Darmstädter Tagblatt 1910


01. April 1910

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173. Jahrgang
verbunden mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage:
Illuſtriertes Unterhaltungsblatt.

Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

N 75.

Freitag, den 1. April.

1910.

Die heutige Nummer hat 18 Seiten.

Dem Gedächtnis Bismarcks.
*? Wäre der unvergeßliche erſte deutſche Reichskanz=
ker
noch am Leben, er würde an dieſem 1. April ſein
95. Lebensjahr vollenden. Wem iſt nicht in der letzten Zeit
angeſichts der mancherlei inneren Kriſen, die wir zu über=
ſtehen
hatten, die Erinnerung an den großen genialen
Staatsmann lebendiger geworden, der das Reich zu feſt
fügte, als daß es durch noch ſo ſchwere Erſchütterungen
ernſtlich gefährdet werden könnte, und wer hat nicht bei
dem 30jährigen Jubiläum des deutſch=öſterreichiſchen Bünd=
niſſes
, das im letzten Jahre ſeine Feuerprobe ablegte,
auch Bismarcks gedacht, der in jener Allianz, welche ſich
ſpäter zum Dreibund entwickelte, ein unvergleichliches
Werk ſchuf, das der Miſſion, dem europäiſchen Kontinente
den Frieden zu erhalten, bisher gerecht werden konnte!
An dem diesmaligen Geburtstage Bismarcks iſt ge=
rade
ein Vierteljahrhundert verſtrichen, ſeit dem großen
Manne zur Vollendung ſeines 70. Lebensjahres vom deut=
ſchen
Volke eine Nationalſpende, die Bismarck=Spende, ge=
widmet
ward. Niemand glaubte damals, daß der Kanzler
am Abend ſeines amtlichen Wirkens angelangt war, daß
nach drei Jahren dem erſten deutſchen Kaiſer im raſchen
Aufeinander der zweite und dritte folgen, daß nach wei=
teren
zwei Jahren Bismarck aus dem Amte ſcheiden
würde. Seine ſiegreiche Perſönlichkeit ſtand noch kraftvoll
da, und das Vertrauen, welches der Fürſt genoß, wird am
beſten dadurch dokumentiert, daß die Maſſe des Volks ſich
gar nicht vorzuſtellen vermochte, wie man einmal ohne
Bismarck fertig werden könnte. Nun, daß dies möglich
war, iſt auch ein Verdienſt des erſten Kanzlers, der das
Reich auf eine feſte Baſis geſtellt und dabei alle Eventuali=
täten
in Betracht gezogen hat. Immer von neuem tritt
uns die Solidität des Fundaments, auf welchem das
Reich ruht, vor die Augen und immer von neuem erinnert
uns das an den großen Meiſter, welcher nun ſchon ein
Dutzend Jahre von dem Lebenswerke, das er vollbracht,
ausruht, deſſen Wirken wir aber fort und fort verſpüren
und deſſen Gedächtnis nie verlöſchen wird. Eine Ehren=
pflicht
iſt es für jeden Deutſchen, in den Kindern und Kin=
deskindern
die Verehrung für den gewaltigen Mann, der
Deutſchlands Macht begründet hat, zu wecken und ihnen
Kunde zu geben von ſeinen Taten zur Einigung unſeres
Vaterlands. Voll Wehmut, aber voll Stolz richten ſich die
Blicke Alldeutſchlands nach dem Sachſenwalde, in welchem
der Recke, welcher den gordiſchen Knoten der inneren Zer=
fahrenheit
des deutſchen Volkes durchſchlug, zum ewigen
Schlaf ſich niedergelegt hat.

Die Vorgeſchichte der griechiſchen National=
verſammlung
.
(* Wieder ſteht das griechiſche Volk vor einem bedeu=
tenden
Ereignis, vor der Einberufung einer Na=
tionalverſammlung
, in der aufs neue die Grund=
lagen
des Staates einer Aenderung unterzogen werden
ſollen. Beim Schluß der Kammerſitzung am Mittwoch
erfolgte die Verleſung des Erlaſſes über die Einberufung
der Nationalverſammlung. Der Feierlichkeit ging eine
öffentliche Erklärung über die Auflöſung des Bun=
des
voraus, ſo daß das von dem Druck befreite Volk ſich
zu großem Jubel hinreißen ließ, wie ſich denn auch dieſe
Schlußſitzung zu einer bedeutenden Kundgebung geſtältete.
Verfehlungen verſchiedener Art, die Unzulänglichkeit
der Verwaltung, Verwirrungen, Mißbräuche und zuneh=
mende
Mißwirtſchaft überhaupt werden als die großen
Uebel bezeichnet, die die Volksverſammlung abſtellen
ſoll. In Wirklichkeit jedoch haben dieſe Uebel viel
tiefer liegende Wurzeln: einestelis in der Verfaſſung
ſelbſt, dann aber und in der Hauptſache im Charakter des
Volkes. Dasmoderne Griechenland, das aus einerfurchtbaren
Knechtung durch einen heldenhaften Freiheitskampf her=
vorgegangen
war, wurde zu einem Staate mit einer
abendländiſchen Gewandung, die dem wenig geſitteten,
kulturell noch nicht entwickelten Volke weder zuſagen noch
paſſen konnte. Statt einer kraftvollen Gewalt, die, mit
genügender Macht ausgerüſtet, imſtande geweſen wäre,
das Volk zu einem geordneten Staatsweſen zu erziehen,
wurde ihm eine Verfaſſung gegeben, die in ihren Grund=
lagen
die demokratiſche Geſinnung zur Schau trug, im
äußeren Kleide aber durchaus monarchiſch ausgefallen
war. War ſchon damals der Fehler begangen worden,
in keiner Weiſe einen Ausgleich der Intereſſen und Macht=
elemente
, die ſich überall in verſchiedenſter, oft entgegen=
geſetzter
Weiſe äußerten. herbeizuführen, ſo hatte die neue
Staatsform nur dazu beigetragen, den Partikularismus.

das große, aus dem Altertum ererbte Uebel der Griechen,
die beſtändige Urſache der alle Entwicklung hemmenden
Gegenſätze auf allen Gebieten des politiſchen und wirt=
ſchaftlichen
Lebens, ſyſtematiſch auszubilden und großzu=
ziehen
. An dieſem Uebel wird nun ſeit faſt acht Jahr=
zehnten
gezehrt; die empfundenen, aber kaum in ihrer
ganzen Tragweite erfaßten Mängel ſind, von den durch
Eifer und Temperament berauſchten Volksmaſſen getra=
gen
, vergrößert und aufgebauſcht, immer wieder zu Quel=
len
von Mißfallensbezeugungen, von Revolten, Reform=
abſichten
und Verfaſſungsänderungen geworden, denen
gegenüber ſich die Krone als machtlos erwies. Nicht we=
niger
als acht Nationalverſammlungen ſind in
dieſer kurzen Spanne Zeit der jetzt geforderten neunten
Vollszuſammentunſt vorangegangen. Keine hat die ihr
geſtellten Aufgaben gelöſt.
Schon in den jungen Tagen der griechiſchen Freiheits=
regung
, die mit der Losſagung von dem türkiſchen Joche
einen gewiſſen Höhepunkt erreicht hatte, war, um dem
jungen Staate Form und Leitung zu geben, die Einberu=
fung
einer Nationalverſammlung geplant worden, die erſt
zuſammentreten konnte, als die Freiheitshelden durch Ein=
nahme
der hohen Feſte Akrokorinth einen ſicheren Stütz=
punkt
gewonnen hatten. Damals fanden die erſten Volks=
wahlen
ſtatt. Wo die Abgeordneten nicht etwa unter dem
ſtarken Einfluſſe der Primaten beſtimmt wurden, waren es
die lokalen Behörden, der Areopag und die Geruſia, die
die Wahl vollzogen. Immerhin waren auf dieſe Weiſe
59 Abgeordnete aufgebracht worden, die zuerſt in Argos
am 21. Dezember 1821 zuſammentraten, dann aber durch
äußere Verhältniſſe beſtimmt wurden, ihren Sitz nach
Biadha, bei den Ruinen von Epidauros, zu verlegen, wo
die Verhandlungen in einem Orangengarten, unter Ge=
ſchützdonner
und durch kirchliche Feierlichkeiten eröffnet,
ihren Verlauf nahmen. Hier kam das ſogenannte Orga=
niſche
. Statut von Epidauros zuſtande, eine Verfaſſung,
die auf die freieſten Grundſätze des Repräſentativſyſtems
aufgebaut war und in ſich ſchon die weſentlichen Eleiente
der ſpäteren monarchiſchen Verfaſſung barg. An die Sritze
des jungen Staatsweſens kam als Präſident Aler. Muuro=
kordatos
; zur Hauptſtadt wurde Korinth auserſehen. Die
bis dahin gebietende und mächtige Hetärie wurde auf=
gelöſt
, Hellblau und Weiß wurden zu den Nationalfarben
und die Eule der Athene zum Staatsſiegel erklärt.
So verheißungsvoll die Wiedergeburt Griechenlands
erſchienen ſein mag, ſo ſehr zeigten ſich alsbald die Mängel
der Regierung und jene noch heute ſaſt unverändert ſort=
beſtehenden
Schwierigkeiten, die ſich aus der Zügelloſigkeit
eines Volkes ergeben, das aus einer jahrhundertelangen
Knechtſchaft befreit, ſoeben die Wohltaten und Vorteile
einer unbeſchränkten Freiheit in vollem Maße genießt. Die
Regierung war zu einem Schattenbild zuſammenge=
ſchrumpft
und unter den Parteien erhob ſich die Mili=
tärgewalt
, namentlich unter Kolokotronis zu einer
bedeutenden Macht empor, ſo daß die aus den Gegenſätzen
erwachſenden Schwierigkeiten ſich ſchon zu ungeahnter
Höhe auftürmten. Da ward, um den Ausgleich anzubah=
nen
, ein Nationalkongreß einberufen, der Ende
März 1823 in Argos, wohin ſich die vor den Türken aus
Korinth geflüchtete Regierung hatte zurückziehen müſſen,
zuſammentrat. Nicht weniger als 315 Perſonen, nicht alle
mit der gleichen Berechtigung, waren erſchienen; die Mili=
tärpartei
erlitt eine ſchwere Niederlage, die ſich in geringen
Aenderungen fühlbar machte, denen ſich das Organiſche
Statut von Epidauros unterziehen mußte. An die Spitze
der Regierung trat Petrobei und ihr Sitz wurde nunmehr
nach Tripolitza verlegt. Die Tage von Argos hatten aber
im übrigen keine weſentlichen Vorteile gebracht, im Gegen=
teil
verſchärfte ſich die Lage ſehr bald, als Kolokotronis
gegen die Regierung ins Feld zog. Jetzt gelangte Kon=
duriotis
ans Ruder, aber auch dieſer konnte es nicht ver=
hindern
, daß ſchon 1824 im Peloponnes der Bürgerkrieg
ausbrach, der nur durch die Energie der Regierung ſchon
nach kurzem beigelegt werden konnte. Kaum hatten die
Gemüter begonnen, ſich zu beruhigen, da tauchte drohend
am Horizont das Geſpenſt des türkiſchen Halbmondes auf.
Mahmud II hatte ſich die Hilfe des Mehmed=Ali von
Aegypten geſichert, und ſo hatte deſſen Feldherr Ibrahim=
Paſcha begonnen, die Inſeln und den Peloponnes mit
einem mörderiſchen Krieg zu überziehen. Die blutigen Er=
eigniſſe
, die ſchließlich zur Folge hatten, daß ſich die euro=
päiſche
Diplomatie der bedrängten Griechen annahm, ja
das Land unter engliſchen Schutz geſtellt wurde, hat=
ten
eine gänzliche Umwälzung der Verhältniſſe herbei=
geführt
. Die Notlage drängte abermals zu einer Na=
tionalverſammlung
, die im April 1826, diesmal
wjeder in Piadha, mit 127 Abgeordneten zuſammentrat.
Wieder erfolgten Aenderungen im Verwaltungskörper und
eine neue Regierung unter dem trefflichen Zaimis wurde
an Stelle der früheren als unfähig und unwürdig bezeich=
neten
eingeſetzt. Sie ſchlug ihren Sitz in Nauplia im
Meresſchloß Burzi auf, mußte aber, als ſich die Lage noch
verwickelter geſtaltete, nach Aegina überſiedeln, wo auch
die in Piadha vertagte Nationalverſammlung am 23. No=
vember
1826 zuſammentrat. Da ereignete ſich das Uner=
hörte
, daß der wieder zu Macht gelangte Kolokotronis, der
in dieſer kritiſchen Zeit der auswärtigen Anlehnungen die
ruſſiſche Partei, im Gegenſatz zu der zu England ſich be=
kennenden
Regierung, unterſtützte, eigenmächtig eine Na=
tionalverſammlung
nach Kaſtri=Hermione (am Feſtland
gegenüber von Hydray) einberief. Während dieſe ruſſiſche‟
Verſammlung am 23. Februar 1827 eröffnet wurde, hatte
es ſich die engliſche auf Aeging nicht nehmen laſſen. ihre
Situngen demonſtratb ſortzuſetzen. Daß dieſe ſeliſamen
parallelen Landesverſammlungen keinerlei praktiſchen
Wert hatten, ſahen ſelbſt die Griechen bald ein; es iſt aber
ein beſonderes Verdienſt der damals gerade in Griechen=

land eingetroffenen engliſchen Philhellenen, die ſich in den
Dienſt der griechiſchen Sache ſtellten, daß ſie die Aus=
ſöhnung
der feindlichen Lager durchſetzten. Aus dieſer
Uebereinkunft erwuchs eine gemeinſame Nationalverſamm=
lung
, die dritte ſeit den Freiheitsbeſtrebungen der Grie=
chen
, die dieſes Mal zu Damala am 1. April 1827 in einem
Zitronengarten tagte und die Abgeordneten der beiden
Parteien, etwa 200 Männer, vereinigte. In dieſer denk=
würdigen
Verſammlung nun wurde die Kandidatur eines
Kyberniten, eines Regenten, aufgeſtellt, die durch die Wahl
des ioniſch=ruſſiſchen Grafen Giovanni Kapodiſtrias erledigt
wurde. Eine neue, weſentlich umgearbeitete Verfaſſung, aus
150 Artikeln beſtehend, ſollte die frühere, kaum 5 Jahre alte,
über den Haufen geworfene erſetzen. Was in ihr mit be=
ſonderem
Nachdruck ausgeſprochen wurde, war die Um=
grenzung
der griechiſchen Staatsangehörigkeit, allgemeine
Gleichheit, Freiheit der Preſſe, Abſchaffung des Adels und
der Titel. Bedeutungsvoll war ferner die Einſetzung eines
Parlamentariſchen Senats, der Wuli, deſſen weitgehendſte
Befugniſſe die Macht des Regenten auf das engſte ein=
ſchränkte
. Vorübergehend war der Sitz der Regierung in
Paros, von wo er wieder nach Nauplia verlegt wurde, um
ſchließlich bei einer daſelbſt ausgebrochenen wüſten An=
archie
nach Aegina überzuſiedeln.
Mit dem Auftreten Kapodiſtrias begann eine neue
Aera in der Entwicklung des angehenden Staates, um ſo
mehr als durch die berühmte Seeſchlacht bei Navarin am
20. Oktober 1827 den Verwüſtungen der Aegupter ein Ziel
geſetzt worden war. Die Epoche der griechiſchen Revolu=
tion
hatte ihr Ende erreicht, aber nun wandte man ſich mit
um ſo größerem Eifer dem inneren Aufbau, der Organi=
ſation
des Staatskörpers zu. Zunächſt ſchaffte Kapodiſtrias
durch einfache Proklamation vom 1. Februar 1828 die Ein=
richtungen
ab, die die konſtituierenden Nationalverſamm=
lungen
geſchaffen hatten. Die Wuli wurde aufgelöſt und
an ihrer Stelle ein Staatsrat das Panhellenion, von 27
Männern geſchaffen, der die Funktionen der verantwort=
lichen
Regierung übernahm. Als nun bald darauf durch
die Londoner Konferenz vom 22. März 1829 die Exiſtenz=
frage
Griechenlands geregelt, ſeine Grenzen beſtimmt und
die Berufung eines erblichen Fürſten ſtipu=
liert
wurden und durch die Annahme dieſer Bedingungen
durch die Pforte der Staat eine feſte Form und Grundlage
erhielt, war es klar, daß wieder neue konſtitutionelle Nor=
men
Eingang finden mußten. Aber ſchon hatte Kapo=
diſtrias
eine unter veränderten, von der Regierung auf
das ſtärkſte beeinflußten Wahlbedingungen beſchickte Na=
tionalverſammlung
nach Argos, dem neuen Sitze der Re=
gentſchaft
, einberufen laſſen. Sie tratz von 236 Abgeord=
neten
beſchickt, am 23. Juli 1829 in den Ruinen des Thea=
ters
von Argos zuſammen Kapodiſtrias legte hier ſeine
abſolutiſtiſchen Gedanken dar. An Stelle des Panhelle=
nions
trat nunmehr ein Senat (Geruſia) ebenfalls wie jener
aus 27 Mitgliedern beſtehend. Kapodiſtrias dornenvolle
Laufbahn hatte bald den Sturm der Oppoſition gegen ihn
entfeſſelt. Zahlreiche unglückliche Vorkommniſſe hatten die
Lage bis zu einer bedenklichen Kriſe geſteigert, die nur
durch die Ermordung des verdienten Kyberniten eine
traurige Löſung ſand (9. Oktober 1831). Als nun bald
ein neuer Nationalkongreß, der fünſte, zuſammentreten
mußte, um eine neue Regierung zu konſtituieren, hatte es
die proviſoriſche Regierung von Kapodiſtrias Bruder zu=
wege
gebracht, durch Anwendung von Gewalt etwa 70 Ab=
geordnete
der ſyntagmatiſchen Oppoſtion auszuſchließen.
Während ſich nun am 17. Dezember 1831 die Nationalver=
ſammlung
in Argos mit 146 Vollsvertretern konſtituierte,
tagte hier, wie ſchon einmal im Jahre 1827, ein Gegen=
kongreß
, der der kybertiniſchen Verſammlung die Beſchluß=
fähigkeit
abſprach und ihre Beſchlüſſe für ungültig erklärte.
Der zum Präſidenten von Griechenland gewählte Graf
Auguſtin Kapodiſtrias ließ ſich dazu hinreißen, gegen die
leidenſchaftlichen Gegner der Regierung mit bewaffneter
Gewalt zu ziehen, rief aber durch ſeine Unverſöhnlichkeit
einen neuen Bürgerkrieg hervor.
Es war ein Glück, daß gerade zu jener Zeit die auf der
Londoner Konſerenz zur Verhandlung gekommene grie=
chiſche
Frage eine Erledigung fand. Auguſtin wurde zur
Abdankung genötigt und nun reiſte die ſchon längſt ſtrit=
tige
Frage der griechiſchen Königskrone, als
deren Kandidat Otto von Bayern aufgeſtellt wor=
den
war, heran. So trat die fünfte Nationalver=
ſammlung
am 26. Juli 1832 nochmals zuſammen, dies=
mal
in einer elenden Bretterbude zu Pronia, einer Vor=
ſtadt
von Nauplia, wo ſich anfangs 180, ſpäter 224 Abge=
ordnete
zuſammenfanden. Hier nun wurde die Wahl des
Königs Otto beſtätigt, aber gleichzeitig der Senat abge=
ſchafft
und an ſeiner Stelle abermals eine legislative Wuli,
ein Parlament, eingeſetzt, die Regierung aber einer Siebe=
nerkommiſſion
überwieſen.
Allein die bayeriſche Regentſchaft, die jetzt mit Otto
in Griechenland einzog, hielt es nicht mehr für nötig, ſich
an die gegebenen Staatsformen zu halten. Geradezu ver=
hängnisvoll
iſt es geworden, daß für die Schöpfung ver=
faſſungsmäßiger
Einrichtungen die Volksvertretung gar
nicht mehr herangezogen wurde Die ſteigenden Unruhen,
die die Regierung Ottos charakteriſierten, die einer Reihe
von Aufſtänden und Verſchwörungen das Leben gaben,
erreichten ihren Höhepunkt in der September= Revo=
lution
vom Jahre 1843. Der Sturm war unaus=
bleiblich
, Otto mußte ſeiner abſolutiſtiſchen Regkerung er=
liegen
. Militär und Volk hatten ſich. von den Parteien
getrieben, die Hand zu der Sache gereicht, die zum Glück
friedlicher verlief, als es ſonſt bei dieſen Anläſſen der Fall
war. Der König mußte ſich zur Berufung einer National=
verſammlung
verſtehen, deren Aufgabe die Feſtſtellung
einer Verfaſſung ſein ſollte; er mußte ferner zuſehen,
wie die Vollswut ſich in dem. angeborenen Fremdenhaß

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Seite 2.

Nummer 75.

wandte, die ſämtlich aus dem Lande vertrieben wurden.
Die aus dieſen Verhältniſſen hervorgegangene Na=
tionalverſammlung
, die ſechſte in der Reihe,
trat am 20. November 1843 in Athen mit 230 Abgeord= wiedergibt, und zwar, wie ſie ſagt, um ſo lieber, als es
neten zuſammen. Ihre Entſcheidungen regelten das Bür= 1 über die Richtlinien der deutſchen Politik gegenüber Däne=
gerrecht
und die Kirchenfrage. In der Verfaſſungsfrage mark und das Verhältnis beider Staaten zueinander
hatte man ſich an die gültigen modernen Muſter ange=
lehnt
; die geſetzgebende Gewalt ſollte gemeinſchaftlich mit
der Krone, der Deputiertenkammer und einem Senate aus=
fortan
blühen ſollte. 19 dornenvolle Jahre, eine endloſe
Kette von Qualen und Enttäuſchungen waren dem Für=
Revolution genötigt ſah, der Krone zu entſagen und
Hellas den Rücken zu kehren.
Ein Jahr darauf beſtieg des däniſchen Königs Chri=
ſtian
IX. Sohn als Georg I. den griechiſchen Thron.
ſiebente ſeit der Erhebung der Griechen, konſtituiert. Seine 1 Dänemarks ſtets reſpektieren und in Dänemark gewinne die
Jahre 1863/64. Der Senat wurde abgeſchafft und an ſeiner
Stelle wieder ein Staatsrat eingeſetzt. Im übrigen aber
hielt man ſich an den Wortlaut der älteren Verfaſſung, ſah
indeſſen ein, daß dieſe einer gründlichen Umarbeitung be=
durfte
, wozu aber ein tieferes Eingehen in die Grundlagen
des politiſchen und munizipalen Lebens unausbleiblich
war. Am 28. November 1864 wurde der Vorbehalt einer
Reviſion der Verfaſſung beſchworen, aber 46 Jahre ſind
darüber hinweggegangen, ohne daß es zu dieſem Schritte
gekommen wäre. Die Abgeordnetenkammer iſt ſeitdem der
einzige Körper geblieben, der das Volk vertritt; nur die
Verantwortlichkeit der Miniſter iſt 1876 geſetzlich geregelt
worden. Die Verfaſſung iſt deshalb der Tummelplatz un=
aufhörlicher
, heftiger Parteikämpfe geblieben, und aus
ihnen ſind die Mißhelligkeiten erwachſen, die jetzt ein
Zurückareifen auf jenen Vorbehalt ermöglichen, ein ewi=
ges
Hin= und Herſchieben der konſtitutionellen Grund=
begriffe
, denen der König, durch die trüben Erfahrungen
ſeines Vorgängers belehrt, willenlos folgt.

