufſtieg in der Ver=
wirklichung
des Genoſſenſchaftsgedankens genommen.
* Paris, 13. Juni. Der deutſche Botſchaf=
ter
Freiherr v. Schön und Gemahlin gaben geſtern
abend einen großen Empfang, der einen glänzenden
Verkauf nahm. Zu der Soiré, bei der eine Zigeuner=
kapelle
konzertierte, erſchienen zweitauſend Gäſte, darun=
ter
das geſamte divlomatiſche Korps, ferner zahlreiche
Mitglieder der Geſellſchaft, der politiſchen. Geſlehrten=
und Schriftſtellerwelt und viele auf der Durchreiſe in
Paris befindliche hervorragende deutſche Perſönlichkei=
ten
, ſowie die Spitzen der deutſchen Kolonie. Einen wun=
dervollen
Anblick gewährte der mit Leuchtgirlanden und
Leuchtfontänen illuminierte Garten der Botſchaft. Bis
lange nach Mitternacht blieben die Feſtteilnehmer in an=
geregter
Unterhaltung beiſammen.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 14. Juni.

* Vom Hofe, Ihr Königl. Hoheit die Großher=
zogin
beſuchte am Mittwoch vormittag das Alice=
Hoſpital. Prinz und Prinzeſſin Viktor zu Erbach= Schön=
berg
kehrten um 10 Uhr vormittags von Wolfsgarten nach
Darmſtadt zurück. (Darmſt. Ztg.)
* Empfänge. Se. Königl. Hoheit der Großher=
zog
empfingen am Mittwoch den Major Zierold, Kom=
mandeur
des Leib=Dragoner=Regiments (2. Großh. Heſſ.)
Nr. 24, die Leutnants Koehler, v. Maſſow, Thiel und
Keßler von der Reſerve desſelben Regiments, den Haupt=
mann
v. Olberg, Adjutant der 3. Garde=Infanterie= Bri=
gade
in Berlin, die Oberleutnants v. Paſſavant und
Graf von Hardenberg von der Reſerve des Garde= Dra=
goner
=Regiments (1. Großh. Heſſ.) Nr. 23, den Leutnant
der Landwehr=Kavallerie Klönne, den Präſidenten der
Eiſenbahndirektion Mainz Dr. Michaelis, den Ober= und
Geheimen Regierungsrat Gallo von Mainz, den evange=
liſchen
Pfarrer Memmert von Angersbach, den Lehrer
Bihlmaier von Mainz, den Profeſſor Bayer, den Kreis=
amtmann
Dr. Michel, den Architekten bei der Eiſenbahn=
direktion
Mainz Panthel, den Eiſenbahn=Oberſekretär
Meißner von Mainz; zum Vortrag den Miniſter des
Innern von Hombergk zu Vach, den Geheimen Staats=
rat
Krug von Nidda, den Kabinettsſekretär Dr. Wehner.
* Beſtätigt haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
die durch die Dekanatsſynode des Dekanats
Grünberg für den Reſt der laufenden Wahlperiode voll=
zogene
Wahl des evangeliſchen Pfarrers Otto Röschen
zu Freienſeen zum Dekan des Dekanats Grünberg und
dem Pfarrer Karl Strack zu Uſenborn die evangeliſche
Pfarrſtelle zu Echzell, Dekanat Nidda, übertragen.
* Verliehen haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
her
zog dem Kirchendiener Peter Schwarz II. zu
Guntersblum, Kreis Oppenheim, das Allgemeine Ehren=
zeichen
mit der Inſchrift Für treue Dienſte‟
* Großh. Regierungsblatt. Die Beilage Nr. 16
vom 13. Juni hat folgenden Inhalt: 1. Ueberſicht
der von Großh. Miniſterium des Innern für das Etats=
jahr
1912 genehmigten Umlagen zur Beſtreitung der
Kommunalbedürfniſſe der Gemeinde Ebersheim im Kreiſe
Mainz. 2. Ueberſicht der für das Etatsjahr 1912 ge=
nehmigten
Umlagen zur Beſtreitung der Kommunal=
bedürfniſſe
in den Landgemeinden des Kreiſes Worms.
3. Ueberſicht der von Großh. Miniſterium des Innern
für das Rechnungsjahr 1912 zur Erhebung genehmigten
Umlagen zur Beſtreitung der Kommunalbedürfniſſe in
den zum Finanzamtsbezirk Ober=Ingelheim gehörigen
Gemeinden des Kreiſes Bingen. 4. Ueberſicht der von
Großh. Miniſterium des Innern für das Rechnungsjahr
1912 genehmigten Umlagen zur Beſtreitung der Kom=
munalbedürfniſſe
der Stadt Bingen. 5. Ueberſicht der
von Großh. Miniſterium des Innern zur Beſtreitung
der Kommunalbedürfniſſe genehmigten Umlagen der
iſraelitiſchen Religionsgemeinden des Kreiſes Worms
für 1912. 6. Ueberſicht der von Großh. Miniſterium
des Innern genehmigten Umlagen des iſraelitiſchen
Friedhofsverbandes Dalsheim im Kreiſe Worms für
1912. 7. Bekanntmachung, die Dienſtverrichtungen eines
beeidigten Ueberſetzers und Dolmetſchers für die eng=
liſche
Sprache für die Geſchäftsbereiche ſämtlicher Großh.
Miniſterien betreffend.
-g. Strafkammer. Der Kutſcher Felix W. hatte
ſich geſtern wegen Amtsanmaßung in zwei Fällen vor
der hieſigen Strafkammer zu verantworten. Der Ange=
klagte
war als Wächter bei der hieſigen Wach= und
Schließgeſellſchaft tätig, und als im März dieſes Jah=
res
bekannt wurde, daß in der hieſigen Techniſchen Hoch=
ſchule
Ueberzieher geſtohlen worden ſeien, fühlte er den
unwiderſtehlichen Drang in ſich, dieſen Diebſtahl aufzu=
klären
. Er erſchien in der Wohnung eines früheren
Freundes, ſtellte ſich als Kriminalbeamter vor und be=
ſchuldigte
deſſen Sohn als Paletotmarder. Im zweiten
Fall erzählte in einer Wirtſchaft der Fuhrwerksbeſitzer
Plößer in Gegenwart des Angeklagten, daß ihm ein
Paket vom Wagen geſtohlen worden ſei. Auch hier
ſtellte ſich der Angeklagte als Kriminaler vor und be=
ſchuldigte
den Fahrburſchen des Diebſtahls. Das Ge=
richt
ahndet dieſe Wichtigtuerei des Angeklagten mit 40
Mark Geldſtrafe.
Nach einem Tanzvergnügen in Nonrod am 24. März
1912 kam es zwiſchen jungen Burſchen aus Nonrod und
Laudenau wegen eines Mädchens zu Streitigkeiten, die
auch in Tätlichkeiten ausarteten. Als in deren Verlauf
der Schreiner Falter aus Laudenau von dem Maurer
Philipp Berg aus Nonrod zu Boden geworfen wurde,
bäumte ſich in dem 17jährigen Dienſtknecht Philipp Rei=
mund
aus Laudenau der Lokalpatriotismus auf gegen
das Unterliegen eines Dorfgenoſſen, er fiel über den ge=
bückt
ſtehenden Berger her und verſetzte ihm vier Meſſer=
ſtiche
in den Rücken. Zwei davon trafen die Lunge.

Berger war durch die ſchweren Verletzungen 7 Wochen
arbeitsunfähig. Das Gericht verurteilte den jugend=
lichen
Meſſerhelden zu 3 Monaten Gefängnis.
Wegen mehrerer gemeinſchaftlich ausgeführter Dieb=
ſtähle
haben ſich der 33jährige Sattlermeiſter Georg Hein=
rich
Michel, der 31jährige Taglöhner Peter Greß und
der 36jährige Schreinermeiſter Ludwig Hölzer, ſämt=
lich
aus Reinheim, zu verantworten. Sie gingen im
Frühjahr 1910 unter Anführung des Sattlermeiſters
Michel in den umliegenden Ortſchaften von Reinheim
auf Beute aus, ohne daß man damals der Täter habhaft
werden konnte, bis vor kurzem der Taglöhner Greß, an=
ſcheinend
aus Aerger darüber, daß ihm Michel kein Geld
mehr gab, die Diebſtähle anzeigte. Geſtern wurden nun
dem Kleeblatt drei Diebſtähle zur Laſt gelegt. Am 23
März 1910 ſollen ſie in Spachbrücken dem Bahnwärter
Heinrich Reichert und am 24. März dem Pfarrer Storck
je einen Bienenſtock in Ueberau im Werte von etwa 30
Mark geſtohlen haben. Außerdem ſollen ſie im Frühjahr
1910 mehrere Male in die verſchloſſene Scheune der Rein=
heimer
Dreſchgeſellſchaft mit Gewalt eingebrochen ſein
und verſchiedene Werkzeuge mitgenommen haben. Hier
haben ſie auch einen älteren, aber noch verwendbaren
Treibrimen und eine Saugpumpe geſtohlen, die einen
Wert von etwa 200 Mark hatten. Sie beſtreiten im letz=
ten
Falle, daß ein ſchwerer Diebſtahl vorliegt, da ſie die
Scheune ohne Gewalt öffnen konnten. Das Gericht nahm
in dieſem Falle ſchweren Diebſtahl an und verurteilte
Michel unter Einbeziehung von drei früher erlittenen
Strafen von je 3 Monaten zu 3 Jahren 3 Monaten
Gefängni Greß zu 10 Monaten Gefäng=
nis
, Hölzer wird freigeſprochen, da ſeine Teilnahme
nicht als nachgewieſen erachtet wurde. Den beiden
Verurteilten wird ein Monat der Unterſuchungshaft an=
gerechnet
. Michel wurden außerdem die bürgerlichen
Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren aberkannt.
js. Reichsgerichtsentſcheidung. In der Ludwigſtraße
zu Offenbach war wegen Legung einer elektriſchen
Leitung der zementierte Teil des Trottoirs auf etwa
einen halben Meter aufgebrochen worden. Nach Been=
digung
der Arbeiten hatten ſtädtiſche Arbeiter den Ze=
mentbelag
wieder hergeſtellt und zum Schutze desſelben
einige Dielen quer über das Trottoir gelegt. Dieſe Die=
len
blieben mehrere Tage liegen und wurden nachts nicht
beſonders beleuchtet. Am 22. April 1909, abends gegen
9 Uhr, iſt vor dem Grundſtück Nr. 66 der Ludwigſtraße
die Ehefrau des Schreinermeiſters C. über die Dielen zu
Fall gekommen und hat ſich erheblich verletzt. Sie bean=
ſprucht
von der Stadtgemeinde Offenbach Erſatz ihres
Schadens. Das Landgericht Darmſtadt hat den
Klageanſpruch dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt.
Vom Oberlandesgericht Darmſtadt iſt aber die Klage ab=
gewieſen
worden. Das Oberlandesgericht erkennt an,
daß der Unfall darauf zurückzuführen iſt, daß die frag=
liche
Stelle des Bürgerſteigs nicht beleuchtet war bezw.
die Anordnung der für die Sicherheit des Verkehrs er=
forderlichen
Maßregeln unterlaſſen worden iſt. Es ver=
neint
aber eine Haftung der Beklagten, weil die Beklägte
den Entlaſtungsbeweis des § 831 des Bürgerlichen=
Geſetzbuches bezüglich des Bauinſpektors G. geführ
habe. Dieſem war die Ueberwachung und Unterhaltung=
der
fraglichen Straße übertragen; er iſt ein für ſein Fach=
genügend
vorgebildeter, durchaus zuverläſſiger Beamter,
gegen den noch keinerlei Beſchwerden vorlagen. Es trifft
deshalb die Stadt, ſo ſagt das Oberlandesgericht, kein
Verſchulden bei der Auswahl des G. Eine beſondere An=
weiſung
für die Leitung der Verrichtungen des G war
bei der Einfachheit der Sicherungsmaßregeln nicht erfor=
derlich
. Es kann auch den Vertretern der Stadt daraus
kein Vorwurf gemacht werden, daß ſie die Ausführung
der Arbeiten nicht genügend überwachten. Dem Leiter
des Stadtbauamtes oder auch dem Straßenbauinſpektor
kann nach Anſicht des Oberlandesgerichts nicht zugemutet
werden, auch in ſolchen Fällen immer ſelbſt nachzuſehen.
Die Klägerin legte Reviſion beim Reichs=
gericht
ein und führte zur Begründung aus, daß eine
Ueberwachungspflicht der Vertreter der Stadt vorlag; es
müſſe in einer größeren Stadt irgend ein höherer Bau=
beamter
da ſein, der die Ausführung ſolcher Arbeiten
überwacht. Das Reichsgericht erachtete die Reviſion für
begründet; es hat das Urteil des Oberlandesgerichts
aufgehoben und die Sache zur anderweiten Ver=
handlung
und Entſcheidung an das Berufungsgericht
zurückverwieſen.
nn. Von der Techniſchen Hochſchule. Die Ab=
teilung
für Ingenieurweſen hat für das Studienjahr
1912/13 zur Ermittelung der wirtſchaftlichen Abſtände
bei doppelwändigen Druckſtäben folgende Preisauf=
gabe
von 100 Mk. ausgeſchrieben: Bei Druckſtäben,
deren Querſchnitt aus zwei geſchloſſenen Teilen beſteht,
iſt mit Rückſicht auf die Knickgefahr eine Verbindung
der beiden Stabhälften durch Gitterwerk nötig.

Die Schöpferin von Onkel Toms Hütte.
Zum 100jährigen Geburtstage von Harriet Beecher=
Stowe. 1812 14. Juni 1912.
Von Aurelie Meſſer.

Selten hat ein Werk erzählender Art bei ſeinem Er=
ſcheinen
eine ſo lebhafte allgemeine Erregung hervorge=
rufen
, als vor 60 Jahren der Roman der Frau Harriet
Beecher=Stowe: Onkel Toms Hütte‟ Er erſchien
in Amerika in engliſcher Sprache; aber nicht viel ſpäter
war er in alle europäiſchen Sprachen überſetzt und alle
Welt ſprach von dem Buche, und alle Welt ſchrieb über
den Roman. In Parlamenten ward er zum Gegenſtand
von Debatten, und Vereine wurden begründet, um ſeine
Tendenz, die der Milderung des Schickſals der ſchwarzen,
im Sklavenſtande lebenden Menſchenraſſen in die Wirk=
lichkeit
umzuſetzen.
Die Verfaſſerin dieſes Werkes aber hatte dieſe
Brandfackel unter die Menſchheit geworfen, ohne eine
Ahnung zu haben von der Bedeutung ihres Werkes und
den Folgen ihrer Tat.
Harriet Beecher hatte am 14. Juni 1812 in Litch=
field
, Connecticut, als die jüngſte Tochter eines weithin
berühmten Kanzelredners, das Licht der Welt erblickt. Im
Elternhauſe die Mutter war wenige Jahre nach der
Geburt Harriets geſtorben und der Vater hatte eine zweite
Ehe geſchloſſen , hatte das Mädchen frühzeitig Liebe und
Intereſſe für Literatur in ſich aufgenommen. Scott, By=
ron
, Moore, Irving wurden gemeinſam geleſen, und mit
elf Jahren hatte Harriet ſchon die beſten Werke der damali=
gen
engliſchen Literatur kennen gelernt und ſchrieb präch=
tige
Aufſätze.
Sie widmete ſich dann dem Lehrberufe und dies
brachte ſie mit einem bedeutenden Philologen zuſammen,
dem um 10 Jahre älteren Profeſſor Calvin E. Stowe,
mit dem ſie ſich am 5. Januar 1836 verheiratete. Der
Gatte, ebenfalls ein literariſch gebildeter Mann, der in
einem Kreis bedeutender und geiſtig reger Perſonen lebte,

regte ſie ſelbſt an zu literariſchem Schaffen, und mit klei=
nen
Erzählungen und Novellen debütierte ſie in Zeitungen.
Auf wiederholten Reiſen mit ihrem Gatten nach dem
Süden hatte ſie dann die Sklavenzüchter von Virginien
und die Negermärkte von New=Orleans kennen gelernt,
und ſie nahm ſich vor, dieſe Eindrücke in einem Roman
zu verwerten. Damals bewegte gerade ein neues Geſetz,
die flüchtigen Sklaven betreffend, das jeden flüchtigen
Sklaven vogelfrei machte, lebhaft alle humanen Geiſter
Amerikas, und Frau Beecher=Stowe war erfüllt von dem
Schickſal dieſer armen geplagten Menſchen. So entſtand
Onkel Toms Hütte ein Roman, in dem Greuelſzenen,
deren Opfer die ſchwarzen Sklaven waren, mit packender
Anſchaulichkeit geſchildert werden.
Das Werk erſchien zuerſt in einer großen Zeitung im
Jahre 1851 bis zum März 1852. Ihr Gatte erzählt, das
Buch wurde in Sorgen geſchrieben, mit einem faſt ge=
brochenen
Herzen, denn ſie empfand alle Leiden, welche
ſie beſchrieb, und die noch größeren Leiden, welche ſie nicht
beſchreiben durfte.
Frau Beecher=Stowe bot nun das Werk zum Erſcheinen
in Buchform einer Boſtoner Firma an, und da dieſe die
Offerte zurückwies, bemühte ſich die Autorin nicht weiter
um den Druck. Aber die Gattin eines anderen Boſtoner
Verlegers, Mr. Jewett, hatte den Roman in der Zeitung
verfolgt und machte ihren Gatten darauf aufmerkſam, der
ſchrieb an den Profeſſor Stowe, und das Ehepaar machte
ſich auf den Weg, um den Kontrakt mit dem Verleger zu
machen. Sie ſtimmten allen Vorſchlägen des Verlegers
zu, und auf dem Heimwege ſagte Frau Harriet zu ihrem
Gatten: Vielleicht bringt es mir ſo viel, daß ich mir ein
neues ſeidenes Kleid machen laſſen kann!
Wenige Monate ſpäter begab ſich das Ehevaar wie=
der
zu dem Verleger und dieſer teilte, ſelbſt erfreut, dem
Ehepaar mit, daß der Erfolg unerwartet gut ſei und über=
reichte
dem Profeſſor einen Scheck über 1000 Dollars.
Profeſſor Stowe ſagte ganz verlegen, was er mit dieſem
Scheine zu machen habe, um den Betrag ausgezahlt zu
erhalten; er habe noch niemals ſolche Summe geſehen.

