Darmstädter Tagblatt 1910


16. Dezember 1910

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enonatl. 50 Pfg., viertelj. 1.50 Mk., aus=
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nehmen die Poſtämter u. die Agen=
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Tagenwirdnicht übernommen.

173. Jahrgang
turen Beſtell. entgegen zu 60 Pfg. monatl. verbunden mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage:
Illuſtriertes Unterhaltungsblatt.
Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dieustags, Donnerstags und

Inſerate
werden angenommen in Darmſtadt,
Rheinſtraße 23, Beſſungerſtraße 47,
ſowie von unſeren Agenturen und
den Annoncen=Expeditionen. Bei
gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs
kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.
reiſes und der andern Behörden.
Samstags nach Bedarf beigefügt.

295.

Freitag, den 16. Dezember.

1910.

Die heutige Nummer hat 24 Seiten.

Zur Vertagung des Beichstags.
** Der Reichstag iſt in die Weihnachtsferien einge=
treten
, nachdem er die erſte Leſung des Etats mit deſſen
Verweiſung an die Budgetkommiſſion beendet hatte. Da=
mit
liegt nun der erſte Akt der Beratungen des nach der
großen Sommerpauſe ſeit dem 22. November wieder ver=
ſammelten
Reichsparlaments hinter uns, und wenn wir
auf dieſe dreiwöchige Tätigkeit zurückblicken, ſo ſehen
wir, daß ein ziemlich erheblicher Prozentſatz der Zeit
durch die Beſprechung von Interpellationen ausgefüllt
wurde. Da waren zunächſt die Fleiſchteuerungs= Inter=
pellationen
, die drei Sitzungstage in Anſpruch nahmen,
aber nur das Reſultat zeitigten, daß alles beim Alten
bleibt. Sodann folgte die ſozialdemokratiſche Anfrage
wegen der Königsberger Kaiſerrede und diejenige der
Freiſinnigen über die Penſionsverſicherung der Privat=
angeſtellten
. Während erſtere im Sande verlief, nachdem
der Reichskanzler ſeine Stellung zu der berührten Ange=
legenheit
präziſiert hatte, brachte die zweitgenannte An=
frage
die Gewißheit, daß die wichtige Frage der Verſiche=
rung
der Privatangeſtellten ihrer Löſung nahegerückt ſei.
Noch eine weitere Interpellation wurde beſprochen, näm=
lich
diejenige über die Bekämpfung der Rebſchädlinge,
wobei Haus und Regierung ein warmes Herz für die Not
der Winzer zeigten, ohne daß freilich für dieſe etwas Be=
ſonderes
herauskam, was auch von dem Antrage zur Er=
greifung
von Maßnahmen gegen den Niedergang des
Handwerks für den kleinen Gewerbetreibenden gilt.
An Geſetzentwürfen wurde derjenige zum Schutze des
Banknotenpapiers gegen Nachahmung verabſchiedet, wäh=
rend
das Arbeitskammergeſetz die zweite Leſung paſſierte.
Dieſes erſcheint vorläufig noch ſtark gefährdet, weil die
Regierung die beſchloſſene Einbeziehung der Eiſenbahn=
arbeiter
und die Berufung von Arbeiterſekretären in die
Arbeitskammern für unannehmbar erklärt. Die Novelle
zum Gerichtskoſtengeſetze, die Entwürfe, betreffend die
Beſeitigung von Tierkadavern, gegen die Kurpfuſcherei
und wegen der Erhebung von Schiffahrtsabgaben wurden
in erſter Leſung beraten und an Kommiſſionen verwieſen.
Die vor einigen Tagen begonnene erſte Beratung des
Etats brachte den üblichen Ueberblick des Reichsſchatzſekre=
tärs
über die Finanzlage, ferner die bedeutſamen Reden
des Reichskanzlers über innere und äußere Politik und
die gewohnten allgemeinen Erörterungen, die mit dem
Etat nur wenig zu tun haben und diesmal vielfach in An=
betracht
der bevorſtehenden Wahlen zum Fenſter hinaus
gehalten wurden.
Nach den Ferien wird der Reichstag, der kurz nach
ſeinem Wiederzuſammentritt das Präſidium ergänzt hatte,
ſich ſeiner Hauptaufgaben Wertzuwachsſteuer, Juſtiz=
geſetze
und Reichsverſicherungsordnung zu widmen
haben, wozu neben den ſonſt noch unerledigten Geſetzen
und dem Etat eventuell die Vorlage einer Verſicherung der
Privatbeamten kommt.
Der Niedergang des parlamentariſchen Tones.
* Mit tiefem Bedauern nimmt man von der weiter
fortſchreitenden Verſchlechterung des Tones in unſeren
Parlamenten Kenntnis. An die Stelle eines die Sitten
gebildeter Leute beobachtenden guten Tones tritt mehr
und mehr der Ton von Volksverſammlungen, und
Schimpfen und Terrorismus ſind an der Tagesordnung.
Während wir uns früher rühmen konnten, gdaß ſolche
Dinge wie in den Parlamenten der öſterreichiſch= ungari=
ſchen
Monarchie oder der Südländer bei uns nicht vor=
kommen
können, ſtrafen uns die neueſten Vorkommniſſe
Lügen, und was ſich letzthin im Reichstag ereignet hat,
läßt leider befürchten, daß es auch bei uns über kurz oder
lang zu Handgreiflichkeiten kommen wird. Schon in den
Einzellandtagen mißbraucht man die Immunität, um au=
ßerhalb
des Parlamentes ſtehende Leute, die ſich nicht ver=
teidigen
und die beleidigenden Abgeordneten nicht zur
Rechenſchaft ziehen können, weil ſie ſich mit der Immunität
decken, in gröblicher Weiſe zu beſchimpfen, und die Art
und Weiſe, wie man mit den Vertretern der Regierung
glaubt umgehen zu können, muß dieſen den Aufenthalt in
den Parlamenten oft pein= und qualvoll machen.
Man braucht hier, um andere Beiſpiele nicht heranzu=
zuziehen
, nur an die Dienstagsſitzung des Reichstages
zu erinnern, in der dem Reichskanzler Frechheit, Scham=
loſigkeit
und Lüge vorgeworfen wurden. Nun beweiſen

ja Schimpfworte nichts anderes, als daß die, welche ſie
gebrauchen, der guten Erziehung und guten Umgangs=
formen
ermangeln, und Schimpfworte fallen nur auf den
zurück, der ſie gebraucht, weshalb man ſchimpfende Kin=
der
zu züchtigen pflegt; aber das Anſehen des Parlaments
muß unter ſolchen beſchämenden Szenen leiden; denn es
ſollen ernſte Männer in ihm ſitzen, die ſich zu beherrſchen
gelernt haben und wiſſen ſollen, daß man politiſche Geg=
ner
ſachlich und mit Gründen widerlegt, aber nicht be=
ſchimpft
und niederſchreit.
Von einem Korrektiv der Immunität, die im Prinzip
beſtehen bleiben muß, und von einer ſtrafferen Handhabung
der Präſidialrechte iſt wohl etwas, aber nicht viel zu er=
warten
. Es ſcheint, als gehöre der Niedergang des par=
lamentariſchen
Tones zu den Zeichen unſerer Zeit. Es
beſteht aber die Gefahr, daß Männer, auf deren Einſicht
und Erfahrung das deutſche Volk nicht verzichten will und
kann, ſich infolgedeſſen mehr und mehr von der parlamen=
tariſchen
Mitarbeit zurückziehen und ſie den Agitatoren
von ſtarken Lungen und Nerven überlaſſen. Und darin liegt
in der Tat eine große Gefahr für unſer parlamentariſches
Leben!
Deutſches Reich.
Der geſellſchaftliche Verkehr im
Reichstag. Die Behauptung der Kreuzzeitung, daß
von der Nationalliberalen Fraktion des Reichstages eine
Art geſellſchaftlicher Boykott über den Präſidenten Grafen
von Schwerin=Löwitz verhängt worden ſei, hat ſich ſehr
ſchnell als irrig erwieſen. Der Kreuzzeitung ſelber wird
jetzt auch aus dem Reichstag beſtätigt, daß es ſich bei
ihrer Mitteilung um eine unberechtigte Verallgemeinerung
handle, und ſie fügt hinzu: Wir freuen uns, daß die
Mißhelligkeiten zwiſchen den Parteien nicht ſo auf die
Spitze getrieben worden ſind, wie wir annehmen mußten.
Die Verhandlungen über den deutſch=
ſchwediſchen
Handelsvertrag, die ſeit dem 5.
November in Stockholm geführt werden, werden wahr=
ſcheinlich
Ende dieſer Woche vorläufig abgebrochen und
im Januar in Berlin wieder aufgenommen.
Der Hanſabund über die neue Fern=
ſprechgebührenordnung
. Der Zentralausſchuß
Berlin des Hanfabundes hat einſtimmig folgende Stel=
lungnahme
zur Fernſprechgebührenordnung beſchloſſen:
Der jetzt vorliegende Kommiſſionsentwurf der Fern=
ſprechgebührenordnung
zeigt wiederum, daß ein gewerbe=
feindlicher
Geiſt in der deutſchen Geſetzgebung gefördert
werden ſoll. Die Beſchlüſſe der Krmmiſſion haben zwar
den Regierungsentwurf abgeändert, doch iſt der Grund=
gedanke
des Geſetzes, eine unverhältnismäßig ſtarke Heran=
ziehung
von Induſtrie, Handel und Gewerbe zu den Koſten
des Fernſprechweſens, der gleiche geblieben. Der Fern=
ſprecher
als wichtiges Werkzeug des täglichen Gebrauchs
und modernen Verkehrs darf nicht vorwiegend ein Gegen=
ſtand
fiskaliſcher Ausbeutung werden. Dahin geht jedoch
das Beſtreben, denn die Fernſprechgebührenordnung dient
offenſichtlich der Schaffung neuer Finanzmittel zu Laſten
der gewerblichen Kreiſe und beſonders wiederum des
Mittelſtandes. Hiergegen muß energiſch und nachdrück=
lichſt
Proteſt erhoben werden. Die heutigen Sätze dürfen
unter keinen Umſtänden weſentlich erhöht, vielmehr muß
im allgemeinen auf eine Verbilligung der Fernſprech=
gebühren
hingewirkt werden. Vor allem muß die Pau=
ſchalgebühr
beibehalten werden, eventuell mit Feſtſetzung
eines Höchſtſatzes der Geſpräche. Ferner muß unter Auf=
rechterhaltung
der niedriger, als es im Entwurf geſchehen
iſt, zu bemeſſenden Grundgebühr die Pauſchalgebühr, die
der Teilnehmer an Stelle der Geſprächsgebühr wählen
kann, herabgeſetzt werden, wobei eine Staffelung nach
Zahl der Geſpräche gerechtfertigt erſcheint. Daß im übri=
gen
eine Verbilligung der Sätze möglich iſt, zeigt das Bei=
ſpiel
der meiſten außerdeutſchen Länder, insbeſondere auch
der nordiſchen (Schweden und Norwegen), deren Fern=
ſprechgebühren
weit hinter den deutſchen zurückbleiben. Um
die dortigen Einrichtungen kennen zu lernen, wird vorge=
ſchlagen
, eine Kommiſſion aus Beamten, Technikern und
Induſtriellen von Reichs wegen zu ernennen, deren Er=
fahrungen
in Zukunft dem deutſchen Fernſprechverkehr
zugrunde gelegt werden ſollen. Nur eine Verbilligung
der Fernſprechgebühren wird nach kaufmänniſchen Erfah=
rungen
eine Steigerung der Einnahmen aus dem Fern=
ſprechverkehr
mit ſich bringen.
Der Zentralverband Deutſcher In=
duſtrieller
ſchreibt: Der Vorwärts teilt in ſeiner
Nr. 290 vom 11. ds. Mts. mit, daß dem aus ſeinem Amte
ſcheidenden Generalſekretär des Zentralverbandes Deut=
ſcher
Induſtrieller, Herrn Bueck, ein Ehren=Geldgeſchenk
von vorläufig 700000 Mark gemacht worden ſei, das je=
doch
wahrſcheinlich die Höhe von ein und einer halben
Million erreichen werde. Der Vorwärts bemerkt hierzu,
daß die Vertretung der Intereſſen des Zentralverbandes
ſich ſonach in reichlichem Maße lohne. Da die gleiche irr=

tümliche Auffaſſung auch in anderen Kreiſen verbreitet iſt,
erklären wir hiermit ausdrücklich, daß der vorläufig von
den Mitgliedern des Zentralverbandes Deutſcher Indu=
ſtrieller
in Höhe von 700000 Mark angeſammelte Fonds
lediglich zu dauernden Zwecken des Zentralverbandes
beſtimmt iſt und zur Ehrung des ſcheidenden Generalſekre=
tärs
die Bezeichnung Bueck=Spende erhalten hat. Dem=
gemäß
hat Herr Bueck in keiner Weiſe irgend welchen An=
teil
an dieſem Fonds oder perſönliche Vorteile davon.
Die Kriminalität der Jugendlichen
zeigt im letzten Jahre einen überaus erfreulichen Rück=
gang
. Es ſind nämlich im Jahre 1909 in Deutſchland
wegen Verbrechens und Vergehens gegen Reichsgeſetze
49703 Perſonen im Alter von weniger als 18 Jahren
verurteilt worden gegen 54074 im Jahre 1908 und 55 211
im Jahre 1907. Es iſt alſo im letzten Jahre eine Abnahme
um 4371 oder 8,1 Prozent zu verzeichnen, während die
allgemeine Kriminalität nur um 0,8 Prozent geſunken iſt.
Ausland.
Oeſterreich=Ungarn.
Der Antimoderniſteneid und die Erſt=
kommunion
. Der Koadjutor Erzbiſchof Nagl hat eine
Verordnung veröffentlicht, in der verfügt wird, daß der
Klerus der Erzdiözeſe Wien, ſoweit er in Amt und Wüx=
den
iſt, bis zum 31. Dezember den Antimoderniſteneid zu
leiſten hat. Der Eid ſoll dekanatsweiſe abgelegt, kann aber
auch ſchriftlich gegeben werden. Für die Eidablegung der
geiſtlichen Profeſſoren beſtimmt die Verordnung keinen
Termin. Gleichzeitig mit dieſer Verordnung iſt der Erlaß
über die erſte Kommunion der Kinder veröffentlicht wor=
den
. Danach werden die Schulkinder in der Regel im
dritten Schuljahr zur erſten Kommunion zu gehen haben;
für Kinder, die im Elternhaus anerkanntermaßen eine ſtreng
religiöſe Erziehung genießen oder in religiöſen Er=
ziehungsinſtituten
untergebracht ſind, kann die erſte Kom=
munion
auch noch früher erfolgen.
Böhmiſcher Landtag. Wegen Nichterledigung
des Budgets und der Steuervorlagen infolge der fort=
dauernden
deutſchen Obſtruktion im Landtag ſchließt der
Landesvoranſchlag Böhmens 1911 mit einem Defizit von
rund 50 Millionen Kronen ab, welches durch Erhöhung
verſchiedener Landesumlagen gedeckt werden ſoll.
Italien.
In der Kammer erklärte der Unterſtaatsſekretär
des Krieges Mirabelli in Beantwortung der Anfrage über
die Lage der Unteroffiziere, die Meldung von einer ge=
heimen
Vereinigung der Unteroffiziere ſei völlig grundlos.
Die Regierung vertraue auf den Geiſt der Diſziplin, der
die überwiegende Mehrheit der Unteroffiziere beſeele.
Wenn es einige Toren gäbe, denen dieſer Geiſt fehle,
werde die Regierung ihre Pflicht zu tun wiſſen und ener=
giſche
Maßregeln ergreifen, um bei allen Unteroffizieren
die Diſziplin aufrechtzuerhalten, die die Grundlage für die
Stärke und das Zuſammenhalten der Armee bilde. ( Bei=
fall
.) Mirabelli kündigte ferner an, er werde dem Par=
lament
in Kürze einen Geſetzentwurf über die Verbeſſe=
rung
der Lage der Unteroffiziere vorlegen, aber das Mini=
ſterium
werde ihn nie unter dem Druck der Agitationen
vorlegen.
Im Senat erklärte bei der Beratung über das
Budget des Aeußern San Giuliano, er danke allen Red=
nern
für die ihm geſagten liebenswürdigen Worte. Ein
Mitglied des Hauſes habe bereits hervorgehoben, daß die
auswärtige Politik Italiens hinfort auf granitnen Grund=
lagen
ruhe und daß ihre Grundrichtung die nötige Kon=
tinuität
biete, um das allgemeine Vertrauen Europas zu
verdienen. Alle Redner, die im Senat geſprochen, hätten
beſtätigt, daß die Stetigkeit in der Leitung der auswär=
tigen
Politik hinfort außer Zweifel und in das nationgle
Bewußtſein eingedrungen ſei. Sie ſei eine bemerkenswerte
Tatſache, die in Italien und im Auslande nach ihrem
wahren Wert geſchätzt werde. Er ſei als Italiener, Mini=
ſter
und Senator glücklich, daß der Senat in der diesjähri=
gen
Debatte noch einmal dazu beigetragen habe, das Ver=
trauen
Europas zu Italien als Faktor des Friedens, des
Gleichgewichts und des Fortſchritts zu feſtigen. Damit
wurde die Generaldebatte geſchloſſen.
Rußland.
Rußland und die Mächte. Der ruſſiſche Mi=
niſter
des Aeußern Saſonow ermächtigte den Petersburger
Korreſpondenten des Matin, folgende Erklärung zu ver=
öffentlichen
: Ich habe den von mir nach meiner Rück=
reiſe
aus Potsdam abgegebenen Erklärungen nichts hin=
zuzufügen
, noch etwas von ihnen hinwegzunehmen. Meine

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Seite 2.

nſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

Nummer 295.

Unterredung mit dem Reichskanzler von Bethmann Holl=
weg
und Herrn von Kiderlen=Wächter hat die vollſtändige
Unverſehrtheit der gegenwärtigen Gruppierung zur
Grundlage gehabt. Die deutſchen Staatsmänner wiſſen,
daß Rußland ſeinen Verpflichtungen immer treu iſt und
weder einen Grund noch einen Vorwand hat, um ſeinem
Bündnis mit Frankreich und ſeiner herzlichen Entente mit
England zu entſagen.
In der Reichsduma wurde einſtimmig eine
Interpellation an den Miniſter des Innern angenommen
betr. die geſetzwidrige Handlung eines Agenten der Ge=
heimpolizei
, der in Jekaterinoslaw in eine Arbeiterwoh=
nung
während der Abweſenheit des Bewohners Spreng=
ſtoffe
gebracht hatte, was die Verurteilung zweier Arbeiter
zu Zwangsarbeit nach ſich zog. Sodann nahm die Duma
eine Uebergangsformel an, in der Provokationen von Re=
gierungsagenten
in der Form verurteilt werden, gleichviel
ob es ſich um perſönliche Zwecke des Agenten oder um
falſch verſtandene Ziele der Regierungspolitik handle,
Vereinigte Staaten.
Vermehrung der Rüſtungen. Der General=
ſtabschef
hat dem Komitee für Militärangelegenheiten im
Repräſentantenhauſe eine Denkſchrift unterbreitet, in wel=
cher
darauf hingewieſen wird, daß die Vereinigten Staa=
ten
gegen einen Angriff des Auslandes nicht gerüſtet ſeien.
Es wird weiter darin hervorgehoben, daß mehr Artillerie,
mehr Feldgeſchütze und ein größerer Vorrat von Kriegs=
munition
nötig ſeien, und die Vermehrung des ſtehenden
Heeres von 80000 auf 100000 Mann verlangt.
Argentinien.
Die Kammer bewilligte einen Kredit von 32 Mil=
lionen
Piaſter Gold für die Vollendung der im Bau be=
findlichen
Eiſenbahnen.
* Brüſſel, 14. Dez. Von den Aerzten der Köni=
gin
wird erklärt, daß bei der Königin die Rekonvaleszenz
eingetreten iſt. Die Kräfte kehren allmählich wieder, das
Allgemeinbefinden iſt gut. Krankheitsberichte werden nicht
mehr veröffentlicht.
* Bombay, 14. Dez. Der deutſche Kronprinz
beſichtigte heute nachmittag die Sehenswürdigkeiten der
Stadt und wurde überall von großen Volksmengen ſehr
freundlich begrüßt. Abends fand in dem Hauſe des Gou=
verneurs
Diner ſtatt. Der Gouverneur hieß den Kron=
prinzen
herzlich willkommen und ſprach die Hoffnung aus,
daß die bevorſtehende Reiſe zu den ſchönſten Erinnerungen
des Kronprinzen werden möge. Indien ſehe in dieſem
Ereignis ein Abbild der freundſchaftlichen Beziehungen
zweier großen Völker, die einander brauchten, und deren
gegenſeitiges Verſtehen und Zuſammenarbeiten einen
friedlichen Fortſchritt der Welt weiterhin verbürgen könne.
Der Kronprinz dankte für den Empfang und die Be=
grüßung
. Er ſei glücklich, mit dem Beſuch dieſes wunder=
vollen
Landes einen ſeiner Lieblingsträume verwirklichen
zu können. Mit dem Gouverneur ſei er völlig der Mei=
nung
, daß aus den freundſchaftlichen Beziehungen beider
großen Völker die wichtigſten Wohltaten für den Frieden
und den Fortſchritt der Menſchheit hervorgingen. An dem
Diner nahmen außer dem deutſchen und engliſchen Ge=
folge
des Kronprinzen die Spitzen der Behörden, mehrere
indiſche Fürſten und vornehme Eingeborene teil.
Stadt und Land.
Darmſtadt, 15. Dezember.
* Vom Hofe. Ihre Königl. Hoheit die Groß=
herzogin
empfing am Mittwoch vormittag ½11 Uhr
im Neuen Palais die Oberin des Eliſabethenſtifts.
Finanzminiſter i. P. Gnauth, Exzellenz, nahm an
der Frühſtückstafel im Neuen Palais teil. Geſtern
vormittag begaben ſich Ihre Königl. Hoheiten der Groß=
herzog
und die Großherzogin mit Gefolge im Auto nach

