Nordkoreanische Angriffsspitzen siebzig Kilometer vor Pyöngyang
Söul, 3. November. (AP.) Starke nordkoreanische und rotchinesische Einheiten sind in der Nacht zum Freitag durch die südkoreanischen Stellungen in Nordwestkorea gebrochen und stehen nach schnellem Vormarsch nur noch 70 km nördlich der ehemaligen Hauptstadt Pyöngyang.
Der überraschende Angriff der Kommunisten erfolgte aus dem Raum südöstlich von Unsan. Sie sind über den Chongchonfluß vorgestoßen und drohen mit einer Schwenkung auf die 28 km entfernte Mündung des Chongchon alle in Nordwestkorea stehenden amerikanischen, britischen und südkoreanischen Einheiten abzuschneiden.
Die bereits bis in den Raum von Charyongwan, 30 km vor der mandschurischen
Grenze, vorgerückten amerikanischen Panzereinheiten sind in der Nacht über 80 km zurückgenommen worden.
In Eilmärschen an die Front
Die zweite amerikanische Infanteriedivision und weitere Einheiten der Vereinten Nationen werden in Eilmärschen an die Einbruchsstelle der Kommunisten geworfen, um diese abzuriegeln und den weiteren Vormarsch der Nordkoreaner zu verhindern.
Obwohl ein Sprecher aus dem Hauptquartier General Mac Arthurs den Angriff der Kommunisten nur als großangelegte Verteidigungsaktion bezeichnet, wird die Lage im Hauptquartier als „sehr ernst“ angesehen.
Im Raum von Unsan sind Teile von zwei Regimentern der ersten amerikanischen Kavalleriedivision von den Kommunisten eingekesselt worden. Zur Sicherung des Küstenstreifens nördlich der Mündung des Chongchon wurden die amerikanischen und südkoreanischen Verbände aus dem Raum westlich von Unsan auf das Ufer des Kuryangflusses zurückgenommen. Das Mündungsgebiet des Chongchon wird zur Zeit von der britischen Brigade in Korea verteidigt.
Modern ausgerüstete chinesische Truppen
Nach Aussagen eines amerikanischen Abwehroffiziers sind die nordkoreanischen Truppen erheblich durch mit modernsten Waffen und Panzern ausgerüstete rotchinesische Einheiten verstärkt worden. Weitere chinesische Verbände befinden sich auf dem Marsch zur Front.
Ein Sprecher des zehnten amerikanischen Armeekorps dementierte Pressemeldungen, nach denen die amerikanischen Truppen im Industriegebiet von Hamhung-Hungnam Atomenergie-Versuchsstationen entdeckt haben sollen. Bis jetzt seien die Truppen der Vereinten Nationen noch nicht auf derartige Anlagen gestoßen.
Wieder schlagkräftig
Tokio, 3. November. (AP.) Die Nordkoreaner besitzen nach den letzten Berichten von den Fronthauptquartieren wieder 12 Divisionen und fünf Brigaden, gab das Hauptquartier Mac Arthurs am Freitag bekannt.
Die nordkoreanische Schlagkraft hat beträchtlich zugenommen. Die Zahl der in die kommunistische Gegenoffensive geworfenen Truppen beträgt ein Mehrfaches dessen, was man im Hauptquartier Mac Arthurs als noch auf der anderen Seite bestehend angesehen hatte.
Nicht bestätigt
Söul, 3. November. (AP.) Die südkoreanische Nationalversammlung hat es mit 100 zu 21 Stimmen abgelehnt, den von Präsident Syngman Rhee ernannten Ministerpräsidenten Paik Nak Choon zu bestätigen.
Achesons Plan angenommen
Zur Stärkung der Vereinten Nationen
Lake Success, 3. November. (AP.) Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat am Freitag den Plan des amerikanischen Außenministers Acheson zur Stärkung der Vereinten Nationen angenommen. Der Plan soll zur Verhinderung einer neuen Aggression, wie sie sich in Korea ereignete, dienen.
An unsere Leser
Das Erscheinen der ersten Starkenburg-Sonderbeilage des „Darmstädter Tagblatt“ gibt uns Anlaß zu einem Wort an die alten und neuen Leser unserer Zeitung. Es ist auf Seite 5 unserer heutigen Ausgabe veröffentlicht. VERLAG UND REDAKTION
Der umstrittene Lastenausgleich
Einsprüche gegen den Entwurf des Bundesfinanzministers
Bonn 3. November, (dpa) Der Vorsitzende des Zentralverbandes der Heimatvertriebenen, der Bundestagsabgeordnete Dr. Kather, gab in Bonn Einzelheiten der bevorstehenden neuen Lastenausgleichsgespräche bekannt. In Beratungen zwischen den Ressorts der zuständigen Ministerien und vor allem in den Fiaktionen der Regierungsparteien soll geklärt werden, ob die Unkeler Vorschläge in dem Regierungsentwurf zum Lastenausgleich berücksichtigt werden sollen oder nicht.
Es sollen vor allem die gegensätzlichen Punkte zwischen Regierungsentwurf und Unkeler Grundsätzen in der Frage der Vermögensabgabe, der Zinsabgabe, der Kriegsschädenrente und der Hausratsentschädigung besprochen werden. Im Gegensatz zu der gestaffelten Vermögensabgabe im Regierungsentwurf fordere der Unkeler Kreis eine generelle Belastung von 50 Prozent und eine Zinsabgabe zwischen Vier und sechseinhalb Prozent. (Im Regierungsentwurf sind es 0,75 bis ein Prozent.)
Die Vertriebenen sind auch mit den Unkeler Richtlinien nicht einverstanden, sagte Kather. Sie seien unannehmbar, könnten aber als Diskussionsgrundlage dienen In erster Linie forderten die Vertriebenen anstelle des Einheitswertes bei der Abgabewertung den Verkehrswert und außerdem eine Vermögenszuwachsabgabe sowie die sofortige Fälligkeit der gesamten Vermögensabgabe bei Fällen über 30 000 Mark. Diese Forderung gelte auch grundsätzlich für die Landwirtschaft. Nach den Schätzungen der Vertriebenen müßten ihre Forderungen zwanzig bis dreißig Prozent mehr einbringen.
Kather erwartet, daß sich die Vertriebenen-Abgeordneten der Regierungsparteien geschlossen zu dem Entwurf bekennen. Wenn jedoch „die Kirche nicht im Dorf bleibt“, sei es möglich, daß die Vertriebenen in Bonn eine eigene Fraktion bilden.
Dalai-Lama geflohen
Kalimpong, 3. November, (dpa) Der Dalai-Lama, der 16jährige geistliche Herrscher Tibets, ist mit unbekanntem Ziel aus seiner Hauptstadt Lhasa geflohen. Wie zuverlässig bekannt wurde, hat er sein Kabinett und den Regenten Takta Rimpotsche mitgenommen.
Kirk bei Gromyko
Moskau, 3. November, (dpa) Der amerikanische Botschafter in Moskau, Admiral Kirk, suchte am Freitag den stellvertretenden sowjetischen Außenminister Gromyko auf.
Zehn deutsche Divisionen
Neuer Verteidigungsvorschlag der Vereinigten Staaten
London, 3. Nov. (AP.) Letzte Meldung: Die Amerikaner haben einen Vorschlag eingebracht, wonach deutsche Truppen in Stärke von 10 Divisionen der Europa-Armee angeschlossen werden sollen, berichten diplomatische Vertreter am Freitag in London. Der amerikanische Vorschlag über eine vermischte Europa-Armee soll vorsehen:
Die Gesamtstärke der deutschen Truppen soll zehn Divisionen gleichkommen. Die deutschen Einheiten sollen hauptsächlich Kampftruppen darstellen.
Auf je sechs bis sieben europäische Divisionen sollen deutsche Truppen in Stärke von einer Division entfallen. Die deutschen Einheiten sollen sich aus Infanterie-, Panzer- und Artillerieverbänden zusammensetzen.
Bau oder Benutzung von Bombern oder Kriegsschiffen soll den Deutschen untersagt bleiben. „Leichte Flugzeuge“ können benutzt werden.
Die Konstruktion von Atomwaffen und die Atomforschung bleiben ebenfalls untersagt.
Die deutsche Industrie soll leichte Waffen, wie Maschinengewehre und Handfeuerwaffen, herstellen dürfen. Der Bau schwerer Waffen, wie Panzer, bleibt verboten, ebenso die Konstruktion von Sonderausrüstungen, wie Radargeräten.
Es soll den deutschen Truppen verboten bleiben, generalstabähnliche Einrichtungen zu organisieren. Ein „Koordinierungsstab“ zur Verwaltung der aufgeteilten deutschen Einheiten kann gestattet werden.
Es ist vorgesehen, bis zum Jahre 1953 eine atlantische Streitmacht von rund 70 Divisionen zur Verteidigung einer Linie aufzustellen und einzusetzen, die sich vom Eismeer bis in die Aegäis hinzieht.
Auf Porto Rico, einer unter amerikanischer Oberhoheit stehenden Insel der Antillen, ist es zu einem blutigen Aufstand der Nationalisten und Kommunisten gegen das ameri - kanische Regime gekommen, der von der Nationalgarde niedergeschlagen wurde. Unser Bild zeigt Polizeibeamte bei der Ueberwältigung eines Aufständischen in der Nähe des Regierungsgebäudes
Noch geraume Zeit
Washington, 3. November (dpa) Präsident Truman erklärte zu dem Beschluß des Zweiten Politischen Ausschusses der Vollversammlung der Vereinten Nationen, den diplomatischen Boykott Spaniens aufzuheben, es werde noch geraume Zeit dauern, bis die Vereinigten Staaten wieder einen Botschafter nach Madrid entsenden. *
Propagandafeldzug
Kommunisten wühlen in Westdeutschland
Düsseldorf, 3. November (AP.) In den letzten Tagen sei eine Hochflut kommunistischer Propagandaschriften nach Westdeutschland zu beobachten, teilt der Bundesverband des nichtkommunistischen Bundes der Naziverfolgten mit.
Vor allem im Ruhrgebiet gingen bei Personen aller politischen und konfessionellen Richtungen täglich auf dem Postwege unaufgefordert Broschüren und Zeitungen sowie gedruckte Reden Walter Ulbrichts und Fritz Selbmanns ein. Die Zuschritten trügen als gleichlautende Absender Privatpersonen in der Ostzone.
Rückschläge
*** Fast über Nacht hat sich die Lage in Korea wesentlich zu Ungunsten der Vereinten Nationen verändert. Gleichzeitig haben die Bolschewisten in Indochina einen neuen bedeutsamen Erfolg zu verzeichnen. In beiden Fällen geht es im Grunde genommen um den Besitz lebenswichtiger Reisanbaugebiete, in denen die Ernte bevorsteht. In beiden Fällen sind die Erfolge der Bolschewisten durch das überraschende Eingreifen rotchinesischer Truppen erzielt worden, mit dem -— zumindest in Korea — nicht mehr gerechnet worden war.
Es ist möglich, daß die Vereinten Nationen und Südkoreaner nach ihrem Siegszug über den 38. Breitengrad hinweg die Widerstandskraft des geschlagenen Gegners unterschätzt haben. Dann sind sie der gleichen Täuschung zum Opfer gefallen wie die deutschen Armeen, die fast widerstandslos tief in russisches Gebiet eingedrungen waren und sich plötzlich einem verbissen -kämpfenden Gegner gegenübersahen. Die rotchinesischen Truppen, die den Nordkoreanern zu Hilfe geeilt sind, sind mit schwersten Panzern und modernen Raketen-Geschossen ausgerüstet. Es will schon etwas heißen, wenn die Truppen der Vereinten Nationen gezwungen worden sind, sich achtzig Kilometer weit zurückzuziehen.
Ebenso bedenklich ist die Lage in Indochina, wo von den französischen Streitkräften die Festung Laokay aufgegeben worden ist, womit die bolschewistischen Viet Minh-Truppen die Kontrolle über die vier Hauptverbindungs-Straßen mit Rotchina erhalten. Sie bedrohen außerdem das Reisanbaugebietx von Hanoi. Im Hauptquartier Mac Arthurs wird die Lage in Korea allerdings als „nicht kritisch“ bezeichnet. Die Züricher Zeitung „Die Tat“ vermutet jedoch, die amerikanischen Befehlsstellen gäben sich Mühe, den Ernst der Lage zu bagatellisieren, weil sie sich immer noch einredeten, China werde neutral bleiben. So, wie es jetzt aussieht, ist diese Annahme recht optimistisch. Die kommunistische chinesische Nachrichten-Agentur hat sogar angekündigt, das chinesische Volk sei entschlossen, nicht nur China, sondern auch Formosa zu befreien. Sollte sich damit auf Anordnung des Kominform ein Eingreifen des chinesischen Satelliten in allen Randgebieten des gewaltigen Reiches ankündigen, so stehen die Vereinten Nationen in Ostasien vor einer schweren Machtprobe, die nicht ohne Rückwirkungen auf die Verteidigungspläne für Europa bleiben kann.
Vor der außenpolitischen Aussprache
Von Erich DombrowskiAm kommenden Mittwoch wird der Bundestag die mehrfach hinausgeschobene große Aussprache über die Außenpolitik vornehmen. Es wird eine heftige Auseinandersetzung geben. Der Kanzler wird einen nicht leichten Stand haben. Die Opposition der Linken wird ihn berennen. Dabei wird man dann feststellen können, wie die Verhältnisse in den anderen Parteien, wie das Für und Wider zahlenmäßig gelagert ist. Aber herauskommen wird bei alledem nichts. Man wird hüben und drüben seinen Standpunkt vertreten. Man wird Bekenntnisse aolegen. Man wird wohl auch Forderungen gegenüber den Westmächten vorbringen. Aber im Grunde genommen wird man doch zunächst einmal zum Fenster hinaus sprechen. Denn die Frage, um die es geht, ist noch nicht geklärt: die Beteiligung Deutschlands an der künftigen europäischen Verteidigungsarmee. Jedenfalls ist die Besprechung der drei Kriegsminister Amerikas, Englands und Frankreichs, die drei Tage in Washington währte, nach dieser Richtung hin ergebnislos verlaufen. Man hat sich auf verschiedene organisatorische Dinge geeinigt. Alles aber, worüber noch Meinungsverschiedenheiten bestehen, hat man an die Ausschüsse der atlantischen Staatschefs und der stellvertretenden Außenminister zur weiteren Klärung überwiesen. Dazu gehört auch, allem anderen voran, der deutsche Wehrbeitrag. Solange man also nicht weiß, ob und welche Kompromißformel gefunden wird, um die auseinandergehenden Ansichten Amerikas und Frankreichs auf einen Nenner zu bringen, hat es für uns Deutsche praktisch gar keinen Zweck, sich über ungelegte Eier den Kopf zu zerbrechen. Wir werden eben noch abwarten müssen, bis man, nach erfolgreicher Arbeit, an uns herantritt. Denn darüber besteht kein Zweifel, daß Deutschland selbst seine Zustimmung zu der militärischen Leistung zu geben hat, die man von ihm verlangen will.
Wie soll, nach den amerikanischen Vorschlägen, die Atlantik-Streitmacht aussehen? In dem Verteidigungsplan Westeuropas ist eine Einheitsarmee zu Lande von fünfzig Divisionen vorgesehen. Davon werden, auf runde Ziffern gebracht, die Amerikaner zehn, die Franzosen zwanzig, die Engländer fünf und die drei niederländischen Staaten ebenfalls fünf stellen. Bleiben zehn übrig. Sie soll Westdeutschland aufbringen. Darum geht das Hin und Her. Das sind, in Einzelheiten aufgelöst, zweihunderttausend deutsche Mann, die in zehn gepanzerte Divisionen aufzuteilert wären. Das ist doppelt soviel wie das ehemalige Berufsheer unter General von Seeckt während der Weimarer Zeit, aber halb soviel wie der Frankreich aufgegebene Anteil. Nicht einbezogen in diese Truppenkörper sind die französischen und englischen Kontingente, die außer Landes stationiert sind und in den überseeischen Gebieten Dienst versehen. Die Franzosen sind, aus den bekannten Sicherungsgründen, gegen die Bildung geschlossener deutscher Verbände. Nur Truppenkörper in Bataillonsstärke, jeweils zwölfhundert Mann, dürften in die gemeinsame europäische Armee eingeordnet werden. Nachträgliche Pariser Erläuterungen sprechen allerdings davon, daß auch die anderen soldatischen Einheiten so aufgegliedert und verteilt werden müßten. Völlige Klarheit besteht darüber noch nicht. Deutschland dürfe jedoch kein eigenes Wehrministerium und keinen Generalstab haben. Das würde also seine Mitbeteiligung an der Leitung der europäischen Armee ausschließen. Der französische Verteidigungsminister Moch hat in der Washingtoner Be-
sprechung ausdrücklich erklärt, daß an diesen französischen Grundsätzen nicht gerüttelt werden dürfe, und daß man höchstens Einzelfragen erörtern könne. Lehne man diese Voraussetzungen ab, so würde Frankreich sich genötigt sehen, sein grundsätzliches Einverständnis mit einer deutschen Aufrüstung zurückzuziehen. Angesichts dieser bestimmten Haltung sieht man im Augenblick noch nicht, wie eine Verständigung möglich ist. Denn ohne eine völlige Gleichberechtigung Deutschlands im Rahmen dieser europäischen Armee ist seine Beteiligung daran unmöglich. An den Katzentisch möchten wir uns nicht verweisen lassen.
Während Amerika und Großbritannien die Sicherung Europas im Falle eines Konfliktes rein militärisch sehen und daher darauf drängen, daß die Aufrüstung ohne jede Verzögerung vonstatten geht, möchte Frankreich dieses akute Problem politisch einordnen in den Gedanken der Europa-Union. Infolgedessen schlägt es ein besonderes europäisches Verteidigungs-Ministerium und ein Parlament als demokratische Kontroll- und Ausführungsorgane vor. So ist auch sein Wunsch zu verstehen, daß erst der Schuman-Plan verwirklicht werden solle, das deutschfranzösische Zusammengehen der Kohlen- und Stahlindustrie, das sozusagen die erste wirtschaftliche Grundlage für die europäische Gemeinschaft zu bilden hat. Sieht man davon ab, daß das unter den gegehwärtigen Umständen wie ein Druck auf die deutschen Unterhändler erscheint, ist/diese große politische Konzeption der Franzosen bestechend. Man käme in der Tat einen erheblichen Schritt weiter auf dem Wege zu einer praktischen Angleichung der europäischen Staaten. Aber hart im Raume stoßen sich die Sachen. Die Amerikaner stemmen sich gegen eine Verzögerung ihres militärischen Marshall-Planes, die dadurch eintreten würde, und die Engländer, die nur mit dem einen Fuße in Europa und mit dem anderen in ihrer überseeischen Völkerfamilie stehen, legen nach wie vor den größten Wert darauf, einen gewissen Abstand zum europäischen Kontinent zu wahren. Das drückte sich deutlich an ihrem nur lauwarmen Interesse am Europa-Rat, an ihrer Zurückhaltung gegenüber dem Schuman-Plan und jetzt an ihrer Einstellung zu dem Anträge aus. der dem am Montag in Rom zusammentretenden europäischen Minister-Ausschuß vorliegt. Empfohlen war von der Beratenden Versammlung des Europa-Rates, den fünfzehnten Artikel des Statuts dahin abzuändern, daß künftig Beschlüsse des Minister-Ausschusses für die Mitgliedstaaten des Europa-Rates bindend sein sollen. England ist, nach einer offiziösen Verlautbarung des Außenministeriums, nicht absolut dagegen, möchte aber eine Revision des Statutes, wenn sie überhaupt nötig sein sollte, nicht auf einen Artikel beschränken und erst sorgfältige Studien durch Sachverständige vornehmen lassen. Mit anderen Worten; es schiebt, mit einer formalen Geste, eine ihm drohende Verpflichtung gegenüber Europa beiseite. So wird es denn auch für den französischen Vorschlag einer großen militärischen und politischen Zusammenfassung Europas im Anschluß an den Verteidigungsplan Marshalls kaum Begeisterung aufbringen.
Bleibt noch etwas üb.er die innere Auseinandersetzung in der Deutschen Bundeslepublik zu sagen übrig. Die Russen haben alles Interesse daran, Zwietracht zu säen und so die werdende Verteidigung Europas möglichst zu hintertreiben. Der erste Schuß waren die Prager Beschlüsse der Ostblock-Staaten, die den Deutschen das Blaue vom Himmel versprachen. Insbesondere die Wiedervereinigung mit der Ostzone. Unnötig, ein Wort darüber zu verlieren. Es war ein Bluff. Der zweite Schuß, der jetzt ausgelöst werden soll, wird, nach einer programmatischen Aeußerung Ulbrichts, eine groß auf gezogene Propaganda in Westdeutschland sein. Ihr Ziel soll die „Aktionseinheit“ der Kommunisten mit den Sozialdemokraten sein. „Friedens“- und „ Aktions-Ausschüsse“ sollen überall gebildet werden, um, auf die Militärmüdigkeit vieler Enttäuschter spekulierend, Mißvergnügen und Mißtrauen gegenüber der Bonner Regierungsmehrheit zu säen. Offenbar glaubt Ulbricht, daß jetzt, bei der starren ablehnenden Haltung Schumachers gegenüber der Aufrüstung, der richtige Augenblick gekommen sei, die Sozialdemokratie in sein Schlepptau zu bekommen. Aber er übersieht dabei, daß Schumacher Deutschland keineswegs verteidigungslos zum Spielball russischer Machtgier und Eroberungssucht machen will. Was er nur verlangt, ist, bei einer Eingliederung deutscher Verbände in die europäische Armee, die volle Gleichberechtigung, auch über das rein Militärische hinaus. Das heißt, um nur zwei Momente herauszugreifen, die Abschaffung des Besatzungs- und des Ruhrstatuts. An den alliierten Westmächten wird es nunmehr liegen, sich nicht bloß mit den französischen Forderungen auseinanderzusetzen, sondern auch mit den ernsten deutschen Voraussetzungen, die sich aus der gesamten innen- und außenpolitischen Lage der westdeutschen Republik ergeben. Möglich, daß die bevorstehende Aussprache im Bundestag dem Auslande in vielleicht klareren Umrissen als bisher zeigen wird, wann und unter welchen Umständen Deutschland in der Lage ist, sich in die militärische Abwehrfront Europas einzugliedern.
Gerüchte um Landsberg
„Vorerst“ keine Hinrichtungen
München, 3. November, (dpa) Landeskommissar Prof. Shuster dementierte Gerüchte, nach denen in nächster Zeit in Landsberg wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilte Deutsche hingerichtet werden sollen. Bevor man irgend etwas unternehme, werde die Oeffentlichkeit in einer Erklärung des amerikanischen Oberkommissars offiziell uriterrichtet. Vor dieser Erklärung seien keine Hinrichtungen zu erwarten.
Auch Tito gratulierte
London, 3. November. (AP.) Marschall Tito hat dem amerikanischen Präsidenten in Zusammenhang mit dem mißglückten Mordanschlag ein Glückwunsch-Telegramm übermittelt.
Der Bundeskanzler trifft McCloy
Der deutsche Wehrbeitrag wird besprochen
Drahtbericht unseres Korrespondenten
Da. Bonn, 3. November. Das Bundespresseamt bestritt am Freitag auf das bestimmteste, daß die Bundesregierung es für notwendig halte, an Beratungen über einen deutschen militärischen Beitrag teilzunehmen. Es treffe auc^nieht zu, daß dieser Wunsch über die alliierten Oberkommissare den westlichen Regierungen übermittelt werden solle.
Auch die angeblichen Pläne für eine Reise Bundeskanzlers Dr. Adenauer nach Paris wurden am Freitag von einem Regierungssprecher dementiert. Dagegen wurde die Nachricht bestätigt, daß der Bundeskanzler am kommenden Montag mit dem amerikanischen Oberkommissar McCloy zusammentrifft. Während von deutscher Seite über das Thema dieser Besprechung nichts zu erfahren war, wurde in alliierten Kreisen erklärt, das zunächst negative Ergebnis, das die Verteidigungsminister der Atlantikstaaten mit ihrer Washingtoner Konferenz ge-
habt haben, werde bei dieser Gelegenheit voraussichtlich erörtert. Es wird dabei von dem amerikanischen Oberkommissar abhängen, ob der Vorschlag Außenminister Achesons, Deutschland an den weiteren Verteidigungsgesprächen zu beteiligen, bereits besprochen wird.
Zu einer ersten deutsch-französischen Fühlungnahme wegen des Pleven-Planes dürfte es bei der am Freitag in Rom begonnenen Sitzung des Ministerausschusses des Europarates kommen, an der nicht nur deutsche Beobachter, sondern als Vertreter der beratenden Versammlung auch ihr Vizepräsident, Dr. von Brentano, teilnimmt. Dieser hat sich stets in besonderer Weise für eine deutsch-französische Verständigung eingesetzt und dürfte auch in der Frage der europäischen Verteidigung die Auffassung vertreten, daß es hier zunächst zu einer Einigung zwischen Deutschland und Frankreich kommen müsse.
Beseitigung des Privateigentums
Jede „bewegliche Sache“ kann künftig im Berliner Ostsektor enteignet werden
Berlin, 3. November. (Eigenbericht.) Das Blatt der Christlich-Demokratischen Union im Berliner Westsektor ..Der Tag“ berichtet ausführlich über Maßnahmen des Berliner. Ostsektors zur Aufhebung des Privateigentums.
In dem Bericht heißt es wörtlich: Im Sowjetsektor von Berlin ist der Begriff des Privateigentums seit dem 28. Oktober 1950 aufgehoben. Betriebe, Häuser. Grundstücke, Haushaltsgegenstände, überhaupt jede bewegliche Sache kann künftig einem anderen durch Verwaltungsbescheid als Eigentum übertragen werden. Die „Rechtsgrundlage“ hat sich der Stadtsowjet in einer kürzlich erlassenen Verordnung über Anordnungen für den Wirtschaftsaufbau geschaffen.
Allgemein ist man der Ansicht, daß sich die sowjetdeutsche Stadtverwaltung auf diese Weise eine Basis für die zu erwartenden großen Enteignungen schuf. Die Möglichkeiten der Vermögens- und Besitzübertragung gehen weit über das Reichsleistungsgesetz aus der Hitlerzeit hinaus.
In der Verordnung heißt es, daß jeder Eigentümer oder Besitzer einer Sache aufgefordert werden kann, alle in seinem Besitz befindlichen oder seiner Verfügung unterstehenden Gegenstände einem anderen zu überlassen. Auch kann die Verlegung eines Betriebes an einen anderen Ort nach dieser Verordnung gefordert werden. Das gleiche gilt für die im Dienst des Betroffenen stehenden Arbeiter und dessen Angestellten. Die Behörde kann Einsicht in alle Geschäftsvorgänge und Papiere fordern. Die Weiterführung und Erweiterung bestehender Wirtschaftsbetriebe sowie die Neuerrichtung können verboten werden. Rechtsgeschäftliche Willenserklärungen im Sinne des bürgerlichen Rechts werden durch diese Anordnung ersetzt.
Gewinnverluste aus solcher Vermögensübertragung — auch wenn sie nur zeitweilig erfolgen — werden nicht ersetzt. In bestimmten Fällen ist die Gewährung eines „billigen Ausgleichs“ vorgesehen. Für alle Zweige der Wirtschaft kann man mit Hilfe dieser Anordnung Herstellungsverbote. Beförderungs- und Handelseinschränkungen erlassen. Um unverzügliche Anforderungen schnellstens zu verwirklichen, kann die Behörde schriftliche Beschlagnahmeverfügungen für jede Sache ausstellen. Das Reichsleistungsgesetz von 1939 — das bis zum 28. 10. dieses Jahres im Sowjetsektor noch Gültigkeit hatte — wurde aufgehoben.
Obwohl von sowjetischer Seite immer wieder erklärt wird, daß Ost-Berlin einen Sonderstatus im Sinne der Viermächtevereinbarung hat, wurde mit dieser Verordnung eine vollkommene Angleichung an die Sowjetzone herbeigeführt. Interessant ist. daß die Unterschrift unter die Kautschukverordnung vier Tage nach den sogenannten „Volkswahlen“ vollzogen wurde.
Und Kartoffel-Bewirtschaftung
Berlin, 3. November. (BBC) Im sowjetischen Sektor von Berlin wurde der freie Verkauf von Kartoffeln eingestellt. Kartoffeln sind künftig nur gegen Bezugsscheine erhältlich.
Die Sowjetzonenregierung macht darauf aufmerksam, daß die Vorräte an Getreide, Kartoffeln und Milch stark gesunken seien. Sie fordert die Landwirte auf, die Lieferungen zu beschleunigen, die unter dem Ablieferungssoll liegen.
Höhere Postgehälter
Frankfurt a, M„ 3. November, (dpa) Die Postangestellten im Bundesgebiet erhalten für die Zeit vom 1. Oktober dieses bis zum 31. Januar nächsten Jahres eine Teuerungszulage von monatlich 20 Mark, wenn ihr Grundgehalt ohne Wohnungsgeld 350 Mark nicht überschreitet.
Die schwierige Polizeifrage
Von einer Einigung wieder weit entfernt
Drahtbericht unseres Korrespondenten
Da. Bonn, 3. November. Nach dem Land Niedersachsen hat auch Nordrhein-Westfalen- der Vereinbarung zwischen Bund und Ländern über die Bereitschaftspolizei die Zustimmung versagt. Damit ist der Erfolg der auf der letzten Ministerpräsidentenkonferenz erzielten Einigung wieder illusorisch geworden. Das Nein des größten Bundeslandes hat eine neue Situation geschaffen.
Wie man in Bonn erfährt, begründet Ministerpräsident Arnold die ablehnende Haltung seines Landes mit der Stellungnahme der Zentrumspartei, die nicht in der Düsseldorfer Koalition bleiben wolle, wenn die Regierung von Nordrhein-Westfalen heimlich militärischen Vorbereitungen ihre Zustimmung geben würde.
Aus alliierten Kreisen in Bonn erfahren wir, daß der Sicherheitsausschuß der Oberkommission die sofortige Aufstellung der Bereitschaftspolizei für geboten hält. Andererseits ist in den letzten Tagen das Problem der inneren und der äußeren Sicherheit, das heißt die Frage von Polizei und Militär, wieder dadurch verwirrt worden, daß der Beauftragte des Bundeskanzlers, der christlich-demokratische Abgeordnete Blank, sowohl für die innere, als auch für die äußere Sicherheit zuständig betrachtet worden ist. Von Regierungsseite wird uns versichert, daß
dies nicht richtig sei und daß der Abgeordnete Blank ausschließlich für die Frage der äußeren Sicherheit zuständig sei. Die Bundesregierung werde Polizei und Militär streng auseinanderhalten.
Devisen- „Nachschau“
Auslandspost wird überprüft
Frankfurt, 3. November, (dpa) Das Bundespostministerium stellt fest, daß alle Postsendungen, die im Bundesgebiet eingeliefert werden und ins Ausland bestimmt sind, ebenso wie die aus dem Ausland nach dem Bundesgebiet der Devisen-Nachschau unterliegen.
Angriffe der Opposition erwartet
Die Haltung der Sozialdemokratie bei der außenpolitischen Debatte
Bonn, 3. November. (AP). Die Sozialdemokratische Partei wird im Rahmen der außenpolitischen Debatte am Mittwoch und der Haushaltsdebatte am Donnerstag und Freitag einen ihrer bisher schärfsten Angriffe gegen die Regierung vorbringen;
Wie aus der Sozialdemokratischen Fraktion verlautet, soll in erster Linie das Verhalten der Regierung zu einem eventuellen deutschen militärischen Beitrag zur europäischen Verteidigung kritisiert werden. Die Sozialdemokratie werde die Auffassung vertreten, daß eine derartige Maßnahme im Grundgesetz weder verfassungsmäßig noch verwaltungsmäßig vorgesehen sei.
Kreise, die dem Bundeskanzler nahestehen, erwarten, daß Dr. Adenauer selbst die Angriffe der Opposition beantworten wird. Es sei damit zu rechnen, daß der Kanzler „klipp und klar“ sagen werde, die Initiative liege bei dem militärischen Problem ausschließlich bei den Alliierten, nicht aber bei der Bundesregierung. Adenauer werde keinen Zweifel über seinen Standpunkt lassen, daß — wenn überhaupt ein deutscher militärischer Beitrag von den Alliierten gefordert werde — keine nationale deutsche Armee wieder geschaffen werde solle, sondern nur ein deutsches Kontingent für eine europäische Armee
Die sozialdemokratische Fraktion werde voraussichtlich weiter auf die Tatsache hingewiesen werden, daß der Bundestag verfassungsmäßig mit entsprechender Mehrheit die Befugnis habe, die notwendigen Verfassungsänderungen, die in seine Legislaturperiode fallen, vorzunehmen. Adenauer werde vermutlich die Unterstützung der Koalitionsparteien auf der Basis des Artikels 24 des Grundgesetzes finden. In diesem Artikel heißt es:
„Der Bund kann sich zur Wahrung des Friedens einem System gegenseitiger kollektiver Sicherheit einordnen.“ Sollte sich die Sozialdemokratie durch diese Argumentation nicht überzeugen lassen, hat sie die Möglichkeit, den Bundesverfassungsgerichtshof anzurufen.
Im Rahmen- der 'Haushaltsdebatte beabsichtigt die Sozialdemokratie einen „Generalangriff“ auf die Wirtschaftspolitik der Regierung. Sie werde sich auch kritisch mit deren Personalpolitik, dem Aufbau der obersten Bundesbehörden und der Ministerien im einzelnen beschäftigen.
Hölle woist Dein Sieg ?
ROMAN VON RACHEL FIELDErstabdruck. Alle Rechte beim Wolfgang-Krüger-Verlag, Hamburg.
55)
„Nein“, sagte er, „dieses Mal nicht, obwohl ich glaubte, es wäre das Ende. Vielleicht wäre es das beste gewesen — möge Gott mir diese Worte verzeihen!“ „Sagen Sie mir, was geschah? Was wollte sie tun? Sie blieben so lange fort, daß ich vor Unruhe halb verrückt wurde.“
„Ich konnte sie am Strand nicht entdecken; ich lief am Wasser entlang, die Menschen sahen sich nach mir um und zeigten auf mich; sie müssen mich für wahnsinnig gehalten haben. Dann fiel mir ein, daß sie auf die Brücke gegangen sein könnte und sich vielleicht schon von dort aus ins Wasser gestürzt hätte. Ich hielt überall Ausschau nach dem Violett ihres Kleides, und ich fürchtete mich, die Leute zu fragen, ob sie sie irgendwo gesehen hätten. Erst als ich auf der Promenade langsam zurückging, sah ich meine Frau plötzlich in einem der kleinen Läden. Da stand sie, über einen Kasten mit Reiseandenken gebeugt’ sprach mit dem Ladeninhaber und suchte sich ein paar Sachen aus.“
„Nicht möglich, Monsieur! Wie — wie war sie denn?“
„Ruhiger als ich jetzt bin. Ich ging hinein und blieb neben ihr stehen, während sie ihre Einkäufe machte. Dann rief ich einen Wagen; wir stiegen ein und fuhren hierher, und ich brachte sie in ihr Zimmer.“
„Sagte sie noch etwas?“
„Nein, nicht viel. Sie benahm sich genau so, als ob die Szene, deren Zeuge Sie waren, niemals stattgefunden hätte. Ich fühlte mich selbst zu erledigt, um darüber sprechen zu können. Ich hatte nur den einen Gedanken, sie möglichst rasch und sicher nach Hause ^u bringen.“
„Können Sie sich das erklären?“
„Ich weiß nichts, nur, daß wir auf jeden Fall verhindern müssen, uns alledem noch einmal auszusetzen. Sie hat sich noch niemals so vor den Kindern gehen lassen. Es darf einfach nicht wieder geschehen.“
„Sie haben heute schon genug gehört, Monsieur. Ob sie nun verstanden haben, was sie meinte und warum sie mich angriff — das haben sie ganz gewiß erraten, daß sie sich etwas antun wollte. Sie wissen, daß sie mich haßt. Raynald ist vor Aufregung erkrankt. Was soll ich tun? Bleiben kann ich doch nicht — das steht wohl fest.“
„Sie werden mit Louise und den beiden Jüngsten zu Isabella nach Turin fahren, und zwar sofort. Morgen mittag geht ein Zug nach Paris, den Sie nehmen können. Isabella hat ihre Geschwister und Sie schon lange eingeladen, und diese Veränderung wird Raynald gut tun. Ja, so wird’s sicher am besten sein.“
Er war ihr so nahe auf dem schmalen, dunklen Balkon, daß sie ihn erleichtert aufseufzen hören konnte, als er diese Entscheidung getroffen hatte. Auch ohne ihn zu sehen, spürte sie zutiefst, wie verstört und ratlos er war und wie sehr er ihrer bedurfte. Sie flüsterten wie zwei erschreckte Kinder, die gerade einer Gefahr entronnen sind und sich fest an der Hand halten, weil sie nicht vzissen, ob ihnen nicht noch größere Gefahren drohen.
„Und nach Turin — was dann?“
Sie hielt mit beiden Händen das eiserne Geländer umklammert, um nicht der Versuchung zu erliegen, nach seiner Hand zu tasten.
„Das weiß nur Gott“, murmelte er. „Darüber wollen wir uns jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Tun Sie, als ob nichts geschehen wäre. Versuchen Sie, die Kinder abzulenken, wenn sie Sie fragen; Sie werden sehen, in vierzehn Tagen wird die Herzogin Sie zweifellos bitten, zurückzukommen.“
„Aber ich muß doch auch an mich selbst denken, Monsieur. Sie hörten, was sie heute nachmittag sagte. Sie war — wie von Sinnen. Das macht mir solche Angst. Ich fürchte, sie ist nicht ganz zurechnungsfähig, was meine Person anbelangt. Sie wissen, daß ich schon früher gehen wollte, und jetzt “
Er legte ihr die Hand auf die Schulter, und sie empfand den Druck seiner Finger fast schmerzhaft durch das dünne Kleid.
„Und jetzt gehen Sie und packen Ihre Sachen und schlafen sich gründlich aus. Der Zug geht morgen Punkt zwölf.“
„Aber es hat doch keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken wie ein dummer Strauß und den Tatsachen auszuweichen “
„Ich werde Sie zum Bahnhof fahren. Sie werden in Paris übernachten und übermorgen die Reise nach dem Süden fortsetzen.“
„Ich bitte Sie, Monsieur, hören Sie mich an. Ich habe hier nur Unfrieden gestiftet, obwohl ich immer nur das Beste für Sie und die Kinder wollte, und “
„Und — ich wäre Ihnen sehr dankbar, Mademoiselle Deluzy, wenn Sie darauf sehen wollten, daß Berthe und Louise ihrer Mutter regelmäßig aus Turin schreiben. Vielleicht schreiben Sie meiner Frau auch selbst einen kurzen Bericht über Ihren persönlichen Eindruck von Isabella. Ich weiß, daß sie sich sehr darüber freuen würde; aber selbstverständlich steht das ganz bei Ihnen. Sie sind ja vernünftig genug, um das selbst zu entscheiden.“
„Außer in dieser Hinsicht — —“, sie machte einen Schritt von ihm weg auf die Tür zu, von der aus sie die Mädchen im Lampenlicht am Tisch sitzen sah, „sonst würde ich mich nicht gegen mein besseres Wissen überreden lassen “
„Sie werden also tun, worum ich Sie bitte? Ausgezeichnet! Ich werde den Wagen für morgen um elf Uhr bestellen." Sie zögerte auf der Schwelle, ob sie ins Zimmer gehen solle oder nicht, und wandte sich dann impulsiv in die Dunkelheit zurück. Sie spürte die Kraft und die Warme, die von ihm ausging, und einen Augenblick lang lehnte sie sich an ihn.
„Sie verlangen viel.“ Sie wandte sich wieder von ihm ab. „Muß ich Ihnen sagen, daß die Szene von heute nachmittag sich fraglos wiederholen wird?"
(Fortsetzung folgt)
Stimmen der Anderen
Grausamlkeiten in Korea
Die liberale „News Chronicle“ fordert einen Beschluß des Sicherheitsrates, um — zumindest auf südkoreanischer Seite — künftig Grausamkeiten zu verhindern. Das Blatt schreibt:
„Die Koreaner scheinen einen Gesdimack an abstoßender Brutalität zu entwickeln. Das geschieht auf beiden Seiten. Von den Nordkoreanern hatte man es erwartet, obgleich sie deswegen nicht weniger scharf verurteilt werden dürfen. Durch die ganze asiatische Geschichte läuft ein Faden von Grausamkeit, und die Kommunisten haben sich nirgends höflich gegenüber den Gegnern verhalten, die in ihre Hände fielen. Alle Grausamkeiten sind schlecht, gleichgültig wer sie begeht. Gegenwärtig können wir die Grausamkeiten der Nordkoreaner nur verurteilen. Ihre Urheber können wir erst dann bestrafen, wenn die Umstände es zulassen. Wir müssen aber jetzt alles tun, um weitere Grausamkeiten auf südkoreanischer Seite zu verhindern, selbst wenn es sich um Vergeltungsmaßnahmen handeln sollte. Diese Grausamkeiten sind gleicherweise schlecht und bieten den Kommunisten gute Propagandamöglichkeiten. Der Sache der Vereinten Nationen fügen sie moralisch und politisch großen Schaden zu.“
„News Chronicle“ schreibt weiter:
„Die Polizisten und Agenten Syngman Rhees behandeln sowohl Gegner als auch unschuldige Bürger abscheulich. Ohne höhere Unterstützung können einfache Offiziere und die Vertreter der Vereinten Nationen solche Brujalitätsakte nicht verhindern- Sie müssen darum von höchster Stelle Unterstützung erhalten. Der Sicherheitsrat sollte General Mac Arthur anweisen, in Fällen bewiesener Mißhandlung scharfe Disziplinarstrafen zu verhängen. Solche Strafen dürfen aber nicht nur einfache Soldaten treffen. Audi gegen einige höhere südkoreanische Beamte müssen Maßnahmen getroffen werden."
Sozialdemokratischer Antrag
Bonn, 3. November. (AP.) Die sozialdemokratische Fraktion hat dem Bundestag einen Antrag zugeleitet, worin die Bundesregierung ersucht wird, „den Entwurf einer gesetzlichen Regelung der Neuordnung der Eigentumsverhältnisse in der Kohle-, Eisen- und Stahlwirtschaft einschließlich des Bergbaus vorzulegen“.
Aus der sozialdemokratischen Fraktion verlautet hierzu, die Bundesregierung werde in dem sozialdemokratischen Antrag ersucht, sich bis zur Verabschiedung eines entsprechenden Gesetzes aller Handlungen zu enthalten, die einer künftigen Eigentums- und Besitzregelung auf diesem Gebiete vorgreifen.
Neue Kasernen
München, 3. November, (dpa) Fünf Kasernen in Bayern werden gegenwärtig zur Aufnahme neuer amerikanischer Verteidigungstruppen vorbereitet. Es handelt sich um Kasernen in Würzburg, Augsburg, München, Leipheim und Mittenwald.
Laokay von Franzosen aufgegeben
Weitere Erfolge der Aufständischen in Indochina
Saigon, 3. November. (AP.) Der Eckpfeiler der französischen Verteidigungsfront im Nordwesten Indochinas, die Festung Laokay, ist am Freitag von den französischen Streitkräften aufgegeben worden. Die meist aus afrikanischen und indochinesischen Kolonialtruppen bestehende Garnison hat sich nach Westen in das Gebirge abgesetzt.
Gleichzeitig haben die Kommunisten in der Nacht zum Freitag die französischen Verteidigungsstellen nördlich und südlich von Hanoi angegriffen. Im Norden kämpfen die französischen Truppen gegen acht bis zehn kommunistische Bataillone.
Kommunistische Angriffe auf die Ortschaft Donky, in deren Nähe der Flughafen von Hanoi liegt, konnten bisher abgewiesen werden.
Die Tätigkeit der französischen Luftstreitkräfte wurde in den letzten beiden Tagen durch starke Regenfälle und dichten Nebel schwer behindert. Dadurch kann den sich aus Laokay zurückziehenden und vor Hanoi kämpfenden Truppen keine Luftunterstützung gegeben werden.
Mit der Aufgabe von Laokay und seiner Außenbefestigung haben die kommunistischen Vietminh-Truppen die Kontrolle über vier der Haupteinfallsstraßen von Rotchina erhalten. Zur Zeit befindet sich von den wichtigen Grenzbefestigungen nur noch Moncay am Golf von Tonking in französischen Händen. Rund dreiviertel der 640 km langen Front von Moncay nach Laokay haben die Vietminh-Truppen in ihrem Besitz.
Laokay liegt ferner an der wichtigen Eisenbahnlinie, die von Konming in China über Laokay und Hanoi zur Hafenstadt Haiphong führt. Ein Teil der Strecke ist bei den Kampfhandlungen zerstört worden. Die Kommunisten sollen jedoch bereits die bis Laokay führende Strecke von China her erneuern. Außerdem können sie über das in Laokay zusammenführende Straßennetz neuen Nachschub aus dem kommunistischen China erhalten.
Verkehrsflugzeug überfällig
Genf, 3. November, (dpa) Ein Verkehrsflugzeug der indischen Luftfahrtgesellschaft Air-India, das auf dem Fluge von Bombay nach London war, ist seit Freitagvormittag mit 35 Passagieren und einer fünfköpfigen Besatzung überfällig.
Europarat tagt in Rom
Ministerrat und Beratende Versammlung verhandeln gemeinsam
®OM: 3’ November (AP.) Der gemeinsame Ausschuß des Ministerrats und der Beratenden Versammlung des Europarates ist am Freitagmorgen unter dem Vorsitz des Präsidenten der Beratenden Versammlung, Spaak, in Rom zusammengexreten, um die Tagesordnung für die Sitzungen des Ministerrates zu erörtern.
Spaak erklärte erneut, daß der Beratenden Versammlung größere Vollmachten zugestanden werden müßten. Andernfalls sei es zwecklos, weiter auf die Bildung einer Europäischen Union hinzuarbeiten. Die Minister sollen auf dieser Sitzung zugestimmt haben, den deutschen Beobachtern die Teilnahme an allen Diskussionen zu gestatten.
Auf der Tagesordnung der Nachmittagsitzung stand unter anderem ein Vorschlag der Beratenden Versammlung, nach der die Beschlüsse des Ministerrats ähnliches Gewicht haben sollen, wie die Entscheidungen der Regierungen der Mitgliedstaaten.
Der Ministerrat beschloß, sich nicht mit der Frage einer europäischen Armee zu beschäftigen.
Das Austausch-Programm
500 Stubrnten melbeten sich
Wiesbaden, 3. November. (Eigener Bericht.) Für ein einjähriges Universitätsstudium in den Vereinigten Staaten im Rahmen des Austauschprogrammes haben sich etwa 500 hessische Studenten gemeldet. Die Auswahl der 60 Studenten für das Austauschprogramm wird in den nächsten Wochen durch eine Vorprüfung erfolgen.
Weihnachts-und Winterbeihilfe
Ausschüsse des Landtags befürworten Ausdehnung auf alle Hilfsbedürftigen
Wiesbaden, 3. November. (Eigener Bericht.) Der Sozialpolitische, Wirtschaftspolitische und Haushaltsausschuß des Hessischen Landtags befaßten sich am Freitag auf einer gemeinsamen Sitzung mit der Frage einer Weihnachts- und einer Winterbeihilfe für Minderbemittelte.
Die Ausschüsse beschlossen, daß die vom Bund gewährte Weihnachtsbeihilfe, die nur den aus der Soforthilfe Betreuten zugute kommt, auch ent, sprechend den fürsorgerechtlichen Grundsätzen auf alle übrigen Hilfsbedürftigen Personen Hessen ausgedehnt wird. Allerdings dürfen die Einkünfte der hilfsbedürftigen Personen die Einkommensgrenze von 70 DM für Alleinstehende und 100 DM für Parteien mit zwei Personen gestaffelt bis 155 DM für Parteien mit sechs oder mehr Personen nicht überschreiten.
Während die Kosten der vom Bund gewährten Weihnachtsbeihilfe in der für die Kriegsfolgehilfe geltenden Schlüsselung zu drei Vierteln vom Bund und zu einem Viertel vom Land und den Bezirksfürsorgeverbänden getragen werden, teilen sich bei dieser vom Land gewährten Winterbeihilfe der Staat zu zwei Fünfteln und die Fürsorgeverbände zum drei Fünfteln in die hieraus entstehenden zusätzlichen Kosten.
Zur Frage der Gewährung einer Winterbeihilfe beschlossen die drei Ausschüsse, die Landesregierung zu beauftragen, daß diese dafür Sorge trage, daß die Bezirksfürsorgeverbände finanziell in die Lage versetzt werden, ihren gesetzlichen Verpflichtungen nachzukommen und somit allen Hilfsbedürftigen im Rahmen fürsorgerechtlicher Grundsätze eine Winterbeihilfe zu gewähren. Die Beschlüsse der Landtagsausschüsse bedürfen noch der endgültigen Genehmigung durch das Plenum.
Der Sozialpolitische Ausschuß behandelte am Freitagnachmittag nach ein, mal den Gesetzentwurf über die Freistellung von Betriebsratsmitgliedem für Betriebsratslehrgänge. In einer Kampfab-Etimmung wurde mit 5:4 Stimmen beechlossen, nur den Teil des Abänderungsantrages der Christlich-Demokratischen Union zu berücksichtigen, der bestimmt, daß die bezahlte Freistellung bei Betrieben mit weniger als 20 Beschäftigten nicht in Frage kommt.
Ein Antrag der Fraktion der Christlich-Demokratischen Union, soweit wie möglich bestehende Regiebetriebe abzubauen, wurde im Wirtschaftspolitischen Ausschuß von den Vertretern der Sozialdemokraten und Kommunisten gegen die Stimmen der Christlich-Demokratischen Union und Freien Demokraten abgelehnt.
Keine feierliche Krönung
Stockholm, 3. November, (dpt) König Gustaf VI. von Schweden hat, ebenso wie sein Vater Gustaf V. im Jahre 1907, auf eine Krönungsfeierlichkeit verzichtet. Der neue König hielt am Freitag in Anwesenheit sämtlicher Minister des schwedischen Kabinetts den ersten Staatsrat ab.
Niemandsland
Entlang der tschechischen Grenze
Wien, 3. November. (AP.) Die Tschechoslowakei schafft jetzt entlang der bayerischen Grenze ein fünf Kilometer breites Niemandsland, um dem Flüchtlingsstrom nach Deutschland Einhalt gebieten zu können. Nach Augenzeugenberichten sind die Dörfer Böhmisch-Fischern, Eichberg, Wies, Ratsam, Markhausen und Mühlbach, die unmittelbar an der Grenze liegen, bereits von Sprengkommandos niedergelegt worden.
Teuerungszulagen
Vereinbarung im Versicherungsgewerbe
Düsseldorf, 3. November, (dpa) Die Tarifverhandlungen im Versicherungsgewerbe haben einen vorläufigen Abschluß gefunden, nachdem das Bundesarbeitsministeriumm vermittelnd eingegriffen hatte. Es wurde folgende Vereinbarung getroffen: 100 DM einmalige Sonderzahlung bis zum 31. Dezember 1950 für Angestellte mit Haushaltszulage, 65 DM für Angestellte ohne Haushaltszulage, 40 DM für Jugendliche, 30 DM für Lehrlinge und 15 DM als Kinderzulage. Gleichzeitig wurde vereinbart, Anfang Januar 1951 die Tarifbezüge generell neu zu regeln.
In wenigen Zeilen
Das neue griechische Kabinett Venize¬ los wurde vereidigt.
Jugoslawien und Chile haben die diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen.
Bulgarien hat seine in der Türkei lebenden Staatsbürger zurückgerufen.
Ein Warschauer Gericht hat vier Personen wegen Spionage zum Tode ververurteilt.
Die britische Luftwaffe hat die Altersgrenze für Flugpersonal von 31 auf 35 Jahre herauf gesetzt.
Der Papst hat über tausend Mütter von Gefallenen des zweiten Weltkrieges in Audienz empfangen.
Im Bundesgebiet wurden in den ersten neun Monaten dieses Jahres rund 210 000 Wohnungen fertaggestellt.
Das Deutsche Jugendherbergswerk hat im Jahre 1950 vierzig Jugendherbergen in Betrieb genommen.
Der Architekt Professor Dr. Heinrich Tessenow ist im Alter von 74 Jahren gestorben.
Orson Welles soll widerrufen
Entschluß eines großen Kinos in Niedersachsen
Holzminden, 3. November, (dpa) Als erstes Kino Niedersachsens hat die Holzmindener „Schauburg“ beschlossen, aus Protest gegen die von Orson Welles in französischen und neuerdings auch in holländischen Zeitschriften veröffentlichten abfälligen „Erfahrungsberichte“ seines Deutschland-Aufenthaltes, künftig keine Filme mehr zu zeigen, in denen Orson Welles als Schauspieler oder Regisseur mitwirkt oder an denen er sonst irgendwie beteiligt ist. Diesen Entschluß will die Schauburg, eines der größten Kinos Südniedersachsens, erest rückgängig machen, wenn Orson Welles seine Behauptungen zurücknimmt.
„Politische Tendenz“
Zur Ablehnung von „Rom, offene Stadt“
Wiesbaden, 3. November. (Eigener Bericht.) Ueber die Gründe für die Ablehnung des Rossellini-Films „Rom, offene Stadt“, der 1945 gedreht wurde, erklärte die Freiwillige Selbstkontrolle der Deutschen Filmwirtschaft, sie übe keine Geschmackszensur aus und sei deshalb nicht befugt, einen Film wegen seiner Qualität freizugeben oder abzulehnen. Ihren Grundsätzen entsprechend sei sie aber verpflichtet, Filme mit politischen Tendenzen, deren Wirkung das Verhältnis zu anderen Ländern trüben könne, in Deutschland nicht zeigen zu lassen. Das gelte für deutsche wie für ausländische Filme. Gerade in einer Zeit der allgemeinen westeuropäischen Befriedung würde die allgemeine Vorführung des Rossellini-Films lediglich zu Ressentiments führen und eine deutsch-italienische Verständigung außerordentlich gefährden. Der Film sei deshalb für geschlossene Vorführungen in Filmclubs zugelassen worden.
„Der Verräter“ abgelehnt
Wiesbaden, 3. November. (Eigener Be¬ richt.) Von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Deutschen Filmwirtschaft in Biebrich wurde der 1935 entstandene RKO-Film „Der Verräter“ (The Informer) zur Vorführung in Deutschland nicht freigegeben. Dieser Entscheidung lag ein politisches Gutachten zugrunde, in dem auf die Möglichkeit einer Aufpeitschung der politischen Leidenschaften des deutschen Volkes hingewiesen wird. Außerdem verstoße die Freigabe des Films insofern gegen die Grundsätze der Selbstkontrolle, als sie das Verhältnis zu einer der westlichen Besatzungsmächte stören würde. Der politische Mord werde in diesem Film als selbstverständliches, faires und erlaubtes Mittel zur Erreichung politischer Ziele hingestellt.
Marlene Dietrich ausgezeichnet
Paris, 3. November, (dpa) Die Filmschauspielerin Marlene Dietrich ist am Freitag zum „Ritter der französischen Ehrenlegion“ ernannt worden.
Steigende Ausfuhr
. B- — Seit der Liberalisierung der Ledereinfuhr sind für die Lederwaren-Industrie die gleichen Bedingungen gegeben wie für ihre ausländische Konkurrenz. Dies wird sehr begrüßt, denn bei verschiedenen Ledersorten, so zum Beispiel bei Boxkalf, lagen die Inlandspreise in den letzten Wochen bis zu 40 Prozent über denen des Weltmarktes. Die ausländische Lederwarenindustrie hat die Preiserhöhungen der vergangenen Monate aufgefangen, so daß es für den deutschen Export auf der Stockholmer Messe nicht leicht war zu konkurrieren, obwohl zu den Juni-Preisen angeboten wurde.
Die Ausfuhrbemühungen der Lederwaren-Industrie werden trotz der guten Inlandskonjunktur fortgesetzt. So wurde die Ausfuhr von 200 000 Dollar im monatlichen Durchschnitt des ersten Halbjahres 1950 bei 185 000 Dollar im Juli, 187 000 Dollar im August und 233 000 Dollar im September gehalten. Da die Auslieferungen für die Wintergeschenktage jetzt erst vorgenommen werden, wird wahrscheinlich das Gesamtexportergebnis des zweiten Halbjahres über dem des ersten Halbjahres liegen. Besonders erfreulich sind die Ausfuhrerfolge im US-Geschäft, das erst in der Nachkriegszeit eingeleitet wurde. Die Exportziffern sind hier von 8000 Dollar im Januar auf 39 000 Dollar im September gestiegen.
Das Inlandsgeschäft ist ebenfalls recht gut. So ist es in diesem Jahr entgegen der Regel im Sommer weder zu Entlassungen noch zur Kurzarbeit gekommen. Das wird nicht nur auf den großen Bedarf der Bevölkerung, sondern nicht weniger auf die billigen und geschmackvollen Plastikwaren zurückgeführt, die äußerlich oft von einem Fachmann nicht mehr von hochwertigen Lederwaren unterschieden werden können. Diese billigen Taschen erlauben es auch wenigbemittelten Kreisen, dem Modewechsel zu folgen und sich häufiger ein neues Stück zu kaufen.
Einige Sorgen bereiten die steigenden Fabrikationskosten. Die Lohntarife sind gekündigt worden. Die Zubehörindustrie hat Preiserhöhungen von durchweg 10 bis 15 Prozent vorgenommen. Die Preiserhöhungen sucht man durch Rationalisierungsmaßnahmen, insbesondere durch Normung der Grundformate, auszugleichen. Dadurch werden in der Lederwarenindustrie, ohne daß deshalb die Vielfalt der Musterung zu leiden braucht, erhebliche Fabrikationsvorteile ermöglicht. Vielfach wurde in der Lederwaren-Industrie darüber geklagt, daß die Zubehörindustrie ihre neuesten Muster zuerst dem Ausland angeboten hat, mit dem Erfolg, daß die Exportlederwaren im Ausland als nicht ganz modern beanstandet wurden. Diese Schwierigkeiten konnten durch Verständigungen zwischen Lieferanten und Abnehmern inzwischen überwunden werden.
Werden Hochöfen stillgelegt?
Ernste Probleme auf dem Eisenhüttentag in Düsseldorf
Auf dem Eisenhüttentag in Düsseldorf haben sich 2500 Stahlfachleute aus allen Teilen Deutschlands getroffen. Der Eisenhüttentag findet diesmal ein breiteres Echo in der Oeffentiichkeit als dies in manchen früheren Jahren der Fall war. Dies ist darauf zurückzuführen, daß die westdeutsche Stahlindustrie sich in einer schwierigen Situation befindet, die bis weit in alle Zweige der Weiterverarbeitung ausstrahlt.
Die Stahlindustrie leidet vor allem unter einer unzureichenden Kohlenversorgung. Es ist damit zu rechnen, daß der von der Stahlindustrie für das vierte Quartal 1950 angemeldete Bedarf in Höhe von 4,2 Millionen Tonnen nur zu etwa 90 Prozent beliefert werden kann. Auch in der Energiewirtschaft steht die Stahlindustrie vor ernsten Engpässen. Auch die Schrottversorgung gibt zu ernsten Bedenken Anlaß.
Wie sehr sich alle diese Schwierigkeiten für die westdeutschen Stahlwerke bemerkbar machen, geht unter anderem daraus hevor, daß zwei Hüttenwerke im Ruhrgebiet vor der Ueberlegung stehen, je einen Hochofen stillzulegen. Die Rohstahlerzeugung, die im September noch 1,079 Millionen Tonnen betrug, dürfte bereits im Oktober fühlbar abgesunken sein.
Wo über Stahl gesprochen wird, kann man heutzutage auch nicht an dem Schuman-Plan vorbeigehen. In Düsseldorf wird von den Teilnehmern des Eisenhüttentages betont, daß eine wirkliche Zusammenarbeit der deutschen und französischen Stahlindustrie nur auf der Basis einer wirklichen Gleichberechtigung möglich ist. Solange selbst in technischen Fragen eine Bevormundung durch die Alliierten stattfindet, ist die Schumanplan-Ehe nur platonisch. Diese Feststellungen wurden sozusagen in den „Wandelgängen“ der Konferenzräume des Eisenhüttentages gemacht, und es wurde darauf hingewiesen, daß es einer ernsten Prüfung bedürfe, ob Deutschland in der Lage sei, die ihm zugemuteten Opfer einer engen deutsch-französischen Zusammenarbeit zu tragen.
Nur in sechs Ländern Niederlassungen
Gesetzentwurf des Bundesfinanzministeriums zur Großbankenfrage
vwd. Ein Gesetzentwurf über den zukünftigen Status der ehemaligen Großbanken ist vom Bundesfinanzministerium fertiggestellt und dem Bundeskabinett zur Stellungnahme zugeleitet worden.
Nach diesem Entwurf fallen Einschränkungen des Niederlassungsbereichs für Privatbanken in Zukunft vollständig weg. Eine Ausnahme wird nur für diejenigen Banken gemacht, die die Form einer Aktiengesellschaft oder einer Kommanditgesellschaft auf Aktien haben. Diese Gesellschaften dürfen Niederlassungen in höchstens sechs Ländern der Bundesrepublik unterhalten. Nur die Großbanken mit Niederlassungen in Nordrhein/Westfalen dürfen in anderen Teilen des Bundesgebietes keine Niederlassungen unterhalten.
Der bisherige Zwang, Ueberweisungen von einem Land der Bundesrepublik in ein anderes über die Landeszentralbanken laufen zu lassen, soll wegfallen.
Schwierigkeiten bei der Behandlung des Großbankenproblems hat im Bundesfinanzministerium die Tatsache bereitet. daß der Sitz der Großbanken außerhalb des Bundesgebietes, nämlich in Berlin liegt. Aus diesem Grunde wurde eine formelle Liquidation der Großbanken nicht angeordnet. Die Großbanken sollen lediglich ihre Tätigkeit im Bundesgebiet einstellen und ihre dort vorhandenen Vermögenswerte in neue Gesellschaften umgründen. Die Inhaber von Aktien der Großbanken sollen für je eine Großbankaktie je eine Aktie jedes der Nachfolgeinstitute erhalten.
Wann Post-Verwaltungsrat?
Hi. Die Spitzenorganisationen der Wirtschaft haben in einem Schreiben an den Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen den Wunsch geäußert, die Vorarbeiten zur Bildung eines Verwaltungsrates der Bundespost zu beschleunigen. Die besonderen Schwierigkeiten mancher der Postverwaltung aufgegebenen wirtschaftlichen und technischen Probleme lassen die Mitwirkung' eines Verwaltungsrats ohne Schaden für die Stellung und praktische Verantwortung des Postministers als dringend erwünscht erscheinen.
Ein Zentner Kohle je Haushalt
(vwd) Die Hälfte des Jahresplansolls an Hausbrandkohle sei bereits ausgeliefert, doch seien damit erst 20 Prozent der Bevölkerung versorgt worden, stellt die Arbeitsgemeinschaft der Kohlenhandelsverbände im amerikanischen und französischen Besatzungsgebiet in einem Schreiben an Bundeswirtschaftsminister Prof. Erhard fest. Wenn das Zuweisungsverfahren von einem Zwölftel des Plansolls pro Monat beibehalten werde, könne je Haushalt nicht mehr als ein Zentner geliefert werden.
Die österreichischen Lieferungen nach Deutschland überschritten im September den Betrag von vier Millionen Dollar.
Das Bundespostministerium stellte fest, daß alle Postsendungen, die im Bundesgebiet eingeliefert werden und ins Ausland bestimmt sind, ebenso wie die aus dem Ausland nach dem Bundesgebiet der Devisen-Nachschau unterliegen.
Börsenberichte
Bz. Die Frankfurter Börse war zum Wochenschluß durch Geldbeschaffungsverkäufe weiter abgeschwächt. Starke Einbußen hatten Banken, voran Berliner Handelsges. 16 (d. h. — 2,5), Commerzbank 25,5 (—1), Deutsche Bank 26,5 (—0,5). Montanwerte waren erneut gedrückt. Gutehoffnungshütte 64,50 (—2), Eisenhütte 44,25 (—1,50). Maschinenwerte lagen — ausgenommen Hartmann-Offenbach 90 (+ 3), Linde’s Eis 92 (+ 1,5) — 0,5 bis 1 Prozent niedriger, darüber hinausgehend Daimler 57,5 (—2,5).
Weltbörsen unterschiedlich
(AP.) Unter der Führung von Stahlaktien verzeichnete der Neuyorker Aktienmarkt eine lebhafte Aufwärtsbewegung. Die Schlußkurse lagen allgemein um 1,50 Dollar höher. Der Gesamtumsatz betrug 1,7 Millionen Stück.
An der Chikagoer Produktenbörse waren die Notierungen besonders bei Weizen unterschiedlich. Mais wurde höher gehandelt. während Baumwolle nachgab.
Auch an der Londoner Börse zogen Gummi-, Zinn- und Kupferpapiere durchweg an. Die sonst führenden Industriewerte lagen ruhig.
Freie Devisenkurse
Bz. Am 3. November 1950 hörte man an der Frankfurter Börse folgende freie Devisenkurse: für den USA-Dollar 5,15 bis 5,25 DM, für das englische Pfund Sterling 12,50 bis 13,50 DM, für den Hollandgulden 1,16 bis 1,25 DM, für den Schweizer Franken 1,15 bis 1,25 DM, für die dänische Krone 0,48 bis 0.52 DM, für die schwedische Krone 0,72 bis 0,78 DM und für den österreichischen Schilling 0,14 bis 0,16 DM.
In den Berliner Wechselstuben sind für 1 DM-West 5,0 bis 5,20 DM-Ost gezahlt bzw. für 5 Ostmark 1 DM-West geboten worden.
Einen Schritt zurück?
Von Fritz Peter ClausWeite Teile der westdeutschen Wirtschaft sonnen sich unter den Ausstrahlungen einer guten Konjunktur. Starke Auftriebskräfte sind unverkennbar. Aber weder ein auf 121 (im Jahre 1936 gleich 100) gestiegener Produktionsindex noch ein Beschäftigtenstand von 14.3 Millionen können Erscheinungen bannen, die auf das Bild aufstrebender Wirtschaftsentwicklungen einige Schatten werfen.
Der großen Masse der Verbraucher zeigt sich der Januskopf dieser Konjunktur in Form gewisser Mangelerscheinungen, vor allem in Kohlen. Die Vorgänge, die sich hinter den sichtbar werdenden Engpässen und hinter der Skala der in Bewegung gekommenen Preise und Löhne im Halbdunkel des Geld- und Kreditwesens vollziehen, finden weniger ihr Interesse.
Das Loch in der Handelsbilanz
Mit sensationellen Feststellungen lassen sich komplizierte Vorgänge dieser Art nicht erklären. Auf Wirkung berechnete Schlagworte können hier nicht wiedergutzumachenden Schaden anrichten. Solche Feststellungen sind notwendig angesichts der Art, wie der niederländische
Gefährlicher Einfuhrsog
Kreditbremsen als Regulator
Außenminister Dr. Stikker die zunehmende Verschuldung der westdeutschen Bundesrepublik gegenüber der europäischen Zahlungsunion behandelt hat. Die Bundesrepublik hat bekanntlich die ihr von der europäischen Zahlungsunion emgeräumten Kredite in Höhe von 320 Millionen Dollar zur Bezahlung der sprunghaft gestiegenen Einfuhren aufgebraucht. Dr. Stikker hat unter Berufung auf diesen Vorgang das Gespenst einer unmittelbar in Westdeutschland bevorstehenden Inflation an die Wand gemalt.
Diese Aeußerungen haben sich als maßlose Uebertreibungen erwiesen. Die Bundesregierung hat sie richtiggestellt. Offenbar wollte der niederländische Außenminister die deutschen Stellen zu Maßnahmen veranlassen, um die jäh verschlechterte westdeutsche Devisenbilanz zu bessern. Kein Zweifel, die Lage im deutschen Außenhandel hat sich kritisch zugespitzt. Der wertmäßige Ueberschuß der Ausfuhr über die Einfuhr im „kommerziellen“ Außenhandel war im September in einen Einfuhrüberschuß von 185,4 Millionen DM umgeschlagen.
Wie war das möglich in einer Zeit, die der westdeutschen Wirtschaft große Bestellungen des Auslands brachte? Die Rohstoffsorgen der Bundesrepublik haben eine Beschränkung der Ausfuhr von Rohstoffen und Halbfabrikaten zugunsten der einheimischen Industrie erzwungen. Auf solche Einschränkungen dürfte zum großen Teil der siebenprozentige Rückgang in der September-Ausfuhr gegenüber dem Vormonat zurückzuführen sein. Gleichzeitig wuchs aber die Einfuhr kräftig (im September über eine Milliarde DM gegen 864 Millionen DM im August). Gerade dieser Einfuhrsog hat tiefe Löcher in die Devisenbilanz gerissen. Sie sind in der Hauptsache im Austausch mit den Ländern der europäischen Zahlungsunion entstanden. Dieser Austausch soll sich nach den Spielregeln der Liberalisierung vollziehen. Andere Länder, die noch nicht in diesen Ring des liberalisierten Austausches eingeschlossen sind, haben die fehlende Schlagkraft der Bundesrepublik bei der Handhabung der Zollpolitik und den Drang der deutschen Wirtschaft, Rohstoffe aufzukaufen, durch indirekte Warenlieferungen übei’ die Länder der europäischen Zahlungsunion auszunutzen verstanden. Auf diese Weise lieferten sie im Transitverkehr Rohstoffe und Waren nach Westdeutschland. Einer Verpflichtung, entsprechende Warenwerte von Westdeutschland abzunehmen, konnten sich diese Länder aber entziehen.
Ausfuhrüberschüsse im Verkehr mit einigen überseeischen und osteuropäischen Ländern können die klaffenden Risse in der deutschen Devisenbilanz gegenüber den Ländern der europäischen Zahlungsunion ebenfalls nicht verkleistern. Sie bringen nur wenig freie Devisen. Den Fehlbetrag gegenüber der Zahlungsunion muß Westdeutschland aber mit Dollars bezahlen, nachdem seine Kreditquoten erschöpft sind.
Mit Ursprungserzeugnissen allein kann die Bundesrepublik diese Lage nicht meistern. Auf rund 440 Millionen Dollar schätzt Bundesminister Blücher die Devisenforderungen der Bundesrepublik an das Ausland. Eine klare Entscheidung über die Pfundaufwertung kann einen Teil dieser Auslandsguthaben schnell nach Deutschland zurückführen. Aber auch solche Hoffnungen vermögen die ernsten Spannungen in der Devisenlage nicht auszugleichen. Sie sind ein Sprößling der Ausdehnung der Nachfrage auf dem Inlandsmarkt. Die Wurzeln einer Entwicklung, die zu Engpässen, Preisauftrieben und schließlich zu einem Rückgang der Exporte führten, müssen also beschnitten werden.
Die Bank deutscher Länder hat zu diesem Zweck scharfe Messer angesetzt. Durch Erhöhung der Mindestreserven bei den Geschäftsbanken, durch Beschränkung der Rediskontierungsmöglichkeiten von Bankakzepten und Erhöhung des Diskontsatzes versucht sie gleichzeitig zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Der übermäßigeren Nachfrage will sie durch eingeschränkte Kreditversorgung Einhalt gebieten. Gleichzeitig will sie durch diese Maßnahmen in Verbindung mit der Stellung von Bardepots bei Anträgen auf Einfuhrbewilligungen den Einfuhrsog abschwächen. Das sind harte Maßnahmen. Auf dem Pfad der Liberalisierung führen sie einen Schritt zurück. Man kann sie mildern. Bei den gegenwärtigen Verhandlungen in Paris steht u. a. auch die Erhöhung der Kreditlinie der Bundesrepublik zur Debatte. Die Aufstockung der Kreditquote könnte die Lockerung von Klammern herbeiführen die die wirtschaftliche Aktivität gefährlich zu drosseln drohen.
Die fünfte Sitzung des Ausschusses für Zoll- und Handelsfragen der Weltzollkonferenz ist eröffnet worden. An ihr nehmen Vertreter von 45 Staaten teil.
Die Vereinigten Staaten haben eine Kupferexportquote für das vierte Quartal 1950 von 30 000 Shorttons festgesetzt.
Darmstadt und Umgebung
Drinnerum un drumerum
Gäje deß Sparsamseu is garnix zu saache. Awwer net am verkehrde Daal sparn un net uff annern Leits Koste. Ich hab morjens beim Kaffeedrinke gern meu Zeidung bei de Hand. Sobald ich gewesche bin, mach ich naus uff die Drebb un hol mer meu Bläddche. Un letzt hots uff aamol net vor de Dier geläje. Ich der nix wie nuff in die Mansadd zus Hinkels, der wo ugewesche schun erunner macht, wann die Zeidung unner de Hausdier dorchgeschowe werd. Der hat ganz drugge gesacht, es hawwe bloß 4 Zeidunge dogeläje, do hab ich mer meu genumme. Do hatt er eichentlich recht, wem sollt er kaa gäwwe?
De annern Morjend hab ich dere Zeidungfraa abgebaßt un richdisch hatt se 5 Bläddcher un hot mer versichert, sie weer alle Daach schun vor 6 Uhr do. Do hab ich mer diesmol meu Zeidung genumme un hab die annern leije losse. Um 8 Uhr hots Storm geschellt bei mir. Wie ich uffmach, do steht de Knorzei, der wo unner uns wohnt, vor de Dier, fuchtelt mer vor de Aache rum un sekt, ich kenn ihne an ihre Stiwwel, die misse se emol eele, die quietsche immer so, wann se dorchs Drebbehaus laafe und heit hab ich noch im Bett geläje, wie se in de Frieh erunner un gleich Widder enuff gange sin. Do saach ich, deß dhut mer laad, daß se so en schiächte Schlöf hawwe. Do werd er frech un kreischt, ich hab kaa Zeidung krickt, ich will bloß wisse, wo se se hiegestobbt hawwe.
Ich will mich morjens noch net uffreche un hab en gefragt, hawwe se dann aach genaa geguggt, ob se net noch an de Dierglink hengt, um 6 Uhr warn se noch all do. Fort war er, awwer an seune Dier, do hot en nochemol die Wut gepaggt un do hot er gekrische. die hot aaner geglaut, wer Zeidung lese will, der soll se sich bestelle, ich beschwer mich.
Jetzt frog ich mich, gäje wen will der sich beschwern? Mit all de Unnermieder zamme, hogge jetzt 16 Baddie im Haus, 5 devo hawwe meu Zeidung, 5 halde e anner, 6 krieje kaa. Daß die se mitnemme dhete, deß glaab ich net. Deß sin daals Tibbmädcher, die wo, wann se Vorzimmerdame sin, Zeit hawwe, befor ihrn Scheff kimmt, dem seu Zeidung zu studiern un die annern sin aach astennige Leit.