Deutſches Reich.
* Pariſer Blätter berichten, es gehe in vatikaniſchen
Kreiſen das Gerücht, daß der Beſuch des Reichs=
kanzlers
beim Papſt das Ergebnis gehabt hätte,
es ſolle demnächſt in Berlin eine Nuntiatur errich=
tet
werden. Aehnliche Gerüchte ſind bei gleichem Anlaß
auch in früheren Jahren aufgetaucht, haben jedoch durch
Tatſachen keine Beſtätigung erfahren. So wird es ver=
mutlich
auch jetzt nicht zu der Errichtung einer päpſtlichen
Geſandtſchaft am Berliner Hofe kommen; die Nordd.
Allg. Ztg. hätte ſonſt kaum gemeldet, daß zu Abmachun=
gen
irgendwelcher Art beim Empfang des Reichskanzlers
durch den Papſt kein Anlaß vorlag‟. Die eingangs er=
wähnte
Pariſer Nachricht geht alſo wohl nur auf die Ab=
ſicht
zurück, die deutſch=vatikaniſchen Beziehungen den
Franzoſen im günſtigſten Lichte zu zeigen und dieſes Ver=
hältnis
der Entfremdung gegenüber feſtzuſtellen, die zwi=
ſchen
Frankreich und dem Vatikan infolge der franzöſiſchen
Kirchenpolitik eingetreten iſt.
Zum Rücktritt des deutſchen Geſandten in Kopen=
hagen
, Grafen Henckel v. Donnersmarck, hatte die
Voſſiſche Zeitung am 22. März eine Zuſchrift ihres
Kopenhagener Mitarbeiters veröffentlicht, die dem Grafen
Henckel v. Donnersmarck die Schuld an dem Scheitern
der deutſch=däniſchen Handelsvertragsver=

Himmelserſcheinungen im April.
In ihrer Nordwärtsbewegung ſteigt die Sonne im
April von 4 17 35.6 am 1. bis auf 140
34 23.5 nördlicher Deklination empor, ſie hat in=
folgedeſſen
ſeit ihrem tiefſten Stande im Süden am
22. Dezember 1909 ſchon 38' zurückgelegt und wird ſich bis
zu ihrem höchſten Stande am 22. Juni nur noch kaum
9 weiter nördlich bewegen. Die Mittagshöhe der
Sonne vergrößert ſich in demſelben Sinne: für das mittlere
Deutſchland von 41½ Grad am 1. bis auf 52 Grad am
30. April. Die Tagesdauer wächſt im nördlichen
Deutſchland von 13 auf 15, im mittleren Deutſchland von
12¾ auf 14¾ und im ſüdlichen Deutſchland, in der
Schweiz und Oeſterreich von 12¾ auf 14½ Stunden.
Der Mond zeigt im April nachſtehenden Geſtalt=
wechſel
: Letztes Viertel am 3. um 1 Uhr 48 Min. vorm.,
Neumond am 9. um 10 Uhr 25 Min. nachm., Erſtes Viertel
am 16. um 3 Uhr 4 Min. nachm. und Vollmond am 24.
um 2 Uhr 23 Min. nachm. Er befindet ſich am 10. April
um 10 Uhr vorm. in Erdnähe bei einem Abſtande von
56.05 Erdhalbmeſſern und am 24. April um 3 Uhr nachm.
in Erdferne bei einem Abſtande von 63.71 Erdhalbmeſſern
à 6378 Kilometer. Am 13. April gegen Mitternacht
wird der im Zunehmen begriffene ſichelförmige Mond den
Planeten Mars für kurze Zeit bedecken, und zwar er=
folgt
für Berlin der Eintritt des Mars um 11 Uhr 35.4
Min. und der Austritt um 11 Uhr 45.4 Min. abends;
etwa eine halbe Stunde ſpäter ſinkt der Mond mit dem
ihm unmittelbar folgenden rötlichen Planeten unter den
Horizont.
Die Hauptplaneten ſind im April alle bis auf einen,
den Saturn, kürzere oder längere Zeit zu beobachten, am
beſten der Jupiter. Merkur, der am 5. April, 11 Uhr
nachm., in obere Sonnenkonjunktion kommt, tritt vermöge
ſeiner ſchnellen Bewegung ſchon nach Monatsmitte wieder
aus dem Bereiche der Sonnenſtrahlen hervor und wird
am Abendhimmel im Weſten ſichtbar, am Schluſſe des
Monats ungefähr eine Stunde lang. Da er dann nahe
unterhalb des Siebengeſtirns ſteht, iſt er mit dieſem zu=
gleich
im Geſichtsfelde eines ſchwach vergrößernden In=
ſtrumentes
(Opernglaſes uſw.) zu ſehen. Am 11. April,
7 Uhr morgens, hat er eine (unſichtbare) Konjunktion mit
dem Planeten Saturn, an dem er 2 21 nördlich vorbei=
zieht
. Venus, die als Morgenſtern im Bilde des
Waſſermanns weiterſchreitet und am Monatsende in
das der Fiſche übertritt, bleibt rund eine Stunde lang
als glänzendes Geſtirn vor Sonnenaufgang im Oſten
ſichtbar. Am 23. April, 4 Uhr nachm., erreicht ſie ihre
größte weſtliche Ausweichung von 46 13. Da ihre Ent=
fernung
von der Erde von 0.52 bis auf 0.75 Erdbahnhalb=
meſſer
à 149.48 Millionen Kilometer zunimmt, verringert
ſich der ſcheinbare Durchmeſſer ihrer Scheibe von 32"6 auf
62
22.4. Mars durchläuft noch das Sternbild des
Stiers, gelangt aber am Schluſſe des Monats in das
Bild der Zwillinge‟. Er iſt noch immer bis kurz nach
Mitternacht am ſüdweſtlichen und weſtlichen Himmel zu
iſehen. Sein Erdabſtand wächſt jedoch fortgeſetzt, im
Wrß bogz. 1.85 bis 2.09 Erdbahnhalbmeſſer, ſein ſchein=

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 1. April 1910.

und dem rohen Reide gegen die deutſchen Beamten fhandlungen beimnaß. Hiergegen verwahrt ſich Eraf
Henckel v. Donnersmarck in einem an die Voſſiſche Zei=
tung
gerichteten Schreiben, das dieſe auf ſeinen Wunſch
entgegengetreten, daß eine Verſchlechterung der deutſch=
geübt
werden. Es iſt zu bekannt, wie gering das Glück däniſchen Beziehungen eingetreten ſei. Demgegenüber
war, das der bayeriſchen Dynaſtie auf griechiſchem Boden müſſe geſagt werden, daß Tatſachen nicht bekannt gewor=
den
ſind, die den Schluß zuließen, daß Dänemark auf die
ſten beſchieden, bis er ſich 1862 durch die Oktober= Freundſchaft Deutſchlands jetzt geringeres Gewicht legen
ſollte als früher. Trotz der vielen Miniſterwechſel in den
letzten Jahren habe Dänemark doch ſtets wieder und wie=
der
ſein volles Vertrauen auf die deutſche Friedenspolitik
Schon wieder hatte ſich ein Nationalkongreß, der erklärt. Deutſchland werde die ſtaatliche Selbſtändigkeit
Hauptaufgabe betraf die Reviſion der Verfaſſung vom Anſicht der Regierung mehr und mehr Raum, daß die
nordſchleswigſche Angelegenheit lediglich Preußen anginge.
Die Einnahmen aus Zöllen, Steuern und
Gebühren in den erſten elf Monaten des Finanzjahres
1909 betragen 1250,8 Millionen Mark und überſchreiten
damit den Etatsanſchlag einſchließlich der Einnahmen aus
dem Nachtragsetat für 1909 um 69,4 Millionen Mark. Da=
gegen
ſind die Einnahmen der Poſtverwaltung und der
Reichseiſenbahnverwaltung um 13,5 Millionen Mark hin=
ter
dem Etatsanſchlag zurückgeblieben. Es bleibt ſomit
im ganzen ein Ueberſchuß über den Etatsan=
ſchlag
der erſten elf Monate in Höhe von rund 55 Mil=
lionen
Mark. So günſtig dies Ergebnis an ſich iſt, ſo darf
doch bei Beurteilung des laufenden Finanzjahres nicht un=
berückſichtigt
bleiben, daß der Etat für 1909 nur durch die
Einſtellung einer ungedeckten Matrikularumlage von 288,5
Millionen Mark balanciert werden konnte, wovon 240,5
Millionen Mark in den nächſten drei Finanzjahren abge=
bürdet
werden müſſen.
Ausland.
Man hält es für gewiß, daß ſich das neue italie=
niſchen
Kabinett wie folgt zuſammenſetzt: Luzzatti: Mi=
niſterpräſident
und Inneres; di San Giuliana: Aeuße=
res
; Fani: Juſtiz; Tedesco: Schatz; Facta: Finanzen;
General Spingardi: Krieg; Kontreadmiral Leonardi: Ma=
rine
; Credaro: Unterricht; Sacchi: Oeffentliche Arbeiten
und Ciuffelli: Poſt.
Die franzöſiſche Kammer bewilligte ein viertes pro=
viſoriſches
Budgetzwölftel und ſetzte die Beratung der
Vorlage betreffend die Altersverſorgung der
Arbeiter fort. Arbeitsminiſter Viviani gab die be=
ſtimmte
Verſicherung ab, daß das Geſetz von 1911 ab zur
Anwendung gelangen werde. Eine große Anzahl Red=
ner
erklärte, daß ſie für die Vorlage ſtimmen würde, trotz
deren Mängel. Hierauf wurde die Generaldiskuſſion ge=
ſchloſſen
. Im weiteren Verlaufe der Sitzung wurde der
Artikel 1 des Altersverſorgungsgeſetzes angenommen. Die
von Guesde (Soz.) beantragte Streichung des Artikels 2
wurde mit 486 gegen 32 Stimmen abgelehnt. Guesde
hatte heftig gegen das Syſtem Einſpruch erhoben, Kapi=
talien
in Händen der Regierung anzuhäufen. Darauf
wurde die Weiterberatung vertagt.

barer Durchmeſſer verkleinert ſich deshalb von 5."1 auf 4.5;
der Mars hat alſo bereits aufgehört, ſich unter den übri=
gen
Sternen ſonderlich hervorzutun, nur ſein rötliches
Licht macht ihn noch leicht kenntlich. Der Bedeckung des
Planeten durch den Mond am 13. April haben wir bereits
oben gedacht. Jupiter ſtrahlt während der ganzen
Nacht im Sternbilde der Jungfrau; da er am 31. März
in Oppoſitionsſtellung iſt, kulminiert er am 1. April noch
um Mitternacht, Ende April aber ſchon um 10 Uhr abends.
Auch dieſer Planet entfernt ſich von uns, und zwar beträgt
ſein Abſtand am 1. April 4.45, am 30. April 4.59 Erdbahn=
halbmeſſer
, ſein ſcheinbarer Durchmeſſer verkleinert ſich da=
her
von 44.8 auf 43.5. In der Frühe des 22. April hat
der nahezu volle Mond mit Jupiter Konjunktion, die um
6 Uhr (nach Untergang) am engſten, 3, iſt; der Mond
zieht nördlich vom Planeten hin. Fernrohrbeobachtungen
ſind beim Jupiter jetzt ſehr bequem und lohnend, denn
ſchon ein kleines Inſtrument gewährt ein höchſt anziehen=
des
Bild von dieſem fernen gewaltigen Syſtem. Sa=
turn
, der ſich am 17. April, 5 Uhr vorm., in Sonnen=
konjunktion
befindet, bleibt unſichtbar, folglich auch ſeine
Konjunktion mit Merkur am 11. April (ſ. oben). Ura=
nus
, im Schützen weilt in tieſer Stellung am ſüdöſt=
lichen
Morgenhimmel und iſt am 16. April, 1 Uhr vorm.,
in Quadraturſtellung zur Sonne. Seine Entfernung von
der Erde nimmt von 1987 auf 19.37 Erdbahnradien ab,
ſein ſcheinbarer Durchmeſſer von 4.1 auf 4.2 zu; ſeine Hel=
ligkeit
gleicht aber nur den Sternen 5. Größe. Nep=
tun
hält ſich im Sternbild der Zwillinge am Abend=
himmel
auf; er ſteht am 7. April, 7 Uhr vorm., in Qua=
dratur
zur Sonne. Seine Entfernung von der Erde iſt
am 1. gleich 2984, am 30. gleich 30.34 Erdbahnradien. d. h.
gleich 4535 Millionen Kilometer. Bei einem ſcheinbaren
Durchmeſſer von zuerſt 2."6, bald darauf von 2.5 ſchim=
mert
Neptun, der nur 0.001 von dem der Erde zugeſtrahl=
ten
Sonnenlichte empfängt, als Sternchen 8. Größe. Den
Aſtronomen iſt es bisher noch nicht gelungen, den aus
Kometenſtörungen vermuteten, ſchon berechneten und ge=
ſuchten
transneptuniſchen Planeten aufzuſtöbern der
Neptun bleibt alſo vorläufig noch der Grenzkörper unſeres
Sonnenſyſtems.
Eine Betrachtung des abendlichen Fixſtern=
himmels
lehrt uns, daß im April die Zeit der gro=
ßen
Winterſternenpracht zu Ende gegangen iſt. Nicht
nur die tiefe Dunkelheit, die in klaren Winternächten
die alitzernden Punkte der unendlich fernen Sonnen
ſo ſcharf hervortreten ließ, iſt verſchwunden oder doch
im günſtigſten Falle auf wenige Stunden um Mitter=
nacht
beſchränkt, ſondern auch die an glänzenden Ster=
nen
ſo reichen Bilder ſind unter dem Horizonte ver=
ſunken
, um eine geraume Zeit unſeren Blicken ver=
borgen
zu bleiben. Nur noch ein paar Wochen gewahrt
man den Orion mit ſeinen drei leuchtenden Gürtel=
ſternen
und ſeinem Schwert nahe dem Weſthorizont,
ſein Untergang erfolgt täglich früher, und das ſeinen
Glanz auslöſchende Tagesgeſtirn rückt ihm immer
näher. Sehr bald verſchwinden auch die Bilder des
Stiers und Fuhrmannes in den Strahlen der
Dämmerung; ebenſo verſinkt der Sirius im Großen

Der Senat bewiligte ein viertes proiſoriſches
Budgetzwölftel und nahm die Budgets der Kolonien, der
Juſtiz und des Unterrichts an.
Im engliſchen Unterhauſe fragte Middlemore
(konſ.) den erſten Lord der Admiralität Mac Kenna unter
Bezugnahme auf die Tatſache, daß nur zwei gepanzerte
authentiſch Aufſchluß gibt‟. Es wird darin der Anſicht Schiffe während des kommenden Etatsjahres in Dienſt
geſtellt würden, wie viel gepanzerte Schiffe vom 1. April
1910 bis 31. März 1911 von Deutſchland fertiggeſtellt
würden. Mac Kenna erwiderte, nach der amtlichen Mit=
teilung
, die von den deutſchen Marinebehörden ſtamme,
ſei der Kreuzer von der Tann das einzige gepanzerte
Schiff, deſſen Bau zur angegebenen Zeit vollendet werde.
Darauf ſetzte das Haus die allgemeine Beratung über
die Reſolutionen betreffend das Oberhaus fort.
Im finniſchen Senat wurde das kaiſerliche Mani=
feſt
vom 27. März verleſen; der Senat beſchloß einſtim=
mig
, das Manifeſt zu veröffentlichen und die Geſetzes=
vorlage
über die Abgrenzung der finniſchen und der
Reichsgeſetzgebung ſogleich dem Landtage zur Begut=
achtung
zu übergeben. Der ſtellvertretende Prokureur legte
Proteſt gegen den Beſchluß des Senats ein und erklärte,
das Manifeſt widerſpreche den finniſchen Grundgeſetzen.
Bei der Beratung des Geſetzentwurfes
über Finnland in der ruſſiſchen Duma erklärte der
Führer der Kadetten, Miljukow, die Regierung verlange
von der Duma eine unrechtmäßige Handlung.
Ein ſolches Geſetz könne lediglich durch Annahme von ſei=
ten
der geſetzgebenden Inſtitutionen Finnlands geſchaffen
werden, da nach den Landtagsſtatuten von 1869 eine Um=
änderung
der Grundgeſetze nur auf den Vorſchlag des
Kaiſers und nur im Einverſtändnis mit dem Landtage er=
folgen
könne. Nikolaus I. habe im Jahre 1894 verſpro=
chen
, dieſe Geſetze unverbrüchkich zu wahren. Für die Ver=
letzung
dieſes Monarchenworts ſeien die verantwortlich,
die den Monarchen irreführten. Namens des Zentrums
ſprach Graf Bennigſen und ſagte, auf Grund des § 2 der
Grundgeſetze habe die Reichsduma und der Reichsrat un=
zweifelhafte
Rechte in den Fragen der das Geſamtreich be=
rührenden
Geſetzgebung; das Gleiche ginge aus den Ma=
nifeſten
von 1905 und 1906 hervor. Die finniſchen Land=
tagsſtatuten
gäben alſo keinerlei Recht zu der Erklärung,
daß die vorliegende Frage auf dem Wege der finniſchen
Geſetzgebung zu erledigen ſei, da ſie das Geſamtreich be=
rühre
; Finnland habe die innere Autonomie erhalten.
Miljukow jedoch habe Finnlands Autonomie als Staat
verlangt. Die Duma werde den Ruf des Kaiſers dankbar
aufnehmen.
Ein von dem Komitee der griechiſchen
Militärliga unterzeichnetes Protokoll erklärt aus=
drücklich
die Liga für aufgelöſt und
entbindet die Mitglieder von ihren aus dem
von ihnen am 15. Auguſt gegebenen Ehrenwort herrüh=
renden
Verpflichtungen. In einer langen Veröffentlichung
in den Blättern wirft die Liga einen Rückblick auf das von
ihr geleiſtete Werk, beklagt die Hinderniſſe, die ſie gefunden,
und ſagt, das oberſte Intereſſe des Landes fordere, daß
die Armee zu ihrer gewohnten Tätigkeit zurückkehre. Nach
der Botſchaft über die Einberufung der Nationalverſamm=
Hunde nun für einige Monate im tiefen Südweſten;
ſein Frühaufgang vor der Sonne im Südoſten erfolgt
Ende Juli, er war es, der bei den alten Aegyptern die
1460jährige Scthisperiode (griechiſch Sothis, ägyptiſch
Sopdet, bedeutet Sirius) beſtimmte, denn nach dieſer
Zeit fiel ihr bürgerliches Wandeljahr mit dem feſten
aſtronomiſchen wieder zuſammen. Verfolgen wir die mit
dem Stier im Weſten aufſteigende Ekliptik weiter, ſo
treffen wir auf die Zwillinge und hoch oben im =
den
auf den Löwen. Die Alten hielten ihn, nach Ide=
ler
, für den von Herkules bei Nemea getöteten und
unter die Sterne verſetzten Löwen Er fällt beſonders
auf durch den Fixſtern erſter Größe Regulus, von dem
einſt Geminus ſagte: Der Stern am Herzen (des =
wen
) wird nach dem Ort, wo er ſteht, Kardia léontos,
Löwenherz, von einigen Basiliskos genannt, weil die in
ſeiner Gegend Geborenen von königlicher Geburt zu
ſein ſcheinen. Im Arabiſchen hieß dieſer Stern ent=
ſprechend
Kalb el-ased, Herz des Löwen, aber auch
Melikhi, der Königliche welcher Ausdruck neben dem
in den alphonſiniſchen Tafeln und im arabiſch= lateini=
ſchen
Almageſt vorkommenden Namen Rex nur eine
Ueberſetzung von Basiliskos iſt. Kopernikus brauchte
dann in ſeinem Hauptwerke das Deminutiv davon:
Regulus. Dem Löwen folgt in der Ekliptik nach Süd=
oſten
herab die Jungfrau mit dem hellſten Sterne
Spica. Neben dem gemeinen Namen Parthénos bei
den Griechen und Virgo bei den Römern hieß ſie wohl
ſchon in mythiſcher Zeit Aſtraea und Erigone. Von
der Aſtraea (Dike, Justitia, die Gerechtigkeit) ſagt
Aratus, ſie habe im goldenen Zeitalter unter den Men=
ſchen
gelebt, im ſilbernen ſich von ihnen zurückgezogen
und im ehernen ſie ganz verlaſſen, um unter den Ster=
nen
zu wohnen. Die Göttin der Gerechtigkeit trägt
eine Kornähre in der linken Hand die Araber nann=
ten
deshalb das ganze Bild teils El-adsrä, die Jung=
frau
teils El-sumbela, die Aehre, und das letzte
bedeutet auch der ſpätere Name Spica, der dem hellſten
an der Aehre ſtehenden Sterne noch heute eigen iſt.
Mit der Erigone hatte es folgende Bewandtnis: Die
Alten hielten den über der Jungfrau ſtehenden
Bootes auch für Jcarus. Dieſer nämlich, vom Bac=
chus
in der Kultur des Weinſtockes unterrichtet, machte
von dem neuen Getränk einigen Landleuten Mitteil=
ung
, die ihn aber, davon berauſcht, erſchlugen und in
einen Brunnen warfen. Seine Tochter Erigone, von
ihrem treuen Hunde Maera geleitet, entdeckte ſeinen
Körper und brachte ſich aus Verzweifkung ums Leben.
Jupiter verſetzte hierauf Vater und Tochter an den
Himmel, wo ſie in den Geſtirnen des Bootes und der
Jungfrau glänzen. Doch auch der Hund erhielt eine
Stelle am Himmel; nach Hygin iſt er der Prokyon, der
Kleine Hund, nach anderen der Große Hund, den
Ovid daher Canis lcarius nennt. Wenden wir unſer
Auge nach Nordoſten, ſo ſtrahlt uns hier Wega in der
Leier entgegen, daneben weiter nördlich in der Milch=
ſtraße
Deneb im Schwan und im Norden, ebenfalls
in der Milchſtraße, die Caſſiopeja‟. Im Zenith end=
lich
breitet ſich das Bild des Großen Bären aus.

[ ][  ][ ]

Nummer 75.

Seite 3.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 1. April 1910.

Publikum tut in ſeinem eigenen Intereſſe gut daran,
dieſen Umſtänden ſeine Aufmerkſamkeit zuzuwenden.
Wer von auswärts ſeither ſchon Fleiſch und Brot
bezogen hat, ſollte von nun an von vornherein die
Minderung der Preiſe um die vorſtehend angegebenen
Oktroibeträge verlangen.

