Darmstädter Tagblatt 1910


14. Juni 1910

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173. Jahrgang
turen Beſtell. entgegen zu 60 Pfg. monatl. verbunden mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage:
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Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dieustags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

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kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.

136.

Dienstag, den 14. Juni.

1910.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.
Ein neues Guinqnennat.
In einer etwas ſeltſamen Form wird offiziös ange=
kündigt
, daß wir demnächſt mit einer neuen Militär=
vorlage
zu rechnen haben werden. In einem Dementi
gegen einige umherſchwirrende, im allgemeinen aber wohl
wenig geglaubte Gerüchte wird davon Mitteilung gemacht,
daß hinſichtlich der kommenden Neuforderungen für das
Heer nichts zu vertuſchen ſei und daß die Vorlage nichts
vermiſſen laſſen werde, was nach dem Urteil der kom=
petenten
Stellen im Intereſſe der Schlagfertigkeit des Hee=
res
notwendig ſei. In einem Hamburger Blatt hatte
man nämlich behauptet, daß man am Landheer ſparen
wolle, um das Fiasko der Reichsfinanzreform zu verber=
gen
, gleichzeitig wurde hinzugefügt, daß Herr von Beth=
mann
Hollweg bei ſeiner Uebernahme der Geſchäfte die
Bedingung geſtellt habe, es dürfe nach Ablauf des Quin=
quennats
keine größere Heeresforderung kommen, was
man aber vertuſchen wolle. Infolge dieſer Bemerkungen
erklärt ſich wohl der ſcharfe Ton, den das offiziöſe Dementi
anſchlägt, in dem mit Entrüſtung zurückgewieſen wird,
als ob der Reichskanzler etwas vernachläſſigen könne, was
mit der Wehrkaft des Landes in Zuſammenhang ſteht. Es
wird betont, daß die Neuforderungen für das nächſte
Quinquennat in voller Uebereinſtimmung zwiſchen dem
Reichskanzler und den Militärſtellen ganz im Sinne der
hierfür früher ſchon gegebenen Erklärungen aufgeſtellt
werden würden.
* Das jetzige Quinquennat läuft im nächſten Jahre ab
und man wird ſich daher in dieſem Winter darüber ſchlüſſig
zu machen haben, welche Forderungen man ſtellen wird. Es
könnte nun infolge der offiziöſen Auslaſſung ſo ſcheinen,
als ob man mit großen Forderungen hervortreten würde,
indeſſen iſt das wenig wahrſcheinlich, denn ſchon mehr=
fach
iſt betont worden, daß man an eine beträchtliche Er=
höhung
des Präſenzſtandes nicht gehen wird. Sollte
etwas Derartiges notwendig werden, ſo würde ſich aller
Vorausſicht nach eine Vermehrung nur in ganz mäßigen
Grenzen halten, die durch eventuelle neue Einrichtungen
erforderlich ſind, die ſich namentlich auf die techniſche Aus=
geſtaltung
unſeres Heeres beziehen. Was an neuen For=
derungen
in den letzten Jahren gekommen iſt, bezog ſich faſt
ausnahmslos auf dieſes Gebiet, da es gilt, für die deutſche
Armee die neueren Errungenſchaften der Technik und Wiſ=
ſenſchaft
auf dem Gebiete der Kriegskunſt ſich zu eigen zu
machen.
Aus den offiziöſen Auslaſſungen geht hervor, daß man
wiederum ein Quinquennat vorzuſchlagen geneigt iſt.
Eine derartige für eine Reihe von Jahren feſtgelegte For=
derung
hat ihr Gutes, andererſeits aber auch ihre Schwä=
chen
. In der Hauptſache war man ſeinerzeit wohl auf die=
ſen
Gedanken gekommen, weil ſich früher gegen Militär=
forderungen
oft die ſtärkſte Oppoſition geltend machte und
bekanntlich der Reichstag mehrere Male wegen der Ab=
lehnung
militäriſcher Forderungen aufgelöſt worden iſt.
Inzwiſchen haben ſich die Zeitläufe geändert, den Militär=
vorlagen
ſtellte man ſich auch auf Seiten der bisherigen
Oppoſition etwas freundlicher gegenüber, ſodaß vielfach
die Abſicht verbreitet iſt, man könne ruhig auf dieſe Bin=
dung
verzichten. Freilich möchte man von Seiten der Re=
gierung
hierauf nicht verzichten, weil man davon ausgeht,
was man hat, hat man. Man ſcheute es, alljährlich die
Bewilligung vornehmen zu laſſen, weil man befürchtet,
daß da noch ſehr geſtrichen werden und eine gewiſſe Un=
ſtetigkeit
Platz greifen könnte. Andererſeits aber hat ſich
die Feſtlegung bei unbedingt erforderlich gewordenen
Neuerungen als ein ziemliches Hindernis erwieſen, und
es blieb nichts anderes übrig, als die Forderungen in
einer Weiſe zu gruppieren und neue Anordnungen zu
treffen, daß die Beſtimmungen des Quinquennats wenig=
ſtens
dem Buchſtaben nach nicht verletzt wurden; in Wahr=
heit
iſt es aber eigentlich faſt alljährlich in gewiſſem Sinne,
wenn auch unter Zuſtimmung des Reichstags, durchbrochen
worden.
In welcher Höhe ſich die neuen Forderungen bewegen
werden, weiß noch niemand, vielleicht auch die Militär=
verwaltung
ſelber nicht genau, aber allzu lange wird es
ja nicht dauern, bis man weiteres hierüber hören wird.
Freilich wird die Regierung darauf rechnen müſſen, daß
man im Hinblick auf die Finanzreform alle Jahre einzelne
Forderungen auf das Genaueſte prüfen wird und daß gar
manche Abſtreichungen zu verzeichnen ſein werden.

Der Datikan und die Proteſtbewegung.
* Die Bewegung gegen die päpſtliche Enzyklika nimmt
ihren Fortgang. Allenthalben melden Drahtberichte von
ſcharfen Proteſtverſammlungen, von denen man im ein=
zelnen
kaum noch Kenntnis nehmen kann. Den Mün=
chener
Neueſten Nachrichten wird über die Stellung=
nahme
des Vatikans zu dieſen Kundgebungen geſchrieben:
Im Vatikan denkt man anſcheinend einſtweilen im=
mer
noch, mit dem Kommuniqué des Oſſervatore Ro=
mano
ſei es genug getan. Der Text der Abgeordneten=
hausverhandlungen
iſt im Vatikan telegraphiſch eingetrof=
fen
und die Mäßigung aller Reden ſoll guten Eindruck
gemacht haben, doch wurde das Verlangen Bethmann
Hollwegs als zu hart und ungerechtfertigt gefunden. Bei
dieſer Anſicht iſt natürlich nicht zu verwundern, daß der
preußiſche Geſandte Mühlberg mit dem Kardinalſtaats=
ſekretär
bisher zu einer vollen Verſtändigung noch nicht
gekommen iſt. Uebrigens iſt man auch in vatikaniſchen
Kreiſen zum Teil ſehr ärgerlich über die Redaktion der
ganzen Enzyklika. Man leugnet den ſchweren Mißmut
über die Taktloſigkeit der vatikaniſchen Staatsmänner in
keiner Weiſe und verhehlt nicht, daß auch in den Kreiſen
des hohen deutſchen Klerus dieſelbe Stimmung herrſche.
Man denkt ſich in dieſen Kreiſen die Regelung der Ange=
legenheit
ſo, daß der Kardinalſtaatsſekretär Merry del
Val in einer Note an den preußiſchen Geſandten noch
einmal ausdrücklich erklären wird, daß die bekannten An=
griffe
der Enzyklika nicht auf Teutſchland, ſondern auf ge=
wiſſe
franzöſiſche Biſchöfe und Moderniſten gemünzt ſeien.
Man wird vorausſichtlich dieſe nach Berlin zu ſen=
dende
ſchriftliche Note dem Reichskanzler zur Veröffent=
lichung
zur Verfügung ſtellen, doch muß man das Weitere
erſt abwarten. Irgend eine Beſtätigung dieſer Anſicht
liegt zur Zeit noch nicht vor.
Von ihrem römiſchen Berichterſtatter für vatikaniſche
Angelegenheiten geht der allerweltsoffiziöſen Wiener
Polit. Korr. folgende Meldung zu:
Im Vatikan wird außerordentliches Bedauern über
den unvorhergeſehenen und völlig unerwünſchten Eindruck
geäußert, den einige Sätze in der Enzyklika Edite saepe‟
in der proteſtantiſchen Welt, namentlich Deutſchlands,
hervorgerufen haben. Es wird verſichert, daß die das
Aergernis veranlaſſenden Wendungen und Ausdrücke un=
terblieben
wären, wenn deren unliebſame Wirkung vor=
auszuſehen
geweſen wäre. Die Kurie habe zunächſt öffent=
lich
im Oſſervatore Romano den Mangel jeglichen
animus injuriandi und den rein hiſtoriſch=dogmatiſchen
Charakter der Enzyklika feſtſtellen laſſen; die päpſtliche Di=
plomatie
werde aber nicht ermangeln, der deutſchen Re=
gierung
gegebenenfalls auch direkte Erklärungen verſöh=
nenden
und beruhigenden Charakters zu geben. Papſt
Pius X. ſei mehr als je vom Wunſche beſeelt, die herz=
lichen
Beziehungen des Heiligen Stuhles zum Deutſchen
Reiche zu erhalten und zu befeſtigen. Man bezeichne im
Vatikan die päpſtliche Anſprache an die deutſchen Pilger
als ein nachträgliches Korrektiv der Enzyklika, notwendig
geworden durch Deutungen, die den wahren Abſichten der
Kurie fremd ſeien. Die Ausdrücke der Enzyklika, die den
größten Anſtoß erregten, quorum deus venter est‟
ſeien direkt dem heiligen Paulus entlehnt und man habe
ihnen im Vatikan ausſchließlich kirchlichen Sinne beigelegt.
Der Vergleich, den die Enzyllika zwiſchen den Verhält=
niſſen
der Kirche in den Zeiten des heiligen Carolus
Borromäus und der gegenwärtigen Lage der Kirche ziehe
und die Verbindung, die ſie zwiſchen den proteſtantiſchen
Reformatoren und den Moderniſten des 20. Jahrhunderts
herſtelle, hätten einen rein hiſtoriſchen Charakter und
könnten abſolut nicht auf den zeitgenöſſiſchen Proteſtantis=
mus
bezogen werden. Man glaube im Vatikan übrigens
nicht, daß dieſer Zwiſchenfall die herzlichen Beziehungen
zwiſchen dem Heiligen Stuhl und dem Deutſchen Reich
ernſtlich und auf die Dauer gefährden könne.
Die Kölniſche Zeitung erhält von einer mit vatikani=
ſchen
Verhältniſſen vertrauten Seite einen Bericht über die
Stimmung im Vatikan. Demnach ſei an Aen=
derung
der Verhältniſſe, in die die beiden Vertrauten
Merry del Val und Kardinal Vives den Papſt gebracht
haben, nicht zu denken. Die Stürme der letzten Tage
würden nur dazu dienen, die Stellung der vertrauten Be=
rater
des Papſtes zu befeſtigen. Schuld trage hieran
hauptſächlich die Haltung der klerikalen Preſſe Deutſch=
lands
, die wider beſſere Einſicht und wider beſſeres Wiſſen
ſich in ihrer überwiegenden Mehrheit in der Rechtfertigung
und Verteidigung des päpſtlichen Dokumentes nicht genug
tun konnte.
Teutſches Reich.
Nach § 15 des Zolltarifgeſetzes iſt der auf den Kopf
der Bevölkerung entfallende Reinertrag aus den
Getreide= und Viehzöllen, ſoweit er den nach
dem Durchſchnitte der Jahre 1898 bis 1903 auf den Kopf

der Bevölkerung entfallenden Reinertrag dieſer Zölle über=
ſteigt
, zur Erleichterung der Durchführung einer Wit=
wen
= und Waiſenverſicherung zu verwenden
(lex Trimborn). Aus dem Jahre 1907 hat ein Betrag von
über 42 Millionen Mark zu den gedachten Verwendungs=
zwecken
ſichergeſtellt werden können; für die Jahre 1906
und 1908 hatten ſich Ueberſchüſſe nicht ergeben.
Wie jetzt feſtgeſtellt worden iſt, blieb auch für das Rech=
nungsjahr
1909 der auf den Kopf der Bevölkerung berech=
nete
Reinertrag aus den bezeichneten Zöllen hinter dem
durchſchnittlichen Ertrage der Jahre 1898 bis 1903 zurück,
ſo daß auch aus dem Jahre 1909 Ueberſchüſſe für die Zwecke
der Hinterbliebenenverſorgung nicht zur Verfügung ſtehen.
Aus dieſem Grunde wird auch das Einführungsgeſetz zur
Reichsverſicherungsordnung die Aufhebung des § 15 des
Zolltarifgeſetzes in Vorſchlag bringen und an ſeine Stelle
die Reichsverſicherungsordnung mit feſten Beiträgen des
Reiches zur Durchführung der Hinterbliebenenverſicherung
ſetzen.
Der Geſetzentwurf über die Einführung von
Schiffahrtsabgaben wird am nächſten Freitag im
Plenum des Bundesrates verhandelt werden.
Die Einnahme des Reiches an Zöllen
im Mai betrug 46½ Millionen Mark. Für die Zeit
vom 1. April bis Ende Mai ſtellt ſich die Solleinnahme
auf 91 Millionen Mark, d. h. 2½ Millionen weniger als
in den entſprechenden beiden Monaten des Jahres 1909.
Gegen den Etatsvoranſchlag für das Rechnungsjahr 1910
bleibt die Solleinnahme für April und Mai 1910 etwa
14 Millionen zurück.
Staatsſekretär Delbrück iſt zu Beſprechungen über
die elſaß=lothringiſche Verfaſſungsfrage
in Straßburg eingetroffen.
Auch die Verhandlungen im Baugewerbe für
das Großherzogtum Baden ſind ergebnislos ver=
laufen
. Ueber Arbeitszeit und Stundenlohn, die beiden
Hauptpunkte, wurde bei den am Freitag und Samstag
in Karlsruhe und Freiburg ſtattgehabten Verhandlungen
eine Einigung nicht erzielt.
Ausland.
Die Neuwahlen in den ungariſchen
Reichstag haben die politiſche Konſtellation in
Ungarn gründlich verändert. Graf Khuen=Hedervary wird,
wenn der neue Reichstag am 25. ds. Mts. zuſammentritt,
über eine ſo große Mehrheit verfügen, wie dies vor fünf
Jahren der Fall war, als die alte liberale Partei noch am
Ruder war. Man ſollte daher annehmen dürfen, daß es
dieſer ſtarken Regierungspartei gelingen wird, in kürzeſter
Zeit die dringendſten Staatsnotwendigkeiten, nämlich das
diesjährige Budget und Rekrutenkontingent und die Han=
delsverträge
mit Rumänien und Serbien, zu erledigen.
Graf Khuen=Hedervary hofft auch, daß ihm dies bis Ende
Juli gelingen wird, und daß dann das Haus auf zwei
Monate in die Sommerferien wird gehen können. Aller=
dings
iſt dies noch nicht ſicher; denn das Geſpenſt der Ob=
ſtruktion
ſeitens der Unabhängigkeitspartei des Herrn
v. Juſth droht noch immer. Dieſe Partei, die früher 122
Mann zählte, iſt zwar jetzt nach den Neuwahlen auf die
unanſehnliche Zahl von 38 Abgeordneten zuſammenge=
ſchrumpft
. Da aber nach der jetzigen parlamentariſchen
Geſchäftsordnung ſchon 20 Abgeordnete in der Lage ſein
können, durch Obſtruktion die geſamte Tätigkeit des Par=
laments
für längere Zeit lahmzulegen, ſo können dieſe 38
Juſthinianer ſelbſt der ſo übermächtigen Regierungspartei
Khuen=Hedervarys für längere Zeit immerhin noch recht
unangenehm werden. Sollte die Juſth=Partei ihre Droh=
ungen
wirklich in die Tat umſetzen, ſo wird indes die Re=
gierung
nicht zögern, dem Hauſe ſofort einen Antrag auf
Aenderung bezw. Verſchärfung der Geſchäfts=
ordnung
zu unterbreiten, und dieſer Antrag würde auch
in Anbetracht der großen Ueberlegenheit der Regierung
nicht ſchwer durchzubringen ſein. Die Regierung iſt ferner
entſchloſſen, falls wegen der obſtruktioniſtiſchen Haltung
der Oppoſition die Erledigung der dringenden Staats=
notwendigkeiten
verzögert werden ſollte, das Haus unter
Umſtänden den ganzen Sommer über beiſammenzuhalten.
Man darf der am 25. ds. Mts. beginnenden Tagung des
neugewählten Reichstages jedenfalls mit geſpanntem
Intereſſe entgegenſehen.
Ein Telegramm der Kölniſchen Zeitung aus Kanca
vom 12. Juni beſagt: Der jetzige Stand der kre=
tiſchen
Frage läßt ſich, von hier geſehen, dahin zuſammen=
faſſen
, daß der jetzige regierende Ausſchuß der kretiſchen
Kammer unter dem Vorſitze Venizelos beſtrebt iſt, eine

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 14. Juni 1916.

Verſchärfung der Lage zu vermeiden. Man
iſt geneigt, den Wünſchen der Schutzmächte zu folgen, die
Zulaſſung der 16 mohammed. Abgeordneten zur Kammer
zu empfehlen, ſobald ſie wieder zuſammentritt, die Ruhe
im Innern hergeſtellt iſt und die Mohammedaner Schutz
erhalten, von der Entſendung kretiſcher Abgeordneter zur
griechiſchen Nationalverſammlung dagegen abzuraten. Es
beſteht die Gefahr, daß die radikalen Draufgänger hier im
Juli in der Kammer die Oberhand gewinnen, da von der
ſchwachen Mehrheit des jetzigen regierenden Ausſchuſſes
viele abbröckeln. Es ſteht der Verſuch bevor, dieſe Gefahr
durch eine Koalition beider Parteien zu einem regierenden
Sechſerausſchuß zu bannen, wobei jede Partei mit drei
Mitgliedern vertreten ſein ſoll.
Einer Meldung aus Spanien zufolge hat die Gaceta
de Madrid ein königliches Dekret veröffentlicht, ent=
haltend
eine Auslegung des Dekrets vom 23. Oktober 1876
über öffentliche Verſammlungen nichtkatholiſcher Sekten.
Das neue Dekret bedeutet keine Veränderung der Verfaſ=
ſung
. Der Oſſervatore Romano veröffentlicht hierzu fol=
gende
Note: Sobald der Heilige Stuhl die beſtimmte
Nachricht von der bevorſtehenden Veröffentlichung des in
der Gaceta de Madrid erſchienenen königlichen Dekrets er=
hielt
, eines Dekrets, das das Konkordat verletzt, hat er
nicht verfehlt, der ſpaniſchen Regierung einen formellen
Proteſt zugehen zu laſſen.
Nach einer Liſſaboner Drahtmeldung wird die por=
tugieſiſche
Regierung in der Pairskammer in betreff des
Briefes interpelliert werden, den Merry del Val an
den Erzbiſchof von Braga ſchrieb, um die den Franzis=
kanern
gehörige katholiſche Revue zu unterdrücken. Meh=
rere
Pairs ſind der Anſicht, daß der Brief von Merry del
Val einen Angriff auf die Vorrechte der Krone bedeutet.
Der Miniſter geht mit der Unterſuchung vor.
Die ruſſiſche Duma beendete die dritte Leſung der
Geſetzesvorlage über die Semſtwo= Selbſtverwal=
tung
in den weſtlichen Gouvernements. Die Beſtim=
mung
der Regierungsvorlage über eine obligatoriſche Ver=
tretung
der orthodoxen Geiſtlichkeit wurde abgelehnt und
durch fakultative Vertretung erſetzt. Die Geſamtvor=
lage
wurde mit 165 Stimmen der Mitte, der Nationali=
ſten
und eines Teiles der Rechten gegen 139 Stimmen der
extremen Rechten und der Oppoſition, darunter der Polen,
angenommen.
Bei der in der ſerbiſchen Skupſchtina in zweiter
Leſung erfolgten Abſtimmung über den § 18 der Wahlvor=
lage
wurde zwar eine Mehrheit erzielt, aber gegen die
Vorlage ſtimmten einige hervorragende Abgeordnete der
Regierungspartei. Deswegen erachtet die Regierung die
jetzige Skupſchtinamehrheit als unzuverläſſig und beſchloß,
zu demiſſionieren. Darauf überreichte der Miniſterpräſi=
dent
dem König die Demiſſion des Geſamt=
kabinetts
.

Die chileniſche Kammer ermächtigte den Präſiden=
jen
, eine Anleihe von vier Millionen Pfund Sterling
für Marinezwecke aufzunehmen, wovon eine Million zur
Verſtärkung der Küſtenartillerie verwendet werden ſoll,

ferner ſollen jährlich aus den Einkünften 400000 Pfund
Sterling zur Bildung eines Fonds für zukünftige Schiffs=
bauten
genommen werden.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 14. Juni.
* Vom Hofe. Am Samstag, den 11. Jnni, trafen Se.
Exzellenz General=Oberſt v. Bock und Polach, Se. Exz.
General der Infanterie v. Eichhorn, Se. Exz. General=
leutnant
v. Strantz, die Majore Bronſart v. Schellen=
dorff
und Pennrich, Rittmeiſter v. Jagow und General=
major
Hahn mit Zug an Egelsbach 12 Uhr 10. Min.
nachmittags in Wolfsgarten ein, nahmen an der Früh=
ſtückstafel
teil und kehrten 2,30 Uhr nachmittags mit
Auto nach Darmſtadt bezw. Frankfurt zurück. S. K.
Hoheit Prinz Heinrich von Preußen traf am 11.
Juni 4,30 Uhr nachmittags im Auto in Wolfsgarten
ein und fuhr am 12. dieſes Monats 4 Uhr vormittags
nach Kiel ab. Fürſtin=Mutter zu Erbach=Schönberg
traf am 12. dieſes Monats mit Zug an Egelsbach 11,43
Uhr vormittags in Wolfsgarten ein und reiſte 6,04 Uhr
abends wieder ab. (Darmſt. Ztg.)
Beſtätigungen. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
haben der am 27. Mai 1910 durch die Stadt=
verordnetenverſammlung
zu Worms erfolgten Wieder=
wahl
des Oberbürgermeiſters Heinrich Köhler in
Worms zum Bürgermeiſter der Stadt Worms auf
Lebenszeit die Beſtätigung erteilt. Se. Königl. Hoheit
der Großherzog haben den von Sr. Durchl. dem
Fürſten zu Erbach=Schönberg auf die evangeliſche Pfarr=
ſtelle
zu Rimbach, Dekanat Erbach, präſentierten Pfarrer
Julius Betzler zu Mörfelden für dieſe Stelle beſtätigt.
Charaktererteilung. Se. Königl. Hoheit der
Großherzog haben dem Amtsrichter bei dem Amts=
gericht
Fürth Friedrich Bickelhaupt den Charakter
als Amtsgerichtsrat erteilt.
Ordensverleihungen. Se. Königl. Hoheit der
Großherzog haben dem Dammeiſter Konrad Sack
zu Worms auf ſein Nachſuchen unter Anerkennung ſeiner
langjährigen treuen Dienſte in den Ruheſtand verſetzt und
ihm aus dieſem Anlaß die Krone zum Silbernen Kreuz
des Verdienſtordens Philipps des Großmütigen, ferner
dem Steueraufſeher Wilhelm Adelberger zu Wöll=
ſtein
aus Anlaß ſeiner Verſetzung in den Ruheſtand das
Silberne Kreuz des Verdienſtordens Philipps des Groß=
mütigen
verliehen.
In den Ruheſtand verſetzt wurde der Steuer=
aufſeher
Wilhelm Adelberger zu Wöllſtein auf ſein
Nachſuchen, unter Anerkennung ſeiner langjährigen treu
geleiſteten Dienſte.
*X* Die Zweite Kammer iſt vom Präſidenten ſoeben
zu einer Sommertagung auf Mittwoch, den 2 2. Juni,
vormittags 10 Uhr, einberufen worden. Auf der
Tagesordnung ſteht zunächſt eine Reihe von Vorſtellungen,
darunter die der Mitglieder der Großh. Hofmuſik, ihre Ge=
haltsverhältniſſe
betr., und die der Bürgermeiſterei Arheil=
gen
, die Uebernahme ſämtlicher Volksſchullaſten auf den
Staat betr., und die des Dr. Weißmann=Lindenfels, den
Bau einer Nebenbahn Bensheim=Lindenfels betr. Unter
den zur Beratung angeſetzten Regierungsvorlagen befin=
det
ſich auch der Geſetzentwurf betr. das Gemeinde=
umlagengeſetz
.
Der Provinzialausſchuß der Provinz Starken=
burg
hält ſeine nächſte Sitzung am Samstag, den
18. Juni, vormittags 9½ Uhr mit folgender Tages=
ordnung
ab: 1. Klage des Ortsarmenverbands Darm=
ſtadt
gegen den Ortsarmenverband Weiterſtadt wegen
Erſatzes aufgewendeter Verpflegungskoſten für Heinrich
Hannewald zu Wilmshauſen. 2. Klage des Ortsarmen=
verbands
Mainz gegen den Ortsarmenverband Bens=
heim
wegen Zahlung von Unterſtützungs= und Pflege=

Eros.

von J. Lößer.
Selbſt den kleinſten Himmelswelten
Soll des Forſchers Arbeit gelten,
Da Erſtaunliches ſie zeigen,
Großes auch in ihren Reichen.

