Darmstädter Tagblatt 1910


30. Mai 1910

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173. Jahrgang
verbunden mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage:
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123.

Montag, den 30. Mai.

1910.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.

Zum Beſuche des belgiſchen Königspaares.
Es iſt auf das Beiſpiel des deutſchen Kaiſers Wil=
helm
II. zurückzuführen, daß die Monarchen Euro=
ſpas
bald nach ihrer Thronbeſteigung, wenn die erſte Zeit
der tiefſten Trauer vorüber iſt, eine Rundfahrt zu befreun=
deten
Höfen zu unternehmen pflegen. Fünf Monate ſind
vergangen, ſeitdem König Leopold II. der Belgier die
Augen ſchloß und ſein Neffe, Prinz Albert, die Krone von
ihm erbte. Und jetzt wird König Albert der Bel=
gier
, begleitet von ſeiner Gemahlin, der Königin
Eliſabeth, dem Hofe des deutſchen Kaiſers den erſten
Beſuch in ſeiner neuen königlichen Würde abſtatten. Er
trifft heute Montag, den 30. Mai, mit der Königin auf der
Station Wildpark ein, und beide werden während einiger
Tage die Gäſte des deutſchen Kaiſerpaares im Neuen Pa=
lais
zu Potsdam ſein.
Der Bedeutung dieſes Beſuches entſpricht es, daß er
den Charakter einer offiziellen Staatsviſite trägt. Der
König und die Königin der Belgier werden daher von
einem großen Gefolge begleitet ſein und mit allen ihnen
gebührenden Ehren feierlichſt empfangen werden. Es wird
eine Galatafel ſtattfinden und höchſt wahrſcheinlich werden
dabei Trinkſprüche zwiſchen den Monarchen gewechſelt wer=
den
, in denen das gute Verhältnis, das zwiſchen Deutſch=
land
und Belgien herrſcht, betont werden wird. Solange
das Deutſche Reich beſteht, hat es niemals politiſche Dif=
ferenzen
von irgend welcher Tragweite zwiſchen ihm und
Belgien gegeben. Es fehlt zwiſchen den beiden ſo un=
gleich
großen Ländern, wie die Diplomaten zu ſagen pfle=
gen
, faſt ganz an Reibungsflächen. Und in wirtſchaft=
licher
Hinſicht haben die deutſch=belgiſchen Beziehungen
ſich von Jahr zu Jahr außerordentlich gebeſſert. Nimmt
doch Deutſchland ſeit 1909 in der Ein= und Ausfuhr=
ſtatiſtik
Belgiens den erſten Platz vor allen anderen Natio=
nen
ein. Es hat in dieſer Hinſicht ſowohl Frankreich wie
England aus dem Felde geſchlagen. Der ungeheuere
Aufſchwung der deutſchen Induſtrie in den letzten Jahr=
zehnten
iſt auch dem betriebſamen und unternehmenden
Belgien zugute gekommen. Es iſt kein Zufall, daß die
deutſche Abteilung auf der Brüſſeler Weltausſtellung 1910,
die durch ihre impoſante Maſchinenhalle dieſen Aufſchwung
ſehr eindringlich veranſchaulicht, nach dem Urteile aller
Fachleute, wie auch des Königs Albert ſelbſt, die Abtei=
lungen
der übrigen Länder bei weitem übertrifft und die
ſtärkſte Anziehungskraft auf die Beſucher der Ausſtellung
ausübt.
Der König Albert kommt nicht zum erſten Male
nach Deutſchland. Am 8. April 1875 als viertes und
jüngſtes Kind des Prinzen Philipp von Belgien, Grafen
von Flandern, geboren und aufs ſorgfältigſte erzogen,
wurde er von ſeinem Oheim, dem König Leopold II., ſchon
vethältnismäßig früh dazu verwendet, den Brüſſeler Hof
im Auslande bei Anläſſen von beſonderer Wichtigkeit zu
vertreten. So erſchien er im Jahre 1896 als Gaſt des
deutſchen Kaiſers zu den großen Kaiſermanövern, die in
Schleſien ſtattfanden. Damals wurde er à la suite des
2. Hannoverſchen Dragoner=Regiments Nr. 16 in Lüne=
burg
geſtellt, deſſen Chef er ſeit dem Tode ſeines Oheims
iſt. König Albert iſt dem Kaiſer Wilhelm II. auf doppelte
Art blut= und ſtammverwandt. Er iſt von väterlicher
Seite her ein Koburger, alſo aus dem gleichen Hauſe wie
die Mutter des Kaiſers, und ſeine Mutter iſt eine Prin=
zeſſin
von Hohenzollern. Die Königin Eliſabeth iſt dem
Kaiſer und ſeiner Familie ſeit ihrer Kindheit vertraut. Sie
iſt eine Tochter des erſt vor wenigen Monaten verſtorbe=
nen
Herzogs Karl Theodor in Bayern, der ſein Leben
und ſeine Kräfte auf ſo hochherzige Weiſe in den Dienſt
der leidenden Menſchheit geſtellt hatte und deſſen ärztliche
Hilfe der Kaiſer in Anſpruch nahm, als ihm vor einigen
Jahren auf der Nordlandsfahrt durch einen Zufall ein
Auge verletzt wurde.
Schon als Thronfolger, namentlich, ſeitdem er den ihm
verfaſſungsgemäß gebührenden Sitz im belgiſchen Senate
eingenommen hatte, zeigte der jetzige König Albert, daß
ſeine politiſche Anſchauungsweiſe in vielen Punkten von
der ſeines Vorgängers und Oheims abwich. Er galt als
Prinz nicht für einen Anhänger der klerikalen Richtung,
die in der belgiſchen inneren Politik ſeit 1884 maßgebend
iſt. Er machte auch kein Hehl aus dem Unbehagen,
das ihm die Zuſtände am Kongo, beſonders die unwür=
dige
Behandlung der Eingeborenen, verurſachten. Im
vorigen Sommer unternahm er ſelbſt eine Reiſe nach dem

Kongoſtaate, wo man ſich freilich bemüht haben mag, ihm
alles im günſtigſten Lichte zu zeigen.
Man darf den König Albert im beſten Sinne des
Wortes einen modernen Monarchen nennen. Allen Dingen
der Technik, Induſtrie und Landwirtſchaft bringt er die
regſte Aufmerkſamkeit entgegen und für die Bedürfniſſe
der arbeitenden Klaſſe hat er ein tiefes Verſtändnis. Einen
politiſchen Syſtemwechſel konnte ſein Regierungsantritt
aber weder nach innen noch nach außen bedeuten. Der
König hält ſich ſtreng und gewiſſenhaft innerhalb der
Grenzen der belgiſchen Verfaſſung, die ja nach der Anſicht
der hervorragendſten Staatsrechtslehrer das Muſter einer
Verfaſſung iſt und in der Tat einer Reihe von neugegrün=
deten
Staatsweſen als ſolches gedient hat. Belgien iſt
ein parlamentariſch regiertes Reich. Der Souverän iſt
darauf angewieſen, ſeine oberſten Ratgeber der Partei zu
entnehmen, die jeweils im Parlament die Mehrheit beſitzt.
Die letzten belgiſchen Wahlen haben erſt vor einigen Tagen
das parlamentariſche Uebergewicht der Klerikalen von
neuem befeſtigt, und mag König Albert auch wirklich mit
ſeinem Herzen nicht ganz bei dieſer Regierungspartei ſein,
ſo wird er, als pflichttreuer konſtitutioneller Herrſcher, ohne
Zweifel doch mit ihr auszukommen wiſſen.
Als eine gute Einleitung des Beſuches des belgiſchen
Königspaares am Hofe des deutſchen Kaiſers kann man
den Abſchluß der Verhandlungen anſehen, die in Brüſſel
zwiſchen Deutſchland, Belgien und England über gewiſſe
Fragen der Grenzregulierung am Kongo geführt wurden.
Dieſer Abſchluß iſt vor ganz kurzem, wie man weiß, auf
eine Weiſe erfolgt, durch die die Intereſſen jeder der drei
Mächte berückſichtigt und befriedigt worden ſind.

Das Scheitern der preußiſchen Wahlrechtsvorlage
wird von den Blättern natürlich eingehend kommentiert,
und es zeigt ſich, daß eigentlich alle damit zufrieden ſind,
die einen, weil alles beim alten bleibt, die andern, weil
ſie überzeugt ſind, daß etwas Beſſers kommen muß.
Die Kölniſche Zeitung ſchreibt: Mit einem Gefühl
der Erleichterung wird man heute in ganz Deutſchland
die Nachricht vernehmen, daß die ſogenannte Wahlreform,
die ein Jahr lang wie ein Alp auf uns gelaſtet hat, ſelig
oder unſelig verſchieden iſt. So dringend not uns eine
Wahlreſorm auch tat, ſo ungerecht und ſchlecht das preu=
ßiſche
Wahlrecht auch iſt, Leidtragende ſind heute kaum
vorhanden. Ob die eigentlichen Väter des Geſetzes ihm
nachtrauern, wiſſen wir nicht, aber außer ihnen hat ſich
niemand für dieſes Geſetz begeiſtert, das in ſeinen verſchie=
denen
Wandlungen zwar das Ausſehen änderte, aber in
allen Stadien einen wenig erfreulichen Charakter behielt.
Eine große und wichtige Frage war hier unter der Ein=
wirkung
kleiner parteitaktiſcher Bedenken in kleinlicher
Baſtelarbeit behandelt worden, niemandem zur Freude
und niemandem zu Dank. Das Geſetz war eine Flick=
arbeit
, und man hat freilich im Miniſterium des Innern,
wo dieſe Vorlage konfektioniert wurde, auch gar nichts an=
deres
liefern wollen, um nur ja nichts zu tun, was die
geliebten Konſervativen hätte kränken können. Man ſah
es der Vorlage und ihrer ſaloppen Begründung an, daß
ſie ohne Luſt und Liebe gemacht war; offenbar hält man
im Miniſterium des Innern den gegenwärtigen Zuſtand
für ſo gut, daß man dort eigentlich nicht recht begreift,
weshalb eine höhere Inſtanz eine Aenderung verlangte.
So war das Geſetz von Anfang an verfehlt und auch,
wenn geſchicktere Aerzte an ihm herumgedoktert hätten,
wäre, wenn man ſich nicht zu einer radikalen Umgeſtaltung
entſchloſſen hätte, doch nichts wirklich Erſprießliches aus
dieſer Vorlage herausgekommen . . . . Einſtweilen haben die
Konſervativen das durchgeſetzt, was ihnen am meiſten am
Herzen lag: ſie haben jede Wahlreform verhindert, und
ſie hoffen wohl auch, daß ſie unſern leitenden Staatsmän=
nern
die Luſt, au preußiſchen Wahlrecht zu ändern und
die Verſprechungen der Thronrede einzulöſen, gründlich
verleidet haben. Ob ſie darum recht behalten werden,
bleibe einſtweilen dahingeſtellt. Wie aber auch der Reichs=
kanzler
und die Regierung über eine neue Wahlrechts=
reform
denken mögen: kommen wird ſie, und dann werden
die Konſervativen vielleicht bedauern, daß ſie jetzt eine
Reform vereitelt haben, bei der ſie noch recht gut weg=
gekommen
wären.
Die Germania ſagt: Herr v. Bethmann Holl=
weg
hat keinen Anlaß, deshalb zurückzutreten, weil das
Wahlrechtserbteil des Fürſten Bilow zum Bankrott ge=
langt
iſt. Er ſelbſt wird aber daraus lernen, daß die
Wahlrechtsbewegung nicht zur Ruhe kommen wird, daß
die zukünftige Wahlrechtsreform nicht mehr einen pluto=
kratiſchen
Charakter zeigen wird. Die Kreuz=
zeitung
bringt eine Auslaſſung der konſervativen Par=
teikorreſpondenz
, in welcher es heißt, der wechſelvolle Gang
dieſer Wahlrechtsverhandlungen habe ſo recht deutlich
gezeigt, wie weiſe und wohldurchdacht die bisherigen
Wahlgeſetzbeſtimmungen ſind, und wie ſchwer es iſt, ſie
durch etwas Beſſeres zu erſetzen. (!) Die Korreſpondenz
glaubt, daß endlich in den beſonnenen Kreiſen der Bevöl=
kerung
wieder eine Beruhigung eintrete, und ſie äußert
die Ueberzeugung, daß dies bis weit in die liberalen Kreiſe
hinein gekte. Die freikonſerpaiive Poſt bedauert,

daß eine Verſtändigung auf der Grundlage der Herren=
hausbeſchlüſſe
nicht zuſtande gekommen iſt. Dadurch werde
der Riß zwiſchen den früheren Blockparteien nur noch ver=
tieft
und die Konſervativen würden nur noch in eine engere
Verbindung mit dem Zentrum und die Nationalliberalen
mehr nach links gedrängt. Der Tertius gaudens ſei die
Sozialdemokratie. In der Täglichen Rund=
ſchau
lieſt man: In der wüſten Symphonie von wider=
ſtrebenden
Empfindungen und Ueberlegungen, die beim
Ueberſchauen dieſes ganzen Froſchmäuſekrieges um die
Wahlreform ſich aufdrängen, bleibt ſchließlich das eine
Dominante: das Gefühl der Erlöſung, die Erlöſung von
dieſem unſchönen Gezänk. Die Heuchelei, womit man bis
zur Verfechtung nackter Parteiintereſſen alle Tage zweimal
die Würde höchſter Selbſtloſigkeit und die Ehre einer
Vaterlandsrettung in Anſpruch nahm, ſei gottlob nun vor=
bei
. Entgegengeſetzt äußert ſich die Voſſiſche Zei=
tung
, ſie ſchreibt: Das Schickſal der Wahlrechtsvorlage
wird den in hohem Maße angeſammelten Groll ſteigern,
der ſich bei den nächſten allgemeinen Wahlen entladen und
das Wort des Fürſten Bülow grell beleuchten wird: Bei
Philippi ſehen wir uns wieder!: Eine vernünftige Wahl=
reform
hätte die rote Flut eindämmen können. Bei der
Schwäche und Energieloſigkeit der Regierung und dem
Hochmut des ſchwarzblauen Blocks wird ſie ſchwellen und
ſteigen. Die Wahlvorlage iſt tot, der Kampf für eine
beſſere Wahlreform hat begonnen. Die Freiſinnige
Zeitung ſchreibt: Dank der Energieloſigkeit der Regie=
rung
iſt es nicht einmal gelungen, die kleinſte Novelle zu
einem herrſchenden Wahlgeſetz durchzubringen. Allen
Freunden einer ernſthaften Reform kann das nur erwünſcht
ſein, und wenn es vielleicht möglich geweſen wäre, durch
Gewährung einer Abſchlagszahlung eine vorübergehende
Beruhigung eintreten zu laſſen, wird jetzt mit deſto grö=
ßerem
Nachdruck das gefordert werden, was das alleinige
Ziel der Wahlrechtsagitation ſein kann: Uebertragung des
Reichstagswahlrechts auf Preußen. Ihr ſtimmt die
Frankfurter Zeitung bei, welche ſagt: So iſt die
ſogenannte Wahlreform an ihrer Unzulänglichkeit und dem
mangelnden guten Willen der Konſervativen und des
Zentrums geſcheitert. Jetzt fragt es ſich nur, ob die Regie=
rung
bereit ſein wird, den geſcheiterten Verſuch in beſſerer
Weiſe wiederaufzunehmen. So viel iſt klar geworden, daß
nur eine Wahlreform Ausſicht auf Erfolg hat, die den
Volkswünſchen Rechnung trägt und wenigſtens im allge=
meinen
der Forderung des gleichen und freien Wahlrechts
entſpricht. Eine ehrliche, wirklich fortſchrittliche Wahl=
reform
wird einen ſo ſtarken Rückhalt im Volke haben, daß
der Widerſtand der reaktionären Parteien mit Leichtigkeit
zu brechen wäre. Fehlt der Entſchluß dazu bei der Regie=
rung
, ſo wird um ſo ſtärker aus dem Volke ſelbſt die
Reformbewegung ſich geltend machen. Der ſozialdemo=
kratiſche
Vorwärts triumphiert, daß das Hindernis
auf dem Wege der Wählrechtskämpfer fortgeräumt ſei.
Eine neue Wahlreform käme, ſie müſſe kommen. Wie ſie
geſtaltet werde, hänge nicht von dem Willen der Herr=
ſchenden
ab, das hänge von der Macht ab, die das Volk
ſelbſt hinter ſein Recht zu ſetzen gewillt ſei.
Deutſches Reich.
Die Kommiſſion des Reichstags zur
Vorberatung des Entwurfes einer Reichs=
verſicherungsordnung
begann, wie ſchon gemel=
det
, am Freitag ihre Beratungen, nachdem zunächſt an
Stelle des ausgeſchiedenen Abgeordneten Dr. Hieber der
Abgeordnete Haußmann zum Stellvertreter des Vorſitzen=
den
gewählt war. Eine Generaldebatte über den Regie=
rungsentwurf
fand nicht ſtatt; es wurde eine zwei=
malige
Leſung des Entwurfes in der Kommiſ=
ſion
in Auſicht genommen.
Die Beratungen begannn mit dem erſten Buche des
Entwurfes, in dem die Gemeinſamen Vorſchriften zu=
ſammengefaßt
ſind. In der erſten Sitzung wurden die
erſten beiden Abſchnitte dieſes Buches erledigt. Der zweite
Abſchnitt über die Träger der Reichsverſicherung wurde
in einigen Punkten gegenüber dem Regierungsentwurf ge=
ändert
. Zunächſt wurde in Anlehnung an die Beſtim=
mungen
des Entwurfes über die Wahlen zu den Organen
der Krankenkaſſen allgemein für die Wahlen zu den Or=
ganen
der Verſicherungsträger die Verhältniswahl durch
den folgenden § 14a vorgeſchrieben: Die Vertreter der
Arbeitgeber und der Verſicherten werden nach den Grund=
ſätzen
der Verhältniswahl gewählt. Um einen unlieb=
ſamen
Zwang der Arbeitnehmer zur Uebernahme der
ehrenamtlichen Tätigkeit in den Organen der Verſiche=
rungsträger
auszuſchließen, wurde § 16 des Entwurfes,
der eine Ablehnung der Wahl zu dieſen Organen allgemein
und aus beſtimmten Gründen zuließ, mit Beſchränkung auf
die Arbeitgeber angenommen. Der Vorſchrift über die
Strafbefugnis, die dem Vorſitzenden des Vorſtandes eines
Verſicherungsträgers gegenüber den Vorſtandsmitgliedern
zuſteht (§ 17 Abf. 2), wurde ſolgende Faſſung gegeben:
Der Vorſitzende kann gegen ein Mitglied des Vorſtandes,
das ſich der Erfüllung ſeiner Pflichten entzieht, eine Geld=
ſtrafe
bis zu 50 Mark und im Wiederholungsfalle eine
Geldſtrafe bis zu 300 Mark, wenn es ſich jedoch um eine
Krankenkaſſe handelt, nur bis zu 100 Mark verhängen.
Er hat die Strafe zurückzunehmen, wenn nachträglich eine
genügende Entſchuldigung nachgewieſen wird. Uieber die
Vergütung, die den zur ehrenamtlichen Tätigkeit in den
Organen der Verſicherungsträger Gewählten zu gewähren
iſt. beſtimmt § 18 Abſ. 2 in der Faſſung der Kommiſſion:
Der Verſicherungstreger hat ihnen ihre baren Auslngen

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Seite 2:

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 30. Mai 1910.

Nummer 123.

zu erſtatten und den Vertretern der Verſicherten Erſatz für
entgangenen Arbeitsverdienſt zu gewähren. Außerdem

kann die Satzung einen Pauſchbetrag für Zeitverluſt dem
Gewählten zubilligen. Eine neue Vorſchrift über die
Steuerfreiheit der Verſicherungsträger wurde in folgendem
§ 22a angenommen: Die Einnahmen und das Vermögen
der Verſicherungsträger, insbeſondere die ihnen gehörigen,
der Erfüllung der ihnen obliegenden Pflichten dienenden
Gebäude und Grundſtücke, wie Invaliden=, Waiſen=, Kran=
kenhäuſer
, Erholungsheime und dergleichen, ſind von ſtaat=
licher
und kommunaler Einkommenſteuer, ſowie von der
Steuer vom Grundbeſitz befreit. Die Verjährung der
Anſprüche der Verſicherten betrifft ein neuer § 26a: Der
Anſpruch auf feſtgeſtellte Leiſtungen der Verſicherungs=
träger
verjährt in vier Jahren nach der Fälligkeit. In
§ 29 des Enwurfes wurde das Recht der Aufſichtsbehörde,
die Verhandlungen der Organe der Verſicherungsträger zu
leiten, auf den Fall beſchränkt, daß die Anberaumung der
Sitzung durch die Aufſichtsbehörde erfolgt iſt.
Die Beratungen der Kommiſſionen werden einſtweilen
täglich fortgeſetzt, zunächſt bei dem dritten Abſchnitt des
erſten Buches, der von den Verſicherungsbehörden handelt
und bekanntlich die Schaffung beſonderer Verſicherungs=
ämter
vorſieht.
Im Reichstagsgebäude begannen am Freitag nach=
mittag
die vom Reichsamt des Innern neuerdings einge=
leiteten
Einigungsverhandlungen im Bau=
gewerbe
. Die Verhandlungen wurden von drei Un=
parteiiſchen
: Geh. Regierungsrat Dr. Wiedfeldt vom
Reichsamt des Innern, Oberbürgermeiſter Beutler=
Dresden und Gerichtsdirektor Dr. Prenner=München, gelei=
tet
. Von ſeiten der Arbeitgeber waren 10 Vertreter, von
ſeiten der Arbeitnehmer 24 Vertreter anweſend. Geheim=
rat
Wiedfeldt eröffnete die Verſammlung mit einer Begrü=
ßung
der Vertreter und Darlegung der Gründe, welche das
Reichsamt des Innern zu dem neuerlichen Eingreifen ver=
anlaßten
. Zugleich konſtatierten die Unparteiiſchen auf
Wunſch der Parteien, daß ihre bisher unternommenen
Schritte von keiner der in Betracht kommenden Organi=
ſationen
veranlaßt worden ſeien. Die Verhandlungen
über die ſachlichen Streitpunkte des Vertragsſchemas
geſtalten ſich äußerſt ſchwierig. Beide Parteien halten
unbedingt an ihren Auffaſſungen feſt. Unter dieſen Um=
ſtänden
ſind die Ausſichten auf eine friedliche Bei=
legung
zurzeit ziemlich gering. Ein Teil der aus=
geſperrten
Bauhandwerker und Bauarbeiter
Kiels hat verſucht, die Bautätigkeit wieder aufzunehmen.
Die Organiſierten haben ſich Baumaterialien aller Art
kommen laſſen und einen eigenen Lagerplatz zur Unter=
bringung
von Steinen, Zement, Holz uſw. gemietet. An
der Spitze dieſes Unternehmens ſteht der frühere ſozial=
demokratiſche
Stadtverordnete Maurer Brodthuhn. Die
Veranſtalter bieten jedem Bauluſtigen Arbeitskräfte und
Material an. Es bleibt abzuwarten, ob dieſes Verfahren
einen größeren Einfluß auf die Bautätigkeit haben wird.
Die Blätter melden aus Berlin: Es wird ange=
nommen
, daß das preußiſche Abgeordneten=
haus
nunmehr in etwa 10 bis 14 Tagen in die Ferien
geht.

Ausland.

In der franzöſiſchen Kammer war in den letzten
Tagen die Rede davon, daß der alte Präſident
Briſſon nicht mehr wiedergewählt werden
ſollte. Briſſon hat ſich durch ſein Eintreten für die Erhöh=
ung
der Deputiertenentſchädigung mißliebig gemacht; auch
ſchien er nicht ganz vom Nutzen der Verhältniswahlen
überzeugt zu ſein, für die ihre Anhänger ſchon vor dem
Kammerbeginn gewaltig zu agitieren angefangen hatten,
um dieſe wichtigſte aller Reformen gleich zu Anfang auf
das Programm der Verhandlungen zu ſetzen. Gegen
Briſſon ſind zwei Kandidaten aufgeſtellt, und zwar Del=
caſſé
und Deschanel. Beide Herren haben aber erklärt,
die Kandidatur nicht annehmen zu wollen.
Gegenüber den in den letzten Tagen verbreiteten
Meldungen, daß durch verſchiedene geiſtliche oder welt=
liche
Mittelsperſonen Verſöhnungsverhandlun=
gen
zwiſchen dem Vatikan und der franzöſiſchen Regie=
rung
angebahnt worden ſeien, erklärt der Siscle, er ſei
von berufenſter Seite ermächtigt, feſtzuſtellen, daß dieſe
Gerüchte durchaus unbegründet ſeien. Miniſterpräſident
Briand habe wiederholt erklärt, daß das Trennungsgeſetz
die Beziehungen zwiſchen Kirche und Staat geregelt habe

Die Regiekunſt der Oberammergauer.