Bei dem abermaligen Beſuche aber, ſo erzählt der
Verleger, war das Ehepaar bereits vollſtändig orientiert
über Geldangelegenheiten, wußte Beſcheid, wie man Ka=
pitalien
anlege, zeigte ſich mehr als mißtrauiſch gegenüber
dem Verleger und forderte eine ſo genaue Rechnungsleg=
ung
, wie kein anderer Autor dieſes Verlegers.
Frau Beecher=Stowe war mit einem Schlage eine
Weltberühmtheit geworden. Auf Einladung aus England
kam ſie im Jahre 1853 mit einem ganzen Hofſtaat, ihrem
Gatten und Bruder und Freunden, dorthin, wo man ihr
zu Ehren Meetings und Feſte veranſtaltete, und im
Triumph zog ſie von dort nach Paris, durch die Schweiz
und Deutſchland.
Sie hat dann noch zahlreiche andere Werke veröffent=
licht
, ohne aber große Erfolge zu haben. Ja, ihr Ruhm
und ihre Popularität drohten ſtark zu leiden, als ſie im
Jahre 1868 ein Buch über Byron ſchrieb, das Lord Byron
eines verbrecheriſchen Umganges mit ſeiner Halbſchweſter
bezichtigte. Das Buch erregte einen Sturm des Unwil=
lens
, der auch noch nicht ganz ſich legte, als die Autorin
in einer anderen Schrift zum Teil einen Rückzug antrat.
Ihr geſamtes übriges Schaffen war dann ſehr un=
gleich
: Biographien, belehrende Schriften für die Jugend,
Unterhaltungsſchriften und vielerlei anderes, alles ohne
Bedeutung, ſo daß man ſchließlich zu der Einſicht kam,
daß auch an dem berühmten Roman Onkel Toms Hütte=
die
dichteriſche Geſtaltungskraft gering iſt und der Erfolg
in der Zeitſtrömung lag. Immerhin, daß Frau Beecher=
Stowe dieſe Zeitſtrömung beim Schopfe gefaßt, daß ſie
den Empfindungen von Millionen Menſchen den rechten
Ausdruck gegeben hatte, das war mehr als Zufall und
Glück, das war immerhin ein Funken eines Genieblitzes,
der ihr ein großes Vermögen und dauernden weltlichen
Ruhm eintrug.
Vom Ertrag des Romans hatte ſie ſich eine ſchöne
Beſitzung in Hartford in Connecticut geſchaffen; dort ſtarb
ſie am 1. Juli 1896.

[ ][  ][ ]

Nummer 138.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 14. Juni 1912.

Seite 3.

größer der Abſtand der Stabhälften, deſto geringer
braucht bei gegebener Laſt der Querſchnitt zu ſein, deſto
größer fällt aber der für die Vergitterung notwendige
Materiglaufwand aus. Es muß offenbar bei gegebenem
Querſchnitt einen beſtimmten Abſtand der beiden Stab=
hälften
geben, bei welchem der geſamte Aufwand an
Material und Arbeit, alſo die Koſten des Stabes, einen
kleinſten Wert ergeben. Es iſt für verſchiedene Verhält=
niſſe
zu unterſuchen, unter welchen Bedingungen dieſer
kleinſte Wert der Koſten ſich auf rechneriſchem oder
graphiſchem Weg finden läßt. Auskunft erteilt Profeſſor
Dr. Kayſer. Bearbeitungen ſind bis zum 1. Mai 1913
an das Rektorat der Hochſchule eiuzureichen.
Die Heſſiſche Eiſenbahn=Aktiengeſellſchaft
vereinnahmte: im April 1912 60 189,16 Mk. (gegen
(63091,70 Mk. im Vorjahr), im Mai 1912 79077,11 Mk.
(gegen 63 249,20 Mk. im Vorjahr.) Demnach in beiden
Monaten zuſammen 139 266,27 Mk. gegen 126340,90 Mk.
im Vorjahr oder 12925,37 Mk. mehr. Hiervon entfallen
auf die elektriſchen Linien im April 1912 36511,16 Mk.,
für das Wagenkilometer 39,15 Pfg., gegen 37018,70 Mk.,
für das Wagenkilometer 39,17 Pfg. im Vorjahr; im
Mai 1912 51 486,11 Mk., für das Wagenkilometer
40,81 Pfg., gegen 38 096,20 Mk., für das Wagenkilometer
37,04 Pfg. im Vorjahr. Dieſe Aufſtellung iſt ſehr
intereſſant. Sie zeigt, daß die Einnahmen der elektriſchen
Straßenbahn nach Einführung des neuen Tarifes am
1. April zurückgegangen, nach Eröffnung des neuen
Bahnhofes am 1. Mai dagegen bedeutend in die Höhe
gegangen ſind. Ob für das bedeutende Anwachſen der
Einnahmen im Mai noch andere zufällige Gründe mit
in Frage kommen, kann ghne genauere Unterlagen
nicht feſtgeſtellt werden.
* Ausſtellung. Im Fürſtenſaal wird am Samstag,
den 15. Juni, eine Münchener Spezial=Ausſtellung er=
öffnet
, welche auf dem Gebiete der Volksgeſundheits=
pflege
einen hohen, allgemeinen und wiſſenſchaftlichen
Wert beſitzt. Dieſelbe iſt nur bis inkl. den 18. Juni
geöffnet und nur erwachſenen Perſonen zugänglich.
(Näheres ſiehe Anzeige.)
Der Stenographen=Verein Gabelsberger gegr.
1861 (Prot.: Se. Kgl. Hoheit der Großherzog), hielt am
Mittwoch im Fürſtenſaal ſeine Monatsver=
fſammlung
ab, die ſich eines außerordentlich guten
Beſuches erfreute. Nach Begrüßung durch den erſten
Vorſitzenden und Bekanntgabe diverſer Eingänge konnte
die Aufnahme 14 neuer Mitglieder ſeitens der Ver=
ſammlung
genehmigt werden. Verſchiedenen Mitteilun=
gen
über das 51. Stiftungsfeſt folgte ein Referat des
erſten Vorſitzenden über den am 2. Juni d. J. ſtattgefun=
denen
Bezirkstag Gabelsberger Steno=
graphen
in Bad König i. O. Von den dortſelbſt ins=
geſamt
verliehenen 169 Aufzeichnungen errang der Ver=
ein
von 1861 40, und zwar 5 Ehrenpreiſe, 6 erſte, 22
zweite, 6 dritte und eine lobende Erwähnung in den
Abteilungen von 60260 Silben. Der von Seiner
Durchlaucht dem Grafen zu Erbach=Schönberg für die
höchſte Leiſtung des Wettſchreibens geſtiftete koſtbare
Ehrenpreis ging an Fräulein Eva Burger (Mitglied
des Damenvereins) für eine Leiſtung von 260 Silben
pro Minute über. Zwei Mitglieder des Vereins
wurden in den Bezirksvorſtand gewählt. Nach einem
kurzen Hinweis auf das am 30. Juni 1912 in Höchſt a. M.
anläßlich des 33. Verbandstags ſtattfindende Wett=
ſchreiben
wurde die in allen Teilen angeregt verlau=
fene
Verſammlung geſchloſſen und die Mitglieder blieben
noch einige Zeit gemütlich beiſammen. Für den näch=
ſten
Monat iſt ein größeres Sommerfeſt ge=
plant
, zu welchem die Vorbereitungen durch den Ver=
gnügungs
=Ausſchuß bereits im Gange ſind.
* Hugenſchütz' Felſenkeller. Der gute Beſuch, der
bei den Konzerten auf Hugenſchütz’ Felſenkeller zu ver=
zeichnen
iſt, beweiſt, daß ſtets etwas Gutes geboten wird.
Heute Freitag findet abends wiederum ein großes
Militär=Konzert ſtatt, ausgeführt von der Ka=
pelle
des Leibgarde=Regiments. Im Programm: Sang
und Klang aus Steiermark, Militaria großes patrio=
tiſches
Potpourri. (Siehe Anzeige.)
* Berichtigung. In unſerem geſtrigen Artikel Ge=
fährdete
Jngend Beſſunger Knabenhort iſt
im vorletzten Abſatz zu leſen: meiſtens 10 Mark ſtatt
mindeſtens.
* Siegreiche Schützen. Bei dem Gruppenſchießen
veranſtaltet vom Schützenklub Darmſtadt, errangen ſich
folgende Schützenvereine Preiſe nebſt Diplomen: 1. Preis
Schützengeſellſchaft Immergrün mit 153 Ringen. 2. A=Preis

mit 147 Ringen Weidmannsheil. 2. B=Preis mit 133
Ringen Edelweiß. 3. Preis mit 128 Ringen Frohſinn.
* Diebſtahl. Am Mittwoch mittag wurde auf
einem an der Roßdörferſtraße gelegenen Lagerplatz eine
Hütte aufgebrochen und ein Paar gute Schnürſtiefel ge=
ſtohlen
. Anzeige iſt erſtattet.
g Die angebliche Mordaffäre, die das Dienſt=
mädchen
Anna Stief aus Boden einer Freundin
erzählte, und wegen der äußerſt ſchweren, aber von
vornherein unwahrſcheinlichen Selbſtbeſchuldigungen von
der Polizei in Haft genommen wurde, hat ſich nach den
angeſtellten Ermittelungen als völlig unwahr
herausgeſtellt. Sie gab auch auf wiederholten Vorhalt
zu, daß ſie die Geſchichte lediglich erzählt habe, um ſich
bei ihrer Freundin intereſſant zu machen. Bis zu ihrer
Großjährigkeit befand ſie ſich in Zwangserziehung. Von
der Polizei iſt ſie alsbald wieder auf freien Fuß geſetzt
worden.
sd. Beerfelden, 12. Juni. In den nächſten Tagen
wird uns Herr Oberpfarrer Waldeck verlaſſen, um
nach ſeinem neuen Arbeitsfeld in Wohnbach in Ober=
heſſen
zu überſiedeln. Nur durch ſeine angegriffene Ge=
ſundheit
gezwungen, unſer ſehr ſtarkes Kirchſpiel mit
einem kleineren zu vertauſchen, iſt er uns ein unermüd=
licher
Seelſorger geweſen und hat ſich vor allem den
Armen mit großer Liebe gewidmet. Wir ſehen den be=
liebten
Mann mit ſchmerzlichem Bedauern ſcheiden und
wünſchen, daß die Arbeit in ſeiner neuen Gemeinde ſeine
geſchwächte Geſundheit weniger angreift.
Mainz, 13. Juni. Dienstag abend ſaßen zwei Frauen
im Garten einer Wirtſchaft in der Emmeransſtraße.
Ein im Hauſe wohnender Gerichtsvollzieher, der zu=
fällig
zum Fenſter hinausſah, bemerkte, daß die beiden
Frauen zwei ſilberne Platten auf denen das
Eſſen aufgetragen worden war, beim Weggehen der Kell=
nerin
auf die Stühle legten und ſich darauf ſetzten.
Er teilte ſeine Beobachtungen dem Wirt mit, der hierauf
die beiden Damen beobachten ließ. Bei günſtiger Ge=
legenheit
wickelten dieſe die ſilbernen Plat=
ten
in Papier ein und entfernten ſich damit, als ſie
bezahlt hatten. Sie wurden verfolgt bis zur Stadthaus=
ſtraße
, wo einem Polizeiwachtmeiſter der Diebſtahl mit=
geteilt
wurde. Die Diebinnen wurden auf die Polizei=
wache
gebracht und ihnen dort die Silberplatten abge=
nommen
. Die Kriminalpolizei nahm die Diebinnen in
Haft und bei einer Hausſuchung ſollen ſich noch mehrere
geſtohlene Sachen vorgefunden haben.
Mainz, 13. Juni. In der vergangenen Nacht wurde
im Eiſenbahntunnel unweit des Südbahnhofes
ein als Sicherheitspoſten für eine arbeitende Kolonne
aufgeſtellter Bahnarbeiter von einem den Tunnel
paſſierenden Zuge überfahren. Der Rottenführer,
ein Bruder des Verunglückten, vermißte die beim Heran=
nahen
eines Zuges von dem Sicherheitspoſten zu geben=
den
Signale und ſuchte daraufhin den Tunnel ab wo=
bei
er ſeinen Bruder mit zerſchmettertem Schä=
del
tot auffand.
Worms, 13. Juni. Geſtern vormittag 11 Uhr be=
gann
im großen Feſthausſaale die Jahrestagung
des heſſiſchen Hebammenverbandes zu
der mehr als 200 Frauen eingetroffen ſind. Als Vertre=
ter
des Großh. Miniſteriums war Geh. Ober= Medizinal=
rat
Hauſer=Darmſtadt, als Vertreter des Großh.
Kreisamts Worms Kreisamtmann Emmerling, Kreis=
arzt
Geh. Medizinalrat Dr. Fertig=Worms und Kreis=
aſſiſtenzarzt
Dr. Freſenius anweſend. Frau Kirſchſtein,
die Vorſitzende des Verbandes, hieß die Erſchienenen
willkommen. Geh. Ober=Medizinalrat Dr. Hauſer be=
grüßte
die Tagung namens des Großh. Miniſteriums
aufs herzlichſte, wünſchte ihr den beſten Erfolg und ſprach
weiter den Wunſch aus, daß es gelingen möge, alle zur
Verhandlung ſtehenden Fragen zu einem befriedigenden
Ergebnis zu führen. Es folgte ein Vortrag des Medizi=
nalrats
Dr Kupferberg, Direktor der Großh. Hebammen=
lehranſtalt
in Mainz, und von Frl. Winkler. Einige Vor=
träge
mußten wegen Verhinderung der Referenten aus=
fallen
.
Worms, 13. Juni. Geſtern abend gegen 6 Uhr
ſtürzte das 8 Jahre alte Söhnchen eines hier in
der Bärengaſſe wohnhaften Maurers von der Terraſſe
des diesſeitigen Brückenkopfes etwa 5 Meter hoch
ab und blieb bewußtlos liegen Nachdem das Kind als=
bald
mittels Krankenwagens ins Krankenhaus gebracht

war, ſtellte die ärztliche Unterſuchung feſt, daß es glück=
licherweiſe
nur leichte Verletzungen davon getragen hatte.
Oppenheim, 12. Juni. In einem Anfall von
Geiſtesſtörung ſtürzte ſich geſtern nachmittag der
24jährige Sohn Franz der Witwe Heilmann, der
tags vorher aus der Fremde zurückgekommen war, in die
Pfuhlgrube auf dem Hofe der elterlichen Wohnung
und ertrank.
Wöllſtein, 13. Juni. Mit der am 15. Juni erfolgenden
Aufhebung der Großh. Bezirkskaſſe tritt eine Aende=
rung
der Territorial=Organiſation der
Lokalkaſſeſtellen des Großherzogtums dahin ein,
daß für die bisher zu dem Bezirk der eigenen Erhebung
der hieſigen Bezirkskaſſe gehörenden Gemeinden Eckels=
heim
, Gumbsheim, Siefersheim, Volxheim und unſere
Gemeinden hier eine Untererhebeſtelle errichtet
wird, während die Ggmeinden Bodenheim und Pleiters=
heim
mit der Untererhebeſtelle Pfaffenſchwabenheim ver=
einigt
werden. Die Untererhebeſtellen Wöllſtein, Pfaffen=
ſchwabenheim
, Boſenheim, Freilaubersheim und Für=
feld
werden der Bezirkskaſſe Bingen, die Untererhebe=
ſtellen
Gau=Bickelheim und Wallertheim der Bezirkskaſſe
Nieder=Olm, und die Untererhebeſtellen Stein=Bockenheim
und Wendelsheim der Bezirkskaſſe Alzey zugeteilt.
Bad Nauheim, 13. Juni. Die Bahnärzte des
Eiſenbahndirektionsbezirks Halle a. d. Saale beſuchten
geſtern nachmittag Bad Nauheim und beſichtigten die
Bäder und ſämtliche Kuranlagen.
Grünberg, 12. Juni. Im Merlauer Teich wäre
geſtern beinahe ein dreizehnjähriger Schüler ertrun=
ken
, wenn er nicht von einem jungen Mann namens
Rübſamen mit eigener Lebensgefahr und unter Mit=
hilfe
eines anderen jungen Mannes namens Rettig ge=
rettet
worden wäre.
Nidda, 13. Juni. Bei der Anlage eines Blitzablei=
ters
auf dem Johanniterturm (die ehemalige
Johanniterkirche wurde im 30jährigen Kriege zerſtört
bis auf den Turm) ſtellte ſich heraus, daß das Gebälk,
in dem der Wetterhahn ſaß, angefault war. Dach=
deckermeiſter
Ortt übernahm die Arbeit, den Knopf nebſt
Hahn herabzunehmen. Er brachte ein Gerüſt an der
Nordſeite des Turmes an und nahm vorgeſtern Knopf
und Hahn herab. Im Knopf befand ſich ein irdenes
Töpfchen mit der Jahreszahl 1804. Es enthielt drei
Schriftſtücke, zwei von 1796 und eines von 1804. Letz=
teres
berichtet von einem Blitzſchlag, der den Turm traf,
ohne zu zünden, aber große Verheerungen am Gebälk
verurſachte.

Reich und Ausland.

Aus Fr Reichshauptſtadt, 12. Juni. Der König
von Bulgarien ſchenkte aus Anlaß ſeines Beſuches
2000 Mk. zur Verteilung an arme bulgariſche Studenten
in Berlin. Wie das Berliner Tgbl. aus angeblich gut
unterrichteter Quelle erfahren haben will, ſoll Muley
Hafid, der Sultan von Marokko, die Abſicht haben,
nach Berlin zu kommen, um hier einige Wochen zu ver=
bleiben
. Ein ſchweres Bootsunglück ereig=
nete
ſich auf dem Tiefenſee bei Potsdam, jenem Havel=
arm
, der von der Glienicker Brücke nach der Langen
Brücke in Potsdam führt. Die Füſilierg Philipp Dröge,
Auguſt Schmidt I. und Guſtav Herrmann von der 12.
Kompagnie des 1. Garde=Regiments zu Fuß in Pots=
dam
unternahmen mit der 18jährigen Berta Rauſch und
der 17jährigen Martha Budau aus Nowawes eine Kahn=
fahrt
auf dem Tiefenſee zwiſchen der Huſarenkaſerne und
dem Park Babelsberg. Um die Mädchen beim Rudern
abzulöſen, wurden die Plätze gewechſelt, wobei das Boot
kenterte und die Inſaſſen ins Waſſer fielen. Dem Herr=
mann
gelang es, ſchwimmend das Ufer zu erreichen.
Schmidt kämpfte lange mit den Wellen, ohne ſich über
Waſſer halten zu können nud Dröge und Martha Budau
waren ſofort an der Unfallſtelle verſunken. Zwei hinzu=
kommende
Ruderer konnten nur noch die Berta Rauſch,
die dem Tode nahe war, retten und ins Leben zurück=
rufen
. Dröge war Rekrut, die beiden anderen dienten
im zweiten Jahre. Als geſtern der Förſter Meder in
Groß=Machnow bei Mittenwalde dem Schmiedemeiſter
Hoffmann eine ſchadhafte Stelle an ſeinem Gowehr
zeigte, entlud ſich die Waffe und ein Schuß traf die
Frau des Schmiedemeiſters in den Kopf, fodaß ſie auf
der Stelle tot war.
Frankfurt a. M., 12. Juni. Das Feldbergfeſt
das die Turnvereine der deutſchen Turnerſchaft alljährlich

Feuilleton.

