Unveründerter Brotpreis
Eine Regierungserklärung Blüchers / Verzicht auf die Fettsteuer
Drahtbericht unseres Korrespondenten
R. Bonn, 21. Juli. Die Bundesregierung hat ihre Beschlüsse zum Brotpreis und zu den Subventionen am Freitag dem Bundestag bekanntgegeben. Sie lauten: Konsumbrot zum alten Preis und Weiterführung der Subventionen für ausländisches Getreide und vor allem für Superphosphate unter Verzicht auf eine Fettsteuer.
Vizekanzler Blücher hat als Vertreter des Bundeskanzlers in einer Regierungserklärung bekanntgegeben, daß die Bundesregierung auf eine Margarineausgleichsabgabe verzichte. Dieser Verzicht sei nicht durch irgendeine Unsicherheit der Bundesregierung veranlaßt, sondern weil sich die Verhältnisse auf Grund der weltpolitischen Ereignisse grundsätzlich geändert hätten. Die Preise für Gel und andere Fettrohstoffe hätten auf dem Weltmarkt angezogen. Damit entfalle die Möglichkeit, die Ausgleichsabgabe zu erheben, ohne die Gefahr steigender Preise heraufzubeschwören.
Blücher erklärte, die Bundesregierung müsse gerade heute darauf hinarbeiten, daß die Erzeugung der deutschen Landwirtschaft nicht nur gehalten, sondern noch gesteigert werde. Bei den Maßnahmen, die zur Preisstützung bei der Beschaffung der Superphosphate einzuleiten seien, werde die Bundesregierung nicht vergessen, daß die beste Investition in der Landwirtschaft sei, die Qualität und Erzeugungsfähigkeit unserer Böden zu halten. Das ganze Interesse der Bundesregierung werde dieser Frage gelten.
Zu den Subventionen für Brotgetreide erklärte Blücher, die Bundesregierung halte an dem Grundsatz fest, daß die sich zwischen Inlands- und Auslandspreisen ergebende Differenz mit Hilfe von Subventionen unter Mitwirkung der Länder aufgebracht werde. Im Interesse der Landwirtschaft bleibe die Bundesregierung aber bei ihrer Vorlage, daß der Roggenpreis auf durchschnittlich. 280 Mark und der Weizenpreig auf durchschnittlich 320 Mark je Tonne festgesetzt werde. Die Differenzen zwischen diesen Inlandspreisen und dem Preis für die eingeführten Getreidemengen • würden getragen Werden.
Blücher gab bekannt, daß der Bevölkerung sofort zu den bisherigen Preisen — also den Preisen vor dem 30. Juni — ein ortsübliches Konsumbrot zur Verfügung gestellt Werde. (Zwischenrufe von links: aha.) Dieses Ergebnis sei in den Verhandlungen mit den Müllern und dem Backgewerbe erreicht worden. „Das Brot, das angeboten wird, ist in den meisten Gebieten Deutschlands von jeher das am meisten gekaufte Brot gewesen. Wir können nicht daran vorbeigehen, in Zeiten der Not auch dafür Sorge zu tragen, daß das Erzeugnis deutschen Bodens, nämlich der Roggen, auch für die deutsche Ernährung verwandt wird und nicht liegen bleibt, wie es in der Vergangenheit häufig der Fall gewesen ist.“
Die Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Lebensmitteln ist, wie Blücher betonte, auf lange Zeit gesichert. Blücher verurteilte Hamsterkäufe, die immer ein Diebstahl am Aermsten seien. Die Bundesregierung werde durch geschickte Handhabung und Erhöhung der Vorräte und entsprechende finanzielle Maßnahmen dafür sorgen, daß überall eingegriffen werden könne, wo durch unvernünftige Käufe vorübergehend Schwierigkeiten zu entstehen drohen.
„Kein Armeleute-Brot“
Die Gewerkschaften an Vizekanzler Blücher
Fö. Düsseldorf, 21. Juli (Eigener Drahtbericht) Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat am Freitag Pressemeldungen dementiert, wonach Bundeswirtschaftsminister Dr. Erhard vor der Fraktion der Christlich-Demokratischen Union / Christlich-Sozialen Union des Bundestages erklärt haben soll, es sei gelungen, mit den Gewerkschaften zu einer Einigung in der Brotpreisfrage zu kommen.
Der Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes habe in einem Telegramm an Vizekanzler Blücher und die Fraktionen des Bundestages am Freitag erneut „im Namen von zwanzig Millionen Verbrauchern“ scharfen Protest gegen die Verteuerung des Brotes und gegen alle bisherigen Maßnahmen der Länder erhoben, die darauf abzielten, Preis- und Qualitätsbestimmungen für ein neues Konsumbrot festzulegen. Die Verbraucherschaft der Bundesrepublik wolle kein sogenanntes „Armeleutebrot", sondern bestehe bei ihrem schmalen Einkommen auf Ausführung des Bundestagsbeschlusses, der die Rückkehr zu den alten Brotpreisen ermöglicht. Der deutsche Gewerkschaftsbund erwarte den sofortigen Erlaß eines Höchstpreisgesetzes, um damit den unerträglich gewordenen Preissteigerungen auf allen Gebieten zu begegnen.
Beschleunigte Aufrüstung
Paris, 21. Juli, (dpa) Eine verstärkte Aufrüstung fordern die Verteidigungsminister der füÄf Westunionsmächte, die am Donnerstag in Fontainebleau bei Paris Besprechungen abgehalten hatten. Nach Abschluß der Sitzungen wurde ein kurzes Kommunique herausgegeben: „Die Minister erörterten die internationale militärische Lage und die von den Oberbefehlshabern gemachten Vorschläge. Sie erkannten die Notwendigkeit an, ohne Verzögerung die Herstellung von Kriegsmaterial zu beschleunigen und die Verteidigungskraft der Westunionsstaaten zu Lande, zu Wasser und in der Luft als Garantie gegen einen Angriff zu verstärken."
Am Vorabend der Rückkehr
Leopold III., König der Belgier, wird am Samstag in Brüssel erwartet
Brüssel, 21. Juli. (AP/dpa/BBC) Der Unabhängigkeitstag ist in Belgien begangen Worden, ohne daß der König, wie allgemein erwartet, zurückgekehrt ist. In den Morgenstunden des Freitag wurde der Nationalfeiertag mit einem Tedeum in der Kathedrale von Brüssel begonnen. In der Umgebung der Kathedrale waren zahlreiche Gendarmen zusammengezogen worden, die mit Stahlhelmen und Gewehren ausgerüstet waren. Polizeikräfte riegelten die Straßen zum Dom ab und hinderten die Massen, in die Kirche einzudringen. Die belgische Regierung und das diplomatische Korps nahmen gemeinsam an dem Gottesdienst teil. Nach der kirchlichen Zeremonie brachen die Kirchenbesucher in stürmische Rufe „Es lebe der König“ aus. Das „Vive le roi“ pflanzte sich auf die vor der Kathedrale wartende Menschenmenge fort.
