Darmstädter Tagblatt 1910


31. Oktober 1910

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173. Jahrgang
verbunden mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage:
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werden angenommen in Darmſtadt
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ſowie von unſeren Agenturen und
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kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.

Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

N 255.

Die heutige Nummer hat 18 Seiten.

Der deutſche Kaiſertoaſt in Brüſſel.
* Der Brüſſeler Kaiſertoaſt in deutſcher
Sprache ruft lebhafte Kommentare hervor. Es geſchah
zum erſtenmal, daß ein offizieller Toaſt in einem nicht=
deutſchen
Lande in einer anderen als der franzöſiſchen
Sprache ausgebracht wird. Man erblickt vielfach darin
einen Vorſtoß des Kaiſers gegen die Geltung des Fran=
zöſiſchen
als internationaler Hofſprache. Hierzu wird den
Münch. Neueſt. Nachr. aus Antwerpen geſchrieben:
Gegenüber der Aufregung der franzöſiſchen Preſſe und
der ihr gleichgeſinnten belgiſchen Blätter über den in
deutſcher Sprache gehaltenen Trinkſpruch Kaiſer Wilhelms
verdient feſtgeſtellt zu werden, daß die vlämiſche Preſſe
Belgiens mit dieſem Entſchluſſe des deutſchen Kaiſers
ſehr zufrieden iſt. Hinter dieſer aber ſtehen mindeſtens
drei Fünftel der Bevölkerung Belgiens, welche durchaus
nichts von der franzöſiſchen Sprache wiſſen wollen. Erſt
kürzlich ſchrieb ein Führer der vlämiſchen Bewegung in
der Brüſſeler Zeitung Het Laatſte Niuws (Die letzten
Nachrichten):
Wir Vlamen, die wir unſere niederdeutſche Sprache
unter ſchweren Kämpfen erhalten haben, erwarten von den
Reichsdeutſchen, wenn ſie zu uns kommen, daß ſie mit
uns nicht franzöſiſch, ſondern deutſch reden. Der gebildete
Hochdeutſche kann, wenn er ſich nur ein wenig Mühe gibt,
in vierzehn Tagen die Grundzüge der niederdeutſchen Ver=
kehrsſprache
lernen. Wenn er das nicht kann, ſo ſoll er
uns verſtändigen können. Wenn er jedoch zu uns
in das vlämiſche Belgien, zu dem auch Brüſſel gehört,
kommt und uns franzöſiſch anredet, ſo beleidigt er nicht
nur uns, ſondern er verſündigt ſich auch an ſeinem eigenen
Deutſchtum.
In Antwerpen, das eine völlig niederdeutſche Stadt
iſt, haben die vlämiſchen Führer jahrelang darum bitten
müſſen, daß die dortige reichsdeutſche Kolonie bei feſt=
lichen
Anläſſen die feierlichen Anſprachen und Trink=
ſprüche
nicht mehr franzöſiſch, ſondern deutſch oder vlä=
miſch
halte. Alle dieſe Kreiſe hatten es immer tief be=
dauert
, daß König Leopold die vlämiſche niemals
als gleichberechtigte Sprache bei Hofe und in der Regie=
rung
anerkannt hatte, während König Albert ſchon
als Prinz die Sympathien der Vlamen dadurch gewann,
daß er bei jeder Gelegenheit zu den vlämiſchen Belgiern
in ihrer Sprache redete.
Um ſo peinlicher war die vlämiſche Bevölkerung
davon berührt, als vor ſechs Wochen das belgiſche
Königspaar dem holländiſchen Hofe ſeinen
Beſuch abſtattete und König Albert den Trink=
ſpruch
bei der Hoftafel in franzöſiſcher
Sprache ausbrachte und auch ſonſt während des Be=
ſuches
zumeiſt franzöſiſch ſprach. Dieſe Abſicht des Königs
war ſchon vorher dem holländiſchen Hofe bekanntgegeben
worden, wodurch ſich die Königin Wilhelmina beſtimmen
ließ, auch ihrerſeits franzöſiſch zu ſprechen, während ſich
doch beide Souveräne in der gemeinſamen niederdeutſchen
Sprache ſehr gut verſtändigen konnten.
Die Vlamen glaubten aus dieſem und ähnlichen Vor=
gängen
ſchließen zu ſollen, daß ſich am Brüſſeler Hofe in
neuerer Zeit wieder ein ſtärkerer franzöſiſcher Einfluß gel=
tend
mache, und dieſer Verſtimmung entſprangen die hef=
tigen
Verwahrungen, die der Allgemeine Niederdeutſche
Verband im vorigen Monat gegen den Beſuch der Pariſer
Stadtvertreter in Brüſſel und Lüttich veröffentlichte. Bei
dem Erſcheinen dieſer Herren, für die die Brüſſeler Ge=
meindevertretung
die überſchwenglichſten Ehrungen vor=
bereitet
hatte, ließ der genannte Verband an allen Stra=
ßenecken
Brüſſels Aufrufe anbringen, worin die vlämiſche
Bevölkerung aufgefordert wurde, ihre völkiſche Ehre nicht
vor denen fortzuwerfen, deren Ziel es ſei, in Belgien die
vlämiſche Sprache und Sitte auszurotten. Jedenfalls war
die Beſuchsreiſe der Pariſer Stadtväter eine wohlberech=
nete
Kundgebung gegen den deutſchen Einfluß und den
bevorſtehenden Beſuch des deutſchen Kaiſers.
Nach alledem wird man begreifen, mit welch großer
Befriedigung die Vlamen die Meldung aufnahmen, daß
Kaiſer Wilhelm an der Hoftafel des Brüſſeler =
nigsſchloſſes
nicht franzöſiſch, ſondern deutſch geſpro=
chen
hat.

Montag, den 31. Oktober.

Die dentſch=fürkiſchen Anleiheverhandlungen.
* Aus maßgebenden Kreiſen der Berliner Hochfinanz
erfährt man, die deutſch=türkiſchen Anleihe=
verhandlungen
ſeien keineswiegs, wie von an=
derer
intereſſierter Seite behauptet wird, ins Stocken ge=
kommen
, ſondern ſie befinden ſich in beſtem Fluſſe und
man kann mit einiger Sicherheit vorausſagen, daß die
deutſch=öſterreichiſche Gruppe die Anleihe durchführen
wird. Die Verhandlungen ſollen namentlich wegen der
deutſchen Bedingungen ins Stocken geraten ſein.
Man hat in Deutſchland niemals daran gedacht, erſchwe=
rende
und mit dem eigentlichen Finanzgeſchäft nicht zu=
ſammenhängende
Nebenbedingungen irgend welcher Art
zu ſtellen.
Die Köln Ztg. ſchreibt zu der Angelegenheit aus
Berlin: Einzelne franzöſiſche Blätter machen unentwegt
ihrem Mißmut über das Scheitern der franzöſiſch= türki=
ſchen
Anleihe durch Angriffe auf Deutſchland Luft, und
das Echo de Paris will ſogar wiſſen, daß Deutſchland
durch ſeinen Botſchafter in Konſtantinopel die Türken zum
Widerſtand gegen die franzöſiſchen Bedingungen aufge=
reizt
hätte. Wenn die franzöſiſche Preſſe etwas aufrich=
tiger
und ihr Gedächtnis etwas beſſer wäre, ſo würde
ſie ſich daran erinnern, daß während des ganzen Ver=
laufes
der franzöſiſch=türkiſchen Verhandlungen auf deut=
ſcher
Seite immer der Wunſch auf ein Gelingen ausge=
drückt
wurde. Begründet war dies Verhalten durch die
Verhältniſſe des deutſchen Geldmarktes, dem ein Ein=
ſpringen
wegen ſeiner augenblicklichen Lage nicht ſehr er=
wünſcht
, wenn auch durchaus nicht unmöglich war. Als
die Türkei dann die Verhandlungen wegen der von ihr
uls unannehmbar betrachteten franzöſiſchen Bedingungen
abbrach, haben die deutſchen Banken ſich ſogleich auf tür=
kiſches
Befragen im Grundſatz bereit erklärt, der Pforte
das nötige Geld und zwar zunächſt in Form von Schatz=
ſcheinen
zu geben. Die Verhandlungen zwiſchen der die
Gruppe führenden Deutſchen Bank und der türkiſchen Re=
gierung
unterſcheiden ſich inſofern von den früheren, als
von deutſcher Seite für dieſes Geſchäft zwar ſelbſtver=
ſtändlich
die nötigen finanziellen Sicherheiten gefordert,
aber keine politiſchen, die Finanzverwaltung der Pforte
einengenden oder beeinträchtigenden Anſprüche erhoben
werden. Heute wird nun von mehreren Stellen behaup=
tet
, daß das deutſche Anleihegeſchäft auf Schwierigkeiten
geſtoßen ſei. Man hält das für nicht zutreffend und glaubt
vielmehr, daß der Abſchluß bald nach dem Eintreffen des
Direktors der Deutſchen Bank, Geheimrat Helfferich, in
Konſtantinopel erfolgen wird. Sollte das wider Erwar=
ten
nicht geſchehen, und ſollten etwa nachträglich die Fran=
zoſen
günſtigere Bedingungen ſtellen als die Deutſche
Bank und auch auf ihre früheren nach türkiſcher Auffaſ=
ſung
unannehmbaren politiſchen Forderungen verzichten,
ſo würde man in Deutſchland dies franzöſiſche Geſchäft
mit vollſter Ruhe aufnehmen und ähnliche Erregungen,
wie man ſie in Paris jetzt zur Schau trägt, nicht zeigen,
weil man ſie in Deutſchland nicht empfindet.

Mr. Haldane über die engliſche Wehrkraft.
** Der engliſche Kriegsminiſter Mr. Haldane hielt,
wie ſchon mitgeteilt, in Edinburgh eine bemerkenswerte
Rede vor der ſchottiſchen Abteilung der Geſellſchaft des
Roten Kreuzes‟. Der Miniſter empfahl die Bildung ei=
ner
freiwilligen Hilfsabteilung und ſagte, daß alles von
der Bereitwilligkeit der Bürger abhänge. Wenn er ein
Deutſcher, ein Franzoſe oder ein Schweizer wäre, ſo würde
er energiſch für zwangsweiſe allgemeine Wehrpflicht ein=
treten
und der Grund dafür ſei, daß die Kräfte dieſer
Staaten auf die Ueberwältigung einer einzigen Schwie=
rigkeit
gerichtet ſeien, und zwar ihre Grenzen, die Land=
grenzen
ſeien, zu verteidigen. Kein Vergleich könne zwi=
ſchen
den Verhältniſſen der großbritanniſchen Inſeln und
den kontinentalen Ländern aufgeſtellt werden. Dazu
käme, daß Großbritannien gleichzeitig die Verantwortung
für ein großes überſeeiſches Weltreich hätte; infolgedeſſen
gäbe es kein anderes Land, das eine überſeeiſche Armee
beſäße, deren Stärke der engliſchen gleichkäme. In kon=
tinentalen
Ländern, die rieſige Heere für die Verteidigung
des eigenen Landes aufrecht erhalten müßten, ſei im Ge=
genteil
die Schwierigkeit, Freiwillige für den überſeeiſchen
Militärdienſt zu erhalten, recht bedeutend.
Außerdem müſſe Großbritannien eine mächtige Flotte
aufrecht erhalten, deren Mannſchaft, inkluſive Reſerve,
180000 Mann ſtark ſei. Dieſe Mannſchaft müßte auf der
Grundlage des freiwilligen Dienſtes erhalten werden. Die

1910.

Herrſchaft zur See ſei die Wurzel der nationalen Politik
Englands. Wenn er nicht der Meinung ſei, daß Eng=
land
die Herrſchaft zur See noch in Händen halte, und
auch in Zukunft in Händen halten würde, ſo würde er
ſeine Stellung auch nicht für einen einzigen Tag länger
bekleiden.
Die Herrſchaft zur See ſei die Grundlage der eng=
liſchen
Verteidigungspolitik. Da die Engländer keine große
Landgrenze zu verteidigen hätten, ſo brauchten ſie keine
große Armee, keine allgemeine Wehrpflicht. Sonſt würde
auch das Rekrutieren für die große überſeeiſche Streit=
kraft
unmöglich werden. Was England not täte, wäre
eine genügende Bürgerwehr, um eine angreifende Armee
zu zwingen, in einer ſolchen Stärke zu kommen, daß ſie
ein leichtes Ziel für die engliſche Flotte, die die Sce be=
herrſche
, werden würde und um den Feind, falls ein Teil
nach England entwiſcht ſein ſollte, durch große numeriſche
Uebermacht zu vernichten. Die engliſche Bürgerwehr je=
doch
müßte gut organiſiert ſein, denn ſei ſie dies nicht,
ſo könne ſie weder kämpfen noch ſich rühren.

Deutſches Reich.
Der Reichstag wird zwar erſt in ein paar
Wochen eröffnet, aber ſchon jetzt ſind die Vorarbeiten für
die parlamentariſche Saiſon überall im Gange. Der
Reichstag wird vor Weihnachten nur etwa drei Wochen
zuſammenbleiben und die erſte Leſung des Etats vor=
nehmen
. Einige Tage werden Sturm bringen, da an
ihnen Interpellationen behandelt werden ſollen. Denn
die Sozialdemokraten bereiten eine Interpellation über
die Königsberger Kaiſerrede vor. Und die Freiſinnigen
werden womöglich den Kriegsminiſter über den Verkauf
des Tempelhofer Feldes interpellieren und nicht erſt auf
die Gelegenheit bei der Etatsberatung warten.
Die Reichswertzuwachsſteuer. Der
Direktor des Zentralverbandes des ſtädtiſchen Haus= und
Grundbeſitzervereins Deutſchlands, Juſtizrat Dr. Bau=
mert
, iſt vom Reichsſchatzſekretär in Sachen der Reichs=
zuwachsſteuer
empfangen worden. Den dabei geäußerten
Wünſchen gegenüber, ſolchen Steuern den Vorzug zu geben,
die nicht allein den Hausbeſitz treffen, ſondern auch das
mobile Kapital mit erfaſſen, hob der Schatzſekretär hervor,
daß das Reich Geld brauche. Da der Reichstag Beſitz=
ſteuern
haben wolle und die Reichsregierung von der Be=
willigung
des Reichstags abhängig ſei, können von der
Reichsregierung eben nur ſolche Steuern vorgeſchlagen
werden, die Ausſicht auf Annahme haben. Der Staats=
ſekretär
entgegnete ferner, daß eine Zuwachsſteuer auf
das mobile Kapital in Deutſchland doch noch nicht als
möglich durchdacht ſei und die Annahme einer Beſteue=
rung
des Zuwachſes beim Erbfalle nach Lage der poli=
tiſchen
Verhältniſſe doch wohl ausgeſchloſſen erſcheine.
Fortſchrittler und Nationalliberale.
Wie in Thüringen und in Heſſen beginnen jetzt auch in
Preußen Verabredungen für größere Bezirke zwiſchen den
beiden liberalen Parteien. Die Fortſchrittliche Volkspar=
tei
und die Nationalliberale Partei für die Provinz Bran=
denburg
haben nach dem Berliner Tageblatt für die kom=
menden
Reichstagswahlen ein Abkommen geſchloſſen, daß
beide Parteien in den einzelnen Wahlkreiſen keinerlei Ge=
genkandidaten
aufſtellen. Auf Grund dieſes Uebereinkom=
mens
ſeien die brandenburgiſchen Wahlkreiſe den beiden
Parteien zugeteilt worden. Der am 6. November im
Lehrervereinshauſe zu Berlin ſtattfindende brandenbur=
giſche
Parteitag der Fortſchrittlichen Volkspartei werde
zu den Einzelheiten dieſes Abkommens Stellung nehmen.
Ein Wahlkreis, in dem Freiſinnige und Nationalliberale
zuſammenarbeiten müſſen und der von den Sozialdemo=
kraten
ſchon als Beute beanſprucht wird, iſt Brandenburg=
Weſthavelland, wo 1907 mit knapper Mehrheit der Abg.
Dr. Görcke gewählt worden iſt. Ueber die Verhandlungen
in der Provinz Hannover ſchreibt der Hannoverſche Cou=
rier
: Wir erklären, daß es im Intereſſe der liberalen
Sache nicht ratſam erſcheint, die Preßerörterungen im
Augenblick fotzuführen, da die Verhandlungen als end=
gültig
abgebrochen zurzeit nicht angeſehen werden können.
Aus dieſem Grunde verzichten wir auch darauf, auf die
in den freiſinnigen Darſtellungen in mehreren Blättern
zutage getretenen Unrichtigkeiten einzugehen.
Die badiſchen Konſervativen. Die
Stuttgarter konſervative Deutſche Reichspoſt erklärt die
Meldung des Karlsruher Tageblattes, daß die badiſchen
Konſervativen beſchloſſen hätten, bei den kommenden Reichs=
tagswahlen
mit dem Zentrum, das die Abgabe einiger Sitze
an die Konſervativen zugeſtanden habe, Hand in Hand zu

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Nummer 255

Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

gehen, in allen Teilen für vollkommen unrichtig und für
Unſinn. Sämtliche Beſchlüſſe des weiteren Landesaus=
ſchuſſes
der konſervativen Partei Badens würden in den
nächſten Tagen veröffentlicht.
Ausland.
Oeſterreich=Ungarn.
Die deutſch=tſchechiſche Verſtändigungs=
aktion
. Infolge der in den Verhandlungen über den
nationalen Ausgleich aufgetauchten Schwierigkeiten wird
jetzt verſucht, zunächſt durch inoffizielle Verhandlungen eine
Vereinbarung zu erzielen. Es fand eine ſolche Sitzung
ſtatt, in der die Tſchechen die von ihnen gewünſchte
Faſſung der Landesordnung betreffend die nationalen
Kurien vorlegten. Von deutſcher Seite fanden jedoch die
tſchechiſchen Vorſchläge keine Annahme, ſie wurden viel=
mehr
mit der Zurückziehung der hinſichtlich des Sprachen=
gebrauchs
bei den autonomen Behörden bereits gemachten
Zugeſtändniſſe beantwortet. Infolge des vermittelnden
Eingreifens des Großgrundbeſitzes wurde der Abbruch der
Verhandlungen vermieden. Die inoffiziellen Beratungen
werden fortgeſetzt.
Bei den Neuwahlen in Kroatien verlor
die oppoſitionelle Koalitionspartei von 55 Mandaten 28.
Der Banus konnte keine feſte Mehrheit zuſtande bringen.
Die betreffenden Mandate verteilen ſich auf verſchiedene
Fraktionen, die jedoch zu einem Kompromiß mit der Re=
gierung
geneigt ſind. Der Banus ſelbſt wurde in Agram
mit großer Majorität gegen den oppoſitionellen Kandi=
daten
gewählt.
Frankreich.
Die Kammer ſetzte am Freitag die Beratung der
Interpellationen über den Eiſenbahnerſtreik fort. Briquet
(geeinigter Sozialiſt) behauptete, der Miniſterpräſident
Briand habe das Militärgeſetz zu Unrecht angewendet, die
Eiſenbahner fälſchlich angeklagt und den Verſuch zur In=
ſurrektion
gemacht. Briand erwiderte: Ich habe geſagt,
daß der Streik durch einige ſeiner Anſtifter einen auf=
rühreriſchen
, anarchiſtiſchen Charakter erhalten mußte.
So iſt es auch gekommen. Aber vom erſten Tage an habe
ich vor der öffentlichen Meinung die überwiegende Mehr=
heit
der Eiſenbahnangeſtellten in Schutz genommen. Sie
werden der Regierung noch Dank dafür wiſſen, daß ſie
von ihr daran gehindert wurden, ſich auf dieſe Bahn zu
begeben. Der Antrag auf Vertagung bis Donnerstag
wurde gegen die Stimmen der Sozialiſten, die Vertagung
auf Samstag nachmittag mit 250 gegen 155 Stimmen ab=
gelehnt
und die Kammer vertagte ſich ſchließlich auf
Samstag vormittag 9 Uhr. Die ſozialiſtiſch=radikale
Kammergruppe hielt abermals eine Verſammlung ab, um
ſich über ihre Haltung ſchlüſſig zu werden. Nach längerer
Debatte faßte die im übrigen nur ſehr ſchwach beſuchte
Verſammlung mit 25 gegen 14 Stimmen den Beſchluß,
am Ende der Interpellationsdebatte eine Tagesordnung
einzubringen, in der über den Eiſenbahnerſtreik das Be=
dauern
ausgeſprochen und die Regierung erſucht wird, die
Forderungen der Eiſenbahner einer Löſung entgegenzu=
führen
, die an der Sabotage unbeteiligten Eiſenbahn=
bedienſteten
wieder einzuſtellen und die Freiheit der Syn=
dikate
zu ſchützen. Der größte Teil der Radikalen und
der Republikaner der Linken dürfte die bereits unter den
Deputierten zirkulierende Tagesordnung annehmen, in der
der Regierung das Vertrauen ausgeſprochen und ihr Vor=

gehen, ſowie ihre Erklärungen gebilligt werden. Die

Wenn ſich im 17. oder 18. Jahrhundert ein junger
Prinz in der Welt umſehen ſollte, ſo ſchickte man ihn,
von Hofmeiſtern und Kavalieren begleitet, auf eine
Reiſe, deren Ziele die größten und ſchönſten Städte
Mitteleuropas zu ſein pflegten. Paris ſtand natürlich
obenan als die Reſidenz mächtiger und prachtliebender
Könige und als der Ort, wo die höfiſche Sitte und feine
Lebensart am vollendetſten entwickelt waren. Das
lebensfrohe Wien durfte nicht fehlen, und eine ganz
beſondere Anziehungskraft übte Venedig aus, die Hei=
mat
der ſchönen Künſte und der ſchönen Frauen. Ern=
ſter
veranlagte Fürſtenſöhne verſäumten auch nicht,
dem fleißigen Holland, ſeinen Häfen und ſeinen Werk=
ſtätten
, einen Beſuch abzuſtatten. Aber meiſt hatten
die Fahrten nur den Zweck, daß der junge Prinz,
namentlich wenn er in der Enge eines kleinen deut=
ſchen
Hofes aufgewachſen war, ſich den Blick etwas wei=
ten
und ſeinen Umgangsformen einen glatteren Schliff
geben ſollte. Und ſehr häufig waren die Fahrten, mit
heutigen Anſchauungen verglichen, ſchon deshalb nicht,
weil ſie mit Unbequemlichkeiten=und, vor allem, mit
hohen Koſten verbunden waren. Sie blieben etwas
Ungewöhnliches, man ſprach noch viele Monate nach=
her
von der Fahrt, die der ruſſiſche Thronfolger Paul
mit ſeiner Gemahlin auf Geheiß ſeiner Mutter Katha=
rina
im Jahre 1781 als Graf und Gräfin du Nord‟
quer durch Europa auf einer Strecke unternahm, die
heutzutage alljährlich ein halbes Dutzend ruſſiſche
Großfürſten in Expreßzügen durcheilen.
Erſt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts iſt
die Reiſeluſt der Fürſten erwacht. Monarchenbegeg=
nungen
, früher eine Seltenheit, wurden in das In=
ventar
der politiſchen Hilfsmittel aufgenommen und
das Beiſpiel reicher Handelsherren, ihre Söhne aus
dem alten Europa hinaus über die Meere in ferne
Länder von ganz anderer Kultur zu ſchicken, fand Nach=
ahmung
. Daß England den Anfang machte, iſt kein
Wunder. Denn ein britiſcher Prinz kann ſich ein Jahr
lang gemächlich im Schiff von Weltteil zu Weltteil tra=
gen
laſſen, ohne britiſchen Boden unter den Füßen zu
verlieren. Es ſind ziemlich genau 50 Jahre vergangen,
ſeitdem der Prinz von Wales, der ſpäter König
Eduard VII. heißen ſollte, im Jahre 1860 auf der Hero
in Plymouth nach Kanada und den Vereinigten Staa=
ten
von Nordamerika in See ging. Sein Vater, der
Prinz=Gemahl Albert, hatte ihn vorher aufs gründ=
lichſte
über die Geſchichte, die Geographie, die politiſchen
und wirtſchaftlichen Verhältniſſe der neuen Welt unter=
richten
laſſen und gab ihm in der Perſon des Herzogs
von Newcaſtle einen erfahrenen Mentor mit. Selbſt

regierungsfreundlichen radikalen Blätter erklären, das
Miniſterium werde nur eine ganz offene Vertrauenstages=
ordnung
annehmen. Es ſei Sache der republikaniſchen
Parteien, ſich über einen durchaus unzweideutigen Wort=
laut
zu einigen.
Bulgarien.
Eröffnung der Sobranje. König Ferdinand
eröffnete am Freitag die Sobranje mit einer in jeder Be=
ziehung
nüchtern gehaltenen Thronrede, deren Ton man
als Bürgſchaft für eine ruhige Politik des Königreiches,
wenigſtens für abſehbare Zeit, hinnehmen kann. Für die
Auffaſſung ſpricht der auf die auswärtigen Beziehungen
Bezug habende Satz, daß Bulgarien ſich in ausgezeich=
neten
Beziehungen mit allen Großmächten befindet.
Spanien.
Die Kirchenpolitik der Regierung. In ſei=
nen
Ausführungen im Senat erklärte der Miniſterpräſi=
dent
Canalejas, er werde vor Jahresende dem Parlament
einen Abänderungentwurf zum Vereinsgeſetz vorlegen.
Vorher müſſe aber das Cadenasgeſetz angenommen wer=
den
. Für die ſpaniſche Kirche habe die kritiſche Stunde
geſchlagen. Der Augenblick ſei gekommen, das klerikale
Problem zu löſen. Wenn die liberale Partei das Pro=
blem
jetzt nicht löſe, werde ſie es niemals löſen. Die Ab=
lehnung
des Cadenasgeſetzes werde nicht allein auf ihn
zurückfallen, ſondern auch auf die liberale Partei und in
letzter Linie auf das Vaterland.
Portugal.
Neue Handelsverträge. Die Regierung be=
abſichtigt
, das Syſtem der handelspolitiſchen Bezieh=
ungen
mit dem Auslande zu ändern und über den Ab=
ſchluß
neuer Handelsverträge zu verhandeln. Auf die
Einfuhrartikel aus den Ländern, die den portugieſiſchen
Waren nicht das Meiſtbegünſtigungsrecht einräumen,
ſollen Zuſchlagzölle erhoben werden. Das Geſetz über die
Einführung dieſer Zuſchlagszölle ſoll erſt nach Zuſammen=
tritt
der konſtituierenden Verſammlung in Anwendung
gebracht werden. Zu dem gleichen Zeitpunkt werden die
bereits abgeſchloſſenen Handelsverträge zur Vorlage ge=
langen
.
Rußland.
Die Nachfolge des Herrn von Iswolski.
Bis zur Stunde iſt die amtliche Ernennung des Kammer=
herrn
und Wirklichen Staatsrates S. D. Saſonow zum
ruſſiſchen Miniſter der Auswärtigen Angelegenheiten nicht
erfolgt. Vorläufig nimmt Herr Saſonow noch die Mini=
ſtergeſchäfte
proviſoriſch wahr, doch kann ſeine offizielle
Ernennung jetzt täglich erwartet werden. Da Herr Sa=
ſonow
noch nicht Miniſter iſt, nimmt er, wie die N. G. C.
meldet, auf der Durchfahrt von St. Petersburg nach
Schloß Wolfsgarten nur kurzen Aufenthalt in Berlin,
ſteigt in der ruſſiſchen Botſchaft ab und tritt mit den
amtlichen Kreiſen des Deutſchen Reiches nicht in Füh=
lung
. Dann aber wird er im Gefolge des Zaren am
4. November vormittags in Potsdam eintreffen und hier
vom Zaren dem deutſchen Kaiſer als Nachfolger des
Herrn von Iswolski vorgeſtellt werden. Es iſt daher
anzunehmen, daß Herr Saſonow ſeine Ernennung zum
Miniſter vom Zaren ſelbſt erhalten wird, ſowie er in
Wolfsgarten eingetroffen ſein wird.
In der Dumaſitzung am Freitag erklärte
Dumapräſident Fürſt Wolkonsky es für unmöglich, dem
Wunſche der Linken zu entſprechen, der Sitzung vorzuſchla=
gen
, das Gedächtnis des erſten Dumapräſidenten Morum=