* Ein Deutſcher Bund zur Bekämpfung der Frauen=
Emanzipation iſt in Weimar mit dem Sitze dort entſtan=
den
. Der Bund bezweckt die Beſeitigung aller ſchädlichen
Einflüſſe der modernen Frauenbewegung und die Erhal=
tung
der natürlich=geſunden Stellung der Frau als Gat=
tin
, Mutter. Geführtin und Mite rbeiterin des Mannes
auf nationalem und ſozialem Gebiete. U. a. bekämpft
der Bund alle Beſtrebungen, die ſich auf die Lockerung
der Ehe und die Verwirrung von Zucht und Sitte rich=
ten
und verwirft die Gemeinſchaftserziehung aus päda=
gogiſchen
und nationalen Gründen. Erſter Vorſitzender
iſt Profeſſor Dr. Sigismund; der Aufruf iſt außerdem
unterzeichnet von Profeſſor Tübbecke, Regiſſeur Wilhelmi
und Frau Adolf Bartels (ſämtlich in Weimar) und vielen
namhaften Perſönlichkeiten des Reiches.
* Neue Briefmarken und Stempel im Aegäiſchen Meer.
Die =Briefmarkenſammler werden mit Freuden hören, daß
die zwölf Inſeln, die von den Italienern kürzlich beſetzt
wurden, beſchloſſen haben, für den inneren Verkehr eigene
Briefmarken einzuführen. Für den äußeren Verkehr hat
die italieniſche Regierung den Gebrauch italieniſcher Brief=
marken
verfügt. Die erſte Inſel, die Briefmarken beſtellt
hat, iſt Kalymnos. Sie hat damit Aſpiotis in Korfu be=
auftragt
, der auch die Briefmarken für das Königreich
Griechenland anfertigt. Die Briefmarken von Kalymnos
ſtellen in der Mitte eine Lyra dar, das Attribut des Gottes
Apollon, mit der Aufſchrift Demarchia Kalymnu und der
Angabe des Wertes 5, 10, 20 und 50 Lepta. Die Inſel
Symi hat in Athen vier Stempel von folgender Geſtalt be=
ſtellt
: In der Mitte befindet ſich ein Kreuz, am Rand zwei
konzentriſche Ringe. Der äußere Ring enthält auf vier
Stempeln die italieniſche Aufſchrift: Munieipio dell’ Isola
di Symi. Im inneren Ring wechſelt die griechiſche Auf=
ſchrift
; im erſten Stempel lautet ſie: Demarchia Symis
Municipalität von Symi, im zweiten: Tmema Hgieis-
nomeiu
Sanitätsabteilung, im dritten: Tmema Telo
neiu Zollabteilung, im vierten: Tmema Tachydromeiu
Poſtabteilung. Alle vier Stempel enthalten im äußern
Ring unten die Jahreszahl 1912.
(2) Auf der Wüſtenreiſe mit Muley Hafid. Am 5. Juni
hat Muley Hafid ſeine Reſidenzſtadt Fez, die heilige

Stadt unter den wüſten Klängen marokkaniſcher Muſik
und unter wehenden Bannern verlaſſen: Rabat iſt ſein
Ziel und einſtweilen weiß niemand, wie lange er hier blei=
ben
wird, denn ſpäteſtens Mitte Juli will der Sultan der
Marokkaner in Paris eingetroffen ſein. El Mokri, ſein
getreuer Miniſter, und ſein Großveſir Si Kaddur Ben Gha=
brit
begleiten mit zahlloſen Sheriffs und Notablen und mit
einem ganzen Harem den Herrſcher bei ſeiner Reiſe durch
die Wüſte: bis zu den Ufern des Sidi=Kaſſem hat es ſich
ſogar der franzöſiſche Geſandte mit ſeinem ganzen Geſandt=
ſchaftsperſonal
nicht nehmen laſſen, dem franzöſiſchen
Sultan das Ehrengeleit zu geben. In dem Gefolge aber
reitet auch ein franzöſiſcher Journaliſt mit, Edouard Helſey,
der im Journal eine feſſelnde Schilderung dieſer Wüſten=
reiſe
mit Muley Hafid gibt. Denn Seine Marokkaniſche
Majeſtät reiſen von Prunk und leuchtenden Farben um=
geben
, und die ganze Wunderwelt des Orients tut ſich auf,
wenn man dieſe lange Kavalkade langſam über die aus=
gedörrte
Wüſte dahinziehen ſieht.
An der Spitze des Zuges balanzieren die Muſiker des
Maghzen auf ihren Mauleſeln; die Herren Hofmuſikanten
haben ihre prachtvollſten Gewänder angelegt und tragen
ihre Ueberwürfe mit einer ſtolzen Würde, die unwillkürlich
komiſch wirkt. Ihre Tuniken ſtrahlen und leuchten in den
prächtigſten Farben und ſind wahrhaft eine Augenweide,
aber im übrigen legen dieſe Hofmuſikanten den Ohren der
Mitreiſenden fremdartige und grauſame Qualen auf, un=
ermüdlich
begleiten ſie den Zug mit trübſeligen marokka=
niſchen
Märſchen, ihre Lungen ſcheinen unerſchöpflich, ſie
werden des Blaſens nicht müde. Und kaum zehn oder
zwanzig Meter hinter dieſem wüſten Chaos entfeſſelter
Töne reitet Muley Hafid ſelbſt, der Sultan der Marokka=
ner
, den Turban um das Haupt geſchlungen. Ernſt und
edel, mit der Grandezza eines Welteroberers, ſitzt er auf
ſeinem prachtvollen grauen Pferde, deſſen violettes Zaum=
zeug
auf dem hellen Felle des Tieres aufleuchtet. Unaus=
geſetzt
ſchwingen zu beiden Seiten des Sultans zwei
Diener wallende Schleier, um zudringliche Fliegen von
der Sherifiſchen Majeſtät fernzuhalten. Und in weiteren
Abſtänden reiten zwei Reihen Neger mit langen Piken und
Lanzen, an deren Spitzen purpurrote Stoffe flattern. Dem
Gefolge vorauf aber wird das rote Banner des Sultans
getragen, gefolgt von einer dichtverhängten von Maul=
eſeln
getragenen Sänfte. Und dieſe ſeltſame afrikaniſche
Kavalkade iſt nun von franzöſiſchen Truppen begleitet,

von Senegal=Schützen, Fremdenlegionären und Spahis.
Bequemlichkeiten hat dieſe Wüſtenreiſe nicht zu bieten,
aber trotz der Schwierigkeiten des Weges und der hundert
kleinen Unannehmlichkeiten wird dieſes Schauſpter noch
lange in meiner Erinnerung fortleben.
In wenigen Jahren werden die marokkaniſchen Sul=
tane
wenn es dann noch Sultane gibt mit Extra=
zügen
in eleganten Salon= und Speiſewagen ihre Reiſen
machen. Das wird bequemer ſein, aber weniger ſchön und
maleriſch, als dieſer langſame, bunte Ritt durch die Wüſte
mit ſeinen Unterbrechungen, mit den nächtlichen Lager=
ungen
, mit den roſigen und orangefarbenen Sonnenauf=
gängen
und mit den kleinen, geſtickten Zelten der Frauen.
Die Wüſtenreiſe wird noch eine Weile währen, aber Muley
Hafid der gegenwärtig an einem Furunkel leidet, hofft
doch, ſchon am 15. in Rabat zu ſein. Wie lange der Sul=
tan
dort weilen wird, ſteht, wie geſagt, noch nicht feſt, aber
es iſt angeblich ſein Wunſch, ſpäteſtens am 14. Juli, am
Tage des franzöſiſchen Nationalfeſtes, in Paris zu ſein.
Dann aber wird er, nach dem Berichte Helſeys, nur noch
ein Ziel kennen: er will die Bürde ſeiner Macht auf die
Schultern eines ſeiner Söhne abwälzen. Und er hat ja
Hunderte von Söhnen. Der Glanz und die Gefahren des
Herrſchertums feſſeln ihn nicht mehr. Er, der ſo unerbitt=
lich
und leidenſchaftsvoll Kriege geführt hat, um einen
Thron zu erringen, hat heute nur noch den Wunſch, das
Gewonnene mit ſicheren Renten, guten Anlagen und bür=
gerlicher
Ruhe zu vertauſchen. Der Agitator von Marra=
keſch
will Rentier werden, und ſo iſt ſeine jetzige Wüſten=
reiſe
vorausſichtlich auch die letzte, die er als Herrſcher
und als Majeſtät zu Ende führt.
* Der Kobold im Setzkaſten. Im Argenboten vom 5.
Juni findet ſich folgende amtliche Bekanntmachung: Ver=
fügung
des Miniſteriums des Innern betreffend Maß=
regeln
gegen die Maul= und Klauenſeuche. Vom 30. Mai
1912 . . . 4) Mit der Vornahme der in § 5 Nr. 1 a. a. O.
vorgeſchriebenen Unterſuchung und der daran ſich an=
ſchließenden
Ausſtellung von Geſundheitszeugniſſen können
unter den in Abſ. 2 erwähnten Vorausſetzungen vom Ober=
amt
an Stelle des Oberamtstierarztes an=
dere
zuverläſſige Tiere betraut werden, ſofern
es ſich um Rindvieh (nicht aber Schweine) handelt. Stutt=
gart
, 30. Mai 1912. Piſchek.

[ ][  ][ ]

Seite 4.,

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 14. Inni 1912.

Nummerr 138.

abhalten, findet am kommenden Samstag und Sonntag in
herkömmlicher Weiſe ſtatt; es wird ein rein turneriſches
Feſt ohne irgend welchen Tand ſein. Zum diesjährigen
Feſt ſind ſchon jetzt wieder nahezu tauſend Wetturner ge=
meldet
und zwar nicht nur aus der Taunusgegend, ſondern
auch aus entfernten Städten. Es kann ſchon jetzt geſagt
werden, daß auch in dieſem Jahre das Feſt das bedeu=
tendſte
Bergfeſt der deutſchen Turnerſchaft ſein wird.
Kronberg, 13. Juni. In der Mordſache der 83 jäh=
rigen
Witwe Zimmermann vom 1. Juni iſt der in
Nauen bei Berlin am 9. ds. verhaftete Taglöhner Auguſt
Eberhardt aus Oberhöchſtadt dringend verdächtig.
Er iſt zurzeit des Mordes hier von mehreren Perſonen
geſehen worden und ſeine Fingerabdrücke, die bisher in
Nauen nicht ganz gelungen ſind, verraten große Aehnlich=
keit
. Er wird heute von Nauen nach Frankfurt gebracht,
wo die genauere Unterſuchung angeſtellt werden ſoll.
Leipzig, 13. Juni. Vor dem vereinigten 2. und 3.
Strafſenat des Reichsgerichts begann heute der
Spionage=Prozeß gegen den 44jährigen, aus
Warſchau ſtammenden und zuletzt in Oſtpreußen wohnhaf=
ten
Buchhalter Eduard Barbier. Der Angeklagte ſoll
ſich im Jahre 1911 in Lyck in Oſtpreußen des vollendeten
Verrats militäriſcher Geheimniſſe ſchuldig gemacht haben.
Die Verhandlung wird unter Ausſchluß der Oeffentlichkeit
geführt.
Kaſſel, 12. Juni. Mit einem Traumwandler
in der Perſon eines Handelsmannes T. hatte ſich die hie=
ſige
Strafkammer in erneuter Verhandlung zu be=
ſchäftigen
. Die Angelegenheit hat bereits einmal das
Schöffengericht beſchäftigt, das aber zu einem freiſprechen=
den
Erkenntnis kam. Die Anklage baſierte auf folgendem
Vorfall. Auf dem Bahnhof Rothenburg a. F. übte eines
nachts ein Bahnhofsarbeiter Aufſeherdienſte aus. Zu ſei=
nem
großen Erſtaunen bemerkte er im Warteſaal einen
Mann, der, nur mit Hemd und Unterhoſen bekleidet, in
großer Seelenruhe auf= und abſpazierte. Ab und zu warf
er einen der Reſtaurationstiſche um. Dem Aufpaſſer kam
die Sache rätſelhaft vor. Er näherte ſich dem Unbekannten
und fragte, was er da mache, bekam aber keine Antwort.
Nun wollte er den Fremden mit Gewalt aus dem Warte=
ſaal
bringen, es kam zu einem Kampfe, wobei ſchließlich
der Unbekannte mit Hilfe des Bahnhofsvorſtehers über=
wältigt
wurde. Bei ſeiner Vernehmung behauptete er,
von nichts zu wiſſen. Er ſei an dem fraglichen Tag ſtark
ermüdet geweſen und im Warteſaal eingeſchlafen. Den
Zuſammenſtoß mit dem Bahnhofsarbeiter müſſe er in einem
Zuſtand des Schlafwandelns gehabt haben. Dieſelben An=
gaben
machte der Mann, gegen den Anklage erhoben wurde,
vor dem Schöffengericht, das ihm auch glaubte und ihn
koſtenlos freiſprach. Mit dieſem Urteil war aber der Ver=
treter
der Anklage nicht zufrieden, der Berufualg einlegte.
In der Verhandlung vor der Strafkammer begutachtete
ein mediziniſcher Sachverſtändiger, daß es ſich bei dem An=
geklagten
ſehr wohl um einen Traumzuſtand gehandelt
haben könne. Unter dieſen Umſtänden kam auch die Be=
rufungsinſtanz
zu einem freiſprechenden Urteil.
Haderslebenz 12. Juni. Ein Motorboot aus
Scherrebeck mit fünfzig Perſonen nach Ballum in der Nard=
ſee
, iſt heute nachmittag gekentert. Zwei Damen und
drei Herren aus Scherrebeck ſind ertrunken.
Wien, 12. Juni. Der bei der Pulverexploſion
in Wöllersdorf verunglückte Einjährige Hoffmann iſt heute
nachmittag geſtorben.
Rom, 12. Juni. In einem Lande, wo der Ausſtand
ſeltener wegen Lohnfragen als zur öffentlichen Bekundung
irgend einer Unzufriedenheit oder Mißbilligung angewandt
wird, darf es nicht wunder nehmen, wenn gelegentlich auch
die Prieſter ſtreiken. Denn ſelbſt dem frömmſten
Diener des Herrn kann einmal die chriſtliche Geduld reißen,
wenn Intereſſen ſeines Berufes verletzt werden. So iſt
es am vergangenen Fronleichnamstag in dem Städtchen
Vetralla, am Abhang des Ciminiſchen Waldgebirges, ge=
ſchehen
. Dort fanden ſich am vormittag alle zuſammen,
die ſeit alters an der Prozeſſion teilzunehmen pflegen,
nämlich die hochwürdige Geiſtlichkeit, die Chorknäblein, die
männliche und die weibliche Jugend, die klerikalen Vereine
mit ihren Abzeichen, die Behörden und Stadtmuſikanten
im Feſtgewand und viel Volk. So ging es Jahr für Jahr.
Diesmal aber kam etwas Neues, Unerhörtes hinzu: eine
Gruppe von frommen Frauen, die beſonders die hl. Agnes
verehren, brachten die Statue ihrer Schutzpatronin herbei
und wollten ſie in der Prozeſſion tragen. Dieſem Vorhaben
widerſprach die Geiſtlichkeit, weil es ihr ſchien, daß hier=
durch
die Verehrung für das allerheiligſte Sakrament ver=
mindert
würde. Da aber das übrige Volk zum größten
Teil für die liebe Patronin Partei nahm, ſo blieb den
hochwürdigen Herren, die ihren Standpunkt nicht aufgeben
wollten, nichts übrig, als die Arbeit niederzulegen, die
Paramente auszuziehen und nach Hauſe zu gehen: So
fand die Fronleichnamsprozeſſion in Vetralla heuer ohne
Geiſtlichkeit, aber mit dem Bild der hl. Agnes, ſtatt.
London, 12. Juni. Die engliſchen Behörden
haben beſchloſſen, mit allen Mitteln gegen die Verbreiter
von unſittlichen Schriften und Photographien vorzugehen.
Die Poliziſten, die den Dienſt auf den Straßen verſehen,
haben Befehl erhalten, ein beſonders ſcharfes Auge auf die
Verkäufer ſolcher Schriften und Photographien zu haben.
In London wurden zwei im Alter von 22 und 37 Jahren
ſtehende Männer verhaftet, die in den Straßen von Pieca=
dilly
den Vorübergehenden unſittliche Bücher und Photo=
graphien
angeboten hatten. Sie wurden ſofort vor den
Gerichtshof gebracht, wo ſie nach ganz kurzer Verhandlung
verurteilt wurden. Bei der Urteilsverkündigung erklärte
der Richter, er bedauere lebhaft, den Gefangenen keine
härtere Strafe als neun Monate Gefängnis mit Zwangs=
arbeit
und 25 Peitſchenhiebe mit der ſogenannten
neunſchwänzigen Katze, an deren Ende ſich Bleilugeln be=
finden
, auferlegen zu können. Alſo im liberalen England
gibt es eine Prügelſtrafe, und das von Rechts wegen!
Moskau, 12. Juni. Unter außerordentlichen Feierlich=
keiten
fand heute hier in Gegenwart der Zarenfamilie die
Enthüllung des Denkmals Kaiſer Alexan=
der
III. ſtatt.
New=York, 13. Juni. Die Stadt Buffalo im Staate
Wyoming, die in einer engen Schlucht liegt, iſt durch
einen Wolkenbruch vollſtändig vernichten
worden. Von den 2600 Einwohnern der Stadt konnte ſich
der größte Teil rechtzeitig flüchten, ſodaß die Verluſte an
Menſchenleben gering ſind.
New=York, 12. Juni. In einem Hauſe war ein Brand
ausgebrochen, durch den deſſen Bewohner ſchwer bedroht
waren. Ohne Zögern ſtürzten ſich die zufällig vorbeikom=
menden
deutſchen Matroſen in die Flammen und
retteten unter Gefährdung des eigenen Lebens eine Mutter
mit ihrem Säugling. Als ſie ſich überzeugt hatten, daß
niemand mehr in Gefahr ſei, entzogen ſie ſich unerkannt
dem Beifall der Menge. Man konnte bisher nur feſtſtellen,
daß ſie zur Beſatzung des Kreuzers Stettin gehören und
daß der eine von ihnen Richter heißt.
New=York, 12. Juni. Aus Seward in Alaska melden
Fiſcherboote: Der Aushruch des Vulkans Katmai

hat ſieben Fiſcherboote zerſtört, 200 Perſonen
ſind umgekommen. Die Umgebung von Kodiak wurde in=
folge
des dicken Aſchenregens in eine 40ſtündige Dunkel=
heit
gehüllt. Der Pflanzenwuchs iſt zerſtört.
New=York, 12. Juni. Bei einem Bahnunglück
in der Nähe von Dalton ſind drei Perſonen getötet und
70 verletzt worden.
Auguſta, 12. Juni. In Georgia und Süd=Karolina
wurden heftige Erdſtöße wahrgenommen. Die Neger=
bevölkerung
war in großer Aufregung.