Eros, der griechiſche Gott der Liebe, der zwiſchen
dem Olymp und der Erde verkehrte und daher Flügel
trug, deſſen Attribute Bogen, Pfeile und eine bren=
nende
Fackel waren, iſt im Altertum in vielen Statuen,
in beſten Kunſtwerken verewigt worden. Merkwür=
digerweiſe
beſitzt derſelbe nun auch ſeit etwas mehr
als 11 Jahren ein Denkmal am Himmel in Geſtalt
eines außerordentlich kleinen Planeten, in Kugelform
gedacht mit einem Durchmeſſer von vielleicht nur 30
Kilometer, von ſeinem Entdecker Guſtav Witt, Aſtro=
nom
der Sternwarte der Berliner Urania, Eros ge=
nannt
. In der Nacht vom 13. auf 14. Auguſt 1898 fand
der genannte Forſcher auf der photographiſchen Platte
eines nach dem Sternbilde Aquarius (Waſſermann),
in welchem ſich die Sonne in der Zeit vom 19. Februar
bis 21. März bewegt, gerichteten Fernrohres in der
Nähe des Sternes 8 (Beta) das in Rede ſtehende Welt=
körperchen
in Form eines kleinen, nur etwa ½ Milli=
meter
langen Strichchens unter den als Punkte oder
Kreischen erhaltenen Abbildungen der Fixſterne. Durch
die Strichform gab es ſich als Wandelſtern zu er=
kennen
; ſie zeigte, daß ſich das Sternchen von nur
10,5 Helligkeitsgröße, alſo mit unbewaffnetem Auge
nicht ſichtbar, während der Expoſitionsdauer des Appa=
rates
unter den anderen Sternen, den Fixſternen, fort=
bewegt
hatte. Die fortgeſetzten Beobachtungen ergaben
denn auch, daß dasſelbe der Familie der Planeten an=
gehört
, alſo wie dieſe um die Sonne kreiſt.
Die außerordentliche Kleinheit dieſes Planeten
wäre aber nach den ſeit dem Jahre 1801 erfolgten Ent=
deckungen
von etwa 700 ſolcher kleinen Planeten,
Planetoiden oder Aſteroiden genannt, nichts beſonderes.
Der größte derſelben, Ceres, hat 770 Kilometer Durch=
meſſer
, der kleinſte davon, im Jahre 1900 auf der Lick=
Sternwarte (Mount Hamilton ſin Kalifornien) ent=
deckt
, gar nur 500 Meter Durchmeſſer. Dieſe, wie die
übrigen Planeten um die Sonne wandernden Welt=
körperchen
bewegen ſich aber zwiſchen den Bahnen des
Mars und Jupiter im Mittel iſt die erſtere 227
Millionen Kilometer, die letztere 772 Millionen Kilo=
meter
von der Sonne entfernt ſo daß in dem hier=
nach
545 Millionen Kilometer breiten Zwiſchenraum
der Hauptſchwarm der Planetoiden etwa eine Breite
von 300 Millionen Kilometer einnimmt. Hierzu muß
aber bemerkt werden, daß die Bahnen von Mars,
Aſteroiden (Planetoiden) und Jupiter nicht in der=
ſelben
Ebene liegen, indem

von 1*19' mit der Bahn der Erde um die Sonne bildet,
während die Bahnen der Planetoiden bis zu 48 Neig=
ung
zu der letzteren haben.
Nun aber zeigte ſich Eros, abweichend von der be=
kannten
Ordnung. Er tritt aus dem Syſtem der

zwiſchen den genannten beiden Planeten ſich bewegen=
den
Himmelskörperchen heraus, da er ſeinen Lauf zum
größeren Teil innerhalb der Marsbahn, zum kleineren
Teil jenſeits derſelben zurücklegt. Die Bahn des Eros
ſchließt auf dieſe Weiſe die Erdbahn zwar auch ein,
aber ſie nähert ſich letzterer auffallend diesſeits der
Marsbahn, um ſich jenſeits derſelben um ſo weiter von
der Erdbahn zu entfernen. So kann Eros der Erde
auf etwa 21 Millionen Kilometer nahe kommen, d. h.
näher als irgend ein anderer Himmelskörper, ausge=
nommen
der Mond, der im Mittel 384360 Kilometer
von der Erde entfernt iſt.
Die Planetoiden erhielten nach der Zeitfolge ihrer
Entdeckung, die ſeit etwa 20 Jahren vorzugsweiſe von
den Aſtronomen Charlois in Nizza und Max Wolf von
der Sternwarte Königſtuhl bei Heidelberg, insbeſondere
durch des letzteren, neuerdings durch Metcalf ver=
beſſerte
photographiſche Methode gefördert wurde, lau=
fende
Nummern. Ceres, der zuerſt entdeckte Pla=
netoid
(am 1. Januar 1801 von Giuſeppe Piazzi in
Palermo), benannt nach dem Getreidereichtum der
Inſel Sizilien, erhielt die Nummer 1; Eros hat nach
Maßgabe ſeiner Stellung in der Folge der Entdeck=
ungen
die Nr. 433. Die meiſten dieſer kleinen Him=
melskörper
haben wie Ceres und Eros auch beſondere
Namen erhalten; da gibt es eine Pallas (Nr. 2), eine
Veſta, der hellſte unter den Planetoiden (Nr. 4), in
günſtiger Stellung mit freiem Auge ſichtbar, entdeckt
am 29. März 1807 von Heinrich Olbers in Bremen,
eine Fortuna (19), Urania (30), Pandora (55), Julia
(89), Hekuba (108), Hertha (135), Bertha (154), Maria
(170), Elſa (182), Agathe (228), Sapientia (275), Olga
(304), Heidelberga (325), Eleonora (354), Berolina (422)
uſw., wie man ſieht, lauter weibliche Namen. Dem
Planetoiden 433 hat aber der Entdecker zur Kennzeich=
nung
ſeiner ſchon hervorgehobenen beſonderen Stellung
den männlichen Namen Eros gegeben.
Derſelbe bewegt ſich in 645 Tagen 1,76 Erden=
jahren
(Mars in rund 687 Tagen, alſo mit einer um
42 Tagen längeren Umlaufszeit) um die Sonne in
elliptiſcher, von der Kreisform nicht allzuſehr ab=
weichender
Bahn, in deren einem Brennpunkt die
Sonne ſteht. Der große Halbmeſſer dieſer Ellipſe mißt
218 Millionen Kilometer, ihr kleiner Halbmeſſer
212 Millionen Kilometer. Die Entfernung jedes
Brennpunktes vom Mittelpunkt der Bahn beträgt 49
Millionen Kilometer, vom nächſten Ende (Scheitel) der
Ellipſe alſo 218 49 169 Millionen Kilometer; dies
iſt alſo auch die kürzeſte Entfernung des Eros von der
Sonne, deſſen Perihel, während ſein Aphel, ſein weite=
ſter
Abſtand von der Sonne, ſich auf 218 49 267
Millionen Kilometer ſtellt. Als Vergleichsmaß möge
angegeben werden, daß die mittlere Entfernung der
Erde von der Sonne 149,5 Millionen Kilometer be=

trägt. Während der ganzen Umlaufszeit (645 Tage)
legt Eros am Himmel 360 zurück; ſeine mittlere täg=

3600
liche Bewegung wird alſo durch
33'29 aus=
645

gedrückt. Die Ebene der Erosbahn ſcheidet die Ebene
der Erdbahn unter einem Neigungswinkel von 1050,
während, wie ſchon angegeben, die Neigung der Mars=

koſten. 3. Klage des Landarmenverbands Kaſſel gegen
den Ortsarmenverband Offenbach wegen Erſatzes von
Verpflegungskoſten und Uebernahme des Simplicius
Leiſt von Wehrde. 4. Entziehung der dem Friedrich
Trax zu Offenbach erteilten Wirtſchaftskonzeſſion.
Zum Veteranen=Appell wäre es wünſchenswert,
daß ſich auch diejenigen Damen und Herren melden
würden, welche 1866 und 1870/71 in der freiwilligen
Kranken= und Verwundetenpflege, ſei es
im Felde oder in der Heimat, tätig geweſen ſind. Es
iſt, ſo viel wir hören, beabſichtigt, ihnen bei dem Feſt=
akt
auf dem Marienplatz einen beſonderen Platz anzu=
weiſen
. Man nimmt an, daß die Damen und Herren,
welche vor 40 Jahren ſo bereitwillig Samariterdienſte
geleiſtet haben, auch heute ein Intereſſe haben,
das Wiederſehen jener wackeren Männer, die ſie zum
Teil unter ihrer Pflege gehabt haben, mitzufeiern. An=
meldungen
ſind an den Vorſitzenden des Arbeitsans=
ſchuſſes
, Herrn Hauptmann a. D. Waldecker, Darmſtadt,
Heinrichſtraße 62, zu richten.
Verein für Verbreitung von Volksbildung. In
der ordentlichen Hauptverſammlung, die durch den
Vorſitzenden, Herrn Reallehrer Lerch, mit einer Be=
grüßung
der Erſchienenen eröffnet wurde, widmete
dieſer zuerſt den dem Verein im verfloſſenen Geſchäfts=
jahr
durch den Tod entriſſenen Herren Geh. Medizinal=
rat
Dr. Draudt, Oberbürgermeiſter Morneweg, Stadty.
Dr. Merck, Rentner Neu und Dr. Röder einen herz=
lichen
Nachruf. Er erſtattete ſodann für den perhin=
derten
Schriftführer Herrn Wenzel deſſen Jahresbe=
richt
. Hiernach ſuchte der Verein mit den ihm zur
Verfügung ſtehenden Mitteln ſeine Aufgabe zu
löſen, durch geeignete Belehrung die Erwerbsfähigkeit
zu ſteigern und die geiſtige und ſittliche Hebung des
Volks zu fördern, wozu Vorträge, Volksunterhaltungs=
abende
, Führungen, Unterrichtskurſe, die Volksbiblio=
thek
in Beſſungen und die Jugendſchriftenausſtellung
dienten. Die Zahl der Vorträge aus den verſchieden=
ſten
Wiſſensgebieten belief ſich auf 18. Als Volksunter=
haltungsabend
diente eine Schumann=Gedächtnisfeier.
Muſeumsführungen verdankte man den Herren Prof.
Dr. Back und Prof. Dr. Liſt, insgeſamt vier, durch die
kunſtgewerblichen und zoologiſchen Sammlungen,
während eine Pilzexkurſion durch Herrn Prof. Völſina
geleitet wurde. Auch die Unterrichtskurſe von Frl.
Friedmann hatten einen guten Erfolg. Die Beſſunger
Bücherhalle hat einen Verluſt erlitten; Frl. Möſer,
welche ihre Verwaltung drei Jahre lang gewiſſenhaft
und unermüdlich beſorgte, mußte auf dieſe Tätigkeit
aus Geſundheitsrückſichten verzichten und verdient
warme Anerkennung. Die Benutzung der Bücherhalle
iſt mit einer Ausleihezahl von 18000 Bänden um
27 Prozent geſtiegen. Dem Verein wurden ſeitens des
Richard Wagner=Vereins und des Kaiſerpanoramas
die früheren Vergünſtigungen gewährt und er konnte
durch das Entgegenkommen der Hoftheaterdirektion
insgeſamt 1100 Eintrittskarten an die angeſchloſſenen
Vereine abgeben. Im Kampf gegen die Schundlitera=
tur
beteilgte ſich der Verein lebhaft und wirkte in dem
ſtändigen Jugendſchriftenausſchuß eifrig mit. Der
Mitgliederſtand des Vereins iſt von 572 auf 607 ge=
ſtiegen
, und es darf eine weitere günſtige Entwicklung
erwartet werden. Die durch Herrn Wandel aufgeſtellte
Vereinsrechnung hat keine Beanſtandung ergeben, und
es wurde ihm Entlaſtung erteilt, worauf der von ihm
referierte Voranſchlag für das neue Geſchäftsjahr An=
nahme
fand. Das eingehend beſprochene Arbeitspro=
gramm
für den kommenden Winter iſt ein reichhaltiges
und wird bei ſeiner ſpäteren genauen Bekanntgabe
gewiß allgemeinen Anklang finden. Bei der Erſatz=
wahl
des Vorſtandes wurden die ausgeſchiedenen
Herren Rechtsanwalt Dr. Bender, Prof. Dr. Gaul,
Finanzaſpirant Wandel und K. Wenzel wieder= und

bahn zu letzterer nur 1'51 mißt. Eros kommt alſo in
ſeinem Umlauf um die Sonne rund 9' nördlicher und
ſüdlicher als Mars. Rechnet man vom Frühlingspunkt
aus, nämlich dem Himmelspunkt, in dem die Sonne
zu Frühlingsanfang ſteht, auf dem ſcheinbaren Jahres=
lauf
derſelben (Ekliptik=Kreis) einen Bogen von 123½32)
(der ganze Kreis eingeteilt gedacht in 360 à 60') in der
Richtung von Weſt nach Oſt, ſo zeigt der betreffende
Punkt an, wo Eros unter die Ekliptikebene tritt, die=
ſelbe
alſo von Nord gegen Süd durchſchneidet; 1802
weiter, alſo unter 303 32 tritt er wieder überdie
Ekliptik. Mars dagegen geht unter die Ekliptikehene
bei 228'47, über dieſelbe bei 48'47 öſtlich vom Früh=
lingspunkt
. Für Jupiter ſind die entſprechenden
Bogen 27927 und 99' 27)
In größter Erdnähe (Entfernung 21 Kilometer),
welche nach Maßgabe der Bahnen und Bahngeſchwin=
digkeiten
von Eros und Erde anfangs 1894, ſowie am
3. Februar 1901 ſtattfand und ſich im Januar 1924, dann
1931 wiederholen wird, hat Eros etwa die Helligkeit
eines Sternes 6. Größe, kann alſo mit gutem Auge
ohne optiſche Beihlife geſehen werden. Die Helligkeit
desſelben hängt aber auch davon ab, ob ſeine der Erde
zugewendete Seite voll oder nur zum Teil von der
Sonne beleuchtet wird, alſo von ſeiner Phaſenänder=
ung
, ähnlich wie beim Monde. Außerdem hat man,
namentlich wenn Eros Vollicht hat, gefunden, daß in=
nerhalb
einer Periode von 5¼ Stunden das Licht des=
ſelben
eine größte und geringſte Helligkeit zeigt und
daraus gefolgert, daß
1. dieſes Weltkörperchen ſich in der angegebenen Zeit
um eine Achſe dreht,
2. ſeine Geſtalt keine Kugel iſt, ſondern einem
unregelmäßigen Körper gleicht, deſſen größte und
kleinſte Fläche in je 5¼ Stunden der Erde gegenüber
tritt und daher im erſten Falle mehr, im zweiten
weniger Licht von der Sonne empfängt und zurück=
ſtrahlt
.
Eros erſcheint wegen ſeiner geringen Größe auch
in den beſten Fernrohren als Punkt; ſeine ungefähre
räumliche Ausdehnung, wie ſie eingangs dieſes ange=
geben
, hat man aus ſeiner Lichtſtärke und ſeinem ver=
hältnismäßig
geringen und daher ſehr genau feſtge=
ſtellten
Abſtand von der Erde hergeleitet.
Aber Eros nimmt nun doch nicht mehr allein eine
Sonderſtellung gegenüber den zwiſchen Mars= und
Jupiterbahn ſich bewegenden Planetoiden ein. St
wurde am 22. Februar 1906 der Planetoid Achilles
(Nr. 588) entdeckt, der diesſeits und jenſeits der
Jupiterbahn läuft, und der am 10. Februar 1907 auf=
gefundene
Hektor kreiſt nur außerhalb der letzteren
Welche Kontraſte in den genannten Planeter
walten! Alle Planetoiden, von denen etwa 700 feſtge=
ſtellt
ſind, machen nur etwa den 1000. Teil der Maſſe
der Erde aus, die Erde iſt annähernd 6,7mal ſo groß als
Mars, aber der Raum des Rieſenplaneten Jupiter, der
im laufenden Monat im Sternbild der Jungfrau an
weſtlichen Abendhimmel ſo freundlich=ruhig ſtrahlt, ir
deſſen Nähe kosmiſch genommen, die vielen Planeten=
zwerge
wandern, umfaßt die große Erde 1330 mal=

die

reffer

nehmer a
der dortigen
kommen ge
zlieder ert
nach 9 Uhr e
Ortsgruppe
zu de

farre

Min
halten wert
ſind herzlich
Unzeige.

[ ][  ][ ]

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 14. Juni 1910

Seite 3.

Herr Beigeordneter Mueller neugewählt. In ſeiner
Tätigkeit wurde dem Verein wiederum dankenswerte
Unterſtützung von Behörden, Privaten und nicht zum
wenigſten ſeitens der Preſſe zuteil, auch iſt u. a. eine
hochherzige Geldſpende von Frau Rentner Nebeling zu
verzeichnen. Nach Beſprechung weiterer Vereinsange=
legenheiten
zollte zum Schluß des Abends Herr Oberſt=
leutnant
Gad namens der Verſammlung dem Vor=
ſitzenden
, Herrn Lerch, warmen Dank für die erſprieß=
liche
Leitung der Vereinsarbeiten.
Die Ortsgruppe Darmſtadt des Odenwald=
klubs
unternahm am Sonntag eine Wanderung nach
Bensheim, dem Felsberg und Auerbach. Die Abfahrt
mit dem Zuge nach Bensheim erfolgte bereits kurz nach
6 Uhr. Auf der Tour wurden u. a. berührt: das Schloß
Schönberg, die Auerbacher Hütte, die Kaiſerbuche, das
Stettbachertal und das Balkhäuſertal, ſowie das
Auerbacher Schloß. Die Wanderung ging bei
außerordentlich günſtigem Wetter vor ſich, es waren
etwa 100 Mitglieder der hieſigen Ortsgruppe die
dem Lockruf gefolgt waren; Führer waren die Herren
Böcher und Kreiter. Eine beſondere Bedeutung
hatte die Wanderung diesmal durch das Zu=
ſammentreffen
mit den Mitgliedern der Mannheimer
Ortsgruppe des Odenwaldklubs; es mochten 200 bis
300 Mannheimer und Mannheimerinnen geweſen ſein.
Bei der gemeinſamen Raſt in Auerbach wurden die
Teilnehmer an der Wanderung durch den Vorſitzenden
der dortigen Ortsgruppe Herrn Leonhardt herzlich will=
kommen
geheißen. Darmſtädter und Mannheimer Mit=
glieder
erwiderten auf die Begrüßungsanſprache. Kurz
nach 9 Uhr abends trafen die Mitglieder der hieſigen
Ortsgruppe wieder in Darmſtadt ein.
Zu der evangeliſchen Volksverſammlung, die
am nächſten Donnerstag zu der Borromäus=Enzyklika
Stellung nehmen wird, erfahren wir, daß Pfarrer D.
Waitz über die Reformation in römiſcher Beleuchtung
und im Lichte der Geſchichte, Profeſſor Dr. Berger
über die Reformation in ihrer kulturellen Bedeutung
und Pfarrer Velte über die Reformation nach ihrer
religiös=ſittlichen Bedeutung ſprechen werden. Keine An=
ſprache
ſoll die Dauer von 20 Minuten überſchreiten.
Ein kurzes Schlußwort wird von Profeſſor Knoll ge=
halten
werden. Alle evangeliſchen Frauen und Männer
ſind herzlich eingeladen. Der Eintritt iſt frei. (S. auch
Anzeige.)
Sportfeſt am 26. Inni. Man ſchreibt uns: Das
vom Veloziped=Klub Darmſtadt am 26. Juni a. c.
veranſtaltete große Sportfeſt aus Anlaß der 25 Kilo=
meter
=Meiſterſchaft von Deutſchland verſpricht ein
ſportliches Ereignis allererſten Ranges zu werden, wie
wir es wohl in Darmſtadt noch nicht zu beobachten Ge=
legenheit
hatten. Zu dem ſtattfindenden großen Preis=
korſo
haben nicht weniger als 25 der beſten Vereine
des Deutſchen Radfahrer=Bundes gemeldet, die um die
wertvollen Preiſe des Großherzogs, des Deutſchen Rad=
fahrer
=Bundes, des Gaues 9 des Deutſchen Radfahrer=
Bundes uſw. in Wettbewerb treten. Es dürfte mit
dieſem Korſo ein von dem Darmſtädter Publikum noch
ſelten geſehenes ſportliches Schauſpiel geboten werden.
Die Meldungen zu den großen Rad= und Motorrennen
auf der hieſigen Radrennbahn übertreffen alles bisher
Dageweſene, denn es ſind nicht weniger als insgeſamt
über 100 Meldungen abgegeben worden und zwar von
den beſten Herrenfahrern, die Deutſchland zurzeit auf=
weiſt
. Wir nennen nur Neumer=Dresden, den
zweiten in der letzten Weltmeiſterſchaft; Rode= Ham=
burg
, den mehrfachen Meiſterfahrer; Dreſcher=
Mainz, den Europameiſter; Herzog=Leipzig, den
zweiten der 100 Kilometer=Weltmeiſterſchaft 1907;
Herty=Klein=Steinheim, den Altmeiſter; Götze=
Berlin, Martens=Aachen und viele andere. Infolge
der enormen Meldungen wird es nötig ſein, die Vor=
läufe
bereits am Vormittag des 26. Juni a. c. zum
Austrag zu bringen, ſodaß die Beſten der Beſten am
Nachmittag um die Siegespalme fahren werden. Die
Meiſterſchaft von Deutſchland über 25 Kilometer ver=
einigt
ein Feld von ca. 30 Fahrern, und da dieſes Ren=
nen
mit Führungspreiſen gefahren wird, bringt jede
Runde aufregende Kämpfe. Großes Intereſſe bean=
ſprucht
auch das Mehrſitzerfahren, das eine große An=
zahl
der beſten Zwei= und Dreiſitzermannſchaften an
den Start bringt. Ein Dreiſitzer wird von der alten
vorzüglichen Rennmannſchaft Herty-Gräf-Link be=
ſetzt
ſein, die ſicher ihre Sieges=Chancen aufs ſchärfſte
verteidigen wird. Auch das Vierervereinsmannſchafts=
fahren
garantiert heiße Kämpfe, die ſich die beſten
Mannſchaften aus Berlin, Dresden, Leipzig, Erfurt,
Frankfurt a. M. uſw. liefern werden. Jedenfalls bringt
der Veloziped=Klub Darmſtadt mit ſeiner Veranſtalt=
ung
etwas außerordentlich Großes, ſodaß ihm für ſeine
Mühe und Arbeit ein gutes Gelingen wohl zu gön=
nen
iſt.
D Inſtruktionskurſe in Verſicherungsangelegen=
heiten
. Die 30. Inſtruktionsſtunde findet Sonntag, den

Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.
* Hitze und Kleiderfarbe. Man ſchreibt
der Tägl. Rundſchau zu dieſem kürzlich behandelten
Thema: Anläßlich des Artikels über Hitze und Klei=
derfarbe
dürfte es intereſſieren, zwecks Auswahl küh=
ler
ſommerlicher Kleidung die Sonnenbeſtrahlung und
Wärmeeinheiten verſchiedener Farben kennen zu ler=
nen
. Wie ſchon erwähnt, iſt tatſächlich die weiße
Kleiderfarbe in dieſer Tropenhitze das richtigſte. Nicht
nur allein, daß Weiß nur 100 Wärmeeinheiten
aufnimmt, ſondern es kommt noch ein zweiter wich=
tiger
Grund hinzu, die weiße Farbe als Haupthitzfarbe
anzuerkennen. Durch die Empfindlichkeit der weißen
Farbe ſind wir zum öfteren Waſchen und Reinigen des
Stoffes gezwungen. Es kann alſo niemals durch
ſtarke Schweißabſonderung und Ausdünſtung zu einer
Porenverſtopfung des Gewebes kommen, ſondern es
findet durch die häufige Wäſche ſtets eine gründliche
Durchlüftung ſtatt, und der Luftzutritt, ſowie die Be=
ſtrahlung
und Verdunſtung bleiben ſtets dieſelben. Hin=
gegen
ſaugt Schwarz ſogar 208 Wärmeeinheiten auf.
Wer alſo aus irgend einem Grunde jetzt gezwungen
iſt, Schwarz zu tragen, iſt ſomit doppelt ſo warm an=
gezogen
, wie die in Weiß Gekleideten. Von weiteren
Farben nehmen zunächſt Hellgelb auch nur 102,
Dunkelgelb 140 Wärmeeinheiten auf, während
Hellgrün ſchon 152 und Dunkelgrün ſchon 161
aufnimmt. Dann kommen Rot mit 168, Hellbraun
mit 198 und, wie ſchon erwähnt, Schwarz mit 208
Wärmeeinheiten. Aber ganz abgeſehen von dieſen
Farbenwirkungen iſt unſere Hochſommerkleidung durch=
weg
als überwarm zu bezeichnen; ſie iſt in erſter Linie
zu undurchlüftbar und in zweiter zu enganliegend.
Aber leider wird der Zuſchnitt der Kleider nur von
der Mode und nicht von der Hygiene regiert.
CK. 10 400 Mark für eine Handſchrift.
Aus=London wird berichtet: Bei Sotheby kam bei der