Worms und wohnten daſelbſt der Einweihung des neuen
Rathauſes an. (Darmſt. Ztg.)
** Empfänge. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
empfingen am Mittwoch den Oberſt v. Geldern=
Criſpendorf, Kommandeur des 2. Großh. Heſſ. Feld=
Artillerie=Regiments Nr. 61, den Oberſtleutnant Dittrich
vom Stabe des Infanterie=Regiments Prinz Carl
(4. Großh. Heſſ.) Nr. 118, den Oberſtleutnant z. D.
Mootz, Kommandeur des Landwehrbezirks I Darm=
ſtadt
, den Kurdirektor Frhrn. v. Starck von Bad Nau=
heim
, den Geheimen Oberbaurat Klingelhöffer, den Ober=
ſtaatsanwalt
Lang von Gießen, den Regierungsaſſeſſor
v. Küchler, den Amtsgerichtsrat Breidenbach, den Ober=
bibliothekar
Dr. Voltz, die Kommerzienräte Krafft und
Hinckel, ſowie den Oberlehrer Dr. Schrod von Offen=
bach
a. M., den Hauptlehrer Schwebel von Auerbach, den
Hauptlehrer Sander und den Lehrer Siegler von Worms,
den Oberlehrer Metzſer von Oſthofen, den Geheimen Ober=
medizinalrat
Profeſſor Dr. Lorenz, den Pfarrer Spreng
von Weißkirchen, den Profeſſor Altendorf von Mainz, den
Sanitätsrat Scriba von Pfungſtadt, den Feuerwehr=
kommandanten
Zibulski von Groß=Umſtadt, den Förſter
von der Au vom Beſſunger Forſthaus, den Kommerzien=
rat
Dörr von Worms, den Oberlehrer Aſſiſtent Zimnoſeck
von Mainz, den Profeſſor Grünewald, den Oberlandes=
gerichtsrat
Pfannmüller, den Regierungsrat Müller, den
Geheimen Schulrat Dr. Otto, den Lehrer Storck von
Stockſtadt, den Pfarrer Zimmermann von Kleinhauſen,
den Lehrer Stier von Erfelden, den Hauptlehrer Streb
von Dietesheim, den Pfandhauskaſſier Stroh, den General=
ſtaatsanwalt
Geheimerat Dr. Preetorius, den Pfarrer
Münch von Dornheim, den Hofmöbelfabrikanten Bembé,
ſowie die Kommerzienräte Heß und Feine von Mainz,
die Lehrer Cuntz von Dreieichenhain, Keil und Hunkel
von Lampertheim, ſowie Karpf von Eſchenrod, den
Sanitätsrat Dr. Alker von Gießen, den Pfarrer Heine=
mann
von Roßdorf, den II. Präſidenten der Zweiten
Kammer der Stände Korell und den Landtagsabgeord=
neten
Brauer von Angenrod, den Baurat Profeſſor
Knapp, den Pfarrer Wahl von Schlierbach, den Hofrat
Weber von Leipzig; zum Vortrag den Staatsminiſter
Ewald, den Oberkammerherrn Riedeſel Frhrn. zu Eiſen=
bach
, den Präſidenten des Oberkonſiſtoriums D. Nebel,
den Vorſtand des Kabinetts Geheimerat Römheld.
Ernennungen. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
haben dem Amtsrichter bei dem Amtsgericht
Darmſtadt I Amtsgerichtsrat Dr. Karl Wolff zum
Landgerichtsrat bei dem Landgericht der Provinz Starken=
bura
und den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Offenbach
Friedrich Conradi zum Amtsrichter bei dem Amts=
gericht
Darmſtadt I, beide mit Wirkung vom 20. De=
zember
1910, ernannt.
* Pfarrperſonalien. Se. Königl Hoheit der Groß=
herzog
haben dem Oberpfarrer Hermann Bernbeck
zu Michelſtadt die evangeliſche Pfarrſtelle zu Eberſtadt,
Dekanat Eberſtadt, übertragen und den von Sr.
Durchl. dem Fürſten zu Löwenſtein=Wertheim= Roſen=
berg
und Sr. Durchl. dem Fürſten zu Erbach=Schönberg
auf die evangeliſche Pfarrſtelle zu Sandbach, Dekanat
Erbach, präſentierten Pfarrverwalter Chriſtoph Zim=
mermann
zu Griesheim für dieſe Stelle beſtätigt.
* Ordeusverleihungen. Se. Königl. Hoheit der
Großherzog haben dem Vorſtand des Hochbauamts
Friedberg Bauinſpektor Haag, dem Vorſtand der Bau=
behörde
für die Neubauten in Bad Nauheim, Bau=
aſſeſſor
Bauinſpektor Joſt die Erlaubnis zur Annahme
und zum Tragen des ihnen von Seiner Majeſtät dem
Kaiſer von Rußland verliehenen St. Annenordens
III. Klaſſe und dem Hochbauaufſeher Ruppel zu Bad
Nauheim die Erlaubnis zur Annahme und zum
Tragen der ihm von Seiner Majeſtät dem Kaiſer von
Rußland verliehenen kleinen goldenen Medaille am
Bande des St. Annenordens erteilt.
* Von der Landesuniverſität. Se. Königl. Hoheit
der Großherzog haben den außerordentlichen Pro=
feſſor
bei der philoſophiſchen Fakultät der Landes=
univerſität
Gießen Dr. Heinrich Weber zum ordent=
lichen
Profeſſor der Forſtwiſſenſchaft in dieſer Fakultät
ernannt.
n. Der Provinzialausſchuß beſchäftigte ſich geſtern
mit der von Metzgermeiſter Wilhelm Wenz II. in
Mörfelden gegen einen kreisamtlichen Polizeibefehl

verfolgten Beſchwerde, verwarf dieſelbe als unbegrün=
det
und legte dem W. nebſt den Koſten einen an die
Provinzialkaſſe zu erlegenden Averſionalbetrag von
10 Mark auf. Es handelt ſich um einen Abflußgraben,
in welchen die auf dem dortigen Schulplatz durch
mehrere Rohrleitungen von 0,30 Meter lichter Weitt
vermengten Abwäſſer einfließen und den Wenz auf
ſeinem Anweſen vor Jahren mit einer Scheune über=
baut
hat. Hierbei wurde an jener Stelle ein Rohr=
durchlaß
von 0,25 Meter Weite angefügt und bei der
Reviſion genügend befunden. Später entſprach er nicht
mehr der Zuflußmenge, es entſtanden Rückſtauungen
und Ueberflutung jenes Platzes, ſowie anſtoßender
Hofreiten. Der fragliche Polizeibefehl gab dem W.
Erweiterung des Durchlaſſes zu 1,25 Meter Breite und
Säuberung des Grabens auf. Er ſieht das als Sache
der Gemeinde an, die durch andere Kanäle Abhilfe zu
ſchaffen habe und die ihr obliegende Reinigung ver=
nachläſſige
; außerdem könne ein ſolcher Polizeibefehl
kein Handeln, ſondern nur eine Unterlaſſung vor=
ſchreiben
. Der Provinzialausſchuß billigte das kreis=
amtliche
Vorgehen. Gegen die von der Zuckerfabrik
Groß=Gerau an der Kreisſtraße Wolfskehlen=
Leeheim beabſichtigte Errichtung einer Brückenwage
hat der Eigentümer des benachbarten Gaſthauſes zur
Rheinebene, Reviſor Heinrich Schneider in Darmſtadt,
Einſpruch erhoben. Zu ſeinem Anweſen gehört eine
Fuhrwerkswage, auf der bisher die Verwiegung der
dort zur Bahn gebrachten für die erwähnte Fabrik be=
ſtimmten
Rüben zu erfolgen pflegte. Um dorthin zu
gelangen, müſſen viele Fuhrwerke den Bahnübergang
paſſieren, dort mitunter wegen Schrankenſchluſſes war=
ten
und dann zur Einladeſtelle eine größere Strecke
zurücklegen. Die Zuckerfabrik will deshalb zur Er=
leichterung
der Anfuhr die neue Wage ſchaffen, während
der Beſchwerdeführer, der eine Wertminderung ſeines
Anweſens befürchtet und ſich auf entſtehende Verkehrs=
ſtörung
beruft, um Aufhebung der kreisamtlichen Ge=
nehmigung
des Projekts bittet. Es wurde Vertagung
der Sache beſchloſſen, um die Bürgermeiſtereien Wolfs=
kehlen
und Leeheim zur berichtlichen Aeußerung über
das Projekt und deſſen Einfluß auf den Verkehr zu
veranlaſſen und das Projekt ſelbſt eine Woche lang
dort zur öffentlichen Kenntnisnahme aufzulegen.
s. Die Strafkammer verurteilte geſtern den 36 Jahre
alten Taglöhner Guſtav Jährling von Auerbach we=
gen
eines Meſſer=Exzeſſes zu 6 Monaten Gefäng=
nis
. Auf der letzten Zwingenberger Kirchweihe im Auguſt
dieſes Jahres hatte J. des Guten zuviel getan und die
Angetrunkenheit wurde ihm verhängnisvoll. Was er bei
nüchterner Ueberlegung vermieden hätte, geſchah; das
Meſſer wurde ihm locker und er ſtach einem der jungen
Leute, in deren Geſellſchaft er vorher die Kirchweihfreuden
ohne ſeine Familie genoſſen hatte, ins Geſicht. Die An=
klage
nahm an, daß durch die große Narbe eine dauernde
erhebliche Entſtellung, alſo ſchwere Körperverletzung nach
§ 224 des Strafgeſetzbuches vorliege; doch nahm das Ge=
richt
nur gefährliche Körperverletzung (mittels Meſſers)
im Sinne des § 223a des Strafgeſetzbuches an. Auf dem
Rückweg war J. mit ſeinen Begleitern in Meinungsver=
ſchiedenheiten
geraten, riß ſich von dem ihn ohne ſchlimme
Abſicht Haltenden los und ſtach um ſich.
*X* Das Kriegsgericht der 25. Diviſion verurteilte
in der geſtrigen Sitzung die der Fahnenflucht ange=
klagten
, aus den Rheinlanden ſtammenden Rekruten
Günther und Seekatz wegen unerlaubter Ent=
fernung
zu je zwei Monaten Gefängnis abzüglich 14
Tagen Unterſuchungshaft. Im vorigen Sommer waren
ſie zu Rheiniſchen Infanterieregimentern ausge=
hoben
und vorläufig beurlaubt worden. Sie flüchte=
ten
ins Ausland. Wahrſcheinlich befiel ſie nachher
Reue, denn ſie kehrten zurück und ſtellten ſich in Bin=
gen
der Militärbehörde. Weiter wurde gegen den
Musketier des Infanterieregiments Nr. 117 in Mainz
Heinrich Brückner aus Straßburg wegen eines in
Straßburg begangenen Widerſtandes gegen einen
Schutzmann und wegen groben Unfugs verhändelt. In
Anbetracht ſeiner damaligen Betrunkenheitswurde der
Angeklagte zu 25 Mark und 3 Mark Geldſträfe ver=
urteilt
. Die kürzlich ausgeſetzte Verhandlung gegen
den Rekruten Krieger vom Infanterie=Regiment

Gottfried Schwab.
Ein Gedenkblatt von Alexander Bürger.
In unſerer Zeit, wo im Schrifttum das offene
und ehrliche Bekenntnis zu nationaler Geſinnung
ſchier verpönt iſt, darf das Gedächtnis an einen Mann
nicht verloren gehen, der, beſeelt von reinſter und
innigſter Vaterlandsliebe, in der deutſch=völkiſchen
Dichtung eine erſte Stelle einnimmt. Früh iſt des
Sängers Mund verſtummt ein tragiſches Geſchick
verhinderte es, daß die ganzen Kräfte ſeines hohen
Talentes völlig ausreiften, ließ es nicht zu, daß er,
der Sänger mit beredtem Munde, ſeinem Volke zum
geiſtigen Führer in nationalen Fragen wurde. So
war es ihm verwehrt, ſein ganzes Können in den
Dienſt einer hehren und heiligen Sache zu ſtellen
und doch hat er uns in dem wenigen, was als ſein
geiſtiges Erbe bei ſeinem Tode zurückblieb, ein ſchönes
Vermächtnis ſprudelnden dichteriſchen Geiſtes und
tiefer, wahrer Vaterlandsliebe zurückgelaſſen. Wir
ſind nicht reich an Dichtern, die das beides zuſammen
verbinden können. Um ſo mehr iſt es unſere Pflicht,
einen Mann zu feiern, dem es gelang, das Vorurteil,
das man in weiten, äſthetiſch urteilenden Kreiſen un=
ſeres
Volkes gegen die patriotiſche Lyrik hegt, zu
zerſtreuen. Gottfried Schwab hat gezeigt, daß man
ſehr wohl ein guter Dichter und ein glühender Vater=
landsfreund
ſein kann, daß man auch als politiſcher
Dichter nicht ſtets und immer zu verneinen braucht
ſondern daß auch auf dem Boden des Beſtehenden die
Vorgänge und Ereigniſſe ſich zutragen können, die
die Leyer des Sängers in Bewegung ſetzen. Das
waren ja die zwei Punkte, die die politiſche Lyrik der
letzten Jahrzehnte beherrſchten: einmal, daß ſie auf=
wuchs
in der Rebellion gegen das Beſtehende ( Her=
wegh
, Freiligrath, auch Dingelſtedt), und zweitens,
daß bei den meiſten politiſchen Dichtern ein ſehr klei=
nes
oder gar nicht vorhandenes lyriſches Talent den
Grundſtock endloſer Gedichte und Epen darſtellte.
Höchſtens hätte es noch ausgereicht zur Verfertigung
eines, im Rauſche der Begeiſterung vom Publikum
freundlich aufgenommenen Prologes. Man zähle doch
einmal nach, was von der ganzen, zahlreichen politi=
ſchen
Lyrik der letzten fünfzig Jahre an wirklich
Dauerndem zurückbleiben wird. Die Finger der bei=
den
Hände werden ausreichen, um die Dichter aufzu=
zählen
. Man hat das Fehlen einer deutſch=völkiſchen
Dichtung damit zu erklären und zu rechtfertigen ge=
ſucht
, daß man ſagte: die Zeiten der Ideale ſind vor=

über, eine nationale Lyrik kann aber nur auf den
Wogen großer, das Volk bis in ſein Innerſtes aufrüh=
renden
Bewegungen entſtehen und gedeihen. Worüber
regt ſich aber heute unſer Volk weniger auf, als über
Fragen, die ſein Beſtehen als völkiſches Ganzes in
erſter Linie berühren? Das iſt leider zu einem gro=
ßen
Teil wahr. Die Dingelſtedt, Herwegh, Frei=
ligrath
waren Dichter im echten Sinne und ſie leb=
ten
in einer Zeit, die voll der ſchwerſten und ernſte=
ſten
nationalen Probleme war. Für ſie waren alſo
die inneren und äußeren Vorbedingungen der Be=
tätigung
in der politiſchen Lyrik gegeben. Aber iſt es
denn nicht das heilige Vorrecht des Dichters, daß er
die Maſſen an ſich feſſelt, daß er ſie mit fortreißt und
ſie ſeinen Ideen und ſeiner Gedankenwelt dienſt=
bar
macht? Nein, es fehlen uns heute zu einer
nationalen Lyrik nicht die Konflikte, ſondern nur die
Dichter. Auch unſere Gegenwart mit ihrem armen
völkiſchen Leben hat Momente leidenſchaftlicher Er=
regung
des Volkes, da fehlte nur der Mann, der, in
machtvoller, kräftiger Sprache die Maſſen mit fort=
reißend
, dem Sehnen und dem Wünſchen des Volkes
Ausdruck gegeben hätte. Da fehlte nur der Mann,
der ſich bemüht hätte, in des Volkes Seele zu leſen
und in begeiſterten Bardentönen das wiederzugeben,
was der Kern des Volkes dachte. Und noch eins,
um nur dieſe wenigen Punkte herauszugreifen, war
es, was die politiſche Lyrik in der Schätzung ſinken
ließ: das war, daß ſie ſich zu oft mit dem Byzantinis=
mus
verbrämte. Nichts iſt der Lyrik aber ſchädlicher,
als wenn ſie in geheuchelten Empfindungen für ein
unwahres Ideal ſtreitet. Der baldige Untergang iſt
ihr gewiß, und der einzige Lohn, den ſie erhalten
kann, iſt der, daß man mit einem verzeihenden =
cheln
über ſie und ihre Dichter zur Tagesordnung
übergeht. Es ſei dann, daß man einen Nekrölogen
findet, wie der Hofdichter Kägebein ſeinen Fritz
Reuter.
Gottfried Schwab hat in ſeinen Gedichten) ge=
zeigt
, daß man ſehr wohl alle dieſe Fehler ver=

½) An Werken ſeiner Feder liegen vor: Allerlei
Bergfahrten (Gedichte), 1887; Tiſiphone (Roman),
1888; Unaufhaltſam (Drama), 1890: Wolkenſchatten
und Höhenglanz (Gedichte), 1902; dasſelbe, vermehrt
durch Gedichte aus dem Nachlaß und eine Biographie
von Karl Hepp iſt in prachtvoller Ausſtattung 1904
neu, 1910 in einer gut ausgeſtatteten Volksausgabe
zu dem fabelhaft billigen Preis von 2 Mark er=
ſchienen
.

meiden und doch ein guter politiſcher, vaterländiſcher
Dichter ſein kann. Er hat uns belehrt, daß es auch in
der Gegenwart nicht an Stoffen im nationalen Leben
fehlt, die der Beſingung durch den Dichter würdig ſind.
Und er hat uns die Lehre mitgegeben, daß die Stärke
dichteriſchen Schaffens nicht in den armen Köpfen ver=
bummelter
Dekadenzgeſellen, die über jede Regung
vaterländiſchen Empfindens die Naſe rümpfen, hauſt,
ſondern daß es ein höheres Ideal künſtleriſchen Wir=
kens
gibt. So iſt der Heſſe Gottfried Schwab ein echter
deutſcher Dichter geworden. Nicht nur in den Lie=
dern
, die an ſich vaterländiſche Stoffe beſingen, ſondern
auch in den Proben ſeines Talentes, denen andere
Stoffe unterliegen. Das zeigen vor allem, um nur
wenige anzuführen, die rührenden Sehnſuchtslaute,
die er, Deutſchland fern, ſeiner Heimat, ſeinen nordi=
ſchen
Wäldern zuſingt; das zeigt die Liebe zum Wan=
dern
und zum Verſenken in die Schönheiten der
Natur. Und wenn dem Wanderer manch nettes, fröh=
liches
Trinklied gelingt, wenn er in einſamer Schenke
mit einem ſchönen Kinde ſchäkert, wer wollte bezwei=
feln
, daß auch dies ein echt deutſcher Zug iſt, der wohl
im Lande des Weins, nicht aber da, wo man Abſinth=
trinkt
, ſeine innere Berechtigung hat. Und daß Schwab
ein echter deutſcher Dichter iſt, das zeigt in erſter Linie
ſeine tiefe Anteilnahme an allem, was das deutſche
Volk in den Jahren ſeines Schaffens bewegt und er=
regt
hat. Das hat ihm ſeinen Ruhm eingetragen und
wenn es ja auch das Geſchick des Dichters iſt, daß ſein
Name vergeſſen wird, und ſeine Lieder bleiben wo,
ſo weit die deutſche Fahne weht, wäre noch nicht das
Flottenlied Gottfried Schwabs geſungen worden,
wo hätte man ſich noch nicht erfreut an den kräftigen,
markigen Worten dieſes Liedes? Wer weiß heute
noch, wenn er nicht gerade die Literaturforſchung zum
Beruf gemacht hat, wer die Lieder alle gedichtet hat,
die das Volk ſingt, die im wahren Worte zu Volks=
liedern
wurden? Der Name vergeht, aber das,
was den Namen deckt, das Werk, bleibt, ſo lange eine
deutſche Zunge redet.
Von Scheffel und Baumbach ſtark beeinflußt, iſt
Gottfried Schwab mit einem zierlichen Golddruckbänd=
chen
in die deutſche Literatur eingetreten. Allerlei
Bergfahrten hieß es, und ſchon der Titel zeigte den
Inhalt des Bändchens an. Es verriet Talent, un=
zweifelhaft
, obgleich ſich ſein Inhalt faſt nur auf einem
Gebiete bewegte. Den Dichter zog es nach der grau=
dioſen
Schönheit der Bergwelt. So unternahm er
Bergfahrten und gab dabei Acht auf das, was links
und rechts am Wege vorging. Mit ſchalkhaftem, ge=

[ ][  ][ ]

Nummer 295.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

Seite 3.

Nr. 117, gebürtig aus Neckarhauſen, der im Sommer
als Knecht einen Pferdezügel entwendet hatte, endete
mit einer Verurteilung zu vier Wochen Gefängnis.
n. Veränderungen am Kriegsgericht. Kriegsgerichts=
rat
Obenauer, der längere Jahre dem hieſigen Di=
viſionsgericht
angehörte, wurde zum Oberkommando des
Armeekorps in Stettin und Kriegsgerichtsrat Bux=
mann
von Metz hierher verſetzt.
* Zum Tode Proſaſſor Gundelfingers wird uns
noch geſchrieben: Geheimer Hofrat Dr. Sigmund
Gundelfinger verbrachte auf den Univerſitäten Tübin=
gen
, Heidelberg, Königsberg und Gießen ſeine Stu=
dienzeit
, und zwar waren ſeine hervorragendſten
Lehrer in Heidelberg Otto Heſſe, in Gießen Alfred
Clebſch. In unſerer heſſiſchen Landes=Univerſität pro=
movierte
er im Jahre 1867, alſo ſchon im jugendlichen
Alter von 21 Jahren. Alsdann habilitierte ſich Gun=
delfinger
1869 als Privatdozent an der Univerſität
Tübingen, wurde daſelbſt 1873 außerordentlicher Pro=
feſſor
und folgte 1879 einem Rufe als ordentlicher
Profeſſor an die hieſige Techniſche Hochſchule. Ihr
gehörte er als einer der pflichttreueſten und anregend=
ſten
Lehrer an, bis ihn im Jahre 1907 ein Nervenlei=
den
nötigte, ſeinem ihm lieb gewordenen Berufe zu
entſagen. Auch nach der Penſionierung war Gundel=
finger
mathematiſch tätig; nur ſeine Erkrankung zwang
ihn mitunter zur Ruhe, die er ſich ſonſt faſt nie gönnte.
Noch kurz vor ſeinem Tode vollendete er eine größere
mathematiſche Abhandlung. Die meiſten Arbeiten
Gundelfingers behandeln gewiſſe Teile der Geometrie
und der Algebra, beſonders auch die Anwendungen
der modernen Algebra und der höheren Analyſis auf
die Geometrie. Er veröffentlichte ſeine Arbeiten in den
hervorragendſten mathematiſchen Zeitſchriften, ſo z. B.
im Journal für die reine und angewandte Mathema=
tik
, in den Mathematiſchen Annalen, den Sitzungs=
berichten
der Königlich Preußiſchen Alademie der Wiſ=
ſenſchaften
in Berlin, in der Zeitſchrift für Mathematik
und Phyſik, dem Archiv der Mathematik und Phyſik.
Außerdem veröffentlichte er (zuſammen mit A. Nell)
Tafeln zur Berechnung neunſtelliger Logarithmen,
ſowie Tafeln zur Berechnung der reellen Wurzeln
ſämtlicher trinomiſchen Gleichungen. Für die Vor=
leſungen
ſeines Lehrers Otto Heſſe über analytiſche
Geometrie des Raumes, ſowie über die analytiſche
Geometrie der geraden Linie, des Punktes und des
Kreiſes in der Ebene, die in der erſten Auflage von
Heſſe ſelbſt herausgegeben waren, beſorgte er die ſpä=
teren
Auflagen und vermehrte ſie durch höchſt wert=
volle
Zuſätze. In gleicher Weiſe beteiligte er ſich an
der Herausgabe der geſammelten Werke Otto Heſſes.
Gundelfinger war aber nicht nur im Gebiete der
Mathematik bewandert, ſondern verfügte über ein ſehr
vielſeitiges Wiſſen und ein ausgezeichnetes Ge=
dächtnis
. Alle ſeine mathematiſchen Arbeiten, ohne
Ausnahme, haben die Wiſſenſchaft gefördert; wir müſ=
ſen
es uns verſagen, näher darauf einzugehen, doch
ſei erwähnt, daß insbeſondere in der Geometrie der
Kegelſchnitte der Kurven dritter Ordnung und in der
Algebra der binären Formen der Name Sigmund
Gundelfinger ſtets mit höchſter Anerkennung genannt
werden wird, Ein Zeichen für die Würdigung ſeiner
Verdienſte um die Wiſſenſchaft ſind u. a. die vor etwa
15 Jahren erfolgte Verleihung des Steinerpreiſes
von ſeiten der Berliner Akademie der Wiſſenſchaften
und die 1898 erfolgte Verleihung der goldenen akade=
miſchen
Denkmünze Bene merenti durch die Mün=
chener
Akademie der Wiſſenſchaften.
D Süddeutſche Eiſenbahn=Geſellſchaft. Die Ein=
nahmen
im Monat November betrugen: 1. Perſonen=
verkehr
549951 Mk. (November 1909: 505662 Mk.); 2.
Güterverkehr 110021 Mk. (113805 Mk.); 3. Nebenein=
nahmen
3087 Mk. (3747 Mk.); 4. Geſamteinnahmen
663059 Mk. (623 214 Mk.).
Hauptlehrerprüfung. Zu der vom 5. bis 13.
Dezember unter dem Vorſitze des Herrn Geheimen
Oberſchulrats Dr. Scheuermann abgehaltenen erwei=
terten
Prüfung für Volksſchullehrer hatten ſich acht
Herren gemeldet, von denen fünf zugelaſſen wurden,
die ſämtlich beſtanden. Es ſind die Lehrer Georg
Born= und Karl Born=Offenbach, A. Klingler=
Darmſtadt, K. Metzger=Mainz und H. Schmidt=
Uſenborn (Kreis Büdingen).
Odenwaldklub. Die Ortsgruppe Darmſtadt des
Odenwaldklubs hatte für Mittwoch einen Vortrags=
abend
im Gartenſaale des Städtiſchen Saalbaues an=
geſetzt
, der, wie alle die Veranſtaltungen des Vereins,
äußerſt zahlreich beſucht war, ſodaß ſich der Raum faſt
als zu klein erwies. Als Redner war Herr Apotheker

