Darmstädter Tagblatt 1910


17. Oktober 1910

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monatl. 50 Pfg., viertelj. 1.50 Mk., aus=
wärts
nehmen die Poſtämter u. die Agen=
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173. Jahrgang
turen Beſtell. entgegen zu 60 Pfg. monatl. verbunden mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage: ſowie von unſeren Agenturen und
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Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Inſerafe
werden angenommen in Darmſtadt,
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den Annoncen=Expeditionen. Bei
gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs
kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.

243.

Montag, den 17. Oktober.

1910.

Die heutige Nummer hat 18 Seiten.

Keine Ueberſchätzung der Elugmaſchine!
Von einem militäriſchen Mitarbeiter.
N. G. K. Unſere raſche Zeit, in der die Fortſchritte
der Technik gewaltiges leiſten, liebt es, an jede Erfindung
alsbald die höchſten Erwartungen zu knüpfen. Gewiß iſt
die Eroberung der Luft wenn dieſer kühne Ausdruck
überhaupt geſtattet iſt ein Triumph des Menſchengei=
ſtes
, der nicht verkleinert werden ſoll. Aber wir ſtehen
doch erſt im Anfang einer Entwickelung, deren Ausbau ſich
noch nicht annähernd überſehen läßt. Hoffen wir, daß
es mit der Zeit gelingen wird, Wetter und Sturm zu be=
ſiegen
, die dem Luftſchiff und der Flugmaſchine heute
noch unüberwindliche Hinderniſſe entgegenſetzen und ſeine
Verwendung oft genug ausſchalten, wenn ſie den verwe=
genen
Fahrern nicht gar Tod und Verderben bringen. Aber
es iſt unberechtigt, jetzt ſchon von einer völligen Umge=
ſtaltung
der Kriegs= und Schlachtenführung durch die
Flugmaſchinen zu reden.
Trifft dies für die Luftſchiffe nicht zu, ſo gilt die Ver=
neinung
in gleichem und vielleicht in noch höherem Maße
für die Flugmaſchinen. Deshalb dürfen wir es als
übertrieben bezeichnen, wenn ſeit Monaten in Frank=
reich
behauptet und bei uns nur gar zu lebhaft nachge=
redet
wird, daß das franzöſiſche Heer mit ſeinen zahlrei=
chen
und ſicher geführten Flugmaſchinen jetzt ſchon einen
nicht mehr einzuholenden Vorſprung vor uns gewonnen
und ſich ſogar eine grundſätzliche Ueberlegenheit durch
dieſes Kampfmittel verſchafft habe. Ja, es wurden und
werden noch immer Stimmen bei uns laut, die in nervöſer
Unruhe die ſofortige Anſchaffung einer großen Menge von
Flugmaſchinen fordern und ſich nicht ſcheuen, unſere Hee=
resleitung
der Läſſigkeit und Rückſtändigkeit auf einem
entſcheidenden Gebiete zu zeihen. Es iſt tatſächlich an der
Zeit, daß gegen ſolcherlei verwirrende Nervoſität Ein=
ſpruch
erhoben wird, um eine völlig unberechtigte Beun=
ruhigung
der Gemüter zu beſeitigen Man vergeſſe doch
nicht, daß trotz der im übrigen gar nicht ſo bedeutenden
Leiſtungen der franzöſiſchen Flugmaſchinenfahrer im dies=
jährigen
Armeemanöver das militäriſche Flug=
weſen
noch nicht weſentlich über den Be=
reich
des Sports hinausgekommen iſt, und
daß bei unſeren Nachbarn im Weſten manches auf Rech=
nung
der Reklame geſetzt werden muß, was vor ernſter
Prüfung nicht ſtandhält. Vor allem bleibt die Flug=
maſchine
in gleichem Maße wie das Luftſchiff von Wetter
und Wind, von Regen, Sturm und Nebel abhängig und
wird verſagen, falls ſie mit widrigen Verhältniſſen zu
kämpfen hat. Die Anſprüche der Heer= und Schlachtfüh=
rung
fordern aber Hilfsmittel, die zu jeder Zeit und unter
allen Umſtänden verfügbar ſind und, ſoweit menſchliche
Kraft in Frage kommt, nicht unbrauchbar werden oder
den Betrieb einſtellen müſſen. Es iſt eine alte Erfahrung,
daß jeder techniſche Fortſchritt eine Gegenmaßnahme her=
vorbringt
: das zeigt uns der Wettkampf zwiſchen Kriegs=
ſchiff
und Torpedo, zwiſchen Geſchütz und Panzerung. So
werden auch Schnellfeuergeſchütze entſtehen, die dem unge=
hemmten
Lauf der Flugmaſchine Halt gebieten und ihr
zum Verderben gereichen werden, ebenſo wie jetzt ſchon
die Ballonabwehrgeſchütze das Luftſchiff im Ernſtfalle mit
Erfolg bekämpfen dürften. Nur ſehr ſchnelle Fahrt wird
die Flugmaſchine vor den Geſchoſſen ſchützen wie aber
ſoll in ſolch ſauſender Bewegung genau und zuverläſſig
beobachtet werden? Der Wert der Flugmaſchine als
Waffe iſt erſt recht fraglich, denn die Wirkung der aus
Flugmaſchinen geworfenen oder geſchoſſenen Sprengſtoffe
kann nur ſehr zweifelhaft ſein.
Es liegt uns fern, an den Fortſchritten des kühnen
=Erfindergeiſtes mäkeln zu wollen, ja wir ſind überzeugt,
daß die Flugmaſchine ſich noch bedeutend verbeſſern wird.
Aber nochmals: keine Unruhe, keine Nervoſität, keine
Uebertreibung! Durch ſolche Kriegsmittel kann eine
Ueberlegenheit nicht herbeigeführt werden. Die gründet
ſich auf ganz andere Grundlagen früher, jetzt und in
Zukunft Der Krieg wird mit Menſchen, nicht mit
Maſchinen geführt. Das iſt ein ewiger Grundſatz!

VerPPräßdent der griechiſchen Nationalverſammlung
Konſtantin von Hößlin
iſt der Sohn eines Münchners, der 1833 als junger
Gelehrter unter König Otto, dem Bruder des Königs

Maximilian II. von Bayern, nach Griechenland einge=
wandert
war. Der neue Präſident war, wie die Mün=
chener
Neueſten Nachrichten mitteilen, ſeit vielen Jahren
der Vorſitzende der Advokatenkammer in Athen.
Von dem Getriebe der bisherigen Parlamentsparteien
ſich grundſätzlich fernhaltend, hatte er jederzeit die An=
nahme
eines Mandats abgelehnt und genoß deshalb in
allen Kreiſen wegen ſeines unabhängigen Charakters gro=
ßes
Anſehen. Seitdem die Bewegung gegen das ſchäd=
liche
Cliquenweſen der alten Parteien eingeſetzt hatte, war
er für die Jüngeren und Unabhängigen der kommende
Mann, ehe noch an die Heranziehung des Kreters Veni=
zelos
gedacht war.
Man hatte jedoch ſchon damals das Gefühl, als ob
manche, die in gewiſſen Beziehungen zu Weſteuropa ſtehen,
gegen das Hochkommen dieſes Deutſchen intrigierten
und daß beſonders auf Betreiben des Politikers J. Gen=
nadios
jener kretiſche Führer vorgeſchoben wurde.
Gennadios, früher griechiſcher Geſandter in London, war
durch König Georg zur Dispoſition geſtellt worden, da
er ihn als einen Gegner der Dynaſtie anſah. Dann hei=
ratete
Gennadios eine reiche Engländerin, die ihn in den
Stand ſetzte, Politik auf eigene Fauſt zu betreiben. Jeden=
falls
hat er nahe Beziehungen zu Venizelos unterhalten
und dadurch auf den Gang der Ereigniſſe ſeit zwei Jahren
einen bemerkenswerten Einfluß ausgeübt.
Trotzdem iſt es nun doch nicht gelungen, Veni=
zelos
an die Spitze der Nationalverſammlung zu brin=
gen
. Seine Niederlage hat der Kreter hauptſächlich da=
durch
verſchuldet, daß er mit allen Parteien Verbin=
dungen
ſuchte und dabei ſeinen Mangel an Charakter aber=
mals
zu deutlich offenbarte: Herr v. Hößlin dagegen hat
ſeinen Erfolg, ohne eigene Bewerbung, gerade durch die=
ſelbe
charakterfeſte Unabhängigkeit errungen, die den zwei=
ten
bayeriſch=griechiſchen Politiker von Rang, Profeſſor
Streit, der lange Jahre Direktor der Nationalbank und
zeitweiſe Finanzminiſter war, ſtets ausgezeichnet hat.
Deutſches=Reich.
Portugals diplomatiſche Vertre=
tung
in Berlin. Wie bereits mitgeteilt, wird der
Vicomte de Pindella, der bisherige portugieſiſche Ge=
ſandte
in Berlin, von ſeinem Poſten zurücktreten. Der
Geſandte wurde während eines Urlaubs, den er in ſeiner
Heimat verbrachte, durch den Ausbruch der Revolution
überraſcht und kehrt wohl nur zu dem Zwecke nach Berlin,
wo er einen großen Freundeskreis hinterlaſſen wird,
zurück, um ſeinen Hausſtand aufzulöſen. Vicomte de Pin=
della
iſt ſeit dem 26. Dezember 1893, alſo ſeit faſt ſiebzehn
Jahren, beim Deutſchen Reiche beglaubigt. Er iſt über=
zeugter
Royaliſt und ſtand dem Königshauſe und dem
Hofe als Pair des Reiches noch beſonders nahe. Das
diplomatiſche Korps Portugals rekrutierte ſich faſt ohne
Ausnahme aus Mitgliedern der, königstreu gebliebenen
Ariſtokratie die Geſandten ſind beinahe ſämtlich Mar=
quis
, Grafen, Vicomtes und Barone und dürfte daher
in ſeiner überwiegenden Mehrheit der Republik den Dienſt
verweigern und durch deren Parteigänger erſetzt werden.
Die Reichstagskommiſſion für die
Verſicherungsordnung erledigte am Freitag den
Abſchnitt über die Zuſatzverſicherung für die Handwerker
uſw. und ſonſtige nicht mehr verſicherungspflichtige Per=
ſonen
durch=Annahme. Am Dienstag wird das fünfte
Buch in Beratung genommen, welches das Verhältnis
der Verſicherungsträger zueinander regelt. Ende nächſter
Woche dürfte die Kommiſſion mit der erſten Leſung der
Reichsverſicherungsordnung fertig werden. Es ſoll dann
nach einer Pauſe von etwa zehn Tagen die zweite Leſung
beginnen. In der Kommiſſion erklärte bei der Ausſprache
über die Vermögensverwaltung der Verſicherungsanſtalten
der Vertreter der Fortſchrittlichen Volkspartei, daß ſeine
Partei nach wie vor die Mitarbeit mit gutem Willen leiſte.
Die Behaupung, als betrachteten die Freiſinnigen die Fer=
tigſtellung
der Vorlage lediglich als Sache der konſervativ=
klerikalen
Mehrheit, ſei völlig unrichtig. Zu der gleichen
Frage erklärte der Vertreter der Sozialdemokratie, daß,
nachdem die Kommiſſion gerade die Beſtimmungen in der
Krankenverſicherung gegenüber dem Entwurf ſo verändert
habe, wie die ſozialdemokratiſche Partei es bereits im
Plenum gewünſcht habe, auch die Sozialdemokraten im
Falle des Beibehaltens dieſer Beſchlüſſe für das Geſetz
ſtimmen würden, ſoweit es in der Kommiſſion bisher be=
raten
worden ſei.
Die deutſchen Eiſenbahnarbeiter
und das Arbeitskammergeſetz. Die Kreuz=

zeitung ſchreibt: Man kann angeſichts der Vorgänge in
Frankreich darauf geſpannt ſein, wie die Reichstagsmehr=
heit
zu den Kommiſſionsbeſchlüſſen über das Arbeitskam=
mergeſetz
ſich ſtellen wird. Die Mehrheit der Kommiſſion
hat ungeachtet des Widerſtandes der Regierung beſchloſ=
ſen
, die Eiſenbahnbetriebe in die Arbeitskammern hinein=
zubeziehen
. Das wäre der erſte Schritt zur Loslöſung
der Eiſenbahnarbeiter aus den Beſtimmungen der Reichs=
gewerbeordnung
, wodurch dieſen die Streikfreiheit ver=
ſchränkt
wird. Um den Eiſenbahnern das Koalitionsrecht,
d. h. die Möglichkeit, der Gewerkſchaftsorganiſation ſich
anzuſchließen, zuzuwenden, verſichern zwar Sozialrefor=
mer
und Sozialdemokraten, daß an einen Eiſenbahner=
ſtreik
niemals gedacht werden könnte. Auf dieſe Verſiche=
rungen
iſt aber wie die ſympathiſchen Auslaſſungen
der ſozialdemokratiſchen Preſſe über den franzöſiſchen
Ausſtand allein ſchon beweiſen nicht das Geringſte zu
geben. Sollte alſo die Reichstagsmehrheit im Sinne der
Arbeitskammernkommiſſion beſchließen, dann wird das
Geſetz als geſcheitert angeſehen werden müſſen. Die ver=
bündeten
Regierungen können in dieſem Punkt auf keinen
Fall nachgeben.
Wahlkreiseinteilung für Elſaß=
Lothringen. Wie der Straßburger Poſt aus Berlin
aus zuverläſſigſter Quelle mitgeteilt wird, iſt die reichs=
ländiſche
Regierung zurzeit eifrig mit Vorarbeiten für die
Aufſtellung der neuen Wahlkreiseinteilung für Elſaß=
Lothringen beſchäftigt, die auf Grund des ſtatiſtiſchen Ma=
terials
der Bezirkstags= wie der Reichstagswahlen vor=
genommen
werden. Das Blatt behält ſich vor, auf die
Einzelheiten der Wahlkreiseinteilung nach deren endgül=
tiger
Feſtſtellung zurückzukommen, die vermutlich nicht ohne
Zuziehung der Vertreter der verſchiedenen Parteien erfol=
gen
wird.
Ausland.
Frankreich.
Beendigung des Eiſenbahnerſtreiks?
Die Streikbewegung wurde ſchon am Samstag im weſent=
lichen
als beendet angeſehen. Mehrere radikale Blätter
ſprechen die Hoffnung aus, daß bei beiderſeitigem guten
Willen eine Wiederkehr ſolcher Ausſtände für lange Zeit
hintangehalten werden wird. Der miniſterielle Petit
Pariſien ſchreibt: Die öffentliche Meinung wird der Regie=
rung
Dank dafür wiſſen, daß ſie einerſeits mit Feſtigkeit
die Ordnung aufrechterhalten, andererſeits eine verſöhn=
liche
Tätigkeit ausgeübt hat. Andere Blätter verlangen
abermals dringend ein entſchiedenes Vorgehen gegen den
Allgemeinen Arbeiterverband, der der Haupturheber der
unaufhörlichen Streiks ſei. Der Figaro ſchreibt: Es heißt,
daß die Regierung dem Parlamente unverzüglich einen
Geſetzentwurf unterbreiten werde, durch den das Syndi=
katsgeſetz
von 1884 abgeändert werden ſoll. In der Tat
iſt eine ſolche Aenderung unumgänglich notwendig. Denn
man darf nicht vergeſſen, daß der Eiſenbahnerſtreik im
Namen des Geſetzes angezettelt wurde. Die Action ſagt:
Es exiſtiert offenbar im Lande irgendwo eine beſtändige
Verſchwörung gegen das Vaterland; dieſe muß mit der
äußerſten Energie bis auf den letzten Teil zerſtört werden.
Miniſterpräſident Briand empfing die Deputierten des
Seinedepartements und erklärte, daß er das Streikkomitee
nicht anerkenne und nur den hierzu berufenen Vertretern
des Eiſenbahnperſonals eine Unterredung gewähren
werde.
Bulgarien.
Die geſtrichene Flotte. Die jetzt regierende
demokratiſche Partei hatte von jeher nichts für die bulga=
riſche
Seemacht übrig. Sie ſprach in der Zeit ihrer Op=
poſition
nur von den unglückſeligen bulgariſchen Kriegs=
kähnen
und verhöhnte die Großmannsſucht gewiſſer chau=
viniſtiſcher
Militärs, die durchaus eine Flotte haben woll=
ten
. In der nächſten Sobranje=Tagung ſollen nun meh=
rere
demokratiſche Reformen im Staatsbudget vorgenom=
men
werden, und daher naht der Augenblick, wo die jetzt
Regierenden die Probe auf ihr früheres oppoſitionelles
Exempel beſtehen ſollen. Und in der Tat: die Flotte wird
geſtrichen, ganz einfach geſtrichen Es ſollen im Budget
für 1911 keine Mittel mehr für ſie vorgeſehen werden.
Außerdem ſoll die Einrichtung der Offiziersdiener aufge=
hoben
werden. Als Erſatz für die Flotte werden Kredite
für direkte Küſtenverteidigung ins Budget eingeſtellt wer=
den
, und als Erſatz für den Offiziersburſchen wird jeder
Offizer eine Dienerpauſchale erhalten.
Griechenland
Das neue Kabinett. Es heißt, der König werde
den Präſidenten der Nationalverſammlung Hößlin mit

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910.

der Bildung des Kabinetts betrauen. In zuſtändigen
Kreiſen weiß man abſolut nichts von Vorverhandlungen
zu dem Zwecke der Erzielung eines Einvernehmens zwi=
ſchen
der Türkei und Griechenland. Es handle ſich ledig=
lich
um tendenziöſe Erfindungen
Portugal.
Die neue Regierung. Dem Vertreter des eng=
liſchen
Geſandten in Liſſabon iſt das perſönliche Eigen=
tum
des Königs Manuel ausgehändigt worden. Die
nächſten Wahlen erfolgen nach dem allgemeinen Stimm=
recht
. Nach einem Liſſaboner Bericht der Wiener Poli=
tiſchen
Korreſpondenz wird in den Kreiſen der vorläu=
figen
Regierung die Kündigung des Konkordats als eine
zwingende Notwendigkeit angeſehen und als nahe bevor=
ſtehend
bezeichnet, da ohne ſie das republikaniſche Pro=
gramm
der Gewiſſensfreiheit nicht zu verwirklichen wäre.
Die Trennung von Staat und Kirche und die Umgeſtal=
tung
der Vertretung Portugals beim Heiligen Stuhl wür=
den
dagegen als nicht unmittelbar durchführbar bezeich=
net
. Die republikaniſche Regierung wünſche, den Bruch
mit dem Vatikan wenn möglich zu vermeiden. Dieſer
Wunſch werde auch von dem Heiligen Stuhl ſelbſt geteilt.
Dieſer habe beſchloſſen, ſein Verhalten ganz nach dem
der republikaniſchen Regierung einzurichten. Die vor=
läufige
Regierung bemüht ſich deshalb, die antiklerikale
Bewegung einzudämmen und namentlich die perſönlichen
Verfolgungen von Prieſtern und Mönchen hintanzuhalten.
Die verfügten Ausweiſungen hätten den Zweck gehabt,
die aufgeregten Volksmaſſen zu beruhigen und Ausſchrei=
tungen
vorzubeugen.
Perſien.
Die kleine Anleihe. Das Reuterſche Bureau
erfährt in bezug auf die kleine Anleihe, daß die britiſche
Regierung dem Vernehmen nach geneigt iſt, der ruſſiſchen
Regierung das Recht einzuräumen, befragt zu werden. In
maßgebenden Kreiſen Teherans herrſcht die Meinung, daß
das Zugeſtändnis an Rußland, in dieſer Angelegenheit
befragt zu werden, als Faktor angeſehen werden müſſe,
der zur Errichtung einer ſtarken ruſſiſchen Stellung am
verſiſchen Golf führe.
Auſtralien.
Die Stichwahlen in Neu=Südwales ſind
nunmehr erfolgt. Bei den Wahlen in Sydney wurden 46
Anhänger der Arbeiterpartei und 44 Liberale gewählt.
3
* Eiſenbahn=Tarifermäßigung für
Sportreiſen. Am Mittwoch fand in Berlin eine
Zuſammenkunft ſtatt, in der über Schritte zur Einfüh=
rung
billigerer Eiſenbahntarife bei gemeinſamen Reiſen
von Nichtberufsausübern jeder Sportart zu ſportlichen
Veranſtaltungen beraten wurde. Außer der Deutſchen
Sport=Behörde für Athletik waren der Deutſche Rad=
fahrerbund
, der Deutſche Hockey=Bund, der Verband
Mitteldeutſcher Ballſpiel=Vereine und der Verband Ber=
liner
Rollſchuh=Vereine vertreten. Es wurde feſtgeſtellt,
daß die jährliche Summe für Fahrgelder zu ſportlichen
Veranſtaltungen etwa eine halbe Million beträgt, die ſich
auf die einzelnen Sportzweige ſchätzungsweiſe wie folgt
verteilt: Fußball 300000 Mark, Radfahren 50000 Mark,
Hockey 40000 Mark, Schwimmen, Ahtletik und Tennis je
30000 Mark, ſowie Rudern und Eisſport je 10000 Mark.
Man beſchloß, bevor zu einer Eingabe an das Reichs=
eiſenbahnamt
geſchritten wird, zu verſuchen, ein Gutachten
vom Kriegs= und Kultusminiſterium zu erwirken und
zweitens ſich die Unterſtützung bedeutender Parlamen=
tarier
zu ſichern.
* Gegen die Aufnahme der aus Portu=
gal
ausgewieſenen Mönche und Nonnen
proteſtieren in erſter Linie die katholiſchen Länder. Die
ſpaniſche Regierung hat die Vorſteher der Klöſter erſucht,
den Aufenthalt der portugieſiſchen Mönche und Nonnen
möglichſt abzukürzen. Ein italieniſcher Miniſterrat hat
ſich mit der Zulaſſung der portugieſiſchen Kongregations=
nitglieder
in Italien beſchäftigt. Es wurde einſtimmig
der Beſchluß gefaßt, auf Grund der beſtehenden Geſetze
eine Einwanderung der Kongregationen zu verhindern
und allen Ankömmlingen eine diesbezügliche Mitteilung
zugehen zu laſſen.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 17. Oktober.
Ordensverleihung. Se. Königl. Hoheit der
Großherzog haben dem Wachtmeiſter und Stations=
führer
Philipp Gebhardt im Großh. Gendarmeriekorps
die Krone zum Silbernen Kreuz des Verdienſtordens
Philipps des Großmütigen verliehen.
L. Der Provinzialausſchuß hielt am Samstag
unter dem Vorſitz des Provinzialdirektors Fey wieder
eine öffentliche Sitzung ab. Zuerſt wurde die Entſchei=
dung
zu dem Rekurs der Heinrich Falter Witwe von
Steinbuch gegen ein Urteil des Kreisausſchuſſes ver=
kündigt
, durch welches ihr Antrag auf Ablöſung von
Gerechtſamen, welche auf ihrem Erbzinsland in der
Gemarkung Steinbach ruhen, abgewieſen wurde. Das
Rechtsmittel wurde für begründet erklärt, weil
ein ablösbares Recht in Frage ſtehe, die Sache an das
Kreisamt zurückverwieſen zur Feſtſetzung der Entſchä=
digung
, und die gräfliche Rentkaſſe zur Zahlung der
Koſten ſowie einer Gebühr von 15 Mark verurteilt.
2. Die Karl Jakob Nungeſſer Witwe von
Offenbach ſoll für das Haus Waldſtraße 6 zu den
Kanalherſtellungskoſten mit einem Betrage von 186,50
Mark herangezogen werden. Sie verweigerte die
Zahlung, weil das Kanalſtück, um welches es ſich hier
handelt, vor etwa 100 Jahren von dem Anlieger privat
gebaut und bezahlt worden ſei. In den achtziger
Jahren hat die Stadt den Kanal, weil er den an ihn
zu ſtellenden Anforderungen nicht genüge, umgebaut
und den Koſtenbeitrag verlangt. Der Kreisausſchuß
hat den Anſpruch der Stadt aus materiellen
Gründen für gerechtfertigt anerkannt; dieſe Entſchei=
dung
wurde von einem Vertreter der Witwe angefoch=
ten
. Auch der Beigeordnete Walther verfolgte
Rekurs, weil der Einſpruch der Nungeſſer nicht inner=
halb
der vierwöchigen Beſchwerdefriſt eingelegt wurde,
ſo daß er formell zurückgewieſen werden
müſſe. Der Vorſitzende ſtellte feſt, daß die vierwöchige
: Einſpruchsfriſt erſt von der Offenlegung der Beitrags=
liſte
an laufe. Eine ſolche Offenlegung hat nie ſtatt=
gefunden
, vielmehr wurde jedem einzelnen Inter=
eſſenten
mitgeteilt, was er zu entrichten habe. Ein
76jähriger Herr, welcher als Zeuge vernommen wurde,
übte an den neuen Kanälen eine herbe Kritik, ſeiner
Behauptung, daß dieſe ſchlecht ſeien, widerſprach der
Beigeordnete entſchieden. Es wurde Beſchluß dahin
verkündet, daß Beweis zu erheben ſei, wann der alte
Kanal erbaut wurde und ob und inwieweit eine Be=
teiligung
der Anlieger ſtattfand, ſowie ob der alte
Kanal geeignet ſei, auch neben dem neuen noch benutzt
zu werden, durch Vernehmung von Sachverſtändigen
und Einforderung von Akten des Amtsgerichts, Orts=
gerichts
und der Bürgermeiſterei.
3. Der Oekonomierat Ehatt von Trier hat in
Viernheim beantragt, die Kanaliſation alsbald bis zu
ſeinem Grundſtück auszudehnen. Der Gemeinderat
hat die Notwendigkeit der Anlage nicht verkannt, hält
die Sache aber nicht für eilig, weil zurzeit wichtigere
Dinge zu erledigen ſeien. Ehatt führte Beſchwerde an
den Kreisausſchuß, der ihn abwies. Gegen dieſes Ur=
teil
verfolgte Juſtizrat Gallus Rekurs, weil im Kreis=
ausſchuß
ein Mann mitgewirkt habe, der durch ſeinen
Wegzug nach Freiburg das Recht, mitzuwirken, ver=
loren
habe. Dem Rekurs wurde ſtattgegeben, die an=
gefochtene
Entſcheidung als nichtig aufgehoben und die
Sache an die Vorinſtanz zurückverwieſen. Die Ge=
meinde
Viernheim hat alle Koſten ſowie eine Gebühr
von 5 Mark zu zahlen.
n. Die Strafkammer verurteilte in der Samstag=
Sitzung den 49jährigen, rückfälligen Taglöhner Joſeph
Boos von Aſchbach wegen Diebſtahls zu 6 Monaten Ge=
fängnis
abzüglich eines Monats Unterſuchungshaft. Nur
ſeine geiſtige, durch das Laſter des Trunks noch geſtei=
gerte
Minderwertigkeit bewahrte ihn vor ſtrengerer Strafe
für das unverbeſſerliche, recht undankbare Verhalten. Bei
der Entlaſſung aus dem hieſigen Krankenhaus hatte der
vielfach Vorbeſtrafte den Koffer eines Kranken mitgehen
geheißen. Obwohl er nicht weniger als nahezu 30mal
in die Irrenanſtalt Frankfurt kürzere oder längere Zeit
aufgenommen war, ſteht ſeine Zurechnungsfähigkeit, die
ſtets durch den Alkohol erſchüttert zu werden pflegt, für die
Zeit jener Tat feſt. Der bei einem hieſigen Meiſter von
März bis Juli d. J. bedienſtete Metzgergeſelle Guſtav
Ehrlich von Frankfurt a. M. verſchaffte ſich betrügeriſch
Kundengelder, indem er ſie teils durch fälſchlich ausgefüllte
Lieferſcheine erhob und die richtigen Scheine als unbezahlt
zurückgab, teils ſonſt unterſchlug. Trotz zweier Unter=
ſchlagungsvorſtrafen
kam er mit 6 Wochen Gefängnis
davon, weil er reuig geſtändig war und die Hälfte des
Schadens von etwa 80 Mark bereits wieder erſetzt hat.

