Darmstädter Tagblatt 1912


13. Juni 1912

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Inſerate
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175. Jahrgang
werden angenommen in Darmſtadt,
monatl. 60 Pfg., viertelj. 1.80 Mk., aus=
Rheinſtraße 23, Beſſungerſtraße 47,
wärts nehmen die Poſtämter u. die Agen=
verbunden
mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage: ſowie von unſeren Agenturen und
turen Beſtell. entgegen zu 60 Pfg. monatl.
den Annoncen=Expeditionen. Bei
u. 1.80 Mk. viertelj. Verantwortlichkeit
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jeder Annoncenrabatt in Wegfall.
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ſchriebenen Tagenwirdnicht übernommen.
Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 18 Seiten.

Haldanes Rücktritt.

Für die deutſch=engliſchen Beziehungen iſt die
Nachricht von dem Rücktritt des engliſchen Kriegsmini=
ſters
, die ſoeben bekannt wird, von großer Bedeutung
gerade in dem Augenblick, wo ſich der Wechſel auf dem
deutſchen Botſchafterpoſten in London vollzogen hat.
Lord Haldane, deſſen inoffizielle politiſche Tätigkeit
in den letzten Monaten die öffentliche Meinung diesſeits
und jenſeits des Kanals ſo hervorragend beſchäftigt hat,
wird, wie gemeldet, an Stelle des aus Geſundheitsrück=
ſichten
zurücktretenden Lord Loreburn Großſiegel=
bewahrer
der Krone und Lordgroßkanzler.
Dieſe beiden Aemter, die in der Hand eines Mannes
lliegen, gehören zu den höchſten, die die engliſche Regie=
rung
zu vergeben hat, ſie ſind aber faſt ausſchließlich
repräſentativen Charakters und bieten weder einen direk=
ten
Einfluß, noch eine direkte Beteiligung an den Ge=
ſchäften
des Kabinetts. Der Lordgroßkanzler hat kein
Reſſort, ſteht auch nicht in Reih und Glied mit den Mi=
niſtern
des Kabinetts, obwohl er zur Regierung gehört,
er nimmt eine Art Reſpektsſtellung ein, die indeſſen unter
Umſtänden einer Kaltſtellung ſehr ähnlich ſieht. Das
Amt wird meiſtens an alte und verdiente Politiker ver=
geben
, kommt alſo einem ruhmvollen Ruhepoſten gleich.
Unter dieſen Umſtänden muß es fraglich erſcheinen,
vb Haldanes Stimme künftig denſelben Wert haben
wird wie zuvor. Es muß abgewartet werden, ob ſein
Rücktritt vom Kriegsminiſterium ein Aufgeben des durch
ſeine Berliner Miſſion angebahnten Weges bedeutet,
oder ob er in Zuſammenhang zu bringen iſt mit der
Mkttelmeerkonferenz der engliſchen Staatsmänner. Aller=
dings
erklärt ſich die geringere Beteiligung der bisheri=
gen
Inhaber des Großkanzleramtes an der aktiven Ka=
binettspolitik
leicht durch ihr zumeiſt hohes Lebensalter.
Der neue Kriegsminiſter Oberſt Seely
ſteht im 46. Lebensjahre, hat aber ſchon wiederholt durch
ſein energiſches Auftreten im Parlament Aufmerkſam=
keit
hervorgerufen. Er iſt einer der fähigſten Köpfe der
Liberalen und war zuletzt Unterſtaatsſekretär in dem=
ſelben
Miniſterium, deſſen Leitung er ſoeben übernom=
men
hat. Die Verwaltung des Kriegsamtes, die Hal=
dane
mit gutem Erfolge führte, wird auch von ſeinem
Nachfolger kaum nach anderen Prinzipien geführt wer=
den
. In ſeinem neuen Amte kann der bisherige Kriegs=
miniſter
ſich in der Frage der deutſch=engliſchen Verſtän=
digung
ohne Zweifel intenſiver betätigen als an der
Spitze eines Reſſorts, das die ganze Kraft ſeines In=
habers
außerordentlich in Anſpruch nimmt. Aus die=
ſem
Grunde liegt auch einſtweilen kein triftiger Grund
vor, die Entfernung Haldanes aus ſeinem bisherigen
Amt peſſimiſtiſch aufzufaſſen und anzunehmen, daß er
in dem Augenblick, in dem Frhr. v. Marſchall ſich an=
ſchickt
, ſeinen Londoner Poſten anzutreten, ausgeſchaltet
wird zum Schaden der Miſſion, deren Träger er
war, und in deren Dienſt, wie man allgemein glaubt,
auch Herr von Marſchall ſich ſtellen ſoll. Es iſt vielmehr
zu hoffen, daß die engliſche Regierung den neuen Lord=
großkanzler
, der einer der erſten Ratgeber der Krone iſt,
mit der Aufgabe betrauen wird, die Krone im Sinne
des Einvernehmens und der Verſtändigung mit Deutſch=
land
zu beraten.

Das Neueſte vom Tage.

Einer Meldung aus Mainz zufolge wurde die Bil=
dung
einer freien Vereinigung heſſi=
ſcher
Nationalliberaler beſchloſſen.
Der Finanzausſchuß des bayeriſchen Abgeord=
netenhauſes
hat geſtern den preußiſch= ſüd=
deutſchen
Lotterievertrag abgelehnt.
Der Hauptmann von Köpenick, Wilhelm
Voigt, iſt im Hoſpital zu London geſtorben.
*
Das ungariſche Abgeordnetenhaus nahm
die Reviſion der Hausordnung an und vertagte ſich auf
eine Woche.

Die preußiſch=ſüddeutſche Lotterie=
gemeinſchaft
.

* Der Finanzausſchuß der bayeriſchen
Abgeordnetenkammer hat die Regierungsvor=
lage
des Lotterievertrages mit Preußen mit allen gegen
drei Stimmen endgültig abgelehnt, dagegen den
Zentrumsantrag auf Schaffung einer eigenen bayeriſchen
Staatslotterie bei Verpachtung des Unternehmens an
ein Konſortium mit 9 Stimmen gegen die 6 Stimmen
der Liberalen und Sozialdemokraten angenommen.
Die Norddeutſche Allgkmeine ZZeitung ſchreibt hierzu:
In dem zwiſchen Preußen einerſeits und Bayern,
Württemberg und Baden anderſeits im Juli 1911 abge=
ſchloſſenen
Staatsvertrage wegen Begründung der preu=
ßiſch
=ſüddeutſchen Klaſſenlotterie war von vornherein
vorgeſehen, daß der Vertrag auch dann gelten ſolle,
wemn der Landtag eines der beteiligten Staten die
Genehmigung des Vertrages nicht erteilen ſollte.
Dieſe Beſtimmung wird jetzt von Bedeutung. Es iſt
zwar noch keineswegs ausgeſchloſſen, daß der bayeriſche
Landtag dem Vertrage ſchließlich doch noch ſeine Ge=
nehmigung
erteilt; nicht mehr möglich iſt es aber nach
Lage der Verhandlungen im bayeriſchen Landtag, daß
der Beitritt Bayerns noch zu dem im Vertrage vorge=
ſehenen
Termine dem 1. Juli d. Js., erfolgen könne.
Die preußiſch=ſüddeutſche Klaſſenlotterie wird daher am
1. Julit 1912 einſtweilen in der Form des Beitritts
von Württemberg und Baden in die Erſchei=
nung
treten. In beiden ſüddeutſchen Staaten iſt die
Organiſation der Lotterieverwaltung abgeſchloſſen, ſodaß
dort Anfang Juli mit dem Verkauf der Loſe zur erſten
Klaſſe der erſten preußiſch=ſüddeutſchen Klaſſenlotterie be=
gonnen
werden konnte.
Nach dem Plan dieſer erſten gemeinſchaftlichen Lot=
terie
hat eine Verſtärkung der Loſe um 39 000 Stamm=
loſe
und demgemäß auch eine Vermehrung der Gewinne
ſtattgefunden. Als eine bedeutende Neuerung, welche zu=
gleich
mit der erſten preußiſch=ſüddeutſchen Klaſſenlotte=
rie
ins Leſben tritt, iſt der Wegfall des
bisherigen Mitſpiels der Freiloſe, für die
Staatskaſſe anzuſehen, welcher von berufener Seite als
eine Morgengabe der preußiſchen Finanzverwaltung an
die als ſolche neu ins Leben tretende preußiſch=ſüddeutſche
Klaſſenlotterie bezeichnet worden iſt. Preußen verzich=
tet
hierdurch auf eine halbe Million bisheriger jährlicher
Einnahmen aus der Lotterieverwaltung, um welche runde
Summe die Gewinnausſichten der Spieler ſich verbeſſern.
Mit einer ſolchen Ausſtattung kann ſich keine andere Lot=
terie
auch nur annähernd vergleichen

Deutſches Reich.

Freie Vereinigung heſſiſcher Na=
tionalliberaler
. Das Mainzer Tagblatt ſchreibt:
Im Anſchluß an die letzte Sitzung des Landesausſchuſſes
der heſſiſchen nationalliberalen Landespartei, die be=
kanntlich
damit endete, daß die Delegierten von Alsfeld=
Lauterbach, Mainz, Offenbach und vom Odenwald unter
Proteſt den Saal verließen, fanden zwiſchen Vertretern
verſchiedener heſſiſcher Wahlkreiſe und heſſiſcher national=
liberaler
Vereine eine Reihe von Beſprechungen ſtatt.
Man kam zu dem Entſchluß, eine freie Vereinigung heſſi=
ſcher
Nationalliberaler zu bilden, die durch Anſtellung
eines Geſchäftsführers und Herausgabe einer Korre=
ſpondenz
als Finanz= und Arbeitsgemeinſchaft organi=
ſatoriſch
wirken ſoll. Man will die Mitglieder dieſer
freien Vereinigung, die nach den Beſchlüſſen des Dele=
giertentages
in Berlin durchaus zuläſſig iſt, in keiner
Weiſe politiſch binden. Die Gründer wollen aber den
Kampf gegen die politiſche Unterjochung der Partei durch
wirtſchaftliche Verbände, insbeſondere durch den Bund
der Landwirte, mit Nachdruck führen und rein national=
liberale
Organiſationen zu ſchaffen ſuchen. Zuſammen=
geführt
hat die Gründer auch das Bewußtſein der Not=
wendigkeit
, der Politik der Reichstagsfraktion und ihres
Führers Baſſermann in Heſſen einé feſtere Grundlage
zu ſchaffen. Ausgeſchloſſen iſt, daß man etwa die Mit=
glieder
auf eine linksgerichtete Politik verpflichtet. Man
hat ja ſchon verſucht, Stimmung in dieſer Richtung ge=
gen
die Gründung zu machen. Es hat noch keine Ver=
handlung
wegen der Perſon des Geſchäftsführers ſtattge=
funden
. Die Vertrauensmänner=Verſammlung der
Nationalliberalen Partei des Reichstagswahlkreiſes
Mainz=Oppenheim hat in einer aus Stadt und Land
zahlreich beſuchten Verſammlung am 9. Juni 1912 ein=
ſtimmig
beſchloſſen, ſich an der geplanten Vereinigung
zu beteiligen.
Bundesrat und Jeſuitengeſetz. Die
Nachricht, daß der Bundesrat die von Bayern beantragte
authentiſche Interpretation des Jeſuitengeſetzes voraus=
ſichtlich
erſt im Herbſt geben werde, wird in der Zen=

trumspreſſe beſtätigt. Danach ſind zunächſt mehrere
Gutachten von katholiſchen Theologen eingeholt worden;
dann nimmt das Reichsjuſtizamt Stellung, hierauf erſt
der Reichskanzler. Nach dieſen Vorarbeiten kommt die
Sache im preußiſchen Staatsminiſterium vor, wor
erſt der Bundesrat an die Reihe kommt. In Zentrums=
kreiſen
rechnet man damit, daß der Reichstag noch vor=
her
Gelegenheit haben wird, ſich mit dem Antrag des
Zentrums auf Aufhebung des Geſetzes zu befaſſen, ehe
der Bundesrat abſtimmt.
Die einzelſtaatlichen Geſandtſchaf=
ten
. Die Frage der Aufhebung der württembergiſchen
Geſandtſchaft in Berlin wurde im Finanzausſchuß der
Zweiten Kammer behandelt und dabei zu einem ſozial=
demokratiſchen
Antrag Stellung genommen, der die Re=
gierung
erſuchte, mit den in Betracht kommenden Bun=
desſtaaten
, alſo mit Preußen und Bayern, Verhandlun=
gen
anzubahnen in der Frage einer gemeinſamen und
gleichzeitigen Aufhebung der Geſandtſchaften. Nach
längerer Erörterung wurde der ſozialdemokratiſche An=
trag
abgelehnt, nachdem Miniſterpräſident Dr. v. Weiz=
ſäcker
erklärt hatte, daß die einzelſtaatlichen Geſandtſchaf=
ten
ſeit der Gründung des Reiches infolge der dadurch
vielgeſtaltiger und lebhafter gewordenen Beziehungen
zwiſchen den Einzelſtaaten gegenüber der Zeit vor dem
Jahre 1870 erheblich gewonnen hätten. Durch die Ab=
ſchneidung
des diplomatiſchen Verkehrs zwiſchen den
Einzelſtaaten würde man die Intereſſen Württemberas
und ſeine Beteiligung an der Geſtaltung der Verhältniſſe
im Reich ſchädigen. Man könne ihm als Miniſterprä=
ſidenten
auch nicht zumuten, daß er mit einem derar=
tigen
Anſinnen an die anderen deutſchen Bundesregie=
rungen
herantrete. Im weiteren Verlaufe ſeiner Aus
führungen machte der Miniſterpräſident eine Reihe ver=
traulicher
Mitteilungen über die Tätigkeit der Geſandt=
ſchaften
. Nach dieſer Stellungnahme des Finanzaus=
ſchuſſes
iſt anzunehmen, daß das Plenum des Land=
tages
ſich nicht für eine Aufhebung der württembergi=
ſchen
Geſandtſchaft in Berlin entſchließen wird.

Ausland.

Oeſterreich=Ungarn.
Die Beratung der Wehrreform. Der
Wehrausſchuß des öſterreichiſchen Abgeordnetenhauſes
nahm die Paragraphen 1 bis 7 der Wehrvorlage in der
Faſſung an, in der ſie von dem ungariſchen Abgeord=
netenhaus
beſchloſſen worden ſind. Der zur Beratung
der Wehrkreformvorlage im ungariſchen Abgeprdneten=
hauſe
angenommenen Geſetzesvorlagen einberufene
ſtaatsrechtliche und Finanzausſchuß des ungariſchen
Magnatenhauſes nahm in gemeinſamer Sitzung die Ge=
ſetzesvorlagen
im allgemeinen, ſowie in den Details an.
Ein von dem Grafen Aurel Deſeffy eingebrachter Be=
ſchlußantrag
, nach welchem die Wehrreformvorlage vom
Abgeordnetenhauſe im Wege von Geſetzesverletzungen
angenommen worden ſein ſolle, ſomit der verfaſſungs=
mäßigen
Erforderniſſe entbehre und deshalb dem Abge=
ordnetenhauſe
zur verfaſſungsmäßigen Behandlung zu=
rückgeſendet
werden ſollte, wurde mit 29 gegen 12 Stim=
men
verworfen.
Die Bekämpfung der ungariſchen Ob=
ſtruktion
durch den Grafen Tisza. Bei der
Verhandlung über die Reviſion der Hausordnung er=
griff
der Präſident Tisza im ungariſchen Abgeordneten=
hauſe
von ſeinem Abgeordnetenſitz aus das Wort und
führte aus:
Die Obſtruktion iſt ein chroniſches Uebel geworden,
das nur durch eine gründliche, wehin auch ſchmerzliche
Operation zu heilen iſt. Der Organismus der Nation
muß einen Reinigungsprozeß durchmachen, um wieder
die Vorausſetzungen zu einer geſunden und friedlichen
Wirkſamkeit des Parlaments zu erlangen. In dieſem
feierlichen Augenblick meiner öffentlichen Tätigkeit, ſei
mir geſtattet, darauf hinzuweiſen, daß ſeit meinem Ein=
tritt
in das parlamentariſche Leben ich mich mit der Be=
kämpfung
der parlamentariſchen Anarchie befaßte. Für
die Löſung dieſes großen Problems ſetzte ich im gegen=
wärtigen
Kampfe gegen die Obſtruktion meine Perſon
ein. Gegen das Urteil der Oppoſition werfe ich mein
ganzes in dreißigjähriger ehrlicher Arbeit erworbenes
moraliſches Kapital in die Wagſchale! (Unter begeiſter=
tem
Beifall erhoben ſich die Abgeordneten von ihren
Sitzen.) Dieſer Umſtand enthebt mich der Notwendig=
keit
, mich gegen den Vorwurf des perſönlichen Ehrgeizes
und der Herrſchſucht zu verteidigen. (Zwiſchenrufe: Ein
Schurke der dies behauptet! Graf Tisza abwehrend:
Nicht Schurke, ſondern nur Irrender!) Auch Haß führt

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 13. Juni 1912.

Nummer 137.

mich nicht. Durch die Gnade Gottes hat ſehr viel Liebe
und ſehr wenig Haß in meinem Herzen Raum. Als ich
bei dem vor Jahren unternommenen Verſuch der Nieder=
ringung
der Obſtruktion meine warnende Stimme erhob,
verhallte mein Wort erfolglos. In dieſem großen Augen=
blick
erhebe ich von neuem meine Stimme. Möge die
Nation mich hören, ehe es zu ſpät iſt. (Begeiſterter Bei=
fall
.) Die mit großer Wärme vorgetragene Rede machte
tiefen Eindruck auf die Abgeordneten.
Die Reviſion der Hausordnung wurde in nament=
licher
Abſtimmung angenommen. Das Abgeordneten=
haus
vertagte ſich auf eine Woche. Ueber die Wehrvor=
lage
wird am Samstag im Magnatenhaus verhandelt.
Frankreich.
Der marokkaniſche Protektoratsver=
trag
. Aus dem dem Kammerausſchuß für auswärtige
Angelegenheiten vorgelegten Bericht Longs über den
marokkaniſchen Protektoratsvertrag iſt folgendes zu ent=
nehmen
:
Dem Sultan wurde eine Zivilliſte von 2800000
Haſſan=Peſeten gewährt, deren Verwendung keinerlei
Kontrolle durch die franzöſiſche Regierung unterliegt;
eine Million Franken wurde für den Sultan in der
Marokkaniſchen Staatsbank deponiert, teils ihm direkt
ausbezahlt. Außerdem wurde ein Kredit im Geſamt=
betrage
von 1 Million Haſſan=Peſeten für die Schorfats
der ſcherifiſchen Familie, für die Inſtandhaltung der Pa=
läſte
des Sultans und der Amtsgebäude des Maghzen,
ſowie für unvorhergeſehene Ausgaben bewilligt und
mehrere Beſitzungen bei Fez und Marakeſch als Privat=
eigentum
des Sultans anerkannt. Schlicßlich wurde
dem Sultan für den Fall einer Abdankung eine ent=
ſprechende
Penſion zugeſichert und vereinbart, daß er
im Einvernehmen mit der franzöſiſchen Regierung einen
ſeiner Söhne zum Thronfolger ernennen kann. Verſchie=
dene
andere Forderungen des Sultans, z. B. zweipro=
zentigen
Anteil an den für öffentliche Arbeiten in Ma=
rokko
verausgabten Summen, ein Elektrizitätsmonopol
in Fez, das Recht der Ernennung aller Beamten in den
Städten und der Kaids aller Stämme wurden abge=
lehnt
.
Es iſt ferner ein Dekret erlaſſen worden, in dem die
Amtsbefugniſſe Liauteys als Kommiſſar und General=
reſident
Frankreichs in Marokko feſtgeſtellt werden.
Darin wird beſtimmt, daß Liautey der Träger aller Be=
fugniſſe
der Republik im ſcherifiſchen Reiche und der
einzige Vermittler des Sultans bei den Vertretern der
fremden Mächte ſein ſoll, daß er die Dekrete des Sul=
tans
billigen und im Namen der Regierung der Repu=
blik
verkünden, den geſamten Verwaltungsdienſt leiten,
die Landtruppen befehligen und über die Seeſtreitkräfte
verfügen ſoll.
Poincarés Reiſe nach Rußland. Dem
Echo de Paris zufolge dürfte Miniſterpräſident Poin=
caré
alsbald nach Parlamentsſchluß wahrſcheinlich an
Bord eines Kriegsſchiffes eine Kreuzfahrt in die Nord=
und Oſtſee unternehmen und gegen den 20. oder 21. Juni
in Kronſtadt eintreffen. Er werde dann vom Zaren in
Zarskoje Sſelo empfangen werden und Beſprechungen
mit Kokowzew, Saſanow und anderen hervorragenden
ruſſiſchen Perſönlichkeiten haben.
Steuer auf Reklametafeln. Finanzmini=
ſter
Klotz unterbreitete dem Miniſterrat einen Geſetzent=
wurf
, welcher den Zweck hat, die landſchaftlichen Schön=
heiten
gegen die Entſtellung durch Reklametafeln zu
ſchützen, indem auf die letzteren eine überaus hohe Stem=
pelſteuer
gelegt werden ſoll, für die die Beſitzer der be=
treffenden
Grundſtücke mit haftbar ſein ſollen.
Serbien.
Die Bewilligung des Kredits. Nach=
dem
Miniſterpräſident Milowanowitſch in der Verſamm=
lung
der Regierungspartei die Notwendigkeit eines Kre=

Ela, die Stadt des Lichts.
Von Paul Kahn=Leipzig.

Schnell rufe ich noch meine Freundin zum Stelldichein.
Nicht durch das geduldig=artige Billet=doux, das mein
Großvater noch in Eile aufzugeben pflegte, wenn er in
gleich kritiſcher Lage war, nein, als moderner Menſch,
natürlich mit Elektrizität auf telephoniſchem Weg.
Dann ſtürze ich mich in die Elektriſche, von deren Fen=
ſter
aus mich ſchon ſeit Monaten der ſtarke Mann mit der
Elektrizität mit der leuchtenden Energie in der Hand,
anſtarrt, der Reklame=Herold der elektrotechniſchen Aus=
ſtellung
Leipzig der nun ſein Jahrhundert in die Schran=
ken
fordert. Endlich hat mir das Fräulein am Telephon
mal den richtigen Anſchluß gegeben: Elvira iſt da . ..
in glühender Neugier der elektriſchen Wunder, die da
kommen ſollen und wir gehen ſelbander durch das
modern architektoniſche Triumphtor am Eingange der
Ausſtellung, das ſich noch nicht für Heinz und Kunz öffnen
durfte, ſondern nur für die Spitzen der Behörden, für
die veranſtaltende Vereinigung der Elektrotechniker und
für die Herren der Preſſe‟ Denn die Einweihungs=
feierlichkeiten
ſind unter Ausſchluß der Oeffentlichkeit.
Dieſe Operation der Eröffnung blieb kurz und ſchmerzlos.
Herr Direktor Germershauſen wünſcht, daß dem Fleiß
nun auch der Preis werden möchte! Herr Geheimer Re=
gierungsrat
Dr. Ayrer erklärt mit einem laut ſchallenden
Königshoch im Namen der Königlichen Kreishauptmann=
ſchaft
die Ausſtellung für eröffnet, und unter der fachmän=
niſchen
Führung der Herren Dipl.=Ing. K. Volhard und
Ing. Philipp Schuchmann begeben ſich die Gäſte in die
Tempel der Kraft, in denen Elektrizität ſauſt und ſchnurrt,
arbeitet, lebt. alles in Arbeit; von dem einfachen gal=
vaniſchen
Element, das vielleicht nur einem Läutewerk
Lebenswärme gibt, bis zur gewaltigen Dynamomaſchine,
die ganze Städte und Landgebiete mit elektriſcher Energie
verſorgen kann . . . und die Welt treibt. Es gab eine Zeit,
wo der Dampf mächtig war über alles. Uns wurde er
zu rußig, zu langſam, zu unhygieniſch. Die Elektrizität,
die ſich in reinlichem, hygieniſchem Kampfe von Menſchen
bändigen ließ, ſiegte. Sie erobert uns und die Zukunft.
Wir ſtehen im Zeichen der Elektrizität; unſere geſamte
Kultur wird von der elektriſchen Energie geſpeiſt, vor=
wärts
getrieben. Ohne Elektrizität keine
Kuctsgt

dits von 2500000 Dinars begründet hatte, wurde be=
ſchloſſen
, den Kredit trotz der ablehnenden Haltung des
Finanzausſchuſſes zu bewilligen. Hierdurch iſt die Ge=
fahr
einer Kabinettskriſis beſeitigt.
Perſien.
Der Regent hat in Begleitung ſeiner Gemah=
lin
und ſeiner Tochter die Reiſe nach Europa angetre=
ten
. Die Kabinettskeiſe iſt noch nicht beigelegt. Herr
Mernard wurde endgültig zum Generalſchatzmeiſter er=
nannt
. Er bleibt außerdem Generaldirektor des Zoll=
weſens
. Seine Machtbefugniſſe werden weſentlich die=
ſelben
ſein, wie die, die das Medſchlis Herrn Shuſter
übertragen hatte.

* Dar jüngſte Sohn des Cumberlän=
ders
, Prinz Ernſt Auguſt, iſt nunmehr nach den Be=
ſuchen
, die er den Höfen in Berlin und Schwerin abge=
ſtattet
hat, über Gmunden wieder in ſeinen Garniſons=
ort
München zurückgekehrt. Aus den Berichten, die der
Prinz ſeiner Familie in Gmunden erſtattet hat, ſoll her=
vorgehen
, daß bei ſeiner Anweſenheit in Berlin die po=
litiſche
Frage vollſtändig außer acht gelaſſen wurde. Da=
gegen
hat, ſo wird den L N. N. aus Gmunden berichtet,
des Prinzen Beſuch am Berliner Hof zur Folge gehabt,
daß ſich die perſönlichen Beziehungen der Kinder des
Herzogs von Cumberland zu den Söhnen des deutſchen
Kaiſers enger geſtaltet haben, was u. a. dadurch zum
Ausdruck kommt, daß Prinz Ernſt Auguſt die Söhne des
Kaiſers für den Herbſt dieſes Jahres zur Ausübung der
Gemſenjagd in die weitausgedehnten Jagdgründe des
Herzogs von Cumberland im oberöſterreichiſchen Almtale
eingeladen hat. Prinz Eitel Friedrich ſoll bereits zuge=
ſagt
haben, dieſer Jagdeinladung im kommenden Herbſt
zu folgen.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 13. Juni.

Die ſtädtiſche Schulzahnklinik.
Die im Jahre 1902 für die Städtiſche Schul=
zahnklinik
eingerichteten Räume im zweiten Ober=
geſchoß
des ſtädtiſchen Gebäudes Luiſenſtraße Nr. 20
erwieſen ſich ſchon nach Ablauf der erſten Jahre als un=
zureichend
. Die Zugänglichkeit der Räume war mangel=
haft
und in den Operationsräumen fehlte es an genü=
gendem
Tageslicht. Auch erwies ſich der Warteraum
für die ſtets wachſende Beſucherzahl als zu klein. Die
ſtädtiſche Verwaltung nahm deshalb Anlaß, hier Abhilfe
zu ſchaffen, als durch Verlegung der Hilfsſchule von
dem Hauſe Waldſtraße Nr. 21 in das neu errichtete Ge=
bäude
in der Stiftſtraße die Räume im alten Schul=
gebäude
frei geworden waren. Die Prüfung dieſer
Räume im Hauſe Waldſtraße Nr. 21 ergab, daß ſich das
ganze Gebäude für die Zwecke der Schulzahnklinik ſehr
gut eignet. Die erforderlichen Mittel wurden durch Be=
ſchluß
der Stadtverordneten=Verſammlung vom 16. No=
vember
1911 genehmigt. Die Herſtellung konnte aber
erſt im Frühjahr 1912 begonnen werden und wurde ſo
betrieben, daß die neuen Räume am 17. Mai bezogen
und die neue Klinik am 20. Mai eröffnet werden konnte.
Schon am erſten Tage wurden nicht weniger als 70
Schulkinder behandelt. Durchſchnittlich wird die Anſtalt
zur Zeit täglich von etwa 3050 Kindern beſucht. Das=
Gebäude beſteht aus Erd= Ober= und Dachgeſchoß. Im
Erdgeſchoß iſt untergebracht: 1 Röntgenzimmer, 1 Dun=
kelzimmer
, 1 großes Laboratorium mit einem kleinen Ge=
räte
= und Schrankzimmer. Im Obergeſchoß: befindet ſich
das geräumige Wartezimmer, das Beratungszimmer,
1 großes und 1 kleines Operationszimmer mit anſchlie=
ßendem
Desinfektionsraum und eine Kleiderablage. Im
Dachgeſchoß konnte durch verſchiedene bauliche Verände=
rungen
und durch den Aufbau von Dachgauben eine ge=
räumige
Wohnung für einen ſtädtiſchen Bedienſteten
geſchaffen werden, deſſen Frau zugleich die Heizung und
Reinigung des Gebäudes beſorgt. Die neuen Opera=
tionsräume
ließen ſich infolge ihrer Größe und Lage ſehr
zweckmäßig einrichten und ſind durch einen Vorraum
von dem Wartezimmer vollkommen getrennt. Die Her=

richtung des ganzen Gebäudes erforderte den Betrag
von 4397,77 Mark.

