Darmstädter Tagblatt 1910


25. August 1910

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173. Jahrgang
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Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

N 198,

Donnerstag, den 25. Auguſt.

1910.

Die heutige Nummer hat 14 Seiten.

Eine Rede des deutſchen Kronprinzen.
* Bei der feierlichen Inveſtitur und Proklamation
als Rector Magnificentiſſimus der Univerſität
Königsberg hielt der deutſche Kronprinz
folgende Rede:
Eurer Magnifizenz danke ich verbindlich für die
gütigen Worte, die Sie namens der Albertus= Univer=
ſität
an mich gerichtet haben. Wie ich es als eine be=
ſondere
Ehrung angeſehen habe, als mir Rektor und
Konzil vor zwei Jahren die Würde eines immerwäh=
renden
Rector Magnificentiſſimus an der älteſten, von
einem Hohenzollern in preußiſchen Landen gegründeten
Hochſchule antrugen, ſo erfüllt es mich heute mit Stolz
und Freude, nunmehr auch perſönlich in ihren Kreis
eintreten und meine Zugehörigkeit zu dieſer altehr=
würdigen
Pflegeſtätte deutſcher Wiſſenſchaft und Kul=
tur
in ihren Räumen bekunden zu dürfen. Dabei
ſchweifen meine Gedanken mit Ihnen zurück zu meinen
Vorfahren, die vor mir dieſe Würde bekleidet haben
und die an ihrem Teil bemüht geweſen ſind, der treuen
Arbeit der Albertina Förderer zu ſein. Sie ſollen auch
mir als Rector Magnificentiſſimus zum Vorbilde die=
nen
. Dieſe feſtliche Stunde führt mir wieder die ſchö=
nen
beiden Jahre vor Augen, die ich als Student im
lieben alten Vonn verleben durfte, eine Zeit, an die ich
mit Freuden denke und der ich die Erkenntnis ver=
danke
, welche Summe von Geiſt und Schaffensfreudig=
keit
an einer deutſchen Hochſchule zum Heile für die
deutſche Jugend geleiſtet wird. In dieſen Jahren
glaube ich auch durchgefühlt zu haben, was wir, die
Jugend, aus gelehrtem Munde vor allem hören möch=
ten
und meine neue Würde gibt mir die vollkommene
Gelegenheit, der Dolmetſch dieſer Gedanken zu ſein:
Weiſen Sie uns die Wege, auf denen unſer deutſches
Volk wandeln ſoll, um die Stellung unter den Völkern
einnehmen zu können, die ihm, ſeinen geiſtigen und
phyſiſchen Kräften entſprechend, zu Recht zukommt.
Dabei iſt uns nicht damit allein gedient, die Schwächen
und Mängel unſeres Landes zu kennen, denn dieſe Er=
kenntnis
führt leicht zu Verdroſſenheit und unfrucht=
barer
Kritik, vielmehr ſehnen wir uns nach Betonung
unſeres deutſch=nationalen Volkstums im Gegenſatz zu
den internationaliſierenden Beſtrebungen, welche unſere
geſunde völkiſche Eigenart zu verwiſchen drohen. Seien
Sie verſichert, daß ich jederzeit die Entwicklung der
Univerſität mit größtem Intereſſe verfolgen und gern
Anteil nehmen werde an ihrem Gedeihen, deſſen Sie
ſich, ſo hoffe und wünſche ich in Zuverſicht, zum Segen
des Vaterlandes und insbeſondere ſeiner Oſtmark bis
in ferne Zeiten erfreuen mögen.

Vom fernen Oſten.
Während man ſich augenblicklich lebhafter mit den
Vorgängen im näheren Orient im Hinblick auf die dort
noch immer nicht geklärte Lage beſchäftigt, hat ſich im fer=
nen
Oſten ein Ereignis vollzogen, das den Schlußſtein
einer zielbewußten und erfolgreichen Politik bildet. Die
Annektion Koreas iſt in dieſen Tagen vollzogen
worden. Sie iſt kein überraſchendes Ereignis, denn in
Wirklichkeit war ja Korea ſchon ſeit mehreren Jahren ja=
paniſchen
Beſitz, ähnlich wie niemand geglaubt hatte, daß
Oeſterreich=Ungarn die okkupierten Länder Bosnien und die
Herzegowina herausgeben würde. Immerhin kann eine
offiziell vollzogene Annektion von großer politiſcher Be=
deutung
ſein, wie man dies ja auch ſehr nachdrücklich bei der
eben erwähnten Angliederung zu beobachten Gelegenheit
hatte. Eine derartige Störung hat Japan allerdings
wohl kaum zu erwarten, die Mächte werden, wenn ſie viel=
leicht
auch nicht ihre Zuſtimmung äußern, ſo doch kaum
Einwendungen erheben.
Daß Korea jetzt ſein Schickſal ereilt hat, kann man
inſofern bedauern, als Japan auf dem oſtaſiatiſchen Feſt=
lande
damit immer weiter vorrückt und dadurch die euro=
päiſchen
Mitbewerber immer weiter in den Hintergrund
drängt; andererſeits aber kann dieſer Gang der Ereigniſſe
wiederum begrüßt werden, weil dadurch ein neues Land
einer fortſchrittlichen Kultur eröffnet wird. Korea beſaß
unter der bisherigen Dynaſtie faſt mittelalterliche Ein=
richtungen
, das ganze Land ſchien zu ſchlafen. Es war
daher kein Wunder, daß es bei dem erſten Anprall von
außen zuſammenbrechen werde und eine Ironie des Zufalls
will es, daß gerade derjenige Staat, der der Selbſtändigkeit
Koreas den Garaus machte, erſt vor wenigen Jahren für
deſſen Unabhängigkeit das Schwert gegen die Ruſſen ge=
zogen
hatte. In der Politik kennt man nun einmal keine
ſentimentalen Gefühle und Japan griff kurzer Hand zu,
als ihm der Augenblick günſtig zu ſein ſchien. Das Pro=
tektorat
Japans wurde erklärt und die Dynaſtie zu einem
Scheindaſein verurteilt; japaniſche Beamte und Militär
hielten ihren Einzug und beſtimmten die Geſchicke des
Landes.

Durch intenſive Arbeit nach allen Richtungen hin geht
Korea unter der neuen Herrſchaft bereits jetzt ſchon einer
ſchönen Blüte entgegen und die Japaner können ſich in
wirtſchaftlicher wie in ſtrategiſcher und politiſcher Hinſicht
kaum einen beſſeren Beſitz herbeiwünſchen. Es war ein
diplomatiſches Meiſterſtück, daß es gelang, Rußland zur
Zuſtimmung einer Annektion zu bewegen und damit einem
verhängnisvollen Konflikte von vornherein vorzubeugen.
Die Annektion hat Japan wohl auch auf das binnen kurzem
ablaufende Bündnis mit England beſchleunigt, weil man
ſich in Tokio ſagte, daß augenblicklich, ſo lange das Bünd=
nis
in Kraft iſt, England nicht nein ſagen könne, während
man ſpäter doch vielleicht ſcharfen Widerſpruch erfahren
würde. Einen Proteſt wird man möglicherweiſe aus
Gründen der Rivalität von Waſhington aus erheben,
wahrſcheinlich dürfte dieſer aber nur auf dem Papier blei=
ben
, da man ſich wohl hüten wird, eine energiſche Aktion
einzuleiten, wenn die übrigen Mächte ſich fern halten.
Auch von Seiten Deutſchlands ſtehen der Annektion keine
Bedenken entgegen, vorausgeſetzt, daß Japan ſich hütet,
unſere dortigen Rechte anzutaſten.
Der jetzt erfolgte offizielle Schritt bildet den Abſchluß
einer wichtigen Periode in der Entwickelung der Verhält=
niſſe
Oſtaſiens, indeſſen aller Wahrſcheinlichkeit nach nur
ein Ruhepunkt, denn es liegt auf der Hand, daß es mit
dieſem Stande der Dinge nicht ſein Bewenden haben
wird, ſondern daß weitere Dinge im Schoße der Zukunft
ſchlummern, bei denen ſicherlich Japan eine maßgebende
Rolle ſpielen wird.
Die Halbinſel Korea hat einen Flächeninhalt von
218 650 Quadratkilometer und nur etwa 10 Millionen Ein=
wohner
, das ſind zirka 45 auf 1 Quadratkilometer. (Im
deutſchen Reiche entfallen 112, in Japan 118 Einwohner
auf 1 Quadratkilometer). Japan hat einen Flächeninhalt
von 452 922 Quadratkilometer und 53½ Mill. Einwohner.
Die koreaniſche Dynaſtie Yi, deren 35ter der letzte Kaiſer
Itſchak war, regierte ſeit dem Jahre 1392.

Kreta und Griechenland:
* Der Vertreter des Temps in Lauſanne hat Veni=
zelos
, der gegenwärtig in der Schweiz weilt, aufgeſucht,
um ihn über die Lage von Kreta und Griechenland zu
interpellieren. Bezüglich Kretas beſchränkte ſich Venizelos
auf die Verſicherung, daß die Kreter im Vertrauen auf die
Gerechtigkeit und die Gewogenheit der Schutzmächte be=
züglich
der Zukunft ihres Landes beruhigt ſeien. Bezüg=
lich
der kretiſchen Kandidaturen zur griechiſchen
Nationalverſammlung erklärte Venizelos, er halte es für
einen Fehler, unter den gegenwärtigen Umſtänden den
Griechen vorzuſchlagen, Kreter zu wählen, die nicht das
griechiſche Indigenat beſitzen. Das ſei um ſo mehr be=
dauerlich
, als dieſe kollektiv aufgeſtellten Kandidaturen eine
beſonders unzeitige Manifeſtation bedeuteten. Sowohl in
Kreta wie in Griechenland gebe es viele, die dieſe, ſeine
Anſicht, teilen. Er perſönlich habe vor zwei Wochen bei
ſeiner Durchreiſe durch Athen denen, die ihm eine Kan=
didatur
anboten, formell erklärt, daß er, ſo lange wie er
in Kreta öffentliche Aemter bekleide, ein Mandat zum
griechiſchen Parlament nicht annehmen könne. Er habe
ferner erklärt, daß es ihm ſchwer, wenn nicht unmöglich
ſein würde, in dieſem Augenblick ſeine Verpflichtungen
in Kreta im Stiche zu laſſen. Wenn er trotzdem zu dem
Entſchluß kommen ſollte, in Kreta zu demiſſionie=
ren
,gſo könne es keine Schwierigekiten verurſachen, wenn
er ſeinen Sitz im griechiſchen Parlament einnehme, umſo
weniger, da ſeine Eigenſchaft als griechiſcher Bürger auch
in den Augen der ottomaniſchen Regierung unbeſtreitbar
ſei. Wenn ich mich, obgleich ich griechiſcher Bürger bin,
der Teilnahme an den griechiſchen Wahlen enthalte, ſo ge=
ſchieht
dies, weil ich in meiner Eigenſchaft als Chef der
kretiſchen Regierung es nicht an Willfährigkeit gegen die
Schutzmächte fehlen laſſen möchte. Dieſe Haltung bedeutet=
jedoch
nicht, daß ich oder meine Kollegen der Türkei das
Recht zuerkennen, ſich in Fragen dieſer Art einzumiſchen.
Venizelos fügte noch hinzu, es ſei nicht unwahrſcheinlich,
daß er bei ſpäteren Wahlen ein ihm angebotenes Mandat
zur griechiſchen Kammer annehmen würde, nachdem er
ſeine Aemter in Kreta niedergelegt habe.
Die türkiſche Regierung empfahl der türki=
ſchen
Preſſe, gegen die Wahl Venizelos zur kreti=
ſchen
Nationalverſammlung die öffentliche Meinung nicht
aufzureizen, weil die Pforte die Einhaltung der Verſiche=
rungen
der Kreta=Schutzmächte abwarten will, nach denen
die Wahl keinen Einfluß auf die Kretafrage ausüben und
Venizelos jede Verbindung mit Kreta abbrechen werde.

Deutſches Reich.
Die Bevölkerung des Deutſchen Rei=
ches
. Das kürzlich erſchienene Statiſtiſche Jahrbuch für
das Deutſche Reich gibt die Bevölkerung, die das Reich
um Mitte d. J. gehabt hat, auf 64775000 Perſonen an.
Dieſe Zahl beruht auf einer bisherigen Schätzung auf
Grund der bisherigen Bevölkerungszunahme. Für Mitte
1909 iſt die Bevölkerung auf 63879000 geſchätzt, ſo daß
im Laufe des letzten Jahres eine Zunahme um 896000
Perſonen ſtattgefunden haben würde. Dieſe Zunahme
bleibt ein wenig zurück hinter der des voraufgegangenen
Jahres, die auf 899000 geſchätzt worden iſt. Für die
Jahre 1906, 1907 und 1908 konnte die Bevölkerung ſchon
mit größerer Sicherheit auf Grund der Zahlen über die
Geburten und Sterbefälle ſowie die Auswanderung be=
rechnet
werden; ſie betrug Mitte 1908 62980000, 1907
62083000 und 1906 61 177000, ſodaß von 1906 zu 1907
eine Zunahme um 906000 und von 1907 zu 1908 eine
ſolche um 897000 ſtattgefunden hat. Bei der letzten
Volkszählung vom 1. Dezember 1905 hatte das Reich
60 641 278 Einwohner, ſodaß in den ſeitdem verfloſſenen
4½ Jahren eine Zunahme um etwas mehr als 4 Mil=
lionen
Einwohner ſtattgefunden haben wird. Die nächſte
am 1. Dezember ds. Js. ſtattfindende Volkszählung wird
vermutlich eine Einwohnerzahl von 65 Millionen ergeben,
d. i. rund 24 Millionen mehr, als Deutſchland bei der
Gründung des Reiches vor nahezu 40 Jahren hatte. In
Wirklichkeit iſt dieſe von Theoretikern als erwünſcht be=
zeichnete
ſtarke Vermehrung der Bevölkerung des Deutſchen
Reiches ein Unglück für uns.
Der endgültige Finanzabſchluß für
das Jahr 1909 hat gegenüber dem Voranſchlage einen
Mehrertrag von rund 90 Millionen Mark ergeben. Es
wäre aber, ſo ſchreiben die Mitteilungen vom Hanſabund,
ein großer Irrtum, wenn man aus dieſer Tatſache fol=
gern
wollte, daß damit eine Geſundung der Reichsfinan=
zen
gewährleiſtet oder auch nur zu hoffen ſei. In den
90 Millionen ſind einmal die 29 Millionen enthalten, die
infolge anderweiter Regelung der Branntweinſteuer jetzt
der Reichskaſſe zufließen. Ferner haben die neuen Steuer=
geſetze
und die Zollerhöhungen aus der ſogenannten
Reichsfinanzreform des vorigen Jahres naturgemäß eine
ſtarke Voreinfuhr zur Folge gehabt, die zwar dem Jahre
1909 erhebliche Mehreinnahmen brachte, die aber ſelbſtver=
ſtändlich
die Erträge des Jahres 1910 entſprechend ver=
mindert
; drittens findet die Einnahmeſteigerung des Jah=
res
1909 ihre Erklärung in den Erträgen der Nachſteuer
und Nachverzollung, die gleichfalls mit der letzten Finanz=
reform
im Zuſammenhang ſtehen. Dieſe aus den drei
genannten Gründen entſtandenen Mehreinnahmen machen
faſt den geſamten Betrag von 90 Millionen aus, die das
Jahr 1909 als Ueberſchuß aufweiſt. Das ſind aber in der
Tat keine dauernden Mehrerträge für das Reich, vielmehr
haben ſich in den erſten drei Monaten des laufenden Jah=
res
die Einnahmen an Zöllen und Steuern ſehr wenig
günſtig geſtellt.
Im Werftarbeiterkampf haben, Blätter=
meldungen
zufolge, die vereinigten Werften entgegen einer
Anregung aus ihrer eigenen Mitte abgelehnt, die Ver=
mittelung
des Reichsamtes des Innern anzurufen bezw.
zurzeit anzunehmen. Die von der Metall=Induſtrie ge=
planten
weiteren Ausſperrungen ſind für Mitte Septem=
ber
in Ausſicht genommen. Sie ſollen etwa 55 Prozent
der deutſchen Arbeiterſchaft umfaſſen. Ein Teil der Arbei=
ter
der Ottenſener Maſchinenfabrik vormals J. Ahrens in
Altona hat ſich mit den Werftarbeitern ſolidariſch erklärt.
In der Fabrik werden u. a. auch Schiffsmaſchinen herge=
ſtellt
und die Arbeiter haben, ſoweit die Herſtellung von
Schiffsmaſchinen in Frage kommt, die Arbeit eingeſtellt.
Zur Frage der Fleiſchteuerung gedenkt,
wie aus Berlin gemeldet wird, der Berliner Magiſtrat
vorläufig keine Stellung zu nehmen, da nach ſeiner Anſicht
ein irgendwie erhebliches Anziehen der Preiſe, insbeſon=
dere
für Schweinefleiſch, ſich nicht bemerkbar gemacht habe.
Im übrigen ſei ein ausreichender Viehbeſtand vorhanden.
Dieſelbe Anſicht teilt auch die preußiſche Staats=
regierung
; die ihr zugängigen Statiſtiken, die bis
Ende Juli reichen, legen dar, daß ſich gegenüber dem
gleichen Zeitraum im Vorjahr nur eine minimale Steige=
rung
pro Kopf der Bevölkerung gezeigt habe. Nach Feſt=
ſtellungen
aus den amtlichen Marktberichten über den
Großhandel in den Zentral=Markthallen ſind die Engros=
preiſe
für Rindfleiſch ſeit Anfang Januar d. J. durch=
ſchnittlich
um 10 Mark, für Hammelfleiſch um 8 Mark ge=

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 25. Auguſt 1910,

Nummer 198.

