Darmstädter Tagblatt 1912


15. April 1912

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175. Jahrgang
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Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.

Das Neueſte vom Tage.

Der Großherzog und die Großherzogin nebſt
den Prinzen=Söhnen ſind geſtern mittag nach Liv a=
dia
abgereiſt.
Die Heeres==und Marinevorlagen ſind vom
Bundesrat endgültig angenommen und ſollen heute
abend den Reichstagsabgeordneten zugehen.
Der Reichs kanzler traf am Samstag nachmittag
in München ein und reiſte abends nach Bad Nau=
heim
weiter. Der Reichskanzler iſt Samstag
Nacht in Berlin eingetroffen.
Das Luftſchiff Schütte=Lanz iſt bei ſeiner
Fahrt am Samstag zu Schaden gekommen und mußte
auf freiem Felde niedergehen. Der Monteur Gatting
wurde ſchwer verletzt.
Nach einer anſcheinend offiziöſen Meldung wurde der
Vermittelungsſchritt, den die fünf Mächte in
Konſtantinopel zur Beilegung des Krieges
unternehmen ſollten, im letzten Augenblick verſchoben,
da die Mächte ſich angeblich nicht endgültig einigen
konnten.
Am Freitag und Samstag wurden in Nizza und
Cannes die Denkmäler der Königin Vik=
toria
und des Königs Eduard von Eng=
land
enthüllt, aus welchem Anlaß franzöſiſch=
engliſche
Freundſchaftskundgebungen
ſtattfanden.
Die Begründerin des amerikaniſchen Ro=
ten
Krauzes, Klara Barton, iſt im 82. Lebens=
jahre
geſtorben.
Letzte Nachrichten ſiehe Seite 7.

Zur hayeriſchen Jeſuitenangelegenheit

wird uns aus Berlin gaſchrieben: Das Münchener Zen=
trumsorgan
macht eine eigentümliche Mitteilung, indem
es berichtet:
Schon der vorige Kultusminiſter Dr. von Wehner
hat den Erlaß nicht zwar dem Bundesrat, wohl aber den
einzelnen Bundesregierungen inhaltlich
mitgeteilt, mit dem Bemerken, daß Bayern nach dieſen
Rechtsauffaſſungen das Jeſuitengeſetz vollziehen werde.
Selbſtverſtändlich haben alle Bundesregierungen dieſe
Darlegung des bayeriſchen Kultusminiſters Dr. von
Wehner erhalten, alſo auch die preußiſche. Eine Ant=
wort
iſt darauf von keiner Seite ergangen.
Die Angabe des BayeriſchenKuriers, der fragliche
Erlaß ſei den einzelnen Regierungen ſchon vom Kultus=
miniſter
Dr. von Wehner inhaltlich mitgeteilt worden,
muß ſchon deshalb angezweifelt werden, weil
der Mitteilung widerſpricht, die der Bayeriſche Kurier=
ſelbſt
in ſeiner Nummer 92/93 vom 1./2. April d. J. ge=
macht
hat. Damals behauptete das Münchener Zen=
trumsorgan
, daß der Erlaß, alſo auch der Wortlaut
des Erlaſſes, dem Bundesrat als die bayeriſche
Interpretation des Jeſuitengeſetzes zugegangen ſei.
Setzt heute der Bayeriſche Kurier an die Stelle des Bun=
desrates
die einzelnen Bundesregierungen, ſo weicht er
nicht nur von ſeiner früheren Meldung ab, ſondern be=
kundet
auch zugleich das Beſtreben, die ſtaatsrecht=
liche
Sachlage zu verſchieben. Denn für die
ſtaatsrechtliche Behandlung des bayeriſchen Jeſuiten=
erlaſſes
kommt nicht eine Aktion Bayerns gegenüber
Preußen oder irgend einem anderen Bundesſtaat in
Frage; vielmehr handelt es ſich um eine Angelegenheit,
die nach Artikel 17 der Reichsverfaſſung das Reich und
Bayern angeht. Demgemäß hat ſich Herr von Bethmann
Hollweg nicht als Präſident des preußiſchen Staats=
miniſteriums
, ſondern als Reichskanzler mit dieſer An=
gelegenheit
zu befaſſen. Die Verſchiedenheit in den An=
gaben
des Bayeriſchen Kuriers über die Adreſſe, an die
Bayern den Jeſuitenerlaß, bezw. ſeinen Inhalt, mitge=
teilt
habe, läßt ſeine heutige Meldung um ſo zweifel=
hafter
erſcheinen, als in unterrichteten Berliner
Kreiſen von dem angeblichen Schritte des früheren
Kultusminiſters Dr. von Wehner nichts bekannt
iſt. Die weitere Angabe des Bayeriſchen Kurier: Eine
Antwort iſt darauf von keiner Seite ergangen , kenn=
zeichnet
ſich unter ſolchen Umſtänden als ein Verſuch, für
das Vorgehen der bayeriſchen Regierung durch die Er=
weckung
des Anſcheins, daß auf die Ankündigung ihres
Schrittes kein Widerſpruch erfolgt ſei, Stimmung zu
machen.

Homerule.

Im engliſchen Parlament bilden augenblicklich die
Iren das Zünglein an der Wage, die Regierung wäre
ſofort geſtürzt, wenn ihr von dieſer Seite die Gefolgſchaft
verſagt würde. Es iſt daher begreiflich, daß ſich das Ka=
binett
Asquith dieſen Anhang ſichern will und da be=
kanntlich
Geſchenke die Freundſchaft erhalten, ſo konnte
man denn, wenn auch nach langem Zögern, nicht umhin,
eine Vorlage einzubringen, die Irland die Selbſtverwal=
tung
gewährt. Aus der Geſchichte iſt erinnerlich, daß es
gerade um dieſe Frage lebhafte Kämpfe gegeben hat, die
nicht bloß ſich im Parlament abſpielten, ſondern die auch
zu ſchweren und blutigen Exzeſſen in Irland ſelbſt ſei=
nerzeit
geführt haben. Schuld an dieſen Wirren waren
freilich nicht nur die politiſchen Zuſtände, ſondern auch
die mißliche Wirtſchaftslage tat das ihrige, um die Be=
völkerung
im höchſten Maße zu verbittern.
Seit dem Jahre 1880 geht die Agitation der Irlän=
der
, die nicht mit Unrecht genau ſo die Gewährung einer
Selbſtverwaltung verlangen, wie ſie ſeitens der engliſchen
Regierung mehreren großen Kronländern gewährt wor=
den
iſt. Was man verlangt, iſt die Aufhebung der
Unionsakte von 1800, durch die das alte iriſche Parla=
ment
abgeſchafft und das Land dem Vereinigten König=
reiche
ſtaatsrechtlich angegliedert wurde. Außer der Er=
richtung
eines neuen iriſchen Parlaments für die beſon=
deren
Angelegenheiten des Landes verlangt man weiter
noch die Abſchaffung der berüchtigten Agrargeſetzgebung,
durch die die ländliche Bevölkerung ſchwer bedrückt wird,
ſodaß die Auswanderung eine geradezu enorme war.
Die iriſche Bewegung ſchien zu einem Erfolge führen
zu ſollen, als ſich Gladſtone ihrer ännahm, aber der
greiſe Staatsmann kam darüber ſelber zum Sturz.
Nunmehr iſt Herr Asquith an das ſchwere Werk her=
angetreten
und man darf begierig darauf ſein, welchen
Erfolg er erringen wird. Die Rechte iſt gegen die Vor=
lage
und auch die iriſchen Proteſtanten wollen nichts von
ihr wiſſen, weil ſie befürchten, daß ſie von der Ueber=
macht
der Katholiken religiöſe und politiſche Bedrückung
zu erleiden haben werden. Die Regierung will dem vor=
beugen
, indem man für den Schutz der religiöſen Gleich=
berechtigung
beſondere Beſtimmungen vorgeſehen hat.
Von der Rechten wird geltend gemacht, daß die Gewäh=
rung
der Selbſtverwaltung an Irland den Beginn der
Zerſtörung der Reichseinheit bedeuten würde, umſomehr,
als das Kabinett Asquith beabſichtigt, auch Schottland
und Wales die Selbſtverwaltung zu bewilligen, ſodaß
das jetzige Unterhaus ſich in der Hauptſache nur mit
Reichsangelegenheiten zu befaſſen haben werde.
Der Kampf um Homerule dürfte daher auch diesmal
mit ziemlicher Schärfe geführt werden und von ſeinem
Ausgange kann leicht das Schickſal des Herrn Asquith
mit ſeinen Miniſterkollegen abhängen.

Deuſcher Rach.

Die Heeres= und Marinevorlagen. Die
Kreuzzeitung und die Deutſche Tageszeitung melden aus
Berlin: Laut Konſerv. Korreſpondenz ſind die neuen
Heeres= und Marinevorlagen nunmehr endgültig vom
Bundesrat angenommen und werden Montag abend den
Reichstagsabgeordneten als Vorlage zugehen. Auch
bezüglich der Deckungsfrage iſt im Bundesrat eine Eini=
gung
erzielt worden. Als einzige Vorlage in dieſer Be=
ziehung
wird dem Reichstag der Entwurf eines Geſetzes
betreffend die Beſeitigung des Branntweinkontingents
unterbreitet werden.
Die Wünſche der deutſchen Bureau=
angeſtellten
an die Reichsgeſetzgebung
ſind in einer Bittſchrift niedergelegt, die der Verband
der Bureauangeſtellten Deutſchlands an den Reichstag ge=
richtet
hat. Der Reichstag wird darin gebeten, die Ver=
bündeten
Regierungen zu erſuchen, nunmehr in aller=
nächſter
Zeit einen Geſetzentwurf einzubringen, durch den
für die in den Geſchäftsbetrieben der Rechtsanwälte, Pa=
tentanwälte
, Notare, Gerichtsvollzieher, Rechtskonfulen=
ten
, Konkursverwalter, Bücherreviſoren, Krankenkaſſen,
Innungen, Berufsgenoſſenſchaften, Buchführungsbureaus,
Berufskammern, Vereine und in landwirtſchaftlichen Be=
trieben
, in Bergwerken und Gewerbebetrieben aller Art
beſchäftigten Bureauangeſtellten gleiche oder ähnliche
Rechtsbeſtimmungen geſchaffen werden, wie ſie für die

Handlungsgehilfen gelten. Für die geſetzliche Regelung
im Sinne einer Anwendung der Vorſchriften für die
Handlungsgehilfen auf die Bureauangeſtellten kommen
vor allem in Frage: die Kündigungsfriſten, die wich=
tigen
Gründe für friſtloſe Kündigung, die Fortzahlung
des Gehalts bei unverſchuldeter Dienſtbehinderung, das
Zeugnisrecht, der Gehaltszahlungstermin, das Gehalts=
einbehaltungsrecht
, das Lehrlingsweſen, die Fortbil=
dungsſchulpflicht
, Schutz der Geſundheit, Beſchränkung der
Arbeitszeit, Verbot der Sonntagsarbeit und die Zuſtän=
digkeit
der Kaufmannsgerichte für Streitigkeiten aus dem
Anſtellungs= und Lehrverhältniſſe‟. Als beſonders dring=
lich
wird die Schaffung eines geſetzlichen Schutzes der
Bureauangeſtellten gegen die ſanitären Mißſtände in den
Bureaus und gegen die geſundheitsſchädlichen Folgen
überlanger Arbeitszeit bezeichnet.
Aus der Zentrumspartei. Geheimrat
Roeren erklärt den irrigen Meldungen über die Nicht=
aufnahme
des Grafen Oppersdorff in die Zentrums=
fraktion
gegenüber einem Vertreter des Mirbachſchen
Korreſpondenzbureaus: Ich halte meine Erklärung in
der Kölniſchen Volkszeitung vom 5. ds. Mts. Wort für
Wort aufrecht. Ich wäre in der Lage, nach den mir zu=
fällig
noch vorliegenden Notizen, die ich mir in der be=
treffanden
Vorſtandsſitzung vor meiner. Wortmeldung
machte, die Gründe, die ich für die Aufnahme des Gra=
fen
Oppersdorff anführte, ziemlich wortgetreu wieder=
zugeben
, um das Gedächtnis des als Gewährsmann hin=
geſtellten
Vorſtandsmitgliedes aufzufriſchen. Ich halte
mich aber nicht für berechtigt, Vorgänge aus der Vor=
ſtandsſitzung
an die Oeffentlichkeit zu ziehen. Ich über=
laſſe
es vielmehr dem Vorſtand ſelbſt, ob und welche
Schritte er gegenüber den falſchen Berichten tun wird.

Ausland.

Oeſterreich=Ungarn.
Wiedereröffnung des ungariſchen Par=
laments
. Die erſte Sitzung des wieder eröffneten
ungariſchen Parlaments verlief in wüſter Obſtruktion.
Sie begann mit einer namentlichen Abſtimmung, wurde
mit Hausordnungs=Erörterungen fortgeſetzt und endete
mit einer längeren Geheimſitzung. Während der ganzen
Zeit wurde nur über Nichtigkeiten geſprochen. Ueber die
Frage, wie man der Obſtruktion entgegentreten ſoll,
ſcheint auch bei der Regierung noch volle Unklarheit zu
beſtehen. Infolge der Unfähigkeit, etwas gegen die Ob=
ſtruktion
zu tun, iſt auch die Stimmung der Arbeitspartei
gedrückt. Gegen den Kriegsminiſter v. Auffenberg äu=
ßerte
ſich in einem Teil der Mehrheit eine außerordent=
lich
ſtarke Abneigung. Während der Sitzung verlangte
der Abgeordnete Sandor in den Wandelgängen, daß man
das Heeresbudget dem Kriegsminiſter v. Auffenberg
überhaupt nicht bewilligen ſolle.
England.
Die engliſche Luftſchiffahrt. In der Denk=
ſchrift
zum Heeresetat heißt es: Die engliſche Regierung
beſchloß unter dem Eindruck des Vergleichs des Standes
der Luftſchiffahrt in England und den Fortſchritten bei
den anderen Großmächten außer der Zentralflugſchule
in der Ebene von Salisbury eine proviſoriſche Luftſchiff=
ſchule
in Eaſtchurch zu errichten, deren Entwickelung von
den in reichem Maße bevorſtehenden Verſuchen mit Waſ=
ſerflugzeugen
abhängen wird. Die Regierung glaubt,
einen bedeutenden Teil der qualifizierten Luftſchiffer
Englands zur Bildung einer Reſerve heranziehen zu
können, die in allen Teilen der Welt verwendbar ſein
würde. Die Denkſchrift enthält ferner Maßregeln, um die
private Unternehmungsluſt zur Mitarbeit zu ermutigen.
Die Ausſichten auf die erfolgreiche Verwendung von ſtar=
ren
Luftſchiffen für Flottenzwecke hält die Denkſchrift nicht
für hinreichend, um die hohen Koſten zu rechtfertigen, in=
deſſen
werde die Entwickelung des Luftſchiffweſens im
Auslande ſorgfältig überwacht werden. Die Verſuche
betreffend die Verwendung der Luftſchiffe zu militäriſchen
Zwecken würden fortgeſetzt.
Portugal.
Staat und Kirche. Aus Liſſabon wird berich=
tet
, daß eine von der Regierung beſtellte Kommiſſion die
Aufgabe hat, die Mittel zu einer gerechten Anwendung
des Geſetzes über die Trennung von Kirche und Staat
zu erkunden. Es wird auch gemeldet, daß die Kolonien

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 15. April 1912.

Nummer 88,

ſich bei der Regierung gegen die Anweſenheit und =
tigkeit
fremder Miſſionare beſchweren.

* Die Gräfin Albertine von Schaum=
burg
, geb. Stauber, Tochter eines Sohnes des letzten
Kurfürſten von Heſſen, iſt nach längerem Leiden im
Sanatorium Martensgrund bei Meran geſtorben. Die
Verſtorbene war am 7. Dezember 1845 geboren und hatte
ſich mit dem Prinzen Friedrich Wilhelm Philipp von
Hanau, Grafen von Schaumburg auf Oberurf, vermählt.
Ihr Sohn Karl Auguſt, der 1878 geboren war und ſich
1901 mit Anna von Trott zu Solz vermählte, iſt ihr 1905
im Tode vorangegangen. Aus der Ehe ſtammen ferner
die beiden Töchter Albertine und Marcelis. Durch den
Tod des Grafen Karl Auguſt iſt dieſer Zweig des Gräf=
lich
Schaumburgiſchen Geſchlechts im Mannesſtamm er=
loſchen
.
Ein neuer Fall Liebknecht. Eine von der
Kreuzzeitung aktenmäßig belegte Aktion hat der inzwi=
ſchen
von Berlin nach Koblenz übergeſiedelte Rechts=
anwalt
Dr. Walter Schwabe gegen den ſozialdemokrati=
ſchen
Abgeordneten und Rechtsanwalt Dr. Liebknecht un=
ternommen
. Dr. Schwabe begründet ſein Vorgehen auf
eine Notiz der B. Z. am Mittag vom 16. September
vorigen Jahres, worin es heißt:
Aus Jena wird uns telegraphiert: Der Parteitag
hat ſeine Arbeiten beendet uſw. Dr. Liebknecht beantragte
heute, wie alljährlich, eine Reſolution gegen den Zaris=
mus
und gedachte dabei auch des Attentats auf Stolypin,
das er als Zeichen des Wiedererwachens revolutionärer
Kräfte in Rußland begrüßte.
Dieſe tatſächlich und zumal für einen Juriſten auf=
reizende
Meldung hatte Dr. Schwabe zunächſt veranlaßt,
ſich an den Vorſtand der Berliner Anwaltskammer zu
wenden mit dem Erſuchen, wegen der darin enthaltenen
Verherrlichung des Attentats auf Stolypin gegen den
Rechtsanwalt Liebknecht, ſowie gegen die Rechtsanwälte
der Anwaltskammer, die der Reſolution in Jena zuge=
ſtimmt
haben ſollten, ſofort einzuſchreiten. Der Vorſtand
der Anwaltskammer hat dieſe Eingabe folgendermaßen
beantwortet: Ihre Eingabe vom 21. September 1911
gibt uns keinen Anlaß einzuſchreiten. Der Vorſtand hat
ſich nicht mit den politiſchen, religiöſen, phi=
loſophiſchen
oder künſtleriſchen Anſichten eines
Rechtsanwalts zu befaſſen. Wegen dieſer Ablehnung
iwandte ſich Dr. Schwabe an den preußiſchen Juſtizmini=
iſter
mit einer Beſchwerde, worauf der Beſchwerdeführer
vom Oberſtaatsanwalt beim Kammergericht, an den der
Antrag vom Juſtizminiſter weitergegeben worden war,
den Beſcheid erhielt, daß ſich nicht feſtſtellen laſſe, ob
Liebknecht eine derartige Aeußerung getan habe. Dr.
Schwaba hat daraufhin um Abgabe der Sache an den
Juſtizminiſter wegen eines Vorgehens gegen den Vor=
fſtand
der Anwaltskammer gebeten. Aber auch das wurde
vom Miniſter mit der Begründung abgelehnt, er ſei für
Maßnahmen im Dienſtaufſichtswege nicht zuſtändig. Die
Entſcheidungen des Vorſtandes der Anwaltskammer un=
terlägen
der Nachprüfung nur unter hier nicht erfüllten
Vorausſetzungen. Auch hiermit gab ſich Dr. Schwabe
nicht zufrieden, ſondern wandte ſich nun an das preu=
ßiſche
Staatsminiſterium. Nach einem von dieſem erteil=
ten
Beſcheide ſollte die Sachlage nochmals vom Juſtiz=
miniſter
geprüft werden. Aber auch dieſer nach erneuter
Prüfung erteilte Beſcheid war ablehnend. Dr. Schwabe
wurde nun von neuem beim Oberſtaatsanwalt beim
Kammergericht vorſtellig, wurde wiederum abgewieſen,
weil der Nachweis der Verlatzung der dem Anwaltskam=
mervorſtande
obliegenden Pflichten nicht zu führen ſei,
und jetzt iſt die Angelegenheit vom Beſchwerdeführer
dem Ehrengerichtshof in Leipzig vorgetragen worden.
Dr. Schwabe hat übrigens Berlin mit der Motivierung
verlaſſen, daß ein Reſerve= und Landwehroffizier einem
ſolchen Ehrengericht, wie es der Vorſtand der Berliner
Anwaltskammer ſei, nicht unterſtehen könne. Er begrün=
det
das des weiteren mit folgenden Ausführungen: Ich
bemerke hier gleich, daß ich die Aufgabe meiner hieſigen
Praxis und meinen Fortzug aus Berlin in die Wege ge=
leitet
habe. Ich kann als Offizier einem Ehrengericht
nicht unterſtehen, welches ſich weigert, gegen eine Ver=
herrlichung
des Meuchelmordes einzuſchrei=
ten
und eine ſolche Verherrlichung religiöſer und künſt=
leriſcher
Betätigung gleichſtellt. Wenn der Vorſtand der
Anſicht geweſen wäre, daß ihm eine ſolche Zeitungsnotiz

keinen Anlaß zum Einſchreiten böte, ſo wäre dies eine
ganz andere Sache geweſen. Dieſes Moment hat aber
die Entſcheidung des Vorſtandes nicht beeinflußt, viel=
mehr
iſt ſeine Stellungnahme eine materielle. Mit der
Duldung anarchiſtiſcher Ideen kann ein Offizier nichts
gemein haben. Ich ſehe mich aber jetzt durch den Vor=
ſtand
aus einer durch jahrelange Mühe aufgebauten
Praxis gedrängt.
* Zwickau, 12. April. Heute fand eine von etwa
67000 Perſonen beſuchte Bergarbeitverſamm=
lung
ſtatt, in der der Reichstagsabgeordnete Sachſe
ſprach. Er teilte mit, daß die geſtrige Revierkonferenz
beſchloſſen habe, eine Anfrage an das Miniſterium zu
richten, ob es bereit ſei, eine Arbeiterdeputation zu em=
pfangen
, die um Vermittelung zwiſchen den Bergarbeitern
und den Grubenbeſitzern erſuchen ſoll.
* New=York, 12. April. Von 25000 Lokomo=
tivführern
die im Betriebe von 50 öſtlich von Chi=
cago
verkehrenden Eiſenbahnen tätig ſind, ermächtigten
23000 die Führer, den Ausſtand zu erklären, wenn die
weitzeren Verhandlungen eine Lohnaufbeſſerung nicht
zeitigen.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 15. April.

* Vom Hofe. Die Großherzoglichen Herr=
ſchaften
begaben ſich am Freitag vormittag 11.45 Uhr
im Auto zum Beſuch der Kaiſerin nach Bad Nau=
heim
, nahmen an der Mittagstafel teil und kehrten um
4.30 Uhr wieder zurück. Um 5.30 Uhr empfing Ihre
Königl. Hoheit die Großherzogin Frau Dr. Willy
Merck im Neuen Palais. (Darmſt. Ztg.)
* Empfänge. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
empfingen am Samstag den Stabsveterinär
Beier vom Garde=Dragoner=Regiment (1. Großh. Heſſ.)
Nr. 23, den Rittmeiſter Mumm von Schwarzenſtein, den
Oberleutnant Andreae und den Leutnant Freiherrn
von Biſſing, letztere drei von der Reſerve desſelben Regi=
ments
, den Bibliothekar an der Großh. Hofbibliothel
Dr. Eſſelborn, den Geheimerat Beſt, den Profeſſor Müller
von Bingen, den außerordentlichen Profeſſor Dr. Rauch
von Gießen; zum Vortrag den Staatsminiſter Ewald,
den Finanzminiſter Braun, den Miniſter des Innern
v. Hombergk zu Vach, den Präſidenten des Ober=
konſiſtoriums
D. Nebel, den Vorſtand des Kabinetts
Geheimerat Römheld, den Generaldirektor des Hoftheaters
und der Hofmuſik Geh. Hofrat Werner.
* Zurückgenommen wurde die Verſetzung des Lehrers
Wilhelm Keipper zu Bernsburg, Kreis Alsfeld, auf
die zweite Lehrerſtelle an der Gemeindeſchule zu Weiten=
Geſäß, Kreis Erbach.
* Militärdienſtnachrichten. Der Oberſekundaner
Holtz der Haupt=Kadettenanſtalt iſt als charakteriſierter
Fähnrich im Leibgarde=Inf.=Regt. (1. Großh. Heſſ.)
Nr. 115 angeſtellt. Verſetzt ſind: Steinmann,
Lazarettinſpektor und Kaſſenvorſtand in Charlottenburg,
zur Wahrnehmung der Lazarett=Oberinſpektorſtelle nach
Darmſtadt, die Garn.=Verwalt.=Inſpektoren Krauſe
vom Truppen=Uebungsplatz Darmſtadt nach Mutzig als
Amtsvorſtand; Herlert auf dem Truppen= Uebungs=
platz
Darmſtadt in die Kontrolleführerſtelle ſeines
Standortes: Döring in Colmar i. E. nach dem
Truppen=Uebungsplatz Darmſtadt.
0 In der 2. Sitzung der Stadtverordneten= Verſamm=
lung
am Donnerstag, den 18. April 1912, nach=
mittags
3½ Uhr (nötigenfalls mit Fortſetzung am Freitag,
en 19. April 1912, nachmittags 4½ Uhr) wird der Vor=
anſchlag
der Stadtkaſſe und der ſtädtiſchen Nebenkaſſen
für das Verwaltungsjahr 1912 beraten.
* Ein Luftſchifflandeplatz in Darmſtadt? Die Flug=
platz
= und Luftverkehrsgeſellſchaft Unter=Rhein G. m. b. H.
in Duisburg (Fulgur) teilt uns mit, daß ſie ein Schreiben
an die hieſige Bürgermeiſterei gerichtet hat, worin ſie um
Ueberlaſſung eines Ankerplatzes für ihre Luft=
ſchiffe
bittet. Die genannte Geſellſchaft beabſichtigt fort=
während
, im Winter und Sommer, Paſſagier= und Reklame=
fahrten
auszuführen und möglichſt jede Woche mehrmals
hier zu landen, um Paſſagiere aufzunehmen oder abzuſetzen.
Die Fahrten ſollen ſchon in zirka 10 Wochen aufgenommen
werden, zwei Luftſchiffe ſind bereits im Bau und wird die
Fertigſtellung ſehr beſchleunigt. Der Fahrpreis für eine
Fahrt von 23 Stunden ſoll äußerſt gering ſein, voraus=
ſichtlich
nur 20 Mark pro Perſon betragen.

