Darmstädter Tagblatt 1910


04. Juli 1910

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173. Jahrgang
verbunden mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage:
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werden angenommen in Darmſtadt
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ſowie von unſeren Agenturen und
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gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs
kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.

Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

N 153.

Montag, den 4. Juli.

1910.

Die heutige Nummer hat 20 Seiten.

Der neue Botſchafter in Paris.
* Zum Rücktritt des Staatsſekretärs v. Schön wird
einer Berliner Korreſpondenz von parlamentariſcher
Seite geſchrieben: Der angekündigte Rücktritt des Staats=
ſekretärs
des Auswärtigen Amtes Frhrn. v. Schön kommt
nicht ganz unerwartet. In parlamentariſchen und an=
deren
politiſchen Kreiſen war angenommen worden, daß
dieſes Ereignis vor dem Herbſtzuſammentritt des Reichs=
tages
ſich vollziehen würde. Daß Frhr. v. Schön ſich von
ſeiner Stellung als Staatsſekretär in einem Augenblick
entfernen würde, in dem für ihn die Möglichkeit geboten
wäre, den Poſten des Pariſer Botſchafters zu erhalten,
wurde allerdings zu gleicher Zeit vorausgeſehen. In
den Kreiſen, die ſich eingehend mit unſerem augenblick=
lichen
Verhältnis zu Frankreich beſchäftigen, dürfte es
nicht gern geſehen werden, daß Herr von Schön ſeine
Wünſche auf Paris ſich erfüllen ſieht, wenn ihn auch
mancherlei Eigenſchaften, die aber außerhalb der diplo=
matiſchen
Kunſt liegen, für den Verkehr in den Pariſer
Salons geeignet ſcheinen laſſen.
Dafür iſt die Freude in Paris um ſo größer. In
Paris wird allgemein der Abgang des Fürſten Radolin
bedauert. Der Fürſt hatte ſich im Laufe der Jahre eine
große Beliebtheit in allen Kreiſen erworben. Dieſes Be=
dauern
, verurſacht durch das Scheiden des Fürſten, wird
gemindert durch die Wahl ſeines Nachfolgers, ſchreiben
die Débats. Denn der Frhr. v. Schön erfreut ſich ſchon
ſeit langer Zeit einer großen Sympathie als beſonderer
Freund Frankreichs. Bezeichnend genug ſchreibt ein Pa=
riſer
Blatt: Die Vorwürfe, die Herrn v. Schön von der
pangermaniſchen Partei und den bis zum äußerſten
chauviniſtiſchen Franzoſenfreſſern gemacht worden ſind,
ſind für uns ein Grund mehr für ein Ver=
trauen
zu der Haltung, die der Nachfolger des Herrn
von Radolin einnehmen wird. Ohne übrigens auf
Schwierigkeiten zu ſtoßen, die letzterer zu gewiſſen Zeiten
zu löſen hatte, wird der neue Vertreter Deutſchlands,
wie wir hoffen, ſeiner verſöhnlichen Auffaſſung,
die er ſchon als Staatsſekretär bewieſen hat, freien Lauf
laſſen können. Die Aurore führt dies noch näher aus:
Herrn v. Schön vor allem iſt zum Teil der Abſchluß der
Marokko=Affäre zuzuſchreiben, die Europa in Atem hielt,
und dies nicht tat, ohne während ſo langer Zeit eine ge=
wiſſe
Beängſtigung hervorzurufen. Herr v. Schön hat
uns gegenüber nie eine ſyſtematiſche Feindſeligkeit ge=
zeigt
. Alſo iſt er unſer Freund. Und wir wünſchen uns
ja auch nichts beſſeres. Etwas nüchterner beurteilt der
Gil Blas, das zurzeit ſehr von Deutſchenhaß über=
ſchäumende
franzöſiſche Polenblatt, den Perſonenwechſel:
Man wollte in der Berufung des Herrn v. Schön an die
Geſandtſchaft von Paris, ebenſo wie in der Ernennung
des Herrn von Kiderlen=Wächter in der Wilhelmſtraße
einen Beweis für die verſöhnlichen Abſichten Wilhelms II.
uns gegenüber erblicken. Wir glauben nicht, daß man ſo
weit gehen darf. Wir ſind ſehr froh, daß Herr v. Schön
nach Paris kommt, denn er iſt ein galanter Herr und
überdies, wie man ſagt, geiſtreich, was genügen wird,
um ihn bei uns gern geſehen zu machen. Jedoch ſind
wir überzeugt, daß trotz des guten Willens der Bot=
ſchafter
und der Miniſter die deutſch=franzöſiſchen Be=
ziehungen
gut bleiben, ſolange Deutſchland eben In=
tereſſe
daran hat, mit uns in gutem Einverſtändnis zu
bleiben.

Schiffahrtsabgaben und Konzeſſionen.
* Die Deutſche Reichs=Korr. ſchreibt: Mit mildem
Zwange hat die preußiſche Regierung es im Laufe von
ſechs Monaten erreicht, daß ein Entwurf zur Einführung
von Schiffahrtsabgaben auf den freien Strömen im Bun=
desrat
einſtimmig angenommen wurde. Um dieſe Ein=
ſtimmigkeit
zu erzielen, mußten, wie es kürzlich in einer
offiziöſen Kundgebung hieß, erhebliche Konzeſſionen ge=
macht
werden. Leider erfährt man jetzt noch nicht mit
genügender Klarheit, wer ſich für berechtigt gehalten hat,
dieſe erheblichen Zugeſtändniſſe zu machen und wer mit
den dadurch entſtehenden Koſten bedacht werden ſoll. Es
iſt doch bekannt, daß mit den Regierungen von Sachſen,
Baden und Heſſen auch eine Anzahl kleinerer Bundes=
ſtaaten
(die thüringiſchen Staaten und Anhalt) nur mit
äußerſtem Widerſtreben der Vorlage zugeſtimmt hat.
Man vernahm ſchon früher mit einiger Verwunderung,

durch welche weitgehenden, zum Teil unerfüllbaren Ver=
ſprechungen
Bayern, Württemberg, Oldenburg und Ham=
burg
für die Schiffahrtsabgaben geworben wurden. In=
zwiſchen
haben wir auch in Erfahrung gebracht, daß den
kleineren mitteldeutſchen Bundesſtaaten, die urſprünglich
ſcharfe Gegner der Schiffahrtsabgaben waren, außeror=
dentliche
Zugeſtändniſſe im Tarifweſen gemacht ſeien
und daß ihnen, ſofern ſie von der Elbe durchſchnitten
werden, die Sorge um die Inſtandhaltung des Stromes
abgenommen werden ſolle. Preußen ſoll ſich bereit er=
klärt
haben, alle Koſten der Stromregulierung ſelbſt zu
übernehmen; es will ſelbſt ſolche Bundesſtaaten entlaſten,
die an ſich viel reicher ſind als Preußen. Das alles
mußte zugeſtanden werden, um zunächſt einmal die not=
dürftigſte
verfaſſungsmäßige Mehrheit im Bundesrate für
die Schiffahrtsabgaben zu erringen. Und hiernach berück=
ſichtige
man, welche Sonderkonzeſſionen an Sachſen, Ba=
den
und Heſſen, die für die Erhaltung der Schiffahrts=
abgabenfreiheit
doch mit anerkennenswertem Mute ge=
kämpft
haben, gemacht werden mußten, um ihren Wider=
ſpruch
niederzuhalten. Selbſtverſtändlich kann es ſich auch
hier nur darum handeln, daß ſich im weſentlichen das
Königreich Preußen für die Einlöſung der Verſprechungen
einſetzt.
Es wird deshalb ſorgfältigſt zu prüfen ſein, ob
Preußen jemals in der Lage ſein wird, die gegebenen
Verſprechungen einzulöſen, ohne ſeine Fi=
nanzen
aufs äußerſte zu gefährden! Es
macht dabei keinen Unterſchied, ob Preußen etwa auf dem
Wege des Eiſenbahntarifweſens hier und dort Zugeſtänd=
niſſe
macht und damit die Produktions= und Exiſtenz=
bedingungen
erheblich verſchiebt, oder ob es ſich auf weitere
Kanal= und Eiſenbahnbauten, deren Rentabilität durch=
aus
in Frage ſteht, feſtlegen will. Soll in der Tat, wie
von den Schiffahrtsintereſſenten befürchtet wird, die
Schiffahrt zu einer Magd der Eiſenbahn herabgewürdigt
werden, ſo würde ein heilſamer Wettbewerb im Güter=
verkehrsweſen
beſeitigt. Man erſieht hieraus, von wie
tiefgreifender Bedeutung die Einführung der Schiff=
fahrtsabgaben
für unſer ganzes Wirtſchaftsleben gewor=
den
iſt.

Nachſpiele zum Kampf im Baugewerbe.
C Man ſchreibt uns: Der Kampf im Baugewerbe,
der durch Schiedsſpruch beendet wurde, hat bemerkens=
werte
Nachſpiele. Die Unzufriedenheit mit der Zuſtim=
mung
der zentralen Inſtanzen der Arbeiterſchaft zu den
vorliegenden Abmachungen hat an verſchiedenen Orten
ſich ſo draſtiſch geäußert, daß das Maurerorgan in ſeiner
neueſten Nummer eine ganze Serie von Beruhigungs=
artikeln
veröffentlicht. Auch bekannte ſozialdemokratiſche
Parteiführer werden aufgeboten, um den örtlichen Mau=
rer
=Organiſationen die Billigung des Schiedsſpruches
ans Herz zu legen. Neben Bernſtein und Frohme ergreift
Bebel in höchſteigener Perſon als Friedensmahner das
Wort.
Das ſind außergewöhnliche Vorgänge, die beſondere
Gründe haben müſſen. Einer davon iſt vielleicht die dem
Zentralverbande der Maurer drohende Gefahr der Ab=
ſplitterung
Unzufriedener; hat man doch in einer Hoch=
burg
der ſozialdemokratiſchen Zentralverbände, wie Leip=
zig
es iſt, laut mit der Gründung von Lokalorgani=
ſationen
gedroht. Da die anarcho=ſozialiſtiſchen Lo=
kaliſten
in ihrem Organ und in Verſammlungen die
Ergebniſſe des Schiedsſpruches nach Kräften herunter=
reißen
, iſt nicht zu beſtreiten, daß die Mißſtimmung vie=
ler
Zentralverbändler über den Ausgang des baugewerb=
lichen
Kampfes dem Gedanken der lokalen Organiſation
neue Anhänger zuführen kann. Man irrt jedoch kaum
in der Annahme, wenn man das Hervortreten der poli=
tiſchen
Parteiführer in dieſer Gewerkſchaftsangelegenheit
auf politiſche Motive zurückführt. Die allgemeinen
Reichstagswahlen ſind nicht mehr fern; die Par=
teil
wünſcht deshalb nicht, daß die Zahlungsfähig=
keit
der Genoſſen durch Streiks beeinträchtigt werde
daher laſſen ſich Parteiführer die Verhinderung von
Maurerſtreiks ſo ſehr angelegen ſein
Ein Nachſpiel anderer Art hat der Schiedsſpruch im
baugewerblichen Kampfe zwiſchen der Leitung des Zim=
mererverbandes
und den Vertrauensleuten des
Maurerverbandes zur Folge gehabt. Denn obwohl erſtere
ebenfalls vom Streik abrät, begründet ſie ihren Rat in
einer Weiſe, die bei dem Maurerverbande großes
Aufſehen hervorrufen muß. Sie macht nämlich nicht pur

geltend, daß die Zimmerer im Falle des Streiks auf eine
keineswegs niedergerungene, vielmehr bis an die Zähne
bewaffnete feindliche Front ſtoßen, ſondern auch im
Rücken angegriffen werden würden. Wie dies gemeint
iſt, ſetzt das Zimmererorgan eingehend auseinander.
Es erwähnt zunächſt, daß die bürgerliche Bauwelt in
ihrem Bericht über die Dresdener Einigungsverhandlun=
gen
über radikale Anſchauung der Zimmerer, leere
Kaſſen des Zimmererverbandes und eine von letzterem
unter drückenden Verpflichtungen aufgenommene Anleihe
geſchrieben habe; dann fährt das Zimmererorgan, nach
Dementierung der Angaben über Anleihe und leere Kaſſen,
u. a. wörtlich fort:
Der Berichterſtatter der Bauwelt hat das . .. nicht
aus den Fingern ſaugen können. Es muß ihm mitge=
teilt
worden ſein, und zwar direkt oder indirekt von einer
Perſon, die in einem unſerer beiden Bruderverbände eine
einflußreiche Stellung einnimmt. Und dieſe Inſpiration
konnte keinen anderen Zweck haben, als die Abſicht, das
Unternehmertum gegen ein etwaiges partielles Vorgehen
der Zimmerer . .. bei den folgenden örtlichen Verhand=
lungen
ſcharf zu machen.
Das Zimmererorgan ſtützt dieſe Anklage mit dem
Hinweiſe darauf, daß den Zimmerern in der vertrau=
lichen
, nicht belauſchbaren Dresdener Sitzung Vorhaltun=
gen
über radikale Anſchauung gemacht worden ſeien,
und daß Gauleiter der Maurer von der Anleihe uſw. ihren
Kollegen im Lande erzählen, die mit der Billigung des
Schiedsſpruches durch den Maurer=Verbandstag unzu=
frieden
ſeien. Dieſe Anklagen ſind nicht danach angetan,
die ohnehin vorhandenen Gegenſätze zwiſchen den beiden
Verbänden zu mildern, und können von den des Rücken=
angriffs
Beſchuldigten nicht ignoriert werden.
Der Verband der Baugeſchäfte von Berlin und den
Vororten hat jetzt eine ausführliche Broſchüre zur Recht=
fertigung
der Abſonderung Berlins von
der Bauarbeitgeberſache während der letzten
Ausſperrung erſcheinen laſſen. Der Grundgedanke der
Broſchüre beſteht darin, daß Berlin beſondere Wege
habe gehen müſſen, weil es dem Tarifgedanken aus Ueber=
zeugung
habe treu bleiben wollen. Die Ausſperrung ſei
als ein Werk derjenigen, hauptſächlich in Süddeutſchland
und Rheinland und Weſtfalen zu ſuchenden Drahtzieher
anzuſehen, die ſchon ſeit Jahren nach Gelegenheit geſucht
hätten, dem ihnen verhaßten Gedanken der Tarif=
vereinbarung
mit den Organiſationen der Arbeit=
nehmer
eine Niederlage zu bereiten und ihren Herr im
Hauſe‟=Standpunkt auch da zur Geltung zu bringen, wo
er gar keinen Sinn habe. Daher ſeien auch die For=
derungen
der Arbeitgeber ſo hoch geſpannt worden, daß
von vornherein ihre Durchſetzung nur im Wege der ein=
ſeitig
oktroyierten Arbeitsordnung, niemals mit Zuſtim=
mung
der Arbeiterſchaft, denkbar geweſen ſei.

Deutſches Reich.
* Man ſchreibt uns: Auf Anregung des Zentral=
verbandes
der Handlungsgehilfen und Gehil=
finnen
haben 427 örtliche Kartelle der freien Gewerk=
ſchaften
, die über eine Million Arbeiter und Angeſtellte
vertreten, zur Reichsverſicherungsordnung,
und zwar insbeſondere zu dem Ausbau der Alters=, In=
validen
= und Hinterbliebenenverſicherung, Stellung ge=
nommen
. Die Erklärung, die von allen beteiligten Ge=
werkſchaftskartellen
gleichlautend abgegeben worden iſt, be=
ſagt
, daß die Kartelle für die Verbeſſerung der ſtaatlichen
Kranken= und Unfallverſicherung, ſowie für eine ausrei=
chende
Alters=, Invaliden=, Witwen= und
Waiſenverſicherung zugunſten aller Schichten
der Lohnarbeiterſchaft eintreten und auch die diesbezüg=
lichen
Beſtrebungen der Privatangeſtellten aufs nachdrück=
lichſte
unterſtützen. Dabei ſtellen ſich die Gewerkſchafts=
kartelle
auf den Standpunkt jenes Teiles der Privatange=
ſtellten
, der für ſich nicht ein Sondergeſetz, vielmehr eine
ausreichende Alters=, Invaliden=, Witwen= und Waiſen=
verſicherung
im Rahmen der Reichsverſicherungsordnung
durch höhere Leiſtungen in den jetzt beſtehenden Lohn=
klaſſen
und durch Errichtung höherer Lohn= und Beitrags=
klaſſen
fordert. Die Gewerkſchaftskartelle ſchließen ſich,
wie die Erklärung weiterhin ſagt, dieſen Wünſchen an
und richten an die Geſetzgebung das dringende Erſuchen,
ſie in der Reichsverſicherungsordnung, und zwar ſo zu
erfüllen, daß die Berufsart an ſich nicht zum Anlaß ge=
nommen
werden darf, irgend eine Kategorie der Ver=
ſicherten
zu benachteiligen. Hinſichtlich der Feſilegung
des Invaliditätsbegriffes jedoch iſt diegbisherige=Tätig=,

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Seite 2.

Nummer 153.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 4. Juli 1910.

keit des Verſicherten, ebenſo wie ſeine Ausbildung, Kräfte
und Fähigkeiten voll zu berückſichtigen.
Die Immediatkommiſſion zur Vorbereitung der
Verwaltungsreform in Preußen hat Grund=
züge
für eine vereinfachte Geſchäftsordnung der Regie=
rungen
aufgeſtellt. Die Grundzüge beſchäftigen ſich im
ganzen mit dem inneren Dienſt der Regierungen, den ſie
in allen Einzelheiten behandeln. Umfang und Oeffnung
der Eingänge, die Einteilung des Geſchäftsganges und
die Eintragungen ins Tagebuch werden einer durchgrei=
fenden
Aenderung unterworfen, ebenſo die Behandlung
der Friſten, die Beförderung der bearbeiteten Sachen, die
Regiſtratur der Sachen uſw.
Die Nationalzeitung teilt über ihr Weiter=
beſtehen
mit: Vor kurzem ging die Nachricht durch die
Preſſe, daß das Weiterbeſtehen der Nationalzeitung durch
das neuerliche Eingreiſen des Herrn Kommerzienrats
Bartling geſichert ſei. Dieſe Mitteilung iſt in dieſer Form
unzutreffend. Die Fortführung des Blattes iſt durch ein
neues Konſortium gewährleiſtet. In der bisherigen
Chefredaktion wird ſich keine Veränderung vollziehen.
Die bayeriſche Reichsratskammer
hat die bayeriſche Steuerreform en bloc einſtimmig
angenommen. Durch dieſe einſtimmige Annahme der
Reform ſoll die Abgeordnetenkammer veranlaßt werden,
den Beſchlüſſen des Reichsrats unverändert zuzuſtimmen.

Ausland.
Die ungariſche Regierung legte dem Abgeord=
netenhauſe
mehrere Geſetzentwürfe vor, unter ihnen
ein Ermächtigungsgeſetz zur Beendigung des budgetloſen
Zuſtandes, durch das der Finanzminiſter ermächtigt wird,
den Staatshaushalt bis zum Ende des Jahres 1910 auf
der Grundlage des Staatshaushaltsgeſetzes für das Jahr
1909 zu führen, ferner die Rekrutierungsvorlage und den
Handelsvertrag mit Rumänien.
In Beantwortung einer Anfrage des Sozialiſten
Rougier in der franzöſiſchen Kammer über die Meuterei
vom 23. Mai im Lager von Maſſillau wies der Kriegs=
miniſter
General Brun nach, daß kein Grund für die
Meuterei vorlag. Der Miniſter rechtfertigte die gegen die
Meuterer getroffenen Maßnahmen, lobte die Haltung der
aktiven Regimenter und erklärte, daß er die Diſziplin auf=
recht
erhalten werde. (Beifall.) Die Anfrage wurde dann
in eine Interpellation umgeändert, aber die Dis=
kuſſion
hierüber mit 381 gegen 132 Stimmen auf die Ta=
gesordnung
hinter die anderen Interpellationen geſetzt.
Der Miniſter des Aeußern wendete ſich in der
Erſten Kammer der Niederlande gegen die Angriffe
des früheren Geſandten van Heeckeren und erklärte, was
das Nordſee=Abkommen anlange, könne er nur
auf ſeine frühere Verteidigung dieſes Vertrages verweiſen.
Es ſei unrichtig, was van Heeckeren über das Zuſtande=
kommen
dieſes Vertrages geſagt habe. Der Vorwurf van
Heeckerens, der Miniſter habe den Vertrag abgeſchloſſen,
ohne unterhandelt zu haben, ſei ein ſehr gewagter. Was
den angeblichen Brief des deutſchen Kaiſers an die =
nigin
betreffe, ſo halte er die von ihm in der Sitzung der
Erſten Kammer am 10. Februar abgegebene Erklärung
in ihrem vollen Umfange aufrecht, mit dem Hinzufügen,
daß der frühere Miniſterpräſident Kuyper dieſe Erklä=
rung
als vollkommen richtig angenommen habe. Der
Miniſter tadelte das Vorgehen van Heeckerens, das ein
vollſtändig unbegründetes Mißtrauen gegen einen Staat
nähre, mit dem Holland die beſten Beziehungen unter=
halte
. Van Heeckeren ſagte, er halte jede Silbe aufrecht,
unterſtützte aber ſodann den Antrag, die Diskuſſion zu
vertagen, bis die Rede des Miniſters im Druck erſchienen
ſei. Der Miniſter nahm das Recht für ſich in Anſpruch,
die Diskuſſion für geſchloſſen zu erklären. Van Heeckeren
erklärte, er wolle die Wahrheit ſeiner Behauptungen unter
Ausſchluß der Oeffentlichkeit oder vor einer Kommiſſion
beweiſen. Die Kammer lehnte zum Schluß eine Ver=
tagung
der Diskuſſion ab und nahm einen Antrag, zur
Tagesordnung überzugehen, an, da die Kammer in hin=
reichender
Weiſe orientiert ſei.