zew durch Erheben von den Sitzen zu ehren. Er begrün=
dete
dieſe Ablehnung damit, daß die Einſtimmigkeit der
Duma fehle. Die Rechte ſtimmte ihm zu, die Linke ging
hinaus und wohnte in der Dumakirche einer Totenmeſſe
für Morumzew bei.
Südamerika.
Unruhen in Uruguay. Nach einer Blätter=
meldung
aus Montevideo iſt die Lage in Uruguay ſehr
ernſt. Man befürchtet den Ausbruch einer Revolution,
der nur durch den Mangel an Pferden verzögert wird.
An den Grenzen finden Anſammlungen von bewaffneten
Revolutionären ſtatt; die meiſten Telegraphendrähte ſind
zerſchnitten. Die Bevölkerung iſt in großer Unruhe. Die
Regierung ſandte nach den Punkten, an denen es erfor=
derlich
iſt, Truppen. Mehrere Verhaftungen wurden vor=
genommen
. Die argentiniſchen Blätter legen den Un=
ruhen
in Uruguay erhebliche Bedeutung bei und melden:
Eine revolutionäre Abteilung, die von der braſilianiſchen
Grenze kommt und auf 3000 Mann geſchätzt wird, iſt in
Uruguay eingebrochen und ſteht im Begriff, die Feind=
ſeligkeiten
zu beginnen. Andere kleine Gruppen ſuchen
ſich mit dieſer Kolonne zu vereinigen. Es kam zu ver=
ſchiedenen
Scharmützeln. Nach der Meinung politiſcher
Kreiſe Uruguays hat die Bewegung lediglich den Zweck,
die Wahl Batele Yordonez zum Präſidenten der Republk
im März nächſten Jahres zu verhindern.
China.
Die Schaffung eines Parlaments. Dem
Staatsrat iſt durch ein Edikt der Auftrag erteilt worden,
die Denkſchrift der Konſtitutionskammer über die Schaf=
fung
eines Parlaments zuſammen mit dem Provinzial=
landtage
in Beratung zu ziehen und dem Thron in einer
allgemeinen Audienz hierüber Bericht zu erſtatten. Das
Volk ſieht dem Ausgange der Beratungen mit großen
Hoffnungen entgegen, da die Majorität des Staatsrates
die Denkſchrift ſicherlich unterſtützen wird.
Stadt und Land.
Darmſtadt, 31. Oktober.
* Empfänge. S. Königl. Hoheit der Großherzog
empfingen am Samstag: den Major Freiherrn von Schau=
roth
vom Stabe des Garde=Dragoner=Regiments
(1. Großh. Heſſ.) Nr. 23, den Leutnant Freiherrn Röder
von Diersburg und den Leutnant von Guſtedt von dem=
ſelben
Regiment, den Rittmeiſter von Ahlefeld, Vorſtand
der Lehrſchmiede in Frankfurt a. M., den Oberleutnant
Riedeſel Freiherrn zu Eiſenbach (Ludwig) vom Leib=
Dragoner=Regiment (2. Großh. Heſſ.) Nr. 24, den Leut=
nant
Zaepernick vom 2. Großh. Feldartillerie=Regiment
Nr. 61, den Kammerherrn Amtsrichter Dr. von Becker von
Homberg a. d. Ohm, den Kommerzienrat Trumpler von
Worms, den Stadtverordneten Kaufmann Th. Stemmer,
den Privatmann Otto Stockhauſen, den Gewerberat Falk,
Vorſitzender der Fleiſcherei=Berufsgenoſſenſchaft; zum Vor=
trag
: den Miniſter des Innern von Hombergk zu Vach,
den Geheimerat Wilbrand, den Vorſtand des Kabinetts
Geheimerat Römheld, den Hof= und Oberlandſtallmeiſter
von Willich gen. von Pöllnitz, den Geh. Hofrat Werner,
Generaldirektor des Hoftheaters und der Hofmuſik.
* Ordensverleihung. Se. Königl. Hoheit der
Großherzog haben dem Geheimerat Süffert zu
Darmſtadt die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen
des ihm von Sr. Maj. dem Kaiſer und König von
Preußen verliehenen Königlich Preußiſchen Kronen=Ordens
2. Klaſſe erteilt.
* Pfarrperſonalien. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
haben der für den Reſt der im Jahr 1913 ab=
laufenden
Wahlperiode vollzogenen Wahl des evan=
geliſchen
Pfarrers Wilhelm Hartmann zu Nieder=
Ingelheim zum Stellvertreter des Dekans des Dekanats

den Wortlaut der Reden, die er zu halten haben würde,
bekam der Prinz fertig ausgearbeitet mit. Und er fand
Geſchmack am Aufenthalte in anderen Zonen. Wenige
Monarchen ſeines Alters ſahen ſo viel vom Erdball,
wie Eduard VII., der in ſeiner, freilich ſehr langen,
Thronfolgerperiode Aegypten und die Türkei, Indien
und Paläſtina aufſuchte und beinahe alle Hauptſtädte
Europas gründlich ſtudiert hatte. Die Kenntnis der
Menſchen und die großzügige Auffaſſung der Dinge,
durch die er nach ſeiner Thronbeſteigung überraſchte,
erwarb er nicht zum kleinſten Teil auf dieſen Fahrten.
Um ſeinen Söhnen, den Herzögen Albert von Cla=
rence
und Georg von York, frühzeitig die gleichen Er=
fahrungen
zugänglich zu machen, ließ er ſie, nachdem
ſie 13 und 12 Jahre alt geworden waren, auf der
Korvette Bacchantin drei Jahre lang durch die Meere
ziehen, nach Barbados und Trinidad, Ceylon und Sin=
gapur
, Jamaika und Südafrika, China und Japan.
Als ſie zurückkehrten, hatten ſie die Welt zweimal um=
ſegelt
. Sie mußten ihre Erlebniſſe und Eindrücke in
ein Tagebuch eintragen, das nachher, zwei große Bände
ſtark, veröffentlicht wurde. Da der junge Prinz Georg
für die Marine=Laufbahn beſtimmt war führte ihn
der Dienſt dann noch länger als zehn Jahre in die
Weite, bis er durch den Tod des Herzogs von Clarence
Thronfolger wurde. Aber in dieſer Eigenſchaft wurde
er 1901 von ſeinem inzwiſchen auf den Thron gelang=
ten
Vater beauftragt, das auſtraliſche Parlament zu er=
öffnen
und das Commonwealth von Auſtralia zu
proklamieren, und er war für die entſprechende Auf=
gabe
in Südafrika, die jetzt dem Herzog von Connaught
zufallen wird, auserſehen, als ſein Vater ſtarb und
ihm die Krone hinterließ. An Kenntnis der Länder
und Völker ſteht König Georg V dem König
Eduard VII. nicht nach; in allen wichtigeren britiſchen
Kolonien iſt er mindeſtens einmal geweſen.
Zar Alexander IIII. von Rußland hielt nicht viel
von ausländiſchem Weſen; ihm ſchien die Betonung
der ruſſiſchen Stammesart notwendiger. Trotzdem
ließ er ſich für den Plan gewinnen, ſeinen älteſten
Sohn, den Großfürſten=Thronfolger Nikolaus, um die
Erde zu ſenden. Am 4. November 1890 verließ der
Großfürſt das Schloß Gatſchina, am 16. Auguſt 1891
war er zurück. Die Reiſe war auf das ſorgfältigſte
vorbereitet worden. Nur ein kleines Gefolge, an
deſſen Spitze der weltkluge General Fürſt Bariatinsky
ſtand, ging mit. Der bekannte Forſcher Fürſt Uch=
tomski
und ein talentvoller Maler, Gritſenko, wurden
dem Großfürſten beigegeben, jener, um die Eindrücke
der Fahrt im Worte, dieſer, um ſie im Bilde feſtzu=
halten
. Von Trieſt aus ging es auf dem Kriegsſchiffe
Erinnerung an Azow zunächſt nach Athen, wo der

Prinz Georg von Griechenland ſich ſeinem Vetter zu=
geſellte
. Aegypten, Britiſch=Indien, Cochinchina,
Siam, China waren die einzelnen großen Etappen
der Fahrt, die ſchließlich in Japan ein vorſchnelles
Ende finden ſollte. In dem Städtchen Otzon ſtürzte
ſich ein Fanatiker, der zur japaniſchen Polizei gehörte,
plötzlich auf den Großfürſten, der in einem offenen,
von einem Träger gezogenen Rollwagen ſaß, und ver=
ſuchte
, ihn mit ſeinem Säbel zu treffen. Der Träger
wandte den Streich ab, ſtürzte dabei zu Boden, ver=
mochte
aber den Raſenden an den Beinen feſtzuhalten.
Gleichzeitig ſprang der Prinz Georg von Griechen=
land
, der in einem zweiten Wägelchen geſeſſen hatte,
hinzu und ſtreckte den Japaner mit einem wuchtigen
Stockhieb nieder. Das Attentat, ein Kennzeichen der
Volksſtimmung, die in Japan gegen Rußland herauf=
zog
, erweckte bedeutendes Aufſehen und hatte zur
Folge, daß Alexander III. ſeinem Sohne telegraphiſch
befahl, die Reiſe abzubrechen und auf dem kürzeſten
Wege, durch Sibirien, heimzukehren. Das Prachtwerk,
in dem Fürſt Uchtomski dieſe Thronfolgerfahrt des
jetzigen Zaren geſchildert hat, iſt übrigens in ruſſi=
ſcher
, deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Sprache er=
ſchienen
und ſehr koſtbar ausgeſtattet.
Auch über die Reiſe, die der Erzherzog= Thron=
folger
Franz Ferdinand von Oeſterreich=Eſte vom 15.
Dezember 1892 bis 28. Oktober 1893 um die Erde unter=
nahm
, kann man ſich aus einem ſtattlichen und anſehn=
lichen
Buche von 1170 Seiten in zwei Bänden
unterrichten, aber der Neffe und Erbe des Kaiſers
Franz Joſef I. hat dieſes Buch nicht ſchreiben laſſen,
ſondern ſelbſt geſchrieben. Und man tritt ſeinen
Thronfolger=Kollegen nicht zu nahe, wenn man be=
hauptet
, daß noch keiner von ihnen mit ſo guter wiſſen=
ſchaftlicher
Vorbildung, mit ſo offenem Blick, ſo em=
pfänglichen
Sinnen und ſo ernſtem Lerndrange aus=
gezogen
iſt, wie er, keiner, dem Geiſt und Gemüt ſo
reichen Gewinn heimgebracht hat. Die bunte Pracht
des Orients zieht in einer langen Reihe wechſelnder,
mit ſicherer und geſchickter Hand entworfener Bilder
in dieſem Tagebuch meiner Reiſe um die Erde an
uns vorüber, ſpannende Jagdabenteuer werden von
ſachkundigen Beobachtungen der tropiſchen Tier= und
Pflanzenwelt abgelöſt. Der Stil iſt äußerſt lebendig
und friſch, das Urteil unbefangen und zutreffend, der
Ton immer im beſten Sinne menſchlich=natürlich, ohne
eine Spur fürſtlicher Prätenſion. Das Tagebuch
des künftigen Kaiſers von Oeſterreich gibt weit mehr,
als man von ihm erwartet. Und es ließe ſich daraus
ein Leitfaden zuſammenſtellen über das Thema: Wie
können Thronfolger mit Nutzen reiſen?
Dr. A. V. W.

[ ][  ][ ]

Nummer 255.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

Seite 3.

Mainz die Beſtätigung erteilt und dem Pfarrverwalter
Friedrich Schott zu Neunkirchen die evangeliſche Pfarr=
ſtelle
daſelbſt übertragen.
* Der neue Präſident der Haſſia. Se. Königl.
Hoheit der Großherzog haben den Großh. General=
major
à la suite der Kavallerie Freiherrn von Heyl
zum erſten Präſidenten der Kriegerkameradſchaft Haſſia‟
ernannt.
* Der zum Braſilianiſchen Generalkonſul für das
Deutſche Reich mit dem Amtsſitz in Hamburg ernannte
Sully Joſé de Souza, dem das Reichsexequatur
erteilt wurde, iſt zur Ausübung konſulariſcher Ver=
richtungen
im Großherzogtum zugelaſſen worden.
* Staatsſchuldbuch. Die am 15. November 1910
fälligen Zinſen der in das Heſſiſche Staatsſchuld=
buch
eingetragenen Forderungen werden bei allen in
Betracht kommenden Heſſiſchen Kaſſen und bei den
Reichsbankanſtalten vom 1. November ab gezahlt. Vom
gleichen Tage ab wird die Staatsſchuldenkaſſe die durch
die Poſt oder durch Gutſchrift auf Reichsbank=Girokonto
zu berichtigenden Schuldbuchzinſen überweiſen.
Im Miniſterium der Inſtiz ſind, wie die Darmſt.
Ztg. vernimmt, anläßlich des Ablebens des Herrn
Geheimerats Pückel Aenderungen in Ausſicht ge=
nommen
, die vorausſichtlich den Wegfall eines aka=
demiſch
gebildeten Beamten dieſes Miniſteriums zur
Folge haben werden. Die Aenderungen werden im
nächſten Hauptvoranſchlag zum Ausdruck kommen.
* Militäriſches Kommando. Als Schüleroffizier
des Winterkurſus 1910/11 zur Kavallerie= Tele=
graphenſchule
kommandiert wurde Lt. v. Mücke
vom Drag.=Regt. Nr. 24.
L. Die Provinzialausſchußſitzung, welche für den
Samstag vorgeſehen war, fiel aus, weil die wegen
Regelung der Pflaſterarbeiten in Griesheim, wegen
Heranziehung von Straßengeländeerwerbskoſten in
Lampertheim und wegen einer Wirtſchaft am Bahnhof
in Mörlenbach eingelegten Rekurſe zurückgenommen
worden ſind.
* Auszeichnung. In der Liſte der von franzöſiſchen
Zeitungen publizierten Dekorierten befindet ſich auch
der Name eines Darmſtädter Kindes, Herrn Ludwig
Hoffmann, Beſitzer des Weingutes Chanteloube in
der Dordogne, Sohn des verſtorbenen Oberkonſiſtorial=
rats
Hoffmann, der einen Orden als Chevalier du
mérite agricole für ſeine hervorragenden Leiſtungen im
Weinbau, den er nach deutſchen Grundſätzen betreibt,
nach zahlreichen früheren Auszeichnungen und Prä=
miierungen
erhalten hat.
D Vom Großh. Hoftheater. Herr Geh. Hofrat
Werner iſt von Sr. Königl. Hoheit dem Groß=
herzog
beauftragt worden, allen in den Vorſtellungen
Gawän, Graf von Luxemburg und Der dunkle
Punkt beſchäftigten Darſtellern ſeine außerordentliche
Zufriedenheit auszuſprechen. Se. Majeſtät der Kaiſer
von Rußland ſei von den Darbietungen geradezu
entzückt geweſen.
D Die 12. Sitzung der Stadtverordneten= Verſamm=
lung
findet am Donnerstag, den 3. Novem=
ber
, nachmittags um halb 4 Uhr ſtatt. Tages=
ordnung
: 1. Mitteilungen. 2. Geſuch um Be=
freiung
von der Beſtimmung in § 1 Abſ. 1 des Orts=
bauſtatuts
für die Gartenvorſtadt Dieburger Straße=
Hohler Weg vom 12. Mai 1910, Aenderung der Flucht=
linie
an der. Ecke des Hohlen Wegs und der Straße
längs der Odenwaldbahn und Verkauf von Straßen=
gelände
. 3. Regulierung des Darmbachs nächſt dem
Gehaborner Hof.
Die Bürgermeiſter der Landgemeinden des
Kreiſes Darmſtadt ſind auf Donnerstag, den 3. No=
vember
zu einer Sitzung nach Darmſtadt geladen. Den
Vorſitz führt Provinzialdirektor Fey. Auf der Tages=
ordnung
ſtehen 1. Zuzüge in den Gemeinden, Nieder=
laſſungsverhandlungen
. 2. Erwerb und Verluſt des
Unterſtützungswohnſitzes. Erhebung von Anſprüchen
gegen Orts= und Landarmenverbände. 3. Gemeinde=
rechnungsweſen
. 4. Heimat= und Wohlfahrtspflege auf
dem Lande.
Muſikverein. Wie nunmehr definitiv beſtimmt
worden iſt, findet die Sonderaufführung des Deutſchen
Requiems, die der Muſikverein am 10. November auf
Allerhöchſten Wunſch für das Zarenpaar und die übrigen
hohen Gäſte des Großherzogs veranſtaltet, in der
Stadtkirche ſtatt. Die Mitglieder des Muſikvereins
erhalten aber Vorkaufsrecht zu ermäßigten Preiſen,
worüber beſondere Mitteilung erfolgt. Der öffentliche
Kartenverkauf beginnt am Samstag, den 5. November,
in der Hofbuchhandlung von A. Bergſträßer.

Im Hotel zur Traube iſt am Samstag abgeſtie=
gen
: Graf Belewsky mit Familie aus Baden=Baden.
Ihre Kaiſ. Hoheit die Großfürſtin Sergius und Ihre Kgl.
Hoheit Prinzeſſin Heinrich von Preußen ſtatteten der Fa=
milie
am Samstag mittag einen Beſuch ab und verweil=
ten
anderthalb Stunden im Hotel.
Abſchiedsfeier. Freiherr Ernſt von Wol=
zogen
und ſeine Gemahlin, Elſa Laura von Wolzogen,
traten Samstag eine längere Gaſtſpielreiſe nach Ame=
rika
an. Aus dieſem Anlaß hatte ſich am Freitag abend
ein ſtattlicher Kreis von Verehrern des Künſtlerpaares,
unter denen namentlich die literariſche und künſtleriſche
Welt Darmſtadts vertreten war, im Hotel Heß zu einer
Abſchiedsfeier verſammelt, die einen vornehmen, har=
moniſchen
Verlauf nahm. Nach einem ſchönen Klavier=
vortrag
von Frl. Wilhelmine Heiß und einer von
Frau C. Bögel wirkungsvoll geſprochenen poetiſchen
Begrüßung feierte Profeſſor Dr. Nagel in überaus
feinſinnigen und zugleich humorvollen Worten das
ſcheidende Künſtlerpaar. Freiherr Ernſt von Wol=
zogen
dankte in einer packenden Anſprache, in der er
einen Ueberblick über ſein Leben und Wirken gab und
das Reſümee ſeiner künſtleriſchen Tätigkeit zog. Frau
Elſa Laura von Wolzogen ſpendete mehrere
ihrer entzückenden Lieder zur Laute. Eine reiche Fülle
ausgezeichneter künſtleriſcher Darbietungen folgte, ſo
von Baron Hans von Wolzogen, einem Sohne
des Dichters, den Hofopernſängern Stephani
und de Leeuwe, Frau Paula de Leeuwe, den
Hofſchauſpielern Wagner und Willy Loehr u. a.
In tiefempfundenen Schlußworten rief Chefredakteur
Hans R. Fiſcher, aus deſſen dankenswerter Initia=
tive
die wohlgelungene Feier erwachſen iſt, dem ſchei=
denden
Künſtlerpaare einen herzlichen Abſchiedsgruß
zur Amerikafahrt zu.
Wiſſenſchaftliche Vorträge über religiöſe Fragen.
Den dritten Vortrag wird am Donnerstag, den
3. November, abends 8 Uhr, im Kaiſerſaal Herr Geh.
Kirchenrat Prof. D. Krüger, der Kirchenhiſtoriker un=
ſerer
Landesuniverſität, halten über das Thema: Das
Dogma und die Geſchichtsforſchung Trifft
Goethes Wort noch heute zu, daß das eigentliche, einzige
und tiefſte Thema der Welt= und Menſchengeſchichte, dem
alle übrigen untergeordnet ſind, der Konflikt des Glau=
bens
und des Unglaubens iſt, ſo iſt es von außerordent=
lichem
Reiz, gerade dieſes Thema durch die verſchiedenen
Epochen der Dogmengeſchichte zu verfolgen, aber auch zu
beobachten, wie in der Ausprägung der chriſtlichen Gedan=
kenwelt
die philoſophiſche Ausrüſtung, die Weltanſchau=
ung
und der geiſtige Horizont jeder Zeit hervortreten, eine
Beobachtung, die für die Wertung der Dogmen natur=
gemäß
von größter Bedeutung iſt. Karten für den Vor=
trag
zu 30 Pfg., für reſervierten Platz zu 1 Mark, ſind zu
haben in der Hofbuchhandlung Waitz, im Verkehrsbüro
und an der Kaſſe.
* Inbiläum. Am 28. d. M. waren es 25 Jahre,
daß Herr Heinrich Joſt in Dienſten der Bier=
brauerei
Wilhelm Rummel tätig iſt. Zur Feier des
Tages verſammelte ſich das Perſonal der Brauerei,
wobei Herr W. Rummel eine kurze Anſprache hielt
und Herrn Joſt ein Sparkaſſebuch mit einem nam=
haften
Geldbetrag überreichte. Auch von Seiten ſei=
ner
Vorgeſetzten und Mitarbeiter wurden ihm Ge=
ſchenke
und Ehrungen zuteil.
Zur Stadtverordnetenwahl. Heute abend findet
auf Einladung des Bezirks=Vereins Johannisviertel
im Frankfurter Hof eine Verſammlung ſtatt, die
ſich mit dem Programm und der Kandidatenliſte der
Bezirks=Vereine beſchäftigen wird.
V. V. Proteſtkundgebung. Man ſchreibt uns: Wie
dies bereits in einer Anzahl anderer Städte geſchehen iſt,
wird auch hier eine vom Volksverein für das katholiſche
Deutſchland angeregte Proteſtkundgebung gegen die An=
griffe
des römiſchen Bürgermeiſters Nathan auf das
Papſttum ſtattfinden. In der am nächſten Freitag zu
dieſem Zwecke im Konkordiaſaale anberaumten Ver=
ſammlung
wird Dr. Meffert, eine der bedeutendſten
Kräfte der Gladbacher Zentrale, ſprechen. (S. Anzeige.
Verein der Freundinnen junger Mädchen. Die
diesjährige Generalverſammlung kann wegen Ab=
weſenheit
verſchiedener Vorſtandsmitglieder erſt im
kommenden Frühjahr ſtattfinden.
Hausſammlung für die heſſiſchen Fallſüchtigen.
Wie alljährlich, wird in den Monaten November und
Dezember die von der Regierung bewilligte Haus=
ſammlung
für die heſſiſchen Fallſüchtigen in unſerer
Stadt erhoben. Die Gaben ſind nunmehr ausſchließ=

lich für die unter dem Protektorat Ihrer Königlichen
Hoheit der Großherzogin ſtehende Landesanſtalt
in Nieder=Ramſtädt beſtimmt, da infolge der
Errichtung des großen, im September v. J. eröffneten
Männerbaues eine Verbringung von Kranken aus
unſerem Lande in die Betheler Anſtalt nicht mehr nötig
iſt. Die Zahl der Pfleglinge in unſerer Landesanſtalt
beläuft ſich jetzt auf 184, darunter allein aus Darm=
ſtadt
28. Insgeſamt haben in den zehn Jahren des
Beſtehens unſerer Anſtalt 41 Darmſtädter in dieſer
Aufnahme gefunden. Die Fürſorge für die Fallſüch=
tigen
findet in unſerer Stadt viel Verſtändnis und
Teilnahme. So wird gewiß auch in dieſem Jahre, trotz
der ungünſtigen Zeitlage, die Bitte um Gaben bei
vielen einer freundlichen Aufnahme begegnen. Mit
der Sammlung iſt wieder der Bureaugehilfe Auguſt
Zinn, Kiesſtraße 45 II, wohnhaft, beauftragt.
St. Chryſanthemum=Ausſtellung. Wenn in Feld und
Wieſe der Blumenflor verblüht und höchſtens im wohl=
gepflegten
Ziergarten noch hin und wieder einige Blüten
ſich zeigen inmitten fallender welker Blätter, wenn die
Natur allmählich zum Schlaf ſich rüſtet vor dem neuen
Frühlingserwachen, dann gießt ſie all ihren Segen an
Farbenreizen noch einmal verſchwenderiſch aus über eine
fremdländiſche Schweſter unſerer Herbſtblumen, dann blüht
die Chryſantheme, die zierliche, farbenfrohe, ſtolze Japa=
nerin
, die nun heimiſch geworden iſt auch bei uns. Und
alljährlich um dieſe Zeit legt unſere Stadtgärtnerei,
die unter Garteninſpektor Stapels Leitung ſchon ſeit
Jahren der Pflege und Zucht dieſer reizvollen Blume mit
beſonderer Sorgfalt ſich widmet, Zeugnis ab von den
Zuchterfolgen des letzten Jahres. Auch jetzt wieder iſt
die Chryſanthemum=Ausſtellung dem Publikum zugäng=
lich
und alltäglich lenken viele Blumenfreunde ihre Schritte
zu den langgeſtreckten Treibhäuſern der Stadtgärtnerei.
Eine ungemein reizvolle Farbenſkala bietet ſich dem Auge
des Beſchauers, der das Kalthaus beſucht, wo die zarten
Florakinder dichtgedrängt ihre Schönheit zeigen und durch
Farben= und Formenreize einander zu überbieten ſcheinen.
Vom ſchneeigen Weiß und leuchtenden Rot zum matten
Lila und ſatten Grün und Blau ſind alle Farben, in ver=
ſchiedenen
Abtönungen vertreten, und der Farbe geſellt
ſich die Form der Blätter und der einzelnen Blütenblätt=
chen
, die oft ſo verſchieden voneinander ſind, daß es ſchwer
hält, ſie alle einer Klaſſe einzuordnen, zu. Da ſind pracht=
volle
lockige, blendend weiße Blüten in Größe eines Kin=
derkopfes
, und daneben kleine, hellgrüne und gelbe, auch
lila Sterne; krausblättrige und ſtrahlenförmige, röhren=
breitblättrige
Blüten. Aber alle ſind ſchön und eigen=
artig
. Mannigfaltig wie Form und Farbe ſind die
Namen der Blumen. Da iſt die ſchneeigweiße, runde
Graphie der an Farbenpracht und Größe nur von den
gelben Arten vielleicht die ihr in Form ähnliche Tatjana
gleichkommt, und die auch im Vorjahre ſchon eine der
ſchönſten war. Weiter fallen unter den gelben Blüten auf
die kleinere Phoebus, die ſchmalkrausblätterige Mrs.
J. R. Thornycroft und die Mrs. Louis Remy. Von
gelbroter Farbe iſt Godfreys King, und durch ihre
mattes Lila bis Roſa und durch die Eigenart ihrer ſtrah=
lenförmigen
Blütenblättchen feſſelt Rayonnant, wäh=
rend
zu den größten Blüten die rotgelbe R. H. Felton
gehört. Eine kleinere, aber ſehr ſchöne Blüte iſt La
Triomphante, und Sybaris fällt durch ihre grüne
Farbe auf. Weiter ſind vertreten Mdlle. Marie Liger
(roſa), W. R. Church (grün), Mdlle. Thereſe Mazier
die weißgrüne Davis u. a. Den Beſuchern iſt auch die
Beſichtigung der übrigen Gewächshäuſer geſtattet. Die
Ausſtellung dauert bis 8. November und iſt nachmittags
von 2 Uhr ab geöffnet.
Allg. Deutſcher Frauenverein (Ortsgruppe
Darmſtadt). Auf verſchiedene Anfragen hin wird mit=
geteilt
, daß auch Nichtmitglieder des Vereins, die In=
tereſſe
daran nehmen, bei dem Referat, das Frau Liſe
Ramſpeck am Montag, 31. Oktober, im Hotel Prinz
Karl über die 9. Hauptverſammlung des Bundes
Deutſcher Frauenvereine erſtattet, als Gäſte will=
kommen
ſind.
Liedertafelkonzert. Nachträglich teilt man uns mit,
daß in dem Konzert der Liedertafel in letzter Stunde für
den verhinderten Harfeniſten das Perzina= Harfen=
klavier
eingeſchoben wurde. Das Inſtrument paßte ſich,
von Herrn Hauske jun. brillant geſpielt, ausgezeichnet
dem Orcheſter an und fand allgemein große Aner=
kennung
.
* Vereinigte Ortskrankenkaſſe Darmſtadt. Der
Mitgliederſtand betrug am 22. Oktober l. J. männ=