Gestern so um 11 Uhr kimmt die Fraa Steierassistend Rotlauf, die wo erst seit em Erste ins Padärr eugezoge is, un sekt, sie wer vum Herr Knorzei geschickt worn un sollt emol bei mir nooch ihre Zeidung froge. Deß hot mich doch gejuggt un ich wollt grad em Knorzei en Denkzettel schreiwe, do kimmt er aach schun selwers die Drebb eruff, weil er gehorcht hatt.
Ich kann Ihne saache, die Aussprach war so, daß nach un nach deß ganze Haus vor meune Glasdier gestanne hot, außer de Hausfraa, die sich nie sehe leßt, weil se Angst hot, sie mißt was mache losse.
Die Fraa Steierassistend wollt an die Zeidung schreiwe, daß se se erst um 11 Uhr hawwe wollt, wann se ausgeschlofe hot un em Knorzei derf se erst um 8 in de Briefkaste gesteckt wern. Jeder hatt en annere Wunsch, ei do mißt jo die Zeidungsfraa de ganze Daach uff de Baa seu. Jetzt hawwe mer uns so geaanigt, wer emol e anner Zeidung lese will, der soll sich aan eraussuche. vun dem er se sich emol bumbe kann. Ich wollt, beim Eirobarat gings aach so glatt, obs lang gut dhut, werd sich weise.
Mer kann aus de Erfahrung nur lerne un wann bei eich de Grosche gefalle is, do krickt er kaan Krach mit de Leit un jeder kann seu eige Blatt in Ruh lese, wie Eier Anton Berzel.
Debatte um die Berufsschule
Zu einer Aussprache über die Lage der Berufsschule in Darmstadt trafen sich gestern nachmittag im Sitzungszimmer der Handwerkskammer Vertreter des Magistrats, der Berufsschulen, der Regierung, der Handwerkskammer und der Gewerkschaft. Auch Resident Officer Mr. Goetcheus war anwesend.
Nadi der Begrüßung durch den Präsidenten der Handwerkskammer referierte Berufsschuldirektor i. R. Germann über Entwicklung und Lage der Darm- Städter Berufsschule seit 1945. Nach seinen Ausführungen, in denen er der Stadtverwaltung den Vorwurf mangelnden Interesses an der Berufsschule machte, prallten in der Aussprache die Meinungen heftig aufeinander. Man könne von der Stadt nichts Unmögliches fordern, sie berücksichtige auch die Berufsschule im Rahmen des Möglichen, erklärte Oberbürgermeis+er Metzger.
Dr. Kolb von der Handelskammer und Berufsschuldirektor K i n s b e r g e r wiesen besonders auf die Notwendigkeit hin, den Berufsschulbetrieb zu konzentrieren, um eine geordnete Ausbildungsarbeit zu gewährleisten. Außerdem sei kommende Ostern ein starker Zustrom von Schülern zu erwarten, da die Volksschulen starke Jahrgänge entlassen würden. Für diese Schüler müsse Raum geschaffen werden. Da man sich noch auf Jahre mit dem Provisorium einrichten müsse, dessen Mängel durchaus bekannt seien, — Runde-Turm-Schule mit rückwärtigem Gebäude und Turnhalle, Schuld in der Hermannstraße —1 gelte es, dies Provisorium so nutzbringend wie möglich auszugestalten.
Als es bei der Erörterung an dieser Stelle wieder um die Finanzen ging, machte Mr. Goetcheus den Vorschlag, deutsche Stellen möchten das Projekt ausarbeiten und ihm vorlegen, er werde sich dann für einen Zuschuß von HICOG einsetzen, wie ihn die TH erhalten habe.
In dieser Zusage von Mr. Goetcheus sahen die Versammelten das positive Ergebnis ihrer Aussprache, begruben ihre Streitaxt und gingen in dem Bewußtsein. wieder einen Beitrag zur Besserung schulischer Verhältnisse geleistet zu haben, auseinander. Di
Eine musikalische Vesper wird heute, Samstag abend, um 20 Uhr in der Pauluskirche veranstaltet werden. Der Kirchenchor der Paulusgemeinde wird unter Leitung von F. Eidenmüller (Orgel) singen.
Wohin gehen wit heũte?
Landestheater: Orangerie: 19.30 Uhr „Don Carlos“, ein dramatisches Gedicht von Friedrich Schiller. Ende gegen 23 Uhr. Lichtspieltheater: Union: „Du bist Musik für mich“; Thalia: „Badende Venus“; Belida: „Abenteuer in der Südsee“ und Sondervorst. 14 und 22.30 Uhr „Alarm auf Station III“: Palast: „Der Wahnsinn des Dr. Clive“; Hansa: „Heimweh“ und Nachtvorst. 22.30 Uhr ..Der große Bluff“. Handharmonika-Spielring: Stadth all e : 20 Uhr „Harmonika-Konzert“ mit Männerchor. Jagdklub Darmstadt: 19 Uhr bei Ripper, Erbacher Straße „Hubertus-Feier“. Naturfreunde Eberstadt: 20 Uhi' im Vereinshaus (Riedbergheim) Mitgliederversammlung. Arheilgen: Kirchweihe.
ũnd morgen?
Landestheater: Orangerie: 15 und 19.30 Uhr „Die Csardasfürstin“. Operette von Emmerich Kalman. Ende gegen. 17.45 bzw. 22.15 Uhr. Lichtspieltheater: wie am Samstag, außerdem Union: 11 Uhr „Rembrandt“ (Matinee-Veranstaltung). Hygiene-Lichthof. Neckarstraße 3: 10 bis 18 Uhr Ausstellung „Gesundes Leben“. Landesmuseum: 11 Uhr Eröffnung der Gedächtnisausstellung Alex. Porsch. Arheilgen: Kirchweihe. Eberstadt, Turnhalle: 20 Uhr Gesangverein Frohsinn „Chorkonzert“.
Der 25. Unfall mit drei Toten
Kilometer 512 wurde zum dreifachen Mörder
Unser Bild zeigt die beiden Kraftfahrzeuge, die am Donnerstag mittag auf der Autobahn bei Kilometer 512 zusammenstießen. Aus dem zertrümmerten Mercedes wurde das Ehepaar Ulsenheimer aus Mannheim und ihr Fahrer W. S c h e y gezogen, die alle drei auf der Fahrt zum Krankenhaus in Eberstadt und in den folgenden Stunden ihren schweren Verletzungen erlagen. Aus dem Opel-Olympia (links) wurde Dr. S t e k - k e 1 i n g geborgen, der sich noch in Lebensgefahr befindet. — Dies war innerhalb von vier Monaten der 25. Unfall zwischen Kilometer 512 und 513 auf der Autobahn zwischen Frankfurt und Darmstadt
Wochenendpartien
Das Ende eines Absteigequartiers
Die Kleine Strafkammer des Landgerichts Darmstadt befaßte sich gestern mit einem Kuppeleifall. Mehrere Monate hatte in der Wohnung der Angeklagten, einer 41jährigen Frau aus Darmstadt ein lockeres Mädchen gewohnt, das laufend nächtlichen Besuch in Gestalt von Besatzungssoldaten empfing. Es mußte dafür monatlich ein ansehnliches Sümmchen an die Angeklagte zahlen. Der Betrag überstieg weit die Miete, welche die 41jährige entrichten mußte. Außerdem wurden in dieser Wohnung große und recht eindeutige Wochenendorgien gefeiert. Die Angeklagte sah außerdem mit zu, wie ihre eigene erst 16jährige Tochter nicht allzu sparsam mit den Männern, besonders zur nächtlichen Stunde, umging. Das Urteil lautete auf sechs Monate Gefängnis. wst.
Luftgewehre genehmigungspflichtig
Das Polizeipräsidium weist darauf hin, daß zwar für den Besitz und Gebrauch von Luftdruckwaffen mit einem Kaliber unter 7 mm keine besondere polizeiliche Erlaubnis notwendig sei, daß aber nach § 367 des Strafgesetzbuches mit Geldstrafe bis zu 150 DM bestraft werden kann, wer deren Gebrauch an bewohnten oder von Menschen besuchten Orten ausübt. zum Beispiel beim Spatzenschießen in Hausgärten, ohne eine polize’Tiche Erlaubnis zu haben.
Zwecks Erlangung dieser Erlaubnis kann ein formloses Gesuch beim zuständigen Polizeirevier gestellt werden. Wenn das Bedürfnis vom Polzizeipräsidenten anerkannt wird, und mit dem Schießen verbundene Gefahren nicht bestehen. kann die Genehmigung erteilt werden.
Richtfest beim Bauverein
Das schlechte Wetter ließ alle Anwesenden schnell zum gemütlichen Teil im „Heilig-Kreuz“ übergehen.
Der Vorsitzende des „Bauvereins für Arbeiterwohnungen“, Dr. Holtzmann, begrüßte die Vertreter der städtischen und staatlichen Behörden, den Vertreter der Landesversicherungsanstalt und den Vertreter des Regierungspräsidenten. Er erwähnte, daß der Regierungspräsident wohl im Anfang über dies« Nachbarschaft etwas verärgert war, aber er hoffe doch, daß sich der Aerger in eitel Freude verwandeln werde. Dr. Holtzmann sprach allen Anwesenden. vor allen Dingen auch den Geldgebern, seinen Dank aus.
Nach dem üblichen „Rippche-Essen“ richtete der Vertreter des Regierungspräsidenten, Kreisschulrat Friedrich, einige Worte an die Anwesenden und übermittelte die Grüße des Regierungspräsidenten. Abschließend sprach er Dank und Anerkennung dem Bauverein aus, der mehr als 1000 Wohnungen in diesem Jahr erstellt hat.
Der Präsident der Landesversicherungsanstalt, Oberregierungsrat Kissel, überbrachte die Grüße der Nassauischen Heimstätte GmbH., die die Baubetreuung übernommen hat, und sprach gleichzeitig im Namen der Landesversicherungsanstalt, die den größten Teil des Bauvorhabens finanzierte. Noch längere Zeit blieben Bauhandwerker und Gäste bei Musik und Bier im „Heilig-Kreuz“ zusammen. Sg.
SIE WAREN GAR NICHT SO UNIFORM — die Uniformen "der althessischen Zeit, sondern farbenfroh und voller Abwechslungen. Auf unserem Bild wandeln ihre Träger noch vor dem Schloß einher. Spätere Zeiten verbannten das bunte Tuch in die Räume des Schloß-Museums. Der Platz um das Schloß wirkte aber nie eintönig. Dafür sorgten die Messen von einst und das Markttreiben von heute. Am lebhaftesten aber dürfte es im nächsten Jahre zwischen dem 30. Juni und dem 2. Juli hier zugehen, wenn sich das Heinerfest hier abspielen wird, zu dem man viele Darmstädter von außerhalb erwartet. Es wird einen Wettbewerb des Einzelhandels, Festspiele, Mundartdichtungen und manche andere Ueberraschungen bringen. Schon heute bereitet man eifrig vor. DT
Gold für das Herz
Mineralien als Grundlage für die Arzneimittelherstellung
In dem Schaufenster der Johannes-Apotheke in der Landwehrstraße sind seit einiger Zeit eine ganze Anzahl von Mineralien ausgestellt, von denen man nicht glauben sollte, daß sie unmittelbar mit der Arzneikunde zu tun haben.
Viel zu wenig ist bekannt, daß Arzneimittel nicht nur aus pflanzlichen und tierischen Ausgangsprodukten hergestellt werden. Auch die Mineralien sind in nicht geringem Umfange in der Pharmazie vertreten. Die berühmten Goldtropfen, die sich in den letzten Jahren verstärkter Beliebtheit bei allen möglichen Herzkranken erfreuen, sind zum Beispiel tatsächlich unter Zusatz von Gold hergestellt. Natürlich handelt es sich nicht um reines Gold, sondern um aufgeschlossene Mineralverbindungen, die vom menschlichen Körper absorbiert werden. Daß dis „Goldtropfen“ heute ein äußerst gängiger Artikel sind, liegt nicht daran, daß einige vielleicht dieses Edelmetall zu filtrieren hoffen, sondern daran, daß nervöse Herzbeschwerden ein Zeichen der Zeit sind. Neuerdings wird auch die Fluorsäure in der Pharmazie verwandt, wie bei den „Nur ein Tropfen“, die die Paradentose günstig beeinflussen. sollen. Fluörsäure wird aus Flußspat gewonnen, als einem Mineral. Das Radium in.der. Hand der Ärzte ist bekannt. Es wird gleichfalls in seinen chemischen Verbindungen in der Arzneimittelherstellung gebraucht, etwa in der radiumaktiven uranhaltigen Salbe, die als Wundheilsalbe Verwendung findet. Apatit wird zu Kalkpräparaten verarbeitet, Silber zu Ätzmitteln und Mittel für die „Antinikotin“-Präparate. Eisen nimmt man, um das Blut aufzufrischen, Kupfer mischt
man unter Salben und Zink dient als Helfer in der Augenheilkunde. Selbst Korallen und Zinnober, das man aus Quecksilber gewinnt, ist in verschiedenen Arzneimitteln vorhanden. Wirft man einen kurzen Blick in das Schaufenster der Apotheke, so Wird man feststellen, daß man kaum die Hälfte aller ausgestellten Mineralien kennt. Wismut, Kobalt, Arsen, Strontium, Rosenquarz, Tin ka 1 aus der Nähe des Ma- pin-monta-lei-Sees in Tibet, Achate und Amethyste geben einen kleinen Überblick, welche Möglichkeiten der Heilkunde in ihren Urkräften gegeben sind. Es war eine gute Idee, die Beziehungen zwischen den Rohstoffen und den daraus bereiteten Arzneimitteln dem Laien vor Augen zu führen, und besonderer Dank muß Herrn H. Hauser dafür gesagt werden, daß er durch Leihgaben aus seiner großen Mineraliensammlung diese Ausstellung ermöglichte; -hfl-
Die mehrfachen Stromstörungen, die gestern abend in der Innenstadt auftraten, waren, wie wir von der Heag erfahren, auf einen Kabelschaden zwischen dein Umspannwerk im Dornheimerweg und in der Zentralschaltanlage in der Luisenstraße zurückzuführen
Das Forum stellt Landtagskandidaten vor
Vier Darmstädter Kandidaten sprachen in der überfüllten Stadthalle
Der Vorstand des Forums hatte aus früheren Erfahrungen die Veranstaltung so organisiert, daß keiner der Kandidaten sich benachteiligt fühlen und alle Anwesenden sich ein gutes Bild über die Kandidaten machen konnten. Außer einer kleinen Ruhestörung durch zwei Sitznachbarn verschiedener Anschauung kam es zu keinem Zwischenfall. Die Diskussionsleitung hatte Studienrat Haas vom Forumsvorstand.
Zufolge der Entscheidung durch das Los sprach zuerst
Ludwig Keil (KPD)
Nachdem er an der Koalition CDU-SPD Kritik geübt hatte, erklärte er, daß er sich vor allem für die Verwirklichung der in der Hessischen Verfassung aufgestellten Grundsätze einsetze. Ludwig Keil forderte eine einheitliche Sozialgesetzgebung, die Durchführung der Bodenreform, der Lehr- und Lernmittelfreiheit und die Erhöhung der Mittel für den sozialen Wohnungsbau. Die allgemeine Preissteigerung erfordere eine Erhöhung der Wohlfahrtsfürsorge. Auf die Fragen der hohen Politik übergehend, wandte er sich gegen jegliche Remilitarisierung. Zum Schluß sprach er die Ueberzeugung aus, daß die Oststaaten den Frieden wünschten.
Als zweiter Kandidat sprach
Ludwig Metzger (SPD)
der zu Beginn seines Referates betonte, daß ein Abgeordneter sich bestreben müsse, die Gesamtheit zu überschauen über die Grenzen einer Partei hinaus. Trotzdem müsse sich ein Abgeordneter besonders um die Belange seines Wahlkreises kümmern, was ihm eine Verpflichtung der Sorge für Darmstadt sei. Auf die Entwicklung eines politischen Programms verzichtend erzählte Ludwig Metzger aus seinem eigenen politischen Werdegang. Er sei der Ansicht, daß kein Mensch und keine Partei hundertprozentig den Wünschen ihrer Freunde entsprächen, aber man müsse im Leben als klar denkender Mensch Kompromisse schließen, sonst gelange man zur Diktatur, Kein Mensch sei fehlerlos, auch keine Partei.
Nach den Ausführungen des Darmstädter Oberbürgermeisters betrat
Georg Brust (CDU)
das Rednerpult. Er begann mit der Erklärung, daß er zum ersten Male als Kandidat auftrete. Durch die CDU solle christliches Gedankengut in der Politik wirksam werden. Die Politik müsse den Forderungen des Christentums gerecht werden. Die CDU sei immer bereit, zu christlichen Menschen in anderen Parteien Verbindung aufzunehmen. Die soziale Frage dürfe nicht zur Spaltung zwischen den Menschen führen. Nach dem Grundsatz „Einer für alle, alle für einen“ solle das Volk über die Alltagssorgen hinweg die entscheidenden Fragen sehen. Das letzte Fünfzehnminutenreferat hielt
Heinrich Rodemer (FDP)
der grundlegend forderte, daß man endlich einmal von der Vergangenheit loskommen solle und Deutschland reif zur Demokratie werden müsse. Eine ertragreiche Wirtschaft sei Voraussetzung des Lastenausgleiches. Die Fragebogenschnüffelei müsse endlich ein Ende haben. Heinrich Rodemer wandte sieh dann gegen die Ansicht, daß jedermann Beamter spielen könne und vertrat, auf das Schulproblem eingehend, die Meinung, daß es keine Konfessionsschulen geben dürfte. Er nahm Abstand, jetzt irgendwelche vage Versprechungen zu machen und stellte abschließend Bundespräsident Heuss als Vorbild dar.
In der Pause sammelten die Vorstandsmitglieder die schriftlich eingereichten Fragen der Forumsbesucher ein, die allesamt vor der Beantwortung durch den entsprechenden Kandidaten vorgelesen wurden.
Ludwig Keil, der zuerst einen Teil der an ihn gerichteten Fragen beantwortete, erklärte, daß die ostdeutschen Gebiete durch den verlorenen Hitler-Krieg verspielt worden seien. Auch die westlichen Staaten seien mit der - Neiße-Linie einverstanden gewesen und deren Bekämpfung würde Krieg bedeuten. Zur Frage nach den Kriegsgefangenen berichtete er, daß die Sowjetunion im Mai eine Zahl von 13 000 deutschen Kriegsverbrechern bekanntgegeben habe. Andere Zahlen seien unwahr. Auch in Westdeutschland würden .Kriegsprodukte hergestellt, meinte er zur Wiederaufrüstung. Nach einem Hinweis auf die Sprenglöcher an der Lorelei beendete Keil seine Ausführungen mit dem Wunsch einer Verständigung zwischen USA und der Sowjetunion.
Ludwig Metzger bemerkte, daß wenig Aussicht auf die Wiedergewinnung des Titels als Landeshauptstadt für Darmstadt bestehe. Das schade aber nichts, da allein das Posttechnische Zentralamt mehr Angestellte, als früher die Regierung in Darmstadt habe. Zu seinen persönlichen Verhältnissen äußerte er, daß er nicht mehr Oberbürgermeister-Gehalt, als seine Vorgänger beziehe. Er sei mit großem persönlichem Risiko für kleine PGs eingetreten. Man müsse aber jetzt den Verwaltungsapparat von erklärten Gegnern der demokratischen Freiheit reinigen. Seiner Ansicht nach solle man das Geld besser für die Schaffung von Wohnungen, anstatt für eine Remilitarisierung ausgeben.
Georg Brust trat in der Beantwor- tung der an ihn gestellten Fragen für eine unbegrenzte Schulgeldfreiheit ein, hoffte, daß die Notlage Darmstadts in der Kohlenversorgung eingesehen und gebessert werde und erklärte zur Frage des Mitbestimmungsrechtes, daß die Belegschaft, aber nieht die betriebsfremde Gewerkschaft. in den Betrieben mitbestimmen solle. Für die Heimatvertriebenen sei in Hessen durch CDU-Minister Hilpert viel getan worden. An Stelle einer Remilitarisierung mit Waffen solle eine Mobilisierung des Geistes gegen den Bolschewismus erfolgen.
Heinrich Rode mer beantwortete zuerst die Frage nach seiner früheren Zugehörigkeit zur NSDAP. Damit habe er sich in der Gesellschaft der Hälfte des deutschen Volkes befunden. Er sprach sich für einen militärischen Schutz Deutschlands aus, jedoch, wie sich die Franzosen das verstellten. ginge es nicht. Die FDP überprüfe die Fragen der Besatzungskosien und habe seltsame Feststellungen gemacht. Gleichfalls trat Rodemer für die Schulgeldfreiheit ein und erklärte, daß zum Schutz der Minderbemittelten die Wohnungszwangswirtschaft noch eine Weile bestehen bleiben müsse. DT
Wie wird das Wetter?
Nur langsame Beruhigung
Vorhersage: Am Wochenende zunächst noch starke Bewölkung, etwas nachlassende Niederschläge. Am Sonntag zeitweise aufheiternd, noch einzelne Schauer. Mittagstemperaturen bis s°, nordwestliche Winde. Weitere Aussichten: Ruhig, Temperaturrückgang.
Bereitschaftsdienst am Sonntag
Apotheken-Sonntags- und Nachtdienst (vom 4. 11. 13 Uhr bis 11. 11. 8 Uhr): Darmstadt; Frankenstein-Apotheke, Heidelberger Straße 85 (Tel. 925); Löwen-Apotheke, Magdalenenstraße 23 (Tel. 814); Johannes-Apotheke, Landwehrstraße IV2 (Tel. 3338). Da.-Eberstadt: Schwanen-Apetheke, Darmstädter Straße 26 (Tel. 221). Da. - Arheilgen: Arheilger Apotheke, Dieburger Straße 20 (Tel. 604). Zahnärztlicher Sonntagsdienst von 10 bis 12 Uhr): 5. 11. Zahnarzt Dr. Müller-Lentz, Darmstadt, Alicestraße 23. Sonntagsdienst der Dentisten (von 10 bis 12 Uhr): 5.11. Dentist Felix Fiedler Darmstadt-Arheilgen, Darmstädter Str. 50.’
Schokolade aus Darmstadt:
Ein Born der Süßigkeiten
Wer hat nicht als Kind schon einmal davon geträumt, eine große Schokoladenabnk zu besitzen, um den ganzen Tag Schokolade essen zu dürfen. Anscheinend träumte auch Oberbürgermeister Metzger davon und als ihm Herr Weigel auf der Suche nach einem neuen Platz für seine Schokoladenfabrik begegnete — die Firma Weigel kam aus Bernburg/Saale in der Ostzone — da verhalf er ihm zur Ansiedlung im neuen Industrieviertel Darmstadts an der Holzhofallee. Wir berichteten bereits über die Uebergabe der Fabrikationsräume an die Firma , Oberbürgermeister Metzger, Stadtkämmerer Dr. Feick und die Herren der Wiederaufbau-Gesellschaft
Nach nur dreieinhalb Monaten Bauzeit konnte die Fabrikation der Schokolade beginnen. Wo früher der Duft edler Rösser in der Holzhofallee schwebte, schlägt dem Besucher jetzt aus dem von der Wiederaufbau-GmbH umgebauten langen Pferdestall der alten Kaserne der verlockende Geruch der Schokolade entgegen.
Ein langer, komplizierter Weg führt von den Rohstoffen im Lager bis zur in Staniol gepackten Schokoladentafel. Alle Maschinen des Betriebes sind nagelneu — so mag er zu den rationellsten Deutschlands gehören — und gewähren in ihrer ausgeklügelten Aufstellung einen reibungslosen und schnellen Ablauf des Produktionsganges. Ein Fahrstuhl befördert die Kakaobohnen in das Obergeschoß, wo sie maschinell von Staub und Sackfasern gereinigt, sortiert und bei 100 bis 150 Grad Celsius geröstet werden. In der Brechmaschine trennt man Schalen und Keime ab, und die wiederum gereinigten Kerne laufen durch die Decke hinab in das Erdgeschoß. Gemahlen und geschmolzen (sie enthalten über 50 °/o Fett) geben sie zusammen mit Milchpulver, Puderzucker und der Kakaobutter in der Knet- und Mischmaschine die Schokoladenmasse ab.
Nun beginnt der Veredelungsprozeß. Auf Walzwerken wird die braune, duftende Masse geglättet („gesalbt“) und je nach Qualitätsanspruch ein bis drei Tage in der Conche, einem großen Bottich, gerührt. In der Wärmekammer lagert die Masse dann ab, kommt in die Temperiermaschine und von dort durch eine Förderpumpe in die Eintafelanlage. Automatisch legt sich die Masse in die Blechformen auf dem Fließband. Ein Klopfband läßt die Blasen in der nun gleichmäßig die Formen ausfüllenden Schokolade verschwinden. Schließlich macht ein Kühlprozeß von einer halben Stunde in einem Kühlschrank mit paternosteraufzugartigem endlosem Gang die Tafeln fest, so daß sie aus den Formen geschlagen und verpackt werden können.
An langen Packtischen sitzen Frauen und Mädchen, zum großen Teil Flüchtlinge, und ihre flinken Hände schlagen die Staniolfolie um die fertige Tafel, schlagen die Umhüllung darum und verpacken die Schokolade in Pappkartons. Etwa 2000 Tafeln laufen in der Stunde
durch die Hände. Die doppelte Menge könnte geleistet werden, da aber die meisten Belegschaftsmitglieder in diesem Fache neu sind, verzichtet man im Anfang auf zu große Produktionsmengen, um der Qualität nicht zu schaden.
Weigel-Schokolade, in vielen Geschmacksabstufungen — Vollmilch, Mokka, Zartbitter, Nuß usw. — hergestellt, geht in das ganze Bundesgebiet.
Sie kommt aus — Darmstadt. rw
Schwurgericht tagt wieder
Unter dem Vorsitz von Landgerichtsdirektor Hahn beginnt am kommenden Montag wieder eine neue Sitzungsperiode des Darmstädter Schwurgerichts.
Zunächst werden die Geschworenen am 6. November gegen eine Frau aus Frankfurt-Griesheim verhandeln, die sich wegen Abtreibung mit Todesfolge zu verantworten hat. Es folgen ein Meineidsprozeß am 8. November gegen eine Frau aus Neu-Isenburg und eine Verhandlung am 10. November gegen einen wegen versuchten Totschlags angeklagten Mann aus Eschborn bei Kassel.
Den Abschluß dieser neuen Schwurgerichtsperiode bildet der mit Spannung erwartete viertägige Mordprozeß Heil-Rückert. Wie wir bereits kurz berichteten, nimmt diese Verhandlung am 13. November um 9 Uhr in Darmstadt ihren Anfang und wird am folgenden Tag mit einem Lokaltermin am Tatort in Goddelau fortgesetzt.
Starkenburg - gestern, hente und morgen ...
Von Verlagsdirektor Ph. Vierheller
„Starkenburg, gestern, heute und morgen“ — das ist der Titel einer Beilage zu unserer heutigen Zeitung. Es ist die erste ihrer Art seit langen Jähren.
Viele Leser werden sich noch jener umfangreichen Sondernummer aus dem Jahre 1938 erinnern, die aus Geschichte und Gegenwart Darmstadts und vor allem des „Darmstädter Tagblatts“ berichtete, das damals sein 200 jähriges Bestehen feiern konnte. Das war ein Jahr vor dem Ausbruch des unseligen Weltkrieges. Drei Jahre später mußte unsere Zeitung auf Betreiben des damaligen Reichsstatthalters Sprenger ihr Erscheinen ein.- stellen. Die Maschinerie eines totalen Staates beseitigte alles, was irgendwie versuchte, Traditionswerte noch zu retten und zu erhalten. Wie die alte Landeshauptstadt Darmstadt durch behördliche Abbaumaßnahmen getroffen wurde, so wurde auch die Zeitung, die über zwei Jahrhunderte hindurch ihre Stimme war, im Zuge »der Pressegleichschaltung kassiert.
Wir glauben in diesem Zusammenhang auch einmal auf die Tradition des Blattes und auf die Bedeutung, die es für die Hessen-Darmstädtische wirtschaftliche und kulturelle Leben hatte, hinweisen zu dürfen. Unser Jubiläum 1938 war ungewöhnlich, eine Seltenheit bei der Großzahl von etwa 2000 Zeitungen, die nach und nach entstanden waren, denn bei der Gründung unseres Blattes war es etwa nur ein Dutzend.
Doch nicht aus der Vergangenheit sollen Rechte abgeleitet werden, nicht die Zahl der Jahre soll allein etwas gelten. Worauf wir uns aber berufen dürfen, ist der Geist, der in dieser Zeit das Unternehmen „Darmstädter Tagblatt“ beherrschte. Fleiß und Gewissenhaftigkeit privaten Unternehmertums haben es geschaffen und in die Höhe gebracht. Nicht durch Privilegien und nicht durch amtliche Förderung wurde die Zeitung, was sie war. Generationen haben an ihrer Entwicklung gearbeitet. Nun geht es darum, das einst Erworbene neu zu festigen, die Bedeutung und die Stellung unserer Zeitung in dem ihr zugewiesenen Raum wieder und weiter auszubauen. Darum geht es uns! Nicht um mehr, aber auch nicht um weniger!
Der an die Uniformierung der öffentlichen Meinung gewöhnte Zeitungsleser mag sich vielleicht fragen, ob es nicht genügte, wenn an einem Platz nur eine Zeitung erschiene. Wer so denkt, weiß nichts von der Aufgabe, die denen auferlegt ist, die sich der Vergangenheit verpflichtet fühlen. Es darf darauf hingewiesen werden, daß im südhessischen Bezirk immer sehr viele Zeitungen bestanden, deren jede ihre Aufgabe hatte. In Darmstadt waren es allein vier: parteigebundene, offiziöse und das Tagblatt, das seine Aufgabe darin sah, ein möglichst objektives Spiegelbild des Geschehens zu sein. Als begrüßenswerte Folge erwies sich, daß die Leistung in ihrer Qualität nur dann Erhalten und gesteigert werden kann, wenn ein gesunder und ehrlicher Wettbewerb vorhanden ist. Ihm sich zu stellen, ist eine Forderung für jeden Betrieb. Eigenes Können, eigener Fleiß und eigenes Zukunftsstreben allein können das Erbe sichern, es krisenfest machen und weiter in die Zukunft tragen. Keine Generation kann sich von dieser Aufgabe frei machen. Auch die derzeitigen Inhaber des „Darmstädter Tagblatts“ konnten und wollten es nicht. Als ihnen die Möglichkeit gegeben wurde, ihr Blatt wieder herauszubringen, haben sie alles darangesetzt, und alles gewagt, ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Im zerstörten Darmstadt, wo fast alle Unternehmen, auch solche, die man bereits „abgeschrieben“ hatte, neu anfingen, wird man am besten Verständnis dafür haben, was es bedeutet, sich allen Schwierigkeiten zum Trotz durchzusetzen und aus eigener Kraft wieder aufzubauen.
Wir haben diese Aufgabe nicht leicht genommen und wissen selbst, daß es ohne Experimente nicht ging und daß manche Enttäuschungen in Kauf genommen werden mußten, die uns genau so bedrückten wie unsere Freunde.
Aber nun dürfen wir die feste Zuversicht haben, daß wir unser Ziel erreichen. Wir denken dabei an das uns überlieferte Werk, wir denken aber auch genau so an die Aufgaben, die einer in der Oeffentlichkeit stehenden und für sie wirkenden Zeitung gestellt sind. Wir wollen, gestützt auf einen Kreis bewährter Mitarbeitei' und eine in ihre Aufgabe hineinwachsende Nachwuchsgeneration, gestützt auch auf die verlegerische und technische Tradition unseres Betriebes, mithelfen, der Stadt und dem Gebiet, in das unsere Stimme dringt, Geltung zu verschaffen.
Wir schöpfen aus der Ueberlieferung des Gestern die Kraft, im Heutigen zu bestehen und für das Morgen zu wirken. In diesem Ziel wissen wir uns mit unseren Lesern verbunden, deren Vertrauen wir Tag für Tag rechtfertigen möchten.
Planderei ums Arheilger Mühlchen
Meuje is „Oarhelljer Kerb“! Besser gesagt, am Mondag, dann sunndags hawe die Auswärdige „Mühl“ uff. Alljährlich, wann de Beern kahlgeschorn sin, wann de Hase un Reh geschosse wern, wann ausgediente Hinkel, Giggel un Gens die Feddern loße misse, un wann die rauh Nordluft dorch die Stroße fäggt, dann feiert die nördlich Vorstadt ihr Draditionsfest.
Kerb war frieher Dradition. Es ganze Johr is gespart worn, während em ganze Summer war kaan Danz, awer off Kerb hots mit voller Zindung gelkracht. Heit is vun Januar bis Dezember Schwoof, Theader, Kino un Gott waaß was alles. Wann heit e älder Ehepaar Widder Lust zu em richdige „Kerweschnigger“ griggt, un sie kumme in so en moderne Samba- oder Jazzstrudel enei, dann falle die zwaa drin rum wie abgebrochene Schoggelgail.
Drotzdem kumme off die Oarhelljer Kerb a die Aeldere zu ihrm Recht, un wann meuje middag ganz Darmstadt-Nord nooch stagge Bohnekaffee richt, de Kees- un Riwelkuche liggt kreizsteßweis off de Deller, un die Völkerwanderung aus de Hauptstadt trifft ei, dann is unser elfhunnertjährig Vorstadt Aarhellje aan große Festblatz, der jedem nooch Wunsch ebbes besonneres biet.
Was hot ma frieher an sunnige Herbstsunndage for wunnerscheene Waldspaziergeng gemacht. Die ganz Familie is kwer im raschelnde Laab dorch die Farwebracht, haamzus sin ma eigekehrt. En Ring Fleischworscht is bestellt worde, den hot de Vadder gedaalt, er die Hälft un die drei annern die Hälft, zwaa, drei Schobbe, un en heerliche Daag war vegange.
Heit: Sport, Sport un nochemol Sport! Jeden Sunndagmiddag mache’ se fort die Mannsleit, amol ans Stadion, es nechstemol ans Miehlche, Un owends mache se Gesichter un hon kaa Laune. „Aha, Widder verlorn!“ Nadierlich warn „Unser Flasche“ odder die „Gragg vun Schiedsrichter“ dro schuld. Ich hab am letzte Sunndag a als Fraa in dem Hexekessel gäie die Eintracht gestanne. Kaum hats losgefange, haagt ma so en Narr vun Nachbar off die Schulder, daß ma fast mein Bennel vum Biestehalter geblatzt is. „Howe’ se äwe den Laddeschuß gesähje“ hodder gekrische. Dodebei hat ich grad in dem Moment mei blaugefrorn Nas endwässert. Ich versteh ja net viel vun Fußball, awer so en Schiedsrichder is doch de reinste Dikdador. Kaaner derf sich embern, und wann 10 000 Mensche annerer Meinung sin. Dehaam hot vielleicht der Mann kaa Wörtche zu redde!
Jedenfalls is awer äwe in de Betriewe e wunnerbar sportlich Harmonie, weil die Darmstädter un die Oarhelljer fast immer verliern, un do gäwe sich die Kollege Mondagsmeujends zum Drost gäjeseidig die Hand. Fußball is heit Drumb, un wie die
Allerkleenste schon mitläwe, beweißt e sehe« Begäwenheit in de Schul:
Jugend vun heit!
Mondagmeujend, in Geschichte dhut Herr Lehrer unnerrichte. ’s Aldertum is heit Parole, un er dhut die Landkart hole, zeigt im Umriß Syriens Schema dann des is for heit sei Thema. Un er schildert ohn’ Erlahme daß die aus Aegypde käme, daß der Volksstamm sich geriehrt hot un schon viele Krieg gefiehrt hot — daß Kuldur drotzdem Vorhände, daß dort reiche Tempel stände . . . Ziemlich stur un teilnahmslos sitzt vor ihm die Buwebloos. Mancher is noch abgelenkt, weil er ap de Sunndag denkt. „So“, nun stellt der Pädagoge priefend an die Klass sei Froge: „Ihr kennt Sieger un Verlierer, antwort’, Fritz: Wer schlug die Syrier?“ „Wer die Syrier hot geschlage, des kann wärklich ich net sage — dann ich war heit speet gewese un hob noch nix vom Sport gelese ...“
Liesje.
STARKENBURG
Besinnliches zum Sonntag
Es wird erzählt, daß Humboldt bei einem Besuche seines Freundes Schiller in Weimar mit diesem eben in ein Zimmer gehen wollte, als beide wie gebannt im Türrahmen stehen blieben: Mutter Charlotte hatte gerade ihr Kleid geöffnet und stillte das jüngste Kindlein an der Brust. Die zwei Männer wurden innerlich so angesprochen von der Reinheit und Hoheit dieses Bildes, daß sie sich still-ehrfürchtig zurückzogen. Sie fühlten, „b e i d e n M ü tt e r n“ gewesen zu sein, bei dem Ursprung des Lebens, demgegenüber der Mensch seine ganze Einbildung und sein Selbstbewußtsein zurückzustellen hat, um sich einzufügen in den Geist des Ganzen, einer allerletzten Gemeinschaft mit. dem Schöpfer des Himmels und der Erde.
Ich weiß aus langer Erfahrung, daß es solche Gesinnung auch heute noch gibt. Auch in dieser von einem ungesunden Tempo gepeitschten Welt leben noch Menschen, denen alles Mütterliche, Reine etwas Heiliges ist. Leben noch Menschen, die vor der Quelle des Lebens Ehrfurcht haben und ihre Kinder auch so erziehen.
Aber es ist wohl nicht zu hart geurteilt, wenn ich sage: Das ist eine Minorität! Die Masse der vielen hat sich längst, trotz zweier Kriege, trotz Not und Tod, Elend und Schuld, dem Augenblicksgenuß verschrieben, ohne Ehrfurcht, ohne Stille, ohne Rücksicht.
Wir verstehen ja unsere Zeit gar nicht richtig, wenn wir vergessen, daß es noch niemals so viele Menschen gegeben hat wie heute. Die Tatsache wird viel zu wenig in allen Aussprachen und Lehrbüchern berücksichtigt. Zu keiner Zeit saßen die Menschen so aufeinander wie heute, fühlten sie sich so wenig einander verpflichtet wie heute, ist einer dem anderen Menschen so sein Teufel gewesen wie heute, manchmal brutal-rücksichtslos, manchmal raffiniert-heimtückisch.
Und das ist eben die große Aufgabe, die uns gestellt ist: Normen und Maße zu finden, die für diese vielen Menschen verbindlich sind, für jeden einzelnen ohne Ansehen der Person. Diese Normen müssen stündliche Geltung haben, und ihre Uebertretung muß die Gemeinschaft um ihrer selbst willen mit fester Hand ahnden.
Wir haben sie, diese Normen! Es sind die zehn Gebote, d. h. die Formulierung der Hauptgrundsätze, die für die Aufrichtung einer menschlichen Gemeinschaft überhaupt die Voraussetzung bilden, und der Hinweis darauf, daß jegliche Lösung von ihnen immer und zwangsläufig auch eine Auflösung menschlichen Zusammenlebens zur Folge haben muß.
Wenn eine Regierung für sich selbst diese zehn Gebote für verbindlich hält, danach handelt und sie für das Volk verbindlich macht, wird der Segen nicht ausbleiben! M.
Er war es nicht anders gewohnt
Wichtiger Gerichtsentscheid über Milchverkauf vom Stall
Die Frage des Milchverkaufs durch ambulante Händler und direkt aus dem Stail, um deren Klärung sich schon seit längerem verwandte Organisationen, Gesundheitsbehörden und Aufsichtsbehörden bemühen, stand in einer wegen ihrer grundsätzlichen Bedeutung interessanten Verhandlung am Freitag vor dem Amtsgericht Waldmichelbach zur Debatte.
Angeklagt war ein Milchsammler der Molkerei-Genossenschaft Fürth, der außerdem ein Milchhandels-Geschäft betreibt, und bei seiner Sammeltätigkeit an abgelegene Kunden sowohl hocherhitzte Milch seiner Molkerei, als gelegentlich auch Milch direkt aus dem Stall verkaufte, ohne die seit dem 1. Juli d. J. zwingend vorgeschriebene Verkaufseinrichtung zu besitzen. Als Sachverständige waren geladen: Regierungsveterinärrat Dr. med. vet. Gierke, Regierungsinspektor Lipp und der Referent des Landesernährungsamtes Hessen, Dr. B o j u n g a.
Das Landratsamt als Aufsichtsbehörde vertrat den Standpunkt, daß keine gesetzliche Handhabe bestehe, um den gesundheitspolizeilich sehr bedenklichen Milchverkauf „vom Hof aus“ zu unterbinden. Dr. B o j u n g a betonte, daß die Milchbewirtschaftung nach wie vor bestehe und noch nicht aufgehoben sei. Mithin dürfe Milch direkt aus dem Stall nur verkaufen, wer im Besitz einer vom Landesernährungsamt erteilten schriftlichen Erlaubnis sei. Eine solche Erlaubnis sei bisher in keinem Falle erteilt worden.
Regierungsinspektor Lipp sagte, daß für die Behörde so lange keine Möglichkeit zum Eingreifen bestehe, als das Landesernährungsamt nicht Ausführungsbestimmungen erlasse, die entsprechend der Ver-
Ordnung der Bundesregierung vorgesehen seien. Als Vertreter der Gesundheitspolizei vertrat Dr. Gierke den Standpunkt, daß die Gefahr für Tbc-Erkrankungen durch Milchgenuß viel stärker durch Luft- und Staub-Uebertragung beim ambulanten Verkauf gegeben sei, als etwa durch den Genuß nicht abgekochter Milch, die von tuberkulösen Kühen stamme.
Das Gericht kam zu der Ueberzeugung, daß dem Angeklagten vor allem von Seiten seiner Auftraggeberin (Molkerei) erhebliche moralische Unterstützung zuteil geworden sei, so daß er, ohne sich um die gesetzliche Auflage zur Anschaffung von hygienischen Abfüll-Behältern zu kümmern, so weiter arbeitete, wie er es 27 Jahre getan habe. Er wurde zu 15 DM Geldstrafe verurteilt. Außerdem legte ihm das Gericht auf, unverzüglich die festgestellten Mängel abzustellen oder den ambulanten Milchverkauf einzustellen, -r-
Das „DT” stellt vor:
Landrat Ritzert
Kandidat der CDU im Wahlkreis 45 (Dieburg)
Im Wahlkreis 45, Dieburg, kandidiert für die Christlich-Demokratische Union Landrat Ritzert. In Groß-Umstadt, Kreis Dieburg, am 14. Januar 1880 geboren, hat er bis 1898 die Schule besucht. 1902 erwarb Landrat Ritzert an der Techn. Hochschule in Darmstadt das Diplom für Elektrotechnik und war bis zum Jahre 1906 im Siemens-Konzern in Berlin tätig. Zur gleichen Zeit war er Mitbegründer und Vorsitzender des Bundes der technischen industriellen Beamten (1. Beamtengewerkschaft).
Politisch ist er seinerzeit als Führer der Hessischen Jungliberalen hervorgetreten. 1912 Stadtverordneter in Darmstadt, 1914 bis 1918 Kriegsdienst, ab 1919 Beigeordneter, und von 1926 an Bürgermeister der Stadt Darmstadt. Aus diesem Amt wurde er 1933 durch die Nationalsozialisten entfernt.
Nach dem Zusammenbruch 1945 am Wiederaufbau, mitwirkend, wurde er vom Kreistag Dieburg gewählt und 1947 Landrat des Landkreises Dieburg. Seit 1947 ist Landrat Ritzert außerdem Synodaler der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.
„Wahlsieg der FDP durchans möglich“
Pressekonferenz mit dem FDP-Kandidaten zur Landtagswahl im Landkreis Erbach, Dipl.-Ing. Molter
sr. Gestern nachmittag stellte sich der FDP-Kandidat im Landkreis Erbach, Dipl.-Ing. Hermann Molter den Vertretern der Presse, um einige an ihn gerichtete Fragen zu beantworten und grundsätzliche Erörterungen zu politischen Problemen zu geben.
Auf die Frage, warum sich der Kandidat, der zur Bundestagswahl im Landkreis Dieburg kandidierte, zur Landtagswahl für den Landkreis Erbach entschied, erklärte er, daß er beabsichtige, sich auf wirtschafts- und sozialpolitischem Gebiet zu betätigen. Gerade im Odenwald seien besondere Aufgaben zu lösen, wenn man z. B. das Darniederliegen der Elfenbein- und Kunststoffindustrie, und das fast völlig verschwundene Heimarbeitergewerbe berücksichtige. Anläßlich einer Besprechung mit dem stellvertretenden Vorstandsmitglied des BHE, Wollner, habe man festgestellt, daß im Landkreis Erbach gute Möglichkeiten für die Ansiedlung erzgebirgischer Spielwarenindustrie bestehe, die insofern von großer Bedeutung sein könne, als damit den Arbeitslosen der verkehrsabgeschlossenen Gemeinden Möglichkeiten zur Heimarbeit und damit zum Broterwerb gegeben würden.
Einen Wahlsieg der FDP im Kreis Erbach hielt Dipl.-Ing. Molter für durchaus möglich, wenn die Bevölkerung hinreichend über die Ziele der FDP orientiert werde, insbesondere jene bäuerliche und gewerbetreibende, die bisher zur SPD stand, aber innerlich nicht mit ihr verbunden ist. Zum Wahlbündnis FDP-BHE erklärte Molter, daß dieses von zwei Motiven ausgehe: einmal der Schaffung eines Fundaments zur Beilegung des Parteienzwistes und -haders, unter denen besonders die Gruppe der Heimatvertriebenen zu leiden habe, und zum anderen die Erfordernis, dieser Gruppe die Möglichkeit zu geben, ihre Forderungen vertreten zu können, ihr es aber auf Grund des hessischen Wahlgesetzes nicht möglich ist, eine eigene Liste aufzustellen.
Hinsichtlich der Stellungnahme zur Erhaltung des inneren Friedens äußerte der Kandidat, daß der passive Schutz einer Polizei überflüssig sei, wenn man dafür sorge, die vorhandenen sozialen Spannungen zumindest abzubauen, da ein Beilegen von heute auf morgen nicht möglich sein dürfte. Eine Gewähr für die äußere Sicherheit sei dann vorhanden, wenn das Bekenntnis zu einem europäischen Staatenbund realisiert, die damit verbundenen Verpflichtungen aber auch so übernommen würden, wie sie jedem anderen beteiligten Staat zufallen.
Den Artikel 41 bezeichnete Molter als nicht vertretbar, da der Eigentumsbegriff unantastbar bleiben muß, die Reaktionsfähigkeit der Wirtschaft durch ihn in unverantwortlicher Weise gehemmt würde und die Sozialisierung die Umwandlung des Wirtschaftsapparates in
einem Augenblick stören würde, in dem es auf Höchstleistungen auf allen Gebieten ankomme. Zur Fragestellung „Rheinhessen“ deutete Molter darauf hin, daß in der gesamten Umordnung des Wirtschaftsraumesßheinhessen an erster Stelle aus der wirtschaftlichen Situation herausrage und zu Hessen gehöre.
Zusammen mit Dipl.-Ing. Molter stellte sich sein Vertreter, Josef Ho Ilas, Arbeiter, Mitbegründer des Interessenverbands der Heimatvertriebenen im Kreis Erbach vor, der Ausführungen über die Ziele des BHE und dessen Arbeitsplanung im Kreis Erbach machte.
Geboren am 14. Februar 1914 in Gießen Vater Schuhmacher. Besuch der Volksschule und des Realgymnasiums in Darmstadt. 1933 Abitur. Arbeiter in verschiedenen Werken der Automobilindustrie, dann Werkstudent. Studium des Maschinenbaues und der Luftfahrt an der TH Darmstadt. Betriebsingenieur in Hamburg und Berlin. Als Flugbaumeister in der Erprobung bei der Luftwaffe, kriegsversehrt, französische Kriegsgefangenschaft, 1946 Rückkehr. Anschließend Fortbildungsstudium als Wirtschaftsingenieur und Aufbau einer eigenen Existenz in Reinheim/Odenwald.
Dipl.-Ing. Molter
DT-Reporter schrieben und bebilderten die „Wochenendreportage“
Ein Gewerbe im Kampf mit der Maschine
Handweberei hält ihren Einzug an der Bergstraße
Am Rande des Schloßparks von Seeheim hat eine pommersehe Flüchtlingsfamilie ihre neue Heimat gefunden. Wie an alle Heimatvertriebenen, trat auch an Frau v. Heydebrek und ihre beiden Kinder die ernste Existenzfrage heran, nachdem sie nach ungezählten Strapazen und Entbehrungen endlich im Jahre 1946 im ehemaligen Gewächshaus des Seeheimer Schloßparkes Fuß fassen konnten. Den größten Teil des mit v iel Geschick in eine Webstube umgebauten Raumes nehmen heute zwei Webstühle ein, an denen Fräulein G. v. Heydebrek eine alte Heimaitradition fortsetzt.
Seit urdenklichen Zeiten ist Handweberei ein Gewerbe, das von Frauen ausgeführt wird. Schon aus den ältesten geschichtlichen Ueberlief er ungen geht dies hervor. Mit dem Auftauchen des mechanischen Webstuhles begann jedoch ein unerbittlicher Existenzkampf. Wie sich aber auch die Technik entwickelte, die Handweberei konnte sie bis auf den heutigen Tag nicht verdrängen, da die Maschine als Herstellerin komplizierter Muster und zur Bearbeitung besonders weicher Wolle nicht verwendet werden kann.
Durch den Kampf mit ihr gezwungen, ließ man sich aus allen Erdteilen außerordentlich schwer herstellbare Webmuster kommen, um diese von kunstfertigen Händen vervielfältigen zu lassen. Da die maschinelle Fertigung damit nicht mehr Schritt halten konnte, hatten die kostbaren Stoffe der Handweberei bereits mit dem Ende des 18. Jahrhunderts den Weltmarkt erobert, der bis zum ersten
Weltkrieg bekanntermaßen für Erzeugnisse „made in Germany“ freudige Aufnahmebereitschaft zeigte.
Deutsche Webwaren wurden zu einem Modeartikel nicht nur in europäischen Ländern, sondern ebenso für Araber, Inder, Neger, Feuerländer und eine ganze Reihe anderer Völker der Erde. Für wohlhabende Malaiinnen stellte Deutschland kostbare Sarongs, für China feinste Schlafdecken aus Kamelhaarwolle, für Beduinen Umschlagtücher, allerlei Brusttücher in arabischen Mustern, Türkengürtel, Gebetsteppiche, Kopftücher für afrikanische Frauen, Schals für Indien und Mantillen für Südamerika, her.
Leider brachte der erste Weltkrieg in dieses blühende Gewerbe den großen Schock. Not und Arbeitslosigkeit waren die Folge. Auch heute ist dies nicht anders. Nur größte Sorgfalt werden dem Gewerbe wieder den goldenen Boden bereiten, der ihm gebührt. Zwar fehlen zunächst noch Textilien und «Rohstoffe für ein großangelegtes Arbeitsprogramm, doch ist das Verständnis für echte, handwerkliche Kunst — das gottlob nicht an nationale Grenzen gebunden ist — nicht erstorben.
Wieviel an Liebe, Können, Fleiß — und damit an Qualität — in einem handgewebten Stoff steckt, wird jeder erkennen, der sich der Mühe unterzieht, einmal die Arbeit an einem Handwebstuhl zu beobachten.
Hier hört der geistige Prozeß ja nicht — wie etwa beim mechanischen Stuhl nach der Einstellung — auf; er beginnt erst damit.
Doch zurück zu unserem Besuch.
Schon allein di? Vorgeschichte der Seeheimer Handwebetei nötigt zu Interesse und Hochachtung. Fräulein G. v. Heydebrek hatte auf Anregung von Frau Minna Specht, der Leiterin der Odenwaldschule in Ober-Hambach knappe zwei Jahre in der „Frankfurter Webstube“ bei I. A. Schmutter gelernt. Nach Beendigung dieser Ausbildung wurde vor allem die Lösung der Raumfrage erforderlich. In dem zum Seeheimer Schloß gehörigen Gewächshaus konnte der geeignete Platz gefunden werden, und mit beispiellosem Eifer ging man an die Arbeit. Mutter und Tochter verputzten selbst die Wände und halfen dem 14- jährigen Sohn beim Tünchen. Dem Jungen, der mit der Kelle wie ein „zünftiger“ hantierte, war Mauern und Verkittung der großen Fenster eine viel interessantere Tätigkeit, als der Gang zur Schule. Monate sind inzwischen vergangen. Heute stehen in dem hellen Raum 2 Webstühle. Ein großer, an dem Fräulein G. Gardinen, Trachtenröcke, Sofakissen und andere schwere Stoffe herstellt, an einem zweiten, kleineren Stuhl entstehen Bettvorlagen und -Umrandungen, meist sogenannte Fleckelteppiche, die aus alten Stoffresten nach besonderem Geschmack der Kundschaft fachmännisch hergestellt werden.
Frau v. Heydebrek zeigte uns reizende Gardinen, Decken, Wandbehänge, Läufer und Brücken, mit einem Wort: Qualitätsware, deren Preis uns überraschte. Sie ermöglichen auch dem Minderbemittelten die Anschaffung reeller, gediegener Handwerksarbeit.
Damit ist in das Gewächshaus des Seeheimer Schlosses ein Geist eingezogen, den der Zunftspruch der Webergilde am deutlichsten und treffendsten wiedergibt, wenn er sagt:
Bei dem Weber haben Kopf und Hände einen schweren Stand. — Der Kopf, der denkt, die Hand, die schafft, und beide wirken voller Kraft. -bst
Jugendwoche
des Kreisjugendausschusses Darmstadt
Die Veranstaltungsfolge innerhalb der Jugendwoche des Kreisjugendausschusses Darmstadt bringt heute in Wixhausen um 20 Uhr eine Elternversammlung, in Ober-Beerbach um 10 Uhr Veranstaltung der Königsteiner Puppenspieler für Kinder, um 20 Uhr Veranstaltung der Königsteiner Puppenspieler für Erwachsene. Für Sonntag, den 5. November, sind folgende Veranstaltungen vorgesehen: in Jugenheim um 16 Uhr Elternversammlung, in Alsbach um 16 Uhr Elternversammlung, in S e e h e i m um 15 Uhr im Hotel „Hufnagel“: Veranstaltung der Königsteiner Puppenspieler für Kinder, um 20 Uhr im Hotel „Hufnagel“: Veranstaltung der Königsteiner Puppenspieler für Erwachsene. DT
Aktuelles zwischen gesterun und heute
15 Monate Gefängnis für Scheck- und Kreditbetrüger
Der 26jährige Rimbacher Textilhandelsvertreter P. R. stand jetzt vor dem Schöffengericht in Mannheim. Die Anklageschrift warf ihm Scheck- und Kreditbetrug in mehreren Fällen vor. Der angesichts der oft unverständlichen Vertrauensseligkeit der Geschädigten gehörte medizinische Sachverständige erklärte. daß der Angeklagte die Gabe beisitze. sich das Vertrauen seiner Mitmenschen zu erschleichen. Das Gericht verurteilte R. zu 15 Monaten Gefängnis. -r-
Tödlicher Absturz
Am Donnerstagnachmittag stürzte ein Arbeiter des Sägewerkes Hermann R ü sser in Nauheim bei Verladearbeiten so unglücklich von einem Waggon, daß er mit einem doppelten Schädelbruch in ein Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Hier erlag der Verunglückte kurze Zeit später seinen schweren Verletzungen. Der Arbeiter war Heimatvertriebener und wohnte in Trebur. Kb
Schuld noch nicht erwiesen
Volksschullehrer vor der Strafkammer
Vor der Zweiten Strafkammer beim Landgericht Darmstadt begann gestern ein Strafprozeß gegen den Lehrer Peter L. aus Lampertheim. Er wird beschuldigt, sich als Hauptlehrer der Volksschule Hüttenfeld an einigen Schulmädchen der letzten Klasse in unsittlicher Weise vergangen zu haben. Die gestrige Beweisaufnahme ließ jedoch die Anklage etwas fragwürdig erscheinen, zumal die vor der Polizei gemachten Aussagen von den Mädchen zum Teil erheblich abgeschächt wurden. Die Beschuldigungen der Hauptbelastungszeugin waren nicht überzeugend und das Gericht wird die äußeren Umstände des ganzen Verfahrens sorgfältig prüfen müssen. Die Verhandlung soll in acht Tagen fortgesetzt werden. wst.
Motorisierter Unhold
Im Oktober wurde der 40jährige Kranführer JosefW. aus Erfelden in Griesheim bei Darmstadt von der Polizei festgenommen. Man erließ gegen ihn Haftbefehl, weil er sich in unsittlicher Weise Frauen und Mädchen genähert und sie belästigt hatte. Teils hat sich W. entblößt, teils ist er handgreiflich geworden. Außerdem bediente er sich dabei unsittlicher und beleidigender Redensarten.
Bei all seinen Taten führte W. ein Leichtmotorrad mit. Es besteht daher der dringende Verdacht, daß er nicht nur in der näheren Umgebung, sondern auch in weiter abgelegenen Gemeinden gleichartige Straftaten begangen hat. Der Fstgenommene ist 1,72 m groß, kräftig, hat eine ovale Gesichtsform sowie schwarzes Haar und spricht sudetendeutsehe Mundart.
Personen, die von W. belästigt worden sind, werden gebeten, umgehend die Kriminalpolizei-Inspektion in Darmstadt, Holzhofallee 25, oder jede andere Dienststelle der Polizei zu verständigen. wst.
In kochende Waschlauge gefallen
Beim Waschen eines Arbeitsanzuges ihres Mannes hatte Frau M. aus Bullau einen Topf mit kochender Waschlauge auf dem Boden abgestellt und mit einem Deckel zugedeckt. Ihre 2 Jahre alte Tochter rannte, als die sie betreuende Großmutter für einen Augenblick die Küche verlassen hatte, rückwärts gegen den Topf, wobei der Deckel zur Seite rutschte und das Kind in die heiße Brühe fiel.
Mit Verbrühungen zweiten Grades am ganzen Körper wurde es in lebensgefährlichem Zustande in die Klinik nach Heidelberg geschafft. -ch-
Edelobstbau im Odenwald
Die Aufgaben der Schulungswoche vom 5. bis 12. November
Kreisobstbauinspektor H. W. D e b o r, Michelstadt, der Inspirator der Odenwälder Obstbau-Schulungswoche vom 5. bis 12. November gab uns einige Erläuterungen zu den mit der Veranstaltung verfolgten Zielen.
Der Kreis Erbach ist durch seine Mittelgebirgslage als Anbaugebiet bestimmter Höhenobstsorten von guter Qualität sehr geeignet. Es sind dabei aber bestimmte Faktoren zu berücksichtigen, die nur in planmäßiger Schulung erreicht werden. Die Arbeit wird erst dann erfolgreich sein, wenn diese Erkenntnis sich besonders bei der Jungbauernschaft durchsetzt. Diese Schulungswoche, zu der aus den fortschrittlichsten Obstbaugebieten der benachbarten Länder anerkannte Obstbaufachleute sprechen werden, ist der Auftakt einer umfangreichen praktischen Winterarbeit im Kreis Erbach.
Gleich im Anschluß werden die ersten Lehrgänge dieses Winters beginnen, die auch die entlegensten Kreisorte erfassen. Zur Teilnahme werden junge Bauern, in deren Betrieb der Obstbau eine Rolle spielt, aufgefordert. Es sind durchweg Speziallehrgänge, die die besonderen örtlichen Verhältnisse sowie die Anwen-
düng der modernsten Geräte berücksichtigen. Insgesamt werden 12 Kurse von einwöchiger und zwei von vierwöchiger Dauer durchgeführt. *
Die Viebwochenlehrgänge finden im November-Dezember in Höchst und im Februar-März für das Gersprenztal in Pfaffen-Beerfurth statt. Diese Lehrgänge Werden in Etappen durchgeführt und zwar im Winter zweieinhalb Wochen, drei Tage im Frühjahr zum Ueben des Pfropfens, drei Tage im Sommer für die Sommerarbeiten und drei Tage im Herbst für die Obstsortierung. Diese Lehrgänge stehen unter Leitung von Kreisobstbauinspektor Debor.
Die 12 Achttagekurse werden in Höllerbach, Lützel-Wiebelsbach, Breitenbrunn, Hainstadt, Hainbrunn, Beerfelden, Günterfürst, Langen-Brombach, Olfen, Ober-Ostern, Reichelsheim und Weitengesäß unter Leitung von vier eigens dazu ausgebildeten Baumwarten durchgeführt.
Die bei allen Tagungen im Rahmen der Schulungswoche gezeigte Obstausstellung ist ganz auf die Erfordernisse der heutigen Marktentwicklung abgestellt. Das sortierte Obst ist vorschriftsmäßig in Flachsteigen und Kisten verpackt. Daneben findet noch eine Pflanzenschutzschau mit den neuzeitlichsten Pflanzenschutzmitteln, -geräten und Spritzen statt. -ch
„Csardasfürstin“ in Erbach
Die Serie der 6 Gastspiele des Hessischen Landestheater Darmstadt, die in diesem Winter neben dem Theaterring „Odenwald - Bergstraße“ in der Erbacher Festhalle zur Aufführung kommen, wurde am Donnerstagabend mit Emmerich Kalmans schwungvoller' Operette „Die Csardasfürstin“ unter der musikalischen Leitung von Hans Mikorey in der Darmstädter Original-Besetzung eingeleitet.
Wenn auch, wie Stadt-Inspektor Johann S t eil wa g eingangs erwähnte, noch nicht die vorjährige Abonnentenzahl erreicht ist, war die Festhalle dennoch bis zum letzten Platz besetzt. Durch weitere bauliche Verbesserungen, wie der in Durchführung befindliche Einbau einer Klima-Anlage, dient die Stadt der Bequemlichheit der Besucher; er richtete an die Theaterfreunde des Kreises die Bitte, ihrerseits durch Abschluß weiterer Abonnements die für das kulturelle Leben des Odenwaldes unentbehrlichen Gastspiele des Landestheaters zu sichern. -ch-
Noch einmal gut gegangen
Im Gästeraum des Cafe Jöst in Mörlenbach wurden in den frühen Morgenstunden des Mittwoch Brandgeruch und starke Rauchschwaden wahrgenommen. Die Holzverkleidung und ein Rundfunkempfänger waren bereits verbrannt und das Holzgebälk angekohlt. Dank unverzüglicher Brandbekämpfungsmaßnahmen konnte das vermutlich durch Kurzschluß entstandene Feuer gelöscht werden, ehe es auf die nebenan liegenden Lagerräume der Mehlgroßhandlung Jöst übergreifen konnte. -r
Mensch ohne Herz
Vor uns liegen ein Löffel, eine Gabel und zwei halbabgebrochene und teudem schon leicht verrostete Messer. Gegenstände, wie man sie in jedem Müllhaufen finden kann. Aber dieses merkwürdige Bestecksortiment entstammt keineswegs einem Abfallhaufen, sondern war der Inhalt eines wohlverschnürten und seiner Aufmachung nach viel versprechenden Geschenkpaketes.
Es war schon erheblich mehr als Ironie, daß eine Hausbesitzerin, M. aus Gernsheim, diese Geräte als „private Flüchtlingshilfe“ auf gefaßt wissen wollte, als sie das besagte „Geschenkpaket“ einer Flüchtlingsfrau überreichte. Völlig fehl am Platze wäre es, diesen Vorgang als Scherz aufzufassen, denn man kann sich denken, daß die bedauernswerte Empfängerin gewiß mit vor Freude zitternden Händen das Paket aufschnürte, um dann mit Gefühlen, die sich nicht ohne weiteres beschreiben lassen, die eben beschriebenen Gegenstände vorzufinden.
Für uns erhebt sich aber die Frage, welches die Gefühle waren, die die Frau bewogen, die sich jene Unverschämtheit ausdachte und zur Ausführung brachte. Konnte nicht leicht auch sie jenes furchtbare Schicksal ereilen, das jene traf, die sie mit ihrer Handlungsweise mitten ins Herz traf? Einzig erfreulich war bei diesem Vorfall, daß es sich um einen Einzelfall handelt, der sich hoffentlich nie wiederholt. kr.-
Aufforstungen im Seeheimer Gemeindewald
Waldwirtschaftsplan 51 und Anschaffung eines motorisierten Feuerlöschfahrzeuges in der Debatte
In der Donnerstagssitzung des Gemeinderats S e e h e i m wurde der Waldwirtschaftsplan 1951 beraten und angenommen. Das Forstamt Jugenheim hat im Rahmen des Planes für Aufforstungen, Unterhaltung der Forstwege, Vogelschutz und Bekämpfung von Forstschädlingen 10 000 DM eingesetzt.
Der Waldwirtschaftsplan sieht einen Hiebsatz von 2500 Festmeter Holz vor, getrennt in 1300 fm Nutzholz und 1200 fm Brennholz. Der Waldbestand Seeheims umfaßt etwa 500 Hektar und stellt das Haupt-Gemeindevermögen mit einem Einheitswert von über 500 000 Mark dar. Der Waldwirtschaftsplan schließt in Einnahmen mit 56 090 Mark und in Ausgaben mit 33 100 Mark ab, so daß mit einem Reingewinn von 22 990 Mark gerechnet wird. Bei den Aufforstungsarbeiten, die fast abgeschlossen sind, wurden 136 000 Kiefern-, 850 Douglasien-, 750 Lärchen- und 4250 Fichtensämlinge gesetzt.
Die Gemeinde hat die Absicht, ein
motorisiertes Feuerlöschfahrzeug anzuschaffen. Die Zulegung eines größeren Fahrzeuges ist schon durch die in den letzten Jahren zugenommene Bautätigkeit und die Ausdehnung der Gemeinde bedingt, da sich hierdurch die Gefahrenzone erheblich erweitert hat. Es wurde eine Kommission, bestehend aus 3 Gemeinderäten und dem Vorstand der Feuerwehr, gebildet, die sich darüber einigen soll, welches der beiden angebotenen Fahrzeuge für die Gemeinde in Frage kommt. Der Antrag der „Falken“ wegen Ueberlassung eines Grundstückes zum Bau eines Jugendheimes wurde einstimmig angenommen. hi.
Bürgerversammlung An Nieder Ramstadt
Eine gut besuchte Bürgerversammlung fand dieser Tage in Anwesenheit von Vertretern des Landratsamtes, der amerikanischen Zivilverwaltung und der Handwerkskammer statt. Fast 400 Einwohner verfolgten mit Interesse den einstündigen Bericht von Bürgermeister Keil über die Entwicklung der Gemeinde. Er verwies auf manche Verbesserung, die in den vergangenen Jahren entstanden ist. So kann die Wasserversorgung im Gegensatz zu vielen anderen Orten des Landkreises für die Zukunft als absolut gesichert gelten. Auch der Sportplatz ist fast vollendet. Zur Vervollständigung ist noch ein Schwimmbad geplant, leider fehlen aber z. Z. die Geldmittel zur Verwirklichung dieses Planes.
Zum Schluß seiner Ansprache gab der Bürgermeister einen genauen Ueberblick über Vermögen und Schulden der Gemeinde, die in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen.
In einer sich anschließenden Diskussion wurde nach einigen weniger wichtigen Anfragen einzelner Bürger über die Ver- Wendung des Landesbaudarlehens heftig debattiert, bis auch diese Frage im wesehtlicheh klargestellt War.
Richtfest in Gernsheim
Heute feiern die Arbeiter der Firma Schäfer aus Biebelsheim, die auf der nunmehr fertiggestellten neuen Betonstraße in Gernsheim den Richtbaum errichten konnten, das Richtfest in Gernsheim. In kaum mehr als vier Wochen konnte die Magdalenenstraße mit einer breiten und massiven Betondecke überzogen werden. Dieser Straßenneubau. der wesentlich zur Verschönerung des Stadtbildes beiträgt, wird von allen Verkehrsteilnehmern freudig begrüßt.
An einen Baum geschleudert
In der Darmstädter Straße Bensheims fuhr im gleichen Augenblick ein Lastzug an einem parkenden Pkw. vorbei, als ein Pkw. aus entgegengesetzter Richtung kam. Um einen Zusammenstoß zu vermeiden, bremste der Fahrer des Pkw.s sein Fahrzeug ab, wurde aber hierbei gegen einen an der Straße stehenden Lindenbaum geschleudert Es entstand Sachschaden. HB
Das Bils der Heimat
AM PFARRHOF ZU EBERBACH
Was aũch interessiert:
Die Böschung hinab fuhr auf der Autobahn bei Gernsheim ein in Richtung Darmstadt fahrender Lastzug. Der Motorwagen legte sich dabei auf die Seite und mußte herausgeschleppt werden. Es entstand lediglich Sachschaden. *
Große Augen machte der gemeindeeigene Ziegenbock, als ihm am Montag, dem zweiten Kirchweihtag der Gemeinde Groß-Bieberau, eine Ziege mit Hütchen und in Begleitung der Kapelle Schmuck vorgeführt wurde. Er ließ sich jedoch durch nichts stören, und > . . tat seine Pflicht. GD
Mit dem Schrecken kamen die Fahrer zweier Pkw davon, die kürzlich am Löwenplatz in Zwingenberg zusammenstießen. Die Fahrzeuge wurden beträchtlich beschädigt. HB
Die Kirchenschänder aus Steinheim wurden dieser Tage von dem Schöffengericht in Offenbach verurteilt. Der 21 jährige Schreiner Hans Helmut Jung wurde zu neun Monaten und der 22jährige Feintäschner Robert Paul Röder zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Beide Täter sind in Klein-Auheim, Krs. Offenbach, wohnhaft. gi
Seit 3 Generationen befindet sich das Gasthaus „Zur Krone“ in Traisa, im Besitz der Familie Scheerer. Aus diesem Anlaß findet am 4. November um 20 Uhi’ in dem Saale des Gasthauses ein Konzert mit anschließendem Tanz statt, das von der seit 25 Jahren dort spielenden Hauskapelle Breitwieser durchgeführt wird.
Einen seltsamen Weg mußten kürzlich die gegen 19.30 Uhr im Wartesaal G r o ß - Bieberau versammelten Fahrgäste nehmen, als sie zum Bahnsteig wollten. Trotz angestrengter Versuche war es nicht möglich, die Tür des Wartesaales zu öffnen und so mußten die Fahrgäste durchs Fenster steigen. GD
Der Verein der Jäger des Kreises Erbach hält seine traditionelle Hubertusfeier am Samstagabend wieder in der Ausflugsgaststätte „Zu den vier Stock“ an der Nibelungenstraße ab. ch
Alle Ortsbrandmeister des Landkreises Erbach kommen am Sonntag um 9 Uhr in Reichelsheim im Hotel „Zum Schwanen“ zu ihrer Herbsttagung unter Leitung des Kreisbrandinspektors Küchler. zusammen. Nach einer Dienstbe», spreehung werden neuzeitliche Geräte, und ein Film über Brandgefahren bei elektrischen Anlagen auf dem Lande vorgeführt. -ch
Der größte Wunsch der Einwohnerschaft Braunshardts soll sich in nächster Zeit erfüllen. Seit einigen Wochen wird an dem Bau einer Wasserleitung gearbeitet, die noch in diesem Jahr in Betrieb genommen wird. Vo
Unsere Geburtstagskinder
Goldene Hochzeit: Herr Martin Willand 11, Weißbinder, und Frau Mathilde geb. Krapp, Babenhausen, Mühlgasse 24. 80. Geburtstag: Herr Heinrich Büttner, Roßdorf, Jahnstraße 8. 77. Geburtstag: Herr Matthias Jonas, Astheim, Waldstraße 34 71. Geburtstag: Herr Heinrich Pfeil, Schriftsetzer i. R., Groß-Umstadt, Habitzheimer Ruh 6 (5. 11.). 70. Geburtstag: Margarete Huck, Wixhausen, Leegartenstraße (5. 11.).
Onkel Otto und die „Drei Avarellis“
VON GABRIEILE KÄFER-DITTMARFrüher war es anders in unserem Dorf. Da kam eines Tages eine schwarzhaarige Schöne auf einem Ponny angeritten und verkündete — nicht ohne den Tusch eines feurig dreinblickenden Mannes auf der Trompete — daß am Nachmittag die weltberühmte Truppe der „Drei Avarellis“ von der Spitze des Kirchturms nach dem Schulhausdach zu wandeln gedächte — ohne Netz natürlich! Am Abend wollte der Großvater, der einstmals vergötterte Schwergewichtsmeister, seine gesamte zahlreiche Nachkommenschaft auf den Füßen oder sonstwo balancieren. während Onkel Otto, der Verfasser des rührenden Melodramas „Der Tod im Mühlbach“, das dem hochverehrten Publikum für nur 30 Pfennig Eintritt vorgeführt werden sollte, so komisch bauchreden könnte, daß — Hand aufs Herz — allen gewiß das Zwerchfell platzen würde.
„Kommt und seht“, hieß es dann, „für 30 Pfennig die bekannte Großstadtattraktion — nur für euch so billig! Was man in Paris bestaunte, in Rio bewunderte. ist nun in dieses Dorf gekommen als Abglanz aus der großen Welt — einmalig. unerreicht!“
Und dann blies der feurigblickende junge Mann wieder auf seiner Trompete, die Schöne winkte mit mehreren gläsernen Brillantringen am Finger nach allen Seiten und den Kindern aus unserem Dorf, die in Haufen dabeistanden, troff vor Erstaunen die Spucke aus dem Mund. Ja. das waren noch Zeiten!
Und abends im ..Gasthaus zum weißen Schimmel“ blies dann wieder der Trom-
peter auf der Posaune von Jericho, nur daß die Mauern nicht umfielen, weil die Leute, die innen keinen Platz gefunden hatten, sie von außen festhielten. Vor dem violettseidenen Vorhang mit goldenen Litzen war kein Laut zu hören und dahinter rief der schwergewichtige Großvater seine Kinder und Kindeskinder zum ersten Auftritt — und es gongte. Das Herz konnte einem dabei stehen bleiben vor Erwartung.
Der Großvater war sehr stattlich und auch von hinten ein muskulöser Mann,
wie er liegend auf seinen, wie Säulen emporgereckten Beinen, die ganze Familie balancierte. Später, als er dann den grauen Schnurrbart abnahm und den Müllerburschen im Melodram sang, der seine Enkelin —pardon seine Liebste im Mühlenbach ertränkte (aus Eifersucht natürlich!), fingen die Augen der Mädch enbedenklich an zu glänzen.