Dr. Tenner gewonnen, welcher bereits durch ansere
Vorträge im Odenwaldklub bekannt und geſchätzt iſt.
Auch diesmal verſtand er es wieder, durch ſeine außer=
ordentlich
feſſelnden Schilderungen die geſpannteſte Auf=
merkſamkeit
ſeiner Zuhörer zu gewinnen, die im Geiſte
ſeinen Wanderungen nach dem Norden folgten. Der
Redner hatte ſeinem Vortrag den Titel Aus Skan=
dinavien
und Finnland gegeben; der Vortrag umfaßte
aber ein größeres Gebiet, da anch noch eine Reiſe nach
Rußland hinzugekommen war. Am meiſten intereſſier=
ten
wohl die Ausführungen über Finnland, das unter
den nordiſchen Ländern wohl am wenigſten bekannt
und auch von Reiſenden aufgeſucht ſein dürfte. Der
Redner verweilte deshalb auch längere Zeit bei der
Schilderung von Land und Leuten, würdigte vor allem
die Schönheiten des Landes und ſtreifte auch hier die
ſchwierigen politiſchen Verhältniſſe. Die Reiſe von
Herrn Dr. Tenner nach Rußland galt beſonders der
Hauptſtadt des Zarenreiches, über die er manches In=
tereſſante
zu ſagen wußte. Nicht vergeſſen ſei auch, das
die Schilderungen des Vortragenden durch überaus
ſchöne Lichtbilder illuſtriert wurden. Eine ganze Reihe
von Seen, Bergen und Städten zog vor dem Auge des
Beſchauers vorüber; neben den Aufnahmen von Finn=
land
und Petersburg wurden noch ſolche aus Schwe=
den
und Norwegen gezeigt. Nach Beendigung dieſer
Nordlandreiſe in Wort und Bild gaben die Anweſen=
den
durch lebhaften Beifall ihren Dank für den an=
regenden
Abend kund. Der Vortrag, der etwa 1½
Stunde dauerte, ohne die Zuhörer zu ermüden, war
im beſten Sinne populär. Herr Beigeordneter Muel=
ler
dankte zum Schluſſe dem Redner, und zwar ins=
beſondere
noch für ſeine Ausführungen über Finnland,
von dem man im allgemeinen noch ſo wenig wiſſe, das
aber durch die politiſchen Ereigniſſe immer mehr in
den Vordergrund des Intereſſes trete. Hoffentlich
werde der Redner noch öfter ſeine ſchätzenswerte Kraft
dem Odenwaldklub für Vorträge zur Verfügung
ſtellen.
Der zioniſtiſche Gruppenverband in Heſſen und
Heſſen=Naſſau veranſtaltete, ſo ſchreibt man uns, im
Fürſtenſaal eine öffentliche Verſammlung, die von etwa
130 Perſonen beſucht war. Nach einleitenden Begrüß=
ungsworten
des Herrn Fritz Sondheimer ſprach Herr
Dr. jur. Gottlieb=Frankfurt in 1½ſtündiger Rede
zur Judenfrage in Oſt und Weſt‟. Nicht der Antiſe=
mitismus
allein, auch nicht die ſeeliſche Judennot des
Einzelnen bilde den Kern der Judenfrage in Weſt=
Europa, ſondern die durch Maſſen=Taufen und = Miſch=
ehen
(½ aller jüdiſchen Eheſchließungen in Preußen
ſind Miſchehen) in greifbare Nähe gerückte Gefahr der
Fortexiſtenz des Judentums. In Oſt=Europa, wo das
Gros der Judenheit noch ein eigenes nationales Leben
bewahrt habe (Anſiedelungs=Rayon), ſei die Indenfrage
vorwiegend eine wirtſchaftliche und politiſche; unter dem
ſtarken wirtſchaftlichen Druck wandere ein Strom von
50000 Proletariern alljährlich nach Amerika, um dort
in New=York ein neues Rieſen=Ghetto (600000 Juden)
zu füllen. Die bisherigen Verſuche der jüdiſchen Ver=
bände
und Stiſtungen zur Löſung der Judenfrage ſeien
an der Kleinlichkeit und Unzulänglichkeit der Methoden
geſcheitert. Nur die großzügige, mit den alten Golus=
Methoden brechende Arbeit der zioniſtiſchen Bewegung
ſei im Stande, in Paläſtina, deſſen wirtſchaftliche Er=
ſchließung
, mit oder ohne Zutun der Juden, ſich jetzt
vollziehe, endgültig die Judenfrage zu löſen. An den
beifällig aufgenommenen Vortrag knüpfte ſich eine in=
tereſſante
Diskuſſion, in der Herr Ludwig Trier ſeine
werktätige Sympathie für die zioniſtiſchen Beſtrebungen
in Ausſicht ſtellte, jedoch einen Gegenſatz zwiſchen deut=
ſchem
Staatsbürgertum und National=Judentum zu
konſtruieren verſuchte, deſſen Nichtberechtigung der
Redner unter Hinweis auf die freundliche Haltung
des deutſchen Kaiſers und des verſtorbenen Großher=
zogs
von Baden, der ein eifriger Förderer der zioniſti=
ſchen
Beſtrebungen war nachzuweiſen ſuchte. Nach
intereſſanten Mitteilungen des Herrn Weiße= Mann=
heim
und stud, ing. Yollin=Jeruſalem ſchloß die ein=
drucksvoll
verlaufene Verſammlung.
Mozart=Verein. Die Abhaltung der für den 11.
Februar n. J. feſtgeſetzten Winterfeſtlichkeit ſoll wieder
einmal in großem Stile und zwar unter der Deviſe:
Ein Winterfeſt in St. Moritz ſtattfinden. Die Kom=
miſſionen
haben bereits ihre Tätigkeit begonnen und
es kann heute ſchon geſagt werden, daß die Vereins=
mitglieder
und ihre Angehörigen auch diesmal wieder
etwas beſonders Eigenartiges und Glanzvolles erwar=
ten
dürfen. Eine Einladung an die jungen Damen

und Herren des Vereins zur Mitwirkung an den ge=
planten
Aufführungen (große Quadrille und anderes)
befindet ſich in dem heutigen Anzeigenteil.
Hoher Beſuch. Ihre Königl. Hoheiten der Groß=
herzog
und die Großherzogin machten verſchiedene
größere Einkäufe bei der Strumpf= und Trikotagen=
Fabrik Neher & Fohlen, Inh.: Eliſe Weismann, hier.
* Ausſtellung. Man ſchreibt uns: Im Schaufenſter
der Hofkunſthandlung Sonnthal iſt zurzeit ein grö=
ßeres
Gemälde: Abendſtimmung am Oberwaldhaus,
von Hofmaler H. Kröh ausgeſtellt. Die Auffaſſung,
unſeren ſo ſchönen Ausflugsort bei untergehender
Sonne zu malen, kommt dem Bilde ſehr zum Vorteil,
und iſt es dem Künſtler wirklich vortrefflich gelungen,
die Ruhe und den Frieden einer Abendſtimmung in
der Natur wiederzugeben. Ferner ſind noch ausge=
ſtellt
eine Anzahl Aquarelle und kleinere Oelgemälde
von Prof. W. Bader, Prof. A. Hartmann, Hermann
Schlegel, Aug. Horſt, Hofmaler H. Kröh=Darmſtadt,
H. Fahrbach=Berlin, Hermann Ritter=München u. a.,
zum größten Teile Motive aus dem Odenwald und
der Bergſtraße.
A Arbeiterwohnungen. Die letzthin abgehaltene
45. ordentliche Generalverſammlung des Bauver=
eins
für Arbeiterwohnungen legte Zeugnis
von einem guten Stand dieſes gemeinnützigen Unter=
nehmens
ab. Es ſind, einſchließlich einer Ladenwohn=
ung
, 124 Wohnungen, davon in den älteren Häuſern
55 gegen monatlich 14 Mark 30 Pfg., eine gegen 16 Mk.
und 60 in den neueren Häuſern gegen 18 Mark monat=
lich
vermietet. In den bis zum Jahre 1892 erbauten
acht Häuſern wohnen die betreffenden Familien durch=
ſchnittlich
13,6, in den von 1898 bis 1902 erbauten
neueren Häuſern durchſchnittlich ſechs Jahre. Die Ver=
zinfung
des Aktienkapitals beträgt 3½ Prozent.
* Zur Struwwelpeter=Aufführung ſei noch nachgetra=
gen
, daß Herr Pfarrer Velte in herzlichen Worten allen,
die ſich um die Aufführung verdient gemacht hatten, dankte,
beſonders Frau Oberbürgermeiſter Gläſſing und wei=
terhin
Herrn Lehrer Schäfer, Herrn Lehrer Schä=
fer
II., Herrn Lehrer Pfaff und Herrn Jöckel, ſowie
dem Orcheſter der Oberrealſchule. Auf eine Wiederholung
des Struwwelpeter zu ermäßigten Preiſen, die heute,
Freitag, im Kaiſerſaale ſtattfindet, wurde gleichfalls
hingewieſen.
§ Naturalverpflegungsſtation. Während des ver=
floſſenen
Monats November wurde die Hilfe der hie=
ſigen
Naturalverpflegungsſtation von 439 mittelloſen
Durchreiſenden in Anſpruch genommen. Im vorher
gehenden Monat Oktober ſind 257 (oder weniger 182)
Perſonen unterſtützt worden.
* Einen Zuſchuß von 3000 Mark für den Karnavals=
zug
bewilligte in ihrer letzten Sitzung die Stadty=
ordnetenverſammlung
von Mainz
Nacht=Regenbogan. Man ſchreibt uns: Ein
Naturſpiel von ſeltener Schönheit ließ ſich in der Nacht
vom 14. zum 15. d. M. gegen ¾2 Uhr beobachten. In=
folge
einer vor dem in faſt vollem Glanze neben dem
ſchönen Geſtirn der Plejaden ſtrahlenden Mond vor=
beiziehenden
ſchleierzarten Cirroſtratus=Wolkenſchicht
bildete ſich ein Hof um dieſen von etwa 8fachem
Monddurchmeſſer in den intenſivſten Regenbogen=
farben
. Der Mond ſtand inmitten eines rotgelben
Feldes, dieſes umſchloß ein leuchtend blauer Gürtel,
den wieder ein rötliches Band einfaßte. Nach etwa
zehn Minuten verblaßte mit dem Fortziehen des Wol=
kenſchleiers
die ſchöne Erſcheinung.
Internationale Ringkampf=Konkurrenz. Di
Veranſtaltung iſt jetzt in das Stadium der Endkämpfe
getreten. Ein großer Teil der Ringer iſt bereits aus=
geſchieden
, ſo daß nur noch die beſſeren verblieben ſind,
welche um die in fünf Teile zerfallende Prämie zu
ringen haben.Hochintereſſante Kämpfe brachte der vorgeſt=
rige
Abend. Mit Spannung verfolgte man den erſten
Kampf zwiſchen Eberle und Cody Bill. Letzterer zeigte
ſich ſeinem berühmten Gegner vollſtändig ebenbürtig
und wies alle noch ſo kraftvollen Angriffe des deutſchen
Meiſters energiſch zurück. Zwar gelang es Eberle ein=
mal
, ſeinen berühmten Untergriff, anzubringen; der
Indianer entſchlüpfte jedoch und der Kampf mußte
reſultatlos abgebrochen werden. Beim darauffolgenden
Entſcheidungskampf zwiſchen Lemmertz und Chriſtenſen
ſiegte Letzterer in einer Geſamtzeit von 37 Minuten.
Zum Schluß gab es noch einen lebhaften Kampf
zwiſchen Tſcheſtjakoff und van der Born. Trotzdem
beide Ringer ſich die größte Mühe gaben, ein ſchnelles
Reſultat herbeizuführen, zog ſich der Kampf ſehr in die
Länge. Erſt zu Ende des 3. Ganges gelang es Tſcheſtja=
koff
, durch einen prachtvollen Hüftſchwung aus dem

ſundem Humor begabt, entwickelt ſich ihm ein kleines
Ereignis zum Gedicht. Er beſingt Land und Leute,
lauſcht hinein in die Vergangenheit und freut ſich der
Gegenwaxt, der ſchönen Gotteswelt ringsum und der
braven Menſchen, die auf ihr wohnen. Wie ein fah=
render
Scholar ſingt und dichtet er auf einſamer Halde
und im ſtillen Bergwirtshaus. Kein Wunder, daß
die Lieder ſo ſangbar wurden, wie ſie ſind. Kein Wun=
der
, daß ſich einem eine Melodie ganz unwillkürlich
auf die Lippen ſtiehlt, wenn man leiſe dieſe Lieder ſich
vorlieſt. Ein Vorzug, nebenbei geſagt, der Schwab=
ſchen
Lyrik, der ſich, wie wir noch ſehen werden, in den
ſpäteren Werken immer wieder findet. Gewiß es
war in dieſem Bändchen noch ein großes Abhängig=
keitsverhältnis
zu den Meiſtern des Trinkliedes be=
merkbar
. Und wenn man Verſe lieſt, wie dieſe:
Verſchwommen klingt des Liedes Ton,
Die Sonne iſt verſunken
Da hat der trübe Fremdling ſchon
Die Weinkart’ durchgetrunken;
und:
Und der dies neue Lied gemacht,
Iſt ſelber dort geweſen.
Und iſt dort, da er ’s kaum gedacht,
Von ſchwerem Leid geneſen,

o kennt man auch den geiſtigen Vater, der bei ihnen
ate ſtand. Schon in dieſem Erſtlingswerk bricht
ber auch des Dichters eigene Note hervor, die ſich
ann in dem zweiten Gedichtbande und in den Ge=
ichten
aus dem Nachlaß freie Bahn macht. Dazwi=
chen
liegt aber ein Werk, das in Proſa geſchrieben iſt,
nd das vielleicht mehr als alles andere das hohe
Talent Schwabs und ſeine echt deutſche, germaniſche
nſchauungsweiſe erbennbar macht. Das Drama
Unaufhaltſam iſt nur eine Epiſode in ſeiner kurzen
ichterlaufbahn; deſto würdiger ſchließen die kräfti=
en
und formſchönen Opuscula aus dem Nachlaß das

Lerk ab. Sie zeigen die Entwicklung ſeines Talents
uf die höchſte Stuſe gebracht zeigen, was wir mit
em frühen Tode dieſes Mannes verloren haben.
Wenn wir die Werke Schwabs chronologiſch be=
rachten
wollten, ſo müßten wir, wie geſagt, nunmehr
einen hiſtoriſchen Roman Tiſiphone einer Beſprech=

ung unterziehen. Das würde jedoch den Faden unſerer
Darſtellung zerreißen. So wollen wir den Sprung
zu dem letzten Werke, das uns ſeine Feder geſchenkt.
wagen, und die Lyrik weiter verfolgen. Wir ſagten
ſchon bereits das nächſte lyriſche Werk: Wolken=
ſchatten
und Höhenglanz zeigte ein auf den erſten
Blick zu erkennendes Aufwärtsſteigen in Form und
Inhalt. Das macht in erſter Linie, daß das Stoff=
gebiet
größer wird. Nicht mehr iſt es nun die Liebe
und der Wein allein, denen des Dichters Lied gilt
vor allem iſt es das Kapitel: Vaterländiſches das
dem Buche den Wert und Inhalt gibt, ohne deshalb,
wie wir ſehen werden, die anderen Abteilungen zu=
rückſetzen
zu wollen. Schwab zeigt ſich in ſeinen patrio=
tiſchen
Gedichten als ein zlühender Vaterlandsfreund,
der nicht kritiklos in alles einſtimmt, was von oben
herab dekretiert wird; der ſeine Stimme erhebt, wenn
etwas faul im Staate zu ſein ſcheint der aber auch
wieder freudig anerkennt, wo er etwas Lobenswertes
findet. Ich kenne die chronologiſche Folge ſeiner Ge=
dichte
nicht, glaube aber keineswegs fehlzugehen, wenn
ich, annehme, daß Schwabs politiſche Lyrik in den
Tagen erwachſen iſt, da man in der Maſſe des deut=
ſchen
Volkes einſah, daß, wie Schwab ſich ausdrückt,
die alte Jacke zwickt und zwängt und daß Michel
ſich eine neue kaufen müſſe; eine weitere, um dem
im Volkstum ſteckenden Tatendrange entgegenzukom=
men
. Da erkannte man, daß eine große Flotte gebaut
werden müſſe; da ſah man ein, daß die Grenzen des
Deutſchen Reiches für ein Volk von 60 Millionen zu
enge geworden ſeien und aus dieſer Stimmung
heraus entſtand auf ein Preisausſchreiben der Firma
Breitkopf & Härtel, das ein ſangbares, packendes, der
Sehnſucht des Volkes Ausdruck gebendes Flottenlied
verlangte, das Lied, das des Heſſen Schwab Namen
bekannt machte, wo deutſch=nationale Geſinnung
herrſchte. Michel, horch, der Seewind pfeift . . .! hieß
es, wurde bald vertont und iſt heute, wegen ſeiner
begeiſternden Wirkung, beliebt da, wo man ſich für die
wichtigſte Frage nationaler Politik im bejahenden
Sinne intereſſiert. Im mahnenden, aufmunternden
Tone wendet es ſich an den deutſchen Michel, damit er
endlich die Erforderniſſe modernen politiſchen Lebens
kennen und begreifen lerne:

Sieh die Nachbarn! Meer um Meer
Sperren ſie mit Ketten.
Michel, ſchärf die alte Wehr,
Rette, was zu retten!
Michel, biſt du taub und blind?
Hurtig aus den Kiſſen!
Hurtig auf, in’s Boot geſchwind;
Segel gilt’s zu hiſſen!
Dieſes Lied iſt, wie geſagt, bekannt geworden.
Schwab hat aber noch mehr echt=deutſche Lieder ge=
dichtet
, in denen er zu den nationalen Ereigniſſen der
Gegenwart Stellung nahm. Sie haben leider nicht
die Beachtung gefunden, die ihnen wegen des Geiſtes,
der in ihnen wohnt und wegen der vollendeten Form
gebührt hätte. Da iſt zum Beiſpiel das Triptychon:
Das Lied vom treuen Kanzler nicht in allen Teilen
in der Form gleichmäßig und mit einer ſtarken An=
lehnung
an Uhland (S. 26) im ganzen aber kernig
und echt=deutſch; da iſt das Sturm= und Notlied:
Wie ſteht der Himmel dumpf und bleich,
Und drohend überm Deutſchen Reich,
mit dem vielſagenden, von jedem denkenden Deutſchen
als wahr begrüßten Ausrufe: Der alte Bismarck tät
uns not und dem wehklagenden Schluß: Doch der
iſt tot‟ Da nimmt Schwab Stellung in der 1899 die
Hemüter erregenden Samoafrage, ſeine Anſicht in
dem blutigen Hohne zuſammenfaſſend, der in den
Worten ſteckt:
Trägſt du ſie aber nur zum Paradieren,
Dann ſtreif ſie ab, die ſchwere Panzerwehr,
Und laß ſie, wie ſchon einmal auktionieren!
Aber nicht verzagen iſt auch ſeine Loſung. Er=
weiß
, daß dem Germanentum die Zukunft gehört; er
weiß, daß auch der deutſche Michel die Kappe von den
Ohren ziehen wird, und echt deutſch klingen Schwabs
vaterländiſche Gedichte in den ſtolzen Worten aus
Des preiſen wir den Herrn der Welt,
Daß er uns Widerſacher
Wohlweislich ringsherum geſtellt
Um unſer Land und Lager.
Das ſind Worte eines echten Vaterlandsfreun
das ſind Worte eines überzeugten Patrioten.
(Schluß folgt.)

[ ][  ][ ]

Seite 4.

Nummer 295.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

Stand ſeinen Gegner auf beide Schultern zu werfen.
Insgeſamt hatte der techniſch ſchöne Kampf 49½ Minute
in Anſpruch genommen. Ganz beſonders intereſſant ver=
ſpricht
der heutige Abend zu werden.
Heute, Freitag, vollzieht ſich hinſichtlich des Varieté=
Programms ein vollſtändiger Programmwechſel mit fünf
glänzenden Debüts. (S. Anz.)
§ Selbſtmordverſuch. Am Mittwoch nachmittag kurz
nach 5 Uhr war ein 24 Jahre altes Laufmädchen am
ſüdlichen Woogsufer (Kinderbad) in das Waſſer ge=
gangen
, um ſich zu ertränken. Ein Mann, welcher ge=
rade
vorüberging, veranlaßte das Mädchen, wieder aus
dem Waſſer herauszugehen. Liebeskummer trieb das
Mädchen in das Waſſer.
§ Feſtgenommen. Ein 28 Jahre alter Taglöhner
von hier iſt geſtern wegen Fahrraddiebſtahls feſtgenom=
men
worden.
Lampertheim, 14. Dez. Morgens warf ſich beim
Uebergang 14 zwiſchen hier und Waldhof ein Mann in
ſelbſtmörderiſcher Abſicht vor den Trieb=
wagenzug
Mannheim=Worms und wurde ſofort ge=
tötet
. Die Perſonalien des Selbſtmörders konnten
noch nicht feſtgeſtellt werden.
Mainz, 14. Dez. In der heutigen Stadtver=
ordnetenſitzung
teilte der Oberbürgermeiſter
als genaues Ergebnis der Volkszählung in Mainz
die Zahl von 110670 Einwohnern mit, die gegen das
proviſoriſche Ergebnis ein Minus von zirka 3000 auf=
weiſt
. Der Vorſitzende bringt hierauf einen Hinweis
auf die Gefahr, die die langen Hutnadeln in ſich
bergen, und glaubt dadurch eine Polizeiverordnung
unnötig zu machen. An die ehemaligen Kriegsteilneh=
mer
ſoll ein Ehrenſold von insgeſamt 6000 Mark ver=
teilt
werden. Für die Arbeitsloſen werden, wie im
vorigen Winter, 10000 Mark bewilligt, ferner Bei=
träge
für die Ausgrabungen des römiſchen Lagers am
Gautor, ſowie für die Deutſche Dichter=Gedächtnis=
Stiftung.
Gießen, 14. Dez. Der Verteidiger Werners,
Rechtsanwalt Dr. Tuteur in Kaiſerslautern, hat lt.
Gieß. Anz. gegen das Urteil des Schwurgerichts, das
Werner zu lebenslänglichem und zu 10 Jahren Zucht=
haus
verurteilte, Reviſion eingelegt und den Ange=
klagten
telegraphiſch erſucht, das Urteil nicht anzu=
erkennen
.
(*) Großen=Buſeck, 14. Dez. Eine Bluttat hat ſich
in unſerem ſonſt ſo ruhigen Ort zugetragen. Auf der
Straße hatten mehrere Burſchen einen Wortwechſel. Da
kam der Arbeiter Chriſtoph Harbach dazu und wollte ſich
in den Streit einmiſchen. Der 19jährige Heinrich Schnei=
der
wies ihn ab. Darüber erzürnt, zog der angetrunkene
Harbach das Meſſer und ſtieß blindlings auf Schneider
ein, bis dieſer blutüberſtrömt zuſammenbrach. Aus meh=
reren
tiefen Stichen aus der Bruſt floß das Blut. Der
herbeigerufene Arzt ordnete ſofort die Ueberführung in
die Gießener Klinik an. Hier iſt der junge Mann nach
kaum 24 Stunden an den Verletzungen geſtorben. Der
Verſtorbene war ein braver, hoffnungsvoller Jüngling.

Reich und Ausland.
Aus der Reichshauptſtadt, 14. Dez. Der Maler
Rafael Schuſter=Woldau hat jetzt die ihm in Auftrag
gegebenen neuen figurenreichen Wandgemälde allegori=
ſchen
Inhalts, die den großen Sitzungsſaal des
Bundesrats im Reichstagsgebäude ſchmücken
ſollen, ſoweit vollendet, daß mit ihrer Aufſtellung an Ort
und Stelle heute begonnen werden kann. Im nächſten
Monat wird die zu dieſem Zweck eingeſetzte Kommiſſion
zuſammentreten, um die Bilder ofſiziell zu übernehmen.
Die Vernehmung des verantwortlichen Redakteurs des
Vorwärts, Barth, in Sachen der von dem Polizei=
präſidenten
gegen den Vorwärts eingereichten
Klage hat ſtattgefunden. Die betreffende Nummer des
Vorwärts iſt beſchlagnahmt worden. Die Vernehmung
fand zum Zweck der Ermittelung des Verfaſſers des frag=
lichen
Artikels ſtatt. In der geſtrigen Nacht iſt in der
Bellevueſtraße aus dem Schaufenſter des Putzgeſchäftes
von Hausdorff ein mit weißer und modefarbener Seide
gefütterter Hermelinmantel im Werte von 6000 Mk.
geſtohlen worden. Die Diebe haben nach 1 Uhr in eine
Seitenſcheibe ein etwa 30 Zentimeter langes Loch geſchla=
gen
und dann das koſtbare Kleidungsſtück, das in der
Auslage dicht am Fenſter lag, herausgezogen, ohne daß
es jemand bemerkt hat, trotzdem doch gerade die Gegend
des Potsdamer Platzes zu jeder Zeit belebt iſt. Von den
Einbrechern fehlt noch jede Spur.
Hannover, 14. Dez. Dem Profeſſor der hieſigen Tech=
niſchen
Hochſchule, dem Geh. Regierungsrat Barkhau=

Großherzogliches Hoftheater.
Mittwoch, 14. Dezember.
Der Hüttenbeſitzer.
Wl. Die Wiederholung des viel geſcholtenen, jeden=
falls
aber ſpannenden und bühnerwirkſamen Ohnetſchen
Schauſpiels Der Hüttenbeſitzer ſollte Frl. Leh=
mann
Gelegenheit geben, ſich auch in einer Salonrolle zu
zeigen. Es geſcheh in derjenigen der Claire. Viel Neues
haben wir aus dem zweiten Gaſtſpiel nicht erfahren; auch
dieſe Rolle ſpielte Fel. Lehmann mit ſchauſpieleriſcher Ge=
wandheit
und ſicherer Beherrſchung aller darſtelleriſchen
Nuancen, erwärmen konnte ſie aber auch mit dieſer an ſich
ſehr dankbaren Rolle nicht, denn auch ihr haftete ein nüchter=
ner
Grundzug an, ſie wurde geſpielt, erweckte aber den Ein=
druck
, daß ſie innerlich nicht mitempfunden wurde. Die
übrigen Rollen waren mit ganz geringen Ausnahmen
in derſelben Weife beſetzt wie bei der letzten Aufführung
im November vorigen Jahres. Die Rollen des Derblay
und des Herzogs von Bligny gehören nicht zu den beſten
in dem Repertoire der Herren Baumeiſter und
Weſtermann, da ſie ihrer Individualität nicht immer
entſprechen. Wir haben ſchon früher hervorgehoben, daß
der Herzog wenigſtens äußerlich eine bedeutende Erſchei=
nung
ſein muß, wenn die Rolle nicht ganz unwahrſchein=
lich
werden ſoll. Temperamentvoll und elegant war Frl.
Oſter als Athenais, friſch und ſympathiſch die Suzanne
und der Octave des Frl. Gothe und des Herrn Schnei=
der
. Frl. Reick, die die Baronin von Préfont ſpielte,
ließ bedeutende Verbeſſerungen in ihrer Sprachtechnik er=
kennen
. Die übrigen noch zu erwähnenden Rollen wur=
den
wieder durch die Herren Jordan (Moulinet), Jür=
gas
(Préfont) und Knispel (Bachelin) geſpielt. Das
Haus war ſpärlich beſucht, nahm die Vorſtellung aber
ſehr beifällig auf.

Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.
P. Münchener Theater. Am Dienstag, den
13. d. M., wurde im Münchener Hoftheater zum erſten
Male Hebbels Genoveva aufgeführt. Damit
fühnte die Hofbühne eine alte Ehrenſchuld. Der Dich=

ſen, der nach dreißigjähriger Tätigkeit aus dem Lehrkör=
per
der Hochſchule ausgeſchieden iſt, veranſtaltete der Stu=
dentenverband
geſtern abend einen Fackelzug. Gleich=
zeitig
wurde von dem Verband eine Reſolution gefaßt, in
der es heißt, daß der Abſchied des Profeſſors im Zuſam=
menhang
mit ſeinem energiſchen Eintreten für die akade=
miſche
Lern= und Lehrfreiheit im Gegenſatz zu anderen Be=
ſtrebungen
in ſeiner Abteilung erfolgt ſei. Die Studieren=
den
hielten es für ihre Pflicht, für die deutſche akademiſche
Freiheit in jeder Weiſe einzutreten. Der Fackelzug ſolle
zugleich ein Proteſt ſein gegen jeden, der die freie Selbſt=
beſtimmung
der Studiernden antaſte. Infolgedeſſen ſtell=
ten
die Profeſſoren Geh. Regierungsrat Arnold, Geh.
Baurat Danckwerts und Baurat Dr.=Ing. Hotopp, gegen
die ſich die Kundgebung in erſter Linie richtete, heute vor=
mittag
nach Mitteilung am ſchwarzen Brett, ihre Vor=
leſungen
einſtweilen ein.
Altona, 14. Dez. Wie das Altonaer Polizeiamt auf
Anfrage mitteilt, hat die amtliche Unterſuchung
mit großer Wahrſcheinlichkeit ergeben, daß die durch
den Genuß von Margarine hervorgerufenen Er=
krankungen
auf den Zuſatz eines neuen Speiſe=
fettes
zurückzuführen ſind, das bisher in der Marga=
rine
=Induſtrie noch nicht verwendet worden iſt, und
das nach der chemiſchen Unterſuchung für die Marga=
rine
=Bereitung als brauchbar angeſprochen worden iſt,
offenbar aber pflanzliche Gifte enthält, deren Natur bis
jetzt durch chemiſche Unterſuchungen nicht feſtgeſtellt
werden konnte. Die phyſiologiſchen Eigenſchaften des
fraglichen Speiſefettes werden zurzeit im Laboratorium
des Altonaer Krankenhauſes durch Verſuche an Tieren
erforſcht. Seit dem 26. November iſt dieſes Fett, das
ſogenannte Cardamomöl, das nur bei der Marke Backa‟
und in ganz geringem Maße bei der Marke Luiſe zur
Verwendung kam, nicht verwendet worden.
Kiel, 15. Dez. Von verſchiedenen Seiten wird ge=
meldet
, daß die Linienſchiffe Schwaben und Elſaß
geſtern abend in der Kieler Bucht infolge Nebels
kollidiert haben. Der Schaden ſoll ganz unbedeu=
tend
ſein.
Immenſtadt, 14. Dez. Der vermißte Leutnant
Treuheit wurde am Nordhang des Grünten tot
aufgefunden.
Wien, 15. Dez. Eine in ariſtokratiſchen und künſt=
leriſchen
Kreiſen Aufſehen erregende Verhaftung
iſt geſtern hier erfolgt. Graf Wolff=Metternich, der
Gatte der bekannten Schauſpielerin Claire Valentin,
wurde auf Veranlaſſung des Berliner Landgerichtes
wegen einer Spieler=Affäre feſtgenommen und
dem Landgericht eingeliefert. Zu der Sache werden
folgende Einzelheiten bekannt: Die Verhaftung ſoll
wegen Falſchſpieles und Betruges erfolgt ſein. Der
Rechtsanwalt des Verhafteten wird heute nach Berlin
fahren, um dort einen Vertreter zu beſtellen. Es dürfte
ſich um eine Klubaffäre handeln. Der Graf hatte vor
längerer Zeit in London mit einem preußiſchen Leut=
nant
und mit zwei anderen Partnern, die ſich ſpäter
als Falſpieler entpuppten, hazardiert. Der Offizier
verlor größere Beträge und Graf Wolff=Metternich be=
zahlte
die Spielſchuld des Offiziers. Als er vor einigen
Tagen von dem Offizier die Rückerſtattung der Summe
verlangte, erſtattete dieſer, der annimmt, daß der Graf
mit den beiden anderen Spielern unter einer Decke
ſteckte, gegen ihn Anzeige. Die Frau des Verhafteten
erzählte in einem Interview, daß es ſich um einen be=
dauerlichen
Irrtum handeln müſſe.
Paris, 15. Dez. Ueber 150 Abgeordnete unterſtützten
das Projekt, durch den Bau eines Seekanals
Paris=Rouen einen Seehafen Paris herzuſtel=
len
. Die Koſten werden auf 145 Millionen Fräncs
veranſchlagt. Die Verwirklichung des Projektes würde
dem Staat 20 Millionen Zölle einbringen und eine
halbe Million Koſten jährlich für die Regulierung der
Seine erſparen.
Toulon, 14. Dez. Infolge wolkenbrucharti=
gen
Regens wurde in der ganzen Gegend bedeuten=
der
Schaden angerichtet. Die Schienenwege der Süd=
bahn
haben an mehreren Stellen Schaden erlitten. Der
Verkehr iſt infolgedeſſen unterbrochen.
Cebère, 14. Dez. Der von der Royal Mail Steam
Packet Company gecharterte norwegiſche Dampfer
Tifli iſt, laut einer Nachricht aus Spanien, infolge
eines Sturmes bei Orotava (Teneriffa) geſcheitert.
Vier Matroſen ſind umgekommen. Das Schiff
hält man für verloren.
New=York, 15. Dez. In Mutley bei New=York
brach in einem Kinematographen=Theater
Feuer aus. 800 Perſonen, meiſtens Frauen und

ter hat den Plan zu ſeinem Werk in München entwor=
fen
und die Münchener Hoſbühne war auch dazu aus=
erſehen
, das Werk zuerſt aufzuführen, aber Dingelſtedt
drang damals, ſo ſehr er dem Dichter wohlwollte, nicht
durch. Die erſte Aufführung des Werkes fand 1854,
alſo 14 Jahre nach ſeinem Entſtehen, in Wien ſtatt. Der
Dichter äußert ſich über Darſtellung und Aufnahme
ſehr befriedigt in ſeinem Tagebuch. Als dann Dingel=
ſtedt
in Weimar freie Hand hatte, brachte er das Werk
dort heraus (1858). Das waren die beiden einzigen
Aufführungen, die der Dichter erlebte. Erſt nach drei=
ßig
Jahren erinnerten ſich die Bühnen dieſes genialen
Ingendwerkes. Die Münchener Aufführung, die bis
nach 11 Uhr dauerte, machte einen ſtarken Eindruck.
Golo, der Verbrecher aus Leidenſchaft, der eigentlich
der Held des Stückes iſt, wurde von Jacobi ſehr gut
dargeſtellt. Ein echtes Bild des Mittelalters zog an
unſeren Blicken vorüber. In tollem Wirbel verſchlin=
gen
ſich teufliche Roheit und Herzensreinheit, Zaüber=
und Hexenweſen, dazu die periodiſchen Ausbrüche von
Judenhaß. Das Tempo wurde nur etwas zu langſam
genommen. Genoveva fand in Frl. Berndl eine ideale
Verkörperung. Beſondere Sorgfalt war auf die ſzeni=
ſchen
Bilder verwandt. Die gräfliche Halle, die Hütte
der Hexe, der Wald, das waren Bilder, die an ſich ſchon
die wirkſamſte Stimmung hervorbrachten. Das Pu=
blikum
verhielt ſich bis zum Schluß reſpektvoll und bei=
fallsfreudig
und das Hoftheater kann auf einen Ehren=
tag
zurückblicken.
Kleines Feuilleton.
** Der Kreuzzug der Barbiere. Die ameri=
kaniſchen
Barbiere ſind empört über die wachſende Kon=
kurrenz
, die ihnen in den zum Teil ſehr ſinnreich konſtruier=
ten
amerikaniſchen Raſierapparaten erwachſen iſt; viele
Bürger, die ehedem des Barbiers nicht entraten konnten,
raſieren ſich heute ſelbſt, und die Friſeure fürchten, daß
ihre Einnahmen dadurch allzu ſehr leiden könnten. Sie
haben ſich nun zu einer Beratung zuſammengefunden, die
recht ſtürmiſch verlief, und bei der allerlei Vorſchläge ge=
macht
wurden, um das Gleichgewicht wieder herzuſtellen.
Man will künftig allen jenen Bürgern, die ſich ſelbſt raſie=

Kinder, waren gefährdet. Das hölzerne Gebäude
ſtand ſofort vollſtändig in Flammen. Eine Anzahl
Frauen und Kinder waren von den Treppen abge=
ſchnitten
und wurden erſt im letzten Augenblick, wäh=
rend
ſchon ihre Kleider brannten, durch die Feuer=
wehr
gerettet. Viele haben Brandwunden erlitten.
Waſhington, 14. Dez. Andrew Carnegie über=
wies
, wie offiziell bekannt gegeben wird, dem inter=
nationalen
Ausſchuß hervorragender Perſönlichkeiten,
die für den Weltfrieden wirken, zehn Millio=
nen
Dollars, die im Intereſſe der Beſtrebungen,
Kriege aus der Welt zu ſchaffen, verwandt werden ſollen.
Vorläufig ſoll ein Fonds zu Grunde gelegt werden, der
den Namen Carnegie=Friedensfonds erhält.
Norton (Virginia), 14. Dez. Nach den neueſten
Feſtſtellungen ſind bei der Exploſion der Mine der
Bond=Coal Company 25 Bergleute getötet worden.

Zweite Kammer der Stände.
77. Sitzung.
St. Darmſtadt, 15. Dezember.
Am Regierungstiſche: Miniſter des Innern von
Hombergk zu Vach Exz. und Geheimerat Beſt.
Vizepräſident Korell eröffnet die Sitzung um 9,15
Uhr. Das Haus tritt alsbald in die Tagesordnung ein
und beginnt mit der Berarung des Geſetzentwurfs betr.
die Landgemeindeordnung
Miniſter des Innern von Hombergk zu Vach
macht zu Beginn der Beratung kurze allgemeine Bemer=
kungen
, in denen er die Neuerungen und grundlegenden
Beſtimmungen des Geſetzes erörtert, die im weſentlichen
eine Folge des neuen Geſetzes betr. die Städteordnung
ſind. Nachdem dieſes Geſetz erledigt, könne Redner zum
vorliegenden Geſetz ſich kurz faſſen. Die direkten Bürger=
meiſterwahlen
ſind grundſätzlich aufrecht erhalten. Es
müſſe anerkannt werden, daß die rein ehrenamtliche Stel=
lung
des Bürgermeiſters nicht mehr aufrecht erhalten wer=
den
kann. Auch den Beigeordneten ſoll eventuell eine Ver=
gütung
aus der Gemeindekaſſe gewährt werden können.
Auch ſoll der Bürgermeiſter im Bedarfsfalle die Anſtellung
eines Ratsſchreibers verlangen können Mit den vom
Ausſchuß vorgeſchlagenen Aenderungen bezw. Verbeſſerun=
gen
konnte die Regierung ſich im weſentlichen einverſtan=
den
erklären. Ein beſonderes Gewicht iſt auf die Ord=
nung
des Gemeinde=Rechnungsweſens gelegt worden. Neu
iſt ferner die Regelung der Rechtsverhältniſſe der Ge=
meindeverbände
. Redner ſchließt mit dem Ausdruck herz=
lichen
Dankes an, alle Ausſchußmitglieder, die an dem
neuen Geſetz mitgearbeitet haben. (Bravo!)
Abg. Uebel ſtellt feſt, daß die Reform der Land=
gemeindeordnung
ohne Zweifel in fortſchrittlichem Sinne
erfolgt iſt. Wenn auch naturgemäß nicht alle Wünſche
erfüllt werden konnten, ſo iſt das Geſetz in ſeiner Geſamt=
heit
doch ein Fortſchritt gegen das frühere Geſetz. Daran
ändert auch nichts die Haltung der Sozialdemokraten, die
gegen das ganze Geſetz ſtimmen wollen, weil es nicht nach
ihren Parteiprinzipien gemacht iſt. Redner verteidigt und
begründet dann die Stellung der Mehrheit des Hauſes
zu dem im Geſetz aufgenommenen Beſtätigungspara=
graphen
und polemiſiert dabei des längeren gegen die So=
zialdemokraten
. Auf Einzelheiten übergehend, beantragt
Redner zum Art. 15, die Ortsſatzungen betr., einen neuen
Abſatz V nach dem Abänderung der Ortsſatzung durch
Beſchluß des Gemeinderates erfolgen kann durch die Zu=
ſtimmung
von zwei Drittel der Mitglieder. Weiter be=
ſpricht
Redner die Gehalts= und Lohnverhältniſſe der Ge=
meindebeamten
. Die Einführung von Berufsbürger=
meiſtern
könne er nicht befürworten. Redner ſchließt mit
dem Ausdruck der Hoffnung, daß das Geſetz zum Wohle
des Landes zuſtande komme.
Geheimerat Beſt bittet den Vorredner, ſich den An=
trag
zu Artikel 15 nochmals zu überlegen. Wenn dieſer
Antrag angenommen wird, ſei die Regierung ausgeſchal=
tet
, eventuell müſſe ſie ſich das Recht der Nachprüfung vor=
behalten
. Der Begriff Gemeindebeamte ſei ſehr ſchwer
zu umgrenzen, daher habe es die Regierung nicht getan.
Die Regierung werde beſtrebt ſein, eine beſſere Beſoldung
der Gemeindebeamten herbeizuführen. Diſziplinierte Leute
müßten aus den Vertrauensſtellungen ferngehalten wer=
den
. Die Berechtigung, einen Ratsſchreiber anzuſtellen,
ſei neu und würde ſich ſicher gut bewähren. Die Beſtim=
mung
bezüglich der Bewilligung eines Ruhegehaltes für
diſziplinierte Beamte entſpreche der analogen Beſtimmung
bei den Staatsbeamten. Ein Mißbrauch dieſer Beſtim=
mung
ſei kaum zu befürchten. Daß die Regierung Aſſeſſoren

ren, nur gegen ſchweres Geld das Haar ſchneiden; ſtatt
60 Pfg. wie gewöhnlich ſollen dieſe Abtrünnigen fortan
3 Mark für das Haarſchneiden bezahlen. Aber das Ver=
langen
nach Vergeltung war damit noch nicht erſchöpft,
man plädierte ſogar für einen regelrechten Boykott aller
Selbſtraſierer, die in Zukunft ſelber ſehen mögen, wie ſie
den Ueberſchuß ihres Haarwuchſes los werden. Es waren
über 1000 empörte Künſtler der Schere und des Raſier=
meſſers
, die in New=York zuſammengekommen waren, und
die Sprache, die ſie führten, läßt an drohender Leidenſchaft=
lichkeit
nichts zu wünſchen übrig. Nur der Vorſitzende ver=
riet
ein milderes Temperament, als er darauf hinwies,
daß die Selbſtraſierer ſo wie ſo ſchon in der Regel ge=
zeichnete
Männer ſeien, deren Antlitz infolge der eigenen
Behandlung an Hackfleiſch erinnern. Die Konferenz wurde
ſich ſchließlich über die endgültige Niederwerfung des
Feindes nicht einig, aber als fürſorgliche Männer beſchloſ=
ſen
die Barbiere doch, auch ihrerſeits den New=Yorkern
eine kleine Weihnachtsfreude zu beretten: ſie erhöhten den
Preis für das Raſieren. Die Seife ſei ſo viel teurer ge=
worden
. Die Beobachtungen, die der unbeteiligte Bürger
machen kann, deuten einſtweilen auf alles andere, als auf
eine Notlage der New=Yorker Barbiere. Die meiſten ha=
ben
ſich prächtige Marmorſäle eingerichtet, in denen prunk=
volle
Fontänen plätſchern und parfümierte Düfte aus=
ſtreuen
. Die ganze Einrichtung iſt auf einen raffinierten
Luxus geſtimmt, dicht neben dem Eingangsportal ſteht ein
gallonierter Neger, der allen Kunden die Schuhe blitzblank
putzt, und hinter prächtigen kleinen Marmortiſchen ſitzen
elegant gekleidete junge Damen, die mit Würde und An=
mut
die Manicure beſorgen. Man bezahlt heute in New=
York für das Raſieren offiziell 60 Pfg., aber damit iſt es
nicht getan; man muß dem Gehilfen ein Trinkgeld von
40 Pfg. geben und dem Neger, der mit der Stiefelbürſte
an der Tür ſteht, ein zweites Trinkgeld von 20 Pfg. Ganz
ſparſame Leute ſollen es freilich fertig bringen, ſich für
1 Mark raſieren zu laſſen, aber wer mit Trinkgeldern
geizt, iſt ein ungern geſehener Gaſt und wird auch dem=
gemäß
behandelt.
Ein Maſſenaufgebot gekrönter
Häupter wird bei den kommenden Krönungsfeſt=
lichkeiten
in London die Augen der Bürger mit ihrem

[ ][  ][ ]

Nummer 295.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

Seite 5.

in die Gemeindeſtellen lanziere, ſei ausgeſchloſſen, da ja
die Gemeinde die freie Wahl habe.

Abg. Stöpler meint, der Entwurf enthalte eigent=
lich
nichts grundlegend Neues, es ſei ein alter Schuh,
der geflickt ſei, aber ein ſolcher ſei ihm lieber als ein neuer,
von dem man vorher nicht weiß, ob und wie er drücke.
Die Verſtaatlichung der Polizei ſei zu begrüßen, denn der
Wahlbürgermeiſter ſei ungeeignet zur Ausübung der Po=
lizei
. Dann würde auch der Grund zur Nichtbeſtätigung
der Sozialdemokraten wegfallen, was im Intereſſe des
Friedens zu begrüßen ware. Abg. Lutz meint, das
neue Geſetz laſſe nach Möglichkeit die Selbſtändigkeit der
Gemeinde in der Verwaltung beſtehen. Grundſätzlich ſei
aber an der Aufſichtsbehörde feſtzuhalten. Auf das Be=
ſtätigungsrecht
kann nicht verzichtet werden, ebenſowenig
auf die Beſtimmung, daß die Hälfte der Gemeinderäte aus
den Höchſtbeſteuerten zu wählen iſt. Die Verleihung des
Wahlrechts an die Hausſöhne ſei zu begrüßen. Hingegen
müſſen im Intereſſe des Friedens in der Gemeinde die
Lehrer und Pfarrer vom paſſiven Wahlrecht ausgeſchloſſen
bleiben. Ein Wirt ſollte eigentlich von der Wahl zum
Bürgermeiſter ausgeſchloſſen ſein. Der Begriff des Ehren=
amtes
als Bürgermeiſter dürfe durch die Vergütung nicht
alteriert werden. Redner bittet, das Geſetz nach dem Aus=
ſchußantrag
anzunehmen.
Nach der Pauſe ergreift Abg. Dr. Fulda das Wort,
um zunächſt gegen den Abg. Dr. Zuckmayer zu polemi=
ſieren
. Die Vorlage ſei keine großzügige, fortſchrittliche
Reform, ſondern nur eine ſimple Reviſion. Beſonders
ſcharf wendet ſich Redner gegen die Beſtimmung, daß die
Hälfte der Gemeinderäte aus den Höchſtbeſteuerten be=
ſtehen
muß, die in der Landgemeindeordnung noch reaktio=
närer
berühre als in der Städteordnung. Er fordert wei=
ter
das Syſtem der Proportionalwahl, eine einjährige
Wohnzeit zur Erlangung des Wahlrechts, das paſſive
Wahlrecht für Lehrer und Pfarrer, die Einführung gleicher
Wahlurnen, die Beſtimmung, daß die Gemeinderatsſitzun=
gen
zu beſtimmten Zeiten regelmäßtg ſtattfinden, die Oef=
fentlichkeit
der Gemeinderatsſitzungen, die Abſchaffung
der Diſziplinarbeſtrafung von Gemeinderäten, die ſich un=
gehörig
benehmen, und natürlich auch die Abſchaffung des
Beſtätigungsrechtes der Regierung. Hierbei polemiſiert
er ſcharf gegen die von der Regierung ernannten Beige=
ordneten
, denen der Herr Miniſter des Innern Aner=
kennung
auszuſprechen den Mut gehabt hat. Er ſei über=
zeugt
, daß dieſe Herren demnächſt auch einen Orden ver=
liehen
bekommen. Beſſer aber wäre es, man verleihe
ihnen einen Charakter, den ſie doch nicht beſäßen. Viel=
leicht
könne man ihnen auch den Titel Kreaturrat ver=
leihen
. Hierfür erhält der Redner vom Vizepräſident Dr.
Schmitt einen Ordnungsruf. Er verbreitet ſich
dann ſehr ausführlich über die Beſtätigungsfrage und
polemiſiert ſcharf gegen den Miniſter des Innern von Hom=
bergk
zu Vach, der in dieſer Frage einen direkt entgegen=
geſetzten
Standpunkt einnehme, wie ſein Vorgänger, Mi=
niſter
Braun. Als er im weiteren Verlaufe ſeiner Aus=
führungen
von hundsföttiſcher Gemeinheit ſpricht, weil
gelegentlich geſagt worden war, bei einem Sozialdemokra=
ten
läge die Gefahr des Verrats militäriſcher Geheim=
niſſe
vor, wird er zum zweiten Male, und als er darauf
erwidert, es iſt aber wahr, zum dritten Male zur
Ordnung gerufen und auf die Folgen aufmerkſam ge=
macht
. Als Redner weiter ſagt, der Miniſter mache ſich
bei der Nichtbeſtätigung des groben Verfaſſungsbruchs
ſchuldig, befragt zweiter Präſident Korelk das Haus,
ob der Abg. Dr. Fulda weiter ſprechen ſoll.
Abg. Dr. Fulda erklärt darauf, er ſei fertig, er glaube
dem Miniſter heute die Maske der Geſetzlichkeit vom
Geſicht geriſſen zu haben.
Abg. Wolf polemiſiert gegen den Vorredner, fordert
aber Abſchaffung des landſtändiſchen Verfaſſungseides.
Die Sozialdemokratie müſſe ihre Taktik ändern, wenn ſie
anerkannt werden will. Abg. Reh hat den Standpunkt
ſeiner Partei zu der Beſtätigungsfrage ſchon gelegentlich
der Städteordnung dargelegt. Er wolle heute nur wie=
derholt
feſtſtellen, daß ſeine Partei in der Nichtbeſtätigung
eine Verletzung der Verfaſſung erblickt, weil nach dieſer
alle Heſſen vor dem Geſetz gleich ſein ſollen. Er tritt für
das paſſive Wahlrecht der Lehrer und Geiſtlichen ein, für
die Sonntagswahl und für die Berufsbürgermeiſter.
Abg. Bähr verzichtet aufs Wort, weil er einen Löwen=
hunger
habe. Darauf wird die Generaldebatte
geſchloſſen und in der Spezialdebatte Artikel 1 an=
genommen
.
Um 2 Uhr wird die Sitzung auf Freitag vormittag
9 Uhr vertagt.

Volkszählung.
47 Großſtädte. Nach den vorläufigen Er=
gebniſſen
hat das Deutſche Reich 47 Städte mit mehr
als 100000 Einwohnern. Die Zahl hat ſich gegen 1905
um 4 (Wilmersdorf, Erfurt, Saarbrücken, Augsburg)
vermehrt.