Sitzung der Großh. Handelskammer Darmſtadt

vom 10. Juni 1912.
Am 29. März hat eine Vertreterkonferenz der Heſſiſchen
Handelskammern in Frankfurt a. M. ſtattgefunden, an
welcher als Vertreter der Kammer die Herren Syndikus
Dr.Human und wiſſenſchaftlicher Hilfsarbeiter Dr. Kaſſel
teilgenommen haben. Es kamen hauptſächlich folgende
Verhandlungsgegenſtände in Betracht: Die Frage der
Vor= und Ausbildung der Zollbeamten, wo=
bei
empfohlen wurde, es möchte auch in Heſſen durch Ein=
führung
praktiſcher Ausbildungslurſe unter Leitung er=
fahrener
Zolltechniker eine Verbeſſerung der Vorbereitung
und Fortbildung der mittleren Zollbeamten angeſtrebt wer=
den
. Verleihung von Ehrenurkunden durch
die Handelskammern, angeregt durch die Handels=
kammer
Friedberg. Vereinheitlichung der deut=
ſchen
Eiſenbahnen. Seitens der Handelskammer
Mannheim werden unter Zuſtimmung des Deutſchen Han=
delstages
die hierzu nötigen Vorarbeiten beſorgt. Es ſoll
eine Denkſchrift bearbeitet werden, zu der der Deutſche
Handelstag für 3 Jahre bereits je 3000 Mark bewilligt hat.
Da jedoch die jährlichen Koſten der Vorarbeiten wohl min=
deſtens
9000 Mark betragen werden, müſſen die einzelnen
hauptſächlich intereſſierten Handelskammern zu dem Koſten=
aufwand
noch beitragen. Der Heſſiſche Handelskammertag
hat ſich bereit erklärt, für 3 Jahre je 1000 Mark zu bewil=
ligen
, welche auf die einzelnen Handelskammern entſpre=
chend
umgelegt werden ſollen. Abänderung des
Handeſskammergeſetzes. Das Großh. Finanz=
miniſterium
hatte eine Antwort auf die letzte Eingabe des
Heſſiſchen Handelskammertages überſchickt, worauf noch=
mals
die geſamte Angelegenheit zu eingehender Beratung
in Anweſenheit eines Regierungsvertreters gelangte.
Der Einladung zur Feier der Grundſteinlegung
des 3. Kaufmanns=Erholungsheimes in
Wiesbaden am 28. April d. J. hatte Herr Wilhelm
Kölb als Vertreter der Handelskammer Folge geleiſtet.
Weiter hatte Herr Kölb am 29. April d. J. die Kam=
mer
gelegentlich der Beratungen des Bundes
Deutſcher Nahrungsmittel=Fabrikanten
und=Händler in Wiesbaden bezüglich Fragen
über Kaffee, Tee, Kakao, Schokolade und Schokoladewaren
vertreten.
An den Verſammlungen des Bundes Deut=
ſcher
Nahrungsmittel=Fabrikanten un d
=Händlerin München hat Herr Syndikus Dr. Human
teilgenommen. Am 3. Juni wurde über die in Ausſicht
genommene Neuregelung der Beſtimmungen über den Ver=
kehr
mit Nahrungs= und Genußmitteln verhandelt. Es
ſtellte ſich heraus, daß die Sachlage gegenüber dem Zeit=
punkt
, zu welchem ſeitens der Handelskammer eine Denk=
ſchrift
über das Nahrungsmittelgeſetz und deſſen Hand=
habung
verfaßt worden iſt, noch keine weſentliche Aende=
rung
erfahren hat. Nach ſehr eingehender Beſprechung
wurde daher in vielfacher Uebereinſtimmung mit den be=
reits
unſererſeits geäußerten Wünſchen beſchloſſen, der
Bund Deutſcher Nahrungsmittel=Fabrikanten und= Händ=
leg
möchte bei den geſetzgebenden Körperſchaften des Deut=
ſchen
Reiches dahin wirken, daß das Nahrungsmittelgeſetz
bei ſeiner bevorſtehenden Reform durch eine Anzahl von
Beſtimmungen geändert und ergänzt werden möchte und
daß ferner beim Kaiſerl. Geſundheitsamt eine Zenrralſtelle
für das Deutſche Reich eingerichtet werden möge zwecks
Schaffung einheitlicher Methoden der Unterſuchung von
Nahrungs= und Genußmitteln, Feſtſetzung für die Beur=
teilung
der einzelnen Nahrungs= und Genußmittel uſw.
Am 4. Juni wurde hauptſächlich über die im Deutſchen
Nahrungsmittelbuch befindlichen Feſtſetzungen über Kaffee
verhandelt, welche in der neuen Auflage dieſes Buches zum
Teil weſentliche Abänderugen erfahren ſollen. Die Unter=
ſchiede
zwiſchen Kaffee, den verſchiedenen Kaffeemiſchungen
und Kaffeeſurrogaten ſollen möglichſt präzis im Intereſſe
des kaufenden Publikums feſtgeſetzt werden. Es wurde
z. B. feſtgelegt, daß der Ausdruck Kaffeemiſchung unbedingt
eine Bohnenkaffeemiſchung ſein muß. Es dürfen alſo keine
Surrogate damit vermiſcht ſein. Das Beſtreben ging über=
haupt
dahin, die Mißbräuche, welche ſich herausgebildet
haben, in Zukunft im Intereſſe des reellen Handels und
der Konſumenten zu beſeitigen. Auch über die Frage des
glaſierten oder kandierten Kaffees wurde lange verhandelt.
Die Verhandlungen des 5. Juni erſtreckten ſich zum großen
Teil auf die Feſtſetzung einer Alkoholmindeſtſtärke von
Trinkbranntwein. Hier wurde von einer endgültigen Be=
ſchlußfaſſung
abgeſehen, da die Angelegenheit noch nicht
genügend geklärt erſcheint. Man erklärte ſich jedoch mit
den Leitſätzen einverſtanden, welche ſeitens des Herrn Ge=
heimerat
von Buchka, dem Leiter der techniſchen Prüfungs=
kommiſſion
beim Reichsſchatzamt, aufgeſtellt worden ſind,
unter der Vorausſetzung, daß die zur praktiſchen Durch=
führung
notwendigen Feſtſetzungen der im reellen Gewerbe
üblichen Handelsgebräuche nicht einſeitig von amtlichen
Nahrungsmittel=Chemikern, ſondern im vollen Einverneh=
men
mit den beteiligten Kreiſen getroffen würden.
Der Großh. Bürgermeiſterei Darmſtadt wurde auf eine
entſprechende Anfrage bezüglich Auszahlung der Ar=
beitslöhne
an die gewerblichen Arbeiter
mitgeteilt, daß die bei weitem größte Anzahl der Firmen
unſeres Bezirks ſchon ſeit Jahren die Auszahlung der Löhne
nicht Samstags, ſondern an einem anderen Wochentage,
beſonders Freitags, vornehme. Es liege deshalb, abgeſehen
davon, daß eine Zwangsvorſchrift in dieſem Falle über=
haupt
nicht möglich ſei, für uns kein Intereſſe vor, noch=
mals
beſonders auf geeignete Lohnzahlungstage hinzu=
weiſen
. Andererſeits hätten auch die Detailliſtenkreiſe kein
Intereſſe daran, daß die Lohnzahlungen an verſchiedenen
Wochentagen erfolgen, da hier an keinem Tage ein beſon=
ders
großer Andrang beſtehe.
Seitens des Miniſteriums des Innern war eine An=
frage
an die Handelskammer gelangt wegen der braſi=
lianiſchen
Vorzugszölle für die Einfuhr
aus den Vereinigten Staaten von Amerika.
Es wurde feſtgeſtellt, daß der bei weitem größte Teil der
Exportfirmen des Handelskammerbezirks durch eine weitere
Zollvergünſtigung Braſiliens an die Vereinigten Staaten
ſchwer geſchädigt werden würde. Hierbei kommen haupt=
ſächlich
die Automobilinduſtrie, der Export von Eiſen= und
Stahlwaren, ſowie von chemiſchen und pharmazeutiſchen
Artikeln in Betracht. Das Großh. Miniſterium wurde ge=
beten
, dahin wirken zu wallen Sab.
Seitere Bevor=

zugung der Vereinigten Staaten von Amerika durch Bre
ſilien vermieden werden möchte.
Die Handelskammer hat bezüglich des Verede
lungsverkehlrs mit ausländiſchen Hut
ſtumpen und unausgerüſteten Hüten au
Panamaſtroh an ihrer bereits früher dem Groß!
Miniſterium des Innern gegenüber geäußerten Anſick
feſtgehalten, es erwachſe hierdurch nur den Strohhu=
wäſchereien
an den Hafenplätzen ein Vorteil. Es iſt dahe
unſeres Erachtens die Einführung eines derartigen Ver
edelungsverkehrs zu verſagen.
Da für das Herzogtum Braunſchweig die Errichtun
eines Konſulats in Hamburg geplant wird, war an di
Handelskammer eine Anfrage von der Handelskamme
Braunſchneig bezüglich der Erfahrungen mit der
Großh. Heſſilchen Generalkonſulat i
Hamburg gelangt. Es wurde feſtgeſtellt, daß die übe
Hamburg exportierenden Firmen unſeres Bezirks keiner
lei direkten Nutzen oder Vorteile von dem Beſtehen de
dortigen heſſiſchen Konſulats bis jetzt gehabt haben. Al=
Vertreter von Angelegenheiten des heſſiſchen Staates ha
das Generalkonſulat in Hamburg bis jetzt hauptſächlic
bei dem Abſchluß des Lotterievertrages mit Hambur,
mitgewirkt.
Dem Kaiſerl. Patentamt wurde mitgeteilt, daß die
Marke Garibaldi wohl als ein Freizei=
chen
für die Nadelfabrikation anzuſehen iſt
Auf Grund eines Privatvertrages iſt die Marke von 16
Aachener Nadelfabriken im Mai 1883 als Freizeichen für
Nadeln aller Art anerkannt worden.
Eine entſprechende Anfrage der Handelskammer für
die weſtliche Niederlauſitz in Kottbus wurde dahin be=
antwortet
, daß im Handelskammerbezirk bis jetzt nur
äußerſt ſelten Fälle von Streitigkeiten im Han=
del
mit Oelen und techniſchen Fetten vorge=
kommen
ſeien. Trotzdem ſei es unſeres Erachtens wün=
ſchenswert
, daß eing von der zuſtändigen Handelskam=
mer
vereidigte und hierdurch auch von dem Gerichte aner=
kannte
ſachverſtändige Perſönlichkeit zur Entnahme von
Proben in ſtrittigen Fällen vorhanden ſei. Es erklärte
ſich deshalb die Handelskammer bereit, an der Aufſtel=
lung
diesbezüglicher Vorſchriften mitzuwirken.
Das Reichsbankdirektorium hat ſeine Bau= und
Verwaltungskoſten=Abteilung angewieſen, zukünftig bei
Anſchaffungen aller Art nur noch mit ſolchen Lieferanten
in Geſchäftsverbindung zu bleiben oder zu treten, die ſich
zur Einrichtung eines Bank= oder Poſt=
ſcheckkontos
bereit erklären. Die Bankanſtalten ſol=
len
ebenſo verfahren, ſoweit es nach den örtlichen Ver=
hältniſſen
angängig erſcheine Hierdurch würde nach An=
ſicht
des Reichsbankdirektoriums der bargeldloſe Zah=
lungsverkehr
eine weſentliche Förderung erfahren. In
einer Eingabe an das Großh. Miniſterium des Innern
kann die Handelskammer die vom Reichsbankdirektorium
vorgeſchlagene Maßnahme durchaus nicht als zweck=
mäßig
zur Hebung des bargeldloſen Zahlungsverkehrs
bezeichnen. Außerdem würde dieſe Maßnahme auch einen
unberechtigten Eingriff in das private Geſchäftsleben
bedeuten. Die Handelskammer iſt der Ueberzeugung
daß der bargeldloſe Zahlungsverkehr lediglich durch Aufe
hebung des Scheckſtempels wieder gehoben werden kam.
Es iſt durch die wirtſchaftlich ſehr ſchädliche Maßnahme
der Belegung der Schecks mit einem Stempell eine ſehl
beträchtliche Verringerung des Scheckverkehrs eingetreten.
Auf Erſuchen einer Anzahl von Firmen war die
Handelskammer bei der Eiſenbahndirektion Mainzewegen
einiger Arbeiterzüge vorſtellig geworden. Dakauf=
hin
iſt uns der Beſcheid zu Teil geworden, es könnten
die früheren Perſonenzüge auf der Strecke Groß= Zim=
mern
-Darmſtadt mit Rückſicht auf den übrigen Arbeiter=
verkehr
nicht verlegt und es könne zunächſt auch kein
neuer Zua in Ausſicht geſtellt werden. Wegen der
Abendverbindung von Darmſtadt nach Groß=Zimmern
wurden nähere Erläuterungen gegeben.
Der Eiſenbahndirektion Mainz wurde ein Gutachten
bezüglich der Fracht für Kaffeeſurrogate über=
ſchickt
, in welchem unter eingehender Beantwortung ei=
ner
Anzahl von Fragen der Anſicht Ausdruck verliehen
wurde, eine Frachtermäßigung auf ſämtliche Kaffeeſurro=
gate
würde den Handel mit Kaffee nicht ſchädigen, ſon=
dern
zu einer Steigerung des Abſatzes von Bohnenkaffee
führen, da in den ſeltenſten Fällen Kaffeezuſatz rein und
ohne Bohnenkaffee von der ärmeken Bevölkerung genoſ=
ſen
würde.
Wegen Bgiladung von Gütern in Pri=
vatgüterwagen
, insbeſondere in Privatbierwagen,
wurde an die Eiſenbahndirektion Altona ein umfaſſen=
des
Gutachten erſtattet. Feſtgeſtellt wurde, daß die Bei=
ladungen
ſowohl für den Abſender als auch für den
Empfänger eine große Bequemlichkeit bedeute und von=
keiner
Brauerei, welche auswärtigen Abſatz und Nieder=
lagen
beſitze, mehr entbehrt werden möchte. Schließlich=
wurde
auch noch der Anſicht Ausdruck verliehen, es ſollte
auch anderen Erwerbszweigen, welche Privatgüterwagen
beſitzen, die Beiladung von ſolchen Gütern geſtattet wer=
den
, welche, wie auch bei Bier, dem Abſatz des betreſſen=
den
Erzeugniſſes unmittelbar dienen.
Zwecks Reviſion des Gründ ungsher=
ganges
der Heſſ. Eiſenbahn= Aktien=
geſellſchaft
waren ſeitens der Handelskammer die
Herren Eiſenbahndirektor a. D. Aug. Grooß und der
Handelskammerſyndikus Dr. Human zu Reviſoren be=
ſtellt
worden. Der Reviſionsbericht iſt der Handelskam=
mer
unter dem 27. April ds. Js. überreicht worden,
Von dem Kaiſerl. Konſul in St. Louis iſt eine Liſte
von Käufern deutſcher Waren im Bezirke
St. Louis, Miſſouri und ebenſo von dem Han=
delsſachverſtändigen
in New=York eine Liſte von Käu=
fern
ausländiſcher Waren in New=York
aufgeſtellt worden. Die Liſten ſtehen Intereſſenten uns
ſeres Bezirks zur Einſichtnahme auf dem Bureau der
Handelskammer zur Verfügung.
Eine Neuauflage der Uſingerſchen Ge=
werbeordnung
mit den heſſiſchen Aus=
führungsbeſtimmungen
wird Ende Juni im
Verlage von J. Diemer=Mainz erſcheinen, worauf wir
hiermit aufmerkſam machen.
Seitens der Handelskammer Berlin iſt ein ſehr
zweckmäßiges Agenturvertragsformular ent=
worfen
worden. Dasſelbe kann für 10 Pfg. pro Stück
von der Handelskammer Berlin direkt bezogen werden.

Parlamentariſches.

** Darmſtadt, 13. Juni. Der Finanzaus=
ſchußder
Zweiten Kammer ſetzte heute in Gegen=
wart
der Regierungsvertreter ſeine Beratungen zunächſt
über das Schuldentilgungsgeſetz fort. In
erſter Linie wurde erörtert, wie die Sätze der Schulden=
tilgung
für die nach dem 1. April 1912 zu kontrahierenden
Schulden zu beſtimmen ſeien. Die Regierung hat bekannt=

[ ][  ][ ]

Nummer 138.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 14. Juni 1912.

Seite 5.

