Darmstädter Tagblatt 1912


28. Mai 1912

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175. Jahrgang
monatl. 60 Pfg., viertelj. 1.80 Mk., aus=
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verbunden mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage: ſowie von unſeren Agenturen und
turen Beſtell. entgegen zu 60 Pfg. monatl.
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kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.
Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.

Das Neueſte vom Tage.

Graf Berchthold wurde am Samstag vom Kaiſer
im Neuen Palais empfangen.
Das Luftſchiff P. 6" iſt bei einem Aufſtieg in Leipzig
zu Schaden gekommen.
Das große Nürtinger Zementwerk der Port=
land
=Zementwerke Heidelberg=Mannheim iſt abge=
brannt
.
Auch in der Schweiz ſoll eine nationale Flug=
ſpende
für eine Militärluftflotte geſammelt werden.
Die italieniſche Kammer nahm das Wahl=
reformgeſetz
an.
Der Generalreſident in Marokko, General Liautey
iſt in Fez angekommen.
Letzte Nachrichten ſiehe Seite 6.

Pfingſtkongreſſe.

C) Aus Berlin, 25. Mai, wird uns geſchrieben:
Pfingſten, das liebliche Feſt, iſt gekommen und es
beginnt fürchterlich zu tagen in deutſchen Landen. Die
Kongreßhochflut ſetzt jedesmal um Pfingſten herum
mit Allgewalt ein und in faſt jeder größeren Stadt treten
auch in dieſen Tagen wieder Kongreſſe aller Art zuſam=
men
. Den deutſchen Zeitungen und ihren Leſern wird
wieder mancherlei zugemutet in den nächſten Wochen und
hen dem gewöhnlichen Feld=, Wald. und Wieſenkon=
greſſen
aller Art tagen diesmal zu Pfingſten mehrere
Kongreſſe, die das Intereſſe der Allgemeinheit in An=
ſpruch
nehmen. In der Reichshauptſtadt tritt der Deut=
ſche
Lehrertag zuſammen der die im Deutſchen Lehrer=
verein
zuſammengeſchloſſene deutſche Lehrerſchaft zu
wichtigen Beratungen zuſammenführt. Ebenfalls in Ber=
lin
tagt zu gleicher Zeit auch der Kongreß für Schul=
geſundheitspflege
und die Deutſche Zoologiſche Geſell=
ſchaft
, ſowie der Brandenburgiſche Hausbeſitzertag.
Auch die Volksſchullehrerinnen finden ſich zu Pfingſten
zuſammen, und zwar in Düſſeldorf. Dort tagt auch der
Verbandstag der Abſtinenten Lehrerinnenvereine, während
in Erfurt der Katholiſche Lehrerverein ſeine diesjährige
Hauptverſammlung abhält. Eine weitere Lehrervereini=
gung
findet ſich in Kiel zuſammen, und zwar die Haupt=
verſammlung
des Neuen Preußiſchen Lehrervereins, der
ſich ſpeziell die Vertretung der Landlehrer angelegen ſein
läßt. Schließlich iſt auch Hagen i W. mit einer Lehrer=
tagung
beglückt, wo ſich die Preußiſchen techniſchen Leh=
rerinnen
zu ihrer diesjährigen Hauptverſammlung zu=
ſammenfinden
. Die höheren Lehrer halten in Frankfurt
a M. ihre Hauptverſammlung unter der Firma Neu=
philologentag
ab, und ſchließlich finden ſich in Braun=
ſchweig
die deutſchen Gewerbeſchulmänner zuſammen, ſo=
daß
das diesjährige Pfingſtfeſt ſozuſagen eine General=
tagung
faſt der geſamten deutſchen Lehrerſchaft bildet.
Auch die Hauptverſammlung des Deutſchen Fröbelver=
bandes
in Nürnberg. die Tagung des Reichsverbandes
wiſſenſchaftlicher Verbindungen in Caſſel, der Deutſch=
nationale
Jugendtag in Frankfurt a. O., der Deutſche
Geographentag in Innsbruck, die Tagung des Deutſchen
Schulvereins in Wels in Oeſterreich, die Hauptverſamm=
lung
des Deutſchen Sprachvereins in Reichenberg in
Böhmen, die Tagung des Deutſchen Germaniſtenbundes
in Frankfurt a M., die Hauptverſammlung der Deutſchen
Religionslehrerinnen in Elberfeld und der Verein Deut=
ſcher
Handelslehrer, der in Köln tagt. vervollſtändigen
das Bild, und am Ende läß ſich auch der Deutſche Frei=
ſtudententag
in Weimar in dieſen Rahmen einfügen.
In der Kanonenſtadt Eſſen=Ruhr finden ſich gleichzei=
tig
die Mitglieder des Evangeliſch=Sozialen Kongreſſes
zur diesjährigen Hauptverſammlung zuſammen. Der
Kongreß bildet faſt jedesmal den Auftakt zu größeren
ſozialpolitiſchen Erörterungen in der Preſſe aller Par=
teien
, und wenn ihm diesmal auch ſein bisheriger Vor=
ſitzender
Profeſſor Dr Harnack fehlt, ſo werden doch ſeine
Verhandlungen und Beſchlüſſe allgemeine Beachtung fin=
den
, da zu ſeinen Mitgliedern die hervorragendſten Per=
ſönlichkeiten
auf ſozialem Gebiete zählen. Eine religiöſe
Tagung iſt auch die Eiſenacher Pfingſtkonferenz, die in
dieſem Jahre in Detmold zuſammentritt, und ebenſo
auch die Evangeliſche Vereinigung in Eberswalde.
Mehr ſozialpolitiſcher Natur iſt die Hauptverſamm=
lung
des Kaufmänniſchen Verbandes für weibliche Ange=
ſtelle
in Köln und die Tagung des Allemeinen Deut=
ſchen
Muſikerverbandes in Danzig, ſowie der Kongreß
für Krüppelfürſorge in München. Dem deutſchen Turn=
weſen
dient die Hauptverſammlung der Deutſchen Tur=
nerſchaft
in Kiel, der volkstümlichen Geſundheitspflege
die Hauptverſammlung der Deutſchen Naturheilvereine in
Frankfurt a M
Von wiſſenſchaftlichem und zugleich gewerblichem
Intereſſe iſt die Hauptverſammlung Deutſcher Chemiker
iin Freiburg i. Br. Daneben gehen drei Verbandstage
ſozialpolitiſcher Natur, und zwar die Hauptverſammlung
des Verbandes der Gemeinde= und Staatsarbeiter in
München, die Tagung des Zentralverbandes der

Schmiede in Düſſeldorf und die Hauptverſammlung des
Deutſchen Technikerverbandes in Köln. Das rein wiſſen=
ſchaftliche
Intereſſe nimmt eine Reihe anderer Tagungen
in Anſpruch, ſo die Hauptverſammlung der Goeihe= Ge=
ſellſchaft
in Weimar, der deutſche Bibliothekartag in
München, die Verhandlungen des 8 Deutſchen Abſtinen=
tentages
in Freiburg i. Br., der Bund zur Erhaltung
der Naturdenkmäler aus dem Tier= und Pflanzenreich,
der ſich in Magdeburg verſammelt, ferner eine Tagung
deutſcher Spezialärzte für Verdauungs= und Stoffwech=
ſeltrankheiten
in Homburg v. d. H., der Internationale
Techniſche Kongreß zur Verhinderung von Arbeitsunfäl=
len
und für induſtrielle Hygiene in Mailand. Auch ein
Parteitag findet zu Pfingſten ſtatt, nämlich die Tagung
der Demokratenvereinigung in Nürnberg.
An dieſe Pfingſtkongreſſe ſchließen ſich unmittelbar
an die Hauptverſammlung der Deutſchen Kolonialgeſell=
ſchaft
in Hamburg, der Deutſche Gaſtwirtetag in Chem=
nitz
, die Hauptverſammlung der Schiffsbautechniſchen Ge=
ſellſchaft
in Kiel, der Verbandstag deutſcher Beamten=
vereine
in Straßburg und die Tagung des Deutſchen
Flottenvereins in Weimar. Es iſt deshalb nicht zu ver=
wundern
, daß Mitte Juni ds. Is. ſich in München gleich=
zeitig
der Reichsverband der deutſchen Preſſe und der
Verband der deutſchen Journaliſtenvereine zu ihrer dies=
jährigen
Hauptverſammlung zuſammenfinden und dort
auf Mittel und Wege ſinnen werden, um dieſer Kongreß=
wut
in irgend einer Form zu begegnen. Man hat näm=
lich
nicht mit Unrecht allmählich den Eindruck gewonnen,
daß nur die ausführliche Berichterſtattung in der Tages=
preſſe
dieſe Tagungen gefördert hat, ohne daß Tagespreſſe
und Publikum einen im Verhältnis zu den Aufwendungen.
ſtehenden materiellen und ideellen Gewinn daraus gezo=
gen
haben. Viele dieſer Kongreſſe ſind im Laufe der Jahre
mehr in die Breite als in die Tiefe gegangen, andere ha=
ben
der Tagespreſſe ihre Mühe ſchlecht dadurch gedankt,
daß ſie auch noch Fehler und Mängel in der Bericht=
erſtattung
entdeckten und daraufhin die Vertreter der
Preſſe ſſchlecht behandelten. Eine weitere Kategorie von
Kongreſſen hat ſich allmählich ſogar zu förmlichen Re=
klametagen
herausgewachſen und noch andere nehmen
durch die Weitſchweifigkeit ihrer Reden und Beſchlüſſe
den Raum der Zeitungen und die Zeit der Redalteure
und Leſer ganz übermäßig in Anſpruch. Allen dieſen
Uebelſtänden wird der Deutſche Preſſekongreß in Mün=
chen
wohl durch einen Beſchluß auf Beſchränkung der
Kongreßberichterſtattung ein wenig die Flügel beſchnei=
den
und es wird ſich dann wahrſcheinlich zeigen, daß es
auch ſo geht.

Die Politik auf der Straße.

In der Hauptſtadt Ungarns iſt es, wie
gemeldet, zu ſchweren Erzeſſen gekommen, die in
direkte Straßenkämpfe ausarteten und viele blutige
Opfer erforderten Die Sozialdemokratie wollte zu Gun=
ſten
der Einführung eines allgemeinen und gleichen
Wahlrechts proteſtieren und darum proklamierte die Ar=
beiterſchaft
für einen Tag den Generalausſtand, um im
Freien Verſammlungen abzuhalten. Daß es hierbei
nicht ohne Ruheſtörungen abgehen würde, war angeſichts
der herrſchenden Gärung vorauszuſehen, und die Regie=
rung
hatte darum umfaſſende Sicherheitsmaßnahmen
getroffen. Wird einmal die Politik auf die Straße ge=
zerrt
, dann dauert es gewöhnliche nicht lange, bis die
Flinte losgeht, und ſo auch in Peſt. Als das Polizeiauf=
gebot
mit dem ſpäter herangeholten Militär die De=
monſtranten
zurückhalten wollte, bemächtigte ſich der
Menge ſofort fanatiſche Wut, man errichtete Barrikaden,
und eröffnete ein Bombardement mit Steinen, zwiſchen
das das Geknatter der Revolver hindurchtönte. Polizei
und Militär erwiderten das Feuer, und die Folgen ha=
ben
wir jetzt vor uns.
Es liegt auf der Hand, daß die Ereigniſſe vom
Donnerstag auf die Geſtaltung der innerpolitiſchen Si=
tuation
in Ungarn von größtem Einfluß ſein werden.
In einer Hinſicht freilich kommen die Vorgänge der Re=
gierung
zugute. Die Juſthpartei hatte ein Bündnis mit
den Sozialdemokraten abgeſchloſſen, die dadſurch das
allgemeine Stimmrecht durchſetzen wollten, während die
erſtere hoffte, dadurch die Gewalt über die Maſſen zu er=
langen
. Nachdem nunmehr aber die Sozialiſten auf die
Straße geſtiegen ſind, wollen die Anhänger der Juſth=
partei
nichts mehr von ihnen wiſſen, und ſie haben eine
Schwenkung nach rechts vollzogen. Anderſeits aber iſt
es klar, daß die Sozialiſten nun mit umſo größerer Ener=
gie
für die Gewährung der Wahlrechtsreform eintreten
werden. Dies umſomehr, als der neugewählte Präſident
des Abgeordnetenhauſes Stephan Tisza als der ſchärfſte
Gegner einer Wahlrechtsreform bekannt iſt. Man wird
ja vielleicht einige Zugeſtändniſſe machen wollen, um den
Gegnern die Waffe aus der Hand zu winden, viel aber
wird es nicht ſein, denn man weiß, daß die Politik Eis=

leithaniens von einer Oligarchie geleitet wird, die ſich
von niemand hineinreden laſſen will.
Es iſt ein offenes Geheimnis, daß in Ungarn viel=
fach
die Politik dazu benutzt wird, um im Trüben zu
fiſchen und für ſich ſelber oder für ſeine Freunde materielle
Vorteile irgend welcher Art herauszuſchlagen. Leider
beſteht keine Ausſicht, daß hiermit bald aufgeräumt
wird, denn noch iſt der Einfluß dieſer Kreiſe ungemein
groß, denen, die eine Aenderung der Verhältniſſe herbei=
zuführen
wünſchen, ſetzen ſie den ſchärfſten Widerſtand
entgegen. Es iſt damit aber nicht etwa geſägt, daß es
in den Parteien der Oppoſition beſſer wäre, vielmehr
bietet die innere Politik Ungarns von je in ihrer Ge=
ſamtheit
ein wenig ſchönes Bild, ohne daß für abſeh=
bare
Zeit die Ausſicht auf eine Beſſerung beſtände.

Deutſches Reich.

Graf v. Berchtold in Berlin. Der Kaiſer
verlieh dem öſterreichiſchen Miniſter des Aeußern Grafen
v Berchtold den Schwarzen Adlerorden. Die Norddeut=
ſche
Allgemeine Zeitung meldet: Zu Ehren des Grafen
v. Berchtold hat beim Staatsſekretär v. Kiderlen= Wäch=
ter
am Freitag ein Frühſtück ſtattgefunden. Vormittags
ſtattete Graf Berchtold dem Reichskanzler einen Beſuch
ab. Abends fand zu Ehren des Grafen Berchtold beim
Reichskanzler ein Diner ſtatt, wozu der öſterreichiſch=
ungariſche
Botſchafter und das Perſonal der Botſchaft
Einladungen erhielten. Ferner waren geladen Oberhof=
Hausmarſchall Graf Eulenburg, der bayeriſche Geſandte
Graf Lerchenfeld=Koefering, der Chef des Generalſtabs
von Moltke, der Chef des Admiralſtabs, von Heeringen,
die Staatsminiſter Tirpitz, Delbrück, Beſeler, Breiten=
bach
, Sydow, Trott zu Solz, General der Infanterie Hee=
ringen
, Freiherr v. Schorlemer, Dr. Lentze, die Staats=
ſekretäre
Krätke, Lisco, v. Kiderlen, Solf, Kühn, die Un=
terſtaatsſekretäre
Wahnſchaffe, Zimmermann, Eiſenhart,
Rothe u. a. Der Berliner Lokalanzeiger meldet: Von
einer dem Grafen v. Berchtold naheſtehenden Perſönlichkeit
wird mitgeteilt, daß die Reiſe des Miniſters nach Ber=
lin
keinen beſonderen Zweck habe. Die Berliner Beſpre=
chungen
würden deshalb auch nicht zur Vorbereitung
neuer Vermittlungsverſuche im italieniſch=türkiſchen
Kriege benutzt werden. Die Gefahr einer Rückwirkung
dieſes Krieges auf den Balkan ſei jetzt noch weniger zu
befürchten als vor einigen Wochen.
Der Kaiſer und das Haus Cumber=
land
. Wie die Norddeutſche Allgemeine Zeitung offi=
ziös
beſtätigt hat, hat zwiſchen dem Kaiſer und dem
Herzog von Cumberland wegen des tragiſchen Todes
des Prinzen Georg Wilhelm von Cumberland, der auf
einer Automobilfahrt bei Frieſack verunglückte, ein herz=
licher
Depeſchenwechſel ſtattgefunden. Damit wird den
Blättermeldungen jeder Boden entzogen, nach denen das
Beileidstelegramm des Kaiſers nicht an den Herzog, ſon=
dern
an die Herzogin von Cumberland gerichtet worden
ſein ſoll. Wahrſcheinlich liegt hier eine Verwechslung
mit einem anderen Beileidstelegramm des Kaiſers an=
läßlich
des Todes des Königs von Dänemark vor, der
ein Bruder der Herzogin von Cumberland war. Wie
übrigens der Preußiſche Staatsanzeiger mitteilt. legt
der preußiſche Hof wegen des Todes des Prinzen Georg
Wilhelm Trauer auf acht Tage an.
Das Offiziersduell. Der Tägl. Rund=
ſchau
zufolge iſt eine neue kaiſerliche Kabinettsorder über
das Offiziersduell vorausſichtlich noch im Sommer zu
erwarten. Es dürfte ſich dabei um eine Ergänzung der
kaiſerlichen Order von 1897 handeln, die während dieſer
15 Jahre ſich in verſchiedener Hinſicht als abänderungs=
bedürftig
erwieſen haben ſoll. Man erwartet, und das
iſt im Hinblick auf den ſcharfen Zuſammenſtoß des
Kriegsminiſters von Heeringen mit dem Zentrum über
dieſe Frage von beſonderem Intereſſe, daß die neue Or=
der
eine weitere Einſchränkung des Offiziersduells be=
zweckt
und daß ſie insbeſondere Anweiſungen enthält,
wie in Ausnahmefällen, beiſpielsweiſe wenn religiöſe
Ueberzeugung das Duell verbietet, zu verfahren ſei. Die
Meldung bedarf der Beſtätigung.
Die Grafenſtadener Angelegenheit.
Wie verlautet, hat die elſäſſiſche Maſchinenfabrik Gra=
fenſtaden
die Forderung der Regierung auf Entlaſſung
des deutſchfeindlich geſinnten Direktors endgültig abge.
lehnt und die Regierung wird nunmehr in den nächſten.
Tagen die im Werte von 1 Mill. Mark für Grafenſtaden

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 28. Mai 1912.

Nummer 128.

zurückgehaltenen Beſtellungen an Lokomotiven an andere
Fabriken vergeben. Grafenſtaden wird natürlich auch
ſpäter keine Staatsaufträge mehr erhalten. Die Arbeiter
der Elſäſſiſchen Maſchinenbau=Geſellſchaft haben ſich in
einem offenen Briefe an den Direktor des Werkes ge=
wandt
, um Mitteilung über ihre Exiſtenz in den nächſten
Monaten zu erhalten. Die Meldung, daß die Fabrik in
Grafenſtaden zahlreiche Aufträge aus dem Auslande er=
halten
habe, trifft nicht zu, es dürfte ſomit im Herbſt der
Betrieb tatſächlich ſtill gelegt werden. Volenti non fit
infurfa.
In der journaliſtiſchen Vertretung
der konſervativen Partei tritt eine bedeutende
Veränderung ein. Die Kreuzzeitung, das Hauptorgan
der Konſervativen, teilt folgendes mit: Wir haben un=
ſeren
Leſern die Mitteilung zu machen, daß mit Rückſicht
auf gewiſſe Aenderungen im Geſchäftsbetriebe der Kreuz=
zeitung
zugleich die Stellung des Chefredakteurs berührt
wird. Unſer jetziger Chefredakteur, Miniſterialdirektor
a. D. Hermes, wird zu unſerem Bedauern auf ſeinen
Wunſch demnächſt aus ſeiner Stellung ſcheiden. Die po=
litiſche
Haltung und der Charakter unſeres Blattes blei=
ben
ſelbſtverſtändlich unverändert. Soweit die Kreuz=
zeitung
. Ueber die wahren Gründe des Ausſcheidens
von Hermes, der in politiſchen und journaliſtiſchen Krei=
ſen
das größte Anſehen genießt, iſt zurzeit noch nichts
Beſtimmtes zu erfahren, man nimmt nur an, daß die
Kreuzzeitung materiell in eine ſtärkere Abhängigkeit von
der konfervativen Partei gerät.
Die Betriebseinnahmen der preu=
ßiſch
=heſſiſchen Staatseiſenbahnen be=
trugen
im April 1912 gegenüber dem gleichen Monat
des Vorjahres im Perſonenverkehr 2 Mill. Mark gleich
3,61 Prozent, im Güterverkehr 8,7 Mill. Mark gleich 7,62
Prozent, insgeſamtz nach Abzug der Mindereinnahme
aus den ſonſtigen Quellen 10,6 Mill. Mark gleich 5,92
Prozent mehr. In Betracht zu ziehen hierbei iſt, daß
der April 1912 einen Sonntag weniger und einen Werk=
tag
mehr hatte als im Vorjahre.

Ausland.