* Erlaubnis zur Annahme von Orden. Se. Königl.
Hoheit der Großherzog haben die Erlaubnis zur
Annahme und zum Tragen der von Sr. Maj. dem
Kaiſer und König von Preußen verliehenen Orden
erteilt: dem Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing zu
Darmſtadt für den Kronen=Orden 3. Klaſſe, dem Bei=
geordneten
Ekert zu Darmſtadt für die Königliche
Krone zum Roten Adler=Orden 4. Klaſſe, dem Bei=
geordneten
Baurat Jäger zu Darmſtadt für den Roten
Adler=Orden 4. Klaſſe.
* Ordensverleihung. Se. Maj. der König von
Preußen hat dem Proviantamtsdirektor a. D. Rech=
nungsrat
Friedrich Dahms in Seeheim a. d. B.
(bis 1. Mai 1912 Vorſtand des hieſigen Proviantamts)
den Roten Adlerorden 4. Klaſſe verliehen.
* Perſonalnachrichten der Eiſenbahndirektion
Mainz. Ernannt: die Schaffner i. Pr. Brake,
Seufert in Mainz, Günther, Kuhn, Huchſtedt in Darm=
ſtadt
zu Schaffnern; Hilfsheizer Habermann in Hanau
zum Lokomotivheizer. Verſetzt: die Oberbahn=
aſſiſtenten
Höß von Oberlahnſtein nach Mainz, Wirz
von Pfeddersheim nach Oberlahnſtein, Schlegelmilch
von Eltville nach Mainz, Friede von Bingen nach
Wiesbaden; die Eiſenbahnaſſiſtenten Dietrich von
Seligenſtadt nach Eltville, Bender II. von Wiesbaden
nach Rüdesheim, Huth von Stockſtadt M. nach Worms,
Schmidt von Guntersblum als Bahnhofsverwalter nach
Alsheim. Geſtorben: Eiſenbahngehilfe Schmidt II.
in Mainz.
g. Schwurgericht. Das Schwurgericht verhandelte
geſtern in der Anklage wegen eines in der Nacht zum 22.
April bei Koſtheim begangenen Sittlichkeitsverbrechens nach
§ 176,1 gegen den 19jährigen vorbeſtraften Joſef Schecker
aus Mainz. Die Geſchworenen bejahten die Frage nach
verſuchtem Verbrechen nach § 176,1 und ebenfalls die Frage
nach mildernden Umſtanden. Das Gericht verurteilte den
Angeklagten zu 3 Monaten Gefängnis. Von der
Unterſuchungshaft werden ihm 6 Wochen angerechnet, der
Haftbefehl aufgehoben.
g. Strafkammer. Der 44jährige Knecht Ernſt Her=
mann
Reiſing aus Schwabhauſen hat im März einem
Schmiedemeiſter in Neu=Iſenburg ein Schnitzmeſſer, eine
Bohrwinde und einen Schraubenſchlüſſel im Geſämtwerte
von 16,50 Mark entwendet. Es gelang ihm aber nicht, die
Werkzeuge, wie er beabſichtigte, zu verkaufen. Da er be=
reits
wegen Diebſtahls vorbeſtraft iſt, verurteilte ihn die
hieſige Strafkammer, vor der er ſich geſtern wegen dieſes
Diebſtahls zu verantworten hatte, zu 10 Monaten Ge=
fängnis
. Von der Unterſuchungshaft wird ihm ein
Monat auf die Strafe angerechnet. Wegen Fälſchung
ſeines Militärpaſſes, die er zur Verſchleierung ſeiner
Nichtanmeldung vornahm, wurde der 31jähr. Keſſelſchmied
Johann Huber aus Offenbach zu fünf Tagen Gefäng=
nis
verurteilt. Wegen eines Verbkechens nach § 176, 3
des Strafgeſetzbuchs wurde der 19 Jahre alte Portefeuiller
Paul Eberhardt aus Offenbach zu 8 MonatenGe=
fängnis
abzüglich 1 Monat der Unterſuchungshaft
verurteilt. Wegen Verbrechens nach § 180, 181,2 des
Strafgeſetzbuches wurde der 29jährige Gelegenheits=
arbeiter
Philipp Kleinſtäuber aus Offenbach zu 1
Jahr 6 Monaten Gefängnis und 5 Jahren Ehr=
verluſt
verurteilt, 1 Monat der Unterſuchungshaft ſild
ihm angerechnet. Die Ehefrau Katharina, die der Kötper=
verletzung
durch Infizierung angeklagt war, wurde freige=
ſprochen
, da nicht anzunehmen ſei, daß ſie bewußtge=
handelt
habe.
*X* Frhr. Weſterweller v. Anthoni *. Zur Bei=
ſetzung
der Leiche des verſtorbenen Oberſthofmar=
ſchall
a. D. Paul Frhrn. Weſter weller von
Anthoni Exz. hatte ſich geſtern vormittag 11 Uhr auf
dem Friedhof zu Darmſtadt eine große Trauerverſamm=
lung
eingefunden. In der Kapelle fand nur ein kleiner
Teil der Leidtragenden, an ihrer Spitze der Groß-
herzog
und die Großherzogin, Platz. Nach dem
Gebet des Geiſtlichen Kaplan Moſer bewegte ſich der
Trauerzug nach der Familiengruft. Dem mit Kränzen
geſchmückten Sarg folgten der Großherzog, Admikal
von Seckendorff als Vertreter des Prinzen Heinrich von
Preußen, die Hofchargen, der preußiſche Geſandte
Freiherr von Jeniſch, der ruſſiſche und der
engliſche Geſandte mit ihren Attachées, die Spitzen

Die Ausſtellung iſt zweitens zur populären Belehrung
da; erſtens zu fachmänniſcher Reklame. Aus dem zweiten
Grunde hat die Ausſtellungsleitung Gegenſtände nicht in
bisher üblicher Form firmenweiſe in Ständen vereinigt,
ſondern jedes Stück in ſeine Arbeitswelt geſetzt und unter
Zuhilfenahme aller entſprechenden Arbeitsmaſchinen auf
allen Anwendungsgebieten in Praxi vorgeführt. So wird
die Technik uns Laien ſchmackhaft. Dieſe Würze der
Schmackhaftigkeit noch zu erhöhen, beginnen wir unſere
Wanderung in der elektriſchen Küche‟
Elvira nennt dieſe Küche Mein Ideal Meine
Freundin hat, wie immer, aus zwei Gründen recht.
Erſtens ſcheint es wirklich eine ideale Zukunftsküche zu
werden, wenn die Donna in adrettem Kleide nur knip=
ſen
braucht, um den Braten zu ſchmoren. Zweitens lie=
gen
uns gewöhnlichen Sterblichen die Ideale zumeiſt in
blauen Fernen. Punkt zwei beſtätigen hier einmal die
teure Anlage einer ſolchen Küchenmaſchine und dann ihre
teure Fütterung denn noch ſtehen hier einem Kohlen=
verbrauch
von 70 Mark 103 Mark Unkoſten für die Pferde=
kräfte
der Küche gegenüber. Aber bei unſerer ideal=
loſen
Zeit iſt es auch für eine Frau ſchön, Ihr Ideal
endlich gefunden zu haben. Wir folgen unſerem Magen
weiter zu Nietzſchmann, der uns vertrauensſelig ſeine
elektriſche Fleiſcherei öffnet. Aber Vertrauensſache
bleibt es immer noch flüſtert ein Herr Stadtrat, wie er
die Wurſtmaſſe die ein ungeheuerer elektriſch betriebener
Apparat, der mit ſeinen ſtarken Hebeln, wie zehn Männer,
arbeitet, zu Brei ſchlug in den weit geöffneten Mund
der Füllmaſchine verſchwinden ſieht.
Auch die elektriſche Bäckerei, die wohl reinlicher iſt,
und vor allem hygieniſcher als unſer Bäcker Schulze,
der in alter, guter Sitte nach mitternächtlicher Stunde mit
Arbeitshänden unſer täglich Brot zum rußigen Herd
bringt, und die elektriſche Molkerei, in der zu beſtimmten
Stunden an Tieren die elektriſche Prozedur vorgenommen
wird, ſind intereſſante Nouveautés für Laien, die
derniers eris unſerer elektriſierten Zeit‟ Dann kom=
men
wir zu den wahren Wundern des Elektromotors=
dem
Ringen der Technik, das wir ſchon von der Schul=
bank
aus bewunderten. Zuerſt die elektriſchen Licht=
quellen
. Der Werdegang der Elektrizität, die ſich in Licht
umwandelt, wird anſchaulichſt gezeigt. Oben am Stamm=
baum
die alte, in univerſeller Hinſicht ſo brauchbare
Metallfadenlampe mit ihren verſchiedenen Helligkeits=
graden
, dann die vielen Arten von Bogenlampen mits

ihrem intenſiv weißen oder gefärbtem Lichte bis zu den
modernſten Gliedern dieſer großen Familie: den Queck=
ſilber
=Dampflampen und den Mooreſchen Beleuchtungs=
körpern
. Auch die Stadien der elektriſchen Wärm=
erzeugung
werden fürs Laienauge durch Kurven, Ta=
bellen
und Apparate erklärt bis zum Betrieb elektriſcht
Kochapparate und glühender Oefen. Auch techniſche
Spielereien, wie Zigarrenanzünder, Scherzartikel mit ge=
heimer
elektriſcher Kraft uſw. Da gibt es Brennſcheren,
Heißluftduſchen, Heizteppiche, Wärmekompreſſen, Bügel=
eiſen
, Lötkolben. Auch das Wunder des Telephons und
des telegraphiſchen Nachrichtendienſtes, vom einfachen
Morſeſchreiber an bis herauf zum komplizierten Typen=
drucker
, wird uns in ſeiner Technik entſchleiert. Selbſt
die Funkentelegraphie, die erſt jetzt, beim ſchrecklichen
Untergang der Titanic als Retter in der Not erfolg=
reiche
Dienſte leiſten konnte, hat in der Ausſtellung ihr
erklärendes Denkmal gefunden. Hier tritt uns die Kraft
der Elektrizität entgegen, wie ſſie durch die in beliebige
Grenzen regulierbare Wärmewirkung chemiſche Verbind=
ungen
zerſetzt, dort, wo ſie den Arzt als Erkennungs= und
direktes Heilmittel hilfreich unterſtützt. Eine ſehr um=
fangreiche
mediziniſche Elektrotechnik hat ſich um das
Röntgen=Inſtrumentarium gelagert. Dort charakteriſie=
ren
einige Apparate das weite Land der Galvanoplaſtik,
hier gewinnen elektriſche Energiemengen Aluminium,
Reinkupfer, Gold, Silber.
Man müßte ſtundenlang reden, um alle die Heinzel=
männchen
der Kraft vorzuſtellen die hier an ſauſender,
ſchnarrender Arbeit ſind. Drum flüchten wir lieber ins
Vergnügungseck das Sündenbabel, in das Lehariſche
Walzerträume uns verführeriſch hinüberlocken. Dem
böſen Buben ſoll man folgen hin zu den Marketen=
dern
des Vergnügens, die auf keinem Ausſtellungsplatz
fehlen, weil nun einmal der Arbeit! Gudrun folgt
Aber hier nimmt Gudrun mit ihren tauſend Krügen Echt
Münchner wohl zu viel Platz, denn alles dreht ſich um
ſie‟ Sie ſtellen das Krügel bei Seit’ und tanzen in flot=
tem
Schritt und es gibt viele Beſucher, die nicht
viel mehr von der Elektrizität der Ausſtellung mit
heimbringen als dieſe Lehre der Anziehungskraft . . .

[ ][  ][ ]

Nummer 187.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 13. Juni 1912.

Seite 3.

der Behörden, Brigadekommandeur Breugel, General
Max von Heyl und Stadtkommandant von Randow.
Als Vertreter der dienſtlich verhinderten Miniſter nahm
Geh. Staatsrat Krug von Nidda an der Feierlichkeit
teil; auch viele andere hohe Beamte waren zugegen. Nach
dem Gebet des Geiſtlichen an der Gruft warf der Sohn des
Verſtorbenen und ſodann der Großherzog drei Schaufeln
voll Erde ins Grab. Während der Feier hatte das Groß=
herzogspaar
prachtvolle Kränze niederlegen laſſen. Mit
der Vertretung des Kaiſers war der preußiſche Geſandte
Frhr. v. Jeniſch beauftragt, der auf Befehl S. M. einen
Kranz niederlegte. Auch Prinz und Prinzeſſin Ludwig
von Battenberg und viele andere Fürſtlichkeiten hatten
Kränze geſandt.
* Geburtenrückgang in Heſſen. Wie die übrigen
Bundesſtaaten hat auch das Großherzogtum Heſſen in
den letzten Jahren einen bedenklichen Geburtenrück=
gang
zu verzeichnen. Es wurden nämlich nach der
Darmſt. Ztg. in Heſſen in den einzelnen Jahren 1908
bis 1911 Kinder lebend geboren: 37359 36 299
34670 33 209, alſo im Jahre 1911 4150 Kinder
weniger als vor 4 Jahren. Die Geburtenzahl des
Jahres 1911 iſt ſo gering, daß man bis zum Jahr
1895, alſo 16 Jahre, zurückgehen muß, um niedrigeren
Zahlen zu begegnen. Es iſt anzunehmen, daß ſich
die rückläufige Bewegung, die die Geburtenzahl in
Deutſchland genommen hat, noch weiter verſchärfen
wird. In den kürzlich erſchienenen Medizinal= ſtatiſti=
ſchen
Mitteilungen aus dem Kaiſerlichen Geſundheitsamt
ſind Diagramme über die Geburtenhäufigkeit in ein=
zelnen
Bundesſtaaten veröffentlicht, die infolge falſcher
Berechnung irreführend ſind.
Die XVII. Sitzung der Handwerkskammer iſt
auf Dienstag, den 25. Juni 1912, vormittags 11 Uhr,
zu Darmſtadt in den Sitzungsſaal der Stadtverord=
neten
=Verſammlung im Rathaus, Marktplatz 8, ein=
berufen
mit folgender Tagesordnung: 1. Mitteilungen.
2. Einführung der neugewählten Kammermitglieder.
3. Bericht über die Tätigkeit des Vorſtandes. 4. Be=
richt
über die Tätigkeit im Ausſchuß des deutſchen
Handwerks= und Gewerbekammertags. 5. Ergänzungs=
wahl
der Kammer nach § 5 des Statuts. 6. Neuwahl
des Vorſitzenden der Kammer. 7. Neuwahl für ausge=
ſchiedene
Vorſtandsmitglieder. 8. Neuwahl für ausge=
ſchiedene
Ausſchußmitglieder. 9. Prüfung und Abnahme
der Rechnung des Etatsjahres 1911. 10. Feſtſtellung
des Haushaltsplans für das Etatsjahr 1913 (ſ. Gew.=Bl.
Nr. 11 u. 24 von 1912). 11. Errichtung neuer Geſellen=
prüfungsausſchüſſe
(ſ. Gew.=Bl. Nr. 11 u. 24 von
1912). 12. Die Geſellenprüfungen im Kammerbezirk.
13. Errichtung einer: Einziehungsgenoſſenſchaft für das
Großherzogtum Heſſen. 14. Die Lehrſtellenvermittlung
im Kammerbezirk. 15. Sicherung der Bauforderungen.
16. Handwerker=Zentral=Genoſſenſchaft. 17. Das Sub=
miſſionsweſen
. 18. Verſchiedenes.
D Invalidenprüfungsgeſchäft. Die Nachunter=
ſuchung
der bis Ende September 1912 anerkannten
Militärinvaliden und Rentenempfänger des Kreiſes
Darmſtadt findet vom 17. bis 21. Juni 1912 im Ge=
ſchäftszimmer
des Bezirkskommandos I Darmſtadt,
Neue Niederſtraße 18 I, ſtatt.
* Von der Techniſchen Hochſchule. Der Diplom=
Ingenieur Leo Pungs aus Moskau hat ſich am 12.ds.
Mts. an der hieſigen Techniſchen Hochſchule der münd=
lichen
Doktor=Ingenieur=Prüfung im Elektrotechniſchen
Fache unterzogen und mit Auszeichnung beſtanden.
* Das Perſonalverzeichnis der Großh. Techniſchen
Hochſchule für das Sommerſemeſter 1912 iſt ſoeben erſchie=
nen
. In bekannter Anordnung gibt es Aufſchluß über den
Perſonalbeſtand der Hochſchule, über die Verwaltung uſw.
Weiter enthält es die Wohnungen des Aufſichtsperſonals
und der Dienerſchaft, Angaben über die Kommiſſionen für
Prüfungen, Bibliothek uſw., und endlich neben noch an=
deren
Angaben ein Verzeichnis der Studierenden und
Hörer mit Wohnungsangaben. An der Anſtalt wirken
zur Zeit 31 ordentliche Profeſſoren, 2 ordentliche Honorar=
profeſſoren
, 12 außerordentliche Profeſſoren, 38 Lehrer und
Privatdozenten und 52 Aſſiſtenten. Das Verzeichnis der
Studentenvereinigungen enthält 42 Vereinigungen, worun=
ter
5 Korps, 6 Burſchenſchaften, 2 Landsmannſchaften uſw.
ſind. Das Rektorat wird von Geh. Baurat Prof. Wickop
das Prorektorat von Geh. Hofrat Prof. Dr. Schenck ge=

führt. Vorſitzender der Diplom=Prüfungskommiſſion ſiſt
Geh. Hofrat Prof. Dr. Henneberg. Eingeſchrieben ſind im
Sommerſemeſter 1197 Studierende (801 ordentliche und
396 außerordentliche), 57 Hörer, 130 Gäſte (darunter 54
Damen), zuſammen 1384. Von dieſen ſind 1037 Deutſche
und 347 Ausländer. Von den Deutſchen ſteht an erſter
Stelle Preußen mit 480, es folgen Heſſen mit 347.
Bayern mit 60, Sachſen mit 23, Hamburg mit 22, Baden
mit 20, Elſaß=Lothringen mit 19, Württemberg mit 15,
Mecklenburg=Schwerin mit 12, Bremen, Oldenburg, Sach=
ſen
=Koburg=Gotha und Sachſen=Meiningen mit je 5 uſw.
Bei den Ausländern ſteht Rußland mit 247 Stu=
dierenden
an erſter Stelle; es folgen Norwegen mit 25,
Oeſterreich=Ungarn mit 20, Bulgarien mit 11, die Schweiz
mit 10, Schweden mit 7, die Niederlande mit 4, England
Luxemburg, Rumänien und die Vereinigten Staaten von
Nordamerika mit je 3, Italien, Spanien und die Türkei
mit je 2 und ſchließlich Serbien, Braſilien, Chile und Siam
mit je 1. Am ſtärkſten beſucht iſt die Abteilung für Ma=
ſchinenbau
mit 345, es folgen Architektur mit 284 (darunter
5 Damen), Ingenieurweſen mit 261, Elektrotechnik mit 160,
Chemie mit 114, Papierfabrikation mit 57 und die allge=
meine
Abteilung mit 33.
Darmſtädter Hausbeſitzerverein. Man ſchreibt uns:
Der Vorſtand des Darmſtädter Hausbeſitzer=
vereins
war dieſer Tage zu einer Sitzung zuſammen=
getreten
, zum ſich über einige wichtige Gegenſtände, die
die Intereſſen des hieſigen Hausbeſitzerſtandes zum Teil
recht ernſtlich berühren, zu beſprechen und zu beraten. Im
Eingange zu der Beſprechung wurde beſonders hervorge=
hoben
, daß der Verein ſich nachgerade als der berufene
Vertreter des hieſigen Hausbeſitzerſtandes betrachten müſſe
und unentwegt entſchloſſen ſei, mit der ganzen Wucht
eines feſten Willens dahin zu wirken, daß die äußerſt un=
günſtige
Lage der Hausbeſitzer gebeſſert und neues Un=
heil
von ihnen abgewandt werde. Leider ſei aber auch
vielen Hausbeſitzern ſelbſt der Vorwurf nicht zu erſparen,
daß ſie ſich zu paſſiv verhielten und ſich in unverzeihlichem
Stillhalten überrennen ließen. Sollten denn ihre Kräfte
in jahrelangem Ringen ſo ſehr zermürbt worden ſein?
Dann müßten doch die Einzelnen ihre Kräfte wieder er=
ſtarken
laſſen durch den Anſchluß an den Zuſammenſchluß
Aller. So könne ja auch der zwar jetzt ſchon große Verein
nur volle Stoßkraft erzielen, wenn ihm alle Hausbeſitzer
Darmſtadts angehörten. Man müſſe doch die hohen An=
lagewerte
bedenken und daran erinnern, welche enormen
Summen in den letzten Jahren in Verluſt geraten ſeien.
Aus der Sitzung iſt folgendes zu berichten: 1. Es ſoll
an geeigneter Stelle dahin eingewirkt wwerden, daß die Er=
richtung
der Linie der elektriſchen Straßenbahn Bismarck=
ſtraße
-Dornheimer Weg dem Beſchluſſe der Stadtverord=
neten
gemäß aufrecht erhalten und baldigſt ausge=
führt
werde, da ſie ſowohl für das Johannesviertel als
auch in Hinſicht darauf nötig ſei, weil am Dornheimer
Weg die Zollniederlage, die Eilgutbeſtellung und der
Güterbahnhof gelegen ſind. 2. Es wurde der Bürgermei=
ſterei
in einer Eingabe der dringende Wunſch unterbreitet,
dem Drängen nach Eröffnung neuer Bauviertel, den ſo=
genannten
Gartenvorſtädten, nicht zu willfährig zu ſein,
beſonders nicht auf Koſten der Alkgemeinheit. In dieſer
Angelegenheit ſei zu bedenken, daß die vielleicht in ande=
ren
Städten beſtehende Notwendigkeit der Erbauung von
Gartenvorſtädten nicht in Darmſtadt vorliege, das ſeinen
Kranz von Wäldern direkt vor den Toren der Stadt habe
und mit ſeinen auf allen Seiten der Stadt gelegenen aus=
gedehnten
Stadtteilen mit Vorgärten, Baublöcken und
herrlichem Baumbeſtand eine einzige Gartenſtadt bilde.
Die Stadtverwaltung und die Stadtverordneten ckönnen
den Steuerzahlern gegenüber die Verantwortung nicht
übernehmen, daß gegenüber den vorausſichtlich zu erwar=
tenden
geringen Steuereinnahmen aus den Gartenſtädten
die hohen Aufwendungen, welche doch unbedingt erforder=
lich
ſind, ſeitens der Stadt übernommen werden; es möchte
ja unter Umſtänden kaum die Aufwendung für die Ver=
mehrung
der Schutzleute, Straßenkehrer, Laternenanzün=
der
uſw. uſw. gedeckt werden. Die Beteiligung der Stadt
an dem Projekt der Gartenſtadt Heinrichwingertsweg
und dem Rückertſchen Projekt an der Ziegelhütte iſt un=
bedingt
abzulehnen. 3. Es wurde Stellung genommen zu
der Zuſchrift des Landeswohnungsinſpektors an die Zen=
tralſtelle
für die Gewerbe, worin die Zentralſtelle aufge=

fordert worden ſei, bei den Ortsgewerbevereinen dahin
zu wirken, daß dieſelben die Beſtrebungen der Baugenoſ=
ſenſchaften
(Gartenvorſtädte) unterſtützen. Mit Recht
wurde darauf hingewieſen, daß die Mitglieder der Orts=
gewerbevereine
doch großenteils Hausbeſitzer, vielfach
mehrfache, ſeien und ſomit von der Zentralſtelle, ſofern
dieſelbe den Anregungen des genannten ſtaatlichen Beam=
ten
ein günſtiges Ohr leihe, veranlaßt würden, ſich ins
eigene Fleiſch zu ſchneiden. Das Vorgehen des ſtaatlichen
Beamten wurde lebhaft mißbilligt. 4. Die Beſchaffung
zweitſtelliger Tilgungshypotheken anſtelle der zur Zeit
beſtehenden zum Teil hochprozentigen Privathypotheken
wird zu einem immer dringenderen Bedürfnis. Man
kann die Erfahrungen der letzten Jahre mit dem namen=
loſen
Unglück, das über viele Hausbeſitzer hereingebro=
chen
iſt, nicht unbeachtet laſſen. Die Städte ſelbſt haben
das größte Intereſſe daran, die im Hausbeſitze vorhan=
denen
wirtſchaftlichen Exiſtenen wie auch den Bodenwerk
zu ſchützen und zu erhalten; denn Vernichtung der Exiſtenz
und Herabminderung des Wertes des Grundbeſitzes in
der Stadt ſchädigt mittelbar die Stadt ſelbſt. Es wurde
innerhalb des Vorſtandes eine Kommiſſion gebildet, die
die Frage der zweiten Hypothek ſpeziell bearbeiten ſoll.
Für die nächſte Zeit iſt eine allgemeine Verſammlung mit
einem Referat über Die zweite Hypothek in Ausſicht ge=
nommen
.
* Das Luftſchiff Schütte=Lanz ſtattete geſtern
morgen gegen 7 Uhr wieder unſerer Stadt einen uner=
warteten
Beſuch ab. Das hübſche Schiff fuhr in ſchöner
Fahrt vom Rhein her über Darmſtadt hinaus, wendete
in der Nähe der Merckſchen Fabrik und kreuzte dann
auf der Rückfahrt nochmals direkt unſere Stadt.
* Petrusgemeinde Darmſtadt. Am nächſten
Sonntag, den 16. Juni, wird im Hauptgottesdienſt am
Vormittag der neu ernannte Geiſtliche der Petrus=
gemeinde
, Herr Pfarrer Karl Wagner, ſeither Dekan
in Grünberg, in ſein neues Amt eingeführt werden.
* Heſſiſcher Hof. Zu Gunſten der Veranſtaltungen
J. K. H. der Frau Großherzogin (Poſtkartenwoche)
findet heute Donnerstag, den 13. Juni, abends 8 Uhr,
ein großes Extra=Konzert der Kapelle des Großh.
Heſſ. Art.=Regts. Nr. 61 unter Leitung des Muſik=
meiſters
Herrn Weber ſtatt. Das Programm hat be=
ſondere
Berückſichtigung gefunden und wäre ein reger
Beſuch ſchon mit Rückſicht auf den humanen Zweck der
Veranſtaltung nur zu begrüßen. Der Reingewinn fließt
in den Fonds obenerwähnter Veranſtaltung. Erwähnt ſei
noch, daß Dutzendkarten (1,50 Mk.) Gültigkeit haben. Das
Samstags=Konzert ſoll in dieſer Woche mit Rückſicht
auf anderweitige Veranſtaltungen ausfallen.
Von einer fürchterlichen Mordgeſchichte wiſſen hie=
ſige
Blätter zu berichten: Ein erſt einige Tage in einer
Wirtſchaft in der Dieburgerſtraße bedienſtetes Mädchen
erzählte ihrer Freundin, daß es in der letzten Zeit mit
einem Verehrer, der in Frankfurt wohnt, im Walde bei
Reichelsheim in der Wetterau einen verheirateten
Mann aus Sprendlingen überfallen, getötet und im
dortigen Walde vergraben habe. Außerdem haben ſie in
der gleichen Zeit ein Mädchen beraubt und an einen
Eichbaum im Walde aufgehängt. Dem Mann haben ſie
angeblich 40 Mark und verſchiedene Wertſachen abgenom=
men
. Das Mädchen, Anna Stief, aus Boden bei Monta=
baur
, 23 Jahre alt, wurde feſtgenommen und hat die Taten
zugegeben. Wie wir hierzu an amtlicher Stelle erfahren,
iſt es richtig, daß das Mädchen dieſe Angaben gemacht
hat, und daß es daraufhin verhaftet wurde. Das Mädchen
macht den Eindruck, als ſei es geiſtig nicht normal, ſodaß
die Angaben wenig Anſpruch auf Richtigkeir
erheben können. Die Ermittelungen haben bisher noch
nicht den geringſten Anhaltspunkt für die Wahrheit der
Behauptungen ergeben, doch werden die Ermittelungen
fortgeſetzt. Der Verehrer war bis geſtern abend noch
nicht verhaftet.
§ Selbſtmordrerſuch. Ein Taglöhner aus Weiter=
ſtadt
brachte ſich geſtern mittag gegen 12 Uhr am Exer=
zierplatz
einen Revolverſchuß in ſelbſtmörderiſcher
Abſicht in die rechte Seite bei. Der Schwerverletzte
wurde in das Städtiſche Krankenhaus verbracht.
M. Stockſtadt a. Rh., 11. Juni. Ein Opfer ſeines
Berufes wurde der 19 Jahre alte Zimmergeſelle Georg

Feuilleton.