lich 1,9 Prozent für werbende und 3 Prozent für nicht=
werbende
Schulden vorgeſchlagen. Seitens des Ausſchuß=
referenten
Dr. Oſann wurde wiederholt geltend gemacht,
daß bei den nichtwerbenden Schulden eine 3prozentige
und damit ſchon in 22 Jahren die Schuld abtragende
Amortiſierung abſolut nicht erforderlich ſei. Hier kämen
hauptſächlich Bauten in Betracht, und dieſe hätten in der
Regel eine längere Abſchreibungszeit, als verbrauchbare
Begenſtände. Der Ausgleichsfonds ſollte, damit auch die
Schwierigkeiten mehrerer aufeinander folgender Jahre
behoben werden können, von ſechs auf zwölf Millionen
erhöht werden. Seien dieſe 12 Millionen erreicht, ſo ſolle
man den Ueberſchuß nicht bedingungslos zur weiteren
Schuldentilgung verwenden, ſondern auch dazu, daß der
Vermögensteil des Etats entlaſtet wird. Der Regierungs=
vertreter
gab zu erwägen, daß eine Schuldentilgung von
1,9 und 3 Prozent doch nach außen hin einen guten Ein=
druck
machen würde und geeignet ſei, den Kurs der
Staatspapiere zu heben, weil man in heſſiſchen Staats=
papieren
eine durch Schuldentilgung geſicherte Anlage
findet. Die Anregung, den Tilgungsfonds zu erhöhen,
fand auch bei der Regierung Anklang. Im Verfolg der
Erörterung über das Mantelgeſetz kamen dann die Anfor=
derungen
der Regierung für die Penſionen den Witwen
und Waiſen in Höhe von 125000 Mark zur Sprache. Es
wurde namentlich darüber verhandelt, ob nicht dieſen
Perſonen ein Anſpruch auf Penſionserhöhung gegeben
werden könne, weil doch viele ſich ſcheuten, auf Grund
ihrer Bedürftigkeit bei der Behörde um Unterſtützung
einzukommen. Dieſe Anſicht wurde verſchiedentlich im
Ausſchuß vertreten, aber von der Regierung mit Rückſicht
auf die finanziellen Folgen unbedingt abgelehnt. Die
Regierung bezifferte die Verleihung des Rechts auf Pen=
ſionserhöhung
auf etwa 250000 Mark jährlich, in welcher
Summe auch die Erhöhung für die Penſionen von Volks=
ſchullehrern
und deren Witwen und Waiſen hineinzu=
rechnen
ſei. Die Regierung habe nach der Bewilligung
einen Fonds von 175000 Mark und hoffe, aus dieſem alle
berechtigten Anſprüche weitgehend befriedigen zu können.
Begen die Forderung der Penſionen wurden aber auch
weiter ſeitens der Regierung, wie einzelner Mitglieder
des Ausſchuſſes prinzipielle Bedenken geltend gemacht.
Mit einigen Ausnahmen habe kein Staat den penſionier=
ten
Beamten ein derartiges Recht verliehen. Den Staats=
dienſtanwärtern
ſoll durch Erhöhung ihrer Bezüge der
Betrag von 126000 Mark zufließen. Hier wurde erwogen
obinicht den Verheirateten und etwa fünf Jahre im Dienſt
befindlichen Anwärtern die Hälfte des Wohnungsgeldes
bewilligt werden könnte. Da hierüber beſtimmte Zahlen=
nachweiſe
nicht erbracht werden können, ſollen dieſe
Wünſche bei der organiſchen Beſoldungsreform weiter
verfolgt werden. Bei der Erörterung der Summe von
4000 Mark für Ausgleichung von Härten bei der Beſold=
ungsvordienſtzeit
wurde darauf hingewieſen, welche Un=
gerechtigkeiten
ſich auf Grund des Artikels 7 der alten
Beſoldungsordnung herausgeſtellt hätten und betont, daß
darin eine Abhilfe notwendig ſei. Eine Vorſtellung eini=
ger
Oberlehrer hätte in dieſer Hinſicht bereits die Zuſtim=
mung
der Zweiten Kammer erhalten. Die Regierung
wies hierbei darauf hin, daß eine Aenderung mit ihren
Folgen einen weiteren Bedarf von etwa 140000 Mark
notwendig machen würde, die nicht vorhanden ſeien.
Bei der Erhöhung der Bezüge der nicht angeſtellten
Schreibgehilfen wurde ſeitens der Regierung verſichert,
daß dieſe Stellenzulage nicht in Wegfall kommen würde.
Es wurde nunmehr in der Debatte auf den Streitpunkt
zurückgegriffen, in welcher Höhe den Beamten die Beſold=
ungs
= und Gehaltserhöhung gegeben werden ſolle. Die
Fraktion des Bauernbundes will, da ſie ein Gegner des
Wohnungsgeldes iſt, einen Unterſchied zwiſchen Wohn=
ungsgeld
und Gehalt nicht machen, und auch von den ge=
ſamten
Beträgen an Gehalt und Wohnungsgeld nur 80
Prozent=bewilligen, da es ſich ja nur um ein Proviſo=
rium
für das Jahr 1912 handele und da die Mittel, die
Geſamtforderungen der Regierung zu bewilligen, nicht
vorhanden ſeien. Dem wurde entgegnet, daß die Regier=
ung
die Mittel in dem geſamten Bedarf nachgewieſen
habe und daß außerdem die Steuererhöhung für die
Jahre 1913 und 1914 nach der Regierungserklärung ganz
in Wegfall komme, welch letzterer Umſtand doch bei der
geſamten Vorlage entſchieden als eine weſentliche Verbeſ=
ſerung
anzuſehen ſei. Nachdem die Regierung nunmehr
weitere 200000 Mark zur Verfügung geſtellt habe, handle
es ſich darum, ob dieſe zur Erhöhung der Lehrergehalte
um 15 Prozent oder zur Entlaſtung der Gemeinden ver=
wendet
werden ſollten. Aus dem Ausſchuß war der Vor=
ſchlag
gemacht und noch weiter diskutiert worden, bei den
Gemeinden eine Unterſcheidung zwiſchen wohlhabenden
und nicht wohlhabenden zu machen und nur diejenigen
Gemeinden mit Beiträgen zu den Lehrerbeſoldungserhöh=
ungen
heranzuziehen, welche weniger als 150 Prozent
Kommunalſteuern erheben, ſowie denen, die 100150
Prozent erheben, nur einen Teil aufzuerlegen. Die Dis=
kuſſion
hierüber wurde jedoch noch nicht zum Abſchluß
gebracht. Der Ausſchuß wird jedoch in der morgigen
Sitzung zur endgültigen Erledigung der Vorlagen
kommen.

Kongreſſe und Verbandstage.

Dritter Deutſcher Hanſatag.
Berlin 12. Juni. Nach dem Bericht der Re=
viſionskommiſſion
legte der neue Geſchäftsführer Freiherr
v. Richthofen Satzungsänderungen vor, die ohne Debatte
genehmigt wurden. Hierauf trat der Hanſatag in die
Beratung des wichtigſten Gegenſtandes der diesjährigen
Tagung ein, in die Schaffung neuerRichtlinien
des Hanſabundes. Das Präſidium und das Direktorium
des Hanſabundes haben der Verſammlung hierzu Leit=
ſätze
vorgelegt, in denen betont wird, daß die nationalen
Intereſſen allen einſeitigen gewerblichen Intereſſen be=
dingungslos
voranzuſtellen ſeien. Es werden dann aus=
führlich
die Aufgaben des Hanſabundes im Staatsleben,
in der Finanz=, in der Zoll=, Verkehrs= Handels= und
Gewerbepolitik erläutert. Weiter iſt in Ergänzung der
Richtlinien ein vorläufiges Programm der Mittelſtands=
politik
des Hanſabundes beigefügt. An Stelle des am
Erſcheinen verhinderten Geh. Rats Profeſſor Dr. Duis=
berg
erläuterte Direktor Dr. Waldſchmidt (Berlin) aus=
führlich
dieſe Richtlinien. Er betonte insbeſondere, daß
die Induſtrie vor Erlaß von Geſetzen und Handelsverträ=
gen
gehört werden müſſe. Zollſtreitigkeiten ſollten durch
ein internationales Schiedsgericht geregelt werden; fer=
ner
ſei der Wechſel=, Scheck= und Patentſchutz, ſowie der
Markenſchutz international zu regeln. Sodann kommt der
Redner auf die Lage der Induſtrie im Inland zu ſpre=
chen
. Man müſſe darauf bedacht ſein, daß das Tempo,
in dem die ſozialen Laſten verſtärkt werden, eine Mäßig=
ung
erfahre und daß man mehr Rückſicht darauf nehme,
wie weit uns das Ausland auf dieſem Gebiet nachkomme
Vielleicht ſei auf dieſem Gebiete eine internationale Ver=
ſtändigung
zu erwägen. Die Organiſationsfreiheit der
Arbeiter müſſe erhalten werden. Daher müſſe auch das

Prinzip der Gewerbefreiheit gewahrt werden, das den
Arbeitern, die bereit ſind, unter den Löhnen und Beſtim=
mungen
zu arbeiten, die anderen nicht mehr paſſen, er=
möglicht
, zu arbeiten. (Lebhafter Beifall.) Induſtrie und
Landwirtſchaft ſollen ſich daran erinnern, daß ſie Töchter
derſelben ehrwürdigen Mutter ſind, des gemeinſchaftlichen
Vaterlandes. (Stürmiſcher Beifall.) In ſeinem Schluß=
worte
bezeichnete Geheimrat Profeſſor Dr. Rießer es als
unrichtig, daß die Frankfurter Bürgerſchaft ihn nach
Frankfurt ziehen wolle. Er teilte mit, daß im Herbſt die=
ſes
Jahres eine Hanſawoche veranſtaltet werde. Mit
einem Appell an die Verſammlung, mit altem Idealis=
mus
und mit dem viel geſchmähten Optimismus an die
Arbeit zu gehen, ſchloß der Vorſitzende die Tagung.

* Stuttgart, 13. Juni. Der internationale
Kongreß für Heimatsſchutz wurde heute durch
Profeſſor Schultz=Naumburg hier eröffnet. Das Königs=
paar
und die Mitglieder der Königlichen Familie haben
telegraphiſche Grüße übermittelt. Zum Vorſitzenden wurde
Prof. Dr. Fuchs=Tübingen gewählt. Begrüßungsan=
ſprachen
hielten außer Profeſſor Dr. Fuchs, der Kultus=
miniſter
v. Fleiſchhauer im Namen der Württembergiſchen
Regierung, Gemeinderat Dr. Ludwig für die Stadt Stutt=
gart
, Geheimer Oberregierungsrat Dr. Münchgeſang
namens der Vertreter der deutſchen Bundesregierung,
ferner die Vertreter von Frankreich, Norwegen, Nieder=
lande
, Japan und andere.
* Wien 13. Juni. Heute vormittag fand die Er=
öffnung
des vierzehnten Kongreſſes des Inter=
nationalen
Verbandes für Touriſtenver=
eine
ſtatt. Deutſche Vertreter nahmen an den Be=
ratungen
teil.
* London, 13. Juni. Die funkentelegra=
phiſche
Konferenz, auf welcher 30 verſchiedene
Staaten vertreten ſind, hat bisher nur eine Plenarſitzung
abgehalten. Der hauptſächlichſte Vorſchlag zur Abänderung
der Berliner Konvention vom Jahre 1906 wird von einer
Kommiſſion beraten, in der die Chefs der deutſchen und
der franzöſiſchen Delegation präſidieren. Die Vorſchläge
dieſer Kommiſſion ſind der Zuſtimmung der geſamten Kon=
ferenz
unterworfen, deren Vorſitzender der erſte engliſche
Delegierte Sir Babington Smith iſt. Bei der erſten Ple=
narſitzung
wurde, wie bereits gemeldet, angekündigt, daß
England und ſeine Kolonien, ſowie Italien und Japan den
Grundſatz anerkannt haben, daß alle Schiffe Meldungen
von anderen Schiffen annehmen müſſen, auch wenn ſie ein
anderes funkentelegraphiſches Syſtem haben. Ferner
wurde die Frage des Stimmrechts der Kolonien auf der
Konferenz entſchieden. Dem britiſchen Reich wurde die
Maximalzahl von Stimmen zugewieſen, die ein Land mit
ſeinen Kolonien auf der Konferenz haben darf. Auch den
Kolonien von Belgien, Deutſchland, Frankreich, Holland,
Japan und Portugal wurde das Stimmrecht zuerkannt.
Wie bereits gemeldet, beabſichtigt die engliſche Regierung
infolge des Unglücks der Titanic die Konferenz aufzu=
fordern
, zu beraten, wie die drahtloſe Telegraphie zur
Lebensrettung auf hoher See und zur Sicherung der
Schiffahrt am beſten nutzbar gemacht werden kann. Dies
wird vorausſichtlich den Beratungsgegenſtand der nächſten
Plenarſitzung bilden, die in einigen Tagen ſtattfinden
wird. Die deutſche Delegation hat der Konferenz einige
Tabellen vorgelegt, die darlegen, welche große Ausdehnung
die Anwendung der drahtloſen Telegraphie erfahren hat.
In den letzten vier Jahren iſt die Zahl der Schiffe, abge=
ſehen
von den Kriegsſchiffen, die mit funkentelegraphiſchen
Apparaten ausgerüſtet ſind, von 52 auf 926, in demſelben
Zeitraum die Zahl der Inlandſtationen, die dem allge=
meinen
Verkehr offenſtehen, von 15 auf 155 geſtiegen. Die
Geſamtzahl der Schiffe aller Gattungen, die mit Funkentele=
graphen
ausgerüſtet ſind, wird auf 1575 und die Geſamtzahl
der Inlandſtationen auf 286 angegeben.

Flugpoſt am Rhein und Main.

* Leutnant von Hiddeßen iſt mit der Euler=
Maſchine Gelber Hund (Flugpoſtmaſchine) am Don=
nerstag
morgen, von Darmſtadt=Griesheim mit 50 Kilo=
gramm
Poſt kommend, um 3,45 Uhr in Worms ange=
kommen
, wo Poſtbeamte die Poſt aufnahmen und einen
neuen Poſtſack einlegten. Um 6,30 Uhr iſt die Flugpoſt=
maſchine
von Worms nach Mainz abgeflogen und
dort nach 26 Minuten auf dem großen Sand gelandet,
um dort die mitgeführten Karten an die Poſt abzugeben.
Sie bleibt bis Sonntag oder Montag in Mainz und
nimmt dann die Poſtbeförderung nach Frankfurt a. M.
und alsdann Frankfurt=Darmſtadt wieder auf.
Die Geſchäftsleitung der Flugpoſt hat nunmehr Ab=
machungen
für Luftpoſtbeförderung von 800 Kilogramm
getroffen; bis jetzt ſind erſt zirka 400 Kilogramm Poſt=
karten
vom Publikum aufgegeben worden. Die tatſäch=
liche
Luftbeförderung ſteht unter der Kontrolle der kaiſer=
lichen
Poſtbehörde, die die mit ihrem Flugſtempel ver=
ſehenen
Poſtkarten nicht eher an die Adreſſaten weiter
gehen läßt, als bis ſie durch die Luft befördert
ſind.
Die Poſtflugmaſchine Gelber Hund nimmt
von jetzt an nur noch die beſonderen (gelben und roten)
Flugzeugkarten mit. Was von dieſen Karten irgendwie
im Gebiete der Luftpoſt rechtzeitig vorher aufgegeben iſt,
wird nach Mainz befördert und von dort aus am Sonn=
tag
oder Montag nach Frankfurt a. M. durch die Luft
beſtellt. Alle anderen Karten werden auf den regelmäßi=
gen
und den eingeſchobenen Poſtfahrten von der
Schwaben befördert.
Das Poſt=Luftſchiff Schwaben iſt auf einer ein=
geſchobenen
Poſtfahrt 6,55 Uhr geſtern vormittag von
Frankfurt a. M. nach Darmſtadt, Worms, alsdann nach
Baden=Baden abgefahren und hat zirka 100 Kilogramm
Poſt mitgenommen, die auf einer der Stationen abgege=
ben
werden. Die um 6,55 Uhr in Frankfurt abgefahrene
Schwaben hat Darmſtadt paſſiert und iſt um 8 Uhr
in Worms angekommen. Sie hat dort mit Fallſchirm
die Poſt ausgegeben und einen Poſtbeutel mit Poſtſeil
aufgenommen, die von Baden=Baden weiter behan=
delt
wird.
Trotz vielfacher Mitteilungen liegt wieder eine An=
frage
vor, ob alle offiziellen Poſtkarten mit der
Luftpoſt befördert werden. Es ſei alſo zum ſo und ſo
vielten Male feſtgeſtellt, daß alle offiziellen
Poſtkarten der Poſtkartenwoche (aber auch
nur dieſe), ganz gleich, ob Flugpoſtkarte darauf ſteht oder
nicht, mit der Luftpoſt befördert werden, wenn ſie außer
mit der 5 Pfg.=Marke noch mit der Luftpoſtmarke
frankiert ſind.
Zu der geſtrigen Auslaſſung der W. Ztg. wird uns
authentiſch mitgeteilt, daß die von dieſer gegen die
hieſige Geſchäftsſtelle der Poſtkartenwoche gerichteten
Vorwürfe unbegründet und ungerechtfertigt
ſind. Die Geſchäftsſtelle hatte die Wormſer Stellen
dreimal darauf aufmerkiam gemacht; daß

zu wenig Karten beſtellt worden ſind, aber ohne
Erfolg. Ja es wurde ſogar am Dienstag von Worms
darum erſucht, beſtellte 3000 Karten nicht abzu=
ſenden
, da in Worms keine Stimmung vorhanden ſei.
Man konnte natürlich in Worms nicht vorausſehen, daß
die Nachfrage nach Karten ſo ſtark werden würde. Jedoch
ſoll man dann auch mit Vorwürfen vorſichtig ſein.
Am morgigen Samstag wird wiederum das
Poſtluftſchiff Schwaben nach Darmſtadt kommen
und genau nach dem Programm für Mittwoch Luftpoſt
bringen und ſolche wieder mitnehmen. Um Jeder
mann den Beſuch dieſes intereſſanten Schauſpiels zu
ermöglichen, iſt der Eintritt zum Platz auf nur 10 Pfg.
feſtgeſetzt worden.

Amtlich

geht uns von der Oberpoſtdirektion die Mittei=
lung
zu, daß bis jetzt im Luftwege rund 400 Kilo=
gramm
offizielle Wohltätigkeitspoſtkarten Beförderung
erhalten haben. Die Oberpoſtdirektion hat ſich davon
überzeugt, daß die von der Zentrale für Mutter= und
Säuglingspflege getroffenen Abmachungen wegen Beför=
derung
der Karten durch die Luft vollſtändig ausrei=
chen
werden, um zu erreichen, daß auch wirklich
alle Luftpoſtkarten im Luftwege beför=
dert
werden.

Neue Flugpoſtkarten.

Im Laufe des heutigen Vormittags werden wieder=
um
drei neue offizielle Flugpoſtkarten her=
ausgegeben
. Und zwar ſind es zwei Aufnahmen von der
Ankunft des Luftpoſtſchiffes Schwaben am Mittwoch
nachmittag und eine Aufnahme des Flugpoſtamtes II
auf dem Exerzierplatz. Dieſe Karten ſind wiederum zum
Preiſe von 20 Pfg. pro Stück erhältlich.

* Mainz, 13. Juni. Leutnant v. Hiddeßen iſt,
wie gemeldet, heute früh 3 Uhr 40 Min. von Darmſtadt
mit ſeinem Flugapparat Gelber Hund aufgeſtiegen
und um 4 Uhr in Worms gelandet. Dort mußte er bis
6 Uhr auf ſein Begleitautomobil warten, weil er bei der
Landung in Worms einen Oelrohrbruch erlitt. Nach
der Reparatur ſtieg er, um 6 Uhr 41 Min., zum Flug nach
Mainz auf, wo er um 7 Uhr 11 Min. auf dem Großen
Sande glatt landete. Bei dem Fluge hatte v. Hiddeßen
je 45 Kilogramm Flugpoſt mitgeführt. Der Apparat
wurde in eine Halle gebracht, wo er bis Montag bleiben
wird. Leutnant v. Hiddeßen begab ſich heute vormittag
per Auto nach Frankfurt.

Luftfahrt.

Unfall der Viktoria Luiſe‟.
* Düſſeldorf, 13. Juni. Das Luftſchiff Viktoria
Luiſe war heute morgen gegen 10 Uhr nach zweiſtün=
diger
Fahrt mit 11 Paſſagieren glatt vor der Halle ge=
landet
, konnte aber wegen des herrſchenden Windes nicht
in die Halle gebracht werden und blieb daher, wie ſchon
öfter, vor dieſer verankert. Bei ſtärker gewordenem
Winde iſt über Mittag eine Verſtrebung an der Spitze ge=
brochen
. Für die Inſtandſetzungsarbeiten, die Dr. Ecke=
ner
ſelbſt leitete, ſind nur wenige Stunden erforderlich.
Die große Fahrt nach Hamburg, die morgen früh 3 Uhr
beginnen ſollte, iſt um einen Tag verſchoben worden.

Fernflug Berlin-Wien.