Oeſterreich=Ungarn.
Miniſterpräſident Lukacs über den
Generalſtreik. Miniſterpräſident Lukacs beant=
wortete
im ungariſchen Abgeordnetenhauſe die Inter=
pellation
über den Generalſtreik. Er führte aus:
Den Vorwand zu dem Generalſtreik hat die Weige=
rung
gebildet, die Erlaubnis zu einer Kundgebung vor
dem Parlament zu erteilen. Die Polizei hat die Abhal=
tung
vieler Volksverſammlungen in geſchloſſenen Räu=
men
geſtattet, hielt es aber nicht für zuläſſig, daß eine
Verſammlung von 50000 erregten Menſchen einen Druck
auf die Verwaltung ausüben dürften. Auch kann ich es
nicht gelten laſſen, daß als Urſache des Generalſtreiks
die Haltung der Regierung zur Wahlreform bezeichnet
wird Erſt vor einigen Tagen habe ich erklärt, daß ich
die Verpflichtung zur Durchführung der Wahlreform für
die Regierung vollkommen anerkenne und daß wir ent=
ſchloſſen
ſind, dieſe Frage ſelbſtverſtändlich auf Grund
unſerer Ueberzeugungen baldigſt zu löſen. (Lebhafte
Zuſtimmung.) Es will mir ſcheinen, daß die ſozialdemo=
kratiſche
Parteileitung eine Kraftprobe veranſtalten
wollte, um ihren verblaßten Nimbus aufzufriſchen. Ob
dies Ziel erreicht worden iſt oder nicht, weiß ich nicht,
aber es iſt meine volle Ueberzeugung, daß die Sache des
Fortſchritts durch dieſe Unruhen nicht gewonnen hat.
(Lebhafter Beifall.) Denn niemand, der ein Freund des
Fortſchritts der demokratiſchen Entwichelung iſt, wird
ſich mit ſolchen Elementen vereinigen, die ihre Prinzipien
durch Raub, Mord und Brandſtiftung kundgeben. (Lang
anhaltender ſtürmiſcher Beifall.) Was die Maßnahmen
der Regierung betrifft, ſo iſt außer Polizei und Gen=
darmerie
auch Militär in Anſpruch genommen worden.
Nachdem die hieſige Garniſon nicht genügte, wurde
auch aus der Provinz Militär nach Peſt beordert.
Es können jeden Augenblick weitere Verſtärkungen
herangezogen werden. Ich will nun noch das Moment
der Verantwortlicheit berühren. Es erſcheint mir uner=
läßlich
den unverantwortlichen Faktoren gegenüber, die
über viele Tauſende von Menſchen mit abſoluter Macht=
vollkommenheit
verfügen, auf die Verantwortlichkeit hin=
zuweiſen
, daß ſie die Folgen für jeden Mißbrauch ihrer
Führergewalt zu tragen haben werden. (Lebhafter Bei=
fall
.) Das Haus nahm von der Interpellationsbeant=
wortung
Kenntnis

Einvernehmen im ungariſchen Abge=
ordnetenhauſe
. Die Neue Freie Preſſe meldet aus
Peſt: Zwiſchen ſämtlichen oppoſitionellen Parteien des
Abgeordnetenhauſes wurde ein Einvernehmen erzielt,
das ſich auf alle aktuellen politiſchen Fragen, namentlich
auf die Frage des Wehrgeſetzes und der Wahlreform be=
zieht
. In der Frage der Wahlreform kommt der Stand=
punkt
der vereinigten Oppoſition nunmehr dem Stand=
punkt
der Regierung nahe. Bezüglich der Wehrreform
nimmt die Oppoſition nunmehr einen Standpunkt ein,
der die Erledigung der Wehrreform in abſehbarer Zeit
ermöglichen würde. Die Führer der Sozialdemokraten
ſind mit den Abmachungen einverſtanden, die ſchriftlich
niedergelegt und von den Führern der Parteien unter=
ſchrieben
werden.
Ausſchließung von Abgeordneten.
Julius Kovacs (Bauernpartei), der im ungariſchen Ab=
geordnetenhauſe
bei der Präſidentenwahl die Urne vom
Tiſch geworfen hatte, wurde zur Ausſchließung für 30
Sitzungen, Andreas Rath (Juſthpartei) wegen Wider=
ſetzlichkeit
gegen den Präſidenten zur Ausſchließung von
8 Sitzungen verurteilt.
Italien.
Entſchädigung der Abgeordneten. In
der Kammer wurde bei der Beratung der Wahlreform
der Antrag Carcano betreffend die Aufhebung des Ar=
tikels
über die Entſchädigung der Abgeordneten mit 288
gegen 41 Stimmen abgelehnt.
Schweiz.
Eine Militärluftflotte. Auch in der
Schweiz ſoll für die Militärluftflotte nach dem Beiſpiel
anderer Länder eine nationale Flugſpende eingeſammelt
werden.
Frankreich.
Die Kongregationen. Der Senat beendete
die Bgratungen über den Kommiſſionsbgricht betreffs
der bei den Liquidationen der aufgelöſten Kongregatio=
nen
gemachten Erhebungen. Nach der Erklärung des
Unterſtaatsſekretärs im Miniſterium des Innern Morel
iſt die Regierung entſchloſſen, den Kongregationen ge=
genüber
vollkommen im Sinne der Geſetze zu verfahren.
Der Senat nahm ſchließlich mit 203 gegen 56 Stimmen
eine Reſolution an, in der die Erklärungen der Regie=
rung
gebilligt werden.
Amerika.
Die Lage auf Kuba. Aus Havanna wird ge=
meldet
: Alle Zuckerfabriken in Chaparra, Santa Lugia
und anderen Orten der Provinz Santiago ſind infolge
der Negerrevolte geſchloſſen worden und werden be=
wacht
. Die Lage in der Provinz Santiago iſt ſehr ernſt.

* Der deutſche Kaiſer in der Villa We=
ſendonck
. Wie amtlich bekanntgegeben wird hat der
Schweizer Bundesrat beſchloſſen, ein von priv. Seite ge=
machtes
Anerbieten für den Aufenthalt des deutſchen
Kaiſſers in Zürich anzunehmen. Der Kaiſer wird
danach für ſeinen Aufenthalt die Villa We=
ſendonck
zur Verfügung geſtellt erhalten.
Es handelt ſich um die bekannte Villa der ehedem in
Zürich wohnenden deutſchen Familie Weſendonck in ſchö=
ner
landſchaftlicher Lage in Zürich=Enge, in der Richard
Wagner, durch den der Name der Familie Weſendonck
und insbeſondere der von Mathilde Weſendonck in die
Kunſtgeſchichte übergegangen iſt, verkehrt hat. Das kleine
Häuschen auf derſelben Anhöhe, das Wagner einſt be=
wohnte
, ſteht nicht mehr. In Interlaken wird dem Kai=
ſer
für den Aufenthalt im Berner Oberland das Hotel
Viktoria am Höhenweg zur Verfügung geſtellt.
* Paris, 24. Mai. Der Liberté zuſolge hält man
es für wenig wahrſcheinlich, daß zwei Brüder Man=
nesmann
in Tarudant eingeſchloſſen ſeien. Von
den vier Brüdern befinde ſich Alfred Mannesmann auf
ſeiner Beſitzung in Caſablanca, der zweite Reinhard
Mannesmann halte ſich gegenwärtig in Madrid auf, wo=
er
kürzlich vom König empfangen worden ſei. Die bei=
den
Brüder Otto und Robert Mannesmann ſollen ge=
genwärtig
im Susgebiet reiſen, wohin ſie ſich auf ihre
eigene Gefahr begeben hätten, doch ſei ein Angriff gegen
ſie nicht unternommen worden.
* London 25. Mai. Die Erregung in der Stadt
wegen des plötzlichen Ausbruches des Ausſtandes

der Hafenarbeiter iſt eine ſehr ernſte. Mar
glaubt, daß innerhalb einiger Tage ein völliger Mange
an Lebensmitteln eintreten wird. Bereits jetzt begint
ein allgemeiner Sturm auf die Lebensmittelgeſchäft
Die Ausſtändigen haben ſcharfe Maßnahmen gegen die
jenigen Firmen beſchloſſen, welche ihre Waren anſtatt au
dem Landwege auf andere Weiſe befördern laſſen. Da
Exekutiv=Komitee der Londoner Rollkutſcher hat beſchlo
ſen, keine Waren zu transportieren, deren Transport vo
den Verladern abgelehnt worden iſt.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 27. Mar.

* Ernannt haben Se. Königl. Hoheit der Grof
herzog den proviſoriſchen Lehrer an dem Ernſt Ludwi
Seminar zu Bensheim Johann Bentz zum Lehrer e
dieſer Anſtalt.
* Eugen Bracht=Ausſtellung. Die Freie Vereir
gung Darmſtädter Künſtler beabſichtigt, in der zweit
Hälfte des Sommers 1912 zur Feier des 70. Geburt
tages ihres Ehrenmitgliedes, des Geh. Hofrats Pr
Eugen Bracht, eine umfangreiche Ausſtellung vi
deſſen Werken zu veranſtalten. Es iſt geplant, die gan
Entwickelung des Meiſters vorzuführen und eine gro
Anzahl von Arbeiten aus Privatbeſitz erſtmalig ausz
ſtellen. Die Ausſtellung findet im ſtädtiſchen Ausſte
lungshauſe auf der Mathildenhöhe ſtatt.
* Bismarck=Ausſtellung. Man ſchreibt uns: Nac
dem die kleine Bismarck=Ausſtellung im Städtiſchen M
ſeum nun abgeſchloſſen iſt, ſei allen, die zu ihrem G
lingen beigetragen, ſowohl den Darleihern von Ausſte
lungsſtücken, wie den Geſchäftsleuten, die durch unentgel
liche Lieferungen das Unternehmen unterſtützt habe
beſtens gedankt. Den zahlreichen Beſuchern wird eit
Erinnerung daran willkommen ſein. Von zweien d
ſchönſten Bilder, die aus dem Schönhauſener Bismar=
Muſeum hier ausgeſtellt waren, dem von Profeſſor Herr
Müller gemalten Einſiedel und dem ſtimmungsvolle
Blick von der Marienhöhe nach der Bergſtraße ſind vo
Herrn Heinr. Lautz farbige Anſichtspoſtkarten hergeſter
und in deſſen Laden (Rheinſtraße) in dieſen Tagen,ſ
wie bei dem Aufſeher in dem Städtiſchen Muſeum
erhalten. In den in zwei Auflagen als Führer dur
die Ausſtellung verkauften Wanderung durch die Bi.
marck=Ausſtellung hat ſich ein unliebſamer Druckfehl=
eingeſchlichen
. Bei der Wiedergabe der Unterredung Bi
marcks bei der Ueberreichung des Geburtstagsgeſchenke
war bemerkt, daß faſt alle Namen der Abordnung
der Bismarckliteratur verdruckt ſeien, nur Paul Wolf
kehl iſt richtig. Es hätte das Wörtchen faſt weggela=
ſen
werden können, da auch der letztere Name unrichtig i
Es muß natürlich Otto Wolfskehl heißen, der ſich grof
Verdienſte auch um das Darmſtädter Bismarck=Denkme
erworben hat.
* Soziale Arbeit und die moderne Frau. Ma
ſchreibt uns: Soziale Arbeit, das iſt das Loſungswor
für die Tätigkeit der modernen Frau. Wie wenige abe
wiſſen, ein wie großes, ernſtes, unbebautes. Feld di
gebildete Frau gerade hier noch vor ſich hat. Es wir=
ja
oft genug darüber geſchrieben, aber die wenigſter
machen ſich klar, daß dazu geſchulte und gebildete Kräft=
nötig
ſind. Wenn die Frau auch durch ihre Eigenar
ſchon für dieſen Beruf vorgebildet iſt, ſo braucht ſiedoch
eine Ausbildung auf ſozialem Gebiet, um nicht Ungen
ſchult in dem großen Gewebe der Fürſorge Mi
arbeiten. Wie ſegensreich wäre es, wenn gesludte
Damen, die z. B. in Kranken= und Säuglingspflels
ausgebildet ſind, mehr als jetzt noch geſchieht, Handan
legen bei dem großen Werk der Mutter= und Säuglings=
fürſorge
. Die überall entſtehenden Organiſationen geber
gerade auf dieſem Gebiete Gelegenbeit zu ſelbſtändiger
freier Arbeit unter pekuniär günſtigen Bedingungen=
Die Gr. Zentrale f. M. u. S. i. H. (Sitz Darmſtadt=
die
die ganze Säuglingsfürſorge im Großherzogtur=
Heſſen organiſiert hat, bedarf immer wieder neuer Hilfs
kräfte, die als Kreispflegerinnen eine große, ſelbſtändig=
Tätigkeit entwickeln müſſen, eine Arbeit, die allerding
nur unter einer taktvollen Frauenhand gedeihen kann
Man macht auch hier wieder die Erfahrung, daß nich
wie man im allgemeinen hört, die Frauen=Berufe über
füllt ſind, ſondern daß die ſoziale Arbeit mehr gebildet
Frauenkräfte braucht, als bis jetzt vorhanden ſind.
Ortsgewerbeverein zu Darmſtadt. Zu dem 1
Vorbereitungskurſus für die theoretiſche Meiſterprüfun
im Handwerk werden weitere Anmeldungen noch bei de
Handwerkskammer zu Darmſtadt bis ſpäteſtens 29. Me
entgegengenommen. Der Kurſus wird bei genügende
Teilnahme am 1. Juni beginnen.
* Vogelsberger Höhenklub. Am Samstag, den
und Sonntag, den 2. Juni hält der Geſamtverein de
V. H. K. zu Lauterbach ſeine Hauptverſammlung al
An die Verhandlungen des erſten Tages, die dure
Lichtbilder und Männerchöre anziehend unterbroche
werden, ſchließt ſich am folgenden Tage ein Volksfeſ
Mee

Sir Zulius Wernher.

* Mit Sir Julius Wernher, der lange als der erſte
Teilhaber der ſeit vorigem Jahre eingegangenen Firma
Wernher, Beit u. Ko. weit in der Welt bekannt war,
iſt ſo ſchreibt die Köln. Ztg. einer der letzten von
den großen Südafrikanern aus der Reihe der Mitleben=
den
geſchieden, die von Anfang an die ſchon legenden=
hafte
Zeit der großen Diamanten= und Gold
funde miterlebt und mitgemacht haben. Sir Julius
Wernher, der ſeit vielen Jahren naturaliſierter Eng=
länder
und ſeit 1905 Baronet war, ſtammte aus Darm=
ſtadt
. Sein Vater war hier Offizier und iſt als Ge=
neral
geſtorben, ſein Großvater war Präſident des
Appellhofes und Geheimer Rat. Der General Wernher,
der als Generaladjutant des Großherzogs von Heſſen
viele Freunde auch über die Grenzen ſeines engeren
Vaterlandes hinaus gehabt hat, war ein Vetter des eben
Verſtorbenen. Julius Wernher hatte ſeine Jugendjahre
in Frankfurt verlebt, dort auch in einem Bankhauſe ſeine
Lehrzeit beſtanden, als Freiwilliger in einem Dragoner=
Regiment den Feldzug von 1870 mitgemacht, war dann
nach London gegangen und hier als nicht zweiund=
zwanzigjähriger
Anfänger bei der Firma Widenmann u.
Broicher tätig, als das Anerbieten an ihn herantrat, für
den Pariſer Diamantenhändler Jules Porges nach Süd=
afrika
zu gehen. Er griff zu, wie ſo mancher junge
Deutſche, der in die weite Welt hinaus möchte, und ſteuerte
damit alsbald, ohne es ſelbſt zu wiſſen, in die ganz
große geſchäftliche Laufbahn hinein. Es würde zu weit
führen, im einzelnen zu erzählen, wie ſich in den folgen=
den
Jahren in Kimberley, wo das Feld ſeiner Tätigkeit
lag, die Dinge entwickelten und überſtürzten, wie Wern=
her
ſich bald als ein hervorragend tüchtiger, befähigter

und zuverläſſiger Mann erwies und Vertreter von Por=
ges
wurde, wie Porges eine Menge wertvoller Gruben=
anteile
erwarb und nach Verſchmelzung mit einer eng=
liſchen
Firma ſein Geſchäft in die Compagnie Frangaiſe
de Diamants du Cap umwandelte, wie Wernher mit dem
phantaſiereichen und kühnen Alfred Beit und anderen
Matadoren des Diamantengebietes in enge freundſchaft=
liche
und geſchäftliche Verbindung trat und wie ſchließ=
lich
unter Cecil Rhodes die Verſchmelzung der ſämtlichen
Hauptintereſſen in der großen De Beers Company zu=
ſtande
kam. Als das geſchehen war, ſchrieb man 1880
und Julius Wernher kehrte nun dauernd nach London
zurück als Teilhaber des Hauſes Jules Porges, das
ſpäter ſeine Firma in Porges, Beit u. Ko. und beim
Ausſcheiden des Gründers, 1889, in Wernher, Beit u. Ko
umwandelte.
Es iſt bekannt, wie die großen Häuptlinge der Dia=
manteninduſtrie
in Kimberley bei den Goldfunden in
Johannesburg ſozuſagen nach dem Geſetze der Natur=
notwendigkeit
auch dort bald eine führende und beherr=
ſchende
Rolle ſpielten. Nur wer mit den einſchlägigen
Verhältniſſen einigermaßen vertraut iſt, der mag ſich
einen annähernden Begriff von der Bedeutung dieſer
Rolle und von dem Umfang des Geſchäftes von Wernher,
Beit u. Ko. in London, und ihrem afrikaniſchen Hauſe
H. Eckſtein u. Ko. in Johanesburg machen. Alfred Beit,
der vor ſechs Jahren geſtorben iſt, hat für ſeine Perſon
ein Vermögen von über 8000000 Pf. St. hinterlaſſen
Er und ſein nun auch verſtorbener Freund Julius
H. Eckſteir u. Ko. in Johannesburg machen. Alfred Beit,
der Mann der genialen Ideen und des kühnen Fluges,
ſo war Wernher der beſonnene, abwägende Kritiker,
der die Schwierigkeiten der Ausführung mit ſicherem
Blicke überſab und durch keine Macht aus den Grenzen

der Sicherheit hinauszudrängen war. Dabei ein beſchei
dener, zurückhaltender Mann und für ſeine Perſon gan
ohne Ehrgeiz. Nichts machte ihm ſtilleres Vergnüger
als daß es Leute gab, die ihn nur als den chriſtliche
Vornamen der Firma betrachten wollten. Sir Juliu=
Wernher war lebenslang ein gewaltiger Arbeiter, noc
bis in die letzten Jahre hinein, bis ihm eine tückiſcht
ſchmerzhafte Krankheit ſeine Tage verbitterte und de=
Reſt ſeines Lebens zur Qual machte. Da hat der Manr
der eben erſt die Sechzig überſchritten hatte, dann all
mählich ſeinen großen Zuſammenhang abgewickelt un
zuerſt anfangs vorigen Jahres den größten Teil de
Londoner Geſchäfts und des Johannesburger Hauſes
H. Eckſtein u. Ko. an die Central Mining and Inveſt
ment Corporation übertragen. Im Anfange dieſes Jah
res ging die Diamantenabteilung, die die Firma ſich bi=
dahin
noch vorbehalten hatte, an die neue, aus den übri
gen Teilhabern von Wernher, Beit u. Ko. beſtehend
Firma L. Breitmeyer u. Ko. über: Sir Julius Wernhe
trat ſelbſt zurück und ſeine bisherige Firma ging ein.
Der Reſt ſeiner Tage war eine ſchwere Leidenszeit
die noch verbittert wurde dadurch, daß der älteſte ſeine:
drei Söhne, ein junger Mann von 23 Jahren, dem der
Vater bereits für 34000 Pf. St. Schulden bezahlt hatte
für weitere nahezu 100000 Pf. St. bankbrüchig wurde
Sir Julius Wernher hatte mit ſeinem verſtorbenen
Freunde und Geſchäftsgenoſſen zuſammen 500000 Pf. St
für die ſüdafrikaniſche Univerſität ausgeworfen, die auf
Cecil Rhodes’ Beſitzung bei Kapſtadt errichtet wird. Er
ſoll auch ſonſt in der Stille ſehr wohltätig geweſen ſein
Er bewohnte in Vicadilly das Bath Houſe, beſaß in
Hertfordſhire einen berühmten Landſitz, hat aber ſelbſt
hauptſächlich ſeiner Arbeit und ſeinen kleinen Liebhabe=
resen
für Kunſtgegenſtände der Renaiſſance gelebt.

[ ][  ][ ]

Nummer 125

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 28. Mai 1912.

