Darmstädter Tagblatt 1910


26. November 1910

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monatl. 50 Pfg., viertelj. 1.50 Mk., aus=
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Beſtell. entgegen zu 60 Pfg. monatl.
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173. Jahrgang
verbunden mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage:
Illuſtriertes Unterhaltungsblatt.

Inſerate
werden angenommen in Darmſtadt,
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ſowie von unſeren Agenturen und
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kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.

Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

R 278.

Samstag, den 26. November.

1910.

Die heutige Nummer hat 44 Seiten.
Stellungnahme des deutſchen Handelstages
zu den Schiffahrtsabgaben.
* Die Kommiſſion des Deutſchen Handelstages betr.
Verkehr verhandelte über den vom Bundesrat beſchloſſenen
und am 21. Oktober dem Reichstag vorgelegten Entwurf
eines Geſetzes betreffend den Ausbau der deutſchen Waſ=
ſerſtraßen
und die Erhebung von Schiffahrtsabgaben und
gab folgende Erklärung ab:
Unbeſchadet der grundſätzlichen Stellungnahme des
Deutſchen Handelstages zur Frage der Berechtigung und
Zweckmäßigkeit der Erhebung von Schiffahrtsabgaben auf
natürlichen Waſſerſtraßen erklärt die Kommiſſion des
Deutſchen Handelstages betr. Verkehr den vom Bundes=
rat
beſchloſſenen und dem Reichstag am 21. Oktober 1910
vorgelegten Entwurf eines Geſetzes betreffend den Aus=
bau
der deutſchen Waſſerſtraßen und die Erhebung von
Schiffahrtsabgaben in der vorliegenden Form für völlig
ungenügend für eine geſetzgeberiſche Be=
handlung
. Sie vermißt insbeſondere eingehende ver=
kehrsſtatiſtiſche
Angaben und Material über die techniſche
Durchführung und Durchführbarkeit der vorgeſehenen Bau=
ten
, über die Höhe der Herſtellungskoſten für dieſe Bau=
ten
, der Unterhaltungskoſten für ſie und für ältere An=
lagen
und der Verwaltungskoſten, über die Begrenzung
der Geſamtkoſten, über die Belaſtung der verſchiedenen
Warenklaſſen durch Abgaben und die übrigen Beſtimmun=
gen
der Tarife, über die Regelung der Beziehungen zu
Holland bezüglich des Rheins und zu Oeſterreich bezüglich
der Elbe. Bevor nicht hierüber und über die ſonſtigen
aus dem Geſetzentwurf ſich ergebenden Fragen volle Klar=
heit
gegeben iſt, erſcheint der Kommiſſion eine Stellung=
nahme
zu dem Geſetzentwurf nicht möglich. Die Kom=
miſſion
ſpricht daher das Verlangen aus, daß zunächſt
alles erforderliche Material der Oeffent=
lichkeit
übergeben werde, bevor der Reichstag in eine
Beratung des Geſetzentwurfes eintritt. Ferner ſpricht
die Kommiſſion das Verlangen aus, daß mit Rückſicht
auf die große wirtſchaftliche Tragweite des Geſetzent=
wurfes
zu den Beratungen der vom Reichstag einzu=
ſetzenden
Kommiſſion Sachverſtändige aus den
Kreiſen der Schiffahrt, des Gewerbes und
des Handels in genügendem Umſang zugezogen
werden.
Die acht württembergiſchen Handels=
kammern
haben zu dem Entwurfe des Geſetzes betr.
den Ausbau der deutſchen Waſſerſtraßen und die Erhe=
bung
von Schiffahrtsabgaben eine gemeinſame Erklärung
beſchloſſen, in der ſie dem Entwurfe in ſeinen Grund=
zügen
ihre Zuſtimmung =geben, um die vielumſtrittene
Frage der Erhebung von Schiffahrtsabgaben auf natür=
lichen
Waſſerſtraßen in befriedigender Weiſe zu löſen.

Ueber die Menterei auf den braſtlianiſchen
Kriegsſchiffen
veröffentlicht die Agence Havas folgenden ausführlichen
Bericht:
Die Meuterei auf den Kriegsſchiffen brach in dem
Augenblick aus, als der Kommandant des Minas Ge=
roes
von einem Diner auf dem franzöſiſchen Kreuzer
Rugnay Tronin an Bord ſeines Schiffes zurückkehrte.
Der Kommandant, zwei Offiziere und einige Matroſen,
die Widerſtand leiſteten, wurden unter dem Rufe Hoch
die Freiheit, ermordet. Andere Offiziere wurden
ſchwer verwundet. Die Revolte brach gleichzeitig auch
auf den Schiffen Sao Paulo und Bahia aus. Alle
Offiziere wurden an Land geſetzt. Der Matroſe Jaoa
vom Candido übernahm das Kommando über das
Geſchwader, das reichlich mit Lebensmitteln und Muni=
tion
verſehen war. Kohlen wurden aus Privatnieder=
lagen
und den für die franzöſiſchen Poſtdampfer beſtimm=
ten
Niederlagen requiriert.
Die Meuterer teilten ſofort dem Präſiden=
ten
Hermes da Fonſeca durch Funkſpruch ihre
Forderungen mit: Abſchaffung der körperlichen Zück)
tigungen, Erhöhung des Soldes, Verminderung der Ar=
beit
, womit die Matroſen überlaſtet ſeien, weil die Be
ſatzungen der Schiffe unvollſtändig ſind. Sollten die For=
dernugen
abgewieſen werden, würden ſie Rio de Janeiro
und die übrigen Schiffe beſchießen. Die Regierung antwor=
tete
hierauf nicht und bald begann ein ziemlich mäßiges,

zuweilen ausſetzendes Geſchützfeuer, das die ganze Nacht
andauerte und die Bevölkerung in Schrecken verſetzte. Am
Morgen ſah man die Schiffe mit roten Flaggen in der
Bucht liegen. Die treugebliebenen Torpedobootszerſtörer
gingen in der Bucht vor Anker für den Fall, daß ſie den
Befehl erhielten, auf die Meuterer zu ſchießen. Um 7 Uhr
früh paſſierten die Minas Geroes, Sao Paulo
Bahia und Floriano die Barre und gaben Feuer auf
die Feſtung, die aber nicht antwortete. Die meuternden
Schiffe manövrierten außerhalb der Bucht in vollſtän=
diger
Ordnung, wendeten dann und kehrten zur Bucht
zurück; ſie nahmen gegenüber der Stadt Stellung und ga=
ben
nach verſchiedenen Richtungen Geſchützfeuer ab; ein
kleines Geſchoß traf ein Haus in der Mitte der Stadt;
eine Frau und zwei Kinder wurden getötet. Während
des Tages war das Feuer insbeſondere auf das Marine=
Arſenal gerichtet.
Um 1 Uhr nachmittags begab ſich der Deputierte
Carvalho an Bord des Sao Paulo, um mit den
Meuterern zu verhandeln. Sobald der Depu=
tierte
wieder an Land zurückgekehrt war, begab er ſich in
die Deputiertenkammer, die zu einer Sitzung
verſammelt war und erſtattete Bericht über ſeine Verhand=
lungen
. Die geſamte Kammer ſagte der Regierung ihre
Unterſtützung zu. Im Senat gab Ruy Barbonſa im
Namen der Oppoſition ebenfalls Erklärungen zugunſten
der Regierung ab. Carvalho begab ſich wieder an Bord
des Sao Paulo und überbrachte den Meuterern die
Aufforderung, ſich zu ergeben. Die Meuterer
gaben darauf ihre Abſicht kund, ſich nicht eher zu er=
geben
, als bis der Kongreß die allgemeine Amneſtie be=
ſchloſſen
habe und zogen ſich aus dem Feuerbereich der
Torpedobootszerſtörer zurück.
Die Meuterei ſteht in keiner Beziehung zur
Politik. Der engliſche Geſandte hat gegen die Abſicht
der Panzerſchiffe, mit Torpedos zu ſchießen, Widerſpruch
erhoben, weil ſich engliſche Staatsangehörige an Bord
befänden. Ein augenblicklich in Montevideo liegendes
engliſches Geſchwader erhielt den Befehl, ſich nach Rio
de Janeiro zu begeben. Der hier liegende portugieſiſche
Kreuzer Adamaſtor verſchob ſeine Abreiſe. Wie die
Blätter melden, iſt Präſident Hermes da Fonſeca geneigt,
einen Amneſtie=Erlaß zu unterzeichnen, ſobald er
vom Kongreß angenommen ſein wird. Von dem Schiffe
Minas Geroes wurde dem Präſidenten durch Funken=
ſpruch
mitgeteilt, die Meuterer erwarteten mit Vertrauen
die Entſcheidung der Regierung.
Nach einem dem Pariſer Courier=au=Bréſil zugegan=
genen
Telegramm erhielten alle Truppen der Armee,
ſowie die geſamte Polizeimannſchaft den Befehl, ſich in
den Kaſernen marſchbereit zu halten. Den Artillerie=
Regimentern wurde befohlen, die die Stadt umgebenden
Anhöhen mit ihren Geſchützen auf das erſte Signal zu
beſetzen. Die Bevölkerung hat volles Vertrauen in das
Verhalten der Regierung. Matroſen des Panzerſchiffes
Minas Geroes haben die von zahlreichen Kugeln durch=
bohrten
Leichen ihres Schiffskommandanten und dreier
Offiziere an Land gebracht, ohne die Aufmerkſamkeit der
Truppen auf ſich zu lenken, ſie konnten unbehelligt an
Bord ihres Schiffes zurückkehren.

Deutſches Reich.
Zu der Kaiſerrede in Beuron ſchreibt
die Köln. Zeitung: Verſchiedene Blätter haben in den
letzten Tagen die Vermutung ausgeſprochen, die Beuroner
Rede hätte einen vertraulichen Charakter getragen, und
ſei aus dieſem Grunde von der offiziöſen Preſſe nicht
verbreitet worden. Dieſe Vermutungen ſind unrichtig.
Von einem vertraulichen Charakter der Rede konnte ſchon
aus dem Grunde keine Rede ſein, weil der Kaiſer ſeine
Rede nicht im Refektorium oder im Kapitelſaal, ſondern
im Freien unmittelbar an der Kloſterpforte vor dem von
ihm geſtifteten Kreuze gehalten hat. Die Rede iſt von
einwandfreier Seite ſtenographiſch aufgenommen und im
Schloſſe des Fürſten von Fürſtenberg vor der Veröffent=
lichung
durchgeſehen worden. Das badiſche Zentrums=
organ
, der Badiſche Beobachter, iſt in der Lage, zu beſtä=
tigen
, daß der Kabinettsſekretär des Fürſten von Fürſten=
berg
den Wortlaut der kaiſerlichen Rede den beiden in
Donaueſchingen erſcheinenden Blättern gleichzeitig mit der
Ermächtigung zur Veröffentlichung mitgeteilt hat. Es iſt
Grund vorhanden, anzunehmen, daß dies nicht geſchehen
iſt ohne ausdrückliche Ermächtigung des Kaiſers. Auch
die andere, in einzelnen Tagesblättern enthaltene Vermu=
tung
, der Beſuch des Kaiſers ſei unvorhergeſehen gewe=

ſen, iſt unrichtig. Wiederholt ſchon hat der Kaiſer gegen=
über
mehreren Herren der Beuroner Kongregation, ſo dem
Erzabt Schober, dem Prior Kornelius Kniel aus Jeruſa=
lem
, dem Abt von Maria Laach u. a. ſeinen Beſuch in
Beuron, für das er ſich lebhaft intereſſiert, in Ausſicht
geſtellt. Für unterrichtete Kreiſe war daher der Kaiſer=
beſuch
in Beuron und auch die kaiſerliche Rede ſelbſt keine
Ueberraſchung.
Die Interpellation über die Königs=
berger
Rede. Nach der Poſt beabſichtigen die bürger=
lichen
Parteien zu der ſozialdemokratiſchen Anfrage we=
gen
der Königsberger Kaiſerrede ihrerſeits nur kurze Er=
klärungen
abzugeben. Es ſchweben noch Verhandlun=
gen
, ob nicht namens ſämtlicher bürgerlicher Parteien
der Abg. Baſſermann eine Erklärung abgeben ſoll.
Die Reichsverſicherungskommiſſion
erledigte die See=Unfallverſicherung und zog dabei, abge=
ſehen
von redaktionellen Aenderungen, nur die Folgerun=
gen
aus den Beſchlüſſen der gewerblichen Unfallverſiche=
rung
. Alle Beſchlüſſe, die finanzielle Belaſtungen bedeu=
ten
, wurden in der ganzen zweiten Leſung der Reichs=
verſicherungsordnung
für eine dritte Leſung zurückgeſtellt.
Freitag begann die Beratung des Buches Invaliden=
Verſicherung.
Die Privatbeamten= Verſicherungs=
vorlage
. Es wird beſtätigt, daß die Vorlage dem
gegenwärtigen Reichstage zur Beratung nicht mehr zu=
geht
, vielmehr wird erſt der neue Reichstag damit be=
ſchäftigt
werden. Ueber dieſe Angelegenheit hat bekannt=
lich
die Fortſchrittliche Volkspartei eine Interpellation
im Reichstage eingebracht.
Beteiligung des Deutſchen Reiches
an der Internationalen Induſtrie= und
Gewerbe=Ausſtellung in Turin. Die Reichs=
regierung
hat auf die Einladung der italieniſchen Regie=
rung
die Beteiligung Deutſchlands mit der Maßgabe
zugeſagt, daß von einer amtlichen Organiſation der deut=
ſchen
Abteilung abgeſehen wird, dieſe vielmehr durch
ein von der ſtändigen Ausſtellungskommiſſion für die
deutſche Induſtrie im Einvernehmen mit der Reichsregie=
rung
gebildetes deutſches Komitee erfolgt. Dieſes Ko=
mitee
hat ſich bereits gebildet und ſeine Arbeiten be=
gonnen
.
Ausland.
Oeſterreich=Ungarn.
Die Wiedereröffnung des öſterreichi=
ſchen
Reichsrats erfolgte ohne Zwiſchenfall. Der
Finanzminiſter brachte das Budget und das Budgetpro=
viſorium
ein und hielt dann ſeine Budgetrede. Der Fi=
nanzminiſter
hob in ſeinem Expoſé hervor, es ſei nur
mit Anſpannung der Einnahmen und der entſprechenden
Einſchränkung der Ausgaben gelungen ein halbwegs gün=
ſtiges
Budget für 1911 herzuſtellen, weil man ſich vor
einer beſſeren Konjunktur befinde und die bisherigen
Steuereingänge des laufenden Jahres ein bedeutendes
Plus gegenüber dem Vorjahre aufweiſen. Eine Ord=
nung
im Staatshaushalt trete aber erſt ein, wenn das
Staatsbudget auf eine ſichere Einnahmeſumme geſtellt
werde, was ohne Durchführung des vorgelegten Steuer=
programms
, von dem die Regierung keineswegs zurück=
trete
, nicht möglich ſei. Hinſichtlich der in das Budget=
proviſorium
eingeſtellten Anleihe=Ermächtigung, weil mit
der Emiſſion bis zum nächſten Juni nicht gewartet wer=
den
könne, verwies der Miniſter auf die Schwierigkeit
in der Begebung neuer Emiſſionen und betonte, daß die
weſtlichen Märkte, wie das letzte Beiſpiel Ungarns lehre,
Oeſterreich verſchloſſen ſeien und man lediglich den In=
nenmarkt
mit ein wenig Nachhilfe aus Deutſchland zur
Verfügung habe, da Deutſchland kein ausreichend kräf=
tiges
Kapital beſitze. Man müſſe daher glücklich ſein,
daß die Poſtſparkaſſe es ermögliche, mit der Renten=
Emiſſion einigermaßen vorwärts zu kommen.
England.
Annahme der Finanzbill und der Reſo=
lutionen
Lord Lansdownes durch das
Oberhaus. Das Oberhaus nahm am Donnerstag
die Finanzbill in allen Leſungen an, nachdem Lord
Middleton gegen das Verfahren der Regierung bezüglich
des Budgets Proteſt erhoben hatte. Bei Fortſetzung der
Debatte über die Reſolutionen Lord Lansdownes wies
der Lordkanzler die Behauptung zurück, daß die Auf=
löſung
zum Vorteil von Home Rule erfolge. Es ſei nach
der Anſicht der Regierung notwendig, die unvereinbaren
Verſchiedenheiten der Prinzipien über die Abſtellung der
aus den Beziehungen der beiden Häuſer ſich ergebenden

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

Nummer 278.

Uebelſtände unverzüglich zum Austrag zu bringen. Die
Regierung habe die Erfahrung gemacht, daß es für ein
liberales Miniſterium unmöglich ſei, unter Bewahrung
der Selbſtachtung und mit Nutzen im Amte zu bleiben,
wenn für die Uebelſtände keine Abhilfe geſchaffen werde.
Nach dem Scheitern der Veto=Konferenz ſei die Auf=
löſung
des Parlaments der einzige Weg, den die Re=
gierung
beſchreiten könne. Der Kanzler kritiſierte ſodann
die Reſolutionen Lansdownes. Lord Curzon erklärte,
die Reſolutionen ſeien ein ehrlicher, ernſter Verſuch zur
Reform, die die Zweite Kammer als echtes ſicheres Cha=
rakteriſtikum
des politiſchen Syſtems bewahren werde.
In der weiteren Debatte, die ſich noch bis zu ſpäter
Stunde hinzog, traten noch die Lords Numburnholms
und Braſſey für die Regierung ein. Von Seiten der
Regierung ſprach als letzter Viscount Morley. Er gab
der Vermutung Ausdruck, daß die Bereitwilligkeit, die
die Lords gezeigt hätten, ihre Privilegien aufzugeben,
auf eine Täuſchung hinauslaufe. Die Form der Reſo=
lutionen
gebe dem Verdacht Raum, daß die Lords unter
dem Vorwande, das Oberhaus zu reſormieren, das Un=
terhaus
ſchachmatt ſetzen wollten. Dann wurde dem An=
trage
Lansdownes, das Oberhaus möge ſich als Kom=
miſſion
konſtituieren, um die von ihm eingebrachten Re=
ſolutionen
zu beraten, zugeſtimmt. Die Reſolutionen
ſelbſt wurden darauf angenommen. Earl of Crewe er=
klärte
hierauf, die Regierung billige zwar die Reſolutio=
nen
nicht, wolle ihnen aber nicht widerſprechen, da es
offenbar ſei, daß das ganze Haus wünſche, daß ſie durch=
gehen
. Das Haus beſchloß dann ferner, daß die Reſo=
lutionen
Lansdowne und Roſebery dem Unterhauſe mit=
geteilt
werden.
Türkei.
Die Kretafrage. Der Miniſterrat beſchäftigte
ſich mit der Kretafrage und beſchloß, bei den Kreta=
Schutzmächten gegen die Eidesleiſtung auf den Namen
des Königs der Hellenen ſowie gegen den Beſchluß der
kretiſchen Kammer zu proteſtieren und ferner eine defi=
nitive
Löſung der Kretafrage zu verlangen. In der
Pforte naheſtehenden Kreiſen hofft man, daß die Kreta=
Schutzmächte eine Erklärung abgeben werden dahin=
gehend
, daß der Beſchluß betreffend den Anſchluß an
Griechenland als nichtig angeſehen wird.
Amerika.
Die Unruhen in Mexiko. Nach einem Tele=
gramm
aus Ciudad hat die Regierung Porfirio Diaz’ die
Einziehung des geſamten Eigentums Maderos angeord=
net
, dem ausgedehnte Beſitztümer im Norden Mexikos
gehören. Die Regierungstruppen haben große Mengen
Sprengſtoff beſchlagnahmt, der als Minenmaterial aus
den Vereinigten Staaten eingeführt ſein ſoll.
* Brüſſel, 24. Nov. Der Geſundheitszu=
ſtand
der Königin iſt ſtetig, das Allgemeinbefinden
aber eher günſtig. Die Miniſter des Aeußern, des Innern
und der Kriegsminiſter ſagten die anläßlich des Namens=
feſtes
des Königs am Samstag beabſichtigten offiziellen
Banketts ab.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 26. November.
Ernannt haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
den Privatdozenten für Eiſenkonſtruktionen des
Hochbaues an der Techniſchen Hochſchule Baurat Walther
Knapp zu Darmſtadt zum außerordentlichen Profeſſor.
In der Johanneskirche werden am 1. Advent=
ſonntage
im Hauptgottesdienſt um 10 Uhr u. a. folgende
Chöre geſungen: Herr, unſer Herrſcher, wie herrlich iſt
dein Name‟ (Pſalm 8) von Mühling und Wie ſehnlich
ſeufzt die Schar der Frommen (Aus Doſt, Alte Weih=
nachtslieder
).
Verein für Verbreitung von Volksbilduug.
Die Mitglieder werden davon in Kenntnis geſetzt, daß
der für den 2. Dezember vorgeſehene Vortrag des Herrn
Geh. Schulrat Münch bis auf weiteres verſchoben
werden mußte. Als Erſatz beteiligt ſich der Verein an
dem für den 1. Dezember angeſetzten Lichtbilder=
Vortrag von Geh. Hofrat Profeſſor Henry Thode

Ingenieur Armſtrong.
Zum hundertjährigen Geburtstage des engliſchen
Kanonen=Erfinders (geb. 26. November 1810).

Von E. Elsholtz.
(Nachdruck verboten.)

Die engliſchen Armſtrong=Kanonen bildeten vor
etwa fünfzig Jahren im europäiſchen Blätterwalde
einen vielbeſprochenen Gegenſtand des internationa=
len
Intereſſes. Man erwartete von ihnen ganz Fürch=
terliches
; ſie galten als die höchſte Leiſtung der Ge=
ſchütztechnik
und die Engländer durch ſie unüber=
windlich
.
Das war nun freilich eine große Täuſchung; ſie
hielten nicht, was ſie verſprachen und was man allge=
mein
erwartet hatte. Daß nichts deſtoweniger Wil=
liam
George Armſtrong, der am 26. November 1810
in Newcaſtle upon Tyne das Licht der Welt erblickt
hatte, ein genialer Ingenieur war, iſt zweifellos.
Er hatte ſich urſprünglich der Rechtswiſſenſchaft
gewidmet, ging aber dann bald zu den Naturwiſſen=
ſchaften
über und konſtruierte im Jahre 1840 die
Dampfelektriſiermaſchine und 1846 einen hydrauli=
ſchen
Kran, zu dem er dann ſpäter einen Akkumulator
erfand, deſſen 1857 erfolgte Einführung für die Tech=
nik
epochal wirkte.

Schon vorher aber hatte er in ſeiner Maſchine
fabrik zu Elswick an der Verbeſſerung der Geſchü
gearbeitet und im Jahre 1854 war er mit dem erſt
Syſtem, das er der Regierung vorlegen konnte, ferti
Aber die Regierung ſtand anfänglich ſeiner Erfit
ung völlig intereſſelos gegenüber, vier Jahre la
mußte er auf eigene Koſten ſeine Verſuche fortſetze
Erſt im Herbſt 1858 wurde er dann mit ſeinem Geſch
ganz fertig. Nun hatte er es ſo vollkommen he
geſtellt, wie er es ſich von Anfang an gedacht.
Seine Schießproben erregten das ungeteilte E
ſtaunen der Sachkenuer=ine hohem Grade. Diee

aus Heidelberg über Hans Thoma und ſeine
Kunſt.
Die kirchenmuſikaliſche Abendfeier am Mittwoch
hatte wieder eine große Anzahl von Zuhörern in die
Stadtkirche geführt, ſodaß der weite Raum in allen ſei=
nen
Teilen dicht beſetzt war. Mit Andacht lauſchte dieſe
große Gemeinde den herrlichen Klängen, die in ihrer Ge=
ſamtheit
einen ſtimmungsvollen Ausklang des Totenfeſtes
bildeten. Frau Geheimerat Römheld ſang mit bekannt
feinem Verſtändnis und größter Innigkeit Lieder von
Bach, Schubert, Gounod und Liſzt. Von demſelben tie=
fen
Eindruck auf die Zuhörer waren die warmherzigen,
dabei ſchlichten Violinvorträge von Frl. Hildegard Merck.
Dieſe Nummern einleitend, bindend und abſchließend,
fügten ſich die Orgelvorträge des Herrn Borngäſſer
dem Programm vortrefflich ein. Im Ganzen war auch
dieſe Abendfeier für die Zuhörer wieder eine Stunde
geiſtiger Sammlung und religiöſer Andacht, wofür den
Mirtwirkenden und Veranſtaltern aufrichtiger Dank geſagt
werden muß.
Milchkränzchen. Man ſchreibt uns: Aus der
Hochflut der Wohltätigkeitsveranſtaltungen heraus klingt
das Wort Milchkränzchen als ein altbekanntes, und
in unſerer Vaterſtadt zählt das Konzert zur Verabreichung
eines warmen Frühſtücks an arme und kränkliche Schul=
kinder
ſchon ſeit über 20 Jahren zu den beſten der Saiſon.
Schon lange bevor die ſtädtiſchen Verwaltungen in dem
Maße wie jetzt einſetzten, der Not unſerer Kleinen durch
Verabreichung eines warmen Frühſtücks in der Schule
entgegenzuarbeiten, verſtanden es Männer aller Berufs=
ſchichten
, alljährig durch Veranſtaltung eines Konzertes
namhafte Beträge dem humanen Zwecke zuzuführen, wo=
durch
manche Träne getrocknet und mancher Hunger geſtillt
wurde, und mit der Zeit nicht nur den ärmeren, ſondern
auch allen, beſonders kränklichen Schulkindern, eine Wohl=
tat
erwieſen werden konnte. Für dieſes Jahr gelang es
dem rührigen Komitee wiederum, namhafte Künſtlerin=
nen
und Künſtler neben der, wie ſchon ſeit einer langen
Reihe von Jahren, jederzeit hilfsbereiten Kapelle des
Artillerie=Regiments Nr. 61, unter Leitung ihres Muſik=
meiſters
, Herrn M. Weber, dem auch das Arrangement
des Abends übertragen wurde, zu gewinnen. Es iſt zu
hoffen, daß durch die jetzt in Umlauf geſetzten Einzeich=
nungsliſten
eine hübſche Summe dem Unternehmen zuge=
führt
werden kann. Das Konzert, dem ein Tanz folgt,
findet Samstag, den 3. Dezember, abends ½9 Uhr, in den
Räumen des Chauſſeehauſes ſtatt.
Wohltätigkeitskonzert. Dem Vernehmen nach
wird der Bezirksausſchuß Darmſtadt für die Stiftung
Töchterhort zur Unterſtützung verwaiſter Töchter
von Poſt= und Telegraphenbeamten und Unterbeamten
unter dem Ehrenvorſitz des Herrn Ober=Poſtdirektors
Milkau am Mittwoch, den 7. Dezember, 8½ Uhr abends,
im Kaiſerſaal (Grafenſtraße) ein Wohltätigkeitskonzeri
veranſtalten, zu dem auch die Herren Kammermuſiker
Mehmel und Konzertſänger Schuchardt ihre Mitwirkung
zugeſagt haben. Ebenſo wird die Geſangsabteilung des
Poſt= und Telegraphenunterbeamten=Vereins mitwirken.
Das Programm iſt ein ſehr anregendes, ſodaß der Be=
ſuch
auch für den Laien lohnend ſein wird. Im Intereſſe
des guten Zwecks iſt zu wünſchen, daß nicht allein die
Poſt= und Telegraphen=Beamten und Unterbeamten
möglichſt zahlreich, ſondern auch alle Freunde und
Gönner der Stiftung dem Konzert beiwohnen. Die
Stiftung hat ſich ſeit 1890 von Jahr zu Jahr erfreulich
entwickelt, ſodaß im letzten Jahre allein im Bezirk
Darmſtadt an Unterſtützungen 1140 Mk. an 21 verwaiſte
Beamtentöchter und 2010 Mk. an 51 Unterbeamten=
töchter
verteilt werden konnten.
* Hoffriſeur. Der König von Montenegro hat
dem Friſeur Franz Hummer, Grafenſtraße, den Titel
Kgl. Hoffriſeur verliehen.
Der Darmſtädter Bieyele=Klub feierte in ſeinem
Klubheim Perkeo den Geburtstag ſeines hohen Protektors
Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs in würdiger Weiſe.
Anſchließend an die Feier folgte ein Vortrag über die
hiſtoriſche Entwickelung der Unfallverſicherungsgeſetz=
gebung
bis zum heutigen Stand von dem Mitglied des
Klubs, Herrn Stadtverordneten H. Sames. Vor 25
Jahren, am 1. Oktober 1885, nahmen die Berufsgenoſſen=
ſchaften
auf Grund des Geſetzes vom 6. Juli 1884 ihre
Tätigkeit auf. Im Ganzen beſtehen zurzeit 66 gewerbliche
und 48 landwirtſchaftliche Berufsgenoſſenſchaften. Von
den gewerblichen Berufsgenoſſenſchaften erſtrecken ſich 30
auf das ganze Reichsgebiet, während 36 Berufsgenoſſen=
ſchaften
örtlich begrenzt ſind. Baugewerks= Berufsgenoſſen=
ſchaften
gibt es deren 12, die alle größere Landesgebiete
umfaſſen und deren Verwaltungstätigkeit ſo groß iſt, daß
10 Berufsgenoſſenſchaften nochmals in Sektionen einge=
teilt
ſind, während 2 nur Zentralverwaltung haben. In
der ſozialen Verſicherung des Arbeitnehmers iſt Deutſch=
land
allen Kulturſtaaten voraus, trotzdem bei uns doch

liſche Regierung belohnte den Erfinder und zeichnete
ihn in jeder Weiſe aus, denn allgemein war man der
Meinung, er habe eine Schießwaffe erfunden, die man
im Gegenſatz zu allen früheren unvergleichlich nennen
konnte.
Die Armſtrong=Kanpne beſtand im Innern aus
Stahl, welcher den Lauf bildete und äußerlich mit
ſpiralförmig geſchweißtem Schmiedeeiſen bekleidet
war. Durch dieſe ſinnreiche Vereinigung wurde die
Kanone ungemein feſt und dauerhaft. Sie hatte einen
Durchmeſſer wie ein gewöhnlicher Fünfpfünder, wog
nur zwölf Zentner, alſo nicht mehr als ein gewöhn=
licher
eiſerner Achtzehnpfünder von Erz. Der Lauf
hatte zwiſchen dreißig und vierzig ſchmale Züge, die
von oben bis unten eine vollſtändige Drehung be=
ſchrieben
. Die bolzenförmige Kugel war von Guß=
eiſen
, hatte einen abgerundeten Kopf und wurde auf
dem größeren Teil der Oberfläche mit Blei umhüllt;
ſie ſchmiegte ſich deshalb genau in die Züge ein, folgte
denſelben und erhielt dadurch eine drehende und
ſichere Bewegung, durch welche, wie bei den gezoge=
nen
Büchſen, die Fähigkeit, das Ziel zu treffen, in
hohem Maße erhöht ward. Die Armſtrong=Kanone
war das erſte Hinterladergeſchütz. Die Kugeln waren
hohl und im Innern mit einem Schlagzünder, alſo
mit Perkuſſion, verſehen. Sie konnten aber auch als
Vollkugeln gebraucht werden, wenn man ſie mit Sand
und Sägeſpänen im richtigen Verhältnis füllte und
den Zünder mit einem eiſernen Zapfen verſchloß.
Die Treffſicherheit und Durchſchlagskraft der
Armſtrong=Kanone wurde von den Fachleuten bewun=
dert
, und in einem Berichte vom Jahre 1859 heißt es:
Dieſe Armſtrong=Kanonen, welche bis jetzt nur Eng=
land
beſitzt, ſind im Kriege noch nicht verwandt wor=
den
, aber ſo viel unterliegt bereits keinem Zweifel,
daß mit ihnen eine Waffe von ungeheurer Furchtbar=
keit
gewonnen worden iſt, welche, im Falle ſie ſich be=
währt
(woran kaum zu zweifeln iſt), alle bisherigen
Kombinationen im Artillerieweſen über den Haufen
wirft.