* Karlsruhe, 1. Juli. Der Finanzminiſter Hon=
ſell
iſt heute abend geſtorben. Max Honſell war
1843 in Konſtanz geboren und hatte Ingenieurwiſſenſchäften
ſtudiert, 1872 wurde er Aſſeſſor bei der badiſchen Ober=
direktion
des Waſſer= und Straßenbaues und ſpäter Di=
rektor
dieſer Behörde. Von 18961906 war er Profeſſor
an der Karlsruher Techniſchen Hochſchule und hat ſich als
Waſſerbautechniker, insbeſondere durch die Oberrhein=
Regulierung bis Straßburg=Kehl einen Namen gemacht.
1902 wurde er in die Erſte Kammer und im Herbſt 1906
in ſchon vorgerücktem Lebensalter zur Leitung des badi=
ſchen
Finanzminiſteriums berufen. Politiſch gehörte er zur
nationalliberalen Partei.
* Wien, 1. Juli. Wie das W. K.=B. von wohl=
informierter
Seite erfährt, iſt an zuſtändiger Stelle der
in Petersburg verhaftete Baron von Ungern=
Sternberg bloß in ſeiner Eigenſchaft als Korreſpon=
dent
eines Korreſpondenzbureaus bekannt, und hat zwi=
ſchen
ihm und dem k. und k. Botſchafter in Petersburg
und dem k. und k. Militär=Attaché Graf Spanneechi
kein, wie immer gearteter, anderer Verkehr beſtan=
den
. Es iſt daher ganz unrichtig und vollſtändig aus
der Luft gegriffen, wenn man die Affäre Ungern= Stern=
berg
mit der momentanen Abweſenheit des k. und k.
Militär=Attachés von Petersburg in irgend einen Zuſam=
menhang
bringt. Demgegenüber muß authentiſch feſtgeſtellt
werden, daß Major Graf Spannecchi alljährlich um dieſe
Zeit Urlaub nimmt, und daß er ſeinen gegenwärtigen
normalen Urlaub ſchon vor einigen Monaten für Anfang
Juni erbeten und auch zu Beginn des vorigen Monats
angetreten hat.
* Lemberg, 1. Juli. Nach einer amtlichen Dar=
ſtellung
der Vorgänge in der Univerſität iſt,
wie durch eine Zeugenausſage feſtgeſtellt wurde, der erſte
Schuß auf Seiten der Ruthenen gefallen, worauf der
Ruthene Kocko am Kopf getroffen wurde. Die dann ein=
dringenden
Polizeimannſchaften trennten die Kämpfenden
und ſchloſſen einen großen Teil derſelben in den Hörſaal
ein, während die übrigen proviſoriſch vernommen wur=
den
; die Mehrzahl derſelben iſt aber in Freiheit geſetzt
worden. Die in den Saal eingeſchloſſenen Studenten
wurden in Unterſuchungshaft glenommen. Neun Ver=
wundeten
wurde durch die Rettungsgeſellſchaft die erſte
Hilfe zuteil; drei mußten ins Krankenhaus geſchafft wer=
den
; unter dieſen befindet ſich auch Kocko, der am Abend
geſtorben iſt. In dem Hörſaal, in dem die Studenten ge=
fangen
gehalten wurden, ſind 15 Browningpiſtolen ge=
funden
worden. Im öſterreichiſchen Abgeord=
netenhauſe
brachten die rutheniſchen Abgeordneten
eine Interpellation ein, in der behauptet wird,
daß in Lemberg die polniſchen Studenten, die mit Re=
volvern
bewaffnet geweſen ſeien, auf die rutheniſchen
Studenten zwei Salven abgegeben hätten Durch die
Schüſſe ſeien ein Theologe getötet, ſechs polniſche und
rutheniſche Studenten, ſowie drei Univerſitätsdiener da=
durch
verletzt worden. Die Interpellanten behaupten fer=
ner
, daß die Behörden, trotzdem ſie von den drohenden
Vorbereitungen der polniſchen Studenten Kenntnis ge=
habt
haben, nichts zur Verhütung der blutigen Ausſchrei=
tungen
getan hätten. Endlich wird in der Interpellation
die Errichtung einer ſelbſtändigen rutheniſchen Univer=

ſität in Lemberg als einziges Mittel zur Herſtellung ge
ſunder Verhältniſſe in Galizien gefordert.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 4. Juli.
Verſetzung in den Ruheſtand. Se. Königl.
Hoheit der Großherzog haben den evangeliſchen
Pfarrer Karl Ernſt Knodt zu Ober=Klingen auf ſein

Nachſuchen unter Anerkennung ſeiner treuen Dienſte in
den Ruheſtand verſetzt, desgleichen den Lehrer an der

Gemeindeſchule zu Heppenheim a. d. B. Albert Schütz
auf ſein Nachſuchen.
Charakterverleihung. Se. Königl. Hoheit der
Großherzog haben dem landgräflichen Forſt= und
Güterdirektor Karl Nies zu Hanau=Keſſelſtadt den
Charakter als Großherzoglich Heſſiſcher Oberförſter ver=
liehen
.
* Großh. Regierungsblatt. Die Beilage Nr. 22 vom
2. Juli hat folgenden Inhalt: 1. Bekanntmachung, die
Schiedsgerichte für Arbeiterverſicherung betreffend. 2. Be=
kanntmachung
, die Befugnis der Amtsſtellen zum Abfer=
tigen
von Eſſigſäure auf Begleitſchein betreffend. 3. Be=
kanntmachung
, die Aufbringung der Mittel der Großh.
Brandverſicherungsanſtalt für 1909 betreffend. 4. Ueber=
ſicht
der von dem Großh. Miniſterium des Innern für
das Rechnungsjahr 1910 (vom 1. April 1910 bis 31. März
1911) genehmigten Umlagen zur Beſtreitung der Kom=
munalbedürfniſſe
der Stadt Alzey. 5. Ordensverleihungen.
L. Der Provinzialausſchuß verhandelte am Samstag
in öffentlicher Sitzung folgende Sachen: 1. Der Korb=
macher
und Schirmflicker Johann Roſenberg in
Offenbach, der mit einem Wohnwagen umherzieht, hat
um die Erteilung eines Wandergewerbeſcheins für 1910

Wer reiſt mit Nutzen?
Saiſon=Plauderei von Robert Tornow.

E. Eine ſo einfache Frage, die obige, und doch ſo
ſchwer zu beantworten. Und vielleicht doch nicht ſo
ſchwer, wenn man gar nicht erſt verſucht, eine generelle
Antwort darauf zu geben. Die einzige, die für alle
Fälle zutrifft, könnte ja doch nur lauten: Der reiſt mit
Nutzen, der auf Reiſen das findet, was er geſucht hat.
Aber was ſuchen die Menſchen auf Reiſen? Ganz un=
endlich
Verſchiedenes!
Da iſt zuerſt die Mode, welche die Leute von Hauſe
forttreibt, oft unter den ſchwierigſten Verhältniſſen.
Mühſelig ſparen ſie ſich das Geld zuſammen, borgen es
ſich häufig ſogar und ziehen dann hinaus nach irgend
einem, ihnen als billig gerühmten Ort, wo es vielleicht
weder gute Luft noch landſchaftliche Schönheiten gibt.
wo ſie ſich dafür aber namenlos langweilen und unter
Unbequemlichkeiten und Entbehrungen leiden. Auch die
Ausflüge dort bereiten ihnen nicht das mindeſte Ver=
gnügen
, da ſie daheim mit minimalen Koſten und in
luſtiger Geſellſchaft viel ſchönere hätten machen können.
Gott ſei Lob und Dank, es iſt überſtanden! denken
ſie, erlöſt aufatmend, wenn die Zeit ihrer Villegiatur
vorüber iſt und ſie ſich wieder den heimiſchen Penaten
zukehren dürfen.
Haben dieſe Bedauernswerten auf ihrer Sommer=
reiſe
gefunden, was ſie ſuchten? Im Grunde doch ja,
denn ſie wünſchten nur der Mode zu genügen, und das
haben ſie getan; aber die gebrachten Opfer iſt die Sache
doch nicht wert geweſen.
Deſſenungeachtet trugen hieran weder die verhält=
nismäßige
Reizloſigkeit des Ortes, noch die Unbequem=
lichkeiten
des Aufenthaltes die Schuld, ſondern ledig=
lich
der Umſtand, daß die Reiſe nicht aus einem ſtarken
perſönlichen, gleichviel ob körperlichen oder geiſtigen

nachgeſucht, wie dies früher auch ſchon mit Erfolg ge=
ſchehen
war. Sein Geſuch wurde abgelehnt, weil er im
vorigen Jahre wegen Hausfriedensbruchs zu 1 Woche Ge=
fängnis
verurteilt worden iſt. Er verfolgte dagegen Be=
ſchwerde
, weil er des Scheines bedürfe, um ſeine ſtarke
Familie ernähren zu können und kein gewalttätiger
Menſch, vielmehr ohne ſeine Schuld in die Strafſache ver=
wickelt
worden ſei. Für den Schulbeſuch ſeiner Kinder
ſei geſorgt. Der Rekurs wurde als unbegründet ver=
worfen
und der Geſuchſteller zur Zahlung der Koſten,
ſowie einer Gebühr von 1 Mark verurteilt. 2. Vier
Schreinermeiſter von Offenbach, die Särge herſtellen und
verkaufen, liefern dazu auf Verlangen auch Kiſſen, Ta=
lare
, Strümpfe, Schuhe und Häubchen zur Ausſtattung
der Leiche. Wegen dieſes Betriebes wurden ſie zwar nicht
als Kurzwarenhändler, wohl aber als Krämer zur Ge=
werbeſteuer
herangezogen. Sie legten dagegen Rekurs
ein und erfochten beim Kreisausſchuß ein obſiegendes Ur=
teil
, weil die Lieferung der genannten Gegenſtande ledig=
lich
als Beſtandteile des Sarggeſchäftes und nicht als
ein ſelbſtändiger Betrieb erſcheine. Die Stadt Offenbach
legte die Sache der höheren Inſtanz vor. Hier führte
Beigeordneter Rech aus, daß die Beſchwerdeführer zuge=
ſtandenermäßen
allein Talare in Offenbach verkaufen, mit=
hin
ſei anzunehmen, daß dieſe auch im Laden abgegeben
werden, wenn der Sarg nicht geliefert werde. Auf den
Umfang des Geſchäftes käme es nicht an. Die Schreiner=
meiſter
beharrten auf ihrem Widerſpruch und lehnten es
ab, als geprüfte Handwerksmeiſter unter die Krämer, die
im Land umherziehen, gerechnet zu werden. Die Stadt
Offenbach wurde abgewieſen; ſie hat die Koſten ſowie
eine Gebühr von 20 Mark zu zahlen. 3. Georg Benedikt
Roßmann von Michelſtadt hat ſchön in den Jahren
1907 und 1908 um die Erlaubnis nachgeſucht, an der
Straße nach Weitengeſäß eine Gaſtwirtſchaft eröffnen zu
dürfen. Der Kreisausſchuß hat ſich beide Male ablehnend
verhalten, während der Provinzialausſchuß dem Geſuch
ſtattgab, weil die geplante Walderholungsſtätte nur zu
wünſchen ſei. Das Miniſterium war anderer Anſicht und
wies das Geſuch mangels eines Bedürfniſſes ab. Hier=
durch
nicht entmutigt, erſcheint Roßmann abermals mit
ſeinem Geſuch, das der Kreisausſchuß wiederum ablehnte,
weil bei der herrſchenden wirtſchaftlichen Depreſſion das
Bedürfnis für eine neue Wirtſchaft nicht ſtärker geworden
ſei. Rechtsanwalt Dr. Fulda legte dagegen Rekurs ein
und legte ein von einigen hundert Einwohnern von
Michelſtadt unterzeichnetes Schreiben vor, das ſich für den
Plan des Roßmann ausſpricht! Der Bürgermeiſter
Hieronymus von Michelſtadt trat warm für das Projekt
ein, das auch ein Kurgaſt empfiehlt, der ſich wochenlang
zur Erholung dort aufgehalten hat. Der Rekurs wurde
für begründet erklärt und die nachgeſuchte Erlaubnis
erteilt. Im oberen Stock dürfen nur drei Räume zu
Wirtſchaftszwecken verwendet werden; auch ſind alle
Räumlichkeiten den baupolizeilichen Vorſchriften entſpre=
chend
herzuſtellen.
* Vom Poſtamt. Auf Verlangen wird neuerdings
ſeine Einlieferungsbeſcheinigung über ge=
wöhnliche
Pakete erteilt. Die Gebühr für dieſe Beſchei=
nigung
beträgt 10 Pfg. Ueber mehrere zu einer Poſtpaket=
adreſſe
gehörende Pakete wird eine gemeinſchaftliche Ein=
lieferungsbeſcheinigung
ausgeſtellt. Ferner kommen neue
Formulare für Poſtanweiſungen zur Verwendung. Dieſe
haben auch rechts einen 6,7 Zentimeter breiten Abſchnitt,
der als Poſteinlieferungsſchein dient und vom Abſender
auszufüllen iſt. Die neuen Formulare werden ungeſtem=
pelt
ſowie mit Zehn= und Zwanzigpfennigſtempel zu den
Preiſen wie bisher ausgegeben. Die bisherigen Formu=
lare
ohne zweiten Abſchnitt für die Einlieferung bleiben
daneben beſtehen, ſollen aber künftig nur dann verwendet
werden, wenn Poſtanweiſungen auf Grund von Einlie=
ferungsbüchern
oder Verzeichniſſen eingeliefert werden.
Bis auf weiteres können auch die alten Formulare für
einzelne Poſtanweiſungen benutzt werden.
* Ueber die Tätigkeit der Arbeitsnachweisſtelle im
ſtädtiſchen Hauſe Waldſtraße 6 (Telephon 371) werden
für den Monat Juni folgende Zahlen mitgeteilt: 460
offene Stellen, 1030 Arbeitſuchende, 269 Vermittelungen,
darunter 85 Dienſtboten.
* Ortsgewerbeverein. In der von dem Ortsgewerbe=
verein
am letzten Freitag abend abgehaltenen Verſamm=
lung
behufs Stellungnahme zu dem Be=
bauungsplan
am neuen Bahnhof waren etwa
50 Intereſſenten vertreten. Nach einer eingehenden Be=
ſprechung
der Materie ſtimmte man mit überwiegender
Mehrheit dem vorgelegten Plane zu. Sechs Intereſſenten
ſtimmten dagegen. Indeſſen war die durchſchlagende An=
ſicht
vertreten, daß der ſüdlich projektierte Baublock vor
dem Bahnhof entſchieden zu groß vorgeſehen und offen=
ſichtlich
ein Verkehrshindernis im Verlauf der Jahre un=
ausbleiblich
bilden würde. Ebenſo ſeien die Gründe für
die geplante Unterbrechung des Stirnwegs durchaus als
verfehlt zu bezeichnen. Eine nochmalige Prüfung bezw.
Abänderung dieſer beiden Anſtände dürfte daher im all=
gemeinen
Intereſſe geboten ſein.

Bedürfniſſe gemacht wurde. Wäre dies der Fall ge=
weſen
, dann würden die Leute aller Wahrſcheinlichkeit
nach ihre Rechnung bei der Reiſe gefunden haben, und
dann würden auch die Geldopfer nicht umſonſt gebracht
worden ſein.
Solcher Vedürfniſſe aber gibt es mannigfache.
Gut in der Hälfte ſind Geſundheitsrückſichten dabei
ausſchlaggebend. Sie müſſen einige Wochen lang aus=
ſpannen
, ſagt der Arzt zu dem durch Berufsarbeit und
vielleicht auch Vergnügungen müde und nervös gewor=
denen
Mann. Nichtstun, Aufenthalt im Freien und
gute Pflege ſind eine dringende Notwendigkeit für Sie.
Kann der Betreffende das nicht daheim ebenſo gut, ja
viel beſſer haben, als in einem elenden Dorf, wo man
kaum die nötigſten Nahrungsmittel zu kaufen bekommt,
oder unterwegs in überfüllten, heißen Eiſenbahnwag=
gons
und engen verräucherten Gaſthauszimmern? Nein
und tauſendmal nein, er kann es nicht haben, denn zu
Hauſe vermag er ſich nicht den ungezählten gewohnten
Anforderungen des täglichen Daſeins zu entziehen, er
vermag auch nicht ſeine Gedanken aus dem Kreiſe los=
zumachen
, in dem ſie ſich während des ganzen übrigen
Jahres müde gelaufen haben. Er muß in gänzlich
andere Umgebung kommen, völlig losgelöſt von ſeinem
ſonſtigen Daſein, um ſeine überſpannten Nerven zur
Ruhe zu bringen. Dann wirb ihm auch das Eſſen wie=
der
beſſer ſchmecken und bekommen, mag es noch ſo
ſchlecht ſein; dann wird er im härteſten Bett feſt und
ſanft ſchlafen kurz, er wird ſich geiſtig und körperlich
erholen. Und es iſt auch ſicher anzunehmen, daß er ſich
nicht langweilt. Mit ſeinen beruhigten Nerven und
der dadurch erhöhten Aufnahmefähigkeit, nicht abge=
zogen
durch Alltagsſorgen, wird er ſehr raſch in die
Stimmung gelangen, ſich, mag ſein Ziel ſein, welches
es will, ſeiner Reiſe zu freuen. Er befindet ſich ja doch
in einem neuen Milieu, und darum kann er auch auf
Schritt und Tritt Intereſſantes entdecken, wenn er nur

den Willen und die Dispoſition dazu beſitzt. Hören wir
einmal die Schilderungen mit an, die einer der fein=
ſinnigſten
und geiſtreichſten Gelehrten ſeiner Zeit, der
zu Ende des rorigen Jahrhunderts verſtorbene Königs=
berger
Philoſoph Karl Roſenkranz, einſt im Freundes=
kreiſe
von einer kurzen Ferienreiſe in oſtpreußiſchen
Dörfern gab. Er ſagte:
Allgemein lachte man mich aus ich bemerke,
daß ich ſelbſtverſtändlich ganz frei zitiere , als ich
von der Reiſeroute ſprach, die ich einzuſchlagen beab=
ſichtigte
. Man hielt mir vor, daß jene Dörfer jeglichen
Reizes entbehrten, und dennoch was habe ich dort
nicht alles erlebt und geſehen! Gleich am erſten Mor=
gen
nach meiner Ankunft in einem winzigen, weltver=
geſſenen
Dörſchen hatte ich wunderbare, märchenſchöne
Eindrücke. Ich wandelte ziellos durch die menſchen=
leeren
, grasüberwachſenen Straßen des Ortes und
freute mich der Bilder, die in ihrer Anſpruchsloſigkeit
und idylliſchen Lieblichkeit an die Gemälde gewiſſer
holländiſcher Meiſter erinnerten. Welch’ feine Farben=
kontraſte
die durch Witterung und Alter hervorgeru=
fenen
Schattierungen auf den gelben Strohdächern er=
gaben
, wie maleriſch die weiße Entenſchar auf dem
grünen Dorfanger wirkte und welch’ ſanfte, friedliche
Poeſie das zwiſchen ſonnenüberſchienenen Wieſen ſich
ſchlängelnde Flüßchen atmete, das ich durch einen
altersgrauen Torbogen ſchimmern ſah! Aber da waren
Lichtreflexe und koloriſtiſche Effekte, die ich nicht recht
zu deuten verſtand und auf den Gemälden der vorer=

wähnten Meiſter noch nicht wahrgenommen zu haben
meinte. Das verdroß mich, weil ich mir ſagte, daß ich

doch noch einen weit größeren Genuß von den Dingen
haben würde, wenn meine künſtleriſche Bildung voll=
kommener
wäre, und feſt nahm ich mir vor, falls ich im
nächſten Jahre an dieſen Ort zurückkehren ſollte, zuvor
fleißig die niederländiſchen Meiſter zu ſtudieren. In=
deſſen
hatte der Himmel ſich unerwartet und plötzlich

[ ][  ][ ]

Nummer 153.