** Die lange Tradition der Paſſionsſpiele
in Oberammergau, die in dieſen Tagen wieder
aus aller Welt Gegenden zahlloſe Beſucher in das ſonſt
ſo ſtille Dorf führen, hat auch die Darſtellungskunſt der
Mitwirkenden zu ahnſehnlicher Höhe entfaltet und ſie
die Mittel und Wege finden laſſen, die bedeutenden
ſzeniſchen Schwierigkeiten zu überwinden, die gerade
die Wiedergabe des Leidens und Sterbens des Heilan=
des
auf der Bühne bieten muß. Die ſchwerſte Aufgabe
auch in rein techniſcher Beziehung iſt natürlich die
Chriſtusrolle; welche mannigfachen Probleme ſie
der Regie bietet, und welche Anforderungen ſie an
ihren Darſteller ſtellt, davon erzählt Georg Queri in
einem kleinen Büchlein, das er ſoeben unter dem Titel
Der Chriſtus=Lang bei der Verlagsgeſellſchaft
München hat erſcheinen laſſen, eine Reihe intereſſanter
Einzelheiten. Zunächſt macht ſchon der lange bibliſche
Rock, der unterhalb des Knöchels abſchließt, dem dieſes
Kleidungsſtückes ungewohnten Darſteller der Chriſtus=
rolle
arbebliche Schwierigkeiten, beſonders beim An=

ſteigen am Oelberg, beim Treppengehen in der Pila=
tusſzene
und in der Szene des niederſteigenden Ecce
homo‟ Das Geſicht wendet ſich verklärt nach oben, die
Füße taſten die tückiſche Treppe, und das Publikum
darf aus dem Antlitz die körperliche Anſtrengung nicht
erſehen.
Bei der Kreuzausführung verlangen die lang=
jährigen
Erfahrungen eine gelinde Täuſchung des
Publikums. Das maſſive Holzkreuz der Richtungs=
ſzene
, das fünfeinhalb Meter lang=iſt=und deſſen Quer=

und daß daran nichts geändert werde. Bei dieſer Erklä=
rung
bleibe er.
Der finniſche Landtag nahm den von der Grund=
geſetzkommiſſion
redigierten Text des Bittgeſuchs um
Wahrung der Grundgeſetze Finnlands und Aufhebung
oder Abänderung der in den letzten Jahren im Wider=
ſpruche
mit den Grundgeſetzen getroffenen Maßnahmen
an; ferner das Bittgeſuch, das Lotſenamt nicht dem
Marineminiſterium unterzuordnen.
Der türkiſche Miniſter des Aeußern Rifaat=
Paſcha hatte mit dem Miniſter des Auswärtigen
Pichon eine längere Beſprechung über den franzö=
ſiſch
=engliſchen Vorſchlag betreffend Kreta.
Einem Mitarbeiter des Petit Pariſien erklärte Rifaat=
Paſcha, daß die Pforte eine endgültige Löſung wünſche,
die ſich dahin kennzeichnen laſſe: Souveränität des türki=
ſchen
Reiches, Autonomie Kretas. Die Türkei lehne den
franzöſiſch=engliſchen Vorſchlag nicht vorweg ab; dieſer
biete immerhin eine gütliche Löſung. Wie das Reuterſche
Bureau erfährt, hat ſich Italien mit den Vorſchlägen
einverſtanden erklärt, die vor kurzem von den Miniſtern
Grey und Pichon bezüglich der Kretafrage formuliert
worden ſind und die beſonders die in der letzten türkiſchen
Note enthaltenen Beſchwerden betreffen. Dem Vernehmen
nach zielt die Tätigkeit der Schutzmächte für den
Augenblick in der Hauptſache darauf ab, ein neues Regle=
ment
zu treffen, durch welches es den mohammedaniſchen
Deputierten ermöglicht werden ſoll, der kretiſchen Natio=
nalverſammlung
unbehindert anzugehören. Weiter wird
angeſtrebt, den Zuſtand, wie er bis zum Jahre 1908 be=
ſtanden
hat, wieder herzuſtellen und Zaimis wieder als
Oberkommiſſar einzuſetzen.
Der Senat der Vereinigten Staaten hat ein von La=
follette
eingebrachtes Amendement zur Eiſenbahnvor=
lage
angenommen, das die Telegraphen= und Telephon=
geſellſchaften
, ausgenommen die für drahtloſen Verkehr,
unter das Geſetz für den zwiſchenſtaatlichen Handel ſtellt.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 30. Mai.
* Vom Hofe. Ihre Königl. Hoheit die Groß=
herzogin
empfingen am Freitag mittag 12 Uhr im
Neuen Palais den Oberbürgermeiſter Köhler aus
Worms und um 12¼ Uhr Frau Lilli Wolfskehl.
Burggraf zu Dohna=Schlobitten und Gemahlin
ſind abends 10 Uhr 26 Min. wieder von hier abgereiſt.
Die Großherzogliche Hofhaltung wurde am
Samstag vormittag nach Jagdſchloß Wolfsgarten ver=
legt
. (Darmſt. Ztg.)
Empfänge. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
empfingen am Samstag den Hauptmann
Kortegarn vom Kriegsminiſterium, Berlin, den Ritt=
meiſter
a. D. Lungershauſen, den Oberleutnant Dycker=
hoff
, den Leutnant Piſtor, den Leutnant Audrege, den
Leutnant Dyckerhoff, den Leutnant Wrede, letztere fünf
von der Reſerve des Garde=Dragoner=Regiments (1. Großh.
Heſſ.) Nr. 23, den Generaldirektor des Hoftheaters und
der Hofmuſik Geh. Hofrat Werner, den Hoftheater=
kapellmeiſter
Hofrat de Haan, den Hofrezitator Knispel,
den Oberregiſſeur Valdek, den Kammerſänger Riech=
mann
, den Kammerſänger Weber vom Großh. Hof=
heater
, den Oberförſter Eckſtein von Wahlen, den Ober=
lehrer
Zimmermann von Schotten, den Hofdentiſt Bauer,
den Kaufmann Lyncker, den Baurat Reh, den Wacht=
meiſter
i. P. Mohr, den Hauptlehrer an der Landes=
baugewerkſchule
Bachim den Legationsſekretär van
der Hoeven, den Regierungsrat Langermann; zum
Vortrag: den Miniſter Ewald, den Finanzminiſter Braun,
den Miniſter des Innern von Hombergk zu Vach, den
Vorſtand des Kabinetts Geh. Rat Römheld, den
Regierungsrat Dr. Kranzbühler.
Ernennungen. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
haben den Amtsrichter bei dem Amtsgericht
Beerfelden Philipp Bechtold zum Staatsanwalt am
Landgericht der Provinz Rheinheſſen, den Amtsrichter
bei dem Amtsgericht Oſthofen Johannes Schäfer zum
Amtsrichter bei dem Amtsgericht Worms, den Gerichts=
aſſeſſor
Dr. Max May aus Worms zum Amtsrichter
bei dem Amtsgericht Oſthofen, den Gerichtsaſſeſſor
Ludwig Stenz aus Mainz zum Amtsrichter bei dem
Amtsgericht Beerfelden und den Notar mit dem Amtsſitz
in Alzey Friedrich Karl Bohn zum Notar mit dem
Amtsſitz in Oppenheim ernannt.
Ordensverleihung. Se. Königl. Hoheit der
Großherzog haben dem Feldgeſchworenen Heinrich
Schaller IV. zu Nieder=Modau das Allgemeine Ehren=
zeichen
mit der Inſchrift Für langjährige treue Dienſte‟
verliehen.
Das Großh. Regierungsblatt, Beilage Nr. 17,
enthält: 1. Bekanntmachung, die für das Rechnungsjahr

1910 zur Beſtreitung der Kommunalbedürfniſſe der iſ
raelitiſchen Religionsgemeinde Mainz zu erhebende Um
lage betreffend. 2. Uebarſicht der von Großh. Miniſteriun
des Innern für das Rechnungsjahr 1910 genehmigter
Umlagen zur Beſtreitung der Kommunalbedürfniſſe de=
Gemeinde Lampertheim. 3. Ueberſicht über die vor
Großh. Miniſterium des Innern genehmigten Umlagen
zur Beſtreitung der Kommunalbedürfniſſe in der Ge
meinde Michelſtadt, Kreis Erbach, für 1910. 4. Ueberſich
der von Großh. Miniſterium des Innern für das Etats
jahr 1910 genehmigten Umlagen zur Beſtreitung de
Kommunalbedürfniſſe der Gemeinden Heppenheim uni
Viernheim. 5. Ueberſicht der von Großh. Miniſteriun
des Innern für das Rechnungsjahr 1910 genehmigten
Umlagen zur Beſtreitung der Kommunalbedürfniſſe it
der Stadt Offenbach. 6. Ueberſicht über die mit Ge=
nehmigung
Großh. Miniſteriums des Innern zur Be
ſtreitung der Kommunalbedürfnſſe in den iſraelitiſcher
Religionsgemeinden des Kreiſes Gießen im Rechnungs
jahre 1910 zur Erhebung kommenden Umlagen. 7. Or
densverleihungen. 8. Ermächtigung zur Annahme und
zum Tragen fremder Orden. 9. Namensveränderung
10. Dienſtnachrichten.
* Militärdienſtnachrichten. Zum II. Infor
mationskurſus vom 30. Mai bis 8. Juni 1910 bei de
Infanterie=Schießſchule kommandiert: die Majore Lübb
vom Inf.=Regt. Nr. 118 (gleichzeitig zum II. Maſchinen=
gewehr
=Kurſus vom 26. bis 29. Mai 1910 kommandiert.
v. Weſternhagen vom Leib=Garde=Regt. Nr. 115.
* Dementi. Die Darmſt. Ztg. dementiert noch
mals die Phantaſiemeldungen über den bevorſtehende
Beſuch des Zarenpaares in Darmſtadt ir
Sommer dieſes Jahres. Es geſchieht wohl nu
deshalb, weil neuerdings mit dieſen Meldungen, ur
ſie glaubhafter erſcheinen zu laſſen, auch Aenderunge
in den Reiſeplänen der Großherzoglichen Herrſchafte
in Beziehung gebracht worden ſind. Das Demen=
lautet
: Entgegen den Nachrichten in der Preſſe vo
dem Beſuche Ihrer Majeſtäten des Kaiſers und de
Kaiſerin von Rußland im Sommer wird uns vo
maßgebender Seite mitgeteilt, daß den Großherzog
lichen Herrſchaften der erhoffte Beſuch in dieſem Jahr
bis jetzt nicht in Ausſicht geſtellt iſt. Es iſt deshal
auch unrichtig, daß die Sommerpläne der Großherzo=
lichen
Herrſchaften mit Rückſicht auf den erwartete
Beſuch abgeändert worden ſeien. Der Aufenthält i
einem engliſchen Seebad war von vornherein für di
Zeit von Mitte Juni bis Mitte Juli in Ausſicht a=
nommen
.
3. Kammermuſikfeſt Darmſtadt 1910. Außer der
Feſtbuch, das nunmehr erſchienen iſt, werden dies
mal eigens für die Inhaber von Tageskarten beſor
dere Tagesprogramme zum Preiſe von 20 Pf.
herausgegeben, die alle Angaben und Liedertexte gena
wie das Feſtbuch für den einen Tag enthalten. Die
ſind nur bei Thies Nachf. und an der Kaſſe im Saalba
zu haben. Der Verkauf der Tageskarten hi
begonnen, und iſt diesmal beſonders große Nachfrag
für den zweiten Feſttag, ſo daß es empfehlenswert e
ſcheint, für dieſen Tag ſich die Karten bald zu be
ſchaffen.
Von auswärtigen großen Zeitungen und Fachzei
ſchriften wird eine große Anzahl von Referenten z
dem Feſte hierherkommen. Infolge eines unliebſame
Verſehens iſt im Feſtbuch die Mitteilung vergeſſe
worden, daß der Blumenſchmuck für den Teeſalon de
ollerhöchſten Herrſchaften von der Blumenhand
lung des Frl. Käthe Remlinger, Wilhelminer
ſtraße dahier, in liebenswürdigſter Weiſe zur Ve=
fügung
geſtellt worden iſt, wie dies auch ſchon im Vo
jahre ſeitens dieſer Firma geſchehen war.
Eſperanto. Morgen (Dienstag) abend begint
der vor einiger Zeit angekündigte Eſperanto
Kurſus, der von einem Sprachlehrer geleitet wir
im Kaiſerſaal (Alpenzimmer), Grafenſtraße.
X Schutzmannsſchule. Am Samstag vormitte
nahm der elfte Unterrichtskurſus der gemeit
ſamen Schutzmannsſchule für das Großherzogtu
Heſſen, an welchem ſechs Schutzleute aus Darmſtad
vier Schutzleute aus Mainz, ein Schutzmann au
Gießen und ein Schutzmann aus Worms, zuſamme
zwölf Mann, teilnahmen, nach achtwöchiger Dauer m
einer Prüfung ſein Ende. Zu der Prüfung, weld
unter dem Vorſitz des Herrn Regierungsrats D
Kranzbühler ſtattfand, waren außer den Unte
richtserteilern noch verſchiedene Herren als Vertret=
der
beteiligten Städte erſchienen. Das Reſultat de
Prüfung kann als günſtig bezeichnet werden. A
Nachmittage fand noch eine praktiſche Prüfung i
Rettungs= und Krankenbeförderungsdienſt, ſowie
Turnunterricht ſtatt, welche von dem Führer der hi
ſigen Freiwilligen Sanitäts=Hauptkolonne und ſeiter
eines Mitgliedes der Turngemeinde Darmſtadt geleit
wurde.
* Saalbaukonzerte. Dem zweiten Dienstag.
Abonnementskonzert (31. Mai) der vollzähligen Kapel
des Großh. Heſſ. Art.=Regts. Nr. 61 liegt ein bedeute
des Programm zugrunde. Außer Werken wie Ouve
türe zu Egmont von L. van Beethoven, Euryant!
von C. M. von Weber, Lohengrin von R. Wagne

balken über zwei Meter mißt, würde den Darſteller
überanſtrengen; man hat alſo ein zweites Kreuz, deſ=
ſen
Balken gehöhlt ſind. Da aber auch dieſes noch ein
ziemliches Gewicht erreicht, ſo wird das Fallen unter
dem Kreuz zu einem techniſchen Kunſtſtück, und die Mo=
mente
der Begegnung mit Veronika und insbeſondere
die Szene, da der todgeweihte Chriſtus ſeiner Mutter
begegnet, ſind für den Darſteller äußerſt ſchwierig.
Der große Moment des Spieltages, die Kreuzigung,
nimmt eine halbe Stunde in Anſpruch. Für den Dar=
ſteller
ſind die Vorbereitungen am meiſten empfind=
lich
. Denn da der Körper auf das Kreuz gelegt wird,
muß der Kopf möglichſt aufrecht gehalten werden, um
dem Darſteller die Dornenkrone nicht zu ſehr fühlbar
zu machen. Aus den wenigen Minuten wird alſo
durch die gymnaſtiſche Ueberanſtrengung des Nackens
eine überlange peinliche Zeit, und das Emporrichten
des Kreuzes gleicht einer Befreiung. Intereſſant iſt
die Art der Befeſtigung am Kreuze. Ein Trikot ver=
birgt
das aus ſtarken Bändern gefertigte Korſett, das
an den Lenden befeſtigt iſt und hinter den Schultern
einen Ring zeigt, der an dem Querbalken des Kreu=
zes
feſtgehakt wird. Die Füße ruhen auf einer dem
Publikum unſichtbaren Eiſenſohle und um die beiden
Handgelenke ſchlingen ſich fleiſchfarbene Bänder, die
wiederum an dem Querbalken befeſtigt werden. Der
furchtbare Moment der Nagelung geht ohne Worte
vor ſich. Die Schläge hallen und das Publikum ſieht
mit Schrecken die Nägel durch Hände und Füße drin=
gen
. Selbſtverſtändlich ſind die Nägel ausgebaucht.
Und während ſie zwiſchen den Fingern und Zehen ein=
dringen
, werden die Blutſtröme auf das Fleiſch ge=
malt
. Das Kreuz wird aufgerichtet. Unmerklich wird

es an den Boden geſchraubt. Zwanzig Minuten la
hat der Chriſtusdarſteller am Kreuze zu verharre
Trotz der künſtlichen Entlaſtungsverſuche befindet ſ
hier der Körper in äußerſt angeſtrengter Lage. D
Oberkörper ſinkt allmählich und in den geſpannt
Armen kreiſt das Blut träger und träger, bis völli
Fühlloſigkeit eintritt. Dabei ereignen ſich bisweil
Zwiſchenfälle, die die Schwierigkeiten der Situati=
noch
verſchärfen. Einmal fehlte der Stahlverband, d
das Kreuz auf dem Bühnenboden zu verſichern h
In höchſter Not behalf man ſich mit einer Kette, u
Lang hing am Kreuze mit dem Bewußtſein, jeden M
ment mit dem ſchweren Kreuz von fünf Meter
ſtürzen zu können, während er ſelbſt machtlos und
feſſelt war. Ein anderes Mal löſte ſich die Feſſel d
linken Hand, und um den Arm am Kreuzbalken zu I
laſſen, hielt Lang ſich mit den Mittelfingern am Nag
feſt, aber plötzlich löſte ſich der Nagel aus dem Hol
und Lang mußte krampfhaft ſeinen Arm ohne Stü
nach oben halten. Als er bei dem Verſcheiden d
Haupt ſchwer auf die Bruſt ſinken ließ, erhöhte ſich k
körperliche Anſtrengung noch, und erſt nach qualvoll
fünfzehn Minuten, nachdem die Mitwirkenden die E
tuation erkannt hatten, erfolgte die Kreuzabnahn
ohne daß das Publikum die Störung bemerkt hät
Die Kreuzabnahme ſelbſt muß äußerſt langſam u=
vorſichtig
vorgenommen werden, da die Arme vollſtä
dig eingeſchlafen ſind und eine raſch wiederhere
ſtellte Blutzirkulation Kongeſtionen oder zum mink
ſten unwillkürliche Körperbewegungen hervorruf
könnte.

[ ][  ][ ]

Nummer 123.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 30. Mai 191

Seite 3.

Fackeltanz von Meyerbeer uſw., wird der Cornet à
Piſton=Virtnoſe Herr Ehlers (Schüler des Kammer=
muſikers
Herrn L. Kümmel von hier) das 6. Air=Varie
von Ch. de Beriot auf dem Piſton zum Vortrag brin=
gen
. Im Gartenſaale findet auf vielfachen Wunſch
Tanz ſtatt. Der Garten iſt wiederum feſtlich beleuchtet.
A Durchſchnittspreiſe von den Wochenmärkten
vergangener Woche: Butter ½ Kg. 1,30 M., in Partien
1,20 M., Eier 67 Pf., Schmierkäſe ½ Ltr. 20 Pf.,
Handkäſe 410 Pf., vorjährige Kartoffeln Zentner
34 M., Kumpf (10 Liter) 5060 Pf., ½ Kg. 35 Pf.,
neue Italiener Kg. 1516 Pf.; Obſt uſw.: vorjährige
Aepfel ½ Kg. 1525 Pf., Zitronen 45 Pf., Apfelſinen
68 Pf., ausländiſche Kirſchen ½ Kg. 60 Pf., Ananas=
Erdbeeren ½ Kg. 1,50 M., unreife Stachelbeeren ½ Kg.
30 Pf.; Salat, Gemüſe u. dgl.: Kopfſalat 46 Pf.,
Bündel Radieschen 2 Pf., Bündel Rettiche 610 Pf.,
Meerrettich 2030 Pf., Rhabarber ½ Kg. 1015 Pf.,
Roterüben ½ Kg. 8 Pf., Zwiebeln Kg. 1012 Pf.,
Paradiesäpfel ½ Kg. 50 Pf., Schälgurken 2040 Pf., Wir=
ſing
30 Pf., Kohlrabi 412 Pf., Blumenkohl 2060 Pf.,
neues Weißkraut 35 Pf., Bündel Römiſch=Kohl, Schnitt=
lauch
, Sauerampfer, Salatgrünes 2 Pf., Spinat ½ Kg.
810 Pf., Schwarzwurz ½ Kg. 2030 Pf., Spargel
je nach Qualität Kg. 2045 Pf., Bündel Karotten
520 Pf., Kernerbſen ½ Kg. 3540 Pf., neue Bohnen
Kg. 40 Pf.; Geflügel, Wildbret: junge Gänſe
78 M., Enten 34 M., Hahnen u. Hühner 2,003,50 M.,
Tauben 70 Pf.; Fiſche ½ Kg.: Hecht, Aal 1 M., andere
Rheinfiſche 40 Pf., Rotzungen 50 Pf., Maifiſche 30 Pf.,
Kabeljau, Seehecht, große Schellfiſche 25 Pf., kleine Schell=
fiſche
1820 Pf.; in den Fleiſchſtänden ½ Kg.:
Rindfleiſch 56 Pf., Hackfleiſch 60 Pf., Rindsfett 50 Pf.,
Rindswürſtchen (Stück) 15 Pf., Schweinefleiſch 90 Pf.,
Leber= u. Blutwurſt 64 Pf., Fleiſchwurſt u. Schwarten=
magen
85 Pf.
X Feſtgenommen. Am Samstag vormittag wurden
ein 26 Jahre alter Schloſſer aus Poſen wegen Ein=
bruchsdiebſtahls
und ein 26 Jahre alter Stukka=
teur
aus Kaiſerslautern wegen Widerſtandes feſtge=
nommen
.
X Diebſtahl. Ein Bäckerburſche entwendete am
Freitag beim Baden am Woog einem jungen Mann
einen Panamahut im Werte von etwa 30 Mark.
Heugrasverſteigerung. Für 31 Hektar = 124
beſſiſche Morgen Heugras von der ſtädtiſchen
Pallaswieſe wurden bei der Verſteigerung am
Freitag nachmittag 7073 Mark erlöſt, alſo durchſchnitt=
lich
228 Mark für den Hektar. Das Gras ſteht ſehr gut,
die Beteiligung, beſonders aus den Landorten der Um=
gebung
, war ſehr ſtark; der Erlös übertrifft den des
Vorjahres nicht unweſentlich. Die Ernte muß bis zum
25. Juni weggebracht ſein. Gleichzeitig wurde die
Gras= und Kleenutzung von den ſtädtiſchen Grund=
ſtücken
am Darmbach zunächſt des Pfarrwieſenweges
verkauft und dafür nahezu 600 Mark erzielt.
Erbach, 27. Mai. Heute früh verſtarb in Sandbach
im Alter von 62 Jahren Herr Pfarrer Emil Bern=
hard
. Der Verſtorbene, der einer ſchweren Lungen=
entzündung
zum Opfer fiel, war über 30 Jahre Seel=
ſorger
in Sandbach und erfreute ſich als ſolcher allge=
meinſter
Zuneigung und Verehrung. Auch weit über
ſeinen eigentlichen Wirkungskreis hinaus war der jo=
viale
, gemütliche alte Herr eine äußerſt beliebte und
gerngeſehene Perſönlichkeit, der man in allen Bevöl=
Ukerungsſchichten die größte Hochachtung entgegen=
brachte
. (Krsbl.)
Lindenfels, 27. Mai. Der 44jährige Oberbahn=
aſſiſtent
Franz Sauer von Mainz war hier in einem
Sanatorium untergebracht. Am 22. Mai entfernte er
ſich von dort und iſt ſeitdem verſchwunden.
Sauer iſt etwa 1,65 Meter groß, ſchmale Statur, hat
dunkelblonde Haare, dunkelblonden, ziemlich ſtarken
Schnurrbart, ſcheuen, krampfhaften Blick; bekleidet iſt
er mit graukariertem Anzug, Stehkragen und Schnür=
ſtiefeln
.
H.B. Offenbach a. M., 28. Mai. Heute nacht hat ſich
die aus Worms gebürtige, 26 Jahre alte Lehrerin
Saßmannshauſen, die an der Mathildenſchule in
Offenbach wirkte, mit einem Revolver erſchoſſen.
Aus hinterlaſſenen Briefen geht hervor, daß die Leh=