Ort 1910 1905 Berlin (ohne Vor= 2064 153 2040 148 Hamburg . orte) 936000 802 793 München . 593053 538 98 Leipzig 585 743 537 733 Dresden 546 882 516 990 Köln 511042 428822 Breslau 510 929 470 904 Frankfurt a. M. . 414 406 336985 Düſſeldorf 356733 253 274 10 Nürnberg . 332539 294 426 11 Charlottenburg 304 280 239559 12 Hannover 299753 270024 13 Eſſen 293000 231360 14 Chemnitz . , 286 455 244 927 15 Stuttgart . . , 285 589 253 100 16 Magdeburg , 279600 240 633 17 Königsberg . 248 049 223770 18 Bremen 246 827 214861 19 Rixdorf 236 378 153 513 20 Stettin 234033 224 119 21 Duisburg 227075 192346 22 Dortmund . 212 862 175 577 23 Kiel . 208845 163 772 24 Mannheim . 193379 163 693 25 Halle 180 496 169916 26 Straßburg i. E. 178 290 167078 27 Schöneberg . , 172672 141010 28 Altona. 172411 168 320 29 Elberfeld . 170066 162853 30 Danzig 169306 159 648 31 Barmen 169019 156080 32 Gelſenkirchen 168 293 147005 33 Aachen . 156008 144095 34 Poſen 154811 136 808 35 Kaſſel 153 120 120 467 36 Braunſchweig 143319 136 397 37 Bochum 136 829 118 464 38 Karlsruhe 133953 111 249 39 Krefeld 129219 110 344 40 Plauen 121 104 105 381 41 Wilmersdorf 116500 63 568 42 Mainz 113245 106 348 43 Erfurt 111498 98 849 44 Mühlheim a. Ruhr 110 586 101 215 45 Wiesbaden 109013 100 017 46 Saarbrücken . 104 390 89 617 47 Augsburg 101 500 94923

Verſorgung der Penſionäre und deren Hinter=
bliebenen
.
Man ſchreibt uns: In längeren Ausführungen ſucht
der um die Beſſerſtellung der Altpenſionäre und ihrer
Hinterbliebenen in Preußen ſtets tätige Oberlandes=
gerichtsrat
a. D. Petrich die allgemeine Not zu ſchil=
dern
. Es wurden einige Hundert Fragebogen an ältere
Penſionäre neuerdings verſandt, deren Beantwortung
ein wertvolles Material liefert. Ganz bedeutend ge=
ringere
Beträge ſind dadurch feſtgeſtellt den Penſionären
und Hinterbliebenen gegenüber, für die ſpätere Ge=
halts
= und Wohnungsgeld=Erhöhungen Geltung haben,
abgeſehen von der letzten beträchtlichen Einkommens=
verbeſſerung
. Oftmals beſtehen dieſe erheblichen Un=
terſchiede
bei Beamten und Lehrern mit gleicher Dienſt=
zeit
, von denen der eine kurz vor dem Inkrafttreten
des Aufbeſſerungsgeſetzes, der andere einige Monate
danach in Ruheſtand getreten iſt. Wie ſehr ſchon ver=
ſchiedene
deutſche Staaten, ganz beſonders Sachſen, den
gerechten Forderungen der Penſionäre entgegengekom=
men
oder nahe daran ſind, wurde früher bereits er=
örtert
, und wir wiſſen, daß zu dieſen Staaten auch
Württemberg, Baden, Bayern, Sachſen=Weimar und
Reuß zählen.
Oeſterreich voran! betitelt Petrich ſeine
neueſten Darlegungen. Wir leſen, daß die Penſionäre
Oeſterreichs nach 10 Dienſtjahren 40 Prozent, dann all=
jährlich
2 Prozent mehr und mit 40 Dienſtjahren den
vollen Gehalt als Penſion erhalten. Oeſterreich hat ſchon
ſeit langer Zeit eine ganze Reihe überaus humaner Be=
ſtimmungen
für ſeine Penſionäre und Hinterbliebenen
getroffen. Die Witwenpenſionen betragen in 11 Rang=
klaſſen
400 bis 3000 fl. (fl. 1,70 Mk.). Das Waiſen=

geld wird bis zum Ablaufe des 24. Lebensjahres be=
zahlt
. In Heſſen hört dasſelbe ſchon mit 18 Jahren auf,
und es dürfte keine unbeſcheidene Forderung ſein, die
Grenze, wie in einem Punkte der wiederholt einge=
reichten
Vorſtellung gebeten, auf 21 zu ſetzen. Bruch=
teile
eines Jahres, ſofern ſie 6 Monate überſteigen,
werden als ein volles Dienſtjahr angerechnet. Seit
1882 wurden die Bezüge der Penſionäre und Witwen
in Oeſterreich mehrfach erhöht, zuletzt durch Geſetz vom
14. Juli 1910, und man erzielte eine völlige Gleich=
ſtellung
der alten Beamten mit den neuen.
Nur die höheren Rangklaſſen bleiben unberückſichtigt,
deren Bezüge durch den Kaiſer direkt feſtgeſetzt werden,
und wobei Seine Majeſtät es in der Hand hat, Un
billigkeiten auch in der Penſion auszugleichen.
Recht und Billigkeit verlangen eine ſchleunigſte
Beſſerſtellung, zumal in Heſſen, wo die alten, verdien=
ten
Beamten und Lehrer oft ganz unzulängliche Ruhe=
gehälter
, die Beamten=Witwen nur 30 Prozent (ſtatt
40 Prozent in Preußen und 50 Prozent in Württem=
berg
) beziehen, und die Witwen der Lehrer noch weni=
ger
. Insbeſondere dürfen die aktiven Beamten und
Lehrer ihrer Alten und Hinterbliebenen nicht ver=
geſſen
; ſie müſſen deren beſcheidene Forderungen zu
den ihrigen machen und mit allen Kräften unterſtützen
aus Pietät, die jeder dem Verdienſte und Alter ſchul=
det
, aus dem Mitgefühle, das die unverdiente Not er=
zwingt
, und in dem Bewußtſein, daß auch ſie und ihre
Familienglieder dereinſt in die gleiche Lage mit den
jetzigen Altpenſionären kommen werden. Möchten wir
nun recht bald hören, daß Not in allen deutſchen Lan=
den
, ſo auch in Heſſen, getilgt; daß Treue um Treue
den Alten gewährt werden ſoll. Dann wird auf die
Frage, welches Land für ſeine alten Diener in ihrer
Not ſorge, nicht bloß die Antwort ertönen:
Gewiß iſt es das Oeſterreich,
An Siegen und an Ehren reich!;
es wird dann der Jubelgeſang erſchallen:
Soweit die deutſche Zunge klingt
Und Gott im Himmel Lieder ſingt!
Das walte Gott!

Vom Gruppenwaſſerwerk Inheiden.
* Aus Oberheſſen, 15. Dez. Die Arbeiten an
dem Provinzial=Gruppenwaſſerwerk in
dem waſſerreichen Quellgebiet bei Inheiden haben
im Laufe dieſes Jahres recht bedeutende Fortſchritte
gemacht. Die über 40 Kilometer lange Zuleitung nach
Frankfurt, die nach dem zwiſchen der Provinz Ober=
heſſen
und der Stadt Frankfurt abgeſchloſſenen Vertrag
bis zur preußiſch=heſſiſchen Landesgrenze bei Vilbel auf
Koſten der Provinz hergeſtellt werden muß, iſt bis auf
eine kleine Strecke bei Aſſenheim bereits vollſtändig
verlegt. Von der Landesgrenze bei Vilbel bis zum
Frankfurter Hochzonenbehälter am Heiligenſtock wird
die Zuleitung auf einen Kilometer Länge durch die
Stadt Frankfurt vorausſichtlich im nächſten Frühjahr
hergeſtellt. Für die Zuleitung ſind 70 Zentimeter weite
Gußeiſenrohre, und bei ungünſtigen Untergrunds= und
Bodenverhältniſſen, bei Bahn= und Bachkreuzungen,
ſowie innerhalb der Ortſchaften ebenſo weite Schmiede=
eiſenrohre
verwandt worden. Da an Frankfurt ver=
traglich
20000 Kubikmeter Waſſer täglich geliefert wer=
den
müſſen, iſt für den ſpäteren Betrieb eine ſorgfältige
Kontrolle der Leitungsſtrecke erforderlich. Dies geſchieht
unterwegs an geeigneten Stellen durch eine Reihe von
Regiſtriermanometern, die einen genauen Aufſchluß
über die jeweiligen Druckverhältniſſe in der Leitung
geben. Das Maſchinenhaus, das im Quellgebiet in
nächſter Nähe der Halteſtelle Trais=Horloff errichtet
worden iſt, iſt jetzt im Rohbau vollendet, ſo daß bereits
mit der Montage der Heizungs= und Beleuchtungs=
anlage
begonnen werden konnte. Mit der eigentlichen
Montage der Maſchinenanlage ſoll erſt im nächſten
Monat begonnen werden. Die Maſchinen, die aus
Dampfturbinen und Hochdruck=Zentrifugalpumpen be=
ſtehen
, werden von der Allgemeinen Elektrizitätsgeſell
ſchaft Berlin geliefert und aufgeſtellt. Für die
Maſchinenzentrale iſt von der Station Trais=Horloff
ein 700 Meter langes Anſchlußgleis verlegt worden,
das jetzt zum Transport der Baumaterialien und
Maſchinenteile und ſpäter der für den Betrieb erforder=
lichen
Kohlenmenge benutzt wird. Vertraglich hat die
Waſſerlieferung nach Frankfurt mit dem 1. April 1912
zu beginnen, doch iſt nach dem derzeitigen Stande der
Arbeiten zu erwarten, daß das großzügig angelegte
Werk bereits im Oktober des nächſten Jahres in Be=
trieb
genommen werden kann.

lanze blenden, denn die Lords, deren parlamentariſche
Privilegien durch die liberale Regierung gefährdet ſind,
haben trotz der Hitze des Wahlkampfes nicht verſäumt,
bei den Londoner Juwelieren die Kronen zu beſtellen,
die ſie als Peers von England bei der Krönung tragen
wverden. Denn alle Standesherren des Britiſchen Rei=
hes
werden in ihren farbenprächtigen mittelalterlichen
Trachten an der großen Krönungsfeier in Weſtminſter
teilnehmen und auf den Häuptern ihre Kronen tragen.
Als Eduard VII. vor zehn Jahren gekrönt wurde, ließ
ich der Graf von Roſebery ein Prachtſtück von einer
Krone machen; ſie war mit Perlen, Rubinen und Sma=
ragden
beſetzt und der Graf legte nicht weniger als
20000 Mark für dieſes Schmuckſtück an. Allein es war
hm doch nie vergönnt, ſein Haupt damit zu zieren, denn
er Zeremonienmeiſter, ſo weiß die Evening Times zu
rzählen, verbot dem Grafen das Tragen einer Krone,
die koſtbarer ſei als die Krone der Königsfamilie. Aber
trotz dieſer Beſtimmung hat der Luxus doch noch Ge=
egenheit
zur Entfaltung; je nach Laune und Vermögen
legen die Peers von England heute für ihre Kronen
00080 000 Mark an. Die meiſten werden freilich in
Silber gearbeitet, dann vergoldet und mit reichem
Schmuck von bunten Steinen verſehen, doch dabei kom=
men
in der Regel nur Imitationen zur Verwendung.
Eine bequeme Kopfbedeckung ſind dieſe Meiſterwerke
er Goldſchmiedekunſt freilich nicht, ſie haben ein recht
anſehnliches Gewicht. Ein greiſer Lord hat das Vor=
echt
ſeines Standes ſogar ſchon einmal mit ſeinem
Leben bezahlen müſſen. Er hatte die ſchwere Krone
zwei Stunden lang ohne Unterbrechung auf dem
Haupte getragen, wurde plötzlich ſchwindlig, ſank dann
ieder und die ſchnell herbeigeholten Aerzte konnten
tur noch ſeinen Tod feſtſtellen; ein Schlaganfall hatte
hn dahingerafft.
* Paläſtina=Apfelſinen. In der Ebene
on Jaffa wird gegenwärtig die Apfelſine auf einer
Fläche von etwa 440 Hektar angebaut; die Zahl der
fruchttragenden Bäume beträgt mehr als eine Million.
Die Zucht ſelbſt hat ſich erſt im Laufe der letzten fünf=
zehn
Jahre zu der jetzigen Bedeutung entwickelt, was
auptſächlich dem großen Aufſchwung der Vorderaſien

berührenden Dampferlinien zu danken iſt. Der finan=
zielle
Ertrag eines Hektars beläuft ſich pro Jahr auf
7000 bis 8000 Mark. Die Früchte, die an Größe und
Wohlgeſchmack die ſpaniſchen Apfelſinen übertreffen,
ſtehen im Preiſe weſentlich höher als dieſe. Die Zucht
verurſacht nämlich infolge der Waſſerarmut des Ge=
ländes
erhebliche Koſten.
* Ein merkwürdiges Sprachverſehen
paſſierte auf dem letzten Konzert der Edinburger Uni=
verſität
dem Muſikprofeſſor Niecks, einem geborenen
Deutſchen, der jedoch faſt 20 Jahre an der Univerſität
der ſchottiſchen Hauptſtadt tätig iſt. Er hielt nach dem
Konzert eine kleine Anrede, und zwar in deutſcher
Sprache, die natürlich dem größten Teil ſeiner Zuhörer=
ſchaft
unverſtändlich war. Als man den Profeſſor
darauf aufmerkſam machte, geſtand er lachend, daß er
ſich deſſen gar nicht bewußt geweſen ſei, und wiederholte
ſeine Anſprache in Engliſch. Die Erklärung für dieſes
merkwürdige Zurückfallen in die Mutterſprache, ſo ſagt
der Glasgow Herald, iſt, daß, kurz bevor der Profeſſor
ſeine Rede begann, er von einem Deutſchen ange=
ſprochen
worden war. Der Herr Profeſſor muß aller=
dings
ſehr zerſtreut ſein.
* Eine tragikomiſche Hochzeitsreiſe
machte vor wenigen Tagen ein junger piemonteſiſcher
Vauer mit ſeinem 18jährigen Frauchen. Die beiden
jungen Leute waren des Fahrens auf der Eiſenbahn
noch ganz unkundig und überhaupt ſehr weltfremd.
Daher fühlten ſie ſich trotz ihres friſchen Eheglücks ſehr
unbehaglich, als im Abteil bei ihnen ein Unbekannter
von bösartigem Geſichtsausdruck und verdächtigem
Weſen einſtieg. Mann und Frau gerieten in eine ſolche
Angſt vor dem Fremden, daß ſie insgeheim miteinander
zu entfliehen beſchloſſen, und als der Zug etwas lang=
ſamer
fuhr, ſprang er links und ſie rechts aus dem
Zuge hinaus. Ueber dem Frauchen waltete ein Schutz=
engel
, es gelangte ohne Schaden zur Erde, der Hoch=
zeiter
aber blieb mit einer Verletzung am Kopf liegen
und mußte von der weinenden Gattin und dem herbei=
geeilten
Bahnperſonal ins Krankenhaus zu Mondovi
gebracht werden, wo er die Flitterwochen vertrauert.

Der Moabiter Krawallprozeß.
Berlin, 14. Dez. Die geſtrigen Sturmſzenen
im Reichstage, die infolge der erneuten Stellung=
nahme
des Reichskanzlers zu den Moabiter Krawal=
len
ſich ausgelöſt hatten, machten ſich heute in einem
enormen Andrange des Publikums zu der Prozeß=
verhandlung
in Moabit bemerkbar. Eine Anzahl von
Schutzleuten ſorgte vor dem Portal des Alten Krimi=
nalgerichts
, in deſſen großen Schwurgerichtsſaal die
Verhandlungen ſtattfinden, dafür, daß nicht Unbefugte
in das Gebäude gelangten. Die Zuhörer mußten bis
zur Eröffnung des Sitzungsſaales auf dem Trottoir
Queue bilden und die vielen Hunderte bildeten in=
folgedeſſen
eine lange Menſchenſchlange, die ihrerſeits
wieder die Aufmerkſamkeit des übrigen Publikums
erzeugte und den Andrang nur noch verſtärkte. Die
Verhandlung beginnt mit längeren Erörterungen über
die Perſönlichkeit des geſtern vernommenen Journa=
liſten
Steinberg. Er gibt eine für die Berliner Preſſe
beſtimmte Zeitungskorreſpondenz heraus, aus der
die Blätter ihr Material über die Vorgänge im Leben
der Berliner Polizei ſchöpfen. Während die Kor=
reſpondenz
ſonſt über Morde, Einbrüche, Unglücks=
fälle
und dergleichen berichtet, hat ſie während der
Moabiter Krawalle auch hierüber Schilderungen ver=
öffentlicht
, die nach Meinung der Verteidigung von
der Polizei inſpiriert oder doch ſo gehalten waren,
daß ſie die angeblichen Verfehlungen von Polizei=
beamten
verſchwiegen. R.=A. Heine macht gegen die
Glaubwürdigkeit des Zeugen geltend, daß gegen die=
ſen
einmal ein Meineidsverfahren geſchwebt habe,
das allerdings mit ſeiner Freiſprechung geendet habe.
Doch ſeien in den Akten ſo viele Angaben über die
journaliſtiſche Tätigkeit dieſes Zeugen, der danach
ſchon mehr als ein Privatdetektiv anzuſprechen ſei,
enthalten, daß er die Herbeiziehung dieſer Akten be
antragen müſſe. (!) Der Journaliſt Steinberg tritt
dieſen Angaben mit Entrüſtung entgegen. Es habe
niemals ein ſolches Verfahren gegen ihn geſchwebt,
es könnte alſo auch keine Freiſprechung ſtattgefunden
haben; vielmehr habe nur einmal jemand gegen ihn
eine Denunziation eingereicht, die abſolut keine wei=

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

Nummer 295.

teren Folgen für ihn gehabt habe. Das Gericht hält
dieſe Sache damit für erledigt, zumal der Staats=
anwalt
die Akten bereits zur Hand hat und aus dieſen
feſtſtellt, daß das Verfahren gegen Steinberg tatſäch=
lich
im Oktober eingeſtellt worden ſei. Es folgen
dann wiederum längere Auseinanderſetzungen über
die, Glaubwürdigkeit der Berichte des Zeugen. Im
Anſchluß daran wird der Arbeiter Wille vernommen,
der angeblich der Mann iſt, der ſich vor dem ihn ver=
folgenden
Polizeileutnant Folte unter einen Wagen
flüchtete. Der Zeuge hat tatſächlich ein Holzbein und
bekundet, daß er an den Moabiter Krawallen in kei=
ner
Weiſe beteiligt geweſen ſei. Es ſcheint ſo, als ob
der Zeuge überhaupt mit jenem jungen Manne nicht
identiſch iſt, den andere Zeugen unter dem Wagen
haben liegen ſehen, ſondern daß hier zwei Fälle ganz
ähnlicher Art in der Beweisaufnahme fortgeſetzt mit
einander verwechſelt werden. Es wird dann wie=
der
der Fall des Schankwirts Pilz beſprochen, in
deſſen Lokal die heilige Feme der Streikenden ge=
tagt
haben ſoll. Im Anſchluß daran richtet der
Journaliſt Steinberg an den Verteidiger, R.=A. Heine,
die Frage, ob er angeſichts der Feſtſtellung, daß er
niemals wegen Meineids unter Anklage geſtanden
habe, nicht der Wahrheit die Ehre geben und ihn
öffentlich um Entſchuldigung bitten wolle. Der Vor=
ſitzende
, Landgerichtsdirektor Liebert, erklärt jedoch
dem Zeugen, daß der Gerichtsſaal nicht der Ort ſei, (2)
um dieſe Differenz auszutragen. Nachdem dann
noch einige weitere Zeugen zum allgemeinen Teil der
Anklage vernommen worden waren, vertagte der Ge=
richtshof
die weiteren Verhandlungen auf Freitag,
9½ Uhr.

Sport.
Eine Pariſer Fußballmannſchaft in
Darmſtadt. Durch Vermittelung der Geſchäftsſtelle des
Deutſchen Fußballbundes in Dortmund iſt es der Vereins=
leitung
des Fußballklubs Olympia=Darmſtadt 1898 gelun=
gen
, eine der beſten franzöſiſchen Mannſchaften, den
Athletique=Club Vitry=Paris, zu einem Gaſt=Wettſpiel für
den zweiten Weihnachtsfeiertag nach Darmſtadt zu ver=
pflichten
. Es iſt dies das erſte Mal, daß eine internatio=
nale
Sportmannſchaft in Darmſtadts Mauern weilt.

Landwirtſchaftliches.
* Pferde= und Fohlen=Auktion. Wie im
Februar 1910, ſo veranſtaltet die Landwirtſchaftskammer
für das Großherzogtum Heſſen auch im Februar 1911 in
Darmſtadt eine Auktion von Pferden und Fohlen heſſiſcher
Landwirte. In erſter Linie werden nur Stammbuchpferde
oder deren Nachkommen zugelaſſen. Soweit durch ſolche
Tiere nicht die Zahl von 100 Anmeldungen erreicht wird,
können auch andere Pferde heſſiſcher Landwirte zugelaſſen
werden. Ueber die Annehme oder Ablehnung ſolcher
Pferde erhalten die Beſitzer nach dem Anmeldeſchlußtermin
(4. Februar) Nachricht. Die frachtfreie Rückbeförderung
etwaiger nicht verkaufter Tiere auf der Eiſenbahn wird
in Ausſicht geſtellt. Die Beſtimmungen für die Auktion,
ſowie die Anmeldeformulare ſind durch die Landwirt=
ſchaftskammer
in Darmſtadt erhältlich.

Handel und Verkehr.
* Petersburg, 15. Dez. Nowoje Wremja meldet:
Bei der Emiſſion der 4½prozentigen Anleihe vom
Jahre 1905 im Betrage von 231500000 Rubel wurde den
Obligationsinhabern das Recht gewährt, nicht ſpäter als
bis zum 31. Dezember 1910 den Wunſch zu erklären, den No=
minalbetrag
der ihnen sehörigen Obligationen zu erhal=
ten
. In der letzten Zeit ſtieg allmählich der Börſenpreis
der Anleihe und erreicht gegenwärtig in Petersburg
100½, in Berlin 100,50 Prozent. Unter ſolchen Umſtänden
iſt kaum zu erwarten, daß die Obligationsinhaber das
Recht der Einlöſung geltend machen werden. Gegen etwa
eingereichte und bar zur Einlöſung gelangte Obligationen
wird dem Vernehmen nach eine Kreditoperation nicht er=
folgen
.

Vermiſchtes.
* Die Straßenfernſprecher ſind in deut=
ſchen
Städten noch recht wenig zahlreich. In der nord=
amerikaniſchen
Stadt Detroit hat neuerdings die dortige
Home Telephone Company, der das Fernſprechnetz in
der Stadt gehört, 500 Straßenfernſprecher, die an
Straßenkreuzungen und öffentlichen Plätzen aufgeſtellt
ſind, ſo über die Stadt verteilt, daß kein Punkt in der
Stadt mehr als einige hundert Meter von dem nächſten
Fernſprechanſchluß entfernt iſt. Originell iſt die Art
und Weiſe, wie dieſe Einrichtung benutzt wird. Nach
der Verkehrstechniſchen Woche liefert die Telephongeſell=
ſchaft
jedem ihrer Abonnenten gegen einen Zuſchlag von
2 Mark monatlich leihweiſe einen kleinen Sprechappa=
rat
mit Hörer, der beſonders leicht und zierlich ge=
arbeitet
iſt und bequem in der Taſche getragen werden
kann. Dieſe Apparatur kann durch ein kurzes Stück
Leitungsſchnur und einen entſprechenden Stöpfel an
jeden Straßenfernſprecher angeſchloſſen werden. Jeder
Abonnent iſt alſo in der Lage, von jedem Punkte der
Stadt aus mit jedem anderen Teilnehmer der Geſell=
ſchaft
zu ſprechen, der Nichtabonnent kann aber aus der
Einrichtung der Straßenfernſprecher keinerlei Nutzen
ziehen; dieſe ſcheinen demnach mehr den Intereſſen der
Telephon=Geſellſchaft als denen der Allgemeinheit zu
dienen. Damit dieſe aber doch nicht ganz zu kurz kommt,
beabſichtigt die Stadtverwaltung von Detroit, die öffent=
lichen
Feuermelder ſo einzurichten, daß die Taſchenfern=
ſprecher
daran angeſchloſſen werden können.
* Vom Pfefferkuchen. Wir wiſſen aus Chro=
niken
, daß das Mittelalter längſt vom Pfefferkuchen
ſprach und Pfefferkuchen , ehe das Pfeffergewürz
bei uns heimiſch wurde. Aus eigenem Geſchmack aber
wiſſen wir auch, daß unſer heutiger Pfefferkuchen,
trotz der Vielartigkeit ſeines Geſchmacks, nicht nach
Pfeffer ſchmeckt. Auch unſeren Vorfahren brauchen
wir eine Liebhaberei für pfefferhaltige Winterkuchen
nicht zuzutrauen. Bleibt alſo nachzuſehen, ob nicht
das Pfeffern zu Stephani oder Dreikönigen mit der
Namengebung für unſer beliebtes Weihnachtsgebäck
zuſammenhängt. Und in der Tat: das Pfeffern an
jenen beiden Wintertagen war ein Brauch, der die
hohe erzieheriſche Wirkung einer gründlichen Tracht
Prügel praktiſch verherrlichte. Man überfiel ſeine
Buben und Mädchen, ſeine Geſchwiſter oder ſogar ſeine
Freunde bei Nacht und ließ eine Rute aus ſcharfem
Wacholderreis auf die ahnungslos Schlafenden kräftig
hinwegſtreichen. Die Dunkelheit aber, die den Uebel=
ſtäter
unerkannt entkommen ließ, ſchützte ihn vor der
Rache der Getroffenen. Am nächſten Morgen fand ſich
dann der Gepfefferte mit ſüßen Kuchen reich beſchenkt.
So kam der Pfefferkuchen zu ſeinem Namen. In man=
ſchen
deutſchen Familiengiſt es Brauch, die Pfeffer=,

Honig= oder Lebkuchen ſelbſt herzuſtellen. Das iſt
natürlich nur eine Bäckerei im kleinen. Welchen Um=
fang
aber die fabrikmäßige Herſtellung der Pfeffer=
kuchen
erreicht, erfahren wir aus einem Artikel über
die Lebkuchenfabrikation von F. M. Feldhaus in der
Welt der Frau (Gartenlaube). Wir erhalten einen
Begriff von der Bedeutung und Größe dieſer Indu=
ſtrie
und von dem gewaltigen Verbrauch ſolcher lecke=
ren
Erzeugniſſe, wenn wir leſen, daß eine einzige
Fabrik jährlich über 20000 Zentner Rohmaterial ver=
arbeitet
, oder daß in jeder Stunde etwa 22000 einzelne
kleine Pfefferkuchen hergeſtellt werden. Der mit einer
Reihe von Illuſtrationen verſehene Aufſatz, der gerade
jetzt vor Weihnachten von beſonderem Intereſſe iſt,
gibt ein anſchauliches Bild von der Lebkuchenfabrika=
tion
. Das vorliegende Heft der Gartenlaube bringt
auch den Anfang eines neuen prächtigen Romans:
Ein Augenblick im Paradies, von Ida Boy=Ed, eines
der beſten, die je in der Gartenlaube erſchienen ſind.