Danach redete Onkel Otto und tanzte Rosalinde solange Bauch, bis die Männer noch einen Groschen opferten und sich von der Tochter des Hochbetagten, die sich noch in akrobatischer Dienstkleidung befand, den Flohzirkus hinter den Kulissen zeigen ließen. War der niedlich! Sie waren so fasziniert und wären am liebsten gar nicht wiedergekommen, als das Licht zum 3. Akt ausging. Aber da konnten sie die Flöhe sowieso nicht mehr sehen.
Heute, ja heute, ist das alles anders. Es gibt das nicht mehr, und keine weltberühmten Zirkustruppen kampieren mehr auf unserem Dorfplatz. Nachts ist es da still und langweilig. Kein Zigeuner spielt auf der Geige und keine spanische Tänzerin aus Berlin guckt zum Fenster ihres Wohnwagens heraus. Die Romantik ist dahin und der Wunderglauben zum Teufel.
Dafür kommt alle Woche ein junger Mann mit einem Taxi vorgefahren, hebt einen Koffer und eine Kiste aus dem Fonds des Wagens, schaut auf die Uhr und sagt zu dem Fahrer: „Holen Sie mich um 10.30 wieder ab. Aber pünktlich, wenn ich bitten darf.“ Der Fahrer steckt den Fahrlohn ein, tippt an den Rand seiner Mütze und sagt: „Jawoll!“ Dann braust er ab. Der junge Mann geht ins Wirtshaus „Zum weißen Schimmel“ mit seinen Koffern und Kisten und sagt: „Da bin ich mal wieder.“
Zwei Stunde zuvor das habe ich ganz zu sagen vergessen war schon ein junges Mädchen auf dem Rad kurz vorbeigekommen und hat ein Plakat an die Tür des Gasthauses genagelt. Und da und dort eins an einen Telegrafenmast. Darauf steht zu lesen, was der junge Mann in seinen Koffern und Kisten mitgebracht hat, nämlich, daß heute das
Wanderkino im Dorf spielen würde. Kurz und bündig ist das.
Die Männer, die von der Arbeit kommen. steigen, vom Rad und schauen, was es in dieser Woche wohl gibt. „Prima Stück“, sagt vielleicht einer, „das habe ich schon vor zehn Jahren gesehen. Das waren noch Zeiten, als die Marlene noch jung war!“ Und die jungen Burschen geben auch ihren Senf dazu und sagen: „Na, heute ist sie auch noch nicht ohne, mit dene Beine!“
Unterdessen hat die Wirtin zwei große sonnengebleichte Bettlaken herausgegeben, und der junge Mann heftet sie mit Reißzwecken an die Wand (vor der früher der violette Vorhang mit den goldenen Litzen hing.) „Genügt vollkommen“, sagt er und stellt den Verstärker neben die Leinwand. Der Filmapparat, der im Hintergrund des Saales auf einem Tisch aufgebaut wird, ist für 16 mm Schmalfilm eingerichtet. Der Ton ist auch gleich dabei — erklärt der Vorführer der interessierten Dorfjugend — und läßt sie mit dem Finger die Erhöhungen und Vertiefungen spüren, die nach dem Prinzip der Schallplatte den Ton fabrizieren.
Mittlerweile fängt es an. Der Saal ist höchstens halb voll. Niemand aber wundert sich im geringsten darüber, nun mit Sang und Klang, und Bild und Wort, das Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft zu sehen. Es wird nur geschimpft, daß die Wochenschau schon so alt ist.
Ja. man ist heute auch schon auf dem Land ein bißchen versnobt, räkelt sich gelangweilt auf seinem Stuhl, während verführerische Frauen bezaubernd lächelnd über das Laken wandeln. Weder die starken Männer, die nachlässig durch den Spiegel peilend, ihre Gegner hinterrücks erschießen, noch aber ganze Kompagnien ausgesuchter Mädchenbeine (die den Produzenten zig-Tausende gekostet haben) vermögen das „abgebrühte“ Publikum aus der Ruhe zu bringen. Man unterhält sich höchstens ein bißdien, weil man das ja verdient hat nach des Tages Mühe und Plage. Das Leben wäre ja sonst zu fad.
Dann kommt das Happy-End. Das Licht geht an. Das Bettuch wird wieder in den Schrank gelegt. Der Taxichauffeur kommt pünktlich und holt den jungen Mann mit seinen Koffern und Kisten wieder ab.
Die bezaubernden Frauen und ihre starken Männer sind schon zurückgespult für die Aufführung im nächsten Dorf.
Kein Mensch wundert sich darüber.
Das ist doch alles ungemein praktisch und zeitsparend.
Und doch, holt's der Teufel, so unromantisch!
Die Sendeprogramme vom 5. bis 11. November 1950
Hessischer Rundfunk (Frankfurt, Kassel, Fritzlar
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hessische Landbote (Sonntag 10.45 Uhr). 12.35 Uhr Rundschau aus dem Hessenland, 12.45 Uhr Nachrichten, Wetter, 13.50 Uhr Pressestimmen, 14.45 Uhr (außer Samstag) Suchmeldungen, 15.15 Uhr (außer Samstag) Börse, 17.45 Uhr Nachrichten, 19.00 Uhr Stimme Amerikas, 19.30 Uhr Rundschau, Nachrichten, 22.00 und 24.00 Uhr Nachrichten. Samstags Sendeschluß 1.00 Uhr.
Sonntag, 5. Nov. 6.00 Morgenständchen 7.20 Frühkonzrt 7.20 Frühkonzert 8.15 Aus dem religiösen Leben 8.30 Evangelische Morgenfeier 9.15 Wie verhalte ich mich Kindern gegenüber? 9.30 „Das Lieben bringt groß Freud“ — Verse und Prosa. 10.00 Musikalische Bagatellen 10.30 Frankfurter Gespräch 11.00 Oeffentliches Kammerorchester-Konzert 12.15 Volkstümliche Musik 13.00 Musik nach Tisch 14.30 „Pechvogel und Glückskind" Ein Märchenspiel 15.00 Aus dem Tagebuch Ihres Senders 115.15 Meister ihres Faches 15.45 Der gmeinsame Weg 17.00 Tanztee mit Erich Börschei 18.00 Orchester der Welt 22.10 Sportberichte 22.25 Rundfunk-Anekdoten 23.00 Tanzmusik
Montag, 6. Nov. 5.30 Musik für Frühaufsteher 6.40 Morgenständchen 7.15 Frühkonzert 8 15 Morgenmusik 0.00 Unterhaltungsmusik 11.15 Schulfunk: Das Heidelberger Schloß 12.00 Musik zur Unterhaltung 13.00 Unterhaltsame Musik 14.00 Kleine Anzeigen der Hessenrundschau. anschl. Musik 14.15 Schulfunk: Klingende Elementarlehre VI 15.45 Deutsche Fragen 16.00 Musik aus russischen Opern 16.45 „Skizzen“ von Peter Scheer 18.00 fugend und Politik 18.30 Zum Feierabend 20.00 „Die große .'vreht“ — Ein Hörspiel von Frank Dirnen 21.05 Unterhaltungskonzert 21.45 Dolf Sternberger spricht 22.15 Die bunte Folge 23.00 „Die Perle, die die Nacht durchleuchtet'* — Ein Erzählung 23.10 Zärtliche Melodien
Dienstag, 7. Nov. 5.30 Musik für Frühaufsteher 6.45 Gymnastik 7.15 Frühkonzert 8.15 Morgenmusik 9.00 Unterhaltungsmusik 11.15 Schulfunk Klingende Elementarschule VI 12.00 Musik am Mittag 13.00 Unterhaltsame Musik 14 00 feine Aizeigeu der Hessenrundschau 14.15 Schalfiuk: Wie sprechen wir? 15.45 Deutsche Fragen 16.00 Volkstümliches Orchester-Konzert 17.00 Bücherstunde 17.15 Kleine Solistenrevue 18.00 Rührung und Freude engos endetail 18.15 Gewerkschaftsfunk 18.25 Musik am laufenden ' and 20.00 Tanzkonzert 22.15 Das Abendstudio: Die Krise der Freiheit
Mittwoch, 8. Nov. 5.30 Musik für Frühaufsteher 6.45 Morgenständchen 7.15 Frühkonzert 8.15 Volkstümliche Klänge 9.05 Fünf Minuten Außenhandel 9.10 Klaviermusik und Lieder von Beethoven, Schumann und Rudi Stephan 11.15 Schulfunk: Wie sprechen wir? 12.00 Musik zur Unterhaltung 13.00 Sport aus aller Welt 13.10 Phantasien über beliebte Melodien 14.00 Robert Schumann: „Bunte Blätter“ für Klavier 14.15 Schulfunk: Sendung zum 9. November 14.45 Des Schweines Ende ist der Wurst Anfang 15.05 Ein Ständchen f. die Hausfrau 15.25 Hoppla, die Purzel sind da 15.45 Deutsche Fragen 16.00 Schule und Elternhaus 16.15 Nachmittagskonzert 17.00 Aus der Landeshauptstadt 18.00 Der werktätige Mensch 18.20 Musik zur Dämmerstunde 20.00 Ottorino Respighi: Rossiniana-Suite 20.25 Hoffmanns Erzählungen 23.10 Willy Berking spielt
Donnerstag, 9. Nov. 5.30 Musik für Frühaufsteher 6.45 Morgenständchen 7.15 Frühkonzert 9.00 Unterhaltungsmusik 11.15 Schulfunk Sendung zum 9. November 12.00 Musik am Mittag 13.00 Unterhaltsame Musik 14.00 Kleine Anzeigen der Hessenrundschau, anschl. Musik 14.15 Schulfunk: Versailles 15.15 Freistehende Künstler Hessens vor dem Mikrophon 15.45 Deutsche Fragen 16.00 Volkstümliche Musik 16.50 Was Frauen interessiert 17.00 „In den Sternen steht es geschrieben“ Ein Hausfrauenkonzert 18.00 Hörerlieblinge Es singt Nina Konsta 18.15 Aus der Wirtschaft 18.30 Schallplatten von einst 20.00 Operetten-Revue 21.00 Blick auf Europa 21.10 Mozarts Sonatenwerk I 21.45 Passiert — glossiert 22.15 Den Freunden der Dichtung Paul Claudel und Andre Gide 22.45 Nachtkabarett 23.00 Rhythmus der Welt
Freitag, 10. Nov. 5.30 Musik für Frühaufsteher 6.45 Gymnastik 7.15 Frühkonzert 8.15 Morgenmusik 9.00 Unterhaltungsmusik 9.55 Kleine Anzeigen der Hessenrundschau 11.15 Schulfunk: Versailles 12.00 Musik zur Unterhaltung 13.00 Unterhaltsame Musik 14.00 Das Panorama Kulturelle Wochenschau 14.15 Schulfunk: Der Landarbeiter 15.45 Deutsche Fragen 16.00 Leon Janacek: „Auf verwachsenem Pfade“ Othmar Schoeck: Lieder aus dem „West-östlichen Divan“ 16.45 Für junge Menschen 17.00 Alte Weisen in neuem Gewände 17.40 „Am Rande bemerkt“ 18.00 Funk-Feuilleton 18.15 Ein Tanzpotpourri mit Willy Berking 20.00 Kammermusikabend 20.45 In diesen Tagen 21.00 „Wohlauf noch getrunken“ 22.15 Musik im Blut 23.00 Pariser Spaziergang 23.25 Swingmusik
Samstag, 11. Nov. 5.30 Musik für Frühaufsteher 6.45 Sportvorschau Morgenständchen 7.15 Frühkonzert 8.15 Volkstümliche Klänge 9.00 Unterhaltungsmusik 11.15 Magazin des Schulfunks 12.00 Musik zur Unterhaltung 13.00 Unterhaltsame Musik 13.40 Sportvorschau 14.00 Kleine Anzeigen der Hessenrundschau 14.15 Vergnügen mit Musik 15.00 Durch die weite Welt Holland 15.30 Volkstümliches Wissen 15.45 Deutsche Fragen 16.00 Der Wunschzettel 17.00 Zur Unterhaltung 18.00 Recht für Jedermann 18.15 Musik für alt und jung 20.00 Ein Vorschuß auf die Seligkeit Auftakt zum Karneval 1950/51 21.30 „Raten Sie mit!“ 22.10 Sportergebnisse 22.25 Deutsche Tanzmeisterschaften 23.00 Tanz zum Wochenende
UKW Programm des Hessischen Rundfunks
18.00 Kleine Abendmusik 18.45 Das Neueste vom Sport 20.00 John Gabriel Borkmann 21.20 Tanzmusik 22.25 Programm der Mittelwelle
18.00 Kleine Abendmusik 18.40 G. B. Shaw, Wegweiser zu Sozialismus und Kapitalismus 20.00 Schlager, die Sie gerne hören 20.45 Die Zeit am Mikrophon 21.02 Kammermusik 21.45 Das Krokodil 22.15 Programm der Mittelwelle
18.00 Kleine Abendmusik 18.30 Bravo kleiner Bud 20.00 Der Troubadour 22.15 Programm der Mittelwelle
18.00 Kleine Abendmusik 18.40 „Ich habe nichts anzuziehen" 20.00 Weinfest am Rhein 21.30 Hibbderbach — Dribbderbach 22.15 Programm der Mittelwelle
18.00 Kleine Abendmusik 18.40 Kiedrich, ein Schatzkästlein 20.00 Witz und Laune bei Igor Strawinsky 20.45 Die Zeit am Mikrophon 21.02 Tanzmusik 21.30 Sturm und Drang 22.15 Programm der Mittelwelle
18.00 Kleine Abendmusik 18.30 Aus unserem Märchenbuch 20.00 Operette — kurz gefaßt 20.45 Vom deutschen Wiegenlied 21.02 Anton Dvorak: Streichquartett Es-dur op. 51 21.30 „Anatomie in Not“ 22.15 Programm der Mittelwelle
18.00 Kleine Abendmusik 20.00 Sinfonie-Konzert 21.30 Kabarett zu zweien 22.10 Sportergebnisse 22.25 Programm der Mittelwelle
Südwestdeutscher Rundfunk
Mittelwelle: 295 m (1016 kHz), 363 m (827 kHz) 195 m (1538 kHz)
(Rheinsender, Baden-Baden, Freiburg, Sigmaringen)
Nachrichtensendungen: 6.00, 7.00, 8.00, 12.45 Uhr 22.00, 24.00 Uhr
12.20 Johann Sebastian Bach Kantate Nr. 79 13.30 Volksmusik und Chorgesang 14.15 Frohe Melodien 15.00: Kinderfunk: Das Märchen vom wandernden Eisberg 15.30 Viel Musik und wenig Worte 17.00 Das Südwestfunk-Unterhaltungs-Orchester 18.20 Kritik der Zeit Friedrich Sieburg 18.30 Sportberichte 19.00 Deutsche Volkslieder 22.15 Sport und Musik
12.20 Mittags-Konzert 13.15 Musik nach Tisch 15.00 Tanztee 16.30 Literatur der Landschaft n 17.00 Solisten-Konzert 17.30 Der Kreis um das Kind e 18.20 Aus der Welt des Sports 18.30 Musik zum Feierabend 20.00 Musik für Dich! 21.00 Aus der Welt der klassischen Operette 22.20 Klaviermusik Werke von Bela Bartok
12.20 Mittags-Konzert 13.15 Musik nach Tisch 14.00 Wir jungen Menschen 15.15 Sang und Klang im Volkston 16.00 Sinfonie-Konzert 17.00 Zeitgenössische virtuose Musik 18.30 Musik zum Feierabend 20.00 Volksmusik und Chorgesang 20.30 Hörspiel: „Protokolle der Familie F.“ von Christian Bock 22.30 Nachtstudio Neues Musiktheater 23.30 Jazz 1950!
12.20 Mittags-Konzert 13.15 Musik nach Tisch 15.00 Nachmittags-Konzert 16.50 Der Literarhistorikerkongreß in Tübingen 1950 17.10 Sang und Klang im Volkston 18.30 Musik zum Feierabend 20.00 Das große Unterhaltungs-Konzert 21.40 „Traumgespenster“ Eine heitere Hörfolge 22.20 Klaviermusik 22.30 Nachtstudio 23.00 Eine bunte Schlager-Revue
12.20 Mittags-Konzert 13.15 Musik nach Tisch 14.00 Kinderliedersingen 15.15 Nachwuchs stellt sich vor 16.45 Albrecht Dürers Reise nach den Niederlanden 17.00 Klaviermusik Prokofieff: Toccata 18.30 Musik zum Feierabend 20.00 Operetten-Konzert 20.30 Hörspiel 22.15 Französisch-deutsches Gespräch 23.30 Zärtliche Weisen
12.20 Mittags-Konzert 13.15 Musik nach Tisch 14.00 Für die Schuljugend Umweltkunde 15.00 Musik am Nachmittag 16.00 Solistenkonzert 16.45 Unterhaltungsmusik 18.30 Musik zum Feierabend 20.00 Scheinwerfer auf! 20.45 Elternsorgen — Jugendnöte 21.00 Die großen Meister 22.30 Nachtstudio 23.15 Vom Sinn des Glücks (II) 23.30 Neue Chansons
12.20 Mittags-Konzert 13.15 Musik nach Tisch 14.00 Wir jungen Menschen 14.30 Allerhand Schlager 15.00 Opernmelodien 17.00 Musik zur Unterhaltung 18.30 Musik zum Feierabend 19.00 Innenpolitischer Kommentar 20.00 Unser Samstagabend „Alaaf und Helau“ Eine Sendung zum Karnevalsauftakt 22.30 Der SWF — bittet zum Tanzl 0.10 Tanzmusik aus aller Welt
Süddeutscher Rundfunk
Mittelwelle: 523 m (574 hHz)
(Stuttgart, Karlsruhe, Heidelberg-Mannheim)
Nachrichtensendungen: 5.20, 6.55, 7.55, 9.00, ,12.45 Uhr 17.55, 19.45, 21.45, 23.45 Uhr
12.00 Musik am Mittag 13.00 Neue Schweizer Schallplatten 13.30 „So ka mer’s au macha“ Hörszenen 14.00 Stunde des Chorgesangs 14.30 Lustiges Kasperle-Hörspiel 15.00 Frohes Raten — Gute Taten 15.45 Nachmittagskonzert 17.00 Symphoniekonzert 20.05 Das klingende Magazin 22.00 Klaviermusik 22.20 Kiabund zu seinem 60. Geburtstag 22.40 Wir bitten zum Tanz
12.00 Musik am Mittag 15.00 Schulfunk Erdkunde: Menschen in Deutschland 15.30 Spiele für die Kleinen 16.00 Nachmittagskonzert 16.45 Wir sprechen über neue Bücher 17.00 Konzertstunde 18.25 Das Streichorchester Heinz Hoffmann-Glewe 20.05 Musik für jedermann 21.15 Rendezvous am Montagabend 22.50 Der Wanderer 23.20 Liederstunde
12.00 Musik am Mittag 15.00 Schulfunk Aus berühmten Opern: „Fidelio" 16.00 Machmittagskonzert 17.15 Schweizer Komponisten von heute 18.20 Klänge der Heimat 20.05 „Von Heimat zu Heimat“ 20.45 Aus russischen Opern 22.05 Die Rundfunktanzkapelle 22.45 „Das Fenster ohne Scheiben" Ein Kriminalhörspiel 23.15 Pußta-Klänge
12.00 Musik am Mittag 14.05 Unterhaltungsmusik 14.30 Kinderfunk 15.00 Schulfunk Gemeinschaftskunde 16.00 Von Dichtern und Dichtung 16.15 Konzertstunde 17.15 Kleines Orchesterkonzert 18.20 Musik zum Feierabend 20.05 „Eine Tonne mit Gold" Hörspiel 21.00 Zeitgenössische Musik 22.05 Musikalischer Rummel 23.00 Orchesterkonzert
12.00 Musik am Mittag 15.00 Schulfunk Kinder unter sich 16.00 Kaffeestunde für die Hausfrauen 16.50 Eduard Künneke dirigiert eigene Werke 17.10 Hausmusik 18.25 Schöne Opernmelodien 20.05 „Spiel um Smaragde“ 100 unterhaltsame Minuten 21.55 Blick auf Europa 23.50 Nacht-Feuilleton 0.05 Jazz im Funk
12.00 Musik am Mittag 15.00 Schulfunk Geschichte: Der Kongreß tanzt 15.30 Kinderfunk. „Singt mit!“ 16.00 Nachmittagskonzert 16.45 Wir sprechen über neue Bücher 17.00 Froh und heiter 18.20 Musik zum Feierabend 20.05 Symphoniekonzert 21.15 Organismus Großstadt 22.05 Tanzmusik 22.45 „Marmorplatte und Aperitif“ 23.15 Zur Unterhaltung
12.00 Musik am Mittag 13.45 Sportrundschau 15.00 Unsere Volksmusik 16.45 Filmprisma 17.00 Vom Guten das Beste 17.15 Hans Brändle mit seiner Musettekapelle 18.20 Kleines Konzert 21.00 Familie Staüdenmaier Heitere Chronik 22.05 Schöne Stimmen 23.00 Einmal am Rhein Alte und neue Karnevalsschlager zum 11. November
Feuilleton
Georg Bernhard Shaw gestorben
GEB. 26. JULI 1856 — GEST. 1. NOV. 1950
Nun hat der ernste Geselle, Freund Hein, doch den munteren Mann mitgenommen. Sicherlich mit einem Schmunzeln, denn er hat sich zäh und listig gewehrt, der S4jährige, hat dem Tod immer wieder ein Schnippchen geschlagen, wollte durchaus 100 Jahre alt werden. Als Mindestgrenze des Alters, um zu beweisen, daß ein Menschenleben viel zu kurz sei, um auch nur annähernd auf Erden tüchtig und richtig umzusehen. Er selber hat das in erstaunlicher Weise getan, hat sich dabei vor keiner Macht gebeugt, ist immer der gebliebenv der er geworden: Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit auf allen Gebieten, ein Sozialist in des Wortes bester Bedeutung. Die Frauen, für die er in Büchern und Theaterstücken eintrat, haben ihm viel zu verdanken. Ein derber und ein feiner Spötter, ein irländischer Aristophanes; dazu ein Mann von unendlichem Fleiß. Eine lange Bücherreihe füllen seine Werke. Noch mit 92 schrieb er das Bühnenstück „Zu viel Geld“. Es kann nicht die Aufgabe eines ersten Nachrufes sein, seine dramatischen Arbeiten aufzuzählen, die ernsten, die scheinbar ernsten, die heiteren, die genialischen Clownerien. Er war wer! Er hat die Theaterspielpläne in der ganzen Welt mitbestimmt. Seine Stücke: „Pygmalion“, „Helden“, „Der Arzt am Scheidewege“, „Die heilige Johanna“, „Cäsar und Kleopatra“, um nur einige zu nennen, sind nie von den Ankündigungen verschwunden, denn von der ersten Szene an war Theaterblut zu spüren, der Reiz eines überlegenen Geistes, der höchst eigenwillig mit den Realitäten und Gesetzen dieser Welt umging. Manchmal wußte man nicht, war es ihm bitter ernst, oder wollte er nur vergnügten, faszinierenden Unfug auf die Bretter bringen, einen Unfug allerdings, der stets seine Beziehungen zur Freiheit der Persönlichkeit hatte. Dann aber, wie in der „Heiligen Johanna“, brach der große Dichter und Dramatiker durch, der Aufklärer, der Förderer, der Mann der Humanitas, der Europäer.
In allen seinen Arbeiten ist das Gefühl für die Zeit, in der wir leben. Da ist nichts Antiquiertes, falsch Romantisches gar. Kommen seine Personen in antikem Gewände, so sprechen sie, handeln sie, als wären sie im 20. Jahrhundert geboren und es scheint uns fast, als hätten sie immer so ähnlich gesprochen, frei von Pathos rollender Jamben, frei von theatralisch-heroischer Atmosphäre. Sie sind dabei durchaus keine naturalistischen Ausgeburten, sondern Geist von seinem Geist, seine ureigenen Kinder, mit einem guten Schuß gesunden Menschenverstandes und da, wo sie stur sind, von vibrierender Komik, knapp gezeichnet, in wenigen Sätzen ihr Wesen preisgebend, zur Freude der Zuhörer. Sie haben sich noch nie gelangweilt bei ihm. Jedes neue Stück wurde wie ein Geschenk erwartet, an dem jedermann teilnehmen konnte.
Es heißt, daß seine politischen Aeußerungen in England nicht ernst genommen wurden, das besagt nur, daß sie oft genug der offiziellen Meinung völlig entgegengesetzt waren. „Kein Wunder", hat er einmal im letzten Krieg gesagt, „daß die Deutschen anfangen, sich wie wilde Tiere zu gebärden, wenn man Bomben wie Litfaßsäulen so groß auf ihre Frauen und Kinder wirft!“ Das konnte natürlich nicht „ernst“ genommen werden. Er ist immer ein Anwalt des Menschlichen gewesen, ein Anwalt der Vernunft, der Einsicht, mit dem Blick des weifen, lächelnden Mannes, der um die großen Unzulänglichkeiten des geplagten und anmaßenden Sündergeschlechtes auf der Erde weiß. Man wird seine Aussprüche, die ihn auch am Krankenbett keineswegs verlassen haben er bedauerte den Arzt, auf dessen Name das Konto seines Todes kommen werde —, sehr vermissen. Seine Sentenzen, die ihm bei guter Gelegenheit rasch von den Lippen flossen, besonders bei Fragen Neugieriger, werden in den Anekdotenschatz der Weltliteratur übergehen. Sie fegen so frisch alles Phrasenhafte von dannen. Schade! Die Welt ist ärmer geworden durch seinen Weggang, aber sie wird sich, solange Theater stehen, an dem erfreuen, was nicht so schnell sterblich ist an ihm. Und das ist wahrlich genug für ein Leben, das drei Menschenalter umfaßte. Als Gerhart Hauptmann am Ende des Krieges starb, fuhr er einen Bedenklichen mit den Worten an: „Was soll das dumme Gerede. Er war ein Mann wie ich!“
Er selber war Sohn armer Eltern, Kassierer, Schwimmlehrer, Kritiker, sozialistischer Redner im Hydepark, Trinker, dann Aostinent, mit 29 Jahren zum ersten Male liebend, die schöne Schauspielerin Ellen Terry. Sie macht ihn auf Siegfried Trebitsch aufmerksam, der ihn durch Uebersetzungen in Deutschland zu einem fast volkstümlichen Manne macht. Im Grunde genommen ist dieser G.B.S. gar nicht tot. Nur die Nachrufe werden vergessen — er nicht. Geisenheyner
Sterbegebete am Bett Bernard Shaws Der anglikanische Geistliche von Ayot St. Lawrence, der am Bett Bernard Shaw die Sterbegebete sprach, sagte nach dessen Tode, „Shaw war kein Atheist. Er glaubte an Gott. Man braucht nur seine ,Heilige Johanna' zu lesen, um dies zu erkennen“. Bernard Shaw sei in den letzten drei Jahren nicht in der Kirche gewesen; aber am letzten Palmsonntag habe er bei der Einweihung eines neuen Tores für die Kirche außerhalb der Kirche eine Ansprache gehalten.
Geisterstimme aus der Unterwelt
VON WALTER BLOEMKein übler Geist im landläufigen Sinne, nein, ein guter Geist ist's, von dem wir erzählen wollen, ein Schutzgeist, ein Retter der Entgleisenden und Versagenden. Kastengeist — so nennt das Rotwelsch des Bühnenvolkes den — „S ouff 1 e u r“. Ein häßliches Fremdwort. das aber noch immer im Schwange ist, obwohl kein Geringerer als Goethe dafür ein schönes deutsches Ersatzwort geschaffen hat. In „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ nennt er den Mann, der in jenem altbekannten Kasten an der Rampe steckt, den „ E i n h e 1 f e r
Heute ist der Kastengeist an den meisten Bühnen eine Souffleuse, eine Einhelferin. Aber Welch ein wichtiges Glied im Riesenorganismus des Theaters ist diese bescheidene Frau Schulze oder Neumann! Das kommt dem Zuschauer allerdings nur dann zum Bewußtsein, wenn einen der Darsteller sein Gedächtnis verläßt. Auch ein Komödiant, und wäre er der Abgott aller jungen und alten Backfische von Buxtehude oder Berlin, ist nur ein Mensch, und selbst der gewissenhafteste Lerner spürt gelegentlich ein Loch im Hirn, das der rasche Beistand des Kastengeistes überpflastern muß.
Freilich gibt es auch Fälle, in denen das dauernde Eingreifen der Retterstimme aus der Unterwelt notwendig wird. Jedermann „vom Bau“ kennt den Typus des alternden Schauspielers, der alle Rollen aus dem Repertoire seiner Jugendzeit buchstabengetreu beherrscht — nur wenn er eine neue lernen soll, will sein Hirn die neuen Wort- und Satzfolgen nicht mehr recht annehmen. Ein Schauspieler, dem das Rollenlernen immer saurer, das Gedächtnis immer unzuverlässiger wird — erschütterndes Bild, zumal wenn „Er“ oder „Sie“ „was kann“. Er entwickelt sich allmählich zu einem Dauer- und Meister- „Schwimmer“.
Besonders an kleineren Bühnen, die jedes Stück nur zwei-, dreimal spielen können und fast jede Woche eine Neueinstudierung bringen müssen, kann der Zuschauer es erleben, daß die ganze Vorstellung „schwimmt“... Dann streben sämtliche Darsteller, magisch angezogen, dem Souffleurkasten zu. Jeder bemüht sich, den einmal erkämpften Platz in der schützenden Nähe des Kastengeistes durch alle Wechselfälle des Spiels zu behaupten. Der Zuschauer aber bekommt nicht nur einzelne Worte und Satzfetzen doppelt zu hören, sondern das ganze Stück — was seiner literarischen Bildung besser frommt als seiner Stimmung.
„Zum Donnerwetter. Schulzen“, heißt's auf der Probe, „Sie wissen doch, daß ich ein bombenfester Lerner bin! Meinetwegen brauchten Sie überhaupt nicht da unten zu sitzen! Ich verbitte mir ein für allemal jede Einhilfe — nicht einmal anschlagen dürfen Sie für mich!“
Befolgt aber die arme Schulzen diesen Befehl, so wird sie von dem gleichen Darsteller später angefaucht: „Schulzen, sind Sie verrückt geworden? Sie sehen doch, daß mir soeben ein Einsatz gefehlt hat — so was kann doch sogar mir einmal passieren, dem gewissenhaftesten Lerner im Ensemble — und da lassen Sie mich im Stich?“
, Ein zweiter Mime erklärt: „Schulzen, Sie wissen, ich bringe meine Rolle wortgetreu. aber nur wenn ich mich darauf verlassen kann, daß Sie jeden Satz anschlagen — natürlich nur anschlagen, den Einsatz die ersten zwei Worte, die ersten zwei. • nicht einen Buchstaben mehr, sonst machen Sie mich verrückt!“
Bringt die Schulzen nun wirklich jedesmal genau zwei Worte, dann heißt's:
..Schulzen. Sie sind entsetzlich! Eben fing mein neuer Satz an: .Da ich nun
einmal fest entschlossen bin —' und Sie soufflieren mir nichts weiter als: ,Da ich —‘, ,da ich —‘!! „Was soll ich denn mit den zwei Fetzen anfangen?!“
„Aber, Herr Gropius“, stammelt die Souffleuse. ..Sie haben mich ausdrücklich angewiesen, genau zwei Worte anzuschlagen, nicht einen Buchstaben mehr oder weniger!“
„Aber zum Teufel, Sie alte Suse da unten, ich meine doch natürlich nicht die ersten zwei ganz belanglosen Worte, mit denen zufällig der Satz anfängt, sondern die charakteristischen, in denen der Sinn des Satzes steckt!“
Temperament darf man dem Schauspieler nicht verübeln, sintemalen es eine Hauptquelle seiner Leistung ist. Es wendet sich zuweilen auch gegen den Regisseur — aber selten, denn der Mann kann sich rächen. Wer ihn ärgert, ihm Schwierigkeiten macht, auf seine Auffassung nicht eingehen will, wird kaltgestellt. im nächsten Stück findet sich keine Rolle für ihn, er muß „Spazierengehen“, das Aergste, was man dem Schauspieler antun kann. Der Kastengeist hingegen ist wehrlos, an ihm kann man seine üble Laune austoben.
Ist er — ? — Nein, „einen Stachel gab Natur dem Wurm — "... Der Kastengeist ist Kummer gewohnt, er lebt ja in der Theaterluft und weiß, sie ist immer mit Hochspannung geladen, da darf man nicht empfindlich sein. Aber alles kann man sich schließlich auch nicht gefallen lassen. Wer die Schulzen allzu schlimm anhaucht, bekommt eines Tages den Stachel zu spüren. Wenn er gerade im schönsten „Schwimmen“ ist und des Rettungsgürtels am meisten bedarf, läßt sie ihn wirklich im Stich, vielleicht gar in einer Premiere, wo drunten die Presse sitzt, die hellhörige.
So kommt’s, daß der Kastengeist das beliebteste umworbenste Mitglied des Hauses ist. Er wird, von gelegentlichen Nervositätsäusbrüchen abgesehen, wie das berühmte rohe Ei behandelt und mit Blumen und Pralinen verwöhnt wie eine Primadonna.
Nur das Publikum, das nichts von ihm sieht, will auch nichts von ihm hören. Und mit Recht. Denn der Sinn seines Daseins ist, daß er eigentlich nicht da sein dürfte. Und jedesmal, wenn sein Vorhandensein im Zuschauerraum bemerkbar wird, ist’s ein Beweis, daß da oben etwas nicht klappt. Er ist der große Unbekannte. Namenlose, ohne den es unmöglich ist. Theater zu spielen, solange menschliche Gehirne noch nicht die Zuverlässigkeit von Schallplatten besitzen.
Bohuslaw Martinu
Bei dem am Montag, dem 6. November, in der Stadthalle stattfindenden zweiten Sinfoniekonzert des Landestheater-Orchesters unter Leitung von Richard Kotz, steht neben Tschaikowskys Klavierkonzert in b-moll op. 74 ein Doppelkonzert für zwei Streichorchester von Bohuslaw Martinu auf dem Programm.
Vielleicht ist der Name Bohuslaw Martinu nur wenigen bekannt und vielleicht verbinden von jenen nur wenige einen musikalischen Begriff mit diesem Musiker der Gegenwart.
Martinu ist von Geburt Tscheche (1890), nimmt die ersten Anregungen aus heimatlichem Boden (Ballett „Ischtar“) und geht 1923 nach Paris. Zwar wird Albert Roussel dort sein Lehrer, in seinen Werken aber gibt er sich ganz den Aktualitäten jener Jahre hin. In „La Bagarre“ bemächtigt er sich Lindberghs Ozeanflug als Thema und in „Halbzeit“ führt er ein musikalisches Fußballmatch durch, ähnlich wie damals Honegger den „Pacific 231“, Strawinsky seinen „Rag - Time“, Hindemith die „Suite 1922“ und Debussy „General Lavineeccentric“, „Minstrels“ usw. schrieben. Dieser kurzlebige Realismus in der Musik jener Tage wurde durchtränkt von einer Kultivierung der damaligen Gesellschaftsmusik, des Jazz, Cakewalk und der spanischen Rhythmen, denen Martinu noch die elementaren Tanz- und Melodieformen seines Landes hinzufügte.
Aber wie so mancher Künstler sich erst im Ausland seiner Abstammung neu bewußt wird, so entdeckt auch Martinu seine Heimat mit dem Ballett „Spalicek“ (1931), dem Mirakelspiel „Das Wunder unserer Frau“ (1934) und der Oper „Juliette“ (1938) wieder. Mit dem Wunsch, eine große tschechische Nationaloper zu schaffen, wandelt sich auch der Stil. Die motorischen, maschinellen Bewegungskräfte werden von einer objektivierenden Musikgestaltung in polyphoner Schrift abgelöst, wobei nur noch die scharfen Konturen formaler Elemente sichtbar bleiben. In die sachliche Darstellung tritt ein neues Ethos, das seine Stärke aus der musikalischen Vergangenheit des Barocks und der Klassik (Mozart), aus der Muttersprache der Heimat und einem absoluten Musikantentum bezieht und sie verstandesmäßig in neuer Harmonie ausschwingen läßt. Dadurch wird Martinu zu einem würdigen Vertreter der Richtung, die wir heute als Neuklassizismus stilistisch umreißen.
Seine Musik bleibt mit den wenigen Ausnahmen der expressionistischen Zeit um 1923 im melodischen Charakter tschechisch, in der Technik international und neoklassisch. Beispiele bieten u. a. seine Violinsonaten, sein Duo für Violine und Cello, seine 1. und 2. Symphonie, die im Farbspiel der Instrumente auch nach Mozart hin orientiert sind. Martinu, seit 1940 in USA., ist heute bei seiner 4. Symhponie angelangt.
Das Doppelkonzert für Streicher, Klavier und Pauken entstand 1938. Das Erbe der Tradition Droräk-Smetana leuchtet durch. In der Concerto-grosso-Anlage ist das Klavier originell und wirkungssicher eingebaut. Die das ganze Werk durchdringende feingefühlte, aber kräftig rhythmisierende Beseeltheit, die mehr aus dem Gesang als aus der Dynamik kommende Synkopierung, die einfache Themengliederung und ihre Variante und polyphone Durchführung sind persönlich und individuell für Martinu. Diese sprühende Phantasie legt den ganzen Tiefenraum seiner Kunst bloß. G. I.
Ingrid Bergman verlor Scheidungsprozeß in USA. Der Ehemann der weltbekannten schwedischen Hollywood-Filmschauspielerin Ingrid Bergman, Dr, Peter Lindström, gewann in Hollywood den Scheidungsprozeß gegen seine Frau, die ihn verließ, um mit dem italienischen Regisseur Roberto Rossellini zu leben. Als Scheidungsgründe erkannte das Gericht böswilliges Verlassen und Grausamkeit an.
„Ein weißer Strom fließt durch das Land“, heißt ein neuer Kulturfilm, der den Weg der Milch von der Weide über Molkerei und Käserei bis zum Verbraucher zeigt und besonders auf den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Wert der Milch hinweist. Der Film soll vor Sachverständigen in Oldenburg oder Hannover uraufgeführt werden und in etwa vier Wochen in den Lichtspieltheatern des Bundesgebietes anlaufen.
DT Film-Forum
Jhr Debüt: Heiterkeitserfolg
Wer LucieEnglisch heute sieht, der möchte wohl darauf schwören, daß hir ganzes Leben nur eine Folge von Heiterkeit gewesen sei... denn sie verstent, herrlich zu lachen, sie läßt sich gern in amüsante und humorvolle Situationen verwickeln, und ihr treuherziger Augenaufschlag, ihr gewinnendes Lächeln können schon den Eindruck erwecken, als sei ihr niemals irgendwelche Not beschieden gewesen! Aber wie verkehrt ist solche Auffassung! Der damals noch kleinen Lucie Englisch blieben Hunger und Not wirklich nicht erspart! Kein Wunder, wenn man hört, daß sie die jüngste von fünf Kindern war, und daß ihr Vater starb, als sie gerade drei Jahre alt geworden war. Da hat es die Mutter nicht leicht gehabt, und das haben die fünf Kinder zu spüren bekommen!
Freilich wäre es ein Irrtum, wenn man glauben wollte, es sei im Hause der Mutter unserer Lucie schwerblütig zugegangen ... im Gegenteil! Gelacht wurde da viel, und es war vor allem die Lucie, die immer für Lachen sorgte! Und nicht nur daheim schuf ihr überquellendes Temperament manche lustige Stunde; in der Schule setzte sie sich bald genug durch und gab ihren Mitschülerinnen manchen Anlaß zu heimlichem und unheimlichem Gelächter. Das heitere Element in ihrem Wesen war eben stärker als alle äußeren Umstände. Aber sie war nicht durch Heiterkeit ausgezeichnet — sie hatte auch einen, man muß wohl schon sagen: sturen und unbeugsamen Willen, und mit dem kam sie zum Theater. Das aber ging so zu:
Sie gab Nachhilfestunden, um etwas Geld zu verdienen, etwas ... sehr wenig Geld! Und da hörte sie von einer älteren Schulfreundin, daß diese viel mehr verdiene, und zwar am Theater als Choristin. Aha! sagte sich die strebsame Lucie, also mußt du ans Theater kommen, und kurz entschlossen ging sie hin. Durch standhaftes Verweigern jeder Erklärung gegenüber den unteren Angestellten des Theaters erreichte sie, daß man sie zum Direktor führte, und als der fragte, was sie denn wolle, da sagte sie nur: „Sie sollen mich engagieren!“ Befragt erklärte sie, daß sie weder singen noch tanzen noch sprechen könne, ihr fehlten wirklich alle Voraussetzungen für ein Theaterengagement, aber: .„Sie sollen mich engagieren!“ Diese i Sturheit hat sie nicht etwa einen Tag lang aufgebracht, sie kam Tag für Tag ; wieder, ließ sich durch nichts entmutigen, alles Nachhauseschicken half nichts, war wieder und wieder da ... und bekam eines Tages eine Rolle, in der sie einen Satz zu sprechen hatte. Als sie den sprach, da lachten alle Zuschauer. So fing es an ... und so ging es weiter. Kein Hunger, keine Entbehrung konnten sie entmutigen, sie kannte ihr Ziel und ließ nicht locker ...
... und heute wissen wir, daß sie damit recht behielt, denn sie ist eine unserer großen und seit langem weithin geachteten Darstellerinnen. Mit zielstrebiger Konsequenz hat sie sich durchgekämpft, hat sie alle Widrigkeiten überwunden, und unbeirrbar hat sie das Beste behalten, was sie mitbrachte, als sie die weltbedeutenden Bretter betrat: Ihren Humor und die herrliche Fähigkeit, ihre Mitmenschen zum Lachen zu bringen.
Wußten Sie übrigens schon daß sie eine Oesterreicherin ist, aus einem kleinen Dorf unweit Baden bei Wien stammt? Wußten sie schon, daß sie ihr Filmdebüt in der Tonfilmzeit hatte? Wußten Sie schon, daß sie vor Beginn des zweiten Weltkriegs schon mehr denn 50 Filmrollen gehabt hatte? Und daß sie glücklich verheiratet ist und ein Kind hat... wußten Sie das schon? Daß sie im „Theodor im Fußballtor“ mitspielte — das wissen Sie ja auf alle Fälle!
LUCIE ENGLISCH
(Foto: Zeyn-Styria-Film/Herzog-Film/Niczky) cf ««tartiMfeU .0» rasnis/ «s
Neue Filme in Darmstadt
THALIA: „Badende Venus“. Die Amerikaner können das. Revuefilme aus dem Handgelenk schütteln, so mit viel Dran und Drumherum. Manchmal geht's schief, dann wird's zu viel des Guten und die Sache wird verkitscht. Diesmal aber hat es hingehauen. „Badende Venus“ ist ein Revuefilm mit einer schmissigen Musik, phantastischen Tanz- und Wasserballettszenen. mit schönen Frauen und — man höre und staune — sogar mit einer recht passablen Handlung. Xavier Cugat und Harry James bringen mit ihren Orchestern Stimmung. Red Skelton die gute humoristische Note und Esther Williams den Sex-Appeal in den Streifen. Man freut sich an den Farben, wird überrascht durch viele neue Gags, ist erstaunt über die Kamera und lacht über die zahlreichen humorvollen Ideen, die den Film zu einem herzerfrischenden Lustspiel machen. hn
BELIDA. „Abenteuer in der Südsee“. Der deutsche Titel dieses amerikanischen Abenteuerfilms ist schlecht gewählt, klingt stark kitschig und wird dem eigentlichen Inhalt in keinem Fall gerecht. Denn was hier abrollt, das ist Tempo und Sensation, das ist der gute, große Abenteuerfilm, der in den letzten Jahren so selten geworden ist.
Im ausgehenden 18. Jahrhundert kämpft der Sohn eines verstorbenen Lords um den Besitz seines Erbes, das sich in den Händen seines schurkischen Onkels befindet. Dabei gerät er auf der Suche nach Vermögen, um den aussichtslos erscheinenden Kampf gegen die mißbrauchte Staatsgewalt aufzunehmen, in die Südsee, um dort auf einer idyllischen Insel nach Perlen zu tauchen. Er findet sie und eine Frau, und Perlen wie Frau sind von gleicher überirdischer Schönheit. Tyrone Power ist der Mann, der immer Mann bleibt, ohne sich in Muskelposen zu gefallen, er bleibt menschlich und scheint schon allein dadurch prädestiniert, den Kampf gegen das Böse zu gewinnen. Gene Tierney, von exotischer Schönheit, spielt die Eve, die im Südseemondschein den menschlichen Traum von der Einsamkeit ferner Welten zu verwirklichen scheint. Eine gute Studie sadistischer Verworfenheit zeigt George Sanders als der satanische Onkel, der mit Peitsche und geballter Faust „Recht spricht“.
PALAST. — „Der Wahnsinn des Dr. Clive“. Daß ein Hund einen Menschen rettet, kommt öfters vor, daß ein Hund einen vom Tode Bedrohten vor seinem Mörder rettet, ist schon seltener. Hierauf baut sich der englische Kriminalfilm auf, der nur im Titel etwas an den Geschehnissen vorbeigeht. Nicht Wahnsinn, sondern bewußter, kaltblütiger Mord — wenn auch nur im Versuch — ist es, mit dem Dr. Clive den Liebhaber seiner Frau beseitigen will. Kriminalprozesse der letzten Zeit haben wohl außer der Novelle „A man about a dog“ bei diesem Film Pate gestanden, der sehr spannend, sehr ordentlich und sehr geschickt gemacht ist. Wohl dauert die Spannung lange an, aber sie hat viele wirklich atemraubende Momente.
UNION. — Du bist Musik für mich. Na endlich, da haben wir ihn, den Unterhaltungsfilm. Die Handlung? Völlig unwesentlich. Die Musik? Sehr wesentlich! (Michael Jary hat sich einige neue Melodien einfallen lassen, von denen die eine oder andere einen populären Schlager abgeben wird.) Die Photographie? Wunderbar! (Kein Wunder, denn hinter der Kamera stand Hans Schneeberger.) Die Regie? Munter, munter! (Geza von Cziffra hat sich wirklich ein paar neue Gags ausgedacht.) Und die Akteure? Ausgezeichnet! (Rudolf Prack und Olly Holzmann, Paul Kemp und Sonja Ziemann, Hans Olden und Elfe Gerhart, nicht zu vergessen „Theo“, sind liebenswert wie selten.)
Der Film hat einen Fehler: Er ist zu kurz! We
HANSA. — „Heimweh“. Man hat öfters versucht. Filme über Tiere zu drehen, wi« etwa „Krambambuli“ oder „Sein bester Freund“. Sie scheiterten aber zumeist an der zu dick aufgetragenen Sentimentalität. Dieser Farbfilm der Metro-Goldwyn-Mayer spielt in England, in Yorkshire und Schottland. Lassie, ein bildhübscher schottischer Schäferhund, ist der Freund des kleinen Joe. Aber der Lebensunterhalt des Hundes übersteigt die Familienfinanzen, da Vater Sam arbeitslos ist und von Unterstützung leben muß. Er verkauft ihn an einen Herzog, der Lassie nach Schottland bringt. Nun beginnt die eigentliche Geschichte, wie Lassie sich in wochenlangem Marsch zu seinem kleinen Herren durchschlägt und alles zu einem guten Ende kommt. Gewiß, eine leicht sentimentale Handlung, wenn sie nicht von der unglaublichen Gestaltungskraft durchblutet Wäre, die von diesem Tier ausgeht.
DER SPORT
Die Lilienträger beim Deutschen Meister
In Stuttgart rechnet man mit einem glatten Sieg des Vfß / Wird Mühlbach Deutschlands Linksaußen Nr. 1 halten können? / Verbesserter 98er-Sturm gegen Klasseläufer Barufka-Schlienz.
Das Spiel des SV 98 erschien erstmals in dieser Saison nicht auf dem Tipzettel des Hessen-Totos, ein Zeichen, wie überzeugt man „draußen“ von dem sicheren Sieg des Deutschen Meisters Vfß Stuttgart ist. Das braucht aber für die Darmstädter, die zweifellos vor ihrer schwersten Kraftprobe stehen, kein Grund zu sein, die Flinte von vornherein ins Korn zu werfen. Sie haben ihre Formverbesserung in Waldhof andeuten können, gegen Eintracht Frankfurt aber erlaubte ihnen der Schiedsrichter sogar, sie noch deutlicher zu beweisen. Auch die Pessimisten unter der Anhängerschar nehmen seit dem Spiel am Sonntag wieder einen deutlich fühlbaren Kurs zur Hoffnungsfreudigkeit, um nach Saisonende nicht als „untragbar“ zu gelten.
Die Stuttgarter werden sich natürlich nicht im Neckarstadion ausgerechnet von einem Neuling hineinlegen lassen wollen, sehen vielmehr in dem morgigen Spiel eine günstige Gelegenheit, ihr wenig meisterliches Punktkonto (13:9) etwas auf bessern und sich wieder in der Spitzengruppe vorschieben zu können. Die Elf war auswärts zwar nur in Reutlingen erfolgreich, fertigte aber daheim alle Gegner mit zum Teil recht hohen Ergebnissen ab, schlug Neckarau 4:1, Eintracht 4:1, Schwaben 6:1, FSV 5:1 und Offenbach 2:1. Seit Schlienz wieder mit dabei ist, spielen die Schwaben mit dem roten Brustring wieder in alter Deutschmeisterform. Die 98er haben hingegen außer in Reutlingen auswärts noch nirgends imponieren können. Es bedeutete schon eine Riesenüberraschung, brächten sie von Stuttgart auch nur einen Teilerfolg mit heim. Sie müssen schon zu
großer Form auflaufen, um das verwöhnte Stuttgarter Publikum begeistern zu können. Die Capnstädter treten am Sonntag die im Spiel gegen Schwaben Augsburg verletzten Ledl und Bühler ausgenommen mit der gleichen Elf an, die in Berlin gegen die Offenbacher Kickers den deutschen Meistertitel errang. Im Tor steht wieder „Gummi“-Schmid, der von den beiden sicheren Verteidigern Retter und Steimle und dem Stopper Otterbach gut unterstützt wird. Der Ex-Schalker Alleskönner Barufka und der einarmige Schlienz, die sich als ehemalige Stürmer lebhaft am Toreschießen zu beteiligen pflegen, bilden ein sehr gefährliches Außenläuferpaar. Als Mittelstürmer hat sich der vom 1. FC Freiburg gekommene Wehrle bewährt, der gegen Keuerleber zwar nicht so gut zur Geltung kam, dafür aber dem FSV drei Tore in den Kasten setzte. Die rechte Seite ist mit Läpple-Kronenbitter gut besetzt. Der glänzende linke Flügel mit dem etwas zurückgezogen spielenden Baitinger und dem leichtfüßigen Techniker Blessing wird der Darmstädter Deckung am meisten zu schaffen machen. Der Linksaußen ist zusammen mit Barufka einer der aussichtsreichsten Kandidaten für die Nationalmannschaft. Beide spielen am 12. November in der Südauswahl gegen Westdeutschland, während ihre Vereinskameraden Retter und Läpple für Ludwigshafen gegen Südwest aufgestellt wurden.
Wenn sich die Lilienträger, die morgen in gleicher Aufstellung wie gegen Eintracht Frankfurt antreten, nicht durch den Spielwirbel des schnellen und explosiven Schwabensturmes verwirren lassen und einen regennassen Boden vorflnden, auf dem sich die schweren Männer des Vfß immer etwas schlechter’ zurückfinden, so sieht man sie nicht ohne jede Hoffnung nach Stuttgart fahren.
Vfß Stuttgart: Schmid; Retter; Steimle; Schlienz, Otterbach, Barufka; Läpple, Kronenbitter, Wehrle, Baitinger, Blessing.
SV Darmstadt 98: Müller; Mühlbach, Abt; Herder, Schmidtmer, Leichtlein; Reeg, Thalheimer, Bohmann, Barth, Herwig.
Steht ihm bei, ihr guten Geister, bei der Prüfung durch den Meister!
Blickpunkte im Süden: Nürnberg und Frankfurt
Das Fußball-Wochenende der ersten Ligen verspricht wieder große Kämpfe
H. KI. Im Fußball-Süden ist eigentlich bei der Ausgeglichenheit der Mannschaften jeder Sonntag ein Großkampftag, so daß man kaum noch von Höhepunkten sprechen kann. In der ersten Liga ist schließlich jeder Spieltag ein Höhepunpt. Kein Wunder, wenn man feststellt, daß im Augenblick den zwölften der Tabelle vom Spitzenreiter nur sechs Punkte trennen. Nadi Verlustpunkten gerechnet sind es sogar nur vier! Noch undurchsichtiger ist die Lage auf Platz zwei bis sechs, denn hier weisen alle beteiligten Mannschaften ein Punktverhältnis von 14:8 aus und vier von diesen Vertretungen sind am Wochenende unter sich! Aber nicht nur diese Paarungen versprechen hervorragende Kämpfe, wie das folgende Gesamtprogramm beweist:
1. Liga Süd VfL Neckarau — 1860 München (Sa) 1- FC Nürnberg — VfR Mannheim Vfß Stuttgart — 98 Darmstadt Eintr. Frankfurt — Vfß Mühlburg SV Waldhof — Spvgg Fürth FC Singen — BC Augsburg Kick. Offenbach — FSV Frankfurt Bayern München — Schweinfurt 05 Schwab. Augsburg — SSV Reutlingen 2. Liga Süd ASV Durlach — Bayern Hof / 1. FC Bamberg — Wacker München VfL Konstanz — ASV Cham SV Wiesbaden — SV Tübingen Regensburg — Aschaffenburg TSV Straubing — 1. FC Pforzheim Union Böckingen — FC Freiburg SG Arheilgen — Stuttgarter Kickers Ulm 46 —Hessen Kassel 1. Liga West Duisburger SV — Katernberg Rheydter SV — Bor. Dortmund RW Oberhausen — Schalke 04 Fort. Düsseldorf — 1. FC Köln RW Essen — Bor. M.-Gladbach Pr. Münster — Erkenschwick Alem. Aachen — STV Horst Emscher Pr. Dellbrück — Hamborn 07 1. Liga Nord Cone. Hamburg — Hannover 96 Altona 93 — VfL Osnabrück Vfß Oldenburg — Bremer SV Holstein Kiel — FC St. Pauli Arm. Hannover — Eintr. Braunschweig Göttingen 05 — Eintr. Osnabrück SV Itzehoe — Hamburger SV Eimsbüttel — Bremerhaven 93
Die Anhänger der ersten Liga Süd blicken also wieder einmal nach Nürnberg und Frankfurt. Der Nürnberger „Club“ hat sich wieder einmal mit dem VfR Mannheim auseinanderzusetzen und wird auch, wenn nicht alles trügt, in heimischer Umgebung die Partie mit dem punktgleichen Gast mit einem Sieg abschließen. Schwerer hat es dagegen die Frankfurter Eintracht, die den stark nach vorne gekommenen Vfß Mühlburg empfängt, eine Mannschaft, mit der die Frankfurter noch nie recht fertig wurden. Auch der Spitzenreiter Fürth hat beim SV Waldhof noch nicht gewonnen, zumal die Gastgeber endlich etwas aus ihrer Reserve herausgehen müssen, wenn sie nicht Schiffbruch erleiden wollen. Ein weiterer Publikumsschlager ist auf dem Bieberer Berg in Offenbach zu erwarten, wo sich die Kickers mit dem Rivalen von der anderen Mainseite, FSV Frankfurt, einen erbitterten Kampf um die Punkte liefern werden.
In der zweiten Liga Süd wird wohl der Siegeszug der Aschaffenburger Viktoria von dem Meisterschaftsaspiranten Jahn Regensburg an der Donau gestoppt werden. SV Wiesbaden, der in dieser Woche mit seinem Trainer gebrochen hat und im Augenblick von dem Spieler Csakany betreut wird, ist keineswegs gewillt, den ersten Punktelieferanten für den SV Tübingen zu spielen.
Im Westen sind die drei Spitzenreiter diesmal ohne Ausnahme auswärts: Schalke in Oberhausen. Köln in Düsseldorf und Erkenschwick in Münster. Die schwierigsten Aufgaben stehen also Köln und Erkenschwick bevor und wenn alles programmgemäß verläuft, kann sich Fortuna Düsseldorf endlich wieder in den Vordergrund schieben. Keineswegs leicht hat es auch Borussia Dortmund, das beim Rheydter SV eine Gastrolle gibt.
Der Hamburger SV fährt im Norden nach seinem schweren Freundschaftsspiel gegen Belo Horizonte, zum SV Itzehoe, der vor acht Tagen beim Bremer SV die ersten Punkte kassierte. Hoffentlich hat sich der HSV nicht zu viel vorgenommen. Die Lage ist sowieso nicht sonderlich günstig und eine weitere Punkteinbuße könnte die Meisterschaftshoffnungen endgültig vernichten. Die Spitzenreiter VfL Osnabrück und Göttingen 05 werden auch nach diesem Sonntag voraussichtlich vorne bleiben. Ob vbur Schritt halten kann ist fraglich. Bei Holstein Kiel wird man schon mit einem Punkt zufrieden sein können.
Stuttgarter Kickers am „Mühlchen“
Der Tabellenzweite der 2. Liga Süd spielt zum Kerwetanz auf
Kickers Stuttgart, jener alte, traditionsreiche Verein Süddeutschlands, dessen Mannschaft auch den Darmstädtern von jenem Privatspiel gegen den SV 98 nicht ganz unbekannt ist, spielt am Sonntag um 14.30 Uhr im Mühlchen.
Es ist nicht mehr jene Mannschaft, die damals im Hochschulstadion nicht restlos überzeugen konnte, sondern es ist heute eine Elf, die mit Bayern Hof die Spitze der Tabelle punktgleich hält und mit bestimmten Aussichten wieder ins Oberhaus zurückkehren will. Die Stuttgarter nehmen ihr Spiel am Sonntag sehr ernst. Sie wissen, daß man auf die Dauer nur dann bestehen kann, wenn man jedem Gegner mit dem eisernen Willen zum Sieg gegenübertritt. Aus dieser Erkenntnis erscheinen sie auch mit ihrer stärksten Aufstellung und zwar mit Goth; Sälzler. Vogler; Lechler, Fauser, Hinz; Böhmerle, Kronenbitter, Schumacher. Schaletzki und Pfium.
Die Mülchesleute treffen mit der Belastung des 0:5 in Kassel diesem schweren Gegner gegenüber. Wer tieferen Einblick in die Verhältnisse hat, weiß, daß dieser
Reinfall trotz alledem kein Gradmesser für das morgige Spiel ist. Es war eine rein psychologische Niederlage, die wohl kaum den Siegeswillen der Elf trüben wird-Zweifelsohne wird sich am Mühlchen als Auftackt zum Kerwefest ein großer und erbitterter Kampf abspielen, bei dem man noch nicht die Punkte im Voraus vergeben soll.
Der langjährige Stopper Kaut, der längere Zeit indisponiert war, steht am Sonntag erstmals wieder zur Verfügung. Er wird den rechten Verteidigerposten besetzen, während Marko die Sturmführung übernimmt. Bleiben die Arheilger wie am letzten Sonntag konsequent in der Dekkung und flach und schnell im Feld, dann wird erst der Schlußpfiff des Schiedsrichters zeigen, wo die Punkte hingefallen sind. Hewe.
Spannende Begegnungen in der Bezirksklasse
Die Fußball-Bezirksklasse Darmstadt wartet auch am kommenden Sonntag wieder mit interessanten Paarungen auf. In beiden Gruppen, vor allem aber in der Gruppe 11, ist mit erneuten Ueberraschungen zu rechnen.
In der Gruppe I steht die Begegnung Roßdorf — Ober-Ramstadt im Mittelpunkt des Geschehens. Die Platzherren, die am Vorsonntag in Hofheim nicht immer gefielen. müssen für Becht. Ackermann und Mittelstürmer Schuchmann drei flinke Bewacher finden, wenn sie nicht vom Anpfiff weg ins Hintertreffen geraten wollen. Papiermäßig ist natürlich Ober-Ramstadt das größere Plus zuzugestehen.
Heppenheim, das sich in dem seitherigen Verlauf der Verbandsrunde unerwartet gut gehalten hat. fährt nach Eberstadt. Die Gäste haben sich mit 3:2 über Bobstadt durchgesetzt und sollten bei einigem Einsatz auch bei den Vorstädtern keine allzu gefährliche Hürde zu nehmen haben.
Der Tabellenzweite Bürstadt, der in Kil:an und Kleber über zwei prächtige Spielmacher verfügt, trifft auf eigenem Boden auf Bensheim. Den Gästen ist der Anschluß ans Mittelfeld trotz größter Anstrengungen noch immer nicht geglückt, so daß sie normalerweise zu keiner ernsthaften Gefahr für die Einheimischen werden dürften.
Die einsatzfreudige Bibliser Elf empfängt Bobstadt. Trotz der 3:2-Niederlage in Heppenheim sollte den Gästen in dieser Partie eine weitere Festigung ihrer Position gelingen.
Eine klare Sache für Lorsch, noch immer mit Abstand an der Tabellenspitze, scheint das Treffen mit dem Schlußlicht Groß-Rohrheim zu sein. Den Einheimischen wird es in dieser Begegnung nicht zuletzt auf ejne erneute Verbesserung ihres Torverhältnisses ankommen.
Pfungstadt, das zu seinem Auswärtsspiel in Urberach antritt, dürfte den Viktorianern trotz seiner hohen 6:1-Niederlage gegen Lorsch eine recht schwere Nuß zu knacken geben. Dennoch erscheint es fraglich, ob sich die Gäste auf fremdem Platz gegen die Viktoria durchzusetzen vermögen.
Besonderes Interesse verdient nicht zuletzt die Begegnung VfR, Langen — Hofheim. Hofheim präsentierte sich am Vorsonntag gegen Roßdorf in einer vortrefflichen Schußlaune, so daß es keineswegs überraschen würde, wenn die Gäste zwei weitere Punkte an ihr Banner hefteten.
Nach den Ueberraschungen des letzten Spielsonntags, vor allem aber dem unerwartet hohen 8:2-Heimsieg von Bischofsheim gegen den VfL Michelstadt, wird in der Gruppe II die zehnte Runde eindeutig von der Begegnung Walldorf gegen Mörfelden, der Entscheidung um den zweiten Tabellenplatz, überschattet. Die Platzherren, deren Sturm in den vergangenen Wochen eine wesentliche Verbesserung erfahren hat, sollten bei einigem Einsatz mindestens einen, eventuell beide Punkte behalten können.
Wixhausen, gegenwärtig auf dem zehnten Tabellenplatz, erwartet Ober-Roden. Die Germanen, die in ihrer letzten Partie gegen den Sportverein Münster ein dramatisches „Derby“ lieferten, verfügen in Keller und Kronenberger über zwei talentierte Kräfte.
Dieburg, das in Erbach ein wohl einmaliges Schützenfest feierte, hat vor einheimischem Publikum einen Gegner, der stärker ist, als sein Tabellenstand erkennen läßt. Dies geht nicht zuletzt aus dem ansprechenden 2:2 der Gäste gegen Mörfelden hervor. Wenn wir dem Platzbesitzer auch einen Sieg zutrauen, so dürfte dieser, trotz des bei Egelsbach gesperrten Müller, nicht allzu hoch ausfallen.
Die mit drei Punkten Vorsprung vor Walldorf die Tabelle anführende Elf aus Bischofsheim sieht in dem Treffen mit Eppertshausen ihre Aufgabe in erster Linie darin, das 26:12-Torverhältnis weiter zu verbessern. Für die flinken Thalheimer und E. Becker werden die Gäste wohl kaum ebenbürtige Bewacher finden.
Der SV Münster reist nach Messel, das am Vorsonntag pausierte. Wenn auch die Gäste nach der Papierform als eindeutige Favoriten gelten, würde dennoch ein auf der technischen Leistung von Messel basierendes Unentschieden nicht sonderlich überraschen.
Die KSG Erbach, gegenwärtig von einer Mannschaftskrise befallen, muß gegen den KSV Urberach alle Register ziehen, wenn sie nicht erneut, genau wie in der vergangenen Saison, als Punktlieferant fungieren will. Trotzdem erscheint ein auf der geschickten Durchbruchstaktik von Gotter und Riefiing beruhender Erbacher Erfolg nicht ausgeschlossen.
Nach einer Serie von Auswärtsspielen stellt sich der VfL Michelstadt wieder im Heinrich-Ritzel-Btadion vor, wo er auf das Schlußlicht Trebur trifft. Zwar kamen die Gäste in Urberach mit 4:2 unter die Räder, sollten jedoch ihre Schwächen erkannt haben. Michelstadt vermochte seine Lücken in Sturm und Verteidigung bisher nicht restlos zu schließen, so daß es bereits mit einer Punkteteilung oder einem knappen Erfolg zufrieden ist.
Die einzelnen Paarungen: Gruppe I: Roßdorf—Ober-Ramstadt, Eberstadt—Heppen, heim, Bürstadt — Bensheim, Biblis — Bobstadt. Lorsch — Groß-Rohrheim, Vikt. Urberach — Pfungstadt, Langen — Hofheim. Groß-Gerau ist spielfrei.
Gruppe II: Walldorf — Mörfelden. Wixhausen — Ober-Roden, Dieburg— Egelsbach, Bischofsheim — Eppertshausen, Messel — Münster, Erbach —KSV Urberach, Michelstadt — Trebur. Nauheim ist spielfrei. -PDi.
Für die Schiedsrichter des Kreises Darmstadt findet am Samstag, dem 4. November 1950, um 17 Uhr in der Gastwirtschaft Arnold, Darmstadt, Bismarckstraße, die allmonatliche Zusammenkunft statt. Das Referat hält Schiri-Kamerad J. Gutjahr. Das zu behandelnde Thema lautet: Die Abseitsregeln.“
Nochmals Rollhockey
TSG gegen ERC „Blau-Rot“ Frankfurt
Zum letzten Male werden am kommenden Sonntag um 15.30 Uhr auf der TSG-Rollschuhbahn am Woog die Schläger gekreuzt. Die TSG Darmstadt spielt gegen den Eis. und Rollhockeyclub „Blau-Rot“ Frankfurt in einem Freundschaftstreffen.
Das Wetter wäre schon fast richtig zum Eishockey, doch die Rollhockeyspieler können sich noch immer nicht von ihren runden Schlägern und den Rollen trennen. Dazu kam noch das schöne Herbstwetter und der Entschluß war gefaßt.
Das Spiel am Sonntag verspricht ein feines „happy end“ zu werden, vor allem, wenn man sich die Mannschaftsaufstellungen ansieht. Bei den Gästen steht Wahl zwischen den Pfosten und in der Abwehr Isenberg. Das Sturmtrio Beh — Müller — Goß wird vielen noch vom Frankfurter Roll- und Eissportclub in Erinnerung sein und wird auch diesmal wieder dem TSG Team schwer zu schaffen machen. Bei der TSG-Mannschaft hütet wieder Clausen seinen Kasten und Mangold steht in der Verteidigung. Im Sturm die bekannten Namen Fuß und Zörgiebel, die von Przementski als Verbinder mit Bällen „gefüttert“ werden. Auswechselspieler: Häuser.
Der Sonntagnachmittag gehört also noch einmal dem Rollhockey und den Zuschauern, die nicht so leicht zu begeistern sind, raten wir, der Kälte wegen eine Decke mitzubringen.
1951 Altersturnen in Weiterstadt
Der Kreisvorstand des Turnkreises Darmstadt hielt am letzten Sonntag in Weiterstadt mit dem Vorstand der Sportgemeinde eine gemeinsame Besprechung im Vereinslokal über die Ausrichtung des Altersturnen und des Volksturnen am 30. Juni und 1. und 2. Juli 1951 ab. Altersturnwart Kunz. Darmstadt, berichtete eingehend über den Verlauf des Altersturnens, das im nächsten Jahr eine selbständige Veranstaltung in Verbindung mit dem Volksturnen in Weiterstadt werden soll. Durch diese Maßnahme hofft man, eine stattliche Zahl Altersturner zusammenzubringen, um dem Turnen einen neuen Auftrieb zu geben. Für das Altersturnen sind von dem Kreisvorstand drei Klassen ausgearbeitet und der Uebungsstoff bereits festgelegt. Die Sportgemeinde machte den Vorschlag, eine vierte Klasse hinzuzunehmen, und zwar 1. Klasse 32 bis 39 Jahre, 2. Klasse 40 bis 49 Jahre, 3. Klasse 50 bis 59 Jahre und 4. Klasse von 60 Jahren und aufwärts. Geturnt soll ein Zehnkampf in der Klasse 1 bis 3 und ein Siebenkampf in der Klasse 4 werden. Dieser setzt sich aus je einer Pflicht- und Kürübung an Reck, Barren und Pferd und einer Pflichtfreiübung zusammen. Die Klasse 1 bis 2 erhält im Volkstümlichen einen Dreisprung, 50-Meter-Lauf und Kugelstoßen (15 Pfund), die Klasse 3 einen Hochsprung aus dem Stand. 50 Meter Schnellgehen und Kugelstoßen (20 Pfund) mit Anlauf. Ueberpunkte sollen bei den volkstümlichen Uebungen der Altersturner nicht gewertet werden. Jeder Teilnehmer, der die vorgeschriebene Punktzahl erreicht, erhält eine Siegerauszeichnung. Die Uebungen für das Volksturnen werden von dem Volksturnwart Balzert noch festgelegt.
Der gesamte Uebungsstoff wird in einer Vortumstunde am 2. Dezember 1950 in Darmstadt, 14.00 Uhr, Bessunger Knabenschule, durchgeturnt. Die Kreisvereine werden schon jetzt auf die Vorturnerstunde der Altersturner hingewiesen. Es wird erwartet, daß jeder Verein mindestens einen Altersturner entsendet.
Die Veranstaltung in Weiterstadt soll bezirksoffen durchgeführt werden. Bei dem Hessischen Turnverband wurde die Genehmigung hierzu beantragt. Es sollen daher die Altersturner der Kreise Darmstadt, Bergstraße. Erbach, Dieburg und Groß-Gerau im nächsten Jahr in Weiterstadt Zusammentreffen. He-.
Basketball in der Landesliga
In der Basketball-Landesliga Hessen kommt es am Samstag und Sonntag zu einer Reihe interessanter Spiele, die bereits zeigen werden, wer in dieser Saison mit einem guten Tabellenplatz rechnen darf.
Die Frauen-Mannschaft des neugegründeien BC Frankfurt spielt in Gießen gegen den MTV, die Männer treten gegen den TSV 1875 Bonames an. Während die Frauen-Mannschaft, in der auch die bekannte Tennisspielerin Sigrid Schmitthenner mitspielt, zum ersten Male den Gießenerinnen gegenübersteht, hat die Männer-Mannschaft als Universität Frankfurt schon einige Spiele gegen Bonames durchgeführt. Die Mehrzahl dieser Spiele gewannen die Studenten, denen auch diesmal die größeren Siegesaussichten zugebilligt werden müssen, wenn auch die stark verbesserte Bonameser Mannschaft großen Widerstand leisten wird.
Roßdorfs Mannschaften spielen am Sonntag in Heppenheim. Der TV Heppenheim ist mit seiner Frauen-Mannschaft Favorit, wogegen bei Männern und Jugend der Spielausgang offen ist. Die Heppenheimer Männer, die noch keinen Erfolg gegen Roßdorf erzielen konnten, wollen jetzt den Gästen die ersten Punkte abnehmen. Doch Roßdorf geht wohlvorbereitet in das Spiel, wenn auch am Donnerstag gegen zwei ausgezeichnete amerikanische Soldatenmannschaften klare Niederlagen hingenommen werden mußten (49:72 und 46:92).
In den kürzlich ausgetragenen beiden Verbandsspielen besiegte der TSV 1875 Bonames den Tv Offenbach 87:8 und die Homburger Frauen-Mannschaft kam in -Gießen zu einem verdienten 16:10-Erfolg. -er-
Nauheim eröffnet Eishockey-Saison
Das kommende Wochenende bringt in Bad Nauheim die ersten Spiele der deutschen Eishockeysaison 1950/51. Als Gegner haben sich die hessischen „Roten Teufel“ das neuerstandene Team der EG Düsseldorf auserwählt, mit dem sie zwar nicht in einer Meisterschafts-Vorrunde stehen, das aber wahrscheinlich gerade deshalb der geeignetste Partner zum Auftakt ist. Düsseldorf, mit dem Exiltschechen Jansky im Tor und einem gemischten Feldteam aus ehemaligen Krefelder Preußen und Riesser, seer Blau-Weiß-Spielern, tritt ohne den noch gesperrten Verteidiger Dicker an, während der Nauheimer VfL das Pech hatte, seinen neuen Stürmer Pfundtner schon im Training zu verlieren. Der langjährige Riesserseer Nationalspieler brach sich bei einem Sturz das Schlüsselbein an.
—Äi • - 111 u £ uds °vniusseioein an. Als jüngste Ueberraschung servierte der VfL seinen Anhängern den Schweden Tage Lindberg als Neuerwerbung, der soeben von dem schwedischen Verband und seinem Stockholmer Verein AIK für diese Saison nach Deutschland freigegeben wurde. Lindberg gilt als routinierter Verteidiger und dürfte, wenn er Kontakt findet, das Rückgrat der etwas überalterten Mannschaft aus dem Herzbad sein. Im vorletzten Jahr sammelte er in einer in Schottland spielenden kanadischen Mannschaft Erfahrungen im Ueberseehockey. an denen es bei uns so mangelt.
Gegen Nord wieder mit Schäfer?
Am 12. November findet in Kassel das Endspiel um den deutschen Handballpokal Süd. gegen Norddeutschland statt. Zur Vorbereitung auf dieses Spiel hat die Süddeutsche Arbeitsgemeinschaft Handbeil am 10. und 11. November zu einem zweitägigen Lehrgang eingeladen, der unter Leitung des Waldhof-Internationalen Fritz Spengler steht. Es ist die komplette Südelf, die am 22. Oktober Südwest überlegen mit 21:4 schlug: Thome (TSV Roth), Wintterlin (SG Dietzenbach), Bernhardt (Bayern München), Kern (SG Dietzenbach), Jüllich (Birkenau), Urbainz (Stuttgarter Kickers), Schäfer (Darmstadt 98), Spahr (Schnaitheim), Bernhard Kempa (F. A. Göppingen), Sutter (Harleshausen), Möhler (1. FC Nürnberg). Es kommen noch hinzu: Torwart Hauser (Stuttgarter Kickers), Läufer Gölkel (Oßweil) und die Stürmer Richter (VfR Wunsiedel), Jäger (Leutershausen) und von Wodtke (VfL München). -r.