noch manches verbeſſerungsbedürftig iſt. Als vor 25 Jah=
ren
die Berufsgenoſſenſchaften ihre Tätigkeit begannen,
war dies ein Sprung ins Dunkle. Das Geſetz bildete
nur den Rahmen, alles andere mußte erſt neu geſchaffen
und das Geſetz durch Statut ergänzt werden. Die Be=
rufsgenoſſenſchaften
werden von ehrenamtlichen Organen
verwaltet und ſind zurzeit 6447 Arbeitgeber ehrenamtlich
rätig. Für die Umlage mußten Gefahrentarife aufgeſtellt
und zur Sicherung der Arbeitnehmer Unfallverſicherungs=
vorſchriften
erlaſſen werden, deren Handhabung von tech=
niſchen
Aufſichtsbeamten überwacht wird. Bei den 12
Baugewerks=Berufsgenoſſenſchaften ſind 110 techniſche
Aufſichtsbeamte angeſtellt. Der Redner verbreitete ſich
dann noch über die allgemeinen Grundlagen, die jeder
verſicherungspflichtige Betriebsinhaber wiſſen ſollte, über
die Rentenfeſtſetzung, Rekurſe vor dem Schiedsgericht für
Arbeiterverſicherung, Zuſammenſetzung dieſes Schieds=
gerichtes
, Spruchpraxis, Rekurſe vor dem Reichsverſiche=
rungsamt
uſw. Beim Reichsverſicherungsamt ſind 762
Perſonen tätig.
Der Vortrag fand großen Beifall und der Ver=
ſammlungsleiter
, Herr Ph. Bernhardt, dankte dem
Vortragenden im Namen des Klubs.
Adreßbuch. Der Druckbogen des 1911er Adreß=
buches
, enthaltend Hausregiſter Rhönring 33 bis
Sandbergſtraße 54 liegt im Hauptmeldebureau,
Hügelſtraße Nr. 31/33, Zimmer Nr. 13, während der
Bureauſtunden (8 bis 12 Uhr vormittags und 2 bis
6 Uhr nachmittags) bis zum 28. November vormittags
zur Einſichtnahme offen.
Vereinigte Ortskrankenkaſſe Darmſtadt. Der
Mitgliederſtand betrug am 19. November I. J. männ=
lich
9235, weiblich 6129, zuſ. 15 364, in Prozenten 60,11,
39,89; am 12. November I. J. männlich 9253, weiblich 6096,
zuſ. 15349, in Prozenten 60,29, 39,71. Der Kranken=
ſtand
betrug am 19. November l. J. männlich 397, weiblich
247, in Prozenten 4,30, 4,03; am 12. Nov. I. J. männ=
lich
363, weiblich 249, in Prozenten 3,92, 4,08. An
Krankengeld wurde ausgezahlt in der Woche vom
14. Nov. bis 19. Nov. I. J. 5256,87 Mk., in der Woche
vom 7. November bis 12. November I. J. 4838,55 Mk.
An Wöchnerinnen waren vorhanden am 19. November
I. J. 31, am 12. November I. J. 26; Sterbefälle
kamen vor in der Woche vom 14. Novemberbis 19. November
I. J. 4; vom 7. November bis 12. November I. J. 3.
Ludwigshöhe. In dem morgigen Konzert bringt
Herr Muſikmeiſter Weber außer einem gehaltvollen
Programm zum erſtenmale eine neue Kompoſition des
hier nicht unbekannten Komponiſten Herrn H. Fiſcher
zur Aufführung, betitelt Die Berliner Range‟ Herr
Müller wird auf der Flöte Variationen über das Lied
Gute Nacht, du mein herziges Kind vortragen. (Siehe
Anzeige).
Schützenhof. Morgen abend konzertiert die
Kapelle des Großh. Heſſ. Art.=Regts. Nr. 61 unter Herrn
Webers Leitung. Das Programm enthält anläßlich des
Allerhöchſten Geburtstages Sr. Königl. Hoheit des
Großherzogs eine patriotiſche Feſtabteilung. (S. Anzeige).
Kaiſerſaal. Nächſten Sonntag konzertiert das
Muſikkorps des Leibgarde=Regiments unter Leitung des
Herrn H. Hauske. Es ſei auf das beſonders ſchöne
Programm auch an dieſer Stelle aufmerkſam gemacht.
Beſitzer von Dutzendkarten uſw. zu den Donnerstags=
Konzerten der Kapelle im Saalbau aus der Sommers
ſpielzeit 1910 ſeien auch hierdurch benachrichtigt, daß dieſe
zum Eintritt berechtigen. (Siehe Anzeige).
Orpheum. Heute Samstag findet, wie üblich,
bei beſonders ausgewähltem Programm Familien=
Abend ſtatt. Morgen, Sonntag, den 27. November,
zwei Vorſtellungen: nachmittags 4 Uhr Volks= und Kin=
dervorſtellung
bei kleinen Preiſen, in der das ungekürzte
neue Abendprogramm zur Darſtellung gelangt, das nach
allſeitigem Urteil zu den beſten zählt, die jemals hier ge=
boten
wurden. Es wird noch ganz beſonders darauf hin=
gewieſen
, daß auch in Der Sonntags= Nachmittagsvon=
ſtellung
Miſter Quill ſeine Aufſehen erregenden Experi=
mente
unverkürzt zeigen wird. Der Spielplan ſteht nur
noch vier Tage.
Der Erſte Darmſtädter Kino, Grafenſtraße, iſt jetzt
vollkommen neu umgebaut worden und iſt durch ſeine
Neueinrichtungen als vollendet vornehmes Lichtbild=
Theater zu bezeichnen, umſomehr, als die Direktion
ganz beſondere Anſtrengungen macht und nur das Beſte
bietet. Ganz außergewöhnliche Nummern aus dem neuen
reichhaltigen Programm ſind Die kühne Löwenjagd eine
Glanzleiſtung, die große Bewunderung hervorrufen wird,
ſowie die vor kurzem erfolgte Monarchenbegeg=
nung
in Schloß Wolfsgarten. (Näh. ſ. Anz.)
§ Feſtgenommen. Ein 31 Jahre alter Werkführer
iſt geſtern wegen Sittlichkeitsverbrechen hier feſtge=
nommen
worden.

Die Engländer behaupteten übrigens mit großer
Zuverſicht, daß man die Armſtrong=Kanonen über=
haupt
anderswo nicht ſo gut herſtellen könnte, weil die
engliſche Eiſenfabrikation allen anderen überlegen
ſei. Nur zu bald aber erwies ſich, daß die Güte des
deutſchen Gußſtahles, wie Krupp in Eſſen ihn lieferte,
die engliſchen Fabriken kaum zu erreichen vermochten.
Armſtrong wurde inſolge ſeiner Erfindung zum
Hauptingenieur für das gezogene Geſchütz ernannt,
in den Adelsſtand erhoben und zum Direktor der
königlichen Gießerei befördert, welche lediglich Ge=
ſchütze
nach ſeinem Syſtem herſtellen ſollte.
Aber nur ein paar Jahre dauerte ſein Erfinder=
ruhm
, dann kam man dahinter, daß die praktiſchen Er=
folge
der Armſtrong=Kanone keineswegs den Erwart=
ungen
entſprachen, und ſchon im Jahre 1863 nahm
Armſtrong ſeine Entlaſſung.
Doch war er natürlich in ſeiner Fabrik nach wie
vor an der Verbeſſerung ſeines Syſtems Ftig. Da
man zeitweilig der Hinterlader=Konſtruktion im all=
gemeinen
abgeneigt war, wandte er ſich dem Vorder=
lader
wieder zu, kehrte aber, als das Hinterlader=
ſyſtem
ſich größerer Gunſt wieder erfreute, dazu
zurück.
Seine Fabrik unter der Firma Armſtrong,
Mitchall u. Ko. beſchäftigte fortdauernd viele tau=
ſend
Arbeiter, und auch in Pozzuoli unterhielt er
eine Filialfabrik, die die italieniſche Marine mit Ge=
ſchützen
verſorgte.
Bei dem engliſchen Volke ſtand Armſtrong bis in
ſein hohes Alter hinein in großen Ehren, er ward
im Jahre 1887 zum Peer ernannt und die Königin
Viktoria zeichnete ihn mehrfach perſönlich aus. Dazu
hatten ihm ſeine Erfindungen ein Rieſenvermögen
eingebracht. Er beſaß ein herrliches Schloß Cragſide,
nach welchem er ſeinen Baronet=Titel bezeichnete.
Am 27. Dezember 1900 ſtarb Sir William George
Armſtrong, Baron von Cragſide in v.

[ ][  ][ ]

Seite 3

Nummer 278.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

§ Selbſtmord. Ein 21 Jahre alter Glaſer aus
Ditzingen bei Bamberg hat ſich am 15. d. Mts. in ſelbſt=
mörderiſcher
Abſicht einen Schuß in den Leib beigebracht
und wurde in das ſtädtiſche Krankenhaus verbracht. Der
Schwerverletzte iſt am Mittwoch nachmittag geſtorben.
Seligenſtadt, 25. Nov. Zu dem Totſchlag des Chri=
ſtian
Kunkel in Seligenſtadt wird mitgeteilt, daß der
Vater des Getöteten, Landwirt Kunkel, aus der Unter=
ſuchungshaft
entlaſſen wurde. Das Verfahren gegen
ihn wegen Totſchlags wurde eingeſtellt, da es ſich
herausgeſtellt hat, daß er in Notwehr gehandelt hat.
Worms, 24. Nov. Vor dem hieſigen Amtsgericht
fand heute eine Gläubigerverſammlung ſtatt,
an der die hieſigen und auswärtigen Gläubiger der
Firma Molz u. Forbach, letztere größtenteils
vertreten durch hieſige Rechtsanwälte, teilnahmen.
Der Konkursverwalter, Herr Dr. Boxheimer, erſtattete
Bericht über die ſeitherige Tätigkeit des Gläubigeraus=
ſchuſſes
, wonach die Ausſichten für die Verteilung der
Maſſe günſtiger ſind, als anfangs erwartet wurde, in=
dem
etwa 20 bis 25 Prozent zur Verteilung kämen.
Die Paſſiven belaufen ſich auf zirka 300000 Mark, die
Aktiven einſchließlich Erlös aus bis jetzt verkauften
Konkurswaren und mutmaßlichem Erlös aus dem Ver=
kauf
bis Ende Dezember, ſowie des Wertes der Grund=
ſtücke
und eines vorhandenen Bauplatzes, auf etwa
93000 Mark. Die Beibehaltung des Herrn Dr. Box=
heimer
als Konkursverwalter wurde beſchloſſen. Dem
Gläubigerausſchuß, beſtehend aus den Herren Rechts=
anwälten
Dr. Goldſchmidt und Dr. Krämer, ſowie Herrn
Labes=Stuttgart, wurde ein Erſatzmitglied, Herr Sig=
mund
Mayer II.=Worms, hinzugewählt, um bei Ver=
hinderung
des auswärtigen Herrn Labes in Herrn
Mayer einen kaufmänniſchen Sachverſtändigen zu
haben. Die Gläubigerausſchußverſammlungen finden
von jetzt ab wöchentlich ſtatt. Eine weitere Gläubiger=
verſammlung
iſt für den 12. Januar, vormittags 9 Uhr,
vor dem Großh. Amtsgerichte Worms, Sitzungsſaal
Nr. 16, zur Prüfung der angemeldeten Forderungen.
Guntersblum, 24. Nov. Daß eine Kutſche ſamt
den dazu gehörigen Pferden verloren wird,
dürfte wohl nicht zu den alltäglichen Vorkommniſſen
zählen. Der Kutſcher Bittong aus Eimsheim hatte
Gäſte hier zur Bahn gebracht. Zum Heimwege wollte
er ſich noch mit einem Trunke ſtärken. Aus dem Wirts=
haus
herauskommend, gewahrte er mit Schrecken, daß
Pferde und Wagen nicht mehr da waren. Lange ſuchte
B. vergeblich. Endlich fand man in ziemlicher Ent=
fernung
vom Orte Pferde und Wagen auf der Rhein=
ſtraße
. Es iſt wahrſcheinlich, daß einige Handwerks=
burſchen
die günſtige Gelegenheit zu einer billigen
Spazierfahrt benutzt hatten.
Bntzbach, 24. Nov. Aus dem Landeszuchthaus
Marienſchloß ſind heute nacht zwei Strafge=
fangene
entſprungen. Die Nachforſchungen
nach ihnen blieben bis jetzt erfolglos.
Lich, 24. Nov. Seine erſte Probe gut beſtanden hat
der Polizeihund des Gendarmerie=Wachtmeiſters
Daum von hier. Vorgeſtern verſchwand plötzlich eine
geiſteskranke Perſon von hier aus ihrer Wohnung.
Etwa zwei Stunden ſpäter wurde D. mit ſeinem Hund
herbeigerufen. Der Hund nahm Witterung in der
Wohnung und raſte in großen Sprüngen durch alle
möglichen Gäßchen und zwiſchen Zäunen nach der Wet=
ter
, wo er ſtehen blieb. Man ſuchte das Waſſer in der
Nacht ab, fand aber wegen der großen Dunkelpeit
nichts. Heute morgen wurde dann die Leiche in un=
mittelbarer
Nähe gefunden, nachdem das Waſſer abge=
laſſen
worden war.

Reich und Ausland.
Aus der Reichshauptſtadt, 24. Nov. Zum Ver=
kauf
des Tempelhoferfeldes und zur Frage
der Bebauung des Geländes nahm heute der Berliner
Zentralausſchuß für Waldfragen Stellung. Beſonders
ſcharf kritiſierte Paſtor Mithak=Stahn von der
Kaiſer Wilhelm=Gedächtniskirche das Geſchäft, das der
Fiskus mit Tempelhof gemacht hat. 81 Studie=
rende
ſind aus dem Album der Berliner Univerſität
gelöſcht worden, da ſie der Hochſchule ohne Abgangs=
zeugnis
den Rücken kehrten. Es ſind 61 Philoſophen
11 Mediziner, 8 Juriſten und 1 Theologe. Das Aus=
land
iſt unter den Ungetreuen mit 18 Kommilitonen
vertreten, darunter einem Chinamann. Beſonders
ſtark iſt unter den geſtrichenen Studierenden der Pro=
zentſatz
der Frauen. Das Auftreten der ſibi=

riſchen Sänger in Gefängnistracht iſt unter ge=
wiſſen
Einſchränkungen von dem Polizeipräſidium frei=
gegeben
worden. Die erſte Vorſtellung findet am
Sonntag ſtatt. Durch ein donnerähnliches Getöſe
wurden heute die Bewohner der Ringſtraße aufge=
ſchreckt
. Die Urſache war eine Exploſion im
Schornſtein eines Vordergebäudes. Ein Mieter im
Erdgeſchoß hatte einen Kanonenofen mit Petroleum
angeheizt. Das Petroleum war aber nicht verbrannt,
ſondern als Gaſe in den Schornſtein gelangt, wo es
durch einen Funken zum Entzünden gebracht wurde.
Der Luftdruck war ſo gewaltig, daß im erſten Stock
der Schornſtein aufgeriſſen und im dritten Stock Steine
in die Küche geſchleudert wurden. Vor einem Waren=
hauſe
am Alexanderplatz wurde geſtern ein Mann mit
weißem Bart bei einem Taſchendiebſtahl feſtge=
nommen
. Auf dem Polizeipräſidium erkannte man in
ihm den 70jährigen Buchbinder Georg Schulze, der erſt
kürzlich aus dem Gefängnis entlaſſen war. Der Ver=
haftete
, der dem Unterſuchungsrichter vorgeführt wurde,
fügte ſich willig in ſein Schickſal und meinte, er ſei ganz
froh, daß er wieder nach der Strafanſtalt zurückkomme,
denn ein Geſchäft ſei doch nicht mehr zu machen.
Frankfurt a. M., 25. Nov. Es ſtellt ſich heraus, daß
der Kellner Ludwig Waldſchmidt nicht nur die
Filialleiterin Frau Eliſe Meyer ermordet, ſon=
dern
an demſelben Vormittag auch mehrere An=
ſchläge
auf Frauen und Mädchen in demſel=
ben
Stadtteil unternommen hat. So hat er auf offener
Straße auf ein Dienſtmädchen eingeſtochen, ohne es in=
des
ſchwer zu verletzen. Kurz darauf, gegen 9 Uhr, hat
er die Inhaberin einer Wirtſchaft gewürgt und zu
Boden geworfen, dann in einer Eierhandlung die Ver=
käuferin
bedroht. Erſt danach übte er in dem gegen=
überliegenden
Schuhgeſchäft den Mord aus, worauf er
ſich in eine benachbarte Wirtſchaft begab. Als dann
die Meldungen der übrigen Anſchläge mit Beſchreib=
ungen
des Täters bei der Polizei einliefen, gelang
alsbald die Verhaftung. Der Unbekannte, der vor
drei Tagen ein Dienſtmädchen in den Rücken ge=
ſtochen
hat, das jetzt im Krankenhaus liegt, ſcheint eben=
falls
Waldſchmidt zu ſein.
Frankfurt a. M., 25. Nov. Heute früh geriet der
bei der Firma Chemiſche Fabrik Silicium in der
Mainzerlandſtraße beſchäftigte Arbeiter Leo Bohn aus
Alfingen bei Würzburg zwiſchen die Puffer zweier
Eiſenbahwagen und wurde zu Tode gedrückt.
Von der Lahn, 24. Nov. Die Frage der Lahn=
kanaliſation
iſt inſofern in ein neues Stadium
getreten, als Direktor Banſa in Limburg ein Projekt
ausgearbeitet hat, das ſtatt der 300 Tonnen=Schiffe ſolche
von 210 Tonnen vorſieht. Dadurch wird der
Bau bedeutend verbilligt und ſeine Rentabilität ge=
ſichert
. Der Baukanalverein wird die königl. Regier=
ung
bitten, das Projekt auf ſeine Koſten nachprüfen
zu laſſen.
Eiſenach, 24. Nov. Der Gemeinderat wählte
den Regierungsaſſeſſor Dr. Falk aus Darmſtadt
zum Stadtkämmerer.
Eiſenach, 24. Nov. Vor einiger Zeit hatte der
Reichstagsabgeordnete Dr. Arendt lebhafte Klage dar=
über
geführt, daß die Fremden=Induſtrie auf
der Wartburg zu verſchiedenen ſkandalöſen Aus=
wüchſen
geführt habe. Insbeſondere hatte er das
Trinkgeldunweſen gegeißelt und die geiſtloſe
Führung durch ungebildete Angeſtellte, deren Erläuter=
ungen
wider den Sinn und Geiſt der Wartburggeſchichte
verſtoßen ſollten. Daraufhin hat jetzt ein Beteiligter,
offenbar der Wartburgwirt ſelbſt, der Dorfzeitung in
Hildburghauſen eine Erwiderung zugehen laſſen, in
der es heißt: Immer und immer wieder die Wartburg,
und ſtets handelt es ſich faſt ausſchließlich um die Trink=
gelderfrage
. Auf welcher deutſchen Burg, bezw. Schloß
werden wohl keine Trinkgelder gegeben und angenom=
men
! Schreiber dieſes kennt die Verhältniſſe auf der
Wartburg ſehr genau, es möge daher zur Aufklärung
über die angeblichen Mißſtände folgendes dienen: Die
Räume der Wartburg ſelbſt ſind, was wohl die meiſten
der Beſucher nicht wiſſen, verpachtet, und zwar an einen
Wirt, der jährlich die enorme Summe von etwa 60000
Mark zahlen muß. Die Führer ſind Angeſtellte des
Wirtes. Die Beſichtigung der Burg geſchieht in Zwi=
ſchenräumen
von etwa einer halben Stunde, es kann
eine ſchnellere Folge nicht ſtattfinden, weil ſich ſonſt die
Führer überholen würden und eine ausführliche Er=
klärung
, die die Beſucher zufrieden ſtellen würde, nicht
zu erzielen wäre. Die Beſichtigung ſelbſt dauert etwa

eine halbe Stunde und es ſind in der Hauptſaiſon fünf
bis ſechs Führer angeſtellt, die in Führungen von nicht
mehr als 40 Perſonen die Beſucher mit den Sehens=
würdigkeiten
der Burg vertraut machen. Die Be=
ſucherzahl
ſchwankt jährlich zwiſchen 80000 bis 100000
Perſonen und jeder Laie kann ſich denken, daß hier un=
möglich
in kleineren Gruppen geführt werden darf, da
hierzu die gewöhnliche Tageszeit von früh 7 Uhr bis
abends 7 Uhr auf keinen Fall ausreichen würde. Von
dem Führer ſelbſt wird viel verlangt, indem er tagtäg=
lich
etwa 15 Führungen zu abſolvieren hat und an ihn
außerdem noch Hunderte von Fragen geſtellt werden,
die er willig zu beantworten hat, auch wenn von ein=
und demſelben Beſucher zwei=, dreimal ein= und die=
ſelbe
Frage geſtellt wird. Nach dieſer anſtrengenden
Tagesarbeit freut ſich ſicherlich der Führer, wenn ihm
von den Fremden eine kleine Entſchädigung in Form
eines ſogenannten Trinkgeldes verabfolgt wird. Einen
Anteil am Eintrittsgeld haben die Führer nicht. Im
Verhältnis zu anderen Burgen und Schlöſſern iſt das
Eintrittsgeld im allgemeinen ſehr gering, und es ſteht
doch jedem Beſucher frei, Trinkgeld zu geben oder nicht.
Es kann demnach keineswegs von Mißſtänden auf der
Wartburg die Rede ſein, ſondern es handelt ſich tas
ſächlich nur um ganz natürliche Sachen.
Halle a. S., 25. Nov. Geſtern abend gegen 9 Uhr
wurde eine Droſchke von einem Zuge der Hafenbahn
überfahren. Der Inſaſſe, Dr. Neſſe, wurde ſchwer
und der Droſchkenbeſitzer Gründler leicht verletzt. Die
beiden Pferde wurden verſtümmelt und die Droſchke
arg beſchädigt.
Hamburg, 25. Nov. Die Erdgasflamme in
Neuengamme iſt heute morgen von der Hamburger Feuer=
wehr
unter Leitung des Branddirektors Weſtphal durch
den Brandmeiſter Dickmann endgültig gelöſcht worden,
um das Gas der Induſtrie dienſtbar zu machen.
Radzionkan, 24. Nov. Der Kaiſer iſt kurz vor
6 Uhr hier eingetroffen. Zum Empfang waren am
Bahnhof anweſend: Graf Henckel Fürſt von Donners=
marck
und der Landrat des Kreiſes Tarnowitz, Graf
Limburg=Stirum. Als Jagdgäſte ſind u. a. noch an=
weſend
: Oberpräſident v. Günther, Regierungspräſident
v. Schwerin=Oppeln, Regierungspräſident v. Meiſter=
Wiesbaden, Fürſt Hatzfeld und Fürſt Lichnowsky.
Allenſtein, 24. Nov. Bei dem Eiſenbahnübergange
nach Lykuſen wurde, wie die Allenſteiner Zeitung mel=
det
, heute nachmittag ein Wagen mit zwei Inſaſſen
aus Groß=Buchwalde von einem Triebwagenzuge
überfahren und zertrümmert. Die beiden
Inſaſſen wurden getötet.
Brüſſel, 24. Nov. Den Bemühungen der Poli=
zei
und dem energiſchen Verhör des Unterſuchungs=
richters
iſt es gelungen, den Zuſammenhang des Dieb=
ſtahls
aufzudecken, durch den kürzlich eine nach Boom
bei Antwerpen beſtimmte Wertſendung der bel=
giſchen
Nationalbank von 100000 Fran=
ken
auf dem Transport entwendet wurde. Vor etwa
vierzehn Tagen waren zwei Graveure, die ſich durch
auffällige Ausgaben verdächtig gemacht hatten, ver=
haftet
worden. Sie geſtanden, für einen in der Vor=
ſtadt
Schaerbeck wohnenden Goldſchmied eine Plombe
der Nationalbank verfertigt zu haben, worauf dann
auch der letztere feſtgenommen wurde. Nach langem
Leugnen bequemte er ſich zu dem Geſtändnis, daß er die
Plombe einem Oberſchaffner geliefert habe. Er ſelbſt
habe um den geplanten Diebſtahl nichts gewußt und ſei
erſt durch die Zeitungen ſowie durch die Forderungen
der beiden Graveure, die ihren Lohn als Helfershelfer
beanſpruchten, aufmerkſam geworden und habe dann
von dem Oberſchaffner mehrmals Geld gefordert, um
deren Schweigen zu erkaufen. Der ungetreue Beamte
handelte im Einverſtändnis mit zwei anderen Schaff=
nern
. Sie gingen bei der Verübung des Diebſtahls
ſehr geſchickt zu Werke. Ein vierter Spießgeſelle hatte
mit demſelben Zug ein Paket befördern laſſen und fuhr
als Reiſender mit. Während der Fahrt ſchoben die
Schaffner einen Sack, der Papier enthielt, unter, brach=
ten
an dieſem die gefälſchte Blombe an und übergaben
dem Reiſenden an der Beſtimmungsſtation auf ſein
Verlangen den Poſtbeutel, der die Wertſendung der
Nationalbank enthielt. Die drei Schaffner wurden
verhaftet, die Spur des vierten Schuldigen weiſt nach
Paris. Die Nachforſchungen der Polizei haben noch
zutage gefördert, daß die beiden Graveure ſich auch mit
Falſchmünzerei befaßten. Der Sohn des einen hatte
verſchiedene Stempel und Formen, die offenbar zu die=
em
ſauberen Handwerk dienten, beiſeite geſchafft. Die

Großherzogliches Hoftheater.
Donnerstag, 24. November.
Der Regiſtrator auf Reiſen.
W-l. Die lebenskräftige und nicht umzubringende
Poſſe Der Regiſtrator auf Reiſen ging heute mit
dem gewohnten ſtarken Erfolge wieder in Szene. Sie
gab Herrn Holler, deſſen individuelle Komik ſich in
dem Biberpelz ſo erfolgreich betätigt hat, Gelegen=
heit
, in einer größeren Rolle vor das Publikum zu
treten. Daß dies in einer Rolle geſchah, die zuletzt
von Herrn Conradi in vorbildlicher Weiſe dargeſtellt
wurde, war ihm in der Erinnerung des Publikums
zwar nicht günſtig, muß aber bei der Beurteilung ſeiner
eigenen Leiſtung außer acht bleiben. Herr Holler be=
wies
auch in dieſer Rolle des famoſen, mehr Glück als
Verſtand habenden Bureaukraten, daß er das Rüſt=
zeug
eines echten Komikers beſitzt, ſowohl was die
repräſentative als auch die darſtelleriſche Seite betrifft.
Auch ein abwechſelungsreiches, aller komiſchen Nuan=
cen
fähiges Mienenſpiel ſteht Herrn Holler zu Ge=
bote
. In der Darſtellung des aus ſeinem inneren
Gleichgewicht geratenen Miniſterialbeamten trat mehr
das Beſtreben einer poſſenhaften, als einer realiſti=
ſchen
Charakteriſtik hervor. Jedenfalls hatte Herr
Holler Erfolg und erntete ſehr lebhaften Beifall. Zur
Erheiterung des Publikums trug auch der Reporter
Zander des Herrn Jürgas ſehr viel bei, deſſen
Maske die Spürnaſe auch äußerlich dokumentierte.
Namentlich bewährte ſich Herr Jürgas im letzten Akte
als Coupletſänger, als welcher er einen wahren
Beifallsſturm entfeſſelte.
Neben dieſen beiden Haupt=Repräſentanten der
Komik war es Frau Rudolph, die durch ihre köſtliche
Darſtellung der Frau Wichtig den Heiterkeitserfolg
des Stückes ſicherte. Weiter zu erwähnen ſind noch
der ſächſiſche Partikulariſt des Herrn Schwarze,
Ger recht gemiedlich, wenn auch nicht immer dialekt=
feſt
war, der Poſtmeiſter Striegel des Herrn Sem=
ler
und der friſche Ingenieur des Herrn Speiſer,
der, gleichwie Frl. Grünberg als feſche Marie
ſein Couplet recht hübſch ſang. Mit feinem Takt
ſpielte Herr Knispel die Rolle des Baurats Hiller
und mit wohltuender Natüxlichkeit Frl. Gothe die

der Emma. Die Raufſzene im Roten Ochſen wurde
beſonders draſtiſch herausgearbeitet und war von er=
friſchender
Realiſtik.
Konzerte.
mm. Der Klavierabend von Willy Hut=
ter
hatte am Donnerstag abend ein ſehr gewähltes
Publikum aus den erſten kunſtfreundlichen Kreiſen
unſerer Stadt im Saale des Hotels Traube zuſammen=
geführt
. Liſzt und Chopin waren auf dem mit erleſe=
nem
Geſchmack zuſammengeſtellten Programm unſeres
hier mit ſo großem Erfolg als Lehrer wirkenden noch
jugendlichen Meiſters mit ſehr intereſſanten Werken,
die zum eiſernen Beſtande im Rüſtzeug eines modernen
Pianiſten gehören, vertreten. Sind doch beide Ton=
ſchöpfer
, jeder den anderen in beſtimmter Richtung er=
gänzend
und erweiternd, zuſammen für die techniſche
und noch mehr für die geiſtige Behandlung des Piano=
forteſpiels
von einer ſolchen grundlegenden Bedeutung
geworden, daß mit dem Studium ihrer Werke und dem
Eindringen in die Abſichten des Dichters in Tönen erſt
die Hochſchule des Klavierſpielers beginnt. Erſt mit
der geiſtigen, ſicheren Bewältigung auch des poetiſchen
Vorwurfs einer Kompoſition, die alles Mechaniſche zur
Nebenſache werden läßt, beginnt die Ausübung des
künſtleriſchen Klavierſpiels zur allgemeinen und in
allen Nationen gut verſtandenen lebendigen Sprache zu
werden. Hatte nun Chopin, der weniger durch die für
die Zeit, in welcher er lebte, kühnen und großen Neuer=
ungen
den Leuten, die nun einmal am Hergebrachten
nicht gerüttelt haben wollen, Veranlaſſung Anſtoß
zu nehmen gegeben und infolgedeſſen, wie auch wegen
der ungemein eleganten Form ſeiner Tonſtücke einem
raſcheren und leichteren Erfolg als Franz Liſzt, ſo hatte
dieſer, der die Fülle ſeiner Ideen nicht ſo ſehr in be=
kannte
, liebgewordene Formen einzwängen mochte,
ſondern ſeinem unbeugſamen Charakter entſprechend
auch vom Zuhörer geiſtige Mitarbeit verlangte, vielfach
mit Anfeindungen aller Art zu kämpfen Am erſten
noch fand er Bewunderung (nicht gerade Anerkennung)
infolge ſeiner glänzenden Virtuoſenleiſtungen, ein Um=
ſtand
, der den Meiſter zu einer ziemlich ſtarken Ver=
achtung
der damaligen Konzertbeſucher führte. Denn
wenn er auch ſein Beſtes an gedankenreichem neuer.