rerin die Tat wegen hochgradiger Nervoſität be=
gangen
hat.
X Mainz, 27. Mai. Die Vorbereitungen zur Lan=
desverſammlung
des Heſſiſchen Hauptvereins
des Evangeliſchen Bundes, die am 10. und
11. Juli in unſerer Stadt gehalten werden wird,
nehmen einen guten Fortgang. Der Feſtausſchuß aus
der Stadt, den Vororten, der Provinz und der näheren
Umgebung weiſt ſchon über 150 Namen von Männern
in führender Stellung und aus allen Ständen auf;
mehr als 50 Gemeinden ſind vertreten. Die Feſtord=
nung
ſteht nunmehr feſt. Sonntag vormittags um die=
ſelbe
Zeit (½10 Uhr) findet in den evangeliſchen Kir=
chen
der Stadt und der Vororte Feſtgottesdienſt ſtatt,
danach Jugendgottesdienſte. Nachmittags um ½4 Uhr
pünktlich beginnt die große evangeliſche Volksverſamm=
lung
im großen Saale der Stadthalle. Die Verſamm=
lung
hat zum Thema: Was uns Evangeliſche eint.
Es wird in Lied (drei Geſamtchören der vereinigten
Kirchengeſangvereine der Stadt und der Vororte ſowie
gemeinſam geſungenen Liedern) und Rede (drei An=
ſprachen
) behandelt. Abends iſt Feſtverſammlung im
evangeliſchen Vereinshauſe, die die Begrüßungen der
Behörden und Vereine bringt und zum Thema hat:
Die Vergangenheit, eine Mahnung an die Gegen=
wart
, das in zwei Anſprachen (Die evangeliſche Be=
wegung
in Mainz und Die rheinheſſiſche Union) zu
uns redet und durch muſikaliſche Vorträge umrahmt
wird. Anderen Vormittags iſt im evangeliſchen Ver=
einshauſe
Abgeordneten= und Mitgliederverſammlung,
in der nach Begrüßungen, ſowie Erſtattung des Jahres=
und Rechenſchaftsberichtes in Vortrag und Ausſprache
die Frage behandelt werden ſoll, wie Evangeliſcher
Bund und evangeliſches Gemeindeideal ſich zueinander
verhalten. Mittags iſt gemeinſames Eſſen, eine ge=
meinſame
Rheinfahrt wird die Tagung beſchließen.
Mainz, 27. Mai. Das 19. Verbandsfeſt
der mittelrheiniſchen evangeliſchen Ar=
beitervereine
, das, mit der 16jährigen Stiftungs=
feier
und Fahnenweihe des Mainzer Vereins verbun=
den
, am 19. Juni in unſerer Stadt ſtattfindet, hat fol=
gende
Ordnung: Vormittags 9 Uhr Ankunft der aus=
wärtigen
Feſtgäſte, danach Zug zur Chriſtuskirche, dort
um ½10 Uhr Feſtgottesdienſt, darauf Delegiertenver=
ſammlung
im evangeliſchen Vereinshaus; mittags ½1
Uhr dort gemeinſames Mittageſſen; nachmittags um
½3 Uhr Feſtzug durch die Stadt zur Stadthalle, dort,
umrahmt von Männerchören und gemeinſam geſunge=
nen
Liedern, Begrüßungsanſprache durch den Mainzer
Vereinsvorſitzenden und Feſtrede und Fahnenweihe
durch den Verbandsvorſitzenden, ſowie Konzert= und
Geſangsvorträge. Anmeldungen zum Feſte laufen
fortgeſetzt ein:
Mainz, 28. Mai. Der 21jährige Kellner Pol aus
Spanien hat ſich geſtern abend am Rhein vier
Kugeln in den Kopf und zwei in die Bruſt geſchoſſen.
Der lebensgefährlich Verletzte kam ins Hoſpital. Zur
gleichen Zeit wurde auf der Mathildenſtraße der 19 jäh=
rige
Schreiner Hch. Retter aufgefunden, der Lyſol ge=
trunken
hatte. Retter iſt heute früh geſtorben.
Mainz=Mombach, 27. Mai. Der Großverſand
des Frühſalats iſt jetzt beendet. Seit vielen Jahren
dürfte der Verſand keinen ſolch großen Umfang erreicht
haben wie in der diesjährigen Saiſon. Von den zirka
6 Millionen Stück Kopfſalat kamen mindeſtens 4 Millionen
Stück zum Verſand. An manchen Tagen gingen allein 40
bis 50 Waggon Salat am hieſigen Bahnhof ab. Trotz der
vorzüglichen Ernte man kann ſie als volle Jahresernte
bezeichnen erreichte der Preis heuer nicht den Tiefſtand
früherer Jahre, er ſank nicht unter 2 Mark per 100 Stück.
Der Geſamtertrag dürfte daher in dieſem Jahre für
die hieſige Gemeinde allein zirka 100000 Mark betra=
gen
, eine Einnahme, die unſeren fleißigen Landwirten
wohl zu gönnen iſt. Der ſetzt noch auf dem Felde ſtehende
Salat muß raſch abgeerntet werden, da er infolge der ab=
norm
warmen Witterung bereits zu ſchießen anfängt.
Oppenheim, 26. Mai. Zu den Unterſchlagun=
gen
des Juſtizrats Hubert. Das hieſige Amts=
gericht
hat nunmehr über den Nachlaß des hier verſtor=
benen
Juſtizrates Notars Peter Hubert auf Grund des
§ 1960 B. G. B. die Nachlaßpflegſchaft angeordnet und den

Amerikaniſche Paradegäſte in Berlin.

unge. In wenigen Tagen, am 1. Juni, wird Ber=
lin
wieder das glänzendſte militäriſche Schauſpiel des
Jahres erleben: die Frühjahrsparade. Sie iſt
nicht nur ein Feſttag für die Berliner Schuljugend,
deren Schulunterricht ausfällt, ſie iſt allmählich auch
zu einer Art von Fremdenattraktion gewor=
den
. Namentlich auf die nordamerikaniſchen Touri=
ſten
übt die Frühjahrsparade eine ſtarke Anziehungs=
kraft
aus. Die Globetrotter aus dem Lande der Dol=
lars
ſind auch in dieſem Frühling in endloſen Scha=
ren
nach dem alten Feſtlande unterwegs. Sie kom=
men
mit jedem großen Paſſagierdampfer in hellen
Haufen dahergezogen. Und viele von ihnen bringen
bevor ſie zum Grand Prix nach Paris fahren, einige
Tage in Berlin zu, um die Kerntruppen des deutſchen
Heeres an ihrem oberſten Kriegsherrn, dem Kaiſer,
vorbeimarſchieren zu ſehen.
Die vornehmen Hotelpaläſte Berlins beherbergen
äugenblicklich eine Menge Amerikaner. Soweit ſie
männlichen Geſchlechts ſind, erlaubt es die Mode von
heute, ſie ſchon von weitem zu erkennen, an ihren
glatten, bartloſen Geſichtern und vor allem an ihren
weiten, viel zu weiten Anzügen, die auch den Schlan=
ken
ein breites, unterſetztes Ausſehen und auch den
Schmächtigen maſſive Schultern verleihen. Ihnen
freilich erſcheint unſere Art des Kleidens ebenſo ſelt=
ſam
wie die ihrige uns. Eine junge Amerikanerin,
die in einer Berliner Geſellſchaft befragt wurde, was
ihr hier am meiſten auffiele, antwortete: Daß alle
Herren zu eng angezogen ſind!
In Landauern
oder Automobilen fahren die Paradegäſte bis an den
Fuß der hohen Holztribünen längs der Tempelhofer
Chauſſee. Dienſtbefliſſene Beamte gleiten ſie, genau
wie im Theater, an ihre Sitze. Und genau wie im
Theater erhalten ſie ein Programm, auf dem die Na=
men
der einzelnen Truppenteile und ihrer Führer in
der richtigen Reihenfolge verzeichnet ſtehen. Dieſe
Tribünen, deren beſte Plätze übrigens recht teuer ſind,
haben nur den einen Nachteil, daß ſie ſehr weitab von
dem eigentlichen Paradefelde liegen. Doch unſere Ame=
rikaner
wiſſen dafür Rat. Sie ſind mit mächtigen
Krimſtechern oder ſogar mit richtigen Fernrohren be=
waffnet
, daß man meinen könnte, ſie wollten nach
einem Kometen Umſchau halten. Aber ſelbſt mit dem
beſten Glaſe iſt der Kaiſer aus der bunten Reitergruppe
auf der gegenüberliegenden Seite des Feldes nur
ſchwer herauszuerkennen. Dafür iſt allerdings der
Ueberblick über das ganze bewegte militäriſche Bild
um ſo großartiger=

Die Amerikaner ſind ein dankbares Paradepubli=
kum
und geben ihrer Bewunderung und Anerkennung
lauten, oft geradezu begeiſterten Ausdruck. Iſt der
Vorbeimarſch beendet, ſo fahren ſie ſo ſchnell wie mög=
lich
zurück nach der Stadt, um an der hiſtoriſchen Ecke
der Friedrichſtraße und der Linden den Kaiſer, um=
geben
von ſeinen ſtattlichen jungen Söhnen, an der
Spitze der Fahnenkompagnie nach dem Schloſſe zurück
reiten zu ſehen. Da miſcht ſich wohl in die Hurrarufe
der Berliner manches kräftige Cher for the Emperor!
aus Yankeekehlen. Sonſt merkt Berlin nicht viel von
dieſen amerikaniſchen Frühlingsgäſten, unter denen
auch diesmal wieder einige Träger von Namen ſind,
bei deren Nennung man alſogleich an ſechs=, ſieben=
oder
achtſtellige Zahlen denken muß. Die Abende ver=
bringen
ſie wohl in den Theatern, tagsüber aber ſitzen
ſie, wie es ſcheint, am liebſten in den bequemen, tiefen
Lederſtühlen der Hotelhalle, mit einem Whisky und
Soda zur Seite oder auch nur mit einem Glaſe Eis=
waſſer
, wenn ſie den nach deutſchen Begriffen nicht ſehr
ſoldatiſchen Schwur zur Fahne des Temperenzlertums
geleiſtet haben. . .
Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.
* Robert Koch . Der berühmte Bakteriologe
Robert Koch iſt am Freitag nachmittag in Baden=
Baden geſtorben. Er ſtarb im 67. Lebensjahre. Bis
zuletzt war er mit einer neuen großen Arbeit über eine
neue Heilmethode bei Tuberkuloſen beſchäftigt. Der
Tod trat abends um 7 Uhr infolge Herzſchwäche ein.
Profeſſor Dr. Koch, der ſeit acht Tagen in dem Sana=
torium
der Doktoren Frey und Dengler weilte, war
bereits in ſchwerkrankem Zuſtande hierher gekommen.
Wann und wo die Beerdigung ſtattfindet, iſt noch nicht
beſtimmt.
Robert Koch war am 11. Dezember 1843 zu Klaus=
thal
geboren. Von 1862 bis 1866 ſtudierte er in
Göttingen und arbeitete, nach Abſchluß ſeines Stu=
diums
, als Aſſiſtent am allgemeinen Krankenhauſe zu
Hamburg; 1866 ließ er ſich in Langenhagen bei Han=
nover
und ſpäter in Rackwitz in Poſen nieder, kam 1872
als Phyſikus nach Wollſtein und folgte 1880 einem Rufe
als ordentliches Mitglied in das Reichsgeſundheitsamt.
1883 leitete er als Geh. Regierungsrat die deutſche
Cholerakommiſſion nach Aegypten und Indien und ent=
deckte
den Kommabazillus als Träger des Choleragiftes,
1884 erhielt er vom Reich eine Dotation von 100000
Mark. 1885 wurde er ordentlicher Univerſitätsprofeſſor
und Direktor des hygieniſchen Inſtituts in Berlin.
1896 ſandte ihn die engliſche Regierung zum Studium
der Rinderpeſt nach Südafrika, 1897 war er Leiter der
deutſchen Peſtkommiſſion in Indien und trieb dann

Rechtsanwalt Eſpenſchied in Oppenheim als Nachlaß=
pfleger
beſtellt. Zu der Affäre wird noch berichtet: Die in
Verwahr gehabten Depots ſind teilweiſe angegriffen,
manche verſchwunden und andere als vorhanden gar nicht
verzeichnet. Vor nicht ſo langer Zeit hatte eine Reviſion
ſtattgefunden, bei der alles in Ordnung geweſen ſein ſoll.
Wo das Geld hingekommen iſt, darüber wird die eingelei=
tete
Unterſuchung vielleicht Aufklärung bringen. Viele
Leute, die ihr volles Vertrauen in den Verſtorbenen geſetzt
hatten, ſind ſchwer getäuſcht worden und verlieren teils
ganz beträchtliche Summen. Ein harter Schlag für man=
chen
bei den ohnedies daniederliegenden wirtſchaftlichen
Verhältniſſen. Die bis jetzt angemeldeten perſönlichen und
dienſtlichen Forderungen dürften ſich auf über 200000
Mark belaufen. Wie weit für dieſe Deckung vorhanden
iſt, wird ſich aus der genaueren Vermögensaufſtellung erſt
ergeben. Es ſoll wohl Ausſicht beſtehen, daß die dienſt=
lichen
Fehlbeträge durch vermögende Verwandte ganz
oder teilweiſe gedeckt werden. Nach und nach werden
Einzelheiten bekannt, die mit dem Tode von Hubert zu=
ſammenhängen
; er ſoll drei Wochen vorher durch Teſta=
ment
ſeine Familie enterbt und verfügt haben, daß ſeine
Leiche verbrannt und die Aſche nachts durch einen Ver=
trauensmann
in den Rhein geſtreut werden ſoll.
Das iſt auch tatſächlich geſchehen, und wenn jetzt bekannt
wird daß große Beträge durch Hubert unterſchlagen wor=
den
ſind, ſo liegt die Vermutung nur gar zu nahe, daß er
ſelbſt Hand an ſich gelegt und durch die Verbrennung alle
Spuren und Nachforſchungen unmöglich gemacht hat.
Leiſelheim, 27. Mai. Durch unvorſichtiges Hantie=
ren
mit einem Flobertgewehr iſt geſtern morgen
leider ein Unglücksfall vorgekommen. Der etwa
9jährige Kurt Lob hatte ſeinen gleichalterigen Spiel=
kollegen
Fritz Schmidt in Abweſenheit der Eltern mit
in die Wohnſtube genommen, um ihm ein Flobert=
gewehr
zu zeigen. Hierbei ging das Gewehr los und
die Ladung drang dem Schmidt ins Geſicht, ſodaß das
eine Auge vollſtändig auslief. Der bedauernswerte
Junge mußte ins ſtädtiſche Krankenhaus gebracht wer=
den
, wo er ſchwer verletzt daniederliegt.
Gießen, 27. Mai. Eine recht myſteriöſe Ange=
legenheit
beſchäftigt gegenwärtig mehrere Behörden.
Der Arbeiter Paul Gottwald von hier verließ im
Oktober v. J. ſeine Familie, angeblich, um auswärts
Arbeit zu ſuchen, und ließ nichts mehr von ſich hören.f Am
16. Dezember 1909 wurde nun in Frankfurt a. M. eine
bereits ſtark verweſte unbekannte männliche Leiche aus
dem Main geländet und Frau Gottwald erkannte mit Be=
ſtimmtheit
die Kleider der Leiche als die ihres Mannes
an, obgleich der Trauring und der Militärpaß, den Gott=
wald
mit ſich führte, nicht vorhanden waren. Gottwald
wurde für tot erklärt und ſeiner Ehefrau wurden die In=
validen
= und Sterbegelder ausbezahlt. In dieſem Früh=
jahr
nun wurde in Aachen ein Mann wegen Obdachloſig=
keit
ſiſtiert und wieder freigelaſſen, der ſich mit dem Mili=
tärpaß
des Gottwald legitimierte. Man neigte zur An=
nahme
, es ſei ein Verbrechen verübt worden, weshalb auf
den Beſitzer des Gottwaldſchen Militärpaſſes gefahndet
wird. Die Sache wird wohl nicht eher geklärt werden kön=
nen
, bis dieſer Mann ermittelt und der Frau Gottwald
gegenübergeſtellt iſt, denn aller Wahrſcheinlichkeit nach hat
ſich die Frau doch geirrt und ihr Mann lebt noch.
(G. Anz.)
Gießen, 28. Mai. Stadtv. Dr. Ebel hatte vor
längerer Zeit den Antrag geſtellt, das unheraldiſche
Wappen der Stadt durch ein richtigeres zu er=
ſetzen
. Der Antrag wurde damals grundſätzlich ange=
nommen
und Dr. Ebel mit der Ausarbeitung eines
neuen Wappens auf der Grundlage älterer Stadtſiegel
beauftragt. In der Stadtverordnetenſitzung legte er
zwei farbige Entwürfe als Ergebnis ſeiner Forſchungen
dar und ſchlug ſchließlich vor, entſprechend einem vor=
handenen
Reiterſiegel ein goldenes Schildwappen als
Wappen der Stadt zu wählen, auf dem ein Reiter
(Heinrich das Kind) ſich befindet. Die Zugehörigkeit der
Stadt zu Heſſen ſoll durch einen rotweißen Löwen, die
tübingiſche Gründung der Stadt durch eine rote drei=
wimpelige
Fahne ausgedrückt werden. Auf dem Schild
ſoll ein altheſſiſcher Helm (mit ſilbernen Hörnern und
Blattſtengeln) angebracht werden. Stadtv. Dr. Ebel
ſchlug ſchließlich vor, das Wappen von dem bekannten
Studien über Malaria in Deutſch=Oſtafrika; zu gleichen
Zwecken reiſte er 1899 nach Java und dem Malaiiſchen
Archipel. Später war er Leiter der vom Deutſchen
Reich zur Erforſchung der Schlafkrankheit nach Oſtaſien
entſandten Expedition. 1905 erhielt er den Nobelpreis.
Koch war Mitglied des Staatsrats, Ehrenbürger von
Berlin und Wirkl. Geheimer Rat mit dem Titel
Exzellenz.
* Profeſſor Ludwig Habich hat die Berufung
an die Stuttgarter Kunſtakademie an Stelle
des verſtorbenen Profeſſors A. Donndorf angenommen.
Der Bildhauer, deſſen David Friedrich Strauß= Denk=
mal
in Ludwigsburg vor kurzer Zeit enthüllt wurde,
hatte bis jetzt eine Profeſſur für dekorative Plaſtik an
der Stuttgarter Techniſchen Hochſchule inne.
* Brüſſel, 27. Mai. Zur Beſichtigung der
deutſchen Abteilung der Weltausſtel=
lung
weilten die Mutter des Königs der Belgier,
Gräfin Flandern, ſowie die Schweſter des Königs,
Joſephine nebſt Gemahl und die Prinzen Karl
und Anton von Hohenzollern auf der Ausſtel=
lung
, woſelbſt die Damen vom Reichskommiſſar, Ge=
heimerat
Albert, und Geheimerat Ravené empfangen
wurden. Der Beſuch dehnte ſich ungewöhnlich lange
aus, weil die Herrſchaften außerordentlich lebhaftes
Intereſſe an der deutſchen Ausſtellung nahmen und ſich
viele Einzelheiten erklären ließen. Beſonderes Inter=
eſſe
erweckten die Abteilung Raumkunſt, wo Aſſeſſor
Haniel führte, ſowie die Unterrichtsabteilung des
preußiſchen Kultusminiſteriums, wo Dr. Moſch die
Erklärung übernahm. In der Maſchinenhalle, die in
vollem Betrieb war, beſichtigten die Damen zahlreiche
Spezialmaſchinen und bewunderten vor allem die
mächtigen Krane in Tätigkeit; Chefingenieur Fritſche
hatte hier die Führung. In der Eiſenbahn=Abteilung
beſtiegen die Herrſchaften einen Vierteklaſſewagen,

Reichskommiſſar mit warmen Worten zu dem großen
inneren Erfolg und der glänzenden äußeren Erſchein=
ung
der deutſchen Abteilung, vor allem auch zu der
pünktlichen Fertigſtellung.
* Spielplan des Großh. Hof= und Na
tional=Theaters in Mannheim. Montag,
30. Mai: Der dunkle Punkt. Dienstag, 31.: Hoffmanns
Erzählungen. Mittwoch, 1. Juni: Das Konzert. Don=
nerstag
, 2.: Die Fledermaus. Freitag, 3.: Tiefland.
Samstag, 4.: Keine Vorſtellung. Sonntag, 5.: Zum
erſten Male: Die Großherzagin von=Gerolſtein.

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Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 30. Mai 1910.

Nummer 123.

heraldiſchen Maler Hupp in Schleißheim zeichnen zu
laſſen. Die genauere Beſtimmung des neuen Wappens
wurde dem Vorſchlagsausſchuß überwieſen.
Volkartshain (Kreis Schotten), 28. Mai. Unſere
kleine, aber ſehr fortſchrittlich geſinnte Gemeinde hat
ſich nun entſchloſſen, ein neues einklaſſiges
Schulhaus in Fachwerkbau mit Lehrerwohnung nach
den Plänen des Großh. Kreisbauinſpektors Witzler in
Schotten zu erbauen. Die Arbeiten und Lieferungen
hierzu ſind zurzeit öffentlich ausgeſchrieben; mit dem
Bau ſoll ſo bald als möglich begonnen werden. Auch
unſere Feldbereinigung, die für die hieſige Ge=
markung
als erſte im hohen Vogelsberg im vorigen
Jahre beſchloſſen worden iſt und zu der noch mehrere
Fluren unſerer Nachbargemarkung Ober=Seemen zu=
gezogen
worden ſind, macht recht gute Fortſchritte.
Reich und Ausland.
Aus der Reichshauptſtadt, 28. Mai. Wie bereits
mitgeteilt, leidet der Kaiſer an einem Furunkel
in der Gegend des rechten Handgelenks. Nach dem
Lok.=Anzeiger handelt es ſich um einen Inſektenſtich,
der eine ziemliche Schwellung hervorgerufen habe. Um
jeder Gefahr einer Blutvergiftung vorzubeugen, iſt
die Geſchwulſt, die ganz unbedeutend iſt, geſchnitten
worden. Der Kaiſer, der ſich in der Behandlung des
Generalarztes Dr. von Ilberg befindet, kann die Hand
ohne Störung gebrauchen und darf ausgehen. Wegen
dieſer leichten Erkrankung iſt der Beſuch in Alt= Mad=
litz
beim Bankier Delbrück, der für heute angeſagt war,
aufgegeben worden. Das Befinden des Monarchen iſt
im übrigen vorzüglich, ſodaß die für den Empfang des
belgiſchen Königspares getroffenen Dispoſitionen be=
ſtehen
bleiben. Auf der Potsdamer Chauſſee, in der
Nähe des neuen Botaniſchen Gartens, hat ſich heute
früh ein ſchwerer Autounfall ereignet. Dort
ſtieß ein Geſchäftswagen der Obſthandlung von Lüch
u. Werdergang aus Potsdam mit dem Automobil des
Fuhrwerksbeſitzers Müller aus Zehlendorf ſo unglück=
lich
zuſammen, daß die Deichſel des Wagens dem Mül=
ler
, der das Auto ſteuerte, in den Unterleib drang. Der
Schwerverletzte wurde nach dem Kreiskrankenhaus Lich=
terfelde
gebracht, ſtarb jedoch auf dem Wege dorthin.
Die Inſaſſen des Autos, ein Herr und eine Dame,
wurden durch Glasſplitter im Geſicht und an den Hän=
den
verletzt; beide erhielten im Krankenhaus die not=
wendigen
Verbände. Augenzeugen glauben, daß der
Kutſcher des Wagens den Unfall herbeigeführt habe,
weil er ſtatt rechts plötzlich links gefahren ſei. Müller
konnte mit ſeinem Auto nicht mehr ausweichen.
Heute früh ſtürzte auf dem Abbruchgrundſtück
Alexandrinenſtraße Nr. 26 die Vorderfront ein.
Sämtliche zurzeit des Unglücks dort beſchäftigten zehn
Arbeiter ſind dabei verunglückt. Von dieſen
war der Sohn des die Arbeiten leitenden Poliers
Mercier ſofort tot; ein anderer Arbeiter, namens
Kerſten, iſt ſpäter geſtorben.
Frankfurt, 28. Mai. In dieſen Tagen wird ein reizend
gelegenes Ferienheim eröffnet, in welchem 24 bis 30
kränklichen und ſchwächlichen Kindern unſerer Stadt ein
Kuraufenthalt von einem Monat in geſunder Waldluft
gewährt wird. Es iſt dies das Odenwaldhaus des
Frankfurter Kurvereins für kränkliche Kinder‟ Dieſer
Verein hat ſeit ſeinem Beſtehen ſchon Tauſende von Kin=
dern
in Solbädern, namentlich in Orb und andern Kur=
orten
, untergebracht. Um nicht nur auf den guten Willen
der Kinderheilſtätten und den in ihnen etwa vorhandenen
Platz angewieſen zu ſein, hat der Verein zunächſt mit
beſcheidenen Mitteln am Fuß des Odenwaldes
bei Nieder=Ramſtadt ein Landhaus errichtet.
Aeußerſt maleriſch an einer Waldecke gelegen, macht das
Haus mit ſeinem hohen Ziegeldach, ſeiner ſchattigen
Veranda, deren Dach eine breite Allee bildet, einen gar
herrlichen, ſo recht zu behaglicher Ruhe einladenden Ein=
druck
. Architekt Clennartz, hier, hat den Bau entworfen
und ausgeführt, die dem Bauſtil und der Lage angepaßte
Gartenanlage war dem Gartenarchitekten Hans Kayſer
übertragen. Manche dankenswerte Zuwendungen ſind dem
Hauſe von Freunden der Kinder gemacht worden. Frei=
herr
v. Bethmann hat zwei Freiplätze geſtiftet, die ſel.
Frau Andreae=Lemmé hat ihm 1000 Mark vermacht. Die
Firma Bünte & Remmler verſah das Haus mit ſchönen
Hänge= und Tiſchlampen, durch Vermitllung des Herrn
Meißner wurde ihm eine Glocke zugewendet.
Augsburg, 27. Mai. Als die 18jährige einzige Tochter
der Obſthändlerin Ehrmann beim Ankleiden zur Fron=