Wie König Manuel floh.
** Ganz neue Einzelheiten über die aufregenden
Szenen, die König Manuels Flucht begleiteten, ver=
öffentlicht
der ausgezeichnete Korreſpondent des Cor=
riere
della Sera, Luigi Barzini, der nun in Liſſabon
eingetroffen iſt und von Augenzeugen aus der
Umgebung des Königs die genauen Details der Ereig=
niſſe
erfahren hat. Das Königtum war eigentlich ge=
ſtorben
, ehe die Monarchie fiel. Montag nacht, um
halb 12 Uhr, war der König aus dem Schloß von Belem
in ſein Liſſaboner Palais zurückgekehrt. Alles wußte,
daß der Ausbruch der Revolution bevorſtand. Als bei
dem Bankett in Belem der erſte Gang ſerviert wurde,
war ein abgehetzter Reiter aus Liſſabon in den Saal
geſtürzt, hatte dem Kommandeur der Munizipalgarde
einige Worte zugeflüſtert, worauf dieſer Offizier haſtig
den Saal verließ. Eine halbe Stunde ſpäter war der
Marineminiſter abgerufen worden. Die Ereigniſſe
warfen ihre Schatten. Bei der Tafel ſprach niemand,
der König war melancholiſcher und ſtiller als je. Man
hatte ihm erwidert, daß nichts von Belang vorliege,
man befürchte nur irgend eine kleine Demonſtration.
Als er wieder in Liſſabon eingetroffen war, ließ
er um Mitternacht ſofort dem Miniſter des Innern
telephonieren; wieder kamen nur beruhigende Nach=
richten
. Die Dienerſchaft wurde entlaſſen, und der
König zog ſich in ſein Gebetzimmer zurück. Um 2 Uhr
nachts donnerten 13 Kanonenſchüſſe mit der Regel=
mäßigkeit
eines Saluts durch die Stille. Der König
klingelte, wollte wiſſen, was geſchehe; niemand wußte
etwas. Er kleidete ſich an und erwartete Nachrichten
von den Miniſtern. Inzwiſchen vollzog ſich die Meu=
terei
des 16. Inſanterieregiments. Der Kriegsminiſter
telephonierte nacheinander alle Generäle an, damit
einer von ihnen die Leitung der Verteidigung über=
nehme
; alle Generäle waren krank. Das Schickſal der
Monarchie war bereits ſo gut wie entſchieden. Einige
Adjutanten hatten ſich um den König geſchart. Wäh=
rend
draußen das Gewehrfeuer begann, ſuchte man
telephoniſch die Miniſter zu erreichen, doch keiner gab
Antwort. Dem=König erwiderte man auf alle Fragen:

Nichts Ernſtes, ein kleiner Aufruhr, der ſchnell über=
wunden
iſt.
Inzwiſchen dämmerte der Morgen herauf. Der Hof
war völlig verlaſſen, die Beamten verſchwunden, die
Miniſter unſichtbar; nur die Wache im Schloſſe war
auf 400 Mann verſtärkt. Während draußen die Salven
knatterten, irrte der König unruhig von einem Zimmer
ins andere. Er war bleich, ſein Blick ſtarr; bisweilen
ſank er in einen Seſſel, dann wieder eilte er zu ſeinem
Betpult. Endlich eine Nachricht vom Miniſterpräſi=
denten
: er telephoniert und gibt dem König den Rat.
ſich ſofort nach Eintra zurückzuziehen, bis die Aufruhr=
bewegung
niedergeworfen ſei. Der Sekretär des =
nigs
, Lavradio, der Adjutant Vikomte de Aſſeca und
der Admiral de Brito Capello widerſetzen ſich energiſch
der Abreiſe. Aſſeca ſagt: So lange noch ein Soldat
für Sie ſtirbt, bleiben Sie, Sire‟. In ſchrecklicher Un=
gewißheit
und Angſt verſtreichen die Stunden. Der
König weiſt die Speiſen zurück, fragt immer wieder
nach den Miniſtern, fragt nach ſeiner Umgebung, er
fühlt ſich verlaſſen, er will fliehen. Da ziſchen die
erſten Bomben über das Schloß. Vom Fenſter aus
ſieht man den Kreuzer Adamaſtor wie er ſich dreht,
vom Backbord einen Schuß abgibt, wieder wendet und
von Steuerbord feuert. In regelmäßigen Abſtänden
werden Granaten geſchleudert. Beim vierten Schuß
hört man ein Donnern wie das Krachen einſtürzen=
der
Mauern. Da zieht ſich der König auf die andere
Seite ſeines Schloſſes zurück, in jenen Saal, der einſt
König Carlos als Atelier diente und wo jetzt noch un=
zählige
Bilder hängen und liegen. Manuel wirft ſich
auf einen Diwan; er will fort, fort um jeden Preis,
er will zur Mutter. Irgend ein Kavalier vom Hofe
ſtimmt zu, und die Flucht iſt beſchloſſen. Alles eilt in
den weiten Garten. Auf einem einſamen Pfade wan=
dert
der König auf und ab, während in der Garage
das Automobil angekurbelt wird. Leiſe beraten die
Offiziere und Beamten: Eintra iſt kein günſtiger Zu=
fluchtsort
, es iſt ſchwer zu verteidigen; man will den
König nordwärts ſchaffen, nach Mafra, dem Escorial
Portugals. Um die Verteidiger nicht zu entmutigen,
fährt das Automobil leer aus dem Portal und wendet

Nummer 243.

Nach Verübung eines ebenſo dreiſten wie groben Ver=
trauensbruchs
war der 24jährige Schuhmachergeſelle Lud=
wig
Götz aus Schönburg im Mai d J. von hier flüchtig
geworden und hatte ſich (kürzlich in Lindau wohnhaft)
nunmehr zu verantworten. Er beſtimmte damals ſein
Verhältnis, das hieſige Dienſtmädchen A., zur Abhebung
von 20 Mark ihm ein Sparkaſſebuch über 80 Mark auszu=
händigen
, und beabſichtigte, ſich heimlich dieſen ganzen
Sparpfennig der Vertrauensſeligen zu verſchaffen. Mit
einer auf ihren Namen gefälſchten Erhebungsvollmacht
wurde er auf der ſtädtiſchen Sparkaſſe abgewieſen, damit
die Eigentümerin ſelbſt komme. Er dingte ſich nun durch
5 Mark Vergütung eine Frau, die an der Kaſſe als die A.
auftreten und quittieren ſollte, doch wurde durch Anzeige
einer Wirtin, in deren Lokal G. ſeine Abſicht verlauten
ließ, der Schwindel vereitelt. Die Helferin will im letzten
Augenblick freiwillig zurückgetreten ſein und hatte ſich auch
nicht ſtrafbar gemacht. G. wurde wegen ſchwerer Urkun=
denfälſchung
und Betrugs, ſowie aus § 49a St.=G.=B.
(weil er einen andern durch Vorteile zu einem Verbrechen,
der Urkundenfälſchung, beſtimmen wollte) zu 2 Monaten
Gefängnis abzüglich eines Monats Unterſuchungshaft ver=
urteilt
. Einer Urkundenfälſchung nebſt Betrugs hat ſich
der 33jährige Taglöhner Leonhard Jakobi von hier
ſchuldig gemacht, um eine Wohnung zu erlangen Er ſpie=
gelte
dem Vermieter unter Vorzeigung gefälſchter früherer
Mietquittungen ſeine Pünktlichkeit im Bezahlen vor. In
Anbetracht der Sachlage ließ es das Gericht bei 2 Wochen
Gefängnis bewenden. Den Umſtand, daß ein zehn=
jähriger
Junge in Viernheim fortgeſetzt die Kaſſe
ſeines Vaters plünderte und insgeſamt 125 Mark ſtahl,
machten ſich Kameraden, darunter der 13 Jahre alte, alſo
ſtrafmündige Schüler F., zunutze und halfen die Beute in
Uhren, Fernrohren, Taſchenlampen, Spielzeug uſw. um=
ſetzen
, bis man endlich hinter die Sache kam. Da F. aber
geiſtig ſo zurückgeblieben iſt, daß er die zur Erkenntnis
der Strafbarkeit erforderliche Einſicht nicht beſitzt, mußte
er wegen Mittäterſchaft bezw. Hehlerei freigeſprochen wer=
den
, nachdem ihm die Schule bereits die verdienten Prügel
verabreicht hat.
* Großh. Hoftheater. Am Donnerstag, den 20. ds.
(36. Abonnements=Vorſtellung. A. 9) wird Goethes
Iphigenie auf Tauris gegeben. Die Rolle der
Iphigenie ſpielt Fräulein Eichelsheim, Großh. Heſſ.
Hofſchauſpielerin, vom Königl. Theater in Wiesbaden,
als Gaſt.
* Stadtverordnetenwahl. Die Liſte der Stimm=
berechtigten
liegt vom 19. ds. ab im Stadthauſe
auf. Näheres iſt aus der Bekanntmachung der Bürger=
meiſterei
im Anzeigeteil der heutigen Nummer zu erſehen.
Die 11. Sitzung der Stadtverordneten= Ver=
ſammlung
findet am Donnerstag, den 20. Oktober,
nachmittags 3½ Uhr ſtatt. Tagesordnung: 1. Mit=. 2. Geſuche um Geſtattung einer Ausnahme
von der Beſtimmung in § 5 des Ortsbauſtatuts. 3. Ge=
ſuche
um Geſtattung einer Ausnahme von der Beſtim=
mung
in § 4 Abſ. 1 der Ortsbauſatzung über die Be=
nutzung
von Vorgärten (2 Fälle). 4. Geſuch um Be=
freiung
von der Beſtimmung in § 1k der Baupolizei=
Ordnung. 5. Niederlegung der ſtädtiſchen Häuſer
Schwanenſtraße 21a und 21b. 6. Tauſch von Gelände
am Elfeicherweg. 7. Erbauung eines Kanals zur Ent=
wäſſerung
des Nordgebiets und Entwäſſerungsanlage
für den Schlachthof. 8. Polizeiverordnung, betreffend
die Ordnung auf dem Friedhofe an der Nieder=
Ramſtädterſtraße. 9. Geſuch um Uebernahme eines Erb=
begräbnisplatzes
in dauernde Unterhaltung der Stadt.
10. Geſuch des Vorſtandes der Akademiſchen Arbeiter=
unterrichtskurſe
um Bewilligung eines ſtädtiſchen Zu=
ſchuſſes
. 11. Stadtverordnetenwahl 1910; hier: Bildung
und Einteilung der Wahlbureaus. 12. Verteilung der
Zinsbeträge für die Koſten der Kabellegung in der
Emilſtraße, Viktoriaplatz und Liebigſtraße.
C Beerdigung. Am Samstag nachmittag fand die
Beerdigung des ſo plötzlich im beſten Mannesalter ver=
ſtorbenen
Kaufmanns Georg Engelhard auf dem hie=
ſigen
Friedhofe ſtatt. Eine ungewöhnlich große Zahl von
Leidtragenden gab dem Verſchiedenen das Geleit auf dem
Wege zur letzten Ruheſtätte und legte Zeugnis ab von der
Wertſchätzung, der der Verſtorbene im Leben ſich zu er=
freuen
hatte. Am Grabe hielt Herr Pfarrer Dingeldev
eine eindrucksvolle Trauerrede. Darauf widmete Herr
Muſikdirektor Süß namens der Loge dem Verſtorbenen
einen warm empfundenen Nachruf, in dem er gleichzeitig
in Lebensbild von ihm zeichnete und warf ihm als letzten
Gruß der Brüder drei Roſen auf den Sarg. Namens der
Bezirksgruppe Darmſtadt des Hanſabundes, der der Ver=
ſtorbene
im Vorſtand angehörte, legte Herr Syndikus Dr.
Human einen Kranz nieder. Zahlreiche weitere Kranz=
ſpenden
folgten. U. a. auch ſolche des Bezirksvereins

ſich durch Seitenſtraßen der Gartenmauer zu. In der=
Eile wird der Schlüſſel zu der alten Pforte nicht ge=
funden
; es heißt, über die Mauer klettern. Haſtig
ſchleppt ein alter Diener eine Leiter herbei, der ein=
zige
Diener, der beim König geblieben war. Manuel
iſt ungeduldig, man hört ihn murmeln: Sie wollen
mich morden‟ Er hat das tragiſche Ende ſeines Va=
ters
immer vor Augen. Der Graf Sabugoſa klettert
als erſter über die Leiter, dann der König, zuletzt der
Marquis di Faial. Der Marquis drückt den Hebel,
das Automobil raſt davon, und dahinter in donnern=
dem
Galopp die Eskorte von 52 Gardereitern.
Wenige Minuten ſpäter liegt Liſſabon hinter den
Flüchtlingen. Bei Palliavan bleibt das Automobil in
einer Schlammpfütze ſtecken. Alles ſpringt heraus,
der König ſelbſt hilft die Maſchine wieder auf die
Chauſſee zu ziehen. Die Pferde der Eskorte ſind er=
ſchöpft
, bald müſſen ſie zurückbleiben, und das Auto=
mobil
ſetzt allein die Jagd nach Norden fort. Gegen
4 Uhr wird Mafra erreicht. Hier fühlt ſich Manuel
ſicherer. Die Militärſchule, die im Palaſt liegt, wird
aufgefordert, eine Ehrenwache zu ſtellen, das Volk, das
von den Liſſaboner Vorgängen nichts weiß, empfängt
den König mit Ehrfurcht. Königin Amelia, die noch
in Cintra weilt, wird verſtändigt und trifft zwei
Stunden ſpäter im Automobil ein. Eine lange Unter=
redung
zwiſchen den beiden findet ſtatt; ſie wird mehr=
fach
durch telephoniſche Alarmnachrichten aus der
Hauptſtadt unterbrochen. Aber der König und ſeine
Mutter vermögen an den Ernſt der Lage nicht zu
glauben. Erſt abends um 9 Uhr kann die Situation
nicht länger verheimlicht werden. Die Königin fährt
nach Cintra zurück, immer noch feſten Glaubens, daß
der Aufruhr niedergekämpft wird.
Die alte Königin Maria Pia ſitzt inzwiſchen in
Cintra und weiß ſo gut wie gar nichts. Sie hat immer
einſam gelebt, ihr ganzes Weſen und ihre Denkungs=
art
trennte ſie von der Familie. Die alte Dame liebt
den jungen Manuel von Herzen, aber von dem Tage
an, an dem er ſich herbeiließ, ein Schriftſtück zu unter=
zeichnen
, das das Andenken an den Vater herabzog,
hat Maria Pia ſich vom Hofe ferngehalten. Sie allein,

[ ][  ][ ]

Nummer 243.

Seite 3.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910.

ernter e etene bier haiſet us e
Hauptverbandes Leipzig.
Tage geſchloſſen.
September 1910 betrugen die Einnahmen im Perſonen=
verkehr
605 778 Mark (September 1909 585 591 Mark),
im Güterverkehr 113760 Mark (107405 Mark), die
Einnahmen 722582 Mark (696977 Mark).
d. M., abends, im Kaiſerſaal Herr Profeſſor D. Gun=
kel
aus Gießen halten, der bereits im Frühjahr bei alte 1 M., Lapins 1 M., Haſen 3,30 M.; Fiſche ½ Ka.;
Drews Religionsgeſpräch zu einer vernichtenden Hecht. Aal 1,20 M., andere Rheinfiſche 40 Pf Rotzungen
hat. Das Thema ſeines Vortrags, Die babylo=
niſchen
Mythen und das Alte Teſtament,
wird dem auch als Redner hervorragenden Forſcher
Gelegenheit bieten, das ebenſo allgemein menſchlich
wie religiös intereſſante und neuerdings viel beſpro=
chene
Problem auf Grund ſeiner eigenen, epoche=
machenden
Studien zu beleuchten. Der Beſuch des
Vortrags, der etwa eine Stunde dauern wird, iſt da= einem Teller eine Verletzung am Kopfe beigebracht.
her allen für dieſe Frage Intereſſierten wärmſtens zu
empfehlen. Eintrittskarten ſind bei Waitz und an der
Kaſſe für 30 Pfg. und für den reſervierten Platz zu mit einem Prügel auf den Kopf geſchlagen und ſchwer
1 Mk. zu haben. Karten für alle Vorträge koſten 1 Mk.
und für reſervierten Platz 3 Mk. Der Reinertrag iſt Anſpruch nehmen.
für die Krankenpflege der Stadtgemeinde beſtimmt.
des Alldeutſchen Verbands und des Deutſchen
Oſtmarkenvereins Montag, den 17. ds., heute
abend ½ 9 Uhr, im Fürſtenſaale veranſtalten. Herr Pro=
feſſor
Dr. Hötzſch von der Akademie zu Poſen wird
über deutſche Aufgaben in der preußiſchen
Oſtmark ſprechen. Herr Hötzſch iſt ein guter Redner
und als hervoragender Kenner der Verhältniſſe in der
Oſtmark längſt bekannt.
* Im Ortsgewerbeverein ſpricht am nächſten Frei=
prüfung‟
.
Bauerntheater Orpheum. Heute, Montag,
den 17. Oktober, gelangt Anzengrubers Volksſtück in
ſieben Bildern Der Meineidbauer zur Aufführung.
Die Darſtellung dieſes Stückes zählt zu den beſten
Leiſtungen Michl Denggs und ſeines Enſembles. (Siehe
Anzeige.)
St. Der Obſt=, Gemüſe= und Kartoffelmarkt, der in
dieſem Jahre im Schützenhof ſtattfindet, iſt ſo außer=
lordentlich
ſtark beſchickt, daß er ſowohl quantitativ als
auch qualitativ die Märkte der letzten Jahre weit über=
trifft
. Beſonders in edlem Tafelobſt iſt das Angebot
ſehr ſtark und hält der Nachfrage durchaus das Gleich=
gewicht
. Alle drei Provinzen ſind vertreten. Auch in
Gemüſe aller Art iſt das Angebot ſehr groß. Weniger
in Kartoffeln, die auch im Preiſe ziemlich hoch ſtehen
(7 Mark 50 Pfg. bis 9 Mark pro Malter). Die Preiſe
ffür Obſt ſchwanken zwiſchen 7 bis 15 Mark pro Zentner.
Für hervorragend ſchöne Sorten werden pro Stück
780 Pfg. bis 2 Mark gefordert und bezahlt; ſo für Cal=
ville
uſw. Das Kaufgeſchäft war ſehr lebhaft und die
Nachfrage nach Loſen ſo ſtark, daß die wenigen, die
nicht ſchon vor dem Markt verkauft waren, bald ver=
griffen
waren.
Bei der Prämiierung des ausgeſtellten Obſtes
uſw. wurden folgenden Ausſtellern Preiſe zuerkannt:
Für Verpackung von Obſt: Otto Dahlem,
Uebersheim; Ph. Werner, Reichelsheim: Ph. Bangert,
Fr.=Crumbach: B. Held, Darmſtadt; Ph. Muth, Hof
Breitenloh; P. Breitwieſer, Eberſtadt; M. Ehrhard,
Nieder=Kainsbach: W. Dequis, Pfaffen=Beerfurth; C.
F. Hirſch, Alsheim; H. Lotz, Nieder=Klingen.
Für von Züchtern ausgeſtelltes Obſt:
Juſtizrat Gallus, Darmſtadt; P. Breitwieſer, Eber=
ſtadt
; W. Hildebrand II., Eberſtadt; J. Brunnträger,
Darmſtadt; Chr. Knipp. Auerbach; J. Lutz X., Ober=
Klingen: C. Häußer, Nieder=Beerbach; Joh. Kriſch=
baum
, Billings; H. Lutz T., Nieder=Klingen; H. Weiß,
Wiebelsbach
Für Gemüſe: W. Feldmann, Griesheim.
Für Konſerven, Obſtweine und Honig:
E. Breimer, Darmſtadt: J. Pfeiffer, Darmſtadt; M.
Riebel, Darmſtadt; L. Petri, Darmſtadt.
A Durchſchnittspreiſe der Wochenmärkte von
voriger Woche: Butter ½ Kg. 1,40 M., in Partien 1,30 M.,
Eier 78 Pf., Schmierkäſe ½ Ltr. 20 Pf., Handkäſe 6
110 Liter) 70 Pf., ½ Kg. 56 Pf., Obſt u. dgl.: Aepfel:
Reinetten, Parmänen, Kohläpfel der Zentner 9 M.,
Schafnaſen der Zentner 78 M., Birnen ½ Kg. 14 Pf.,