* Der Verkehrsausſchuß der Bergſtraße hielt am
Dienstag, den 28. Juni, im Hotel Hufnagel in Seeheim
eine Ausſchußſitzung ab, die von den dazu berufenen Ver=
tretern
der Intereſſen der Hauptorte von Darmſtadt bis
Weinheim äußerſt zahlreich beſucht war. Die Sitzung
galt in der Hauptſache der inneren Organiſation und
Befeſtigung der Vereinigung, da die an den Verkehrs=
ausſchuß
herantretenden Aufgaben zur Hebung des Frem=
denverkehrs
und der Anſiedlung an der Bergſtraße gebie=
teriſch
einen feſten Zuſammenſchluß ſämtlicher Orte an
der Bergſtraße fordern. Die Eröffnungsanſprache des vor
drei Monaten neu gewählten erſten Vorſitzenden, Herrn
Rentner Sieben=Auerbach, zeigte das Bild einer un=
gemein
lebhaften Tätigkeit auf dem geſamten Intereſſen=
gebiet
des Verkehrsausſchuſſes und bewies zahlenmäßig
den reichen Erfolg, die die in dieſem Frühjahr ſtatt=
gehabte
Propaganda in Zeitungen uſw. zur Folge gehabt
hat. Herr Sieben entwickelte ein umfaſſendes Programm,
um die ſeitens der Gemeinden an der Bergſtraße aufge=
wendeten
Kapitalien nutzbar zu machen, d. h. die Anſied=
lung
zu fördern. Es gelangte ein Brief der Eiſenbahn=
direktion
Mainz zur Verleſung, wonach unſeren Wünſchen
nach Abänderung der abſurden Verſchlechterung des Som=
merfahrplans
im Laufe dieſes Sommers nicht entſprochen
werden kann, jedoch Abänderung für den Winter in Aus=
ſicht
geſtellt wird. Ferner gelangte ein Brief des Herrn
Oberbürgermeiſters von Darmſtadt in Angelegenheiten der
elektriſchen Bahn zur Verleſung, wonach die Sache dem=
nächſt
den Stadtverordneten zur definitiven Stellung=
nahme
vorgelegt werden ſoll. Wenn auch in der Sitzung
keine weltbewegenden Fragen zur Löſung kamen, ſo iſt
aber doch erreicht worden, daß wieder ein hell auflodern=
des
Intereſſe ſſir die Beſtrebungen des Verkehrsaus=
ſchuſſes
geweckt worden iſt. Die Beteiligten haben wohl
alle das Gefühl mit nach Hauſe genommen, daß der Ver=
kehrsausſchuß
dazu da iſt, die Intereſſenvertretung der
ganzen Gegend einzig und allein in die Hand zu nehmen,
und daß er dazu in der Lage iſt, hat die Sitzung be=
wieſen
.
50jähriges Geſchäftsjubiläum. Die Firma
Gg. Karp Hofuhrmacher, kann nunmehr auf die
erſten 50 Jahre ihres Beſtehens zurückblicken. Das
Geſchäft wurde am 1. Juli 1860 von dem Vater des
gegenwärtigen Inhabers gegründet und befand ſich
anfangs in der Schulſtraße, Ecke Schützenſtraße. Seit
dieſer Zeit iſt das Geſchäft ununterbrochen weiter ge=
führt
worden und im Beſitze der Familie geblieben. In
den 80er Jahren wurde das Geſchäft, das in ſtetem
Aufblühen ſich weiter entwickelte, nach der Ludwigſtraße
verlegt.
Kaufmänniſcher Verein Darmſtadt. Das dies=
jährige
Sommerfeſt findet bei auserleſenem Programm
Samstag, den 9. Juli, auf dem heiligen Kreuzberg ſtatt.
(Näheres ſ. Anzeigen.)
Die Johann Strauß=Kapelle berührt alljährlich
auf ihren ausgedehnten Kunſtreiſen auch Hamburg, in
welcher Stadt die Kapelle ſich der ganz beſonderen Gunſt
ſeitens der Preſſe und des Publikums erfreut. So be=
richtet
die Hamburger Zeitung über die Leiſtungen der
Kapelle wie folgt: Im Zentralſaal gab geſtern abend
Herr Johann Strauß mit ſeinem vollſtändigen Wiener
Orcheſter nach zweijähriger Pauſe wieder ein Konzert.
Bei ſeinem Eintreten wurde der famoſe geniale Dirigent
von den Anweſenden freudigſt begrüßt, welcher Enthu=
ſiasmus
ſich von Piece zu Piece ſteigerte. Die Kapelle,
durchwegs Künſtler, leiſtete Vorzügliches; insbeſondere
iſt die Reinheit und Weichheit des Tones, das Abſtufen
der Tonfülle vom ſtärkſten Forte zum leiſeſten Piano
und die große Ruhe und Sicherheit, mit der die Künſtler=
ſchar
alle die Schwierigkeiten überwindet, hervorzuheben.
Es war ein glattes, abgerundetes ſeelenvolles Zuſammen=
ſpiel
, woran den Hauptanteil der mehrfach mit Orden
ausgezeichnete Dirigent Johann Strauß hat, der mit
echt wieneriſcher Grazie und Eleganz ſeine Schar zum
Siege führt.
* Vereinigte Ortskrankenkaſſe Darmſtadt. Der
Mitgliederſtand betrug am 25. Juni I. J. männ=
lich
9160, weiblich 6050, zuſ. 15 210, in Prozenten 60,23,
39,77; am 18. Juni I. J. männlich 9101, weiblich 6042,
zuſ. 15143, in Prozenten 60,10, 39,90. Der Kranken=
ſta
nd betrug am 25. Juni l. J. männlich 377, weiblich
244, in Prozenten 4,11, 4,06; am 18. Juni l. J. männ=
lich
392, weiblich 234, in Prozenten 4,30, 3,87. An
Krankengeld wurde gezahlt in der Woche vom
20. Juni bis 25. Juni l. J. 4299,35 Mk., in der Woche
vom 13. Juni bis 18. Juni I. J. 5001,95 Mk.
An Wöchnerinnen waren vorhanden am 25. Juni
I. J. 29, am 18. Juni I. J. 29: Sterbefälle
kamen vor in der Woche vom 20. Juni bis 25. Juni
I. J. 1 vom 13. Juni bis 18. Juni l. J. 1.
Städtiſche Leſe= und Bücherhalle. Während
des Monats Juni wurde die Leſehalle im ganzen von
3257 (im Juni 1909 von 2972) Perſonen beſucht, durch=
ſchnittlich
an jedem Tage 108,5 Beſucher. Aus der
Bücherhalle nach Hauſe entliehen wurden im ganzen

Darmſtädter Tagblatt, Montagaden 4. Juli 1910.

Seite 3.

8232 (1909: 7558) Bände, darunter 3118 wiſſenſchaftliche
und belehrende Werke. Die Zahl der ſeit dem 1. April
d. Js. neu eingeſchriebenen Leſer ſtieg auf 2411. An
Büchergeſchenken gingen in dieſem Monat weiter ein:
von Frau Helene Chriſtaller in Jugenheim a. d. B. ein
von ihr verfaßtes Werk, von Frl. Kl. Eppert 5 Bde. und
3 Jahrg. Zeitſchrift, von Herrn Rentner Gehbauer
10 Jahrg. Zeitſchrift, von Frau Kaufmann Hipp
35 Jahrg. Zeitſchrift, von Frau Dr. Hüffel 14 Jahrg.
Zeitſchrift, von Herrn Sparkaſſenbuchhalter Keßler 1 von
ihm verfaßtes Werk, von Frl. Klink, Lehrerin, 6 Bde.,
von Herrn Lehrer Knell 1 Jahrg. Zeitſchrift, von Frl.
Ottilie Rady 1 Jahrg. Zeitſchrift, von Herrn Haupt=
lehrer
Schütz 1 Jahrg. Zeitſchrift, von Herrn Pianoforte=
Fabrikant Schweißgut 1 Jahrg. Zeitſchrift, von Unge=
nannt
35 Bde. und 5 Jahrg. Zeitſchrift, desgl. 2 Bände.
Allen Gebern herzlichen Dank! Weitere Schenkungen
von Büchern, ſoweit ſolche nicht veraltet, ſind jederzeit
willkommen.
A Auf den Wochenmärkten ſind nun die erſten
einheimiſchen neuen Kartoffeln erſchienen und
wurden ſolche mit 10 Pf. das Pfund bezahlt. Daneben
ſind auch noch vorjährige da, welche der Zentner 4 M.,
der Kumpf (10 Liter) 6070 Pf., ½ Kg. 46 Pf. koſten.
Italiener notieren mit 10 Pf., Malteſer mit 15 Pf. das
Pfund. Sonſt ſind an Durchſchnittspreiſen von den
Märkten der vergangenen Woche zu verzeichnen: Butter
Kg. 1,30 M., in Partien 1,20 M., Eier 67 Pf.,
Schmierkäſe ½ Ltr. 20 Pf., Handkäſe 410 Pf., Obſt,
Beeren u. dgl.: Kirſchen ½ Kg. 2535 Pf., Walderd=
beeren
½ Kg. 45 Pf., Ananas ½ Kg. 40 Pf., Heidelbeeren
½ Ltr. 15 Pf., Stachelbeeren ½ Ltr. 1415 Pf., Him=
beeren
½ Ltr. 40 Pf., Aprikoſen ½ Kg. 50 Pf., Zitronen,
Apfelſinen 6 Pf., Salat, Gemüſe u. dgl.: Kopfſalat
68 Pf., Bündel Radieschen 2 Pf., Rettiche 610 Pf.,
Rhabarber ½ Kg. 12 Pf., Zwiebeln ½ Kg. 10 Pf., Para=
diesäpfel
½ Kg. 50 Pf., Schälgurken 1235 Pf., Wirſing
525 Pf., Kohlrabi 36 Pf., Blumenkohl 1060 Pf.,
Rotkraut 40 Pf., Weißkraut 1040 Pf., Saubohnen ½ Kg.
1025 Pf., Bündel Römiſch=Kohl, Schnittlauch u. dgl.
2 Pf., Bündel Karotten 4 Pf., Spargel ½ Kg. 45 Pf.,
Kernerbſen ½ Kg. 2025 Pf., Bohnen ½ Kg. 35 bis
40 Pf.; Geflügel: junge Gänſe 78 M., Enten 3 bis
4 M., Hahnen und Hühner 2,003,50 M., Tauben 70 Pf.;
Fiſche ½ Kg.: Hecht, Aal 1 M., andere Rheinfiſche
40 Pf., Rotzungen 50 Pf., Maifiſch 30 Pf., Kabeljau, See=
hecht
, große Schellfiſche 25 Pf., kleine 1820 Pf.; in den
Fleiſchſtänden ½ Kg.: Rindfleiſch 6066 Pf., Hack=
fleiſch
60 Pf., Rindsfett 50 Pf., Rindswürſtchen (Stück)
15 Pf., Schweinefleiſch 90 Pf., Blut= und Leberwurſt
64 Pf., Fleiſchwurſt und Schwartenmagen 85 Pf.
§ Feſtgenommen. Am Samstag ſind hier feſtge=
nommen
worden: ein 44 Jahre alter Spengler aus Hering
wegen Sittlichkeitsverbrechen, ein 28 Jahre alter Feilen=
hauer
aus Ungarn wegen Sittlichkeitsvergehen, ein
24 Jahre alter Kellner aus Schwetz in Preußen wegen
Diebſtahl und ein 32 Jahre alter Hausburſche aus
Rügland in Bayern wegen Unterſchlagung.
Vom Odenwald, 1. Juli. In den bekannten
Luftkurorten, wo Mitte Juni ſchon zahlreiche
Kurfremde eingetroffen waren, iſt es bereits teilweiſe
leer geworden; denn bei dieſem Unwetter ziehen es die
Leute vor, wieder nach Hauſe zurückzukehren. Auch
ſolche, welche bis 1. Juli angemeldet waren, haben ſich
wieder bis auf weiteres abgemeldet, wodurch unſeren
Geſchäftsleuten große Verluſte erwachſen.
Groß=Steinheim, 1. Juli. Einen gllänzenden
Wahlſieg über die Sozialdemokratie erfochten bei
der Gemeinderatswahl die Kandidaten der bürgerlichen
Parteien. Von 517 Wahlberechtigten machten 451 von
ihrem Stimmrecht Gebrauch. Von den bürgerlichen
Kandidaten erhielten Oswald Spahn 310, Friedrich
Hoffmann 293 und Guſtav Jung 275 Stimmen, wogegen
die Sozialdemokraten nur folgende Stimmenzahl er=
reichten
: Johann Bußer 168, Jakob Daus II. 105 und
Johann Dörflein I. 103 Stimmen. Die drei bürger=
lichen
Kandidaten ſind ſomit auf die Dauer von neun
Jahren gewählt.
Klein=Kroßenburg, 1. Juli. Ein ebenſo eigen=
artiger
als folgenſchwerer Unfall ereignete ſich
in unſerer Gemeinde zum Nachteile des Großkauf=
manns
Koch aus Hanau. Das mit Spirituoſen uſw.
hochbeladene Kochſche Fuhrwerk hielt nämlich auf
offener Straße vor einem Geſchäftshauſe. Mutwillige
Kinder neckten und bewarfen die beiden Pferde in ihrem
jugendlichen Unverſtande ſo lange, bis die Tiere ſcheu=
ten
und ohne Führung in raſender Eile davonjagten.
An einer Straßenkurve rannte das Gefährt gegen ein
Haus, worauf infolge des gewaltigen Anpralls und des
Beharrungsvermögens faſt die ganze Ladung aus dem
Wagen und auf die erſchöpften Pferde geſchleudert
wurde. Sämtliche mit Spiritus gefüllten und zahlreiche
bereits entleerte Flaſchen gingen in Trümmer, ſo daß
die beiden wertvollen Frachtpferde förmlich in einen
mächtigen Haufen Glasſcherben eingehüllt wurden, an

vielen Körperteilen, namentlich an den Beinen und am
Halſe, bedeutende Verletzungen und erheblichen Blut=
verluſt
erlitten.
Mainz, 2. Juli. Geſtern nachmittag gegen 2 Uhr ſaß
der 27jährige Spengler Karl Pretzel von hier auf einer
Bank in der Mathildenſtraße. Plötzlich trank der junge
Mann in ſelbſtmörderiſcher Abſicht Lyſol. Unter ent=
ſetzlichen
Schmerzen warf ſich der Unglückliche auf den
Boden und wälzte ſich laut ſchreiend herum. Paſſanten
brachten ihn nach dem nahegelegenen Vinzenzhoſpital;
dort ſtarb er alsbald. Seine Eltern können ſich nicht
erklären, warum ihr Sohn freiwillig in den Tod ge=
gangen
iſt.
Worms, 2. Juli. Beim Rheiniſchen Hof iſt der
Rhein wieder über das Ufer getreten. Er iſt auf
433 Zentimeter geſtiegen, während der Höchſtſtand vor
14 Tagen 440 Zentimeter betrug.
Bingen, 2. Juli. Der Rhein ſtieg bis heute früh
6 Uhr weiter um 20 Zentimeter auf 4,12 Meter. Damit iſt
der letzte Höchſtſtand vom 22. Juni um 2 Zentimeter und
zum vierten Male der Hochwaſſerſtand von 4 Meter über=
ſchritten
. Das Waſſer ſteigt noch, auch die Witterung iſt
weiter regneriſch. Zu beiden Seiten des Rheins tritt in
dem Ufergelände, das nicht der direkten Ueberſchwem=
mung
ausgeſetzt iſt, Grundwaſſer zutage, mit gleich ſchädi=
gender
Wirkung für Feldfrüchte und Futtergewächſe. Gut
bewährt hat ſich bei dieſem Sommerhochwaſſer die von
der Gemeinde Mombach anfangs der 80er Jahre des vori=
gen
Jahrunderts erbaute Entwäſſerungsanlage.
Die Tag und Nacht in Betrieb geſetzte Maſchine hält ſo
ziemlich das ganze wertvolle Gemüſeglände, das, von
Dämmen eingeſchloſſen,, ſich längs der Bahn hinzieht,
vollſtändig waſſerfrei.
M. Nackenheim, 1. Juli. Die fortwährend nieder=
gehenden
Regenſchauer ſind dem Rebgelände nicht
günſtig. Das ſo notwendige Aufheften der Triebe und
das Beſpritzen mit Kupfer=Kalkbrühe kann deshalb nur
mit Unterbrechungen geſchehen. Auch iſt zu befürchten,
daß ſich bei fortgeſetzt naßkalter Witterung die Laub=
gelbſucht
wieder einſtellt und die Fruchtanſätze abfallen.
Die Beeren haben je nach Lage bereits eine anſehnliche
Größe erreicht und ſind in ihrer Entwickelung dem
vorjährigen Stand des Weinſtocks um ein Monats=
drittel
voraus. Doch iſt jetzt trockenes Wetter und viel
Sonnenſchein nötig, wenn ſich die Hoffnungen auf ein
gutes Weinjahr erfüllen ſollen.
(*) Friedberg, 1. Juli. Der Schutzverein für
entlaſſene Gefangene im Großherzogtum Heſſen
hielt heute im Hotel Trapp ſeine diesjährige Haupt=
verſammlung
ab. Den Vorſitz führte Generalſtaats=
anwalt
Dr. Preetorius aus Darmſtadt. Unter der
Verſammlung befanden ſich u. a. noch Geh. Regierungs=
rat
Dr. Kayſer, Domdekan Dr. Selbſt=Mainz, die Ober=
ſtaatsanwälte
von Darmſtadt, Mainz und Gießen und
Provinzialdirektor Fey=Darmſtadt. Der Vorſitzende
erſtattete den umfangreichen Jahresbericht. Der Ver=
ein
wurde auf Veranlaſſung der Staatsregierung 1842
gegründet. Von 850 Mitgliedern mit einem Beitrag
von 900 Mk. iſt der Verein auf 3500 Mitglieder ange=
wachſen
. Die Beiträge ſtiegen 1882 auf 1994 Mk., 1891
auf 3815 Mk., 1904 auf 5704 Mk. und 1909 auf 7142 Mk.
An Unterſtützungen an entlaſſene Gefangene wurden
1904 6200 Mk., 1909 8729 Mk. bezahlt, auf Starkenburg
entfielen 4017 Mk. (Kreis Darmſtadt 1304 Mk., Offen=
bach
1607 Mk.), auf Oberheſſen 1376 Mk. (Kreis Gießen
310 Mk., Friedberg 301 Mk.), auf Rheinheſſen 2692 Mk.
(Kreis Mainz 1709 Mk., Worms 528 Mk.). Die vor=
jährige
Verſammlung in Offenbach führte dem Verein
zahlreiche Mitglieder zu, ſodaß die Beiträge um 1300
Mark ſtiegen. Die Pfleglinge rekrutieren ſich aus den
großen Strafanſtalten zu Butzbach, Marienſchloß, Wei=
berſtrafanſtalt
Mainz. 1909 wurden unterſtützt kus
Butzbach 178, Marienſchloß 19, Mainz 54, Arreſthaus
Darmſtadt 22, Arbeitshaus Dieburg 6, Gießen 2, Nicht=
heſſen
11. Von den Unterſtützten waren 156 evangeliſch,
136 katholiſch, 1 israelitiſch; unter 20 Jahren 44, 20 bis
30 Jahre 124, 3040 Jahre 89, 4050 Jahre 27, bis
60 Jahre 5, über 60 Jahre 5. Dieſes Jahr ſteht eine
große Verſchiebung des Strafvollzugs bevor. 50 Pro=
zent
aller Delikte haben ihre Urſache im Alkoholgenuß,
66 Prozent der ſtrafbaren Handlungen ſind aus Ge=
winnſucht
begangen. Der Jahresbericht gibt ein klares
Vild über die edlen Ziele des Vereins. Die Jahres=
rechnung
für 1909 zeigt einen verzinslichen Vermögens=
ſtand
von 56013 Mk., das Geſamtvermögen iſt 60176
Mark. An Geſchenken gingen 1112,30 Mark ein.
Der Voranſchlag für 1911 ſieht als Einnahme
12000 Mk., als Ausgabe 11100 Mk. vor, darunter 8000
Mark für Unterſtützungen. Bei der Vorſtandswahl
wurden wiedergewählt: Geheimerat Dr. Breidert
Superintendent Peterſen. Dr. Selbſt, Dr. Kayſer,
Landgerichtspräſident Theobald, Oberbürgermeiſter
Köhler; neugewählt wurden Provinzialdirektor
Geheimerat Fey=Darmſtadt, Provinzialdirektor Dr.