leichnamsprozeſſion Spiritus in den Brenn=
apparat
nachfüllte, erfolgte eine Exploſion. Das
Mädchen erlitt furchtbare Brandwunden und ſtarb nach
einigen Stunden.
Merzig, 28. Mai. In Dreisbach, Kreis Merzig, kam
es zu einer blutigen Schlägerei zwiſchen
Zigeunern, wobei geſtochen und geſchoſſen wurde.
Ein Zigeuner wurde durch einen Revolverſchuß nieder=
geſtreckt
zwei andere wurden lebensgefährlich verletzt.
Auch ſonſt wurden noch mehrere ſchwer, wenn auch nicht
ebensgefährlich, verletzt. Die Polizei verhaftete zwei
der Haupttäter.
Leipzig, 27. Mai. Das Reichsgericht verwarf die
Reviſion des Tiſchlergeſellen Valentin Kosziol, der
vom Schwurgericht in Liſſa am 14. April wegen Mordes
und Sittlichkeitsverbrechens in zwei Fällen zum Tode

verurteilt worden iſt. Nach einem früheren Urteil war
er wegen den gleichen Straftaten in vier Fällen zum Tode
verurteilt worden, aber das Reichsgericht hob in zwei
Fällen das Urteil auf.
Leipzig, 28. Mai. Eine Filialleiterin wurde geſtern
abend von einer ihr bekannten 23jährigen Händlerin
angeſprochen und von dieſer nach Hauſe begleitet, unter
dem Vorgeben, ſie wolle bei dem Fräulein eine Bluſe
kaufen. Als die beiden in der Wohnung der Filial=
leiterin
angelangt waren und die Wohnungsinhaberin
der Händlerin einen Augenblick den Rücken zukehrte,
warf dieſe ihr plötzlich eine Schlinge um den Hals
und verſuchte, dieſe zuzuziehen. Der Filialleiterin ge=
lang
es aber, den Strick abzufangen und ſich zu befreien.
Die Händlerin flüchtete darauf auf die Straße, wurde
aber ergriffen und verhaftet.
Stendal, 27. Mai. Aus einem Käfigwagen des Mena=
geriezirkus
Carlo Curti, der heute hier eintraf, ent=
ſprangen
am Nachmittag vier Löwen und raſten
durch die Stadt. Die Löwin und zwei junge Tiere konn=
ten
bald wieder eingefangen werden; dagegen fiel der
männliche Löwe auf den Straßen mehrere Fuhrwerke an
und brachte drei Pferden erhebliche Bißwunden bei. Nach
längerer Verfolgung gelang es, die Beſtie mittels Schlin=
gen
wieder einzufangen.
Parchim, 28. Mai. Ein ausgebrochenes Feuer ver=
breitete
ſich bei dem herrſchenden Sturme ſo raſch, daß in
kurzer Zeit ein Straßenzug völlig eingeäſchert wurde.
Wien, 27. Mai. Der Prozeß gegen Hof=
richter
vor dem Kriegsgericht wurde heute vormittag
wieder aufgenommen. Hofrichter, der ganz gebrochen
iſt und ſich völlig apathiſch verhält, begab ſich geſtern
in Begleitung des Hauptmann Ertl in den Offiziers=
hof
. Der Hof iſt mit Bäumen und Sträuchern be=
pflanzt
und weiſt einige Sitzgelegenheiten auf. Hof=
richter
verbrachte dort eine Stunde ſitzend, da ſeine
Füße den Dienſt verſagten. Er iſt während ſeiner
Haft zu einem Skelett abgemagert und ſein Geſicht
iſi ſehr ſchmal. Ueber den Verlauf der Verhandlungen
erfährt er gar nichts, obwohl er ſich öfters danach er=
kundigt
.
Palermo, 27. Mai. In Gegenwart des Königs
und der Königin, der Vertreter des Senats und der
Kammer, des Juſtizminiſters und der Behörden von
Palermo, ſowie zahlreicher Garibaldianer, die an dem
Zuge der Tauſend von 1860 teilgenommen hatten, wurde
heute das Freiheitsdenkmal zur Erinnerung an
die Angliederung beider Sizilien an das Königreich Ita=
lien
1860 enthüllt. Die Bürgermeiſter von Palermo
und Rom, ſowie der frühere Miniſter Orlando hielten An=
ſprachen
, die mit großem Beifall aufgenommen wurden.
Paris, 26. Mai. Die Angelegenheit der
Schweſter Candide hat ſich wenigſtens
inſoweit aufgeklärt, als die verſetzten Juwelen
ſich nahezu alle in London wiedergefunden
haben. Mit Unrecht hatte man behauptet, die
Schweſter habe ſogar die Verſatzſcheine verkauft
und damit ſeien die Juwelen von unbekannter
Hand eingelöſt worden. Schweſter Candide hatte viel=
mehr
alle dieſe Scheine ihrem Notar übergeben, der
ſich nach einigem Zögern dazu verſtand, ſie dem Unter=
ſuchungsrichter
auszuliefern. Andererſeits beſchäftigt
ſich ein Advokat von Toulon damit, eine große Geſell=
ſchaft
zu bilden, um die Aktiven und Paſſiven nach
einem Akkord mit den Gläubigern zu übernehmen und
dadurch die Erhaltung der Sanatorien zu ſichern.
Kreistag des Kreiſes Darmſtadt.
St. Darmſtadt, 28. Mai.
Der Kreistag hielt heute vormittag im Rathaus=
ſaale
eine Sitzung unter dem Vorſitz des Provinzial=
direktors
Fey ab. Nach Verleſung der Präſenzliſte
werden zu Urkundsperſonen die Herren Ortsgerichts=
vorſteher
Müller=Darmſtadt und Bürgermeiſter
Müller=Roßdorf gewählt. Der Vorſitzende, Pro=
vinzialdirektor
Fey, begrüßte die anweſenden Kreis=
tagsabgeordneten
und gedachte ſodann des verſtorbenen
Vorſitzenden des Kreistages, Geheimrat von
Grancy, ſowie der verſtorbenen Kreistagsabgeord=
neten
Oberbürgermeiſter Morneweg= Darm=
ſtadt
und Bürgermeiſter Pons=Gräfenhauſen.
Zum Zeichen ehrenden Andenkens erhoben ſich die Ver=
ſammelten
von ihren Sitzen.
Bei Eintritt in die Tagesordnung führte der Vor=
ſitzende
aus, wenn er heute zum erſten Male den
Vorſitz führe, ſo wolle er verſichern, daß er der
Wohlfahrt und den Intereſſen des Krei=
ſes
Darmſtadt ein ganzbeſonderes Augen=
merk
zuzuwenden und dafür ſeine beſten Kräfte
einzuſetzen gedenke. Im Kreiſe Darmſtadt ſeien eine
große Stadt, verſchiedene große Landgemeinden mit be=
trächtlicher
Einwohnerzahl, ſowie eine Anzahl kleiner
Landgemeinden zu einem Ganzen vereinigt. Die Inter=
eſſen
, die die einzelnen Gemeinden hätten, ſeien natur=
gemäß
ſehr verſchiedenartige. Man habe ſchon be=
haupten
gehört, Stadt und Land hätten gegenteilige
Intereſſen: die moderne Entwicklung habe zu einem
Gegenſatz zwiſchen beiden geführt. Das ſei nicht richtig
und dürfe auch nie richtig werden. Stadt und Land
gehörten zuſammen, ſie ſeien = aufein=
ander
angewieſen und das müſſe auch bei
ihrer Entwicklung und demgemäß bei

ihrer Verwaltung berückſichtigt werden.
Andernfalls müßte unter dem Widerſtreit der Inter=
eſſen
der Gemeinden, wenn kein Ausgleich da wäre
Schaden und Unzufriedenheit entſtehen, und es würde
das Staatsweſen, deſſen Glieder die Gemeinden ſeien
Not leiden. Dieſer notwendige Ausgleich ſe
durch die Geſetzgebung vorgeſehen und gewährleiſtet
er ſolle im Kreisverbande und durch die
Kreisverwaltung vor ſich gehen. Die Kreis=
verwaltung
müſſe hier abwägend, vermittelnd und
ausgleichend zwiſchen ſtädtiſchen und ländlichen Inter
eſſen tätig werden. Daß die Entwicklung des größ
ten Gemeinweſens des Kreiſes, der Stad
Darmſtadt, hierbei im Vordergrunde ſtehe, ſe
ſelbſtverſtändlich. Mit der Entwicklung und dem Wohl
ergehen der Stadt Darmſtadt ſei aber das Wohl der
umliegenden Orte aufs engſte verbunden, ebenſo wie
es für Darmſtadt von beſonderer Wichtigkeit ſei, daſ
die Beziehungen zu dieſen Gemeinden enge, lebhafte
und zahlreiche ſeien, daß auch in den Landgemeinder
der Wohlſtand und die Kaufkraft ſtets zunehme, daſ
dort eine blühende Land= und Gartenwirtſchaft beſtehe
ein tüchtiger Arbeiter= und Gewerbeſtan
anſäſſig erhalten werde, in dem Zufriedenheit und nich=
Unbehagen zunehme. Das ſeien Quellen, au
denen die Stadt ebenfalls Kraft ſchöpfe
Er hoffe, daß es ihm in der Kreisverwaltung gelinge
ſtets Mittel und Wege zum richtigen Intereſſenaus
gleich in Stadt und Land zu finden. Aus dem Berich
über die Verwaltung und den Stand der Kreisver
bandsangelegenheiten für das letzte Rechnungsjahr ſe
ein günſtiger Abſchluß zu entnehmen.
Die Rechnung ſchließe in Einnahme mit 67076
Mark, in Ausgabe mit 639864 Mark ab, ſo daß ein
Ueberſchuß von 30902 Mark verbleibe. Welche reg
Entwicklung im Kreiſe herrſche, erhelle auch aus de
Tätigkeit des Kreisausſchuſſes, der im letzten Rech
nungsjahre in 26 Sitzungen 1076 einzelne Gegenſtänd
erledigt habe.
Auch der Abſchluß des Voranſchlages
1910 ſei ein günſtiger. Die Umlagen, die 45152.
Mark betragen, ſeien 2000 Mark niedri
ger als im Vorjahre. Er glaube, daß für 191
eine weitere Herabſetzung der Umlagen möglich ſe
Die hauptſächlichſten Ausgaben des Krei
ſes für wirtſchaftliche und ſoziale Auf
gaben wolle er kurz anführen. Dabei komme zuer
in Betracht die Straßenunterhaltung mi
142 466 Mark, wozu aber der Kreis von Staat und Prr
vinz Zuſchüſſe erhalte, ſo daß für den Kreis 52385 Mar
bleiben. Was die Straßenunterhaltung angehe, ſoll
der Anregung der Provinz entſprechend, für die Folg=
auf
die Hauptverkehrsſtraßen ein größeres Augenmer
gerichtet werden, was namentlich auch für die Stal
Darmſtadt und die großen Landgemeinden von Beder
tung ſei. Die Koſten für ortsarme Geiſtes
kranke habe der Kreis den Gemeinden abgenommer
es ſeien zurzeit 229 ortsarme Geiſteskranke zu Laſte=
des
Kreiſes mit einem Geſamtkoſtenbetrage von jähr
lich 70000 Mark in Pflege. Die Koſten für landarm
hilfsbedürftige Perſonen betragen 3000
Mark, wovon der Kreis die Hälfte vom Staate zurüc
erhält. Sehr beträchtlich ſei auch die Aufwendung de
Kreiskaſſe für Zwangserziehungskoſten,
ſeien zurzeit 272 Zöglinge zufolge Gerichtsbeſchluſſe
in die Fürſorge des Kreiſes gegeben, der dafür jährli
52000 Mark aufwende, wovon der Staat jedoch d
Hälfte trage. Dieſe Koſten ſeien ſeit 1904 um 1000
Mark geſtiegen. Es bringe das fortdauernde Steige
der Koſten die Erwägung nahe, ob nicht ſchärfere Mitt
gegen Eltern, welche die Erziehung der Kinder ve=
nachläſſigen
, ſo daß die öffentliche Hilfe eingreife
muß, durch die Geſetzgebung zu ſchaffen ſeien. B
dieſen Koſten trage der Kreis auch das eigentlich de
Gemeinden zur Laſt fallende Viertel. Die Aufwen
dungen für Epileptiſche, Blinde un
Schwachſinnige, im ganzen 52 Kinder und E
wachſene, belaufen ſich auf 26600 Mark. Auch die
Koſten würden größtenteils den Gemeinden zur La
fallen, wenn der Kreis ſie nicht übernommen hätte. J.
ganzen betragen die Koſten, die der Kreis den Gemeit
den, die eigentlich dafür aufzukommen hätten, abg=
nommen
habe, 109600 Mark.
Für Verbeſſerung des Obſtbaues weni
der Kreis ſehr erhebliche Beträge mit rund 10000 Ma=
auf
. Der Zuſchuß zur Kreisabdeckerei, fi
die ein beſonderer Voranſchlag vorliege, ſei auf 92
Mark bemeſſen, er hätte infolge günſtiger Wirtſchaft u
2000 Mark heruntergeſetzt werden können. Aus dieſ=
Erſparnis ſollten nunmehr die Koſten einer ne
zu errichtenden ländlichen Wanderhaus
haltungsſchule beſtritten werden. Der Vo
anſchlag ſchließt in Einnahme und Ausgabe unter Eit
rechnung der Koſten für Kleinpflaſter mit 675 253,
Mark ab.
Zur Rubrik Beſoldungen uſw. wird beantras=
1445 Mark einzuſtellen für die Gewährung ein
Teuerungszulage an die Kreisſtraßenmeiſte
Die Verwilligung ſoll aber nur dann erfolgen, wen
auch den Staatsbeamten dieſe Teuerungszulage g
währt wird. Kommerzienrat Trier befürwort
dieſen Antrag, der angenommen wird. Stadt
Lehr beantragt, daß die Teuerungszulage auch de
übrigen Unterbedienſteten gewährt wird und daß al
bald Erhebungen darüber angeſtellt und dem Kreista=

Kleines Feuilleton.
* Eine originelle Speiſekarte. Die Pa=
riſer
Zoologiſche Geſellſchaft hielt dieſer Tage im
Bufettſaal des Lyoner Bahnhofs ein Probeeſſen ab,
bei dem eine Reihe von neuen Gerichten aufgetragen
wurde, für deren Einführung in die franzöſiſche Küche
Propaganda gemacht werden ſollte. Die Speiſekarte
entbehrte nicht einer gewiſſen Originalität. Sie lau=
tete
: Omelette aus Straußeneiern Rieſen=
ſchlangenragout
Algeriſche Schildkröten Gazellen=
braten
Stachelſchwein am Spieß Nebelkrähen=
paſtete
Salat von Kaktusblättern Dattelpalmen=
mark
Rhabarberpudding. Es ſcheint, als hätten ſich
die Veranſtalter der Koſtprobe ſelbſt keine allzu gro=
ßen
Illuſionen in dieſer Hinſicht gemacht am wenig=
ſten
ſoll ihnen die Nebelkrähenpaſtete gemundet
haben , wenigſtens läßt darauf der Umſtand ſchlie=
ßen
, daß ſie der Vorſicht halber ihrem exotiſchen Menü
einen ſaftigen Ochſenbraten mit neuen Kartoffeln
hinzufügten! Hiervon iſt denn auch richtig am wenig=
ſten
übrig geblieben.
CK. Die Hunde von Konſtantinopel.
Die ſchönen Tage der berühmten Hunde von Konſtan=
tinopel
, die Jahrhunderte lang in den Straßen der
türkiſchen Hauptſtadt nicht fehlten, ſind gezählt. Die
neue Regierung hat feſtgeſtellt, daß ſie eine Plage für
die Bewohner der Stadt ſind und nun ſollen ſie beſei=
tigt
werden. Vorſichtige Kenner beziffern die Zahl der
herreuloſen Huvde Konſtantiuoyels auf nicht weniger

als 30000. Dem Entſchluſſe der Regierung folgte die
Tat auf dem Fuße. In Pera und Stambul tauchten
Gruppen von Hundefängern und Poliziſten auf, die,
mit Laſſos und langſtieligen Zangen bewaffnet, durch
die Straßen zogen, gefolgt von großen Wagen, die be=
ſtimmt
waren, die heimatloſen Vierfüßler aufzu=
nehmen
. Mit der Schlinge und mit der Zange machte
man Jagd auf die Hunde und einer nach dem anderen
verſchwand heulend und bellend in dem Wagen. Nur
wenige Hunde waren es, für die mildherzige Bürger
eintraten. Aber die Beamten verlangten dann ſofort
eine Kaution für die Schützlinge und die Beſitzer muß=
ten
ſich verpflichten, die Hunde mit Halsband und Na=
men
zu verſehen und eine Hundeſteuer zu bezahlen,
ſobald der Stadtrat das neue Hundegeſetz genehmigt
habe. Die meiſten der berühmten Hunde von Konſtan=
tinopel
aber ſind verſchwunden, man hat ſie fortgefah=
ren
, niemand weiß wohin.
* Selbſthilfe. Ein junges, armes Paar in
einem engliſchen Dörfchen wollte heiraten und begab
ſich zu dem Geiſtlichen des Ortes. Doch dieſer ver=
langte
die Gebühr und wollte die Brautleute nicht
eher trauen, bis ſie dieſelbe erlegten. Das Paar hatte
aber gar kein Geld, und ſo ſchien die Trauung in
Frage geſtellt. Die Erörterungen darüber unterbrach
die Braut mit der Bitte: Warten Sie ein bißchen,
Hochwürden! Ich gehe und hole das Geld. Nach einer
kleinen Weile kam ſie freudeſtrahlend mit dem Gelde
wieder. Die Zeremonie wurde vorgenommen und
alles war zufrieden. Nur die Braut ſchien ſich etwas

unbehaglich zu fühlen. Nun, Katharina, haben S
noch etwas auf dem Herzen? erkundigte ſich der Gei
liche freundlich. Ja, Hochwürden, ich möchte ge:
wiſſen, ob die Trauung nun auch unwiderruflich war
Gewiß, Katharina! Jetzt kann Euch keiner mehr tre
nen. Und Sie ſelbſt, Hochwürden? Könnten S
nicht die Ehe für ungültig erklären? Nein, nei
Katharina. Mit mir habt Ihr nun gar nichts me
zu tun. Der jungen Frau ſchien ein Stein vom He
zen zu fallen. Gott ſei Dank! ſeufte ſie erleichte:
Ich danke Ihnen auch vielmals, Hochwürden. Hi
iſt der Pfandzettel für Ihren Ueberrock. Ich hatte il
im Vorzimmer vom Nagel genommen und verſetzt!
* Die Plakatdrucker als Theate
reformatoren. In New=York herrſcht aus ein
abſonderlichen Urſache in Theaterkreiſen große E
regung über den Beſchluß des Vereins der Plake
drucker, künftighin keine Plakate mehr zu drucken, a
denen Frauen in Männerhoſen dargeſtellt ſind. Mi
betrachtet dieſes ſeltſame Vorgehen als den erſt
Schritt eines großen puritaniſchen Kampfes, der geg=
das
amerikaniſche Theater gerichtet iſt, weil es ſe
einigen Monaten immer mehr die europäiſche Po=
und das franzöſiſche Vaudeville pflegt. Mit der Ei=
kehr
dieſes luſtig=leichten Genres waren auch übe
mütige Theaterplakate nach Amerika gekommen, d
trotz ihrer künſtleriſchen Ausführung den Anſtoß g
wiſſer Kreiſe erregt haben.

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Nummer 123.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 30. Mai 1910.

S ite 5.

Vorlage gemacht wird. Stadtv. Gallus erweitert den
Antrag dahin, daß der Kreisausſchuß ermächtigt wird,
die Zulage alsbald gegebenenfalls eintreten zu laſſen.
Auch dieſer Antrag wird angenommen.
Der Voranſchlag über die Koſten der Unterhal=
tung
der Kreisſtraßen ſieht vor: Strecke Darm=
ſtadt
-Griesheim-Wolfskehlen mit Abzweigung nach
Büttelborn (Darmſtadt-Mainz) (10,7984 Kilometer)
4815 Mk., Darmſtadt-Weiterſtadt-Braunshardt- Wor=
felden
einſchl. Pallaswieſenſtraße (7,8200) 5892,50 Mk.,
Darmſtadt-Gräfenhauſen-Mörfelden (8,6890) 1470
Mark, Darmſtadt-Baiersaich (Darmſtadt-Frankfurt)
mit Abzweigungen nach Bahnhof Arheilgen, nach Kra=
nichſtein
, zur Aumühle, nach Bahnhof Wixhauſen und
nach Erzhauſen (14,6791) 6277,50 Mk., Wixhauſen=
Gräfenhauſen-Schneppenhauſen bis zur Einmündung
in die Straße Weiterſtadt-Braunshardt (Nr. 2)
(5,9860) 1015 Mk., Darmſtadt-Meſſel-Urberach ( Darm=
ſtadt
-Seligenſtadt) mit Abzweigungen von Meſſel nach
Bahnhof Meſſel, nach Eppertshauſen ſowie nach Offen=
thal
(17,2375) 2759 Mk., Darmſtadt-Einſiedel ( Darm=
ſtadt
-Dieburg) (5,2500) 980 Mk., Darmſtadt-Roßdorf-
Spachbrücken (Darmſtadt-Hirſchhorn) mit altem Roß=
dörfer
Weg (11,1464) 2174 Mk., Darmſtadt- Schachen=
mühlen
einſchl. Klappacherſtraße mit Abzweigungen nach
Traiſa, nach Nieder=Ramſtadt, Waſchenbach und Fran=
kenhauſen
(13,3360) 3061 Mk., Roßdorf-Ober=Ramſtadt-
Nieder=Modau (Roßdorf-Gumpener Kreuz) mit Ab
zweigungen von Roßdorf nach Gundernhauſen ( Roß=
dorf
-Aſchaffenburg) und von Ober=Ramſtadt nach
Zeilhard (12,5421) 2630 Mk., Eberſtadt-Ober=Ramſtadt-
Hahn (Eberſtadt-Zipfen) mit Abzweigungen Kühler
Grund-Ober=Beerbach und Ober=Ramſtadt-Rohrbach
(16.8829) 20006 Mk., Darmſtadt-Bickenbach ( Darm=
ſtadt
-Heidelberg) mit Abzweigung Eberſtadt-Seeheim
und nach Malchen (12,1715) 1417 Mk., Eberſtadt-
Pfungſtadt-Hahn-Bruchmühle (Eberſtadt-Gernsheim)
(8,5260) 6815 Mk., Bickenbach-Pfungſtadt-Griesheim
und Abzweigung Pfungſtadt-Crumſtadt (13,4700) 7420
Mark, Darmſtadt-Eſchollbrücken-Hahn (9,6500) 3005
Mark, zuſammen (168,1849 Kilometer) 70709,47 Mk.
Die Voranſchläge und Rechnungen werden genehmigt.
Es folgt die Wahl eines Mitgliedes der Veranla=
gungs
=Kommiſſion für die Einkommenſteuer I. Abtei=
lung
anſtelle des verſtorbenen Großh. Bürgermeiſters
Pons zu Gräfenhauſen, für den Reſt der laufenden
Wahlperiode, d. i. bis Ende März 1912. Gewählt wird
Herr Gg. Frey IV.=Wixhauſen. Damit iſt die Tages=
ordnung
erſchöpft.