Städtiſches Hallenſchwimmbad. Der Beſuch, ſowie
die Einnahme des letzten Betriebsjahres im ſtädtiſchen
Hallenſchwimmbad waren gegen das Vorjahr bedeutend
beſſer. Die Geſamtbeſucherzahl betrug im Betriebsjahr
1911/12 248337 Perſonen gegen 230931 im Jahre vor=
her
. Die Einnahme nach den verausgabten Badekarten
belief ſich auf 91573,60 Mk. gegen 84941,15 Mk. Zu die=
ſer
Einnahme von 91573,60 Mk. kommen noch etwa
6000 Mk., welche für das Waſchen von ſtädtiſchen Hand=
tüchern
uſw. und für verabreichte Bäder an Mitglieder
der Krankenkaſſen eingenommen wurden. Die Geſant=
einnahme
ſtellt ſich demnach ſtatt der im Etat vorgeſehe=
nen
Einnahme von 92000 Mk. auf rund 97500 Mk. Es
iſt beabſichtigt, das klaſſenweiſe Baden, reſp. Schwimmen
von Schulkindern, wie es in anderen Städten beſteht,
auch hier einzuführen.
* Heſſiſcher Goethe=Bund. Am 15. ds. Mts., abends
8¼ Uhr, wird Herr Privatdozent Dr. Dammann auf
Veranlaſſung des Heſſ. Goethebundes über mittel=
alterliche
Wandmalereien auf heſſiſchem
Boden in der Aula der Techniſchen Hochſchule ſprechen.
Der Vortragende wird Erläuterungen über die in der Aula
zu einer höchſt intereſſanten Ausſtellung vereinigten Ge=
mälde
=Kopien geben, die, durch ein zum erſten Male ange=
wendetes
Verfahren geſchaffen, ein getreues Bild der Ori=
ginale
geben. Mit großem Geſchick und in emſiger Arbeit
hat Herr Dr. Dammann die Einordnung der Bilder vor=
genommen
. Die Beſucher werden überraſcht ſein über die
Fülle und Schönheit des Gebotenen, das durch den Redner,
einen unſerer tüchtigſten jüngeren Kunſthiſtoriker, eine vor=
treffliche
Erklärung finden wird.
* Verein der Detailliſten von Darmſtadt. Die dies=
jährige
Hauptverſammlung findet am Dienstag,
den 23. d. Mts., abends im Kaiſerſaal (Kaufm. Vereins=
zimmer
) ſtatt. Die Mitglieder wird hauptſächlich
Punkt 5 der Tagesordnung: Die unlauteren
Wettbewerbsfälle und die Darmſtädter
Staatsanwaltſchaft ſintereſſieren. (Siehe An=
zeige
.)
* Stenographie. Der Gabelsberger Stenographen=
Verein (1861), ſowie der Damen=Stenographen=Verein
Gabelsberger nehmen für ihre neu eröffneten Anfänger=
kurſe
noch Anmeldungen entgegen.
Am Stadthaus wurde am Samstag nachdem
der Bau ſchon mehrere Jahre fertig ein Schild mit der
Aufſchrift Stadthaus angebracht. Immerhin eine, wenn
auch recht beſcheidene und wenig auffallende Bezeichnung
dieſes wichtigen Gebäudes. Ließe ſich denn nicht, wie das
auch anderswo ähnlich Brauch iſt, ein recht großes Wappen
iber der Tür, vielleicht am Gitter des Balkons, anbringen,
damit doch auch für den Fremden das Stadthaus als
ſolches oder wenigſtens als behördliches Gebäude kennt=
lich
iſt?
* Bilder vom Tage. In der Auslage unſerer Expe=
dition
(Rheinſtraße 23) ſind von heute ab folgende Bilder
neu ausgeſtellt: Das neue deutſche Lehrgeſchwader bei der
erſten Uebungsfahrt; das Denkmal der Königin Viktoria
von England in Nizza, eine Schöpfung des Bildhauers
Maubert; Porfirio Diaz, der Expräſident von Mexiko in
Madrid; Graf und Gräfin Metternich als Kinoſchau=
ſpieler
.
A Durchſchnittspreiſe von den Wochenmärkten.
Der ſo ſehr ungünſtigen Witterung wegen ſind Spargeln
bis jetzt nur vereinzelt da und koſteten 1,001,10 M. das
Pfund. Butter ½ Kg. 1,50, Eier 68 Pf., Schmierkäſe
½ Ltr. 2225 Pf., Handkäſe 410 Pf., Kartoffeln
der Zentner 4,505,00 M., Kumpf (10 Liter) 80 Pf.,
½ Kg. 78 Pf., Mäuschen ½ Kg. 15 Pf., Malteſer Kg.
518 Pf., Aepfel ½ Kg. 525 Pf., Zitronen, Apfelſinen
58 Pf.; Salat, Gemüſe: Kopfſalat 1415 Pf., Körb=
hen
Feldſalat. Lattich 1012 Pf., Bündel Radischen 3 Pf.,
Rettich 8 Pf., Meerrettich 1535 Pf., Zwiebeln ½ Kg.
12 Pf., Tomaten ½ Kg. 70 Pf., Gelberüben ½ Kg. 15
bis 20 Pf., Weißerüben ½ Kg. 10 Pf., Bündel Römiſch=
Kohl 3 Pf., Spinat ½ Kg. 1020 Pf., Wirſing 1060 Pf.
Weißkraut, Rotkraut ½ Kg. 18 Pf., Blumenkohl 80 Pf.,
Schwarzwurz ½ Kg. 25 Pf., neue Schälgurken 50 Pf.,
Topf Schnittlauch 15 Pf.: Geflügel, Wild: Gänſe
½ Kg. 85 Pf., Enten 45 M., Hahnen und Hühner 2,00
bis 2,20 M., Tauben 6070 Pf., Paar Zuchttauben 1,50
bis 10,00 M., Zicklein 34 M., Lapins 0,901,00 M.;
Fiſche ½ Kg.: Hecht 80 Pf., Aal 1,20 M., andere Rhein=
fiſche
3560 Pf., Rotzungen 80 Pf., Schollen 25 Pf.,
Kabeljau, 2030 Pf., Schellfiſche 1725 Pf., Seelachs
1924 Pf.; in den Fleiſchſtänden ½ Kg.: Rindfleiſch
6066 Pf., Hackfleiſch 70 Pf., Rindsfett 60 Pf., Rinds=
würſtchen
(Stück) 15 Pf., Schweinefleiſch 84 Pf., geſalzenes
S

Der Panamakanal.
(Nachdruck verboten.)

W.O. Das gewaltige Werk des Panamakanals, deſſen
Werdegang von den wirtſchaftlichen Kreiſen, nicht zum
wenigſten von der Schiffahrt, mit ungemeinem Intereſſe ver=
folgt
wird, iſt grade in der allerjüngſten Zeit in beſonders
hohem Maße in den Brennpunkt der Erörterungen getreten.
In Erinnerung iſt ſicherlich die Unterredung des deutſchen
Kaiſers mit dem amerikaniſchen Oberſten Goetahls, deren
Wiedergabe in der Preſſe ſich keineswegs mit den Tatſachen
zu decken vermochte, die Nachrichten von einer Gefährdung
des Werkes durch vulkaniſche Eruptionen haben die Oeffent=
lichkeit
beſchäftigt, und ſchließlich hing das, was über die
antiunioniſtiſche Bewegung in einzelnen kleineren Staaten
Amerikas mitgeteilt wurde, unmittelbar mit der Kanalfrage
zuſammen. Prüft man alle dieſe Nachrichten, dieſes Kon=
glomerat
von Wahrheit und Dichtung, auf ihren wirklichen
Wert, ſo kommt man unweigerlich zu dem Schluſſe, daß ihre
Verbreitung einem beſtimmten Zwecke dienen ſollte, und tat=
ſächlich
merkt man aus alledem das Beſtreben heraus, für
die unleugbare Verzögerung in den Arbeiten irgend welche
plauſiblen Gründe anzuführen. Würde der Präſident der
Union, Taft, vor einiger Zeit nicht in unbegrenztem Opti=
mismus
erklärt haben, daß ſchon am 1. Juli 1913, und nicht
erſt, wie vorgeſehen, 1915, die erſten Schiffe den Kanal durch=
fahren
könnten, dann allerdings könnte man die Arbeiten
als bedeutend vorgeſchritten bezeichnen.
Angeſichts der öffentlichen Erörterungen, wird es von
Intereſſe ſein, über den bisherigen Stand der Arbeiten am
Kanal etwas zu erfahren, wobei auch einige Angaben über
die Anlage im allgemeinen, und zwar vorerſt, angebracht
erſcheinen: Bekanntlich entſchloß ſich die Union, im Gegen=
ſatz
zu der urſprünglichen Abſicht der Leſſepsgeſellſchaft, den
Kanal als Schleuſen=, nicht als Niveaukanal zu bauen. Man
verſprach ſich, wohl auch mit Recht, von dieſer Ark der Aus=
führung
eine ſchnellere Beendigung und damit auch eine
Verbilligung der Arbeiten, eine größere Sicherheit für die
Schiffe ſelbſt und eine flottere Abwicklung des Verkehrs.
Der Lauf des Kanals iſt nun folgender: Im Weſten von
Colon, am Caraibiſchen Meer, befindet ſich an der Felſen=
küſte
eine Ausbuchtung, die man die Liman=Bai nennt.
Die Schiffe fahren von hier in einem Waſſerbett von 11½

Kilometer Länge und gelangen zunächſt vor die Schleuſen=
tore
von Gatun. Dort werden ſie das erſte Mal durchge=
ſchleuſt
, indem ſie drei Mal, insgeſamt 85 Fuß engliſch,
gehoben werden, und gelangen auf das Niveau des Sees
von Gatun. Dieſer ſtellt gewiſſermaßen die obere Kopf=
ſtation
des ganzen Syſtems dar, und iſt eigens dafür ge
ſchaffen worden, alſo kein natürlicher See. Auf der atlan=
tiſchen
Seite findet er durch die Schleuſen von Gatun ſeinen
Abſchluß und ferner durch einen ſtarken Damm, der den Lauf
des Chagresfluſſes einzuengen beſtimmt iſt. Täke man letz=
teres
nicht, ſo liefe man Gefahr, daß der genannte, ſehr
reißende Strom die Anlagen zerſtört. Auf der Pazifikſeite
lehnt ſich der See an den Bergabhang von Culebra an.
Dieſes gewaltige Waſſerbecken hat eine Länge von 25 Meilen
engliſch und einen Flächeninhalt von ungefähr 425 Kilo=
meter
. In ſeiner Mitte iſt den Schiffen eine Fahrlinie von
mindeſtens 500 und höchſtens 1000 Fuß Breite vorbehalten.
Nach Paſſieren der letzteren gelangen die Fahrzeuge bei
Culebra in den ſchmalſten Teil der Anlage, der 14 Kilometer
lang und nur zirka 90 Meter breit iſt. Den Abſchluß dieſes
Armes bildet die Schleuſe von Pedro Miguel, wo der erſte
Teil des ganzen Syſtems zu Ende iſt. Hier erfahren die
Schiffe eine Senkung von 9¼ Meter unter das vorherige
Niveau des Waſſers, eine weitere von 16,65 Meter erfolgt
an den ſich anſchließenden beiden Schleuſen von Miraflores.
Von hier aus haben die Schiffe nur noch 2 Schleuſen zu
paſſieren, die mit einer ſich gegenſeitig aufhebenden Hebung
und Senkung des Waſſerniveaus verbunden ſind, und nach
weiterem Durchfahren eines Kanalarmes iſt endlich die Pa=
zifikküſte
, der Endpunkt des großartigen Werkes, erreicht.
Seit 1904 wird an dem Kanalbau emſig gearbeitet,
vorwiegend allerdings an dem Damm von Gatun, dem Ein=
ſchnitt
bei Culebra und den verſchiedenen Schleuſen. Der
erſtere beſitzt eine Länge von rund 2½ Kilometer, eine unkere
Breite von 805 Meter, von 122 Meter in Waſſerhöhe und
von 30 Meter ganz oben. Der Damm beſteht aus einer un=
durchdringlichen
Maſſe von Sand und Lehm und wird auf
beiden Seiten von aus Felsblöcken zuſammengeſetzten Wän=
den
umſchloſſen. In ſeiner Mitte ließ man während des
Baues einen ausgemauerten Spalt, der dem Waſſer des
Chagresſtromes Durchlaß gewährt, nach Beendigung der
Arbeit aber durch Schleuſentore abgeſperrt iſt, die den Lauf
des Fluſſes regulieren. Im Verlaufe des vorigen Jahres

ſind die Arbeiten an dieſem Teile beträchtlich vorgeſchritten;
die felſigen Wände ſind um durchſchnittlich 30 Fuß in der
ganzen Länge höher geführt worden, ebenſo iſt der eigent=
liche
Damm, der zwiſchen den Wänden liegt, beträchtlich
gewachſen. Ende Juni 1911 war der ganze Damm zu ¾
beendet; nach Anſicht der Ingenieure wird es möglich ſein,
Anfang Januar 1913 den Durchſtich, d. h. die Füllung des
Baſſins von Gatun, vorzunehmen. Bis zum Auguſt dürfte
dann der Waſſerſtand die Höhe von 69 Fuß erreicht haben.
Für den geſamten Kanalbetrieb ſind 12 Schleuſen vorge=
ſehen
, 6 bei Gatun, 2 bei Pedro Miguel, 4 bei Miraflores.
Alle dieſe Schleuſen, von denen die erſten zur Kopfſtation
des Syſtems führen, haben die gleiche Bauart. Sie beſitzen
Betonkammern von 305 Meter Länge und 33 Meter Breite,
ſind zu je einem Paar, getrennt durch eine dicke Mauer, zu=
ſammengefügt
, in deren Innerem ſich die Maſchinen be=
finden
. Die Tore der Wehren beſtehen aus Stahl und ſind
beſonders ſorgfältig konſtruiert, um die nötige Widerſtands=
fähigkeit
zu entfalten. Die Schiffe werden durch die Schleu=
ſen
durch elektriſche Lokomotiven hindurchgezogen werden,
dürfen alſo nicht mit eigener Kraft fahren. Am meiſten vor=
geſchritten
iſt bisher der Bau der Wehren bei Pedro Miguel.
Es mag zum Schluß noch etwas über die Koſten des
Baues geſagt werden. 1904 ſchätzte die Regierung in
Waſhington ſie auf 375000000 Dollar, ſah aber bald ein,
daß dieſe Summe lange nicht hinreichen wird. Bis zum
Juni 1911 betrugen die Effektivausgaben etwa 225½ Mil=
lionen
, ſie werden im Ganzen etwa die ſtattliche Höhe von
Milliarde erreichen.
Mit gemiſchten Gefühlen ſteht Frankreich, wo ja die
Idee des Kanalbaues hervorgegangen iſt, dem Unternehmen
gegenüber. Mit einer gewiſſen Elegie wird jenſeits der Vo=
geſen
darauf hingewieſen, daß dieſe Ausführung eines fran=
zöſiſchen
Gedankens den Amerikanern bedeutende Abſatz=
möglichkeiten
für alle möglichen Waren, Lokomotiven, Wag
gons, Keſſel ꝛc. eröffnet, und daß man bei der Eröffnung
der neuen Schiffahrtsſtraße der früheren franzöſiſchen Be=
mühungen
nicht mehr gedenken wird. Solche Sentimen=
talitäten
ſind aber nicht angebracht, wenn es ſich um ein
Werk handelt, das allen Handel und Schiffahrt pflegenden
Kulturvölkern gleichmäßig zu Gute kommen ſoll.

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Nummer 88.
Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 15. April 1912.

Seite 3.

und Koteletts 96 Pf., Kalbfleiſch 90 Pf., Schwartenmagen,
Fleiſchwurſt 80 Pf., Leber= und Blutwurſt 60 Pf.
* Luftpoſt. Eine vom Luftſchiff Viktoria Luiſe‟
am Samstag bei der Fahrt über Darmſtadt ausgewor=
fene
Luftpoſt, die 14 Poſtkarten enthielt, wurde in der
Ludwigſtraße von Herrn Eugen Momberger,
Schützenſtraße 4, gefunden und zur Weiterbeförderung der
Poſt übergeben.
* Ein Brand war Freitag abend gegen 10 Uhr in
dem Hauſe Feldbergſtraße 38 ausgebrochen. Das Feuer
entſtand jedenfalls durch einen Kaminbrand und griff
dann auf den Dachſtuhl des Hauſes über. Dieſer iſt
größtenteils niedergebrannt. Eine weitere Ausdehnung
wurde durch die ſchnell herbeigeeilte Feuerwehr ver=
hindert
, die dem Feuer energiſch zu Leibe ging.
Folgender offizieller Bericht geht uns von der
hieſigen Feuerwache zu: Am 12. April, nachts 10 Uhr
4 Minuten wurde der Feuerwache durch das Polizeiamt
gemeldet: Feuer, Feldbergſtraße 33. In dem Hauſe
des Heren Monnard war in dem Dachſtuhl Feuer aus=
gebrochen
. Bei Ankunft der Wache zeigten ſich ſtarke
Flammen und Rauch. Es wurde mit zwei Schlauch=
leitungen
durch das Treppenhaus vorgegangen und mit
einer dritten Leitung über die Leiter von außen ange=
griffen
, wonach in ¾ Stunden das Feuer gelöſcht war.
Die Räumungsarbeiten wurden durch Mannſchaften der
Weckerlinie vorgenommen. Die Wache war 11 Uhr
32 Minuten zurück. Die Entſtehungsurſache iſt noch
nicht ermittelt. Der Schaden iſt insbeſondere Ge=
bäudeſchaden
.

Bensheim, 12. April. Nach dem Voranſchlag
für das Rechnungsjahr 1912 ſchließt die Betriebsrechnung
unſerer Stadt mit 535 629 Mk. ab gegen 526 756 Mk. nach
dem Voranſchlag für 1911 und 509 662 Mk. nach der Rech=
nung
von 1910; die Vermögensrechnung ſchließt mit
165630 Mk. ab (gegen 175 189 Mk. und 155 281 Mk.). Die
Endzahlen für 1912 ſind alſo auf 701 259 Mk. angenom=
men
. Die Badeanſtalt verlangt einen Zuſchuß von
3489 Mk., das Schlachthaus wirft einen Ueberſchuß von
2196 Mk. ab, das Waſſerwerk einen ſolchen von 10 100 Mk.
Ein Verzeichnis der ſämtlichen Schulden der Stadt und
ein Verzeichnis des verzinslichen Aktivvermögens ſind
dem Voranſchlag beigegeben.
M. Babenhauſen, 12. April. Die hieſige Molkerei=
genoſſenſchaft
erzielte im Jahre 1911 bei einer
Milchlieferung von 764835 Kilogramm einen Rein=
gewinn
von 1434 Mark. Die Genoſſenſchaft zählt gegen
wärtig 34 Mitglieder.
M. Altheim, 12. April. Bei einem Mitgliederſtande
von 99 Perſonen hatte unſere Spar= und Dar=
lehenskaſſe
im Vorjahre einen Kaſſenumſatz von
137419 Mark und erzielte einen Reingewinn von 812
Mark.
Mainz, 13. April. Geſtern hielt der Mittelrhei=
niſche
Fabrikanten=Verein unter dem Vorſitze
des Profeſſor Dr. L. Beck=Biebrich eine gut beſuchte
Vereinsverſammlung ab, in der auch zahlreiche Vertreter
heſſiſcher Provinzial=und Kreisbehörden anweſend wa=
ren
. Hauptgegenſtand der Tagesordnung war ein Vor=
trag
des Herrn Baurat Schöberl in Darmſtadt über
Die Entwickelung der Ueberlandzentra
len im Gebiet des Mittelrheins und ihre
Bedeutung für Induſtrie und Handwerk.
Am 25. September 1891 ſei in Süddeutſchland, ſo führte
der Herr Vortragende nach dem Referat des M. T. aus,
ein techniſches Wunder geſchehen, als zum erſten Mal die
Lampen der Frankfurter Elektrotechniſchen Ausſtellung
durch den Strom der 170 Kilometer entfernten Kraftan=
lage
bei Lauffen geſpeiſt worden ſeien. Inzwiſchen ſei
eine ungeahnte Verbreitung der elektriſchen Energie als
Arbeitskraft und Beleuchtungsmittel erfolgt. An Stelle
der zahlreichen auf den Fabrikgrundſtücken zerſtreuten
Dampfmaſchinen ſeien Kraftzentralen, an Stelle der
ſchwerfälligen, teuren und kraftverzehrenden Transmiſſio=
nen
Drahtleitung und Elektromotoren getreten. In den
Städten ſeien die Elektrizitätswerke mit ihren beſonderen
Anlagen für die Energieverteilung entſtanden. Als erſte
Zentralen mit Erfolg ſeien das Rheiniſch=Weſtfäliſche
und das Oberheſſiſche Werk zu verzeichnen. Der Vortra=
gende
beſprach weiter die großen techniſchen Fortſchritte,
die in den letzten 10 Jahren zur Vervollkommnung der
Ueberlandzentralen gemacht worden ſind, legte die Gründe
dar, die veranlaßt haben, daß die ſtädtiſchen Elektrizitäts=