ſtiegen, für Kalbfleiſch hingegen um 9 Mark und für
Schweinefleiſch um 7 Mark gefallen.
Ausland.
Serbien und Montenegro.
Kronprinz Alexander, der über Fiume nach Cetinje
abreiſt, überbringt dem Fürſten Nikolaus ein eigenhän=
diges
Schreiben des Königs Peter, worin er den Fürſten
anläßlich deſſen 50jährigen Regierungsjubiläums herz=
lichſt
beglückwünſcht, ihn ſeiner unerſchütterlichen Freund=
ſchaft
verſichert und die Erhebung Montenegros zum König=
reich
in ſehr warmen Worten begrüßt. Dem Schreiben
ſind Dekrete beigelegt, durch die König Peter den Fürſten
Nikolaus zum General der ſerbiſchen Armee, den Kronprin=
zen
Danilo zum Oberſten, den Prinzen Mirko zum
Hauptmann der Infanterie und den Prinzen Peter zum
Artillerie=Leutnant ernennt. Der Fürſtin Milena verlieh
der König den Großkordon des Sava=Ordens in Bril=
lanten
.
Portugal.
Revolution? Telegramme aus Liſſabon berichten,
daß ſeit einigen Tagen große Aufregung inPortugal herrſche,
und zwar deshalb, weil verſchiedene Anzeichen darauf
hindeuten, daß eine Revolution unmittelbar bevorſtehe.
Die Vertreter der Londoner Blätter melden, es werde
amtlich zwar zugegeben, daß eine ernſte Verſchwörung
entdeckt worden ſei, deren Zweck es wäre, die Regierung
zu ſtürzen, aber es ſei unmöglich, zuverläſſige Nachrichten
und Einzelheiten erhalten zu können. Man glaube jedoch,
daß die klerikale Partei mit einem Teil der Armee und
der Flotte verſuchen wolle, eine Militärdiktatur einzuſetzen.
Die Regierung treffe die weitgehendſten Vorſichtsmaß=
nahmen
, und ſeit der Ermordung des Königs Carol ſei
nicht ſoviel Militär in Liſſabon zuſammengezogen geweſen
als gegenwärtig. Der König hat angeblich ſeit drei Mo=
naten
das Palais nicht verlaſſen.
Amerika.
Der Bürgerkrieg in Nicaragua. Ein Tele=
gramm
aus Managua beſagt, daß das Dekret Joſé Eſtra=
das
den General Juan Eſtrada als vorläufigen Präſi=
denten
anerkennt, aber hinzufügt, die endgültige Präſiden=
tenwahl
müſſe binnen ſechs Monaten ſtattfinden.
Vereinigte Staaten.
Die Reinigung des öffentlichen Lebens,
die Rooſevelt während ſeiner Präſidentſchaft einleitete
und neuerdings wieder betreibt, erſcheint als eine drin=
gende
Notwendigkeit, wenn man ſich vergegenwärtigt, wie
es bei Geſchäften mit dem Staat oft zugeht. Hierfür ein
Beiſpiel. Der Gouverneur des Staates New=York hat
einen Ausſchuß eingeſetzt, der unterſuchen ſoll, was bei
den Landkäufen dieſes Staates für die Erweiterung des
Adirondak=Waldreſervats vorgekommen iſt. Da hat ſich
herausgeſtellt, daß eine Gruppe von Geſchäftsleuten im
Jahre 1901 für 450000 Mark rund 8500 Hektar angekauft
hat. Aus den Wäldern ließ ſie dann für 110000 Mark
Holz ſchlagen, um darauf die Ländereien 1906 für
600000 Mark an den Staat zu verkaufen. Die Kommiſſion
deckte eine Reihe von Geſchäften dieſer Art auf. Nun kom=
men
deren bekanntlich in allen Ländern vor, und an ſich
böte dieſer Fall nichts Außerordentliches, wenn die betei=
ligten
Spekulanten nicht mit gewiſſen Beamten des New=
Yorker Staates im Einvernehmen geweſen wären, die
natürlich am Gewinn beteiligt wurden. Gegen ſolche
Machenſchaften richten ſich die gegenwärtigen Reform=
beſtrebungen
, die unter Rooſevelts Führung daneben auch
bezwecken, der allbekannten amerikaniſchen Waldver=
wüſtung
Einhalt zu tun.
*4
Internationaler Sozialiſtenkongreß.
Ende dieſer Woche beginnen in Kopenhagen mit den Ver=
handlungen
der zweiten Internationalen ſozialiſtiſchen
Frauenkonferenz die Beratungen des Internationalen
Sozialiſtenkongreſſes, deſſen Verhandlungen man ange=
ſichts
der inneren Verhältniſſe der ſozialiſtiſchen Landes=
organiſationen
mit beſonderem Intereſſe entgegenſieht.
Der letzte Kongreß hat im Jahre 1907 in Stuttgart und=
damit
zum erſten Male auf deutſchem Boden getagt. Er
brachte damit die von Marx und Engels in London ge=
gründete
Internationale den deutſchen Parteigenoſſen in
greifbare Nähe und zeigte, daß auch in der internationalen
Organiſation der Sozialdemokratie manche tiefgehende

Meinungsverſchiedenheiten und ſchwerwiegende Differen=
zen
herrſchen. Auch in der Internationale tobt der Kampf
zwiſchen Reviſioniſten und Radikalen. Die Stuttgarter
Tagung hatte zur Verkleiſterung der vorhandenen Riſſe
einen großen Teil ſeiner Verhandlungen in geſchloſſene
Kommiſſionsſitzungen verlegt, zu denen nur die appro=
bierten
Vertreter der ſozialdemokratiſchen Preſſe Zutritt
hatten. Es wird ſich fragen, inwieweit man auch in Ko=
penhagen
mit dem Ausſchluß der Oeffentlichkeit gehen
wird, da hiervon das größere oder geringere Intereſſe der
Oeffentlichkeit an dem Kongreß abhängt. Dem Kongreß
haben die ſozialdemokratiſchen Organiſationen der einzel=
nen
Länder Berichte über ihre Tätigkeit ſeit dem letzten
internationalen Kongreß in Stuttgart erſtattet.
* Liſſabon 24. Aug. Prinz Friedrich
Leopold von Preußen traf geſtern ein, um dem
König die ihm von Kaiſer Wilhelm verliehenen Inſig=
nien
des Schwarzen Adlerordens zu überreichen; der
Prinz wurde auf dem Bahnhof vom König und dem
Prinzen Alfons, der in der Uniform ſeines preußiſchen
Regiments erſchienen war, empfangen. Nachdem der
Prinz in Begleitung des Königs die Front der Ehren=
wache
abgeſchritten hatte, begab er ſich im Wagen, von
einer Ehreneskorte geleitet, in das Palais von Belem.
Die feierliche Ueberreichung der Ordensinſignien er=
folgt
heute, abends findet ein Feſtmahl im Palais Ne=
ceſſidades
ſtatt.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 25. Auguſt.
Empfänge. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
empfingen geſtern den Oberſt v. Lindequiſt,
Kommandeur des 1. Hannoverſchen Infanterie=Regiments
Nr. 74, den Geheimen Oberregierungsrat Gallo von
Mainz; zum Vortrag den Staatsminiſter Ewald, den
Finanzminiſter Braun, den Miniſter des Innern v. Hom=
bergk
zu Vach, den Vorſtand des Kabinetts Geheimerat
Römheld.
Andienzen. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
werden am Freitag, den 26. d. Mts.,
Audienzen erteilen, ſowie Meldungen und Vorträge
entgegennehmen. Am Samstag den 27. d. Mts.,
fallen Audienzen, Meldungen und Vorträge aus.
Ordensverleihungen. Se. Königl. Hoheit der
Großherzog haben nachſtehenden Angehörigen des
Großh. Gendarmeriekorps die Erlaubnis zum Anlegen der
ihnen von Sr. Maj. dem Kaiſer und König aus Anlaß
der Truppenſchau in Mainz verliehenen Auszeichnungen
erteilt: dem Oberwachtmeiſter Weitzel für das Kreuz
des Allgemeinen Ehrenzeichens; den Wachtmeiſtern
Kaiſer, Heinrich und Langlitz für das Allge=
meine
Ehrenzeichen.
* Vom Hofe. Prinzeſſin Victoria zu Schles=
wig
=Holſtein iſt Dienstag nachmittag 4,18 Uhr in
Begleitung der Hofdame Miß Loch in Jagdſchloß
Wolfsgarten eingetroffen und hat daſelbſt Wohnung
genommen. (Darmſt. Ztg.)
Uebertragen wurde dem Schulamtsaſpiranten
Peter Bergoint aus Rohrbach, Kreis Dieburg, die
dritte Lehrerſtelle an der Gemeindeſchule zu Brensbach,
in demſelben Kreiſe.
n. Die Ferienſtrafkammer hatte geſtern eine große
Anzahl einzelner Sachen abzuurteilen, in denen mit
einer einzigen Ausnahme die Angeklagten ſämtlich ge=
ſtändig
waren. Recht ſchwer lag der Fall des erſt 18
Jahre alten Geometergehilfen Ludwig Petri aus
Weiterſtadt, obwohl dieſer noch keine Vorſtrafe erlitten
hatte. Der junge Menſch, der aus achtbarer Familie
ſtammt, ſcheint zum Leichtſinn zu neigen und ſo vom
rechten Wege abgekommen zu ſein. Mehrmals hat er
unter Benutzung fälſchlich angefertigter Briefe Betrü=
gereien
verübt und bei der Firma Lautz, ſowie bei
Optiker Weingarten hier je ein Reißzeug, und zuletzt
im vorigen Monat bei Uhrmacher Adam in Bensheim
ſechs teils ſilberne, teils goldene Taſchenuhren und
Ketten ausgeſchwindelt. Er mißbrauchte in den von
ihm überbrachten Beſtellbriefen die Namen verſchie=
dener
ſelbſtändiger Geometer, verſetzte die Reißzeuge
und veräußerte die einen Wert von 450 Mark darſtel=
lenden
Uhren uſw. an einen hieſigen Pfandvermitt=
ler
, wodurch ſeine Ermittelung erfolgte. Der erſt=
erwähnte
Fall, in dem P.s Vater die Firma entſchädigt
hat, kam erſt nachträglich zur Kenntnis der Behörde,
und ſtand deshalb auch nicht zur Anklage. Den Fall
Adam konnte P. nicht leugnen, doch tut er dies bezüg=
lich
des im Dezember vor. Js. bei Weingarten ausge=
ſchwindelten
Reißzeugs mit der Behauptung, den von
ihm verſchenkten Pfandſchein hierüber von einem Un=
bekannten
gekauft zu haben. Das Gericht erachtete ihn
jedoch beider Urkundenfälſchungen nebſt Betrugs für
ſchuldig und verurteilte ihn zu ſechs Monaten
Gefängnis, ſowie wegen falſcher Namensangabe
bei der Verhaftung zu 3 Tagen Haft, abzüglich 1 Monat
Unterſuchungshaft. Der 25jährige rückfällige Bäcker
Heinrich Ardmann von Offenbach tat in einer dor=
tigen
Wirtſchaft, als er allein war, einen Griff in die
Büfettkaſſe, wurde aber mit den geſtohlenen 15 Mark
ſofort abgefaßt. Er muß ſeine Verfehlung mit einem

Jahr Gefängnis büßen. Auch der 22jährige
Schloſſer Ludwig Luft von hier befand ſich im Rück=
falle
, als er mehrere hieſige Wirte und Kellner um
Zechen im Geſamtbetrage von 56 Mark prellte. Das
Urteil lautete auf vier Monate Gefängnis,
abzüglich 1 Monat Unterſuchungshaft. Angeblich in
der Angetrunkenheit verſchwand der 42jährige Tag=
löhner
Auguſt Very von Homburg v. d. H. aus ſeiner
Arbeitsſtelle in Langen und hieß dabei Kleidungsſtücke
des Arbeitgebers aus einem aufgebrochenen Schranke
mitgehen. Der erſt jetzt Geſtändige wurde zu vier
Monaten Gefängnis verurteilt.
In dem Bericht vom Dienstag muß es in der=
zweiten
und dritten Zeile richtig heißen: Ehefrau des
Hilfsbauaufſehers Nicolay uſw.
Verein der Detailliſten von Darmſtadt. In der
letzten Vorſtandsſitzung ſtand die bevorſtehende
Stadtverordnetenwahl zur Beratung. In der Erkenntnis,
daß der Kleinhandel eine ſeiner Bedeutung entſprechende
Vertretung in unſerem Stadtparlament zur Zeit nicht be=
ſitzt
, wurde beſchloſſen, daß der Verein zu der bevor=
ſtehenden
Wahl in geeigneter Weiſe Stellung nimmt.
Ueber die in Ausſicht genommene Aenderung der geſetz=
lichen
Beſtimmungen über die Konkurrenzklauſel
berichtete Herr W. Kalbfuß. In der Hauptſache dreht
es ſich um eine Einſchränkung des Konkurrenzverbotes.
Neu iſt, daß dem Angeſtellten für das Eingehen des Kon=
kurrenzverbotes
nach ſeinem Austritt ſeitens des Prin=
zipals
eine Entſchädigung gewährt werden ſoll und zwar
für das erſte Jahr ein Viertel, für das zweite Jahr ein
Drittel, für das dritte Jahr die vollen zuletzt gewährten
vertragsmäßigen Leiſtungen. Auf die Entſchädigungs=
ſumme
kann der Prinzipal dasjenige anrechnen, was der
Angeſtellte während des Zeitraumes, für den die Rente
gezahlt wird, durch ſeine Tätigkeit anderweitig verdient
oder zu erwerben böswillig unterläßt. Die Gehalts=
grenze
, bei der das Konkurrenzverbot erſt eingegangen
werden kann, iſt auf 3000 Mark feſtgeſetzt. In der Dis=
kuſſion
wurde zum Ausdruck gebracht, daß die vorgeſehene
Aenderung bezw. eine Einſchränkung der Konkuryenz=
klauſel
im Intereſſe der Prinzipale des Kleinhandels nicht
liegt und daher gegen dieſe Vorſchläge Stellung zu nehmen
ſei. Der Vorſitzende berichtete im weiteren Verlaufe der
Sitzung über die zur Zeit ſchwebenden Fälle unlau=
teren
Wettbewerbs und die in letzter Zeit erlaſſe=
nen
Urteile und vorgekommenen Beſtrafungen. Weiter ka=
men
noch verſchiedene Fragen interner Angelegenheit zur
Beſprechung und Beſchlußfaſſung.
Ortsgewerbeverein Darmſtadt. Zu dem Vor=
bereitungskurſus
für die Meiſterprüfung
im Handwerk in der Zeit vom 31. Auguſt bis zum
8. Oktober 1910 werden weitere Anmeldungen
noch angenommen. In dieſem Kurſe werden, worauf
wir erneut aufmerkſam machen, durchgeſprochen unter
anderem die rechtlichen Beſtimmungen der Reichs=
gewerbeordnung
, der Arbeiterverſicherungsgeſetzgebung
und der Gewerbegerichte. Außerdem wird ein gründ=
licher
Unterricht in Buchführung, Wechſellehre, Scheck=
verkehr
und Kalkulation erteilt. Die Unterrichtsge=
bühr
, welche im voraus zu entrichten iſt, beträgt 10
Mark.
* Straßenſperrungen. Das Großh. Polizeiamt
läßt auf die öffentliche Bekanntmachung im Darmſtädter
Tagblatt vom 24. d. Mts., wonach wegen Vornahme
von Straßenarbeiten für den zweigleiſigen Ausbau der
ſtädtiſchen elektriſchen Straßenbahn die Niederramſtädter
Straße zwiſchen Hochſtraße und Heinrichſtraße und die
Beſſunger= und Karlſtraße zwiſchen Niederſtraße und
Heinrichſtraße vom 25. Auguſt l. Js. an dem Fortgang
der Arbeiten entſprechend bis auf weiteres für den Fuhr=
werks
= und Radfahrverkehr ſtreckenweiſe geſperrt
werden, nochmals beſonders hinweiſen. Da durch dieſe
Abſperrungen größerer Verkehrsſtörungen nicht zu ver=
meiden
ſind, dürfte es ſich empfehlen, daß die in Frage
kommenden Anwohner und insbeſondere Geſchäftsleute
ihre Beſtellungen und Lieferungen, ſoweit ſie Fuhrwerks=
verkehr
erfordern, tunlichſt ſo einrichten, daß ſie in den
Zeiten, in denen Abſperrungen nicht ſtattfinden, Und
die von der örtlichen Bauleitung der ſtädtiſchen Straßen=
bahn
zu erfragen ſind, erledigt werden.
A Das Grummetgras von der Städtiſchen Pallaswieſe
iſt am Montag nachmittag unter zahlreicher Teilnahme
der Landwirte aus der Stadt und den umliegenden Land=
orten
verſteigert worden und brachte der Stadtkaſſe eine
Einnahme von 2460 Mark, oder knapp 20 Mark für den
Morgen. Eine Verſteigerung der Zwetſchen=Ernte
von den auf der Wieſe angepflanzten Zwetſchenbäumen
braucht in dieſem Jahre nicht ſtattzufinden, denn es ſind
keine Zwetſchen da.
* Saalbau. Das auf Dienstag, den 23. Auguſt,
angeſetzte Gaſtſpiel des Cornet à Piſton=Virtuoſen Herrn
L. Kümmel mußte wegen der ungünſtigen Witterung
ausfallen, und findet dafür heute im Städtiſchen Saal=
bau
ſtatt. Das für das Feſtkonzert (Ludwigsfeſt) ſchon
an und für ſich ſehr reichhaltige Programm wird durch
die Mitwirkung des bedeutenden Soliſten noch beſonders
gewinnen. Das Konzert findet bei jeder Witterung, bei
ungünſtiger Witterung im großen Saale des Städtiſchen
Saalbaues, ſtatt. (Siehe Anzeige.)

Vom Diamantenſchmuggel.
** Der bittere Wermutstropfen, der durch die
geſtrengen Zollreviſionen in den Freuden=
becher
des Reiſens fällt, iſt gerade in dieſen Wochen
von vielen wieder ſchmerzlich empfunden worden. Ge=
wiß
kann dem harmloſen Vergnügungstouriſten dieſe
unangenehme Prozedur als eine läſtige Förmalität
erſcheinen; die Zollbehörde, die das ganze Jahr hin=
durch
den erbitterten Kampf gegen die Berufs=
ſchmuggler
führen muß, weiß, wie notwendig dieſe
Unterſuchungen ſind, wie erſtaunliche Betrügereien
durch ſie ans Licht gezogen werden und welche Sum=
men
ſie dem Staate retten. Das Schmuggeln von
Seide, Tabak und anderen Fabrikaten iſt das land=
läufige
Vergehen, das den Zollbeamten alltäglich be=
gegnet
. Der Schmuggel von Diamanten aber
iſt das außergewöhnliche Ereignis, gleichſam die Krone
der vielgeübten Kunſt des Schwärzens‟ Die Dia=
mantenſchmuggler
ſind deshalb die raffinierteſten und
gefährlichſten Betrüger, ihre Tricks am feinſten aus=
geſonnen
, am ſchwerſten aufzudecken. Um was für
Werte es ſich dabei nicht ſelten handelt, geht aus einem
Aufſehen erregenden Fall hervor, der vor einiger Zeit
in Deutſch=Südweſtafrika paſſierte.
Der ſüdweſtafrikaniſchen Diamantenregie würde
mitgeteilt, daß Diamanten im Werte von 2 Millionen
Mark aus Deutſch=Südweſtafrika herausgeſchmuggelt
worden ſeien, was für das Kolonialamt einen Verluſt
von 700000 Mark bedeutete. Man ſtellte feſt, daß die
Beſitzer der Diamanten ſie durch ein paar Damen

hatten wegbringen laſſen, die mit den in ihren Klei=
dern
verborgenen Diamanten von Lüderitz=Bucht nach
Kapſtadt reiſten. Als die Frauen in Kapſtadt ver=
haftet
wurden, waren die Steine nicht mehr in ihrem
Beſitz; ſie waren auf einem Dampfer ſchon nach Eu=
ropa
abgegangen. Auch ſonſt blüht der Diamanten=
ſchmuggel
in Südweſtafrika. Die große De Beers=
Diamantengeſellſchaft unterhält eine große Anzahl
von Privatdetektivs, die beſonders auf den Schmuggel
afrikaniſcher Diamanten nach England und Amerika
ein wachſames Auge haben. Das Hauptfeld für Dia=
mantenſchmuggler
ſind jedoch die Vereinigten Staaten,
in denen der Zoll auf koſtbare Steine ſehr hoch und
die Nachfrage außerordentlich groß iſt. Die amerika=
niſchen
Zollbehörden haben Diamanten ſchon in Schuh=
ſohlen
und Schuhabſätzen gefunden; jüngſt entdeckte
man bei einer Dame ein paar Korſetts, die bei nähe=
rem
Zuſehen ein ganzes kleines Diamantenbergwerk
enthielten. Auf der Innenſeite der Korſetts war eine
große Menge von ungeſchliffenen Steinen, die einen
ungeheuren Wert repräſentierten, ſo ſorgfältig ein=
genäht
, daß die Dame beim Tragen dieſer koſtbaren
Korſetts nicht die geringſte Unbequemlichkeit empfänd
und in nichts auffallen konnte.
Eines Tages wurde in New=York auch ein Peli=
kan
ausgeſchifft, der einem Reiſenden gehörte. Ein
zu Späßen aufgelegter Zollbeamter neckte das Tier
ein bißchen und machte ihm gewaltſam ſeinen größen
Schnabel auf; da fuhr er aber erſtaunt zurück, denn
aus dem Schnabel dieſes Märchenvogels leuchteten
ihm die koſtbarſten Juwelen entgegen, die viele Tau=
ſend
Pfund wert waren. Ein ander Mal wurde der

Zollbehörde vom Schiffe aus mitgeteilt, daß ein Rei=
ſender
ſich im Beſitze von ſelten ſchönen Edelſteinen
befinde und man daher ein ſcharfes Auge auf ihn
haben möge. Der junge Mann kam ganz harmlos an
Land und hatte einen kleinen Terrier bei ſich. Er
wurde auf das ſorgfältigſte unterſucht, aber man fand
nichts bei ihm, was hätte verzollt werden müſſen, und
ſo mußte man ihn denn mit ſeinem Hund ruhig ziehen
laſſen. Am nächſten Tage wurde der Terrier von ſei=
nem
Beſitzer erſchoſſen. Wie die Zollbeamten durch
eingehende Unterſuchungen nachher erwieſen, hatte
der junge Mann auf dem Schiffe ſeinen Hund zwei
Tage lang hungern laſſen; bevor New=York in Sicht
kam, warf er dem Tier einige Leckerbiſſen vor, in die
er ſeine Diamanten geſteckt hatte, und ließ von dem
Hunde die einzelnen Biſſen verſchlucken. So waren
die Diamanten in ſeinem Magen ſicher aufbewahrt
und entgingen der Wachſamkeit der Zollbehörde. Am
Tage nach ſeiner Ankunft erſchoß er den Hund und
kam ſo wieder zu ſeinen Diamanten. In anderer
Weiſe bediente ſich eine Dame eines Hundes beim
Schmuggeln, indem ſie ihm über ſein zottiges Fell
noch das Fell eines Hundes von ganz derſelben Art
zog, der entſprechend größer geweſen war. In dem
Zwiſchenraum, der zwiſchen den beiden Fellen blieb,
trug der Hund nun allerlei Gegenſtände vön hohem
Wert, die hätten verzollt werden müſſen, nach Ame=
rika
hinein, darunter mehrere Dutzend Diamanten.
Die Maskerade des Hundes war ſo geſchickt durch=
geführt
, daß die Zollbeamten verſchiedene Male vor.
der Schmugglerin getäuſcht wurden.