Seite 3.

ißeren Stiles für die zahlreichen Gäſte, die von nah
d fern erwartet werden. Der feſtgebende Verein, einer
ſtärkſten des V. H. K., wird alles tun, ſeinen
anderbrüdern und Wanderſchweſtern den Aufenthalt
den Mauern Lauterbachs ſo angenehm als möglich
machen, und lädt die Klubgenoſſen von Nord, Süd,
t und Weſt zu ſeinem Feſte herzlich ein.
* Bilder vom Tage. In der Auslage unſerer Expe=
ion
(Rheinſtraße 23) ſind von heute ab folgende Bilder
i ausgeſtellt: König Friedrich VIII von Dänemark auf
n Totenbett; Graf von der Oſten=Sacken, der verſtorbene
ſiſche Botſchafter in Berlin; der bei einem Automobil=
glück
ums Leben gekommene Prinz Georg von Cumber=
d
der ſchwer erkrankte Kardinal Fürſtbiſchof Dr. Kopp:
e Attacke der Fürſtenwalder Ulanen; das Ozean=Luftſchiff
uchard
* Städtiſcher Saalbau. Heute, am dritten Pfingſt=
ertag
, abends 8 Uhr, findet populäres Militär=
nzert
der vollzähligen Kapelle des Großh. Heſſ. Art.. Nr. 61 unter Leitung des Herrn Muſikmeiſters
eber ſtatt. Das Programm iſt gehaltvoll und bringt
hrere Erſtaufführungen, die ſehr intereſſieren dürften.
i ungünſtiger Witterung findet das Konzert im Saal
tt. (Näheres ſiehe Anzeige.)
A Durchſchnittspreiſe von den Wochenmärkten
rgangener Woche. Butter ½ Kg. 1,451,50 M., Eier
9 Pf., Schmierkäſe ½ Ltr. 22 Pf., Handkäſe 410 Pf.,
rtoffeln der Zentner 56 M., Kumpf (10 Liter) 80
90 Pf., ½ Kg. 67 Pf., Mäuschen ½ Kg. 14 Pf.,
alta‟ Kg. 18 Pf., Aepfel ½ Kg. 4550 Pf., Zitronen
Pf., Apfelſinen 57 Pf., Kirſchen ½ Kg. 60 Pf.,
müſe, Salat u. dgl.: Kopfſalat 58 Pf., Bündel
dieschen 2 Pf., Bündel Rettiche 510 Pf., Meerrettich
25 Pf., Zwiebeln ½ Kg. 1012 Pf., Tomaten ½ Kg.
Pf., Bündel Römiſch=Kohl 23 Pf., Spinat ½ Kg.
10 Pf., Wirſing 1030 Pf., Weißkraut 30 Pf., Blu=
nkohl
2060 Pf., Spargeln ½ Kg. 4070 Pf., Gurken
40 Pf., Bündel Karotten 25 Pf., Kernerbſen ½ Kg.
Pf., Bohnen ½ Kg. 60 Pf.; Geflügel, Wild:
inſe, junge, ½ Kg. 1,40 M., Enten 45 M., Hahnen
d Hühner 2,002,20 M., Paar Zuchttauben 1,50 bis
00 M., Zicklein 23 M., Lapins 90 Pf.; Fiſche
Kg.: Hecht 80 Pf., Karpfen 1 M., Aal 1,50 M., an=
e
Rheinfiſche 3560 Pf., Rotzungen 89 Pf., Schollen
Pf., Kabeljau 2030 Pf., Schellfiſche 25 Pf., Seelachs
24 Pf.; in den Fleiſchſtänden ½ Kg.: däniſches
hſenfleiſch 76 Pf., desgl. Rindfleiſch 70 Pf., anderes
ndfleiſch 6066 Pf., Hackfleiſch 70 Pf., Rindsfett 60 Pf.,
ndswürſtchen (Stück) 15 Pf., Kalbfleiſch 90 Pf., Schweine=
iſch
84 Pf., geſalzenes und Koteletts 96 Pf., Schwarten=
igen
u. Fleiſchwurſt 80 Pf., Leber= u. Blutwurſt 70 Pf.
* Das Korn blüht. Seit einigen Tagen iſt
Roggenblüte unter ausgezeichneten Temperatur=
dingungen
im beſten Gange. Die Blüte hat ſich trotz
r verhältniem ißig ungünſtigen Frühja ’switterung
II entfaltet, mächtige Staubwolken der Blütenpollen
ehen über die wogenden Felder, ſodaß das Vefruch=
ngsgeſchäft
ſich zugunſten einer vorausſichtlich ſehr
irken Ernte vollzieht.
Jugenheim a. d. B., 25. Mai. Nachdem vor mehreren
ihren zur Abhaltung katholiſchen Gottesdienſtes hier ein
ztſaal errichtet wurde, ſchreitet man nun zur Erbau=
ng
einer entſprechenden Kirche da der Bet=
aliſich
längſt als viel zu klein erwies. Die Arbeiten zum
eubau der Kirche ſind bereits zur Vergebung ausge=
rieben
.
V Groß=Gerau, 25. Mai. In dem waſſerreichen Ge=
ite
des Hofes Schönau bei Groß=Gerau ſoll in Kürze ein
f 2½ Millionen Mark veranſchlagtes Waſſerwerk
richtet werden. Nachdem eine der nächſten Stadtverord=
tenſitzungen
von Mainz ſich mit den Einzelheiten des
evjektes befaßt haben wird, wird die Inangriffnahme
r Arbeiten ſofort erfolgen, ſodaß man mit der Vollen=
ng
der Anlage innerhalb zweier Jahre rechnet.
Mainz, 25. Mai. RegenGeſchäftsbetrieb haben dieſesJahr
e Fabriken für Eiſenbahnwagen. Die Beſtel=
ng
von 20000 gedeckten; und offenen Güterwagen durch die
eußiſch=heſſiſche Eiſenbahnverwaltung geben reichliche
beitsgelegenheit. Auch die ſüddeutſchen Verwaltungen,
uptſächlich Baden, haben größere Aufträge erteilt. Die
aggonfabrik in Mainz=Mombach, die vor
rzem 100 gedeckte fünfzehn Tonnen=Güterwagen für die
ſenbahndirektion Danzig abgeliefert hat, erledigt eben
nen Auftrag von einer Anzahl dreiachſiger Packwagen
r die Direktionen Saarbrücken und Mainz. Auch eine
artie der nach einem Beſchluß des Eiſenbahnminiſteriums
ßt ſtärker zur Einführung kommenden offenen Wagen
it dem erhöhten Ladegewicht von 400 Zentnern, kommen
ßt zur Ablieferung. Das genannte Werk hat auch für die

holländiſche Staatsbahn die Lieferung mehrerer Spezial=
wagen
(Fleiſchtransportwagen) ausgeführt.
R. Mainz, 25. Mai. Eine Salzquelle im
Rhein. Für den Bau der neuen Rheinbrücke Bingen-
Rüdesheim werden ſeit Ende April im Flußbett auf der
rechten Seite bei Geiſenheim Geſteinsbohrungen vorge=
nommen
. Bei dieſen Arbeiten iſt man jetzt in einer Ent=
fernung
von etwa 20 Metern vom Geiſenheimer Ufer
mitten im Fahrwaſſer in 22 Meter Tiefe auf eine Salz
quelle geſtoßen. Die Quelle hat einen außerordentlich
ſtarken Druck, ſo daß das Waſſer zum Bohrloch hoch her=
ausſprudelt
und weiter ſteigt. Der Salzgehalt der
Quelle iſt ſo ſtark, daß das Waſſer ungenießbar iſt. Die
Geſteinsart, in der die Quelle angebohrt wurde, iſt blau=
grüne
Lette.
* Mainz, 25. Mai. Der Geſchäftsführer der hieſigen
Automobilzentrale, der in Hanau geborene 37jährige Lud=
wig
Mühlenpfordt, iſt nach Unterſchlagung von
5000 Mark ſeit geſtern flüchtig.
* Bad=Nauheim, 25. Mai. Bis zum 23. Mai ſind
8422 Kurgäſte angekommen, wovon an genanntem Tage
noch 5627 anweſend waren. Bäder wurden bis zum 23.
Mai 77747 abgegeben.
(*) Ettingshauſen, 24. Mai. Eine glückliche
Gemeinde iſt unſer Dorf zu nennen, denn es iſt das
einzige Dorf im Kreiſe Gießen, das keine Ge=
meindeſteuern
erhebt. Es deckt ſeine Gemeinde=
ausgaben
faſt ausſchließlich von den beträchtlichen
Einnahmen aus ſeinen ausgedehnten herrlichen
Waldungen. Die Gemeinde beſitzt Waſſerleitung und
Bahnanſchluß und führt die Feldbereinigung gegenwär
tig durch. Nur die Einführung der elektriſchen Straßen=
beleuchtung
im Anſchluß an die Zentrale Wölfersheim
lehnten die vorſichtigen Stadtväter ab aus Furcht vor
der Gemeindeſteuer.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 25. Mai. Der Groß=
weſir
Said Paſcha wird gegen den 20. Juni nach
Berlin kommen und hier mehrere Tage verweilen. Von
da aus wird er ſich wahrſcheinlich nach Homburg v. d. H.
zu längerem Kurgebrauch begeben. Die diesjährige
Deutſſche Lehrerverfammlung, die in den
Tagen vom 27. bis 30. ds. Mts in Berlin tagt, wird die
zahlreichſt beſuchte aller bisherigen Verſammlungen ſein,
denn es liegen ſchon jetzt rund achttauſend Anmel=
dungen
vor. Für die Hauptverſammlung mußten die
Anmeldungen bereits vor längerer Zeit geſchloſſen wer=
den
, da das Verſammlungslokal, der Zirkus Schumann,
nur eine begrenzte Zahl aufnehmen kann. Der bekannte
Erfinder Ganswindt zeigt das Ableben ſeiner Gat=
tin
, Mutter von 16 Kindern, im Alter von 45 Jahren an.
Der Kutſcher Rückert ſollte wegen Verbüßung einer
Polizeihaftſtraße von den Schutzleuten Biene und Schön=
feld
in ſeiner Wohnung Müllerſtraße 75 verhaftet werden
Er ſetzte der Verhaftung Widerſtand entgegen und entriß
Biene, nachdem dieſer ihm einen Säbelhieb verſetzte, die
Waffe. Er verſetzte dann dem Schutzmann Schönfeld
einen Fauſtſchlag gegen den Unterleib. Schönfeld zog
einen Revolver und gab einen Schuß ab, der Rückert in
die rechte Halsſeite traf. Rückert wurde ſchwer, aber
nicht lebensgefährlich verletzt, ins Krankenhaus gebracht.
Kronberg, 25. Mai. Heute früh 11 Uhr wurden in der
neureparierten Burgkapelle die Zwillingsbrüder
Philipp und Wolfgang von Heſſen, die Söhne
des Prinzenpaares Friedrich Karl von Heſſen, konfirmiert.
Mannheim, 25. Mai. Große Ausſchreitungen
begingen in der Nacht vom 23. auf den 24. ds. Mts. ſtrei=
kende
Matroſen auf der Teufelsbrücke und im Streik=
bureau
in der verlängerten Jungbuſch=Straße, woſelbſt ſie
einen 21jährigen arbeitswilligen Matroſen aus
Ockersheim, welcher im Begriffe war, ſich an Bord ſeines
im Rheinhafen liegenden Bootes Leo zu begeben, ge=
meinſam
überfallen, gröblich mißhandelt und gewaltſam
nach dem Streikbureau gebracht haben. Dortſelbſt wurde er in
einer Kegelbahn, in der die Streikenden kampierten, ſeiner
Schuhe und Joppe entledigt und ſodann mit Stricken an
Händen und Füßen gefeſſelt und außerdem trotz ſeines
kränklichen Zuſtandes noch mißhandelt und ge=
ſchlagen
. Nach etwa zwei Stunden gelang es dem am
Boden liegenden Gefeſſelten durch Zerreißen und Aufbeißen
der Stricke ſich frei zu machen und zu flüchten. Auf der
Flucht brach er in der Nähe des Binnenhafens infolge Ent=
kräftung
und Blutverluſtes zuſammen und blieb einige
Zeit liegen. Er konnte ſich ſchließlich wieder aufraffen
und ſich an Bord ſeines Schiffes begeben. Die Täter
vorerſt fieben Perſonen die auch beſchuldigt ſind, den
Ueberfallenen ſeiner Barſchaft beraubt zu haben, ſind ver=
haftet
worden.

Nürtingen, 25. Mai. Heute nacht gegen ½2 Uhr
brannte das bekannte große Nürtinger Zement=
werk
der Portland=Zementwerke Heidelberg=Mannheim,
das auf einſamer Höhe ſteht, nie der. Das Feuer dehnte
ſich ſehr raſch aus, ſodaß turmhohe Flammen aus dem
Gebäude emporloderten und der grelle Lichtſchein weithin
zu ſehen war. Da Windſtille herrſchte, war die Gefahr
eines Uebergreifens des Feuers auf andere Objekte aus=
geſchloſſen
. An ein wirkſames Einſchreiten indeſſen war
nicht zu denken, da der Feuerherd zu mächtig war. Die
Maſchinen ſind zerſtört, die Drahtſeilbahn zuſammen=
gebrochen
. Das ganze große Werk, das erſt vor kurzem
einer Renovierung unterzogen worden war, iſt vernichtet.
Gegen 260 Arbeiter ſind brotlos geworden. Der Scha=
den
beläuft ſich auf über eine Million Mark. Das
Feuer brennt fort und wird wohl erſt im Laufe des Tages
völlig gelöſcht werden können. Die Urſache des Brandes
konnte bis jetzt nicht feſtgeſtellt werden.
Köln, 25. Mai. Geſtern nachmittag ſtürzte am
Frieſenwall ein der Eiſen= und Metall=Großhandlung G.
Schönen gehöriger Eiſenlager=Schuppen zuſam=
men
. Drei Arbeiter konnten ſich retten, ein vierter ward
am Ausgange ſchwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt.
Zwei weitere Arbeiter liegen unter den Trümmern.
Die Unglücksſtätte bildet ein unentwirrbares Chaos von
Stein, Mörtel, Balken, Sparren und Tauſenden von lan=
gen
Eiſenſtangen. Die Rettungsarbeiten wurden ſofort
von der Feuerwehr, den Pionierbataillonen Nr. 7 und 24
und Infanteriemannſchaften aufgenommen, doch die Ab=
tragung
der ſchweren Eiſenmaſſen geſtaltete ſich ſehr
ſchwierig.
Düſſeldorf, 25. Mai. Der Prokuriſt einer Grundſtücks=
firma
flüchtete nach Unterſchlagung von etwa
1½ Millionen Mark. Es iſt ermittelt, daß er ſich in Kon=
ſtantinopel
aufhält; es ſchweben Auslieferungsverhand=
lungen
.
Göttingen, 25. Mai. Der engliſche Kriegsminiſter
Lord Haldane weilt ſeit vorgeſtern hier incognito
unter dem Namen Brown. Er unternimmt Spa=
ziergänge
und Automobil=Ausflüge in die nähere und
weitere Umgebung. Haldane iſt von London aus direkt
über Kaſſel nach Göttingen gefahren und wird voraus=
ſichtlich
noch einige Tage hier bleiben. Er befindet ſich in
Begleitung des Profeſſors Brown.
Mittenwalde, 24. Mai. Im Dorfe Telz bei Mitten=
walde
entzündeten ſich heute nachmittag in der
Knochenmühle der Chemiſchen Werke Merkur Benzin=
dämpfe
. Es erfolgte eine furchtbare Exploſion. 5 Ar=
beiter
, die ſteils ſchwer, teils leichter verletzt wurden,
mußten in das Mittenwalder Krankenhaus transpor=
tiert
werden. Der Dachſtuhl und das Obergeſchoß des
Fabrikgebäudes ſind vollſtändig ausgebrannt.
Aus der Schweiz, 25. Mai. Die letzten 24 Stunden
brachten einen gewaltigen Wetterſturz. In Appen=
zell
bringt die Sitter Hochwaſſer. Das Berner Oberland
meldet Winterwetter; bis zu 1500 Meter herab liegt Neu=
ſchnee
. Auf der Wengernalp beträgt die Schneehöhe 15
Zentimeter, auf dem Gotthardt 80 Zentimeter.
Rom, 24. Mai. Eine ernſte Mahnung an die
Senſationspreſſe richtet der Popolo Ro=
mano
, der in manchen Beziehungen ein weißer Rabe
unter den Tagesblättern der italieniſchen Hauptſtadt iſt.
Er liebt es nicht, ſeine Leſer mit Phraſen zu berauſchen.
drückt ſich immer kurz und bündig aus und meidet mit
muſterhafter Gewiſſenhaftigkeit die nach Pariſer Muſter
von den meiſten Zeitungen Italiens beliebte ausführ=
liche
Behandlung und geſchäftliche Ausbeutung ſkanda=
löſer
Vorkommniſſe. Eine Gelegenheit, dieſe ſeine eigen=
artige
Richtung von neuem zu betonen, bot ihm der vor
einigen Tagen am römiſchen Schwurgericht eröffnete
Prozeß gegen den Mörder Paterno, einen
ehemaligen Kavallerieleutnant, der vor einem Jahr ſeine
Geliebte, die Gräfin Trigona, vormals Hofdame der
Königin von Italien. mit einem Weidmeſſer umgebracht
hat. Die ſenſationslüſterne Preſſe Roms erwartete die
Verhandlung mit größter Spannung, bereitete ihre Leſer
in langen Berichten aus den Unterſuchungsakten darauf
vor und rüſtete ſich zu einer umfangreichen Wiedergabe
der Verhandlungen. Der Vorſitzende des Schwurgerichts=
hofes
hielt es jedoch für angemeſſen, mit Rückſicht auf die
unſittliche Vorgeſchichte des Mordes, vielleicht auch aus
Schonung für die der Ermordeten naheſtehenden Hof=
kreiſe
die Oeffentlichkeit des Prozeſſes auszuſchließen.
Infolgedeſſen erſchien im Popolo Romano nicht ein
Wort über das Verhör des Angeklagten, der Zeugen uſw.,
während die übrigen Blätter trotzdem täglich mit grau=
ſigem
Behagen ihren Leſern die Einzelbeiten der Ver=
handlung
und des vertrauten Verhältniſſes der beiden
Helden des Trauerfpiels auftiſchten. Als nun einige

Konzerte!

* Die Konzertſaiſon wurde am Freitag mit einem
onzert im Städtiſchen Saalbau zum Beſten des
ilfsfonds der Großh. Hofmuſik unter Leitung des Hof=
rpellmeiſters
, Herrn Hofrat de Haan, beſchloſſen, das
dwohl hinſichtlich der Anberaumung ſeines Termins
ls auch beſonders wegen ſeines Programms als außer=
rdentlich
bezeichnet werden konnte und vor nahezu
usverkauftem Saale ſtattfand. Der Aufführung von
feethovens Neunter ging das Konzert für Violine
nd Orcheſter von Brahms vorauf, das uns erwünſchte
felegenheit bot, Herrn Hofkonzertmeiſter Havemann
lieder zu hören. Ein Künſtler, wie er, kann ſich an die=
*s große Werk, das neben den Violinkonzerten von
beethoven und Mendelsſohn zu nennen iſt, heranwagen
nd ſeiner Schwierigkeiten Herr werden. Wie Herr
davemann ſeine Aufgabe künſtleriſch löſte, erfüllte uns
on neuem mit unbegrenzter Hochachtung vor ſeiner
kunſt, die ſich in dem herrlichen, in Tonſchönheit förm=
ich
ſchwelgenden Adagio in glänzendſtem Lichte zeigte.
Selbſtverſtändlich wurde der Künſtler wieder ſehr ge=
eiert
.
Die Aufführung von Beethovens Neunter
Sinfonie, die dem hieſigen Muſikverein vorbehalten
geblieben iſt, geſtaltet ſich jedes Mal zu einem muſikali=
chen
Feſte. Die Mitwirkenden waren die durch auswär=
ige
Künſtler aus Frankfurt und Mainz verſtärkte Hof=
apelle
, die aktiven Mitglieder des Muſikvereins
ind des Sängerchors des Lehrervereins und als
Soliſten die Konzertſängerinnen Frau Sophie
Schmidt=Illing, Fräulein Elſe Diefenthä=
er
, Herr Konzertſänger Franz Müller und Herr
Hofopernſänger Alfred Stephani (Darmſtädter
Vokalquartett). Dieſe bedeutenden muſikaliſchen Trup=
den
waren auf dem verlängerten Podium ſo gut grup=
diert
, wie es eben möglich war. Ueber die Bedeutuns
von Beethovens Neunter Sinfonie, die er als ſein muſi=
aliſches
Teſtament an die Nachwelt bezeichnet hat und
die die Quinteſſenz ſeines geſamten künſtleriſchen Schaffens
Aldst, noch etwas zu ſagen, wäre dasſelbe, als wenn

man etwa zu Goethes Fauſtdichtung einen Kommentar
geben wollte. Sie gehört der Geſchichte an und das Ur=
teil
ſteht feſt, daß weder vorher noch nachher ein Werk
von gleicher Großartigkeit und Erhabenheit geſchaffen
worden iſt. Die heutige Aufführung unter Herrn Hofrat
de Haans begeiſterter Leitung brachte uns die Bedeut=
ung
der grandioſen Tondichtung wieder lebhaft zum
Bewußtſein und das Publikum folgte der Aufführung
mit einer an Andacht grenzenden Aufmerkſamkeit. Die
Kapelle, die in der faſt 1½ſtündigen Aufführung eine
Rieſenaufgabe zu löſen hat, unterzog ſich dieſer mit gan=
zer
Hingabe und vollem künſtleriſchen Gelingen. Die
Chöre und die Soliſten, ſtimmfriſch und ſangeserprobt,
ſekundierten ihr mit Begeiſterung. Das Publikum, er=
griffen
von dem mächtigen Eindruck, den die glänzend
gelungene Aufführung des grandioſen Werkes hinterließ
ſpendete dem verdienſtvollen Dirigenten Herrn Hofrat
de Haan und den Künſtlern am Schluſſe begeiſterten
Beifall.

Fetiſſeton.

* Wie König Friedrich VIII. von Dänemark verkannt
wurde. Die eigenartigen Umſtände, unter denen König
Friedrich VIII. von Dänemark in Hamburg ſtarb und
unerkannt in ein Krankenhaus geſchafft wurde, rufen, wie
von unterrichteter Seite geſchrieben wird, einige Erleb=
niſſe
in das Gedächtnis zurück, die dem ſchlichten Könige
zugeſtoßen waren und von denen er mehrfach mit großer
Freude ſprach. König Friedrich liebte es, zu Hauſe und
in der Fremde in ganz einfachem ſchlichten Rock herum=
zugehen
, um möglichſt wenig erkannt und beläftigt zu
werden. Bald in den erſten Jahren ſeiner Regierung
ereignete ſich ein ſcherzhafter Vorfall in ſeiner eigenen
Reſidenzſtadt. Er hatte einen längeren Spaziergang ge=
macht
und war dabei vom Regen überraſcht worden. Er
fuhr darum in einer Mietsdroſchke, die ihm begegnete,
nach Hauſe und gab als Ziel der Fahrt das Schloß an.
Der Kutſcher fuhr natürlich nicht in das Tor hinein, ſon=
dern
hielt draußen. Der König forderte ihn auf, durch
das Tor durchzufahren, da er nicht naß werden wollte.
Der Kutſcher weigerte ſich aber, da er ſonſt beſtraft wer=
den
könnte. Er fuhr erſt dann weiter, als der König ihm
verſprach, die Strafe für ihn zu bezahlen. Als der mili=
täriſche
Poſten des Königs anſichtig wurde, präſentierte
er das Gewehr, und jetzt merkte der Kutſcher, wenn er in
ſeinem Wagen hatte. Aehnlich erging es ihm einmal
während einer Reiſe. Er trat in ein Bierreſtaurant und
ſetzte ſich an einen großen Tiſch, an dem nur ein Herr ſaß.
Dieſer machte ein ſehr brummiges Geſicht. Bald erfuhr
der König, daß es ſich um einen Stammtiſch handelte, und
daß er darum hier von dem einen Herrn, der auf ſeine
Stammtiſchgenoſſen wartete, als Eindringling behandelt
wurde. In einer längeren Unterredung, die ſich zwiſchen
den beiden am Tiſch ſitzenden Herren entſpann, wurde
das Verhältnis aber immer wärmer, und als der König
aufbrach, um in fein Hotel zu gehen, erklärte ſich der an=
dere
Herr bereit, ihn nach Hauſe zu begleiten und ihm ſo
den Weg zu zeigen. Im Hotel hat ſich anſcheinend der
Herr nach dem Namen des Gaftes erkundigt und dort er=
fahren
, daß es der König von Dänemark ſei. Jedenfalls
erhielt der König am nächſten Tage einen Brief, der fol=
gendermaßen
begann: Majeſtät in tieiſter Ehefurcht

* Aus Kunſt und Wiſſenſchaft. Reinhardt in
Paris. Das Gaſtſpiel des Reinhardtſchen Enſembles
im Vaudeville=Theater zu Paris wurde mit der
Generalprobe der Pantomime Sumurun eröffnet.
Die Vorſtellung, der ein zahlreiches Publikum, darunter
der deutſche Botſchafter mit den Herren und Damen der
Botſchaft, beiwohnte, fand großen Beifall, namentlich die
eigenartige Inſzenierung erweckte ſichtliches Intereſſe
Beſondere Erfolge hatten Gertrud Eyſold, Maria Vermi
Moiſſi, Bienfeldt und Wegener. Reinhardt mußte zum
Schluſſe lebhaften Hervorrufen Folge leiſten. Die Urteile
der Kritik in den Blättern lauten zumeiſt recht
befriedigend.
Goethes letzte Bekannte geſtorben.
In Erfurt ſtarb im 89. Lebensjahre Frau Julie Riem=
ſchneider
, geb. Salzmann. Die Verſtorbene galt als die
letzte Bekannte Goethes. Sie hatte in deſſen Garten in
Weimar, wo ſie geboren iſt, immer mit dem Onkel Goethe‟
geſvielt mit dem ſie alltöglich zſammen war.