Am Samstag wird die Rückkehr des Königs in der Hauptstadt erwartet. Alle Vorbereitungen sind getroffen, daß die zweihundert Mann Leibgarde in ihren traditionellen Uniformen den König begrüßen. Leopold wird voraussichtlich die Uniform eines belgischen Generalleutnants tragen, den höchsten Rang, den die Armee zu vergeben hat. Während sich die Blumen vor den aufgestellten Bildern des Königs im ganzen Land mehren, hat die Sozialistische Partei in ihrem Parteiblatt Bilder Leopolds veröffentlicht, die ihn mit deutschen Generalen zeigen. Die 11 000 Mann der Brüsseler Polizeitruppe sind durch Zusammenziehung von Polizeimannschaften aus dem ganzen Land verstärkt worden. Obgleich das Land innerlich aufgerüttelt ist, ist das äußerliche Bild in den Städten und Dörfern Belgiens am Vorabend der Rückkehr des Königs ruhig.
Kcharfe Kritik Piecks an Reimnnn
Kommunistische Umorganisation in Deutschland
Drahtbericht unseres Korrespondenten
er. Berlin, 21. Juli. Der erste Teil des Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei, der fast drei Jahre nicht zusammengetreten war, brachte das, was in kommunistischer Sprache Selbstkritik heißt, was sich aber zu einer manchmal .recht sensationellen Enthüllung entwickelt. Das Referat Piecks enthält. eine Reihe solcher Selbstanklagepunkte. Nach Piecks Mitteilungen ist ein stärkerer Mitgliederrückgang unter den Industriearbeitern bemerkbar. Die Sozialistische Einheitspartei der Sowjetzone besteht nur zu 41,3 Prozent aus Arbeitern, die Berlins sogar nur zu 35 Prozent. Die Mitgliederzahl ist von zwei Millionen auf 1,75 Millionen zurückgegangen. Die Angaben über bürgerliche und trotzkistische Strömungen gehen bis in die leitenden Kreise der Partei. Selbst in die Redaktion des Zentralorgans „Neues Deutschland“ seien feindliche bürgerliche, kleinbürgerliche und trotzkistische Anschauungen eingedrungen.
Die Beschuldigten brachten ihre Erwiderungen vor. Reimann erklärte, die Rügen gegen die westdeutsche Kommunistische Partei seien berechtigt. Es sei ihr nicht gelungen, ihren Einfluß zu verstärken und bei den Wahlen habe sie schwere Nieder-
lagen erlitten. Aber Reimann gab zu bedenken, daß . der Kommunismus ,in Westdeutschland es sehr schwer habe, weil er einen Kampf mit den Geheimdiensten von drei Besatzungsmächten führen müsse. Außerdem gingen in Westdeutschland Kriegsvorbereitungen in beschleunigtem Tempo vorwärts. Die Landsmannschaften der Heimatvertriebenen verbreiteten eine scharfe Hetze gegen die Sowjetunion. Nationalsozialistischer Geist' und Rassenhaß würden in der Bundesrepublik angeschürt. Trotzdem versprach Reimann Besserung im Sinne der von Pieck gestellten Forderungen.
Manche Vorgänge am Rande des Parteitages waren bemerkenswert. So etwa das Auftreten des Generalsekretärs des Moskauer Exekutivkomitees, Suslow, am Freitag, der sich der russischen Sprache bediente und am Schluß seiner Ansprache von den fünftausend Delegierten stürmischen Beifall erhielt, worauf dann erst die Uebersetzung der Ansprache verlesen wurde.
Im Hintergrund der ganzen Vorgänge stehen aber Pläne zur Umorganisation der Sozialistischen Einheitspartei und wohl auch der Kommunistischen Partei nach russischem Vorbild. An die Stelle des bisherigen Parteivorstandes soll ein Zentralkomitee treten, wobei man annimmt, daß Walter Ulbricht Generalsekretär dieses Komitees wird, ein Posten, wie ihn Stalin schon zu Lenins Zeiten bekleidete.
Südkorea wie es war: ein Großbauernhof
„Eine deutsche West-Armee“
Reimann spricht von Kriegsvorbereitungen
Berlin, Sl. Juli. (AP.) Der westdeutsche Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Reimann, hat am Freitag auf dem Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei die westlichen Besatzungsmächte beschuldigt, ihre Kriegsvorbereitungen in. der Bundesrepublik beschleunigt voranzutreiben. An zahlreichen Stellen würden ständig neue militärische Anlagen errichtet. Reimann sagte, daß die Regierung Dr. Adenauers eine deutsche Armee mit allen Waffengattungen aufstellen wolle. Nur aus diesem Grunde würden das Brot und die Margarine teurer werden. Mit diesen Mitteln sollten die Kosten für die Remilitarisierung und Aufrüstung der Bundesrepublik aufgebracht werden».
Und Rot-China?
-1. Im Kampfgeschehen auf Korea zeichnen sich bereits die Umrisse der neuen Phase ab, die den Amerikanern nach empfindlichen Schlägen wahrscheinlich härtere Gegenschläge ermöglichen wird. Um die Kommunisten wieder bis an den 38. Breiterigrad zurückzudrängen, dürfte es noch einige Zeit dauern. Gene-» ral Eisenhover erklärte sogar — allerdings ist dies als Privatmeinung des Strategen zu werten —, die amerikanischen Streitkräfte sollten nicht an der Demarkationslinie halt machen, solange keine ausreichenden Garantien dafür vorhanden seien, daß sich ein kommunistischer Einfall nicht wiederholte. Ob jedoch dieser Standpunkt auch politisch zu vertreten ist, läßt sich heute noch nicht beurteilen. Zweifellos nähert sich mit der Vertreibung der Kommunisten bis an den 38. Breitengrad auch die internationale Lage einen heuen kritischen Punkt.
Unter den Nachbarn der Korea-Halbinsel ist die chinesische Volksrepublik bisher wenig in dem Streit hervorgetreten. Man hörte wohl von Truppen-Zusammenziehungen in der Mandschurei. Sie wurden damit begründet, daß Rot-China lediglich Vorkehrungen zum Schutze seiner wichtigen Industriezentren treffe, falls sich die Kampfhandlungen über den 38. Breitengrad nach Norden hinaus ausdehnen sollten. Der strategische Ablauf des Krieges hatte diese Maßnahme zwar nicht gerechtfertigt, aber das war damals nicht vorauszusehen.