[ ][  ][ ]

Nummer 198.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 25. Anguſt 1910.

Seite 3.

S. Ludwigshöhe. Am heutigen Donnerstag nach=
mittag
findet auf der Ludwigshöhe ein großes Extra=
Militärkonzert der Kapelle des Artillerie=Regts. Nr. 61
unter Leitung des Muſikmeiſters Weber ſtatt. Mit dem
Konzert iſt anläßlich des Ludwigstages ein großes
Kinderfeſt verbunden, wobei der Jugend eine ganze Reihe
Ueberraſchungen harren. Die Kinder erhalten Preiſe
mancherlei Art in Form von Geſchenken uſw. Es ſind
außerdem eine große Kinder=Polonäſe und eine Reihe
Kinderſpiele geplant, zu welchen ebenfalls ſehr hübſche
Abzeichen verteilt werden. (S. Anz.)
* Schützenhof. Man ſchreibt uns: Heute
Donnerstag (Ludwigstag) nachmittag ſoll im
Schützenhof ein Kinderfeſt arrangiert werden.
Bei Konzert einer größeren Abteilung der
Kapelle des Leib=Dragoner=Regiments Nr. 24 fin=
den
allerlei Spiele, wie Eierlauf, Topfſchlag, Sack=
hüpfen
ſtatt. Ein Reigen eröffnet das Feſt. Nach jedem
Spiele werden Preiſe verteilt. Bei ungünſtiger Wit=
terung
wird das Feſt im Saale abgehalten. Anſchlie=
ßend
hieran iſt großes Feſt=Konzert der Kapelle des
Leib=Dragoner=Regiments unter Herrn Rühlemanns
Leitung. (Siehe Anz.)
Offenbach, 24. Aug. Wir berichteten bereits von
einer Eingabe, die Techniker der Baupolizei gegen
ihren Chef, den Beigeordneten Walter, an
die Bürgermeiſterei gerichtet haben und in der eine
Anzahl Baugeſuche aufgezählt wurden, bei denen Bei=
geordneter
Walter amtswidrig verfahren ſei. Die
Staatsanwaltſchaft hat inzwiſchen die betreffenden
Akten beſchlagnahmt. Unſere Mitteilung vom Mon=
tag
können wir noch dahin ergänzen, daß, obwohl der
Bürgermeiſter, wie er geſtern im Verfaſſungsausſchuß
auf Befragen ſelbſt erklärte, die Anſchuldigungsſchrift
der Techniker an die Staatsanwaltſchaft zur Erledig=
ung
ſofort weitergegeben hat, die betreffenden Tech=
niker
trotzdem erneute Eingaben mit den gleichen Be=
ſchuldigungen
an die Staatsanwaltſchaft direkt
und an die vorgeſetzte Regierungsbehörde abgeſandt
haben. (Offenb. Zeitung.)
n. Lorſch, 24. Aug. Die Leichen eines Liebes=
paares
, das anſcheinend gemeinſchaftlich in den Tod ge=
gangen
war, wurden heute vormittag in dem benach=
barten
Walde aufgefunden. Sowohl das junge Mäd=
chen
, die 18jährige Margarete Schäfer von hier, als auch
der Mann, deſſen Perſönlichkeit noch nicht näher feſtge=
ſtellt
werden konnte, hatten Schußwunden im Kopfe.
Nach einem bei ihnen aufgefundenen Briefe beſteht an
dem Selbſtmord kein Zweifel. Am Abend vorher
waren beide noch lebend in der Nähe jener Stelle ge=
ſehen
worden, und die Tat dürfte nicht lange vor Auf=
findung
der Leichen geſchehen ſein. Die gerichtliche
Leichenſchau fand heute nachmittag ſtatt.
Bretzenheim, 23. Aug. Der 33jährige Tüncher Peter
Weyer von hier wurde ſeit Freitag voriger Woche ver=
mißt
. Geſtern wurde der Vermißte als Leiche bei Bu=
denheim
aus dem Rheine geländet. Ob Unglücksfall oder
Selbſtmord vorliegt, iſt bis jetzt noch nicht aufgeklärt.
Budenheim, 23. Aug. Auf der Eiſenbahnſtrecke Bu=
denheim
-Heidesheim hat ſich letzte Nacht ein Mann im
Alter von etwa 60 Jahren überfahren laſſen. Er trug
ſchwarzen Hut, weißes Hemd, graue Hoſe und Weſte, etwas
grünlichen, abgetragenen Rock und ſchwere Schnürſchuhe.
Da der Kopf zermalmt iſt, kann die Perſon nicht erkannt
werden.
Gießen, 24. Aug. Unſer Städtiſches Elek=
trizitätswerk
hat ſich in den letzten Jahren außer=
ordentlich
günſtig entwickelt. Die Erbauung der
elektriſchen Straßenbahn hatte auch eine Er=
weiterung
des Elektrizitätswerkes zur Folge, da die be=
ſtehende
Anlage den an ſie geſtellten Anforderungen nicht
genügen konnte. So wurde zur Entlaſtung der vorhan=
denen
Turbine, die bei Hochwaſſer in der Lahn nicht
darbeiten kann und der Dampfmaſchine von 450 Pferde=
ſtärken
eine neue Dampfmaſchine von 600 Pferdeſtärken,
eine mit dieſer gekuppelte Dynamo=Maſchine und ein wei=
terer
Dampfkeſſel aufgeſtellt. Gleichzeitig hat die Stadt
eine Wagenhalle und ein Verwaltungsgebäude errichten
laſſen, das die Dienſträume für die Verwaltung des Elek=
trizitätswerkes
und der Straßenbahn, ſowie die Dienſt=
wohnung
für den Direktor desſelben enthält. Das Ver=
waltungsgebäude
ſoll in dieſem Herbſt in Benutzung ge=
nommen
werden.
Gießen, 24. Aug. Zu der geſtrigen Notiz über die
vier Gymnaſiaſten, die ſeit acht Tagen auf einer Fuß=
wanderung
waren, ohne Nachricht von ſich zu geben,
wird dem G. A. mitgeteilt, daß inzwiſchen eine Karte
angekommen iſt und ſomit kein Grund zu Befürch=
tungen
mehr vorliegt. In letzter Zeit erhielten meh=
rere
Leute in Lauterbach und Maar Droh= und Er=
preſſerbriefe
, die in Gießen zur Poſt gegeben
waren. Der Briefſchreiber nannte ſich Kriminalkom=
miſſar
und gab an, es ſchwebe ein Strafverfahren gegen
den Betreffenden, das er unterdrücken wolle, wenn 300
bis 500 Mark unter Chiffre poſtlagernd eingeſandt wür=
den
. Falls das Geld nicht komme oder Anzeige er=
ſtattet
werden ſollte, würden die Beſitztümer in die
Luft geſprengt, auch mit dem Tode wurde gedroht.
Geſtern gelang es der hieſigen Polizei, den Erpreſſer
auf der Poſt abzufaſſen, als er nach einer poſtlagernden
Sendung frug. Es iſt der hier ſeit Januar dieſes
Jahres wohnhafte Taglöhner Johannes Stieler aus
Maar. Stieler war gleich geſtändig. Er hatte angeblich

keine Arbeit und wollte ſich auf die angegebene Weiſe
Geld verſchaffen.
Friedberg, 24. Aug. Die Ehrenwache für den
Zaren wird lt. Gieß. Anz. nicht mehr wie bei früheren
Fürſtenbeſuchen von dem Leibgarde=Regiment Nr. 115
ausgeübt, ſondern es ſind aus jedem der fünf heſſiſchen
Infanterie=Regimenter je 32 Mann nebſt je einem
Leutnant abkommandiert, die unter Befehl des Haupt=
manns
Schmitz (Offenbach) ſtehen. Die Via trium=
phalis
, die die Städt zwiſchen der Uſagaſſe und dem
Schloß errichten läßt, iſt faſt fertiggeſtellt. Der Hof=
marſchall
des Großherzogs iſt hierher übergeſiedelt.
Das großherzogliche Hoflager wird dem Vernehmen
nach am Samstag vormittag hierher verlegt werden;
die Ankunft des Zarenpaares iſt, wie ver=
lautet
, Anfang nächſter Woche zu erwarten.

Reich und Ausland.
Aus der Reichshauptſtadt, 23. Aug. Die beiden
Paraden der Gardekorps in Berlin und Pots=
dam
finden am 1. und 2. September ſtatt. Daran ſchlie=
ßen
ſich dann die Manöver an. Die Nachricht, daß der
Zar von Rußland an ihnen auf Grund einer brieflichen
Einladung des Kaiſers teilnehmen werde, iſt falſch. Eine
Einladung des Kaiſers iſt nicht erfolgt. Die Ver=
giftung
von vier Kindern in der Steglitzer
Straße 8 durch einen Stechapfel ſteht mit dem
botaniſchen Unterricht in keinem Zuſammenhang. Der
3. Realſchule ſind Stechäpfel erſt an dem auf den be=
dauerlichen
Vorfall folgenden Montag (22. Auguſt) ge=
liefert
worden. Der Stechapfel, den das Kind auf dem
Hofe fand, ſtammte aus dem alten Botaniſchen Garten.
Einige von den zahlreichen Knaben, die der Abbruch
des Zirkus Hatlé im alten Botaniſchen Garten am
Freitag zuſammengeführt hatte, entdeckten hinter dem
Wohnwagen des Zirkus Stechapfelſtanden, pflückten die
Früchte ab und gaben ſie denen, welche ſolche wünſchten,
ſo daß die giftigen Früchte alsbald auch in der Pallas=
ſtraße
zu finden waren. Einzelne dieſer Stechäpfel
wurden dann von Schülern der 3. Realſchule, die ſich
auf dem Wege zur Schule befanden, mitgebracht. Da=
bei
kam nun einer auf den unſeligen Gedanken, ſich
ſeines Stechapfels dadurch zu entledigen, daß er ihn
über die Mauer war. Uebrigens ſind glücklicherweiſe
alle vier Kinder jetzt wieder hergeſtellt. Die Hilfs=
arbeiter
im Dachdeckergewerbe Berlins
und Umgegend haben den Streik proklamiert. Er ſoll
derart durchgeführt werden, daß immer gegen einzelne
Werkſtellen, namentlich wo die Verhältniſſe dazu günſtig
liegen, vorgegangen werden ſoll.
Homburg, 24. Aug. Wie der Taunus=Bote meldet,
wurde auf der Chauſſee von Wehrheim nach Uſingen
das Automobil eines hieſigen Automobilverleihers
an einer gefährlichen Kurve gegen einen Baum ge=
ſchleudert
und total zertrümmert. Die drei Inſaſſen,
ein Chauffeur und zwei Kurgäſte des hieſi=
gen
Bades, wurden herausgeſchleudert. Der Chauffeur
geriet unter das Automobil, ſo daß er ſehr ſchwere
Verletzungen erlitt. Die beiden Kurgäſte erlitten leich=
tere
Verletzungen.
Aſchaffenburg, 23. Aug. Heute nachmittag kurz nach
3 Uhr trug ſich beim Bau der Eiſenbahnbrücke der Bach=
gaubahn
ein folgenſchwerer Unfall zu. Ueber die
Brücke, die auf der Obernauer Seite fertig iſt, ſind
Gleiſe gelegt, auf denen die Rollwagen das Stein=
material
herbeiſchleppen. Auf der Nilkheimer Seite
ſteht vorerſt nur das Gerüſt, das nur mit Klammern
zuſammengehalten wird, während ein vorſichtiger
Unternehmer auch Seile mitverwendet. Als nun ein
mit Steinen hoch beladener Rollwagen auf dem Gleis,
das nur auf dem Gerüſt lag, dahin fuhr, brach dieſes
unter der ſchweren Laſt und ſtürzte mit mehreren
Arbeitern aus einer Höhe von zehn Metern in die
Tiefe. Der Polier Jakob Eckert aus Seckmauern
wurde ſo ſchwer verwundet, daß er noch auf dem Trans=
port
nach dem hieſigen Spital verſchied. Außerdem
trugen noch einige andere Arbeiter Verletzungen da=
von
. Der Unternehmer des Brückenbaues, ein Herr
aus Miltenberg, dürfte ſich vor Gericht zu verantworten
haben, da nach dem Urteile der Arbeiter ſelbſt die Ge=
rüſte
nicht feſt genug verbunden waren.
Halle a. S., 24. Aug. Der wohl noch nie dageweſene
Fall, daß ein ganzer Gerichtshof wegen Befan=
genheit
abgelehnt wird, ereignete ſich geſtern vor
der hieſigen Strafkammer. Ein Maurer, der ſich vor
kurzem an den Wahlrechts=Demonſtrationen beteiligt
hatte, war wegen Erregung eines Auflaufs angeklagt.
Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Liebknecht aus Berlin,
beantragte zunächſt die Ablehnung des Vorſitzenden.
In der Begründung erhob er den Vorwurf, das hieſige
Landgericht habe überhaupt bei Wahlrechts= Demonſtra=
tionsprozeſſen
die Neigung gezeigt, unverhältnismäßig
hohe Strafen zu verhängen. In dieſem Ausſpruch er=
blickte
der Gerichtshof den Vorwurf grober Rechtsbeug=
ung
und nahm Liebknecht wegen Ungebühr vor Gericht
in die höchſtzuläſſige Ordnungsſtrafe von 100 Mark.
Nunmehr ſtellte Liebknecht den Antrag auf Ablehnung
des ganzen Gerichtshofes, da er entſchieden beſtreiten
müſſe, daß er den Vorwurf grober Rechtsbeugung er=
hoben
habe. Aber ſelbſt wenn er hies getan hätte, ſo
wäre darin noch keine Ungebühr vor Gericht zu er=
blicken
, da dies ſein gutes Recht als Verteidiger ge=
weſen
wäre. Da die Strafkammer in einer ſolchen
durchaus ſachlichen Vorbringung von Gründen bereits

eine Ungebühr vor Gericht zu ſehen müſſen meine, ſo
beweiſe ſie durch eine derartige Auffaſſung, daß ſie die
erforderliche Objektivität nicht beſitze, ſondern befangen
ſei. Er müſſe daher den ganzen Gerichtshof wegen Be=
fangenheit
ablehnen. Dem Gerichtshof blieb nichts
anderes übrig, als die Verhandlung zu vertagen.
Neuſtrelitz, 24. Aug. Eine gewaltige Feuers=
brunſt
hat einen großen Teil der Stadt Altſtrelitz in
Schutt und Aſche gelegt. Insgeſamt ſind 59 Gebäude zer=
ſtört
und 60 bis 70 Familien obdachlos geworden. Das
Feuer kam geſtern abend ½6 Uhr aus. Die Situation war
ſehr bedrohlich, da es an Waſſer mangelte. Perſonen ſind
nicht zu Schaden gekommen. Der Brandſchaden iſt bedeu=
tend
und nur teilweiſe durch Verſicherung gedeckt.
Wie weiter gemeldet wird, iſt der Brand angeblich
durch ſpielende Kinder verurſacht worden. 17 Wohn=
häuſer
und 42 Nebengebäude ſind eingeäſchert, 70 Fa=
milien
obdachlos. Der Schaden wird auf ¾ Millionen
Mark geſchätzt. Ein großer Teil der Einwohner war
zum Vogelſchießen ausgezogen. Die Löſcheinrichtungen
waren ſehr mangelhaft. Eine Spritze trug die Jahres=
zahl
1738. Da Strelitz keine Waſſerleitung hat, mußte
das Waſſer aus einem flachen Graben geſchafft werden.
Nachts trafen 40 Mann der Neuſtrelitzer Garniſon zur
Hilfe ein, denen es nach langer Arbeit gelang, das
Feuer einzudämmen; als dies gelungen war, brach
nochmals ein Brand in der Schloßgaſſe aus, der aber
bald gelöſcht werden konnte.
Einden, 24. Aug. Nach den inzwiſchen gemachten Feſt=
ſtellungen
haben die zwei verhafteten Engländer
von Hamburg, wo ſie ſich trafen, mehrere Nordſee=Inſeln
beſucht. Mittels eines ganz vorzüglichen Apparates haben
ſie Aufnahmen gemacht. Im Beſitz der Verhafteten befand
ſich ſogar ein Buch zur Anwendung telegraphiſcher Ge=
heimſchrift
. Die Verhafteten gaben an, daß die gemachten
Aufnahmen und ſonſtigen Aufzeichnungen für eine eng=
liſche
illuſtrierte Zeitſchrift beſtimmt geweſen ſeien.
St. Moritz, 24. Aug. Zu dem Juwelendieb=
ſtahl
wird gemeldet, daß der Urheber des Kirchendieb=
ſtahls
in Vichy verhaftet werden konnte. Es iſt der 40
Jahre alte Italiener Catane, deſſen Frau in den Dien=
ſten
der beſtohlenen Frau Bacon geſtanden hat. C.
hatte ſeine ganze Beute auf freiem Felde bei Vichy
vergraben, wo die geraubten Juwelen im Werte von
225000 Francs und einige Banknoten unverſehrt ge=
funden
wurden. Man nimmt einſtweilen an, daß C.
mit einem Händler außerhalb Frankreichs in Verbin=
dung
ſtand, und daß er bis zu deſſen Ankunft nichts
weiter unternehmen wollte.
Kidderminſter, 24. Aug. Im hieſigen Rathauſe
wurde heute der Beginn des Anbaues der Zucker=
rübe
durch ein Diner gefeiert, an dem zweihundert
Landwirte teilnahmen. Der Bürgermeiſter hielt hier=
bei
eine Rede, in der er für das nächſte Jahr die Er=
richtung
einer Zuckerfabrik mit einem Kapital von
90000 Pfund ankündigte, für den Fall, daß 10000 Aeres
mit Zuckerrüben bepflanzt würden. Die Bauern wür=
den
für die Tonne ein Pfund bekommen und ſomit
ſchöne Gewinne erzielen. Die angeſtellten Verſuche ſeien
ſehr befriedigend ausgefallen. Von den Teilnehmern
an dem Eſſen verpflichteten ſich viele durch Unterſchrift
zum Anbau der Zuckerrübe.