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Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 28. Mai 1912.

Nummer 122.

Leſer des Popolo Romano ſich darüber beklagten, daß
ihnen die Leckerbiſſen vorenthalten wurden, erklärte die
Redaktion in einem Leitartikel Das Geſetz und die Sit=
ten
unter Hinweis auf die einſchlägigen geſetzlichen Be=
ſtimmungen
, daß es unter Strafe verboten ſei, aus einem
ſchwebenden Gerichtsverfahren Akten zu veröffenſlichen
oder über einen hinter geſchloſſenen Türen verhandelten
Prozeß in der Preſſe zu berichten. Ohne ſich weiter
darum zu kümmern, wie die übrigen Blätter es ange=
fangen
haben, dem Geſetz ein Schnippchen zu ſchlagen,
tadelt und beklagt der Popolo die durch ſie verübte Ver=
letzung
der guten Sitten und hofft, daß alle, die einen
Begriff von der hohen erzieheriſchen Aufgabe der Preſſe
haben, ſeiner Auffaſſung der Sache und ſeinem Verhal=
ten
zuſtimmen werden. Zugleich beruft ſich der Popolo
Romano, der auch darin ſich von der übrigen Preſſe
Roms unterſcheidet, daß er deutſche Zeitungen lieſt, auf
das deutſche Beiſpieel (!) und führt zur Nach=
ahmung
den jüngſt in Magdeburg gefaßten Beſchluß des
Vereins Deutſcher Zeitungsverleger an, wonach dieſe ſich
verpflichten, über Prozeſſe, bei denen die Oeffentlichkeit
ausgeſchloſſen wird, nicht in ihren Blättern zu berichten
und überhaupt von Prozeſſen intimer Art keine Mittei=
lungen
zu machen, die doch nur der krankhaften Neugier
der Leſer frönen würden. Wirkſamer als dieſe durchaus
lobenswerte Mahnung des Popolo Romano dürfte aber
das gerichtliche Vorgehen gegen die Blätter ſein, die mit
ihren ſenſationslüſternen Berichten gegen das Geſetz ver=
ſtoßen
haben. Wie nämlich die Vita häite mitteilt,
wird gegen alle dieſe Zeitungen Roms und Italiens
das Strafverfahren eingeleitet.
Paris, 24. Mai. In Lyon wurde ein Beamter
des Arſenals von mehreren hundert Arbeitern des
Kriegshafens angegriffen, beſchimpft und durchge=
prügelt
, weil er einen Arbeiter beſtraft hatte. Auch
die Gendarmen, die den Beamten befreien wollten, wur=
den
mißhandelt. Da ähnliche Vorfälle ſich ſeit Monats=
friſt
wiederholt ereigneten, beſchloß der Seepräfekt, die
Anſtifter der meuteriſchen Bewegung ſtrenge zu be=
ſtrafen
.
Brüſſel, 25. Mai. Den hier aus allen Teilen des Lan=
des
einlaufenden Meldungen zufolge haben die letzten
Gewitter großen Schaden angerichtet. In der
Gegend von Gent hat Hagelſchlag die Obſternte faſt gänz=
lich
vernichtet. Zahlreiche Telegraphenleitungen ſind zer=
ſtört
. Durch Blitzſchlag wurden verſchiedene Häuſer in
Brand geſteckt. In einer größeren Weberei in Gent mußte
die Arbeit eingeſtellt werden, da das Waſſer in die Ar=
beitsräume
eindrang. Auch in den Ardennen hat das
Waſſer großen Schaden angerichtet Viel Vieh iſt in den
Fluten umgekommen.
Roeskilde, 24. Mai. Seit den Morgenſtunden iſt der
Menſchenzudrang anläßlich der Beiſetzung des
Königs ſehr groß. Der Bahnhof und der Weg, durch
den der Trauerzug gehen wird, iſt mit Trauerdeko=
rationen
geſchmückt. Infanterie und Kavallerie iſt hier
eingetroffen. Um 12¼ Uhr kam der Extrazug mit den
Miniſtern, Reichstagsmitgliedern und dem diplomatiſchen
Korps an. Um 1½ Uhr traf der Zug mit der Leiche
des Königs und dem Trauergefolge ein. Die könig=
lichen
Herrſchaften und die übrigen Fürſtlichkeiten bega=
ben
ſich in die Warteſäle, wohin der Sarg von Offizie=
ren
getragen wurde. Die königlichen Damen begaben ſich
zu Wagen nach der Domkirche. Der Sarg wurde auf den
Leichenwagen geſtellt. Während die Militärkapelle einen
Choral ſpielte, ſetzte ſich der Zug in Bewegung. An
der Spitze ritten Dragoner, es folgten Feldartillerie
und Infanterie. Hinter dem Sarge kamen die Fürſt=
lichkeiten
. In der erſten Reihe ſchritten der König mit
ſeinen Söhnen, der König von Schweden, der König der
Hellenen, der König von Norwegen und die übrigen
Herrſchaften. Um 2¼ Uhr kam der Trauerzug bei der
Domkirche an, wo der Sarg ſofort vom Wagen gehoben
und in die Kirche getragen wurde. Dieſe war aufs
prachtvollſte geſchmückt mit ſchwarz und weißen Drape=
rien
und Blattpflanzen. Auf dem Chore hatte die hohe
Geiſtlichkeit Platz genommen. Der Trauerzug mit der
Leiche des Königs bewegte ſich in der vorgeſchriebenen
Ordnung durch den Mittelgang, wo der Sarg auf den
Katafalk gehoben wurde. Darauf nahmen die könig=
lichen
Herrſchaften Platz. Die Trauerfeier wurde einge=
leitet
durch einen Choralgeſang, worauf Hofprediger
Paulli die Trauerrede hielt. Auf die Rede des Hofpre=
digers
folgten ein Chor= und ein Sologeſang. Gleich=
zeitig
wurden von Infanteriebataillonen Gewehrſalven
abgeſeuert. Während ſich die ganze Verſammlung er=
hob
, wurde der Sarg in die Kapelle Friedrichs V ge=
tragen
. Die königlichen Herſchaften folgten dem Sarge.
Nachdem dieſer auf ſeinen Platz geſtellt war, ſprach Hof=
prediger
Paulli ein Gebet. Unter Orgelklängen ver=

ließen die königlichen Herrſchaften die Kirche und begaben
ſich ins Palais, wobei der König die Königin=Witwe,
König Guſtav die Königin Alexandrine führte, während
die anderen Herrſchaften folgten. Nach kurzem Aufent=
halt
im Palais begaben ſich die Herrſchaften nach dem
Bahnhof, von wo gegen 4 Uhr die Rückreiſe nach
Kopenhagen erfolgte In zwei Sonderzügen folg=
ten
die übrigen Trauergäſte.
München, 24. Mai. Zur Beſichtigung der höchſten
Eiſenbahn Deutſchlands auf dem 1840 Meter
hohen Wendelſtein hatten ſich auf Einladung des Ge=
heimrats
von Steinbeis die Vertreter der Münchener
Preſſe nach Brannenburg begeben, von wo ſie eine Fahrt
auf der neuen Bahn unternahmen. Morgen wird die
Bahn dem allgemeinen Verkehr übergeben.

Kongreſſe und Verbandstage.

Der Landesverband der Hausbeſitzer=
Vereine im Großherzogtum Heſſen hielt
im Konzerthaus der Liedertafel in Mainz ſeinen erſten
Verbandstag ab. Vertreten waren die Verbände
Mainz, Darmſtadt, Offenbach, Gießen und Friedberg.
Außer den Herren des Landesverbandsvorſtandes waren
noch eine Anzahl Vorſtandsmitglieder der einzelnen Ver=
bände
anweſend, insbeſondere Mainz. In Vertretung
des Vorſitzenden des Landesverbandes, Stadtverordneten
Bernhart=Mainz eröffnete Direktor Volk=Mainz
die Verſammlung. Sein Vorſchlag, dem Herrn Architek=
ten
Schembs=Darmſtadt die Leitung der heutigen
Verſammlung zu übertragen, fand einſtimmige Annahme.
Er erſtattete den Geſchäftsbericht über die Tätig=
keit
des Verbandsvorſtandes im abgelaufenen Jahre.
Als vorläufig erledigt können vier große Arbeiten gelten:
1. Der Bericht an die Regierung und beide Kammern
betreffend die Gemeindeſteuergeſetzgebung. 2. Die Re=
form
des Landesbrandkaſſengeſetzes. 3. Der Bericht an
die Regierung zwecks Eintreten beim Bundesrate gegen
die Ueberhandnahme der Beläſtigungen und Nachteile
durch Kraftfahrzeuge, Automobile uſw. in den größeren
Städten und die dadurch bedungene Erhöhung der Ge=
fahr
und Unglücksfälle. 4. Die Denkſchrift an ſämtliche
Oberbürgermeiſter, Bürgermeiſter und Stadtverordneten
Verſammlungen des Großherzogtums betr. die Leiſt=
ung
des Waſſergeldes an die heſſiſchen Gemeinden durch
die Hausbeſitzer. Direktor Volk=Mainz wies darauf hin,
wie in allen dieſen Fragen auch das große Publikum
durch zahlreiche Artikel in den Tagesblättern aller heſſi=
ſchen
Städte auf dem Laufenden gehalten und das Inter=
eſſe
dadurch wachgerufen und rege gehalten worden ſei.
Er habe eine ſehr umfangreiche journaliſtiſche Tätigkeit
auf dieſem Gebiete entwickelt und bei der geſamten Preſſe
Heſſens faſt ausnahmslos großes Entgegenkommen ge=
funden
. Es folgte ein kurzes Referat über die Kaſſen=
verhältniſſe
, die mit einem Ueberſchuß am Jahres=
ſchluſſe
abſchließen.
Der erſte Gegenſtand der Diskuſſion betraf die
Mitgliedſchaft des Vereins Alzey, worüber die Herren
Schembs, Volk und Grünwald=Mainz und Schmidberger=
Friedberg ſprachen. Alsdann wurde Beſchluß gefaßt,
daß der nächſte Verbandstag im Mai 1913 in Offenbach
ſtattfinde. Ueber die Frage einer Verſtärkung des Vor=
ſtandes
, welche ſich in der Praxis ergeben
hat, entſpann ſich eine längere Debatte. Es wurde be=
ſchloſſen
: Eine Statutenabänderung ſoll nicht ſtattfinden,
dagegen ſoll der Vorſtand von Jahr zu Jahr durch auf
dem Verbandstage zu erwählende zwei weitere Herren
aus zwei verſchiedenen dem Verbande angehörigen
Städten auf die Dauer des jeweiligen Geſchäftsjahrs ver=
ſtärkt
werden mit dem Rechte beſchließender Stimme für
die Dauer ihres Jahres. Für das laufende Jahr wur=
den
die Herren Winter=Offenbach und Schmidberger=
Friedberg auf Vorſchlag Volk einſtimmig gewählt.
Hierauf kamen mehrere Anträge des Vereins Offen=
bach
zur Verhandlung; zunächſt die brennende Frage der
zweiten Hypotheken, Referent Direktor Volk, der in län=
geren
Ausführungen, unter Vorlage eines ſtarken Akten=
faſzikels
und Zeitungen, die ungeheuere Mühewaltung
darlegt, die er ſich im Einverſtändnis mit ſeinem Vor=
ſtand
in Mainz in dieſer Sache leider vergeblich
gemacht habe, um den Hausbeſitzern in dieſer ſo drücken=
den
Frage Erleichterung und Hilfe zu gewähren. Leider
ohne Erfolg. Uebrigens ſei das letzte Wort in der Sache
nicht geſprochen und wenn die Gemeindevorſtände in un=
erklärlicher
Ablehnung ſich fern hielten, müſſe eben an
den Staat, die Provinz, gegangen werden. Der Antrag,
den er zu dieſem Zwecke vorſchlug, wurde mit großer
Zuſtimmung angenommen.
Eine längere ſpannende und lehrreiche Diskuſſion
rief der Antrag auf Gründung einer Heſſiſchen
Hausbeſitzer=Zeitung hervor. Im Prinzip

wird die Gründung beſchloſſen; doch ſollen erſt die grund=
legenden
Vorarbeiten in Angriff genommen und gleich=
falls
in nächſter Vorſtandsſitzung gründlich geprüft und
beraten werden. Mit Einholung von Informatioted
ſoll jede Stadt einen ihrer Herren betrauen. Ueber das
rigoroſe Ermittelungsverfahren der heſſiſchen
Behörden bei der Heranziehung der Wertzuwachs=
ſteuer
ſprach Herr Winter=Offenbach dann in kurzem,
intereſſantem und gut aufgenommenem Vortrage. In an=
deren
Städten will man dieſe Erfahrung nicht ſo ſehr
gemacht haben. Der Vorſitzende empfiehlt, Material zu
ſammeln und der Landesverbandsvorſtand wird dann
an geeigneter Stelle, aber auch in geeigneter Form, vor=
ſtellig
werden. Betreffend die raſchere Erledigung von
Miets= und Räumungsklagen referierte derſelbe Herr mit
dem Erfolge, daß beſchloſſen wurde, bei Großh. Mini=
ſterium
der Juſtiz dieſerhalb vorſtellig zu werden. Ein
weiterer Antrag Offenbachs, über den Herr Winter gleich=
falls
kurz referierte, das Geſetz, die Sicherung von
Bauforderungen betreffend, fand nicht allgemei=
nen
Beifall und Anklang und war man in Majorität der
Anſicht, daß ſich hier die Intereſſentenkreiſe, die Bau=
gewerksvereinigungen
, in ihrem eigenen Intereſſe ſelbſt
bemühen möchten, eine Beſſerung der Lücken des betref=
fenden
Geſetzes anzuſtreben. Eine Reviſion des Heſſi=
ſchen
Stempelſteuergeſetzes im allgemeinen,
hauptſächlich hinſichtlich des Immobilienwechſels, nament=
lich
bei Zwangsverſteigerungen, begründete Herr Winter=
Offenbach gleichfalls in längeren Ausführungen. Auch
hier ward beſchloſſen, vorerſt Material zu ſammeln und
dann eventl. in der Sache vorzugehen.
Darauf wurde um 6 Uhr die Verſammlung ge=
ſchloſſen
.

Militäriſches.

* Berlin, 24. Mai. Nachdem die Entſcheidungen
auf die Geſuchsliſten für den Monat Mai vorgeſtern er=
gangen
ſind, laſſen ſich die Perſonalveränder=
ungen
im Heere für dieſen ganzen Monat überſehen.
Nachdem zu Anfang des Monats die 15. Diviſion in
Köln, die 32. und 35. Infanterie=Brigade in Saarbrücken.
und Flensburg, die Infanterie=Regimenter Nr. 21 und
35 in Thorn und Brandenburg a. H., das Feldartillerie=
Regiment Nr. 36 in Danzig und die 11. Gendarmerie=
Brigade in Kaſſel neu beſetzt worden waren, ſind am
22. d. M. hinzugetreten bei der Infanterie die Regimen=
ter
Nr. 114 und 159 in Konſtanz und Mülheim an der
Ruhr, bei der Kavallerie das Huſaren=Regiment Nr. 14
in Kaſſel bei welcher Gelegenheit ſieben Führer von
Kavallerie=Brigaden zu deren Kommandeur ernannt wur=
den
bei der Fußartillerie das Regiment Nr. 13 in
Ulm, beim Ingenieur= und Pionierkorps die 1. und 3.
Ingenieur=Inſpektion in Berlin und Straßburg i. E.,
die 4. und 6. Feſtungs=Inſpektion in Thorn und Metz,
das Kommando der Pioniere des XV und XVIII.
Armeekorps in Straßburg i. E. und Mainz. Ernannt
wurden zu Oberſten 2 Oberſtleutnants der Infanterie,
2 der Feldartillerie und 1 der Eiſenbahntruppen, dazu
161 Leutnants aller Waffen, von denen der überwiegend
größere Teil, nämlich 136, als Abiturienten ein vor=
datiertes
Patent erhielten, ſowie 125 Fähnriche, ein=
ſchließlich
eines aus dem Kadettenkoprs angeſtellten,

Sport,

Radrennen. Die am 2. Juni d. J. vonden
Velozipedklub Darmſtadt angeſetzten großen
Radrennen auf der Radrennbahn verſprechen das Haupt
ereignis der diesjährigen Radrennſaiſon zu werden=Me
ausgeſchriebenen Wettbewerbe vereinigen eine Reiheerſt=
klaſſiger
Steher= und Flieger=Berufsfahrer, deren Teil=
nahme
allein ſchon die Veranſtaltung zu einer bedeuten=
den
macht. Außerdem bringen die Schlußkämpfe der gro=
ßen
Fernfahrt Straßburg-Kolmar-Darmſtadt, die ſich
auf der Rennbahn abſpielen werden, eine angenehme Ab=
wechſelung
des Programms, indem die zwölf Sieger der
Fernfahrt noch zwei beſondere Rennen auf der Rennbahn
beſtreiten. Es wird intereſſant ſein, hierbei beobachten
zu können, welch glänzende Leiſtungen ein gut trainierter
Fahrer zu vollbringen imſtande iſt, der bereits eine Rie=
ſenleiſtung
von 367 Kilometer bewältigt hat. Die ge=
nannte
Fernfahrt, welche am 1. Juni abends 10 Uhr in
Straßburg beginnt, wird von insgeſamt 70 Fahrern be=
ſtritten
, unter denen ſich die bedeutendſten Straßenfahrer
Deutſchlands und Oeſterreichs befinden, und auch der
Wien-Berlin=Sieger H. Ludwig=Nied, der Ernſte von
Mailand-München P. Straſſer=München, die Sieger
vieler großer Fernfahrten: H. Hartmann=Schwabach,
Zeeh=Hamburg, Ernſt=Wien. Rottnick. Sievert, Zander=
Berlin und viele andere. Von beſonderem Intereſſe iſt
die Teilnahme des Straßburger Dauerfahrers Auguſt

uſw. und von dem Stammtiſchgenoſſen herrührte. Der
Stammtiſchgenoſſe erhielt von dem König eine Einladung
zu einem Beſuche in ſeiner Hauptſtadt, und iſt auch mehr=
ffach
Gaſt des Königs geweſen. Eine andere kleine
Anekdote iſt auch ein Zeugnis für den ſchlichten Sinn des
Königs. Bei einer Grundſteinlegung ſollte der Kron=
prinz
auf Bitten der Beteiligten die Weihe vollziehen.
Der König war aber nicht dazu zu bewegen, damit nicht
der junge Prinz zu frühzeitig die Ehrungen ſeines Be=
rufes
kennen lerne. Erſt kommen die Pflichten und dann
der Glanz und die Ehren! Mit dieſer Begründung lehnte
er die Teilnahme des Kronprinzen an der Feierlichkeit ab.
Haarmenſchen. Ein eigenartiges Thema hat ſich
der Profeſſor Ledouble aus Tours in einem großen Werk
geſtellt, das er zuſammen mit Dr. Franeois Houſſay
unter dem Titel Beitrag zum Studium der Veränder=
ungen
durch Uebermaß des Haarwuchſes beim Menſchen
veröffentlicht hat. Er ſtellt hier die wichtigſten Fälle un=
gewöhnlicher
Behaartheit zuſammen von jenen Haar
menſchen, die am ganzen Körper über und über behaart
ſind, bis zu den Frauen, die ſich üppiger Bärte erfreuen.
Von bärtigen Frauen wird ſchon im Altertume
berichtet, ſo von der ägyptiſchen Königin Hatſopitu, von
Goela, der Tochter des römiſchen Konſuls Simachus; von
der heiligen Paula von Avila und der heiligen Wilge=
fortis
erzählt die Legende, daß ſie, um Anfechtungen ihrer
Schönheit zu entgehen, Gott baten, ſie häßlich zu machen,
und nun lange Bärte erhielten, was der Gelehrte durch
die Tatſache auf natürliche Weiſe erklären will, daß Men=
ſchen
nach ſchweren Krankheiten häufig einen abnormen
Haar= und Bartwuchs aufweiſen. Frauen mit ſtarken
Schnauzbärten haben es ſogar bis zum Huſarenleutnant
und bis zum General gebracht; in unſeren Zeiten freilich
laſſen ſie ſich lieber als Wunder in den Panoptiken an=
ſſtaunen
, wie das Beiſpiel der ihrer Zeit berühmten Julig
CCaſtrana beweiſt. Berühmte Bartdamen waren Marie=
Madeleine Lefort, deren Bart nach einer Krankheit ſchnee=
weiß
wurde, ſo daß ſie den Eindruck eines würdigen
Greiſes machte, und Mme. Taylor, die ſich und ihrem
MManne durch dieſe Naturgabe zu einem ſtattlichen Ver=