Inhalt in ſeinen Werken gab: man beklatſchte doch nur
den fingerfertigen Virtuoſen, aber ſeine Gedanken ver=
ſtehen
zu wollen, gab man ſich keine Mühe. Und ſo iſt
es (abgeſehen von den Klavierwerken) auch heute leider
noch in vielen, ſelbſt größeren Städten, die ſonſt dem
guten Modernen in der Kunſtpflege gar nicht abgeneigt
ſind. In der angeführten Richtung wäre auch hier
noch manches zu wünſchen.
Das ſehr hübſch verlaufene Konzert begann mit
den vor mehreren Jahren von dem Leipziger Profeſſor
Straube hier zum erſtenmale im Richard Wagner= Ver=
ein
geſpielten Variationen über ein Motiv von Bach
(Basso continuo) aus der Kantate: Weinen, Klagen,
Sorgen, Zagen iſt des Chriſten Tränenbrot und des
Crucifixus der A=moll=Meſſe. Das Werk, wie viele
ernſte oder religiöſe Schöpfungen des Meiſters mehr
gebetet als komponiert, wurde von Herrn Hutter mit
der zarteſten Empfindung interpretiert und ließ den
größeren Farbenreichtum und die gewaltige Klangkraft
des königlichen Inſtrumentes, für welches es eigentlich
gedacht iſt, kaum vermiſſen, ſo klar und fein zugleich
war die Ausführung unter den Meiſterhänden des Vor=
tragenden
. Mit dem Choral: Was Gott tut, das iſt
wohlgetan ausklingend, verbreitete es eine der Jah=
reszeit
entſprechende, ruhig ergebene Andachtsſtimmung
unter den Zuhörern, die denn auch durch keine laute
Bewegung verwiſcht wurde. Im Vortrag ebenſo vol=
lendet
fanden die anderen Liſztſchen Stücke: Konzert=
Etude und beſonders Spoſalizio begeiſterte Aufnahme.
Der zum Schluß mit Bravour geſpielten beliebten und
bekannten Legende vom heiligen Franz von Paula, auf
den Wogen ſchreitend mußte er nach öfterem Hervor=
ruf
noch eine Zugabe folgen laſſen.
Ganz beſonders aber begründete Herr Hutter ſeinen
mit Recht bedeutenden Ruf als ausgezeichneter, fein=
ſinniger
Chopinſpieler mit dem ungemein zarten, poeſie=
vollen
Vortrag der Nocturne und Barcarole, ſowie der
umfangreichen H-moll=Sonate (Werk 58), die ihm auch
einige wertvolle Lorbeerkränze neben großem Beifall
zuteil werden ließen. Mit Stolz darf Herr Hutter an
dieſen großen künſtleriſchen Erfolg des ſehr anregen=
den
Abends zurückdenken.

[ ][  ][ ]

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

Nummer 278.

Werkzenge konnten ſehoch an hrem Verſteck aufgefun=
den
werden.
London, 24. Nov. Wie erſt jetzt bekannt wird, hat
Dr. Crippen in der letzten Nacht vor ſeiner Hin=
richtung
noch einen Selbſtmordverſuch gemacht, indem
er verſuchte, ſich mit ſeinen Augengläſern, die er zer=
brach
, die Pulsadern durchzuſchneiden. Die Wärter
hielten ihn jedoch unter ſcharfer Beobachtung und ver=
eitelten
rechtzeitig den Selbſtmordverſuch. Eine Lon=
doner
Abendzeitung veröffentlichte ein ausführliches
Geſtändnis des Mörders, aber es handelt ſich um eine
Fälſchung, denn offiziell wird jetzt erklärt, daß Crippen
keinerlei Geſtändnis abgelegt hat.
Colombo, 24. Nov. Der Kronprinz und die
Kronprinzeſſin ſind heute vormittag von Kandy
abgereiſt und nachmittags in Nuwara Elya eingetroffen.

Parlamentariſches.
* Der Zweiten Kammer iſt folgender Geſetzent=
wurf
über die Abänderung des Geſetzes,
die Einrichtung und die Befugniſſe der
Oberrechnungskammer betreffend, vom 14. Juni
1879, zugegangen.
Hinter Artikel 8 des Geſetzes vom 14. Juni 1879 wer=
Die Oberrechnungskammer darf davon abſehen, die Ein=
ziehung
zu wenig vereinnahmter oder zu viel veraus=
gabter
Beträge, wie auch die Auszahlung zu viel
vereinnahmter oder zu wenig verausgabter Beträge zu
verlangen, wenn es ſich um geringfügige Summen han=
delt
, oder wenn die Einziehung oder Auszahlung mit
Weiterungen oder Koſten verbunden wäre, die nicht im
richtigen Verhältnis zu der Höhe des Betrages ſtünden.
Artikel 8b. Die Oberrechnungskammer iſt befugt,
ſowohl auf die Vorlage von Belegen minderer Bedeu=
tung
zu verzichten, deren Prüfung bereits von einer an=
deren
Behörde veranlaßt und beſcheinigt iſt, als auch in
geeigneten Fällen die Prüfung von Belegen auf Stich=
proben
zu beſchränken.
In der Begründung heißt es: Der Erlaß des
wägung veranlaßt, ob es ſich empfehle, auch für Heſſen
ſchäftsgang der Oberrechnungskammer ermöglichen. Bei der Behörden waren ebenfalls meiſt geſchloſſen.
der Verſchiedenartigkeit der Verhältniſſe kommen die mei=
Betracht. Dagegen empfiehlt es ſich, zur Verminderung
des Schreibwerks und zur Vereinfachung der Rechnungs=
prüfung
die Vorſchriften des § 8 Abſatz 1 und des § 5
genannten Reichsgeſetzes durch entſprechende Ergänzung
Oberrechnungskammer betreffend, vom 14. Juni 1879 zu
übernehmen.
Aktiengeſellſchaft, S. Wronker u. Co., Geſchwiſter Knopf,
S. Wronker u. Co. Nachf. in Offenbach, L. Halbreich in
Worms, M. Knopf in Worms und Louis Landauer in! 8,15 Uhr durch die Rhein=, Neckar=, Hügelſtraße nach
zur Einführung gelangen ſoll, eine längere Vorſtel=
lung
an die Erſte Kammer gerichtet. Die Petenten
wenden ſich namentlich gegen die Höhe der von der
Zweiten Kammer angenommenen Warenhaus= und Turm der Stadtkirche ſpielte. Zur gleichen Zeit be=
Filialſteuer und führen aus, es habe ſich in der
hausſteuer ihren urſprünglichen Zweck, dem Klein=
handel
einen Schutz gegen die Warenhäuſer zu gewäh=
geführt
hat. In Erkenntnis dieſer tatſächlichen Ver=
hältniſſe
hätten auch die Staaten mit Warenhausſteuer
Warenhäuſer herbeiführen würde, gehe daraus hervor,
Ferner werde in Preußen nur eine Gewerbe

dagegen neben der jetzt ganz bedeutend erhöhten Ge=
werbeſteuer
in kumulativer Weiſe noch die Waren=
hausſteuer
erhoben. Und weiter würde neben der
regulären Gewerbeſteuer und der Warenhausſteuer
eine Warenhausfiliale eventuell noch eine Filialſteuer
zu zahlen haben. Das ſei eine ganz exorbitante Be=
ſteuerung
, gegen welche die Intereſſenten Widerſpruch
erheben müßten. Man könnte von einem ſteuerlichen
Ausgleich zwiſchen Warenhäuſern und Kleinhandels=
betrieben
allenfalls noch ſprechen, wenn die Waren=
haus
= und Filialſteuer zuſammen auf 10 Prozent des
Ertrages begrenzt würde. Das würde ſchon eine ganz
erhebliche Mehrbelaſtung gegenüber der Konkurrenz
bedeuten, die nur eine Steuer von 2 bis 2½ Prozent
des Ertrages habe. Die Petenten beantragen, für die
Geſtaltung dieſer Steuer, die ſie grundſätzlich verwer=
fen
, das folgende: 1. Eine Kumulierung der 3 Steuern,
Gewerbeſteuer, Warenhausſteuer und Filialſteuer,
wird geſetzlich ausgeſchloſſen. Der mit ſolchen Steuern
belaſtete Betrieb hat, wie in Preußen, immer nur die
höchſte Steuer zu zahlen. 2. Die Warenhaus= und Fi=
lialſteuer
werden, falls ſie als Umſatzſteuer vom De=
tailumſatz
erhoben werden, je auf 10 Prozent des Er=
trages
begrenzt. 3. Falls die Warenhaus= oder Filial=
ſteuer
als Zuſchläge zur Gewerbeſteuer erhoben wer=
den
, ſo werden dieſe, wie in Württemberg, auf 20 bis
den folgende neue Vorſchriften eingeſtellt: Artikel Sa. 150 Prozent feſtgeſetzt. 4. Erreicht der nachgewieſene
Ertrag nicht 5 Prozent des Umſatzes, ſo ſind der Ver=
anlagung
5 Prozent des Umſatzes als Reinertrag zu=
grunde
zu legen.
Großherzogs Geburtstag.
* Der Geburtstag unſeres Landesfürſten wurde
in der Reſidenz in gewohnter Weiſe gefeiert.
Ein klarer, heller Wintertag gab den Feiern auch nach
außen hin einen freundlichen Rahmen, der durch die
luſtig im leichten Winde wehenden Fahnen und Flag=
gen
, die alle öffentlichen und viele Privatgebäude
ſchmückten, auch zum feſtlichen wurde. In den Schu=
len
fiel der Unterricht aus, dafür fanden morgens,
zum Teil auch ſchon tags vorher, beſondere Feiern
Reichskontrollgeſetzes vom 21. März 1910 hat zu der Er= ſtatt, in denen durch patriotiſche Anſprachen und dekla=
matoriſche
Darbietungen die Schüler auf die Bedeut=
Beſtimmungen zu treffen, die eine Vereinfachung im Ge= ung des Tages hingewieſen wurden. Die Bureaus
Im übrigen trug die Feier vorwiegend mili=
ſten
Beſtimmungen dieſes Geſetzes für Heſſen nicht in täriſches Gepräge. Die Kaſernen und ſonſti=
gen
militäriſchen Gebäude waren mit Fahnen und
Girlanden feſtlich geſchmückt. Der Zapfenſtreich am
Donnerstag abend hatte bei dem ſchönen Wetter viele
Hunderte auf die Beine gebracht, die dem Zug das Ge=
des
Geſetzes, die Einrichtung und die Befugniſſe der! leite gaben. Das militäriſche Programm wurde mit
gewohnter Exaktheit innegehalten. Der Zapfenſtreich,
an dem die Kapellen ſämtlicher hieſiger Regimenter,
ſowie die Spielleute des Leibgarde=Regiments 115
*X* Sieben große Warenhäuſer in teilnahmen, wurde auf dem Paradeplatz formiert.
Heſſen, und zwar die Firmen Leonhard Tietz, Unter Führung des Adjutanten des Leibgarde= Regi=
ments
marſchierte der Zug, den Obermuſikmeiſter
Mickley als älteſter Kapellmeiſter leitete, pünktlich um
Worms, haben gegen die Warenhaus= und Fi= dem Neuen Palais. Hier wurde eingeſchwenkt und
lialſteuer, die in der neuen Gemeindeſteuerreform die Muſik ſpielte zwei Stücke, danach Zapfenſtreich
und Gebet. Geſtern früh wurden die Feierlichkeiten
um 7,30 Uhr eingeleitet durch einen Choral, den das
Trompeterkorps des Großh. Artilleriekorps vom
gann das übliche große Wecken durch die Kapelle des
Praxis unzweifelhaft herausgeſtellt, daß die Waren= Leibgarde=Regiments Nr. 115 und die Spielleute des=
ſelben
Regiments unter Obermuſikmeiſter Hauske.
Die Kapelle marſchierte von der Kaſerne des Regi=
ren
, völlig verfehlt, ja vielmehr das Gegenteil herbei= ments in der Alexanderſtraße um 7,30 Uhr unter
Führung eines Adjutanten ab und zog über den Pa=
radeplatz
durch die Rhein=, Neckar= und Hügelſtraße
dieſe immer milder geſtaltet‟ Daß die vorgeſchla= wiederum zum Neuen Palais. Hier wurden drei
gene heſſiſche Steuer eine ſehr ſtarke Belaſtung der Stücke geſpielt. Danach marſchierte die Kapelle zur
Kaſerne zurück. Um 10 Uhr begann in der St. Eliſa=
daß
die Warenhausſteuer in Preußen nur bis 2 Proz. bethenkirche der Gottesdienſt für die katholiſchen,
des Umſatzes, in Heſſen dagegen bis 5 Proz. betragen um 10,30 Uhr in der Stadtkirche für die evangeliſchen
ſolle, alſo das 2½fache der höchſten preußiſchen Steuer. Mannſchaften. Am Gottesdienſt nahmen ſämtliche
Offiziere der Garniſon teil, die Truppenteile hatten
ſteuer, und zwar die höhere, in dieſem Falle alſo Abordnungen entſandt; die Gotteshäuſer waren über=
nur
die Warenhausſteuer, erhoben, von der die regu= füllt. Um 12 Uhr fand auf dem Marienplatz Pa=
läre
Gewerbeſteuer abgeſetzt wird. In Heſſen werde role=Ausgabe in der üblichen Weiſe ſtatt, an der

die Offizierkorps und Abordnungen der Regimenter,
ſowie die Garde=Unteroffizier=Kompagnie teilnahmen.
Mit dem Hoch auf den Großherzog, das Generalleut=
nant
Freiherr v. Strantz ausbrachte, begann eine
auf dem kleinen Exerzierplatz aufgeſtellte Batterie des
Feldartillerie=Regiments Nr. 61 mit dem Abfeuern des
Ehrenſaluts von 101 Schüſſen. Nach der Parole=
Ausgabe ſpielte die Kapelle des Garde=Dragoner= Re=
giments
Nr. 23 auf dem Marienplatz mehrere Stücke.,
Nachmittags fanden in den Offizierkaſinos Feſteſſen
und abends in verſchiedenen Lokalen Mannſchafts=
feiern
ſtatt. Die Wachen und Poſten erſchienen wäh=
rend
des ganzen Tages im Paxadeanzug. Die Mann=
ſchaften
hatten natürlich dienſtfrei.
Die Techniſche Hochſchule feierte den Ge=
burtstag ihres hohen Schutzherrn und Rektor Magni=
fizentiſſimus
um 11¾ Uhr durch einen Feſtakt im
der Aula. Die Chargierten ſämtlicher Verbindungen
hatten in Wichs mit ihren Fahnen rings im Saale
Aufſtellung genommen und verliehen ſo dn Feſtart
das gewohnte, buntfarbene ſtudentiſche Bild. Unter
den Ehrengäſten, die zum Feſtakt erſchienen waren,
bemerkte man u. a. die Herren Miniſter des Innern
v. Hombergk zu Vach Exz. Geheimeräte Dr.
Weber, Frhr. v. Biegeleben, Oberkonſiſtorial=
präſident
D. Nebel, Provinzialdixrektor Geheimerat
Fey, Geh. Oberforſtrat Dr. Walther, Oberpoſt=
direktor
Melkau uſw. Die Feier wurde eingeleitet
durch den Vortrag des Adagio cantabile (As-dur) aus
dem Trio Nr. 1 von L. v. Beethoven, vorgetragen von
Mitgliedern des Akademiſchen Chors i. S. V. Dar=
auf
hielt Herr Profeſſor Kayſer die Feſtrede, der
nach altem Brauch ein wiſſenſchaftliches Thema zu=
grunde
gelegt war. Er ſprach über Die Entwickel=
ung
und die Fortſchritte des Eiſenbetonbaues. In
der Einleitung feierte der Redner den Großherzog
als Schützer und Schirmer der Hochſchule und der
techniſchen Wiſſenſchaften. Zum Schluß der Feſtrede
brachte er ein dreifaches Hoch auf den Großherzog
aus, in das die Anweſenden begeiſtert einſtimmten.
Kreuzritters Heimkehr für Chor und Klavierbegleit=
ung
von Simon Breu, vorgetragen vom Akademi=
ſchen
Chor i. S. V. (Dirigent: Profeſſor Dr. W.
NNagel), bildete den Schluß des Feſtaktes, an den=
ſich
eine feierliche Auffahrt der Studierenden an=!
ſchloß.
An dem Feſteſſen, das nachmittags 2 Uhr im
feſtlich geſchmückten großen Saale des Saalbaues
ſtattfand, nahmen die Spitzen der Behörden, Staats=
und ſtädtiſche Behörden, im ganzen etwa 200 Gäſte
ſteil. Das Hoch auf den Großherzog brachte Herr
Staatsminiſter Ewald aus. Er knüpfte an die
Worte des Fürſten Bismarck in ſeinen Gedanken
und Erinnerungen an: Deutſcher Patriotismus be=
darf
in der Regel, um tätig und wirkſam zu werden,
der Vermittelung dynaſtiſcher Anhänglichkeit. Die
deutſche Vaterlandsliebe bedarf eines Fürſten, auf
den ſich ihre Anhänglichkeit konzentriert. Die anderen
europäiſchen Völker bedürfen einer ſolchen Vermittel=
ung
für ihren Patriotismus und ihr Nationalgefühlz
nicht. Ein reichstreuer Herzog iſt deshalb dem Ganzen
unter Umſtänden nützlicher, als direkte Beziehungen!
des Kaiſers zu den herzoglichen Hinterſaſſen‟. Einen=
ſolchen
Herzog haben wir in unſerem Großherzog
Ernſt Ludwig. In, treuer Liebe hängt das Volk an
ihm und ſteht mit ihm treu zu Kaiſer und Reich. In
Gemeinſchaft mit den anderen Bundesfürſten bietet er
die Gewähr für die Sicherheit des Reiches und deſſen
Inſtitutionen. Gleich ſeinen Vorfahren iſt unſer
Großherzog darauf bedacht, allen Kreiſen des Volkes
und allen Beſtrebungen und Intereſſen gleichmäßig ge=
recht
zu werden und im Verein mit ſeiner hohen Ge=
mahlin
Elend und Not zu lindern. In warmer Liebe
und Dankbarkeit ſchlagen ihm alle Herzen entgegen?
und mit inniger Freude erfüllt uns das Familienglück,
das er gefunden hat. Den Gefühlen der Liebe und
Ehrfurcht und den Wünſchen, die uns heute beſeelen,
geben wir Ausdruck in dem Rufe: Se. Königl. Hoheit
der Großherzog Ernſt Ludwig lebe hoch!
Die Speiſefolge des vorzüglich zubereiteten
Mahles lautete: Königinſuppe Heilbutte, s. hol-
landaise
, ausgeſtochene Kartoffeln Hamburger
Kalbskeule nach Godart Helgoländer Hummer,

Kleines Feuilleton.
* Ein Polizeipräſident gegen die Hut=
nadeln
. Der Berliner Polizeipräſident erläßt fol=
gende
Bekanntmachung: Seit längerer Zeit iſt die
Beobachtung gemacht worden, daß bei vielen Damen,
die ihre Hüte auf dem Kopfe durch lange Nadeln be=
feſtigen
, deren Spitzen über den Hutrand hinausragen.
Dieſe Hutnadeln bilden im Straßenverkehr, beſonders
innerhalb der Straßenbahnwagen, für Perſonen, die
in die Nähe der Trägerinnen ſolcher Nadeln kommen,
eine ſchwere Gefahr, und es ſind tatſächlich mehrfach
Anzeigen über Verletzungen, die durch Hutnadeln in=
folge
plötzlicher Kopfbewegungen verurſacht worden
ſind, bei mir eingegangen. Ich ſehe mich daher im In=
tereſſe
der öffentlichen Sicherheit veranlaßt, die Da=
men
zu erſuchen, derartig lang herausſtehende Hut=
nadeln
entweder ganz zu vermeiden, oder wenigſtens
deren Spitze durch ſchützende Hülſen, wie ſie in den
Geſchäften hier feilgeboten werden, zu bekleiden und
ſo unſchädlich zu machen. Ich darf wohl erwarten, daß
es nur dieſes Hinweiſes bedarf, um der Unſitte zu
ſteuern und mir erſpart bleiben wird, anderweitige
polizeiliche Maßnahmen zu ergreifen. Spät kommt
dieſe Bekanntmachung, doch ſie kommt!
* Walfiſchfleiſch für Deutſchland. Die
nordiſchen Länder machen den Verſuch, Walfiſchfleiſch
nach Deutſchland einzuführen. Die Fleiſchteuerung
hat offenbar die erſten greifbaren Erfolge vermittelt.
Die Hauptabnehmer wohnen in der Provinz und im
Königreich Sachſen. Der norwegiſche Vizekonſul in
Leipzig berichtete, daß dort 13000 Kilogramm Walfiſch=
fleiſch
verkauft oder beſtellt worden ſind. In Magde=
burg
ſetzt ein Geſchäft allein täglich 300 bis 400 Pfund
im Kleinverkauf ab. Das Walfiſchfleiſch wird aus
Norwegen, Dänemark und Island bezogen. Es han=
delt
ſich um das Fleiſch junger Wale, das wohl=
ſchmeckend
und nahrhaft ſein ſoll. Alte Tiere ſind un=
genießbar
.
** Was ein engliſcher Parlamentsſitz
koſtet. Mit begreiflicher Beklommenheit mag das
Gros der engliſchen Volksvertreter der bevorſtehenden
Parlamentsauflöſung entgegenſehen, denn die Neu=
wahlen
türmen nicht nur das böſe Fragezeichen auf,
ob man wieder den innegehabten Sitz einnehmen wird,
ſie bedeuten auch, bei aller Unbeſtimmtheit des Erfol=
ges
, einen ſchmerzlich tiefen Griff in den Geldbeutel.
Aber die Parlamentskandidaten von heute haben es
immer nach beſer, wie ihre Voxgänger vor 100 Jah=

ren, denn damals waren die Summen, die ein Kandidat
für ſeine Wahl opfern mußte, noch ungleich höher als
heute. Eine engliſche Wochenſchrift erinnert daran,
daß Lord Milton und Lascelles, die beide in York
kandidierten, im Jahre 1807 für ihre Wahl zuſammen
nicht weniger als 4 Millionen Mark ausgeben mußten,
jeder von ihnen zwei Millionen. Dieſe Ziffern ſind
freilich ein Rekord geblieben; aber in jener Zeit
waren die Wahllokale oft fünf, bisweilen ſogar ſechs
Wochen lang geöffnet, und die Anwärter des Parla=
ments
mußten ihre Wähler auf ihre eigenen Koſten
aus den fernſten Winkeln des Landes zum Wahllokal
befördern. Dabei wurde in jener Zeit in großem
Maßſtabe mit Stimmenkauf und Beſtechungen ge=
arbeitet
. In einem ſo kleinen Wahlbezirk wie Nort=
hampton
haben 1768 zwei Kandidaten je 600000 Mark
aufwenden müſſen, um anſtändige Wahlen zu erzielen.
Die gleiche Summe bezahlte ein Volksvertreter von
Kent für ſeinen Parlamentsſitz. 400000 Mark war ein
normaler Preis für eine Wahlkampagne. Unter den
reichen Leuten war der parlamentariſche Ehrgeiz ſo
groß, daß ſchließlich die Väter in ihre Teſtamente Klau=
ſeln
einſetzten, um die Söhne daran zu verhindern,
einen großen Teil ihres Vermögens für die eigene
Wahl auszugeben. Merkwürdig genug iſt es, daß der
Erfolg im Wahlkampfe oft viel billiger iſt als der
Mißerfolg. Bei den Wahlen im Jahre 1900 hat Louis
Sinclair im ganzen nur 38 480 Mark geopfert, um in
Sonth Eſſex einen Parlamentsſitz zu erringen, wäh=
rend
der Gegner, der 3000 Stimmen weniger erhielt,
nahezu 45000 Mark aufwandte. Freilich können nicht
alle Kandidaten ſolche Summen aufbringen, und
manche ſind auch durch ihre Geſchicklichkeit, billige
Wahlerfolge zu erzielen, berühmt geworden. So hat
es W. Abraham im Jahre 1786 fertig gebracht, mit nur
140 Mark Koſten einen Parlamentsſitz zu erobern. Doch
dieſe Leiſtung verſchwindet vor dem Erfolg des ſtein=
reichen
, aber beiſpiellos geizigen John Elwes, der
vor Jahrzehnten eine Kandidatur in Berks nur unter
der Bedingung annahm, daß ſeine Wahl ihn nichts
koſten würde. Sie koſtete ihn ſchließlich doch etwas:
nämlich 1,50 Mark für ein Frühſtück. Aber den Rekord
der Billigkeit hält zweifellos Michael Davict, der im
Jahre 1892 aus dem nordöſtlichen Wahlkreiſe von Cork
ins engliſche Unterhaus entſandt wurde: ihn hat ſeine
ganze Wahlkampagne rund 85 Pfg. gekoſtet.
Die Radiumhochzeit. Das neueſte Er=
eignis
in Paris iſt die Feier der Radiumhochzeit, die,
wie ſchon ihr Name ſagt, ziemlich ſelten iſt. Denn

die Radiumhochzeit iſt die Feier der 70. Wiederkehr
des Tages, da zwei heute noch lebende Ehegatten vor
dem Altar die Ringe wechſelten. Die Jubilare ſind
Ferdinand Dugué und ſeine Gattin, die zuſammen die
ſtattliche Summe von 187 Jahren repräſentieren. Aber
Ferdinand Dugué iſt nicht nur Radiumgatte, er iſt zu=
gleich
auch der älteſte lebende Dramatiker der Welt.
Er zählt 95 Jahre und trat am 22. November 1840 vor
den Altar. In ſeinem reich geſegneten Leben hat er
nicht weniger als 42 Theaterſtücke geſchaffen; gute
Freunde wollen ſogar wiſſen, daß es 43 waren. Die
bekannteſten unter dieſen Werken ſind: Die Piraten
der Savannah und Cartouche‟. Die Piraten ſind
über 1000mal in Szene gegangen. Sein letztes Werk,
ein Drama, das auf dem Meeresgrund ſpielt,
wurde 1877 zuerſt gegeben, und erſt vor weni=
gen
Wochen in Paris wieder neu einſtudiert. Mme.
Dugué hat in den letzten zwei Jahren das Bett hüten=
müſſen
, weil ſie ſich das Bein gebrochen hatte, aber ſie
iſt im übrigen noch ebenſo lebhaft und guten Mutes,
wie ihr rüſtiger Gatte. Meine Knochen ſind zu alt,
um noch zu heilen, erklärte ſie lächelnd den Feſtgäſten,
aber ſchließlich war es auch meine eigene Schuld. Ich
fiel auf der Treppe des Bahnhofes hin, als ich unſinnig
lief, um einen abfahrenden Zug noch zu erreichen.
CK. Die Irrtümer des Inſtinktes. In
der franzöſiſchen Akademie der Wiſſenſchaften hat Bon=
nier
über die Forſchungen Roubauds einen intereſſan=
ten
Bericht erſtattet. Roubaud beobachtete bei Weſpen
von der Belonogaſter=Art einen merkwürdigen Irr=
tum
des Inſtinktes. Dieſe Weſpen beſitzen einen Pa=
raſiten
, eine kleine Mücke, die ihre Larven oft in den
Zellen der Weſpen niederlegt; die Verpuppung voll=
zieht
ſich dann in den Weſpenzellen. Aus Sparſamkeit
verzehren die ausgewachſenen Weſpen jene Larven
ihrer eigenen Gattung, die durch das Eindringen der
Paraſiten entwicklungsfähig geworden ſind; aber da=
bei
befreien ſie auch ihre Feinde, die Fliegen, die ohne
dieſen Eingriff untergegangen wären. Dieſem Fehler
folgt ein zweiter Irrtum: die paraſitären Mücken
haben ihrerſeits einen Feind in winziges= Inſekten,
die ihre Eier in die Mückenlarven legen. Zisweilex
werden dieſe Eier an der Seite der Larve depontert;
ſie entwickeln ſich aber trotzdem. Die Weſpe jedoch ver=
tilgt
auch dieſe Eier; ſie weiß Freund und Feind nicht
zu trennen, und indem ſie den Feind begünſtigt, ver=
nichtet
ſie den Bundesgenoſſen im Kampfe=ums= Da=
ſein
.