Pfirſiche 1, Kg. 20 Pf., Kaſtanien ½, Kg. 5 Pf.; Salat,
Gemüſe u. dgl.: Kopfſalat 46 Pf., Endivien 4 Pf., I
K.V. Die Kunſthalle iſt vom 16. d. M. ab auf einige Bündel Radieschen 3 Pf. Rettiche 36 Pf., Meerrettich
1030 Pf., Bündel Römiſch=Kohl, Schnittlauch u. dgl.
Süddeutſche Eiſenbahn=Geſellſchaft. Im Monat 2 Pf., Rhabarber ½ Kg. 1012 Pf., Zwiebeln ½ Kg.
8 Pf., Roterüben ½ Kg. 6 Pf., Paradiesäpfel ½ Kg.
20 Pf., Gelberüben ½ Kg. 510 Pf., Wirſing 510 Pf
Kohlrabi 35 Pf., Blumenkohl 1050 Pf., Rotkraut 10
Nebeneinnahmen 3035 Mark (3921 Mark), die Geſamt= bis 30 Pf., Weißkraut 510 Pf., Spinat ½ Kg., 12 bis
15 Pf., Bohnen ½, Kg. 30 Pf., Eierſchwämme ½ Kg.
Wiſſenſchaftliche Vorträge über religiöſe Fragen. 1 12 Pf., Steinpilze ½ Kg. 40 Pf.; Geflügel, Wild:
Den erſten Vortrag wird am Freitag, den 21. Gänſe ½, Kg. 85 Pf., Enten 34 M., Hahnen u. Hühner
1,502,00 M., Tauben 65 Pf., junge Rebhühner 1,40 M.,
Kritik der Drewsſchen Hyoptheſe das Wort ergriffen 150 Pf., Kabeljau, große Schellfiſche 30 Pf., kleine Schell=
fiſche
1820 Pf.; in den Fleiſchſtänden ½ Kg.: Rind=
fleiſch
60 Pf., Hackfleiſch 80 Pf., Rindsfett 50=Pf., Rinds=
würſtchen
(Stück) 15 Pf.
§ Körperverletzungen. Am Freitag abend entſtand
in einer Wirtſchaft am Marktplatz zwiſchen mehreren
Gäſten ein Wortwechſel, ſodaß es zu Tätlichkeiten kam.
Ein Taglöhner hat hierbei einem jungen Mann mit
Am Mittwoch abend gegen 7½ Uhr wurde in der
Beſſungerſtraße ein Bäckergehilfe von einem Küfer
verletzt. Der Bäckergehilfe mußte ärztliche Hilfe in
§ Pfungſtadt, 14. Okt. In verſchiedenen Hofreiten
Vortrag. Es ſei nochmals auf den Vortrags= wurden vergangene Nacht bedeutende Wäſchediebsblätter melden: Der Polizeipräſident von Ber=
jabend
aufmerkſam gemacht, den die hieſigen Ortsgruppen ſtähle begangen. Die Nachforſchungen der Gendarmerie
blieben bis jetzt ohne Erfolg.
§ Aus dem Ried, 15. Okt. Dank der trockenen Witte=
rung
haben die Landwirte das Einheimſen der
Kartoffeln jetzt bendet. Der Preis der Kartoffln
Die Zuckerrüben fallen ziemlich gut aus; die Zuckerfabriken
zahlen 1 Mark pro Zentner.
ein Auerbach teilt mit: Intereſſenten für unſere Konzerte 1 ſuchungsgefängnis nach Roſtock überführt worben. Der
tag abend Herr Dr.=Ing. Preuß über Baumaterial= und Freunde der in unſerem Konzert am 18. Oktober mit= Verhrftete ſteht nach Anſicht der Staatsanwaltſchaft in
heutigen Nummer beſonders aufmerkſam.
in Reinheim wird, wie in früheren Jahren, dieſen ſeit längerer Zeit in Berlin auf. Er wurde geſtern von
Winter hindurch an Samstag=Nachmittagen unter der1 einem eigens von Roſtock kommenden Oberſtaats=
bewährten
Leitung des Bildhauers Pitro=Darmſtadt anwalt verhaftet. Er ſoll Wechſelſchulden im Betrage
ſich hierzu zuſammenfindet. In erſter Linie iſt der ! kauf des Seebades und des Ausbaues hat er ſeinerzeit
Kurſus für Schreiner, Zimmerer und Glaſer beſtimmt, Wechſel gegeben, da er über bares Geld nicht verfügt;
Großh. Zentralſtelle für die Gewerbe in Darmſtadt nen Mark koſtete. Außer den Wechſelgläubigern ſind
entgegen.
denen Mitgliederverſammlung des Sozialdemokratiſchen jede betrügeriſche Abſicht. Er behauptet, nur ideale
Vereins wurde das Zuſammengehen bei der Stadt= Zwecke im Auge gehabt zu haben und will das Opfer
verordnetenwahl mit den Fortſchrittlern, die be= von Wucherern geworden ſein. Die Behauptung,
kanntlich zwei Sitze erhalten, mit 702 gegen 6 Stimmen Marlitt habe bereits neun Monate Gefängnis gehabt,
akzeptiert.
fanden im 3. Quartal 1910 81 Einäſcherungen ſtatt. Von Millionenkrach verwickelt zu ſein. Geſtern fanden bei
dieſen waren 23 aus Wiesbaden, 14 aus Mainz. 7 aus mehreren Perſonen Hausſuchungen ſtatt. Für die
Köln, je 3 aus Barmen und Kreuznach, je 2 aus Biebrich, Ermittelung des Urhebers des Dynamitattentates auf
je 1 aus Alzey, Oppenheim, Bärſtadt, Berlin, Dierdorf, übt wurde, hat der Eiſenbahnminiſter eine Beloh=
Dotzheim, Eſſen, Godesberg, Hagen i. W., Haiger (Dill=nung von 3000 Mark ausgeſetzt. Vor der
kreis), Hochheim a. M., Homburg v. d. H., Kayſersberg Rache des Volkes hat der Schlächtermeiſter P.
M.=Gladbach, Münſtereifel und Rambach. Unter den ein= Töchtern und ſich ſelbſt das Leben genommen hat, ſich
lichen Geſchlechts. Der Religion nach waren 57 evange= Familientragödie verbreitete ſich das Gerücht in der
liſch, 16 katholiſch, 4 israelitiſch, 1 altkatholiſch, 1 freichriſt= Nachbarſchaft, daß K. die Seinigen in den Tod getrieben
lich und 2 Diſſident.
32848 Kurgäſte angekommen, wovon an genanntem Tage dahin gute Geſchäft verlor nun ſofort ſeine Kunden,
noch 1558 anweſend waren. Bäder wurden bis zum 13. Korſus wurde förmlich boykottiert. Es ſammelten ſich
Oktober 432 600 abgegeben.
Schlitz, 14. Okt. Geſtern fand auf Schloß Richt= 1 in dem Geſchäft kaufen wollten, vom Eintritt in den
hof bei Schlitz die Verlobung der dritten Tochter Laden abhielten. Die Polizei verſuchte unausgeſetzt, die
Sr. Erlaucht des Grafen und Herrn von Schlitz ge=Mengen zu zerſtreuen, die Anſammlungen dauerten
nannt von Görtz, Gräfin Marie, mit dem Grafen! aber fort. Infolgedeſſen entſchloß ſich Korſus, kurzer=
Heinrich von Luxburg Hauptmann im Gene= hand ſein Heim zu verlaſſen. Möbelwagen ſchafften
ralſtabe des 1. bayeriſchen Armeekorps, ſtatt.
Nidda, 15. Okt. Bei dem am Fuß des Vogelsberges
bis 10 Pf., Kartoffeln der Zentner 3,754 M., Kumpfi gelegenen altheſſiſchen Städtchen Nidda hat auf dem weſt=demie erreichte in einem Feſtakt, der in Anweſenheit
lich das Niddatal begleitenden Höhenzug die Bürgerſchaft! des Kaiſers in der Aula der Kriegsakademie ſtatt=
zum
ehrenden Gedächtnis an den Altreichskanzler fand, ihren Höhepunkt. In dem feſtlich geſchmückten
Fürſten Bismarck in patriotiſch=dankerfüllter Geſin= Peſtibül präſentierten Wachtpoſten in hiſtoriſchen

mit ihrem ſcharfen Blicke, kannte ſeit Monaten die
revokutionäre Stimmung. Um ihren Einfluß zu bre=
chen
, ſtellte man ſie als geiſtesverwirrt hin, doch das
Volk hängt noch heute an der greiſen Königin, ſelbſt
die Republikaner ſprechen von ihr mit Verehrung.
Es war auch beſchloſſen, alle Mitglieder des könig=
lichen
Hauſes zum Exil zu verurteilen, nur Maria
Pia war ausgenommen. Noch am Mittwoch Morgen
iſt der Königsfamilie die Lage verheimlicht. Erſt gegen
zehn Uhr wird der alten Königin telephoniert, ſie möge
nach Mafra kommen. Um ſie dazu zu bewegen, er=
klärte
man ihr, dem Könige ginge es ſehr ſchlecht. Sie
iſt gerührt, man hat ihrer ſo lange nicht bedurft, eilig
fährt ſie ab. Ich komme bald wieder, mein armer
Kleiner hat mich nötig, ſagte ſie beim Abſchied zur
Kammerfrau. Um elf Uhr erreicht ſie Mafra. Drei
Stunden ſpäter erhielt der Schloßverwalter von der
proviſoriſchen Regierung ein Telegramm mit der Auf=
forderung
, auf dem Schloſſe die republikaniſche Flagge
zu hiſſen. Noch immer zögert die Königsfamilie. Nach
dem erſten Schrecken glaubt man an ein falſches Tele=
gramm
; vielleicht haben einige Aufrührer die Tele=
(graphenſtation überrumpelt. Man ſetzt ſich zu Tiſch.
Niemand ſpricht.
Der erſte Gang wird aufgetragen: da öffnet ſich
die Tür, und atemlos ſtürzt der Hauptmann De Mello,
ider Adjutant des Infanten Don Alfonſo, in den Saal.
Die Souveräne müſſen ſofort fliehen, drunten auf der
Reede von Ericeira wartet die Jacht Amelia, der
Infant iſt ſchon an Bord. Alles ſtarrt ſich faſſungslos
an. Dann hört man die Stimme der Königin Maria
Pia: Aber warum fliehen, warum? Man bleibe, ich
fliehe nicht. Aber ein Argument entſcheidet: die
Wahl zwiſchen Flucht oder Abdankung. An Bord iſt
nichts vorbereitet, keine Lebensmittel ſind auf dem
Schiffe. Und nun ſieht man ein trauriges Schauſpiel=
än
den vier Tiſchtüchern werden haſtig einige Speiſen
verpackt, Brot, etwas Fleiſch, Kartoffeln. Eilig ſchleppt
mnan dies einzige Gepäck zu den Automobilen. Außer
den Königinnen und dem König nehmen insgeſamt
zehn Perſonen, Adjutanten und Hofdamen, in den

drei Wagen Platz. 60 treue Gardereiter, die im Ga=
lopp
von Eintxa herüber gekommen ſind, begleiten die
Automobile. In Ericeira wohnt das Volk ſchweigend
der Einſchiffung bei Der König muß geſtützt werden,
die greiſe Maria Pia ſcheint in zwei Stunden um
zwanzig Jahre gealtert. In zwei Fiſcherbooten neh=
men
die königlichen Flüchtlinge Platz. Keiner der Ru=
derer
grüßt, nur das höfiſche Gefolge verneigt ſich.
Die Hände in den Taſchen, ſtarrt Mannel wie betäubt
auf dies Bild. Als das Boot abſtößt, ſieht man den
König eine vage Gebärde machen, dann ſtreicht er mit
der Hand über die Augen. Die Damen küſſen der =
nigin
Amelia die Hand. Quelle infamiel Au revoirie
Das waren Amelias letzte Worte auf portugieſiſchem
Boden. Eine Frau aus dem Volke nähert ſich, kniet
nieder, küßt das Kleid der Königin und dann die
Hand, die ihr gereicht wird. Aber das Volk ringsum
ſteht ſtumm, ſchweigend und anſcheinend unbewegt.
Das war die Flucht König Manuels aus ſeinem
Reiche. . .
Vorträge.
Der Verein für Verbreitung von
Volksbildung eröffnete ſeine neue, reichhaltige
Wintertätigkeit am Freitag abend mit einem Vortrag
des Herrn Regiſſeurs Dr. C. Hein e=Frankfurt a. M.;
Wie ſollen wir Theatervorſtellungen
genießen? welche Veranſtaltung gleichzeitig als
Dankes= und Anerkennungszeichen zur hundertjähri=
gen
Jubelfeier unſeres Hoftheaters gedacht war. Er=
ſtreben
doch Bühne und Verein, wenn auch auf ver=
ſchiedenen
Wegen, das gleiche hohe, ideale Ziel, und
können ſich zum Wohle der Geſamtheit gegenſeitig er=
gänzen
. Das Theater zieht einen großen Teil der Be=
völkerung
an, wirkt aber nur dann voll und ganz,
wenn ſeine Darbietungen die richtige, verſtändnisvolle
Aufnahme finden. Von einem ebenſo feinſinnigen als
erfahrenen Fachmann aus deſſen praktiſchem Schaffen
und Erleben heraus Winke und Anleitung zu erhal=
ten
, war wertvoll, und die zahlreiche Zuhörerſchaft=

nung ein eigenariges, ganz aus Nalurſteinen ohne wei=
tere
Bearbeitung beſtehendes Denkmal errichtet. Es iſt
in ſeinen Formen von den vielen Denkmälern, die zu
Ehren des Eiſernen Kanzlers in deutſchen Landen ſich er=
heben
, inſofern abweichend und beachtenswert, als archi=
tektoniſche
Formen hierbei gänzlich gemieden und das
Ganze nur aus den Materialien (Baſaltfindlinge und
Blöcke von Baſaltlavatuff) die der Boden, auf dem es
ſteht, hergab, zuſammengruppiert iſt. Wie die Geſamt=
anlage
aus urwüchſigem Material, ſo iſt auch der Aufbau
in urwüchſigen Formen gehalten. Zum ungeſchmäler=
ten
Genuß der nach allen Richtungen ſich bietenden reizen=
den
Ausſicht ſind zwei Plattformen mit Treppen ange=
gliedert
. Auch der gärtneriſche Schmuck iſt auf ſolches
Pflanzenmaterial beſchränkt, das auf dem Baſalthügel ge=
deiht
. (G. A.)
Büdingen, 15. Okt. Behufs Abwehr der Maul=
und Klauenſeuche hat das Kreisamt Büdingen die
Abhaltung von Viehmärkten im Kreiſe Büdin=
gen
bis auf weiteres verboten. Geſtattet iſt nur die
Abhaltung des Pferdemarktes in Ortenberg und die Ab=
haltung
von Schweinemärkten, letzteres aber mit der Ein=
ſchränkung
, daß von den Märkten Händlerſchweine aus=
geſchloſſen
ſind und nur direkt aus unverſeuchten Zuchten
des Kreiſes Büdingen Schweine zugeführt werden dürfen.

Reich und Ausland.
Ans der Reichshauptſtadt, 15. Okt. Die Morgen=
lin
, der Dezernent der Verkehrspolizei und der Char=
lottenburger
Polizeipräſident begeben ſich auf zehn
Tage nach London, um die dortigen Verkehrsverhält=
niſſe
zu ſtudieren und u. a. auch die Londoner Unter=
grundbahnen
zu beſichtigen. Auf Veranlaſſung der
ſchwankt zwiſchen 6 und 6,50 Mark für den Doppelzentner. Roſtocker Staatsanwaltſchaft iſt, wie ſchon gemeldet, der
frühere Direktor der Geſellſchaft m. b. H. Heiligen=
damm
, der Schriftſteller Walter John Marlitt, ein
Neſſe der verſtorbenen Romanſchriſtſtellerin, in ſeiner
Auerbach, 15. Okt. Der Kammermuſikver= Berliner Wohnung verhaftet und in das Unter=
wirkenden
Künſtler machen wir auf unſere Anzeige in der dem Verdachte, ſeine Gläubiger betrogen zu haben. Der
Hafbbefehl gegen Marlitt war die Folge von Anzeigen,
* Reinheim, 15. Okt. Ein Holzſchnitzkurſus 1 die die Geſchädigten erſtatteten. Marlitt hielt ſich ſchon
abgehalten, wenn eine ausreichende Anzahl Teilnehmer von 1200 000 Mark kontrahiert haben. Für den An=
welche
ſich in der Anfertigung von Holzbildhauer=er hat im Gegenteil vor dem Ankauf ſeine Inſolvenz
arbeiten eine gewiſſe Geſchicklichkeit aneignen wollen: erklärt. Trotzdem kaufte er das Seebad und ließ es
Anmeldungen zu dem Holzſchnitzkurſus nimmt die abreißen und neu aufbauen, was annähernd 3 Millio=
noch
eine Anzahl Lieferanten zum Teil mit großen
Offenbach, 15. Okt. In einer geſtern abend ſtattgefun= Summen betrogen worden. Marlitt beſtreitet indes
wird von ſeinem Anwalt widerlegt. Uebrigens ſcheint
Mainz, 15. Okt. Im Mainzer Krematorium noch eine ganze Reihe von anderen Perſonen in den
Bonn, Darmſtadt, Düſſeldorf und Frankfurt a. M., 1 den Schnellzug Berlin=Breslau, der bei Kattowitz ver=
(O.=Elſaß), Königsberg, Kalkum, Lennep, Luzern, Moskau, Korſus in der Alexandrinenſtraße, deſſen Frau zwei
geäſcherten Perſonen waren 47 männlichen und 34 weib= geflüchtet. Nach Bekanntwerden der erſchütternden
habe. Er habe ſeine Frau ſolange gereizt, bis ſie mit
Bad=Nauheim, 15. Okt. Bis zum 13. Oktober ſind ihren Kindern in den Tod gegangen ſei. Das bis
noch vor dem Laden Menſchenmengen an, die Drohun=
gen
gegen den Schlächter ausſtießen und Perſonen, die
ſeine Habe fort und der Laden ſteht jetzt leen=
Die Hundertjahrfei er der Kriegsaka=
folgte
deshalb den Ausführungen des Redners mit
lebhaftem Intereſſe. Er ſchilderte in knappen Zügen
einleitend den Werdegang des Deutſchen Theaters von
den kirchlichen Darſtellungen (Marienſpielen) bis zur
Seßhaftigkeit der Bühnenkunſt in den Theatern der
Fürſten und Städte, und ging dann auf das Weſen
der Theatervorſtellung ein. Feſſelnd legte er den
Unterſchied zwiſchen dem Drama an ſich und der Auf=
führung
dar; wie erſteres etwas Feſtes, Dauerndes,
während letztere als ſtets neu Entſtehendes das Ergeb=
nis
einer Reihe beſtändig wechſelnder Faktoren iſt.
Das Drama muß ſich demgemäß zur Aufführung ge=
wiſſe
Eingriffe gefallen laſſen, um in einer der Zeit
Rechnung tragenden und deshalb eindruckskräftigen
Weiſe zur Geltung zu gelangen. So kann Altes ver=
jüngt
auferſtehen und das Buchdrama zum Spiel=
drama
werden. Die Schöpfung des Dichters wird
durch die Wiedergabe auf der Bühne in Leben um=
geſetzt
und die Aufführung ſoll ſich in uns zum Selbſt=
erlebnis
geſtalten, weshalb wir an ſie nur in der rich=
tigen
Verfaſſung herantreten dürften. Nach Möglich=
keit
losgelöſt von den Alltagseinflüſſen, mit inner=
licher
Ruhe und Sammlung, empfänglich für des Dich=
ters
Schöpfung und bereit, im Banne der Illuſion
das Spiel als Vorgang zu empfinden, ſo möge man
die Bühne genießen. Gerade die Macht der Illuſion
zeigte der Vortragende ſehr anſchaulich an dem Bei=
ſpiel
des Björnſonſchen Dramas Ueber unſere Kraft,
deſſen Aufführung auch ein modernes, großſtädtiſches,
jeder Wunderglaubensbetrachtung ſonſt fremdes Pu=
blikum
allmählich in dieſen ihm ſo fernen Gedanken=
kreis
hereinzieht. (2) Sehr wirkungsvol belegte
Redner dies durch näheres Eingehen auf die erſten
Akte mit Rezitationen der Hauptſtellen und ſchloß
ſeine von echtem Theatergeiſt und edlem Künſtler=
ſtreben
durchwehten Darlegungen mit dem Zitat, das
auch in dieſem Sinne gelten könne: Und ſetzet Ihr
nicht das Leben ein, nie wird Euch das Leben ge=
wonnen
ſein. Reicher Beifall lohnte den Vortrag.

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Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910.

Nummer 243.

Uniformen, und die Offiziere des jüngſten Jahrganges
der Akademie bildeten auf der Treppe Spalier. Nach=
dem
der Kaiſer eine Anſprache gehalten und die aller=
höchſten
Gnadenbeweiſe bekanntgegeben hatte, hielt der
Direktor der Akademie, Generalleutnant Frhr. v. Man=
teuffel
, eine Rede, in der er zunächſt, dem Kaiſer den
Dank der Kriegsakademie für ſein Erſcheinen aus=
ſprach
, um ſodann auf die Bedeutung des Tages ein=
zugehen
.
Saarbrücken, 15. Okt. Das Schwurgericht
verurteilte geſtern den Kellner Ulrich Riſt aus
Affaltern in Bayern wegen Ermordung der Kellnerin
Emma Reinfrank zum Tode und dauerndem Verluſte
der bürgerlichen Rechte.
Bremen, 15. Okt. In einer heute nacht 3½ Uhr
beendeten Verſammlung beſchloſſen die Straßen=
bahner
, wegen der ſeit einigen Tagen herrſchenden
Lohndifferenzen, mit 437 gegen 11 Stimmen, zu ſtrei=
ken
. Der Betrieb ruht heute morgen auf ſämtlichen
Linien.
Brüſſel, 15. Okt. Aus Mecheln wird berichtet:
Heute morgen gegen 3 Uhr ſtürzte das Haus eines
Buchdruckereibeſitzers ein. Die ganze Familie des
Buchdruckers, ſowie die übrigen Mieter des Hauſes
wurden im Schlafe unter dem einſtürzenden Haus
begraben. Bis zum Morgen waren 2 Leichen und
3 Schwerverletzte geborgen, doch befinden ſich noch
mehrere Verſchüttete unter den Trümmern.
Paris, 15. Okt. Das erſte Pariſer Tribu=
nal
hat ſich vor einigen Tagen unter dem Vorſitze des
Präſidenten Ancelle mit einem deutſchen Prinzen
zu beſchäftigen gehabt. Ein bekannter Londoner
Juwelier hatte durch einen Pariſer Advokaten den
Antrag geſtellt, ein engliſches Gerichtsurteil, das er
gegen einen Prinzen von Sachſen=Weimar erwirkt
hatte. für vollſtreckbar auf franzöſiſchem Boden zu er=
klären
, und das Pariſer Tribunal hat dieſem Antrage
ſtattgegeben. Jenes engliſche Urteil ſtellt feſt, daß der
Prinz dem Juwelier die Summe von 31000 Francs
als Reſtbetrag für ein Perlenkollier ſchuldet. In der
Pariſer Gerichtsverhandlung wurde als Reſidenz des
Prinzen von Sachſen=Weimar London, als ſein Wohn=
ort
aber Paris angegeben. Es handelt ſich hier offen=
bar
um den 24jährigen ehemaligen Prinzen Hermann
von Sachſen=Weimar=Eiſenach, der am 2. Auguſt 1909
auf ſeinen Namen, Rang und Titel verzichtet und den
Namen Graf von Oſtheim angenommen hat, um die
aus Italien ſtammende Schauſpielerin Wanda Paola
Lattero, die, als er ſie kennen lernte, an einem Lon=
doner
Theater beſchäftigt war, zu heiraten.
Petersburg, 14. Okt. Längs der baltiſchen Küſte
wütete in der vergangenen Nacht und heute vormittag
ein heftiger Sturm, der zeitweiſe zum Orkan aus=
artete
und große Verwüſtungen anrichtete. In
der Nähe von Riga wurden drei Segelſchiffe ans Ufer
geworfen; ein Teil der Mannſchaften iſt umgekommen.
Nachts waren auf dem Meere Notſignale ſichtbar. Die
Zahl der havarierten Schiffe iſt anſcheinend groß. In
Mitau, Libau und Troki herrſchte ebenfalls ein heftiger
Sturm, der Dächer abdeckte, Bäume entwurzelte, Ge=
rüſte
im Bau befindlicher Häuſer niederlegte und die
Telephonverbindungen zerſtörte.
Petersburg, 15. Okt. Geſtern hat der internatio=
nale
Hochſtapler Margulin, der demnächſt der Ber=
liner
Polizei ausgeliefert werden wird, dem Chef der
ruſſiſchen Geheimpolizei ein umfangreiches
ſchriftliches Geſtändnis zugeſchickt, in dem=
ſelben
gibt er eine große Reihe von Schwindeleien zu,
die er in mehreren Städten Europas, insbeſondere auch
in Berlin, begangen hat. Margulin verſichert, daß ſeine
Begleiterin, Fräulein Fröhlich, nur ſein zufälliges
Opfer und keine Helferin ſei. Sie habe ihn für einen
reichen Amerikaner gehalten und ſeine Vergangenheit
nicht gekannt.
Havanna, 15. Okt. Die Provinzen Havanna,
Matanzaa und Pinar del Rio ſind von einem der
ſchwerſten Stürme, die ſeit Jahren dort vorgekom=
men
ſind, heimgeſucht worden. Die Tabakernte, beſon=
ders
in Vuelta und Abajo, wo die Samenbeete zerſtört

wurden, hat ſchweren Schaden gelitten. Die Jahres=
zeit
iſt zu weit vorgerückt, um Neuanpflanzungen vor=
zunehmen
. Die Zuckerernte iſt wahrſcheinlich weniger
geſchädigt.
Kunſtnotizen.
Ueber Werke, Künſtler und künſtleriſche Veranſtaltungen ꝛc., deren im Nach
ſtehenden Erwähnung geſchieht, behält ſich die Redaktion ihr Urteil vor.
Richard Wagner=Verein. Das allge=
meine
Intereſſe, das Pablo de Saraſate beim Publikum
zu erwecken verſtand, konzentriert ſich nunmehr nach
ſeinem Tode auf ſeinen Landsmann, den ſpaniſchen
Violinvirtuoſen Joän de Manén, der am näch=
ſten
Donnerstag hier zum zweiten Male auftreten
wird. Am 14. März 1883 als Sohn eines Kaufmanns
in Barcelona geboren, begann Manén als dreieinhalb=
jähriger
Knabe gleichzeitig Klavier und Violine zu er=
lernen
; ſein muſikaliſch gebildeter Vater leitete den
erſten Unterricht. Die Fortſchritte des Kleinen waren
auf beiden Inſtrumenten ſo rapide, daß es eine Zeit=
lang
zweifelhaft war, welchem Inſtrumente er für die
Zukunft den Vorzug geben ſollte, bis ſchließlich auf
den Rat ſeines Vaters die Violine gewählt wurde. Nach
einem kurzen Studium bei einem Schüler von Alard,
Clemente Ibarguren, unternahm Joän de Manén
als Wunderkind ausgedehnte Konzertreiſen durch aller
Herren Länder. Hier kam der junge Geiger mit den
bedeutendſten Künſtlern ſeines Faches in Berührung
und lauſchte ihnen autodidaktiſch ab, ſoviel er nur
konnte. So hat er ſchließlich ſeine große Fertigkeit
im gewiſſen Sinne wie ein self-made man erworben.
Späterhin begann ſich auch das Kompoſitionstalent des
Künſtlers zu offenbaren, und er ſchuf mehrere Werke
für Violine und Orcheſter, die günſtigſte Aufnahme
fanden und von deutſchen Verlagshäuſern in Berlin
und Leipzig verlegt wurden. Dieſer Erfolg ſpornte
ihn zu weiterem Schaffen an, und es entſtanden zwei
Opern: Jeanne de Naples und Acté‟. Die letztere,
zu der Manén ſelbſt den Text verfaßte, hatte bei ihrer
deutſchen Uraufführung an der Hofoper in Dresden
einen großen, nachhaltigen Erfolg, der ihr auch bei
ihrer Premiere in Köln, die am 10. April 1910 unter
Kapellmeiſter Otto Lohſe ſtattfand, treu blieb. Manén
ſteht unter den Violinvirtuoſen unſerer Tage in der
vorderſten Reihe. Er hat die Süßigkeit des Tones, die
Eleganz der Bogenführung, die Nobleſſe des Spiels
von Saraſate geerbt, übertrifft ihn aber in der tech=
niſchen
Ausführung; in dieſer Hinſicht erkennt ihn die
Kritik einſtimmig als einen Paganini redivivus an.
Aber auch die klaſſiſche Welt iſt ihm nicht fremd. Ein
Konzert von Mozart oder Mendelsſohn wird unter
ſeinen Händen ein Erlebnis.
* Dr. Ludwig Ganghofer, der am 25. Okto=
ber
hier ſeinen zweiten Vorleſungsabend halten wird,
beginnt an dieſem Tage eine Tournée, auf der er bis
zum 19. November faſt täglich zu ſprechen hat. Er wird
außer in Darmſtadt u. a. in St. Gallen, Zürich, Augs=
burg
, Frankfurt a. M., Düſſeldorf, Bonn, Berlin, Ham=
burg
, Hannover, Dresden, Eger, Pilſen, München,
Wien (drei Abende), Laibach und Salzburg auftreten.
Dieſe Leiſtung bedeutet ſozuſagen einen Rekord für
Vorleſer und iſt jedenfalls ein außerordentlicher Be=
weis
für die Beliebtheit des Autors, zumal, wenn man
berückſichtigt, daß Dr. Ganghofer aus Norddeutſchland
allein noch 11 unerledigte Einladungen vorliegen,
denen der Dichter aus Mangel an Zeit bisher nicht
entſprechen konnte.
Hugo Wolf=Gedächtnisfeier. Am 29.
Oktober plant die Freie literariſch=künſtleriſche Geſell=
ſchaft
im Feſtſaale der Vereinigten Geſellſchaft ( Rhein=
ſtraße
) zum Gedächtnis Hugo Wolfs (geb. 13. März
1860) als Nachfeier ſeines 50. Geburtstages einen
Hugo Wolf=Mörike=Abend. Die Veranſtalt=
ung
dürfte von der Wolf=Gemeinde unſerer Stadt um
ſo freudiger begrüßt werden, als zum 13. März d. J.
hier ſo gut wie nichts geſchehen iſt, den großen Ton=
meiſter
zu ehren. Beſonderes Intereſſe gewinnt die