19. Juni in Bingen a. Rh. im Hotel Zum Engliſchen
Hof und die 31. Inſtruktionsſtunde Sonntag, den 26.
Juni zu Auerbach a. B. im Saale des Herrn Bürger=
meiſters
Weigold, Gaſthaus zur Bergſtraße ſtatt. Es
werden beſprochen: 1. Die Reichsverſicherungsordnung;
2. Praktiſche Verwaltungsfragen.
Die Ausſtellung des Vereins für Aquarien= und
Terrarienkunde Hottonia‟. Die Anmeldungen für die
Ausſtellung ſind jetzt alle eingegangen. Der zurzeit
im Druck befindliche, mit hübſchen Illuſtrationen ver=
ſehene
Katalog weiſt die ſtattliche Zahl von 317
Nummern auf. Die diesjährige Ausſtellung wird alle
früheren an Größe und Vielſeitigkeit weit übertreffen.
Von Fiſchen werden ungefähr 100 Arten, von Reptilien
und Amphibien etwa 50 Arten vertreten ſein, auch die
niedere Waſſerfauna wird in vielen Arten ausgeſtellt
werden. Großen Beifall hat die zum erſten Male be=
ſchloſſene
Schülerausſtellung gefunden, da von Schülern
37 Aquarien und Terrarien ausgeſtellt werden, welche
zuſammen eine beſondere Abteilung bilden. Es iſt
mit Freude zu begrüßen, daß die hieſige Jugend ſo
großes Intereſſe für dieſe ſchöne Liebhaberei zeigt, und
berechtigt zu der Hoffnung, daß mancher von den
jugendlichen Ausſtellern, auch in ſpäteren Jahren,
dieſer Liebhaberei treu bleiben wird. Wie in früheren
Jahren, ſo wird ſich auch wieder die Firma Henkel in
hervorragendem Maße durch Ausſtellung von Fiſchen,
Waſſer= und Sumpfpflanzen, Gartenmöbeln uſw. be=
teiligen
. Die Firma Welke in Dortmund wird u. a.
Seltenheiten den biologiſch eigenartigen Schmetter=
lingsfiſch
(Pantodon Buchholzii) ſowie ein Sumpf=
krokodil
ausſtellen. Um die Unterſchiede zwiſchen der
giftigen Kreuzotter (Pelias beras) und der ungiftigen
Ringel= und glatten Natter zu veranſchaulichen, hat
die Ausſtellungsleitung beſchloſſen, dieſe Schlange
lebend in einem beſonders geſicherten Behälter auszu=
ſtellen
. Dank dem Entgegenkommen der Schulbehör=
den
werden alle Schulen klaſſenweiſe die Ausſtellung
unter Führung der Lehrer beſuchen. Es iſt zu hoffen,
daß die Ausſtellung, welche von der Ausſtellungsleitung
mit vieler Arbeit, Mühe und großen Koſten vorbereitet
wurde und des Intereſſanten und Belehrenden ſo viel
bieten wird, nicht nur bei der Schuljugend, ſondern auch
bei allen Kreiſen unſerer Stadt Beifall und reichlichen
Beſuch finden wird.
Schützenhof. Heute wie auch kommenden Freitag
konzertiert die Kapelle des Leibgarde=Regiments im
Schützenhof. Die Kapelle des Artillerie=Regiments Nr. 61
iſt zu einer Uebung abweſend, infolgedeſſen werden die Don=
nerstagskonzerte
auf den Freitag verlegt, und von der
Kapelle des Leibgarde=Regiments unter Herrn Hauskes
Leitung durchgeführt. An den Dienstag=Abenden wird
nur Streichmuſik und an den Freitag=Abenden Militär=
muſik
zum Vortrag gebracht. Heute abend iſt Illumina=
tion
des Gartens.
§ Zuſammenſtoß. Am Sonntag abend 10 Uhr iſt
in der Nähe der Halteſtelle Ludwigshöhe ein Automobil
mit der Dampfſtraßenbahn zuſammengeſtoßen. Das
Automobil wurde ſtark beſchädigt. Die Inſaſſen des
Automobils erlitten keine Verletzungen.
§ Feſtgenommen. Ein 24 Jahre altes Dienſtmädchen
aus Oberems iſt am Sonntag wegen Betrugs hier feſt=
genommen
worden.
gs- Schlägerei. Geſtern nachmittag gerieten zwei
Schweizer auf dem Karlshofe in Streit, in deſſen Ver=
lauf
der eine ſeinem Gegner mit einer Miſtgabel
ſchwere Stichwunden am Kopfe beibrachte. Nach
Anlegung eines Notverbandes durch die Rettungs=
wache
wurde der Verletzte mittels Krankenautomobils
nach dem ſtädtiſchen Krankenhauſe verbracht. Der
Täter wurde in Polizeigewahrſam genommen.
ks. Arheilgen, 13. Juni. Der Geſangverein Froh=
ſinn
errang bei dem am 12. d. M. zu Ober=Ramſtadt
abgehaltenen Geſangs=Wettſtreit des Geſangvereins
Germania unter Leitung ſeines Dirigenten Herrn
Kammermuſiker Sturmfels in der Stadtklaſſe den
zweiten Preis mit 236 Punkten und den Ehrenpreis
mit 117 Punkten.
Ober=Ramſtadt, 13. Juni. Der Geſangverein
Olympia=Darmſtadt unter Leitung des Herrn
W. Trümpelmann beteiligte ſich an dem Geſangswett=
ſtreit
in Ober=Ramſtadt und errang den zweiten
Klaſſenpreis mit gleicher Punktzahl zum erſten Preis
ſowie den Klaſſen=Ehrenpreis.
Groß=Gerau, 13. Juni. Zahlreiche Fiſchereibe=
rechtigte
des Schwarzbaches in Trebur, Aſtheim und
Ginsheim haben ſich beſchwerdeführend an die Großh.
Oberförſterei gewandt wegen des plötzlichen Abſter=
bens
der Fiſche in dem Schwarzbach, welches durch
induſtrielle Abwäſſer verurſacht worden ſein ſoll. Eine
Unterſuchung iſt eingeleitet.
Mainz, 11. Juni. Zum Reiterfeſt des 6.
Dragonerregiments werden der Großher=
zog
, die Großherzogin, die Landgräfin von Heſ
Verſteigerung der Sammlung Philipp auch der Origi=
nalvertrag
zum Verkauf, den die Genueſer und ihre
Verbündeten im Jahre 1381 mit den Venetianern ge=
ſchloſſen
hatten. Das alte hiſtoriſche Dokument iſt auf
15 Blatt Pergament geſchrieben. Um die Handſchrift
entſpann ſich ein heißer Kampf, bis ſie endlich für 10 400
Mark zugeſchlagen wurde. Bei Chriſtie wurde die
Sammlung Walther verkauft, die insgeſamt über eine
Million einbrachte. Beſonderes Intereſſe erregte ein
rundes Gefäß (Famille Roſe) aus der Kien=Lung= Dy=
naſtie
. Das 23 Zoll hohe Gefäß fand einen Käufer, der
15600 Mark dafür anlegte.
* Frankfurter Theater=Spie lp l a n.
1. Opernhaus: Dienstag, den 14. Juni: Undine.
Mittwoch, 15.: Der Freiſchütz. Donnerstag, 16.: Der
Barbier von Sevilla. Freitag, 17.: Die geſchiedene
Frau. Samstag, 18.: Die Walküre. Sonntag, 19.: Der
Graf von Luxemburg. Montag, 20. Cavalleria ruſticana,
Der Bajazzo. Dienstag, 21.: Das Glück, Die Regi=
mentstochter
. 2. Schauſpielhaus: Dienstag,
den 14. Juni: Die Räuber. Mittwoch, 15.: Brand.
Donnerstag, 16.: Das Konzert. Freitag, 17.: Ein Som=
mernachtstraum
. Samstag, 18.: Buridans Eſel. Sonn=
tag
, 19.: Fauſt, erſter Teil. Montag, 20.: Der Raub der
Sabinerinnen. Dienstag, 21.: Moral.

Kleines Feuilleton.
** Die Geſchichte eines journaliſti=
ſchen
Erfolges. In ſeinem anmutigen Landhaus
Hollorday in North=Devon iſt im Alter von 50 Jahren
der bekannte engliſche Zeitungsverleger Sir George
Newnes entſchlafen. Er, der als Gründer und Beſitzer
der in England ſo populären Wochenſchrift Tit=Bits,
als der Verleger der Strand Magazine und als Grün=
der
und Verleger der Weſtminſter Gazette zu den an=
geſehenſten
Zeitungsunternehmern Großbritanniens
zählte, bietet in ſeiner glänzenden Laufbahn einen

ſen, Prinz und Prinzeſſin Friedrich Karl von Heſſen,
das Prinzenpaar von Schleswig=Holſtein, Prinzeſſin
Iſenburg, der Landgraf von Heſſen, Prinz Weimar uſw.
erwartet. Für die erſte Aufführung ſind faſt alle nume=
rierten
Plätze genommen.
Mainz, 13. Juni. Der verheiratete Schloſſer Aug.
Möſſer Frauenlobſtraße Nr. 75, arbeitete in der
Nacht auf Sonntag in der Schöfferhofbrauerei bis mor=
gens
3 Uhr, ging dann mit einem Kollegen heim, wobei
ſie einen Spaziergang durch die Rheinpromenade mach=
ten
. Am Schloßtor entfernte ſich der andere, während
ſich Möſſer auf eine Bank ſetzte. Er ſchlief dort ein
und wachte dann darüber auf, als ihm ein Schiffer das
Portemonnaie aus der Taſche ſtahl. Im
gleichen Augenblick, wo ſich der Schiffer entdeckt ſah,
ſchlug er Möſſer durch einen furchtbaren Fauſtſchlag nie=
der
und verſetzte ihm zwei Meſſerſtiche. Möſſer
ſchleppte ſich nach der Kaiſerſtraße. Dort, am
Haus Nr. 65, brach er, durch den Blutverluſt
geſchwächt, ohnmächtig zuſammen. Auf der Po=
lizeiwache
, wohin man ihn gebracht hatte, ſtellte ein
Arzt feſt, daß ein Stich in die Bruſt und Lunge, ein
zweiter in das Schulterblatt gegangen iſt. Nach Anleg=
ung
eines Notverbandes fuhr man den lebensgefährlich
Verletzten ins Rochusſpital. Die Blutſpur führte von
der Kaiſerſtraße, wo man Möſſer fand, bis zum Schloß=
tor
, wo er geſtochen worden iſt. Dort fand man geſtern
früh die Klinge des Küchenmeſſers, mit dem die Tat ver=
übt
worden iſt. Durch die Heftigkeit des Stoßes iſt die
Klinge abgebrochen. Ein Polizeihund, der die Spur des
Täters verfolgen ſollte, hat vollſtändig verſagt. (Tgbl.
Worms, 13. Juni. Dem Schutzmann Pfanne=
becker
wurde vorgeſtern gegen Abend auf dem Pau=
lusplatz
bei Ausübung ſeines Dienſtes von dem aus
Erſtein (Elſaß) gebürtigen 17 Jahre alten Maurer Al.
Meng von hier mittels Taſchenmeſſers eine erhebliche
Stichwunde am rechten Oberſchenkel beigebracht.
Der Schutzmann, der in Zivilkleidung war, kam ge=
rade
dazu, wie Meng einem harmloſen älteren Handels=
mann
, als dieſer ruhig ſeines Weges über den Paulus=
platz
ging, ohne jede Veranlaſſung dermaßen ins Geſicht
ſchlug, daß der Mann zu Boden fiel. Der Schutzmann
hielt den Täter an; letzterer verweigerte die Namens=
angabe
und widerſetzte ſich ſchließlich, als er zwecks
Feſtſtellung ſeiner Perſonalien mitgenommen werden
ſollte. Dabei gelang es ihm, ſein Taſchenmeſſer zu
ziehen und dem Schutzmann den Stich ins Bein beizu=
bringen
. Der Stich war in der Richtung nach dem Leib
geführt, er wurde aber von dem Schutzmann mit dem
Stock von da abgewehrt.
(*) Butzbach, 12. Juni. Aus allen Teilen Ober=
heſſens
trafen heute über 1000 Feuerwehrleute ein, um
an dem Feuerwehrtag für die Provinz
Oberheſſen teilzunehmen. Geſtern abend nahm
das Feſt durch einen Kommers in der Feſthalle ſeinen
Anfang. Heute vormittag tagte im Taunushotel die
Delegiertenverſammlung unter Leitung des Vorſitzen=
den
für Oberheſſen, Vetzberger=Nidda. Kreisamtmann
Dr. Gaßner=Friedberg ſprach namens der ſtaatlichen
Behörde, Beigeordneter Flach namens der Stadt Butz=
bach
. Die Verhandlungen befaßten ſich mit organi=
ſatoriſchen
Fragen interner Art. Es wurde beſchloſſen,
an den Landesausſchuß für Heſſen eine Eingabe zu
richten, daß bei Befreiungen von den Uebungen un=
bedingt
Gleichmäßigkeit herrſchen ſolle. In den Pro=
vinzialausſchuß
für Oberheſſen wurde wiedergewählt:
Vetzberger=Nidda, Ferdinand Damm=Friedberg, Brand=
meiſter
Wiegandt=Gießen und Kommandant Herbold=
Butzbach. Das 22. oberheſſiſche Feuerwehrfeſt für 1911
erhält Ober=Rosbach. Das Landesfeuerwehrfeſt für
das Großherzogtum findet 1912 in Friedberg ſtatt.
Unter Leitung des Provinzialvorſitzenden Vetzberger
wurde auf dem Marktplatz eine Uebung der hieſigen
Wehr abgehalten.
Reich und Ausland.
Ans der Reichshauptſtadt, 12. Jnni. Anläßlich
ſeines 80. Geburtstages wurde dem Reichstags=
und Landtagsabgeordneten Albert Träger der
Kronenorden zweiter Klaſſe verliehen. Der Geburts=
tag
) wurde heute durch Glückwünſche ſeiner Partei=
genoſſen
, der Berliner Rechtsanwaltſchaft, aus Ber=
liner
literariſchen Kreiſen, insbeſondere auch der
Tagespreſſe und der geſamten Berliner Geſellſchaft, ge=
feiert
. Geh. Rat Träger empfing im Laufe des Vor=
mittags
in ſeiner Wohnung fortdauernd perſönliche
Glückwünſche aus allen Kreiſen. Unter den Gratu=
lanten
befanden ſich der frühere Staatsſekretär Dern=
burg
, die Parteiführer der liberalen Partei des Ab=
geordnetenhauſes
und des Reichstags, führende Per=
ſönlichkeiten
der Berliner Stadtverwaltung, ſowie Ver=
treter
zahlreicher humanitärer Vereine, an deren
Tätigkeit der Abgeordnete Träger hervorragend betei=
ligt
iſt. Zu ſeinen Ehren fand abends im Hotel Kai=
ſerhof
ein Bankett zu 200 Perſonen ſtatt, bei welchem
neuen Beweis dafür, wie ein einziger glücklicher Ge=
danke
im Journalismus im Nu ungeahnte Erfolge
eintragen kann. Denn Sir George Newnes ſtammte
aus kleinen Verhältniſſen, er war der Sohn eines
Geiſtlichen und ſchon als 16jähriger Junge mußte er
ins Erwerbsleben eintreten. Er wurde damals Lehr=
ling
in einem Londoner Galanteriewarenhaus. Seiye
kaufmänniſchen Talente fielen raſch auf, mit 18 Jah=
ren
wurde er bereits Abteilungschef, und drei Jahre
ſpäter begründete er die Filiale eines großen Lon=
doner
Hauſes in Mancheſter. Aber die Sorgen des
Daſeins wichen nicht, er verdiente nur 2000 Mark im
Jahre, bis er plötzlich auf den Einfall kam, eine amü=
ſante
Zeitſchrift zu gründen, die ſich an die ärmeren
Klaſſen wenden ſollte und nur kurze Notizen ver=
öffentlichen
würde.
Er ſelbſt hat erzählt, wie dieſer Gedanke ihm zu=
flog
. An einem Abend des Jahres 1880 ſaß er fried=
lich
am Kamin und las das Abendblatt der Mancheſter
Evening News. Ich ſtieß dabei auf eine kurze, inter=
eſſante
Notiz, die mir viel Spaß machte. Zu meiner
Frau gewendet, las ich die paar Zeilen vor und ſagte:
Siehſt Du, das iſt das, was ich ſo einen richtigen Tit=
Bit nenne, einen echten Leckerbiſſen. Dieſe Zeitung
hier iſt ſonſt ausgeſprochen langweilig. Warum ſollte
man nicht ein Blatt machen können, das nur ſolche
Tit=Bits bringt? Zwölf Monate ſpäter hatte der
künftige Baron von England alle Vorarbeiten er=
ledigt
: am 2. Oktober 1881 erſchien in Mancheſter die
erſte Nummer der Tit=Bits. Er hatte große Schwie=
rigkeiten
überwinden müſſen. Newnes wandte ſich zu=
erſt
an ein Verlagsunternehmen und verlangte nur
10000 Mark, aber man wies ihn ab, man wies ihn
überall ab, kein einziger Verleger wollte an die Idee
auch nur 50 Mark ſetzen. Aber Newnes ließ ſich nicht
entmutigen, er ſparte, lieh ſich Geld und brachte ſchließ=
lich
genug zuſammen, um die erſte Nummer heraus=
zubringen
. Eine Schar von Zeitungsjungen hatte er

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Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 14. Juni 1910.

Nummer 136.

der Reichstagsabgeordnete Payer die politiſche Tätig=
keit
des Jubilars würdigte. Der Vizepräſident des
Abgeordnetenhauſes wies auf die Verdienſte Trägers
hin um die Entwicklung des Standes der Rechtsanwalt=
ſchaft
. Ludwig Fulda führte der Tiſchgeſellſchaft in mit
großem Beifall aufgenommenen Verſen die literariſche
und geſellſchaftliche Perſönlichkeit Trägers vor Augen.
Es folgte noch eine Reihe anderer, mit großem Beifall
aufgenommener Anſprachen an den Jubilar, der ſchließ=
lich
in eindrucksvoller Weiſe ſeinen Dank für die dar=
gebrachten
Aufmerkſamkeiten ausſprach. Auf dem
Wege zur Rennbahn Hoppegarten verlor geſtern die
däniſche Gräfin Grothe ein Diadem und ein Hals=
band
im Werte von 20000 Mark. Fünf Per=
ſonen
wurden geſtern beim Baden an verſchiedenen
Stellen vom Tode ereilt. In der Oberſpree er=
trank
ein 16jähriges Dienſtmädchen, das mit einer
Freundin an einer verbotenen Stelle badete. In
Tegel ertrank ein 24jähriger Mann, der ſich aus einer
Schwimmanſtalt in das offene Waſſer hinausgewagt
hatte. In der Havel bei Hohen=Neuendorf ertranken
zwei Mechaniker=Lehrlinge. Bei Erkner wurde ein
Schwimmer von einem Herzſchlage ereilt und ertrank.
Auch mehrere ſonſtige Unfälle ſind zu verzeichnen, doch
ſind Perſonen dabei nicht umgekommen.
Duisburg, 13. Juni. Geſtern nachmittag gerieten
in einer Wirtſchaft an der Bergſtraße drei Italie=
ner
infolge reichlichen Alkoholgenuſſes in Streit,
wobei einer ſeinen Kameraden mit einem Meſſer ver=
letzte
. Letzterer holte hierauf aus ſeiner nahegelegenen
Wohnung ein Küchenmeſſer und ermordete auf
offener Straße den Flüchtenden. Der verletzte Mör=
der
wurde verhaftet und in ein Krankenhaus geſchafft.
Gelſenkirchen, 13. Juni. Am Sonntag iſt es gelun=
gen
, die am Freitag auf der Zeche Konſolidation ver=
ſchütteten
beiden Bergleute zu bergen. Die
Spur einer Exploſion iſt nicht gefunden worden und
ſcheint das Unglück nicht auf eine ſolche zurückzufüh=
ren
zu ſein.
Allenſtein, 12. Juni. Frau v. Schönebeck=
Weber hat nach Schluß der geſtrigen Verhandlungen
Allenſtein in Begleitung ihres Mannes und ihres
Schwagers verlaſſen. Ihre Abfahrt war geheim gehal=
ten
worden, ebenſo das Ziel ihrer Reiſe. Kurz vor 7
Uhr erſchien die Reiſegeſellſchaft auf dem Hauptbahnhof
in Allenſtein, und zwar auf dem Bahnſteige der Inſter=
burger
Strecke. Sie fuhren über Ortelsburg nach Rud=
zanny
, das am ſüdlichen Zipfel des Spirdingſees liegt.
Die Familie Weber wird dort bis Montag abend ver=
weilen
. Bei der unmittelbaren Nähe der ruſſiſchen
Grenze hielt es die Behörde für ihre Pflicht, ſich der
Angeklagten in irgend einer Form zu ver=
ſichern
. Unmittelbar vor der Abfahrt der Familie
Weber erſchienen daher unauffällig ein Polizeikommiſ=
ſar
und ein Kriminalwachtmeiſter in Zivil, die den glei=
chen
Zug beſtiegen. Sie haben die Aufgabe, die Ange=
klagte
zu bewachen.
Wien, 12. Juni. Ueber den Stand des Hofrich=
ter
=Prozeſſes liegen wieder verſchiedene Meld=
ungen
vor, die einander widerſprechen und, wie be=
reits
bemerkt, keinerlei Glaubwürdigkeit
verdienen, wenn ſie auch im Auslande verbreitet wur=
den
. Zunächſt muß feſtgeſtellt werden, daß ſich die
Akten noch immer bei dem Kommandanten des Wie=
ner
Korps, Generals der Infanterie Versbach von Ha=
damar
, befinden. Die Nachricht, daß ſie dem Militär=
Obergerichte übergeben worden ſeien, iſt demzufolge
falſch. Ebenſo unrichtig iſt es, wenn die Wiener All=
gemeine
Zeitung aus angeblich autoritativer Quelle
zu melden weiß, Hofrichter, der zum Tode durch den
Strang verurteilt worden ſei, hätte am Schluſſe der
gegen ihn geführten Gerichtsverhandlung vor dem
Ober=Kriegsgericht ſein Geſtändnis zurück=
genommen
und ſei nach den Beſtimmungen des
Militär=Strafgeſetzes nicht zum Tode, ſondern zu 20
Jahren ſchweren Kerkers verurteilt worden. Es muß
nämlich hierzu bemerkt werden, daß bei Militär=
prozeſſen
in Oeſterreich nach den Beſtimmungen des
Militär=Strafgeſetzbuches ein Angeklagter erſt dann
gefragt wird, ob er ſein Geſtändnis aufrecht erhalte
oder nicht, wenn der Urteilsſpruch bereits verkündet
iſt. Nun wird aber die Verkündigung des Urteils=
ſpruches
in vollſter Oeffentlichkeit unter gewiſſen mili=
täriſchen
Gepränge vollzogen, was natürlich auch im
Hofrichter=Prozeß geſchieht. Bis dato iſt jedoch das Ur=
teil
noch nicht veröffentlicht worden. Daraus
geht klar hervor, daß es ſich bei der betreffenden Meld=
ung
, die übrigens bereits vor einigen Tagen in aus=
ländiſchen
Blättern auftauchte, wo ſie keine Beachtung
fand, um Erfindung handelt.
Brüſſel, 13. Juni. Der Bankbeamte Buiſſet,
der, wie gemeldet, nach Verübung bedeutender Unter=
ſchlagungen
flüchtig gegangen iſt, hat geſtern, als er
in einem New=Yorker Hotel verhaftet werden
ſollte, einen Selbſtmordverſuch begangen, in=
engagiert
, die die Nummern in den Straßen ausriefen.
Der Erfolg übertraf alle Erwartungen, in zwei Stun=
den
wurden mehr als 5000 Nummern verkauft. Das
Blatt fand ſo großen Anklang, daß ſechs Wochen ſpä=
ter
derſelbe Verleger, der die 10000 Mark nicht hatte
riskieren wollen, Newnes für die Tit=Bits 320000
Mark anbot; dieſes Angebot aber wurde abgelehnt.
Sechs Monate ſpäter bot ein Londoner Verleger ſogar
600000 Mark. Aber Newnes brauchte keine Hilfe
mehr, er hatte ſich ſelbſt durchgeſetzt. Der glückliche
Einfall beim abendlichen Kaminfeuer hatte ihn in we=
nigen
Monaten zu einem reichen Manne gemacht. Bald
mußte das Blatt nach London, dem Mittelpunkt Eng=
lands
, verlegt werden. Es fehlte natürlich nicht an
Nachahmern, am Schluſſe des halben Jahres waren
bereits 11 ähnliche Blätter gegründet, die alle die Tit=
Bits nachahmten. Aber ſie gingen alle bald ein, wäh=
rend
Sir Frank Newnes Wochenſchrift triumphierend
das Feld behauptete.
Napoleon im Louvre=Muſeum. In
den Maitagen des Jahres 1815, unmittelbar nach der
Rückkehr von Elba und dem Einzug in Paris, ſtattete
Napoleon auch dem Louvre=Muſeum einen Beſuch ab.
Der Generaldirektor der Muſeen, der bekannte Gra=
veur
Denon, hatte dafür geſorgt, daß im Louvre eine
Anzahl der bekannteſten Künſtler verſammelt war, um
den Kaiſer zu begrüßen. Unter ihnen befand ſich auch
der Maler Martin Drolling, ein Elſäſſer von Geburt,
der damals in Paris hoch geſchätzt wurde. Der Meiſter
hat in ſeinen Erinnerungen eine Schilderung ſeines
Zuſammentreffens mit Napoleon hinterlaſſen, die nun
vom Amateur d’Autographes veröffentlicht wird. Im
Muſeum war man mitten in der Arbeit der Neuord=
nung
, alles war in größter Unordnung, einige Bilder
lagen auf der Erde, unter ihnen auch die Schlacht von
Marengo von Vernet. Während die Künſtler ſich da=
mit
beſchäftigten, dieſe Bilder zu beſichtigen, öffnete