mit Wolken bezogen, ein ſtarker Regenguß ſtand zu er=
warten
kein Wunder nach der Hitze der letzten Tage.
Aber dennoch konnte ich mich nicht entſchließen, in
mein Quartier zurückzukehren, denn es war gar zu
ſchön, dies Schauſpiel des herannahenden Unwetters.
Doch die erſten Tropfen fielen ſchon, und um mich
wenigſtens etwas vor dem Naßwerden zu ſchützen, trat
ich in einen ſogenannten Viehgarten, in dem die Kro=
nen
der Bäume ſich zu einem verhältnismäßig dichten
Dach wölbten. Noch nie meinte ich Laub von ſolcher
Ueppigkeit geſehen zu haben. Das Vieh, das hier ſeinen
Luſtgarten hatte, in Verbindung mit dem ſumpfigen
Boden, ſorgte dafür, daß ein jegliches hier wucherte.
Die Neſſeln manneshoch, die Blätter der Bäume rieſen=
groß
, die Winden, welche ſich um die Stämme rankten,
voll blauer, weißer und roſa Blüten! Wahrhaftig, man
konnte glauben ſich in einem Urwald zu befinden! Und
dichter und dichter rauſchte der Regen herab, auf dem
Blätterdickicht ein einförmiges Geräuſch verurſachend,
das einzige, welches die tiefe Stille ringsumher unter=
brach
. Und ſo heiß war es, ſo ſeltſam drückend ſchwül,
wie nun, wie es eben wohl in den Tropen ſein mag.
Ich habe wirklich einen Regen in einem tropiſchen Ur=
wald
erlebt. Allmählich wurde es ſchwächer und ſchwä=
cher
, nur einzelne Tropfen noch rieſelten herab, ſo daß
ich es wagen konnte, mein Blätterdickicht zu verlaſſen.
Nun will ich in mein Wirtshaus gehen und mein zwei=
tes
Frühſtück einnehmen; ich habe einen tüchtigen
Hunger, dachte ich, aber mitnichten! Da ſtand ein Kirch=
lein
, mit Schindeln gedeckt, ganz verträumt, nicht weit
vom weidenumrandeten Teich, ſeine geöffnete Tür lud
zum Eintreten ein mußte ich der Einladung nicht
folgen? Wie beſcheiden und wie verwittert alles d’rin
war! Einfache fichtene Bänke, kleine, in Blei gefaßte,
teils zerbrochene Fenſterſcheiben, ein primitiver Altar
mit einem grob geſchnitzten Kruzifix darauf, ein paar
Epitaphien, die von Engeln gehalten wurden, und

ich kam nicht weiter in meiner Beſichtigung, denn der
eine Engel feſſelte unwiderſtehlich meinen Blick. Welch
ein ſeltſames Geſicht! Lockend, lächelnd, von Himmels=
ſehnſucht
redend und doch ſo irdiſch wieder im Ausdruck;
faſt etwas von Spott und Koketterie war darin. Sicher
hatte ſich der Bildhauer, der es ſchuf, das Antlitz einer
geliebten Frau zum Vorbild genommen. Ein ganzer
Roman, der von dem Bildwerk und ſeinem Schöpfer
handelte, baute ſich in meiner Phantaſie auf, und gern
hätte ich gewußt, aus welcher Zeit der Engel ſtammte.
Aber o weh, wieder war meine ungenügende Vorbild=
ung
mir hinderlich. Kunſtgeſchichte ſtudieren, Kunſt=
geſchichte
ſtudieren, bevor man auf Reiſen geht! ſagte
ich mir. Vom Turm des Kirchleins ſchlug es elf. Jetzt
mußte ich zu meinem Wirtshaus eilen, denn ſonſt be=
kam
ich am Ende kein Frühſtück mehr. Nur einen Blick,
aber einen langen, warf ich im Vorübergehen auf den
Dorfteich, der jetzt von hellem Sonnenſchein überflutet
dalag und auf dem die Enten ſchwammen, die ich vor=
hin
bewundert hatte. Enten? Waren es wirklich
Enten und nicht Schwäne oder nicht vielleicht gar ver=
zauberte
Seejungfrauen? Die eine Ente, die hatte ſo
etwas Märchenhaftes, Stolzes und nein, nein, fort
zu meinem Roten Karpfen ſo hieß nämlich das
Wirtshaus , am Nachmittage konnte ich ja wieder=
kehren
zum weidenumrahmten Schwanenſee. Ach, wie
mir das Frühſtück ſchmeckte, das meine Wirtin mir
ſervierte! Eierkuchen mit Speck und dicke Milch! So
was bekam ich in der Großſtadt ja gar nicht, da gab
es ganz andere Sachen, deren ich längſt müde war. Und
das , ſo ſchloß der gelehrte Herr, waren die Erleb=
niſſe
des erſten Vormittags meiner Reiſe durch ein paar
unbekannte oſtpreußiſche Dörfer. Ich hatte Motive
alter holländiſcher Meiſterbilder geſehen, einen Regen
im tropiſchen Urwald erlebt, den in Skulptur verewig=
ten
Roman eines Bildhauers nachgeträumt und ver=
zauberte
Seejungfrauen beim Baden beobachtet. Mehr

kann der Reiſende doch wirklich nicht verlangen. Nur
leider, leider ich muß es wiederholen war meine
Vorbildung zur vollen Aufnahme all’ dieſes Schönen
und Intereſſanten nicht genügend. Von jetzt ab werde
ich mich für meine Reiſen durch fleißiges Studium ein=
ſchlägiger
Schriften und Bilderwerke beſſer vorbe=
reiten
.
Iſt der Königsberger Philoſoph mit Nutzen gereiſt?
Mir ſcheint ja.
Ich ſagte vorhin, daß die Menſchen auf Reiſen ſehr
Verſchiedenes ſuchten. Außer Geſundheit, reſpektive
Erholung, kann es auch Abwechſelung ſein, ebenſo gut
kann der Wunſch, Abenteuer zu erleben und ihre
Kenntniſſe zu vermehren, ſie auf die Wanderſchaft
geſchickt haben was den gelehrten Karl Roſenkranz
zu jener oſtpreußiſchen Tour veranlaßte, vermag ich
nicht zu ſagen, aber ſo viel ſteht feſt, daß er dabei alles
gefunden hat, was der Touriſt in der Ferne füglich
ſuchen kann. Nach ſeiner Anſicht freilich nicht ganz, da
nun, da er ſich doch nicht genügend für den Zweck
vorbereitet hat. Nun, wir wollen zufrieden ſein, wenn
wir mit ſo viel Nutzen und Genuß reiſen wie er.
Drum, eifern wir ihm nach! Glücklich, wer in der
Lage iſt, himmelhohe Berge, weite Meere, träumende
Seen, Stätten ewiger höchſter Kunſt, Orte und Gegen=
den
, wo ein buntes Gemiſch aller Völker und Raſſen
ſich kreuzt, nach Belieben aufzuſuchen; aber weſſen
Geldbeutel ſo ſpärlich gefüllt iſt, daß er nur nach einem
beſcheidenen Dorfe im lieben Vaterlande ſeinen Wan=
derſtab
ſetzen darf, auch der kann auf Reiſen glücklich
ſein. Auch der kann dabei Geiſt und Herz mit Bildern
füllen, in denen er, wenn er ſpäter, auch nach langen,
langen Jahren noch im ſtillen Heim, zur Winterszeit
ſitzt, nur nachzublättern braucht, um unvergeßliche Ein=
drücke
noch einmal nein, immer von neuem zu
erleben.

[ ][  ][ ]

Nummer 154

Seite 42.

Darmſtädter=Tähbihitt Montagnden Juli 1910.

Uſinger=Gießen und Oberſtaatsanwalt v. Heſ=
ſert
=Darmſtadt.
(*) Klein=Linden, 1. Juli. Wie gefährlich der Ge=
nuß
unreifen Obſtes iſt, zeigt der plötzliche Tod
des fünfjährigen Knaben Martin Ludwig. Das Kind
erkrankte geſtern ſehr ſchwer, die Eltern brachten es
ſofort in die Gießener Klinik, wo es ſchon nach einigen
Stunden ſtarb. Bei der Unterſuchung fand ſich, daß
der jähe Tod infolge Vergiftung durch unreife Aepfel
und Stachelbeeren eingetreten war.

Reich und Ausland.
Aus der Reichshauptſtadt, 2. Juli. Das Oberver=
waltungsgericht
hat die Wahl dreier ſozialdemo=
kratiſcher
Stadtverordneter in Rixdorf
für ungültig erklärt. Eine Berliner Kommiſſion
weilte dieſer Tage in Eberbach zur Beſichtigung der
Kloſtergebäude. Nach Vorſchlag der Kommiſſion ſoll ein
Teil des Baues als Erholungsheim für Subalternbeamte,
der andere als Haushaltungsſchule Verwendung finden
und die Kirche in ihrer urſprünglichen Größe wieder her=
geſtellt
werden. Die Leiche des Profeſſors Dr. Hugo
Erdmann, der, wie gemeldet, einem Bootsunfall auf
dem Müritzſee in Mecklenburg zum Opfer fiel und ſeit
vorletzten Samstag vermißt wurde, iſt heute aufgefun=
den
worden. Sie wurde bei dem Orte Bök angeſchwemmt.
Der alte‟ Heffter iſt geſtorben, das älteſte Mit=
glied
der Berliner Fleiſcher=Innung, im 83. Lebensjahre.
Auguſt Heffter war eine der volkstümlichſten Perſönlich=
keiten
Berlins. Für alle Feſtlichkeiten der Fleiſcher= In=
nung
ſtiftete er die Damenſpende. Der Freimaurer=Loge
der drei Weltkugeln ſchenkte er bei den Stiftungsfeſten
für jedes Mitglied eine Schlackwurſt. Die freien Stun=
den
, die ihm die Leitung des großen Geſchäftes übrig
ließ, widmete er dem Sammelſport. 1861 kam er nach
Berlin. Seine bunten Schüſſeln und Heffterwürſtchen
wurden bald vielbegehrt. Als er im Anfang der ſiebziger
Jahre dann den erſten wirklich modernen Laden in ſeinem
Neubau an der Leipziger Straße eröffnete, erregte er damit
großes Aufſehen. Ein Unglücksfall kam ihm noch zu
Hilfe. In ſeiner Verkaufshalle, die damals noch mit Gas
beleuchtet war, richtete eine Exploſion große Zerſtörungen
an. Dieſes Unglück wirkte wie die größte Reklame. Ganz
Berlin zog nach der Unglücksſtätte, und Heffter wurde ein
ſtadtbekannter Mann. Er hinterläßt ein Vermögen von
Millionen.
Marburg, 2. Juli. In Biedenkopf=Wingeshauſen
erſchoß ſich der Waldhüter Schäfer. Er hinterläßt
eine Frau und acht Kinder.
Amorbach, 1. Juli. Der im Bau begriffene Aus=
ſichtsturm
der hieſigen Sektion des Odenwaldklubs
und des Verſchönerungsvereins, welcher bereits eine
Höhe von 17 Metern erreicht hatte, ſtürzte in ſich
zuſammen. Der entſtandene Schaden iſt beträchtlich.
Menſchen wurden nicht verletzt.
Kiel, 2. Juli. Der Lloyddampfer Mainz
iſt heute morgen 10 Uhr 25 Min. mit den Teilnehmern
der Vorexpedition für die deutſche arktiſche Zeppelin=
Luftſchiff=Expedition von Kiel durch den Kaiſer Wil=
helm
=Kanal nach Spitzbergen abgegangen, nachdem kurz
vor 10 Uhr Prinz und Prinzeſſin Heinrich an Bord
gekommen waren. Die Prinzeſſin Heinrich begleitet
ihren Gemahl bis Brunsbüttel und kehrt dann nach
Kiel zurück.
Allenſtein, 2. Juli. Im Prozeß der Frau von
Schönebeck ſtellten die ärztlichen Gutachter heute
feſt, daß die Angeklagte nicht nur verhandlungsunfähig,
ſondern völlig geiſteskrank und auf Monate
hinaus verhandlungsunfähig ſei. Der erſte Staats=
anwalt
beantragte die vollſtändige Einſtellung
des Verfahrens gemäß § 303 der Strafprozeßord=
nung
unter Vorbehalt der Verteilung der Koſten. Der
Gerichtshof beſchloß die vorläufige Einſtellung des Ver=
fahrens
gemäß § 303 der Strafprozeßordnung, da die
Angeklagte nach der Tat in Geiſteskrankheit verfallen
ſei. Die Verteilung der Koſten wird vorbehalten.
Ueber den Haftbefehl hat der Gerichtshof abſichtlich
nichts beſchloſſen.
Kattowitz, 1. Juli. Graf Thiele=Winckler
erwarb für 17 Millionen Mark die in den Kreiſen Lub=
linitz
und Groß=Strehlitz gelegenen 106500 Morgen
großen Beſitzungen des Grafen Stolberg=Wernigerode.
Wien, 1. Juli. Wie das Neue Wiener Abendblatt
meldet, iſt im 5. Wiener Stadtbezirk das Haus Leibniz=
ſtraße
5 eingeſtürzt. Die Baupolizei, die ſich nicht
denken kann, was den Einſturz des Hauſes verſchuldet
haben könnte, iſt der Anſicht, daß hier ein Verbrechen
vorliegt, zumal in der Nachbarſchaft verſchiedene Per=
ſonen
mit dem Einſturz zugleich einen dumpfen Knall
gehört haben wollen. Wieviel Menſchen unter den
Trümmern begraben liegen, konnte bisher noch nicht
feſtgeſtellt werden.
Paris, 1. Juli. In einem Wagenabteil erſter
Klaſſe eines Pariſer Vorortzuges wurde ein Fräu=
lein
Turet von ihrem Nachbar, der es auf ihre Ringe

Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.
* Herzog Adolf Friedrich von Mecklen=
burg
wird ſeine neue Forſchungsreiſe am 9. d. M.
von Hamburg aus antreten. Als Forſchungsgebiet ſind
die Grenzländer zwiſchen Deutſch=Kamerun, Franzö=
ſiſch
=Aequatorialafrika und Belgiſch=Kongo in Ausſicht
genommen. Es handelt ſich da vor allem um das große,
zum Teil faſt völlig unbekannte wald= und waſſerreiche
Gebiet der zahlreichen linken Nebenflüſſe des Kongo.
Auch ein Abſtecher nach dem Tſchadſee iſt geplant.
* Friedrich Holthaus in Berlin, einer der
Senioren der deutſchen Schauſpielkunſt und zweiter
Präſident der Genoſſenſchaft deutſcher Bühnenangehöri=
ger
, hat am Donnerstag ſeinen Abſchied von der Bühne
genommen. Er ſpielte im Friedrich=Wilhelmſtadttheater
den Dr. Mors in Sherlock Holmes Reicher Beifall er=
tönte
nach dem Ende des Stückes, und herzlichſt gefeiert,
konnte ſich Holthaus hinter den Vorhang zurückziehen.
Hier erwartete den Künſtler eine intime Feier, an der
ſämtliche Mitglieder des Enſembles teilnahmen.

Kleines Feuilleton.
* Schwalbe und Kreuzſpinne. Der Berl.
Lokalanzeiger ſchreibt: Ein kleines Tierdrama wird
uns von einem unſerer Leſer in nachſtehender Zuſchrift
geſchildert: Geſtern nachmittag fiel vom Dache des
Hauſes Brunnenſtr. 46 eine Schwalbe herab und mir
vor die Füße. Ich nahm das Tierchen vom Boden auf,
um es zu pflegen und vielleicht zu retten. Während
ich es unterſuchte, kroch aus dem Gefieder eine Kreuz=
ſpinne
hervor, die erſichtlich voll Blut geſogen war.
Gleichzeitig bemerkte ich am Halſe der Schwalbe einen
kleinen kahlen Fleck. Ich tötete die Kreuzſpinne, und
hierbei zeigte ſich, daß ſie erſt vor kurzem der Schwalbe
Blut ausgeſogen haben mußte. Ich wandte nun meine

und Ohrgehänge abgeſehen zu haben ſchien, mit einem
Totſchläger bedroht. Ihre Hilferufe wurden im Neben=
abteil
gehört und die Alarmglocke in Bewegung geſetzt.
Als der Zug hielt, ſprang der Verbrecher auf das
Gleis und wurde von einem in entgegengeſetzter Rich=
tung
kommenden Zuge zermalmt. Der Mann iſt
wie an der Hand der bei der Leiche vorgefundenen
Papiere feſtgeſtellt wurde, ein Zahnarzt aus Varenne=
Saint=Maur namens Ballieux, der wegen ſeines lieder=
lichen
Lebenswandels ſchon ſeit langem einen ſchlechten
Leumund genießt.
* Chronik des Monats Juni. 1. Wahlen in Un=
garn
; Sieg der Regierungspartei. 3. Dichter Julius
Wolff 7. 4. Dem preußiſchen Abgeordnetenhauſe
gehen Interpellationen wegen der Enzyklika des Pap=
ſtes
zu. 6. Abſchiedsgeſuch des Staatsſekretärs Dern=
burg
. 8. Vermählung des Prinzen Friedrich Wil=
helm
von Preußen mit Prinzeſſin Agate von Ratibor und
Corvey. 9. Interpellationen im preußiſchen Abge=
ordnetenhauſe
über die Enzyklika des Papſtes. Pro=
grammrede
des Miniſterpräſidenten Briand vor der
neuen franzöſiſchen Kammer. 10. Die Finnland= Vor=
lage
wird von der ruſſiſchen Duma angenommen.
11. Rücktritt des ſerbiſchen Miniſteriums. 12. Wol=
kenbruch
im Ahrtal. 14. Der Papſt erklärt auf die Be=
ſchwerde
der preußiſchen Regierung ſein wahres Be
danern über die unbeabſichtigte Wirkung der Borro=
mäus
=Enzyklika. 15. Eröffnung des erſten bosniſchen
Landtags. Thronrede zur Eröffnung der ſpaniſchen
Cortes. 16. Schluß des preußiſchen Landtags. 17.
Reichstagswahl im Reichstagswahlkreis Uſedom= Wol=
lin
. Im däniſchen Miniſterprozeß wird Chriſtenſen
freigeſprochen. 18. Rücktritt des preußiſchen Land=
wirtſchaitsm
uſters v. Arnim und des Miniſters des
Innern v. Moltke; Nachfolger die Oberpräſidenten
Frhr. v. Schorlemer und v. Dallwitz. Empfang Rooſe=
velts
bei ſeiner Rückkehr nach Amerika. 21. Prinzeſſin
Feodora zu Schleswig=Holſtein . Attentat in Fried=
berg
. Die verwitwete Fürſtin zu Wied *. 24. Das
bulgariſche Königspaar in Paris. Stichwahl in
Friedberg=Büdingen. 25. Hofrichter zu 20 Jahren
ſchweren Kerlers verurteilt. Thronrede zur Eröff=
nung
des ungariſchen Reichstags. Die Zwangsvollſtreck=
ung
des Haupimanns von Hellfeld gegen den ruſſiſchen
Fiskus für unzuläſſig erklärt. 26. Neues Miniſterium
in Portugal unter Teixeira de Souza. 28. Das Düſſel=
dorfer
Zeppelin=Luftſchiff Deutſchland verunglückt im
Teutoburger Walde. Rücktritt des Staatsſekretärs
Frhrn. v. Schön, des Pariſer Botſchafters Fürſten Rado=
lin
und des preußiſchen Finanzminiſters Frhrn. von
Rheinbaben. Staatsſekretär wurde der Geſandte von
Kiderlen=Wächter aus Bukareſt, Botſchafter Herr von
Schön und Finanzminiſter der Magdeburger Oberbür=
germeiſter
Dr. Lentze. 29. Einweihung des Rudolf
Virchow=Denkmals in Berlin. Witwe Friedrich Heb=
bels
, Chriſtine, geb. Enghaus, . Verlagsbuchhändler
Geh. Kommerzienrat Spemann 7. 30. Der Kaiſer
von Korea überträgt die Polizeigewalt an Japan. An=
fang
der Einverleibung.