mögen verhalf. Vielen Frauen bringt freilich der üppige
Flaum auf ihrer Oberlippe kein Geld, ſondern nur Un=
annehmlichkeiten
; eine große Anzahl Fälle läßt ſich an=
führen
, in denen Frauen deswegen als verkleidete Män=
ner
verhaftet wurden. Selbſt kleine Mädchen haben bis=
weilen
ſchon richtige Bärte. Männer zeichnen ſich im
Haarreichtum durch Länge ihrer Bärte aus. Der Baron
Hans=Adam von Oxenſtierna, der 1529 in Stockholm ge=
boren
wurde, war ſtolz auf ſeinen ſechs Fuß zwei Zoll
langen Bart. Einen Bart von 3,20 Meter Länge beſaß
der deswegen berühmte Wolam Tapley aus Texas; unter
den Lebenden wird wohl den längſten Bart Louis Cou=
lon
haben, deſſen Schnurrbart 1,50 Meter und deſſen
Kinnbart 3.30 Meter lang iſt. Den Rekord in der Bart=
länge
hat Jules Dumont mit 3,65 Meter aufgeſtellt. Er
ſtarb 1902 in Tours. Das Hauvthaar von Frauen erreicht
bisweilen einer erſtaunliche Länge; ſo maß das der
Mexikanerin Mercedes Caſſio 2,10 Meter; ein Fall, der
durchaus nicht allein ſteht.
sh. Was iſt Liebfrauenmilch? Die Liebhaber der Lieb=
frauenmilch
werden enttäuſcht ſein, wenn ſie von nach=
ſtehender
Gerichtsverhandlung Kenntnis erhalten: Vor der
zweiten Strafkammer in Mainz als Berufungsinſtanz,
hatte ſich ein Weinhändler zu verantworten, der Aben=
berger
Wein unter dem Namen Liebfrauenmilch verkauft
hat.Das Schöffengericht Worms, vor dem die Sache zu=
erſt’zur
Verhandlung kam, konnte ein Vergehen gegen das
Weingeſetz hierin nicht erblicken, der Amtsanwalt hatte
aber Berufung eingelegt, ſodaß ſich auch die Strafkammer
mit der Angelegenheit befaſſen mußte. Zu dem frei=
ſprechenden
Urteil des Schöffengerichts hatten in erſter
Linie die Gutachten verſchiedener Sachverſtändiger,
Weinkommiſſare und Weingroßhändler, beigetragen, die
übereinſtimmend erklärten, Liebfrauenmiléh ſei nur ein
Phantaſiename. Auf denſelben Standpunkt ſtellte ſich in
der Strafkammerverhandlung der Vorſitzende des Rhein=
heſſiſchen
Weinhändlerverbandes, Kommerzienrat Hart.
Er führte aus, daß in Worms nur ein Liebfrauenſtift in
einer Größe von 6 Hektar exiſtiere. Auf dieſem Gebiete

könnten höchſtens 10 bis 12 Stück Wein geerntet werden,
deren Qualität aber ſo ſei, daß ſie verſtochen werden müß=
ten
. Schon im Mittelalter habe man ſämtliche Weine,
die bei Worms wuchſen, als Liebfrauenmilch bezeichnet.
Das Grundſtück um die Liebfrauenkirche in Worms, das
die Weinberge trage, gehöre 8 Perſonen. 7 von dieſen
Eigentümern hätten ſich ebenfalls auf dieſen Standpunkt
geſtellt, daß Liebfrauenmilch nur ein Phantaſiename ſei,
und daß die Qualität dieſes Weines es verlange, daß er
mit anderen Weinen verſtochen werden müſſe. Nur der
8. Eigentümer, ein Maſchinenfabrikant aus Prag, habe
einen abweichenden Standpunkt eingenommen, aber ledig=
lich
weil er fürchtete, daß das Grundſtück, wenn der Name
als Phantaſiename gelte, nicht mehr den hohen Wert, wie
gegenwärtig beſitzen werde Der Sachverſtändige meinte,
die Marke Liebfrauenmilch ſei nur deshalb eine Welt=
marke
geworden, weil der deutſche Weinhandel beſtrebt ge=
weſen
ſei, unter dieſem Namen nur gute Qualitätsweine
zu liefern. Der Gerichtshof folgte den Ausführungen des
Sachverſtändigen und ſprach den Angeklagten wiederum
frei.
V Ein Schwalbenheim im Warteſaal. Groß=Gerau
kann ſich rühmen, die zweite Stadt Deutſchlands zu ſein,
in deren Warteſaal III. Klaſſe der Eiſenbahnſtrecke Mainz
Darmſtadt ein Schwalbenpaar ſich ſein Heim einrichtet.
Auf dem Kopf einer Leitungsſtange des elektriſchen Lichtes,
die von der Decke herabhängt, haben die eifrigen Tierchen
bereits ein handbreites Fundament zu ihrem Neſt fertig
gekleiſtert, und ſind eben dabei, die Wölbung ihres Baues
auszuführen. Es iſt intereſſant mit anzuſehen, wie un=
geniert
die eifrigen geflügelten Bauhandwerker durch den
Warteſaaleingang ein= und ausfliegen, im Schnabel
Fäden, Packwolle und ſonſtiges Baumaterial, das ſie mit
ungeheuerer Behendigkeit beim Neſwau ankleben. Die
Beamten haben in dankenswerter Weiſe eine ſchirmartigt
Schutzvorrichtung über der elektriſchen Glühbirne ange=
bracht
, und hoffentlich ſtört kein übereifriger Bürokratius,
das muntere Schwalbenpärchen in der Einrichtung ſeiner
Sommervilla!

[ ][  ][ ]

Nummer 123.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 28. Mai 1912.

Seite 3.

raft, der ſich verſchiedentlich auf der hieſigen Rennbahn
ervorgetan hat. Auch die zwei beſten einheimiſchen
jahrer, Damus und Zimmermann vom Velozipedklub,
eteiligen ſich an der Fernfahrt und dürften in der Her=
enfahrergruppe
gute Siegesausſichten haben.

Luftfahrt.

* Darmſtadt, 27. Juni. Das Luftſchiff
Schwaben überflog, von Baden=Baden kommend,
eute morgen nach 9 Uhr unſere Stadt und nahm ſeinen
urs nach Frankfurt.
* Frankfurt a. M., 27. Mai. Das heute früh um
Uhr 5 Minuten zur Beobachtung des Sonnenaufgangs
ufgeſtiegene Luftſchiff Schwaben iſt vormittags ½10
hr über Frankfurt eingetroffen. Nach einer großen
ſchleifenfahrt über der Stadt erfolgte auf dem Gelände
er Deutſchen Luftſchiffahrts=Aktiengeſellſchaft die Land=
ng
gegen 10 Uhr. Bald darauf ſtieg der Kreuzer zu einer
veiſtündigen Rundfahrt um Frankfurt a. M. auf.
* Berlin, 25. Mai. Der zweite Tag der Johan=
isthaler
Flugwoche brachte noch nach der offi=
ellen
Flugzeit einen ſchweren Unglücksfall. Der
it dem Leutnant Schlichting vom Eiſenbahnbataillon als
aſſagier aufgeſtiegene Flieger Focker ging aus be=
rächtlicher
Höhe im Gleitflug nieder. Etwa 15 Meter über
em Boden verſuchte Focker ſeinen Apparat wieder hoch=
ibringen
. Dabei brach ein Flügel. Der Apparat über=
hlug
ſich und ging in Trümmer. Die Hinzueilenden
inden Focker mit ſchweren Verletzungen, wäh=
end
ſein Paſſagier tot war.
H. B. Leipzig, 25. Mai. Das heute 6 Uhr hier
ingetroffene Parſeval=Luftſchiff Nr. 6 wurde ge=
en
¾11 Uhr von einer Windböe erfaßt und losgeriſſen.
Es wurde etwa 200 Meter weit geſchleift und iſt voll=
tändig
zertrümmert. Das Luftſchiff bereitete
ich gerade zum Aufſtieg vor, als es plötzlich von einem
Vindſtoß in die Höhe geriſſen wurde. Im Luftſchiff be=
and
ſich nur noch der Steuermann, welcher der Mann=
chaft
, welche den Ballon hielt, zurief: Loslaſſen! Bis
luf einen Soldaten folgten alle dem Befehl. Dieſer ließ
rſt aus einer Höhe von 5 Metern los und erlitt durch
den Abſturz ſchwere Verletzungen. Der Steuer=
nann
öffnete ſofort die Reißleine, worauf das Luftſchiff
urückſank. Hierbei ſtieß es gegen die Umzäunung eines
Tennisplatzes, der ſich unmittelbar an den Sportplatz an=
chließt
. Bei dem Aufprall knickte die Ballonhülle in der
Mitte zuſammen. Die Motore ſind vollſtändig zertrüm=
nert
. Der Steuermann wurde durch den Anprall aus
der Gondel geſchleudert und erlitt ſchwere Verletzungen,
* Kiel 26. Mai. Zum Nordmarkflug haben
ich bisher 20 Flieger gemeldet. Damit iſt die Höchſtzahl
er zugelaſſenen Teilnehmer erreicht.

Vom Spielplan des Hoftheaters 1911/12.

* Der offizielle ſtatiſtiſche Rückblick für das
Theaterjahr 191112 iſt ſoeben erſchienen. Wir
erſehen daraus, daß gegeben worden ſind 176 Vor=
ſtellungen
im Abonnement (in der vorigen Saiſon
ebenfalls 176) und 46 (42) außer Abonnement, darunter
26 (23) Schüler= und Volksvorſtellungen bezw. Vorſtellungen
zu ermäßigten Preiſen, 5 (4) Kindervorſtellungen und 1
Sondervorſtellung für die Schüler der Stadtſchulen, alſo
im ganzen 222 (218) Vorſtellungen. Der Kunſtgattung
nach gehörten den Opern und Operetten 114 (119), dem
Ballett 7 (6), dem komiſchen Genre 9 (15), dem Schau= und
Luſtſpiele 105 (95) Aufführungen an. In der Oper und
Operette erſchienen unter 43 (49) verſchiedenen Werken
meu 4 (5), neu einſtudiert 9 (11), im Schauſpiel im
weiteren Sinne unter 51 (49) verſchiedenen Werken neu
12 (10), neueinſtudiert 19 (18).
Von den neuen Werken der Oper bezw. Operette
hatte Grigri den größten Bühnenerfolg zu verzeich=
nen
, die übrigen drei brachten es auf 4 bezw 5 Auffüh=
rungen
. Von den neuen Werken im Schauſpiel brachten
es außer dem Zugſtück der Saiſon Meyers nur Ernſt
Hardts Gudrun und das bald wieder vom Spielplan
verſchnfundene Luſtſpiel Das kleine Schokoladenmäd=
chen
auf 4 Aufführungen, 4 Stücke wurden dreimal, 2
zweimal und Die Jüdin von Toledo gar nur einmal
aufgeführt.
Die meiſten Aufführungen überhaupt,
mämlich 10, erlebte das Luſtſpiel Meyers nach ihm
ommt die Operette Grigi mit 9 Aufführungen. Fünf
Aufführungen hatten zu verzeichnen die Opern Carmen

Der Kuhreigen und Tosca Auf 4 Aufführungen
brachten es die Opern Das Glöckchen des Eremiten
Madame Butterfly und Der Schmuck der Madonna
das Ballett Champagnerviſionen und im Schauſpiel: Das
kleine Schokoladenmädchen Gudrun, Glaube und
Heimat.
Der meiſtaufgeführte Komponiſt iſt Richard
Wagner mit 20 Vorſtellungen und 8 Werken. Von Puccini,
Verdi und Lortzing wurden je 3 Werke in 10 bezw 8 und
4 Vorſtellungen aufgeführt. Im Schauſpiel ſteht
Schiller mit 6 Werken und 7 Vorſtellungen an der Spitze;
nach ihm kommen Shakeſpeare mit 5 Werken und 9 Vor=
ſtellungen
, Grillparzer mit 3 Werken und 4 Vorſtellungen.
Goethe iſt mit der Fauſt=Trilogie und Taſſo in 10 Vorſtel=
lungen
vertreten.
Aus dem Perſonal des Hoftheaters ſind
ausgeſchieden die Damen: Scherbarth, Speiſer=
Suchanek, Howard, Grünberg, Bruker, Lehmann, Longin
und die Herren: Lehrmann, Hans Hacker, Speiſer, Hoff,
Heinz (Chordirektor), Weiß. Neu engagiert ſind, ſo=
weit
uns bekannt geworden iſt: die Herren Leo Schützendorf
(Baßbuffo), Auguſt Globerger (lyriſcher Tenor), Kurt Ehrle
(jugendlicher Liebhaber), Frau Olga Kallenſee ( Koloratur=
ſängerin
), Frl. Anna Jacobs (Altiſtin), Frl. Katharina
Jüttner (Opernſoubrette), Frl. Käthe Dorſch ( Operetten=
ſoubrette
).
Ferner wird mitgeteilt, daß Herr Dr. Paul Eger, ſeit=
her
Dramaturg und Oberregiſſeur am Landestheater in
Prag, vom 1. Juli d. J. ab mit dem Charakter als Gene=
raldirektor
zum Leiter des Hoftheaters ernannt wor=
den
ſei.

Graf Berchtolds Beſuch in Berlin.

* Berlin, 25. Mai. Wie das Wolffſche Bureau von
gut unterrichteter Seite erfährt, iſt Graf Berchtold
durch die Aufnahme, die ihm hier von allen maßgeben=
ien
Kreiſen bereitet wurde, ſowie durch den gnädigen
Empfang, den ihm der Kaiſer gewährte, außerordent=
ich
befriedigt. Die eingehenden Unterredungen, die mit
em Reichskanzler und dem Staatsſekretär des Aeußern
gepflogen, wobei alle politiſchen Tagesfragen durchſpro=
hen
wurden, ergaben, daß man in Berlin für die konſer=
ativen
Ziele der öſterreichiſch=ungariſchen Politik volles
Verſtändnis hat und auch einſieht, wie großen Wert für
ie Nachbarmonarchie infolge ihrer geographiſchen Lage
ind wirtſchaftlichen Intereſſen am Balkan die unge=
törte
Erhaltung der Ruhe im Oſten Euro=
as
beſitzt.
* Wien, 25. Mai. Zu dem Berliner Beſuch
des Grafen Berchtold ſchreibt das Fremdenblatt.
die Fahrt des Miniſters nach der Hauptſtadt des Deut=
chen
Reiches entſprach der feſtgewurzelten Tradition,
rach der die neuen Staatsmänner der beiden verbündeten
Mächte nach ihrem Amtsantritt ſich dem Souverän des
illiierten Staates vorſtellen und mit den leitenden
Staatsmännern in perſönliche Fühlung treten. Unter
Bezugnahme auf die Begrüßung durch die Norddeutſche
Allgemeine Zeitung heißt es dann weiter: Die warme,
gerzliche Aufnahme, die Graf Berchtold bei ſeinem Beſuch
in Berlin fand, gibt abermals Zeugnis von den unver=
inderten
feſten und innigen Beziehungen
zwiſchen dem Deutſchen Reiche und der öſterreichiſch= un=
gariſchen
Monarchie. Gerade im jetzigen Augenblick wird
den Beſprechungen Graf Berchtolds mit den leitenden
Perſönlichkeiten des Deutſchen Reiches geſteigerte Wich=
igkeit
beigemeſſen werden, da es ja ſelbſtverſtändlich iſt,
daß bei den Unterredungen alle die auswärtige Po=
litik
berührenden Fragen erörtert werden. Die
etzige, ziemlich komplizierte auswärtige Lage wird der
Erörkerung überaus reichen Stoff geliefert haben. Es

braucht wohl nicht erſt hervorgehoben zu werden, daß
bei dieſer Gelegenheit abermals die vollſtändige
Uebereinſtimmung in den Aeußerungen der lei=
tenden
Staatsmänner der beiden alliierten Mächte zu=
tage
trat. Erſt vor kurzer Zeit gedachte Graf Berchtold
in ſeinem vor den Delegationen entwickelten Expoſé des
deutſch=öſterreichiſch=ungariſchen Bundesverhältniſſes in
wärmſten Worten. Der herzliche, ehrende Empfang, der
ihm in Berlin zuteil wurde, fügte ſich harmoniſch dem
Bilde an, das Graf Berchtold in den Delegationen über
die Beziehungen zwiſchen dem Hohenzollernhauſe und
der Habsburger Monarchie entwarf.
* Wien, 25. Mai. Der Berliner Vertreter der
Neuen Freien Preſſe erfährt von maßgebender Seite, der
Zweck der Reiſe des Grafen Berchtold ſei
erreicht worden. Graf Berchtold habe mit dem Kai=
ſer
und dem Kanzler ausführliche Beſprechungen über
die europäiſche Lage gepflogen, wobei eine völlige
Uebereinſtimmung der Auffaſſungen zutage getreten
ſei. Unrichtig ſei die Annahme, daß der Beſuch nur mit
der angeblich geplanten gemeinſamen Aktion Deutſch=
lands
und Oeſterreich=Ungarns in der Frage des türkiſch=
italieniſchen
Krieges zuſammenhänge. Eine ſolche Aktion
ſei nicht beabſichtigt. Der Beſuch würde überhaupt kei=
nerlei
Ueberraſchungen zur Folge haben. Das von ita=
lieniſchen
Blättern verbreitete Gerücht, daß ein Proteſt
Oeſterreich=Ungarns und Deutſchlands bei der Pforte
wegen der Ausweiſung der Italiener bevorſtehe, ſei
falſch, ebenſo die Nachricht, daß eine Konferenz zur Be=
endigung
des Krieges einberufen werden ſolle.

Erdbeben.

Jugenheim a. d. B., 26. Mai, V. Die Erd=
bebenwarte
meldete die Regiſtrierung eines mit tel=
ſtarken
Fernbebens am 25. Mai, abends von 7
Uhr 4 Min. 52 Sek. bis gegen 7¾ Uhr. Der Herd liegt
in der Türkei, am Südufer des Schwarzen
Meeres etwa 42 Grad nördlicher Breite, 33½ Grad
öſtlicher Länge. Es iſt nicht zu erwarten, daß ein erheb=
licher
Schaden angerichtet wurde, da das betroffenene Ge=
biet
ſchwach bevölkert iſt.
* Laibach, 25. Mai, 9 Uhr nachm. Heute abend
7 Uhr 3 Minuten 58 Sekunden wurde der Beginn eines
ſtarken Fernbebens regiſtriert. Die Hauptbeweg=
ung
von 35 Millimetern war um 7 Uhr 10 Min. 9 Sek.
Der Herd iſt im Oſten, 1400 Kilometer entfernt.
* Bukareſt, 27. Mai. Geſtern abend 8 Uhr wurde
faſt in ganz Rumänien ein Erdbeben verſpürt. Be=
ſonders
ſtark mit unterirdiſchem Getöſe verbunden war es
in Facſani, wo großer Schaden angerichtet wurde und
eine Panik entſtand. Um 10 Uhr abends wurde ein neuer
Erdſtoß von geringer Stärke verſpürt. Die Bevölkerung
fürchtete ſich, in ihre Behauſungen zurückzukehren.

Die Exzeſſe in Peſt.

* Peſt, 24. Mai. Heute abend wurden auf der
äußeren Waiznerſtraße neuerdings Exzeſſe verübt,
wobei 140 Verhaftungen erfolgten. Die Exzedenten waren
vielfach mit Revolvern und Meſſern bewaffnet und mit
großen Steinen verſehen, mit denen ſie die Schutzleute
bewarfen. In einigen Provinzſtädten iſt der eintägige
Generalſtreik ohne ernſte Ruheſtörung verlaufen. Die
Aufnahme der ausgeſperrten Arbeiter der Fabriken iſt
für Dienstag nach Pfingſten feſtgeſetzt.
* Peſt, 24. Mai. Seit den erſten Nachmittagsſtun=
den
regnet es in Strömen. Infolgedeſſen ließen die
Kundgebungen, die in den äußeren Bezirken noch
in den erſten Abendſtunden ſtattfanden, an Umfang, und
Stärke nach.
Peſt, 27. Mai. Die Opfer der Arbeiter=
unruhen
wurden unter Teilnahme einer nach vielen Tau=
ſenden
zählenden Arbeitermenge zu Grabe getra=
gen
. Die Juſthpartei ließ ſich durch die Abgeordneten
Bekanyi und Gyoerffy vertreten. Nach der kirchlichen
Zeremonie hielt der Arbeiterführer Bekanyi die Trauer=
rede
, worauf die Menge ſich in größter Ordnung zer=
treute
.

Der italieniſch=türkiſche Krieg.

* Rom, 24. Mai. In der Kammer ſetzte der Unter=
ſtaatsſekretär
des Aeußern, Scalea, eingehend die Maß=
nahmen
auseinander, die die Regierung zur Unter=
ſtützung
der Einſchiffung der von der Türkei aus=
gewieſenen
Italiener ergriffen hat. Er er=
wähnte
, daß die Hafenbehörden angewieſen ſeien, bei der
Ankunft der Ausgewieſenen für die Unterkunft der Be=
dürftigen
zu ſorgen und ihnen Arbeit zuzuweiſen. Sca=
lea
erklärte, die Ausgewieſenen würden leicht Exiſtenz=
mittel
im Vaterlande finden. Schließlich ſandte er im
Namen der Kammer den Ausgewieſenen ſeinen Gruß,
die unverzagt die ſchmerzliche Maßnahme auf ſich genom=
men
und dadurch ihres italieniſchen Namens ſich würdig
gezeigt hätten.
* Petersburg, 25. Mai. Die in der Wiener All=
gemeinen
Zeitung und in anderen ausländiſchen Blät=
tern
erſchienene Meldung, Rußland habe die Ini=
tiative
zur Einberufung einer Konferenz in der Frage
des türkiſch=italieniſchen Krieges ergriffen,

entbehrt jeglicher Begründung. Rußland beabſichtigt
nicht, eine derartige Initiative zu ergreifen.
* Rom, 25. Mai. Die Regierung hat die Auf=
hebung
der Blockade von Rhodos ange=
ordnet
.
* Mailand, 25. Mai. Der Corriere della Sera
meldet vom 24. Mai aus Athen, daß bisher 4000 Ita=
liener
Smyrna verlaſſen haben und in Kon=
ſtantinopel
angekommen ſeien. Weitere 6000 Italie=
ner
würden Smyrna verlaſſen, ſobald eine genügende
Anzahl von Dampfern vorhanden ſein werde. Die Aus=
gewieſenen
hätten ſich über ſchlechte Behandlung durch die
türkiſchen Behörden beklagt. Drei italieniſche Eiſenbahn=
arbeiter
ſeien ohne jede Urſache getötet worden. Einem
weiteren Telegramm des Corriere zufolge hat General
Ameglio aus den Gefängniſſen von Rhodos Epiroten,
Albanier, Mazedonier und Bulgaren ſowie politiſche Ge=
ffangene
freigelaſſen. Auch politiſchen türki=
ſchen
Gefangenen, die nach der Inſel Rhodos ver=
bannt
worden waren, gab er die Freiheit wieder.