Königsberger Kaiſertage.
* Königsberg i. Pr., 23. Aug. Der Kaüſer,
die Kaiſerin, die Prinzeſſin Viktoria Luiſe und
Prinz Oskar ſind mit Sonderzug um 5 Uhr 30 Minuten
auf dem Oſtbahnhofe eingetroffen. Auf dem Bahnhofe
fand großer militäriſcher Empfang ſtatt, an dem auch
der Kronprinz und die Kronprinzeſſin, Prinz und Prin=
zeſſin
Eitel Friedrich, Prinz Adalbert und Prinz Auguſt
Wilhelm teilnahmen. Die Ehrenkompagnie des Grena=
dierregiments
Nr. 3 erwies die militäriſchen Ehrenbe=
zeugungen
. Nach herzlicher Begrüßung der Anweſen=
den
und nachdem der Kaiſer die Front der Ehrenkom=
pagnie
abgeſchritten und einen Vorbeimarſch entgegen=
genommen
hatte, begaben ſich die Fürſtlichkeiten durch
das Fürſtenzimmer auf den Bahnhofsplatz, wo ſie von
einem vieltauſendköpfigen Publikum mit ſtürmiſchen
Zurufen begrüßt wurden. Die Kaiſerin, die Kron=
prinzeſſin
, Prinzeſſin Eitel Friedrich und Prinzeſſin
Viktoria Luiſe beſtiegen hier einen à la Daumont ge=
fahrenen
Wagen mit Spitzreitern. Der Kaiſer und die
Prinzen ſtiegen zu Pferde. Eine Schwadron des
Küraſſierregiments Nr. 3 gab das Geleite. Unter dem
Geläute der Glocken ſetzte ſich der Zug in Bewegung.
Auf dem Bahnhofsplatz und den Einzugsſtraßen bis
zum Schloſſe bildeten die Truppen Spalier.
Am Zugange zur Kaiſerſtraße unter den Säulen=
hallen
der Ehrenpforte hatten die ſtädtiſchen Kör=
perſchaften
Aufſtellung genommen. Vor ihnen zu
beiden Seiten der Einzugsſtraße Ehrenjungfrauen, auf
der Galerie des Bauwerks blumenſtreuende Kinder.
Oberbürgermeiſter Dr. Koerte begrüßte die Maje=
ſtäten
mit einer Anſprache, in der er vor allem darauf
hinwies, daß der Vertrag über die Entfeſtigung Königs=
bergs
am 20. Auguſt förmlich vollzogen und damit die
Möglichkeit zu neuer glücklicher Entwicklung für die
alte, ehrwürdige Krönungsſtadt eröffnet worden ſei.
Nicht leicht zwar ſind die Laſten, die das gewältige
Unternehmen der Stadtgemeinde auferlegt, aber wir
wußten doch, mit wie lebhaftem gnädigen Intereſſe Eure
Majeſtät dieſe ſchwerſte Lebensfrage unſerer Verwal=
tung
fortgeſetzt begleiteten. Namens der verſammelten

Kleines Feuilleton.
CK. Einen Beſuch auf der Inſel der
ſterbenden Hunde ſchildert ein engliſcher Korre=
ſpondent
. Die unglücklichen Straßenhunde von Kon=
ſtantinopel
, die nun auf der Inſel Oxia im Marmara=
meer
ausgeſetzt ſind, ſollten nach einem Beſchluß der
Stadtbehörden vergiftet und raſch von ihren Leiden be=
freit
werden; auch eine ſchnelle Beerdigung der Ka=
daver
war angeordnet; aber leider iſt nichts derartiges
bisher geſchehen. Der Türke hält es für unmenſchlich,
einen Hund zu töten, aber gegen die Qualen der lang=
ſam
hinſiechenden Tiere iſt er völlig gleichgültig und
kümmert ſich nicht um das Schickſal der ausgeſetzten
Hunde. Ein furchtbares Bild des Elends und der Ver=
zweiflung
bot ſich auf der Inſel dar. Ueberall lagen
tote und ſterbende Tiere; von den bereits verendeten
Genoſſen nährten ſich die noch überlebenden. Um die
verweſenden Kadaver haben ſich ungeheuere Mengen
von Fliegen geſammelt, die ſogleich auch die ſich der
Inſel nahenden Menſchen bedecken und den Aufenthalt
faſt unmöglich machen. Unter dieſen Haufen verenden=
der
, verfaulender und zerfleiſchter Hunde waren aber
auch viele, die noch Kraft beſaßen und dem Tode zähen
Widerſtand leiſteten. Der Mangel an friſchem Waſſer
wird ſie freilich über kurz oder lang auch neben ihre
toten Genoſſen hinſtrecken. Etwa ein halbes Dutzend
Männer füttern die Hunde zweimal am Tage und zu
dieſem Zweck wird allwöchentlich Brot auf die Inſel

gebracht. Doch dieſe dürftige Ernährung kann nur ihre
Leiden verlängern, nicht das Ende abwehren. Die
Hunde ſind immer ruhiger geworden und ſcheinen in
dumpfer Verzweiflung zu verharren. Sie grüßten die
Beſucher beim Landen mit einem wehmütigen Wedeln
ihrer Schwänze und krochen winſelnd heran, wie wenn
ſie ſagen wollten: Nehmt uns mit fort von dieſem un=
wirtlichen
Fleck. Einige verſuchten, hinter dem ab=
fahrenden
Boote herzuſchwimmen, aber ſie mußten bald
davon abſtehen, da ſie ſchon zu ſchwach waren. Täglich
ſterben etwa 200 Hunde. Ein findiger Franzoſe hat auf
der Inſel eine Induſtrie eingerichtet; er zieht den Ka=
davern
die Haut ab und kocht ſie, um die Knochen zu
gewinnen; Haut und Knochen werden nach Europa
exportiert.
* Falſche Haare ſind jetzt ein ganz beträcht=
licher
Handelsartikel geworden, ſeitdem eine üppige
Fülle von Locken bei den Damen zur Mode geworden
iſt. Der Bedarf iſt ſo groß, daß man ſchon zu künſt=
lichen
Haaren aus allerhand Stoffen ſeine Zuflucht
nehmen muß, um wenigſtens die nötigen Unter=
lagen
billiger herſtellen zu können. Das gleiche ge=
ſchah
auch früher ſchon, man ſchaue ſich nur einmal die
Damen und Dämchen der Rokokozeit an mit ihren
weißgepuderten Haargebäuden. Die Sitte, falſches
Haar zu tragen, iſt zweifellos im 16. Jahrhundert in
Frankreich entſtanden, oder richtiger natürlich in
Paris. Schon dazumal mußte man aber das benötigte
Material von weit her holen, und wenn die Zöpfe der

Chineſen nicht geweſen wären, wer weiß, ob man dann
jemals an falſches Haar gedacht hätte. Die größte
Menge falſchen Haares kommt auch jetzt noch aus
China, ein ganzes Zehntel aber von dem Haare, das
in den Handel kommt, wird aus ausgekämmtem
Haar hergeſtellt, das von zahlreichen Hauſierern, die
Dörfer beſuchen und hier ihre Kundſchaft haben, als
Nebengeſchäft geſammelt wird.
* Ein ſonderbarer Wettſtreit. Um die
Zuſtände auf der Staatsbahn kennen zu lernen, haben
drei Journaliſten in Paris folgenden intereſſanten
Wettſtreit miteinander ausgefochten. Als Abfahrts=
platz
war die Station Asniéres, der bekannte Pa=
riſer
Vorort, auserſehen. Während nun der eine
Journaliſt von Asnieres aus in einem Eiſenbahn=
zuge
nach dem Lazarusbahnhofe fuhr, ging der zweite
dorthin zu Fuß, während der dritte einen Fiaker be=
nutzte
. Die ganze Strecke iſt 5 Kilometer lang und
die Bahnlinie zieht ſich faſt ununterbrochen neben der
Straße hin. Da ergab ſich nun folgendes: Der Jour=
naliſt
im Eiſenbahnzuge brauchte eine Stunde und
drei Minuten, derjenige, der zu Fuß ging, nur 42 Mi=
nuten
und endlich der Mann im Fiaker gar nur 18
Minuten. Die furchtbare Bummelei auf den Linien
der Staatsbahn, insbeſondere den Vorortſtrecken,
wurde durch dieſes Experiment ſchlagend erwieſen.
Die Strecke gehört zu derſelben Bahnlinie, auf der
ſich kurz hintereinander die beiden furchtbaren Kata=
ſtrophen
ereigneten.

[ ][  ][ ]

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 25. Auguſt 1910.

Nummer 198.

ſtädtiſchen Körperſchaften teilte der Oberbürgermeiſter
ſodann mit, daß zum Gedächtnis an die Förderung des
Vertrages durch den Kaiſer ein Denkſtein errichtet
werden ſoll, der durch Inſchrift und künſtleriſchen
Schmuck der Bedeutung des Ereigniſſes für die Ge=
ſchichte
der Stadt und dem Dank der Bürgerſchaft gegen
ihren geliebten König und Landesherrn würdigen, die
Zeiten überdauernden Ausdruck verleiht.
Der Kaiſer erwiderte auf die Anſprache des Ober=
bürgermeiſters
mit folgenden Worten: Ich ſpreche
Ihnen in meinem Namen und im Namen Ihrer Maje=
ſtät
der Kaiſerin meinen herzlichſten Dank aus für die
Worte, mit denen Sie ſoeben den Geſinnungen der
Bürgerſchaft von Königsberg Ausdruck verliehen haben.
Ich beglückwünſche meine Haupt= und Reſidenzſtadt
Königsberg zu dem Vertrage, den ſie nunmehr abge=
ſchloſſen
hat. Es iſt mir eine große Freude, dazu hilf=
reiche
Hand haben leiſten zu können gegenüber den
Schwierigkeiten, die in einigen Stadien der Verhand=
lungen
auftauchten, denn es iſt nicht leicht, alles unter
einen Hut zu vereinigen. Ich glaube aber, daß der
Vertrag, wie er nunmehr abgeſchloſſen iſt, für die Stadt
von großem Nutzen ſein wird. Eingeengt durch den
Ring der Befeſtigungen, ſtrebt ſie nach Freiheit und
Entwickelung. Gebe Gott, daß der Stadt Königsberg
das Werk zum reichſten Segen gereichen möge, ich und
die Kaiſerin werden dieſem Werk und ſeinem weiteren
Fortſchreiten ſtets mit Intereſſe folgen und es zu för=
dern
beſtrebt ſein. Ihnen allen, meine Herren, ſpreche
ich meinen tief empfundenen Dank aus für den ſchönen
Empfang, den die Stadt uns bereitet hat, und bitte Sie,
der Dolmetſch dieſer Gefühle an die Bürgerſchaft zu
ſein. Nochmals herzlichſten Dank.
Auf dem Schloßhofe übergab der Kaiſer die neulich
in Kaſſel geweihte Fahne des Pionierbataillons Fürſt
Radziwill mit einer Anſprache an den Bataillonskom=
mandeunr
. Hierauf war großer Zivilempfang.
Abends war die Stadt glänzend illuminiert.
Die Studenten machten eine Fackelkahnfahrt auf dem
Schloßteich. Der Kronprinz ſpeiſte abends bei dem
Offizierkorps ſeines Regiments, auch die Prinzen
Auguſt Wilhelm und Adalbert beſuchten ihre Regi=
menter
.
* Königsberg, 24. Aug. Zur großen Pa=
rade
des 1. Armeekorps auf dem Devauer
Exerzierplatz bei Königsberg begab ſich der Kaiſer im
Automobil um 9 Uhr 40 Minuten bis an die Nordweſt=
ecke
des Exerzierplatzes, woſelbſt zu Pferde geſtiegen
wurde. Die Kaiſerin mit der Prinzeſſin Viktoria
Luiſe hatte ſich ſchon um 9 Uhr 15 Minuten zu Wagen
hinausbegeben, geleitet von einer Eskadron Dragoner
des Regiments Prinz Albrecht von Preußen ( Littaui=
ſches
) Nr. 1. Das Wetter iſt ſchön. Auf dem Wege bil=
deten
die Schulen der Stadt und des Landkreiſes =
nigsberg
, ferner Gewerke, Innungen, Sportvereine,
Sanitätskolonnen und Kriegervereine Spalier. Auf
dem Paradefelde nahmen die Truppen des 1. Armee=
korps
unter dem Befehl des kvmmandierenden Gene=
rals
von Kluck in zwei Treffen Aufſtellung. Von hohen
Offizieren waren unter anderem bei der Parade zu=
gegen
: Der Chef des Generalſtabes Generaladjutant
und General der Infanterie von Moltke, Kriegsmini=
ſter
General der Infanterie von Heeringen, ein vtto=
maniſcher
General Generalſtabschef Izzet Paſcha, ein
ottomaniſcher Oberſtleutnant Djavid Bei, ein ottoma=
niſcher
Major Halil Bei, Generaloberſt Freiherr von
der Goltz, der Generalinſpekteur der Fußartillerie
General der Artillerie von Dulitz, der Chef des In=
genieur
= und Pionierkorps General der Infanterie
von Beſeler, der Inſpekteur der Jäger und Schützen
Generalmajor von Lariſch, der Inſpekteur der Feld=
artillerie
General der Artillerie von Schubert und der
türkiſche Militärattachee Enver Bei.
* Königsberg, 24. Aug. Um 9¾ Uhr nahm der
Kaiſer den Frontrapport aus den Händen des kom=
mandierenden
Generals entgegen. Alsdann begann das
Abreiten der Fronten. Mit dem Kaiſer ritten der Kron=
prinz
, die Prinzen, die Kronprinzeſſin und die Prinzeſſin
Eitel Friedrich. Im Wagen folgten die Kaiſerin mit der
Prinzeſſin Viktoria Luiſe, die Damen des Gefolges und
die Herren des Hauptquartiers. Von den Wällen der
Feſtung donnerte der Ehrenſalut von 33 Schuß. Hierauf
nahm der Kaiſer den Rapport der Kriegervereine entgegen
und ritt die Front der Vereine ab. Es folgten zwei Vor=
beimärſche
der Truppen. Jedesmal führte der Kaiſer ſein
Grenadier=Regiment der Kaiſerin vor, der Kronprinz und
die Prinzen defilierten mit den Regimentern, bei denen ſie
à la suite ſtehen. Nachdem der Kaiſer noch militäriſche
Meldungen entgegengenommen hatte, paſſierten die Maje=
ſtäten
mit der ganzen Suite die Fronten der Sanitäts=
kolonnen
. Unter Geleit einer Eskadron kehrte die Kaiſerin
im Wagen zur Stadt zurück. Der Kaiſer ritt an der
Spitze der Fahnenkompagnie und der Standarteneskadron
nach dem Schloß, mit ihm die Prinzenſöhne. Das Kai=
ſerpaar
, die Prinzen und die Prinzeſſinnen waren mehrfach
Gegenſtand ſtürmiſcher Ovationen.
* Königsberg, 24. Aug. Die Rückkehr des
Kaiſers und der Kaiſerin in die Stadt geſtaltete
ſich zu einer ununterbrochenen glänzenden Ovation für die
Majeſtäten. Kriegsveteranen von 1864/66 und 1870/71 bil=
deten
Spalier. Auf dem Roßgärtnerplatz nahm der
Kaiſer, welcher die alten Krieger aufs freundlichſte be=
grüßte
, den Rapport der Kriegsveteranen aus den Händen
des Generalleutnants z. D. Grafen Eulenburg=Wicken
entgegen.
Kongreſſe und Verbandstage.
* Augsburg, 24. Aug. Katholikentag.
In der heutigen dritten geſchloſſenen Verſammlung
erſchien auch der frühere Fürſt von Löwenſtein, jetzige
Pater Raimundus. Zu Beginn überbrachte ein Geiſt=
licher
aus Amerika eine Einladung zu einer Ver=
ſammlung
der deutſchen Katholiken in Amerika. So=
dann
wurde eine große Reihe von Anträgen über ſo=
ziale
Fragen und andere Gegenſtände erledigt, dar=
unter
auch ein Antrag auf Unterſtützung des Deutſch=
tums
im Auslande, ſpeziell in Rußland.

Luftſchiffahrt.
* Straßburg, 24. Aug. Heute vormittag um
9¾ Uhr erſchien ganz unerwartet der Luftkreuzer
L 2 VI über Straßburg, von dem Rheinhafen her=
kommend
. Nachdem er eine Schleifenfahrt über Straß=
burg
ausgeführt hatte, wobei er um den Münſterturm
fuhr, fuhr der Luftkreuzer wieder nach Baden=Baden.
* Baden=Baden, 24. Aug. Auf ſeiner Rück=
fahrt
von Straßburg kommend, traf L 2 Vl um 10
Uhr 30 Minuten vor der Halle in Baden=Oos ein, wo
er glatt landete. Zur Rückfahrt brauchte der Luft=
kreuzer
nur 30 Minuten. Auf der Hinfahrt hatte das
Luftſchiff mit ſtarken Winden zu kämpfen. Die zweite

Paſſagierfahrt wird das Rheintal entlang führen.
Heute nachmittag um 4 Uhr nimmt das Luftſchiff
L 2 VI an dem Blumenkorſo teil.
sr. Wurfverſuche aus dem Aerbplan.
Auf dem Flugplatz Berlin=Johannisthal unternahm
der Aviatiker Dorner als erſter Wurfverſuche aus dem
Flugzeug. Nachdem der Wind ſich endlich nach 7 Uhr
abends einigermaßen gelegt hatte, erhob ſich Dorner
in Begleitung des Dr. Huth, welcher eine Anzahl der
drei Kilogramm ſchweren Wurfgeſchoſſe mit ſich führte.
Beim erſten Verſuch fiel ein Wurfgeſchoß dicht vor, ein
zweites dicht hinter die markierte 8:10 Meter große
Fläche. Es fehlten indeſſen einige Meter an der vor=
geſchriebenen
Höhe von 200 Meter. Bei der zweiten
Wiederholung fiel ein Wurfgeſchoß mitten auf die
markierte Fläche, aber auch diesmal war die Höhe nicht
ganz ausreichend. Die einbrechende Dunkelheit hin=
derte
weitere Verſuche, die jedenfalls am nächſten
Sonntag fortgeſetzt werden.
sr. Zu dem Aeroplanwettflug über die
Alpen, der bekanntlich über den Simplon hinweg=
führt
und in der Zeit vom 18. bis 24. September aus=
getragen
werden ſoll, liegen bisher 13 Meldungen vor.
Es nannten: Labouchere (Antoinette), Culler ( Antoi=
nette
), Ruchonnet (Antoinette), Chavez (Blériot), Ca=
tannet
(Blériot), Moollies (Blériot), Metrot (Voiſin),
Paul (Voiſin), Ravette (Voiſin), Jullerot (Farman),
Dickſon (Farman), Theurit (Farman) und Paulhan.
* Paris, 24. Aug. Wie die Frange militaire mit=
teilt
, werden die Lenkballons und Aeroplane,
die an den großen Manövern teilnehmen werden, in
Briot (Dep. Oiſe) inſtalliert werden; zwei Kilometer
von Briot entfernt, nämlich in Trandvillers, befindet
ſich das Hauptquartier der Manöverleitung, ſowie das=
jenige
des Generals Picard, des Kommandeurs des
zweiten Armeekorps.
* Paris, 24. Aug. Aus Cambray wird gemeldet:
Der Zuſtand des geſtürzten Aviatikers de Baeder,
der in den letzten Tagen befriedigend geweſen war, hat
ſich im Laufe des geſtrigen Tages bedeutend verſchlim=
mert
und gibt zu ernſten Befürchtungen Anlaß.