Werke die Entwicklung der Ueberlandzentralen ſo an ſich
haben vorbeigleiten laſſen und äußerte ſich ausführlich
über die Verhältniſſe der beſtehenden oder geplanten
Ueberlandzentralen im Mittelrheingebiet, um ſodann zu
der Bedeutung der Ueberlandzentralen überzugehen. Der
Anſchluß einer Induſtrie an ein großes elektriſches Werk
ſei eine Frage des Preiſes und der Betriebsſicherheit,
weil ſchon ein Tag Störung in der Kraftlieferung große
Verluſte bringen könne. Bezüglich des Einfluſſes der
Ueberlandzentralen auf die Heiminduſtrie ſei ein abſchlie=
ßendes
Urteil noch nicht zu gewinnen. Die phyſiſche An=
ſtrengung
der Weber ſei durch die Verwendung elektri=
ſcher
Kraft vermindert worden, aber die Hoffnung, den
Fabrikbetrieb beſeitigen zu können zugunſten des einzel=
nen
Betriebes, habe ſich nicht erfüllt. Die Urteile über die
Einführung von Elektromotoren im Handwerk ſeien noch
peſſimiſtiſcher, denn nur in einzelnen Handwerkszweigen
(Metzgereien, Bäckereien, Schloſſereien) habe der elektri=
ſche
Antrieb von Werkzeugmaſchinen leicht Eingang ge=
funden
. Durch das Aufkommen der Ueberlandzentralen
würden andere Induſtriezweige ſchwer betroffen, ſo der
Lokomobilenbau für Dreſchmaſchinen, der Bau von Ben=
zin
=, Benzol= und Sauggasmotoren. Ferner werde der
kleine Dampfkeſſelbau und Dampfmaſchinenbau zu leider
haben. Der zweiſtündige Vortrag fand großes Intereſſe
und lebhaften Beifall bei den Zuhörern. Es wurden
aus der Verſammlung noch verſchiedene Anfragen an
den Vortragenden gerichtet, die auch von ihm beantwor=
tet
wurden.
Mainz, 13. April. Weinhändler Schober aus
Oppenheim, der bekanntlich flüchtig gegangen und von
Montreal ausgeliefert wurde, wurde heute morgen kurz vor
ieben Uhr ins hieſige Unterſuchungsgefäng=
nis
gebracht. Ueber ein Dutzend Schüler, zum großen
Teil aus höheren Lehranſtalten, ſind in das Lager der
Glashandlung von Hans Stein eingedrungen und
hauſten dort, wie das M. T. berichtet, wie die Van=
dalen
. Spiegelglas, Transportwerkzeuge wurden zer=
brochen
, Leitern und ſonſtige Geräte über= und unterein=
ander
geworfen, ſowie Scheiben zertrümmert. Die Täter
haben auch ein Automobil aus der Garage herausgezogen
und wertvolle Teile abgeſchraubt; außerdem öffneten ſie die
Ventile der Automobilreifen. Sämtliche Täter wurden er=
mittelt
und zur Anzeige gebracht. Zwei 14jährige Knaben
ſpielten geſtern in der Wohnung der Eltern des einen
Jungen am Lennigplatz mit einer geladenen
Piſtole. Plötzlich krachte ein Schuß und die Kugel drang
dem einen Knaben direkt zwiſchen der Naſeund dem
linken Augeneck ein. Die Mutter brachte den verletzten
Knaben ſofort zu einem Arzt, dem es gelang, die Kugel zu
entfernen, ohne daß das Auge in Mitleidenſchaft gezogen
wurde.
Koſtheim, 12. April. Die Frage der Eingemein=
dung
in die Stadt Mainz wird der dortigen Stadtverord=
netenverſammlung
in Bälde zur Entſcheidung unterbreitet
werden. In einer hieſigen Fabrik wurde vor einigen
Tagen aus dem Laboratorium von einem Unbekannten ein
Tiegel aus Platina im Wert von über 100 Mark
entwendet.
Weiſenau, 12. April. Der 18jährige Sohn eines hieſigen
Maſchiniſten, der in einem kaufmänniſchen Geſchäfte tätig
war, hat vor einigen Tagen ſeine elterliche Wohnung ver=
laſſen
und iſt ſeit dieſer Zeit ſpurlos verſchwunden.
Man glaubt, daß dem jungen Manne ein Leid zugeſtoßen
iſt. Geſtern und vorgeſtern wurden hunderte von Flug=
blättern
, die auf der Straße unentgeltlich verteilt wurden,
und deren Inhalt ſich gegen einen hieſigen Geſchäftsinhaber
richtete polizeilich mit Beſchlag belegt.
Gonſenheim, 12. April. In der letzten Nacht machte
ſich ein Offizier vom Feldartillerie=Regiment Nr. 27 zu
Pferd mit einem Soldaten auf den Weg zum Fort
Uhlerborn, um den dort ſtehenden Militärpoſten zu revi=
dieren
. Der Soldat ritt einige Schritte hinter dem Offi
zier. Als ſo beide durch den finſteren Wald trabten,
krachte plötzlich ein Schuß und das Pferd
des Soldaten ſtürzte, mitten in die Bruſt getrof=
fen
, tot zu Boden. Der Soldat ſelbſt blieb glücklicher=
weiſe
unverletzt. Der Dienſtrevolver des Offiziers ſoll
ſich unverſehens bei einer=Bewegung der Blendlaterne
entladen haben. (M. T.)
Jügesheim, 13. April. Die Bürgermeiſter
wahl ſcheint, trotzdem ſie bereits fünfmal vorgenommer
wurde, immer noch nicht ihren Abſchluß gefunden zu ha=

ben. Bei der letzten Wahl, beſ der der Kandidat Bru=
der
mit einer Stimme Mehrheit ſiegte, ſollen wieder
Fälle von Stimmenkauf vorgekommen ſein. Die
Staatsanwaltſchaft ſtellt gegenwärtig über die vorgekom=
menen
Wahlbeeinfluſſungen Erhebungen an.
M. Nackenheim, 12. April. Zwiſchen den fiskaliſchen
Inſeln Kiſſelau und Sändchen und den beiden
Rheinſtromarmen hat ſich im Laufe der letzten Jahre
ſehr viel Sand abgelagert, der nun weggebaggert
werden ſoll. Nach oberflächlicher Schätzung beträgt der
angeſchwemmte Sandvorrat mindeſtens eine Million
Kubikmeter. Da der Rheinſand gegenwärtig ein ſehr
geſuchter Artikel iſt, der mit einer halben Mark für das
Kubikmeter von den Dampfbaggerbeſitzern bezahlt wird,
ſo liefert der Rheinſtrom bei Nackenheim dem heſſiſchen
Staate ohne jegliche Auslage bei Hochwaſſer einen nicht
zu unterſchätzenden Einahmepoſten, der ſich bei der erſten
Baggerung auf mindeſtens eine halbe Million Mark
beziffert.
(*) Aus Oberheſſen, 12. April. Heute vormittag wüteten
in ganz Oberheſſen heftige Schneeſtürme bei
empfindlicher Kälte. Das Thermometer zeigte heute früh
3 Grad Kälte, die Erde war mit Schnee und Eis bedeckt.
Das Winterkleid verſchwand erſt nachmittags in der Wet=
terau
und der Gegend von Gießen. Im Vogelsberg und
an ſeinen Abhängen liegt die Schneedecke geſchloſſen und
ſtellenweiſe ziemlich hoch. Die bereits blühenden Stachel=
beerſträucher
, Pflaumen= und Kirſchenbäume haben Schaden
erlitten. Auch die Frühſaat in den Gärten, Salat uſw.,
iſt ſehr gefährdet.
Laubach, 10. April. Das Opfer einer Ver=
wechſelung
iſt ein junger Mann von hier geworden.
Als er in der Nacht auf Mittwoch eine Wirtſchaft ver=
ließ
, erhielt er mit einem Holzſcheit einen Schlag auf
den Kopf, daß er blutüberſtrömt zuſammenbrach. Er
vermochte ſich noch in ſeine Wohnung zu ſchleppen, wo
er anderen Morgens in bewußtloſem Zuſtande aufge=
funden
wurde. Der Arzt ſtellte eine Schädelzer=
trümmerung
feſt und ein Teil des Hutes war in
das Gehirn eingedrungen. Der Verletzte wurde in das
Johann Friedrich=Stift gebracht, wo er in hoffnungs=
loſem
Zuſtande danieder liegt. Der Täter, ein
ſchon öfters vorbeſtrafter Dienſtknecht von hier, ſoll den
Schlag einem anderen zugedacht haben; Zwiſtigkeiten
mit dieſem hatten ihm vor nicht langer Zeit eine Ge=
fängnisſtrafe
eingetragen. Er wurde in Haft ge=
genommen
.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 13. April. Die Einigungs=
verhandlungen
zur Beilegung des Streiks der
Stukkateure, die geſtern vor dem Gewerbegericht
ſtattfanden, ſind geſcheitert, und zwar an der prinzipiellen
Frage der Verkürzung der Arbeitszeit von 8½ auf 8
Stunden. Im Dienſte der Königlichen Polizei in
Berlin iſt ſeit einigen Jahren auch eine Anzahl Damen
tätig, denen es obliegt, bei der Ermittelung von Verbre=
chern
und Aufklärung ſchwieriger Fälle mitzuwirken.
Dieſe Polizeiagentinnen oder Detektivinnen haben ſich
jedoch nicht bewährt, ſo daß beſchloſſen worden iſt,
dieſe Hilfe der Exekutive allmählich eingehen zu laſſen.
Neue Polizeiagentinnen werden daher nicht mehr ange=
ſtellt
. Ein aufregender Kampf zwiſchen einem
Arreſtanten und einem Schutzmann ſpielte ſich geſtern
nachmittag am Bahnhof Wedding ab. Wegen eines Ver=
gehens
ſollte der Arbeiter Guſtav Neumann zur Polizei=
wache
gebracht werden. Neumann ſetzte aber dem Be=
amten
heftigen Widerſtand entgegen und verſuchte mit
einem Meſſer auf den Schutzmann einzuſtechen. Dieſer
zog einen Browning=Revolver und verletzte den Gegner
durch einen Schuß in den Unterleib ſchwer. Neumann
ſank zu Boden und wurde als Polizeigefangener nach der
Charitee gebracht.
Diedenhofen, 13. April. Vor kurzem iſt von hier der
Geſchäftsagen t Gredt nach Frankreich ge=
flüchtet
, nachdem ſich herausgeſtellt hatte, daß Un=
regelmäßigkeiten
vorgekommen und daß ſeit Jahren keine
Bücher von ihm geführt worden waren. Jetzt ſtellt ſich
heraus, daß die vom Geflüchteten veruntreute Summe
eine enorme Höhe haben dürfte. Wie nämlich die Loth=
ringer
Bürgerzeitung berichtet, ſind bis jetzt über 300000
Mark des G. anvertrauten Geldes als verloren angemel=
det
worden, wobei es ſich allerdings zum Teil noch um
unkontrollierbare Angaben handeln ſoll. Die Geſchädig=
ten
ſind vielfach kleine Rentner, Handwerker und Witwen.

Großherzogliches Hoftheater.
Freitag, 12. April.

Der Störenfried.
WI. Von Zeit zu Zeit ſeh’ ich den Alten gern.
Wer der erſten Wiederaufführung des Benedixſchen Luſt=
ſpiels
Der Störenfried in voriger Saiſon beigewohnt
hat, wird ſich über den neuen Erfolg, den dieſes alte
Stück erzielt hat, nicht gewundert haben. Das heutige
Publikum iſt für dieſe Luſtſpiele aus älterer Zeit ebenſo
empfänglich wie für die Lortzingſchen Opern und die
Aufmachung im Biedermeierſtil verleiht dem Stück noch
ein erhöhtes Intereſſe und beugt dem Vorwurf vor, daß
wir Moderne doch beſſere Menſchen ſind. Jedenfalls hat
der ſtarke Erfolg des Luſtſpiels ſeine Wiederaufführung
gerechtfertigt. Es hat eigentlich lauter dankbare Rollen
Die geheimrätliche Schwiegermutter wurde von Frau
Rudolph im einzelnen vielleicht etwas zu outriert
im ganzen aber mit vielem Humor, hinter dem ſich die
Bosheit verſteckte, und mit komiſch wirkender Pointierung
geſpielt. Neu war auch Frl. Meißner als junge Frau
Lonau, die ſie ſehr ſympathiſch verkörperte und liebens=
würdig
darſtellte. Ganz prächtig war wieder der alte
Onkel Lebrecht des Herrn Wagner. Herr Baumei=
ſter
, der als Lonan eine hübſche Maske gewählt hatte
ſpielte den geplagten Schwiegerſohn und Haus
herrn mit Wärma und ſchlichter Vornehmheit, durch
jugendliche Friſche und überzeugende Natürlichkeit zeich
nete ſich das Spiel des Frl. Gothe als Alwine und des
Herrn Schneider als Hubert aus, während die derbe
Urwüchſigkeit der beiden dienſtbaren Geiſter, der Babett=
des
Frl. Grünberg und des Henning des Herrn
Speiſer die gewünſchte komiſche Wirkung nicht ver=
fehlte
. Auch die Kammerjungfer Minette des Frl
Heumann trug zu dem Heiterkeitserfolg des Stückes
zu ihrem Teile bei. Auf das Luſtſpiel folgte eine Wie=
derholung
des Balletts Champagner=Viſionen
von Frau Thiele=Leonhardt und Paul Lincke.

Feuilleton.

C.K. Ein antiker Ehevertrag. Die von den Berline:
Muſeen auf der Nilinſel Elephantine veranſtalteten Aus=
grabungen
haben nicht nur eine Fülle aramäiſcher Pa=

phri, ſondern auch die älteſten griechiſchen Ur
kunden auf Papyrus ans Licht gefördert, von
denen die früheſte wiederum ein Ehevertrag iſt, deſſen
Text Dr. Plaumann in den Amtlichen Berichten aus den
Königlichen Kunſtſammlungen mitteilt. Der Vertrag iſt
im Jahre 311 v. Chr. unter der Regierung des Königs
Alexander, Sohnes des Alexander (d. i. Alexander der
Große) im 7. Jahre, unter der Regierung des Satrapen
Ptolemäus im 14. Jahre zwiſchen Herakleides aus
Temnos und der Demetria, aus Kos abgeſchloſſen. Die
Frau bringt Kleidung und Schmuck im Werte von
1000 Drachmen ( 800 Mark) in die Ehe. Herakleides
heißt es dann weiter, ſoll der Demetria alles zur Ver=
fügung
ſtellen, was einer freien Frau zukommt. Wo
wir unſeren Wohnſitz aufſchlagen, ſollen Leptines (der
Brautvater) und Herakleides in gemeinſamer Beratung
feſtſetzen. Wenn aber Demetria auf unrechten Wegen
betroffen wird, ihrem Mann Herakleides zur Schande,
ſo ſoll ſie alles deſſen verluſtig gehen, was ſie in die
Ehe mitgebracht hat, und zwar ſoll Herakleides in
Gegenwart dreier Männer, die ſie beide beſtimmt haben,
nachweiſen, was er ihr zum Vorwurf macht. Dem
Herakleides ſoll es nicht erlaubt ſein, eine andere Frau
ins Haus zu bringen, der Demetria zum Hohn, oder
Nachkommenſchaft zu erzeugen mit einer anderen Frau
oder in irgend einer Weife unter irgend einem Vor=
wande
die Demetria zu hintergehen; wird Herakleides
aber bei einem von dieſen Dingen betroffen, und Deme=
tria
weiſt das nach in Gegenwart von drei Männern
die ſie beide beſtimmt haben, ſo ſoll Herakleides der
Demetria die Mitgift von 1000 Drachmen, die ſie mit=
gebracht
hat, zurückgeben und außerdem noch 1000
Alexander=Silberdrachmen zahlen‟ Der Vertrag ſoll,
wie ausdrücklich bemerkt wird, in jeder Weiſe an jedem
Orte gültig ſein, als ob er gerade da zuſtande gekom=
men
wäre, wo die Ehegatten etwa gegen einander Klage
erheben. Die Namen der Zeugen ſind beigefügt.
Der Sprung vom Wolkenkraßer. Aus New=York
wird berichtet: Schlimmes Unheil iſt über Amerikas
Metropole hereingebrochen; ſeit dem Mittwoch leiden
viele Hunderttauſende von New=Yorkern an den Folger
einer ganz eigenartigen Epidemie von Genickſtarre. Das
Leiden iſt durch Ueberanſtrengung hervorgerufen, die
Epidemie begann am Samstag, als Frank Law, ein
junger, waghalſiger Erfinder, plötzlich mit einem neu=
erfundenen
Fallſchirm von einem der höchſten Wolken=

ratzer abſprang und inmitten der verblüfften Leute in
Wallſtreet landete. Zum Verhängnis der New=Yorker
erklärte der verwegene junge Mann, daß er dieſes hals=
brecheriſche
Experiment in den nächſten Tagen noch
einige Male an verſchiedenen Punkten der Millionenſtadt
wiederholen wollte. Aber Law vergaß, Tag, Stunde
und Ort zu beſtimmen, und ſeitdem hat ſich das Straßen=
leben
der Millionenſtadt ſeltſam verwandelt. Ueberall
ſieht man jetzt auf den Trottoirs eng gedrängt die Men=
ſchen
ſtehen: den Kopf halten ſie weit zurückgebeugt, die
Naſe weiſt zum Himmelszelt und aller Augen ſtreben
empor zu den lichten Höhen, aus denen man Frank Law
ſehnſüchtig erwartet. Die Maſſenſuggeſtion feiert neue
Triumphe. Alle Augenblick findet ſich einer, der plötz=
lich
die Stunde des Schauſpiels für gekommen hält, der
ſtehen bleibt, zum Rande eines Wolkenkratzers empor=
blickt
: nach fünf Sekunden ſind es ſechs, nach zehn fünf=
zig
, nach einer halben Minute hundert und nach einer
Minute tauſend, die regungslos wie exotiſche Götzen
mit weit zurückgebogenem Schädel zur Himmelshöhe
ſtarren. Die Polizei iſt verzweifelt, jeden Augenblick
wird in einer anderen Straße der Stadt durch Menſchen=
anſammlungen
der Verkehr gehemmt. Ganz New=York
iſt da, nicht ein Schutzmann fehlt, nur Frank Law iſt
nicht mehr zu ſehen. Einem Interviewer erzählte er
ſtolz, daß er ſo lange von Wolkenkratzern herunterſprin=
gen
wolle, bis New=York endlich überzeugt ſei, daß ein
wirklich zuverläſſiger Fallſchirm nun endgültig erfunden
ſei. Dann will Frank Law nach London und auch nach
Paris reiſen, um hier vom Eiffelturme mit ſeinem Fall=
chirm
herabzuſpringen. Laws Fallſchirm beſteht aus
einem kleinen, zuſammenklappbaren Gerüſt, das ſich ähn=
lich
wie ein Regenſchirm entfaltet.
* Der Löwe und die Katze. Der Löwe ließ ſeine
Baſe, die Katze, rufen, und ſie erſchien mit krummem
Buckel vor ſeiner Höhle. Du hat befohlen, Herr
Vetter Ich hab dich rufen laſſen, um dir meine
Verachtung kundzugeben, dir meine Entrüſtung auszu=
ſprechen
, denn ich ſchäme mich unſerer Verwandſchaft
grollte der Löwe. Wie ich höre, ſchmeichelſt du denen,
die du heimlich beſtiehlſt, leckſt du die Hand, die du tückiſch
zerkratzeſt mit einem Wort: du haſt keinen Charakter!
Iſt dies wahr, oder kannſt du es leugnen? Ich
leugne es nicht, Herr Vetter, aber wer Charakter haben
will, der muß gleich dir in der Wüſte wohnen!

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Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 15. April 1912.

Nummer 88.

Homburg, 12. April. Heute nachmittag gegen 5 Uhr
traf die Kaiſerin in Begleitung der Gräfin Keller,
des Grafen Mirbach und des Leibarztes Dr. Zuncker
auf der Saalburg ein. Sie beſichtigten das Muſeum
und nahmen hierauf im Saalburgreſtaurant den Tee
ein. Nach kurzem Aufenthalt fuhren die Herrſchaften
nach Bad Nauheim zurück.
München, 12. April. Die Münchener Neueſten Nach=
richten
melden aus Innsbruck: In der Gemeinde Gries
bei Canazei wurden durch eine Feuersbrunſt 18
Häuſer zerſtört. 21 Familien ſind obdachlos. Der
Schaden iſt ſehr bedeutend.
Stuttgart, 13. April. Die Kälte auf der Schwäbi=
ſchen
Alb betrug heute früh 8 Grad. In der Umgebung
von Stuttgart wurde eine Temperatur von 3 Grad unter
Null feſtgeſtellt.
Koburg, 13. April. Der älteſte Sohn des ehemaligen
Regierungsverweſers für Koburg=Gotha, Prinz Gott=
fried
zu Hohenlohe=Langenburg, wird
demnächſt bei ſeiner Großmutter, der Herzogin=Witwe
Marie, hier Aufenthalt nehmen und ſeine Studien am
hieſigen Gymnaſium Caſimirianum fortſetzen. Der Prinz,
der vor einigen Tagen das 15. Lebensjahr vollendet hat,
wird die Gartenvilla des Palais Edinburg als Wohnung
erhalten.
Hamburg, 12. April. Das Seeamt verhandelte die An=
legenheit
des engliſchen Dampfers Oceana
und kam zu dem Spruch, daß der Zuſammenſtoß vom
Dampfer Oceana verſchuldet worden ſei. Der Führ=
ung
der deutſchen Bark Piſagua ſei nach keiner Richt=
ung
hin Schuld beizumeſſen.
Altena, 13. April. Um halb 3 Uhr brach in der Ma=
ſchinenfabrik
Alfred Gutmann, A.=G., ein
Feuer aus, das ſich raſch ausbreitete und die geſam=
ten
Fabrikanlagen, außer Keſſelhaus, Kontor und einigen
kleinen Magazingebäuden, einäſcherte. Der Schaden iſt
durch Verſicherung gedeckt. Ein Teil der Arbeiter muß
unbeſtimmte Zeit feiern.
Varel, 13. April. Am Donnerstag vormittag wurden
drei Schüler, die in einem Fiſcherboot auf dem
Jadebuſen eine Partie unternahmen, in die Seehin=
ausgetrieben
. Bis jetzt iſt noch keine. Nachricht
über ihren Verbleib eingetroffen.
Frankfurt a. O., 13. April. Der Forſtreferendar von
Knobloch, der am 2. Januar den Kaufmann Hedrich
erſchoſſen hatte, wurde der Irrenanſtalt Landsberg
zur Beobachtung ſeines Geiſteszuſtandes überwieſen.
Poſen, 13. April. Bei einer Kahnfahrt auf der Nogat
ſind hinter Blumſtein drei Schulknaben er=
trunken
.
Poſen, 13. April. In einem brennenden Getreide=
ſchober
wurde die Anſiedlerstochter Gertrud Niemann=
Kardorff als verkohlte Leiche aufgefunden. Wer
den Getreideſchober in Brand geſteckt hat und auf welche
Weiſe das Mädchen in den Schober gekommen iſt, konnte
noch nicht feſtgeſtellt werden.
Karlsbad, 13. April. Die Stadtverordneten haben
beſchloſſen, das Hotel Trautſtein, früher Faßmann,
für 1280000 Kronen für kommunale Zwecke an=
zukaufen
.
Paris, 12. April. Die Mordanſchläge dex
Automobilräuber haben nachträglich noch zwei
Opfer gefordert. Die übermäßige Lektüre der ſpalten=
langen
und ſenſationellen, mit allerhand Abbildungen
aufgebauſchten Berichte gewiſſer Pariſer Blätter darüber
haben die Nerven eines Anſtreichermeiſters und einer
Hausmeiſterin in Paris dermaßen überreizt, daß ſie beide
den Verſtand verloren. Der Anſtreichermeiſter
gab ſich ſchließlich der Wahnvorſtellung hin, daß er ſelbſt
einer der Häupter der Bande, nämlich der geſuchte Bon=
not
ſei. In dieſem Wahn flüchtete er ſich auf den Spei=
cher
ſeiner Wohnung und verſchanzte ſich dort gegen die
Polizei. Geſtern beſtieg er das Dach eines Hauſes und
bedrohte von dort herab die Leute in der Straße mit
einem Karabiner. Der Feuerwehr gelang es, ſich des
Armen ohne Unfall zu bemächtigen und ihn zum Kran=
kenhaus
zu ſchaffen. Die Hausmeiſterin, Hüterin eines
gutbewohnten Hauſes auf dem Boulevard Haußmann,
bildete ſich plötzlich ein, daß die Bande ihr Haus belagere,
und ſchrie aus Leibeskräften um Hilfe, als geſtern der
Polizeikommiſſar des Viertels bei ihr erſchien, um wegen
des Todes eines Hausbewohners die amtliche Feſtſtellung

vorzunehmen. Auch ſie mußte ins Krankenhaus gebracht
werden.
Paris, 13. April. Eine junge ſerbiſche Studentin
namens Wilica Popadic aus Nancy, die zum Beſuche
hier weilte, wurde heute nacht auf dem Heimwege im
Lateiniſchen Viertel von einem jungen Radfahrer über
fallen und durch einen Revolverſchuß getötet.
Schutzleute verfolgten den Mörder, der noch weitere
Schüſſe abfeuerte, ohne jedoch zu treffen. Die Poliziſten
erwiderten die Schüſſe und der Verbrecher ſtürzte tödlich
verletzt vom Rade. Man glaubt, daß der Mörder ein
ruſſiſcher Student iſt.
Paris, 13. April. Die Juwelendiebe, die vor
einigen Tagen in die Villa des ehemaligen mexikaniſchen
Geſandten in Paris, de Mier, einen Einbruch verübten
ſind nunmehr ermittelt wordel. Es ſind zwei ehe=
malige
deutſche Kammerdiener des Geſandten. Der eine,
Felix Keßler, wurde verhaftet. Er gab an, daß er im
Verein mit ſeinem Kameraden, einem gewiſſen Fritz, den
Diebſtahl ausgeführt hätte. Fritz ſei mit den Schmuck=
ſachen
nach Deutſchland gereiſt, um ſie dort zu verkaufen.
Er verſprach, in zwei Tagen zurückzukommen und den
Erlös mit ſeinem Komplizen zu teilen. Keßler wartete
vergeblich und wurde inzwiſchen feſtgenommen. Die er=
beuteten
Schmuckſachen hatten einen Wert von zirka einer
halben Million. Die Staatsanwaltſchaft hat die deut=
ſchen
Behörden verſtändigt und einen Steckbrief erlaſſen.
Paris, 13. April. Der amerikaniſche Milliardär Pier=
pont
Morgan läßt die Meldung dementieren, daß ihm
in Florenz von mehreren geheimnisvollen Perſonen die
aus dem Louvre geſtohlene Gioconda zum Kaufe
angeboten worden ſei.
Korfu, 13. April. Die Hoffnung auf weitere reiche
und für die archäologiſche Wiſſenſchaft wichtige Funde
hat nicht getrügt. Nachdem an verſchiedenen Stellen
Korfus nach dem Oſterfeſt die Grabungen gleich=
zeitig
in Angriff genommen waren, ſind geſtern bemer=
kenswerte
griechiſche Altertümer zutage gefördert wor=
den
. In Gegenwart des Kaiſers wurde ein Teil des
Fußbodens eines altgriechiſchen Hauſes, etwa aus dem
6. Jahrhundert vor Chriſti, freigelegt, das den gefunde=
nen
Kohlenreſten zufolge abgebrannt und eingeſtürzt
war. Das Prinzenpaar Auguſt Wilhelm beteiligt ſich
lebhaft perſönlich an den Grabungen. Der Kaiſer ver=
weilte
bis zum Eintritt der Dunkelheit bei den neuen
Funden und ſprach ſich über ſie ſehr erfreut aus.
Petersburg, 13. April. Auf der Oka in der Nähe von
Rjaſan ſchlug während des Eisganges ein Boot mit
20 Inſaſſen um. Alle, darunter ein Geiſtlicher mit Pfal=
menſängern
, die zu einer Beerdigung fuhren, ertran=
ken
vor den Augen zahlreicher Zuſchauer am Ufer, die
wegen des Eisganges keine Hilfe leiſten konnten.
New=York, 12. April. Die Begründerin des
amerikaniſchen Roten Kreuzes Klara Bar=
ton
iſt geſtorben. Sie war im Jahre 1821 in Or=
ford
im Staate Maſſachuſetts geboren. Während des
Bürgerkrieges organiſierte ſie die Pflege der Verwun=
deten
. Dieſe Organiſation ſchloß ſie dem Internationalen
Roten Kreuz in Genf im Jahre 1870 an. Der bald darau
beginnende deutſch=franzöſiſche Krieg führte ſie auf die
Schlachtfelder von Straßburg. Belfort, Montpellier und
Paris. 1893 weilte ſie in Rußland, in Armenien und
auf Kuba. Klara Barton gilt als die Begründerin des
Roten Kreuzes in Amerika und war bis zuletzt die offi=
zielle
Vertreterin Amerikas auf allen Kongreſſen des Ro=
ten
Kreuzes.