* Nichtſprecherabteile auf den Eiſenbahnen. Ein köſt=
licher
Einfall! Die glänzende Idee iſt dem Gehirne einer
der Herren von der franzöſiſchen Weſtbahn entſprungen
oder auch einem findigen Journaliſtengehirn, das ſich ſei=
ner
Pflicht dem armen, geplagten Publikum gegenüber
bewußt war. Die Nachricht beſagt mit ſchöner Deutlich=
keit
: Vom 15. Juni verkehren Züge mit einer genügen=
den
Anzahl von Abteilen für Nichtſprecher auf den Linien
von Marly, Verſailles, Saint=Germain, auf den Linien
von Paris nach Nantes über Poiſſy und über Argen=
teuil
. Die franzöſiſchen Namen klingen ſchön, aber
fügt die Wiener Neue Freie Preſſe hinzu Budapeſt
und etwa Nagymaros wären uns in dieſem Zuſammen=
hange
willkommener geweſen. Das ſoll uns nicht hin=
dern
, den herrlichen und höchſt nachahmenswerten Ge=
danken
zu feiern und ſeinen Urheber als einen Wohltäter
der Menſchheit zu preiſen. Aber dürfen wir auch glau=
ben
? Schöne Hoffnung, daß wir fortan dem dicken
Herrn, unſerem Gegenüber im Nichtſprechercoupé, der,
ſich mit einem Seufzer ſeines Kragens entledigend, uns
die intereſſante Mitteilung macht: Iſt das eine Hitze
heute! mit einer ſtummen, ernſten Geſte auf eine Tafel
werden antworten können, auf der das inhaltsſchwere
Wort zu leſen ſteht: Nichtſprecher. Lieblicher Gedanke,
die ältere Dame, die uns Wehrloſen unaufgefordert be=
reits
ſeit einer halben Stunde mit den Schickſalen ihres
Enkels während der jüngſten Keuchhuſtenepidemie unter=
hält
, durch einen energiſchen Griff zur Notleine unſchäd=
lich
machen zu können, der uns das geſamte Bahnperſo=
nal
in unſerem guten Kampfe für unſer nun verbrieftes
Menſchenrecht zum hilfsbereiten Genoſſen macht. Ein
Blick voll ehrlicher Entrüſtung wird vielleicht den ge=
fürchteten
Reiſenden in faulen und faulſten Witzen zur
Beſinnung bringen? Und der geſund ausſehende Herr in
mittleren Jahren und im Jagdanzug, er wird ſich’s
vielleicht doch bedenken, bevor er uns aus dem blauen
Himmel unſerer Ruhe reißt mit der zwar von ſchönem
Feuer getragenen, jedoch durch nichts angezeigten Be=
hauptung
: Sie können ſagen, was Sie wollen, mein
Herr, alles Uebel kommt nur von Wien. . . . Spiele
nicht mit uns, trügeriſche Hoffnung! Es wird noch lange
dauern, bis wir ſo weit ſein werden, den Nekrolog dieſer
Landplage ſchreiben zu dürfen. Bis dorthin aber bleibt
uns nichts übrig, als zu dulden und zu leiden und uns
mit der Hoffnung auf eine beſſere, beſonders ſtillere und
wohlerzogenere Zukunft zu vertröſten. Denn den Rat,
den uns unſer Gemüt und Friedrich Theodor Viſcher in

ſeinem Aufſatze Podoböotie oder Fußflegelei auf den
Eiſenbahnen gibt, nämlich den grauſamen Feind unſe=
rer
Nerven einfach zu erſchlagen, dieſen vernünftigen Rat
des verſtorbenen Aeſthetikers können wir leider nicht
immer befolgen. Wie wäre es aber in dieſem Zeitalter
des Zuſammenſchluſſes der Intereſſengemeinſchaften mit
ſeiner Weltorganiſation der Nichtſprecher? Gar nichts
wäre es damit! Denn zu Tauſenden würden ſich Exem=
plare
der ſchädlichen Raſſe homo sozialis (überſetze ge=
ſelliger
Menſch) zur Aufnahme in die edle Gilde melden
und anſtatt des bisherigen erbitterten Kampfes zwiſchen
den Ruhe= und Mitteilungsbedürftigen, den Ablehnern
und Anknüpfern der Geſpräche würde es dann nur ſtür=
miſche
Vereinsſitzungen der Liga der Non=Konverſanten
geben. Der Menſch iſt auf ſich geſtellt und auch dieſe
brennende Frage des Nichtangeſprochenwerdens erledigt
er am beſten für ſich und allein.
Einer, der an ſeinem Leichenſchmauſe teilnimmt.
Das friedliche kleine Dörflein Courmont in der Nähe von
Caen hat nun ſeine Senſation, und der gute alte Pierre
Rotin, der arme Lumpenſammler, genießt auf zwei oder
drei Tage das Bewußtſein, ein berühmter Mann zu ſein.
Dieſer gute alte Pierre, der ſtets gern einen Schnaps über
den Durſt trank, war nie ein Geiſtesheld geweſen, ſon=
dern
nur ein armer Teufel, den das ganze Dorf neckte und
aufzog und deſſen Leichtgläubigkeit ein jeder auf ſeine
Weiſe zu nähren ſuchte. Aber faſt wäre in dieſen Tagen
aus dem Satyrſpiel eine Tragödie geworden. Seit
Wochen ſchon herrſcht in dem friedlichen Courmont eine
ungewohnte Aufregung. Dreimal hintereinander flog der
rote Hahn ins Dorf, und jedesmal niſtete er auf dem Hof
des reichen Bauern Robert, den alle haßten und fürchteten,
weil er ſo hartherzig, ſo geizig und doch ſo reich und
mächtig war. Das letztemal aber brannte der ganze Hof
nieder, und ſchauernd flüſterten ſich die alten Weiber heim=
lich
zu, der Gottſeibeiuns ſelber ſei gekommen, um Roberts
Hof durch Feuer zu Aſche werden zu laſſen. Aber das Volk
iſt abergläubiſch, und als die erſte Furcht vorüber war,
gewann die gute Laune wieder die Oberhand und man
ſann auf Kurzweil. Der alte Pierre Rotin war vom
Maitre Robert einſt vom Hofe gewieſen worden, weil er
für altes Eiſen ein zu niedriges Angebot machte. Wir
könnten dem dummen Pierre einen Schrecken einjagen!
Und nun begann man, dem leichtgläubigen armen Kerl
zu erzählen, daß er ſicherlich dem reichen Robert den roten
Hahn aufs Dach geſetzt habe. Ja, man habe ihn oft in
der Nähe des Hofes geſehen. Und der Herr Kommiſſar
in Caen habe auch gleich geſagt: Das war Pierre Rotin
und kein anderer! Und nun würden die Gendarmen

kommen und ihn holen, mit großen ſchweren Ketten und
engen kalten Handfeſſeln. Und der alte Pierre begann es
ſchließlich zu glauben, ſchlich nur im Dunkeln an den Häu=
ſern
entlang, und eines ſchönen Tages, es war am 18.
Mai, war Pierre verſchwunden. Am 20. fand man am
Brückengeländer den Hut des Alten und einen Tag ſpäter
in einem Weidengebüſch am Flußufer ſeinen zerlumpten
Rock. In der Taſche aber einen Zettel: Adieu, ich gehe
dahin, wo keine Gendarmen ſind. Nach einer Woche
ſchrieb dann einer, der mit der Feder leidlich umzugehen
wußte, an die alte Mutter des Selbſtmörders; wieder eine
Woche ſpäter traf die arme Greiſin ein, und nun, am
Samstag, wurden die letzten Habſeligkeiten Pierres und
ſein Hund verſteigert. Sie hätten die 13 Franken, die ge=
löſt
wurden, nie eingebracht, wenn nicht ein Liebhaber
8 Franken für den Hund geboten hätte. Dann aber, nach
vollbrachter Arbeit, hielt man den Leichenſchmaus, und
die Schnapsbecher machten die Runde, während die alte
Mutter am Kopfende des Tiſches präſidierte. Plötzlich
wurde Pierres Hund unruhig, lief aus dem Zimmer,
bellte und heulte; und drei Minuten ſpäter ſtapfte der alte
Pierre Rotin, deſſen Ableben man würdig feierte, in das
Zimmer. Drei Wochen hindurch hatte er im Walde ge=
hauſt
, ſich von Wurzeln und Früchten ernährt, bis Hunger
und Not ihn ſchließlich auf die Landſtraße trieben. Und
als hier zwei Gendarmen vorübergingen, ohne ihn zu
verhaften, da gab dem alten Pierre das Bewußtſein ſei=
ner
Unſchuld wieder Mut, und er kehrte heim; gerade zur
rechten Zeit, um noch an ſeinem Leichenſchmauſe teilzu=
nehmen
. .
* Krankenbeſuch eines Arztes im Flugzeug. Der Arzt
Dr. Alden von Hammondsport im Staate New=York hat
die Flugmaſchine zum erſten Male in den Dienſt ſeiner
Profeſſion geſtellt. Er war durch den Fernſprecher nach
dem benachbarten Landſitz einer Familie Petrie berufen
worden, deren Söhnlein die Treppe hinabgefallen war
und einen Schädelbruch erlitten hatte. Noch neun Meilen
von dem Hauſe des Patienten entfernt, brach ſein Auto=
mobil
nieder. Auf einem benachbarten Felde war eben
eine Flugmaſchine niedergegangen. Der Arzt erklärte
dem Flieger, daß er das Petrieſche Haus ſchnellſtens er=
reichen
müſſe, um einem verunglückten Kinde das Leben
zu retten, und überredete ihn, ihn als Paſſagier aufzu=
nehmen
. In wenigen Minuten hatte die Flugmaſchine
ihr Ziel erreicht, und der Knabe konnte noch rechtzeitig
operiert werden. Es war Dr. Aldens erſter Flug, aber es
dürfte nicht der letzte geweſen ſein, denn der Arzt denkt
ernſtlich daran, ſein Automobil mit einer Flugmaſchine zu
vertauſchen.

[ ][  ][ ]

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 13. Jnni 1912.

Nummer 137.

die Lage jener Zone rings um Berlin feſtſtellen, die für
die Schaffung des Waldgürtels in Betracht kommt. Auch
die fiskaliſchen Forderungen, die bisher ſo hoch waren,
daß ſie von der Stadt abgelehnt werden mußten, werden
erneut geprüft und vorausſichtlich auch entſprechend dem
Machtwort des Kaiſers zugunſten der Stadt Berlin ge=
mildert
werden. Das Eingreifen des Kaiſers in dieſer
Frage wird von der ganzen Bevölkerung Berlins ſym=
pathiſch
begrüßt, umſomehr, als Berlin in den letzten Jah=
ren
ſehr peinlich unter der Behandlung gelitten hat, die ihm
die Bürokratie angedeihen ließ. Geſtern vormittag gegen
10 Uhr ſtießen in der Berlinerſtraße in Charlottenburg
ein Privat= und ein Droſchken=Auto zuſammen. Von
den Inſaſſen, eine Dame und drei Herren, wurde ein Herr
ſo ſchwer verletzt, daß er nach dem Krankenhaus Weſtend
gebracht werden mußte. Die übrigen Perſonen konnten,
nachdem ſie in einer nahe gelegenen Apotheke verbunden
worden waren, ihren Weg fortſetzen. Den Paſſanten
der Schloßbrücke zu Charlottenburg bot ſich geſtern abend
gegen 10½ Uhr ein aufregendes Schauſpiel. Eine
Frau ſprang mit ihren beiden Kindern, einem Knaben im
Alter von ungefähr fünf Jahren und einem Mädchen von
acht Jahren in die Spree. Zwei Herren ſahen, wie
ein Paſſant, der unverzüglich nachgeſprungen war, den
Knaben faſſen konnte, während das Mädchen vom Strome
weiter getrieben wurde. Sie löſten einen Kahn von einer
dort liegenden Zille, fuhren ſtromabwärts und bargen das
Mädchen. Es war bewußtlos. Aerztliche Hilfe vermochte
es nach langen Bemühungen wieder ins Leben zurückzu=
rufen
. Die zuſtändige Polizeimannſchaft machte Verſuche,
auch die Mutter zu retten, es war aber vergebens.
Potsdam, 12. Juni. Auf der Havel, gegenüber dem
Schloß Babelsberg, kenterte geſtern abend ein mit
fünf Perſonen beſetztes Boot. Drei Perſonen, zwei
Füſiliere und eine Fabrikarbeiterin ertranken, die
beiden anderen wurden gerettet.
Frankfurt, 12. Juni. Der 19jährige Weißbindergeſelle
Joſeph Rupp hat geſtern nachmittag ſein früher abge=
legtes
Geſtändnis widerrufen und nunmehr zu=
gegeben
, daß er das Haus Königswarterſtraße 5 aufgeſucht
hat, um dort einzubrechen. Als er dabei von der Frieda
Veſter überraſcht wurde, habe er ſie getötet, um die Zeugin
ſeines Einbruchs aus der Welt zu ſchaffen. Die von Rupp
kurz nach ſeiner Verhaftung am Samstag abend abgegebene
Erklärung, er habe das Mädchen zu einem verabredeten
Ausflug abholen wollen und es getötet, da es ihm nicht zu
Willen geweſen ſei, fand bei der Kriminalpolizei von
vornherein wenig Glauben.
Heidelberg, 11. Juni. Das vom Flottenbund deutſcher
Frauen veranſtaltete Sommernachtfeſt auf dem
Heidelberger Schloß nahm unter Beteiligung eines
viele Tauſende zählenden Publikums einen glänzenden
Verlauf. Rauſchenden Beifall fanden die Aufführungen
der Duncan=Tanzſchule aus Darmſtadt. Abends fand eine
Beleuchtung des Schloſſes ſtatt.
München, 11. Juni. Freiherr v. Cramer=Klett
hat dem Magiſtrat der Stadt München eine Summe von
200000 Mark zu dem Zwecke überwieſen, damit die Schaff=
ung
einer Gartenſtadt zu fördern.
Waldshut, 12. Juni. An der Aare=Brücke bei Kob=
lenz
(Schweiz) waren geſtern nachmittag fünf Anſtreicher
beſchäftigt, als das Gerüſt brach. Die Leute ſtürz=
ten
in die Aare, ein Mann rettete ſich ſelbſt, zwei andere
wurden durch einen ſchweizeriſchen Polizeiſoldaten bei
der hieſigen Rheinfähre gerettet. Zwei Maler ſind er=
trunken
, ihre Leichen wurden bisher noch nicht gefunden.
Marſeille, 11. Juni. Heute vormittag brach in einer
hieſigen Spiritusbrennerei ein verheerender
Brand aus, der bald große Dimenſionen annahm. Die
Bewohner der Nachbarſchaft der Brandſtelle mußten ſchleu=
nigſt
ihre Wohnungen räumen, da fortwährend Explo=
ſionen
von Alkoholbehältern erfolgten und die Hitze bald
unerträglich war. Der angerichtete Schaden wird auf zwei
Millionen Francs geſchätzt.
London, 11. Juni. Der Schuhmacher Wilhelm Voigt,
bekannt als Hauptmann von Köpenick, iſt vor drei
Tagen im Hoſpital geſtorben.
New=York, 11. Juni. Prinz Heinrich XXVII.
von Reuß der an Bord des deutſchen Kriegsſchiffes
Moltke‟ Offizier iſt, rettete am Montag viele Frauen
und Kinder vor dem Tode des Ertrinken s.
3 mit Schauluſtigen überfüllte Boote verſuchten an der
einen Seite des Kreuzers zu landen. Plötzlich ſchleuderte
eine hohe Welle das eine Boot unter die Plattform der
Laufbrücke und das Boot begann langſam zu ſinken. Der
Prinz lief im Sturmſchritt zu den Seilen, riß ſie herun=
ter
, warf ſie den ſchon halb Verſinkenden zu und rettete
ihnen ſo das Leben.
New=York, 12. Juni. Nach einer Meldung aus Se=
ward
(Alaska) ſind die Dörfer Kodiak und Wood=Island
infolge des Ausbruches des Vulkans Katmei.
der am Sonntag begann und 48 Stunden dauerte, mit
einer Aſchenſchicht von einem Fuß Höhe bedeckt: Men=
ſchenleben
ſind nicht zu beklagen.

Rerz von her. Er war mit noch einem Gefelln mit
dem Aufbauen einer Badeanſtalt beſchäftigt. Dabei wollte
er ein Faß in den Rhein wälzen. Dieſes entglitt ihm in
den Rhein und wollte abtreiben. Da lief er in einen
Nachen, nahm ein Ruder und wollte das Faß feſthalten.
Dieſes aber wurde von der Strömung erfaßt und rollte
unter dem Ruderblatt heraus. Dadurch verlor der junge
Mann den Halt und ſtürzte kopfvor in den Rhein.
Ohne daß der andere Geſelle helfen konnte, war er in den
Fluten verſchwunden. Nur als Leiche konnte er geländet
werden.
Langen, 12. Juni. Der 5 Jahre alte Sohn des hieſigen
Zahntechnikers Stahl machte ſich mit dem Jagdge=
wehr
ſeines Vaters zu ſchaffen; er legte durch
das Fenſter an und traf den 10jährigen Sohn des Hafen=
arbeiters
Greb der auf der Straße ſtand, mitten ins
Herz. Der Knabe war ſofort tot. In der ganzen Ge=
meinde
herrſcht über dieſen tragiſchen Vorfall eine begreif=
liche
Erregung, zumal man annimmt, daß der Vater des
unglücklichen Schützen das Gewehr zu entladen unterlaſſen
hatte.
-h- Von der Bergſtraße, 12. Juni. In unſeren Luft=
kurorten
ſind die Kurfremden bis jetzt noch nicht ſo
zahlreich vorhanden, wie man es in den vergangenen
Jahren um dieſe Zeit gewohnt war. Die geſchäftliche
Depreſſion, und die herrſchende Teuerung mögen wohl die
Gründe dieſer wenigen Beſucher ſein. Während die
Blüte in den Weinbergen raſch vorwärts ſchreitet
durch die warme Witterung, macht ſich die Blattfall=
krankheit
in ganz bedenklicher Weiſe bemerkbar. Wenn
die Winzer nicht alle Hebel in Bewegung ſetzen, ſo dürften
ſich die gehegten Hoffnungen auf ein gutes Weinjahn ſehr de=
zimieren
. Die Heuernte hat begonnen und liefert
einen guten Ertrag. Die Kartoffeln ſtehen im Allge=
meinen
gut, doch ſind auch Felder vorhanden, die ſehr
lückenhaft ſind, und viel zu wünſchen übrig laſſen.
-h- Jugenheim, 11. Juni. In betreff der elektriſchen
Bahn war eine Kommiſſion, worunter Herr Baurat Rötel=
mann
aus Darmſtadt, hier anweſend, um unter Zuziehung
der Bürgermeiſter von Jugenheim und Seeheim die in
Ausſicht genommene Bahnſtrecke zu beſichtigen.
R. Mainz, 11. Juni. Seit längerer Zeit geht die
Stadt Mainz mit dem Gedanken um, die Orte Guſtavs=
burg
und Ginsheim durch die Fortführung der be=
ſtehenden
elektriſchen Vorortbahn an das ſtädtiſche
Straßenbahnnetz und den Mainzer Verkehr anzu=
ſchließen
. Nunmehr hat man ſich auch in der Ge=
meinde
Ginsheim mit der Frage in einer ſtark beſuchten
Verſammlung des Bürgervereins beſchäftigt. Es wurde
betont, daß man das Projekt der Fortführung der Bahn
unbedingt unterſtützen müſſe. Der Vorſtand des
Sürgervereins wurde ermächtigt, ſich mit der Gemeinde=
verwaltung
ins Benehmen zu ſetzen, damit dieſe die
notigen Schritte bei der Stadtverwaltung Mainz tun
möge.
Alzey, 12. Juni. Nachdem mit Rückſicht auf die ge=
ſteigerten
Lebensbedürfniſſe ſämtlichen ſtädtiſchen Beamten
vor einigen Monaten Teuerungszulagen bewilligt
worden waren, ſetzte die Stadtverordneten=Verſammlung
kürzlich die damals in Ausſicht geſtellte neue Beſoldungs=
ordnung
feſt, die vom 1. April d. J. ab Gültigkeit hat.
Herr Bürgermeiſter Dr. Sutor als Chef der ſtädtiſchen
Beamtenſchaft dankte in der letzten Sitzung für die den
Beamten und Angeſtellten gewährten Erhödungen, die auch
eine Anerkennung deren Dienſtführung bewieſen und ſprach
gleichzeitig, wie ſchon gemeldet, ſeinen freiwilligen Ver=
zicht
auf die ihm bewilligte Teuerungszulage zugunſten
der Stadtkaſſe aus.
Bingen, 11. Juni. Hier wurde von der Polizei ein
gewiſſer Zieborlt feſtgenommen, der vom Unter=
ſuchungsrichter
von Breslau ſteckbrieflich verfolgt wird.
In ſeiner Begleitung befand ſich die Verkäuferin Gertrud
Goldmann aus Breslau. Beide hatten ſich hier als
Ehepaar Fuchs aus Berlin niedergelaſſen und waren
der Polizei durch die Art und Weiſe, wie ſie das Geld
in den Wirtſchaften ausgaben, aufgefallen. Eine bei der
Verkäuferin vorgenommenen Körperunterſuchung förderte
4 Sparkaſſenbücher, auf den Namen Paul Zieborlt lau=
tend
, zu Tage. Bei der Hausſuchung fand man eine
rote lederne Brieftaſche mit 38000 Mark Geld. Das
Geld iſt ein Teil des Betrages, den Zieborlt in ſeiner
Stellung als Expediant in Breslau veruntreut
hatte. Zieborlt hatte ſich zuerſt als Fr. Engel aus Mann=
heim
und dann als Poſtſekretär Paul Fuchs aus Berlin
ausgegeben.
Groß=Winternheim, 12. Juni. Die hohe Böſchung
von der Landſtraße durch einen Drahtzaun in den Gar=
ten
des Gaſtwirtes Bieſer hinuntergeſtürzt iſt
ein mit Ausflüglern aus Schwabenheim beſetzter
Wagen. Der Unfall ereignete ſich dadurch, daß das
Pferd ſeitwärts über die Deichſel ſchlug, wodurch der
Wagen auf eine Seite zu ſtehen kam und mit großer
Geſchwindigkeit die Böſchung hinabſtürzte. Abaeſehen
von Hautabſchürfungen, verurſacht durch den Stachel=
draht
des Zaunes, wurde niemand ernſtlich verletzt. Die
Fahrt konnte, nachdem das ebenfalls nur Rißwunden
aufweiſende Pferd nach längerer Arbeit auf die Land=
ſtraße
gezogen war, fortgeſetzt werden.
(*) Lich, 11. Juni. Ein großer Trauerzug bewegte ſich
heute durch unſere Stadt; der bei Eberſtadt erſchoſſene Ge=
freite
Karl Spar, von den 23er Dragonern, wurde be=
erdigt
. Die 1. Schwadron hatte ſich in Stärke von 3
Offizieren und 75 Mann hierher begeben, um dem ſo jäh
geſchiedenen Kameraden die letzte Ehre zu erweiſen. In
dem Trauerzuge befanden ſich auch der Kriegerverein, der
Geſangverein Männerquartett und ein Vertreter des
Fürſten. Stiftsdechant Klingelhöffer hielt die Grabrede
und der Geſangverein ſang einen Trauerchor. Offiziere,
Unteroffiziere und Mannſchaften legten prachtvolle Kränze
nieder. Der Verſtorbene war ein braver Sohn ſeiner
Eltern. Er diente im letzten Jahre und wäre im Herbſt
entlaſſen worden.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 11. Juni. Im Kaiſer=
lichen
Schloß in Berlin hat geſtern unter dem
Vorſitz des Kaiſers und im Beiſein des Land=
wirtſchaftsminiſters
, des Finanzminiſters, des Ober=
präſidenten
der Provinz Brandenburg und mehrerer Ver=
treter
des Zweckverbandes Groß=Berlin eine Konferenz
ſtattgefunden, die ſich mit der für Berlin ſo überaus wich=
tigen
Frage der Erhaltung des Waldbeſtandes
in der Umgegend der Stadt beſchäftigte. Der Kaiſer bringt
dieſer Angelegenheit perſönlich großes Intereſſe entgegen.
Vor allem dringt offenbar der Kaiſer darauf, daß die
Waldfrage, die ja für jede Großſtadt von beſonderer Be=
deutung
iſt, ſchnell gelöſt werde, nachdem ſie jahrelang
förmlich verſumpft ſchien. Eine beſondere Kommiſſion des
Zweckverbandausſchuſſes wird, das iſt wohl die Folge des
perſönlichen Eingreifens des Kaiſers, ſchon in allernächſter
Zeit auf Grund verſönlicher Beſichtigung den Umfang und

Gefährdete Jugend.

Knaben=Arbeitsanſtalt. Beſſunger
Knabenhort.
Die Stadt Darmſtadt beſitzt in der Darmſtädter
Knaben=Arbeitsanſtalt eine Stätte der Jugendfürſorge,
deren erziehliche Einrichtungen ſchon vor Jahrzehnten über
Heſſens Grenzen hinaus für ſtädtiſche und ſtaatliche Be=
hörden
vorbildlich geworden ſind. Knaben von unbemit=
telten
Eltern, welche von dieſen oder deren Stellvertretern
in der von dem Schulbeſuch freien Zeit nicht gehörig über=
wacht
werden können, während eines Teiles dieſer Zeit
unter Aufſicht zu beſchäftigen, ſie hierdurch vor den Ein=
flüſſen
nachteiliger Geſellſchaft zu bewahren, an nützliche
Tätigkeit, Ordnung, Reinlichkeit, Gehorſam und gute Sit=
ten
zu gewöhnen, ſowie ihnen Gelegenheit zu einem Ver=
dienſte
nach Verhältnis ihres Fleißes und Betragens, zu
geben, iſt nach § 1 der vor mehr denn 80 Jahren entwor=
fenen
, heute noch gültigen Statuten der Zweck der
Darmſtädter Knaben=Arbeitsanſtalt. Ge=
gründet
im Jahre 1828 von einer Anzahl wohlgeſinnter,
opferwilliger Männer der erſten Kreiſe hieſiger Stadt,
Jahrzehnte hindurch von dieſen perſönlich geleitet und be=
raten
, erfreute ſich die Darmſtädter Knaben=Arbeitsanſtalt
beſonderer Gunſt des Großh. Hauſes, ſowie namhafter
Unterſtützungen aus allen Bevölkerungsſchichten. Die Bür=
germeiſter
Hoffmann, Buſt, Kahlert, Fuchs und Ohly
haben ihr mit den Gemeindevertretern fortgeſetzt reichlichen
Schutz und Förderung angedeihen laſſen, bis ſie unter
Oberbürgermeiſter Morneweg im Jahre 1897 in die
ſtädtiſche Verwaltung aufgenommen wurde; wie Ober=
bürgermeiſter
Dr. Gläſſing und die gegenwärtigen Stadt=
verordneten
der Anſtalt beſondere Fürſorge widmen, be=
zeugen
die neueren baulichen Erweiterungen wie die fort=
ſchrittlichen
Aenderungen im Arbeitsbetrieb. Mit 6 Kna=
ben
wurde die Anſtalt 1828 eröffnet. im Jahre 1830 zäblte

ſie 50, in 1860 144, 1880 368; gegenwärtig iſt die Zahl be
ſchränkt auf ca. 300.
Leider ſind von der ſegensreichen Wirkſamkeit de
Darmſtädter Knaben=Arbeitsanſtalt infolge ihrer örtlicher
Lage die Kinder derjenigen bedürftigen Eltern ausgeſchloſ
ſen, die im ſüdlichen Stadtteil, in Beſſungen
anſäſſig ſind. Und doch, wie gebieteriſch fordern auch hie
obwaltende Verhältniſſe fürſorgende Hilfe! Alltäglich ſeher
wir in ſchulfreien Stunden Knaben in den Straßen, it
Feld= und Waldgelände beſchäftigungs= und aufſichtslo=
umherlungern
, Unfug treibend und den Gefahren alle=
Schlimmen und Böſen überliefert! Müßiggang führt zu
Armut, Krankheit, zur Verwahrloſung und zu Verbrechen
Ein Beſſunger Knabenhort müßte dieſen jugend
lich Bedrohten ein Schutz, manchen armen, nach Erzieh=
ungsmitteln
verlangenden Eltern ein Ort der Hilfe werden
Wer wollte verkennen, daß eine geſchickte Anleitung zu ge
ordneter gärtneriſcher und landwirtſchaftlicher Tätigkei
(bei ſchlechter Witterung in Handfertigkeitsarbeiten) einen
erziehlich wohltätigen Einfluß auf die körperliche und ſitt
liche Kräftigung eines Knaben auszuüben vermögen! We=
will
zweifeln an der ſozial=kulturellen Bedeutung eine=
Aeußerung des Vorſtehers der hieſigen Knaben= Arbeits=
anſtalt
: Meine Jungen, die mehrere Jahre gärtneriſd
tätig ſind, freveln nicht an fremden Sträuchern, Blüten
und Früchten, freveln auch nicht am ſommerlichen Schmue
in Feld und Wald! Sie kennen die Sorge, die eine
Pflanze benötigt!
Darum auch den Beſſunger Buben ein Kna=
benhort
!
Die Möglichkeit der Errichtung eines ſolchen iſt näher=
gerückt
, ſeitdem durch perſönliche Verhandlungen mi=
einigen
Körperſchaften die Gewißheit erlangt wurde, daf
dieſe zu größeren jährlichen Beiträgen bereit ſind und die
maßgebende ſtädtiſche Behörde an den vorbereitenden Be=
mühungen
Intereſſe zeigt.
Ein größeres Gelände, zwiſchen der Kaſtanienallee und
der Rennbahn gelegen, eben Oedland und in ſtädtiſchem=
Beſitz, wäre für die Anlage beſonders geeignet. Die neut
Schöpfung iſt gedacht als eine der ſtädtiſchen Schulbehörde
unterſtehende Einrichtung, zumal der Koſtenbedarf in ſeinem=
größeren
Teil der Stadtverwaltung zufallen würde. Um
dieſe jedoch zu gewinnen, bedarf es der Jahresbeiträge=bis
zu einer Geſamtſumme von 8001000 Mark.
Bekannt iſt, in welch anerkennenswerter Weiſe die
Darmſtädter Stadtverwaltung gerade in letzter Zeit ihren
Sinn für Jugendfürſorge betätigt, und wir dürfen zuver=
ſichtlich
hoffen, daß ſie eine aus Privatkreiſen dargebrachte
jährliche Zubuße von ca. 700 Mark in ihrer Bedeutung
vürdigt und die Beſtrebungen zur Schaffung eines Beſ=
ſunger
Knabenhortes zur Verwirklichung bringt.
Wird der Opferſinn wohlbemittelter Kreiſe dieſe 700 Mark
Jahresbeiträge aufbringen? Mehr als die Hälfte iſt er=
freulicherweiſe
durch Zeichnungen von mindeſtens 10=Mark
und höher bis 200 Mark geſichert; für den Reſt iſt zu wün=
chen
und zu hoffen, es möchten die bereits erfolgten An=
egungen
und die vorſtehenden Zeilen freundlich beachtet
und einem ſo notwendigen Wohlfahrtszweck ein warmes
Herz und eine offene Hand entgegengebracht werden!
Gefährdete Knaben retten und bewahren vor
Arbeitsſcheu, Laſter und Elend, ſie gewinnen für
geordnete Tätigkeit, für Gehorſam und
Pflichtgefühl, iſt eine unſerer vornehmſten ſozialen
Aufgaben! Die ſchrecklichen Verbrechen jüngſter Zeit mm
Neckar und Main predigen Mahnung und Lehre! Zu=
weiterer
Auskunft und Entgegennahme von gef. Anmel=
dungen
für Jahresbeiträge ſind bereit: Reallehrer Lerch=
und Hauptlehrer Pfannmäller.