Länderpokal der Boxer
Düsseldorf, (sid) Schon acht Tage nach der deutschen Mannschafts-Meisterschaft, die den überraschenden Sieg des BV Trier brachte, werden am Samstag und Sonntag die Kämpfe um den Länderpokal der Amateurboxer gewertet. Am 18. November folgt die Fortsetzung, am 2. Dezember die Zwischenrunde und am 16. Dezember das Finale zwischen den Siegern aus Nordwest- und S üddeutschland.
Die Auslosung ergab im einzelnen folgendes Bild: Gruppe Nord: Hamburg gegen Schleswig-Holstein in Hamburg; 18. November: Berlin gegen den Sieger; Gruppe Nordwest: Mittelrhein—Niederrhein in Köln; Gruppe Süd: Bayern—Württemberg in Coburg; 18. November: Baden gegen den Sieger; Gruppe Südwest- Rheinland —Südwest in Trier; 18. November: Hessen gegen den Sieger.
Werner Plath, vierfacher Deutscher Meister im Kraulschwimmen, zog sich bei einem Unfall neben Gesichtsverletzungen einen Schädel- und Kniescheibenbruch zu.
Vorbereitungskurse für Skiläufer
Der Skiklub Darmstadt-Odenwald beginnt am Sonntag, dem 5. November 1950 mit seinem diesjährigen Vorbereitungskurs für Skiläufer, geleitet von Herm Dipl-Sportlehrer Söllinger. Der Kurs, der sich schon im vorigen Jahr größter Beliebtheit erfreute, soll die körperliche Vorbereitung der im Sommer eingerosteten Skiläuferknochen sein und wechselt zwischen zweckmäßiger Gymnastik bis zum Waldlauf. Allen, die ihren Winterurlaub nicht nur im „Sonnenliegen“, sondern auch im staubenden Pulverschnee erleben wollen, sei dieser Kurs ans Herz gelegt. Der Uebungsvormittag steht Mitgliedern des SCDO sowie auch allen interessierten Skiläufern und denen, die es werden wollen, offen. Näheres bittet der Club dem heutigen Anzeigenteil zu entnehmen. hm
Und heute zum TEC nach Jugenheim
Heute ist es wieder soweit! Endlich finden unsere abgekämpften, aber um so erfolgreicheren Darmstädter Tennisspieler Zeit, das alljährliche Saisonschluß-Fest zu feiern. Heute abend, draußen in Jugenheim, in den Räumen der geschmackvollen „Goldenen Krone“, inmitten zahlreicher Ehrengäste, treuer Klubmitglieder, großzügiger Geschäftsleute, stimmungsvoller Sportler, sorgender Aerzte, namhafter Künstler’ und froher Studenten, werden wir — auch ohne Schiedsrichter — nur zu den Klängen einer erwählten Tanzkapelle — die unvermeidlichen Fußfehler begehen uns köstlich amüsieren!
Die Herren „Humor" und „Schwung“ werden mit den Damen „Geselligkeit" und „Freude“ liebe Dauergäste sein!
Ob im Frack- oder Konfirmanden-, jm Smoking- oder dunklen Anzug, in Brokat oder Seide, lang oder kurz, das ist uns egal, wir wollen Sie und Ihre gute Laune, um mit Innen ausgelassene Stunden zu verleben also — bis gleich!
Wohin zum Wochenende?
Samstag: 20.30 Uhr: Ringen,Landesliga 1910 gegen KSV Neu-Isenburg, Diesterwegschule Sonntag: 10.00 Uhr: Tischtennis, Frauen SV 98 gegen Eintracht Frankfurt, Eleonorenschule 14.30 Uhr: Fußball, 2. Liga Süd SG Arheilgen—Stuttgarter Kickers Am Mühlchen 14.30 Uhr: Fußball, Bezirksklasse Eberstadt — Heppenheim, Waldsportplatz 15.00 Uhr: Handball, Verbandsliga SV 98—VfR Wiesbaden, Hochschulstadion 15.30 Uhr: Rollhockey, TSG 46 ERC Blau-Rot Frankfurt, Rollschuhbahn am Woog
Kurze Meldungen aus der Stadt
Der Eberstädter Gesangverein „Froh¬ sinn 1842“ veranstaltet am kommenden Sonntag, um 20 Uhr, in der Turnhalle in Eberstadt ein Chorkonzert. Dabei wirkt neben dem Männerchor, dem Solisten Karl Pfeiffer (Bariton) und Wilhelm Pfeiffer am Flügel auch der neugegründete Frauenchor mit. Die Leitung hat Chorleiter A. Simmermacher jr. Zum Vortrag kommen Chöre von Schubert, Bruckner, Brahms, Loewe, Mozart, Wolf und d’Albert. wst
Frau Prof. Elly Ney, die große Pianistin, und Ludwig Hoelscher (Violoncello) werden am Freitag dem 24. November, um 20 Uhr in der Stadthalle einen großen Beethoven-Abend geben. Wir machen bereits heute auf diese Veranstaltung aufmerksam, bei der die Sonate für Violoncello und Klavier A-Dur op. 69, 7 Variationen in Es-Dur über ein Thema von Mozart, eine Klaviersonate und die Sonate in D-Dur op. 102 zum Vortrag kommen werden. *
Der Caritasverband in Hessen und Rheinland-Pfalz veranstaltet in der Woche vom 10. bis 19. November eine Opferwoche zur Unterstützung seiner sozialen Einrichtungen. Der Caritasverband führt neben vielen anderen sozialen Einrichtungen das Flüchtlingsaltersheim „St. Michael“ in Ober-Mosau und zusammen mit der evangelischen Inneren Mission das Uebernachtungsheim „Richthofenbunker“ am Hauptbahnhof in Darmstadt. *
Die Freiwillige Feuerwehr Arheilgen kann im Jahre 1951 auf ihr 70jähriges Bestehen zurückblicken. Aus diesem Grunde soll vom 4. bis 6. August nächsten Jahres ein Jubiläumsfest gefeiert werden, dessen Vorbereitungen bereits begonnen werden. oa
Einen Säuglingspflegelehrgang veranstaltet das Rote Kreuz. Kreisverband Darmstadt-Stadt, in nächster Zeit. Meldungen sind an die Geschäftsstelle, Bessunger Straße 5. zu richten. Gleichzeitig wird noch einmal auf die Möglichkeit zur Teilnahme an einem ..Erste-Hilfe“-Kurs hingewiesen, der bald beginnt.
Kunststoff-Schweißen
Anfang November werden an der Städtischen Ingenieurschule Darmstadt, die seit 25 Jahren Kurse für das autogene und elektrische Schweißen von Metallen durchführt, auch Kurse für das Schweißen und Verarbeiten thermoplastischer Kunststoffe eingelegt werden. Die Teilnehmer werden in 14 tägigen Ganztagslehrgängen eine praktische Ausbildung in der Verarbeitung erhalten und theoretisch von erfahrenen Praktikern und Lehrkräften geschult werden. Die Schule wird ferner durch Zusammenarbeit mit der kunstsofferzeugenden und kunststoff verbrauchenden Industrie und den Forschungsstätten an der Weiterentwicklung auf diesem Gebiet mitarbeiten.
Damit entsteht im süddeutschen Raum, gleich dem soeben eröffneten Institut für Kunststoffverarbeitung an der Technischen Hochschule Aachen, eine Stätte für den kunststoffverarbeitenden Praktiker. Sg.
Rotkreuz-Losbriefe 1950/51
Die zum Verkauf kommenden Rot-Kreuz-Losbriefe stammen aus der letztjährigen Lotterie. Da man alle Losbrigfe hätte öffnen müssen, um einen Ueberdruck hinsichtlich der Einlösungsfrist anzubrigen, müßte man sich damit begnügen, den Verlängerungsvermerk nur auf die Umschläge zu drucken. Die Einlösungsfrist läuft also auch für diese Rot-Kreuz-Los'briefe erst mit dem 31. März 1951 ab.
Allen Verwandten und Bekannten die schmerzliche Nach-H richt, daß unsere Ib. Mutter, Schwiegermutter und Großä mutter , ! Frau Elisabethe Knieriem geb. Hallstein am Donnerstag, den 2. 11. 1950, nach langer, schwerer mit großer Geduld ertragener Krankheit im 60. Lebensjahr verschieden ist. Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Familie Karl Knierim Familie Hans Knierim Familie Hans Bind Rimhorn i. 0., Höchst i. 0., und Frankfurt/Main. Die Beerdigung findet am Samstag, dem 4. 11., vom Trauerhause aus, statt, fl
Danksagung. Für die vielen Beweise aufrichtiger Teilnahme beim Hinscheiden unserer lieben Entschlafenen, Frau Johanna Tritium geb. Eisenhöfer n sprechen wir allen unseren herzl. Dank aus. Besonders danken wir den Herren w H Dr. Gebrüder Lang, den Schwestern der Martinsgemeinde, Herrn Pfarrer BH ■ Stühlinger für die tröstenden Worte am Grabe. Die trauernden Hinterbliebenen: H Heinrich Tritium und Sohn S Darmstadt, Arheilgenstr. 84, 2. November 1950
MnmmBnBHMBHHHBHMaHBBaBaanrasBzo B Bestattungen am Samstag, dem 4. November 1950: S Beerdigungen: Arheilger Friedhof: 11.00 Wucherpfennig, Elisabeth, 46 J., Merckstraße 2 Waldfriedhof: H 10.45 Gußmann, Philipp, Uhrmachermeister, 63 J., Mühlstraße 6 B S 11.15 Kroth, Christine, 72 J., Tannusstraße 44 BH K Feuerbestattung: 10.15 Racke, Heinrich, Studienrat und Doktor, 63 J., Seeheim a. d. 8., m I Ernst-Thälmann-Straße 8, früher Ulbrichstraße 12
^ür die mir anläßlich der Eröffnung meines Geschäftes erwiesenen Glückwünsche und Blumenspenden sage ich allen Gratulanten meinen herzlichsten Dank. Ludwig- Jvötfi Elisabethenstraße 22 Telefon 3981 Medizinisches Fachgeschäft, orthopädische Werkstätte.
Fünf Jahre kultureller Wiederaufbau in Darmstadt
Von Georg Pfarrer, Leiter der Städtischen Kulturverwaltung
zeitfcte nach deni ,etzten Schuß des 2. Weltkrieges schier unH^ der ™ ngSl°S,gkeit> die im Anb»ek von Schutt und Trümmern daß in unserer so fu^b‘bar in ib^ blieben SLad/ d°Ch e,n innerster Lebensfunke unversehrt geneuen I Phon« m 1 fUt d’e Fo ge als Quell neuer Zuversicht, neuer Kraft und ^we,sen sol,te- agitat molem! Neben Befriedigung das Wiede^erwa0^6en Bedürfnissen des täglichen Lebens war es sehr bald dem die^undrmpnf”^" Be.wuß‘sein e’ne.s unverlierbaren geistigen Besitzes, aus Saltnn^ i f £-Tr Wiederaufbau, für eine neue Ordnung und Gestaltung gelegt werden konnten. 6
Schon in den ersten Monaten nach dem Zusammenbruch ergab sich so das immer starker werdende Bedürfnis einer Förderung, Vertiefung und Ausweitung dieser inneren Kräfte im Rahmen einer zielstrebigen Kulturarbeit.
Daß in der seinerzeitigen Situation, die durch die Tatsache der Zerstörung einer großen Anzahl Schulen, sämtlicher Konzertsäle, Theater, Ausstellungsräume und aller sonstigen städtischen und staatlichen Kulturinstitute gekennzeichnet war, zunächst aus der Improvisation des Gegebenen heraus begonnen werden mußte, ist selbstverständlich. So sah sich die städtische Kulturverwaltung, die im August 1945 ihre Arbeit aufnehmen konnte, vor der Aufgabe, aus dem Nichts und mit materiell geringen Mitteln einen Neuaufbau zu planen, der — außer dem Landestheater und den reinen Schul-Aufgaben — alle kulturellen Bestrebungen unserer Stadt, die den Anspruch einer Kunststadt wieder zu erringen gewillt war, umfaßte.
Zu einem verheißungsvollen Auftakt kam diesp Arbeit, als im Oktober 1945 in zwei gerade wieder hergestellten Hörsälen der Technischen Hochschule gemeinsam mit der am Vortage gegründeten Neuen Darmstädter Sezession die erste Kunstausstellung Südwestdeutschlands eröffnet werden konnte. Nach langer Pause ein erster Versuch, eine neue Begegnung der schöpferischen Kräfte zu vermitteln.
Kulturelle Veranstaltungen, Feierstunden und Kammermusikabende, die in Schulen und Gemeindesälen durchgeführt werden mußten, gaben während der folgenden Monate eine wertvolle Ergänzung zu dem Programm des ebenfalls inmitten der Trümmer wiedererstandenen Theaters.
Eine zweite Ausstellung, die — als ein Akt der Wiedergutmachung gedacht — bereits im Dezember 1945 gezeigt werden konnte, vereinigte unter dem Titel „B e - freite Kunst“ Werke von Nolde, Schmitt-Rottluff, Kokoschka, Nay und anderen Malern, die im Dritten Reich nicht hervortreten durften.
Waren alle diese Veranstaltungen mit einem dankenswerten Einsatz von künstlerischer Intuition, von Improvisations- und Organisationsgeist des seinerzeitigen Kulturreferenten, Dr. Wolfgang Steinecke, ins Werk gesetzt worden, so war doch gleichzeitig damit eine ungleich schwierige Aufgabe anzugehen, deren endgültige Lösung auch heute noch nicht abgeschlossen erscheint: alle diejenigen kulturellen Einrichtungen wieder ins Leben zu rufen, deren Neugründung sich aus dem dringenden Bedürfnis des Tages aber ebensosehr auch aus dem verpflichtenden Ruf ihrer Tradition ergab.
Landesmusikschule — Stadtbücherei — Volkshochschule
Die Hessische Landesmusikschule konnte so, nachdem umfangreiche Vorarbeiten hinsichtlich der Schaffung eines neuen Lehrkörpers, der Gewinnung neuer Unterrichtsräume und der Beschaffung von Instrumenten und Musikalien geleistet waren, als erste Musikschule in Hessen ihren Unterrichtsbetrieb wieder aufnehmen. Die binnen kurzem auf 400 ansteigende Schülerzahl dieses Institutes zeugte trotz der völlig unbefriedigenden, behelfsmäßigen Unterbringung von der Leistung, die unter der Leitung von Herrn Professor Dr. Friedrich Noack vollbracht worden war.
Die Stadtbücherei, deren Hauptbestände der Zerstörung anheimgefallen waren, zählte nur knapp 2000 Bände, als im Dezember 1945 eine öffentliche Ausleihe eingerichtet wurde.
Die wertvollen Kunstbestände der Stadt, durch rechtzeitige Sicherstellung gottlob vor der Vernichtung bewahrt, wurden trocken untergebracht, neu inventarisiert und z. T. durch Aufhängen in den Amtsräumen einer günstigen Luft- und Lichteinwirkung ausgesetzt.
Besonders intensiv waren die Vorarbeiten auf dem Gebiet des Volksbildungswesens, die im Februar 1946 zur Eröffnung der Volkshochschule der Stadt Darmstadt führten. Der Name Günther Michel ist seitdem mit dem Programm der Volkshochschule aufs engste verbunden. Inwieweit gerade durch diese Arbeit einem echten Bedürfnis nach geistiger Besinnung entgegengekommen war, mag allein aus den Hörerzahlen hervorgehen, die im ersten Jahr der Gründung an die 2000 betrugen.
Das allgemeine Bestreben, das bei der Gründung und dem beginnenden Aufbau der städtischen kulturellen Einrichtungen vorherrschend war, ging dahin — parallel der gleichen Zielrichtung des Landestheaters und der Technischen Hochschule — im Charakter und Niveau großzügig und im besten Sinne großstädtisch zu verfahren.
Daß damals trotz dieser Gesichtspunkte niemals der Boden der Wirklichkeit unter den Füßen verlorenging, ist daraus zu erkennen, daß bis dahin fast sämtliche kulturellen Leistungen der städtischen Kulturverwaltung ohne wirklich nennens-
werte Zuschüsse durchgeführt werden konnten.
Um Darmstadt auch auf dem Gebiet der Musik eine Einrichtung von überlokaler Bedeutung zu gewinnen, wurden im Herbst 1946 erstmals im Schloß Kranichstein die seitdem aus der musikalischen Welt nicht mehr hinwegzudenkenden „Internationalen Ferienkurse für Neue Musik“ durchgeführt, für die von Dr. W. Steinecke erste Fachkräfte zum Unterricht in den Gestaltungs- und Darstellungsproblemen der modernen Musik gewonnen worden waren. Eine großzügige Werbung hatte den Namen Darmstadts als Musikstadt erstmals in alle Zonen getragen. Ueber 100 Teilnehmer aus allen Gauen Deutschlands waren zu den Kursen erschienen, an die sich eine „Woche für zeitgenössische Musik“ unter Mitwirkung von Radio Frankfurt und des Landestheaters anschloß.
Georg-Büchner-Preis
Im Rahmen der „Internationalen Ferienkurse für Neue Musik“ erfolgte in diesem Jahr erstmals auch die Wiedereinsetzung des bereits im Jahre 1923 gegründeten Georg-Büchner-Preises, der an Künstlerpersönlichkeiten zur Verleihung kommen soll, und nach dem Krieg bis jetzt vergeben wurde an:
Hans Schiebelhuth, Dr. Fritz Usinger, Anna Seghers, Hermann Heiß, Carl Gunschmann und Elisabeth Langgässer.
Auf der ersten Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die als ihren ständigen Sitz Darmstadt bestimmte, legte Oberbürgermeister Metzger die Verleihung des Büchner-Preises in die Hände der Akademie.
Die Werkkunstschule
In den Plänen der städtischen Kulturverwaltung durfte indessen bei solch schwungvollem Vorwärtsdrängen die Besinnung auf die Tradition nicht fehlen, der Darmstadt recht eigentlich den Ursprung seiner Bedeutung und seines Rufes als Kunststadt verdankt, nämlich die Wiedergründung der Künstlerkolonie. Nicht im Stil, wohl aber im Geist der alten Darmstädter Künstlerkolonie sollte eine Stätte geschaffen werden, die vorbildlich auf die Erziehung eines für die Neuzeit tauglichen künstlerischen und handwerklichen Nachwuchses einzuwirken berufen ist. Freilich konnte mit der Eröffnung je einer Mal- und Zeichenklasse, einer Bildhauerklasse und einer Graphik-Klasse im Frühjahr 1947 nur ein erster Schritt auf diesem Wege getan werden, und immense Schwierigkeiten ergaben sich hier aus der Tatsache, daß räumlich und materiell buchstäblich aus dem Nichts begonnen werden mußte. Dem selbstlosen, aufbaufreudigen und intensiven Einsatz der Lehrkräfte Thesing, Schwarzbeck, Kiwitz, Dr. Keil, Hofferbert und Amann sind hier die ersten Erfolge zu danken, die in einer begeisterten Schülerschar und in beachtlichen Arbeiten zu suchen sind.
In der Folge der Entwicklung traten zu den bestehenden Klassen eine Innenarchitekturabteilung und eine Keramikklasse unter Leitung der Herren Diefenbach und Schroeder. Neben der anfänglich mehr künstlerischen Ausbildung wurde nun auch die Verbindung zum Handwerklichen gesucht. Die Organisationsform, die sich aus dem vordringlichen Bestreben, dem Handwerk und der Industrie wieder gestalterische Kräfte zuzuführen, ergab, war schließlich die einer Werkkunstschule, die eine selbständige, den modernen Bedürfnissen entsprechende Schulform neben den Berufs- und Fachschulen einerseits und den Kunsthochschulen (Akademien) andererseits, darstellt. Ein neu ausgebautes, fast fertiges Schulgebäude auf der Künstlerkolonie, eine beachtliche Anzahl von in den Werkstätten fertiggestellter Erzeugnisse und eine immer reger werdende Verbindung zu Handwerk und Industrie sind — neben der staatlichen Anerkennung — die Bekrönung eines ersten Arbeitsabschnittes, der zum Glauben an eine hoffnungsvolle Weiterentwicklung Anlaß gibt.
Kranichsteiner Musikinstitut
Durch die von Jahr zu Jahr in ihrer Bedeutung steigenden „Internationalen Ferienkurse für Neue Musik“ veranlaßt und ermutigt, konnte im Frühjahr des Jahres 1948 das „Kranichsteiner. Musikinstitut“ ins Leben gerufen werden, das sich zur Aufgabe gemacht hat, Zentralstelle sowie vermittelndes und verbindendes Organ in Deutschland in allen Fragen der zeitgenössischen Musik zu sein, Verbindungen mit dem Ausland zu pflegen und insbesondere der jungen Generation wertvolle Hilfen zu geben. Das Institut, das von Dr. Wolfgang Steinecke und Dr. Gerhard Ilgner geleitet wird, verfügt heute über eine umfangreiche, wertvolle Bibliothek an Noten, Büchern, Schallplatten und Bändern, in der Werke vieler Länder vertreten sind.
Krise nach der Währungsreform
Eine ernste Bewährung des in den ersten Jahren so drängend gezeigten Aufbauwillens hatte die Verwaltung unserer Stadt zu bestehen, als im Jahre 1948 durch die 'Währungsumstellung die drohenden Schatten einer Finanzkrise den offenen Himmel der großzügigen Pläne verdunkelten. Hier aber sollte es sich zeigen, daß die Stadt Darmstadt nicht nur gewillt war, die von ihr freiwillig übernommenen Aufgaben im kulturellen Sektor recht und schlecht weiterzuführen, sondern darüber hinaus den Mut hatte, die Mittel aufzuwenden, durch die die begonnene Arbeit im gleichen Stil fortgeführt und ausgebaut werden konnte, mit dem Ziel, Darmstadt zu einem beachteten Mittelpunkt geistiger Auseinandersetzungen werden zu lassen.
Die glanzvolle Eröffnung der neu ausgebauten Stadthalle durch ein Konzert des Symphonieorchesters des Südwestfunks zum Beginn der Ferienkurse 1948 war eine bedeutsame Unterstreichung dieses fortdauernden Kulturwillens. Das
Landestheater erhielt hier seine langersehnte zweite Spielstätte.
Der gleichzeitig mit der Stadthalle beendete Wiederaufbau zweier Ausstellungshallen auf der Mathildenhöhe erfüllte ein seit langem wichtiges Erfordernis für die Kulturarbeit der Stadt. Waren doch, nun die Möglichkeiten gegeben, den Veranstaltungen einen würdigen, ihnen gemäßen Rahmen zu geben.
Darmstädter Kunstsommer 1950
Die Ausstellungshallen auf der Mathildenhöhe wurden gleichzeitig mit der Einweihung der Stadthalle mit einer großen Sommerausstellung der neuen Darmstädter Sezession eröffnet, die damit die Tradition der großen Kunstausstellungen der zwanziger Jahre wieder aufnehmen wollte und ihren Ausstellungsplänen in der Tat bis heute eine steigende Intensität verleihen konnte. Den seitherigen Höhepunkt auf diesem Gebiet erlebte die Stadt in diesem Jahre mit der Ausstellung „Das Menschenbild unserer Ze i t“, in der die bedeutendsten deutschen Künstler der Jetztzeit vertreten waren.
Eine Veranstaltung besonderen, überörtlichen Charakters war das in Verbindung mit der Sezessionsausstellung in diesem Jahr von einem gemeinsamen Komitee veranstaltete erste „Darmstädter Gespräch“ über das Thema der Ausstellung. Wer Gelegenheit hatte, den Vorträgen, Referaten und Diskussionen, in denen sich hervorragende Vertreter der Kunst und Wissenschaft aus Deutschland und dem Ausland äußerten, beizuwohnen, wird die spannungsreiche Atmosphäre nicht vergessen können, die auf Darmstädter Boden eine so günstige Nährstätte fand.
Bei diesen Veranstaltungen des letzten Sommers, in die auch die „Internationalen Ferienkurse für Neue Musik“ wieder miteinbezogen werden müssen, wurde, wie selten zuvor, deutlich, daß nicht nur geistiges Klima und Lage unsere Heimatstadt mit dem Vorrecht einer Kulturstadt auszeichnen, sondern daß es gerade die Trümmer sind, die in der Möglichkeit des Neubeginns fruchtbarste Aufgeschlossenheit für das notwendige (vielleicht auch Not wendende) Neue in sich bergen. So kann ohne Uebertreibung festgestellt werden, daß Darmstadt bis zu diesem Zeitpunkt durch seine Bemühungen um den kulturellen Wiederaufbau stetig an Anziehungskraft gewonnen hat. Der Entschluß der . Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“, sich in Darmstadt anzusiedeln und von hier aus zu wirken, ist nur ein deutliches Beispiel aus der letzten Zeit hierfür.
Der andere Teil, der durch den Schock der Währungsreform hervorgerufenen „geistigen Krise“, der in einem Nachlassen der Inanspruchnahme kultureller Einrichtuneen ersichtlich ward, kann im ganzen heute wohl wieder etwas günstiger beurteilt werden.
Es ist hier in erster Linie das Theater, das in der letzten Spielzeit schon von einer erireulichen Aufwärtsbewegung getragen war, die wir unserer Bühne auch für die kommende Saison von ganzem Herzen wünschen.
Auch die Volkshochschule kann nach den Erfahrungen der letzten Semester und
soweit es die öffentlichen Vortragsveranstaltungen betrifft, wieder annähernd befriedigende Besucherzahlen verzeichnen.
Ein ungünstigeres und seither nicht wesentlich gebessertes Bild zeigen die mit der Musikzentrale gemeinsam veranstalteten Künstlerkongerte, die Vo|z aller Bemühungen, ein breiteres aufgeschlossenes Publikum zu gewinnen, nur einem relativ kleinen Kreis vorbehalten scheinen.
Es fehlt an Räumen!
Eines der schwierigsten Probleme der städtischen Kulturarbeit war bei dem Zerstörungsgrad unserer Stadt seither die Frage der räumlichen Unterbringung der Kulturinstitute, und die Sorge hierfür ist noch keineswegs völlig beseitigt. Wenn es auch in der Zwischenzeit gelungen ist, dem in seinem Bestand völlig erhaltengebliebenen Stadtarchiv eine sichere Unterkunft und Arbeitmöglichkeit im Rahmen des Staatsarchivs im Schloß zu schaffen, wenn die Landesmusikschule nun in der früheren Frauenklinik in der Hermannstraße rrei eigene Büro- und Unterrichtsräume verfügt, so muß mit Bedauern festgestellt werden, daß die Stadtbücherei, an die .’n Kürze eine zentrale Schüler- und Jugendbücherei angeschlossen werden soll, mit ’hren nun über 8000 Bänden immer noch in einem völlig unzureichenden Schulsaal r.ntergebracht ist. Doch hoffen wir, daß bei dem derzeitigen flotten Wiederaufbautempo auch hier eine baldige Lösung gefunden werden kann. Der Einfluß des Buches ist zu groß und die Intensität, mit der die Arbeit einer Bücherei in die Breite zu wirken vermag, stärker als alle anderen kulturellen Betätigungen.
Das einzige Institut, das noch nicht wieder zu neuem Leben erweckt werden konnte, da seine Bestände nur mit besonderer Bemühung zum Teil vielleicht überhaupt nicht mehr zu beschaffen sind, ist das städtische Museum und Odenwaldmuseum. Doch können wir sagen, daß auch hier Vorbereitungen im Gange sind und in Kürze eine kleine Ausstellung gezeigt werden wird, die zugleich werben soll um Mitarbeit und Spenden für eine neu einzurichtende Stadt- und Odenwaldkundliche Sammlung.
Die Verantwortung der Kulturverwaltung
Mitarbeit — mit diesem Stichwort möchte ich zum Schluß meines Berichtes etwas über Kultur-„Verwaltung'‘ sagen, die es selbstverständlich in diesem wörtlichen Sinne nicht geben kann. Kultur kann nicht verwaltet werden. Man kann kulturelle Leistungen vollbringen und hierfür Wegbereiter und Vermittler sein. In diesem Sinne glauben wir, seither gearbeitet zu haben. Von einer Amtsstelle allein aber kann diese schwere und verantwortungsvolle, große und zukunftsgestaltende Aufgabe niemals gelöst werden, wenn ihr auch die Verantwortung nicht abgenommen werden kann. Sie bedarf der ergänzenden und tatkräftigen Mitarbeit aller kulturellen Vereinigungen, der bereitwilligen und wirkungsvollen Unterstützung aller am kulturellen Aufbau interessierten Kreise und der tiefen, inneren Anteilnahme der weitesten Volksschichten,
Mathildenhöhe mit dem Hochzeitsturm und dem Ausstellungsgebäude, Symbol und Zentrum des Darmstädter Kulturlebens
Weg und Werden der Volkshochschule
VON GÜNTHER MICHELAls die Volkshochschule der Stadt Darmstadt im Februar 1946 von der Städtischen Kulturverwaltung unter der Leitung von Dr. Wolfgang Steinecke neu gegründet wurde, stand die Bevölkerung in langen Reihen vor der Geschäftsstelle, um sich einschreiben zu lassen. Es gab damals kaum Kino- oder Theaterkarten, i das politische Leben begann sich erst langsam zu entwickeln, und nur ganz wenige kulturelle Vereine waren zugelassen. Die Kurse und Vorträge der Volkshochschule waren infolgedessen überfüllt, was sich aber schon im Sommer 1947 zu ändern begann, als weiten Kreisen der Bevölkerung, selbt die Reichsmark nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung stand.
Nach der Währungsreform ging die Zahl der Mitglieder der Volkshochschule allmählich auf 500 zurück. Das Problem der Hörerwerbung wurde immer dringlicher. Andererseits bewirkte die Beschränkung auf den an sich selbst interessierten Hörer, daß das Programm der Volkshochschule einen selbständigen Charakter erhalten konnte. Alle Veranstaltungen, die ehemals als Ersatz für die Arbeit fehlender fachlicher Vereinigungen gedacht waren, konnten fortfallen. Hier sei festgestellt, daß die Volkshochschule in keiner Weise eine Konkurrentin für zweckgebundene Vereinigungen darstellen möchte. Das bedeutet jedoch nicht, daß nun keinerlei fachliche Vorträge angekündigt werden dürften. Die gediegene fachliche Grundlage ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Bestrebungen der Volkshochschule, die sich seit ihren Anfängen der Erwachsenenbildung in Deutschland sehr gewidmet hatte. Damals nämlich wurde die Arbeit der Volkshochschule als eine soziale Tat geachtet. Während aber damals die Lernbegierigen dankbar für das vermittelte Wissen waren, sind heute die Volkshochschulen dankbar, wenn dieses Wissen von der Bevölkerung überhaupt angenommen wird. Das Problem der Er-
wachsenenbildung hat sich zu einem Problem der Hörergewinnung verschoben. Um nun die Arbeit der Erwachsenenbildung wieder auf eine reale Grundlage zu stellen, haben sich die Volkshochschulen von Anfang an bemüht, den Charakter einer Bildungs-Fürsorgeanstalt zu überwinden und eine Stätte der Anregung und Ermutigung, gerade auch für den gebildeten Menschen, zu werden. Mehr denn je kommt es darauf an, den aufgeschlossenen Hörern die „Atmosphäre des Idealen“, die aller Vollendung zugrunde liegt, zu vermitteln, um auf diese Weise den einzelnen zur Herausbildung seiner persönlichen Werte schöpferisch anzuregen. Nicht nur vor dem Gesetz, sondern gerade auch vor der Wahrheit sind alle Menschen gleich. „Alles ist Euer“ hieß der Titel einer Hauptvortragsreihe der Darmstädter Volkshochschule. Das bedeutet, daß nach Möglichkeit nur die berufensten Vertreter ihres Faches zu Worte kommen sollen, denn sie nur zeigen allein schon durch ihre Person, daß es weniger darauf ankommt, Wissen im Gedächtnis zu haben, als vielmehr darauf, das Wissen als Merkmal der Größe der menschlichen Existenz lebendig zu besitzen.
Diese Tendenz hat dazu geführt, daß in Darmstadt eine Trennung zwischen Erwachsenenbildung und Erwachsenenau s bildung vorgenommen wurde. Reine Elementar- und Berufskurse werden nicht von der Volkshochschule, sondern von den hierzu berufenen Gewerkschaften durchgeführt. Nur die Vorbereitung auf die mittlere Reife und das Abitur bleibt der der Volkshochschule angeschlossenen Abendschule, geleitet von Studienrat Hilsdorf, vorbehalten.
Der Lösung aller aktuellen privaten und offiziellen Anliegen ist die Tätigkeit der Erwachsenenbildung gewidmet, die in der Schaffung eines lebendigen Gemeingeistes ihre höchste Aufgabe sieht.
Das Landesmuseum
Nach der Zerstörung Darmstadts und der Verlegung der Regierung nach Wiesbaden wurde öfter die Befürchtung geäußert, daß das Hessische Landesmuseum im Zuge der Vereinfachung und Einsparungen ebenfalls ganz oder wenigstens teilweise mit anderen Museen in Wiesbaden oder Frankfurt vereinigt würde. Solchem Pessimismus konnte man Grund und Boden entziehen durch den Hinweis, daß sofort nach Bildung der ersten vorläufigen hessischen Regierung Sicherungsmaßnahmen in Angriff genommen wurden, um einem weiteren Zerfall der Baulichkeiten Einhalt zu gebieten. Ich glaube kaum, daß bei den maßgebenden Regierungsstellen solche, für Darmstadt höchst ungünstige Ueberlegungen angestellt wurden. Gegen eine solche Absicht sprach ja auch so vieles, vor allem der Bau selbst.
Großherzog Ernst Ludwig ließ von Alfred Messel den Neubau des Museums für die vorhandenen Bestände und für die geplanten Erweiterungen errichten, und zwar einen gemeinsamen Bau für die beiden naturwissenschaftlichen Abteilungen, die zoologische und geologischpaläontologische, sowie für die reichgegliederten Kunst- und historischen Sammlungen, die früher im alten Schloß untergebracht waren. Messel hat in den Jahren um 1900 diese schwierige Aufgabe in meisterhafter Form gelöst und einen Museumsbau geschaffen, in dem so viele Abteilungen, und zwar jede für sich, zur Geltung kommen konnten, ohne sich gegenseitig zu stören, sondern sich im Gegenteil ergänzten. Damit hat das Landesmuseum ein ganz eigenartiges, man kann mit gutem Recht sagen, ein einzigartiges Aussehen bekommen. Sein Charakter wurde schon im 18. Jahrhundert bestimmt.
Solche berühmte Sammlung wie die des Barons Hüpsch aus Köln, durch deren Vermächtnis unser Museum zu Beginn des 19. Jahrhunderts höchst wertvolle Bestandteile empfing, hatte ebenfalls diesen vielfältigen universellen Charakter. Ludwig X. kam zuerst mit diesetn Sammler in Verbindung durch den Kauf von naturwissenschaftlichen Gegenständen. Es ist derselbe allumfassende Geist, der auch aus der Privatsammlung Goethes spricht, und wie gut Goethe in unserem Museum Bescheid wußte, ist ja allgemein bekannt.
Es wäre ein nie wiedergutzumachender Fehler gewesen, wenn man diesen harmonischen Zusammenklang gestört hätte.
Im Krieg erlitt das Gebäude schwere Schäden durch Brand- und Sprengbomben. aber zum Glück trafen letztere mehr nebensächliche Teile. Jedoch waren sämtliche Dächer mit ihren Eisenkonstruktionen zerstört und dadurch alle Gebäudeteile den Unbilden der Witterung ausgesetzt.
In den ersten Wiederaufbauabschnitten richtete sich das Hauptaugenmerk auf die Instandsetzung der Bedachung, um die noch stehenden Mauern und vorhandenen Decken vor weiterem Verfall und Einsturz zu bewahren. Diese Arbeiten konnten bald nach Beendigung des Krieges in Angriff genommen und trotz aller Schwierigkeiten in Material- und Geldbeschaffung so weit vorangetrieben werden, daß wieder mehrere trockene Räume vorhanden sind. Sie stehen für die Aufnahme der Museumsgegenstände und andere museale Aufgaben bereit. In dem großen Barocksaal finden schon seit Jahresfrist wechselnde Ausstellungen statt und wir können die Erwartung aussprechen. daß nun auch andere Räume für die Aufnahme unseres Museumsgutes fertiggestellt sind.
In den vergangenen Jahren zeigte das Landesmuseum einen Teil seiner Kunstwerke in Ausstellungen in der Schweiz, in Paris und in München. Im Bayerischen Nationalmuseum erregte die geschlossene Ausstellung unserer Glasgemälde, die in vorbildlicher Weise gezeigt wurden, berechtigtes Aufsehen. Und in diesem Jahr wurde die Ausstellung der Ars Sacra in München mit berühmten frühmittelalterlichen Werken aus dem Besitz des Museums und der Landesbibliothek beschickt.
Aus dieser Aufzählung erhellt, wieviel wir durch rechtzeitige Verlagerung der Kunstwerke retten konnten. So wurden die Bestände der Galerie, der frühmittelalterlichen Kunstwerke, die einzigartige Schau der Glasgemälde, der Inhalt unseres Waffensaales mit Waffen und Rüstungen. sowie mittelalterliches und spätes Kunstgewerbe und Möbel gerettet und es besteht die Hoffnung, all diese Dinge der Oeffentlichkeit in wechselnden Ausstellungen zugänglich zu machen.
Viele Darmstädter waren gewohnt, am Sonntagmorgen ihren Gang ins Museum zu machen und sich an den so beliebten Gruppen in- und ausländischer Tiere zu erfreuen. Auch diesen Wünschen und Gewohnheiten kann voraussichtlich bald
wieder Rechnung getragen werden, denn in den naturwissenschaftlichen Abteilungen ist der größte Teil der Bestände ebenfalls erhalten. Diese Tatsache wird von besonderer Bedeutung für unsere Schulen sein, die aus nah und fern kommen und all diese Abteilungen für Lehrzwecke benutzen können. Die Schäden. die unsere ethnographischen, prähistorischen und numismatischen Sammlungen, die zoologischen und geologischen Abteilungen getroffen haben, können wieder durch systematische Sammlertätigkeit behoben werden. Freilich gehört hierzu Zeit und Geld. Es ist wohl kaum anzunehmen, daß das Museum genau wieder so entsteht wie es gewesen ist. denn jede Zeit stellt an solche Sammlungen ihre eigenen Forderungen, und diesen müssen die verantwortlichen Leiter gerecht werden. Wir wollen keine Leichenkammern der Kunst, sondern in den heiligen Hallen des Museums muß das frisch pulsierende Leben unserer Zeit einziehen, denn jede Zeit schafft sich ihre eigene Kunst ünd Wissenschaft. Professor Dr. Feigel.
Die beiden Löwen vor dem Haupteingang des Hessischen Landesmuseums
Der Weg zur künstlerischen Qualität
Die Darmstädter Musikzentrale
Das äußere Bild der künstlerischen Veranstaltungen der Nachkriegsjahre spiegelte in Deutschland einen Aktivismus vor, dessen Qualität mit wenigen löblichen Ausnahmen sich bei eingehender Betrachtung in den meisten Fällen als fragwürdig erwies.
Der Drang künstlerischer Mitteilung bemächtigte sich in geradezu integraler Art weiter Schichten des Volkes, das zwar dem Dichten und Denken von jeher gerne zugetan war, aber in dieser Situation oft an wahre Ausverkäufer der sich successive vorbereitenden Kunstinflation geriet.
Wer in diesen Jahren zwischen 1945 und 1948 als kritischer Beobachter solche kulturelle Entwicklung verfolgen konnte, der mußte zunächst erleben, daß das künstlerische Auditorium um ein gewichtiges Prozentual sich diminuiert hatte, eine Tatsache, die man auf das Konto der geistigen Kulturkrise buchen wollte, was sich aber insofern als irrig erwies, als bei wachsender qualitativer Demonstration künstlerischer Veranstaltung ein Elitepublikum sich nach und nach wieder einstellte. Der Weg zur künstlerischen Qualität war die Forderung allen ernsten Beginnens. Solcher Zielsetzung aber mußten alle persönlichen, lokalen und sonstigen Kompromißschlüsse weichen.
Um derartige Gedanken Praxis werden zu lassen, entschloß sich im Jahre 1948 der junge Darmstädter Pianist Hans Helbach,die „Darmstädter Musikzentrale“ ins Leben zu rufen. Aufgabe und Ziel waren von Anfang an klar umrissen: Der Weg zur künstlerischen Qualität. Es galt, in dieser Stunde mit allen Halbheiten zu brechen und positiv in eine künstlerische Aufbauentwicklung einzugreifen.
Es ist nicht einfach, ideale Gedanken zu verwirklichen. Allzuleicht bleibt das Wahre, Gute und Schöne eine Illusion romantischer Bereiche. Um ein künstlerisches Unternehmen wie die Darmstädter Musikzentrale zu fundieren, bedurfte es vor allem anderen auch der finanziellen Organisation, ein Problem für einen künstlerischen Menschen wie Hans Helbach, bei dessen Lösungsversuch die aktive Mitarbeit von Frau Wiltrud Spaniol und Herm Dr. Karl Schäfer wertvolle Hilfe war.
Helbachs Unternehmen sicherte sich für die Wintersaison 1948/49 einen guten Besuch mit dem gesamten Beethoven-Streichquartettzyklus in der Darstellung des Fehsequartetts.
Eine maßgebliche Ermunterung erfuhr das Unterfangen durch das offizielle Interesse der Darmstädter Stadtverwaltung, die sich erbot, die künftigen Pläne der Musikzentrale bis zu einem gewissen Grade zu subventionieren.
Das Jahr 1948/49 brachte ein so ausgezeichnetes Quartett wie das Köckerts zum ersten Male nach Darmstadt; desgleichen waren nach langer Zeit Persönlichkeiten wie der Geiger Stanske und die Pianisten Erdmann und Kempf zu hören.
Die folgende Spielzeit 1949/50 gestattete der Darmstädter Musikzentrale einen weit extensiveren Entwurf und zeichnete sich durch zahlreiche Neuverpflichtungen im internationalen Niveau aus. Wenn man bedenkt, daß es Helbach gelang, ein so weltbedeutendes Quartett, wie es das Veghs unumstritten ist, sozuzagen von der Biennale Venedigs nach Darmstadt zu holen, so läßt sich ermessen, welche Stufe der künstlerischen ' Qualität bereits erreicht war. Die Reihe bekannter Interpreten bildeten in diesem Spielplan die Pitzinger, Aeschbacher, Lagyar, Völker, Elly Ney, Cassado, die Schönfeld, Schneiderhan- und Köckertquartett.
Für die diesjährige Konzertsaison ist es der Musikzentrale wiederum gelungen, ihre bedeutsame künstlerische Linie zu wahren. Helbach legt uns ein Programm von zehn Konzertabenden vor, von denen jeder einzelne Niveau verbürgt: Taschner. Lyvia Rev, Schneiderhan, Poldi Mildner, Gieseking, Adolf- Busch-Quartett, Ruggiero Ricci, Cassado, Erdmann.
Zieht man das Fazit aus allen Spielzeiten, so erkennt man, daß von allen Himmelsrichtungen wahrhaft große Musikpersönlichkeiten nach Darmstadt gefunden haben. Den künstlerischen Kräften der engeren Heimat aber wird die Musikzentrale jederzeit mit Rat und Tat bereitwillig zu Diensten stehen (deren Kapazatät einen sachlichen Vergleich über der Durchschnittslinie nicht zu scheuen braucht).
Auch dieser interne Ausleseprozeß wird für die geplanten Veranstaltungen solche Gewähr bieten, die für ein sich wieder einstellendes Elitepublikum Voraussetzung sein muß.
Vertrauen aber in ein solches Unternehmen ist der erste Schritt zum Gelingen der neuen Konzertreihe. Rene Prevost
Das Hessische Staatsarchiv
VON STAATSARCHIV-DIREKTOR DR. L. CLEMM
Kommen wir gleich zur Sache und stellen die generelle Frage, mit deren Beantwortung auch ein gut Teil des Sonderfalles Darmstadt umschrieben ist. Was kennzeichnet denn ein Staatsarchiv?
Ganz äußerlich gesehen arbeitet ein Staatsarchiv wesentlich mit geschriebenen Stücken, dagegen etwa eine Bibliothek wesentlich mit Druckwerken; daher kommt es, daß die Archivalien nur einmal, die Druckwerke — wenigstens früher — oft vorhanden sind und zudem im Archiv das Lesen sozusagen zum zweiteh Male gelernt werden muß. Seinem Inhalt, seinem Arbeitsstoff nach bildet ein Staatsarchiv die Verwahrungsstätte der für den Staat und alle seine Verwaltungszweige wichtigen alten Registraturen, Urkunden und Akten, nach Ausscheidung unwichtiger Teile; also etwa Registraturen der Behörden, der alten Landgrafschaft, oder des Großherzoigtums Hessen (Ministerien jeder Art, Gerichtsbehörden jeden Ranges, Landratsämter, Finanzämter, Forst- und Vermessungsbehörden usw.). Sehr wesentlich ist, daß es auch die oft sehr weit zurückreichenden Registraturen der staatlichen Rechtsvorgänger verwahrt.
Kern alles staatlichen Archivwesens ist also seit dem grauen Altertum die enge Verbindung mit der Staatsverwaltung, der Gedanke der Rechts- und Verwaltungshilfe für jegliche Art staatliche^ Behörden. Aus den Archiven werden, wie es in einer alten hessischen Denkschrift heißt, „fürstliche jura defendiret“-' sie sind eben die Rüstkammern für den Nachweis aller und jeder fiskalischen Rechte. Rechtsstreite verschiedenster Art spielen daher eine große Rolle: Rechte am Grund und Bodefi, Baurechte und -lasten, finanzielle Rechte, Grenzziehungen, Flurbereinigungen, Finanzausgleich des Staates etwa mit den Kirchen, anderen Ländern oder mit Personen (z. B. früheres Herrscherhaus, Standesherrn). Erst im 19. Jahrhundert ist eine neue, sehr umfangreiche Aufgabe hinzugetreten: die Förderung der wissenschaftlichen Geschichtsforschung. Sie nimmt einen breiten Raum ein, sie wird auch leichter der Oeffentlichkeit sichtbar und verständlich. Trotzdem: seiner innersten Aufgabe nach ist ein Staatsarchiv kein Forschungsinstitut, sondern eine Verwaltungsbehörde, der Archivar sehr viel weniger ein Geschichtsforscher als ein Verwaltungsbeamter, der freilich weithin sich der Mittel der historischen Methode zur Erfüllung seiner Aufgabe bedient.
Diese seine Aufgabe lautet aber: Gliederung, Ordnung, Verzeichnung, Aufbereitung dieses mächtigen Rohstoffes, damit Verwaltung und Wissenschaft ihn nützen können. Er legt Karteien, Sachweiser aller Art, Findbücher, Verzeichnisse an, oft eine recht schwierige Sache, etwa bei einem Urkundenarchiv des 12, bis 16. Jahrhunderts oder bei schwer lesbaren Akten ^es 17. Jahrhunderts; sie bieten dann die Grundlage, mit deren Hilfe die Einzelstücke gesucht und gefunden werden können. Freilich bringt diese so wichtige Aufgabe dem Archivar manche Entsagung.
Das Darmstädter Staatsarchiv, z. Z. Archiv für den Regierungsbezirk Darmstadt, ist ursprünglich ein Landesarchiv, sein Geburtsjahr 1567 fällt mit dem der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt zusammen. Es wuchs mit dieser in verschiedenen Stufen, am meisten durch die großen Gebietserwerbungen 1802/16. Den Grundstock bilden also die Archivalien der alten Landgrafschaft einschließlich Katzenelnbogen; dazu kamen isenburgische, kurmainzische, kurpfälzische, hanauische Archivteile, dann die Archive der Ritterschaften, vieler aufgehobener Klöster und noch so manches andere. Einen sehr wertvollen Bestandteil bilden die Archive des früheren Herrscherhauses. Das 19. und 20. Jahrhundert brachte dann Massenzuwachs von modernen Verwaltungsregistraturen, Rechnungsserien usw., von denen freilich vieles dem Krieg zum Opfer gefallen ist. Sehr viel Wertvolles aber konnte doch gerettet werden; noch immer verwahrt das Staatsarchiv zwischen 30 000 und 40 000 Urkunden (älteste von 867), Tausende von Handschriften, Grund-, Lager-, Gerichtsbüchern seit dem 13. Jahrhundert; hinzutreten dann an die 10 000 Aktenpakete vom 15. bis 20 Jahrhundert.
Die Kriegsverluste konnten zum Teil wieder ausgeglichen werden durch umfangreiche Zugänge seitens der Behörden oder durch Hinterlegungen (Stadtarchiv Darmstadt, Restarchiv der Evangelischen Landeskirche). Die Beamtenschaft ist eifrig bemüht, die verlorenen Verzeichnisse neu aufzustellen; die Archivalien sind benutzungsbereit und werden sehr viel gebraucht Der Dienstbetrieb läuft wieder voll und das Staatsarchiv ist also wieder zu dem gewohnten Faktor des kulturellen Lebens nicht nur für Darmstadt, sondern auch für das alte Hessen geworden; in seiner Hand liegt auch die Leitung der Hessischen Historischen Kommission Darmstadt und des Historischen Vereins für Hessen. Auch hier hat der Wiederaufbauwille schon manches erreicht; daß es noch viel zu tun, zu erstreben gibt, braucht freilich nicht betont zu werden.
Die Hessische Historische Kommission Darmstadt
Wenn man mit einer Definition des Begriffes „Historische Kommision“ beginnen will, so kann sie als ein Publikationsinstitut für die Geschichtsquellen eines Landes bezeichnet werden. Was nutzen uns die reichhaltigsten Archive, wenn ihre Schätze nicht der Forschung zugänglich sind? Da die Archive als solche keine wissenschaftlichen Forschungsinstitute darstellen, so sind die Träger der großen und kostspieligen landesgeschichtlichen Forschungsaufgaben und Veröffentlichungen wesentlich doch die historischen Kommissionen, natürlich im Einvernehmen mit den Universitäten und Archiven des Landes. Auch in unserem Hessenland gibt es 4 solcher Kommissionen. d. h. kleinere Gremien interessierter Forscher und Laien, die nach dem berühmten Vorbild der Monumenta Germaniae Historica die wichtigsten Geschichtsquellen ihres Arbeitsbereiches’zu veröffentlichen bestrebt sind.
Im Raume des früheren Großherzogtums bzw. Volksstaates und Landes Hessen gab es eine solche Kommission schon seit 1908;- ihr Gründer war der Darmstädter Archivdirektor Prof. Dr. Dieterich. Was die Arbeiten dieser Kommission vor manchen Schwesterinstituten kennzeichnet, ist die Tatsache, daß ihr Arbeitsgebiet einer der wichtigsten, wenn nicht überhaupt der bedeutendsten Zentrallandschaft, des. alten deutschen Reiches gegolten hat und noch gilt, dem Rhein-Main-Gebiet. Man denke nur an die zentrale Bedeutung der Erzbischöfe von Mainz als Oberhirten der größten deutschen Kirchenprovinz und Erzkanzler des alten Reiches, deren Einflußsphäre die Grenzen der heutigen Bundesrepublik weit überschritt, oder man erinnere sich der Bedeutung des früheren Bistums Worms oder der Reichsabtei Lorsch, nicht nur als religiöser sondern auch als staatspolitischer Faktor. Das Großherzogtum Hessen hat mit seiner Brükkenfunktion zwischen Nord und Süd und West nur einen uralten geschichtlichen Tatbestand fortgeführt.
Dem entsprachen die Aufgaben und, wie wir dankbar sagen dürfen, auch manche Leistungen unserer Darmstädter Historischen Kommission. Ihr Werk ist etwa die maßgebende Ausgabe des berühmten Schenkungsbuches der Abtei Lorsch (3 Bände, 1925/32), des Mainzer Urkundenbuches (1. Band 1932), eines Bandes der Mainzer Domkapitelsprotokolle 1514/45 (1932), eines Bandes mit Urkundenauszügen der Mainzer Erzbischöfe 1328/53 (1937) oder die Veröffentlichung aller Siegel der Erzbischöfe vom 9.—19. Jh. (1914). Der evangelischen Kirchen-, Pfarrer-, Lehrer- und Schulgeschichte hat der verstorbene Prälat Dr. Diehl in bis jetzt 11 Bänden seiner Hassia Sacra (1921/42) ein Denkmal gesetzt. Der historischen Topographie dienen geschichtliche Ortsnamenbücher und Kartenwerke; erschienen sind bis jetzt ein Ortsnamenbuch für "Starkenburg (1937), eine Karte des - Main-Gebietes von 1787 (1937) und mehrere Arbeiten über die alten Straßen Oberhessens (1928 ff. Die neuere Geschichte ist mit den Denkwürdigkeiten und Tagebüchern der bedeutendsten hessischen Staatsminister des 19 Jh. du Thil und von Dalwigk (1920/21), aber auch mit den Erinnerungen des alten 1848ers, R. Eigenbrodt (1914), vortrefflich vertreten; drei Bände „Hessischer Biographien“ ergänzen gerade für das 19. Jh. manche Lücken. Eine 16bändige Serie von „Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte“ bringen Einzelmonographien seit 1913. Von besonderem Wert ist das weit vorgeschrittene „Südhessische Wörterbuch“, das seit 1925 die lebende Mundart südlich der Rhein-Main-Linie bis an die pfälzische und badische Grenze sammelt.
Unsere Historische Kommission bat nach den schweren Hemmungen der Kriegs- und Nachkriegszeit im Frühjahr dieses Jahres ihre Arbeit wieder aufgenommen. Freilich wirkt sich die deutsche Not auch hier aus: Der Aufgabenbereich mußte stark eingeschränkt werden. Immerhin können die wichtigsten Aufgaben dank der verständnisvollen Förderung von staatlicher, kirchlicher, kommunaler und privater Seite mit guter Aussicht auf Erfolg fortgesetzt werden. Der Abschlußband der Hassia Sacra wird in diesem Jahr in den Druck gegeben werden können, der zweite Band des wichtigen Mainzer Urkundenbuches steht vor dem Abschluß, an den Urkundenregesten der Erzbischöfe von Mainz wird weiter gearbeitet und auch das riesige Material des Südhessischen Wörterbuches wird in wenigen Jahren druckreif sein. Die „Quellen und Forschungen“ sollen gleichfalls fortgesetzt werden: eine spezielle Darmstädter Arbeit aus dem Jahre 1848/50 wird hoffentlich im nächsten Jahre vorliegen. Mögen diesem Wiederbeginn glückliche Sterne leuchten! Dr. L. Clemm
Der neue Hessische Kunstverein
VON PROF. DR. FEIGELDieser Verein ist keine Neugründung, sondern eine Weiterführung des ehemaligen Kunstvereins für Hessen. Die Stätte seines Wirkens war die Kunsthalle am Rheintor, deren schmucke Vorhalle noch ein Teil des alten Tores darstellt und auf Baumeister Moller zurückgeht. Auch heute noch als Ruine bilden die drei so edel geformten Bogen mit ihren Säulen einen prachtvollen Auftakt zu den Bauten der Rheinstraße. Hinter der noch vorhandenen Wachstube wurden später die Ausstellungsräume, die Kunsthalle, angebaut. Dort fanden Ausstellungen statt, die den Ruhm Darmstadts als Pflegestätte der Kunst mitbegründeten und weiterführten. Nicht nur die einheimischen Künstler konnten ausstellen. Man legte gerade besonderen Wert darauf zu zeigen, was in anderen auswärtigen Kunstzentren geschaffen wurde. Man konnte sich auch an kostspielige Ausstellungen wagen, da das finanzielle Fundament des Vereins durchaus solid war, denn die Zahl seiner Mitglieder ging weit über Tausend hinaus. Der Verein brachte es sogar fertig, selbst eine größere Anzahl von Kunstwerken zu erwerben. Durch jährliche Verlosungen kamen viele gute Arbeiten in den Besitz der Mitglieder.
Leider wurde in der Bombennacht auch die Kunsthalle ein Opfer der Flammen. Trotzdem ein großer Teil des Mauerwerkes und besonders die schöne Vorhalle erhalten blieb, bestand eine Zeitlang die Gefahr, daß die noch vorhandenen Gebäudereste abgebrochen würden. Dies wäre sehr' zu bedauern, da unsere Stadt über nur wenig alte Architekturen guter’ Qualität verfügt, und gerade die Werke von Moller wurden mehr als dezimiert. Auch wenn in der Rheinstraße jetzt viele Bauten modernsten Gepräges entstehen,
könnte die Kunsthalle mit ihren einfachen und doch so festlichen Formen den Zug der Häuserreihe wirkungsvoll einleiten. Wenn der neue Hessische Kunstverein sich wirklich wieder zu einem kulturellen Mittelpunkt unserer Stadt entwickeln soll, so ist ein Gebäude für Ausstellungen unbedingt erforderlich. Auf die Dauer ist es nicht möglich, die Gastfreundschaft des Landesmuseums in Anspruch zu nehmen, da dieses seine Räume für die aus der Evakuierung zurückkehrenden Bestände selber benötigt.
Dazu kommt, daß der neue Hessische Kunstverein sein Programm wesentlich erweitert hat. Außer den Ausstellungen, der traditionellen Weihnachtsmesse und der Verlosung von Kunstwerken unter seine Mitglieder sind Vorträge aus allen Gebieten der Kunst vorgesehen. Die Vorträge im letzten Winter über „Wirklichkeitsnahe und abstrakte Kunst früher und heute“ wurden erfreulicherweise stark besucht und fanden in weiten Kreisen lebhaftes Interesse. Unter den Veranstaltern des „Darmstädter Gesprächs 1950“ stand der neue Hessische Kunstverein mit an erster Stelle. An diesem so bedeutungsvollen Ereignis, das Darmstadts Name als Pflegestätte dei' Kunst weit hinaus trug, haben mehrere Mitglieder des Vorstandes maßgebenden Anteil. Auch in den kommenden Monaten ist wieder ein Vortragszyklus vorgesehen, vielleicht unter dem zusammenfassenden Titel „Die völkerverbindende Kraft der Kunst in alter und neuester Zeit“. Doch all diese Pläne können nur dann verwirklicht werden, wenn der Mitgliederbestand, der durch die Folgen des Krieges zusammengeschmolzen ist, wieder anwächst und so eine gesunde Basis für den Wiederaufbau des Vereins gegeben ist.
Das Landestheater nach dem Kriege
Wenn wir heute in der Orangerie die glanzvollen Aufführungen sehen und nicht mit Unrecht größere Maßstäbe anlegen, so ist es nicht uninteressant, Rückschau zu halten, um festzustellen, aus welcher nach dem Zusammenbruch verbliebenen Substanz dies alles geworden ist. Nach den Tagen und Nächten des Schreckens, in denen neben vielem anderen auch unser Theater in Flammen aufgang, war nichts geblieben als das dichterische Wort, die Melodie und der Wille, wieder Theater zu spielen.
Nachdem also weder eine Kulisse noch der kleinste Fetzen eines Kostüms vorhanden waren, begann am 16. September 1945 die neue Epoche des Landestheaters Darmstadt. Da kein spielkräftiges Ensemble, kein Orchester, kaum ein Raum, in dem gespielt werden konnte, vorhanden waren, mußte man sich auf Konzerte, Liederabende und Kirchenkonzerte beschränken. An diesem 16. September begann die Reihe dieser Aufführungen mit einem romantischen Konzert des Schnurbusch -Quartetts. Man ging mit diesen Aufführungen in die kleinen Städte und Dörfer des Odenwalds, und inzwischen schufen eifrige Hände unter Leitung des Direktors Pfeifer die räumlichen Voraussetzungen für eine bühnengerechte Aufführung in der Orangerie, so daß am 15. Dezember 1945 die erste geschlossene Theateraufführung, Goethes „Ipigenie auf Tauris“, stattfinden konnte. Maria Pierenkämper spielte die Hauptrolle. Regie führte Karlheinz S t r o u x , der unter der Intendanz Wilhelm Henrichs den ersten Monaten der Darmstädter Nachkriegsspielzeit ein ebenso interessantes wie turbulentes Gesicht gab. Sein Name zog bekannte Schauspieler nach Darmstadt. Mit ihnen brachte er „XYZ“, den „Illegalen“, „Ein Strich geht durchs Zimmer“, „Wir sind noch einmal davongekommen“ und „Antigone“ (Anouilh).
Am 22. Januar 1946 fand die erste Mietvorstellung („XYZ“) nach dem Kriege statt, und am 9. Februar 1946 kam die erste Opernaufführung, „Orpheus und Eurydike“ von Gluck, in der eindrucksvollen Inszenierung von Walter Jockisch. Am 6. März fand eine Aufführung der „Hochzeit des Figaro“ statt und vermittelte einem begeisterten Publikum erstmals die Bekanntschaft des jungen Darmstädter Sängers Geo Stern. Am 1. März 1946 spielte das Landestheaterorchester erstmals wieder im Rahmen des 1. Sinfoniekonzerts. Das Schauspiel brachte noch „Emil und die Detektive“, „Dame Kobold“ und „Mit meinen Augen“. Am 21. Juni brachte das Theater die Oper „La Traviata“ mit Edith J ä g e r in der Titelrolle. Die Spielzeit schloß am 30. Juni 1946 mit Mozarts „Figaro“. Darmstadt hatte seine erste Spielzeit, deren Ergebnis durchaus positiv und in die Theaterwelt den Begriff des „Darmstädter Spiels“ gebracht hatte. Man sprach vom Darmstädter Theater.
Die nächste Spielzeit begann am 7. September 1946 mit einer Wiederaufnahme der Oper „La Traviata“. Am gleichen Tage wurde die Gesellschaft der
Freunde des Landestheaters gegründet. Man war bereit, das bereits Erreichte mit aller Energie weiterzutreiben. Im September kamen drei Neuinszenierungen, die Schauspiele „Maria Stuart“, „Philine“ und die Oper „Die Kluge“ von Orff. Auch in der Oper suchte man das Moderne. Es folgten im Oktober im Schauspiel die „Iphigenie auf Aulis“ von Gerhart Hauptmann und die Oper „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss, die die Primitivität der hiesigen Bühne geradezu als Voraussetzung hat. Am 14. Dezember wurde Offenbachs unsterblicher „Orpheus“ aus tausendjährigem Schlaf erweckt. Es folgte am 30. Januar 1947 „Carmen“ in einer sehr eigenwilligen Inszenierung (immer an der Wand lang) von Walter Jockisch. Nach Anoilhs „Passagier ohne Gepäck“ brachte das Schauspiel am 21. Februar Georg Büchners „Danton“. Zur Eröffnung der 1. Darmstädter Musiktage kam am 30. Mai die Oper „Die Flut“ von Boris Blacher und Strawinskis „Geschichte vom Soldaten“. Mozarts „Entführung“ mit Belmonte im Tropenhelm brachten bereits die intellektuelle Ueberspitzung, in der die lodernde Flamme des entfesselten Theaters zu ersticken drohte, wie wir sie in der folgenden Spielzeit im „Freischütz“ und „Cosi fan tutte“ erleben sollten. Die Aufführungen „Der Mond“ von Orff, der Tanzabend „Stunde der Fische“ vonWillms und die „Nobelissima visione“ von Hindemith hingegen vermittelten den Eindruck subtilster Moderne.
Am 23. September 1947 begann die 3. Spielzeit des Nachkriegstheaters. Sie sollte die kritische Spielzeit werden. Nach einer wirklich entzückenden Inszenierung des Rossinischen „Barbier“ verlor Walter Jockisch, der nach Henrichs Rücktritt Intendant geworden war, jedes Interesse am Landestheater, und es begann die „intendantlose, die schreckliche Zeit“. Es fehlte jede Linie in der Gestaltung des Spielplans. Zum Glück fand man in Karlheinz S t r e i b i n g einen Gastregisseur, der die sehr eindrucksvollen Inszenierungen der ersten Darmstädter Uraufführung nach dem Kriege, Brentanos „Phädra“ und Shakespeares „Hamlet“, schuf. Unvergessen das Gastspiel Bernhard Minettis als Hamlet. Aber abgesehen von diesen Spitzenleistungen, zu denen auch die Aufführung „Unsere kleine Stadt“ zu rechnen ist, herrschte Leerlauf. Weder der „Raub der Sabinerinnen“, noch der „Soldat Tanaka“ von Georg Kaiser erreichten das Niveau des bisher Geleisteten und Geschaffenen. Das Publikum ging in das neueröffnete Kino, ins „Thalia“. Erst Otto Boetchers Inszenierung der „Fledermaus“, mit den Bühnenbildern Elli Büttners, die das Publikum zum Applaus beim Aufgang des Vorhangs begeisterten, brachte die Massen in das Theater zurück.
Ein künstlerisches Niveau zu halten war man jedoch mit eigenen Kräften nicht mehr in der Lage. Man holte aus Stuttgart das Neue Theater mit dem „Grabmal des unbekannten Soldaten“, aus Frankfurt Fritz Remond mit „Vom Jenseits zurück“ und schließlich aus Mainz die „Erste Legion“. Die Intendantenfrage war zu einer Existenzfrage des Landestheaters geworden. Im März 1948 wurde Dr. Sigmund S k r a u p als Intendant an das Landestheater Darmstadt verpflichtet, und damit begann die kontinuierliche Stabilisierung unseres Landestheaters. Günther Friedrich
Ueberwindung der „Krise“
Die Spielzeit 1948/49 dürfte mit die schwerste und sorgenvollste in der Geschichte des Darmstädter Theaters gewesen sein. Mit Plänen. Verträgen und einem Haushaltsplan, denen eine — anhand der seit 1946 gewonnenen Erfahrungen — angenommene Kontinuität des Theaterlebens zugrunde lagen, überraschte den neuen Intendanten Dr. Siegmund Skraup die Währungsreform. Unter deren unmittelbarer Wirkung traf das zum großen Teil neue Ensemble am 15. August in die Vorproben und gleichzeitig in eine — vom Ministerium empfohlene Vorspielzeit. Der Versuch, mit solchen außerplanmäßigen Vorstellungen das in der Folge der Währungsumstellung zu erwartende Defizit herabmindern zu wollen, schlug fehl.
Mit 1880 Mietern — das waren über tausend weniger als im Jahre vorher —, mit einem gekürzten Staatszuschuß und mit einem dadurch ungültig gewordenen Etat, stand das Theater am 19. September 1948 vor der ersten Premiere. In diesem Spdleljahr geschah oder unterblieb nichts, was nicht im unmittelbaren Einflußbereich der unendlich schweren. von Monat zu Monat anwachsenden finanziellen Sorgen gestanden hätte. In ihrem Gefolge kam es zu den Vorschlägen, den Spielbetrieb einzuschränken, die Oper aufzugeben, ja das Theater überhaupt zu schließen. Aber es kam auch zu jenem denkwürdigen Abend des Darmstädter Forums „Es geht um unser Landestheater“, mit seinem leidenschaftlichen Bekenntnis der Darmstädter zu ihrem Theater, dessen mittelbare Auswirkung den Bestand des Theaters endgültig sicherte.
Mit einem in allen künstlerischen und technischen Sparten verkleinerten Personal hoffte man mit besserem Erfolg die nächste Spielzeit meistern zu können.
Die hier angedeutete Entwicklung der Darmstädter Bühne im Spieljahr 1948/49 machten, mit örtlich verschiedenen Abweichungen. alle westdeutschen Theater durch. Es war das Jahr, in dem die „Theaterkrise“ (man meinte die leeren Häuser) zum allgemeinen Schlagwort wurde. Es wurde zur ..Theaterkrise“ viel Richtiges und viel Falsches gesagt und es wurde ihr ebenso richtig und falsch begegnet.
Die Spielpläne zeigten vom September 1948 an eine zunehmende Neigung nach der Unterhaltungsseite hin: zur Operette. zum musikalischen Lustspiel, zum Schwank. Intendant Skraup blieb dagegen im wesentlichen seinen ursprünglichen Plänen treu: der Gesamtspielplan von 25 Werken enthielt 3 moderne Lustspiele. ein Kriminalstück und 6 Operetten. Eine spätere Gegenüberstellung der Kassenergebnisse zeigte, daß die Höhe des Defizits nur unbedeutend von der Stückwahl beeinflußt wurde. Auch beim Vergleich mit dem Endergebnis, das andere Bühnen mit „unterhaltsamerem“ Spielplan vorzuweisen hatten, stellte sich heraus, daß an dem Gesamtdefizit gemessen der „volkstümliche“ Spielplan jedenfalls nichts an der „Theaterkrise“ geändert hätte.
Diese Frage wurde deshalb hier kurz angeschnitten, weil der völlig unkonventionelle und auch die Folgen der Währungsreform nicht berücksichtigende Anfang der Spielzeit mit Romain Rollands Friedensdrama ..Die Zeit wird kommen“ und mit Verdis recht wenig gespielter Oper „Luisa Miller“ manchen Freund des Theaters erstaunte und der Intendanz viele gutgemeinte Ratschläge und Hinweise auf altbewährte Schwänke einbrachte.
Der weitere Spielplan soll hier nicht im einzelnen erörtert werdens Im Theater festigten sich die Verhältnisse soweit. daß man an große szenische Aufgaben herantreten konnte mit dem Gedanken. auch auf der Behelfsbühne einen regielich immer besonderen Ausdruck zu suchen und im Sinne eines neu zu gewinnenden „Darmstädter Stils“ zu wirken. Die Spielzeit stand also künstlerisch wesentlich im Zeichen der szenischen Bewältigung von Werken, die bislang als nicht auf der Behelfsbühne spielbar erschienen. Dazu gehörten mit Einschränkung schon die beiden vorgenannten. Der erste große Erfolg in dieser Hinsicht war ..Götz von Berlichingen“ (Inszenierung Skraup/Munz) und als einzigartige inszenatorische und musikalische Gesamtleistung wurde die Behelfsbühnenlösung der „Meistersinger von Nürnberg“ weithin als mutiges und ausgezeichnet gelungenes Experiment gerühmt.
Mit verkleinertem Personal, aber mit tausend Mietern mehr ging das Landestheater voll guter Hoffnungen in die Spielzeit 1949/50. Es sei vorangestellt: das Defizit der abgelaufenen Spielzeit ist mit großem Abstand das kleinste aller hessischen Theater, wahrscheinlich mit eins der kleinsten im Bundesgebiet. Es hätte vielleicht, wäre das bedauerliche Unglück im Orangeriehaus nicht passiert, ganz vermieden werden können.
Am 17. und 18. September 1949 begann die Spielzeit mit „Urfaust“ und •Aida“. Dieser Anfang, in der Stückwahl diesmal konventionell, in den szenischen Lösungen, wobei für „Aida“ der Regisseur (Skraup) sein eigener Bühnenbildner war. dagegen ganz unkonventionell. war ein voller Erfolg. Die Schatten der Währungsreform lichteten sich endgültig und gaben den Blick, der ein Jahr ängstlich auf das Allernächstliegendste geheftet bleiben mußte, frei. Die Leistungen und der von ihnen ausgehende Ruf des Theaters, der starke Zustrom des Publikums zum Theater gab Darmstadt wieder die volle Berechtigung des Rufes einer Theaterstadt.
Was die Bühne mit Oper, Operette, Schauspiel und Studioaufführungent, was die Konzerte des Landestheaters im abgelaufenen Spieljahr boten, glauben wir in noch so guter Erinnerung zu wissen. daß hier nicht weiter die Rede davon zu sein braucht. Die günstige Entwicklung wurde jäh am 15. Januar 1950 mit der Explosion im Orangeriehaus unterbrochen. Daß dieses Haus schon drei Monate später festlich-neu den Künstlern mit ihren Helfern und dem Publikum übergeben werden konnte und idaß trotz des dreimonatigen Ausfalles der Bühne die Spielzeit mit der vollen Vorstellungszahl zu Ende geführt wurde, war eine Gemeinschaftsleistung der Darmstädter Bürger und der Darmstädter Theaterleute.
Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß in diesen zwei Jahren das Große Haus ein Notdach erhielt und daß der Aufbau von Proberäumen. Werkstätten und Büros im Nordflügel des Großen Hauses seinen Fortgang nahm. Der innere Betrieb befindet sich gegenüber dem Stande von 1948 nunmehr in gutem und erfreulichem Zustande. Das gilt für die von technischen Bedingungen abhängigen künstlerischen Möglichkeiten und für die technische Sicherheit des Betriebes.
In dieser Spielzeit hat die Zahl der Mieter die des letzten Jahres vor der Währungsreform (2 911) beinahe erreicht. Hinzu kommen 1500 auswärtige Mieter des vom Landestheater in den letzten Monaten eingerichteten Theaterrings Odenwald-Bergstraße. Dieser Rückhalt erlaubt der Intendanz schon wieder in bescheidenem Maße eine Vergrößerung des Solopersonals und etwas großzügigere Ausstattungsdispositionen-. Die schwere Zeit mit ihren Sorgen, Opfern und tausend Schwierigkeiten, die das Theater durchstanden hat. sind vergessen. Aber Theater und Publikum kamen in diesen Jahren in ein engeres und lebendigeres Verhältnis. Und das ist das Wesentliche. Kuno Epple
Und was sagt der Einzelhandel...
... zu der Preisentwicklung, seiner Stellung in der Gemeinde und zur Gewerbefreiheit
Von Dr. Kurt HummelAuf der Anfang Oktober stattgefundenen Delegiertenversammlung der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels hat Bundeswirtschaftsminister Prof. Erhard die für den Einzelhandel charakteristische Mittlerstellung zwischen der Produktions- und Verbrauchersphäre treffend als »die dramatische Nahtstelle“ der Volkswirtschaft bezeichnet. Der deutsche Einzelhandel setzt im Jahre schätzungsweise 35 Milliarden Mark um, das ist der größte Teil des gesamten Volkseinkommens. Keine Zahl macht die gegenseitige Verflechtung und Abhängigkeit von Verbraucher und Einzelhandel deutlicher als dies. Hieraus ergibt sich die außerordentliche Wichtigkeit des Einzelhandels, hieraue resultiert aber auch seine besondere Verantwortung. Die Einzelhandelspreise sind das Barometer für die Kaufkraft der Massen. Die Verbraucher kümmern sich jedoch im allgemeinen nicht darum, wie weit die Faktoren einer Preisbildung und insbesondere die Ursachen für eine Preissteigerung bei den Vorstufen des Handels oder schon in der Weltmarktkonjunktur zu suchen sind. So steht der Einzelhandel in wirtschaftlich kritischen Zeiten als erster im Brennpunkt der öffentlichen Meinung.