Vorträge.
Man ſchreibt uns: In der Reihe der wiſſen=
ſchaftlichen
Vorträge über religiöſe
Fragen ſprach am Freitag, den 28. d. M., Herr Geh.
Kirchenrat Profeſſor D. Baldenſperger aus Gie=
ßen
über Geſchichte und Mythus im Ur=
chriſtentum
vor vollbeſetztem Saale. Um die Zu=
ſammenhänge
zwiſchen der Drewsſchen Theorie von
der Chriſtusmythe mit der neueren Theologie dar=
zulegen
, entwarf der Redner zuerſt ein Bild von der
literar=kritiſchen und der religionsgeſchichtlichen Ar=
beit
der letzteren, aus dem ſich ergibt, daß die Ver=
treter
der Chriſtusmythe nur manche Ergebniſſe der
neueren theologiſchen Wiſſenſchaft auf die Spitze ge=
trieben
haben, ohne wirklich geſchichtlichen Sinn und
die unerläßliche Perſpektive für die Vorgänge einer
von der unſeren ſo gänzlich verſchiedenen Geſchichts=
epoche
zu beſitzen. Daher hätten die theologiſchen For=
ſcher
in ernſter Prüfung dieſe Theorie unbedingt ab=
lehnen
müſſen. Die Geſchichtlichkeit Jeſu könne nur
auf Koſten eines geſunden, realen Geſchichtsſinnes ge=
leugnet
werden. Auch nach Abzug aller kritiſch un=
gewiſſen
Einzelheiten blieben feſte, unerſchütterliche
Tatſachen des Lebens Jeſu zurück, in denen der Glaube
des Herzens Licht und Erköſungskraft wie nirgends
ſonſt finden könnte. Nachdem Redner auf ſolche feſte
Punkte im Leben Jeſu und auf das Verhältnis des
Paulus, dem der hiſtoriſche Chriſtus für ſein Chriſtus=
bild
unbedingte Vorausſetzung war, zu Jeſus noch
näher eingegangen war, legte er am Schluſſe ſeiner
hochintereſſanten Ausführungen dar, wie darin, daß
auch ſpäter noch antik=heidniſche religiöſe Gedanken
in das Chriſtentum einzuſtrömen ſuchten, jene gewal=
tige
religiöſe und ſittliche Ueberlegenheit des Chriſten=
tums
ſich dokumentieren konnte, die auch in unſerer
Beit noch unerſchütterlich feſtſtehe. Reicher Beifall
lohnte den Redner für ſeinen ungemein anregenden
Vortrag.
Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.
* Ein ältheſſiſches Geſchütz auf der
Inſel Malta. Es iſt bekannt, daß die Feſtung
Rüſſelsheim eines der ſtärkſten Bollwerke Philipps

des Großmütigen war, ausgerüſtet mit den beſten Ge=
ſchützen
der damaligen Zeit, der Nachtigall dem
Strauß, dem Hahn und vielen anderen. Jeder=
mann
iſt auch das Schickſal dieſer guten Artillerie nach
dem Schmalkaldiſchen Kriege bekannt. Auch nicht ein
einziges Stück iſt auf unſere Zeit gekommen. Und
doch exiſtiert noch ein altheſſiſches Stück der Artillerie
der heſſiſchen Landgrafen außerhalb unſerer Heimat.
Die Kenntnis davon, ſowie eine Abbildung verdankt
man Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Frau Prin=
zeſſin
Ludwig von Battenberg. Das alte Geſchütz,
aus der Feſtung Gießen ſtammend und zu der Gat=
tung
der großen Karthaunen gehörend, befindet ſich
heute auf der Inſel Malta in der Hauptſtadt La Va=
letta
. Es wurde durch Landgraf Ludwig V den Ge=
treuen
(15961626), im Jahre 1619 dem Großmeiſter
des Ritterordens der Johanniter, Alof de Vignacourt
(16011622), als Erinnerung an ſeinen Beſuch in
Malta überſandt. Das Geſchütz iſt aus Bronze ge=
goſſen
und mit einem Mundring verſehen. Auf dem
vorderen Teil des Laufes iſt in Relief das Bildnis
eines Elefanten zu ſehen und darüber der Name des
Geſchützes: Der Helffant. Auf der Mitte des Laufes
iſt eine lateiniſche Inſchrift eingegraben, deren Ueber=
ſetzung
ſo lautet:
Ludwig Landgraf von Heſſen, durchwandernd Frank=
reichs
Gefilde, Spaniens Königreich auch, dieſes ge=
ſegnete
Land,
War übers Meer nach Malta gekommen; empfangen
mit großen Ehren und auch überhäuft noch mit der
köſtlichen Gunſt,
Als er durchs Meer, durch Sizilien hin und Italiens
Fluren kehrt in die Heimat zurück, heil und ohne
Gefahr,
Dieſes Kriegsgeſchütz, der Ritterſchaft Maltas zum
Zeichen innigſten Dankesgefühls, treueſter Freund=
ſchaft
auch,
Sandt’ er von Gießen der Feſtung als Gabe. Gar
bitterlich möge fühlen dieſes dein Feind, heiliger
Chriſt, ach gewähr’s.
Geſchehen im Jahre Chriſti 1619.
Der hintere Teil des Laufes zeigt das heſſiſche
Wappen mit dem Datum 1600%, darunter die An=
fangsbuchſtaben
des Geſchützherrn: L. L. Z. H. Lud=
wig
, Landgraf zu Heſſen. (Ludwig IV., Landgraf zu

Heſſen=Marburg, geb. 1537, geſt. 1604). Ueber dem
Wappen ſtehen die Anfangsbuchſtaben der Deviſe des
Landgrafen: J. G. G. J. A. N. Ich Getrau Gott In
Aller Not. Auf dem Schlußring hat ſich in den Wor=
ten
: Gos mich Jacob Rotenberger der Geſchützgießer
verewigt. Die Griffe am Laufe haben die Geſtalt von
Löwen. Hals und Verſchluß des Geſchützes ſind ver=
ziert
. Das Rohr des 42=Pfünders iſt nach engliſchem
Maß 11 Fuß 1 Zoll lang, das Kaliber 7,10 Zoll. Als
Malta zu Anfang des 19. Jahrhunderts in engliſchen
Beſitz überging, wurde das Geſchütz nach der Artillerie=
ſchule
zu Woolwich in England übergeführt, aber 1888
auf Anordnung des Gouverneurs von Malta, Gene=
ral
Sir Lintorn Simmons, nebſt anderen, früher dem
Johanniter=Orden gehörigen Geſchützen wieder nach
Malta verbracht. Schön wäre es, wenn dieſes Stück
Artillerie wieder in heſſiſchen Beſitz käme. Vielleicht
gelingt es irgend jemand, es von den Engländern
zurückzuerhalten.
Vereinigung für ſtaatsbürgerliche
Erziehung. Der im September 1909 in Goslar
geſchaffene jüngſte Zweig der Beſtrebungen zur Ge=
ſundung
und Entwickelung unſeres öffentlichen Lebens
hat in dieſen Tagen ſeinen Sitz von Köln nach Ber=
lin
verlegt und hier eine Sitzung ſeines geſchäfts=
führenden
Ausſchuſſes abgehalten, in der das bisher
Geſchehene erörtert und der Tätigkeitsplan für die
nächſte Zukunft beſchloſſen wurde. Im vergangenen
erſten Geſchäftsjahr ſind zunächſt Sachverſtändige nach
Frankreich, Holland, Dänemark und der Schweiz ent=
ſandt
worden, um durch perſönliche Beobachtung den
dortigen Stand ſtaatsbürgerlicher Schulerziehung und
die auf dieſem Gebiete geſammelten Erfahrungen feſt=
zuſtellen
. Die hierüber erſtatteten Berichte werden
alsbald der Oeffentlichkeit zugängig gemacht werden.
Sie enthalten überaus lehrreichen, wertvollen Stoff
und vortreffliche Anregungen. Es ſind ferner Preis=
ausſchreiben
zur Erlangung methodiſcher Erörterungen
und praktiſcher Beiſpiele für die Geſtaltung der ſtaats=
bürgerlichen
Erziehung erlaſſen worden und darauf=
hin
76 Arbeiten eingegangen, die jetzt von der Jury
geprüft werden. Die Verkündigung des Ergebniſſes
ſoll bis zum 15. April 1911 erfolgen. Inzwiſchen iſt
die Organiſation fortgeſchritten und der Mitglieder=
ſtand
weſentlich gewachſen. In Köln hat ſich ein Orts=

[ ][  ][ ]

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

Nummer 255.

lich 9416, weiblich 6072, zuſ. 15 488, in Prozenten 60,80,
39,20; am 15. Oktober I. J. männlich 9439, weiblich 6069,
zuſ. 15508, in Prozenten 61,26, 38,74. Der Kranken=
ſtand
betrug am 22. Oktober I. J. männlich 351, weiblich
266, in Prozenten 3,90, 4,38; am 15. Oktober l. J. männ=
lich
348, weiblich 247, in Prozenten 3,68, 4,07. An
Krankengeld wurde gezahlt in der Woche vom
17. Okt. bis 22. Oktr. l. J. 4719,15 Mk., in der Woche
vom 10. Oktober bis 15. Oktober l. J. 4275,75 Mk.
An Wöchnerinnen waren vorhanden am 22. Oktober
I. J. 23, am 15. Oktober I. J. 18; Sterbefälle
kamen vor in der Woche vom 17. Oktober bis 22. Okt.
I. J. 1; vom 10. Oktober bis 15. Oktober I. J. 4.
X Durchſchnittspreiſe von den Wochenmärkten
der vergangenen Woche: Butter ½ Kg. 1,40 M., in Par=
tien
1,30 M., Eier 78 Pf., Schmierkäſe ½ Ltr. 18 bis
20 Pf., Handkäſe 610 Pf., Kartoffeln der Zentner
3,504 M., Kumpf (10 Liter) 6070 Pf., ½ Kg. 56 Pf.,
Obſt u. dgl.: Aepfel der Zentner Goldparmänen 10 M.,
graue Reinetten, Kohläpfel 89 M., Schafnaſen 7 M.,
½ Kg. 715 Pf., Birnen ½ Kg. 712 Pf., Trauben
½ Kg. 40 Pf., Nüſſe 100 Stück 50 Pf., Zitronen 68 Pf.
Salat, Gemüſe: Kopfſalat, Endivien 45 Pf., Bündel
Radieschen 23 Pf., Rettiche 46 Pf., Meerrettich 20
bis 25 Pf., Rhabarber ½ Kg. 12 Pf., Zwiebeln, Rote=
rüben
½ Kg. 8 Pf., Bündel Römiſch=Kohl, Schnittlauch
u. dgl. 2 Pf., Gelberüben ½ Kg. 45 Pf., Wirſing 5 bis
6 Pf., Grünkohl 45 Pf., Kohlrabi 34 Pf., Blumenkohl
1050 Pf., Rotkraut 1035 Pf., Weißkraut 815 Pf.,
Spinat ½ Kg. 1215 Pf., Schwarzwurz ½ Kg. 2530 Pf.,
Bohnen ½ Kg. 30 Pf., Eierſchwämme ½ Kg. 12 Pf.;
Geflügel und Wild: Gänſe ½ Kg. 85 Pf., Enten
34 M., Hahnen und Hühner 1,503,00 M., Tauben
65 Pf., junge Rebhühner 1,40 M., alte 1 M., Lapins 90 Pf.
bis 1 M., Haſen bis zu 3,60 M.; Fiſche ½ Kg.: Hecht,
Aal bis 1,20 M., Rheinbackfiſche 40 Pf., Rotzungen 50 Pf.,
Kabeljau 30 Pf., große Schellfiſche 30 Pf., kleine 18 bis
20 Pf.; in den Fleiſchſtänden ½ Kg.: Rindfleiſch
60 Pf., Hackfleiſch 80 Pf., Rindsfett 50 Pf., Rindswürſt=
chen
(Stuck) 15 Pf.
Adreßbuch. Der Druckbogen Nr. 1 des 1911er
Adreßbuches, enthaltend Einwohnerregiſter Abel,
Friedrich bis Bernhard, Carl liegt im Hauptmelde=
bureau
, Hügelſtraße 31/33, Zimmer Nr. 13, während der
Bureauſtunden (8 bis 12 Uhr vormittags und 2 bis
6 Uhr nachmittags) bis zum 1. November zur Einſichts,
nahme offen.
Orpheum. Heute, Montag, 31. Oktober, findet
die Abſchieds=Vorſtellung des Oberbayeri=
ſchen
Bauerntheaters ſtatt. Die Direktion ſah ſich in=
ſolge
der fortgeſetzt großen Nachfrage veranlaßt, aus
dieſem Anlaß nochmals die beiden Stücke von Ludwig
Thoma 1. Klaſſe und Die Medaille anzuſetzen,
wozu bereits wieder zahlreiche Platzbeſtellungen aus
erſten Kreiſen der Reſidenz eingelaufen ſind. Mor=
gen
, Dienstag, wird ſich erſtmalig das für die erſte
Hälfte des November verpflichtete hervorragende Va=
rieté
=Programm vorſtellen. (S. Anz.)
Vom Odenwald, 29. Okt. Die dieſes Jahr ſich wie=
der
ſehr zahlreich zeigenden Eichhörnchen haben
die an und für ſich geringe Nußernte in unſerem Ge=
birge
vielerorts faſt vollſtändig für ſich in Anſpruch ge=
nommen
. So hatte z. B. der Landwirt Vetter in
Mengelbach einen Nußbaum, von dem er ſich 2 bis 3
Zentner Nüſſe verſprach. Als der Mann zur Aberntung
ſchreiten wollte andere Arbeiten hielten ihn einige
Tage zurück waren nicht mehr als 2 bis 3 Pfund gute
Nüſſe auf dem Bgum. Die Eichhörnchen in dem nahen
Walde hatten alle Nüſſe in ihre Vorratskammern
verbracht.
n. Ober=Kainsbach, 29. Okt. Der Täter eines in
der Nacht zum Freitag in dem Gaſthaus zur Spreng
bei Ober=Kainsbach i. O. verübten frechen Einbruchs,
der 20 Jahre alte Taglöhner Martin Orio, konnte
ſich nicht lange ſeiner anſehnlichen Beute erfreuen.
Bereits am Samstag vormittag wurde er durch die
Darmſtädter Polizei feſtgenommen und nach eingehen=
dem
Verhör in Unterſuchungshaft gebracht. Durch auf=
fälligen
Geldaufwand hatte er die Aufmerkſamkeit auf
ſich gelenkt, und, obwohl er zuerſt ſein Heil im
Leugnen verſuchte, legte er, durch den Beſitz geſtohlener
Sachen und größerer, nicht zu rechtfertigender Geld=
mittel
überführt, dem Schutzmann ein Geſtändnis
ab. Von dem entwendeten, nahezu 3000 Mark be=
tragenden
Gelde fanden ſich nur noch etwa 800 Mark
bei ihm vor, dagegen war er im Beſitze einer ganzen
Anzahl eingekaufter Gegenſtände (Uhr, Schmuckſachen,
Kleidungsſtücke uſw.). Der leicht erlangte Mammon

ausſchuß von hervorragenden Vertretern aller Schul=
gattungen
gebildet, um die Problemfrage der ſtaats=
bürgerlichen
Schulerziehung dauernd wiſſenſchaftlich
zu behandeln. Außer den öffentlichen Vorträgen, die
vor den verſchiedenſten Lebens= und Berufskreiſen in
Bonn, Frankfurt a. M. und anderen Orten gehalten
wurden, will die Vereinigung nunmehr in die grö=
ßere
Oeffentlichkeit treten durch Veranſtaltung vor=
bildlicher
Behandlung wichtiger Fragen unſeres
öffentlichen Lebens, namentlich ſolcher, die jeweils im
Vordergrunde der allgemeinen Aufmerkſamkeit ſtehen.
* Wiesbaden, 29. Okt. Zu der Nachricht der
Frankf. Ztg. über Differenzen zwiſchen dem General=
intendanten
Grafen v. Hülſen und dem Inten=
danten
Dr. v. Mutzenbecher und einem even=
tuellen
Rücktritt des letzteren teilt dem Wiesb. Tgbl.
Graf von Hülſen mit, daß die Gerüchte vollſtändig aus
der Luft gegriffen ſeien und daß Herr von Mutzen=
becher
lediglich beſtrebt ſei, während ſeines Urlaubs
die Folgezuſtände ſeiner ſchweren Diphtherie durch
eine gründliche Kur dauernd zu beſeitigen.
* Spielplan des Großh. Hof=und Natio=
naltheaters
in Mannheim. Montag, 31. Okt.:
Tantris der Narr. Dienstag, 1. Nov.: Die Kronpräten=
denten
. Mittwoch, 2. Nov.: Fidelio. Donnerstag, 3. Nov.:
Der Antiquar Liebelei. Freitag, 4. Nov.: Der Muſikant.
Samstag, 5. Nov.: Der Gwiſſenswurm. Sonntag, 6. Nov.:
2. Matinee: Fritz Reuter. Zum erſten Male: Zigeuner=
liebe
.

Kleines Feuilleton.
* Die Rattenfänger von Suffolk. In
Suffolk zieht man energiſch gegen die Ratten zu Felde,
die nach Meinung bedeutender Aerzte die Peſt nach
England eingeſchleppt haben und dies nun mit dem
Tode büßen ſollen. Nicht mit der Flöte ſpielen die
Rattenfänger von Suffolk ihren Opfern zum Todes=
tanze
auf. Auch haben ſie weder den Reiz der Roman=
tik
, noch die unbezwingbare Macht über die holde Weib=
lichkeit
mit ihrem berühmten Vorgänger in Hameln
gemein. Es ſind ganz gewöhnliche Cocknies die
ihr Handwerk in den Kloaken Londons gelernt haben.
Bis jetzt hat der Countyrat von Suffolk ihrer zwanzia

war ihm anſcheinend zu Kopf geſtiegen, ſo daß er das
Geld mit vollen Händen hinauswarf und ſich auch in
Reden prahleriſch gebärdete. Er ſtammt aus Ober=
Kainsbach und machte ſchon im vorigen Jahre von ſich
reden, als er unter dem Verdachte eines damals in
jener Gegend verübten Mordes längere Zeit in Unter=
ſuchungshaft
war, dann aber mangels Beweiſes außer
Verfolgung geſetzt werden mußte. Ein Landwirt war
nachts auf der Landſtraße bei Nieder=Kainsbach mit
einer Baumſtütze erſchlagen worden, und der Verdacht
lenkte ſich auf Orio. Bis jetzt iſt der Täter jenes
ſchweren Verbrechens nicht ermittelt. Orio räumt ein,
daß er den Einbruch beim Gaſtwirt und Gemeinde=
einnehmer
Schwinn auf der Spreng verübt hat. Man
hatte erſt keinen Verdacht bezüglich ſeiner, bis er ſich
ſelbſt durch ſein Verhalten verriet. Wie der zur Feſt=
ſtellung
am Tatort verwendete, ſehr geſchickte Polizei=
hund
ausſpürte, hatte ſich O. vor dem Einbruch in
dem benachbarten Walde in Sehweite des Hauſes auf=
gehalten
und dort die Gelegenheit abgepaßt. Sofort
nach der Tat begab er ſich nach Darmſtadt; er beabſich=
tigte
anſcheinend, von hier das Weite zu ſuchen. Die
Verhaftung erfolgte durch die Schutzleute Schneider II.
und Gardt vom 2. Polizeirevier.
Mainz, 29. Okt. Als kürzlich von der hieſigen
Strafkammer ein Mann verurteilt werden ſollte,
der mit einer Bahnſteigkarte von Frankfurt hierher ge=
fahren
war, nannte ſich der Menſch Gottfried
Werner aus Zürich, gab aber gleichzeitig zu, daß das
ein falſcher Name ſei, den richtigen werde er nicht
nennen. Das hatte zur Folge, daß man ihn wieder
ins Unterſuchungsgefängnis zurückbrachte. Inzwiſchen
iſt ermittelt worden, daß es ſich um den 30 Jahre alten
Kaufmann Gottfried Weinmann aus Zürich handelt.
Er wurde geſtern zu vier Wochen Gefängnis verurteilt.
Seine Photographie iſt in den Fahndungsblättern ver=
öffentlicht
worden, da man vermutet, daß Weinmann,
der bei ſeiner Feſtnahme Revolver und Patronen bei
ſich trug, irgend etwas angeſtellt hat.
Gießen, 29. Okt. In der Angelegenheit des Fried=
berger
Attentats wurden im Laufe der vergange=
nen
Woche faſt tagtäglich ſowohl in Friedberg als auch in
Gießen Zeugen durch den die Unterſuchung führenden Un=
terſuchungsrichter
Landgerichtsrat Geh. Juſtizrat Wehner
vernommen. Die Unterſuchung erſtreckte ſich hauptſächlich
darauf, zu ermitteln, ob Werner dem Winges bei ſeiner
Flucht nach dem Bankraub behilflich war, reſp. ob er, um
Winges die Flucht zu erleichtern, auf Leute geſchoſſen hatte.
In dieſer Beziehung konnte jedoch nichts ermittelt wer=
den
, da von allen Zeugen feſtgeſtellt wurde, daß nur Win=
ges
allein bei ſeiner Flucht aus der Reichsbank auf ſeinen
Verfolger geſchoſſen hatte. Werner hat jetzt in ſeinen Aus=
ſagen
einen anderen Weg eingeſchlagen, da er alles in
Abrede ſtellt. Er wird ſich nun vor dem am 5. Dezember
zuſammentretenden Schwurgericht wegen des ge=
meinſamen
Dynamitdiebſtahls in St. Ingbert, wegen der
Bombenattentate in Frankfurt und Friedberg undwegen des
Friedberger Bankraubes zu verantworten haben. Er wird
wohl in allen Fällen überführt werden.