Feier durch die Mitwirkung von Frau Lilly Hafgren=
Waag vom Mannheimer Hoftheater, die bekanntlich
im vorigen Jahre in Bayreuth die Elſa geſungen
hat und ſpeziell als Wolf=Sängerin Hervorragendes
leiſtete. Eingeleitet wird der Abend mit dem Vortrag
eines perſönlichen Freundes von Hugo Wolf, der ins=
beſondere
auf die Mörike=Kompoſitionen näher ein=
gehen
wird. (Genaue Bekanntmachung folgt im In=
ſeratenteil
des Blattes; Vorausbeſtellungen für den
Abend nimmt Bergſträßers Hofbuchhandlung ſchon
jetzt entgegen.)
Schluß der Ausſtellung des Deutſchen Künſtler=
bundes
Darmſtadt 1910.
* Die Ausſtellung des Deutſchen Künſtlerbundes, die
am 12. Mai eröffnet worden iſt, iſt am geſtrigen Sonntag
geſchloſſen worden. Aus dieſem Anlaß fand am Samstag
abend im Herrſchaftsſaal des Städtiſchen Saalbaues eine
kleine Schlußfeier ſtatt, die den Vorſitzenden und die
Mitglieder der Geſchäftsleitung und die Vertreter der
Darmſtädter Tageszeitungen, im ganzen 18 Herren, geſel=
lig
vereinigte. Der Präſident des Deutſchen Künſtler=
bundes
, Graf Kalckreuth und der Sekretär Herr Broderſen,
hatten ſich entſchuldigen laſſen.
Der Vorſitzende der Geſchäftsleitung, Herr Geheime=
rat
Römheld, erſtattete ein ausführliches Referat
über die Ausſtellung, dem wir folgendes entnehmen:
Nachdem Herr Geheimerat Römheld die Geſchäftslei=
tung
der unſerer Stadt angebotenen Ausſtellung des Deut=
ſchen
Künſtlerbundes in die Hand genommen hatte und
die Stadt hatte ablehnen müſſen, die geforderten Garan=
tien
zu leiſten, die in der Uebernahme des geſchäftlichen
Riſikos und der Verbürgung dafür beſtanden, daß für
mindeſtens 25000 Mark Kunſtwerke auf der Ausſtellung
gekauft würden, erklärte ſich Se. Königliche Hoheit der
Großherzog auf Antrag des Herrn Geheimerats Röm=
held
bereit, das geſchäftliche Riſiko tragen und die ver=
langte
Bürgſchaft für Ankäufe im Betrage von 25000 Mark
zu leiſten. So trat der außerordentliche Fall ein, daß ein
regierender Fürſt zum Unternehmer einer Ausſtellung
ward. Sodann wurde die Geſchäftsleitung konſtituiert,
indem für eine Anzahl beſonderer Aufgaben Herren, die
auf den betreffenden Gebieten beſonders zuſtändig waren,
als Mitarbeiter und Berater kooptiert wurden. Die erſte
gemeinſchaftliche Arbeit war die Aufſtellung des Aus=
ſtellungs
=Programms. Eine weitere größere
Aufgabe, an die herangetreten wurde, galt der Schaffung
einer Lotterie, die 25000 Mark zum Ankauf von Kunſt=
werken
abwerfen ſollte. Alles ſchien gut zu gehen, bis die
Zulaſſung in Rheinland und Heſſen=Naſſau verſagt wurde,
womit die Lotterie unmöglich war. Das Scheitern der
Lotterie war der einzige ernſtliche Mißerfolg. Das Aus=
ſtellungs
=Plakat von Profeſſor Kleukens wurde
in großem Format zum Aufhängen und zum Ankleben
zuſammen in 4500 Exemplaren gedruckt. Außerdem wur=
den
4400 Exemplare kleinen Formats hergeſtellt. Die Pla=
kataffiche
wurde in 23 Städten angeſchlagen, ferner in den
größeren Bahnhöfen von ganz Weſt=, Süd= und Mittel=
deutſchland
ausgehängt und an eine große Anzahl von
Bädern und Kuranſtalten, ferner an viele Hotels und
Vergnügungs=Etabliſſements zum unentgeltlichen Aushang
verſandt. Das kleine Plakat iſt unentgeltlich in den Abtei=
len
und Korridoren der Schnell= und Eilzugwagen ange=
bracht
worden. Außerdem wurde es in ſämtlichen größeren
Berliner Hotels an den Hotel=Plakatſäulen angeſchlagen.
Es wurden 30000 Streuzettel gedruckt, von denen faſt
zwei Drittel in Bad Nauheim an die Kurgäſte verteilt
wurden. Die Ausſtellungsmarke wurde in 100000
Exemplaren hergeſtellt. Sie hat viel Anklang gefunden
und iſt bis auf einen kleinen Reſt von wenigen 1000 Stück
verbraucht. Ein wichtiger Zweig der Reklame war die
Inſertion in Zeitungen und Zeitſchriften.
Dafür wurden 2097 Mark ausgegeben. Die wichtigſte Re=
klame
waren die zahlloſen Artikel, die vor und während
der Ausſtellung in der Tages= und periodiſchen Preſſe ge=
bracht
wurden. Die Reklame hat insgeſamt zirka 6200

Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.
* Eine arge Geſchmackloſigkeit zeigt
das kürzlich enthüllte Reiterſtandbild Kaiſer Wil=
helms
II. auf der Hohenzollernbrücke in Köln, das erſte
Denkmal des jetzigen Kaiſers. Wie man aus den jetzt
erſchienenen Abbildungen erſieht, hat der Bildhauer
das Pferd des Kaiſers mit verſtümmeltem Schwanze
dargeſtellt. Weshalb dieſe Modetorheit, den Schwanz
der Pferde zu verſtümmeln und ſie des natürlichen
Schmuckes zu berauben, noch auf einem Denkmal ver=
ewigt
wird, iſt nicht zu verſtehen; dem Künſtler müſſen
die allgemeinen künſtleriſch=äſthetiſchen Rückſichten
höher ſtehen, als Rückſichten auf den wandelnden Zeit=
geſchmack
, dem irgend eine hiſtoriſche Bedeutung nicht
zugeſprochen werden kann. Das ſonſt ſo ſchöne Denk=
mal
hinterläßt infolge dieſer unkünſtleriſchen Konzeſ=
ſion
an die Mode und den Tagesgeſchmack ſelbſt den
Eindruck des Verſtümmelten.
* Vorſchau auf die Wintermode. Unter
den Stoffen der Koſtüme dieſes Winters nimmt der
Samt den erſten Rang ein. Lang hat das köſtliche
Gewebe beiſeite ſtehen müſſen; jetzt erobert es ſich wie=
der
ſeinen Platz. Ihm machten jedoch Moirée,
ſchwerer Atlas und türkiſche Seidenſtoffe
ſtarke Konkurrenz. Unter den Mänteln wird der
lange Paletot den Sieg davontragen; die Augen
unſerer Damen ſind zu ſehr an fließende, ſchlank=
machende
Linien gewöhnt, um auf ein für die Figur
ſo vorteilhaftes Kleidungsſtück ohne zwingende Ver=
anlaſſung
zu verzichten. Für die kälteſten Wintertage
werden dieſe ſeidenen Mäntel durch Pelzgarni=
turen
ergänzt oder auch durch ganze Pelze erſetzt.
Der Geſchmack in der Pelzmode hat ſich in den letzten
Jahren gewaltig geändert. Von dem ſonſt ſo gering
geſchätzten Feh= oder Eichhörnchenfell werden wieder
elegante Mäntel angefertigt, und der mit Recht zu den
koſtbaren Pelzen gerechnete Edelmarder, der lange
Jahre hindurch gar nicht ertragen wurde, iſt jetzt wie=
der
ganz modern. Wer ſich Blaufuchs, Silberfuchs,
Zobel und Chinchilla nicht geſtatten kann, für den
bleibt Skunks oder ſchwarz gefärbter Weißfuchs als
billiger und doch moderner Erſatz. Eine reizende Er=
gänzung
der Wintertoilette bilden die langen, aus
weichem Fell gefertigten und mit heller Seide oder
Chiffonrüſchen gefütterten Schals, ſowie die großen
flachen Muffen. Die Mode im allgemeinen, nament=
lich
aber in den korſettloſen Schöpfungen der
großen Pariſer Modehäuſer erinnert immer noch leb=
haft
an die Tracht der Empirezeit, aber ſie greift, was
das Material betrifft, noch viel weiter zurück und läßt
u. a. den Brokat des 16. und 17. Jahrbunderts in
herrlichen Muſtern, aber in weicherem und ſchmieg=
ſamerem
Gewebe, wieder auferſtehen. Mit Samt,
Crépe=de=Chin, Ducheſſe oder Voile=Ninon verarbeitet,

ermöglicht er Zuſammenſtellungen von phantaſtiſchem
Reize. In dieſer Beziehung iſt augenblicklich erlaubt,
was gefällt Heute wird dem perſönlichen Geſchmack,
ſobald er ſich nur im großen und ganzen der Mode
unterordnet, ein weiter Spielraum gewährt. Eine
willkommene Möglichkeit, ohne allzu große Ausgaben
Abwechſelung in die Toilette zu bringen, bietet die
Mode der verſchiedenen Tuniken, die über einem
und demſelben Unterkleid getragen werden können.
Der antikiſierende Geſchmack, der heute die Kleidermode
beeinflußt, tritt auch bei den Abendmänteln zu=
tage
. Sie beſtehen aus einem Stück, wie der altgrie=
chiſche
Mantel, und werden aus ſchwerem, einfarbigem
Atlas angefertigt, zu dem das in bunten Farben ſtrah=
lende
Futter in wirkungsvollem Gegenſatz ſteht. Es
bleibt dann der Trägerin überlaſſen, den maleriſchen
Faltenwurf, in den ſich ein ſo geſchnittener Mantel
faſſen läßt, durch eigene geſchickte Handhabung herzu=
ſtellen
. . . .
E. v. H.
* Spielplan des Großh. Hof= und Na=
tional
=Theaters in Mannheim. Montag,
17. Okt.: Das Kätchen von Heilbronn. Dienstag, 18.
Okt.: Zum erſten Male: Des Pfarrers Tochter von
Streladorf. Mittwoch, 19. Okt.: Der ſidele Bauer.
Donnerstag, 20. Okt.: Madame Butterfly. Freitag,
21. Okt.: Der Wildſchütz. Samstag, 22. Okt.: Zum
erſten Male: Der Antiquar Liebelei, Sonntag, 23.
Okt.: Tantris der Narr.

Kleines Fenilleton.
* Rooſevelt im Flugdrachen. Nicht da=
mit
zufrieden, in einem Unterſeeboot in die Tiefen
des Meeres zu tauchen, oder in die ſchwarzen Kohlen=
ſchächte
der Pennnſylvaniſchen Gruben zu kriechen,
oder wilde Tiere im Herzen Afrikas abzuſchlachten,
hat der Ex=Präſident Rooſevelt jetzt auch noch das
Fliegen gewagt. Als er am letzten Dienstag ungefähr
zwanzig Meilen von St. Louis an dem Flugplatz vor=
beikam
, ſchaute er den Flugverſuchen der Flieger Hox=
ſey
und Le Blanc zu. Als er den beiden Luftmenſchen
eine große Zeitlang zugeſehen hatte, ſchüttelte er
Herrn Hoxſey die Hand und ſagte: Bei Gott, Hoxſey,
alter Freund, ich beneide dich, worauf Hoxſey ant=
wortete
: Komm mit, Teddy. Schnell war Rooſevelt
auch dabei. Er warf ſeinen Ueberrock ab, ſchmiß ſei=
nen
Hut auf die Erde und ſtieg ein, und, als der
Doppeldecker ſich in Bewegung ſetzte, ſchmunzelte
Rooſevelt wie ein kleiner, glücklicher Schuljunge. Der
Drache erhob ſich langſam und ſtieg bis auf 100 Fuß
und flog immer ſchneller. Der Flieger ließ ſeinen
Apparat in einem großen Kreiſe fahren und der Ex=
Präſident ſchwenkte ſeine Hände grüßend zu den unten=
ſtehenden
Zuſchauern. Nach 3 Minuten 20 Sekunden
landeten ſie wieder an ihrem Ausgangspunkt in der

Nähe von Rooſevelts Motorwagen. Der Ex=Präſident
war ganz begeiſtert von dem Fluge und konnte eine
Zeitlang nichts weiter als Bei Gott, großartig! her=
vorbringen
. Er war ſo überraſcht von ſeinem neuen
Erlebnis, daß er für eine Zeitlang keine Beſchreibung
ſeines Fluges abgeben konnte. Während der Fahrt
hatte ſich Rooſevelt ſo freudig erregt gezeigt, daß ihn
Hoxſey zur Ruhe mahnen mußte.
* Die jüdiſche Abſtammung der Portu=
gieſen
. Ein gelegentlicher Mitarbeiter des Mor=
ning
Leader veröffentlicht einige intereſſante Mitteil=
ungen
über die Juden in Portugal. Er ſagt: Die
Vermiſchung der Goten und der Juden, die zur Zeit
der Römerherrſchaft nach der celtiberiſchen Kolonie
Roms ausgewandert waren, muß zu dieſer Zeit ſchon
ſtattgefunden haben. Orobio ſagt, daß er in der Syna=
goge
in Amſterdam Brüder, Schweſtern und nahe Ver=
wandte
der erſten portugieſiſchen Familien getroffen=
habe
und daß der größere Teil der Geiſtlichkeit, ja
ſelbſt Erzbiſchöfe und Biſchöfe, von Juden abſtammten.
Dieſes wird durch folgende amüſante Anekdote des be=
rühmten
Marquis de Pombal beſtätigt: Joſeph I. er=
ließ
eines Tages den Befehl, daß ein jeder Portu=
gieſe
, der in irgend einer Weiſe zu Juden in ver=
wandtſchaftlicher
Beziehung ſtände oder von ihnen ab=
ſtamme
, eine gelbe Kappe tragen ſolle. Der alte Mar=
quis
erſchien kurz darauf bei Hofe und trug drei dieſer
Kopfbekleidungen unter ſeinem Arme. Der König
lächelte und fragte ihn: Was wollen Sie mit dieſen
drei Kappen? Sire, antwortete der Marquis, in=
folge
Eurer Majeſtät Befehl habe ich dieſe drei Kap=
pen
bei mir, da ich tatſächlich kaum einen Portugieſen
kenne, der kein jüdiſches Blut in ſeinen Adern hat.
Aber, fragte der König weiter, warum haben Sie
denn gleich drei mitgebracht? Der Marquis er=
widerte
: Eine iſt für mich, eine für den General= In=
quiſitor
, und die dritte für den Fall, daß Euer Maje=
jeſtät
ſich zu bedecken wünſchten.
* Der Rubin im Fiſchmagen. Eine über=
raſchende
Entdeckung machte der Kaufmann Roy aus
Freienwalde beim Zerlegen eines Steinbutts. Er
fand im Magen des Fiſches einen großen roten Stein,
der ſich bei näherer Unterſuchung als ein echter Rubin
erwies.
* Begründete Anfrage. In eine Univer=
ſitätsklinik
wurde jüngſt ein 18jähriges Dienſtmädchen
mit Blinddarmentzündung eingeliefert. Eine baldige
Operation ſchien nötig. Auf das Telegramm an den
Vater, in welchem die Einwilligung zur Operation
ſeiner minderjährigen Tochter eingeholt werden ſollte,
kam folgende Antwort: Werthe Heren Ich gebe die
Einwiligung zur Oberatzigon ich möchte aber gerne
wiſſen wie die Thochter mit vornam heiſt denn davon
habe ich zwölf Achtungsvol F. Y. (Jugend.)

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Nummer 243.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17.=Oktober 1910.

Seite 5.

Mark geloſtet, ein Betrag, der im Verglreich zu den erziel=
ten
Erfolg nicht groß zu nennen iſt. Als Geſchäftsführer
wurde Herr Regierungsaſſeſſor Dr. Uſinger gewonnen.
Es waren faſt 1100 Werke angemeldet und
eingeſandt worden. Anfang April, ſo heißt es in dem
Bericht, fing ein wahrer Kriegszuſtand an. Es kam ein
Rieſenwagen mit faſt noch rieſigeren Kiſten nach dem an=
deren
. Schon am zweiten Tage zeigte ſich, daß der Pack=
raum
des Ausſtellungshauſes völlig unzureichend war.
Die leeren Kiſten wurden zu 1 Drittel in der Mittelhalle
des Ernſt Ludwigs=Hauſes, zu 1 Drittel in einer Halle
der Firma Diſchinger aufgeſpeichert. Das Wetter war
und blieb gut, bis die Packerei beendigt war, die ſich des=
halb
zum größten Teil auf der Straße vor dem Packraum
abſpielte. Die Jury tagte vom 21. bis 23. April. Es
wurden zirka 650 Werke zurückgewieſen. Inzwiſchen wurde
von Herrn Hauptmann Zobel der Katalog redigiert.
Die Ausſtattung leitete Herr Profeſſor Kleukens. Den
Druck beſorgte die Firma Wittich. Der Katalog hat als
ein vornehmes Druckwerk überall Anerkennung gefunden.
Am 12. Mai nachmittags wurde die Ausſtellung
durch einen Rundgang eröffnet. Ihre Königlichen
Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin, die wegen
der Trauer um den gerade verſtorbenen König von Eng=
land
an der Eröffnung nicht teilnehmen konnten, hatten die
Ausſtellung zuvor eingehend beſichtigt und ſich mit warmer
Anerkennung über die Ausſtellung als ſolche und über das
Arrangement ausgeſprochen. Allmählich lenkten nun, die
Dinge in ruhigere Bahnen ein. Die Organiſation des
Ausſtellungsdienſtes bewährte ſich. Einige Aufregung ver=
urſachte
noch der Uebergang der Wirtſchaft von Herrn
Hofkonditor Ott an Herrn Saalbau=Reſtaurateur Förſter.
Herr Ott hatte die Ausſtellungswirtſchaft mit erheblichen
Aufwendungen ſehr geſchmackvoll eingerichtet und in vor=
nehmer
Weiſe betrieben. Leider blieb der Erfolg aus, ſo=
daß
er entmutigt wurde und die Wirtſchaft aufzugeben
wünſchte. Es muß hier leider konſtatiert werden, daß die
Wirtſchaft, die von ihren beiden Inhabern von Anfang
bis zu Ende tadellos geführt worden iſt und wie jeder=
mann
anerkannte, die prächtigſten Plätze bot, vom Publi=
kum
nicht genügend beſucht worden iſt. Der Bericht er=
wähnt
dann des ſchönen Ausſtellungsgebäudes,
das die Stadt unentgeltlich zur Verfügung geſtellt hatte
und macht einige Vorſchläge zur Verbeſſerung des Aus=
ſtellungsraumes
. Es würde nach dem Erachten des Herrn
Referenten unſerem ſtädtiſchen Ausſtellungs=Etabliſſement
zu ſtatten kommen, wenn ſich noch einige Räume von wech=
ſelnden
Formen und verſchiedener Belichtung ſchaffen lie=
ßen
. Ob eventuell hierfür der reizende Roſenhof, den
man gewiß nicht gerne entbehren möchte, zu verwenden
wäre, ſei dahingeſtellt. Kiſtendepots und Arbeitsräume
könnten gewonnen weredn, wenn man die Terraſſe vor
dem Hauptportal mit derjenigen über den vorgebauten
Teil des Hoch=Reſervoirs verbände und ſie von da weiter
bis zu dem Verbindungsſaal zwiſchen Hochzeitsturm und
Hauptbau ausdehnte. Dies ſind indeſſen Angelegenhei=
ten
der ſtädtiſchen Organe, die wohl das Rechte finden
werden.
Der Beſuch der Ausſtellung iſt etwas hinter
den gehegten Erwartungen zurückgeblieben. Das Abon=
nement
erbrachte ſtatt der vorgeſehenen 2760 Mark nur 2289
Mark bei 787 Abonnenten. Einzelkarten zu 1 Mark wur=
den
10814 (ſtatt der vorgeſehenen 15000), ſolche zu 50 Pfg.
(Vereins= und Sonntags=Nachmittagskarten 1644 (ſtatt
3400) verkauft. Die Geſamteinnahme aus Abonne=
ment
und Tagesverkauf beläuft ſich auf 13945 Mark (ſtatt
19460 Mark) Freikarten waren 237 ausgegeben. Die
Ausſtellung iſt von der Eröffnungsfeier abgeſehen
von 13 482 Perſonen beſichtigt worden und wenn man
annimmt, daß die Abonnenten dreimal, die Inhaber von
Freikarten zweimal in der Ausſtellung waren, ſo ſind ihr
im Ganzen 15293 Beſuche gemacht worden. Es kommen
alſo bei einer Dauer von bis jetzt 157 Tagen auf einen Tag
durchſchnittlich zirka 100 Beſuche.
Wie ſtark unter den Beſuchern die Darm=
ſtädter
vertreten waren, iſt nicht feſtzuſtellen. Der Be=
richt
ſagt hierüber: Wir haben das Gefühl, daß unſer
einheimiſches Publikum nicht ſo viele Beſucher geſtellt hat,
als wir hofften. Eine Stütze für dieſe Annahme bilden
die vielen abfälligen Bemerkungen über die beſonders in engliſchen, fortgeſetzt falſche Nachrichten
Ausſtellung, die man immer wieder und zwar auch in die Welt geſetzt. So hieß es dieſer Tage wieder, daß
von fein gebildeten und vielſeitig intereſſierten Leuten zu
hören bekam. Und da das Darmſtädter Publikum doch
ungefähr die gleichen Qualitäten beſitzt, wie das anderer 1 ſehr niedergeſchlagen ſei. Dieſe Mitteilung ent=
Städte mit einer breiten Schicht gebildeter Einwohner, ſo
möchte man faſt annehmen, daß zwiſchen dem Empfinden
Zeit in deutſchen Landen eine Kluft liege, über die nicht andere Kurgaſt auch, der Ruhe. Die Badekur iſt der
hinreichende Fäden gegenſeitigen Verſtehens und Verſtehen=
wollens
führen, ein für beide Teile nicht erfreulicher Zu= über nicht niedergeſchlagen, ſondern ſehr erfreut iſt und
ſtand. Es ſcheint außerdem, daß ein großer Teil der Be= es ſchon jetzt als ziemlich ſicher gilt, daß die Badekur
ſucher den Standpunkt für die Betrachtung und Beurtei= lauch im nächſten Sommer wiederholt wer=
lung
der Ausſtellung zu niedrig gegriffen hat. Sie blieben
an einzelnen Bildern haften, die ſie als geſchmacklos oder
das äſthetiſche Gefühl verletzend empfanden, ſie ärgerten
ſich darüber, daß man ihnen ſo etwas vorzuſetzen wagte
und überſahen dabei das zweifellos Gute und Bedeutende. dem jüngſten Ausfluge nach Schwalheim hat die Zarin
Beim Betreten einer ernſten modernen Ausſtellung, wie es! in beſter Stimmung, mit der Großherzogin ſich unter=
unſere
iſt, ſollte man ſich vergegenwärtigen daß eine ſolche haltend, ein bedeutendes Stück des Weges zu Fuß zu=
Vorführung nicht den Zweck hat, das Publikum zu unter= rückgelegt.
halten oder zu amüſieren, ſondern daß man in der Aus=
ſtellung
vor das Ergebnis einer der wichtigſten Betätigun=
gen
unſerer Kultur tritt. Die Künſtler, die nicht nur Ver=
kaufsware
ſchaffen, ſondern denen es mit tiefem Ernſt
darum zu tun iſt, ihrem Schauen mit der ihnen verliehenen
ſchöpferiſchen Gabe ſichtbare Geſtalt zu verleihen, bilden käufe beſorgten. Der Zar unternahm am Vormittag,
einen außerordentlich wichtigen Extrakt aus der Menſchheit
ſten, ſtärkſten und differenzierteſten Empfindens ihres Vol=
kes
. Ihr Schaffen iſt, als großes Ganzes betrachtet, nicht
ein rein willkürliches, ſondern es ſind große und ewige Zarin zum Lawn=Tennisſpiel nach Bad Nauheim. Die
Entwickelungsgeſetze, die, wie über allem Geſchehen, ſo! Ankunft der Großfürſtin Sergius, der
auch über der Kultur und Kunſt unſerer Zeit ſchweben.
Ueber eine Ausſtellung, die ſich, wie die gegenwärtige, red=
lich
bemüht, einen Ueberblick über das Schaffen, aber auch Ueberſiedelung nach Schloß Wolfsgarten
einen Einblick in das Drängen und Gären in unſerer mo=
darum
nicht mit einigen raſchen und oberflächlichen Vor= Potsdam dürfte ſchon zu. Anfang November erfolgen,
urteilen wegſetzen, ſondern ernſtlich ſtreben, zu einem ſolch und alsdann wird wahrſcheinlich ein Gegenbeſuch Kai=
wichtigen
Dokument unſeres derzeitigen Kunſt= und Kul=ſer Wilhelms im Schloß Wolfsgarten oder Darm=
turzuſtandes
ein auf tieferem Verſtändnis beruhendes po= ſtadt ſtattfinden; doch gilt es auch nicht für ausgeſchloſ=
ſitives
Verhältnis zu gewinnen.
Hocherfreulich iſt es, daß die Preſſe weitaus überwie=
gend
der Ausſtellung von hoher freier Warte aus gegen=
übergeſtanden
hat. Es bildet für alle, die künſtleriſch oder
geſchäftlich mit der Ausſtellung befaßt waren, eine große der Großherzogvon Heſſen, ſowie Prinz und
Genugtuung und Freude, daß die berufene Kritik in der Prinzeſſin Heinrich von Preußen nebſt ihren
wiegend günſtig beurteilt und die Bedeutung der Aus=
ſtellung
in das gebührende Licht geſetzt hat. Durch die
verſtändnisvolle und wohlwollende Haltung der Preſſe ſind