Bewirtschaftung und Warenknappheit, dann Währungsreform und die Befriedigung eines starken Warenbedarfs der Verbraucher, schließlich ein immer reichlicheres Warenangebot bei merklich fallenden Preisen aller Bedarfsgüter, zuletzt Wegfall von Subventionen für wichtige Lebensmittel und der Eintritt der sogenannten Koreakrise kennzeichnen in großen Zügen die wirtschaftliche Entwicklung seit 1945. Sie hat immer wieder zwangsläufig den Einzelhandel in den Vordergrund der Ereignisse gedrängt und auch die Einzelhandelsbetriebe in unserem engeren Heimatbereich in Stadt und Land vor schwierige und verantwortungsvolle Aufgaben gestellt.
An Preissteigerung nicht interessiert
Diese Verantwortung vor der Oeffentlichkeit, unter die sich der Einzelhandel in hohem Maße gestellt sieht, hat der Präsident des deutschen Einzelhandels. Hans Schmitz, Godesberg, Mdß., auf einer eindrucksvollen Kundgebung der Repräsentanten des Einzelhandels in Köln am 10. Oktober mit allem Nachdruck zum Ausdruck gebracht:
Der Einzelhandel ist nicht an Preissteigerungen interessiert. Je niedriger das Preisniveau, desto mehr Ware kann der Verbrauchen bei uns.kaufen, Je mehr Ware der Verbraucher jedoch beim' Eih¬ ' zelhandel kaufen kann, desto schneller der Umschlag des Lagers, und desto besser die Liquidität der Betriebe. Schwankende Konjunkturen belasten den Einzelhandel mit einem erheblichen Risiko, stellen ihn vor schwierige Dispositionen und führen besonders beim Abklingen der Konjunkturen zu erheblichen Substanzverlusten, wie es die Kaufleute in den Monaten nach der Währungsreform schmerzlich erfahren mußten.
In diesem Sinne tritt der Einzelhandel für den Gleichklang zwischen Löhnen und Preisen und eine ungestörte Wirtschaftsentwicklung ein. Die Bemühungen, das Preisniveau in etwa zu halten, liegen
jedoch nicht allein in der Kraft des Einzelhandels. Er ist in diesem Bestreben weitestgehend abhängig von seinen Vorlieferanten. Diese erklären aber auf den verschiedensten Warengebieten, daß sie nicht mehr in der Lage seien, ihre alten Preis- und Lieferbedingungen aufrechtzuerhalten, vertraglich zugesagte Lieferungen zu den vereinbarten Bedingungen durchzuführen, oder seien nur zum Tagespreis zur Lieferung in der Lage.
Der Einzelhandel fühlt sich verpflichtet, auf diese Zusammenhänge hinzuweisen, damit nicht er für Erhöhungen der Verbraucherpreise letzten Endes verantwortlich gemacht wird. Das kaufmännische Interesse des Einzelhandels ist ausschließlich auf die Aufrechterhaltung einei’ möglichst weiträumigen Mengenkonjunktur bei relativ stabilen Preisen gerichtet.
Wesentlicher Faktor der Kommunalpolitik
Nicht nur Verbraucher und Einzelhandel stehen in enger wechselseitiger Verbundenheit. In Stadt, und Land wird deutlich, daß der Einzelhandel mit den Gemeinden aufs engste verflochten ist, daß er teilhat an deren Aufstieg und Niedergang. Der Einzelhandel gibt Stadt- und Landgemeinden ein besonderes Gepräge. Er entscheidet in einem wesentlichen Ausmaß über Geltung und Ansehen einer Gemeinde und ihre Anziehungskraft in einem oft weiten räumlichen Umkreis. Wer-durch die Gemeinden unseres Heimatraumes wandert, wird überall feststellen müssen, daß der Drang des Einzelhandels, durch moderne Läden. reiches Warenangebot, geschmackvolle Schaufenster, suggestive Lichtwerbung usw. die Anziehungskraft einer Gemeinde im Interesse ihrer Bevölkerung zu erhöhen, außerordentlich stark ist. Alle Gemeinden wetteifern um den Kunden, stellen vor allem auch den Einzelhandel in den Mittelpunkt einer lebhaften Fremdenverkehrswerbung, und in vielen Gemeinden werden in den letzten Jahren und in sich steigender Wirkung Leistungsschauen veranstaltet, um in konzentriert räumlicher Anordnung die Leistungsfähigkeit von Handel und Gewerbe herauszuheben. In diesem Zusammenhang ist vor allem auch der beachtliche Wiederaufbau der total zerstörten Darmstädter Innenstadt besonders zu erwähnen.
Das Verhältnis des Einzelhandels zu seiner Stadt oder seiner Gemeinde ist in vieler Hinsicht von besonderer wirtschaftlicher. sozialer und kultureller Bedeütünä: ■Seift' Wirtschaftliches Schwer¬ ‘gewieht druekt '■sich-dlabei schon an der Aufbringung der kommunalen Steuern aus. Dies bedeutet in guten wie in schlechten Zeiten die Abhängigkeit jeden kommunalen Etats auch von der Konjunkturlage des Einzelhandels. Der Einzelhandel beschäftigt eine große Anzahl von Angestellten und Lehrlingen und stellt in allen Gemeinden zusammen mit seinen ortsansässigen Mitarbeitern ein beachtliches Kontingent jenes Teiles der Bürgerschaft, die sich mit dem Geschick der Heimatstadt aufs engste verbunden fühlen. Dies gilt nicht nur für den wirtschaftlichen sondern auch für den kulturellen Bereich. Der Einzelhandel ist aber auch einer der aktivsten Werbeträger jeder Gemeinde. Er spielt als Schaufenster der Wirtschaft für die Gemeinde eine geradezu dominierende Rolle als Ausdruck des Geschmacks und der Leistungsfähigkeit seiner Heimatstadt.
Die vielfache Verbundenheit zwischen Einzelhandel und Kommunalverwaltung hat in den letzten Jahren auf beiden Seiten zu der sich immer mehr vertiefenden Erkenntnis geführt, daß die Mitarbeit und Heranziehung von Kaufleuten in der Stadt- und Gemeindevertretung noch wesentlich aktiviert werden muß.
Der Einzelhandel verdient daher den Schutz und die Förderung der Gemeinden und deren wirtschaftliches Verständnis. Wir denken unter anderem an die Kreditgewährung insbesondere beim Wiederaufbau der zerstörten Geschäftslokale. Befreiung von allen unwirtschaftliehen hemmenden Vorschriften, insbesondere auch im Bau- und Reklamewesen. Der Wunsch nach gemeinschaftlicher Zusammenarbeit ist auch auf Seiten des Einzelhandels durchaus vorhanden.
Gewerbefreiheit, jedoch nur für den gelernten Kaufmann
Ueberall, wo man mit Gewerbetreibenden und somit auch Einzelhandelskaufleuten in Stadt und Land in Verbindung kommt, steht im Mittelpunkt des Interesses die Auswirkung der totalen Gewerbefreiheit, die auch von dem Einzelhandel als ein volkswirtschaftlich nicht wieder gutzumachender Schaden betrachtet wird. Für den Einzelhandel ist die Frage aber nicht zuletzt eine berufspolitische Angelegenheit. Der Einzelhandel sieht in der Erfüllung seiner volkswirtschaftlichen Aufgabe einen Beruf und will als solcher bewertet werden. Er will in seinen Reihen. Ordnung, Sauberkeit und Bestleistung im Sinne guten Kaufmannstums. Kaufmann soll aber auch im Einzelhandel nur der sein, der sich die entsprechende kaufmännische Vorbildung und zwar möglichst durch eine Lehre erworben hat. Das verfassungsmäßige Recht auf freie Berufswahl wird in keiner Weise geschmälert, wenn die Ausübung des Berufes an bestimmte Voraussetzungen, d. h. an die persönliche Zuverlässigkeit und fachliche Vorbildung geknüpft ist.
Gewerbefreiheit ja — aber nur für denjenigen, der sein Gewerbe ordnungsgemäß erlernt hat.
’ Aus einer gesunden und freien Volkswirtschaft ist der Einzelhandel nicht wegzudenken. Seine Beziehungen zur Verbraucherschaft und zu Staat und Gemeinde sind getragen von dem Verantwortungsgefühl, an einer der bedeutendsten Stellen in der Wirtschaft eingesetzt zu sein. In diesem Sinne weiß er sich eingegliedert als ein Teil jenes gesunden Blutstromes, der die Bevölkerung von Stadt und Gemeinde zu einer lebendigen Gemeinschaft zusammenschweißt.
Die Bedeutung unserer 20 000 Handwerkshetriebe
Das Niveau des Berufsstandes muß erhalten bleiben
Von H. W. MuellerWenn man mit Zahlen, wie sie der Statistik verfügbar sind, nach scherzhafter Meinung auch alles beweisen kann, was man will, so sind die Bestandsaufnahmen auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens doch vonnöten, um bei richtiger Betrachtung der Ergebnisse Aufschlüsse über Ablauf und Entwicklung zu erhalten.
Der Handwerkszählung von 1947, die durch die Handwerksorganisation selbst aus eigenen Mitteln erfolgte, mußte sich eine Zählung anschließen, die es nicht in das Belieben des einzelnen stellte, Fragen zu beantworten oder nicht zu beantworten, sondern die aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten heraus exakte Ergebnisse zeigt. So wurde im gesamten Bundesgebiet im Herbst 1949 eine Handwerkszählung durchgeführt, deren Ergebnisse heute vorliegen.
Zahlen...
Es ist interessant zu sehen, daß im gesamten Bundesgebiet einschließlich West-Berlin rund 900 000 Handwerksbetriebe arbeiten mit 3,2 Millionen Beschäftigten und einem Jahresumsatz von rund 20 Milliarden DM. Welche Bedeutung hinter diesen Zahlen steckt, ist dem Volkswirtschaftler vollkommen klar. Den wesentlichen Akzent bekommen sie jedoch, wenn man überlegt, daß sich die Handwerksbetriebe und ihre Beschäftigten gleichmäßig über ganz Westdeutschland verteilen. Es gibt keine Sammelpunkte mit einer Konzentration erheblicher Potentiale, sondern in jeder Gemeinde und in jedem Kreis sind in gleicher Weise alle Handwerke tätig und leisten in nimmermüder, stetiger Arbeit ihren unerläßlich notwendigen Beitrag zur Versorgung des Volkes und zum Aufbau.
Für Hessen erhalten wir aus der genannten Zählung folgende Zahlen: 90 058 Betriebe mit 310158 Beschäftigten und einem Gesamtumsatz von 2061,11 Millionen DM. In dieser Summe sind an reinem Handwerksumsatz 1609,6 Millionen DM enthalten. An Löhnen hat das Handwerk in Hessen in der Zeit vom 1. 10. 1948 bis 30. 9. 1949 = 346 768 Millionen DM gezahlt.
Um die organische Verteilung noch weiter deutlich zu machen, könen wir sagen,
daß in dem Bezirk Starkenburg rund 20 000 Betriebe mit rund 50 000 Beschäftigten arbeiten. Das Handwerk bildet so für unsere Volkswirtschaft ebenso wie für die soziale Struktur unseres Volkes den festen Untergrund, aus dem man mit meßbaren Ernten rechnen kann. Was dies für ein Volk bedeutet, das vollkommen verarmt und das genötigt ist, sich in harter Arbeit ausreichende Lebensbedingungen wieder zu schaffen, liegt auf der Hand.
Zielsetzung
Es darf hier noch einmal ausgesprochen werden, daß es in keiner Weise nur eine Berufsangelegenheit des Handwerks war, die schrankenlose Gewerbefreiheit abzulehnen, daß es nicht angängig ist bequemerweise den Grund dafür im Konkurrenzneid zu suchen. Die Folgen der Gewerbefreiheit in den vergangenen iVa Jahren haben mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt, welches Danaergeschenk sie — hoffentlich — gewesen ist und wie rasch sie, gleich einer Seuche, den gesunden mittelständischen Aufbau unserer Wirtschaft und unseres Volkes vernichten könnte.
Es ist tröstlich zu sehen, wie nach der langen Zeit der Unmündigkeit, des ' Infernos des Krieges und der ersten Nachkriegszeit, nach Überwinden der chaotischen Zustände bis 1948, inmitten J der harten Arbeit, die sich seit der Wäh- /: rungsreform täglich vor uns aufbaut, der gute Kern des einzelnen deutschen Menschen sowohl wie des gesamten deutschen Volkes wieder spürbar wird. Und so wachsen auch aus dem Handwerk mit starkem Auftrieb wieder die Kräfte her- ' aus, die auf die besondere Aufgabe ihres : Berufsstandes in seiner Tätigkeit wie in 1 seiner Zielsetzung hinweisen und die hier eine Erziehungsarbeit leisten, die unse- I rem ganzen Volke nottut. ]
Nachwuchserziehung
Bei'diesem kurzen Blick über die existentielle Situation des Handwerks darf nicht vergessen werden, seine wichtige Aufgabe zu erwähnen, die ihm als große Schule auf dem Wege zu den fachlichen Berufen gestellt ist. Es muß auch hier die noch bestehende auseinanderstrebende Erziehungs- und Ausbildungsarbeit, in die sich Lehrbetriebe, Berufsschule und öffentliche Betreuung der Jugend teilen, im rechten Verhältnis aufeinander abgestimmt und, sich ergänzend, gestaltet werden. Gerade auf dem Gebiet der Nachwuchserziehung ist jeder Ehrgeiz, der sich nicht allein darauf richtet, den Jugendlichen das Beste zu bieten, vollkommen fehl am Platze.
In der Mitte des Jahres 1950 standen in Starkenburg 8458 Lehrlinge in handwerklicher Ausbildung. Es wird gelingen, die bis zum Jahre 1954 steigende Zahl der Schulentlassenen bei Handwerk und Industrie in Lehrstellen unterzubringen, wenn man die Lehrlingsausbildung nicht nur zu einer erheblichen Belastung der Betriebe macht. Dies wird gewiß um so sicherer möglich sein, als Industrie und Handwerk sich durchaus im klaren darüber sind, daß — zumal ab 1936 — ein erhebliches Absinken in der Zahl der zur Schulentlassung kommenden Jugendlichen eintreten und das volkswirtschaftliche Reservoir an Nachwuchskräften für hochqualifizierte Fachberufe sehr klein sein wird. , ,
Neue Handwerksordnung
Ein Blick auf die übrigen europäischen Länder zeigt, daß sie den Wert eines in seiner Existenz und in der Erhaltung seines fachlichen Niveaus gesicherten Handwerks klar erkannt haben und durch Regelungen, wie die unsrigen, seit Jahrhunderten geläufigen, festigen. Sie wollen den Bestand und die Entwicklung des Handwerks sichern. Der zur Zeit im Bundestag zur Behandlung stehende Gesetzentwurf über eine Handwerksordnung zeigt, daß seine Bedeutung auch bei uns klar erkannt ist.
Fortschrittliche Entwicklung im Landkreis Darmstadt
Von Landrat WinkNeuere Feststellungen haben einwandfrei bewiesen, daß der gesamte Landkreis Darmstadt und auch große Teile des Kreises Groß-Gerau wirtschaftlich nach Darmstadt ausgerichtet sind. Das bedeutet, daß ein wesentlicher Teil des Arbeitsertrages (Sozialprodukt) nach Darmstadt Hießt und dort der Wirtschaft zugute kommt.
Vor dem Jahre 1938 wäre diese Entwicklung durchaus normal gewesen, denn die Stadt Darmstadt zählte noch zu der Verwaltungseinheit auch ihres umliegenden Gebietes. Durch die Schaffung der sogenannten kreisfreien Städte ist dies anders geworden. Die Gewerbesteuererträge kommen durch die obenerwähnten Umstände diesen kreisfreien Städten restlos zugute; ein gewisser Beitrag in Form der Kreisumlage, wie früher, wird nicht mehr geleistet, und so ist durch die abfließende Kaufkraft das Land schon oft in größeren Nöten gewesen und wird es auch leider vorerst bleiben. Dies hat sich nach dem Zusammenbruch des Jahres 1945 nicht geändert. Hinzukommt, daß dem Landkreis durch die Einweisung von ca. 16 000 Heimatvertriebenen und die Aufnahme von etwa 15 000 Evakuierten soziale Lasten entstanden sind, die, auf die Dauer gesehen, ohne entsprechende Berücksichtigung bei den Finanzzuweisungen nicht getragen werden können.
In den Gemeinden macht sich das im gleichen Umfange bemerkbar. Soweit etwas Industrie, Handel und Gewerbe vorhanden ist, haben die Gemeinden entsprechende Einnahmen, um ihre sozialen Verpflichtungen erfüllen zu können. Die vielen kleinen, rein bäuerlichen Gemeinden, insbesondere im vorderen Odenwald, sind aber jetzt schon nicht in der Lage, diesen Verpflichtungen nachzukommen, geschweige denn freiwillige Selbstverwaltungsaufgaben oder auch sonstige Maßnahmen wie Wegeinstandsetzung, Unterhaltung von Wasserleitungen u. a. durchzuführen. Es ist durch die Einweisung der Heimatvertriebenen die Tatsache zu verzeichnen, daß einzelne Gemeinden mehr als 50 Prozent ihrer früheren Einwohnerzahl an Flüchtlingen aufnehmen mußten, letztere befinden sich also in der Mehrzahl. Das ist darauf zurückzuführen, daß in rein bäuerlichen Gemeinden der Wohnraum weitläufiger angelegt ist und im Drange der notwendigen Unterbringung der Heimatvertriebenen in den Jahren 1946/47 einfach dort belegt wurde, wo Raum vorhanden war.
Es muß allmählich daran gedacht werden, die weiter ab wohnenden Menschen an ihre Arbeitsstätten heranzubringen, zum andern ist aber auch zu versuchen, Gewerbe und Industrie — wenn auch in kleinerem Umfange — an solchen St .eilen anzusiedeln, an denen Arbeitskräfte bereits wohnen.
Insgesamt gesehen, nehmen diese Aufgaben die zuständigen Verwaltungsstellen zur Zeit sehr stark in Anspruch. Es muß gelingen, nach und nach Verbesserungen in der strukturellen Zusammensetzung der Bevölkerung durchzuführen.
Rückblickend auf die Jahre 1945, 1946 und 1947 darf festgestellt werden, daß im Kreis Darmstadt in allen Fragen des Wiederaufbaues — sei es der direkte Wohnungsbau, sei es die Wiederherstellung von einigermaßen tragbaren hygienischen und gesundheitspolizeilichen Verhältnissen, sei es in der Schaffung von Arbeitsplätzen oder auch in der Organisation des Wirtschaftslebens — gute Fortschritte gemacht wurden.
Der Landkreis hat in Jugenheim durch die Einrichtung eines Kreiskrankenhauses die Möglichkeit geschaffen, zusätzlich Kranke unterzubringen. Der Ausfall an Betten durch die Zerstörung der Darmstädter Krankenhäuser war und ist so empfindlich, daß ohne diese Einrichtung des Landkreises ernste Gefahren für die Wiederherstellung erkrankter Menschen bestanden hätten.
Es war das Bestreben der Kreisverwaltung, die schöne Lage unserer Bergstraße mehr als seither dem Fremden-
verkehr und der Schaffung von Erholungsmöglichkeiten nutzbar zu machen. Viel hat in dieser Hinsicht noch zu geschehen, insbesondere sind die Straßen des vorderen Odenwaldes um die Neunkircher Höhe instandzusetzen, damit der Fremdenstrom nicht an diesem schönen Fleckchen um die Neunkircher Höhe vorbeifließt. Aufgabe der nächsten Jahre muß es sein, sämtliche Straßen unseres Gebietes staubfrei zu machen und so den schönen Odenwald immer mehr in den Blickpunkt der aus dem Norden kommenden Erholungssuchenden zu rücken.
Neuerdings sind von der Regierung in Wiesbaden durch die Herausstellung des Hessenplanes Wege aufgezeichnet, um ein organisches Zusammenwachsen von Menschen und Wirtschaft im Laufe der Jahre zu erreichen. Restlos werden wir alle Probleme nie lösen'können, aber es muß der Wille aller Beteiligten sein, das Menschenmöglichste zu tun. Wenn unsere Wirtschaft den Beschäftigungsgrad behält, den sie heute besitzt, können wir guten Mutes in die Zukunft sehen. Es ist erstaunlich, daß trotz der Tatsache, daß wir annähernd 30 000 Menschen mehr im Landkreis wohnen haben als im Jahre 1939, eine empfindlich merkbare Arbeitslosigkeit nicht besteht. Es darf auch erwartet werden, und das möge man mir nicht verübeln, daß mancher Arbeitslose vorübergehend sich auch einmal mit einer berufsfremden Tätigkeit beschäftigen muß. Die Vielseitigkeit der Verdienstmöglichkeiten gerade in unseren größeren Gemeinden läßt dies zp.
Zu hoffen wäre noch, daß auch im Jahre 1951 der Wohnungsbau in der gleichen Weise vorwärtsgetrieben werden kann wie im letzten Jahr. Ohne die seit nunmehr zwei Jahren rollenden Landesbaudarlehen geht das nicht. Wir können allen denen danken, die in „Selbsthilfe“ Hand anlegten und dadurch das Eigenkapital ersetzten. Wenn man bedenkt, daß nach der Währungsreform kaum Kapital vorhanden war, und daß bekanntlich ohne Kapital das Bauen normalerweise unmöglich ist und es trotzdem gelang, die Eigenmittel in der geschehenen Weise aufzubringen, so müssen wir den Menschen dankbar sein, die mit in die Speichen griffen und uns aus dieser Misere der Wohnungsnot heraushelfen.
Verkehrsmäßig ist der Kreis Darmstadt in einer glücklichen Lage. Durch die Initiative verschiedener Stellen sind fast alle Gemeinden entweder an das Netz der Bundesbahn, das Straßenbahnnetz der HEAG oder an Obus- und Omnibuslinien angeschlossen. Die Verkehrsverhältnisse sind weit besser als vor dem Kriege. Sie ermöglichen es der Landbevölkerung, schnell ihre Arbeitsstätten oder Einkaufsquellen zu erreichen. Die bäuerliche Bevölkerung hat dadurch auch indirekte Vorteile, jedoch gibt die neuerliche Entwicklung Anlaß zu ernsten Bedenken. Die Landwirtschaft wird jetzt schon, und in der Zukunft wahrscheinlich noch mehr, vom Ausland her beeinflußt. Es wird verschiedener Maßnahmen bedürfen, um die Inlandserzeugung wenigstens etwas in Schutz zu nehmen.
Zum Schluß sei noch darauf hingewiesen, daß der Landkreis Darmstadt, politisch gesehen, in seiner demokratischen Grundauffassung mit zu den fortschrittlichsten in ganz Hessen zählt. Eine gewisse Tradition lebt und wird auch zukunftgestaltend sich weiter auswirken. Das fleißige Volk am Nördrand des Odenwaldes, an der nördlichen Bergstraße und im östlichen Ried wird immer dabei sein, wenn es gilt, das Banner des Fortschritts für Volk und Heimat vorwärts zu tragen. Es wird mitarbeiten an dem Bau einer besseren Zukunft!
Grenzkreis Bergstraße in Not
Von Landrat DenglerDie „Strata montana“, die Bergstraße, gibt dem Kreisgebiet ihren Namen. Der Kreis Bergstraße setzt sich aus den früheren Landkreisen Bensheim und Heppenheim sowie dem östlichen Teil des Kreises Worms zusammen. Er weist einen Flächeninhalt von 723 qkm auf. Außerhalb des Hessischen Staates liegt die zum Kreis Bergstraße gehörige Exklave Wimpfen, die von den Gebieten der Staaten Baden und Nordwürttemberg eingeschlossen ist.
Noch Ende März 1945 geriet die Bergstraße in den Wirbel des Kriegsgeschehens hinein, und die Folge davon war die Unterbrechung der Verkehrsverbindungen, viele Produktionsstätten lagen still, und an Stelle der langersehnten Befreiung von den Lasten des Krieges herrschte eine augenblickliche Agonie. Zu all diesen Schwierigkeiten kamen noch die Flüchtlingsströme aus dem Osten hinzu, die den Landkreis nach allen Seiten hin durchzogen. Die Schulen waren geschlossen, und die schon in den letzten Kriegs jähren mangelhaft beaufsichtigte Jugend blieb weiterhin ohne Ausbildung. Der Verwaltungsapparat war außer Betrieb, und die Exekutivgewalt der Polizei bestand nicht mehr. Hinzu kam, daß sich die Lebensrnittel weiterhin verknappten und die Wohnungsverhältnisse von Tag zu Tag katastrophaler wurden.
Die Besatzungsmacht entfernte bei ihrem Einzug fast alle bisherigen Verwaltungsbeamte und berief Männer an deren Stelle, die als Gegner des nationalsozialistischen Regimes bekannt waren. Bei diesen Berufungen spielte die politische Belastung des Betreffenden eine große Rolle. Ganze Aemter wurden neu besetzt, zum Teil durch Personal, das fremden Berufsgruppen entstammte. Viele wurden zurückgenommen oder ausgewechselt, und der verschwindende Rest verbliebener Fachleute war der neuen Lage nicht gewachsen. Es war ein bitteres Erbe, was es zu übernehmen galt, und nur dem Idealismus der verantwortlichen Männer und ihrem immer bereiten Opfermut ist es zu danken, daß das Werk der Neuaufrichtung der Verwaltung überhaupt gelang.
Im Kreise Bergstraße herrschten also die gleichen Verhältnisse, wie sie damals auch in anderen Teilen unseres Landes vorhanden waren. Die Verwaltungsmaschinerie war in völliger Auflösung. Durch die Unzahl der Gesetze, die die Besatzungsmacht herausgab, entstanden völlig neue Situationen. Es wurde versucht, die neuen Beamten des Landratsamtes in ihren Spezialgebieten zu schulen, um ihnen die notwendigen Arbeitsgrundlagen zu vermitteln. Im Vordergrund allen Interesses stand die Finanzgebarung dei Selbstverwaltungskörperschaft. Es war unendlich schwer, angesichts der finanziell chaotischen Zustände, zu übersehen, inwieweit die Finanzkraft des Kreises ausreichen würde, den gestellten Anforderungen gewachsen zu sein. Die Aibeit der Ernährungs- und Wirtschaftsämter wurde zunehmend schwieriger, und es war z. B. kaum möglich, die Krankenhäuser mit den erforderlichen Koksmengen zu beliefern.
Ein besonderer Notstand im Kreisgebiet Bergstraße ist die Wohnraumlage. Die Verschärfung der sozialen Lage und des
empfindlichen Wohnraummangels entstand durch den übergroßen Zugang von Evakuierten und Vertriebenen, der aus der Überschätzung dei' Gesamtaufnahmefähigkeit des Kreises resultierte. Um auf die normalen Wohnverhältnisse des Jahres 1939 zu kommen, würden im Landkreis Bergstraße mindestens 22 000 Wohnräume und 7500 Küchen benötigt, d. h., daß rund 7500 Wohnungen fehlen. Um diesem Übelstand wirksam zu begegnen, ist die verstärkte Errichtung von Neubauten erforderlich, die mit Hilfe des Staates gefördert werden muß. Die im Juni 1949 erfolgte Zuteilung von 352 000 DM als Landesbaudarlehen zur Fertigstellung begonnener Bauten war ein Tropfen auf den heißen Stein. Für das Jahr 1950 ist im Rahmen des sozialen Wohnungsbaues und als Maßnahme gegen die Arbeitslosigkeit ein Bauprogramm vorgesehen, das nach seiner Durchführung den Zugang von rund 2000 Wohnungen bedeuten würde.
Im Jahre 1950 konnte der Wohnungsnot erfolgreich zu Leibe gerückt werden. Die aus den verschiedenen Quellen gekommenen Baudarlehen machten eine Absenkung der Wohndichte möglich. Die Wohndichte betrug 1948 1,83, sie erhöhte sich vorübergehend auf 1,84 Personen pro Wohnraum, um nach Einsatz der 1950 zur Verfügung stehenden Mittel (Landesbau-
darlehen) auf etwa 1,76 abzusinken. Immerhin ist die Wohndichte im Landkreis Bergstraße noch wesentlich höher als im Landesdurchschnitt.
Trotzdem bewegt sich die Zahl der Wohnungssuchenden noch um 15 000. Die Gesamtzahl der Flüchtlinge beträgt etwa 23 000 und die der Evakuierten 12000. Fast ein Drittel der Flüchtlinge ist noch nicht einmal im Besitz des Mindestwohnraums nach dem Kontrollratgesetz Nr. 18. Daraus ist ersichtlich, daß eine Minderung der aufgezeigten Schwierigkeiten in dem leistungsschwachen Grenzkreis Bergstraße ohne besondere staatliche Subventionen nicht im entferntesten möglich ist.
Die Bestrebungen badischer Kreise, Gebietsteile des südlichen Hessenlandes durch Beeinflussung der Bevölkerung an sich heranzuziehen, waren Veranlassung für die Aufstellung eines „ Grenzkreis-Sonderprogramms“ im Landkreis Bergstraße, das die vordringlichste Not des Kreises, als dem größten Landkreis Hessens, steuern soll. Innerhalb dieses Grenzkreife-Sonderprogramms sind die Schaffung besserer Straßenverhältnisse im südlichen Grenzgebiet und Verbesserungen des Omnibusverkehrs geplant, um auch die entlegeneren Gebiete wirtschaftlich aufzuschließen. Zur Erleichterung der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse im Weschnitztal und Überwald soll die Ansiedlung von Industriebetrieben gefördert werden. Allerdings ist aus eigenen Kreismitteln das Programm nicht durchführbar, wenn nicht ein ungedeckter Fehlbetrag von mehr als 1 Million entstehen soll. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze durch Ansiedlung krisenfester Industrie ist einer der vordringlichsten Punkte des Sonderprogramms. Wesentlich ist auch die Aufschließung des Gesamtkreises durch Verbesserung der Verkehrsbedingungen und die Hebung des Fremdenverkehrs.
Die wirtschaftliche Struktur des Kreises Bergstraße ist gesondert gelagert, da sie keinen einheitlichen Charakter aufweist, und weder Landwirtschaft noch Industrie, Handel oder Gewerbe als bestimmende Faktoren des Wirtschaftslebens hervortreten. Die kreisansässige Industrie ist nicht in der Lage, die benötigten Arbeitsplätze für eine Gesamtbevölkerung von mehr als 172 000 zur Verfügung zu stellen. Besondere Sorge muß den 18 000 Pendelarbeitern gelten, die oft weit ab von ihrem Heimatort ihrer täglichen Arbeit nachgehen. Durch Aufbau geeigneter Industriebetriebe mit krisenfester Erwerbsmöglichkeit, besonders im Überwald und Weschnitztal, könnte den Pendelwanderern Arbeitsverdienst am Wohnort gegeben werden.
Sämtliche Fragenkomplexe zur Hebung der allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Lage des Kreisgebietes Bergstraße gehen aber Hand in Hand, und mit der Ansiedlung neuer Industrien muß auch die Verbesserung der Verkehrsstraßen im Kreise erfolgen. Letzen Endes dienen gepflegte Straßen auch der Zunahme des Fremdenverkehrs, auf den sich ein großer Teil der Gemeinden an der Bergstraße und im Odenwald eingestellt haben.
Die soziale Lage der Bevölkerung des Kreises Bergstraße kann also nicht als günstig bezeichnet werden. Selbstverständlich werden alle Anstrengungen gemacht, die Situation der Bergstraße, als der deutschen Riviera, zu verbessern, um einigermaßen erträgliche Zustände herzustellen. Vieles ist seit dem Jahre 1945 an Aufbauarbeit geleistet worden, und noch mehr gilt es in den nächsten Jahren zu tun. Dank der unermüdlichen Arbeit aller Männer der Verwaltungsdienststellen des Landkreises Bergstraße konnten in den vergangenen 5 Jahren beachtliche Aufbauerfolge erzielt werden. Nun gilt es, die Pläne, die in mühsamer Arbeit aufgestellt wurden, in die Tat umzusetzen.
Im Vertrauen darauf, daß bei Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel ein weiterer Aufschwung im Kreisgebiet Bergstraße zu erzielen ist, gehen wir in das zweite Jahrfünft unserer Arbeit.
Landkreis Erbadch im Aufbau
Von Landrat NeffAls 1945 die Herrschaft des Nationalsozialismus und die Wehrmacht durch ihre bedingungslose Kapitulation zusammenbrachen, hatte niemand eine Vorstellung davon, wie das Volk vor dem Chaos bewahrt und mit welchen Mitteln ihm seine Lebensgrundlage gewährleistet werden sollte. Die Flucht der politisch Verantwortlichen machte alle Behörden führungslos. Die noch verbliebenen Reichs- und Landesverwaltungen wurden auf Befehl der Alliierten aufgelöst.
Trotz dieser schier erdrückenden Zustände gab es einige beherzte Männer, die den Mut zur Abwendung der dem Volk drohenden unmittelbaren Gefahren aufbrachten. Es waren wirklich mutige Männer, die sich selbstlos und uneigennützig zur Verfügung stellten, um die schwere Arbeit der Sicherung von Leben und Existenz des einzelnen zu beginnen und die Rechtsordnung und Sicherheit im Staat wiederherzustellen. In erster Linie mußten Verkehr und Wirtschaftsleben wieder in Gang gebracht werden, wenn die unsagbare allgemeine Not gelindert und der Wiederaufbau begonnen werden sollte.
Mit ihrem Einzug im Odenwald forderten die Amerikaner die Entlassung aller Bürgermeister, die der NSDAP angehört hatten; das bedeutete, daß von 72 Bürgermeistern im Kreis Erbach 71 entlassen werden mußten. In manchen Orten war es mit größten Schwierigkeiten verbunden, einen geeigneten Mann für dieses Amt zu finden, das einst ein Amt der Würde, in diesem Augenblick aber eines der größten Bürde war.
Sicherstellung von Brotgetreide
Durch seine überwiegend forstwirtschaftlich genutzte Fläche war der Kreis Erbach hinsichtlich der Beschaffung von Brotgetreide schon immer Zuschußgebiet gewesen. Es mußte deshalb die vordringlichste Aufgabe der Kreisverwaltung sein, die Beschaffung und Bereitstellung von Brotgetreide zu sichern. Die geringen, im Augenblick des Zusammenbruchs noch vorhanden gewesenen Getreidevorräte waren entweder von den Truppen beim Rückmarsch mitgenommen oder geplündert worden. Durch meine Verbindungen zu dem früheren Bürgermeister Schwerlingen von Miltenberg, welcher 1945 zum Oberlandrat von Obernburg, Miltenberg und Marktheidenfeld ernannt worden war, gelang es, von Marktheidenfeld das fehlende Brotgetreide für den Kreis Erbach herbeizuschaffen. Ebenso fand ich Unterstützung bei dem Mühlenbesitzer Knecht in Eisenbach.
Kriegsschäden werden beseitigt
Nachdem die Ernährung einigermaßen gesichert erschien, war es zunächst erforderlich, die durch den Krieg entstandenen Zerstörungen und Verwüstungen wieder zu beseitigen. Gemessen an den Schäden anderer Landkreise, waren die des Kreisgebietes Erbach nicht bedeutend. Nur in den Gemeinden Erbach, Gersprenz, Gumpen, Kailberg, Nieder-Kainsbach und Würzberg, in denen noch Rückzugsgefechte stattgefunden hatten^ waren zum Teil erhebliche Schäden eingetreten. Vor allem waren die Brücken in Erbach, Michelstadt, Höchst und Erzbach gesprengt oder schwer beschädigt worden. Nach relativ kurzer Zeit konnten diese Schäden wieder beseitigt werden
Wirtschaft und Wohnungen
Der Kreis Erbach, der eine Flächengröße von rund 593 Quadratkilometer hat, wird hauptsächlich land- und forstwirtschaftlich genutzt; daneben gibt es nur Handwerks- und kleinere Industriebetriebe. Zu den alteingesessenen Unternehmen der Tuch-, Maschinen- und Gummi-Industrie, der Elfenbeinschnitzerei und den Füllhalterfabriken, die alle über die Grenzen des Kreises hinaus bekannt sind und sich guten Rufes erfreuen, kam nach und nach eine Reihe neuer Flüchtlingsbetriebe. Der Kreis Erbach, der 1939 in seinen 98 Gemeinden rund 50000 Einwohner zählte, mußte fast 18000 Evakuierte und Flüchtlinge aufnehmen. Die Wohnraumbeschaffung für die Neubürger war äußerst schwierig, da in den Landgemeinden des Kreises fast ausschließlich kleine Einfamilienhäuser vorhanden sind, die kaum für die einheimische Bevölkerung
Blick in die Zukunft.
genügend Raum bieten konnten. Die Heimatvertriebenen mußten deshalb zu Anfang in Barackenlagern und Sälen in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden. In verschiedenen Gemeinden, in denen wirklich sozial denkende Gemeindevertreter tätig sind, wurden zur Ueberwindung der dringendsten Wohnungsnot anerkennenswerte Leistungen vollbracht. So gelang es der Kreisverwaltung — zum Teil noch in der Reichsmarkzeit —, in Erbach eine moderne Kreissiedlung mit insgesamt 40 Wohnungen zu errichten, von denen 31 an Flüchtlinge vergeben werden konnten. In den Gemeinden Erbach, Michelstadt, Sandbach, Höchst, Steinbach, Beerfelden und Seckmauern wurden Wohnungsneubauten in überraschend großer Zahl errichtet. In vielen Fällen, zum Beispiel in Michelstadt, Erbach, Pfirschbach und anderen Orten, haben sich Arbeiter und Heimatvertriebene Wohnungen in Selbsthilfe erstellt.
Die Neubautätigkeit machte im Kreisgebiet während dieses Jahres erfreuliche Fortschritte. Die Hauptschwierigkeit bleibt aber trotz Bereitstellung von insgesamt 780 000 DM an erster und zweiter Rate Landesbaudarlehen immer noch die Finanzierung der Neubauprojekte.
, Aber nicht nur der Wohnungsbau wurde nach Kräften vorangetrieben. Der Kreis richtete in Kirch-Brombach ein neues
Krankenhaus mit einem Anexbau als 'Altersheim ein, dem die Stadt Erbach in diesem Jahr ein weiteres Krankenhaus hinzufügte. Das ehemalige RAD-Maidenlager in Ober-Mossau wurde in ein Altersheim, das in Ober-Ostern in ein Genesungsheim umgewandelt.
Neben diesen dringenden sozialen Verpflichtungen konnte der Kreis auch die schlechtesten Strecken des Straßennetzes in Ordnung bringen. So wurden die Straßen zwischen König—Vielbrunn, Zell— Kirch-Brombach und Zell—Molkerei mit erheblichem Kostenaufwand ausgebaut. Mit der Wiederherstellung der Ostdurchfahrt in Würzberg wurde ein gutes Beispiel gedeihlicher Gemeinschaftsarbeit gegeben.
Zur Schaffung lebensfähiger Gemeinden richtete die Kreisverwaltung ihr Hauptaugenmerk auf die Zusammenlegung finanzschwacher Zwerggemeinden. So gelang es, die Gemeinden Langen-Brombach breubergerseits und fürstenauerseits, Ober- und Unterflnkenbach, Rai-Breitenbach und Mühlhausen sowie Ober- und Mittel-Kinzig mit Gumpersberg zu vereinigen.
Die Kreisverwaltung wird nichts unversucht lassen, die wirtschaftlichen Verhältnisse und den Lebensstandard der Bevölkerung durch Schaffung neuer Arbeitsstätten, durch Intensivierung der Landwirtschaft, insbesondere durch Förderung der Viehzucht, der Milchwirtschaft und des Obstbaues, ganz besonders aber durch systematische Belebung und Hebung des Fremdenverkehrs im Odenwald als einem der reizvollsten Reise-, Ferien- und Erholungsländer zu verbessern und zu festigen.
Probleme und Erfolge im Landkreis Dieburg
Von Landrat RitzertEs ist ein guter alter Brauch, von Zeit zu Zeit Rückschau zu halten, um sich von hier aus einige Klarheit über den weiteren Weg zu verschaffen. In unserer schnellebigen Zeit vergessen wir zu leicht, und deshalb tut hin und wider ein Besinnen not. Ich bin darum der an mich von der Redaktion des „Darmstädter Tagblatt" ergangenen Bitte gerne nachgekommen, um auf diesem Wege die Kreisbevölkerung an die Nöte und Aufgaben der vergangenen fünf Jahre und das im Zusammenwirken aller wohlmeinenden Kräfte Erreichte zu erinnern sowie anzudeuten, was alles von uns noch getan, werden muß, um im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten den berechtigten Wünschen und Bedürfnissen unserer Kreisbevölkerung gerecht zu werden.
Will man das in den verflossenen Jahren Geschehene recht beurteilen, so tut man gut, sich zunächst darauf zu besinnen, unter welch schwierigen Verhältnissen im Jahre 1945 von neuem begonnen werden mußte. Die Kreisverwaltung wurde in jenen Tagen ihres gesamten Personals entblößt, und mußte fast ausschließlich mit verwaltungsfremden Kräften neu aufgebaut werden. Bei der Fülle der gestellten Aufgaben war es wahrhaftig nicht einfach, die geeigneten Mitarbeiter zu finden. Mit Befriedigung kann jedoch festgestellt werden, daß sich genug geeignete und willige Kräfte zu tätigem Einsatz bereit fanden. Für jene, die „ihre Zeit für gekommen sahen“, war nur von kurzer Dauer Platz, denn es galt unter Hintanstellung der eigenen Person, der Allgemeinheit zu dienen. Den Umstand, daß es der guten, wohlmeinenden Kräfte auch in jenen Tagen, Wochen und Monaten so viele waren, ist es zu danken, daß eine wenigstens einigermaßen den dringendsten Bedürfnissen der Bevölkerung Rechnung tragende Versorgung mit Lebensmitteln und Gegenständen des täglichen Bedarfs aufgebaut und durchgehalten werden konnte.
Ging es also in der ersten Zeit des neuen Aufbaues fast ausschließlich darum, mit den Problemen der Sicherung der nackten Existenz unserer Bevölkerung fertig zu werden, so wurde die Kreisverwaltung im Spätherbst 1945 vor ihre wohl größte Aufgabe, die Aufnahme heimatvertriebener Brüder und Schwestern aus dem Osten, gestellt. Mit dieser Aufgabe wurde die Verwaltung, wie sich im Laufe der Zeit zeigte, einer ungeheueren Belastungsprobe unterworfen. Nur wer von Anfang an bei der Durchführung der Eingliederung heimatvertriebener Mitbürger mitzuwirken hatte, kann ermessen, welche Leistungen hier auf allen Gebieten vollbracht werden mußten, um eine wenigstens einigermaßen befriedigende Lösung herbeizuführen. Daß es im Kreis möglich war, etwa 14 000 Neubürger aufzunehmen, ist nur der tatkräftigen, opferfreudigen Zusammenarbeit aller Beteiligten zu danken. Wenn man bedenkt, daß die Belegungsmöglichkeiten der für Vermietung an und für sich vollkommen ungeeigneten Bauern- und Arbeiterwohnhäuser durch die Anwesenheit von rund 12 000 Evakuierten fast erschöpft waren und trotzdem in den Sommermonaten 1946 wöchentlich etwa 500 Heimatvertriebene untergebracht wurden, so bedarf es keiner weiteren Worte.
Der Zustrom der Neubürger hat bewirkt, daß die Versorgungsnot auf allen Gebieten sich noch verschärfte. Ich brauche hier nur an die Lebensmittelversorgung im allgemeinen und die Versorgung mit Brot, Fleisch und Kartoffeln im besonderen, sowie die katastrophalen Verhältnisse der Hausbrandversorgung zu erinnern. All die vielen Unzuträglichkeiten dürfen jedoch den Blick nicht trüben und wir müssen uns bei ruhiger, sachlicher Betrachtung sagen, daß es letztlich auch ein Verdienst der Verwaltung war, daß wenigstens das ihr zur Verfügung Stehende an die Bevölkerungskreise gelangte, denen andere Wege nicht offen standen und die somit ganz auf die Hilfe der öffentlichen Hand angewiesen waren.
Bis zur Währungsreform war es leider kaum möglich, etwas über die Tagesprobleme hinaus zu tun. Ja selbst da blieben die Bemühungen oft nur Stückwerk. Nachdem jedoch der entscheidende schmerzliche Schnitt vollzogen war, zeigte sich sehr bald eine heilsame Genesung.
Die Kreiskommunalverwaltung Dieburg sah, nachdem die Voraussetzungen einigermaßen gegeben waren, ihre vornehmste Aufgabe in der Förderung des sozialen Wohnungsbaues. Dank der Schaffensfreude weitester Bevölkerungskreise kann'heute mit Befriedigung festgestellt werden, daß es in kaum mehr als zweijähriger Bautätigkeit gelungen ist, etwa 950 Wohnungen mit öffentlichen Mitteln zu erstellen. Zum Gelingen dieses umfassenden Programms haben neben der Rührigkeit der Bauherrn entscheidend die Kreissparkasse und die örtlichen Sparkassen beigetragen. Von den Kreditinstituten des Kreises sind zur Förderung des sozialen Wohnungsbaues in den 2 Jahren nach der Währungsreform an 500 Bauherrn rund 2 Millionen DM ausgegeben worden. Mit so erstellten Neubauten wurde ein entscheidender Beitrag zur Behebung der Wohnungsnot geleistet.
Durch den enormen Bevölkerungszuwachs zeigte sich sehr bald ein weiteres nicht ernst genug zu nehmendes Problem, nämlich das der Wasserversorgung. Fast allerorts mußten die Wasserversorgungsanlagen den erhöhten Anforderungen mit vollkommen unzureichender technischer Einrichtung genügen. In zahlreichen Kreisgemeinden wurden deshalb in den beiden letzten Jahren umfassende Verbesserungen und Erweiterungen durchgeführt, so daß in vielen dieser Gemeinden heute die zentrale Wasserversorgung in ihrer Leistungsfähigkeit auf den erforderlichen Stand gebracht ist. In der Gemeinde Lengfeld mit ihren 2000 Einwohnern, die bislang ohne zentrale Wasserleitung war, wurde vor einigen Wochen der Bevölkerung eine Anlage zum Gebrauch übergeben, die in jeder Hinsicht zur vollen Befriedigung des Bedarfs ausreicht. Im Gebiete des Gruppenwasserwerks — das die 11 Gemeinden des nördlichen Kreisgebiets mit etwa 40 000 Einwohnern versorgt — wurde mit einem Aufwand von 750 000 DM innerhalb von 2 Jahren die Leistungsfähigkeit durch die Modernisierung und. Erweiterung der Anlage beim Hauptpumpwerk, die Errichtung von Zusatzpumpwerken an den Endpunkten, sowie die Vervollständigung der Fernleitungen und die Erweiterung der Hochbehältei' um das Vierfache gesteigert, so daß es heute möglich ist, die Bevölkerung dieser Gemeinden in jeder erforderlichen Menge mit Trink- und Gebrauchswasser zu beliefern.
Durch die jahrelange Vernachlässigung waren die im Kreisgebiet verlaufenden
Straßen in einem derart schlechten Zustand, daß sie in keiner Weise mehr den an sie zu stellenden Anforderungen genügten. Bei einer Unterhaltungspflicht für 140 km Landstraßen 11. Ordnung konnte der Kreis jedoch nur langsam in der Verbesserung voranschreiten, und doch wurde erreicht, daß heute die Erfolge schon mehr als augenscheinlich sind. Neben dem allgemeinen Instandhaltungsprogramm, das verstärkt intensiviert worden ist, sind allein im laufenden Jahr 30 km Landstraßen 11. Ordnung vollkommen neu ausgebaut worden.
Neben diesen allgemein ins Auge fallenden Leistungen darf nicht die viele Kleinarbeit, die darum nicht unwichtiger war, vergessen werden. So ging das Bemühen der Kreisverwaltung nicht zuletzt darum, die zu uns gekommenen Heimatvertriebenen nicht nur unterzubringen, sondern auch in jeder Hinsicht einzubürgern. Auf diesem Wege sind wir schon ein beachtliches Stück vorwärts gekommen. Hier darf auch auf die Bemühungen und Erfolge zur Förderung der Landwirtschaft sowie der gewerblichen und industriellen Wirtschaft hingewiesen werden. So wurden auf dem landwirtschaftlichen Sektor Flurbereinigungen und Wasserregulierungen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit eingeleitet und zum Teil durchgeführt. Die gewerbliche und industrielle Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren einen ansehnlichen Aufschwung genommen und auch sie durfte stets der Unterstützung der Kreisverwaltung gewiß sein. Mit besonderer Genugtuung kann festgestellt werden, daß es gelungen ist, eine Reihe namhafter Industriebetriebe verschiedener Zweige im Kreis anzusiedeln.
Wer sich im Kreisgebiet umschaut und gewillt ist, dies ehrlichen Sinnes zu tun, kann sehen, daß mit den zur Verfügung stehenden Mitteln von dem Erstrebenswerten doch vieles erreicht worden ist. Die Kreisverwaltung Dieburg glaubt, daß sie zum Wohle ihrer Bevölkerung gewirkt hat. Dies ist ihr jedoch nicht Anlaß zum Rasten, sondern Ansporn, in ihren Bemühungen unermüdlich fortzufahren und sie hofft auf die Unterstützung aller, die ihr dabei behilflich sein können.
Nach wie vor ist das Gebot der Stunde die Schaffung neuen Wohnraums, denn leider gibt es noch immer hunderte Familien die ein vollkommen unzulängliches Unterkommen haben.
Neben dem Wohnungsbau dürfen selbstverständlich die Einrichtungen des Gesundheitswesens nicht vergessen werden und deshalb ist die Kreisverwaltung auch weiterhin bestrebt, die im Kreis bestehenden Einrichtungen zu fördern und in ihrem Ausbau zu unterstützen.
Als weitere dabei nicht geringe Aufgabe sehe ich die der Wasserversorgung an. Leider gibt es noch einige Gemeinden, in denen die Versorgung mit Trink- und Gebrauchswasser nur durch Orts- oder Hofbrunnen erfolgt. Hier muß Abhilfe geschaffen werden und ich bin z. Z. mit der Ausarbeitung eines sämtliche kreisangehörigen Gemeinden umfassenden Projekts beschäftigt. Ich werde alles daran setzen, der Planung baldigst die Tat folgen zu lassen.
In der wirklichen Eingliederung unserer Neubürger bleibt noch unendlich viel zu tun. Hier dürfen die Bemühungen nie nachlassen und auf diesem Gebiete bedarf die Kreisverwaltung mehr als sonst der tätigen Mitarbeit der gesamten Bevölkerung.
Weiche Bedeutung einem gut ausgebauten Straßennetz zukommt, liegt auf der Hand. Die Kreisverwaltung ist deshalb entschlossen, mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln auf dem eingeschlagenen Wege fortzuschreiten.
Bei aller Sorgfalt in der Wahrnehmung dieser Tagesaufgaben wird die Kreisverwaltung zukünftig in verstärktem Maße ihre Aufmerksamkeit der kulturellen Betreuung ihrer Bevölkerung widmen. Dabei wird sie nicht zuletzt ihre Unterstützung der Jugend angedeihen lassen, der eine ganz besondere und schwerwiegende Aufgabe auch in der Einbürgerung der Heimatvertriebenen zukommt.
Bleiben der zu lösenden Aufgaben auch viele, so habe ich doch die feste Hoffnung, daß, wenn alle in ehrlicher Zusammenarbeit mitwirken, das zu Erstrebende sich auch erreichen läßt.
Erreichtes und Erstrebtes im Landkreis Groß-Gerau
Von Landrat HarthAls im Mai 1945 die Fackel des Krieges in deutschen Landen erlosch, boten Stadt und Land ein Bild grauenhafter Zerstörung und menschlichen Jammers: Rauchgeschwärzte Ruinen inmitten weiter Trümmerfelder, fensterlose Wohnstätten längs verbarrikadierter Straßenzüge, zerbombte Fabrikationsbetriebe an Plätzen und Wegen stillstehender Wirtschaftlichkeit, und dazu hungergezeichnete Menschen, die, trotz Elend und Not, glücklich schienen, noch einmal dem furchtbaren Geschehen entronnen zu sein.
Dieses Bild Deutschlands nach dem Zusammenbruch hat seine Gültigkeit auch für den Landkreis Groß-Gerau, der in der letzten Phase des Krieges konzentrischen Luftangriffen ausgesetzt war. Wie allerorts, wo Menschen sich anschickten, „neues Leben aus den Ruinen sprießen zu lassen“, gingen auch die Bürger der Kreisgemeinden ans schwere Werk des Wiederaufbaues; denn es hieß, Schäden von über einer Milliarde Mark zu beheben und vor allen Dingen den ausgebombten Familien eine notdürftige Unterkunft zu schaffen.
Die Schwierigkeiten, die sich vor den Männern der Verwaltung auftürmten, waren ungeheuerlich, zudem fast alles zusammengestürzt war, was vorher lebendiges Leben ausstrahlte. Freilich war die Ingangsetzung des Wiederaufbaues nicht allein eine Angelegenheit des guten Vorsatzes und des ernsten Willens. Hierzu bedurfte es vor allem des notwendigen Baumaterials. Wenn seines Fehlens wegen das Werk in den ersten Jahren der Nachkriegszeit nicht recht gedieh, so hatte dies seine tiefere Ursache darin, daß die wirtschaftlichen Engpässe, wie sie vor der Währungsumstellung in Erscheinung traten, sich als kaum überwindbare Hindernisse erwiesen.
Mit dem Tage X aber fanden Improvisation und Kompensation ihr Ende und zusehends füllten sich die Baustoffläger. Wohl gab es jetzt Material, dafür aber trat der Mangel an Kapital hemmend in Erscheinung. Jedoch der Zwang_, für die in das Kreisgebiet eingeschleußte Bevölkerungsmasse der Flüchtlinge und die vielen tausend Ausgebombten Wohnungen zu schaffen, war unabweislich. So stand der soziale Wohnungsbau auch für den Landkreis Groß-Gerau an erster Stelle seiner Ueberlegungen und seines Handelns. Bedingt durch den Kapitalmangel kam es auch hier zum Zusammenschluß der am Wohnbau Interessierten auf genossenschaftlicher Basis sowie zur weitgehenden Betätigung der Selbsthilfe.
Nach Ablauf eines Jahres bereits durfte die Kreisverwaltung insofern auf einen Erfolg gemeinsamer Bemühungen hinweisen, als 640 Häuser mit 1296 Wohnungen das Gesamtergebnis einjähriger Wohnbautätigkeit ausmachten. Allerdings konnten bis zum Jahresende 1949 von diesen Wohnbauten nur 463 Häuser mit 892 Wohnungen bezugsfertig erstellt werden, während bei 177 Häusern mit 404 Wohnungen die Fertigstellung wegen Geldmangels bis zum Jahre 1950 aufgeschoben werden mußte.
Die im April 1949 dem Kreis vom Lande Hessen zur Verfügung gestellten Mittel, rd. 337 000 DM, waren so gering, daß sie trotz sparsamster Zuweisungen an die Darlehensnehmer nur so weit reichten, daß mit ihrer Hilfe knapp 16 Prozent oder 204 Wohnungen der insgesamt 1296 finanziert werden konnten. Immerhin gestatteten sie die Berücksichtigung der Darlehenswünsche von 88 Bewerbern, und es darf als erfreuliches Positivum gewertet werden, daß von diesen Bewerbern 120 Einliegerwohnungen für Flüchtlinge und Kriegssachgeschädigte zur Verfügung gestellt wurden. j
Die reichlicheren Mittel, die in diesem Jahr bei der Durchführung des Bundes-
wohnbauprogrammes fließen, gestatten es jetzt schon, auf erfreuliche Aspekte hinzuweisen. Mit den 13/*l3/* Millionen DM, die dem Kreis aus Landes- und Soforthilfemitteln zur Verfügung stehen, wird der Bau von 790 Wohneinheiten gefördert. (In dieser Zahl sind 288 Wohneinheiten von Flüchtlingsbauherrn einbegriffen.) Darüber hinaus aber bereitet die allenthalben in den Kreisgemeinden zu verzeichnende emsige Wohnbautätigkeit freudige Genugtuung, denn darin erkennt der Wissende das Ergebnis intensiver Tätigkeit, die nicht zuletzt auf die Mitwirkung der Kreisverwaltung zurückzuführen ist.
Aus nachfolgenden Zahlen ergibt sich das auf dem Wohnungsbausektor erzielte Ergebnis seit dem Jahre 1945. Seit diesem Zeitpunkt wurden erstellt: 3538 Häuser mit 6727 Wohneinheiten und 20 369 Wohnräumen. Der übergroße Teil dieser erstellten Wohnungen kommt Flüchtlingen und Ausgebombten zugute.
Daß dieses Werk gelang, ist in der Hauptsache der in erstaunlichem Ausmaße getätigten Selbsthilfe der Kreisbewohner zu verdanken, wodurch es auch ermöglicht wurde, Mietpreise zu gestalten, die von der schaffenden Bevölkerung getragen werden können.
Als weitere große und ernste Aufgabe stand uns die Lösung des Problems der Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge vor Augen. Seit
1945 hat der Kreis einen Bevölkerungszugang von 33 400 Personen zu verzeichnen. Hiervon sind über 21 000 auf legalem Wege zugewiesene Flüchtlinge bzw. Heimatvertriebene.
Es spielte zunächst keine Rolle, ob sie Handwerker, Kaufleute, Beamte oder Angestellte waren. Für alle galt, nachdem die Frage der Unterbringung gut oder weniger gut gelöst war. die Parole ~ganz von vorne anfangen“. Ein Teil fand entsprechend seiner Vorbildung eine wunschgemäße Verdienstmöglichkeit und viele waren froh, in berufsfremdem Einsatz sich einen bescheidenen Unterhalt zu verdienen. Fleiß, Zähigkeit und Glück haben den Aufbau mancher, wenn auch oft bescheidenen selbständigen Existenz ermöglicht. Von Bedeutung ist immer noch die Zahl derer, denen es trotz aller Bemühungen und Anstrengungen bisher nicht gelang, wirtschaftlich Boden unter die Füße zu bekommen.
Von Seiten der Kreisverwaltung wurde im Rahmen des Möglichen alles getan, um dem Gedanken einer wirklichen Eingliederung zu dienen. Schon bei der Einweisung der Transporte wurde, soweit dies möglich war. die Unterbringung unter Berücksichtigung der Berufe und vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten vorgenommen. Die zum Teil landwirtschaftliche Struktur des Kreises ermöglichte dies jedoch nicht immer.
Für die Errichtung vieler selbständiger Existenzen wurde durch entsprechende Beurteilung die staatliche Kreditgewährung ermöglicht. An erster Stelle ist hier die Nauheimer Musikindustrie zu nennen. Firmen, die schon im ehemaligen Sudetenland Weltruf hatten, sind wiedererstanden und als exportintensive Betriebe zu bezeichnen, die vielen Flüchtlingen Arbeit und Verdienst ermöglichen.
Im Rahmen des Flüchtlingssiedlungsgesetzes war es möglich, eine Anzahl Landwirte auf eigene Scholle zu bringen.
Trotz der erwähnten und vieler anderer Bemühungen ist die Eingliederung der Flüchtlinge mangels entsprechender Voraussetzungen nicht so gediehen, wie es wünschenswert, wäre. Es erscheint wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen. daß folgende wesentliche Faktoren der Eingliederung der Flüchtlinge entscheidende Dienste leisten würden:
1. Vergrößerung bestehender und Schaffung neuer Arbeitsstätten. 2. Errichtung von Wohnungen am Ort der Arbeitsstätten oder in nächster Umgebung. 3. Der unbeugsame Wille, sich in echt kameradschaftlicher Weise mit den Altbürgern zusammenzufinden, um in gemeinschaftlicher Arbeit alle Widerstände für die Erringung einer besseren Zukunft zu überwinden, wobei in keiner Weise die große Liebe zur alten Heimat beeinträchtigt werden soll.
Nur der weiß, was Heimat bedeutet, der sie einmal verloren hat.
Ein weiteres schwieriges Problem galt es in den Jahren 1946—48 zu lösen. Die Menschen mußten mit den notwendigsten Lebensmitteln, wie Brot, Kartoffeln, sowie mit Brennstoffen versorgt werden. Dank der amerikanischen Mithilfe ist es uns gelungen, auch hier erfolgreich zu wirken. Erfreulich ist es, lobend anerkennen zu dürfen, daß besonders unsere Landwirte, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, durch ihre Hilfsbereitschaft dazu beigetragen haben, die Bevölkerung vor der schlimmsten Not und vor Hunger zu bewahren. Das Bewußtsein, sich auch in Notzeit seinem bedrängten Mitmenschen gegenüber verpflichtet zu fühlen, hat auch hier den Sieg davongetragen.
Die Fürsorgetätigkeit in den Jahren nach dem Kriege zeigte durch ihren riesigen Umfang die verheerenden Auswirkungen eines verlorenen Krieges. Krüppel, Witwen, Waisen, Invaliden, Flüchtlinge, Ausgebombte, Heimkehrer usw. bedurften der finanziellen und auch der seelischen Betreuung. Durch die verständnisvolle Arbeit aller, von der Kreisverwaltung bis zum kleinsten Angestellten der Bürgermeistereien, konnte sehr viel Leid gemildert werden.
Leider waren die finanziellen Voraussetzungen nicht so gegeben, um das alles zu tun, was man von Herzen gewünscht hätte. Bei allem, was getan wurde, war der Gedanke der Hilfsbereitschaft ausschlaggebend. Dem Menschen in Not zu helfen und beizustehen, war und wird auch künftig im Vordergrund unserer Arbeit stehen.
Der Kreis Groß-Gerau ist zu zwei Drittel Indus t r i ek rei s und der Rest ist landwirtschaftlich ausgerichtet. Der Ertrag des landwirtschaftlichen Teiles ist als gut zu bezeichnen.
Außer einigen Großbetrieben, darunter X™ °Pel in Rü^elsheim mit 2° °°o Arbeitern, zahlen wir noch eine Anzahl mittlerer und Kleinbetriebe, die sich auf das ganze Kreisgebiet verteilen.
Aus diesem Grunde kann der Kreis als ein gemeinsamer Schwerpunkt angesehen werden.
Im Gewerbe und Handwerk ist durchweg eine gute Entwicklung festzustellen Auf Grund dieser Verhältnisse ist der Stand der Arbeitslosigkeit nur günstig zu bewerten.
Eine ganze Reihe weiterer Aufgaben sind in den letzten 5 Jahren noch gelöst vorden, deren Erläuterung in diesem Rahmen nicht gegeben werden kann.
Uns ist als Kreisverwaltung die Aufgabe gestellt, in schwerer Zeit einer unsagbar leidenden Menschheit mit Rat und lat zur Seite zu stehen. Dies war und ist nur möglich, wenn neben der Durchfühiung der regulären Verwaltungstätigkeit alle die, die zu diesei- Arbeit berufen sind, von tiefem menschlichem Geist und sozialem Verständnis beseelt sind. Geleitet von diesen Grundgedanken, wird es uns auch möglich werden, alle die schwelen Probleme der Zukunft zu bewältigen und so in gemeinschaftlicher Arbeit an dem Wiederaufbau nicht nur des Kreises, sondern unseres ganzen deutschen Landes mitzuarbeiten.
£reut euch, wenn die Arbeit Frucht getragen!
Aber köstlicher noch bleibt jener Tropfen Unbehagen, der zu neuem Werke treibt.
Worauf hegründen sich Darmstadts Sporterfolge?
Von Diplom-Sportlehrer Ernst Söllinger, Darmstadt
Darmstadts erfolgreiches Turn- und Sportleben fundiert auf langjähriger Tradition. Von der im Jahre 1846 gegründeten Turn-Gemeinde Darmstadt über die Turn-Gesellschaft 1875, die Bessunger Turngemeinde und den SV 1898 führt ein langer und steiniger Weg rührigen und segensreichen Schaffens. Ohne die Selbstlosigkeit jenei' Hunderte die Entwicklung von Turnen und Sport vorwärtsdrängenden Kräfte, ohne deren geleistete Breitenarbeit für die Jugend, wären die in den letzten Jahrzehnten erzielten Erfolge Darmstädter Sportler nicht denkbar gewesen. Dies sei vor allem der Jugend ins Gedächtnis gerufen! Die Stadt besitzt heute einen gutvorbereiteten Boden für die Ausübung in den verschiedensten Sportdisziplinen. Darmstadts bedeutendste Sportanlagen, das Hochschulstadion, jene des SV 98 und der TG 1875, die Woogswiese, der Große Woog, das Arheilger Mühlchen und so weiter bieten hierzu durch ihre schöne, landschaftliche Lage ideale Voraussetzungen und Anreiz. Sein Städtisches Hallenbad zählt mit zu den modernsten Einrichtungen dieser Art.
Aus eigener Kraft empor
Wesentlich ist weiterhin, daß Darmstadt über eine große Anzahl ehrenamtlich tätiger Idealisten sowie über geprüfte Turn- und Sportlehrer und nicht zuletzt über eine Reihe Deutscher Meister verfügt, die den Nachwuchs in die richtigen Bahnen lenken können. Die Jugend braucht diese Vorbilder!
Darmstadts Stellung im sportlichen Geschehen begründet sich ferner, das sei hier mit besonderem Dank vermerkt, auf die fühlbare Förderung und Unterstützung seiner Regierungsstellen, Stadtverwaltung, Technischen Hochschule, Industrie und Heag.
Schließlich kann sich die Stadt auf Organisatoren stützen, die sich bei der Durchführung größter Sportveranstaltungen wiederholt bewähren konnten und sich eines guten Rufes weit über Hessens Grenzen hinaus erfreuen.
Das Bild rundet sich aber erst ab mit der Feststellung, daß Darmstadts aufgeschlossene Bevölkerung in weitestem Umfange am Sportgeschehen interessiert ist und die nötige Resonanz liefert, wenn ihr guter Sport geboten wird. Die große Anteilnahme und das begeisternde Mitgehen bei den „Weltmeisterschaften der Studenten“, den Länderkämpfen im Schwimmen, bei den großen Handballspielen sowie den gegenwärtig im Hochschulstadion und Arheilger Mühlchen zum Austrag kommenden Begegnungen unserer Fußballspieler mit hochwertigen Mannschaften, lassen dies eindeutig erkennen.
Im Zusammenklang der vielen glücklichen Umstände konnte Darmstadt sich zu einem Kraftzentrum des Sports entwickeln, und es dürften künftig auch weitere Erfolge nicht ausbleiben.
Von ausschlaggebender Bedeutung für das bisher Erreichte erscheint jedoch die Tatsache, daß die durch Darmstädter erzielten sportlichen Erfolge fast ausschließlich — man verzeihe mir die Ausdrucksweise — „auf eigenem Mist“ gewachsen sind! Darmstadt hat aus sich heraus, aus eigener Kraft, diese Erfolge erreicht! Seine Spitzensportler standen entweder von frühester Jugend an in seinen Vereinen oder sie erfuhren dort zu einem späteren Zeitpunkt jene Förderung, die sie zu den hohen Leistungen befähigten, wobei sich die gesunde Rivalität unter den Darmstädter Vereinen aufs beste bewährte. Diese Feststellung hat nichts mit überschwänglichem Lokalpatriotismus zu tun und soll nur zum Ausdruck bringen, daß die bisher in den Vereinen geleistete Arbeit richtig war und ohne Manipulationen, wie sie im Sport häufig vorkommen, zu Früchten führte, auf die Darmstadt stolz sein kann.
Darmstadts erfolgreichste Sportler
Den eindeutigen Beweis für die Richtigkeit obiger Behauptung liefern folgende Darmstädter Sportleute: die Schwerathleten Josef Otto (Weltrekord, Deutscher Meister), Math. Ecker 1 (Europameister), Gg. Schleidt (Europameister), Karl D itter (Deutscher Jugendmeister), der Fechter Steffan (Olympiateilnehmer), die Schwimmer Friedel Berges (Deutscher und Europameister), Dingeldey (Weltrekord), die Leichtathleten Hermann Engelhardt (3. Olympiasieger, Deutscher Meister), Heiner Haag (Deutscher Meister und Rekordinhaber), die Boxer Heß (Deutscher Meister) und Heckhaus (Deutscher Jugendmeister) sowie die im Kunstradfahren so tüchtigen Geschwister Weber (Deutsche Meister). Zu ihnen gesellen sich der ehemalige Hauptmann Jans, der mit seinen Männern die „Deutsche Handballmeisterschaft“ für Darmstadt sicherte, und von denen mehrere zum Sieg Deutschlands bei den Olympischen Spielen beitragen konnten.
In die Erinnerung gerufen seien ferner die internationalen Tenniserfolge des Daviscupspielers Dr. Heinz Landmann und der Weltrekord im Segelfliegen von Jachtmann. Der jüngste Erfolg der Fußballspieler des SV 98, die sich unter schwierigsten Bedingungen tapfer bis in die 1. Liga durchgerungen haben, reiht sich dieser großen Erfolgsserie würdig an. All diesen hohen Leistungen ging eine solide, sich über Jahre erstreckende Aufbauarbeit in einem Darmstädter Verein voraus, die seitens der Aktiven und ihrer Betreuer letzten Einsatz erforderten. Man kann mit ruhigem Gewissen feststellen, daß der Verein die Spitzenkönner großgezogen und diese den Verein großgemacht haben, was für beide Teile die Verpflichtung in sich schließt, auch fernerhin treu zusammenzustehen.
Daß daneben auch Nichtdarmstädter, wie der Polizist und Schwerathlet Siebert, der zweiter Olympiasieger wurde, sowie andere, die hier ihre zweite Heimat gefunden hatten, und nicht zuletzt Studenten der Technischen Hochschule „Deutsche Meisterschaften“, deutsche Höchstleistungen, „deutsche Kampfspielsiege“ und „Deutsche Hochschulmeisterschaften“ in der Leichtathletik, im Turnen, Schwimmen, Handball, Wasserball und Hockey für Darmstadt errungen haben, und schließlich die Akademische Fliegergruppe der Technischen Hochschule in der ganzen Welt bekannte internationale Erfolge und Weltrekorde erzielten, ändert nichts an der oben ausgesprochenen Feststellung.
Krieg hemmte die Entwicklung
Wenn wir mit einem kurzen Blick die Vergangenheit streifen, dann zeigt sich, daß das Darmstädter Sportleben, gleich einer Fieberkurve, starken Schwankungen ausgesetzt war. Schuld daran sind zum weitaus überwiegenden Teil die in den letzten zwei Jahrzehnten eingetretenen politischen Strömungen beziehungsweise deren ungünstige Auswirkung auf das sportliche Geschehen.
Während sich, von der Jahrhundertwende angefangen, eine fortlaufende Entwicklung feststellen läßt, die neben Höhepunkten in der Schwerathletik, im Fechten, Fußball, in der Leichtathletik, im Tennis, Schwimmen, Handball, im Hochschulsport (es sei dabei an die 1930 hier ausgetragenen „Weltmeisterschaften der Studenten“ mit über 1100 internationalen Teilnehmern erinnert) auch zu der Errichtung der verschiedenen Vereinsanlagen, des Hochschulstadions und zur Gründung des „Hochschulinstitutes für Leibesübungen“ führten, wurde in der nach 1933 einsetzenden Zeitspanne der bis dahin glänzend funktionierende Organismus des Darmstädter Sportlebens durch gewalttätige Eingriffe auf das empfindlichste in Mitleidenschaft gezogen. Den Vereinen wurde durch die Wegnahme ihrer Jugend die Wurzel geraubt. Die verbliebenen Reste mußten sich ihrer Zerschlagung und
dem zwangsweise versuchten Zusammenschluß zu einem unnatürlichen Gebilde ervzehren. Vereine und Körperschaften, die sich nicht fügten, wurde jegliche Unterstützung versagt. Die Fachleute der Vereine und die in städtischem oder staatlichem Dienst stehenden Turn- und Sportlehrer wurden mehr oder weniger gezwungen, sich zusätzlich für den Sport in neuerstandenen Organisationen zur Verfügung zu stellen. Sich gegen diese Maßnahmen stellen, war gleichbedeutend mit der Gefährdung der Berufsausübung und der Familie. Das seinerzeitige System sorgte dafür, daß es fast keinen Deutschen mehr gab, mit dem nicht „irgendwie“ beziehurf^s? weise „irgendwo“ Sport getrieben wurde.
Die eingetretene Aufsplitterung führte zur Vermassung und völligen Verflachung des Sports, obgleich man andererseits dem Sport eine besonders hohe Bedeutung beimaß, die sich nicht zuletzt im Hinblick auf die Olympiavorbereitung auch in der Bereitstellung hoher Reichs- und Haushaltmittel der Länder ausdrückte. Daß die Berliner Olympiade — bei deren Eröffnung dem Darmstädter Studenten Fritz Schilgen die Ehre zuteil wurde, als letzter Fackelläufer die Olympische Flamme zu entzünden — zu einem großartigen Erfolge führte, war ausschließlich das Verdienst der die Vorarbeit leistenden Turn- und Sportvereine und deren Sportler, nicht aber Deutschlands Politiker. Sie manöverierten Deutschland in einen Krieg hinein, dessen schließlicher Ausbruch das sportliche Geschehen in seinen Grundmauern zerschlug. Unzählige der besten und hoffnungsvollsten Darmstädter Sportleute hauchten ihr Leben im Felde aus, viele wurden so schwer verwundet, daß sie ihren geliebten Sport nicht mehr ausüben können. Für Darmstadt erfolgte der erste Schock, als der damalige Gauleiter beziehungsweise der seinerzeitige Oberbürgermeister zugunsten des in unmittelbarer Nähe des Hochschulstadions in Ausbau genommenen Flugplatzes auf Vorstellungen der Luftwaffe die Abholzung des rund das Stadion umfassenden herrlichen ■Waldbestandes genehmigten. In letzter Minute gelang es der Hochschule, den bereits aufgenommenen Einschlag zu verhindern, dessen Verwirklichung die allen Bevölkerungskreisen als Erholungsstätte dienende Sportanlage ihres schönsten Reizes beraubt hätte.
Als der Krieg sein Ende fand, lagen die Stadt und mit ihr fast alle Vereins- und Schulturnhallen in Trümmern. In seiner Nachwirkung folgten die Beschlagnahme des Hochschulstadions und der 98er Anlage durch die Besatzungsmacht. Die Regierung sah sich veranlaßt, das in Deutschland mit an der Spitze stehende „Hochschulinstitut für Leibesübungen“ aufzulösen.