Literariſches.
Die Weihnachtsnummer der Moder=
nen
Kunſt, die alljährlich als vornehm ausgeſtattetes
Extraheft erſcheint und der hohen Aufgabe gerecht wird,
das Schönſte aller Feſte im Spiegel der Kunſt zu ver=
klären
, bietet diesmal, da der Jubiläumsjahrgang
dieſer illuſtrierten Zeitſchrift begonnen hat, einen unge=
wöhnlichen
Reichtum an literariſchen und bildneriſchen
Beiträgen. Mit geiſtvollen Handzeichnungen ſind die
beiden feſſelnden Aufſätze Weihnachten im Mittel=
alter
und Das Weihnachtskripperl geſchmückt. Weihe=
volle
Weihnachtsbräuche tauchen hier aus dem Dämmer
früherer Jahrhunderte wie aus einem kerzenſchim=
mernden
Kreuzgang und führen uns beim Klange der
Glocken in unſere Zeit, der die Weihnachtsfreude ſtets
neu erſteht. Die Stimmung der Liebe und Verſöhnung
klingt aus E. Krickebergs ergreifender Erzählung
Senator Habermann wider. Weihnachten auf der
Bühne ſchildert Eugen Zabel in friſcher Weiſe und
Ernſt Boerſchels anregende Plauderei berichtet von
dem ſchlichten Komponiſten des Weihnachtsliedes Stille
Nacht, heilige Nacht! Von außerordentlicher Viel=
ſeitigkeit
zeugt das Bildermaterial dieſes verſchwende=
riſch
ausgeſtatteten Heftes. So ſtrahlt die Weihnachts=
nummer
der Modernen Kunſt (Verlag von Rich.
Bong, Berlin W 57, Preis des Vierzehntagsheftes
60 Pfg.) Feſtesglanz und Feſtesfreude aus.
In der Franckhſchen Verlagshandlung (W. Keller
u. Co.), Stuttgart, erſchienen Naturwiſſenſchaft=
liche
Märchen von Ewald unter dem Titel
Mutter Natur erzählt Autoriſierte deutſche Geſamt=
ausgabe
von Hermann Kiy. 1. Band. 2. Auflage. (Preis
geb. 4,80 Mk.) Seit Anderſen haben wir keinen
Märchendichter gehabt, der es in ſo origineller und
poetiſcher Weiſe verſtanden hat, die naturwiſſenſchaft=
lichen
Erſcheinungen und Ergebniſſe in Märchenform
zu kleiden, wie der kürzlich verſtorbene däniſche Dichter
Ewald. Das Buch enthält 13 Erzählungen. Allmutter
Natur erzählt ſie uns durch den Mund eines Poeten,
in deſſen Schöpfungen ſich die ſchlichte Anmut und dich=
teriſche
Phantaſie Anderſens mit friſchem, launigem
Humor, genauer Naturkenntnis und modernem For=
ſchergeiſt
vermählen. Das ſchön ausgeſtattete Buch iſt
mit neun Tafeln und zahlreichen Abbildungen von
Willy Planck verſehen.
Erntetag, Gedichte von Erich Sello. (Vita,
Deutſches Verlagshaus, Berlin=Ch.) In modernem,
hübſchem Einbande liegt dieſer Band Gedichte vor
uns. Aber nicht das Aeußere des Buches iſt es, in
erſter Linie feſſelt der Inhalt. Wirklich feſſelt.
Was bei wenigen Gedichtbüchern der Fall ſein wird,
die ja noch immer zu Hunderten und Tauſenden in
deutſchen Landen alljährlich gedruckt werden, hier iſt
es der Fall. Das Buch feſſelt durch die Gewalt der
Leidenſchaft, die aus vielen dieſer Gedichte ſpricht, und
durch die Innigkeit des Empfindens, das viele an=
dere
offenbaren. Es gereicht den Gedichten nicht zum
Nachteil, daß oft auch ſtarke Sinnlichkeit die Feder
führte, nach dichteriſchem Ausdruck drängte. Es iſt
eine ſtarke Perſönlichkeit, die daraus ſpricht, und
ſtarke Charaktere werden immer zu feſſeln wiſſen.
Grammatik der Handleſekunſt von
Katharine St. Hill, überſetzt von Klara Muche, Wien.
(Verlag Wilhelm Möller, Oranienburg.) Wer es
liebt, einen Blick in die Zukunft oder in die verbor=
genen
Charakterzüge des eigenen Ichs und der guter
Freunde und Bekannten zu machen, dem wird das
Büchlein willkommen ſein, das an Hand zahlreicher
Bilder und Skizzen in die Kunſt einführt, aus den
Linien der Hand Charaktere zu deuten.
C Der Tribun‟ Drama in 5 Aufzügen von
Walter Loewig. (Verlag L. Heege in Schweidnitz.
Preis geh. 2,50 M.) Das großzügig angelegte Büh=
nenwerk
, reich an leidenſchaftlich bewegten Szenen,
ſchildert in erſchütternder Weiſe das Schickſal Rienzis,
des Volkstribunen. In bühnenwirkſam aufgebauten
Szenen zieht das wechſelvolle Schichſal Rienzis, ſeiner
Mitverſchworenen und ſeiner Feinde an uns vor=
über
, bis der gewaltige Geiſt dem Verrat und der
Falſchheit zum Opfer fällt. In markiger Sprache
von dramatiſchem Schwunge redet der Dichter, deſſen
Werk die Bühnenaufführung wohl zu wünſchen wäre.
C Im großen Hauptquartier 1870/71
von H. Salingré. (A. Hofmann u. Ko., Berlin SW
Zimmerſtraße 8. Preis geb. 3 Mk.) Die Erinnerung
an die große Zeit eines Volkes erliſcht nie, und daß
ſie nicht erblaſſe, dafür ſorgt die Literatur. In der
Gegenwart iſt die große Zeit Deutſchlands, die ein=
zig
daſteht in der Weltgeſchichte, beſonders lebendig
geworden und in Wort und Schrift hat man unſeres
Volkes Heldentaten neu erſtehen laſſen. Eines der
feſſelndſten Bücher dieſer Art iſt das vorliegende, zu
deſſen Erſcheinen die 40jährige Gedenkfeier des Tages
von Sedan Veranlaſſung gab. Es ſind Kriegsberichte
des verſtorbenen bekannten Berliner Poſſendichters
Hermann Salingré, der den Krieg bei der Feldpolizei
und als Berichterſtatter im großen Hauptquartier
mitgemacht, die die Tochter des Autors nun aufs
neue veröffentlicht. Für den Tag geſchrieben ſie
erſchienen als Feuilletons im Berliner Fremden=
blatt
, feſſeln die Berichte durch die Friſche der
Schilderung, durch den echten Berliner Humor, und
ſie geben auch einen bemerkenswerten Kommentar
für die Auffaſſung und den Geſchmack der Leſer jener
Zeit.
Weſentlich anderer Art, wenn auch gleichen Vor=
wurfs
, iſt das bei E. Appelhans u. Ko., G. m. b. H.,
Braunſchweig, Kalenwall 3, erſchienene Kriegstage=
buch
: Zwei Brüder in Frankreich von
Hans Leitzen. Preis broſch. 3 Mk., geb. 4 Mk. Wie
alle Schilderungen aus eigener Anſchauung, aus
Selbſterlebtem, feſſelt auch dieſes Kriegstagebuch
durch die Friſche und Schlichtheit der überaus wahr=
haftig
aumutenden Darſtellungen. Verſönlich Erleb=

tem ſind Betrachtungen und Erfahrungen über die
Armeen und Völker hinzugefügt, was den Wert des
Buches bedeutend erhöht. Sehr beachtenswert ſind
des Verfaſſers Auslaſſungen über die Zuſtände in
Deutſchland und im deutſchen Volke heute, nach 40
Jahren, die den Schluß des Buches bilden und in
denen beſondere Anerkennung und gerechte Würdig=
ung
dem deutſchen Offizierkorps zuteil wird. In
keiner vaterländiſchen Bibliothek ſollten dieſe Bücher
fehlen.

Die Einweihung des Wormſer Cornelianums.
* Worms, 15. Dez. Heute vormittag fand die feier=
liche
Einweihung des neuerbauten Rathauſes
mit anſchließendem Cornelianum eine Stiftung
des Frhrn. Cornelius v. Heyl und Gemahlin in
Anweſenheit des Großherzogs von Heſſen und
Gemahlin, des kommandierenden Generals des 18.
Armeekorps v. Eichhorn und der Spitzen der Zivil=
und Militärbehörden ſtatt. Im Saale des Cornelianum
hielt Oberbürgermeiſter Köhler eine Anſprache,
in der er den Dank der Bürgerſchaft für die hochherzige
Etiktung des Frhrn. v. Heyl und ſeiner Gemahlin aus=
ſprach
. Reichstagsabgeordneter Frhr. v. Heyl dankte
dann ſelbſt allen an dem Bau Beteiligten. Die Stadt=
verordnetenverſammlung
ſtiftete als Anerkennung für
das wirken des derzeitigen Oberbürgermeiſters eine
goldene Amtskette. An die Einweihung des Cornelia=
nums
ſchloß ſich ein Rundgang durch die Räume des
neuen Rathauſes. Hierauf fand ein Frühſtück ſtatt,
an dem das Großherzogspaar teilnahm. Gegen 1 Uhr
verließ das Großherzogspaar wieder die Stadt, um im
Automobil nach Darmſtadt zurückzukehren.
Das Cornelianum iſt auf der Stätte der alten
Münze entſtanden, in der früher die Reichstage ſtatt=
fanden
. Es enthält außer einem großen Feſtſaal für
wiſſenſchaftliche Kongreſſe, Volksvorleſungen und
andere Veranſtaltungen im Parterre ein Volksbad
ſowie das Standesamt.
In der Stiftungsurkunde heißt es u. a.: Hinſichtlich
der Verwendung des Gebäudes leitet uns der
Gedanke, für die Pflege der künſtleriſchen und wiſſen=
ſchaftlichen
Intereſſen, für die Hebung der Volks=
bildung
und des ſtädtiſchen Verkehrs, jedoch unter
Ausſchluß agitatoriſch=politiſcher Zwecke, einen Mittel=
punkt
und eine Heimſtätte zu ſchafffen und mittels der
darinnen ermöglichten Veranſtaltungen, Kongreſſe, Vor=
leſungen
, Konzerte, Verſammlungen und dergleichen mehr,
die kulturelle Fortentwncklung der Stadt zu fördern.
Dabei ſoll andererſeits die Vermietung der vorgeſehenen
Feſt=, Verſammlungs= und Ausſtellungsräume der Stadt
eine Einnahmequelle ſchaffen, und zwar in erſter Linie
für die Unterhaltung des Gebäudes ſelbſt. In dem Vor=
bau
, welcher hierfür von uns herzurichten iſt, ſollen die
Ziviltrauungen abgehalten werden. Der Feſtſaal iſt zu
künſtleriſchen und wiſſenſchaftlichen Veranſtaltungen nutz=
bar
zu machen. Konzerte, Kongreſſe, ſowie ſtädtiſche Feſte
ſind tunlichſt in dem Gebäude abzuhalten. Es ſind all=
jährlich
mindeſtens drei volksbildende Vorleſungen ſeitens
der Stadt den Einwohnern von Worms und den in
Worms beſchäftigten Arbeitern unentgeltlich zugänglich zu
machen.

Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Heilbronn, 15. Dez. In Hohenhaslach ſind nach dem
Genuß von Margarine vier Familien ſchwer er=
krankt
.
* Hamburg, 15. Dez. Nach einem bei der Reederei
Sloman eingegangenen Telegramm iſt kaum noch daran
zu zweifeln, daß bei dem Untergange des= gamp=
fers
Palermo die Paſſagiere und die Beſätzung,
die angeblich gerettet ſein ſollten, den Tod gefunden haben.
Der Dampfer hatte bei der Abfahrt von Corunna 5 Paſſa=
giere
und 19 Mann Beſatzung.
* Peſt, 15. Dez. In der Stationsgaſſe iſt ein Neu=
bau
eingeſtürzt. Fünf Arbeiter wurden getötet,
zwei verletzt.
* London, 15. Dez. Bis 1 Uhr 15 Min. heute mittag
waren gewählt: 232 Liberale, 254 Unioniſten, 63 Red=
mondiſten
, 8 OBrieniſten und 39 Mitglieder der Arbeiter=
partei
. Die Liberalen gewinnen 21, die Unioniſten 24, die
Arbeiterpartei 4 Mandate.
* London, 15. Dez. Im Armenhaus bei Sutton in
der Grafſchaft Surrey kam es geſtern abend zu ſchwe=
ren
Ausſchreitungen. Die Inſaſſen weigerten ſich.
Hafermehlbrei zu eſſen, und bewarfen die Beamten mit
Meſſern, Gabeln und Geſchirr. 350 Mann nahmen an der
Revolte teil. 40 Polizeibeamte, die zur Hilfe herbeigeholt
worden waren, wurden mit einem Hagel von Meſſern,
Gabeln und Tellern empfangen. Die Beamten waren ge=
zwungen
, ihre Knüttel zu gebrauchen. Nach der Verhaf=
tung
von 86 Ruheſtörern war die Ruhe wiederhergeſtellt.

Berlin, 15. Dez. Zu dem Morde an der
Witwe Hoffmann wird gemeldet, daß der Täter
wahrſcheinlich nach der Tat verſchiedene Käſten und
Schränke durchſuchte; er raubte jedoch nur aus einem
leinen Tiſchchen eine goldene Remontoiruhr mit
ſchwerer goldener Kette, ferner einen ziemlich wert=
vollen
Brillantring und aus zwei Portemonnais das
darin befindliche Bargeld; die eiſerne Kaſſette fand
r nicht. Die Meldung, daß das Scheckbuch fehlt, be=
tätigt
ſich nicht.
Wiesbaden, 15. Dez. In der Zementfabrit
Zollhaus entſtand infolge Selbſtentzündung
ſeuchter Säcke ein Brand. Das Gebäude und 50 000
Säcke ſind verbrannt; 80 Waggon Zement ſind durch
Waſſer unbrauchbar geworden.
H.B. London, 15. Dez. Der geſtrige Wahltag
brachte für Irland in mehreren Städten erhebliche Un=
uhen
. In Loniszbourgh wurden OBriens Anhänger
on Redmondiſten angegriffen. Dabei wurden einige
Schüſſe abgegeben und auch verſchiedene Perſonen verletzt.
Ferner wurde ein Mann namens Jenkins verhaftet unter
dem Verdachte, in letzter Zeit in ein Wahllokal eine
Bombe geſchleudert zu haben. In einer anderen Stadt
eröffneten 300 Schüler der Mittelſchule ein Bombardement
mit Steinen, Kartoffeln und Knüppeln gegen das liberale
Hauptquartier. Die Polizei ließ die Jugend gewähren.
Bisher verſchiebt ſich das Verhältnis der Parteien zuein=
nder
nicht. Die Liberalen verloren einen Sitz in Devon=
ſhire
an die Unioniſten. Zurzeit ſtehen 331 Miniſterielle
251 Antiminiſteriellen gegenüber.
Amtlicher Wetterbericht.
Ooſtentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.

Verlauf der Witterung ſeit geſtern früh: Die weſtliche
Zyklone hat wider Erwarten auf ihrer Südſeite über Eng=
land
bis Frankreich einen Teilwirbel entwickelt, der über
Nacht herangezogen iſt und in ganz Weſt= und Mittel=

[ ][  ][ ]

Nummer 295.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

Seite 7.

deutſchland Regen gebracht hat. Heute früh herrſchte in
unſeren Mittelgebirgen bei 1 Grad Kälte leichter Schnee=
fall
. In den Alpen ſchneite es bis zirka 1000 Meter See=
höhe
. Da das ruſſiſche Hoch immer noch fortbeſteht, wird
die weſtliche Zyklone in ihrem Vordringen gehindert, ſo
daß ſüdliche Luftſtrömung erhalten bleibt.
Ausſichten in Heſſen für Freitag, den 16. Dezember:
Wolkig, geringe Niederſchläge, mild, ſüdliche Luftſtrömung.
In heißem Bangen ſieht man ſie gehen,
die Kinder, wenn ſchneidende Kälte herrſcht, wenn
der Wind pfeift und der Schneeſturm durch die
Straßen heult. So ein Schulweg im Winter iſt
wirklich bedenklich, und wer ſeine Kinder geſund
erhalten will, der kleide ſie nicht nur warm der
gebe ihnen ſtets auch ein paar Fays ächte Sodener
Mineral=Paſtillen mit auf den Weg, die gegen
Erkältung ſchützen und vorhandene Erkältung ſchnell
und naturgemaß bekämpfen. Die Schachtel koſtet
nur 85 Pfg. und iſt in allen einſchlägigen Ge=
ſchäften
zu haben, weiſe aber Nachahmungen ent=
ſchieden
zurück.
(24291MI

Fertige
Herrnhemden
weiss u. farbig.
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Frackhemden

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29 obere Wilhelminenstrasse 29.

Täglich nachmittags

Kalfee Konzert

Hotel Hess‟.

(23646a

Horh DAkhbrAbTEReHof
GROSSEs
SPEISE-RESTAURANT

(16578a

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe inniger Teilnahme
bei dem uns betroffenen ſchweren Verluſte, ſagen
wir herzlichen Dank.
(24304
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Alexander Geppert.
Darmſtadt, den 15. Dezember 1910.
Darmſtraße 10.

Dankſagung.
Für die uns beim Heimgang unſerer lieben,
unvergeßlichen Mutter
(24295
Frau Auauste Wiener
geb. Traiser,
in ſo reichem Maße entgegengebrachten Beweiſe
herzlicher Teilnahme, ſagen wir innigen Dank.
Die trauernden Hinterbliebenen.
Darmſtadt, den 16. Dezember 1910.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe inniger Teilnahme
an unſerem ſchweren Verluſte, ſagen wir Allen,
insbeſondere Herrn Pfarrer Diehl unſeren tief=
gefühlten
Dank.
(24314
Familie Schwarz.
Darmſtadt, den 15. Dezember 1910.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme,
ſowie für die Blumenſpenden, ſagen wir allen
Verwandten und Bekannten, beſonders Herrn
PfarrerRückert für die tröſtenden Worte am Grabe
unſerer lieben Mutter, Schwiegermutter, Groß=
mutter
, Urgroßmutter, Schweſter, Schwägerin
und Tante
(B24313

I

geb. Hölzel,
auf dieſem Wege unſeren innigſten Dank.
Die trauernden Hinterbliebenen.
Darmſtadt, den 14. Dezember 1910.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe innigſter Teilnahme
bei dem Verluſte unſerer lieben Tochter, Schweſter,
Schwägerin, Tante und Braut
Fräulein Anna Kiefer
ſprechen wir Allen unſeren tiefgefühlten Dank aus,
insbefondere den Mitarbeiterinnen der Firma
H. Elbert und dem Hilfsarbeiter=Verband der
Buchdrucker für ihre Ehrung.
(24271
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Georg Kiefer und Familie,
Heinrich Kiefer und Familie,
Willy Kiefer und Familie,
Friedrich Koop und Frau,
geb. Kiefer,
Wilhelm Feſſel.

Gottesdienſt der katholiſchen Gemeinden.
St. Ludwigskirche. Samstag, 17. Dezember,
vormittags 9 Uhr, zur Feier des 15jährigen Stiftungs=
feſtes
der akademiſchen Studentenverbindung Naſſovia
(24312
levitiertes Hochamt mit Predigt.
Gotlesdienſt bei der israelitiſchen Religionsgemeinde.
Haupt=Synagoge (Friedrichſtraße 2).
Freitag, den 16. Dezember 1910.
Vorabendgottesdienſt 4 Uhr 30 Min.
Samstag, den 17. Dezember 1910.
Morgengottesdienſt 8 Uhr 30 Min. Predigt:
9 Uhr 20 Min. Sabbatausgang 5 Uhr 20 Min.

Gottesdienſt in der Synagoge der israelitiſchen Religions=
geſellſchaft
.
Samstag, den 17. Dezember.
Vorabend 4 Uhr Min. Morgens 8 Uhr Min.
Nachmittags 4 Uhr Min. Sabbatausgang 5 Uhr
15 Min.
Wochengottesdienſt von Sonntag, den 18. Dezember,
ab: Morgens 7 Uhr Min. Nachmittags 4 Uhr Min.

11

Bestellungen

auf das
Darmstädter Taablatt
mit illustriertem Unterhaltungsblatt
werden von allen Kaiserl. Postanstalten,
Briefträgern, von der Expedition (Rheinstr. 23)
den Zeitungsträgerinnen, sowie von den
Agenturen jederzeit entgegengenommen.

1

Tageskalender.
Großh. Hoftheater, Anfang 7 Uhr (Ab. B): Alt=
Heidelberg.
Vorſtell ung um 8¼ Uhr im Orpheum.
Struwwelpeter=Aufführung um 5½ Uhr im
Kaiſerſaal
Konzert um 3 und 8 Uhr im Hotel Heß.
Konzert um ½ 8 Uhr im Bürgerkeller.
Ausſtellung des Rothenburger Verbandes akadem.
Architektenvereine in der Aula der Techniſchen Hoch=
ſchule
(geöffnet von 94½ Uhr).
Vorſtellungen im Reſidenztheater von 411 Uhr.
1. Darmſtädter Kinematograph (Ecke Rhein= und
Grafenſtraße): Vorſtellungen von 3½11 Uhr.
Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil: J. Kroſt, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

Kurſe vom 15. Dezember 1910.
Mitgeteilt von Hermann Reichenbach.

Bf. Staatspapiere. Proz.
4 Dſche. Reichsſchatzanw. 100,00
3½ Deutſche Reichsanl. . 13,20
65,00
do.
4 Preuß. Schatzanweiſg. 9990
93,20
3½ do. Conſols .
84,90
B do. do.
4 Bad. Staatsanleihe . . 100,50
93,70
do.
3½
84,70
do.
3
4 Bayr. Eiſenbahnanl. . 101,20
92,00
do.
3½
83,10
do.
4 Hamburger Staatsanl. 101,00
4 Oeſſ. Staatsanleihe . . 101,00
do.
91,70
3½
81,50
do.
Sächſiſche Rente . . . 83,80
Württembergerv. 1907 102,00
94,00
do.
Bulgaren=Tabak=Anl. 101,00
* Griechen v. 1887 . . 50,50
¼ Italiener Rente . . .
½ Oeſterr. Silberrente 98,10
do. Goldrente . . 99,00
do. einheitl. Rente 93,90
Portug. unif. Serie I 64,80
do. unif. Ser. III 66,60
do. Spezial.
Rumänier v. 1903 . . 102,00
do. v. 1890 . . 95,40
v. v. 1905 . . 90,60
v. 1880 . 92,90

InProt=
3l.
4 Ruſſen v. 1902 . 7 93,40
½ do. v. 1905 . . . . 100,60
3½ Schweden . . . . . . . 92,00
4 Serbier amort. v. 1895 83,70
4 Türk. Admin. v. 1903 86,00
do. unifiz. v. 1903 93,50
4 Ungar. Goldrente . . 93,80
do. Staatsrente . 91,90
5 Argentinier . . . . . . 101,00
90,20
do.
4½ Chile Gold=Anleihe . 93,80
5 Chineſ. Staatsanleihe 102,10
98,90
do.
4½
4½ Japaner . . . . . . . 97,80
5 Innere Mexikaner . . 98,70
67,90
do.
3
4 Gold=Mexikan. v. 1904 92,75
5 Gold=Mexikaner . . . 100,00
Aktien inländiſcher
Trausvortanſtalten.
4 Hamb.=Amerika= Paket=
fahrt
. . . . . . . . 142,90
4 Nordd. Lloyd . . . . 106,10
4 Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 121,50
Aktien ausländiſcher
Transportanſtalten.
4 Anatol. Eiſenb. 60%
Einz. Mk. 408
1 Baltimore & Ohio . . 107,50
4 Gotthardbahn . . . .

In Prot.
4 Oeſt.=Ungar. Staatsb. 160,25
4 Oeſt. Südbhn. (Lomb.) 22½)
4 Pennſylvania R. R. 128,00
Induſtrie=Aktien.
Mainzer Aktienbrauerei . 206,50
72,00
Werger=Brauerei
Bad. Anil.= u. Sodafabrik 508,75
Fabrik Griesheim . . . . 272,20
Farbwerk Höchſt . . . . . 540,00
Verein chem. Fabriken
Mannheim . .
. 341,40
Lahmeyer . . . . . . . . . 118,00
Schuckert .
. . 156,90
Siemens & Halske . . . 244,75
Adlerfahrradwerke Kleyer 429,25
Bochumer Bb. u. Guß . . 224,00
Gelſenkirchen . . . . . . . 213,00
Harpener . . . . . . . . . 185,50
Phönix, Bergb. u. Hütten=
betrieb
.
. . . 243,50
Prioritäts=
Obligationen.
3½ Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 89,20
Pfälzer Prt.
. 100,50
do.
92,00
3½
4 Eliſabeth., ſteuerpfl. . 99,50
do. ſteuerfrei . 98,10
5 Oeſterr. Staatsbahn.
do.
97,80
do.
alte . 81,20
5 Oeſterr. Südbahn . . 99,20
do.
do.
2¾1
56,70
3 Raab=Oedenburger . . 76,50
4 Ruſſ. Südweſt..
4 Kronpr. Rudolfbahn

St.
24/0 Livorneſer . . . . . . 75,00
77,50
4 Miſſouri=Pacific
4 Bagdadbahn Mk. 408 86,25
5 Anatoliſche Eiſenb. . . 99,00
5 Tehuantepec
. . 101,00
Bank=Aktien.
4 Berliner Handelsgeſ. 170,70
4 Darmſtädter Bank . 130,90
260,00
4 Deutſche Bank
4 Deutſche Vereinsbank 127,00
4 Diskonto=Geſellſchaft . 193,80
4 Dresdner Bank. 163,00
4 Mitteldeut. Kreditbk. 121,20
4 Nanonalbk. f. Deutſchl. 130,70
105,00
4 Pfälzer Bank
143,30
4 Reichsbank
4 Rhein. Kredit=Bank . 138,75
4 Wiener Bank=Verein 139,80
Pfandbriefe.
4 Frankft. Hypoth.=Banl
S. 16 und 17 99,80
91,40
½ do. S. 19.
4 Frkj. Hyp.=Kreditverein
S. 1519, 2126 99,20
4 Hamb.=Hypoth.=Banl 99,00
do.
90,50
3½
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bk. 100,70
do.
3½,
91,70
4 Meining. Hyp.=Bank 99,00
do.
90,80
4 Rhein. Hypoth.=Bank
(unk. 1917) 99,60
do. (unk. 1914) 90,30
ädd. Bd.=Kr.=Bk.=Pf. 100,20
3½

91,80

In Proz.
Städte=
Obligationen
4 Darmſtadt . . .. .
91,30
3½ do.
4 Frankfurt
.100,80

do.
4 Gießen
3½ do.
4 Heidelberg
3½ do.
4 Karlsruhe
3½ do.
4 Magdeburg
3½ do.
4 Mamz
3½ do.
4 Mannheim
3½ do.
4 München .
3½ Nauheim
4 Nürnberg.
3½ do.
4 Offenbach.
3½ do.
4 Wiesbaden . . . . .
3½ do.
4 Worms . . . . . . .
3½ do.
4 Liſſaboner v. 1886.