Zur Eichenſchälwaldfrage

ſchreibt man uns noch: In verſchiedenen Tageszeitungen
wurde darauf aufmerkſam gemacht, daß die Preiſe für
Eichenlohrinde, welche ſchon ſeit Jahren einen Rückgang
zeigen, auch dieſes Jahr wiederum auf dem Rindenmarkt
zu Hirſchhorn a. N. ſehr niedrig geweſen ſind. Ein Teil
der angebotenen Rinde konnte überhaupt nicht zum Verkauf
gelangen. Die Urſache dieſes erheblichen Rückganges iſt in
der geringeren Verwendung von Eichenlohe zum Gerben
des Leders zu ſuchen. Man will heute nicht mehr die gute
Qualität des Leders, welche durch die Eichenlohgerbung
erzielt wird, ſondern man verwendet andere chemiſche Ver=
fahren
, welche auch erheblich billiger arbeiten. Die Quali=

tät des auf dieſe Weiſe gegerbten Leders iſt jedenfalls nicht
diejenige, als wenn das Leder mit Eichenlohe gegerbt iſt.
Im Widerſpruch mit dieſer geringeren Verwendung der
Eichenlohrinde ſteht allerdings der Verlauf der Ledermeſſe
in Frankfurt in den letzten Tagen, wobei auch nicht im
Entfernteſten der Nachfrage nach mit Eichenlohe gegerbtem
Leder genügt werden konnte. Die Rentabilität des Eichen=
ſchälwaldes
iſt ſchon ſeit Jahren eine ſehr geringe. Auch
diejenigen Eichenſchälwaldbeſitzer, welche ſeither noch daran
gedacht hatten, daß durch irgend welche beſondere Gewin=
nungs
= und Verarbeitungsverfahren der Rinde der Eichen=
ſchälwald
erhalten bleiben könnte, werden jetzt zu der Ueber=
zeugung
gekommen ſein, daß dies nicht möglich iſt. Eine
Aenderung in den Betriebsverhältniſſen
muß eintreten.
Wenn aber in den Mitteilungen in den Tageszeitungen
nur ein Weg aus dieſer Notlage der Eichenſchälwald=
beſitzer
als der einzig richtige bezeichnet wird und zwar
die Ueberführung der Eichenniederwaldwirtſchaft zum
Hochwald, dann iſt dies ein einſeitiger Standpunkt, wel=
cher
die Sachlage vollkommen verkennt.
Der Eichenſchälwald iſt zu einem ſehr erheblichen Teil
in den Händen von kleineren Beſitzern, deren Einnahme=
quelle
in erſter Linie im Eichenſchälwaldbetrieb liegt.
Würde bei dieſen der Uebergang zum Hochwaldbetrieb=
durchgeführt
, dann hätten die Beſitzer auf Jahre hinaus
weder eine Einnahme aus dem Wald, noch eine Verwertung
ihrer Arbeitskraft. Mancher Eichenſchälwaldbeſitzer, der
jetzt einige Morgen ſein Eigen nennt, müßte als Taglöhner
gehen. Ein Vorteil für den Volkswohlſtand im Odenwald
wäre dies ohne Zweifel nicht. Staat und Gemeinde und
vielleicht auch Standesherrſchaften können den Hochwald=
betrieb
mit der Zeit durchführen, aber nur unter Berückſich=
tigung
der Intereſſen der Privatbeſitzer. Gehen erſtere zum
Hochwaldbetrieb über und liegt, wie es vielfach der Fall
iſt, der Waldbeſitz der Privatbeſitzer angrenzend an den
Beſitz der Gemeinde, des Staates und der Standesherr=
ſchaft
, oder ſind gar die Parzellen verteilt, dann iſt er ge=
zwungen
, ebenfalls zum Hochwaldbetrieb überzugehen.
Es gibt aber noch ſehr viele Flächen, die
mit Rückſicht auf ihre Neigungsverhält=
niſſe
und ihre Bodenbeſchaffenheit ſehr=
wohl
geeignet ſind, zu Ackerland, Wieſe
oder Weide angelegt zu werden. Und gerade in
der Umwandlung des Eichenſchälwaldes, dort, wo es mög=
lich
iſt, zu nutzbarem Ackerland, Wieſe oder Weide, liegk
der bedeutſame Weg, welcher heute beſchritten wer=
den
muß, nachdem der Eichenſchälwald unrentabel iſt.
Es muß eine wichtige Aufgabe von Staat, Gemeinde, Stan=
desherrſchaft
und den landwirtſchaftlichen Korporationen
ſein, hier den Privatbeſitzer zu unterſtützen und die Anlage
von Ackerland, Wieſen und Weiden zu fördern. Bei der
großen Wichtigkeit, welche die Viehzucht für die Fleiſch=
verſorgung
Deutſchlands hat, liegt es im allgemeinen In=
tereſſe
, dafür zu ſorgen, daß die Grundlagen für ihre Ver=
beſſerung
und Steigerung ebenfalls ſicherer geſtaltet werden.
Dort, wo die Parzellen der Privatbeſitzer zwiſchen den=
jenigen
von Staat, Gemeinde und Standesherrſchaft liegen,
muß ein Austauſch ſtattfinden, damit auf einer größeren
zuſammenhängenden Fläche die Umwandlung in nutzbares
Land vorgenommen werden kann. Wie dies zu geſchehen
hat, ſoll hier vorerſt nicht auseinandergeſetzt werden, ſon=
dern
dieſe Zeilen ſollen nur anregen und die Eichenſchül=
waldbeſitzer
warnen, einen vielfach falſchen Weg zu gehen.
Wer die Verhältniſſe in den Gegenden mit Eichenſchäl=
waldbetrieb
kennt, der wird und muß zu der Ueberzeugung
kommen, daß es ſich nicht um einige, ſondern Hünderte, ja=
Tauſende von Morgen handelt, welche zu landwirtſchaft=
lich
nutzbarem Gelände umgewandelt werden können. Es
wäre zu hoffen, wenn alle maßgebenden Stellen zu der
Einſicht kommen wollten, daß hier ein wichtiges Kultur=
werk
geſchaffen werden kann, das von außerordentlichem
Einfluß auf die geſamten wirtſchaftlichen Verhältniſſe im
Odenwald ſein wird.
C.

Der Verkehrsverein Darmſtadt

verſendet ſoeben ſeinen Jahresbericht für das Jahr
1911 mit Ueberſichtstabelle und Mitgliederverzeichnis. Es
heißt darin: Neue Aufgaben und neue Pflichten ſtehen
dem Verein bevor. Wir verzeichnen hier nur die Eröff=

Ausſtellung von Nachbildungen mittelalterlicher
Wandgemälde aus dem Großherzogtum Heſſen.

St. Wie kaum ein anderes Land gleichen Umfanges
und gleicher Lage iſt Heſſen reich an Schätzen mancherlei
Art, deren materieller Wert allerdings weit in die Jahr=
hunderte
zurückliegt, deren kunſtgeſchichtliche und kultu=
relle
Bedeutung aber wie kaum je zuvor in unſerer hoch=
entwickelten
Gegenwart erkannt und gewürdigt wird
Und mit der Erkenntnis dieſer ideellen Werte alter
Kunſt= und Kulturſchöpfungen ſetzte bei uns eine ziel=
bewußte
Tätigkeit ein zur Erforſchung und zur Erhalt=
ung
ſolcher Dinge, die, an ſich unerſetzlich, dem alles zer=
nagenden
Zahn der Zeit zum Opfer zu fallen drohen.
Und von allen Faktoren, die die Pflege ſolcher Zeugen
vergangener Kunſt und Kultur ſich angelegen ſein laſſen,
war wieder Heſſen einer der erſten Staaten, der den
kräftig fördernden und ſchützenden Arm der Regierung
dieſer Arbeit lieh. Von der ungemein erfolgreichen
Tätigkeit unſeres Denkmalrates iſt ſchon wiederholt an
diefer Stelle geſprochen worden.
Nun tritt Heſſens Denkmalarchiv mit Erfolgen eines
neuen, epochemachenden und vorbildlichen Tätigkeits=
gebietes
im Rahmen einer Ausſtellung an die
Oeffentlichkeit, die weit über Heſſens Grenzen hinaus
Beachtung verdient und ſicher finden wird, mit einer
Ausſtellung mittelalterlicher Wandmalereien auf heſſi=
ſchem
Boden, die am Samstag mittag in der Aula der
Techniſchen Hochſchule in Gegenwart der Herren Finanz=
miniſter
Braun Exz., Miniſter des Innern von Hom=
bergk
zu Vach Exz., Rektör Magnifizenz Wickop
Regierungs= und Baurat Wagner und einiger wei=
terer
geladener Gäſte eröffnet wurde. Im Namen des
Denkmalarchivs hieß Profeſſor Dr. Anthes die Erſchie=
nenen
willkommen, beſprach kurz die Aufgabe der Denk=
malpflege
und dankte den Behörden, beſonders der Stadt
(Mainz, der Kirchenbehörde Worms uſw für ihre Unter=
ſtützung
, und dem Privatdozenten, Dr. Dammann für
ſeine eifrige Mitarbeit. Darauf fand unter Führung
von Dr. Dammann ein Rundgang ſtatt.
Herr Dr. Dammann verbreitete ſich dabei in ſehr
inſtruktiver Weiſe über die ausgeſtellten Schätze und ihre
künſtleriſche und hiſtoriſche Bedeutung. Die kunſtgeſchicht=
liche
Erforſchung der deutſchen mittelalterlichen Wand=
malereien
ſteckt in ihren früheſten Anfängen. Man weiſ
jetzt, daß der noch heute an Ort und Stelle vorhandene
Vorrat an ſolchen Malereien faſt unüberſehbar groß
efunden, die an ent=
ine

iſt; zwar hat ſich

wickelungsgeſchichtlicher Bedeutung mit den Malereien
eines Giotto oder eines Maſaccio zu vergleichen wäre;
aber gewiß hatte Eduard Paulus recht, als er ſchon
vor Jahrzehnten ausſprach, die mittelalterliche Wand=
malerei
Italiens nehme nur deshalb eine ſo einzig=
artige
Stellung in der Kunſtgeſchichte ein, weil man die
entſprechenden Werke der anderen Völker noch nicht kenne.
Namentlich in den Ländern am Rhein, vom Bodenſee
bis in die Niederlande hinunter, haben ſich unter Tünche
und Uebermalung glänzende Proben erhalten, die uns
beweiſen, daß unſere Vorfahren auch in der Wandmalerei
hinter anderen Kulturvölkern Europas nicht zurückſtan=
den
. Woher kommt es, daß wir von dieſen Kunſtwerken
noch ſo wenig wiſſen, während doch zum Beiſpiel die
rheiniſche Baukunſt des Mittelalters nach allen Richtun=
gen
erforſcht wurde, während etwa auch die rheiniſche
Plaſtik mehr und mehr unſerem Verſtändniſſe nahe tritt?
Das liegt ſo gut wie ausſchließlich an der ſachlichen,
materiellen Schwierigkeit, die ſich dem Studium, ja ſchon
der Betrachtung dieſer Kunſtwerke entgegenſtellt. Denn
wenn es wirklich mit unſäglicher Mühe und Sorgfalt ge=
lungen
iſt, die deckende Tünche vorſichtig herunterzu=
klopfen
, wenn die Reſte des alten Gemäldes endlich frei
zutage liegen, dann gehört immer noch ein gutes und
vor allem ein geübtes Auge dazu, dieſe Reſte überhaupt
zu ſehen. Oft ſitzen ſie hoch an der Wand, oder am Ge=
wölbe
; oft in faſt völliger Dunkelheit. In den ſeltenſten
Fällen iſt die Darſtellung vollſtändig erhalten; Verwit=
terung
oder Bauveränderung zerfraßen und durchlöcher=
ten
das verſteckte Kunſtwerk; die Farben blichen und zer=
ſetzten
ſich; die Vergoldungen wurden ſchwarz; die Riſſe
der Mauern drangen durch den Bewurf zutage; Schram=
men
, Kratzer, Schmutzflecken, Spinnweben, Ruß und
Schimmel all das ſitzt nicht wie ein Schleier, ſondern
wie eine neue Haut auf dem Bilde; wer vorübergeht,
ſagt: Hier muß einſt eine Malerei geweſen ſein. Ganz
verdorben. Schade! Aber aus dieſen alten verkomme=
nen
Farbreſten, aus dieſem Chaos von Flecken und wir=
rem
Gekritzel laſſen ſich die koſtbarſten Schätze heraus
gewinnen, wenn man ſie richtig zu behandeln verſteht.
Man kann nicht die alten, verloren gegangenen Ge=
mälde
in urſprünglicher Friſche wieder heraufzaubern.
Kein Menſch, und übe er ſich darin ſein Leben lang, kann
im 20. Jahrhundert bauen, meißeln oder malen, wie man
es im 14. tat. Bis heute iſt jeder ſolche Verſuch miß=
lungen
, und man weiß jetzt, daß dies Mißlingen eine
pſychologiſche Notwendigkeit iſt. Man geht alſo nicht
mehr daran, dieſe Wandmalereien aufzufriſchen, ſie zu
reſtaurieren. Denn das iſt von allen Mitteln, ihren doku=

mentariſchen Wert endgültig zu vernichten, das ſicherſte.
Man wird ſie auch nicht mehr durch Künſtlerhand frei
kopieren laſſen. Dadurch wird das Denkmal zwar nicht
zerſtört; aber es wird auch ſo gut wie nichts gewonnen.
Denn der Genauigkeitsgrad einer freien Kopie iſt natür=
lich
ſo variabel wie der Zufall ſelbſt. Photographiſche
Aufnahmeverfahren verſagen vor Wandbilderreſten faſt
regelmäßig. Was läßt ſich alſo tun für dieſe Kulturzeug=
niſſe
, an deren Erhaltung keineswegs nur der Kunſt=
hiſtoriker
intereſſiert iſt, ſondern jeder, dem ſeine Bild=
ungsverhältniſſe
die Würdigung geſchichtlicher Werte ge=
ſtatten
? Im Auftrage heſſiſcher Behörden der Denk=
malpfleger
, der Stadt Mainz, des Kirchenvorſtandes
St. Peter zu Worms uſw. iſt ein Verfahren ausgear=
beitet
und zu hoher Vollkommenheit entwickelt worden,
das die charakteriſierte Aufgabe in ſchlechthin muſter=
gültiger
Weiſe löſt. Die in unſerem Lande noch vor=
handenen
Wandmalereien ſind die erſten, die der genie=
ßenden
Betrachtung und der wiſſenſchaftlichen Erforſch=
ung
zugänglich werden. Mit diplomatiſcher Genauigkeit=
durch unmittelbares Durchpauſen ſind die Original=
malereien
in wirklicher Größe durch den Frankfurter
Maler Velte mechaniſch kopiert worden. Dabei iſt
natürlich nur das wiedergegeben worden, was gewollter
Beſtandteil des urſprünglichen Kunſtwerkes iſt; alſo alle
nachträglichen Riſſe, Kratzer, Schmutzflecken uſw. blieben
fort. So gewinnen auch ſchwer beſchädigte Malereien
wieder eine kräftige, überzeugende Erſcheinung. In den
Mappen und Rollen des Großherzoglichen Denkmal=
archives
ruht bereits heute ein nahezu unſchätzbares
übrigens mit geringen Mitteln erworbenes Material
dieſer Art, ein Material, wie es bis jetzt überhaupt kein
anderes Inſtitut aufzuweiſen hat.
Um weiteren Kreiſen eine Vorſtellung von dem
hohen Kulturwert dieſer Arbeiten zu vermitteln, hat das
Denkmalarchiv die wertvollſten und intereſſanteſten ſei=
ner
Blätter nun in der Aula der Techniſchen Hochſchule
ausgehängt. Der Wappenfries aus der Wimpfener Do=
minikanerkirche
, die Dornenmarter der Zehntauſend aus
der Prämonſtratenſerkirche zu Ilbenſtadt, die entzückende
Pieta von Laubach, die kunſtgeſchichtlich hochbedeutenden
Malereien aus Jugenheim i. Rh., die Herakliuslegende
von Frau Rombach ſeien hier als die wichtigſten Bilder
aus dem Beſitze des Denkmalarchives aufgezählt. Der
Wormſer Kirchenvorſtand zu St. Peter entſandte als
Leihgabe u. a. den gewaltigen Chriſtophorus und die
rätſelhaft feſſelnde Magdalena; die Stadt Mainz die
Kopien ihrer im vorigen Sommer freigelegten Karme=
litenmalereien
.

[ ][  ][ ]

Nummer 88.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 15. April 1912.

Seite 5.

nung des neuen Hauptbahnhofes und die Gründung der
Heſſiſchen Eiſenbahngeſellſchaft. Dieſe beiden Tatſachen
durſten wohl genügen, dem Vorſtande eine Fülle ange=
ſtrengter
Tätigkeit aufzuerlegen. Der Vorſtand wird je=
doch
gerne die ihm geſtellten ſchweren Aufgaben zu löſen
verſuchen, wenn ihm die Unterſtützung aller derer zu teil
wird, die in erſter Linie hierzu berufen ſind. Mehr wie
je haben wir die Pflicht, den Fremden auf unſere Stadt
aufmerkſam zu machen, denn durch die weite Heinauslegung
des Bahnhofes vor die Stadt tritt weit mehr wie früher
die Verſuchung heran, an ihr vorbeizufahren. Dies zu
vermeiden, muß die Hauptaufgabe des Vereins ſein und
kann nur durch Entfaltung einer großzügig gehaltenen
Raklame erreicht werden. Außerdem muß der Verein an
der Erreichung günſtiger Verkehrsverhältniſſe tatkräftig
arbeiten. Wir wenden uns wiederholt an den Gemein=
ſinn
der hieſigen Bürgerſchaft, hauptſächlich auch an die
Geſchäftswelt, der doch in erſter Linie unſere Beſtrebun=
gen
zu Gute kommen, den Verein durch Beitritt, wie auch
durch erhöhte Beiträge tatkräftiger zu unterſtützen. Im=
mer
wieder müſſen wir die Tatſache hervorheben, daß
ein reger Fremdenverkehr den Wohlſtand einer Stadt we=
ſentlich
vermehrt und im Stande iſt, auf die Steuerkraft
einen nicht zu unterſchätzenden Einfluß auszuüben.
Der Vexein war auch im Berichtsjahre wiederum be=
ſtrebt
, die ihm geſtellten Aufgaben zu erfüllen, die An=
regungen
aus Mitgliederkreiſen zu prüfen und, ſoweit
es möglich war, für Erfüllung einzutreten. Wenn es auch
in dieſer Beziehung noch viel zu tun gibt und manche
Aufgabe unerfüllt blieb, ſo müſſen wir immer wieder
hervorheben, daß die maßgebenden Behörden unſeren
Wünſchen und Anregungen ſtets wohlwollend gegenüber=
ſtanden
und unſeren Beſtrebungen möglichſt entgegen=
kamen
. Von der am 1. April ds. Js. ins Leben treten=
iden
Heſſiſchen Eiſenbahngeſellſchaft er=
hoffen
wir für die Verbeſſerung unſerer Verkehrsverhält=
niſſe
viel und der geplante Ausbau der Linien in der
Stadt, nach den Vororten und in die Bergſtraße wird
wohl alle berechtigten Erwartungen erfüllen. Es iſt un=
ſere
Pflicht, am Schluſſe unſeres Geſchäftsjahres allen
denjenigen Dank zu ſagen, die den Verein und ſeine Be=
ſtrebungen
im abgelaufenen Jahre unterſtützt und geför=
dert
haben, beſonders unſerem hohen Protektor Sr. Kal.
Hoheit dem Großherzog, den ſtaatlichen und ſtädti=
ſchen
Behörden, ſowie der geſamten Preſſe.
Ueber die Tätigkeit des Vereins im einzelnen haben
wir jeweils berichtet. Freitag, den 19. April 1912
findet im Fürſfenſaal die Hauptverſammlung
ſtatt. Nach Erledigung der Tagesordnung Bericht des
Vorſitzenden. Rechnungsablage, Bericht der Rechnungs=
prüfer
, Entlaſtung des Rechners, Voranſchlag für 1912
Wahl des Vorſitzenden. Ergänzungswahl des Vorſtan=
des
, Beratung und Beſchlußfaſſung über die eingegange=
nen
Anträge folgen Mitteilungen des Herrn
Prof. Pützer über den Jubiläumsbrunnen des Ver=
kehrsvereins
und über den neuen Hauptbahnho

Kongreſſe und Verbandstage.