der Ausſelung zahlreiche Beſucher zugeſührt worden und
ihr iſt es zum großen Teil zu danken, wenn wir jetzt bei
Schluß der Ausſtellung nicht das drückende Gefühl zu ha=
ben
brauchen, mit einem Defizit zu ſchließen, das dann
wieder auf die Neigung, künftighin Aehnliches zu unter=
nehmen
, lähmend gewirkt haben würde.
Der Bericht dankt allen und jedem einzelnen noch be=
ſonders
für das der Ausſtellung entgegengebrachte Intereſſe
und die Mitwirkung und Unterſtützung, darunter auch der
Darmſtädter Preſſe.
Als Empfänger von Kunſtwerken der Aus=
ſtellung
ſteht an erſter Stelle unſer Landes=Muſeum,
das aus einer Sonderbewilligung des Fonds für öffent=
liche
und gemeinnützige Zweck das große prachtvolle
Kalckreuthſche Porträt erworben hat. Ferner iſt von einem
Kunſtfreund Stucks Salome geſtiftet worden und end=
lich
hat ein auswärtiger Spender eine Summe von 11000
Mark zur Verfügung geſtellt, mit deren Hilfe das Muſeum
verſchiedene plaſtiſche Werke. z. B. die Jobſtſche Büſte
Prof. Scharvogels, die von Goſenſche monumentale Reger=
büſte
, Kleinplaſtiken von Stuck und Hahn und Zeichnungen
von Kleukens und ein Gemälde von Dill erworben hat.
Von anderen Muſeen ſeien erwähnt das Breslauer, das
das Bantzerſche Familienbild gekauft hat, ferner Mainz,
Köln, Elberfeld. Hierzu kommen zahlreiche zum Teil be=
deutende
Privatankäufe. Im Ganzen ſind Kunſtwerke
bis jetzt verkauft worden für 84314 Mark 23 Ver=
käufe
ſchweben noch ein Ergebnis, das im Intereſſe der
Ausſtellung, wie in dem der ausſtellenden Künſtler warm
zu begrüßen iſt, und das den Beweis erbringt, daß Darm=
ſtadt
als Kunſtmarkt ein günſtiger Platz iſt.
Bezüglich des finanziellen Geſamtreſul=
tates
läßt ſich bis jetzt immerhin ſo viel ſagen, daß wir
beſtimmt erwarten dürfen, nicht mit einem Defizit
zu ſchließen.
Der Bericht ſchließt mit dem Wunſch, daß das gute
Gelingen dieſer Ausſtellung eine Anregung und Er=
mutigung
bilden möge, auch fernerhin nicht zu raſten,
wenn es gilt, zu Ehren der Kunſt und zum Nutzen
unſerer Stadt etwas zu unternehmen. Wir müſſen
den jungen, aber guten Ruf unſerer Stadt als Kunſt=
ſtadt
verteidigen und mehren. Aber freilich einzelne
allein können darin auf die Dauer nicht Erfolg haben.
Wenn Darmſtadt in der Kunſt und dem Kunſtgewerbe
den Platz behaupten oder richtiger, erlangen ſoll, den
es unter der Führung unſeres kunſtliebenden Groß=
herzogs
einnehmen könnte, ſo gehört dazu die tätige
und auch opferfreudige und weitblickende Sympathie
der in Betracht kommenden Stellen und der ganzen
Einwohnerſchaft. Möge dieſe Erkenntnis wachſen und
ſtark werden zu. Nutz und Ehr von Stadt und Land!
An das Referat ſchloß ſich ein gemeinſchaftliches
Abendeſſen an. Bei dieſem brachte Herr Geheime=
rat
Römheld das erſte Hoch auf den allerhöchſten Pro=
tektor
, Se. Königliche Hoheit den Großherzog aus und
gedachte weiter der Künſtler als Schönheitsſucher der
Menſchheit. Dem Deutſchen Künſtlerbund und den
ſchönheitſuchenden und ſchönheitfindenden Künſtlern
galt ſein zweites Hoch. Herr Kabinettsſekretär Dr.
Wehner toaſtete namens der Geſchäftsleitung auf die
Stadt Darmſtadt, wofür Herr Beigeordneter Muel=
ler
dankte und ein Hoch auf den Vorſitzenden der Ge=
ſchäftsleitung
, Herrn Geheimerat Römheld, ausbrachte.
Herr Geheimer Oberregierungsrat Dr. Wagner gedachte
namens der Geſchäftsleitung der Herren der Preſſe,
wofür Herr Chefredakteur Dr. Waldaeſtel namens der
Kollegen dankte und auf die Leitung der Ausſtellung
toaſtete. Herr Kabinettsſekretär Dr. Wehner brachte
dann noch ein Hoch auf Frau Geheimerat Römheld, die
treue Helferin ihres Gemahls bei der Ausſtellung, aus.
Nach dem Abendeſſen verbrachten die Gäſte noch
mehrere Stunden in gemütlichem Beiſammenſein. Für
as geſchmackvolle Arrangement und die exquiſite Zu=
bereitung
des Mahles gebührt dem Saalbauwirt Herrn
Förſter, noch beſondere Anerkennung.

Vom Hoflager in Friedberg.
*X* Aus Friedberg wird uns von zuverläſſi=
ger
Seite geſchrieben: Ueber das Leben am hieſi=
gen
Kaiſerhofe werden in auswärtigen Blättern,
ſich die Zarin in einem bedenklichen Zuſtande befinde
und infolgedeſſen die Stimmung in ihrer Umgebung
behrt jeder tatſächlichen Begründung. Die
Zarin hat am Freitag wieder ihr regelmäßiges Bad
der Kunſt Schaffenden und der Kunſt Genießenden zur genommen und bedarf an ſolchen Tagen, wie jeder
Zarin bisher ſo gut bekommen, daß ihr Umgebung dar=
den
wird. Der Umſtand, daß die Zarin viel im Roll=
ſtuhl
gefahren wird, entſpricht durchaus den Kurvor=
ſchriften
; man kann ſie aber auch faſt täglich im Park
oder auf der Schloßterraſſe promenieren ſehen und bei
Am Samstag ließen ſich der ruſſiſche Thronfolger
und die beiden kleinen heſſiſchen Prinzen ſchon früh
morgens im Auto mit einem großen Pack von Spiel=
ſachen
, die der Zarewitſch ſelber herbeitrug, nach dem
Johannisberg fahren, während die vier ruſſiſchen Groß=
fürſtinnen
am Vormittag in Friedberg zahlreiche Ein=
nur
vom Generaladjutanten und dem Leibarzt beglei=
ihrer
Zeit. Sie ſind die Träger und Vorläufer des fein= tet, einen etwa zweiſtündigen Spaziergang in die wei=
tere
ländliche Umgebung bis Dorheim, und am Nach=
mittag
begaben ſich ſämtliche Fürſtlichkeiten mit der
Schweſter der Zarin, wird am 20. Oktober erfolgen, und
zwiſchen dem 24. und 27. Oktober ſoll alsdann die
erfolgen, wohin ſich auch Prinz und Prinzeſſin Hein=
dernen
deutſchen Künſtlerſchaft zu geben, ſollte man ſich rich begeben. Der Beſuch des Zaren beim Kaiſer in
ſen, daß vielleicht Kaiſer Wilhelm den Zaren ſchon vor
dem Beſuch in Potsdam perſönlich in Heſſen begrüßt.
* Kronberg, 15. Okt. Bald nach 3 Uhr trafen
der Kaiſer von Rußland mit ſeinen Töchtern,
Preſſe durchweg die ausgeſtellten Werke objektiv und über= Söhnen Waldemar und Sigismund in vier Automo=
bilen
auf Schloß Friedrichshof ein. Die Herrſchaften
beſichtigten die Stadt und die alte Burg und kehrten
nach dem Tee gegen 6 Uhr nach Friedbera zurück.

2 Kronderg, 10. Dt. Auf Schloß Friedrichs=
hof
ſind geſtern abend Prinzeſſin Viktoria und
der Erbprinz zu Schaumburg=Lippe einge=
troffen
. Heute mittag 12 Uhr kamen Prinz und Prin=
zeſſin
Heinrich von Preußen im Automobil von
Friedberg an und fuhren um 3 Uhr wieder dorthin zu=
rück
.

Hundertjahrfeier der Kriegsakademie.
* Berlin, 15. Okt. Bei der Hundertjahrfeier
der Kriegsakademie verlas der Kaiſer eine Ka=
binettsorder
, in der es heißt: Ich entbiete der Kriegs=
akademie
zu dem heutigen Tage, an dem ſie auf ein Jahr=
hundert
reichgeſegneten Wirkens im Dienſte des Heeres und
des Vaterlandes zurückblickt, meinen Glückwunſch. Als
weiland König Friedrich Wilhelm III. Majeſtät, die
Kriegsſchule für die Offiziere in Berlin in das Leben rief,
war das große Werk der Wiederaufrichtung des preußi=
ſchen
Heeres faſt vollendet. Mit der im Geiſte Scharn=
horſts
und nach ſeinen Gedanken verfügten Ordnung der
militäriſchen Bildungsanſtalten wurde in den hehren Bau
der Schlußſtein eingelaſſen, und er hat ſich in dieſer langen
ſchicksſalsvollen Zeit bewährt. Von den Tagen der un=
vergeßlichen
Erhebung Preußens an bis zu dem großen
Einigungskampfe Deutſchlands und dann weiter bis
jetzt. Dank dem hingebenden Streben und der treuen Arbeit
aller ihrer Glieder iſt die Kriegsakademie ihren Aufgaben,
ſo vielſeitig ſie ſich auch mit dem Fortſchreiten der Wiſſen=
ſchaften
auf allen Gebieten geſtaltet haben, und ſo rieſen=
haft
ſie mit der Entwickelung der Kriegskunſt im Laufe
dieſes Jahrhunderts gewachſen iſt, in vollkommener Weiſe
gerecht geworden. Mit freudigem Stolze kann ich ihr an
ihrem Jubeltage bezeugen, daß ſie das Erbe, das ihr von
Clauſewitz und Moltke, den Geiſtesgewaltigſten ihrer
Lehrer, hinterlaſſen war, treu zu bewahren und zu mehren
gewußt hat. So iſt ſie eine Hochburg der Kriegswiſſen=
ſchaften
geworden, weit über die Grenzen des Vaterlandes
hinaus, vorbildlich wirkend in ihren Einrichtungen und
Zielen. Ihr hierfür meinen königlichen Dank und meine
uneingeſchränkte Anerkennung kund zu geben, iſt mir ein
Herzensbedürfnis Möge der Geiſt, der die Kriegsaka=
demie
zu dem hat werden laſſen, was ſie geworden iſt, der
Geiſt gewiſſenhafteſter Pflichterfüllung, voll der unbeding=
ten
Hingabe an die ernſten Forderungen des ſoldatiſchen
Berufes bis in die fernſte Zukunft in ihr lebendig bleiben
und reife Frucht tragen zum Segen des Vaterlandes, zum
Wohle meines tapferen Heeres!
Nachdem der Kaiſer geendet hatte, gab General von
Oertzen eine Reihe von Ordensauszeichnungen
bekannt. Mit dem Kaiſer erſchienen der Kron=
prinz
, Prinz Eitel Friedrich, Prinz Auguſt Wil=
helm
. Nach der Rede des Direktors zog der Kaiſer viele
Anweſende ins Geſpräch, zuerſt den bejahrten General von
Blume. Die militäriſchen Ehren erwies vor der Akg=
demie
eine Kompagnie des Alexander=Regiments.

Das Brandunglück in Berlin.
* Berlin, 15. Okt. Die Morgenblätter melden!
Bei dem geſtrigen großen Brande in der Neuen
Friedrichſtraße waren die Notausgänge nicht zu
benutzen. Die Schlüſſel zu dieſen hingen vorſchrifts=
mäßig
in den Schränken neben den Nottüren. Die Zu=
gänge
zu dieſen Schränken aber waren durch Kiſten
und Säcke verbarrikadiert. Die beiden aufgefundenen
Leichen ſind weiblich. Man befürchtet, daß im zweiten
und dritten Stock unter dem Schutt noch mehrere Tote
liegen werden. Genauere Feſtſtellungen lließen ſich
geſtern abend wegen Einbruches der Dunkelheit nicht
mehr machen.
* Berlin, 15. Okt. Das Brandunglück in

der Neuen Friedrichſtraße iſt größer, als man bisher
angenommen hatte. Heute früh wurden auf der Brand=
ſtätte
noch fünf weitere Leichen gefunden,
die teilweiſe bis zur Unkenntlichkeit verkohlt ſind.
* Berlin, 15. Okt. Nach amtlicher Auskunft kann
als Urſache des geſtrigen Brandunglücks bei
der Wäſche= und Schürzenfabrik D. Arndt, Neue Fried=
richſtraße
79a, keineswegs eine Exploſion in Frage
kommen. Die Arbeitsräume umfaſſen den zweiten und
den dritten Stock. Im zweiten Stock hat in der Ar=
beitspauſe
das Perſonal, um ſich zu wärmen, Feuer in
einem Anthrazitofen angezündet; dabei ſcheint die
Flamme herausgeſchlagen zu ſein. Durch die große
Menge leicht entzündlicher Stoffe griff das Feuer ſchnell
um ſich; ſo wurde wohl den Perſonen, welche ſich im
dritten Stockwerk befanden, die Flucht über die bren=
nenden
und verqualmten Treppen abgeſchnitten. Ent=
gegen
anderen Mitteilungen kann von einem Verſagen
keine Rede ſein. Die Zahl der im dritten Stockwerk
gefundenen verbrannten Opfer, ſämtlich weibliche An=
geſtellte
der Firma Arndt, beträgt nach endgültigen
Feſtſtellungen ſieben.
* Berlin, 15. Okt. Noch in der geſtrigen Nacht iſt
ein Bericht über das Feuer in dem Geſchäftshauſe
Arend von der Feuerwehr ausgearbeitet und dem Polizei=
präſidenten
von Jagow übergeben worden, der ſofort
dem Kaiſer perſönlich Bericht erſtattete. Auch im Mi=
niſterium
iſt, wie dies ſtets der Fall iſt, wenn ein
größerer Brand ausbricht, ausführlich Bericht erſtattet
vorden.

Der Werftarbeiter=Ausſtand.
* Bremen, 15. Okt. Die Aufforderung der Aktien=
geſellſchaft
Weſer an die Arbeiter, ſich zur Auf=
nahme
der Arbeit in der kommenden Woche zu melden,
iſt bisher ohne Erfolg geblieben. Es meldete ſich
niemand, da die Werft dem Verlangen der Arbeiter,
alle Arbeiter ſofort wieder einzuſtellen, aus betriebs=
techniſchen
Gründen nicht entſprechen konnte. Die Werft
machte heute durch Anſchlag bekannt, daß, nachdem in=
zwiſchen
in Hamburg die grundlegenden Vereinbar=
ungen
beiderſeits unterzeichnet worden ſeien, weitere
Mitteilungen am 17. Oktober, nachmittags 5 Uhr, durch
Anſchlag erfolgen werden.
* Hamburg, 15. Okt. Die Verhandlungen zwiſchen
den Vertretern des Geſamtverbandes Deutſcher Metall=
Induſtrieller und den Vertretern der Arbeiter wurden mit
der heute erfolgten Zuſtimmungserklärung der
Werften zu den betroffenen Vereinbarun=
gen
wegen edr Sicherung der Akkordüberſchüſſe beendet.
Nunmehr finden noch Verhandlungen mit der Ham=
burg
-Amerika=Linie und Lokalverhandlungen der aus=
wärtigen
Werften ſtatt, die hoffentlich eine baldige Auf=
nahme
der Arbeit geſtatten werden.
* Brake, 15. Okt. Die heute zu Ende geführten
Verhandlungen zur Beilegung des Hafenarbei=
terſtreikfs
hatten zum Ergebnis, daß die Arbeit
Montag wieder aufgenommen wird. Die frem=
den
Arbeiter werden bis zum 22. Oktober entlaſſen. Die
Einſtellung erfolgt nach Maßgabe des Bedarfs. Den Ar=

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910.

Nummer 24s.

beitern iſt eine Erhöhung des Lohnes für den Sonntags=
dienſt
und Ueberſtunden, den Stundenarbeitern eine Er=
höhung
des Tagelohnes zugeſtanden worden.

Der Eiſenbahnerſtreik in Frankreich.
* Paris, 14. Okt. Die Verſammlung der Eiſen=
bahner
zum Proteſte gegen die Einbe=
rufung
zum Militärdienſte fand heute abend
unter außerordentlich großem Andrange ſtatt. Um
Zwiſchenfällen vorzubeugen, wurden von den Ver=
anſtaltern
Flugblätter verteilt, in denen die Teil=
nehmer
aufgefordert werden, nach Schluß der Ver=
ſammlung
ruhig auseinander zu gehen. Die Polizei
hat umfaſſende Maßnahmen getroffen. In der Ver=
ſammlung
hielten mehrere ſozialiſtiſche Deputierte,
unter ihnen Jaurés, Reden, in denen ſie die Regierung
wegen ihrer Haltung gegenüber dem Ausſtande der
Eiſenbahner heftig angriffen. Schließlich wurde eine
Tagesordnung angenommen, in der die Solidärität der
Sozialiſten mit den Eiſenbahnern zum Ausdruck ge=
bracht
wird, die Geſellſchaften der Geldgier bezichtigt
werden und der Regierung zum Vorwurfe gemacht
wird, daß ſie den Arbeitern das Streikrecht verweigere.
Nach Schluß der Verſammlung herrſchte in dem Viertel
St. Antoine große Erregung.
* Paris, 15. Okt. Bei Dreuil an der Eiſenbahn=
linie
Amiens=Boulogne explodierte heute morgen
eine Bombe, ohne Schaden anzurichten. Der
Schnellzug Calais=Paris konnte ein Kilometer
von dem Orte der Exploſion angehalten werden und
ſetzte ſpäter die Fahrt fort.
* Paris, 16. Okt. Nach einer amtlichen Mit=
teilung
des Miniſteriums der öffentlichen Ar=
beiten
machte ſich am geſtrigen fünften Tage ein vollſtän=
diges
Abflauen des Ausſtandes bei der Nordbahn und der
ſtaatlichen Weſtbahn bemerkbar. Der Ausſtand könne als
beendet angeſehen werden.
Paris, 16. Okt. Das Miniſterium des Innern
gibt bekannt, daß der normale Dienſtbeetrieb
auf dem Pariſer Nordbahnhof von heute abend ab wieder
ſichergeſtellt iſt.
* Paris, 15. Okt. Beim Empfang beim Miniſter
der öffentlichen Arbeiten Millerand erklärten die Di=
rektoren
der Eiſenbahngeſellſchaften, daß den Beamten
und Arbeitern aller Eiſenbahnnetze, ſoweit ſie in Paris
anſäſſig ſind, ſpäteſtens am 1. Januar 1911 ein Mindeſt=
gehalt
von fünf Franken für jeden Tag, an dem ſie Dienſt
getan haben, bewilligt werde. Das Eiſenbahnperſonal
werde von dieſer Aufbeſſerung benachrichtigt werden. Nach
Erkundigungen im Miniſterium der öffentlichen Arbeiten
geſtaltet ſich die Lage andauernd günſtiger. Zahl=
reiche
Angeſtellte der ſtaatlichen Weſtbahn meldeten ſich wie=
der
zum Dienſt. Der Vorortverkehr wird wahrſcheinlich
heute wieder ein vollſtändiger ſein. Auf der Nordbahn
wurden geſtern 174 Züge abgelaſſen, gegenüber 124 am
Donnerstag. Die Zahl der Reiſenden hat ſich beträchtlich
vermehrt. Eine große Menge Lebensmittel ſind abgelie=
fert
worden.
* Paris, 15. Okt. Mehrere tauſend Maurer hiel=
ten
heute nachmittag eine neue Verſammlung ab, in der
ſie die Fortſetzung des Streiks beſchloſſen. Einer
der Führer des Streiks teilte mit, daß gegenwärtig in
Paris 80000 Bauarbeiter im Ausſtand ſtehen. Nach Schluß
der Verſammlung kam es auf der Straße zu mehrfachen
Zuſammenſtößen zwiſchen Streikenden und Schutzleuten.
* Avignon, 16. Okt. Die Eiſenbahn=Angeſtellten
beſchloſſen geſtern abend, in den Ausſtand zu treten.
* Conſtantine, 16. Okt. Ungefähr 100 Eiſen=
bahnarbeiter
der Oſtalgeriſchen Bahn und der Paris-
Lyon-Mittelmeerbahn haben ſich für den Ausſtand erklärt.
* Frankfurt a. M., 16. Okt. Nach einem dem
hieſigen Vertreter der Paris-Lyon- Mittel=
meerbahn
zugegangenen und den Frankf. Nach=
richten
zur Verfügung geſtellten Telegramm iſt der
Verkehr der Züge auf dem genannten Bahnnetze durch=
aus
normal und auch die Transporte von Eil= und
Frachtgut werden unter den gewöhnlichen Bedingungen
abgefertigt.
Die Revolution in Portugal.
* Gibraltar, 15. Okt. Die königliche Jacht
Viktoria and Albert die den König Ma=
nuel
nach England bringen ſoll, iſt heute abend hier
eingetroffen. Der König wird ſich morgen, wahrſchein=
lich
in Begleitung des Herzogs von Oporto, einſchiffen.
* Liſſabon, 15. Okt. Der heutige Miniſter=
rat
beſchloß die Verbannung der Königs=
familie
, die Aufhebung der Pairskammer, die Ab=
ſchaffung
des nichthiſtoriſchen Adels und der Orden,
ausgenommen den Turm= und Schwert=Orden, ſowie
die Beſeitigung des Schwurs auf das Evangelium.
(Frankf. Ztg.)
Luftſchiffahrt.
sr. Die Berliner Flugwoche war am ſechſten
Tage wiederum vom Wetter recht begünſtigt, wenn auch
der herrſchende Wind anfangs den Fliegern einige
Schwierigkeiten bereitete. Wieneziers, der als
Erſter mit ſeinem Blériot=Apparat ſtarten wollte, ge=
riet
beim Anlauf zu nahe an einen Zaun und blieb
dort mit einem Spanndraht ſeines Apparates ſo un=
glücklich
hängen, daß dieſer zerbrach, wodurch der rechte
Flügel den Halt verlor und Wiencziers weitere Ver=
ſuche
aufgeben mußte. Dann folgte Lindpaintner,
der jedoch nur 13 Minuten in der Luft blieb, da der
Wind noch zu ſtark war. Kurz bevor er landete, ſtieg
noch Brunhuber auf, ging jedoch nach 4 Minuten
wieder nieder. Auch von Moßner, der einen Probe=
flug
unternahm, landete ebenfalls nach 4 Minuten.
Dann trat eine längere Pauſe ein. Erſt nach 4 Uhr,
nachdem der Wind ſchwächer geworden war, entſchloß
ſich Brunhuber zum Start um den 9000 Mark=Preis
des Kriegsminiſters, ferner um den täglichen Dauer=
preis
und die Paſſagierpreiſe. In kürzeren Abſtänden
folgten dann Thelen, Jeannin und Lind=
paintner
, die ſich alle drei um den Großen 25000
Mark=Preis des Kriegsminiſters, den täglichen Dauer=
preis
und den Höhenpreis bewarben. Thelen flog
gleichfalls mit Paſſagier, um ſich um die Paſſagierpreiſe
bewerben zu können. Außerdem ſtarteten noch im
Laufe des Tages Grade (Grade), Frey (Farman),
Dr. Liſſauer (Grade), Otto (Aviatik), Oelerich
(Schulze=Herford), Rode (Grade) und Oberleutnant
Mente (Wright). Den längſten Flug des Tages er=
zielte
Brunhuber mit 1 Std. 16 Min. und gewann
damit den erſten täglichen Dauerpreis und außerdem
den erſten Zuſatzpreis für Paſſagierflüge. Den zweiten
täglichen Dauerpreis und den zweiten Zuſatzpreis für
Paſſagierflüge holte ſich Thelen mit 1113. Jeannin
flog 1:09 und Lindpaintner 1:07. Lindpaintner ſteht
ſſomit in dem Wettbewerb um den Großen Preis des
Kriegsminiſters noch bei weitem an erſter Stelle. Alle