Aus der Reichshauptſtadt, 29. Okt. Die Erricht=
ung
eines dritten ſtändigen Zirkus für Ber=
lin
ſcheint, wie eine hieſige Korreſpondenz erfährt,
geſichert zu ſein. Wie verlautet, hat der bekannte Zir=
kusdirektor
Corty=Althoff bereits am Schiffbauerdamm
ein großes Terrain gepachtet, auf dem ſchon in näch=
ſter
Zeit eine Rieſenarena in maſſiver Ausführung
erbaut werden ſoll. Für dieſen Zweck ſind bereits
vier Millionen Mark von einer großen Kapitaliſten=
gruppe
gezeichnet worden. Nach den bisherigen
Feſtſtellungen der Kriminalpolizei hat der Leichen=
fund
in der Spree am Schloß Bellevue zu keiner
Aufklärung geführt. Die ärztliche Unterſuchung führte
zu dem Ergebnis, daß wahrſcheinlich ein Giftmord oder
ein Mord durch Erſtickung vorliegt. Die einzige Feſt=
ſtellung
, die für den weiteren Verlauf der polizei=
lichen
Ermittelungen vielleicht von Belang ſein könnte,
iſt bis jetzt die Bekundung eines Ehepaares vom Halle=
Kor, deren 19jährige Tochter ſeit ſechs Wochen ver=
ſchwunden
iſt. Eine jugendliche Diebes=
bande
, die ſeit Wochen in der Gegend zwiſchen Köpe=
nick
und Woltersdorf ihr Unweſen trieb, iſt jetzt er=
mittelt
und feſtgenommen worden. In der vorgeſtri=
gen
Nacht verſuchten die Diebe einen neuen Einbruch
bei dem Beſitzer G. Sie wurden überraſcht und ent=
puppten
ſich zum großen Erſtaunen der Bewohner als

unter einem Oberrattenfänger angeſtellt. Aber ſie
werden durch Freiwillige auf viele Hunderte verſtärkt.
Ihre Waffe iſt ein weißes Pulver, das aus geheimnis=
vollen
Ingredienzien zuſammengeſetzt iſt, denen keine
Ratte widerſtehen kann. Ein, zwei Tage wird das
Pulver ausgeſtreut, um möglichſt viele Ratten anzu=
locken
und ſicher zu ködern. Am dritten Tage aber
wird dem weißen Pulver ein Gift beigemiſcht, und am
folgenden Morgen iſt das Feld mit Rattenleichen be=
ſät
. Uebrigens ſterben noch immer zahlreiche Ratten
und auch Haſen und Kaninchen an der Krankheit, die
ſie auf die Menſchen übertragen haben ſollen. Des=
halb
iſt in allen Schulen in Suffolk County davor ge=
warnt
worden, die Leichen zu berühren. Freiwillige
Rattenfänger, die den Sport mit abgerichteten Wie=
ſeln
und Hunden trieben, mußten die Erfahrung
machen, daß dieſe auch der Peſt erlagen, die, wie er=
wähnt
, auch bereits Menſchenopfer gekoſtet hat. In
den Hafen von Orwell Hems können Schiffe (meiſt
Segler, die von allen Weltteilen dorthin kommen)
nur langſam mit der Flut einlaufen und müſſen dann
auf Leichtern entladen. Während dieſes vor ſich geht,
hat man beobachtet, daß unzählige Schiffsratten, der
langen Seereiſe müde, ans Land ſchwimmen, während
Landratten gleichfalls in großen Scharen namentlich
gern an Bord der Getreideſchiffe von Odeſſa klettern.
Um dieſem Austauſch von Ratten den die Behörden
für ſehr gefährlich halten, ein Ende zu machen, ſoll
ein beſonderer Feldzugsplan entworfen werden. Ganz
England wartet geſpannt auf das Neueſte vom Schan=
platz
dieſes Rattenkrieges, nach dem die Zeitungen ihre
Spezialkorreſpondenten entſandt haben.
* Der erſte blinde Paſſagier im Luft=
ſchiff
. Die Gattung der blinden Paſſagiere iſt um
eine neue Abart bereichert worden. Daß ſich blinde
Paſſagiere in Giſenbahnwagen, Dampfſchiffen und ähn=
lichen
Fahrzeugen verborgen und weite Strecken
zurückgelegt haben, iſt nichts Neues mehr und reizt
auch nicht mehr zur Nachahmung. Der moderne
Naſſauer wählt ſich ein höheres Ziel. Im Zeitalter
des Luftſchiffes und Aeroplans benutzt der blinde
Paſſagier den Lenkballon! Das erſte Opfer ſeiner
Tätigkeit war der P L VI der am Mittwoch nach=
mittag
friſch gefüllt von Biesdorf nach Johannisthal

Schulknaben aus der Umgegend im Alter von 10 bis
15 Jahren. Die Jungen hatten ſich zu einer wohl=
organiſierten
Diebesbande vereinigt, die unter einem
Häuptling, einem 15jährigen Lehrling, ſtand. Die
jugendlichen Verbrecher arbeiteten in der Weiſe, daß
ſie am Tage die Gelegenheit zu Einbrüchen ausbaldo=
werten
und während der Ausführung der Diebſtähle
wohlausgebildete Schmierenſteher verwendeten. Die
hoffnungsvollen Burſchen werden vorausſichtlich in
Zwangserziehung gegeben werden.
Frankfurt, 29. Okt. Danny Gürtler iſt dem
Frankfurter Generalanzeiger zufolge nun von der Irren=
anſtalt
Eichberg im Rheingau, wohin er nach ſeiner Ent=
laſſung
aus der Strafhaft in Darmſtadt gebracht wurde,
in die pſychiatriſche Klinik nach Heidelberg übergeſiedelt.
Nach ſeiner Behauptung hat er in Eichberg einen Nerven=
chok
erhalten, von dem er auf Veranlaſſung ſeiner Frau in
Heidelberg Heilung ſuchen will.
Stiepel (Ruhr), 29. Okt. Durch Abſturz in einem
Aufbruch der Zeche Karl Friedrich Erbſtollen wurden
zwei Bergleute getötet.
Aachen, 28. Okt. Vor dem Berliner Oberver=
waltungsgericht
findet heute die Verhandlung in einem
intereſſanten Wahlproteſt ſtatt, der ſich gegen
die im November v. J. ſtattgefundenen Wahlen zur
zweiten Abteilung der hieſigen Stadtverordnetenver=
ſammlung
richtete. Als damals die Wahlen im ſchön=
ſten
Gange waren, erſchien plötzlich der Luftkreuzer
2 III am Horizont und brachte eine Unter=
brechung
des Wahlgeſchäfts, die der Wahlpro=
teſt
an den Oberbürgermeiſter wie folgt ſchildert: Am
letzten Wahltage gegen 12 Uhr mittags hatte
im Wahllokal im Verwaltungsgebäude des Rat=
hauſes
die Wählergruppe B zu wählen. Beim
Herannahen des Luftſchiffes 2 III verließen
der Wahlvorſtand und ſämtliche Beiſitzer und ſonſtigen
Beteiligten das Wahllokal, um das Luftſchiff zu ſehen,
ſo daß ſich tatſächlich niemand im Wahllokal befand. Es
war dies ziemlich genau um die Mittagszeit, in welcher
Stunde erfahrungsgemäß die Wähler in größerer Zahl
ſich einzufinden pflegen. Es ſei ferner bemrekt, daß, als
nach dieſer gänzlichen Abweſenheit aller Beteiligten die
Herren ſich zum Teil wieder eingefunden hatten und
mehrere anweſende Wähler ihr Wahlrecht wegen Ab=
weſenheit
des Wahlvorſtandes nicht ausüben konnten,
der Vertreter des Oberbürgermeiſters vermißt und der
Sekretär ausgeſchickt wurde, ihn herbeizuholen. Auch
dies verurſachte eine längere Unterbrechung und es iſt
leicht möglich, daß wegen des dadurch verurſachten
Aufenthaltes verſchiedene Wähler auch zu dieſem Zeit=
punkte
noch ihr Wahlrecht nicht ausgeübt haben, indem
ſie nicht länger warten wollten und ſich entfernten.
Der Bezirksausſchuß hat nun dieſem Proteſti
ſtattgegeben und die Wahlen der betreffenden Stadt=
verordneten
, die der Zentrumspartei angehören, für=
ungültig
erklärt. Bei dieſem Beſcheide be=
ruhigte
ſich aber nicht die Stadtverordnetenverſamm=
lung
. Sie beſchloß in ihrer Sitzung vom 12. März d. J.,
die Anberaumung der mündlichen Verhandlung vor
dem Bezirksausſchuß zu beantragen und zu der Ver=
handlung
einen Vertreter der Stadtverordnetenver=
ſammlung
zu entſenden. Die mündliche Verhandlung
brachte aber für die Beklagte, die Stadtverordneten=
verſammlung
, kein anderes Reſultat. Der Bezirksaus=
ſchuß
entſchied, daß die Wahlen für ungültig zu er=
klären
ſeien. In dem Urteil wurde zum Ausdruck ge=
bracht
, daß in den Unterbrechungen des Wahlaktes ein
Grund für die abſolute Nichtigkeit der Wahlen zu er=
blicken
ſei, alſo ein Grund, der die Wahlen ungültig
macht, auch ohne Rückſicht darauf, ob dadurch das tat=
ſächliche
Ergebnis der Wahlen beeinflußt worden iſt=
oder
nicht. Nunmehr hat die verklagte Stadtverord=
netenverſammlung
das letzte Rechtsmittel ergriffen
und die Entſcheidung des Oberverwaltungsgerichts be=
antragt
. In der Berufung wurde betont, daß die
Zeit, in welcher der Wahlvorſteher abweſend war, nur
eine relative Bedeutung habe. Der Gerichtshof be=
ſchloß
nach kurzer Beratung, zunächſt Beweis darüber
zu erheben, wann die Publikation des Wahlergebniſſes
erfolgt iſt, um feſtzuſtellen, ob die Einſpruchsfriſt ge=
wahrt
ſei.
Dillenburg, 26. Okt. Ein ſchändlicher
Streich wurde hier verübt, indem in der Dill von
Haiger bis hierher durch Einfließenlaſſen einer Säure
ins Waſſer ſämtliche Fiſche vergiftet wurden.
Unzählige Fiſchleichen bedeckten das Waſſer. Die bei
Sechshelden gelegene Farbmühle erlitt eine Betriebs=
ſtörung
, weil Hunderte von toten Fiſchen vor dem

zurückgekommen war. Als am Donnerstag rachmittag
das Luftſchiff ſeine Paſſagierfahrt ausführte, an der 25
Perſonen teilnahmen, und ſich bereits in etwa hundert
Meter Höhe befand, bemerkte der Führer, Oberleutnant
Stelling, daß ſich die Leinwand, die über den Benzin=
tank
geſpannt iſt, auffällig hin und her bewegte. Ehe
man noch die Urſachen des merkwürdigen Vorganges
feſtſtellen konnte, kroch plötzlich ein Mann mit blauer
Schürze hinter dem Benzinbehälter vor und ſtellte ſich
dem Führer des Luftſchiffes mit den Worten vor: Ent=
ſchuldigen
Sie, mein Name iſt Haſe. Nehmen Sie’s
nicht weiter übel, aber rausſchmeißen können Sie mir
jetzt nicht mehr. Die Führer des P L VI waren der=
ſelben
Anſicht wie Haſe, der nun die reizvolle Fahrt
zuſammen mit den übrigen Paſſagieren bis zum Ende
genoß allerdings etwas billiger! Nach der Landung
wurde feſtgeſtellt, daß Haſe ein Arbeiter iſt, der ge=
legentlich
auf dem Flugplatze beſchäftigt war. Die
Sehnſucht, einmal eine Ballonfahrt mitzumachen, hatte
ihn dazu getrieben, ſich lange vor der Abfahrt in die
Gondel einzuſchmuggeln. Die Luftverkehrs=Geſellſchaft
wird dafür Sorge tragen, daß Haſe keine Nachahmer
finden wird.
* Alles um 66 Pfennig. Eine Häuslerin,
Frau Marie Kahle, geb. Zeppelin, zu Lübz in Mecklen=
burg
, wurde vom Fiskus wegen 66 Pfg. rückſtändiger
Steuern gepfändet. Da ſie den Vollziehungsbeamten
beleidigt hatte, wurden ihr auch die Gerichtskoſten eines
Prozeſſes dafür aufgerechnet und für den Geſamtbetrag
ſollten ihre Habſeligkeiten verſteigert werden. Am Tage
des Termins verbarrikadierte ſich die Frau in ihrem
Häuschen, ſteckte das ganze Anweſen in Brand und er=
hängte
ſich. Die Feuerwehr hatte mit der Löſchung
große Mühe, und als ſie endlich in das Zimmer ein=
drang
, fand ſie bei dem zerſtörten Inventar den ver=
kohlten
Leichnam.
* Auch ein Erfolg. Aus München wird berich=
tet
, daß der diesjährige Darſteller des Johannes in Ober=
ammergau
als Chauffeur nach Amerika geht. Er wurde
während der Paſſionsſpiele von einem in Oberammergau
weilenden Millionär nach deſſen Heimat verpflichtet.

[ ][  ][ ]

Nummer 255

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

Seite 5.

Rechen hingen und den Zutritt des Waſſers zu dem
Triebwerk verhinderten.
Paris, 28. Okt. Heute abend wurde zur Erinne=
rung
an die Erſchießung Ferrers eine zahlreich
beſuchte Verſammlung abgehalten, der Soledad, Villa=
franca
und eine Anzahl Deputierter beiwohnten; die
Verſammlung verlief äußerſt ſtürmiſch, Einige hieſige
ſpaniſche Anarchiſten, die beſchloſſen hatten, den
früheren Marineminiſter Pelletan nicht zum Worte
kommen zu laſſen, unterbrachen Pelletan, als er das
Wort ergriff, durch den Ruf: Nieder mit den Parla=
mentariern
!, durch Singen der Internationale und
durch Pfeifen. Infolgedeſſen entſtand ein heftiger Wort=
wechſel
zwiſchen Pelletan und ſeinen Widerſachern. Als
dem früheren Miniſter andererſeits Beifall gezollt
wurde, kam es zu einem unbeſchreiblichen, lang an=
dauernden
Tumult, der Pelletan am Sprechen
verhinderte. Die Anarchiſten nahmen im Sturme die
Tribüne. Bei dem ſich nun entwickelnden Handge=
menge
wurden der Saal und die Bänke voll=
ſtändig
demoliert. Frauen wurden herumge=
ſtoßen
und zu Boden geworfen. Als die Anarchiſten
Herren der Räumlichkeit waren, wollten ſie die Ver=
ſammlung
fortſetzen, ſie wurden daran aber dadurch
gehindert, daß die Verwaltung das elektriſche Licht
ausſchalten ließ. Die Verſammlung ging dann ohne
neue Prügeleien auseinander.
Paris, 29. Okt. Die aus einem Eiſenbahnwaggon
geſtohlene Kiſte mit Melinit wurde geſtern in
der Nähe des Bahnhofs=Magazins gefunden. Man
vermutet, daß die Diebe befürchteten, die Kiſte könne
bei ihnen gefunden werden, und daß ſie deswegen vor=
zogen
, ſie zurückzubringen.
New=York, 28. Okt. Der ehemalige ſtädtiſche Auf=
ſeher
James Gallagher, der am 9. Auguſt im Hafen
von Hoboken das Revolverattentat auf den
New=Yorker Bürgermeiſter Gaynor,verübte, iſt von
den Sachverſtändigen für geiſteskrank bezeichnet wor=
den
. Die Diagnoſe lautete auf Altersblödſinn. Der
öffentliche Ankläger Garven will für den bevorſtehenden
Prozeß weitere Sachverſtändige berufen.

Kunſtnotizen.
Aeber Werke, Künſtler und künſtleriſche Veranſtaltungen ꝛc., deren im Nach
ſtehenden Erwähnung geſchieht, behält ſich die Redaktion ihr Urteil vor.
1. Kammermuſik=Abend des Darm=
ſtädter
Streichquartetts. Auch die ſchon im
zwölften Jahre hier verdienſtvoll wirkende Quartett=
Vereinigung der Herren Mehmel, Diedrich, Brückmann
und Weyns nimmt in ihrem erſten dieswinterlichen Kon=
zert
die Gelegenheit wahr, das Andenken des genialen,
viel zu früh der Kunſt entriſſenen Hugo Wolf, im Hin=
blick
auf ſeinen 50. Geburtstag, durch die Aufführung ſei=
nes
Streichquartetts zu ehren. Ein glücklicher Zufall fügt
es, daß die Vorführung des Kammermuſikwerks nur zwei
Tage ſpäter, als die von der hieſigen Freien literariſch=
künſtleriſchen
Geſellſchaft Samstag abend dargebotene
Hugo Wolf=Feier ſtattfindet und ſomit eine willkommene
Ergänzung dieſer Veranſtaltung darſtellt.

Zur Stadtverordnetenwahl.
Am Freitag tagten die Vertreter von 8 Ge=
werbevereinen
und Innungen, um auch
ihrerſeits zu den Stadtverordneten= Kandidatenvor=
ſchlägen
Stellung zu nehmen. Die eingehende Aus=
ſprache
gipfelte darin, daß Handwerk und Gewerbe bei
der Kandidatenwahl zum Stadtverordnetenkollegium
vollſtändig ignoriert und, wo irgend Vorſchläge ge=
macht
wurden, dieſe abgelehnt worden ſind. Aus die=
ſen
Gründen wurde beſchloſſen, eine feſte Vereinig=
ung
der Innungen und Gewerbevereine
zu gründen und im Laufe des Winters eine allgemeine
Verſammlung der Handwerker= und Gewerbevereinig=
ung
einzuberufen, um zu demnächſt in die Erſchein=
ung
tretenden Steuerfragen und anderem mehr Stel=
lung
zu nehmen. Als proviſoriſcher Vorſitzender
wurde Herr Hermann vom Gaſtwirteverein und
als Schriftführer Herr Kaufmann Schroth vom
Detailliſtenverein gewählt. Am nächſten Dienstag ſoll
eine Sitzung der Vertreter ſtattfinden, in welcher die
weiteren Schritte beſchloſſen werden. Als Kandidaten
wurden gewählt: 1. Herr Gaſtwirt Heppenheimer,
2. Herr Kaufmann Schroth, 3. Herr Schneidermeiſter
Siemenſen, 4. Herr Privatier Rockel.

Das Programm des Reichskanzlers und
der Etat.
* Berlin 29. Okt. In ihren Rückblicken ſchreibt
die Norddeutſche Allgemeine Zeitung unter
Bezugnahme auf die letzte Rede des Direktors des
Hanſabundes, den Führern des Hanſabundes
könnten Vorſchriften über ihre Agitationsweiſe natür=
lich
nur aus dem Hanſabunde heraus gemacht werden;
wohl aber ſei es ihr, der Norddeutſchen Allgemeinen
Zeitung, Recht und Pflicht, zu warnen, wo ihr eine
Schädigung der allgemeinen Intereſſen entgegentrete.
Sie kommt dann auf das Programm des Reichs=
kanzlers
zu ſprechen und erinnert daran, daß der
Abgeordnete Oldenburg=Januſchau kürzlich mit be=
ſonderem
Nachdruck die Notwendigkeit der ſcharfen
Bekämpfung der Sozialdemokratie be=
tonte
. Auch der Reichskanzler ſehe darin eine der
Hauptaufgaben der Regierung und der Parteien. Die
ernſten Symptome von Moabit und anderwärts ſprä=
chen
deutlich von dem Fortſchreiten der revolutio=
nären
Maſſenverhetzung, deren Uebermut
durch die Zwietracht der ſtaatserhaltenden Kräfte nur
erhöht werden könne. Den von Oldenburg erhobenen
Vorwurf, die Regierung zeigte in Moabit Schwäche,
weiſt das Blatt zurück.
Die Norddeutſche Allgemeine Zeitung geht weiter
auf das Gebiet der Finanzpolitik über. Gelingt
es, einen guten Etat aufzuſtellen, der ſtreng ſparſam,
doch allen Anforderungen, namentlich der Wehrkraft,
gerecht wird, ſo iſt damit ein ſehr wichtiges Programm
durch die Tat verwirklicht. Der neue Etat wird zei=
gen
, daß man dem Ziele der Geſundung der Reichs=
finanzen
ein gutes Stück näher gekommen iſt. Dies
Reſultat rechtfertigt zugleich die Annahme der Reichs=
finanzreform
trotz ihrer Mängel durch die Re=
gierung
. Die Vorarbeiten zum Reichshaushaltsetat
für 1911 haben zu einem, dem Finanzplan 1909/1913
entſprechendem Ergebnis geführt. Die ungedeckten Ma=
trikularbeiträge
werden auf 80 Pfennig pro Kopf er=
halten
; trotzdem ſind die zur Fortentwicklung des
Heeres, der Marine, ſowie für Abbürdung des Fehl=
betrages
von 1910 erforderlichen Mittel in den Aus=
gaben
vorgeſehen. Dieſer Abſchluß war nicht ohne
Schwierigkeit zu erreichen. Die Geſamteinnahme für
1910 wird den ſehr vorſichtig bemeſſenen Voranſchlag
knapp erfüllen. So kann der Etat für 1911 die Zölle
und Steuern nicht allzu viel höher ſchätzen, als in dem

gegenwärtigen Etat. Zur Herſtellung des Gleichge=
wichts
müſſen auch die erhöhten Ueberſchüſſe der Reichs=
betriebe
und die zu erwartenden Einnahmen aus dem
dem Reichstage vorliegenden Zuwachsſteuerge=
ſetz
herangezogen werden. Die Erträgniſſe werden
auch herangezogen werden müſſen, um die Veteranen
über das jetzige Maß hinaus zu verſorgen.
Trotzdem der Etat für 1911 für die Ausführung
des Flottenplanes, die Erweiterung des Kaiſer Wil=
helm
=Kanals, die Erweiterung des Fernſprechnetzes
und für die Eiſenbahnen namhafte Beträge erfordert,
iſt es gelungen, den Anleihebetrag erheblich
niedriger zu halten, als 1910, und darin zeigt
ſich die wohltätige Wirkung der neueſten Finanzgeſetz=
gebung
. Dieſe Ergebniſſe ſeien nur durch weitgehendſte
Sparſamkeit errungen. Nach wie vor ſei die Geſund=
ung
der Reichsfinanzen eine der dringendſten politi=
ſchen
Aufgaben. Wer ſich um dieſes Ziel müht, der
wirkt nach einem Programm von überaus praktiſcher
Bedeutung.

Die deutſch=franzöſiſchen Beziehungen.
* Paris, 29. Okt. Präſident Falliéres
empfing heute nachmittag den deutſchen Botſchafter
von Schoen in offizieller Audienz. Bei der Ueber=
reichung
ſeines Beglaubigungsſchreibens richtete Bot=
ſchafter
von Schoen an den Präſidenten Falliéres
folgende Anſprache:
Herr Präſident! Indem ich Ihnen das Schreiben
überreiche, durch das der Kaiſer, mein erhabener Sou=
verän
, mich bei Ihnen als Botſchafter beglaubigt,
möge es mir zunächſt erlaubt ſein, Ihnen zu ſagen, wie
ſehr ich die Ehre der mir anvertrauten Miſſion emp=
finde
. Entſprechend beſtimmten Befehlen Sr. Majeſtät
hat dieſe Miſſion die Aufgabe, die guten Bezieh=
ungen
, die in glücklicher Weiſe zwiſchen Franks
reich und Deutſchland beſtehen, zu erhalten und
zu befeſtigen und die ſchon ſo zahlreichen gemein=
ſamen
Intereſſen beid er Länder zu för=
dern
. Ebenſo wie meine Vorgänger, deren Mitarbei=
ter
ich geweſen bin, werde ich nicht aufhören, alle meine
Beſtrebungen auf die Erreichung dieſer ſo wünſchens=
werten
Reſultate zu richten. Ich werde mich glücklich
ſchätzen, wenn ich in der Erfüllung meiner Aufgabe da=
hin
gelange, Ihr Vertrauen, Herr Präſident, ſowie die
Unterſtützung der Regierung und der Republik zu ge=
winnen
. Der Kaiſer beauftragte mich, bei Ihnen
der Dolmetſch der Gefühle der Achtung und Sympathie
zu ſein, die Se. Majeſtät in ſo hohem Grade für Ihre
Perſon empfindet, und Ihnen die Wünſche zu übermit=
teln
, die er für die Wohlfahrt Frankreichs
hegt. Ich habe die Ehre, Herr Präſident, meine ehr=
erbietige
Huldigung für den erſten Beamten der Re=
publik
hinzuzufügen.
Präſident Falliéres erwiderte mit folgenden
Worten:
Herr Botſchafter! Ich habe das große Vergnügen,
das Schreiben, das Sie als außerordentlichen Botſchaf=
ter
und bevollmächtigten Miniſter des deutſchen Kai=
ſers
beglaubigt, entgegenzunehmen und Sie willkom=
men
zu heißen. Die Wünſche für die Aufrechter=
haltung
und Befeſtigung der guten Be=
ziehungen
, die zwiſchen unſeren beiden Ländern
beſtehen, und für die Entwicklung ihrer gemeinſamen
Intereſſen, denen Sie ſoeben Ausdruck gegeben haben,
entſprechen den Intentionen der Regierung und der
Republik. Es war mir um ſo angenehmer, den Aus=
druck
dieſes Wunſches aus Ihrem Munde zu verneh=
men
, als diejenigen, die den Vorzug gehabt haben, Sie
während Ihres erſten Aufenthalts in Frankreich zu
kennen, die Geſinnungen nicht vergeſſen haben, welche
Sie ſtets an den Tag gelegt haben. Wie Ihr hervor=
ragender
Vorgänger, ſo werden Sie bei uns nur das
beharrliche Beſtreben finden, Ihnen die Aufgabe
zu erleichtern, deren Erfüllung Sie Ihre Be=
mühungen
widmen wollen. Als Kaiſer Wilhelm Sie
zum treuen Dolmetſcher ſeiner Gedanken erwählte,
konnte er nicht daran zweifeln, daß hier ein ſympathi=
ſcher
Empfang Ihrer harrte. Ich bin ganz beſonders
empfänglich für die Wünſche, die Se. Majeſtät mir
durch Sie hat übermitteln laſſen, ebenſo für die Form,
in welcher Sie Ihre Miſſion erfüllt haben. Ich würde
Ihnen dankbar ſein, wenn Sie Sr. Majeſtät mit mei=
nen
beſten Wünſchen meinen aufrichtigen Dank aus=
drücken
wollen.
Nach Beendigung des offiziellen Empfanges ent=
wickelte
ſich zwiſchen Falliéres und von Schoen ein ſehr
herzliches Geſpräch. Der neue Botſchafter wurde ſo=
dann
mit demſelben Zeremoniell in die Botſchaft zu=
rückgeleitet
, wie er in das Elyſée geleitet wurde.

Neue Straßenkrawalle in Berlin.
* Berlin, 30. Okt. Am Wedding, im Norden
Berlins, kam es, dem Lokalanzeiger zufolge, geſtern
abend zu ſchweren Ausſchreitungen, bei denen
die Polizei tätlich angegriffen und zahlreiche
Perſonen verletzt wurden. Die Urſache war eine
geringfügige. Einem Fleiſchergeſellen, der nicht zur
Arbeit gekommen war, wurde von ſeinem Chef erklärt,
der Tag könne ihm nicht bezahlt werden. Darauf leg=
ten
vierzehn Geſellen die Arbeit nieder. Abends er=
folgten
dann zahlreiche Angriffe auf das Geſchäft,
namentlich ſeitens halbwüchſiger Burſchen und Frauen.
Nachdem ein Dreizehnjähriger aus einem Revolver
geſchoſſen hatte, und ein Feuermelder zerſtört worden
war, ſammelte ſich, wie auf ein Kommando, eine nach
Tauſenden zählende Menge, aus welcher Steine auf
die Schutzleute geworfen wurden, weshalb ſich die
Beamten gezwungen ſahen, blank zu ziehen und
vorzugehen. Zahlreiche Tumultuanten wurden durch
Säbelhiebe verletzt. Schon war die Polizei zurück=
gegangen
, als ein Schuß aus der Menge das Zeichen
zu neuen Ausſchreitungen gab. Es wurde mit Steinen
und Bierflaſchen geworfen, auch die abgeriſſenen Eiſen=
teile
von Balkonen kamen als Wurfgeſchoſſe zur Ver=
wendung
. In verſchiedenen Straßen trat völlige Dun=
kelheit
ein, weil ſämtliche Laternen zertrümmert waren.
Erſt nachdem verſchiedene Haupttumultuanten feſtge=
nommen
waren, gelang es, die Ruhe einigermaßen her=
zuſtellen
.