Parlamentariſches.
*X* Darmſtadt, 29. Mai. Der vierte Aus=
ſchuß
der Zweiten Kammer hat ſoeben ſeinen
Bericht über die Beratung inbetreff des Bauarbeiter=
ſchutzes
herausgegeben. Die Abgg. Ulrich und Genoſſen
hatten den Antrag geſtellt, die Regierung zu erſuchen,
den Landſtänden alsbald einen Geſetzentwurf vorzu=
legen
, der einen wirkſameren Bauarbeiterſchutz vor=
ſieht
und aus dem Baugewerbe Arbeiter als Baukon=
trolleure
heranzieht. Im gleichen Sinne lautete auch
eine an die Kammer gerichtete Vorſtellung der Ver=
einigung
der mittleren Baubeamten. Zu dieſem Ver=
langen
äußerte ſich die Regierung in einem Schreiben
an den Ausſchuß, daß die fertiggeſtellten Entwürfe eines
Geſetzes und einer Verordnung, betreffend den Ar=
eiterſchutz
und die Unfallverhütung bei Bauten, an
eine größere Anzahl von Intereſſentengruppen zur
Aeußerung verſandt worden ſeien. Nach Eingang und
Berückſichtigung, etwaiger für gut befundener Vor=
ſchläge
, werde der Kammer eine diesbezügliche Geſetzes=
vorlage
zugehen, bei deren Beratung auf den Antrag
und die Vorſtellung zurückgekommen werden könne.
Im Hinblick auf dieſen Beſcheid der Regierung be=
trachtet
der Ausſchuß es als ſelbſtverſtändlich, daß bei
Beratung dieſer Vorlage die beiden Anregungen mit=
beraten
werden. Da aber Geſetzesvorlagen geſchäfts=
ordnungsgemäß
nur vom Geſetzgebungsausſchuß be=
handelt
werden, ſo hält es der berichtende Ausſchuß für
unzweckmäßig, auf die Materie des Antrages näher ein=
zugehen
und beantragt deshalb, den Antrag Ulrich und
Genoſſen, ſowie die Vorſtellung der Vereinigung der
mittleren Baubeamten für vorläufig erledigt zu erklä=
ren
und die Regierung zu erſuchen, die Geſetzesvorlage,
betreffend Bauarbeiterſchutz, baldigſt den Landſtänden
zugehen zu laſſen.

Kongreſſe und Verbandstage.
* München, 27. Mai. Die Deutſche Geſell=
ſchaft
zur Rettung Schiffbrüchiger hielt
heute vormittag ihre 44. Hauptverſamlung ab, zu wel=
cher
Vertreter aus allen Küſtengebieten und von vielen
Binnenbezirksvereinen erſchienen waren. Nachdem der
Vorſitzende, Nebelthau=Bremen, die Verſammlung be=
grüßt
hatte, ſprach Prinz Ludwig von Bayern
die herzlichſten Wünſche für die Geſellſchaft aus. Ihre
Aufgabe ſei nicht nur, in Seenot Befindliche zu retten,
ſondern auch für die Hinterbliebenen der auf der See
verunglückten Rettungsmannſchaften zu ſorgen. Alle
Beſtrebungen, die das Deutſche Reich angehen, würden
von Bayern ebenſo gefördert werden wie von allen an=
deren
Teilen des Reiches. Wir dürfen erwarten, daß
auch unſere Beſtrebungen vom Norden des Reiches
ebenſo gefördert werden. Inbezug auf den Ausbau
der Waſſerſtraßen, auf welchen der Vorſitzende
hingewieſen hat, ſei zu hoffen, daß bald der erſte
Schritt gemacht werde, wenn die leidige Frage der
Schiffahrtsabgaben erledigt ſei. Möge ſie auf
eine Art erledigt werden, daß niemand berechtigte
Klagen darüber haben kann. Ich wünſche, daß auch
wir, im Süden, an die See angeſchloſſen werden. Ich
glaube, wir ſind auf dem Wege dazu. Weitere
Begrüßungsanſprachen hielten Staatsrat
Lößl im Namen des Miniſteriums des Aeußeren,
Reichsrat Wölzl im Namen des Magiſtrats und Kom=
merzienrat
Pfiſter im Namen der Handelskammer.
Hierauf wurde in die Erledigung der geſchäftlichen
Angelegenheiten eingetreten, wobei unter anderem mit=
geteilt
wurde, daß anläßlich des Ballonunglücks von
Saßnitz zurzeit Notſignale zwiſchen den Luftſchiffern
und den Rettungsſtationen verabredet werden ſollen.
Als Ort der nächſtjährigen Verſammlung wurde Kiel
gewählt,

Luftſchiffahrt.
Truppen=Uebungsplatz Griesheim,
28. Mai. Herr Euler hat heute abend 7 Uhr einen
Flug von 48 Minuten und 15 Sekunden mit ſeiner
Flugmaſchine gemacht.
* Berlin, 27. Mai. In den Räumen des Kaiſer=
lichen
Automobilklubs fanden heute Verhandlungen
zwiſchen dem Deutſchen Luftſchifferverband
ſowie Vertretern des Kaiſerlichen Aeroklubs
und des Automobilklubs ſtatt mit Delegierten des in
Frankfurt a. M. begründeten Deutſchen Fliegerbundes.
Die Verhandlungen betrafen den Eintritt des Deutſchen

Fliegerbundes in den Deutſchen Luftſchifferverband und
dürften zu einem befriedigenden Ergebnis führen. Am
Nachmittag beſichtigten die Teilnehmer die Einrich=
tungen
des Flugplatzes Johannisthal; abends folgten
dieſelben einer Einladung des Vereins Deutſcher Flug=
techniker
zu einem Feſtmahl im Kaiſerlichen Aeroklub.
sr. Die Münchener Flugwoche hat nun=
mehr
ihren Abſchluß gefunden. Unter ſtarkem An=
drang
des Publikums führten am letzten Tage Jeannin
(Farman) und v. Goriſſen (Voiſin), Baron de Ca=
ters
(Voiſin), Brunnhuber (Antoinette), ſowie Tych
(Blériot) mehrere Flüge aus. Die Hauptpreiſe fielen
an Jeannin, ſo der Höhenpreis, die beiden Schnellig=
keitspreiſe
über 2 und 10 Kilometer, der Dauerflug=
preis
, der Preis für die beſte Geſamtflugleiſtung.
sr. Ein neuer Höhenweltrekord für
Aeroplane wurde von dem Franzoſen Paulhan
mit einem Farmann=Apparat bei dem Flugmeeting
von Verona aufgeſtellt. Paulhan, der im Januar in
Amerika den Weltrekord auf 1270 Meter empor=
ſchraubte
, verbeſſerte dieſe Leiſtung noch erheblich, in=
dem
er 1463 Meter hoch flog. Auch die Leiſtungen der
übrigen Aviatiker um den Höhenpreis waren ſehr be=
achtenswert
. So flog Efimoff (Farman) 1096 Meter
und Chavez (Farman) 786 Meter. Den Geſchwindig=
keitspreis
des Tages gewann der Blériot=Pilot Cata=
neo
, der 4 Kilometer in 3107 zurücklegte. Der Paſſa=
gierpreis
fiel an Paulhan, ebenſo der Preis der
Geſamtdiſtanz.

Sport.
Rennen in Frankfurt a. M., 29. Mai.
I. Preis von Mariahall, 2500 Mk., 2000 Meter
(Herren=Reiten). Erſter Dr. H. v. Boſſes und Herrn C.
Schwenſens Halcon Days (Reiter Herr Dr. Rieſe);
Zweiter Herrn Maurices Chicard (Fürſt Wrede);
Dritter Herrn v. Gorriſſens Oatfield (Rittm. v. Platen).
II. Palmengarten=Jagdrennen, 4000 Mk.,
4000 Meter (Herren=Reiten). Der wertvolle Preis fällt
mühelos Herrn Dr. Rieſe zu, da er als einziger ſtartet.
III. Fuchstanz=Hürden=Rennen, 2500 Mtr.
2500 Mk. (Herren=Reiten). Erſter Herrn W. Velhagen’s
Thilde (Fürſt Wrede); zweiter Herrn M. Schmidt=
Schröder’s Myrthe‟ (Dr. Rieſe), dritter Lt. von Willichs
Barrikade I‟ (Ltnt. Loß).
IV. Puchhof=Jagd=Rennen, 5000 Mk., 4000
Mtr. (Handicap) Erſter Herrn P. Mecklenburg’s Edfu‟
(Dr. Rieſe); zweiter Herrn E. Fahrs Marder (Fürſt
Wrede); dritter Major Frhr. von Reitzenſtein’s Nickel=
könig
(Lt. v. Moſſner).
V. Preis von Steinach, 4000 Mk., 2800 Mtr.
(Hürden=Rennen, Handicap). Erſter Herrn V. M. Fels
Zip‟. (Fürſt Wrede); zweiter Geſtüt Brandwerder’s
Romeo (Lt. Braune); dritter Rittmeiſter Duncklen=
berg’s
22. Drag. Enfant de Miracle‟ (Beſ.)
VI. Kaiſerpreis=Jagd=Rennen. Ehrenpreis
des Kaiſers und 6500 Mark. 4000 Meter (Handicap)
Erſter Lt. P. Barthel’s II (I. Ulan) Edda (Reiter
Dr. Rieſe), Zweiter Herrn von Gorriſſen’s Mouche ( Ritt=
meiſter
von Platen) eine knappe Kopflänge zurück, Dritter
Lt. Frhr. von Wangenheim’s Dietlinde (Lt. von
Dörnberg).
M. Das 12. deutſche Turnfeſt in Leipzig.
Auf Eingabe des Vorſitzenden der deutſchen Turner=
ſchaft
hat der Rat der Stadt Leipzig unter Vorbehalt der
Zuſtimmung der Stadtverordneten, an der nicht zu
zweifeln iſt, ſich damit einverſtanden erklärt, daß das
12. deutſche Turnfeſt im Jahre 1913 in Leipzig abge=
halten
wird. In demſelben Jahre ſoll auch die Ein=
weihung
des Völkerſchlachtdenkmals, das ſeiner Vol=
lendung
entgegengeht, ſtattfinden.
Lt. Das Internationale Lawn= Ten=
nis
=Turnier zu Brüſſel. Das Fünf=Länder=
Match brachte am zweiten Tage dem deutſchen Ver=
treter
Kreuzer eine neue Niederlage, da der Frank=
furter
ziemlich widerſtandslos von dem allerdings
außer Konkurrenz mitſvielenden Wilding=Auſtralien
62, 61 geſchlagen wurde. Kinzel=Oeſterreich ſiegte
über Lemaire=Belgien 62, 62 und Traſenſter= Bel=
gien
, der am Eröffnungstage überraſchenderweiſe
Kreuzer geſchlagen hatte, erfocht gegen Graf Salm=
Oeſterreich mit 64, 62 einen neuen, bemerkens=
werten
Erfolg. Im Doppelſpiel ſchlugen die Belgier
de Bormann=Traſenſter nach ſpannendem Kampf das
öſterreichiſche Paar Kinzel=Graf Salm 62, 46,
64, 63.
Erdbeben.
* Straßburg, 28. Mai. Die heute bei der
Kaiſerlichen= Hauptſtation für Erdbebenforſchung in
Straßburg eingelaufenen Nachrichten laſſen zunächſt die
Tatſache erkennen, daß das Schweizer=Beben
noch weiter nördlich als geſtern angegeben ſich fühlbar
gemacht hat. Als äußerſte Punkte ergaben ſich bisher
Biſchweiler und Ingweiler. Ebenſo liegen Meldungen
vor, daß die Erſchütterung ſowohl nach dem Schwarz=
wald
wie in die Vogeſen hinein ſich fortgepflanzt hat.
Aus Bern wird gemeldet, daß die Erſchütterung ziemlich
heftig geweſen iſt, ſtärker dagegen in Delsberg und
im Berner Jura. Als ſüdlichſte Grenze kann bisher
angeſehen werden Glarus, Betſchwanden und Ennendo
a. d. Linth, ſowie Bern. Für die Unterſuchung des
Erdbebens iſt es für die Kaiſerliche Hauptſtation Straß=
burg
von Wert, aus möglichſt zahlreichen Orten Nach=
richten
zu erhalten, um die Größe des Schüttergebietes
feſtzuſtellen. Aus dieſem Grunde iſt es auch von
Intereſſe, zu erfahren, wenn an einem Orte des Erd=
bebengebietes
das Beben nicht gefühlt worden iſt.
Ferner ſollten die Wirkungen genau beſchrieben wer=
den
, die das Beben auf die Gegenſtände ausübte
(Schwanken, Klirren, Umfallen, Verſchieben uſw.), weil
daraus die Stärke der Erſchütterung hergeleitet wird.

Das Schiffsunglück im Kaual.
* Berlin, 27. Mai. Der Kaiſer beauftragte
den Marineattaché bei der Botſchaft in Paris, dem
franzöſiſchen Marineminiſter anläßlich des Unfalles des
Tauchbootes Pluvioſe ſein Beileid auszuſprechen.
* Paris, 27. Mai. Im Auftrage und im Namen
der deutſchen Regierung ſprach Botſchafter Fürſt
Radolin heute nachmittag der franzöſiſchen Regier=
ung
anläßlich der Kataſtrophe der Pluvioſe die tiefſte
Teilnahme aus.
* Calais, 27. Mai. Die Taucher, die das Wrack
des Tauchbootes Pluvioſe in einer Tiefe von 22
Metern bei Flut vorfanden, haben Taue an dem Wrack
befeſtigt, dann aber die Arbeiten einſtellen müſſen, die
abends 10 Uhr wieder aufgenommen werden ſollen.
Der Marineminiſter erklärte bei ſeiner Rückkehr
von der Unfallſtelle, er habe keine Hoffnung mehr, daß
die Beſatzung des Tauchbootes ſich noch am Leben be=
finden
könnte; wahrſcheinlich ſei das Boot beim Zu=
ſammenſtoß
mit dem Dampfer geborſten. Der Miniſter

vermutet, daß der Pluvioſe einige Augenblicke nach
dem Zuſammenſtoß an die Oberfläche emporgeſtiegen
ſei, weil der Kommandant den letzten Verſuch gemacht
habe, das Boot, in welches das Waſſer mit furchtbarer
Schnelligkeit einſtrömte, in die Höhe zu bringen.
* Calais, 28. Mai. Das Transportſchif
wurde ſenkrecht über der Pluvioſe verankert. Es
wurde die Nacht daran gearbeitet, Ketten an dem Tauch=
boot
zu befeſtigen. Eine Menge Naphtha, die ſich an
der Unfallſtelle zeigte, beweiſt, daß die Wand, die die
Naphtha einſchloß, zertrümmert iſt. Es iſt gar keine
Hoffnung vorhanden, daß noch jemand von der Beſatz=
ung
lebt.
* Calais, 28. Mai. Da die Arbeiten zur Ber=
gung
des Pluvioſe länger dauern werden, als
man gehofft hat, iſt der Marineminiſter, der ſeine An=
weſenheit
nicht mehr für unbedingt nötig hält, nach
Paris zurückgekehrt.
* Calais, 28. Mai. Der Marineminiſter
blieb von 5 Uhr früh bis mittag am Ort der Kata=
ſtrophe
. Die See iſt ruhig. Die Taucher ſind im Be=
griff
, die Ketten zu befeſtigen, um den Pluvioſe an
die Küſte zuſ chleppen. Ein Taucher brachte die Flagge
hinauf, welche am hinteren Teile geflattert hatte. Sie
war noch an der Signalboje befeſtigt und dieſe ihrer=
ſeits
an dem Unterſeeboot. Die Tatſache beweiſt, daß
die Beſatzung ertrank, ſchon bevor ſie ſignaliſieren
konnte, daß ſie ſich in Gefahr befand. Denn wenn ein
Unterſeeboot ſich in Not befindet, wird ſofort die Sig=
nalboje
losgelöſt, welche dann mit der Flagge an die
Oberfläche ſteigt. Die Oberfläche der See iſt im Um=
kreis
von 200 Metern mit Petroleum aus dem Behälter
der Pluvioſe bedeckt.
* Calais, 29. Mai. An dem Unterſeeboot Plu=
vioſe
ſind zwei Ketten befeſtigt. Ein Taucher hat an
dem Schiffsrumpf ein klaffendes Loch und einen
Riß oberhalb des Torpedo=Lancierrohres feſtgeſtellt.

Die Kretafrage.
* Konſtantinopel, 28. Mai. Mehrere Perſön=
lichkeiten
, darunter Deputierte und Senatoren,
hielten geſtern eine Beſprechung über die Kreta=
frage
ab und beſchloſſen, an die ziviliſierte Welt eine
Proklamation zu erlaſſen, in der die Kretafrage im
wahren Lichte dargeſtellt werden ſoll, damit die öffent=
liche
Meinung die Verkürzung der türkiſchen Rechte
ermeſſen könne. Das Blatt Ikdam ſpricht ſich
gegen die Ernennung Zaimis aus und erklärt, Ober=
kommiſſar
von Kreta könne nur ein ottomaniſcher Be=
amter
oder eine einem neutralen Staate ent=
nommene
Perſönlichkeit werden.
* Konſtantinopel, 28. Mai. Die Kammer
verhandelte über die Kretafrage. Nach Verleſung ei=
ner
Eingabe von 16 mohammedaniſchen Deputierten in
der kretiſchen Kammer, in der dieſe hervorhoben, daß ihr
Leben gefährdet ſei und daß das mohammedaniſche Ele=
ment
unter den gegenwärtigen Umſtänden nicht mehr auf
der Inſel bleiben könne, ſowie nach Verleſung von De=
peſchen
eines Provinzialmeetings wurde ein Interpel=
lationsantrag
verleſen, der von mehr als 200 Deputierten
gezeichnet iſt und in dem die Regierung aufgefordert wird,
Erklärungen zu geben, was ſie zur Verteidigung der Sou=
veränitätsrechte
der Türkei getan habe. Der arabiſche De=
putierte
Scheik Eſſad ſagte ſogar, die Beduinen von Me=
dina
hätten geſchworen, Kreta zurückzugewinnen
oder zu ſterben. Wenn das Kabinett innerhalb einer
Woche die Kretafrage nicht löſe, würden die Mohammeda=
ner
der ganzen Welt, ſogar diejenigen Afghaniſtans, vom
Sudan und Algerien, vom Kabinett die heilige Propheten=
fahne
zurückverlangen und ſich ſelbſt Recht verſchaffen. Der
Kretenſer Mechmed Ali ſagte, das Kabinett, das in die
Betrauung eines Griechen aus dem Königreich mit der
Verwaltung der Inſel Kreta einwilligen würde, würde ge=
lyncht
werden. Ein Kriegsvorwand gegen Griechenland
könne leicht gefunden werden. Der Großweſir Hakki Paſcha
erklärte, die Mächte hätten die Unmöglichkeit anerkannt,
Kreta Griechenland zu geben; ſie ſeien bemüht, eine =
ſung
für die Kretafrage zu finden. Die Mächte hätten
ihre frühere Haltung zugunſten der Türkei geändert. Die
Türkei werde Kreta nur durch einen Krieg bezwungen ab=
geben
; die Regierung müſſe aber weiſe vorgehen. Die
Türkei könne nicht nach Kreta ziehen, ſolange ſich dort
Mächte befänden, die die Souveränitätsrechte der Türkei
wahrten. Mit Griechenland hat die Türkei nichts zu tun
und Kreta werde der Türkei nicht verloren gehen; dafür
werde das Kabinett alle Opfer bringen in dem Bewußtſein,
daß die ganze Nation hinter ihm ſei. Darauf wurde zur
Tagesordnung übergegangen.
* Konſtantinopel, 28. Mai. Im Senat gab
auf eine Anfrage des Kreters Nurider, der die Beſetzung
der Suda=Bai durch die türkiſche Flotte und ein ſcharfes
Vorgehen gegen Griechenland verlangte, der Groß=
weſir
ähnliche Erklärungen wie in der Kammer ab und
teilte mit, die Schutzmächte ſicherten die Löſung der kre=
tiſchen
Frage durch eine Autonomie zu, die die Sou=
veränitätsrechte
der Türkei wahre. Auf den Hinweis, der
Könia der Hellenen arbeite auf eine Annexion hin, erklärte
der Großweſir, wenn Griechenland offiziell für Kreta ein=
trete
, werde die Türkei ſcharf vorgehen. Der Senat’fand
die Erklärungen des Großweſirs genügend.
* Konſtantinopel, 28. Mai. Wie die Blätter
melden, begann in den Häfen des Schwarzen Meeres
ein antigriechiſcher Boykott. Die Pforte ſagte
der griechiſchen Geſandtſchaft Abhilfe zu.

Die chineſiſche militäriſche Studienkommiſſſon
beim Kaiſerpaar.
* Berlin, 28. Mai. Die chineſiſche Militär=
Studienkommiſſion, mit dem Prinzen Tſai=
fao
an der Spitze, iſt heute nachmittag hier einge=
troffen
. Auf dem Bahnhofe wurde ſie von dem Prin=
zen
Friedrich Leopold, den Spitzen der militäriſchen
Behörden und dem chineſiſchen Geſandten und den
Herren der Geſandtſchaft empfangen. Auf dem Bahn=
hofe
war eine Ehrenkompagnie aufgeſtellt. Die Herren
der Kommiſſion begaben ſich in königlichen Wagen in
das Hotel Adlon.
* Neues Palais, 29. Mai. Prinz Tſai Tao
und die Mitglieder der chineſiſchen militäriſchen Studien=
kommiſſion
begaben ſich heute vormittag von Berlin hier=
her
, mit ihnen der Staatsſekretär des Auswärtigen Amtes
Frhr. v. Schön, der chineſiſche Geſandte, und die zu den
chineſiſchen Herren kommandierten Offiziere. Von der
Station Wildpark fuhr der Prinz nach 11 Uhr in geſchloſ=
ſenem
Galawagen, vierſpännig mit Spitzenreitern, zum
Palais, die anderen Herren folgten in königlichen Wagen.
Oberhofmarſchall Graf Eulenburg und ſtellvertretender
Hofmarſchall Graf Pückler empfingen den Prinzen und
geleiteten ihn durch das Veſtibül, wo die Schloßgardekom=
pagnie
in friederizianiſcher Gala präſentierte, zum Muſchel=
ſaal
. Hier hatten ſich der Kommandant des Hauptquar=
tiers
, Generaloberſt v. Pleſſen und die Flägeladjutanten

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 30. Mai 1910.