Neue Phase durch Fußballerfolge
Wenn es, aus dieser unerfreulichen Situation heraus, den Fußballspielern des davon besonders hart betroffenen SV 98 trotzdem gelang, sich bis in die oberste Liga durchzukämpfen, dann verdient diese Leistung doppelte Würdigung. Darmstadts Sportleben ist mit dem Aufstieg der Fußballmannschaften des SV 98 in die 1. Liga und jener der SG Arheilgen in die 2. Liga in eine neue Phase eingetreten! Wie nie zuvor, stehen Darmstädter Fußballspieler im Rampenlicht der Oeffentlichkeit! Hun-
aerttausende verfolgen interessiert ihr ■weiteres Abschneiden. Ihr Auftreten erfolgt nunmehr in einer bisher unbekannten Atmosphäre, die mit völlig neuen Aspekten verknüpft ist! Aus den einstigen, sich den Aufstieg erkämpften „Amateuren“ sind sogenannte „Vertragsspieler“ geworden. Den Mannschaften beider Vereine blieb keine andere Wahl, als sich in das vom Deutschen Fußballverband geschaffene System der 1. und 2. Liga, die sich aus „Vertragsspielern“ zusammensetzen, einzufügen. Sie müssen sozusagen mit den Wölfen heulen — und alle sich hieraus aus Existenzgründen ergebenden Schritte mitmachen. Künftig werden also, wenn Not am'Mann ist, auf die übliche Weise auswärtige Vertragsspieler „erworben“. Bei dieser Sachlage werfen sich ganz von selbst viele Probleme auf. In die Freude, endlich einmal erstklassige Fußballmannschaften in Darmstadt begrüßen zu können, mischt sich bei den Amateursportlern, besonders aber bei den für die Ausübung reinen Amateursports Verantwortlichen ein Gefühl der Besorgnis. Während der gebotene Fußballsport rein äußerlich an Qualität zunehmen und die Zuschauer begeistern wird, besteht auf der anderen Seite die Gefahr einer Verflachung des Sports. Es ist zu befürchten, daß die breite Oeffentlichkeit vom Sinn und Wert des reinen Amateursports abgelenkt und schließlich die Vereinsarbeit vernachlässigt werden könnte. Man muß immerhin bedenken, daß fehlende eigene Kräfte ja jederzeit J „erworben“ werden können. Wenn man die schon zu beobachtenden Entartungfi im Sport verfolgt, muß man sich darauf gefaßt machen, daß schließlich die ideellen Gesetze des Sports zunehmend überwuchert werden. Die Hörigkeit der breiten Sportöffentlichkeit auf die von außersportlichen Triebkräften verfolgten Tendenzen kann dazu führen, daß sie selbst in ihren Sog gerissen wird. Je mehr sich der Sport vom olympischen Ideal entfernt und zur Großstadtsensation wird, je mehr er in die Hände von „Managern“ gelangt, desto deutlicher müssen wir darin ein Symptom seines Niederganges erkennen. Der Zuschauer wird sich hierüber naturgemäß weniger Gedanken und Sorgen machen. Er läßt das jeweilige Sportgeschehen wie einen Film als wohltuende Unterbrechung des Alltags an seinem Auge vorüberziehen und erfreut sich an ihm. (Gelegentlich schimpft und ärgert er sich auch einmal darüber.) Für ihn ist schon viel gewonnen, wenn er von einem guten Platz aus ein Spiel miterleben kann. Muß er mit einem schlechten Platz vorliebnehmen, dann ärgert ihn, daß an der Ostseite des Hauptkampffeldes im Hochschulstadion die Tribünen fehlen. Er bringt dies zum Ausdruck und meint schließlich, das Stadion wäre falsch gebaut. Damit soll nur mit einem Beispiel die Unbekümmertheit jener Kreise, die nur im „Zuschauen“ ihr Ideal erkennen, angedeutet werden. Daß die Hochschule bei der Erstellung ihrer Anlage in erster Linie die Durchführung eines vielgestaltigen und lebendigen „Uebungsbetriebes“ in einer den Aestheten erfreuenden Umgebung im Auge hatte und bewußt darauf achtete, daß die Schönheit der Gesamtanlage — bei allem Verständnis dafür, daß in ihr gelegentlich auch größere Veranstaltungen stattfinden sollen — auf keinen Fall durch erdrückend wirkende Tribünen- und Terrassenbauten ihren Reiz verliert, verdient weitesten Kreisen bekanntzuwerden. Die Entwicklung des Sports zwingt gelegentlich auch einmal zur njichternen Betrachtung. Nicht die äußeren Fassaden und die Zuschauermassen, auch nicht in jedem Falle die Erfolge heimischer Sportleute liefern für das Sportleben in einer Stadt, für die in ihren Mauern herrschende Kultivierung des Sports schlechthin, den gültigen Maßstab.
Die Kleinarbeit der Vereine
Will man sich hierüber orientieren und ein wirklich getreues Spiegelbild erhalten, dann empfiehlt sich vielmehr, die in der Stille und Abgeschiedenheit von idealistisch eingestellten Männern und Frauen in den Turnhallen und auf den sonstigen Sportstätten geleistete, hingebungsvolle Kleinarbeit zu verfolgen. Sportinteressent! vor allem du, verehrter „Nur-Zuschauer“, verstehe, daß bei wochentags leeren Uebungsstätten und sonntags gefüllten Zuschauerrängen etwas im Staate faul ist! Du fehlst nämlich auf den Uebungsstätten, durch deine „aktive“ Beteiligung in den Vereinen könntest du das Vakuum mitausfüllen helfen. Sei wenigstens besorgt, daß zumindest die Jugend den Weg dorthin findet. Du weißt es, daß dort die Saat gelegt wird, die letzten Endes in der Vereinstreue ihren Ausdruck findet. Du hast bei den letzten großen Fußballspielen selbst erlebt, wie hoch im Sport die Trauben hängen und kannst daraus ermessen, daß ohne fortlaufende Heranziehung eines tüchtigen Nachwuchses erreichte Erfolge wieder verlorengehen können. Darmstädter! Versäume nicht, ab und zu einen Blick in die Schulhöfe und auf die Sportstätten zu werfen, wo Schüler und Studenten, deine Jugend, unter der Obhut staatlich und städtisch angestellter Turn- und Sportlehrer(innen) üben. Versäume nicht, gelegentlich einen Spaziergang zu den von den Vereinen, der Stadt und der Regierung geschaffenen Sportanlagen zu machen. Du wirst allein an ihrer Pflege oder an ihrer Vernachlässigung feststellen können, welche Einstellung die Verantwortlichen beflügelt, und mit welchen Schwierigkeiten die Vereine und Lehrkräfte zu kämpfen haben. Sei eingedenk, daß die bisherigen Erfolge deiner Darmstädter Sportleute zu einem nicht unwesentlichen Teil als Produkt einer guten Zusammenarbeit zwischen Schulen und Vereinen zu werten sind. Die Schule, die als erster Erziehungsträger die Jungen und Mädel „pflichtmäßig“ erfaßt, bietet die natürliche Brücke zur „freiwilligen“ Betätigung in den Vereinen. Weitsichtige Schulkräfte pflegen ihre talentierten Jünger folgerichtig zum Eintritt in die Vereine zu bewegen, in der Erkenntnis, daß nur dort die erforderliche individuelle Förderung, das dringend nötige „Emporrankenkönnen an anderen Talenten“ möglich ist. Verliere nie aus den Augen, daß eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung nur in der Heranziehung „eigenen Gewächses“ gewährleistet ist.
Uebersehe über das Fußballgeschehen nicht die schönen Erfolge deiner Tennisspieler, die die Hessenmeisterschaft errangen, vergiß nicht die rührigen Basketball-, Handball- und Hockeyspieler, interessiere dich für die Turner, Fechter, Leichtathleten, Schwerathleten, Rollschuhläufer, für die Boxer und Radfahrer und nicht zuletzt für die erfolgreichen Wassersportler. Habe für alle ein Ohr, zeige dein Interesse durch gelegentliches Erscheinen, damit hältst du auch die kleinen Vereine funktionsfähig, kurz, lasse deine durch die großen Fußballspiele aufs neue entfachte Begeisterung für unseren schönen Sport, zum Segen der Stadt, auf das ganze Sportleben unserer Stadt ausstrahlen.
Die neue Terrazzobahn des Darmstädter Rollschuhclubs
Das Darmstädter Hochschulstaäion, eine Weihestätte des Sports
Am Böllenfalltor ist das neue Stadion des SV Darmstadt 98 im Entstehen ' Fotos: Hemme (3), Kenner (1)
Die Geschíchte des Hauses Stegműller
bietet ein buntes Bild der Ereignisse. Im Jahre 1906 in Straßburg gegründet, stehen die inzwischen verstorbenen Gründer Ernst Stegmüller und Hans Krischer schon bei Beendigung des Krieges 1918 zum erstenmal vor dem Nichts. Nach einer kurzen Übergangszeit in Heidelberg beginnen sie 1920 in der Schulstraße in Darmstadt mit dem Wiederaufbau. 1923 erfolgt der Umzug nach dem Schloßgraben und hier entwickelt sich die Firma dank einem zähen Leistungswillen in wenigen Jahren zum führenden Herrenbekleidungshaus Darmstadts, bis dann die Septembernacht 1944 wieder alles zunichte machte. Behelfsunterkünfte in Nieder-Ramstadt, in der „Krone“ zu Darmstadt und dann im Hotel „Post“ am Bahnhofsplatz sind die nächsten Stationen in der Geschichte des Hauses. Zu einer Zeit, in der noch viel Mut dazu gehörte, wird aber bereits mit dem Aufbau eines neuen Hauses an der Ecke Kirch- und Ludwigstraße begonnen. Am 7. September 1948 beginnt der Verkauf in den erst zum Teil fertiggestellten Räumen des neuen Hauses. Dann geht es Schritt um Schritt weiter.
Heute repräsentiert sich das Haus Stegmüller wieder als eine Einkaufsstätte, wie man sie nur selten findet. Eine Front großer Schaufenster in der Ludwigstraße mit immer interessanten Auslagen wird ergänzt durch eine Reihe kleinerer Fenster unter den Arkaden in der Kirchstraße. Wer das Haus betritt, wird immer wieder beeindruckt von der großzügigen Gliederung der Verkaufsräume, die trotz Verzicht auf luxuriöse Ausgestaltung sehr schön und stimmungsvoll wirken. Im Erdgeschoß rechts gibt schon die Abteilung für Hosen und Berufskleidung ein Bild von der großzügigen Auswahl, welche die Firma in allen Sparten unterhält. In der linken Hälfte ist neben Kasse und Packtisch die Spezialabteilung für Herrenartikel und Wäsche untergebracht.
Eine große, breite Treppe führt in die oberen Stockwerke. Lang gestreckte Räume im 1. Stock sind gefüllt mit Herrenanzügen, Knabenkleidung und Sportartikeln. Im 2. Stock sind die Herren-Mantelabteilung, die Abteilung für Herrenstoffe und Maßkleidung untergebracht und hier sieht es schon wieder etwas beengt aus bei der Fülle des Gebotenen.
Während drei Stockwerke ausschließlich dem Verkauf dienen, trifft man nun im 3. Stock die internen Abteilungen des Hauses, eine ausgedehnte Schneiderei und die gerade fertiggestellten Büroräume. Und wer neugierig einen Blick in das Dachgeschoß wirft, der findet hier die Werkstätten für die Schaufensterdekorateure, die zimmern und malen, um immer interessante Schaufensterdekorationen erstellen zu können.
Und wo man hinkommt, überall sind die Mitarbeiter des Hauses emsig an der Arbeit, gleich der Geschäftsleitung bemüht, alles zu tun, um die Kunden des Hauses zufrieden zu stellen.
STARKENBURG
Sonderbeilage des Darmstädter Tagblatt
Ein Staat zerhrach, ein Staat entstand
Der Beitrag Darmstadts zur Entstehung des neuen Hessen / Von Paul Drömert
as Gründungsjahr 1738 des „Darmstädter Tagblatts“ fällt noch in die Regierungszeit des Landgrafen Ernst Ludwig, jenes hessischen Fürsten, der den um ihres Glaubens willen vertriebenen Waldensern in seinem Lande Unterkunft und Lebensmöglichkeiten geschaffen hatte. Beim Wieder er scheinen der Zeitung ist die Unterbringung und Seßhaftmachung von Flüchtlingen zu einer ungleich größeren und schwierigeren Aufgabe geworden, denn es gilt zugleich, die Wunden zu schließen, die ein unseliger Krieg der Heimat und vor allem auch der einstigen Landeshauptstadt geschlagen hat.
In einer ersten Folge von Aufsätzen wird nach dem Plan der Zeitung von dem neubegonnenen Leben in Starkenburg berichtet. Dabei ist nicht nur von dem, wir wir hoffen, sich weiter fortsetzenden Aufbau die Rede, sondern die Zeitung will ebenso bemüht sein, Verständnis für die Probleme zu wecken, die mit der Neuerrichtung eines hessischen Staates Zusammenhängen. Nur wer die Grundlagen kennt, auf denen aufgebaut werden soll, wird folgerichtig zu Werke gehen.
Südhessen, als ein Teil unseres einstigen Volksstaates, hat einen wesentlichen Beitrag zur Bildung unseres neuen Staatsgefüges geleistet. Bei der kommenden Verwaltungsreform wird man daran nicht vorübergehen können, denn wir wollen eine volksnahe Verwaltung. Darum ist das Bestreben des „Darmstädter Tagblatts“ zu begrüßen, neben der Darstellung des Letztvergangenen und der Schilderung des Gegenwärtigen auch die Fragen des Morgen zu behandeln. Möge eine solche Unterrichtung bei den alteingesessenen und den neuen Bürgern die Kenntnis der Heimat bereichern und den Willen zur lebendigen Anteilnahme an den Aufgaben unserer Zeit und unseres Staates stärken. Arnoul Regierungspräsident in Darmstadt
Starkenburg, einst Provinz des Großherzogtums Hessen und damit zugleich ebenso staatlicher Verwaltungsbezirk wie Selbstverwaltungskörper, ist heute nur mehr ein landschaftlicher, aber kein administrativer, geschweige denn ein politischer Begriff. Mit seinen zwei Stadt- und sechs Landkreisen ist es, wie Oberhessen, zu einem Teil des Regierungsbezirks Darmstadt geworden.
Hatten schon der Ausgang des ersten Weltkrieges und die Umorganisierung der nationalsozialistischen Zeit das Staatsgebilde, dessen Urzelle es war, in seinem Kern geschwächt, so verschwand das alte Hessen-Darmstadt 1945 als selbständiges Land völlig. Die Zoneneinteilung schnürte die dritte und reichste Provinz Rheinhessen ab. Der Rest ging in dem neuen Staat, im größeren Hessen, auf.
Die Stimme Südhessens
Dieser Prozeß der Eingliederung und absoluten Verschmelzung ist noch nicht abgeschlossen. Den nächsten Jahren wird diese Aufgabe der Verwaltungsreform vorbehalten bleiben. Sie kann nicht nur von den Fachleuten der Ministerien und den planenden neuen Behörden beraten und vorgeschlagen, sie wird nicht allein von dem künftigen Landtag beschlossen werden, sie setzt ebenso die Anteilnahme der Bevölkerung selbst voraus, wenn je der werdende neue Staat auch von einem neuen Staatsgefühl seiner Bürger getragen sein soll. Unabhängig davon, ob und auf welchem Wege der bestehende angeordnete Grenzzustand legalisiert wird, rechtfertigt es der gegenwärtige Augenblick, in dem die Entscheidungen sich vorbereiten, daß die Stimme Südhessens nicht verstummt. Südhessen, oder besser der alte Staat, darf wohl einen Anspruch darauf erheben, aus seiner staatlichen und verwaltungsmäßigen Tradition einen wichtigen Beitrag für die Formung des Gesamtstaates leisten zu können.
Als nach dem Zusammenbruch von 1918 das Großherzogtum Hessen von dem neuen Volksstaat abgelöst worden war, zeigte sich, welch einen erhaltenden und fördernden Wert auch in turbulenten Zeiten das Erbgut eines geordneten Staatswesens haben kann. Die neuen Männer, aufgewachsen und erprobt in der — wenn auch einst oppositionellen — staatsbürgerlichen und parlamentarischen Betätigung, vermieden bewußt, durch radikale Maßnahmen, die personelle Kontinuität des Beamtenkörpers, der von jeher eine liberale Grundhaltung hatte, zu erschüttern. Es blieb im großen und ganzen die anerkannt zweckmäßige und übersichtliche Verwaltung. Sie war trotz der neu hinzugekommenen Aufgaben und Kriegsbelastungen auch sparsam, wie das Gutachten des Reichssparkommissars bestätigte. Es blieben die gleichen Grenzen, wie sie unter dem ersten Großherzog, dem seinerzeit vorausdenkenden Ludewig dem Ersten bestanden. Allerdings war das Land durch die jahrelange Besetzung Rheinhessens upd .eines westlichen^Streifens-van Starkenburg in seiner finanziellen Kraft geschwächt. Es blieb auch die Landeshauptstadt.
Funktion der Landeshauptstadt
Obwohl des Glanzes einer Residenz entkleidet und des fürstlichen Mäzenatentums verlustig gegangen, erfüllte Darmstadt seine politische und administrative Funktion treulich weiter. Damit verbunden waren nicht allein äußere Geltung und nach außen klingender Name, es verblieben der Stadt ebenso wichtige wirtschaftliche Grundlagen. Sie gaben den Boden ab, auf dem die kulturellen und künstlerischen Impulse, die hier von jeher lebendig waren, sich auch in den bedrängten Jahren nach dem ersten Weltkriege neu entfalten konnten. Daraus zog nicht die Stadt allein ihre Vorteile.
Wenn Goethe im Gespräch zu Eckermann äußerte, es sei ein Irrtum anzunehmen, daß die Einheit Deutschlands darin bestehe, daß das sehr große Reich eine einzige große Residenz habe, und daß diese große Residenz, wie zum Wohle der Entwicklung einzelner großer Talente, so auch zum Wohle der großen Masse des Volkes gereiche, dann hat sich dieser Ausspruch vielfach bewahrheitet. So ist es erklärbar, daß bei allen aufkommenden parteipolitischen Zerklüftungen und bei der gegen Ende der zwanziger Jahre einsetzenden Radikalisierung der breiten Massen, daß bei allen theoretischen Auseinandersetzungen über den „Einheitsstaat“ und seine Aufgliederung Hessen als Staat, als Begriff und anschaubare Wirklichkeit doch nicht grundsätzlich angezweifelt wurde. Wohl gab es Tendenzen, Hessen dem großen Nachbarlande Preußen anzugliedern aber sie waren, wenn man von Randerscheinungen absieht, nie wirklich volkstümlich. Eher verlockte der rhein-mainische Zusammenschluß.
Die abwartende und vorsichtig abwägende Haltung, die selbst dem „dezentralisierten Einheitsstaat“ von der Mehrheit der althessischen Bevölkerung entgegengebracht wurde, hatte jedoch nichts mit einem hessischen Föderalismus oder gar Separatismus zu tun. In den Tagen des Rhein- und Ruhrkampfes und des passiven Widerstandes bewies das kleine Land sein gesamtdeutsches Verantwortungsgefühl. Es zeigte sich seiner historischen Aufgabe gewachsen, Klammer zu sein zwischen Nord und Süd und zwischen den Gebieten rechts und links des Rheines. Die Weimarer Republik wußte in ihren äußeren und inneren Krisen zu schätzen, was es an dem Lande Hessen hakte.' Dem gab bei seinem Staatsbesuch 1925 Reichspräsident von Hindenburg deutlichen Ausdruck.
Auch die hessischen Staatsbürger übersahen nicht die Vorzüge und Vorteile ihres zwar kleinen, aber intakten Staates. Sie wurden vor allem in der engen Verbindung von Regierung, Verwaltung und Bevölkerung sichtbar. Darmstadt war nah. Der Weg zu den Ministerien stand offen. Man kannte die Männer, mit denen man es zu tun hatte. Man kannte die Abgeordneten im Parlament. Man nahm an dem, was im „Ständehaus“ beraten und beschlossen wurde, Anteil. Man kritisierte, man bemängelte, man stimmte auch überein. Immer aber suchte man, sich ins Bild zu setzen.
Zerschlagene Selbstverwaltung
Gewiß, die Entwicklung ließ sich nicht aufhalten. Der Staat, der als erster sich dem preußischen Zollverein angeschlossen hatte, erhob nicht den Anspruch, eine Art Naturschutzgebiet zu sein und verneinte nicht die Notwendigkeit einer Neugliederung des Reiches. Was sich jedoch
organisch hätte entwickeln können, wurde in der nationalsozialistischen Zeit durch brüske Anordnungen erzwungen. Das Land trat hinter dem „Gau“ zurück. Die Verwaltung wurde durch einen Beamtenabbau, wie er in gleicher Brutalität in keinem anderen Gebiet vorgenommen worden war, unterhöhlt und dem Parteidiktat willfährig gemacht. Behörden wurden verlegt. Das hat die einstige Landeshauptstadt schwer getroffen, wenn auch die Folgen nicht gleich erkennbar waren, weil sie durch eine Scheinblüte wirtschaftlichen Aufstieges überdeckt waren. Nicht minder schwer wog die Lähmung politischen Willens durch eine staatliche Konstruktion, die eine echte Selbstverwaltung mit Beschlußrecht nicht kannte. Ihre Organe soweit sie nicht, wie 1937 für die hessischen Provinzen, aufgelöst wur-
den — hatten lediglich finanzielle Funktionen. Damit schwand die lebendige Anteilnahme der weiten Schichten an den sachlichen Problemen. Es lag ja doch alles bei der „Führung“ und bei denen, die je nach ihrem Range innerhalb der Parteihierarchie ein wirkliches oder vermeintliches Recht der Mitbestimmung hatten.
Noch heute wirkt diese Entwöhnung von der Verantwortlichkeit ebenso nach, wie die Gewöhnung daran, daß die Entscheidung doch „oben“ fällt. Darum ist es so unvergleichbar wichtig, bei dem künftigen formellen und inhaltlichen Aufbau den Weg zu Regierung und zur Verwaltung nicht zu versperren. Ist dies bisher erreicht worden? Ist. eine Gewähr dafjjr gegeben, daß es durch die staatliche Neukonstruktion "erreicht Wird? Uth diese Fragen beantworten zu können, bedarf es eines Rückblickes auf das Werden des größeren hessischen Staates.
Trümmer...
Von Darmstadt und den althessischen Provinzen, also auch von Starkenburg aus gesehen, hat der Ausgang des zweiten Weltkrieges und die damit verbundene Umordnung alles Liebgewordene zerstört. Es war mehr als nur ein Staatsgebilde zerschlagen worden. Zerschlagen und bis an den Lebensnerv getroffen war die Stadt, die der Mittelpunkt des alten Staates war und der des neuen hätte werden können. So aber standen von den großen Verwaltungsgebäuden, den Ministerien und dem Landtag von einst nur noch die Ruinen. Ein Trümmerfeld war die Stadt. Nur das Wahrzeichen einstiger staatlicher Selbständigkeit, das Monument für den ersten Verfassungsfürsten, ragte hoch über den Schutt heraus. Das rheinhessische Land, dem Ludewigs Blick zugerichtet war, aber unterstand einer anderen Besatzungsmacht, war durch die Zonengrenze abgeschnitten.
Vorerst freilich konnte das Denken noch über den engsten Umkreis nicht hinausgehen. Die Verkehrsverbindungen waren zerrissen, die Verwaltung in kleinste Einheiten aufgelöst, deren jede notgedrungen sich auf örtliche Autarkie einstellen mußte. Der größte Teil der eingearbeiteten Beamten, soweit sie sich überhaupt im Lande aufhielten, war an seiner Arbeit gehindert. Die scharfe Handhabung der Zuverlässigkeitsprüfung durch die Besatzungsmacht tat ein übriges dazu, um den Aufbau einer geordneten Verwaltung in Frage zu stellen. In diesem Augenblick scheinbarer Ausweglosigkeit wurde von Darmstadt und Star-
kenburg aus die Grundlage für den neuen hessischen Staat gelegt.
Erste deutsche Regierung
Noch während der Kriegshandlungen und keine vier Wochen nach der Besetzung Darmstadts durch die amerikanischen Truppen bildete Professor Dr. Bergsträsser die „Deutsche Regierung für die Provinz Starkenburg“, die erste deutsche Regierung, die mit Hoheitsrechten ausgestattet war und deren Befugnisse, wenn auch mit den durch die Kontrolle der Militärregierung gegebenen ’ Einschränkungen, anerkannt wurden.
Das „Kabinett“ trat ans 21. April 1945 zum ersten Maje zu eipej;. Sitzung zusammen. Noch gab es keine Post, kein Telefon. Baracken wurden aufgeschlagen und schufen neben dem Gebäude der ehemaligen Landwirtschaftskammer der Regierung primitivste Arbeitsräume. So viel auch später an dieser oder jener Einzelmaßnahme Kritik geübt wurde und bei allem Zugeständnis, daß auch personelle Fehler — und die nicht immer durch Schuld der deutschen Stellen! — gemacht worden sind, bleibt doch der Gesamteindruck einer anerkennenswerten Leistung. Sie war möglich geworden dadurch, daß die neuen Männer, die ja fast ausschließlich aus der Schule des alten hessischen Volksstaates kamen, auf den Grundlagen aufbauen konnten, die dieser und sein Vorgänger in weit über hundertjähriger Tradition und Verwaltungspraxis geschaffen hatten.
Im Juli 1945 wurde, was für die Ernährung wichtig war, auch Oberhessen in die nun „Deutsche Regierung des Landes Hessen“ eingegliedert. Von hier aus führte der nächste Schritt zur Bildung des größeren Staates. Wieder gingen die Anre-
gungen von Darmstadt aus. Es stellte dem neuen Land nicht nur Minister, sondern vor allem auch die führenden Beamten. Im Gegensatz nämlich zu den ehemals preußischen Gebietsteilen, in denen nur kommunalständische Erfahrungen Vorlagen, waren in Darmstadt noch Aufbau und Gliederung eines Staatsapparates neben anderen Voraussetzungen der Staatlichkeit vorhanden.
Doppelt getroffen
Es ist von Hessen-Darmstadt aus — so Regierungsdirektor Ahl in seinem Jugenheimer Vortrag — bedauert worden, daß — so wurde es anfänglich noch genannt — Großhessen nicht aus dem vorhandenen hessischen Staat als Kristallisationspunkt entwickelt wurde. Man wird es sich zum Teil wohl daher erklären können, daß der Regierungssitz nach Wiesbaden gelegt worden war. Das Glück, nicht in dem gleichen Maße in seinem staatlichen Gebäudebesitz getroffen worden zu sein, entschied so für die Bäderstadt. Darmstadt aber war doppelt getroffen: durch die Zerstörung im Krieg und durch den Verlust großer Landesbehörden. Nicht getroffen aber war es in seinem Lebenswillen.
Von der Aufba&ätigkeit in der Stadt berichten die Aufsätze dieser Beilage unserer Zeitung, die als die erste einer Folge gedacht ist. Dabei wird die Stadt nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit dem zu ihr gehörenden Raum, nämlich Starkenburgs und im weiteren, des gesamten Regierungsbezirks, betrachtet.
Bei aller Freude darüber, was an noch vor fünf Jahren unmöglich Erscheinendem geleistet wurde, soll doch nicht einer der „stolzen Erfolgsberichte“ einer hinter uns liegenden Zeit gegeben werden. Aber soviel darf doch, bei allen Schwierigkeiten, die sich immer wieder einstellen werden, gesagt sein: Dieses Land Starkenburg mit seiner arbeitsamen und in .Handwerk, Industrie, Handel und Landwirtschaft auf intensive Qualitätsleistung eingestellten Bevölkerung, dieses gesegnete Gebiet, das Völkerwanderungen und Kriegserschütterungen über sich ergehen lassen mußte und überwand, diese Kulturprovinz seit Römerzeiten, findet sich in seinen alten und neuen Bürgern zusammen, um seinen Lebensanspruch immer wieder anzumelden.
Im neuen Staat
Im Rahmen des größeren Staates hat Starkenburg mit Darmstadt nicht die Absicht, abseits im Schmollwinkel stehen zu bleiben. Es beruft sich nicht auf historische Rechte, denn es kann sein Recht mit den Leistungen der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart begründen. Wenn diese Darstellung sich die Aufgabe gesetzt hatte, den staatspolitischen Beitrag Hessen-Darmstadts am gesamthessischen Staat aufzuzeigen, dann war das als ein Dienst ap diespm Staat gedacht, , von dessen weiterer Entwicklung wir erwarten, daß sie nicht an dem vorbeigeht, was an Erfahrung und Erprobung hier aufgespeichert worden ist. Dazu gehört nicht zuletzt die Erkenntnis, daß zwar zentral regiert, aber dezentralisiert verwaltet werden muß. Nur eine der Bevölkerung nahe Verwaltung, wie sie die Mittelinstanz darstellt, wird die Staatsfreudigkeit sichern. An ihr muß einem Staat, der erst einer werden will, alles gelegen sein.
Der noch vor wenigen Jahren hoffnungslos verwüstete Luisenplatz im Herzen Darmstadts erhält wieder ein Gesicht. Das Kanzlei- und Kollegiengebäude, das früher die Ministerien beherbergte, wird über kurz oder lang wieder bezogen werden. Andere Bauten werden folgen. Vom Monument aber schaut Ludewig der Erste auf die Stadt, die er dem äußeren Bild und dem Geiste nach formte. Möge sie die Maxime befolgen, die Goethe — Gast in der Stadt und im Kreise um den Hof der Großen Landgräfin und ihres Sohnes — prägte: „Manches Herrliche der Welt, ist in Krieg und Streit zerronnen wer beschützet und erhält, hat das schönste Los gewonnen.“
Das schöne alte Darmstadt
Von Bürgermeister a. D. Buxbaum
Wer in Darmstadt geboren ist oder in Darmstadt länger gelebt hat, denkt mit stiller Wehmut an das alte schöne Darmstadt zurück. Was war es, das diese Liebe, diese Anhänglichkeit an Darmstadt hervorgerufen hat?
Die Antwort auf diese Frage will ich versuchen zu geben. Ich glaube nämlich, Darmstadt einigermaßen zu kennen Ich bin kein geborener Darmstädter, sondern ein Hergelaufener, aber ich wohne schon 54 Jahre hier und habe mitgewirkt am Gesicht der Stadt. Die Lage der Stadt in der gesegneten - Main-Neckarebene ist eine außerordentlich günstige. Zwischen Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, Taunus, Rheingau, Oppenheim, Worms, Mannheim, Heidelberg, Bergstraße, Odenwald und Aschaffenburg, bildet Darmstadt einen gesegneten Mittelpunkt. Klima und Lage sind gleich gut. Die Stadt liegt zwischen Äquator und Nordpol ziemlich in der Mitte, und der Marktplatz liegt 143,60 Meter über dem Meeresspiegel.
Darmstadt war eine Stadt der Kultur, hatte ein gutes Theater, eine gute Kapelle, eine Musikschule, die Kunst war hier zu Hause, die Wissenschaft wurde gepflegt. Der Kunstverlag Alexander Koch brachte den Ruf der Stadt in alle Welt. Das Kunsthandwerk blühte in Möbelfabriken von Weltruf. Das Landesmuseum, das Stadtmuseum, das Schloßmuseum, das Porzellanmuseum, das Gewerbemuseum, die wundervolle Landesbibliothek und das vorbildliche Archiv waren Zeugen eines starken Bildungswillens.
Darmstadt war die Stadt der besten Schulen, voran die Technische Hochschule, aus der führende Männer der Technik und Forschung hervorgingen. Man muß sie nur hören, wenn sie von Darmstadt schwärmen. Unter den Professoren waren viele geniale Gelehrte, die Weltruf hatten. Das Ludwig-Georg-Gymnasium, die beiden Oberrealschulen, das Realgymnasium, die beiden Höheren Mädchenschulen, die Bauschule und die Ingenieurschule waren Bildungsstätten von hohem Rang, und ihre Schüler alle hängen zeitlebens an ihrer stolzen Schule und an Darmstadt. Das kann man feststellen, wenn man mit ihnen spricht. Die Liebe zur Stadt und die Begeisterung für ihre Schule verbinden sich zum Lobe der Stadt. Ein Kulturfaktor ersten Ranges war das Geburtshaus Liebigs und das kleine Museum in diesem Hause. Das sollte man wieder an der alten Stelle aufbauen und zur Weihestätte machen. Justus von Liebig war der berühmteste Sohn der Stadt.
Der Sport war in vielen Vereinen mit guten Sportplätzen und Turnhallen, im Hallenschwimmbad, in Freibädern und am Altrhein zu Hause. Der weltberühmte Große Woog war die ganze Liebe der Darmstädter, kein Heiner, der nicht im Woog schwimmen gelernt hätte.
Darmstadt war die Stadt der Wälder und Gärten. Die Fasanerie und der Park bargen Schwarz- und Rotwild in Mengen. Wird das wiederkommen? Hoffen wir es, nicht der Jagd wegen, sondern der Freude wegen, die sich an diese Passion knüpfte.
Die nähere Umgebung der Stadt bietet lohnende Spaziergänge durch herrliche Wälder, und die Darmstädter gingen gerne spazieren. Ich zähle auf: Heiligkreuz, Oberwaldhaus, Einsiedel, Fasanerie, Park und Kranichstein, Dommersberg, Dachsberg, Herrgottsberg, Traisa, Nieder-Ramstadt, Frankenstein, Ludwigshöhe, Marienhöhe, Exert und Griesemer. Welche Lust am Wald erwecken diese Namen. Stundenlang kann man durch die herrlichen Wälder wandern oder fahren, vorbei an idyllischen Teichen und herrlichen Ausblicken. Das allein schon machte Darmstadt so anziehend und liebenswert.
Wo findet man einen solchen Kranz von entzückenden Ausflugsorten wie in Darmstadt? Da ist zunächst die Bergstraße von Darmstadt bis Heidelberg, da ist der herrliche Odenwald mit Perlen wie Melibokus, Felsberg, Lindenfels, Michelstadt und Fürstenau, mit Steinbach und Erbach, Eulbach und Hainhaus, mit Burgen wie Otzberg, Breuberg und Rodenstein, da ist Neunkirchen und die Tromm, und alle Wege dahin sind vortrefflich ausgesucht und markiert. In der Stadt selbst finden wir den schönen Herrngarten mit dem Spritzbrunnen, dem Teich, wo man die vielen bunten Entchen fütterte, mit dem Herrngarten-Cafe, dem Grab der Landgräfin Caroline, dem Goethedenkmal, den Spielplätzen und den vielen Bänken. Selbstverständlich muß ein solches Kleinod gepflegt werden und darf nicht wild verwachsen. Die Wege müssen instand und das Gras immer kurz gehalten werden. Selbstverständlich darf kein Stück des Gartens mehr geopfert werden.
Das alles läßt sich ohne große Mittel wiederherstellen, wenn man die Poesie dieses Gartens empfindet. Aber da sind noch andere Gärten, die uns entzücken. Da ist der Orangeriegarten, und wer erinnert sich nicht der Gartenbau-Ausstellungen, die dort veranstaltet wurden. Da ist der Bessunger Prinzengarten mit dem anmutigen Schlößchen. Da sind Anlagen auf der Mathildenhöhe, am Bahnhof, an der Rheinstraße, am Paulusplatz und an der Odenwaldbrücke, an denen die Darmstädter ihre helle Freude hatten.
Wer weiter hinaus will, der fährt in den Taunus, in den Rheingau, in den Spessart, in die Weindörfer Rheinhessens und der Bergstraße, nach Miltenberg und Amorbach, in den Leininger Park oder nach Schwetzingen. Die Darmstädter Mundart, überall bekannt durch die Mundartdichtung Niebergalls, trägt bei zu der unleugbaren Beliebtheit der Stadt. Wir alle sprechen Darmstädter Mundart. In Chikago sprach ich mit einem Deutsch-Amerikaner. Er erkannte mich am Dialekt als Darmstädter und sagte: „Ja, das ist die Stadt mit dem famosen Hochzeitsturm, mit dem langen Ludwig und mit dem Datterich.“
Weltbekannt ist auch die Darmstädter Industrie mit Namen wie Merck, Rhöm und Haas, Göbel (Motorenfabrik), Röder, Konzeimann, Rodberg Miele und der Heag mit ihren Vorortbahnen und Omnibussen und schließlich die Bundesbahn mit ihren Werkstätten. Alltäglich strömten 20 000 Arbeiter nach Darmstadt zu ihren Arbeitsstätten.
Darmstadt war arm an historischen Bauten aber einige wertvolle Bauten prägten sich doch dem Besucher ein, so das Schloß, das Rathaus, die Ludwigskirche, die Stadtkirche, die Pauluskirche mit dem schönen Paulusplatz, der Glokkenbau mit dem Idyll des Glockenspiels, das Museum, das Theater, der einmalige Luisenplatz mit dem berühmten langen Ludwig und das Ausstellungsgebäude mit. Hochzeitsturm und - Ludwig-Haus. Darmstadt war bekannt durch das „Hotel zur Traube“ und durch alte Bierkneipen wie die Krone, der Hanibal, die Bockshaut, der Sitte, der Anker und der Hottes. Die alten Studenten schwärmen für das Heilige Kreuz, wo sie ihre Mensuren schlugen, wo sie ihre Tanzkränzoben mit „Quetschekuche und Käskuche“ abhielten und ihre Frauen kennen gelernt hatten. Darmstadt ist bekannt durch seinen Kranz lieblicher J 1 len viert el, die Mathildenhöhe, das Tintenviertel, den Steinberg, die Gartenstadt, die Eberstädter Villenkolonie und die Marienhöhe. Darmstadt war eine saubere Stadt, ein Dorado der Rentner, unter denen auch die Dannppelrentner waren. Die Darmstäder Friedhöfe zieren zahlreiche bemerkenswerte Denkmäler. Leider kennen sie nur wenige. Die Stadt liegt ausgezeichnet im Fremdenverkehr, sie hat einen schonen Bahnhof, in dem täglich zahlreiche Zuge aus nah und fern aus- und einlaufen.
Darmstadt ist leider weltbekannt durch oen Zerstörungsgrad seiner Hauser und die Opfer, die diese unnötigen Angriffe erforderten. Wir können nur hoffen, daß unsere Nachkommen as alte Darmstadt wieder erleben. Bef dem Wiederaufbau muß der Darmstadter Geist die Hauptrolle spieen Nur wer diesen Geist kennt, bejaht nd hebt, ist berufen, am Aufbau mit¬ ^«neden. Wir wollen keine Großstadt mit ihrem Rummel aus ‘Darmstadt ge-Das’ was der Gr°ßstädter rmstadt zum Vorwurf machte, nämlich die vornehme Ruhe, war ein Vorzug, den nur wenige verstehen, wenn sie Tdtn sie aber begreifen, wenn ie nach Jahren wieder scheiden sollen.
Werbt der Heímat neue Freunde!
VORSITZENDER DES WERBEAUSSCHUSSES ODENWALD—BERGSTRASSE—NECKARTAL DES LANDESVERKEHRS¬VERBANDES HESSEN
Wenn man in Norddeutschland in einer größeren Gesellschaft den Odenwald als Heimat nennt, kann man bestenfalls damit rechnen, gefragt zu werden, ob denn „der Baum noch da stehe“. Der gemäßigte Odenwälder wird auf diesen „köstlichen“ Scherz nur mit einem: „Selbstverständ-
lieh!“ antworten und sich im übrigen sein Teil denken.
Was aber denkt er sich? — Er denkt, daß unser schönes Land im Odenwald, an der Bergstraße und im hessischen Neckartal so bekannt werden muß, daß in Zukunft die Reaktion auf das Stichwort „Odenwald“ ganz anders ausfällt; daß früher oder später jeder Deutsche von unserer wirklich wunderschönen Heimat so viel weiß, wie ihm heute vielleicht schon über andere Fremdenverkehrsgebiete geläufig ist. Hier liegt das weite Betätigungsfeld für eine intensive Fremden verkehrswerbung; nirgends besser als gerade bei der Werbung aber können wir uns sinnfällig der geistvollen Formulierung unseres Bundespräsidenten Professor Heuss bedienen, der den Fremdenverkehrsgebieten empfahl, Freunde zu werben!
Die fünf südlichen Kreise des Landes Hessen, mit Einschluß der früheren Landeshauptstadt, bieten dem Gast eine solche Fülle dankenswerter Ziele, daß man die Werbung für dieses Gebiet mit der freudigen Gewißheit, einer wirklich guten Sache zu dienen, betreiben kann. „Greift nur hinein ins volle Menschenleben, und wo ihr’s packt, da ist es interessant“, so sagte einst der große Frankfurter, der in seinem Darmstädter Freundeskreis so viele wertvolle Anregungen empfing; folgen wir dem größten deutschen Dichter und greifen die Köstlichkeiten eines ge-
segneten Landes heraus, um sie denen zu kredenzen, die im In- und Ausland unsere Freunde werden sollen.
Darmstadt selbst, die Großstadt im Walde oder das Tor zum Odenwald ge-
Von Wolfgang Schwabenannt, ist in der weiteren Umgebung als Sitz der Technischen Hochschule und neuerdings als Pflegestätte moderner Musik auch einem größeren Kreise bekannt; dabei darf man nicht übersehen, daß diese zweifellos markanten Punkte nicht allgemein werbend wirken. Eine eingehende
Untersuchung der Darmstädter Werbemöglichkeiten kann und soll im Rahmen dieser Niederschrift nicht versucht werden. Immerhin wird auch der gründlich Forschende als einen der wichtigsten Punkte die baldige Wiederherstellung der Museen erkennen und zum anderen auf
die Momente zurückkommen, die in den oben angeführten Attributen der Stadt so deutlich ausgedrückt werden: Darmstadts Fremdenverkehr ist ohne seine reizvolle Umgebung undenkbar. Das Tor zu diesem schönen Landstrich aber muß, wie jedes Tor, im Blickpunkt des Beschauers liegen, und so wollen wir natürlich nicht versäumen, die Nähe des Weltflughafens Rhein-Main, die bedeutsame Autobahnstation, die guten Zugverbindungen und das Strahlenbündel vorwiegend guter Straßen, mit dem Schnittpunkt Darmstadt, aufzuzeigen.
Die Bergstraße hat seit alters her guten Klang als Fremdenverkehrsgebiet; leider muß aber festgestellt werden, daß — im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten — der ausgesprochene Saisonbetrieb hier nicht mehr ausreicht, um die Gastronomie existenzfähig zu erhalten. Nur in Jugenheim und Seeheim haben sich größere Hoteibetriebe halten oder neu einrichten lassen, weil hier im Bereich der Darmstädter Straßenbahn die Stadt noch verkehrsbelebend wirkt. Unter den heutigen Wirtschaftsbedingungen ist der von einem Hotelbetrieb verlangte Wirkungsgrad derart hoch, daß er von einer Kurzsaison, wie der Baumblüte, in keinem Falle gedeckt wird.
Kurorte und Städte an der Bergstraße müssen andere, gewichtige Punkte in ihre Werbung einbeziehen, wenn sie Wert auf Rentabilität, sprich: Dauerbesuch legen. Die Einbeziehung der schönen Täler des vorderen Odenwaldes bietet sich von alleine an. Obst- und Winzerfeste sind weitere erprobte Mittel, den Verkehr zu heben. Das Naturschutzgebiet des Altrheins, die ehrwürdigen Bauten des Klosters Lorsch, der Blick etwa zum Dom von Worms sind einige Begriffe, die geeignet erscheinen, der Bergstraße auch neben dem obligaten Blütenzweig markante Umrisse zu verleihen.
Im Rheingau wirbt man seit Jahr und Tag ausgesprochen oder nicht mit dem stets belebenden Begriff von Wein, Weib und Gesang! Mir scheint, wir vergeben uns nichts, wenn wir auch einmal darauf hinweisen, daß in unserem von Natur so heiteren Landstrich mit seinen bunten Frühlingsfarben nicht nur ein guter Tropfen, nicht nur ein frohes Lied zu Hause sind; auch unsere Mädchen und Frauen wissen in ungezwungener Heiterkeit, in beschwingter Fröhlichkeit unseren Gästen den Aufenthalt zu verschönern; nur ein Pharisäer wird in einem Hinweis auf diese Tatsache eine würdelose Anpreisung erblicken können.
Sollten sich nicht Industrie- und Fremdenwerbung glücklich ergänzen können? Seither gehen sie fast völlig aneinander vorbei, ja es scheint meist so, als ob die eine die andere geradezu ausschließe. Sinn jeder Werbung ist doch, den Namen eines Ortes einzuprägen im Zusammenhang mit Begriffen, die so attraktiv wie möglich sein sollen. Auf kulinarische Genüsse soll später eingegangen werden; hier sei nur festgestellt, daß ein Begriff wie z. B. „Matthäus Müller“ oder andere dieser Art in sehr hohem Maße seit Jahren auch gleichzeitig für ihren Heimatort werben, wenn dieser Ort genannt wird.
Aber auch andere Branchen, die nichts mit dem Verkehrswesen zu tun haben, sollte man m. E. viel mehr in unsere Werbung einbeziehen. Wie oft heißt es im Prospekt einer Stadt recht trocken, sie habe „einige chemische Fabriken“ in ihren Mauern. Nennen wir doch einige der weltbekannten Merckpräparate öder erwäh-
nen wir, daß das millionenfach bewährte Einweichmittel „Burnus“ hier hergestellt wird. Zwingenberg wird meist als „romantisch-verträumtes Städtchen an der schönen Bergstraße“ angepriesen. Millionen von Müttern haben ihre Kinder mit Fissanöl und Fissanpuder behandelt; ganz sicherlich wird ihnen der Name des Städtchens noch besser im Gedächtnis haften, wenn sie hören, daß diese Präparate, die ihnen seit Jahren geläufig sind, dort hergestellt werden. Sollte man nicht im nächsten Ort, in Bensheim-Auerbach, auch am Rande erwähnen dürfen, daß hier „Effax“ zu Hause ist? „Schuhwichse dient nicht dem Fremdenverkehr“, höre ich einwenden; gewiß stimmt das, aber ebenso fest steht für jeden Werbefachmann die Tatsache, daß einmal vertraute Begriffe auch auf anderen als den eigenen Gebieten wirksam eingesetzt werden können. In der Kreisstadt Heppenheim wird man das Vorhandensein einer alten Druckerei im Familienbesitz seither kaum als werbenden Faktor angesehen haben. Wie wäre es mit dem Hinweis, daß hier von sorgsamer Drucker- und Buchbinderhand jährlich viele Tausende der bekannten Inselbändchen entstehen?
Können wir nicht auch den Herren der Industrie auf diese Art ein wenig helfen? Unsere Gegenrechnung ist gering; schenkt eine Druckzeile auf der Fissanpackung etwa für die Worte: Zwingenberg der romantische, obstgesegnete Luftkurort an der wunderschönen Bergstraße. Nur ein Beispiel, nur einige Hinweise sollen das sein.
„Die Liebe geht durch den Magen!“ Mag dieses eindeutige Wort hier oder da umstritten sein, im Fremdenverkehr gehört es zu den elementarsten Grundregeln. Dieser Tatsache hat unsere Werbung, soweit mir bekannt ist, noch nie Rechnung getragen.
Wer Bayern hört, sieht den Maßkrug, die Weißwürscht und das Geselchte nebst dem Radi vor seinen Augen. Der Schwarzwald lockt mit Forellen, mit Quetsch, Kirsch und Himbeergeist. Mainzer Käse, Frankfurter Würstchen, Nürnberger Lebkuchen, Lübecker Marzipan, Hamburger Aalsuppe und ebenda das Rundstück, Münsterländer Korn, Dortmunder Bier... eine endlose Reihe schmackhafter Exempel.
Glauben Sie ernstlich, Südhessen habe dem Gaumen keine Besonderheiten zu bieten? Pfungstädter Bock-Ale, Groß-Gerauer Konfitüren, Bergsträßer Wein, Lorscher Zigarren, Käsekuchen in Zell, Tafelobst für den Winter von den Berghängen des Odenwaldes, das sind einige wenige Begriffe, die mit bester Berechtigung erweitert werden können, wenn man sich anschickt, das im kleinen Kreise bewährte Erzeugnis auch einem größeren Bereich zu vermitteln.
Der Odenwald verkörpert die Wirklichkeit gewordene deutsche Ideallandschaft; damit wollen wir wieder zum Ausgangspunkt unserer Betrachtungen zurückkehren und wollen uns vornehmen, diesem wunderschönen Stück Erde im In- und Ausland recht viele und treue Freunde zu werben.
Die vorstehenden Ausführungen wollen weder als ein Kurzführer durch unsere Heimat noch als ein vollständiges Kompendium der Verkehrs Werbung betrachtet sein. Sie wollen vielmehr Anregungen ver-
mitteln und deshalb sei zum Schluß auch eine Aufgabe erwähnt, um deren Lösung sich der Vorstand des Landesverkehrsverbandes seit einiger Zeit sehr nachhaltig bemüht. Es wird ein Kurzzeichen gesucht zur Charakterisierung des oben umrissenen Gebietes. Als Beispiel seien die Kurschwerter für Sachsen und „Das grüne Herz Deutschlands“ für Thüringen genannt. Wer findet das passende Wort, die passende Zeichnung oder eine Verbindung aus beiden für Bergstraße und Odenwald unter Einbeziehung Darmstadts?
Porzellanmuseum Darmstadt: „Der Jäger aus Kurpfalz“
Burg Breuberg
Schloß Waldleiningen
Burg Lindenfels
Rittersaal im Erbacher Schloßmuseum
Erbacher Schloß (Gartenansicht)
Tor und Königshalle Kloster Lorsch
Altrhein bei Stockstadt Fotos: Kenner (6), Dr, Hotz (2), Schröder (1)
Der Wiederaufbau der Darmstädter Staatshauten
Kein einziges Amt hatte noch seine alten Arbeitsräume
Von Oberregierungsbaurat v. der Leyen
Nach dem Vernichtungsangriff auf Darmstadt am 11./12. .September 1944 stellte es sich heraus, daß die Staatsbauten ganz besonders schwer betroffen waren, denn kein einziges Amt war mehr in der Lage zu arbeiten. Insbesondere galt dies vom Staatsbauamt am Friedensplatz 3, das total zerstört war und nicht mehr aufgebaut werden konnte. Der Bau gehörte zusammen mit dem Hofjjagdhaus, zweistöckige Bauten mit Mansarddach, zu den charakteristischen Bauten gegenüber dem Schloß. Es war aber nicht nur der Bau des Staatsbauamtes zerstört, sondern damit auch alle Unterlagen an Plänen, Akten, Verfügungen usw., wie sie für die vielseitige Tätigkeit eines Staatsbauamts nicht entbehrt werden können. Wir mußten also buchstäblich wieder ganz von vorn anfangen. Dazu kam, daß die meisten Beamten und Angestellten selbst auch ausgebombt und in allergrößter Not waren. s
Nach behelfsmäßiger Unterbringung des Staatsbauamts in einer Etage des Hauses Alicenstraße 25 und 6 weiteren oft wechselnden Zweigbüros in zerstörten Staatsbauten war die erste Sorge des Staatsbauamts, den Behörden zu helfen, sich in den Kellern und Erdgeschoßräumen ihrer Gebäude unter Aufbringung von Notdächern wieder einzurichten. Jetzt, nach nunmehr 6 Jahren, sind wir so weit, daß alle Behörden mehr oder weniger gut soweit untergebracht sind, daß sie wieder ungestört arbeiten können.
Ämter in Notunterkünften
Aber nicht alle Behörden konnten wieder am alten Platz untergebracht werden. So befindet sich zum Beispiel der Regierungspräsident Darmstadt z. Z. noch im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Landwirtschaftskammer Rheinstraße 62, das lange Jahre nur mit einem Notdach versehen war. Das für den Bau charakteristische Mansarddach konnten wir erst 1948 aufbringen. Da aber in diesem Gebäude nur ein kleiner Teil der Dezernate untergebracht werden
konnte und schnellstens weiterer Raum geschaffen werden mußte, half man sich vorläufig mit der Aufstellung von nach dem Krieg reichlich zur Verfügung stehenden Baracken. Einige Abteilungen befinden sich noch in dem inzwischen wiederhergestellten Bau „B“ im ehemaligen Internierungslager Rheinstraße 102. Dieser Zustand kann aber nun bald geändert werden, da wir in der Lage sind, im Herbst dieses Jahres einen Teil des ehemaligen Finanzministeriums im Kollegiengebäude am Mathildenplatz bezugsfertig herzustellen. Zu gleicher Zeit wurde auch mit dem Wiederaufbau des von Baumeister Schuhknecht errichteten und für Darmstadt so charakteristischen ehemaligen Ministeriums des Innern, Luisenplatz 2, begonnen. Leider flossen dafür die Mittel bisher so schwach, daß wir erst 1951 in der Lage sein werden, den Rohbau zu vollenden. Es wird dann auch an dieser Stelle ein wichtiger Beitrag zur Wiederherstellung des in seiner architektonischen und städtebaulichen Haltung so einzigartig schönen Luisenplatzes geleistet sein.
Aufbau im Schloß
Ein weiterer prominenter Darmstädter Bau ist das Schloß. Der sogenannte Neubau, der 1715 von Remy de la Fosse errichtet wurde, war erst vor nunmehr 20 Jahren in vorbildlicher Weise für die Zwecke der Landesbibliothek und des Staatsarchivs wiederhergestellt bzw. umgebaut worden. Man hätte damals gerne das teilweise verfaulte Holz der Balkenlage ganz entfernt und durch Eisenbetondecken ersetzt, aber die Mittel reichten dazu nicht aus. Dagegen konnten die Zwischentrakte mit ganz neuen Dächern aus Stahl bzw. Stahlbeton versehen werden, die heute noch erhalten sind, während die Holzkuppeln der Ecktürme völlig abbrannten. Das hinderte allerdings nicht, daß die Büchermagazine völlig ausbrannten, da die Brandbomben durch die hohen Fenster in die Stockwerke eindrangen und die Bestände völlig vernichteten, soweit sie nicht ausgelagert worden waren. Aber die Dächer über den Zwischentrakten blieben erhalten, so daß die Landesbibliothek und das Staatsarchiv unmittelbar nach dem Brand ihren Betrieb in den Kellerräumen zwischen dorthin ausgelagerten Büchern gleich, wenn auch nur äußerst behelfsmäßig, wieder aufnehmen konnten, bis wir in der Lage waren, durch Einsetzen von Notfenstern das Erdgeschoß wieder bezugsfertig herzustellen. Nun sind dort wieder über 400 000 Bände magaziniert; die für die ausgebombte Darmstädter Bevölkerung so wichtige Buchausleihe ist seit 1949 wieder in Betrieb, und wir werden der Landesbibliothek in Kürze das ganze Mezzaningeschoß bezugsfertig übergeben können. Auch das Archiv hat den Osttrakt wieder bezogen.
Anders ist es leider in den so weitgehend zerstörten, mittelalterlichen Teilen des Schlosses. Hier konnte bisher nur das’Wallhaus- zu 3 Wohnungen ausgebaut und das Brückenhäuschen wieder mit seinem geschweiften Schieferdach versehen werden. Im übrigen waren wir nur in der Lage, durch Sicherungsmaßnahmen den völligen Verfall wenigstens an den wertvollsten Gebäudeteilen aufzuhalten. Es ist ferner beabsichtigt, 1951 den Glockenturm im 1. Schloßhof wiederherzustellen und möglichst auch das Glockenspiel wieder aufleben zu lassen, an dem das Herz aller echten Darmstädter hängt.
Theater und Museum
Gegenüber dem Schloß liegt das Landestheater. Nach dem Angriff hat sich die Verwaltung sofort wieder in den nördlich und seitlich der Bühne gelegenen Keller- und Erdgeschoßräumen behelfsmäßig eingerichtet und den Spielbetrieb nach der Bessunger Orangerie verlegt. Es war dann beabsichtigt, die Otto-Berndt-Halle für längere Jahre als Theater auszubauen. Als aber nach dem Explosionsunglück in der Organerie dieses Gebäude durch erhebliche Mittel in jeder Beziehung stark verbessert und nun auch die Sicherheit weitgehend garantiert ist, sollen nun alle weiteren Mittel zum Wiederaufbau des Großen Hauses verwendet werden. So wurde das endgültige Dach bereits wieder über Bühne und Zuschauerraum errichtet und zahlreiche, weitere Räume für die Verwaltung und den Betrieb ausgebaut. Wir hoffen, daß es dem Staat möglich sein wird, in den nächsten Jahren die Mittel für den weiteren Wiederaufbau des Großen Hauses zur Verfügung zu stellen.
Das Landesmuseum
Sehr schwer ist auch das Landesmuseum getroffen, dessen Schätze dank der Fürsorge der Direktion zum allergrößten Teil gerettet sind. Für die Verwaltung und die Werkstätten konnten einige Räume sofort nach dem Angriff wieder behelfsmäßig instand gesetzt werden. Auch ein Saal konnte inzwischen wieder für Ausstellungen bereitgestellt
werden. Im übrigen mußten wir uns bisher darauf beschränken, den weitverzweigten Gebäudekomplex wieder mit den endgültigen Dächern zu versehen und alle Fenster einzusetzen, um den weiteren Verfall der Gebäude zu verhindern. Das nächste Ziel ist, weitere Ausstellungsräume zu schaffen, um die Bevölkerung wieder an den Schätzen des Museums teilnehmen zu lassen und die Verbindung alter und neuer Kunst lebendig zu erhalten.
Dezentralisierte Gerichte
Von den Gebäuden der Justizverwaltung war das alte Justizgebäude völlig ausgebrannt, weil es ausschließlich hölzernes Gebälk hatte. Beim neuen Justizgebäude brannte der Mansardstock völlig ab und auch die oberen Massivgeschosse wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Nur nach Aufbringen eines Notdaches und Einsetzen neuer Fenster konnten auch die oberen Etagen wieder bezogen werden. Aber der Raum reichte nicht im entferntesten aus, um alle Dienststellen unterzubringen. Es mußte deshalb ein Teil der Verwaltung das noch mit einem Notdach versehene Gebäude „D“ des ehern. Internierungslagers Rheinstraße 102 beziehen. Da sich aber diese Trennung der Abteilungen sehr nachteilig auf den Betrieb auswirken mußte, ist die alsbaldige Wiederherstellung des Alten Gerichtsgebäudes bereits 1949 in Angriff genommen worden. Durch spätere Einbauten war der Bau dunkel und unübersichtlich geworden. Es gelang uns durch Auskernung und Anlage größerer Hofräume lichte, freundliche Räume und durch Aufstockung eines Massivgeschosses zusätzlich 30 Räume zu schaffen. Der Rohbau ist durchgeführt und bereits 12 Räume im 1. Obergeschoß konnten bezogen werden. Wir hoffen, die Mittel zu erhalten, um den Bau im Jahre 1951 vollenden zu können.
Das Finanzamt in der Lindenhofstraße konnte unmittelbar nach dem Angriff in seinen unteren Stockwerken den Dienst wieder beginnen, nachdem die Räume durchrepariert und der Bau mit einem Notdach versehen worden war. Da weitere Räume benötigt werden, wird z. Z. ein weiteres Vollgeschoß und das endgültige Dach errichtet. Die Staatskasse ist zusammen mit dem Verwaltungsgericht, der Straßenbauverwaltung und dem Straßenbauamt Darmstadt in dem wieder aufgebauten ehern. Gewerbemuseum, Neckarstraße 3a, untergebracht. Die Hauptstaatskasse hat den weniger beschädigten Bau Eugen-Bracht-Weg 6 bezogen.
Schulbauten entstehen
Von den staatlichen Schulgebäuden konnte bisher nur das Gebäude „Lagerhausstraße 7“ nach völliger Renovierung innerhalb der letzten Jahre für den Betrieb mehrerer höherer Schulen zur Verfügung gestellt werden. Da dieser Betrieb aber auf die Dauer unhaltbar ist, soll das total beschädigte, humanistische Ludwig - Georgs - Gymnasium baldigst wiederaufgebaut werden. Es soll an der alten Stelle zwischen Karlsstraße —Kapellplatz und Nieder-Ramstädter Straße auf bedeutend erweitertem Gelände wieder erstehen. Wir hoffen, daß der Staat 1951 die Mittel zum Baubeginn bereitstellt. Für die Staatsbauschule Neckarstraße 3, die sich jahrelang mit den primitivsten - Räumen in der Ruine und in Behelfsunterkünften begnügt hat, konnte bis beute der 1. und 2. Bauabschnitt mit 12 Klassen bezogen werden. Wir hoffen, für den 3. Bauabschnitt die Mittel im Rj. 1951 zu erhalten. Ueber den Wiederaufbau der Technischen Hochschule wird an anderer Stelle besonders berichtet werden.
Die Domäne Meierei Vierling War durch, mehrere Angriffe auch stark beschädigt, noch stärker das Vorwerk an der Gräfenhäuser Straße. Das Wohnhaus wurde bisher nur behelfsmäßig mit Notdach über dem Erdgeschoß aufgebaut. Es soll noch in diesem Jahre das endgültige Dach erhalten. Völlig neu errichtet wurden ein neuzeitlicher Kornspeicher, Scheune und Pferdestall. Der Wiederaufbau des Vorwerks ist ganz durchgeführt.
Auf einem Teil des ehemaligen Internierungslagers Rheinstraße 102 entstehen z. Z. die vielseitigen Bauten des im Marstall total ausgebombten Landesgestüt s. Ein provisorisches Verwaltungsgebäude, ein großes Wohnhaus und
der Oststall sind fertig. Z. Z. wird mit dem Neubau von 5 Wohnblocks für Gestütswärter begonnen.
Außer den vorstehend aufgeführten Bauten ist der Wiederaufbau von folgenden Staatsbauten bereits durchgeführt: Gendarmerieunterkunft in der Holzhofallee 22, das Eichamt, Holzhofallee 3, das Bezirksforstamt in der Orangerie-Allee 12, der Rec h - nungshofdesLandesHessenim Bau 3 und das Hauptzollamt Darmstadt sowie das Katasteramt Darmstadt im Bau „E 4“ im Gelände des ehemaligen Garnisonlazaretts Eschollbrücker Straße 27.
Nicht zuletzt: Wohnungen
Neben dem Wiederaufbau der Behördenbauten galt das besondere Interesse der Wiedererrichtung der beschädigten staatlichenßeamt en w o h n h ä u s e r. So konnten bisher 6 Etagenhäuser an der Hobrechtstraße, am Erlenberg und an der Jahnstraße sowie das Haus Feldbergstraße 15 bezogen werden. Drei weitere Wohnhäuser Feldbergstraße 17, Heidelberger Straße 22 und Hobrechtstraße 39/41 sind z. Z. im Bau.
: • All diese Aufgaben werden neben der Bauaufsicht im Landkreis Darmstadt vom Staatsbauamt Darmstadt durchgeführt, das — wie schon eingangs erwähnt — z. Z. noch in 7 verschiedenen Büros in der Stadt tätig ist.
Wir werden in der Lage sein, uns noch viel intensiver dem Wiederaufbau zu widmen, wenn wir das Gebäude des ehemaligen Hofleibstalls Ecke Zeughausstraße und Friedensplatz, das sehr zentral gelegen und z. Z. im Wiederaufbau begriffen ist, im Jahre 1951 als neues Staatsbauamt bezogen haben werden.
Zeichnungen: Schlotter
Darmstadis Aufbau seit 1945
Von Oberbaudirektor Professor Dr. Grund
Es ist fast sechs Jahre her, daß ein Feuermeer in einer Nacht unser schönes Darmstadt verschlang. Als die letzten Flammen verglühten, schien auch alles Leben in ihr erloschen zu sein.
Und doch war nicht alles erstorben. Eine Schar verantwortungsbewußter Männer übernahm es, mit ungebrochenem Wagemut an den Wiederaufbau der Stadt zu gehen. Wir müssen es anerkennen: Trotz der, schier unüberwindlichen Schwierigkeiten, die sich auftürmten, ist in der kurzen Zeit vieles geschehen und legt schon jetzt Zeugnis ab vom Fleiß der nimmermüden Tatkraft unserer Mitbürger. Wenn auch noch weite Strecken öde liegen und manch schmerzliche Lücke klafft, so sieht man doch schon überall neues Leben aus den Ruinen blühen und vieles beginnt sich schon zusammenzuschließen zu dem Bild eines neuen Darmstadt.
Nachdem die ersten Notmaßnahmen durchgeführt, die Straßen geräumt und die Unterkünfte, die einigermaßen der Zerstörung entgangen waren, ausgebessert worden waren, wurde es allen verantwortlich Denkenden sehr bald klar, daß man mit Behelfsmaßnahmen nicht weiter fortfahren dürfe. Das Unglück, das unsere Stadt betroffen hatte, brachte wenigstens die Möglichkeit mit sich, Hindernisse für die zukünftige Entwicklung der Stadt zu beseitigen, die Verkehrsverbindungen zu verbessern und Platz für neue großzügige Bauten zu schaffen. Durch eine umfassende Planung mußte die Gefahr, diese einmalige Gelegenheit zu versäumen, gebannt werden. Das neue hessische Aufbaugesetz schuf dazu die gesetzliche Grundlage. Darmstadt erhielt als erste der hessischen Städte die ministerielle Genehmigung seiner Bauleitpläne zur städtebaulichen Neuordnung des Stadtgebietes.
Man darf dabei nicht vergessen, daß bis zur Währungsreform Baumaterial nur in ganz unzureichendem Maße zur Verfügung stand, die Arbeitskräfte abgewandert waren und das Geld keine Kaufkraft mehr besaß. Nun aber begannen die neuen Bauten aus der Erde zu wachsen.
Durch die Behelfsläden an der Landgraf-Georg-Straße und an der Wilhelminenstraße wurde die dringendste Not der evakuierten Geschäftsleute, die nach Darmstadt strebten, gelindert. Der Kaufhof und die Firma Stegmüller öffneten ihre Pforten und das Kaufhaus Nietzsche wurde vollendet. In der Ludwigstraße und Ernst-Ludwig-Straße füllten sich die Trümmergrundstücke mit neuen Bauten. Durch das Parkhotel und den ersten Bauabschnitt der Städtischen Sparkasse wurde ein markanter Punkt der Rheinstraße festgelegt. Die Bauten Frank und Hufnagel ließen das zukünftige Bild der Elisabethenstraße ahnen. Am Marktplatz zeichnete sich durch die Bauten Brackeisberg und Heil die neue Westfront ab, die. Ostseite des Mathildenplatzes erhielt ihr neues Gesicht und schließlich regten sich auch am Luisenplatz, in der Oberen Rheinstraße und in der Schulstraße fleißige. Hände, und schon ist die neue Gestalt des’ Straßenbildes zu erkennen.
Aber nicht nur Geschäftshäuser wurden gebaut. Wenn auch dem Wohnungsbau größere Schwierigkeiten finanzieller Art im Wege standen, so hatte doch schon die Organisation Selbsthilfe mit der Instandsetzung von Wohnhäusern frühzeitig begonnen. Auf dem Griesheimer Sand wuchsen die Siedlungen der Ungarndeutschen und der Buchenländer, in Eberstadt und Arheilgen entstanden umfangreiche Wohn- und Siedlungsbauten. Die Baugenossenschaft des Hessischen Handwerks, der Arbeiterbauverein, die Nassauische Heimstätte, die Siedlungsgenossenschaft der Staatsbediensteten, die Hegemag und andere Baugenossenschaften begannen ihre Großbaustellen, ganz abgesehen von den vielen privaten Bauherren, die nun in der Lage waren, ihre Bauwünsche in die Tat umzusetzen. Die Post erstellte ein ganzes Stadtviertel am Südbahnhof und die Wohnblöcke an der Unteren Rheinstraße und finanzierte viele Wiederaufbauten im ganzen Stadtgebiet, ebenso wie viele größere Industrieunternehmungen für die Wohnungen ihrer Arbeiter und Angestellten sorgten.
Man darf dabei nicht übersehen, welch große Schwierigkeiten diesem raschen Aufblühen durch die Notwendigkeit eines völligen Strukturwandels im wirtschaftlichen Aufbau unserer Stadt entgegenstanden. Darmstadt hat durch die Folgen des Krieges einen großen Teil der Behörden und die Garnison verloren. Wenn die Stadt nicht zur unbedeutenden Kleinstadt herabsinken wollte, so mußte Ersatz für die verlorengegangene wirtschaftliche Grundlage geschaffen werden. Die Stadtverwaltung hat sich deshalb mit der äußersten Energie dafür eingesetzt, neue Industrien und Behörden in Darmstadt anzusiedeln. Schöne Erfolge haben ihre Bemühungen gelohnt. Der größte Teil der früheren militärischen Anlagen und der Industriegebiete ist für diese Zwecke ausgenutzt und viele Darmstädter haben auf diese Weise Arbeit und Brot gefunden. Audi die städtischen Gebäude und Einrichtungen wurden, soweit dies bei der angespannten Finanzlage der Stadt möglich war, wiederhergestellt. Zwei Schulen sind kürzlich eingeweiht worden, andere sind im Bau. Das Schwimmbad wurde überdacht und wenigstens teilweise seiner Bestimmung wieder zugeführt. Die städtischen Wohnhäuser wurden instand gesetzt und ein Lehrlingsheim errichtet. Die Stadthalle und das Orangeriehaus dienen als Versammlungsraum und Theater und der alte Ruf Darmstadts als Ausstellungs- und Tagungsstätte kann in den Räumen der Mathildenhöhe weiter gepflegt werden. Die Wiederherstellung der schwimmsportlichen Anlagen am Woog in Verbindung mit einer Jugendherberge und ein großes Stadion für den Sportverein 98 sind in Vorbereitung und für die Technische Hochschule ist eine erhebliche Erweiterung geplant.
Die allgemeine Erfahrung, daß der Eindruck weniger Straßen- und Platzräume an bevorzugter Stelle jeder Stadt ihr charakteristisches Gepräge verleiht, hat die Stadt veranlaßt, auf die Gestaltung der Rheinstraße, des Marktplatzes und verschiedener anderer bedeutender Straßen besonderen Wert zu legen. Die erfreulichen Anfänge hierzu lassen hoffen, daß ihren Bemühungen der Erfolg nicht versagt bleiben wird.
Der schon jetzt gegenüber anders lautenden Prognosen außerordentlich angestiegene Verkehr hat den schon frühzeitig erhobenen Forderungen der Stadtplanung nach Ausbau des Verkehrsnetzes und Verbreiterung der Hauptverkehrsstraßen recht gegeben. Gute Straßen ziehen den Verkehr an und ein Opfer an Gelände für Straßenverbreiterungen hat sich noch stets durch Verbesserung der Geschäftslage bezahlt gemacht. Dies gilt auch für die Passagen, die im Stadtkern zum Zweck der besseren Erschließung angelegt worden sind.
Die lebhaften Auseinandersetzungen über die Zweckmäßigkeit und die Art der Verbreiterung verschiedener Straßen, insbesondere die Frage der Arkaden haben dazu geführt, daß die Vorschläge der Stadtbauverwaltung jetzt allgemeinen Anklang gefunden haben. Verschiedene Bauten, die inzwischen fertiggestellt worden sind, haben den Beweis erbracht, daß die neue Bauart helle, moderne Geschäftsräume ergibt und die Ladenstraßen das Publikum anziehen. Wenig in die Augen fallend, aber besonders wichtig für den Wiederaufbau der Stadt sind die tiefbautechnischen Arbeiten. Die Beseitigung der Trümmergefahren wurde so sorgfältig durchgeführt, daß kein Unfall zu beklagen ist. Einen wesentlichen Beitrag zum Wiederaufbau lieferte eine - leistungsfähige Trümmerverwertungsanlage, mit deren Hilfe ein großer Teil des Baumaterials für die Neubauten geschaffen worden ist. Die Instandsetzung des Straßen- und Kanalnetzes wurde begonnen, Straßen und Kanäle zur Erschließung neuer Wohngebiete gebaut. Die Kanalisation umfangreicher Flächen in Arheilgen und Eberstadt ist vorbereitet. Mit der Verbesserung der Verkehrszügigkeit der Hauptstraßen wurde an der Einmündung der Neckarstraße in die Rheinstraße und der Holzhofallee in die Heidelberger Straße in Verbindung mit dem Neubau der deutschen Bausparkasse, durch Zurückverlegung der Grenze des Prinz-Emil-Gartens und der nördlich anschließenden Bauten, im Zuge der Kirchstraße und an mehreren anderen Stellen begonnen. Die Hauptverkehrsstraßen, die die Stadt in ost-westlicher und nord-südlicher Richtung durchziehen, werden zügig durchgeführt, wo nötig verbreitert und enthalten z. T. Entlastungsstraßen, so daß das Straßennetz dem Verkehr auch in weiterer Zukunft gewachsen sein wird. Zwei Straßendurchbrüche werden die Verkehrsverbindungen innerhalb der Stadt wesentlich verbessern.
Es liegt auf der Hand, daß bei der Beschränktheit der Mittel und der Kürze der’ Zeit dies alles nur einen Anfang bedeuten kann. Viele Wünsche blieben noch offen und viele Notstände sind noch zu beheben. Soweit dazu die Bemühungen der Stadt selbst nicht ausreichen, ist sie auf die tatkräftige und verständnisvolle Mithilfe des Landes Hessen bei der Weiterentwicklung seiner nicht nur durch den Krieg, sondern auch noch durch die Kriegsfolgen so schwer geschädigten ehemaligen Hauptstadt angewiesen. Das Amt für Landesplanung in Wiesbaden ist daher kürzlich mit großer Dringlichkeit gebeten worden, durch seine übergeordneten Planungen insbesondere die Aufgaben der Stadt als Ausstellungs- und Tagungsort zu unterstützen, die Neuansiedlung von Industrien und Behörden zu vermitteln, die Heranführung von Verkehrseinrichtungen jeder Art und den baldigen Bau der geplanten Umgehungstraßen in die Wege zu leiten, den Anschluß Rheinhessens an die Verkehrslinien des rechtsrheinischen Hessen durch eine Rheinbrücke vorzusehen und die Holz- und Natursteinvorkommen des Odenwaldes durch Verbesserung der Verkehrsverbindungen zu erschließen.
Die dringendsten Neubauten, deren Darmstadt bedarf, sind bereits in der Planung und es kann erwartet werden, daß bald auch an die Erweiterung des städtischen Krankenhauses durch eine chirurgische und eine Frauenklinik sowie durch ein Verwaltungsgebäude mit Schwesternunterkunft, an den Neubau weiterer Volks-, Berufs- und höherer Schulen, an die Errichtung eines neuen Stadthauses zur Freimachung der Eleonorenschule, an eine neuzeitliche Unterkunft der Feuerwehr und an die Fertigstellung des Schwimmbades und der Mathildenhöhe herangegangen werden kann.
So können wir nach Abschluß einer fünfjährigen Aufbauzeit mit Genugtuung feststellen, daß diese Jahre nicht verlorengegangen sind. Was seither nur in Plänen seinen Niederschlag gefunden hatte, beginnt Wirklichkeit zu werden und wir dürfen hoffen, daß in wenigen Jahren ein neues und schöneres Darmstadt entstanden sein wird.