[ ][  ][ ]

Seite 5.

Nummer 278.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November=1910.

s. mayonnaise.. Rehbraten, Salat, Kompott Ge=
miſchte
Eisbombe Käſeſtangen Deſſert Kaffee.
Die Tafelmuſik wurde von der Kapelle des
Großh. Garde=Dragoner=Regiments Nr. 23 ausge=
führt
.
W1. Im Hoftheaterfand Feſtvorſtellung bei
feſtlich erleuchtetem Hauſe ſtatt. Der Vorſtellung wohnten
hei: Der Großherzog und die Großherzogin
und die Prinzeſſin Heinrich von Preußen,
Fürſt und Fürſtin zu Solms=Lich, Prinz und
Prinzeſſin Franz Joſef von Battenberg
und die Prinzen Victor und Karl zu Iſen=
burg
=Birſtein. Als die höchſten Herrſchaften die
Hofloge betraten, brachte Herr Oberbürgermeiſter Dr.
Gläſſing ein dreimaliges Hoch auf den Großherzog aus,
das freudigen Widerhall fand, worauf die Fürſtenhymne
geſpielt wurde, die das Publikum ſtehend anhörte.
Als erſtes Stück gelangte zum erſten Male Suſan=
nens
Geheimnis Intermezzo in 1 Akt nach dem
Franzöſiſchen von Enrico Golisciani, Deutſch von Max
Kalbeck, Muſik von Erm. Wolf=Ferrari, zur Auffüh=
rung
. Die Handlung des Einakters iſt recht harmlos, aber
ſehr geſchickt zu einem Libretto verarbeitet. Die Gattin
Suſanne des Grafen Gill raucht in Abweſenheit ihres
Mannes heimlich Zigaretten. Als er nach Hauſe kommt
und den Zigarettenduft im Zimmer riecht, ſchöpft er Ver=
dacht
, da er weiß, daß weder ſeine Frau noch ſein Diener
rauchen. Ihr unbeſtimmtes Geſtändnis, daß ſie ein Ge=
heimnis
vor ihm habe, ſtachelt ſeine Eiferſucht noch mehr
auf und es kommt zu einer ſtürmiſchen Eheſzene, worauf
er das Haus verläßt mit der Abſicht, ſeine Frau mit dem
vermeintlichen Zigarettenraucher zu ertappen. Er ſteigt
durchs Fenſter ins Zimmer, als ſie mit der brennenden
Zigarette in der Hand im Schaukelſtuhl ſitzt. Sie ver=
ſteckt
das eorpus delicti, er aber verbrennt ſich, als er zu=
greift
, an der Zigarette und der Konflikt iſt gelöſt.
Bei einer Taſſe Tee rauchen dann beide zuſammen eine
Verſöhnungszigarette und Suſannens Geheimnis
hat aufgehört zu ſein.
Die Muſik der reizenden muſikaliſchen Bluette verei=
nigt
dramatiſches Pathos mit lyriſcher Grazie. Sehr an=
ſprechend
iſt ſchon die in prickelndem Luſtſpielſtil geſchrie=
bene
Ouverture; trotz der Einfachheit der Handlung und
der äußeren Form des Werkchens es iſt nur ein ein=
ziges
großes, von Monologen Suſannens unterbrochenes
Duett, da die dritte Perſon eine ſtumme Rolle hat kommt
doch dank der lebendigen und leicht fließenden Inſtrumen=
tation
und dem durch das Ganze hindurchgehenden friſchen
Zug ein Gefühl von Monotonie nicht auf. Obgleich dem
Komponiſten das Rüſtzeug moderner Inſtrumentation zu
Gebote ſteht, nähert ſich die Muſik doch mehr der Mozart=
ſchen
Einfachheit, als dem überladenen Stil der Moder=
nen
und hält ſich auch von dem Fehler der letzteren, dem
Mißverhältnis zwiſchen Inhalt und Form, durchaus fern.
Auch die leitmotiviſche Behandlung man könnte von
einem Eiferſuchtsmotiv, einem Zigarettenmotiv ꝛc. ſprechen
iſt geſchickt und macht nicht den Eindruck des Beabſich=
tigten
und Aufdringlichen. Sehr hübſch und von echter
Tonpoeſie erfüllt iſt der Monolog der verlaſſenen Suſanne
Die muſikaliſche Leitung der Aufführung lag in den
Händen des Herrn Hofkapellmeiſters de Haan, die ſze=
niſche
Leitung in denen des Herrn Oberregiſſeurs Val=
dek
. Den Grafen Gill, den Fluth von Piemont, ſang und
ſpielte Herr Weber mit ſtimmlicher Friſche, Verve und
Nobleſſe und ließ es in der Eiferſuchtsſzene an feurigem
Temperament nicht fehlen. Die Gräfin, die im Gegenſatz
zu Frau Fluth die Eiferſucht ihres Mannes von der
ernſten und nicht von der humoriſtiſchen Seite auffaßt und
etwas philiſtrös angehaucht iſt, hatte in Frau Speiſer=
Suchanek eine repräſentativ, darſtelleriſch und geſang=
lich
berufene Vertreterin gefunden. Die vantomimiſche
Rolle des Dieners Sante geſtaltete Herr Riechmann
höchſt komiſch aus.
Der beſcheidene, als ein Intermezzo bezeichnete muſi=
kaliſche
Einakter, der eine ſchätzenswerte Bereicherung un=
ſeres
Repertoirs bildet, erzielte einen vollen Erfolg.
Als zweites Stück gelangte das Singſpiel Brü=
derlein
fein wieder zur Aufführung.

Stimmen aus dem Publikum.
(Für die Veröffentlichungen unter dieſer Ueberſchrift übernimmt die Redaktion
keinerlei Verantwortung; für ſie bleibt auf Grund des § 21 Abſ. 2 des
Preßgeſetzes in vollem Umfange der Einſender verantwortlich.)
Die Höflichkeit der Straße.
Du meinſt, lieber Neffe, Du habeſt in Deiner
Tanzſtunde im vergangenen Winter alles gelernt,
was an höflicher Sitte von einem jungen Manne ver=
langt
werden kann. Dies gerne zugeſtehend, möchte
Dein Oheim Dich noch auf etliches aufmerkſam machen,
was zu unſerer Zeit geübt wurde und was aller=
dings
in der jagenden Eile des heutigen Lebens nicht
mehr ſo ſtreng beobachtet werden und nicht ſo korrekt
ausgeführt werden kann: Ich meine, die Höflich=
keit
der Straße. Z. B.: Du überholſt beim
Spaziergang oder auf dem Trottoir eine Gruppe
oder einen Einzelnen, und, kaum vorüber, nimmſt
Du Deinen Kurs, dicht vor ihnen, gewährſt ihnen
den Anblick Deines ſchlanken Wuchſes, ſchlenkerſt
Dein Stöckchen und biſt ſehr zufrieden mit Dir. Allein,
höflich iſt, beim Paſſieren erſt eine Strecke lang
den Ueberholten den Blick frei zu laſſen und erſt in
einiger Entfernung einzulenken. Bei Begegnen mit
älteren Leuten iſt auch nicht fein, das Ausweichen ſo
knapp zu bemeſſen, daß zum Schluß noch ſchnell der
Arm zurückgelegt wird, um ein Anſtoßen zu ver=
meiden
: Iſt Raum vorhanden, ſo zeige früh, daß Du
höflich aus dem Wege gehen willſt. Biſt Du auf den
deutſchen Gruß eingeſchworen, ſo markiere ihn deut=
lich
mit einer Verneigung, wenn Du ihn anerkannt
ſehen willſt. Dränge Dich nicht in Haſt zwiſchen meh=
reren
Perſonen durch, wenn auf der Seite Raum iſt,
Deine Eile iſt auch oft nicht ſo groß, denn das
nächſte Schaufenſter feſſelt Dich bereits zu längerem
Stehen. Dies der erwachſenen Jugend! Die Schul=
jugend
, die in Ketten von je dreien die Trottoirs
ſperrt und im Vorbeiraſen die Schulranzen oder
=Taſchen ſchleudert, daß es gefährlich ausſieht, die
kann der alte Oheim nicht erziehen zur Höflichkeit
der Straße, obwohl er an der Jugend ſeine Freude
hat. Vielleicht nützen da Eltern=Worte. Oder Er=
mahnungen
der Lehrer und Lehrerinnen!
Es ſcheint wichtig, die Aufmerkſamkeit der be=
treffenden
Stelle nach den Vorgärten der freiliegen=
den
Häufer zu lenken, wo der eilig Vorübergehende
ſehr oft unliebſame Ueberraſchungen erlebt. Die
Sträucher, Bäume und Schlingpflanzen müßten ſämt=
lich
in größerer Höhe gekürzt ſein, ſodaß nicht nur
der Kopf, ſondern auch der Hut eines hochgewachſenen
Mannes ungefährdet bleibt beim Paſſieren der Fuß=
ſteige
. So lange noch der Blätterſchmuck überall das
Auge erfreute, konnte man ſich vorſehen, da von wei=
em
ſchon die Entfernungen abzumeſen war: nun

aber, wo die kahlen Zweige und Ranken nieder=
hangen
, gehört große Vorſicht dazu, nicht von einer
ſolch dünnen Gerte einen Schlag ins Auge zu bekom=
men
oder von ſtärkeren Zweigen den Hut beſchädigt
zu ſehen! Noch dürfte auf die Höhe der Regenſchirme
Rückſicht zu nehmen ſein, die bei raſchem Ausweichen
den ganzen Segen von Schnee oder Regen der Vor=
gärtenbäume
zu genießen haben. Alſo tüchtig
kürzen!

Im Soderviertel macht ſich ſeit einiger Zeit,
namentlich in den Mittagsſtunden, eine Bettlerplage
ſehr läſtig fühlbar. Wenn man ſich auch vor den häu=
figen
unangenehmen Störungen durch Hauſierer nicht
ſchützen kann, ſo dürfte hier doch in obiger Sache ein
energiſches Einſchreiten des zuſtändigen Polizei= Re=
viers
am Platze ſein.
Ein Notſchrei.
Und wär es von Aſbeſt, es iſt nicht reinlich.
Aber einmal muß doch davon geredet werden! Schon
vor mehr als dreißig Jahren hat einmal die geſamte
Wiener Aerzteſchaft einen ſchweren Kampf ſiegreich
durchgeführt gegen die dortige Stadtverwaltung wegen
hygieniſcher Mißſtände, welche ſich in dem Mangel
öffentlicher Bedürfnisanſtalten fühlbar machten und
deren ſchädliche Wirkung ſogar ſtatiſtiſch aus der Zu=
nahme
gewiſſer Krankheitsformen in den Zugängen
der öffentlichen Krankenanſtalten nachgewieſen wurde.
Einſender hatte ſchon vor geraumer Zeit ſich ver=
anlaßt
gehalten, in einer Eingabe beim hieſigen Stadt=
vorſtand
auf ähnliche Mißſtände aufmerkſam zu
machen, welche ſich bei der Zunahme der Stadt an
Ausdehnung wie an Bevölkerung immer fühlbarer
machen. Ich habe auch beſonders auf dieſen Man=
gel
bei öffentlichen Gebäuden, z. B. unſeren beiden
großen Stadtkirchen, der Landeshypothekenbank uſw.
hingewieſen, die ja gar oft das Ziel nicht nur für Ge=
ſunde
, ſondern auch für Kranke und Schwache bilden.
Neben den geſundheitlichen hatten mich aber auch
gewiſſe volkserzieheriſche Gedanken geleitet: In den
alten Muſeumsräumen im hieſigen Schloß hing in
einem der ſchmalen, nach der Rheinſtraße zu gelegenen
Durchgänge ein abſonderliches Gemälde, welches wohl
die Ausſicht aus dem gegenüberliegenden Fenſter in
etwas phantaſievoller Weiſe darſtellen ſollte. Es bil=
dete
aber das beſondere Gaudium der ſoeben muſeums=
mündig
gewordenen Jugend, welche ſich kichernd
gegenſeitig auf die reichlich naturaliſtiſche Staffage
äufmerkſam machte, wodurch der Künſtler wohl die
Uebereinſtimmung ſeiner Darſtellung mit der Wirk=
lichkeit
beweiſen wollte. Wenn ich nun zu oft wehr=
los
dulden muß, daß mein Eigentum, der Eingang
meines Hauſes, in unflätiger Weiſe zur Ergänzung
des öffentlichen Geſundheitsdienſtes herangezogen
wird, ſo muß ich eben glauben, daß üble Volksgewöhn=
ungen
nur ſchwer auszurotten ſind. Auf meine Ein=
gabe
wurde mir unter Anerkennung von deren Be=
rechtigung
der Beſcheid, daß der gute Wille zur Ab=
hilfe
nur allzu oft an dem Widerſpruch der jeweiligen
Nachbarſchaft ſcheitere. (!) O heiliger Florian, ſchütz?
unſer Haus, zünd andere an!
Ich hatte aber auch auf die Notwendigkeit hin=
gewieſen
, wenigſtens vor Eröffnung neuer Bauquar=
tiere
dieſe unabweisbare Bedürfnisfrage gegen jeden
Einwand ſicher zu ſtellen. Aber auch dieſer Mahnruf
ſcheint ungehört verhallt zu ſein. Es geſchah doch wohl=
nicht
leichten Herzens, als unſere Stadtväter die be=
trächtlichen
Mittel für Herſtellung der Terraſſen=
mauer
an der Nordſeite des Paulusplatzes lediglich
zu Verſchönerungszwecken bewilligten. Wie leicht
hätte doch da, etwa gegen das weſtliche Ende die=
ſer
Mauer hin, durch Ausſparung einer überwölbten
Niſche aus dem anliegenden Körper der Ohlyſtraße
dem uns bleibenden Erdenreſt, zu tragen peinlich,
Rechnung getragen werden können! Ein paar davor
gepflanzte, raſch wachſende Gebüſche hätten wohl jedem
äſthetiſchen Bedenken wegen der im Sommer dort
Luſtwandelnden Rechnung getragen. (Vielleicht hätte
ſich da der Baukunſt Gelegenheit geboten, durch
Schaffung eines ſtilvollen Ventilationsrohrs auf der
Mauerbrüſtung weitere Orgien plaſtiſcher Aus=
ſchmückung
dieſes ſchönen Platzes zu feiern?)

Deutſcher Reichstag.
* Berlin, 25. Nov. Präſident Graf v. Schwerin=
Löwitz eröffnet die Sitzung um 1,20 Uhr. Auf der Ta=
gesordnung
ſteht die Fortſetzung der Beratung der
Fleiſchnot=Interpellation.
Abg. Hildenbrand (Soz.): Das Bedauern der
Arbeiterſchaft über die beſtehende Nahrungsmittelteuerung
wird verſchärft dadurch, daß die Regierungen nicht die
Abſicht haben, geeignete Maßregeln zu ergreifen, dem
von ihnen anerkannten Notſtand abzuhelfen. Dies iſt
eine beſtehende, bedauerliche Tatſache, die nicht ſcharf ge=
nug
in der Oeffentlichkeit gerügt werden kann. (Sehr
richtig!) Der Arbeiter hat Anſpruch auf die Möglichkeit
des Fleiſchgenuſſes und verlangt von der Regierung, daß
ihm dieſer Genuß ermöglicht werde. Die Arbeiter im
Lande werden ſich die Abgeordneten und Parteien an=
ſehen
, die ihre Intereſſen mit Füßen treten. Wir brauchen
nicht nach Wahlſchlachtwörtern zu ſuchen, dafür ſorgen
Sie (nach rechts) und das Inſtrument des Himmels.
(Sehr gut! bei den Soz.) Daß die veterinärpolizeilichen
Gründe gegen die Grenzſperre maßgebend geworden ſind,
glaubt kein Menſch. Der Reichskanzler verſagt ein In=
ſtrument
des Volkes! Deshalb muß das Volk ſelber die
Teuerung beſeitigen durch Aufhebung der verteuernden
Politik, der indirekten Steuern und der Zölle. Der ge=
ſundheitliche
Zuſtand des däniſchen und holländiſchen
Viehs iſt nicht ſchlechter als derjenige des unſerigen, was
z. B. aus Argentinien als verſeucht zurückgewieſen wurde.
Weshalb verteuert man denn ſonſt den billigen Margarine=
transport
, da dem Arbeiter der Genuß von Butter ſchon
längſt unmöglich gemacht worden iſt? Daß die Reichs=
regierung
Abhilfe ablehnt, iſt eine Vernachläſſigung ihrer
Pflicht, die ihr nicht ſcharf genug zum Vorwurf gemacht
werden kann. (Beifall bei den Soz.)
Staatsſekretär Dr. Delbrück: Die Mehrheit des
Hauſes teilt nach dem Ergebnis der Debchtte in der
Hauptfache den Standpunkt des Reichskanzlers. Nur in
einigen Nebenpunkten, wie in der Beurteilung des hollän=
diſchen
Viehs und der etwaigen Aufhebung der Maiszölle
beſtehen Meinungsverſchiedenheiten. Wenn der Abg. Dr.
Wiemer ſpricht, daß ich anders geſprochen hätte als früher
als Oberbürgermeiſter von Danzig, ſo beweiſt das nur,
daß ein Miniſter, auf dem die Sorgen der wirtſchaftlichen
Intereſſen eines ganzen Reiches liegen, ganz andere An=
ſichten
hat, als ein Bürgermeiſter, der nur beſchränkte In=
tereſſen
mit allem Nachdruck zu vertreten hat. Mein
Grundgedanke war damals, eine ausgiebige Fleiſchvar=

ſorgung der Minderbegüterten zu ermöglichen; ſo denken
wir auch heute noch. Die Schutzmaßnahmen müſſen auf=
recht
erhalten werden. Auf den § 12 des Fleiſchbeſchau=
geſetzes
kann nicht verzichtet werden und zwar nicht aus
Gefälligkeit oder Freundſchaft zu einer einzelnen Partei.
Eine weſentliche Erleichterung des Marktes iſt durch die
Grenzöffnung nicht zu erwarten. Wenn wir an einzelnen
Stellen im Süden Mangel haben, ſo liegt das daran, daß
man ſich dort auf die Einfuhr aus dem Ausland verlaſſen
hat. Eine Sicherſtellung der Fleiſchverſorgung für alle
Zeiten iſt nur zu erwarten, wenn wir der Landwirtſchaft
eine gewiſſe Sicherheit und mäßigen Gewinn verbürgen,
ihr auch den nötigen Schutz gegen Seuchen zuſichern. Der
Einfuhr aus Südamerika ſtehen geſundheitliche Bedenken
entgegen. Während die Lebenshaltung ſonſt geſtiegen
iſt, iſt auf dem Gebiete der Brotpreiſe dieſe Tendenz
nicht ſo zu verzeichnen. Daß allein unſere Wirtſchafts=
politik
die Fleiſchverſorgung erſchwert, iſt mit guten
Gründen zurückgewieſen worden. Die ſteigenden Löhne
und Qualitäten, höhere hygieniſche und äſthetiſche An=
forderungen
und dergleichen, die mit agrariſcher Politik
nichts zu tun haben, ſprechen mit. Die Fleiſchpreiſe ſtei=
gen
ſtärker als die Viehpreiſe. Denn der Ausgassspunkt=
unſerer
Schutzzollpolitik iſt nicht die Lndwirtſchaft, ſon=
dern
die Induſtrie geweſen; ſchützt man letztere, dann muß
es auch für die Landwirtſchaft geſchehen. Ich kann nur
wünſchen, daß das deutſche Volk die Einſicht beſitzen
werde, uns auch durch den künftigen Reichstag die Mög=
lichkeit
zu geben, unſere bisherige Wirtſchaftspolitik bei=
zu
behalten. (Lebh. and. Beif. rechts; Zuruf bei den Soz.:
Schneiden Sie ſich nur nicht!)
Abg. Wachhorſt de Wente (nl.): Ich gebe zu,
daß eine Preisſteigerung für Rind= und Schaffleiſch ein=
getreten
iſt, nicht aber für Schweinefleiſch. An der Stei=
gerung
iſt die Landwirtſchaft nicht ſchuld; ſie beklagt die
ſchwankenden Preiſe. Durch Oeffnung der Grenzen läßt
ſich dieſes Uebel nicht beſeitigen, ſondern nur durch mög=
lichſte
Hebung der Produktion. Die Grenzſperre brauchen
wir und auch den ſonſtigen Schutz unſerer Landwirtſchaft.
Bei einer vernünftigen Politik müſſen bei dem großen
Bevölkerungszuwachs neue Bauernſtellen geſchaffen werden
durch innere Koloniſation. Die Konſervativen follten
der inneren Koloniſation nicht direkt und indirekt Hinder=
niſſe
in den Weg ſtellen. (Unwahrheit! rechts, Ein ſolcher
Zuruf iſt eine Gemeinheit. Lärm links.) Vizeprä=
ſident
Schultz: Es iſt nicht Brauch, einen Zuruf mit
dem Ausdruck Gemeinheit zu erwidern und ich rufe Sie
deshalb zur Ordnung. (Bravo rechts, Unruhe links).
Der Ausdruck Unwahrheit iſt eine objektive Feſtſtellung.
(Zuruf: Sehr angenehm!) Das iſt ſehr angenehm, daß
ich das erfahre. (Schallende Heiterkeit). Die National=
liberalen
ſind ſtets für den Schutz der nationalen Arbeit
eingetreten. Der Bund der Landwirte aber trägt Zwie=
ſpalt
in die Reihen der deutſchen Landwirtſchaft. (Lärm
rechts.) Der Freihandel muß einem Syſtem des gerech=
ten
Ausgleichs weichen. Das merken ſelbſt die Sozial=
demokraten
. (Zurufe. Heiterkeit).
Vizepräſident Schultz: Ich bitte, Zurufe zu unter=
laſſen
, da die Ausführungen des Redners doch in einem
gewiſſen Zuſammenhang mit dem Thema ſteyen. ( Heiter=
keit
).
Abg. Wachhorſt de Wente (fortfahrend): Jeden=
falls
muß die nationale Arbeit geſchützt werden. (Beifall
bei den Nl.)
Abg. Kobelt (wildlib.): Daß bei dieſer ganzen
Diskuſſion nicht viel herauskommen würde, wußte ich
ſchon im voraus. (Sehr gut! Heiterkeit). Daß eine
Fleiſchteuerung beſteht, verſpüren wir auch in der Reichs=
tags
=Reſtauration. (Große Heiterkeit). Ich ſtelle dem
Miniſter gern meine Bücher zur Verfügung, und er wird
daraus ſehen, mit welch außerordentlichen Verluſten ich
dem Vorjahre gegenüber gearbeitet habe. Würden alle
Fleiſcher Buch führen, ſo würden ſie erheblich weniger
Steuern zu zahlen haben. Alljährlich im November geht
durch den Wildpret= und Geflügelkonſum, ſowie durch die
Arbeitsloſigkeit im Baugewerbe der Fleiſchkonſum und
damit der Preis zurück. In dieſem Jahre aber nicht!
Eine Aenderung würde eintreten, wenn die Domänen=
pächter
verpflichtet würden, ein beſtimmtes Quantum an
Vieh ſelbſt zu züchten. Es wird höchſte Zeit, daß die
Regierung ſelbſt etwas tut. Sie kann allerdings dreiſt
erklären, daß ſie nichts tun wird. Denn an der Volks=
geſinnung
iſt nichts mehr zu verderben und bei den näch=
ſten
Wahlen wird die Regierung ihr ſchwarz=blaues Wun=
der
erleben. Die Regierung ſollte ſo raſch wie möglich
handeln, damit der angerichtete Schaden nicht ſo groß
und unheilbar wird. (Lebhafter Beifall links).
Abg. Linz (Rp.): Es beſteht unzweifelhaft eine
große Fleiſchkalamität, unter der auch der Mittelſtand
ſchwer leidet. Abg. Dr. Hahn (Bd. d. Ldw.) pole=
miſiert
zu Beginn ſeiner Ausführungen gegen die Auf=
faſſung
des Abg. de Wente, daß ein Gegenſatz zwiſchen
dem Bund der Landwirte und dem Bauernbund beſtehe.
Meine Partei ſteht auf dem Boden des Zolltarifs von
1902. Die innere Koloniſatſon muß anders ſein in
Poſen als in Hannover. Das Verdienſt, die neue Wirt=
ſchaftspolitik
Bismarcks durchgeſetzt zu haben, gebührt
zum großen Teil dem Zentrum.
Nachdem noch eine Anzahl Redner geſprochen, ſchließt
die Beſprechung. Es folgen eine Reihe perſönlicher Be=
merkungen
, dann wird Vertagung beſchloſſen. Nächſte
Sitzung Samstag, 11 Uhr: Interpellation über die
Kaiſerrede; Rebkrankheiten. Schluß 347 Uhr,

* Berlin 25. Nov. Die dritte Kommiſſionsberat=
ung
des Reichs=Wertzuwachsſteuergeſetzes
wurde vom Staatsſekretär des Reichsſchatzamtes, Wer=
muth
, mit einer längeren Rede eingeleitet, in der der
Staatsſekretär unter Hinweis auf den Widerſtand, des
weite Kreiſe ergriffen, auch die Kommiſſionsberatungef
im Sinne einer Abſchwächung beeinflußt habe, empfahk
ſich gegenwärtig zu halten, daß bei aller Anerkennung
des weitergehenden Einfluſſes von Einzelſtaaten und
Gemeinden das Reich die Grundlage für die außer=
ordentliche
Entwicklung des Erwerbs= und Wirtſchafts=
lebens
und damit für den Wertzuwachs an Grund und
Boden bilde. Vor allem biete aber die Zuwachsſteuer
als Belaſtung des Beſitzes den von allen Parteien als
wünſchenswert und notwendig erkannten weiteren
Ausgleich für die in der Finanzreform erfolgte Mehr=
belaſtung
des Verbrauches und könne umſoweniger
dauernd zurückgeſtellt werden, als dem Reiche nur
wenige Beſitzſteuerarten zugänglich ſeien und gerade
die Zuwachsſteuer im Volksbewußtſein beſonders tief
Wurzel gefaßt habe. Durch die Zuwachsſteuer ſei Ge=
legenheit
gegeben, an der Entwickelung underer Heeres=
einrichtungen
und an der Verbeſſerung des Loſes un=
ſerer
Veteranen mitzuarbeiten. Die Kommiſſion be=
ſchlöß
, die Rede des Staatsſekretärs im Wortlaute allen
Mitgliedern zugänglich zu machen und wertsgte ſah
danz ag.

[ ][  ][ ]

Nummer 278.