Kongreſſe und Verbandstage.

Dritter Deutſcher Hanſatag.
Berlin, 11. Juni. Unter Beteiligung einer gro=
ßen
Zahl namhafter Induſtrieller aus allen Teilen des
Deutſchen Reiches, ſowie zahlreicher Vertreter des Hand=
werks
und des Gewerbes und einer großen Zahl von An=
geſtellten
=Vertretern, tritt hier der Hanſabund für Handel=
und Gewerbe und Induſtrie zu ſeinem dritten Hanſatag
zuſammen. Aus dem Geſchäftsbericht über das
Geſchäftsjahr 1911 iſt Folgendes hervorzuheben: Einlei=
tend
wird bemerkt, daß der Hanſabund eine Politik der
ſachlichen Arbeit unter dem Geſichtspunkte richtiger Ein=
ſchätzung
der praktiſchen Bedürfniſſe des deutſchen Ge=
werbeſtandes
unbeirrt weiter verfolge, den Kampf nicht
ſcheuend, wenn er ſein muß. Sodann kommt der Bericht=
auf
die Reichstagswahlen und die Tätigkeit des Hanſa=
bundes
hierbei zu ſprechen. Im Berichtsjahre wurden
2000 große Verſammlungen abgehalten; der Präſident des=
Hanſabundes, Geheimrat Profeſſor Dr. Rießer, ſprachin
28 großen Verſammlungen in allen Teilen des Reiches=
In 50 Zweigorganiſationen wurden Buchführungskure
für Handwerker eingeführt. Während der Wahlzeit ſind
rund drei Millionen Flugblätter zur Verſendung gelangt.
Für die Intereſſen des Detailhandels und die Geſamt=
intereſſen
des deutſchen Handwerks wurde eine Suhmiſe
ſionszentrale gegründet, und für die Induſtrie ſteht die
Gründung eines beſonderen Induſtrierates in Ausſicht.
Zwiſchen Hanſabund und Deutſchem Handelstag wurde
ein Abkommen über die Abgrenzung der Arbeitsgebiete
getroffen. Der Hanſabund zählte im März 1911 51 Lan=
des
= Provinzial= und Bezirksgruppen, 603 Ortsgruppen,
1432 Vertrauensmänner und 660 angeſchloſſene Verbände
und Vereine. Im Juni 1912 haben ſich dieſe Zahlen be=
deutend
vermehrt. Der Hanſabund zählt nunmehr 87
Landes= uſw. Gruppen, 643 Ortsgruppen, 1600 Ver=
trauensmänner
und 823 angeſchloſſene Vereine und Ver=
bände
. Die größten Zweigorganiſationen ſind Groß= Ber=
lin
und Hamburg. Auch die Auslandsabteilung des
Hanſabundes iſt im Wachſen begriffen, beſonders in Oſt=
aſien
. Das Direktorium des Hanſabundes beſteht zur Zeit
aus 64 Mitgliedern, die der Induſtrie, allen Zweigen des
Gewerbes, dem Handwerk und den Angeſtelltenkreiſen an=
gehören
, gegen 41 Mitglieder im Jahre 1911, und der
Geſamtausſchuß beſteht zurzeit aus 420 Mitgliedern gegen
418 im Jahre 1911. Zum Schluß wird ausgeführt, daß
der Hanſabund optimiſtiſch in die Zukunft ſchauen könne:
er ſei ein Beſtandteil des deutſchen Wirtſchaftslebens ge=
worden
und wie er Handel und Gewerbe ſchütze und för=
dere
, ſo wünſche er auch, daß es der deutſchen Landwirt=
ſchaft
gut gehen möge.
Südweſtdeutſche Konferenz für Inners
Miſſion.
Stuttgart 11. Juni. Die Südweſtdeutſche
Konferenz für Innere Miſſion begann ihre 48. Tagung, zu
der zahlreiche Vertreter von Baden, Heſſen, Elſaß= Loth=
ringen
und der Pfalz eingetroffen waren, am Abend des
9. Juni mit einem Feſtgottesdienſt in der Stiftskirche.
Die eigentliche Tagung am 10. Juni, um 9 Uhr vormit=
tags
, eröffnet von Profeſſor D. v. Wurſter, begann
mit einem Vortrag von Direktor Schwandner=
Ludwigsburg über Die Stellung der Inneren Miſſior

[ ][  ][ ]

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 13. Jnni 1912.

Seite 5.

zu den Beſtimmungen des Vorentwurfs zu einem deut=
ſchen
Strafgeſetzbuch über Jugendſtrafrecht, Alkohol= und
Sittlichkeitsdelikte‟. In der zweiten Hauptverſammlung
am Nachmittag, ſprach Profeſſor D. Schoell=Friedberg
über Volksapologetiſche Aufgaben der Gegenwart. Dem
Vortrage ſchloß ſich eine lebhafte Erörterung an, an der
ſich Dekan Groß=Leonberg, Pfr. Völter=Baiereck, Dekan
Herzog=Waiblingen, Hofpred. Hoffmann=Stuttgart, Sekre=
tär
Fiſcher=Heilbronn u. a. beteiligten. Einſtimmig wurde
eine Erklärung angenommen, die die Zuſtimmung zu den
im Referat enthaltenen praktiſchen Vorſchlägen ausſpricht
und eine Organiſation der apologetiſchen Arbeit im ſüd=
weſtdeutſchen
Gebiete anregt. Bei der Abendveranſtalt=
ung
im Königsbau, mit der die Konferenz ihren Abſchluß
fand, boten die zuſammengeſchloſſenen evangeliſchen Ju=
gendvereine
den auswärtigen Gäſten vielſeitige und ge=
diegene
Unterhaltung. Die Poſaunenbläſer mit dem ein=
leitenden
Die Himmel rühmen uſw. von Beethoven und
Begleitung der Lieder, die vereinigten Orcheſter mit dem
Intermezzo aus der Cavalleria ruſticana und dem
Athalja=Marſch, der Singchor mit dem Siegesgeſang der
Deutſchen nach der Hermannsſchlacht die lebenden Bil=
der
der Pfadfinder des Paulusvereins alle ließen den
frohen, geſunden Geiſt erkennen, in dem dieſe Vereinigun=
gen
geleitet ſind.
Der Konferenz wohnte der Vertreter des Heſſiſchen
Oberkonſiſtoriums, Herr Oberkonſiſtorialrat Euler bei.

Deutſcher Ingenieurtag.
Stuttgart, 11. Juni. Aus der Reihe der wei=
teren
Vorträge, die die hier tagende 53. Hauptverſamm=
lung
des Vereins Deutſcher Ingenieure entgegennahm,
iſt zu erwähnen der Vortrag des Wirklichen Geheimen
Baurats Dr.=Ing. Veith=Berlin über Neuere Kriegs=
ſchifftypen
. Zu dieſem Vortrag war der König von
Württemberg mit Gefolge erſchienen. Die Verſammlung
nahm ſodann einen überaus intereſſanten Vortrag des
Baurats Schmick=München über die Aufgaben und die
Tätigkeit des Ingenieurs in den Kolonien entgegen, an
den ſich eine lebhafte Diskuſſion anſchloß. Aus den
Beſchlüſſen der Vorſtandſchaft iſt zu erwähnen, daß der
Verein Deutſcher Ingenieure die Summe von 6000 Mark
geſtiftet hat, um Schülern den Beſuch des Deutſchen Mu=
ſeums
in München zu ermöglichen. Ferner wurde be=
ſchloſſen
, der Verſuchsanſtalt für Luftſchiffahrt einen jähr=
lichen
Beitrag von 10000 Mark zu leiſten. Nach weite=
ren
Beratungen über interne Verbandsangelegenheiten
wurde die Tagung geſchloſſen.

Die Poſtkartenwoche der Großherzogin.

Dritter und vierter Tag.
St. Das Wetter iſt der Veranſtaltung der Poſtkarten=
woche
zu edlem wohltätigem Zwecke offenbar beſonders
hold und geſtaltete die Poſtkartenwoche, die eigentlich
Flugpoſtwoche heißen müßte, zur wahren Feſt=
woche
. Der Dienstag war ausſchließlich dem Verkauf der
Karten und Bilder gewidmet, und obwohl fortgeſetzt viele
Tauſend Karten nachbeſtellt wurden und die Photogra=
phen
, Kliſcheefabriken und Druckereien mit Hochdruck
arbeiten, konnte der Nachfrage nicht im entfernteſten ge=
nügt
werden. Jede Neuauflage war im Nu vergriffen,
und die Flugpoſtämter ſind unausgeſetzt von Kaufluſti=
gen
umlagert.
Der geſtrige vierte Tage wurde mittags wieder durch
Militärkonzerte auf dem Marktplatz, Paradeplatz
und Luiſenplatz eingeleitet. Nachmittags ergoß ſich wie=
der
eine Völkerwanderung nach dem Exerzierplatz, wo
man wieder bei Maſſen=Militärkonzerten promenierte,
Poſtkarten kaufte und das Hauptereignis des Tages, das
Erſcheinen des Poſtluftſchiffs Schwaben
erwartete.
Um 5 Uhr waren etwa 15000 Menſchen in Erwartung
der Schwaben auf dem Platz anweſend. Gegen ½6 Uhr
trafen die beiden Prinzen und kurz darauf das Groß=
herzogspaar
mit Gefolge auf dem Platze ein und
nahmen in dem beſonders aufgeſtellten Pavillon Platz.
Der Großherzog unterſchrieb fortgeſetzt Poſtkarten. 5 Uhr
45 Min. wurde der Abflug der Schwaben aus Frankfurt
gemeldet. Im Flugpoſtamt lagen eine Anzahl Tele=
gramme
für Inſaſſen der Schwaben bereit, die in einer
verſiegelten Hülle mit dem Flugpoſtkarten=Beutel an dem
Flugpoſtſeil hinaufgezogen wurden, um den Empfängern
ausgeliefert zu werden.
Kurz nach halb 7 Uhr kam das Poſtluftſchiff Schwa=
ben
in Sicht. Aeußerlich war die brave Schwaben
der man ihre zweieinhalbhundert Fahrten, darunter viele
in Sturm und Regen, übrigens doch ſchon anmerkt die
Hülle ſieht ziemlich verwettert aus , als Poſt luftſchiff
kenntlich gemacht durch eine große Reichspoſtflagge,
die unter den Seitenſteuerungen am Heck wehte. In flot=
ter
Fahrt, mit dem Winde, kam ſie aus der Richtung
Frankfurt, flog im Bogen über Darmſtadt, wendete dann
nach rechts, drehte gegen den Wind, der erheblich ſtark
wehte, und kam, ſchwer gegen den Wind ankämpfend, aber
mit immer wieder bewundernswerter Sicherheit, auf den
abgeſperrten Plätz zu, in deſſen Mitte Poſtbeamte mit den
Poſtbeuteln harrten, jubelnd mit Hurra und Tücher=
ſchwenken
begrüßt. Um ¾47 Uhr war die Schwaben
über dem Platze angelangt und ging auf zirka 50 Meter
herunter. Es fielen zunächſt mehrere Luftpoſten der In=
ſaſſen
herab, dann löſte ſich das Poſtflugſeil mit dem
Karabinerhaken und während die Poſtbeamten mit dem
Befeſtigen des Darmſtädter Poſtſackes, der zirka 60 Kilo=
gramm
Luftpoſt enthielt, beſchäftigt waren, löſte ſich oben
ein großes Paket der mitgebrachten Poſt. Der Fall=
ſchirm
breitete ſich aus und langſam und ſicher fiel
die erſte Luftpoſt auf Darmſtadts Boden
nieder. Auch dieſer hiſtoriſch bedeutſame Akt wurde von
den Tauſenden, die ihn miterlebten, mit jubelnden Hoch=
rufen
begleitet. Bald danach ſtraffte ſich das Poſtſeil mit
dem Darmſtädter Poſtſack. Das Poſtſeil läuft mit
Gegengewicht auf einer Rolle, ſo daß es ſofort auf halbe
Höhe hinaufgezogen werden kann der Gebäude uſw.
wegen , und wurde dann während der Weiterfahrt in
die Gondel gebracht. Immer noch ſchwer mit dem Gegen=
wind
kämpfend drehte das Poſtluftſchiff dann nach Weſten,
um auch in Worms und in Mainz die Poſten aufzuneh=
men
. In dem Moment wurde die Abſverrung durch=
brochen
und jubelnd und hurrarufend überfluteten die
Tauſende den Platz. Die Großherzogliche Fa=
milie
hatte kurz vorher den Platz verlaſſen.

Von der Luftpoſt.

Jede Luftpoſtkarte wird auf dem Luftwege befördert!
Ein Leſer ſchreibt uns: Geehrte Redaktion! Sie
ſchreiben im Tagblatt von heute, daß die in Darmſtadt
aufgegebenen Flugpoſtkarten ebenfalls die Luft=
reiſe
mitnrchen könne (noc=Information). Ich muß

Ihnen aber mitteilen, daß es nicht möglich iſt, denn
ich hatte offizielle Karten am Montag morgen um 9 Uhr
Hauptpoſtamt aufgegeben und die Karten heute morgen,
am 12. 6., um 8 Uhr mit dem Stempel 12. 6. 12. Darm=
ſtadt
. Flugpoſt am Rhein und am Main bekommen. Mit
der Schwaben ſind die Karten nicht befördert worden,
denn das Luftſchiff kommt erſt heute abend, und wären
die Karten mit dem Flieger (Gelber Hund) am Mon=
tag
abend befördert worden, dann wären die Karten
doch am Dienstag, mit dem Stempel vom Montag oder
Dienstag verſehen, angekommen. Alſo ſind die Karten
nicht durch die Luft befördert worden und die 25
Pfennig doch in die Luft geworfen worden und die Kar=
ten
haben keinen Sammelwert.
Der verehrte Einſender hat nicht Recht. Wie wir
amtlich erfahren, haben alle Luftpoſtkarten den
Stempel vom 12. 6. erhalten. Die am Montag hier auf=
gelieferten
Karten wurden nach Frankfurt befördert
und von dort aus mit dem Flugzeug Gelber Hund‟
nach hier. Der Gelbe Hund hat alſo nicht nur Gelbe
Hundkarten, ſondern ſämtliche bis Montag mittag
aufgelieferten Luftpoſtkarten nach hier befördert, und
zwar, wie bekannt, auf dem Luftwege. Es iſt alſo
unbedingt ſicher, daß jede Flugpoſtkarte
auf dem Luftwege befördert wird.
Es wird darauf aufmerkſam gemacht, daß alle offi=
ziellen
Poſtkarten nur zu dem aufgedruckten Preis ver=
kauft
werden dürfen. In dieſem Preis iſt der Rabatt
der Vermittler bereits eingeſchloſſen.
Nach den getroffenen Vereinbarungen können auf den
offiziellen und den bereits mit der Kaiſerlichen Poſt=
behörde
verabredeten inoffiziellen Poſtfahrten insgeſamt
700 Kilogramm Luftpoſt befördert werden. Bei grö=
ßerem
Bedarf wird eine weitere Poſtfahrt eingeſchoben.
Bis jetzt ſind erſt zuſammen 360 Kilogramm Poſtkarten
eingeliefert worden.
Wir werden weiter darauf aufmerkſam ge=
macht
, daß die beſonderen Flugzeugkar=
ten
, die bald eine Seltenheit ſein werden,
nur durch die Poſtflugmaſchine (Gelber Hund)
befördert werden. Sie erhalten dadurch einen
beſonderen Wert. Auf dem Poſtflug am Montag hat die
Maſchine alle bis kurz vorher im Poſtgebiet Frankfurt
und Darmſtadt aufgegebengn und geſſammelten Flug=
zeugkarten
mitgenommen. Die Maſchine iſt jetzt, wie von
vornherein beabſichtigt war, bei Darmſtadt ſtationiert.
um das Zuſammenziehen neuer Flugpoſt zu erwarten.
Der nächſte Poſtflug wird am Donnerstag auf der
Strecke Darmſtadt-Worms und dann ſofort weiter auf
der Strecke Worms-Mainz unternommen. Auf dieſem
Poſtflug werden alle in dem betreffenden Poſtgebiet, ſo=
wie
auch in Frankfurt bis Mittwoch nachmittag aufgege=
benen
Flugzeugkarten befördert. Die Maſchine bleibt
in Mainz bis Sonntag, um alsdann weitere Poſtflüge
zu machen. Mit dem allgemeinen Poſtluftſchiff Schwa=
ben
werden die beſonderen Flugzeugkarten nicht beför=
dert
. Die Geſchwindigkeit der Poſtflugmaſchine beträgt
durchſchnittlich 120 Kilometer.

Aus Worms ſchreibt man uns: Die Nachfrage nach
den offiziellen Poſtkarten iſt auch in Worms eine ſehr
rege. Drei Damen aus Buchſchlag, die am Dienstag im
Automobil durch die Straßen der Stadt fuhren, verkauf=
ten
in zwei Stunden über 1300 Karten. In der gleichen
Zeit ſetzte die Wormſer Volksztg. über 400 Karten ab, ſo=
daß
von dieſen beiden Seiten aus in 2 Stunden an=
nähernd
1800 Karten verkauft wurden, das
Stück zu 40 Pfg.
Die W. Ztg. ſchreibt: Die geſtern vormittag einge=
troffenen
Karten waren im Nu vergriffen. Die einzel=
nen
Ausgabeſtellen konnten nur bis höchſtens 100 Stück
erhalten, während ſie tauſend abſetzen könnten. Es iſt
eine außerordentliche Willigkeit in der Bürgerſchaft vor=
handen
, die Veranſtaltung der Großherzogin nach Kräf=
ten
zu unterſtützen, und es iſt höchſt bedauerlich, daß die
Zentrale ſo unzulängliche Vorkehrungen getroffen hat,
um die überaus ſtarken Anforderungen zu befriedigen.

Parlamentariſches.

*X* Darmſtadt, 12. Juni. Der Finanz= Aus=
ſchuß
der Zweiten Kammer ſetzte heute gemein=
ſam
mit der Regierung die Beratung fort. Zur Beſprech=
ung
kam die Regierungsvorlage, betr. die Schulden=
tilgung
. Der Ausſchußreferent, Abg. Dr. Oſann, gab
zunächſt eine Ueberſicht über die ſeitherigen Pläne der Re=
gierung
und die jetzige Vorlage, nach welcher die Eiſen=
bahnſchuld
mit ¾ Prozent, die übrigen vorhandenen
Schulden mit 1 Prozent getilgt werden ſollen, während
die am 1. April 1912 aufgenommenen Schulden, ſoweit ſie
werbender Natur ſind, mit 1,9 Prozent, und ſoweit ſie nicht
werbend ſind, mit 3 Prozent zu tilgen ſind. Der Refe=
rent
verlangte von der Regierung, daß die ſtaatlichen
Schulden auseinander gelegt werden ſollten, damit man
prüfen könne, wie hoch nach kaufmänniſchen Grundſätzen
die Tilgung für die einzelnen Schuldbeträge ſei. Bei den
Eiſenbahnſchulden, insgeſamt 360 Millionen Mark, komme
noch in Betracht, daß in dieſer Summe auch der Ankaufs=
preis
für die heſſiſche Ludwigsbahn ſtecke, und daß deren
Wert doch immerhin vorhanden ſei, ſomit einer beſonderen
Tilgung jedenfalls nicht bedürfe. Weiter ſteckten in den
Eiſenbahnſchulden der Grund und Boden des Bahn=
blanums
, bei welchem eine Schuldentilgung ebenfalls nicht
erforderlich ſei, während man für die Gebäude von einer
Schuldentilgung und bei dem Fuhrpark wegen ſeiner Ab=
nutzung
von höherer Schuldentilgung ſprechen könne.
In gleicher Weiſe müßten die übrigen beſtehenden Schul=
den
(79 Millionen) auseinandergelegt werden, an den
einzelnen Objekten, für welche die Schulden gemacht
wurden, zu prüfen, wie hoch ſich die Schuldentilgung zu
ſtellen habe. Der Referent bemängele weiter, daß der
Tilgungsſatz für die ſpäteren Schulden von 1,9 und 3
Prozent viel zu hoch ſei. Es ſei nicht erforderlich, daß
dieſe Schuld in 30 oder 22 Jahren abgetragen werde.
Der Regierungsvertreter gab dann ein eingehendes Bild
über die Entſtehungsart der Schulden und wies weiter
darauf hin, daß durch das fortwährende Steigen der
Eiſenbahnſchuld und dadurch, daß die Zinſen einen
immer ſteigenden Teil des Reinertrages wegnehmen, auf
einen Minderertrag der Eiſenbahnüberſchüſſe gerechnet
werden müſſe; die Schuldentilgung ſei darum erſt recht
notwendig. Die Regierung vertrat ferner den Stand=
punkt
, daß bei der vorhandenen Schuld von 79 Millionen
ſich nicht allein Bauſchulden befänden, ſondern auch eine
ganze Reihe von Aufwendungen aus dem Vermögens=
etat
, welche eigentlich aus verfügbaren Mitteln hätten
beſtritten werden müſſen, die aber nicht aus ſolchen be=
ſtritten
werden konnten, weil man eben lauznde-Mittel

nicht zur Verfügung gehabt hätte. Jedenfalls könne
unter den Tilgungsſatz von 1 Prozent bei dieſen alten
Schulden von 79 Millionen nicht herabgegangen werden.
Der Ausſchußreferent Dr. Oſann wies darnach auf die
Schuldentilgung des Ludwigsbahngeſetzes vom Jahre 1893
hin. Damals habe die Eiſenbahnſchuld 180 Millionen
betragen und es ſei auf Anregung der Erſten Kammer
der Betrag von 600000 Mark als Schuldentilgung in das
Geſetz aufgenommen worden, alſo ½ Prozent. Dieſer Pro=
zentſatz
könne auch bei den Eiſenbahnſchulden überhaupt
feſtgehalten werden, weil eine Unterſcheidung, für welche
einzelnen Gegenſtände die Schulden aufgenommen wur=
den
, nicht ſchwierig ſein könne. Man mache ſich damit den
Standpunkt zu eigen, welcher gerade in der Erſten Kammer,
beſonders bezüglich der Schuldentilgung betont worden ſei.
Es ſei auch darauf hinzuweiſen, daß ja die Schulden=
tilgung
inſofern eine bewegliche ſei, als ſie nur dann in
vollem Umfang eintrete, wenn aus den Eiſenbahnen ein
Ueberſchuß von mindeſtens 3 Millionen erzielt ſei. Von
anderer Seite wurde im Ausſchuß darauf hingewieſen, daß
die Abgrenzung des Ausgleichsfonds auf 6 Millionen
Mark nicht gerechtfertigt ſei. Es könnte bei ſchlechten
Zeiten länger eine Entnahme ſtattfinden müſſen, wodurch
der Fonds dann zu ſchnell erſchöpft würde. Es wurde vor=
geſchlagen
, dieſen Fonds auf 12 Millionen zu erhöhen,
oder ihn unbegrenzt nach oben zu machen. Durch die ver=
minderte
Schuldentilgung könnten nach Auskunft der Re=
gierung
etwa 220230000 Mark erſpart und zu anderen
Zwecken verwendet werden und die Regierung ſtellte, was
in ihrem jüngſt dem Ausſchuß unterbreiteten Expoſee aus=
einander
geſetzt ſei, dieſe Summe zur Verfügung und über=
ließe
der Kammer die Wahl, ob ſie dieſelben zur Erhöhung
der Gehalte der Volksſchullehrer oder zur Entlaſtung der
Gemeinden verwenden wolle.
Aus dem Gang der Verhandlungen kann alſs entnom=
men
werden, daß eine geſetzliche Schuldentilgung allerdings
in erheblich ermäßigtem Umfang im Finanzausſchuß Boden
gefunden hat, und daß die Vorſchläge einer Reduktion auf
Prozent aus der Eiſenbahnſchuld und noch weiter er=
höhten
Sätzen bezüglich der künftigen Schulden Anklang
findet. Die Weiterberatung erfolgt morgen Vormittag.
*X* Darmſtadt, 12. Juni. Der dritte
(Wahlprüfungs=) Ausſchuß der Zweiten Kam=
mer
beſchäftigte ſich heute mit zwei noch nicht erledigten
Wahlprüfungen. Ueber die Wahl des Abg. Kredel=
Airlenbach hatte Abg. Grünewald einen ſchriftlichen
Bericht eingeſandt und gleichzeitig über ſeine Behand=
lung
im Ausſchuß Beſchwerde geführt. In dem Bericht
ſprach ſich der Referent für die Annullierung der Wahl
des Abg. Kredel aus, er unterließ es aber, einen dahin=
gehenden
Antrag zu ſtellen. Da der Bericht nicht der
Anſchauung der Ausſchußmehrheit entſprach, ſo beſchloß
dieſe, den Abg. Dr. Zuckmayer zum Referenten zu be=
ſtellen
. Die Ausſchußmehrheit beſchloß beim Kammer=
plenum
die Gültigkeitserklärung der Wahl zu
beantragen Bezüglich der nicht beanſtandeten Wahl
des Abg. Korell=Königſtädten hatte der Ausſchuß auf
Antrag des Abg. Bähr verſchiedene Erhebungen über
nicht vorſchriftsmäßig gegebene Unterſchriften uſw. an=
zuſtellen
beſchloſſen, durch die aber das Wahlergebnis
nicht berührt wurde. Der Ausſchuß beſchloß dann auch
heute, beim Kammerplenum auch die Gültigkeitserklä=
rung
der Wahl Pfarrer Korells zu beantragen.

Luftfahrt.

Fernflug Berlin-Wien.
* Flugfeld Aſpern, 10. Juni. Abends um 10
Uhr, nachdem Oberleutnant Miller um ½7 Uhr in
Prera geſichtet worden war, waren weitere Meldungen
nicht eingetroffen. Da er ſich nicht mehr in der Luft be=
finden
kann, wird vermutet, daß er irgendwo eine
Landung vorgenommen hat.
* Breslau, 12. Juni. Infolge ſtrömenden Regens
gab Krieger den Flug nach Wien auf.
* Wien, 12. Juni. Der Aviatiker Bergmann mit
ſeinem Paſſagier Leutnant Schürzel hatte bis Oder=
berg
guten Flug. Hierauf kam er durch Nebel in ein
Gewitter, ſo daß er ſelbſt aus 200 Meter Höhe nichts
ſehen konnte. Infolgedeſſen verloren die beiden Flieger
die Orientierung gänzlich und überflogen, ohne es zu wiſ=
ſen
, Prerau und Kremſier; ſie lenkten dann nach Troppau
zurück. Als ſie ſich etwa 100 Meter über dem Erdboden
befanden, bemerkten ſie, daß ſie über Wäldern ſchwebten.
Sie ſuchten eine kleine Waldwieſe auf, wo ſie glatt lan=
deten
. Der Platz liegt in der Nähe des Dorfes Stettin.
Flieger, Paſſagier und Apparat ſind unverſehrt. Da die
Poſtämter in den nächſten Ortſchaften geſchloſſen waren,
konnte weder telegraphiſch noch telephoniſch irgend eine
Nachricht aufgegeben werden. Bergmann und Schürzel
fuhren mit der Bahn nach Wien, wo ſie heute morgen um
6 Uhr eintrafen.
sr. Der deutſch=öſterreichiſche Aero=
planfernflug
Berlin-Wien iſt zu Ende ge=
gangen
, ohne daß es außer Helmuth Hirth noch
einem anderen Teilnehmer gelungen wäre, das Ziel Wien
zu erreichen. Von den am Montag noch im Wettbewerb
geweſenen drei Fliegern, den beiden Oeſterreichern Ober=
leutnant
Miller und Blaſchke, ſowie dem Deutſchen Karl
Krieger, iſt Blaſchke inzwiſchen kurz vor dem Ziel gleich=
falls
ausgeſchieden. Er war, wie gemeldet, am Montag
nachmittag 5 Uhr 29 Minuten zum zweiten Male in
Breslau geſtartet und erreichte bereits um ½8 Uhr
Olmütz, wurde dann aber von Regen und plötzlich ein=
tretender
Dunkelheit überraſcht. Es gelang ihm nicht
mehr, das nahe Ziel, das Flugfeld Aſpern bei Wien, zu
erreichen. Lundenburg, das nur eine Bahnſtunde von
Wien entfernt liegt, paſſierte Blaſchke um ½9 Uhr, dann
verlor er jedoch jede Orientierungsmöglichkeit. Er ſah
ſich infolgedeſſen zur Landung gezwungen, die zwiſchen
Gänſerndorf und Straßhof erfolgte. In der Dunkelheit
gelang es Oberleutnant Blaſchke nicht, die Landung ſo
glatt auszuführen. Der Apparat ſtieß hart auf den
Boden auf und wurde ſo ſtark beſchädigt, daß an eine Re=
paratur
kaum mehr zu denken war. Oberleutnant Blaſchke
verletzte ſich bei dem Unfall am Kinn und mußte ärztliche
Hilfe in Anſpruch nehmen. Sein Paſſagier, Oberleutnant
Nietner, blieb unverletzt. In Wien erwartete man in=
zwiſchen
vergeblich die bereits ſignaliſierten Flieger. Man
hatte Richtungsfeuer angezündet und alles für eine Land=
ung
in der Dunkelheit vorbereitet, aber Stunde auf
Stunde verging. Endlich traf die Meldung von der Not=
landung
Blaſchkes ein und die offiziellen Vertreter ſetzten
ſich ſofort in Automobilen nach der Landungsſtelle zu in
Bewegung. Man fand den Apparat am Vorderteil ſchwer
beſchädigt. Auch der Motor war aus den Fugen ge=
gebrochen
. Die notwendigen Reparaturen an der Flug=
maſchine
konnten an der Landungsſtelle nicht ſo ſchnell
ausgeführt werden, daß Oberleutnant Blaſchke noch hätte
daran denken können, die letzten wenigen Kilometer bis
zum Ziel noch am ſelben Tage zu fliegen. Dazu kam, daß
die Wetterlage ſich zuſehends verſchlechterte. Am=Diens=

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 13. Juni 1912.