* Vom Hofe. Prinz Ernſt zu Stolberg=Roßla
nahm geſtern an der Frühſtückstafel im Neuen Palais
teil. (Darmſt. Ztg.)
Ordensverleihung. Se. Königl. Hoheit der
Großherzog haben den Hofgartenaufſeher Chriſtian
Zubrod in Auerbach a. d. B. auf ſein Nachſuchen mit
Wirkung vom 1. April d. J. in den Ruheſtand verſetzt
und ihm aus dieſem Anlaß das Silberne Kreuz des Ver=
dienſtordens
Philipps des Großmütigen verliehen.
Verſetzungen in den Ruheſtand. Se. Königl.
Hoheit der Großherzog haben den Oberlehrer an
dem Realgymnaſium zu Darmſtadt Profeſſor Wilhelm
Sammet und den Oberlehrer an der Oberrealſchule zu
Offenbach Profeſſor Ludwig Roth auf ihr Nachſuchen
bis zur Wiederherſtellung ihrer Geſundheit in den Ruhe=
ſtand
verſetzt. In den Ruheſtand verſetzt wurde ferner
der Weichenſteller in der Heſſiſch=Preußiſchen Eiſenbahn=
gemeinſchaft
Karl Kraft zu Rüſſelsheim.
Ernennung. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
haben den Hauptlehrer und Dirigenten der
Fachſchule für Elfenbeinſchnitzerei und verwandte Ge=
werbe
in Erbach Emil Klein zum Hauptlehrer an den
Techniſchen Lehranſtalten in Offenbach mit Wirkung vom
1. April 1910 an ernannt. Ernannt wurde der Ge=
fangenwärter
am Landeszuchthaus Marienſchloß Johann
Anton Sauer zum Gefangenaufſeher an dieſer Anſtalt
mit Wirkung vom 25. April 1910.
Das Großh. Regierungsblatt Nr. 6 enthält: Be=
kanntmachung
des Textes des Geſetzes über den Ur=
kundenſtempel
vom 12. Auguſt 1899 in der vom 1. April
1910 an geltenden Faſſung.
L. Die Strafkammer verhandelte geſtern gegen
mehrere ungetreue Arbeiter. Der Bäcker Karl Lud=
wig
Caſtritius von Bernburg ſchlich ſich hier in
eine Geſchäftsfiliale ein und nahm, als die Luft rein
war, die vorhandenen 55 Mk. bares Geld weg. Da er
trotz ſeines ſpäteren Geſtändniſſes durch die Tat um ein
Haar einen Verwandten in große Unannehmlichkeiten
brachte, wurde er zu 8 Monaten Gefängnis
verurteilt; 3 Wochen ſind durch die Unterſuchungshaft
verbüßt. Der Metzger Chr. Ernſt Waick von Lüb=
benau
unterſchlug hier ſeinem Dienſtherrn etwa 20
Mark Kundengelder; auch nahm er einem Neben=
kollegen
mehrere Gegenſtände weg. Er wurde zu 4
Monaten 2 Wochen Gefängnis verurteilt; 2 Wochen
ſind durch die Unterſuchungshaft verbüßt. Der
Schuhmacher Georg Geiſt von Klein=Zimmern nahm
in Dieburg ſeinem Meiſter eine Uhr, ſowie mehrere
Sparmarken weg. Er wurde unter Einbeziehung einer
noch zu verbüßenden Gefängnisſtrafe von 1 Monat zu
4 Monaten 2 Wochen verurteilt. Der 16 Jahre alte
Hausburſche Friedrich Grötzinger von Wiesbaden
arbeitete hier bei einem Kalbs= und Hammelsmetzger Die ſtatutenmäßig ausſcheidenden Aufſichtsratsmitglie=
und unterſchlug nach und nach etwa 48 Mark Kunden=
gelder
. Er iſt geſtändig und wurde zu 2 Wochen Ge=
fängnis
verurteilt. Der in gutem Rufe ſtehende,
nicht beſtrafte Fuhrmann Chriſtoph Katſch von Bür=
ſtadt
iſt vom Schöffengericht zu 1 Monat Gefängnis
verurteilt worden, weil er von dem Polizeidiener Ille
während der Bürgermeiſterwahlſchlacht, bei der auch
ein Bruder des angeblich Beleidigten Kandidat war,
in einer Wirtſchaft geäußert habe, in Bürſtadt könne
keiner eine Charge bekommen, wenn er kein Spitzbube
ſei, der Polizeidiener ruhe nicht, bis er den Rock aus=
ziehen
müſſe. Der Beſtrafte legte dagegen Berufung
ein und beſtreitet entſchieden, die Aeußerung getan zu
haben. Dieſe wird durch eine einzige, allerdings eid=
liche
, Ausſage unterſtützt. Das Gericht hegte Beden=
ken
, auf dieſe allein eine Verurteilung erfolgen zu
laſſen, hob das angefochtene Urteil auf und ſprach
den Katſch frei.
* Direkte Staatsſtenern für 1910. Nach dem Fi=
nanzgeſetz
vom 24. März d. J. iſt an direkten Staats=
ſteuern
für das Etatsjahr 1910 insgeſamt der Betrag
von 17552615,25 Mk. veranlagt worden, der ſich mit
4 368 816,30 Mk. auf die Vermögensſteuer und mit
13 183 798,95 Mk. auf die Einkommenſteuer verteilt.
Von den 37 Finanzämtern des Landes haben die höch=
ſten
Veranlagungen zur Vermögensſteuer: Darm= marſch 6 Uhr vom Botaniſchen Garten.
ſtadt I mit 553 968,75 Mk., Mainz I mit 455 742,55 Mk.
und Offenbach I mit 283 100 Mk.; die Einkommen=
ſteuerveranlagung
beträgt u. a. in den Finanzämtern
Darmſtadt I 1932031,63 Mk., Mainz I 1996653 Mk.,
Offenbach I 1501 300,85 Mk., Gießen 917081,70 Mk. und
Worms I 937573,15 Mk.

Hoher Beſuch. Der Fürſt Altred von Mo=
naco
, bekanntlich ein großer Freund der deutſchen
Kunſt und Literatur, wird heute mittag 3 Uhr 39 Min.,
von Frankfurt kommend, mit großem Gefolge hier ein=
treffen
, um der Fauſt=Aufführung beizuwoh=
nen
. Er wird im Darmſtädter Hof abſteigen und von
dort aus ins Theater fahren.
Die Heſſiſche Handwerker=Zentral=Genoſſenſchaft,
A.=G. in Darmſtadt hielt ihre ſechſte ordentliche Gene=
ralverſammlung
am Mittwoch nachmittag im Neuen
Gerichtsgebäude ab. Aus dem ſechſten Geſchäftsbericht
für die Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 1909 ſei
folgendes mitgeteilt: Die Entwickelung der Heſſiſchen
Handwerker=Zentralgenoſſenſchaft in Darmſtadt hat in
dem abgelaufenen ſechſten Geſchäftsjahr zu einem in
jeder Hinſicht befriedigenden Ergebniſſe geführt. Ob=
wohl
die ungünſtige Lage im Bau= und Möbelgeſchäft
durchaus noch nicht behoben war, konnte dank des neu
aufgenommenen Benzin= und Bäcker= Brennmateria=
lienbezuges
ein Geſamtumſatz von 214627 Mark 33 Pfg.
erzielt werden; der höchſte Umſatz, welcher ſeit Erricht=
ung
des Inſtituts überhaupt erreicht worden iſt. Das
Bruttverträgnis aus dem Warengeſchäft beträgt 14596
Mark 33 Pfg., das ſind 6,78 Prozent des Umſatzes, ein
außergewöhnlich niedriger Prozentſatz, der das Be=
mühen
des Inſtituts, die erreichten günſtigen Einkaufs=
bedingungen
möglichſt unverkürzt dem Handwerker zu=
gute
kommen zu laſſen, ins hellſte Licht ſtellt. Die Zin=
ſeneinnahmen
aus unſeren Ausſtänden (etwa 170000
Mark im Durchſchnitt), ſowie aus unſeren ſonſtigen
Guthaben (etwa 30000 bis 40 000 Mark) betragen 9077
Mark 20 Pfg. Die Zinſenausgaben für das ſtaatliche
Darlehen (zurzeit noch 73 694,56 Mark) belaufen ſich auf
2954,39 Mark. Es ergibt ſich ſomit ein Zinſenüberſchuß
von 6122,81 Mark. Einſchließlich des Gewinnvortrags
aus 1908 von 600 Mark ergibt ſich alſo ein Geſamtbrut=
togewinn
von 21319,14 Mark. Dieſen Einnahmen
ſtehen Ausgaben im Betrage von 15180,18 Mark gegen=
über
. Beſonders iſt darauf zu verweiſen, daß im ab=
gelaufenen
Jahre wieder 1717,88 Mark zu Rückvergüt=
ungen
bereitgeſtellt werden konnten. Das Nettverträg=
nis
beläuft ſich auf 6138,96 Mark. Die Verteilung des
Reingewinns wird gemäß Paragraph 30 der Statuten
wie folgt beſchloſſen: 4 Prozent Dividende auf das
eingezahlte Stammkapital 3610,96 Mark, Ueberweiſ=
ung
an den ordentlichen Reſervefonds 1470,00 Mark,
Ueberweiſung an den außerordentlichen Reſervefonds
1058,00 Mark. Der ordentliche Reſervefonds beträgt
13720,00 Mark, der außerordentliche Reſervefonds be=
trägt
13 308,00 Mark, zuſammen 27028,00 Mark, iſt gleich
27 Prozent des Stammkapitals. Das neue Geſchäfts=
jahr
1910 verſpricht eine günſtige Entwickelung. Für
den Vorſtand der Heſſiſchen Handwerker=Zentral= Ge=
noſſenſchaft
zeichnen die Herren Direktor Otto Paech
und B. Gottron. Der Aufſichtsrat, für welchen Herr
Stadtverordneter Rockel zeichnete, hatte zu dem Ge=
ſchäftsberichte
des Vorſtandes und der aufgeſtellten
Bilanz und Gewinn= und Verluſtrechnung keine Be=
merkungen
zu machen und ſchließt ſich dem Gewinn=
verteilungsvorſchlage
an. Die Gewinnverteilung
wurde gemäß Antrag im Geſchäftsberichte gutgeheißen.
Ebenſo die Entlaſtung von Vorſtand und Aufſichtsrat.
der Herren Karl Rockel und Karl Lautz wurden wie=
dergewählt
. Sämtliche Beſchlüſſe erfolgten einſtimmig.
Vertreten waren 32800 M. Kapital mit 164 Stimmen.
Der Feuerverſicherungsverband heſſ. Lehrer hielt
ſeine diesjährige Generalverſammlung in Bad Nau=
heim
am 30. März ab. Der Beſuch war recht gut.
Die Mitglieder des Vereins wurden inſofern ange=
nehm
überraſcht, als durch den Vorſtand mitgeteilt
wurde, das Kaiſerliche Aufſichtsamt in Berlin habe auf
eine Anfrage hin kürzlich ſeine Zuſtimmung gegeben,
bis zu 10 Prozent des Reingewinnes für Wohltätig=
keitszwecke
verwenden zu dürfen. Auf Antrag des
Aufſichtsrats wurden daraufhin vom diesjährigen
Reingewinn 500 Mark für die Ludwig= und Aliceſtift=
ung
einſtimmig bewilligt. Auch wurde eine notwendig
gewordene Statutenänderung beſchloſſen. Ueber die
günſtige Entwickelung und den guten Abſchluß wurde
ſchon früher berichtet.
Odenwald=Klub. Die Ortsgruppe Ober= Ram=
ſtadt
hat die Mitglieder der hieſigen Ortsgruppe zu
dem am Samstag, den 2. April, abends im Gaſthauſe
von Schneider zu Ober=Ramſtadt ſtattfindenden Deko=
rierungsfeſte
eingeladen. Hoffentlich nehmen recht viele
der hieſigen Odenwaldklubmitglieder an dieſer Veran=
ſtaltung
der ſehr rührigen Schweſterſektion teil. Ab=
Der Ortsgewerbeverein macht darauf aufmerk=
ſam
, daß in der Zeit vom 4. bis einſchl. 9. April iim
Phyſikaliſchen Verein zu Frankfurt a. M. ein Blitz=
ableiterkurſus
ſtattfindet. Da dieſer Kurſus in
erſter Linie dazu dient, alle Handwerker, welche ſich mit
dem Bau von Blitzableiteranlagen beſchäftigen, mit den

ſung halte ſe ihre Tätigkeit für beendet, aber ſie kene
die Aufmerkſamkeit des Volkes auf ſein Schickſal in der
Zukunft. Schließlich wird die Ueberzeugung ausgedrückt,
daß auch nach der Auflöſung der Liga die Armee die Hüte=
rin
der Ehre und des Ideals der Nation bleiben wird.
Die türkiſche Kammer verhandelte über eine No=
velle
zum Beamtengeſetz. Die Novelle ermächtigt die Re=
gierung
, außer Dienſt geſtellte Beamte wieder einzuſtellen
oder ihre Penſionen zu erhöhen. Nach heftigen Angriffen
von Seiten der Oppoſition wurde beſchloſſen, in die Spe=
zialdebatte
über die Novelle einzutreten.
Der kanadiſche Finanzminiſter Fielding erklärte im
Hauſe der Gemeinen, das Ergebnis des Zollabkom=
mens
zwiſchen Kanada und den Vereinigten Staaten ſei
eine Anerkennung des Rechts der engliſchen Kolonien, ſich
Vorzugszölle einzuräumen. Kanada lehnte es ab, den Ver=
einigten
Staaten für eine ganze Reihe der im Zollvertrag
mit Frankreich enthaltenen Artikel ermäßigte Zollſätze ein=
zuräumen
, und behielt ſich das Recht vor, Gegenſeitigkeits=
verträge
mit anderen Ländern ohne Berückſichtigung der
amerikaniſchen Zollgeſetze abzuſchließen. Präſident Taft
drückte den dringenden Wunſch aus, Verhandlungen zwecks
weiterer gegenſeitiger Handelsabmachungen zu er=
öffnen
, und verſprach, dem Kongreß dieſe Politik zu emp=
fehlen
. Fielding betonte ſchließlich, daß im Intereſſe eines
guten Einvernehmens zwiſchen Kanada und den Vereinig=
ten
Staaten es beſſer geweſen wäre, eine Konzeſſion zu ge=
währen
, ſelbſt wenn in Waſhington die Drohung der Auf=
erlegung
des Maximaltarifs nicht ausgeführt würde.

* Der neue Negus Negeſti, der nach dem
Willen des Kaiſers Menelik nunmehr unter der
Regentſchaft des Ras Taſſama den Thron beſteigt, iſt
der Lidſch (Prinz) Jeaſſu, Meneliks Enkel. Er iſt der
Sohn von Meneliks Tochter Schoargaſch und eines der
Großen des Reiches, des Ras Mikael von Wollo. Der
Negus, der 1896 geboren iſt, ſteht im 14. Lebensjahre
und wird als ein lebhafter und aufgeweckter Knabe ge=
ſchildert
. Seit dem 16. Mai 1909, dem Tage, an dem
Menelik feierlich die Großen ſeines Reiches auf den
Thronfolger vereidigte, iſt Jeaſſu auch verheiratet. Die
jetzige Kaiſerin, Romanie Work, iſt acht Jahre alt. Sie
iſt eine Nichte der Kaiſerin Taitu und eine Enkelin
des früheren Kaiſers Johannes.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 1. April.
Die Aufhebung des Oktrois.
A Der heutige Tag iſt ein bedeutungsvoller in der
Geſchichte aller der Gemeinden, welche noch Oktroi
erheben, denn, wie bekannt, und in der letzten Zeit ſchon
oft beſprochen, iſt von heute an auf Grund Reichsge=
ſetzes
der Oktroi auf Hülſenfrüchte, Mehl und andere
Mühlenfabrikate, desgleichen auf Backwaren (Brot
uſw.), Vieh, Fleiſch und Fleiſchwaren (Wild und Ge=
flügel
ausgenommen), aufgehoben.
Das fragliche Reichsgeſetz entſtand gelegentlich der
Einführung des letzten Zolltarifs und bezweckt, der Be=
völkerung
, der man erhöhte Zölle auf die notwendig=
ſten
Lebensbedürfniſſe auferlegte, dieſe Mehrbelaſtung
durch Aufhebung des den Gemeinden zugeſtandenen
Oktrois, ſoweit möglich, wieder auszugleichen. Es han=
delt
ſich da um bedeutende Summen, denn im Jahre
1908 betrug für Darmſtadt der Oktroi für Schlacht=
vieh
, Fleiſch und Fleiſchwaren nahezu 270000 Mark,
der Oktroi für Mehl, Backwaren und Hülſenfrüchte rund
112000 Mark. Die nächſte Zeit muß lehren, inwiefern
die Abſicht des Geſetzgebers durch eine entſprechende
Herabſetzung der Fleiſch= und Brotpreiſe erreicht wird.
Das einheimiſche Publikum hat da auch alle Urſache,
von der Konkurrenz der Landorte einen günſtigen
Einfluß auf die Preisgeſtaltung zu erwarten, denn der
Oktroi, welchen die auswärtigen Bäcker und Metzger
bei Einbringung ihrer Waren in die Stadt ſeither zu
entrichten hatten, war verhältnismäßig höher, als der
den einheimiſchen Metzgern und Bäckern auferlegte
Oktroi. Es betrug nämlich ſeither der Oktroi für Zu=
fuhren
von auswärts für das Pfund friſches Fleiſch
und friſche Wurſt 3 Pfennig, getrocknetes, geräuchertes
und geſalzenes Fleiſch und Wurſt 5 Pfennig, für 5
Pfund Brot 3 Pfennig und für Wecke und Weißbrot
im Werte von 60 Pfennig ebenfalls 3 Pfennig. Das
Heue
Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.
* Der Halleyſche Komet wird vorausſicht=
lich
während des April noch unſichtbar bleiben, da er,
von der Erde aus geſehen, hinter der Sonne vorüber=
zieht
. Am 20. April wird der Komet vermutlich ſeine
größte Sonnennähe erreichen und bald danach auch die
intenſivſte Schweifentwicklung zeigen. Deshalb wird
er dann vielleicht bereits Ende April vor Sonnenauf=
gang
am öſtlichen Himmel als glänzende Erſcheinung
beobachtet werden. Er ſteht zu dieſer Zeit, ſich ſcheinbar
nur langſam bewegend, im ſüdlichen Teile des
Pegaſus.
CK. Aus der deutſchen Univerſitäts=
ſtatiſtik
. Im vorigen Jahre hat die zweitälteſte
Univerſität des Deutſchen Reiches, Leipzig, ihr 500 jäh=
riges
Beſtehen glanzvoll gefeiert, in dieſem Jahre
rüſtet eine der jüngſten, deren Errichtung zur Wieder=
erweckung
deutſchen Mutes und deutſcher Kraft bei=
tragen
ſollte, Berlin, ſich zum Feſte des hundertſten Ge=
burtstages
. Aus dieſem Anlaſſe werden auch einige
Zahlen über den heutigen Stand der 21 Univerſitäten
unſeres Vaterlandes nicht unwillkommen ſein. Wie
ſchon angeführt, iſt Leipzig die zweitälteſte Univerſität
in Deutſchland; ihre erſten Studenten wanderten zum
großen Teil aus der 1348 gegründeten Univerſität
Prag ein, als dort nationale Streitigkeiten ausgebrochen
waren. Heute wir führen nach K. Knabes Büch=
lein
Das deutſche Unterrichtsweſen der Gegenwart
die Zahlen vom Sommer=Semeſter 1909 an ſteht
Leipzig, der Zahl der Studierenden und der Dozenten
nach, an dritter Stelle; es zählt 4581 Studierende und
(233 Dozenten. An erſter Stelle iſt natürlich Berlin,
das, als Reichshauptſtadt, auch auf die Ausländer eine
bedeutende Anziehungskraft ausübt, wie auch die Zahl
der ſtudierenden Frauen recht ſtattlich iſt; die Geſamt=
Zahl der Studierenden beläuft ſich auf 7194, zu deren
Unterweiſung 488 Dozenten vorhanden ſind, ſo daß un=
gefähr
auf 15 Studenten ein Dozent kommt. München,
1826 gegründet und die jüngſte deutſche Univerſität, ab=

geſehen von dem erſt 1902 zur vollen Univerſität er=
hobenen
Münſter, deſſen Hochſchule aber bis 1786 zurück=
reicht
, ſtand mit 6547 Studenten Berlin nur um etwa
ein halbes Tauſend nach; dagegen betrug die Zahl der
Dozenten nur 250. Mehr als 3000, nämlich 3801 Stu=
dierende
hat die zweitjüngſte Univerſität Bonn, deren
Lehrerſchaft ſich auf 196 beläuft. Sechs Univerſitäten
zählen mehr als 2000 Studenten: Freiburg i. B. 2760,
Breslau 2347, Halle 2310, Göttingen 2239, Heidelberg,
1385 gegründet und die älteſte deutſche Univerſität, 2171
und Marburg 2134. Straßburg, deſſen Hochſchule ſchon
im Jahre 1621 begründet worden iſt, die aber als
deutſche Univerſität jetzt erſt 38 Jahre zählt, hatte im
vorigen Jahre 1935 Studierende; faſt ebenſoviel, 1921,
wies Tübingen auf; ein ziemlich ſchnelles Wachstum
zeigt Münſter mit 1760 Studenten; auffällig iſt die
Verſchiedenheit in der Zahl der Dozenten bei dieſen
drei Hochſchulen; den 1700 Straßburgern ſtehen 112
Tübinger und nur 92 Münſterer gegenüber. Die ge=
ringſte
Frequenz weiſt noch immer die 10 Jahre nach
Leipzig begründete mecklenburgiſche alma mater Roſtock
auf: hier werden 743 Studierende von 67 Dozenten be=
treut
. Greifswald, das auch ſchon das ehrwürdige
Alter von 454 Jahren hat, zählte wenigſtens 967 Stu=
denten
und 106 Dozenten. Es ſind die beiden einzigen
deutſchen Hochſchulen, deren Studentenſchaft ſich auf
weniger als 1000 Häupter beläuft. Die Geſamtheit der
Dozenten betrug 3403; unter ihnen waren 1229 ordent=
liche
, 119 Honorarprofeſſoren, 741 außerordentliche Pro=
feſſoren
und 1097 Privatdozenten.
Wie am Aetna ein neuer Berg ent=
ſteht
, ſchildert Luigi Barzini im Corriere della Sera.
In Begleitung eines Bergführers iſt er unter großen
Anſtrengungen bis nahe an den Rand der tätigen
Krater vorgedrungen. Das Getöſe iſt gewaltig, es
ſchweigt nicht einen Augenblick. Von den Kratern kann
man nur die unteren ſehen, die die mächtigſten ſind.
Doch es ſcheint, als ob die Unruhe des Berges zurück=
geht
. Bis auf 200 Meter kann man ungefährdet an den
großen Krater herankommen. Der Ausbruch beſteht

aus einer ungeheuren Lavafontäne, die gegen 100
Meter hoch iſt. In der Luft teilt ſich die flüſſige Maſſe,
bricht und formt ihre großen Tropfen. Das ſind rieſige
Feuertropfen, die auf ihrem Wege unaufhörlich die
Farbe und das Ausſehen wechſeln, die ſich drehen, ver=
längern
und mit einer ätheriſchen Leichtigkeit ſtrahlende
Feuerlinien an das Firmament zeichnen. Man will
erſt nicht glauben, daß dies Steine ſind. Wie ein
Regen fallen ſie nieder, platten dabei ab, häufen ſich
übereinander und bilden ſo aus friſcher Lava einen
immer höher ſich auftürmenden Lavakegel, an dem der
Lavaſtrom ſich zerteilt. Wir erleben das wunderbare
Entſtehen eines Berges: der Anblick iſt von grauen=
hafter
Größe. Nichts in der Welt kann dem an Herr=
lichkeit
oder an Schrecken gleichen; hier vereinigen ſich
das Feuer, der Blitz, der Donner, die Dunkelheit und
das Unerklärliche, kurz alles, vor dem der Menſch
immer gebebt hat. Die Wut und der Zorn der ent=
feſſelten
Elemente ſcheinen immer wilder und drohen=
der
zu werden, weil ſie unerklärlich bleiben. Wenn der
Wind auf Augenblicke die mächtigen Rauchwolken von
den fließenden Lavaſtrömen fortſchleudert, ſieht man
einen unbeſchreiblichen Tumult; rote und roſige Wider=
ſcheine
baden alle Felſen und Klüfte, unzählige glühende
Meteore werden gen Himmel geſchleudert. Und tiefer
unten zieht majeſtätiſch breit und unaufhaltſam der
Lavaſtrom dahin; die erſten Aſchenbildungen hüllen
den Strom in einen leichten, ungleichmäßigen, grauen
Schleier. Die Hitze in der Nähe des Kraters iſt faſt
unerträglich; nach einer Stunde verlaſſen wir dann
halb betäubt die Stätte, um zurückzukehren in tieſere
Regionen, wo es ſtiller iſt und kühl. Im ganzen ſcheint
der Ausbruch viel kleiner zu ſein, wie die berühmten
Ergießungen von 1886 und 1892. Aber die Lava hat
tiefe, ſteile Schluchten gefunden, ſie hat ſich nicht in die
Breite verloren, Strombette haben ihr den Weg ge=
zeigt
, und darum hat ſie in zwei Tagen ſo gewaltige
Strecken zurücklegen können.

[ ][  ][ ]

Nummer 75.