Marokko.

* Fez, 24. Mai. General Liautey iſt heute
nachmittag hier eingetroffen. El Mokri begrüßte den
General als Vertreter des Sultans drei Kilometer von
der Stadt und gab ihm zu Ehren ein Frühſtück. Liautey
trank auf das Wohl des Sultans und das Gedeihen des
Landes. El Mokri erwiderte, indem er Liautey willkom=
men
hieß. Der Geſandte Regnault hatte eine lange
Unterredung mit dem General. Sodann ſetzte ſich der
Zug nach Fez in Bewegung. Franzöſiſche Truppen bil=
deten
Spalier. Die Menge der Soldaten machte auf die
zahlreichen Eingeborenen, die als Zuſchauer herbeige=
ſtrömt
waren, ſichtlichen Eindruck. Ueber dem Stadttore
von Fez wehen die franzöſiſchen Farben. Der Sultan
wird Liautey morgen in Audienz empfangen.
* Fez, 25. Mai. Der Geſandte Regnault gab
geſtern dem General Liautey ein Diner, auf dem
Regnault erklärte Erfolge Liauteys würden Erfolge
Frankreichs ſein. Liautey erwiderte, indem er die Erfolge
Regnaults feierte. Er gab den Entſchluß kund, an den
Grundſätzen des Protektorats und der Souveränität des
Sultans feſtzuhalten und die Sitten und die Religion der
Eingeborenen zu achten. Den Eingeborenen gegenüber
werde er eine Politik der Sympathie und der Rückſicht=
nahme
befolgen, was für militäriſche Maßregeln er auch
ergreifen müſſe. Später fand eine Soiré ſtatt, an dem
auch Mitglieder der franzöſiſchen Kolonie und der fremden
Konſulate teilnahmen.
* Paris, 25. Mai. Nach einer anſcheinend offi=
ziöſen
Meldung hat Generalreſident Liautey
vorläufig als Verſtärkungstruppfen drei Infan=
teriebataillone
, womöglich Marine=Infanterie, dann
eine Gebirgsbatterie und zwei Reitergeſchwader ver=
langt
. Die Regierung ſei entſchloſſen, alles zu bewilli=
gen
, was er zur Durchführung der ihm anvertrauten Auf=
gabe
fordern ſollte. Liautey habe aus ſeiner Anſicht über
die Schwierigkeiten dieſer Aufgabe keinen Hehl gemacht.
* Paris 25. Mai. Im Miniſterrat ſprach ſich der
Miniſterpräſident über die Lage in Marokko aus.
Dann wurde in die Beratung des vom Miniſter des In=
nern
ausgearbeiteten Vorentwurfs zur Wahlreform ein=
getreten
.
* Paris, 27. Mai. Nach einer beim Kriegs=
miniſter
eingegangenen neueren Meldung ſind bei dem
geſtern bei Fez ſtattgehabten Kampfe lediglich einige
Soldaten verletzt worden.

Literariſches.

Heſſiſche Chronik Monatsſchrift für Fa=
milien
= und Ortsgeſchichte in Heſſen und Heſſen=Naſſau.
Begründet und herausgegeben von Dr. Hermann Bräu=
ning
=Oktavio und D Dr. Wilhelm Diehl. Das vorlie=
gende
Heft 5 der ſchnell beliebt gewordenen Zeitſchrift
hat folgenden Inhalt: Stadtpfarrer D. Dr. Wilhelm
Diehl: Aus dem Hausbuch des Amtsverweſers Johann
Philipp Lichtenberg. 3. Profeſſor K. Henkelmann:
Zur Einwanderung der Schweizer in den Odenwald.
Wilhelm Müller: Radbrennen, ein alter Gerichts=
brauch
im Ingelheimer Grund Dr. Albert Becker:
Zur Verlobungsgeſchichte der Großen Landgräfin Ge=
heimerat
Guſtav Kobelt: Erlebniſſe eines heſſiſchen
Feldjägers. 1793 bis 1795. Dr. F. Schrod: Hofrat
Bernhard Meyer. Mit Abbildungen. Stadtarchivar Fer=
dinand
Dreher: Cuſtines Schutzbrief für Friedberg in
der Wetterau. Aachener Wappen und Genealogien, ſowie
die Rubriken: Bücherſchau. Aus Zeitſchriften. Umfra=
gen
. Nachrichten. Der Bezugspreis beträgt vierteljähr=
lich
1,50 Mark, jährlich 6 Mark. Preis des Einzelheftes
60 Pfg.
Die Ernährung des geſunden und
kranken Magens. Von Dr. P. Münz, Badearzt
in Bad Kiſſingen. Verlag Heerdegen & Barbeck (Bruno
Henings) in Nürnberg. Preis 1.80 Mk. Der als medizi=
niſcher
Schriftſteller bekannte Badearzt Dr. Münz (Bad
Kiſſingen) bringt in der vorliegenden Schrift das ebenſo
ſchwierige wie wichtige Gebiet der Diätetik des geſunden
und kranken Magens in klarer und leichtverſtändlicher,
oft geradezu ſpannender Weiſe zur Darſtellung und führt
dem Leſer gleichzeitig ein anſchauliches Bild von allen
Arten der Magenerkrankungen und der Wichtigkeit ihrer
diätetiſchen Behandlung vor Augen.
Dr. Baſtian Schmids naturwiſſen=
ſchaftliche
Schülerbibliothek. Bd. 2. Phyſi=
kaliſches
Experimentierbuch, Teil II, von Profeſſor Her=
mann
Rebenſtorff in Dresden. Anleitung zum Experi=
mentieren
für mittlere und reife Schüler. Mit 87 Ab=
bildungen
. VI. und 178 S. 8. 3 Mk. Verlag von B. G.
Teubner, Leipzig und Berlin. Dem mit großem Inter=
eſſe
von den jugendlichen Leſern aufgenommenen erſten
Bändchen des Experimentierbuches iſt jetzt der bereits
darin angekündigte zweite Band gefolgt. Der Hauptzweck
iſt wiederum auf die Anleitung zum ſelbſtändigen Expe=
rimentieren
gelegt, während die theoretiſche Behandlung
zurücktritt. Die Verſuche ſind ſo ausgewählt, daß ſie
unter Anwendung geringer, für jeden Schüler erreich=
barer
Mittel zum gründlichen Beobachten und zum Nach=
denken
anregen. Wie in dem erſten Bändchen des Experi=
mentierbuches
, ſo wird auch in dieſem das ganze Gebiet
der Phyſik, entſprechend dem Verſtändnis der entſpre=
chenden
Altersſtufe, behandelt.

Darmſtadt, 27. Mal.
-gs- Unfälle. Geſtern vormittag, bei Ankunft des
Zeppelin=Luftſchiffes, wollte ein in der Lindenhofſtraße
wohnendes 13jähriges Mädchen aus dem Fenſter im
erſten Stock hinausſehen, bekam aber, weil das Bettzeug
noch im Fenſter lag, das Uebergewicht und ſtürzte in
den Hof. Das Kind trug einen Schädelbruch davon.
Es wurde durch die Rettungswache mittelſt Kranken=
Kraftwagen in das ſtädtiſche Krankenhaus verbracht.
Nachmittags gegen 3 Uhr kam eine Dame in der Frank=

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 28. Mai 1912.

Nummer 122.

furterſtraße mit ihrem Fahrrad ſo unglücklich zu
Fall, daß dieſelbe einen Bruch des rechten Unterſchenkels
davontrug. Sie wurde nach Anlegung eines Stützver=
bandes
durch die Rettungswache mittelſt Kranken= Kraft=
wagen
in das ſtädtiſche Krankenhaus verbracht.

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Berlin, 25. Mai. Der Jahresfeier der argen=
tiniſchen
Unabhängigkeits=Erklärung
wurde heute mit einem Feſtmahl begangen, zu dem
der Deutſch=Argentiniſche Zentralverband zur Förderung
wirtſchaftlicher Intereſſen in den Kaiſerſaal des Hotels
Adlon eingeladen hatte. Dem Ehrenmitglied des Ver=
bandes
Generalfeldmarſchall Dr. Frhr. von der Goltz,
der bekanntlich als Spezialgeſandter des Kaiſers der
Jahrhundertfeier der argentiniſchen Unabhängigkeits=
erklärung
im Jahre 1910 angewohnt und bei dieſer Ge=
legenheit
den Grundſtein zu dem von den Deutſchen
Argentiniens der Stadt Buenos Aires geſtifteten Monu=
mentalbrunnen
gelegt hat, wurde vorher eine künſtleriſche
Nachbildung zweier prachtvoller Gruppen dieſes Mon=
mentalbrunnens
übergeben.
* Berlin, 25. Mai. Der einige Tage vor Oſtern
nach Unterſchlagung von 400 Mk. Regimentsgeldern
verſchwundene Zahlmeiſteraſpirant Bamberger vom
Gardefüſilier=Regiment iſt im Walde von Hennigsdorf
tot aufgefunden worden. Neben ihm lagen die
Leichen ſeiner Geliebten und deren dreijährigen Tochter;
ſie haben anſcheinend Gift genommen.
* Neues Palais bei Potsdam, 25. Mai. Graf
Berchtold traf um 12½ Uhr in Begleitung des öſter=
reichiſchen
Botſchafters hier ein und wurde vom Kai=
ſer
allein empfangen. Graf Berchtold wurde zur Früh=
ſtückstafel
geladen. Er ſaß rechts vom Kaiſer, links vom
Kaiſer der öſterreichiſche Botſchafter. An der Tafel nah=
men
außerdem u. a. der Reichskanzler, Staatsſekretär von
Kiderlen=Wächter, der öſterreichiſch=ungariſche Marine=
attaché
und der Militärattaché, der Chef des Zivil= und
Militärkabinetts und der Chef des Generalſtabes, von
Moltke, teil.
* Potsdam, 27. Mai. Heute vormittag begann das
Stiftungsfeſt des Lehr=Infanterie=
Bataillons, ſog. Schrippenfeſt, mit Gottesdienſt an
der Südſeite des Neuen Palais, an dem außer dem Kai=
ſerpaar
, vielen Prinzen und Prinzeſſinnen, dem Reichs=
kanzler
, die Generalität und die fremdherrlichen Offiziere
teilnahmen. Nach dem Gottesdienſt nahm der Kaiſer
den Vorbeimarſch ab, worauf in fahnengeſchmückten Zel=
ten
die Mannſchaftsſpeiſung ſtattfand. Der Kaiſer
brachte ein Hurra auf die Armee, der Generaloberſt auf
den Kriegsherrn aus; ſämtliche Kapellen der Potsdamer
Garniſon konzertierten. Nach militäriſchen Meldungen
der ſchwediſchen und chileniſchen Militärattachés, des
bayeriſchen Generalleutnants Ritter v Hoehn, und in=
ländiſcher
Offiziere fand in dem Muſchelſaal des Neuen
Palais Frühſtückstafel ſtatt.
* Frankfurt a. M., 27. Mai. In der Nacht vom Sams=
tag
zum Sonntag gegen 3 Uhr brach in der Dampfſchrei=
nerei
von Georg Canne in Rumpenheim Großfeuer
aus, das rieſige Dimenſionen annahm. Sämtliche Feuer=
wehren
der Umgegend und die Berufsfeuerwehren von
Frankfurt a. M. und Offenbach a. M. eilten nach der
Brandſtätte. Erſt am Sonntag mittag konnte man des
Feuers Herr werden. Der Frankfurter Feuerwehr gelang
es, ein großes Benzin= und Oellager zu retten. Der Scha=
den
beträgt 6700000 Mark. Geſtern früh um 4 Uhr
wurde die Feuerwehr nach dem Schaumainkai ge=
rufen
, wo eine Bauhütte in Brand geraten war.
Nach dem Ablöſchen fand man die verkohlte Leiche des
Nachtwächters Otto Pfeffer vor. Auch ſein Hund war
in den Flammen umgekommen. Die Urſache iſt offenbar
Entzündung durch Ueberheizen des Ofens.
* Kronberg, 27. Mai. Auf Schloß Friedrichshof
waren heute nachmittag die Kronprinzeſſin von Griechen=
land
und deren Schweſter Prinzeſſin Adolf von Schaum=
burg
=Lippe zu kurzem Beſuch eingetroffen. Die Damen
fuhren zum Tee nach Frankfurt a. M. Das Prinzen4
paar Friedrich Karl von Heſſen war mit ſeinen ſechs
Söhnen heute zum Frühſtück bei der Landgräfin von
Heſſen.
* Karlsruhe, 25. Mai. Der Hilfsmuſiker Brüßer vom
Badiſchen Leibdragoner=Regiment Nr. 20, der am Morgen
des 24. Januar das Dienſtmädchen Margarete Benz aus
Eiferſucht erſchoſſen hatte, wurde vom Oberkriegsgericht
wegen Mordes zum Tode verurteilt. Die Benz
hatte das Verhältnis zu ihm löſen wollen.
* Freiburg i. B., 25. Mai. In der heutigen Vor=
mittagsverhandlung
im Platten=Prozeß
erſtattete der Pſychiater Profeſſor Dr. Bunke ſein Gut=
achten
, bei dem er nichts von nachteiligen Folgen des
damaligen Ohnmachtsanfalles glaubt. Bei der Beob=
achtung
in der pſychiatriſchen Klinik habe Platten den
Eindruck eines frühzeitig gealterten Mannes gemacht,
doch konnten beträchtliche Veränderungen im Blutkreis=
lauf
nicht feſtgeſtellt werden. Das Gedächtnis Plattens,
der ein Mann von mehr als durchſchnittlicher Begabung
ſei, ſei nicht ganz normal in mänchen Dingen und ſeeliſch
ſei Platten eigentümlich veranlagt, bar von Gefühlswal=
lungen
. Es ſei in der Klinik gelungen, Platten einen
mehr als fünfſtündigen ununterbrochenen Schlaf zu ver=
ſchaffen
. Der Gutachter kommt zu dem Schluß, Platten
leide an Arterien=Scleroſe und an ſehr leichter Gehirn=
erregung
, aber chroniſcher Alkoholismus liege bei ihm
nicht vor. Mitbeſtimmend für die Strafbemeſſung ſeien
die pathologiſchen Momente und Alkoholgenuß, dage=
gen
eine geiſtige Krankheit oder Bewußtloſigkeit nicht
anzunehmen. Strafrechtlich ſei Platten für ſeine Tat
verantwortlich, denn er hätte es ſeinem Heizer ſägen
müſſen, wenn er ſeine Widerſtandsfähigkeit ſchwinden
fühlte. Außerdem iſt in der heutigen Sitzung ein
Schreiben der Generaldirektion der badiſchen Eiſenbah=
nen
verleſen worden, wonach bisher an Entſchädigungen
1 766 425 Mark bezahlt worden ſind. Neun Fälle ſind
aber noch nicht entſchieden.
* Stuttgart, 27. Mai. Ueber den Tod der Her=
zogin
von Urach werden folgende Einzelheiten ge=
meldet
: Die Herzogin ſtand geſtern nachmittag in beſter
Stimmung und ungeſtörtem Wohlbefinden zum zweiten
Mal ſeit ihrer Niederkunft auf und zog ſich etwas raſch
an. Kurz nach 4½ Uhr trat plötzlich ein ohnmachtähnlicher
Zuſtand ein, den der ſofort herbeigerufene Arzt als Em=
bolie
der Lungenarterien, verurſacht durch abgeriſſenen
Thrombus einer vorausgegangenen Venenentzündung
erkannte. Bei der ſchweren Art der Erkrankung war eine
Rettung unmöglich. Die Herzogin verſchied nach kurzer
Zeit ohne Todeskampf und ohne das Bewußtſein wieder=
erlangt
zu haben.
Dresden, 27. Mai. Der König empfing geſtern
abend 7 Uhr im Reſidenzſchloß den Miniſter des Aeußern
Berchtold in Gegenwart des Staatsminiſters Vitzthum

v. Eckſtädt und des öſterreichiſchen Geſandten Grafen
Forgach in Audienz. Er überreichte hierbei Berchtold
den Hausorden der Rautenkrone, während Graf Hoyos
das Komturkreuz 2. Klaſſe des Albrechtsordens erhielt.
Der Audienz ſchloß ſich eine Tafel an, an der Graſ
Berchtold, Graf Hoyos, Staatsminiſter Vitzthum v. Eck=
tädt
, ſowie Geheimer Legationsrat v. Stieglitz und
andere teilnahmen. Um 10.50 Uhr reiſte Graf Berchtold
nach Wien zurück.
* Eydtkuhnen, 27. Mai. Hauptmann Dreßler
traf, dem Oſtdeutſchen Grenzboten zufolge, geſtern
abend im Bahnhof, von einer zahlreichen Menge mit
Hurrarufen begrüßt, ein. Die Freilaſſung war ihm vor=
geſtern
nacht 1 Uhr in der Zelle mitgeteilt worden.
Dreßler wurde, wie er ſelbſt angibt, ſtets gut behandelt.
* Peſt, 27. Mai. Aus Neuſchloß und Reſicza wer=
den
große Ueberſchwemmungen gemeldet. Zahl=
reiche
Häuſer ſind eingeſtürzt, die Saaten ſind ver=
nichtet
. Auch andere Ortſchaften der Umgebung ſtehen
unter Waſſer. Der Schaden beträgt mehrere Millionen.
* Rom, 25. Mai. In der Deputiertenkammer
wurde heute bei der Beratung der Wahlreform der
Antrag Mirabelli auf Abſchaffung der Vereidig=
ung
der Abgeordneten mit großer Mehrheit abgelehnt,
nachdem der Miniſterpräſident ſich dagegen ausgeſprochen
und darauf hingewieſen hatte, daß auch der König den
Eid auf die Verfaſſung leiſte und daß jedermann wiſſe,
wie treu die Könige von Italien immer daran gehalten
haben. Das Wahlreformgeſetz wurde darauf angenommen.
Der Berichterſtatter Bertolini dankte den Abgeordneten
für die Mitarbeit an dem Geſetz und beglückwünſchte
Giolitti zu der Einbringung und der Annahme der ſo
bedeutenden Reform. Er wünſchte, daß ſich die von
der Kammer an die Ausdehnung des Wahlrechts ge=
knüpften
Hoffnungen auf neuen Fortſchritt, neue Blüte
und weiteres Wohlergehen Italiens erfüllen möchten.
Brüſſel, 27. Mai. Infolge des Ablebens der
Herzogin von Urach reiſten der König und die
Königin heute vormittag nach Stuttgart.
* Antwerpen, 27. Mai. Jean Blockx Direktor
des Konſervatoriums, iſt im Alter von 62 Jahren ge=
ſtorben
.
* London, 27. Mai. Die Laſtträger von Co=
vent
=Garden, ſowie vom Londoner Frucht= Mehl= und
Gemüſemarkt ſtellten heute morgen gemäß der Auf=
forderung
des Verbandes die Arbeit ein. Die Nicht=
organiſierten
ſetzten die Arbeit fort. Die Vertreter des
Verbandes bemühen ſich, ſie zum Anſchluß an den
Streik zu bewegen.
* Madrid, 27. Mai. Der Ausſtand der Eiſen=
bahnangeſtellten
in Andaluſien nimmt eine be=
trächtliche
Ausdehnung an. Die Bezirke von Cordova
und Sevilla haben ſich der Bewegung angeſchloſſen.
Die Züge werden von den Ingenieuren und Aſſiſtenten
geführt; nur die Poſt führenden Züge verkehren. Die
Niveauübergänge ſind ohne Bewachung. Auch die Ange=
ſtellten
der Bezirke von Cadix haben den Streik im gan=
zen
Netz erklärt. In Keres unterſtützen die Hafenarbei=
ter
die Bewegung. Die Angeſtellten von Granada haben
heute den Streik beſchloſſen. In Andaluſien wurden
einige Züge bei der Fahrt angehalten.
* Madrid, 27. Mai. Der Miniſterpräſident, die Mi=
niſter
der öffentlichen Arbeiten und des Innern, ſowie
der Direktor der andaluſiſchen Eiſenbahn=
geſellſchaft
berieten heute über den Streik. Die
Regierung trifft Maßregeln, um die Aufrechterhaltung
des Dienſtes zu ſichern und im Falle von Verwickelun=
gen
ſchnell einzugreifen.
Odeſſa, 27. Mat. Infolge eines Windſtoßes
kenterte auf dem Meere ein Boot mit vierzehn Inſaſſen,
zehn Perſonen ertranken.
* Petersburg, 275 Mai. Auf Grund der nachdrück=
lichen
Verwendung des deutſchen Botſchafters, verfügte
die ruſſiſche=Regierung die Freilaſſung des
Grenzkommiſſars Dreßler, der bereits in Eydtkuhnen
eingetroffen iſt,
* New=York, 25. Mai. Nach einem Telegramm aus
Havanna beſagen Nachrichten aus Santiago, daß
der Aufſtand ſchnell zunimmt. Die Aufſtändi=
ſchen
zerſtörten die Eiſenbahn, ſowie die Telegraphen=
leitungen
an verſchiedenen Orten. Der Weißen in der
Oſtprovinz hat ſich eine Panik bemächtigt; ſie haben in
den Städten Zuflucht geſucht. Die Zuckerfabriken ſind
geſchloſſen. Da die Eigentümer der amerikaniſchen Plan=
tagen
keinen Schutz durch die Behörden ſich verſchaffen
können, haben ſie den Kommandanten der amerikaniſchen
Flottenſtation Guantamamo gebeten, Marineſoldaten zu
entſenden. Zuvor iſt hierzu jedoch die Einwilligung der
kubaniſchen Regierung notwendig. Eine amerikaniſche
Fabrik iſt verwüſtet. Die Maſchinen wurden zerſtört.
* New=York, 27. Mai. Nach einer Depeſche der
Agence Havas richtete Präſident Gomez geſtern an
den Präſidenten Taft ein Telegramm, in welchem er in
freundſchaftlicher aber feſter Weiſe gegen das Eingrei=
fen
der Vereinigten Staaten proteſtiert.
Nach Meldungen aus Santiago iſt die Lage in der Pro=
vinz
Oriente andauernd beruhigend. Bei Parral kam
es zu einem Zuſammenſtoß zwiſchen den Truppen und
den Aufſtändiſchen; die Aufſtändiſchen hatten dabei zahl=
reiche
Tote und Verwundete. Nach einem Gerücht ſoll
der Führer der Aufſtändiſchen, Eſtenos, zum Präſiden=
ten
der neuen Republik ausgerufen worden ſein.
* Rellano, 25. Mai. Wie gemeldet wird, betrugen
in der Schlacht bei Rellano die Verluſte Orozcos,
der über etwa 8000 Aufſtändiſche verfügte, annähernd
viertauſend Mann, 2000 entflohen in Unordnung.
General Huerta ſprach die Abſicht aus, den Kampf mit
allen Kräften fortzuführen. Der Sieg habe von neuem
die Ueberlegenheit der Regierung gezeigt; die Mann=
ſchaften
ſeien voller Zuverſicht.
* Lima, 27. Mai. Die Regierung erklärte die
Wahlen für ungültig. Die Unruhen dauern fort.
Die Volksmenge griff die Häuſer verſchiedener Politiker
an und ſteckte ſie in Brand. In Anrequipa, Puno und
anderen Städten verhinderte die Menge die Wahlen.