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

Die Meuterei auf brafilianiſchen Kriegsſchiffen.
* Rio de Janeiro, 24. Nov. Die aufrühreriſchen
Schiffe, die die Nacht über ſich auf dem freien Meer auf=
hielten
, ſind in den Hafen zurückgekehrt. Ein Funken=
telegramm
des Matroſen des Schiffes Minas Geraes,
Joao Candido, des Führers der Bewegung, wurde von
der Funkenſtation der Stadt aufgefangen. Darin wird
ihnen empfohlen, ſich ruhig zu verhalten und nicht ohne
Befehl des Minas Geraes mit den Geſchützen zu
feuern. Der Verſehr in der Stadt iſt normal. Der
geſtern verurſachte Schaden iſt unbedeutend.
* New=York, 24. Nov. Nach Kabelnachrichten
aus Rio de Janeiro haben die Meuterer der Regie=
rung
ihre Uebergabe angeboten. Der Senat hat
einſtimmig den Amneſtie=Vorſchlag angenommen. Die
Kammer hat ihre Beratung noch nicht beendet.
* Rio de Janeiro, 25. Nov. In der Depu=
tiertenkammer
machte ſich bei der noch immer nicht
beendeten Debatte gegen den Amneſtie=Entwurf ſtarke
Oppoſition geltend. Gegen abend ſchien ſich das Ge=
ſchwader
von neuem in Bewegung ſetzen zu wollen. Um
7,30 Uhr beſchoß der Minas Geraes ein treugeblie=
benes
Kanonenboot.
* Rio de Janeiro, 25. Nov. Die Kammer
vertagte geſtern die Beratung über den Amneſtie=
antrag
der Meuterer auf heute. Man glaubt, daß
die Amneſtie mit ſchwacher Majorität bewilligt werden
wird. Die Panzerſchiffe Sao Paulo und Bahia‟
befinden ſich außerhalb der Barre. Die Minas
Geraes nahm in der Bucht gegenüber dem Präſident=
ſchaftsgebäude
Stellung.
* Rio de Janeiro, 25. Nov. Die Kammer
beſchloß die Amneſtie der Meuterer. Die
Forderungen, die körperliche Züchtigung abzuſchaffen
und den Mannſchaftsbeſtand der Schiffe zu erhöhen,
wurden bewilligt. Die Meuterer unter=
warfen
ſich. Die Ordnung iſt wiederhergeſtellt.
Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Berlin, 25. Nov. Der Magiſtrat bewilligte die
Baukoſten für eine Untergrundbahn Nord-
Süd von 53,8 Millionen Mark. Die Koſten ſollen aus
Anleihemitteln gedeckt werden.
* Berlin, 25. Nov. Wie wir erfahren, hat Kapitän
Wahſel der Hamburg-Amerika=Linie das Kommando
des Schiffes der Deutſchen Antarktiſchen Ex=
pedition
übernommen. Wahſel hat die erſte deutſche
Südpolar=Expedition als zweiter Offizier mitgemacht. Es
liſt ſomit auch die Führung dieſes großen deutſchen Unter=
jnehmens
in deutſchen Händen.
* Berlin, 25. Nov. Die Blättermeldung, daß in
Allenſtein und in Guben neue Eiſenbahndirek=
ſtionen
eingerichtet werden ſollen, iſt, wie wir von
zuſtändiger Seite erfahren, völlig unrichtig.
* Berlin, 25. Nov. Die mexikaniſche Geſandtſchaft
ſteilt mit, daß in Mexiko in allen Orten, in denen
Ruheſtörungen vorgekommen ſind, wieder Ruhe iſt.
* Dresden, 25. Nov. Die Korreſpondenz Sächſiſcher
Landesdienſt meldet aus Wildenfels: Heute früh 7 Uhr
verſtarb Friedrich Magnus, Graf und Standesherr
zu Solms=Wildenfels, erbliches Mitglied der
Erſten Kammer des Königreichs Sachſen, nach längerer
Krankheit an einem Krebsleiden.
* Hamburg, 25. Nov. Wegen Nebels ſtockt die
Schiffahrt auf der Elbe vollſtändig. Seit abends 9¾
Uhr ſind weder Schiffe in die Stadt gekommen noch
abgegangen.
* Hamburg, 25. Nov. Nach 2 Uhr nachmittags nahm
infolge Nebels die bereits undurchſichtige Luft ſo
an Dichtigkeit zu, daß eine nachtähnliche Dun=
ſkelheit
herrſcht. Allenthalben war Beleuchtung
nötig.
* Neuengamme, 25. Nov. Heute morgen wurden
die Vorarbeiten zur Ableitung der Gasſtraße
der Erdgasquelle von der Hamburger Stadtwaſſerkunſt
begonnen, und zwar unter Mithilfe der Feuerwehr.
Es gelang verhältnismäßig leicht, die Flammen völ-
lig
abzulöſchen. Um die Ableitungsrohre anzu=
bringen
, muß das aus dem Erdboden herausragende
Rohr durch Zementblöcke ſtark verankert werden, was
auch den morgigen Tag beanſpruchen wird. Während
der Mittags= und der Nachtpauſe wird das Gas wie=
der
entzündet und erſt wieder vor Beginn der Arbeit
ſabgelöſcht.
* Greifenberg i. Pom., 25. Nov. Geſtern abend
brach bei einem Neubau ein Gerüſt zuſammen;
zwei Maurer ſtürzten in die Tiefe; einer iſt tot, der
andere liegt hoffnungslos darnieder. Der Unterneh=
mer
, Maurermeiſter Klages, beging aus Verzweiflung
Selbſtmord.
* Brüſſel, 25. Nov. Nach dem heute morgen 9 Uhr
ausgegebenen Krankheitsbericht ruhte die =
nigin
nachts einige Stunden. Die Symptome der
Bruſtfellentzündung zeigen eine Beſſerung. Die Krank=
heit
verläuft befriedigend.
* Madrid, 25. Nov. In Villa Carcia, Coruna
und Vigo wurden heute früh Erdſtöße verſpürt.
* Liſſabon, 25. Nov. Die Arbeiter der elek=
triſchen
Werke ſind in den Ausſtand getreten.
Die Akkumulatoren liefern ſeit Mitternacht die Be=
leuchtung
. Der Direktor der Gasgeſellſchaft und der
Zivilgouverneur hielten wegen des Ausſtandes eine
Beſprechung ab.
* London, 25. Nov. Die deutſche Bark Vidette‟
von Hamburg nach Barrow unterwegs, entdeckte heute
vormittag am Ufer, zwei Meilen ſüdlich von Winſer=
ton
(Norfolk) Rettungsboote an der Seite eines
Fahrzeugs, das wrack zu werden drohte. Die Küſten=
wachen
retteten mittels des Raketenapparates einen
Mann. Die übrigen 14 Mann der Beſatzung befinden
ſich noch an Bord des Schiffes.
* London, 25. Nov. Nachdem das Unterhaus
die Arbeiten beendete, hielt es heute eine formelle Sitz=

ung ab und vertagte ſich dann bis zum 28. November,
an welchem Tage der Abſchluß der Sitzungsperiode er=
folgt
. Die Auflöſung folgt bald darauf.
* London, 25. Nov. Lord Rothſchild tritt in
einem Brief für die Kandidatur des Konſervativen Bonar
Low im nordweſtlichen Mancheſter ein und fordert be=
ſonders
alle Wähler jüdiſcher Konfeſſion auf, für die
Unioniſten zu ſtimmen. Lord Rotſchild ſpricht ſich ferner
zugunſten der Tarifreform aus.
* London, 25. Nov. In der Provinz Ulſter in Ir=
land
erließen die Unioniſten ein Manifeſt, in dem ſie
erklären, wenn das iriſche Parlament zuſtande kommen
werde, ſo würden ſie es nicht anerkennen, die Beſchlüſſe
nicht befolgen und die von ihm beſchloſſenen Steuern
nicht bezahlen.
* Petersburg, 25. Nov. Auf einer am 21. November
in Moskau abgehaltenen Konferenz der Großinduſtriel=
len
des Moskauer Bezirkes, die ſich mit der Frage der
ruſſiſchen Handelsintereſſen in Perſien beſchäftigte, wies
der Vertreter des Miniſteriums des Aeußern, Klemm,
darauf hin, wie kompliziert die Frage der Wahrung des
ruſſiſchen Handels mit Perſien vor der ausländiſchen Kon=
kurrenz
ſei. Da in dieſem Jahre Perſiens Verpflichtung,
keinen Bahnbau zuzulaſſen, abgelaufen ſei, ſo müſſe man
gewärtig ſein, daß der Bau von Bahnlinien, auf denen
den perſiſchen Märkten ausländiſche Waren zugeführt wür=
den
, früher oder ſpäter verwirklicht werde. Deutſch=
land
ſuche infolge ſeiner ungeheueren Produktivität
ſelbſtverſtändlich nach Abſatzgebieten und nähere ſich na=
turgemäß
dem Oſten. Andererſeits habe der ruſſiſch=
engliſche
Vertrag von 1907 das Prinzip der offenen Tür
in Perſien klargeſtellt. Demzufolge ſei die ausländiſche
Konkurrenz unvermeidlich. Es ſei daher notwendig,
Maßregeln zu treffen, um zu der Zeit, wo die Konkurrenz
einziehe, auf den perſiſchen Märkten feſten Fuß gefaßt
zu haben. Zum Schluſſe erſucht die Konferenz Herrn
Klemm, dem Miniſter den Wunſch der Moskauer Indu=
ſtriekreiſe
zu unterbreiten, daß im Falle des Abſchluſſes
eines beſtimmten Abkommens mit Deutſchland den In=
tereſſen
des ruſſiſchen Handels mit Perſien die nötige
Aufmerkſamkeit geſchenkt werde.
* Petersburg, 25. Nov. Die Familie Tolſtois
telegraphierte an den Kadettenführer Mjiljukow, er
möge den Antrag, das Begräbnis Tolſtois auf Staats=
koſten
zu übernehmen, nicht in der Duma einbringen.
* Konſtantinopel, 25. Nov. Die Regierung
brachte in der Kammer eine Vorlage ein, durch die
der Kriegsminiſter ermächtigt wird, die für irgend
einen Titel des Kriegsetats bewilligten Kredite
für andere Zwecke zu verwenden. Dieſe Maßregel
wird mit der Neueinteilung der Armeekorps be=
gründet
.
* Konſtantinopel, 25. Nov. Gegenüber den Blät=
termeldungen
, daß die Pforte eine weitgehende Be=
ſitznahme
dies perſiſchen Territoriums
anſtrebe und den türkiſchen Truppen Befehl zur Be=
ſetzung
des Südufers des Urmiaſees gegeben habe, er=
klärt
man im Miniſterium des Aeußern, daß die türki=
ſchen
Truppen, ebenſo wie die perſiſchen, die in der
ſtreitigen Grenzzone ſeit Jahren eingenommenen Stel=
lungen
beſetzt hielten. Die türkiſchen Truppen hätten
den Befehl, nicht weiter vorzurücken und keine heraus=
fordernde
Haltung einzunehmen, ſich aber gegen jeden
Angriff zu verteidigen. Die Pforte hätte wegen der
unſicheren Lage der angrenzenden perſiſchen Provinzen
zur Sicherung der türkiſchen Konſulate Truppenab=
teilungen
heranziehen müſſen, doch hege ſie keine Ab=
ſichten
auf perſiſches Territorium, zumal ſie Wert
darauf lege, daß Perſien der Grenznachbar der Türkei
bleibe, während die Türkei bei gewagten Unternehm=
ungen
Großmächte wie England und Rußland zu Nach=
barn
bekommen könnte. Dieſen Standpunkt habe die
Pforte bereits wiederholt den Mächten erläutert.
* Cornna, 25. Nov. In der Stadt Noya be=
warfen
3000 Bauern die Amtsräume und die Woh=
nung
des Steuerpächters mit Steinen. Die herbei=
gerufene
Gendarmerie wurde mit Steinwürfen empfan=
gen
und gab daraufhin mehrere Salven ab. Sechs
Bauern und drei Gendarmen wurden getötet. Ein
Leutnant und mehrere Gendarmen wurden verletzt.
* Mexiko, 25. Nov. Der Botſchafter der Ver=
einigten
Staaten erklärte, ſeines Erachtens ſei die
Ordnung in der ganzen Republik wiederher=
geſtellt
und kein Grund zu Befürchtungen vor=
handen
.

Traiſa, 25. Nov. Auf dem Gute Dippelshof
bei Traiſa brach heute nachmittag Feuer aus, das einen
größeren Umfang annahm. Eine Stroh= und eine Kartof=
felhalle
wurden vernichtet, während es den energiſchen
Bemühungen der Feuerwehren von Ober=Ramſtadt, Nie=
der
=Ramſtadt, Roßdorf und Traiſa gelang, das Wohn=
gebäude
und die übrigen Wirtſchaftsgebäude zu retten.

Oranienburg, 25. Nov. Das vierjährige Töchter=
chen
des Brauereiarbeiters Germendorfer hatte
ſich in Abweſenheit der Mutter an den brennenden
Ofen geſetzt, wobei die Kleider anbrannten. Das
Kind eilte auf den Flur, wo die Mutter erſchien, die
ei dem Anblick des brennenden Kindes ohnmächtig zu=
ſammenbrach
. Die Nachbarn erſtickten die Flammen,
doch gelang es nicht, das Kind am Leben zu erhalten.
Ober=Schöneweide, 25. Nov. In Gegenwart der
Kaiſerin erfolgte heute vormittag die Einweih=
ung
des Königin Eliſabeth=Hoſpitals.

Gegen das Altern
Dr. Hommel’s Haematogen
WARNUNG! Man verlange ausdrücklich
den Namen Dr. Hommel.
1494a)

Ein Rezept fürs Haar.
Eines Spezialiſten Rat.
In einem jüngſt veröffentlichten Artikel über die
Pflege des Haares wurde ein Rezept erwähnt, das wegen
ſeiner bemerkenswerten, den Haarwuchs fördernden Eigen=
ſchaften
beſtens empfohlen wurde, da es den Haaraus=
fall
verhindere, die Haarwurzeln neu belebe und die Bil=
dung
von Kopfſchuppen vollſtändig beſeitige. Dieſer
Artikel erregte mein beſonderes Intereſſe, denn das an=
gegebene
Rezept war eines, von deſſen vorzüglicher Wir=
kung
ich mich in zahlloſen Fällen ſchon ſelbſt überzeugen
konnte; für mich wieder ein Beweis, daß derartige Haus=
mittel
noch immer die beſten ſind. Für jene, welche das
Rezept noch nicht kennen, möge es hier angeführt werden.
In jeder Apotheke kann man es ſich zuſammenſtellen
laſſen 85 gr. Bay-Rum, 30 gr. Livola de Composée, 1 gr.
krist. Menthol. Das Menthol wird zunächſt im Bay=
Rum aufgelöſt, dann wird das Livola de Compoſée hin=
zugefügt
; das Ganze tüchtig durcheinandergeſchüttelt, reibe
man morgens und abends mit den Fingerſpitzen leicht,
aber gründlich in die Kopfhaut ein. Dies Haarwaſſer ent=
hält
kein Färbemittel, ſoll aber die Wurzeln frühzeitig er=
grauten
Haares ſehr günſtig beeinfluſſen. Wenn par=
fümiert
gewünſcht, füge man noch ½ Teelöffel beſſeren
Parfüms hinzu.
Vorſicht! Man hüte ſich, die Miſchung dahin zu
bringen, wo Haare nicht erwünſcht ſind.
(22852
Herren-Hemden
nach Maass
guter Sitz!
beste Stoffe!
Eichbergs Nachfolger
Inhab. H. Eck, Grossherzogl. Hoflieferant
obere Wilhelminenstrasse 29.
22
(22098mfis
Die Vorfreude auf Weihnachten kehrt jetzt in vielen
Herzen ein. Sie kommt auch zu denen, deren Leben
ſonſt arm iſt an Freude, den Kranken und Elenden. In=
unſerer
heſſiſchen Epileptiſchenanſtalt in Nieder=Ramſtadt
und dem mit ihr verbundenen Krüppelheim ſind die
nahezu 200 Pfleglinge ſchon mit Eifer daran, ihre
Weihnachtswünſche ſich auszudenken und aufzuſchreiben.
Weihnachten mit ſeinen Gaben beherrſcht ſchon ganz die
kleine Welt ihrer Gedanken und gibt täglich Stoff für
ihre Geſpräche. Wenn ſie aber nicht umſonſt auf das
Feſt ſich freuen ſollen, dann müſſen auch in dieſem Jahre
wieder viel liebewarme Herzen und opferwillige Hände
ſich für ſie auftun. Es wird freilich vor Weihnachten
von allen Seiten um Gaben gebeten. Aber wer die
Sache ſo vieler Kranken und Elenden vertritt, darf doch
immer noch hoffen, mit ſeiner Bitte Gehör zu finden.
Wie ſollten die Vielen, die mit geſunden Kindern
am Glanz des Weihnachtsbaumes ſich freuen dürfen,
nicht gern dazu helfen, daß auch armen kranken
Kindern Weihnachtslicht hineingetragen wird in das
Dunkel ihres Leidens! Armen und Elenden die
Weihnachtsfeier verſchönern, das gehört auch zu der
rechten Vorfreude auf Weihnachten. Weihnachtsgaben
aller Art werden mit herzlichſtem Dank entgegen=
genommen
von der Leitung der Anſtalt für
Epileptiſche in Nieder=Ramſtadt bei
Darmſtadt.
(22843
Geſchäftliches.
Ganz in aller Stille iſt im Laufe dieſes Jahres an
dem Geſchäftshaus der Firma Karl Arnold,
Pianofortefabrik, Ecke Erbacherſtraße, ein moderner
Anbau entſtanden, der neben ausgedehnten neuen Fa=
brikationsräumen
im Mittelgeſchoß einen 80 Quadrat=
meter
großen Klavierſaal enthält. Herr Architekt Karl
Schembs hat es verſtanden, hier einen ganz reizenden
Saal zu ſchaffen, der ſowohl als Klaviermagazin ſowie
als Vorführungsſaal äußerſt vornehm wirkt und durch
ſeine ruhigen Formen zum Genuſſe guter Hausmuſik
wie geſchaffen iſt. Die Firma Karl Arnold, noch rühm=
lichſt
bekannt durch ihre Phonolavorführungen in dem
Muſikſaal Alter auf der Landesausſtellung 1908, wird
in dieſem neuen Saal regelmäßige Phonolavorführ=
ungen
veranſtalten, ſowie alle neuen Errungenſchaften
des modernen Klavierbaus dem kunſt= und muſiklieben=
den
Publikum zugänglich machen.
(22955

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſez
für den Inſeratenteil: J. Kroſt, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

Heinste Fare

nach Pilsner Art
nach Münchner Art
Hell Exvort GuEE
I-Biere.
(6i4s

[ ][  ][ ]

Statt Karten.
Elisabeth Roth
Wilhelm Petri
Kutsohereibesitzer
VERLOBTE

Eschollbrücken

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Samstag, 26. November.
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Darmſtadt um 8 Uhr in der Turnhalle am
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8½ Uhr in der Ludwigshalle‟
Herrenabend des deutſchen und öſterr. Alpenvereins
um 8 Uhr im Reſtaurant Sitte.
Familienabend des Haynſchen Muſikſchulchors um
8 Uhr im Fürſtenſaal
Verſammlung der Freien Tapezierer=Vereinigung um
8½ Uhr im Vereinsſokal.
Handelskammerwahl (Erwerbsgruppe Großhandel)
von 1012 Uhr Rheinſtraße 9.
Konzert um 3 und 8 Uhr im Hotel Heß.
Konzert um 4 Uhr auf der Ludwigshöhe.
Konzert um 5 Uhr im Kölniſchen Hof.
Konzert um ½ 8 Uhr im Bürgerkeller.
1. Darmſtädter Kinema tograph (Ecke Rhein= und
Grafenſtraße): Vorſtellungen von 3½11 Uhr.
Sonntag, 27. November.
Großh, Hoftheater, Anfang ½ 7 Uhr (Ab. C): Die
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Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. Nonemher 1910.

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Wir beklagen tief den Verlust dieses bewährten Mitarbeiters, welcher
seit 28 Jahren unserem Aufsichtsrate als Mitglied angehört hat. Die hervor-
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sichern ihm bei uns allezeit ein ehrenvolles Andenken.
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Darmstadt, Berlin u. Frankfurt a. M., den 25. November 1910.
Der Aufsichtsrat und die Direktion
der Bank für Handel und Industrie.

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Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

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46)
Nicht lange nachdem Rolf fortgegangen war, rief
Frau Anderſen Antje zu ſich herein. Jetzt wollte ſie
richten, und ſie hatte ſich alles klar zurechtgelegt: An=
klage
und Verurteilung; die Verteidigung fehlte.
Frau Anderſen ſaß auf dem Sofa in der gewohn=
ten
, etwas vornüber gebeugten, leidenden Stellung. Sie
ließ das Mädchen vor ſich ſtehen, obgleich es nahe vor
dem Umfallen war.
Harte, böſe Worte bekam Antje zu hören, Worte,
die nicht vom Herzen kamen, und doch tief ins Herz
hineindrangen. Es waren Worte, die ſie nie vergeſſen
würde.
Sie war, als Frau Martjen ſchloß, ganz betäubt
und vollkommen überzeugt, daß es kein ſchlechteres und
leichtfertigeres Mädchen gäbe als ſie.
Sieh ſo, ſchloß die Frau, nun geh’ und packe Deinen
Kram, und am Nachmittag kannſt Du gehen, zur rech=
ten
Zeit, damit Du bei Tag zu Hauſe ankommſt.
Antje wankte zur Tür; dann kehrte ſie noch ein=
mal
um.
Ich möchte unſ’ Frau bloß um eins bitten!
Frau Martjen ſah unwillig auf. Was wollte ſie
rtoch?
Unſ’ Frau möchte doch Herrn Iven ſeine kleinen
Stachelblumen begießen und den Vogel verſorgen
Trina hat keinen Sinn für ſo was.

Ses acht dich neinen Scht ſeie Baene and
Herr Iven hat mir’s ans Herz gelegt, und er hat
geſchrieben, ich ſollte
So, ſo, er hat an Dich geſchrieben. Das iſt ja merk=
würdig
! Dann haſt Du wohl auch mit ihm zu tun ge=
habt
? Hatteſt wohl nicht genug an einem?
Antje weinte. Ich kann nichts dafür.
Zeige die Briefel befahl die Alte herriſch.
Antje weinte heftiger, aber ſie rührte ſich nicht von
der Stelle.
Gib die Briefe her! wiederholte die Frau. Du haſt
kein Recht, von meinem Sohne Briefe anzunehmen.
Antje fuhr fort zu weinen. Es ſtieß ſie ordentlich.
Wenn Du nicht augenblicklich die Briefe holſt,
drohte die Herrin jetzt, indem ſie aufſtand und dicht vor
das Mädchen hintrat, ſo denke ich das allerſchlechteſte
von Dir und ſage es auch Rolf.
Antje erſchrak ſo ſehr, daß ihr die Tränen in den
Augen ſtehen blieben. Mit geſenktem Kopf ging ſie
hinaus und brachte die beiden Briefe.
Frau Martjen las die Briefe nicht ohne Befriedig=
ung
. War ſie einesteils darüber entrüſtet, daß auch
Iven ernſte Abſichten auf das Mädchen hatte, ſo dünkte
es ſie doch ein gutes Mittel, um Rolf von ſeiner Liebe
zu heilen.
Sie ließ die Briefe in ihre weite Rocktaſche glei=
ten
. Nun geh!
Antje blieb wie angewurzelt ſtehen und wand in
peinlichſter Verlegenheit die Hände.
Es ſind doch meine Briefe!
Sie ſind von meinem Sohn, entgegnete die Frau;
ich habe wohl ein größeres Recht daran als Du. Nun

geh aber, ich habe Schmerzen; mir iſt die Sache auf
den Magen gefallen.
Mit einer unwilligen Kopfbewegung wies ſie nach
der Tür, und Antie ging.
Unter heißen Tränen packte Antje ihre kleine Lade.
Sie legte alles fein geglättet und gefältet hinein, und
dabei fielen die Tränen mit hinein. Ihre Tränen und
ihren Jammer ſollte ſie mitnehmen.
Der Mittag kam; es war für Antje das letzte Eſſen,
das ſie am Leutetiſch zu Rethwiſchhof . Es war ein
ſchweigſames Mahl und keiner hatte rechten Appetit.
Alle wußten, daß heute eines von ihnen ging, das
ihnen ans Herz gewachſen war.
Aurge half in der Küche noch erſt reinmachen; dann
zog ſie ſich an. Sie wuſch und kämmte ſich ſorgfältig
und bürſtete Kleid und Jacke ſauber. Dann ſagte ſie
allen der Reihe nach Adieu.
Heie Rehm ſuchte ſie im Pferdeſtall auf. Er ſah
ſie ſo traurig an, als ſie ihm die Hand gab, daß ſie wie=
der
weinen mußte. Friech dagegen ſetzte ein recht.
luſtiges Geſicht auf, um ſie auf andere Gedanken zu
bringen. Hinterher mußte der Junge ſelber weinen.
Zuletzt klopfte Antje bei der Frau an; es war dies
der gefürchtetſte Augenblick.
Die Herrin ſaß am Tiſche, hatte ihre Brille auf=
geſetzt
und ſah ernſt und ſtrenge aus.
Vor ihr auf dem Tiſche lag das Dienſtbuch des
Mädchens, daneben ihr Lohn, außerdem ſechs blaue
Hundertmarkſcheine. Das Geld gehört Dir, ſagte die
Fran, nun mußt Du noch dieſen Zettel hier unter=
ſchreiben
, daß Du nichts mehr von Rolf zu fordern haſt.
Brauchſt bloß Deinen Namen unten in die Ecke hinzu=

[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

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Mit zitternder Hand kritzekte Antje ihren Namen.
Was ſie unterſchrieben hatte, wußte ſie nicht.
Frau Martjen nickte befriedigt und ſchob ihr die
Hundertmarkſcheine hin. Hier ſind die zweihundert
Taler.
Antje erblaßte. Das Geld habe ich doch nicht ver=
dient
.
Es iſt für Dein Kind, fagte die Frau. Wir ſind
doch keine Unmenſchen! Hebe es man gut auf; Du
wirſt es gebrauchen können.
Ich bedank’ mich auch ſchön. Adjö unſ Frau.
Noch einmal wandte ſich Antje um. Ach, unſ Frau,
ich bitte von Himmel zu Erde, geben unſ Frau mir
die Briefe wieder zurück.
Das Antlitz der Frau wurde ſtarr, wie von Stein.
Nein, ſagte ſie in einem Tone, der jede Hoffnung nahm.
Adjö, murmelte das Mädchen, dann ging es.
Trina wartete draußen. Sie gab ihr das Geleit
die Trift entlang. Sie ſprach ihr Troſt zu und gab ihr
allerlei gute Ratſchläge und fragte auch, ob ſie Rolf
etwas beſtellen ſolle.
Antje ſchüttelte den Kopf. Nein, Trina ſollte ihn
nicht grüßen. Sein letztes Erinnern an ſie ſollte nicht
mit anderen Perſonen verknüpft ſein. Am Hecktor
nahmen die Mädchen unter Tränen Abſchied und Trina
eilte zurück, ſo ſchnell es ihre plumpe Figur und ihre
Holzpantoffeln geſtatteten.
Antje blickte zurück auf Rethwiſchhof. Vor ihr
lagen die Rethwieſen und ſummten mit Tauſenden
feinen Stimmchen. Es war gerade ſo wie an dem

Tage, da ſie einzog. Wie damals glänzten die Fenſter
des Hauſes im Widerſchein des rötlichen Sonnengol=
des
. Aber jetzt wußte ſie, daß da drinnen keine Wärme,
kein Sonnenſchein war, daß hinter den ſchimmernden
Fenſtern Strenge und Herzeuskälte wohnten. Sie
ging ein kleines Ende weiter bis zu dem gegenüber=
liegenden
Deich. Hier ſetzte ſie ſich in dem Schutze eines
großen Ellhornbuſches nieder, legte ihr Bündel neben
ſich ins Gras und wartete auf den Geliebten.
Die Zweige des Ellhorns ſenkten ſich, von vielen
ſchwarzen Beerenbüſcheln, beſchwert, faſt bis zur Erde
nieder. Es ſaß ſich gut darunter, faſt wie unter einem
Dache, und der Buſch duftete in reicher, reifer Frucht=
barkeit
.
Mit ſcharfen Augen ſpähte Antjes aus. Von der
ſüdöſtlichen Seite her mußte er kommen; er war ja in
Dithmarſchen, ſoviel ſie wußte. Ach, wenn er wüßte,
daß ſein Liebchen hier am Wegesrand ſäße und auf ihn
wartete, er würde ſich gewiß ſputen.
Es war ein troſtloſes Warten. Sie ſaß da mit
brennenden Augen, die Finger zu Knoten verſchlungen
und betete: Komm, ach komm! Lieber Gott, laß ihn doch
kommen!
Ab und zu ging jemand vorbei, und ein gleichgül=
tiger
oder neugieriger Blick ſtreifte ſie.
Da kam eine Frauensperſon. Groß und ſchlank
war ſie; frei und ſtolz ſchritt ſie dahin. Antje ſeufzte:
Ach, wer doch auch ſo gehen könnte, ohne Laſt und
Kummer!
Die Perſon kam näher. Ihre Blicke trafen ſich wie
zwei Klingen, von denen die eine ſtumpf, die andere
ſcharf geſchliffen war.

Es war Ingeborg Jeſſen, in deren Augen ein wil=
der
Triumph aufblitzte. Sie trat im Vorbeigehen ſo
nahe heran, daß das Gebüſch ſie ſtreifte. Ein Schimpf=
wort
fiel von ihren Lippen wie hingeſchleudert, ein
häßliches, gemeines Schimpfwort, das die Lippen der=
jenigen
, die es ausſprach, befleckte. Es war der ſchreck=
lichſte
Schimpfname, der einem gefallenen Mädchen ge=
geben
werden konnte, und Antje zuckte zuſammen, ihre
Wangen brannten, als hätten ſie eine Ohrfeige erhal=
ten
. Sie erhob ſich; hier konnte ſie nicht länger ſitzen.
Sie wollte ihm entgegengehen bis an die Wegkreuz=
ung
und wollte die Chauſſee entlang ſpähen.
Mit einem Seufzer nahm ſie ihr Bündel auf und
ſchritt vorwärts. An der Ecke, wo die Chauſſee den
Landweg durchſchnitt, blieb ſie ſtehen. Lange ſtand ſie
hier an einem Telegraphenpfahl gelehnt und ſtarrte die
endlos erſcheinende Linie entlang, bis ihre. Augen
ſchmerzten und alles wie ein Nebel vor ihren Blicken
ſchwamm.
Es wurde kühl; die Sonne war in ihrem fenrig=
roten
Wolkenſchleier verſunken, und der Abendwind
machte ſich auf. Antje ließ den Telegraphenpfahl los
und ſchritt langſam weiter. Wenn ſie ein Stück des
Weges gegangen war, ſah ſie ſich um. An der Weg=
biegung
blieb ſie noch einmal ſtehen; noch einmal flogen
ihre Blicke über den Weg, über den Hof, deſſen Umriſſe
im aufſteigenden Nebel verſchwammen. Dann ſah ſie
ſich nicht mehr um. Mechaniſch einen Fuß vor den
anderen ſetzend, wanderte ſie weiter.
(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt.

§6 115.

Samstag, 26, Novenber.

1910.

Bekanntmachung.
Die Abhaltung der Viehmärkte zu Darmſtadt wird, da die Gefahr der Ver=
breitung
der Maul= und Klauenſeuche, wie ſich durch ihren Ausbruch in Erfelden
(Kreis Groß=Gerau) ergibt, eine bedrohliche iſt, auf Grund des § 28 des Reichsvieh=
ſeuchengeſetzes
und der Verfügung Großh. Miniſteriums des Innern vom 8. Oktober
ds. Js. zu Nr. M. d. J. II. 4995 bis auf weiteres verboten.
(22581ids
Darmſtadt, den 18. November 1910.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
Fey.