dem er ſich eine Kugel in den Kopf ſchoß. Es ſind bei
ihm ungefähr 250000 Franken in Bankſcheinen gefun=
den
worden, und ein weiteres Depot von einigen 100000
Franken hatte er an der Kaſſe des Hotels hinterlegt.
Der ungetreue Beamte hat die Unterſchlagungen in
der kurzen Zeit eines Jahres dadurch begangen, daß er
bei der Reviſion der von den Kunden hinterlegten
Wertpapiere ſich eine große Anzahl davon aneignete.
Die Bank iſt dadurch, daß weder die von ihm ausgeſtell=
ten
Schecks honoriert wurden und daß man jetzt bei
dem Diebe die unterſchlagene Summe zum größten
Teile noch vorfand, faſt ganz gedeckt.
Calais, 12. Juni. Im Laufe des Abends wurden
von dem Unterſeeboote Pluvioſe noch 3 Le ichen
geborgen, darunter die des Kommandanten des Schif=
fes
, deſſen beide Hände bei ſeiner Auffindung auf dem
Periſkop lagen, was beweiſt, daß er auf ſeihem Poſten
geſtorben iſt. Seine Uhr war um 2 Uhr 10 Minuten
ſtehen geblieben. Aus der Tatſache, daß die Uhren des
Schiffsfähnrichs Engel, wie die des Kommandanten
Callet um 2 Uhr 10 Minuten ſtehen geblieben ſind,
ſchließt man, daß das Waſſer gleichzeitig in alle Teile
des Unterſeebootes eingedrungen war.
Liſſabon, 13. Juni. In der kleinen Stadt Claſa
ereignete ſich geſtern ein ſchwerer Unfall. Anläß=
lich
eines Feſtes zog eine kirchliche Prozeſſion durch
die Straßen, als in der Hauptſtraße plötzlich ein Bal=
kon
, auf dem etwa 200 Perſonen ſich befanden, in die
Tiefe ſtürzte und zwar gerade in dem Moment, als die
Prozeſſion vorbeizog. Eine große Anzahl Menſchen
wurde unter den Trümmern begraben. Vier wurden
getötet, 32 mehr oder weniger ſchwer verletzt.
Kunſtnotizen.
Aeber Werke, Künſtler und künſtleriſche Veranſtaltungen ꝛc., deren im Nach=
ſtehenden
Erwähnung geſchieht, behält ſich die Redaktion ihr Urteil vor.
Ueber das bei dem heutigen Saalbaukon=
zert
mitwirkende Soloquartett des Aachener
Stadttheaters ſchreibt der Stadtanzeiger Köln:
Es iſt nicht die Qualität des einzelnen Sängers, die
die Stärke des Quartetts ausmacht, nein, es iſt der
Enſemble=Vortrag dieſer Künſtler, die mit dem Herzen
zu ſingen wiſſen, die den Intentionen unſeres Volks=
liedes
gerecht werden. Sie halten den Zuhörer in Bann
vom erſten bis zum letzten Akkord. Das Konzert fin=
det
ohne Preiserhöhung ſtatt. Das geſchmackvoll zuſam=
mengeſtellte
Programm enthält eine neue muſikaliſch
wertvolle Kompoſition des hier bekannten Herrn H.
Fiſcher: Marche Triumphal bezeichnet. Es ſei noch=
mals
darauf aufmerkſam gemacht, daß bei guter Witter=
ung
das Konzert bei großer Illumination und daß
Réunion im Gartenſaale ſtattfindet.
Das neue Gemeindeumlagengeſetz.
*X* Als eine der ſchwierigſten Aufgaben des 34. Land=
tages
iſt von uns an dieſer Stelle ſeinerzeit der in der
Thronrede bei Eröffnug des Landtages angekündigte neue
Geſetzentwurfüber die Gemeindeumlagen=
reform
bezeichnet worden, der jetzt vom Finanzausſchuß
der Zweiten Kammer fertiggeſtellt wurde und den Haupt=
beratungsgegenſtand
der demnächſt beginnenden Sommer=
tagung
der Volksvertretung bilden wird. Ueber die Not=
wendigkeit
einer geſetzlichen Neuregelung des Gemeinde=
ſteuerweſens
in Heſſen beſteht nirgends ein Zweifel mehr.
Sie war ſchon zutage getreten und allgemein anerkannt
worden bei Gelegenheit einer Reviſion der Staatsſteuer=
geſetzgebung
im Jahre 1899 und in Erwartung einer bal=
digen
Regelung dieſer wichtigen Materie war im Jahre
1901 das Gemeindeſteuer=Proviſorium erlaſſen worden,
das nun ſchon dreimal auf kurze Friſt verlängert werden
mußte, zuletzt im Frühjahr 1909, nachdem ſich die Unmög=
lichkeit
einer ſchnellen Durchführung der Gemeinde= Um=
lagenreform
herausgeſtellt hatte. Der damals von der
Regierung gegebenen Zuſicherung gemäß war auch ein ſol=
cher
umfangreicher Geſetzentwurf ausgearbeitet und im
Jahre 1904 den Landſtänden vorgelegt worden, der von
der Zweiten Kammer zwar durchberaten und genehmigt,
von der Erſten Kammer aber nicht in einem zuſtimmenden
Sinne erledigt wurde. Da der letzteren im Juni 1905 zur
gründlichen Beratung der Vorlage nicht mehr die genü=
gende
Zeit übrig blieb die Schließung des 32. Land=
tages
ſtand in wenigen Tagen bevor ſo gab ſie den Ent=
wurf
auf einſtimmigen Beſchluß an die Regierung zurück
mit dem Erſuchen, ihn unter Berückſichtigung der darüber
im Ausſchuß und im Plenum der Erſten Kammer gepflo=
genen
Verhandlungen einer erneuten Bearbeitung zu un=
terziehen
. Das hauptſächlichſte Bedenken, das in der Be=
ratung
der Erſten Kammer zum Ausdruck kam, richtete ſich
gegen den Vorſchlag der Regierung, bei der Veranlagung
zur Grundſteuer lediglich den gemeinen Wert als Unter=
lage
gelten zu laſſen und den Ertragswert auszuſcheiden.
Man verlangte u. a., daß an die Stelle des gemeinen
Wertes der wirkliche Ertrag des Grundſtücks trete und be=

ſichedie Tür=und irgend

jemand ſaate: Der Kaiſer

kommt. Drolling ſtand abſeits der Gruppe. Der
Kaifer trat ein: Aha, die Herren Maler, ſagte er und
kam direkt auf Drolling zu, der ihm am nächſten ſtand.
Ich machte eine tiefe Verbeugung, er näherte ſich mir
noch mehr, und ich glaubte ſchon, er wollte mich am
Kragen faſſen, als er mich fragte: Wie heißen Sie?
M. Denon, der den Kaiſer begleitete, ließ mir zur
Antwort keine Zeit, er ſagte: Sire, der Herr iſt ein
ausgezeichneter Maler. Aber ſein Name? fragte
der Kaiſer. Als ich meinen Namen genannt hatte,
wandte er ſich mir von neuem wieder zu: Sie ſind
Deutſcher? Als ich ihm geantwortet hatte, daß ich
Elſäſſer wäre, rühmte er meine Landsleute und dann
ſagte ich: Sire, die Inſel Elba ſcheint Eurer Majeſtät
ſehr gut bekommen zu ſein, Sie ſehen beſſer aus als
je. Der Kaiſer lächelte und ſchritt weiter. In der
Tat ſchien er ſich auf Elba ſehr gut erholt zu haben,
er hatte jenen häßlichen, gelben Teint verloren. Wir
folgten ihm auf ſeinem Rundgang. Er ging aber ſo
raſch, daß er immer ſchon weit weg war, ehe ihm ge=
antwortet
werden konnte. Meine liebenswürdigen Kol=
legen
haben ſpäter das Gerücht in die Welt geſetzt, ich
hätte zum Kaiſer geſagt: Die Inſel Elba iſt Ihnen
ſehr gut bekommen, Sie hätten dableiben ſollen.
* Das Land der Revolver. Honduras muß
ein angenehmes Land ſein. Wie ein amerikaniſcher
Konſulatsbericht ſagt, iſt das Tragen von Revolvern
dort faſt allgemein üblich und etwa drei Viertel aller
männlichen Perſonen in dieſer Republik ſind im Be=
ſitze
eines ſolchen Schießeiſens. Die wohlhabenden

Leute bevorzugen natürlich die modernſten Fabrikate,
wie Browningpiſtolen, die übrigen aber ſagen ſich ſehr
richtig, daß man auch mit weniger koſtſpieligen Waffen
ſeinen Nebenmenſchen totſchießen kann und begnügen
ſich mit Revolvern für vier und fünf Dollars. Kein
Mann ohne Revolver, hat der berühmte Hippolyt
Mehles einſt proklamiert, in Honduras iſt ſein Ideal
erfüllt.

gründete dieſen Wunſch mit dem Mißverhältnis, das in
vielen Fällen zwiſchen dem gemeinen Wert und dem Er=
tragswert
, z. B. bei Wald= und ſonſtigem landwirtſchaft=
lichen
Beſitz, vorhanden ſei.
Dem 33. Landtag war dann von der Regierung über=
haupt
keine neue Vorlage über die Gemeinde=Umlagen
unterbreitet worden; erſt am 8. Mai 1909 erfolgte die
Einbringung des neuen diesbezüglichen Geſetzentwurfes,
der infolge mannigfacher Aenderungen gegenüber der
früheren Vorlage als eine geeignete Grundlage für eine
Verſtändigung zwiſchen den beiden Kammern betrachtet
werden konnte. Den gegen die Nichtberückſichtigung des
Ertrages in der Erſten Kammer erhobenen Bedenken iſt die
neue Vorlage zum Teil dadurch gerecht geworden, daß beim
Waldbeſitz die Berückſichtigung des Ertrages und nicht
des gemeinen Wertes in Vorſchlag gebracht wurde und
der Finanzausſchuß iſt dann, wie der Ausſchußreferent,
Abg. Molthan, in ſeinem ſehr ausführlichen Bericht näher
darlegt, nach dieſer Durchbrechung des früheren Prinzips
der weiteren Anregung gefolgt, auch bei dem übrigen
landwirtſchaftlichen Grundbeſitz das Ertragsmoment bis zu
einem gewiſſen Maße zu berückſichtigen. Es wurde im
Ausſchuß mit Zuſtimmung der Regierung nach langen
Verhandlungen ein Antrag des Abg. Dr. Weber angenom=
men
, der in Fällen, wo eine erhebliche Abweichung des
gemeinen Wertes landwirtſchaftlicher Grundſtücke gegen=
über
ihrem Ertragswert vorliegt, eine Berückſichtigung des
letzteren vorſieht. Mit der einſtimmigen Annahme
dieſes Antrages ſcheint dem Ausſchußreferenten eine wei=
tere
erwünſchte Unterlage für eine Verſtändigung mit der
Erſten Kammer gegeben zu ſein, wenngleich ſich der Aus=
ſchuß
nicht dazu verſtehen konnte, dem weitergehenden
Wunſch zu willfahren, daß lediglich der Ertrag bei der
Grundſteuer maßgebend ſein ſolle.
Wie ſchon bei der früheren Beratung, ſo war auch
diesmal wieder durch die eingebrachten Anträge des Abg.
Schönberger die Frage zur Erörterung gebracht worden,
die einfache Uebertragung der Staatsſteuergeſetzgebung
auf die Gemeinden und damit die Abſchaffung der Real=
ſteuern
zu veranlaſſen, wobei zugleich folgerichtig vom
Antragſteller das Verbot des Schuldenabzugs bekämpft
wurde und, wie bei der ſtaatlichen Einkommens= und Ver=
mögensſteuer
lediglich das Prinzip der Leiſtungsfähigkeit
des Steuerzahlers auch in der Gemeindeſteuer zur Geltung
kommen ſollte. Der Ausſchuß iſt dieſen Anregungen nicht
gefolgt; er hält vielmehr im Einklang mit der Regie=
rungsvorlage
an dem Grundgedanken feſt, daß die Ab=
ſchaffung
der Realſteuern in der Gemeindeſteuergeſetz=
gebung
und ihr Erſatz durch Zuſchläge zur ſtaatlichen Ein=
kommens
= und Vermögensſteuer keineswegs den Intereſſen
der Gemeinden entſprechn würde. Nichts wäre verfehl=
ter
, als eine rein ſchematiſche Gleichmäßigkeit in beiden
Geſetzgebungen herzuſtellen; die Verhältniſſe in der Ge=
meinde
ſind ganz anders als diejenigen im Staate gela=
gert
. Bei den Gemeinden kommt in erſter Linie der Grund=
ſatz
von Leiſtung und Gegenleiſtung in Betracht. Zahl=
reiche
Aufwendungen der Gemeinde kommen nur einzel=
nen
, beſtimmten Erwerbsklaſſen zugute, und es wäre des=
halb
unbillig, namentlich in ſolchen Fällen, wo, wie in
rein landwirtſchaftlichen oder induſtriellen Gemeinden die
meiſten Gemeinde=Ausgaben einer dieſer beiden Erwerbs=
klaſſen
vornehmlich zugute kommen, alle Gemeindegenoſſen
im gleichen Maße dafür ſteuerlich heranzuziehen. Es
wird noch weiter darauf hingewieſen, daß Einkommen=
und Vermögensſteuer erheblichen Schwankungen unter=
worfen
ſind im Gegenſatz zu den Realſteuern, beſonders
der Grund= und Gewerbeſteuer, und daß die Gemeinden
ſolche Schwankungen weniger gut ertragen können, als der
Staat, der ſich eher auf andere Weiſe Deckung zu ver=
ſchaffen
vermag. Dazu bringt die natürliche Entwickelung
unſeres öffentlichen und wirtſchaftlichen Lebens faſt von
Jahr zu Jahr eine weitere Steigerung der Gemeinde=
laſten
mit ſich. Für unſere heſſiſchen Städte kommt noch
in Betracht, daß ſie den wirtſchaftlichen Konkurrenzkampf
mit den Grenzſtädten benachbarter Bundesſtaaten aufneh=
men
müſſen: Für alle Gemeinden erſtehen zudem erhöhte
Ausgaben für Armenlaſten, Kreis= und Provinzab=
gaben
, teuere Schulbauten, geſteigerte Beamtengehalte, Ar=
beitslöhne
uſw., mit denen die Mehreinnahmen nicht glei=
chen
Schritt halten. Es läge deshalb im Intereſſe der
Gemeinden, ihre Finanzgebarung auf einem Steuerſyſtem
aufgebaut zu wiſſen, das eine größere Stetigkeit der
Steuereinnahmen garantiert und die Erreichung dieſes
Zieles ſei zweifellos in der Aufrechterhaltung der Real=
ſteuern
zu ſuchen.
Die erſte Aufgabe der neuen Geſetzgebung muß es ſein,
die Grund= und Gewerbeſteuer einer durch=
greifenden
Reform zu unterziehen: die Grund=
ſteuer
, die bei dem Grund und Boden auf den alten
Grundſteuerkapitalien von 1824 und bei den Gebäude=
ſteuern
auf Schätzungen der 1860er Jahre beruhen, und die
Gewerbeſteuer, deren Aufbau ebenfalls auf veralteten
Grundlagen geſtützt iſt; ſie können unter keinen Umſtän=
den
aufrecht erhalten werden, da ſie weder Rückſicht auf
das im Gewerbe arbeitende Anlage= und Betriebskapital
nehmen, noch auf den Ertrag. Wir werden auf dieſe und
andere wichtige Ausſchußbeſchlüſſe noch näher zurück=
kommen
.
Kongreſſe und Verbandstage.
Ueber Bodenreform und Beamtenſchaft
ſprach auf dem am 12. d. M. in Stettin abgehaltenen
Gautage des Verbandes mittlerer Reichs=
poſt
= und Telegraphen=Beamten vor weit
mehr als 1000 Verbandsmitgliedern aus ganz Deutſch=
land
Poſtſekretär Lubahn=Berlin. Er zeigte,
daß der Verband beſtrebt ſei, nicht nur eigene Be=
amtenintereſſen
zu fördern, ſondern ſich auch bemüht,
ſeinen Mitgliedern Verſtändnis für große ſoziale
Fragen zu verſchaffes. An der Hand folgender Bei=
ſpiele
erklärte er den kiefen Inhalt der Bodenreform=
lehre
. Vor wenigen Jahren wurde in der Nähe Ber=
lins
der Teltow=Kanal erbaut. Der Wert des Bodens,
500 Meter rechts und links vom Kanal, ſtieg wäh=
rend
der kurzen Bauperiode von 100 Mil=
lionen
auf 500 Millionen Mark. Im
voraus hatte die Bodenſpekulation die Werte für ſich
in Anſpruch genommen, die erſt ſpäter Neuanſied=
lungen
von Menſchen ſchaffen ſollen. In ähnlicher
Weiſe wird der Wert des Grund und Bodens in der
Nähe jeder größeren Stadt künſtlich vor der Zeit in
die Höhe getrieben. Durch die Zunahme der Bevölke=
rung
, durch die Kultuarbeit von Reich, Staat und Ge=
meinde
wächſt der Wert des Bodens. Es iſt nicht der
Hausbeſitzer, der hier den größten Vorteil hat dies
iſt leider ein weitverbreiteter Irrtum ſondern vor=
nehmlich
der Beſitzer des unbebauten Bodens insder
Nähe der Städte.
Auf der anderen Seite ſehen wir heute große wirt=
ſchaftliche
Not. Auf teueren Grund und Boden kann
nur ein teueres Haus erbaut werden, wo die Mieten
der Wohnungen, der Werkſtätten, der Geſchäftsräume

Ic
uma
Gemein
Uhr

Untertan
in Staatsm.
igener Ent
handſchr
ini
and

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Seite 5.

Nummer 136.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 14. Juni 1910

ebenfalls teuer ſind. Nach der Statiſtik des Verbandes
erlag ungefähr ein Drittel der in den Jahren 19031908
verſtorbenen Poſtbeamten der Tuberkuloſe, dieſer fürch=
terlichen
Krankheit, die hauptſächlich auf die ſchlechten
Wohn= und Arbeitsräume zurückzuführen iſt. Die Be=
amtenſchaft
nimmt auch deshalb lebhaftes Intereſſe an
der Bodenreform, weil ſie befürchten muß, daß die in
den letzten Jahren ſtattgefundene Gehaltsaufbeſſerung
durch die ſtändige Bodenverteuerung in kurzer Zeit
wieder aufgehoben wird. Die Beſtrebungen werden
durch die Beamtenſchaft ſtark unterſtützt. Allein 100
Beamtenvereine ſind dem Bunde deut=
ſcher
Bodenreformer körperſchaftlich an=
geſchloſſen
. Ein Mittel gegen den Bodenwucher
iſt die Zuwachsſteuer. Sie beſteht bereits in 500 deut=
ſchen
Gemeinden. Die Reichsregierung hat im April
dieſes Jahres dem deutſchen Reichstage einen Geſetz=
entwurf
über die Reichszuwachsſteuer vorge=
legt
. Leider ſei die Verabſchiedung des Geſetzes bis
zum Herbſt vertagt worden. Wir könnten aber be=
ſtimmt
hoffen, daß die Beratungen im Reichstage zu
einem fruchtbaren Ergebnis führen werden; denn durch
die Reichszuwachsſteuer werde in hohem Maße das
Intereſſe des geſamten erwerbstätigen Volkes wahr=
genommen
. In der Mitarbeit an der Bodenreform
verfolgt die Beamtenſchaft nicht allein eigene Vorteile,
ſondern ſie iſt in erſter Linie beſtrebt, das Wohl des
ganzen Volkes zu fördern.
-b.

Die Enzyklika.
* Dresden, 13. Juni. Bereits am Samstag, den
11. Juni, ſind die in evangelicis beauftragten Staats=
miniſter
zu einer Sitzung zuſammengetreten, um zu
der Borromäus=Enzyklika Stellung zu nehmen.
Sie nahmen mit tiefem Bedauern von der die Reformation
verunglimpfenden und damit die evangeliſch=lutheriſche
Kirche ſchwer verletzenden Kundgebung Kenntnis und tei=
len
die Entrüſtung der evangeliſchen Volkskreiſe des Lan=
des
hierüber. Sie weiſen jene Angriffe auf das ſchärfſte
zurück. Von dem lebhaften Wunſche erfüllt, daß der bis=
herige
konfeſſionelle Friede zum Segen der Be=
völkerung
gewahrt werde, halten ſie ſich verſichert, daß die
königliche Staatsregierung eintretendenfalls nach Maßgabe
der Landesgeſetze für den erforderlichen Schutz ſorgen
werde.
* Dresden, 13. Juni. Der König berief die in
evangelicis beauftragten Staatsminiſter, um mit
ihnen die durch die Borromäus=Enzyklika geſchaffene Sach=
lage
zu beſprechen. Der König erklärte ſeine lebhafte Ge=
nugtuung
darüber, daß ſeine Beſtrebungen, den konfeſ=
ſionellen
Frieden zu ſchützen, in ſeinem Lande
bisher immer von Erfolg gekrönt waren. Um ſo mehr be=
daure
er, wenn dieſe ſeine Beſtrebungen gegenwärtig
durch ſo ſchwere Angriffe auf die der evangeliſch= lutheri=
ſchen
Landeskirche angehörende überwiegende Mehrheit ſei=
ner
Untertanen durchkreuzt werden. Der König eröffnete
den Staatsminiſtern, daß deshalb aus ſeiner (des Königs)
eigener Entſchließung in Ausſicht genommen ſei, ein
Handſchreiben an den Papſt zu richten. Die
Staatsminiſter ſprachen im Namen der evangeliſch= luthe=
riſchen
Landeskirche dem König für deſſen Entſchließung
ihren wärmſten Dank aus.
H.B. Weimar, 13. Juni. Der Großherzog
von Sachſen=Weimar genehmigte die Abhaltung
einer Proteſtverſammlung gegen die
Borromäus=Enzyklika auf der Wartburg.
H.B. Genf, 13. Juni. Die päpſtliche Enzy=
klika
hat auch in Genf lebhafte Kundgebungen ver=
anlaßt
. Das Konſiſtorium der Proteſtanten=Kirche
nahm in ſeiner letzten Tagung Stellung zu der jüng=
ſten
päpſtlichen Enzyklika. Profeſſor Goegg hielt eine
Rede gegen die Enzyklika. Er erſuchte die Anweſen=
den
, einen Proteſt zu unterzeichnen, der amtlich ver=
öffentlicht
werden ſoll.

Gewitter und Blitzſchäden.
* Berlin, 12. Juni. Als heute abend während
eines heftigen Gewitters eine große Men=
ſchenmenge
in der Nähe der Schwimmanſtalt Plötzen=
ſee
an einem Zaune Schutz gegen den Regen ſuchte,
wurden durch einen Blitzſchlag 6 Perſonen
Verletzten am Leben erhalten zu können.
* Berlin, 13. Juni. Ueber die Blitzkata=
dahin
teilweiſe im Freien lagerte, ſuchte Zuflucht in
den ohnehin überfüllten Räumen oder flüchtete unter
die Bäume. Am Zaune des neuen Johannisfriedhofes
hatten etwa 1000 Menſchen Schutz geſucht. Um ¾6 Uhr
Schornſtein in den großen Saal, umtanzte dort
den in der Mitte hängenden Kronleuchter, fuhr in die
Erde und wurde unter ihr weiter nach dem Zaune des 92 :88.
Johannisfriedhofes geleitet, wo er wieder aus der
entlang lief, wo die Menſchen ſich aufhielten. Die
Wirkung des Blitzes war furchtbar. Etwa
andere krümmten ſich in den verſchiedenſten Stellungen.
Ueberall ertönten Weheſchreie. Viele erholten ſich bald.
Zahlreiche Wagen zum Transport der Verunglückten
nach dem Virchowkrankenhauſe waren bald zur Stelle.
Unter den Getöteten befindet ſich ein Gardefüſilier.
Zu dem Vorfall wird weiter gemeldet: Die Mehrzahl
der vom Blitz getroffenen Perſonen brauchte ärztliche bei Florett: 1. Hugo Thümmel, 2. W. Kaſten, 3. K.
Hilfe nicht in Anſpruch zu nehmen. Das Virchow= Kran=
kenhaus
hatte mehrere Aerzte an die Unfallſtelle entſandt,
die für den Transport der Verwundeten ſorgten. Der
Verband für erſte Hilfe entſandte ſofort vier Krankenwagen
nach der Unfallſtelle, wo inzwiſchen zahlreiche Menſchen
das Rettungswerk in Angriff genommen hatten. Bald
trafen die vier Rettungswagen an der Unfallſtelle ein. Sie
wurden raſch mit den 6 Toten und zahlreichen Verwun=
deten
beladen und nach dem Krankenhauſe gebracht. Raſch
wurden dort die Wagen entleert und noch mehrmals nach
der Unfallſtelle geſandt, von wo nach und nach ſämtliche
Verletzten nach dem Krankenhauſe gebracht wurden. An
der Unfallſtelle wurde das Feld in weitem Umkreiſe ab=
geſucht
, da viele vom Blitz Getroffene im erſten Schrecken
noch eine Strecke weit liefen. Die große Mehrzahl der
Verletzten konnte bald aus dem Krankenhauſe wieder
entlaſſen werden. Nur 17, deren Verletzungen ſich als
ſchwer erwieſen, mußten dort verbleiben. Viele der Ver=
unglückten
wieſen ſchwere Verbrennungen und Lähmungen
aufgſodaßsdie=Verzte für ihr Leben fürchten.