Die Kieler Woche.
* Travemünde, 1. Jali. Ergebniſſe der heu=
tigen
Wettfahrt von Kiel nach Travemünde:
Windrichtung Weſt, Windſtärke 10 bis 12 Meter; ſtrich=
weiſe
Regen. A) 1. Klaſſe: Weſtward Erſter, (1. Kai=
ſerpokal
), Germania Zweiter, Hamburg‟ Dritter,
Meteor nicht gezeitet. A) 2. Klaſſe: Komet Erſter
(2. Kaiſerpokal), Cicely nicht geſtartet. 15=Meter=
Klaſſe: Sophie Eliſabeth‟ Erſter (Meteor=Pokal),
Paula II nicht geſtartet. 12=Meter=Klaſſe: Magda 8
Erſter, Skeaf Zweiter. 10=Meter=Klaſſe: Elſa 3"
Erſter, Orchis nicht gezeitet. 9=Meter=Klaſſe: Kar=
neval
Erſter, Nebo nicht gezeitet. 8=Meter=Klaſſe:
Dezima‟ Erſter, Toni 7 Zweiter, Wildente‟ Drit=
ter
, Hede 2 nicht geſtartet, Woge 4 nicht gezeitet.
Meteor war um 4½ Uhr im Schlepptau eines Tor=
pedoboots
, gefolgt vom Sleipner hier einpaſſiert.
* Travemünde, 2. Juli. Der Kaiſer beſuchte
heute vormittag hier das auf der Reede liegende Schul=
ſchiff
Prinzeſſin Eitel Friedrich worauf er
mit dem Großherzog von Oldenburg etwa eine Stunde
verweilte. Zur Frühſtückstafel auf der Hohenzollern
waren geladen der Großherzog, der Bürgermeiſter von
Lübeck Dr. Eſchenburg, der Geſandte Graf Götzen und der
Gutsbeſitzer Hauswaldt.
* Travemünde, 2. Juli. Der Kaiſer hat an
den Großherzog von Oldenburg aus Anlaß
des Stapellaufes in Danzig folgendes Tele=
gramm
gerichtet: Herzlichen Dank für die Meldung über
den glücklichen Stapellauf meines neueſten Linienſchiffes,
deſſen Namen an die nahen Beziehungen der Marine zu
dem Großherzogtum Oldenburg erinnern ſoll. Mit be=
ſonderer
Genugtuung erfüllt es mich, daß eine die See
von Kindheit an liebende deutſche Fürſtentochter die
Taufe vollzogen und ein deutſcher Fürſt, der als See=
mann
ſein Schiff perſönlich zu führen verſteht, die Geleit=

Sorgfalt dem Vögelchen zu, allein es half nichts mehr,
die Schwalbe ſtarb nach einer halben Stunde. Es iſt
wohl anzunehmen, daß die Schwalbe durch die Spinne
vergiftet oder ſonſt derart verletzt wurde, daß ſie daran
zugrunde ging. Der Verfaſſer der Zuſchrift befindet
ſich zweifellos in einem kleinen Irrtum. Die Kreuz=
ſpinne
iſt wohl giftig, aber ihr Biß an ſich hätte nicht
den Tod der Schwalbe herbeiführen können. Es iſt
vielmehr anzunehmen, daß die Schwalbe durch das Gift
der Kreuzſpinne betäubt worden und infolgedeſſen vom
Dach gefallen iſt. Beim Aufſchlagen auf den Boden
mag ſie ſich ſo ſchwer verletzt haben, daß ſie verendete.
Daß Vögel von Kreuzſpinnen angegriffen werden, iſt
ſelten. Etwas anderes iſt es bei der braſilianiſchen
Vogelſpinne, die ſyſtematiſch Vögel überfällt, ſich von
ihrem Blute nährt und ſie auf dieſe Weiſe tötet. In
unſeren Breiten kommt die Vogelſpinne jedoch nicht vor.
* Heute koſtet das Bier nichts. Das
Deutſche Reichs=Korreſpondenz=Blatt erzählt folgende
Anekdote, die den zwangloſen Verkehr des Kaiſers mit
den maßgebenden Herren der Hochfinanz illuſtrieren
oll: Bierabend beim Kaiſer. Geladen dieſelben Herren
der Hochfinanz, die ſich gelegentlich des letzten dieſer
zwangloſen Unterhaltungsabende im kaiſerlichen Schloß
auf perſönliche Anregung Wilhelms II. zu einer recht
namhaften Zeichnung für den Grafen Zeppelin und
ſein Werk bereit ſinden ließen. Der Kaiſer ſehr auf=
geräumt
, die Geheimen Kommerzienräte merklich ſtill.
Fragend ſieht ſich der Kaiſer um . . . und ein Lächeln
des Verſtehens überfliegt ſeine Züge: Meine Herren,
heute koſtet das Bier nichts.
* Geiſtesgegenwart. Der Dampfer Gre=
zian
mit Ladung von Philadelphia nach Boſton geriet
unterwegs in Brand. Als der Kapitän gegen Mitter=
nacht
erkannte, daß das Feuer nicht zu löſchen ſei, weckte
er die 80 Paſſagiere, verſammelte ſie an Deck und kün=

worte geſprochen hat. Es gibt mir dies willkommenen
Anlaß, in dankbarer Würdigung der großen Verdienſte
Eurer Königlichen Hoheit um meine Marine und im
beſonderen um die Entwickelung der Schiffsbautechnik
und die Heranbildung des Seemannsnachwuchſes, Eure
Königliche Hoheit zu bitten, die Stellung à la suite mei=
ner
Marine anzunehmen und damit die Seeoffiziersuni=
form
anzulegen. gez. Wilhelm I. R.
* Travemünde, 3. Juli. Der Kaiſer hielt
heute vormittag Gottesdienſt an Bord der Hohen=
zollern
ab. Um 11½ Uhr begann die Regatta des
Norddeutſchen Regatta=Vereins und des
Lübecker Jachtklubs auf der Lübecker Bucht bei
Regen und ſchwachem Wind. Um 11 Uhr ging die
Hohenzollern mit dem Kaiſer, vom Torpedoboot
Sleipner gefolgt, nach Kiel.
* Kiel, 3. Juli. Die Hohenzollern mit
dem Kaiſer an Bord und der Sleipner ſind nach=
mittags
5½ Uhr, von Travemünde kommend, in den
hieſigen Hafen eingelaufen.

Sport.
* Frankfurt a. M., 3. Juli. Die Rad=
rennen
auf der Internationalen Ausſtel=
lung
für Sport und Spiel erfuhren durch den
Regen eine unangenehme Unterbrechung. Das Stun=
denrennen
mit Motorführung um den Preis vom
Main mußte nach der 49. Minute abgeläutet werden.
Erſter wurde Richard Scheuermann=Breslau 66,4
Kilometer, zweiter Jahnke=Berlin 600 Meter zurück,
dritter Hermann Przyrembel=Treptow, Tomy Hall=
London und Bruno Demke=Berlin weit zurück.
sr. Rütt in Paris ſiegreich. Auf der Pa=
riſer
Buffalobahn gelangte das mit großer Spannung
erwartete Match zwiſchen den zurzeit vier beſten
Fliegern Friol, Ellegaard. Dupre und Rütt
zum Austrag. Die einzelnen Läufe hatten folgendes
Ergebnis: 1. Lauf: Friol ſchlägt Dupre mit einer Länge,
2. Lauf: Rütt ſchlägt Ellegaard, 3. Lauf: Ellegaard
ſchlägt Dupre mit dreiviertel Längen, 4. Lauf: Rütt
und Friol totes Rennen, Friol wegen Behinderung
diſtanziert, 5. Lauf: Rütt ſchlägt Dupre mit einer hal=
ben
Länge, 6. Lauf: Ellegaard ſchlägt Friol, weit zurück.
Das 30 Kilometer=Dauerrennen gewann Lavalade in
25 Min., 37,1 Sek. mit 5½ Runden gegen Miquel und
Wills, der weit zurück endete.
At. Die Kaiſer Nikolaus=Tourenfahrt
hat mit der zweiten Etappe von Pſkow nach Witebsk
ihre Fortſetzung gefunden. Von den 45 geſtarteten
Wagen ſchieden bereits zwei aus, und zwar der Opel=
Wagen von Deringer und der Benz=Wagen von Haas;
Strafpunkte erhielten zwei weitere Benz=Wagen, ſo=
wie
die Protoswagen. Die Fahrt ging bei ſchönſtem
Wetter vor ſich, den Konkurrenten wurde überall ein
warmer Empfang bereitet.

Luftſchiffahrt.
D. F.G. Sturz des deutſchen Fliegers
von Gorriſſen in Warſchau. Die Leiſtungen
v. Gorriſſens in Warſchau, welche die der 9 anderen
Flieger bedeutend übertrafen, machten auf das Pu=
blikum
einen großen Eindruck, ſodaß der Vorſitzende
des dortigen Komitees, Fürſt Konſtantin Lubomirski,
ihn mit allen Mitteln zum Bleiben bis Sonntag be=
wegen
wollte. Leider hat ſeine ſo ausſichtsvolle Betei=
ligung
ſchon Mittwoch abend ein unfreiwilliges und
unglückliches Ende genommen. Als v. Gorriſſen um
7¼ Uhr ſtartete, ergriff eine heftige Boe den Apparat,
drückte denſelben auf die Seite in eine Vertiefung,
wobei der Apparat ſich vollkommen überſchlug und
ſchwer beſchädigt wurde. v. Gorriſſen ſelbſt kam leicht
verletzt unter den Trümmern hervor: Durch dieſen
Unglücksfall nicht abgeſchreckt und ſich keinen Moment
Erholung gönnend, fuhr v. Gorriſſen nach Mülhauſen
i. E., wo er bereits am 2. Juli eingetroffen iſt und an
der Flugwoche teilnimmt.

Vermiſchtes.
* Die Vermehrung der Loſe der preu=
ßiſchen
Klaſſenlotterie. Der preußiſche Land=
tag
wird ſich demnächſt mit dem Lotterievertrage zwi=
ſchen
Preußen und Elſaß=Lothringen zu beſchäftigen
haben. Wie verlautet, wird wegen des Beitritts von
Elſaß=Lothringen und um der regen Nachfrage nach
Lotterieloſen zu genügen, die Zahl der Loſe von 304000
auf 400000 erhöht werden. Dieſe 400000 Loſe ſollen auf
die Nummern 1 bis 200000 A und B lauten, ſo
daß jede gezogene Nummer doppelt ausgezahlt wird:
an den Inhaber des Loſes A und an den Inhaber des
Loſes B. Die Gründe, welche dafür ſprechen, die Zahl
der Nummern nicht auf 400000 zu erhöhen, ſind, wie es
heißt, folgende: Die Hauptziehung der preußiſchen
Klaſſenlotterie umfaßt zurzeit 26 Ziehungstage und
dehnt ſich einſchließlich der dazwiſchenliegenden Sonn=

digte ihnen an, er werde zurückfahren, Gefahr ſei nicht
vorhanden. Dann ließ er Klavier ſpielen und die Paſſa=
giere
tanzten über den Flammen, bis Philadelphia er=
reicht
war. Niemand iſt verletzt worden. Das Feuer
wurde ſpäter gelöſcht.
Der Klub der luſtigen alten Damen
Ein neuer Damenklub iſt in Los Angeles in Kalifor=
nien
entſtanden, die jüngſten‟ Damen der Stadt haben
ihn begründet. Die jüngſten Damen, nicht etwa an
Jahren, an Frohmut und an Heiterkeit der Seele.
Schon die Statuten unterſcheiden ſich von den nüchter=
nen
Paragraphen gewöhnlicher Vereinsordnungen,
denn da wird verkündet: Fröhlichkeit führt zur ewigen
Jugend, das Leben iſt ewig, es gibt keinen ſogenannten
Tod. Glück und gute Verdauung müſſen Hand in Hand
gehen. Es iſt verboten, über Krankheit Unglück oder
Sorgen nachzugrübeln. In den Klub werden nur
optimiſtiſche, lebensfreudige Damen aufgenommen, die
Gott, ſich und der Welt vertrauen und die ihr 60.
Lebensjahr zurückgelegt haben. Erſt wenn ſie bewie=
ſen
haben, daß ſie auch in ſchweren Lebenslagen das
Gleichgewicht der Seele nicht verlieren und ihre Hei=
terkeit
bewahren, erſt dann werden ſie in den Jolly
old ladies Elub aufgenommen, in den Klub der
luſtigen alten Damen von Los Angeles.
* Pariert. Eine Dame machte eines Vormit=
tags
einen Beſuch bei einer Bekannten, ohne dieſe zu
Hauſe zu treffen. Das unerfahrene Dienſtmädchen
führte ſie trotzdem in den Salon, der noch nicht gereinigt
var. Auf dem Klavier lag noch Staub, und die Be=
ſucherin
ſchrieb mit dem Finger in denſelben Schlumpe‟
Als die Damen am nächſten Tage zuſammentrafen,
ſagte die eine: Ich war geſtern bei Ihnen. Ich
weiß, erwiderte ruhig die andere, ich fand ja Ihre
Viſitenkarte auf dem Klavier.

[ ][  ][ ]

Nummer 153.

und Feiertage über 32 Tage aus. Bei einer Ver=
mehrung
der Gewinne um 40000 würde ſich die
Ziehungszeit über 43 Tage erſtrecken. Die jetzt be=
endete
Hauptziehung währte vom 7. Mai bis 7. Juni;
würde die Zahl der Gewinne um 40000 höher ſein, ſo
wäre erſt am 18. Juni Schluß der Ziehung. Die Liſte
könnte dann nicht vor dem 1. Juli erſcheinen, und da
etwa am 10. Juli wieder die erſte Klaſſe gezogen wird,
ſo würde die ganze Arbeit der Einnehmer, Berech=
nung
und Auszahlung der Gewinne fünfter Klaſſe,
Zuteilung der Loſe erſter Klaſſe, Schriftwechſel mit den
auswärtigen Spielern und Entſcheidung des Einneh=
mers
darüber, ob er übrige Loſe an die Direktion zurück=
ſenden
will, die dieſe wiederum anderen Einnehmern
überläßt, in ganz wenigen Tagen erfolgen müſſen.
Internationale Induſtrie= und Ge=
werbe
=Ausſtellung Turin 1911. Die An=
weſenheit
der Turiner Kaufleute und Induſtriellen in
der Reichshauptſtadt und anderen Induſtrieſtädlen
Deutſchlands hat die Internationale Induſtrie= und
Gewerbe=Ausſtellung Turin 1911 von neuem in den
Vordergrund gerückt und weſentlich dazu beigetragen,
manchen bisher noch Ausſtellungsunluſtigen für die
Beſchickung der Ausſtellung zu intereſſieren. In den
ausländiſchen Induſtriekreiſen widmet man bereits
heute der Deutſchen Abteilung der Turiner Ausſtellung
beſondere Aufmerkſamkeit, da man mit Recht annimmt,
daß ſie infolge der ſtarken Teilnahme der deutſchen
Großinduſtrie dem deutſchen Markt, namentlich in den
ſüdeuropäiſchen und ſüdamerikaniſchen Staaten, neue
und wertvolle Abſatzgebiete erſchließt. Wie wir
hören, beabſichtigt das Deutſche Komitee, deshalb eine
Vergrößerung der ihm bisher zur Verfügung ſtehenden
Hallen eintreten zu laſſen, ſo daß ſelbſt bei einer noch
weitergehenden Beteiligung, der Deutſchen Induſtrie
genügend Raum geſichert iſt. Die italieniſche Aus=
ſtellungsleitung
beabſichtigt, einen internationalen
Wettbewerb für Vervollkommnung der Straßenpflege‟
auszuſchreiben, bei welchem folgende Preiſe zur Ver=
teilung
kommen: ein Preis von 30000 Lire, ein Preis
von 10000 Lire, ein Preis von 5000 Lire, und ein
eder mehrere Preiſe von je 3000 Lire. Für Inter=
eſſenten
erſcheint es wünſchenswert, ſich recht bald an
die Geſchäftsſtelle in Berlin, Luiſenſtr. 33, zu wenden,
die jede Auskunft erteilt.
Literariſches.
Wer die führenden, dem Humor und der Satire
gewidmeten Blätter Deutſchlands aufmerkſam verfolgt
und ſie mit ähnlichen Publikationen des Auslandes
vergleicht, wird mit patriotiſcher Befriedigung er=
kennen
, daß unſere Nation auch auf dieſem Gebiete
von keiner anderen übertroffen wird. Ein allgemein
anerkannter Beleg hierfür ſind die in der Mitte des
vorigen Jahrhunderts gegründeten und heute noch in
urſprünglicher Friſche erſcheinenden Münchner
Fliegenden Blätter (Verlag von Braun und
Schneider in München. Preis pro Quartal 3,50 Mk.).
Durch und durch deutſch, hat dieſes älteſte humoriſtiſche
Blatt Deutſchlands die Quelle ſeines nie verſiegenden
Humors im Volke ſelbſt; wo Deutſche wohnen, finden
ſich Mitarbeiter der Fliegenden; überall, auch in den
entlegenſten Gegenden des Auslandes ſind ſie ver=
breitet
und beliebt. Frei von jeder zweifelhaften
Tendenz, pflegen ſie nur den gemütvollen Humor, und
neben dieſem klingen uns auch ernſte Weiſen entgegen.
Die allbekannten Künſtler der Fliegenden Blätter:
W. Caſpari, Th. Grätz, Prof. Ad., Hengeler, E. Kirchner,
Prof. C. v. Makr, Prof. A. Oberländer, E. Reinicke.
Prof. R. Reinicke, A. Röſeler, H. Schlittgen, Prof. F.
Simm, Prof. Herm. Vogel und wie ſie alle heißen, ſind
die würdigen Nachfolger all der deutſchen Meiſter, die
ſeit der Begründung des Blattes ihren Stift in den
Dienſt desſelben geſtellt haben. Wer in unſerer nerven=
aufreibenden
, haſtenden Zeit herzlich lachen ſowie
heitere und ernſte Kunſt genießen will, der ſollte nicht
verſäumen, den Fliegenden Blättern einen Platz am
häuslichen Herde einzuräumen.

Darmſtädter Taghlatt, Montag, den 4. Juli 1910.

Seite B.

Die Studentenkrawalle in Lemberg.
* Lemberg, 2. Juli. Amtlicherſeits werden
die in den Wiener Blättern enthaltenen Behauptun=
gen
, daß während der geſtrigen Unruhen an der
Lemberger Univerſität es zu Zuſammen=
ſtößen
zwiſchen rutheniſchen Studenten und der Poli=
gei
gekommen ſei, daß die Studenten Revolverſchüſſe
gegen die Polizei abgefeuert hätten und die Polizei
die Studenten, die aus dem Univerſitätsgebäude
heraus wollten, zurückgedrängt hätte, als völlig aus
der Luft gegriffen bezeichnet. Ferner ſei es unrichtig,
daß die Krawalle auch nach dem Einſchreiten der Poli=
eei
fortgedauert und ſchließlich einen derart exzeſſiven
Charakter angenommen hätten, daß Militär requiriert
werden mußte. Zweihundert Demonſtranten wurden
in das Univerſitätsgebäude zurückgedrängt und die
Polizei brauchte überhaupt nicht die Waffe; ſie hatte
bloß gedroht, daß, wenn die Studenten ſchößen, auch
die Polizei ſchieße. Nach dem Eingreifen der Polizei=
mannſchaften
hörten die Krawalle ſofort auf. Auch
kein Militär wurde erwartet oder war requiriert; erſt
ſpäter wurde in der Straße eine Abteilung Soldaten
aufgeſtellt, um Ruheſtörungen zu verhüten. Die Stadt
iſt heute vollkommen ruhig. Die Univerſität iſt einſt=
weilen
geſchloſſen; es finden nur Prüfungen ſtatt. Der
gkademiſche Senat tritt heute, nach der Ankunft des
Rektors, Obmanns des Polenklubs, Glombinski, zu=
ſammen
, um die Disziplinarunterſuchung gegen die
geſtrigen Exzedenten zu beſchließen. Das Befinden
der Verletzten, deren Zahl jetzt mit 20 angegeben wird,
iſt verhältnismäßig günſtig, da es ſich hauptſächlich nur
um leichte Kopfwunden handelt, von Stockſchlägen her=
rührend
. Vier Studenten wurden ſchwerer verletzt.
Das Gerücht von zwei weiteren Todesfällen iſt un=
beſtätigt
.
* Lemberg, 2. Juli. Die amtlichen Erhebungen
ſtellten feſt, daß während der geſtrigen Vorgänge
an der Univerſität ſämtliche Schüſſe von den
Ruthenen abgefeuert wurden. Im Augenblicke
des Zuſammenſtoßes befanden ſich im Univerſitäts=
gebäude
gegen 40 Polen und über 300 Ruthenen. Alle
Ruthenen waren mit dicken Stöcken und Knüppeln ge=
kommen
. In dem Hörſaal, in dem die Ruthenen vor=
läufig
verwahrt wurden, ſind nach ihrem Weggange
Totſchläger, Jagdmeſſer, Revolver, Piſtolen und eine
Menge Stöcke gefunden worden. Insgeſamt wurden
1 27 Ruthenen verhaftet; die ſtrafrechtliche Er=
hebung
iſt eingeleitet. Bei zehn Verhafteten wurde
auf Grund von Zeugenausſagen tätliche Teilnahme
an den Vorgängen dargetan.