Erst die diplomatischen Bemühungen um die Beilegung des Konfliktes haben die chinesische Volksrepublik, und auch nicht von sich aus, stärker in die Diskussion gerückt, als der Kreml seine Bereitschaft, wieder im Sicherheitsrat mitzuarbeiten, von der Aufnahme Rot-Chinas in diese Körperschaft abhängig machte. Dieser Versuch muß zunächst als gescheitert angesehen werden, da sich nicht allein Amerika eine Verquickung dieser Frage mit der Beilegung des Koreafalles ablehnte. Man hat die Haltung Pekings „mit drohendem Schweigen, das nichts Gutes ahnen ließe“, gekennzeichnet. In diesem Zusammenhang ist auch die Vermutung laut geworden, daß die unterirdischen Drähte von Nordkorea nach Peking führten, während der Kreml nach außen weiterhin die Rolle des Unbeteiligten spiele und dafür seine Marionetten in den Kampf schicken könnte, ohne die eigenen Kräfte zu verbrauchen.
Bislang liegen hierfür noch keine Beweise vor. Aber die Zukunft wird lehren, inwieweit Rot-China ehrlich an einer Lokalisierung des Konfliktes interessiert ist.
Der Dollar rollt in Afrika
Wr. Für gewöhnlich mag der Zeifungsleser den Eindruck erhalten, als konzentriere sich alles Weltgeschehen auf Europa, genauer: auf den großen Kampf der beiden Welfhälften um die Herrschaft üb er Europa. Die Vorgänge insbesondere, die sich in und um Afrika vollziehen, verblassen und treten weit in den Hintergrund. Sie unbeachtet zu lassen, erweist sich, täglich sichtbarer, als ein politischer Fehler. Auch für uns Deutsche, so gering auch für uns der Antrieb sein mag, uns (etwa in der Art weiland des Kolonial wer eins) für Afrika zu interessieren.
Auch die derzeitigen Beherrscher der Welt in den „Vereinten Nationen“, insbesondere in den Vereinigten Staaten, lassen durch ihre Tagesordnungen und Beschlüsse höchst selten erkennen, daß Afrika für sie irgendwelche Aktualität oder Bedeutung habe, —- abgesehen von Sowjefrußland, jjas in Afrika eine höchst intensive und nur allzu erklärliche Propaganda betreibt. Zur Bekämpfung dieser Propaganda haben die Vereinigten Staaten einen besonderen „Intelligence Service“ emgetlchfef, der sich „OCTA“ nennt (Abkürzung für: Organisation de Cooperation Technique en Äfrique). Es wird ihm von Sachkennern eine „sensationelle Bedeutung“ nachgesagt (Arvid de Bodisco im Mai-Heft von Rudolf Pecheis Monatsschrift „Deutsche Rundschau“), aber zur lamung dieser so erkannten Bedeutung wird von den Machthabern der Kontinente und zumal von den Vorkämpfern der Europäischen Union unentwegt so getan, als sei Afrika bedeutungslos geworden.
Umso intensiver vollzieht sich nebenbei die Inbesitznahme des schwarzen Erdteils durch die Vereinigten Staaten. Dabei muß von vornherein erkannt und begriffen werden, daß es sich höchstenfalls bis zu einem geringen Grade um bloße Besitzgier handelt: In den Äugen der amerikanischen Machthaber ist Afrika nicht ein bloßes, zur kolonialen Ausbeutung geeignetes Anhängsel von Europa, sondern eine Lebensnofwendigkeit für unseren Erdteil. Die herrschende Auffassung im amerikanischen Außenministerium scheint zu sein: Laßt die Franzosen im Besitz von Algier und Tunis oder was sie sonst in Nordafrika gedeihlich verwalten zu können glauben, — laßt die Italiener im Besitz von Eritrea und Somaliland, laßt die Belgier im Besitze von Südwest, von Taganjika, von Rhodesien und was sie sonst noch innehaben. Aber, und damit wird ihre Tonart herrisch: „Europa hat sich als unfähig erwiesen, den schwarzen Erdteil sachgemäß zu verwalten.“
Diesbezüglich stimmen die Amerikaner mit dem Sudan überein', aber auch mit vielen, wenn nicht den meisten Briten und Buren, von der Goldküste angefangen bis nach Kapstadt und Johannisburg.
War Europa unfähig?
Was die Bemühungen, Absichten und Pläne der europäischen Herrschaftsmöchte anbefrifft, ist es nicht so. Die Franzosen haben einen Plan für ihre „Indusfriezone Nr. 1“ zwischen Marokko, Algier und der Sahara, der Respekt erheischt. Es ist der Bau einer Trans-Sahara-Bahn vorgesehen, die Modernisierung von Dakar, (um aus diesem Hafen das größte Handelszentrum der afrikanischen Westküste zu machen), es besteht ein Fünfjahresplan zur Modernisierung der Landwirtschaft in Tunesien. — Für Belgisch-Kongo besteht ein Zehnjahres-Rlan, innerhalb dessen der ganze Landstrich mit ungefähr denselben (elektrifizierten). Eisenbahnen versehen werden soll, wie etwa das Ruhrgebiet England hat für seine Herrschaftsgebiete Projekte in Vorbereitung, die sich nicht lediglich auf die Erzeugung einer Höchstmenge von Erdnüssen, (bisher ein äußerst enttäuschendes Verlustgeschäft,; sondern ebensovieler Mengen von Vieh und Pflanzenölen, Kaffee, Kakao und Erzen beziehen. —- Auch die Spanier und Portugiesen sind wahrlich nicht rückständig oder faul in bezug auf die Ausbeutung ihrer Kolonien: Sie tun, was sie irgend können, um die Bodenverhältnisse zu verbessern und die Industrie-Anlagen auszubauen.
Wären Siemens-Schuckert und Siemens-Halske heute noch, was sie vor Hitler waren, (nicht zu reden von der AEG und von IG-Farben), wären Blohm & Voß noch da, der Stahlverein, die Dortmunder Union: Infolge des afrikanischen „Geschäftes“ ergäben sich für sie Bilanzen wie noch nie.
_ An die Stelle aller dieser Mächte und Kräfte, auch der britischen und französischen Sfahl-Corporafionen, sind die Amerikaner getreten. Sie sagen: Es sei blitznotwendig gewesen, im Hinblick auf die Sowjets und es ist wahrlich (bis zu einem gewissen Grade) glaubhaft. Was die „Interessen“ der nordamerikanischen. Untennehmerwelf anbefrifft, so hat man zu erkennen, daß die sowjefrussische Begehrlichkeit ihr äußerst gelegen kam. Sie liefert ihnen die moralische Rechtfertigung. Weitsichtiger Patriot in USA, wer sich für Afrika interessiert.. .
Was geschieht?