Darmſtadt, den 13. Novenber 1910.
An die Großh. Bügermeiſtereien der Landgemeinden des Kreiſes.
Wir beauftragen Sie, vorſtehende Bekanntmachung wiederholt ortsüblich zu
veröffentlichen und etwa in Ihren Gemeinden anſäſſige Viehhändler beſonders zu
benachrichtigen.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
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Antliche Rahrichten des Groſberzonſichen Poizeiants Darnſtadt.
Gefundene und verlorene Sachen.
Gefunden: 1 Geldbörſe mit Inhalt. 1 Herrſchaftskutſcher=Peitſche. 1 lederne
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Frauenkopf. 1 großer Schlüſſel. 1 Pfandſchein mit der Nr. 82742 über eine Uhr.
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mit 180 Mk. 1 ſchwarze Kapuze von einem Knaben=Cape. 1 noch neuer
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mit ſilbernem geraden Griffchen. 1 rundes goldenes Bröſchchen, in der Mitte eine
matte Perle. 1 kleines braunledernes Portemonnaie mit Zweimarkſtück. 1 goldener
Ohrring mit ſchwarzer Einlage. 1 Damen=Schirm mit einem kleinen ſchwarzen ge=
häkelten
Portemonnaie und Naturgriff. 1 Opernglas mit Futteral. 1 ſchwarzes Damen=
Portemonnaie mit etwas Silbergeld.
Zugelaufen bei Privaten: 1 grauer Pinſcher.
Zugeflogen bei Privaten: 1 zahmer Rabe.
Entflogen; 1 weiße Lockentaube. 2 ſtahlblaue Elſtertauben.
Das Fundbureau Großherzoglichen Polizeiamts,
iſt geöffnet an allen Werktagen von 812 Uhr vormittags und 26 Uhr nachmittags.
Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde.
In polizeilicher Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 1 Spitzhund, 3 Pinſcher.
Die Hunde können von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt
werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werk=
tag
, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.
Sonntagsruhe in den Apotheken.
Am Sonntag, den 27. November, ſind nachmittags in der Zeit von 1 bis 9 Uhr
abends die beiden nachfolgenden Apotheken geöffnet:
Merckſche Engel=Apotheke, Rheinſtraße, und
Beſſunger Apotheke, Karlſtraße.
Alle übrigen Apotheken ſind von 1 Uhr ab geſchloſſen.
Verloſung von Schuldverſchreibungen
der Stadt Darmſtadt.
In Vollziehung des Schuldentilgungsplanes der Stadt Darmſtadt ſind heute
nachſtehende 3½ prozentige Schuldverſchreibungen auf den Inhaber durch Verloſung
zur Rückzahlung berufen worden, nämlich:
1. Rückzahlbar am 1. Februar 1911.
Buchſt. H Abt. I Nr. 275, 289, 328, 401, 524, 554, 590, 851, 892 à 2000 Mk.
II 8, 66, 187, 229, 410, 474, 567 à 1000 Mk.
18, 296, 330, 340, 365, 423, 510, 808 3 500 Mk.
M
IV 11, 119, 270 442, 691, 841, 855 à 200 Mk.
2. Rückzahlbar am 1. Juni 1911.
Buchſt. U Abt. I Nr. 43, 210, 262, 290, 358, 413, 414, 516, 561, 569, 616, 661, 705, 789,
964, 995 à 1000 Mk.
II 127, 145, 148, 160, 326, 338, 347, 409, 449, 506, 544, 640, 700,
918, 975 à 500 Mk.
III. 6, 22, 124, 193, 253, 327, 356, 358, 479, 657, 719, 749, 759, 797,
846, 995 à 200 Mk.
3. Rückzahlung am 1. Juli 1911.
Buchſt. K Abt. I Nr. 49, 134, 174, 180, 397, 475, 581, 603, 640, 759, 875, 887 à 2000 Mk.
II 88, 234, 309, 337, 398, 404, 441, 648, 669, 736, 788, 921, 930, 1085,
1111, 1284, 1396, 1450, 1464, 1633, 1671, 1805, 1884, 1886, 1930,
1938, 1965, 1977 à 1000 Mk.
III 59, 92, 202, 223, 354, 357, 358, 483, 529, 634, 697, 739, 762, 830,
1055, 1152, 1153, 1260, 1372, 1458, 1477, 1587, 1599, 1677, 1763,
1796, 1873, 1962 à 500 Mk.
IV 13, 101, 142, 337, 538, 541, 556, 688, 809, 854, 916 à 200 Mk.
4. Rückzahlbar am 1. Oktober 1911.
Die Gaswerksſchuldverſchreibungen
Buchſt. A Nr. 246, 291, 361, 435, 491, 527, 578, 850. 884, 946, 972, 1009, 1031, 1044, 1092,
1109, 1123, 1152, 1162, 1243 à 200 Mk.8
Die Rückzahlung erfolgt bei unſerer Stadtkaſſe und unſerer Gaswerkskaſſe, außer=
dem
erfolgt die Rückzahlung der Schuldverſchreibungen:
des Anlehens Lit. H bei der Dresdener Bank in Berlin und deren Niederlaſſung
zu Frankfurt a. M., bei der oldenburgiſchen Spar= und Leihbank zu Oldenburg
und bei dem Bankhauſe Ephraim Mener & Sohn zu Hannover;
des Anlehens Lit. U bei den Niederlaſſungen der Bank für Handel und Induſtrie
zu Darmſtadt, Berlin und Frankfurt a. M.;
des Anlehens Lit K bei den Niederlaſſungen der Bank für Handel und Induſtrie
zu Darmſtadt, Verlin und Frankfurt a. M., bei den Bankhäuſern Delbrück,
Leo & Co. zu Berlin, Ferdinand Sander zu Darmſtadt und Frankfurt a. M.
und bei der Deutſchen Vereinsbank, Filiale Darmſtadt, als Nachfolgerin der
Firma Ed. G. Gerſt zu Darmſtadt:
des Gaswerksanlehens Lit. A bei dem Bankhauſe Ferdinand Sander zu Darm=
ſtadt
und Frankfurt a. M.
Die Verzinſung der Schuldverſchreibungen hört mit den oben genannten Verfall=
terminen
auf.
Darmſtadt, den 18. November 1910.
(22797fs
Großherzogliche Bürgermeiſterei Darmſtadt.
Dr. Gläſſing.

Chriſtbaum=Verſteigerung.
(Harras.)
Donnerstag, den 1. Dezember I. J., morgens 9½ Uhr, werden an Ort und
Stelle ca. 560 St. Chriſtbäume auf dem Stand in 4 Loſen verſteigert, nämlich:
Los 1 in Abt. 25 120 St.
2 25 = 120
3 29 120
: 4 3 = 200
Zuſammenkunft am Forſthaus Harras.
Die einzelnen Loſe wird Herr Förſter Decher am 29. d. M., morgens 9 Uhr,
auf Wunſch vorzeigen.
Darmſtadt, den 22. November 1910.
(22839
Großherzogliche Oberförſterei Darmſtadt.
Kullmann.

Verkaufspreiſe der Fleiſch= u. Wurſtwaren in der Haupt= und Reſdenzſtadt Darmſtadt.
(Nach den Mitteilungen des Vorſtandes der Metzger=Innung.)

Ochſenfleiſch
Rindfleiſch
Kalbfleiſch
Hammeifleiſch .
Bruſt .
Schweinefleiſch (Bratenſt.)
Bauchläppchen.
Kottelets u. geſalz. Fleiſch
Speck, geräuchert

per ½½ kg 90 Pfg.
84

90
90
60
92
86
96
110

per ½ kg 100 Pfg.
110
(a 130

Dörrfleiſch
Schinken m. Bein
Rolſchinken
Schweineſchmalz roh und
ausgelaſſen .
90
Schwartenmagen, Fleiſch=
und Bratwurſt
Leber= und Blutwurſt. ½ 72

Abbruchs=Materialien=Verſteigerung.
Montag, den 28. November 1910, vormittags 9 Uhr,
werden in der Kleinen Ochſengaſſe, gegenüber des Herrn Lippmann May, von
einem Abbruch herrührend: Fenſter, Fenſterläden, Türen, Haustüren, mit oder ohne
Gewände, Bauholz nach allen Dimenſionen, von 416 m Länge, Dachſparren, eine
große Partie Fußbodenbord, Verſchalbord, Schwediſche Remen, eine große Partie
eichene und Tannen=Pfoſten, alles faſt neu, einen Blaßbalg für Schmiede oder
Schloſſer geeignet, große Sandſteinplatten für Hofreitenbelag, Schornſteinplatten,
ſowie ſonſtiges Baumaterial, gegen gleiche bare Zahlung verſteigert.
(*28874

Geore Hansel.

Ich habe meine Praxis von Zwingenberg a. d. Bergstr. nach
Darmstadt
verlegt (unter Zulassung am Großherzogl. Landgericht
daselbst)
Mein Büro befindet sich
Grafenstraße 4., Telefon 816.
L. Landzettel

Rechtsanwalt.

(22628ms

Fleiſchverdingung.
Am 2. Dezember 1910, vormittags
9 Uhr, wird im Geſchäftszimmer des Pro=
piantamts
, Eſchollbrückerſtraße 25, der Be=
darf
an Fleiſch= und Wurſtwaren für die
Garniſon und den Truppenübungsplatz
Darmſtadt für die Zeit vom 1. Januar
bis 30. Juni 1911 verdungen.
Lieferungsbedingungen liegen im Ge=
ſchäftszimmer
aus, können auch gegen Be=
zahlung
der Selbſtkoſten bezogen werden.
Auf die Aenderungen in Ziffer 7, 12
u. 13 der Bedingungen wird beſonders
aufmerkſam gemacht.
Schriftliche und verſiegelte Angebote
ſind im Geſchäftszimmer vor Beginn des
Termins mit der Aufſchrift Angebot auf
die Lieferung von Fleiſch= und Wurſtwaren
verſehen, abzugeben.
(22200a
Proviantamt Darmſtadt.

Bekanntmachung.
Montag, den 12. Dezember I. J.,
vormittags 10 Uhr,
ſoll die dem Nikolaus Roth in Zürich im
Grundbuch der Gemarkung Darmſtadt zu=
geſchriebene
Liegenſchaft=
Flur Nr. am
35 2173/10 324 Hofreite Rhönring
Nr. 130,
in unſerem Bureau zwangsweiſe verſteigert
werden.
(K113/10
Falls andere rechtliche Hinderniſſe nicht
entgegenſtehen, kann Genehmigung der Ver=
ſteigerung
auch dann erfolgen, wenn das
eingelegte Meiſtgebot die Schätzung nicht
erreicht.
Darmſtadt den 8. November 1910.
Großherzogliches Ortsgericht Darmſtadt I.
(D21949
Müller.

Bekanntmachung.
Montag, den 12. Dezember I. Js.,
vormittags 10 Uhr,
ſoll die dem Maurermeiſter Ludwig Martin
Schwarz und ſeinen Kindern dahier zuge=
ſchriebene
Liegenſchaft:
Flur Nr. qm
III 339/100 1389 Hofreite Stiftſtraße
Nr. 3,
in unſerem Bureau zwangsweiſe verſteigert
werden.
(K149/10
Darmſtadt, den 11. November 1910.
Großherzogliches Ortsgericht Darmſtadt I.
Müller. (D21948,9

Städtiſche Schulzahnkliniſt
Luiſenſtraße 20, II.
Sprechſtunden Wochentags.
Morgens von 1012
Mittags von 25.
(1508a

Steuer=Erhebung.
Das 3. und 4. Ziel der Gemeinde=
ſteuern
für das Rechnungsjahr 1910 iſt,
bei Vermeidung der Mahnung, bis Ende
dieſes Monats an den Werktagen, vor=
mittags
von 8½ bis 12½ Uhr, hierher zu
entrichten.
Im Intereſſe raſcheſter Abfertigung
an den Zahlſchaltern wird gebeten, die
Gelder abgezählt bereit zu halten.
Darmſtadt, den 11. November 1910.
Die Stadtkaſſe.
Koch.
(22133a

Schulgeld-Erhebung.
Das Schulgeld für das Großh. Real=
gymnaſium
und deſſen Vorſchule, die
Großh. Ober=Realſchule, die Vorſchule
der Großh. Gymnaſien, die Viktoriaſchule,
das Lehrerinnenſeminar, die höhere Töch=
terſchule
(vormals Reinech und die Mittel=
ſchulen
für das IV. Kalender=Vierteljahr
1910 iſt, bei Vermeidung der Mahnung,
bis Ende ds. Mts. an den Werktagen,
vormittags von 8½ bis 12½ Uhr, hierher
(22135a
zu entrichten.
Darmſtadt, den 11. November 1910.
Die Stadtkaſſe.
Koch.

Bekanntmachung.
Montag, den 12. Dezember I. Js.,
vormittags 10 Uhr,
ſoll die dem Maurermeiſter Ludwig Martin
Schwarz und ſeinen Kindern dahier zuge=
ſchriebene
Liegenſchaft:
Flur Nr. am
III 339/100 285 Hofreite Stiftſtraße
Nr. 25,
in unſerem Bureau zwangsweiſe verſteigert
werden.
(K143/10
Darmſtadt, den 11. November 1910.
Großherzogliches Ortsgericht Darmſtadt I.
Müller. (D21947,9

Bekanntmachung.
Freitag, den 30. Dezember I. Js.,
vormittags 11 Uhr,
ſoll die dem Fabrikanten Chriſtian Lampe
dahier zugeſchriebene Liegenſchaft:
Flur
Nr. qm
VI 14721/100 2633 Grab=
Feld=
garten

VI 1472/100 152 Gras= ( berg=

garten! ſtraße

VI
14727/100 916 Hofreite) Nr. 58,
in unſerem Bureau zwangsweiſe verſteigert
werden.
(K162/10
Darmſtadt, den 24. November 1910.
Großherzogliches Ortsgericht Darmſtadt I.
Müller. (D*2854,10
ne neue Singer=Nähmaſchine und gebr.
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11

[ ][  ][ ]

Seite 14.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910,

Holzgeld.

Die Jahlung der rückſtändigen Beträge
für im Holzerntejahr 1909/10 erſteigertes
Holz aus den Waldungen der Stadt Darm=
ſtadt
hat bei Vermeidung des Mahn= und
Pfändungsverfahrens bis längſtens Ende
November 1910 an den Werktagen, vor=
mittags
von 8½ bis 12½ Uhr, hierher zu
(22134a
erfolgen.
Darmſtadt, den 11. November 1910.
Die Stadtkaſſe.
Koch.

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Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den=26. November 1910

Seire 22.

Nummer 278.

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Zur Koſtümfrage der Bühnen=
künſtlerinnen
.
Planderei von Anna Ethel, ehem. Großh. Hof=
ſchauſpielerin
.
Zu den Vorarbeiten des Reichstheatergeſetzes wird
in der allernächſten Zeit eine Beratungskommiſſion
zuſammentreten, welche aus Mitgliedern des Bühnen=
vereins
zu dem ſich die Direktoren der beſſeren
Theater Deutſchlands ſeiner Zeit verbunden haben
ſowie aus Künſtlern beſtehen wird, welche, der Deut=
ſchen
Bühnengenoſſenſchaft angehörend, die Intereſſen
ihrer Kollegenſchaft vertreten werden. Einer der wich=
tigſten
Punkte für die Bühnenkünſtlerinnen in dem
zu ſchaffenden Theatergeſetz iſt die Koſtümfrage.
Bei der Generalverſammlung des Bundes Deutſcher
Frauenvereine in Heidelberg, Anfangs Oktober d. J.,

wurde die Angelegenheit eingehend beſprochen und der
Antrag, eine diesbezügliche Petition an den Reichstag
zu richten, einſtimmig angenommen. In den ver=
ſchiedenen
Frauenvereinen bringt man nicht nur dem
zu erlaſſenden Reichstheatergeſetz, beſonders was die
Verbeſſerung der Stellung der Künſtlerinnen betrifft,
ein großes, tätiges Intereſſe entgegen, ſondern man
ſinnt auch auf Mittel und Wege, wie man den an
kleinen und kleinſten Theatern beſchäftigten weiblichen
Mitgliedern Erleichterungen verſchaffen kann, bis
ihnen hoffentlich dereinſt die Wohltat des Geſetzes zu
teil wird. Infolgedeſſen dürfte unſere Leſer der nach=
folgende
Artikel intereſſieren, welcher bereits im Ja=
nuar
1904 in der Frauen=Rundſchau erſchienen iſt und
den die Verfaſſerin uns zum Abdruck überlaſſen hat.
Was ziehe ich an? Wie harmlos
klingt doch dieſe Frage, wie leicht iſt ſie zu
beantworten, wenn ſie von dem jungen Töchter=
chen
geſtellt wird, welches den dritten Ball in der Sai=
ſon
beſuchen ſoll. Mütterchen, welches über genügende
Mittel verfügt, hat ja ſchon vorgeſorgt, und da das liebe
Kind einmal weiß und einmal roſa gekleidet war,
wird es nun himmelblau erſcheinen und entzückend
ausſehen! Etwas ſchwieriger vielleicht iſt die Frage
ſchon für die Mutter ſelbſt, denn außer der Aelteſten,
die nun den erſten Winter ausgeht, ſind noch die bei=
den
Gmnaſiaſten und die Kleinen da, welche auch ge=
hörige
Anſprüche an das Toilettekonto ſtellen. Faſt
wäre ſie geneigt, dem Gatten mit dem fürchterlichen
Ausſpruch: Ich habe nichts anzuziehen, zu kommen,
wenn ihr nicht rechtzeitig einfiele, daß das Töchterchen
auf keinen Fall auf dem Heiratsmarkt fehlen darf. Sie
wird ſich alſo beſcheiden und in dem öfter getragenen
Seidenkleid doch noch recht ſtattlich ausſehen.
Weniger leicht zu beantworten iſt ſchon die harm=
los
klingende Frage bei dem jungen Mädchen, welches
auf eigenen Füßen ſteht, genötigt, für ſich ſelbſt zu
ſorgen und zu verdienen, ſobald es eine Stellung be=
kleidet
, welche es in Berührung mit dem Publikum

bringt. Jeder Geſchäftsleiter wird und muß darauf
ſehen, daß ſein Perſonal gut gekleidet iſt und mit
ſchwerem Seufzer wird ſich manchmal die junge Ver=
käuferin
ſagen: Was ziehe ich an?
Am ſorgenvollſten aber tönt dieſe Frage von den
Lippen der jungen Schauſpielerin, welche, ohne pri=
vates
Vermögen, nur auf ihre Gehaltsbezüge ange=
wieſen
iſt, ohne Zuſchüſſe von daheim, denn für ſie
bildet dieſe Angelegenheit eine Exiſtenzfrage im wei=
teſten
Sinne des Wortes.
Wir wiſſen, daß der Luxus in der Lebensführung
in allen Geſellſchaftskreiſen während der letzten Jahr=
zehnte
enorm geſtiegen iſt, nirgends aber hat ſich dieſe
Steigerung bezüglich des Kleiderluxus ſo fühlbar ge=
macht
, wie auf der Bühne. Ein neues Geſellſchafts=
ſtück
, ſei es nun aus dem Franzöſiſchen herübergenom=
men
, oder von einem deutſchen Autor, wird häufig zu
einem Ereignis auf dem Gebiete der Mode. Schlägt
nun ein derartiges Stück ein und wird an einem
Theater in Berlin, Dresden, München oder Hamburg=
50= bis 100mal oder mehr gegeben, ſo ſind die häufig=
ſehr
ſchweren Opfer der Darſtellerinnen nicht umſonſt=
gebracht
, das angelegte Kapital verzinſt ſich durch öfte=
res
Tragen der Kleider und die Schauſpielerin iſt für
einige Zeit der ſchweren Toilettenſorge ledig.
Dieſes ſelbe Stück, für welches zu jedem der fünf
Akte die Darſtellerinnen der Hauptrollen ein anderes
Kleid abſolut nötig haben, da Straßen=, Beſuchs=, Ball=u.
Geſellſchaftstoilette, für ein oder die andere der Rol=
len
auch noch ein Negligee oder ein Trauerkleid vor=
geſchrieben
ſind , dieſes ſelbe Stück macht nun die
Runde über die deutſchen Bühnen. Es enthält meh=
rere
gute Rollen, über welche ſich die Künſtlerinnen
herzlich freuen würden, wenn nicht, nachdem ſie die
Rolle durchgeleſen, zunächſt die bang beklommene
Frage geſtellt würde: Was ziehe ich an? Was das
erſte ſein ſollte: Wird mir dieſe Rolle liegen, werde
ich imſtande ſein, mich in den Geiſt derſelben ganz ein=
zuleben
, werde ich ſie ſo verkörpern können, wie ſie ſich

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Nummer 278.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

Seite 28.

der Dichter gedacht hat?, dieſe Fragen werden, müſſen,
wie die Verhältniſſe leider einmal liegen, zurückge=
drängt
werden. Die Kleiderfrage ſteht obenan.
In einer mittleren Stadt von 75000 bis 100000
Einwohnern etwa, welche über ein verhältnismäßig
gutes Theater verfügt, iſt die Direktion darauf ange=
wieſen
, möglichſt viele Novitäten zu geben, denn das
Publikum iſt faſt jeden Abend dasſelbe, daher muß ſie
ihren Spielplan abwechſelungsreich geſtalten. Kaum
hat in einer der Großſtädte ein Stück die Feuerprobe
beſtanden, muß ſie trachten, dasſelbe bei ſich einzufüh=
ren
. Aber das Stück, welches in Berlin wenigſtens
100mal nacheinander gegeben werden kann, kann in
unſerer mittelgroßen Stadt im Laufe der Saiſon höch=
ſtens
drei bis vier Wiederholungen erleben. Die
Summe, welche hier die Schauſpielerin für die Toilet=
ten
anlegen muß, kann ſich alſo unmöglich verzinſen.
Sie wird ja nun allerdings die Kleider bei der Dar=
ſtellung
anderer Rollen verwenden können, obwohl
dies auch ſeine Schwierigkeiten hat, denn namentlich
für eine Novität ſieht der Herr Direktor doch ſehr gern,
daß bei einer dekorativen Neuausſtattung auch neue
Kleider vorgeführt werden. Wenn nun im Laufe der
Saiſon neben den den Grundſtock des Spielplans
bildenden Stücken durchſchnittlich ſechs neue Werke ge=
geben
, mehrere ältere einſtudiert werden, ſo kann die
harmloſe Frage: Was ziehe ich an?, ſich bis zum
Verzweiflungsſchrei ſteigern, denn die Schau=
ſpielerin
weiß ſehr genau, daß das meiſt aus Damen
beſtehende Publikum den Inhalt ihrer Kleiderſchränke
nur zu gut kennt. Die Bemerkungen, die ſo häufig
fallen: Das Kleid habe ich ſchon einmal an ihr ge=
ſehen
Ach, das hat ſie neulich erſt angehabt!, oder:
=mmer hat ſie aber auch das rote Kleid an!, kennt
jnd fürchtet ſie, muß ſie fürchten, denn auch hierin
will die Direktion den Wünſchen ihres Publikums
Rechnung tragen die Kleiderfrage wird für die
Schauſpielerin zur Exiſtenz=, zur Lebensfrage.
Und dies nicht nur für die Vertreterinnen der erſten

Fächer, denn die ſogenannten Mitläuferinnen und
Salonſchlangen im modernen Stück, welche von den
geringer bezahlten Mitgliedern geſpielt werden und
der Darſtellerin nicht einmal, oder doch nur ſelten,
eine künſtleriſche Befriedigung gewähren, erfordern
faſt immer einen großen Toilettenaufwand.
Vor zwanzig bis dreißig Jahren, als die Luſt=
ſpiele
von Benedix, Bauernfeld, Roſen, Schweitzer die
Bühne beherrſchten, konnte eine jugendliche Liebhabe=
rin
bequem mit ein paar weißen Mull=, ein paar
Jaconetkleidern und ein paar einfachen Kattunröckchen
für das Fach auskommen. Auch für die älteren
Fächer war es nicht ſo ſchwer wie jetzt, ſich zu klei=
den
, weil erſtens der Luxus überhaupt geringer war,
die Anſprüche des Publikums viel beſcheidenere, und
weil zweitens die Stücke faſt alle in bürgerlichen oder
gar in kleinbürgerlichen Kreiſen ſpielten, während
jetzt die meiſten Geſellſchaftsſtücke ſich auf dem Par=
kett
der großen Welt bewegen. Der Aufwand iſt da=
durch
ein weit größerer, koſtſpieligerer geworden
und die Gehaltsbezüge ſind ſeit damals nicht geſtie=
gen
, im Gegenteil, ſie ſind in den letzten Jahren ſogar
an vielen Theatern herabgedrückt worden.
Merkwürdigerweiſe nun werden bei der Bühne
in faſt allen Fächern aber die Männer bedeutend
beſſer bezahlt, wie die Frauen, wofür ich eigentlich
keinen rechten Grund auszufinden vermag. Der Dich=
ter
verlangt von den Darſtellerinnen ſeiner Frauen=
geſtalten
ebenſo viel künſtleriſche Begabung und In=
tellekt
, als von den Vertretern der Männerrollen, und
bei der ausführenden Tätigkeit wird die Frauenkraft
der des Mannes durchaus gleich geſchätzt, denn für
die eine wie für den anderen dauern die Proben, ſo=
wie
, die Vorſtellungen gleich lange. Während nun
aber dem Manne an allen deutſchen Bühnen ſämt=
liche
hiſtoriſchen Koſtüme von der Direktion geſtellt
werden, hat das weibliche Mitglied auch dieſe Bekleid=
ung
aus eigenen Mitteln zu beſtreiten, ausgenom=
men
bei den ganz großen Hoftheatern und zwei oder

drei Privatbühnen. Seit den epochemachenden Gaſt=
ſpielen
der Meininger iſt es auch nicht mehr möglich,
wie früher, ein hiſtoriſches Koſtüm gleichſam nur an=
deutungsweiſe
herzuſtellen. Jetzt muß alles zeit= und
ſtilgerecht und womöglich echt ſein, denn das elek=
triſche
Licht deckt rückſichtslos die kleinſten Schäden
auf, ſetzt ohne Erbarmen den geringwertigen Stoff
oder Beſatz ins rechte, aber oft ſehr unerfreuliche
Licht.
Im Kapitel der Kleiderfrage tat Wandel drin=
gend
not! Auf Anregung der Genoſſenſchaft deutſcher
Bühnen=Angehöriger hat der deutſche Bühnenverein,
welchem die Direktionen von 114 deutſchen Theatern
angehören, in ſeiner letzten Verſammlung beſchloſſen,
vom Jahre 1907 ab auch den weiblichen Mitgliedern
das hiſtoriſche Koſtüm zu liefern, falls dieſelben nicht
mehr als 300 Mark monatliches Einkommen beziehen.
(Die ſeinerzeit hieran geknüpften Hoffnungen haben
ſich leider nicht erfüllt. Anm. der Verfaſſerin.) Aben
die weiblichen Mitglieder der kleinen und kleinſten
Theater, welche nicht dem Bühnenverein angehören,
werden weiter unter der ungerechten Einteilung lei=
den
und gezwungen ſein, bei den niedrigſten Gehalts=
bezügen
ſich nicht nur die Kleider und Koſtüme für
ihre Rollen, ſondern auch die Kleidung für die Sta=
tiſterie
zu ſtellen, zu welcher faſt ausnahmslos alle
Mitglieder an kleinen Bühnen verpflichtet ſind.
Die Schauſpieler ſind den Schauſpielerinnen
gegenüber daher in doppeltem Vorteil, denn einmal
beziehen ſie durchſchnittlich ein höheres Gehalt, haben
geringeren pekuniären Aufwand für ihre Bühnen=
kleidung
, denn all das drum und dran, was eine
Damentoilette ſo koſtſpielig macht, um ſie fertig und
elegant erſcheinen zu laſſen, fällt bei den Herren fort.
Doch der zweite und größere Vorteil in meinen Augen
iſt es, daß ſie wohl ſchwerlich ſo leicht in die Lage kom=
men
, bei jeder neu zu ſtudierenden Rolle zu allererſt
denken zu müſſen: Was ziehe ich an?e

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Nummer 278.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

Seite 29.

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[ ][  ][ ]

Seite 30.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. Novemher 1910.

Berliner Stimmungsbilder.