anderen Aviatiker flogen nicht länger als zirka 20
Minuten. Der beſte Höhenpreis wurde von Lind=
paintner
ausgeführt, der 625 Meter emporſtieg. Frey
brachte es auf 505, Jeannin auf 470 und Thelen auf
375 Meter, was mit Rückſicht auf den mitgeführten
Paſſagier als außerordentlich gute Leiſtung zu bezeich=
nen
iſt. Der Beſuch war ſtärker als an allen vorher=
gegangenen
Tagen.
* Johannisthal, 15. Okt. Wiencziers, der
heute mit ſeinem Eindecker eine Höhe erreichte, die auf
1500 Meter geſchätzt wird. landete außerhalb des Flug=
platzes
bei Großbeeren. Jeannin erzielte auf ſeinem
Zweidecker eine Höhe von 910 Meter. Thelen ging
wegen Heißlaufens der Propellerwelle aus 200 Meter
Höhe im Gleitflug nieder, wobei das Flugzeug leicht
beſchädigt wurde.
* Flugplatz Johannisthal, 16. Okt. Den
heutigen Flügen wohnten der Kronprinz und die
Kronprinzeſſin bei, die etwa eine Stunde auf
dem Flugplatze verweilten. Der Kronprinz ſtiftete
eine Krawattennadel in der Form einer Krone mit
Brillanten für den Aviatiker, der die größte Höhe er=
reicht
und die ſchnellſte Fahrt gemacht hat. Die Bril=
lantnadel
wurde demgemäß Wiencziers über=
reicht
, der geſtern nach Großbeeren geflogen und heute
auf dem Rückfluge gegen 3 Uhr wieder auf dem Flug=
platze
landete. Wahrſcheinlich wird Lindpaintner
den Großen Preis des Kriegsminiſteriums bekommen;
Wiencziers den Höhenpreis und den Bleichröder=Preis.
* Paris, 16. Okt. Aus Limoges wird gemeldet:
Der Flieger Baillod ſtieg mit ſeinem Einflächer
mitten in der Stadt, in der Avenue de Juillet,
auf. Der Aparat verfing ſich in einem Baume und
ſtürzte dann in die Zuſchauermenge. Einem vier=
zehnjährigen
Mädchen wurde von dem Propeller die
Schädeldecke zertrümmert. Zwei andere Kin=
der
wurden verwundet. Der Flieger wurde verhaftet.
Im Luftſchiff über den Ozean.
* New=York, 15. Okt. Zu Wellmanns Ver=
ſuch
, den Ozean zu überfliegen, liegen folgende
Meldungen vor: Wellmann hat die Reiſe über den
Ozean in ſeinem Lenkballon Amerika mit 6 Per=
ſonen
angetreten. Die Jacht Olivia hat Wellmanns
Luftſchiff zuletzt über der See geſichtet. Ein drahtloſes
Telegramm von ihm berichtet, daß er einen nördlichen
Kurs einſchlage, die Motoren arbeiteten vorzüglich und
es ſei alles wohl an Bord des Luftſchiffes. Zuletzt iſt
das Luftſchiff an der Küſte Long=Island geſichtet wor=
den
. Ein ſpäteres drahtloſes Telegramm beſagt, daß
er die Fahrt nach Europa definitiv angetre=
ten
habe und 20 engliſche Meilen pro Stunde zu=
rücklege
.
* New=York, 15. Okt. Wellmanns Bal=
lon
der eine Beſatzung von ſechs Mann an Bord
hat, wurde zuletzt an der Küſte von Long=Island ge=
ſichtet
. Die letzte Meldung beſagt, daß ſtarker Nebel
herrſcht. Etwa 1000 Zuſchauer wohnten dem Aufſtieg
in Atlantic City bei. Anfangs hieß es, Wellmann be=
abſichtige
nur eine Probefahrt. Erſt nachmittags
wurde bekannt, daß er infolge der günſtigen Windver=
hältniſſe
ſich entſchloß, zur Fahrt nach Europa aufzu=
ſteigen
. Eine große Menſchenmenge wartet in Atlantic
City auf eine etwaige Rückkehr Wellmanns.
* New=York 16. Okt. Wie der Dampfer
Coamo durch Funkenſpruch meldet, iſt das Luft=
ſchiff
Wellmans geſtern abend 6 Uhr 50 Minuten
fünf Meilen ſüdöſtlich vom Leuchtſchiff Scotland und
vier Meilen von Sandy Hookentfernt von ihm
aus beobachtet worden. Es fuhr in nordöſtlicher Richt=
ung
mit einer Geſchwindigkeit von 15 Knoten. Das
Wetter iſt ſehr nebelig. Nach einem weiteren Tele=
gramm
aus Atlantie City ſteuert Wellman nordwärts,
um die Dampferoute von Neufundland nach England
zu erreichen.
Sport.
sr. Das Schachmatch Mieſes=Teichmann
brachte auch in der ſechſten Partie einen Sieg von
Teichmann, der ſeinen Gegner nach dem 32. Zuge be=
jegte
. Teichmann hat nunmehr fünf Partien ge=
wonnen
, während eine remis wurde.
Lt. Bei dem Internationalen Lawn=
Tennis=Turnier zu London hatten die deut=
ſchen
Spieler Erfolge zu verzeichnen. Kleinſchroth=
München ſiegte gegen T. Porys Keck 62, 63, 75, und
Rahe=Roſtock gegen R. S. Barnes 60, 36, 1210.
In der folgenden Runde trafen dann die beiden Deut=
ſchen
aufeinander. Kleinſchroth ſiegte nach erbittertem
Kampfe 26, 108, 86, 75. Ferner ſchlug Wilding
mit 61, 61, 64 Ritchie und F. S. Warburg mit
63, 63, 60 OHara=Murray.

Darmſtadt, 17. Oktober.
C Jubiläumsfeier. Herr Max Anſpach feierte
am Samstag, wie mehrfach gemeldet, neben anderen
Gedenkiagen ſein 50=jähriges Geſchäfts= und
Berufsjubiläum, zu dem ihm in außerordentlich
großer Zahl Glückwünſche, Blumen und Geſchenke über=
mittelt
wurden. Schon früh begannen die Gratulanten
ſich einzufinden und während des ganzen Tages liefen
Telegramme und Briefe ein und die Blumenarrangements,
arunter wahre Wunder gärtneriſcher Kunſt, verwandel=
ten
bald die Wohnung des Jubilars in einen duftenden
blühenden Hain und zeugten von der Verehrung und
Liebe, deren Herr Max Anſpach ſich in allen
Kreiſen der Reſidenz und weit über deren Mauern
hinaus zu erfreuen hat. Waren doch Blumen=
arrangements
bis aus Berlin, Stettin ꝛc. geſandt
worden. Unter den zahlreichen brieflichen und tele=
graphiſchen
Gratulationen ſeien nur einige hier hervor=
gehoben
: Das Komitee der Karnevalgeſellſchaft
Narrhalla hatte einen prächtigen Korb mit Roſen
geſandt, geziert mit Seidenſchleifen in den Narrhalla=
farben
. Der Elferrat war zudem faſt vollzählig erſchienen,
um dem hochverehrten Präſidenten perſönlich zu gratu=
lieren
. Juſt zu der Stunde, da draußen die Kapelle des
Leibgarderegiments unter Obermuſikmeiſter Hauskes
trefflicher Leitung dem Jubilar ein Ständchen brachte,
das natürlich Schluß und Krönung im Narrhallamarſch
fand, der prickelnden Weiſe, die den Jubilar jung
erhalten gleich einem Zaubertrank! Auch die
Turngemeinde hatte ihrem Ehrenmitglied ein
herzliches Glückwunſch=Schreiben geſandt. Ebenſo viele
andere Vereine und Geſellſchaften. Weiter waren unter
den Gratulanten die Herren Beigeordneter Mueller,
Geheimerat Dr. Kittler, Profeſſor Hermann Müller,
Hofrat Edward Pfarrer Vogel, Oberlt. Sturt,
Kaufmann M. Sander, Hofſchauſpieler Wagner,
Hönel Stadtv. Kaiſer=Mainz, das Perſonal der
Firma Theod. Schwab u. v. A.
Der Senior der Darmſtädter Redakteure, Herr
Eduard Simon hatte folgendes Schreiben geſandt;
Den zahlreichen Glückwünſchen, die Ihnen aus Anlaß
Ihrer verſchiedenen Jubiläen vorausſichtlich heute zuteil

werden, möchte ich auch den meinigen hinzufügen. Länger
als 25 Jahren habe ich das Vergnügen, Sie zu kennen,
und Ihr echter Bürger= und Gemeinſinn der, ach ſo
ſelten iſt! , gepaart mit Biederkeit, hat mir von An=
fang
an Hochachtung und Wertſchätzung für Sie abge=
rungen
. Gab es auch wohl Momente, in denen die un=
endlichen
Mühen und Sorgen in Ihrem Wirken für die
Oeffentlichkeit Sie niederdrückten, ſo haben Sie doch ſtets
unentwegt Ihr Ziel im Auge behalten und das perſön=
liche
Intereſſe hinter dem Gemeinwohl zurückgeſtellt.
Deß ſei Ihnen heute auch meinerſeits gedankt und ich
hoffe, daß unſer Herrgott Ihnen noch viele Jahre un=
getrübter
Geſundheit verleihen möge.
In einem Glückwunſchſchreiben des Stadtv. Louis
Lautz heißt es u. a.: . . . Ich freue mich, daß Ihre
Verdienſte, für das, was Sie zum Wohle unſerer
lieben Vaterſtadtaufſovielerlei Gebieten
geleiſtet haben, auch einmal öffentlich anerkannt
werden und ich ſchließe mich dieſer Anerkennung voll
und ganz an mit dem Wunſche, daß Sie auch fernerhin
in voller Geſundheit zum Wohle unſerer Stadt und
zum Segen Ihres Geſchäfts Ihre ganze Kraft einzuſeetzn
vermögen. . . .
Groß war auch die Zahl der Depeſchen, die aus
Berlin, Düſſeldorf, Stettin, Oberbozen, Homburg, Herford,
Frankfurt, Mainz ꝛc. ꝛc. einliefen. Ueberall hatte man des
Jubilars gedacht und alle Wünſche gipfelten in dem,
daß Max Anſpach das nächſte Jubiläum in gleicher
körperlicher und geiſtiger Verfaſſung begehen möge, die
am beſten charakteriſiert wird durch die luſtigen Verſe
eines Gratulanten:
Fünfzig Jahre und noch nicht älter
Immer noch voll Kraft und Schwung
Fünfzig Jahre und noch nicht kälter
Denn das Herz bleibt ewig jung.
: Selbſtmord. Die Frau des Inſtallateurs Heppen=
heimer
hier hat in Abweſenheit ihres Mannes ſich und
ihr achtjähriges Kind durch Oeffnen der Gasleitung im
Schlafzimmer getötet. Durch den ſtarken Gasgeruch
aufmerkſam gemacht, öffnete man geſtern gewaltſam das
Zimmer und fand die beiden Leichen. Die Tat iſt ver=
mutlich
ſchon am Samstag geſchehen.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)

* Berlin, 15. Okt. Der frühere Präſident des
Reichsbankdirektoriums, Exzellenz v. Koch, iſt heute
früh in Charlottenburg geſtorben.
Richard Koch war am 15. September 1834 in Kott=
bus
geboren, ſtudierte in Berlin die Rechte und wurde
1862 zum Stadt= und Kreisrichter in Danzig ernannt. 1865
nach Berlin verſetzt, wurde er 1867 Stadtgerichtsrat, kam
1870 in das Hauptbankdirektorium, wurde ein Jahr
ſpäter Juſtitiar dieſes Inſtituts und trat 1876 zu der
Reichsbank über. Im Jahre 1887 erfolgte ſeine Er=
nennung
zum Vizepräſidenten. Von 1890 bis 1907
ſtand Richard Koch an der Spitze der Reichsbank. Von
ſeinen fachwiſſenſchaftlichen Schriften ſind zu nennen:
Die Reichsgeſetzgebung über Münz= und Notenbank=
weſen
und Abrechnungsſtellen in Deutſchland und
deren Vorgänger, ſowie Vorträge und Abhandlungen
über das Handels= und Wechſelrecht
* Berlin, 15. Okt. In der neuen Aula der Uni=
verſität
fand die feierliche Uebergabe des Rek=
torats
durch Profeſſor Dr. Erich Schmidt an den
Geheimen Medizinalrat Profeſſor Dr. Max Rubner,
Direktor des Phyſiologiſchen Inſtituts, ſtatt.
* Stuttgart, 14. Okt. Dem Stuttgarter Merkur
zufolge übernahm Herzog Albrecht von Württem=
berg
den Ehrenvorſitz über die neugegründete würt=
tembergiſche
Vereinigung des Deutſchen Schul=
ſchiffvereins
.
* Dortmund, 14. Okt. Ueber das Vermögen des
Aufſichtsratsmitgliedes der Niederdeutſchen Bank, Geh.
Juſtizrat Imwalle in Münſter, wurde das Kon=
kursverfahren
verhängt.
* Halle a. d. S., 15. Oktober. Ein ſchweres Un=
glück
hat ſich heute nachmittag im Zoologiſchen Garten
ereignet. Der dort befindliche Eisbärbaſtard brach aus
und verletzte ein 10 jähriges Mädchen ſowie einen zu
Hilfe eilenden Wärter ſchwer und tötete zwei Ziegen.
Hierauf wurde er vom Oberkellner des Zoologiſchen
Gartens erſchoſſen.
* Wanheimerort, 15. Okt. Das hieſige Kabelwer?
ſteht ſeit heute mittag 1 Uhr in Flammen; es iſt bis
auf die Umfaſſungsmauern abgebrannt. Ein kleiner
Geräteſchuppen und der Lagerraum wurden verſchont.
Der Schaden iſt ſehr groß und durch Verſicherung ge=
deckt
. Das Feuer entſtand vermutlich in der Schreinerei
und breitete ſich mit großer Schnelligkeit aus. Um 3 Uhr
nachmittags dauerte der Brand noch fort. Zum Löſchen
waren eine Berufs= und acht freiwillige Feuerwehren
zur Stelle.
* Bremen, 14. Okt. Das Schulſchiff des Deutſchen
Schulſchiffvereins, Großherzogin Eliſabeth, iſt
heute wohlbehalten in Bremerhaven angekommen.
* Magdeburg, 15. Okt. Hier wurde der Bund
der Deutſchen Werkvereine gegründet, nach=
dem
eine Ausſprache die völlige grundſätzliche Ueber=
einſtimmung
der Vertreter von 6000 Werkvereinsmit=
gliedern
aus dem ganzen Reiche gezeitigt hatte.
* Finſterwalde, 15. Okt. Anläßlich ſeiner ſilbernen
Hochzeit ſtiftete, wie der Niederlauſitzer Anzeiger
meldet, Kommerzienrat Max Koswig der Stadt= und
der Kirchengemeinde Finſterwalde 100000 Mark
für Wohlfahrtszwecke, und zu Gunſten der Arbeiter=
ſchaft
der Tuchfabrik F. F. Koswig gleichfalls 100000
Mark.
* Belgrad, 15. Okt. Der Kronprinz ſchlief
nachts viereinhalb Stunden ruhig, fühlt ſich aber noch
ermüdet. Huſten beſteht nicht. Seit geſtern tritt Ros=
cola
hervor, die ſich heute ſchon vermehrte. Der Patient
nimmt flüſſige Nahrung zu ſich, jedoch ohne Appetit.
* Belgrad, 15. Okt. Wie aus informierten Kreiſen
verlautet, beſteht für den Kronprinzen gegenwärtig
keine unmittelbare Gefahr, da die Krankheit ſich in
normaler Weiſe entwickelte. Es ſei auch zu hoffen, daß
keine Komplikationen hinzutreten werden. Polition
berichtet aus angeblich authentiſcher Quelle, daß in Niſch
ſchon ſeit längerer Zeit Typhus herrſche. Der Niſcher
Phyſikus habe noch vor den Manövern das
Miniſterium davon verſtändigt, daß in der
dortigen Garniſon 40 Typhusfälle konſtatiert
worden ſeien. Trotz eines Antrages des Phyſikus auf
Abſage der Manöver ſeien dieſe abgehalten und hierdurch
die Ausbreitung des Typhus begünſtigt worden. Außer
dem Kronprinzen ſeien auch deſſen Adjutant und ein
Generalſtabsoffizier am Typhus errrankt. Die Stampa
meldet, daß Prinz Georg wegen einer ſtarken Hals=
entzündung
auf ärztlichen Rat das Zimmer hüten müſſe.
* Athen, 16. Okt. Der König hat Venizelos
mit der Kabinettsbildung betraut; dieſer hat ſich
einige Tage Bedenkzeit erbeten, um das parlamentariſche
Terrain zu ſondieren.

[ ][  ][ ]

Nummer 243

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910.

Seite 7.

2 Wien, 15. Ott. Der Ausſchuß der öiereichiſchen
Delegation ſetzte heute die Veratung des Voran=
ſchlags
des Miniſteriums des Aeußern fort. Axmann
legte gegen die von Kramarcz gegen die Benennung
einer Wiener Straße nach dem deutſchen Kaiſer geübte
Kritik entſchieden Verwahrung ein.
* Simonſtown, 14. Okt. Der engliſche Kreuzer
Forte geht heute nach der Delagoa=Bai ab,
um im Falle von Unruhen engliſches Eigentum zu
ſchützen.
* Berlin, 15. Okt. Wie die Poſt von angeblich
gut unterrichteter Seite hört, ſoll dem Landtage in der
nächſten Tagung eine neue Wahlrechtsvorlage
vorgelegt werden. Wie weiter gemeldet wird, ſoll der
neue Entwurf in Bezug auf den plutokratiſchen Charakter
des beſtehenden Wahlrechts einige bedeutende Ab=
ſchwächungen
erfahren. Auch ſoll ſich der Reichskanzler
mit dem direkten und geheimen Wahlrecht einverſtanden
erklären.
H.B. Berlin, 15. Okt. Ein ſchweres Straßen=
bahnunglück
ereignete ſich heute früh in der Nähe
von Spandau. Dort ſtießen zwei Wagen der Span=
dauer
Straßenbahn in voller Fahrt mit ſolcher Ge=
walt
gegeneinander, daß beide Wagen völlig zertrüm=
mert
wurden. Drei Schwerverletzte wurden ſterbend
nach dem Spandauer Krankenhaus gebracht. Drei
weitere Perſonen erlitten leichtere Verletzungen.
Paris, 15. Okt. Ein Verwandter des braſiliani=
ſchen
Präſidenten namens Fonſeca fuhr geſtern mit
zwei Freunden im Automobil nach Cherbourg.
Das Gefährt fuhr in Liſieux gegen einen über die
Straße geſpannten Stahldraht. Während die Fenſter
des Automobils in Trümmer gingen, wurden zwei Re=
volverſchüſſe
gegen die Reiſenden abgegeben. Die
Schüſſe gingen fehl. Die Unterſuchung wird ergeben,
ob es ſich um ein Attentat handelt.

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Konzert der Großh. Hofmuſik um 7 Uhr im Hoftheater
(Hauptprobe vormittags 10 Uhr).
Gaſtſpiel des Oberbayr. Bauerntheaters um 8¼ Uhr
im Orpheum (Der Meineidbauer).
Vortrag von Profeſſor Dr. Wurſter um 4½ Uhr in
der Oper (Ev. Konferenz f. d. Großherzogtum Heſſen).
Vortrag von Pfarrer Velte um 8 Uhr Mollerſtr. 23
(Frauenverein der Martinsgemeinde).
Vortrag von Profeſſor Dr. Förſter um 8½ Uhr im
Kaiſerſaal (Verein für naturgemäße Lebens= und
Heilweiſe).
Vortrag von Profeſſor Dr. Hötzſch um 8½ Uhr im
Fürſtenſaal (Alldeutſcher Verband und deutſcher Oſt=
markenverein
).
Generalverſammlung der Ortskrankenkaſſe Merkur
um 9 Uhr im Reſtaurant Sitte.
Monatsverſammlung des Geflügel=Zuchtvereins
Ornis um 8½ Uhr in der Stadt Pfungſtadt.
Oktoberfeſt um 5 Uhr im Kölniſchen Hof.
Konzert um ½ 8 Uhr im Bürgerkeller.
Konzert um 8 Uhr im Hotel Heß.
Konzert um 8 Uhr im Perkeo.
1. Darmſtädter Kinema tograph (Ecke Rhein= und
Crafenſtraße). Vorſtellungen von 311 Uhr.
Obſt=, Gemüſe= und Kartoffel= Markt im
Schützenhof.
Beſichtigung des Großh. Reſidenzſchloſ=
ſes
: Dienstags und Freitags von 34 Uhr, Sonn=
tags
von 111 Uhr. Eintrittskarten werden beim
Schloßinſpektor abgegeben: Einzelkarte 50 Pfg., Fa=
milienkarten
(3 Perſonen) zu 1 Mk.

Gottesdienſt bei der israelitiſchen Religionsgemeinde.
Haupt=Synagoge (Friedrichſtraße 2).
Laubhüttenfest
Dienstag, 18. und Mittwoch, 19. Oktober.
Montag: Vorabendgottesdienſt 5 Uhr 30 Min
Dienstag: Morgengottesdienſt 8 Uhr 30 Min.
Predigt 9 Uhr 20 Min. Abendgottesdienſt 6 Uhr
10 Min.
Mittwoch: Morgengottesdienſt 8 Uhr 30 Min.
Feſtesausgang 6 Uhr 10 Min.
Gottesdienſt an den Wochentagen: Morgens 7 Uhr,
abends 6 Uhr.

Beeten
Serdaesctt

ie mir zu meinem Geschäftsjubiläum von nah und fern
Dzugegangenen Zeichen der Liebe und Verehrung sind
so außerordentlich zahlreich, daß es mir unmöglich ist, jedem
einzeln zu danken. Ich bitte darum auf diesem Wege meinen
herzlichsten aufrichtigsten Dank
aussprechen zu dürfen.
Darmstadt, den 15. Oktober 1910.
Max Anspach, Hoflieferant
Ernst-Ludwigsplatz 1.

eeereee

(20153)

Statt Karten.
Die glückliche Geburt eines gesunden
Mädel zeigen hocherfreut an
Julius Loeb und Frau
Martha, geb. Neu.
Cassel
Hohenzollernstr. 85.
(20147

Todes-Anzeige.