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 1. April 1910.

neueſten Erfahrungen und Arbeitsmethoden bekannt zu
machen, ſo kann den dafür in Betracht kommenden
Handwerkern, z. B. Blitzableiterſetzern, Dachdeckern,
Spenglern, Schloſſern und Inſtallateuren, die Teil=
nahme
nur empfohlen werden.
* Vereinigte Ortskrankenkaſſe Darmſtadt. Der
Mitgliederſtand betrug am 26. März l. J. männ=
lich
9089, weiblich 5816, zuſ. 14 905, in Prozenten 60,98,
39,02; am 19. März I. J. männlich 9098, weiblich 5821,
zuſ. 14919, in Prozenten 60,91, 39,09. Der Kranken=
ſtand
betrug am 26. März l. J. männlich 432, weiblich
182, in Prozenten 4,75, 3,13; am 19. März l. J. männ=
lich
414, weiblich 189, in Prozenten 4,55, 3,24. An
Krankengeld wurde gezahlt in der Woche vom
21. März bis 26. März I. J. 5620,46 Mk., in der Woche
vom 14. März bis 19. März I. J. 5160,68 Mk.
An Wöchnerinnen waren vorhanden am 26. März
I. J. 30, am 19. März I. J. 25: Sterbefälle
kamen vor in der Woche vom 21. März bis 26. März
I. J. 1; vom 14. März bis 19. März l. J. 1.
* Der Darmſtädter Hof, der morgen wieder eröffnet
wird, iſt durch ſeinen Erbauer, Herrn Architekt J. Chr.
Gewin, durchgreifend renoviert worden und präſentiert
ſich auch äußerlich in freundlichem neuen Gewande. An
Stelle der Bar iſt ein Weinreſtaurant eingerichtet, der Ein=
gang
iſt umgeändert und verſchönert worden, desgleichen
das Frühſtücks= und Geſellſchaftszimmer u. dgl. mehr.
Orphenm. Der heutige Programm= Wech=
ſel
bringt das für die erſte Hälfte des April vor=
geſehene
glänzende Varieté=Programm, welches den
letzten Spielplan vor Saiſon=Schluß bildet und daher
nach beſonderer Wahl nochmals eine Serie hochinter=
eſſanter
Debüts vereinigt. Auf die einzelnen Dar=
bietungen
kommen wir noch zurück. (S. Anz.)
Abſchiedsfeier. Das Meiſingerſche Tanzlehr=
Inſtitut arrangiert am Sonntag, den 3. April, eine
Abſchiedsfeier im Gaſthaus Zum Ochſen Beſſunger=
ſtraße
28. (Näh. ſ. Anz.)
Rüſſelsheim, 30. März. Infolge der Nichtbe=
ſtätigung
des zum Beigeordneten gewählten ſozial=
demokratiſchen
Gemeinderats Gg. Jung VI. von hier
findet nunmehr am 6. April d. J. eine Neuwahl
ſtatt. Wie verlautet, ſoll Herr Jung wieder kandidieren,
und es dürfte alsdann dieſelbe Sache in erneuter Auf=
lage
vor ſich gehen.
Mainz, 31. März. Eine hieſige große Firma hatte
im Laufe des vorigen Jahres größere Arbeiten in ver=
ſchiedenen
Städten ausgeführt und beauftragte den
Zimmermann Koch, dort Außenſtände einzukaſſieren.
Koch lieferte auch 5000 Mark ab unter der Angabe,
mehr nicht eingenommen zu haben. Als aber Koch nach
den Oſterfeiertagen nicht mehr in das Geſchäft zurück=
kehrte
und man auch in ſeiner Wohnung über ſeinen
Verbleib nichts wußte, ſchöpfte die Firma Verdacht, der
ſich raſch als nur zu begründet erwies. Eine telepho=
niſche
Anfrage bei dem Geſchäft, wo Koch 5000 Mark
eingenommen haben wollte, ergab, daß dort 12000
Markgezahlt und von Koch ſomit 7000 Mark unter=
ſchlagen
worden waren. Durch eine Anfrage bei einer
weiteren auswärtigen Firma ſtellte man ferner feſt,
daß Koch auch dort 1500 Mark einkaſſiert, aber in dieſem
Falle das ganze Geld behalten hatte. Koch iſt etwas
über 30 Jahre alt und eine elegante Erſcheinung. Er
iſt mit der Tochter angeſehener Leute von hier verhei=
ratet
und wohnte auf dem Frauenlobplatz. Er vernach=
läſſigte
aber ſeine Frau und ſeine drei kleinen Kinder,
von denen das jüngſte kaum ein halbes Jahr alt iſt, in
der unerhörteſten Weiſe und zog mit einer Kellnerin
herum, mit der er auch wahrſcheinlich durchgebrannt iſt.
Bis jetzt iſt es noch nicht gelungen, eine Spur von ihm
aufzufinden, doch iſt bereits ſein Steckbrief in alle Welt
hinausgegangen, ſo daß es nicht allzu lange dauern
dürfte, bis man ſeiner habhaft wird.
Mainz, 31. März. Der in der 7. Kompagnie
des Inf.=Regts. Nr. 88 zu Kaſſel dienende Musketier
Ferner, der bereits mit Feſtungshaft vorbeſtraft iſt
und in die zweite Klaſſe des Soldatenſtandes verſetzt
wurde, deſertierte um die Weihnachtszeit und trieb ſich,
nachdem er ſeinen Militärmantel in Mainz zu Geld
gemacht hatte, unerkannt in der Welt herum. Geſtern
traf nun die Nachricht hier ein, daß der Ausreißer in
Limburg a. L. feſtgenommen wurde. Durch einen
Unteroffizier und einen Gemeinen wurde der Burſche
heute hierher nach dem Militärgefängnis verbracht.
Aufſehen erregte geſtern nachmittag die Flucht eines
anderen Soldaten desſelben Regiments. Von
einem Unteroffizier verfolgt, jagte der Mann durch die
alte Mombacher Straße. Einige Straßenkehrer, die den
Durchbrenner mit ihren Veſen aufhalten wollten, be=
drohte
er mit dem herausgeriſſenen Seitengewehr, ſo
daß die Leute erſchrocken zur Seite ſprangen. Der
Flüchtige wurde indes ſpäter eingeholt und zur Kaſerne
verbracht.
(*) Bad Nauheim, 31. März. Etwa 600 bis 700
Lehrer hatten ſich am 30. März zu der Hauptver=
treterverſammlung
des Landeslehrer
vereins eingefunden. Gleichzeitig tagten noch
der Feuerverſicherungsverband heſſiſcher

Lehrer und der Unterſtützungsverein für
proviſoriſch angeſtellte Schulverwalter und = Ver=
walterinnen
. Die Eröffnung der Verſammlung
im Sprudel=Hotel bildete eine Trauer= Kund=
gebung
für Vater Backes, den Ehren=
obmann
des Landeslehrervereins. Dann gelangte die
vom Vorſtand entworfene Geſchäftsordnung zur An=
nahme
. Aus dem Jahresbericht des Vereins ſei ent=
nommen
, daß die Mitgliederzahl auf 3430 geſtiegen iſt.
Die Rechnungsablage für 1909 zeigt kein erfreuliches
Bild, ſo daß eine Beitragserhöhung bald kommen
dürfte, zumal mit dem 1. Juli 1911 der Deutſche
Lehrerverein die Haftpflicht übernimmt.
Der Unterſtützungsverein zeigt ein Vermögen von
18076 Mark. An erkrankte Schulverwalter wurden
3005 Mark bezahlt. Dem Rechner Heck=Zwingenberg
wurde Entlaſtung erteilt. Der Feuerverſicherungsver=
band
hat dem Hauptverein 100 Mark bewilligt. Eine
längere Debatte entſpinnt ſich über einen Wunſch des
Bezirksvereins Hungen, betreffend die Schriftleitung
des Schulboten. Schließlich gelangt folgender
Dringlichkeitsantrag zur Annahme: Die
Vertreterverſammlung iſt der Meinung, daß der Vor=
ſtand
ſatzungsgemäß gehalten iſt, jeden Antrag recht=
zeitig
in geeigneter Weiſe zur Kenntnis zu bringen.
Die Satzungsänderung des Unterſtützungsvereins
wurde genehmigt, ebenſo zwei Unterſtützungen für
dauernd erkrankte Schulverwalter. Der Bezirks=
verein
Darmſtadt beantragt eine zeitgemäße
Umgeſtaltung des Vorſtandes, er ſtehe zu der
jetzigen Größe des Vereins und der ſtets wachſenden
Arbeit in keinem Verhältnis mehr. Es wird beſchloſſen,
den Vorſtand zu beauftragen, Vorſchläge über Satzungs=
änderungen
und Erweiterung des Vorſtandes auszu=
arbeiten
und der nächſtjährigen Vertreterverſammlung
vorzulegen. Der Antrag Michelbach, welcher die Unter=
ſtützung
des Antrages Köhler und des Gießener Bür=
gervereins
, betreffs Ferienordnung, fordert, wird an=
genommen
. Nach dem Antrag Oſthofen wird beſchloſſen,
dem Titelblatt des Schulboten zum Andenken an
Johann Schmitt beizufügen: gegründet von Johann
Schmitt‟ Der Antrag des Bezirks Friedbera=
Bad Nauheim, betreffend Gewährung der früheren
Ortszulagen, findet die Sympachie der Verſamm=
lung
. Dem Antrag der Landtagsabgg. Pagenſtecher und
Schmitt, betreffend Witwen= und Waiſenverſorgung,
ſteht der Vorſtand vorläufig abwartend gegenüber. Der
Antrag des Vereins Gonſenheim, Weiſenau und Nieder=
Olm, welcher die Regelung der Lehrerwohnungsfrage
fordert, findet einſtimmige Annahme. Gegen 4 Uhr
waren die 5½ſtündigen Verhandlungen beendet. Es
ſchloß ſich ein gemeinſames Eſſen und die Beſichtigung
der neuen Werke und Anlagen, die zum Bade= und
Salinenbetrieb gehören, an.

Reich und Ausland.
Aus der Reichshauptſtadt, 30. März. Für den
Großſchiffahrtsweg Berlin-Stettin ſind
jetzt die Erdarbeiten auf der ganzen Länge des Kanals
in Angriff genommen, mit Ausnahme der Strecke
Kreuzbuch=Hohenwerder Brücke, wofür die Pläne jetzt
auch endgültig feſtſtehen. Beſondere Schwierigkeiten
waren, nach der Zeitſchrift des Vereins deutſcher Eiſen=
bahnverwaltungen
, in den Moorwieſen bei Malz und
den Pechteichwieſen bei Zerpenſchleuſe zu überwinden,
wo der Kanal durch Sand= und Kiesdämme von dem
übrigen Gelände getrennt werden mußte. Erſt im
Schutze dieſer Dämme konnten die Moor= und
Schlammaſſen entfernt und die Kanalprofile ausgear=
beitet
werden. Mit den Erdarbeiten halten die Kunſt=
bauten
gleichen Schritt. Die Schleuſen, Wehre und
Brücken ſind zum großen Teil in ihrem Unterbau fer=
tig
, bei einzelnen Brücken iſt bereits mit dem Auf=
ſtellen
der eiſernen Oberbauten begonnen worden. Auch
die Herſtellung des Brückenkanals über die vier=
gleiſige
Berlin=Stettiner Eiſenbahn bei Eberswalde
iſt in Angriff genommen, während die Arbeiten am
Durchſtich Criewen=Schwedt bis auf geringfügige Klei=
nigkeiten
vollendet ſind. In einem Kinemato=
graphen
=Theater, das ſich in einem drei Stufen
hoch gelegenen Laden des vierſtöckigen Hauſes an der
Ecke der Liebig= und Rathausſtraße zu Rummelsburg
befindet, entſtand geſtern abend in einem Apparat
Kurzſchluß. Infolgedeſſen ſchlug eine lange Stich=
flamme
von der Bühne in den Zuſchauerraum, ſo daß
ſich des Publikums große Aufregung bemächtigte. Da
viele Perſonen die beiden Türen nicht ſofort fanden,
ſtiegen etwa zwanzig Frauen und Männer durch die
aufgeriſſenen Fenſter ins Freie, wobei ſie die Kin=
der
im Theaterraum zurückließen. Die alarmierte
Feuerwehr ſtellte feſt, daß die vorgeſchriebenen Sicher=
ungen
ſogleich automatiſch gewirkt und das Feuer in
dem Apparat gelöſcht hätten, ſodaß ſich nur ein ſtarker
Rauch entwickelte. Dem Theaterbeſitzer wurde deshalb
geſtattet, ſeine Vorführungen fortzuſetzen.
Frankfurt, 1. April. Die Frankf. Ztg. teilt mit:
Das Polizeipräſidium hat auf Antrag des hieſigen
türkiſchen Generalkonſuls das weitere Auftreten der

Kleines Feuilleton.
* Das Ende einer berühmten Schön=
heit
. Wie aus New=York berichtet wird, ſtarb dort
dieſer Tage in einem armſeligen Stübchen völlig ver=
einſamt
und verarmt eine Frau, die vor etwa drei
Dezennien als die ſchönſte Frau der Vereinigten
Staaten geprieſen wurde. Luiſe Montague verdankte
ihren einſtigen Weltruf dem berühmten Barnumſchen
Zirkusreiter Adam Forepaugh, der zuerſt auf ihre
wunderbare Schönheit aufmerkſam geworden war und,
um dem mittelloſen, unbekannten jungen Mädchen
ſchnell zu Ruhm und Gold zu verhelfen, eine Schön=
heits
=Konkurrenz veranſtaltete, an der ſich zahlreiche
ſchöne Frauen und Mädchen Amerikas beteiligten. Wie
es der geniale Manegeheld nicht anders erwartet hatte,
wurde Miß Montague der Preis in Höhe von 10000
Dollar (40000 Mark) einſtimmig zuerkannt. Jahrelang
war die Schöne die Hauptattraktion der großen
Show bei deren Straßenumzügen ſie in einem gol=
denen
Triumphwagen, wie eine Göttin koſtümiert, in
ſchwellenden Seidenpolſtern ruhte. Auch in den Zirkus=
vorſtellungen
figurierte die Montague nur als das
Urbild vollendeter weiblicher Schönheit. Und die
kühlen Amerikaner gerieten außer ſich vor Entzücken
bei ihrem Anblick. Später ging Luiſe Montaque zur
Bühne, für die ſie nicht nur ungewöhnliche dramatiſche
Befähigung, ſondern auch einen ſehr ſchönen Sopran
mitbrachte. Nachdem ſie viele Jahre hindurch auf den
weltbedeutenden Brettern außerordentliche Triumphe
gefeiert hatte, zog ſie ſich ins Privatleben zurück, um
nun vergeſſen und verarmt zu enden.
** Einen Prozeß um das eigene Skelett
führt, wie aus Kopenhagen berichtet wird, ein reicher
Bürger aus Stockholm, Herr Albert Vyſtröm. gegen

das Königlich Däniſche Inſtitut für Anatomie. Vor
twa 20 Jahren unterzeichnete Vyſtröm einen Kontrakt
mit dem Inſtitute, in dem er ſich gegen Auszahlung
einer beſtimmten Summe verpflichtete, nach ſeinem
Tode ſeinen Körper dem Anatomiſchen Inſtitut zu
überweiſen. Mit den Jahren haben ſich die Verhält=
niſſe
Vyſtröms verändert, er iſt heute ein reicher Mann
und möchte um jeden Preis jenen Kontrakt auſheben
und ſich die Ruhe nach dem Tode ſichern. Als alle
Verhundlungen ſcheiterten, wurde das Gericht ange=
rufen
. Aber die Juriſten konnten den ſeltſamen Ver=
trag
nicht aufheben, er beſteht zu Recht. Das Gericht
wies Vyſtröm nicht nur ab, ſondern verurteilte ihn zur
Zahlung eines Schadenerſatzes an das Inſtitut, weil
er in Uebertretung des geſchloſſenen Vertrages ſich zwei
Zähne hatte ziehen laſſen, wozu er nur im Einverſtänd=
nis
mit dem Inſtitut für Anatomie berechtigt geweſen
wäre.

* Zehn Gebote für angehende Kompr
niſten. Leo Fall, der erfolgreiche Komponiſt d
Dollarprinzeſſin der Geſchiedenen Frau und de
Fidelen Bauern hat dem Wiener Mitarbeiter de
Münchener N. N. nachſtehende humorvolle Operette
muſiker=Regeln übergeben: Wenn du lange Haare haf
dann laſſe ſie dir ſchneiden. Mache nur Noten, di
Kurswert haben. Mit Verlegern verkehre nur au
Vorſchußweite. Studiere die alten Meiſter, laſſe di
aber nicht erwiſchen. Inſtrumentiere manchmal aue
ſelbſt. Wenn dein Konkurrent durchgefallen iſt, dan
bedauere ihn laut und überall. Merke dir: durchfalle
kann nur das Libretto. Trachte, daß bei deine
Premiere kein intimer Feind zugegen iſt. Schließ
keine Verträge, aber halte ſie ein. Gerecht iſt nur jen
Kritik, die lobt.

Harems=Truppe unterſagt und die Auswei=
ſungaus
Preußen gegen den Impreſario und die
Mitglieder der Truppe verfügt. Beſtimmend hierzu
war, daß das ganze Unternehmen ſich als ein betrü=
geriſcher
Unfug herausſtellte, und daß es ſich ins=
beſondere
weder um echte Haremsdamen noch um
Eunuchen handelte, vielmehr um Dienſtperſonal, ds
in keinerlei Beziehung zum Harem des früheren Sul=
tans
zu bringen iſt. Bedeutend erleichtert wurde dieſe
Feſtſtellung dadurch, daß der Impreſario Sarkany im
Dezember vorigen Jahres bereits in Berlin mit ähn=
lichem
Perſonal zu operieren verſuchte, aber durch das
Eingreifen des dortigen türkiſchen Generalkonſuls ver=
hindert
worden war. Die damals geſprengte Truppe
wurde durch das Perſonal einer anderen in Oeſterreich
wirkenden Truppe und durch deutſche Mädchen ergänzt
und trat dann in Sachſen, Baden und Heſſen und
ſchließlich auch in Frankfurt auf. Die türkiſche Bot=
ſchaft
in Berlin hatte Veranlaſſung genommen, die
Schritte des hieſigen Generalkonſuls durch einen hier=
her
beorderten türkiſchen Sekretär und durch die dort
befindlichen Akten zu unterſtützen. Der in der Truppe
die Hauptrolle ſpielende Major Bertrand gehört üb=
rigens
nicht mehr zur türkiſchen Armee. Nun wird es
wohl mit dem Schwindel der Harems=Schauſtellungen
in mehr oder weniger intimen Theatern endgültig
vorbei ſein.
Einer ſpäteren Meldung zufolge ſind die ausge=
wieſenen
ſogenannten Haremsdamen auf Koſten des
türkiſchen Generalkonſulats mit dem Schnellzug über
Wien nach Konſtantinopel abgereiſt. Die Direktion
des Intimen Theaters teilt mit, daß ſie ſelbſt, wie ſie
der Behörde beweiſen konnte, über die Echtheit der
Truppe getäuſcht worden iſt.
Frankfurt, 31. März. Gegen das Urteil des
hieſigen Kriegsgerichts, durch welches der Haupt=
mann
Malotki von Hrzebiatowski vom 81. Infanterie=
ment
wegen unerlaubter Entfernung zu drei Monaten
Feſtungshaft verurteilt worden war, hatte der Ge=
richtsherr
Berufung eingelegt. Das Oberkriegsgericht
des 18. Armeekorps erhöhte heute die Strafe auf ein
Jahr und einen Monat unter Anrechnung der Unter=
ſuchungshaft
und erkannte außerdem auf Dienſt=
entlaſſung
.
Frankfurt, 31. März. Auf dem Ausſtellungsplatze
der Internationalen Ausſtellung für Sport und Spiel
ſtürzte heute vormittag ein Gerüſt zuſammen
und begrub den Zimmermann Franz Krüger unter ſich.
Krüger erlitt einen ſchweren Schädelbruch und mußte
ins Krankenhaus gebracht werden.
Mannheim, 31. März. In der verfloſſenen Nacht
iſt, dem Mannheimer Generalanzeiger zufolge, der
langjährige Direktor der Rheiniſchen Kreditbank in
Mannheim, Iſidor Haas, nach längerem Leiden im
Alter von 60 Jahren geſtorben.
Gelſenkirchen, 31. März. Heute nacht gegen 2½ Uhr
ereignete ſich auf dem Wetterſchacht des Schachtes I der
Zeche Dahlbuſch in Rotthauſen bei Reparaturarbei=
ten
eine Schlagwetterexploſion, von der fünf
Leute betroffen wurden. Von dieſen ſind bis jetzt einer
tot und zwei ſchwerverletzt zu Tage gebracht worden.
Zwei Schachthauer ſind in den Schacht geſtürzt und
dabei vermutlich zu Tode gekommen. Man hofft, ſie
noch im Laufe des Tages zu bergen. Der Betrieb der
Zeche iſt nicht geſtört.
Kopenhagen, 30. März. Im Gefängnis zu Hol=
baek
auf Island brach unter den Geſangenen eine
große Meuterei aus. Etwa 30 Sträflinge hatten
ſich über das Mittageſſen beklagt und ſich geſtern nach=
mittag
geweigert, an die Arbeit zu gehen. Gegen
Abend verſuchten einige Gefangene auszubrechen. Als
der Inſpektor und die Aufſichtsbeamten ſie daran hin=
dern
wollten, wurden ſie von den übrigen Gefangenen
mit allerlei Gerätſchaften tätlich angegriffen, während
andere verſuchten, mit ſchweren Hämmern die Eiſen=
ſtangen
der Fenſter zu zertrümmern. Inzwiſchen war
die Polizei alarmiert worden, der es nach hartem
Kampfe gelang, die Gefangenen in ihre Zellen zurück=
zutreiben
. Fünf Gefangene ſind ausgebrochen und
konnten bisher nicht ergriffen werden.
Paris, 31. März. In Nimes wurde geſtern abend
der Arzt Dr. Brenges unter dem Verdachte verhaf=
tet
, ſeinen Schwager, den Aſtronomen Charlois in
Nizza ermordet zu haben. Bei einer Durchſuchung
wurde im Ueberrock des Dr. Brenges ein Revolver, ſo=
wie
ein Blatt blaues Papier gefunden, welches durch=
aus
demjenigen gleicht, deſſen ſich der Mörder bediente,
als er Charlois unter der Vorſpiegelung, daß ein Tele=
gramm
für ihn eingetroffen ſei, auf die Straße lockte.
Dr. Brenges beteuert, daß er unſchuldig und das Opfer
eines ſchweren Irrtums ſei.
Paris, 31. März. In Luzarches bei Point=Oiſe
(Departement Seine=Oiſe) ging geſtern ein mit vier
Perſonen bemannter Luftballon nieder. Zahl=
reiche
Dorfbewohner eilten herbei, um den Luftſchiffern
bei der Landung behilflich zu ſein, als der Ballon
plötzlich explodierte. Drei der Luftſchiffer, ſowie
vier andere Perſonen erlitten ſchwere Brandwunden.
Es heißt, daß die Exploſion dadurch entſtanden ſei, daß
ein Radfahrer in böswilliger Abſicht ein brennendes
Zündholz auf den Ballon geſchleudert habe.
Paris, 31. März. In Nizza wurde der Mörder
des Hauptmanns Chupin verhaſtet. Es iſt dies ein
Soldat des 111. Infanterieregiments namens Gardais,
welcher ſein Verbrechen bereits eingeſtanden hat. Als
ſein Mitſchuldiger wurde ein zweiter Soldat namens
Vanhoure feſtgenommen. Aus Chambery wird ge=
meldet
: Der Großrabbiner von Mancheſter Dr. Co=
hen
wurde in einem Eilzuge zwiſchen Baroneechia
und Modane von einem Mitreiſenden, der ihn durch
eine narkotiſche Zigarre betäubt hatte, vollſtändig aus=
geplündert
. Dr. Cohen konnte nur mit Mühe von
einem Arzt aus ſeinem lethargiſchen Zuſtande aufge=
weckt
werden.