Franzöſiſche Kammer.
* Paris, 29. Okt. Die Kammer ſetzte heute
nachmittag die Beſprechung der Interpellatio=
nen
über den Eiſenbahnerſtreik fort. Willm
(Geeinigter Sozialiſt) ſprach ſich tadelnd aus, daß die
verhafteten Mitglieder des Streikkomitees noch nicht
verhört wurden, dadurch werde das Geſetz verletzt.
Nachdem noch mehrere Redner der äußerſten Linken
Angriffe gegen die Regierung gerichtet hatten, erklärte
der Juſtizminiſter, alle Verhafteten ſeien ſich
der gegen ſie erhobenen=Beſchuldigungen bewußt. Nie=
mandslei
gerichtlich verfolgt worden, weil ersſch-am

Ausſtande beteiligte. Die Verhaftungen ſeien erfolgt
wegen der Angriffegauf Freiheit und Ar=
beit
und wegen der Sabotage. Der Unterſuchungs=
richter
zog erſt Erkundigungen ein und begann dann,
die Verhafteten zu verhören. Das Geſetz ſei alſo nicht
verletzt worden.
Im weiteren Verlauf der Sitzung kam es zwiſchen
Reinach und mehreren anderen Deputierten zu einem
Zwiſchenfall. Als dieſe ihm vorwarfen, er erhebe
gegen die Ungeſetzlichkeiten, deren Opfer die Eiſenbah=
ner
geworden ſeien, keinen Einſpruch, erwiderte Rei=
nach
, Ungeſetzlichkeiten ſeien nicht erwieſen, er warte
auf Beweiſe. Die Sozialiſten antworteten mit dem
Rufe: Nieder mit den Juden! Jaurés macht eine An=
ſpielung
auf den Fall Dreyfuß, für den Reinach einge=
treten
ſei. Miniſter Millerand proteſtiert aber=
mals
. Jaurés warf in heftigen Worten den Miniſtern
Viviani, Millerand und Briand vor, ſie hätten früher
den nordfranzöſiſchen Arbeitern verſprochen, ſie woll=
ten
mit ihnen für das Recht auf den Streik kämpfen.
Die Regierung habe nicht das Recht, die Eiſenbahner
einzuberufen, um einen Streik zu verhindern. Der
Miniſterpräſident Briande erklärte in ſeiner Er=
widerung
von neuem, daß das ganze Kabinettſol i=
dariſch
ſei. Jaurés wolle einen jener großen Sitz=
ungszwiſchenfälle
benützen, welche Kabinette ſtürzen.
Man müſſe die Regierung kritiſieren, ſo wie ſie ſei,
nicht wie Jaurées ſie haben möchte. (Lebhafter Bei=
fall
.) Jaurés antwortete: Er glaube auch weiterhin
an die Demiſſion Vivianis. Man ſage, Viviani ſcheide
aus der Regierung, weil dieſe nicht gegen die Eiſen=
bahngeſellſchaften
auftreten konnte, da mehrere ihrer
Mitglieder Gefangene der Geſellſchaften ſeien. (Gr. Tu=
mult
.) Miniſterpräſident Briand warf dann unter
wiederholten ſtürmiſchen Unterbrechungen in heftigem
Tone Jaurés vor, die Regierung beleidigt zu haben
durch die Behauptung, der Miniſter ſei im Begriff, zu=
rückzutreten
, weil ſeine Kollegen Söldlinge des Geldes
und der Reaktion ſeien. Er forderte Jaurés auf, zu
ſagen, worauf er eine ſolche verletzende Behauptung
ſtütze. Jaurés, der, um ſich beſſer verſtändlich zu
machen, von der Bank herab antwortete, erklärte in
höchſter Erregung: Die Tatſache, daß kapitaliſtiſche
Blätter dem Miniſterpräſidenten ergeben ſeien, müſſe
den Rücktritt des Arbeitsminiſters Viviani herbeifüh=
ren
. Darauf verlangte Viviani das Wort und
erklärte, er habe Jaurés geſtern in den Wandelgängen
angehört, aber nichts geſagt, was Jaurés zu dem
Schluß rechtfertigen könne; er (der Miniſter) habe ihm
zugeſtimmt. Viviani fuhr fort: Es ſei nicht gerecht,
den Miniſterpräſidenten allein für etwas verantwort=
lich
zu machen, für das das Miniſterium ſoli=
dariſch
verantwortlich ſei. Wenn ich, ſo fuhr der
Miniſter fort, mit Briand eine Meinungsverſchieden=
heit
gehabt hätte, ſo hätte ich ſie für mich behalten, weil!
es Augenblicke gibt, in denen ein Rücktritt Flucht be=
deutet
. Viviani fuhr fort: Daß, als er mit Jaurés
Propaganda trieb, Millerand nicht geduldet haben
würde, daß man Sabotage, Vaterlandsloſigkeit und
Anarchie verherrlichte.
Zum Schluß der Sitzung kam es zur furchtba=
ren
Tumultſzenen. Briand ſagte in ſeiner
Rede, mit welcher er die Angriffe Jaurés zurückweiſt:
Wenn die Regierung in dem Geſetz nicht das Mittel
gefunden hätte, um Herr der Landesgrenzen und der
Eiſenbahnen zu bleiben, ſo hätte ſie ſelbſt zu Ungeſetz=
lichkeiten
ihre Zuflucht genommen. Bei dieſen Wor=
ten
erhob ſich Beifall auf der Rechten und im Zentrum,
dagegen auf der äußerſten Linken, insbeſondere bei den
Sozialiſten ein ohrenbetäubender Lärm, welche riefen:
Diktatori! Demiſſion! Verräterei!, und ſchlugen dabei
mit den Pultdeckeln den Takt. Der ſozialiſtiſche De=
putierte
Colly wollte ſich auf die Tribüne ſtür=
zen
, um offenkundig Briand tätlich zu inſultieren.
Er wurde mit Mühe von Saaldienern und Kollegen
zurückgehalten. Die Sturmſzene dauerte 40 Minuten,
während deren Briand auf der Rednertribüne blieb
und für die Stenographen und ſeine dicht um ihn ge=
ſcharten
Anhänger ſeine Rede fortſetzte, in der er ſagte:
Es iſt nicht zweifelhaft, daß die Kammer einer Komödie
beiwohnt, die niemanden täuſchen kann. Ich wieder=
hole
, daß die Regierung in der Legalität geblieben iſt,
aber daß es Fälle gibt, wo es in höherem Intereſſe not=
wendig
ſein kann, zur Illegialität zu greifen. Das
Land, das in der Gefahr der Anarchie ſchwebte, wird
morgen ſagen, wer Unrecht gehabt hat. (Lärm auf der
äußerſten Linken.)
Die Sitzung wurde unter großer Unruhe und
großer Aufregung aufgehoben. Morgen nachmit=
tag
findet die nächſte Sitzung ſtatt behufs Beendigung
der Interpellationsdebatte. Briand verließ, umringt
von mehreren Miniſtern und Deputierten, den Saal.,
da man ſichtlich befürchtete, daß einige der So=
zialiſten
, welche ihn unaufhörlich weiter beſchimpften,
ſich an ihm vergreifen könnten.
* Paris 29. Okt. Sofort nach der Sitzung ver=
einigten
ſich 150 Deputierte aller Gruppen der
Linken und beſchloſſen, morgen die einfache Tages=
ordnung
zu beantragen mit der Erklärung, daß ſie
nicht mehr mit der Regierung weiter verhandeln
wollen.
* Paris, 30. Okt. Die Miniſter traten zu einem
Kabinettsrat zuſammen, in welchem beſchloſſen
wurde, daß Briand in der heutigen Nachmittagsſitzung
der Kammer die Erklärung abgeben ſolle, er würde eine
einfache Tagesordnung nicht zulaſſen, ſondern nur eine
Tagesordnung annehmen, die der Regierung
ihr Vertrauen ausſpricht.
* Paris, 30. Okt. Zum Schluß der Sitzung der
Kammer beſchloß eine Gruppe von 200 Abge=
ordneten
, welche ſich aus allen Parteien der Linken
zuſammenſetzte und größtenteils die geeinigten Sozia=
liſten
umfaßte, einſtimmig, daß infolge der von Briand
von der Tribüne des Hauſes geſprochenen Worte die
einfache Tagesordnung die einzige Möglichkeit
ſei, die Debatte zu beenden. Außerdem kam may da=
hin
überein, daß, falls Briand nochmals ſprechen würde,
niemand antworten ſolle. Die einfache Tages=
ordnung
, die morgen eingebracht wird, ſoll die Unter=
ſchrift
von 200 Abgeordneten der verſchiedenen Par=
teien
der Linken erhalten haben.
* Paris, 30. Okt. Die Worte des Miniſter=
präſidenten
, die den Tumult hervorriefen: Wenn
die Regierung in dem Geſetz nicht die Mittel gefunden
hätte, Herrin der ganzen Eiſenbahnen zu bleiben, hätte
ſie auch zur Ungeſetzlichkeit ihre Zuflucht nehmen müſ=
ſen
, und ſie hätte es getan, drangen in dem Lärm, der
nun folgte, nicht bis zu den Journaliſten. Nach dem
amtlichen Protokoll wiederholte Briand, daß
die Regierung innerhalb der Grenzen des Geſetzes
geblieben ſei, daß es aber Fälle geben könne,
bei denen es im höheren Intereſſe nötig
werden könnte, zur Ungeſetzlichkeit die
Zuflucht zu nehmen. Morgen wird das Land,
das der Anarchie ausgeſetzt war, ſagen, wer Unrecht

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tägblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

Nummer 253.

hat. Nach den heftigſten Angriffen geht man jetzt zur
Obſtruktion über. An der Wahrheit iſt es, zu ſagen,
ob man ſich behandeln laſſen will wie eine Verſamm=
lung
von Füchſen und ob morgen Männer der Unord=
nung
und der Gewalttat Herren dieſer Verſammlung
ſein werden. (Die Füchſe, von denen Briand nachher
ſpricht, ſind der franzöſiſche Ausdruch für Streikbre=
cher
.) Ich glaube, daß die Regierung das Land aus der
größten Gefahr gerettet hat, in welcher es ſich in den
letzten 20 Jahren befunden hat.
* Paris, 30. Okt. Die Nachmittagsſitzung der
Deputiertenkammer wurde in Gegenwart
ſämtlicher Miniſter bei überfüllten Tribünen eröffnet.
Kammerpräſident Briſſon verlaß mehrere Tages=
ordnungen
; diejenige, welche Raynaud namens der
demokratiſchen Linken einbrachte und welche der Re=
gierung
das Vertrauen ausſpricht, fand be=
ſonderen
Beifall. Landry (unabhängiger Sozialiſt)
billigt die geſtrigen Worte Briands. Dalimier ( ſozia=
liſtiſcher
Radikaler) erklärte, ſich nicht auf Briands
Standpunkt ſtellen zu können. Briand beſtieg darauf
die Tribüne. (Lebhafte Bewegung.)
Paris, 30. Okt. Die Deputiertenkammer
hat die von der Regierung bekämpfte ein=
fache
Tagesordnung mit 384 gegen 155
Stimmen abgelehn t. Nach längerer De=
batte
wude die geſamte Vertrauenstagesord=
nung
für die Regierung mit 388 gegen 94 Stim=
men
angenom men. Die nächſte Sitzung fin=
det
Donnerstag ſtatt.

Heſſiſcher Reiter=Verein.
St. Das Herbſtrennen des Heſſiſchen Reiter=
Vereins, das am geſtrigen Sonntag auf dem Griesheimer
Truppenübungsplatz zum Austrag gebracht wurde, war
trotz des zunächſt wenig angenehmen Wetters ungewöhn=
lich
zahlreich beſucht. Allerdings wurde der ſicher er=
wartete
Beſuch des Zaren in letzter Stunde abgeſagt.
Am Vormittag hatte es unaufhörlich geregnet, wodurch
die Bahn teilweiſe verbeſſert, zum Teil aber, da wo
Raſen in Frage kam, ſchlüpfrig und glatt geworden war.
Trotzdem verliefen die Rennen ohne nennenswerten Un=
fall
und zeitigten im einzelnen guten Sport und mehr=
mals
durch intereſſante Endkämpfe recht ſpannende Mo=
mente
. In der Jagdſpringkonkurrenz kam Leut. Fre=
ſenius
vom F.=A.=Regt. 61 auf Quirinus beim
Nehmen der Mauer zu Fall, überſchlug ſich und kam
unter ſeinem Pferde zu liegen. Quirinus benahm ſich
aber dabei ſo geſchickt, daß der ſehr gefährlich aus=
ſehende
Sturz für Roß und Reiter ohne erhebliche
Folgen blieb. Im Eröffnungsjagdrennen hatte Lt.
Freſenius auf Stromboli v. Bandit a. d. Sorma faſt
bis zum Einlauf die Führung, doch wurde ihm der
ſicher ſcheinende Sieg noch in der Graden entriſſen, weil
Stromboli das äußerſt ſcharfe Tempo nicht durchhielt.
Das ſportlich intereſſanteſte Weiterſtädter Jagdrennen
um den Ehrenpreis des Zaren brachte inſofern eine
Ueberraſchung, als gegen den das Rennen in überlegenem
Stil gewinnenden Lt. v. Waldenfels Proteſt ein=
gelegt
wurde, weil er eine Wendeflagge ausgelaſſen
hatte. Der heißbegehrte Preis fiel dadurch an Lt. von
Willich, der mit zwei erſten Preiſen am beſten
abſchnitt. Auch das den Beſchluß des Tages bildende
Jagdrennen brachte im Finis noch eine Ueberraſchung.
Der auf den dritten Platz, liegende Lt. Frhr. v. Hadeln
auf Baro holte in der Graden ſo mächtig auf, daß er
dem überlegen führenden Lt. v. Werner den ſicheren
Sieg um eine knappe Kopflänge entriß. Die einzelnen
Reſultate waren:
I. Eröffnungsjagdrennen. 3 Ehrenpreiſe,
Diſtanz 3500 Mtr. Erſter; Rittmeiſter von Schmel=
zing
, Gardedragoner=Regt. 23, auf 6j. br. St. Midgham
v. Ohittabob=Truton. Zweiter Lt. Frhr. v. Biegeleben,
Großh. Art.=Korps a. hellbr. St. Verveine II‟ Dritter
Lt. Freſenius, F. A.=R. 61, auf 5j. br. St. Stromboli
II. Reitpferdrennen. 3 Ehrenpreiſe, 3000 Mtr.
Erſter: Lint. Willich gen. von Pöllnitz, Leib=
drag
.=Reg. 24, auf 6j. F. St. Mäuschen. Zweiter Herr
Paul Heyl=Frankfurt auf 6j. br. W. Aſtronom.
Dritter Lt. von Werneburg, Garde=Drag. 23, auf F. St.
Kandza
III. Jagdſpringkonkurrenz. 6 Ehrenpreiſe.
Zu ſpringen waren: Ein weißer Balken 1m, ein weißes
Koppelrick 1,10 m, eine rote Mauer 1,10 m, eine Hürde
1,20 m hoch, 1 m feſt mit Balken davor, ein Graben von
2,50 m mit kleiner Hürde davor, ein Gittertor 1 m hoch,
rechts und links Draht. Erſter: Lt. v. Grunelius,
Leib=Drag. 24, auf 6jähr. F.=W. Z. II. Zweiter: Lt.
v. Guſtedt, Garde=Drag. 23, auf R.=W. Franzl
Dritter: Lt. v. Moßner auf F.=St. Blondine. Vierter:
Oberſt v. Müller’s (Großh. Art.=Korps) 8jähr. F.=St.
Lady, Reiter: Lt. Frhr. v. Biegeleben. Fünfter: Lt.
v. Lekow, Garde=Drag. 23, 6jähr. R.=St. Heideroſe‟.
Sechſter: Herr Paul Heyl auf Aſtronom
IV. Weiterſtädter Jagdrennen. Ehrenpreis
Sr. Maj. des Kaiſers von Rußland und zwei
weitere Ehrenpreiſe. Für Chargen= und geſtellte Dienſt=
pferde
. 2500 Mtr. Erſter: Ltnt. Frhr. v. Waldenfels
auf Ltnt. Hammachers R.=W. Eugen (disqualifiziert
wegen Auslaſſen einer Wendeflagge). Der Preis fällt
daher an Ltnt Willich gen. v. Pöllnitz Leib=Drag. 24,
a. 8j. F.=W. Filou. Zweiter Ltnt. v. Flotow. Leib=
Drag.=Regt. 24 auf R.=W. Cacao‟. Dritter Ltnt. Gallo
Train=Bat. 18 auf F.=W. Durchlaucht
V. Jagd mit Auslauf. 4 Ehrenpreiſe, 4000
Meter. Erſter: Leut. Frhr. von Hadeln, F.=A.=R. 61,
a. 6j. br. W. Baro. Zweiter: Leut. von Werner,
Leibdrag. 24, 7i. ſchwbr. W. Kenmore‟ Dritter: Leut.
von Werneburg, Garde=Drag. Regt. 23, a. F.=W. Kandza
Vierter: Leut. von Oppen, F.=A.=Rgt. 61, a. br. W.
Remis
Alsbald nach beendetem Rennen ließ der Aviatiker
Auguſt Euler ſeinen neuen Apparat aus der Halle
bringen und ſtieg unter dem brauſendem Beifall der
Rennbeſucher auf. Nach einem hübſchen Flug von
mehreren Runden landete er glatt vor ſeiner Halle.

Luftſchiffahrt.
* Kiel, 28. Okt. Infolge der ungünſtigen Witte=
rung
landete P VI heute abend gegen 7 Uhr bei
Bordesholm. Militär iſt zur Hilfeleiſtung abge=
ſandt
, um das Luftſchiff vor Unbilden der Witterung
zu ſichern. Die Weiterfahrt nach Kiel ſoll Samstag
vormittag angetreten werden.
* Kiel, 29. Okt. Parſeval Vl, welcher 11 Uhr
15 Min. in Bordesholm aufgeſtiegen war, erſchien kurz
nach 11 Uhr 30 Min. über der Stadt und landete nach
ſehr guter Fahrt um 11¾ Uhr vor der Halle auf dem
Sport= und Spielplatz,

* Kiel, 29. Okt. Nachdem P VF auf dem großen
Sportplatz niedergegangen war, begrüßte Admiral von
Moltke an der Spitze des Vorſtandes des Vereins für
Motorluftſchiffahrt der Nordmark die Luftſchiffer, insbe=
ſondere
den Führer Oberleutnant Stelling. Unter Muſik=
klängen
wurde das Luftſchiff in die Halle eingeführt. Es
finden bis auf weiteres täglich Aufſtiege zu Fahrten in
die Provinz und nach Schleswig=Holſtein ſtatt.
* Flugplatz Johannisthal, 30. Okt. Der Flie=
ger
Wienczier, der in Bork zum Ueberlandflug nach
Johannisthal um 2 Uhr 14 Min. ſtartete, kam hier in
einer Höhe von etwa 250 Metern um 2 Uhr 55 Minuten
10 Sekunden an. Die Flugzeit betrug 41 Minuten
10 Sekunden. Grade, der in Bork um 2 Uhr 26 Min.
ſtartete, kam hier in einer Höhe von ungefähr 50 Metern
um 3 Uhr 19 Minuten 30 Sekunden an. Die Flugzeit
betrug 53 Minuten 30 Sekunden. Thelen, der in Bork
um 2 Uhr 34 Min. 30 Sek. ſtartete, kam hier in einer
Höhe von etwa 200 Metern an und landete 3 Uhr 30
Minuten. Die Flugzeit betrug 56 Minten 15 Sekunden.
Das Wetter war ſchön, faſt windſtill.
* Bitterfeld, 29. Okt. Der neue Lenkballon
Parſeval VII machte heute Nachmitttag ſeine erſte
Probefahrt, die 20 Minuten dauerte und vollauf
befriedigte.
* Braunſchweig, 29. Okt. Nach einem Tele=
gramm
der Luftſchiffahrtsgeſellſchaft in Bitterfeld iſt
bei der heutigen Probefahrt des P. VII‟, der morgen
die Fahrt nach Braunſchweig antreten ſollte, die
Kuppelung der hinteren Ventilatorwelle ge=
brochen
. Der Monteur wurde an der Hand ſchwer
verletzt. Die Fahrt nach Braunſchweig wurde, da die
Reparatur trotz größter Eile einige Tage in Anſpruch
nimmt, verſchoben.
* Velmontpark, 29. Okt. Bei Beginn des heu=
tigen
Wettfliegens um den Gordon Bennet=Pokal
fuhr Leblanc gegen einen Pfoſten und zerſchmetterte
ſein Flugzeug. Leblanc iſt unerheblich verletzt. Brockins
verlor die Herrſchaft über ſeine Whrigtmaſchine und
ſtürzte ab; er iſt ſchwer verwundet.
* Brüſſel, 28. Okt. Der Flieger Mahien iſt
heute abend auf einer Wieſe bei Braine=le=
Compte (Provinz Hennegau) niedergegangen,
da es infolge Eintretens der Dunkelheit unmöglich
war, die Fahrt nach Brüſſel fortzuſetzen.
* Etampes, 28. Okt. Der Flieger Tabuteau
flog von 8 Uhr 45 Min. morgens bis 2 Uhr 45 Min.
nachmittags über dem hieſigen Aerodrom und ſtellte
damit einen neuen Weltrekord für den Dauer=
flug
auf, ebenſo ſchlug er mit 465 Kilometer den Welt=
rekord
über Entfernung.
* London, 29. Okt. Wie die Blätter melden, iſt
das Luftſchiff Clement Bayard für die eng=
liſche
Armee für 18000 Pfund angekaut. Das Kriegs=
miniſterium
zahlt 12500 Pfund, der Reſt ſoll durch
Subſkription aufgebracht werden.
sr. Das Internationale Flugmeeting
von Belmont=Park konnte nur mit vereinzelten
Flügen fortgeſetzt werden, da ein heftiger Wind wehte.
Das amerikaniſche Ausſcheidungsrennen für den Bennett=
Preis wurde abgeſagt, ebenſo der ſenſationelle Flug zur
Freiheitsſtatue, an dem, wie gemeldet, ſämtliche Wright=
Piloten auf Veranlaſſung von Wilbur Wright die Teil=
nahme
verweigerten. Für das Ausſcheidungsrennen ſind
die Amerikaner Brookins (Wright), Hamilton (Hamilton),
Moiſſant (Blériot) und Frisdie (Courtiß) ſtartberechtigt.
Trotz des ſtarken Windes flog Latham (Antoinette)
14 Runden, während die Wright=Piloten Johnſon und
Hoxſey ein Höhenflug=Match austrugen. Infolge der un=
günſtigen
Windverhältniſſe konnten ſie nicht zum Flug=
platz
zurückkehren, ſondern Hoxſey landete 25 engliſche
Meilen vom Aerodrom entfernt, Johnſon ſogar 45 eng=
liſche
Meilen bei Middle Island. Man hatte ſchon
befürchtet, daß die kühnen Aviatiker durch den Wind auf
das Meer hinausgetrieben ſeien.