Sport.
* Athletik. Herr Edmund Otto, Mitglied des
Athleten=Vereins Darmſtadt konnte am Sonntag, den
21. ds. Mts., mit nicht weniger denn fünf erſten Ehren=
preiſen
von den in Alzey ſtattgefundenen Nationalen
Olympiſchen Spielen zurückkehren und zwar erhielt er:
Im Steinſtoßen, Kugelſtoßen, Diskuswerfen, Speer=
werfen
und Schleuderballwerfen jeweils den 1. Preis, im
Dauerſtemmen den 6. Preis.
sr. Lord Burgoyne Sieger im Badener
Zubunfts=Rennen. Wie zu erwarten war, iſt
auch das Zukunfts=Rennen, die berühmte Zweijähri=
gen
=Prüfung des internationalen Meetings, den deut=
ſchen
Pferden verloren gegangen. Der Graditzer
Mondſtein, in dem man die beſte Waffe der deut=
ſchen
Intereſſen vermutete, verſagte, dagegen lief der
Weinbergſche Hengſt Moenus ein ausgezeich=
netes
Rennen, da er erſt nach ſcharfem Kampf um einen
Hals gegen Lord Burgoyne unterlag. Die genauen
Reſultate waren: Jugend=Handikap; 7000 Mk., Diſtanz
1000 Meter: 1. Herrn A. v. Schmieders Don Cäſar
(Miller) und 1. Freiherrn H. von Reiſchachs La
Guigne (C. Aylin), 3. Old Girl (Warne). Tot. 0 (Don
(Cäſar), 76 (La Guigne):10; Pl. 12, 24, 14:10. Unpl.:
Salvator, Sprudel, Erato und Amneſtie. Tot. Rennen-
1½ Lg. Preis vom Rhein; 6000 Mark, Diſtanz
1800 Meter: 1. Monſ. A. Calmans Orme du Mail
(Childs), 2. Sideslip (Shaw), 3. Compendium
(Curry). Sehr ſicher 2½4 Lg. Zukunfts=Rennen;
36 000 Mark, Diſtanz 1200 Meter: 1. Monſ. Ed. Blanes
Lord Burgoyne (G. Stern), 2. Moenus (Childs), 3.
La Boheme (V. Curry). Scharfer Kampf, Hals-1½
2½ Lg. Sandweier=Rennen; 6000 Mark, Diſtanz 1400
Meter: 1. Herrn R. Haniels Queenie (Sumpter), 2.
Götterbote (Miller), 3. Nihiliſt (C. Aylin). Leicht
¾1½ Lg. Oos=Handikap; Preis 12300 Mk., Diſtanz
1800 Meter: 1. Königl. Hauptgeſtüt Graditz’ Damas=
cener
(Bullock), 2. Carthage III (Ryan), 3. Donner III
(Spear). Leicht 1½1 Lg. Yburg=Jagdrennen;
4200 Mark, Diſtanz 4000 Meter: 1. Monſ. Ch. Lienarts
La Core (A. Carter), 2. Trianon (Head). Zwei liefen.
Leicht, 2½ Lg.; Eventualquoten im Zukunfts=Rennen:
Lord Burgoyne 12:10, Mondſtein 42110, Vert Vert III
291110, La Boheme II 131110, Saint Geneſt 499110,
Moenus 275:10.

Handel und Verkehr.
H. Fran kfurt, 23. Aug. ( Fruchtmarkt=
bericht
.) Am Wochenmarkte war Landweizen reich=
Mühlen wenig kauften. Erſt nachdem aus Baden grö=
ßere
Aufträge eintrafen, entwickelte ſich lebhaftere
Nachfrage, ſo daß die Preiſe gut behauptet blieben.
Landroggen wurde knapper angeboten und lag feſt. Für
beſſere Ware herrſchte Begehr und bewilligten Käufer
Preiſe über Notiz. Gerſte ruhig und gute Qualität ten in Miſſonla an. Man ſchlägt in die Wälder breite
nur ſehr mäßig offeriert. Hafer in guten Sorten ge=
fragt
und beſſer bezahlt. Mais und Fütterartikel
preishaltend. Die Forderungen für Mehl ſind unver=
ändert
.
ruhig. Verkäuker nachgiebig.
An der Berliner Getreidebörſe waren
Brotfrüchte matter auf mangelnde Kaufluſt. Der Saa=
tenſtandsbericht
Preußens, der ungünſtiger als im
Juli ausfiel, blieb ohne Eindruck, da man nicht anders
erwartet hatte: Ruſſiſche Angebote waren zahlreicher
und billiger. Für Hafer beſſerer Qualität zeigte ſich
Begehr.
Nach den letzten Kabelnachrichten von den ameri=
kaniſchen
Getreidemärkten (Chieago und
New==York) war Weizen ſchwankend, aber eher ſchwä=
cher
auf Berichte über größere Ankünfte im Innern
der Vereinigten Staaten und hoffnungsvollere Ernte=
ausſichten
in Rußland. Mais anfangs nachgebend auf
günſtige weſtliche Wettermeldungen, dann erholt in=
folge
Deckungen der Baiſſiers. Die ſichtbaren Weizen=ſidenten Taft entſandte der Gouverneur von
gangen. In Kanada ermäßigten ſich die Weizen=
vorräte
in dieſer Woche von 3.72 Mill. Buſh. auf 2.67
Mill. Buſh.
Hier ſtellen ſich die Preiſe bei 100 Kilogramm wie
Norddeutſcher 20.50, Kurheſſiſcher 20.50, Rumäniſcher
22.0023.00, Redwinter 22.5023.75, Ruſſiſcher 23,00 bis
24.00, Laplata 22.5023.75, Donauweizen 22.2523,00,
Kanſas 22.5023,75, Walla Walla 22.5023.75; Rog=

gen, hieſiger, 15.0015.10, Bayeriſcher (Pfälzer) 15.00 15.10, Ruſſiſcher Amerikaniſcher , Rumäni=
ſcher
; Gerſte, Pfälzer, 16.5017.50, hieſige und
Wetterauer 16.0016,50, Riedgerſte 16.5017.50, Unga=
riſche
21.0021.50, Fränkiſche 16.5017.50, Ruſſiſche
Futtergerſte ; Hafer, hieſiger, 16.0016.50, Bayris
ſcher 16.0016.50, Ruſſiſcher , Amerikaniſcher
Rumäniſcher ; Mais mixed 14.7515.00, Ruſſiſcher
15.5016.00, Donaumais 15.20, Rumäniſcher 15.25,
Weißer Mais 15.25, Laplata 15.00; Weizenſchalen 9.50
bis 10.00, Weizenkleie 9.009.50, Roggenkleie 9.50 bis
10, Futtermehl 12.2513.00, Biertreber, getrocknet, 12.25
bis 12.75; Weizenmehl, Baſis ab Mannheim, hie=
ſiges
Nr. 0 31.2531.50, feinere Marken 31.7532.00,
Nr. 1 29.5030.00, feinere Marken 30.2530.50, Nr. 2
28.5029.00, feinere Marken 29.2529.50, Nr. 3 26.50
bis 27.00, feinere Marken 27.2527.50, Nr. 4 25.50 bis
25.75, feinere Marken 26.0026,25; Roggenmehl,
hieſiges, Nr. 0 24.2524.50, Nr. 1 23.2523.50, Nr. 2
20,0020,25.

Landwirtſchaftliches.
* Die Landwirte und Gemeinden in der Provinz
Starkenburg werden auf den auf dem Pferdemarkt=
platz
in Darmſtadt am Samstag, den 27. Auguſt
lfd. Js., vormittags 9 Uhr, beginnenden Faſelmarkt,
verbunden mit Prämiierung, aufmerkſam gemacht. Für
die Prämiierung ſtehen insgeſamt bis zu 240 Mark
zur Verfügung. Der Auftrieb zum Markt findet am
Markttage vormittags von 89 Uhr ſtatt.
Die diesjährige Roggenernte iſt erheblich
geringer ausgefallen, wie man im allgemeinen nach dem
Stand der Früchte im Anfang des Sommers angenommen
hat. Durch das anhaltende Regenwetter und das ein=
getretene
Lagern iſt die Ausbildung der Körner wenig
vollkommen. Es wird daher für manchen Landwirt
zweckmäßig ſein, ſich neues Saatgut zu beſchaffen. Die
Saatbauſtellen der Landwirtſchaftskammer ſind in
der Lage, von unſeren ertragsreichſten Roggenſorten
Saatgut zu liefern. Intereſſenten wenden ſich deshalb
empfehlenswerterweiſe in dieſer Beziehung an die
Landwirtſchaftskammer Darmſtadt, Rhein=
ſtraße
34, die jede Auskunft erteilt.

Die Waldbrände in Nordamerika.
* New=York, 23. Aug. Die Waldbrände
wüten jetzt ſchon ſeit vier Wochen in den Staaten
Waſhington, Idaho, Montana, Oregon, Wyoming und
Kalifornien. Eine Woche nach Ausbruch des Feuers
ſandte die Regierung ein paar Tauſend Soldaten nach
den bedrohten Gegenden, die jedoch gegen dieſes Feuer=
meer
einfach ohnmächtig waren. Wenn trotzdem der
Brand ſich jetzt nur noch auf Idaho, Waſhington und
Montana beſchränkt, ſo iſt das mehr den dem Feuer
feindlichen Naturkräften und gewiſſen Bodenverhält=
niſſen
, als dem Eingriff von Menſchenhänden zu ver=
danken
. Noch aber wütet der feurige Feind in viele
Meilen breiter Linie durch die, drei eben genannten
Staaten und vernichtet alles, was ſich ihm entgegenſtellt
oder nicht ausweichen kann. Ortſchaften, Schneide=
mühlen
, Eiſenbahnen, Herben von Haustieren und Wild=
und Menſchen. Aus Chicago wird telegraphiert, daß=
bisher
40 Anſiedelungen (die Städte oder Ortſchaften
genannt werden) in den vom Feuer ergriffenen Staaten
bereits in dem Glutmeer verſchwunden oder doch hilf=
los
verloren ſind. Nach der Richtung, die das Feuer
genommen hat, dürften noch Hunderte von Quadrat=
meilen
des ſchönſten Waldes in Flammen aufgehen.
Die Zahl der Menſchen, die umgekommen ſind, iſt
gegenwärtig noch nicht abzuſchätzen. Von 180 Perſonen
weiß man, daß ſie den Feuertod erlitten haben. Aber
die Zahl der Vermißten wächſt täglich. Zweihundert
Mann, die in Ibaho mit dem Löſchen beſchäftigt waren,
ſind ſpurlos verſchwunden. Nach einem Telegramm
aus Spokane in Waſhington iſt auch ein Paſſagierzug
der Northern Paeifiebahn mit allen ſeinen Paſſagieren
verbrannt. Der Zug war mit 42 Flüchtlingen und 19
Krankenſchweſtern von der brennenden Ortſchaft
Wallace abgefahren und ſcheint wenige Meilen gegen
Miſſonla zu von den Flammen umzingelt worden zu
ſein. Die ganze Strecke iſt jetzt von dem Glutmeer
überſchwemmt‟ Durch das Sprengen ganzer Straßen
gelang es, einen kleinen Teil der Ortſchaft Wallace zu
retten. Die Gouverneure der drei Staaten haben an
Präſident Taft um dringende Hilfe telegraphiert, da die
4000 Mann (zur Hälfte Soldaten), die jetzt das Feuer
bekämpfen, ſo gut wie machtlos ſind, denn die Flammen
rücken mit einer Geſchwindigkeit von einer Meile die
Stunde vor.
Auf den Eiſenbahnlinien iſt jeder Verkehr unmög=
lich
. Unter den Ortſchaften, die bis zum letzten Häus=
chen
vernichtet wurden, und früher betriebsfreudige,
blühende Stätten waren, befinden ſich auch Avery und
lich vorhanden; aber es blieb anfangs ſtill, da die Hodreſſon. Auch die Stadt Thompſon, welche an der
Grenze des Staates Idaho liegt, iſt zur Hälfte ver=
nichtet
. Die vier Städte Belknap, White=Pine, Noyon
und Heron brennen noch und ſind ſehr bedroht. Im
Laufe des geſtrigen Tages kamen aus dieſer Gegend
über ein Dutzend Eiſenbahnzüge übervoll mit Gerette=
Straßen, gräbt metertiefe Gräben, um dem Weiter=
greifen
des wütenden Elementes vorzubeugen. Nach
dem offiziellen Bericht ſind in drei von dem Feuer be=
troffenen
Staaten über 25 Poſtbezirke verbrannt, und
Der Mannheimer Produktenmarkt iſt! weitere 200 Poſtbezirke ſtehen in großer Gefahr, zu
verbrennen. Auch einige indianiſche Reſernationen im
Staate Waſhington ſind mit verbrannt. Geſtern waren
vom Bitter=Bobt=Valley 25 Ortſchaften ſichtbar, welche
lichterloh brannten.
* Butte (Montana), 23. Aug. 600 Mann, welche
am 20. Auguſt zur Bekämpfung der Waldbrände
ausgerückt ſind, werden vermißt. Man befürchtet,
daß alle umgekommen ſind. Die Feuerſäule rückt der
mit Flüchtlingen überfüllten Ortſchaft Thompſon immer
näher.
* Spokane (Waſhington), 23. Aug. Faſt der ge=
ſamte
Waldbeſtand im bſtlichen Idaho ſteht in
Flammen. Man befürchtet, daß 300 Menſchen um=
gekommen
ſind.
* Spokane, 24. Aug. Auf Anregung des Prä=
vorräte
ſind in dieſer Woche vön 18.58 Millionen Buſh. Idaho die geſamte verfügbare Staatsmiliz zur
auf 22.36 Mill. Buſh. geſtiegen, aber die Maisvorräte Unterſtützung der Bundestruppen bei der Bekämpfung
von 3.02 Mill. Buſh. auf 2.67 Mill. Buſh. zurückge= der Waldbrände im nördlichen Idaho. Nach einem
an amtlicher Stelle in Wallace eingegangenen Bericht
wurden nördlich von Murray (Idaho) 56 Leichen
gefunden. Dreihundert Leute, von denen man fürchtet,
daß ſie umgekommen ſind, waren in den Weimuts=
folgt
: Weizen, hieſiger und Wetterauer, 20.50, kiefernwäldern Nordidahos beſchäftigt. Man hat keine
Nachricht von ihnen.

[ ][  ][ ]

Nummer 198.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 25. Auguſt 1910.

Seite 3a

Zum Beſuch der Zarenfamilie in Friedberg
wird uns aus Friedberg, 24. Auguſt, geſchrieben:
Es darf nunmehr als feſtſtehend betrachtet werden, daß
die Zarenfamilie am Montag öder Dienstag auf Schloß
Friedberg eintreffen wird. Die Großherzogliche
Familie wird, wie ſchon gemeldet, das Hoflager am
Samstag nach Schloß Friedberg verlegen. Ob die An=
künft
der ruſſiſchen Herrſchaften mit der Eiſenbahn er=
folgen
wird, oder ob ſie ſich von einer Zwiſchenſtation
mittels Automobils direkt ins Schloß begeben werden,
ſteht noch nicht feſt, doch gilt als ſicher, daß keinerlei be=
hördlicher
Feſtempfang ſtattfinden wird, ſondern nur
eine Begrüßung der hohen Gäſte durch die fürſtlichen
Verwandten erfolgt.
In der Stadt hat inzwiſchen die Ausſchmückung der
Straßen eifrige Fortſchritte gemacht. In der direkt zum
Schloſſe führenden Kaiſerſtraße iſt beim Rathauſe eine
mächtige Ehrenpforte errichtet worden, die mit Fahnen,
Girlanden und Emblemen reich geſchmückt iſt; bis zum
ſüdlichen Schloßtor ziehen ſich hohe Fahnenmaſten mit
Girlanden aus Tannengrün hin und von den Maſten
wehen bereits Hunderte von Fahnen in den deutſchen,
heſſiſchen und ruſſiſchen Farben. Auch die Aus=
ſchmückung
des Schloßhofes iſt nahezu vollendet. Die
Wände der Gebäude und die kaum mannshohen Ein=
friedigungsmauern
ſind mit Lorbeerbäumen, Palmen
und zahlloſen Blumen geſchmückt, die im Laufe der
letzten acht Tage aus der Großherzoglichen Hofgärtnerei
Darmſtadt herübergeſchafft wurden. Die Ehrenkom=
pagnie
für das Zarenpaar, die am nächſten Freitag hier
eintrifft, wird diesmal, wie ſchon gemeldet, aus allen
fünf heſſiſchen Infanterie=Regimentern unter dem
Kommando des dienſtälteſten Hauptmanns Schmitz (168.
Inf.=Regt.) zuſammengeſetzt ſein; die Stadt hat bereit=
willigſt
für die Unterbringung der Mannſchaften in
Maſſenquartieren Sorge getragen.
Den außerordentlich übertriebenen Nachrichten
inbetreff des Sicherheitsdienſtes aus Anlaß des
Zarenbeſuches gegenüber ſei bemerkt, daß die eigent=
liche
Schloßwache aus zehn Mann beſteht, die in dem
Häuschen des Pedells vom nahe gelegenen Lehrer=
ſeminar
untergebracht ſind. Sonſt ſind während des
Beſuchs nur eine Pfarrerswitwe mit ihren Kindern
und ein ruſſiſcher Student, der auf dem Schloßterrain
ſeit vielen Jahren bei einer Witwe wohnt, ausquar=
tiert
worden. Der angeblich zu errichtende mittel=
alterliche
Schlagbaum beſteht aus einem niedrigen
Holzgeſtell, das den Fußgängerverkehr frei läßt, aber
verhindern ſoll, daß unbefugte Fuhrwerke, namentlich
fremde Automobile, kurzweg in den Schloßhof ein=
fahren
, wie dies auch ſchon häufiger im Jagdſchloß
Wolfsgarten geſchehen iſt. Das große eiſerne Gitter
mit Staketen, das angeblich errichtet werden ſollte,
beſteht aus einem Stacheldrahtzaun, der zum Schutze
gegen Obſtdiebſtähle angebracht wurde. Daß eine An=
zahl
Kriminalbeamte unter Leitung des Herrn Polizei=
rats
Krämer mit dem Sicherheitsdienſt betraut wur=
den
, iſt ſelbſtverſtändlich, doch genügen dafür die heſſi=
ſchen
Beamten vollſtändig und man hat natürlich
keinen Augenblick daran gedacht, auch franzöſiſche,
ruſſiſche, belgiſche, italieniſche und ſonſtige ausländiſche
Beamte heranzuziehen. Das ſind lediglich Phantaſie=
geſpinſte
eines Reporters.

Wie wir ſoeben noch aus zuverläſſiger Quelle
erfahren, wird die Ankunft des Zauenpaares am Mon=
tag
vormittag auf Schloß Friedberg erwartet.