Was geschieht amerikanischerseifs? Eine ganze Menge geschieht. Das wirtschaftliche Eindringen der Amerikaner in Afrika vollzieht sich in einem Umfang und Maßstab, der im besten Sinne des Wortes amerikanisch zu nennen und geradezu strategisch dirigiert ist. Nicht davon zu reden, daß das amerikanische Kapital in Liberia und Abessinien eine beträchtliche Rolle spielt, daß die Belgier in ihrem Kongo-Gebiet sich, was die Urangewinnung anbefrifft, einem förmlichen amerikanischen Monopol gegenübersehen. Wo in Afrika landwirtschaftliche Maschinen begehrt und angeschafft werden, kauft man (und zahlt man ab) amerikanische Maschinen. Wo man in Afrika Anleihen benötigt, um irgendwelche Bauten zu errichten: Staudämme, Ueberland-Leifungen, Talsperren oder was sonst: Man hat mit Gruppen amerikanischer Finanzleute zu verhandeln.
Wo irgend in Afrika Amerikaner mit Eingeborenen oder ihren „Schutzmächfen“ zu verhandeln haben, da sind sie so gut wie „zu Hause“: Es stehen Hinein allerwegen die diplomatischen und vor allem die konsularischen Apparate ihres Staatswesens zur Verfügung. Das „State Department“ besitzt eine eigene Afrika-Äbfeifung. Im Truman-Plan ist unter Punkt 4 „die finanzielle und technische Hilfe für die schwach entwickelten Territorien“ vorgesehen, — hierbei ist Afrika nicht ausdrücklich genannt, aber gemeint. Eine nordamerikanische Äktien-Gesellschaft, „Overseas Consultants“, (die also nach ihrer Firmierung lediglich „Beratungen“ erteilen will,) operiert mit Hilfe eines großen Stabes von industriellen und technischen Sachverständigen, und im Territorium von Tanger, das für „international“ zu halfen ist, baut Amerika eine Sendesfafion von buchstäblich gigantischen Ausmaßen. Der Dollar rollt in Afrika.
Nun ist es die Frage: Ist darin, in diesem rasch zugreifenden Verhalten der
Vereinigten Staaten und ihrer Geschäftswelt, eine Gefahr für Europa zu erblicken? Es kommt auf die letzten Absichten der Nordamerikaner an, und ebensosehr auf die Fähigkeit Europas, sich in der afrikanischen Frage zu einigen.
Das ist, für unseren Bedarf, nicht deutlich genug ausgedrückt. Wir unsererseits würden sagen: Es kommt darauf an, wer über Afrika herrschen wird, — Moskau oder Wallstreet.
Aber das ist nicht alles. Jeder Deutsche, der ein wirklicher Europäer zu sein trachtet, hat, frei von allem Unmut, an das eine zu denken: Afrika hat, im Hinblick auf Europa, eine hohe strategische Bedeutung, — daß von Afrika her, sobald man diesen Erdteil beherrscht, Europa erobert und beherrscht werden kann, das sollte uns Deutschen eihleüch-TSn. Wir Deutsche haben" in Afrika, wenigstens vorläufig und für geraume Zeit, nicht mehr mifzuspieien. Man kann es beklagen und darüber unglücklich sein, aber man kommt damit um mehr als Zwanzig Jahre zu spät.
Nnding
an. Von dem deutschen Staatsbürger dieses Namens sagt das Handbuch des Deutschen Bundestags, daß er achtundvierzig Jahre alt, von Beruf Weißgerber, nach 1933 emigriert, im Augenblick Bundestagsabgeordneter und Parteisekretär in Stuttgart ist. Für den politischen Beobachter noch um einiges wichtiger' ist die Tatsache, daß er in manchen kommunistischen Kreisen als führender Mann dieser Partei gilt, dessen Einfluß hinter den Kulissen den Max Reimanns noch übersteige und der bei vielen den Namen „Großinquisitor“ trage, was zum mindesten auf einen beträchtlichen Respekt vor ihm hindeutet. Dieser Mann nun ist bei seiner Partei in Ungnade gefallen. Er ist aus ihr oder doch zum mindesten aus dem Vorstand ausgeschlossen.
Lassen wir es einmal auf sich beruhen, was Herr Nuding erzählen wird, wenn er wieder auftaucht; im Augenblick ist er in Stuttgart nicht zu finden. Politisch bedeutsam ist, daß ein so wichtiger Mann der Partei im scharfen Kreuzfeuer der Kritik sieht. Wenn man andere Einzelheiten aus der Rede Piecks, wenn man etwa auch die Selbstbezichtigungen der angegriffenen Parteimitglieder dazu nimmt, so wird der Eindrude einer schweren Krise der Partei verstärkt. Das Gespenst des Titoismus geht um. Früher nannte man das Trotzkismus, und Wilhelm Pieck hat es heute noch wieder so genannt. Wichtig ist vor allem der Tatbestand der inneren Erschütterung. Die Moskauer Leitung des Bolschewismus hat den Funktionären der Partei in Deutschland ihre Arbeit unsäglich erschwert. Als Folge ißt überall ein dumpfes Grollen in den Kaders zu bemerken.
Köhler schwer erkrankt
Der Präsident des Bundestages
R. Bonn, 21. Juli. (Eigener Drahtbericht.) Bundestagspräsident Dr. Köhler hat sich am Freitag wegen eines totalen Erschöpfungszustandes in ärztliche Behandlung be¬ .geben müsen. In parlamentarischen Kreisen waren seit längerer Zeit schon dieser wachsenden Erschöpfung Dr. Köhlers manche Erscheinungen seiner Amtsführung zugeschrieberi worden, die trotz der menschlichen Wertschätzung Dr. Köhlers zu einer Kritik geführt hatten, die sich in einem Brief der Freien Demokraten an die Fraktion der Christlich-Demokratischen Union verdichtete.
Das jetzt eingetretene bedauerliche Ereignis hat eine Stellungnahme der Fraktion der Christlich-Demokratischen Union zu der von ihrem Koalitionspartner eingetretenen Problematik hinsichtlich der Besetzung des Präsidentenpostens des Bundestags erübrigt. Man nimmt an, daß vorläufig der erste Vizepräsident Carlo Schmid die Funktionen des Präsidenten bis zur Parlamentspause wahrnehmen wird und daß .das Parlament nach seinem Wiederzusammentritt zur Neubesetzung des Präsidentenpostens schreiten dürfte.
Dr. Köhler ist nach Wiesbaden zu einer Spezialbehandlung übergeführt worden.
Umnzureichende Hicherheit
Eine Sitzung des Bundesrates
Bonn, 21. Juli, (dpa) Der Bundesrat hat am Freitag in einer Geheimsitzung mit Vizekanzler Blücher und anderen Buridesministern das Sicherheitsproplem und besonders das Thema Bundes- und Länderpolizei erörtert. Es wurde beschlossen, in naher Zukunft eine Aussprache zwischen dem Bundesinnentninister und den Innenministern der Bundesländer über das gesamte Polizei- und Sicherheitsproblem anzuberaumen. Alle Sitzungsteilnehmer waren sich darin einig, daß gegenwärtig die innere Sicherheit der Bundesrepublik nur unzureichend gewährleistet sei.