H. B. Berlin, 25. Mai. Heute vormittag, wenige
Minuten vor 11 Uhr, ſtürzte an der Eharlottenburger
Gasanſtalt ein großes Gerüſt ein, auf dem ſich ſechs
Maler befanden, die von dem Gerüſt begraben wurden.
Die Verunglückten wurden zwar ſofort befreit, hatten aber
bis auf einen erhebliche Verletzungen davongetragen. Die
Verunglückten wurden nach dem Krankenhauſe gebracht.
Göttingen, 26. Mai. Der engliſche Kriegs=
miniſter
Lord Haldane, der Mittwoch abend von
London abreiſte, befindet ſich ſeit Donnerstag in ſeiner
alten Studienſtadt Göttingen. Er iſt hier in Gebhardts
Hotel, das er immer zu bewohnen pflegt, abgeſtiegen.
Lord Haldane wahrt ſtrengſtes Inkognito und hat den
Namen Mſtr. Brown angenommen, den auch ſein Be=
gleiter
, ein bekannter Profeſſor, führt. Lord Haldane iſt
in Göttingen kein Fremder. Er hat in jungen Jahren
an der Göttinger Univerſität Philoſophie ſtudiert, die
Stadt in letzter Zeit faſt jedes Jahr beſucht und erſt im

Mai vergangenen Jahres ſeinen Neffen beſucht, der jetzt
Hörer der Univerſität iſt. Der Aufenthalt Haldanes in
Göttingen dient nur ſeiner Erholung. Er unternimmt
weite Fahrten und Spaziergänge bis in den Harz und
empfängt keinerlei Beſuche. Auch am Samstag hat
dane bereits um 10 Uhr vormittags einen Ausflug ur
ternommen. Er wird am Montag oder Dienstag
tingen verlaſſen. Ueber das nächſte Reiſeziel iſt nichts
bekannt.
Danzig, 26. Mai. Am Himmelfahrttagee=
krankten
in verſchiedenen Orten der Kreiſe Elbing und
Marienwerder nahezu 100 Perſonen, wahrſcheinlich an
Fleiſchvergiftung. Von dieſen iſt eine Frau ge
ſtorben und bereits beerdigt. Die Staatsanwaltſchaf
ordnete die Ausgrabung der Verſtorbenen an. Der Er=
krankungsherd
iſt bisher noch nicht feſtgeſtellt.

An Sommertagen
sind Fruchtpuddings, Rote Grütze, Flammeris erfrischend und
wohlbekömmlich. Durch Verwendung von

C
gewinnen die Speisen an Wohlgeschmack und Nahrwert.
Aerztlich empfohlen. Rezeptbüchlein kostenfrei durch die
Corn Products Co., Hamburg I.
e e eee e
(118435i)
Auf kaum über 1 Pfennig ſteilt ſich eine Taſſe
SANGROJEE Geim
Dieſe vorzügliche und durch ihre Ausgiebigkeit im Ge=
brauch
ſo billige Teemiſchung vorzugsweiſe britiſch=
indiſcher
Teeſorten iſt zum täglichen Genußgan=
beſonders
geeignet. Das 125 Gr.=Paket 90 Pfg.=
(½ Ko.=Paket Mk. 3.50). Moriz Landau, Fernſpr. 116,
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Heute vormittag 8½ Uhr entſchlief ſanft
nach langem, ſchwerem Leiden unſer lieber
Karl Weil
Ministerialregistrator.
Wir bitten um ſtille Teilnahme.
Eberſtadt, Darmſtadt, Groß=Gerau, Eſchers=
heim
u. Lauterbach, den 26. Mai 1912.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen.
Die Beerdigung findet Donnerstag, 30. Mai,
vormittags 10 Uhr, vom Portale des Darm=
ſtädter
Friedhofs aus, ſtatt. (11956

Dankſagung.
Zurückgekehrt von dem Grabe unſerer un=
(11953
vergeßlichen, lieben Schweſter, der
Handarbeits=Lehrerin
Marie Korell
ſagen wir allen lieben Verwandten, Freunden
und Bekannten herzlichen Dank für ihre Teilnahme.
Inſonderheit danken wir dem Herrn Pfarrer
Herpel für die troſtreiche Rede bei der Einſegnung,
den Schülerinnen für den erhebenden Geſang, und
dem Herrn Hauptlehrer für ſeine zu Herzen
gehenden Worte am Grabe, ſowie dem Lehrer=
perſonal
und den Schülerinnen für die reichen
Kranzſpenden.
Die trauernden Hinterbliebenen.

[ ][  ][ ]

Nummer 123.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 28. Mai 1912.

Seite

Todes-Anzeige.

Verwandten, Freunden und Bekannten die schmerzliche Mitteilung, dass
heute vormittag unser innigstgeliebter, treubesorgter Vater, Schwiegervater
und Grossvater, Bruder, Schwager und Onkel
Herr Jean Gauch
Rentner
im 62. Lebensjahre nach langem, schwerem Leiden sanft entschlafen ist.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Mathilde Viel, geb. Gauch.
Darmstadt, 27. Mai 1912.

Die Beerdigung findet auf Wunsch des Verstorbenen in Alzey statt.

(11955

Tageskalender.

ionzerte: Ludwigshöhe und Schuls Felſenkeller um
4 Uhr Saalbau, Bürgerkeller und Heſſiſcher Hof um
8 Uhr.
hilder vom Tage (Auslage Rheinſtraße 23): König
Friedrich VIII. von Dänemark auf dem Totenbett;
Porträts vom Tage; eine Attacke der Fürſtenwalder
Ulanen; das Ozean=Luftſchiff Suchard

Verſteigerungskalender.
Mittwoch, 29. Mai.

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Uhr Weinbergſtraße 11.
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zu Spachbrücken.

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Verantwortuch für den rolitiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Auskand Dr. Oſta Waldaegel; für den übrigen
redaktionelken Teil=und Letzte Nachrichten: Mar Sreeſe;
für den Iaſerkenteil, Inſeratbexagen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftsleben: Haus Saitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für denredaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

Todes-Anzeige.
Freunden, Verwandten und Bekannten
die ſchmerzliche Nachricht, daß es Gott dem
Allmächtigen gefallen hat, meinen innigſt=
geliebten
Gatten, unſeren lieben guten Vater,
Schwiegervater, Großvater, Bruder, Schwager
und Onkel

Herrn

Cimbel

Stadt-Wiesenwärter
im 70. Lebensjahre am 1. Pfingſtfeiertag nach
ſchwerem Leiden in die Ewigkeit zu rufen.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Frau Henriette Gimbel
und Kinder.
(16957
Die Beerdigung findet Mittwoch, den 29. d. M.,
nachmittags um 3 Uhr, vom Sterbehauſe, Pallas=
wieſenſtraße
160 aus, ſtatt.

Dünger=Verkauf.

lm Donnerstag, den 30. Mai
912, von 95 Uhr vormittags
b, wird auf dem vorderen Hofe
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darmſtadt die Matratzenſtreu von
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uf, der Anſprüche aus dem Nach=
des am 3. Jan. d. J. verſtorb.
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rachen hat, ſeine Forderung bis
ingſtens 10. Juni er. zwecks Prü=
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bei mir anzumelden. (*13134
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Nummer 123

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 28. Mai 1912.

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[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 28. Mai 1912.

Nummer 123.

(1939m

a
n
oe Z
an Claloll m
600

Sport.

sr. Die erſten Verſuche mit einem
Fliegenden Fahrrad wurden am Donnerstag
unter offizieller Kontrolle auf dem Flugfelde von Juviſſy
ausgeführt. Dem bekannten Rennfahrer Lavalade gelang
es, einige Sprünge auszuführen. Er überſprang dann ein
in zehn Zentimeter Höhe gezogenes Band und ſchließ=
lich
dreimal ein Band von 20 Zentimeter Höhe. Seine
ſprunghaften Flüge erreichten eine Länge von 1,10 Meter.
Der bekannte Weltmeiſterringer Paul
Pons ſoll, einem Telegramm zufolge in ſeiner
Heimatſtadt Soignes in Südfrankreich infolge einer
Blinddarmoperation geſtorben ſein. Er hat ein Alter von
48 Jahren erreicht.
* Der Zuſtand Wilbur Wrights, der, wie be=
kannt
, an Typhus erkrankt iſt, iſt einem Telegramm
zufolge, als hoffnungslos zu bezeichnen. Die Temperatur
iſt ſo in die Höhe geſchnellt, daß die Aerzte alle Hoffnung
aufgegeben haben.

Handel und Verkehr.

H. Frankfurt, 25. Mai. ( Börſenwochen=
bericht
.) Die Börſen ſind bereits Samstag in die
Pfingſtferien gegangen, und ſo blieb der Verkehr am
Freitag, dem letzten dieswöchentlichen Geſchäftstag, in
engen Grenzen. Auch während der vorhergegangenen
Tage waren die Umſätze ſehr geringfügig, da man ſich
zeitig mit der Ultimoregulierung beſchäftigte. Die Zins=
ſätze
waren zwar bei etwa 4½ Prozent etwas hoch, aber
da ſich kein Stückeüberfluß zeigte, ſo machte das einen
guten Eindruck. Die Tendenz blieb im allgemeinen feſt,
beſonders der Montanmarkt auf die vom Nenen Stahl=
werksverband
beſchloſſenen Preiserhöhungen für Halbzeug
und Formeiſen. Es wurde auch von neuen Verhandlun=
gen
zur Syndizierung der B=Produkte geſprochen. Die
Warnungen des Berliner Staatskommiſſars haben aller=
dings
eine Hemmung der Aufwärtsbewegung in den
favoriſierten und überbezahlten Werten bewirkt. Eine
Ruhepauſe mag übrigens der inneren Geſundung der
Börſe nur vorteilhaft ſein. Bemerkenswert bleibt jeden=
ffalls
, daß die Urteile über die induſtrielle Konjunktur nach
wie vor durchaus günſtige ſind. So ſchreibt die Rhein.=
Weſtf. Zta. darüber: Wenn man ſich an die beſtehenden
Verhältniſſe hält, ſo ſind zurzeit in der Induſtrie wenig=
ſtens
noch keine Anzeichen für einen Umſchwung vorhan=
den
, im Gegenteil befinden wir uns augenblicklich erſt in
der Aufwärtsbewegung der Preiſe. Nachdem die glänzende
Beſchäftigung längere Zeit angehalten hat, fängt nun das
Preisniveau an, ſich dem Beſchäftigungsgrad anzupaſſen
und in den verſchiedenen Erzeugniſſen in die Höhe zu
gehen. Die Kaufluſt hat bis jetzt noch nicht nachgelaſſen
und der Auftragsbeſtand bei den Werken nimmt ebenſo
noch zu. Die Hoffnungen, daß unſere Reichsbank ihren

oſititelen Sahz ernaßzigen wird, ſind bieher unerfült ge=
blieben
und es ſind vorerſt auch keine Ausſichten dazu vor=
handen
, nachdem deren letzter Status eine weitere und
zu einer Herabſetzung des Diskonts erforderliche Kräf=
tigung
nicht gebracht hat.
Zu den Einzelheiten des Geſchäftsverlaufs übergehend,
haben Deutſche Renten weiterhin kleine Einbußen erlitten,
da die Neuemiſſion der 50 Millionen Mark bayeriſcher
Anleihe vielfache Abgaben veranlaßte. Der Subſkriptions=
preis
dieſer Anleihe läßt noch eine Marche gegen den
Tageskurs, fo daß an einem Erfolg nicht zu zweifeln iſt.
Von den ausländiſchen Staatsfonds waren die ruſſiſchen
mehr beachtet, aber auch Türken halten ſich recht feſt, wäh=
rend
Chineſen auf die bevorſtehende Anleihe niedriger
ſchloffen. Transportwerte lagen im ganzen ſchwächer,
ausgenommen Orientbahnen auf die guten Einnahmen,
infolge der Dardanellenſperre. Hamburger Paketfahrt
und Nordd. Lloyd konnten ſich bei Wochenſchluß befeſtigen.
Kauda ſind wieder in Berlin auf 259 zurückgegangen,
auf Gerüchte über Ernkeſchäden und Verſtaatlichungsver=
ſionen
.
Der Bankenmarkt iſt bei kleinen Umſätzen zumeiſt ab=
geſchwächt
. Gut behauptet blieben Darnſtädter Banz.
Mit Intereſſe wurde die Nachricht von dem bevorſtehenden
Eintritt des Oberſtaatsanwalts v. Heſſert in die Verwal=
tung
der Bank für Handel und Induſtrie (Darmſtädter
Bank) aufgenommen. Schaaffhauſenſcher Bankverein
waren bis 124½ gedrückt, auf eine angebliche Beteiliaung
an einer neuen Zahlungsſchwierigkeit im Berliner Bau=
gewerbe
; ferner wurde auch von Perſonalveränderungen
in der Direktion gerüchtweiſe geſprochen. Große Umſätze
zu erhöhten Kurſen fanden in Elektrizitäts=Aktien und be=
ſonders
in Allgem. Elektrizitäts=Geſellſchaft ſtatt, auf die
Erhöhung der Verkaufspreiſe einzelner Artikel um 10
Prozent. Niedriger waren Bergmann, bis 142½, anläß=
lich
der herannahenden Ausgabe der neuen Aktien. Von
Montanpapieren ſchließen Bochumer Gelſenkirchener und
Phönir höher; ſo blieb es ſtiller und eher matter.
Der Kaſſainduſtriemarkt hatte zwar keine großen Um=
ſätze
, jedoch der Grundton blieb gut behauptet. Kleyer bei
494 Moenus bis 300, Höchſter Farbwerke zu 608½, Ba=
diſche
Anilin bei 506 und Daimler=Motoren bis 274 ziem=
lich
gehandelt. Oberurſeler Motoren ſtiegen bis 148.
Schwächer ſchließen Fahrzeug Eiſenach (122), Gritzner
Durlach (270), Aluminium (245) und Holzverkohlung
(312½), Akkumulatoren Berlin-Hagen variierten ſtark
zwiſchen 507492503½g. Privat=Diskont ½½/ Prozent
(in Berlin 4 Prozent).
Von Loſen notieren: Augsburger 35,10, Braunſchwei=
ger
198,20, Pappenheimer 54. Freiburger 74., Tür=
kiſche
171,80, Genua 195., Ungariſche 374,, Meininger
35., Venediger 42, Mailänder 45=Fres=L. 135 ( nomi=
nell
), Mailänder 10=Fres.=L. 31.70, Raab=Grazer Anr.=Sch.
38,, in Reichsmark; Gothaer Prämie II 118 G., Donau=
Regulierung 148 (nominell) Madrider 75,, in Prozent.
Ferner ſchließen: 4proz. Reichs (bis 1921 unkündbar)
100,60, 3½proz. Reichs 90. Sproz. Reichs 80,60, Aproz.
Heſſen von 1899 99,75. 4proz. Heſſen von 1906 99,90, 4proz.
Heſſen von 1909/09 99.50 G. 4proz. Heſſen (bis 1921 un=
kündbar
) 100,50, 3½proz. Heſſen 88,80 G., Zproz. Heſſen
78,10, 4proz. Darmſtädter 98,50 G., Z½proz. Darmſtädter
89,50 6 Aproz. Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie 182)
100,40 G., A4proz. Heff Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie 2425)
100,50 G., 3½proz. Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie 35)
89,30 G., 3½proz. Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie 911)
89.40 G. 4proz. Heſſ. Kommunal=Pfdbr. (Serie 1012)
100,40 G., 4proz. Heſſ. Kommunal=Pfdbr. (Serie 1314)
100,50 G., 5½proz. Heſſ. Kommunal=Pfdbr. (Serie 13)
89,50 G., 3½proz. Heſſ. Kommunal=Pfdbr. (Serie 4)
89.40 G., Darmſtädter Bank 121¾. Südd. Eiſenbahn= Ge=
ſellſchaft
124,50 G. Südd. Immobilien=Geſellſchaft (Mainz)
60 B. Lederwerke vorm. Spicharz (Offenbach a. M.)
75,40 B., Schramms Lack= und Farbenſabriken (Offenbach

a. N.) 2200 6, Ehemiſche Mihlheim a. M. Ga0 Schm=
tungbahn
135¼, South=Weſtafrika 156,, Otavi=Anteile
92., Otavi=Genußſcheine 64,, 4½proz. Ruſſen 100,25
4proz. 1880er Ruſſen 90,50, 4proz. 1902er Ruſſen 90.50
3 ¾proz. Ruſſen 88., 3½proz. Ruſſen 84,50, Zproz. Ruſſer
81,25, 4proz. unifizierte Türken 90,90, 4proz. Adminiſtra.
tions=Türken 83.70 G., 4proz konvertierte Türken vor
1905/1911 81,80, 4proz. Bagdadbahn 84 G., 5proz. Chineſer
100,20 G., 4½gproz. Chineſen 93,50, 5proz. Chineſer
(Tientſin=Pukow) 98,70, 5proz. Japaner 94,50, 4½proz
Japaner 89,75, Zproz. Buenos=Aires 71½.

Gewinnanszug
der
226. Königlich Preußiſchen Klaſſenlotterks.
5. Klaſſe. 12. Ziehungstag. 24. Mai 1912.

Auf jede genogene Kammer ſind wet gleich dohe Gewine
gefallen, und zwar je einer anf die Loſe gleicher Nummer
in den beiden Abteilungen 1 und in.
(Ohne Gewchr. u. St.A. f. 30)
(Kahimnc verbeten)
In der Vormittags=Ziehung wurden Gewinne über
240 Mk. gezogen:
4 Gewinne zu 10000 Mk. 56719 164594
8 Gewinne zu 5000 Mk. 59596 76493 138545 182921
72 Gewinne zu 3000 Mk. 6564 9648 13267 20055
25792 29607 32649 41248 42337 45734 50253 5297s
660a 56626 59109 6034d 64076 75666 79272 6902a
91266 95640 115200 120426 122482 126777 130301.
132911 135612 139820 147617 148215 152461 153524
182111 187434
96 Gewinne zu 1000 Mk. 2408 3857 6743 21877
26053 31549 31815 43355 45108 45576 47930 a0667
56461 58915 61381 72506 72589 75394 76868 81615
673g5 900es 100573 106952 11002a 1445 1100s
116201 119206 120227 120544 129758 133660 136239
141876 141981 142870 144053 144198 149413 156269
163450 166654 171401 173991 17543a 177166 162561.
172 Gewinne zu 500 Mk. 792 1773 3370 7243
8244 8460 10340 11055 11824 13052 20655 25031
25035 25206 25312 3010 31210 3g65l. 39271. 3ogas
41018 43021. 43069 46725 52624 54472 54660 55252
69217 63437 65144 66070 66621. 67463 67650 68660.
69327 80452 82661 82756 63518 84099 84906 87147
sodös 02250 94210 9518 9ra1 100225 101010 1005
104947 106846 113020 121608 123994 125640 125699
132813 137251 138428 136471 138965 139460 140178
140445 144664 146655 149701 153417 155103 155514
158605 165005 16612a 167450 172121 172502 11261s
17423d 176778 178837 181985 182551 169472
In der Nachmittags=Ziehung wurden Gewinne über
240 Mk. gezogen:
6 Gewinne zu 5000 Mk. 111056 131196 158501
58 Gewinne zu 3000 Mk. 10587 10652 22732 29538
3250 86093 5000 51807 51650 679r2 Sagss gem
66065 77105 79014 67274 108527 120001 12007
131008 135861 138534 143472 145014 154082 159474
160706 170727 16593d
88 Gewinne zu 1000 Mk. 1602 1957 4376 7998
19885 20332 24383 2a727 28173 29360 31792 33168
35495 37931 42203 43706 52441 55212 57698 6190s
73307 7a537 75152 61297 84902 9a22s 91205 101on
101485 106005 108546 111655 114651 116826 119862
121828 130571 131813 135486 152907 171305 173138
187349 187758
186 Gewinne zu 500 Mk. 1103 1821 2199 6219
9272 14010 14682 18725 19780 21517 23226 2471i
25366 27725 33860 33418 46486 48156 a9648 512m
56573 56254 66805 61439 63620 69256 69687 69927
70048 71955 73345 76934 77041 78368 79492 815
82596 82637 86636 86942 89218 89939 93104 93106
96761 98023 104019 104617 107705 110580 112533
112651 113128 113134 114303 114923 115845 115875
115946 116723 123062 125980 126105 126905 128889
134273 137308 138254 140777140839 143344 143839
147199 147723 149273 150419 154972 157283 168000
160042 161719 162289 162895 163714 169031 175895
179598 180611 183706 184944 166858 187489 188420

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[ ][  ][ ]

Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt.