Nummer 123.

des Kaiſers verſammelt, dabei der à la Suite Sr. Majeſtät
ſtehende ruſſiſche General Tatiſcheff. Der Kaiſer ließ ſich
im letzten Moment bei dem Empfang durch den Kron=
prinzen
vertreten, da der Verband an der rechten Hand
das Anlegen der Parade=Uniform verhinderte. Der Kron=
prinz
erſchien in der Uniform des 1. Garde=Regiments
zu Fuß.
Prinz Tſai Tao hielt eine Anſprache. Das Konzept
dieſer für den Empfang durch den Kaiſer gedachten Rede
lautet auf deutſch: Der Kaiſer von China entbietet Ew.
Majeſtät durch mich ehrerbietigſten Gruß. Ew. Majeſtät
genießen in der ganzen Welt den Ruhm eines hervorra=
genden
Strategen, dem die Ausbildung und die Kriegs=
bereitſchaft
ſeines Heeres vor allem am Herzen liegt. Ich
habe ſtets zu Ew. Majeſtät mit Bewunderung emporge=
blickt
und ſchätze mich glücklich, jetzt vor Ew. Majeſtät
treten zu dürfen und ſo huldvoll empfangen zu werden.
Es trifft ſich ſehr günſtig, daß die große Frühjahrsparade
bevorſteht, an der es mir vergönnt ſein wird, teilzuneh=
men
, ſodaß ich Gelegenheit haben werde, die erſte Armee
der Welt mit meinen eigenen Augen zu ſehen. Da ich
ſelbſt dem Heere angehöre, ſo wird mir dies ganz beſon=
dere
Freude bereiten. Ich bin der feſten Ueberzeugung,
daß Ew. Majeſtät die Macht, die die ſtärkſte Armee ver=
leiht
, lediglich zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens be=
nutzen
werden. Die freundlichen Beziehungen unſerer bei=
den
Länder haben ſich in den letzten Jahren immer inniger
geſtaltet. Ich hoffe, daß die Offiziere Ew. Majeſtät mir
in allen militäriſchen Fragen mit ihrem Rat zur Seite
ſtehen und mich ſo in den Stand ſetzen werden, meine
Miſſion zu erfüllen und nach meiner Rückkehr in die Hei=
mat
an der Reorganiſation des chineſiſchen Heeres mitzu=
arbeiten
. Ew. Majeſtät wollen geruhen, dieſe meine Worte
gnädigſt entgegenzunehmen.
Der Kronprinz antwortete mit folgenden Worten:
Ew. kaiſerlichen Hoheit ſpreche ich im Auftrag und im
Namen Sr. Majeſtät des Kaiſers und Königs aufrichtigen
Dank aus für die ſoeben Allerhöchſtdemſelben gewidmeten
Worte und für die Grüße, die Se. Majeſtät der Kaiſer von
China durch Sie hat übermitteln laſſen. Mit lebhafter
Genugtuung erfüllt es Se. Majeſtät, daß Se. kaiſerliche
Majeſtät abermals einen Prinzen ſeines Kaiſerhauſes an
der Spitze einer großen Anzahl hoher Staatswürdenträger
und Offiziere nach Deutſchland entſandt hat, um deutſche
Einrichtungen zu ſtudieren. Wie im Anfang dieſes Jahres
Ew. kaiſerlicher Hoheit Bruder, Prinz Tſai Hſuen, die
deutſche Marine, ſo wollen Ew. kaiſerliche Hoheit jetzt das
deutſche Heerweſen kennen lernen. Unſere Behörden wer=
den
beſtrebt ſein, Ew. kaiſerlichen Hoheit Einblick in alles
zu geben, was auf dieſem Gebiete für Sie von Intereſſe
ſein kann, und ich bin überzeugt, daß unſere Heeresein=
richtungen
eine Fülle von Anregungen bieten werden, die
auch für das große, in erfreulicher Entwickelung befindliche
chineſiſche Heer nutzbar gemacht werden können. Ueber=
eugt
, daß auch Ew. kaiſerlichen Hoheit Beſuch dazu bei=
tragen
wird, die guten und freundſchaftlichen Beziehungen
zwiſchen dem chineſiſchen und dem deutſchen Reich immer
mehr zu fördern und zu feſtigen, heiße ich namens Se. Ma=
jeſtät
des Kaiſers und Königs Ew. kaiſerliche Hoheit und
Ihre Begleiter herzlich willkommen und hoffe, daß Sie von
dem Aufenthalt in unſerer Mitte nur die angenehmſten
Eindrücke empfangen mögen.
Hiernach empfing die Kaiſerin den Prinzen im Ta=
merlan
=Zimmer und ließ ſich auch ſämtliche chineſiſchen
Herren vorſtellen. Die Kaiſerin beſichtigte dann die im
Muſchelſaal aufgeſtellten, von dem Prinzen mitgebrachten
Geſchenke, Vaſen und Seidenſtoffe, worauf den Gäſten im
Muſchelſaal Erfriſchungen gereicht wurden. Der Prinz
fuhr nach dem Empfang im Neuen Palais zur Abſtattung
von Viſiten nach Potsdam.

Stimmen aus dem Publikum.
(Für die Veröffentlichungen unter dieſer Ueberſchrift übernimmt die Redaktion
keinerlei Verantwortung; für ſie bleibt auf Grund des § 21 Abſ. 2 des
Preßgeſetzes in vollem Umfange der Einſender verantwortlich.)
Gleichwohl der Preis des Gaſes aus dem
ſtädtiſchen Gaswerk mit Wirkung vom 1. April 1910 ab
von 12 auf 16 Pfg. per Kubikmeter erhöht worden iſt, iſt
erſteres doch nicht beſſer geworden, ſondern es
behält ſeine weniger guten Eigenſchaften, entſprechend dem
Verfahren, wie es ſeit einiger Zeit bei ſeiner Herſtellung
geübt wird, weiter. Die Konſumenten beklagen ſich ſehr
darüber und ganz mit Recht. Es wird ein ſchlechteres
Gas hergeſtellt und dieſes mit gutem Gas, wie es früher
allein zur Benutzung kam, vermiſcht. Beim Verbrauch
des Miſchgaſes iſt ein weit größeres Quantum nötig als
früher und fällt infolgedeſſen auch die monatliche Rechnung
viel höher, ja faſt um das Doppelte ſo hoch, aus wie vor=
her
. Nicht zu verwundern iſt deshalb, daß von den Kon=
ſumenten
, ſehr unzufrieden mit dieſen Verhältniſſen, beab=
ſichtigt
iſt, beim Kochen wieder auf den Steinkohlenherd
zurückzukommen. Es dürfte an zuſtändiger Stelle ſehr zu
erwägen ſein, ob nicht bald Abhilfe zu ſchaffen und ein
gutes Gas an die Konſumenten zu liefern ſei. Bei einem
Reingewinn von zirka 400000 Mark hätte man ſogar er=
warten
ſollen, daß ein Preisaufſchlag nicht erfolgt wäre.
Einer für Viele.

Die Berninabahn. Späteſtens am 1.
ſoll das letzte Teilſtück der Berninabahn eröffnet
den. Schon ſeit einem Jahr fährt dieſe elekt:

(2256 Meter). Ebenſo iſt das Teilſtück Poſchiavo=
Meter) bis Tirano (429 Meter) im Betrieb. Es
nur noch das ſchwierigſte Stück der Linie Berninah
bis Poſchiavo mit ſeinen vielen Windungen und
tunnels, das in dieſen Wochen ſeiner Vollendung
gegengeht. 59,6 Kilometer dieſer hochintereſſanter
birgsbahn liegen auf ſchweizeriſchem, ein Kilomete=
italieniſchem
Gebiet. Damit wäre nun der direkt
ſchluß von dem Engadin, von St. Moritz und Po
ſina, aber auch von Davos nach dem Comerſee ge
fen, den die italieniſchen Staatsbahnen als Fortſe
der Berninabahn in Colico erreichen. Die Streck
Moritz-Colico würde dann in fünf Stunden z.
gelegt werden könne

St. Moritz über die Malvja, Vicoſoprano, Chiave
Comerſee ſieben bis acht Stunden und in umgek
Richtung zehn Stunden beträgt. Auch die Prei
Fahrt werden bei bedeutend größerem Komfort,
für Hin= und Rückfahrt, ſich um etwa 10 bis 15 Fr
niedriger ſtellen. Geplant iſt ferner der Bau eine
ſchlußbahn von Tirano über oder durch das S
Joch nach der öſterreichiſchen Grenze bei Mals,r
Bahn nach Meran und Bozen weiterführt, und
Stauders und Martinsbrück wiederum Anſchluß
dem Unterengadin hätte, deſſen Bahnſtrecke Same
Zernetz-Taraſp gegenwärtig im Bau iſt.

Literariſches.
Anny Wothe: Das Tor des Lebens.
Ein Roman. (Boll u. Pickardt, Berlin, 1910.) Broſch.
4 Mark, geb. 5 Mark. Anny Wothe hat in dem oben=
genannten
Verlage ihr neueſtes Opus: Das Tor des
Lebens. Ein Roman erſcheinen laſſen. Auch diesmal
iſt es ihr wieder in reichem Maße gelungen, ihrem
Leſerkreiſe mit ihrem glänzenden Erzählertalent
glühende, lebenswarme Bilder vorzuzaubern. Aber
nicht nur in der Fabel, ſondern auch in der Charakte=
riſtik
der handelnden Perſonen hat ſie wieder Großes
vollbracht. Ein Roman im beſten Sinne des Wortes iſt
Das Tor des Lebens. Im übrigen läßt der Name
Anny Wothe ja jeden weiteren Kommentar über=
flüſſig
erſcheinen.
Rudolf von Loſſow: Der Weihrauch=
geiſt‟
Ein Märchenroman der Menſchheit. Vita,
Deutſches Verlagshaus, Berlin=Charlottenburg. Preis
broſch. 3 Mark, gebunden 4 Mark. Eine neu ge=
ſchaffene
Weltanſchauung in einem Märchenbuch, ſo
könnte man das Werk des jungen Autors bezeichnen.
Die Entwicklung der Menſchheit aus rohen Zuſtänden
in höher geartete Weſen und die Ausbreitung der Kul=
tur
in unwirtlichen Gegenden dieſes Grundmotiv
rollt ſich in frei dichteriſch erfundener Art vor unſeren
Augen ab. Eine Fülle an Phantaſie und wunderſam
geſchilderten Geſchichten empfängt den Leſer und reißt
ihn ſtellenweiſe völlig mit fort. Jeder wird Freude,
Ergötzen und Anregung aus dieſem reichen Buche
ziehen, und vielen wird es mit ſeiner in ſich lückenlos
geſchloſſenen Weltanſchauung ſogar Antwort ſein.
Georg Büchner: Geſammelte Schrif=
ten
. 2 Bände. (Paul Caſſirers Verlag, Berlin W. 10.)
Preis broſch. jeder Band 5 Mark, kartoniert 6 Mark,
in Leder gebunden 7,50 Mark. Die Werke des im
Jahre 1837 mit 23 Jahren jäh dahingerafften Georg
Büchner, die der Verlag dem Publikum in einer neuen
Ausgabe vorlegt, dürfen den Anſpruch erheben, gerade
in unſerer Zeit einer unverdienten Vergeſſenheit ent=
riſſen
zu werden. Bisher hat nur ſein geniales, aber
unfertiges Erſtlingsdrama Dantons Tod allgemei=
nere
Verbreitung gefunden, während ſeine viel bedeu=
tenderen
, aus dem Nachlaß veröffentlichten Dichtungen
wohl in der Literatur nachhaltige Spuren hinterließen,
aber nur von wenigen mit offenem Sinn für ihre hohen
dichteriſchen Schönheiten genoſſen wurden. Die neue
Ausgabe unterſcheidet ſich von der letzten, vor mehr als
30 Jahren erſchienenen Sammlung ſeiner Schriften, die
Karl Emil Franzos veranſtaltete, durch die ſtärkere Be=
tonung
der rein äſthetiſchen Werke, durch überſichtlichere
Anordnung und Herausarbeitung des eigentlichen
Lebens= und Schönheitsgehaltes im Werke dieſer früh
verſtorbenen, großgearteten Perſönlichkeit. Dieſem
Zwecke ſucht auch die vorangeſtellte ausführliche Bio=
graphie
, die zum erſten Male eine allſeitige Darſtellung
und wiſſenſchaftliche Beurteilung ſeines Weſens und
Schaffens unternimmt, ſuchen die Einführungen zu den
einzelnen Schriften zu dienen.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Berlin, 28. Miai. Da der Kaiſer ſich auf ärzt=
lichen
Rat für einige Tage Schonung ſeiner Hand auf=
erlegen
muß, hat er den Kronprinzen für die
Dauer ſeiner Verhinderung beauftragt, diejenigen
Schriftſtücke unterſchriftlich zu vollziehen, die er ihm
zu dieſem Zwecke eigens zugehen laſſen wird. Der
heutige Reichs= und Staatsanzeiger veröffentlicht die
hierauf bezüglichen Erlaſſe.
* Berlin, 28. Mai. Der Staatsſekretär des
Reichspoſtamts ſprach den Oberpoſtdirektionen in
einem Erlaß ſeine Befriedigung über die erfolg=
reichen
Bemühungen aus wegen der verminderten Tele=
graphenbauarbeiten
den beſchäftigungslos gewordenen
Telegraphenarbeitern anderweite Arbeit in den Reichs=,
Staats= und Privatbetrieben zu verſchaffen. Der
Staatsſekretär empfiehlt den Oberpoſtdirektionen, nöti=
genfalls
gleichartige Schritte noch bei den Landwirt=
ſchaftskammern
zu tun.
* Berlin, 28. Mai. Der Seniorenkonvent
des Abgeordnetenhauſe beſchloß, nächſte Woche,
Montag und Dienstag, Plenarſitzungen abzuhalten, der
Mittwoch bleibt für die Kommiſſionen frei. Sobald
das Staatsminiſterium mitgeteilt hat, welche Geſetzes=
vorlagen
dieſe Seſſion noch erledigt werden ſollen, tritt
der Seniorenkonvent wieder zuſammen, um den Ge=
ſchäftsplan
für den Tagungsreſt zu beraten. Bis da=
hin
ſollen ſich die Fraktionen darüber ſchlüſſig machen,
welche von ihren Initiativanträgen ſie noch beraten
wiſſen wollen.
* Berlin, 28. Mai. Juſtizrat Dr. Joſeph Stranz,
der Herausgeber der Deutſchen Juriſtenzeitung, iſt
geſtern geſtorben.
* Berlin, 28. Mai. Bei den Einigungsver=
handlungen
im Baugewerbe wurden die ein=
zelnen
Streitpunkte auch heute eingehend erörtert. Die
Verhandlungen geſtalten ſich ſehr langwierig, da die
Parteien nicht bloß zu den bekannten Streitpunkten
(zentraler Abſchluß, Formſyſtem, Sicherung der Akkord=
arbeit
, Arbeitszeit, Arbeitnachweis), ſondern zu allen
Nebenpunkten des Vertragsſchemas widerſprechende
Anträge ſtellten. Die Unmaſſe der geſtellten neuen An=
träge
und Erklärungen macht nunmehr eine überſicht=
liche
Zuſammenſtellung der geſamten ſtrittigen Punkte
nötig. Dieſer Arbeit werden ſich die Unparteiiſchen
am nächſten Montag vormittag unterziehen und nach=
mittags
werden ſie die Zuſammenſtellung einer Kom=
miſſion
der Arbeitgeber und Arbeitnehmer vorlegen.
Im Anſchluß hieran ſoll in die weiteren Unterhand=
lungen
über die geſamte Materie noch einmal einge=
treten
werden. Es wird dann Aufgabe der Unpar=
teiiſchen
ſein, über die ſtrittigen Punkte eine Einigung
zu verſuchen, eventuell den Parteien formulierte Vor=
ſchläge
zu machen, von deren Annahme oder Nichtan=
nahme
die Wiederherſtellung des Friedens im Bau=
gewerbe
abhängig wird.
* Berlin, 28. Mai. Die Norddeutſche Allgemeine
Ztg. nimmt zu den Verhandlungen der kürzlich in
Berlin abgehaltenen Konferenz deutſcher Bau=
genoſſenſchaften
Stellung. Die Verhandlungen
hatten ſich mit einem Rundſchreiben beſchäftigt, in wel=
chem
das Reichsverſicherungsamt die Landesverſicher=
ungsanſtalten
erſuchte, bei Darlehen an Bauge=
noſſenſchaften
fortan mindeſtens 3½ Prozent zu
erzielen. Die Nordd. Allg. Ztg. bemerkt, daß einer
anerkannt ſozialpolitiſch fortgeſchrittenen Behörde ge=
wiß
der für die Wohnungsfürſorge zunächſt
nachteilige Einfluß des Rundſchreibens bekannt war,

führt, daß mit einer erheblichen Erhöhung der von Ar=
beitgebern
und Arbeitern für die Invalidenverſicher=
ung
zu entrichtenden Beiträge gerechnet werden muß,
wenn ſo große Mittel zu billigem Zinsfuß noch herge=
geben
würden. Die Baugenoſſenſchaften würden dieſe

Wendung bedauern, dadurch iſt es aber nicht gerecht=
fertigt
, dem die Geſamtheit der einſchlägigen Intereſſen
überſchauenden Reichsverſicherungsamt einen Vorwur
zu machen.
* Berlin, 28. Mai. Der geſtern Abend hier einge=
troffene
italieniſche Miniſter des Auswärtigen,
der heute vormittag in der italieniſchen Botſchaft den
Beſuch des Staatsſekretärs v. Schön empfangen hatte,
beſuchte im Laufe des Nachmittags den Reichskanzler
und verweilte dort längere Zeit, ebenſo beim Staats=
ſekretär
Frhrn. v. Schön im Auswärtigen Amt.
* Berlin, 28. Mai. Der Lokalanzeiger meldet aus
Oberhauſen: Fünf Bergleute, die von der Arbeit
heimkehrten, nahmen in der Ruhr ein Bad; zwei von
ihnen gerieten in einen Wirbel und gingen unter.
Zwei verſuchten, ſich zu retten, wurden aber gleichfalls in
die Tiefe gezogen. Alle vier ertranken. Drei Lei=
chen
wurden geborgen.
* Neues Palais, 29. Mai. Der Kaiſer leidet,
wie bereits bekannt gegeben, an einem Furunkel in
der Gegend des rechten Handgelenks. Die lebhafte Ent=
zündung
machte eine Oeffnung erforderlich, welche
am Samstag, den 28. Mai, von Geheimerat Profeſſor
Bier ausgeführt wurde. Der Verlauf iſt bisher
normal.
* Neues Palais, 29. Mai. Um 12½ Uhr trafen im
Neuen Palais der italieniſche Miniſter des Auswärtigen
Marquis di San Giuliano und ſein Kabinettschef
Conte Sforza ein. Beide Herren wurden vom
Kaiſer empfangen. Hierauf hatte der Kaiſer eine Unter=
redung
mit Marquis di San Giuliano allein.
Neues Palais, 23. Mai. Die für morgen in
Ausſicht genommene Uebung der 2. Garde= Infanterie=
brigade
in Döberitz wurde aufgeſchoben.
* Frankfurt a. M., 28. Mai. Im hieſigen ſtädti=
ſchen
Schwimmbade kam man langjährigen, um=
fangreichen
Unterſchlagungen auf die Spur.
Neun Badediener, darunter drei Mitglieder des Ar=
beitsausſchuſſes
, wurden entlaſſen; alle neun ſind ge=
ſtändig
. Die Höhe der Unterſchlagungen läßt ſich noch
nicht überſehen.
* Baden=Baden, 28. Mai. Der Frau Geheimerat
Koch ſind bereits zahlreiche Beileidstelegramme
zugegangen, darunter ſolche des Kaiſers und des preußi=
ſchen
Kultusminiſters. Das Telegramm des Kaiſers hat
folgenden Wortlaut: Neues Palais bei Potsdam. An
Frau Geheimerat Koch, Exzellenz, Sanatorium Frey=
Dengler, Baden=Baden. Beim Hinſcheiden Ihres von
mir ſo hochverehrten Herrn Gemahls ſpreche ich Euer
Exzellenz mein herzlichſtes Beileid aus. Ich beklage
aufs Tiefſte den Verluſt des größten deutſchen Arztes
unſerer Zeit und blicke mit dem deutſchen Volke dankbar
auf ſein ſegensreiches Lebenswerk. Wilhelm I. R.
* Koblenz, 29. Mai. Amtlich. Geſtern nachmittag
1½ Uhr fuhr auf der Nebenbahn Remagen=Adenau
auf dem Wegübergang in der Provinzialſtraße beim
Haltepunkt Leimbach durch Verſchulden des Geſchirr=
führers
das mit zwei Herren und mehreren Damen be=
ſetzte
Automobil I X 1742 in die Lokomotive des
Güterzugs Nr. 8242. Der Inſaſſe F. J. Collin= Dort=
mund
wurde leicht verletzt. Das Automobil wurde ſtark,
die Lokomotive leicht beſchädigt.
* Wien, 28. Mai. Die Geſellſchaft der
Aerzte von Wien hißte nach dem Eintreffen der
Todesnachricht von Profeſſor Dr. Robert Koch auf
ihrem Geſellſchaftshauſe die Trauerfahne. Die Ge=
ſellſchaft
, die Kaiſerliche Akademie der Wiſſenſchaften
und andere Wiener mediziniſche Vereinigungen, deren
Ehrenmitglied Dr. Koch war, veranſtalteten Trauer=
feiern
.
Wien, 28. Mai. Den Blättern zufolge iſt das
Urteil gegen Hofrichter heute gefällt worden und
lautet auf Tod durch den Strang. Eine amtliche
Veröffentlichung iſt bisher nicht erfolgt. In jedem Falle
unterliegt das Urteil noch der Entſcheidung des Gerichts=
herrn
.
* Wien, 29. Mai. Die Meldung einiger Blätter,
daß in Serajewo Anarchiſten verhaftet worden
ſeien, iſt vollkommen aus der Luft gegriffen. Es
handelt ſich um eine auf Senſation berechnete Erfindung.
* Wien, 29. Mai. Die kaiſerliche Akademie der
Wiſſenſchaften wählte den Profeſſor an der Berliner
Univerſität, Kekule v. Stradonitz, und den Profeſſor
an der Univerſität Jena, Ernſt Stahl, zu korreſpon=
dierenden
Mitgliedern.
* Wien, 29. Mai. Die Teilnehmer an der deutſch=
öſterreichiſchen
Donaufahrt Regensburg=Wien
waren abends im Rathauſe Gäſte der Stadt Wien. An=
weſend
waren ferner der deutſche Botſchafter mit den
Herren der Botſchaft und der bayeriſche Geſandte. Ad=
miral
Aſchenborn=Kiel ſprach im Namen der Gäſte
dem Bürgermeiſter und der Gemeindevertretung den
Dank aus für den außerordentlich liebenswürdigen
Empfang. Bei der Tafel gedachte der Bürgermeiſter
von Wien des feſtgeſchloſſenen Freundſchaftsbundes
zwiſchen Deutſchland und Oeſterreich=Ungarn und trank
auf das Wohl Kaiſer Wilhelms und Kaiſer Franz
Joſefs. Aſchenborn gedachte des tiefen Eindrucks, den
der unvergeßliche Empfang in Wien auf die deutſchen
Gäſte gemacht habe und toaſtete auf die Stadt Wien.
Namens der Regierung verſicherte der Eiſenbahn=
miniſter
, dieſe begrüße mit warmer Sympathie die Be=
ſtrebungen
der Teilnehmer an der Fahrt, die dazu bei=
trügen
, die Bande der politiſchen, ſozialen und wirt=
ſchaftlichen
Beziehungen zu feſtigen. Er trank auf das
Wohl der deutſchen Gäſte.
* Peſt, 29. Mai. Der Kaiſer iſt heute Abend im
Sonderzug in Begleitung eines großen Gefolges, der
gemeinſamen Miniſter und der beiden Miniſterpräſidenten
nach Bosnien abgereiſt.
* Rom, 27. Mai. Popolo Romano ſchreibt: Die
herzlichen Auslaſſungen, mit denen die deutſche Preſſe
den Beſuch Giulianos einſtimmig begrüßt
können in Italien nur das Empfinden dankbarer Ge=
ſinnung
hervorrufen. Den ſympathiſchen Empfang,
den der Miniſter am Kaiſerlichen Hofe wie in den poli=
tiſchen
Kreiſen von Berlin finden werde, betrachteten
die Italiener, als wenn er der italieniſchen Nation,
der Freundin der verbündeten ſtarken deutſchen Na=
tion
, bereitet würde. Es ſei überflüſſig, nach ſo lang=
jähriger
Erfahrung von einer Befeſtigung des Drei=
bundes
zu reden, der jetzt in das politiſche Bewußtſein
des italieniſchen Volkes übergegangen ſei und auch von
den nicht dem Dreibund angehörigen Nationen als ein
ſehr wirkſamer Faktor zur Aufrechterhaltung des Frie=
dens
angeſehen werde.
* Rom, 28. Mai. Die Kammer ſetzte heute die Be=
ratung
über den Geſetzentwurf betreffend die Schiffahrts=
konventionen
fort. Saal und Tribünen waren überfüllt.
Nach den Ausführungen des Berichterſtatters befürwortete
Miniſterpräſident Luzzatti unter lebhaftem Beifall des
Hauſes die Vorlage und erklärte ſich mit der von der
Kommiſſion vorgeſchlagenen Tagesordnung einverſtanden,
die dann durch Handaufheben angenommen wurde. Auf
Verlangen Luzzattis beſchloß die Kammer darauf: in

[ ][  ][ ]

Nummer 123.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 30. Mai 1910.