Einſendung aus dem Publikum.
Der Durchgang durch den Prinz Emilgarten
von der Niederſtraße nach der Heidelbergerſtraße und
umgekehrt war bisher geſtattet. Seit einigen Tagen iſt
nun das Tor an der Heidelbergerſtraße auch tagsüber
geſchlöſſen, ſodaß dieſer Durchgang unmöglich iſt, was
von vielen Bewohnern Beſſungens ſehr unangenehm
empfunden wird. Das Großh. Hofmarſchallamt würde
den Dank zahlreicher bisheriger Paſſanten des Gartens
ernten, wenn es anordnen wollte, daß der Durchgang
durch jenen Garten wieder, wie bisher, ermöglicht
würde.
Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Alfeld 24. Aug. Zu dem Brande, der in der
Nacht zum Dienstag auf dem Rittergut Heinß ausge=
brochen
iſt und drei Stallgebäude vernichtete, in denen
die Pferde zweier Eskadrons der Langenſalzaer
Jägerregiments untergebracht waren, wird von zuſtän=
diger
Seite weiter gemeldet: Verbrannt ſind acht Pferde,
ein weiteres mußte erſchoſſen werden; die übrigen ver=
letzten
Tiere trugen nur Fleiſchwunden davon, die
wieder heilen werden; außerdem ſind beträchtliche
Erntevorräte, die nicht verſichert waren, durch das
Feuer vernichtet worden. Die Leiche des vermißten
Jägers Helm, Sohn eines Gärtnereibeſitzers aus der
Nähe von Erfurt, wurde geſtern nachmittag unter den
Trümmern gefunden. Wie das Feuer entſtänden iſt,
läßt ſich noch nicht ermitteln.
* Sonnenburg, 24. Aug. Der Diener Stoß, der
wegen zahlreicher Einbrüche zu 10 Jahren Zuchthaus
verurteilt wurde, iſt geſtern nacht aus dem Zuchthaus
ausgebrochen.
* Brunsbüttelkoog, 24. Aug. Der Dampfer
Mainz, der mit dem Prinzen Heinrich von
Preußen, dem Grafen Zeppelin, Profeſſor Her=
geſell
und den anderen Mitgliedern der Zeppelin=
Expedition an Bord heute morgen hier angekommen
iſt, hat, nachdem ſich die Prinzeſſin Heinrich mit dem
Prinzen Waldemar an Bord begeben hatte, die Fahrt
durch den Kanal nach Kiel fortgeſetzt.
* Wien, 24. Aug. Auf einem Schleppſchiffe ere
krankte geſtern auf der Fahrt von Budapeſt nach
Wien unter choleraverdächtigen Umſtänden
ein Dienſtmädchen und ſtarb heute nacht im Franz
Joſefshöſpital. Zwei andere Perſonen ſollen ebenfalls
unter choleraverdächtigen Symptomen geſtorben ſein.
Das Reſultat der bakteriologiſchen Unterſuchung ſteht
noch aus.
* Iſchl, 24. Aug. Heute fand in Anweſenheit der
Erzherzöge und der Erzherzoginnen, ſowie zahlreicher
Mitglieder der Hochſchulen, Tauſenden von Weid=
männern
aus allen Teilen des Reiches, zahlreichen
Abordnungen von Schützenvereinen und anderen
Körperſchaften die feierliche Enthüllung des
von den Weidmännern der Monarchie anläßlich des
80. Geburtstages des Kaiſers errichteten Stand=
bildes
des Kaiſers ſtatt. Nachdem der Präſi=
dent
des Exekutivkomitees, Graf Wurmbrand= Stup=
pach
, in ſeiner Anſprache hervorgehoben hatte, daß die
Liebe zum Monarchen, von der alles, ohne Rückſicht auf
Rang, Stand und Nationalität durchdrungen ſei, die=
ſes
Standbild geſchaffen habe, vollzoa Erzherzog Franz

Salvator den Enthüllungsakt, wörauf er das Denk=
mal
dem Bürgermeiſter von Iſchl in Obhut gab.
Mittags fuhr der Kaiſer in Weidmannstracht zum
Feſtplatz im Laufener Wald, um das Standbild in
Augenſchein zu nehmen. Auf die Anſprache des Prä=
ſidenten
, Graf Wurmbrand, erwiderte der Kaiſer:
Freudig bewegt bin ich hierher gekommen, um das
Standbild in Augenſchein zu nehmen, das die Weid=
männer
Oeſterreichs als Zeichen der Treue, Anhäng=
lichkeit
und Liebe mir zum 80. Geburtsfeſte dar=
gebracht
haben. Das edle Weidwerk war immer eine
erquickende Erholung für mich, dem ich mich oft gern
hingab nach den Anſtrengungen der Arbeit, dem ich
auch immer meine Sympathie und Unterſtützung be=
wahren
werde. Ich danke Ihnen für die Huldigung
und bin auf das Tiefſte ergriffen. Herzlichen, herz=
lichen
Dank.
* London, 24. Aug. Einem Telegramm aus New=
York zufolge, iſt in Springfields auf Long=Island ein
Automobil mit fünf Perſonen von einem Zuge
total zertrümmert worden. Der Chauffeur und
zwei Kinder wurden getötet, zwei Damen wurden
ſo ſchwer verletzt, daß ihr Zuſtand hoffnungslos iſt. In
einem Wagen des Zuges wurden durch den Zuſammen=
ſtoß
ſechs Arbeiter verletzt. Der Bahnwärter wurde
verhaftet.
* Cetinje, 24. Aug. Bei dem Galadiner zu
Ehren des italieniſchen Königspaares brachte Fürſt
Nikolaus einen Trinkſpruch aus, in dem er
ſeine lebhafte Freude und ſeinen tiefen Dank dafür
ausſprach, daß das Königspaar nach Montenegro ge=
kommen
ſei. Alle Montenegriner verfolgten die Köni=
gin
mit Stolz auf dem Wege chriſtlicher Frömmigkeit
und Nächſtenliebe, wie ſie das weiſe Wirken des Königs
verfolgten, das beſtändig auf die Wohlfahrt des großen
Volkes gerichtet ſei, und deſſen wahre Intereſſen mit
denen Montenegros, ſowie überhaupt mit denen der
ziviliſierten Welt verbunden ſeien. Die großherzige Für=
ſorge
des Königs zum Vorteil des Gemeinwohles ſei
nicht der letzte unter den Rechtstiteln, auf Grund deren
er Anſpruch erheben könne auf die Anerkennung der
ganzen Welt. König Viktor Emanuel ſprach in ſeiner
Erwiderung ſeinen Dank aus für den herzlichen
Empfang und die wärmſten Glückwünſche für das un=
getrübte
Glück der Fürſtenfamilie. Dem tapferen
montenegriniſchen Volke wünſche er eine ſtets ruhm=
volle
Zukunft unter der Führung ſeines weiſen Souve=
räns
, der ihm noch lange erhalten bleiben möge.

Berlin, 24. Aug. Der Briefträger Berge
mann, der am 28. Juli auf dem Poſtamt IV am
Schleſiſchen Bahnhofe zwei Geldbeutel mit 50000 Mark
Inhalt unterſchlagen hatte, ſtand heute vor der Ferien=
ſtrafkammer
des Landgerichts I. Er war in vollem Um=
fange
geſtändig. Der Staatsanwalt beantragte 2 Jahre
Gefängnis und 5 Jahre Ehrverluſt. Das Gericht er=
kannte
auf 2 Jahre Gefängnis und 5 Jahre Ehr=
verluſt
.
Berlin, 24. Aug. Bei einer Meſſerſtecherei
in Wilhelmsruh wurde der Steinträger Otto
Noffke tödlich verwundet und iſt bereits geſtorben.
Cannes, 24. Aug. In dem franzöſiſchen Mittel=
meerhafen
Nepoule kam es geſtern abend aus gering=
fügigen
Urſachen zwiſchen italieniſchen Arbei=
tern
und franzöſiſchen Dorfbewohnern zu
einem blutigen Zuſammenſtoß, der in ein Feuergefecht
ausartete; ein Italiener wurde durch einen Schuß in
die Bruſt getötet.

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altes Töchterchen war ſtets matt und von ſchwächlichem
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amiliennachrichten.

Todes-Anzeige.
Heute vormittag um 11½ Uhr verſtarb nach
kurzem Leiden mein lieber Gatte, unſer Vater,
Bruder und Schwager
(*20583
Herr Christian Wesp
Gaſtwirt.
Um ſtille Teilnahme bittet
im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Margarethe Wesp Witwe.
Wixhauſen, den 24. Auguſt 1910.
Die Beerdigung findet ſtatt: Freitag, den
26. ds. Mts., nachmittags 3½ Uhr.

Die Beerdigung des

(16555

Herrn Georg Phil. Roß
Privatier
findet nicht, wie in der Todes=Anzeige ange=
geben
, von dem Trauerhauſe aus, ſondern
heute Donnerstag, den 25. Auguſt, nach=
mittags
2 Uhr, vom Portale des Fried=
hofes
aus, ſtatt.

Krieger-Verein
Darmſtadt.

Todes=Anzeige.
Gott dem Allmächtigen hat es gefallen,
unſer langjähriges Mitglied und Feldzugs=
(16564
kameraden
Herrn Georg Ph. Roß
Privatier
aus dieſem Leben abzurufen.
Die Beerdigung findet Dönnerstag, den
25. Auguſt, nachmittags 2 Uhr, vom Portal
des Friedhofs aus, ſtatt. Sammlung daſelbſt.
Zur Teilnahme an der Beerdigung wer=
den
die Kameraden von Lahr bis Probſt,
ſowie der VI. Bezirk erſucht.
Der Vorſtand des Kriegervereins
Darmſtadt.

Amtlicher Wetterbericht.
Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.
Verlauf der Witterung ſeit geſtern früh: Die nord=
öſtliche
Zyklone iſt nach Rußland abgezogen und hat
geſtern nur noch vereinzelt geringen Regen gebracht.
Heute früh herrſcht vielerorts bei kühler Witterung
Morgennebel. Ein neuer Randwirbel hat ſich über
Frankreich ausgebildet und bringt bei ſeinem Zuge
oſtwärts vorübergehend Regen.
Ausſichten in Heſſen am Donnerstag, den 25.
Auguſt: Zunächſt Regen, meiſt nur geringer, ſpäter
trocken, kühl.
Tageskalender.
Ludwigsfeſt um 3 Uhr in der Knaben=Arbeitsanſtalt.
Ritterſchießen der Priv. Schützen=Geſellſchaft um
½3 Uhr.
Konzert und Kinderfeſt um 4 Uhr auf der
Ludwigshöhe.
Kinderfeſt u. Konzert um 4 Uhr im Schützenhof
Konzert um 8 Uhr im Saalbau.
Konzert um 8 Uhr im Hotel Heß.
Konzert um 8 Uhr im Perkeo.
Ausſtellung des Deutſchen Künſtlerbundes (geöffnet
von 107 Uhr).
1. Darmſtädter Kinematograph (Ecke Rhein= und
Grafenſtraße): Vorſtellungen von 311 Uhr.
Verſteigerungskalender.
Freitag, 26. Auguſt.
Hofreite=Verſteigerung des Joh. Fried. Trautwein
(Schwanenſtr. 77) um 11 Uhr auf dem Ortsgericht I.

Druck und Verlag: L. C. Wiltich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Htreeſe;
für den Inſeratenteil: J. Kroſt, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 25. Auguſt 1910.

Nummer 198.

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Dr. Hof, Roßdörferſtraße 19,
Dr. Holländer, Ludwigsplatz 6,
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Woog, am 24. Auguſt 1910.
Waſſerhöhe am Pegel 3,86 m
Luftwärme 170 C
Waſſerwärme vormittags 7 Uhr 190 C
Woogspolizeiwache.
Schiffsbericht.
Hamburg=Amerika=Linie.
Mitgeteilt von dem Vertreter Herrn Adolf
Rady, Darmſtadt, Zimmerſtraße 1.
Dampfer Amerika, von New=York kom=
mend
, 23. Auguſt morg. in Hamburg.
Dampfer Moltke von Genua und Neapel
kommend, 22. Auguſt nachmittags in
New=York,,

Kurſe vom 24. Auguſt 1910.
Mitgeteilt von Hermann Reichenbach.

Bl. Staatspapiere. In Proz.
4 Dſche. Reichsſchatzanw. 100,20
3½ Deutſche Reichsanl. . 83,00
63,80
do.
4 Preuß. Schatzanweiſg. 100,10
83,00
8½ do. Conſols
83,80
B do. do.
A Bad. Staatsanleihe . . 101,50
93,50
do.
do.
4 Bayr. Eiſenbahnanl. . 101,50
91,70
do.
do.
4 Hamburger Staatsanl. 101,80
Heſſ. Staatsanleihe . . 100,80
91,00
do.
do.
79,80
Sächſiſche Renre . . . 83,20
Württemberger v. 1907 101,50
92,60
do.
3½
5 Bulgaren=Tabak=Anl. 101,50
1¾ Griechen v. 1887 . . 47,60
8¾/ Italiener Rente .
4½ Oeſterr. Silberrente . 97,30
A do. Goldrente . 99,00
do. einheitl. Rente 93,60
3 Portug. unif. Serie I 66,40
do. unif. Ser. III 68,10
do. Spezial . 11,90
5 Rumänier v. 1903 . . 101,80
do. v. 1890 . . 94,60
do. v. 1905 . . 90,30
A Ruſſen v. 1880 . . . . 91,10

*
Jf.
4 Ruſſen v. 1902 . 7
4½ do. v. 1905 .
3½ Schweden . . .
4 Serbier amort. v. 1895
4 Türk. Admin. v. 1903
4 do. unifiz. v. 1903
4 Ungar. Goldrente .
4 do. Staatsrente
5 Argentinier . . . . . .
do.
4½ Chile Gold=Anleihe
5 Chineſ. Staatsanleihe
4½
do.
4½ Japaner . . . . . . .
5 Innere Mexikaner . .
3
do.
4 Gold=Mexikan. v. 1904
5 Gold=Mexikaner . . .

InProz.
91,10
100,30
92,50
84,00
87,50
94,30
94,20
91,80
101,60
91,00
95,30
102,00
99,50
97,40
100,00
95,00
100,25

Aktien inländiſcher
Transportanſtalten.
4 Hamb.=Amerika= Paket=
fahrt
.
142,25
4 Nordd. Lloyd . . . . 109,20
4 Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 122,40
Aktien ausländiſcher
Transportanſtalten.
4 Anatol. Eiſenb. 60%
Einz. Mk. 408
4 Baltimore & Ohio . . 106,00
4 Gotthardbahn . . . . .

InProz.
4 Oeſt.=Ungar. Staatsb. 159,25
4 Oeſt. Südbhn. (Lomb.) 21,75
4 Pennſylvania R. R. 130,00
Induſtrie=Aktien.
Mainzer Aktienbrauerei . 207,50
76,30
Werger=Brauerei
Bad. Anil.=u. Sodafabrik 480,25
Fabrik Griesheim .
.257,50
.515,00
Farbwerk Höchſt .
Verein chem. Fabriken
Mannheim
326,50
Lahmeyer .
120,25
Schuckert .
.167,90
Siemens & Halske
.251,00
Adlerfahrradwerke Kleyer 433,50
Bochumer Bb. u. Guß . . 234,75
Gelſenkirchen .
.212½
Harpener .
.197½
Phönix, Bergb. u. Hütten=
betrieb
.
. . 235,25
Prioritäts=
Obligationen.
3½ Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 89,60
4 Pfälzer Prt. . . . . . 100,50
91,80
3½ do.
4. Eliſabeth., ſteuerpfl. . 98,80
4 do. ſteuerfrei . 98,30
5 Oeſterr. Staatsbahn. 105,50
do.
4
97,60
do. alte .
3
5 Oeſterr. Südbahn . . 99,40
4
do.
79,00
do.
57,50
27g
3 Raab=Oedenburger . . 74,40
4 Ruſſ. Südweſt. . . . . 90,00
4 Kronpr. Rudolfbahn . 98.10

In Pryz.
76,00
2¾/0 Livorneſer . .
Miſſouri=Pacific
Bagdadbahn Mk. 408 86,50
Anatoliſche Eiſenb..
5 Tehuantepec . . . . . 101,50

Bank=Aktien.
Berliner Handelsgeſ.
Darmſtädter Bank . .
Deutſche Bank .
Deutſche Vereinsban
Diskonto=Geſellſchaft .
Dresdner Bank
Mitteldeut. Kreditbk.
Nationalbk. f. Deutſchl.
Pfälzer Bank .
Reichsbank .
Rhein. Kredit=Bank
Wiener Bank=Vereit

Pfandbriefe.
4 Frankft. Hypoth.=Bank
S. 16 und 17
3½ do. S. 19 . . . . .
4 Frkf. Hyp.=Kreditverein
S. 1519, 2126
4 Hamb.=Hypoth.=Banl
do.
3½
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bk.
do.
3½
4 Meining. Hyp.=Bank
do.
3½
4 Rhein. Hypoth.=Bank
(unk. 1917
do. (unk. 1914)
3½
4 Südd. Bd.=Kr.=Bk.=Pf. 1
3½ do,

169½
130,00
254,90
127,60
186,60
158,10
119,20
123,40
104,75
143,20
139,00
137,40

100,20
92,30
99,60
100,50
90,50
101,60
92,60
101,00
91,00
100,10
91,00
100,50
92,60

Inpe);
Bf.
Städte=
Obligationen
4 Darmſtadt
3½ do.
100,80
4 Frankfurt .
96,10
3½ do.
4 Gießen
100,50
-
3½ do.
-
4 Heidelberg
-
3½ do.
-
4 Karlsruhe
3½ do.
91,60
-
4 Magdeburg
-
3½ do.
-
4 Mainz
-
3½ do.
4 Mannheim
3½ do.
4 München
100,10
3½ Nauheim
90,00
4 Nürnberg.
.100,20
3½ do.
-
4 Offenbach.
3½ do.
91,10
4 Wiesbaden .
102,40
3½ do.
4 Worms .
-
3½ do.
4 Liſſaboner v. 1886. .
Verzinsliche
Anlehensloſe.
4 Badiſche Tlr. 100
3½ Cöln=Mindner 100 134,75
5 Donau=Reg. fl. 100 149,00
3 Holl, Komm. 100

In Proz
3 Madrider Fs. 100 77,90
4 Meining. Pr.= Pfand=
briefe
.
.135,75
Oeſterr. 1860er Loſe 173,80
3 Oldenburger .
2½ Raab=Grazer fl. 150

Unverzinsliche
Aulehensloſe.

Augsburger
Braunſchweiger
Freiburger
Mailänder
do,
Meininger

fl.
Tlr.
Fs.
Fs.
Fs.
fl.

20 206,00
15
45
10 31,00
7

Oeſterreicher v. 1864 100
do. v. 1858 100
Ungar. Staats 100 381,00
Venediger Frs. 30
Türkiſche
400 179,40
Gold, Silber und
Banknoten.
Engl. Sovereigns .
20,39
20 Franks=Stücke
16,18
Oeſterr. 20=Kronen . . . . 16,95
Amerikaniſche Noten . . . 4,19¼
Engliſche Noten . . . . . 20,45
Franzöſiſche Noten . . . . 81,00
Holländiſche Noten .
169,45
Italieniſche Noten . . . . 80,65
Oeſterr.=Ungariſche Noten 85,10
Ruſſiſche Noten . . . . . .
Schweizer Noten . . . . . 81,15

Reichsbank=Diskonto
Reichsbank=Lombard Z3f.

40
5½

[ ][  ][ ]

Nummer 198.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 25. Auguſt 1910.

Seite 7.