Spanien und der Vatikan.
* Madrid, 2. Juli. Senat. Miniſterpräſident
Canaleias führte aus: Die Regierung würde die

religiöſe Frage nicht angeſchnitten haben, wenn ſie
nicht geglaubt hätte, ſie auch löſen zu können. Das
Vorgehen der Regierung ſei nicht gegen die religiöſen
Gefühle des Volkes, ſondern lediglich gegen den Kle=
rikalismus
gerichtet. Er bedauere die öffentliche Ein=
miſchung
des ſpaniſchen Epiſkopates, nachdem Verhand=
lungen
mit dem päpſtlichen Stuhle eingeleitet worden
ſeien. Gleicherweiſe bedauere er die von ſpaniſchen
Damen die in ihrem Katholizismus ſehr ſchlecht be=
raten
ſeien eingeleitete Bewegung gegen die Regier=
ung
. Der Miniſterpräſident ſchloß mit der Erklärung,
er verlange Zurückhaltung von allen, namentlich vom
Epiſkopat.
* Madrid, 2. Juli. Der Entwurf der Ant=
wort
auf die königliche Botſchaft wird am Montag
in der Kammer beraten; er gibt insbeſondere der
Hoffnung Ausdruck, daß die Regierung das gute Ein=
vernehmen
zwiſchen Staat und Papſt aufrecht er=
halten
und zugleich die Vorrechte der bürgerlichen
Macht und die rechtliche Stellung der Kirche und Spa=
niens
wahren werde. Der Entwurf weiſt auf die Not=
wendigkeit
hin, die religiöſen Orden unter das Regle=
ment
zu bringen, ohne ihre geiſtige Freiheit anzu=
taſten
, gibt dem Wunſche Ausdruck, daß die Verhand=
lungen
mit dem päpſtlichen Stuhl, betreffend die Auf=
hebung
der nicht unentbehrlichen Kongregationen,
einen ſchnellen Fortgang finden möchten, und beglück=
wünſcht
die Regierung, daß ſie die Freiheit des Glau=
bens
und die Ausübung des Kults verkündete.
* Madrid, 2. Juli. Die Antwort der ſpa=
niſchen
Regierung auf die letzte Proteſt=
note
des Vatiktns iſt heute abgegangen. In
derſelben, deren Verfaſſer der Miniſter des Aeußern
iſt, hält die Regierung ihre Entſchlüſſe aufrecht, gibt
aber noch eine ausführliche Begründung. Hierzu er=
klärt
Canalejas: Wir wollen ſehen, ob es uns gelingt,
den Vatikan zu überzeugen, andernfalls werden wir
es bedauern. Aber was können wir dann tun?
Darmſtadt, 4. Juli.
*X* Die akademiſchen Arbeiter=Unterrichtskurſe, die,
wie neuerdings in vielen Städten, ſeit dem vorigen Herbſt
auch an der hieſigen Techniſchen Hochſchule eingerichtet
worden ſind, haben ſich unter der Leitung der ſozial=
wiſſenſchaftlichen
Abteilung der Freien Studentenſchaft
einer regen Beteiligung ſeitens der Arbeiterſchaft zu er=
freuen
. Es werden in zwei verſchiedenen Lokalen der=
artige
Lehrkurſe in drei Stufen für Deutſch, für Rechnen
und Erdkunde erteilt. Um den Teilnehmern dieſer Kurſe
vor dem Abſchluß des Sommerſemeſters auch Gelegenheit
zu einem geſelligen Beiſammenſein zu geben, war für den
geſtrigen Sonntag ein Ausflug nach Alsbach und
ein Sommerfeſt daſelbſt arrangiert worden. Die Fuß=
tour
ging früh morgens über Eberſtadt und Seeheim nach
dem Alsbacher Schloß, woſelbſt Mittagsraſt gehalten
wurde. Am Nachmittag fand dann im Saal der Krone
zu Alsbach bei Kaffee und Kuchen eine wohlvorbereitete
lungen ſtatt. Der umſichtige Leiter des Ganzen, Herr
Studioſus Knoblauch, begrüßte die zahlreiche Zu=
ner
verſtärkt wurde, mit freundlichen Worten und legte
ſpäter auch Zweck und Weſen dieſer Unterrichtskurſe näher
dar. Für die Unterhaltung hatte ſich eine Anzahl jugend= Ehrenpflicht der Kammer, die Diskuſſion über die Ar=
licher
Kräfte vom Wandervogel zur Verfügung geſtellt, tikel zu Ende zu bringen. (Beifall). Es ſeien zwar
die in dankenswerter Weiſe ihre Kunſt zum Beſten gaben,
darunter Volkslieder für Mandoline und Guitarre und
einen von einer Schar junger Mädchen ſchon auf dem
jüngſten Feſt des Wandervogel im Saalbau aufgeführ=
ten
Tanzreigen. Von einigen Teilnehmern der Kurſe
wurde auch ein kleiner Scherz von Hans Sachs vorge=
tragen
und viel Heiterkeit erregten die humorvollen der Vorausſetzung ausgehe, daß ihre Urheber in ihrem
Skizzen des Schnellmalers Schmierinski.
Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Berlin, 2. Juli. Die Norddeutſche Allgemeine
Zeitung ſchreibt in ihrem Wochenrückblick: Der Rück=
tritt
Rheinbabens von der Leitung des Finanz= ergreifen. Er wolle ein großes Kultur= und Ziviliſati=
miniſteriums
wird allgemein als ein Ereignis von onsproblem nicht mit einer politiſchen Vertrauensfräge
ſtarker politiſcher Bedeutung empfunden. Auf allen
Seiten kommt zum Ausdruck, daß mit dem Nachfolger
Miquels eine Perſönlichkeit von eigenartigem Gepräge,
ſtaatsmänniſcher Begabung und unermüdlicher
tenden Eigenſchaften und ſeinen Leiſtungen für den
preußiſchen Staat gerecht. Rheinbaben ließ es niemals
an ſich fehlen, wo es um große Entſcheidungen ging: in
bei der Reichsfinanzreform, in der Polenpolitik wie der
Bekämpfung der ſtaatsfeindlichen Beſtrebungen der
Sozialdemokratie hat er große ſtaatsmänniſche Kraft
auch über den Rahmen ſeines Reſſorts hinaus in den Etat des Innern und 4035036 Peſetas für den Unter=
Dienſt des Staates geſtellt. Bei der parteipolitiſchen richt beſtimmt ſind. Die Einnahmen weiſen ebenfalls
Bewertung des letzten Miniſterwechſels iſt die Preſſe eine Vermehrung auf, die ſich auf 81993846 Peſetas
weſentlich maßvoller geweſen, als bei der Beurteilung
der vorhergegangenen Veränderungen. Man erkannte liſchen Reformen beruht, unter denen die Erbſchafts=
in
der liberalen Preſſe wohl, daß das bisher benutzte ſteuer, der Stempel auf Börſenpapiere und die Erhöhung
Schema mit den Tatſachen in Widerſpruch ſteht, um
unverändert weiter angewandt werden zu können.
* Metz, 3. Juli. Aus Anlaß der heutigen Feier
des 50jährigen Jubiläums des 4. Magde=
burgiſchen
Infanterie=Regiments Nr. 67,
das ſeit 1887 hier garniſoniert, trägt die Stadt reichen
Flaggenſchmuck. Etwa 1000 ehemalige Regiments=
angehörige
, darunter über 100 Kriegsteilnehmer langten
abgelaſſenen Sonderzug auf dem hieſigen Bahnhof an.
Darunter befinden ſich Regimentsangehörige, Vereine
aus Berlin, Hannover und Magdeburg, Halle, aus dem entſtanden ſei. Die Regierung bereite außer der Aus=
Ruhrbezirk, Köln uſw. Von dem Bahnhof aus, wo ſich
eine Aborbnung des Regiments mit Fahne und 81000000 Peſetas einen Geſetzentwurf betreffend eine in
Muſik zum Empfang eingefunden hatte, bewegte
ſich der Feſtzug durch die Stadt zu den Denk= vor. Der Etat des Kriegsminiſteriums ſieht ein ſtändiges
mälern Kaiſer Friedrichs III. und Kaiſer Wilhelm I.,
wo nach einem Choralvortrag und nach entſprechenden im Vorjahr vor. Die Notwendigkeit dieſer Erhöhung
patriotiſchen Anſprachen Kränze niedergelegt und die ergab ſich in erſter Linie aus der Verſtärkung der
Weihe der Fahne des Soldatenvereins Lütgen=Dortmund
vorgenommen wurde. Nach einem Huldigungsakt nahm
der Zug ſeinen Weg nach Longeville, wo auf dem Hofe
ung ſtattfand, dann löſte ſich der Zug auf und die Teil: Schiffe zu verdoppeln, deren Heimatländer den Handel
nehmer verteilten ſich in ihre Quartiere.
der Zeppelinſchen Arktiſchen Varexpe=
Dr. Hergeſell, ſich auf dem Dampfer Mainz ein= geſamten Kabinetts überreichte. Der König nahm
geſchifft haben, begaben ſich Prinz und Prinzeſſin Hein= die Demiſſion an und beauftragte den früheren Miniſter
Expeditionsſchiffes. Bald darauf trat das Schiff durch 1 neuen Kabinetts.

den Kaiſer Wilhelm=Kanal die Fahrt nach Norden an.
Die Prinzeſſin begleitete ihren Gemahl bis Bruns=
büttel
.
* Kiel, 2. Juli. Bei der Abfahrt des Lloyd=
dampfers
Mainz war der Norddeutſche Lloyd
durch die Direktoren Bremermann und Petzel vertreten.
Frau Petzel überreichte der Prinzeſſin Heinrich von Preu=
ßen
ein Nelkenbukett. Um 10 Uhr warf die Mainz los,
dampfte langſam an den an der Föhrde liegenden Ge=
ſchwadern
vorbei und lief gegen 11 Uhr in die Holtenauer
Schleuſe ein.
* Kiel, 2. Juli. Der Reichsfiskus ſtrengte beim
Kieler Landgericht gegen den Magazindirektor a. D.
Heinrich, den Kaufmann Repenning jr. und die
Erben ſeines verſtorbenen Vaters Zivilprozeſſe auf Erſatz
von 24000 Mark für Oele an, die auf der kaiſerlichen
Werft in Kiel unterſchlagen worden ſind. Der Fiskus
leitet ſeine Anſprüche aus dem Geſtändnis des vor dem
großen Werftprozeß vom Schwurgericht verurteilten Ma=
gazinaufſehers
Kankowski her.
* Kiel, 3. Juli. In der vergangenen Nacht iſt die
Arbeitsſtätte der hieſigen Stadtmiſſion, an=
ſcheinend
infolge Brandſtiftung, niedergebrannt;
ein Miſſionsbruder iſt mitverbrannt.
*Hohenfinow, 3. Juli. Der Reichskanzler von
Bethmann=Hollweg und Unterſtaatsſekretär Wahn=
ſchaffe
ſind hier eingetroffen.
* Wien, 2. Juli. In einem Gärtnerhäuschen des
elften Bezirks brach heute nachmittag ein Brand aus,
bei dem zwei Knaben verbrannten; ein Knabe
wurde ſchwer verletzt. Der Brand iſt wahrſcheinlich durch
Spielen mit Zündhölzern entſtanden.
* Linz, 3. Juli. Heute ſtieß ein Sonderzug mit
dem hieſigen chriſtlich=deutſchen Sängerbund, der einen
Ausflug nach dem Königsſee beabſichtigte, an der
Station Frauenmarkt mit einer Vorſpannlokomotive
zuſammen. Die Maſchine, der Tender und ein Perſonen=
wagen
des Sonderzuges entgleiſten. Vier Bahn=
beamte
wurden ſchwer, drei Ausflügler leicht verletzt.
* Trieſt, 2. Juli. Ein heute vormittag bei der
Direktion des Lloyd eingetroffenes Telegramm meldet,
daß der Lloyddampfer Trieſte in Bombay an=
gekommen
iſt.
* Rom, 2. Juli. Die Kammer ſetzte in ihrer
heutigen Sitzung die am Dienstag begonnene Beratung
des Geſetzentwurfs betreffend den Elementar=
unterricht
fort, der bezweckt, durch Hebung der
Glementarſchule, Verſtärkung der Staatsauſſicht und
Erhöhung der Lehrergehälter das Analphabetentum
energiſch zu bekämpfen. In der bisherigen Debatte
wurde von einem katholiſchen Deputierten die Anſicht
verfochten, daß einige Beſtimmungen des Geſetzentwurfs
die Autonomie der Gemeinden beeinträchtigten, denen
man volle Freiheit laſſen müſſe, da ſie von ſelbſt und
zufriedenſtellend für den Elementarunterricht Sorge
trügen. Von einem Deputierten der äußerſten Linken
wurde dieſer Standpunkt lebhaft bekämpft. Im Laufe
der heutigen Debatte erklärte Unterrichtsminiſter Cre=
daro
, die Regierung wünſche, die weſentlichen Grund=
Feſtlichkeit mit Muſik, Geſang und ſzeniſchen Darſtel= lagen des Entwurfs erhalten zu ſehen, ſie ſei aber ge=
neigt
, bei der Einzelberatung der Artikel gewiſſe Ab=
änderungen
einzuführen, bei denen zum Teil die= Wün=
hörerſchar
, die noch durch geladene Gäſte und Ortsbewoh= ſche einiger Redner Berückſichtigung finden ſollen.
(Beifall.) Miniſterpräſident Luzzatti führte unter
lebhafter Aufmerkſamkeit des Hauſes aus, es ſei eine
1500 Petitionen eingebracht, die gegen den Geſetzent=
wurf
als Beeinträchtigung der Freiheit des Gewiſſens,
des Unterrichts und der Autonomie der Gemeinden
proteſtieren, aber er glaube der Mehrheit der Kammer,
die ja die nationale Souveränität repräſentiere, ſicher
zu ſein, wenn er dieſe Proteſte zurückweiſe, wobei er von
guten Glauben getäuſcht worden ſeien. (Andauernder,
lebhafter Beifall.) Der Miniſterpräſident wies auf die
Bedeutung, die der Tatſache zukomme, hin, daß niemand
in der Kammer nicht einmal die katholiſchen Depu=
tierten
es gewagt hätten, ſich dieſe Anklagen zu eigen
zu machen. Das Geſetz werde nach ſeiner Anſicht ge=
nügen
, das Analphabetentum zu beſeitigen; wenn nicht,
werde er ſicher nicht zögern, radikalere Maßnahmen zu
verquicken. Er beſchränke ſich deshalb darauf, das Haus
zu bitten, zur Diskuſſion der einzelnen Artikel überzu=
gehen
, ohne daß er die Vertrauensfrage ſtelle. (Beifall.)
Die Kammer nahm ſodann in namentlicher Abſtimmung
Schaffensluſt aus dem Amte ſcheidet. Auch die politi= mit 375 gegen 22 Stimmen die vom Miniſter=
ſchen
Gegner Rheinbabens werden jetzt ſeinen bedeu= präſidenten vorgeſchlagene Tagesordnung an und ging
dann zur Einzelberatung der Artikel über.
* Madrid, 2. Juli. Heute nachmittag wurde in der
Kammer der Budgetentwurf eingebracht, der an
der finanziellen Vertretung der Flottenintereſſen, wie Ausgaben 1045865026 und an Einnahmen 1131 456216
Peſetas vorſieht. Die Ausgaben erfuhren eine Ver=
mehrung
um 51425315 Peſetas, von denen 30711128
Peſetas auf den Kriegsetat, 5961 616 Peſetas für den
beläuft und auf dem Mehrertrag an Steuern und fiska=
der
Tabakſteuer zu nennen ſind. Ein gleichfalls heute
eingebrachter zweiter Geſetzentwurf ſieht außerordentliche
Kredite für den Feldzug von Melilla vor und ebenſo
den Bau eines Geſchwaders; er ermächtigt die Re=
gierung
, zur Beſtreitung dieſer Ausgaben dreiprozentige
Schatzanweiſungen auszugeben.
* Madrid, 2. Juli. Bei Einbringung des Budgets
erklärte der Finanzminiſter in der Kammer, der Feld=
gegen
Mittag mit dem geſtern abend von Magdeburg zug von Melilla habe im Rechnungsjahr 1909 außer=
ordentliche
Koſten in Höhe von 53829000 Peſetas ver=
urſacht
, wodurch im Budget ein Defizit von 35332000 Peſetas
gabe von 3 proz. Schatzanweiſungen im Betrage von
zehn Jahren zu amortiſierende Anleihe von 1500000000 Peſ.
Truppenkontingent von 115692 Mann gegen 80000 Mann
afrikaniſchen Garniſonen.
Liſſabon, 3. Juli. In einem amtlichen Dekret
wird bekanntgegeben, daß die Regierung ermächtigt iſt,
der reichgeſchmückten Kaſerne des Regiments die Begrüß= die Zollgebühr en für diejenigen ausländiſchen
und die Schiffahrt Portugals unterſchiedlich behandeln.
* Kiel, 2. Juli. Nachdem ſämtliche Teilnehmer an! Dieſe Vorſchrift ſoll am 1. Januar 1911 in Kraft treten.
* Kopenhagen, 2. Juli. Der König empfing den
dition, unter ihnen Graf Zeppelin und Profeſſor Miniſterpräſidenten Zahle, der die Demiſſion des
rich von Preußen heute vormittag 10 Uhr an Bord des des Innern Klaus Berntſen mit der Bildung des

[ ][  ][ ]

Seite (6.

Darmſtädter Taghlatt, Montag, den 4. Inli 1910.

Nummer 153.

2 London, 3. Zut. Der engtliche Viteraturhtſtorter
Frederik James Furnivall iſt geſtorben.
Athen, 3. Juli. Der griechiſch=rumäniſche
Zwiſchenfall iſt nunmehr entgültig erledigt, da von
Rumänien die Genugtuung, welche die griechiſche Regie=
rung
dem italieniſchen Geſandten in Athen gegeben hat,
angenommen wurde.
* Tſchernigow, 2. Juli. Bei dem internationalen
Automobilrennen iſt der an der Spitze gehende Motor=
wagen
des Flügenladjutanten Swetſchin in vollem Gange
eine Böſchung hinabgeſtürzt. Die Maſchine iſt
zerſtört. Swetſchin wurde leicht, ſein Chauffeur ſchwer
verletzt.
* Konſtantinopel, 2. Juli. In der geſtern ſtattge=
habten
gemeinſamen Sitzung der Synode des
Laienrates und des ökumeniſchen Patriar=
chats
teilte der Vertreter des Kultusminiſters mit,
der Miniſterrat beſtehe auf der Genehmigung des Ge=
ſetzes
betreffend die ſtrittigen Kirchen in Mazedonien.
Die Regierung empfehle daher dem Patriarchat, die
erregten Gemüter der Griechen zu beruhigen. Der
Patriarch drückte ſein Bedauern über den Standpunkt
der Regierung aus und erklärte, die Erregung der
Griechen ſei begreiflich, da der Großweſir die Vermit=
telung
einer Audienz für den Patriarchen verweigerte.
Die Proteſtmemonrandien des Patriarchats ſind abends
der kaiſerlichen Kanzlei übermittelt worden.
* New=York, 2 Juli. Infolge Hitzſchlages ſind
geſtern vier, in Philadelphia ſechs, in Pittsburg vier,
in Chicago vier und in Detroit ein Mann geſtorben;
auch aus anderen Orten werden Todesfälle infolge von
Hitzſchlägen gemeldet.
Waſhington, 3. Juli. Die ſüdöſtlichen Bahnen
erzielten eine proviſoriſche Einigung mit dem Bahn=
perſonal
, wodurch der befürchtete Ausſtand verhütet wird.
* Beverly, 2. Juli. Präſident Taft hatte eine
längere Unterredung mit dem Präſidenten der Inter=
ſtate
Commerce=Commiſſion, Knapp, über
die Ausführung des neuen Eiſenbahntarifgeſetzes.
Nach der Unterredung wurde bekannt gegeben, daß die
erhöhte Autorität, die das Geſetz der Inſterſtate Com=
merce
=Commiſſion verleiht, nicht willkürlich angewandt
oder dazu benutzt werden ſoll, die Eiſenbahnen an der
Ausübung der geſetzmäßigen Geſchäftstätigkeit zu hin=
dern
. Die Kommiſſion ſoll nicht verſuchen, endgültige
Frachtſätze feſtzuſetzen, und die Berechtigung, Fracht=
ſätze
aufzuheben, ſoll nur da zur Anwendung kommen,
wo durch Unterſuchung feſtgeſtellt wurde, daß die
Frachtſätze übermäßig hoch ſind. Von maßgebender
Stelle wird hierzu erklärt, daß die Kommiſſion nichts
tun wird, was die Intereſſen derjenigen, die ihr Geld
in Eiſenbahnwerten angelegt haben, verletzen könnte.
Es iſt die Rede davon geweſen, daß möglicherweiſe die
europäiſchen Kapitaliſten, welche in amerikaniſchen
Eiſenbahnwerten Anlagen gemacht haben, in Angſt
verſetzt würden und aus einem Kursſturz der Aktien
Verlegenheiten entſtehen könnten zu Zeiten, wo die
Ernte verfrachtet wird. Präſident Taft ſieht in der
Lage nichts, was einen ſolchen Standpunkt rechtferti=
gen
könnte. Er iſt der Anſicht, daß das Geſetz in den
Händen einer vorſichtigen Körperſchaft iſt und wünſcht,
daß der Charakter der Vorſicht aufrecht erhalten wird.
Die Kommiſſion will nicht den Eiſenbahnen auch nur
die geringſten Schwierigkeiten bereiten und es werde
nichts geſchehen, was das Gedeihen der Eiſenbahnen,
ſo lange ſie das Geſetz erfüllen, bedrohen könnte.