Das Jagdgesetz abgelehnt
Hamburg, 21. Juli, (dpa) Der deutsche Jägdschutzverband hat mitgeteilt, daß er den Entwurf des Bundesjagdgesetzes ablehne, den Minister Niklas jetzt der-Regierung zur Beschlußfassung zugeleitet habe. Der Verband sei mit dem Entwurf- nicht einverstanden, weil er Bestimmungen des alten Reichsjagdgesetzes, wie Reviergröße, Pachtdauer, Jagdpachtfähigkeit und Wildverkehrsordnung, geändert habe oder unberücksichtigt lasse. Das frühere Reichsjagdgesetz bezeichnet der Jagdschutzverband als eines der vorbildlichsten Jagdgesetze der Welt, das weide auch im Ausland anerkannt.
In der Hölle von Taidschon vermißt
General Dean, der Kommandeur der 24. Division, kam nicht mehr aus Taidschon heraus
Taiku, 21. Juli. (AP./dpa/BBC.) Teile des 34. amerikanischen Infanterieregimente, das tagelang Taidschon gehalten hatte, haben in Stellungen südlich und südwestlich der früheren provisorischen Hauptstadt Fuß fassen können. Eine mit Spezialwaffen ausgerüstete amerikanische Kampfgruppe hat in den Abendstunden des Donnerstags versucht, die nordkoreanischen Stellungen zu durchbrechen und nochmals in Taidschon einzudringen. Die amerikanischen Soldaten wollen ihren Divisionskommandeur, den General Dean, zu dessen 24. Division das 34. Infanterieregiment gehört, aus Taidschon herausholen, weil sich der General möglicherweise hoch in der Stadt befindet. Bisher sind jedoch alle Angriffsunternehmen vergeblich gewesen. Am Freitag meldete sich der Dolmetscher des Generals auf einem Gefechtestand, ohne nähere Mitteilungen über den Verbleib seines Kommandeurs machen zu können. General Dean war zuletzt gesehen worden, wie er .mit einem Panzervernichtungstrupp gegen nordkoreanische Panzer in der Stadt vorging.
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■ Nach Augenzeugenberichten sollen die Kämpfe um Taidschon unvorstellbar hart gewesen sein. Die Amerikaner hatten sich in der brennenden Stadt stutzpunktartig eingebaut und wurden erst zum Rückzug gezwungen, als die Norc|koreaner unter dem Schutz von zwanzig Panzern Straßenblock um. Straßenblock einnahmen. Als die Partisanen und die reguläre nordkoreanische Infanterie die 'eingeleitete Rückzugsbewegung erkannten, brannten sie die Straßen "nieder, durch die die Amerikaner ausweichen mußten. Scharfschützen waren in den Reisfeldern und an den Straßenkreuzungen Ver¬ .steckt, die trotz des-beißenden Rauches und den dauernden heißen Aschensprühregen immer wieder auf die amerikanischen Infanteristen schossen. In zahlreichen Fällen •mußten die Jeeps und die Lastwagen die Feuerwände der brennenden Straßen durchfahren, um ins Freie zu gelangen. Die Kompanien des 34. Infanterieregiments, die zwei Tage ununterbrochen in Straßenkämpfe veriWickeJt. waren, mußten nach dem Rückzug aus der Stadt zum Teil quer durch die Reisfelder in. der Nacht ihre neuen Stellungen erreichen und hatten in den Morgenstunden wieder Feindberührung.
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Die amerikanische Führung, die den strategisch wichtigen Punkt Taidschon so lange wie möglich gehalten hatte, hält .vorerst die 'Gefahr im Raum Taidschon für überstanden. Öie Nordkoreaner drängen in diesem Abschnitt nicht mehr so heftig nach wie bisher. Allerdings hält die südliche und südwestliche Bewegung nordkoreanischer Truppen nach wie vor an. Die Amerikaner verfügen in ihrer neuen Stellung außerhalb Taidschon über ein günstiges Gelände, das frontal theoretisch nicht leicht zu überrennen sein dürfte. Es wir jedoch befürchtet, daß der Feind in den nächsten Tagen zu seiner Großoffensive in Richtung Taiku antritt. Mit Taiku hätte er die Schlüsselstellung nach Pusan in der Harid. In der Nähe von Taiku führt die Paßstraße nach Süden, die die große koreanische Mittelgebirgsschwelle, die Höhen bis zu 1500 Metern erreicht, teilt. Die Nachschublinie für alle westlich Taiku kämpfenden Verbände wäre damit abgeschnitten.
An den übrigen Frontabschnitten herrscht Ruhe. Es wurde Spähtrupptätigkeit des Feindes gemeldet sowie Bewegungen im frontnahen Raum, vor allem bei Sangschu, die auf eine' Verstärkung des Feindes hinweisen. Bei Yongdok an der Ostküste erlitt der Feind Verluste, als die Einheiten der amerikanischen Flotte die Stadt, unter Beschuß nahmen. Yongdok, das eine ziemlich große Stadt ist, soll völlig durch Brände, die das Artilleriefeuer hervorgerufen hat, zerstört worden sein.
„Auper Kommela Afriku-Horpa“
Ein amerikanischer Kriegsberichterstatter, der bereits im letzten Weltkrieg an zahlreichen Punkten eingesetzt war, meint zu den Rückzügen der Amerikaner, daß die Welle der Enttäuschungen über die ersten amerikanischen Rückzüge verebbt sei. Wenn davon gesprochen worden sei, so meint der Vertreter der Associated Press, Don Whitehead, daß die Amerikaner bei ihren rückläufigen Bewegungen kein gutes Bild abgäben, so müsse gesagt werden, daß es selten eine moderne Armee gegeben hätte, die auf Rückzügen gut ausge^ehen habe. Die einzige, die er selbst erlebt halbe, die noch bei den Rückzügen gut aussah, sei das deutsche Afrika-Korps des Generalobersten Rommel gewesen, das seinen Mann gestanden habe, zu einem Zeitpunkt, als man es in Stücke gehackt habe. Selbst die deutsche Armee, so sagte der Korrespondent — vielleicht die beste Armee, die die Welt je sah — sei nur noch ein zerlumpter und zersprengter Haufen gewesen, als die alliierte Dampfwalze über sie hinwegrollte.