Dien, 12. Juni. Heute abend fand zu Ehren der
auf öſterreichiſchem Boden gelandeten Flie=
ger
ein Bankett ſtatt, an welchem teilnahmen: der
Botſchafter v. Tſchirſchky mit den Grafen v. Kageneck und
v. Poſadowsky, ferner Fürſt Dietrichſtein als Präſident des
Flugtechniſchen Vereins, Statthalter Freiherr v. Bienerth,
Armeeinſpektor Konrad v. Hötzendorf, Bürgermeiſter Neu
mayer, der Kommandant der Verkehrsbrigade, Schleyer
der Präſident des Aeroklubs, Baron Economo, der Präſi=
dent
des Reichsflugvereins, Vizeadmiral Mertens, und
Kapitänleutnant Kaiſer. Fürſt Dietrichſtein brachte ein
Hoch auf den Kaiſer Wilhelm und Kaiſer Franz Joſef aus.
Botſchafter v. Tſchirſchky toaſtete auf die beiden Protek=
toren
des Flugs Berlin-Wien, Erzherzog Leopold Sal=
vator
und Prinz Friedrich Leopold. Baron Economo be=
grüßte
die Berliner Gäſte und verkündete den Beſchluß
der Jury, betr. der Preisverteilung. Bürgermeiſter Neu=
mayer
überreichte den Siegern namens der Stadt Wien
und des Landes Niederöſterreich Ehrenpreiſe. Vizeadmiral
Mertens dankte dem Aeroklub für die Förderung des
Fluges, worauf der Vizepräſident des Aeroklubs erwiderte.
Ein Vertreter des Württembergiſchen Flugvereins über=
reichte
Hirth einen Lorbeerkranz. Es folgte noch eine
Reihe weiterer Reden. Das Bankett fand erſt in ſpäter
Stunde ſein Ende.

Die Preisverteilung.

* Wien, 12. Juni. Heute beſchloß das Preisgericht
für den Flug Berlin-Wien folgende Preisverteil=
ung
: Vom Hauptpreis von 47100 Kronen erhält Hirth
40000 und Oberleutnant Blaſchke, mit deſſen Prämiier=
ung
ſich Hirth einverſtanden erklärte, 7000 Kronen. Vom
Kilometerpreis von 20000 Mark für Abſolvierung min=
deſtens
einer Etappe erhielten Hirth 6100, Blaſchke
6000, Oberleutnant Miller 4850 und Krieger 2850,
vom Preis von 10000 Mark für die drei beſten Geſamt=
leiſtungen
Hirth 5000, Blaſchke 3000, Miller 2000, vom
Preis von 10000 Mark für die drei erſten Ankömmlinge
Hirth den erſten Preis von 5000 Mark. Im ganzen
erhält Hirth 40000 Kronen und 16100 Mark,
Blaſchke 7000 Kronen und 9000 Mark. Hirth erhält noch
den Ehrenpreis der Stadt Wien und den Ehrenpreis des
Prinzen Sigismund von Preußen und hat Anſpruch auf
den Preis des preußiſchen Kriegsminiſteriums von 6000
Mark. Blaſchke erhält den Ehrenpreis des Prinzen Fried=
rich
Leopold von Preußen und den Ehrenpreis des Landes
Niederöſterreich. Den Preis des Präſidenten des Aero=
klubs
, Economo, für den erſten deutſchen Paſſagier erhält
Leutnant Schöller und den Ehrenpreis des preußiſchen
Arbeitsminiſteriums für den erſten öſterreichiſchen Paſſa=
gier
Oberleutnant Nittner.

* Frankfurt a. M., 13. Juni. Das Luftſchiff
Schwaben iſt heute morgen 6 Uhr 55 Minuten zu
einer Paſſagierfahrt nach Baden=Oos aufgeſtiegen, woſelbſt
s bis morgen früh verbleibt, um dann die Rückfahrt nach
Frankfurt anzutreten.
* Baden=Oos, 13. Juni. Das Luftſchiff Schwa=
ben
iſt, von Frankfurt kommend, um 8 Uhr 35 Min. über
Ludwigshafen hinweggeflogen und um 19 Uhr glatt in

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 14. Juni 1912.
Nummer 138.

Baden=Oos gelandet. Um 11 Uhr erhob ſich das Luft=
ſchiff
wieder in die Luft, um eine Rundfahrt zu unter=
gehmen
, an welcher Prinz Max von Baden teilnahm.
* Karlsruhe, 13. Juni. Das Luftſchiff Schwa=
ben
unternahm heute früh eine Fahrt von Baden=Oos
nach Karlsruhe mit Mitgliedern der Erſten badiſchen
Kammer und dem Prinzen Max von Baden, im ganzen
16 Perſonen.
* Stuttgart, 13. Juni. Die Reichspoſtver=
waltung
hat auch mit der Württembergiſchen
Poſtverwaltung Verhandlungen wegen der Ein=
richtung
ein Lu’ftpoſt angeknüpft. Laut Schwäbiſchem
Merkur iſt die Zuſtimmung mit Sicherheit zu erwarten.

Das deutſche Geſchwader in New=York.

* New=York, 13. Juni. Das glänzendſte rein
deutſche Ereignis in der Kette der feſtlichen Veran=
ſtaltungen
zu Ehren der Offiziere des deut=
ſchen
Geſchwaders, bildete der geſtern abend im
Hotel Aſtor veranſtaltete Feſtkommers unter den Au=
ſpizien
der deutſchen Vereinigungen der Stadt New=York.
Jeder deutſche Verein der Millionenſtadt und der Umgebung
war vertreten. Die hervorragendſten Vertreter des
Deutſchtums waren anweſend, im ganzen über 2000 Teil=
nehmer
, darunter neben den Ehrengäſten noch etwa zwei=
hundert
ſpeziell geladene Mitglieder des Bürgerkomitees.
Der Feſtkommers bot den Vertretern des verſammelten
Deutſchtums Gelegenheit zur Anbahnung engerer Be=
kanntſchaft
mit den Gäſten. Bürgermeiſter Gaynor
welcher die Einladung zum Feſtkommers mit größter Be=
reitwilligkeit
angenommen hatte, befand ſich ebenfalls unter
den Ehrengäſten. Hubert Cillis, der frühere Präſident
des Geſangvereins Liederkranz, führte den Vorſitz. Den
Saal ſchmückten ineinandergewundene deutſche und ameri=
kaniſche
Flaggen, ſowie eine Fülle von Blattpflanzen. Die
deutſchen Offiziere verlebten einige köſtliche Stunden im
Kreiſe ihrer Landsleute. Der Kommers ſelbſt trug zwang=
loſen
Charakter. Der Vorſitzende Cillis begrüßte nach
der Eröffnung des Kommerſes die Gäſte. Im Laufe des
Abends ſprachen der deutſche Botſchafter, der auf Präſident
Taft toaſtete, Bürgermeiſter Gaynor der in ſeiner Rede
auf die hohen Eigenſchaften des deutſchen Kaiſers hinwies
und ein Hoch auf den Kaiſer als Herrſcher und Menſchen
ausbrachte, Rearadmiral Winslow der erzählte, daß
auf der Fahrt Norfolk=New=York das kombinierte Ge=
ſchwader
keine Signale brauchte, ein Beweis dafür, daß die
beiden Flotten ſich verſtänden. Redner betonte weiter, daß
der Beſuch der deutſchen Flotte allen unvergeßlich ſein
werde und daß er glücklich ſei, Kontreadmiral v. Rebeur=
Paſchwitz kennen gelernt zu haben. Kontreadmiral v.
Kebeur=Paſchwitz betonte in ſeiner Rede die groß=
arrige
Gaſtfreundſchaft, die er in allen amerikaniſchen
Kreiſen gefunden habe. Das Geſchwader ſei der Ueber=
bringer
der Grüße des Vaterlandes. Die deutſchen Aus=
wanderer
hätten deutſches Weſen in Amerika ſtark ver=
breitet
. Sein Hoch galt den deutſchen Vereinigungen als
Förderer der deutſch=amerikaniſchen Beziehungen. Schließ=
lich
toaſtete der Vorſitzende Cillis auf die amerikaniſche
Marine. Größte Begeiſterung herrſchte, als gleichzeitig die
deutſche und die amerikaniſche Flagge unter den Klängen
der kombinierten deutſchen und amerikaniſchen National=
hymne
als Zeichen, daß beide Länder zuſammengehören,
gehißt wurden. Die Mitglieder des deutſchen Geſangver=
eins
trugen während des Kommerſes zwei Chorlieder,
weiter einige allgemeine Lieder, die gemeinſam geſungen
wurden, vor. An den Kaiſer wurde folgendes Kabel=
telegramm
abgeſchickt: Bei dem Feſtkommers zu Ehren des
deutſchen Admirals des deutſchen Kreuzergeſchwaders und
ſeiner Offiziere in Anweſenheit der Offiziere des ameri=
kaniſchen
Begleitgeſchwäders und der ſtädtiſchen Behörden
entbieten die verſammelten deutſchen Vereinigungen der
Stadt New=York Eurer Majeſtät ehrfurchtsvollſten Gruß,
Die deutſchen Offiziere betonen beſonders die Liebens=
würdigkeit
des Bürgermeiſters Gaynor, der auch dem Feſte
bei James Speyer beiwohnte. Auch von dieſem Feſt
wurde an den deutſchen Kaiſer ein Kabeltelegramm ge=
ſchickt
.

Der Ausſtand der Seeleute in Hapre.

* Le Havre, 12. Juni. Die Lage iſt unver=
ändert
. Die Poſtdampfer Baſſe=Terre und Quebec
ſind an der Ausfahrt verhindert.
* Marſeille, 12. Juni. Die hieſigen orga=
niſierten
Seeleute hielten eine Verſammlung
ab, in der ſie ſich bereit erklärten, ſich mit ihren Kamera=
den
in Havre ſolidariſch zu erklären, und nahmen eine
Tagesordnung an, in der ſie Lohnerhöhung verlangen.
* Paris, 13. Juni. Die Reedervereini
gung hat eine Vermittelung in dem Streik der
eingeſchriebenen Seeleute abgelehnt mit der
Begründung, daß die Reeder über die ihren Mannſchaf=
ten
bereits gemachten Zugeſtändniſſe nicht hinausgehen
könnten. Wie aus Cherbourg gemeldet wird, haben die
Agenturleiter der ausländiſchen Schiffahrtsgeſellſchaften
betreffend die von den eingeſchriebenen Seeleuten erho=
benen
Forderungen beſchloſſen, bei ihren Geſellſchaften
eine Lohnerhöhung für die Leichtermannſchaften zu be=
antragen
.

Der engliſche Transportarbeiterſtreik.

* London, 12. Juni. Die Zahl der Leute, die
in London arbeiten hat wieder beträchtlich zu=
genommen
. Wie offiziell angegeben wird, tun 111
Schiffe und 8530 Leute Dienſt. In einem vom Trans=
portarbeiterverband
veröffentlichten Manifeſt wird er=
klärt
, es werde bereits eine internationale Aktion er=
wogen
. Einer der Führer des Dockarbeiterverbandes
Orbell, erklärte, die internationale Aktion werde in einer
Arbeitsverweigerung auf den von England kommenden
Schiffen beſtehen. Orbell war der Meinung, daß 23000
Dockarbeiter außerhalb von London ſtreikten; dies mache
mit den 22000 von London 45000. Tillet ſchätzte die
Zahl der Transportarbeiter aller Klaſſen, die außerhalb
von London ſtreikten, auf 50000. Er erklärte, die Zahl
nehme täglich zu.

Der italieniſch=türkiſche Krieg.

* Rom, 12. Juni. Popold Romano veröffentlicht
bezüglich der Haltung des deutſchen Konſula=
tes
in Smyrna gegenüber den aus gewieſenen
Italienern ein Kommuniqué, in dem geſagt wird,
es ſei in poſitiver Weiſe feſtgeſtellt, daß das Konſulat
nicht die Anweſenheit türkiſcher Polizeiagenten zur Auf=
rechterhaltung
der Ordnung verlangt habe. Die Nach=
richt
ſei wahrſcheinlich auf die Tatſache zurückzuführen
daß auf Befehl des Walis von Smyrna, der infolge der
Anſammlung der Ausgewieſenen Unordnungen befürch=
tete
, zwei Polizeiſergeanten vor das Konſulat aufgeſtellt

wurden, die aber nicht einzuſchreiten brauchten. Die
deutſchen Behörden, die während der ganzen Zeit ihre
nicht leichte Aufgabe mit dem größten Eifer erfüllten,
treffe jedenfalls kein Vorwurf. Das Konſulat hatte vom
17. bis 22. Mai für die Heimbeförderung einiger Tauſend
Italiener zu ſorgen, Päſſe auszuſtellen, Unterſtützungen
auszuteilen und Karten zur Ueberfahrt zu beſorgen. Es
gereiche dem Konſulat zur Ehre, daß alles mit bewun=
dernswarter
Regelmäßigkeit ohne einen einzigen unan=
genehmen
Zwiſchenfall verlaufen ſei.
Konſtantinopel, 12. Juni. Blättermeldun=
gen
zufolge wendeten ſich die landsmannſchaftlichen Ver=
einigungen
der Aegäiſchen Inſeln in Kairo und Alexan=
drien
mit einem Geſuch an den König von Italien, ſo=
wie
an den italieniſchen Miniſterpräſidenten, an die
Präſidenten der italieniſchen Kammer und des Senats,
ferner an die Miniſterpräſidenten Frankreichs, Rußlands,
Englands und an den engliſchen Oberkommiſſar in Aegyp=
ten
Lord Kitchener. Sie ſprachen in der Eingabe die
Befürchtung aus, daß die Wiederkehr der türkiſchen
Herrſchaft auf den Inſeln leicht ſchlimme Folgen für die
griechiſche Bevölkerung nach ſich ziehen könnte Aus die=
ſem
Grunde bitten die Verfaſſer der Eingabe, daß die
Großmächte für die Aegäiſchen Inſeln den aleichen recht=
lichen
Zuſtand ſchaffen mögen, der dem für die Inſel
Samos beſtehenden entſpricht. Die landsmannſchaftliche
Vereinigung der Aegäiſchen Inſeln in Athen ſelbſt ſchloß
ſich dieſem Geſuch an und überreichte ein Schriftſtück des
gleichen Inhalts allen Athener Vertretern der Groß=
mächte
, einſchließlich Deutſchlands und Oeſterreich=
Ungarns.

Literariſches.

Wohnhausbauten von Theodor Fiſcher.
Mit einer Einleitung von G. Keyßner. (12 Seiten
Text, 132 Seiten Abbildungen.) Preis geb. 10 Mark.
Verlag J. J. Arnd, Leipzig. Theodor Fiſchers Wohn=
hausbauten
ſind noch nicht ſo bekannt, wie die öffent=
lichen
Gebäude, die ſeinen Namen berühmt gemacht
haben. Sie verdienen aber nicht weniger Beachtung,
denn ſie zeigen einerſeits manche neue, außerordentlich
intereſſant=ſympathiſche Seite in der künſtleriſchen Phy=
ſiognomie
des Meiſters, ſodaß wohl geſagt werden kann,
daß Fiſcher nur halb kennt, wer nicht ſeine Privatbauten
kennt; andererſeits haben ſie für die Allgemeinheit, der
Architekten ſowohl wie des Publikums, vorbildliche Be=
deutung
durch ihre Formenſprache wie durch ihre prak=
tiſchen
Vorzüge. Darum entſpricht die vorliegende Pu=
blikation
, die als eine Feſtgabe zum 50. Geburtstag
Fiſchers (28. Mai 1912) erſchienen iſt, einem wirklichen
Bedürfnis und wird, wie in der Fachwelt, ſo in allen
für Architektur intereſſierten Kreiſen freudig begrüßt wer=
den
. Von beſonderer Wichtigkeit ſind neben den Einzel=
häuſern
, die in großer Zahl in vielfachen, ſchönen Geſamt=
und Detail=Abbildungen mit Grund= und Aufriſſen vor=
geführt
werden, die größeren Miet= und die Kleinwohn=
ungshäuſer
, die, teils in Arbeiterdörfern, teils in einheit=
lich
durchgeführten Straßen vereinigt, auch dem Sozial=
politiker
beachtenswertes Material bieten und zugleich
die ſtadtbauliche und die privatbauliche Tätigkeit Fiſchers
aufs ſchönſte verbunden zeigen.
Elfriede Beetz: Der Kaffee= und
Abendtiſch. Zum Gebrauch für die Haushaltungen
der feineren Geſellſchaftskreiſe und feinere Hotels, Pen=
ſionen
und Reſtaurants. Mit Feinbäckerei und Ge=
tränke
Unter Mitwirkung der Fachkreiſe herausgegeben.
260 Seiten ſtark; im ſteifen Umſchlag 2 Mk., eleg. gebd.
3 Mk.; Porto 30 Pfg. Verlagsanſtalt Emil Abigt, Wies=
baden
35. Für den feineren Privathaushalt iſt das Buch
ein Bedürfnis und für die gaſtronomiſchen Betriebe ſicher
ein willkommenes Hilfs= und Nachſchlagebuch. Bei ſeiner
außerordentlichen Reichhaltigkeit bringt es alles Wichtige,
eine Unmenge neuer Rezepte für allerlei Leckerbiſſen, neue
Gerichte, Getränke, Backwerk uſw.
Das Kraut Orant. Roman von Wilhelm
Poeck. Verlag von Fr. Wilh. Grunow Leipzig. Geh.
5 Mk., gebd. 6 Mk. Das Kraut Orant iſt ein Meiſter=
ſtück
Poeckſcher Erzählungskunſt, ein echtes rechtes Fami=
lienbuch
, das ſich, wie alle Werke Wilhelm Poecks ganz
beſonders zum Vorleſen eignet. Wer Simon Külpers
Kinder und die köſtlichen Humoresken von Poeck, wie den
Austauſchprofeſſor kennt, wird ſich mit erwartungsvol=
lem
Behagen an die Lektüre dieſes Buches machen und
man wird nicht enttäuſcht ſein. Nicht bloß ſein ſcheinbar
leichter Plauderton in Wirklichkeit ſeine ſtiliſtiſch fein
ausgefeilte Ausdrucksweiſe nimmt uns gefangen; auch
ein Dichter iſt er, der uns in die Schauplätze der Handlung
hineinverſetzt, ohne Umſtände, mit jener Selbſtverſtänd=
lichkeit
, die erſt hinterher bemerken läßt, wie meiſterhaft
hier die Geſetze der Schilderung gewahrt ſind:

Darmſtadt, 14. Juni.
g. Schwurgericht. Das Schwurgericht beſchäftigte
ſich am geſtrigen letzten Tage der diesjährigen zweiten
Schwurgerichtsperiode mit der Anklage wegen Verbre=
chens
im Amt gegen den früheren Bahnhofsvorſteher
von Biblis, den 47jährigen Johann Baptiſt Bender
aus Dietersheim bei Bingen. Vertreter der Anklage iſt
Staatsanwalt Fuchs, Verteidiger iſt Juſtizrat Dr.
Loeb. Der Angeklagte iſt beſchuldigt, als Beamter
fortgeſetzt Gelder, die er in amtlicher Eigenſchaft empfan=
gen
oder in Bewahrung hatte, in der Zeit vom 24. De=
zember
1909 bis zum 21. Juni 1911 im Geſamtbetrage
von mindeſtens 420 Mark unterſchlagen zu haben. Der
Angeklagte iſt am 1. September 1881 in Bingen bei der
früheren heſſiſchen Ludwigsbahngeſellſchaft als Wagen=
ſchreiber
angenommen worden, 1897 wurde er bei der
Verſtaatlichung mit übernommen und als Stationsaſſi=
ſtent
nach Oſthofen verſetzt. Am 1. Juli 1909 kam er als
Bahnhofsvorſteher nach Biblis. Er hatte hier ſämtliche
Kaſſengeſchäfte zu führen und auch von den Tochterſtatio=
nen
Bobſtadt, Bürſtadt und Hofheim im Ried die Ein=
nahmen
mit zu verrechnen. Dieſe Stationen liefern die
ſämtlichen Einnahmen zu beſtimmten Tagen in einer
verſiegelten Kaſſe und mit Begleitbuch an die Stations=
kaſſe
Biblis ab. Bender hatte in dem Begleitbuch den
Empfang zu beſcheinigen und die Summen in ein zweites
Buch einzuſchreiben, welches alsdann mit der Kaſſe
zurückzugehen hat. Es ſind nun bei einer Ablieferung
der Station Bürſtadt 900 Mark in das eine Buch rich=
tig
eingetragen, in das zweite Buch dagegen 800 Mark
und weitere 100 Mark erſt zehn Tage ſpäter. Der Ange=
klagte
hat nun während der zehn Tage dreimal das Buch
zurückgeſchickt, in dem die Ablieferung richtig beſcheinigt
war, während er abwechſelnd das eine und dann das
andere Buch zurückgeben mußte. Bei einer unvermute=
ten
Kaſſenreviſion am 21. Juni 1911 ſtellte ſich zunächſt
in der Kaſſe ein Fehlbetrag von 70 Mark heraus: Ben=
der
hatte ſich jedoch inzwiſchen 40 Mark von einem Beam=
ten
geliehen, ſodaß nur noch 30 Mark fehlten. Bender
wurde daraufhin vom Dienſte ſuspendiert und eine ſpä=

tere eingehende Reviſion der geſamten Buchführung er=
gab
, daß eine Anzahl größerer Poſten entweder ver=
ſpätet
oder überhaupt nicht gebucht worden ſind. Es be=
ſteht
die Vermutung, daß der Angeklagte etwa 420 Mk.
für ſich verwendet hat.
Der Angeklagte beſtreitet energiſch jede Unterſchlag=
ung
. Die Fehler in der Buchführung erklärt er mit ſe.
ner Nerwſität, Krankheiten und durch Ueberlaſtung.
Den Fall mit der Ablieferung der 900 Mark von Bür=
ſtadt
erklärt er damit, daß unter den 900 Mark ſich eine
bayeriſche Banknote von 100 Mark befand, die er nicht
mit abliefern wollte oder konnte. Er hätte die 100 Mark
ſpäter eingetragen. Er ſtellte es als wahrſcheinlich hin,
daß dieſe Banknote verloren gegangen iſt. Er hat im
Jahre 1909 den Kaplan in Biblis wegen einer gehäſſi=
gen
Aeußerung bei deſſen vorgeſetzter Behörde denun=
ziert
, die Einwohner hätten dann nach deſſen Maßregel=
ung
Partei für den Kaplan und gegen ihn Partei genom=
men
. Die Folge ſeien fortgeſetzte Anzeigen und Prozeſſe
geweſen, wodurch er fortwährend den Dienſt um halbe
Tage verſäumen mußte. Er ſei dadurch nicht in der Lage
geweſen, die Bücher ordnungsmäßig zu führen. Am
6. Juni 1911 hatte die Firma Kölſch Nachf. in Frankfurt
20 Mark und am 9. Juni die Konſervenfabrik Heinrich
Rödiger in Stockheim 41,50 Mark für Lagermiete ge=
zahlt
, die von Bender ebenfalls nicht gebucht worden
ſind. Auch dies erklärt der Angeklagte durch ſeine Nervo=
ſität
und Arbeitsüberlaſtung.
Der Reviſionsbeamte, Verkehrskontrolleur Eimer,
entdeckte nach der Reviſion am 26. Juni bei der Bücher=
reviſion
in Bobſtadt, daß Bender in dem Kaſſenbegleit=
buch
zwei Poſten von 20 und 30 Mark nachgetragen hat,
die bereits früher von Bobſtadt abgeliefert worden
waren. Dadurch ſtutzig geworden, nahm er eine erneute
Reviſion in Biblis vor; da ſtellte ſich ein Kaſſenfehlbetrag
von 71 Mark heraus. Bender hat jedoch noch, nachdem
ihm bereits ſämtliche Schlüſſel abgenommen worden
waren, 48,15 Mark beigebracht, von welcher Summe er
ſpäter geſtand, daß er 40 Mark ſich von einem Beamten
geliehen hatte, von den 8,15 Mark gab er auf den Vor=
halt
des Reviſionsbeamten zu, daß er die Summe aus
dem Fahrkartenſchalter geſtohlen hatte. Von ſeinen Vor=
geſetzten
wird dem Angeklagten das Zeugnis eines dienſt=
eifrigen
Beamten ausgeſtellt. Die ihm obliegende Arbeit
habe zwar ſeine ganze Zeit in Anſpruch genommen, doch
hätte er deshalb ſeine Bücher nicht vernachläſſigen hrau=
chen
. Auf Grund des Ergebniſſes der Beweisaufnahme
hält der Staatsanwalt die Anklage hinſichtlich der unter=
ſchlagenen
Gelder der Stationen Bobſtadt und Bürſtadt,
ſowie einer weiteren einfachen Unterſchlagung nicht mehr
aufrecht und ſtellt hinſichtlich dieſes Teils der Anklage
anheim, die Schuldfrage zu verneinen. Dagegen ſeien
die Schuldfragen nach Unterſchlagung des Kaſſendefizits
von 70 Mark und der Lagergelder im Betrage von 64
Mark zu bejahen. Ebenſo die Frage nach Fälſchung der
Bücher. Der Verteidiger plaidierte für Verneinung ſäm=
licher
Schuldfragen und Freiſprechung. Die Geſchwore=
nen
bejahten ſämtliche Schuldfragen nach Amtsunter=
ſchlagung
mit der Einſchränkung, daß die Höhe der ver=
untreuten
Summen nicht feſtgeſtellt ſei. Ebenſo bejahln
ſie die Frage nach falſcher Bücherführung und die Frag
nach mildernden Umſtänden. Der Staatsanwalt bean=
tragt
8 Monate Gefängnis. Das Gericht erkenn
auf die Mindeſtſtrafe von 6 Monaten Gefängn

Letzte Nachrichten.

(Wolffs teleger. Korreſp.=Bureau.)
* Berlin, 13. Juni. Die Norddeutſche Allgemeine
Zeitung teilt mit: Wie verlautet, iſt als Nachfolger des
Freiherrn v. Wangenheim in Athen, der bisherige
Geſandte in Teheran, Graf Quadt zu Wykrat und Janyin
Ausſicht genommen, an deſſen Stelle in Teheran der der=
zeitige
Generalkonſul zu Kalkutta, Prinz Heinrich XXXI.
Reuß jüngere Linie tritt.
* Berlin, 13. Juni. Die Abendblätter melden aus
Konſtantinopel: Seit heute mittag brennt das Farb=
waren
= und Benzinlager im Hafenviertel von Galata,
in der Nähe der Börſe. Alle Feuerwehren ſuchen den
Brand zu lokaliſieren.
* Stuttgart, 13. Juni. Die Zweite Kammer hat
heute zum zweitenmal die Aufhebung der Tier=
ärztlichen
Hochſcchule beſchloſſen.
* Luxemburg, 13. Juni. Die Blättermeldung, wonach
der Schuhmacher Wilhelm Voigt der Hauptmann von
Köpenick in London geſtorben ſei, iſt unzutreffend. Voigt,
der ſeit längerer Zeit in Luxemburg anſäſſig iſt, befindet
ſich dem Luxemburger Wort zufolge zurzeit zur Erholung
in Lauſcha in Thüringen, von wo er noch heure ſeiner
hieſigen Haushälterin telegraphiſch ſeine Ankunft ange=
zeigt
hat. Die Lauſchaer Zeitung teilt mit, auf ihrer Re=
daktion
fand ſich ein Mann ein, der ſich als Schuhmacer
Wilhelm Voigt bezeichnete.
H. B. Berlin, 13. Juni. Geſtern abend und heufe
nacht ſind in Oberſchönweide eine große Anzahl Perſonen
nach dem Genuß von Schabefleiſch erkrankt,
darunter 12 ſchwer. Einige der Erkrankten liegen bedenk=
lich
darnieder. Das Schabefleiſch iſt in allen Erkrankungs=
fällen
von demſelben Metzger gekauft. Ein Reſt des
Fleiſches wurde von der Polizei beſchlagnahmt und nach
Berlin zur Unterſuchung geſchickt.
H. B. Berlin, 13. Jum. Den Nachforſchungen der Po=
lizei
iſt es jetzt gelungen, in das Dunkel, das über der Er=
mordung
des Förſters Scherf bisher ſchwebte,
Licht zu bringen. Es kann als ſicher gelten, daß der Mör=
der
des Förſters jener Schloſſer Fritz Pieper iſt, der vor
einiger Zeit ſeinen Komplizen Koch und dann ſich ſelbſt
erſchoß.
Halle, 13. Juni. Vor mehreren Tagen entfernte
ſich der Schauſpieler und Schriftſteller Friedrich Götze
(Pſeudonym Heinz Tovote) zu einem Spaziergange, von
dem er nicht zurückgekehrt iſt. Da er mehrere
Tauſend Mark bei ſich trug, wird ein Verbrechen be=
fürchtet
.
H.B. Peſt, 13. Juni. Die Blätter konſtatieren ein=
mütig
, daß die Aeußerungen, welche der Kaiſer ge=
legentlich
des geſtrigen Empfanges des Abgeord=
netenhaus
=Präſidiums gemacht hat, auf alle
politiſchen Parteien eine ſtarke Wirkung ausgeübt habe.
In den Regierungsparteien empfindet man es mit Genug=
tuung
, daß die Krone die Geltendmachung des Mehrheits=
willens
rückhaltlos anerkennt und den Standpunkt ver=
tritt
, daß durch die Annahme der Wehrvorlage und Durch=
führung
der Geſchäftsordnungsreform des Abgeordneten=
hauſes
eine Tatſache geſchaffen iſt, die trotz des Proteſtes
der Oppoſition nicht mehr rückgängig zu machen iſt.
H. B. Paris, 13. Juni. Aus ganz Südfrankreich
liegen Meldungen vor über große Schäden, die durch
Unwetter und Hagelſchläge angerichtet wur=
den
. Beſonders arg iſt die Gegend von Reims mitgenom=

[ ][  ][ ]

Nummer 138.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 14. Jun 1912.

Seite 7.

men worden, wo ein ungehener Orkan, begleitet von
Hagelſchlag und Regen, niederging. Der Ort Rille la
Montagne iſt vollſtändig überſchwemmt worden. Viele
Bewohner tiefer gelegener Häuſer mußten ſchleunigſt
flüchten. Der an den Kulturen angerichtete Schaden iſt
unberechenbar. Die Weinberge bieten ein troſtloſes Bild.
Viele Weinſtöcke ſind aus dem Boden geriſſen, die Wein=
trauben
durch den Hagel abgeſchlagen. Soweit ſich über=
ſehen
läßt, dürften etwa ſechs Zehntel der Ernte vernichtet
ſein. Der Schaden, der allein in Rille la Montagne an=
gerichtet
wurde, dürfte eine Million betragen.

Amtlicher Wetterbericht.

Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.
Das Tiefdruckgebiet hat ſich etwas nach Oſten ver=
lagert
. In Deutſchland war es meiſt trocken, nur
Breslau meldet 15 mm Regen. Infolge gleichmäßiger
Luftdruckverteilung wehen nur leichte Winde bei wolkigem
Wetter. Die Morgentemperaturen bewegen ſich in der
Nähe von 15%. Für morgen haben wir veränderliches
Wetter bei mäßigen Temperaturen zu erwarten.
Ausſichten für Freitag, den 14. Juni 1912:
Veränderlich, Gewitter, ſtrichweiſe leichte Regen, mäßig
warm.

Angeſichts der Verteuerung der meiſten Genußmittel
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iſt auf die Billigkeit von
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SaN6R0 %E
beſonders hinzuweiſen. Dieſe fachgemäße Miſchung vor=
zugsweiſe
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Familiennachrichten.

Für die unserem Herzen überaus wohltuenden Beweise der Teilnahme
beim Hinscheiden des geliebten Gatten und Vaters

sagen wir unseren wärmsten und innigsten Dank.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen.
Darmstadt, Juni 1912.

(12986

Kath. Männerverein Darmſtadt.

Todes=Anzeige.
Gott dem Allmächtigen hat es gefallen,
(B13004
unſer Mitglied
Herln Fraus Winterhatter
aus dieſem Leben abzurufen.
Die Beerdigung findet Samstag, nachmit=
tags
2½ Uhr, auf dem Darmſtädter Fried=
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ſtatt.
Wir bitten um recht zahlreiche Beteiligung.
Der Vorstand.

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(Statt jeder beſonderen Anzeige.)
Gott dem Allmächtigen hat es gefallen,
meinen unvergeßlichen, treubeſorgten Gatten,
unſeren Vater, Bruder, Schwager und Onkel
Franz Aavel Winterhatter
im Alter von 36 Jahren nach langem Leiden
zu ſich zu nehmen.
(B12991
Die trauernden Hinterbliebenen:
Frau Katharina Winterhalter
und Kinder.
Darmſtadt, 13. Juni 1912.
Die Beerdigung findet Samstag, nachmittags
2½ Uhr, vom Portale des Darmſtädter Fried=
hofes
aus, ſtatt.

Danksagung.
Für die wohltuenden Beweise herz-
licher
Teilnahme bei dem uns s0
schwer betroffenen Verluste, sowie für
die trostreichen Worte des Herrn
Pfarrer Widmann und die zahlreichen
Blumenspenden, sagen innigsten Dank
die trauernden Hinterbliebenen:
Frau Kath. Becker, geb. Berck,
Familie Becker,
Familie Walter. (13007
Darmstadt, den 13. Juni 1912.

Gotlesdienſt bei der israelitiſchen Religiousgemeinde.
Haupt=Synagoge (Friedrichſtraße 2).
Freitag, den 14. Juni:
Vorabendgottesdienſt 7 Uhr 30 Min.
Samstag, den 15. Juni:
Morgengottesdienſt 8 Uhr 30 Min. Predigt
9 Uhr 25 Min. Sabattausgang 9 Uhr 40 Min.

Gottesdienſt in der Synagoge der israelitiſchen Religions=
geſellſchaft
.
Samstag, den 15. Juni:
Vorabend 7 Uhr 40 Min. Morgens 7 Uhr 30 Min.
Nachmittags 5 Uhr. Sabattausgang 9 Uhr 40 Min.
Wochengottesdienſt von Sonntag, den 16. Juni an:
Morgens 6 Uhr. Nachmittags 7 Uhr 15 Min.

Verſteigerungskalender.
Samstag, 15. Juni.

Hofreite=Verſteigerung des Joh. Friedrich
Tumm (Pallaswieſenſtraße 35) um 10 Uhr auf dem Orts=
gericht
I.
Manufakturwaren= uſw. Verſteigerung um
9 Uhr Kirchſtraße 4.

Tageskalender.

Volkstümliche chriſtl. Vorträge um 8½ Uhr im
Rhein. Miſſionszelt an der Lindenhofſtraße. Bibel=
ſtunde
um 4 Uhr daſelbſt.
Konzerte: Hugenſchütz’ Felſenkeller um 8 Uhr.
Perkeo um 8 Uhr.
Bilder vom Tage: (Auslage Rheinſtraße 23): Beſuch
des Königs von Bulgarien in Wien; zu den Krawallen
im ungariſchen Parlament; ein Flugapparat bei der
Kaiſerparade auf dem Tempelhofer Feld in Berlin;
Königin Wilhelmine von Holland in Paris.

Drick und Berlags z. g. Milchiſe Soſluchunchert.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil, Inſeratbeilagen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftsleben: Hans Seitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
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Seite 8:

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 14. Jum 1912.

Nummer 138.

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Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 14. Juni 1912.

Nummer 138.

* Segelſport. Franzöſiſcher Sieg im Ein=
tonner
=Pokal. Die vierte Regatta um den Kieler
Eintonner=Pokal endete mit einem überraſchenden Siege
der franzöſiſchen Jacht Sansſouci. Das über den Links=
Kurs auf der Kieler Förde führende Rennen wurde bei
Nordwind von 23 Sekundenmetern Stärke ausgeſegelt.
Auf dem Kreuzgang zum erſten Markboot war die deut=
ſche
Jacht Windſpiel 16 dem Felde bald davon gezogen,
rundete mit anderthalb Minuten Vorſprung vor dem
zweiten Boot und ſah bereits wie die ſichere Siegerin
aus, als auf dem zweiten Kreuzgang der Wind am Mark=
boot
umſprang. Die zurückliegende franzöſiſche Jacht
wurde durch dieſe veränderten Windverhältniſſe derartig
beeinflußt, daß ſie den Verluſt aufholen und mit 2 Stun=
den
39 Min. 40 Sek. das Rennen knapp gewinnen konnte.
Zweiter wurde die deutſche Jacht Windſpiel 16 2:41:38
vor Neerlandia=Holland 2:42:20, Momo= Spanien
2144:22, Finn 2"=Finnland 2:44:23, Nurdug 2= Däne=
mark
2145:43, Quo vadis=Norwegen 2145:44, Vinga 2
Schweden 2145:49 und Bunty‟=England 2:45:50. Wind=
ſpiel
16 wurde ſchließlich noch auf einen von den Spa=
niern
eingelegten Proteſt wegen Drängens nach dem
Start disqualifiziert.

Vermiſchtes.

* Etwas vom engliſchen Sonntag. Ueber den eng=
liſchen
Sonntag, d. h. über die Art, wie man drüben überm
Kanal den Sonntag heiligt, herrſchen bei uns im lieben
Deutſchland zumeiſt noch recht irrige Anſichten. Irrig iſt
ſchon der Glaube, daß der engliſche Sonntag ein Zwangs=
produkt
ſei. Tatſächlich aber iſt der engliſche Sonntag für
den Engländer ein wirklich idealer Ruhetag, der ſehr im
Gegenſatz zu der Art ſteht, wie wir bei uns dieſen Tag zu
feiern pflegen. An dieſem Tage ruht in England alles.
Straßenbahnen, Untergrund= und Eiſenbahnen ſchränken,
wie Max W. Karſtenſen in einem anſchaulichen Eſſay
über Das unmoderne moderne England im neueſten,
11. Heft der Zeitſchrift Arena (Deutſche Verlags=Anſtalt,
Stuttgart) des näheren ſchildert, den Betrieb ein, weil
der Engländer Sonntags das Haus ſelten verläßt.
Theater, Varietés und ſonſtige Veranſtaltungen ſind aus
demſelben Grunde geſchloſſen, dagegen werden nachmittags
in den öffentlichen Anlagen, wenigſtens in den Haupt=
ſtädten
des Landes, Freikonzerte veranſtaltet. Die meiſten
Familien beſuchen vormittags die Kirche und machen im
Anſchluß daran einen Spaziergang durch den Park. Nach
dem Diner, das Sonntags meiſt um 2 Uhr eingenommen
wird, ruht man, d. h. man ſchläft über einem Buche ein
und tut eigentlich den ganzen Tag gar nichts. Muſizieren,
Kartenſpielen oder ähnliches pflegt man des Sonntags
zu unterlaſſen, auch Beſuche ſind nicht recht ſtatthaft, da
eben jedermann an dieſem einen Tage in der Woche ganz
und gar in der Ruhe gelaſſen werden will. All das, was
eben erwähnt wurde, tut der Engländer Samstags nach=
mittags
. Da die Geſchäfte, Bureaus und Werkſtätten zu=

meiſt mittags ſchließen, ſo hat jedermann Gelegenheit, ins
Thcater, Varieté uſw. zu gehen, wo Samstags immer
drei Vorſtellungen gegeben werden. Der Sonntag iſt der
Tag der Ruhe, er gehört der Familie. Und nun vergleiche
man damit einmal den Sonntag, wie er Sommer und
Winter bei uns gehalten wird!