Eberswalde, 2. Juli. Als der Gutsbeſitzer Retz
aus Dannewitz bei Eberswalde ſeinen Schwager zum
Raßnhof Eberswalde fahren wollte, ſchenten die
Pferde vor einem Automobil. Das Geſpann fuhr gegen
einen Telegraphenmaſt. Retz wurde aus dem Wagen
geſchleudert und brach das Genick. Vor kurzem
war ſein Zwillingsbruder von einem Blitzſchlag ge=
tötet
worden.
* Allenſtein, 1. Juli. Der Beſchluß im Prozeß
Schönebeck, den der Vorſitzende verlas, lautete:
Ueber die Schuldfrage haben wir heute nicht zu ſprechen.
Deswegen weiſt auch der Gerichtshof die Ausführungen
des Verteidigers inſofern zurück, als er ſich nicht der An=
ſicht
anſchließen kann, daß die Angeklagte ſchon früher
geiſteskrank war. Die Gutachten waren noch nicht abge=
ſchloſſen
. Dagegen hat der Gerichtshof aus dem heutigen
Gutachten die volle Ueberzeugung gewonnen, daß die An=
geklagte
nach der Tat in Geiſteskrankheit verfallen iſt. Der
Gerichtshof hat daher folgenden Beſchluß gefaßt: Das
Verfahren gegen Frau Antonie Weber, geborene Lüders,
verwitwet geweſen v. Schönebeck wegen Anſtiftung zum
Morde wird gemäß § 203 der Strafprozeßordnung vor=
läufig
eingeſtllt, da die Angeklagte nach der Tat in Gei=
ſteskrankheit
verfallen iſt. Die Entſcheidung über die
Koſten bleibt vorbehalten. Es iſt eine Zeitlang zweifel=
haft
geweſen, ob man § 203 auch anwenden kann auf eine
Hauptverhandlung, aber es iſt ſtillſchweigend anerkannt
worden, daß eine derartige Einſtellung des Verfahrens
auch in der Hauptverhandlung erfolgen kann. Daraus
rechtfertigt ſich der Beſchluß des Gerichtshofes. Ueber den
Haftbefehl hat der Gerichtshof abſichtlich keine Entſchei=
dung
getroffen.
New=York, 2. Juli. Ein italieniſcher Kaufmann
in Brooklyn war vor einer Woche auf offener Straße
überfallen und ſchwer verwundet worden; die
Angreifer entkamen. Am Donnerstag abend wurde die
Frau des Kaufmanns in ihrer Wohnung ermordet;
zu gleicher Zeit verſtarb ihr Mann im Hoſpital. Es
handelt ſich wiederum um eine Tat der Schwarzen
Hand.

(Statt jeder besonderen Anzeige.)
Todes-Anzeide.

Heute abend 8 Uhr entschlief sanft nach
Mann, unser guter, treubesorgter Vater

längerem Leiden mein lieber

(13437

Herr Geheime Oberfinanzrat i. P.
Sohanes brkte

im 77. Lebensjahre.

Darmstadt,
den 2. Juli 1910.

Meta Bittel, geb. Meletta,
Dr. Franz Bittel, Gerichtsassessor,
Mina Bittel,
Aennie Schmitt, geb. Bittel,
Elisabeth Bittel, geb. Prinz,
Fritz Schmitt, Fabrikant,
nebst 4 Enkelkindern.
Die Einsegnung findet statt am Montag Nachmittag 5 Uhr im Sterbehause, Riedeselstrasse 54,
die Einäscherung im Krematorium Mainz am Dienstag Nachmittag 4 Uhr.

Heute Nachmittag 4½ Uhr entſchlief nach
langem, mit unendlicher Geduld getragenem
Leiden, verſehen mit den heiligen Sterbe=
ſakramenten
, unſer heißgeliebter Sohn u. Bruder
Oscar
im dreizehnten Lebensjahre.
Darmſtadt, den 2. Juli 1910.
Oscar von Hutier
Generalmajor u. Kommandeur d. 74. Inf.=Brigade
Marie von Hutier
geb. von Miller zu Aichholz
Marion von Hutier
Irmgard von Hutier
Die Beerdigung findet am 5. Juli, nachmittags
4 Uhr, vom Trauerhauſe aus, auf dem Darm=
ſtädter
Friedhofe ſtatt, die Einſegnung ¾ Stunde
vorber im Trauerhauſe.
Die heiligen Seelenmeſſen werden in der
St. Martins=Kapelle am Mittwoch, den 6. Juli
und Donnerstag, den 7. Juli um 6½ Uhr
morgens und am Freitag, den 8. Juli um
8½ Uhr vormittags geleſen. (13436

Bankſagung.

Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme bei
dem Hinſcheiden meiner lieben Frau, unſerer guten
Mutter, Tante, Schwiegermutter und Großmutter
Kath. Uhrig
geb. Kisseberth
ſagen wir allen denen, die der Heimgegangenen
die letzte Ehre erwieſen, für die Blumenſpenden,
dem Herrn Pfarrer Dingeldey für die tröſtende
Grabrede, insbeſondere aber den Schweſtern
der Johannesgemeinde für die hingebende auf=
opfernde
Pflege, auf dieſem Wege unſern aller=
innigſten
Dank.
(13435
Darmſtadt, 2. Juli 1910.
Die trauernden Hinterbliebenen:
Konrad Uhrig, Zugführer i. P.
und Kinder nebſt Enkel.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
bei dem Dahinſcheiden unſerer lieben Mutter,
Schwiegermutter und Großmutter danken herzlichſt

Dankſagung.
Für die zahlreichen Beweiſe herzlicher Teil=
nahme
an dem ſchweren Verluſt, der uns betroffen,
ſprechen wir unſern herzlichſten Dank aus.
Professor Dr. Schlamp
und Frau, geb. Schneider.

13387)

Familie Philipp Schmidt,
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Darmſtadt, den 2. Juli 1910.

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tagen
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ausgenommen). Leſeabende: Dienstags und Frei=
tags
, abends von 810 Uhr.
Städtiſche Leſe= und Bücherhalle, Louiſen=
ſtraße
20. Die Leſehalle iſt geöffnet an Wochen=
tagen
von 102 und von 69 Uhr, Sonntags von
111 und von 69 Uhr. Bücherausgabe findet
ſtatt an jedem Wochentage von ½11 bis ½1 Uhr und
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Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
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Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
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Nummer 153.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 4. Juli 1910.

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Nummer 153.

Darmſtädter Tagblatt, Mantgg. den 4. Juli 1910.

Seite 11.

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Amtliche Nachrichten des Großherzoglichen Polizeiamts Darmſtadt.
Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde.
In polizeilicher Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 1 Pinſcher, 1 Dachshund (zugelaufen).
Die Hunde können von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt
werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werk=
tag
, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.

Bekanntmachung.
Störungen der Ruhe und Ordnung durch Muſizieren betreffend.
Anhaltendes Muſizieren, insbeſondere Klavierſpielen, Singen, Spielenlaſſen
von mechaniſchen Muſikautomaten (Grammophonen und dergleichen) im Freien
oder bei offenen Fenſtern bildet meiſt eine erhebliche Beläſtigung der Nachbarſchaft
und erfüllt häufig den Tatbeſtand des § 360 Ziffer 11 des Reichsſtrafgeſetzbuchs ( unge=
bührliche
Erregung ruheſtörenden Lärms oder Verübung groben Unfugs).
Die Schutzmannſchaft iſt angewieſen, gegebenenfalls einzuſchreiten. (13419oi
Darmſtadt, den 1. Juli 1910.
Großherzogliches Polizeiamt Darmſtadt.
Dr. Kranzbühler.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit in Erinnerung gebracht, daß die Ausführung der an die ſtädtiſche
Waſſerleitung anzuſchließenden Waſſerverſorgungs=Einrichtungen im Innern der
Gebäude und Grundſtücke nur durch ſolche Inſtallateure erfolgen darf, die ſich bei
der unterzeichneten Verwaltung verpflichtet haben, alle vorkommenden einſchlägigen
Arbeiten auf Grund der Satzungen über Abgabe von Waſſer aus dem ſtädtiſchen
Waſſerwerk und unter gewiſſenhafter Beachtung der beſonders erlaſſenen Beſtimmungen
auszuführen.
Zurzeit ſind folgende Firmen berechtigt:
1. Gottfried Beck, Karlſtr. 39.
130. Phil. Kraus Nachf., Karlſtr. 51.
2. Gebr. Becker Nachf., Grafenſtr. 27. 131. Chriſt. Landzettel, Kaupſtr. 7.
3. Heinrich Becker, Brandgaſſe 2.
32. Ernſt Lorey, Karlſtr. 56.
4. L. Breitwieſer, N.=Ramſtädterſtr. 52. 133. Ludw. Luck, Lichtenbergſtr. 26.
5. Heinrich Brunner, Eliſabethenſtr. 33. 34. Val. Marquardt u. Ph. Wamſer,
6. Karl Darmſtädter, Kiesbergſtr. 9.
Dieburgerſtr. 54.
7. Theodor Dilling, Kaſinoſtr. 27.
135. Ph. Maul, Eliſabethenſtr. 29.
8. W. Eberhardt, N.=Ramſtädterſtr. 11. 136. Gg. Neumann, Heidelbergerſtr. 117.
9. Friedr. Ewald Nachf., Soderſtr. 54. 37. Aug. Neumeyer Witwe, Große
10. Theodor Fey, Kranichſteinerſtr. 8½.
Ochſengaſſe 22.
11. Gg. Aug. Fink, Lauteſchlägerſtr. 8.
38. Jakob Nohl, Martinſtr. 24.
12. Hch. Frick, Kahlertſtr. 31.
39. Heinrich Pauli, Orangerieſtr. 7
13. Bernhard Gans, Rheinſtr. 47.
40. Ludwig Pohl, Heinheimerſtr. 15
14. Franz Geiger, Karlſtr. 36.
41. Wilhelm Preußner, Bleichſtr. 40.
15. Wilh. Gelfius, Fuhrmannſtr. 6.
42. Karl Rockel Nachf., Schützenſtr. 4.
16. Jakob Glock, Langegaſſe 9.
43. G. W. Roth, Moosbergſtr. 32 u. 97.
17. Alexander Guntrum, Stiftſtr. 52.
44. Jean Rühl, Saalbauſtr. 24.
18. Philipp Handſchuh, Schloßgarten= 145. Phil. Schäfer, Landwehrſtr. 29.
ſtraße 37.
46. Friedrich Schiller, Tannenſtraße 7.
19. Ludw. Heppenheimer, Luiſenſtr. 2. 147. Franz Schulz, Karlſtr. 104½.
20. Wilhelm Heppenheimer, Kiesſtr. 80. 148. Heinrich Schwarz, Hochſtr. 20.
49. Leonh. Sommer, Mühlſtr. 20.
21. Kurt Hiſſerich, Bleichſtr. 28.
50. Karl Tänzer, Marktplatz 7.
22. Karl Hoffmann, Wienersſtr. 44.
23. Balthaſer Ittmann, Lauteſchlägerſtr. 42. 151. Mich. Vollrath, N.=Ramſtädterſtr. 51.
52. Hch. Waldſchmidt, Ludwigshöhſtr. 21.
24. Heinrich Jung, Bleichſtr. 11.
53. Otto Wamboldt, Heerdweg 2.
25. Philipp Jung, Alexanderſtr. 9.
54. Joh. Waſſer, Alexanderſtr. 7.
26. Karl Kämmerer, Marienplatz 10.
27. Adolf Kling, Rheinſtr. 17.
55. Karl Wenz, Wendelſtadtſtr. 46.
28. Albert Klöpfer, Beſſungerſtr. 84.
57. Karl Zahrt, Hofſtallſtr. 10.

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Sprechstunden daselbst täglich vorm. bis 12¾ Uhr, sonst in obigen Privat-Wohnungen.

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Die ſämtlichen Firmen haben ihre Preis=Tarife auf dem Geſchäftszimmer der
unterzeichneten Verwaltung, Waldſtraße 19, eingereicht, wo dieſelben von Intereſſenten
eingeſehen werden können.
(13391ofs
Darmſtadt, den 1. Juli 1910.
Städtiſche Waſſerwerks=Verwaltung.
Rudolph.

Bekanntmachung.
Die Inhaber der angeblich abhanden gekommenen Pfandſcheine Nr. 46354,
59198, 63 913, 64347, 64556, 65 867, 65 868, 66 198, 67010, 67 119,
67 475, 70 725, 70827, 70834 und 72575 werden hiermit aufgefordert, ihre
Anſprüche innerhalb 14 Tagen, vom Tage des Erſcheinens dieſer Bekanntmachung
an gerechnet, in unſerem Geſchäftszimmer Kirchſtraße Nr. 9 geltend zu machen,
widrigenfalls nach Ablauf dieſer Friſt gemäß § 32 des Statuts vom 18. Auguſt 1900,
betreffend die ſtädtiſche Pfandleihanſtalt Darmſtadt, die Kraftloserklärung der Pfand=
ſcheine
erfolgen wird.
Darmſtadt, den 1. Juli 1910.
(13390
Städtiſche Pfandhausverwaltung.
Paul, Vorſteher.

Bekanntmachung.
Für die hieſigen Gemeinde=Gebäude ſind für das Rechnungsjahr 1910/11 ca.
800 Zentner Nußkohlen I oder II in Submiſſion zu vergeben.
Die Lieferungsbedingungen liegen vom 4. bis einſchließlich 11. Juli l. J. während
der Geſchäftsſtunden bei unterfertigter Stelle zur Einſicht offen; daſelbſt ſind die An=
gebote
ſchriftlich und verſchloſſen bis zum 11. Juli I. J., abends 6 Uhr, einzureichen.
(13380od
Arheilgen, den 1. Juli 1910.
Großherzogliche Bürgermeiſterei daſelbſt.
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II. Halbjahrskurse zur Vorbereitung für den kaufm. Beruf.
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Sprechstunden:
Montag bis Freitag 121 Uhr staatl. geprüfter Handelslehrer u.
Montag, Dienstag. Donnerstag, Freitag gerichtlich beeidigt. Bücherrevisor.
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Ueberſicht
der Durchſchnittspreiſe von folgenden
Früchten und Verbrauchsgegenſtänden in
der Zeit vom 16. bis 30. Juni 1910:
Weizen p. Sackà 100 Ko. v. Mk. 20. bis 26.50
15. 17.50
Korn
14.25 17.50
Gerſte
Hafer
16.50 19.
Butter ½ Kilo Mk. 1.30
Butter in Partien Mk. 1.20
Eier per Stück 7 Pfg.
Eier in Partien per 25 Stück Mk. 1.45
Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 7.
Kartoffeln per 25 Kilo Mk. 2.
Kornſtroh per 50 Kilo Mk. 3.50
Heu per 50 Kilo Mk. 4.50
Darmſtadt, den 2. Juli 1910.
Großh. Polizeiamt Darmſtadt.

Zur Vereinfachung der Verwaltung
haben wir die bei uns in Konkursſachen,
gerichtlichen und Verwaltungs= Zwangs=
vollſtreckungsſachen
, ſowie Friſtſachen zu
erledigenden Sekretariatsgeſchäfte der Stadt=
kaſſe
uberwieſen.
Mündliche Anfragen in den bezeich=
neten
Sachen, ſowie Geſuche um Stun=
dung
oder Erlaß ſtädtiſcher Forderungen
ſind daher künftig auf dem Büro der
Stadtkaſſe, Grafenſtraße Nr. 28, vor=
(12464ooo
zubringen.
Darmſtadt, den 15. Juni 1910.
Großherzogliche Bürgermeiſterei Darmſtadt
Dr. Gläſſing.

Heugras=Verſteigerung.
Die Verſteigerung des Heugraſes von
der Fürſtenwieſe in der Gemarkung Gries=
heim
vom 28. lfd. Mts. iſt genehmigt.
Die Mähſcheine ſind bei der Waſſer=
werkskaſſe
, Grafenſtraße Nr. 28, erhältlich
und müſſen bis zum 10. k. Mts. abge=
(13279so
holt ſein.
Darmſtadt den 29. Juni 1910.
Großherzogliche Bürgermeiſterei Darmſtadt.
I. V.: Jaeger.

Bekanntmachung.
Donnerstag, den 7. Juli I. Js.,
vormittags 10 Uhr,
ſoll die den Privatier Karl Ludwig Henne=
mann
Eheleuten, zu Heidelberg, im Grund=
buch
der Gemarkung Darmſtadt zugeſchrie=
bene
Liegenſchaft:
Flur Nr. qm
II 9415/100 285 Hofreite Heinrichſtr.
Nr. 126,
in unſerem Bureau zwangsweiſe verſteigert
(K19/10
werden.
Falls andere rechtliche Hinderniſſe nicht
entgegenſtehen, kann Genehmigung der Ver=
ſteigerung
auch dann erfolgen, wenn das
eingelegte Meiſtgebot die Schätzung nicht
erreicht.
Darmſtadt, den 18. Juni 1910.
Großh. Ortsgericht Darmſtadt I.
Müller. (D12454,1

In unſer Handels=Regiſter B wurde heute
J eingetragen hinſichtlich der Firma:
Bank für Handel und Induſtrie,
Darmſtadt.
Dem Franz Grebe in Darmſtadt, dem
Dr. Hans Leſſing und dem Ernſt Sander,
beide in Berlin, iſt Prokura für die Nie=
derlaſſungen
in Berlin und Darmſtadt er=
teilt
.
(13384
Darmſtadt, den 30. Juni 1910.
Großh. Amtsgericht Darmſtadt I.

Vergebung des Magazinsbedarfs des
ſtädtiſchen Gaswerks für das Geſchäfts=
jahr
1910.
Die Anlieferung nachſtehend näher ver=
zeichneter
Materialien ſoll verdungen wer=
den
, und zwar:
Los I Gußeiſerne Normal=Muffenröhren
und Formſtücke,
II Mannesmann=Stahlmuffenröhren
und Formſtücke,
III Verbindungsſtücke aus ſchmied=
barem
Guß.
IV Meſſinggegenſtände.
Angebote ſind bis
Dienstag, den 12. Juli 1910,
vormittags 10 Uhr,
bei der unterzeichneten Verwaltung, Frank=
furterſtraße
29, I., Zimmer Nr. 3, verſchloſſen
und mit entſprechender Aufſchrift verſehen,
einzureichen, woſelbſt auch die Verdingungs=
bedingungen
eingeſehen und die Angebots=
ſcheine
in Empfang genommen werden
können.
(13379oid
Nach auswärts werden die Bedingungen
und Angebotsſcheine nur gegen vorherige
Einſendung von 50 Pfg. in Briefmarken
bgegeben.
Darmſtadt, den 1. Juli 1910.
Städtiſche Gaswerksverwaltung, Betriebsleitung.
I. V.: Kalbfuß.

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U verträge iſt erſchienen und
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Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Muntag, den 4.Juli 1910.

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Dann riß er kühn den Deckel herunter und wies ihr
Wilken Wobbes Porträt, das unſterbliche Kunſtwerk.
O, wie ſchön! rief ſie begeiſtert, und meinte damit nur
den Rahmen, der breit und goldig das Bild umgab; darin
war ſie ſachverſtändig. Aber ſo ein alter Mann?
Das iſt ja gerade die Kunſt! erläuterte er. Sie ſollen
es für neuntauſend Mark haben. Weil Sie’s ſind.
Ich? rief ſie erſchreckt und wich zurück. Mir wollen
Sie das teure Bild verkaufen?
Jeder iſt verpflichtet, die Kunſt zu fördern! ſprach er
im Beſchwörungstone und lockte ſie dadurch wieder näher
heran.
Aber es dauerte doch noch eine ganze Stunde, ehe ſie
ſich zu dem Kauf entſchließen konnte. Sie hatte es ja dazu,
aber es war doch ſo ſchrecklich viel Geld. Erſt als er ihr
vorſchlug, die Hälfte der Summe bei ihr ſtehen zu laſſen,
um ſie im Laufe der Zeit herunterzuwohnen und abzu=
eſſen
, willigte ſie, wenn auch ſchweren Herzens, ein.
Am nächſten Mittag holte ſie ſelbſt vier und einen
halben Tauſendmarkſchein von der Sparkaſſe, und er hing
das Meiſterwerk über das Sofa im Salon. Am liebſten
hätte er vor Freuden einen Purzelbaum geſchoſſen, aber er
begnügte ſich vorſichtshalber mit einem Luftſprung drau=
ßen
auf der Wedeler Chauſſee, befriedigte ſeine harten
Gläubiger, kaufte ſich einige neue Flatterſchlipſe, weil die
alten ſchon Harriets kritiſchen Spott herausgefordert hat=
ten
, und trank mit Wilken Wobbe bei Frau Geſche Sux=
dorf
eine Flaſche=Wortwein leer.