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Der Pfarrer von Gamsegg.
Roman von Erich Ebenſtein.
(Nachdruck verboten.)
13)
Bei dem Namen Friedberg fällt mir ein, daß Papa
vor etwa zwei Monaten erwähnte, er ſtände mit einem
Herrn in Friedberg in Korreſpondenz wegen Ankaufs
einer neuen Sämaſchine. Er erzählte uns, der Mann
habe eine ganz eigenartige Konſtruktion erfunden und
möchte ſeine Erfindung patentieren laſſen. Papa in=
tereſſierte
ſich ſehr für die Sache, er wolle ſich die Ma=
ſchine
mal anſehen. Ich ſprach heute mit meiner Schwe=
ſter
Eva darüber auch ſie erinnert ſich aller Einzel=
heiten
.
Ein ganz guter Reiſevorwand. Wiſſen Sie viel=
leicht
, wie der Mann heißt?
Nein. Aber ich begreife wirklich nicht, warum Sie
jede natürliche Erklärung von der Hand weiſen und
mit Gewalt nach Spuren in einer Richtung ſuchen, die
ſicher gar nichts mit dem Verbrechen zu tun hat?
Das müſſen wir doch erſt abwarten!
Aber wozu braucht man das alles, da doch durch
die Ausſagen Stigls und den Fund der Mordwaffe
im Pfarrgarten des Pfarrers Schuld ſchon ſo gut wie
erwieſen iſt?
Mich intereſſiert das Motiv. Das möchte ich feſt=
ſtellen
!
Wenn Sie ſtatt deſſen doch lieber den armen För=
ſter
entlaſten wollten! Meine Hand lege ich dafür ins
Feuer, daß er unſchuldig iſt.
Hempel antwortete nicht. Er blickte nachdenklich
auf die Papierreſte, die vor ihm lagen, und die ſo viel
oder ſo wenig bedeuten konnten. Dann legte er ſie
vorſichtig in ſein Taſchenbuch.
Im ſelben Augenblick öffnete ſich die Tür, und
Eva trat ein. Sie ſah blaß aus und hatte verweinte
Augen.
Nun, Eva, iſt’s ſchon Zeit zum Abendeſſen? fragte
Hermann und ging ihr entgegen.
Ja, Hermann, ich wollte Dich eben rufen auch
Herr von Saſſen iſt drüben, er kam vor einer halben
Stunde
Gut, wir kommen gleich mit Dir hinüber. Doch
geſtatte, daß ich Dich zuvor mit meinem neuen Freunde,
Herrn Hempel, bekannt mache, der ſich zu ſeiner Er=
holung
für einige Wochen in Gamsegg niedergelaſſen
hat. Meine Schweſter Eva, fügte er, zu Hempel ge=
wendet
, hinzu.
Seien Sie willkommen bei uns! ſagte ſie einfach,

aber herzlich. Viel Frohſinn werden Sie leider jetzt
hier nicht finden!
Während ſie die Zimmerreihe durchſchritten, die
in den Speiſeſaal führte, legte Hermann den Arm um
Evas Taille und fragte leiſe:
Was hat’s denn wieder gegeben, Herz? Du haſt
geweint?

Eva ſenkte den Kopf wie ſchuldbewußt.
Verzeihe, Hermann, ich ſeh’s ja ein, wie töricht es
iſt aber es tut mir ſo weh, mitanſehen zu müſſen
Was denn? Daß Anne=Marie ſich freut, wenn
Saſſen kommt?
Eva nickte. Es iſt ſo kurz ſeit
Aber Kind. Er ſtrich ihr zärtlich über die
ſchmalen Wangen. Es iſt doch auch natürlich! Das
Leben fordert ſein Recht, Anne=Marie iſt jung, Saſſen
iſt ein ſo lieber, guter Menſch, daß man es begreifen
muß, wie ſeine Liebe ihr jetzt wohl tut und ſie vergeſſen
macht.
Sie traten in den Speiſeſaal, der hell erleuchtet
war. Hempel wurde Anne=Marie und Saſſen vorge=
ſtellt
, dann ſetzte man ſich zu Tiſch.
Immer wieder flog Hempels Blick in heimlicher
Bewunderung zu Anne=Marie hinüber. Was war das
für eine herrliche Frau! Groß, voll und doch ſo wun=
derbar
ebenmäßig gebaut.
Wahrlich, dieſe Frau hätte nicht den goldenen Hin=
tergrund
ihres großen Vermögens gebraucht, um fas=
zinierend
auf Männerherzen zu wirken. Man brauchte
bloß ihre weiche Stimme zu hören, die Anmut ihrer
Bewegungen zu erfaſſen oder einen Blick ihrer tief=
dunklen
, großen Augen aufzufangen, um zu begreifen,
wie leicht ſie einen Mann feſſeln konnte.
Und Arthur von Saſſen machte keinen Hehl aus
ſeiner Liebe. Er hatte nur Augen für ſie, er ſprach nur
für ſie.
Etwas männlich Würdevolles lag dabei in ſeinem
Weſen. Er erzählte von fremden Ländern, die er durch=
reiſt
, von intereſſanten Menſchen, die er kennen ge=
lernt
hatte, und alles, was er ſagte, war wie eine Hul=
digung
, die er zu den Füßen ſeiner Geliebten nieder=
legte
.
Obwohl er, der Trauer des Hauſes, in dem er Gaſt
war, Rechnung tragend, es ſtreng vermied, beitere
Dinge zu berühren, durchzog doch all ſeine Erzählun=
gen
eine gewiſſe harmloſe Freudigkeit, die auſteckend
wirkte und als man beim Nachtiſch angekommen war,
lag ſelbſt auf Evas Geſicht wieder ein Hauch ſüßen
Frohſiuns, wie er ihren Jahren entſprach.

Hempel aber geſtand ſich ein, daß er ſich kaum je=
mals
unter Menſchen ſo wohl und behaglich gefühlt
hatte, wie an dieſem Abend.
Als ſie gegen elf Uhr aufbrachen, ließ es Herr von
Saſſen nicht anders zu, Hempel mußte nit ihm in
ſeinem Wagen bis zum Dorf fahren.
Unterwegs ſagte Saſſen warm: Ich weiß nicht, wie
Sie darüber denken, mein Herr, aber was mich be=
trifft
, ſo ziehe ich ſolch einen ſtillen, ruhigen Abend im
Familienkreiſe den glänzenden Feſten der Welt vor!
Geld und Gut das könnte ich leicht miſſen, aber ein
trautes Heim haben und ein liebes Weih darin, das
war, was ich mir allzeit vom Schickſal wünſchte!
Nun, ich glaube, Sie ſind jetzt auf dem beſten Wege
dazu! lächelte Hempel, und wäre ihm Saſſen nicht gleich
ſynathiſch geweſen, er hätte faſt eine Spur von Neid
empfunden, als er an Anne=Marie dabei dachte.
Saſſen ſeufzte leicht.
Ich hoffe es. Aber ich wäre meinem Glück wohl
ſchon näher, wenn nicht dieſer unſelige Trauerſall da=
zwiſchen
gekommen wäre, der uns nun zwingt, zu
warten. Haben Sie Frau von Portens Bruder ge=
kannt
?
Nein, ſagte Hempel, aber nach ſeinen Angehörigen
zu ſchließen, muß er wohl ein ſelten tüchtiger Mann
geweſen ſein.
Ja, das war er. Brav und tüchtig. Ein guter
Vater und
Der Wagen hielt plötzlich, das Dorf war erreicht.
Hempel empfahl ſich und ſtieg aus.
Ein kalter Wind wehte über das Tal und rüttelte
an den alten, windſchiefen Häuſern des Dorfes, das
ſchon im tiefen Schlafe lag.
Hempel ſtand noch eine Weile einſam auf der
Landſtraße und blickte zurück nach der Anhöhe, auf der
das ſteilgiebelige Gamsegger Herrenhaus lag. Dann
ſchritt er raſch ſeiner Wohnung zu.
So war das Leben. Voller Kontraſte und ewig
wechſelnd. Vor wenigen Wochen hatten ſie aus dem
ſtolzen Gut den Herrn zu Grabe getragen, und wer
weiß, wie bald klangen die Gläſer zuſammen in fröh=
lichem
Hochzeitsjubel.
Schöne, wunderbare Anne=Marie! murmelte Hem=
pel
leiſe vor ſich hin. Ich wollt’, ich wäre dieſer glück=
liche
Saſſen!
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[ ][  ][ ]

Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt.

(65bl.

Donnerstag, 25. Auguſt.

1910.

Bekanntmachung.
Indem wir nachſtehende Polizei=Verordnung veröffentlichen, bemerken wir,
daß die in der Polizei=Verordnung vom 3. November 1904 (Meldeordnung) enthaltenen
Vorſchriften über die gleiche Angelegenheit mit dem 1. September I. Js. außer Wirk=
ſamkeit
treten.
Darmſtadt, den 17. Auguſt 1910.
Großherzogliches Kreisamt.
Fey.
Polizei=Verordnung
für die Landgemeinden des Kreiſes Darmſtadt,
die Aufnahme von Fremden in Gaſtwirtſchaften, Fremdenpenſionen und Herbergen
betreffend.
Auf Grund der Artikel 81, 82 und 83 des Polizeiſtrafgeſetzes und des Artikel 78
der Kreis= und Provinzialordnung wird unter Zuſtimmung des Kreis=Ausſchuſſes und
mit Genehmigung Großherzoglichen Miniſteriums des Innern, zu Nr. M. d. J. 12538
vom 6. Auguſt 1910 für die Landgemeinden des Kreiſes Darmſtadt folgendes
verordnet:
§ 1.
Jeder Gaſt= und Herbergswirt, ſowie jeder Inhaber einer Fremdenpenſion iſt
verpflichtet, alle bei ihm übernachtenden Fremden ohne Unterſchied des Standes und
ohne Rückſicht auf die Zeit, während der ein Fremder bei ihm wohnt, in ein Verzeichnis
(Fremdenbuch) einzutragen. Dieſes muß folgende Einteilung haben:
a) laufende Nummer nach Jahrgängen,
b) Namen,
c) Stand,

Muſt.
e) Begleitung des Fremden,
f) Tag der Ankunft,
6) Tag der Abreiſe
Das Fremdenbuch muß ferner mit fortlaufenden Seitenzahlen verſehen ſein und
darf nicht eher in Gebrauch genommen werden, als es von der Ortspolizeibehörde
abgeſtempelt und mit Vermerk über die Seitenzahl verſehen worden iſt.
Das Fremdenbuch iſt der Polizeibehörde oder ihren Beauftragten auf Erfordern
jederzeit vorzulegen.
§. 2.
Die Fremden ſind verpflichtet, den Gaſt= oder Herbergswirten oder Inhabern
von Fremdenpenſionen die zur ordnungsmäßigen Führung des Fremdenbuchs erforder=
liche
Auskunft wahrheitsgemäß zu erteilen.
§ 3.
Die Gaſt= und Herbergswirte, ſowie die Inhaber von Fremdenpenſionen ſind
verpflichtet, täglich bis acht Uhr vormittags über alle in den letzten vierundswanzig
Stunden erfolgten Aufnahmen von Fremden der Ortspolizeibehörde durch Vorlage
eines Auszugs aus dem Fremdenbuche Meldung zu erſtatten. Von dieſer Vorſchrift
können von Großh. Kreisamt Darmſtadt Ausnahmen zugelaſſen werden.
§ 4.
Zuwiderhandlungen gegen die vorſtehenden Vorſchriften werden, ſoweit nicht andere
Strafbeſtimmungen anzuwenden ſind, mit Geldſtrafe bis zu 30 Mark beſtraft.
§ 5.
Dieſe Polizeiverordnung tritt am 1. September 1910 in Kraft.
Darmſtadt, den 17. Auguſt 1910.
(16326sid
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
Fey.

Amtliche Nachrichten des Großherzoglichen Polizeiamts Darmſtadt.
Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde.
In polizeilicher Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 2 Pinſcher.
Die Hunde können von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt
werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werk=
tag
, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.
Straßenſperre.
Wegen Vornahme von Kanalbauarbeiten wird der Hohle Weg zwiſchen Ring=
ſtraße
und dem Haus Nr. 40 vom 26. Auguſt bis zum 20. September ds. Js. für den
Fuhrwerksverkehr geſperrt.
(16576
Oktroi für Weine.
Der in der Stadtgemarkung hergeſtellte Wein und Obſtwein unterliegt der
Oktroiabgabe.
Die Wein= und Obſtweinproduzenten haben vor Beginn der Kelterung der Oktroi=
verwaltung
ſchriftlich oder mündlich Anzeige zu erſtatten unter gleichzeitiger Angabe, an
welchen Tagen die Kelterung begonnen und ſie beendet werden ſoll. Sie erhalten hier=
über
eine Beſcheinigung, die ſie im Kelterhauſe aufzubewahren und dem mit der Auf=
ſicht
beauftragten Oktroiperſonal auf Verlangen vorzuzeigen haben.
Die Kelterung wird durch das Oktroiperſonal überwacht, dem zu jeder Zeit
bereitwillig zu geſtatten iſt, die Menge des produzierten Moſtes ſowohl im Kelterhaus
als im Keller feſtzuſtellen. Solange dieſe Feſtſtellung nicht ſtattgefunden hat, darf
von dem gewonnenen Moſt nichts in Verbrauch genommen oder entfernt werden.
Nach beendigter Kelterung wird der Oktroi von dem hergeſtellten Moſt nach den
Sätzen des Oktroitarifs berechnet und erhoben. Hierbei werden von der durch die
Aufnahme ermittelten Geſamtmenge 5 Prozent für Hefe in Abzug gebracht.
Ausgenommen von den vorſtehenden Kontrolmahregein ſind dieſenigen Wein=
händler
im großen, denen die im § 2 der Bekanntmachung vom 30. November 1903,
betreffend den Oktroitarif, vorgeſehene Erleichterung für den Weingroßhandel zu=
geſtanden
iſt. Sie haben nach Anleitung der Verwaltung ein beſonderes Kelterregiſter
zu führen, in das die Menge des hergeſtellten Moſtes täglich gewiſſenhaft einzuſchreiben
iſt. Am Schluſſe der Kelterung haben ſie einen durch eigene Unterſchrift beglaubigten
Auszug aus dem Regiſter der Verwaltung zuzuſtellen, auf Grund deſſen die Berech=
nung
und Erhebung des Oktrois erfolgt.
Der Oktroiverwaltung ſteht das Recht zu, von dem oben vorgeſchriebenen Kelter=
regiſter
Einſicht zu nehmen.
Zuwiderhandlungen gegen vorſtehende Beſtimmungen werden entweder nach § 15
des Oktroi=Reglements vom 24. Auguſt 1832 als Defraudation zur Strafe gezogen,
oder, falls der Betrag des defraudierten Oktrois nicht feſtgeſtellt werden kann, mit
Ordnungsſtrafen von 2 Mark bis 30 Mark geahndet.
Darmſtadt, den 20. Auguſt 1910.
(16566a
Großherzogliche Bürgermeiſterei Darmſtadt.
J. V: Mueller.
Verſteigerungs-Anzeige.
Donnerstag, den 25. Auguſt 1910, nachmittags 4 Uhr,
verſteigere ich im Saale Rundeturmſtr. 16 öffentlich zwangs=
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2 Kaſſen=, 8 Kleider= und 2 Eisſchränke, 12 Vertikos, 2 Büfetts, 1 Pianino,
6 Diwans, 5 Sofas, 6 Waſchtiſche, 4 Kommoden, 3 Trumeaux, 5 Schreib=
tiſche
, 2 Spiegelſchränke, 8 Spiegel, 20 Stühle, 6 Tiſche, 2 Nähmaſchinen,
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20 Miſtbeetfenſter, 1 Partie Weißwein und Spirituoſen, 1 Waſchmaſchine,
1 Dezimalwaage, 1 Kanarienvogel uſw.
Darmſtadt, den 24. Auguſt 1910.
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Thüre, Großh. Gerichtsvollzieher,
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Meriten e enten e.
Sänglingsſterblichkeit.
Der von der Stadt mit der Firma
Chriſtoph Reich, Wienersſtraße 61, dahier
abgeſchloſſene Vertrag wegen Lieferung von
Säuglingsmilch iſt mit Wirkung vom
24. Auguſt ds. Js. aufgelöſt worden.
Verhandlungen wegen Beſchaffung eines
geigneten Erſatzes ſind im Gange. Die
Intereſſenten werden erſucht, ſich inzwiſchen
anderweit mit einwandfreier Milch zu ver=
ſehen
. Der von der Stadt ſeither für die
Bezahlung der Reichſchen Milch gewährte
Zuſchuß wird ihnen auf Anfordern in
unſerem Bureau, Waldſtraße 6, vergütet
werden.
(16539
Darmſtadt, den 23. Auguſt 1910.
Großherzogliche Bürgermeiſterei Darmſtadt.
I. V.: Mueller.
Bekanntmachung.
Donnerstag, den 15. September I. Js.,
vormittags 10 Uhr,
leuten, zu Frankfurt a. M., im Grundbuch
der Gemarkung Darmſtadt zugeſchriebene
Liegenſchaft:
Flur Nr. qm
II 9415/100 285 Hofreite Heinrichſtr.
Nr. 126,
in unſerem Bureau zwangsweiſe verſteigert
werden.
(K67/10
Falls andere rechtliche Hinderniſſe nicht Neu eingetragen die Firma:
entgegenſtehen, kann Genehmigung der Ver=
ſteigerung
auch dann erfolgen, wenn das
eingelegte Meiſtgebot die Schätzung nicht
erreicht.
Darmſtadt, den 16. Auguſt 1910.
Großh. Ortsgericht Darmſtadt I.
J. V.: Ganß, (D16543,5
älteſter Gerichtsmann.
Grummetgras=Verſteigerung.
Montag, 29. Auguſt, nachmittags 5 Uhr,
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der verſchalten Decken ꝛc. in der Groß=
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ſchen
Schlachthofes ſoll vergeben werden.
Arbeitsbeſchreibungen und Bedingungen
liegen bei dem unterzeichneten Amte, Grafen=
ſtraße
Nr. 30, Zimmer Nr. 9, während der
Dienſtſtunden offen, woſelbſt auch die An=
gebotsſcheine
abgegeben werden.
Angebote ſind bis
Donnerstag, den 1. September 1910,
vormittags 10 Uhr
bei unterzeichneter Stelle einzureichen.
Darmſtadt, am 24. Auguſt 1910.
Stadtbauamt
Buxbaum.
(16581df
In unſer Handelsregiſter A wurden fol=
a
gende Einträge vollzogen:
Am 16. Auguſt 1910.
Aenderung hinſichtlich der Firma:
Ph. Lorz, Hoflieferant, Darmſtadt.
Geſchäft ſamt Firma iſt auf Jakob
ſoll die den Karl Ludwig Hennemann Ehe=Epting, Kaufmann in Darmſtadt, überge=
gangen
.
Der Uebergang der in dem Betriebe des
Geſchäfts begründeten Verbindlichkeiten und
Forderungen iſt bei dem Erwerbe des Ge=
ſchäfts
durch Jakob Epting ausgeſchloſſen.
Die Firma iſt geändert in:
Ph. Lorz.
Am 18. Auguſt 1910.
Dr. Bachfeld & Co., Darmſtadt.
Inhaber: Dr. phil. Eugen Bachfeld,
Chemiker, Garl Suppes, Apotheker, Oskar
Mittelbach, Glasinſtrumentenmacher, ſämt=
lich
in Frankfurt a. M., Friedrich Techel,
Kaufmann in Darmſtadt.
Offene Handelsgeſellſchaft.
Die Geſellſchaft hat am 1. Juli 1910
begonnen.
Aenderung hinſichtlich der Firma:
Darmſtädter Möbelinduſtrie Allei=
niger
Inhaber Philipp Feidel,
Möbel= und Polſterwarenfabrik,
(6535
Darmſtadt.
Die Firma iſt geändert in:
PhilippFeidel, Darmſtädter Möbel=
Dekoration.
Darmſtadt den 20. Auguſt 1910.
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[ ][  ][ ]

Seite 122

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 25. Augnſt 1910.

Nummer 198.

Tarngenleilde Darmstauf.

Sonntag, den 28. Auguſt:
Jamilien=Ausflug
mit Spiel und Tanz.
Abmarſch vorm. 7.30 Uhr von der Anlage am Friedhof ab nach
rundel
Nieder=Ramſtadt - Breiterſtein Nieder=Modau
Rodau -Rohrbach Lichtenberg -Groß=Bieberau.
(Ruckſackverpflegung.) Gemeinſchaftlicher Mittagstiſch findet nicht ſtatt.
Zu recht zahlreicher Beteiligung ladet ein
(16592
Der Vorſtand.