* Kaiſerslautern, 13. Juni. Ein furcht=
bares
Gewitter mit Wolkenbrüchen richtete
Samstag nacht in der Mittelpfalz ungeheueren Scha=
den
an. Die Ernte iſt, wie die Pfälziſche Preſſe mel=
det
, total vernichtet und vielfach ſchlug der Blitz ein.
* Bonn, 13. Juni. Auch in verſchiedenen Orten des
Vorgebirges ſind wolkenbruchartige Regen nie=
dergegangen
, die an der Ernte und namentlich an den Ge=
müſekulturen
großen Schaden anrichteten.
* Ahrweiler, 13. Juni. Heute nacht gingen
ſchwere Gewitterregen über die ganze Eifel nie=
der
. Bei Antweiler und Schuld ging ein Wol=
kenbruch
nieder, der furchtbare Verwüſtungen
anrichtete. Die ganze Ernte iſt vernichtet, Häuſer beſchä=
digt
und viel Vieh getötet worden. Die Bäche der Eifel
gleichen reißenden Gießbächen, die Ahr iſt ein raſender
Fluß geworden, in dem Möbelſtücke, Fäſſer, Hausgeräte
und dergleichen ſchwimmen. Die Eiſenbahnbauten ſind
geſtört, Brücken, die im Bau begriffen ſind, ſowie auch
fertige Brücken wurden fortgeriſſen. Die Eiſenbahn
Remagen-Adenau kann nur bis Waldortsheim verkehren.
Die Feuerwehren ſämtlicher Ortſchaften ſind mit dem
Herausfiſchen der auf der Ahr ſchwimmenden Gegen=
ſtände
oder mit dem Auspumpen unter Waſſer ſtehender
Keller beſchäftigt. In den tiefer gelegenen Straßen Al=
tenahrs
ſteht das Waſſer einen Meter hoch.
* Ahrweiler, 13. Juni. Das Hochwaſſer im
Ahrtal nimmt ungeheuere Dimenſionen an.
Die Verwüſtungen ſind furchtbar. 11 Steinbrücken für den
Fußverkehr ſind bereits eingeſtürzt. Die Ahrtal=Bahn kann
nicht mehr verkehren, da Eiſenbahndämme unterſpült und
der Einſturz verſchiedener Brücken befürchtet wird. Das
Tal zwiſchen Neuenahr und Remagen gleicht einem un=
geheueren
See. In Schuld ſind mehrere Häuſer fortge=
ſchwemmt
worden. Militär iſt in Automobilen unter=
wegs
. Der Schaden wird bis jetzt auf ¼ Mill. geſchätzt.
Weitere ſchwere Regengüſſe fallen beſtändig. Telephon
und Telegraph oberhalb Waldortsheim ſind zerſtört. Die
Provinziallandſtraße im Ahrtal iſt nicht mehr gangbar;
ſie ſteht an vielen Stellen bis zu einem Meter unter
Waſſer. Der ganze Kurpark bei Neuenahr iſt ebenfalls
überſchwemmt. An der Oberahr von Waldortsheim bis
Kreuzberg ſind alle Bahndämme weggeriſſen. Die Pro=
vinziallandſtraße
iſt bei Mayſchloß, Altenahr, Bernau,
Rech und an der Bunten Kuh vollſtändig in den Fluten
verſchwunden, ſo daß der nackte Fels hervortritt und der
Fuhrverkehr im Ahrtal auf Wochen hinaus unmöglich ſein
wird. Die Eiſenbahn wird erſt in 8 Tagen wieder ober=
halb
Ahrweiler fahren können. Regierungspräſident
Hoevel=Koblenz iſt in dem Ueberſchwemmungsgebiet
eingetroffen. Militär rückt jetzt in Automobilen an, um
den Leuten Nahrungsmittel zu bringen. Es wird ein
neues Telephon und Telegraph über die Eifel gelegt, um
Nachrichten von den abgeſchnittenen Orten erlangen zu
können. Ueber Verluſte an Menſchenleben war bis jetzt
noch nichts zu erfahren.
* Köln, 13. Juni. Amtliche Meldung. Die
Ahrbahnſtrecke zwiſchen Walporzheim und Düm=
pelfeld
iſt ſeit heute früh 7 Uhr an mehreren Stellen
infolge Hochwaſſers und Zerſtörung einiger Bauwerke
unterbrochen. Die Aufrechterhaltung des Be=
triebes
iſt zurzeit nur zwiſchen Remagen und Wal=
porzheim
möglich. Die vorausſichtliche Dauer der
Sperrung iſt unbeſtimmt.
* Köln, 13. Juni. Der Niederrhein und
das Ruhrtal wurden geſtern von einem Gewit=
ter
heimgeſucht, wie es bisher dort kaum erlebt wurde.
* Breslau, 13. Juni. Der Kataſterkontrolleur
Barth=Großwartenburg und ein Forſtbeamter wurden
bei Großſchönwald vom Blitze getroffen. Sie
erlitten ſchwere Verletzungen.

Sport.
W. Gauwetturnen. Die Fortſetzung des Gau=
wetturnens
, welches bei der Gauturnfahrt des Main=
Rhein=Gaues in Seeheim wegen des ſchlechten Wet=
ters
abgebrochen wurde, fand am Sonntag auf dem
hieſigen Exerzierplatz unter zahlreicher Beteiligung
ſtatt. Nachſtehend ſind die Reſultate im Sonderwett=
turnen
und den Wettſpielen verzeichnet: I, Freihoch
ohne Brett: 1. Wilh Horſt, Tgde. Darmſtadt, 1,52½ Me=
ter
; 2. Fritz Abromeit, Tv. Rüſſelsheim, 1,47½ Meter,
Richard Werner, Tgſ. Darmſtadt, 1,47½ Meter; 3. Aug.
Behringer, Tgde. Beſſungen, 1,45 Meter. II. Schleu=
getötet
und 13 ſchwer verletzt. Man glaubt, die derballweitwerfen: 1. Richard Werner, Tgſ. Darmſtadt,
39,30 Meter; 2. Heinrich Ackermann, Taſ. Darmſtadt,
34,50 Meter; 3. Chriſtian Wegel, Tv. Klingenberg, 34,40
Meter. III. Ringen: 1. Julius Joſeph, Tade. Darm=
ſtrophe
bei Plötzenſee meldet der Berliner ſtadt; 2.Georg Schäfer, Tv. Zwingenberg; 3. Hans
Lokalanzeiger folgende Einzelheiten: Bald nach 6 Uhr Spöhrer, Tgde. Beſſungen. IV. Tambourinſpiel: 1.
brach ein Gewitter herein. Das Publikum, das bis Tade. Sprendlingen 77:70 gegen Tade. Darmſtadt.
V. Fauſtballſpiel: 1. Tv. Pfungſtadt gegen Tgde. Darm=
ſtadt
110: 107 und Tb. Nauheim mit 77:67 Punkte; 2.
Akademiſcher Tv. Ghibellinia gegen Tv. Klingenberg
83:79 und Tv. Pfungſtadt 108: 102; 3. Tv. Klingen=
fuhr
, begleitet von einem furchtbaren Donnerſchlag, berg gegen Tgde. Darmſtadt 86:79 und Tb. Nauheim
der Blitz in das Schützenhaus und zwar durch den mit 52:45; 4. Tgſ. Walldorf gegen Seeheim 56: 27 und
Tv. Gr.=Gerau II 72:64; 5. Tade. Sprendlingen gegen
Tv. Nieder=Ramſtadt 66:41 und Tv. Groß=Gerau II
* Fechten. Bei dem aus Anlaß ſeines 20jähri=
Erde fuhr und an dem dort befindlichen Stacheldraht gen Beſtehens von dem Darmſtädter Fechtklub
(Protektor S. K. Hoheit der Großherzog) unter zahl=
reicher
Beteiligung ſeiner aktiven Fechter in Anweſen=
80 Perſonen raffte der Blitz nieder. Einige waren tot, heit vieler Mitglieder und deren Damen veranſtalteten
Klubwettfechten erhielten Preiſe in der Oberklaſſe
(Fechter, welche bei größeren Turnieren ſchon Erfolge
aufzuweiſen haben): bei Florett: 1. W. Löffler, 2.
Alfr. Schmitz, 3. L. Anton, 4. Fr. Weitzel; bei leichtem
Säbel (Hieb und Stich): 1. W. Löffler, 2. L. Anton,
3. A. Schmitz, 4. L. Fiſcher. In der Juniorklaſſe:
Donath, 4. K. Menſens; bei leichtem Säbel: 1. H.
Thümmel, 2. W. Kaſten, 3. K. Sonnthal. Die Sieger
erhielten hübſche von Mtigliedern geſtiftete Ehrenpreiſe,
ſowie Diplome.
* Berlin, 12. Juni. Der heute begonnenen
Ruderregatta des Berliner Regattavereins wohn=
ten
auf der Dampfjacht Alexandria das Kaiſer=
paar
mit dem Prinzen Oskar, der Prinzeſſin Vikto=
ria
Luiſe, die Kronprinzeſſin von Griechenland, die
Prinzen Georg und Alexander von Griechenland, die
Prinzen Friedrich und Maximilian von Heſſen und ein
zahlreiches Gefolge bei. Die Majeſtäten wurden von
den Tauſenden von Zuſchauern überall ſtürmiſch be=
grüßt
. Im 2. Junior=Vierer ſiegte der Berliner Ruder=
klub
Sport=Boruſſia; im Kaiſer=Vierer ſiegte wie im
Vorjahre der Mainzer Ruderverein; Zweiter
wurde der Berliner Ruderklub Hella, Dritter der Ber=
liner
Ruderverein von 1876. Im zweiten Achter gewann
der Favorite Hammonia=Hamburg. Im Akadem. Vierer
jegte der gkademiſche Ruderklub Bexlin. Die=Kaiſar=.

Preiſe für den Kaiſer = Vierer und den Alademiſchen
Vierer wurden den Siegern von der Kaiſerin über=
reicht
; der Kaiſer richtete darauf freundliche Worte an
ſie. Nach 5 Uhr fuhr die Alexandria nach Berlin zu=
rück
. Die Majeſtäten begaben ſich ſpäter im Automobil
nach dem Neuen Palais.
* Homburg v. d. H., 13. Juni. Wie der Taunus=
bote
von unterrichteter Seite erfährt, ſoll der Start
zu der nächſtjährigen Prinz Heinrich=Fahrt,
die bekanntlich in England enden wird, in Homburg
erfolgen. Die Fahrt wird vorausſichtlich im Juni
ſtattfinden, im Anſchluß an die Krönungsfeierlichkeiten
des Königs von England.
Pfr. Rennen zu Hoppegarten. Verſuchs=
Rennen der Stuten. 5000 Mark, Diſtanz 1000 Meter:
1. Königl. Hauptgeſtüt Graditz’ Orenburg (Bullock),
2. Fichte (Reiff), 3. Sandal (Cuda). Tot. 33:10, Platz
19, 27, 88:10. Unpl.: Glauca, Para, Marga, Anthemis,
Cincjoy, Haubenlerche (4.), Jolanthe, Patrize, Semper
Idem, Mandoline, Quote. Leicht 2½ Lg. Verloſ=
ungs
=Rennen. 3200 Mark, Diſtanz 1600 Meter: 1. Graf
Seidlitz Sandreczkis Nauſika (Dreißig), 2. Ardal
(R. Francke), 3. Charbin (Leiß). Tot. 29:10, Platz 16,
24:10. Unpl.: Swintroda (4.), Erda. Sehr ſicher 32
Lg. Union=Rennen. 40000 Mk., Diſtanz 2200 Meter:
1. Kgl. Hauptgeſtüt Graditz’ Wandersmann ( Bul=
lock
), 2. Kalchas (Reiff), 3. Saraſate (Hewitt). Tot.
31:10, Pl. 13, 12, 11:10. Unpl.: Mars (4.), Jor, Horniſt,
Walter Stolzing. Sehr ſicher 11¾ Lg. Zeit 2 Min.
23 Sekunden. Verſuchs=Rennen der Hengſte. 5000
Mark, Diſtanz 1000 Meter: 1. Hrn. Ol Trauns Glück=
auf
(Warne), 2. Zobten (Shurgold), 3. Gallier ( Bul=
lock
). Tot. 70:10, Pl. 14, 19, 13:10. Unpl.: Cicero (4.),
Reporter, Taftjoy, Leon Chandon, Aeronaut, Landbote,
Bluff, Sturmwind, Temps perdu, Reichsritter, Kario,
Salambo. Leicht ¾3 Lg. Silbernes Pferd. Ehren=
preis
und 7500 Mark, Diſtanz 2400 Meter: 1. Hrn. O.
Reislands Lockenkopf (Liſter), 2. Pech von Weil
(Dietrich), 3. Donner III (Spear). Tot. 58:10, Pl. 18,
37, 16:10. Unpl.: Perennis, Piecolo (4.), Wer weiß,
Baldur. Sicher ¾3 Lg. Mönchsheimer Handikap.
3800 Mark, Diſtanz 1800 Meter: 1. Hrn. E. Herings
Kikeriki II (Bullock), 2. Neckar (Mac Dermott),
3. Heimat (Aylin). Tot. 103:10, Pl. 29, 36, 28:10. Unpl.:
Queckſilber, Süßmaul, Rokoko, Tölz, Patriarch, Ma=
dame
Sans=Géne, Abendſonne, Suſe. Leicht 12 Lg.
5. Klaſſen=Erſatz=Preis. 3800 Mark, Diſtanz 2000
Meter: 1. Graf C. E. Reventlows Laps (Francke),
2. Polla (Childs), 3. Dratow (Warne). Tot. 31:10, Pl.
16, 19110. Unpl.: Flieger, Maharaja (4.). Sicher 21
Länge.
Rr. Radrennen in Dresden. Großer Preis
der Stadt Dresden, 100 Kilometer: 1. Walthour, 1.
Stunde 15 Minuten 17 Sekunden; 2. Salzmann 1½
Runden, 3. Theile 13 Runden, 4. Guignard 32 Runden
zurück. 50 Kilometer; Rennen der B.=Klaſſe:1. Schön,
39 Minuten 38 Sekunden; 2. Luycken=Belgien 2½ Run=
den
, 3. Somers, 4. Krebs, beide weit zurück.
Bei den Radrennen in Straßburg i. E.
ereignete ſich am Sonntag ein bedauerlicher Unglücks=
fall
. Vor Beginn des Dauerrennens kam Pokorny,
der Schrittmacher des Negers Vendredi, mit ſeiner
Maſchine zu Fall, als er auf der noch etwas feuchten
Bahn einige Proberunden fahren wollte. Pokorny
ſtürzte ſo unglücklich, daß er ſich den Armbrach. In=
folgedeſſen
konnte Vendredi nicht an dem Rennen teil=
nehmen
, da er keinen Schrittmacher hatte. Der Ber=
liner
Schulze ſiegte in dem Stundenrennen mit 68,600
Kilometer vor Pongs=Krefeld, der es infolge Motor=
defektes
nur auf 63,400 Kilometer brachte. Gruber=
Straßburg legte 61,325 Kilometer zurück. In den
Fliegerrennen dominierte Otto Meyer. Der Lud=
wigshafener
gewann das Hauptfahren mit 1½ Längen
vor Bettinger und Rohmer, ferner mit Bettinger als
Partner das Tandemfahren über fünf Runden gegen
Rohmer-Oehler und Augenſtein-Rohner und das
Verfolgungsrennen gegen Rohner-Augenſtein.
Rr. In Zürich ſtarteten am Sonntag bei den
dortigen Dauerrennen die deutſchen Fahrer Stabe,
Scheuermann und Herm. Przyrembel. Sowohl Stabe
wie Przyrembel wurden von Motordefekten betroffen,
ſo daß die Rennen keinen einwandsfreien Verlauf nah=
men
. Die genauen Reſultate waren: 10 Kilometer:
1. Scheuermann, 9 Min. 19 Sek.; 2. Stabe, 220 Meter,
3. Przyrembel, wegen Motordefekts weit zurück.
20 Kilometer: 1. Scheuermann, 18:38,3; 2. Przyrembel,
der trotz Reifendefektes nur 170 Meter zurück endete;
3. Stabe, weit zurück wegen Motordefekt. 30 Kilo=
meter
: 1. Przyrembel, 27:54,1; 2. Scheuermann, 750
Meter, Stabe, infolge Motordefekts, weit zurück.

Luftſchiffahrt.
H. B. Berlin, 13. Juni. Die Vorexpedition
nach Spitzbergen, welche die Aufgabe hat, die
Möglichkeit einer ſpäteren arktiſchen Expedition mit
Zeppelin=Luftſchiffen feſtzuſtellen, wird am 2.
Juli d. J. Kiel mit einem Dampfer verlaſſen. In
Spitzbergen liegt der kleine holländiſche Eisdampfer
Phönix zum Vorſtoß in die Eis=Region bereit. An
dieſer Expedition nehmen teil: Prinz Heinrich von
Preußen, Graf Zeppelin, die Geheimeräte Hergeſell.
Friedländer=Fuld, Lewald und Miethe, die Profeſſo=
ren
von Drygalski, Reich, Graf Zedlitz=Trützſchler, die
Kapitänleutnants von Kneſebeck und Hilmers.
* New=York, 13. Juli. Der Aviatiker Hamil=
ton
iſt heute vormittag von New=York über Trenton
und New=Jerſey nach Philadelphia geflogen
und ohne Unfall gelandet. Hamilton überflog Tren=
ton
in einer Höhe von 800 Fuß.

Stimmen aus dem Publikum.
(Für die Veröffentlichungen unter dieſer Ueberſchrift übernimmt die Redaktion
keinerlei Verantwortung: für ſie bleibt auf Grund des § 21 Abſ. 2 des
Preßgeſetzes in vollem Umfange der Einſender verantwortlich.)
Den Steuerzahlern müßte doch die
Möglichkeit gegeben werden, die Richtigkeit ihrer
Steuerzettel auch rechneriſch ohne vorherige umſtänd=
liche
weitere Erkundigung prüfen zu können. Bei den
Staatsſteuerzetteln iſt dieſes auch der Fall, da in die=
ſen
alle Grundlagen für die Berechnung angegeben
werden. Nicht ſo iſt es in den ſoeben wieder erſchie=
nenen
Gemeindeſteuerzetteln. Da heißt es zum Schluß:
Der über die nach Ziffer 4 hinaus angeforderte Betrag
entfällt auf örtliche Kirchenſteuer. Warum wird hier
nicht auch der Prozentſatz angegeben, wie es in den
Staatsſteuerzetteln bezüglich der allgemeinen Kirchen=
ſteuer
geſchieht? Nicht jeder hält das Regierungsblatt,
in dem die Höhe der Kirchenſteuer bekannt gemacht wird,
und gegen Irrtum in der Berechnung iſt doch auch das
Finanzamt nicht gefeit. Eine Aufklärung über die ver=
ſchiedenartige
Aufſtellung der beiden Steuerzettel wäre
ermünſchte

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 14. Jun 19

Darmſtadt, 14. Juni.
L. Die geſtrige Schwurgerichtsverhandlung richtete
ſich gegen den 41 Jahre alten verheirateten, wegen leich=
ter
Vergehen beſtraften Schuhwarenhändler Johann
Georg Cat ta von Hanau, wohnhaft in Offenbach,
wegen betrügeriſchen Bankrotts. Der Angeklagte ſoll
als Schuldner, welcher ſeine Zahlungen eingeſtellt und
über deſſen Vermögen das förmliche Konkursverfahren
Eröffnet iſt, in der Abſicht, ſeine Gläubiger zu benach=
teiligen
, Vermögensſtücke verheimlicht oder beiſeite ge=
ſchafft
, Geſchäftsbücher, deren Führung ihm geſetzlich
öblag, vernichtet oder beſeitigt und es unterlaſſen haben,
die geſetzlich vorgeſchriebenen Bilanzen zu ziehen. C.,
der ein gelernter Schuhmacher iſt, warf eines Tages
den Leiſten weg und ſpielte bald mit, bald ohne Aſſocié
den Fabrikanten. Als ein Teilhaber mit 35000 Mark
Kapital bei ihm eintrat, baute er eine große Fabrik,
ſah ſich aber nach einiger Zeit genötigt, zu liquidieren;
die unbevorzugten Gläubiger bekamen 75 bis 80 Pro=
zeit
. Sein Vermögen war fort. Nun ſchlug er ſich eine
Zeit lang durch ſo gut es ging, begann dann abermals
eine Schaften= und Schuhwarenfabrik. Durch Vertrag
vom 11. November 1908 räumte ihm der Kaufmann Chr.
Kaufmann einen Kredit von 10000 Mark ein, wogegen
er zur Sicherheit alle Maſchinen, Waren und Vorräte
verpfändete. Das Geſchäft betrieb er jedoch weiter.
Die Frau Catta, welche die Maſchinen gekauft hatte,
leiſtete ſelbſtſchuldneriſche Bürgſchaft. Das Geſchäft
ging, neue Maſchinen wurden angeſchafft, die ſpäter
laut beſonderen Vertrags ebenfalls dem Kaufmann
verpfändet wurden. Mißliche Umſtände, insbeſondere
auch die teilweiſe Kündigung des ihm von Kaufmann
gewährten Kredits brachten den Angeklagten ſo weit,
daß er im Januar vor. Jahres den Kaufmann dringend
bat, den früher gewährten Kredit wieder zu bewilligen,
weil er ſonſt verloren ſei. Auch ſuchte er in einer An=
nonce
einen jungen Mann, der etwas Geld mitbringe.
Es meldete ſich ein Herr Schieferdecker mit 6000 Mark
Einlage, der bald Angſt bekam und ſich eine vollſtreck=
bare
Urkunde ausſtellen ließ, um jederzeit vorgehen
zu können. Am 12. und 13. Januar v. J. einigte ſich
Catta vertragsmäßig dahin mit Kaufmann, daß er die=
ſem
die Maſchinen, Waren und Vorräte für 12800 Mk.
verkaufte; für ihn fielen dabei bar nur 700 Mark her=
aus
. Er hoffte dadurch den Konkurs zu vermeiden, vor
den Gläubigern Ruhe zu haben und für ſeine Familie
ſorgen zu können. Nun waren nur noch die Ausſtände
übrig; dieſe im Betrage von 3769 Mark trat er für 2500
Mark an Michael Hubert ab, der ihm Wechſel da=
für
gab. Alles war hiermit fort. Am 24. Februar v. J.
wurde förmlicher Konkurs erkannt, der mangels Maſſe
am 1. Mai eingeſtellt wurde. Das Geſchäft ging auf
den Kaufmann über, bei dem Catta zuerſt als Prokuriſt,
dann als Werkführer arbeitete. Der Konkursverwalter
konnte für die Gläubiger nichts tun; Bücher waren
keine da und der Angeklagte gab keine Auskunft. Vor
dem Unterſuchungsrichter geſtand er nach anfänglichem
Leugnen, daß er etwas Strafbares begangen habe. Zu=
erſt
behauptete er, Hubert habe die 2500 Mark bar be=
zahlt
, ſpäter geſtand er zu, daß Teilzahlungen geleiſter
worden ſein, zum Teil ſogar nach dem Konkurs. Von
dem Ausſtand ſagte er dem Konkursverwalter nichts.
Den Vertrag mit Kaufmann will er geſchloſſen haben,
um die Gläubiger abzudrücken; ſeine Familie ſei ihm
näher geweſen als dieſe. Vor dem Schwurgericht
ſucht er mehr auf Kaufmann und Hubert abzuwälzen,
ja er behauptet ſogar, er habe dem Hubert ſein Geld
zurückgegeben. Dies iſt zweifellos unwahr, denn für
ſich, ſeine Frau und 7 Kinder hatte er Geld nötig. Was
die Bücher betrifft, ſagte er anfangs, er habe keine ge=
führt
, ſpäter, ſie müßten beim Umzug verloren gegan=
gen
ſein. Nunmehr meint er, Kaufmann und Hubert
müßten ſie beſeitigt haben. Daß es unterlaſſen wurde,
die vorgeſchriebenen Bilanzen zu ziehen, gibt er zu.
Der Lageriſt Beyer, welcher nach dem Konkurs im
Geſchäft des Kaufmann tätig war, ſoll nach Ausſagen
der Frau und Tochter des Catta die vorhandenen =
cher
verbrannt haben. Er war wegen Begünſtigung
in Unterſuchung gezogen worden, wurde aber, da er
leugnete und kein Beweis vorlag, außer Verfolgung
geſetzt. Kaufmann behauptet, der Angeklagte habe
ihn betrogen, indem er ihm alle Schulden beim Abſchluß
des Vertrages verſchwieg, durch den er das Geſchäft
übernahm. Von den Büchern will er gar nichts wiſſen.
obwohl feſtſteht, daß er dieſe dem Catta zuwies. Auch
ſoll ihm die Abſicht des Catta ganz unbekannt geweſen
ſein, die Gläubiger hinauszuſchmeißen. Als Aſſocié
habe der Angeklagte nicht mehr als 1500 Mark ver=
langt
, er habe ihm aber aus Mitleid nebenher Steuern,
Strafen, Miete uſw. bezahlt. Bei dem Kauf ſeien die
Maſchinen von ihm nicht zu niedrig angeſetzt worden,
gerade das Gegenteil ſei der Fall. Auch gegen Kauf=
mann
iſt ein Verfahren wegen Begünſtigung anhängig
geweſen und die Haft verhängt worden, dasſelbe
mußte aber eingeſtellt werden. Nach Ausſage des Hu=
hert
war Catta, der ſtets Geld brauchte, ſowohl bei
dem Kaufvertrag des Geſchäfts als auch bei dem der
Ausſtände die treibende Kraft. Die 2500 Mark hat er
erhalten und behalten.
Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Gelſenkirchen, 13. Juni. Die beiden auf der Zeche
Konſolidation verſchütteten Bergleute wurden als Lei=
chen
geborgen. Als Todesurſache wurde Erſticken
feſtgeſtellt.
* Saarbrücken, 13. Juni. Heute mittag entſtand
auf dem Mannesmann=Röhrenwerke in dem Stadtteil

Vordach beim Auſtechen einer Eharge eine ſchwere
Exploſion, bei welcher drei Arbeiter und ein
Hüttenmeiſter ſchwere Verletzungen erlitten; ein Ar=
beiter
iſt ſeinen Verletzungen bereits erlegen, die
anderen drei hofft man am Leben zu erhalten. Vier=
zehn
Arbeiter ſollen leicht verletzt worden ſein.
* Loetzen (Oſtpreußen), 13. Juni. Ein ſchweres
Vootsunglück ereignete ſich, wie die Loetzener
Zeitung mitteilt, am Samstag nachmittag auf dem
Mauerſee. Ein Segelboot mit vier Herren und zwei
Damen aus Angerburg kenterte infolge einer plötzlich
einſetzenden Boe. Dabei ertranken der Lehrer Neck=
linger
und ſeine Frau, ſowie der Lehrer Küßner. Die
Lehrer Mintz und Pedſchus und Fräulein Lank, die
gute Schwimmer zu ſein ſcheinen, wurden in faſt leb=
loſem
Zuſtande an Land geſpült. Die Wiederbeleb=
ungsverſuche
waren jedoch erfolgreich. Die Leichen
der drei Ertrunkenen ſind noch nicht geborgen.
* Kopenhagen, 14. Juni. Das Reichsgericht
ſetzte heute vormittag die Verhandlungen fort. Der
öffentliche Ankläger fuhr in ſeinem Plaidoyer fort und
ſagte u. a.: Wenn ich nicht beantragte, daß Alberti vor
dem Reichsgericht zu vernehmen iſt, ſo tat ich dies aus
drei Gründen nicht: Erſtens, weil Alberti doch die
Schuld beſtreiten würde; zmeitens, weil Alberti trotz
Beſtreitung des Amtsverbrechens als völlig überführt
betrachtet werden müſſe, und drittens, weil er, der An=
kläger
, dem Reichsgericht und dem Lande ein ſolches
Verhör erſparen wollte. Der Ankläger ſchloß mit der
Behauptung, daß der Angeklagte Chriſtenſen gegen
Alberti nicht eingeſchritten ſei und ſich deshalb der
Verletzung der Amtspflicht ſchuldig gemacht habe und
nach dem Strafgeſetz zu beſtrafen ſei. Darauf wandte
er ſich dem Verhältnis des Angeklagten Berg zu der
Bauernſparkaſſe zu und erklärte, daß er bei dieſem
Punkte zugleich die Mitverantwortlichkeit Chriſten=
ſens
behandeln werde, welche dieſen dadurch treffe, daß
er Berg nicht befahl, eine Unterſuchung der Bauern=
ſparkaſſe
zu veranſtalten. Schließlich ſagte der An=
kläger
: Er behaupte mit Beſtimmtheit, daß Berg mit
Vorſätzlichkeit und Willen es unterlaſſen habe, gegen
die Bauernſparkaſſe einzutreten, indem er dadurch be=
zweckte
, ſeine Hand über Alberti zu halten, deſſen Fall
für die Reformpartei ein ungeheurer Schaden ge=
weſen
ſei.
* Petersburg, 13. Juni. Die Kommiſſion des
Reichsrats zur Beratung der Geſetzesvorlage für
Finnland nahm den Entwurf ohne Abänderung an.
* Helſingfors, 13. Juni. Bei der Station Sokken=
bakka
ſtieß ein Güterzug mit einem Perſonen=
zug
zuſammen. 3 Perſonen ſind tot, 14 ſchwer und
viele leicht verletzt. Die Schuld trifft den Führer des
Güterzuges.
* Adrianopel, 13. Juni. Infolge der heftigen
Regengüſſe iſt die Tundſcha aus den Ufern getreten
und hat einige Stadtviertel überſchwemmt. Das Militär=
gefängnis
iſt eingeſtürzt, wobei mehrere Soldaten getötet
wurden.
H.B. München, 13. Juni. In der vergangenen
Nacht wurde die Hofſchauſpielerin Chlotilde Schwarz
auf dem Heimwege vom Reſidenztheater in Nähe des
Prinz=Regenten=Theaters von einem jungen Manne
angefallen. Der Täter raubte ihr nach heftiger
Gegenwehr die Handtaſche, in der ſich 400 Mark in bar
und eine goldene wertvolle Uhr befanden, und ergriff
damit die Flucht.
Peſt, 13. Juni. Die Teilnehmer an einer Prozeſſion
in dem dalmatiniſchen Biſchofsſitz Trau tranken aus
einer ſchwefel= und alkalihaltigen Quelle,
trotzdem ſie vorher gewarnt worden waren. Sie ſtachen
dabei den Wächter der Quelle nieder. 3 Perſonen waren
auf der Stelle tot, 11 liegen ſterbend im Hoſpital. 50 Per=
ſonen
wurden wegen Mitſchuld an der Ermordung des
Wächters verhaftet.
H. B. London, 13. Juni. Aus Bordeaux wird dem
Daily Telegraph gemeldet: Dr. Moure, der bekannte Spe=
zialiſt
für Ohrenleiden, war am letzten Freitag in San
Sebaſtian bei König Alfons. Eine Unterſuchung er=
gab
, daß der König durch die im vergangenen Jahre vor=
genommene
Operation von ſeinem Uebel nicht kuriert
wurde. Dr. Moure wird heute eine weitere Unterſuchung
der Ohren des Königs vornehmen, um zu entſcheiden, ob
ein neuer chirurgiſcher Eingriff notwendig iſt. Heute
abend wird der König nach Madrid zurückkehren.