Monte Carlo, 30. März. Fürſt Albert von

Monaco gab im Feſtſaale des Ozeanographiſchen
Muſeums ein Frühſtück zu 600 Gedecken. Zur
Rechten des Fürſten ſaßen der Herzog von Urach und
Großadmiral Köſter, zu ſeiner Linken Miniſter Pichon
und Profeſſor Princk. Bei dem Frühſtück brachte Fürſt
Albert einen Trinkſpruch auf die Staatsoberhäupter
aus, indem er ausführte, er ſchätze ſich glücklich, daß die
heutige Feier Zeugnis ablege für den Geiſt der Ein=
mütigkeit
im Fortſchritt der Ideen und Sitten, der
einen weiteren Schritt in der Annäherung der Nationen
unter der Aegide der Wiſſenſchaft bedeute. Der frühere
Präſident von Frankreich, Loubet, erwiderte namens
des Verwaltungsrates des Ozeanographiſchen Inſtituts
und pries das Werk des Fürſten, das die Gelehrten der
ganzen Welt anziehe und ein immer größeres Unter=
pfand
der Fortentwickelung der Friedensideen durch
die Wiſſenſchaft bilden werde.
Katanig. 30. März. Die Tätigkeit des Aetna
nimmt zu. Der Lavaſtrom bewegt ſich auf die Oxtſchaft

[ ][  ][ ]

Beite 5.

Nummer 75.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 1. April 1910.

Borello zu, der er auf zwei Kilometer nahegekom=
men
iſt.
Alexandrien, 30. März. Prinz und Prinzeſ=
ſin
Eitel Friedrich traten an Bord der Schles=
wig
vom Norddeutſchen Lloyd die Reiſe nach Jaffa
zur Teilnahme an den Einweihungsfeierlichkeiten in
Jeruſalem an. Rooſevelt ſetzte auf dem Dampfer
Prinz Heinrich des Norddeutſchen Lloyd die Reiſe
nach Neapel fort, wo die Ankunft fahrplanmäßig am
Samstag erfolgt.

der 7. Kompagnie des 135. Infanterie=Regiments und
der Huſar Gerkſen von der 5. Schwadron des 13. Huſa=
ren
=Regiments als Verletzte vom Garniſonlazarett in
Köln gemeldet worden ſind, nunmehr 55.
* Mülheim a. Rh., 31. März. Die Zahl der in
dem verunglückten Militärzuge befindlichen Per=
ſonen
ſoll 460 betragen haben.
Der Lokomotivführer des Luxuszuges, wel=
cher
geſtern auf den Militärzug auffuhr, iſt verhaftet
worden.

Luftſchiffahrt.
* Düſſeldorf, 30. März. Die Stadtverordne=
tenſitzung
ſtimmte heute einem Vertrage mit der Deut=
ſchen
Luftſchiffahrtsgeſellſchaft über die
Veranſtaltung von Flügen von Düſſeldorf aus in der
Zeit vom 18. Juni bis 31. Juli und vom 1. Oktober
1910 bis 31. Mai 1911 zu, in dem ſich die Stadt verpflich=
tet
, außer entſprechender Herrichtung des Landungs=
platzes
eine Ballonhalle zu bauen. Die der Stadt ent=
ſtehenden
Koſten werden 109000 Mark betragen.
Außerdem wurde beſchloſſen, der Düſſeldorfer Orts=
gruppe
des Deutſchen Luſtflottenvereins für Veranſtalt=
ung
von Schauflügen eine Beihilfe von 3000 Mark zu
gewähren.
Sport.
Radſport. Sonntag, den 3. April, findet die
erſte diesjährige Gaufahrt des Gaues 9 (Frankfurt) des
Deutſchen Radfahrerbundes ſtatt. Sammelpunkt iſt
mittags 12 Uhr im Adler zu Groß=Gerau. Da=
ſelbſt
um 1 Uhr Abfahrt über Biſchofsheim, Koſtheim,
Kaſtel, Mainz, nach dem Schützengarten in Gonſen=
heim
. Die Rückfahrt erfolgt 6 Uhr abends über Hoch=
heim
.
sr. Die Berliner Ringkämpfe brachten
am letzten Abend im Palaſt=Theater die erſte Begeg=
nung
zwiſchen dem Dänen Pederſen und dem deut=
ſchen
Meiſterringer Pohl, die nach intereſſantem
Kampfe nach 30 Minuten unentſchieden verlief. Dagegen
ſiegte Bahn=Bremen über Maſſetti=Italien in 16 Min.
40 Sek. und Clement d’Angers=Belgien über den Neger
Zippes in 56 Min. 46 Sek. Im Zirkus Sarraſani
warf Koch=Deutſchland nach 50 Minuten van der Berg=
Holland und Michailoff=Rußland triumphierte über
den Franzoſen Cazeau in 38 Min. 20 Sek.

Das Eiſenbahnunglück bei Mülheim.

* Mülheim (Rhein), 31. März. Das Eiſen=
bahnunglück
ereignete ſich in der Nähe der Ueber=
führung
an der Gladbacher Straße, 700 bis 800 Meter
vom Bahnhoſ entfernt. Der von Düſſeldorf kommende
Militärzug hatte Halteſignal und durfte in den Bahn=
hof
nicht einfahren. Die Lokomotive des Expreßzuges
fuhr bis in die Hälfte des letzten Wagens des Mlitär=
zuges
und bildete mit dieſem eine kompakte Maſſe, die
nur mit Mühe von Lokomotiven auseinandergezogen
werden konnte. Der letzte Wagen iſt zur Hälfte zer=
trümmert
. Die darin befindlichen Militärperſonen
mußten durch das Dach, das abgehauen werden mußte,
herausgezogen werden. Der zweitletzte Wagen blieb
ziemlich unverletzt. Der dritte Wagen fuhr durch den
vierten durch und durch und raſierte ihn zu Trümmern
und Splittern von dem Wagengeſtell herab. In dieſem
Wagen konnte kaum einer mit dem Leben davon=
kommen
. Der fünſte bis ſiebente Wagen ſind nur zum
kleinen Teil beſchädigt. Die Wagen waren ſämtlich
dritter Klaſſe. Der Expreßzug blieb faſt ganz un=
beſchädigt
und konnte nach Köln weiterſahren. Einige
Paſſagiere haben leichte Verletzungen erlitten. Bei
dem Zuſammenprall haben ſich die fünf großen, vier=
achſigen
Vierzig=Tonnen=Wagen der Internationalen
Eiſenbahnen=Schlafwagengeſellſchaft voll bewährt. Nur
an einem waren die Puffer ſo ſtark beſchädigt und ver=
bogen
, daß der Wagen in Köln vor der Weiterfahrt des
Zuges nach Genua ausgeſetzt werden mußte. Von den
von Altona aus gekommenen zwölf Fahrgäſten des
Lloydexpreßzuges iſt glücklicherweiſe niemand verletzt
worden. Dieſe haben in Mülheim den Llondexpreß
verlaſſen und mit anderen Zügen die Weiterreiſe ſort=
geſetzt
. Im Speiſewagen des Lloydexpreß war bei dem
Zuſammenſtoß alles durcheinander geworfen. Der
Oberkellner des Speiſewagens erlitt einen Stoß an den
Kopf; er war aber doch in der Lage, nach ſeiner Heimat
Hamburg gleich wieder weiterzureiſen. Der Küchen=
chef
erlitt einen Nervenchock und mußte in ärztliche
Behandlung gegeben werden.
Eiſenbahnminiſter v. Breitenbach, der zur Be=
ſichtigung
der neuen Bahnſtrecke Köln=Südbrücke=Kalk
zufällig ſich hier befand, iſt ſofort an der Unfallſtelle er=
ſchienen
. Die Angaben über die Zahl der Verwunde=
ten
ſchwanken beſtändig, weil ſich nachträglich noch
Leichtverletzte melden, die im Vahnhofsreſtaurant ver=
bunden
worden ſind. Ihre Zahl ſoll ſich auf gegen 100
belaufen. Die Zahl der Toten wird neuerdings mit
19 angegeben, die der Schwerverletzten mit 50. Die
Soldaten gehören dem in Straßburg i. E. bezw. Metz
garniſonierenden 130. und 144. Infanterieregiment
an. Sie wollten ſich aus Wanne, Hamm und Soeſt in
ihre Garniſonen begeben.
Nach amtlicher Feſtſtellung wurden bei dem geſt=
rigen
Zuſammenſtoß des Luxuszuges 174 mit dem
Militärurlauberzug 40 von den Militärperſonen 19
getötet und 43 mehr oder weniger ſchwer
verletzt. Auf Anfrage wird vom Eiſenbahnmini=
ſterium
folgendes über das Unglück mitgeteilt: Die
Schuld an dem Unglück trifft höchſtwahrſcheinlich den
Führer des Expreßzuges, der das Halteſignal über=
fuhr
und dadurch ſeinen Zug auf den Militärzug
ſteuerte. Von Berlin aus iſt Geheimer Oberbaurat
Breuſing vom Eiſenbahnminiſterium nach Mülheim
abgereiſt. Die Bergung der Toten und Verletzten ge=
ſtaltete
ſich äußerſt ſchwierig. Beſonders bei den in=
einandergeſchobenen
Wagen machten die Verſuche, in
das Innere der Wagen zu dringen, anſänglich unüber=
windliche
Schwierigkeiten. Es bedurfte ſtundenlanger
Arbeit, ehe die anſtrengenden Arbeiten von Erfolg be=
gleitet
waren. In den Abendſtunden trafen bereits
aus Weſtfalen zahlreiche Familien in Mülheim ein
und erkundigten ſich nach ihren Angehörigen. Der
Gouverneur von Köln weilte an der Unglücksſtelle und
beſuchte auch die im Hoſpital liegenden ſchwer verwun=
deten
Soldaten.

* Mülheim a. Rh., 31. März. (Amtlich.) Vo
den bei dem Mülheimer Eiſenbahnunfall am geſtrige
Tagen verletzten Soldaten iſt der Musketier Oſterlan
von der 8. Kompagnie des Infanterie=Regiments 18
im Städtiſchen Krankenhauſe zu Mülheim geſtorbe
Dadurch erhöht ſich die Zahl der Toten auf 2C
Die Zahl der verletzten Soldaten beträgt, nachde
noch die Musketiere Schmalz von der 11. Kompagni
des 131. Infanterie=Regiments, Sperling von der
Kompagnie des 135. Inſanterie=Regiments, Epl vot

Schwere Gasexploſion in Breslau.
* Breslau, 30. März. Im Hauſe Einbaum=
ſtraße
Nr. 4 erfolgte heute abend gegen 8 Uhr eine
ſchwere Gasexploſion. Sämtliche Türen und
Fenſter wurden herausgeriſſen. Einem am Hauſe vor=
übergehenden
Herrn wurde von der herausſtürzenden
Haustüre der Kopf zerſchmettert. Das Haus iſt ein=
geſtürzt
. Die Feuerwehr arbeitet an der Rettung
der Verſchütteten. Bis um 10 Uhr wurden acht Tote
und Schwerverwundete geborgen.
* Breslau, 30. März. Die ſchwere Gasexplo=
ſion
, durch die drei Menſchen getötet und
fünf ſchwer verletzt worden ſind und die einen
enormen Materialſchaden zur Folge hatte, entſtand
dadurch, daß ein im erſten Stock wohnender Lehrer,
dem ein intenſiver Gasgeruch auffiel, den Hausmeiſter
veranlaßte, ſich in eine zur Zeit leerſtehende Wohnung
im Erdgeſchoß zu begeben. Unvorſichtigerweiſe betrat
der Hausmeiſter trotz der Warnung des Lehrers die
leerſtehende Wohnung mit einem brennenden Lichte.
In demſelben Augenblicke erfolgte eine heftige Detona=
tion
. Sämtliche Fenſterſcheiben flogen heraus und der
hintere Teil des Hauſes ſtürzte krachend zuſammen.
In allen Etagen wurden Schreckensrufe laut. Auch in
der weiteren Umgebung wurden Scheiben zertrümmert
und Fenſterkreuze herausgeriſſen. Den Lehrer fanden
die alsbald herbeigeeilten Polizei= und Feuerwehr=
mannſchaften
in einer Ecke der Parterrewohnung zwar
noch lebend auf, doch ſtarb er auf dem Wege nach dem
Krankenhauſe. Der Hausverwalter iſt merkwürdiger=
weiſe
mit leichteren Verletzungen davongekommen;
ſein Sohn und ſeine drei Töchter wurden ſchwer ver=
letzt
unter den Trümmern hervorgezogen. Ein ande=
res
Kind des Lehrers konnte noch nicht geborgen
werden.
* Breslau, 31. März. Bei der geſtrigen Explo=
ſion
in der Einbaumſtraße wurden drei Perſonen
getötet und neun mehr oder weniger ſchwer=
verletzt
. Die Toten ſind: Lehrer Platzek und ſein
ſechs Monate altes Kind, das heute früh aus den Trüm=
mern
geborgen wurde; der Elektrotechniker Reinberger,
der geſtern beim Vorbeigehen an dem Hauſe einen
ſchweren Schädelbruch erlitten hat und den Verletzun=
gen
heute früh im Krankenhaus erlegen iſt. Die Ver=
letzten
ſind alle außer Lebensgefahr. Die Exploſion
wurde dadurch herbeigeführt, daß aus den Gasröhren,
von denen die Meſſingverſchlußmuffen geſtohlen waren,
aus der leerſtehenden Wohnung im Parterre Gas aus=
ſtrömte
, das explodierte, als die Wohnung mit einer
Laterne betreten wurde.

Das Brandunglück in Ungarn.
* Peſt, 29. März. Miniſterpräſident Graf Khuen
richtete an den Szartmarer Obergeſpan eine Depeſche,
worin er ſeiner großen Beſtürzung und ſeinem tieſen
Schmerz über die niederſchmetternde Kataſtrophe von
Oekörito Ausdruck gibt, die 300 Menſchen grauenvoll
dahingerafft und das ganze Land in Trauer verſetzt hat.
Der öſterreichiſche Miniſterpräſident Baron Bienerth
ſprach in einem Telegramm an Khuen das wärmſte Bei=
leid
der öſterreichiſchen Regierung aus. An der Unglücks=
ſtätte
in Oekörito ſuchen die Leidtragenden ſeit 36 Stunden
nach den Körperteilen ihrer Angehörigen, doch ſind viele
Leichen nicht erkennbar. Mit der Wegſchaffung der Leichen
wurde ſchon geſtern begonnen. 125 unerkannt ge=
bliebene
Leichen wurden noch nachts in ein gemein=
ſames
Grab beſtattet. Gendarmen mußten die Leute ge=
waltſam
zum Friedhof treiben und ſie nötigen, das Maſ=
ſengrab
fertigzuſtellen. Die Leichen wurden in zwei Reihen
übereinander beigeſetzt. Die Glocken läuteten ununterbro=
chen
. Der Seelſorger der reformierten Gemeinde geht von
Haus zu Haus mit einer ſchwarzen Fahne und verrichtet
Gebete. 139 Leichen wurden bisher erkannt. Von den 70
ſchwerverletzten Perſonen ſind bisher 3 den Verletzungen
erlegen. Faſt jede Familie der Ortſchaft betrauert einen
oder mehrere Tote. Es gibt Häuſer, von wo vier bis
fünf Särge zum Friedhof getragen wurden. Den ganzen
Tag fanden Leichenbegängniſſe ſtatt. Die Hinterbliebenen
ſind zumeiſt alte Leute, die ihre jungen, blühenden Kin=
der
beweinen. Von der Scheune, in der ſo viele Menſchen
ihr Leben verloren haben, iſt nur ein einziger Trümmer=
haufen
übrig geblieben.
* Peſt, 30. März. Erſt heute läßt ſich der ganze Um=
fang
der Kataſtrophe von Oetkörito über=
ſehen
. Die Zahl der Toten beläuft ſich auf 325, doch
dürfte ſich dieſe Zahl infolge des mehr als bedenklichen
Zuſtandes vieler Verletzten auf 330 bis 335 erhöhen. Im
Laufe des heutigen Tages werden die agnoszierten Lei=
chen
in Oetkörito und den Nachbardörfern beſtattet wer=
den
.
* Peſt, 30. März. Kaiſer Wilhelm richtete an
Kaiſer Franz Joſef anläßlich der Brandkataſtrophe in
Oekörito ein in den herzlichſten Ausdrücken gehaltenes
Beileidstelegramm, in dem er ſeine innigſte Teilnahme
ausſprach. Kaiſer Franz Joſef dankte telegraphiſch für
die Beileidskundgebung.

Handel und Verkehr.
H. Frank furt a. M., 31. März. ( Frucht=
marktbericht
.) Am Wochenmarkte war nur ein
mäßiger Verkehr vorhanden, aber die veränderliche
Witterung zeitigte wieder höhere Forderungen. Land=
weizen
und Landroggen wurden beſſer bezahlt; doch der
Konſum nahm nur das Aeußerſte auf. Gerſte ohne
weſentliche Veränderung, hingegen Haſer ebenfalls an=
ziehend
, wobei trotzdem etwas mehr Nachfrage vor=
herrſchte
. Mais preishaltend. Futterartikel ruhig
und zu vorwöchigen Preiſen erhältlich. In Mehl war
der Bedarf ſehr ſchwach, aber die Preiſe nicht billiger.
Der Mannheimer Getreidemarkt iſt
ruhig und die Verkäufer ſind etwas nachgiebiger.
An der Berliner Produktenbörſe war
Getreide anfangs ſchwächer auf Realiſationen, dann
befeſtigt auf die Meldungen von Schneefällen und Froſt
in den Provinzen. Hafer ruhig, das Angebot war nicht
zu ſtark, aber der Konſum iſt kleiner geworden.
Nach den letzen Kabelnachrichten von den
amerikaniſchen Getreidemärkten (New=
York und Chicago) verkehrte anfangs Weizen, auf die
ungünſtigen Witterungsberichte und ungenügenden
Regen in Kanſas, im Verein mit Käuſen der Kom=
miſſionshäuſer
in feſter Haltung. Später trat Ab=

ſchwächung ein, auf beſſeres Wetter im Weſten und
Abgaben Armours. Mais variierte in Uebereinſtim=
mung
mit Weizen. Kleinere Ankünfte im Innern
führten zu Meinungskäufen; auf Realiſationen er=
folgte
gleichfalls kleinere Ermattung. Die ſichtbaren
Weizenvorräte ſind dort in dieſer Woche von 26,80 Mill.
Buſhels auf 27,62 Mill. Buſhels geſtiegen, dagegen die
Maisvorräte von 14,46 Mill. Buſhels auf 14,18 Mill.
Buſhels zurückgegangen. In Kanada ermäßigten ſich
die Weizenvorräte in dieſer Woche von 10,38 Mill.,
Buſhels auf 10,10 Mill. Buſhels.
Hier ſtellen ſich die Preiſe bei 100 Kilo wie folgt:
Weizen, hieſiger und Wetterauer 22,7022,75, nordd.
22,7022,75, kurheſſiſcher 22,7022,75, rumäniſcher
23,7524,25, Redwinter 23,7524,50, ruſſiſcher 23,75 bis
24,50, Laplata 23,7524,50, Donauweizen 23,7524,25,
Kanſas 23,7524,50, Walla Walla 23,7524.50 Mk.;
Roggen, hieſiger 16,5016,60, bayeriſcher (Pfälzer)
16,5016,60, ruſſiſcher , amerikaniſcher
rumäniſcher Mk:; Gerſte Pfälzer 16,5017,
hieſige und Wetterauer 1616,50, Riedgerſte 16,5017,
ungariſche 2323,75, fränkiſche 16,5017, ruſſiſche
Futtergerſte 12,7513,50 Mk.; Hafer, hieſiger 16,25
bis 17, bayeriſcher 16,2517, ruſſiſcher 16,5017,25,
amerikaniſcher
rumäniſcher 16,5017,25 Mk.;
Mais, mixed 1616,25, ruſſiſcher 16,3016,40, Donau=
mais
16 4016,60, rumäniſcher 16,3016,40, weißer
Mais 16,3016,40, Laplata 16,2516,50 Mk.; Weizen=
ſchalen
10,5010,75 Mk.; Weizenkleie 1010,25 Mk.;
Roggenkleie 1010,50 Mk.; Futtermehl 12,5013 Mk.;
Biertreber, getrocknete 13,1013,60 Mk.; Weizenmehl,
hieſiges Nr. 0 31,5031,75, feinere Marken 3232,25,
Nr. 1 3030,25, feinere Marken 30,5030,75, Nr. 2
2929,25, feinere Marken 29,5029,75, Nr. 3 2828,25,
feinere Marken 28,5028,75. Nr. 4 27,5027,75, feinere
Marken 2828,25 Mk.; Roggenmehl, hieſiges Nrzed
23,7524, Nr. 1 20,7521, Nr. 2 16,7517 Mk.

Stimmen aus dem Publikum.
(Für die Veröffentlichungen unter dieſer Ueberſchrift übernimmt die Redaktioh
keinerlei Verantwortung; für ſie bleibt auf Grund des § 21 Abſ. 2 des
Preßgeſetzes in vollem Umfange der Einſender verantwortlich.)
Mit lebhaftem Bedauern haben in dieſen Tagen
viele von der Stellungnahme der Bürgermeiſterei und
einer Mehrheit der Stadtverordneten=Verſammlung zu
dem Geſuch des Allgemeinen Deutſchen Frauenvereins
bezüglich Ueberlaſſung von Schulräumen und eines
Zuſchuſſes zur Errichtung eines zweiten Mädchenhortes
Kenntnis genommen. Der Einſender fühlt ſich ver=
pflichtet
, die Frage, die ihm im Intereſſe unſerer Ju=
gend
und weiter Kreiſe der Einwohnerſchaft am Herzen
liegt, über die er ſich auch immer eingehend unterrichtet
hielt, vor der Oeffentlichkeit nochmals zu erörtern.
Während, ſo lange er ſich erinnern kann, die Knaben=
arbeitsanſtalt
in Darmſtadt von der Bürgermeiſterei
in jeder Weiſe gefördert und bei vielen Gelegenheiten
in den Mittelpunkt des öffentlichen Intereſſes und der
allgemeinen Aufmerkſamkeit geſtellt wurde, ſchien man
es ganz zu überſehen, daß auch weibliche Jugend vor=
handen
iſt, die einer ſittlichen Gefährdung und Ver=
wahrloſung
in den unbeaufſichtigten Stunden nach der
Schule bis zum Abend in weit höherem Grade als
Knaben ausgeſetzt iſt. Die Verrohung und Verwahr=
loſung
der Mädchen als zukünftige Mütter dürfte ſich
viel einſchneidender ſpäter im Familienleben und im
Volk bemerkbar machen. Nehmen wir an, daß Zwangs=
erziehungskoſten
trotz Fürſorge auch für Knaben nötig
werden, ſo ſind für den Stadtſäckel ein großer Teil
Armenkoſten an verwahrloſte Familien, Alimente für
uneheliche Kinder und dergleichen mehr die Buße für
Unterlaſſungsſünden in der Erziehung und Bewahrung
der weiblichen Jugend.
Mit vielem Verſtändnis, großer Energie und unter
mannigfachen Opfern an perſönlicher Hingabe, an Zeit
und Geld haben endlich dieſe Frauen in Darmſtadt
Beſſerung zu ſchaffen geſucht durch Einführung der
Horte, die etwas ganz anderes ſind und ſein wollen
als die Strickſchulen, die ſchon beſtanden und noch
beſtehen. Von den Erfolgen der zwei Jahre können
nicht nur die Eltern, ſondern auch die Lehrer und
Lehrerinnen berichten; ebenſo ſpricht für dieſe Erfolge
der Umſtand, daß nahezu 100 Kinder dringend um Auf=
nahme
bitten, die man ihnen zu gewähren außerſtande
iſt. Mit großem Erſtaunen vernimmt man da die
Kunde von der Verweigerung des Allernötigſten, der
Räume. Daß der Finanzausſchuß zurzeit zu negativen
Reſultaten kommen muß, iſt verſtähidlich, wenn auch
nicht unbedingt notwendig. Der Herr Oberbürger=
meiſter
meinte ſehr richtig, Vereine müßten für ihre
Aufgaben ſelbſt ſtehen und dürften die Stadt erſt ſin
zweiter Linie zur Hilfe heranziehen. Doch darf dem
entgegengehalten werden, daß der Frauenverein zu dem
Hort 1520 Arbeitskräfte ſtellt, 50 Kinder täglich mit
Milch und Brot ſpeiſt, eine ausgebildete Lehrerin zahlt
und das Arbeitsmaterial für die Kinder liefert, ſo daß
er nach unſerer Rechnung bei einem ſtädtiſchen Zuſchuß
von 500 Mark mindeſtens noch 1500 Mark jährlich da=
zulegen
muß, und das Häuflein Frauen, das den Mut hat,
für die Zukunft noch das Doppelte leiſten zu wollen.
verdient da ſicher Anerkennung. Ein zweiter Hort
ſcheint dringend nötig, und wir möchten die Großh.
Bürgermeiſterei und Herren Stadtverordneten, recht
dringend um nochmalige Erwägung wenigſtens bezüg=
lich
der Räume bitten.
K.