Darmſtadt, 31. Oktober.
* Großh. Hoftheater. Die geſtrige Aufführung
der Offenbachſchen Oper Hoffmanns Erzähl=
ungen
fand vor ausverkauftem Hauſe ſtatt. Der
Vorſtellung wohnten bei der Kaiſer von Rußland,
der Großherzog und die Großherzogin, Prinz
und Prinzeſſin Heinrich von Preußen,
Prinzeſſin Luiſe von Battenberg und die drei
älteſten Töchter des Zarenpaares deren
friſche und muntere Kindlichkeit allgemein auffiel. Die
Damen ſaßen in den beiden oberen, die Herren in der
unteren Seitenloge zur Rechten der Bühne. Die
Herrſchaften mit Gefolge waren in ſechs Automobilen
von Wolfsgarten gekommen. Bei der Anfahrt und
Abfahrt hatte an dem Theater ein zahlreiches Publikum
Aufſtellung genommen. Bei der Aufführung, auf die
wir noch zurückkommen werden, boten die Herren Weber
und Hacker beſanders gute Leiſtungen.
St. Wolf=Mörike=Feier. Die Freie literariſch=künſtler.
Geſellſchaft veranſtaltete Samstag abend im Feſtſaale der
Vereinigten Geſellſchaft zum Gedächtnis von Hugo Wolfs
50. Geburtstag einen Hugo Wolf=Mörike=Abend, der eine
zahlreiche Gemeinde von Freunden der beiden Meiſter des
Volkslieds angelockt hatte. Der Abend, über den, was
den geſanglich=muſikaliſchen Teil anbelangt, ein unge=
wöhnlich
günſtiger Stern leuchtete, trug das Gepräge einer
vornehmen künſtleriſchen Veranſtaltung. Herr Univer=
ſitätsprofeſſor
Dr. Richard Sternfeld aus Berlin hielt
eine warm empfundene Gedächtnisrede auf Hugo Wolf,
der in ſeinen Werken ewig fortleben wird im deutſchen
Volke. Einem Meiſter des Liedes ſei dieſe Stunde ge=
weiht
, deſſen Genius einem leuchtenden Sterne gleich er=
ſchien
, um nie unterzugehen, der gehegt und geehrt ward
an der Stelle, wo geehrt zu werden, auch eine wirkliche
Ehre ſei. Zu ſeinen beiſpielloſen Erfolgen habe Hugo
Wolf neben ſeiner Genialität in erſter Linie ſein unum=
ſtößlicher
Glaube an ſich ſelbſt, an ſein Apoſteltum verhol=
fen
, der ihn von ſich ſelbſt ſagen ließ, als er noch unbe=
kannt
war: das, was ich jetzt ſchreibe, iſt gut, iſt für die
Nachwelt, iſt unſterblich! Dieſes Selbſtbewußtſein war bei
keinem unſerer großen Geiſter ſtärker ausgebildet, als bei
Hugo Wolf. Und wie hat er dabei kämpfen müſſen.
Trefflich ſchilderte der Redner das in perſönlichen Erin=
nerungen
an Beziehungen, die ihn in Freundſchaft mit
dem Komponiſten verbanden. Wie ſchon der 15jährige,
da die Eltern ihm die Mittel zum Muſikſtudium verſag=
ten
, ſich dieſe ſelbſt in ſchwerem Arbeiten erwarb. Wie
er ſpäter Wagner kennen lernte und nach einer Tann=
häuſer
=Aufführung deſſen ſchwärmeriſcher Verehrer wurde.
Schilderte in treffenden Worten den geiſtvollen, einen eige=
nen
Stil ſich bildenden Muſik=Kritiker; dann, als ſein
Genius ihm eigenes ſchaffen ließ, ſein leuchtendes Auf=
gehen
am Himmel der Kunſt; erzählte von dem erſten Hugo
Wolf=Abend in Berlin, von dem erſten in Darmſtadt, den
Arnold Mendelsſohn veranſtaltet; von Hugo Wolfs Indi=
vidualismus
, von ſeiner Begeiſterung am eigenen Schaf=
fen
und von ſeinem Wirken und Kämpfen, bis ihm das=

grauſame Schickſal ein Ziel ſetzte gleich anderer Großen
wie Lenau, Nietzſche bis er einging in die Nacht des
Wahnſinns, aus der er nicht mehr zum Licht empordringen
ſollte und erſt Erlöſung fand im Tode. Ueber 250 Lieder,
darunter 51 Goethelieder, 52 Mörikelieder, Spaniſche
und Italieniſche, ferner 2 Opern, Chorwerke uſw., waren
die Reſultate ſeines Schaffens.
Der zweite Teil des Abends brachte dann eine Aus=
leſe
aus dieſem Schaffen durch zwei Künſtler, die in ganz
hervorragender Weiſe befähigt waren, dem Komponiſten
Interpreten, ſeinen Werken Mittler zu ſein. Frau Lilly
Hafgren=Waag, Großh. Hofopernſängerin aus
Mannheim, die einen Sopran von wunderbarer Fülle
und Reinheit und von herrlichſtem ſüßeſten Wohlklange
ihr eigen nennt, ſang im Laufe des Abends folgende Lie=
der
von Mörike, Perlen Wolfſcher Tonkunſt: Der Knabe
und das Immlein, Begegnung, Zitronenfalter im April,
Elfenlied, Auf eine Chriſtblume, Nimmerſatte Liebe,
Erſtes Liebeslied eines Mädchens, Zum neuen Jahr.
Ihrem wunderbaren Stimmaterial geſellte die Künſtlerin
eine Innigkeit des Vortrages, die auch den Textgehalt der
Geſänge reſtlos erſchöpfte, ſodaß die künſtleriſch höchſtqua=
lifizierten
Darbietungen geradezu hinriſſen, bis der Bann
ſich in ſpontanem rauſchenden Beifall löſte. Herr Heinr.
Reinhardt=Darmſtadt bereitete, trotzdem wir auch von
dieſem Sänger nur gutes gewohnt ſind, geradezu eine
Ueberraſchung. Er war ausgezeichnet disponiert und der
beſonders in den mittleren Lagen ungemein ſympathiſche
Weichklang ſeines prächtig gefärbten Baritons brachte die
Lieder bei bei verſtändnisinnigem Vortrag zu tieſgehen=
der
Wirkung und ließ den Künſtler gerade für Wolfſche
Lieder prädeſtiniert erſcheinen. HerrReinhardt ſang: Schla=
fendes
Jeſuskind, Der König bei der Krönung, Der Ge=
neſene
an die Hoffnung, Auf einer Wanderung. Beide
Künſtler mußten ſich zu Zugaben verſtehen. Herr Profeſſor
Dr. Sternfeld war ihnen am Flügel ein feinſinniger
Begleiter.
Heſſiſche Maler im Ausland. Auf der Inter=
nationalen
Kunſtausſtellung in Buenos=Aires erhielt
Geh. Hofrat Profeſſor Eugen Bracht eine goldene
Medaille. Die Profeſſoren Otto Heinrich Engel und
Karl Bantzer ſtanden infolge früher zuerkannter
erſter Preiſe außer Wettbewerb. Darmſtadt war ſehr
ehrenvoll durch ein hervorragendes Werk von Pro=
feſſor
Richard Hoelſcher vertreten. Für die große
Internationale Kunſtausſtellung in Rom 1911 hat der
mit der Organiſation der deutſchen Abteilung beauf=
tragte
Kommiſſar, Akademie=Direktor Profeſſor F.
Roeber in Düſſeldorf, das durch die Ausſtellung des
Deutſchen Künſtlerbundes bekannt gewordene Gemälde
In der Ausſtellung des Darmſtädter Malers Adolf
Beyer eingeladen.
A Schauturnen. Das von der Turngemeinde
Darmſtadt am Sonntag nachmittag im großen Feſt=
ſaal
des Turnhauſes abgehaltene Schauturnen
war außerordentlich ſtark beſucht und nahm einen glän=
zenden
Verlauf. Saal und Galerien waren dicht be=
ſetzt
und auch viele auswärtige Turngenoſſen hatten
ſich zu der Veranſtaltung eingefunden. Punkt 3 Uhr
erfolgte der Aufmarſch der Turner von etwa 100 Mann
unter den Klängen des Turnermarſches zu den Stab=
übungen
, die unter Oberturnwart Maurers Leitung
exakt und muſtergültig durchgeführt wurden. Ebenſo
fand ein Stufenturnen am Barren in drei
Abteilungen den Beifall aller Turnfreunde. Hieran
ſchloſſen ſich vortrefflich ausgeführte Frei= und Ord=
nungsübungen
der Zöglings=Riege unter der Leitung
von Turnwart Hofferberth, dem ein Stufenturnen an
drei bruſthohen Recks folgte. Den Glanzpunkt des
Schauturnens bildete das Turnen am Sprung=
tiſch
, wobei die vortreffliche Ausbildung der Turn=
mannſchaft
und die Eleganz der Uebungen Bewunder=
ung
erregten, die mit reichem Beifall ausgezeichnet
vurden. Ebenſo fanden die von der geſamten Mann=
ſchaft
geſtellten Pyramiden, ſowie das Riegenturnen
am Barren, Reck und Sprungpferd, ſowie Weit= und
Hochſprung allſeitige hohe Anerkennung und Beifall.
Den Schluß des Turnen bildete das neue Suchball=
und Achterſternſpiel, die in ihrem Verlauf große Hei=
terkeit
erregten und einen würdigen Abſchluß des ſchön
erlaufenen Schauturnens der Turngemeinde bildeten.
Am Abend fand noch eine gemütliche Veranſtaltung
im Turnhauſe ſtatt.

D. Wixhauſen, 29. Okt. Bei der heute erfolgten
Bürgermeiſterwahl wurde der feitherige Bürger=
meiſter
Georg Pfaff mit 273 Stimmen wieder=
gewählt
. Wahlberechtigt waren ca. 320, im ganzen
wurden 278 Stimmen abgegeben. Es iſt dies der beſte
Beweis, daß der Gewählte das größte Vertrauen in
unſerer Gemeinde genießt.

Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)

* Berlin, 29. Okt. Die Juſtizkommiſſion des
Reichstages nahm einſtimmig zu § 147 der Straf=
prozeß
=Novelle folgende Beſtimmung an: Sobald ein
Antrag auf Eröffnung des Hauptverfahrens geſtellt wird,
darf dem Verteidiger die Einſicht aller dem Gerichte vor=
gelegten
Akten nicht verweigert werden.
* Danzig, 29. Okt. In Anweſenheit des Juſtizmini=
ſtres
Beſeler und anderer Herren des Juſtizminiſteriums
fand heute vormittag 10 Uhr die feierliche Einweihung
des neuen Juſtizgebäudes ſtatt, das mit einem
Koſtenaufwand von 2½ Millionen erbaut wurde und an=
nähernd
600 Bureauräume und 14 große Sitzungsſäle ent=
hält
. Die Weiherede hielt Landgerichtspräſident Schwartz=
Danzig, worauf der Juſtizminiſter nach einer kurzen An=
ſprache
eine Reihe von Ordensauszeichnungen und Titeln
bekannt gab.

* Belgrad, 29. Okt. Im Befinden des Kron=
prinzen
iſt infolge aufgetretener Furunkuloſe inſofern
eine Verſchlechterung eingetreten, als der Patient
von leichtem Fieber befallen worden iſt. Das Fieber wurde
durch Eiterung der Wunde am Rücken, die ſich geſtern ge=
öffnet
hat, hervorgerufen. Die Operationswunde iſt heute
rein und verurſacht dem Kronprinzen leichte Schmerzen.
Eine zweite ungünſtige Erſcheinung iſt das Auftreten eines
leichten Huſtens und eines ſchwachen trockenen Katarrhs
der unteren Lunge.
* Belgrad, 29. Okt. Der Kronprinz verbrachte
den Tag ruhig. Die Nahrungsaufnahme iſt genügend,
das Allgemeinbefinden iſt unverändert.
* Brüſſel, 29. Okt., 10 Uhr 20. Min. Das Café
Kosmos auf dem Gelände der Weltausſtellung
ſteht in Flammen. Jede Gefahr der Ausbreitung
des Feuers iſt beſeitigt.
* Liſſabon, 30. Okt. Der frühere Miniſterpräſident
Franco iſt verhaftet worden.
* Montevideo, 29. Okt. Die Entlaſſung des
Miniſters des Aeußern, Bachini, wurde an

[ ][  ][ ]

Nummer 255.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

Seite 7.

genommen. Ginanzminiſter Dr. Mlas Bihal wurde
proviſoriſch mit der Führung des Auswärtigen Amtes
betraut.
Berlin, 29. Okt. In einem Hauſe der Oranien=
ſtraße
erfolgte heute morgen eine Gasexploſion.
Durch den entſtandenen Brand gerieten vier Perſonen
in Lebensgefahr, die nur mit Mühe gerettet werden
konnten. Ein Laden brannte vollſtändig aus.
Breslau, 29. Okt. Sanitätsrat Dr. Melchior
Willim, der ſich am 1. Mai 1880 mit der Prinzeſſin
Pauline von Württemberg vermählte, iſt im Alter von
57 Jahren infolge eines Schlaganfalles geſtorben.
H. B. Poſen, 29. Okt. Seit heute nacht ſteht die Ze=
gieeſkiſche
Maſchinenfabrik in Flam=
men
. Die Fabrik iſt eines der größten induſtriellen
Etabliſſements der ganzen Oſtmark. Das ganze Ge=
bäude
iſt bereits niedergebrannt. Der Schaden bezif=
fert
ſich bis jetzt auf mehrere Hunderttauſend.
H. B. Brüſſel, 29. Okt. Ueber die Ausſichten
einer Weltausſtellung in Berlin hat ſich
der Kaiſer bei ſeinem Beſuch der deutſchen Abteilung
in Brüſſel zu dem Reichskommiſſär Geheimrat Albert,
der ihn durch die Ausſtellung in Brüſſel führte, ſehr
eingehend ausgeſprochen. Der Kaiſer hat ſich dem gro=
ßen
Eindruck der deutſchen Vertretung nicht entziehen
können. Er hat ſich zu dem Grafen Eulenburg und
dem Herzog von Urſel dahin geäußert, welche Bedeut=
ung
es gehabt habe, daß Deutſchland als einziges Land
am Eröffnungstage ſeine Sektion fix und fertig habe
präſentieren können. Dies habe er den leitenden Per=
ſönlichkeiten
hoch angerechnet. Für eine Weltausſtel=
lung
in Berlin aber lägen die Verhältniſſe doch weſent=
lich
ſchwieriger, als in Brüſſel. Hier ſtänden wohl
weſentliche Bedenken und Fragen, zunächſt die Platz=
frage
, im Vordergrunde. Berlin habe kein nahe ge=
legenes
geeignetes Terrain. Man dürfe auch nicht
überſehen, daß in den letzten Jahren ſich die Ausſtel=
lungen
ſehr gedrängt hätten. Die Induſtrie habe daher
keine Neigung, ſich an einer Weltausſtellung zu beteili=
gen
. Dieſer ſei mehr gedient durch bedeutende Spezial=
Ausſtellungen.
H.B. Petersburg, 29. Okt. Die Landesverteidig=
ungskommiſſion
beſchloß den ſofortigen Bau von
zwei Feſtungen im Finniſchen Meer=
buſen
; die eine in der Nähe von Reval, die andere
auf einer Inſel in den Finniſchen Schären. Die erſtere
Feſtung ſoll mit 170 Geſchützen, darunter 20 zwölfzöl=
lige
in Panzertürmen, ausgerüſtet werden. Die Ge=
ſamtkoſten
betragen 250 Millionen. Die Bauzeit iſt
auf drei Jahre berechnet. Zweck der Feſtungsbauten
iſt der Schutz von Petersburg wie des Finniſchen Meer=
buſens
, um ihn bei Kriegszeiten für Feinde abſperren
zu können.

bt im Menschenleben Augenblicke,
in denen man verzweifelt nach Hilfe Umſchau hält
und keinen Rat mehr findet. Namentlich dann,
wenn man ſchwer erkältet iſt und doch nicht Zeit
hat, ſich ins Bett zu legen. Aber dann kauft man
ſich einfach eine Schachtel Fays ächte Sodener
Mineral=Paſtillen, gebraucht ſie nach Vorſchrift
und wird geſund, ohne Arbeitsunterbrechung und
in der bequemſten Weiſe. Fays ächte Sodener
kauft man für 85 Pfg. in allen einſchlägigen Ge=
ſchäften
, achte jedoch ſtreng darauf, daß man
keine Nachahmung erhält.
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Heute Nacht verſchied ſanft nach kurzem,
ſchwerem Krankenlager mein lieber Gatte, unſer
guter Bruder, Schwager und Onkel (B21151
Herr Karl Wilhelm Ihm
Privatdiener
im Alter von 58 Jahren.
Im Namen der tieftrauernden Hinterbliebenen:
Marie Ihm, geb. Fischer.
Darmſtadt, den 30. Oktober 1910.
Die Beerdigung findet am Dienstag, 1. Nov.,
nachmittags 3 Uhr, vom Portale des Darm=
ſtädter
Friedhofs aus, ſtatt. Die Einſegnung
daſelbſt unmittelbar zuvor.

Todes-Anzeige.
Heute erlöſte der Tod von langem ſchweren
(21148
Leiden
Frau

I

Emilie, geb. Lehrfeld.
Die trauernden Hinterbliebenen.
Darmſtadt,
29. Oktober 1910.
Karlsruhe,

Todes-Anzeige.

Heute Mittag verſchied unſere innigſtge=
liebte
Mutter, Schwiegermutter, Schweſter,
(21150
Schwägerin und Tante
Frau
Johanna Lakowsky
geb. Guthmann.
Darmſtadt, 30. Oktober 1910.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen.
Die Beerdigung findet Dienstag, den 1. Nov.,
nachm. 3 Uhr, vom israel. Friedhof aus, ſtatt.

Für die uns bei dem Hinschei-
den
meines lieben Mannes erwiesene
so wohltuende Teilnahme spreche ich
hiermit, zugleich im Namen meiner
Kinder, meinen herzlichsten Dank

aus.

(21149
Marie Koelsch,
geb. Holl.
Darmstadt, 30. Oktober 1910.

Todes-Anzeige.
Heute früh 5½ Uhr entſchlief nach länge=
rem
Leiden unſer lieber, treubeſorgter Vater,
Schwiegervater, Großvater und Urgroßvater
Herr
Christian Strassburger
Trompeter i. P.
im faſt vollendeten 84. Lebensjahre. (21147
Um ſtille Teilnahme bitten
im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Adam Plösser und Frau,
geb. Strassburger.
Darmſtadt, Mainz, Pfedders=
heim
, den 29. Oktober=1910.
Die Beerdigung findet Montag, den 31. Ok=
tober
, nachmittags 3½ Uhr, vom Portale des
Friedhofes aus, ſtatt.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
an dem Heimgang meines lieben Mannes, un=
ſeres
guten Vaters und Bruders
(21146
Herrn Ferdinand Schäfer
Lackierer
und für die zahlreichen Blumenſpenden, ſagen
wir Allen herzlichen Dank. Ganz beſonders
danken wir Herrn Pfarrer Weißgerber für die
troſtreichen Worte, ſowie den Schweſtern des ſtädt.
Krankenhauſes für die liebevolle Pflege.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Frau Louiſe Schäfer Witwe.

Dankſagung.
Für die wohltuenden Beweiſe herzlicher An=
teilnahme
beim Hinſcheiden unſeres lieben
Vaters ſprechen wir unſeren innigſten Dank
(21128
aus.
Im Namen der Hinterbliebenen:
Carl Pückel,
Amtsrichter.
Darmſtadt, Oktober 1910.

Tageskalender.
Hoftheater, Anfang 7 Uhr (Ab. A): Taifun.
Gaſtſpiel des Oberbayr. Bauerntheaters um 8¼ Uhr
im Orpheum (Die Medaille und I. Klaſſe‟).
Kammermuſikabend des Darmſtädter Streichquartetts
um 8 Uhr im Hotel Zur Traube‟
Vortrag von Pfarrer Werner um 3 Uhr im Kaiſer=
ſaal
(Kirchlich=poſitive Vereinigung).
Aufführung der Joachimſchen Geſangsſchule um 8 Uhr
im Saale der Loge (Sandſtraße).
Verſammlung des Bezirksvereins Johannesviertel.
um 8½ Uhr im Frankfurter Hof.
Verſammlung der Bewohner des Martinsviertels
um 9 Uhr im Mathildenhöhſaal.
Verſammlung der Handlungsgehilfen um 9 Uhr im
Fürſtenſaal.
Konzert um 8 Uhr im Hotel Heß.
Konzert um 8 Uhr im Reſtaurant Metropol.
Konzert um 8 Uhr im Perkeo.
Oktoberfeſt um 5 Uhr im Kölniſchen Hof.
Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei=
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil: J. Kroſt, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

Total-Ausverkauf
wegen gänzlicher Geschäftsaufgabe. Da ich in kürzester Zeit mit dem ganzen Lager vollständig räumen muss, sind die
Preise beispiellos bill
restellt,
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sodass es im Interesse einer jeden Dame liegt, ihren Bedarf für Herbst und Winter, sowie für Weihnachten, bei dieser

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Weisser Turm.

[ ][  ][ ]

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

Nummer 255

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Markt 7

Markt 7

Profelverlammlung
gegen die Angeiffe des römiſchen Bürgermeiſters
Nathan auf das Papſtum
Freitag, den 4. November, abends 8½ Uhr,
im Konkordiaſaale‟, Waldſtraße 33.
(21105od
Redner: Herr Dr. Meffert

Gesangs=Aukfuhrung
der Joachim’schen Gesangschule, Parcusstrasse 9,
Montag, den 31. Oktober, abends 8 Uhr,
im Saale der Loge‟, Sandstrasse 18.
Einlaßkarten zu 1 Mk. und zu 50 Pfg. und Programm ſind bei L. Schutter
(Thies Nachf.), in der Schule und abends an der Kaſſe erhältlich.
(20893fso
Flügel aus der Pianofortehandlung von L. Schutter.
Zur ſatzungsgemäßen allgemeinen Verſammlun
der

von der Zentrale des Volksvereins in M.=Gladbach.
Zu dieſer Kundgebung der Liebe und Anhänglichkeit an den
hl. Vater werden alle Katholiken Darmſtadts dringend eingeladen
Der Volksverein für das katholiſche Deutſchland.
Bezirksverein Johannesvierten.
Mitglieder=Verſammlung
Montag, den 31. Oktober, abends 8½ Uhr,
im Sälchen des Frankfurter Hof‟
Ecke der Frankfurter= und Landwehrſtraße.

Schiller=Stiftung
dahier lädt die Mitglieder auf
Donnerstag, den 10. November, abends 5 Uhr,
in das Lehrerzimmer des Ludwig Georg=Gymnaſiums ein.
Darmſtadt, 29. Oktober 1910.
Der Vorſtand:
Buchner.
(21106
Deutscher und Oesterreichischer Alpenverein
Sektion Darmstadt (E. V. Gegründet 1870.)
Dienstag, den 1. November 1910, abends 8½ Uhr,
im Fürstensaal, Grafenstrasse 20:
2
Monats-Versammlung.

Tageserdnung.: Programm u. Kandidaten zur bevorſtehenden
Stadtverordneten=Bahl.
20938fo)
Um zahlreiches Erſcheinen wird erſucht.
Der Vorstand.
Darmstädter Streichquartett(Kll Jahr.)
Fr. Mehmel, A. Diedrich, Fr. Brückmann, A. Weyns.

Vortrag des Herrn cand. arch. W. Hüffell: Besteigungen in der
Brenta-, Adamello- u. Ortler-Gruppe‟ Mit Vorführung von Lichtbildern.
Die Familienangehörigen der Mitglieder u. eingeführte Gäste sind willkommen.
Der Vorstand.
21104)
66
Weinstube Lorele-
(20662a
Nieder-Ramstädterstrasse 14.
Neuer Besitzer: J. Simon, vorm. Hotel Felsberg.

I. Kammermusik-Abend
Montag, den 31. Oktober 8 Uhr (Ende ¾/10 Uhr)
im grossen Saale des Hotels Zur Traube‟
Mitwirkende: Herr A. Riechers, 1. Solo-Klarinettist am Opernhaus in Frankfurt;
(Klay.) die Herren Hofmusiker O. Müller (Bass), G. Wendorf (Fagott) und Kammer-
musiker
U. Rohde (Horn).
Programm: H. Wolf, Streichquartett D-moll und Fr. Schubert, Oktett für
Streichquintett, Klarinette, Fagott und Horn op. 166, F-dur.
Karten bei G. Thies Nchfl. (L. Schutter), Hofmhdlg., Elisabethenstr. 12 und
an der Abendkasse.
Preise: Abonnement für 4 Abende: Sperrsitz M. 10. Saal M. 6., (einzeln: M. 3. u.
M. 2.). Stud.- und Schüler-Abonnement: Sperrsitz M. 6., Saal M. 4. (einzeln: M. 2.
M. 1.50 und Galerie M. 1..
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2 vergoldete Empirevasen, 1 altes Meissner Kaffeeservice
mit Tablett (hochfein bemalt), einige alte Fayencekrüge,
6 Ludwigsburger Teller und 2 Platten, 3 echte Delfter
Wandplatten, Oelgemälde, 1 alter getriebener Kirchenbecher,
verschiedene sehr schöne Zinngegenstände.
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M. Many, Frankfurterstrasse 6, II.
Kunst- u. Antiquitäten-Handlung.

[ ][  ][ ]

1. Beilage zum Darmſtädter Tagblatt.

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Montag, 31. Oktober.

1910.

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(2350h

Auf Liebespfaden.
Roman von H. Ehrhardt.
(Nachdruck verboten.)
14)
Ein Stückchen mußte ſie noch gehen, aber Hoffnung und
Seligkeit machten ihre Schritte leicht.
Rings um ſie ſproßte der Frühling. Ueber junger
Saat ſtrieg trillernd eine Lerche auf, von den Birken am
Rande des kleinen Wäldchens drüben am Berge wehten
grüne Schleier.
Sie ſah ſich ſchon dort mit ihrem Hans wandern, Arm
in Arm, Auge in Auge.
O, das Glück war gar nicht zu faſſen, daß jetzt der
Zug durch das Land brauſte, in dem der Geliebte ſaß, ſich
ihr von Minute zu Minute näherte. Die glänzenden
Schienengleiſe blitzten ſo freudig im Sonnenlicht, das
kleine rote Stationsgebäude ſah ſo freundlich drein, der
junge Stationsaſſiſtent ſchmunzelte ſo vergnügt, als ob ſie
alle teilnehmen wollten an dem Glück des Wiederſehens,
deſſen Zeugen ſie ſein würden.
Natürlich war die kleine Helene viel zu zeitig zur
Stelle und mußte ſich noch eine Viertelſtunde damit be=
gnügen
, nur im Geiſte mit ihrem Hans vereint zu
ſein, ſich vorzuſtellen, wie er ausſehen, was er ſagen,
ob er ihr vor allen Leuten einen Kuß geben würde.
Schließlich verſank ſie ſo in ihre Träumereien, daß
ſie bei dem langgezogenen Pfiff, dem Rollen des nahen=

den Zuges zuſammenſchrak und eine Art Lähmung
durch ihren jungen Körper ging.
Sie konnte keinen Schritt tun, ſondern ſtand, wo
ihr Wandern ſie gerade hingeführt, ein wenig abſeits,
mitten im grellen Sonnenſchein. Vor’ Aufregung war
jeder Blutstropfen aus ihrem Geſicht gewichen, ihre
Hände, um den Sonnenſchirm gekrampft, zitterten,
ihre dunkel bewimperten Augen blickten ſcheu, ſuchend,
voll verhaltener Seligkeit die lange Wagenreihe des
Bummelzuges entlang.
So ſtand ſie noch, als die dunklen Wagen mit ein
paar neugierigen Reiſenden an den Fenſtern, nach
kurzem Aufenthalt an ihr vorüberglitten, nur in ihren
Augen war jeder Glücksſchein ausgelöſcht.
Hans von Haſſingen war nicht gekommen.
Es war alles vorbei, das ſehnſüchtige Hoffen, die
jauchzende Glückſeligkeit. Sie war wieder die arme,
kleine Blume, die im Schatten ſtehen mußte. Noch
konnte ſie es nicht faſſen, noch irrten ihre bangen Augen
immer wieder über den Bahnſteig, als müſſe irgendwo
die wohlbekannte, hohe, ſchlanke Offiziersgeſtalt auf=
tauchen
, aber nur der hübſche Stationsaſſiſtent kam auf
ſie zu mit der Frage, ob ſie vergeblich auf jemanden
gewartet habe.
Da kam ſie zur Beſinnung und verließ, ohne dem
Neugierigen eine Antwort zu geben, den kleinen
Bahnhof.
Aber ſie nahm nicht den Weg, den ſie gekommen.
Ihr ſuchender Blick hatte auf einer kleinen Anhöhe
eine roh gezimmerte Holzbank bemerkt, von Schlehdorn=

gchiſch und erinenden Bitien angehen, Dant hinatf
ſchleppte ſie ſich mit ihrem Weh.
Noch barg ihr Herz daneben die ſchwache Hoffnung,
Hans Haſſingen könne vielleicht mit einem ſpäteren
Zuge kommen, und dann ſollte er ſich nicht getäuſcht
haben, er ſollte ſie noch hier finden.
Von der Bank aus hatte ſie den Blick auf den
ganzen Bahnſteig frei, nichts konnte ihr dort entgehen.
So ſaß ſie denn da und wartete.
Der laue Wind, der die grünen Birkenzweige
ſchaukelte, ſtrich ihr koſend um die blaſſen Wangen,
wehte ihr neckend weiße Blütenblättchen vom Schleh=
dornbuſch
in den Schoß, ſie merkte es nicht. Sie hörte
nur auf das dumpfe Rollen nahender Züge, ſtarrte nur
auf die wenigen Paſſagiere, die ſie ausluden, oder
folgte mit heißen Augen einem durchraſenden
Schnellzug.
Die Dämmerung ſank, es wurde kühler, ſie empfand
nichts davon. Sie hatte nicht die Energie, den ver=
lorenen
Poſten zu verlaſſen.
Sie hörte auch nicht den nahenden Schritt eines
Menſchenfußes und erſchrak kaum, als eine Hand ihre
Schulter berührte, ganz apathiſch hob ſie die erloſchenen
Augen.
Helene, liebe, kleine Helene! ſagte der Mann vor
ihr weich und innig. Ich bin beauftragt, Sie nach
Hauſe zu holen, ehe die Eltern anfangen, ſich zu be=
ruhigen
, Aenne ſchickt mich, ſie iſt in großer Sorge um
Sie Er ſagte nichts von der Angſt, die ihn ſelbſt
hierher getrieben, aber ſie lag noch auf ſeiner heißen

[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

Nummer 255.