Nummer 137.

tag goß es den ganzen Tag in Strömen. Das Flugfeld
war derartig aufgeweicht, daß dort an ein Landen etwa
eintreffender Flugzeuge nicht zu denken war. Man ent=
ſchloß
ſich deshalb, an die noch unterwegs befindlichen
Flieger, Oberleutnant Miller und Karl Krüger, Warn=
ungstelegramme
zu ſenden. Krieger war um ½5 Uhr
morgens von ſeiner Zwiſchenlandeſtelle Kanig im Kreiſe
Guben zum Weiterflug nach Breslau aufgeſtiegen. Er
erreichte den Flugplatz bei Breslau um 5,37 Uhr nach
1 Stunde 27 Minuten. Krieger wollte nach Ablauf der
einſtündigen Zwangsraſt ſofort nach Wien weiterfliegen,
jedoch die Beſchaffung des nötigen Kartenmaterials nahm
längere Zeit in Anſpruch. Erſt kurz vor 10 Uhr war alles
notwendige beſchafft. Der Start erfolgte glatt, aber be=
reits
in geringer Höhe ſetzte plötzlich der Motor aus. Das
Flugzeug ſenkte ſich nieder und überſchlug ſich vollſtändig.
Glücklicherweiſe blieben Flieger und Paſſagier, Oberleut=
nant
Bertram, unverletzt. Oberleutnant Miller machte
bei Strehlen, 30 Kilometer ſüdlich von Breslau, wo er
am Montag gelandet war, mehrere vergebliche Startver=
ſuche
auf dem ungünſtigen Gelände. Dann ſchaffte er ſei=
nen
Apparat, der ſonſt vollſtändig intakt war, auf gün=
ſtigeren
Boden. Er hoffte beſtimmt, abends noch Wien
erreichen zu können, ſtieg dann um 4,14 Uhr nachmittags
auf, wählte aber nicht den Weg über das Altvatergebirge,
ſondern den Umweg über Oppeln. Oberleutnant Miller
wurde zuletzt um ¾6 Uhr über Ratibor auf dem Wege
nach Oppeln geſichtet.
Helmuth Hirth blieb alſo der einzige
Bezwinger der Rieſendiſtanz. Die Hoffnun=
gen
und Wünſche, die die Veranſtalter des Fluges an den
Flug geknüpft haben, ſind nur in recht geringem Maße in
Erfüllung gegangen. Von 19 gemeldeten Fliegern ſtar=
teten
10, 4 erreichten die Etappenſtation in Breslau, Hirth
allein konnten die Wiener in Aſpern zujubeln.

Die militäriſche Bedeutung der Fernfahrt des L. Z. 12".
(Z. 3).
Ein Verkehrstruppenoffizier ſchreibt: Bei der großen
Fernfahrt des L. Z. 12 der unter der Bezeichnung Z. 3"
von der deutſchen Heeresverwaltung als Militärluftkreuzer
übernommen werden ſoll, hat das neueſte der Zeppelin=
Luftſchiffe geradezu glänzend ſeine außerordentliche
Leiſtungsfähigkeit an den Tag gelegt. Wenn man bedenkt,
daß der vom L. Z. 12 von Friedrichshafen nach Ham=
burg
zurückgelegte Weg den Entfernungen Hamburg-
London Metz-Bordeaux, Memel-Petersburg gleich=
kommt
und daß bei der Ankunft in Hamburg der Oel= und
Benzinvorrat noch zu einer weiteren ſechsſtündigen Fahrt
gereicht hätte, dann wird man davon überzeugt ſein, welche
gewaltige Aufklärungsarbeit mit einem Z.=Luftſchiff ent=
faltet
werden kann. Mit Leichtigkeit kann es von Ham=
burg
, Metz, Straßburg, Köln, Königsberg, Thorn aus
ganz Frankreich und den Kanal oder einen erheblichen
Teil Rußlands überfliegen, ſchnell kriegsmäßige Höhen
über 1200 Meter erreichen und ſich in ihnen halten. Auf
dieſe Weiſe kann ſofort nach Ausbruch eines Krieges nicht
nur mit einer weitausgreifenden Aufklärung auf den Land=
kriegsſchauplätzen
eingeſetzt, ſondern dieſe auch in der
Nordſee, im Kanal und bis nach England ausgedehnt
werden. Die Fortſchritte in der Funkentelegraphie er=
möglichen
eine Uebermittelung der Erkundungsergebniſſe
während der Fahrt und geſtatten damit eine ununter=
brochene
Aufklärung. Ein Zeppelin=Luftſchiff kann aber
neben ſeiner Beſatzung, dem für dieſe Dauerfahrten
nötigen Betriebsſtoff, dem Ballaſt und dem Funkenappa=
rat
noch gut 1000 Kilogramm Munition mit ſich führen
und auf ſeinen Aufklärungsfahrten durch Herabwerfen von
Sprengſtoffen als Angriffswaffe wichtige Dienſte leiſten.
Angeſichts der hohen Leiſtungen des L. Z. 12 kann die
Bedeutung der Z.=Schiffe für Heer und Marine nicht ge=
nug
gewürdigt werden, denn ſie werden im Kriege ſowohl
unſerem Landheer als auch der heimiſchen Flotte noch
nicht überſehbare, ganz ausgezeichnete Dienſte leiſten. Es
wird aber nicht allein ihre Tätigkeit von weittragendem
Erfolg begleitet ſein, ſchon die Erwartung dieſer Luft=
ſchiffe
wird bei unſeren Gegnern Beklemmung und Auf=
regung
hervorrufen. Der Beſitz ſo vorzüglicher leiſtungs=
fähiger
Luftſchiffe bedeutet deshalb für uns einen ge=
waltigen
Vorſprung vor allen übrigen Staaten, auf den
wir dank der unermüdlichen Arbeit des Grafen Zeppelin
ſtolz ſein können, und der auch von unſeren weſtlichen
Nachbarn unumwunden anerkannt wird. Deshalb iſt es
mit Freuden zu begrüßen, daß nunmehr auch die Reichs=
Marineverwaltung daran geht, durch den Erwerb eines
Z.=Luftſchiffes die Ueberlegenheit dieſes Typs für ihre
Zwecke auszunützen.

Graf Poſadowsky über das Flugweſen.
* Magdeburg, 12. Juni. In einer außerordent=
lich
zahlreich beſuchten Verſammlung ſprach Graf v. Po=
ſadowsky
über die Idee der Nationalflug=
ſpende
. Er kam hierbei auch auf das Flugweſen im
allgemeinen zu ſprechen und führte aus, in weiten Krei=
ſen
habe man gegen das Fliegen Bedenken gehabt, da es
zu viel Menſchenleben fordere, aber ſolche Opfer habe
man auch bei der Erforſchung von Krankheiten gebracht,
und jede größere Tat erfordere große Opfer. In der
Flugzeugfabrikation hätten die Franzoſen uns Deutſche
überholt, im franzöſiſchen Etat ſtänden für das Flug=
zeugweſen
in dieſem Jahre 25 Millionen und für das
nächſte Jahr 32 Millionen zur Verfügung. Auch Eng=
land
, Rußland und Italien werden große Opfer für das
Flugweſen bringen. Der Redner kam dann allgemein
zu ſprechen auf die Notwendigkeit der Organiſierung des
Flugweſens und betonte insbeſondere die Wichtigkeit von
Fliegerkarten, ſowie von Wegweiſern für die Flieger in
Geſtalt von Leuchtfeuern oder der Beleuchtung großer
Straßen. IInsbeſondere müſſe auch für die Hinterbliebe=
nen
der verunglückten Flieger geſorgt werden. Die Flug=
maſchine
habe im Kriege außerordentlich wertvolle Dienſte
zu leiſten, denn von einer guten Rekognoſzierung hänge
die Entſcheidung einer Schlacht ab. Das Ausland ver=
folge
mit Intereſſe das Ergebnis der deutſchen National=
flugſpende
, die Deutſchen dürften daher nicht zurückſtehen,
und es ſei zu hoffen und zu wünſchen, daß alle Herzen
ſich für dieſe Nationalflugſpende erwärmen. Haupt=
mann
a. D. Hildebrandt=Berlin ſchloß ſich dieſen Aus=
führungen
an und betonte, daß die Franzoſen ſich damit
brüſten, mit ihren 847 Flugmaſchinen die deutſchen Luft=
ſchiffhallen
, die Bahnhöfe, die Tunnels und Brücken uſw.
zerſtören zu können. Die Ausführungen fanden lebhaften
Beifall.

* Hamburg, 12. Juni. Lindpaintner
Baierle in und Jahniſch ſind heute früh kurz nach
4 Uhr auf dem Flugplatz Fuhlsbüttel zum Ueberland=
flug
nach Kiel geſtartet.
* Kiel, 12. Juni. Lindpaintner, Baierlein und
Jahniſch ſind heute früh hier eingetroffen. Lindpaintner
nach 1 Stunde 20 Minuten, Baierlein 5, Jahniſch 10 Mi=
nuten
ſhätes. Lindzintner landete in Kronshagen,

Baierlein auf dem ſtädtiſchen Sport= und Spielplatz,
Jahniſch am Kaiſer Wilhelm=Kanal. Die Fahrt wie die
Landung verliefen glatt.

Sport.

* Segelſport. Zweiter deutſcher Sieg im
Eintonner=Pokal. Die dritte Wettfahrt um den
Eintonner=Pokal hat wiederum mit einem Siege der deut=
ſchen
Jacht Windſpiel XVI geendet. Es ſtarteten alle 9
Boote geſchloſſen bei leichtem Nordoſt=Wind. Bereits nach
dem Merkzeichen Kiel 4 hatte ſich Windſpiel einen Vor=
ſprung
geſichert, der gegen Sansſouci=Frankreich 67 Se=
kunden
, Momo=Spanien 2 Min. 56 Sek., Nurdug II= Däne=
mark
2.57 und Quo vadis=Norwegen 3 Min. 33 Sek. be=
trägt
. Der Reſt lag noch weiter zurück. Im weiteren Ver=
laufe
der Regatta vergrößerte Windſpiel XVI dann ihren
Vorſprung und gewann überlegen gegen Sansſouci. Die
2. Runde brachte noch ſpannende Kämpfe zwiſchen Sansſouci
und Momo ſowie Nurdug II und Quo vadis, die zu einigen
Proteſten Anlaß geben, die jedoch das Endergebnis nicht
beeinfluſſen. Das genaue Reſultat: 1. Windſpiel XVI=
Deutſchland 2 Std. 30 Min. 39 Sek., 2. Sansſouci= Frank=
reich
2:35:19; 3. Momo=Spanien 2:35:41; 4. Nurdug II=
Dänemark 2:37132; 5. Quo vadis=Norwegen 2:38112; 6.
Bunty=England 2:38:58; 7. Neerlandia=Holland 2:39144;
8. Vinga I=Schweden 2141:30; 9. Finn II=Finnland 2:42:55:
Von den bisherigen Regatten hat Deutſchland bisher zwei
und England eine gewonnen. Zum endgültigen Gewinnen
des Pokals gehören drei Siege.

Handel und Verkehr.

D Schiffsliſte für billige Briefe nach
den Vereinigten Staaten von Amerika
(10 Pfg. für je 20 g) (Die Portoermäßigung erſtreckt
ſich nur auf Briefe, nicht auch auf Poſtkarten, Druck=
ſachen
uſw. und gilt nur für Briefe nach den Vereinigten
Staaten von Amerika, nicht auch nach anderen Gebieten
Amerikas, z. B. Kanada): Kaiſerin Auguſte Viktoria‟
ab Hamburg 13. Juni, Cincinnati ab Hamburg
15. Juni, Kaiſer Wilhelm der Große ab Bremen
20. Juni, Berlin ab Bremen 22. Juni, Kronprinzeſſin
Cecilie ab Bremen 25. Juni, Amerika ab Hamburg
27. Juni, George Waſhington ab Bremen 29. Jun,
Kronprinz Wilhelm ab Bremen 2. Juli, Kaiſer
Wilhelm II. ab Bremen 9. Juli, Kaiſerin Auguſte
Viktoria ab Hamburg 13. Juli. (Poſtſchluß nach An=
kunft
der Frühzüge.) Alle dieſe Schiffe ſind Schnell=
dampfer
oder ſolche, die für eine beſtimmte Zeit vor
dem Abgange die ſchnellſte Beförderungsgelegenheit
bieten. Es empfiehlt ſich, die Briefe mit einem Leit=
vermerke
wie direkter Weg oder über Bremen oder
Hamburg zu verſehen.
* Die Heſſiſche Eiſenbahn= Aktien=
geſellſchaft
iſt auf Grund eines Vertrages zwiſchen
der Stadt Darmſtadt und der Süddeutſchen Eiſenbahn=
geſellſchaft
unterm 15. April 1912 zu Darmſtadt errichtet
worden. In die Geſellſchaft haben eingebracht: a) die
Stadt Darmſtadt die in ihrem Eigentum befindlichen
elektriſchen Straßenbahnen mit allen dazu gehörigen An=
lagen
und Betriebsmitteln, Grundſtücken und Gebäuden,
b) die Süddeutſche Eiſenbahngeſellſchaft die in ihrem
Eigentum befindlichen ſchmalſpurigen Dampfſtraßen=
bahnen
von Darmſtadt nach den 3 Orten Griesheim,
Eberſtadt und Arheilgen mit allen dazu gehörigen An=
lagen
, Betriebsmitteln, Grundſtücken und Gebäuden. Die
Stadt Darmſtadt hat weiter ihre beiden Elektrizitäts=
werke
und den Betrieb derſelben an die Aktiengeſellſchaft
übertragen. Das Aktienkapital der Geſellſchaft von
4000000 Mark iſt von der Stadt Darmſtadt mit 50 Pro=
zent
, von der Süddeutſchee: Eiſenbahngeſellſchaft mit
49 Prozent und von der Provinz Starkenburg mit
1 Prozent übernommen worden. Der Betrieb der oben=
genannten
Bahnen und Elektrizitätswerke geht vom
1. April 1912 ab für Rechnung der Aktiengeſellſchaft. Es
iſt vorgeſehen, den Dampfbetrieb unverzüglich in elektri=
ſchen
umzuwandeln und unter gewiſſen Vorausſetzungen
die Bahn Darmſtadt-Eberſtadt nach Pfungſtadt bezw.
Jugendheim an der Bergſtraße fortzuſetzen. Die Geſell=
ſchaft
iſt ermächtigt, zunächſt 5000000 Mk. 4 Proz. mit
Prozent zu tilgende Schuldverſchreibungen auszu=
geben
, für die die Stadt Darmſtadt die Garantie für
Zahlung der Zinſen und Tilgungsbeträge übernommen
hat. Dieſe Anleihe wird laut heutiger Anzeige dem Pu=
blikum
zum Kurſe von 99,10 Prozent angeboten.

Stimmen aus dem Publikum.

(Für die Veröffentlichungen unter dieſer Ueberſchrift übernimmt die Redaktion
keinerlei Verantwortung; für ſie bleibt auf Grund des § 21 Abſ. 2 des
Preßgeſetzes in vollem Umfange der Einſender verantwortlich.)
Sehr geehrte Redaktion!
Fährt man von hier nach Groß=Gerau, ſo koſtet ein
Billet zweiter Klaſſe 75 Pfg., will man von dort wieder
zurück, ſo muß man für das gleiche Billet 80 Pfg. zahlen.
Da die Rückbeförderung auf dem inneren Radius des
Schienenweges ſich vollzieht, alſo genau gerechnet kürzer
iſt als die Hinfahrt, ſo bleibt nur die Vermutung übrig,
daß die Ehre, nach Darmſtadt fahren zu dürfen, von der
Eiſenbahnverwaltung mit 5 Pfg. extra bewertet wird.

Literariſches.

In der von der Verlagsbuchhandlung B. G.
Teubner in Leipzig herausgegebenen Sammlung wiſſen=
ſchaftlich
=gemeinverſtändlicher Darſtellungen aus allen
Gebieten des Wiſſens Aus Natur und Geiſtes=
welt
(jeder Band 1 Mk. bezw. 1,25 Mk.) ſind weiter
erſchienen Bd. 47: Die Tuberkuloſe, ihr Weſen,
ihre Verbreitung, Urſache, Verhütung und Heilung. Für
die Gebildeten aller Stände gemeinfaßlich dargeſtellt von
Generalarzt Profeſſor Dr. Wilhelm Schumburg in Han=
nover
. Zweite, verbeſſerte und vermehrte Auflage. Mit
einer Tafel und 8 Figuren im Text. Bd. 98: Die
deutſchen Kolonien, Land und Leute. Von
Dr. Adolf Heilborn in Steglitz bei Berlin. Mit zahl=
reichen
Abbildungen im Text und auf Tafeln. Dritte,
verbeſſerte und vermehrte Auflage. Bd. 224: Expe=
rimentelle
Pädagogik mit beſonderer Rückſicht
auf die Tat. Mit 6 Textabbildungen. Zweite, ver=
beſſerte
und vermehrte Auflage. Bd. 251: Die Ge=
ſchlechtskrankheiten
, ihr Weſen, ihre Verbreitung,
Bekämpfung und Verhütung. Zweite Auflage. Für Ge=
bildete
aller Stände bearbeitet von Generalarzt Pro=
feſſor
Dr. Schumburg in Hannover. Mit 4 Figuren im
Text und einer mehrfarbigen Tafel. Bd. 304: Die
Mechanik der feſten, flüſſigen und gas=
förmigen
Körper. Teil II. Die Mechanik der
flüſſigen Körper. Von Geh. Reg.=Rat Albrecht von
Ihering in Gießen. Mit 34 Textabbildungen. Bd. 326:
Deutſche Baukunſt ſeit dem Mittelalter
bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts.

Von Dr. Adalbert Matthaei, Geh. Regierungsrat,
etatsmäßiger Profeſſor der Bau= und Kunſtgeſchichte an
der Königl. Techniſchen Hochſchule Danzig. Mit 62 Ab=
bildungen
und 3 Tafeln. Bd. 348: Induſtrielle
Feuerungsanlagen und Dampfkeſſel. Von
Ingenieur Joh. Eug. Mayer in Donaueſchingen. Mit
Abbildungen.
Vom Mädchen zur Frau‟ Ein zeitge=
mäßes
Erziehungs= und Ehebuch. Allen reifenden Töch=
tern
, Gattinnen, Müttern und Volkserziehern gewidmet
Von Frau Dr. Emanuele L. M. Meyer=München
Elegant kartoniert 2 Mark, in feinem Leinenband mit
Futteral 3 Mark. Verlag von Strecker und Schröder in
Stuttgart. Ein Buch, das von den zahlreichen Anhän=
gerinnen
der bekannten Frauenärztin und Volksrednerin
ſeit Jahren erbeten und mit Spannung erwartet wurde,
Die Beweggründe, aus denen heraus das Buch entſtan=
den
iſt, zeigt am beſten ſein Vorwort in den folgenden
Sätzen: Hier lege ich nieder den Ausdruck einer ſchmerz=
voll
tiefen, unabweisbaren Ueberzeugung, der Gewiſſen
gewordenen Erkennntis des Menſchen, des Weibes des
Arztes in mir. Dieſe Erkenntnis und Ueberzeugung
habe ich formulieren müſſen zum Kampfruf gegen eine
ſexuell verſeuchende Menſchheit, zum Mahnruf an eine
irregeführte, ſieche, verſagende Frauenſchaft. zum Ruf der
Klärung, der Belehrung, der Bewahrung an unſere Töch=
ter
und Jungfrauen. Es ſind Worte, tiefſtem Herzen ent=
ſtiegen
, in heißem Mitleid gereift und von dem großen
Sehnen getragen, ſie möchten Unwiſſende lehren, Wollen=
den
helfen, dem Edeltum der Frauenſchaft aber Parole
und Wegrichtung werden.
Abendrot. Neue Gedichte von Stephan
Milow Mit einem Bilde des Dichters von Thereſe von
Mor. Elegant gebunden 3 Mark. Stuttgart, Verlag
von Adolf Bonz und Co. Es iſt ein echtes Kind Milow=
ſcher
Muſe: inniges Einfühlen in die lebendige Natur
und beſchauliches Betrachten des Weltlaufs, Einleben in
die menſchliche Perſönlichkeit, ihr Streben und Sehnen,
ihr Verzagen im Kampf und mutiges Wiedervorwärts=
dringen
, ihr verhaltenes Leid und ihr jubelndes Erfül=
lungsglück
. So ertönen alle Saiten der lyriſchen Harfe.
Die Form iſt durchaus vollendet, oft geradezu muſika=
liſch
, wie ja viele Lieder Milows mehrfach vertont wur=
den
. Das neue Buch kann die Auffaſſung der modernen
Literaturgeſchichte nur beſtärken, die Milow für den größ=
ten
öſterreichiſchen Lyriker ſeit Lenaus Tod erklärt,

Vermiſchtes.

Kampf gegen die Schundliteratur.
Ueberall iſt man rührig an der Arbeit, der Verbreitng
der Schmutz= und Schundliteratur einen wirkſamen Damm
entgegenzuſetzen. Deshalb ſuchen die Schundverleger
immer neue Wege, um ihre Schandware unter die Leute
zu bringen. Das gelingt ihnen ſehr gut. Das beweiſt die
Tatſache, daß unſer deutſches Volk im letzten Jahre im=
mer
noch mehr wie 50 Millionen für Erzeugniſſe dieſer
Literatur ausgegeben hat. Unſer Volk hat die Schund=
literatur
noch nicht überwunden. Vereine, die ſich nun
zur Aufgabe machen, guten Leſeſtoff um billigen Preis
auch den mingerbemittelten Schichten unſeres Volkes zu=
zuführen
, ſind deshalb ſehr nötig. So beſteht ſeit die
Jahren ein ſolche Ziele verfolgender Verein in Heſſen,
Es iſt dies der Heſſiſche Volksſchriftenver=
ein
. Raſtlos war er in dieſer Zeit an der Arbeit. Und
mancher ermutigende Erfolg wurde ſchon erzielt. Die=
Anforderungen werden aber immer größer, die Einnah=
men
aber leider nicht im gleichen Maße. Das iſt aber
unbedingt nötig, wenn der Verein in der ſo erfolgreich
begonnenen Entwickelung nicht ſtilleſtehen ſoll. Unter=
ſtützung
durch die weiteſten Kreiſe iſt deshalb dringen!
erwünſcht. Mit 2 Mark Jahresbeitrag wird man ſchon
Mitglied. Man melde ſich deshalb umgehend bei dem
erſten Schriftführer des Vereins, Herrn Lehrer Haſſin=
ger
=Alzey, an, der jede nähere Auskunft gerne erteilt
und von dem auch Aufruf und Satzungen des Vereins
bezogen werden können.

Das deutſche Geſchwader in New=York.

* New=York 12. Juni. Die Zeitungen
fahren fort, Artikel über den deutſchen Beſuch zu bringen.
World ſagt über die Mannſchaften: In ihrem körper=
lichen
Ausſehen und ihrer Intelligenz, ſowie ihrem Be=
nehmen
ehren ſie ſich ſelbſt, das deutſche Syſtem der
Flottenausbildung und Kaiſer und Vaterland.
* New=York 12. Juni. Der Vorſitzende des=
Deutſchen Vereins erhielt auf das an den Kaiſer
gerichtete Begrüßungstelegramm folgende
Antwort: Dem deutſchen Klub in New=York, der mit
aufrichtigem Gefühl meinen Schiffen einen ſo gaſtlichen
Empfang bereitete, meinen beſten Dank für die freund=
lichen
Grüße. Wilhelm.
* New=York, 12. Juni. Der Bürgermeiſtek
und ein Komitee von Bürgern gaben heute dem Konter=
admiral
von Rebeur=Paſchwitz und den Matko=
ſen
ein Gabelfrühſtück. Am Nachmittag fand gro=
ßer
Empfang auf dem prächtig mit Blumen und
Tannenreis geſchmückten Deck der Moltke ſtatt.Am
Abend gab Cornelius Vanderbilt dem Konteradmiral
v. Rebeur=Paſchwitz und den Offizieren ein Diner im
New=Yorker Jachtklub mit nachfolgendem Empfang.

Der Ausſtand der Seeleute in Havre.

* Paris, 11. Juni. Der Ausſtand der Seeleute
in Havre, die am vorigen Samstag 20 Minuten vor der
Abfahrt des Dampfers La France ihren Dienſt nieder=
legten
, um eine Lohnerhöhung durchzudrücken, ſcheint
eine kritiſche Wendung nehmen zu wollen. Da
die Compagnie Transatlantique die Lohnerhöhung ver=
weigert
, ſo haben ſich auch noch andere Seeleute in Havre
dem Ausſtand angeſchloſſen. Der Miniſterpräſi=
dent
hatte heute mit den Miniſtern der Marine, des
Innern und der Arbeit und dem Staatsſekretär für Poſt
und Telegraphie eine Zuſammenkunft, um über die Lage
zu beraten. Falls die Regierung dem Verlangen der
Geſellſchaft nachkommt und aus der Kriegsmarine Mann=
ſchaften
zur Verfügung ſtellt, ſo wollen auch die Seeleute
in den anderen Häfen, wie ſie bereits gedroht haben, ſich
dem Ausſtande ihrer Kameraden in Havre anſchließen
* Havre 11. Juni. Der Poſtdampfer
France beabſichtigt, nicht in See zu gehen. Die See=
leute
der Normaniſchen Geſellſchaft, welcher der Küſten=
dienſt
obliegt, ſind an Land gegangen. und der Dienſt
iſt eingeſtellt worden. Zahlreiche Mannſchaften von
Privatjachten haben ſich der Bewegung angeſchloſſen.
Die Zahl der Streikenden beträgt gegenwärtig 1150, von
denen 600 der Transatlantiſchen Geſellſchaft angehören.
Auch die Mannſchaften der Boote, die den Hafendienſt
verſehen, ſind an Land gegangen und die Schiffahrt=iſt
ſo gut wie lahm gelelt.

[ ][  ][ ]

Der engliſche Transportarbeiterſtreik.

* London, 11. Juni. Auf eine Anfrage im Unter=
hauſe
wegen der Streiklage erklärte Premierminiſter
Asquith, die Regierung habe während der letzten
zehn Tage jeden Verſuch gemacht, den unglücklichen
Streik zu einer befriedigenden Löſung zu bringen. Die
Vorſchläge der Regierung ſeien aber von beiden Seiten
als nicht annehmbar befunden worden. Ramſay Mac
Donald fragte, ob die Regierung noch auf dem Stand=
punkte
ſtehe, den beiden Parteien ihre guten Dienſte an=
zubieten
. Asquith bejahte die Anfrage.
* London, 11. Juni. Der Erklärung des
Nationalſtreiks ſcheint nicht in dem Umfang ent=
ſprochen
zu werden, wie die Führer es erwarteten. Die
Haltung der Gewerkſchaft der Matroſen und Heizer iſt
noch ungewiß, da viele durch Abſtimmung unter den
Mitgliedern herbeizuführende Entſcheidungen erſt Mon=
tag
bekannt werden. Während die Streikenden von dem
ſchließlichen Erfolge überzeugt zu ſſein ſcheinen, ſelbſt
wenn der Streik zwei Wochen dauert, iſt es dennoch mög=
lich
, daß er vorher beigelegt wird, beſonders wenn es
der Regierung gelingt, die Arbeitgeber zu Verhandlun=
gen
zu überreden. Die Gewerkſchaft der Transportarbei=
ter
hat heute abend zur Unterſtützung der Mitglieder
der Trade Union einen Aufruf erlaſſen.
* London, 11. Juni. Die Arbeit wird regel=
mäßig
fortgeſetzt in Newcaſtle, Cardiff und
Swanſea. Dagegen iſt die Lage in Hull noch immer
ungewiß. Zweitauſend Arbeiter ſind in Southampton
ausſtändig, faſt ebenſoviel in Plymouth, wo die meiſten
Fuhrleute ſich den Hafenarbeitern anſchloſſen. Dagegen
geht die Arbeit in Liverpool ohne Störung vorwärts;
die Hafenarbeiter arbeiten wie gewöhnlich, diejenigen
von Sunderland weigerten ſich, der Streikaufforderung
zu gehorchen, auch in Blyth wird der Aufforderung nicht
entſprochen. Ausſtändile von Eaſt India Dock griffen
heute früh mehrere Leute beim Betreten der Docks an.
Dabei wurden zwei Verhaftungen vorgenommen. An
ſämtlichen Eingängen zu den Docks ſind Polizeiverſtär=
kungen
aufgeſtellt. Die Dockarbeiter von Briſtol, Avon=
mouth
und Portiſhead ſtreiken aus Sympathie mit den
Ausſtändigen in London. Heute vormittag iſt das Kabi=
nett
zu einer Beratung über die durch den Streik ge=
ſchaffene
Lage zuſammengetreten.
* London, 12. Juni. Nach dem Bericht der Gewerk=
ſchaft
der Dockarbeiter beträgt die Zahl der Aus=
ſtändigen
in Swanſea 3000, in Plymouth 3500, in
Southampton 6000, in Briſtol 7000, in Sharpneß 2000, in
Salford 4500. Die Geſamtzahl beläuft ſich auf 45000.