Von Paul Lindenberg.
(Nachdruck verboten.)
Rußland in Berlin. Das Hinſcheiden Leo Tolſtois.
Sibiriſche Sänger. Ein Verbot. Veränderungen
in der auswärtigen Diplomatie. Fremde Diploma=
ten
. Der Feſtabend des Vereins Berliner Preſſe.
Im Eduard Schulteſchen Kunſt=Salon. Farben=
drucke
der Vereinigung der Kunſtfreunde. Böcklins
Tritonenfamilie und deren Schickſale.
Rußland in Berlin das iſt auch ein ganz
beſonderer Abſchnitt in dem ſo bunt und mannigfaltig
zuſammengeſetzten Bilde der Reichshauptſtadt. Die
hier dauernd lebenden oder nur zu kürzerem reſp.
längerem Beſuche weilenden Ruſſen verkörpern faſt
alle Stände und Bildungsſchichten des benachbarten
Zarenreiches. Vom Fürſten an, der ſelbſt beim luxu=
riöſeſten
Leben die Zinſen ſeines gewaltigen Vermö=
gens
nicht verbrauchen kann, bis zu dem armen Tag=
Uöhner, den irgend ein Schickſal über die Grenzen ſei=
ner
Heimat geworfen. Und wie viele Mitglieder an=
derer
Kreiſe und Stände ſchieben ſich dazwiſchen: der
Großkaufmann, der binnen wenigen Tagen Geſchäfte
von Millionen macht, und der Hauſierer, der in den
Straßen der Arbeiterquartiere von Haus zu Haus
pendelt und in mitleiderweckender Weiſe ſeinen Krims=
krams
anbietet. Zahlreich iſt das Studententum
vertreten, auch das weibliche, wenngleich in jüngſter
Zeit ein Rückgang erfolgte durch die ſchärferen Auf=
nahmebedingungen
unſerer Hochſchulen für Auslän=
der
, und nicht minder zahlreich das gewerbsmäßige
Schnorrertum, das bereits die Brücke bildet zu dem
Betrüger= und Verbrechertum, das unſerer Polizei viel
zu ſchaffen macht. Es war natürlich, daß auch hier
das Hinſcheiden Leo Tolſtois eine tiefe Be=
wegung
hervorrief, die ſich noch viel unmittelbarer ge=
ſäußert
hätte, wenn man nicht bereits auf das Ereignis
vorbereitet geweſen. Von irgend welchen Veranſtalt=
ungen
zum ehrenden Gedenken Tolſtois hört man
allerdings noch nichts, aber es iſt zu erwarten, daß
dies bald geſchehen wird. Für die deutſche Vorurteils=

loſigkeit bei der Würdigung des Lebenswerkes des
großen Dichters und Philoſophen ſpricht es, daß ihm
ſeine Deutſchfeindlichkeit in keiner Weiſe nachgetragen
ward; iſt es doch bekannt, daß Tolſtoi, zumal wenn er
ſich unter ſeinen Vertrauten befand, aus ſeiner Ab=
neigung
gegen uns kein Hehl machte und wiederholt
öffentlich vor der germaniſchen Gefahr warnte.
Als eine ruſſiſche Gefahr ſcheint unſere Polizei
das Auftreten der ſibiriſchen Sänger zu
betrachten, da ſie dasſelbe verbot. Ob ſich letzteres
irgendwie rechtfertigen läßt, ſoll nicht zur Erörterung
geſtellt werden, ein Grund, den freilich unſere Behörde
am wenigſten in Betracht gezogen haben dürfte, ſpricht
für das Verbot: jener des guten Geſchmacks. Handelt
es ſich doch hier keineswegs um abgeſchloſſene künſt=
leriſche
Darbietungen; man darf vielmehr annehmen,
daß ſie mehr den Vorwand bieten, um durch ein gro=
ßes
Perſonal im Zirkus das Leben und Treiben der
ruſſiſchen Verbannten und Verbrecher auf ſibiriſchem
Boden möglichſt naturgetreu darzuſtellen, wobei auch
die Lieder jener Ausgeſtoßenen, die ſie teilweiſe mit
ihrem Kettengeraſſel begleiten, vorgetragen werden
ſollten. Dieſe Geſänge und ihre wehmütigen Melodien
ſind erſt vor kurzem geſammelt worden und ermög=
lichen
einen feſſelnden Einblick in die ruſſiſche Volks=
ſeele
. Will man ihnen die künſtleriſche Geltung ver=
ſchaffen
, die ſie vielleicht verdienen, ſo gibt es doch ge=
nug
. andere Räume dazu, als gerade den Zirkus, und
dürften weder Koſtüme noch Dekorationen ſowie
naturgetreue kraſſe ſzeniſche Darſtellungen erforder=
lich
ſein.
In der hieſigen Vertretung der ruſſiſchen Diplo=
matie
, ſowie in jenen einiger anderer Staaten ſtehen
wichtige Veränderungen bevor, die auch auf unſer nun
beginnendes Geſellſchaftsleben von Einfluß ſein wer=
den
. In kurzem wird der ruſſiſche Botſchafter, Graf
von der Oſten=Sacken, ſeinen Berliner Poſten
verlaſſen, und ſcheidet mit ihm der Senior der bei
unſerem Hofe beglaubigten Vertreter fremder Mächte.
Fünfzehn Jahre hindurch war der Graf hier tätig und
hat immer, häufig mit beſonderem Erfolg, auf ein
gutes Einvernehmen der beiden Kaiſermächte hinge=
wirkt
. Der kleine, ſchmächtige Herr mit dem grauen
Kotelettenbart und den klugblickenden Augen war im

Herzen von Berlin eine wohlbekannte Erſcheinung,
da er ein Freund häufiger und langer Spaziergänge
war, aufmerkſam alles betrachtend und beobachtend.
Sehr beliebt war der Botſchafter auch bei Hofe und in
unſeren erſten Salons; ſeine ruhige Liebenswürdig=
keit
und ſeine gelaſſen=abgeklärte Beurteilung aller
Tagesfragen hatten ihm lebhafte Sympathien ver=
ſchafft
, die bei ſeinem baldigen Fortgehen noch ihren
beſonderen Ausdruck finden werden. Ebenſo bei dem
bisherigen ruſſiſchen General=Konſul v. Art=
ſinovitſch
, der gleichfalls demnächſt Berlin ver=
läßt
, da ihm die verantwortliche Stellung des Direk=
tors
der Perſonalabteilung des Miniſteriums des
Aeußern in Petersburg übertragen worden. Herr von
Artſinovitſch war hier gleich dem Botſchafter eine ge=
raume
Spanne Zeit tätig, und zwar mit regſter Um=
ſicht
wie mit außerordentlichem Geſchick, was auch von
deutſcher Seite oft warm anerkannt wurde. Denn
gerade dem ruſſiſchen General=Konſulat ſind mancher=
lei
Aufgaben übertragen, deren Erledigung großen
perſönlichen Takt und ein eventuelles direktes und
vorſichtiges Eingreifen erfordern. Wie Graf von der
Oſten=Sacken war der General=Konſul ſehr beliebt in
unſerer vornehmen Geſellſchaft, nicht minder ſeine
ſchöne und elegante Frau, eine junge Amerikanerin,
deren Wiege im ſonnigen San Franzisko geſtanden.
Auch der bulgariſche Geſandte, General N. P. Ni=
kyphoroff
, hat Berlin endgültig verlaſſen, um
wieder in die Armee einzutreten, der er bis zur Ueber=
nahme
ſeiner diplomatiſchen Miſſion angehört hatte.
Obwohl nur Soldat geweſen, war es ihm doch gelun=
gen
, ſich auch auf diplomatiſchem Gebiet durchaus zu
bewähren und nicht nur die politiſchen, ſondern auch
die wirtſchaftlichen Beziehungen Deutſchlands und
Bulgariens feſter zu knüpfen. Man recht umſtändliche
Angelegenheiten wußte er vorſichtig zu regeln und per=
ſönlichen
Stimmungen Rechnung zu tragen, wobei
ſeine gerade und friſche Soldatennatur ſich ſehr hohe
und vielvermögende Freundſchaften erwarb. Erſetzt
wurde der Geſandte durch den bisherigen bulgariſchen
Geſandten in Wien, Herrn J. St. Geſchoff, einen
um ſein Land ſehr verdienten Diplomaten, der oft=
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Nummer 278.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

Seite 31.

Energie trat er im Herbſt 1908 in Konſtantinopel den
verletzenden Anmaßungen der Hohen Pforte entgegen,
die dann bekanntlich das große Werk der völligen Un=
abhängigkit
Bulgariens und ſeiner Erhebung zum
Königreich zeitigten.
Mancherlei Diplomaten fanden ſich mit hohen
Offizieren und Beamten in der ſchönheitsvollen, weiß=
ſchimmernden
Wandelhalle des Reichstages am Feſt=
abend
des Vereins Berliner Preſſe ein,
deſſen beträchtlicher Ertrag den Wohlfahrtskaſſen zu=
gute
kommt. Dieſe aus einem Künſtler= und anſchlie=
ßendem
Promenaden=Konzert beſtehenden geſellſchaft=
lichen
Veranſtaltungen erfreuen ſich mit vollem Recht
großer Beliebtheit, da innerhalb des denkbar prächtig=
ſten
Rahmens und in zwangloſer Weiſe Perſonen und
Toiletten weit mehr zur Geltung kommen, wie im
dichtgedrängten Ballgewühl. Auch diesmal wieder
fehlte es nicht an einer Fülle ſchöner Frauen und gra=
ziöſer
Mädchen, die auch in ihrem Aeußeren Berlins
Charakter als Weltſtadt verkörperten. Natürlich auf
Schritt und Tritt Berühmtheiten aus unſerer Künſt=
ler
=, Schriftſteller=, Gelehrtenwelt, neben allerhand
parlamentariſchen Größen und einflußreichen Finanz=
genies
, neben vielgenannten Männern des Handels
und Wandels, der Induſtrie und Technik. Sehen und
geſehen zu werden iſt ja eigentlich der Hauptzweck eines
ſolchen Abends; aber trotzdem wußte das geſchickt zu=
ſammengeſtellte
einleitende Konzert das Intereſſe der
Beſucher und Beſucherinnen vollauf zu feſſeln. Den
Haupterfolg und rauſchenden Beifall fanden Frau
Suſanne Deſſoir mit dem meiſterhaften Vortrag
von Volksliedern verſchiedenſter nationaler Herkunft,
und Francesco d’Andrade der mit hinreißen=
dem
Temperament und glänzendſtem Stimmaterial
den Bajazzo=Prolog ſang, eine außerordentliche künſt=
leriſche
Leiſtung, durchpulſt von ſchauſſpieleriſch= dra=
matiſcher
Kraft und Hingebung.

Die Kunſt ſelbſt finden wir in der neueſten Aus=
ſtellung
der Eduard Schulteſchen Galerig,
die wieder viel Mannigfaltiges bringt, darunter Ga=
ben
von recht verſchiedenem Wert. Das große und
vielſeitige Talent des zu Anfang dieſes Jahres in
München verſtorbenen Paul Höcker tritt uns in
einer ganzen Reihe ſeiner Bilder und Studien ſcharf
vor Augen. Sein Schüler, Joſeph Oppenhei=
mer
, eifert allerdings dem Meiſter wenig nach und
ſucht in ſeinen Porträts mehr durch grelle Gegenſätze
zu wirken, wir durch ruhige, das Charakteriſtiſche er=
faſſende
Geſtaltung. Der in München lebende Schwei=
zer
Haus Beatus Wieland iſt uns ja kein
Fremder, aber ſeine ’ſich in den hier abermals ausge=
ſtellten
Fahnenſchwingern zeigende friſche Kraft hat
in vielen ſeiner Gebirgslandſchaften einer merkwür=
digen
Schußlichkeit Platz gemacht, die der Gleichgültig=
keit
des Malers entſtammt und auch uns gleichgültig
läßt. Als bewährte Landſchafter begegnen uns von
neuem K. Müller=Kurzwelly und Otto
Günther=Naumburg, neben denen M. Fritz
mit einer Kollektion vertreten iſt, die von neuem in
gewinnendſter Weiſe das liebenswürdig=feine Talent
und unermüdliche, ernſte Streben dieſes ganz hervor=
ragenden
Künſtlers zeigt. Seine zarten Landſchaften
aus deutſchen Gauen, ſeine Strandſtücke von Helgoland,
ſeine träumeriſchen Winkel aus alten, kleinen Städten
ſind Kabinettſtücke reizvollſter maleriſcher Stimmung.
Neben einem ſehr guten Bildniſſe des alten Kai=
ſers
von Lenbach hat Schulte auch Böcklins Nacht
ausgeſtellt; jene ſchwebende Frauengeſtalt, von der ſo
viel Dämoniſches auszugehen ſcheint. Um Böcklins
Werke zu billigen Preiſen den weiteſten Kreiſen zu=
gängig
zu machen, gab die bekannte, um Förderung
der Kunſt ſehr verdiente Vereinigung der
Kunſtfreunde auch diesmal rechtzeitig vor dem
Feſt eine Reihe farbiger Vervielfältigungen der be=

deutſamſten Gemälde des Reiſters heraus. Was der
Farben=Lichtdruck heutzutage vermag, und wie getreu
er den Originalen gerecht wird, im Geſamteindruck
wie in den unbedeutendſten Einzelheiten, zeigen uns
dieſe neuen Publikationen der genannten Vereinig=
ung
, die auf vollendeter Höhe ſtehen. Seit geraumer
Friſt beſchränkt ſich die Herausgabe nicht mehr auf die
Werke unſerer National=Galerie, ſondern umfaßt in
vorſichtiger Wahl die beſten Gemälde unſerer erſten
zeitgenöſſiſchen Künſtler, wie es die neuen Blätter
von Oswald und Andreas Achenbach, Fr.
von Uhde, Fr. Aug. von Kaulbach, Klaus
Meyer, Ernſt Dücker, C. F. Deikers, Georg
Schöbel uſw. beweiſen. Unter den Farbendrucken
nach Böcklin befindet ſich ſeine Villa am Meer
das Schweigen im Walde, der Zentaur in der
Schmiede ſeine ergreifende Pietä und die köſtliche,
phantaſtiſche Tritonenfamilie Von letzterer mag er=
zählt
werden, daß ſie auf Veranlaſſung des einſtigen
Leiters der Nationalgalerie entſtand, der, als Böck=
lins
Name in engen Kreiſen rühmend genannt wurde,
ein Werk des Künſtlers wünſchte, für das ein Honorar
von 5000 Talern beſtimmt wurde. Böcklin brachte jene
für die Galerie gemalte Tritonenfamilie ſelbſt
nach Berlin, konnte ſich aber mit ihr nicht die Zuſtim=
mung
des Beſtellers erwerben und verpfändete, da er
nötig Geld brauchte, das Gemälde einem Freund, der
ihm die genannte Summe vorſtreckte. Da der Malex.
dieſen Betrag nicht zurückerſtatten konnte, verzichtete
er auf die Rückgabe des Bildes, das vor zehn Jahren
der Nationalgalerie für 75000 Mark angeboten, von
ihr jedoch wegen des zu hohen Preiſes abgelehnt ward.
Jetzt aber ſpart man ſeitens der Galerie, um den
heutigen Preis, der ſich auf 225000 Mark beläuft, auf=
zubringen
, damit man ſich des köſtlichen Werkes ver=
ſichert
! Man ſieht, nicht nur Bücher, auch Bilder haben
ihre Schickſale, und zwar echt wandelbare.

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blattes
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[ ][  ][ ]

Seite 32.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

Nummer 278.

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4. Beilage zum Darmſtädler Tagblatt.
ehe

§e 213.

Samstag, 26. November.

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Sroßherzogliches Hoſtkteater.

Die Einſendung aller noch rückſtändigen Koſtenrechnungen über Leiſtungen und
Lieferungen für das Großherzogliche Hoftheater und die Hofmuſik wird bis zum
10. Dezember 1910 erbeten.
Für jede Rubrik ſind die in doppelter Ausfertigung einzureichenden Koſten=
rechnungen
getrennt aufzuſtellen.
Die bezüglichen Beſtellſcheine müſſen beigefügt werden.
Die nach dem obigen Termin einlaufenden Rechnungen können erſt bei der
nächſten Abrechnung Berückſichtigung finden.
Darmſtadt, den 21. November 1910.
(22840sm
Großherzogliche Hoftheater= und Hofmuſik=Direktion.

Kgl. Sächsische Hofopernsängerin aus Dresden.
Am Klavier: Herr Othmar Schoeck aus Zürich.
Programm: Liederzyklen von Othmar Schoeck, Volkmar Andreae und
Max Schillings. (Zum erstenmale.)
Der Konzertflügel von Grotrian-Steinweg Nachfolger ist aus dem Lager der
Firma Hoflieferant A. W. Zimmermann (Ludwig Schweisgut).
Eintrittskarten für Nichtmitglieder: Sperrsitz zu 5 M., Saal zu 3 M., Vor-
saal
zu 1.50 M. und Galerie zu 1.50 M.; Studentenkarten zu 1 M. und Schülerkarten
zu 56 Pfg. bei Georg Thies Nachfolger, im Verkehrsbüro und abends an der Kasse.
Beitrittserklärungen für das laufende Vereinsjahr, welche noch vor dem
obigen Konzerte erfolgen, berechtigen zum freien Besuche desselben. Der Bei-
trag
für den Rest des Jahres (3 Konzerte) beträgt 5 M. Jedes Mitglied hat das
Recht, an der im Januar stattfindenden Verlosung der von dem Verein ange-
kauften
Eintrittskarten (zu 20 M.) zu den Bayreuther Bühnenfestspielen
des Sommers 1911 teilzunehmen.
Der Vorstand.

Chriſtliche Gemeinſchaft Immannel‟ (E.
Rheinſtraße 2.
Freundliche Einladung
zu den Vorträgen des Evangeliſten der deutſchen Zeltmiſſion
Herrn W. Veller aus Barmen.
:: Vom 27. November bis 9. Dezember 1910
Jeden nachmittag 4 Uhr (außer Samstag): Bibelſtunde.
Jeden abend 8½ Uhr, Sonntags 8¼ Uhr, Evangeliſation.

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I-Winterkonzert im Saalbau
Mitwirkende: Frau Sophie Schmidt-Illing (Konzert-
Sängerin), Herr Hotkonzertmeister E. Schmidt von hier.
Leitung: Herr Großh. Kapellmeister Fr. Rehbock.
Vortragsordnung:
1. Motette für 8stimmigen Chor von A. E. Grell; 2. La Folla‟,
N Variationen für die Violine von A. Corelli; 3. Lieder für Sopran: Gany-
M med von Fr. Schubert. Du bist wie eine Blume‟, Die Stille‟, und Haupt-
manns
Weib von R. Schumann; 4. Chorballade: Todtenvolk von Friedr.
K
Hegar: 5. Zwei Stücke für Violine: Albumblatt von M. Reger, Polo-
naise
von Wieniawckiz S. chor:, Frühlingenetzt mit Begletung von Glarier
und 4 Hörnern von K. Goldmark; 7. Lieder für Sopran: Auf dem Monte
Pincio von Grieg: An ein Veilchen und Der Gang zum Liebchen von
J. Brahms, Cäcilie von R. Strauß: 8. Chor: Kärntner Gmüath und
M D Hamkehr mit Baritonsolo von Th. Koschat.
N
Der Eintritt ist nur gegen Vorzeigung der
Mitgliedskarten gestattet.

K
Für Nichtmitglieder sind reservierte Plätze für Mk. 3.. für Mit-
glieder
ebensolche, unter Vorlegung ihrer Jahreskarten und gegen eine Auf-
zahlung
von 50 Pfg. für jede Karte in der Hofbuch- und Kunsthandlung von
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22
N
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(22916
X

Hierzu ladet freundlichſt ein

M. Klump.
S

[ ][  ][ ]

Seite 34.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. Novemher 1910.

Nummer 278.

Nachrichten des Standesamts Darmſtadt I.
Beöffnet an Wochentagen von 912 Uhr vorm. und
85 Uhr nachm. Samstags nachmittags nur für
dringende Fälle und Sterbefallsanzeigen.
Geborene. Am 18. Nov.: Dem Tapezier Adam
Marquard, Liebfrauenſtraße 74, eine T. Margaretha.
Am 22.: dem Eiſendreher Georg Peth, Wendelſtadt=
ſtraße
44, eine T. Chriſtina. Am 17.: dem Kaufmann
Julius Hergt, Ludwigsplatz 1, eine T. Lina Mari=
anne
Luiſe Käthe. Am 20.: dem Schloſſer Maximilian
Sior, Neue Ireneſtraße 21, eine T. Elſa. Am 18.:
dem Kaufmann Arthur Haas, Pallaswieſenſtraße 41,
eine T. Ruth. Am 17.: dem Kaufmann Paul Buß,
Große Ochſengaſſe 12, ein S. Paul Hermann. Am 22.:
dem Hausburſchen Heinrich Jakob, Große Ochſen=
gaſſe
30, ein S. Wilhelm. Am 24.: dem Spengler und
Inſtallateur Philipp Brunner, Wienersſtraße 48,
ein S. Nikolaus Philipp. Am 23.: dem Bildhauer Ph.
Klein, Landgraf Philipp=Anlage 60, eine T. Dem
Schaffner und Wagenführer bei der elektriſchen Stra=
ßenbahn
Johann Puder, eine T. Julie Marg. Kath.
Aufgebote. Am 21. Nov.: Fabrikarbeiter Wilhelm
Hermann Raunacher in Zeitz und Marg. Müller,
ebendaſelbſt. Schankwirt Karl Wilhelm Hanſtein in
Roßdorf und Dienſtmagd Maria Lautenſchläger in
Darmſtadt. Am 22.: Schreinergehilfe Ludw. Acker=
mann
in Ober=Ramſtadt und Dienſtmagd Katharina
Würtemberger, ebendaſelbſt. Magazinarbeiter Leon=
hard
Friedrich Weber, Lauteſchlägerſtraße 26, und
Eliſab. Späth in Lützelbach. Kaufmann Bernhard
Keil, Ruthsſtraße 3, und Eva Kathar. Krämer in
Weiskirchen. Am 23.: Landwirt Jakob Dörlam in
Groß=Hauſen und Maria Meiſter, ebendaſelbſt. Dach=
decker
Ad. Aßmus, Erbacher Straße 9, und Chriſtina
Katharina Margareta Bund, Kleine Bachgaſſe 8.
Trausportarbeiter Peter Ruhmann, Gr. Kaplanei=
gaſſe
37, und Eliſab. Maria (gerufen Greta) Witzler,
ebendaſelbſt. Am 24.: Steinrichter Peter Krug in
Rainrod und Dienſtmagd Anna Hild in Hummes=
roth
. Schreiner Leonhard Seip in Nieder=Ramſtadt
und Dienſtmädchen Maria Eva Blum, ebendaſelbſt.
Geſtorbene. Am 21. Nov.: Bertha Köhler geb.
Maul, 77 J., ev., Witwe des Landgerichtsdirektors i. P.
Am 23.: Privatin Auguſtes Kleber, 88 J., ev., Frank=
furter
Straße 11. Poſtgehilfe Ludwig Beuſch, 18 J.,
év., von Kleeſtädt, Ktreis Dieburg. Marg. Merkel
geb. Hartmann, Witwe des Steinhauers, 37 J., ev., von
Sandbach, Kreis Erbach. Privatin Luiſe Müller,
43 J., ev., Kiesſtraße 49. Glaſer Guſtav Rockenbauch,
21 J., ev., Waldſtraße 32. Am 24.: Steinhauer Peter
Krämer, 29 J., ev., von Affolterbach.
Nachrichten des Standesamts Darmſtadt II.
Geöffnet an Wochentagen von 912 Uhr vorm. und
35 Uhr nachm. Samstags nachmittags nur für
dringende Fälle und Sterbefallsanzeigen.
Geborene. Am 8. Nov.: dem Maſchinenarbeiter Guſtav
* Dominiak, Sandbergſtr. 27, e. S. Friedrich Walter.
Am 9.: dem Sprachlehrer Jules Marie Clöment Berryer,
Herderſtr. 3, e. T. Luiſe Klementine Ferdinande. Am 10.:
dem Leutnant im Train=Bat. Nr. 18, Karl Hermann
Gerheim, Heerdweg 67, e. S. Hans Karl. Am 9.: dem
Bäcker Ludwig Heiſt, Karlſtr. 64, e. T. Chriſtine.
Am 14.: dem Rittmeiſter im Garde=Dragoner=Regiment
Nr. 23 Wilhelm Eduard von Harnier, Heinrichſtr. 49,
e. T. Am 11.: dem Vizewachtmeiſter und Zahlmeiſter=
aſpirant
Karl Mörſchel, Weinbergſtr. 52, e. S. Karl Jakob
Emil. Am 16.: dem Direktor der Süddeutſchen Eiſenbahn=
geſellſchaft
Friedrich Karl Johann Hedderich, Heidel=
bergerſtr
. 64, e. T. Am 11.: dem Wachtmeiſter im Feld=
Art.=Regt. Nr. 61, Guſtav Bauſch, Beſſunger Weg 125,
ein Sohn Ernſt. Am 14.: dem Trompeter=Sergeant im
Feld=Art.=Regt. Nr. 61 P. E. Block, Beſſunger Weg 127,
e. S. Erich Guſtav Wilhelm. Am 18.: dem Großh. Ober=
rechnungsreviſor
Ferdinand Joſeph Hoock. Herrngarten=
ſtraße
31, e. S. Auguſt Jakob. Am 19.: dem Taglöhner
Karl Hermann Kees, Forſtmeiſterſtr. 5, e. S. Franz
Andreas. Am 22.: dem ſtändigen Hilfsarbeiter im Mini=
ſterium
der Finanzen, Oberfinanzaſſeſſor Dr. Franz Julius
Michel. Roquetteweg 35, e. T.
Aufgebotene. Am 15. Nov.: Beizer Georg Sproß,
Weinbergſtraße 18 und Barbara Preiß, Weinbergſtr. 13.
Am 16.: Großh. Oberlehrer Profeſſor Bruno Franz
Wilhelm Friedrich Philipp Schmid, Kiesſtraße 114 und
Martha Dora Maria Seeger, Lehrerin, Kiesſtraße 127.
Am 19.: Sergeant im Großh. Artillerie=Korps Heinrich
Kaul, Heidelberger Straße 47 und Margareta Ries=
ling
zu Monsheim, Kreis Worms.
Eheſchließungen. Am 12. Nov.: Metzger Georg Heyer,
Ludwigshöhſtraße 9 und Anna Eva Fey, Heidelberger
Straße 68.
Sterbefälle. Am 11. Nov.: Kaufmann Ludwig Chri=
ſtian
Müller, 58 Jahre, ev., Orangerieſtraße 6. Am 18.:
Maior a. D. Arthur v. Weſtrell. 73 Jahre ev., Hermann=
ſtraße
25. Am 20.: Adam Berlieb, Sohn von Tag=
löhner
, 1 Monat, ev., Sandbergſtraße 15. Am 23: Rent=
ner
Hofrat Friedrich Kofler, 80 Jahre, luth., Wilhelm=
ſtraße
32.
Kirchliche Anzeigen.
Evangeliſche Gemeinden.
Advent
1. Advents=Sonntag, den 27. November 1910
Hoſkirche: Samstag, den 26. November, abends
6 Uhr: Beichte. Sonntag, den 27. November, vormit=
tags
½10 Uhr: Beichte und Anmeldung zur heil. Kom=
munion
in der Sakriſtei. Vormittags 10 Uhr: Haupt=
gottesdienſt
mit Feier des hl. Abendmahls. Kollekte für
den Kirchenbau in Helpersheim. Nachmittags um
3 Uhr: Vesper. Mittwoch, den 30. November, abends
6 Uhr: Adventsandacht.
Stadtkirche: Vorm. um 10 Uhr: Pfarrer Weiß=
gerber
. Nach der Predigt: Feier des heil. Abendmahls
mit unmittelbar vorausgehender Vorbereitung. Kollekte
für den Kirchenfonds. Vormittags 11½ Uhr: Kinder=
gottesdienſt
. Pfarrer Velte. Nachmittags um 6 Uhr:
Pfarrer Vogel. Kollekte für den Kirchenfonds.
Stadtkapelle: Vormittags um 9½ Uhr: Pfarrer Kle=
berger
. Kollekte für den Kirchenfonds. Vormittags
um 11 Uhr: Kindergottesdienſt. Pfarrer Vogel.