30 65.

Dienstag, 28. Maſ.

1912.

hat dem Bayeriſchen Landeshil
oten Kreuz in München die Erlaubnis erteilt. 700 Loſe einer am 15. Junt 1912
u veranſtaltenden Geldlotterie innerhalb des Großherzogtums zu vertreiben. Nach
em von der zuſtändigen Behörde genehmigten Verloſungsplan dürfen 180 000 Loſe
1,10 Mk. ausgegeben werden. Zum Vertrieb in Heſſen dürfen nur mit dem heſſi=
chen
Zulaſſungsſtempel verſehene Loſe gelangen. Während der Zeit des Vertriebs
er Loſe zur I. Klaſſe einer Kgl. Preußiſchen Votterie iſt Ankündigung, Ausgabe und
(11934
Vertrieb der Loſe in Heſſen nicht geſtattet.

Vekauntmachung.

Der Kreis=Ausſchuß hat beſchloſſen, den Kreisangehörigen zur Pflege ihrer Obſt=
aumpflanzungen
, ſoweit möglich, den Kreis=Obſtbautechniker und die Kreisbaum=
pärter
gegen Zahlung einer Vergütung an die Kreiskaſſe zur Verfügung zu ſtellen.
Anträge auf Inanſpruchnahme des Kreis=Obſtbautechnikers oder eines Kreis=
saumwärters
ſind an Kreis=Obſtbautechniker Dorſch, Neckarſtraße 3, zu richten.
Die an die Kreiskaſſe zu entrichtende Vergütung iſt wie folgt feſtgeſetzt:
a) Für Inanſpruchnahme des Kreis=Obſtbautechnikers:
5 Mark für den danzen und 2,50 Mark für den halben Tag; ferner die auf=
jewendeten
Bahnfahrtkoſten;
b) Für Inanſpruchnahme eines Kreisbaumwärters:
3 Mark für den ganzen und 1,50 Mark für den halben Tag; ferner die auf=
jewendeten
Bahnfahrtkoſten.
Zu a und b kommen in Anſatz:
Bei Inanſpruchnahme bis zu 3 Stunden .
½ Tag
bei 3 und mehr Stunden . . 1 Tag.

Die Großh. Bülegermeſtereien der Landgemeinden werden beauſtragt, vorſtehende
Bekanntmachung zur Kenntnis ihrer Gemeindeangehörigen zu bringen.
(11812si
Darmſtadt, den 15. Mai 1912.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
In Vertr.: v. Werner.

Bekauntmachung.

Die Kreisſtraße von Arheilgen nach Baierseich im Zuge der Kreisſtraße
Darmſtadt-Frankfurt (von Arheilgen von km 4,8 ab bis zum Waldanfang, km 7,6
bei Baierseich) mit den auf dieſe Strecke aufſtoßenden Querwegen (ietztere dicht an
der Kreisſtraße) iſt wegen Ausführung von Kleinpflaſter von Mittwoch, den
29. d. Mts. ab auf ca. 6 Wochen für ſämtliches Fuhrwerk (Geſpanne, Automobile,
Motorräder uſw.) geſperrt.
Der Durchgangsverkehr hat während der Dauer der Kleinpflaſterherſtellung
den aufgeſtellten Tafeln entſprechend zu erfolgen, und zwar über Darmſtadt- Gräfen=
hauſen
-Mörfelden-Langen. Nach Maßgabe des Fortſchreitens der Pflaſterarbeiten
wird die bezeichnete Teilſtrecke wieder dem Verkehr übergeben.
Zuwiderhandlungen gegen vorſtehende Anordnungen ſind nach § 2 der Polizei=
verordnung
vom 12. Februar 1908 ſtrafbar.
(11830a
Darmſtadt, den 22. Mai 1912.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
Fey.

Amtliche Nachrichten des Großh. Polizeiamts Darmſtadt.

Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde: In polizei=
icher
Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 2 Spitzhunde. 1 ſchott. Schäferhund (zugelaufen). Die
Hunde können von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier aus=
zelöſt
werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet
(11932
zortſelbſt jeden Werktag, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.

Bekanntmachung.

Die Bruſtſeuche unter den Pferden der 2. Eskadron des Garde=
Dragoner=Regiments (1. Großh. Heſſ.) Nr. 23. iſt erloſchen. (11931
Darmſtadt, den 24. Mai 1912.
Großherzogliches Polizeiamt.
Gennes.

Bekanntmachung,

die Ausſtattung z weier Brautpaare betreffend.
Aus der Heinrich und Helene Keller=Stiftung ſollen an zwei
unbemittelte, unbeſcholtene, in der Stadt Darmſtadt bürgerlich
anſäſſige Brautpaare, nachdem ſolche am 4. September d. Js. ihre
kirchliche Trauung haben vollziehen laſſen, Beiträge zur Ausſtattung
überwieſen werden, die ſich auf etwa 325 Mk. für jedes Brautpaar
belaufen werden.
Die Auswahl der Brautpaare erfolgt durch die Stadtverord=
neten
=Verſammlung, nach Anhörung des erſten Geiſtlichen der Re=
ligionsgemeinſchaft
der aufgetretenen Bewerber.
Gehörig begründete Bewerbungen ſind bis längſtens 10. Juni
d. Js. bei mir einzureichen.
Darmſtadt, den 17. Mai 1912.
(11544ii
Der Oberbürgermeiſter:
J. B.: Mueller.

Verloſung von Schuldverſchreibungen
der Stadt Darmſtadt.

In Vollziehung des Schuldentilgungsplanes der Stadt Darm=
ſtadt
ſind heute nachſtehende 3½ gige Schuldverſchreibungen auf den
Inhaber durch Verloſung zur Rückzablung berufen worden, nämlich:
I. Rückzahlbar am 1. September 1918n
Buchſt. V Abt. I zu 2000 Mk. Nr. 8, 69, 89, 220, 267, 330, 478,
518, 547, 645, 716, 721, 738.
II zu 1000 Mk. Nr. 12, 19, 43, 131, 148, 166, 358,
V
409, 419, 671, 685, 760,
III zu 500 Mk. Nr. 3, 12, 64, 103, 261, 279, 298,
353, 433, 459. 464, 504, 711, 780,
IV zu 200 Mk. Nr. 3, 11, 368, 383, 396, 399, 420,
V
432, 473, 506, 563, 640, 728, 730, 799, 874, 920, 930.
II. Rückzahlbar auf den 1. November 1912:
Buchſt. J. Abt. I zu 2000 Mk. Nr 84, 138, 174, 180, 251, 304, 392,
412, 482, 509, 556, 685,
II zu 1000 Mk. Nr. 3, 140, 152, 239, 240, 278, 373,
458, 518, 521, 639, 641, 772,
III zu 500 Mk. Nr. 62, 156, 157, 225, 232, 431, 452,
483, 484 556, 592, 625, 635, 748, 757, 846, 954,
IV zu 200 Mk. Nr. 16, 25, 126, 146, 161, 422, 441.
Die Einlöſung geſchieht bei der Stadtkaſſe Darmſtadt, ſowie
bei der Bank für Handel und Induſtrie in Darmſtadt und Berlin
und deren übrigen Niederlaſſungen.
Die Verzinſung der Schuldverſchreibungen hört mit den oben
genannten Verfallterminen auf.
Die nachverzeichneten 3½’igen Schuldverſchreibungen ſind
bereits gekündigt, aber noch nicht zur Einlöſung gekommen, und zwar:
auf den 1. September 1907
Buchſt. V Abt. IV zu 200 Mk. Nr. 392,
auf den 1. Februar 1911:
Buchſt. II Abt. I zu 2000 Mk. Nr. 524,
II II zu 1000 Mk. Nr. 187,
auf den 1. Juli 1911:
Buchſt. K Abt. II zu 1000 Mk. Nr. 788,
809,
IV
200
K
auf den 1. September 1911:
Buchſt. V Abt. II zu 1000 Mk. Nr. 647,
365,
500
III
930,
500
M III
auf den 1. Oktober 1911:
Buchſt. L. Abt. III zu 500 Mk. Nr. 2061,
A. Gaswerksſchuldverſchreibung) zu 200 Mk. Nr. 1243,
auf den 1. November 1911:
Buchſt. 3 Abt. II zu 1000 Mk. Nr. 532,
auf den 1 Februar 1912:
Buchſt. EI Abt. II zu 1000 Mk. Nr. 545,
II IV zu 200 Mk. Nr. 72 und 436.
Die Verzinſung dieſer Schuldverſchreibungen hat von den an=
gegebenen
Tagen ab aufgehört.
Darmſtadt, den 22. Mai 1912.
Der Oberbürgermeiſter:
(11948id
Dr. Gläſſing.

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Die Wohnungs= und Feuer=
ſtättenbeſichtigung
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Darmſtadt, 14. Mai 1912.
Der Oberbürgermeiſter.
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Oeffentliche Impfung.

Mittwoch, den 1. Mai, und die folgenden Mittwoche, ſolange
Bedürfnis, von 5 Uhr nachmittags ab unentgeltliche Impftermins
im Schulhaus in der Rundeturmſtraße für im Vorjahr geborene,
ſowie für ältere mit der Impfung im Rückſtand verbliebenen Kinder
Nachſchau jeweils acht Tage ſpäter, bei Meidung der ge=
ſetzlichen
Strafe. Kinder, die in dieſen Terminen nicht geimpft wer=
den
, ſind bis zum Jahresſchluß auf Koſten der Eltern impfen zu
laſſen, ändernfalls im Januar k. Js. die Nachholung der Impfung
binnen kürzeſter Friſt unter Strafandrohung angeordnet wird.
Außer den Pflichtigen werden in den Terminen auch Erwach=
ſene
auf ihren Wunſch und Kinder, die erſt im laufenden Jahre ge=
boren
ſind, auf Wunſch ihrer Vertreter geimpft.
In der Regel werden in jedem Termin nicht mehr als
50 Impfungen vorgenommen.
Kinder deren Zurückſtellung von der Impfung wegen Kränk=
lichkeit
beanſprucht wird, können gleichfalls in den Terminen dem
Impfarzt vorgeſtellt werden.
Wegen der Wiederimpfung der Schulkinder wird beſondere
Benachrichtigung an die Schulvorſteher erfolgen.
Aus einem Hauſe, in dem anſteckende Krankheiten, wie Schar=
lach
, Maſern, Diphtherie, Croup, Keuchhuſten, Flecktyphus, roſen=
artige
Entzündungen oder die rnatürlichen Pocken herrſchen, dürfen
Impfliuge zum allgemeinen Te min nicht gebracht werden.
Die Kinder müſſen zum Impftermin mit rein gewaſchenem
Körper und mit reinen Kleidern gebracht werden.
(10185a
Darmſtadt, den 29. April 1912.
Der Oberbürgermeiſter:
J. V.: Schmitt.

Beugrasveriteigerung.

Dienstag, den 28. d. Mts., nachmittags 3 Uhe
beginnend, wird die Grasnutzung von der früher Böttinger’ſchen
Wieſe am Darmbach und dem ſtädt. Gelände an der Gräfenhäuſer=
ſtraße
, ſodann die Heugrasernte von der Pallaswieſe an Ort und
Stelle öffentlich meiſtbietend verſteigert.
Zuſammenkunft an den bezeichneten Stellen.
(11810si
Darmſtadt, den 23. Mai 1912.
Der Oberbürgermeiſter
Z. V.: Jaeger.

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(Nachdruck verboten.)

Der Vorhang rollte empor, das Spiel begann.
Gewiß war das geniale Erſtlingswerk Schillers ſchon
weit beſſer gegeben worden! Gewiß hafteten dem Spiel
und der Ausſtattung manche Mängek an, und ſelbſt der
jugendliche Hofſchauſpieler Norbert, der ſich auf der kleinen
Provinzbühne die Sporen als Heldendarſteller verdienen
wollte, war noch kein vollendeter, reifer Künſtler aber
im Allgemeinen bewährte ſich auch hier wieder das künſt=
leriſche
Geſchick des Direktors Brüggemann. Das geniale,
leidenſchaftlich=erfüllte Werk trug gleichſam die Dar=
ſtellung
und ließ über manche Mängel in der Darſtellung
hinwegſehen.
Die Schauſpieler taten ihre Schuldigkekt in vollem
Maße; namentlich das leidenſchaftlich durchglühte Spiel
Norberts riß das Publikum hin und entflammte es zu
wahrer Begeiſterung. Immer und immer wieder muß=
ſen
Norbert, Fräukein Meerſcheidt, und Direktor Brügge=
mann
vor der Rampe erſcheinen, der Direktor ſtrahlte im
berechtigten Triumphgefühl, Fräulein Meerſcheidt, eine
für jugendliche Rollen ſchon etwas ältliche Dame, lächelte

ſüß, und Ernſt Norbert verbeugte ſich ernſten Geſichtes,
die ſchmale, weiße Hand leicht auf die Bruſt gelegt.
Dieſer Norbert iſt ein großes Talent, hörte Elfriede
den Gymnaſialdirektor Kurdelbaum ſagen, der in der
Nebenloge ſaß. Er wird ſicherlich ſeinen Weg machen;
wenn er jetzt am Hoftheater auch nur kleine Rollen hat,
einſt wird er als Stern erſter Größe am Theaterhimmel
glänzen. Ich will nur wünſchen, daß er auf der rechten
Bahn bleibt.
Profeſſor Kurdelbaum galt als eine Autorität auf dem
Gebiete der Kunſt, hatte er doch ſelbſt einige hiſtoriſche
Dramen verfaßt, von denen eines ſogar am Hoftheater
aufgeführt worden war.
Wollen Sie Ihr neueſtes Werk nicht einmal an unſerem
Theater aufführen laſſen, Herr Profeſſor? fragte eine
andere Stimme.
Ich habe ſchon daran gedacht, entgegnete der Pro=
feſſor
. Doch bin ich davon zurückgekommen, da mein Werk
mehr als Feſtſpiel gedacht iſt. Ste wifſen, Dokkor, daß es
eine Epiſode aus der Geſchichte unſerer Stadt behandelt.
Ja, ich weiz es ſpiekt in der Reformationszeit.
Ja, und es behandekt die Einführung der Reformation
in unſerer Stadt. Als Feſtſpiel in der Art der Luther=
feſtſpiele
würde es wohl am Platze ſein.
Ei, ſo arrangieren Sie doch ein ſolches Feſtſviel! Ich

ſtelle mich Ihnen gern zur Verfügung und Direkto
Brüggemann gewiß auch.
Ich werde es mir überlegen, lieber Doktor.
Die Herren verſtummten, da das Spiel von Neuem be
gann.
Nach der Vorſtellung befand ſich Elfriede in einen
Taumel der Gefühle, die ihr immer und immer wieder di
heißen Tränen in die Augen drängten und mit ſchmerzlid
ſüßem Schauer ihre Seele überrieſelten. Es war wie ein
neue Offenbarung von etwas Hohem und Heiligem über ſi
gekommen, dem ſie ſich willenlos, machtlos hingeben mußte
Aber nicht nur der Zauber der genialen, gewaltigen Dich
tung hatte dieſe Wirkung hervorgebracht, ſondern aud
etwas rein Perſönliches, das Elfriede ſich ſelbſt nicht zu
erklären wußte, miſchte ſich in dieſe Stimmung. Von den
Darſteller des Karl Moor ſchien ein Fluidum auszugeher
und ihre Seele und ihr Herz mit einem ſüßen Zauber zu
umſtricken. Wenn die großen, tiefernſten Augen Norberts
in den Zuſchauerraum ſchweiften, dann war es Elfriede
als fuchten ſeine Augen ihre eigenen, als begegneten ſid
ihre Blicke und ruhten im ſeligen Vergeſſen ineinander.
Die Loge, in welcher Fran Schulze mit Elfriede ſaß
befand ſich freilich ziemlich nahe der Bühne, und da die
Raumverhältniſſe des Theaters recht beſchränkt waren, ſo
war es durchaus nicht unmöglich, daß Norbert Elfriede ge=

[ ][  ][ ]

Nummer 123

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 28. Mai 1912.

Gegründet 1832f
Telephon 977

ſehen hatte. Beſonders zum Schluß der Vorſtellung hätte
Elfriede darauf ſchwören mögen, daß ſein Blick ihr ge=
golten
habe.
Er wurde zum ſo und ſo vielten Male herausgejubelt
und verneigte ſich ernſt dankend nach allen Seiten. Käthe
und Liſe Bangemann geberdeten ſich wie außer ſich vor Be=
geiſterung
, ſie lehnten ſich weit über die Brüſtung und
klatſchten mit vorgeſtreckten Händen. Elfriede kam dieſer
laute aufdringliche Applaus wie eine Entweihung vor, ſie
vermochte die Hände nicht zu rühren, ſtumm und ſtarr, mit
bleichen Wangen und glühenden Augen ſaß ſie regungs=
los
da.
Das eifrige Klatſchen der beiden jungen Damen im
erſten Rang veranlaßte Norbert, empor zu ſehen und ſich
mit einem leicht ironiſchen Lächeln auf den Lippen gegen
die Loge zu verbeugen. Doch plötzlich nahm ſein Geſicht
einen andern Ausdruck an, das Lächeln verſchwand von
ihm und machte einem Ausdruck der Bewunderung Platz.
Seine Augen ruhten eine kurze Weile auf dem blaſſen, ſo
ſeltſam erregten Geſicht Elfriedens, dann verbeugte er ſich
ernſt, trat in die Kuliſſen zurück, und war durch alles
Applaudieren und Rufen nicht mehr zu bewegen, nochmals
auf der Bühne zu erſcheinen.
Schlaflos verbrachte Elfriede die Nacht; wie im
Traume verrichtete ſie am Tage die ihr obliegenden häus=
lichen
Arbeiten; am liebſten ſaß ſie am Fenſter, die Stirn
in die Hand geſtützt, und verfolgte mit träumeriſch ſinnen=
dem
Blick den Flug der Wolken, die von dem feuchtkalten

Nordweſtwind gepeitſcht, in wilder, ſich überſtürzender Eile
dahinjagten.
Das Kind muß mehr Zerſtreuung haben, ſagte Fried=
rich
Wilhelm Schulze gutmütig und kaufte ihr zu jeder
Vorſtellung des klaſſiſchen Zyklus ein Billet.
Elfriede küßte dankbar die Wangen des Großvaters,
der ihr, ohne es zu wiſſen, den größten Dienſt erwieſen
hatte. Sie vermochte die Zeit kaum zu erwarten, daß die
Vorſtellungen begannen. Am Tage dieſer Vorſtellungen
war ſie in einer faſt übermütig luſtigen Laune, um aus dem
Theater mit erregtem Geſicht, glühenden Wangen, leuchten=
den
Augen heimzukehren, aber kaum imſtande, ein Wort
zu ſprechen.
Der gute Friedrich Wilhelm Schulze ſchüttelte er=
ſtaunt
das Haupt ob der Veränderung, die mit Elfriede
vorgegangen war; aber Frau Schulze war klüger, als ihr
Gatte; ſie begleitete ihre Enkelin öfter in das Theater und
bemerkte wohl, mit welch tiefem Intereſſe Elfriede das
Spiel Norberts verfolgte. Eine mißtrauiſche Natur, ſtets
geneigt, hinter idealer Begeiſterung eigenſüchtige, niedrige
Intereſſen und Abſichten zu vermuten, ohne Glauben an
wirkliche Reinheit des menſchlichen Herzens, ſchöpfte ſie
ſpfort Berdacht, daß die Begeiſterung Elfriedens für das
Theater eigentlich nur der Perſon des gefeierten Schau=
ſpielers
gelten könne. Sie beobachtete Elfriede mit ſchar=
fen
Augen, und da ſie nichts Verdächtiges entdecken konnte,
beſchloß ſie, vorläufig zu ſchweigen. Aber ſie konnte den=
noch
einige ſpitze, anzügliche Redensarten nicht unter=

drücken, die Elfrieden die Glut der Scham in die Wangen
trieben und ſie veranlaßten, ſich noch mehr in ſich zurück=
zuziehen
, als es bisher geſchehen war.
Das Gaſtſpiel näherte ſich ſeinem Ende. Elfriede dachte
mit Schrecken daran, daß dann wieder die traurige, öde
Zeit anbrechen werde, die durch nichts als durch Kaffee=
geſellſchaften
und ab und zu eine langweilige Tanzerei im
Kaſino unterbrochen wurde.
Da ließ ſich eines Mittags Doktor Blume melden, der
junge Lehrer, welcher bei der Vorſtellung der Räuber
mit dem Profeſſor Kurdelbaum in der Nebenloge geſeſſen
und das Geſpräch über das Feſtſpiel geführt hatte.
Frau Minna Schulze befand ſich noch im Negligee,
d. h. ein ſehr nachläſſiger und ſchmutziger Morgenrock um=
hüllte
ihre Geſtalt; ſie konnte ſich vor dem Beſuch nicht
ſehen laſſen, der ſomit von Herrn Schulze und Elfriede
empfangen wurde.
Herr Schulze, der den jungen Lehrer nur flüchtig vom
Kaſino her kannte, fühlte ſich durch den Beſuch ſehr ge=
ſchmeichelt
. Sehr höflich fragte er, womit er dem Herrn
Doktor dienen könne.
Ich komme im Auftrage eines Komitees, Herr Schulze,
entgegnete Doktor Blume, welches ſich vor einigen'Tagen
gebildet hat, um das neueſte Werk des Profeſſors Kurdel=
baum
in hieſiger Stadt zur Aufführung zu bringen.
(Fortſetzung folgt.)

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[ ][  ][ ]

Seite 14.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 28. Mät 1912.

Nummer 125.

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Leitung Herr Musikmeister M. Weber.
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Nummer 128.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 28. Mai 1912.

Seite 15.

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[ ][  ]

Seite 16.

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