Vermiſchtes.
* Falſche Informierung eines Redak=
teurs
. Ein ſehr beachtenswertes Urteil hat das Schöf=
fengericht
Augsburg ausgeſprochen. Eine Zeitung muß
ſich in ihren Berichten vielſach auf Gewährsmänner
ſtützen. In nicht wenig Fällen aber werden die Zeitungen
falſch informiert, manchmal auch wiſſentlich falſch, und der
verantwortliche Redakteur muß dann dafür büßen, daß
ein anderer es unternommen hat, unter dem Schutze des
Redaktionsgeheimniſſes unwahre Behauptungen in die
Welt zu ſetzen. Ein ſolcher Gewährsmann wurde vom
Schöffengericht Augsburg wegen Beleidigung zu 14 Ta=
gen
Gefängnis verurteilt. Der Beſtrafte hatte den Redakteur
ſchon in einem früheren Falle falſch informiert, was die=
ſem
eine Geldſtrafe eintrug. Das Gericht bemerkte aus=
drücklich
, die Handlungsweiſe des Verurteilten müſſe umſo
ſchärfer geahndet werden, weil ſich ein Redakteur unbedingt
auf ſeine Gewährsmänner verlaſſen müſſe!

Literariſches.
Erlebniſſe eines Feldbeamken im
deutſch=franzöſiſchen Kriege 1870/71. Nach
ſeinen Erinnerungen niedergeſchrieben von Hermann
Freyer. Verlag von H. L. Schlapp. Darmſtadt.
1.50 Mk. broſchiert, 2 Mk. gebunden. In hübſcher, ge=
fälliger
Ausſtattung legt uns der Verfaſſer mit dieſem
173 Seiten ſtarken Buche eine Erinnerungsgabe an den
großen Feldzug auf den Tiſch, wie ſie in ihrer Eigenartz

[ ][  ][ ]

Seite G,

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 4. April 1910.

Nummer *25.

wohl noch nirgends im Buchhandel erſchienen iſt. Wir
haben hier unſeres Wiſſens zum erſten Male die Berichte
eines Feldbeamten vor uns, der als Unteroffizier und
Zahlmeiſter=Aſpirant des XI. Armeekorps das Ulanen=
Regiment Nr. 6 von Mühlhauſen i. Thär. aus begleitete,
wo es damals in Garniſon ſtand, ehe es nach Hanau
verlegt wurde. In lebenswahrer Treue, wobei der
trockene Beamtenſtil durch Humor und ſichere Beob=
achtungsgabe
wirkſam in den Schatten geſtellt wird,
führt uns der Verfaſſer ſeine tragiſchen und heiteren Er=
lebniſſe
, wie ſie der Krieg eben in buntem Wechſel durch=
einanderwürfelt
, greifbar vor Augen. Nicht bloß der
älteren Generation in unſerem Leſerkreiſe, die jene glor=
reiche
Zeit noch ſelbſt mit erlebt hat, nein, auch der
jüngeren wird das Buch eine intereſſante und belehrende
Lektüre ſein, in erſter Linie natürlich für alle, welche den
ſchweren Beruf eines Militärbeamten erwählen und
unter Umſtänden auch einmal in die Lage des Ver=
faſſers
kommen können. Dieſe werden beſonders aus
dem Verhalten des Verfaſſers lernen können, wie ſie in
den ſchwierigſten Lebenslagen mit Geſchick, Mutterwitz,
Unerſchrockenheit und Geiſtesgegenwart doch immer Herr
der Lage ſein können.
Chantecler, der Held in Roſtands Tierdrama,
iſt dank einer ungeheueren Reklame noch immer an
der Tagesordnung, und von der Seineſtadt aus ver=
breitet
ſich in der europäiſchen Damenwelt eine wahre
Chanteclermode=Epidemie. Glücklicherweiſe iſt aber
auch für Abwechſelung geſorgt, wie uns ein Blick in
die neueſte, prachtvolle Nummer des tonangebenden
Weltmodenblattes Große Modenwelt mit bun=
ter
Fächervignette, Verlag John Henry Schwerin,
Berlin W. 57, zeigt, die einen Ueberblick über das
ganze Gebiet der gegenwärtig herrſchenden Mode ge=
währt
und zugleich die äußerſt billige Selbſtanfertig=
ung
jedes Koſtüms ſelbſt der Unerfahrenſten auf ein=
fache
Weiſe lehrt. Ebenſo iſt ein anderes Blatt aus
demſelben rührigen Verlag zu erwähnen, das in kei=
nem
mit Kindern geſegneten Hauſe fehlen dürfte: es
iſt dies das erſte und älteſte Blatt dieſer Art: Die Mo=
natsſchrift
Kindergarderobe, die die Selbſt=
anfertigung
der Mädchen= und Knabenkleider lehrt
und daneben den Müttern und Erziehern ein wahrer
Mentor iſt, ſowie den Kleinen jede Art von Zeitver=
treib
verſchafft. Kindergarderobe mit den 6 illu=
ſtrierten
Gratis=Beilagen: Im Reiche der Kinder,
Für die Jugend, Praktiſche Hausfrau, Kinder=
arzt
Winke für Mütter und großer Schnittbogen
bezieht man für nur 60 Pfg. pro Quartal von allen
Buchhandlungen und Poſtanſtalten. Gratis= Probe=
nummern
durch erſtere und den Verlag John Henry
Schwerin, Berlin W. 57.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Halle a. S., 31. März. Heute nacht wurde auf dem
hieſigen Güterbahnhofe ein Getreideſpeicher der Firma
H. Windesheim u. Ko. vollſtändig durch Feuer
zerſtört.
* Chemnitz, 31. März. Der Arbeiter Max Mann
aus Mittweida tötete heute mittag, wie die Allgem.
Zeitung meldet, ſeine beiden Kinder im Alter von 2
und 4 Jahren und dann durch Meſſerſtiche die 14jährige
Tochter der abweſenden Wirtin. Die Wirtin ſelbſt
wurde, als ſie nach Hauſe zurückkehrte, ebenfalls von
Mann überfallen und getötet. Der Mörder legte hier=
auf
Feuer auf dem Boden des Hauſes an und er=
hängte
ſich. Herbeieilende Hausbewohner ſchnitten ihn
noch rechtzeitig ab, ſo daß er ins Leben zurückgerufen
werden konte. Die Urſache der Tat iſt unbekannt.
* Wien, 31. März. Das Fremdenblatt ſchreibt: Die
Politik guter Nachbarſchaft zwiſchen der Türkei und
Bulgarien erfuhr durch König Ferdinands Beſuch in
Konſtantinopel eine wertvolle Bekräftigung und För=
derung
. Das zwiſchen dem türkiſchen und bulgariſchen
Miniſter des Auswärtigen vereinbarte Communiqué
enthält die bündige Erklärung, daß ſowohl die Türkei wie
Bulgarien von den Vorteilen der Politik der Eintracht
und Freundſchaft aufrichtig durchdrungen und weit ent=
fernt
von aggreſſiven Abſichten ſind. Das ſei eine Feſt=
ſtellung
, die ſchwerlich angezweifelt werden könne. Indem
König Ferdinand ſeine Reiſe nach Konſtantinopel an=
trat
, bekundete er zur Genüge, daß er ſich für eine Politik
des guten Einvernehmens mit der Türkei entſcheidet und
ſich der Gefahr einer latenten oder offenen Spannung zwi=
ſchen
dem osmaniſchen Staat und Bulgarien vollauf be=
wußt
iſt. In Europa, namentlich in unſerer Monarchie,
würde die Herſtellung aufrichtiger freundlicher Beziehungen
zwiſchen der Türkei und Bulgarien überall als eine wei=
tere
Bürgſchaft des Status quo auf dem Balkan, den
alle Mächte erhalten wollen, mit vollſter Zuſtimmung be=
grüßt
werden. Darum iſt auch der Beſuch des bulgari=
ſchen
Zaren in der Hauptſtadt des osmaniſchen Reiches
überall auf das günſtigſte beurteilt worden. Es mußte
und konnte nicht darauf ankommen, wichtige, unmittelbar
praktiſche Reſultate zuſtande zu bringen. Die Hauptſache
iſt unzweifelhaft erreicht: eine Détente zwiſchen den bei=
den
Nachbarſtaaten, zwiſchen denen noch kürzlich eine nicht
unbedrohliche Spannung beſtanden hat.
* Paris, 31. März. Juſtizminiſter Barthon gab
zu Ehren der Mitglieder des Inſtituts für Internatio=
nales
Recht ein Frühſtück, an dem Miniſterpräſident
Briand teilnahm.
* London, 31. März. Der Dampfer Perie=
les
der Aberdeen=Linie, welcher ſich auf der Fahrt
von Auſtralien via Kap der guten Hoffnung nach Eng=
land
befand, iſt ſüdlich vom Kap Leenwin an der Süd=
weſtſpitze
von Auſtralien aufgelaufen. Sämtliche
Paſſagiere, ſowie die Mannſchaften vermochten zu lan=
den
. Pericles iſt geſunken.
* Sugdidy (Gouvernement Kutais, Transkaukaſien),
31. März. Eine Feuersbrunſt die noch nicht
unterdrückt iſt, hat einen großen Teil der Stadt einge=
äſchert
.
Briefkaſten.
Stammtiſch Preuſch. U. W. ſteht das ganz
im Belieben deſſen, der die Koſten trägt.

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rüfet alles und behaltet das Beſte. Während der
Nachſatz jederzeit unbedingte Gültigkeit behält,
dürfte es unſeren Hausfrauen im=Zeitalter der Nach=
ahmungen
doch ein großes Loch in die Wirtſchaftskaſſe
reißen, wollten ſie jede Neuheit, die in der Regel mit
angeblich billigerem Preiſe zu locken verſucht, durch=
proben
. So werden z. B. neuerdings Küchenhilfsmittel
unter allen möglichen Namen angeboten. Gerade aber,
weil die Zeiten teuer ſind, wird die praktifche Hausfrau
ſich nur an die bekannte Marke halten, deren bewährter
Name, wie z. B. der von Maggi, ihr von vornherein
(K6972,19
echte, beſte Qualität verbürgt.
Die Gas=Beleuchtung behauptet ſich auf den
Straßen Berlins ſiegreich gegen das elektriſche
Bogenlicht. Die Städtiſchen Gaswerke Berlin haben
wiederum eine große Anzahl Preßgas=Lampen von
1000, 2000 und 4000 Kerzenſtärke an die Auergeſellſchaft
für die Straßen=Beleuchtung vergeben. Es handelt ſich
um einen ganz neuen Lampen=Typ, der für 1000 Kerzen
Lichtſtärke nur 370400 Liter Gas verbraucht. (69660l

(Statt beſonderer Mitteilung.)
Verwandten, Freunden und Bekannten
die traurige Nachricht, daß es Gott dem All=
mächtigen
gefallen hat, meine liebe treubeſorgte
Gattin, unſere gute Mutter, Schweſter,
Schwägerin und Tante
(B7000
Frau

heute früh 11½ Uhr nach langem, ſchwerem
Leiden, im 51. Lebensjahre durch einen ſanften
Tod zu erlöſen.
Darmſtadt, den 31. März 1910.
Wittmannſtraße 26.
Im Namen
der tieſtrauernden Hinterbliebenen:

und Kinder.
Die Beerdigung findet Sonntag, den 3. April,
nachmittags 4 Uhr, vom Trauerhauſe, Witt=
mannſtraße
26 aus, auf dem Beſſunger Fried=
hofe
ſtatt.
Einſegnung ¼ Stunde vorher.

Heute Nacht verſchied plötzlich mein lieber
Gatte, unſer treubeſorgter Vater, Schwieger=
vater
, Großvater, Bruder und Onkel

im 66. Lebensjahre, was wir Freunden und
Bekannten hiermit ſchmerzerfüllt mitteilen.
Die trauernden Hinterbliebenen.
Darmſtadt, den 31. März 1910.
Die Beerdigung findet Freitag, 1. April, nach=
mittags
2 Uhr, vom Sterbehauſe, Aliceſtr. 14
aus, ſtatt.
Blumenſpenden ſind nicht im Sinne des Ent=
ſchlafenen
.
(6994

Geſtern abend entſchlief ſanft und uner=
wartet
unſere gute, treubeſorgte Mutter, Groß=
mutter
, Schwiegermutter, Schweſter, Schwägerin
und Tante
(7025

Witwe des Kaufmanns C. W. Loeber
geb. Bergstraesser
im Alter von 65 Jahren.
Die tieftrauernden Hinterbliebenen.
Darmſtadt, Nürnberg, Cöln, Offenbach,
Quinſi, Ill., 31. März 1910.
Die Beerdigung findet ſtatt: Samstag, den
2. April, vormittags 11 Uhr, die Einſegnung
¼ Stunde vorher im Sterbehauſe, Lichten=
bergſtraße
21, II.

Dankſagung.
Für die uns bewieſene Teilnahme bei der
Beerdigung unſeres nun in Gott ruhenden
Herrn

Kaufmann
ſagen wir innigſten Dank.
(6930
Beſonderen Dank Herrn Pfarrer Widmann für
ſeine troſtreiche Worte am Grabe, den Herren
I. G. Kahlert & Söhne, den Angeſtellten der
Firma, der Freiw. Feuerwehr und dem Darmſt.
Bicycle=Club.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Germanie Frank Witwe.
Darmſtadt, den 31. März 1910.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
bei dem Hinſcheiden unſerer innigſtgeliebten
Mutter und Großmutter
(6926
Frau

l

geb. Rothermel
ſagen herzlichen Dank

ten.

Darmſtadt, den 30. März 1910.

Für die wohltuenden Beweiſe der Teilnahme
bei dem Hinſcheiden unſrer lieben Schweſter,
Schwägerin und Tante
(6945
Frautcin Mathnde Stogmuyer
ſagen wir allen Freunden und Bekannten herz=
lichen
Dank.
Die trauernd Hinterbliebenen.
Darmſtadt, den 30. März 1910.

Dankſagung.
Für die zahlreichen Beweiſe herzlicher Teil=
nahme
bei dem Hinſcheiden unſerer lieben Mutter

ſagen wir insbeſondere Herrn Pfarrer Walz
für die troſtreiche Grabrede, den Schweſtern der
Petrus= und Paulusgemeinden, für die zahlreichen
Blumenſpenden, ſowie Allen, welche ihr die letzte
Ehre erwieſen, unſeren tiefgefühlten Dank.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
M. Opel.
Darmſtadt, Chicago, 30. März 1910. (B6955

Gottesdienſt bei der israelitiſchen Religionsgemeinde.
Hauptſynagoge (Friedrichſtraße 2).
Freitag, den 1. April 1910.
Vorabendgottesdienſt 6 Uhr 30 Min.
Samstag, den 2. April 1910.
Morgengottesdienſt 8 Uhr 45 Min. Sabbat=
ausgang
7 Uhr 50 Min.
Gottesdienſt in der Synagoge der israelitiſchen Religions=
geſellſchaft
.
Samstag, den 2. April 1910.
Vorabend 6 Uhr 25 Min. Morgens 8 Uhr Min.
Nachmittags 4 Uhr 30 Min. Sabbatausgang 7 Uhr
45 Min.
Wochengottesdienſt von Sonntag, den 3. Apvil
an: Morgens 6 Uhr 15 Min. Nachmittags 6 Uhr 30 Min.

Tageskalender.
Großh. Hoftheater, Anfang 7 Uhr: Fauſt.
Vorſtellung um 8 Uhr im Orpheum.
1. Darmſtädter Kinematograph (Ecke Rhein= und
Grafenſtraße): Vorſtellungen von 4½11 Uhr.
Olympia=Kinema tograph Ernſt=Ludwigſtr. 23.
Verſteigerungskalender.
Samstag, 2. April.
Hofreite=Verſteigerung des Nikolaus Merkel ( Beck=
ſtraße
78) um 10 Uhr auf dem Ortsgericht II.
Dünger=Verſteigerung um 9½ Uhr in der Drag.=
Kaſerne (Regt. Nr. 23).

Druck und Verlag: L. C. Wiktich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeßel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſez
für den Inſeratenteil: J. Kroß, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nichs
zurückgelandt.

[ ][  ][ ]

Nummer 75.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 1. April 1910.

Seite 7.

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Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 1. April 1910.

Nummer 75.

Seite 8.

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[ ][  ][ ]

75.

Freitag, 1. April.

1910.

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per Los Mk. 3.
I. Arnſtädter Geld=Lotterie, Ziehung
am 16., 18. u. 19. April per Los Mk. 1.
Frankfurter Wohlfahrts=Lotterie,
Ziehung am 20. u. 21. April, per
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Los Mk. 1.,
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Der ſchmale Weg.
Roman von Panl Bliß.
(Nachdruck verboten.)
23)
Plötzlich ſtand er vor einem Tiſchchen ſtill und hob
ein Buch auf.
Sie ſah es. Sie freute ſich heimlich. Sie wußte,
was nun kommen würde.
Ganz harmlos ſagte er: Sonderbar, wohin man
jetzt auch kommen mag, immer findet man dieſen
Roman von Fritz Stark.
Nun ja, warum denn auch nicht? Es iſt doch nur
erfreulich, wenn gute Bücher viel Verbreitung finden.
Iſt es denn wirklich ſo gut?
Ja, haben Sie es denn noch nicht geleſen!?
Ach nee! Gnädigſte, das können Sie nicht von mir
verlangen. Zum Romanleſen habe ich wirklich keine
Zeit.
So ſo ich wußte nicht, daß Sit=ſo beſchäftigt ſind.
Eine Pauſe entſtand.
Dann legte er das Buch hin und ſagte: Sonder=
bar
, daß man durch einen ſo’n Roman ſo ſchnell vor=
wärts
kommen kann.
Leicht ſpöttelnd, erwiderte ſie: Ja, ſo iſt die Welt.
Man kann heute ſo billig vorwärts kommen; gilt man
doch ſchon als ein anſtändiger Kerl, wenn man nur
ſeine Pflicht und Schuldigkeit tut. Die Menſchheit iſt
eben nicht verwöhnt. Man iſt ſehr beſcheiden geworden.

Er ſchwieg. Er wußte nichts darauf zu ſagen.
Stumm ſah er ſie an. Wie ſonderbar ſie ſich jetzt oft
ausdrückte! Er verſtand ſie nicht.
Inzwiſchen hatte ſie nach dem Diener geſchellt, und
als er kam, ſagte ſie: Servieren Sie heute den Tee
hier. Drei Gedecke.
Fragend ſah Graf Bracht ſie an.
Ich erwarte noch einen Gaſt. Lächelnd nickte ſie
ihm zu.
Ach richtig! rief er harmlos. Entſinne mich ja,
geſtern gehört zu haben der berühmte Mann wird
ja heute ſeinen Einzug hier halten.
Wieder nickte ſie heiter. Und Sie werden doch
hier bleiben, den Triumphwagen ziehen zu helfen, nicht
wahr?
Diesmal dankte er. Gnädigſte überſchätzen meine
Opferkraft.
Aber, mein lieber Graf!
Nee, nee! Das iſt nichts zu machen! Künſtler und
Dichter, leichtes Gelichter! Nee, lieber nicht!
Wäre übrigens auch gar kein Geſellſchafter für ſon
großes Licht, könnte doch nicht mitſprechen alſo lie=
ber
nicht.
Nun, wenn Sie durchaus nicht wollen
Er rüſtete ſich zum Gehen. Plötzlich fiel ihm ein,
daß er dieſen Kerl doch wenigſtens mal ſehen möchte
um zu wiſſen, ob er ihm auch wirklich nicht gefährlich
werden könnte. Da kam ihm eine glorioſe Idee. Er
würde wiederkommen nachher, wenn ſie beide beim
Tee ſaßen er würde ſie dann überraſchen. Und

plötzlich ließ er lautlos und heimlich ein kleines Kar=
tentäſchchen
in den tiefen Seſſel gleiten.
Dann nahm er Abſchied.
Alſo adieu, lieber Graf, rief ſie luſtig, ſo luſtig, daß
er ſie beängſtigt anſah.
Und als er beinahe ſchon an der Tür war, rief ſie
noch einmal: Aber halt, Sie haben ja etwas verloren!
O, o! ſtotterte er nur.
Natürlich! Sehen Sie doch hier! Es wäre doch
ſchade, wenn Sie deshalb noch einmal hätten zurück=
kommen
müſſen! Bitte ſehr! Mit ſchalkhaftem Ge=
ſicht
reichte ſie ihm das Täſchchen hin.
Er dankte und ſchlich beſchämt davon,
Lächelnd ſah ſie ihm nach.
Und ſie dachte: Alter Fuchs, dir bin ich noch ge=
wachſen
!
Eine Stunde ſpäter kam Fritz Stark.
Die Zofe führte ihn in den Salon, dort ſetzte er
ſich und wartete.
Behaglich lehnte er in einen der bequemen Seſſel
und ſah ſich um.
Wie traulich und lauſchig das alles war!
Alles vornehmſter, aber gediegen einfacher Luxus,
und alles ſo intim, ſo zum Verweilen einladend.
Es kam ihm vor, als könne die Umgebung dieſer
ſeltenen Frau nur ſo und keinen Deut anders aus=
ſehen
.
Und es war ihm wieder, als wäre er hier kein

[ ][  ][ ]

Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 1. April 1910.

Nummer 75.

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Neuling, es war ihm, als ſei er auch in dieſen Räumen
längſt ſchon ein alter, lieber Bekannter.
Da ging die Tür auf, und Frau Juliane erſchien.
Froh und glücklich eilte er ihr entgegen und be=
grüßte
ſie.
Kommen Sie hier herein, da iſt es gemütlicher,
bat ſie.
Stumm folgte er ihr in den Nebenraum.
Dort brannten die Lampen, aber alle hatten rote
Seidenſchleier, und ſo ſchwamm der ganze Raum im
magiſchen Dämmerlicht.
Auf dem Tiſch ſummte die Teemaſchine.
Sie ſaßen vor dem Kamin im Licht der rotleuchten=
den
Glut.
Es iſt ſehr traulich bei Ihnen, ſagte er und ſah ſie
mit dem treuherzigen Lachen eines großen Kindes an.
Heiter und glücklich nickte ſie ihm zu. Alſo gut,
ſo kommen Sie recht oft zu mir.
Ja, das tue ich auch wirklich! rief er.
So oft Sie wollen!
Na, na, das würde Ihnen ſchließlich doch wohl be=
ſchwerlich
fallen!
O nein, mir gewiß nicht. Aber ich weiß ja, daß Sie
doch nicht oft kommen werden.
Nun ſtaunte er. Oho, woher wiſſen Sie denn das?
Weil Sie ein Mann der Einſamkeit ſind.
Er lächelte einen Augenblick ſtill vor ſich hin, dann
ſagte er ſcherzend: Nur für die anderen, für Sie bin
ich es nicht.
Ein Sonnenblick der Freude lag auf ihrem Geſicht.
Dafür danke ich Ihnen.
Lange und treuherzig ſah er ſie an.
Es war ihm ſo wohl zumute, ſo frei und fröhlich,
und all dies Glücksempfinden lag frei und offen in
ſeinem Blick.
Das gewahrte ſie, und es machte ſie über die
Maßen glücklich.