1. Stützer Nacht.

in grösster Auswahl Schützenstrasse.
Seere
Seeneeenncc.

mder.

Gegen.
7
Kusten Zleiderkeib.

2710

Unſer heutiges Blatt enthält eine Beilage der
Kur= und Bade=Anſtalt Marienbad‟ Darmſtadt,
Landgraf Philipp=Anlage 62.
(12764

12. Juni 1910.
Die Geburt eines Töchterchens
zeigen an
Emil Jacobi und Frau
Elisabeth, geb. Pilz.
Darmstadt,
Schützenstrasse 21.
(12054

Mele

Todes-Anzeige.
(Statt beſonderer Mitteilung.)
Heute mittag ½2 Uhr entſchlief nach
kurzem, ſchwerem Leiden mein lieber Mann,
unſer Bruder, Schwager und Onkel (12078
Herr Conrad Stein
Schreinermeister.
Darmſtadt, den 13. Juni 1910.
Im Namen der Hinterbliebenen
die tieftrauernde Gattin:
Marg. Stein, geb. Neumeister.
Die Beerdigung findet am Mittwoch, nach=
mittags
4 Uhr, vom Friedhofsportale aus,
ſtatt.
Kondolenzbeſuche dankend verbeten.

Todes-Anzeige.
Verwandten, Freunden und Bekannten die
traurige Mitteilung, daß heute Nacht unſer
liebes Kind
(12061

Friedrich

geſtorben iſt.
Dies zeigen tiefbetrübt an:
Balthasar Ningler u. Frau.
Darmſtadt, den 13. Juni 1910.
Die Beerdigung findet Mittwoch, den 15. Juni,
nachmittags 5 Uhr, ſtatt.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
bei dem Verluſte meiner lieben, unvergeßlichen
Frau und unſerer Mutter ſagen wir Allen, ins=
beſondere
dem Herrn Pfarrer Dr. Diehl für die
ergreifende Grabrede, dem Verband der freien
Gaſtwirte für die Kranzſpende und Niederlegung,
ſowie für die zahlreichen Blumenſpenden unſeren
herzlich innigſten Dank.
(12066
Philipp Korbus nebſt 4 Kindern.
Darmſtadt, den 14. Juni 1910.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
bei dem Verluſte unſerer lieben Schweſter ſagen
wir Allen, insbeſondere dem Herrn Pfarrer Wid=
mann
für ſeine troſtreiche Grabrede, den Barm=
herzigen
Schweſtern für die liebevolle Pflege
während der Krankheit, ſowie für die zahlreichen
Blumenſpenden unſeren herzlichſten Dank.
Im Namen der Hinterbliebenen:
Luise Hisserich.

Darmſtadt, 13. Juni 1910.

(12055

Sosenbrauflaschenbiere

sind hochfeine Qualitätsbiere.

(257a

[ ][  ][ ]

Nummer 136.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 14. Jumi 1910.

Am 9. ds. Mts. entschlief zu Darmstadt der Grossh. Generalmajor a. D.
Kerr Prrez Beck
zuletzt Kommandeur des Grossh. Gendarmeriekorps.
(12040
Der Verstorbene hat von 1856 bis 1878 unserm Artilleriekorps angehört
und an den Feldzügen 1866 und 1870/71 ehrenvoll teilgenommen.
Wir werden dem Verstorbenen ein treues Andenken bewahren.
Im Namen des Offizierkorps des Grossherzoglichen Artilleriekorps:
v. Müller,
Oberst, Regiments-Kommandeur.

Todes-Anzeige.
Am 12. Juni, nachmittags 6¼ Uhr, ver=
ſchied
nach kurzem, ſchwerem, mit großer Ge=
duld
ertragenem Leiden, unſere innigſtgeliebte
(12067
Tochter, Schweſter und Nichte

Luise

im noch nicht vollendeten 14. Lebensjahre.
Namens der tiefbetrübten Eltern u. Geſchwiſter
nebſt Angehörigen:
Friedrich Fischer.
Die Beerdigung findet am Mittwoch, den
15. Juni, nachmittags ½5 Uhr, von der Fried=
hofskapelle
aus, ſtatt.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
bei dem Hinſcheiden unſeres lieben Sohnes, Bru=
(12027
ders, Schwagers und Onkels
Philipp Jährlino
ſowie für die zahlreichen Blumenſpenden ſagen
wir Allen, insbeſondere auch Herrn Stadtpfarrer
Diehl für die troſtreichen Worte, unſeren auf=
richtigſten
Dank.
Die trauernden Hinterbliebenen:
Philipp Jährling Witwe,
Familie Heinrich Jährling,
Familie Heinrich Herpel.
Darmſtadt, den 11. Juni 1910.

Seite 7.
Dankſagung.
Für die erwieſene Teilnahme bei dem Hin=
ſcheiden
meiner lieben, treubeſorgten Gattin und
unſerer Mutter, Großmutter und Schwiegermutter
(12080
ſagt herzlichſten Dank
im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
J. Philipp.
Darmſtadt u. Pforzheim, 13. Juni 1910.

Amtlicher Wetterbericht.
Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.
Verlauf der Witterung ſeit geſtern früh: Der flache
Luftwirbel über Deutſchland hat ſich über Nacht ein
wenig verſtärkt. Er brachte geſtern noch verſchiedentlich,
beſonders in Oſtdeutſchland, Gewitterregen. Doch blieb
im Großherzogtum das Wetter trocken und warm. In
Rußland und auch im Oſten des Reiches herrſcht immer
noch große Hitze (Petersburg heute morgen 27%). Da
jetzt auch über Italien der Luftdruck ſinkt, tritt wieder
eine Verſchlechtetung des Wetters und Regen ein.
Ausſichten in Heſſen für Dienstag, den 14. Juni:
Regenfälle, ſtrichweiſe mit Gewitter, etwas kühler.
Tageskalender.
Konzert um 8 Uhr im Saalbau.
Konzert um 8 Uhr im Hotel Heß.
Konzert um 8 Uhr im Schützenhof.
Konzert um 8 Uhr im Perkeo
Lichtbilder=Vortrag im Reſtaurant Gottwald (Ober
bayern und Königsſchlöſſer).
Verſteigerungskalender.
Mittwoch, 15. Juni.
Hofreite=Verſteigerung des Jakob Menges ( Rhön=
ring
135) um 11 Uhr auf dem Ortsgericht I.
Mobiliar= ꝛc. Verſteigerung um 3 Uhr in der
Ludwigshalle‟.
Dünger=Verſteigerung um 9½ Uhr in der Art.=
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Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei,
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſez
für den Inſeratenteil: J. Kroſt, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nich?
zurückgeſandt.

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Kurſe vom 13. Juni 1910.
Mitgeteilt von Hermann Reichenbach.

8f. Staatspapiere. In Proz.
4 Dſche. Reichsſchatzanw. 100,39
3½ Deutſche Reichsanl. . 83,00
(4,60
do.
4 Preuß. Schatzanweiſg. 100,30
93,10
3½ do. Conſols .
84,60
73 do. do.
4 Bad. Staatsanleihe . . 101,70
93,70
do.
3½
do.
4 Bayr. Eiſenbahnanl. . 101,50
92,20
do.
3½
do.
4 Hamburger Staatsanl. 102,00
4 Heſſ. Staatsanleihe . . 101,00
do.
91,60
3½
do.
81,30
3. Sächſiſche Rente . . . 83,70
4 Württembergerv. 1907 102, 10
do.
92,80
5 Bulgaren=Tabak=Anl.
1¾ Griechen v. 1887
3¾ Italiener Rente . .
4½ Oeſterr. Silberrente . 98,00
do. Goldrente . . 99,25
do. einheitl. Rente 94,40
Portug. unif. Serie I 66,25
do. unif. Ser. III 66,80
Spezial . 12,90
do.
Rumänier v. 1903 . . 102, 10
do. v. 1890 . . 95,00
do. v. 1905 . . 91,00

4 Ruſfen v. 1880 .

InProz.
4 Ruſſen v. 1902 . . . . 92,40
4½ do. v. 1905 . . . . 100,30
96,00
3½ Schweden . .
4 Serbier amort. v. 1895 85,50
4 Türk. Admin. v. 1903 87,90
do. unifiz. v. 1903 94,20
4 Ungar. Goldrente . . 95,20
do. Staatsrente 92,40
Argentinier . . . . . . 101,80
91,10
do.
4½ Chile Gold=Anleihe 93,50
5 Chineſ. Staatsanleihe 101,80
99,10
do.
4½
97,80
4½ Japaner .
5 Innere Mexikaner . . 100,20
do.
4 Gold=Mexikan. v. 1904 96,70
5 Gold=Mexikaner
.100,25
Aktien inländiſcher
Transportanſtalten.
4 Hamb.=Amerika= Paket=
fahrt
.
. .144,20
4 Nordd. Lloyd . . . . 111,10
4 Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 123,00
Aktien ausländiſcher
Transportanſtalten.
4 Anatol. Eiſenb. 60%
Einz. Mk. 408 117,00
4 Baltimore & Ohio . . 110,90
4 Gotthardbahn . . . .

Zf.:
InProz.
4 Oeſt.=Ungar. Staatsb. 161,40
4 Oeſt. Südbhn. (Lomb.) 24,00
4 Pennſylvania R. R. 132,00
Induſtrie=Aktien.
Mainzer Aktienbrauerei . 203,00
Werger=Brauerei
. 82,80
Bad. Anil.= u. Sodafabrik 476,00
Fabrik Griesheim . . . . 260,50
Farbwerk Höchſt . . . . . 478,00
Verein chem. Fabriken
Mannheim . .
. . . . 324,80
Lahmeyer . . . . . . . . . 114,40
Schuckert .
. . . . . 162,70
Siemens & Halske . . . 244,00
Adlerfahrradwerke Kleyer 419,75
Bochumer Bb. u. Guß . . 232,25
Gelſenkirchen .
. . . 208,25
Harpener
. . . 195,50
Phönix, Bergb. u. Hütten=
betrieb
. . .
. . . 221,40
Prioritäts=
Obligationen.
3½ Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 89,40
4 Pfälzer Prt. . . . . . 100,70
do.
½
91,80
4 Eliſabeth., ſteuerpfl. .
do. ſteuerfrei .
5 Oeſterr. Staatsbahn. 105,30
do.
98,10
do. alte .
5 Oeſterr. Südbahn . . 99,00
do.
81,60
do.
za
56,70
3 Raab=Oedenburger . . 75,00
4 Ruſſ. Südweſt..
90,25
4 Kronpr. Rudolfbahn .

In Proz.
Bſ.
2¼/10 Livorneſer . . . . . . 76,00
79,60
4 Miſſouri=Paciſic
4 Bagdadbahn Mk. 408 87,50
5 Anatoliſche Eiſenb. . .
5 Tehuantepec .
.102,00
Bank=Aktien.
4 Berliner Handelsgeſ. 172,40
4 Darmſtädter Bank 130,50
250,20
Deutſche Bank
Deutſche Vereinsbank 128,00
Diskonto=Geſellſchaft 187,40
Dresdner Bank . 158,30
Mitteldeut. Kreditbk. 119,50
Nationalbk. f. Deutſchl. 123,90
101,20
4 Pfälzer Bank.
144,40
Reichsbank
4 Rhein. Kredit=Bank 139,40
4 Wiener Bank=Verein 137,50
Pfandbriefe.
4 Frankft. Hypoth.=Bank
S. 16 und 17 100,20
3½ do. S. 19. . . . 92,40
4 Frkf. Hyp.=Kreditverein
S. 1519, 2126 99,60
4 Hamb.=Hypoth.=Bank 100,50
do.
91,00
3½
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bk. 101,60
do.
92,20
3½
4 Meining. Hyp.=Bank 101,00
91,10
3½
do.
4 Rhein. Hypoth.=Bank
(unk. 1917) 100,20
do. (unk. 1914) 91,00

Bf.

4 Südd. Bd.=Kr.=Bk.=Pf. 100,60
20,
3½
92,80

Städte=
Obligationen
4 Darmſtadt
3½ do.
Frankfurt .
do.
31
4 Gießen
3½ do.
4 Heidelberg
3½ do.
4 Karlsruhe
do.
3
4 Magdeburg.
do.
3½
4 Mainz
3½ do.
4 Mannheim
3½ do.
München .
.Nauheim
4 Nürnberg.
3½ do.
4 Offenbach .
3½ do.
4 Wiesbaden.
3½ do.
4 Worms .
3½ do.
4 Liſſaboner v. 1886.

InProz.

100,30
91,60
.100,80
95,10
100,10
91,60

In Proz.
Madrider Fs. 100 78,80
Meining. Pr.= Pfand=
briefe
.
.. 136,00
Oeſterr. 1860er Loſe 174,20
Oldenburger .
. 124,60

91,30
100,50
91,60

101,20
92,00
100,40

102,60
91,60

2½ Raab=Grazer fi. 150 115,50
Unverzinsliche
Anlehensloſe.
Augsburger
fl. 7 39,5l.
Braunſchweiger Tlr. 20 211,80
Freiburger
Fs. 15
Mailänder
Fs. 45
do.
Fs. 10
Meininger
ſl. 7
Oeſterreicher v. 1864 100
do. v. 1858 100 467,00
Ungar. Staats 100
Venediger
Frs. 30
Türkiſche
400 184,10

Verzinsliche
Anlehensloſe.
4 Badiſche Tlr. 100
3½ Cöln=Mindner 100
5 Donau=Reg. fl. 100
3 Hall. Komm. 100 105,00

[ ][  ][ ]

Seite 8.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 14. Juni 1910.

Nummer 136.

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ich mir denselben stets zu erhalten wissen. Ich hoffe bei Bedarf auf das dauernde Wohlwollen der geehrten Einwohner-
(12035
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[ ][  ][ ]

Beilage zum Darmſtädter Tagblatt

N 136.

Dienstag, 14. Juni.

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Nachdruck verboten.)
25)
Diedrich Geſterling gab ſeinem neuen Prokuriſten die
Schuld und dankte für ſeine ferneren Dienſte. Aber auch
ſein Nachfolger konnte nicht gegen Matthias Harms auf=
kommen
. Diedrich Geſterling, der durch die unmittelbare
Nähe der Senatorwahl ſtärker als jemals von ſeinen poli=
tiſchen
Arbeiten in Anſpruch genommen wurde, entließ
auch dieſen Herrn bald und ſuchte ſich einen dritten. Dieſer,
ein junger, gewandter Mann mit geſchmeidigen Manieren,
erzielte auch anfangs einige beſcheidene Erfolge. Doch die
Firma ging trotz der Geſundung des Frachtenmarktes, die
eben langſam und ſchwach einſetzte, mehr und mehr zurück.
Wo Matthias Harms das Haus Geſterling & Ko.
ſchädigen konnte, tat er es, und wenn es für ihn ſelbſt mit
Verluſten verknüpft war. Er konnte von ſeiner Hoffnung
auf Harriet noch immer nicht laſſen und kämpfte um ſie
mit anerkennenswertem Mut. Obwohl er die Schwächen
der Firma ſehr genau kannte, in der er zwanzig Jahre
ununterbrochen gearbeitet und die er fünf Jahre faſt ſelb=
ſtändig
geleitet hatte, war es für ihn, den Kapitalsſchwä=
cheren
, kein leichtes Stück, dieſes alte, ſolide Haus zu er=
ſchüttern
. Aber er ließ nicht locker. Nur ſo konnte Diedrich
Geſterling zur Nachgiebigkeit und zur Einhaltung ſeiner
Verſprechen gezwungen werden. Und Matthias Harms
erlebte noch vor Weihnachten den Triumph, daß Geſterling

& Ko. einen ihrer Dampfer aus der regelmäßigen Route
herauszogen und im Hafen aufliegen ließen.
Um dieſe Zeit verlor Guſchi Heggbloom den Dienſt.
Frau Abel Geſterling konnte ſie beim beſten Willen nicht
mehr behalten und ſprach ihr gründlich ins Gewiſſen. Aber
Guſchi war verſtockt wie ſelten eine. Ein feſter Trotz war
über ſie gekommen, der ſie ſtärkte. Tränen kannte ſie ſchon
lange nicht mehr. Das übliche Weihnachtsgeſchenk wurde
ihr noch bewilligt, und Frau Abel gab ihr ſogar noch ein
Bündel ſtark vergilbter Wäſcheſtücke mit, die ſie aus den
Tiefen ihres Leinenſchrankes holte. Guſchi nahm es, aber
kein Wort des Dankes brachte ſie über die Lippen. Drei
Tage vor Weihnachten kam ſie wieder in das kleine Häus=
chen
auf dem Weſterberg zurück.
Frau Karoline Heggbloom, die inzwiſchen noch
rundlicher geworden war, ſchlug vor Verzweiflung die
Hände über dem Kopfe zuſammen. Jürgen dagegen
ſchaute nur ein einziges Mal ſchief über die Brille, dann
wandte er ſich wieder an ſeine Arbeit und beklopfte
mit wuchtigen Schlägen die harte Sohle, die er gerade
auf dem Knie hatte.
Guſchi ſaß auf dem Stuhl, das Geſicht ſtraff vom
Trotz, und ließ die Mutter jammern und ſchimpfen, ſo
viel ſie mochte. Sie tat den Mund nicht ein einziges
Mal auf, was Frau Karoline bald zur höchſten Wut
reizte. Endlich machte ſie ſogar Miene, Guſchi in die
Haare zu fahren. Doch legte ſich der Vater ins Mittel.
Laß die Deern in Frieden! ſprach er unwillig und
ſtreckte gebieteriſch ſeinen Hammer aus. Sie wird’s
noch ſchwer genug haben.

Nun aber ſchoß Frau Karoline auf ihren Jürgen
los. Doch der beantwortete ihre lauten, bitteren An=
klagen
und Vorwürfe nur mit ſchallenden Hammer=
ſchlägen
. Als es ihm aber gar zu arg wurde, drehte
er ſich noch einmal um:
Du biſt ſchuld! wies er ſie zurecht. Du haſt die
Deern hochmütig gemacht. Hätteſt Du nicht Henning
Breckwoldt aus dem Hauſe getrieben!
Jetzt fuhr Frau Karoline wieder auf Guſchi los
Laß die Deern! rief Jürgen grob und ſtellte ſick
ſchützend vor ſie. Was ſchiltſt Du ſie. Wo Dir’s dock
ſchon ſiebenmal paſſiert iſt!
Gegen die Schlagkraft dieſes Beweiſes konnte Frav
Karoline Heggbloom nichts vorbringen. Sie war in
höchſten Grade überraſcht, noch niemals hatte Jürgen
gegen ſie aufbegehrt. Die Wut ſtieg ihr in die Kehle und
erſtickte ihre Erwiderung.
So kam es denn zu einem vorläufigen Waffen=
ſtillſtand
.
Nach dieſem nicht gerade herzlichen Empfang blieb
Guſchi im Hauſe ihrer Eltern und machte ſich nach
Kräften nützlich. Untätig konnte ſie nicht herumſitzen.
Das ging ihr gegen die Natur. Sie wirtſchaftete im
Hauſe umher, nur machte ſie weniger Lärm als die
Mutter. Auf die Straße wagte ſie ſich mit keinem
Schritt. Die Mutter lag ihr von morgens bis abends
in den Ohren. Doch Guſchi hielt die Lippen feſt ge=
ſchloſſen
. Der Vater ſprach überhaupt nicht mit ihr.
Das traf ſie hart und zermürbte allmählich ihren Trotz.
Einmal, als ſie an Henning Breckwoldt und an ſeine
letzten Worte zurückdachte, war ſie ſo weit, daßeſiezin die

[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 14. Juni 1910.

Nummer 136.

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Elbe gehen wollte. Aber es war im Januar und das
Waſſer war eiskalt. Da weinte ſie die ganze Nacht.
In Blankeneſe aber hatte es bald die Runde ge=
macht
, daß Guſchi Heggbloom ihre feine Stellung beim
Herrn Senator verloren hatte und wieder zu Hauſe bei
ihren Eltern war. Und die Leute ärgerten ſich ſchwer,
daß ſie nicht alles wußten. Der erſte Verdacht fiel auf
Henning Breckwoldt. Doch man kam geſchwind von
ihm ab, denn er war ja ſchon über neun Monate in See.
Da rieten die guten Leute denn weiter.
Guſchi aber ſchwieg und fand ihren Trotz wieder.
Nur an Henning oder ſeine Mutter durfte ſie nicht
denken. Dann kamen ihr gleich die Tränen. Pauline
Breckwoldt aber erfuhr die Neuigkeit von der Frau, die
ihr jeden Nachmittag die Milch brachte.
Ach! rief ſie erſchrocken und faltete die Hände über
der Schürze. Der arme Junge!
Jal meinte die Milchfrau achſelzuckend. Es geht
alles, ſo weit es geht.
Schade um die Deern! ſprach Hennings Mutter und
nickte langſam mit dem Kopfe. Ich hab’ ihr genug zu=
geredet
. Aber ſie war zu leicht. Und das hat ſie nicht
vom Vater.
Kann ſchon ſein! beſtätigte die Milchfrau vorſichtig
und ſtieg wieder den Süllberg hinunter.
Drei Tage ſpäter erhielt Frau Breckwoldt aus
Gorontalo auf Celebes einen langen Brief von Henning,
worin er mitteilte, daß ſie Order nach Moje in Japan
hätten. Da würden ſie vier Wochen liegen bleiben.
Wenn ſie dahin ſchreiben wollte, müßte ſie es ſofort
tun. Von Guſchi ſtand nichts in dem Brüiefe.
Und die gute Mutter ſetzte auf der Stelle einen
Bericht auf über alles, was inzwiſchen in Blankeneſe
und ſonſt nach den Zeitungen paſſiert war. Nur von
Guſchi ſchrieb ſie nichts. Das erfuhr der Junge im
Juli, wenn er zurückkam, noch zeitig genug.