(*) Gießen, 12. April. Die Verhandlungen des
27. Oberlehrertages des Heſſiſchen Ober=
lehrervereins
nahmen heute vormittag ihren An=
fang
. Um 11 Uhr begann im Neubau des Realgymnaſiums
eine Sitzung der Mathematiſch=naturwiſſenſchaftlichen Ab=
teilung
. Schulrat Münch=Darmſtadt ſprach über Die
Erziehung zum funktionalen Denken im mathematiſchen
Unterricht‟. Die altſprachliche Abteilung tagte von 4 bis
7 Uhr. Prof. Dr. Büchner=Darmſtadt ſprach über Die
Beſeitigung des lateiniſchen Scriptums auf der Oberſtufe
des Gymnaſiums, und D. Müller=Laubach ergänzte
die Ausführungen. Eine neuſprachliche Abteilung beſchäf=
tigte
ſich mit den Themen Wirkungen der letzten Umge=
ſtaltung
im Lehrplan des Realgymnaſiums (Prof. Heil=
Darmſtadt), und Das Haus der Zeiten (Oberl. Kleck=
Mainz). Im Mathematiſchen Verein ſprachen noch Prof=
Dr. Heineck über Die Photographie im Dienſte der Schule‟
und Prof. Dr. Biedenkopf=Groß=Umſtadt über Die Ver=
teilung
des biologiſchen Unterrichtsſtoffes auf die Klaſſen
6 bis 2b‟ Nachmittags wurde die Univerſitätsbiblothek
mit der Handſchriftenſammlung beſichtigt. Abends ½9 Uhr
fand in Steins Garten ein Begrüßungsabend ſtatt. Der
Oberlehrertag nahm Samstag ſeinen Fortgang. Um 11
Uhr verſammelten ſich etwa 200 heſſiſche Oberlehrer im
Saale von Steins Garten zur Vorverſammlung, die der
1. Vorſitzende Prof. Dr. Beck=Mainz leitete. Aus den
Mitteilungen des Schriſtführers ging hervor, daß der Ver=
ein
jetzt über 1000 Mitglieder zählt, auch der größte Teil
der außerlandes gegangenen Kollegen gehört dem Verein
an. Bei der Neuwahl des Vorſtandes wurd
der ſeitherige Vorſtand wiedergewählt. Anſtelle von Prof.
Grein=Friedberg, der eine Wiederwahl ablehnte, wurde
Oberlehrer Klenz=Worms und für die Aſſeſſoren wurde
einem langgehegten Wunſch der nicht angeſtellten Ober
lehrer entſprechend Aſſeſſor Pöpperling=Darmſtadt in
den Vorſtand gewählt. Als Ort und Zeit für die Haupt=
verſammlung
1913 wurde die Oſterwoche in Bensheim
beſtimmt. Um 1 Uhr begann die Hauptverſammlung, zu
der ſich als Vertreter des Miniſteriums des Innern Geh.
Oberſchulrat Block=Darmſtadt, für die Provinz Provinzial=
direktor
Dr. Uſinger, für die Univerſität Rektor Prof. Dr
König eingefunden hatten. Als Vertreter anderer deui=
ſcher
Oberlehrervereine waren erſchienen die Obmänner
von Baden, Heſſen=Naſſau und Württemberg. Nach den
üblichen Begrüßungsworten erſtattete der Vorſitzende den
Bericht über das abgelaufene Vereinsjahr und die Tätig=
keit
des Vereins, ſowie über den Stand der neuen Ge=
haltsvorlage
. Dann erfolgte der Vortrag des Geh. Schul=
rats
Dr. Henſell=Gießen: Die freiere Geſtaltung des Un=
terrichts
in den höheren Klaſſen Um 3½ Uhr konnte
Prof. Dr. Beck die anregende Tagung ſchließen. Ein ge=
meinſames
Mittageſſen bildete den Abſchluß der Ober=
lehrerverſammlung

* In der Oſterwoche wurde in Marburg a. L. der
Bundestag der beiden Wandlervögelbünde
Altwandervogel und Deutſcher Bund für Jugendwande=
rungen
gefeiert. An ihm nahmen über 1000 Wandervögel
teil. Es entwickelte ſich ein munteres Treiben, das ſei=
nen
Höhepunkt in der Begrüßung auf dem Marktplatz
fand. Nach einem friſchen Lied mit Zupfgeigenbeglei=
tung
hielt Herr Sanitätsrat König eine Anſprache, in
der er eine kurze Ueberſicht über die Wandervogelbewe=
gung
gab. Alsdann bogrüßte Herr Beßzzeordneter
Schimpff im Auftrage der Stadt die erſchienenen Wan=
dervögel
. Am Dienstag fanden die Bundesverhandlun=
gen
ſtatt. Aus allen deutſchen Gauen waren Wandervögel
herbeigeeilt: aus dem Oſten von Danzig und Poſen, aus
dem Süden von Bayern, vom Norden aus Hamburg und
Lübeck. Ihren Höhepunkt erreichten die Veranſtaltun=
gen
am Mittwoch. Unter Leitung des ſtud. phil. Theile

führten 180 Wandervögel mit großem Eifer und Geſchick
ein Kriegsſpiel aus. Das geplante gemeänſame Abkochen
auf der Höhe bei den drei Linden fiel wegen des
Schneeſturmes zum größten Teil aus, doch zogen die
Wandervögel, durch das Wetter nicht im geringſten in
ihrer fröhlichen Stimmung beeinflußt, in den Turner=
garten
, um ſich in ihrer Sangeskunſt zu meſſen. In dem
darauffolgenden Sängerkrieg errangen im Horden=
ſingen
Preiſe in Geſtalt von Heſſenbändern: Darm=
ſtadt
, Frankfurt a. O., Bonn. Im Einzelſingen errang
Schmidt=Jena den erſten Preis. Am Abend fand ſich ein
Teil der luſtigen Geſellen zum gemütlichen Beiſammen=
ſein
in den Stadtſälen ein, während der Reſt ſich in
ſeine Quartiere begab. Viele Wandervögel unternahmen
am Donnerstag vor dem Auseinandergehen noch eine
Fahrt nach Gießen zu einer Nachfeier oder an die Eder=
talſperre
, die die größte Europas werden ſoll. Beſon=
dere
Erwähnung verdient das tatkräftige Eingreifen der
Wandervögel bei einem Brande in der Nähe Marburgs.
Hier erwieſen ſie ſich als die treuen Freunde der Bauern,
indem ſie unermüdlich die Ortsfeuerwehr bei ihrer Arbeit
unterſtützten.
* Berlin, 11. April. Auf dem Kongreß der
Deutſchen Geſellſchaft für orthopädiſche
Chirurgie ſtanden zwei Themata im Vordergrund
der Verhandlungen: Die Behandlungen der krampf=
haften
und der ſchlaffen Lähmungen. Als erſter Redner
berichtete A. Stoffel=Mannheim (früher Heidelberg) über
ſeine Operation der krampfhaften Lähmungen. Ueber
die Stoffelſche Operation machten auch Guradzu= Wies=
baden
,; Kofmann=Odeſſa und Stein=Wiesbaden Mittei=
lungen
. Zu gleichem Thema ſprachen Bieſalski=Berlin,
Lange=München, Lorenz=Wien und Spitzy=Graz. Um=
faſſende
Referate über die epidemiſche Kinderlähmung
erſtatteten Krauſe=Bonn und Lange=München. Sodann
ſprach A. Stoffel=Mannheim über ſeine Unterſuchungen
zum Bau und zur Chirurgie der peripheren Nerven. Nach
ſeinen Ausführungen iſt dar Nerv kein einheitliches Ge=
bilde
, wie man bisher annahm, ſondern er baut ſich aus
vielen einzelnen Leitungen auf. Dieſe Erkenntnis iſt
für die Nervennaht und die Nervenüberpflanzung (bei
Lähmungen der Gliedmaßen) von großer Bedeutung.

Luftfahrt.

* Frankfurt, 13. April. Das Luſtſchiff Viktoria
Luiſe unternahm heute zwei Ausfahrten. Am frühen
Morgen flog es nach Homburg und in die Gegend von
Friedberg. Gegen 1½ Uhr wurde eine Geſellſchaftsfahrt
nach Mannheim angetreten, an der 16 Mannheimer
Paſſagiere teilnahmen. Auf der Rückfahrt von Mannheim
überflog das Luftſchiff auch wieder Darmſtadt, das
gegen 4 Uhr paſſiert wurde.
* Frankfurt 13. April. Leutnant v. Scanzoni
der heute früh mit der Maſchine des Frankfurter Flug=
ſportklubs
von Wiesbaden nach Frankfurt zurückkehren
wollte, beſchädigte beim Startverſuch den rechten
Flügel der Maſchine, wodurch deren Abmontage und
Rücktransport erforderlich wurde.
* Metz, 12. April. Die hieſige Militärflieger=
Station, die offiziell am 10. April zuſammengetreten
iſt, hat bereits heute mit den Uebungen der Militär=
flugzeuge
und den Lenkballons begonnen. Die Manöver,
an denen vorläufig nur zwei Offizier=Piloten teilnehmen
zu denen aber in den nächſten Tagen noch einige weitere
hinzutreten werden, finden bei der Luftſchiffhalle in Fres=
kati
ſtatt und ſollen bis gegen Ende dieſes Monats dauern.
* Johannisthal b. Berlin, 14. April. Als heute
nachmittag der Flieger Müller auf einem Kühlſteiner
Eindecker einen Flugverſuch machte, ſtürzte das Flug=
zeug
aus 30 Meter Höhe plötzlich ſteil ab und wurde zer=
trümmert
. Müller erlitt einen mehrfachen Bruch des
linken Beines.
*Witterfeld 13. April. Das neuerbaute Luft=
ſchiff
P. L. 13" unternahm heute eine einſtündige Ge=
ſchwindigkeitsfahrt
. Es wurden 18,4 Meter pro
Sekunde erreicht. An der Fahrt nahmen einſchließlich des
Führers neun Perſonen teil, darunter zwei Japaner.
* Bar=le=Duc, 13. April. Der Offizierflieger Leut=
nant
Beaucourt iſt bei Laimont im Departement Meuſe
tödlich abgeſtürzt.

Das Luftſchiff Schütte=Lanz.
* Mannheim, 13. April. Das Luftſchiff
Schütte=Lanz ſtiag unter Führung von Profeſſor
Schütte um 11,45 Uhr zu einer Uebungsfahrt auf. Es
führte in einer Höhe von zirka 800 Metern verſchiedene
Manöver aus und landete kurz vor ½1 Uhr hinter Rohr=
hof
bei Schwetzingen.
Schwetzingen, 13. April. Das Luftſchiff
Schütte=Lanz wurde heute vormittag nach 11 Uhr
aus der Halle bei Rheinau gezogen und iſt um 11,45 Uhr
zu einer erſten Fahrt in dieſem Jahre aufgeſtiegen. Nach
verſchiedenen ſehr ſchönen Manövern ging das Luftſchiff
plötzlich hinter Brühl auf den Schwetzinger Wieſen, wie
es heißt, infolge Steuer= und Motordefekt, nie=
der
und zwar ſo raſch, daß es ſich mit der vorderen Gon=
del
und der Spitze in die Erde eingrub. Die Perſo=
nen
, die ſich in der vorderen Gondel befanden, wurden
herausgeworfen, darunter auch Profeſſor Schütte.
Der Monteur Jakob Gatting erlitt, wie die Schwetzin=
ger
Zeitung meldet, einen Rippenbruch und Bruſtkörper=
verletzungen
und mußte in das Schwetzinger Krankenhaus
gebracht werden. Die anderen Inſaſſen blieben unver=
letzt
. Das Luftſchiff ſtieg ſodann, nachdem der ganze
Waſſerballaſt entleert worden war, wieder ſehr raſch in
die Höhe, worauf auch der andere Motor verſagte. Das
Luftſchiff wurde über den Rhein getrieben und landete
bei Altripp auf felſigem Boden 400 Meter vom Strom
entfernt.
* Mannheim, 13. April. Das Luftſchiff
Schütte=Lanz iſt zwiſchen Altripp und Waldſee
hinter den Riedwäldern auf Acker= und Wieſengelände
niedergegangen. Da bei der erſten Landung zwi=
ſchen
Rohrhof und Brühl das Luftſchiff verſchiedene Be=
ſchädigungen
erlitt und infolgedeſſen ſteuerlos wurde,
kann es von ſeiner jetzigen Landungsſtelle nicht mehr mit
Hilfe der motoriſchen Kraft nach dem Heimatshafen be=
fördert
werden. Man beabſichtigt, es mit einer Militär=
mannſchaft
mit Hilfe von Seilen über den Rhein zu be=
fördern
. Bei der erſten, ſehr heftig erfolgten Landung
ſtürzten mehrere Perſonen aus der Gondel herab, u. a.
auch Prof. Schütte, der mit leichten Verletzungen davon=
kam
. Der Monteur Gatting erlitt einen Rippen=
bruch
und eine Schulter= und Bruſtkorbquetſchung und
wurde ins Schwetzinger Krankenhaus verbracht. Bei der
unfreiwilligen Landung bei Rohrhof befanden ſich in den
beiden Gondeln nur 6 Perſonen, darunter Kommerzien=

rat Röchling aus Mannheim, der mit einigen leichteren
Hautabſchürfungen und Schnittwunden davongekommen
iſt. Bei dem Aufprall wurden ſämtliche Steuerleitun=
gen
beſchädigt. Als das Luftſchiff dann wieder über den
Riedwald getrieben wurde, wurde die Hülle am unteren
Teil des Ballonkörpers durch die Bäume beſchädigt. Die
Landungsſtolle iſt von einer großen Menſchenmenge um=
lagert
. Das Militär, das bei der Abfahrt in Rheinau
Hilfe leiſtete, befindet ſich ebenfalls an der Landungsſtelle.
* Mannheim, 13. April. Wie von authentiſcher
Seite ertlärt wird, ſind die in Bezug auf den Unfall
des Luftſchiffes Schütte=Lanz in Umlauf ge=
brachten
Gerüchte ſtark übertrieben. Es landete bei Wald=
ſee
in der Pfalz. Man brachte dann das Luftſchiff auf
dem Landwege und über den Rhein nach der Halle. An
der Steuerung iſt abſolut nichts paſſiert. Dieſelbe hat
fortgeſetzt tadellos funktioniert. Auch das Ge=
rippe
und die Motoren ſind vollſtändig intakt geblieben,
nur der vordere Flügel wurde verbogen. Die Repara=
turen
, die notwendig werden, werden indes als ſo gering=
fügig
bezeichnet, daß die Verwaltung glaubt, bereits Ende
der kommenden Woche wieder Aufſtiege unternehmen zu
können.
* Mannheim, 13. April. Das Luftſchiff
Schütte=Lanz war um 6,10 Uhr auf dem Ankerplatz
der Luftſchiffwerft und wurde ſofort in die Halle gebracht.

* Wiſſenſchaftliche Fahrten der Zep=
pelinſchiffe
. Die beiden Luftſchiffe der Delag:
Schwaben und Viktoria Luiſe werden, gün=
ſtiges
Wetter vorausgeſetzt, Mittwoch, 17. April, Fahrten
von längerer Dauer unternehmen. Sie ſollen in erſter
Linie wiſſenſchaftlichen Beobachtungen der
an dieſem Tage ſtattfindenden Sonnenfinſternis
dienen. Die Schwaben wird mittags halb 12 Uhr von
Baden=Oos aus das obere Rheintal entlang fahren, die
Viktoria Luiſe verläßt ihren Hafen in Frankfurt ſchon
um 8 Uhr früh, um rheinabwärts zu ſteuern, bis nach
Düſſeldorf. In der Düſſeldorfer Halle übernachtet das
Luftſchiff und kehrt erſt Donnerstag früh wieder nach
Frankfurt zurück. An Bord beider Luftſchiffe werden ſich
Meteorologen befinden. Außerdem können aber an die=
ſen
intereſſanten Fahrten auch Paſſagiere teilnehmen.
* Denkſchrift über den erſten Deutſchen
Zuverläſſigkeitsflug am Oberrhein 1911.
Die großen Flugveranſtaltungen der Luftfahrt in Deutſch=
land
bezwecken in erſter Linie die Förderung der deutſchen
Flugzeuginduſtrie. Alle Ausſchreibungen ſind nach Mög=
lichkeit
auf dieſes Ziel hin gerichtet. Leider iſt feſtzuſtellen,
daß die Erfahrungen, die bei früheren Veranſtaltungen
ſchon gewonnen ſind, faſt nie weiteren Kreiſen zugänglich
gemacht werden, wodurch natürlich der Wert dieſer Ver=
anſtaltungen
etwas verliert. Eine rühmliche Ausnahme
macht die Südweſtgruppe des Deutſchen Luftfahrer= Ver=
bandes
, die ſoeben in einer gut ausgeſtatteten Broſchüre
eine Denkſchrift über den Erſten Deutſchen Zuverläſſig=
keitsflug
am Oberrhein 1911 herausgegeben hat. Der be=
kannte
Luftfahrer Dr. Franz Linke hat in der Broſchüre
eine ausgezeichnete Zuſammenſtellung gegeben von der Vor=
geſchichte
, dem Verlauf des Fluges, der Organiſation und
der Tätigkeit der Lokal=Ausſchüſſe. Da die gemachten Er=
fahrungen
bei dem diesjährigen Deutſchen Zuverläſſigkeits=
flug
nach jeder Richtung hin bei der Ausſchreibung ver=
wertet
worden ſind und bei der Organiſation noch verwertet
werden ſollen, ſo verdienen die in der Zeit vom 12.22.
Mai ſtattfindenden Konkurrenzen die höchſte Beachtung
weiteſter Kreiſe.

Sport.

Frühjahrsrennen des Heſſiſchen Reitervereins.
g. Unter vorzüglicher Beteiligung und außerordent=
lich
gutem Beſuch ging geſtern nachmittag auf dem Gries=
heimer
Truppenübungsplatz das Frühjahrsrennen des
Heſſiſchen Reitervereins von ſtatten. Das Wetter hatte
ſich beinahe ausgerechnet für die Zeit des Rennens etwas
aufgehellt. Die Viktoria Luiſe kam zwar nicht, ihr
Nichterſcheinen wurde aber bei dem guten Sport gar nicht
bemerkt.
Am Eröffnungs=Jagdrennen dem ſogen.
Vollblutrennen, beteiligten ſich vier Pferde. Den erſten
Ehrenpreis errang Leutnant Gallo auf Octavius,
der ſomit zum zweiten Male den Preis des Großherzogs
gewonnen hat, zweiter wurde Leutnant Frhr. v. Heyl
zu Herrnsheim auf Itford, dritter Leutnant von Bredow
(nachgenannt) auf Pas de Quatre.
Das Reitpferd=Jagdrennen beſtritten fünf
Pferde. Erſter wurde Leutnant Gallo auf Ida,
zweiter Herr Otto Koch=Frankfurt a. M. auf Gipſy,
dritter Leutnant Prinz zu Stolberg=Roßla (nachgen.)
auf Tarnida. Hierbei ſtürzte Leutnant Behr mit dem
braunen Wallach Fritz des Herrn Major von Chrismar,
wobei das wertvolle Tier ſchwere Verletzungen erlitt,
ſodaß es getötet werden mußte.
Außerordentlich zahlreich beſtritten wurde die Jagd=
ſpring
=Konkurrenz (4 Ehrenpreiſe und 3 Er=
innerungsgaben
). Zwiſchen zwei gleichwertigen Sie=
gern
mußte noch einmal entſchieden werden. Erſter
wurde Herr Otto Koch auf Rinaldo, zweiter Leut=
nant
Graf von Bredow auf Daiſy des Herrn Rittmeiſter
von Weſterweller, dritter Leutnant von Grunelius auf
. II, 4. Leutnant von Ebmeyer auf Quick des Herrn
Majors Zierold, fünfter Leutnant von der Elſt auf Well=
gunde
, ſechſter Leutnant von Werneburg auf Royal
Fluſh und ſiebenter Leutnant von Bredow auf Lahn des
Herrn Oberſt von der Schulenburg.
Am Weiterſtädter Jagdrennen (3 Ehren=
preiſe
) beteiliaten ſich 8 Reiter. Erſter wurde Leutnant
v. d. Elſt auf Wotan des Herrn Oberlt. von Cons=
bruch
, zweiter Leutn. v. Willich auf Edelſtein und dritter
Leutnant Gallo auf Durchlaucht des Herrn Rittmeiſters
Hoegner.
Ebenfalls von 8 Pferden wurde die lange Jagd
mit Auslauf (3 Ehrenpreiſe) beſtritten. Es wurde
hier erſter Leutnant von Willich auf Mouche des Leutants
von Iſſendorf; zweiter Oberleutnant Frhr. v. Biegeleben
auf Verveine II und dritter Oberleutnant Ernſt Geppert

* Darmſtädter Sportklub 1905. Bei dem
auf dem Sportplatze an der Windmühle zum Austrag
gekommenen Wettſpiel zwiſchen den 1. Mannſchaften des
F. C. Viktoria Hanau 1894 und dem Darmſtädter
Sportklub 1905 konnten die Einheimiſchen mit 6 zu
3 Toren als Sieger hervorgehen.

Die franzöſiſch=engliſchen Feſtlichkeiten
an der Riviera.

* Nizza, 12. April. Die franzöſiſch= eng=
liſchen
Feſtlichkeiten begannen heute vormittag

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 15. April 1912.

Nummer 88.