Der italieniſch=türkiſche Krieg.

* Rom, 11. Juni. Nach Mitteilungen des Kriegs=
miniſteriums
ſind bis jetzt auf den Schlachtfeldern oder in=
folge
von Verwundungen während des italieniſch= türki=
ſchen
Krieges 57 Offiziere und 588 Soldaten
geſtorben. Die vermißten 2 Offiziere und 325 Mann,
die größtenteils dem 11. Berſaglieri=Regiment angehören
und ſeit dem 23. Oktober 1911, dem Tag des Gefechts bei
Schara=Schat, nicht mehr geſehen wurden, ſind hierin nicht
einbegriffen.
* Rom, 12. Juni. Der offiziöſe Popolo Romano
erklärt es für unrichtig, daß die Beſetzung weiterer
Inſeln des Archipels bevorſtehe. Wenn Italien
die Dardanellen forcieren wolle, ſagt das Regierungs=
Organ, ſo könne es dies auch tun, ohne zuvor Chies und
Mytilene zu beſetzen. Uebrigens wäre die letzte Schlacht
bei Zanzur, die den Türken einen ſchweren Schlag ver=
ſetzte
, von größerer Bedeutung als alle anderen Gefechte
in Lybien und wiege wohl die Beſetzung von zwei Chios,
drei Mytilene und vier Lemnos auf.
* Konſtantinopel, 11. Juni. Die Friſt für
die ausgewieſenen Italiener läuft morgen
ab. Bisher verließen mehr als 3000 Italiener Kon=
ſtantinopel
, doch bleiben viele zurück. Die italieniſche Re=
gierung
mietete den Dampfer Cherſon der ruſſiſchen
Freiwilligenflotte, der zahlreiche Familien an Bord neh=
men
wird. Die dem deutſchen Konſulat attachierten
italieniſchen Beamten bleiben hier.
* Saloniki, 12. Juni. Die ausgewieſenen
Italiener ſind geſtern früh mit wenigen Ausnahmen
abgereiſt. Alle Bahnzüge und Dampfer waren überfüllt.
In Saloniki verblieben nur Perſonen, die eine beſondere
Erlaubnis dazu hatten, ſowie Kranke und Gebrechliche
und die zu ihrer Pflege durchaus nötigen Verwandten,
Witwen, mit ihren Ernährern, und einige Spezialärzte.
Die Polizei iſt beauftragt, gegen alle anderen, in dieſe
Kategorien nicht einbegriffenen Italiener nunmehr ge=
waltſam
vorzugehen und ihre Entfernung aus der Türkei
zu veranlaſſen.

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Bad=Nauheim, 12. Juni. Der Beſitzer der bekannten
alten Apfelweinwirtſchaft Zum Ritter Wilhelm
Friedrich, welcher ſich wegen Brandſtiftung in Unter=
ſuchungshaft
befand, wurde nach zweitägiger Verhandlung
vor dem Schwurgericht in Gießen heute nacht zwei Uhr
freigeſprochen.
* Berlin, 12. Juni. Wie die Norddeutſche Allge=
meine
Zeitung hört, iſt für den Geſandtenpoſten in Liſſa=
bon
, der durch das Ausſcheiden des Freiherrn von und
zu Bodman ſeit einiger Zeit unbeſetzt iſt, der bis=
herige
Geſandte in Bukareſt, Dr. Roſen, in Ausſicht
genommen. An deſſen Stelle tritt der Wirkliche Geheim=
rat
Geſandter v. Waldhauſen, der in Kopenhagen durch
den bisherigen Generalkonſul in Budapeſt, Grafen von
Brockdorff=Rantzau, erſetzt werden wird. Als Nachfol=
ger
des Wirklichen Geheimrats Geſandten v. Bülow in
Bern, der bekanntlich nach dem Beſuch des Kaiſers in
der Schweiz den Poſten des preußiſchen Geſandten in
Dresden übernimmt, iſt der derzeitige vortragende Rat
im Auswärtigen Amt Freiherr von Romberg auserſehen.
* Augsburg, 12. Juni. Die Augsburger Poſtzeitung
erhielt von dem apoſtoliſchen Nuntius in München, Früh=
wirth
, folgende Mitteilung: Die Erklärung des
Monſignore Heiner entſpricht den Auffaſſungen
des Heiligen Vaters. Der Heilige Vater iſt immer von
dem Wunſche beſeelt, die unzeitigen Meinungsverſchie=
denheiten
in Deutſchland ein Ende nehmen zu ſehen.
Seine Heiligkeit, die treue Liebe der deutſchen Katholiken
kennend, ſegnen ſie von Herzen und ermuntern alle, ins=
beſondere
die Arbeiter, daß ſie fortfahren wollen, in Ein=
tracht
zu arbeiten für das Wohl der Kirche und des
Vaterlandes, treu ſich haltend an den päpſtlichen Wei=
ſungen
unter Führung und Leitung der zuſtändigen
Biſchöfe.
* Wien, 8. Juni. Die Neue Freie Preſſe meldet aus
Semlin: Das Militärpulvermagazin wurde

heute nacht überfallen, der Ueberfall jedoch infolge
der Wachſamkeit des Wachtpoſtens abgeſchlagen. In der
Dunkelheit näherten ſich fünf bis ſechs Leute dem Maga=
zin
und gaben, als der Poſten ſie anrief, mehrere Re=
volverſchüſſe
gegen das Magazin ab. Auf die
Schüſſe trat ſofort die ganze Wache unter Gewehr und
ſuchte das Magazinterrain ab. Die Täter waren jedoch
bereits geflüchtet. Der Poſten blieb unverletzt. Man
glaubt, daß es ſich um einen Verſuch handelte, das Pul=
vermagazin
in die Luft zu ſprengen. Ob der Vorfall mit
den Vorgängen in der Wiener=Neuſtadt zuſammenhängt,
iſt noch unklar.
* Argenteuil, 12. Juni. Als Polizeibeamte
geſtern in einen Streit, der unter Arbeitern ausgebrochen
war, eingriffen, wurde ein Beamter durch Revolverſchüſſe
getötet, ein anderer ſchwer verletzt. Am Orte des
Streites wurde die Leiche eines bereits vor der Ankunft der
Beamten getöteten Arbeiters aufgefunden. Der Urheber
der Mordtaten, der Erdarbeiter Broſſard, iſt heute früh
verhaftet worden.

H. B. Berlin, 12. Juni. Prinzeſſin Auguſt
Wilhelm ſieht, wie aus Potsdam gemeldet wird, einem
freudigen Ereignis entgegen. Die Ehe des Prinzen
Auguſt Wilhelm war bisher kinderlos.
H.B. Bieleſeld, 12. Juni. In der Schulgemeinde
Senne bei Bielefeld ſind in den letzten Tagen etwa
20 Kinder erkrankt, von denen drei unter eigen=
artigen
Erſcheinungen ſtarben. Die Kinder klagten am
Morgen über Kopfſchmerzen und am Abend ſtarben ſie
bereits. Die Todesurſache konnte noch nicht ermittelt wer=
den
. Die Schule wurde auf behördliche Anordnung ge=
ſchloſſen
.
H. B. Danzig, 12. Juni. Auf dem Felde des Majorats
Spengawsken in Weſtpreußen wurden ein Knabe und
zwei Pferde vom Blitz erſchlagen. Zwei andere
Knaben, die dicht hinter dem Pfluge hergingen, blieben
unverletzt. Ebenfalls durch Blitzſchlag getötet wurden in
Trzebow bei Krotoſchin zwei Knaben, die unter einem
Baume vor dem Gewitter Schutz geſucht hatten.
Poſen, 12. Juni. Auf demHauptbahnhof ſtießen
heute vormittag zwei Lokomotiven zuſammen.
Eine Lokomotive entgleiſte hierbei. Der Lokomotivfüh=
rer
wurde lebensgefährlich, der Heizer leicht verletzt.
H. B. Wien, 12. Juni. Heute vormittag 11 Uhr empfing
der Kaiſer das Präſidium des ungariſchen
Abgeordnetenhauſes. Der Kaiſer antwortete
auf die Ausführungen des Präſidiums, daß er mit Hoch=
ſchätzung
für die Selbſtaufopferung und dem moraliſchen
Mut, den das Präſidium bezeugt habe, erfüllt ſei. Der
Kaiſer ſprach die Hoffnung aus, daß die Haltung des
Präſidiums ihren Lohn in der Arbeitsfähigkeit des Hau=
ſes
und darin finden werde, daß ſich das Anſehen desſel=
ben
vermehre.
H. B. Wien, 12. Juni. Die Urſache der Explo=
ſion
des Objektes 48 der Pulverfabrik Möllersdorf iſt
jetzt aufgeklärt. Es ſteht unzweifelhaft feſt, daß die Ex=
ploſion
durch die Benzindämpfe des Pulver= Laſt=
autos
hervorgerufen wurde.
H.B. Paris, 12. Juni. Der bekannte Friedens=
Apoſtel Friedrich Paſſy iſt heute im 91. Lebens=
jahre
in Paris geſtorben.
Paris, 12. Juni. Unter der Beſchuldigung, große
Unterſchlagungen begangen zu haben, wurde geſtern
abend der Bankier Bergiéres verhaftet.
Die Paſſiven betragen mehr als eine Million Francs.
Gleichzeitig wird die Flucht des Börſenemiſſärs Marin
bekannt. Dieſer ſoll den Betrag von 800000 Francs
unterſchlagen haben.

Amtlicher Weterbericht.

Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.
Ueber ganz Mitteleuropa erſtreckt ſich von der Biscaya
her nordoſtwärts eine Furche tiefen Drucks. In ihrem
Bereich herrſcht allenthalben wolkiges Wetter; Nieder=

ſchläge ſind in Deutſchland nur im Nordoſten gefallen.
Die Morgentemperaturen liegen über 15. Das Hoch
über Island dehnt ſich langſam ſüdoſtwärts aus, ſo daß
wir morgen bei wechſelnder Bewölkung meiſt trockenes
Wetter erwarten dürfen.
Ausſichten in Heſſen für Donnerstag, den
13. Juli: Wechſelnd bewölkt, meiſt trocken, vereinzelt
Gewitter, mäßig warm.

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tragenem
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Johannes Schnell und Kinder.
Ober=Sorg, den 12. Juni 1912.
(Oberheſſen)
Die Beerdigung findet Freitag nachmittag
um 2 Uhr ſtatt.

Tageskalender.

Volkstümliche chriſtl. Vorträge um 8½ Uhr im
Rhein. Miſſionszelt an der Lindenhofſtraße. Bibel=
ſtunde
um 4 Uhr daſelbſt.
Konzerte: Saalbau um 8 Uhr. Heſſiſcher Hof um
8 Uhr. Perkeo um 8 Uhr. Bürgerkeller um 8 Uhr.

Verſteigerungskalender.
Freitag, 14. Juni.

Hofreite=Verſteigerung des Karl Hermann
(Lichtenbergſtraße 73) um 10 Uhr auf dem Ortsgericht I.
Manufakturwaren= uſw. Verſteigerung um
9 Uhr Kirchſtraße 4.
Pferde=Verſteigerung um 10 Uhr in der Train=
kaſerne
(Eſchollbrückerſtraße).
Heu=und Grummetgras=Verſteigerung um
2 Uhr im Rathaus zu Pfungſtadt.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil, Inſeratbeilagen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftsleben: Hans Heitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

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88,20
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3
78,00
3 Sächſiſche Rente . . . . 80,10
4 Württemberger v. 1907 100,30
3½
do. v. 1875 95,00
5 Bulgaren=Tabak=Anl.
1¾/ Griechen v. 1887 . . 54,75
3¾ Italiener Rente
4½ Oeſterr. Silberrente 91,20
4 do. Goldrente . . . 96,40
4 do. einheitl. Rente 88,25
3 Portug. unif. Serie I 64,50
3 do. unif. Ser. III 66,20
3 do. Spezial .
10,00
5 Rumänier v. 1903 . . 101,00
4 do. v. 1890 . . 95,20
4 do. v. 1905 . . 91,50
. 90,50
4 Ruſſen v. 1880 .
. 91,00
4 do. v. 1902 .
4½ do. v. 1905 .
3½ Schweden .
4 Serbier amort. v. 1895
4 Türk. Admin. v. 1903 82,60
4 Türk. unifiz. v. 1903 91,20
4 Ungar. Goldrente . . . 91,00
4 do. Staatsrente.
89,30

InProz.
Zf.
5 Argentinier
..100,90
do.
86,00
4½ Chile Gold=Anleihe . 91,40
5 Chineſ. Staatsanleihe .
4½
do.
4½ Japaner . . . . . . . 94,70
5 Innere Mexikaner . . . 95,00
do.
. 60,20
4 Gold=Mexikaner v. 1904 88,10
5 Gold=Mexikaner . . . . 99,80
3 Buenos Aires Provinz 71,00
Aktien inländiſcher
Transportanſtalten.
9 Hamb.=Amerika= Paket=
fahrt

. . . 141½
5 Nordd. Lloyd . . . . . 117,50
6 Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 123,75
Aktien ausländiſcher
Transportanſtalten.
5 Anatol. Eiſenb. 60%
Einz. Mk. 408 . . 112,25
8 Baltimore und Ohio . 106,80
6½ Schantungbahn . . . 134,50
6½ Luxemb. Prince Henri
O Oeſt. Südbahn (Lomb.) 19½
6 Pennſylvania R. R. . 120,00
Letzte Induſtrie=
Divid. Aktien.
4 Brauerei Werger . . 75,00
25 Bad. Anilin= u. Soda=
Fabrik
. . 503,00
14 Chem. Fabrik Gries=
.. 248,00
heim
30 Farbwerke Höchſt . . 609,50
20 Verein chem. Fabriken
Mannheim .
10 Cement Heidelberg . . 153,75
30 Chem. Werke Albert 453,00
12½ Holzverkohlung Kon=
ſtanz
. . . . . . . 307,30
4 Lahmeyer . . . . . . . 125,20

Eetzte
Inpro.
Divid.
71 Schuchert, Nürnberg 156,80
12 Siemens & Halske . 237,00
5 Bergmann Electr. . . 136,00
10 Deutſch.Ueberſee Electr. 175,00
0 Gummi Peter . . . . 120,20
0 Kunſtſeide Frankfurt 167,00
30 Adler=Fahrradwerke
Kleyer . . . . . . 501,20
10 Maſchinenf. Badenia 187,00
6 Wittener Stahlröhren 194,50
8 Steana Romana Petr. 139,00
15 Zellſtoff Waldhof . . 233,00
12½ Bad. Zucker=Wag=
. . 213,75
häuſel.
10 Neue Boden=A. A.=Geſ. 120,30
3 Südd. Immobilien . 69,00
Bergwerks=Aktien.
12 Aumetz=Friede . . . . 186,60
12½ Bochumer Bergb. u.
Gußſt. . . . . . . 226½
11 Deutſch=Luxemburg.=
Bergb.
.175,80
10 Gelſenkirchener . . . . 186,25
8 Harpener . . . .
185½
15 Phönix Bergb. und
Hüttenbetrieb . . . 256,80
0 Oberſchl. Eiſen=Ind.=
Caro. . . . . . . . 82,75
4 Laurahütte . . . . . . 175,00
10 Kaliwerke Aſchersleben
11
Weſteregeln 194,00
7½ South Weſt Africa
Prioritäts=
Obligationen.
3½ Südd. Eiſenb.=Geſ. 88,00
4½ Nordd. Lloyd=Obl. 100,10
4 Eliſabethbahn, freie . . 95,40
4 Franz=Jofefs=Bahn .
3 Prag=Duxer . . . .
75,50
5 Oeſterr. Staatsbahn .
4 Oeſterr. Staatsbahn . 94,10
do.
77,60
5 Oeſterr. Südb. (Lomb.) 99,70

8t.
Iupro).
4 Oeſterr. Südb. (Lomb.) 78,20
do.
53,20
3 Raab=Oedenburg
76,60
4 Kronprinz Rudolfbahn 94,20
4 Ruſſ. Südweſt .
4½ Moskau=Kaſan . . . 96,40
do.
88,40
4 Wladichawchas .
88,50
4 Rjäſan Koslow
3 Portugieſ. Eiſenb.
. 76,50
do.
92,20
2¼/ Livorneſer . .
67,20
3 Salonique=Monaſtir . 64,10
4 Bagdadbahn .
83,40
4½ Anatoliſche Eiſenb. . 97,00
4 Miſſouri=Pacific. .
71,80
4 Northern=Paciſic . . . 100,20
4 Southern=Pacific
95,40
5 St. Louis und San
Francisco.
. 87,60
5 Tehuantepec .
Bank=Aktien.
10 Bank für elektriſche
Untern. Zürich . . 195,00
7 Bergiſch=Märkiſche
Bahn .
.150,10
9½ Berlin. Handelsgeſ. . 165,90
6½ Darmſtädter Bank . 121,25
12½ Deutſche Bank
6 Deutſche Vereinsbank . 123,60
6 Deutſche Effekt.= und
W.=Bank . . . . . 118,00
10 Diskonto=Kommandit 184,50
8½ Dresdener Bank . 152,90
9½ Frankf. Hypoth.=B. 217,75
6½ Mitteld. Kreditbank 119,00
7 Nationalb. für Deutſchl. 122,75
7 Pfälziſche Bank . . . . 130,00
5.86 Reichsbank . . . . . 137,20
7 Rhein. Kreditbank . . . 135,00
7½ A. Schaaffhauſen.
Bankverein . . . . 123½
7½ Wiener Bankverein . 133,70
4 Frankf. Hypoth.=Bank
S. 16 u. 17 . . . 98,60

3t. Pfandbriefe. Zußon
3½ Frankf. Hypoth.=Bank
. 89,30
S. 19 .
4 Frankf. Hyp.=Kreditv.
S. 1519, 2126 98,00
4 Hamb. Hypoth.=Bank . 99,50
88,50
8½
do.
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bank 100,20
8½
do.
89,50
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bank
S. 12, 13, 16
.99,90
S. 14, 15, 17, 24/26
1823.
100,00
8½ Heſſ. Land.=Hyp.=Bank
S. 1 u. 2, 68
89,50
S. 35
89,30
S. 911
89,40
4 Meininger Hyp.=Bank 99,50
do.
3½
89,00
4 Rhein. Hypothek.=Bank
(unk. 1917) . . 98,00
8½ bo. (unk. 1914) . . 88,00
4 Südd. Bd.=Kr.=Bk.=Pf. 99,90
do.
3½
89,60
Städte=
Obligationen.
4 Darmſtadt .
98,60
8½ do.
89,20
4 Frankfurt.
99,50
3½ do.
95,00
4 Gießen
3½ do.
90,50
4 Heidelberg
98,00
3½ do.
4 Karlsruhe
8½ do.
90,00
4 Magdeburg
98,00
3½ do.
4 Mainz
98,60
3½ do.
90,60
4 Mannheim
98,50
3½ do.
88,90
4 München
100,00
3½ Nauheim
4 Nürnberg
100,00
3½ do.
90,00

Zufre
8t.
3½ Offenbach . . .
4 Wiesbaden . . . . . 99,80
3½ do.
98,50
4 Worms .
3½ do.
4 Liſſaboner v. 1888 79,00
Verzinsliche
Anlehensloſe.
4 Badiſche . . Tlr. 100 175,25
3½ Cöln=Mindner , 100 135,10
3 Holl. Komm. . fl. 100
3 Madrider . . Fs. 100
4 Meininger Pr.= Pfand=
briefe
. . . . . . . 135,50
4 Oeſterr. 1860er Loſe . 178,00
3 Oldenburger . . . . . . 125,00
2½ Raab=Grazer fl. 150 115,75
Unverzinsliche
Anlehensloſe.
Augsburger . . . . . fl.7
Braunſchweiger Tlr. 20 197,00.
Freiburger . . . . Fs. 15
Mailänder . . . . F5.45
do. . . . . F8. 10 30,00
Meininger . . . . . fl. 7 34,60
Oeſterreicher v. 1864 fl. 100
do. v. 1858 fl.100 451,60
Ungar. Staats . . fl. 100
Venediger . . . . Fs. 30 41,50
Türkiſche . . . . Fs. 400 171,00
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Engl. Sovereigns . . . . 20,42
20 Franks=Stücke . . . . 16,22
Amerikaniſche Noten . . . 4,18½
Engliſche Noten . . . . . 20,44
Franzöſiſche Noten. . . . 81,00
Holländiſche Noten. . . . 169,20
Italieniſche Noten . . . . 80,15
Oeſterr.=Ungariſche Noten 84,75
Ruſſiſche Noten . . .
Schweizer Noten . . . . . 80,85
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Heute am 13. Juni 1912, abends 8 Uhr:
3. Donnerstags-Konzert
der Kapelle des Leibgarde-Regiments
unter Leitung des Obermusikmeister H. Hauske.
Aus der Vortragsordnung: Cherubini: Ouverture zu
Anacreone. Mozart: Fragmente aus =Don Juane. Grieg:
Stücke aus =Sigurd Jorsalfars, Haydn: Allegretto und Menuett
aus der MMilitär-Sinfonies. Saint-Saéns: Danse macäbres.
R. Wagner: Tonbilder aus =Götterdämmerunge. J. Strauss:
Dorfschwalben aus Oberösterreiche. O. Strauss:=Ein Walzer-
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Eintritt 50 Pfg., für Studierende u. Militär 30 Pfg.
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Hessischer Hof.
Heute Donnerstag, den 13. Juni 1912,
abends 8 Uhr:
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Leitung: Herr Muſikmeiſter M. Weber.
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Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt.

8 60.

Donnerstag, 13. Jnni.

1912.

Bekanntmachung.

Das Reichsgeſetz über die Verſicherung der Angeſtellten vom 20. Dezember 1911
Reichsgeſetzblatt von 1911 Nr. 68) wird vorausſichtlich am 1. Januar 1913 in Kraft
treten. Wir bringen deshalb nachfolgend die wichtigſten Beſtimmungen zur all=
gemeinen
Kenntnis:
I.
1. Das Geſetz will
1. Angeſtellten in leitender Stellung, wenn dieſe Beſchäftigung ihren Hauptberuf
bildet,
2. Betriebsbeamten, Werkmeiſtern und anderen Angeſtellten in einer ähnlich ge=
hobenen
oder höheren Stellung, ohne Rückſicht auf ihre Vorbildung, Bureau=
angeſtellten
, ſoweit ſie nicht mit niederen oder lediglich mechaniſchen Dienſt=
leiſtungen
beſchäftigt werden, ſämtlich, wenn dieſe Beſchäftigung ihren Haupt=
beruf
bildet,
3. Handlungsgehilfen und Gehilfen in Apotheken,
4. Bühnen= und Orcheſtermitgliedern, ohne Rückſicht auf den Kunſtwert ihrer
Leiſtungen,
5. Lehrern und Erziehern,
6, aus der Schiffsbeſatzung deutſcher Seefahrzeuge und aus der Beſatzung von
Fahrzeugen der Binnenſchiffahrt Kapitänen, Offizieren des Deck= und Ma=
ſchinendienſtes
uſw., wenn dieſe Beſchäftigung ihren Hauptberuf bildet,
einen Anſpruch auf ein höheres Maß ſtaatlicher Fürſorge ſichern, als ihnen durch die
Arbeiterverſicherung geboten werden kann.
Inſoweit dieſe Perſonen einen Jahresarbeitsverdienſt von mehr als 2000 Mark
haben, beſteht zur Zeit keine geſetzliche Fürſorge. Die Invaliden= und Hinterbliebenen=
Verſicherung umfaßt bekanntlich alle Arbeiter, Gehilfen, Geſellen, Lehrlinge und Dienſt=
boten
, die Schiffsbeſatzung deutſcher Seefahrzeuge ſowie die Beſatzung von Fahr=
zeugen
der Binnenſchifahrt, mit Ausnahme der Schiffer. auch wenn ſie mehr als 2000
Mark Jahresarbeitsverdienſt haben. Betriebsbeamte, Werkmeiſter und andere Ange=
ſtellte
in einer ähnlich gehobenen Stellung ſind dagegen nur verſicherungspflichtig, wenn
die dienſtliche Beſchäftigung ihren Hauptberuf bildet und ihr regelmäßiger Jahres=
arbeitsverdienſt
2000 Mark an Entgelt nicht überſteigt. Dasſelbe gilt von Hand=
lungsgehilfen
und =Lehrlingen, Gehilfen und Lehrlingen in Apotheken, Bühnen= und
Orcheſtermitgliedern, ohne Rückſicht auf den Kunſtwert ihrer Leiſtungen, ſowie von
Lehrern und Erziehern, endlich von den Schiffern.
Die in § 1 des Geſetzes vom 20. November 1911 genannten Perſonen, die auch
unter § 1226 der Reichsverſicherungsordnung fallen, ſind hiernach nach beiden Geſetzen
verſichert, falls ihr Jahresarbeitsverdienſt 2000 Mark nicht überſteigt.
Die der Verſicherung unterliegenden Perſonenkreiſe ſind in § 1 des Geſetzes
aufgezählt, doch enthält dieſer Paragraph keine abſolut ſcharfe Umgrenzung des Kreiſes
der Verſicherungspflichtigen, da ſich eine ſolche vom Geſetz nicht gut geben läßt. Es
bleibt der Rechtſprechung überlaſſen, hier die Grenze zu finden. Der Begriff der An=
geſtellten
iſt nach der Abſicht des Geſetzes nur inſofern umſchrieben als nach unten
alle der bloß handarbeitenden Bevölkerungsklaſſe angehörigen Perſonen (Arbeiter,
Gehilfen, Geſellen, Lehrlinge, Dienſtboten uſw.), nach oben aber die beruflich ſelbſt=
ſtändigen
Perſonen ausſcheiden.
Inwiewit die Frage der Verſicherungspflicht nach dem Angeſtelltenverſicherungs=
geſetz
auch auf die Reichsverſicherungsordnung und umgekehrt übergreifen kann, geht
aus § 210 Abſ. 3 und 4 hervor.
3. Das Geſetz beruht, ebenſo wie die Reichsverſicherungsordnung, auf dem
Grundſatz des Verſicherungszwanges. Die Verſicherungspflicht unterliegt
jedoch gewiſſen Beſchränkungen (§§ 113, 397). Wer aus einer verſicherungspflichtigen
Beſchäftigung ausſcheidet, kann unter beſtimmten Vorausſetzungen die Verſiche=
rung
freiwillig fortſetzen oder ſie in eine beitragsfreie (durch Zahlung
einer Anerkennungsgebühr) umwandeln (§§ 15. 172 Abſ. 2). Das Geſetz kennt lediglich
die ſogenannte Weiterverſicherung (entſprechend § 1244 R.V.O.), dagegen nicht die
ſogenantne Selbſtverſicherung (entſprechend § 1243 R.V.O.). Für die Uebergangszeit
kommt noch § 394 in Betracht.
3. Die Verſicherung erfolgt für den Fall der Berufsunfähigkeit und des
Alters, ſowie zu Gunſten der Hinterbliebenen (§§ 20ff.). Als berufs=
unfähig
iſt anzuſehen, wer durch körperliche Gebrechen oder wegen Schwäche ſeiner
körperlichen und geiſtigen Kräfte zur Ausübung ſeines Berufes dauernd unfähig iſt.
Berufsunfähigkeit iſt dann anzunehmen, wenn ſeine Arbeitsfähigkeit auf weniger
als die Hälfte derjenigen eines körperlich und geiſtig geſunden Verſicherten von
ähnlicher Ausbildung und gleichwertigen Kenntniſſen und Fähigkeiten herabgeſunken
iſt (§ 25) Die Altersrente tritt ein mit Vollendung des 6 5. (nicht wie bei der Invali=
denverſicherung
erſt mit Vollendung des 70.) Lebensjahres. Witwenrente erhält die
Witwe nach dem Tode ihres verſicherten Mannes (§ 28). Die Witwe braucht nicht, wie
bei der Invaliden= und Hinterbliebenenverſicherung, erwerbsunfähig zu ſein. Ent=
ſprechend
der Krankenrente nach § 1255 Abſ. 3 der Reichsverſicherungsordnung wird
auch Krankenruhegeld gewährt (§ 25 Abſ. 2)
Um die infolge einer Erkrankung drohende Berufsunfähigkeit eines Verſicherten
abzuwenden, kann die Reichsverſicherungsanſtalt ein Heilverfahren einleiten,
ſoweit nicht bereits durch einen Träger der reichsgeſetzlichen Arbeiterverſicherung ein
Heilverfahren eingeleitet iſt (§§ 36 ff.).
4. Die Wartezeit dauert bei Ruhegeld für männliche Verſicherte 120, für
weibliche Verſicherte 60 Beitragsmonate, für die Hinterbliebenenrente 120Beitragsmonate,
ohne Unterſchied des Geſchlechts (§ 48). Für die Uebergangszeit kommen die §§ 395,
396 in Betracht. Eine beſondere Wartezeit für die Altersrente, wie bei der Invaliden=
verſicherung
, beſteht nicht.
*. Die Anwartſchaft erliſcht durch gewiſſe längere Unterbrechungen der
Beitragsleiſtung nach näherer Vorſchrift des § 49. Sie kann durch Nachzahlung von
Beiträgen wieder aufleben (§ 50).
6. Ueber anrechnungsfähige Zeiten enthalten die §§ 5154 Vor=
ſchriften
. Sie entſprechen im allgemeinen dem § 1281 der Reichsverſicherungsordnung,
jedoch mit dem weſentlichen Unterſchied, daß die hiernach anrechenbaren Monate nur
bei der freiwilligen Verſicherung und der Erhaltung der An=
wartſchaft
(§§ 15 und 49), dagegen nicht, wie bei der Invalidenverſicherung
(§§ 1393, 1394 R V.O.). allgemein als Beitragszeiten angerechnet werden können.
Nach § 54 Abſ. 2 bezeichnet die oberſte Verwaltungsbehörde die Behörden, welche
die Krankheitsbeſcheinigungen ausſtellen. Eine ähnliche Vorſchrift findet
ſich in § 1438 Abſ. 2, 3 der Reichsverſicherungsordnung. Dort ſind jedoch die Stellen,
welche die Beſcheinigungen ausſtellen, im Geſetze ſelbſt beſtimmt, während für das
Gebiet der Angeſtelltenverſicherung dieſe Stellen von der oberſten Verwaltungsbehörde
beſonders bezeichnet werden müſſen. Dabei iſt zu berückſichtigen, daß nach § 54 Abſ. 2
nur Behörden beauftragt werden können. Die Ausſtellung der Krankheitsbeſchei=
nigungen
wird hiernach in Heſſen den Großh. Bürgermeiſtereien (in den Städten den
Bürgermeiſtern bezw. Oberbürgermeiſtern) übertragen werden. Für die in Reichs= und
Staatsbetrieben Beſchäftigten können die Krankheitsbeſcheinigungen von den vorgeſetz=
ten
Dienſtbehörden ausgeſtellt werden.
7. Die Höhe des Ruhegeldes und der Hinterbliebenenrente
richtet ſich nach den für die Verſicherten geleiſteten Beträge nach näherer Vorſchrift in
§§ 55 ff. Das Reich leiſtet hierbei keine Zuſchüſſe. Maßgebend iſt ausſchließlich
die Höhe der geleiſteten Beiträge.
Wie bei der Invaliden= und Hinterbliebenenverſicherung nach der Reichsverſiche=
rungsordnung
ſind die Verſicherten nach der Höhe des Jahresarbeitsverdienſtes in
Gehaltsklaſſen eingeteilt (§§ 1619). Nach den Gehaltsklaſſen ſind die Monats bei=
träge
berechnet, die, wie bei der Invaliden= und Hinterbliebenenverſicherung, von
Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur Hälfte zu entrichten ſind (§§ 170 ff.). Die Bei=
tragsentrichtung
vollzieht ſich in der Art, daß der Arbeitgeber am Schluſſe eines Monats
die fälligen Beiträge der zur Erhebung beſtimmten Stelle portofrei einſendet. Auf
Grund des § 184 und des § 187 Abſ. 3 hat die Reichsverſicherungsanſtalt die im Abdruck
nachſtehende Bekanntmachung vom 24. Ifd. Mts., betreffend die Beitragsentrichtung für
die Angeſtelltenverſicherung, erlaſſen. (Vergl. Deutſcher Reichsanzeiger Nr. 125 vom
25. Ifd. Mts.)
8. Nach § 194 Abſ. 1 beſtimmt die oberſte Verwaltungsbehörde die Stellen,
welche die Verficherungskarten ausſtellen (Ausgabeſtellon).
Die entſprechende Vorſchrift über das Ausgeben von Quittungskarten für die Inpali=
den
= und Hinterbliebenenverſicherung findet ſich in § 1419 Abſ. 1 R. V.O. Hierzu iſt zu
bemerken, daß ein ſehr großer Teil der Verſicherten (diejenigen unter 2000 Mk. Jahres=
urbeitsverdienſt
), ſowohl eine Quittungskarte als auch Aufnahme= und Verſicherungs=
arten
zu beſchaffen haben.
Die Ausſtellung der Verſicherungskarten wird vorausſichtlich für ſolche Angeſtellte,
die nach dem Vierten Buch der Reichsverſicherungsordnung verſichert ſind, den Stellen
übertragen warden, die für die Ausſtellung von Quittungskarten zuſtändig ſind. im