Harte Jahre für Industrie und Handel
Aus der Wirtschaftsdepression über die Währungsreform zu neuem Start
Von Dr. Adam HüfnerWill man die Wiederaufbauleistungen in der Wirtschaf t richtig bewerten, ist es notwendig, sich die Startbedingungen der Jahre 1945/46 in ihrer ganzen •Ausweglosigkeit noch einmal vor Augen zu führen. In dem ersten Lagebericht der Industrie- und Handelskammer Darmstadt um die Jahreswende 1945/46 wurde fes geteilt, daß nach Kriegsende rund 30 /o aller Betriebe des Bezirkes, der mit der früheren Provinz Starkenburg (ohne Offenbach) zusammenfällt, mehr oder minder erhebliche Beschädigungen und Zerstörungen aufwiesen. Relativ am stärksten beeinträchtigt waren die chemische Industrie, die Maschinenindustrie, Eisen-, Stahl- und Blechwarenindustrie, Fahrzeugindustrie und die Druckereibetriebe. Die Beschäftigungskapazität hatte durch die eingetretenen Zerstörungen der Produktionsanlagen eine empfindliche Beschränkung erfahren.
Der Tiefstand
Eine allgemeine Wirtschaftsdepression hatte sich ausgebreitet, verursacht hauptsächlich durch den Mangel an Kohle und Energie sowie die ungenügenden oder völlig ausbleibenden Zufuhren von Material und Rohstoffen. Von 670 erfaßten Betrieben des Bezirkes hatten erst 406 die Produktion wieder aufgenommen, während die übrigen noch stillagen. Der Umfang der Arbeitslosigkeit war unverhältnismäßig groß. Er war im Verhältnis größer als im Krisenjahr 1932/33. Insgesamt wurde die Arbeitslosenzahl des Bezirkes auf rund 50 000 Menschen geschätzt, wobei es sich zum großen Teil um unsichtbare Arbeitslosigkeit handelte, da die betreffenden Personen infolge der aus der Kriegszeit noch vorhandenen Ersparnisse sehr oft nicht als Arbeitssuchende auf dem Arbeitsmarkt erschienen. Das größte Uebel aber, das die Ingangsetzung einer rationellen wirtschaftlichen Mechanik verhinderte, war die Geldfülle, die als schwere Hypothek des Krieges auf dem Wirtschaftsleben lastete.
Die Umsatzleistung war auf ein Minimum abgesunken. Ihrer absoluten Höhe nach betrugen die Umsätze der Industrie nur etwa 23% der vergleichbaren Vorkriegsumsätze. Untersuchungen aus den Großhandels- und Einzelhandelsbetrieben hatten ergeben, daß hier die Umsätze nur rund % der vergleichbaren Vorkriegsumsätze ausmachten. In einzelnen Branchen waren die Zahlen noch niedriger. Die Handelstätigkeit war vor allem behindert durch die Abschließung der einzelnen Zonen und Länder, die zu einer völlig unsinnigen Autarkisierung kleinster Gebiete geführt hatte. Das war in rohen Umrissen die Ausgangssituation für die Wirtschaft und niemand konnte viel Hoffnung haben, daß ein Aufstieg aus dieser nach allen Seiten gehemmten Lage in absehbarer Zeit möglich sei.
Flüchtlingsgliederung
Unter der Vielzahl der temporären und strukturellen Probleme, vor die sich die Wirtschaft gestellt sah, und die sie mit den ihr verbleibenden beschränkten Möglichkeiten und geringen Mitteln meistern sollte, stand die Aufnahme und Eingliederung der Flüchtlinge aus den Ostgebieten mit an erster Stelle. In den Jahren 1945, 1946 und später wurden einzeln oder in geschlossenen Transporten immer mehr Menschen in unsere Wirtschaft eingeschleust, die nicht nur untergebracht und ernährt werden sollten, sondern deren Eingliederung in den Wirtschaftsprozeß eine vordringliche Aufgabe war. Die Zahl der im Kammerbezirk aufgenommenen Flüchtlinge beträgt rund 85 000 Personen, von denen der größte Teil in die Landkreise einfloß. Die meisten dieser Menschen haben inzwischen in der Industrie Aufnahme gefunden, viele haben sich selbständig gemacht und Gewerbebetriebe oder Handelsbetriebe eröffnet. Als geschlossene Gruppe verdient in unserem Gebiet die in Nauheim und Umgebung angesiedelte Graslitz-Schönbacher Musikinstrumenten-Industrie wegen ihrer starken Exportorientierung und der in hohem Grade vorhandenen Konkurrenzfähigkeit ihrer Artikel auf dem Weltmarkt eine besondere Beachtung. Große Schwierigkeiten bereitete auch hier anfangs die Unterbringung. Die Firmen waren häufig gezwungen, in dezentralisierten Produktionsstätten zu arbeiten, was eine kontinuierliche Fertigung außerordentlich erschwerte. Die eigentliche Belastungsprobe aber kam erst nach der Währungsreform, als sich die ungenügende Ausstattung mit Kapital gerade bei diesen neuen Industrien in ihrer vollen Härte auswirkte.
Ein gefährlicher Zirkel
Aber noch war es nicht so weit mit der Währungsreform. Sie wurde von der Wirtschaft mit Ungeduld erwartet, aber von den verantwortlichen Stellen bzw. der Militärregierung immer wieder hinausgezögert. Dadurch war es völlig unmöglich, eine wirtschaftliche Ordnung herzustellen, die eine Startmöglichkeit für einen neuen Aufschwung bot. Die Ernährungsverhältnisse hatten sich inzwischen zu einer Katastrophe entwickelt. Die Zuteilungen an Normalverbraucher betrugen in einzelnen Perioden nur wenig mehr als 1000 Kalorien, was dazu führte, daß die Arbeitsleistung immer mehr absank und die Moral im Wirtschaftsleben stärksten Schaden erlitt. Wirtschaftliche Not und Verelendung zerstörten die soziale Disziplin und verursachten einen Zustand, der immer schärfere wirtschaft-
liehe Kontrollen notwendig machte, diese verursachten immer wieder neue Unkosten und unproduktive Belastungen, die den wirtschaftlichen Notstand vergrößerten, wodurch wiederum auch die Demoralisierung der Wirtschaft sich vergrößerte und so ad infinitum. Es war einer der vielen Zirkel, die für den Zustand des damaligen wirtschaftlichen Lebens kennzeichnend waren, und der an einer Stelle durchbrochen werden mußte, um wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen.
Der neuralgische Punkt
Der neuralgische Punkt aber der damaligen wirtschaftlichen Unordnung war das viele, aber wertlose Geld und die durch die „gestaute Inflation“ entstandene Zwangswirtschaft. Jedermann wird noch genügend Erinnerungen an jene Zeit haben, die wach gehalten werden sollten, um einen Rückfall in ähnliche Verhältnisse zu verhindern. Die Behörden und staatlichen Stellen hatten in immer größerem Umfange Verteilungs- und Reglementierungsaufgaben übernommen, was zu einer allgemeinen Beengung und Ausschaltung der wirtschaftlichen Initiative des einzelnen führte und die Erlahmung des wirtschaftlichen Lebens schließlich vollendete. Es war jene Zeit, in der die Unwirtschaftlichkeit wie ein Fluch über dem Wirtschaftsleben lag, in der die primitivsten Grundsätze der Arbeitsteilung über Bord geworfen wurden und das Leistungsbild der Betriebe völlig verwischt wurde. Die Produktionsleistung je Arbeiter war im Vergleich zu 1936 auf die Hälfte abgesunken. Die Gegenüberstellung von Stromverbrauch und Umsatz ließ erkennen, daß zur Erzielung der Umsatzwerte im Verhältnis mehr Strom gebraucht wurde als früher. Aehnlich war das Bild bei einer ganzen Reihe weiterer Faktoren. Welche Verschwendung von Arbeitskraft und Arbeitszeit ging damals im Lande vor sich, als der Professor sein eigener Milchmann war, und der Unternehmer sich mit Angelegenheiten beschäftigen mußte, die in einer geordneten Wirtschaft bestenfalls einem Bürohilfsarbeiter zukamen! Wieviel Arbeitszeit, Fahrt- und Transportkosten wurden z. B. bei den sogenannten Hamsterfahrten aufgewandt, um die Dinge heranzuschaffen, die in einer nach den Grundsätzen der Wirtschaftlichkeit arbeitenden Wirtschaft der Einzelhändler am Orte des Verbrauchers bereit hält. Durch die Auflösung der Geldordnung war unser Land in einen wirtschaftlichen Primitivismus zurückgefallen, der auf der ganzen Linie als der Sieg der wirtschaftlichen Unvernunft bezeichnet werden mußte.
Die große Wende
Dann kam mit der Währungsreform die große Wende. Sie war gründlich und einschneidend und brachte für weite Kreise neue Sorgen, aber für die Gesamtwirtschaft doch den entscheidenden Fortschritt, daß die wirtschaftliche Mechanik, wie sie der modernen Verkehrswirtschaft eigen ist, wieder in Gang gesetzt wurde. Damit wurden gleichzeitig die Auftriebskräfte freigesetzt, die den Weg zu einer Normalisierung des Wirtschaftslebens ebneten und schließlich Erfolge zeitigten, wie sie bei dem Start der Jahre 1945/46 wohl von niemandem für möglich gehalten wurden. Die Produktionsentwicklung verzeichnete eine ungewöhnliche Steigerung, und am Ende des Jahres 1948 waren 70°/o des Produktionsstandes, Ende 1949 92°/o und im September 1950 sogar 121’/o von 1936 wieder erreicht. Auch die Beschäftigungsentwicklung verlief zunächst in einem auf steigenden Trend; desgleichen vergrößerten sich Verkehrsvolumen und Energieverbrauch.
Beschäftigte und Umsätze
Die Entwicklung in unserem Bezirk nahm einen der allgemeinen Entwicklung parallelen Verlauf. Auch hier haben wir im ganzen einen aufsteigenden Trend, der in den ersten Monaten nach der Währungsreform stärker war als in den dann folgenden Wintermonaten und in der sich später ausbreitenden Stagnation. Als negatives Charakteristikum der Entwicklung nach der Währungsreform galt allgemein das Anwachsen der Arbeitslosigkeit, das überwiegend darauf zurückzuführen war, daß die vorher unsichtbare Arbeitslosigkeit jetzt sichtbar wurde, und die Zahl der Beschäftigungslosen durch den Zustrom aus dem Osten und die arbeitsuchenden Heimkehrer sich laufend vergrößerte. Während unmittelbar vor der Währungsreform nur rund 3000 Arbeitslose in unserem Bezirk gezählt wurden, waren es Ende Juni 1949 11 500 und im Februar 1950 sogar rund 22 000. Seitdem hat sich die Zahl laufend verringert, sie betrug im September 1950 im Starkenburger Bezirk nur noch 10 700. Der wirtschaftliche Aufschwung in unserem Bezirk fällt vor allem bei der Betrachtung der Umsatzentwicklung nach der Währungsreform ins Auge. Die Industriebetriebe unseres Bezirkes mit mehr als 10 Beschäftigten erzielten im Monatsdurchschnitt vor der Währungsreform einen Umsatz von rund 33 Millionen R-Mark, im zweiten Halbjahr 1948 einen durchschnittlichen monatlichen Umsatz von rund 54 Millionen D-Mark. In der folgenden Entwicklung haben sich die Ziffern weiter gesteigert, so daß Ende 1949 ein Betrag von 83 Millionen D-Mark und im August 1950 sogar 96 Millionen D-Mark erzielt werden konnte. Die Zahl der Beschäftigten erhöhte sich von rund 47 000 im Durchschnitt der Monate Januar/Mai 1948 auf rund 59 000 Ende 1949 und 68 000 im August 1950. Entsprechend haben sich die geleisteten Arbeitsstunden, der Stromverbrauqli und alle anderen wirtschaftlichen Daten erhöht.
Exportsteigerung
Diese Linie der Aufwärtsentwicklung nach der Währungsreform war nur vorübergehend unterbrochen durch die wirtschaftliche Stagnation des letzten Winters, um aber im Zusammenhang und unter dem Einfluß der politischen Ereignisse der letzten Monate einen neuen Kulminationspunkt zu erreichen. Nach den letzten Feststellungen lag die Arbeitslosigkeit im September 1950 um s°/o unter dem Stand des gleichen Monats des Vorjahres. Die Zahl der in unserem Kammerbezirk beschäftigten Arbeiter, Angestellten und Beamten hat sich nicht nur im Ausmaß des in den letzten Monaten feststellbaren Rückganges der Arbeitslosenzahl erhöht, sondern ist darüber hinaus weiter erheblich angestiegen. Sie erreichte im September d. J. ihren bisherigen Höchststand seit 1944 und lag um rund 11 000, d. h. 6% höher als im September des Vorjahres. Vor allem aber hat das Auslandsgeschäft, das nach der Währungsreform neu aufgebaut wurde, in den letzten Monaten einen ungewöhnlichen Auftrieb erhalten. Es konnten im 3. Vierteljahr 1950 von den Industriebetrieben unseres Bezirkes insgesamt 45,2 Millionen D-Mark durch Exporte umge^ setzt werden, was mehr ist als die gesamte Exportleistung des Jahres 1949, die nur 43 Millionen D-Mark betrug. Der Anteil unseres Kammerbezirks am gesamthessischen Export hat sich von rund 25% auf 30% erhöht.
Blickt man von diesem nunmehr erreichten Stand des wirtschaftlichen Aufbaues zurück auf die Ausgangssituation, wie sie zu Beginn geschildert wurde, so kann die Leistung, die sich hinter den mitgeteilten Zahlen verbirgt, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sicherlich zeigt das Bild des Wirtschaftslebens unseres Bezirkes noch viele Schattenseiten, und neue Wolken zeigen sich am Horizont, aber die Leistung der vergangenen Jahre hat doch das Selbstvertrauen bei allen in der Wirtschaft Tätigen wesentlich gestärkt und bietet Grund genug, um mit Optimismus auch in die weitere Zukunft zu blicken.
Die Gas- und Wasserversorgung in Starkenburg Von Oberbaurat Max Nuss, Direktor der Südhessischen Gas und Wasser AG.
Gasversorgung
Geschichtlicher und geographischer Ueberblick
Nicht alle Gemeinden in der Provinz Starkenburg sind mit Gas versorgt. In der Hauptsache haben bis jetzt lediglich die größeren Städte Gasversorgung für ihre Einwohner eingerichtet. Fast durchweg werden die Gasversorgungen von den Gemeinden selbst oder von kommunalen Zweckverbänden durchgeführt. Die Stadt Offenbach hat ihre eigenen Gaserzeugungsanlagen stillgelegt. Sie besitzt lediglich noch ihr Ortsnetz. Sie ist mit 12 Prozent an den Maingaswerken Frankfurt beteiligt. Die Gemeinden Neu-Isenburg und Mühlheim-Dietesheim im Kreis Offenbach sind über Fernversorgungsleitungen an Offenbach angeschlossen; ferner der Gasversorgungsverband Obertshausen mit den Gemeinden Lämmerspiel, Hausen-Obertshausen, Weiskirchen-Hainhausen, Heusenstamm und Dietzenbach. Im Kreis Offenbach besteht noch der Gasversorgungsverband Hainstadt, der außer Hainstadt die Gemeinden Klein-Auheim, Krotzenburg und Froschhausen aus einem eigenen Gaswerk versorgt. Eigene Gaserzeugungsanlagen besitzen in der Provinz Starkenburg außer Darmstadt noch Sprendlingen, Langen, das Gruppen-Gas- und Elektrizitätswerk Bergstraße AG. in Bensheim und Lampertheim, Neben Offenbach war das Gruppengaswerk Bensheim eines der frühesten Unternehmungen für die Versorgung eines größeren Gebiets. Es versorgt die gesamten Bergstraßen-Gemeinden von Heppenheim bis Seeheim, außerdem noch Reichenbach im Odenwald.
Mit der Verbesserung der technischen Möglichkeiten, Gas über weite Strecken fortzuleiten, ist eine Neuentwicklung in der Gasversorgung eingetreten. Die städtischen Werke Darmstadt haben im Zuge dieser Entwicklung in den letzten 25 Jahren besondere Leistungen vollbracht. Es wurden von ihnen gebaut: eine Gasleitung über Dieburg, Babenhausen nach Seligenstadt mit Anschluß an den Gasversorgungsverband Ober-Roden, dessen Gaswerk stillgelegt wurde. Außerdem wurde das Gaswerk Seligenstadt an Darmstadt angeschlossen und damit fernversorgt. Im Jahre 1938 wurde eine Gasleitung von Darmstadt nach Griesheim verlegt. Die Griesheimer Ortsgasverteilung liegt in den Händen der Aktiengesellschaft für Energiewirtschaft in Mannheim. Ferner wurden Leitungen nach Groß-Gerau und Pfungstadt verlegt, die damit ebenfalls gasversorgt wurden. Die Ortsverteilung in Eberstadt ist eine Zeitlang von der Neuen Gaswerk-Eberstadt-AG. betrieben worden, deren Aktien die Stadtwerke Darmstadt von der Frankfurter Gas. gesellschaft gekauft hatten. Das Gas wird aus dem Darmstädter Gaswerk geliefert, welches auch die Gemeinde Lorsch mit Gas versorgt und das Gruppengas- und Elektrizitätswerk AG. Bergstraße in Bensheim zusätzlich beliefert. Im Jahre 1949/50 wurde als südlichste Gemeinde dann noch Lampertheim angeschlossen. Die Stadt Viernheim am südlichsten Punkt von Starkenburg erhält Gas aus einer von Mannheim nach Weinheim führenden Gasleitung.
Während des Krieges hat die Stadt Hanau ihr Gaswerk an das Fernleitungsnetz der Stadtwerke Darmstadt in Seligenstadt angeschlossen, um zusätzliche Gasmengen für das zu klein gewordene Gaswerk zu beziehen. Nachdem das Gaswerk Hanau völlig zerstört worden war, wurde Hanau einschließlich der Kreise Hanau und Gelnhausen längere Zeit ausschließlich aus dem Gaswerk Darmstadt versorgt. Seit etwa Jahresfrist sind die Maingaswerke Frankfurt hälftig an dieser Versorgung beteilig^.
In gleicher Weise bezieht die Gemeinde Sprendlingen seit einiger Zeit zusätzliche Gasmengen über Offenbach von Frankfurt. Von Mainz aus sind ebenfalls Gasversorgungen in der Provinz Starkenburg eingerichtet worden. In erster Linie gehört hierzu Rüsselsheim mit der Firma Opel. Im Jahre 1936 hat die Firma Opel einen Vertrag mit der Ruhrgas-Gesellschaft abgeschlossen. Es wurde eine Leitung aus dem Ruhrgebiet über Frankfurt-Höchst zur Firma Opel verlegt, aus der in der Hauptsache Großgasmengen für industrielle Zwecke geliefert wurden. Wenige Jahre darauf wurde vom Saargebiet eine Ferngasleitung bis nach Ludwigshafen und Worms gebaut.
Auf Kosten des Reichs wurde während des Krieges eine Verbindungsleitung zwischen Rüsselsheim und Ludwigshafen begonnen, die bis auf 4 km vor Mannheim fertiggestellt werden konnte. Ein Abzweig führt in das Gaswerk Darmstadt. Durch diese Leitung hat Darmstadt nach Kriegsende zunächst eine Zeitlang Gas an die Firma Opel geliefert, bis die Ruhr wieder in der Lage war, selbst die Gaslieferung zu übernehmen und umgekehrt Zusatzgas für Darmstadt abzugeben, das nicht genügend Kohle für die Durchführung seiner Gasversorgungsaufgaben erhalten konnte.
Wirtschaftliche und technische Entwicklung
Die Kombination Eigenerzeugung und direkter Zechengasbezug hat es ermöglicht, die Bevölkerung laufend, auch in Zeiten der Brennstoffnot, zu beliefern und so eine starke Entlastung in all den angeschlossenen Gebieten für die Bevölkerung zu schaffen. Der Verbundsbetrieb hat nicht nur volkswirtschaftliche Bedeutung, sondern bringt die technische Abstützung, Sicherheit und jederzeitige Lieferfähigkeit durch Reserven im Speicherraum, Kompressorenleistungen und Fernleitungen. Es ist selbstverständlich, daß die Bevölkerung in den noch nicht gasversorgten Städten und Gemeinden die Vorzüge einer Energievollversorgung, wie sie in den Großstädten gegegeben ist, ebenfalls genießen will. Hinzu kommen Gewerbe- und Industriebetriebe, die Gas für Großfeuerstätten benötigen. Die schwankende Marktlage in der Brennstoffversorgung läßt das Bedürfnis nach größerer Sicherheit entstehen, weswegen erwartet werden darf, daß die Anschlußfreudigkeit dieser Gemeinden an Gas einen wesentlichen Auftrieb erfährt.
Die gezeigte Entwicklung hat den Stadtwerken Darmstadt weit über den Rahmen hinaus, der für eine Ortsversorgung üblich ist, eine regionale Aufgabe erwachsen lassen. Bei der Größe der Regionalunternehmen schien es gerechtfertigt, den angeschlossenen Gemeinden im Rahmen möglicher Selbstverwaltung Einflußnahmen und auch Beteiligungen einzuräumen. Es ist ein Zeichen besonderer Einsicht und Großzügigkeit der Darmstädter Stadtverwaltung wie auch der Stadtverordneten, daß sie zu einer Umgründung der Stadtwerke ihre Zustimmung gaben, aus der nunmehr die Südhessische Gas- und Wasser-Aktiengesellschaft entstanden ist. Die Umwandlung wurde außerdem technisch und wirtschaftlich durch einen Vertrag mit der Rheinischeij Energie-Aktiengesellschaft Köln (Rhe_ nag) gestärkt. Unter Wahrung der vollen kommunalen Selbständigkeit vertritt diese Gesellschaft eine geschützte Minderheit. Die geschaffene Kombination dürfte ein Schulbeispiel für die künftige Entwicklung einer Intensivierung der Gas- und Wasserversorgung sein. Die Vorzüge des Verbundbetriebes haben sich die Gaswerke Langen, Bensheim und Lampertheim zunutze gemacht, ihren zusätzlichen Gasbedarf von der „Südhessischen“ zu beziehen und sind mit entsprechenden Fernleitungen angeschlossen worden. Die technische Abstützung erfährt die regionale Versorgung durch eine grundlegende Erneuerung des Gaswerks Darmstadt. Die notwendige Behälterreserve ist bereits gegeben. Eine Kokerei-Ofenanlage ist nun im Bau. Sie wird noch in diesem Jahr angeheizt werden. Die Ortsgaserschließung hat nach erfolgter Umgründung weiteren Gemeinden die Vorzüge der Energievollversorgung auf kommunaler Mehrheitsbasis vor Augen geführt.
Ferngasübernahmestatiön im Lor schär'Wal ä Inneneinrichtung mit Regler und Meß-Anlage
Wasserversorgung
Wie der Name zeigt, interessiert sich die Gesellschaft auch für Fragen der Wasserversorgung. Die Stadtwerke Darmstadt hatten bereits 13 Gemeinden angeschilossen. Das Wasserverteilungsnetz reicht von Erzhausen bis nach Gernsheim. Der Anschluß der Riedgemeinden erfolgte aus Anlaß einer dort ausgebrochenen infektiösen Pferdeanämie. Die Stadtwerke haben große Sorgfalt darauf gelegt, durch entsprechende Brunnenbauten die Wasserversorgung in ausreichendem Maße sicherzustellen, was im Gegensatz zu fast allen anderen Großstädten bei den letztjährigen großen Trockenheiten vollständig gelungen war. Obwohl nicht so ausgedehnt wie das Gasversorgungsnetz, so ist doch die Wasserversorgung eine wichtige Versorgungsaufgabe. Es ist zu begrüßen, daß diese Aufgaben nunmehr im Rahmen der „Südhessischen“ erfüllt werden können, ohne daß die Städte mit Kapitalaufwendungen belastet werden, die sie für den Wohnungsbau dringender benötigen.
Hessische Elektrizitäts -A. -G., Darmstadt
Die Hessische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft
Die Hessische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (Heag) entstand am 1. April 1912 durch den Zusammenschluß der Straßenbahn der Stadt Darmstadt und der Darmstädter Vorortbahnen der Süddeutschen Eisenbahngesellschaft. Das Unternehmen erwarb bei seiner Gründung durch Kauf das Elektrizitätswerk der Stadt Darmstadt.
Der Verkehrsbetrieb
Der Verkehrsbetrieb des Unternehmens blieb lange Jahre auf die Stadt Darmstadt und ihre drei Nachbarorte Arheilgen, Eberstadt und Griesheim beschränkt. Im Jahre 1936 wurde die Straßenbahn bis zu dem lieblichen, am Fuße des vorderen Odenwaldes gelegenen Luftkurort Jugenheim weitergeführt, der von der Mitte Darmstadts etwa 15 Kilometer entfernt liegt.
Noch im Krieg sind die beiden im Südosten von Darmstadt liegenden Ortschaften Nieder-Ramstadt und Ober-Ramstadt durch eine Obus-Linie mit dem Straßenbahnnetz der Heag verbunden worden. Nach dem Krieg ist die durch besonderen Gewerbefleiß ausgezeichnete Stadt Pfungstadt durch eine Obus-Linie von etwa 5 Kilometer Länge an die nach Jugenheim verkehrende Straßenbahnlinie in Eberstadt angeschlossen worden. Ebenfalls nach dem Krieg sind mehrere Kraftomnibus-Linien eir^erichtet worden, und zwar eine von Ober-Ramstadt nach Brandau und Gadernheim führende Linie, eine, die von Brandau durch
das reizvolle Fischbachtal nach Groß-Bieberau führt, und eine Jugenheim mit der am Rhein liegenden Stadt Gernsheim verbindende Linie. In Darmstadt selbst ist in den letzten Jahren eine das Böllenfalltor mit der im Westen der Stadt liegenden Heimstättensiedlung verbindende Kraftomnibus-Linie erstellt worden.
Das jetzige Verkehrsnetz der Heag, das 59,48 km Straßenbahnstrecke, 13,96 km Obus-Strecke und 55,45 km Omnibus-Strecke umfaßt, erschließt ein Verkehrsgebiet mit 153 000 Einwohnern. Von der Bevölkerung des Verkehrsgebiets der Heag entfallen ungefähr 95 000 Menschen auf die Stadt Darmstadt selbst und 58 000 auf in Darmstadts Umgebung liegende Ortschaften.
Neben dem Linienverkehr befaßt sich die Heag auch mit Gelegenheitsverkehr, einer Einrichtung, von der die Bevölkerung gerne Gebrauch macht, weil sie die Zuverlässigkeit des Betriebes der Heag besonders schätzt. Die Heag verfügt heute schon wieder über 15 Omnibusse und drei Anhänger. Wenn diese Wagenzahl gegenüber dem Bestand von 121 Straßenbahnwagen auch gering erscheinen mag, ist die Heag doch mit ihm recht zufrieden, weil sie bei Kriegsende auf dem Gebiet des Omnibusverkehrs ganz von vorn anfangen mußte. Ihr früherer Bestand von 25 Omnibussen ist dem Krieg zum Opfer gefallen.
Der Versorgungsbetrieb
Eine wesentlich ungestümere Entwicklung als der Verkehrsbetrieb nahm der Versorgungsbetrieb der Heag. Er war ursprünglich in Form des bescheidenen Elektrizitätswerks der Stadt Darmstadt nur als Keimzelle vorhanden, hat sich aber dank der Bewegungsfreiheit, die das Unternehmen als Aktiengesellschaft besitzt, außerordentlich gut entwickelt und umfaßt heute ein Gebiet von 2000 qkm Größe, das sich von der Gemeinde Walldorf, die unmittelbar am - Main-Flughafen liegt, bis zum Neckar erstreckt. In diesem Gebiet, das 291 Gemeinden umfaßt, wohnen zur Zeit ungefähr 460 000 Menschen.
Es ist hier aut den Umstand hingewiesen worden, daß die Heag Aktiengesellschaft ist. Dies bedeutet nicht, daß sie, wie das leider so oft angenommen wird, ein privat-kapitalistisches Unternehmen ist, dessen Erträge unbekannten und untätigen Aktionären zufließen. Die Aktien der Heag befinden sich vielmehr nahezu vollständig in der Hand der Öffentlichkeit. Die Stadt Darmstadt allein besitzt 60 v. H. der Aktien.
Zum Unterschied von noch vielen anderen Versorgungsunternehmen versieht die Heag den Großteil der Gemeinden ihres Gebietes bis zur letzten Lampe mit elektrischem Strom. Nur noch etwa ein Dutzend Gemeinden wird unmittelbar mit Strom beliefert, das heißt, sie lassen den von der Heag bezogenen Strom durch ein selbständiges Versorgungsunternehmen an die Abnehmer verteilen.
Die große Zahl der unmittelbar bis zur letzten Lampe versorgten Gemeinden im Heag-Bereich ist mit der von ihr gewählten Lösung durchaus zufrieden. Sie ziehen zwar aus der Belieferung mit Strom in Form der Gewerbesteuer nur ein bescheidenes Einkommen, brauchen sich aber um die Versorgung nicht selbst zu kümmern und wissen es sicher zu schätzen, daß die Heag die Bevölkerung zu niedrigen Preisen beliefert und sich alle Mühe gibt, jeden Versorgungswunsch zu erfüllen.
Stromabsatz
Daß die Heag den Strombedarf der Bevölkerung ihres Versorgungsgebietes in wirklich ausreichendem Umfang befriedigt, ergibt sich aus der Entwicklung des Stromabsatzes eindeutig. Im Gründungsjahr 1912 betrug der Strombedarf der Heag weniger als 5 Millionen kWh, im Jahre 1936 belief er sich auf 62 Millionen kWh, im Jahre 1949 betrug er bei seit 1936 unverändert gebliebener Größe des Versorgungsgebietes 162 Millionen kWh. Auf den Kopf der Bevölkerung bezogen, entspricht das etwa 360 kWh im Jahr. Diese Zahl liegt zwar unter dem Verbrauch an Strom der Bevölkerung im Bundesgebiet, es darf aber nicht vergessen werden, daß das Versorgungsgebiet der Heag an Industrie verhältnismäßig arm ist. Die Odenwalddörfer beherbergen vorzugsweise Landbevölkerung und Menschen, die ihr Brot im Gewerbe verdienen. Der Waldreichtum des Odenwaldes begünstigt zudem das Kochen in Herden, die mit Holz gefeuert werden. Daß die Heag seit der Währungsreform dennoch etwa 6000 Elektroherde absetzte, ist ein Beweis dafür, daß die Bevölkerung ihres Versorgungsgebietes die Annehmlichkeiten des elektrischen Kochens in zunehmendem Maße schätzen gelernt hat.
Neben dem Elektroherd bürgert sich im Versorgungsbereich der Heag auch der elektrisch betriebene Heißwasserspeicher immer mehr ein. Für ihn hat die Heag mit der Übernahme des Stromes aus zwei Neckarkraftwerken in den dreißiger Jahren besondere Werbearbeit geleistet, weil sie damals auf den Absatz des am Neckar anfallenden Nachtstroms besonderen Wert gelegt hat. Heute reicht die vom Neckar her bezogene Wasserkraft für die Befriedigung des Nachtstrombedarfs bei weitem nicht mehr aus.-
Die Intensivierung von Verkehr und Versorgung und der Zwang, Investitionen nachzuholen, die während des Krieges notwendigerweise unterbleiben mußten, drücken sich auch in der Zahl der Belegschaftmitglieder der Heag aus, die inzwischen auf über 1400 angewachsen ist.
Die sozialen Leistungen der Heag
Die Heag hat sich ihren Kunden immer verpflichtet gefühlt. Daher war sie immer bemüht, die Bevölkerung das Monopol, das sie auf den Gebieten von Verkehr und Versorgung hat, nicht fühlen zu lassen. Sie war vielmehr stets bestrebt, echte Verkehrs- und Versorgungsbedürfnisse aufzuspüren und in einer für die Bevölkerung vorteilhaften Weise zu befriedigen. Das bedeutet natürlich nicht, daß sie alle an sie herangetragenen Wünsche erfüllen kann. Dazu gehört Kapital. Sie kann aber jeweils in ihrem Betrieb nur das Kapital anlegen, das ihr die Bevölkerung für ihre Leistungen gewährt. Bescheidene Verkehrstarife, niedrige Versorgungstarife und Gerätepreise beschränken jedoch den Ertrag und damit die Möglichkeiten, allen Verbesserungswünschen gerecht zu werden. Es kommt der Heag nicht darauf an, den Ertrag um jeden Preis zu steigern, vielmehr ist es ihr Ziel, für einen bestimmten Ertrag eine möglichst große Leistung zu bieten. Das gilt für Verkehr, Versorgung und Gerätegeschäft. Als Beispiel dafür sei erwähnt, daß die Heag nach der Währungsreform auf ihren Verkehrslinien einen 10-Pfennig-Kurzstreckeutarif eingeführt hat und daß sie ihre Verkehrstarife im Gegensatz zu vielen anderen Straßenbahnunternehmen bisher nicht erhöhte, obwohl die Löhne inzwischen gestiegen sind und auch Materialien nicht mehr zu Vorkriegspreisen eingekauft werden können.
Für die große Gruppe der Haushaltabnehmer hat die Heag den Strompreis bisher nicht erhöht, obwohl sie für den Strombezug heute wesentlich mehr ausgeben muß als vor der Währungsreform. Sie hat geglaubt, die Strompreisverteuerung im wesentlichen der leistungsfähigen Industrie aufbürden zu können und hat sich darin nicht geirrt.
Elektrogeräte verkauft die Heag zu besonders niedrigen Preisen und gewährt außerdem Teilzahlung, da sie auch dem leistungsschwachen Abnehmer die Möglichkeit geben will, sich die großen Vorzüge des elektrischen Stromes voll zunutze zu machen. Daß sie dabei den Handel zuweilen kränken muß, läßt sich im Interesse ihrer Kunden nicht vermeiden.
Stiftungen zugunsten der Öffentlichkeit
Im übrigen nimmt die Heag häufig Gelegenheit, die Öffentlichkeit in einer Form zu unterstützen, die, streng genommen, mit ihren Geschäftszwecken nichts zu tun hat. So hat sie im vergangenen Jahr beim Wiederaufbau des Darmstädter Hallenschwimmbades die Führung übernommen, weil die Stadt Darmstadt aus eigener Kraft nicht in der Lage war, diese in
einer Stark zerstörten Stadt besonders wichtige Einrichtung wieder aufzubauen. Die Heag hat die Bauleitung übernommen und einen größeren Betrag zum Aufbau bereitgestellt. Die Südhessische Gas- und Wasser-AG Darmstadt hat sich mit einem gleich großen Betrag angeschlossen. Durch Spenden ist eine weitere namhafte Summe beigesteuert worden. Sportvereine und Belegschaftsmitglieder der Heag haben sich zur freiwilligen Mitarbeit gemeldet. Da auch die Stadt einen Betrag — und zwar den größten — zur Verfügung gestellt hat, sind die Arbeiten so weit fortgeschritten, daß schon zu Weihnachten Bäder aller Art genommen werden konnten.
Seit der Wiedereröffnung am 20. Dezember 1949 erfreut sich das Hallenbad einer ständig steigenden Beliebtheit. Es hat sich immer mehr gezeigt, daß diese der Gemeinschaft dienende Einrichtung nicht mehr länger entbehrt werden konnte. Hat es schon freudig überrascht, daß die Zahl der Besucher des Bades bereits vor der Eröffnung der Schwimmhalle um etwa 50 v. H. über den entsprechenden Vorkriegszahlen lag, so war es für alle, die an der Wiederherstellung mitgearbeitet haben, eine besondere Genugtuung daß die Schwimmhalle schon in der Woche nach der am 1. Oktober d. J. erfolgten Eröffnung von über 5000 Gästen aufgesucht wurde und wiederholt nahe daran war, wegen Überfüllung gesperrt werden zu müssen.
Zur Unterstützung der notleidenden Künstler hat die Heag mehrere Kunstwerke anfertigen lassen und sie zum Teil der Öffentlichkeit wieder übergeben. Zu Weihnachten 1949 erfreute sie die in den Heimen der Stadt untergebrachten Kinder durch Buchspenden und besondere Gaben.
Als zu Anfang dieses Jahres durch eine Gasexplosion das Hessische Landestheater, das seinen Spielbetrieb im Orangeriehaus aufgenommen hatte, zerstört wurde, hat sich auch hier die Heag tatkräftig für den Wiederaufbau dieser der Gemeinschaft dienenden Kunststätte nachdrücklichst eingesetzt.
Eine großzügige Spende, und der unermüdliche Arbeitseifer, der von Seiten der Heag für den Wiederaufbau eingesetzten Betriebsangehörigen, trugen wesentlich dazu bei, daß schon nach kurzer Zeit das Theater seinen Spielbetrieb wieder aufnehmen konnte.
Sorge für das Wohl der Belegschaft
Daß die Heag auch bestrebt ist, ein sozialer Arbeitgeber zu sein, ist selbstverständlich. Sie war nach dem Krieg bemüht, möglichst viele Flüchtlinge einzustellen, weil sie sich verpflichtet fühlt, das ihrige zur Lösung des schwersten Problems beizutragen, das die Bundesrepublik zu lösen hat, nämlich die Aufgabe zu erfüllen, Millionen wieder Wurzel fassen zu lassen, die gegen ihren Willen ihre Heimat aufgeben mußten. Für die Belegschaft unterhält die Heag seit Jahren eine Pensions-Zuschußkasse, die den Menschen, die ihr viele Jahre lang gedient haben, über Invaliden- und Angestelltenversicherung hinaus eine zusätzliche Altersrente sichert.
Als eine besonders wichtige Aufgabe hat die Heag es nach dem Krieg angesehen, für ihre Belegschaftsmitglieder Wohnungen zu errichten. Sie hat seit Kriegsende 100 Wohnungen gebaut und verfügt damit heute über 134 betriebseigene Wohnungen, die 443 Menschen
beherbergen. Sie ist außerdem an einer Wohnungsbaugenossenschaft zur Hälfte beteiligt, die über 73 Wohnungen verfügt und zur Zeit dabei ist, weitere 72 Wohnungen zu bauen.
Seit Jahren zahlt die Heag an ihre Belegschaftsmitglieder einen beträchtlichen Urlaubszuschuß und Weihnachtsgeld, deren Beträge über die tariflich festgelegten weit hinausgehen. Die Heag unterhält eine Werksküche, in der täglich gegen 500 Belegschaftsmitglieder zu einem sehr bescheidenen Preis beköstigt werden.
Es liegt im Charakter eines Versorgungs- und Verkehrsbetriebs und ist zum Teil sicher auch in der seit Bestehen des Unternehmens eingenommenen sozialen Haltung begründet, daß die Belegschaftsmitglieder das Unternehmen nur ungern verlassen. So ist es gekommen, daß 170 Belegschaftsmitglieder der Heag schon über 25 Jahre angehören.
Mögen diese Zeilen davon überzeugen, daß die Heag ein Unternehmen ist, das sich bemüht, seine Aufgabe richtig zu sehen und danach zu handeln.
Verwaltungsgebäude und Werk I 1948 (Südwest-Seite)
HE AG-Werkwohnungen am Traubenweg, errichtet 1948/49
Verwaltungsgebäude Luisenstraße 12
Auswechseln einer Weiche und einer Kreuzung Ecke Rhein- und Neckarstraße August 1950
Werkstätte Böllenfalltor Reparatur eines kriegsbeschädigten Wagens
Stauwerk und Kraftanlage Hirschhorn, Gesamtansicht
Schalthaus Ober-Ramstadt
Generatoren im Kraftwerk Hirschhorn Alle Fotos: Heag-Archiv
Die evangelische Kirdie 1945-1950
Von Oberkirchenrat Dr. Bergér, Wiesbaden
Die Ueberwindung der Nöte des Krieges und des Kirchenkampfes war die vordringliche Aufgabe, vor die sich die Kirchenleitung 1945 gestellt sah. Das kirchliche Leben war schwer bedroht durch den 12 jährigen sich bis zu einem heftigen Kirchenaustrittszwang für Beamte steigernden Kampf des Staates und der Partei gegen die Kirche und das Christentum, durch den Einbruch der deutsch-christlichen Bewegung in die kirchliche Verwaltung und Leitung, durch die Auflösung vieler, namentlich der städtischen, Gemeinden infolge der Kriegsereignisse, durch die Zerstörung zahlreicher Kirchen und kirchlicher Gebäude, durch den Mangel an Geistlichen (bei Kriegsende waren 40 bis 50 Prozent der Pfarrstellen verwaist) und v. a. m. Aber seine Grundlagen waren dennoch nicht zerbrochen.
Personalnot, Raumnot
Mit Energie ging die Kirchenleitung an den Neubau. Die Sammlung der Gemeinden und ihre geistliche Versorgung war die vordringlichste Aufgabe. Nur langsam kehrten die in Kriegsgefangenschaft zurückgehaltenen Pfarrer heim. Dafür kamen zahlreiche Flüchtlinge, die Land und Leute nicht kannten und eingesetzt werden mußten. Die unselige Entnazifizierung machte endlose Schwierigkeiten. Von den 180 Pfarrstellen in Starkenburg wurden in den drei ersten Nachkriegs jähren über 100 neu- oder umbesetzt. Die Gießener evangelischtheologische Fakultät, von der der meiste Nachwuchs unseres Landes kam, wurde mit der ganzen Universität aufgelöst. Die in einer gesperrten Zone liegende neugegründete Mainzer Fakultät konnte zunächst keinen vollwertigen Ersatz bedeuten. Zur Personalnot kam die Raumnot. Zahlreiche Kirchen in Starkenburg, die ganze Rheinlinie entlang, von Kastel und Kostheim über Groß-Gerau und Darmstadt bis nach Gernsheim und Lampertheim, waren zerstört. Ebenso die Kirchen in Rüsselsheim. Offenbach, Königstädten u. v. a. Die Schäden an Pfarrhäusern, Gemeindehäusern, Anst üten der Inneren Mission usw. kamen hinzu. Welche Behinderung des kirchlichen Lebens damit gegeben war, zeigt auch z. B. der Umstand, daß die gesamte Kirchenverwaltung in Darmstadt sich viele Monate mit einem einzigen Gemeindehaussaal behelfen mußte.
Neue Rechtsgrundlagen
Nicht minder schwierig war die Neuordnung der Rechtsgrundlage der Kirche. 1934 waren unter staatlichem Zwang die 3 Kirchengebiete von Hessen, Nassau und Frankfurt zur Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen vereinigt worden. Diese Maßnahme wurde kirchlicherseits als illegitim und als unberechtigter staatlicher Uebergriff empfunden. Darum stellten 1945 zunächst die 3 Kirchengebiete ihre Selbständigkeit wieder her. Nach dem Wegfall des deutsch-christlichen Kirchenregimentes war es der Einsatzfreudigkeit und Entschlußkraft einiger Männer zu danken, daß die Ordnung in der kirchlichen Leitung wiederhergestellt wurde. Prälat D. Dr. Diehl, auf den viele für diesen Zeitpunkt gehofft hatten, war am 11. 9. 1944 in Darmstadt umgekommen. So übernahm der seitherige Superintendent von Starkenburg, Oberkirchenrat Dr. Friedrich Müller, der dann leider am 14. 9. 1947 viel zu früh verstarb, die Leitung.
Verfassungfragen
Er und seine Kirchenregierung gründeten sich nur auf das Vertraue^, das ihnen allseits entgegengebracht wurde. Die geistliche Autorität des alten hessischen Superintendentenamtes, _ das seit der Reformationszeit bis 1948 im Wesen unverändert bestand, hatte das Jahrzehnt des „Führerprinzips“ überdauert. Die Kirchenverfassung von 1934 wurde aufgehoben. Die Anknüpfung an die bis dahin bestehende Kirchenverfassung von 1922 war nicht in allen Stücken möglich. Man fing; von unten an. die Rechtsgrundlage wiederherzustellen. Die Kirchenvorstände, z. T. ausgestorben oder entmächtigt, wurden neu gebildet, ebenso die Dekanatssynoden. Am 1. Oktober 1947 konnte in Friedberg die erste hessische Landessynode zusammentreten, die den neuen Zusammenschluß der 3 Kirchen von Hessen, Nassau und Frankfurt zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau beschloß. Damit war erneut, aber nun kirchlich legal, die Vereinigung vollzogen. Mit dem Ende der alten hessischen Kirche im Jahre 1947 ist ein tiefer Einschnitt in der hessischen Kirchengeschichte gegeben. Wie sich die Neuordnung auswirken wird, muß erst die Zukunft lehren. Die neue „Kirchenordnung“ zeigt ein wesensmäßig anderes Gepräge als die alte „Kirchenverfassung“.
Strukturwandel
Worin der innere Strukturwandel besteht, der diese Aenderung notwendig machte, das laßt sich hier nur andeuten. Er ist ja auch nicht ausschließlich eine hessische Angelegenheit. Er beruht vorwiegend auf der Frage, ob die Kirche heutzutage noch „Volkskirche“ sein kann, d. h. eine Kirche, der jeder der getauft ist, damit schon vollgültig angehört, und. da die überwiegende Mehrheit des Volkes getauft ist, das Volk als Ganzes als „christlich" angesehen werden kann. So war es jahrhundertelang. Man meint nunmehr, da.j es zum Christsein nötig ist, den festgestellten Glauben in besonderer Weise zu bekennen. So hat sich die neue Kirchenordnung einen bekenntnismäßigen Vorspruch vorangesetzt, als die für die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau verbindliche Glaubensgrundlage. Die alte hessische Kirchenverfassung hatte davon abgesehen. Die Kirche war die Zusammenfassung aller evangelischen Gemeinden des Landes, die je nachdem verschiedenes Bekenntnis (lutherisch, reformiert, uniert) haben konnten. Eine ganz ähnliche Entwicklung hat auch die Evangelische Kirche in Deutschland genommen, die jetzt in ihrer Verfassung die glaubensmäßigen Voraussetzungen der Zugehörigkeit formuliert hat, während sie dies früher den einzelnen Landeskirchen überließ. Von den übrigen wesensmäßigen Aenderungen im Aufbau der Kirchen sei nur die veränderte Stellung der „Pröpste“ erwähnt, die die alten hessischen Superintendenten abgelöst haben. Während diese früher Mitglieder der Kirchenregierung waren, sind jene jetzt im sog. „Leitenden Geistlichen Amt“ zusammengefaßt. Damit soll ihre seelsorgerliche Aufgabe stärker unterstrichen sein. Die Zahl der Dekanate, die seither in Starkenburg 6 betrug, wird durch Teilung wesentlich vermehrt werden.
Öffentlichkeitsarbeit
Wesentlich verändert hat sich auch die Stellung der Kirche im öffentlichen Leben. Der Nationalsozialismus hatte die „Entkonfessionalisierung“ des öffentlichen Lebens radikal durchgeführt. Aber nun besann sich die Kirche allenthalben auf ihren Auftrag. Sie ist nicht von der Welt, aber sie steht in der Welt. Im Dienste der Liebe haben Innere Mission und Hilfswerk in den schwersten Notjahren Rettungsarbeit bis in die kleinste Gemeinde deszOdenwald geleistet. In ernster Besinnung wurde auch bei uns den Aufgaben nachgegangen, die christlicher Verantwortlichkeit in der Politik, in der Kunst, in Presse, Film und Rundfunk obliegen. Auf all diesen Gebieten wurden von christlicher Haltung aus wertvolle Beiträge geleistet. Die Kirchenleitung richtete 1949 ein eigenes Referat für Oeffentlichkeitsarbeit ein. Der Religionsunterricht mußte an allen Schulen, den Volks- und den höheren Schulen, ganz neu aufgebaut werden, sowohl personell als auch materiell, eine unendlich mühsame und jahrelange Arbeit. Das „Katechetische Amt für Starkenburg“ faßte überall die Religionslehrer zu Arbeitsgemeinschaften zusammen. Auf all den genannten Gebieten tritt die christliche Botschaft den Säkularisierungsbestrebungen der Zeit mit großem Ernst entgegen.
Die Zukunft
Werfen wir zum Schluß einen Blick auf den Weg in die Zukunft. Den Einzelgemeinden und ihren Körperschaften sind überall neue große Aufgaben erwachsen. Die Einzelgemeinde ist die Front, an der die genannten Aufgaben ihrer Lösung harren. Darum muß die Stellung der Einzelgemeinde in der Kirche gestärkt werden, namentlich auch dadurch, daß ihr die Mittel für ihre Aufgaben in die Hand gegeben werden. Die Laien zur verantwortlichen Mitarbeit zu führen, ist ein Hauptanliegen, wie es etwa im Essener Kirchentag hervorgetreten, und zwar die Laien in jedem Beruf, die Arbeiter, die Akademiker, die Lehrer, die Handwerker. Von ihnen wird es wesentlich abhängen, ob es zu einem verantwortungsvollen Miteinander zwischen der Kirche einerseits und den Organen des weltlichen Lebens, dem Staate, den Parteien, der Wirtschaft, dem Sport usw. andererseits zum Wohle des ganzen Volkes kommt. Das vergangene Jahrfünft ist in Darmstadt und in ganz Starkenburg ein verheißungsvoller Anfang in dieser Richtung und ein Zeichen dafür, wieviel bei ehrlicher Zusammenarbeit erreicht werden kann. Die Spuren der vorausgegangenen unseligen Kampfzeit müssen verwischt werden. Durch Jahrhunderte hat man in Darmstadt und in der ganzen Provinz erfahren, wieviel Segen von einer Kirche ausgeht, die sich ihres eigenständigen Auftrages bewußt, aber gerade um dieses Auftrages willen zu selbstverleugnendem Dienste bereit ist. Dieser Segen ist an keine Staatsform gebunden. Er soll auch in der Gegenwart wirksam werden und uns für die Zukunft erhalten bleiben.
Organisation des Gesundheitswesens in Starkenhurg
Von Ministerialdirektor Dr. Hugo Freund
Die mittlere Verwaltungsinstanz gilt im allgemeinen, für das Gesundheitswesen aber ganz im besonderen, als verlängerter Arm der Landesregierung und von der unteren Instanz her gesehen als eine, Au^ von.Briefkasten, in den man Anfrage, Meldungen und dergleichen einwirft.
Ganz so schlimm ist es nicht, aber viel Initiative und eigentätige Arbeit wird von dem Verwalter eines Gesundheitsdezernates bei einem Regierungspräsidenten an sich nicht verlangt.
Er hat die Aufsicht über die verschiedenen Verwaltungsbereiche im öffentlichen Gesundheitswesen, über die Medizinalpersonen, Ärzte, Zahnärzte, Heilpraktiker, das ärztliche Hilfspersonal und Apotheker. Er führt den Vorsitz bei allerhand Prüfungen: denen der Schwestern, Krankenpfleger, Masseure und der Wohlfahrtspflegerinnen. Da Starkenburg beziehungsweise der Regierungsbezirk Darmstadt keinen Kommunalverband hat, verwaltet beziehungsweise kontrolliert der Gesundheitsdezernent auch eine Reihe von Anstalten. In Starkenburg sind es die Heil- und Pflegeanstalten „Philippshospital“ bei Goddelau und Heppenheim und außerdem gehört in die Anstaltsverwaltung das V.D. -Hospital (geschlossene Geschlechtskrankenfürsorge) in Offenbach.
Zentrale der Seuchenbekämpfung
Eine der Hauptaufgaben des Gesundheitsdezernates ist die Seuchenbekämpfung. Alle meldepflichtigen Erkrankungen gehen durch seine Hand und, wo es notwendig ist, vor allem in Fällen des epidemischen Auftretens von Erkrankungen, hat es die Pflicht, einzugreifen. In Darmstadt ist der Sitz der Landesimpfanstalt, die einen wesentlichen Teil der in Hessen benötigten Pockenlymphe herstellt. Die Impfungen beziehungsweise die Impftermine werden von dem Gesundheitsdezernenten überwacht, für Seuchenbekämpfung und die damit zusammenhängenden Aufgaben steht ihm das Staatliche Untersuchungsamt für Infektionskrankheiten in. Darmstadt zur Seite.
Durch Wochen- und Monatsberichte, die von den Gesundheitsämtern eingehen und zusammengestellt werden müssen, ist die Gesundheitsabteilung beim Regierungspräsidenten an der Ausarbeitung der Medizinalstatistik beteiligt. Diese Berichte geben aber der Gesundheitsverwaltung beim Regierungspräsidenten auch Anhaltspunkte für Maßnahmen, die zu ergreifen sind, abgesehen davon, daß sie fortlaufend einen Ueberblick und eine Kontrolle vermitteln über den gesamten Stand der Gesundheitsorganisation. Betrachten wir einen derartigen Monatsbericht, wie er an die Gesundheitsabteilung beim Innenminister weitergegeben wird, so finden wir zunächst aus den einzelnen Gesundheitsämtern des Regierungsbezirks Mitteilungen über die Organisation des Gesundheitswesens selbst, Veränderungen im Personalstand und Vorgänge in der Gesundheitsverwaltung. Da wird zum Beispiel mitgeteilt, daß eine ärztlich-psychologische Beratungsstelle bei Vernehmungen von Jugendlichen unter 14 Jahren grundsätzlich eingeschaltet worden ist, daß der Neubau eines Städtischen Gesundheitsamtes fertiggestellt wurde, daß die Einrichtung einer Schulzahnklinik beendet ist und ein hauptamtlicher Schulzahnarzt mit einer technischen Assistentin angestellt wurde. Irgendwo anders wird ein für einen Land- und Stadtkreis gemeinsamer Zweckverband für Tuberkulose und Geschlechtskrankenfürsorge vorbereitet.
Statistik der Krankheiten
Im Bereich der vorbeugenden Medizin wird im Monatsbericht eine Uebersicht gegeben über den Stand der wichtigsten Infektionskrankheiten wie Scharlach, Keuchhusten, typhöse Erkrankungen und eine Erkrankung, die uns in letzter Zeit besonders beschäftigt, die spinale Kinderlähmung.
Durch diese Uebersicht erhalten und vermitteln wir Mitteilung über die Schutzimpfungen gegen Pocken, Typhus, Diphtherie und Tuberkulose. Das Gebiet der Umgebungshygiene, Wasserversorgung, Kanalisation, Beseitigung von Abwässern, Müllabfuhr und dergleichen bietet eine weitere Rubrik in dem Monatsbericht. Wohnungshygiene, Industriehygiene, Lebensmittelkontrollen und dann vor allem die verschiedenen Gebiete der sozialhygienischen Fürsorge, Mutter- und Säuglingspflege, Schulgesundheitspflege usw. sind weitere Bestandteile der monatlichen Berichterstattung. Dazu kommen dann die rein medizinischen Angelegenheiten, ärztliche Versorgung, Fortbildung, Schwestem- und Hebammenangelegenheiten und nicht zuletzt das Krank enhauswesen, dessen Kostendeckung uns große Sorge bereitet.
„Schulbank“ der Amtsärzte
Durch die Kommunalisierung des Gesundheitswesens hat sich das Gefüge und die Arbeitsweise der Gesundheitsverwaltung in den Land- und Stadtkreisen gelockert. Es ist eine gewisse Unsicherheit eingetreten, die auch damit zusammenhängt, daß die Amtsärzte als frühere Staatsbeamte die Einstellung zur Selbstverwaltung sich erst erarbeiten müssen und vielfach dabei auch noch nicht die nötige Unterstützung von Seiten der kommunalen Körperschaften erhalten. Diese Uebergangserscheinungen ermöglichen es einem in der Gesundheitsfürsorge erfahrenen Medizinaldezernenten beim Regierungspräsidenten, sich einzuschalten und über seine rein administrative Tätigkeit hinaus auch schöpferisch und beispielgebend tätig zu sein- Zu diesem Zweck hat sich die regelmäßige Abhaltung von Amtsärztetagungen und sonstigen Konferenzen als besonders fördernd herausgestellt. Nicht minder wichtig ist es, durch häufigen Besuch der Gesundheitsämter und der anderen medizinisch-hygienischen Einrichtungen Gelegenheit zu Aussprachen an Ort und Stelle zu schaffen und auf diese Weise den unmittelbaren Kontakt mit allen in der Gesundheitsverwaltung tätigen Kreisen und Personen zu pflegen.
Kampf dem Spulwurm
Es war ein nicht gerade erfreulicher äußerer' Anlaß, der mich kurz nach meinem Dienstantritt im Januar dieses Jahres veranlaßte, den sozial-hygienischen und gesundheitserzieherischen Möglichkeiten noch mehr nachzugeben, als das bisher bereits der Fall war. Schon in den ersten Tagen meiner Tätigkeit lag auf meinem Schreibtisch ein Bündel von Akten, die mich in das Gebiet der Spulwurmverseuchung in Starkenburg einführten. Ich erfuhr, daß der Starkenbürger Bezirk seit Jahrzehnten unter dieser Seuche leidet, daß in den Jahren 1945 bis 1948 ein epidemieartiger Anstieg mit Todesfällen, schweren Erkankungen und Operationen eingetreten war und daß auch jetzt noch etwa ein Drittel der Bevölkerung und nahezu zwei Drittel der Kinder als wurmbefallen anzusehen seien. Ich erfuhr weiter, daß man diese Verseuchung auf bestimmte Infektionsquellen zurückführte, unter anderem die Berieselung der Gemüsefelder und die Kopfdüngung. Aber ich konnte weiter feststellen, daß große Schichten der Bevölkerung sich mit diesem Zustand abgefunden haben und daß kaum jemals der Versuch gemacht worden war, zu einer durchgreifenden Sanierung zu gelangen, obwohl in geradezu dramatischer Weise die deutschen Hygieniker und andere Sachverständige auf Tagungen und in wissenschaftlichen Zeitschriften diesen kulturwidrigen Zustand gegeißelt hatten. Es war mir klar, daß, bevor es möglich würde, die notwendigen technischen Maßnahmen, Kläranlage in Darmstadt, Veränderung der Düngung und so weiter zu erreichen, eine systematische Aufklärung einsetzen mußte, daß dies also in erster Linie eine gesundheitserzieherische Aufgabe wäre. Es entstand der Gedanke, ein Gesundheitserziehungszentrum für Starkenburg zu errichten und eine Art Feldzug der Reinlichkeit damit einzuleiten. Vor allem schien es mir wichtig, die Schüler und Lehrerschaft zur Mitarbeit zu gewinnen, dann aber auch die Aerzteschaft stärker als bisher in den Dienst dieser äufklärenden Arbeit zu stellen.
Mit der Errichtung der Hygiene-Lichthofes Darmstadt, der am 24. September 1950 durch den Herrn Innenminister eröffnet wurde, ist ein derartiges Zentrum geschaffen, das nicht nur der Wurmsanierung dienen soll, sondern der Hygieneaufklärung überhaupt. Die Bekämpfung der Spulwurmepidemie setzt planmäßiges Vorgehen voraus und meine Abteilung bereitet zur Zeit einen Plan dafür vor, Der Hygiene-Lichthof wird aber auch über die gesundheitserzieherischen Aufgaben hinaus die ganze sozialhygienische Tätigkeit im Bezirk beleben und dazu beitragen, aus der „sterilen“ Mittelinstanz der Gesundheitsverwaltung einen lebendigen Organismus zu schaffen, der der Entfaltung positiver Gesundheit und Lebensgestaltung dienen soll.
Situation der katholiscien Pfarreien
Starkenburg war im großherzoglichen Hessen-Darmstadt und nach dem ersten Weltkrieg in vielen Landstrichen für die Katholiken nur Diaspora, also Gebiet, in dem sie in der „Zerstreuung“ lebten. Es gab z. B. im Odenwald eine ganze Reihe von Ortschaften, die keinen oder nur wenige Katholiken als Einwohner hatten. Günstiger lagen die Verhältnisse an der Bergstraße und im Ried, auch in einigen Ortschaften des Rodgaues. In den beiden großen Städten Darmstadt und Offenbach aber konnte man durchaus wieder von einer städtischen Diaspora sprechen. Aus ihrer stammesgeschichtlichen Veranlagung heraus, aber auch wegen ihrer Vereinzelung war das Gesicht der Starkenburger Katholiken ernst, wachsam und verantwortungsbewußt. Der Krieg und die Folgejahre verwandelte das Bild der sechs Dekanate im Bereich Starkenburgs gründlich:
Der Krieg: Bomben und Brand zerstörten vollständig die Kirchen in Amöneburg, Bensheim, Griesheim, Gernsheim, Weißkirchen; zertrümmerten St. Paul in Offenbach und St. Ludwig in Darmstadt. Schwer beschädigt wurden: St. Elisabeth, Darmstadt, Liebfrauen, Darmstadt, die katholischen Kirchen in Dieburg, Goddelau, Kelsterbach, Steinheim, Offenbach-Bieber, Kastel, Kostheim und St. Peter in Offenbach. In St. Fidelis, Darmstadt, fielen Pfarrhaus und Schwesternhaus in Schutt.
Kriegsfolgen: In die Dekanate Darmstadt, Bensheim, Dieburg, Heppenheim, Offenbach und Seligenstadt strömten im Laufe der Nachkriegsjahre rund 180 000 katholische Flüchtlinge ein. Das bedeutete also, daß plötzlich in Ortschaften, wo noch nie seit 400 Jahren katholischer Gottesdienst gefeiert wurde, Menschen saßen, die nach den Tröstungen ihrer Kirche verlangten. Daß Dörfer über Nacht hundert und mehr Katholiken zählten und Pfarrherren des Odenwaldes überraschend in ihrer Pfarrei bis zu 56 Gemeinden zu betreuen hatten. So war in vielen katholischen Gemeinden die Not eingekehrt, und es bedurfte wirklichen Mutes, an den Aufbau und an eine notwendige Umgestaltung der Seelsorge zu gehen.
Die heutige Situation: Im Laufe der vergangenen fünf Jahre erstanden von den total zerstörten Kirchen drei wieder neu; zehn der schwergeschädigten wurden unter großen Opfern der Pfarreien wiederhergestellt. Andere konnten die übergroße Aufgabe des Wiederaufbaues noch nicht bewältigen. Ein Beispiel sei herausgegriffen:
Die Mutterkirche der Katholiken Darmstadts, St. Ludwig, die geradezu mit zum Stadtbild gehörte, wurde 1827 eingeweiht. Die Pläne für diesen eigenartigen klassizistischen Rundbau nach dem Vorbild des Pantheons in Rom stammten von Moller; das großherzogliche Haus begünstigte den Bau in großzügigster Weise. Heute ist St. Ludwig eine Ruine, ausgebrannt bis auf die Außenmauern, zerstört die gesamte Ausstattung und alle Paramente. Ein Bild erhabenen Grauens! Diese Pfarrei in der Mitte Darmstadts war 1944 von 7000 Seelen auf 46 zusammengeschmolzen; heute ist sie wieder auf 1800 angewachsen, aber die Aufgabe, die vor ihr steht, ist einfach zu groß! Sie ist auf die Hilfe weitester Kreise angewiesen, und wenn man es recht überlegt, dann kann es Starkenburg nicht einerlei sein, ob eine Kirche, die Jakob Burkhardt, der bekannte Kunsthistoriker, einen der bedeutendsten klassizistischen Rundbauten auf abendländischem Boden nennt, gänzlich zerfällt. Zwar hat die Gemeinde die allernotwendigsten Sicherungsarbeiten an der Ruine gewagt und große Schulden auf sich genommen, die Kuppel aber fehlt, und nach wie vor wölbt sich über den Säulen der Himmel!
Noch einen Blick müssen wir werfen in die ländlichen Dekanate Starkenburgs, die Flüchtlinge aufnahmen:
Eine wirkliche Seelsorgsnot setzte ein in den Nachkriegsjahren; Menschen, denen die Religion Halt und Ruhe geben konnte, riefen nach Priestern. So wurden in sechs Dekanaten 17 neue Seelsorgstellen, sogenannte Lokalkaplaneien, errichtet, die in 14 Fällen von Flüchtlingsgeistlichen versorgt werden. Die neuen Pfarreien seien hier auf geführt:
Im Dekanat Bensheim: Reichenbach, Hüttenfeld, Biebesheim.
Im Dekanat Dieburg: Babenhausen, Beerfelden, Brensbach, Lichtenberg, Höchst-Hetschbach, König.
Im Dekanat Darmstadt: Braunshardt, Darmstadt - Stadtrandsiedlung, Ober-Modau, Pfungstadt, Nauheim und die Ungarndeutschen-Siedlung St. Stephan bei Griesheim.
Im Dekanat Offenbach: Egelsbach und Götzenhain.
Genannt sei hier auch der Koavent des Deutschordens in Darmstadt, Flüchtlingspriester, die sich die Unterstützung der Seelsorger Starkenburgs zum Ziel gesetzt haben.
Aber damit ist nur der allerärgsten Not gesteuert in seelsorglicher Beziehung. Noch fehlt es an Priestern! Noch sind die Seelsorgsbezirke ungewöhnlich groß, noch liegen die einzelnen Ortschaften einer Pfarrei bis 13 Kilometer auseinander,, noch gehören zu einer Pfarrei bis zu 13 Filialen!
Neugründung einer Lokalkaplanei bedeutet zudem ungeheure Sorgen, muß doch alles für den Gottesdienstraum, die Seelsorgstätigkeit und die Wohnung des Pfarrers mühsam zusammengetragen und erbettelt werden. So werden immer und immer wieder die Katholiken dieser Gemeinden, Einheimische wie Zugewanderte, zum Opfer aufgerufen.
Nicht wegzudenken aus der Arbeit der Priester sind die Laienhelferinnen, die Pfarrhelferinnen und Caritasfürsorgerinnen, die —• teils motorisiert — tagaus, tagein ihre körperlich anstrengenden und seelisch oft niederdrückenden Gänge und Fahrten über Land machen! Religionsunterricht durch Laien ist in Starkenburg, besonders im Odenwald, ein selbstverständlicher Begriff!
Nicht wegzudenken ist auch die Arbeit der Caritas, deren Schwerpunkt in der einzelnen Parrei liegt, die außerdem an zentralen Stellen (Offenbach, Darmstadt) versucht, die Aufgaben zu übernehmen, die der Pfarrer auf dem Dorfe nicht lösen kann. So schickt der Caritasverband Bezirksfürsorgerinnen in die einzelnen Dekanate hinaus, die in fürsorgerischen Fällen helfend und beratend einspringeri. Der Liebestätigkeit der Kirche dienen auch in Starkenburg zahlreiche Ordensschwestern, in Krankenhäusern, in der ambulanten Krankenpflege, in Kindergärten. Ohne nach der Konfession zu fragen, helfen sie aufopfernd und unermüdlich.
Die Notzeit der letzten 17 Jahre — denn so lange steht ja der katholische Christ in Starkenburg in innerer und äußerer Bedrängnis — hat eines schön und stark erblühen lassen: an vielen Orten eine herzliche Zusammenarbeit mit den Christen auf evangelischer Seite. In zwei Kirchen feiern auch in unserem Gebiet evangelische und katholische Christen ihren Gottesdienst unter dem gleichen Dach. Gemeinsam arbeiten Innere Mission und Caritas in der Bahnhofsmission und in der Uebernachtungs-Unterkunft in Darmstadt — ein wichtiger Schritt vorwärts in unserem Hessenland!
Aufbau in Starkenburg: Die katholischen Pfarreien stehen nicht beiseite, und sie sind überzeugt, daß das, was sie leisteten, für das gesamte Heimatgebiet nicht umsonst ist. Ihre Opfer haben die Silhouetten der Siedlungen wieder vollkommen gemacht, indem die Gotteshäuser wieder erstanden. Wichtiger aber scheint es ihnen, daß die Gebete in diesen Kirchen die Anliegen der gesamten Heimat umschließen!
Neuzeitliche Kraftmaschinen
Das Erzeugnis eines Darmstädter Werkes
Die Motorenfabrik Darmstadt GmbH, zählt zu den ältesten und bedeutendsten Darmstädter Industriefirmen. Im Jahre 1902 gegründet, hat sie sich in den nahezu 50 Jahren ihres Bestehens auf dem Gebiete der Verbrennungskraftmaschinen, im besonderen in der Entwicklung und Herstellung von Dieselmotoren nach dem Zweitakt-Verfahren, einen geachteten Namen erworben. Schon vor mehr als 25 Jahren wurden hier die großen, wirtschaftlichen Vorteile erkannt, die der Zwei-
takt-Dieselmotor, besonders in mittleren Leistungen und Drehzahlbereichen gegenüber dem Viertaktverfahren besitzt, und in jahrelanger Pionierarbeit wurde das Vorbild für den Standardtyp einer Hochleistungsmaschine geschaffen, in der sich ausgereifte Werkmannsarbeit mit modernsten Gesichtspunkten vereint.
Modag-Motoren sind in aller Welt bekannt. Man findet sie sowohl als Antriebskraft in Schiffen, in schweren Baumaschinen, z. B. in Baggern und Planierraupen, in Erdöl-Bohraggregaten, in Strom-Erzeugern als auch ortsfest in den verschiedenartigsten Industriebetrieben des In- und Auslandes.
Aus kleinsten Anfängen hervorgegangen, lag die Beschäftigtenzahl des Werkes vor Beginn des letzten Krieges auf ca. 500 Angestellten und Arbeitern. Die nach neuzeitlichen Gesichtspunkten erstellten, gut eingerichteten Fabrikanlagen wurden gebäudeseitig durch die Kriegseinwirkungen stark in Mitleidenschaft gezogen, jedoch erlitten die Fabrikationseinrichtungen fast keine Einbuße, so daß die Arbeit nach kurzer Unterbrechung, wenn auch zunächst in beschränktem Umfange, schon im Mai 1945 wieder aufgenommen werden konnte. Heute sind die Kriegsschäden nahezu restlos behoben, so daß die Belegschaftsstärke längst wieder aufgeholt werden konnte.
Der alterprobte Mitarbeiterstab ist auch über die Kriegs- und die schwierige Nachkriegszeit erhalten geblieben. Eine vorbildliche Lehrlings-Ausbildungswerkstatt biotet Gewähr für einen gut geschulten Nachwuchs an Fachkräften, so daß die weitere Entwicklung des Werkes und seiner Fabrikate sichergestellt ist.
Besonderer Wert wird auf einen guten, reibungslosen Kundendienst gelegt. Neben gut ausgerüsteten Ersatzteillagern in den wichtigsten Absatzgebieten werden in Bremerhaven und anderen Orten Monteurstationen unterhalten, die hauptsächlich der Schiffahrt und Fischerei gute Dienste leisten. Ueber 40 Vertretungen in der ganzen Welt nehmen die Interessen der MODAG wahr.
Der beste Beweis für die Güte der Darmstädter Dieselmotoren ist wohl dadurch gegeben, daß die zahlreichen Geschäftsfreunde im europäischen Ausland und in Uebersee sofort nach Lockerung der Beschränkungen die Verbindung mit dem Werk wieder aufgenommen haben. Trotz
schwerster Konkurrenz anderer Industrieländer hat sich der Export sehr erfreulich entwickelt und den Vorkriegsstand nahezu erreicht.
Mögen diese Zeilen mit dazu beitragen, die allseits anerkannten heimischen Fabrikate — die Motorenfabrik Darmstadt ist die einzige Dieselmotorenfabrik in Hessen, die sich auch mit dem Bau größerer Motoren befaßt — auch engeren interessierten Kreisen in Erinnerung zu bringen.
Stationärer Fünfzylinder-Zweitakt-Dieselmotor, Typ RB 55, 175 PS bei 600 U. p. M. Stromerzeugungs- Aggregat mit Dreizylinder - Dieselmotor 85 kVA bei 600 V. p. M.
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Demag-Bagger mit MOD AG-Dreizylinder-Dieselmotor als Antriebsmaschine 105 PS bei 600 U. p. M.
Vierzylinder-Dieselmotor als Schiffsmaschine mit Wende¬ ' getriebe, Typ SRB 54, 120 PS bei 500 U. p. M.
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Schlepper f. Binnen-Wasserstraßen mit MODAG-Dieselmotor, Typ SRB 53, SO Ps bei 500 U. p. M.