Um das aber nicht zu zeigen, ſtand ſie auf und ſah
nach dem Tee. In ſtiller Fröhlichkeit ſah er zu.
Und mit vollem Blick folgte er jeder ihrer Be=
wegungen
wie ſchön gewachſen ſie war! Dieſe
Linie vom Nacken zur Taille, einfach vollendet war das!
Und wie ſie alles handhabte, wie abgerundet, ruhig
und würdevoll jede ihrer Bewegurgen war er fand
immer Neues an ihr zu bewundern.
Da fragte ſie: Wie trinken Sie den Tee? Mit Rum
oder mit Zitrone?
Er lächelte. Wie Sie ihn mir bereiten.
Auch ſie machte ein luſtiges Geſicht. Alſo frage
ich, wie trinken Sie ihn lieber?
Nun ſah er ſie mit großen, heiteren Augen an und
ſagte: Wenn ich Ihnen jetzt erzähle, daß ich das nicht
zu beurteilen weiß, und daß ich in meinem Leben bis=
her
noch keine hundert Taſſen Tee getrunken habe, ſo
werden Sie mich ſicher für einen Geſchmacks=Varbaren
halten.
Sie ſtaunte auch wirklich. Aber weshalb denn
nicht?
Und ganz offenherzig antwortete er: Weil ich mir
den Luxus erſt gönnen kann, ſeit ich einigermaßen
wohlhabend bin.
Luxus nennen Sie das?
Nennen Sie es Geſchmacksverfeinerung jeden=
falls
kannte ich es früher nicht.
Iſt es Ihnen denn ſo ſchlecht ergangen?
Er lachte. Schlecht? Nun beurteilen Sie es
ſelber. Ich habe einmal acht Tage von Pfefferkuchen
gelebt.
Nicht möglich!
Doch, es iſt ſo. Und es ging ganz gut. Die Sache
hat nur einen Nachteil gehabt: ich kann ſeither keinen
Pfefferkuchen mehr eſſen, er will mir nicht mehr
ſchmecken.
Halb entſetzt ſah ſie ihn an. Sie Aermſter!

Er eher iehtei n=Wechalhf Sit ſchen ie ichſchme
mich meiner Vergangenheit nicht! Ich habe ja alles
glücklich überſtanden.
Was müſſen Sie gelitten haben!
Ganz ruhig ſagte er: Wer ſich an den Erfolgen,
die einem das Leben beſchert, noch wirklich freuen will,
der muß auch das Leid kennen gelernt haben.
Stumm nickte ſie nur.
Und dann ein langes Schweigen.
Als ſie ihm den Tee reichte, ſagte ſie: Nun liegt ja
alles das weit hinter Ihnen, nun liegt ja eine ſonnige
Zukunft vor Ihnen.
Er aber entgegnete: Die iſt gar nicht ſo ſonnig, wie
ſie erſcheint. Um ſich auf der Höhe des Erfolges zu
halten, muß man nun erſt recht tüchtig arbeiten. Sie
wiſſen ja, Talent verpflichtet. Da hat man nicht Zeit,
ſich im ſogenannten Ruhm zu ſonnen, da heißt es ar=
beiten
und immer wieder nur arbeiten. Aber das iſt
mir auch gerade recht. Arbeit iſt mein Lebenselement.
Das iſt mein einziges Vergnügen auf der Welt.
Sie lächelte. Wirklich, das einzige?
Heiter nickte er. Das einzige! Weshalb zwei=
feln
Sie daran?
Sie rührte den Tee und ſah in ihre Taſſe. Nun,
ich glaubte, daß ein Mann wie Sie, der doch jetzt enorm
viel genannt und bekannt iſt, doch auch noch andere Zer=
ſtreuungen
genugshaben kann.
Wenn er es will, gewiß, haben kann er mehr als
genug, aber er will es eben nicht.
Das dauert ſeine Zeit, aber nicht ewig.
Sondern? Wie lange?.
Nun, ſo lange, bis bis nun ſagen wir, bis
irgend ein hüſcher Goldfiſch kommt und ſich von dem
berühmten Mann einſangen läßt.
(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Nummer 75.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 1. April 1910,

Seite 1B

Amtliche Nachrichten des Großherzoglichen Polizeiamts Darmſtadt.
Straßenſperre.
Wegen Vornahme von Dampfwalzarbeiten wird die Frankfurterſtraße zwiſchen
der Bismarck= und Emilſtraße vom 1. bis zum 16. April ds. Js. für den Fuhrwerks=
(6929
und Fahrradverkehr ſtreckenweiſe geſperrt.
Bekanntmachung.
Die nachſtehende Polizeiverordnung bringen wir wiederholt zur allgemeinenKenntnis.
Darmſtadt, den 26. März 1910.
Großherzogliches Polizeiamt Darmſtadt.
Dr. Kranzbühler.
Polizeiverordnung,
betreffend Maßregeln zur Verhütung von Unglücksfällen und Verkehrsſtörungen aus
Anlaß des Betriebs der Straßenbahnen in der Stadt Darmſtadt.
Zur Verhütung von Unglücksfällen und Verkehrsſtörungen aus Anlaß des Be=
triebs
der Dampfſtraßenbahn und der Elektriſchen Bahn auf den öffentlichen Straßen,
Wegen und Plätzen der Haupt= und Reſidenzſtadt Darmſtadt wird für deren Bezirk
nach Anhörung der Stadtverordneten=Verſammlung und mit Genehmigung des Groß=
herzoglichen
Miniſteriums des Innern d. d. 31. Juli 1899 zu Nr. M. J. 21958 auf
Grund des Art. 56 Abſ. 2 Ziff. 1 der Städte=Ordnung hierdurch verordnet, was folgt:
§ 1. Beladenen Laſtfuhrwerken, ſowie ſolchen, welche wegen ihrer Beſchaffenheit
oder Ladung ſchwer lenkbar ſind, iſt das Befahren der Schienen der Straßenbahnen
in ihrer Längsrichtung, ſoweit der Fahrdamm neben dem Geleiſe genügende Breite hat,
um den Bahnkörper vermeiden zu laſſen, verboten.
§ 2. Soweit die Geleiſe der Straßenbahnen in der Mitte der Straße liegen,
haben die in der Bewegung befindlichen Reiter, Radfahrer, Fuhrwerke, Handwagen
und ſonſtigen Fahrzeuge, ſowie Viehtransporte ſich ſtets rechts zu halten, es ſei denn,
daß die rechte Seite des Fahrdamms auf irgend eine Art geſperrt iſt.
§ 3. Bei dem Ertönen der Signalglocke haben Fußgänger, Fuhrwerke, Reiter,
Radfaher und Viehtransporte ſich rechtzeitig von den Geleiſen zu entfernen und den
Straßenbahnwagen vollſtändig auszuweichen.
Solange ein Zug bezw. ein elektriſcher Straßenbahnwagen ſich in Bewegung be=
findet
, iſt das Ein= und Ausſteigen und der Verſuch dazu verboten.
Es iſt verboten, Fuhrwerke oder Vieh in denjenigen Straßen, durch welche die
Straßenbahnen fahren, ohne Aufſicht oder unter Aufſicht unerwachſener Perſonen frei
ſtehen zu laſſen. Fuhrwerke oder Vieh dürfen auch bei gehöriger Aufſicht nur dicht an
der Kante des Fußſteiges und müſſen mindeſtens ſoweit von dem Geleiſe der Straßen=
bahn
ſtehen bleiben, daß der Betrieb der letzteren nicht geſtört wird. Andernfalls iſt
das Anhalten in der Straße überhaupt unzuläſſig.
Es iſt ferner unterſagt, Vieh frei auf dem Bahnkörper laufen zu laſſen, und es
ſind Perſonen, welchen die Aufſicht über die auf der Straße oder ſonſt in der Nähe der
Bahn befindlichen Tiere obliegt, dafür verantwortlich, daß der Bahnkörper von den
Tieren nicht betreten wird, ſowie daß dieſelben vorkommenden Falls alsbald wieder
von jenen weggetrieben werden.
Die Polizeibeamten, ſowie die Bahnbedienſteten ſind befugt, aufſichtslos da=
ſtehendes
Fuhrwerk und Vieh, ſowie ſonſtige Gegenſtände, welche die Geleiſe verſperren,
zu entfernen.
§ 4. Das Hinüberſchaffen von Pflügen, Eggen und anderen Geräten, ſowie von
Baumſtämmen, Bauholz und anderen ſchweren Gegenſtänden über die Schienen der
Straßenbahnen darf, ſofern jene Gegenſtände nicht getragen werden, nur auf Wagen
oder untergelegten Walzen erfolgen.

Es iſt verboten, die Bahnanlagen, ſowie die Betriebmittel zu beſchädigen, feſte
Gegenſtände auf die Fahrbahn zu legen oder ſonſtige Fahrthinderniſſe anzubringen,
Weichen umzuſtellen, falſchen Alarm zu erregen, Signale nachzuahmen oder andere
betriebsſtörende Handlungen (wie insbeſondere auch das Anhäufen oder Abwerfen von
Schnee, Eis uſw. auf das Bahnplanum) vorzunehmen.
Der Gebrauch ähnlicher Signalglocken, wie diejenigen der Straßenbahnen, iſt
verboten. Perſonen, welche beim Herumfahren von Verkaufswagen ſich durch beſondere
Signale dem Publikum bemerklich machen, haben hierzu vorher polizeiliche Genehmigung
zu erwirken und die dabei geſtellten Bedingungen einzuhalten.
§ 5. Das Klettern auf die für die elektriſche Bahn aufgeſtellten Maſten, das
Behängen der zu dieſer Bahn gehörigen Drähte mit irgend welchen Gegenſtänden, ſowie
das Anfaſſen der elektriſchen Leitung iſt verboten.
§ 6. Fahnen dürfen an Gebäuden oder an Maſten nur ſo angebracht werden,
daß ſie die Drähte der elektriſchen Bahn oder der Telegraphen= und Telefonleitungen
nicht berühren können.
§ 7. An Straßenkreuzungen oder Abzweigungen haben Perſonen, Fuhrwerke,
Handwagen und ſonſtige Fahrzeuge, Reiter, Radfahrer, Viehtransporte uſw welche
das Geleiſe überſchreiten wollen, ſo rechtzeitig zu halten, daß die Wagen der Straßen=
bahnen
in ihrer Fahrt nicht gehindert werden.
Fuhrwerke, Fahrzeuge, Reiter, Radfahrer, Viehtransporte uſw. haben, ſobald
das Signal der Straßenbahn ertönt, wenn nicht beſondere Tafeln den Haltepunkt
bezeichnen, mindeſtens 5 Meter vor der Straßenkreuzung bezw. Abzweigung Halt zu
machen.
§ 8. Bei dem Einfahren in alle von den Straßenbahnen befahrenen Straßen
iſt ſtets mindeſtens 10 Meter vor der Straßenkreuzung im Schritt zu fahren, damit
beim Ertönen der Signale rechtzeitig Halt gemacht werden kann.
§ 9. Es iſt verboten, Kinder in oder unmittelbar neben den Geleiſen der Straßen=
bahnen
ſpielen zu laſſen. Ebenſo iſt es verboten, zwiſchen dem Bahngeleiſe mit Kinder=
wagen
entlang zu fahren.
§ 10. Entſtehen Verkehrsſtörungen oder Gefährdungen durch Zuſammentreffen
der Straßenbahnen mit Fuhrwerk, größeren Menſchenanſammlungen oder dergleichen,
ſo iſt jedermann, insbeſondere auch das Bahnperſonal gehalten, ſich den Anweiſungen
der einſchreitenden Polizeibeamten unverzüglich zu fügen.
§ 11. Zuwiderhandlungen gegen die vorſtehenden Vorſchriften werden, ſofern
nicht im gegebenen Fall Strafvorſchriften des Reichs=Straf=Geſetz=Buchs, des Polizei=
Straf=Geſetz=Buchs oder der Bahn=Ordnung für die Nebeneiſenbahnen Deutſchlands
Anwendung zu finden haben, mit Geldſtrafe bis zu 30 Mark beſtraft.
§ 12. Gegenwärtige Polizei=Verordnung tritt am Tag ihrer Verkündigung in
Kraft. Gleichzeitig wird die Polizei=Verordnung gleichen Betreffs d. d. 23. Dezember 1897
aufgehoben.
Darmſtadt, den 15. Auguſt 1899.
(6846dfs
Großherzogliches Polizeiamt.
Schulgeld=Erhohung.
Auf Beſchluß der Stadtverordneten=Verſammlung vom 17. Februar und mit Ge=
nehmigung
Großh. Miniſteriums des Innern vom 19. März 1910, zu Nr. M. d. J. I
2256, wurden die Schulgeldſätze für die Viktoriaſchule und das Lehrerinnenſeminar mit
Wirkung vom 1. April 1910 ab wie folgt feſtgeſetzt:
I. Viktoriaschule.
a) für Schülerinnen, deren Eltern oder an ihre Stelle getretene Unterhaltungs=
pflichtige
ihren Hauptwohnſitz im Bezirk der Stadt Darmſtadt haben, jährlich:
in den Klaſſen
510
140 M. 130 M.
b) für alle anderen Schülerinnen jährlich:
160 M. 150 M.
II. Frühere Reineck’sche Schule
jährlich
130 M.
III. Seminar.
a) für Seminariſtinnen, deren Eltern oder an deren Stelle getretene Unterhaltungs=
pflichtige
, oder die ſelbſt, inſofern ſie großjährig ſind, zur Zeit des Eintritts in das
Seminar mindeſtens ſeit 2 Jahren die heſſiſche Staatsangehörigkeit beſitzen oder ſeit
mindeſtens 2 Jahren im Großherzogtum Heſſen ihren Hauptwohnſitz haben, jährlich:
in den Klaſſen
24
1.
200 M. 150 M.
Bei Töchtern von Beamten und Militärperſonen, die nach Heſſen verſetzt worden
ſind, ſoll von dem Erfordernis des zweijährigen Zeitablaufs abgeſehen werden.
b) für alle nicht unter die Beſtimmungen unter a fallenden Seminariſtinnen
jährlich:
in den Klaſſen
1 *24
220 M. 170 M.
c) für Hoſpitantinnen halbjährlich für jede Wochenſtunde 6 Mk.
für Geſchwiſter in der Viktoriaſchule und in den Mittelſchulen bleibt die
bisherige Schulgeldermäßigung beſtehen. Hiernach iſt zu zahlen: für das
1. Kind das vokle Schulgeld, für das 2. Kind ¾ des Schulgeldes, für das 3.
und jedes folgende Kind die Hälfte des Schulgeldes derjenigen Anſtalt und
Klaſſe, die ſie beſuchen.
Darmſtadt, den 22. März 1910.
Großh. Bürgermeiſterei Darmſtadt.
Dr. Gläſſing.
(6606sid

Abänderung des Oktroitarifs.
Auf Beſchluß der Stadtverordneten=Verſammlung und mit Genehmigung Großh.
Miniſteriums des Innern iſt, in teilweiſer Abänderung des Oktroitarifs vom 30. No=
vember
1903, die Oktroiabgabe für die nachverzeichneten Gegenſtände wie folgt er=
höht
worden:
1. Obſtwein von 85 Pfg. auf 1 Mk. für das Hektoliter,
2. Schaumwein von 3 Pfg. auf 20 Pfg. für die Flaſche,
3. Bier in der Stadtgemarkung gebraut, von 2 Mk. auf 3.25 Mk. für den Doppel=
zentner
ungeſchroteten Malzes,
4. Rehe von 2 Mk. auf 3 Mk. für das Stück,
5. Haſen und Gänſe von 30 Pfg. auf 50 Pfg. für das Stück und
6. Wildbret aller Art und Geflügel, ſoweit nicht beſonders bezeichnet, von 12 Pfg.
auf 20 Pfg. für das Kilogramm.
Die erhöhten Sätze treten am 1. April ds. Js. in Kraft.
Vom gleichen Tage an wird, wie bereits an anderer Stelle bekannt gemacht,
Oktroi auf Schlachtvieh, Fleiſchwaren, Hülſenfrüchte, Mühlenfabrikate und
Backwaren nicht mehr erhoben.
Darmſtadt, den 31. März 1910.
(6992fso
Großherzogliche Bürgermeiſterei Darmſtadt.
Dr. Gläſſing.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit in Erinnerung gebracht, daß die Ausführung der an die ſtädtiſche
Waſſerleitung anzuſchließenden Waſſerverſorgungs=Einrichtungen im Innern der
Gebäude und Grundſtücke nur durch ſolche Inſtallateure erfolgen darf, die ſich bei
der unterzeichneten Verwaltung verpflichtet haben, alle vorkommenden einſchlägigen
Arbeiten auf Grund der Satzungen über Abgabe von Waſſer aus dem ſtädtiſchen
Waſſerwerk und unter gewiſſenhafter Beachtung der beſonders erlaſſenen Beſtimmungen
auszuführen.
Zurzeit ſind folgende Firmen berechtigt:

1. Gottfried Beck, Karlſtr. 39.
2. Gebr. Becker Nachf., Grafenſtr. 27.
3. Heinrich Becker, Brandgaſſe 2.
4. L. Breitwieſer, R.=Ramſtädterſtr. 52.
5. Heinrich Brunner, Eliſabethenſtr. 33.
6. Karl Darmſtädter, Kiesbergſtr. 9.
7. Theodor Dilling, Kaſinoſtr. 27.
8. W. Eberhardt, N.=Ramſtädterſtr. 11.
9. Friedr. Ewald Nachf., Soderſtr. 54.
10. Theodor Fey, Kranichſteinerſtr. 8½
11. Gg. Aug. Fink, Lauteſchlägerſtr. 8.
12. Hch. Frick, Kahlertſtr. 31.
13. Bernhard Gans, Rheinſtr. 47.
14. Franz Geiger, Karlſtr. 36.
15. Wilh. Gelfins, Fuhrmannſtr. 6.
16. Jakob Glock, Langegaſſe 9.
17. Alexander Guntrum, Stiftſtr. 52.
18. Philipp Handſchuh, Schloßgarten=
ſtraße
37.
19. Ludw. Heppenheimer, Luiſenſtr. 2.
20. Wilhelm Heppenheimer, Kiesſtr. 80.
21. Kurt Hiſſerich, Bleichſtr. 28.
22. Karl Hoffmann, Wienersſtr. 44.
23. Balthaſer Ittmann, Lauteſchlägerſtr. 42.
24. Heinrich Jung, Bleichſtr. 11.

25. Philipp Jung, Alexanderſtr. 9.
26. Karl Kämmerer, Marienplatz 10.
27. Adolf Kling, Rheinſtr. 17.
28. Hugo Kötting, Liebfrauenſtraße 75.

29. Phil. Kraus Nachf., Karlſtr. 51.
30. Chriſt. Landzettel, Kaupſtr. 7.
31. Ernſt Lorey, Karlſtr. 56.
32. Ludw. Luck, Lichtenbergſtr. 26.
33. Val. Marquardt u. Ph. Wamſer,
Dieburgerſtr. 54.
34. Ph. Maul, Eliſabethenſtr. 29.
35. Gg. Neumann, Heidelbergerſtr. 117.
36. Aug. Neumeyer Witwe, Große
Ochſengaſſe 22.
37. Jakob Nohl, Martinſtr. 24.
38. Heinrich Pauli, Orangerieſtr. 7.
39. Ludwig Pohl, Heinheimerſtr. 15
40. Wilhelm Preußner, Bleichſtr. 4).
41. Karl Rockel Nachf., Schützenſtr. 4.
42. G. W. Roth, Moosbergſtr. 32 u. 97.
43. Jean Rühl, Saalbauſtr. 24.
44. Phil. Schäfer, Landwehrſtr. 29.
45. Friedrich Schiller, Tannenſtraße 7.
46. Franz Schulz, Karlſtr. 104½
47. Heinrich Schwarz, Hochſtr. 20.
48. Leonh. Sommer, Mühlſtr. 20.
49. Karl Tänzer, Marktplatz 7.
50. Mich. Vollrath, N.=Ramſtädterſtr. 51.
51. Hch. Waldſchmidt, Ludwigshöhſtr. 21
52. Otto Wamboldt, Heerdweg 2.
53. Joh. Waſſer, Alexanderſtr. 7.
54. Karl Wenz, Wendelſtadtſtr. 46.
55. Karl Zahrt, Hofſtallſtr. 10.

Die ſämtlichen Firmen haben ihre Preis=Tarife auf dem Geſchäftszimmer der
unterzeichneten Verwaltung, Waldſtraße 19, eingereicht, wo dieſelben von Intereſſenten
(6986fdi
eingeſehen werden können.
Darmſtadt, den 31. März 1910.
Städtiſche Waſſerwerks=Verwaltung.
Rudolph.

Verſtergerungs=

Freitag, den 1. April I. Js., vormittags 9 Uhr und nach=
mittags
3 Uhr beginnend, wird im Geſchäftslokal
4 Louisenplatz 4
Bul
der Reſt der Irmer’ſchen Warenvorräte, als:
Hemden, Krawatten, Unter=Kleider,
Kragen, Tücher uſw.
ferner:
1 Kontrollkaſſe, 2 Gaslüſter, 1 Stehpult, große und
kleine Ladentiſche, Regale, Schaufenſtergeſtelle, 1 zwei=
rädiger
Karren mit verſchließbarem Kaſten u. a. m.
öffentlich gegen Barzahlung verſteigert.
Darmſtadt, den 29. März 1910.
(6867df
Karl Dechert, Konkursverwalter.

am Luisenplatz Luisenstr. 10 am Luisenplatz
Darmstädter Sprach- und Handelschule
Leiter: Emil Held und Hieron. Schneider.
Neue 4, 6 u. 12 monatl. Kurse Anfang April für junge und erwachsene
Herren und Damen.
Ausbildung in allen kaufmännischen Fächern.
Stenographie-, Maschinenschreiben nach verschiedenen Systemen.
Sprachen: Französ., Engl., Span., Ital. Grammat., Konvers.,
speziell kaufm. Korrespondenz.
Besondere Klassen für Fortbildungsschüler unter Leitung eines
Staatlich geprüften diplomierten Handelslehrers.
NB. Schüler unserer Handelsschule sind beim Verlassen der städt. Schulen, wie
diejenigen der kaufmännischen Fortbildungsschule vom Besuche der
obligat. Fortbildungsschule befreit.
3447a)
Anmeldungen frühzeitig erwünscht.

Beethoven-Konservatorium

(Vogel’sche Musikschule), gegr. 1890
Soderstrasse Nr. 6 (Kapellplatz).
Unterrichtsfächer: Klavier, (Harmonium), Violine, Violoncell,
ſowie alle übrigen Orchester-Instrumente, Gesang, Theorie etc.
Proſpekte ſind koſtenlos in der Thies’ſchen Hofmuſikalienhandlung, Eliſabethen=
ſtraße
, und in dem Inſtitute, Soderſtraße 6, zu haben.
Anmeldungen werden jederzeit entgegengenommen. Wiederbeginn des Unter=
(6672mdfs
richtes am 4. April.
Der Direktor: M. Vogel.

[ ][  ][ ]

Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 1. April 1910

Nummer 75.

Das Konkursverfahren über das Ver=
mögen
des Elektrotechnikers und Mecha=
nikers
Rudolf Garternicht in Darmſtadt
iſt aufgehoben, da der in dem Termin vom
12. Februar 1910 angenommene Zwangs=
vergleich
rechtskräftig beſtätigt iſt.
Termin zur Vorbringung von Einwen=
dungen
gegen die Schlußrechnung iſt auf
Mittwoch, den 13. April 1910,
vormittags 9 Uhr,
Zimmer 219,
anberaumt worden.
(6944
Darmſtadt, den 26. März 1910.
Der Gerichtsſchreiber
Großherzoglichen Amtsgerichts I.