unter ſtarker Beteiligung bei herrlichem Wetter. Der
engliſche Botſchafter, Miniſterpränident Poincaré, Marine=
miniſter
Delcaſſé, Kriegsminiſter Millerand, der König
von Schweden, die Herzogin von Koburg=Gotha und an=
dere
Fürſtlichkeiten wohnten dem Vorbeimarſch der eng=
liſchen
und franzöſiſchen Matroſen auf der Promenade
bei, während einige hundert Meter vom Ufer entfernt
eine Diviſion des franzöſiſchen Mittelmeergeſchwaders
vorbeidampfte. Während der Parade kreuzten mehrere
Flugzeuge in der Luft. Bei der Enthüllung des Denk=
mals
der Königin Viltoria am Nachmittag
hielt der engliſche Botſchafter eine Rede. Er
erklärte, der König ſei dankbar für die Anweſenheit des
Herrn Poincaré. Er ſprach ſeine Freude darüber aus,
daß engliſche und franzöſiſche Matroſen bei der Parade
und bei der Enthüllung zuſammengeſtanden hätten.
Alles das iſt, ſagte er, ein neuer Beweis der Freund=
ſchaftsbande
, die in ſo glücklicher Weiſe Frankreich und
England zum Wohle der beiden Länder umſchlingen.
Poincaré lobte die Tugenden der Königin Viktoria
als Frau und Königin, ihre hohe Auffaſſung von ihrer
königlichen Sendung, ihre wachſame Aufmerkſamkeit in
Fragen der auswärtigen Politik, wo ſie ihr wachſendes
Anſehen in den Dienſt der Diplomatie Englands ſtellte.
Poincaré erinnerte an die unbeſiegbare Tatkraft des eng=
liſchen
Volkes im Transvaalkriege, deſſen tiefbetrübte
Zeugin die Königin war, und ſchloß: Die Königin, vor
der ſich Kaiſer und Könige beugten, war den Niedern
geneigt und wußte ſich überall die Zuneigung des Volkes
zu gewinnen.
Auf der Präfektur fand aus Anlaß der franzöſiſch=
engliſchen
Feſtlichkeiten ein Diner ſtatt, dem Miniſter=
präſident
Poincaré, Kriegsminiſter Millerand. Marine=
miniſter
Delcaſſé, der engliſche Botſchafter Bertie, Ad=
miral
Gamble und die Spitzen der Behörden beiwohnten.
In ſeinem Trinkſpruch ſtellte Miniſterpräſident Poin=
caré
feſt, daß im Verlaufe des erſten Feſttages die
Freundſchaft zwiſchen Frankreich und England eine neue
öffentliche Beſtätigung gefunden habe. Er dankte ſo=
dann
dem engliſchen Botſchafter für ſeine Anweſenheit
und ebenſo für die des engliſchen Geſchwaders und
ſchloß: Ich erhebe mein Glas auf das Wohl des Königs
und der Königin von England, der befreundeten engli=
ſchen
Nation, unſerer Nachbarin und Freundin. Der
engliſche Botſchafter Bertie dankte hierauf für die
Worte des Miniſterpräſidenten Poincaré bei der Enthül=
lung
des Denkmals und für die Gaſtfreundſchaft und die
Freundſchaftsbeweiſe gegenüber den engliſchen Seeleuten.
Er trank auf das Gedeihen der franzöſiſchen Nation, der
Nachbarin und Freundin der engliſchen
* Paris, 12. April. Die franzöſiſche Regierung hat
darauf gehalten, den franzöſiſch=engliſchen Feſten in Nizza
zur Einweihung der von den Städten Nizza und Can=
nes
geſtifteten Denkmäler der Königin Vik=
toria
und des Königs Eduard einen glänzen=
den
Verlauf zu geben. An der Truppenparade auf der
Promenade des Anglais in Nizza, die die heutige, zunächſt
der Enthüllung des Denkmals der Königin Viktoria ge=
widmete
Feier eröffnete, nahmen 10000 Mann des 15.
Armeekorps teil, außerdem 1400 Mann Marinetruppen
von dem franzöſiſchen Geſchwader, das von Toulon zur
Teilnahme an den Feſtlichkeiten entſandt worden war.
Die Parade ſelbſt eröffneten 800 Mann des ſeit vorgeſtern
zu dem gleichen Zweck im Golf Juan ankernden engli=
ſchen
Geſchwaders. Das Denkmal der Königin
Viktoria iſt in der Vorſtadt Cimiez von Nizza errich=
tet
, in dem nach dem Innern gelegenen Villenviertel, das
in den letzten Jahren ihrer Beſuche an der Riviera, von
1895 bis 1899, der Königin liebſter Aufenthalt war. Das
von dem Bildhauer Maubert geſchaffene Denkmal ſtellt
die Königin in ihrem eben dieſer Zeit entſprechenden
Alter dar, ſitzend, den Kopf ernſt und ſinnend vier jungen
Frauengeſtalten zuneigend, welche die von ihr wieder=
holt
zum Aufenthalt gewählten Städte verſinnbildlichen:
Nizza, Cannes, Mentone und Graſſe.
* Cannes, 13. April. Poincaré, Delcaſſé, Mil=
lerand
und der engliſche Botſchafter Bertie beſichtigten
heute vormittag trotz des ſchlechten Wetters die auf der
Reede liegenden Kriegsſchiffe und begaben ſich alsdann
nach Cannes zum Feſtmahl. Darauf fand die Ent=
hüllung
des Denkmals König Eduards
ſtatt. Der engliſche Botſchafter hielt eine Rede,
in der er ſagte: König Eduard gab durch ſeine häufigen
Beſuche in Frankreich perſönlich dazu Gelegenheit, daß
ſich zwiſchen den beiden Ländern Bezichungen wahrer
herzlicher Freundſchaft angebahnß hätten. Der
Botſchafter fügte hinzu, daß das gegenwärtige Feſt be=
wieſe
, daß der Wunſch König Eduards vollkommen in
Erfüllung gegangen ſei. Darauf ergriff Poincaré
das Wort zu einer Rede, in der er zunächſt an die
Prinzenzeit König Eduards erinnerte. Als er den Thron
beſtieg, fuhr Poincaré fort, hat König Eduard die in ihm
ſchlummernden Schätze der Klugheit, Weisheit und Ge=
ſchicklichkeit
in ausgezeichneten politiſchen Eigenſchaften
zu offenbaren verſtanden. Bewundernswert war ſeine
Kenntnis der Regierenden und Regierten Europas. Er
ſtellte ſeine Erfahrung und natürlichen Scharfſinn in den
Dienſt einer ſehr feſten und ſehr loyalen Politik des
Friedens. König Eduard hat England nicht gewaltſam
aus der splendid isolation herausgeriſſen, ſondern me=
thodiſch
die notwendige Entwickelung vorbereitet. Er
wußte den Regierungen und Völkern Europas gerecht=
fertigtes
Vertrauen zu dem guten Willen des engliſchen
Volkes und der Regierung einzuflößen. Poincaré wies
ſodann darauf hin, wie glücklich König Eduard die lan=
gen
Mißverſtändniſſe zwiſchen Frankreich und
England beendete. Er hat ſofort die Kombination
als möglich und wünſchenswert erkannt, die, ohne irgend
eine der in Europa beſtehenden Ententen und Allianzen
zu verletzen und ohne gegen irgend jemand einen her=
ausfordernden
offenſiven Charakter zu tragen. zwei große
europäiſche Nationen in dem gemeinſamen Wunſch nach
Frieden zu gemeinſamer Arbeit zuſammenführen ſollte
König Eduard hielt den geſchriebenen feierlichen Vertrag
nicht für notwendig, ſondern ſah es als ausreichend an
die beiden Völker an gegenſeitige Würdigung zu gewöh=
nen
und zwiſchen den beiden Regierungen Beziehungen
herzlicher Offenheit und aufrichtiger Loyalität anzu=
knüpfen
. Als England ſich Frankreich ge=
nähert
und einige Jahre darauf auch Rußland die Hand
gereicht hatte, war das enropäiſche Gleichgewicht we=
niger
ſchwankend und der Frieden wenig gefährdet. =
nig
Eduard war ein Friedensſtifter aus Temperament,
Geſchmack und Ueberlegung. Wenn er Frankreich
die beſte Freundin Englands genannt hat. ſo
gab er dieſer Freundſchaft ſicherlich keine Bedeutung, über
die ſich andere Mächte zu beklagen und aufzuregen das
Recht gehabt hätten. Und in demſelben Sinne hat auck

Frankreſch dieſe Politik der Entente cordiale angewandt
und nach dem Tode Eduards treu weiter befolgt. Poin=
caré
ſchloß: Die Wohltat des koſtbaren Friedens unter
allen Nationen iſt beſonders vonnöten. Die republika=
niſche
Demokratie Frankreichs denkt, die innere Aufgabe
erwägend, nicht daran, jemand anzugreifen oder zu rei=
zen
, aber erkennt klar, daß ſie, um weder angegriffen noch
gereizt zu werden, zu Lande und zu Waſſer Streitkräfte
unterhalten muß, die imſtande ſind, die Intereſſen zur
Geltung zu bringen und zu verteidigen. Um für den
Schutz ſeiner Rechte und ſeiner Würde zu ſorgen, muß
Frankreich zuerſt auf eigene Hilfsquellen an Menſchen und
Geld, ſowie auf die eigenen Flotten= und Militärſtreit=
kräfte
rechnen. Aber die aus ſich geſchöpfte Autorität be=
feſtigt
ſich großartig infolge der täglichen Unterſtützung
durch die diplomatiſche Aktion ſeiner Freunde und Ver=
bündeten
. Vergeſſen wir nicht, daß König Eduard zu=
erſt
die freundſchaftliche Zuſammenarbeit
Frankreichs und Englands begünſtigte, einlei=
tete
und fortführte.
Frankreich und Spanien.
* Paris, 13. April. Die mit dem Quai d’Orſay in
Verbindung ſtehenden Blätter erörtern von neuem mit
wachſender Schärfe die Haltung Spaniens in den
Verhandlungen mit Frankreich. Die Liberté meint, das
Madrider Kabinett ſcheine die Tragweite der von der fran=
zöſiſchen
Regierung verfügten Vertagung der Arbeiten der
gemiſchten fachmänniſchen Kommiſſion nicht ganz erfaßt
zu haben. Angeſichts der Obſtruktion der ſpaniſchen Re=
gierung
bleibe Frankreich offenbar nichts anderes übrig,
als die tatſächliche Organiſierung des marokkaniſchen Pro=
troktorats
entſprechend dem am 30. März unterzeichneten
Vertrag in vollſtändiger Unabhängigkeit durchzuführen.
Siecle bedauert, daß England ſeinen Einfluß nicht gel=
tend
mache, um Spanien zur Nachgiebigkeit zu zwingen.
Die engliſchen Staatsmänner mögen bedenken, daß das
nationale Intereſſe und die Ehre Frankreichs auf dem
Spiele ſtehen und ſollten deshalb die Lage ſo beurteilen,
wie ſie König Eduard beurteilt hätte. Dadurch würden
ſie dem verſtorbenen König, deſſen Andenken gerade jetzt
von Frankreich gefeiert werde, die beſte Huldigung erwei=
ſen
. Der Temps meint: Die franzöſiſch=ſpaniſchen Ver=
handlungen
ſind in eine Sackgaſſe geraten. Die Unter=
redung
des franzöſiſchen Botſchafters Geoffray mit dem
Miniſter Garcia Prieto hat keinerlei Ergebnis gehabt, da
die ſpaniſche Regierung ſich durchaus unnachgiebig zeigte.
Der Madrider Korreſpondent des Journal des Débats
meldet, eine diplomatiſche Perſönlichkeit habe ihm erklärt,
man ſpreche zwar vom Abbruch der Verhandlungen, aber
es ſei wahrſcheinlich, daß England ſich bemühen werde,
dies zu verhindern. Spanien werde dann wohl neue Zu=
geſtändniſſe
machen. Frankreich und England ſeien übri=
gens
in betreff mancher Fragen noch nicht vollſtändig einig.

China.
* Peking, 12. April. Die Vertreter Englands und
das belgiſche Syndikat unterzeichneten geſtern in
Schanghai den Vertrag für eine weitere vorläu=
fige
Anleihe von 2 Millionen Pfund, die ebenſo wie
die im vergangenen Monat vereinbarte Anleihe von
einer Million als Vorſchuß für die in Ausſicht ge=
nommene
große Anleihe gedacht iſt. Für den neuen
Vorſchuß gelten dieſelben Bedingungen wie für die vor=
herigen
, von dem bereits eine Million Taels in Schang=
hai
bezahlt wurden. Die Ruſſiſch=Aſiatiſche Bank nimmt
an der Anleihe nicht teil, ſolange die Frage des Ein=
tritts
Rußlands in die internationale Gruppe noch in
der Schwebe iſt.
* Peking, 12. April. Unter den Truppen im
Norden Chinas mehren ſich die Anzeichen von Un=
zufriedenheit
mit der Republik. Man hält es nicht
für ausgeſchloſſen, daß, wenn ſich ein Führer fände, der
Norden die Monarchie wieder herſtellen würde.
* Schanghai, 12. April. Geſtern abend brach
unter den neu eingeſtellten Truppen im Innern von
Nanking eine Meuterei aus. Häuſer und Läden
wurden geplündert und gebrandſchatzt. Glücklicherweiſe
blieben die regulären Truppen treu. Sie umzingelten
und unterwarfen die Aufſtändiſchen. Die meiſte Beute
wurde den Plünderern wieder abgenommen. Der an=
gerichtete
Schaden iſt unerheblich, die Ausländer blieben
unverſehrt.
* London, 13. April. Die Times meldet aus
Nanking vom 12. ds.: Die hieſigen Unruhen hatten
denſelben Charakter, wie ähnliche Vorkommniſſe im
Jangtſe=Tale. Man fürchtet, daß in jedem Augenblick
Meutereien in weit größerem Umfange ausbrechen kön=
nen
, wenn eine weitere Verzögerung in der Beſchaffung
beträchtlicher Geldmittel eintritt.

Vermiſchtes.

N.V. Für junge Leute, die nach Berlin
überſiedeln wollen. Es iſt eine bekannte Tatſache,
daß in Berlin ein ganzer Stand von Vermieterinnen be=
ſteht
. Unter dieſen Vermieterinnen iſt eine große Anzahl
ehrbarer Leute, denen man ohne Bedenken einen jungen
Mann zuſchicken kann. Leider befinden ſich unter den Ver=
mieterinnen
aber auch ſolche Elemente, die für Geld in ihrem
Hauſe alles dulden, oder noch Beihilfe dazu leiſten. Nun
hat die Geſellſchaft zur Fürſorge für die zuziehende männ=
liche
Jugend in Berlin eine große Anzahl chriſtlicher Ver=
mieterinnen
ausfindig gemacht und mit ihrer Hilfe einen
Schlafſtellen= und Zimmernachweis eingerichtet. Der Nach=
weis
will den chriſtlichen Vermieterinnen behilflich ſein,
ihre Zimmer zu vermieten und zugezogenen jungen Leuten
Anſchluß an chriſtlich geſinnte Familien vermitteln. Bisher
haben ſich über 200 chriſtliche Vermieterinnen gemeldet.
Es ſteht aber zu erwarten, daß die Zahl noch größer wer=
den
wird. Die freigewordenen Zimmer werden wöchent=
lich
auf einem beſonderen Schlafſtellen= und Zimmernach=
weis
veröffentlicht. Der Nachweis enthält den Stadtbezirk,
Straße und Hausnummer, den Preis und alle anderen
Auskünfte, die beim Mieten eines Zimmers verlangt wer=
den
. Der Schlafſtellen= und Zimmernachweis wird an
über 100 Stellen in Groß=Berlin zum Aushang gebracht
und zwar in erſter Linie an denjenigen Stellen, wo zuge=
zogene
junge Leute verkehren. Dahin gehören die Fern=
bahnhöfe
, die Arbeitsnachweiſe der einzelnen Berufe, die
Innungen, einige Fabriken und endlich die Geſchäftsſtellen
größerer Standes= und Geſinnungsvereine in Groß=Berlin.
Auf Wunſch wird auch der Schlafſtellen= und Zimmernach=
weis
nach außerhalb verſchickt. Man wende ſich an die
Geſchäftsſtelle der genannten Geſellſchaft, Berlin C. 54,
Sophienſtr. 19. Es iſt dringend zu wünſchen, daß dieſer
vortreffliche Gedanke bald auch in anderen Großſtädten des
Reiches Nachahmung findet.

Allgemeiner Verein für deutſchen
Gruß. Als Ortsgruppe hat ſich angeſchloſſen der Vex=
ein
Reformgruß in Poſen. Der ſeit einiger Zeit be=
ſtehende
Verein verfolgte die gleichen Ziele wie diejenige
für deutſchen Gruß. Er trug als Abzeichen einen weißen
Stern auf blauem Felde.
Sommerurlaub und Studienfahrten
der Handlungsgehilfen. Bei den heutigen hohen
Anforderungen an die Arbeitskraft der Handlungsgehilfen
iſt es für dieſe ein unabweisbares Bedürfnis geworden,
alljährlich einmal für kurze Zeit in der freien Natun Er=
holung
zu ſuchen. Der Deutſchnationale Hand=
lungsgehilfen
=Verband will aber nicht nur zur
Gewährung dieſes Urlaubs anregen, er betrachtet es viel=
mehr
auch als ſeine Aufgabe, den Angeſtellten zu zeigen,
wie ſie ihren Urlaub richtig verwerten können. Neben den
billigen Fußwanderungen ſeines über das ganze Reich
verbreiteten Bundes für Wanderpflege veranſtaltet der Ver=
band
bereits ſeit dem Jahre 1909 Fahrten nach dem In=
und Auslande, die neben der Erholung auch dem Studium
gewidmet ſind. Für dieſen Sommer hat er ſieben Fahrten
vorgeſehen. Sie führen nach der Schweiz, an den Rhein,
nach Köln, Brüſſel, Paris, London, München, Salzburg,
Wien, nach Dänemark und an die Waſſerkante nach Bremen,
Hamburg, Helgoland, Lübeck, Kiel. Ueber dieſe Fahrten,
an denen auch Nichtmitglieder teilnehmen können, gibt die
Verwaltung des Verbandes in Hamburg, Holſtenwall 4,
auf Verlangen gerne koſtenlos Auskunft.

Literariſches.

C Thiota die Alamannenkönigin. Eine Er=
zählung
aus Schwabens Vergangenheit von Hermann
Hanſelmann (Adolf Bonz u. Co., Stuttgart; geh.
3,50 Mk.). Die Urgeſchichte Schwabens iſt in geheimnis=
volles
Dunkel gehüllt. Auch über die erſten Jahrhun=
derte
nach Chriſti Geburt gibt uns keines Römers Mund,
kein Lied, kein Heldenbuch Kunde. Mit glücklicher Ge=
ſtaltungskraft
hat uns nun der Verfaſſer jene alten Zeiten
mit ihrem echt germaniſchen Leben und Treiben, Wan=
dern
und Kämpfen poetiſch verklärt vor Augen geführt.
Die ganze Erzählung iſt von einem echt germaniſchen
Geiſt durchweht und ebenſo feſſelnd durch die ſpannende
Entwicklung der Handlung wie durch die Anſchaulichkeit
uund Vornehmheit der Darſtellung; ſie enthält Stellen
von hoher poetiſcher Schönheit.
Erna Doſe, Für werdende Mütter=
Mitteilungne einer glücklichen Frau und Mutter.
80 Seiten Oktav auf feinſtem matten Kunſtdruckpapier
mit 15 Illuſtrationen in elegantem Umſchlag. Preis
2.40 Mk. Verlagsbuchhandlung von Hermann Meußer,
Berlin W. 35. Die Mitteilungen enthalten eine Fülle
praktiſcher Winke und Ratſchläge, denen man ſtets beſon=
dere
Liebe zur Sache und Erfahrung anmerkt, Ratſchläge
über die tauſend Wichtigkeiten, die vor und nach der Ge=
burt
des Kindes der jungen Mutter Kopfzerbrechen
machen. Die beigefügten Bilder eines Normalbabys, in
regelmäßigen Zeitabſtänden aufgenommen, werden er=
wünſchten
Anhalt zu Vergleichen bilden. Eine zarte, dem
Inhalt angepaßte Ausſtattung macht das Buch zu einem
reizenden Gelegenheitsgeſchenk.
Die Organiſation des Bodenkredits
im Großherzogtum Heſſen. Beiträge zur heſſi=
ſchen
Agrar= und Grundentlaſtungs=Politik. Von Dr.
Ludwig Herpel. 7 Bogen Oktav. Geheftet Mk. 1,50m
Verlag von Emil Roth in Gießen. Der Verfaſſer macht
in vorliegender Arbeit den Verſuch, die geſamte Organi= des Bodenkredits im Großherzogtum Heſſen dar=
zuſtellen
, wie er in ſolchem Umfange noch nicht unter=
nommen
worden iſt. Wir haben in dem Buche eine ge=
naue
Geſchichte der heſſiſchen Bodenkreditorganiſationen
von 1820 bis heute, ſowie eine Ueberſicht über die Lage
der heute beſtehenden Inſtitute. Zum Schluſſe finden
wir noch recht beherzigenswerte Winke und praktiſche
Vorſchläge zum Weiterausbau und zur Zentraliſation
unſeres Bodenkreditweſens, die manche wertvolle An=
regung
geben mögen.
Paul Heyſes Werke. Wohlfeile Ausgabe.
Dritte Serie: Lyriſche und epiſche Dichtungen.
24 Lieferungen à 40 Pfg. Verlag der J. G. Cottaſchen.
Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart und Berlin. Dieſe
dritte Serie der wohlfeilen Heyſe=Ausgabe bietet in des
Dichters eigener Anordnung deſſen Gedichte und die
Novellen in Verſen. Sie ſchließt ſich in der Ausſtattung
genau an die früher erſchienenen Serien (I. Romane,
II. Novellen) an und wird den zahlreichen Verehrern
des greiſen Poeten als Ergänzung ſeiner erzählenden
Werke hochwillkommen ſein. Als Abſchluß der wohl=
feilen
Ausgabe beginnt jetzt eine von Heyſe ſelbſt beſorgte
Neubearbeitung ſeiner Jugenderinnerungen und Be=
kenntniſſe‟
(5. Auflage) in 12 Lieferungen zu erſcheinen;
ſie wird im Herbſt dieſes Jahres vollſtändig vorliegen.
C Der Barbarenwald ein ſozialer Roman
von K. G. Oſſian=Nilsſon (Verlag Albert Bonnier, Leip=
zig
.) Eine Erzählung im Zeichen des Klaſſenkampfes
gibt der Autor, der zu den erfolgreichſten der jungen nör=
diſchen
Dichtergeneration zählt, und kein Geringerer als
Sven Hedin ſchrieb dem Buche ein Vorwort, das zu=
gleich
ſeine treffendſte Kritik iſt, wenn der große Forſcher
u. a. ſagt: Es ſtellt einen donnernden Proteſt dar gegen
die dämmernde Pöbelherrſchaft, einen ſchallenden Warn=
ungsruf
gegen den wandelnden Barbarenwald, der alle
höheren und helleren Ausſichten zu verdunkeln und mit
ſeinen Wurzeln im Laufe einer oder zweier Generationen
eine Kultur zu erſticken droht, die eine Entwickelung und
einen Kampf von 6000 Jahren hinter ſich hat. Mit poeti=
ſcher
Schärfe hört er das Trampeln der heranrückenden
Barbaren und es ekelt ihm bei dem Gedanken an die
alles verſchluckende Solidarität, mit deren Penalismus,
der allgemeinen Nivellierung, wo keiner ein Haar breit
höher ſein darf als der andere; der vollendeten Dumm=
heit
, wo alle Schlauköpfe totgebellt werden müſſen. Alle
Fragen, die auch in unſerem politiſchen und kulturellen
Leben gerade jetzt zur Aktuellität erwachſen, behandelt
der Verfaſſer mit tiefgehendem Verſtändnis.
Darmſtadt, 15. April.
* Vom Hofe. Der Großherzoa und die
Großherzogin nebſt den Prinzen=Söhnen ſind
geſtern mittag mit dem fahrplanmäßigen Zuge um
1 Uhr 37 Min. zum Beſuche der ruſſiſchen Kaiſerfamilie
nach Livadia abgereiſt. Zur Verabſchiedung auf
dem Bahnhof waren der ruſſiſche Geſandte und Ge=
mahlin
und Oberkammerherr Frhr. von Riedeſel er=
ſchienen
. Im Gefolge der Herrſchaften befinden ſich:
Oberſtallmeiſter Frhr. von Riedeſel, Oberhofmeiſterin
Freiin von Grancy, Flügeladjutant Rittmeiſter Frhr.
von Maſſenbach und Leibarzt Dr. Happel.
* Abgeſagte Theatervorſtellung. Am geſtrigen
Sonntag ereignete ſich der ſeltene Fall, daß die Vor=
ſtellung
im Hoftheater ausfallen mußte.
Von zuſtändiger Seite erfahren wir darüber folgendes:

[ ][  ][ ]

Nummer 88.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 15. April 1912.

Seite 7.

Fräulein Geyersbach, welche die Elſa ſingen ſollte, war
rechtzeitig im Hoftheater erſchienen, um in der um
½7 Uhr beginnenden Vorſtellung zu ſingen. Gegen
6 Uhr ſtellte ſich bei ihr hohes Fieber ein. Der ſchnell
herbeigerufene Arzt konſtatierte eine beiderſeitige Hals=
entzündung
bei 40 Grad Fieber und erklärte ein Auf=
treten
für vollkommen ausgeſchloſſen. Da in der kurzen
Zeit ein Erſatz unmöglich zu beſchaffen und eine andere
Vorſtellung nicht mehr anzuſetzen war, woran das Theater
ſelbſt das größte Intereſſe gehabt hätte, blieb nichts
anderes übrig, als die Vorſtellung ganz ausfallen zu
laſſen. Das zahlreich erſchienene Publikum erhielt ſein
Eintrittsgeld an der Kaſſe zurückgezahlt. Die Vorſtellung
ſollte bekanntlich bei aufgehobenem Abonnement ſtatt=
finden
.
* Abſchiedsfeier für Geheimen Mezinalrat Dr.
Neidhart. Am Samstag nachmittag waren im Hotel
Heß die Kreisärzte des Landes um ihren ſeitherigen
Chef, Herrn Dr. Neidhart, zur Abſchiedsfeier verſammelt.
Auch der Vorſtand der Miniſterialabteilung für öffent=
liche
Geſundheitspflege, Herr Geheimerat Beſt und
Dr. Neidharts Nachfolger, Herr Dr. Balſer von Mainz,
waren anweſend. In den gehaltenen Anſprachen trat
die große Verehrung, deren ſich der Gefeierte unter den
Kreisärzten des Großherzogtums erfreute, ſichtlich zutage.
Herr Dr. Neidhart war von den dargebrachten Zeichen
dieſer Verehrung tief bewegt.
(3) Ausbildungskurſus für Leiter und Leiterinnen
des Frauen= und Mädchenturnvereins im Mittelrhein=
kreis
. In der Turnhalle des Ludwig=Georg= Gym=
naſiums
fand am Samstag vormittag die Schlußfeier
eines dreiwöchentlichen Ausbildungskurſes (vom 15. März
bis 13. April ds. Js.) für Leiter und Leiterinnen des
Frauen= und Mädchenturnens ſtatt, an dem zahlreiche
Vorturner und Vorturnerinnen der Turnerſchaft des
Mittelrheinkreiſes teilnahmen. Die Leitung dieſes Aus=
bildungsturnkurſes
lag in den bewährten Händen
des Großherzoglich Heſſiſchen Turninſpektors Herrn
Schulrat Schmuck, der in der kurzen Ausbil=
dungszeit
ſeine Schüler durch ſein vorzügliches Aus=
bildungsſyſtem
zu tüchtigen Turnkursführern heran=
bildete
. Die Uebungen erſtreckten ſich insbeſondere auf
das Kommandoführen bei den Marſch=, Frei= und Ord=
nungsübungen
, ſowie auf Geräteturnen und Turntheorie.
Sämtliche Teilnehmer und Teilnehmerinnen waren mit
Luſt und Liebe bei der nicht leichten Arbeit. Erwähnt
ſei noch, daß auch die Frankfurter Turnerſchaft zu dieſem
Ausbildungskurſus den Leiter der Niederrader Turn=
geſellſchaft
, Herrn Engelbert Zitzmann, entſandt hatte.
Ein gemütliches Zuſammenſein der Kursteilnehmer
bildete den Abſchluß dieſer lehrreichen Veranſtaltung.
* Ortsgewerbeverein Darmſtadt. Am Sonntag hatte
der Ortsgewerbeverein wiederum zu einer Wanderung,
der dritten in dieſem Jahre, eingeladen. Wieder hatte ſich
eine ſtattliche Zahl Wanderinnen und Wanderer eingefun=
den
, um ein beſonders herrliches Stück der im Frühlings=
kleide
prangenden Bergſtraße zu durchwandern. Vom
Bahnhof Jugenheim gings auf angenehmen Wegen nach
dem Alsbacher Schloß. Nach kurzer Erklärung über hiſto=
riſche
Begebenheiten auf der Burg gings dann weiter, am
Fuße des Melibokus vorbei, nach dem Auerbacher Schloß.
Der Weg, an den blühenden Wildkirſchen, dem duftenden
Weißdorn und den Birken im jungfräulichen Grün, war
entzückend. Auf dem Auerbacher Schloß angelangt, hatte
ſich der Himmel etwas aufgeheitert und lohnte auch eine
Beſteigung der Ruine einen Blick in die Rheinebene. Einc
größere Raſt war nicht vorgeſehen, weshalb auch nach
kurzer Zeit der Aufbruch nach Auerbach erfolgte. Bei Bür=
germeiſter
Weigold hatten ſich inzwiſchen auch die direkt
eingetroffenen Teilnehmer verſammelt und eine Schar von
zirka 100 Perſonen füllte den oberen Saal. Nach einem
fröhlichen Rundgeſang, Begrüßung durch den Führer
Herrn Gg. Kraus, bildete ſich bald ein luſtiges Treiben.
Einige Tänzchen halfen auch der Jugend zu ihrem Rechte
und nur zu bald mußte zum Aufbruch gerüſtet werden.
* Von der Reitungswache. Am Samstag abend
8½ Uhr wurde in der Kaſinoſtraße ein Taglöhner von
drei anderen Taglöhnern nach voraufgegangenem Wort=
wechſel
durch Stockſchläge und Fußtritte derart miß=
handelt
, daß der Verletzte durch die herbeigerufene
Rettungswache mittelſt Krankenkraftwagen nach dem
ſtädtiſchen Krankenhaus verbracht werden mußte. Am
Sonntag früh 4 Uhr kam ein in der Karlſtraße wohnender
Werkmeiſter vor ſeinem Hauſe ſo unglücklich zu Fall,
daß er einen Unterſchenkelbruch erlitt. Nach Anlegung
eines Stützverbandes wurde er durch die Rettungswache
mittelſt Krankenkraftwagen nach dem ſtädtiſchen Kranken=
haus
verbracht.

Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)

* Bad Nauheim, 14. April. Der Reichskanzler von
Bethmann Hollweg traf in Begleitung ſeines
Adjutanten, Leutnant von Sell, heute vormittag um 12
Uhr 40 Minuten mit dem fahrplanmäßigen Zuge hier
ein und wurde vom Oberhofmeiſter Frhrn. von Mir=
bach
auf dem Bahnhof empfangen. Beide Herren be=
gaben
ſich darauf in das Sanatorium Grödel, wo der
Reichskanzler das Frühſtück einnahm. Nach ihrer Rück=
kehr
vom Bade empfing die Kaiſerin den Reichs=
kanzler
und zog ihn in ein längeres Geſpräch. Darauf
begab ſich der Kanzler, von Frhrn. von Mirbach begleitet,
zum Bahnhof, von wo um 1 Uhr 30 Minuten die Abreiſe
nach Berlin erfolgte.
* Berlin, 15. April. Reichskanzler von Beth=
mann
=Hollweg iſt um 114 Uhr wieder hier einge=
troffen
.
München, 13. April. Der Reichskanzler iſt
heute Nachmittag vier Uhr auf dem Hauptbahnhof ein=
getroffen
. Er wurde vom preußiſchen Geſandten em=
pfangen
und begab ſich dann zur Geſandtſchaft. Der
Reichskanzler reiſt heute Abend 10 Uhr 5 Minuten nach
Bad=Nauheim ab. Nachmittags fuhr der Reichskanzler
beim Miniſterpräſidenten v. Hertling vor und gab ſeine
Karte ab. v. Hertling erwiderte dieſe Aufmerkſamkeit.
Der Reichskanzler iſt heute abend 10 Uhr 15 Minuten
nach Bad=Nauheim abgereiſt.
* München, 14. April. Als der neu ernannte ruſſiſche
Geſandte in München, Baron v. Korff=Schmiſing,
von einem kurzen Urlaub, den er in London zugebracht
hatte, heute Nachmittag auf dem hieſigen Bahnhof ein=
traf
, wurde er von einem Schlaganfall getroffen
und ſtarb.
* Karlsruhe, 14. April. Prinz Eitel Friedrich
von Preußen traf heute nachmittag nach zweiwöchigem
Kuraufenthalt in Baden=Baden im Automobil zur Ver=
abſchiedung
von den Großherzoglichen Herrſchaften hier
ein und reiſte um 8 Uhr nach Berlin weiter.
* Karlsruhe, 14. April. Unter dem Vorſitze des Frei=
herrn
Böcklin von Böcklinsau fand heute mittag hier
eine Verſammlung der Badiſchen Brenner ſtatt, die nach
einer Anſprache eine Reſolution auf Aufhebung der

Branntweinſteuer=Kontingentierung an=
nahm
. In der Reſolution wird die Erwartung ausgeſpro=
chen
, daß die bad. Regierung an dem beſtehendenReſervat=
recht
feſthält. Für den Fall aber, daß die Aufhebung der
Kontingentierung dennoch beſchloſſen werden ſollte, be=
anſpruchen
die badiſchen Brenner eine einmalige Ent=
ſchädigung
für die vorzunehmende Stillegung ihrer Be=
triebe
. Die Reſolution ſoll den Reichstags= und Land=
tagsabgeordneten
zur Kenntnis gebracht werden.
* Jülich, 14. April. Amtlich. Geſtern nachmittag 6,20
Uhr fuhr ein Automobil auf dem ſchranken=
loſen
Uebergang der Nebenſtrecke Stolberg= Her=
zogenrath
auf der Landſtraße von Aachen nach Jülich
dem Zuge 773 in die Flanke. Die Inſaſſen wurden teils
erheblich verletzt, das Automobil zertrümmert. Der
Unfall iſt darauf zurückzuführen, daß der Führer des
Kraftwagens die Läute= und Dampfpfeifenſignale nicht
beachtete. Das Lokomotivperſonal trifft keine Schuld.
* Prien, 13. April. Die Leichen des am 15. ds. im
Chiemſee bei einer Segelfahrt ertrunkenen Freiherrn
von Ferſtel aus Wien und der 22jährigen Tochter des
Schlachtenmalers Profeſſor Roubaud aus Prien wur=
den
heute nachmittag bei der unter der Leitung des Ober=
fiſchers
Marx und in Begleitung des Profeſſors Zeno
Diemer mit acht Fiſchern vorgenommenen Suche aufge=
funden
. Die Leichen lagen faſt neben einander und
nur wenige Meter von der Unfallſtelle entfernt. Sie
wurden nach der Fraueninſel verbracht, wo Freiherr von
Ferſtel wahrſcheinlich ſeine letzte Ruheſtätte finden wird.
Die Leiche der Tochter des Profeſſors Roubaud wird
nach Prien übergeführt werden.
* Rom, 13. April. Die internationale Tuber=
kuloſekonferenz
, die in Behinderung des Miniſters
Léon Bourgeois=Paris von dem Präſidenten des Reichs=
geſundheitsamtes
Dr. Bumm=Berlin geleitet wird, verlieh
die internationale Tuberkuloſemedaille, die höchſte Aus=
zeichnung
für Verdienſte um die Bekämpfung der Tuber=
kuloſe
, dem ehemaligen Miniſter Prof. Baccelli=Rom, dem
Miniſter Bourgeois=Paris, Dr. Dezw=Mons. dem Direktor
des Geſundheitsamts Dr. Schmidt=Bern. Baron Tamm=
Stockholm und dem Prof. Pannwitz=Berlin. Die Kon=
ferenz
wird 1913 in Berlin tagen.
* Rom, 14. April. In Gegenwart des Königs=
paares
, des Unterrichtsminiſters Credaro Handels=
miniſters
Nitti, Unterſtaatsſekretärs im Miniſterium
des Aeußern Fürſten di Scalea und anderer hervor=
ragender
Perſönlichkeiten wurde heute im Kapitol
der ſiebente Tuberkuloſekongreß eröffnet,
wozu 4000 Teilnehmer aus allen Ländern der Welt,
darunter die offiziellen Vertreter der auswärtigen
Regierungen, erſchienen waren. Nachdem Bürgermeiſter
Nathan im Namen der Stadt Rom den Kongreß begrüßt
hatte, hielt der ehemalige Unterrichtsminiſter Profeſſor
Guido Baccelli die Eröffnungsrede. Sodann erklärte
Miniſter Credaro den Kongreß für eröffnet. Im Namen der
Internationalen Tuberkuloſekonferenz, die in den letzten
Tagen ebenfalls in Rom tagte, ſprach Präſident im
Reichsgeſundheitsamt Dr. Bumm=Berlin. Es folgten
Anſprachen der Führer der auswärtigen Abordnungen,
auf die der Generalſekretär des Kongreſſes Prof. Askoli
erwiderte. Nach dem Eröffnungsakt verließ das Königs=
paar
das Kapitol, auf dem ganzen Wege von der Be=
völkerung
enthuſiaſtiſch begrüßt.
* Paris, 13. Apr. Der Präſident der Deputierten=
kammer
Briſſon iſt erkrankt. Sein Zuſtand flößt
Beunruhigung ein.
* Paris, 14. April. Der Kammerpräſitent Briſſon
iſt heute vormittag 9 Uhr 50 Min. geſtorben.
* Monte Carlo, 14. April. Der Fürſt von
Monaco gab geſtern abend zu Ehren der franzöſiſchen
Miniſter Poincaré, Millerand, Delcaſſé und des engliſchen
Botſchafters Frangois Bertie ein Feſteſſen. Unter den
Anweſenden befand ſich der Direktor im Reichsamt des
Innern Dr. Lewald.
* Madrid, 13. Apr. Der Wiederzuſammentritt
der Kammern iſt durch Königliches Dekret auf 1. Mai
feſtgeſetzt.
Stockholm, 13. April. Die freiwillige Landes=
ſammlung
des ſchwediſchen Panzerſchiff=
vereins
brachte über 12 Millionen Kronen, darunter
drei Millionen von verſchiedenen Aktiengeſellſchaften ein.
Die eingeſammelte Summe ermöglicht dem Verein ohne
Staatszuſchuß ein Panzerſchiff zu bauen.
New=Orleans, 13. April. Am Miſſiſſipi ſind
weitere Dammbrüche vorgekommen. 12 Ortſchaften
wurden überſchwemmt.
* Buenos Aires, 14. April. Der frühere Präſident
Argentiniens, General Roca, wurde zum Geſandten in
Rio de Janeiro ernannt.

H. B. Brüſſel, 13. April. Ein ſchweres Auto=
mobil
=Unglück hat ſich geſtern nachmittag zwiſchen
Baſtogne und Lüttich unweit des Dorfes Herr zugetra=
gen
. Ein Fußgänger entdeckte auf der die beiden Orte
verbindenden Straße eine Frau, die ohnmächtig quer
über den Weg lag. 20 Meter davon lag ein umgeſtürz=
tes
Automobil, unter dem zwei ſchwer verletzte Perſonen
lagen. Die Frau ſtammte aus dem Dorfe Herr, die
beiden Schwerverletzten ſind Angeſtellte einer Automobil=
Fabrik in Breſſon. Sie hatten verſucht, ein neues Auto=
mobil
auf der Chauſſee auszuprobieren. Auf dem Wege
wollten ſie der Frau, die vor ihnen ging, ausweichen.
Das Steuer verſagte jedoch und das Auto ging über die
Frau hinweg und rannte dann gegen drei an der Straße
ſtehende Bäume, die umgeriſſen wurden. Das Auto
wurde ſchwer beſchädigt. Die drei Perſonen ſind ſo
ſchwer verletzt, daß ſie kaum mit dem Leben davon=
kommen
dürften.
London, 14. April. Nach einer Meldung des
Daily Telegraph aus New=York beſtätigten Offiziere
des in Mobile im Staate Alabama eingetroffenen
Dampfers, daß in Chiriqui, nahe des Panamakanals,
ſich eine ernſte Kataſtrophe vulkaniſcher
Natur ereignete. Nach Anſicht des Kapitäns bildete
ſich im Yucatankanal unterhalb des Waſſerſpiegels ein
tätiger Vulkan. Dem Vernehmen nach wurden bei der
Kataſtrophe Tauſende von Menſchenleben vernichtet.

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dieſem Tage beſtimmt ſtatt. Loſe zu dieſer Lotterie,
ebenſo zur Süd=Polar=Geld=Lotterie (Ziehung
am 23. und 24. April cr.) ſind bei den hieſigen Königl.
Preuß. Lotterie=Einnehmern noch erhältlich. (Siehe
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Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe aufrichtiger herzlicher
Teilnahme bei dem Verluſte meines lieben Gatten,
unſeres guten Vaters, Bruders, Schwagers und
Onkels
(9006
Herrn
Philipp Grünewald
Gärtner
ſprechen wir allen Verwandten, Freunden und
Bekannten, ſowie für die zahlreichen Blumen=
ſpenden
, auf dieſem Wege unſeren tiefgefühlteſten
innigſten Dank aus.
Die frauernden Hinterbliebenen.
Darmſtadt, den 13. April 1912.

Tageskalender.

Hoftheater, Anfang 7 Uhr (Ab. A): Die verſunkene
Glocke‟.
Orpheum, Anfang 8¼ Uhr: Gaſtſpiel des Oberbayer.
Bauerntheaters (Im Pfarrhaus).
Vortrag von Dr. Dammann um 8¼ Uhr in der Aula
der Techniſchen Hochſchule (Heſſ. Goethebund).
Vortrag von Stenographielehrer Heſſel um 8½ Uhr
im Fürſtenſaal.
Monatsverſammlung des Geflügel=Zuchtvereins
Ornis um 8½ Uhr in der Stadt Pfungſtadt‟
Konzerte: Hotel Heß, Bürgerkeller und Reſtaurant
Metrovol um 8 Uhr.
1. Darmſtädter Kinematograph (Ecke Rhein=
u
. Grafenſtraße): Vorſtellungen von 3½11 Uhr.
Olympia=Theater, Rheinſtr. 2, 1. Etage:
Vorſtellungen von 411 Uhr.
Bilder vom Tage. (Auslage Rheinſtraße 23): Das
neue deutſche Lehrgeſchwader; das Denkmal der
Königin Viktoria von England in Nizza; Porfirio
Diaz, der Expräſident von Mexiko, in Madrid; Graf
und Gräfin Metternich als Kinoſchauſpieler.

Verſteigerungskalender.
Dienstag, 16. April.

Gemälde=Verſteigerung um 10 Uhr Zimmerſtr. 13.
Dünger=Verſteigerung um 9 Uhr in der Artillerie=
Kaſerne (Regiment Nr. 25).

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei=
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil: Hans Seitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkriptewerden nicht
zurückgeſandt.

[ ][  ][ ]

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 15. April 1912.

Nummer 88.

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ganzen Tag zu Kindern oder
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Saubere Putzfrau wünſcht für
abends noch einen Laden zum Rei=
nigen
zu übernehmen. Näh. Ar=
heilgerſtr
. 19, H. 2. St. r. (*9384

E. t. Mädchen, d. 3 J. in e. St. i.,
ſ. St. a. Alleinm., 1. Mai. Fr. Sus=
Röse, gewerbsmäßige Stellenvermitt=
lerin
, Kiesſtr. 35, 1. St. (*9383

Mlädchen, welches zu Hauſe
ſchlafen kann, ſucht tagsüb. Stelle,
auch z. Kind. Weinbergſtr. 26. (*9357

Junge, zuverläſſige Frau geht
(*9355
waſchen und putzen
Langegaſſe 21.

Frau ſ. Laufſt. od. mitt. Zeitg.
trag. Beſſungerſtr. 39, Lad. (B9029

Mädch. ſ. 4 halbe Tage z. Putz.
Mitw. u. Samst. 2 Stund. morg.
Schützenſtr. 20, I. rechts. (*9389

Männlieh

Achtzehnjähr. beſſ. Mädchen,
welches nähen kann, ſucht ſofort
Stellung in feinem Hauſe, wo das=
ſelbe
den Haushalt (hauptſächlich
Kochen) gründlich erlernen kann.
Mädchen muß vorhand. ſein. Etw
Taſchengeld erw. Off. u. R. Wies=
baden
, Berliner Poſt poſtl. (*93991

Kaufmann (verh.)
ſucht Stellung, in einer Brauerei
als Reiſender od. Expedient, evtl.
auch als Kontoriſt. Mit dem Un
sohlen, fall=, Krankenkaſſen= u. Invaliden=
verſicherungsweſen
, ſowie in Lohn
berechnung auch vertraut. Ein=
tritt
kann ſofort oder per 1. Mai
erfolgen, ff. Zeugniſſe zur Ver=
fügung
. Offerten unter B 96 an
die Expedition ds. Bl. (8784fsc Kaufmann ſucht Beſchäftigung
im Beitragen von Büchern. Off
unt. C 54 an die Exp. (*9325sd Annoncen=Aequiſiteur
tüchtig, erfahren, eingeführt, ſucht
Stellung nur auf Proviſion für
Reklame-Neuheit.
Derſelbe empfiehlt ſich auch als
Licenz=Verkäufer.
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Kaſſenbote od. ſonſt. Vertrauens=
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auch Geſchäftsfiliale. Offert. unt.
C 64 an die Exped. (B9023 Guterzog. Junge ſucht kaufm.
Lehrſt. Kolonialwarenbranche bev.
Off. u. C 65 a. d. Exp. (*9367 Weiblich . Stenotzpistin 2n
durchaus erfahren und intelligent,
mit mehrjähr. Praxis, f. ein hieſig.
größ. Anwaltsbüro geſucht. Mel=
dungen
unt. Beifüg. d. Zeugnis=
abſchrift
. u. m. Angabe d Gehalts=
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Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 15. April 1912

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Tag wieder ein. Vielen herslichen Dank für diese wirkeame Hälfs. Zugleich
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von einer lästigen und hartnäckigen Hertleibigkeit befreit haben, die von einer
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Kraucheit herührten, end verschwunden, seit ich Danpillen elnehls.
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Nummer 88.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 15. April 1912.

Seite 11.

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17. Juli 1899,
nung von Grundeigentum betreffend, zwecks Eröffnung der Land=
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Georgsſtraße, zwiſchen Beck= und Wingertsbergſtraße,
bei Großh. Kreisamt geſtellte Antrag auf Einleitung des Ent=
eignungsverfahrens
wegen der nachbezeichneten, in der Gemarkung
Darmſtadt gelegenen Grundſtücke:

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Geſamt= in Anſpruch
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flächeninhalt genommenen
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und
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Drei=
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brunnen=
u
. Beck=
ſtraße

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1016 Grabgar=
1813 red. Inh. 1269 red. Inh.
ten da=
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red. Inh.
1456 red. Inh.
1ool daſelbſt
(398 gem. Inh.l 44 gem. Inh.
rr1o16 Grabgar=Pietz, Philipp,
ten mit Stadtbauauf=
389 red. Inh. 43 red. Inh.
Garten= ſeher und Ehe=
haus
da=frau, geb. Bär
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Der Hof des Hchweigens.
Ein Roman aus Island von Anny Wothe.
(Nachdruc verboten.)
19)
Copyright 1910 by Anny Wothe, Leipzig.

Einar, der am Fenſter ſtand und in das tobende
Wetter hinausblickte, wagte nicht, ſich umzuſehen. Wie
mußte ſie leiden bei den ſchonungsloſen Worten des
Mannes, den ſie einſt geliebt, und der ſich ſo hart und
grauſam von ihrem Herzen riß.
War es nicht auch von ihm grauſam, ihr den Brief
zu geben?
Blieb ihm denn aber eine andere Wahl, wenn er
Ingwalds Auftrag erfüllen ſollte? Oder wäre es beſſer
geweſen, ſie noch länger in Ungewißheit zu laſſen, ihr das
Schwerſte nicht zu ſagen?
Nun traf ihn doch ein wimmernder Laut der Frau,
der er ſoeben ein Schwert zum Todesſtoß ins Herz boh=
ren
mußte.
Im Augenblick ſtand er ihr zur Seite, und ihre bei=
den
Hände erfaſſend und ſie wie beſchwörend gegen ſeine
Bruſt ziehend, bat er leiſe:
Faſſung, Frau Helga, Faſſung. Denken Sie an
Orm und an Ihre alte Mutter, ich bitte Sie.
Ein halb wahnſinniges Lachen kam von Helgas Lip=
pen
. Ihre Augen bohrten ſich mit dunkler, unheimlicher
Ellgs in ſein Geſicht, als ſie hervorſtieß:

Iſt es nicht luſtig, ſo abgeſchoben zu werden wie ein
altes Kleid oder ein läſtiger Handſchuh? Iſt es nicht
luſtig, daß man ſein getreues Weib und ſein Kind einem
Freunde auf die Seele bindet, wo man ſich ſelber aller
Rechte und aller Pflichten entäußert? Ach, Einar =
muſſen
, ich könnte lachen, wenn ich nicht weinen müßte.
Weinen? Nein, ſchreien, daß es von den Felſen wider=
hallt
.
Und nun kamen Helga endlich die Tränen. Sie
floſſen wie eine Perlenflut über die bleichen Wangen
und rieſelten über die verzweifelt in einander geſchlun=
genen
Hände.
Einar blickte auf ſie mit brennenden Augen. Er ballte
krampfhaft die Hände und biß die Zähne zuſammen. Das
Herz hätte er ſich aus der Bruſt reißen mögen, um ihr
Leid zu bannen, und er war doch ſo machtlos, ſo ganz
ohnmächtig. Gott ſei Dank, daß ſie weinen konnte. Die
Tränen allein konnten etwas den ſtarren Schmerz löſen,
der aus Helgas Augen ſprach.
Der Sturm draußen hatte etwas nachgelaſſen. Nur
mit dumpfem Murren fauchte er noch um die Felſen und
peitſchte die Waſſerfälle hernieder ins Tal.
Es war faſt ganz dunkel geworden. Nur das graue
Zwielicht des Nordens, das den Tag von der Nacht ſchei=
det
, huſchte durch die Halle, in welcher das Feuer tief
herabgebrannt war.
Einar wagte nicht, die von Gram und Schmerz ge=
beugte
Frau zu ſtören. Er fühlte nur das raſche Klopfen

ſeines Herzens und die leidenſchaftliche Angſt, das ver=
zweifelte
Bangen um das traurige Weib, das jetzt wie
gebrochen in dem hohen Lehnſtuhl lag, die Hände feſt
auf die Bruſt gepreßt, als ringe ſie nach Atem, nach
Leben.
Soll ich Frau Ragnheid rufen? fragte er endlich leiſe,
weil ihm Helgas ſteinerne Ruhe, nachdem ihre Tränen
verſiegt waren, plötzlich Furcht einflößten.
Sie ſah ihn verſtändnislos an. Endlich lächelte ſie
bitter und meinte hart:
Kommen Sie ganz dicht zu mir her, Einar Aßmuſſen,
ſo, und nun ſagen Sie mir die Wahrheit. Glauben Sie,
daß alles, was Ingwald Ihnen ſchreibt, wahr iſt, oder
halten Sie es für wilde Fieberphantaſien eines Kranken?
Bei Ihrer Ehre und bei Ihrem Leben keine Lüge in die=
ſem
Augenblick. Glauben Sie an den Freund, wie ich an
ihn glaube, glauben will?
Wieder das ſchaurige, verhaltene Schweigen. Nur
die verlöſchenden Flammen im Kamin kniſterten leiſe.
Antworten Sie bei Ihrer Seele Seligkeit.
Nein, ich glaube nicht mehr an ihn.
Sie geben ihn auf?
Helga ſchrie es faſt und ſah Einar fiebernd ins
Geſicht.
Ich beklage ihn tief und aufrichtig, ich weine über
ihn, aber den Glaüben habe ich verloren in dem Augen=
blick
, wo Ingwald Sie preisgeben konnte.

[ ][  ][ ]

Nummer 88.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 15. April 1912.

Seite 13.