Unterdeſſen hatte ſich der Kampf zwiſchen Geſterling
u. Co, und Matthias Harms immer mehr zugeſpitzt. Sie

hatten ſich in den Frachtraten ſo ſtark und ſchnell unter=
boten
, daß ſie bald an der Grenze angekommen waren,
wo ſich kein Gewin mehr herausrechnen ließ. Einige
Wochen hielten ſie ſich hier die Wage.
Da ſtieg Matthias Harms noch eine Sproſſe tiefer.
Jetzt raffte ſich Diedrich Geſterling, der ſeinen
Namen endlich auf die Vorſchlagsliſte der Wahl geſetzt
ſah, auf, und erſuchte Matthias Harms, ſeinen früheren
Prokuriſten, um eine Unterredung, um den ſchädigen=
den
, ſinnloſen Wettbewerb der beiden Firmen im Guten
aus der Welt zu ſchaffen.
Darauf hatte Matthias Harms längſt gewartet; er
erſchien, und ſtellte ſeine Bedingungen. Obgleich ſie
unannehmbar waren, brachte er ſie doch auf eine ſo
zarte und rückſichtsvolle Weiſe vor, als ſehe er in
Diedrich Geſterling noch immer ſeinen hochverehrten
Herrn Chef.
Laſſen wir das, lächelte der, und winkte ab. Ich.
kenne Sie viel zu genau, um nicht zu wiſſen, was hinter
all dieſen Manövern ſteckt.
Nun gut, ſprach Matthias Harms mit energiſchem
Tonfall, ließ die Maske ſinken und ſetzte ſich ſtramm in
die Höhe. Alſo ſpielen wir mit offenen Karten. Sie
haben Ihr Verſprechen, das Sie mir anläßlich meiner
erſten Kündigung gaben, nicht gehalten.
Es ſcheint ſo, erwiderte Diedrich Geſterling über=
legen
. Aber es iſt eine Täuſchung.
Fräulein Harriet iſt verlobt, fuhr ihm Matthias
Harms in die diplomatiſche Parade. Mit dem Maler.
Daß ich nicht wüßte, wies ihn Diedrich Geſterling
ruhig zurück. Haben Sie eine Anzeige erhalten?
Ich habe die beiden auf dem Strandwege prome=
nieren
ſehen! rief Maithias Harms erregt. Und zwar
per Arm. Ich glaube, das genügt. Außerdem wird es
an der Börſe herumerzählt.
Eine Verlobung liegt noch nicht vor, gab Diedrich
Geſterling zurück. Aber ich geſtehe, daß die Ereigniſſe
ſtärker geweſen ſind, als ich. Ich habe für Sie zu

retten verſucht, was zu retten war. Ich werde auch
weiterhin Ihr Intereſſe im Auge behalten.
Ich danke beſtens, ſprach Matthias Harms gekränkt
und ſtand auf.
Glauben Sie denn, fuhr Diedrich Geſterling fort,
daß dieſe Verbindung meinen Beifall findet?
Ich muß es glauben! entgegnete Matthias Harms
mit bitterem Spott.
Sie befinden ſich in einem Irrtum, ſagte Diedrich
Geſterling, und ſeine Finger zuckten nervös. Im
übrigen iſt dieſe Angelegenheit noch nicht ſpruchreif.
Bei Harriets Launen iſt noch nicht abzuſehen, was
geſchieht.
Ich habe bei Fräulein Harriet bisher nur das
ſtrikte Gegenteil von Launenhaftigkeit bemerkt, verſetzte
Matthias Harms energiſch.
Nun gut, meinte Diedrich Geſterling ärgerlich.
Gehen wir zum Geſchäftlichen über. Ich biete Ihnen
die Teilhaberſchaft an. Einen größeren Beweis meiner
Aufrichtigkeit kann ich Ihnen augenblicklich nicht geben.
Nicht ohne Harriet, antwortete Matthias Harms
eigenſinnig.
Iſt das Ihr letztes Wort? rief Diedrich Geſterling,
deſſen Geduld erſchöpft war.
Mein letztes, erwiderte Matthias Harms und griff
zum Hut.
Sie werden ſich ruinieren, warnte Diedrich Geſter=
ling
und erhob ſich mit einem Ruck.
Das iſt mir gleichgültig, rief Matthias Harms und
verabſchiedete ſich mit einer kurzen, knappen Ver=
beugung
.
Alſo Kampf! dachte Diedrich Geſterling, Kampf bis
aufs Meſſer!
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Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt.

65.

Dienstag, 14. Juni.

1910.

Bekannt machung.
Wir bringen die nachſtehende Polizei=Verordnung über die Beleuchtung der Fuhr=
werke
zur Nachtzeit wiederholt zur öffentlichen Kenntnis.
Die Großh. Gendarmerie und das Polizeiperſonal ſind beauftragt, den Befolg zu
überwachen und Zuwiderhandlungen anzuzeigen.
(12057
Darmſtadt, den 10. Juni 1910.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
Fey.
Polizei=Verordnung.
Auf Grund der Art. 78 und 48, V. 1. des Geſetzes vom 12. Juni 1874, die innere
Verwaltung und die Vertretung der Kreiſe und der Provinzen betreffend, ſowie des
§ 366 pos. 10 des Reichsſtrafgeſetzbuchs wird unter Zuſtimmung des Kreis=Ausſchuſſes
und mit Ermächtigung Großherzoglichen Miniſteriums des Innern und der Juſtiz vom
13. Juni l. J. (zu Nr. M. J. 15622) unter Aufhebung der Polizei=Verordnung vom
4. Dezember 1884 verordnet, was folgt:
§ 1. Alle auf den innerhalb des Kreiſes Darmſtadt belegenen Staats= und Kreis=
ſtraßen
, ſowie den in dieſe Straßenzüge fallenden Ortsdurchfahrten nach Eintritt der
Dunkelheit verkehrenden Fuhrwerke müſſen mit einer, an gut ſichtbarer Stelle ange=
brachten
brennenden Laterne verſehen ſein. Perſonenfuhrwerke, welche auf den erwähnten
Straßen während der genannten Zeit verkehren, müſſen durch zwei heil brennende
Laternen, welche zu beiden Seiten des Bocks anzubringen ſind, beleuchtet ſein.
§ 2. Zuwiderhandlungen gegen dieſe Beſtimmungen unterliegen der Beſtrafung
nach'§ 366 des Reichsſtrafgeſetzbuchs (Geldſtrafe bis zu 60 Mk. oder Haft bis 14 Tagen).
§ 3. Vorſtehende Polizei=Verordnung tritt 14 Tage nach ihrer Publikation im
Darmſtädter Tagblatt in Kraft.
Darmſtadt, den 19. Juni 1890.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
p. Marquard.
An die Großh. Bürgermeiſtereien der Landgemeinden und die Großh. Gendarmerie
des Kreiſes.
Wir beauftragen Sie, dem Befolg der Vorſchriften der obigen Polizei=Verordnung
beſondere Aufmerkſamkeit zuzuwenden und Zuwiderhandlungen zur Anzeige zu bringen.
Den Großh. Bürgermeiſtereien empfehlen wir, den Inhalt der Polizei=Verordnung
wiederholt ortsüblich bekannt machen zu laſſen und das Polizeiperſonal mit entſprechen=
der
Weiſung zu verſehen.
Darmſtadt, den 10. Juni 1910.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
Fey.

Bekanntmachung.
Im Staatsverlag iſt erſchienen und durch alle Buchhandlungen zum Preis von
1 Mark zu beziehen:
Der Urkundenstempel

in der

Faſſung der Bekanntmachung vom 24. März 1910.

(12041

Amtliche Handausgabe. Zweite Auflage, 6 Bogen, 8½, in Umſchlag broſchiert.
Darmſtadt, den 10. Juni 1910.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
Fey.

Bekanntmachung.

An die Großherzoglichen Bürgermeiſtereien der Landgemeinden des Kreiſes.
Wir beauſtragen Sie, in Ihrer Gemeinde ortsüblich bekannt machen zu laſſen,
daß das Bedecken der Stuten durch Landgeſtütsbeſchäler mit dem 1. k. Mts, dahier
aufhört.
(12058
Darmſtadt, den 10. Juni 1910.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
Fey.

Bekanntmachung.
Der Ankauf von magazinmäßigem Heu aus der neuen Ernte, auch direkt von
der Wieſe, hat ſeitens des Großh. Proviantamts Darmſtadt begonnen. Gezahlt werden
die jeweiligen Tagespreiſe.
(11971iii
Wir bringen dies zur Kenntnis der Landwirte unſeres Kreiſes.
Darmſtadt, den 8. Juni 1910.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
I. V.: Dr. Reinhart.

Bekanntmachung.
Die zur Ausführung von Walzarbeiten in der Ortsdurchfahrt zu Büttelborn an=
geordnete
Straßenſperre wird hierdurch aufgehoben.
(12056
Groß=Gerau, am 4. Junt 1910.
Großherzogliches Kreisamt Groß=Gerau.
Dr. Wallau.

Bekannt machung.
Betreffend: Die Vermeidung von Staubentwickelung bei Bauten.
Unter Bezugnahme auf unſere früheren Bekanntmachungen weiſen wir wieder=
holt
darauf hin, daß nach Maßgabe der beſtehenden geſetzlichen Beſtimmungen
(§ 366,8 Reichsſtrafgeſetzbuches, Artikel 112 und 292 Polizeiſtrafgeſetzes) diejenigen
Beſtrafung zu gewärtigen haben, welche es unterlaſſen, bei Bauten, namentlich beim
Abbruch von Gebäuden und bei der Erneuerung des Verputzes alle Vorkehr=
ungen
zu treffen, welche geeignet ſind, Gefahren für Vorübergehende und eine
beläſtigende Staubentwickelung zu verhindern. Insbeſondere iſt dafür Sorge zu
tragen, daß
1. der Verputz und das Mauerwerk vor dem Abſchlagen und während dieſer
Arbeiten ausreichend benäßt wird, daß
2. Bauſchutt nicht auf die Erde abgeworfen, ſondern abgetragen oder in Ge=
fäßen
abgelaſſen und hierbei ebenſo wie beim Aufladen auf Wagen und
Abfahren ausreichend benäßt wird, daß
3. derartige Bauarbeiten, bei welchen eine Staubentwickelung nicht ganz zu ver=
meiden
iſt, nur in den frühen Morgenſtunden (vor 8 Uhr vormittags)
vorgenommen werden darf
Die Schutzmannſchaft iſt mit Ueberwachung beauftragt.
Darmſtadt, den 10. Juni 1910.
(11987oi
Großherzogliches Polizeiamt Darmſtadt.
Dr. Kranzbühler.

Die öffentliche Impfung im Jahre 1910.
Die diesjährige öffentliche Impfung wird für die hieſige Stadt, Mittwoch,
den 4. Mai I. Js., nachmittags 5 Uhr, und die folgenden Mittwoche, ſo lange das
Bedürfnis dauert, im Schulhauſe in der Rundeturmſtraße abgehalten werden.
Impfpflichtig im laufenden Kalenderjahre ſind nach Geſetz die im vorigen Jahre
geborenen Kinder ſowie die rückſtändigen früheren Jahrgänge.
Wir laden die hieſigen Einwohner, die impfpflichtige Kinder haben, zur Benutzung
dieſer öffentlichen Termine mit dem Bemerken ein, daß alle in denſelben vorgenom=
menen
Impfungen für den Einzelnen unentgeltlich ſind. Wer die Termine nicht be=
nutzen
will, muß die Impfung ſeines pflichtigen Kindes bis zum Jahresſchluß auf
ſeine Koſten bewerkſtelligen laſſen, widrigenfalls ihm im Januar nächſten Jahres zur
Nachholung der Impfung eine vierwöchige Friſt unter Strafandrohung geſetzt wird.
Außer den Pflichtigen werden in den Terminen auch Erwachſene auf ihren
Wunſch, und Kinder, die erſt im laufenden Jahre geboren ſind, auf Wunſch ihrer
Vertreter geimpft. In der Regel werden in jedem Termin nicht mehr als 50 Impf=
ungen
vorgenommen. Alle in einem Termine geimpften Kinder müſſen bei Meidung
der geſetzlichen Strafe, in dem 8 Tage ſpäter abgehaltenen Termine zur Nachſchau noch=
mals
gebracht werden. Kinder, deren Zurückſtellung, von der Impfung wegen Kränk=
lichkeit
beanſprucht wird, können gleichfalls in den Terminen dem Impfarzt vorgeſtellt
werden.
Wegen der Wiederimpfung der Schulkinder wird beſondere Benachrichtigung an
die Schulvorſteher erfolgen.
Aus einem Hauſe, in dem anſteckende Krankheiten wie Scharlach, Maſern,
Diphtherie, Croup, Keuchhuſten, Flecktyphus, roſenartige Entzündungen oder die natür=
lichen
Pocken herrſchen, dürfen Impflinge zum allgemeinen Termin nicht gebracht
werden. Die Kinder müſen zum Impftermin mit rein gewaſchenem Körper und mit
reinen Kleidern gebracht werden.
Darmſtadt, den 28. April 1910.
Großherzogliche Bürgermeiſterei Darmſtadt.
J. V.: Schmitt.
(9475a

Verſteigerungs-Anzeige.
Mittwoch, den 15. Juni 1910, nachmittags 3 Uhr,
verſteigere ich im Verſteigerungslokal Zur Ludwigshalle‟ (Obergaſſe) zwangsweiſe
gegen Barzahlung:
ca. 5 Mille Zigarren, Hausmobilien durch alle Rubriken, ſowie 1 Zither
und 1 Dambra.
(12071
Darmſtadt, am 13. Juni 1910.
Kapp, Gerichtsvollzieher zu Darmſtadt,
Friedrichſtraße 24, I.

Matratzenſtreu=Verkauf.
Mittwoch, den 15. ds. Mts.,
vormittags 11 Uhr,
wird in der Artilleriekaſerne ( Heidelberger=
ſtraße
) eine größere Menge Sommermatratze
(12053
verſteigert.
Feld-Artillerie=Regiment Nr. 25.

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Bezirksvertreter in Darmstadt: Herr Heinrich Meyer, Schützenstr. 12
Telephon 189.
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Dr. Kayser.
Dr. Langsdorf.
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Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 14. Juni 1910.
F NUSFERT!

Nummer 136.

Steuerfreie viereinhalbprozentige Prioritäts-Anleihe von 1910
Moskau-Kiew-Woronesch Eisenbahn-Gesellschaft
im Nominalbetrage von

Mark D. R. W. 72,751,000 Rubel 33.683/13 Holl. Gulden 42,(77,588 Lstg. 3,546,611,5 absoluter Garantie der Kaiserlich Russischen Regierung.
Verlosbar zum Nennwert vom Jahre 1911 ab innerhalb 45 Jahren.
Rückzahlung auf Grund von Gesamtkündigung oder verstärkter Verlosung bis zum 1. Januar 1920 n. St. ausgeschlossen.

Auf Grund des Beschlusses der Generalversammlung der Aktionäre vom
20. Dezember 1908
2. Januar 1909 und mit Genehmigung der Kaiserlich Russischen Regierung
emittiert die Moskau-Kiew-Woronesch Eisenbahn-Gesellschaft eine

4½ %oige Prioritäts-Anleihe
im Nominalbetrage von
Mk. D. R. W. 72.751.000 Rbl. 33.683.713 Holl. Gulden 42.777.588 Lstg. 3.546.611.5/-.
Der Erlös der Anleihe wird verwendet für die Beendigung der Bauarbeiten
der Linie Bachmatsch-Odessa‟).
Die Anleihe ist in Abschnitte von

Mark 2000 Rubel 926. Holl. Guld. 1176. Lstg. 97.10/

588. 48.15/-
1000 463.

294.
24.716
500 231.50
eingeteilt und zwar in
15000 Abschnitte No. 1 bis 15000 zu 2000 Mark,
33 000 Abschnitte No. 15001 bis 48000 zu 1000 Mark,
und 19502 Abschnitte No. 48001 bis 67502 zu 500 Mark.
Die Obligationen, die mit halbjährigen Coupons für einen Zeitraum von zwanzig
Jahren und einem Talon versehen sind, lauten auf den Inhaber, sie tragen in
Faksimile die Unterschriften von 5 Direktoren der Gesellschaft und ausserdem,
ebenfalls in Faksimile die Unterschrift eines Delegierten der Kaiserlich Russischen
Regierung. Stücke, Coupons und Talons sind in russischer, deutscher und hol.
ländischer Sprache ausgestellt.
Das Anlagekapital der Bahn setzt sich zusammen aus dem Aktienkapital der
Gesellschaft von ursprünglich Lstg. 1500000 Nominal (wovon Lstg. 148400 Nominal
getilgt) und folgenden, sämtlich von der Russischen Regierung garantierten Priori-
täts
-Anleihen:

Drsprünglicher
Nominalbetrag
Tilgungsdauer
längstens
n
. Tilgung zu
nachstehen-
gungsquot
.
m. Zuwachs
d.ersparten
Zinsen
den Iil- Gegenwärtig unverlost
im Umlauf Mark 67286500. 1886 68 Jahre von 1888 an O.298.5780 Mark 59931000. Kreditrubel25000000. 1892 63 1892 0.290 260% Kreditrubel 23025300. 13000000. 1893 61½ n 1893 0.311 680% 12024000.- 4750000. 1895 60 1895 n 0.420 1850 4350400. )Goldrubel27704873.60 4% 1895 59 1896 0.437 440% Goldrubel 25216438.30 Rubel 10000000.- 1898 57 n 1898 0.467 336% Runbel 9362000. 15750000. 1890 56 1899 0.488 520% 14758200.- 14735000. 1903 52½ 1903 6571 530 14062400. Francs 47000000.- 1903 51 1904 n 6625 885% Francs 47000000. Rubel 11293000. 1904 51½ . 1904 0.598 080% Rubel 10882100. ZRubel 15279000. 1907is 846 1909 0.788 205% 15158600. Rubel 12038000. *70 1909 46 1910 O.684 471% 12038000. 27780000.- 1909 46 1910 5 O.684 471% 27780000. 4434200.- 417o 1910 45 1911 0.720 2 % 4434200.

in Amsterdam

London

dem Bankhause Hope & Co.,
Lippmann, Rosenthal & Co.,
der Russischen Bank für auswärtigen Handel
Russisch-Chinesischen Bank.
Bei denselben Stellen erfolgt ohne Anrechnung von Kosten oder russischen
Gebühren die Aushändigung neuer Couponsbogen.
Die Gesellschaft verpflichtet sich, für den Fall einer eventuellen späteren
Konversion Stellen in Berlin und Frankfurt a. M. zu errichten, bei denen die
Konvertierung frei von allen Spesen bewirkt werden kann.
Die Zahlung der Zinscoupons und die Einlösung der Obliga-
tionen
wird für immer frei von jeder Russischen Steuer erfolgen.
Die Moskau-Kiew-Woronesch (ehemals: Kursk-Kiew, darauf Kiew-Woronesch)
Eisenbahn-Gesellschaft führt ihren jetzigen Namen seit dem 7./19. Juni 1895 in Ge-
mässheit
des unter dem 7. Juni 1895 a. St. Allerhöchst bestätigten Statutennachtrags.
-ab, zu welchem Zeit
Die Konzession der Gesellschaft läuft am- 24. Dezember 1955
6. Januar 1956
punkt die Bahn unentgeldlich in den Besitz des Staates übergeht‟).
Die Gesellschaft hat folgende Strecken in Betrieb:
A. Breitspurige Linien: Kiew-Woronesch 669 220 Werst, Moskau-Artakowo
551,224 Werst, Marmyi-Werchovje 123.248 Werst, Kursker Stadtzweigbahn 5,660
Werst, Kaluger Zweigbahnen 26880 Werst, Gisdrinskaer Zweigbahn 9,836 Werst,
Briansker Zweigbahnen 10,572 Werst, Moskauer Zweigbahnen 5,818 Werst. Lgover
Zweigbahn 2.800 Werst, Hafenzweigbahn auf dem rechten Ufer des Dniepers
3.768 Werst, Kiew II-Poltava der Charkow-Nikolaerbahn 315.262 Werst, Krivetzkaer
Zweigbahn 3,020 Werst, Tereschenskaia-Pirogovka 26,892 Werst, Navlia-Konotope
197.872 Werst, Okaer Zweigbahn 7,516 Werst, Novozybkower Verbindungsgleis
4,038 Werst, Verbindungsgleis Moskau I-Moskau II 4,038 Werst, zusammen
1,967,664 Werst.
B. Schmalspurige Linien: Kruty-Tschernigow 75,144 Werst, Kruty-Dnieper-
Krasnoe 193,413 Werst, Korenievo-Sudscha 37,552 Werst, Korenievo-Ryisk 22,125
Werst, Woroschba-Hutor- Michaelowsky 124914 Werst. Ochotehevka-Kolpna
55,260 Werst, Grebenka-Orgitza 2,330 Werst, zusammen 510,738 Werst.
Die Gesamtlänge aller Strecken beträgt also 2,478,402 Werst.
Die Betrieseinnahmen, die Betriebsausgaben, der Betriebsüberschuss und die
Erfordernisse für Verzinsung und Amortisation der Obligationen für die Jahre
1904 bis 1909 sind aus nachfolgender Aufstellung ersichtlich:

Jahr Betriebs-Einnahmen Betriebs-
Ausgaben Betriebs-
Ueberschuss Erfordernis
Verzinsung ir Obligationen
Amortisation 1904
1905
1906
1907
1908
1909 Rbl. 25 496 668.37
25 388 596.37
30 016 087.25
31073 260.07
31356 629.31
32941 489.11 21 425 418.57 15 290 973.25
15 587 635.50
19 806 865.76
21232264.47
2122393024 10 205 695.12
9800 960.87
10 209 221.49
9 840 995.66
10132 640107
11516070.54 6500 802.49
6 695 139.09 1001 830.59
6 657313.11
6954 978.36
7 617 102.13 1332114.28
7725 520.61 932826.68
1044 026.11
1 150 563.69
1 384 329.67

minal Mark 72,751,000 Rubel 33,683,713 Holl. Gulden 42,777,588 Lstg.
3,546,611.5)-
Für die neuen Obligationen haften das ganze Vermögen und die gesamten
tigen Anleihen.
Ausserdem geniessen Sie vom Tage ihrer Emission an die ab-
solute
Garantie der Kaiserlich Russischen Regierung für Verzinsung
und Tilgung. Diese Garantie wird auf den Obligationen durch einen
Stempel der Kaiserlich Russischen Regierung bestätigt.
Die Obligationen der neuen Prioritätsanleihe werden mit 4½ pCt. fürs Jahr
in halbjährlichen Terminen, am 1. April und 1. Oktober neuen Styls, verzinst und
im Wege der Verlosung binnen 45 Jahren vom Jahre 1911 an gerechnet zum Nenn-
werte
getilgt. Der erste Zinscoupon ist am 1. Oktober 1910 n. St. fällig.
Die Verlosungen finden jährlich im Juni a. St. statt, und zwar die erste im
Juni 1911. Die verlosten Obligationen werden von dem nächsten der Ziehung
folgenden Zinstermin ab eingelöst. Zu jeder jährlichen Tilgung sind 0,720,202 pCt.
des Nominalbetrags der Anleihe unter Zuwachs der ersparten Zinsen auf die früher
verlosten Obligationen zu verwenden.
Die Nummern der jedesmal verlosten, sowie der aus vorhergegangenen Ver-
losungen
fälligen, noch nicht zur Einlösung vorgezeigten Obligationen werden als-Frankfurt a. M. wird beantragt werden.
bald nach der Verlosung ausser durch russische Blätter durch je zwei in Berlin
erscheinende Zeitungen, eine in Frankfurt a. M. und eine in Amsterdam erscheinende
Zeitung veröffentlicht. In diesen Zeitungen werden auch etwaige auf die Umlaufs-
fähigkeit
der einzelne Stücke bezügliche Verfügungen, soweit diese amtlich zur
Kenntnis der Gesellschaft gelangen, bekanntgemacht werden.
Die rückzahlbaren Obligationen müssen bei der Einlösung mit sämtlichen
nach dem Rückzahlungstermine fälligen Coupons eingeliefert werden. Der Betrag
etwa fehlender Coupons wird von dem Kapitale abgezogen.
Die Obligationen der Anleihe verjähren 30 Jahre nach ihrem Rückzahlungs-
termine
und die Coupons 10 Jahre nach ihrem Fälligkeitstage.
Ein allgemeines Gesetz betreffend Aufgebot zur Kraftloserklärung verloren
gegangener oder abhanden gekommener Inhaberpapiere besteht in Russland nicht.
Der Inhaber von Obligationen oder Zinscoupons vorstehender Anleihe gilt durch
den Besitz als Eigentümer legitimiert und kann demselben die Auszahlung der
Zinseoupons und dle Binlsung der Obligationen nicht vorweigert werden.
Eine verstärkte Verlosung oder eine Gesamtkündigung oder
Konvertierung der Anleihe ist bis zum 1. Januar 1920 p. St. ausgeschlossen.
Die Zahlung der Zinscoupons sowie der verlosten oder gekündigten Obliga.
tionen geschieht in den Beträgen, die dem in den Obligationen festgesetzten Wert-
verhältnis
entsprechen, nach Wahl des Inhabers: in Russland in Rubeln (1 Rubel
½s Imperial) in Berlin und Frankfurt a. M. in Mark Deutscher Reichswährung,
in Amsterdam in Holl. Gulden, in London in Pfund Sterling, und zwar:
in Moskau
bei der Kasse der Gesellschaft,
Berlin

Die Gesellschaft verteilte auf ihre über Lstg. 20 lautenden Aktien, ausser den
garantierten 5 pCt. Aktienzinsen, für die Jahre 19041908: Rbl. 14.50, Rbl. 13.75,
Rbl. 15., Rbl. 9.50, und Rbl. 3.50.
Die Staatsgarantie wurde in den vorbezeichneten Jahren nicht in Anspruch
genommen.
Bis zur Fertigstellung der definitiven Stücke werden in Deutschland mit dem
Zu diesen Prioritäts-Anleihen tritt die jetzt emittierte neue Anleihe von No-ldeutschen Reichsstempel versehene Interimscheine ausgegeben, die von den
Berliner Subskriptionsstellen ausgestellt sind und über deren kostenfreien Um-
tausch
in Originalobligationen seinerzeit das Nähere bekannt gemacht werden wird.
Diese Interimscheine werden mit den am 1. Oltober 1910 und am 1. April 191
Einnahmen der Gesellschaft unter Wahrung der Vorrechte der früher neuen Stils fälligen Coupons verschen sein weiche bei den deutschen Zahlstellen
emittierten Obligationen. Sie haben den Vorrang vor allen künf-lzur Einlösung gelangen, so dass der erste Coupon der Originalstücke am 1. Oktober
1911 neuen Stils fällig sein wird.
MOsKAU, den 26. Mai/8. Juni 1910.
Direktion der Moskau-Kiew-Woronesch Eisenbahn-Gesellschaft.
Subscriptions-Bedingungen.
Auf Grund vorstehenden Prospektes sind
Mk. 72,751,000. 4½ steuerfreie, von der russischen Regierung
garantierte Prioritäts-Anleihe der Moskau-Kiew-
Woronesch Eisenbahn-Gesellschaft von 1910
Rückzahlung auf Grund von Gesamtkündigung oder verstärkter
Verlosung bis zum 1. Januar 1920 n. St. ausgeschlossen
zum Handel und zur Notierung an der hiesigen Börse zugelassen worden und
werden hierdurch zur Subskription aufgelegt. Die Notierung an der Börse in
Die Subskription findet statt
Sonnabend, den 18. Jun 1910
bei dem Bankhause Mendelssohn & Co.
in Berlin

Frankfurt a. M.

dem Bankhause Mendelssohn & Co.,
S. Bleichröder,
der Direktion der Disconto-Gesellschaft,
Berliner Handelsgesellschaft,
Direktion der Disconto-Gesellschaft,

4) Die Gesamtlänge der Linie Bachmatch-Odessa wird ungefähr 597 Werst und die der
dazu gehörigen Verbindungsbahnen 11 Werst betragen.
) 1 Goldrubel (Prägung vor dem Gesetz vom Jahre 1897) M. 3.24.
*) Diese Anleihe von Rubel 15 279000 ersetzt die früheren Anleihen von 1907 und 1908
von Rubel 2850000., Rbl. 2280000., Rbl. 5674000., Rbl. 4795000. u. Rbl. 1702000.
welche vereinigt worden sind; zugleich ist ein Betrag von Rbl. 2022000 der vorgenannten
alten-Anfsthen aus-dem -Verkehr gezogen worden.

in

Frankfurt a.

der

der

S. Bleichröder
Direction der Disconto-Gesellschaft
Berliner Handels-Gesellschaft
Direction der Disconto-Gesellschaft

zu den Bedingungen,
sowie in Amsterdam bei dem Bankhause Hope & Co.
Lippmann, Rosen- welche diese Mäuser
veröffentlichen werden
thal & Co.
während der bei jeder Stelle üblichen Geschäftsstunden, und zwar in Berlin und
Frankfürt a. M. zu nachfolgenden Bedingungen:
1. der Subskriptionspreis beträgt 96% vom Nominalbetrage in Mark, zuzüglich
4½ % Stückzinsen vom 1. April 1910 bis zum Tage der Abnahme. Den
Stempel der Zuteilungsschlussnote trägt der Zeichner zur Hälfte.
2. Die Subskription erfolgt auf Grund des zu diesem Prospekt gehörigen An-
meldungsformulares
, welches von den vorgenannten Stellen bezogen werden
kann. Jeder Subskriptionsstelle ist die Befugnis vorbehalten, die Subskription
auch schon vor Ablauf der lestgesetzten Prist zu schliesen und nach ührem
Ermessen den Betrag jeder einzelnen Zuteilung zu bestimmen. Die Zu-
teilung
erfolgt so bald wie möglich nach Schluss der Subskription.
3. Bei der Subskription ist eine Kaution von 5% des gezeichneten Nominal-
betrages
in bar oder in solchen Effekten zu hinterlegen, die die Subskriptions-
stelle
als zulässig erachten wird.