In unſer Genoſſenſchafts=Regiſter wurde
heute eingetragen hinſichtlich der Firma:
Landwirtſchaftliche Darlehenskaſſe
Darmſtadt, eingetragene Genoſſen=
ſchaft
mit unbeſchränkter Haft=
pflicht
, Darmſtadt.
Privatier Wilhelm Andreß iſt aus dem
Vorſtand ausgeſchieden; an ſeiner Stelle
iſt Landwirt Heinrich Vogel in Darmſtadt
(6935
in den Vorſtand gewählt.
Darmſtadt, den 29. März 1910.
Großh. Amtsgericht Darmſtadt I.

In unſer Handels=Regiſter B wurde heute
eingetragen hinſichtlich der Firma:
Deutſche Vereinsbank, Filiale
Darmſtadt.
Nach dem Beſchluß der Generalver=
ſammlung
vom 9. März 1910 ſoll das
Grundkapital um 6000000 Mark erhöht
werden. Dieſe Erhöhung iſt erfolgt. Das
Grundkapital beträgt nunmehr 30000000
Mark.
Durch Beſchluß der Generalverſamm=
lung
vom 9. März 1910 ſind die Beſtim=
mungen
über Grundkapital, Aktien und
Stimmberechtigung §§ 5, 8 und 26 des
Geſellſchaftsvertrags geändert worden.
Die neuen 5000 Aktien im Nennwerte
von 1200 Mark wurden zu 1380 Mark aus=
gegeben
.
(6932
Darmſtadt, den 29. März 1910.
Großh. Amtsgericht Darmſtadt I.
In unſer Handels=Regiſter B wurde heute
eingetragen hinſichtlich der Firma:
Bank für Handel und Induſtrie,
Darmſtadt.
Die Prokura des Paul Seiler in Berlin
(6931
iſt erloſchen.
Darmſtadt, den 30. März 1910.
Großh. Amtsgericht Darmſtadt I.
In unſer Handels=Regiſter B wurde heute
eingetragen hinſichtlich der Firma:
Heinrich Elbert, Geſellſchaft mit
beſchränkter Haftung, Darmſtadt.
Die Prokura des Kaufmanns Willy
Loeber in Darmſtadt iſt erloſchen. (6923
Darmſtadt, den 30. März 1910.
Großh. Amtsgericht Darmſtadt I.

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Nummer 75.

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Szeniſche Leitung: Oberregiſſeur Valdek.
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Brander,
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7 Uhr.
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Zum erſten Male wiederholt: Der Graf
von Luxemburg. Große Preiſe. An=
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7 Uhr.
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Goethe’s Fauſt=Tragödie‟. Drit=
ter
Abend: Der Tragödie zweiter Teil,
erſte Abteilung. Gr. Preiſe. Anfang 7 Uhr.

Aus dem Spielplan.
Dienstag, 5. April. Außer Abonnement.
Goethe’s Fauſt=Tragödie. Vier=
er
Abend: Der Tragödie zweiter Teil,
zweite Abteilung. Gr. Preiſe. Anf. 7 Uhr.

[ ][  ][ ]

Seite 14.

Darmſtädter Tagblatt, Freitäg, den 1. April 1910.

Nummer 75

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[ ][  ][ ]

Nummer 75.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 1. April 1910.

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Kurſe vom 31. März 1910.
Mitgeteilt von Hermann Reichenbach.

3f. Staatspapiere. In Proz.
4 Dſche. Reichsſchatzanw. 100,50
3½ Deutſche Reichsanl. . (3,60
65,10
do.
4 Preuß. Schatzanweiſg. 100,80
93,60
3½ do. Conſols .
85,10
3 do. do,
4 Bad. Staatsanleihe . . 101,90
do.
94,00
3½
do.
4 Bayr. Eiſenbahnanl. . 102,00
do.
92,90
3½
do.
83,90
4 Hamburger Staatsanl. 102,0
4 Heſſ. Staatsanleihe . . 101,80
do.
92,50
3½
do.
81,80
3 Sächſiſche Rente . . . 84,20
4 Württemberger v. 1907 101,60
do.
93,25
3½,
5 Bulgaren=Tabak=Anl.
1¾ Griechen v. 1887 .
3¾/ Italiener Rente . . .
4½ Oeſterr. Silberrente 98,75
4 do. Goldrente . 100,00
4 do. einheitl. Rente 94,70
3 Portug. unif Serie I 65,25
3 do. unif. Ser. III 66,40
3. do. Spezial . 12,40
5 Rumänier v. 1903 . . 101,80
4 do. v. 1890 . . 94,80
4 do. v. 1905 . . 91,60
4 Ruſſen v. 1880 . . . 91,40

InProz.
3f.
4 Ruſſen v. 1902 . . . . 91,30
4½ do. v. 1905 . . . . 100,20
93,70
3½ Schweden . .
4 Serbier amort. v. 1895 81,60
4 Türk. Admin. v. 1903 89,90
4 do. unifiz. v. 1903 94,50
4 Ungar. Goldrente . . 95,10
do. Staatsrente . 92,70
5 Argentinier .
do.
91,75
4½ Chile Gold=Anleihe . 93,00
5 Chineſ. Staatsanleihe 103,00
do.
99,80
4½ Japaner . .
. . 98,60
5 Innere Mexikaner . . 101,60
do.
4 Gold=Mexikan. v. 1904 96,90
5 Gold=Mexikaner . . . 102,60
Aktien inländiſcher
Transportanſtalten.
4 Hamb.=Amerika= Paket=
fahrt
.
.144,00
4 Nordd. Lloyd . . . 105,10
4 Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 122,60
Aktien ausländiſcher
Transportanſtalten.
4 Anatol. Eiſenb. 60%
Einz. Mk. 408
4 Baltimore & Ohio . . 110,90
4 Gotthardbahn . . . .

In Proy
4 Oeſt.=Ungar. Staatsb. 160.50
4 Oeſt. Südbhn. (Lomb.) 22,10
4 Pennſylvania R. R. 133,00
Induſtrie=Aktien.
Mainzer Aktienbrauerei . 195,00
Werger=Brauerei
.83,00
Bad. Anil.= u. Sodafabrik 446,00
Fabrik Griesheim . . . . 265,00
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328,50
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.107,40
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216,00
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200,20
Phönix, Vergb. u. Hütten=
betrieb
.
. .224,10
Prioritäts=
Obligationen.
3½ Südd. Eiſenb.=Geſ. . .
4 Pfälzer Prt.
.100,80
do.
3½
92,70
4 Eliſabeth., ſteuerpfl. .
do. ſteuerfrei . 99,60
5 Oeſterr. Staatsbahn. 106,50
do.
98,30
do.
alte
5 Oeſterr. Südbahn . . 102,25
do.
85,00
26/
do.
58,30
3 Raab=Oedenburger . . 75,80
Ruſſ. Südweſt, . . . . 89,30
Kronpr. Rudolfbahn . 99.25

In Proj.
8ſ.
247 Livorneſer. . . . . 76.00
4 Miſſouri=Pacific . . . 98,50
4 Bagdadbahn Mk. 408 87,00
5 Anatoliſche Eiſenb..
5 Tehuantepec .
.102,50
Bank=Aktien.
4 Berliner Handelsgeſ. 182,00
4 Darmſtädter Bank 137,40
252,80
Deutſche Bank
4 Deutſche Vereinsbank 127,50
Diskonto=Geſellſchaft 191,50
162,40
Dresdner Bank .
4 Mitteldeut. Kreditbk. 119,20
4 Nationalbk. f. Deutſchl. 125,50
101,40
4 Pfälzer Bank.
146,00
4 Reichsbank .
4 Rhein. Kredit=Bank 138,00
4 Wiener Bank=Verein 140,60
Pfandbriefe.
4 Frankft. Hypoth.=Bank
S. 16 und 17 100,50
do. S. 19. . . . . 92,50
4 Frkf. Hyp.=Kreditverein
S. 1519, 2126 99,60
4 Hamb.=Hypoth.=Bank 100,50
do.
91,00
3½
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bk. 101,60
92,60
do,
4 Meining. Hyp.=Bank 101,00
do.
91,00
4 Rhein. Hypoth.=Bank
(unk. 1917) 100,10
3½
do. (unf. 1914) 91,60
4 Südd. Bd.=Kr.=Bk.=Pf. 100,40
3½
do,
93,40

InProz.
Zf.
Städte=
Obligationen
4. Darmſtadt.
.101,25
3½ do.
.101,50
4 Frankfurt .
95,70
3½ do.
4 Gießen
100,10
3½ do.
4 Heidelberg
91,30
3½ do.
4 Karlsruhe
100,40

do.

92,10

4 Magdeburg.
3½ do.
4 Mainz
100,25
3½ do.
4 Mannheim
3½ do.
91,40
4 München .
.100,50
3½ Nauheim
92,00
4 Nürnberg
.101,50
3½ do.
4 Offenbach.
.100,50
3½ do.
4 Wiesbaden
100,60
3½ do.
92,30
4 Worms.
.100,20
3½ do.
4 Liſſaboner v. 1886. . 82,10
Verzinsliche
Anlehensloſe.
4 Badiſche Tlr. 100 158,50
3½ Cöln=Mindner 100 137,10
5 Donau=Reg. fl. 100 142,75
3 Holl, Komm. 100 103.75

InProz.
3f.
3 Madrider Fs. 100
4 Meining. Pr.=Pfand=
.137,00
briefe.
4 Oeſterr. 1860er Loſe 174,50
3 Oldenburger
2½ Raab=Grazer fl. 150 116,00

Unverzinsliche
Anlehensloſe.

Augsburger
Braunſchweiger
Freiburger
Mailänder
do.
Meininger

Tlr.
Fs.
Fs.
Fs.
fl.

20 216.00
15 57,00
45
10 31,00
7

Oeſterreicher v. 1864 100 574,00
do, p. 1858 100
Ungar. Staats
100
Venediger
Frs. 30
Türkiſche
400 179,00
Gold, Silber und
Banknoten.
Engl. Sovereigns . . . . 20,40
20 Franks=Stücke .
. 16,26
Oeſterr. 20=Kronen . . . . 16,90
Amerikaniſche Noten . . . 4,19½
Engliſche Noten . . . . .20,43½,
Franzöſiſche Noten . . . . 81,30
Holländiſche Noten . . . . 168,40
Italieniſche Noten . . . 80,90
Oeſterr.=Ungariſche Noten 85,05
Ruſſiſche Noten . . .
Schweizer Noten . . . . . 81,10
Reichsbank=Diskonto . .
Reichsbank=Lombard Zsf. 5%.

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Bau=verein Lahelm‟.
Einladung
zur ordentlichen Hauptverſammlung
auf Freitag, den 15. April 1910, abends 8½ Uhr,
im Reſtaurant Kaisersaal‟, Grafenſtr. 18.
Tagesordnung: 1. Bericht des Vorſitzenden.
2. Rechenſchaftsbericht.
3. Wahl von Vorſtandsmitgliedern.
4. Erledigung der Anträge von Mitgliedern.
Anträge ſind bis zum 8. April bei dem Vorſitzenden, Herrn Rechtsanwalt Dr.
Stein, Annaſtr. 20, einzureichen. Die Rechnung liegt zur Einſicht der Vereinsmitglieder
vom 8. April an bei Herrn Rechner Sulzmann, Gräfenhäuſerweg 11, auf.
Darmſtadt, den 1. April 1910.
Der Vorstand.
6947ff)
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Tanz-Anstitut Meisinger
Heidelbergerſtraße 108½.
Einladung

zu der Sonntag, 3. April, nachmittags 4 Uhr, im Saale (Gaſthaus zum Ochſen hier)
Beſſungerſtraße 28 ſtattfindenden
Schüler-Abſchiedsfeier mit Tanzkränzchen.
Hierzu ladet alle Tanzluſtigen freundlichſt ein und zeichnet hochachtend
Friedrich Meisinges Tanzlehrer.
NB. Die Nachfeier findet Sonntag, 10. April, in Traiſa (Saal zum goldnen
Löwen) von 4 Uhr nachmittags ab ſtatt.
(B6978.
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Ortsgruppe Darmstadt EE. V.)
Die Sektion Darmſtadt des Deutſch. und Oeſterr. Alpen=
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Vereins hat die Mitglieder des Odenwald=Klubs zu dem am
Dienstag, den 5. April 1910, abends 8½ Uhr
Se
im Kaiſerſaal ſtattfindenden Vortrag mit Licht=
bildervorführungen
des Herrn Profeſſor Dr. C. Maurer
über Reiseeindrücke aus der Türkei u. Konstantinopel eingeladen.
Wir bitten um zahlreiche Beteilizung. Der Vorstand,

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3673.

Freitag, 1. April.

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Nummer 75.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 1. April 1910.

Seite 18.

Der echte Champignon (Agaricus
campestris) und deſſen Kultur.
Außer im Gewächshauſe kann man ſich auch eine
Champignon=Anlage im Keller, Stallungen oder an=
deren
Räumen, wo eine Temperatur von 10 bis 15 Grad
Reaumur vorhanden iſt und ſie vor Zugluft geſchützt wer=
den
kann, herſtellen. Man macht die Anlage auf dem
flachen Boden oder auf Stellagen, überhaupt jeder Be=
hälter
als Kiſten, Körbe, Zementfäſſer, Schubladen von
alten Kommoden, größere Blumentöpfe können an
paſſenden Plätzen verwendet werden. Hauptſache aber
iſt ein richtig präparierter Dung, ein genügend warmer
Raum und gute, mit Schwammweiß durchzogene Brut.
Wenn dieſe drei Artikel nicht zuſammen harmonie=
ren
, dann iſt die Enttäuſchung ſicher. Die Präparation
des Dunges geſchieht folgendermaßen: Friſcher Pferde=
oder
Eſelsdung (Pferdeäpfel) ſchüttet man auf einen
Haufen, tritt ihn feſt zuſammen und läßt ihn drei Tage
liegen; er darf nicht zum Brennen kommen und keinen
Schimmel bilden; um beides zu vermeiden, ſetzt man
den Dung am dritten Tag um, das heißt das Unterſte
nach oben wenden und wieder feſttreten oder=klopfen.
Dies wiederholt man ſo oft, bis der Dung keine
Dämpfe mehr erzeugt und ſich lauwarm anfühlt, was
nach drei= bis viermaligem Wenden der Fall iſt, dann
kann man mit dem Anlegen der Beete und Füllen der
Gefäße beginnen. 30 bis 40 Zentimeter hoch aufgeſchich=
tet
und gut feſtgeklopft genügt; nach weiteren drei
Tagen kann man mit dem Spicken der Brut beginnen,
das heißt alle 25 Zentimeter ſteckt man ein Stück Brut
von Hühnereigröße in den ſo präparierten Dung und
drückt das Brutſtück feſt an. Gut iſt es, wenn man alle
Bodenflächen, wo man Beete anzulegen gedenkt, vor=
her
mit Kalkmilch anſtreicht und trocken werden läßt.
Nach Verlauf von 2 bis 3 Wochen bedeckt man ſeine
Beete und Gefäße mit Erde, 2 Zentimeter hoch (man
kann dazu jede Art Erde verwenden), drückt ſie etwas
an und überbrauſt ſie tüchtig mit lauwarmem Waſſer.
Alle trockenen Stellen, die ſich in den nächſten 6 Wochen
zeigen, müſſen befeuchtet werden. Nach dieſer Zeit
werden ſich die erſten Pilze zeigen, und trägt dann die
Anlage drei Monate lang. Die großen Pilze drehe
man behutſam ab; ſollten ſich die kleinen daneben ge=
lockert
haben, ſo drückt man ſie vorſichtig an, etwa ent=
ſtehende
Unebenheiten füllt man mit Erde aus und
drückt ſie mäßig an. Spritzen mit lauem Waſſer jedes=
mal
nach dem Abnehmen der Pilze. Damit die Pilze
ſchön zart und weiß werden, hält man das Tageslicht
fern. Hat die Anlage abgetragen, ſo iſt dieſe nur noch
als Gartendung zu verwenden. Will man aber an
derſelben Stelle die Anlage wieder erneuern, ſo lüfte
man den Raum gründlich und beſtreiche Boden und
Wände wieder mit Kalkmilch. Der Champignon iſt ein
eigener Kauz und muß der Züchter ſeine Eigentümlich=
keiten
ſelbſt ablauſchen. Gerade dort, wo man ihn nicht
haben will, erſcheint er am eheſten. Joh. Wenz.
(Nachdruck nur mit Quellenangabe geſtattet.)

Vermiſchtes.
CK. Beim Robespierre von Monte Caulo.
Eine amüſante Schilderung der großen Revo=
lution
von Monaco, die vor kurzem den Frieden
Europas bedrohte, gibt John N. Raphael in einem
Londoner Blatt. Er ſchildert, wie ein Drittel der Be=
völkerung
von Monte Carlo, beinahe mehr als 200
Mann, zum Schloſſe zog und vom Fürſten auch empfan=
gen
wurde, er ſchildert, wie Fürſt Albert lächelnd den
wohlgenährten Revolutionären ein Geſchenk von
1200000 Mark für Alterspenſionen gewährte und wie
die Deputation nun zufrieden abzog. Aber der Frei=
heitsdurſt
der Monegaſſen iſt nur einſtweilen befrie=
digt
, ſie möchten gern noch mehr von dieſer klingenden
Freiheit. Raphael erzählt von dem Beſuche, den er
dem grimmen Führer der Revoluzzer abſtattete.
Ueberall in der kleinen Stadt ſuchte ich nach einem
Revolutionär. Ich brauchte viel Zeit, bis ich endlich
einen fand; denn 75 Prozent aller Monegaſſen ſind im
Kaſino angeſtellt, und die übrigen hielten Mittagsſchlaf.
Aber ſchließlich fand ich doch meinen Revolutionär, den
Führer der Verſchwörung. Er heißt Duodeeimo, ein
braunhäutiger Geſelle mit buſchigen Angenbrauen und
ſchwarzem Schnurrbart. Er trug keine revolutionären
Farben, ſchwarzweiß war er gekleidet, nicht aus Trauer
über die Knechtung ſeines Vaterlandes, ſondern weil
ſchwarzweiß ſeine Uniform iſt; er iſt Croupier am
Kaſino. Am Handgelenk packte er mich und zog mich in
ein Hinterzimmer. Dann blieb er ſtehen und lauſchte.
Der Tyrann hat überall ſeine Spione, flüſterte er mir
ins Ohr. Von oben bis unten muſterte er mich. Sind
Sie wirklich kein Spion? fragte er argwöhniſch. Aber
ich beruhigte ihn, er nahm eine Flaſche Bier aus dem
Wandſchrank, ſtellte zwei Gläſer vor uns hin und fuhr
dann mit der Geſte eines echten Revolutionärs groß=
zügig
durch ſein Haar. Freunde! ſagte er und
ſchüttelte meine Hand. Hinter dem Schrank zog er eine
Nummer des revolutionären Organs Leveil hervor.
Wir ſind der Tyrannei müde ſagte er, und der
Tyrann weiß es. Was erſtreben Sie? fragte ich.
Freiheit! antwortete Duodeeimo. Aber ſchließlich er=
läuterte
er ſeinen Freiheitsbegriff: Wir wollen, daß
nur Monegaſſen im Kaſino angeſtellt werden, wir
wollen einen Fonds von 1 oder 2 Millionen Fres. im
Jahr, von dem wir leben können in dem Falle, daß das
Kaſino eines Tages verſchwindet. Wir wollen uns
ſelbſt regieren, wir wollen und dabei trank er ein
neues Glas Bier, wir wollen Freiheit. Dann gab er
mir eine Nummer des Revolutionsorgans. Aber
verbergen Sie es ſorgſam, bis Sie die Grenze paſſiert
haben. Sieben Minuten ſpäter hatte ich in einem
Straßenbahnwagen die Grenze paſſiert. Aber nun,
da ich den Führer der Revolution geſehen hatte, wollte
ich auch den Führer der Antirevolutionäre ſehen Das
iſt ein Geflügelhändler, ein Halbitaliener. Ich bin
Gegenrevolutionär erklärte er mir, denn jedermann
hat hier, was er braucht. Triumphierend zeigte er
auf die hundert Hühnerkörper, die im Laden lagen.

Sie koſten keinen Zoll, und dabei kreuzte er ſtolz die
Arme und ſah mich an, ich verkaufe tauſende, viele
tauſende Hühner. In Frankreich müßte ich rund 2000
Fres. Steuer bezahlen. Hier zahle ich nichts, nichts,
gar nichts. Kein Menſch bezahlt Steuern, der Wein iſt
frei, die Hühner frei, die Miete niedrig und dazu der
Sonnenſchein. . . . Die Revolutionäre ſind jene, die
reden wollen und nicht arbeiten.
Die Errötungsfurcht. Seltſam und wunderſam
iſt das Erröten. Trotz eifriger Forſchung iſt ſein Zweck
ebenſo rätſelhaft geblieben wie die Urſachen ſeines Auf=
tretens
. So viel aber ſteht feſt, daß das Erröten ein
Ausdruck der Gemütsbewegung iſt, dem wir nur beim
Menſchen begegnen; hin und wieder mag ein Tier in
Zorn und Wut die Farbe der Haut wechſeln und auch
rot werden; keins aber vermag wirklich zu erröten. Kein
Wunder, denn es handelt ſich hier um eine Erſcheinung,
die mit geiſtigen Regungen auf das innigſte verbunden
iſt. M. Hagenau behandelt in der Gartenlaube‟
die Errötungsfurcht in einem ſehr intereſſanten Aufſatz,
der ſpeziell für Eltern und Erzieher beachtenswert iſt.
Er führt zwei beachtenswerte, von Profeſſor Pelman in
ſeinen Pſychiſchen Grenzzuſtänden berichtete Fälle an,
die zeigen, in welch krankhafter Weiſe ſich die Errötungs=
furcht
bei manchen Menſchen einniſten kann. Bald
nacheinander ſchreibt er, kamen ein Herr und eine
Dame zu mir. Die Dame war jung und unverheiratet.
Wurde nun in einem Kreis, in dem ſie ſich gerade be=
fand
, von einer Liebſchaft oder dergleichen geſprochen,
dann merkte ſie, wie ſie errötete. Es war ihr klar, daß
ihre Umgebung hieraus Schlüſſe ziehen müſſe, die ihre
Perſon betrafen. Hierdurch vermehrte Verwirrung, die
ſie zwang, die Geſellſchaft plötzlich zu verlaſſen, und es
ihr unmöglich machte, fernerhin mit anderen zu ver=
kehren
. Der Herr war ein Richter, und er merkte bei
Verhandlungen über beſtimmte Vergehen, wie er errötete.
Natürlich mußte das die Umgebung zu der Vermutung
bringen, daß er ähnliche Vergehen begangen habe, und
ſeine Verwirrtheit ſteigerte ſich derart, daß er kein ver=
nünftiges
Wort mehr reden konnte und gezwungen war,
die Sitzung zu verlaſſen. Das Leiden iſt ſchwerer zu
heilen als zu verhüten. Der ſorgſamen Mutter wird es
nicht entgehen können, ob ihre Tochter oder ihr Sohn
mit zunehmenden Jahren in ungewöhnlich ſtarker Weiſe
erröten. Ihre Aufgabe wird es dann ſein, ohne die
Kinder auf das Erröten ſelbſt beſonders aufmerkſam zu
machen, nach den Mängeln des Charakters zu forſchen.
Schüchternheit, Eitelkeit, zu hohe Wertſchätzung der
eigenen Perſon werden je nach Umſtänden zu bekämpfen
ſein. So wird das Leiden in den Anfängen beſeitigt
und dem Kinde manche ſchlimme Stunde im künftigen
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ſtehendes
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