Verladung von MODAG-Dieselmotoren für das Ausland
MODAG Dieselmotoren
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Amtliche Bekanntmachungen öffentliche Ausschreibung der Lebensmittellieferungen für die Städt. Krankenanstalten und die Stadt. Wohlfahrtsanstalten (Altersheim, Kinderheim und Ohlystlft). Die Lebensmittellieferungen für die obigen Einrichtungen der Stadt Darmstadt werden für die Zeit vom 1. 1. bis 30. 6. 1951 öffentlich ausgeschrieben. Angebotsunterlagen und die Lieferungs¬ bedingungen können von den Interessenten bei der Verwaltung der Städt. Krankenanstalten Darmstadt, Bismarckstraße 28, Zimmer 219, gegen Entrichtung einer Unkostengebühr von 0,20 DM täglich von 8 bis 12 Uhr in Empfang genommen werden. Die Angebote sind in schriftlicher Form entsprechend den Liefe¬ rungsbedingungen an die Verwaltung der Städt. Krankenanstalten einzureichen. Einreichefrist: Samstag, 11. November 1950, 10 Uhr. Der Magistrat der Stadt Darmstadt
Steuer- und Wirtschaftskalender für die Zeit vom 1. bis 15. November 1950 10. November: Beförderungssteuer im Personenverkehr, Ein¬ reichung der Nachweisung und Entrichtung der Steuer. 10. November: Umsatzsteuer für die Monatszahler, Einreichung der Voranmeldung und Entrichtung der Steuer. 10 November: Vermögensteuer nur für die Landwirte, Entrich¬ tung des halben Jahres-Steuerbetrages. 10 November: Vermögensteuer nur für Nichtlandwirte, Ent¬ richtung des 4. Jahressteuer-Betrages. 10. November: Gewerbesteuer, Vorauszahlung 1950, Entrichtung der 4. Rate an die Gemeinde. 10. November: Getränkesteuer, Erklärung und Entrichtung an die Gemeinde. 10 November- Versicherungssteuer, Zahlung nach dem Prämien- Soll- Betrag, Leistung der monatlichen Abschlagszahlung. 10. November: Lohnsteuer, Entrichtung der Steuer für die Mo¬ natszahler und Anmeldung. 10. November: Kirchenlohnsteuer, Entrichtung der Steuer für die Monatszahler und Anmeldung. 10. November: Notopfer Berlin, Entrichtung der Abgabe für die Lohnsteuer-Monatszahler und Anmeldung. 15. November: Börsenumsatzsteuer im Abrechnungsverfahren für die Monatszahler. Einreichung der Nachweisung und Ent¬ richtung der Steuer. 15. November: Grundsteuer, Entrichtung der Monatsrate für No¬ vember an die Gemeinde. 15. November: Kirchengeld der evangelischen Kirche. Entrichtung der dritten Rate. H w w
Dienstnachrichten Am 1. November 1950 wurde Wilhelm Rausch. Birkert, zum stellvertretenden Rohrmeister der Gemeinde Birkert verpflichtet. Erbach, den 1. November 1950. Der Landrat
Betr.: Ambulantes Gewerbe und Hausierhandel. Zum A V B 1. Bekanntmachung Nachstehend bringe ich auszugsweise einen Erlaß des Hess. Mi¬ nisters des Innern, Abt. 111 (Oeffentliche Sicherheit), vom 10. 10. 1950, Ref. 111/2 — Az. 31 v, Tgb. Nr. 3627/50, zur allgemeinen Kenntnis. An diesen Auslührungen wird erkenntlich, in welchem Ausmaße dem Staate durch den Schmuggel Zoll- und Steuer¬ einnahmen verlorengehen, die selbstverständlich in anderer Weise wieder aufgebracht werden müssen. Nicht zuletzt wird auch das betroffene Gewerbe durch den Schmuggel außerordent¬ lich geschädigt. Zur Unterbindung dieses die Allgemeinheit schädigenden Schmuggels werde ich daher künftig für den Kreis Erbach alle mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten in ver¬ stärktem Maße einleiten und die geeigneten Maßnahmen treffen. Insbesondere wird das ambulante Gewerbe einer strengeren Kon¬ trolle durch Gendarmerie- und Gewerbebeamte unterworfen. Im Betretungsfalle wird unnachsichtlich Strafanzeige erhoben. „Wie mir der Herr Hessische Minister der Finanzen neuerdings mitgeteilt hat. wird jedoch die inländische Wirtschaft durch den Schmuggel mit unverzollten und unversteuerten Waren nach wie vor auf das schwerste geschädigt. Die Folge davon ist, daß das unmittelbar betroffene Gewerbe (z. B. Tabakwarenindustrie, Zigarettenpapierindustrie, Kaffeehandel, Kaffeeröstereien. Tee¬ handel, Schokoladen- und Kakaohandel, Süßwarenindustrie, Tex¬ tilindustrie) in seiner Existenz ernstlich bedroht ist. Außerdem entgehen dem Bund und den Ländern durch diesen Schmuggel erhebliche Beträge an Zöllen, Verbrauchssteuern und direkten Steuern, die vom Steuerzahler anderweitig aufgebracht werden müssen. Auch der devisenwirtschaftliche Schaden, der dadurch entsteht, ist beträchtlich. Hinzu kommt, daß die zur Bezahlung des Einfuhrschmuggels illegal in das Ausland fließenden Werte die legale Ausfuhr und dadurch mittelbar die Einfuhr der not¬ wendigen Rohstoffe verringern und die Bewertung der DM im Ausland beeinträchtigen. Diese insgesamt jährlich in die Milliarden gehenden Schäden machen eine intensive Bekämpfung des Schmuggels erforderlich. Nach Mitteilung des Herrn Hessischen Ministers der Finanzen liegt ihr Schwerpunkt bei der Erfassung der Schmuggelwaren an der Grenze und während des Transports. Diesen Abwehrma߬ nahmen sind aber in verkehrsmäßiger, technischer und perso¬ neller Hinsicht Grenzen gesetzt. Die Bekämpfung erstreckt sich daher auch auf den Groß- und Kleinhandel mit Schmuggelwaren. Die Groß- und Kleinhandelsbetriebe werden durch den Zoll¬ fahndungsdienst und die Zollbeamten des Steueraufsichtsdienstes laufend auf das Vorhandensein von Schmuggelware geprüft. Erfahrungsgemäß wirken beim Vertrieb begehrter Schmuggel¬ waren — vor allem von Kaffee. Tee, Kakao, Schokolade. Zi¬ garetten, Zigarettenpapier und Nylonstrümpfen — im besonderen Maße auch Angehörige des ambulanten Gewerbes und des Hausierhandels mit.“ Erbach, den 1. November 1950. Der Landrat
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Gottesdienstordnung Evangelische Gottesdienste Samstag, den 4. November 1950 Wochenschlußandachten: 17.00 Uhr Bessunger Kirche; 17.30 Uhr Martinsstift; 20.00 Uhr Johannesgemeinde, Elisabethenstift (Beichtgd.), Pauluskirche (Musik. Vesper). Sonntag, den 5. November 1950 Bessunger Kirche: 9.00 Hgd. m. hl. Abdm., Pfr. Weiß; 11.00 Kgd. im Gemeindehs.; 12.00 Tgd.; 17.00 Geistl. Abendmusik mit werken von J. S. Bach. — Mi. 8. 11., 20.00 Bibelst. Gemeindehs. Pfr. Weiß.) Stadtkirche: 10.00 Hgd. m. hl. Abdm., Pfr. Lic. Hahn; 11.00 Kgd., Pfr. Knodt. — (Mit. 8. 11., 20.00, Kirchenmusikai. Abendfeier.) Ver. Martinsgemeinde: 10.00 Hgd. m. hl. Abdm., Pfr. Köhler; 11.15 Kgd. im Martinsstift, Pfr. Köhler; 11.15 Kgd. im Ge¬ meindehs., Pfr. Stühlinger; 17.00 Abdgd. Pfr. Stühlinger; 20.00 Ref.-Feier im Gemeindehs. mit Laienspiel „Martin Luther“, Altersheim: 10.00 Gottesdienst, Pfr. Stühlinger. Matthäuskirche: 9.30 Hgd.; 10.45 Kgd., Pfr. Mappes. — (Do. 9. 11., 20.00, Bibelstunde.) Pauluskirche: 9.30 Hgd. mit hl. Abdm., Pfr. Wintermann; 11.00 Kgd. Elisabethenstift: 9.30 Hgd. mit hl. Abdm.; 11.00 Kgd. Stadtmission: 7.30 Weihestd. Jgdbd. f. EC.; 8.30 Gebetsstd.; 11.00 Kgd.; 15.30 Evangelisation: Miss.-Insp. Felchert; 17.30 Jgdb. f. EC. — Di. 7. 11., 15.30 Fr. Bi. Std.; Do. 9. 11., 20.00 Mis¬ sionsnotr. d. Chr. Blindenmission Miss. Debus.) Paul-Gerhardt-Haus: 10.00 Hgd. mit hl. Abdm., 11.15 Hgd., Pfr. Ring. — (Mi. 8. 11., 20.00 Abendand.) Johannesgemeinde: 9.30 Hgd. mit hl. Abdm.; 11.15 Kgd. mit Tauf., Pfr. Jäschke. — (Mi. 8. 11., 20.00, Abdgd., Pfr. Jäscheke; Frei., 10. 11., 20.00, Bibelst., Pfr. Orth; jed. Morgen 7.30 Morgengeb., Do. auch 6.45 u. 7.30.) Akademischer Gottesdienst: Mi. 8. 11., 19.30, Stadtkirche, Se¬ mesteranf.-Gd. d. Stud, Pfr. Friedel. Da.-Eberstadt: 7.30 Ev. M.; 9.45 Hgd.; 11.15 Kgd. Da.-Arheilgen: 10.00 Hgd.; 11.15 Kgd.; 15.00 Landeskirchliche Gemeinschaft; 15.00 Frauenhilfe. — (Do. 9. 11., 20,00 Ge¬ meindebibelstd.) Selbständige luth. Gemeinde: 16.00 Gg. I. d. Stadtkirche, Pfr, Müller, Erbach. Katholische Gottesdienste Sonntag, den 5. November 1950 St. Ludwig (Nieder-Ramstädter Straße 30): 6.30 Frühm.; 8.00 Singm. m. Pr.; 9.30 Hochamt m. Pr.; 11.00 Semestereröffnungs- Gd. d. kath. Stud.-Gem.; 18.00 Andacht. — Werktags-Gd.: 6.45 u. 7.30 hl. M.; Beichte: Sa. 18.00—20.00.) — Wilhelminen¬ platz 9: 8.30 Kgd. m. Pr. u. gern. hl. Komm.) Liebfrauen: 7.00 Singm. m. Pr.; 8.15 Hochamt m. Pr.; 10.00 Kgd. m. Ansp.; 18.30 Andacht. — (Werktags; tgl. 6.30 hl. Messe; Di., Mi., Fr. u. Sa. 2. hl. Messe 8.05; Do. 19.00 Jugend- und Kinderm.; jed. Mi. 8.05 Gemeinschaftsm. f. d. Frauen.) St. Elisabeth: 6.30 Frühm.; 7.45 Singm. m. Pr.; 9.00 Kgd.; 10.15 Hochamt m. Pr.; 13.45 Firmunterr. f. Schulk.; 14.30 Andacht. (Beichtgelegenheit Sa. 16.30—18.30 U. ab 20.00.) St. Fidelis: 6.00 Frühm. a. Komm. b. d. Schw. (Feldbergstr. 32); 6.45 Beichte; 7.30 Singm. m. Pr. u. Komm.; 8.45 Kinderm. m. Pr. u. Komm., danach Firmunterr.; 10.00 Hochamt m. Pr. u. Komm.; 18.00 Andacht. (Sa. 17.00—49.00 u. ab 20.00 Beichte.) Da.-Eberstadt: 7.30 Frühm. m. Anspr.; 9.45 Hochamt m. Pr.; 18.30 Muttergottes-Feierst. u. Mitw. d. Kirchenchores. — (Werktags 7.00 Amt od. hl. M.; Sa. v. 16.00—18.30 Beichtgel.) Da.-Arheilgen: 7.00 Frühm.; 8.30 Kgd.; 9.45 Hochamt; 14.30 Andacht. Wixhausen: 9.15 Hochamt. Kolpingsfamilie: Versammlung, Montag, 20.00, bei Grohe, Karlstr. Kreis „Junge Familie": Dienstag, 20.00. Pfarrsaal St. Ludwig, Wilhelminenplatz 9. Vortrag von H. H. Rektor Heberer. Thema: Das Kind im Spiegel der Eltern. Erste Kirche Christi, Wissenschafter (First Curch of Christ, Scientist), Taunusstr. 40: Sonntagsgottes¬ dienst 14.30. — (Mittwoch, 18.30, Zeugnisversammlung.) Christengemeinschaft, Herdweg 31 So. 10.00, Di. 7.00, Mi. u. Sa. 8.00, Menschenweihehandlung; Do. 19.30 Einführungsabend.
'ßfjantaficn eines ©etttofpefc^ets Meine erwartungsvollen Leser! Als ich zur Welt kam, wußte ich noch nicht, was einst aus mir werden sollte. Ich kam mir hohl und leer vor, und war es wohl auch, denn ich war ein nacktes Blechgcfäß. Während meiner Entwicklung bemühten sich viele Menschen um mich. Sie gaben mir ein glänzendes Außeres und füllten mein Inneres mit Geräten, deren Sinn ich damals noch nicht verstand. Eines Tages erklärte man meine Entwicklung für abgeschlossen und schickte mich in die Welt hinaus. Ich hatte nicht die Freiheit, mir mein Ziel selbst zu wählen. Man fuhr mich mit vielen Brüdern durch die Landschaft. Irgendwo lud man mich ab und kümmerte sich dann wochenlang nicht mehr um mich. Ich fing an, leise daran zu zweifeln, daß mein Leben jemals einen Inhalt bekommen werde. Aus solchen und ähnlichen Gedanken wurde ich plötzlich durch rauhe Männerhände aufgerüttelt, die mich — wie hätte ich mich wehren können! — von neuem auf einen Wagen luden und mit mir losfuhren. Ich war nicht allein. Wir waren unser etwa ein Dutzend. Unterwegs lichteten sich unsere Reihen. Hier und dort trennte sich einer der Brüder von uns. Einmal kam auch für mich der Augenblick, vom Rest meiner Reisegefährten Abschied zu nehmen. Es war meine große Stunde, denn von da ab ging eine Wandlung in mir vor! Man trug mich in ein nettes Haus und wies mir dort in einem Raum, den die Menschen Küche nennen, einen Platz an der Wand zu, von dem ich das Leben und Treiben um mich herum viel besser überblicken konnte als bisher. Wieder bemühten sich Männer im blauen Kittel um mich. Mein Inneres füllte sich, und es wurde mir warm ums Herz. Wenn ich seit jenem Zeitpunkt auch keine Brüder mehr um mich habe, mit denen ich meine Gedanken austauschen kann, so bin ich in meiner neuen Lage dennoch glücklich, weil ich weiß, daß ich denen nützlich bin, die sich mit mir beschäf¬ tigen, ja, daß ich ihnen Freude bringe! Nacht für Nacht bereite ich mich für die Aufgabe vor, Speicher der kleinen Dienstbarkeiten zu sein. Wenn es dann stundenlang in mir gebrodelt hat, und ich von Tatbereitschaft strotze, kann ich den Augenblick kaum erwarten, in dem am frühen Morgen die Schritte der Hausfrau sich nähern, — es sind die ersten im Hause. — Dann dreht das frohe Geschöpf erwartungsvoll den Hahn um, durch den ich ihm heißes Wasser spende. Bereits nach wenigen Minuten duftet der köstliche Kaffee, der Ehemann und Kindern die erste Stärkung des Tages bietet. So geht es den langen Tag über: Immer wieder holt man sich bei mir Hilfe und — heißes Wasser, sei es für das Kochen der großen Mahlzeiten, sei es zum Spülen und zum Waschen und — oh wonniger Augenblick! — zum Bereiten des Bades für die hübsche, junge Herrin des Hauses. Euer stillvergnügter Elektrospeicher! Nur Phantasie? Nein, Wirklichkeit durch unser ungewöhnliches, bis zum 24. Dezember 1950 währendes HJei^not^ts^ngebot 30-Liter-Elektrospeicher zahlbar in 36 Monatsraten zu DM 5,30 50-Liter-Elektrospeicher zahlbar in 36 Monatsraten zu DM 6,70 80-Liter-Elektrospeicher zahlbar in 36 Monatsraten zu DM 7,20 120-Liter-Elektrospeicher zahlbar in 36 Monatsraten zu DM 9,60 Der Mehrpreis für Speicher in Sonderausführung, ferner der Preis der zum Anschluß nötigen Armaturen und schließlich die Kosten der Wasser- und Elektroinstallation können ebenfalls in 36 Monatsraten abgegolten werden. Dabei beträgt die Monatsrate für je DM 10,— Rechnungssumme: DM 0,32. Bestellungen nehmen entgegen Hessische Elektrizitäts-A.-G. Darmstadt, Luisenstr. 12 Hessische Elektrizitäts-A.-G., Außenstelle Erbach, Neckarstraße 71 Hessische Elektrizitäts-A.-G., Außenstelle Fürth, Ellenbacher Straße 1 Hessische Elektrizitäts-A.-G., Außenstelle Groß-Umstadt, Schillerstraße 5 Hessische Elektrizitäts-A.-G., Außenstelle Heppenheim, Liebigstraße 13 die Gelderheber der Hessischen Elektrizitäts-A.-G. und die Elektrofachgeschäfte t
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CHEMISCHE FABRIK ROHM&HAAS G.M.B.H. DARMSTADT ® BURNUS G.M.B.H. Die chemische Industrie im Spiegel des Aufbaus 11 Das Unternehmen, das in der Kriegs- und Nachkriegszeit schwere Verluste schaffen konnte. Polyacrylesteremulsionen und solche von Mischpolymeri- । r A erlitten hat — ein Werk in der Ostzone wurde vfilllg demontiert und ent- säten sind unter dem Namen Plextol bekannt geworden. Erzeugt werden A F ■ FI f* 11F kl "s. eignet, ein Werk am Rhein ist z.Z. noch von der französischen Besatzungs- außerdem die „PLEXIGUM"-Sprltzgußmasse, verschiedene Spezialpotymerl- ZUMEINWEICHEN macht beschlagnahmt, die Darmstädter Anlagen wurden teilweise ver- säte, die für die Lackindustrie von Bedeutung geworden sind, ebenso wasserbombt — Ist nach Beseitigung der gräßten Kriegsschäden heute wieder in bzw. alkalilösliche Mischpolymerisate von Polyacrylsäure und Polymethacryl- Vf der Lage, in dem Darmstädter Stammwerk sämtliche früher erzeugten Pro- säure, die als Plexileim oder Rohagit sich ihren Markt erobern konnten. 1 1 __ l(\ /) ) dukte herzustellen. D(e Umsj|tze des unternehmens bewegen sich etwa auf der Höhe vom '"*'“l JJ Entscheidend für den Aufstieg dieses Werkes der chemischen Industrie Jahr 1938. Die Belegschaft, die in der Nachkriegszeit zeitweise auf 550 I || r- J \X Y// war d,e Abwertung «in®r Erfindung des Mitbegründers Dr. Otto Röhm, Beschäftigte zusammengeschrumpft war, umfaßt bereits wieder 800 Mit- | f XXL//«, _— — womit der Lederindustrie ein zuverlässiges und hygienisch einwandfreies glieder. Einer Pensionskasse obliegt die Unterstützung der Altersrentner. / Ri CVFX xvLnS Verfahren zum Beizen von tierischen Häuten gegeben wurde. Das daraus Nach der Währungsreform konnten die Forschungslaboratorien wieder neu l / entwickelte Erzeugnis Oropon ist heute noch weltbekannt. Das Fabrika- aulgcbaut und wesentlich erweitert werden. Eine Anzahl verbesserter und / /// V\ । tionsprogramm umfaßt aber daneben noch andere enzymatische Produkte neuer Produkte, sowohl aus dem enzymatisch-pharmazeutischen, als auch / \// XX j wie Degomma (Entschlichtungsmittel), auch das steigende Umsätze auf- aus dem Kunststoffsektor, befinden sich in der Entwicklung oder stehen kurz w V weisende enzymatische Einweichmittel Burnus, eine Reihe anderer Leder- vor ihrer Vollendung. Die Geschäftsführung liegt in den Händen von dem unll Textilhilfsmittel, wie die bekannte Eiweißschlichte Sllkovan, eine Sohn des Mitbegründers, Direktor Otto Röhm, und Direktor Dr. C.T. Kautter. ra Äniahl von spexfalleder- und Textilölen, die Lipone, ferner die Koreone als Durch e)ne 40|ifhri Trad|tion und die vielfjestaltigkelt der hergestellten S K Haff» WWpMQEW Spezialgerbstoffe, e.nlge pharmazeutische Speztalprodukte unter denen be- Erz n!sse dieses dlcmischen Werk„ lst der Nartle Röhm & Haas weit OS 11 SI i sonders das Röntgen-Kontrastmittel Umbaryt zu erwähnen tst, und anderes. Übcr dje Crenzen unscrer s,ad| bekannt und jn v)e|en W|rtscha(tszweigen Bekannt sind die Leistungen der Firma Röhm & Haas auch auf dem zu einem Begriff geworden. Die durch den Krieg unterbrochenen Auslands- H I Gebiet der Herstellung und dem Vertrieb von Kunststoffen, Insbesondere Verbindungen sind wieder hergestcllt und werden sich weiter ausbauen den Polyacryl- und Polymethacrylderivaten, einem Zweig des Kunststoff- lassen. Der bisher erzielte Erfolg ist schon recht bedeutend, beträgt gebletes, auf dem die Firma Pionier- doch der E«P®^,Bn*•l, wieder I OCT REM CPU UIiTT AD arbeit geleistet hat. Das bekannteste ' W ''' > zirka 20 Prozent vom Gesamt- Lvwl UEN 3W R fviU IL n D j J dieser Erzeugnisse Ist das „PLEXI- 1 umsatz. Bezieher in aller Welt . i ■ . । -ui 1 GLAS" geworden, das sich auf den tragen dazu bei, daß der Name S verschiedensten Gebieten in Technik, Ä>‘WS' ®'r s,adt Darmstadt auch im Ausland Handwerk und Gewerbe Eingang ver- wieder bekannt wird. X HBF*--' Bil^ „PLEXIGLAS“-P(atten, -Blöcke, -Rohre und -Stäbe PlexiglasrAnschauungsmodell eines Motors der Firma Plexiglasmodell eines Opel-Olympia-Motors (Teilansicht) / Bauer & Schaurte, Köln
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Aufnahme: UF
Befestigte Dörfer im Schatten von Worms
Die Dörfer der Umgebung von Worms liegen zumeist in den Tälern oder an den Hängen der hügeligen Landschaft; nur wenige haben bei der Wahl ihrer Lage die Höhe, d. h. einen größeren Hügel bevorzugt, wie man dies z. B. von Neu* Leiningen sagen kann. Gerade diese Lage erfor* derte in unruhigen und kriegerischen Zeitläuften eine besondere Schutzvorrichtung. Diese bestand bei reicheren und stattlicheren Orten aus einer mit einem Wehrgang versehenen Mauer, davorgelegtem breitem Wall und tiefem Graben, den man jederzeit und leicht mit Wasser füllen konnte. Der Wall erstand zumeist von selbst bei der Anlage des Gra* bens, indem man die ausgehobene Erde einfach aufschüttete. Diesen Wall bepflanzte man mancher* orts mit dem sog. Hag oder Gebück, d. h. mit einem dichten Gestrüpp aus allerlei Baum=' und Buschwerk, wobei besonders gern Ulmen gewählt wurden. Durch Palisaden und Flechtwerk verstärkte man noch diese lebende Mauer, die von Jahr zu Jahr immer dichter und undurchdringlicher wurde. Derartige Befestigungsanlagen finden wir in Rheinhessen recht häufig, und oftmals bildete ein solches Gebück die einzige Wehrmauer des Dorfes.
Auch vor dem Wall erhob sich oftmals eine zweite, ähnliche Gestrüppmauer, und da die dicken, kräftigen Stämme der Ulmen mit jedem Jahr statt* licher und stärker wurden und die knorrigen Aeste miteinander verwuchsen, konnte ein solcher Schutz, selbst wenn das Dorf einer festen Steinmauer ent* behrte, schon einmal einen Angriff abhalten. Es wird berichtet, daß mit den Jahren die Stämme und Aeste der Ulmen und Rüstern so dicht geworden waren, daß man sogar zur Winterszeit, wenn die Bäume ohne Laub dastanden, kaum die dahinterliegenden Häuser gesehen habe. Späterer Zeiten betrachteten den Hag, zumal er auch für die Ver* teidigung und den Schutz des Dorfes entbehrlich geworden war, als eine ergiebige und billige Holz* quelle. Daher kommt es, daß man heute in den mei* sten rheinhessischen Dörfern, die einst eine solche natürliche Schutzmauer besaßen, heute kaum noch etwas davon vorfindet. Eine solche lebende Mauer besaß z. B. Eppelsheim, wo man sie allerdings teil* weise noch finden kann.
Aber auch mit Mauern und Wehrtürmen waren viele Dörfer des alten Wormsgaus gesichert. Von der alten Ortsbefestigung des heutigen Stadtteils Neuhausen haben sich dicht neben der Steinbrücke, die auf der Ostseite über den Mühlbach führt, Mauerreste mit Schießscharten erhalten. Schon im Jahre 1249 war der Ort mit Wall und Graben befestigt. Auch Palisaden werden erwähnt. An dem Mühlbach stand ein Tor, das die Neuhauser Pforte hieß. Auch an der Stelle, wo heute die Stiftstraße auf die Gaustraße stößt, befand sich früher ein Tor nebst Brücke. Die letzten Reste des Grabens dagegen sind noch heute unweit der Schäferstraße zu sehen.
Auch das benachbarte Herrnsheim war mit Mauern, Wall und Graben gut bewehrt. Davon hat sich ein größerer Teil erhalten, so vor allem Teile der Mauer und des Grabens und einige Türme, die in den Schloßpark einbezogen sind. Verschwunden sind dagegen das Wormser Tor, das Peterstor und das Untertor.
Von der Befestigung der ehemaligen Reichsstadt Pfeddersheim haben sich außer größeren Mauer* resten noch 9 Volltürme und eine Anzahl von hal* ben Rundtürmen erhalten, die heute fast alle zu Wohnungen umgebaut sind. Die Namen einzelner Türme sind: Aulturm, Johannisturm, Sprengerturm, Bürger* oder Neuer Turm und Pulverturm. Auch der Graben ist besonders auf der Nordseite des Städtchens teilweise noch gut erhalten, und auf dem äußeren Grabenrand war zur Erhöhung der Sicher* heit Gebüsch und Dorngestrüpp angepflanzt. In die Stadt führten ehemals drei Tore: das Wormser Tor im Süden, das Herrnsheimer Tor im Norden und das Obere Tor im Westen. Im Östen befand sich kein Tor, da hier die alte Burg lag. Auch die Tore sind heute verschwunden.
Das benachbarte Monsheim war gleichfalls mit Wall und Graben befestigt, ebenso war der um die erhöht liegende Kirche befindliche Friedhof zu Ver* teidigungszwecken eingerichtet. Reste des Grabens, der zum Teil Schanzgraben genannt wurde, sind noch in geringen Resten erhalten. Zwei heute ver* schwundene Tore führten in das Dorf.
Ein besonders gutes Beispiel einer mittelalter* liehen Dorfbefestigung bietet Dalsheim. Mit Aus* nähme der beiden Tore, dem Untertor im Osten und dem Obertor im Westen, ist die Mauer mit den Türmen fast ganz erhalten. Der Turm in der süd* westlichen Ecke des Dorfes heißt Effenturm, in seiner Nähe befand sich ehemals das schon früh*
zeitig vermauerte Südtor. Auch der Turm der zum Schutze des Untertors erbaut worden ist, steht noch heute. Vorhanden ist auch der auf Blendbogen im Innern der Mauern fast um das ganze Dorf füh* rende Wehrgang, wenn sich auch streckenweise Wirtschaftsgebäude an die mit Zinnen versehene Wehrmauer anlehnen. Nach den Bauformen zu schließen, scheint die Befestigung Dalsheims in der Hauptsache am Ausgang des 14. Jahrhunderts ent* standen zu sein. Auch die späteren Ausbesserungen und Aenderungen haben das Bild nicht verwischt, das sich noch heute in Dalsheim als dem eines befestigten Dorfes bietet, wie es um 1500 ausgesehen haben mag. Die Dalsheimer Ortsbefestigung hat ihresgleichen in dieser Erhaltung weithin nicht mehr und verdient daher die besondere Beachtung aller Heimatfreunde.
Die Gundersheimer Befestigung bestand in der Hauptsache aus einem mit großen Rüstern bepflanzten Wall und Graben sowie einer Mauer, die mit dem stark befestigten Friedhof in Verbindung stand. Im Jahre 1835 verschwand der Graben bis auf wenige Reste, die heute noch an einigen Stellen zu sehen sind.
Die Befestigung von Eppelsheim reicht bis. in das 14. Jahrhundert zurück. Denn schon im Jahre 1382 wird in einer Urkunde der Graben genannt, ebenso die Pforte, durch die man nach Dintesheim geht. Wall und Graben haben sich mitsamt den Ulmen an manchen Stellen noch erhalten, zumal die abgehenden Bäume lange Zeit hindurch immer wieder durch Nachpflanzungen ersetzt wurden.
Von der Befestigung Heßlochs, bestehend aus Wall und Graben, ist heute kaum noch etwas zu finden. Auch hier war der Grabenrand mit Rüstern bepflanzt. Durch zwei Tore, von denen das obere Tor die Mönchspforte hieß, gelangte man in das Dorf. Auch der Turm der auf einer Erhöhung im Südosten des Dorfes liegenden Kirche hatte einst der Dorfverteidigung zu dienen.
Wohlbeschützt durch Wall und Graben war auch das benachbarte Bechtheim. Von den verschwundenen Toren haben sich nur die Namen Kühpforte, Saupforte, Atzelpforte und Lambrechtspforte erhalten. Sonst ist die ehemalige Befestigung Bechtheims vergessen.
Die Befestigung des Dorfes Gundheim stand wie in vielen anderen rheinfränkischen Dörfern mit der=Jenigen des Friedhofs und der Burganlage in engster Verbindung. Der Burggraben verlief im Osten und Norden in den alten Dorfgraben. Der mit Rüstern bepflanzte Wall ist verschwunden; dagegen ist der Graben stellenweise noch zu erkennen.
Auch der Verlauf der ehemaligen Befestigung des Dorfes Abenheim ist nur noch in einigen spärlichen Resten ersichtlich. Der Graben umzog das Dorf in Form eines Ovals. Der Wall war mit Rüstern be= ■ pflanzt. Drei Tore führten in das Dorf hinein, und ihre Torgebäude waren bewohnbar. Die Wormser Pforte wird schon im 14. Jahrhundert genannt.
Die Befestigung des Marktfleckens Westhofen ist schon 1354 urkundlich erwähnt. Die Tore waren gut befestigt und bewohnbar und hießen Ohligtor, Westertor, Wormser Tor, Daubhaustor und Mainzer Tor. Letzteres verschwand mit seinen malerischen Formen erst am Ausgang des 19. Jahrhunderts. Von der Maueranlage hat sich nur ein Rundturm, der sog. Köllerturm, erhalten.
In den Dörfern, die einer festen Ummauerung oder eines Schutzes durch Wall und Graben entbehrten, war oft der befestigte Friedhof der Zufluchtsort der Bewohner bei unruhigen Zeiten. Solche befestigten Friedhöfe gab es in Osthofen, Dittelsheim, Gundersheim, Hochen=Sülzen, Heßloch, Bechtheim, Monsheim, Westhofen und Nieder=Flörsheim. Heute Sind auch diese Befestigungsanlagen zumeist verschwunden oder nur noch in spärlichen Mauerresten erkennbar. Carl ]. H. Villinger
Das Brot mit den drei Kreuzen...
Viele der alten Sitten und Bräuche, die einst in unseren Familien eine Heimstätte hatten, sind unserem Volke verlorengegangen. Dahin gehört auch die fromme, stille Sitte des Brotsegnens. Es mag sein, daß sie sich hier und da noch ein Heimrecht bewahrt hat; aus vielen Häusern aber ist dieser schöne Brauch verschwunden. Und das ist schade! Wie gern erinnert man sich jener Zeit aus der Kindheit Tagen, da die Mutter, wenn sie ein frisches Brot aus der Speisekammer nahm, dieses erst, ehe sie es anschnitt, dreimal bekreuzte, um es zu segnen ...
Gewöhnlich formte sie dieses Kreuz dreimal mit dem Brotmesser über den Brotrücken. Die ganz Alten, die Großmütter und Urgroßmütter, sagten zu diesem Segenszeichen noch leise einen Segens=Spruch, indem sie die drei höchsten Namen nannten. Im Gedenken an die göttliche Dreieinigkeit sollte das Brot angebrochen werden. Ich habe sogar als Kind noch die Wahrnehmung gemacht, daß die Großmutter dazu auch sprach: „Unser täglich Brot gib uns heute und allezeit!" Mag mitunter im Laufe der Zeit jenes Brotsegnen zu einer leeren Formel herabgesunken sein, das eine Gute wird sie stets gehabt haben, nämlich das Gedenken an den Schöpfer aller Dinge und den Geber aller guten Gaben. Man war und blieb sich bewußt, daß das tägliche Brot eine Gottesgabe war.
Als Überbleibsel aus jener Zeit stammen vielleicht heute noch auf manchen Broten, hauptsächlich bei den „Landbroten", in einigen Gegenden die drei kreuzartigen Vertiefungen, die man auf den Brotrücken beobachten kann. Sie werden, bevor das Brot in den Ofen geschoben wird, von dem Bäcker mit einem Messer in den Teig geritzt. Ob die mancherorts übliche Dreiteilung des Brotkörpers durch Rinnen auf dem Rücken auch noch an den alten Brotsegen erinnert, mag dahingestellt bleiben. Georg Wendel, Monzernheim
Die Riesenknochen zu Worms
Zu den stattlichsten Bürgerbauten des alten Worms gehörte unzweifelhaft die Münze am MarkU platz. Diese besaß nach der Seite des Marktplatzes zu eine offene Bogenhalle, und darin hingen dicht bei der Amtsstube die Riesenknochen, die Kaiser Maximilian, der letzte Ritter genannt, gelegentlich eines Reichstags in Worms bei Grabungen auf dem St.=Meinharts=Kirchhof aufgefunden hatte, als er nach den Gebeinen des hörnernen Siegfried suchen ließ.
Unter diesen Riesenknochen, die auch Ochsern köpfe genannt wurden, die in Wirklichkeit aber von vorgeschichtlichen Tieren herrührten, befand sich auch eine Kinnbacke von solcher Größe, daß einmal ein Sperling in eine ZaWhlücke daran sein Nest baute. Darin sah man dann bald hernach die Spätzin mit fünf Jungen sitzen.
Als aber ein Doktor der Rechte aus Nürnberg einmal einen Wormser Advokaten fragte, warum sie vor ihrer Ratsstube in Worms solche Ochsern köpfe hätten, erhielt er die schlagfertige Antwort: „Das ist zum Unterschied von anderen Reichs=Städten, wo sich solche Ochsenköpfe in der Ratsstube befinden." illi
Frauen IM STURM DER ZEITEN
VON PETER GRIESENBRUCH|\/I arie Antoinette, überwältigt von der Stunde, x v A erschüttert von dem Beispiel ihres Gemahls, ist mit niedergekniet, auch sie weint, und die Tränen sind echt. Aber wie sie sich nun erhebt, wie sie die ersten Huldigungen entgegennimmt, wie sie dann durch' das Spalier der Edelleute durch das Schloß schreitet, scheint es, als sei die mädchenhafte Gestalt noch gewachsen, als sei die Haltung noch aufrechter als sonst. Und in all' ihrer Trauer kann Marie Antoinette es nicht wehren, daß ein Gefühl des Stolzes in ihr Herz dringt: „Das schönste Königreich von Europa; und ich bin seine Königin, und ich bin frei, frei, frei..."
In Trianon
16. Juni 1778.
Im Empfangszimmer des Schlosses Trianon bei Versailles geht ein alter Mann im Staatsgewande mißmutig auf und ab. Der Botschafter Ihrer Apo« stolischen Majestät der Kaiserin Maria Theresia und ihres Mitregenten Joseph wartet nun schon eine halbe Stunde hier in dem Schlosse, dem Privat« eigentum der 'Königin, wohin sie ihn gebeten hat, weil sie ihm wichtige Dinge zu sagen habe. Nun ist es schon wieder eine halbe Stunde über die Zeit, die sie genannt hat! Pünktlichkeit wird sie nie ler« nen, denkt seufzend der Botschafter.
Mit einem ärgerlichen Blick sieht er jetzt über Wände, Möbel und Bilder. Der Graf ist auf« gewachsen im Rokoko, er kann sich von ihm nicht mehr trennen, und er will es auch nicht. Die neue Mode haßt er, in der, wie die Leute sagen, Anmut und Leben noch blühender seien als bisher. Melan« cholisch denkt er daran, wie oft Marie Antoinette diese Wände schon hat neu malen lassen, wie oft sie überhaupt schon Anbauten und Umbauten hier befohlen hat, nur weil ihr der alte Geschmack nicht mehr gefiel. Sie gibt auch zu viel Geld aus, denkt er wieder. Ich muß es ihr sagen; auch wenn es wie gewöhnlich keinen Zweck hat.
Ein Lakai tritt ein. Mit tiefer Verbeugung meldet er dem Botschafter, daß Ihre Majestät ihn bitte, sich zu dem großen Boskett im Garten zu bemühen, wo sie ihn erwarte.
Verdrossen folgt Graf Mercy dem Diener. Das sieht ihr ähnlich; eine Audienz des Botschafters einer Großmacht auf einer Bank im Garten ... Anstatt sich von ihren Formlosigkeiten zu lösen, ver« liebt sie sich immer mehr darin. Sie ist doch kein junges Mädchen mehr, sondern mit ihren vier« undzwanzig Jahren eine Frau, die wissen müßte, daß man nicht immer tun darf, was man tun möchte.
Kein junges Mädchen mehr? ... Dem Botschafter wird das Herz noch schwerer. Zehn Jahre verhei« ratet, immer noch keine Kinder; und jeder weiß, warum. Ach, sie hat es wohl auch nicht immer leicht. Und mit zwiespältigem Herzen geht der Graf durch die Gartenwege. Was er hier sieht, erheitert sein Gemüt nicht. Der Graf Mercy ist der Sohn eines Jahrhunderts, das Regelmäßigkeit nur gemil« dert liebte, und dem Abgezirkeltheit, gestutzte Hecken, übersichtliche Anordnung der Blumen ein Herzensbedürfnis waren. Aber was er hier sieht, das ist ja entsetzlich zu denken, fast schon Natur. Man weiß überhaupt nicht mehr, wo der Park auf« hört und das freie Feld und der freie Wald an« fangen. Auch einer von diesen Einfällen der Königin! Man sagt zwar, das werde nun bald in ganz Frankreich die große Mode werden; aber sicher nur, weil sich die Königin so lebhaft dafür eingesetzt hat. Sieht man nicht in diesem Garten ihre ganze Art, die sich keinem Zwang fügen und die Leich« tigkeit und die Anmut der Freiheit genießen will? Aber so darf höchstens eine Bürgersfrau denken. Königinnen müssen wissen, daß es eherne Gesetze für sie gibt, im großen und im kleinen; und wenn sie das nicht mehr wissen, dann gibt es eine Kata« Strophe. Der Graf Mercy hält erschrocken mit seinen Gedanken inne. Wohin hat er sich verführen lassen? Es wird Zeit, daß er auf den Boden der Erde zurückkommt. Ach, wenn einen doch dieses liebenswerte Mädchen nicht mehr so viel Kummer bereiten würde mit ihren Eigenheiten!
Die Schlange
Als der Graf dann die Königin sieht, geht ihm wieder das Herz auf. Die schlanke Anmut ihrer Gestalt ist in ein leichtes weißes Gewand gehüllt, das unter dem Busen durch ein blaues Band zusammen« gehalten wird.' Ein großer weißer Hut nach Schäfe« rinnenart beschattet ihr Gesicht. Sie spricht lebhaft mit einem Hoffräulein, ihre nicht eben regelmäßigen Züge bezaubern ihn auch heute wieder durch ihre Frische, der strahlende Blick ihrer großen Augen scheint eine ganze Welt von Jugend und Heiterkeit zu umschließen, und wundervoll wie immer schim« mert unter dem Hut das blonde Haar der Habs« burger. Wie er sie so sieht, die geliebte Tochter der geliebten Herrscherin, ist der Graf Mercy wieder be=
reit, ihr vieles zu verzeihen. Aber er hat Pflichten ... er hat vor allem die Pflicht, und ein Brief der Kaiserin aus Wien hat es ihm gestern noch wieder eingeschärft, ihr die Wahrheit zu sagen. Wenn es die Mutter und ihre Freunde nicht mehr tun können, wem sollte es dann noch gelingen?
Die Königin begrüßt den Botschafter mit überströmender Herzlichkeit, sie plaudert ein wenig mit ihm, dann schickt sie die Hofdame fort, ihr ein paar Blumen zu suchen. Die beiden sind allein, und immer noch ist die Heiterkeit nicht von Marie Antoinettes Gesicht gewichen. Diese Frau ist glücklich.
„Majestät", sagt der Graf Mercy, „bevor ich die Ehre habe, Ihre Mitteilungen zu empfangen, erlauben Sie mir, im Auftrage Ihrer erhabenen Mutter, aber auch im Auftrage meines eigenen Herzens, das Sie verehrt, Ihnen einige Worte zu sagen. Sie sind in Gefahr, und Sie wissen nicht, wie sehr Sie es sind. Die Schlange der Verleumdung züngelt schlimmer denn je um Sie herum. Bis nach Wien ist es gedrungen, daß Sie die Zielscheibe von Anschuldigungen sind. Wir verachten die Verleumder; aber wir bitten Eure Majestät inständigst zu prüfen, ob Sie nicht auch etwas tun können, ihnen ihre schändliche Arbeit unmöglich zu machen."
Noch immer ist die Fröhlichkeit nicht ganz von Marie Antoinettes Gesicht geschwunden, aber dazwischen ist jetzt ein leiser Zug von Hochmut: „Ach, dieses Pack... Aber was soll ich tun, mein verehrter Graf?"
„Sie brauchen sich nur umzusehen, um einiges zu wissen, Majestät. Sehen Sie Trianon an, sehen Sie diesen Garten an, sehen Sie sich Ihre Umgebung an!"
„Wer wird mir denn diese unschuldigen Vergnügungen mißgönnen? Trianon ist nur klein, es kostet sicher nur ein ganzes Winziges von dem, was Versailles gekostet hat. Und wenn ich in das Dorf gehe, das ich mir habe bauen lassen, dort hinter den großen Büschen, wenn ich dort in Bauernhäusern Kühe zu melken versuche — wem schadet das? Ach, es ist so komisch, wenn mein kleiner Hofstaat im Stalle sitzt und sich abmiiht; Sie müßten das einmal mit ansehen, lieber Mercy, Sie würden nicht mehr so griesgrämig mir gegenüber sein, wie Sie es heute wieder sind."
„Majestät, Ihr Hofstaat will sich amüsieren; ich aber habe Pflichten. Dieses Trianon wird immer wieder umgebaut; das kostet Geld. Ihr Rameau, Ihr Dorf, das Sie sich haben bauen lassen, sieht von außen verfallen und mitgenommen und lebensecht aus; innen sind die wunderschönsten — und teuersten Zimmer, Majestät. Ich habe die Liebhaberei für die Natur nie verstanden. Von außen Strohdach, innen kostbare Zimmer, das scheint mir auch Spielerei und nicht einmal Natur. Aber sei es drum. Schlimmer ist etwas anderes: Diese ganze Spielerei kostet Geld. Der Finanzminister Seiner Majestät hat mir vorige Woche gestanden, wie sehr ihn Trianon bedrücke. Das Volk beginnt, aufmerksam zu werden, weil es hört, daß die Regierung mit den Steuern nicht auskomme. Hier und da steigt bereits ein Murren auf. Und mit Trianon ist es nicht getan, wie Eure Majestät wissen. Nachmittags sind Eure Majestät hier, am Abend auf Maskenfesten in Paris bis zum grauenden Morgen — und immer ohne den König, immer nur mit Ihren besonderen Freunden. Lassen Sie sich warnen! Der Graf von Artois ist der Bruder des Königs, aber er ist kein guter Umgang. Wenn Sie immer in seiner Umgebung gesehen werden, fallen ein paar Spritzer von den boshaften Bemerkungen auch auf Sie. Und Sie haben die Gräfin von Polignac zu Ihrer besonderen Freundin erklärt. Die Gräfin ist schön, und Sie beide zusammen sehen an Hoffesten bewunderungswürdig aus. Aber die Gräfin ist sehr, sagen wir, auf ihr Wohl und das ihrer Familie bedacht. Sie stößt den ganzen Adel vor den Kopf. Die Prinzessin von Lamballe, die ein würdiger Umgang für Sie wäre, hat sich ganz von Ihnen zurückgezogen. Man hat das vermerkt. Man weiß auch, daß die Verwandten der Gräfin Polignac mit Pfründen überschüttet werden. Drüben aber in Versailles sitzt der ganze Hofadel, Majestät, und der Hofadel ist mächtig. Er sieht es ungern, daß Sie sich von ihm zurückziehen. Seit Jahren ist Unzufriedenheit, und sie steigt höher und höher. Sie macht sich in Verleumdungen Luft. Ich weiß, daß Ihr Herz rein ist und tugendhaft. Sie sind nichts als jung, Sie wollen Ihre Jugend genießen. Ich weiß, daß alle diese jungen Laffen, die Sie umdrängen, in Wirklichkeit Sie nicht betören können, daß Sie sie nur als Tänzer und Spaßmacher schätzen. Aber der Ruf einer Königin ist kostbar, Majestät. Sie vergeben sich zu viel. Sie sind zu wenig auf Ihre Würde bedacht. Sie ..."
Aber die Königin, die ihn mit großen erschrockenen Mädchenaugen angehört hat, hält jetzt die Hand an die Ohren: „Hören Sie auf, hören Sie auf, lieber Mercy; Sie sind heute schrecklicher denn je. Sie wollen, daß ich lebe wie eine Einsiedlerin, nur weil ein paar Narren über mich klatschen. Ach, wenn Sie wüßten, wie gleichgültig mir das gerade heute ist, wie glücklich ich in Wirklichkeit bin."
,Ich kann unmöglich jetzt schon aufhören; Sie müssen die Sprache der Wahrheit vernehmen. Vielleicht das Schlimmste ist es, wie Sie den König behandeln. Seine Majestät hat ein gutes Herz und einen klaren Verstand, wenn er auch zuweilen etwas langsam ist. Er liebt Sie, und vor allem, er ist der König! Aber mit welcher Geringschätzung haben Sie gerade bei den Festen des vergangenen Winters immer mit ihm gesprochen, und das in Gegenwart von Hunderten von wachsamen Augenpaaren. In letzter Zeit, so wird mir berichtet, ist das besser geworden; aber wenn .. .
Hier wird er unterbrochen; Marie Antoinette ist in ein strahlendes Lachen ausgebrochen, das nicht enden will. Sie kann nicht sprechen, die Anfälle schütteln sie, die Tränen sind ihr in die Augen getreten. Betreten, verwirrt und entrüstet, mit strengern Gesicht sieht der Graf Mercy zu ihr hin.
Endlich hat sich die Königin von ihrem Anfall erholt. Und mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen, das sie noch bezaubernder macht, beugt sie sich zu dem Botschafter herüber: „Ich denke, Sie werden sich nie wieder darüber zu beklagen haben, daß ich von dem König geringschätzig spreche. Welche Frau wird anders als mit Achtung von dem — Vater ihrer Kinder sprechen ..
Der Graf Mercy lehnt sich zurück. Er kann noch nicht ganz verstehen, was ihm die Königin gesagt hat. Überraschung, Verwirrung, beginnende Freude mischen sich auf seinen Zügen.
Leise fährt die Königin fort: „Seit heute morgen weiß ich bestimmt, daß ich Mutter werde. Ich habe es vor einer Stunde dem König gesagt. Er ist soeben damit beschäftigt, zusammen mit dem Erzbischof eine Mitteilung für die Kirchen vorzubereiten, in denen die Nachricht sofort verkun e werden soll.“ (Fortsetzung folgt.)
Winderwelt INDONESIEN
Wie die Scherben eines zerbrochenen Kruges liegt die vielgestaltige Inselwelt Indonesiens auf der Landkarte. Neben den vier Großen: Borneo, Sumatra, Java und Celebes, die vielen Kleinen: Bali, Lombok, Sumbawa, Flores, Timor und wie die kleinen Sunda»lnseln alle heißen, und die Molukken, die Gewürzinseln.
Mit Ausnahme Nordborneos ist heute diese Insel» weit der Herrschaftsbereich der Indonesischen Re» publik. Schon einmal, bevor die Holländer kamen, war der größte Teil Indonesiens unter einer Regierung. Doch wer weiß heute noch von den Ein» geborenen von dem großen Reich Madjapahit, dessen Nachbarn Borneo (nur im Nordteil), Sulu (im nördlichen Celebes) und Menangkabo (im westlichen Sumatra) ihm tributär waren. Damals waren die Maiayen noch Buddhisten, doch nach 1400 drang der Islam von Westen her ein, und heute sind von den siebzig Millionen Indonesier etwa sechzig Millionen Mohammedaner.
Der Mittelpunkt Indonesiens dürfte unzweifel» haft Java sein, auf dem über fünfzig Millionen Menschen leben. Hier hatten auch die Holländer ihre Hauptstadt gegründet; Batavia, nach den germanischen Bewohnern der Niederlande zur Römer» zeit genannt. Seitdem die Indonesische Republik den Dominion=Status erhielt^ trägt diese Halb» millionenstadt den Namen „Jakarta". Reich ist Indonesien. Reis, Maniok, Zuckerrohr, Soja, Tee, Kaffee, Tabak sind die Hauptausfuhrprodukte, noch größere Bedeutung kommt der Chinarinde zu, In» donesien deckt achtzig Prozent des Weltbedarfs an Chinin.
Noch ziemlich unerschlossen sind Sumatra und Borneo, in deren Inneren noch Kopfjäger hausen, die Dajaks und Bataks. Doch das Ziel der Sehn» sucht vieler Menschen ist Bali, die Insel der wun» derschönen, kleinen Tänzerinnen, die ihre histori»
sehen und bizarren Tänze in reichgezierten Kostümen zu den eigenartigen Klängen der Gamelans ausführen. Dieselben weltentrückten Tänzerinnen sind am nächsten Morgen wieder heitere Kinder der Natur. Man hat Zeit, nichts bleibt übrig von der Hast Europas. Viele Holländer haben diese Erfahrung gemacht in den drei Jahrhunderten ihrer Herrschaft, die das kleine Holland zu einem schwer» reichen Land werden ließen. Doch heute ist Indonesien für die Holländer Ausland!
Batavia, die Hauptstadt von ]awa, heute „Jazarta"
Nach den Klängen der Gamelans wird auf Bali getanzt
Indonesien ist sehr fruchtbar
Weltentrückte Tänzerinnen auf Bali
Unser Riesengehirge
Riesengebirge, deutsches Gebirge! Welchem Schlesier und Sudetendeutschen wird es bei diesen Worten nicht wehmütig ums Herrz? Immer wieder fragt man sich, wie war es möglich, daß wir dieses Land, diese Täler, diese Berge verlassen mußten. In etwa zwei Stunden konnte man von Breslau aus mit der elektrischen Eisenbahn dieses Paradies erreichen. Machen wir uns im Geist noch einmal auf die Reise:
Bald sind wir in Hirschberg, dem Tor zum Rie» sengebirge. Malerische Laubenhäuser umschließen den Ring. Rucksackbeschwerte, frohe Menschen streben mit der Eisen» oder Straßenbahn dem Gebirge zu. Deutlich sehen wir vom Hirschberger Tal aus das Gebirge, dieses wuchtige, granitene Felsmassiv aufsteigen, obwohl uns noch etwa 20 Kilometer Luftlinie trennen. Bis in den Sommer hinein sind die Gipfel mit Schnee bedeckt, in den Schluchten, den Schneegruben liegt ewiger Schnee. Von der Endstation aus sind nun noch einige Stunden Fußmarsch. Rauschende Gebirgsbäche begleiten uns durch lauschige Täler.
Der Wald, der uns auf unserem Weg umrauscht, wird immer niedriger. Bei ca. 1200 Meter Höhe haben wir die Waldgrenze erreicht. In größeren Höhen wächst nur noch das um einen Meter hohe Knieholz. Seltene Hochgebirgspflanzen, Habmichlieb, Enzian, Teufelsbart, findet der aufmerksame Wanderer. Vom Koppenplan erhebt sich der 200 Meter hohe Kegel der Schneekoppe. Mit 1605 Meter Seehöhe ist er die zweithöchste Erhebung. Weit in die Runde schweift der Blick über Berg und Tal. Das Lichtwunder eines Sonnenaufgangs ist ein unvergeßliches Erlebnis. Welche Romantik atmen die Bergseen, die wir schlicht Teiche nennen. Einsame Bauden laden zur Rast, ein Zitherspieler spielt die trauten Lieder des Riesengebirges. Hochmoore, die Elbquelle und groteske Steingruppen liegen am Wege, darunter auch die abgebildeten Quarzsteine. Wieviele Jahrtausende mag der Zahn der Zeit gebraucht haben, ehe der Fels in der heutigen Gestalt freigelegt war? Unwillkürlich probiert man, ehe man hinaufsteigt, ob er auch wirklich nicht wackelt. Aber was ist ein schwacher Mensch gegen diesen Koloß? Seit Jahrhunderten liegt er so auf schiefer Ebene und wird noch so liegen, wenn wir und uns nachfolgende Geschlechter die Augen längst geschlossen haben. An diesen Zeiträumen gemessen, werden die Jahre nur ein Augenblick sein, da wir unserer Heimat fern sein müssen. So schließe ich mit den Worten des Riesengebirgsliedes: „Riesengebirge, deutsches Gebirge, meine liebe Heimat du!"
Oben links: Bad Warmbrunn, auch aus den Rübezahl*Märchen be* kannt, mit der Schneegruben* Baude
Mitte links: Rathaus und Markt in dem einst so geruhsamen und idyllischen Hirschberg
Oben rechts: Die Quarksteine, groteske Felsbildungen von gigan* tischen Ausmaßen
Unten rechts: Riesengebirge mit Hampel* baude und Kleiner Teich* baude, überragt von der Schneekoppe, ein imposan* tes Bild dieser einzigartigen Landschaft. Das Riesengebirge gehörte einst zu den beliebtesten Wandergebieten Deutsch* lands und war jährlich das Ziel Tausender, die hier Er* holung und Ausspannung suchten. Heute ist es ein totes Gebiet, in dem nicht einmal mehr der sagenhafte Berg* geist Rübezahl umgehen darf. Text und Aufnahmen: Heinze
Der Rechtsberater hat das Wort
Die Beitreibung von Geldforderungen
Leider gehört heute wieder die Kenntnis über die Zwangsbeitreibung von Geldforderungen zu dem Rüstzeug des Geschäftsmanns, ohne das er bei der gegenwärtigen schwierigen Geldlage nicht durchkommt. Die Geldflüssigkeit der Jahre vor der Geldreform hat das Verfahren so sehr in Ver* gessenheit geraten lassen, daß mancher Gläubiger heute aus Scheu vor dem für ihn undurchsichtigen Verfahren die notwendigen Maßnahmen unterlaßt. Dabei wird fast alles vom Gericht erledigt und der Gläubiger braucht eigentlich nur das Verfahren in Gang zu setzen. Er hat folgendes zu tun:
Wenn der Gläubiger seinen Schuldner gemahnt hat, ist dieser in Verzug gesetzt und muß alle Kosten der Beitreibung bezahlen. Bevor deshalb der Gläubiger das gerichtliche Mahnverfahren beginnt, muß er außergerichtlich bereits gemahnt haben. Wenn die Mahnung erfolglos geblieben ist, kann der Gläubiger den Erlaß eines Zah* lungsbefehls gegen den Schuldner beantra* gen. Dazu besorgt sich der Gläubiger ein Zah* lungsbefehl=Formular, das man im einschlägigen Formular=Handel kaufen kann. Das Formular wird in einem Dreiersatz geliefert, weil es dem Gericht dreifach eingereicht werden muß. Das Formular füllt der Gläubiger aus und gibt dabei an, welche Hauptsumme er verlangt, welche Zinsen der Schuld* ner bezahlen soll und seit wann die Zinspflicht läuft. Außerdem setzt er die Spesen, die er bei den fruchtlosen Mahnungen gehabt hat, die Kosten des Formulars und die Gerichtskosten ein.
Die Höhe der Zinsen richtet sich grundsätzlich nach dem Schaden, der dem Gläubiger durch das Ausbleiben der Zahlung entstanden ist. Hat er wegen der Zahlungsversäumnis selbst einen Kredit aufnehmen müssen, so kann er den von ihm ver* langten Zinssatz auch seinem Schuldner in Rech* nung stellen. Wenn ein solcher Zinsschaden vom Gläubiger nicht nachgewiesen werden kann, darf er gegenüber privaten Schuldnern nur 4 Prozent rechnen.
Die Gerichtskosten für den Zahlungsbefehl betragen z. B. bis loo,— DM Hauptforderung 2,— DM, bis 200 DM Hauptforderung 3,— DM.
Den Zahlungsbefehl reicht der Gläubiger bei dem Gericht ein, das für den Wohnsitz seines Schuld* ners zuständig ist. Nur wenn der Gläubiger mit dem Schuldner einen anderen Gerichtsstand wie z. B. den des Gläubigers vereinbart hat, kann er den Antrag bei diesem Gericht stellen.
Wer sich scheut, das Formular selbst auszufüllen und dem Gericht einzureichen, kann auch zur Ge* schäftsstelle des Amtsgerichts gehen und dort den Antrag auf Erlaß eines Zahlungsbefehls mündlich zu Protokoll geben. Schreibungewandte Leute er* halten dort bereitwillig Hilfe vor Gericht.
Das Gericht stellt dem Schuldner den Zahlungs* befehl zu und setzt ihm eine Frist von drei oder acht Tagen, innerhalb deren er Widerspruch er* heben muß, wenn er mit dem Zahlungsbefehl nicht einverstanden ist. Auf den Widerspruch hin fordert das Gericht beim Gläubiger einen weiteren Betrag für Gerichtskosten ein und setzt nach dessen Ein* gang einen Termin zur Güteverhandlung an. Auf diese Weise läuft im Falle des Widerspruchs das Zahlungsbefehl*Verfahren von selbst in das nor* male Klageverfahren über, ohne daß eine aus* drückliche Klage erhoben werden muß.
Wenn der Schuldner keinen Widerspruch erhebt, muß der Gläubiger auf der Rückseite der Karte, mit der das Amtsgericht ihm den Erlaß des Zah* lungsbefehls angezeigt hat, den Vollstreckungsbefehl beim Gericht beantragen. Der Vollstreckungsbefehl versetzt den Gläubiger erst in die Lage, mit dem an sich rechtskräftigen Zahlungsbefehl etwas an* zufangen.
Sobald der Gläubiger die mit dem Vollstreckungs* befehl versehene Ausfertigung des Zahlungsbefehls in Händen hat, schickt er ihn zusammen mit einer Abschrift an die Gerichtsvollzieher=Verteilungsstelle beim zuständigen Amtsgericht und bittet, den Voll* streckungsbefehl dem Schuldner zuzustellen und gleichzeitig die Zwangsvollstreckung durchzuführen. Die Gerichtsvollzieher=Verteilungsstelle gibt den Vollstreckungsbefehl an einen ihrer Gerichtsvoll* zieher, der dann dem Schuldner den Vollstreckungs* befehl zustellt und gleichzeitig zur Zwangsvoll* Streckung schreitet, d. h. versucht, Gegenstände bei dem Schuldner zu pfänden. Wenn der Gerichts* Vollzieher etwas Pfändbares vorfindet, klebt er sein Siegel darauf und setzt einen Termin zur Verstei* gerung der Gegenstände an.
Am Versteigerungstermin braucht der Gläubiger nicht teilzunehmen. Er erhält vom Gerichtsvoll* zieher, wenn die gepfändeten Gegenstände tatsäch* lieh versteigert worden sind, den Erlös aus der Ver* Steigerung übersandt, soweit er zur Deckung der Forderung und der Kosten notwendig ist.
Die Zwangsvollstreckung kann allerdings auf An* trag des Schuldners durch den Vollstreckungsschutz sehr stark verzögert werden.
Es kann nun sehr wohl passieren, daß der Gerichtsvollzieher nicht pfänden kann, weil der Schuldner pfandlos ist. Der Gerichtsvollzieher teilt dann dem Gläubiger mit, daß die Pfändung fruchtlos verlaufen ist. Der Gläubiger hat dann die Möglichkeit, bei dem Gericht den Antrag zu stellen, daß der Schuldner zur Leistung des Offenbarungseides geladen wird. Er erreicht auf diese Weise eine Nachprüfung, ob der Schuldner auch tatsächlich sein gesamtes Vermögen für die Zwangsvollstrekkung offenbart hat.
Es geht um die Aussteuer
Frau Z. war Kriegerwitwe, aber seit 2 Jahren wiederverheiratet. Da sie durch die Luftangriffe nicht nur ihre Ausstattung, sondern auch ihre ganze Wohnung aus der ersten Ehe verloren hat, bat sie ihren Vater, der eine gutgehende Metzgerei besitzt, ihre standesgemäße Aussteuer zu erneuern. Der Metzgermeister lehnte die Bitte seiner Tochter ab mit der Begründung, daß er nicht verpflichtet sei, eine zweite Aussteuer zu gewähren. Frau Z., die sich mit ihrem Vater seit ihrer zweiten Ehe nicht mehr gut verstanden hat, glaubt die Erfüllung ihres Anspruches im Klagewege erzwingen zu können. Der Rechtsanwalt, den Frau Z. mit der Einreichung der Klage beauftragen will, hält eine solche für aussichtslos und belehrt Frau Z. über die tatsäch* liehe Rechtslage.
Gemäß Paragraph 1620 BGB ist der Vater ver* pflichtet, einer Tochter im Falle der Verheiratung zur Einrichtung des Haushaltes eine angemessene Aussteuer zu gewähren, soweit er bei Berücksich* tigung seiner sonstigen Verpflichtungen ohne Ge* fährdung seines standesgemäßen Unterhalts dazu in der Lage ist. Dies könne bei den Verhältnissen des Metzgermeisters zweifellos angenommen werden. Aber im Paragraph 1622 BGB sei bestimmt, daß die Tochter eine Aussteuer nicht verlangen kann, wenn sie für eine frühere Ehe von ihrem Vater eine Aussteuer erhalten hat. Ein Anspruch sei auch des* halb nicht gegeben, da gemäß Paragraph 1623 BGB ein solcher in einem Jahr nach Eingehung der Ehe verjähre. Dieser Einwand würde im Falle eines Rechtsstreites von seifen des Metzgermeisters sicherlich noch zusätzlich erhoben werden.
Der veranlagte Lohnempfänger
DAS KURIOSUM EINER GESETZLICHEN REGELUNG
Fritz Müller ist seit 1. 6. 1948 halbtagsweise Buchhalter in einem Konfektionsgeschäft. Er erhält für diese Tätigkeit monatlich 300 DM. Nachmittags — zweimal in der Woche — führt er die Bücher einer Autoreparaturwerkstatt. Als Vergütung erhält er für jene Nachmittagsarbeit 50 DM monatlich. In beiden Fällen hat Fritz Müller ordnungsgemäß eine Lohnsteuerkarte abgegeben. Müller wird die anfallende Lohnsteuer laufend abgezogen.
Muß Fritz Müller zur Einkommensteuer veranlagt werden? Seither bestand der bewährte Grundsatz, daß durch die einbehaltene Lohnsteuer in der Regel die Einkommensteuer abgegolten sein soll. Jetzt ist für das 11. Halbjahr 1948 und 1949 dieser Grundsatz durchbrochen. Fritz Müller steht gemäß § 46 Abs. 1 Ziffer 3 EStG in mehreren Dienst’ Verhältnissen. In diesen Dienstverhältnissen hat er ordnungsgemäß zur Lohnsteuer herangezogene Einkünfte von mehr als 1800 DM im 11. Halbjahr 1948 bzw. von mehr als 3600 DM im Kalenderjahr 1949 bezogen. Fritz Müller muß also zur Einkommen’ steuer veranlagt werden.
Wenn Fritz Müller seine Nachmittagsbeschäfti’ gung im 11. Halbjahr 1948 und im Jahre 1949 auf’ geben und statt dessen Privatstunden in Französisch oder Englisch erteilen würde, die ihm monatlich auch 50 DM eingebracht hätten, dann wäre er nicht zur Einkommensteuer für das 11. Halbjahr 1948 und für 1949 zu veranlagen, denn dann würden die Einkünfte, von denen der Steuerabzug vom Arbeitslohn nicht vorgenommen worden ist, nicht mehr als 600 DM im Jahre betragen. (§ 46 Abs. 1 Ziffer 2 EStG).
Diese gesetzliche Regelung ist ein Kurosium. Es ist unverständlich, warum der Lohnempfänger Fritz Müller schlechter gestellt werden soll, als der Privatnachhilfelehrer. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die den steuerlichen Bestim’ mungen vollständig überantworteten unselbstän» digen Lohn= und Gehaltsempfänger mit 2 oder mehr lohnsteuerpflichtigen Arbeitsverhältnissen noch schlechter gestellt werden sollen, als Lohn= und Gehaltsempfänger, die nebenher aus freiberuf» liehet Tätigkeit bis zu 600 DM im Kalender: . c unversteuert und ohne veranlagt zu werden, verdienen können.
In einem Punkt aber haben die Eink .mmen’ steuer=Richtlinien 11/48 und 1949 Verständnis (vgl. Abschn. 228, Abs. 2). Wenn unser als Buchhalter doppelt beschäftigter Fritz Müller außerdem noch durch Nachhilfestunden 50,— DM im Monat verdienen würde, und wenn diese 50 DM nicht dem Steuerabzug vom Arbeitslohn unterworfen wären, dann brauchten aus Billigkeitsgründen diese Einnahmen aus Nachhilfestunden nicht versteuert zu werden. Dr. St.
Sprechstunde des Hausarztes
Verträumte Kinder
Temperamentsunferschiede bei Kindern zeigen sich schon in sehr frühem Alter. Am auffallendsten ist der Gegensatz zwischen lebhaften Kindern, deren Interesse sich hauptsächlich auf die Außenwelt richtet, und den stillen, völlig nach innen gekehrten, auf sich selbst bezogenen Kleinen. Träumerische Kinder sind für die Mütter weit bequemer und leichter zu behan’ dein als temperamentvolle. Stundenlang können sie sich ganz still mit sich selbst beschäftigen. Sie stören niemartd, verlangen nichts und erscheinen als wahre Musterkinder. Dennoch sind die „Stillen" weit ge* fährdeter in ihrer Entwicklung als die „Lärmenden".
Wenn die Träumerei nicht überhand nimmt, kann sie befruchtend auf die Phantasie wirken. Einem künstlerisch veranlagten Kind soll sie nicht etwa mit Gewalt abgewöhnt werden. Wird das Träumen je* doch zur Gewohnheit, so führt es zunächst zur Zeit* Verschwendung. In der Schule, wo die Kinder wach und aufmerksam sein müssen, bleiben die Träumer zurück. Die Schularbeiten werden langweilig oder schwierig. Die Folge ist, daß sich das verträumte Kind weiter in sein Phantasieleben verspinnt und schließ* lieh der Welt der Tatsachen nicht mehr gewachsen ist. Wächst es heran, so verliert es die sachliche Ein* Stellung zu sich und seiner Umgebung, empfindet sich selbst als Mittelpunkt, erwartet von anderen als Mittelpunkt anerkannt zu werden und fühlt sich ent* täuscht, wenn diese Erwartung nicht erfüllt wird. Mit der Zeit gerät es in eine unberechtigte Verbitterung, die schließlich zur Lebensflucht führt.
Eltern und Erzieher können nicht früh genug da* mit beginnen, diese gefährliche Gewohnheit zu beobachten. Nur liebevolle Aufmerksamkeit und dauernde Beschäftigung mit den Kindern führt zur Kenntnis ihrer seelischen Eigenart.
Was kann man tun, um dem übermäßigen Tag* träumen des Kindes entgegenzuarbeiten?
Man wird ihm interessante Beschäftigungen ver* schaffen und dafür sorgen, daß unerfreuliche Auf* gaben immer nur kurze Zeit in Anspruch nehmen.
Das Kind braucht Spielgefährten und muß in einer Gemeinschaft mit Kindern aufwachsen.
Selbst Haus* und Schularbeiten können unterhalt* sam sein und gewinnen durch gelegentliche Beloh* nungen an Reiz.
Das Kind braucht Lebensfreude, und bei der Ent=Wicklung seiner Interessen muß ihm geholfen werden.
Wenn man ihm reale, Lebenswerte zeigt, wird es die Unfruchtbarkeit der einseitigen Traumwelt eines Tages selbst erkennen.
In den meisten Fällen wird es so gelingen, aus dem weltfremden kleinen Träumer einen gesunden Menschen zu machen, der dem äußeren Leben ge* recht wird, ohne seine Phantasiewelt ganz zu ver* drängen oder zu verlieren. E. v. S.
An Anderland
Liebe überwindet alles
EIN MÄRCHENI— s ging einst ein Königssohn aus, sich eine Braut zu 1 suchen. Er streifte von einer Burg zur anderen und hielt Umschau unter den Töchtern der Könige, der Fürsten und Edeln. Aber nirgends fand er ein Mädchen, das ihm gefiel und in ihm Liebe er* weckte. Da wurde er traurig und zog einsam seine Straße.
Von ungefähr gesellte sich ein alter Mann zu ihm. Dem klagte er sein Leid. Der Alte schüttelte
sein greises Haupt und meinte, das, was er verlange, sei auch gar viel. Dann aber sagte er: „Sie* ben Wegstunden von hier hat einmal eine Königs* tochter gelebt, die war schön wie der lichte Tag. Sie ist verzaubert worden und wohnt in einer Hütte im wilden Walde bei den .sieben Quellen, mutter* seelenallein und häßlich wie eine Waldteufelin. Dies Geschick aber hat sie getroffen, weil sie, als sie noch schön war, alle Freier abwies und sagte: ,Ich will nur den heiraten, den ich lieb habe!' Das aber ist zuviel verlangt, und so büßt sie jetzt."
Als das der Königssohn hörte, gedachte er in seinem Herzen: diese könnte es sein; diese würde für mich passen; ich werde sie mir anschauen. So machte er sich auf den Weg und wanderte sieben Stunden über Berge und Täler und kam in den wilden Wald zu den sieben Quellen. Die flossen in einem lieblichen Waldtal, und zu ihrem Rausehen sang eine helle Menschenstimme ein Lied, von dem er immer wieder die Worte verstand: „Es ist mir geblieben — mein Lieben!
Der Königssohn ging dem Klang der Stimme nach und gewahrte bald unter einem Baume eine weib* liehe Gestalt. Es war kein Zweifel, das war die Gesuchte. Leise schlich der Königssohn näher. Aber er erschrak im tiefsten Herzen, als er die abgrund* tiefe Häßlichkeit der Verzauberten sah. Dann aber ergriff ihn ein tiefes Mitleid. Er trat hervor, ging auf sie zu und begrüßte sie mit ehrfürchtiger Ver* beugung. „Königstochter", sprach er, „ich weiß um Euer Geschick. Vertraut mir und sagt: wie kann ich Euch helfen?" Da schaute die Verzauberte auf. Aus ihren rotgeränderten, entzündeten Augen troffen Tränen. „Ihr könnt mir nicht helfen, Fremdling! Mit Mitleid kann mir kein Mensch helfen. Helfen kann mir nur der, der mich liebt! Wie aber könnte ich einen Menschen bitten, mich zu lieben? Liebt mich nämlich ein Mensch, so muß er meine Häß* lichkeit auf sich nehmen wie ein Geschenk. Ihr seht dort die sieben Quellen. Wascht Ihr in der ersten Eure Augen, so werden sie rot und triefend wie die meinen jetzt sind; ich dagegen gewinne meine blanken Augen wieder. Taucht Ihr in die zweite Quelle Euren Mund, so wird er schief, wie der meine jetzt ist; der meine aber wird wieder wohlgestaltet. Badet Ihr in der dritten Euer An* gesicht, so wird es voller Runzeln; das meine aber wird glatt. So hilft jede der sieben Quellen meine Schönheit schaffen, aber Euch bringt sie Häßlichkeit."
Die Stimme des Mädchens war von einer solchen Macht und so von entsagender Liebe durchdrun* gen, daß es dem Königssohn heiß und kalt wurde. Sein Mitleid quoll üoer, und eine heiße Liebe erfüllte sein Herz. Er schaute die Königstochter lächelnd an und sagte: „Ich gehe zu den sieben Quellen; denn ich liebe Dich!" Und er ging und wusch sich in den Wassern. Mit jedem Waschen aber geschah es, wie die Verzauberte gesagt hatte: sie wurde schön, aber er nahm ihre Häßlichkeit an.
Da begannen die Augen der Königstochter sich mit Tränen zu füllen. Sie weinte: „O Königssohn, nun bist Du häßlich um meinetwillen!" — „Um meiner Liebe willen!" lächelte er. — „Aber", entgegnete sie, „so kannst Du nicht mehr heimkehren in Dein Königreich!" — Da lächelte der Königssohn abermals: „Was soll mir mein Königreich? Ich will ja nur Dich! Sieh, dort steht die Hütte, in der Du gewohnt hast. Dort laß uns leben!"
„Du Lieber!" schrie da die Königstochter auf und eilte zu den Quellen, sich darin zu waschen. Denn sie wollte ihre Schönheit für den Geliebten gerne hingeben. In dem Augenblick aber versanken die Wasser tief, tief im Boden. Als sie nun ihre Schritte zu der alten Hütte lenken wollte, war die Hütte nicht mehr zu sehen. An ihrer Stelle stand ein Schloß. Die breite Marmortreppe herabgeschritten aber kam der Königssohn, schön, wie er ehedem gewesen war. Er schloß die Königstochter in die-Arme und sagte: „Liebe überwindet alles! Laß uns leben und uns lieb haben!" Otto Stückrath
Werlachtmit !
Die* See fing an bewegt zu werden. Einer der Schiffsoffiziere trat auf einen der Pas* sagiere zu und fragte: „Soll ich Ihnen ein Vorbeugungsmittel gegen die Seekrankheit geben, Herr Direktor?" Der Direktor aber antwortete seelenruhig: „Ich danke Ihnen. Wenn es so weit ist, beuge ich mich schon selber vor." *
Erster Polarreisender: „Es war so kalt in unserm Lager, daß die Flamme der Kerze gefror und wir sie nicht ausblasen konnten." Zweiter Polarreisender: „Das ist gar nichts. Da wo wir waren, kamen die Worte aus unserem Mund als Eisstücke heraus. Wir mußten sie erst in der Pfanne schmoren, wenn wir hören wollten, was wir gesagt hatten."
„Na, Junge, wie war das Examen?" „Gut, Papa, der Professor war so freundlich und so fromm." „Fromm? Wieso?" „Bei jeder Antwort, die ich gab, schlug er die Hände zusammen und sagte: ,Mein Gott, mein Gott!"'
„Mein Fräulein, wenn ich mit Ihnen so dahin* tanze, ist es mir gerade, als bewegte ich mich auf Zephirwolken." „Sie irren, das sind meine Füße."
„Angeklagter, gestern haben Sie das aber ganz anders erzählt!" „Da haben Sie es ja nicht geglaubt, Herr Richter!"
Unterschied
„Stimmt es, Liesel, daß der Xaver die Verlobung mit dir aufgelöst hat?" „Na, aufgelöst hat er sie net! Er hat bloß eine andere geheiratet!"
Vermutlich
Die Gnädige ruft: „Minna — dieser Stuhl ist ja ganz staubig." Die Perle: „Dann wird wohl lange keiner drauf* gesessen haben.''
Märchen um uns: Der Wolf will die sieben Geißlein besuchen - Das Pilzmännlein liest im Kochbuch - Rotkäppchen und der böse Wolf
Blick in die Welt
Bundespräsident Prof. Dr. Heuss und Prof. Heisenberg auf einer Tagung in München
Die Tochter der englischen Thronfolgerin Prinzessin Elizabeth wurde getauft
Kampf gegen den Holzwurm: Bayer=Werke erfanden Abhörgerät und Injektionsmittel zur Abtötung
Amerikanische Fallschirmtruppen schnitten Nord* koreanern die Flucht nach China ab
Die USA=Einwanderungsbehörde auf Ellis Island überprüft alle Papiere der zureisenden Ausländer. Manche mußten tagelang auf ihre Weiterreise warten oder wurden interniert.
Ein englischer Pilger fuhr mit diesem Hochrad nach Rom. Er erreichte die Stadt ohne Verkehrsunfall, obwohl das Fahrzeug den heutigen Verkehrsver* hältnissen nicht mehr entspricht. Aufnahmen: UP und DPA
AUS DEM INHALT: Befestigte Dorf er im Schatten von Worms S. 2 Frauen im Sturm der Zeiten S. 3 Wunderland Indonesien S. 4 Unser Riesengebirge S. 5 Die Beitreibung von Geldforderungen S. 6 Blick in die Welt S, 8