*) Soweit das rollende Material die ursprünglich bestimmte Ausrüstung übersteigt und
der Ueberschuss mit übernommen wird, ist dafür vom Staate Entschädigung zu leisten. Die
Vorräte an Heiz- und anderweitigen Materialien gehen ebenfalls nur gegen Entschädigung an
den Staat über. Dasselbe ist der Fall bei den aus anderen Mitteln als dem garantierten
Kapital und ausserhalb der Konzession erworbenen oder errichteten Kokswerken, Giessereien
und Schmiedehütten, Buxeaus. Magazinenzund,anderen Obiekten.

[ ][  ][ ]

Nummer 136

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 14. Juni 1910

Seite 13.

Die Abnahme der zugeteilten Beträge kann gegen Zahlung des Preises vom
28 Juni d. J. an geschehen. Der Zeichner ist indessen gehalten,
die Hälfte des zugeteilten Betrages am 28. Juni d. J.,
die andere Hälfte des zugeteilten Betrages spätestens am 28. Juli d. J.
abzunehmen. Zugeteilte Beträge bis 5000 Mark sind am 28. Juni d. J.
ungeteilt zu ordnen.
Bei vollständiger Abnahme wird die hinterlegte Kaution verrechnet
oder zurückgegeben.
Anmeldungen auf bestimmte Abschnitte können nur soweit berück-
sichtigt
werden, als dies nach dem Ermessen der Subskriptionsstelle mit den
Interessen der anderen Zeichner verträglich ist.

5. An den deutschen Plätzen können nur die von den Berliner Häusern aus-
gestellten
Interimscheine in Original-Obligationen umgetauscht werden.
Berlin, im Juni 1910.
Mendelssohn & Co.
S. Bleichröder.
Direktion der Disconto-Gesellschaft.
Berliner Handels-Gesellschaft.
(12024

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1. Juli, event. früher oder ſpäter.
4. Ebendaſelbſt zweiter Stock, Wohnung, drei Zimmer und Zubehör,
ab. 1. Juli 1910.
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[ ][  ][ ]

Seite 14.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 14. Juni 1910

Nummer 136.

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Donnerstag, den 16. Juni, abends 8¼ Uhr,
im Testsaale der Turngemeinde am Woogsplatz:
Grosse evangelische
Volksversammlung.
Redner:
Pfarrer D. Waitz, Professor Dr. E. A. Berger,
Pfarrer Velte und Professor Knoll.
Alle evangelischen Frauen und Männer sind freundlich eingeladen.
Der Eintritt ist frei!
Die Kirchenvorstände und die Vorstände der Männervereinigungen, Frauen-
und Kirchengesangvereine der evangelischen Stadt-, Martins-, Johannes-,
Petrus- und Paulusgemeinde.
(12060id
Die Vorstände des deutsch-evangelischen Frauenbundes und des Gustav-Adolf-
Frauenvereins, des Gustav-Adolf-Vereins, des Evangelischen Bundes, des
Evangelischen Arbeiter- und Handwerkervereins, der Christlichen Vereine
junger Männer Nathanael und Wartburg‟, der Kirchlich-positiven und der
Freien landeskirchlichen Vereinigung.

Kriegsveterdnen-Appen 1910.
Wir erlauben uns, verehrl. Einwohnerſchaft von Darmſtadt
darauf aufmerkſam zu machen, daß die Einzeichnungsliſten am
kommenden Donnerstag in Umlauf geſetzt werden und bitten
wir, nur in ſolche Liſten einzuzeichnen, welche durch Großh. Poli=
zeiamt
abgeſtempelt ſind.
(12026
Darmſtadt, den 12. Juni 1910.
Der Wohnungsausschuss.

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Grosses Militär-Streichmusik-Konzert
einer Kapelle vom Muſikkorps des Inf.=Leibgarde=Regts.
Leitung: Obermuſikmeiſter Hauske.
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Bei ungünstiger Witterung Konzert im Saal.

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Monat Juni

Das einzig dastehende Programm des beliebten Münchner Possen-Ensemble
A. Herrmann.

Dienstag, 14. Juni: I. Grosser Oberbayerischer Abend
(*14661
mit brillantem neuen Programm.
Ende: Wonn’s gar is.
Anfang 8 Uhr.

Offener Brief

an die Leser

des Darmstädter Tagblatt

An dieser Stelle wurden fortlaufend die verehrten Leser des Blattes mit den Pro-
grammen
der verschiedensten Reise- gelegenheiten bekannt gemacht. Um die bei dem
mannigfachen Angebot immer schwie- riger sich gestaltende richtige Wahl zu treffen,
sei hier zunächst auf die glänzend verlaufenen Mittelmeerreisen im April und Mai
der privaten Freien Deutschen Reisevereinigung, hingewiesen, deren je 140 Teil-
nehmer
aller Stände in jeder Hinsicht hochbefriedigt heimkehrten. Durch angenehmen
Zusammenschluss der Reiselustigen, eigenes Mieten grosser und moderner Salonozean-
dampfer
und günstige Abschlüsse mit ausländischen u. deutschen Firmen ermöglichte
diese Privatgesellschaft bereits über 1100 Reiselustigen auf durch- aus erstkl. Weise kon-
kurrenzlos
billige Reisegelegenheit zum Orient, nach ltalien, Frankreich, Spanien
Griechenland und Nordafrika. Vier grosse Studien- und Erholungsreisen suchen nun
wiederum die hervorragendsten klassischen und landschaftlich schönsten Stätten dieser
Länder anf. Auf P ersthlassigen Dampfern werden angelaufen und eingehend besucht in
19 bis 20 tägiger Reise die Orte Genua, Montecarlo, Marseille, Ajaccko, Rom, Capni
Neapel Pompeji, Palermo, Tunis, Carthago, Malta, Taormina. Messina, Athen, Corfu und
Venedig. Die Reisen währen vom 16. Juli bis 4. August, M 8. bis 27. August, 4. bie

bei den ersten 2 Reisen und mit 40 Mk. bei den letzten H 2 Beien. u mi. 350 Mk.
Preisen sind die gesamte Verptlegung mit Wein, alle Kosten der Landausflüge, nichts
ausgeschiossen, eine Reiseversicherung usw. einbegriffen. Wer seine Reisemittel
in der diesjährigen Reisezeit wirklich dauernd nutzbringend und vorteilhaft an-
legen
willl der verlange sofort die kostenlosen, genau informierenden Prospekte vom
(12034
Reiseleiter Redakteur Baumm in Duisburg 51

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[ ][  ][ ]

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bis 15. Juni in Reſtaurant, geht auch als
Haushälterin, nimmt auch Aush. an. Näh.
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mpfehle mich im Waſchen und Putzen.
Frau Reinhard, Roßdörferſtr. 1. (*14593

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Laufdienſt. Näheres Liebfrauenſtraße
Nr. 74, Hinterb. II., links.
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Pädagogſtraße 2, Frau Dornau.

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*14660oim) Saubere, tüchtige Lauffrau
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Woog, am 13. Juni 1910.
Waſſerhöhe am Pegel 3,88 m
Luftwärme 170 C
Waſſerwärme vormittags 7 Uhr 220C
Woogspolizeiwache.

[ ][  ]

Seite 16.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 14. Juni 1910.

Nummer 136.

Schlachtvieh= und Fleiſchbeſchau im Deutſchen Reiche.
Zahl der im 1. Vierteljahr 1910 beſchauten Schlachttiere.

Zahl der Tiere, an denen die Schlachtvieh= und Fleiſchbeſchau vorgenommen wurde

Pferde u.
andere
Einhufer Ochſen Bullen Kühe Jung=
rinder

über
drei Monate alt Kälber
bis Schweine Deutſches Reich 40 482 156 418 119667 483 850 247 534 1315990 4076 207 Dagegen im 1. Vierteljahr 1909 39757 148911 124688 441038 231 281 1 149 668 4041913 1908
1. 35987 138 913 107860 420 753 212 612 1149 342 4 418 214 1907
1. 37 408 141136 97006 393557 184 202 1053 925 4079 656 1906
1. 43 506 152 245 104050 429 163 211151 1052 263 3 237092. 1905
1. 35899 142 214 112783 413756 186 353 1122865 3 924 280

Schafe Ziegen

483 537
446 180
440 495
485 880
452 397

510 676 139794 2270

116879
126936
131775
98301
107 778

2 455
2061
2 267
2151
1785

Großherzogliche Hofbibliothek.
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Geſch. d. Naturwiſſ. u. d. Technik; The Catholic Ency-
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Reichsgeſetz u. d. Verkehr m. Kraftfahrzeug.; Die Kunſt=
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Amtsbez. Sinsheim, Eppingen u. Wiesloch, bearb. v.
Adolf v. Oechelhäuſer; Jacobſen Emil, Sodoma
u. d. Einquecento in Siena; Vetter, Max, d. Sockel.;
Peterſen, Julius, Schillers Perſönlichkeit; Platen,
Aug., Graf v., Samtl. Werke, hs. v. Max Koch; Rauſch,
Gg., Goethe u. d. D. Sprache; D'Aubigné, Agrippa,
Hist. univers. p. p. Alph. de Rubel 10: Table des
matiéres p. p. de Vaissiére; Strauß, Max: Zivil=
prozeßrecht
; Vogt, Fried. u. Koch, Max, Geſch. d.
D. Liter., 3. Afl. Bd. 1. 2.; Wolff, Friedr., Michael
Pacher, Bd. 1, Berl. 1909.
Außerdem die neueſten gebundenen Bände
wiſſenſchaftlicher Zeitſchriften.
Sämtlich, mit Ausnahme von Wolff, vom
27. Juni ab verleihbar.
In die Handbibliothek des Leſeſaales iſt
aufgenommen worden: Geographen=Kalender,
hs. v. Hermann Haack, 8: 1910.

Schlag auf Schlag. Noch einmal zuckt der Kleine mit der
Hand. Er möchte den Vater zum Stehenbleiben veran=
laſſen
. Ach, ſieh mal, Vater, was macht der Mann da?
Auch mich treibt es, dem Gärtner dort bei ſeiner hüb=
ſchen
Arbeit zuzuſchauen, wie er das Winterlaub von den
Beeten räumt, und dort ſchon allerlei farbige Frühlings=
boten
zum Vorſchein kommen. Wie ſollte es den kleinen
Mann nicht locken. Zeit genug hätte der Vater auch,
einen Augenblick dem kleinen Wißbegierigen eine Erklärung
zu geben und ihm die knoſpenden Blüten zu zeigen. Er
zieht ihn weiter. Hans, wieviel iſt 6 X 15? 9 X 1520
O, dieſer Vater, der das Beſte in ſeinem Kinde tötet!
Wenn Blicke Dolche wären, ſo wäre ſein Rücken längſt ein
Sieb. Für die Kinder der Armen werden Geſetze gemacht,
daß ſie durch Frühſtück= und Zeitungsaustragen vor der
Schule nicht an Leib und Seele müde gemacht werden dür=
fen
, weil ſie ſonſt unfähig ſind, dem Unterrichte zu folgen.
Aber ſolch geiſtiges Müdemachen durch einen gebildeten
Vater iſt geradezu Quälerei.

Vermiſchtes.
Wir wollen ſpazierengehen. Ja, die Liebe zur
Natur ſteckt unſerer Jugend im Herzen, und glücklich die
Kinder, denen durch Eltern und Schule recht oft die Mög=
lichkeit
wird, durch Wald und Feld, über Berg und Tal
zu wandern. Die Schulausflüge und Ferienkolonien ſind
ein Kapitel, das hierfür von ganz weittragender Bedeu=
tung
, iſt und was Marie Luiſe Bartz in der Welt der
Frau, dem Beiblatt zur Gartenlaube, über dieſe Ein=
richtungen
zu ſagen weiß, iſt uns aus dem Herzen geſchrie=
ben
. Sie kommt auch auf den Alt=Wandervogel den
Bund für Jugendwanderungen zu ſprechen, und deſſen Be=
ſtrebungen
kann man nur als gut bezeichnen. Wir möchten
hier nur eine kleine Skizze aus dem erwähnten Garten=
laube
=Aufſatz anfügen, die zeigt, wie es nicht gemacht wer=
den
ſoll. Die Verfaſſerin meint, daß manche Erwachſene
es nicht verſtünden, mit einem Kinde die Natur zu genie=
ßen
, denn ſie gehen ſelbſt mit verſchloſſenen Sinnen an den
Schöpfungswundern vorbei. Kaum glaublich, was man
in dieſem Punkt oft für Erfahrungen machen muß.
U. a. führt mich faſt jeden Morgen mein Weg mit einem
Vater und ſeinem Jungen zuſammen. Der Vater auf ſei=
nem
regelmäßigen Wege zum Bahnhofe, der kleine Sieben=
oder
Achtjährige zur Vorſchule des Gymnaſiums. Ein
herrlicher Frühlingsmorgen, und die Amſeln ſchmettern
freudig in den knoſpenden Bäumen! Aber dieſer Vater
rechnet rechnet jeden Morgen mit dem Kleinen gerade
auf dieſem Morgenſpaziergange, wahrſcheinlich der einzi=
gen
Viertelſtunde, die er friedlich mit ſeinem Kleinen im
Laufe des Tages zuſammen iſt. Vater, was ſingt da für
ein Vogel? fragt der Kleine aufmerkſam. Weiß nicht;
ſag mir lieber: wieviel iſt 7 X12 13? Der Kleine
beantwortet es gedrückt. 9X17 23? So geht es

C.K. Koſtbare Worte. Eine amüſante Kalkulation
hat der Direktor des Repertoire du Journal officiell‟
der franzöſiſchen Republik aufgeſtellt: er hat ausgerech=
net
, wie teuer die Steuerzahler die Reden der Parla=
mentarier
bezahlen. Das Ergebnis der mühſamen
Arbeit iſt die Erkenntnis, daß die franzöſiſche De=
putiertenkammer
im Jahre 1908 genau 608
Stunden und 45 Minuten getagt hat; durchſchnittlich
3 Stunden und 48 Minuten für die Sitzung, im ganzen
Jahre alſo täglich 1 Stunde und 39 Minuten. Dabei
ſind im Laufe des Jahres 413 Reden gehalten worden,
die im Journal officiell insgeſamt 549664 Zeilen
eingenommen haben. Die Demokraten haben genau
103 Stunden und 28 Minuten geſprochen, die Radikalen
81 Stunden 37 Minuten, die Radikal=Sozialiſten 120
Stunden 51 Minuten, die Sozialiſten 100 Stunden 33
Minuten, die Progreſſiſten 62 Stunden 5 Minuten, die
Nationaliſten 33 Stunden 1 Minute und die äußerſten
Rechtsparteien 42 Stunden 12 Minuten. Das ergibt,
daß die Redner der Linken durchſchnittlich 2 Stunden
15 Minuten geſprochen haben, während die Redner der
Rechten ſich mit 48 Minuten begnügten. Bei dem Jah=
resgehalt
von 15000 Franken, das jeder franzöſiſche
Abgeordnete bezieht, koſtet demnach dem Steuerzahler
jede Redeminute der Linksparteien 111 Fran=
Fen und jede Redeminute der rechten Parteien 312
Franken. Das iſt aber noch verhältnismäßig billig
im Vergleich mit dem Senat. Die Senatoren beziehen
die gleiche Gage, aber ſie halten ſeltener Sitzungen ab
und ſprechen auch weniger. Der Senat hat im gleichen
Jahre 265 Stunden 35 Minuten getagt, durchſchnittlich
3 Stunden 7 Minuten für die Sitzung oder 43 Minuten
im Tage. Jede Redeminute eines radikalen Senators
koſtet der Nation 455 Franken. Die Senatoren der
Progreſſiſtenpartei liefern ihre Rede billiger; ſie ſpre=
chen
häufiger und mehr, ſo daß der Steuerzahler bei
dem größeren Umſatz an Worten für die Minute nur
133 Franken zu bezahlen hat. Der Abgeordnete, der
im Jahre 1908 am meiſten geredet hat, war Cailleux, der
Verfechter der Einkommenſteuer; ſeine Reden nehmen
im Journal nicht weniger als 41699 Zeilen ein. An
zweiter Stelle ſteht Jaurés mit 16235 Zeilen, an drit=
ter
Barthou mit 15630 Zeilen, an vierter Briand mit
13720 Zeilen. Von den damaligen Miniſtern hat Cle=
menceau
in der Deputiertenkammer insgeſamt nur 6
Stunden 23 Minuten geredet und im Senat 3 Stunden

22 Minuten; er wird hierin von ſeinen Kollegen bei
weitem übertroffen. Der beſcheidenſte Parlamentsred=
ner
unter den Miniſtern iſt der Unterſtaatsſekretär der
ſchönen Künſte, Dujardin=Beaumetz, der 1908 in der
Kammer nur 28 Minuten und im Senat gar nur 1
Minuten geſprochen hat.
Die Entdeckung eines ſeltſamen Zwergvolkes
in Neu=Guinea, die einer von der britiſchen ornitho=
logiſchen
Geſellſchaft ausgeſandten Forſchungsexpedition
gelungen iſt, erregt in engliſchen Gelehrtenkreiſen das
größte Aufſehen. Nähere Einzelheiten, die nun gemeldet
werden, berichten, daß die Entdeckung dieſes eigenartigen
Zwerggeſchlechtes während der Beſteigung der großen
Schneeberge im Inneren von Holländiſch Neu=Guinea
gemacht wurde. In einer Höhe von etwa 2000 Fuß
ſtieß die Expedition auf einen Volksſtamm, deſſen An=
gehörige
eine Durchſchnittsgröße von nur 4 Fuß und
3 Zoll haben. Außer der Kleinheit der Geſtalten erregte
vor allem die außerordentliche Dunkelheit der Haut be=
ſonderes
Aufſehen. Die Hautfarbe erinnert an einen
mit Graphit friſch geſchwärzten Ofen. Seltſam iſt auch
die Naſenform dieſer Zwerge; die Naſe iſt auffällig
breit und dabei verhältnismäßig kurz; die Breite ent=
ſpricht
etwa der Höhe. Das Haar iſt gekräuſelt und
wächſt in merkwürdigen iſoliert ſtehenden Büſcheln.
Dies Pygmäenvolk von Neu=Guinea iſt körperlich ver=
hältnismäßig
gut entwickelt, der Körper iſt durchaus
proportioniert; nur die Arme ſind im Durchſchnitt länger
wie die der Europäer. Ihrer Lebensweiſe nach zählen
die Pygmäen zu den Nomaden; ſie ernähren ſich von
ihrer Geſchicklichkeit im Jagen und Fiſchen. Ihre Haupt=
waffe
iſt der Bogen; die Pfeile werden meiſt vergiftet,
gewöhnlich mit dem berühmten upas oder mit anderen
Pflanzengiften Unterſuchungen haben gezeigt, daß ſie
auch eine Art Strychnin beſitzen.
Beſonders intereſſant iſt eine merkwürdige Art
mechaniſcher Waffenkonſtruktionen, deren ſich die Pygmäen
zum Fallenſtellen und Jagen bedienen. Es handelt ſich
dabei um eine Art Bambusſpeer, der an einem ſtark
gekrümmten jungen Baum oder Aſt befeſtigt iſt. Die
Krümmung des Aſtes wird durch eine Art Hebel bewirkt,
der durch einen kleinen Ruck leicht zu löſen iſt. Im Graſe
wird eine dünne Leine geſpannt, die an einem Ende mit
dem Hebel in Verbindung iſt. Wer nun daherſchreitet
und über die unſichtbare Leine ſtolpert, löſt durch den
Ruck den Hebel, der gekrümmte Baum richtet ſich mit
Wucht auf und ſchleudert dabei den Speer auf das Tier
oder den Menſchen, der die Leine berührt hat. Dieſe
Vorrichtung dient gewöhnlich der Jagd: in Friedens=
zeiten
iſt die Falle auch durch beſondere Zeichen kenntlich
gemacht, gewöhnlich durch einen abgebrochenen Aſt. In
Kriegszeiten dagegen werden dieſe Zeichen entfernt. Die
Wunden, die durch dieſe automatiſch geſchleuderten
Speere verurſacht werden, ſind ſchwer und in den meiſten
Fällen tödlich. Trotz der Erfindung dieſer ſinnreichen
Einrichtung ſind die geiſtigen Fähigkeiten der Pygmäen
ſo gut wie gar nicht entwickelt. Keiner von ihnen war
z. B. imſtande, eine Zahlenvorſtellung aufzunehmen, die
über 3 hinausging. Das kleine Volk lebt ſorglos und
glücklich; haben die Pygmäen einmal Vertrauen gefaßt,
ſo zeigen ſie die größte Gaſtlichkeit.
Aber die Erfolge der britiſchen Expedition, die unter
der Leitung des bekannten engliſchen Naturforſchers und
Reiſenden Walter Goodfellow ſteht, ſind mit der Auf=
findung
dieſes merkwürdigen Zwergvolkes nicht erſchöpft.
Die Forſcher ſind auf Spuren jenes geheimnisvollen
Rieſentieres geſtoßen, deſſen Exiſtenz in Neu=
Guinea vor kurzem von einem anderen engliſchen
Forſcher, Mr. C. A. W. Monckton, berichtet wurde. Nach
den Ausſagen der Eingeborenen hat dies rätſelhafte
Tier eine Naſe, die in ihrer Form etwa der Naſe des
Tapirs entſpricht, und ein Geſicht wie der Teufel. Als
Monckton im Weſten von Britiſch Neu=Guinea den
Albert Eduard=Berg beſtieg, fand er die rieſigen Fuß=
ſpuren
dieſes Tieres, das offenbar kurz vorher auf dem
Berge in einer Höhe von 12500 Fuß gegraſt hatte. Alle
Verſuche, ein Exemplar dieſes Tieres, das nach den
Spuren zweiteilig geſpaltene Hufe hat, zu fangen, ſind
bisher geſcheitert. Ob die jetzige Expedition darin glück=
licher
iſt, ſteht noch nicht feſt, da neuere Berichte noch
nicht eingetroffen ſind. Goodfellow hat mit einer Reihe
von Gelehrten und Naturforſchern am 20. November
von Singapore über Batavia ſeine Fahrt nach Neu=
Guinea angetreten, ſodaß er heute etwa ein halbes Jahr
in dieſem von der Wiſſenſchaft bisher ſo wenig durch=
forſchten
Land weilt.

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