Deutschland muß kreditfühig werden
Tagung des deutsch-amerikanischen Wirtschaftsverbandes
Drahtbericht unseres Korrespondenten
F. Ä. Z. Frankfurt, 21. Juli. Am Freitag hat der -neugegründete deutsch-amerikanische Wirtschaftsverband zur Förderung der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten- in-Frankfurt seine erste Tagung abgehalten. Nach der Eröffnungsansprache des amtierenden Präsidenten des Verbandes, Dr. h. c. Hollender, ergriff der Sonderbeauftragte für die Marshallplan-Verwaltung in Westdeutschland, Hanes, das Wort. Er erinnerte daran, daß mit der Schaffung des Exportbonus nunmehr der Start für einen erfolgreichen. Amerikahandel gegeben sei, wenn die deutsche Wirtschaft alle Kräfte dafür einsetze.
Der Direktor der Kreditanstalt für Wiederaufbau nahm ausführlich -zu der Präge der Auslandskredite Stellung. Es sei nicht damit zu rechnen, daß vorerst große private. Anleihen aus Amerika nach Deutschland kämen, solange die freie Trans-
ferierbarkeit von Dividenden und Zinsen nicht gewährleistet sei. Die Voraussetzung für neue Auslandskredite sei, daß Westdeutschland wieder kreditfähig werde. Dazu sei notwendig, daß die Bundesrepublik dem internationalen Währungsfonds beitrete. Die Schwierigkeiten dieses Entschlusses lägen darin, daß zwar Auch von alliierter Seite durchaus positiv dazu Stellung genommen worden sei, daß aber die Aufbringung der Mittel für den Fonds, die beim Eintritt notwendig seien, nicht leicht sein könnten. Weitere Aktiven zur Stärkung der deutschen Produktion müßten die Anstrengung unserer Wirtschaft sein, bei Werterhaltung unserer Währung mehr zu produzieren.
Der Direktor der Wiederaufbaubank mahnte, daß jeder Deutsche sich der Verantwortung bewußt sein solle, die er bei Neuinvestierungen übernehme. Es komme nicht nur darauf an, Kredite zu erhalten, sondern sie auch richtig anzulegen.
Paris lebt neben der Weltspannung
Die „Tour de France“ ebenso interessant wie Korea
Drahtbericht unseres Korrespondenten
P. M. Paris, 21. Juli. Das einzige praktische Ergebnis der Generalstabskonferenz der fünf Mächte in Fontainebleau, auf der nichts anderes als akademische Gespräche geführt werden konnten, dürfte die kommende Verlängerung des Militärdienstes in England und Frankreich von einem Jahr auf achtzehn Monate sein. Offiziell ist davon nicht die Rede. Es ist auch, was Frankreich betrifft, mehr als fraglich, ob ein entsprechender Gesetzesvorschlag noch vor dem 4. August vor die Nationalversammlung gebracht werden könnte, an diesem Tag geht die Kammer in Ferien.
Das französische Parlament hat auch sonst von der Weltspannung offiziell noch keine Notiz genommen und beschäftigt sich mit untergeordneten' Einzelfragen von reihern Pärteiiriteresse angesichts der kommenden großen Finanzdebatte..Es ist.bezeichnend, daß die Erklärung seines bedeutenden Mitgliedes Paul Reynaud, wonach die Lage ernster sei als 1939, außerhalb des Parlaments auf einem Besuch des französischen Politikers in London gemacht worden ist. Kammer und breite Masse begnügen sich mit einer fatalistischen Haltung, die sich im Mangel an jeglicher Initiative ausdrückt. Die Öffentlichkeit scheint sich für das alljährliche große Radrennen, die ~Tour de France“, nicht weniger zu interessieren, wie für die Vorgänge in Korea oder anderswo, während sich in,den Wandelgängen des Parlaments kleinere oder größere Umgruppierungen zur Schaffung einer neuen Regierungskrise bilden.
Die Rede Trumans und die großen Vorbereitungen, die in Amerika zur Umstellung auf eine Kriegswirtschaft anlaufen, scheinen
an dieser Stimmung wenig ändern zu wollen. Bemerkenswert ist nur die ziemlich einstimmige gute Aufnahme in der Pariser Presse, in der selbst die oppositionellen Einzelgänger, wie „Combat“ oder „Franc Tireur“, die. Haltung Trumans gutheißen.
Bemerkenswert und kennzeichnend für die Stimmung in den breiten bürgerlichen Kreisen ist, daß die Aufforderung des Präsidenten Truman an die europäischen Länder, einen großen eigenen Rüstungsbeitrag zu leisten, gerade in der bürgerlichen Presse mit der fast einstimmigen Feststellung kritisch aufgenommen wird, daß Frankreich mit seinen hohen Kosten für den Indochinakrieg längst am Rande seiner finanziellen Leistungsfähigkeit angekommen sei, während die Linksblätter überraschend die Auffassung äußern, daß Frankreich einer größeren Leistung wohl fähig sei, und daß auch die schlechte Moral der Masse gehoben würde, wenn man dieser einen besseren Lebensstandard gewährte. Die äußere Sicherheit sei nicht von der inneren sozialen Sicherheit zu trennen.
Ginbeziehung des Bundes
Washington, 21. Juli, (dpa) Außenminister Dean Acheson hat am Freitag auf einer Pressekonferenz erklärt, daß er die Einbeziehung der Bundesrepublik in die westeuropäische Gemeinschaft als dringlich betrachte. Die darauf hinzielenden Bemühungen hätten schon lange vor den koreanischen Ereignissen begonnen. Das Ersuchen des Bundeskanzlers Dr. Adenauer um eine Erhöhung der Personalstärke der deutschen Polizei werde im amerikanischen Außenministerium zur Zeit geprüft.
Heinemann: Ein Ingendwerk
Eine Ankündigung vor den Abgeordneten der Bundesrepublik
Bonn, 21. Juli, (dpa) Der am Donnerstag auf dem Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei in Berlin aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossene Bundestagsabgeordnete Hermann Nuding hat auf der 78. Sitzung des Bundestages am Freitag „entschuldigt“ gefehlt.
Bundesarbeitsminister Storch kündigte eine Gesetzesvorlage zur Errichtung einer Bundesanstalt für Arbeitslosenvermittlung und Arbeitslosenversicherung für September an.
BundSsminister Dr. Heinemann kündigte die Schaffung eines „Deutschen Jugendwerkes“ an. Schwerpunkte der Jugendarbeit, für die auch der Bund Geldmittel geben werde, sollten jedoch die Länder und die freien Organisationen bleiben.
Irma Keilhack (Sozialdemokratische Partei) lehnte einen Landdienst und Jvgendhilfsdienst ab. Franz Josef Strauß, der jüngste Abgeordnete der Unionsparteien, erklärte: „Wir wollen keine Reichsjugendführung und keine Staatsjugend“. Ernst August Farke (Deutsche Partei) begrüßte einen freiwilligen Jugenddienst.