Seite 7.

namentlicher Abſtimmung mit 35 gegen 317 Stimmen
den Eintritt in die Spezialdebatte. Im Verlaufe der
Veratung wurde in geheimer Abſtimmung mit 188 gegen
58 Stimmen der Geſetzentwurf betreffend die Schiff=
fahrtskonventionen
im ganzen angenommen.
* Paris, 28. Mai. Der Kabinettsrat ſetzte
die Beratung über das Programm, das er der Kam=
mer
vorlegen wird, fort. Er wird in kurzer Zeit einen
Geſetzentwuf einbringen für die Wahlrechtsreform mit
Berückſichtigung der Minoritäten, ferner Geſetzent=
würfe
über die Verwaltungsreform, den Arbeitsver=
trag
, das Beamtenſtatut und die Erweiterung der Syn=
dikatsrechte
. Der Kabinettsrat wird ſich bereit erklä=
ren
, mit der Senatskommiſſion über die Finanzreform
in Verhandlung zu treten, wobei das von der Kammer
angenommene Projekt als Grundlage dienen ſoll.
Liſſabon, 29. Mai Der Miniſterpräſi=
dent
wurde heute vom König in Audienz empfangen,
in welcher eine längere Beſprechung über die politiſche
Lage erfolgte. Darauf hatte der Miniſterpräſident eine
Beratung mit den übrigen Miniſtern.
Malaga, 29. Mai. Während der Vorführungen
in der Arena von Alhaurin el Grande ſtürzte eine
Tribüne ein. Elf Perſonen wurden ſchwer verletzt.
Helfingfors, 28. Mai. Der Landtag hat die
kaiſerlichen Vorſchläge betreffend eine beſondere Militär=
ſteuer
für 1911 und Anweiſung von Mitteln zur Vervoll=
ſtändigung
des Kriegsfonds für 1910 abgelehnt.
Petersburg, 28. Mai. Der Kaiſer empfing in
Zarskoje Sſelo Deputationen von Studenten der
Potersburger Univerſit ät und der Petersburger
Hochſchule, im ganzen über 50 Studenten. Der Kaiſer
redete zuerſt einzelne an und wandte ſich dann an alle
anweſenden Studenten mit einer Rede, in welcher er dem
Danke Ausdruck gab für die Liebe und Ergebenheit für
Rußland, die von ihnen vor den übrigen Kameraden
bezeugt würden. Dann ſprach er den Wunſch aus, daß
dieſe Gefühle immer mehr erſtarkten, damit Rußland
ruhig, ſtark und ruhmreich werde. Sodann trug der
Kaiſer den Studenten auf, ihren Kameraden bekannt zu
geben, daß es ihn freuen würde, wenn mit jedem Jahre
die Zahl der Studenten, die ſolche Geſinnungen an den
Tag legten, wachſen werde. Hurrarufe der Studenten
folgten dieſen Worten. Der Kaiſer ließ ſich darauf in
der Mitte einer Gruppe von Studenten photographieren.
Als der Kaiſer Abſchied nahm, begleiteten ihn die
Studenten mit dem Geſang der Nationalhymne und
Hurrarufen.
J. Griesheim, 28. Mai. Bei der heutigen Bei=
geordnetenwahl
wurden 1040 Stimmen abgegeben.
Hiervon erhielt Beigeordneter Feldmann 446, Gaſt=
wirt
Maus 368 und der Kandidat der Sozialdemo=
kraten
Jakob Feldmann 223 Stimmen. Es findet ſomit
Stichwahl zwiſchen Maus und dem ſeitherigen Bei=
geordneten
Feldmann ſtatt.
Griesheim, 29. Mai. Geſtern abend zwiſchen 8 und
½9 Uhr bot ſich der hieſigen Bevölkerung ein prächtiges
Schauſpiel. Vom nahen Lager her ließ ſich das Surren
der Flugmaſchine des Aviatikers Euler vernehmen.
Nach zweimaliger Umkreiſung des Truppen= Uebungsgelän=
des
nahm Herr Euler die Richtung direkt nach unſerem
Ort, überflog in impoſanter Rechtsſchwenkung Beſſunger
Weg und Darmſtädter Chauſſee und umkreiſte in einer
Höhe von 80 bis 100 Metern in weiter Bahn unſere Ge=
meinde
in raſcher Fahrt. Am Eichwäldchen erreichte Herr
Euler wieder das Uebungsgelände und in ſtolzer Fahrt
ging es der Bekkertanne und dem Burgwald entlang über
das Griesheimer Haus und nach Linksſchwenkung über
die Braunshardter Hausſchneiſe am Kaſino vorbei, um
das ganze Barackenlager bis ans weſtliche Ende zu über=
fliegen
. Hier nahm Herr Euler eine kurze Linksſchwenkung,
um nach ſeiner im Oſten des Platzes gelegenen Halle ohne
jeglichen Unfall zurückzukehren. Auf die beſtens gelungene
Fahrt um unſeren Ort kann der kühne Flieger ſicher ſtolz
ſein, und jung und alt unſerer Bevölkerung werden noch
lange dieſes bewundernswerten Fluges, als des erſten um
den Ort durch eine Flugmaſchine, und des Lenkers der=
ſelben
gedenken.
* Worms, 29. Mai. Geſtern fand hier die Grün=
dung
einer Beratungsſtelle für Säug=
lings
= und Mutterſchutz unter dem Vorſitz der
Großherzog in ſtatt. Die Großherzogin traf,
der Wormſ. Ztg. zufolge, geſtern nachmittag von
Darmſtadt im Automobil hier ein und begab ſich mit
ihrem Gefolge in den Heylshof, wo ſie kurze Zeit
verweilte. Dann wurden die Wagen zu einer Fahrt
durch die Stadt beſtiegen. Die Großherzogin war ganz
in Schwarz gekleidet. Zunächſt ging die Fahrt nach
der Alice=Induſtrieſchule, wo die hohe Frau
von drei weißgekleideten Mädchen (Schülerinnen der
Anſtalt) willkommen geheißen und ihr ein Blumen=
ſtrauß
überreicht wurde. Es folgte dann ein Gang
durch die unteren Räume der Schule, wo der Fürſtin
die Lehrerinnen vorgeſtellt wurden. In den oberen
Räumen war eine kleine Ausſtellung hergerichtet, die
ein Bild davon gab, was in den einzelnen Kurſen ge=
leiſtet
wird. Hier waren auch die Vorſtandsdamen an=
weſend
. Die Landesmutter ſprach ſich ſehr lobend über
das Geſehene aus. Es folgte die Beſichtigung des Mar=
tinsſtifts
. Am Eingang erfolgte die Begrüßung
durch die Frau Oberin. Herr Geiſtl. Rat Wiedemann
ſchilderte den Zweck des Martinsſtiftes. Die Großher=
zogin
verweilte etwa dreiviertel Stunden und beſuchte
die einzelnen Krankenzimmer. Gegen ¾5 Uhr erfolgte
die Ankunft vor dem Sophienhaus in der Paulus=
ſtraße
. Nach viertelſtündigem Verweilen wurde noch
das Sophienſtift in der Römerſtraße mit einem

Beſuch beehrt und die Großherzogin vom Vorſtand
empfangen. Die Frau Oberin erläuterte die Arbeit
des Hauſes, woran ſich ein Rundgang durch das Ge=
bäude
ſchloß. Von hier aus erfolgte die Fahrt nach
dem Kaſino.
Mehr als hundert Damen und Herren waren im
oberen Kaſinoſaal verſammelt. Am Vorſtandstiſche
nahm die Frau Großherzogin mit der Freifrau
von Grancy, Herrn Geh. Regierungsrat Dr. Kayſer,
Herrn Oberbürgermeiſter Köhler und Herrn Regier=
ungsrat
Piſtor Platz. Anweſend waren ferner Herr
Reichstagsabgeordneter Freiherr v. Heyl zu Herrns=
heim
, die Herren Beigeordneten und Stadtverordneten,
zahlreiche Aerzte und Damen und Herren unſerer Ge=
ſellſchaft
. Herr Oberbürgermeiſter Köhler eröffnete
im Allerhöchſten Auftrage die Verſammlung und ver=
breitete
ſich eingehend über den Zweck derſelben. Herr
Regierungsrat Piſtor von Darmſtadt erläuterte den
Zweck der Beratungsſtelle, die vor allem beſtrebt ſein
wolle, geſund geborene Kinder geſund zu erhalten.
Die Bürgermeiſterei von Worms und der ärztliche
Zweigverein ſeien in anerkennenswerter Weiſe ent=
gegengekommen
und hätten ſich bereit erklärt, in Worms
eine Beratungsſtelle zu gründen, aus der ſpäter eine
Zweigſtelle der Zentrale werden könne. Herr Dr.
Goebel verbreitete ſich darauf in längerem Vortrag
über die mediziniſche Seite der Frage. Gerade die
günſtigen Verhältniſſe in Worms ließen von der Für=
ſorgeſtelle
ſchöne Erfolge hoffen. Herr Regierungsrat
Piſtor ſtimmt dem Vorredner bei, daß die Verhält=
niſſe
in Worms günſtig ſeien und ſagt: Was aber für
unſere Bewegung beſonders notwendig iſt, das ſind
warme Frauenherzen. Liebe iſt vor allem nötig! Ge=
rade
unter den Wormſer Frauen ſind viele warme,
prächtige Frauengemüter, die ſchon durch ihre bishe=
rige
Tätigkeit gezeigt haben, wie gern ſie zum Mithel=
fen
bereit ſind. Unter ihnen Helferinnen zu werben,
muß ebenfalls Aufgabe der Fürſorgeſtelle ſein. Herr
Oberarzt Dr. Hoddick vom hieſigen Städtiſchen Kran=
kenhaus
beſpricht die mannigfachen Aufgaben der Be=
ratungsſtelle
. Er für ſein Teil werde ſein Beſtes ein=
ſetzen
, zum guten Erfolge der Wormſer Beratungsſtelle
beizutragen. Herr Oberbürgermeiſter Köhler be=
merkt
: Die zu gründende Beratungsſtelle ſolle nicht
lediglich eine ſtädtiſche Anſtalt, ſondern eine Zweigan=
ſtalt
der großen Zentrale ſein. Wir wollen zeigen, daß
wir die edlen Abſichten Ihrer Königlichen Hoheit ver=
ſtanden
haben und zu würdigen wiſſen. Redner ſchloß
mit einem dreifachen Hoch auf die Großherzogin, in das
die Anweſenden begeiſtert einſtimmten. Die Verſamm=
lung
hatte damit um 6 Uhr ihr Ende erreicht. Bald
darauf fuhr die Großherzogin wieder nach Darm=
ſtadt
zurück.
Brieſaſten.
V. G. Die Erben müſſen Ihnen das Dienſtverhältnis
kündigen. Die Kündigungsfriſt bemißt ſich nach dem
Zeitraum, für den jeweils die Vergütung bezahlt wird,
wenn nichts anderes vereinbart iſt. Für Koſt und Woh=
nung
iſt angemeſſener Erſatz zu leiſten; wohl mindeſtens
2 Mark pro Tag. Maßgebend iſt § 621 B. G.=B. J.

Vettreter: HAAS & BERNHARD, Darmstadt, Rheinstr.

(67939h

Kaniliemachrichten.

Bankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
bei dem Hinſcheiden meines unvergeßlichen Gatten
und unſeres Vaters, Schwiegervaters, Bruders,
Schwagers und Onkels
(11122
Herrn
Joseph Leinberger
Gr. Ober-Hoflakai
ſagen wir hierdurch Allen unſeren innigſten Dank.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Kath. Leinberger,
geb, Obst.
Darmſtadt, den 28. Mai 1910.

Statt jeder beſonderen Anzeige.
Hiermit die traurige Nachricht, daß mein
lieber Mann, unſer lieber Vater u. Großvater

Kgl. Rechnungsrat i. P.
heute Vormittag infolge eines Herzſchlags
ſanft verſchieden iſt.
(*13293
Im Namen der Hinterbliebenen:
A. Manteuffel, geb. Wosegien.
Darmſtadt, den 28. Mai 1910.
Die Einäſcherung findet Dienstag in Offen=
bach
ſtatt.

Bankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
bei dem Hinſcheiden meines lieben Bruders
Karl Schaffner
ſpreche ich Allen, insbeſondere dem Herrn Pfarrer
Walz für die troſtreiche Grabrede, ſowie allen
Freunden und Bekannten meinen herzlichen
Dank aus.
(B11117
Die trauernde Schweſter:
Elisabeth Schaffner.
Jugenheim a. d. Bergſtr., 28. Mai 1910.

Danßſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme,
ſowie für die zahlreichen Blumenſpenden bei der
Beerdigung meines unvergeßlichen Gatten und
unſeres Vaters
(11098
Joh. Heinrich Pfank
ſagen wir Allen, beſonders Herrn Pfarrer Dingeldey
für ſeine troſtreiche Grabrede, innigſten Dank.
Die tieſtrauernden Hinterbliebenen:
Eva Plank u. Kinder.

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Druck und Verlag: L. C. Wiklich’ſche Hofbuchdruckerei,
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldackel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil: F. Kroſk, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
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Seite 8.

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13)

Riffe der Liebe.
Ein Blankeneſer Roman
von Ewald Gerhard Seeliger.

(Nachdruck verboten.)

* Und Arno watete durch den tiefen Waſſerarm, kam
glücklich hinüber, lief über den Stand, die Waſſerrin=
nen
, die ſteinernen Stacks, patſchte durch den Schlick,
glitt aus, ſchlug hin, raffte ſich wieder auf und rannte
weiter. Bald begannen ihm die nackten Fußſohlen zu
ſchmerzen, und er war froh, wenn er ins kühle Waſſer
treten konnte.
Durchnäßt, ſchlammbeſpritzt und atemlos langte er
endlich in Mühlenberg an. Hier ſaßen ein paar Boote
hoch auf dem Strande, doch kein Menſch ließ ſich in der
Nähe blicken. Da hetzte er nach Blankeneſe hin, an
Baurs Park entlang, hielt ſich wegen ſeiner brennen=
den
Füße immer dicht an der Waſſerlinie, bis er plötz=
lich
Kurt Egloff in Sicht bekam. Auf den fuhr er los
wie auf einen Retter in der Not.
Kommen Sie! rief er und zerrte ihn am Aermel,
daß der Pinſel einen dicken rotbraunen Strich durch das
blauesWaſſer machte. Harriet kann nicht weiter. Ich
will ein Boot holen!
Kurt Egloff hörte nur den Namen Harriet. Im
HHuizwarf er ſeine Gerätſchaften zuſammen. Das naſſe
Bildifiel dabei in den trocknen Sand. Arno rannte mit
derzstaffelei voraus. Der Gartenkellner des Strand=
hotelssſah
ſich plötzlich als Maler ausgerüſtet. Bei
Gerrit von Appen ſprangen die beiden in das erſte
beſteRuderboot und ſtießen hinaus. Kurt,Egloffolegter

ſich aus Leibeskräften in die Riemen. Geſchwind ſchoß
das kleine Fahrzeug mit der Flut ſtromauf. Sie hiel=
ten
ſich in der Mitte, wo das Waſſer am ſchnellſten floß.
Inzwiſchen hatte ſich’s Harriet auf einem der Wei=
denkrüppel
bequem gemacht und öffnete das bekleckſte
Skizzenbuch. Von hinten fing ſie an zu blättern und
kam zuerſt an Arnos ſchüchterne Verſuche, die ihr ſehr
ungeſchlacht erſchienen. Ihr Auge war nicht geübt ge=
nug
, um in dieſen feſten, eigenſinnigen Strichen, die
das Charakteriſtiſche übermäßig betonten, ein künſt=
leriſches
Talent zu erkennen. Sie traute ihrem Bru=
der
überhaupt nicht viel zu, weil er in der Schule ſchlecht
ſtand und ſich nie mit ſeinen Kameraden herumbalgte.
Leiſe ſchob ſich die Flut heran und begann die Rän=
der
des grünen Raſenflecks zu freſſen, in deſſen Mitte
Harriet ſaß.
Noch mehr enttäuſcht wurde ſie von den beiden
Oelſtudien, die Kurt Egloff zum Urheber hatten, ein
ganz entſetzliches Geſchmier von allen nur denkbaren
Farben, ein wirres Durcheinander von ſinnloſen Kleck=
ſen
, Flecken, Strichen und Spritzern. Schnell ſchlug ſie
dieſe beiden abſcheulichen Blätter herum.
Da aber traf ſie auf eine leichtgetönte Bleiſtiftzeich=
nung
, die ihr ausnehmend gefiel. Sie ſtellte eine rei=
zende
italieniſche Landſchaft dar mit Rebengängen, ver=
fallenen
Marmorſäulen und Palmen. Im Hintergrunde
erhob ſich der Veſuv. Aus dem Bildchen ſprach eine
peinliche Sauberkeit und Akkurateſſe, die Harriet, als
die Tochter ihres ordnungsliebenden Vaters und En=
kelin
eines Hamburger Senators, äußerſt angenehm
berührten. In der Ecke ſtand mit zierlichen Buchſtaben:
Sorrent, Kurt=Egloffa

uind chen ſchie ſch darie uer iheraien Sehn=
ſucht
, nach Italien zu reiſen, ſtärker als jemals gepackt.
Träumeriſch blätterte ſie weiter und fand eine nackte
weibliche Figur.
Entrüſtet klappte ſie das Buch zu. Sie war aufs
höchſte empört darüber, daß Arno ſo etwas in die Hände
bekam.
Da ſchlug vom Waſſer her ein lauter Freudenſchrei
an ihr Ohr, ſie ſchaute auf und erblickte das rettende
Boot, das ſich langſam dem Ufer näherte.
Arno ſtand im Stern, ſchwenkte die Mütze und
ſteuerte. Jetzt ſah er aus wie ein richtiger Junge.
Ueber Kurt Egloffs Erſcheinen war ſie weniger erbaut.
Er griff nun mit dem zweiten Riemen hilfreich ein, be=
wies
, daß er die Schifferei mehr vom Hörenſagen
kannte, und ließ das Uoot zwei Meter vom Strande
entfernt auf den Sand laufen.
Verzeihung! rief er und mühte ſich im Schweiße
ſeines Angeſichtes weiter, aber vergeblich.
Der Kiel ſaß feſt. Harriet lächelte mitleidig. Arno
ſtieg ins ſeichte Waſſer, ſtieß das erleichterte Fahrzeug
zurück, daß es flott wurde, und zog es an einer tieferen
Stelle heran.
Kurt Egloff ſchwang den Hut, nahm eine maleriſche
Poſe an, indem er den einen Fuß auf den Bordrand
ſetzte und ſtreckte die Hand aus.
Harriet reichte ihm die Fingerſpitzen und ſchwang
ſich zu ihm hinüber. Nun ſaßen ſie erſt recht feſt. Arno
und Kurt Egloff boten ihre geſamten Kräfte auf, der
Kiel wich nicht von der Stelle.
Bemühen Sie ſich nicht, ſprach Harriet ſpöttiſch.
Das=Waſſerſteigt;noch. In zehn=Minutensſindswirzflott,

[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 30. Mai 1910.

Nummer 123.

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ſiebenjähriger Beobachtungen zu
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drücklich
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geführte
Entölung kann ich mir als
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währen
, daß anderſeits Verſuche mit
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Der Maler trocknete ſich den Schweiß von der
Stirn, ſank erſchöpft auf die Ruderbank, fuhr aber ſo=
fort
wieder in die Höhe.
Gnädiges Fräulein verzeihen, rief er unglücklich,
und auch die Verbeugung verunglückte wegen Mangel
an Raum. Aber ich habe mich noch gar nicht vor=
geſtellt
!
Ich verzichte! ſagte ſie und ſchürzte ihre ſchönen
Lippen. Ich habe Ihren Namen bereits aus dem Buche
erfahren.
Mit einem Seufzer der Erleichterung nahm er wie=
der
Platz.
Allerdings finde ich es ſehr unpaſſend, fuhr ſie fort,
dem Jungen ſolche Blätter in die Hand zu geben.
Kurt Egloff machte ein recht verdutztes Geſicht und
ſchlug das Buch auf, das ſie ihm mit geſpitzten Fingern
reichte.
Sie haben recht, erwiderte er völlig zerknirſcht, als
er auf die Sorrenter Bleiſtiftzeichnung traf. Ein ent=
ſetzlicher
Kitſch. Das Zeug taugt wirklich nichts. Ich
habe es vor zehn Jahren gemacht.
Mit einem einzigen kühnen Griff riß er die Blätter
heraus, auch die Oelſtudien und den weiblichen Akt,
knüllte ſie trotz Arnos heftigen Widerſpruchs zuſammen
und warf ſie ins Waſſer.
Auch Harriet kam die Löſung unerwartet. Sie hätte
ſich gern die italieniſche Landſchaft ausgebeten, doch ihr
Stolz ließ es nicht zu. Arno nahm das Buch wieder
und ſchmollte.
Ihr Bruder hat entſchieden Talent, ſprach der Maler
leiſe und mit wichtiger Betonung.
Halten Sie das für einen ſo großen Vorzug? er=
widerte
ſie hochmütig.
Und Sie zweifeln daran? rief er beſtürzt.
Meine Meinung iſt hier nicht maßgebend, wies ſie
ihn vornehm zurück. Jedenfalls denkt Arnos Vater
über=biefe Dinge weniger voreingenommen.

Ihr Vater iſt Kaufmann, behauptete Kurt Egkoff
kühn und warf ſich in die Bruſt. Er hat keine Ideale.
Sie ſprechen von meinem Vater? rief ſie und ver=
lor
ihre Ruhe.
Nur Gutes, entgegnete er. Er wäre ein ſchlechter
Kaufmann, wenn er Ideale hätte. Ich ſetze ohne wei=
teres
voraus, daß er ein guter, ja vorzüglicher Kauf=
mann
iſt. Nun gut, es muß auch ſolche Menſchen geben.
Wir Künſtler aber ſind das Salz der Erde.
Hm, meinte ſie unſicher. Möglich. Ich verſtehe
nicht viel von Malerei.
Dem ließe ſich leicht abhelfen, ſchlug er vor und
rückte im Eifer, der Kunſt zu dienen, von ſeinem Platze.
Da legte ſich plötzlich das Boot, das eben flott geworden
war, ſtark auf die Seite, und er beeilte ſich, um die
ziemlich würdeloſe Poſe zu verdecken, die Riemen ein=
zuſetzen
.
Strengen Sie ſich nicht an, lächelte ſie ſpöttiſch.
Gleich wird die Ebbe einſetzen.
Kurt Egloff unterließ die ungewohnten Hantier=
ungen
und ſprach von der Kunſt und dem göttlichen Be=
ruf
der Künſtler. Arno hörte mit offenem Munde zu.
Harriet ſchwieg und beobachtete die ſchwarze Tonne, bei
der ſie ſaßen. Endlich ſchwoite ſie herum. Der Maler
war gerade bei Raffael angekommen. Langſam trieb
das Boot ſtromab.
Kurt Egloff merkte, daß Harriet für ſeine Kunſt=
urteile
kein Intereſſe aufbrachte und ſchwieg gekränkt.
Arno legte einen Riemen als Ruder übers Heck hinaus
und ſpielte den Steuermann.
Vergeblich zerbrach ſich der Maler den Kopf, um
ein geeignetes Thema zu finden. Auch Harriet emp=
fand
das Peinliche dieſes Schweigens und fragte ihn,
ob er lange in Italien geweſen ſei.
Wie ein Ertrinkender an den Strohhalm, ſo hielt
ſich Kurt Egloff an das erlöſende Wort: Italien. So=

fort begann er zu erzählen von dieſem ſonnigen Land
des Südens, dem Lande der Kunſt und der klaſſiſcher
Schönheit. Er ſchwärmte von dem Markusplatz in Ve
nedig, dem Mailänder Dom, dem Hafen von Genue
den Galerien von Florenz, von Rom, der ewige
Stadt, dem azurblauen Golf von Neapel und vo
Capri, der köſtlichen Perle. Arno rückte wieder nähe
heran und ließ das Boot meiſtens laufen, wie es wollte
Es nahm ſich auch Zeit und blieb dreimal hängen, zu
letzt dicht vor dem Ewer, deſſen Maſt ſich ſchon ſcho=
wieder
zu neigen begann.
Harriet, die mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuge
hört hatte, reichte dem Maler die ſchlanke, kräftige Han
und erhob ſich. Er hätte gern bis Cuxhaven weiter
erzählt. Stoff genug war vorhanden. Wo hatte ersſil
nicht alles im Intereſſe der Kunſt herumgetrieben.
Wie ſchön muß es da ſein! ſprach ſie ſehnſüchtig un
ſchloß für einen Moment die Augen.
Gewiß! pflichtete er bei und dachte an ſein leere
Portemonnaie. Aber auf die Dauer wird es einer
zuviel.
Unangenehm berührt entzog ſie ihm die Finger.
O weh! rief Arno plötzlich, nachdem er aufediegUh
geſchaut hatte. Schon halb ſieben. Und heute iſt’Sams
tag. Herr Harms wird ſchon warten.
Ah, Herr Harms! entfuhr es Kurt Egloff.
Kennen Sie ihn? fragte Harriet und erröteteleich
Ein wenig, ſtotterte der Maler verlegen, faßte ſie
aber ſchnell und lächelte malitiös. Der Herr iſt Pro
kuriſt der Firma Geſterling u. Ko. Ein außerordent
licher, tüchtiger Mann mit großen Verdienſten. Viel
leicht läßt er ſich von mir malen. Er ſoll einsſehrein
tereſſantes Exterieur beſitzen.