Samstag abend 7 Uhr verſchied nach
kurzen ſchweren Leiden unſere liebe gute
Mutter, Schweſter, Tante, Schwägerin, Groß=
mutter
und Schwiegermutter
(20156
Frau ElisabethJordan
geb. Buhbheller.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Herbert Jordan,
Poſtinſpektor.
Darmſtadt, den 17. Oktober 1910.
Die Beerdigung findet Dienstag, den 18. Okt.,
nachmittags ¾5 Uhr, vom Sterbehaus, Beck=
ſtraße
73 aus, die Seelenmeſſe Mittwoch früh
½7 Uhr in der Kapelle der Barmherzigen
Schweſtern, ſtatt.

Gottesdienſt in der Synagoge der israelitiſchen Religions=
geſellſchaft
.
Sukkaus-Fest.
Dienstag, den 18. Oktober.
Vorabend 5 Uhr 10 Min. Morgens 8 Uhr Min.
Nachmittags 4 Uhr Min. Abends 6 Uhr 10 Min.
Mittwoch, den 19. Oktober.
Morgens 8 Uhr Min. Nachmittags 4 Uhr Min.
Feſtesausgang 6 Uhr 10 Min.
Wochengottesdienſt: Morgens 6 Uhr 15 Min. Nach=
mittags
5 Uhr Min.

Todes-Anzeige.
Am 16. ds. Mts. verſchied nach langem
ſchweren Leiden unſer Kollege
(20157
2
Andreas Eitenmuner.
Wir verlieren in demſelben einen pflicht=
getreuen
Kollegen und charaktervollen Freund
von aufrichtiger Geſinnung und werden dem
Verſtorbenen dauernd ein ehrenvolles An=
denken
bewahren.
Die Beerdigung findet Dienstag nachmittag
2½ Uhr, vom Portale des Friedhofs aus, ſtatt.
Darmſtadt, 16. Oktober 1910.
Verein des Lahrperſonals der Städt.
elektriſchen Straßenbahn Darmſtadt.
J. A.:
Der Vorstand.

Bankſagung.
Für die herzlichen Beweiſe wohltuender Teil=
nahme
bei dem Ableben unſerer lieben Mutter
Frau Marie Heil Wwe.
ſpricht innigen Dank aus
(20123
im Namen der Hinterbliebenen:
Dr. Karl Heil.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Wakdaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil: S. Kroſt, ſämtlich in Darmſtadt
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht!
zurückgeſandt.

Vstal-Ausverkauf
wegen gänzlicher Geschäftsaufgabe. Da ich in kürzester Zeit mit dem ganzen Lager vollständ'g räumen muss, sind die
Preise beispiellos bill
Gestellt,
sodass es im Interesse einer jeden Dame liegt, ihren Bedarf für Herbst und Winter, sowie für Weihnachten, bei dieser

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schwarz und schwarz
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von 9
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Kinder-Pallentin, uni und bunt . . . von
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[ ][  ][ ]

zum Darmſtädter Tagblatt.
1. Beilage

N213.

Mentag, 17. Otober.

1910.

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soweit Vorrat reicht

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Herren vorrätig 110 175 950

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1 1 2

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Herrenhosen
Damen-Trikotuntertaillen
gebleicht, mit Spitzengarnitur . . . . . . . 185
975
Damen-Combination (Hemdhose) Normal 3
eréme Trikot 485
Damen-Normaljacken . . 95 185 14
Kblau oder 925
Damen-Reformhosen graufrik.6 425 690
910 945
Normalstoff . 2 240
Kinder-Anzüge
65 75 85 95 195 15
Normalstoff
bunt, kariert
Männer-Biberhemden od. gestreitt 95 145
Lungenschützer m. Kamelhaarfutter 95 125
145
4
125
Leibbinden gestrickt
185 925
Normalstoff
.P 4
925
Damenwesten
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Knabensweater
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Hemdentuche geschmeidige Qualität,
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geschmeidige Ware für feinste Leibwäsche,
außergewöhnlich preiswert . . . Meter 45 55
schneeweiß gebleichte, gerauhte, pracht-
Croise volle Ware, außergewöhnl. preisw., Mtr. 35
Wollene Blusenschotten
doppelt breit . . . . . . . . . Meter 115 19
Kinder-Kleiderschotten Meter 48 75
Ein Posten
Biberbettücher zur freien Wahl . . . 95

Auffallend!
120 cm breit,
Schürzenstoffe schöne Streifen
(Reklame-Angebot.) Mtr.

Konfektion

schwarz Wollcheviot, mit
Kostümrock Falten, alle Längen und

.. . 750 1650

,
Weiten vorrätig
(für ganz kleine und für extra starke Figuren)

aus Noppenstoff, mit Blenden- 9150
1
Kostümrock besatz . . . . . . .

blau Wollstoff, mit feinen 91
Kostümrock weissen Streifen, ganz in Falt. 21

halbwollene Popelinebluse, dezent ge-
Bluse streift, am Hals mit Tüllstoff und Band
620
verziert
.

g reich gearbeitete Spitentüllbluse, mit 050
Bluse modernen Doppelärmeln . . . . . .
Englisches Blusenhemd aus Woll-Pope-
Bluse jine, vorn in vielen Säumchen abgesteppt. 4950
Vorrätig in vornehmen, entzückenden Farben 140

Auflallendl!
Marke Der Sieger, festes,
Regenschirm jeichtes Gestell, guter, dauer-
hafter
Gloria-Bezug, elegante Krücken
2 Jahre Garantie für Damen und Herren 47

Damen-Wäsche
guter Stoff mit Stick. 170 4
Damenhemden 3 gut geschn. Fagons 1 190
925 975
bester
vorzügl. Stoff,
Damenhemden Schnitt, eleg. ausgest. 2 &
495 050
feiner gerauhter
Damenhemden Groisé mit Stick. 185 15- 28
mit Stickerei 175 925
Damen-Chiffonhosen Kniefagon

gerauht
Damen-Beinkleider Groise
25 150 12
mit-Spitze . . . .
vorzügl. Stoff, weiss gerauht
Mädchenhemden Croisé
Preise nach Grössen 75 85 95
165 125 185
teils Holl., teils Knie-
Mädchenhosen-fagon, weiss gerauhtr,
Croisé .
.. . . 75 85
125

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1. Etage,

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50 1050
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. . 850 125
Damen-Toque mit Federgarnitur 1050 1500
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Samtgummi, breit mit
Damengürtel schwarz. Empireschnalle 95
prima Samtgummi, breit mit15
Damengürtel schwarzer Metallschnalle
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Kinder-Lackgürtel schwz. vorrät. 45 65
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Echte sächs. Madapolan.-Stickerei

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eite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910.

Nummer 243

Ein billiges und nahrhaftes Frühstück:

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Konsum-
Qualität

feine Qualitäten
in ½ Pfd. Paleten z. 35, 40, 45, 50, 65 Pfg.

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feine Qualitäten in Tafeln à 10, 15, 20, 25 u. höher.

gar. rein
ide Prand 58 Peg.
Haushalt-Sch

gehaltvolle
ausgiebige
Mischung
Prund 1 20 Pfg.
F Ratfee
feine u. aromatische Mischung, Pfund 130Pfg.

Neues Apfelgelee
garantiert rein . . . . Pfund 32 Pfg.

grosse
Kohlmops stek
Bückinge . per Stück
Holl. scharfe Bückinge 2 Stück
Makrei-Bückinge . . Stücke
Geräucherter Seelachs . Stück 2. 0 Pg.
6 Pfg.
3 Pfg.
3Pfg.
0 Pfg. Iede Haronen 21 öne ſi Wirtschaftst pfel, Ia, 3 Pra. 2 8 Pfg.

Eine Partie, solange Vorrat reicht:
Bruch Mackaron Pia. 21 Pfg.
prima
Stangen-Maccaronl PfandéOrfg.
Suppen- und 62
Nudeln gemüse- Pfund 25 Pfg.
Hausmacher Schnitt
Pfund 30Pfg.
Gries-Nudein
fg.
Hede Eilisch vn4e an
(
Gemahl. Zucker Pfa. 23 Pfg.

Tafel-Aepfel Pfund 38

Pfg.

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Bessungerstr. 86 Elisabethenstr. 36:: Liebigstr. 4
Magdalenenstr. 23:: Rossdörferstr. 12:: Wenckstr. 32.

Verein für naturgemäße Lebens- und Heilweise
,,
.,
(Maturheilverein) zu Darmstadt.

.,
(Eingetragener Verein.)
Am Montag, den 17. Oktober, abends 8¼ Uhr,
wird Herr Profeſſor Dr. Paul Förster, Friedenau=
:: Berlin im Kaiſerſaal (Grafenſtraße) einen ::
öffentlichen Vortrag für Damen und Herren
halten über das Thema:
Freiheit der Heilkunde und Kurpfuſcherei.

Eintritt für Nichtmitglieder 30 Pfg. Für unſere Mitglieder mit Familie und
für neu eintretende Mitglieder iſt der Eintritt frei.
Die Mitglieder der Gewerkſchaften zahlen 10 Pfennig.
Wir bitten um recht zahlreichen Beſuch dieſes ſehr zeitgemäßen Vortrages des
vorzüglichen Redners.
(19845do)
Der Vorſtand.

Oitwen- u. Waisenfonds der Grossh. Hofmusik.
Montag, den 17. Oktober 1910, abends 7 Uhr:
Erötes Ronzerr In Groseh. Hortheater
unter Mitwirkung der Königl. Hofopernsängerin Birgit Engell aus Wiesbaden
und mit verstärktem Orchester.)

1.Ouvertüre zur Weihe
. v. Beethoven.
des Hauses
2. Arie aus Josua‟ v. Händel.

3. Symphonia demostica v. R. Strauss.
4. Lieder von Schumann und Wolf.
5. Sinfonie (C-moll Nr. 5) v. Beethoven.

*) Das Orchester ist verstärkt auf 78 Mitwirkende durch Künstler von hier,
Wiesbaden und Mainz.
Hauptprobe: Montag, den 17. Oktober, vormittags 10 Uhr, im Hoftheater.
Eintritt Mk. 1.50.
(20087so
Die Abonnementskarten sind abzuholen in der Pianoforte- u. Musikalien-
handlung
von Gg. Thies Nachf. (Leopold Schutter), Hoflieferant, Elisabethenstrasse 12.

im grossen Saal des Städt. Saalbaues zu Darmstadt
am Freitag, den 21. Oktober, Anfang 8 Uhr,
einziger Tanzabend der Iprisch-dramatischen Tänzerin
Rita Sacchetto
in ihrem neuen, so erfolgreichen und besonders ausgewählten grossen Programm.
Am Ibach=Konzertflügel (aus dem Magazin von Gg. Thies Nachf.) Frau Hof=
pianiſtin
Mabel Martin, München.
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in der Hofmuſikalienhandlung Gg. Thies Nachf. (Leopold Schutter), Eliſabethen=
ſtraße
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Kammermasinveremn-Auerbach Hessen.
Dienstag, den 18. Oktober, ½7 Uhr,
(20112
im Festsaale des Hotels zur Krone
1. Kammermusikabend.
Mitwirkende: Hofopernſängerin Frl. Gertrud Geyersbach, die Herren Hof=
opernſänger
Stephani=Darmſtadt, Hofkonzertmeiſter Gustav Havemann=Hamburg,
Konzertmeiſter Bornemann, Hofmuſiker Delp und Andrä=Darmſtadt
Berdone=Flügel aus dem Hofpianolager A. W. Zimmermann=Darmſtadt.
Eintrittskarten Mk. 2.50, 1.50, 0.50 im Hotel zur Krone u. abends an der Kaſſe.

Alldentſcher Verband u. Deutſcher Oſtmarkenverein
Montag, den 17. Oktober, abends ½9 Uhr,
im Fürſtenſaale‟
Vortrag des Herrn Profeſſors Dr. Hötzsch aus Poſen
über: Deutſche und Polen in den Oſtmarken und die neueſten
Ereigniſſe in der Polenfrage.
Eintritt 20 Pfg. Zu zahlreichem Beſuche laden ein
(19916fso
Die Vorſtände.
Lichtspiel-Vortrac
Mittwoch, den 19. Okt., abends 8½ Uhr im
Städt. Saalbau
Reinh. Gerling-Berlin
nur für Damen
über
Was Fradeh wissen Massen
I. Erziehung zur Schönheit und Gesundheit.
Die Klippen der Schönheit in d. Entwickelungsjahren. Ob ſie zu=
einander
paſſen zeigt das Aeußere. Einfluß d. Ehe auf Geſundheit u. Schön=
heit
d. Frau. Das Empfindungsleben des Weibes. Was die Männer
feſſelt. Untreue und ihre Verhütung. Frauenleiden u. Schönheit. Mutter=
ſchaft
u. Säuglingspflege. Seine Majeſtät das Kind.
II. Wie erkennt und beseitigt man Schönheitsfehler?
Die 30 Schönheiten d. Weibes. Was findet man ſchön? Wie be=
ſeitigt
man das Abſtehen d. Ohren, Naſenröte, Haarausfall, Hohläugigkeit,
Falten u. Runzeln, Teintfehler jeder Art, Frauenbart, Doppelkinn, Büſtenfehler?
Magerkeit, Fettanſatz (Neueſte Forſchungsergebniſſe)? Kann man ſein Körper=
maß
verlängern? Allerlei Toilettengeheimniſſe.
Unterricht in der Selbſtbehandlung von Schönheitsfehlern, bildlich
erläutert.
III. Ein Kursus der Körper- und Schönheitspflege.
Belehrende, hochintereſſante kinematographiſche Demonſtrationen.
Täglich nur 20 Min. richtige Körperpflege und dauernde Schönheit
iſt das Reſultat.
IV. 50 Jahre im Reiche der Mode.
Belehrung über geſchmackvolle, zur Erſcheinung paſſende Farben und
Toiletten. (Kinematographiſche Vorführung).

Die Art dieſes Anſchauungsunterrichts iſt völlig neu.

Jede Dame iſt berechtigt, ſchriftliche od. mündliche Anfragen zu ſtellen, die
im Vortrage beantwortet werden.

Einritskarten 1 Mk. 2., 1. u. 50 Pfg.

Der Reinertrag ſlieht dem =Heipſlege=Verein für krane und
ſchwächliche Kinder zu.
Gesellschaft für rationelle Körperpflege m. b. H. (19936P

[ ][  ][ ]

Nummer 243.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910

Seite 11.

Amtliche Nachrichten des Großherzoglichen Polizeiamts Darmſtadt.
Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde.
In polizeilicher Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 3 Pinſcher, 1 Foxterrier, 1 Dobermann.
Die Hunde können von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt
werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werk=
tag
, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.
Straßenſperre.
Wegen Vornahme von Kanalbauarbeiten bleibt der Hohle Weg zwiſchen der
Aeußeren Ringſtraße und erſten Querſtraße bis zum 31. Oktober ds. Js. für den Fuhr=
werksverkehr
weiter geſperrt.
(20117

Stadtverordnetenwahl.
Vom 19. bis einſchließlich 26. Oktober 1910, vormittags von 8 bis 1 Uhr
und nachmittags von 3 bis 5 Uhr liegt die Liſte der in der Stadt Darmſtadt zur
Stadtverordnetenwahi ſtimmberechtigten, ſowie das Verzeichnis der zu dem höchſtbe=
ſteuerten
Dritteile der Wählbaren gehörigen Perſonen auf dem Stadthauſe, Rhein=
ſtraße
16/18, Zimmer 16 (im Erdgeſchoß rechts) zu jedermanns Einſicht offen.
Innerhalb dieſer Friſt kann in dem bezeichneten Lokale jedes Mitglied der Stadtge=
meinde
Einſicht von dieſen Liſten nehmen und Einwendungen gegen dieſelben vorbringen.
Darmſtadt, den 15. Oktober 1910.
Großherzogliche Bürgermeiſterei Darmſtadt.
Dr. Gläſſing.
(201307ods
Betreffend: Wahl der Heiſitzer zum Kaufmannsgericht.
Auf Grund Art. 11 Abſ. 5 des Ortsſtatuts für das Kaufmannsgericht der Stadt
Darmſtadt geben wir hiermit bekannt, daß folgende gültige Wahlvorſchlagsliſten ein=
gerichtet
worden ſind:
A. Aus dem Kreiſe der Kauflente:
Handelsverein, Detailliſtenverein, Kaufmänniſcher Verein und Kathol. kaufm. Verein
Conſtantia.
Vorgeſchlagene Perſonen:

1 6. Joſeph Plaut, Kaufmann,
7. Adolf Kahn, Kaufmann,
8. Friedrich Becker, Kaufmann,
9. Philipp Stein, Volksbankdirektor,
110. Ludwig, Heißner, Fabrikant.
Unterzeichner der Liſte:
a) C. Wittich, Druckereibeſitzer,
c) H. Brandſtätter, Kaufmann,
u. a.
B. Aus dem Kreiſe der Handlungsgehilfen:
Nr. I. Ortsgruppe Darmſtadt, des Deutſchnationalen
Handlungsgehilfenverbandes.
Vorgeſchlagene Perſonen:

1. Ludwig Fiſcher, Kohlenhändler,
2. Edgar Wetzſtein, Kaufmann,
3. Wilhelm Kölb, Kaufmann,
4. Auguſt Jacobi, Fabrikant,
5. Karl Malzi, Weinhändler,

b) L. Frölich, Kaufmann,

1. Joſeph Kauter, Prokuriſt,
2. Ludwig Weimar, Reiſender,
3. Georg Junck, Handlungsgehilfe,
4. Kurt Gebhardt, Handlungsgehilfe,
5. Richard Paul Starke, Buchhalter,
Unterzeichner der Liſte:
a) G. Dahmen, Handlungsgehilfe,
c: Phil. Seifert, Handlungsgehilfe,
b) H. Stähle, Handlungsgehilfe,
u. a.
Nr. II. Verein für Handlungs=Commis von 1858, Bezirk Darmſtadt,
Vorgeſchlagene Perſonen:

126. Gerhardt Dahmen, Handlungsgehilfe,
7. Martin Mertens, Handlungsgehilfe,
8. Emil A. Weller, Handlungsgehilfe,
9. Jakob Kraft, Handlungsgehilfe,
110. Heinrich Stähle, Handlungsgehilfe.

1. Albert Theuerjahr, Handlungsgehilfe,
2. Karl Pflugfelder, Handlungsgehilfe,
3. Hermann Ullrich, Handlungsgehilfe,
4. Karl Gieſelberg, Prokuriſt,
5. Rudolf Nees, Handlungsgehilfe,
Unterzeichner der Liſte:
a) H. Tölke, Handlungsgehilfe,
ic) K. Engel, Handlungsgehilfe,
b) R. Beuthner, Handlungsgehilfe,
u. a.
Nr. III. Kaufmänniſcher Verein Darmſtadt (eingetr. Verein).
Vorgeſchlagene Perſonen:

6. Konrad Krauſch, Handlungsgehilfe,
7. Paul Elsner, Handlungsgehilfe,
8. Karl Sehrbundt, Handlungsgehilfe,
9. Edmund Friedrich, Handlungsgehilfe,
110. Friedrich Worret, Handlungsgehilfe.

1. Konrad Wilhelm, Prokuriſt,
2. Wilhelm Schnellbächer, Handlungsgehilfe, I 7. Leo Weglein, Handlungsgehilfe,
3. Adolf Steinberg, Handlungsgehilfe,
4. Max Utgenannt, Handlungsgehilfe,
5. Herman Simon, Handlungsgehilfe,
Unterzeichner der Liſte:
a) Ph. Wenzel, Handlungsgehilfe,
ic) W. Schmitt, Handlungsgehilfe,
b) A. Fuchs, Handlungsgehilfe,
u. a.
Nr. IV. Kaufmänniſcher Verein Frankfurt a. M.
Vorgeſchlagene Perſonen:

6. Chriſtian Weingart, Handlungsgehilfe,
8. Lothar Volz, Handlungsgehilfe,
9. Simon Lang, Handlungsgehilfe,
110. Peter Ruppel, Handlungsgehilfe.

1. Karl Vögele, Handlungsgehilfe,
2. Paul Schmale, Handlungsgehilfe,
3. Auguſt Fuhrländer, Handlungsgehilfe, 1 8. Wilh. Rothe, Handlungsgehilfe,
4. Otto Mulch, Handlungsgehilfe,
5. Ludwig Hinkel, Handlungsgehilfe,
Unterzeichner der Liſte:
a) C. Sundheimer, Handlungsgehilfe,
ic) Ph. Oeſtreicher, Handlungsgehilfe,
b) B. Steitz, Handlungsgehilfe,
u. a.
Nr. V. Kreisverein Darmſtadt im Verband deutſcher Handlungsgehilfen.
Vorgeſchlagene Perſonen:

6. Wilh. Müller, Handlungsgehilfe,
7. Karl Scherer, Handlungsgehilfe,
9. Konrad Schmidt, Handlungsgehilfe,
110. Ludw. Bieger, Handlungsgehilfe,

7. Ludwig Hinkel, Handlungsgehilfe,
8. Karl Vögele, Handlungsgehilfe,
9. Paul Schmale, Handlungsgehilfe,
10. Otto Mulch, Handlungsgehilfe.

1. Auguſt Fuhrländer, Handlungsgehilfe, ) 6. Reinhold Lehmann, Handlungsgehilfe,
2. Karl Scherer, Handlungsgehilfe,
3. Jean Hahn, Handlungsgehilfe,
4. Wilhelm Müller, Handlungsgehilfe,
5. Ernſt Dörflinger, Handlungsgehilfe,
Unterzeichner der Liſte:
a) Hugo Wolff, Handlungsgehilfe,
c) Karl Neitzel, Handlungsgehilfe,
b) Ernſt Rudolf, Handlungsgehilfe,
u. a.
Gemäß Art. 11, Abſ. 4 des Ortsſtatuts ſind die auf mehreren Liſten zur Wahl in
Vorſchlag gebrachten Herren zur Erklärung aufgefordert worden, welcher Liſte ſie zuge=
teilt
zu werden wünſchen.
Darmſtadt, den 12. Oktober 1910.
Großherzogliche Bürgermeiſterei Darmſtadt.
J. V.: Mueller.
(20121

Küchenlieferung.
Am 29. Oktober 1910, 9 Uhr vormittags,

im Unteroffizierſpeiſeſaal II/117 Vergebung der Küchenbedürfniſſe und Abfälle,
ausſchließlich Fleiſch= und Wurſtwaren, für die Zeit vom 1. Dezember 1910 bis
30. November 1911. Verſiegelte Angebote und Proben mit Aufſchrift Küchenlieferung‟
ſind bis 26. Oktober 1910 einzuſenden.
(20120oms
Die Lieferungsbedingungen liegen im Bataillons=Geſchäftszimmer offen.
Küchenverwaltung II/117 Alice=Kaſerne Mainz.

Für den Winterkursus
der Haushaltungsſchule des Heſſiſchen Diakonievereins
werden am Montag, den 17. Oktober,
und die folgenden Tage der Woche
Schülerinnen aufgenommen.
Schulgeld Mark 60.
Bürgerliche Küche.
Anmeldungen bei der Leiterin Frl. Wickertsheim, Herderſtraße 10, oder bei
(20104so
der Geſchäftsſtelle des Diakonievereins, Frankfurterſtraße 40.

Oilterriehr im Vetennen Ce 1

Aufforderung.
Der Vorſtand des Heſſiſchen Landesvereins vom Roten Kreuz, unter Mitwirkung
des Alice=Frauenvereins für Krankenpflege, beabſichtigt in dieſem Herbſt wiederum einen
theoretiſchen
Lehrgang zur Erlernung der Pflege im Kriege
verwundeter und erkrankter Soldaten unter dem
Roten Krenz
einzurichten.
In gleicher Weiſe wie im letzten Winter und gemäß den neuerlich geltenden Be=
ſtimmungen
, worüber jüngſt in den hieſigen Blättern Mitteilung gemacht wurde,
umfaßt dieſer theoretiſche Lehrgang 20 Doppelſtunden für die, welche ſich für den
Kriegsfall als Helferinnen ausbilden wollen. Um aber auch denen entgegenzukommen,
welche nicht in der Lage ſind, dieſen erhöhten Forderungen zu entſprechen, wird auch
diesmal der Unterricht der erſten Hälfte jeder Doppelſtunde ſämtlichen Hörerinnen
und die zweite Hälfte nur den zukünftigen Kriegshelferinnen gewidmet ſein. Der
Lehrgang wird im Feſtſaale des Ludwig=Georgs=Gymnaſiums, unter Leitung des
Großh. Leibarztes Herrn Dr. Happel, wöchentlich Dienstag und Freitag, erſtmals
Dienstag, 29. November, von 57 Uhr nachmittags abgehalten werden und iſt ſelbſt=
verſtändlich
unentgeltlich.
Damen, die zur Teilnahme oder Wiederteilnahme an dieſem Unterricht nach der
einen oder anderen Weiſe bereit ſind, wollen ſich baldigſt anmelden bei Frau Staats=
miniſter
Rothe, Exzellenz, Wilhelminenſtraße 32 (nur zwiſchen 10 und 11 Uhr vor=
mittags
), bei Herrn Dr. Happel, Sandſtraße 26 (zwiſchen 3 und 4 Uhr nachmittags)
oder bei dem unterzeichneten Präſidenten Buchner, Riedeſelſtraße 42.
Wir hoffen, daß, wie im vorigen Winter, zahlreiche Frauen und Jungfrauen
dieſem Rufe des Roten Kreuzes zu einem edlen Zwecke Folge leiſten werden. (20136
Darmſtadt, den 15. Oktober 1910.
Alicefrauenverein für Krankenpflege.
Heſſ. Landesverein vom Roten Kreuz.
Victoria,
Buchner, Oberkonſ.=Präſident a. D.,
Prinzeſſin Ludwig von Battenberg.
Wirklicher Geheimerat.
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Stenographie und Maſchinenſchreiben monatlich 12 Mk.
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nach dem Gelände zwiſchen Stirnweg und
neuem Bahnhof, ſowie von Bauſchutt
in den Dornheimer Weg unterhalb der
Mittelſchneiſe, kann von unterzeichnetem
Amte bis auf weiteres geſtattet werden.
Erlaubnisſcheine ſind bei dieſem einzu=
holen
.
(20116
Städtiſches Tiefbauamt.