95,50
100,00
91,60
100,00
91,00
100,00
91,40

§ 100,20
91,30
100,00
91,80
*100,00
907,80
100,00
91,70
99,80

100,40

81,00

Verzinsliche
Anlehensloſe.
4 Badiſche Tlr. 100
3½ Cöln=Mindner 100 134,60
5. Donau=Reg. fl. 100
3 Holl, Komm. 100 105,10

Sf.
3 Madrider Fs. 100
4 Meining. Pr.= Pfand=
briefe
.
. 137,00
4 Oeſterr. 1860er Loje 176,80
3 Oldenburger
125,00
½ Raab=Grazer fl. 150 115,70
Unverzinsliche
Anlehensloſe.

Augsburger
fl. 7
Braunſchweiger Tlr. 20
Freiburger
Fs. 15
Mailändes
Fs. 45
do.
Fs. 10
Meininges
fl. 7
Oeſterreicher v. 1864 100
do. r. 1858 100
Ungar. Staats 100 393,00
Venediger
Frs. 30
Türkiſche
400
Gold, Silber und
Banknoten.
Engl. Sovereigns . . . .
20 Franks=Stücke . . .
Oeſterr. 20=Kronen . . . .
Amerikaniſche Noten . . .
Engliſche Noten . . . . 5
Franzöſiſche Noten . . .
Holländiſche Noten
Italieniſche Notepiſchh.
Oeſterr.=Ungariſche. Noten
Ruſſiſche Noten . . . . . .
Schweizer Noten . . . . .

37,57
56,00

37,00
556,00
457,00
44,50
180,20

20,41
16,15
16,90
4,19%
20,41
81,00
69,20
80,80
85,00
80,80

Reichsbank=Diskonto . .
Reichshank=Lambard Zäf. 6%.

[ ][  ][ ]

Seite 8.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

Nummer 295.

Grosse Preisermässigung

auf

Damen-Konfektion und Putz

Paletots
engl. Art und blau, moderne lange Fassons
105
71
1450
4. Jackenkleider
in Kammgarn, Cheviot und engl. Stoffen
3500 290
4800
1750 Woll-Blusen
aus schönen karierten Stoffen, gestreift oder
einfarbig Popeline
550
50
C Kostümröcke
aus vorzüglichen Stoffen, in blau, schwarz,
weiss, engl. gemusterten Stoffen, sowie blaugrün
1075
165
12-
5 Kinder-Jacketts
in blau und englisch gemusterten Stoffen
225
475
3
950 675 Wollene Kinderkleider
schöne Macharten, aus soliden Stoffen,
ganz gefüttert
550
975
2
350
(50 53 Weisse Tüll- und Batistkleider, weisse Tüllblusen, weisse und farbige Golf-
jacketts
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95
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Roman von K. v. d. Eider.
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35
Mieken erhob ſich. Ich muß gehen, ſagte ſie mit un=
bewußtem
Seufzer. Sie ſah vor ſich nieder auf ihr
Füßchen, mit deſſen Spitze ſie den weißen Stubenſand
ſcherrte. Andrees legte ſein Meſſer beiſeite und ſah ſie
rnſthaft an; aber ſein Herz lachte, als er ſie betrachtete.
Sie hatte kirſchrote Backen, ihr aſchblondes Haar lag in
einem Scheitel über der weißen Stirn und endigte unten
n einem Knoten. Das gab ihrem Geſicht einen madonnen=
haften
Ausdruck.
Du biſt ja ſo ſanftmütig heute, ſagte er heiter.
Das kommt, weil mir heute einer über den Weg ge=
laufen
iſt, der war Dir an Frechheit noch über, entgegnete
ie prompt. Dann nahm ſie ihren Korb zur Hand. Antje
kam wieder herein. Es wird ſchon ganz dunkel draußen,
ſagte ſie, ich denke, Du bringſt Mieken noch ein Stück auf
den Weg.
Wenn ſie mich mithaben will
Der Weg iſt breit genug, und jeder hat das Recht, ihn
zu gehen, antwortete Mieken.
Andrees überhörte die letzten Worte, weil er ſeine
Mütze ſuchte, die vom Schrank heruntergeglitten war. Sie
war ſchon draußen, als er ſie endlich fand und abklopfte.
Er mäzte ordentlich laufen, um ſie einzuholen. Du biſt

inh er e ete e e ee
Nein, Du biſt ſchon müde genug.
Gib den Korb her!
Nein, ich gebe Dir keinen Korb.
Nicht, na, dann gib mir einen Kuß.
Du biſt unverſchämt, ſagte Mieken, aber ihre Augen
lachten; ſie blieb unwillkürlich ſtehen.
Sie waren vor dem Dorf angelangt. In das Halb=
dunkel
warfen die Wegbäume ihre ſchwarzen Schatten.
Andrees und Mieken ſtanden ganz im Dunkel. Er faßte
ſie um den Hals und küßte ſie, ehe ſie ſich recht beſinnen
konnte.
Iſt Jan Bruhn jetzt noch unverſchämter als ich?
Nein, Du biſt der aller aller
Beſte! ergänzte er.
Ganz nahe gingen ſie jetzt nebeneinander, langſam,
ſchweigſam, als ob ſie nach Worten ſuchten.
Es iſt unrecht, daß du davongehſt, ſagte Mieken in
gänzlich verändertem Ton.
Er ſeufzte. Ich will Geld verdienen. Denkſt Du, ich
will ewig Knecht bleiben oder nachher Arbeitsmann oder
Aufſichtsmann werden? Nein, ich will mir wenigſtens
ſoviel überſparen, daß ich ſpäter eine kleine Landſtelle
heuern kann.
Und ich? fragte Mieken, die nach dem Kuß ſehr ſchüch=
tern
geworden war.
Spare Du Dir man eine hübſche Ausſteuer zuſammen,
vor allem brav Leinewand und Wolle. Aber willſt Du

auch auf mich warten? Es kann manches Jahr vergehen,
bis ich ſoweit bin.
Und wenn es hundert Jahre dauerte, beteuerte ſie.
Na, darauf bekommſt Du noch einen Kuß. Daß Du
aber auch mit keinem andern zum Tanz gehſt!
Und Du kein anderes Mädchen anſiehſt!
Abgemacht! Gute Nacht, kleine Kratzbürſte!
Gute Nacht, Grobſchmied!
Seligkeit im Herzen, mit lachendem Mund und feuch=
ten
Augen ſchieden ſie.
Antje Möller nähte inzwiſchen eifrig weiter. Galt
es doch, ihren Sohn neu auszuſtaffieren für die neue
Stellung. In Gedanken wob ſie nebenbei für ihren
Andrees das Hochzeitsgewand.
Endlich wurden die Gedanken mächtiger als die
Arbeitskraft. Sie ließ die Hände ſinken und ſah träume=
riſch
in die Lampe. Von da ſchweifte ihr Blick zu dem
Wandſegen empor. Glaube, Liebe, Hoffnung! Sie
baute noch immer auf dieſe drei, aber nur für ihren
Sohn. Für ſich ſelbſt verlangte ſie nichts mehr vom
Leben. Sie hatte heute, als ſie ihr Haar vor dem
Spiegel aufſteckte, in ihrem Antlitz die erſten feinen
Linien entdeckt, die die Zeit mit ihren Sorgen und
Schmerzen zeichnet, jene Linien, die unverwiſchbar ſind.
Sie hatte auch in ihrem goldig ſchimmernden Haar ein
ſilberweißes entdeckt, da hatte ſie ſtill das letzte törichte
Sehnen begraben.
Ihre Lebensarbeit, ihr Wünſchen und Träumen
galt von nun an ihrem Sohne. Mochte er zu ſeinem

[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

Nummer 295.

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Vater gehen und auch hier ſeinen Teil Liebe empfangen,
den dieſer für ihn aufgehoben hatte. Sie aber wollte
ferne ſtehen, ganz ferne und wollte ſich freuen, wenn ihr
Andrees glücklich wurde.
Unwillkürlich faltete ſie ihre Hände zum Gebet. Sie
lagen ganz ſtill auf dem groben Hemd, die kleinen,
weißen Frauenhände, unter deren feiner Haut das Ader=
gezweige
bläulich durchſchimmerte.
Andrees trat ein. Andrees mit ſtrahlenden, blauen
Augen, friſch und geräuſchvoll. Sein Kommen riß das
Mütterchen flink empor. Mit einem Blick ihrer klugen
Augen ſah ſie, daß ihr Gebet bereits zur Hälfte erfüllt
war; er hatte ein Herz gefunden, das zu ihm hielt, das
ihn einſtmals glücklich machen würde.
Eine Viertelſtunde ſpäter kam auch Dreesohm mit
ſchlürfenden Schritten über die Diele. Er kam noch
immer allabendlich mit Krüſchan Nahwer zuſammen.
Dreesohm war noch krummer als früher, aber den
Kopf trug er ſteiler als je, und mit ſeinem Wahlſpruch:
Gerade auf wie ich, richtete er noch manchen, von
Kleinmut und Kummer gebeugten Nacken auf.
Während er ſich die Nachtpfeife ſtopfte, die er abends
mit ins Bett zu nehmen pflegte, berichtete Andrees zum
zweiten Male und ausführlicher ſeine Erlebniſſe.
Schon wieder eine Stufe höher, philoſophierte der
Alte, Junge, Junge, verſteig' Dich nicht zu hoch!
Andrees lachte. Hab' keine Angſt, Ohm; die Haupt=
ſache
iſt, daß die Leiter ſicher iſt!
Ja, das iſt die Hauptſache, wiederholte Antje
träumeriſch. Sie gedachte eines goldigen Maitages, den
ſie niemals in ihrem Leben vergeſſen würde.
Andrees trat feine neue Stelle pünktlich am 1. Mai

an. Die erſte, die ihm auf der Werfte entgegenkam, war
Wiebke in Hut und Mantel.
Daß ihm als erſte ein junges Mädchen begegnete,
erſchien ihm als ein gutes Omen. Selbſt ihr kalter,
ſtolzer Blick vermochte hieran nichts zu ändern. Er
ſah ſie ebenſo hochfahrend an, und als ihre Blicke ſich
kreuzten, als ſie ſo ſicher und ſelbſtbewußt an einander
vorbeigingen, ſahen ſie aus wie zwei Stämme aus
gleichem Holz. Wenn auch ihr Ausſehen ein ganz ver=
ſchiedenes
war, wenn auch die eine als Herrentochter
fortging und der andere als Knecht hereintrat, ſo ſpürte
doch eines des anderen gleichartigen, feſten, ſtolzen
Sinn.
Auf dem Hofplatz traf er den Großknecht, einen
hübſchen Menſchen mit keckem dunklen Schnurrbart und
kunſtvoll gepflegter Tolle:
Na, komm man rein, ſagte Hinnerk Goſch, auch der
ſchmucke Hinnerk genannt, gönnerhaft. Die Leuteſtube,
wo unſere Betten ſtehen, iſt gleich hier vornean. Die
Wände habe ich heute morgen friſch gekalkt; auch haben
wir friſche Spreitdecken gekriegt. Ja, ja, als ich kam,
iſt keine Wand geweißt worden.
Da wird ſie es wohl auch nötig gehabt haben, meinte
Andrees.
Ja, das hatte ſie. Nun ſieht es hier wenigſtens
menſchlich aus. Es war die höchſte Zeit, daß der Bauer
ſich mal darum kümmerte.
Andrees ſah ſich in der geräumigen Kammer um,
die ihm recht gut gefiel mit ihren bläulich=weißen
Wänden, den Bettſtellen an der Wand, der Ofenbank
und dem Eßtiſch, um den ſich die Stühle gruppierten.
Mach’s Dir man bequem, ſagte Hinnerk, und wenn Du
dem Bauer guten Tag ſagen willſt, er wird wohl im
Stall ſein, bei den Pferden.
Andrees ging in den Stall und machte ſein Honneur

vor dem Bauer, wie er es vom Militär her gewohnt
war.
Mutter läßt grüßen, ſagte er auf Rolfs fragenden
Blick, und zu gleicher Zeit fiel ihm ein, daß ihm gar
kein Gruß aufgetragen ſei.
In Rolf Anderſens Augen leuchtete es freudig auf.
Still aber freundlich begrüßte er den jungen Knecht, faſt
zu leiſe, faſt zu freundlich. Er gewann Andrees Herz in
dieſer erſten Minute vollends.
Zur Abendkoſt gab es Buchweizengrütze.
Die iſt mit Milch gekocht, ſagte die Lena, die Außen=
deern
, als ſie die Schüſſel auftrug. Unf Herr guckke
heute abend in die Küche hinein und ſagte, das ſolle auf=
hören
mit der Waſſergrütze, das wäre Schweinefutter.
Na, es ſchmeckte ja auch als Knüppel auf dem Kopf.
Aber Ihr hättet mal ſehen ſollen, was die Altſche da für
eine Fliepe zog. Da konnte ein Schock Hühner drauf
ſitzen. Lena wollte es der Frau nachmachen, ſie zog ein
ſaures Geſicht und ſchob die Unterlippe vor.
Alles lachte. Lieschen, die Binnendeern, verſchluckte
ſich dabei und bekam etwas in die Luftröhre, oder, wie
die Leute ſagten, ins Dithmarſcher Halsloch. Sie
hüſtelte und ſchnaufte, und Hinnerk mußte ſie erſt in
den Rücken klopfen, was er ſo nachdrücklich tat, daß ſie
laut ſchreiend aufſprang.
Mit einem Schlage hatte die Luſtigkeit ein Ende.
In der Tür der Leuteſtube ſtand Wiebke mit ihrem
frühernſten, ſtolzen Kindergeſicht.
Hinrich, Sie fahren mich morgen zur Bahn nach
Huſum; ich muß um halb elf Uhr dort ſein.
Hinnerk biß erſt einen ordentlichen Happen
Schwarzbrot ab, ehe er antwortete. Kann morgen nicht,
ſagte er kurz, muß raus zum Pflügen. Andrees weiß
noch keinen Beſcheid.
(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Nummer 295.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezmbere 1910,

Amtliche Nachrichten des Großherzoglichen Polizeiamts Darmſtadt.
Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde.
In polizeilicher Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 1 Pinſcher, 1 Foxterrier, 1 Dachshund, 1 Voxer.
Die Hunde können von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt
werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werk=
tag
, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.
Bekanntmachung.
Der Voranſchlag der Gemeinde Griesheim pro 1911 liegt vom 17. Dezember bis
einſchließlich 24. Dezember I. Js. während der Geſchäftsſtunden im Geſchäftslokal der
unterzeichneten Stelle zur Einſicht der Beteiligten und Entgegennahme etwaiger Ein=
wendungen
offen.
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Griesheim, am 15. Dezember 1910.
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Seite 11.

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und in der Allee ſoll verdungen werden.
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liegen bei dem Tiefbauamte, Zimmer Nr. 7,
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offen. Auch werden dort die Angebotſcheine
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Donnerstag, den 22. Dezember I. Js.,
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Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

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Seite 14.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

Nummer 295.

Erziehung zur Perſönlichkeit.
Einem bemerkenswerten Artikel von Dir. Dr.
Papſt=Leipzig in dem Dezemberheft der Innen=
Dekoration (Herausgeber Hofrat Alexander Koch= Darm=
ſtadt
) entnehmen wir folgende Ausführungen:
Je vollkommener die Maſchine wird, um ſo mehr
ſtellt ſie ſich unter die Herrſchaft des menſchlichen Ver=
ſtandes
und um ſo höhere Anforderungen erhebt ſie an
die Geſchicklichkeit und Geiſtesgegenwart des Mannes,
der ſie regieren ſoll. Demnach iſt es einleuchtend, daß
gerade das Maſchinenzeitalter eine höhere Ausbildung
der Perſönlichkeit fordert, eine Ausbildung freilich, die
ſich nicht auf ein Organ des Menſchen beſchränken kann,
ſondern vielmehr die ganze Perſönlichkeit, Körper und
Geiſt, Hand, Auge und Gehirn berückſichtigen muß.
Dies führt uns auf die Frage, wie der Menſch für
das techniſche Zeitalter erzogen werden müſſe, damit er
ſich als Perſönlichkeit, auch der Maſchine gegenüber, be=
haupten
könne, mit anderen Worten: Wie er ausgebil=
det
werden müſſe, damit er allen Aufgaben gewachſen
ſei, die die fortſchreitende Kultur an ihn ſtellt?
Die Urgeſchichte lehrt uns, daß die Hand zugleich
das Werkzeug der Werkzeuge iſt, das Vorbild für alle
künſtlich geſchaffenen Werkzeuge und das unentbehr=
lichſte
Hilfsmittel für die Herſtellung von Werkzeugen,
vom primitiven Steinbeil bis zum feinſten Werkzeug,
deſſen der Mechaniker, der Operateur oder der Natur=
fforſcher
in unſerer Zeit bedarf. Sie alle ſind Hand=
werker
im erweiterten Sinne des Wortes, aber die
ldenkbar feinſte Leiſtung der Hand verbindet ſich bei
ihnen mit einer Höchſtleiſtung des Gehirns, die beide
voneinander unzertrennlich ſind. Es gehört ferner zum
Weſen der künſtleriſchen Arbeit, daß ſie unmittel=
bar
durch die Hand geleiſtet wird, und wir ſchätzen eine
ſolche Arbeit um ſo höher, je unabhängiger von der
Maſchine ſie entſtanden iſt. Ohne eine Ausbildung
der Perſönlichkeit, die auf einer Entwicklung ihrer An=
lagen
und Kräfte beruht, wird demnach auch eine künſt=
leriſche
Kultur nicht möglich ſein. Der Fortſchritt der
Kultur iſt an die Entwicklung kraftvoller Per=
ſönlichkeiten
geknüpft und nur an den führenden
Geiſtern kann der Fortſchritt der Menſchheit als Ganzes
gemeſſen werden. Dadurch aber wird die Bedeutung
der ſozialen Beſtrebungen, die menſchliche Geſellſchaft in
allen ihren Schichten vorwärts zu entwickeln, nicht ver=
ringert
. Denn dieſe Beſtrebungen dienen vor allem
dazu, in der Menge Keime der Begabung zu entdecken
jund zu entwickeln, die ſonſt verkümmern würden. Je
mehr es gelingt, auch den breiteren und unteren
Schichten eines Volkes Kunſt und höhere Lebenskultur
zugängig zu machen, um ſo mehr können wir die Hoff=
nung
haben, daß kein Talent verloren geht und daß
ſomit die wirtſchaftlichen Werte, die in unſerer Volks=
kraft
liegen, zur Wirkung kommen. Die Herausbildung
ſolcher Perſönlichkeiten iſt freilich um ſo ſchwieriger,
als unſere Erziehung ſelbſt in der Organiſation, die ſie
im öffentlichen Schulweſen gefunden hat, den Charakter
des Großbetriebes trägt und auf Maſſenproduktion
hinausläuft. Wenn man allen mit der Kulturentwick=
lung
und der Erziehung zur Perſönlichkeit zu=
ſammenhängenden
Fragen bis auf den letzten Grund
nachgeht, ſo werden ſie ſchließlich immer auf die eine
Frage hinauslaufen: Wie iſt es zu erreichen,
daß im Zeitalter der Maſchine das Ich des
einzelnen Menſchen ſich behaupten kann?
Die Antwort kann nur lauten: Wir müſſen es aufſuchen
und wecken im Kleinſten, in jedem Kinde, in dem wir
eine Perſönlichkeit erblicken müſſen und aus dem wir
ebenſo wenig eine andere Perſönlichkeit machen können,
wie der Gärtner aus einem Fichtenſtämmchen einen
Eichbaum erziehen kann.

Vermiſchtes.
C. K. Vom Fell zum Pelzwerk. Es iſt ein langer
Weg, den ein Tierfell in mannigfachen Stationen und
Prozeduren durchmacht, bevor es als herrliches Pelz=
werk
den ſchönſten Winterſchmuck der Damenwelt
bildet. Ueber dieſe Zubereitung, der die Pelze unter=
worfen
werden müſſen, macht Dr. E. Bade ausführ=
liche
Mitteilungen in einem Aufſatz von Ueber Land
und Meer. Die Prozeduren ſolcher Pelzbehandlung
ſind ſchon ſeit Jahrhunderten faſt ganz dieſelben und
ändern ſich in den verſchiedenen Ländern nur ganz
unweſentlich. Hat man das Fell vorſichtig abgezogen,
dann wird es zunächſt einmal mit Meſſern von den
hauptſächlichſten Fett= und Fleiſchteilen gereinigt und
an einem luftigen, kühlen Platz im Freien getrocknet.
Danach kommen die Felle in den ſogenannten Pökel=
prozeß
; ſie werden auf der Fleiſchſeite reichlich mit
Salz beſtreut, gegeneinander gelegt und zwei bis drei
Wochen in dieſem Zuſtande gelaſſen. Dann ſind ſie
zum Verſand fertig und wandern auf den Auktions=
platz
, wo ſie von geübten Händen geglättet werden,
bevor die Verſteigerung vor ſich geht. Die Händler
prüfen die Felle vorſichtig auf ihren Wert hin, heben
ſie auf mit dem Kopfe nach unten, ſodaß die ganze
Tiefe des Haares zu ſehen iſt, blaſen leiſe darüber
hin, um ſich von der Güte des Pelzes zu überzeugen.
Nach der Auktion gelangen die Felle in eine Pelz=
bearbeitungsfabrik
, wo ſie einer ganzen Reihe von
Läuterungs= und Verſchönerungsprozeſſen unterwor=
fen
werden Zunächſt wird das Fell geſchmeidig ge=
macht
, indem es in Waſſerbad oder in feuchten Säge=
ſpänen
aufgeweicht wird. Hierauf wird es in einer
Zentrifuge getrocknet und von den noch am Leder haf=
tenden
Fett= und Fleiſchteilen befreit. Ein Arbeiter
breitet das Fell über ein bockartiges Geſtell und
ſchabt mit einem ſcharfen, langen, zweigriffigen Meſſer
alle Fleiſchteile von der inneren Haut ab. Nun geyt
eine nochmalige Pökelung der Felle vor ſich. Sie
werden mit einem chemiſchen Stoff auf der Lederſeite
beſtrichen, von neuem getrocknet und dann durch
Stampfen in einer Maſchine geledert. Bei beſonders
wertvollen Fellen zieht man der maſchinellen Bear=
beitung
das Treten mit bloßen Füßen vor. Die Felle
werden in große Fäſſer gelegt und ſo lange von einem
Arbeiter getreten und geſtampft, bis die Poren der
halbtrockenen Haut auseinander getrieben ſind und
die Haut zu weichem Leder wird. Die ſo bearbeiteten
Felle werden nun in einer großen, rotierenden
Trommel, die mit Sägemehl gefüllt iſt, von dem den
Haaren anhaftenden Fett gereinigt. Nach der Ent=
fettung
werden ſie von der Hautſeite angefeuchtet und
bedürfen noch einer ſauberen Bearbeitung an der
Fleiſchbank. Die Hautſeite des Felles wird mit einem
großen, ſcharfen Meſſer völlig ſauber geſchabt. Nach
der gründlichen Reinigung der Hautſeite folgt die
Säuberung des Felles von loſen Haaren. Dieſe Ar=
beit
übernehmen die Auskämmer, die auch die ver=
filzten
und verklebten Haare löſen. Nicht ſelten gehen
die Felle dann noch einmal durch die rotierende
Trommel, werden ausgeklopft und erhalten noch eine
letzte, endgültige Reinigung. Dann paſſieren ſie die
Hände des Nähers, der in den Fellen befindliche
Löcher ſauber vernäht. Nun ſind die Pelze fertig,
werden ausſortiert verpackt und vom Kürſchner zu
prächtigen Muffen oder Kolliers verarbeitet. Nicht
nur die Felle der koſtbarſten Pelztiere werden dieſen
Prozeduren unterworfen, ſondern hauptſächlich läßt
man dieſe Behandlung auch Kaninchenfellen ange=
deihen
, die zum großen Teil die Imitationen wert=
vollerer
Felle liefern. Das geſuchteſte Kaninchenfell
iſt der Pelz des Silberkaninchens, das nicht, wie die
anderen Kaninchenfelle, geſchoren und gefärbt zu wer=