Von Guſchi ſah er nicht viel. Sie ſaß am Tiſch auf=
recht
und ſelbſtbewußt, wenn auch mit niedergeſchlagenen
Augen, machte die Bedienung ſauber, zierlich und ohne
Geräuſch und kümmerte ſich um ihn nicht mit einem ein=
zigen
kleinen Gedanken. Fertig war ſie mit ihm. Ange=
nehm
war ihm das nicht. Manchmal hätte er ſich ohr=
feigen
mögen.
Frau Dora Fedderſen aber betrachtete ihn ſeit dem
glücklichen Bildkauf mit noch viel zärtlicheren Blicken.
Wenn er jetzt nur den kleinen Finger nach ihr ausgeſtreckt
hätte, wäre ſie ihm in die Arme geſunken. Aber er hütete
ſich. Einmal ſchon war die Sache um ein Haar ſchief ab=
gelaufen
. So viel Mut, ein zweites Mal ſeine Zukunft für
die ihm die Firma Geſterling & Ko. garantierte, aufs
Spiel zu ſetzen, beſaß er nicht. Aber er hielt Frau Dora
warm. Er konnte noch manches Bild bei ihr loswerden.
Und eine Rahmenfabrik ſtand hinter ihr, für einen Maler
kein unbedeutender Gebrauchsgegenſtand.
Einmal brachte er ihr aus Hamburg eine hochmoderne
Gürtelſchnalle mit. Da zerfloß ſie faſt vor Rührung. Noch
an demſelben Tage legte ſie das Schmuckſtück an, und es
paßte ihr ausgezeichnet.
Am nächſten Morgen fand er auf ſeinem Tiſche ein
kleines Paketchen, das ihm ſehr bekannt vorkam. Er öff=
nete
es und fand darin das goldene Armband, das er
Guſchi vor zwei Jahren geſchenkt hatte. Trübſelig betrach=
tete
er es und ſchloß es weg. Es war alſo ganz aus und
zu Ende.
Bei Tiſch ſuchte er ſich mit ihr durch Blicke zu verſtän=
digen
. Dieſe heimliche Telegraphie aber bemerkte Frau
Dora und ihre Eiferſucht erwachte auf der Stelle. In Her=
zensſachen
aber verſtand ſie keinen Spaß. Da war ſie im=
ſtande
, auf ihre geſamte angeborene Gutmütigkeit zu ver=

ächten, und ſtort deuies ſe des undſtaſte Gliſcl nach
dem kleinen Karl, um dem Maler zu zeigen, daß Guſchi
allerhand auf dem Kerbholz hatte und eigentlich nicht an
den Tiſch gehörte.
Danke, Frau Fedderſen! ſagte ſie, beinahe luſtig, und
ohne rot zu werden. Er macht ſich!
Hinter Kurt Egloffs Ohren erwachte eine purpurne
Röte, die ſich langſam, aber ſicher über den ganzen Kopf
ausbreitete.
Setzt er denn ſchon die Beine an? fragte Frau Dora,
innerlich entrüſtet über die tiefe Verdorbenheit Guſchis,
daß ſie ſich ſo gar nicht ſchämte, in Gegenwart des Malers
von dem kleinen Karl zu ſprechen.
Er iſt ja noch gar kein Jahr! entgegnete ſie ihr und
lächelte.
Aber dann bringſt Du ihn her! machte ſich Frau Dora
aus. Herr Egloff kann ihn ja auch einmal ſehen!
Offen geſtanden, preßte er ſich heraus und ſenkte das
Geſicht tief auf den Suppenteller, für kleine Kinder inter=
eſſier
ich mich gar nicht.
Jetzt erſt ſah Frau Dora Fedderſen, daß ſein ganzer
Kopf wie eine Mohnblume glühte, und ſofort brach ſie das
Geſpräch ab. Doch der Maler hatte ſeitdem noch einen
Stein mehr bei ihr im Brett. Wie war doch dieſer Menſch
noch fromm und unſchuldig! Kaum daß man an ſolche
Sachen tippte, wurde er rot wie ein Schuljunge. Dagegen
war Guſchi abgebrüht und beinahe frech. Und zum erſten
Male fühlte Frau Dora eine heftige Abneigung gegen ſie.
Nie mehr wurde von dem kleinen Karl geſprochen.
Kurt Egloff aber ging Guſchi gefliſſentlich aus dem
Wege, und ſie hatte keinen Grund, ſeine Nähe zu ſuchen.
Einmal, als er etwas nicht gleich finden konnte, kam er an
Guſchis Vorträt, das noch immer balbvollendet und feſt=

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Nummer 153

Darmſtadter Tagblatt, Montag, den 4. Jult 1910.

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verpackt in einer Ecke ſtand. Aber er rührte es nicht an.
Hier in dieſen Räumen konnte er es doch nicht vollenden.
Harriet hatte er nichts davon erzählt, daß ſein Bild
zurückgewieſen worden war, und ſie hoffte mit jedem Tage
zuverſichtlicher, daß es den erſten Preis davontragen
würde.
Je ſtärker aber Frau Dora Fedderſens Intereſſe für
ihren Einwohner und ſeine Kunſt wurde, um ſo kräftiger
regte ſich auch ihre Neugier. Sie forſchte zunächſt vorſichtig
bei den Lieferanten, die jeden Tag vorfragten und in ganz
Blankeneſe herumkamen, und erfuhr zu ihrem Schreck, daß
der Maler ſeine Abende bei dem Herrn Senator Geſterling
verbrachte, mit deſſen Tochter er ſo gut wie verlobt war.
Das traf ſie hart, und doch gab ſie ihn nicht auf. Sie
hoffte trotzdem, ſo ſtark war ihre Sehnſucht, ihn an ſich zu
ketten und zu beſitzen. Noch trug er ja keinen Ring. Und
ſie fuhr fort, ihn mit Liebenswürdigkeiten zu überſchütten,
ſo weit es ihr als Wirtin zuſtand, kleidete ſich noch beſſer
und geſchmackvoller, ſchnürte ſich tüchtig, daß ihre runde,
feſte Büſte an verlockendem Reiz gewann, und eröffnete
einen nicht ganz erfolgloſen Kampf gegen die ſcharfen Fält=
chen
an den Augenwinkeln. Anderswo hatte ſie ja keine.
Und Kurt Egloff war gegen alle dieſe Dinge nicht unemp=
findlich
, aber er biß nicht an. Er fühlte ſich in dem jetzigen
Zuſtand ſo wohl und behaglich, daß er nicht wagte, daran
zu rühren. Wenn ihm gerade der Sinn danach ſtand,
konnte er Frau Dora ſchlankweg anſchwärmen. Dann er=
zählte
er immer von Italien, daß ſie am liebſten ſchon mor=
gen
mit ihm nach Neapel gefahren wäre. Aber weiter
wagte er ſich nicht.
Nur daß Guſchi nicht nett zu ihm war, ſtörte ihn
etwas in ſeinem Glück. Doch die ſah ihn kaum an. Um
ſo mehr Blicke hatte er für ſie übrig. Und einen ſolchen

Blick fing Frau Dora einmal auf. Und zu der neuen Eifer=
ſucht
auf Harriet Geſterling geſellte ſich die alte auf Guſchi
Heggbloom. Doch keinen Beweis konnte ſie gegen ſie auf=
ſpüren
. Da begann ſie denn ſchließlich im Atelier herum=
zuſtöbern
, wenn der Maler fort war. Guſchi wurde dann
der Urlaub verlängert, ohne daß ſie darum einkam.
Und da ſtieß Frau Dora auf ein feſtverpacktes Bild,
das ſtaubbedeckt in der Ecke lehnte. Vorſichtig öffnete ſie
es. War das nicht Guſchi? Sie war’s und ſie war’s auch
wieder nicht! Hatten die Beiden alſo doch was mitein=
ander
?
Da ſchrillte plötzlich die Türglocke, und Frau Dora
ſchlug das Bild ſchleunigſt wieder ins Papier, ſchnürte es
zu und ſtellte es in die Ecke. Dann lief ſie, die Schlöſſer
und die Ketten zu öffnen. Es war Guſchi. Und ſie machte
ein Geſicht, als könnte ſie kein Wäſſerlein trüben.
Und Frau Dora begann nun an den Türen zu hor=
chen
, um hinter das Geheimnis des Bildes zu kommen.
Vielleicht war es auch gar nicht Guſchi! Vielleicht war es
eine, die ihr nur ſehr ähnlich war. Aber der einmal er=
wachte
Verdacht ſchlief nicht wieder ein, und ſie belauſchte
die Beiden, wo ſie nur konnte.
Kurt Egloff gegenüber aber entwickelte ſie weiterhin
eine Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, die ihn ge=
radezu
entzückten. Er fühlte ſich von ihrer zärtlichen, haus=
mütterlichen
Sorge wie mit einem weichen, warmen Schal
umhüllt. Und das mochte er ſchon! Leider wollte Guſchi
ſo gar und gar nichts mehr von ihm wiſſen.
Was hatte ſie denn gegen ihn? Er war doch immer
ſehr nett zu ihr geweſen! Frau Dora aber brachte die
Beiden zuſammen, wo es nur anging, und lauſchte hinter
der Tür, doch ohne jeden Erfolg.
So kam allmählich der Frühling heran.

XV.
Um dieſe Zeit dampfte die Ollenhop wieder einmal
von Singapore auf Kanton zu. Sie hatte ſchwer gegen
den ſteifen Monſun zu kämpfen, machte ſchon ſeit drei
Tagen nicht mehr als ſechs Knoten, rollte ſtark, da die See
vier Strich voraus von Steuerbordſeite kam, und nahm
viel Waſſer über, daß die zahlreichen chineſiſchen Kulis,
die ſie als Paſſagiere an Bord hatte, das Vordeck räumer
mußten, und ſich auf dem Achterdeck in drangvoller Enge
zuſammenpferchten. Die Hälfte war ſeekrank, die andere
Hälfte tröſtete ſich mit der Opiumpfeife.
Habbe Frark, der erſte Steuermann, der für die
Navigation aufzukommen hatte, ſtand im Schwalbenneſt
auf Backbordſeite und ſpuckte alle zehn Minuten über
Bord. Auch im Priemen nahm es ſo leicht keiner mit ihm
auf. Schon ein halbes Jahr ſorgte er treu und gewiſſen=
haft
dafür, daß die Ollenhop jede Havarie vermied. Auf
der langen Ausreiſe hatte er auf Martin Focks Befehl hiſ
die alten Karten, die an Bord waren, wieder gebrauchs=
fähig
und zuverläſſig gemacht. Keine Sandbank und kein
unterſeeiſcher Felſen, den die nautiſchen Annalen der letzten
Jahre verzeichnet hatten, war von ihm überſehen worden.
Harro Bruhus, der zweite Steuermann, machte kein Hehl
daraus, daß er dieſe Arbeit für reichlich überflüſſig fand,
doch Habbe Frark ſtörte das weiter nicht. Er tat noch
immer am liebſten den Mund nur beim Eſſen auf und
kommandierte den Rudersmann meiſtens durch Daumen=
wackeln
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Seite 16.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 4. Juli 1910.

Nummer 153.

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tag, den 2. Jull nachm. 4 Uhr: Militärdoppelkonzerte wie
am Sonntag, den 3. Juli. Auf der Schaubühne abends 9 Uhr:
Turnforening Christinia; im Anschluss hieran das
übrige Programm.

Schiessen wie am Sonntag, den 3. Juli. Ab
nstag, den 5. Jull 4 Uhr nachm.: Militärdoppelkonzerte der
Kapellen des Königl. schwed. Dal-Regiments aus Stockholm
und des I. Nass. Pionier-Batts., Kastel. Auf der Schaubühne
abends 5 Uhr: dieselben Vorführungen wie am Montag den 4. Jull.

Schiessen wie am Sonntag, den 3. Juli. Ab
Woch, den 6. Jul 4 Uhr nachm.: Militärdoppelkonzerte der
Kapellen des Königl. schwed. Dal-Rgts. aus Stockholm und
des reit. Jäger-Regts. Nr. 5, Mühlhausen i. Els. Auf der
Schaubühne abends 9 Uhr: dieselben Vorführungen wie am Mon-
tag
, den 4. Juli.

An allen Tagen abends von 9 Uhr ab auf der Schaubühne:
4 Bernhards. Jack Ark, 4 Miguels, 3 Dysons.
Vergnügungspark:
Tanzboden, Rodelbahn, Schießhalle, Glasbläserei, Kasperle-Theater, Hippodrom.

Von MONTAG den 4. Jull bis SAMSTAG den 9. Juli

N5 153.

Montag, 4. Juli.

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meldungen
zum gemeinſamen Beſuch der Ausſtellung auf dem Verkehrsbüro (Tel. 1582)
zu machen. Die Zeit des Beſuches wird noch mitgeteilt.
(13058do
Der Vorſtand.
Verein für Vogel= und Geflügelzucht, ält. Verein
Montag, den 4. Juli 1910, abends 9 Uhr,
im Vereinslokal Brauerei zur Krone, Schustergasse 18, I,
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(13383
Der Vorstand.

Badet in der Luft!
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(am Lichtwieſenweg) und der Tennisplatz ſind von morgens 6 Uhr bis zur Dunkelheit
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geöffnet. Zu zahlreichem Beſuche ladet ein
Der Vorstand.

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Seite 18.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 4. Juli 1910.

Nummer 153.

Wohl in jedem Haushalt kommt geſchmortes
Obſt auf den Tiſch, gegenwärtig Kirſchen, und
als wohlſchmeckende Speiſe dazu gebe man ſtatt
Creme oder Eierſchnee einen Flammeri gekocht mit
Mondamin und Vollmilch.
Dieſes Gericht iſt beliebt und billig, da Kirſchen
nicht teuer, und Mondamin ſehr ausgiebig iſt.
Leſen Sie die Rezepte auf den Mondamin=Paketen.
K12194,58

Handel und Verkehr.
H. Frankfurt a. M., 2. Juli. ( Börſen=
wochenbericht
.) Nach ſehr bewegten Börſentagen,
beinflußt durch Amerika und große Erekutionen in
Berlin anläßlich des Ultimos, iſt bei Wochenſchluß
wieder weſentliche Beruhigung eingetreten. Die Meld=
ungen
über Maßnahmen der Interſtate=Kommiſſion,
wonach nur vorwiegend die hochtariſierten Güter=
klaſſen
betroffen werden, haben die Baiſſe in New=
York zum Stillſtand gebracht. Man ſieht einen Be=
weis
für die Mäßigung dieſer Kommiſſion darin, daß
die Weizenprodukten=Frachten nach Oſten erhöht wer=
den
dürfen, wenngleich die Regierung der Vereinigten
Staaten wohl nur eine Konzeſſion an die Arbeiter in=
folge
der Lebensmittelverteuerung machen will. In
London haben die ſtarken Spekülations=Engagements
bewirkt, daß Geld gefragter war und die ziemlich ſicher
erwartete Diskontermäßigung bei der Bank von Eng=
land
vorerſt unterblieben iſt. Allerdings wurde auch
dieſes Inſtitnt für die Ultimoregulierung ſehr ſtart
in Anſpruch genommen und ſtellte kurzſichtige Vor=
ſchüſſe
bis zu 15 Millionen * dem Platze zur Verfüg=
ung
. Da die Produktenmärkte ebenfalls wieder billi=
gere
Preiſe ſtellten, ſo konnte an den verſchiedenen
Börſen eine beſſere Stimmung Platz greifen. Der
Verkehr war zeitweiſe recht belebt, doch dürfte nach der
Erledigung der Monats=Liquidation, die bei nach=
gebendem
Prolongationsſatz in Deutſchland leicht von=
ſtatten
ging, die bereits begonnene saison morte‟
wieder größere Geſchäftsſtille bringen. Wie ſchon oben
angedeutet fanden in Berlin bedeutende Exekutionen
ſchwacher Hände ſtatt, nach deren Beendigung die Kurſe
ſich anſehnlich erholten.
Zu den Einzelheiten des Geſchäfts übergehend, iſt
die Feſtigkeit der heimiſchen Staatsfonds erwähnens=
wert
. Die Ernennung Dr. Lentzes zum Finanzmini=
ſter
als Nachfolger Rheinbabens wurde günſtig auf=
genommen
und man knüpfte neue Hoffnungen inbezug
auf eine Beſſerung der deutſchen Renten an ſie Aus=
ländiſche
Staatsfonds ſind im ganzen etwas ſchwächer;
auch die Mexikaniſchen, trotzdem die Konverſionsver=
handlungen
dennoch zeitig zum Abſchluß gelangten
und die Neue Emiſſion in kürzeſter Zeit ſtattfinden
wird. Recht feſt lagen Portugieſen auf die Ernennung
des neuen Miniſteriums.
Am Bahnenmarkt, der durchweg Kurseinbußen auf=
weiſt
, waren beſonders Lombarden gedrückt (bis 20½
Prozent). Die Verſammlung der Lombardiſchen Prio=
ritäre
in Wien hat eher verſtimmend gewirkt. Ham=

inite Breteun etehter et en
lagen gleichfalls Kursrückgängen. Bankaktien ſind
nach anfänglicher größerer Ermattung wieder kräftig
erholt. Am intenſipſten matt geſtimmt war der Mon=
tanmarkt
, woſelbſt viel Material offeriert wurde und
die entſtandene Bewegung noch viele Angſtver=
käufe
zeitigte. Später befeſtigten indes die beſſer
klingenden Berichte vom amerikaniſchen Eiſen= und
Stahlmarkt, ſowie die öſterreichiſche Montanhauſſe eine
Folge des zuſtandegekommenen öſterreichiſchen Eiſen=
kartells
. Kolonialwerte verkehrten ſtark ſchwankend,
beſonders Otavianteile, da die Beſtätigung niedrigerer
Dividenden ſeitens der Verwaltung deprimierte. Otavi
notieren zuletzt 144 Prozent (das heißt 216 Prozent
minus 80 Prozent plus 5 Prozent Stückzinſen für 1½
Jahr). Kolonialanteile für Südweſtafrika 14.10, South=
weſt
187.50. Der Kaſſainduſtriemarkt weiſt ebenfalls
mehr oder minder Einbußen auf, wenn auch bei Wo=
chenſchluß
wieder einzelne Meinungskäufe Preiserhöh=
ungen
brachten. Holzverkohlung ſchließen 221¾, Kleyer
410, Kunſtſeide 167, Schuckert 160, Illinger Mühlen=
werke
126.25. Einen weſentlichen Rückgang erlitten
Schöfferhof bis 91¼, Neue Photographiſche Geſellſchaft,
bis 71.00, Fahrzeug Eiſenach, bis 126. Recht feſt waren
hingegen Höchſter Farbwerke (484), Mönus (358.70) und
Chemiſche Albert (482½).
Von Loſen notieren: Augsburger 38.90, Braun=
ſchweiger
209.00, Finnländer 190.00, Freiburger 57.25,
Genua 225.90, Meininger 38.60, Pappenheimer 72.25,
Mailänder 45 Fr.=L. 145.00, Mailänder 10 Fr.=L. 33.00,
Türkiſche 183.40, Venediger 40.10 in Reichsmark; Un=
gariſche
386.00, Gothaer Prämie I 139.90, Gothaer Prä=
mie
II 115.40, Donauregulierung 152.00, Madrider
78.40, in Prozent; ferner ſchließen: 4proz. bis 1918 un=
kündb
. Reichs. 102.00, 3½proz. Reichs. 92.90, 3proz.
Reichs. 84.80, 4proz. Heſſen von 1899 100.50, 4proz.
Heſſen von 1906 100.30, 4proz. Heſſen von 1908 101.40,
4proz. Heſſen von 1909 101.40, 3½proz. Heſſen 91.50.
3proz. Heſſen 80.70, 4proz. Darmſtädter 101.10, 3½proz.
Darmſtädter 91.40, Darmſtädter Bank 130.00, Süd=
deutſche
Eiſenbahngeſellſchaft 122.50, 4proz. Heſſiſche
Landes=Hyp.=Pfdbr. (Serie 1820) 101.60 G, 3½proz.
Heſſ. Landes=Hyp.=Pfdbr. (Serie 911) 92.40 G, 4proz,
Kom.=Pfdbr. (Serie 1012) 101.40 G, 3½proz. Kom.=
Pfdbr. (Serie 13) 92.80 G. 3½proz. Kom.=Pfdbr. (S. 4)
92.40 G, Baltimore and Ohio ., 4½proz. Ruſſen
100.10, 4proz. Ruſſen 1902er 92.20, 3/proz. Ruſſen
88.50, 3½proz. Ruſſen 85.00 G, 3proz. Ruſſen 76.80, 4 ½=
proz
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diskont
3¼ Prozent.

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Die Büchlein Kinzels ſind nicht gewöhnliche Reiſeführer,
ſondern ſie haben ein ganz beſtimmtes Publikum im Auge:
die erholungsbedürftigen Männer des gebildeten Mittel=
ſtandes
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Eeie ſähe eiue Leit und ver mmn n
zwar womöglich nicht allein, ſondern mit der Gattin. Die=
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Die Grundſätze ſind: mäßige Anſprüche an Kräfte und
Geldbeutel und dabei die höchſten und ſchönſten Genüſſe
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Auskunftsbuch über den Harz. Allen Reiſe=
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Nummer 153.

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