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Stirn und ſeinen erregten Zügen, in denen es mächtig
arbeitete, als er, da Helene kein Zeichen von Bewegung
gab, entſchloſſen fortfuhr: Ich muß es Ihnen geſtehen,
Helene in ihrer Angſt hat Aenne mir Ihr Geheimnis
verraten, es iſt gut bei mir bewahrt, aber nun denken
Sie noch einmal, ich ſei der Onkel aus der Kinder=
zeit
und haben Sie Vertrauen zu mir, vielleicht kann
ich Ihnen helfen.
In des Mädchens Starrheit riſſen die warmen
Worte des Freundes eine Breſche, es quoll weich und
weh zugleich in ihr auf, die Erinnerung, wie alles
immer gut geworden in Paul Heineckes geſchickten
Händen, wie tröſtlich es geweſen war, wie beruhigend,
wenn er ihr Hilfe angeboten, und während die erſten
Tränen erlöſend in ihre Augen ſtiegen, ſchluchzte ſie
wie ein Kind auf:
Lieber Onkel Paul, er iſt nicht gekommen.
Er hatte ſich neben ſie geſetzt, und, an ſeine Schulter
gelehnt, weinte ſie ſich aus.
Der Mann aber durchkämpfte wohl keinen ge=
ringeren
Schmerz als ſie.
Er hing mit der ganzen Stärke ſeines ehrlichen
Herzens an dieſem jungen, kindlichen Geſchöpf, deſſen
troſtloſes Weinen einem anderen galt, dem leicht=
ſinnigen
Offizier, der ihr.törichtes Kinderherz mit dem
bunten Rock und ſchönen Worten verblendet haben
mochte, und der ihr nun ſo viel Weh bereitete.
Vitterkeit und Zorn ſtiegen in ihm auf, aber als
er ihnen, nachdem Helene ruhiger geworden, Worte
verleihen wollte, nahm das junge Mädchen in einer ſo
leidenſchaftlichen Art, wie er noch gar nicht an ihr
kannte, Partei für ihren Hans.
Nein, er war nicht leichtſinnig, er hatte ſie nicht

betört, er war auch heut ganz ſicher nicht ſchuld an der
Enttäuſchung, die ſie erlitten hatte.
Aber wenn auch, liebe, kleine Helene! fiel Paul
Heinecke ein, beſchwörend die kalten Mädchenhände er=
faſſend
. Heiraten kann er Sie ja doch nicht.
Doch! Wir warten bis zum Hauptmann. Wir
haben uns ja ſo lieb, ſo lieb!
Wie rührend zuverſichtlich das klang! Der Mann
wandte ſich ab, weil ihm die unmännliche Träne kam.
Helene aber war jetzt mitten drin in ihrem Liebes=
rauſch
. Sie erzählte dem nicht mehr Widerſprechenden
von Lisbeths Einladung nach Harzburg, und daß ſie
ihren Hans bei dieſer Gelegenheit wiederſehen müſſe
und ſollte ſie direkt nach B. deshalb fahren. Sie ſtürbe
ſonſt einfach vor Sehnſucht.
Paul Heinecke ſchwieg dazu, und das war, inſtinktiv
gewählt, der richtigſte Weg, ſich Helenens Vertrauen in
dieſer Angelegenheit von jetzt ab zu ſichern.
Seinem intelligenten Geſicht war anzumerken, daß
er ſehr genau zuhörte und ſcharf nachdachte, er war ein
heimlicher, aber ein ausdauernder Kämpfer.
Als ſie den Weg durch die Felder ſchritten, und
Helene doch im Rückerinnern den wehen Stich fühlte,
der eine ſchöne Hoffnung getötet, blinkte vor ihnen am
blaßgrauen Himmel der erſte Stern auf, die Venus, der
Stern der Liebe.
Sie ſahen ihn beide, und in beider Herzen entzün=
dete
er aus der Aſche der ſchmerzlichen Enttäuſchung ein
ſchwaches Flämmchen einer neuen Hoffnung.
XV.
Auch im Harz war, ein wenig ſpäter als im Weſten
Deutſchlands, im vollen Glanze ſeines ſonnengoldenen
blütenbeſtickten Gewandes der Frühling eingezogen.

Die kleine Garniſonſtadt lag in Grün und Weiß
gebettet, aus den Gärten duftete es betäubend nach
aufbrechendem Flieder.
Durch all dies Blühen und Duften ſchritt Leutnant
von Haſſingen mit düſteren Augen und feſt zuſammen=
gepreßten
Lippen.
Sein Knie war wieder einmal völlig geheilt, aber
er ſah trotzdem nicht gut aus.
Er war magerer geworden und hatte eigentümlich
geſchärfte Züge, wie fortdauernde Sorgen ſie zeichnen.
An dieſem heißen Frühlingstage ſah er zudem noch
ſehr erregt aus.
Vor einer kleinen Villa dicht am Waldrande des
Kaiſerberges zögerte er erſt einen Moment unſchlüſſig
und klingelte dann.
Im Oberſtock derſelben bewohnte Leutnant Eſpach
ſeit kurzem zwei Zimmer, während die anderen noch
auf den Einzug der jungen Frau Lisbeth bis nach dem
Manöver warten mußten.
Der Burſche öffnete. Ja, Herr Leutnant waren zu
Hauſe.
Haſſingen ſprang die Treppe in die Höh’ und
öffnete oben, ohne ein Herein abzuwarten, die Tür zu
Eſpachs Wohnzimmer.
Die Fenſter ſtanden weit offen. Im jungen
Buchenlaub ſpielte der warme Maiwind, und die
Sonne ſtreute goldene Flecken in das lichte Grün. Es
duftete nach feuchter, warmer Erde und nach Früh=
lingsblumen
.
(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Nummer 255

Seite 11.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

Amtliche Nachrichten des Großherzoglichen Polizeiamts Darmſtadt.
Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde.
In polizeilicher Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 2. Pinſcher.
Die Hunde können von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt
werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werk=
tag
, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.
Spülung des Waſſerrohrnetzes.
Im Laufe der nächſten Woche wird eine Spülung des Waſſerrohrnetzes in
den unten bezeichneten Stadtteilen vorgenommen, welche in der Zeit von 10 Uhr abends
bis 5 Uhr morgens eine zeitweiſe Unterbrechung der Waſſerabgabe, ſowie eine Trübung
des Waſſers mit ſich bringt; die Waſſerabnehmer werden deshalb gebeten, ſich vorher
mit Waſſer zu verſorgen.
Spülplan.
1. In der Nacht von Montag, den 31. Oktober zu Dienstag, den
1. November 1. Js., werden geſpült:
die Spülbezirke I und II.
In dieſe Bezirke fallen alle Straßenzüge ſüdlich der Bismarckſtraße, weſtlich vom
Paradeplatz, nördlich des Teiles der Rheinſtraße, zwiſchen Ernſt=Ludwigs=Platz und
Wilhelminenſtraße, weſtlich des Teiles der Wilhelminenſtraße, zwiſchen Rheinſtraße
und Heinrichsſtraße, weſtlich vom Wilhelminenplatz, nördlich des Teiles der Heinrichs=
ſtraße
von der Wilhelminenſtraße bis zur Heidelberger=Straße, öſtlich des Teiles der
Heidelberger=Straße, zwiſchen Heinrichsſtraße und Eſchollbrücker=Straße, nördlich der
Eſchollbrücker=Straße, zwiſchen Heidelberger=Straße und Stadtallee, nördlich der Stadtallee
von der Eſchollbrücker=Straße bis zur Main=Neckar=Bahn und öſtlich der Main=Neckar=
Bahn zwiſchen Stadt=Allee und Bismarckſtraße.
Von den dieſe Spülbezirke umgrenzenden Straßen und Plätzen weroen mitgeſpült
die Bismarckſtraße, die oben angegebenen Teilſtrecken der Wilhelminenſtraße und der
Heinrichsſtraße und die Nordſeite der Rheinſtraße, zwiſchen Ernſt=Ludwigsplatz und
Wilhelminenſtraße. Ferner wird noch mitgeſpült die Frankfurter=Straße, zwiſchen Bis=
marck
= und Kahlertſtraße.
2. In der Nacht von Mittwoch, den 2. zu Donnerstag, den 3. November I. Js
die Spülbezirke III und IV.
werden geſpült:
In den Spülbezirk III fallen ſämtliche Straßenzüge nördlich der Bismarck=
ſtraße
und weſtlich der Frankfurter=Straße, ſowie die Straßenzüge nördlich der Holzhof=
allee
und weſtlich der Main=Neckar=Bahn.
Von den dieſen Bezirk umſchließenden Straßen werden mitgeſpült die Frank=
furter
=Straße von der Kahlertſtraße aus in der Richtung nach Arheilgen und die
Holzhofallee.
In den Spülbezirk IV fallen die Straßenzüge öſtlich des Teiles der Wil=
helminenſtraße
, zwiſchen Heinriche= und Rheinſtraße, ſüdlich des Teiles der Rhein=
ſtraße
, zwiſchen Wilhelminenſtraße und Ernſt=Ludwigs=Platz, ſüdweſtlich vom Ernſt=
Ludwigs=Platz und Marktplatz, ſüdweſtlich und weſtlich der Kirchſtraße, weſtlich des
Teiles der Karlsſtraße, zwiſchen Kirchſtraße und Heinrichsſtraße und nördlich des Teiles
der Heinrichsſtraße, zwiſchen Karls= und Wilhelminenſtraße.
Von den dieſen Spülbezirk eingrenzenden Straßen und Plätzen werden mitgeſpült
die Kirchſtraße, die oben angegebenen Strecken der Karls= und Heinrichsſtraße, ſowie die
Südweſtſeite des Ernſt=Ludwigs= und des Marktplatzes und die Oſtſeite des Wilhelminen=
platzes
, ferner wird mit dieſem Bezirk geſpült die Kapellſtraße.
3. In der Nacht von Samstag, den 5. zu Sonntag, den 6. November I. Js.
die Spülbezirke VI und VII.
werden geſpült:
Dieſe Bezirke liegen einmal zwiſchen Dieburger= bezw. Alexanderſtraße und
Heinrichsſtraße und erſtrecken ſich ferner vom Parade=, Ernſt=Ludwigs= und Marktplatz,
ſowie der Kirch= und Karlsſtraße bis zum Woog und der Odenwaldbahn; ausgeſchloſſen
iſt die Mathildenhöhe, ſowie die Alexander= und Dieburger=Straße ſelbſt.
Darmſtadt, den 25. Oktober 1910.
(20960so
Städtiſche Waſſerwerks=Verwaltung.
Rudolph.

Bekanntmachung.
Donnerstag, den 17. November 1. Js.,
vormittags 10 Uhr,
ſoll die dem Sekretär Wilhelm Pieper
und ſeiner Ehefrau Auguſte Katharine, geb.
Schmidt, dahier zugeſchriebene Liegenſchaft:
Flur Nr. qm
II 794¼/10 175 Hofreite Heinrich=
ſtraße
Nr. 70,
in unſerem Bureau zwangsweiſe verſteigert
(K95/10
werden.
Falls andere rechtliche Hinderniſſe nicht
entgegenſtehen, kann Genehmigung der Ver=
ſteigerung
auch dann erfolgen, wenn das
eingelegte Meiſtgebot die Schätzung nicht
erreicht.
Darmſtadt, den 28. Oktober 1910.
Großherzogliches Ortsgericht Darmſtadt I.
(D21108,9
Müller.

Bekanntmachung.
Donnerstag, den 17. November 1. Js.,
vormittags 10 Uhr,
ſoll die den Kaufmann Karl Henkelmann
Eheleuten dahier zugeſchriebene Liegenſchaft:
Flur Nr. qm
22 57582/1000 446 Hofreite Emilſtraße
Nr. 25,
in unſerem Bureau zwangsweiſe verſteigert
(K100/10
werden.
Falls andere rechtliche Hinderniſſe nicht
entgegenſtehen, kann Genehmigung der Ver=
ſteigerung
auch dann erfolgen, wenn das
eingelegte Meiſtgebot die Schätzung nicht
erreicht.
Darmſtadt, den 24. Oktober 1910.
Großherzogliches Ortsgericht Darmſtadt I.
Müller.
(D21109,9

Paul Wolf
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Auf dem Hofe der Trainkaſerne zu
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den
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am Mittwoch, den 2. November und
Donnerstag, den 3. November 1910,
von vormittags 9 Uhr ab,
etwa 160 überzählige Dienſtpferde öffent=
lich
meiſtbietend gegen Barzahlung ver=
(20671io
ſteigert.
Darmſtadt, den 24. Oktober 1910.
Train=Bataillon Nr. 18.

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Bekanntmachung.
Betreffend: Schutz der Waſſer=Zu= und=Ableitungen im Winter.
Vor Beginn des Winters machen wir die hieſige Einwohnerſchaft auf die Schäden
und Nachteile aufmerkſam, die durch Froſt an den Waſſer=Zu= und=Ableitungen in den
Häuſern entſtehen können, und empfehlen, nachſtehendes zu beachten:
Wenn Türen und Fenſter der Keller nicht gehörig geſchloſſen gehalten werden,
ſo iſt das Einfrieren der Waſſermeſſer zu erwarten. Dabei zerſpringt die Glasplatte
der Meſſer; außerdem wird das Gehäuſe des Meſſers zerſprengt und das Räderwerk
zerſtört. Türen und Fenſter der Keller ſind deshalb gut geſchloſſen zu halten.
Bei anhaltendem ſtrengen Froſt (50 C.) wird es außerdem notwendig, die
Waſſermeſſer und die anderen Teile der Waſſerleitung durch Umhüllen mit lockerem
Stroh oder mit dicken Tüchern zu ſchützen und die Glasfenſter zu verhängen.
Wenn Waſſerleitungsröhren mindeſtens 1,30 Meter tief in die Erde verlegt ſind
oder wenn ſolche im Hauſe ausſchließlich durch geheizte Räume (Küchen) oder durch
Räume, die mit geheizten Räumen durch häufige Benutzung in Verbindung ſtehen
(abgeſchloſſene Flure, Kloſetträume), geleitet ſind, ſo iſt das Einfrieren der Waſſer=
leitungen
nicht zu erwarten; vorausgeſetzt wird, daß dieſe Räume nicht durch
dauerndes Oeffnen der Türen und Fenſter ſtark abgekühlt werden (Kloſetträume).
Sind alle oder einzelne Räume, in denen die Waſſerleitung liegt, längere Zeit ungeheizt,
ſo iſt es empfehlenswert, die Waſſerleitung für gewöhnlich abgeſperrt zu halten und täglich
ein= oder mehreremal die erforderlichen Waſſerquantitäten an die Hausbewohner abzugeben.
Das Abſperren der Leitungen ohne gleichzeitiges Entleeren der Röhren
iſt zwecklos. Beides ſoll gleichzeitig erfolgen, indem man den vor dem Waſſermeſſer
angebrachten Hauptabſperrhahn ſchließt und ſofort die im Hauſe befindlichen Zapf=
hahnen
und Kloſettventile für einen Augenblick öffnet. Geſchieht das, dann läuft das
in den Röhren befindliche Waſſer durch eine im Hauptabſperrhahn angebrachte
Oeffnung aus. Dieſes Waſſer, welches ſelbſt bei ſehr langen Leitungen nur wenige
Liter beträgt, fängt man in untergeſtellten Gefäßen auf, oder man läßt es, wenn die
Kellerſohle waſſerdurchläſſig iſt, ohne Nachteil in den Keller laufen.
Das Maß von Sorgfalt, welches man auf den Schutz der Waſſerleitungen gegen
Froſtſchäden aufwenden muß, hängt von der Strenge und von der Dauer der Kalte
ab. Hält die ſtrenge Kälte wochenlang an, dann durchfrieren die äußeren Mauern
derart, daß ſelbſt nach bereits eingetretener milderer Witterung die auf den durch=
frorenen
Mauern befeſtigten Waſſerleitungen noch nachträglich einfrieren können.
Sind alſo Waſſerleitungen auf Außenmauern befeſtigt, ſo iſt beſondere Vorſicht
und ſtarke Erwärmung der betreffenden Räume zu empfehlen. Beſondere Auf=
merkſamkeit
iſt auch auf Gartenleitungen zu richten. Man ſchließe und entleere
dieſelben vor Eintritt des Winters ſorgfältig.
Sind Waſſerleitungen eingefroren, ſo ſchaffe man ſofort Abhilfe, weil dann
das Auftauen noch raſch bewirkt werden kann und weil die Leitungen alsdann noch
keinen Schaden erlitten haben.
Läßt man das Auftauen anſtehen, ſo friert gewöhnlich die Leitung auf lange
Strecken zu. Das Auftauen wird dann ſehr ſchwierig und koſtſpielig, meiſtens leidet
auch die Leitung Not.
Behufs des Auftauens eingefrorener Leitungen wende man ſich ſofort an einen
zuverläſſigen Inſtallateur.
Iſt ein Waſſermeſſer eingefroren, ſo erſtatte man alsbald Meldung bei der ſtädt.
Waſſerwerksverwaltung. Iſt eine Waſſerleitung eingefroren, ſo iſt das der Beweis, daß
inbezug auf Schutz der Leitung etwas verſäumt worden iſt. Man beſeitige die Urſache
des Einfrierens, weil ſonſt die Störung immer wieder eintritt.
Sind Keller oder andere Räume durch ein Verſehen durchaus vereiſt, ſo nützt es
nichts, nachträglich nur die Fenſter zu ſchließen. Man ſtelle vielmehr Holzkohlenöfen
oder andere paſſende Heizvorrichtungen auf um die Mauern wieder zu durchwärmen.
Bei den Waſſerableitungen iſt die Aufmerkſamkeit beſonders den Kloſetts zuzu=
wenden
, da hier die unter den Sitzen befindlichen, mit Waſſer gefüllten Syphonrohre
und die Spülkaſten durch das Einfrieren häufig beſchädigt werden.
Bei Froſtwetter ſind daher die Aborträume gegen außen möglichſt geſchloſſen zu
halten, beſonders während der Nacht; auch kann die Beheizung der Aborte mittels
kleiner Petroleum= oder Gasöfen beſtens empfohlen werden.
Die Spülkaſten ſollen nach jedesmaliger Benützung der Kloſetts, unter Abſtel=
lung
des Waſſerzulaufes, vollſtändig entleert werden.
Bei Kloſetträumen, die der Einwirkung der Kälte beſonders ausgeſetzt ſind,
empfiehlt es ſich, zur Verhütung der Eisbildung die Kaſten unter den Sitzen mit Stroh
locker auszuſtopfen, die Spülkaſten mit Tüchern zu umhüllen und deren Anfüllung bei
ſtrenger Kälte ganz zu unterlaſſen. Häufiges Eingießen warmer Abwaſſer aus den
Haushaltungen in die Kloſetts trägt weſentlich zur Verhinderung der Eisbildung in
den Syphonrohren bei.
An den Außenſeiten der Gebäude angebrachte Küchenrohre ſind dem Einfrieren
und dadurch der Zerſtörung beſonders ausgeſetzt; es ſollte daher das Einſchütten von
Waſſer in ſolche Rohre bei ſtrenger Kälte ganz unterlaſſen, mindeſtens aber auf die
Tageszeit beſchränkt werden.
Auch die Hofſinkkaſten ſind bei anhaltend ſtrenger Kälte gegen das Einfrieren zu
chützen, am beſten durch Ueberdeckung mit einer mindeſtens 20 Zentimeter hohen Erd=
ſchicht
, da andernfalls durch die Eisbildung in den Sinkkaſten der Abfluß des Waſſers
unmöglich gemacht wird, ſodaß bei Eintritt von Tauwetter Ueberſchwemmungen der
Grundſtücke die Folge ſind.
Die in den Waſchküchen vorhandenen eiſernen Ablaufkaſten können bei ihrer ge=
ringen
Tiefe nur durch rechtzeitige Entleerung des Waſſers vor dem Einfrieren geſchützt
werden; die Kaſten ſind dann zur Verhütung der Entweichung von Kanalgaſen mög=
lichſt
luftdicht abzudecken.
Darmſtadt, den 26. Oktober 1910.
Städtiſche Waſſerwerks=Verwaltung.
Rudolph.
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[ ][  ][ ]

Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910

Nummer 255

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Mitgeteilt von Hermann Reichenbach.

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Deutſche Reichsanl. . 92,40
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do.
Preuß. Schatzanweiſg. 99,90
½ do. Conſols . . . . 92,60
83,90
do. do.
Bad. Staatsanleihe . . 101,25
93,70
do.
½
84,00
do.
Bayr. Eiſenbahnanl. . 101,30
do.
91,30
½
do.
82,00
4 Hamburger Staatsanl. 101,40
Heſſ. Staatsanleihe . . 92,10
do.
101,30

do.
Sächſiſche Renre . . 83,30
Württemberger v. 1907 101,80
do.
92,50
5 Bulgaren=Tabak=Anl.
¾ Griechen v. 1887 . . 47,00
¾/ Italiener Rente . . . 102,40
4½ Oeſterr. Silberrente . 96,50
do. Goldrente . . 98,10
do. einheitl. Rente 93,00
Portug. unif. Serie I 64,30
do. unif. Ser. III 66,60
do. Spezial. 12,20
Rumänier v. 1903 . . 102,20
do. v. 1890 . . 94,50
do. v. 1905 . . 90,60
Ruſſen v. 1880 . u. A. 91,40

I
Sf.
4 Ruſſen v. 1902 . F
4½ do. v. 1905 . . . .
3½ Schweden . . .
4 Serbier amort. v. 1895
4 Türk. Admin. v. 1903
4 do. umifiz. v. 1903
4 Ungar. Goldrente . .
do. Staatsrente .

InProt.
92,00
100,20
92,40
82,50
86,40
92,50
94,40
91,60

5 Argentinier . . . . . . 102,00
do.
4½ Chile Gold=Anleihe .
5 Chineſ. Staatsanleihe 101,70
98,90
do.
4½
4½ Japaner . . . . . . . 97,50
5 Innere Mexikaner . . 99,80
do.
4 Gold=Mexikan. v. 1904 95,20
5 Gold=Mexikaner . . . 100,20
Aktien inländiſcher
Transportanſtalten.
4 Hamb.=Amerika= Paket=
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.
. . . 144,50
4 Nordd. Lloyd . . . . 108,20
4 Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 121,80
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4 Pennſylvania R. R. 132,00
Induſtrie=Aktien.
Mainzer Aktienbrauerei . 206,00
74,00
Werger=Brauerei
Bad. Anil.= u. Sodafabrik 499,00
Fabrik Griesheim .
.281,00
Farbwerk Höchſt .
..544,25
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117,00
Schuckert.
161,00
Siemens & Halske
.128,75
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Gelſenkirchen . .
Harpener .
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. . 257,10
Prioritäts=
Obligationen.
8½ Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 89,50
4 Pfälzer Prt. . . . . . 100,25
do.
92,50
3½
4 Eliſabeth., ſteuerpfl. . 99,50
do. ſteuerfrei . 97,80
5 Oeſterr. Staatsbahn.
do.
98,00
do. alte . 79,50
5 Oeſterr. Südbahn . . 99,20
do.

do.
56,70
Raab=Oedenburger . .
Ruſſ. Südweſt. . . .
Kronpr. Rudolfbahr . 89,40.

In Prot.
S7.
2¾/0 Livorneſer . . . . . . 73,50
79,50
4 Miſſouri=Paciſic
4 Bagdadbahn Mk. 408
5 Anatoliſche Eiſenb.. .
5 Tehuantepec . . . . . 102,00
Bank=Aktien.
4 Berliner Handelsgeſ. 166,70
Darmſtädter Bank 130,80
257,60
Deutſche Bank .
Deutſche Vereinsbank 126,80
4 Diskonto=Geſellſchaft . 189,70
161,40
Dresdner Bank
Mitteldent. Kreditbk. 121,00
Nationalbk. f. Deutſchl. 127,80
. 105,00
Pfälzer Bank . .
143,20
Reichsbank .
4 Rhein. Kredit=Bank 138,90
4 Wiener Bank=Verein 139,75
Pfandbriefe.
4 Frankſt. Hypoth.=Bank
S. 16 und 17 100,00
do. S. 19. . . . . 92,00
3½
4 Frkf. Hyp.=Kreditverein
S. 1519, 2126 99,40
4 Hamb.=Hypoth.=Bank 100,00
do.
90,50
3½
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bk. 101,40
do.
92,10
3½
4 Meining. Hyp.=Bank 100,60
do.
91,00
4 Rhem. Hypoth.=Bank
(unk. 1917) 100,00
do. (unk. 1914) 90,70
ädd. Bd.=Kr.=Br.=Pf. 100,30
20
3½

InProz.
Bf.
Städte=
Obligationen
4 Darmſtadt . ....
3½ do.
100,00
4 Frankfurt . . . .
95,00
3½ do.
4 Gießen
3½ do.
4 Heidelberg
90,70
3½ do.
4 Karlsruhe
99,90
3½ do.
4. Magdeburg. . .
3½ do.
4 Mainz
3½ do.
4 Mannheim
3½ do.
100,30
4 München .
90,80
3½ Nauheim
100,00
4 Nürnberg.
3½ do.
4 Offenbach .
3½ do.
* 101,50
4 Wiesbaden .
91,90
3½ do.
4 Worms .
3½ do.
4 Liſſaboner v. 1886
Verzinsliche
Anlehensloſe.
4 Badiſche Tlr. 100
3½ Cöln=Mindner 100 134,25
5 Donau=Reg. fl. 100

92.10.8 Holl., Komm. 100

In Proz
Bt.
3. Madrider Fs. 100 77,20
4 Meining. Pr.= Pfand=
briefe
. .
136,30
4 Oeſterr. 1860er Loſe 175,00
3 Oldenburger .
. . 124,50
2½ Raab=Grazer fl. 150 98,00
Unverzinsliche
Anlehensloſe.
Augsburger
fl.
Braunſchweiger Tlr. 20 212,00
Freiburger
Fs. 15
Mailänder
Fs. 45
do,
. Fs. 10
Meininger
fl. 7 37,40
Oeſterreicher v. 1864 100 552,00
do. v. 1858 100 445,00
Ungar. Staats
100 338,00
Venediger
Frs. 30 43,40
Türkiſche
400 179,40
Gold, Silber und
Banknoten.
Engl. Sovereigns . .. .20,43½
20 Franks=Stücke . . 3a 16,17
Oeſterr. 20=Kronen . . .. 16,90
Amerikaniſche Noten . . . 4,19½
Engliſche Noten . . . u20,46½
Franzöſiſche Noten . . . . 81,10
Holländiſche Noten . . . . 169,20
Italieniſche Noten . . . 80,80
Oeſterr.=Ungariſche Noten 84,95
Ruſſiſche Noten . . .
Schweizer Noten . . . . f80,90

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Seite 14.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

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[ ][  ][ ]

Nummer 255.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

Seite 15.