Der Antrag der Demokraten wurde mit großer Mehrheit an den Ausschuß für Jugendfürsorge und den Ausschuß für Inneres überwiesen.
Als sich anschließend Bundeswirtschaftsmiinister Professor Ludwig Erhard zum Wort meldete, wurde er Von der linken Seite des Hauses mit Unruhe und Rufen wie „Da kommt der Hysteriker“ empfangen. Der Minister stellte zu dem Telegramm der Gewerkschaften fest, daß er die Fraktion der Unionsparteien lediglich über die Verhandlungen mit dem Mühlen- und Backgewerbe unterrichtet habe. Es sei dabei kein Wort über die Gewerkschaften gesprochen worden. (Beifall bei der Union.)
Die Anordnung über die Getreidepreiserhöhung wurde mit Mehrheit angenommen. Sie sieht eine Heraufsetzung des Preises für Roggen von 240 auf 280 Mark durchschnittlich für die Tonne und bei Weizen von 260 auf 320 Mark für die Tonne vor.
Der Entwurf eines Gesetzes über die Festsetzung des Brotpreises wurde dann an den Ernährungsausschuß überwiesen.
In zweiter Lesung nahm das Plenum einen Gesetzentwurf an, nach dem die sogenannte „Warenhaussteuer“ am 1. April 1951 aufgehoben wird. Gegen das Gesetz stimmten die Freien Demokraten, die Deutsche Partei, die Bayernpartei und die Deutsche Reichspartei.
Mit großer Mehrheit wurde ein Antrag der Christlich-Demokratischen Union angenommen, in dem die Aufhebung der Antragssperre für die Hausratshilfe gefordert wird-Die Hausratshilfe soll ferner in Zukunft an zweiter Stelle hinter der Unterhaltshilfe rangieren.
Es wurde dann gegen die Stimmen der Bayernparted ein Antrag der Freien Demokraten angenommen, in dem die Bundesregierung ersucht wird, bei der ständigen Konferenz der Kultusminister einen einheitlichen Beginn des Schuljahrs im Frühjahr zu erwirken.
Kraftfahr-Verstcherungspräůmien werden stark erhöht
R. Bonn, 21. Juli (Eigener Drahtbericht.) Ein Vertreter des Wirtschaftsministeriums hat am Freitag bekanntgegeben, daß der Pi eisrat seine Zustimmung zu einer recht fühlbaren Erhöhung der Prämien in der Kraftfahrzeugversicherung gegeben habe. Die Haftpflichtversicherungsprämie werde um 46 Prozent, die Vollkaskoprämie um 75 Prozent erhöht. Die Prämie bei der Unfallversicherung bleibt, während Teilkasko gegen Feuer und Diebstahl sich um zwanzig Prozent verbilligen wird. Zum Ausgleich wird eine Gewinnbeteiligung eines Versicherten angekündigt, der in einer gewissen Zeitspanne keinen Schaden angemeldet hat. Die Prämienerhöhung wird auf dem Verordnungswege bald verkündet
Transportarbeiter laden nicht
Weiterer Boykott gegen Argentinien
St. Stuttgart, 21. Juli. Der Kongreß der Internationalen Transportarbeiterföderation ist am Freitag in Stuttgart eröffnet worden. An dem Treffen, das zum ersten Male seit dem Kriege internationale Abgeordnete aus aller Welt auf deutschem Boden vereinigt, nehmen Gewerkschaftler aus 25 Ländern der ganzen Welt mit Ausnahme der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten teil. Die Internationale Transportarbeitergewerkschaft zählt in etwa fünfzig Ländern rund fünf Millionen Mitglieder.
Der Präsident der Internationalen Transportarbeiter-Föderation, Bratschi, sagte zu Pressevertretern, daß die Organisation auf ihrem Kongreß den gegen argentinische Schiffe verhängten Boykott nicht aufheben werde. Der Boykott, der am 28. Juni beschlossen worden sei, werde erst dann beendet, wenn die Regierung Peron Maßnahmen ergreife, um den Streik des Kartells der argentinischen Seeleute und Hafenarbeiter-Gewerkschaften zu beenden.
Stenererhöhung in Amerika
Washington, 21. Juli. (AIP.) Der Wirtschaftsausschuß beider Häuser des amerikanischen Kongresses hat am Freitag einstimmig eine sofortige Erhöhung der Bundessteuern beschlossen. Für den einzelnen Bürger wird sich eine Erhöhung um mindestens zehn Prozent ergeben.
Italien verstärkt seine Landstreitkräfte von 170 000 Mann auf die im Friedensvertrag vorgesehene Höchstgrenze von 250 000 Mann.
Stimmen der Anderen
Brüning?
Das „S onnta gsb 1 a 11“ schreibt:
„Es wäre nicht schlecht, wenn wir mit Brüning dort anknüpfen könnten, wo die letzte sinnvolle Ordnung vor 1933 noch verteidigt wurde. Eg wäre auch nicht schlecht, wenn die allgemeine Wachablösung der bisher Führenden, die sich heute in Deutschland vorbereitet, von einem Manne getragen würde, der viele Qualitäten der Führung mitbringt.
Allerdings: er müßte dann zumindest hierbleiben und die 17 Jahre nachzuholen versuchen, die ihm fehlen. Das wäre die Voraussetzung. Und dabei erhebt sich die Frage: Ist das möglich?“
Schwieriglheiten
Die „Basler Nachrichten“ beleuchten die Schwierigkeiten, die sich dem Transport amerikanischer Truppen nach Korea entgegenstellen:
„Es werden nicht weniger als fünfzig Schiffe benötigt, um eine voll ausgerüstete amerikanische Division von Kalifornien nach dem vorgeschobenen Posten im Pazifik und nach Japan zu transportieren. Diese fünfzig Schiffe zu besammeln, ist schon in Friedenszeiten keine leichte Sache. Außerdem ist die Armada der ,Liberty Ships‘ von ,Motten zerfressen', und es wird einige Zeit dauern, um sie wieder in gebrauchsfähigen Zustand zu versetzen.
Die amerikanischen Luftstreitkräfte wurden im vergangenen Frühjahr modernisiert. Die während des letzten Weltkrieges verwendeten zweimotorigen Flugzeuge wurden durch Düsenflugzeuge ersetzt. Für diese Düsenmaschinen sind die Abflugposten in Korea jedoch viel zu kurz, insbesondere, wenn man an die von diesen Apparaten entwickelte Geschwindigkeit denkt. Sie müssen deshalb gezwungenermaßen von Basen in Japan aus operieren. Anderseits benötigen diese Apparate eine derart große Quantität von Benzin, daß der größte Teil des Inhalts ihrer Tanks für die Strecke Japan—Korea und zurück verbraucht wird. Die Folge ist, daß die Flugzeuge nicht mehr als vier Minuten über den feindlichen Linien in Korea operieren können. Die Helikopter, die bisher zum Training der Reserve überlassen waren, wurden wieder in den aktiven Dienst gestellt. Aber all dies benötigt viel Zeit. Die amerikanischen Luftetreitkräfte in Japan verfügen auch über die Langstreckenbomber B-29, die in der Lage sind, Sibirien zu erreichen, die aber nicht sehr geeignet sind, die auf dem koreanischen Kriegsschauplatz operierenden kleinen amerikanischen Kampfgruppen zu unterstützen.