(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Nummer 123.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 30. Mai 1910.

Seite 11.

Durchlauchf Fürsf
Thurnu. Taxis

Antige. Rachtihten des Groſherzontichn Halgenne aenſteht
Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde.
In polizeilicher Verwahrung und Pflege in der Hofreite Schulzengaſſe Nr. 3 be=
finden
ſich: 3 Pinſcher.
werden. Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werk=beſtände als:
tag, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.
Bekanntmachung,
die Beaufſichtigung der Hunde betreffend.
Wir bringen hiermit zur allgemeinen Kenntnis, daß ſich die Stallung, worin
die eingefangenen Hunde untergebracht werden, vom 1. Juni ds. Js. an in der
ſtädtiſchen Hofreite Beſſunger Straße Nr. 56 befindet; daſelbſt iſt auch der Kohlen=
ſäuretötungsapparat
aufgeſtellt.
Vom genannten Tage an wohnt der Hundefänger Adam Ruhmann nicht mehr!
Schulzengaſſe Nr. 3, ſondern Beſſunger Straße Nr. 56.
(11085soi
Die Auslöſung der eingefangenen Hunde erfolgt vom 1. Juni ds. Js. ab bei
dem 5. Polizei=Revier (Ludwigshöhſtraße Nr. 4). Die Verſteigerung der nicht aus=
gelöſten
Hunde findet dortſelbſt jeden Werktag, vormittags um 10 Uhr, ſtatt.
Darmſtadt, den 27. Mai 1910.
Großherzogliches Polizeiamt.
Dr. Kranzbühler.
Spülung des Waſſerrohrnetzes.
Im Laufe der nächſten Woche wird eine Spülung des Waſſerrohrnetzes in den
unten bezeichneten Stadtteilen vorgenommen, welche in der Zeit von 10 Uhr abends
bis 5 Uhr morgens eine zeitweiſe Unterbrechung der Waſſerabgabe, ſowie eine Trübung
des Walſers mit ſich bringt; die Waſſerabnehmer werden deshalb gebeten, ſich vorher
mit Waſſer zu verſorgen.
Spülplan.
1. In der Nacht von Montag, den 30. zu Dienstag, den 31. I. Mts.
werden geſpült:
Spülbezirk V.
Derſelbe wird umfaßt von der Frankfurter=Straße (Herrngartenſeite), Odenwald=
dahn
, Dieburger= und Alexanderſtraße und enthält Theaterplatz und Muſeum,
Mitgeſpült werden die außerhalb liegenden Straßenteile: Kranichſteiner=Straße,
Hohlerweg, Dieburger=Straße und Ringſtraße (äußere), zwiſchen Dieburger=Straße und
Seiterswieſenweg.
Spülbezirk VIII.
Derſelbe liegt ſüdlich der Heinrichsſtraße bis zur Wilhelminen=, Karls= u. Beſſunger=
Straße und öſtlich der Ludwigshöhſtraße.
Mitgeſpült werden die Straßen der Mathildenhöhe.
2. In der Nacht von Mittwoch, den 1. zu Donnerstag, den 2. Juni I. Js.
wird geſpült:
Spülbezirk K.
Derſelbe liegt weſtlich des Straßenzuges Ludwigshöhſtraße, Beſſunger=, Karls= u.
Wilhelminenſtraße und wird von der Heinrichs= und Eſchollbrücker=Straße begrenzt.
Außerdem findet in der Nacht von Donnerstag, den 2. zu Freitag, den 3. Juni Auszeſchrumg u.Sr
. Js. eine Druckrohrſpülung ſtatt.
Darmſtadt, den 19. Mai 1910.
Städtiſche Waſſerwerksverwaltung.
Rudolph.
(10959so
Vergebung von Bauarbeiten.
Die Ausführung der bei dem Neubau eines Feuerwehrgerätehauſes, ſowie beiKalligr. Lehrer Wohnu
der Einrichtung des vierten Schulſaales in dem neuen Schulhauſe der Gemeinde Traiſa
vorkommenden Maurer=, Zimmer=, Dachdecker=, Schreiner=, Schloſſer=, Glaſer=,
Weißbinder=, Spengler= und Schindlerarbeiten, ſowie die Lieferung von Zement,
Kalk und eiſernen Trägern ſollen mittelſt öffentlichen Wettbewerbs vergeben werden.
Voranſchlag Pläne und Bedingungen liegen von Montag, den 30. ds. Mts.,
bis Montag, den 6. k. Mts., vormittags 10 Uhr, auf Großh. Bürgermeiſterei Weißbinderarbeiten.
Traiſa zur Einſicht offen, woſelbſt ſchriftliche Angebote entgegengenommen werden.
Die Herſtellung der Straßenſeite des
Darmſtadt, den 27. Mai 1910.
Gebäudes Bismarckſtraße 28 ſoll ver=
Der Großherzogliche Kreisbauinſpektor.
geben werden.
J. V.: Keſſel.
(11088 Arbeitsbeſchreibungen und Bedingungen
liegen bei dem unterzeichneten Amte Grafen=
ſtraße
Nr. 30, Zimmer Nr. 9, während der
Dienſtſtunden offen, woſelbſt auch die
Waldwegban=Arbeitsvergebung.
Angebotsſcheine abgegeben werden.
Angebote ſind bis Samstag, 4. Juni
(Stadtwald.)
1910, vormittags 10 Uhr, bei unter=
Dienstag, den 31. I. M., ſollen folgende Arbeits= und Fuhrleiſtungen in der
zeichneter Stelle einzureichen.
Forſtwartei Heiligkreuz wenignehmend verſteigert werden:
1. Anfuhr von 170 cbm Steinſchlag aus Kahleberg und Dachsberg auf den! Darmſtadt, am 28. Mai 1910.
Stadtbauamt.
Brunnersweg.
J. V.: Kling. (11113oi
2. Brechen von 292 cbm Steinen im Dachsberg.
3. Anfuhr derſelben auf den Zaunweg.
Belauntmachung.
4. Setzen derſelben.
5. Planieren und chauſſieren von ca. 750 lfde. Meter Zaunweg.
Donnerstag, den 16. Juni 1910,
vormittags 10¾ Uhr,
Zuſammenkunft morgens 8½ Uhr am Oberwaldhaus. Nähere Auskunft durch
ſollen die den Mathias Hees Eheleuten
Herrn Forſtwart Hofmann, Hirſchköpfe.
Darmſtadt, den 26. Mai 1910.
(10958 dahier zugeſchriebenen Liegenſchaften:
Flur Nr. qm
Großherzogliche Oberförſterei Darmſtadt.
XIV 79/10 219 Hofreite Beſſunger=
Kullmann.
ſtraße 115,
289 Grabgarten daſelbſt,
XIV
(*
in unſerem Geſchäftszimmer, Wittmann=
Arbeits=Vergebung.
Die Ausführung der bei der Umpflaſterung der Darmſtädter Straße in Ober=ſtraße 1, zwangsweiſe verſteigert werden.
Ramſtadt zwiſchen Neugaſſe und Schafgraben vorkommenden Maurer=, Asphaltier= Die Genehmigung der Verſteigerung
und Pflaſtererarbeiten, die Lieſerung von 90 ehm Pflaſterſteinen und das Fahren derſwird auch dann erfolgen, falls ein der
Schätzung entſprechendes Gebot nicht ein=
Pflaſterſteine ſoll mittelſt öffentlichen Wettbewerbs vergeben werden.
Voranſchlag und Bedingungen liegen von Donnerstag, den 26. Mai 1910 gelegt wird und andere rechtliche Hinder=
ab
, vormittags, in den Geſchäftsräumen des Unterzeichneten zur Einſicht offen, niſſe nicht entgegenſtehen.
woſelbſt die Angebote bis Donnerstag, den 2. Juni, vormittags 10 Uhr, entgegen= Darmſtadt, den 24. Mai 1910.
Großh. Ortsgericht Darmſtadt II.
(10904fo
genommen werden.
(Beſſungen.)
Ober=Ramſtadt, den 24. Mai 1910.
Frantz.
(L11096,69
Großherzogliche Bürgermeiſterei Ober=Ramſtadt.
Fritſch.
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30 Kilo Mohn, 50 Kilo Kartoffelmehl, 1 Sack Weißmehl, 25 Kilo Chlorkakk,
Salmiakgeiſt, Karbolineum. Piſſoiröl, Fußbodenöl, Scheuertran, Lebertran,
Eiſenlack, Ofenlack, Tinte, Dekorationsfarben in Tuben, 300 bis 400 Kilo div.
Farben, 1 Faß Panamaholz, 1 große Partie Wandmuſter, Feuerwerkskörper,
Gewürze, Kandiszucker, Rattengift, 500 Lederfettdoſen, 1 Kontrollkaſſe mit
Scheckrollen, 1 fünfteiliger Ständer für Kaffee, 1 Karren mit Blechkaſten,
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Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 30. Mai 1910.

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Nummer 123.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 30. Mai 1910.

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Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 30. Mai 1910.

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Seite 16.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 30. Mai 1910.

Nummer 123.

Handel und Verkehr.
H. Frankfurt a. M., 28. Mai. ( Börſen=
wochenbericht
.) Die abgelaufene Geſchäftswoche
wurde durch verſchiedene günſtige Faktoren beeinflußt.
Zunächſt war Geld für die bevorſtehende Ultimoliqui=
dation
recht flüſſig und zu 43½ Prozent leicht er=
hältlich
. Sodann iſt die lang erſehnte Ermäßigung der
Getreidepreiſe, und zwar in intenſiver Weiſe, eingetre=
ten
und damit die überhoch gehaltenen Sätze in nor=
male
Bahnen gelenkt worden, um wieder billig kaufen
zu können, was insbeſondere den Mühlen zuſtatten
kommt. Auch auf dem Geldmarkt macht ſich wieder
größere Abundanz geltend, nachdem der Scheckkurs
London auf 20,505 zurückgegangen iſt. In der letzten
Sitzung des Zentralausſchuſſes der Reichsbank er=
wähnte
Präſident Havenſtein, der Status des In=
ſtitutes
habe ſich trotz der Nähe des Ultimos weiter ge=
beſſert
, ſodaß die ſteuerfreie Notenreſerve weiter ge=
ſteigert
ſei. Die Börſe bekundete daher eine gute Hal=
tung
, ohne daß jedoch der Verkehr weniger lebhaft war.
Bei Wochenſchluß zeigte ſich London reſerviert auf Ge=
rüchte
von einem Unwohlſein Morgans. Im Falle die=
ſes
Krankſein ſich bewahrheitet oder kritiſcher würde,
dürfte doch mit größeren Schwankungen an der New=
Yorker Börſe zu rechnen ſein, da der Einfluß dieſes
Mannes für die Vereinigten Staaten von hervorragen=
der
Bedeutung iſt.
Was die Einzelheiten des Geſchäfts anbetrifft, ſo
bleiben die deutſchen Renten andauernd vernachläſſigt
mangels Kaufluſt des Privatpublikums. Auch auslän=
diſche
Staatsfonds lagen ſtiller; einige Nachfrage be=
ſtand
für 3prozentige Buenos Aires=Provinz= Obliga=
tionen
und Türken, während ruſſiſche Gattungen um
Bruchteile nachgaben. Von Transportaktien ſind Kahl=
grund
anſehnlich geſtiegen, hingegen allgemeine deutſche
Kleinbahn etwa 2 Prozent niedriger. Größere Umſätze
fanden wieder in Schantung ſtatt, die unverändert, wie
in der Vorwoche, ſchließen (140,10). Am Bankenmarkt
blieb es ſtill und ſind zum Teil kleine Abſchwächungen
eingetreten. Die Aktien der bayeriſchen Bodenkredit=
anſtalt
(Würzburg) ermatteten bis 125,50, da wieder
Unſtimmigkeiten im Aufſichtsrat eingetreten. Es ſoll=
ten
bei dieſem Inſtitut 10 Millionen Mark neue 4proz.
Pfandbriefe ausgegeben werden, deren Emiſſion bei
den jetzigen Verhältniſſen nicht als gewinnbringend
ſeitens des einen Aufſichtsratsmitglieds, Ansbacher,
bezeichnet wurde. Einer demnächſt einzuberufenden Ge=
neralverſammlung
dürfte die Löſung dieſer Fragen
vorbehalten ſein. In feſter Tendenz verkehrte der
Montanmarkt, auf welchem beſonders Phönix und Gel=
ſenkirchener
profitieren konnten und nur Harpener
matter waren; Kaliaktien ſind abgeſchwächt. Gute
Stimmung iſt fortdauernd am Kaſſainduſtriemarkt,
wenn auch zeitweiſe Gewinſtrealiſationen vorgenom=
men
wurden. Elektrizitätswerte weiter gefragt auf die
Steigerung der Allgemeinen Elektrizitäts=Geſellſchaft,
bis 271½, infolge günſtiger Dividendetaxationen, die
bis 14 Prozent gehen. Im freien Verkehr wurden
Fahrzeugfabrik Eiſenach, deren Zulaſſung zur Notier=
ung
beantragt iſt, lebhaft gehandelt. Erwähnenswert
wäre noch die Beſſerung der Peruaner in London (13
reſp. 41), für welche in Deutſchland größeres Intereſſe
beſteht.
Von Loſen notieren: Augsburger 39, Braun=
ſchweiger
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Pappenheimer 70, Ungariſche 389,50, Freiburger 58,
Genua 230, Mailänder 45=Fres.=L. 145, Mailänder
10=Fres.=L. 33, Türkiſche 185,50, Venediger 40,25, Raab=
Gratzer Anrechts=Scheine 37,60, alles in Reichsmark;
Gothaer Prämie I 142,40, Gothaer Prämie II 117,50,
Donau=Regulierung 142,50, Madrider 78,80, alles in
Prozent. Ferner ſchließen: 4proz. Reichs (bis 1918
unkündbar) 101,90, 3½proz. Reichs 92,80, 3proz. Reichs
94,60, 4proz. Heſſen von 1899 101,10 G., 4proz. Heſſen
von 1906 101 G., 4proz. Heſſen von 1908 und 1909
101,30 G., 3½proz. Heſſen 91,85, 3proz. Heſſen 81, 4proz.
Darmſtädter 100,75, 3½proz. Darmſtädter 92, Darm=
ſtädter
Bank 130,50, Südd. Eiſ.=Geſ. 123 G., 4proz. Heſſ.
Land.=Hyp.=Pfandbriefe (Serie 1820) 101,60 G.,
3½proz. Heſſ. Land.=Hyp.=Pfandbriefe (Serie 911)
92,40 G., 4proz. Heſſ. Kommunal=Pfandbriefe (Serie
1012) 101,60 G., 3½proz. Heſſ. Kommunal=Pfandbriefe

(Serie 13) 92,80 G., 3½proz. Heſſ. Kommunal= Pfand=
briefe
(Serie 4) 92,70 G., Baltimore und Ohio 114,10,
4½proz. Ruſſen 100,25, 4proz. 1902er Ruſſen 92,70,
3/proz. Ruſſen 89,40, 3½proz. Ruſſen 85,10, 3proz.
Ruſſen 78 B., 4½proz. Japaner 97,80, 4proz. Japaner
93,80. Privatdiskont 3u Prozent,

Wem gehört das Geld?
Anfragen ſind unter Beilegung von 50 Pfg. in Marken für Schreib= und
Portoſpeſen und mit Angabe der voranſtehenden Nummer an die Redaktion
dieſes Blattes zur Weiterbeförderung, jedoch ohne Verbindlichkeit, zu richten
344. In Obernigk bei Breslau ſtarb der Oberlandes=
gerichtsrat
a. D. Geheimrat Ludwig Stiefel, 1830 in Ben=
dorf
a. Rh. geboren. Es werden die Erben aufgefordert,
ſich zu melden.
345. Geſucht werden die Erben eines in Zabrze geſtor=
benen
Ignaz Schidlo.
346. Für eine amerikaniſche Erbſchaft werden die erb=
berechtigten
Verwandten eines Nicolgs Max Tampers ge=
ſucht
, der wahrſcheinlich aus dem Rhein= oder Nahetal
ſtammt und vor zirka 40 Jahren ſchon nach Amerika kam.
347. Als Erbe wird geſucht der Landwirt Samuel
Monien, 1838 in Lankniken bei Pobetten i. Oſtpr. geboren.
348. Für 20000 Kronen 16000 Mark Erbteil wird
von Oeſterreich aus der Schauſpieler Anton Mitterwurzer
geſucht, 1870 geboren.
Ebenfalls von Oeſterreich aus werden als Erben ge=
ſucht
:
349. Joſeph Peczeghi, Königl. Ungariſcher Finanz=
rat
, zuletzt in Ofen, und Stephan Veczeghi, Kapellmeiſter,
zuletzt 1898 noch in Wien geweſen.
350. Marie Heſſe, nachher verehelichte Priemer, und
ihr Sohn Auguſt Priemer.
351. Erno Goldſchmidt als Erbe einer Frau Zech=
meiſter
.
352. Franz Cech als Erbe einer Anna Ruſchitzka.
353. Ignaz Kralicek, deſſen Bruder Vinzenz hieß.
354. Georg Kugler als Miterbe einer Anna Kugler.
355. Franz Danl als geſetzlicher Erbe des Haus=

beſitzers Martin Danl in Wien.
356. Karl Rzibek. geweſener Lokomotivfüherer der
Südbahn, zuletzt in Bozen, als Erbe der Barbara Hrbek
geb. Hausſtädter.
357. Maria Eliſabeth Weiß als Erbin eines Johann
Weiß.
358. Emil Hein als Erbe nach ſeinem Onkel, dem Poſt=
kontrollor
Moritz Rudolf.
359. Emanuel Marady. Er hat von ſeinem Bruder
geerbt.
360. Anton Leutkawäger als Erbe ſeines Vaters.
361. Maria Zenker geb. Billumas als Erbin ihres
Gatten.
362. Marie Nebel als Erbin ihrer in Amerika geſtor=
benen
Schweſter Joſephine Groyer.
363. Hermine Schöttner als Erbin nach ihrem Onkel
Auguſt Heinzl.
364. Franz Hartl als Erbe eines Johann Hartl.
365. Karl Birringer als Erbe ſeiner eigenen Mutter,
der Hausbeſitzerin Anna Birringer.
366. Kellner Anton Pall als Erbe ſeines Vaters.
367. Alois Ledermann als Erbe ſeiner Großmutter.
368. Karl Skalla als Erbe ſeines Vaters, der in
Baſel ſtarb.
369. Sebaſtian Traxler als Erbe ſeines Vaters.
370. Julius Beringer.
371. Johann Hinterleitner, etwa 31 Jahre alt.
372. Thereſia Stolz und die Kinder einer Joſefine
Fohleutner als Erben des Oberrevidenten Chriſtian Rößler
in Wien.
373. Zirka 1310 Mark beträgt der eine Nachlaß eines
Reiſenden Max Fels. Sein Vater, ebenfalls Geſchäftsrei=
ſender
, hieß Otto Fels: dieſer ſoll ſchon ſeit 45 Jahren
verſtorben ſein. Die Mutter war eine Berta geb. Pohl.
Ein Bruder des Erblaſſers ſoll verſchollen ſein. Die nächſte
Erbin wäre nun eine Couſine namens Ida Joekel. Aber
auch von dieſer iſt der Aufenthalt nicht bekannt. Sie wird
nun zunächſt geſucht.
374. Erben werden geſucht für den Nachlaß des 1834
in Gettorf geborenen früheren Weißgerbers Karl Heinrich
Witt.

Gewinnauszug
der
50%
gec. Königlich Preußiſchen Klaſſenlotterie.
5. Klaſſe. 17. Ziehungstag. 27. Mai 1910.
(Nachdruck verboten.)
(Ohne Gewähr. A. St.=A. f. Z.)
In der Vormittags=Ziehung wurden Gewinne
über 240 Mk. gezogen:
1 Gewinn zu 30000 Mk. 109806
2 Gewinne zu 15000 Mk. 28118 218118
3 Gewinne zu 10000 Mk. 5842 5958 10865
4 Gewinne zu 5000 Mk. 80391. 121356 173753 302062
41 Gewinne zu 3000 Mk. 685 10868 12076 13302
15971. 29237 38531 50358 53034 76827 77910 87024
95372 96394 104835 106090 109490 111563 113319
116082 128128 128394 132282 132348 148344 148413
155350 168820 173332 180595 194976 203090 205063
222925 238550 246959 251872 258428 261486 291301
301787
70 Gewinne zu 1000 Mk. 1678 2017 13004. 19612
23814 26686 33026 35325 42218 45782 47189 48595
65692 66316 67518 70275 74401 78642 81938 84354
85341. 89452 91724 93531 105409 122939 129227
129461 136283 140938 145931 150095 155998 157808
163802 170094 175928 176434 183577 187638 188064
190067 191119 193033 194052 197007 197473 201290
217386 218402 219095 219897 220814 222823 229269
234591 235181 243530 245578 247077 251761. 252158
260330 265853 281348 281586 295292 295558 299926
300850
105 Gewinne zu 600 Mk. 6104 6814 7645 8922
9297 9839 18663 19329 19345 22396 23010 26324
31968 37731 40555 40679 46135 46861 47145 47485
50096 50596 51255 57847 60964 67011 69717 71047
71399 71723 81395 81845 87644 92514 94838 95326
97939 100742 101486 104247 106474 108336 112544
121650 122524 125283 125784 125958 126502 129775
130351 132121 133296 134558 138105 138930 143588
149805 152077 152124 153562 156161: 162189 166123
171782 186919 187836 190645 191153 191418 193478
193836 195891 197714 200984 202280 202983 213960
220886 223245 224817 233434 237466 238110 238701
239167 241248 245301. 265894 259849 261431 264285
269016 269649 270185 274829 276161 276828 278641
279803 1282464 283211 283522 284091. 290642
In der Nachmittags=Ziehung wurden Gewinne über
240 Mk. gezogen:
1 Gewinn zu 120000 Mk. 35245
4 Gewinne zu 10000 Mk. 90624 200722 270902
302963
2 Gewinne zu 5000 Mk. 27951 139555
41 Gewinne zu 3000 Mk. 3273 9889 10118 12102
18742 21046 29509 29809 37623 49351 52410 89812
127317 141532 144903 147738 156810 157068 163537
167030 169521 177675 188880 189219 189879 194901
204511 205093 218972 222563 223453 235376 238790
240044 240048 262568 266138 277777 285533 289266
301178
66 Gewinne zu 1000 Mk. 4606 11110 13639 23910
26583 28639 32678 34344 39297 39675 51970 60613
61170 64663 65718 78864 87347 92295 95470 97029
98064 105665 117432 119324 121785 123328 126002
128236 129579 131888 137415 148826 149705 159531
159629 160716 162935 171274 189526 192545 194438
199921 216109 216534 219905 220147 226401 232822
237423 243793 246143 248033 255059 255156 260093
268478 273750 275798 276715 284336 285603 287443
288584 290954 293427 301598
107 Gewinne zu 500 Mk. 364 1506 2403 6073
9417 11623 20757 22229 23148 25049 29444 33092
33334 45650 48379 65448 56482 56498 58536 60153
60460 62238 66457 71472 72465 74261 79940 80809
92002 94170 98204 104955 114216 114240 114747
119537 119953 122536 123091 125581 126507 129765
132086 133163 147661 147868 148333 149282 152366
152975 154470 156736 157155 157925 158914 161006
162195 162706 165082 168554 172142 178232 178025
178980 181949 184111 185047 187262 187652 192227
193370 195029 197886 199957 203094 203996 208323
210288 214394 218785 219065 220374 220691 221359
231713 233662. 234474 234686 242397 242482 242878
252699 254603 261301 263874 266249 268408 274465
275603 281086 281949 265872 285931 291758 294232
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