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2. Eskadron Dragoner=Regiments Nr. 23,
geboren am 30. November 1886 zu Zeil=
hard
, Kreis Dieburg (Heſſen), hat ſich am
12. Oktober 1910 von ſeinem Truppenteil
entfernt.
(20146
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des am 5. Oktober 1910 verſtorbenen Franz
Keller, Dampfmühle zu Bickenbach, irgend
welche Anſprüche zu bilden haben, werden
erſucht, dieſelben binnen 2 Wochen bei dem
Unterzeichneten ſchriftlich anzumelden, damit
deren Berückſichtigung bei der Nachlaß=
regulierung
erfolgen kann.
Darmſtadt, den 14. Oktober 1910.
Dr. Oberndorf,
Rechtsanwalt.
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[ ][  ][ ]

Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910.

Nummer 243.

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Auf Liebespfaden.
Roman von H. Ehrhardt.
(Nachdruck verboten.)
32)
Wir wollen ſchunkeln, Kinder! ſchlug eins vor. Keiner
widerſprach, ſie ſtanden alle unter dem Bann des ſchellen=
raſſelnden
Zepters, das Prinz Karneval über ſeinem
Narrenreiche ſchwang.
Sie faßten ſich unter den Armen und wiegten ſich, die
Melodie mitſingend, hin und her, die weißhaarige Sech=
zigerin
und der ſchöne Huſar mit den Samtaugen, der
vernünftige Haſſingen und die vornehme Weltdame, ſelbſt
die dunkeläugige Exzellenz vergaß ihren Haß und hatte
den bürgerlichen Artilleriſten untergefaßt, der das ruhigſte
Geſicht machte und es wie immer am tollſten trieb, ſo daß
die äußere Reihe plötzlich ins Wanken geriet, ſich nicht
alten konnte und übereinander fiel.
Das dicke Tantchen kam zu unterſt zu liegen. Durch
das Gelächter der andern tönte ihr Schmerzensſchrei:
Meine Poularde, meine Poularde!
Das unglückſelige Tier war unter ihre 180 Pfund ge=
raten
, und der Neffe, der Tante und Poularde vom Boden
aufhob, betrachtete das etwas plattgedrückte Paket mit
Mißtrauen.
Sie wird ſich doch keinen Schaden getan haben!
meinte er und ließ die fragenden Blicke im Kreiſe wan=
dern
, ich kann nur fehlerloſe Körperformen vertragen, auch
bei einem Huhn. Ich glaube, die einzigen Prügel, die
ich von meiner Mutter bekam, habe ich wegen eines buck=
ligen
Huhns bekommen, das ich eben dieſes Buckels wegen
verſchmähte.

Deine Mutter hätte gut getan, Dich noch bei paſſen=
deren
Gelegenheiten zu verprügeln! ſagte das vor Schreck
noch atemloſe Tantchen etwas grimmig, worauf der kleine
Leutnant ihr einen ſchmerzlichen Blick zuwarf und die
rotblonde Erika fragte, ob ſie die Bemerkung ſeiner Tante
nicht herzlos fände und ihn dafür tröſten möchte.
Sie tat beides nach ſeinem Wunſch.
Später wurde das Publikum doch ſehr gemiſcht, und
die Geſellſchaft beſann ſich auf ihre Exkluſivität und flüch=
tete
, da auch das Straßenleben auszuarten begann, in den
Koblenzer Hof, wo ein kleines Zimmer ihnen ein lohnen=
des
Feld für weitere Taten bot. Nur ein einzelner Herr
am kleinen Ecktiſch. Ein zerhauenes Korpsſtudentengeſicht,
im braunen, ſpöttiſchen Auge das Leutnantsmonokel.
Es dauerte nicht lange, ſo hatten die ſicher gezielten
Papierſchlangen ihn im unentwirrbaren Netze gefangen,
ihm war’s willkommene Feſſel, im Karneval iſt Ein=
ſamkeit
ein ſchlechter Gefährte.
Er ahnte wohl ſcharf beobachtend die Welt der
Formen und ſtellte ſich vor. Sein Name war der eines
Schriftſtellers von Ruf.
Auch ſein Intereſſe galt offenbar am meiſten Lena
von Rieding, an der alles vor Uebermut und Lebens=
freude
ſprühte, die mit dem ſchönen Huſaren kokettierte
und ſich mit dem häßlichen, kleinen Baron neckte, mehr
denn je ein Rätſel für Haſſingen, der allmählich
ſchweigſam wurde und den der Ekel anwandelte, der
Glückloſe im Narrentreiben faßt, ſobald die klare Be=
ſinnung
ihnen gekommen.
Er verſank in Träumereien. Was ſollten ihm
eigentlich all dieſe fremden Menſchen mit ihren
Narreupoßen? Er gehörte je gar nicht zu ihnen, für

ihn waren dieſe Stunden des Genuſſes nur erborgter
Glanz, hinter dem ſchon wieder die graue Sorge lauerte.
Wie konnte er tollen und lachen und ſorglos Sekt
ſchlürfen, der verſchwenderiſch in ſchlanken Gläſern ver=
perlte
, und in deſſen Koſten ſich zum Schluß die Herren
teilen ſollten, wenn er daran dachte, daß die Faſchings=
freuden
der Seinen in einem Glaſe dünnen Punſches
und Pfannkuchen, zwei Stück für jeden, beſtehen wür=
den
. Und ſeine kleine Helene? So traurig mahnend
ſtieg auf einmal ihr totenblaſſes Geſichtchen vor ihm
auf, daß es ihn emportrieb in einem leidenſchaftlichen
Gefühl von Reue und Sehnſucht, er aufſprang und
draußen im Flur den Kellner nach dem Schreibzimmer
des Hotels fragte. Etwas verlegen geſtand der Be=
frackte
, daß es heute auch habe in den Dienſt des Prin=
zen
Karneval treten müſſen, aber vielleicht nehme der
Herr in der Portierloge vorlieb.
So ſchrieb Hans Haſſingen in dem kleinen, heißen
Raum, an dem Stehpult, an dem ſonſt nur der dicke
Portier ſeine proſaiſchen Schriftleiſtungen vollbrachte,
auf einen Firmenbogen des Hotels mit flüchtiger Hand
die Worte:
Mein Liebling! Mitten im Trubel des Mainzer
Roſenmontags fühle ich mich einſam und ſehne mich nach
Dir. Ich kann doch den Buchenwald und meine ſüße,
kleine Helene nicht vergeſſen, der ich im Geiſte heiß
und innig die blaßroten Lippen küſſe.
Er trug den Brief ſelbſt bis zum nächſten Brief=
kaſten
.
Es war ſchon völlig Nacht draußen, eine klare
Sternennacht. Ueber der Stadthalle verkündete ein

[ ][  ][ ]

Nummer 225

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910.

Seite 13,

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wehte ein kühler, feuchter Hauch.
Förmlich erſtickend umfing die heiße, von Speiſen=
und Weingeruch und verſchiedenen Parfüms geſättigte
Luft des kleinen Zimmers den Zurückkehrenden.
Niemand beachtete ihn, nur ein Paar goldbraune Augen
ſandten ihm mitten aus der Unterhaltung mit dem
Huſaren einen prüfenden, mißtrauiſchen Blick zu, den
er nicht bemerkte. Die verwöhnte Frau begriff nicht
ganz, warum er ſie ſo kampflos den anderen überlaſſen
hatte und durch die Trennung von ihr anſcheinend doch
verſtimmt war. Er ſah gezwungen liebenswürdig
drein, als die jugendliche Exzellenz eben an ihn heran=
trat
und ihn etwas gönnerhaft ins Geſpräch zog.
Die Tochter platzte ſchon im nächſten Moment da=
zwiſchen
.
Mama, wir wollen tanzen geh’ mal hier ein
bißchee: fort wir räumen die überflüſſigen Tiſche und
Stühle in eine Ecke es geht famos.
Ihr ſeid verrückt, Kinder.
Aber es iſt doch Karneval, Mama; Leutnant Keßler
ſagt, die Verrückten ſind die, die nicht alle Torheiten
mitmachen und wenn wir ſchon nicht in die= Stadt=
halle
gehen, dann tanzen wir eben hier.
Und der Narr, der Euch zum Tanze aufſpielt?
Die ſchmalen, ſchwarzen Augen lachten keck.
Leutnant Keßler ſagt, Herr von Haſſingen ſei ſo
muſtkaliſch, unddaſer doch mit ſeinem Knie nicht tanzen
kann und weil gerade ein Klavier da iſt. Sie hob
bittend diervollen, roſigen Hände. Nicht wahr, Sie
unergſängen

em eie nich den birchaus zen eren waden
wollen, was bleibt mir ſchließlich übrig? ſcherzte der
blonde Offizier, aber ſeine Stirn entwölkte ſich nicht.
So ſaß er denn am Klavier, während die anderen
unter den ſurrenden Gasflammen des Kronleuchters ſich
drehten. Der Raum war eng, die Geſchicklichkeit der
Tanzenden groß. Man merkte die Erziehung der
Hofbälle.
Beſonders Lena von Rieding und der ſchlanke,
ſchöne Huſarenoffizier taten ſich durch Grazie und Ge=
wandtheit
hervor, und Haſſingen ſah ſie zuweilen
vorüberwalzen, ſah, wie ſicher er führte, wie ſchmiegſam
ſie ſich dem Druck ſeiner Hand fügte.
Er ſah auch das Glühen der Bewunderung in den
dunklen Männeraugen, die auf dem goldbraunen Köpf=
chen
an ſeiner Schulter ruhten, und eine große Bitter=
keit
kam ihm, daß manche nur die Hand auszuſtrecken
brauchten nach einem Glück und vor dem ſeinen Berge
ſich türmten.
Finſter ſtarrte er auf ſeine mechaniſch ſich bewegen=
den
Finger, da rauſchte vor ihm ein Frauenkleid, wie
kein anderes rauſchte Lena von Rieding lehnte vor
ihm, die weiße Hand mit dem tückiſch funkelnden
Smaragden auf das Klavier geſtützt.
Ihr Haar war zerzauſt, ihre Wangen glühten, aber=

eine leichte Unruhe flackerte in ihren Augen.
Warum auf einmal die finſter gefaltete Stirn,
mein Freund? fragte ſie halblaut zwiſchen Scherzeund
Ernſt.
Er bemühte ſich, heiter zu erſcheinen.

Es iſt die Haffingenſche Sorgenfalte, mir von einem
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eee urecht lunge ich ſe nicht. über
gleichſam zur Entſchädigung hat derſelbe Ahn mir das
Talent vererbi, Ihnen heute, ohne daß man mir’s ge=
lehrt
, zum Tanze aufſpielen zu können.
Es iſt eine ſchöne Gabe, ſie hilft über manches
hinweg.
Er ließ die Hände von den Taſten ſinken, denn ſie
hatten ſchon ein paarmal in der geteilten Aufmerkfam=
keit
ihres Beſitzers daneben gegriffen.
Sie ſind doch ſicher auch muſikaliſch, gnädige Frau!
ſagte er, der vielen neugierigen Ohren wegen den ver=
traulichen
Ton vermeidend.
Ich habe früher viel geſungen, aber jetzt ſchon lange
nicht mehr.
Der traurige und zugleich finſtere Zug, der ihm
ſchon einmal an ihr aufgefallen, huſchte über ihr heißes
Geſicht.
In Bordighera ſang ich zum letztenmal! ſetzte ſie
wie zu ſich ſelbſt hinzu.
Dann glitt das liebenswürdige Geſellſchaftslächeln
um die roten Lippen.
Es galt dem Huſaren mit dem ſchönen, vornehmen
Geſicht und den Samtaugen, der ſeine Tänzerin ganz
ſelbſtverſtändlich wieder für ſich beanſpruchte, nachdem
er notgedrungen eine Pflichtrunde mit den übrigen
Damen erledigt hatte. Eiferſüchtig war er nicht auf
den blonden Offizier. Eine Millionenwitwe konnte
immer nur für den Kavalleriſten in Betracht kommen.
Sein Bitte, Herr Kamerad, noch einmal den
Donauwalzer! klang zu verbindlich, um kameradſchaft=
lich
=vertraut=zu=erſcheinen.
ſetzun

[ ][  ][ ]

Seite 1

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910

Nummer 243,

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Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910.

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Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910.

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[ ][  ]

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 17. Oktober 1910.

Nummer 243.

Handel und Verkehr.

H. Frankfurt a. M., 15. Okt. ( Börſen=
wochenbericht
.) Die deutſchen Börſen bekunden
andauernd eine recht feſte Haltung, ſodaß ſelbſt der
Eiſenbahnerſtreik in Frankreich, der übrigens bereits im
Abflauen begriffen iſt, kaum einen Eindruck machen
konnte. Das weitere Gedeihen unſerer Induſtrie ſtimu=
liert
am weſentlichſten auf die Tendenz. Aber auch
aus den Vereinigten Staaten hört man von einer gün=
ſtigeren
Lage, ſowohl auf dem Börſen= als auf dem
wirtſchaftlichen Gebiete; ebenſo befindet ſich der Kupfer=
markt
wieder in einer beſſeren Verfaſſung. Das Ge=
ſchäft
hätte nur etwas lebhafter ſein dürfen; indes, die
bereits begonnene Geldflüſſigkeit hat nachgelaſſen und
eine Erhöhung des Privatdiskontos auf 4½4½ Pro=
zent
bewirkt. Dadurch wurde der Spekulation wieder
ein Dämpfer aufgeſetzt und dadurch der Verkehr ſtiller.
Am deutſchen Rentenmarkt waren Reichsanleihen ge=
fragter
auf den Beſchluß in der Reichstagskommiſſion,
den Reichsverſicherungsanſtalten die Anlegung eines
Viertels ihres Vermögens in deutſchen Staatsfonds
aufzuerlegen. Ausländiſche Renten blieben vernach=
läſſigt
und im ganzen wenig verändert. Von Trans=
portaktien
waren Hamburger Paketfahrt und Nordd.
Lloyd belebt und höher auf den gehobenen Paſſagier=
verkehr
, ſowie auch die geſteigerte Einnahme der Zwi=
ſchendecker
. Süddeutſche Eiſenbahn=Geſellſchaft, ſowie
Baltimore und Ohio ebenfalls bevorzugt und beſſer;
hingegen Lombarden ohne beſondere neuere Gründe
abgeſchwächt.
Der Bankenmarkt ſchließt faſt durchweg gut be=
hauptet
, beſonders Darmſtädter und Oeſterreichiſche
Kreditaktien; hingegen gingen Berliner Handelsgeſell=
ſchaft
bis 163¾ auf erneute Baiſſeangriffe, die auf die
bekannten Regreßprozeß=Androhungen zurückgreifen.
Am Montanmarkt ſtanden Phönix im Vorder=
grunde
und ſtiegen ſolche bis 254½, wogegen Luxem=
burger
matter (etwa 200½) ſchließen. Großes Geſchäft
entwickelte ſich von Kolonialaktien in Otavi, die eine
weſentliche Steigerung (bis 154¾) erzielten. Das
Motiv dieſer Hauſſe liegt in der Preisbeſſerung des
Kupfers, bei welchem die Otavi=Minen das Haupt=
intereſſe
haben; aber auch Southweſt=Afrikan erhöhten
ſich auf ca. 184½. Das Goldagio in Liſſabon iſt infolge
des Umſturzes von 3 Prozent auf 6½ Prozent geſtie=
gen
und iſt ſomit auf den Stand zu Ende Auguſt zu=
rückgekehrt
. Nach dem maßvollen Verhalten der repu=
blikaniſchen
Regierung iſt jedoch zu erwarten, daß
Portugal wirtſchaftlich nicht unter der Aenderung des
Regimes zu leiden haben wird. Im übrigen ſind die
portugieſiſchen Kaſſaguthaben im Ausland derart fun=
diert
, daß die Zinszahlungen in unveränderter, viel=
leicht
auch ſchlankerer Weiſe als früher, vor ſich gehen
werden.
Am Kaſſainduſtriegebiet beſteht nach wie vor eine
gute Meinung. Höchſter Farbwerke notierten 546½,
Kleyer 450,80. Größere Umſätze vollzogen ſich ferner
in Elektrizitätsaktien, voran Allgemeine Elektrizitäts=
Geſellſchaft mit einer Avance bis 286¾. Man hofft,
daß in der heute ſtattfindenden Generalverſammlung

dieſes Unternehmens günſtige Mitteilungen erfolgen.
Eine größere Kurserhöhung erzielten auch Mehl= und
Brotfabrik (bis 104¾), deren Domizilwechſel von Hau=
ſen
bei Frankfurt a. M. nach dem Frankfurter Oſt=
hafen
nach deſſen Eröffnung regere Geſchäftsentwickel=
ung
bringen dürfte. Kunſtſeide waren kaum beachtet
(103). Die Maſchinenfabrik Karlsruhe verteilt 10 Pro=
zent
gegen 14 Prozent im Vorjahre und die Mann=
heimer
Aktienbrauerei wieder 8 Prozent Dividende.
Zu erwähnen iſt noch die Fuſion der Berg= und Metall=
bank
mit der Metallurgiſchen Geſellſchaft, beide in
Frankfurt a. M.
Von Loſen notieren: Augsburger 37, Braunſchwei=
ger
212, Meininger 37,30, Finnländer , Pappen=
heimer
70, Freiburger 52, Ungariſche 388,50, Genua 224,
Türkiſche 181, Mailänder 45=Fres.=L. 140, Mailänder
10=Fres.=L. 33,25, Venediger 40,50, alles in Reichsmark;
Gothaer Prämie I 140, Gothaer Prämie II 116, Donau=
Regulierung 150,50, Madrider 77,90, alles in Prozent.
Ferner ſchließen: 4proz. Reichs (bis 1918 unkündbar)
101,90, 3½proz. Reichs 92,40, 3proz. Reichs 83,85, 4proz.
Heſſen von 1899 101 G., 4proz. Heſſen von 1906 101,30 G.,
4proz. Heſſen von 1908/09 101,35, 3½proz. Heſſen 91,10,
sproz. Heſſen 80,90, 4proz. Darmſtädter 100,30, 3½proz.
Darmſtädter 91 G., Darmſtädter Bank 131½, Südd.
Eiſ.=Geſellſchaft 122,10, 4proz. Heſſ. Land.=Hyp.=Pfdbr.
(Serie 1820) 101,40 G., 3½proz. Land.=Hyp.=Pfdbr.
(Serie 911) 91,70 G., 4proz. Heſſ. Kommunal=Pfdbr.
(Serie 1012) 101,40 G., 3½proz. Heſſ. Kommunal=
Pfdbr. (Serie 13) 92,10 G., 3½proz. Heſſ. Kommunal=
Pſdbr. (Serie 4) 91,70 G., Baltimore und Ohio 110½,
4½proz. Ruſſen 100,10, 4proz. 1880er Ruſſen 91,90, 4proz.
1902er Ruſſen 92,60, 3¾proz. Ruſſen 90,40, 3½proz.
Ruſſen 84,75, 3proz. Ruſſen 80,25, 4½proz. Japaner 97,40,
4proz. Japaner 93, 4½proz. Portugieſen von 1905
3proz. Portugieſen I. 64,20, 3proz. Portugieſen III.
66,10, Spezial=Portugieſen 13, Portugieſ. Eiſ.=Prior.
I. Rang 92,50, Portugieſ. Eiſ.=Prior. II. Rang 76, 4proz.
Stadt Liſſabon 79, 3proz. Portugieſ. (Bairg=Baixa) 79,25.
Verſchwindende Roſenſorten
* Einzelne Roſenſorten, vor allem die berühmte
La France ſind im Ausſterben be=
griffen
. Wer die Entſtehungsgeſchichte unſerer
Roſenſorten kennt, weiß, daß dieſe Erſcheinung nichts
Auffälliges an ſich hat. Ein ſehr großer Teil unſerer
Roſenſorten iſt dadurch entſtanden, daß zwei Arten
mit einander gekreuzt wurden. Ein anderer Teil ver=
dankt
ſeine Entſtehung dem Zufalle, wenn überhaupt
etwas in der Natur zufällig iſt. Findet der Gärtner
unter den Sämlingen ſeiner Kreuzung eine Pflanze,
die ihm wert erſcheint, weitergepflegt zu werden, dann
vermehrt er ſie auf ſogenanntem vegetativem Wege,
d. h. er überträgt die Knoſpen, die ſich in den Achſeln
der Blätter befinden, auf Wildlinge, er veredelt die
Wildlinge mit der neuen Sorte oder er zerſchneidet
die Zweige der neuen Sorte zu Stecklingen und bringt
dieſe zur Bewurzelung. Durch Samen kann er die
neue Sorte nicht vermehren, weil die Samen nur in
ganz beſonderen Ausnahmefällen wieder eine gleiche
Pflanze ergeben würden. Ebenſo muß der Gärtner

eine neue Sorte, die als Sport an einem Zweige
zufällig entſtanden iſt, auf vegetativem Wege ver=
mehren
. Die Folge dieſer Vermehrungsmethoden iſt,
daß alle Pflanzen einer Sorte Teile eines Indi=
viduums
ſind. Jedes Individuum hat nun aber eine
beſchränkte Lebensdauer. Wir wiſſen, daß manche
Pflanzen ihren Lebenslauf in wenigen Wochen voll=
enden
, andere in einigen Monaten, noch andere in
einigen oder in vielen Jahren. Die Roſe gehört zu
den Pflanzen, die ein ziemlich hohes Alter erreichen
können. Bekannt iſt ja der Roſenſtock am Dome
von Hildesheim, dem man ein tauſendjähriges
Alter zuſchreibt, wenn auch dieſe Zahl etwas über=
trieben
ſein mag. Im allgemeinen werden aber die
Roſen wohl nicht ſo alt, ſondern leben nur eine Reihe
von Jahrzehnten. Beſonders gilt dies von den hoch=
kultivierten
Sorten, die nicht ſo widerſtandsfähig
ſind wie die wildwachſenden Arten.
Die La France iſt im Jahre 1867 zum erſten
Male in den Handel gebracht worden, wird alſo jetzt
etwa 50 Jahre alt ſein. Von den zahlreichen Roſen=
ſorten
aus der erſten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
ſind jetzt noch etwa fünfzehn in Kultur. Die älteſte
unter ihnen iſt die im Jahre 1816 in den Handel ge=
kommene
Centifolienſorte Königin von Dänemark
Ihr folgen im Alter zwei Kletterroſen, Félicité et
Perpétue und Amadis, aus dem. Jahre 1827 und
eine. Provenceroſe Brennus aus dem Jahre 1830.
Aus dem Jahrzehnt 1830 bis 1840 ſind nur noch fünf
Sorten vorhanden, die Bourbonroſe Mrs. Boſan=
quet
(1832), die Monatsroſen Cramoiſi ſuperieur
(1832) und Hermoſa (1840), die Provenceroſe Mundi
(1835) und die gelbe Perſian Yellow (1833). Auch
das nächſte Jahrzehnt (18401850) hat uns noch ein
halbes Dutzend Sorten hinterlaſſen: die Bourbonroſe
Souvenir de Malmaiſon (1843), die Noiſetteroſe
Eéline Foreſtier (1842), die beiden Teeroſen Niphe=
tos
(1843) und Souvenir d’un ami (1846) und die
beiden Kletterroſen Belle du Baltimore und Queen
of the Prairies die beide aus dem Jahre 1843 ſtam=
men
. Die älteſte Remontantroſe, welche jetzt noch in
Kultur iſt, iſt die Sorte Victor Verdier aus dem
Jahre 1851. Ihr folgen im Lebensalter Général
Jacqueminot und Jules Margottin, beide aus dem
Jahre 1852, dann Impératrice Eugénie (1858) und
Sénateur Vaiſſe (1859). Von Bourbonroſen iſt aus
dem Jahrzehnt 18501860 nur noch die Sorte Baron
Gomella (1859) erhalten. Von den Teeroſen ſtammen
aus dieſem Zeitabſchnitte die drei Sorten Gloire de
Dijon (1853), Mme. Falcot und Homère beide
aus 1858. Endlich ſind uns aus dieſem Jahrzehnt noch
eine Moosroſe Sallet (1854), eine Monatsroſe
Fellemberg (1857) und eine Kletterroſe Duc de Con=
ſtantine
(1857) erhalten geblieben.
Es ſoll nicht geſagt ſein, daß ſich außer dieſen Sor=
ten
nicht noch hier und da eine oder die andere aus
der erſten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erhalten
hat; aber man erſieht ſchon aus dieſer Zuſammen=
ſtellung
, daß doch die große Mehrzahl der Arten, welche
unſere Groß= und Urgroßeltern erfreuten, nicht mehr
Prof. Dr. U. Dammer.
vorhanden ſind.

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