Ge

Gemeindehaus, Kiesſtraße 17: Freitag, den
2. Dezember, abends 8¼ Uhr: Bibelſtunde. Pfarrer
D. Diehl.
Militärgemeinde (Stadtkirche): Vormittags 8½ Uhr:
Diviſionspfarrer Lic. Schettler. Vorm. 10½ Uhr:
Kindergottesdienſt in der Oberrealſchule, Kapellſtraße 5.
Johanneskirche: Kollekte für die Kleinkinderſchule.
Vormittags 10 Uhr: Prälat D. Flöring. Vormittags
11½ Uhr: Kindergottesdienſt. Abends 5 Uhr: Pfarrer
Kraus. In beiden Gottesdienſten Feier des hl. Abend=
mahls
mit Vorbereitung.
Martinskirche: Vormittags um 10 Uhr: Pfarrer
Widmann. Feier des hl. Abendmahls mit Vorbereitung.
Anmeldung ron ½10 Uhr an in der Sakriſtei. Nach=
mittags
um 2 Uhr: Kindergottesdienſt für den Oſt=
bezirk
. Pfarrer Widmann. Abends um 6 Uhr:
Pfarraſſiſtent Lautenſchläger.
Pfründnerhaus: Vormittags 10 Uhr: Pfarraſſiſtent
Lautenſchläger.
Eliſabethenſtiſt: Samstag, den 26. November, nach=
mittags
3 Uhr: Beichte. Pfarrer Deggau. Sonntag,
den 27. November, vormittags 10 Uhr: Hauptgottesdienſt
mit hl. Abendmahl. Pfarrer Deggau. Vormittags
11¼ Uhr: Kindergottesdienſt. Abends 5 Uhr: Bibel=
ſtunde
. Pfarrer Knöpp.
Beſſunger Kirche (Petrusgemeinde): Kollekte für die
Kirche. Vormittags 10 Uhr: Pfarrer Walz. Mit=
wirkung
des Kirchengeſangvereins. Feier des hl. Abend=
mahls
mit Beichte. Vormittags 11½ Uhr: Kinder=
gottesdienſt
. Pfarrer Walz. Nachmittags 5½ Uhr:
Pfarraſſiſtent Flöel.
Gemeindehaus, Hofgartenſtr. 8: Abends
7½ Uhr: Gemeindeabend.
Paulnskirche: Kollekte für den Kirchenfonds. Vor=
mittags
10 Uhr: Hauptgottesdienſt mit Feier des heil.
Abendmahls. Vormittags 11½ Uhr: Kindergottes=
dienſt
. Pfarraſſiſtent Flöel. Abends 6 Uhr: Pfarrer
Rückert.
Lutheriſcher Gottesdienſt. (Selbſtändige evang.=lutheriſche
Kirche.) Am 1. Advent=Sonntag, den 27. Nov., nachmit=
tags
um 5 Uhr, im Feierabend‟, Stiftſtraße 47: Pfarrer
Anthes.
Stadtmiſſion (Mühlſtraße 24): Sonntag, den 27. Nov.,
vormittags 11¼ Uhr: Kindergottesdienſt. Nachmit=
tags
4 Uhr: Evangeliſationsverſammlung. Pfarrer
Veller. Abends 8 Uhr: Blaukreuzverſamm=
lung
. Donnerstag, den 1. Dezember, abends 8¼ Uhr,
in der Stadt Pfungſtadt: 5. Vortrag von Herrn
Pfarrer Veller über: Was dünkt Euch um
Chriſtus? Weß Sohn iſt er? Jedermann, iſt
herzlich eingeladen. Eintritt frei.
Gottesdienſt der Neuapoſtoliſchen Gemeinde (Neue Nieder=
ſtraße
13): Sonntag, nachm. 4 Uhr. Mittwoch, abends
8½ Uhr.
Baptiſtengemeinde (Nieder=Ramſtädterſtraße 13):
Sonntag, den 27. November, vorm. 10 Uhr: Predigt.
Vormittags 11¼ Uhr: Sonntagsſchule. Nachmittags
4 Uhr: Predigt. Montag, den 28. November, abends
8¼ Uhr: Miſſionsvortrag von Herrn Miſſionar Hof=
meiſter
aus Kamerun über Land und Leute in
Kamerun mit verſchiedenen Erläuterungen. Alle
Freunde der Heidenmiſſion in unſerer Kolonie ſind herz=
lich
eingeladen. Eintritt frei für jedermann!
Katholiſche Gemeinden
St. Ludwigsgemeinde. Kapelle der Barmherzigen Schweſtern
(Eingang: Nieder=Ramſtädterſtraße 30): Samstag, den
26. November, nachm. um 4 Uhr und abends um 8 Uhr:
Gelegenheit zur heil. Beichte.
1. Advents=Sonntag, den 27. November 1910
Vorm. von ½6 Uhr an: Gelegenheit zur hl. Beichte.
Um 6 Uhr: Rorate=Amt. Um 7 Uhr: Austeilung
der heil. Kommunion. Um 8 Uhr: hl. Meſſe. Um
½10 Uhr: Hochamt mit Predigt. Um 11 Uhr: letzte
heil. Meſſe. Nachmittags um 3 Uhr: Adventsandacht.
Um 4 Uhr: Verſammlung im Mädchenheim.
Ebenfalls um 4 Uhr: Vortrag für die Jugend=Abteilung
der Jungfrauen=Kongregation. Um ½5 Uhr: Ver=
ſamm
ung der Jungfrauen=Kongregation. Um 6 Uhr:
Herz=Mariä=Bruderſchaftsandacht mit Predigt. An
allen Werktagen, vorm. um ½7 Uhr: Rorate=Amt.
Donnerstag, nachmittags um 5 Uhr: Gelegenheit zur
heil. Beichte.
Kapelle der Engliſchen Fränkein: Samstag, nachmit=
tags
um 4 Uhr und abends um 8 Uhr: Gelegenheit zur
heil. Beichte. Sonntag, vormittags um ½ 6 Uhr: Ge=
legenheit
zur heil. Beichte. Um 6 und um ½7 Uhr:
Austeilung der hl. Kommunion. Um 7 Uhr: hl. Meſſe.
Donnerstag, nachmittags um 5 Uhr: Gelegenheit zur
heil. Beichte.
Militärgemeinde: Sonntag, vorm. um 8 Uhr: In
dem Exerzierhaus auf dem Exerzierplatz Sing=Meſſe mit
Predigt.
St. Eliſabethenkirche: Samstag, den 26. November,
nachmittags um ½5 Uhr und abends um 8 Uhr: Ge=
legenheit
zur hl. Beichte.
1. Advents=Sonntag, den 27. November 1910
Vorm. von 6 Uhr an: Gelegenheit zur hl. Beichte.
Um ½7 Uhr: Frühmeſſe. Um 8 Uhr: Rorate= Amt.
Um ½ 10 Uhr: Hochamt und Predigt. Nachmit=
tags
um 2 Uhr: Andacht. Mittwoch, den 3. Nov.,
abends um ½9 Uhr: Apologetiſcher Vortrag für die
Männer. Donnerstag, nachm. ½5 Uhr: Beichtgelegen=
heit
. Freitag, um ½6 Uhr: Herz=Jeſu=Andacht.
St. Martinskapelle zu Beſſungen: Samstag, den
26. November, nachmittags um 4 Uhr und abends um
8 Uhr: Gelegenheit zur hl. Beichte.
1. Advents=Sonntag, den 27. November 1910
Großes Gebet
Vormittags um 6 Uhr: Eröffnung des Großen
Gebetes und heil. Meſſe. Um 7 Uhr: hl. Meſſe.
Um 9 Uhr: hl. Meſſe. Die letzte Betſtunde und feier=
licher
Schluß abends von 56 Uhr. Bib iothek ( Heerd=
weg
28): Dienstag, nachmittags von 67 Uhr. Donners=
tag
, nachm. um 5 Uhr: Gelegenheit zur hl. Beichte.
Kapelle zu Eberſtadt: Samstag, den 26. November,
abends um 5 Uhr: Beichte.
1. Advents=Sonntaa, den 27. Novemher 1910

Vorm. um 6 Uhr: Beichte. Um ½7 Uhr: Aus=
teilung
der heil. Kommunion. Um 9¼ Uhr: Hochamt
mit Predigt. Nachmittags um 1½ Uhr: Chriſten=
lehre
und Andacht. Während der Woche vormittags
um ¼7 Uhr: hl. Meſſe.
Kapelle zu Pſungſtadt: 1. Advents=Sonntag, den
27. November, vormittags um ½ 8 Uhr: Amt und Predigt.
Vorher Beichtgelegenheit.
Church of England Service
Advent Sunday, 27th November 1910
Divine Service will be held in the Hofkirche
at 12 o’clock
Tie Rev. Canon Me Lulich, Bad Homburg, will officiate.
Cetaufte, Getraute und Beerdigte.
Getaufte bei den evangeliſchen Gemeinden.
Stadtgemeinde: 6. Nov.: Dem Bäckereibeſitzer
Heinrich Spangenberger S. Heinrich, geb. 13. Okt. Dem
Küfermeiſter Jakob Scherer T. Eliſabeh, geb. 18. Oft.
17. Nov.: Dem Kaſſierer Johann Viktor Sparr T.
Eliſabethe Katharina, geb. 22. Aug. Dem Wächter bei
der Wach= und Schließgeſellſchaft Chriſtian Karl Kogel
S. Otto Ernſt, geb. 3. Nov. 20. Nov.: Dem Handarbeiter
Wilhelm Engelhardt S. Wilhelm, geb. 27. Juli. Dem
Mechaniker Johannes Scheuermann S. Philipp Robert,
geb. 16. Okt. Dem Taglöhner Bernhard Landzettel S.
Otto Karl, geb. 1. Sept. Dem Tapezier Friedrich Theodor
Georg S. Guſtav Adolf, geb. 13. Okt. 23. Nov.: Eine
unehel. T. Suſanna, geb. 21. Juli. Dem Möbeltrans=
porteur
Adam Volz S. Georg, geb. 22. Jan. 2). Nov.:
Dem Herrſchaftsdiener Peter Guſtav Schade T. Anna
Marie Katharine Ingeborg, geb. 21. Okt. 24. Nov.:
Dem Kellner Fritz Kurt Schulze S. Hermann Kurt, geb.
22. Okt. 20. Nov.: Dem Kaufmann Ernſt Schepp S.
1Ernſt Philipp, geb 4. Nov.
Johannesgemeinde: 20. Nov.: Dem Sanitäts=
obmann
Wilhelm Schmidt T. Katharine Marie, geb.
3. Nov. Ein unehel. S. Ferdinand Adam, geb. 21. Okt.
Martinsgemeinde: 20. Nov.: Dem Bahnarbeiter
Heinrich Saal T. Anna Veronika Erneſtine Franziska,
geb. 14. Okt. Dem Poſtboten Georg Lehr S. Gorz, geb.
29. Okt. 17. Nov.: Dem Handelsmann Max Albert Opitz
T. Margarete Charlotte, geb. 8. Juli.
Cetraute bei den evangeliſchen Gemeinden.
Stadtgemeinde: 19. Okt.: Kellner Heinrich
Friedrich Wilhelm Lorenz und Anna Keller. Schreiner
Ludwig Heinrich Götz und Margarete Breitwieſer.
Johannesgemeinde: 18. Nov.: Kaufmann.
Oskar Flues in Rio de Janeiro u. Paula Selma Kepper
von hier. 19. Nov.: Schloſſer Guſtav Reinhard und
Gertrude Bohländer von hier. Regierungsbaumeiſter
Auguſt Dogny in Erbach i. O. und Elſe Kredel von hier.
Martinsgemeinde: 19. Nov.: Kaufmann Albert
Fuchs und Antonie Eliſabeth Wilhe mine Roſine Fuchs,
beide hier. 17. Nov.: Oberpfleger Wilhelm Luft in Heina
und Marie Leitner.
Beerdigte bei den evangeliſchen Gemeinden.
Stadtgemeinde: 6. Nov.: Hermann Petitjean,
5 J., ſtarb 4. Nov. 8. Nov.: E iſabeth Stay, geb. Spechtz
Ehefrau des Poſtboten Franz Georg Stay, 23 J, ſtarbl
6. Nov. 17. Nov.: Schuhmacher Johann Jatob Horn,
29 J., ſtarb 15. Nov 23. Nov.: Henriette Sophie
Karoline Freitag, geb. Degen, Ehefrau des Oktroiauf=
ſehers
i. P. Ernſt Freitaa, 57 J., ſtarb 21. Nov. 22. Nov.:
Katharine Amend, Privatin 74 J., ſtarb 19. Nov.
20. Nov.: Dachdecker Johann Valentin Winter, 72 J. 4 M.
ſtarb 18. Nov. 23. Nov.: Fabrikbeſitzer Vernhard Max
Schäffer, 50 J., 8 M., ſtarb 20. Nov.
Johannesgemeinde: 1 . Nov.: Rechnungsrat
i. P. Gottlieb Schmierer, 70 J., ſtarb 17. Nov. 24. Nov.:
Bertha Köhler geb. Maul, Witwe des Landgerichtdireitors
i. P. Wilhelm Köhler, 77 J., ſtarb 21. Nov. 25. Nov.:
Auguſte Kleber, 83 J., ſtarb 23. Nov.
Martinsgemeinde: 22. Nov.: Wilhelm Grieſes=
S. des Fabrikarbeiters Johann Philipp Grieſes, 1 J.,
ſtarb 20. Nov. 21. Nov.: Katharine Haſſe, Witwe des
Hoftheaterſonffleurs Hugo Haſſe, 75 J., ſtarb 13. Nov.
Kanalarbeiter Adam Egly, 42 J, ſtarb 18. November in
Heppenheim.
Getaufte bei den katholiſchen Gemeinden.
St. Martinskapelle: 14. Aug.: Dem ſtädt
Materialverwalter Chriſtian Wilhelm Fraas T. Ada
Emmy, geb. 29. Juli. Dem Gärtner Otto Hermann
Karl Fehlberg Zwillinge Johannes Karl und Otto
Hermann, geb. 30. Juli. 16. Aug.: Dem Sattler Heinrich=
Zirkel T. Maria Joſephine, geb. 28. Juni. 28. Aug.: D em
Schreinermeiſter Geora Willenbücher T. Maria Klara,
geb. 9. Aug. Dem Schuhmacher Eduard Schmith T.
Maria Katharina Eliſabeth, geb. 15. Aug. 11. Sept.:
Dem Apotheker Joſef Petermann T. Barbara Katharina
Johanna Hildegard, geb. 5. Sept. 2. Okt.: Dem Hilfs=
ſchaffner
Wi helm Bremmer T. Mathilde, geb. 11. Sept.
Dem Former Leonhard Jung S. Leonhird, geb. 21. Ang.
16. Okt.: Dem Fuhrmann Friedrich Philipp Schäfer S
Wilhelm Georg, geb. 14. Sept. Dem Koch Joſef Müller
T. Klara Maria, geb. 4. Okt. 5. Nov.: Dem Fuhrmann
Ludwig Ganßmann T. Johanna, geb. 12. Okt. 6. Nov.:
Dem Kaufmann Hermann Knoll T. Anna Margareia,
geb. 12. Okt. Dem Schneider Heinrich Willwohl S.
Heinrich, geb. 28. Okt. 20. Nov.: Dem Sprachlehrer
Jules Marie Clement Berryer T. Luiſe Cementine
Ferdinande, geb. 9. Nov. 23 Nov.: Dem Lademeiſter
Johann Lenhart T. Anna Marie Regina, geb. 7. Nov.
Getraute bei den katholiſchen Gemeinden.
St. Martinskapelle: 14. Aug.: Bäckermeiſter
Adalbert Franz Kippes und Eliſabetha Weiler, beide hier.
. Aug.: Dachdecker Wilhelm Widerſchein u. Katbarina
Müller, Krankenpflegerin, beide hier. 3. Sept.: Taglöhner
Karl Herrmann Kees und Katharina Schimpf, beide hier.
9. Okt.: Schneider Adam Keil und Eliſabethe Philippine
Gries, Büglerin, beide hier.
Beerdigte bei den katholiſchen Gemeinden.
St. Martinskapelle: 27. Sept: Erika Lucia
Arminia Finger T. des Kaufmann Chriſtian Finger, 7 M.,
ſtarb 26. Sept. 23. Okt.: Suſanna Katharina Heiene
Meyer T. des Monteurs Hermann Meyer, 3 M., ſtard
2. Okt. 10. Nov.: Berta Katharine Sophie Külp, geb.
Reinwald, Witwe des Großh. Prof. Dr. Ludwig Küp,
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Nummer 278.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

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Leitung: Obermuſikmeiſter Hugo Hauske.
Aus dem Programm: J. Brüll: Ouvertüre zu Das goldene Kreuz;
W. A. Mozart: Fantaſie aus Die Zauberflöte‟: Demerſſeman: Italieniſches
Konzert für Flöte, vorgetragen von Herrn F. Anders; Chopin: Präludium; Offen=
bach
: Fantaſie aus Hoffmanns Erzählungen; Joh. Strauß: Wo die Zitronen
blühn Walzer, und Anderes mehr.
Eintritt 40 Pfg. Im Preiſe ermäßigte Familien= und Studentenkarten bei
Herrn G. Christ.
Dutzendkarten zu den Donnerstagskonzerten obiger Kapelle im Saalbau
(Sommer 1910) haben Gültigkeit.
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Sonntag, den 27. November, nachmittags 4 Uhr:

Kapelle des Großh. Heſſ. Art.-Regts. Nr. 61
(Leitung: M. Weber).
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Sonntag, den 27. November, abends 8 Uhr

Kapelle des Artillerie-Regiments Nr. 61. (22931
Leitung: M. Weber.

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Balkonloge 5 Mk., 1. Rang 4.50 Mk., 2. Rang
(1. bis 6. Reihe) 2.50 Mk., (7. und 8. Reihe)
2. Mk., Sperrſitz (1. bis 13. Reihe) 4. Mk.,
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5. Reihe) 2.70 Mk., (6. bis 8. Reihe) 2.20 Mk.;
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5½ Uhr an.
Anfang 6½ Uhr. Ende gegen 10 Uhr.
Vorverkauf
von 111 Uhr für die Vorſtellungen:
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Mittwoch, den 30. November 1910.
Außer Abonnement.
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2 Mk., 2. Rang 1 Mk.), Sperrſitz 1.50 Mk.,
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findet Montag, den 28. November,
nachmittags von 3½ bis 5 Uhr,
ſowie an den darauffolgenden Tagen, vor=
mittags
von 11 bis 1 Uhr, für die noch
vorhandenen Plätze an der Tageskaſſe ſtatt.
Ueber die Plätze in der erſten und
zweiten Galerie, ſowie über den größten;
Teil der Plätze im zweiten Rang und Par=
terre
iſt bereits zu Gunſten hieſiger Bil=
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verfügt worden.

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Donnerstag, den 1. Dezember 1910, abends 8 Uhr,
im Saale der Turnhalle, Woogsplatz
unter gütiger Mitwirkung eines Teiles der Kapelle des 61er
Artillerie-Regiments, Herrn Musikmeister Weber und
Fräulein Louise Kümmel, Klavier.
Es werden singen:
Enrieo Caruso, Leo Slezak, Erik Schmedes,
Geraldine Farrar, Selma Kurz, Tetrazzini
ferner wird Frieda Hempel,
(die jüngste Patti), die Prima-Dona der Berliner Oper,

auf der Platte zu hören sein.

Ganz neu und einen besonderen Kunst-
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bilden die Gesangs-Nummern mit Orchester-Begleitung
(Streichmusik der Kapelle Weber):
Cavatine aus Margarethe‟ (Faust) von Ch. Gounod,
gesungen von Karl Jörn
Gralserzählung aus Lohengrin von Rich. Wagner,
gesungen von Karl Jörn
Gebet des Königs aus Lohengrin von Rich. Wagner,
gesungen von Paul Knüpfer (Bass).
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Jäger, Georgenstrasse 11 und Uhrengeschäft Rheinstrasse 33, sowie
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Reservierter Platz (Galerie) I. Reihe Mk. 1.00, II. Reihe unnumeriert Mk. 0.50,
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den Ruf des I. Darmſtädter Kinos
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Programm
zu dem am Samstag, den 26. November
von 121 Uhr mittags vor dem Neuen
Palais ſtattfindenden Konzert der Ka=
pelle
des Garde=Dragoner=Regts. Nr. 23.
1. Unſere Marine‟, Marſch von Thiele.
2. Am Meer Lied von Schubert. 3. Fan=
taſie
aus Der Freiſchütz von Weber.
4. =Aubade printanieres von Lacombe.
5. =Lion du bale Intermezzo von Gillet.
6. Königgrätzer Siegesmarſch von Piefke.
Sonntag, den 27. November.
Von 11½12¼ Uhr Konzert auf dem
Paradeplatz, ausgeführt von der Kapelle
des Garde=Dragoner=Regts. Nr. 23.
1. Mit Eichenlaub und Schwertern
Marſch von Blon. 2. Intermezzo aus
sCavalleria rusticanas von Mascagni.
3. Potpourri über Strauß’ſche Melodien
von Hermann. 4. Intermezzo ruſſe von
Franke. 5. Bällſirenen=Walzer aus Die
luſtige Witwe von Lehar. 6. Parade=
marſch
von Fiſcher.

Häuwigshole.
Jeden Mittwoch und
Samstag Nachmittag
Kur-Konzert
Mittwochs Kapelle des Großh. Heſſ. Artill.=
Regts. Nr. 61, Leitung M. Weber.
Samstag Kapelle des Leibgarde=Inf.=Regts
Nr. 115, Leitung H. Hauske.
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ſind zu haben im Verkehrsbureau und an
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Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

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[ ][  ][ ]

Nummer 278,

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. Nobember 1910

Seite 39.

Vermiſchtes.
Der Modeſchöpfer bei der Arbeit. Das viel=
geſtaltige
Getriebe einer Welt für ſich tut ſich vor dem
auf, der in die Geheimniſſe und Wunder einer gro=
ßen
Pariſer Modefirma einen Blick tut. Die Ate=
liers
, in denen die geſchickten und ſchnellfingerigen
Gehilfinnen des Modeſchöpfers am Werke ſind, ſchlie=
ßen
ſich zu einem höchſt komplizierten Organismus
zuſammen, bei dem, wie an einer modernen Maſchine,
unzählige Teile ineinandergreifen und die Geſamt=
heit
der Arbeit verrichten müſſen. In einem viel=
ſtöckigen
Hauſe ſitzen hier die Arbeiterinnen zuſam=
men
, die Aermelmacherinnen, die Rockverfertigerin=
nen
, die Korſagearbeiterinnen, und all die anderen,
die ſtets nur beſtimmte Einzelheiten der Toilette in
ihre Hände bekommen. Und in einer mannigfachen
Stufenleiter ſteigt man empor von den einfachen Tage=
löhnerinnen
zu den vornehmen Probierdamen, den
eleganten Verkäuferinnen, bis zu den wahren
Schöpfern dieſer kleinen Welt, den Zeichnern, den
Ausgeſtaltern der Modelle. Innerhalb jedes Kreiſes
beſteht wieder eine Hierarchie von Vorarbeiterinnen,
ihren Untergebenen bis herab zu den Lehrmädchen.
Als Führer durch dieſen Mikrokosmus der Mode
bietet ſich nun ein prächtiges Werk dar, das unter dem
Titel Schöpfer der Mode in Paris erſchienen iſt.
Der Verfaſſer des Textes, Roger Miles, entwirft
ans eine eindringliche Schilderung von den Herren
dieſes Reiches, erzählt, wie ein großer Pariſer Schnei=
der
die Toilettenkunſtwerke in ſeinem Geiſte entſtehen
läßt. So ein großer Modeſchöpfer arbeitet bald wie
ein Architekt, bald wie ein feinſinniger Blumen=
arrangeur
. Die einen, die ſich in der reichen Sphäre
des genialen Gedankens bewegen und die Materie
als verwirrend von ſich fern halten, ſitzen mit Pin=
ſel
oder Bleiſtift über dem Papier, nicht anders als
ein Maler oder Dichter, und komponieren nun die
Form, die Stimmung, die Details der Toilette. Nach
langen Korrekturen und Verbeſſerungen ſteht das
Kunſtwerk endlich auf der weißen Fläche, ſo wie es der
Phantaſie des Meiſters entſprungen, und nun beginnt
die Arbeit der Handlanger, die auf Grund dieſer ge=
nauen
Skizze die ideale Form in Wirklichkeit über=
tragen
und mit dem ſchillernden Körper der Farben,
Spitzen und anderen Koſtbarkeiten umkleiden. Andere
Modeſchöpfer wieder bedürfen zur Anregung ihrer Ein=
bildungskraft
der Berührung mit dem Stoff und der
Wirklichkeit. Sie arbeiten ähnlich wie ein Bildhauer,
in dem der Block Geſtaltungen des Lebens entſtehen
läßt und der mit wilder Leidenſchaftlichkeit aus Ton
Verſuche zur Verkörperung ſeiner Viſion unternimmt.
Solch ein Toilettenkünſtler arbeitet am Mannequin;
Stoffe in den reichſten Farbentönungen, Spitzen,
Stickereien, Schnallen, Knöpfe liegen um ihn herum,
und aus dieſem bunten Bric=ä=brac ſteigt ihm nun eine
erregende Atmoſphäre entgegen, die in ihm das Fieber
des Schaffens weckt. Haſtig drapiert er Stoffe auf dem
Körper, ſteckt ſie mit Nadeln feſt, ſänftigt die Harmonie
der Farben, rafft hier ein Stück Stoff in die Höhe, ſchließt
dort durch eine Spitze oder ein Band ab, und arbeitet,
wenn er die großen Linien der Toilette gefunden, an
den Einzelheiten des Schmuckes. Er glättet, fältelt,
verlängert, verkürzt die Stoffe, unterbricht die Flächen
durch Knöpfe und Beſätze, rundet den Eindruck durch
eine Vorte ab bis ſchließlich das Werk vollendet vor
ihm ſteht. Dann erſt tritt der Zeichner in Aktion, der
das alſo geſchaffene Modell kopiert. Dann erfolgt die
Taufe der neuen Robe; das Modell und die Skizzen
wandern in die Ateliers, wo die neueſte Schöpfung des
Meiſters mit Spannung und Aufregung erwartet wird.
Eine dramatiſch=nervöſe Stimmung herrſcht in dieſen
kleinen Zimmern, in denen die Nähmaſchinen rattern,
die flinken Hände in den mannigfachſten Beſchäftigun=
gen
hin und her fahren, ein beſtändiges Flüſtern und
Kleiderrauſchen den Raum durchhuſcht. Da iſt eine
Neuerung des beweglichen Modegeiſtes, die eiſrig be=

ſprochen wird, dort eine Aenderung, die raſch gemacht
werden muß; ſtets etwas Neues, ſtets etwas Aufregen=
des
. Weht hier der heiße Atem der Arbeit, ſo breitet
ſich im Gegenſatze dazu in den Empfangsſalons und den
Anprobier=Boudoirs eine gedämpfte, ruhige Stimmung
vornehmer Kultur aus. Hier darf nur die Kundin
Nerven haben; die Verkäuferin ſpricht in Flüſtertönen,
und mit engelhafter Geduld präſentiert ſich die Probier=
dame
immer von neuem in der koſtbaren Robe. Feine
Parfüms durchfluten den Raum, mildes Licht wogt in
zarten Reflexen von den Spiegeln zurück, Luxus und
Eleganz atmet die ganze Ausſtattung. Es iſt ja der
große Moment der Aufführung auf dieſem Theater der
Mode, dem die heißen, aufgeregten Stunden der
Schöpfung und Arbeit mit all ihren Mühen und
Sorgen voraufgingen.

Literariſches.
C. G. Schillings: Mit Blitzlicht und Büchſe
im Zauber des Eleléſcho. Kleine Ausgabe der
beiden Werke Mit Blitzlicht und Büchſe und Der
Zauber des Eleléſcho. Mit dem Fakſimile eines Brie=
fes
von Theodore Rooſevelt an Profeſſor C. G. Schil=
lings
. 512 Seiten Groß=8 mit 83 der beſten, urkund=
treu
wiedergegebenen photographiſchen Original=Tag=
und =Nachtaufnahmen des Verfaſſers. Preis 5 Mk.,
in prächtigem Künſtler=Ganzleinwandband 6,50 Mk.
R. Voigtländers Verlag in Leipzig. Das Buch iſt
in vieler Hinſicht das bemerkenswerteſte unter allen
ähnlichen Werken, es iſt das hervorſtechendſte unter
den vielen guten Büchern, die von wiſſenſchaftlich be=
obachtenden
Jägern geſchrieben worden ſind. Profeſſor
Schillings iſt ein großer Nimrod und Forſcher, ein er=
fahrener
zoologiſcher Sammler, ein äußerſt intereſ=
ſanter
Schriftſteller und der hervorragendſte Lichtbild=
ner
der wilden Tierwelt. Er ſchlug neue Wege ein in
der ſchwierigen Kunſt, die in voller Freiheit lebende
Tierwelt im Lichtbilde feſtzuhalten; und was einige
ſeiner bemerkenswerteſten Bilder betrifft, ſo iſt Eben=
bürtiges
bis heute noch nicht geleiſtet worden. Sein
Buch ſollte in alle Sprachen überſetzt und überall ge=
leſen
werden, wo es Menſchen gibt, die Liebe für die
Schönheiten der Wildnis und deren Tierwelt haben,
und Sinn und Verſtändnis für das entbehrungsreiche,
ſtählende Leben eines guten Großwildjägers.
Vom Marszur Erde. Eine Erzählung für
die reifere Jugend von Dr. Albert Daiber. Mit
ſechs Vollbildern von Fritz Bergen. Stuttgart Ver=
lag
von Levy u. Müller. Eleg. geb. 3 Mark. In der
ſo viel Aufſehen erregenden Erzählung Die Welten=
ſegler
hatte der Verfaſſer einen der ſieben Gelehrten
auf dem Mars zurückbleiben laſſen. Im Anſchluß
daran berichtet er nun von den Schickſalen und Erleb=
niſſen
dieſes Erdenſohnes auf dem fernen Planeten.
Er hat den Wunſch, in eine innigere Verbindung mit
den Marſiten zu treten. Als ihm dies nicht gelingt,
erfaßt ihn nach der Teilnahme an dem Bau der Dop=
pelkanäle
auf dem Mars die Sehnſucht nach der Mut=
ter
Erde, und er kehrt auf einem von den Ingenieuren
des Mars erbauten Luftſchiffe zu den heimatlichen
Gefilden wieder zurück. Dieſe Fahrt durch den Wel=
tenraum
bildet den Glanzpunkt des hochintereſſanten
Buchs. Das Buch iſt der wohlwollendſten Aufnahme
ſeitens der leſeluſtigen Jugend ſicher.
Das Organ des Deutſchen Verbandes für Ver=
beſſerung
der Frauenkleidung, die Zeitſchrift Neue
Frauenkleidung und Frauenkultur ( Ver=
lag
der G. Braunſchen Hofbuchdruckerei in Karlsruhe,
erſcheint jährlich 10mal und boſtet 6 Mk.), veröffentlicht
ſoeben das Oktober=Heft, mit welchem ein beachtens=
werter
Schritt zur weiteren Ausgeſtaltung dieſer Zeit=
ſchrift
getan iſt. Jeder, der ſich für die Reformbeſtreb=
ungen
in der Frauenmode intereſſiert, wird in der
Neuen Frauenkleidung und Frauenkultur die beſte
Gelegenheit finden, ſich hierüber zu unterrichten und
auf dem laufenden zu erhalten.

Gewinnausing
der
222. Töniglich Brenßiſchen Klaſſenlotterie.
6. Klaſſe. 14. Ziehungstag. 24. November 1910.
(Nachdruck verboten.)
(Ohne Gewähr. A. St.=A. f. Z.)
In der Vormittags=Ziehung wurden Gewinne
über 240 Mk. gezogen:
3 Gewinne zu 10000 Mk. 33623 82630 276058
8 Gewinne zu 6000 Mk. 43051 179733 210249
32 Gewinne zu 3000 Mk. 982 5007 8013 13779
25297 30306 30772 45751 62926 84172 88025 97165
97511 114045 125263 127525 147391 147944 185315
187918 199211 209a80 217018 223299 235681 238771
240953 252188 265899 291431 292859 293157
84 Gewinne zu 1000 Mk. 4442 7877 9204 11114
13228 13878 15118 20019 21263 24242 24347 28715
39647 42290 44446 47534 49575 50463 51074 53010
69594 66464 90101 95673 95858 96226 99368 107618
109949 117417 117675 122870 129166 129995 132571
134263 135115 144046 155118 159597 160145 162210
164313 177021 178331 178766 181515 183474 192452
196809 201698 202542 208439 208451 212628 217752
217787 220236 221235 223374 229412 232559 237038
238680 239034 243592 251072 252320 254877 255820
261514 261680 270064 281854 281881 281979 282935
287737 287816 288238 296178 299664 301098 301964
110 Gewinne zu 500 Mk. 590 4307 5560 8049
8760 9018 12737 24587 32369 33269 33979 35482
40089 42465 46224 46498 49172 49587 50758 52150
52366 52582 60062 62519 63127 64372 64445 65513
69529 75127 76369 76247 76337 77967 78935 80041
84767 89872 92960 94112 96500 96978 100310 100888
101531 101840 102245 108146 109792 111514 132747
135397 138446 138786 138924 139388 144211 144484
146335 149054 150757 162473 153740 158253 163093
166075 176264 177312 179112 181611 182682 185402
189347 189824 191803 195030 195104 196460 197328
197618 198962 2002a9 207278 219838 220269 235281
244937 247239 247435 247701 250228 263657 254441
265055 256437 256772 256847 260329 266210 267279
269251 270703 270928 271179 272046 274111 284981
285096 288801 301165
In der Nachmittags=Ziehung wurden Gewinne
über 240 Mk. gezogen:
1 Gewinn zu 50 000 Mk. 94665
3 Gewin.ie zu 5000 Mk. 250331 288657 297363
51 Gewinne zu 3000 Mk. 19 1572 3911 6797
26422 29747 30921 37589 39113 42803 48257 51443
66382 65254 71064 71358 72701 81993 89726 108487
117133 117625 127733 141979 154682 159818 167298
175217 185020 190505 191970 195223 196815 203177
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Seite 40.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

Nummer 278.

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5. Beilage zum T.
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Tagblatt.

3 278.

Samstag, 26. November.

1910.

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Seite 42.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

Nummer 278.

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Nummer 278.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

Seite 43.

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Seite 44.

Darmſtädter Tagblatt, Samstag, den 26. November 1910.

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