Darmſtädter Konſum=, Spar= u. Produktions=Genoſſenſchaft
Eingetragene Genoſſenſchaft mit beſchränkter Haftung.
Einladung
zur außerordentlichen Generalverſammlung
Sonntag, den 28. Auguſt 1910, nachmittags 3½ Uhr,
im Gewerkſchaftshaus, Bismarckſtraße 19.
Tagesordnung:
1. Bericht über Genoſſenſchaftstage von 1909 und 1910.
2. Vortrag des Herrn Prof. Dr. Staudinger über: Genoſſenſchaftliche
Zeit= und Streitfragen auf wirtſchaftlichem Gebiet.
3. Ergänzungswahlen zum Aufſichtsrat. Es ſind 4 Mitglieder zu wählen.
4. Verſchiedenes und event. Anträge.
Antrag: Verlegung des Jahresabſchluſſes vom 30. September auf den
30. Juni.
Legitimationskarten am Saaleingang vorzeigen.
Um zahlreichen und pünktlichen Beſuch bittet
(16369od
Der Aufſichtsrat: J. Jung.

Städtischer Saalbau.

Heute Donnerstag, den 25. Auguſt, abends 8 Uhr,
(zur Feier des Ludwigsfestes)
Grosses Fest-Konzert
der Kapelle des Grossh. Hess. Artillerie-Regiments Nr. 61
Leitung: Musikmeister M. Weber.
Gastspiel L. Kümmel.
(16532
Besonders gewählttes Programm.
Eintritt 50 Pfg., Studierende und Militär 30 Pfg., Dutzendkarten (Blocks) Mk. 4.
NB. Das Konzert findet Donnerstag bei jeder Witterung (bei ungünſtiger
Witterung im großen Saale) ſtatt.

Ladwigsnole
Ladwigstug!
Donnerstag, den 25. August 1910
Großes Kinder= u. Familienfeſt
Ein Jubeltag für unſere Jugend.
Feſt= und Spielleiter: Herr Eugen Samler (Auerbach).
Grosses Militärkonzert der Kapelle Weber
Kinderſpiele aller Art, Kinderpolonäſe mit Tanz
Wettſpiele mit Verteilung von Geſchenken!
Aufſteigen von Fallſchirm=Luftballons
Ueberraſchungen
(B16547
Anfang 4 Uhr
Eintritt 25 Pfg.
Kinder 15 Pfg.

SekuckenHorf
Donnerstag (Ludwigstag) nachmittags 4 Uhr
Grosses Kinderfest
Konzert einer grösseren Kapelle des Leib-Drag.-Regts. Nr. 24
Kinderpolonäse, Sackhüpfen, Eierlauf, Topflauf usw.
Nach jedem Spiel Preisverteilung.
Verschiedene Sorten Kuchen und Kaffee
Eintritt für jede Person 10 Pfg.
Hieran anschliessend:

eee
Fest-Konzert
der Kapelle des Leib-Dragoner-Regiments Nr. 24
Leitung: Obermusikmeister Rühlemann.
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Sonntag, den 28. und Montag, den 29. Auguſt,
findet
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Die Hofbürstenfabrik

befindet sich

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nur Schulstrasse 6

im Hause des Herrn LANGE.

Zum 2. sepfember!
Stärker und ergreifender als ſeit Jahren tritt uns durch die vierzigjährige Ge=
denkfeier
in dieſen Tagen die Erinnerung an die unvergeßliche, glorreiche Zeit entgegen,
die uns den Sieg und die Gründung des Deutſchen Reiches brachte, und erregt in
jedem Vaterlandsfreund Gefühle der Erhebung und der Dankbarkeit.
Ernſte Pflicht erwächſt uns, dieſen unſeren Dauk für das von unſeren braven
Truppen damals Getane auch diesmal wieder dadurch zu betätigen, daß wir zum Beſten
unſerer Kriegsinvaliden und Kriegshinterbliebenen in der Zeit des 2. September in
Gotteshäuſern oder bei ſonſtigen Vereinigungen durch unſere Gaben dazu beitragen,
das Los der Opfer des damaligen Krieges auch weiterhin noch beſſer zu geſtalten, als
Reich und Staat allein es vermögen.
Wir bitten insbeſondere wie früher die evangeliſchen Pfarrämter und Kirchen=
vorſtände
, gemäß der ihnen von Großherzoglichem Oberkonſtiſtorium erteilten Erlaubnis,
bei den betreffenden Gottesdienſten Kollekten für jenen Zweck zu erheben.
Unſere Zweigvereine erſuchen wir, wie ſeither möglichſt für die Verbreitung
dieſer Anſprache und Durchführung unſerer Sammlung zu wirken, insbeſondere an
geeigneten Orten Sammelbüchſen aufzuſtellen.
Alle, welche uns demnächſt die Erträgniſſe von Sammlungen zu übermitteln
haben, bitten wir, dieſelben durch Poſteinzahlung an unſeren Schatzmeiſter, Herrn
I. Hauptſtaatskaſſedirektor Dexheimer, Neckarſtraße 13 dahier, einzuſenden.
Darmſtadt, den 18. Auguſt 1910,
am Tage von Gravelotte.
(16563
Der Heſſiſche Landesverein vom Roten Kreuz, als Landesverein
der Kaiſer=Wilhelm=Stiftung für deutſche Invaliden.
Der Vorſtand.
A. Buchner,
Dr. Weber,
Ober=Regierungsrat,
Oberkonſiſtorial=Präſident a. D.,
Wirkl. Geheimerat,
Schriftführer.
Vorſitzender.

Die unterm 19. Dezember 198 unter Nr. 230 auf das Leben des Herrn Geora
Aumüller, Kaufmann in Darmſtadt, ausgefertigte Lebensverſicherungs=Polize iſt
abhanden gekommen.
Wir bringen dies hiermit zur öffentlichen Kenntnis mit der Aufforderung, die
event. aus dieſer Polize von Dritten geltend zu machenden Anſprüche innerhalb
dreier Monate, vom Datum der Veröffentlichung ab gerechnet, bei uns anzumelden,
widrigenfalls dieſelben nach Ablauf dieſer Friſt als erloſchen gelten und die verloren
gegangene Polize von uns für kraftlos erklärt werden wird.
(16540
Berlin, den 23. Auguſt 1910.
Deutscher Anker,
Penſions= und Lebensverſicherungs=Aktien=Geſellſchaft in Berlin.
C. Schnell.

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anfangs Auguſt und September.
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und Sonntags von 115 Uhr, gefl. entgegen. Verlangen Sie meine Tanzlehrbeſtim=
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(Proſpekt) gratis und franko. Schriftliche Anmeldungen und Anfragen finden
ſofortige Beantwortung. Nachhilfekurſe und Erlernung der Francaiſe=Quadrille zu
jeder Zeit. Kurze Herrenkurſe für Studierende der Hochſchule, ſowie für alle
Zivil= und Militärperſonen. Eigenen Privatſaal in meiner Wohnung.
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Privat= und Inſtituts=Tanzlehrer,
Mitglied der Frankfurter Tanzlehrer=Vereinigung.

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[ ][  ][ ]

2. Beilage zum Darmſtädter Tagblatt.

§ 198.

Donnerstag, 25. Anguſt.

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[ ][  ]

Seite 14.

Darmſtädter Tagblatt, Donnerstag, den 25, Augnſt 1910.

Nummer 198a

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Tlerzun Darmstadt. (

11224a.

Aus der Geſchichte der Alpenblumen.
7) Alpenroſen und Edelweiß, dieſe holben Symbole
der Alpen und des Alpenſports, die ſo mancher in vollem
Strauß von ſeinen Wanderungen und Ferienfahrten jetzt
mit nach Hauſe bringt, ſind eigentlich gar keine einge=
borenen
Sprößlinge der ewigen Berge, ſondern Kinder
einer heißeren Konne, die ſich freilch ſeit uralten Zeiten
ein Heimatsrecht auf den ſtolzen Felſenhöhen erworben
haben. Dieſe farben= und formenſchönen Kinder Floras
haben eine eigenartige ehrwürdige Geſchichte, können dem
Bergſteiger, der ſie pflückt, aus grauen Vorzeiten der
Menſchheit erzählen und werden dem, der etwas mehr
von ihrem Urſprung und ihren Schickſalen weiß, einen
neuen Reiz offenbaren. Aus dieſer Geſchichte der Alpen=
blumen
erfahren wir wertvolle Aufſchlüſſe in der vor kur=
zem
erſchienenen Monographie des Edelweißes von Dr.
E. M. Kronfeld.
Alpenroſe ſowohl wie Edelweiß ſind die fortdauern=
den
Zeugen einer verſunkenen Welt, Reſte der dem Auf=
treten
des Menſchen vorausgegangenen Tertiärzeit in un=
ſeren
Alpen. Die Flora dieſer prähiſtoriſchen Epoche iſt
durch foſſile Funde erhalten. Es herrſchte damals in den
Tälern Mittel=Europas und am Mittelländiſchen Meer
eine tropiſche Vegetation, wie ſie jetzt in Oſtaſien und im
wärmeren Nordamerika vorkommt. Auch auf den höchſten
Bergen Europas muß ein verhältnismäßig mildes Klima
geweſen ſein, und als dann die Flora der Tertiärzeit durch
die folgende Eiszeit zum größten Teil vernichtet wurde,
erhielten ſich auf den hohen Gipfeln einige urſprüngliche
Arten, während die meiſten Blumen der Tertiärzeit nach
den tropiſchen Gebieten Aſiens verdrängt wurden. Nicht
weniger als vier Fünftel unſerer gegenwärtigen Alpen=
pflanzen
ſind dieſer Gruppe von tertiären, einer heißeren
Erd=Epoche entſtammenden Arten beizuzählen. Sie ha=
ben
ſich gleichſam ins Gebirge geflüchtet und dort in
ſicherer Hut der Höhen die Revolutionen überdauert, die
die Täler durch die Jahrtauſende heimſuchten. So kommt
es, daß ſich gerade in Aſien ein außerordentlicher Reich=
tum
jener Pflanzenarten entfaltet, die auch für die Alpen
charakteriſtiſch ſind. Das kühle Edelweiß, dies Sinnbild
der Alpengipfel, iſt ebenſo ein Kind des heißen Zentral=
Aſiens wie die Alpenroſe, deren verwandte Rhododendren=
Arten in größter Mannigfaltigkeit von Kleinaſien bis Oſt=
aſien
vorkommen.
Eine aſiatiſche Pflanze iſt das Edelweiß und ſteht in
der europäiſchen Flora, was ſein Ausſehen anlangt, ganz

vereinzelt da. Das aus langen lufthaltigen Haaren ge=
bildete
Filzkleid der Pflanze iſt nicht etwa ein Schutzmit=
tel
gegen Kälte, ſondern bewahrt das Edelweiß wie an=
dere
Steppenpflanzen gegen den Sonnenbrand, d. h. gegen
die Gefahr jäher Austrocknung, ähnlich wie ſich der Be=
duine
in weiße Wollſtoffe hüllt. Für die warme Heimat
des Edelweißes ſpricht auch der Umſtand, das es um ſo
häufiger wird, je weiter wir in unſeren Alpen nach Süden
kommen, und daß es unſeren Winter ohne Schutzdecke in
den Gärten nicht verträgt. Nicht viel anders verhält es
ſich mit der Alpenroſe, die ebenfalls als der letzte Ausläufer
einer in der gegenwärtigen Schöpfungs=Epoche weſentlich
weiter öſtlich gedeihenden Gattung iſt. Daß früher auch
die orientaliſchen Alpenroſen im Alpengebiet vorkamen,
geht aus einem wichtigen Funde hervor, den Proſeſſor
Wettſtein gemacht hat. Er wies nämlich in der foſſilen
Flora der unter dem Namen der Höttinger Breccie be=
kannten
Ablagerungen am Talgehänge nördlich von
Innsbruck jene pontiſche Alpenroſe nach, die ſo vielfach
in unſeren Gärten kultiviert wird und die jetzt noch wild,
ſowohl in der Waldregion der pontiſchen Gebirge und des
Kaukaſus, wie auf begrenztem Areal im ſüdlichen Spa=
nien
vorkommt. Dieſe Verbreitung der pontiſchen Alpen=
roſe
war bis zu ihrem Nachweis in der Höttinger Breccie
ganz unerklärlich. Nun aber iſt feſtgeſtellt, raß zur Zeit
der Bildung der Breccie die pontiſche Alpenroſe in den
Gebirgen Mitteleuropas verbreitet war und die heutigen
Fundorte der Pflanze nur noch als die letzten Reſte des
ehemaligen Verbreitungsbezirkes anzuſehen ſind. Ueber=
haupt
muß damals, wie auch andere Pflanzenfunde er=
weiſen
, ſich an den Talhängen nördlich von Innsbruck
eine von der heutigen Flora vollkommen abweichende ſich
befunden haben, die ihr Analogon in der heutigen Flora
der Waldregion der pontiſchen Gebirge hat. Als das in
der Tertiärzeit herrſchende milde Klima von der rauhen
Kälte der Eiszeit abgelöſt wurde, mußte auch die Haupt
maſſe der alpinen Tertiärflora vernichtet werden. Ein=
zelne
Arten, wie Alpenroſe und Edelweiß überdauerten
die Eiszeit, andere erhielten ſich am Rande der Gebirge,
bis wieder milderes Klima eintrat. Daher kommt es, daß
ſich gerade am Rande der Alpen merkwürdige Arten aus
dem Tertiär erhalten haben, die früher für pflanzengeo=
graphiſche
Rätſel galten. Ein Beiſpiel dafür iſt die =
nigsblume
auf dem Lorenziberge bei Laibach, die ihren
Namen einem Beſuche des Königs Friedrich Auguſt von
Sachſen verdankt, der ihretwegen 1838 eigens eine Reiſe
nach Krain unternahm. Nicht geringere Berühmtheit hat
die nur auf den Alpenmatten in der Umgegend des Gart=
nerkofels
in Kärnten blühende Wulfenia carinthiaca er=
langt
, deren nächſte Verwandte erſt in Albanien, Syrien
und Afghaniſtan vorkommen. Ja, einige unverkennbar
alpine Pflanzen kommen in Mitteleuropa ſeit der Zeit,
da ſie die Vergletſcherung von den Bergen herabtrieb, auf
Hügeln und in der Ebene vor. In nächſter Nähe Wiens
gedeihen Primula Auricula, Saixfraga Aizoen, Cala=
mintha
alpina und Roſa alpina auf den Felſen des Wie=
ner
Waldes. Kottwitz bei Breslau, der Harz, das Schwen=
dinmoos
in Oberſchwaben, Friedingen im Schwäbiſchen
Jura ſind als ähnliche Inſeln von Alpenpflanzen be=
rühmt
. An all dieſen Stätten ſind vergängliche Blu=
nen
die dauernden Zeugen uralter Zeit geblieben.
Früher glaubte man, daß die alpine Flora die größte
Verwandtſchaft mit der arktiſchen Pflanzenwelt habe, aber
dies arktiſche Element in der heutigen Alpenflora beträgt
doch nur ein Fünftel des ganzen Beſtandes. Da die
Hochgebirge Skandinaviens ebenſo wie die Alpen die Ver=
gletſcherung
der Eiszeit mitmachten, ſtiegen aus dem Nor=
den
Bergpflanzen in die deutſech Ebene hinab. Ein Teil

von ihnen machte dann die Wiederbeſiedelung der Alpen
nach der Eiszeit mit, aber die aus den wärmeren Erd=
ſtrichen
vorkommenden Arten waren doch bedeutend zahl=
reicher
als die Nordlandspflanzen. Dieſe Bergſteiger aus
der heißen Zone machen daher den ſchönſten und wichtigſten
Teil der Alpenflora aus.

Vermiſchtes.
nge. Das Ende des Berliner Zimmers. Es iſt eine
ſchlimme Zeit für die Berliner Hauseigentümer. Mehr
als 4000 Wohnungen ſtehen leer. Trotzdem iſt nichts
von einer Verringerung der Bautätigkeit und
der Bauluſt zu ſpüren. Namentlich im weſt=
lichſten
Teile des Berliner Weſtens, nach dem
Grunewald zu, wachſen die Straßen und die Plätze mit
unheimlicher Schnelligkeit gleichſam aus der Erde her=
aus
. Wo vor wenig Jahren noch ödes, von Bretter=
zäunen
umſäumtes Gelände war, wo der Fuß im
Sande verſank, reiht ſich jetzt ein ſchmuckes, ſtattliches
Haus an das andere an. Es ſind viel zu viele für die
Nachfrage. An jeder Tür faſt hängen die Mietzettel
und locken mit der Verſicherung, daß aller Komfort=
der
Neuzeit vorhanden iſt. Dazu gehören als Selbſt=
verſtändlichkeiten
warmes Waſſer, Zentralheizung,
Fahrſtuhl und elektriſches Licht, aber auch Vakuum=
reiniger
, Mülltrichter, eingemauerter Geldſchrank und
Dachgarten für Sonnenbäder. Dieſe modernen Häuſer
ſind denen des alten Berlin unzweifelhaft an Bequem=
lichkeit
und auch in geſundheitlicher Hinſicht bei weitem
überlegen. Sie ſparen weniger mit Luft, Licht und
Raum. Und ſie haben endgültig mit der alten, gehei=
ligten
Ueberlieferung gebrochen, daß eine Berliner
Wohnung notwendigerweiſe auch ein ſogenanntes
Berliner Zimmer haben muß. Der Leſer weiß,
was man unter einem Berliner Zimmer zu verſtehen
hat. Es iſt der Raum, der den vorderen, an der Straße
liegenden Teil der Wohnung mit den rückwärts, am
Hofe liegenden Schlaf= und Wirtſchaftsräumen verbin=
det
. Das richtige Berliner Zimmer hat nur ein ſchma=
les
, im einſpringenden Winkel des Hofes angebrachtes
Fenſter. Es iſt alſo immer in trübes Dämmerlicht ge=
taucht
. Wir haben alle, ſo plaudert ein Berliner Mit=
arbeiter
der N. G. C., als Kinder an manchem nebligen!
Herbſt= und Wintertag jede Mahlzeit, Frühſtück, Mit=
tag
= und Abendbrot, im Berliner Zimmer bei Gas=
oder
Petroleumlicht eingenommen. Denn das Berliner=
Zimmer wird ſtets als Speiſezimmer verwendet. Und=
eigentümlicherweiſe
liebt der Berliner es, das Düſter
des Berliner Zimmers noch durch recht dunkle Möbel,
Vorhänge und Tapeten zu ſteigern.
Die ſchönen neuen Häuſer draußen in Berlin W.
und WW. ſind meiſt nach dem Zweihöfe=Syſtem gebaut,
Am erſten, beſonders lichten Hofe liegt nur das =
zimmer
, durch ein breites, hohes, zwei= oder dreiteiliges
Fenſter oft der hellſte Raum der ganzen Wohnung. Es
hat ſeinen unfreundlichen, beinahe unheimlichen Cha=
rakter
verloren. Und unſere Innenarchitekten fan=
gen
an, das Eßzimmer mit leichten, gefälligen Möbeln
zu verſehen und ihm auch auf ſolche Weiſe ein ein=
ladenderes
Ausſehen zu verleihen, als es zur Zeit
unſerer Eltern und Großeltern hatte. Wir leben ja
heutigen Tages ſo aufreibend haſtig und ſchnell, daß
wir die kurzen Augenblicke der Erholung am Tage
und das ſind doch die Mahlzeiten in einer Umgebung
verbringen ſollen, die uns von den Gedanken und Sor=
gen
des Alltags loslöſt, uns froh und heiter ſtimmt.
Das tat das melancholiſche Berliner Zimmer nicht.
Und darum ſei ſein Ende geprieſen. . .

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