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Seite 16.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

Nummer 255.

Sasots

Hübsches Jabot mit Valencienne
sauber verarbeitet . . . .
25
Hübsches Jabot mit Zwischensatz 35
Elegantes Jabot mit Stickerei und
Spachtel . . . . . . .
50
Hübsches Waschtüll-Jabot mit
Valencienne-Einsatz. . . .
65
Elegantes Jabot mit Stickerei und
feiner Irish-Spitze . . . .
75
Hochelegantes Brüsseler Handarbeit-
Jabot mit Stickerei . . . . 75
Elegantes Jabot mit Waschtüll und
breiter Valencienne . . .
80
Feines langes Jabot mit dreimalig.
Ueberwurf, Valencienne-Spitzen-
Einsatz . .
95
Elegantes Waschtüll-Jabot, seitl.
gebogt, breit . . . . . . . . 95
Hochfeines Stickerei- Jabot mit
Doppellatz
.1.10
Dreifach gelegtes Waschtüll-Jabot
mit Valencienne, lang . . . . 1.10
Hübsches Wasserfall-Jabot mit
Krawatte und Stehkragen . .1.15
Elegantes Tüllspitzen-Jabot, lang
und reich garniert . . . . . 1.25
Elegantes Spitzen-Jabot, reich
garniert, mit Perlmutterknöpfen
verziert . . . . . . . . . 1.25
Hochfeinstes Stickerei-Jabot mit
feinster St. Gallener Spitze . . 1.50
Feinstes Tüllspitzen-Jabot, reich
gestickt, mit Medaillon . . . 1.60
Feinstes Jabot aus Point d’esprit-
Tüll, mit feinster Spachtelspitze
und Grelot verziert . . . . . 1.95

Ferner
ElegantesteJabots
2.25, 2.35, 2.50, 2.75, 3.00, 3.35,
3.50, 3.75

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Einfarbiger, halbseidener Auto-
Shawl in allen Farben . . . 1.85
Weisses Ball-Tuch mit hübschen
Blumendessins . . . . . . . 2.00
Ein einfarbiges Echarpes, halb-
seiden
und lang .
.2.15
Prima Gaze-Echarpes, sehr stra-
paziös
und gross . . . . . .2.85
Schönes Ball-Tuch mit Fransen
und Malerei, gross . . . . . 3.25
Chiffon-Shawis, gross, mit Tau-
tropfen
oder Goldtupfen, in
hellen Farben .
. .3.75
Ball-Echarpes, völlig gross, mit
Silbertupfen oder Tautropfen .4.85
Herrliches, bemaltes Echarpes aus
Ia Japanseide lichtecht . . .. 4.85
Elegantes Echarpes mit aparter
Malerei . . .
. . . .6.25
Elegantes Tuch, ganz aus Spitzen
alle Farben . . .
. .6.50
Hochmoderner Zuaven-Shawl,
schwarz, mit farbigem Futter 6.75
Diskretes, feines schwarzes Gaze-
Echarpes mit Gold- und Silber-
tupfen
. . .
8.50
Prachtvolles Crep de chin-Tuch
in allen Modefarben. . . . .9.50
Gold- oder Silberstoff-
Echarpes mit türkischer
Bordüre . . .
. .11.50
Spitzen-Shawis in rei-
zenden
Farben . . .12.50
Schwerer Duchesse-
Shawis mit Quasten 13.50
Reizendes Balltuch aus
schwerem Crepe de
chine . . . . . . .14.50

Hochfeine Neuheiten in türkisch. Dessins
zu 32.00, 25.00, 18.50
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8.50
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schwarz, 3-reihig, in versch. Ausführ. 8.50
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Französische Maraboutstola
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18.50
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beschränkt sich nicht mehr auf einige Spezialgebiete und Spezialpreislagen, sondern es ver-
körpert
in einer einzig dastehenden Auswahl alles das, was in dem Artikel Hübsches gebracht
wird. Ich fange daher mit ganz billigen Preislagen an, die früher ausschliessliche Domäne der
nur billige Waren führenden Geschäfte gewesen war. Auch hierin bringe ich geschmack-
volleres
, bei gleich billigen Preisen, dabei vernachlässige ich meine guten, feinen und
feinsten Artikel durchaus nicht und biete alles zu möglichst niedrigem Preise. Ich bitte er-
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ohne jeden Kaufzwang alles bei mir anzusehen und nicht zu kaufen, wenn ich in
Preiswürdigkeit, Schönheit, gediegenen Qualitäten nicht wirklich Hervorragendes zu bieten in
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Ort: Ober-Bayern.

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Montag, den 31. Oktober 1910.
45. Abonnements=Vorſtellung.
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Zum erſten Male:
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Schauſpiel in 4 Akten von Melchior Lengyel.
Spielleitung: Oberregiſſeur Valdek.
Perſonen:
Dr. Nitobe Tokeramo . . Hr. Weſtermann
Toyu Yoshikawa
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Jyeyaſu Kobayashi
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Inoſe Hironari
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Dr. Sheikwa Omayi . . Hr. Jürgas
Yoshi Yotomo
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Dr. Kigin Kitamaru . Hr. Schwarze
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Raſan Amamari . . . . Hr. Salomon
Naokata Miyake . . . . Hr. Jungmann
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Profeſſor .
Frau Dupont .
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Charles Renard=Bninsky,
Schriftſteller .
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Thereſe Meunier .
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Staatsanwalt . . . . . Hr. Hacker
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Dolmetſch
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Schriftführer . . . . . Hr. Klotz
Ein Geſchworener . . . Hr. Ungibauer
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Nach dem 2. Akte findet eine längere
Pauſe ſtatt.
Krank: Fräulein Geyersbach.
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Balkonloge 5 Mk., 1. Rang 4.50 Mk., 2. Rang
(1.6. Reihe) 2.50 Mk., (7. und 8. Reihe)
2. Mk., Sperrſitz: (1. bis 13. Reihe) 4. Mk.,
(14. bis 20. Reihe) 3.20 Mk., Parterre: (1. bis
5. Reihe) 2.70 Mk., (6. bis 8. Reihe) 2.20 Mk.,
1. Galerie 1.20 Mk., 2. Galerie 60 Pfg.
Kartenverkauf von 11 bis 1 Uhr und von
6 Uhr an.
Anfang 7 Uhr Ende gegen 10 Uhr.
Vorverkauf
von 111 Uhr für die Vorſtellungen:
Dienstag, 1. Nov. 46. Ab.=Vorſt. B 12.
Tiefland. Gr. Preiſe. Anf. 7 Uhr.
Mittwoch, 2. Nov. 47. Ab.=Vorſt. C 12.
Zum erſten Male wiederholt: Taifun.
Große Preiſe. Anfang 7 Uhr.
Donnerstag, 3. Nov. 48. Ab.=Vorſt. D 13.
DerBajazzo, hierauf: Brüderlein
fein‟. Große Preiſe. Anfang 7 Uhr.
Die Erhebung der 2. Rate des Abonnements=
geldes
für die Spielzeit 1910/11 findet
Dienstag, den 1. bis Donnerstag, den
3. Nov. 1910, nachmittags von 35 Uhr, ſtatt.
Zahlſtelle: Veſtibüle im Hof=Theater.
Die Abonnenten werden freundlichſt gebeten,
die erhaltenen Zettel bei der Zahlung zur
Quittierung vorlegen zu wollen,

[ ][  ][ ]

nſtädter Tagblatt.
2. Beilage zum Dar
1910.
Montag, 31. Oktober.
N5 255.

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haben: gültig bis
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noch eingelöst werden, ist der 1. Dezember 1910. Sollte es sich
dann zeigen, dass noch eine grössere Anzahl alter Marken im Um-
lauf
ist, so werden wir dafür sorgen, dass auch diese noch eingelöst
werden können.
Es hat deshalb Niemand zu
befürchten, dass seine Mar-
ken
nicht eingelöst werden.
Wir richten bei dieser Gelegenheit die Bitte an
unsere Kundschaft, bei allen Einkäufen die Mitglieder des
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sich niemals den Rabatt in bar geben
zu lassen, sondern stets schwarz-weisse
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[ ][  ]

Seite 18.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 31. Oktober 1910.

Nummer 255.

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Magen- und Darmleiden
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Handel und Verkehr.
H. Frankfurt a. M., 29. Okt. ( Börſen=
wochenbericht
.) Die Beſorgniſſe einer weiteren
Geldverteuerung ſind nicht in Erfüllung gegangen.
Obwohl tägliches Geld noch lebhaft gefragt war, zeigte
ſich Schiebungsgeld, nach der frühzeitigen und um=
faſſenden
Deckunge des Bedarfs für die Ultimoliqui=
dation
, ſehr reichlich vorhanden und bis zu 5 Prozent
angeboten. Weſentlich beeinflußt dabei die Beſſerung
der Status der deutſchen Reichsbank, wo ſich die Steuer=
pflicht
von 202 Millionen Mark am 15. Oktober auf
90 Millionen Mark verringerte. Auch lauten die Nach=
richten
aus den Vereinigten Staaten fortdauernd gün=
ſtig
und ſo konnten unſere Börſen während der ganzen
Geſchäftswoche in feſter Stimmung verkehren. Paris
übte anfangs, infolge der geſcheiterten türkiſchen Fi=
nanzverhandlungen
, einen ſtärkeren Druck auf türkiſche
Werte aus, doch erfolglos; denn Deutſchland nahm die
angebotene billigere Ware ſchlank auf und bewirkte
wieder anſehnliche Erholung dieſer Fonds.
Zu den Einzelheiten des Verkehrs übergehend,
lagen zunächſt deutſche Renten ſtiller, aber bei gut be=
haupteten
Preiſen. Von den ausländiſchen Staats=
fonds
wurden die griechiſchen, auf die unſichere inner=
politiſche
Lage ins Weichen gebracht, während die üb=
rigen
Gattungen geringere Veränderungen aufweiſen.
Am Markt für Transportaktien waren Lombarden
(Südbahn) feſter, trotzdem bekannt wurde, daß der
ſiebenprozentige Tarifzuſchlag, nicht, wie beantragt, bis
zum Jahre 1917, ſondern vorerſt auf ein Jahr von der
Regierung zugeſtanden werden ſoll. Schiffahrtsaktien
waren zeitweiſe abgeſchwächt auf Gerüchte vom Krank=
ſein
Ballins, doch erfolgte ſchließlich wieder eine Kurs=
erhöhung
, da verlautete, daß es ſich nur um eine leichte
Influenza handele. Recht feſt waren ferner Süddeutſche
Eiſenbahn=Geſellſchaft und Prince Henri; letztere bis
150 ſteigend auf den Aufſchwung der luxemburgiſchen
Schwerinduſtrie, die natürlich dieſem Eiſenbahn= Unter=
nehmen
ſehr zuſtatten kommen wird. Am Banken=
gebiet
ſind die Kursvariationen ohne Belang. Hin=
gegen
war der Montanmarkt lebhafter und zur Feſtig=
keit
geſtimmt. Im Vordergrunde ſtanden Phönix und
Deutſch=Luxemburger, wobei auf günſtige Betriebs=
berichte
hingewieſen wird. Auch Kohlenpapiere blieben
gut behauptet und zum Teil beſſer. Die Dortmunder
Rede des preußiſchen Handelsminiſters, der auf die
ſchwierige Arbeiterfrage und die Erneuerung des Koh=
lenſyndikats
hingewieſen hatte, blieb einflußlos.
Am Kaſſainduſtriemarkt war ebenfalls reger Ver=
kehr
vorhanden, aber die Tendenz nicht einheitlich.
Kleyer konnten auf 458½ avancieren und Chemiſche
Fabrik Griesheim auf 282½ ſteigen; hingegen ſind
Holzverkohlung nach einer Avance bis 262½ wieder
auf 249,90 zurückgegangen, da man ſich nur geringe
Hoffnungen auf ein günſtiges Bezugsrecht macht. Kunſt=
ſeide
bewegten ſich zwiſchen 107 und 109½. Neue Photo=
graphiſche
Geſellſchaft erreichten 55, ohne daß größere
Umſätze ſtattfanden. Kalker Brauerei erzielten eine
bedeutende Erholung auf die Ausſicht eines befrie=
digenden
Abſchluſſes und in der Hoffnung, daß die
Brauinduſtrie das Schlimmſte überwunden hat, wie
die einzelnen Geſchäftsberichte ſagen. Die Brauerei
Binding=Frankfurt a. M. verteilt wieder, wie im Vor=
jahre
, 9 Prozent Dividende. Erwähnenswert iſt noch
die Beſſerung der Diamantaktien an der Londoner
Börſe, während der Kurs der Engliſchen Konſols nur
mäßig erholt iſt (79/). Privat=Diskonto 4/ Prozent
(in Berlin 4¾ Prozent).
Von Loſen notieren: Augsburger 37,25, Braun=
ſchweiger
212, Meininger 37,10, Finnländer 319,80,
Pappenheimer 68, Freiburger 57,10, Ungariſche 386,
Genua 215 G., Türkiſche 179,80, Mailänder 45=Fres.=L.
135,50, Mailänder 10=Fres.=L. 32,60, Venediger 43,30,

in Reichsmark; Gothaer Prämie I 138,80, Gothaer
Prämie II 116,40, Donau=Regulierung 150 G., Madrider
77,15, in Prozent. Ferner ſchließen: 4proz. Reichs (bis
1918 unkündbar) 101,90, 3½proz. Reichs 92,55, 3proz.
Reichs 83,80, 4proz. Heſſen von 1899 101 G., 4proz.
Heſſen von 1906 101,30 G., 4proz. Heſſen von 1908/09
101,30 G., 3½proz. Heſſen 91,10 G., 3proz. Heſſen 80,70,
4proz. Darmſtädter 99,90 G., 3½proz. Darmſtädter 91,10,
Darmſtädter Bank 130,75, Südd. Eiſ.=Geſ. 122,20 G.,
4proz. Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr. (Serie 1820) 101,40 G.,
3½proz. Heſſ. Land.=Hyp.=Pföbr. (Serie 911) 91,70 G.,
4proz. Heſſ. Kommunal=Pfdbr. (Serie 1012) 101,40 G.,
3½proz. Heſſ. Kommunal=Pfdbr. (Serie 13) 92,10 G.,
3½proz. Heſſ. Kommunal=Pfdbr. (Serie 4) 91,70 G.,
Baltimore und Ohio 111, 4½proz. Ruſſen 100,20, 4proz.
1880er Ruſſen 91,50, 4proz. 1902er Ruſſen 92,10, 3/oproz.
Ruſſen 90, 3½proz. Ruſſen 84,50, 3proz. Ruſſen 80,
A½proz. Japaner 97,50, 4proz. Japaner 92,80, 4½proz.
1905er Portugieſ. 84,50, 3proz. Portugieſ. (Beira=Baixa)
78,90, 3proz. Portugieſ. I 64,25, 3proz. Portugieſ. III
67, Spezial=Portugieſ. 11,80, Portugieſ. Eiſ.=Prior. I.
Rang 93,70, Portugieſ. Eiſ.=Prior. II. Rang
4proz. Stadt Liſſabon 81.
Literariſches.
Die erſten Nummern der neuen künſtleriſch=
belletriſtiſchen
Zeitſchrift Licht und Schatten,
Herausgeber Hanns von Gumppenberg, ſind erſchienen.
Sie ſtellt ſich dar als ein Zentralorgan für Schwarz=
weißkunſt
wie auch für intenſive dichteriſche Kleinkunſt,
namentlich für die Kunſt der knappen, dichteriſch wert=
vollen
Novellette und des lyriſchen Gedichtes. Trotz
vornehmer Ausſtattung und Anwendung der beſten
modernen Reproduktionsverfahren iſt der Preis der
Zeitſchrift ſo gering bemeſſen, daß ſie den weiteſten
Kreiſen zugänglich ſein wird. Wenngleich alle Partei=
tendenz
, alles Tagespolitiſche und Witzblattmäßige
ausgeſchloſſen bleibt, pflegt die Wochenſchrift doch in
Wort und Bild neben dem Ernſthaften Humor und
Satire allgemeinerer Art mit gleicher Liebe, wie auch
neben der realiſtiſchen Produktion Phantaſtik, groteske
Laune und verſchiedenſte Stiliſierung durchaus zur
Geltung gelangen ſoll, ſofern ſie künſtleriſch wertvoll
iſt. Beſonders zu erwähnen iſt auch der Inſeraten=
anhang
, der eine ausgeſprochen künſtleriſche, dabei neu=
artige
und beſonders wirkſame Geſtaltung erfahren
hat; er will zeigen, daß auch dieſer Teil einer Zeit=
ſchrift
bei geſchmackvoller Behandlung ſehr wohl einen
äſthetiſchen Eindruck machen kann. Die künſtleriſche
Leitung des Inſeratenteils hat der bekannte Buchkünſt=
ler
Dr. Emil Preetorius übernommen. Die Zeit=
ſchrift
erſcheint allwöchentlich am Freitag. Der Preis
der einzelnen Nummer beträgt nur 20 Pfg.
Lehrbuch des Tiefbaues. Herausge=
geben
von Karl Eſſelborn. 4. vermehrte Auflage.
Zwei Bände, jeder einzeln käuflich, mit 2394 Abbil=
dungen
. Erſter Band: Erdbau. Stütz=, Futter=,
Kai= und Staumauern. Grundbau. Straßenbalt.
Eiſenbahnbau. Tunnelbau. Vermeſſungskunde. Be=
arbeitet
von O. Eggert, H. Wegele, L. v. Willmann.
Zweiter Band: Brückenbau. Waſſerverſorgung
und Entwäſſerung der Städte. Kanal= und Flußbau.
Seebau. Landwirtſchaftlicher Waſſerbau. Bearbeitet
von O. Franzius, Th. Landsberg, E. Sonne, J. Spöttle,
Ph. Völker. Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann,
1910. Preis des erſten Bandes 18 Mark, in Leinen geb.
20 Mark. Preis des zweiten Bandes 20 Mark, in
Leinen geb. 22 Mark. Das Lehrbuch des Tiefbaues,
das wenige Jahre nach ſeinem erſten Erſcheinen bereits
in vierter Auflage vorliegt, hat ſeinen wohlverdienten
Ruf auch in der neuen, durch die drei Kapitel: Ver=
meſſungskunde
, Seebau und Landwirtſchaftlicher
Waſſerbau vermehrten Auflage bewährt. Die Fülle
des Gebotenen iſt wie das Zentralblatt der Bau=
verwaltung
bemerkte überraſchend groß. Dem
Herausgeber und den Verfaſſern iſt es gelungen, alles
Wichtige aus dem ganzen umfangreichen Gebiet des
Tiefbaues zuſammenzufaſſen. Dabei ermöglicht ein
äußerſt ausführliches Sachregiſter ein ſofortiges Auf=
finden
des gewünſchten Gegenſtandes und gibt ein an=
ſchauliches
Bild von der Fülle von Arbeit und Sorg=
falt
, die beim Zuſtandekommen dieſes Werkes nötig
war. Die Abbildungen, deren Zahl faſt 2400 beträgt,
ſind geradezu muſterhaft, und mit Recht konnte die
Zeitſchrift des Vereins deutſcher Ingenieure von dem
vorliegenden Lehrbuch ſagen: Das Werk, hinſichtlich
des Druckes und der Abbildungen vorzüglich ausge=
ſtattet
, iſt nicht nur ein ausgezeichnetes Lehrbuch, ſon=

dern auch als Nachſchlagebuch ein wertvöller Schatz in
der Hand eines jeden Technikers.
Kirchliche Anzeigen.
Katholiſche Gemeinden
St. Ludwigsgemeinde. Kapelle der Barmherzigen Hchweſtern
(Eingang Nieder=Ramſtädterſtr. 30): Montag, den 31. Okt.,
nachm. um 4 Uhr und abends um 8 Uhr: Gelegenheit
zur hl. Beichte. Abends um ½7 Uhr: Roſenkranz=
andacht
.
Dienstag, den 1. November 1910
Allerheiligen
Vorm. von ½6 Uhr an: Gelegenheit zur hl. Beichte.
Um 6 Uhr: erſte hl. Meſſe und Roſenkranzandacht.
Um 7 Uhr: Austeilung der heil. Kommunion. Um
8 Uhr: hl. Meſſe. Um ½10 Uhr: Hochamt mit Predigt.
Um 11 Uhr: letzte heil. Meſſe. Nachm. um 3 Uhr:
Vesper; nach Beendigung der Vesper Gelegenheit zur hl.
Beichte. Um 4 Uhr: Verſammlung im Mädchenheim.
Um 6 Uhr: Armenſeelenandacht mit Predigt.
Kapelle der Engliſchen Fträulein: Montag, nachm. um
4 Uhr und abends um 3 Uhr: Gelegenheit zur heil.
Beichte. Dienstag, vormittags um ½6 Uhr: Gelegen=
heit
zur hl. Beichte. Um 6 Uhr und um ½ 7 Uhr: Aus=
teilung
der hl. Kommunion. Um 7 Uhr: hl. Meſſe.
Militärgemeinde: Dienstag, vormittags um 8 Uhr:
In dem Exerzierhaus auf dem Exezierplatz Singmeſſe
mit Predigt.
St. Eliſabethenkirche: Montag, den 31. Oktober, nach=
mittags
um 4 Uhr und abends um 8 Uhr: Gelegenheit
zur hl. Beichte.
Dienstag, den 1. November 1910
Allerheiligen
Vormittags von ¾6 Uhr an: Gelegenheit zur heil.
Beichte. Um ½7 Uhr: Frühmeſſe. Um 8 Uhr: hl.
Meſſe. Um ½10 Uhr: Hochamt und Predigt. Nach=
mittags
um 2 Uhr: Vesper. Abends um 8 Uhr: Aller=
ſeelenfeier
. Predigt des Herrn Oberlehrer Sartorius=
Mainz.
St. Martinskapelle zu Beſſungen: Montag, den 31. Ok=
tober
, nachmittags um 4 Uhr und abends um 8 Uhr:
Gelegenheit zur hl. Beichte.
Dienstag, den 1. November 1910
Feſt Allerheiligen
Vorm. um 6 Uhr: Gelegenheit zur hl. Beichte.
Um 7 Uhr: hl. Meſſe. Um 9 Uhr: Amt mit Predigt.
Nachmittags um ½3 Uhr: Feierliche Vesper, Armen=
ſeelenandacht
mit Predigt und Gelegenheit zur hl. Beichte.
Kapelle zu Eberſtadt: Montag, den 31. Oktober, abends
um 5 Uhr: Beichte.
Dienstag, den 1. November 1910
Allerheiligen
Vorm. um 6 Uhr: Beichte. Um ½ 7 Uhr: Aus=
teilung
der hl. Kommunion. Um 9¼ Uhr: Hochamt
mit Predigt. Nachmittags um 1½ Uhr: Chriſtenlehre
und Andacht.
Kapelle zu Pſungſtadt: Dienstag (Allerheiligen),
den 1. November, vormittags um ½8 Uhr: Amt mit
Predigt. Vorher Beichtgelegenheit.
Mittwoch, den 2. November 1910
Allerſeelen
St. Ludwigsgemeinde. Kapelle der Barmherzigen Schweſtern
(Eingang Nieder=Ramſtädterſtr. 30): Vorm. von ½ 6 Uhr
an: Gelegenheit zur hl. Beichte. Um 6 Uhr: hl. Meſſe
und Roſenkranzandacht. Um 7 Uhr: Austeilung der
hl. Kommunion. Um 9 Uhr: Seelenamt für die Ab=
geſtorbenen
der Gemeinde. Nachmittags um 3 Uhr:
Auf dem Darmſtädter Friedhof Gebete für die Abgeſtor=
benen
. Von Mittwoch bis Samstag, abends um
½7 Uhr: Armenſeelenandacht. Donnerstag, nachm. um
5 Uhr: Gelegenheit zur hl. Beichte.
Kapelle der Engliſchen Fräulein: Vorm. um 7 Uhr:
heil. Meſſe. Freitag, vorm. um 9 Uhr: Segenamt zu
Ehren des Herzens Jeſu.
St. Martinskapelle zu Beſſungen: Dienstag, den 1. Nov.,
nachmittags um 4 Uhr und abends um 8 Uhr: Gelegen=
heit
zur hi. Beichte.
Mittwoch, den 2. November 1910
Alkerſeelen
Vormittags um 6 Uhr: Gelegenheit zur hl. Beichte.
Um 7 Uhr: Seelenamt. Die ganze Woche hindurch
iſt um 6 Uhr abends Armenſeelenandacht.
Kapelle zu Eberſtadt: Vormittags um 6 Uhr: Beichte.
Um ½7 Uhr: Austeilung der hl. Kommunion. Um
9¼ Uhr: Hochamt und Predigt. Nachmittags um
½2 Uhr: Andacht. Während der Woche vormittags
um ¾7 Uhr: hl. Meſſe.

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