den braucht. Die Zucht dieſes Tieres, einer Raſſe des
Hauskaninchens, iſt von bedeutendem wirtſchaftlichen
Wert und in jedem Pelzgeſchäft ſind Silberkaninchen=
felle
und die daraus gefertigten Gegenſtände zu ſehen.
Nur ein gewiegter Kenner wird dieſe Pelze von den
Bälgen der ſo teuren arktiſchen Pelztiere unter=
ſcheiden
können.
* Wie man in Amerika die Dienſtmädchenfrage
umgeht, ſchildert das neueſte Heft des Buchs für
Alle in recht intereſſanter Weiſe. In Amerika wird
die Dienſtmädchenfrage immer brennender, und da die
Wohnungsverhältniſſe es oft unmöglich machen, eine
nicht zur Familie gehörende Perſon zu beherbergen,
ſo hat man ſich nach einer anderen Löſung der Frage
umgeſehen. Und es ſcheint faſt, als ſei das Problem
wenigſtens dort gelöſt, wo die praktiſche Einrichtung
der Lady visiting housekeeper beſteht. In den gro=
ßen
Städten findet man eine ganze Reihe von ver=
heirateten
Damen, deren Arbeitsfeld außerhalb des
Hauſes liegt. Wenn ſie dadurch nicht imſtande ſind,
die häusliche Arbeit zu verrichten, ihr Haus aber doch
gern ſo in Ordnung halten möchten, daß es ein wirk=
liches
Heim iſt, ſo wenden ſie ſich an eine Lady
visiting housekeeper‟. Dieſe Dame erſcheint von einer
Reinemachefrau begleitet, die alle grobe Arbeit aus=
führt
, während ſie ſelbſt das Ganze beaufſichtigt, Staub
wiſcht, ſtopft und flickt, ſowie die erforderlichen Ein=
käufe
und die Zubereitung der Speiſen beſorgt. Die
Lady visiting housekeeper und ihre Reinemachefrau
ſind gewöhnlich ſo gut zuſammen eingearbeitet, daß ſie
im Laufe des Tages mehrere Haushaltungen in Ord=
nung
halten können. Kommt die Hausfrau nach be=
endigter
Tätigkeit heim, ſo findet ſie ſiherlich alles
beſſer vor, als wenn ſie ihren Haushalt inzwiſchen
einem Dienſtmädchen überlaſſen hätte. Der Haushalt
wird auf dieſe Weiſe für die einzelne Haushaltung
nicht ſonderlich teuer, während die Haushälterin im
Umherziehen eine hübſche Einnahme erzielt.
C.K. Die Narrenſtadt in China. Es gibt in
Nanking ein beſonderes Stadtviertel, dumpf, trübe
und ſchweigend; das iſt die Stadt der Narren. Im
Mittelpunkt befindet ſich die Pagode Kuan=Yin, in der
zerlumpte Wahnſinnige vereinigt ſind, die um einen
mitleidigen Bonzen herumhocken, der für ſie ſorgt.
Dicht aneinander gedrängt, ſtarren ſie in einem Ge=
miſch
von Verehrung und Furcht auf die Statue des
Kuan=Yin, die ſich mit ihren 16 Armen unheimlich
und groß aus dem Hintergrund der Pagode aufreckt.
Der Bonze, der ihnen zum Wärter beſtellt iſt, ſo be=
richtet
J. Jéruſalemy in der Preſſe médicale, hält in
der Hand einen Spiegel und ein Buch; er nähert ſich
jedem der armen Wahnſinnigen, hält ihm den Spie=
gel
vor, läßt ihn hineinblicken und befiehlt ihm, mit
energiſcher und gebietender Stimme, Ruhe und Ge
horſam zu zeigen. Dann reißt er ein Blatt aus dem
Buche und reicht es dem Geiſteskranken. Dies Blatt
iſt zugleich ein koſtbares Amulett und das Verſprechen
einer ſicheren Heilung. Die Wahnſinnigen bleiben
nicht länger als eine Woche in dieſer Pagode; ſie wer=
den
aus dem heilenden Bereich des Kuan=Yin wieder
in ihre Wohnung in der Narrenſtadt zurückgebracht
und ſtehen dort unter der Aufſicht eines anderen Bon=
zen
, der ihnen ihre tägliche Nahrung darreicht und
fortfährt, durch Ueberredung und gute Ratſchläge, ſo=
wie
durch entſchiedenes Auftreten ſie von ihrem
Wahn zu befreien. Es werden auch nicht ſelten Heil=
ungen
erzielt, denn der größte Teil der Bewohner
der Narrenſtadt ſind nur Halbwahnſinnige, auf die
man durch Suggeſtion einen ſehr günſtigen Einfluß
ausüben kann. Dieſer ſuggeſtiven Methode der Heil=
ung
widmen ſich die Bonzen mit großem Geſchick und
reiner Menſchenliebe.

Margarine.
Die in der Preſſe weitverbreiteten Mitteilungen über Todesfälle und Er=
krankungen
infolge von Margarinegenuß beruhen im weſentlichen auf einer
groben Entſtellung der Sachlage. Es iſt bisher auch nicht ein einziger
Todesfall erwieſen oder auch nur wahrſcheinlich gemacht. Die Erkrankungen
werden überwiegend ſoweit ſolche überhaupt vorliegen auf der durch die
Preß=Agitation hervorgerufenen Angſt beruhen. Wer jetzt an Magenverſtimmungen
oder dergl. leidet, betrachtet ſich, wenn er Margarine genoſſen hat, als dadurch
erkrankt. Der vorhandene, bisher noch durchaus unbewieſene Verdacht richtet ſich
nach den angeſtellten Ermittelungen einzig und allein gegen einen beſtimmten
geringen Teil unſerer Produktion, der in der Zeit zwiſchen dem 23. und 26. No=
vember
l. Js. hergeſtellt worden iſt und gegen ein damals verwendetes Rohfett.
Obgleich dieſer Verdacht bisher durchaus nicht erwieſen iſt, haben wir doch für
alle Fälle ſowohl die betreffende Margarine, wie auch jenes Rohfett gänzlich
aus dem Verkehr und aus der Fabrikation ausgeſchieden, sodass damit
jede etwaige Gefahr beseitigt ist. Hiervon haben ſich die zuſtändigen
Medizinal=, Polizei= und Gewerbebehörden bei der am 12. Dezember l. Js. ſtatt=
gehabten
eingehenden Beſichtigung unſeres Fabrikbetriebes überzeugt. Sie haben
deswegen irgend welche Anſtände gegen dieſen Betrieb nicht erhoben. Auch die
Königliche Staatsanwaltſchaft in Altona hat am 12. Dezember 1910 zunächſt auf
eine bei ihr eingelaufene Anzeige hin einſchränkende Anordnungen über unſeren
Betrieb verhängen wollen, hat dieſe jedoch nach Kenntnisnahme von der Sach=
lage
noch am nämlichen Tage zurückgezogen und Fabrikation wie Verkauf
freigegeben.
Hieraus ergiebt ſich, daß unſer Betrieb und unſere Ware in gesund-
heitlicher
Beziehung gänzlich einwandsfrei ist. Daß auch die bezüg=
lich
der Vergangenheit gegen uns erhobenen Vorwürfe ungerecht ſind, werden
wir an zuſtändiger Stelle dartun. Zurzeit genügt es, darauf hinzuweiſen, daß
die ſeit dem 26. November l. Js. von ſeiten der Behörden und der erſten ſtaat=
lichen
Chemiker Deutſchlands angeſtellten Unterſuchungen jenes Teiles unſerer
Ware und des dazu verwendeten Rohſtoffes irgend ein uns belaſtendes Ergebnis
nicht erbracht haben können, da dies uns ſonſt zweifellos bekannt geworden wäre.
Bei dieſem Sachverhalt dürfen wir an das Publikum die Bitte
richten, ſein Vertrauen uns nach wie vor zu erhalten. Die Beſichtigung
unſeres Beiriebes ſteht jeder Behörde und jedem Privaten bis in die
kleinſten Einzelheiten offen. Wie in der Vergangenheit, ſo werden wir
auch in aller Zukunft unſeren Betrieb als den Muſterbetrieb geſtalten, als
welcher er von jeher bei Behörden und Privaten bekannt geweſen iſt. Wir
werden uns hierin durch Angriffe einer mißgünſtigen Konkurrenz nicht er=
ſchüttern
laſſen und garantieren unſeren Abnehmern tadellose und
einwandsfreie Ware.

Altona, den 13. Dezember 1910.

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Seite 16.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

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2.

Beilage zum Darmſtädter Tagblatt.

N8 295.

Freitag, 16. Dezember.

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Seite 18.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

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Heß, Ph., Schillerplatz 5
Joſeph, K., Rathausgäßchen
Krauſe, Hermann, Liebigſtr. 4
Leichtweiß, Heinrich, Beſſungerſtr. 41
Merkel, Geſchw., Pankratiusſtr. 23
Merkel, Geſchw., Ecke Pallaswieſen= und
Viktoriaſtraße
Nau, H. & Sohn, Schuſtergaſſe 16
Nick, Rud. Nachf., Ernſt=Ludwigſtr. 16
Rothſchild, Gebr., Marktplatz 2
Sachs, Georg, Arheilgerſtr. 2
Schmidt, Heinrich, Ernſt=Ludwigsplatz 2
Schmidt, J. C., Ecke Kirchſtraße und
Schuſtergaſſe
Unger, Gebr., Ludwigſtr. 9
Zorn, Gg., Wilhelminenſtr. 4

Gräff, Georg, Wilhelminenſtr. 31
Höhn, K. Nachr., Marktſtr. 5
Joſeph, K., Rathausgäßchen
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Biermann, Karl, Kaupſtr. 22
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Fuld, L. & M., Kirchſtr. 12
Heckmann=Schmidt, Gg., Ludwigſtr. 8
Höhn, K. Nachf., Markſtr. 5
Jordan, Karl, Ernſt=Ludwigſtr. 24
Joſeph, K., Rathausgäßchen
Merkel, Geſchw., Pankratiusſtr. 23
Merkel, Geſchw., Ecke Pallaswieſen= und
Viktoriaſtraße
Merz, Jakob, Ernſt=Ludwigſtr. 14
Nau, H. & Sohn, Schuſtergaſſe 16
Neudecker, Johanna, Ernſt=Ludwigſtr. 9

Herrenhüte und Mützen
Biermann, Karl, Kaupſtr. 12
Blum, Gebr., Markt 5
Engelhard, L. Nachf., Gr. Ochſengaſſe 27
Fey, Rudolf, Ludwigshöhſtr. 1½
Gräff, Carl, Ludwigſtr. 4

Schuhwaren
Blum, Gebr., Markt 5
Hermann, D, Ernſt=Ludwigſtr. 21
Jacob, J. G., Schirmgaſſe 6 und
Schillerplatz 8
Jacob, J. G. jun., Holzſtr. 11
Keilmann, Gg., Marktplatz 6
Keſting, Ludwig, Gr. Ochſengaſſe 11
Mattheis, Magd., Schillerplatz 4
Planz, Karl, Gr. Ochſengaſſe 30
Sauerwein, J., Marktplatz 1
Schembs, P. J., Rheinſtr. 20
Schropp, Val., Marktplatz, Ecke Marktſtr.
Speyer, Gg. Ww., Schießhausſtr. 18
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Seite 20.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

Nummer 295.

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Nummer 295

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

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Tschestjakoff gegen
Mehmed
(Kaukasus)
(Türkei)
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Bggeberg gegen
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Lutz, Kammerdiener .
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Karl Bilz
Kurt Engelbrecht
St
von Banſin
von Reinecke
v. Wedell, Saxo=Boruſſige
Erſter
Zweiter
Dritter Student
Vierter
Fünfter
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Frau Rüder.
Frau Dörffel, deren Tante
Kellermann
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Ein Muſikus
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5. Reihe) 2.20 Mk., (6. bis 8. Reihe) 1.80 Mk.,
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6 Uhr an.
Anfang 7 Uhr. Ende 10 Uhr.
Vorverkauf
von 111 Uhr für die Vorſtellungen:
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dame
de Lys. Große Pr. Anf. 6½ Uhr.
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Anfang 7 Uhr.

[ ][  ][ ]

Seite 22.

Nummer 295.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 16. Dezember 1910.

ist man empfindlich. Rasch ist
eine Erkältung da u. die Stimme
ist öfter belegt u. heiser als frei.
Das lästige Gefühl der belegten
Stimme vergeht, sobald man ein
paar Wybert-Tabletten zu
sich nimmt, die immer zur Hand sein müssen u. in
allen Apotheken 1 Mark pro Schachtel kosten. Bei
Erkältung lindern sie den Hustenreiz u. bringen den
Katarrh schnell zum Schwinden. Niederlagen in Darm-
stadt
: in sämtl. Apotheken; Germania-Drogerie, Mühl-
str
. 78; Minerva-Drogerie, Ecke Karl- u. Hügelstr.;
Medizinal-Drogerie von Fr. Beckenhaub, Ecke Schul-
und Kirchstr., und Drogerie von C. Watzinger, Wil-
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helminenstr. 11.

Sport.
sr. Der Friedensſchluß im internatio=
nalen
Radrennſport ſcheint bevorzuſtehen, wenig=
ſtens
einigte man ſich bei einer Konferenz in Köln über
die Hauptpunkte, die dem alljährlichen Februar=Kongreß
der radſportlichen Verbände in Paris zur Beſchlußfaſſung
vorgelegt werden ſollen. Anweſend waren zwei Delegierte
der Union Cyeliſte Internationale (U. C. J.) und als
Vertreter der beiden aus dem Weltverbande ausgeſchie=
denen
deutſchen Körperſchaften, deren Vorſitzende, Direktor
Knorr=Steglitz und Böckling=Eſſen. Bei den ſcharfen Ge=
genſätzen
zwiſchen den beiden Standpunkten einerſeits und
andererſeits bei dem Beſtreben, einen Weg für den Wie=
dereintritt
Deutſchlands in die U. C. J. zu einer
beſſeren Regelung des internationalen Radrennſports zu
finden, mußten von beiden Seiten Zugeſtändniſſe gemacht
werden. Ein weites Entgegenkommen Deutſchlands be=
deutet
es jedenfalls, daß die von der U. C. J. bei den
ſkandalöſen Zwiſchenfällen bei den Brüſſeler Weltmeiſter=
ſchaften
als im Prinzip zu Recht verhängt anerkannt wur=
den
. Allerdings iſt dieſe Anerkennung nur eine problema=
tiſche
, da alle aus Anlaß dieſer Vorfälle verhängten Stra=
fen
aufgehoben werden ſollen. Anerkannt wurde die lang=
jährige
Forderung Deutſchlands, nämlich daß die Stimmen=
zahl
Deutſchlands innerhalb der U. C. J., künftig die gleiche
iſt wie die von Frankreich. Da der Deutſche Radfahrerbund
als ſelbſtändiger Verband in die U. C. J. neu eintritt,
entfällt je die Hälfte der Stimmenzahl auf den D. R.=B
und den V. D. R. Sehr weſentlich iſt auch die Zuſage,
daß in dem ſiebenköpfigen Vorſtand der U. C. J. ſich zwei
Deutſche befinden müſſen und ferner, daß die der U. C. J.
angehörenden Verbände künftig nur durch eigene Mitglie=
der
, nicht, wie es bisher der Fall war, durch franzöſiſche
Sportsleute, vertreten werden. Endlich werden die rad=
ſportlichen
Konkurrenzen bei den jeweiligen olympiſchen
Spielen ſeitens der U. C. J. anerkannt. Einige weitere
Forderungen der deutſchen Vertreter ſollen erſt auf dem
Februar=Kongreß in Paris beſprochen werden.

Vermiſchtes.
Wahlkrawalle in England. Wenn in der guten
alten Zeit John Bulls bei den Wahlen keine Kra=
walle
ausbrachen, und keine Unruhe ſtattgefunden
hatte, ſo war man ſich immer darüber einig, daß die
Neuwahlen ſchleppend, träge und ohne Intereſſe‟
verlaufen waren. Damals griffen die einander gegen=
überſtehenden
Parteien nicht ſelten zu höchſt hand=
greiflichen
Mitteln, und ſtatt des Argumentes der
Rede bediente man ſich der Fäuſte, die in manchen Fäl=
len
ihren Zweck nur allzu gut erfüllten. Es kam nicht
ſelten vor, ſo erzählt eine engliſche Wochenſchrift, daß

einzelne Parteivorſtände ganze Scharen verwegener
handfeſter Geſellen engagierten, die während der Wah=
len
je nach der Lage der Dinge Krawalle hervorrufen
oder unterdrücken mußten.
Einer der ſchlimmſten Tage in der Geſchichte der
engliſchen Wahlen wird der 22. Juli des Jahres 1852
bleiben; damals kam es in Sixmilebridge zu ſo wilden
Aufſtänden, daß das Militär eingreifen und ſchließli=
ſogar
feuern mußte. Fünf allzu eifrige Wähler ſanken
damals bei der Salve tot auf das Straßenpflaſter nie=
der
. Aber kaum weniger ſtürmiſch ging es bei den
großen Wahlen des Jahres 1831 zu, bei denen die
Reformakte zur Diskuſſion ſtand. Damals geriet ſogar
das ſonſt im Wahlkampfe ſo ruhige und gemeſſene
Schottland in wilde Erregung; in allen größeren
Städten kam es zu ſtürmiſchen Demonſtrationen, Fen=
verſcheiben
wurden eingeworfen, und die Gegner der
Reformakte hinderte man gewaltſam, ihr Wahlrecht
auszuüben. In Edinburg inſultierte die Menge den
Lord Profoß und drohte, ihn über die Nordbrücke zu
werfen. In Lamark wurde ein konſervativer Kan=
didat
ſchwer mißhandelt und blieb verwundet und
beſinnungslos liegen. Damals war ſogar Sir Walter
Scott der Gegenſtand von Beſchimpfungen; die Menge
inſultierte ihn auf der Straße, und Sir Walter
notierte in ſein Tagebuch: Der Mob war maßlos,
brutal und brüllte, wie er es heutzutage gewöhnlich
tut. In Dumbarton mußte ſich der konſervative Kan=
didat
verſtecken, weil er ſeines Lebens nicht ſicher war,
und in Ayr retteten ſich die konſervativen Wähler in
das Rathaus, wo ſie von der wüſten Volksmenge be=
lagert
wurden. Endlich kam dann eine Schar beherz=
ter
Whigs, die es übernahm, ihre politiſchen Gegner
zu beſchützen: die Whigs eskortierten ihre Feinde auch
auf ein Schiff und beſchützten ſie vor allen Angriffen.
In jenem Jahre ließ auch der Herzog von Wellington
die Fenſter ſeiner Wohnung Apsley Houſe mit eiſer=
nen
Jalouſien verſehen. Das Volk war über die
Parlamentsauflöſung und die kommenden Neuwahlen
ſo begeiſtert, daß es allen Volksvertretern, die bei der
Abſtimmung gegen die Reformakte votiert hatten,
Katzenmuſiken brachte und die Fenſterſcheiben einwarf.
Auch in ſpäteren Zeiten iſt es in England oft zu
Wahlkrawallen gekommen. Im Jahre 1886 zog eine
mit Steinen und Stöcken bewaffnete Menge von etwa
10000 Menſchen vor das Haus der konſervativen Zei=
tung
in Cardiff und wollte die Redaktion zertrüm=
mern
. Die Polizei, die bei der Gendarmerie Unter=
ſtützung
geſucht hatte, griff die Tumultuanten mit
blanker Waffe an; es kam zu einer förmlichen Schlacht,
bei der viel Blut floß und ſogar Frauen und Kinder ver=
wundet
wurden. Bei den letzten Wahlen kam es regel=
mäßig
in dem Wahlkreiſe von Lloyd George, dem
vielgerühmten und vielgehaßten heutigen Finanz=
miniſter
, zu Aufſtänden. Die Minenarbeiter von
Carnarvon gingen im Jahre 1906 mit Fauſt und mit
Knüppel gegen ihre politiſchen Gegner vor, und Lloyd
George ſelbſt mußte ſich mit energiſchen Worten gegen
dieſe brutale Kampfmethode ſeiner Verehrer verwah=
ren
. Im Januar dieſes Jahres, bei den letzten Wah=
len
, gab es in High Wycombe einen wilden Aufſtand;
ein Laden wurde zertrümmert und ſein Inhalt, Wahl=
manifeſte
und Wahlplakate, mitten auf der Straße ver=
brannt
. Damals wurde ein Polizeiaufgebot von 1000
Mann in die Gegend geſchickt, um die Ordnung auf=
recht
zu erhalten.

Literariſches.
Ein reizendes Weihnachtsgeſchenk für unſere
Damenwelt iſt das im Verlage von John Henry
Schwerin, Berlin W. 57, neu herausgekommene herr=
liche
und äußerſt umfangreiche Familien= Mono=
gramm
=Album. Dasſelbe erſcheint in elegantem
Umſchlag und enthält mehr als 1250 Monogramme für
Platt= und Kreuzſtichſtickerei, ſowie entzückende Kro=

nen, Vignetten uſw., ſo daß jedem Geſchmack und
jeder Buchſtaben=Zuſammenſtellung Genüge geſchieht.
Es iſt zum Preiſe von 1 Mark vom Verlage John
Henry Schwerin, Berlin W. 57, oder bei jeder Buch=
handlung
zu beziehen und eignet ſich ganz beſonders
zu Geſchenkzwecken.
Konegens Kinderbücher. Im Verlage
von Karl Konegen (Ernſt Stülpnagel) in Wien iſt ſo=
eben
eine Serie von Kinderbüchern erſchienen, welche
den größten Beifall aller Eltern, Lehrer und Kinder=
freunde
finden wird: Kleine gelbe Büchlein von etwa
32 bis 64 Seiten, mit künſtleriſchen Illuſtrationen ver=
ſehen
, zu denkbar niedrigſtem Preis, die allen Kindern
jedes Standes bald lieb und vertraut werden müſſen.
Märchen, Gedichte, Erzählungen, kleine Theaterſtücke,
die von Kindern mit den einfachſten Mitteln ſelbſt
aufgeführt werden können, ſollen aus dem reichen
Schatz der Kinderliteratur aller Länder hier für jeder=
mann
in einfachſter Weiſe zugänglich gemacht werden,
ergänzt durch Arbeiten aus der Feder unſerer erſten
lebenden Jugendſchriftſteller. Um auch der Famili
des Aermſten die Anſchaffung zu ermöglichen, wurde
der Preis eines Büchleins auf 20 Pfg. feſtgeſetzt.
Das eigene Heim und ſein Garten,
von Dr.=Ing. Gerold E. Beetz. Ein Führer für alle
diejenigen, die ſich ein Eigenhaus bauen oder kaufen
wollen. Mit über 650 Abbildungen und Kunſtbeilagen,
Anſichten und Grundriſſen meiſt ausgeführter Häuſer
mit Angabe der Baukoſten. Vierte Auflage. Preis
6 Mark, Originalband 7 Mark. (Porto 50 Pfg.) Weit=
deutſche
Verlagsgeſellſchaft, Wiesbaden 35. In dem
ſchmucken Buche findet der Laie alles, was er vom
Hausbauen wiſſen muß, wenn er ſich vor Schaden und
unnötigen Koſten bewahren will, wie das Haus zweck=
mäßig
und billig gebaut, der Grundriß eingeteilt wird
uſw., kurzum alles Wiſſenswerte. An Hand der vielen
Beiſpiele wird man ſich das Richtige ausſuchen und
die Familie kann an den Winterabenden an Hand der
Unterlagen rechnen und planen, wie ſie ſich ein eige=
nes
Heim mit Garten anſchafft und vielleicht ſchon
zum Frühjahr ausführt, was Weihnachten noch Luft=
ſchloß
erſchien. Das Buch gehört auf den Weihnacht
tiſch als Geſchenk für Ehemänner und ſolche, die
werden wollen, nicht nur für Fachleute.
Fräulein Studentin und Der We
ins Leben heißen die beiden hübſchen Bücher, mit
denen Maria v. Felſeneck (M. Mancke) die heran=
wachſende
weibliche Jugend dieſes Mal zur Weihnachts=
zeit
erfreut. Gerne werden ſorglich wählende Mütter
dieſe amüſanten Bücher ihren Lieblingen unter den
Weihnachtsbaum legen, und ihre jungen Töchter ver
ſenken ſich ſicherlich mit atemloſem Intereſſe in die Auf
zählung der verſchlungenen Schickfalswege von Bianka
und Erduine den ihnen altersverwandten Heldinne
dieſer Geſchichten. Fräulein Studentin, die einerſeit=
der
Wunſch, ein nützliches Glied der menſchlichen. Ge=
ſellſchaft
zu werden, andererſeits die Liebe zu einem
berühmten Arzt, der ſpäter auch ihr Gatte wird, zum
Studium der Medizin treibt, findet die Wege durch’s
Leben, ſoweit Geld und Gut in Frage kommen, von der
Vorſehung von klein auf freundlich geebnet. Bianka
Grigoleit jedoch muß tapfer gegen allerlei Not und
Mühſal ankämpfen, bis ihr Der Weg ins Leben ein
Roman, den ſie verfaßt, gelingt und ſchließlich ihr
Lebensſchifflein im Hafen einer glückſeligen Ehe vor
Anker geht. Außer an dem Werdegang dieſer beiden
Hauptperſonen aber dürfen die jungen Leſerinnen noch
teilnehmen an dem mannigfachen Wohl und Wehe einer
ganzen Reihe anderer Frauen und Mädchen. Hübſche
Illuſtrationen von Heinrich Suſemihl dienen dem
Texte, ihn erläuternd, zur Zierde, und die äußere Aus=
ſtattung
iſt, wie man es bei dem rührigen Verlag von
A. Weichert=Berlin gewohnt iſt, eine außerordentlich
flotte und ſorgſame.

hat begonnen. So wie bekannt in früheren Jahren, führe ich ſtets die größte Auswahl bei
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