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den bezeichnenden Worten Wurſt iſt
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legenden
Verſchiedenheit läßt ſich ähn=
liches
vom Kakaopulver behaupten, das
ſich gleichfalls der Beurteilung durch
Laien entzieht. Nur die Herkunft aus
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liegt daher im eigenſten Intereſſe der
Konſumenten, Kakaopulver niemals
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Fereterten e e ie ig e
Hand über die weiße Stirn, wie ſich beſinnend, aus
ſchwerem Traum erwachend. Dann kam es dumpf und
ſchwer von ihren Lippen:
Es bleibt bei meinem Entſchluß. Morgen trete ich
meine Reiſe an.
Einar fuhr faſt entſetzt zurück.
Was? ſtammelte er. Sie wollten, Sie könnten nach
dieſem Brief? Sie wären im Stande, den Mann auf=
zuſuchen
, der Sie in dieſem Briefe trotz aller beſchönigen=
den
Worte mit Füßen tritt? Sie, Frau Helga, könnten
das, die immer ſo ſtolz und immer ſo herb war?
Herb! Ja, das iſt das richtige Wort. Meine Herb=
heit
, die jede hingebende und leidenſchaftliche Zärtlich=
keit
bannte, die wohl Ingwald heiß bei mir vermißt,
war es vielleicht, die mir den Gatten, dem Kinde den
Vater nahm.
Sie dürfen nicht nach Island. Ganz abgeſehen von
den Gefahren der Reiſe, kommt es Ihnen nicht zu, um
Liebe bei einem Manne zu betteln, der Sie von ſich ſtieß.
Wer ſagt Ihnen, daß ich betteln will? Ein freies
Kind des Nordens bettelt nicht, das kämpft nur. Und
kämpfen will ich bis zum letzten Atemzuge. Nicht für
mich, aber für mein Kind. Es ſoll nicht dereinſt ſeinem
Vater fluchen, es ſoll ſich nicht ſchämen müſſen, daß Ing=
wald
Anderſen ihm das Leben gab.
Nicht Liebe will ich von dem Manne fordern, der
mich verſchmäht, ſondern mein und meines Sohnes Recht!
Helga, ich beſchwöre Sie! Ich flehe Sie an, bat Einar
leidenſchaftlich. Nichts als Demütigungen und Pein wer=

den Sie erfahren. Hören Sie auf mich, auf den Rat
Ihres treueſten und vielleicht Ihres einzigen Freundes.
Helga warf ihm den zerknitteretn Brief, den ſie noch
immer in der Hand hielt, vor die Füße.
Sollte dieſer da doch recht haben, trotzte ſie mit faſt
diaboliſcher Freude, daß ſie ſelbſt einſt die Hände aus=
geſtreckt
haben nach dem, was ihm gehörte und was nun
frei wird?
Totenbläſſe überzog Einars Antlitz. Die bebende
Hand ſuchte nach einer Stütze, und ein qualvolles Stöhnen
entrang ſich ſeiner Bruſt.
Dann preßte er beide Fäuſte wild in ſeine brennen=
den
Augen, und ſeine ſonſt ſo weiche Stimme klang hart
und rauh, als er antwortete:
Das hätten Sie nie, nie ſagen dürfen, Helga Ander=
ſen
, nie! Was groß, rein und heilig in meiner Bruſt
lebt, das darf auch von Ihnen nicht in den Staub gezogen
werden, dazu iſt es zu heilig, aus tauſend Schmerzen
geboren und dadurch geweiht. Es iſt zwar nicht der ge=
eignete
Augenblick, auszuſprechen, was mir, wie ich
glaubte, keine Macht der Welt entreißen könnte, aber Sie
zwingen mich dazu. Ja, Ingwald Anderſen hat Recht
gehabt. Ich habe Sie geliebt, Helga, ſo lange ich denken
kann. Als ich noch ein Knabe war, ſah ich voll Neid Ihre
Liebe und Zugehörigkeit zu Ingwald Anderſen wachſen.
Aber ich hatte ihn lieb, er war mein treueſter und beſter
Freund, und ich wußte, daß er der Schönere, Beſſere und
Stärkere von uns beiden war. Ich fand es ganz ſelbſt=
verſtändlich
, daß er, wie er die größten Aepfel, das größte
Stück Kuchen ſich aneignete, auch mit kalter Hand in mein

Leben griff und mir das nahm, was ich voll tiefer, heim=
licher
Sehnſucht für mich erflehte. Ich habe mich ſchon als
Knabe beſcheiden gelernt, Frau Helga, und nie iſt ein
eigennütziges Begehren in mein Herz gezogen. Ich lernte
mich an Ihrem und Ingwalds Glück erfreuen, wie ich
Leid und Sehnſucht der letzten Jahre mit Ihnen trug.
Ich hätte Ihnen den Brief nicht geben ſollen, in dem Ing=
wald
darauf hinwies, daß ich ſelbſt Sie einſt geliebt, aber
ich meinte Sie, gerade Sie würden es recht verſtehen.
Statt deſſen aber trauen Sie mir zu, daß ſich an Ihr
Unglück für mich eigennützige Wünſche knüpfen, und Sie
wiſſen doch genau, daß ich mich deren in dieſer Stunde
ſchämen müßte.
Wie ich mich ſchäme, Einar, verzeihen Sie mir, bat
Helga ſanft. Es war kein Heldenſtück von mir, in meinem
Schmerz anderen Schmerzen zuzufügen. Aber ich war
wie von Sinnen, daß Sie mich hindern wollten, den ein=
zigen
Weg zu gehen, der mir frommt.
Ich hindere Sie nicht mehr, wehrte der blaſſe Ge=
lehrte
, einen Schritt zurücktretend. Der Weg iſt frei. Ver=
ſuchen
Sie mit allen Mitteln, die Ihnen zu Gebote
ſtehen, den Mann zurückzugewinnen, der Sie verlaſſer
will. Ich habe das Meinige getan.
Sie zürnen mir, Einar Aßmuſſen.
Nein, Helga! Ich weiß, daß Sie nicht anders können.
Nur weh getan haben Sie mir, aber auch das iſt ſchon
vorbei. Sagen Sie Ingwald, wenn Sie ihn ſehen, daß
ich treulich das ausführen werde, was er mir aufgetragen
hat. Und nun laſſen Sie uns Abſchied nehmen viel=
leicht
für immer.
(Fortſetzung folgt.)

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Die verſunkene Glocke.
Ein deutſches Märchendrama in
5 Akten von Gerhart Hauptmann.
Spielleitung: Regiſſeur Hacker.
Perſonen:
Heinrich, der
Glockengießer Hr. Baumeiſter
Magda, ſ. Weib. Frl. Alſen
Kinder beider . Marie Stoffer
. Ern. Jungkurth
Der Pfarrer . . Hr. Heinz
Der Schulmeiſter Hr. Peterſen
Der Barbier . . Hr. Knispel
Die Nachbarin . Frl. Wisthaler
Die alte Wittichen Fr. Rudolph
Rautendelein, ein
elbiſches Weſen . Frl. Uttmann
Der Nickelmann,
e. Elementargeiſt Hr. Wagner
Ein Waldſchrat,
fauniſcher Wald=
. Hr. Weſtermann
geiſt
. Frl. Gothe
. . . Frl. Schaub
Elfen ſ. . . . . Frl. Grünberg
. Frl. Lehmann
Nach dem 2. Akte längere Pauſe.
Preiſe der Plätze (Kl. Pr.).
Proſzeniumsloge 5 Mk., Fremden=
loge
5 Mk., Balkonloge 4.50 Mk.,
1. Rang 4 Mk., 2. Rang: 16.
Reihe 2 Mk., 7. u. 8. Reihe 1.60 Mk.,
Sperrſitz: 1.13. Reihe 3.50 Mk.,
14.20. Reihe 3 Mk., Parterre:
1.5. Reihe 2.20 Mk., 6.8. Reihe
1.80 Mk., 1. Galerie 1 Mk., 2. Ga=
lerie
50 Pfg.
Anfang 7 Uhr. Ende 10 Uhr.
Kartenverk. 111 u. von 6 Uhr an.
Vorverkauf
von 111 Uhr f. d. Vorſtellungen:
Dienstag, 16. April. 154. A.=V.
C 39. Zum erſten Male wieder=
holt
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donna
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Mittwoch, 17. April. 155. A.=V.
B 39. Baumeiſter Sol=
neß
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Donnerstag, 18. April. 156. A.=V.
D 39. Fidelio. Kl. Preiſe.
Anfang 7 Uhr.
Schiffsbericht.
Hamburg=Amerika=Linie.
Mitgeteilt von dem Vertreter Hrn.
Adolf Rady, Darmſtadt,
Zimmerſtraße 1.
Dampfer Amerika 11. April
3 Uhr 30 Min. nachmittags von
New=York über Plymouth und
Cherbourg nach Hamburg.
Dampfer Iſtria 10. April 6 Uhr
abends in Neworleans.
Dampfer Kilnſea 11. April 6 Uhr
morgens von Galveſton nach
Hamburg.
Dampfer Pallanza 11. April
8 Uhr morgens in Philadelphia.

Verein Walderholungsſtarte Darmſtadt
E. V.
Zu der
Mittwoch, den 17. April d. J., vorm. 11¼ Uhr,
im Stadthausſaale (Rheinſtraße) dahier ſtattfindenden
ordentlichen Mitgliederverſammlung
geſtatten wir uns, die Vereinsmitglieder ergebenſt einzuladen.
Tagesordnung:
1. Entgegennahme des Geſchäftsberichts;
2. Abnahme und Genehmigung der Jahresrechnung;
3. Wahl des Vorſtandes;
4. Wahl von 2 Rechnungsprüfern für das laufende
Geſchäftsjahr.
Darmſtadt, den 9. April 1912.
(8657mo
Der Vorſtand des Vereins Walderholungsſtätte.
Mueller, I. Vorſitzender.

Vereir de Belanlisten Darmstaut
(Eingetragener Verein.)
Einladung zur Hauptverſammlung

am Dienstag, den 23. April 1912, abends 9 Uhr,
im Kaiſerſaal (Kaufm. Vereinslokal)
Tagesordnung: 1. Jahresbericht 1911/12. 2. Rechnungsablage.
3. Ergänzungswahl des Vorſtandes. 4. Neuwahl der Rechnungs=
reviſoren
. 5. Die unlauteren Wettbewerbfälle und die Darmſtädter
Staatsanwaltſchaft. 6. Anträge und Beratungen.
9027)
Der Vorſtand.
Vereinigte Kriegervereine Darmſtadts
und
Verein für Verbreitung von Volksbildung.
Als nächſte Volksvorſtellung wird am Sams=
tag
, den 20. April,
Wilhelm Telle
gegeben. Kartenbeſtellungen ſind bis ſpäteſtens nächſten Dienstag
vormittag bei den bekannten Stellen abzugeben.
(9003
Hessischer Goethebund,
Montag, den 15. April, abends 8¼ Uhr,
in der Aula der Techniſchen Hochſchule
Vortrag dés Herrn Dr. Dammann
über
(8982so
Mittelalterl. Wandmalereien auf hessischem Boden
mit Besichtigung der Ausstellung von farbigen Nachbildungen.
Eintritt für Mitglieder frei. Nichtmitglieder zahlen 30 Pfg.
66 Darm-
Schutzengeselischatt Weidmannshell stadt.
Vereinslokal Rest. Martinsglöckchen‟ Riegerplatz.
Jeden Montag und Mittwoch von abends 9 Uhr ab
Uebungsschießen mit scharfer Manition.
Freunde und Anhänger des Schiessports stets willkommen. (1988a

Erhöhung des Einkommens
3943Hl) durch Versicherung von Leibrente bei der
Preussischen Renten-Versicherungs-Anstalt
Beispiel für Männer (Frauen erhalten weniger):
Sofort beginnende gleichbleibende Rente für 1000 M. Einlage:
Eintrittsalter (Jahre): 50 55 I 60 1 65 75 75

Jahresrente: Mark 72.48 ſ 82.44 96. 12 114.86 141.96 181.20
laufende Renten: über 7¼ Millionen Mark.
Ende 1910 1 vorhandene Aktiva: fast 122 Millionen Mark.
Prospekte und sonstige Auskunft durch:
Chr. Emil Derschow in Frankfurt a. M., Kaiserstr. 14, Kaiserplatz.

[ ][  ][ ]

Nummer 88.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 15. April 1912.

Seite 15.

(9017)I

M

mn
0 6-

Handel und Verkehr.

H. Frankfurt, 13. April. ( Börſenwochen=
bericht
.) Die abgelaufene Geſchäftswoche konnte ſich
etwas lebhafter geſtalten und auch die Tendenz war im
ganzen feſter geſtimmt. Bei alledem läßt ſich jedoch das
Vorhandenſein einer unſicheren Haltung nicht verkennen,
denn der Geldmarkt zeigte wieder eine leichte Anſpannung
und Anziehen des Privatdiskonts auf 3½ Prozent. Bei der
Reichsbank betrugen die Rückflüſſe etwa 100 Millionen
Mark; immerhin ſei der Status gegen die gleiche Zeit=
periode
des Vorjahres wenig gebeſſert. Von New=York
werden fortdauernd gute Berichte und dabei höhere Kurſe
gemeldet. Dies gilt zunächſt für Kupferaktien. In der
Generalverſammlung der Rio Tinto=Companie erklärte der
Vorſitzende, daß die Ausſichten des Kupfermarktes ſehr hoff=
nungsvoll
ſeien. Die Vorräte hätten abgenommen und
dies erwecke Vertrauen, daß zukünftig weiter beſſere Kupfer=
preiſe
erzielt würden. Ferner erfolgte in Kanada=Aktien
(die auch in Berlin gehandelt werden) eine Steigerung
von über 15 Dollars auf große Mehreinnahmen, was
ebenfalls günſtigen Einfluß ausübte.
Zu den Einzelheiten des Verkehrs übergehend, waren
deutſche Renten zum Teil etwas lebhafter disponiert. Die
ſtarken Quartalsfälligkeiten kommen dabei auch zur Gel=
tung
, aber nach wie vor ſind die feſtverzinslichen Werte nur
wenig in Gunſt. Von den ausländiſchen Staatsfonds
hielten ſich die türkiſchen recht feſt, da die trotz des Krieges
ziemlich günſtigen Berichte über die Finanzlage der Türkei
ſtimulierten. In ungariſchen Renten und Serben herrſchte
ebenfalls eine etwas beſſere Strömung; ferner ſind die
mexikaniſchen trotz der andauernden unſicheren Lage im
Land etwas erholt. Von Transportaktien waren Ham=
burger
Paketfahrt auf die günſtigen Auswandererziffern
weſentlich höher, hingegen Nordd. Lloyd ruhiger. In
Schantung erfolgten ſtärkere Realiſationen, nachdem die
Dividende nur mit 6 Prozent gegen 6½ Prozent im Vor=
jahre
veranſchlagt wird.
Der Bankenmarkt war wenig belebt, bei ganz geringen
Veränderungen. Am Montangebiet kam die vermehrte Leb=
haftigkeit
am entſchiedenſten zum Ausdruck, beſonders waren
die ſchleſiſchen Werte bevorzugt auf die geplante Erhöhung
der oberſchleſiſchen Eiſenpreiſe. Man ſprach ſogar, daß die
bisher beſtandene Fördereinſchränkung aufgehoben werden
ſollte, weil der engliſche und deutſche Streik die Vorräte
bedeutend reduziert haben ſoll. Elektrizitätsaktien lagen
durchweg feſt; auch Bergmann, deren Anſchluß an den
Siemenskonzern zwar noch nicht offiziell erklärt, aber doch
perfekt ſein ſoll, bis 150,10 erholt. Am Kaſſainduſtriemarkt
beſteht nach wie vor großes Spekulationsintereſſe, wie auch
anſcheinend das Privatpublikum zum Teil beteiligt iſt.

Dieſe Woche konzentrierten ſich die Hauptumſähze in Kunſt=
ſeide
, die bis 190 avancierten, um ſchließlich bis 184¾ nach=
zugeben
. Neuere Mitteilungen als die bekannten Hoff=
nungen
, in dem ſchwebenden Patentprozeß hätten ſie eine
größere Abfindung zu erwarten, ſind nicht bekannt. Auch
die Verwaltung hüllt ſich weiter in Schweigen. Für
Kleyer beſtand vermehrte Nachfrage; ferner waren Che=
miſche
Albert, Höchſter Farbwerke und Holzverkohlung an=
ſehnlich
höher. In Deutſche Gold= und Silber= Scheide=
anſtalt
erfolgte eine Abſchwächung bis 1030½ auf Gewinſt=
realiſationen
. Steana=Romana ſtiegen bis 142 auf die ge=
beſſerte
Benzinpreislage. Motoren=Fabrik Oberurſel höher,
bis 140 Prozent auf die Meldung von weiteren Aufträgen
in Benzinmotor=Lokomotiven für die Bagdadbahn. Ar=
maturenfabrik
Hilpert konnten den 100er wieder überſchrei=
ten
, nachdem die Geſchäftsergebniſſe jedenfalls erfreuliche
geworden ſind. Gummi Peter vernachläſſigt (134), South=
Weſtafrika verteilen eine Geſamtdividende von 7½ Pro=
zent
gegen 5 Prozent im Vorjahre.
Von Loſen notieren: Angsburger 35,56, Braunſchwei=
ger
199,20, Pappenheimer 55,, Freiburger 68,10, Türliſche
171,40, Meininger 34,75, Ungariſche 369 B., Mailänder
45=Fres. L. 140, nominell, Mailänder 10=Fres.=L. 34,90,
Venediger 43,, Raab=Grazer Anr.=Sch. 38,60 Genua
in Reichsmark; Gothaer Prämie II 117,50, Madrider 76,
Donau=Regulierung 165, nominell, in Prozent. Ferner
ſchließen: 4proz. Reichs (bis 1918 unkündbar) 101,40,
3½proz. Reichs 90,55, 3proz. Reichs 81,40, 4proz. Heſſen
von 1899 100, 4proz. Heſſen von 1906 100,, 4proz.
Heſſen von 1908/09 100,, 4proz. Heſſen (unkündbar bis
1921) 100,50, 3½proz. Heſſen 89,45, 3proz. Heſſen 78,35,
4proz. Darmſtädter 99,90, 3½proz. Darmſtädter 89,50, 4proz.
Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie 1823) 100,50 G., 4proz.
Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie 2425) 100,60 G., 3½proz.
Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie 35) 89,60 G., 3½proz.
Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie 911) 89,70 G., 4proz. Heſſ.
Kommunal=Pfdbr. (Serie 1012) 100,60 G., 4proz. Heſſ.
Kommunal=Pfdbr. (Serie 1314) 100,70 G., 3½proz. Heſſ.
Kommunal=Pfdbr. (Serie 13) 89,80 G., 3½proz. Heſſ.
Kommunal=Pfdbr. (Serie 4) 89,70 G., Darmſtädter Bank
122½, Südd. Immob.=Geſellſchaft (Mainz) 71,50 G., Südd.
Eiſenbahn=Geſellſchaft 122½ G., Lederwerke vorm. Spicharz
(Offenbach a. M.) 78,50 G., Schramms Lack= und Farben=
Fabriken (Offenbach a. M.) 272 G., Chemiſche Mühlheim
a. M. 75,25, Schantungbahn 137½, South=Weſtafrika 157,
Otavi=Anteile 36,, Otavi=Genußſcheine 66,, 4½proz.
Ruſſen 100,30, 4proz. 1880er Ruſſen 91 P., 4proz. 1902er
Ruſſen 90,55, 3/oproz. Ruſſen 88,, 3½proz. Ruſſen
84,50 G., 3proz. Ruſſen 82,, 4proz. unifizierte Türken
91,30, 4proz. Adminiſtrations=Türken 84,60 G., 4proz. kon=
vertierte
Türken (1905/1911) 81,50 G., Bagdadbahn 83,90,
5proz. Chineſen 101,50, 4½proz. Chineſen 95,10, 5proz.
Chineſen (Tientſin=Pukow) 99,80, 4½proz. Japaner 95,
4proz. Japaner 89,20. 3proz. Buenos=Aires 72½.

Vermiſchtes.

* Ein neues deutſches Rieſenſchiff. Verhülle dich,
ſtolzes Albion, denn wieder einmal macht das verhaßte
Made in Germany deinen Ruhm zunichte. Auf der Vul=
kanwerft
in Hamburg geht ein Rieſenſchiff ſeiner Voll=
endung
entgegen, das all die Dreadnaughts Englands
weit, weit in Schatten ſtellt. Ein Rieſenſchiff, wie die
Welt noch keines geſehen. Kriegfürchtenden Gemütern
aber mag es zum Troſt und zur Beruhigung dienen, daß
dieſer Goliath des Ozeans wie Fritz Kerns in Heft 8

der Arena (Stuttgart, Deutſche Verlags=Anſtalt) dieſes
neueſte Wunder= und Meiſterwerk der deutſchen Schiff=
baukunſt
nennt, nur friedlichen Zwecken zu dienen be=
ſtimmt
iſt. Die Hamburg=Amerika=Linie läßt dieſen un=
geheuren
Dampfer für die Paſſagierbeförderung zwiſchen
Hamburg und New=York erbauen, da eine einfache kauf=
männiſche
Rechnung ſeine Notwendigkeit und ſeine Ren=
tabilität
ergeben haben. Gegenwärtig liegt der Rieſen=
leib
des Schiffes, das bei einer Länge von 268 Metern.
einer Breite von 29 Metern und einer Waſſerverdrängung
von 50000 Tonnen zugleich auch das modernſte und lurn=
riöſeſt
eingerichtete Ozeanfahrzeug der Welt ſein wird,
noch auf der Helling, aber das demnächſt beginnende
Frühjahr wird den Tag bringen, an dem es ſingend und
rauſchend in ſein Lebenselement, das Waſſer, eintaucht.
Und wenn es dann nach einigen weiter ins Land ge=
gangenen
Monden ſeinen Dienſt antritt, wird es vermöge
der Kraft ſeiner gewaltigen Turbinen in der Lage ſein,
5000 Menſchen auf einmal über den Ozean zu tragen.
Und die Reiſenden an Bord werden ſich kaum recht be
wußt werden, daß ſie ſtatt auf dem feſten Lande, auf dem
ſchwankenden Boden eines Schiffes ſich befinden, denn
alles, was die moderne Kultur ihnen dorr an Bequem=
lichkeit
, an Luxus und gewohnten Erforderniſſen darbietet,
werden ſie auch hier beiſammen finden. Fehlt doch auf
dieſem neueſten Verkehrsrieſen auch das elegante
Schwimmbad im pompejaniſchen Stile nicht! So wird
dieſer Koloß, dieſer Goliath im wahrſten Sinne des
Wortes, nicht nur der Stolz der Hapag nicht nur der
machtvollſte Künder der Bedeutung der deutſchen Han=
delsmarine
ſein, er wird auch den Ruhm deutſcher
Ingenieurkunſt der Welt mit mächtiger Stimme künden.
Sein Name aber wird lauten: Imperator. Iinpe
rator, Made in Germany! Wahrlich ein Werk und ein
Wort, die ſich beide wirkungsvoll ergänzen zur Verherr=
lichung
deutſchen Fleißes und deutſcher Geiſtesarbeit am
Beginn des zwanzigſten Jahrhunderts!
* Eine neue Form der künſtlichen Atmung, um
den gefürchteten Atemſtillſtand in der Narkoſe zu ver=
hüten
, hat, wie das Buch für Alle berichtet, ein am
Rockefellerinſtitut in New=York arbeitender Forſcher,
Doktor Meltzer, angegeben. Er bläſt nämlich während
der Betäubung einen kontinuierlichen Strom Druckluſt
in die Lunge vermittels eines Rohres, das durch Kehl=
kopf
und Luftröhre ganz tief bis an die Stelle vorgeſcho=
ben
wird, wo jene ſich in die zwei Bronchien teilt. Da=
durch
wird es möglich, die Lungen zu ventilieren, das
heißt den Lungenbläschen Sauerſtoff zuzuführen und
Kohlenſäure herauszuleiten, auch wenn die Atemmuskeln
nicht mehr in Tätigkeit ſind. Das narkotiſche Mittel, zum
Beiſpiel der Aether, wird von der Druckluſt mitgeriſſen,
ſchneller an die Lunge gebracht, und dort wird nun die
notwendige Menge abſorbiert, der Reſt aber wieder durch
die Rückſtrömung der Luft mitgeriſſen. So wird auch
eine Ueberladung des Organismus mit Aether verhütet.
Durch dieſe Methode wird der Chirurg auch in den
Stand geſetzt, an der Lunge ſelbſt zu operieren. Dieſe
fällt nämlich, wenn man den Bruſtfellſack, in dem ſie
hängt, öffnet, ſofort zuſammen und kann infolge des
vermehrten Luftdruckes, der auf ihr laſtet, nicht mehr
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