Literariſches.

Dasengliſche Landhaus. Eine Sammlung
vorbildlicher Hauspläne aus dem Privatbeſitze Sr. Maj.
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Die ſachlichen Erläuterungen von Profeſſor Wienkoop
weiſen auf alles weſentliche hin und bringen die Pläne
auch dem Verſtändnis der Laien nahe und die beigefügten
deutſchen Hausbeiſpiele von Profeſſor Wienkoops Hand
übertragen die engliſchen Anregungen in unſere Verhält=
niſſe
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Berlin W. 57. Das Buch iſt ein vorzüglicher Ratgeber
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ungsbeamten
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der modernen kaufmänniſchen Bibliothek, G. m. b. H.,
Leipzig=R. Kaufmänniſche Verhältniſſe ſind es vornehm=
lich
, die den Juriſten umgeben, die zu ordnen und über
die Recht zu ſprechen er berufen iſt. Er muß daher dieſe
Verhältniſſe kennen, wenn er ſeinem Beruf in voller= Wür=
digung
der ihn umgebenden Tatbeſtände gerecht werden
will. Die Schrift will die Richtlinien angeben, die befolgt
werden müſſen, wenn der heutige Mißſtand, der von bie=
len
und gerade berufenen Stellen behauptet wird, wenig=
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zum Teil beſeitigt werden ſoll.

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Sport.

Radſport. Vereinswanderfahrt des
Gau 9 D. R.=B. Sonntag, 16. Juni, veranſtaltet der
Gau 9 des Deutſchen Radfahrer=Bundes ſeine alljährliche
Wanderfahrt für Vereine und Einzelfahrer nach Michel=
ſtadt
i. O. Die Strecke muß 75 Kilometer betragen und
das Ziel, Fürſtenauer Hof in Michelſtadt, bis 12 Uhr
mittags paſſiert ſein. Vereine, welche mit der prozentua=
len
Mindeſtzahl Fahrer teilnehmen, erhalten die Gau=
plakette
, ebenſo Motorfahrer, Einzelfahrer und Damen,
die kleine Plakette. Für Meiſtbeteiligung in den Ver=
einen
hat der feſtgebende Verein vier Ehrenpreiſe geſtiftet,
welche in vier gleichgroßen Vereinsgruppen dem meiſt=
beteiligten
Verein in jeder Gruppe zufallen. Meldungen
zur Teilnahme an dieſer Fahrt ſind zwecks Erlangung der
Kontrollkarten an den 1. Gaufahrwart Karl Schmidt=
Darmſtadt, Schuchardſtraße 6, erbeten. Der R.=V. Michel=
ſtadt
1902 verbindet mit dieſer Wanderfahrt des Gaues
ſein zehnjähriges Stiftungsfeſt.
* Radrennen, Neue Weltrekords bei den
Radrennen in Dresden. Das ſchon zweimal ver=
regnete
Rennen um den Großen Preis von Dresden über
100 Kilometer konnte am Dienstag abend endlich aus=
gefahren
werden. Der Belgier Linart zeigte ſich in großer
Form, verbeſſerte von 50 Kilometer an alle bisherigen
Weltrekords und ſiegte in 1 Stunde 8 Minuten 12 Sek.
Günther blieb 2980, Stellbrink 5510 und Walthour 11900
Meter zurück. Alle drei Fahrer hatten unter Rad= und
Motordefekten zu leiden. In der Stunde legte Linart
88,350 Kilometer (Weltrekord) zurück. Auch in dem Halb=
ſtunden
=Rennen um den Kleinen Preis von Dresden ge=
lang
es dem Sieger Saldow, über 30 und 40 Kilometer
neue Weltrekors aufzuſtellen. Der Berliner ſiegte mit
44,400 Kilometer vor Ebert 42,800, Ryſer 41,000 und Ro=
ſenlöcher
36,250 Kilometer. Ein Zehnkilometer=Rennen
gewann Saldow ebenfalls in 7 Min. 8 Sek. vor Ryſer,
350 Meter, Ebert 380 Meter und Roſenlöcher 1470 Meter
zurück.

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leiden
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Samstag, den 15. Juni,
am (*14572
Marktbrunnen.

[ ][  ][ ]

Antliche Nachrichten des Großh. Polzelamts Darmſtadt.

Straßenſperre. Wegen Vornahme von Kanalbauarbeiten wird
e Landskronſtraße zwiſchen der Tannen= und Kiesbergſtraße vom
bis zum 22. Juni ds. Js. für den Fuhrwerksverkehr geſperrt. (12981

es Warenlagers der Firma Oppenheimer & Co.
Detail
Kirchſtraße 4

auert nur noch bis Ende dieſer Woche. Es kommen
noch zum Ausgebot:
Manufakturwaren aller Art,
Herren= und Knabenkonfektion,
Berufskleidung etc. etc.
(12928df
Darmſtadt, den 12. Juni 1912.
Ernst Wolff, Amtsgerichtstaxator.

Faſelvieh-Verſteigerung.

Montag, den 17. Juni, vormittags 11 Uhr,
vird ein der Gemeinde Eſchollbrücken gehöriger junger, gutgenährter,
ur ferneren Zucht untauglicher Bulle öffentlich meiſtbietend verſteigert.
Zuſammenkunft am Faſelſtall.
(12918dfs
Eſchollbrücken, am 12. Juni 1912.
Großh. Bürgermeiſterei Eſchollbrücken.
Götz.

Wir zeigen hiermit an, dass wir die Zinsver-

zütung auf

Scheck-Konto

bis auf weiteres auf 2% festgesetzt haben.
Für Gelder mit bestimmter Kündigungsfrist bleibt
besondere Vereinbarung wegen der Zinsvergütung vor-
(12979P
behalten.
Darmstadt, den 11. Juni 1912.
Bank für Handel und Industrie.

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Nach Abhaltung des Schluß=
termins
und Vollzug der Schluß=
verteilung
iſt das Konkursverfah
ren über das Vermögen des Joh.
Friedrich Trautwein, Kaufmanns
in Darmſtadt, Inhabers der Firma
Peters & Trautwein, Holz= und
Kohlenhandlung in Darmſtadt,
aufgehoben worden. (12985
Darmſtadt, den 8. Juni 1912.
Der Gerichtsſchreiber
Großherzoglichen Amtsgerichts I.

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Liebigs= und die Großh. Ludwigs=
Oberrealſchule, die Vorſchule der
Großh. Gymnaſien, die Viktoria=
ſchule
und das Lehrerinnen= Semi=
nar
, die Eleonoren= und Frauen=
ſchule
, ſowie die Mittelſchulen iſt
bis 15. I. Mts. erſtreckt worden.
Zahlung hat bei Meidung
des Beitreibungsverfahrens
bis zu dieſem Zeitpunkte an
den Werktagen, vormittags von
8 bis 12½ Uhr, hierher zu er=
folgen
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Darmſtadt, den 3. Juni 1912.
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(Nachdruck verboten.)
18

Es wid nir me di chte ählie zu dieſer Sinmrſe
fehlen, beſter Doktor, entgegnete Ellerburg mit begeiſter=
tem
Blick auf Elfriede. Wahrhaftig, gnädiges Fräulein,
wie Sie eben daſtanden, vom Glanz der untergehenden
Sonne umfloſſen, da tauchte in meinem Geiſte hier die
letzte Szene des Dramas auf, in der Klytia beim glühen=
den
Untergang der Sonne in das Meer verſinkt.
Sie haben Recht, Herr Graf, es war ein ergreifend
ſchönes Bild. Aber nun wollen wir auch nicht in das
dumpfe, von Schatten erfüllte Zimmer gehen, ſondern
hier, angeſichts des flammenden Himmels und des Mee=
res
, wollen wir die Leſeprobe halten, bemerkte Wende=
born
und rückte einige Stühle herbei. Wollen wir be=
ginnen
?
Ich bin bereit, wenn Fräulein Elfriede beginnen
will, entgegnete der Graf.
Man ſetzte ſich um den kleinen Tiſch. Wendeborn
begann zu leſen, während Elfriede die Rolle der Klytia
faſt ohne Zuhilfenahme des Buches wiedergab. Anfangs
litt ihr Vortrag unter einer gewiſſen Befangenheit, aber
ſehr bald überwand ſie dieſe und, hingeriſſen von den
ſchönen Worten und dem ganzen Inhalt der Dichtung,
ſprach ſie die Verſe mit ihrer ſchönen, vollen, etwas tiefen
Stimme, mit einer Begeiſterung und Innigkeit, daß ſelbſt
der Doktor Wendeborn erſtaunt aufhorchte.

Faſt zwei Stunden dauerte die Vorleſung, aber
niemand dachte daran, dieſelbe zu unterbrechen, ehe man
nicht die große Schlußſzene gehört, die der Monoloa
Klytias faſt allein ausfüllte.
Elfriede hatte ſich erhoben und ſprach die Verſe, das
Antlitz der See zugewendet, über die jetzt der Mond ſein
magiſches Silberlicht ergoß gleichſam eine ſchimmernde
Brücke ſchlagend zwiſchen dieſer Erde und der fernen
Zauberwelt der ſeligen Geiſter, die im Reich des ewig
Schönen, des ewigen Lichtes wohnen.
Die beiden Herren ſaßen im Schatten der Veranda.
und blickten tief ergriffen auf die ſchlanke, weiße Licht=
erſcheinung
, die im dunklen Rahmen der Veranda, um=
floſſen
von dem Silberſchein des Mondes, wie ein über=
irdiſches
Weſen zu ſchweben ſchien.
Und wie ſie die Verſe ſprach! Sie ſchien alles um
ſich her vergeſſen zu haben, ſie lebte mit ihrer Rolle, das
Sehnen nach dem Idealen, nach Schönheit, nach Licht
und nach Freiheit erfüllte ſie ganz und drückte ſich in ihrer
Stimme aus, in ihren edlen, und doch leidenſchaftlichen
Bewegungen.
In leiſem Flüſtern erſtarb ihre Stimme, um noch
einmal auszuklingen in einen Jubelruf der erfüllten
Sehnſucht. Dann ſank auch die Geſtalt Elfriedens zu=
ſammen
, ſie ſchien ſich mit dem Schatten zu verſchmelzen

Elfriedens gefaltete Hände hingen ſchlaff hernieder,
ihr Antlitz, ihre ſchlanke Geſtalt, von einem einfachen,
weißen Kleide umhüllt, wurde von dem Widerſchein der
Sonnengluten übergoſſen und erſchien in faſt überirdi=
ſcher
Verklärtheit. Des Grafen Auge wanderte von dem
erhabenen Naturſchauſpiele zu Elfriede hinüber und
blieb entzückt an ihrer blendenden Erſcheinung haften.
Wenn ich ein Maler wäre, ſagte er nach einer Weile
tief aufatmend, würde ich dieſes Bild feſtzuhalten ver=
ſuchen
.
Sie zuckte leicht zuſammen, dann trat ſie etwas zu=
rück
, ſo daß ſie in dem Schatten der Veranda ſtand. Aber
der Glanz der ſinkenden Sonne umſchwebte doch ihr Ant=
litz
und leuchtete in ihren großen, dunklen Augen.
Da trat Doktor Wendeborn aus dem Hauſe.
Das iſt die richtige Szenerie für meine Klytia, rief
er, mit ausgeſtreckter Hand auf das flammende Meer
und den glühenden Himmel deutend. Merken Sie ſich
dieſe Szenerie, Herr Graf, und laſſen Sie dieſelbe durch
ihren Theatermaler herſtellen.

[ ][  ][ ]

und dort, wo ſie eben geſtanden, flutete weſenlos das
zitternde, magiſche Silberlicht des Mondes hinein.
Eine leiſe, feierliche Stille herrſchte auf der Veranda.
Plötzlich drang ein Aufſchluchzen durch das Schweigen
Mein Kind mein liebes Kind . . . und Elfriede
ſtürzte zu den Füßen ihres Vaters nieder, der ſie zärtlich
umſchlang, während aus ſeinen Augen die Tränen auf
ihr Haupt niederperlten.
Habe Dank, mein liebes, teures Kind, flüſterte er in
tiefer Bewegung. So habe ich meine Klytia in meinen
ſchönſten Träumen, in meinen heiligſten Phantaſien ge=
ſchaut
! Du haſt in meinem Herzen, in meiner Seele ge=
leſen
! Habe Dank, tauſend Dank. Jetzt erſt weiß ich,
daß mir ein Werk der ewigen Schönheit gelungen iſt,
das nicht vergeſſen werden wird.
Graf Ellerburg hatte ſich erhoben; auch er war tief
erſchüttert von dem Vortrag und hingeriſſen von der
eigenartigen Schönheit und dem Genie Elfriedens.
Ihr Werk wird nicht vergeſſen werden, mein Freund
ſagte er mit leicht bebender Stimme, wie ich dieſe Stunde
niemals vergeſſen werde. Die Schönheit Ihrer Dichtung
hat ſich mir erſt in dieſer Stunde offenbart durch
Ihren Vortrag, Fräulein Elfriede. Wahrhaftig, ich wage
jetzt kaum das Werk aufzuführen, denn nie werde ich
eine ſolche Klytia finden!
Verwirrt, beſchämt, daß ſie ſich ihrer Begeiſterung
ſo voll und ganz hingegeben, erhob ſich Elfriede.
Die eigenartige Umgebung, dieſe großartige Szenerie
unterſtützte mich, Herr Graf, erwiderte ſie leiſe. Viel=
leicht
würden Sie bei hellem Lampenlicht dieſen Eindruck
nicht gehabt haben.
Mag ſein, daß die Umgebung den Eindruck verſtärkt
hat, aber ohne Ihre Kunſt wäre der Eindruck bald zer=
flattert
. Sie haben recht, lieber Doktor, Fräulein

Elfriede iſt eine dramatiſche Künſtlerin von Gottes
Gnaden.
Laſſen Sie uns noch ein Stündchen zuſammen blei=
ben
, Herr Graf, ſagte Wendeborn, der ſeine Faſſung
wiedergewonnen hatte. In dieſem Augenblicke aus=
einander
zu gehen, wäre Sünde. Elfriede, ſei ſo freund=
lich
, uns die Lampe und eine Flaſche Wein zu holen
du weißt ja, wo ſich unſer beſcheidenes Weinlager be=
findet
.
Elfriede war froh, ſich auf eine Weile entfernen zu
dürfen. Ihr Inneres erbebte noch unter dem Eindruck
der letzten Stunde, ſie mußte eine Weile mit ſich allein
ſein. Es war ihr, als ſchwebe ſie weſenlos über Wolken
dahin als verſinke ſie in dem flammenglühenden
Meere als wandle ſie über die flimmernde Brücke,
die der Mond über die Wogen geſpannt. Sie mußte ſich
erſt wiederfinden ſie mußte zur Erde zurückkehren.
Nach einiger Zeit kam ſie mit der Lampe, dann ging
ſie wieder, um den Wein zu holen. In lebhaftem Ge=
ſpräch
ſaßen die drei ſpäter zuſammen.
Plötzlich ſagte Wendeborn: Jetzt müſſen aber auch
Sie uns durch Ihre Kunſt erfreuen, lieber Graf! In
unſerem Zimmer ſteht ein leidlich gutes Piano bitte,
bitte, ſpielen oder noch beſſer, ſingen Sie uns eins Ihrer
Lieder.
Es wäre unrecht, Entgegnete Ellerburg freundlich,
nach dem Genuß, den Sie mir bereitet, Ihre Bitte abzu=
ſchlagen
. Nur dürfen Sie nichts Großes erwarten,
Fräulein Elfriede.
Man begab ſich in das Zimmer und der Graf ſetzte
ſich an das Inſtrument. Schon nach den erſten Akkorden
erkannte man den Meiſter. Elfriede lauſchte entzückt
dieſen ſanften und doch ſo leidenſchaftlich bewegten
Tönen, die in weichem Adagio verklangen.
Und nun noch ein Lied, bat Wendeborn.

Ein kurzes Vorſpiel und der Graf begann mit wei=
cher
, etwas verſchleierter Baritonſtimme:
Die Lippen nicht das Aug’ laß ſprechen
Es lügt ja leicht der loſe Mund.
Doch deines Auges Strahlen brechen
Hervor aus tiefſtem Herzensgrund.
Auch meine Lippen ſollen ſchweigen,
Mein Mund ſei ſtumm, wie einſt mein Grab,
Und nur mein Auge ſoll dir zeigen,
Wie ich ſo lieb ſo lieb dich hab’ .
Alles Blut drang Elfriede zum Herzen, daß es ke.
ungeſtüm pochte, daß ſie ſelbſt ſeinen Schlag zu hören
meinte. Sein Auge hatte bei dem Liede ſo voll heißer
Glut und zärtlicher Innigkeit auf ihrem Antlitz geruht,
daß ſie unter dieſem Blick erbebte.
Und doch konnte ſie die Blicke nicht abwenden! Wie
gebannt hingen ſie an ſeinem Blicke. Und ihre Augen
tauchten tief ineinander in ſtummer Zwieſprache. Ein
jeder von ihnen fühlte, daß dieſe Stunde über ihr Schick=
ſal
entſchieden.
Und Doktor Wendeborn ſchien eine ähnliche Empfin=
dung
zu hegen. Er applaudierte etwas zu lebhaft und
begann ein munteres Geſpräch, um den Eindruck der letz=
ten
Stunde abzuſchwächen. Wozu ſeinem Kinde neues
Leid, neue Qualen bereiten? Wozu eine Neigung her=
vorrufen
, die zu keinem glücklichen Ende führen konnte?
Ellerburg erhob ſich und ſchloß das Piano. Er war
einſilbig geworden; nicht verſtimmt oder mißmutig, nein
es lag eine Weichheit über ſeinem ganzen Weſen, die
kein harmlos heiteres Geſpräch mehr aufkommen ließ.
Da Mitternacht herangekommen war, empfahl er ſich.
Auf Wiederſehen morgen früh ſagte er und zog
Elfriedens Hand in innigem Kuß an die Lippen.
(Fortſetzung folgt.)

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 14. Juni 1912.

Seite 13.

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Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 14. Juni 1912.

Nummer 138.

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