Kbrigen den Großh. Bürgermeſereten (in den Stähdten den Dürgermeſen bezv. Obek.
bürgermeiſtern).
Den Ausgabeſtellen wird für die Ausſtellung der Karten eine Vergütung gewährt,
deren Höhe der Bundesrat nach Anhörung der Reichsverſicherungsanſtalt feſtſetzt (§ 196).
Der Verſicherte hat ſich die Verſicherungskarte ſelbſt ausſtellen zu laſſen. DasVerfahren
iſt vom Geſetz ſo gedacht, daß der verſicherungspflichtige Angeſtellte bei der Ortspolizei
behörde ſeines Wohnortes eine Aufnahmekarte erhebt, die er ſelbſt ausfüllt (§ 188).
Mittels Einreichung der ausgefüllten Aufnahmekarte hat er bei der Ausgabeſtelle
(§ 194) die Ausſtellung der Verſicherungskarte zu beantragen. Die Ortspolizeibehörde
hält ihn hierzu erforderlichenfalls durch Geldſtrafen an (§ 188).
Der Erlaß einer Anweiſung für die Kartenausgabeſtellen iſt in Ausſicht genom=
men
. Die Reichsverſicherungsanſtalt beabſichtigt, eine kurze Belehrung wegen der
Ausfüllung der Aufnahmekarten und eine Bekanntmachung, durch welche die Angeſtell=
ten
zum Abholen der Aufnahmekarten aufgefordert werden, aufzuſtellen, und ebeuſo
wie die Vordrucke der Aufnahmekarten und Verſicherungskarten den Ausgabeſtellen
durch Vermittelung der unteren Verwaltungsbehörden zugehen zu laſſen. Dabei kommt
in Betracht, daß nach dem Plan der Reichsverſicherungsanſtalt für Angeſtellte die Auf=
nahmelarten
(§ 189) bis ſpäteſtens Ende Juki 1912 bon den Verſicherungs=
pflichtigen
ausgefüllt und den Ausgabeſtellen behufs Ausfertigung der Verſicherungs=
karten
eingereicht werden ſollen. Die Verſicherungskarten müſſen alsdann bis Mitte
September 1912 in den Händen der Verſicherten ſein, um von ihnen als Ausweis für
die Beteiligung an der Wahl der Vertrauensmänner (§ 149) benutzt zu werden.
9. Träger der Verſicherung iſt die in Berlin errichtete Reichsver=
ſicherungsnſtalt
für Angeſtellte (§§ 96ff.), doch ſind auch beſondere Zu=
ſchuß
=, ſowie Erſatzkaſſen zugelaſſen (§§ 365ff., 372 ff., 387). Wer vor dem 5. Dezember
1911 (das iſt der Tag der Annahme des Geſetzes im Reichstage) bei einer Lebensver=
ſicherungsunternehmung
verſichert war, kann unter gewiſſen Vorausſetzungen von der
Beitragsleiſtung befreit werden (§§ 390ff.).
Die Organe der Reichsverſicherungsanſtalt ſind:
a) das Direktorium,
b) der Verwaltungsrat,
e) die Rentenausſchüffe,
d) die Vertrauensmänner (§ 98).
Sowohl im Direktorium als auch im Verwaltungsrat und in den Rentenausſchüſſen
ſind die Arbeitgeber und Verſicherten vertreten (§§ 100, 103, 109, 131).
Den Rentenausſchüſſen (§§ 122ff.) obliegt mamentlich die Feſtſtellung der Ver=
ſicherungsleiſtungen
. Sie werden nach Bedarf von der Reichsverſicherungsanſtalt mit
Genehmigung des Bundesrats errichtet. Er beſtimmt deren Sitze und Bezirke und
kann ſie ändern (§ 126).
Die Vertrauensmänner wählen die Beiſitzer für die Rentenausſchüſſe für die
Schiedsgerichte, für das Oberſchiedsgericht und für den Verwaltungsrat. Es können
ihnen vom Rentenausſchuß beſtimmte Obliegenheiten übertragen werden (§§ 143, 144).
Ueber die Anzahl der Vertrauensmänner vergl. § 145.
Die Schiedsgerichte (nicht zu verwechſeln mit den zur Zeit noch vorhandenen
Schiedsgerichten für Arbeiterverſicherung, die mit Errichtung des Oberverſicherungs=
amts
aufgehoben werden) und das Oberſchiedsgericht, letzteres mit dem Sitz in Berlin,
ſind die rechtſprechenden Behörden höherer Inſtanz (§§ 156, 157ff., 162ff.). Die Ent=
ſcheidungen
des Oberſchiedsgerichts ſind endgültig.
10. Weitere Vorſchriften des Geſetzes regeln ſodann das Verfahren vor den
Rentenausſchüſſen (§§ 229ff.), vor den Schiedsgerichten (§§ 270ff.) und vor dem Ober=
ſchiedsgericht
(§§ 281ff.).
Anträge auf Feſtſtellung der Verſicherungsleiſtungen, d. h.
alſo die Anſprüche auf Ruhegeld, Witwenrente uſw. ſind an den örtlich zuſtändigen
Rentenausſchuß zu richten (§§ 229, 230), doch kann der Antrag rechtswirkſam auch bes
einem anderen Organ der Reichsverſicherungsanſtalt oder bei einer anderen inländi=
ſchen
Behörde geſtellt werden. Der Rentenausſchuß erteilt über den Antrag einen
ſchriftlichen Beſcheid (§ 250), welcher ſodann mit Berufung an das Schiedsgericht an=
gefochten
werden kann (§ 270). Gegen deſſen Entſcheidung iſt beim Vorliegen der
geſetzlichen Vorausſetzungen das Rechtsmittel der Reviſion zuläſſig, über welches das
Oberſchiedsgericht entſcheidet (§§ 291, 285).
Ueber Anträge auf Einleitung eines Heilverfahrens entſcheidet
die Reichsverſicherungsanſtalt ſelbſt (§ 238). Ein Rechtsmittel gegen dieſe Entſcheidung
findet nicht ſtatt, da die Einleitung des Heilerfahrens im freien Ermeſſen der Ver=
ſicherungsanſtalt
ſteht.
10. Die öffentlichen Behörden ſind verpflichtet, den im Vollzug dieſes Geſetzes
an ſie ergehenden Erſuchen um Rechtshilfe zu entſprechen (§ 322).
11. Ueber Gebühren= und Stempelfreiheit vergl. § 337.
12. Wichtige Vorſchriften über Verbote und Strafen ſind in den
§§ 330361 enthalten.
II.
Die Zuſtändigkeit der Behörden in Heſſen iſt in folgender Weiſe geregelt:
Die der oberſten Verwaltungsbehörde und der höheren Ver=
waltungsbehörde
überwieſenen Aufgaben werden von Großh. Miniſterium
des Innern wahrgenommen, während die Aufgaben der unteren Verwaltungs=
behörde
in den Städten Darmſtadt, Mainz, Gießen, Offenbach und Worms von
dem Oberbürgermeiſter, im übrigen von den Großh. Kreisämtern wahrgenommen
werden ſollen.
Ortspolizeibehörden ſind in Landgemeinden die Bürgermeiſtereien
oder die an deren Stelle ſtaatlich beſtellten Polizeibeamten, in den Städten Bensheim.
Friedberg. Alzey und Bingen der Bürgermeiſter, in den Städten Mainz und Worms
der Oberbürgermeiſter, in den Städten Darmſtadt, Offenbach, Gießen und Bad=
Nauheim das Großh. Polizeiamt.
Als Gemeindebehörden ſind in den Landgemeinden die Großh. Bürger=
meiſtereien
, in den Städten der Bürgermeiſter bezw Oberbürgermeiſter anzuſehen.
Als Gemeindeverbände gelten die Kreiſe, Provinzen, die auf Grund
der Artikel 195 ff. der Landgemeindeordnung vom 8. Juli 1911 gebildeten Zweck=
verbände
, ſowie die zur Zeit beſtehenden, von Gemeinden gebildeten rechts=
fähigen
Vereine, die ſich mit der Errichtung und dem Betrieb von Gas=, Elektrizitäts=
und Waſſerwerken befaſſen.
Zuſtändige Behörde im Sinne des § 371 Abſ. 2 ſind die unteren Ver=
waltungsbehörden
in vorſtehendem Sinne.
Das Verſicherungsgeſetz für Angeſtellte erwähnt die höhere Verwaltungs=
behörde
in den §§ 153 Abſ. 4, 154 Abſ. 2; die untere Verwaltungs=
behörde
in den §§ 2 Abſ. 145 Abſ. 2, 147 Abſ. 1. 149 Abſ. 3, 151. 152, 153, 154;
die Ortspolizeibehörde in den §§ 188, 195, 199, 203, 242;
die Gemeindebehörde in den §§ 45, 46, 149;
die Gemeindeverbände in den §§ 9, 10, 11, 224, 389.
Wir empfehlen den Großh. Bürgermeiſtereien, ſich mit den wichtigſten Beſtim=
mungen
des Geſetzes einſtweilen vertraut zu machen.
Darmſtadt, den 5. Juni 1912.
Großh. Kreisamt Darmſtadt.
J. V.: Dr. Michel.

Bekanntmachung

betreffend die Beitragsentrichtung für die Angeſtelltenverſicherung.
Auf Grund des § 184, § 187 Abſ. 3 des Verſicherungsgeſetzes für Angeſtellte be=
ſtimmt
die Reichsverſicherungsanſtalt für Angeſtellte mit Genehmigung des Reichs=
kanzlers
folgendes:
A. In den Fällen des § 176 a. a. O. (Beſchäftigung bei einem einzigen Arbeit=
geber
einen vollen Beitragsmonat hindurch) wird folgendes Zahlungsverfahren und
folgende Quittungsleiſtung zugelaſſen:
1. Die Beiträge ſind auf das Konto der Reichsverſicherungsanſtalt bei dem Poſt=
ſcheckamt
in Berlin einzuzahlen.
2. Für die Einzahlung haben ſich die Arbeitgeber der für den Verkehr mit der
Reichsverſicherungsanſtalt beſtimmten Vordrucke zu bedienen, die nach den
Beſtimmungen über den Poſtſcheckverkehr zu beziehen ſind.
3. Die Ueberſichten und Veränderungsanzeigen (§ 181) ſind der Reichs=
verſicherungsanſtalt
unmittelbar einzureichen.
4. Als Quittung über eingezahlte Beiträge dient dem Arbeitgeber an Stelle der
Marken der ihm verbleibende Abſchnit der Zahlarte oder die ihm erteilte
Nachricht über die Belaſtung ſeines Kontos.
5. Dem Angeſtellten dient als Quittung über die Zahlung ſeines Beitragsteiles
an den Arbeitgeber an Stelle der Marken eine in die Verſicherungskarte ein=
zutzagende
Beſcheinigung des Arbeitaebers. Dieſe hat handſchriftlich ader

[ ][  ][ ]

Nummer 69.

Amtsverkündigungsblatt Großherzoglichen Kreisamts Darmſtadt. Donnerstag, den 13. Juni 1912.

durch Stenpel den jeweiligen Beitragsmonat, den fällgen Beitrag und bei
jedem Beitrag den Namen des Arbeitgebers zu enthalten; ſie iſt vom Arbeit=
geber
ſofort nach der Einzahlung des Beitrags auszuſtellen.
B. In den Fällen des § 177 a. a. O. (Beſchäftigung bei mehreren Arbeitgebern
oder nicht einen vollen Beitragsmonat hindurch) gelten an Stelle der Vorſchriften des
§ 187 Abſ. 1. 2 a. a. O. die Beſtimmungen unter A; die Einzahlung des Beitrags hat
bei der Zahlung des Entgelts, ſpäteſtens am Schluſſe des Beitragsmonats zu erfolgen.
Der Einſendung der Verſicherungskarte (§ 195 Abſ. 2 a. a. O.) bedarf es nicht.
II.
Auf Grund des § 186 des Verſicherungsgeſetzes für Angeſtellte beſtimmt die
Reichsverſicherungsanſtalt folgendes:
1. Beitragsſtelle iſt die Reichsverſicherungsanſtalt.
2. Soweit Arbeitgeber in den Fällen des § 176 a. a. O. zur Quittungsleiſtung
* Marken verwenden wollen, werden ſie ihnen auf Verlangen nach Eingang der
Beiträge von der Reichsverſicherungsanſtalt überſandt.
(12934
Berlin=Wilmersdorf, den 24. Mai 1912.
Direktorium der Reichsverſicherungsanſtalt für Angeſtellte.
gez. Koch, Dr. Beckmann, Dr. Lehmann.

Bekanntmachung.

In Arheilgen iſt in einem Gehöft die Maul= und Klauenſeuche ausgebrochen.
Auf Grund der §§ 19 und 47 des Viehſeuchengeſetzes vom 26. Juni 1909 und
der Ausführungsvorſchriften des Bundesrats wird folgendes angeordnet:
Die Gemeinde Arheilgen bildet einen Sperrbezirk.
Ausgenommen von dem Sperrbezirk ſind die außerhalb des Ortsbereichs ge=
legenen
Gehöfte, d. h. die Schleifmühle, Arheilger Mühlchen, Kranichſtein und die
Aumühle.
Für dieſen Sperrbezirk gelten folgende Beſtimmungen:
a) Sämtliche Hunde ſind feſtzulegen. Der Feſtlegung iſt das Führen an der
Leine und bei Ziehhunden die feſte Anſchirrung gleich zu achten. Die Ver=
wendung
von Hirtenhunden zur Begleitung von Herden und von Jagd=
hunden
bei der Jagd ohne Leine kann geſtattet werden.
b) Schlächtern, Viehkaſtrierern, ſowie Händlern und anderen Perſonen, die ge=
werbsmäßig
in Ställen verkehren, ferner Perſonen, die ein Gewerbe im Um=
herziehen
ausüben, iſt das Betreten aller Ställe und ſonſtiger Standorte
von Klauenvieh im Sperrbezirke, desgleichen der Eintritt in die Seuchen=
gehöfte
verboten.
e) Dünger und Jauche von Klauenvieh, ferner Gerätſchaften und Gegenſtände
aller Art, die mit ſolchem Vieh in Berührung gekommen ſind, dürfen aus
dem Sperrbezirke nur mit polizeilicher Erlaubnis unter den polizeilich anzu=
ordnenden
Vorſichtsmaßregeln ausgeführt werden.
d) Die Einfuhr von Klauenvieh in den Sperrbezirk ſowie das Durchtreiben von
ſolchem Vieh durch den Bezirk iſt verboten. Dem Durchtreiben von Klauen=
vieh
iſt das Durchfahren mit Wiederkäuergeſpannen gleichzuſtellen. Die Ein=
fuhr
von Klauenvieh zur ſofortigen Schlachtung, im Falle eines beſonderen
wirtſchaftlichen Bedürfniſſes auch zu Nutz= und Zuchtzwecken, kann von uns
geſtattet werden.
e) Die Ver= und Entladung von Klauenvieh auf den Eiſenbahnſtationen im
Sperrbezirk iſt verboten. Ausnahmen hiervon können von uns zugelaſſen
werden. Die Vorſtände der betroffenen Stationen ſind zu benachrichtigen.
f) Sämtliches Klauenvieh der nicht verſeuchten Gehöfte des Sperrbezirks unter=
liegt
der Abſonderung im Stalle (§ 19 Abſ. 1, 4 des Geſetzes). Jedoch darf
das abgeſonderte Klauenvieh mit polizeilicher Erlaubnis zur ſofortigen
Schlachtung entfernt werden.
g) Sofern dringende wirtſchaftliche Gründe die Aufſtallung oder die unein=
geſchränkte
Durchführung der Abſonderung des Klauenviehs der nicht ver=
ſeuchten
Gehöfte untunlich erſcheinen laſſen, können Erleichterungen von uns
zugelaſſen werden.
b) In dieſem Falle dürfen, um die Verwendung der Tiere zur Feldarbeit oder
ihren Auftrieb auf die Weide zu ermöglichen oder zu erleichtern, von den
Tieren zu benutzende öffentliche Wege vorübergehend gegen den Verkehr auch
von Perſonen geſperrt werden.
II.
Es wird ein Beobachtungsgebiet gebildet, beſtehend aus den nicht zum
Sperrbezirk gehörenden Teilen der Gemarkung Arheilgen, Wixhauſen und dem
Hof Kranichſtein.

Für dieſes Beobachungsgebiet gellen folgende Beſtimmungen:
1. Aus dem Beobachtungsgebiet darf Klauenvieh ohne polizeiliche Genehmigung
nicht entfernt werden. Auch iſt das Durchtreiben von Klauenvieh und das
Durchfahren mit fremden Wiederkäuergeſpannen durch das Beobachtungs
gebiet verboten.
2. Die Ausfuhr von Klauenvieh zum Zwecke der Schlachtung iſt, wenn die
früheſtens 48 Stunden vor dem Abgang der Tiere vorzunehmende tierärztliche
Unterſuchung ergiebt, daß der geſamte Viehbeſtand des Gehöfts noch ſeuchen=
frei
iſt, geſtattet und zwar:
a) nach Schlachtſtätten in der Nähe liegender Orte;
b) nach in der Nähe liegenden Eiſenbahnſtationen zur Weiterbeförderung
nach Schlachtviehhöfen und öffentlichen Schlachthäuſern, vorausgeſetzt,
daß dieſen die Tiere auf der Eiſenbahn unmittelbar oder von der Entlade=
ſtation
aus zu Wagen zugeführt werden.
Für den Transport nach in der Nähe liegenden Orten und Eiſenbahn=
ſtationen
wird angeordnet, daß er zu Wagen oder auf ſolchen Wegen erfolgt,
die von anderem Klauenvieh nicht betreten werden. Durch Vereinbarung
mit der Eiſenbahnverwaltung und, ſoweit nötig, durch polizeiliche Begleitung
iſt dafür Sorge zu tragen, daß eine Berührung mit anderem Klauenvieh),
ſofern dies nicht gleichfalls aus einem Beobachtungsgebiete ſtammt, auf dem
Transporte nicht ſtattfinden kann. Die Polizeibehörde des Schlachtorts iſt
von dem bevorſtehenden Eintreffen der Tiere rechtzeitig zu benachrichtigen.
3. Die Ausfuhr von Klauenvieh zu Nutz=oder Zuchtzwecken darf nur mit unſerer
Genehmigung erfolgen. Dieſe Genehmigung wird nur unter der Bedingung
erteilt werden, daß eine früheſtens 24 Stunden vor dem Abgang der Tiere
vorzunehmende amtstierärztliche Unterſuchung die Seuchenfreiheit des geſamten
Viehbeſtandes des Gehöfts ergibt, und daß ſich die Polizeibehörde des
Beſtimmungsorts mit der Einfuhr einverſtanden erklärt hat. Am Beſtimmungs=
orte
ſind die Tiere auf die Dauer von mindeſtens einer Woche der polizei=
lichen
Beobachtung (§ 19 Abſ. 1, 4 des Geſetzes) zu unterſtellen. Auf den
Transport und die Anmeldung der Tiere finden die Beſtimmungen des Abſ. 2
ſinngemäße Anwendung.
4. Im ganzen Bereiche des Beobachtungsgebietes iſt der gemeinſchaftliche Weide=
gang
von Klauenvieh aus den Beſtänden verſchiedener Beſitzer und die
gemeinſchaftliche Benutzung von Brunnen, Tränken und Schwemmen für
Klauenvieh verboten.
III.
Zuwiderhandlungen gegen die vorſtehenden Anordnungen werden nach § 74 ff.
des Viehſeuchengeſetzes vom 26. Juni 1909 beſtraft.
IV.
Die Anordnungen unſerer Bekanntmachung vom 6. Mai d. Js. bleiben durch
vorſtehende Vorſchriften unberührt.
Darmſtadt, den 12. Juni 1912.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
J. V.: Dr. Reinhart.
An die Großh. Bürgermeiſtereien der Landgemeinden des Kreiſes.
Wir machen Sie auf vorſtehende Bekanntmachung aufmerkſam. Sie wollen
dieſelbe ortsüblich auch durch Anſchlag veröffentlichen laſſen, und außerdem die
in Ihren Gemeinden anſäſſigen Viehhändler noch beſonders darauf hinweiſen.
Darmſtadt, den 12. Juni 1912.
(12933
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
I. V.: Dr. Reinhart.

Darmſtadt, den 31. Mat 1912.
Betreffend: Das Aushebungsgeſchäft für 1912, hier Zugänge Militärpflichtiger.
Der Zivilvorſitzende der Erſatzkommiſſion Darmſtadt
an die Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes.
Sofern ſeit der Muſterung des laufenden Jahres ſich Militärpflichtige bei Ihnen.
angemeldet haben ſollten, welche ſich in einem anderen Aushebungsbezirk zur
diesjährigen Muſterung geſtellt haben und Anzeige hierüber von Ihnen noch nicht
erſtattet worden iſt, ſehe ich Ihrem ſofortigem Bericht hierüber, für jeden Mann
getrennt und unter Vorlage des Loſungsſcheins desſelben, entgegen.
(12287a
Dr. Reinhart.

Bekanntmachung.

Im hieſigen Schlachthof iſt am 10. ds. Mts. bei einem Trans=
port
von Schweinen die Maul= und Klauenſeuche feſtgeſtellt worden.
Sämtliche Schweine wurden alsbald abgeſchlachtet und die Desinfek=
tion
vorgenommen. Die Seuche iſt demnach als erloſchen zu betrachten.
(12929
Darmſtadt, den 11. Juni 1912.
Großherzogliches Polizeiamt.
Gennes.

die Arbeiten bei Ausführung der Verbeſſerungsmaßnahmen
an den Infanterie=Schießſtänden I-III, ſowie an den Ge=
ſchoßfängen
und Anzeigerdeckungen der Standgruppe IVI

ſollen in einem Los öffentlich vergeben werden.
Die Zeichnungen und Bedingungen liegen im Geſchäftszimmer
des Militär=Bauamts Darmſtadt, Riedeſelſtraße 60, II., während der
Dienſtſtunden, vormittags von 8½12½ Uhr, offen und können
daſelbſt die Verdingungsunterlagen zum Preiſe von Mk. 1.35 gegen
poſt= und beſtellgeldfreie Einſendung des Betrages bezogen werden.
Die ausgefüllten Angebote nebſt den vorgeſchriebenen Proben
ſind verſiegelt, mit entſprechender Aufſchrift verſehen, bis zum
24. Juni 1912, vormittags 10 Uhr, an das vorgenannte Geſchäfts=
zimmer
poſt= und beſtellgeldfrei einzuſenden, zu welchem Zeitpunkt
die Eröffnung erfolgt.
(312939
Die Zuſchlagsfriſt beträgt 28 Tage.
Militär-Bauamt.

Letzte Moosverſteigerung.

Montag, den 17. Juni 1912, vormittags 10 Uhr
anfangend, werden auf dem Rathauſe zu Pfungſtadt aus Diſtrikt
Malchertanne
123 Haufen Moosſtreu
meiſtbietend verſteigert.
Pfungſtadt, den 11. Juni 1912.
(12895
Großh. Bürgermeiſterei Pfungſtadt.
Lang.

Heu= u. Grummet=Gras=Verſteigerung.

Freitag, den 14. Jnni l. Js., von nachm. 2 Uhr ab,
wird auf dem Rathauſe zu Pfungſtadt das Gras (gutes Wieſenheu)
von circa 145 Morgen ſtädt. Wieſen öffentlich verſteigert.
Die Feldſchützen Jäger und Rau ſind zur Auskunftserteilung
beauftragt.
(1275oid
Pfungſtadt, den 8. Juni 1912.
Großh. Bürgermeiſterei Pfungſtadt.
Ling.

Jaſelvieh-Verſteigerung.

Montag, den 17. Juni, vormittags 11 Uhr,
wird ein der Gemeinde Eſchollbrücken gehöriger junger, gutgenährter,
zur ferneren Zucht untauglicher Bulle öffentlich meiſtbietend verſteigert.
Zuſammenkunft am Faſelſtall.
Eſchollbrücken, am 12. Juni 1912.
(12918dfs
Großh. Bürgermeiſterei Eſchollbrücken.
Götz.

Die Lieferung

von 200 Blöcken doppelt raffi=
niertem
Weichblei im Geſamt=
gewicht
von etwa 10000 kg ſoll
vergeben werden.
Angebote ſind, mit entſprechen=
der
Aufſchrift verſehen, bis zum
25. I. M., vormittags 10 Uhr,
bei der unterzeichneten Verwaltung
einzureichen.
Die Lieferungsbedingungen kön=
nen
dortſelbſt eingeſehen werden,
auch ſind dieſelben gegen Erſtat=
tung
des Betrags von 50 Pfg.
erhältlich.
(12898
Darmſtadt, 10. Juni 1912.
Städtiſche Gaswerks=Verwaltung.
Friedrich.

Pferde=Verkauf.
Freitag, den 14. Juni 1912,
vormittags 10 Uhr,
wird auf dem Hofe der Train=
Kaſerne Darmſtadt, Eſchollbrücker=
ſtraße
24, ein überzähliges Dienſt=
pferd
öffentlich meiſtbietend gegen
Barzahlung verſteigert. (12927
Train=Bataillon Nr. 18.

Bekanntmachung.

Donnerstag, 18. Juli I. Js.,
vormittags 10 Uhr,
ſollen die dem Philipp Adam zu
Nieder=Modau und deſſen Sohn
Philipp Wilhelm Adam daſelbſt
im Grundbuch der Gemarkung
Darmſtadt zugeſchriebenen Grund=
ſtücke
:
Flur Nr. qm
unterhalb
20 190 794 Acker
der Schneid=
20 191 787 Acker) mühle,
in unſerem Bureau zwangsweiſe
(K49/12
verſteigert werden.
Darmſtadt, den 6. Juni 1912.
Großh. Ortsgerichts Darmſtadt I.
Müller. (V12916

Dinder=Sitz=Liegewagen, braun,
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noch zum Ausgebot:
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Herren= und Knabenkonfektion,
Berufskleidung etc. etc.
Darmſtadt, den 12. Juni 1912.
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Ernst Wolff, Amtsgerichtstaxator.

bedurften abermals
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befindet sich unser Büro vom 15. Juni cr. ab
Wilhelminenstrasse 21, I. Stock.

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Grösstes Institut Süddeutschlands. (12900dso

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Patent- und ingenieur-Büro
Darmstadt
Telephon 1695 Rheinstr. 19, I.

[ ][  ][ ]

Seite 13.

Zeichnungsemladung

Teilschuldver-
0 schreibungen

Inl 6500/99e!
der
Hessischen Eschbann-Aktiengesehschafe
frühestens kündbar auf 31. März 1922
mit Garantie der Stadt Darmstadt für Verzinsung und Rückzahlung.

Die Hessische Eisenbahn-Aktiengesellschaft zu Darmstadt, welche auf Grund eines Ver-
trags
zwischen der Stadt Darmstadt und der Süddeutschen Eisenbahn-Gesellschaft am 15. April
1912 behufs Uebernahme der städtischen elektrischen Bahnen und Elektrizitätswerke sowie der 3
in elektrischen Betrieb umzuwandelnden Dampfbahnlinien der Süddeutschen Eisenbahn- Gesell-
schaft
von Darmstadt nach Griesheim, Eberstadt und Arheilgen, mit einem Aktienkapital von
4,000,000. M. errichtet worden ist, hat eine 4% Anleihe von M. 5,000,000. aufgenommen, eingeteilt
in Stücke zu 2000, 1000, 500 und 200 Mark, für deren Verzinsung und Rückzahlung die Stadt
Darmstadt vertraglich die Garantie übernommen hat. Verlosung und Kündigung der Anleihe kann
frühestens auf den 31. März 1922 erfolgen- von da ab wird sie mit ½% p. a. zuzüglich der er-
sparten
Zinsen getilgter Obligationen durch Verlosung oder Rückkauf getilgt. Der Gesellschaft
bleibt das Recht vorbehalten, vom 31. März 1922 an, nach Genehmigung durch die Hessische Re-
gierung
, die Anleihe über die jährliche planmässige Tilgung hinaus durch Auslosung oder Rück-
kauf
verstärkt zu tilgen oder sie durch öffentliche Bekanntmachung ganz oder teilweise zur Rück-
zahlung
zu kündigen.
Den Schuldverschreibungen sind halbjährige Zinsscheine per 31. März und 30. September
beigegeben, die gleich wie die rückzahlbaren Stücke bei der Hauptkasse der Gesellschaft, derjenigen
der Süddeutschen Eisenbahn-Gesellschaft, der Stadtkasse zu Darmstadt, ferner bei der Bank für
Handel und Industrie zu Darmstadt und Berlin, der Direction der Disconto-Gesellschaft zu Berlin
und der Süddeutschen Disconto-Gesellschaft A.-G. zu Mannheim, sowie bei den Niederlassungen
dieser Banken zahlbar sind.
Alle auf die Anleihe bezüglichen Bekanntmachungen, insbesondere betreffend Verlosungen,
Kündigungen und Rückkäufe, die Veröffentlichungen der Nummern nicht vorgezeigter, verloster
Obligationen erfolgen in mindestens einer Darmstädter, Frankfurter, Berliner und Mannheimer
Zeitung.
Die ministerielle Genehmigung zur Ausgabe der Schuldverschreibungen ist demnächst
zu erwarten.
Auf vorstehende Anleihe werden am Montag, den 17. Juni cr., innerhalb der bei jeder
Stelle üblichen Geschäftsstunden Zeichnungen zum Kurse von

99,10%

zuzüglich 4% Stückzinsen vom 31. März er. ab entgegengenommen:
bei der Bank für Handel und Industrie und deren
in Darmstadt:

Berlin:

Giessen:
Hamburg:

Mainz:
Mannheim:

Wiesbaden:

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mit beschränkter Haftpflicht.

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Direction der Disconto-Gesellschaft,
Frankfurt a. M.: Filiale der Bank für Handel und Industrie,
Direction der Disconto-Gesellschaft,

Herrn E. Ladenburg,
Bank für Handel u. Industrie, Niederlassung Giessen,
Bank für Handel und Industrie, Filiale Hamburg,
Offenbach a. M.: Bank für Handel und Industrie, Niederlassung Offen-
bach
a. M.
Direction der Disconto-Gesellschaft, Zweigstelle
Offenbach a. M.,
Herrn S. Merzbach,

Direction der Disconto-Gesellschaft,
den Herren Schmitz, Heidelberger & Co.,
der Bank für Handel und Industrie, Filiale Mannheim,
Süddeutschen Disconto-Gesellschaft A.-G.
Bank für Handel und Industrie, Niederlassung Wies-
baden
(vorm. Martin Wiener),
Direction der Disconto-Gesellschaft, Zweigstelle Wies-
,,
baden,
Süddeutschen Disconto-Gesellschaft A.-G.
Worms:
ferner bei den Niederlassungen der Bank für Handel und Industrie in Freiburg 1. B.,
Halle, Hannover, Leipzig, München, Nürnberg, Strassburg i. E. und denjenigen
der Süddeutschen Disconto-Gesellschaft A.-G. in Bruchsal, Freiburg i. B.,
Heidelberg, Karlsruhe, Lahr i. B., Landau (Pfalz) und Pforzheim.
Bei der Zeichnung ist auf Verlangen der Zeichnungsstelle eine Kaution von 5% des ge-
zeichneten
Betrags in bar oder in Wertpapieren zu hinterlegen.
Die Zuteilungen erfolgen nach Ermessen einer jeden Zeichnungsstelle, den Schlussnoten-
stempel
trägt der Zeichner. Früherer Schluss der Zeichnung bleibt vorbehalten.
Die Zahlung des Zeichnungspreises hat in der Zeit bis zum 26. Juni 1912 zu erfolgen.
Bis zur Lieferung der definitiven Stücke (voraussichtlich Mitte Juli) werden Kassaquittungen aus-
gegeben
.
(12913P
Darmstadt, Frankfurt a. M., und Mannheim, im Juni 1912.
Bank für Handel und Industrie.
Direction der Disconto-Gesellschaft.
Süddeutsche Diseonto-Gesellschaft A.-G.

V
unsere Mitglieder, uns ihre Anmeldungen auf die zur Auflage gelangenden
41o Uoligatichen der Hess. Eischbann-Artien-Goserlschalt
spätestens bis 15. Juni 1912 zukommen zu lassen. Wir nehmen solche spesenfrei
zum Zeichnungspreise:
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Kunſk und Welt.
Roman von O. Elſter.
(Nachdruck verboten.)
17)

X.
Elfriede ſah mit heimlicher Freude dem Abend ent=
gegen
, an dem ſie gemeinſam mit dem Grafen die Klytia
leſen wollten. Ihr Salon in dem einfachen Fiſcherhauſe
war freilich nicht für vornehmen Beſuch eingerichtet; Dol=
tor
Wendeborn meinte aber lachend, daß ſich der Graf nicht
um die einfache Einrichtung kümmern werde; er ſei keiner
von Jenen, die ihre lieben Mitmenſchen nach den Aeußer=
lichkeiten
ihres Lebens beurteilten. Einige friſche Blumen=
ſträuße
genügten, um den Salon feſtlich herauszuputzen.
Am nächſten Tage bei der Mittagstafel ſah man ſich
wieder. Elfriede kam dem Grafen mit offener Liebens=
würdigkeit
entgegen; ſie wollte die Verſtimmung vergeſſen
machen, welche am Schluß ihrer geſtrigen Unterhaltung
zwiſchen ſie getreten war. Aber der Graf war ſtill und
gemeſſen, ſein Blick ſchweifte oft wie müde in die Ferne,
dann ruhte er wieder forſchend auf dem Antlitz Elfriedens,
als wolle er ihre geheimſten Gedanken leſen.
Was iſt Ihnen, Herr Graf? fragte Wendeborn ſchließ=
lich
. Sie ſind verſtimmt haben Sie Aerger gehabt?
Ja amtlichen Aerger ich bitte um Verzeitung.

über des deden eines Sheneiters beſcht aus ſatge
ſetztem, ewigen Aerger, aus einer großen Enttäuſchung.
Doktor Wendeborn lachte.
Sie müſſen die Dinge nicht ſo ſchwer nehmen, beſter
Graf. Wer ſich in kurzer Zeit einen ſolchen bedeutenden
Namen in der Welt der Kunſt und des Theaters erwor=
ben
hat, wie Sie, ſollte nicht von Enttäuſchung ſprechen.
Es gibt andere Enttäuſchungen als die, welche mit
dem Theater zuſammenhängen, Doktor.
Ja da haben Sie recht. Die müſſen wir alle durch=
machen
. Dabei kann Ihnen niemand helfen. Das muß
jeder mit ſich ſelbſt abmachen.
Aber es iſt ſo ſchmerzlich, wenn man ſich in einem
Menſchen getäuſcht ſieht, dem man ſeine warme Sym=
pathie
entgegengebracht hat. Wenn man unter der Maske
der menſchlichen Teilnahme und der Freundſchaft plötzlich
den Egoismus hervorgrinſen ſieht.
Und dieſe Erfahrung hätten Sie gemacht.
Ja geſtern entgegnete der Graf rauh und
ſtürzte ein Glas Wein hinunter.
Elfriede atmete haſtig. Mit der feinen, Empfindung
ihres Herzens fühlte ſie heraus, daß dieſe Verſtimmung,
dieſe bitteren Worte des Grafen in irgend einer Weiſe
mit ihr zuſammenhingen. Sie dachte plötzlich an Nor=
bert
. Sollte er bereits bei dem Ggafen gemelen Link

Gente die Unterndnn mi ihm die Berſinnung ſie=
vorgerufen
haben? Aber was des Grafen Unmut erregt
hatte? Wenn er ſich auch wirklich auf ihre Bekanntſchaft
bezogen, ſo war das doch kein Grund, ihr zu zürnen.
Eine Pauſe trat in dem Geſpräch ein.
Plötzlich ſagte der Graf: Sie haben die Abſicht, zur
Bühne zu gehen, mein Fräulein?
Wie ſeltſam ſeine Stimme bei dieſer harmloſen
Frage klang. So gepreßt, ſo rauh.
Elfriede erſchrak, alſo hatte Norbert doch über ſie
geſprochen. Was ſollte ſie erwidern? Eine dunkle Blut=
welle
überflutete ihr Geſicht, hilflos blickte ſie zu ihrem
Vater hinüber.
Meine Tochter beſitzt allerdings ein ausgeſprochenes
dramatiſches Talent, Herr Graf, ſagte Wendeborn ernſt.
Aber der Plan befindet ſich noch ſehr in den Anfangs=
ſtadien
der Entwickelung. Jedenfalls brauchen Sie nicht
zu fürchten, daß wir Ihnen mit einem Engagements=
geſuch
kommen, ſetzte er mit einer gewiſſen Schärfe hinzu,
da er jetzt den Grund des veränderten Weſens des Gra=
fens
zu kennen glaubte. Ich darf mir aber wohl die
Frage erlauben, wer mit Ihnen über die Abſichten meiner
Tochter geſprochen hat?
Ein Schauſpieler Norbert, der mir ſeinen Beſuch
machte.

[ ][  ][ ]

Nummer 137.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 13. Juni 1912.

Seit

Mrilt er er er e eie en
weſen, über unſere Pläne zu ſprechen.
Elfriede ſtanden die Tränen nahe, ſie erhob ſich raſch
und trat auf die Terraſſe. Ihre glückliche Stimmung
war verflogen; ſie ſah ſich von dem Grafen verkannt; ja,
in ſeinen Worten hatte ſogar eine gewiſſe Mißachtung
gelegen. Sie fühlte ſich in ihrem Stolz tief verletzt und
wollte den Grafen überhaupt nicht wiederſehen.
Als ſie an eine Säule gelehnt daſtand, mit tränen=
umflortem
Blick auf das Meer hinausſehend, trat der
Graf auf ſie zu.
Verzeihen Sie mir, gnädiges Fräulein, ſprach er mit
weicher, trauriger Stimme, wenn meine Worte Sie ver=
letzt
haben.
Sie richtete ſich empor.
Nicht ſo ſehr Ihre Worte, Herr Graf, wie Ihre Ge=
danken
.
Was wiſſen Sie von meinen Gedanken? fragte er
mit trübem Lächeln.
Sie haben niedrig von mir gedacht!
Gnädiges Fräulein!
Wollen Sie es leugnen? entgegnete ſie mit blitzenden
Augen, vor denen er die ſeinen ſenkte.
Mit einer ſtolzen Bewegung wandte ſie ſich ab und
blickte angelegentlich auf die See hinaus.
Eine Weile herrſchte tiefes Schweigen zwiſchen
ihnen. Aber Elfriede fühlte ſeine Augen auf ihrem Ant=
litz
ruhen und langſam errötete ſie unter dieſem innigen,
traurigen Blick.
Wollen Sie mich anhören, gnädiges Fräulein? ſagte
er dann leiſe und weich.
Als ſie nicht antwortete, fuhr er fort:
Ein Mann von meiner Stellung und meinem Charak=
ter
i: leicht zum Mißtrauen geneigt. Man verſucht ſo
oft, ans zu täuſchen ich habe es ſchon unzählige Male

e r nr e en e eitet
zu grämen. Das liegt nun einmal in der Menſchennatur.
Aber hier ich meine, wenn ich hier wieder die Erfah=
rung
hätte machen müſſen, würde es mich tief geſchmerzt
haben; denn von Menſchen, die man hochachtet, die man
liebt und verehrt, getäuſcht zu werden, das iſt die bitterſte
Erfahrung. Nein, Fräulein Elfriede ich weiſe jenen
häßlichen Verdacht weit von mir ich habe ihn auch nie
im Ernſt gehegt ich weiß ſelbſt nicht, was in mir vor=
gegangen
iſt, daß ich ſo verſtimmt, ſo ungerecht war.
Verzeihen Sie mir und laſſen Sie uns wieder Freunde
ſein.
Er ſtreckte ihr die weiße, ariſtokratiſche Hand ent=
gegen
und ſah ſie bittend an. Seinem Wort, ſeinem
Blick vermochte ſie nicht zu widerſtehen; wortlos legte ſie
ihre Hand in die ſeinige, die die ihrige ſofort mit war=
mem
Druck umfing.
Ich danke Ihnen, Fräulein Elfriede, ſagte er und
es klang wie ein innerliches Aufjauchzen. In ſeinen
Sugen leuchtete es heiß auf, ſo daß ſie ſich abwandte und
ihm ihre Hand zu entziehen ſuchte. Er aber hielt ſie feſt
und drückte ſie mit innigem Kuß an die Lippen. Dann
ließ er ſie frei und trat aufatmend etwas zurück von ihr.
Wollen wir nicht wieder zu meinem Vater hinein=
gehen
? fragte ſie mit unſicherer Stimme.
Mit Ihrem Herrn Papa habe ich mich ſchon verſtän=
digt
, entgegnete er wieder mit ſeinem früheren ſonnigen
Lächeln. Er nimmt die Sache nicht ſo tragiſch. Laſſen
Sie uns hier Platz nehmen. Ich möchte gern mit Ihnen
über dieſen Herrn Norbert ſprechen.
Er rückte einen Korbſeſſel herbei und ſetzte ſich neben
Elfriede.
Norbert berief ſich auf Sie, gnädiges Fräulein. Er
hat mit Ihnen zuſammen geſpielt iſt das wahr?
Ja, auf einer Liebhaßewvenrſtellung.

nichtg, Er ſeozte dier Shmnſchelhaſies über Ihr
Talent. Er meinte aber auch, er ſelber habe großen Bei=
fall
errungen. Iſt er wirklich ein tüchtiger Künſtler?
Ich glaube, er beſitzt ein großes Talent, das aller=
dings
noch der Selbſtzucht bedarf.
Hm, alſo doch. Na, da kann man es ja einmal mit
ihm verſuchen. Es ſcheint Ehrgeiz in ihm zu ſtecken.
Sie werden ihm jedenfalls einen großen Dienſt er=
weiſen
. Er bedarf einer feſten Stellung und künſtleriſcher
Leitung.
Die ſoll er haben, da Sie für ihn ſprechen, gnädiges
Fräulein.
Auf mich kommt es wohl doch nicht an, Herr Graf.
Werden Sie nur nicht wieder böſe, gnädiges Fräu=
lein
, lachte er offen und fröhlich auf.
Beſchämt ſenkte ſie den Blick.
Und heute abend bleibt es bei unſerer Verabredung?
Glücklich lächelnd nickte ſie ihm zu. Die Wolken
waren verſchwunden und ſonnig erſtrahlten wieder Him=
mel
und Meer in heiterem Glanze.
Ein prächtiger Sommerabend ſenkte ſich auf die Erde
nieder. Blutrot ſtand die große Sonnenſcheibe tief am
Horizont, inmitten aufglühender Wolken, und große
Flammen glühten über das Meer, das wie flüſſiges Gold
auf= und niederwogte. Dazwiſchen tauchten hier und da
dunkle Streifen auf, die nach kurzer Zeit von den flam=
menden
Wogen verſchlungen wurden, um an einer ande=
ren
Stelle wieder zu erſcheinen. Es war ein Farben=
ſpiel
von unbeſchreiblicher Pracht. In wortloſem Schauen
verſunken ſtanden der Graf und Elfriede auf der kleinen
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[ ][  ]

Seite 18.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 13. Juni 1912.

Nummer 137.

Das Problem der Weltherrſchaft
Roms.)

Von Profeſſor Dr. J. Kromayer.
Ein geiſtreicher italieniſcher Schriftſteller, Vanucci,
ſagt in ſeiner römiſchen Geſchichte einmal: Der rätſel=
hafte
Aufſchwung Roms und ſeine ſchnelle Ausbreitung,
bei der es Italien und die Welt in ſeine Gewalt bringt,
iſt das wunderbarſte Ereignis, das es in der Ge=
ſchichte
der Menſchheit gibt.
Und in der Tat, wenn wir beſonders die Entwick=
lung
der letzten 2½ Jahrhunderte v. Chr, von
der Einigung Italiens im Jahre 241 bis zur Vollen=
dung
der Weltherrſchaft unter dem Kaiſer Auguſtus be=
trachten
, ſo entrollt ſich vor unſeren erſtaunten Augen
das Bld eines in ſeiner Stetigkeit und Konſequenz, wie
in ſeinen ſchließlichen Reſultaten ganz einzig daſtehenden
Fortſchrittes.
Am Anfange dieſer Periode tritt uns Rom wohl
machtvoll und kräftig entgegen, aber doch beſchränkt auf
Italiens natürliche Grenzen, die Halbinſſel
ſelbſt und die zugehörigen Inſeln. Indeſſen alsbald er=
folgt
Schlag auf Schlag die Erweiterung ſeiner Macht,
und zwar nach allen Seiten hin zu gleicher Zeit. Im We=
ſten
fällt die Mittelmeerküſte Spaniens mit dem zuge=
hörigen
Hinterlande durch den Abſchluß des Hannibali=
ſchen
Krieges den Römern zu (201 v Chr.), und in un=
endlichen
kleinen Kämpfen dringen ſie weiter und weiter
ins Innere ein, bis ſchließlich Auguſtus ganz Spanien
dem Reiche eingliedern kann. Im Norden und Nord=
weſten
wird ganz Norditalien in jahrzehntelangen Krie=
gen
allmählich erobert (ſeit 200 v. Chr.), das ſüdliche
Frankreich hinzugefügt, endlich durch Cäſar ganz Gallien
gewonnen und von Auguſtus die Grenze bis über den
Rhein und die Donau vorgeſchoben. Das ganze Alpen=
gebiet
und ein großer Teil von Nordweſt= und Süd=
deutſchland
, ſowie von Oeſterreich werden ſo dem Beſitze
einverleibt. Nach Süden hin dehnt ſich ſeit 146 v Chr.
allmählich die Römerherrſchaft über weite Strecken von
Afrika aus bis zum Rande der Wüſte und zum Ozean.
Am weiteſten aber greift ſie über Italiens natürliche
Grenzen hinüber im Oſten, wo die älteſten Kulturſtaaten
des Mittelmeergebietes liegen und wo ſeit 197 v. Chr.
Griechenland, dann die ganze Balkanhalbinſel bis an die
Mündungen der Donau, wo Kleinaſien, Syrien und
ſchließlich Aegypten ins Untertanenverhältnis zu Rom
treten müſſen.

*) Wir entnehmen Kromayers Darſtellung ſeinem in
der Sammlung Aus Natur und Geiſteswelt (bei B. G
Teubner=Leipzig, geh. 1 Mark, geb. 1,25 Mark) ſoeben
erſchienenen Buche Roms Kampf um die Weltherrſchaft
das den erfolgreichen Verſuch macht, in das Verſtändnis
des behandelten Problems einzuführen, die geſchilderte
Entwickelung aus den ſie bedingenden Kräften verſchie=
denſter
Art begreiflich zu machen.

Schon die rein äußerliche Betrachtung dieſer Er=
weiterung
und die Vergegenwärtigung der Tatſache, daß
Italien ſich in dieſer Periode ein mindeſtens zehnmal
ſo großes Gebiet angeeignet hat, als ſein eigener Flä=
chenraum
betrug, iſt ein nicht ohne weiteres verſtändliches
Ereignis, wenigſtens für denjenigen, welcher ſich von den
Eindrücken der Schule und der Jugend loszumachen ver=
ſteht
und den Dingen ſelbſt etwas tiefer ins Geſicht ſieht.
Denn für die Jugend gibt es ja im Grunde nichts Wun=
derbares
. Sie nimmt, was ihr geboten wird, zunächſt
ohne weitere Kritik hin und freut ſich an dem Großen
und Außerordentlichen. Und ſo ſind wir alle von Ju=
gend
her gewohnt, die Eroberung der Welt durch Rom
als eine längſt bekannte und ganz natürliche Tatſache zu
betrachten. Aber wer mit dem gereiften Verſtande des
erfahreneren Alters an dieſe Erſcheinung herantritt, der
wird in ihr Schwierigkeit über Schwierigkeit finden, be=
ſonders
wenn er ſie mit der ganzen auf das Römerreich
folgenden Entwickelung vergleicht und ſieht,
daß hier trotz der vererbten Idee des Weltreiches
das ganze Mittelalter hindurch ein immer wieder vergeb=
liches
Ringen nach deren Verwirklichung ſtättgefunden
hat, daß es den deutſchen Kaiſern dieſer Zeit nicht ein=
mal
gelungen iſt, ein einziges Land, Italien, in Abhän=
gigkeit
zu bringen und zu halten. und daß auch die genial=
ſten
Feldherren und Herrſcher der Folgezeit bis in un=
ſere
Tage hinein nicht glücklicher geweſen ſind, ja, daß
ſelbſt ein Napoleon von der Verwirklichung ſeiner
Weltreichpläne hat abſtehen müſſen und in der
ganzen europäiſchen Entwickelung der Neuzeit trotz oft
vernichtender Niederlagen des Gegners, abgeſehen von
der Zerſtückelung Polens, doch nie mehr die dauernde
Unterwerfung eines der großen Kulturvölker durch ein
anderes hat aufrecht erhalten werden können.
Aber mit dieſer Erwähnung, von Kulturvölkern
komme ich zu einem zweiten, ſchon mehr inner=
lichen
Moment, welches die römiſche Eroberung
noch merkwürdiger erſcheinen läßt. Man könnte es ja
ſchließlich ganz dem Gange der großen Entwickelung
und der neueren Erfahrungen entſprechend finden, daß
die Römer eine Reihe in der Kultur weit unter ihnen
ſtehender Völker, wie die Iberer, Gallier und die an=
deren
nordiſchen Völker unterworfen und zu ihrer Kul=
tur
herangezogen haben. Indeſſen erſchöpft ſich damit
weder die Weltherrſchaft Roms, noch hat ſie darin ihren
eigentlichen Schwerpunkt. Sondern gerade die Rom in
der Kultur weit überlegenen Staaten des öſtlichen Mit=
telmeerbeckens
, die ganze helleniſtiſche Staatenwelt, iſt
es in erſter Linie, die dem römiſchen Schwerte erliegt,
und nicht nur erliegt, ſondern jahrhundertelang dienſtbar
bleibt; eine Staatenwelt voll kriegeriſcher Tüchtigkeit,
deren Träger ſelber nicht viel mehr als 100 Jahre früher
den Oſten ſich angeeignet und das Bedeutendſte an ſtagt=
licher
Organiſation geleiſtet hatten, was vielleicht bisher
überhaupt in der Geſchichte der Menſchheit geleiſtet wor=
den
war. Man ſollte doch glauben, daß eine Welt von
ſolcher Fülle der Intelligenz und geiſtiger Ueberlegen=
heit
, von ſolchem Tätigkeitsdrange und ſo kriegeriſcher

Tüchtigkeit eine Fremdherrſchaft nimmer hätte aufkom=
men
laſſen dürfen oder ſie wenigſtens ebenſo wenig auf
die Dauer hätte ertragen können wie Deutſchland die
napoleoniſche oder Italien die deutſche im Mittelalter.
Endlich kommt ein Drittes hinzu, das dem Er=
werb
der römiſchen Weltherrſchaft noch eine weitere Be=
ſonderheit
verleiht. Bei den anderen großen Eroberun=
gen
, die ſonſt in der Weltgeſchichte ſtattgefunden haben,
von Alexander dem Großen bis auf den großen Napoleon
pflegt es ein überragender Geiſt, ein gewaltiges Genie
zu ſein, das in ſeinem ungeſtümen Tatendrange über=
menſchliche
Aufgaben in Angriff nimmt und löſt, ſoweit
ſie lösbar ſind.
Hier dagegen bei der römiſchen Erwerbung der Welt=
herrſchaft
, die langſam und gemeſſen, mit zäheſter Konſe=
quenz
2½ Jahrhunderte hindurch ihres Weges geht
man möchte ſagen mit fataliſtiſcher Sicherheit ohne
Rückſchläge und ohne Ueberſtürzung, hier iſt überhaupt
kein Baumeiſter größten Stiles vorhanden geweſen.
Man könnte vielleicht an Roms genialſten Sohn, an
Julius Cäſar denken und an ihn und ſeinen nicht viel
minder großen Neffen Auguſtus die Schöpfung des Wun=
derbaues
anknüpfen wollen. Denn wenn man auf die
Maſſe des durch dieſe beiden Männer erworbenen Landes
ſein Augenmerk richtet und bedenkt, daß faſt das halbe
Spanien, ganz Gallien, ſowie alles Land in den Alpen
und nördlich davon, die weiten Flächen Weſtungarns und
der nördlichen Balkanhalbinſel, dazu der größte Teil
Kleinaſiens und endlich ganz Aegypten durch ſie zum Reiche
gekommen ſind, ſo ſieht man, daß ſie den Umfang des=
ſelben
faſt auf das Doppelte ſeiner früheren Größe ge=
bracht
haben. Und wenn man dann die innere Ausgeſtal=
tung
dazu ins Auge faßt und ſich klarmacht, daß erſt durch
ſie das Ganze ein lebensfähiger Organismus geworden
iſt, ſo könnte man wohl geneigt ſein, dieſe beiden als die
eigentlichen Schöpfer des römiſchen Weltreiches zu be=
trachten
.
Aber mögen auch Cäſar als Feldherr und Auguſtus
als Organiſator noch ſo Gewaltiges für das Reich getan
haben, man würde weit fehlgehen, wenn man ſie als deſſen
Begründer anſehen wollte. Die Würfel darüber, wer
Herr im Mittelmeer ſein ſollte, waren längſt gefallen, ehe
dieſe beiden Heroen des Römertums das Licht der Welt
erblickt hatten, und es muß dabei bleiben, daß in der Tat
keine Perſönlichkeit vorhanden iſt, die wir in der Zeit,
als die Geſchicke entſchieden wurden, als den Baumeiſter
des großen Werkes bezeichnen könnten.
So ſtehen wir alſo nach drei Seiten hin vor
unerklärlichen Tatſachen. Die große und ſchnelle
Erweiterung an ſich läßt ſich mit den ſonſtigen Erfahrungen
der europäiſchen Geſchichte nicht in Uebereinſtimmung
bringen, die dauernde Unterwerfung kulturell weit höher
ſtehender Staaten und Kulturvölker erhöht die Schwie=
rigkeit
, und die Abweſenheit jedes großen leitenden Geiſtes
und jeder genial wirkenden Schöpferperſönlichkeit ſcheint
dem ganzen Werke erſt recht den Charakter eines unlös=
lichen
Rätſels aufzudrücken.

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