Die Panzer sind zahlreich, jedoch zu klein. Die mittelschweren Tanks stammen aus dem zweiten Weltkrieg und können mit den russischen Tanks nicht konkurrieren.“
Kandidaten für den Europarat
Bonn, 21. Juli, (dpa) Verschiedene Fraktionen des Bundestages haben Wahlen abgehalten, durch die die Kandidaten als Delegierte für Straßburg bestimmt worden sind. Die Freie Demokratische Partei benannte die Abgeordneten Dr. Schäfer, Dr. Becker, und Freiherr von Rechenberg, die Unionsparteien die Abgeordneten Dr. Gerstenmaier, Dr. von Brentano, Dr. Pünder, Dr. Kiesinger, Schütz, Fürst Fugger von Glött, und Frau Dr. Rehling. Die Unionsparteien haben an die Deutsche Partei ein ordentliches Mitglied abgegeben. Diese Partei wird den Fraktionsvorsitzenden Dr. Mühlenfeld entsenden. Von der Bayernpartei ist Dr. Seelos vorgeschlagen worden. Noch keine Wahl hat die sozialdemokratische Fraktion' abgehalten.
Um das Bundesgericht
Bonn, 21. Juli, (dpa) Der Bundestagsausschuß für Rechtswesen und Verfassungsrecht hat mit neunzehn Stimmen ohne Gegenstimmen beschlossen, dem Plenum Karlsruhe als Sitz des Bundesgerichtshofes vorzuschlagen. Der Bundestag wird sich am kommenden Mittwoch mit den Ausschußempfehlungen beschäftigen.
Ein Einheitspost-Sparbuch
Bonn, 21. Juli, (dpa) Vom 1. August an wird im Bundesgebiet und in West-Berlin ein Einheitspostsparbuch eingeführt. Auf dem Umschlagdeckel und auf der Ausweiskarte wird an Stelle des früheren Hoheitszeichen ein Posthorn abgebildet.
Alliertes Inspektionsrecht
Bonn, 21. Juli, (dpa) Die alliierte Oberkommission hat denn Bundesjustizministerium und den Justizministem der Länder mitgeteilt, daß jeder Oberkommissar das Recht habe, deutsche Gefängnisse zu besichtigen, um sich zu überzeugen, daß die dort herrschenden Bedingungen für von Militärgerichten Verurteilten im Einklang mit den alliierten Direktiven stünden.
„Nationaler“ Widerstand
Aufruf Grotewchls auf dem Parteitag
Berlin, 21. Juli, (dpa) Der Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik, Grotewohl, hat am Freitag auf dem Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei zum nationalen Widerstand gegen die Bundesregierung aufgerufen. Der „Nationalen Front“ sollten auch Generale und Offiziere der früheren Wehrmacht sowie alle ehemaligen Mitglieder der NSDAP angehören Man könnte von diesen Patrioten ein aufrechtes Antifaschistentum zwar nicht verlangen, aber man dürfe der Sozialistischen Emneitspartei nicht notwendige Bundesgenossen rauben. Scharf griff Grotewohl den Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche. Landesbischof D. Dr. Dibelius an Er sei ein Jahrmarktschreier und Reaktionär’ der im Auftrage Trumans die Spannung zwischen Kirche und Staat verschärfen solle Mit ihm werde er keine Verhandlungen mehr über Kirchenfragen führen. Abschheßend sagte Grotewohl, die Bundesrepublik müsse in die Deutsche Demokratische Republik einbezogen werden. (Siehe auch Seite 1.)
Die Staatsbauschule bleibt
Staatsminister Stein erwidert auf Vorwürfe
HGR. Wiesbaden, 21. Juli. (Eigener Bericht.) Dem hessischen Kultusministerium wurde in einer Frankfurter Zeitung und aus Kreisen der Studierenden vorgeworfen, er vernachlässige die Belange der Staatsbauschule in Frankfurt. Insbesondere trage der Minister sich mit dem Gedanken, die Staatsbauschule aufzulösen.
Der Minister erklärte dagegen, er denke nicht daran, die Schule aufzulösen. An den untragbaren Raumverhältnissen — die Schule ist in sechs Räumen untergebracht, die die Studierenden in 78 000 unbezahlten Arbeitsstunden selbst errichtet haben — sei die Stadt Frankfurt schuld, die ihrer Verpflichtung zum Aufbau eines Ersatzbaues für die von den Amerikanern beschlagnahmte Staatsbauschule nicht „ erfüllt habe. Der Finanzminister habe die Mittel für einen solchen Bau abgelehnt. Im übrigen betrügen die Kosten für einen solchen Bau nicht 60 000, sondern 120 000 Mark. Es könne auch um deswillen nicht von einer Benachteiligung der Schule gesprochen werden, da die Staatsbauschule und die Ingenieurbauschule laufend Staatsmittel für den weiteren Ausbau ihres Inventars erhielten. Für das Jahr 1950/51 seien etwa 34 000 Mark für solche Zwecke vorgesehen.
Probeabstimmung
zur Verwalfungsreform in Hessen
H. G. R. WIESBADEN. 21 Ju'i. (Eigener Bericht.) Die hessische Regierung hafte eine Stellungnahme des Kreistages des Landkreises Friedberg zu der Frage gewünscht, ob ein Landes-Kommunalverband Darmstadt gebildet werden könnte. Der Kreistag sprach sich in seiner in Rockenberg tagenden Sitzung mit 24 gegen 17 Stimmen gegen eine solche Bildung aus. Die Sozialdemokraten forderten die Bildung, weil diese Behörde Aufgaben lösen müsse, die von den unteren Selbstverwaltungfeinheiten ni-ht gelött werden könnten. Die Christ.ichen und Freien Demokraten sprachen sich dagegen aus, weil damit der kommenden allgemeinen Verwaltungsreform vorgegriffen werde. Die Kommunisten machten geltend, daß die bereits bestehenden Selbstverwaitungseinheiten stärker für die Lösung der Aufgaben herangezogen werden müßten. Ein eigener Kommunalverband erübrige sich.
Jagdverfügung 1950/51
ms. WIESBADEN 21. Juli (Eigener Bericht.) In einem Schreiben an alle zuständigen amerikanischen Dienststellen und an die hessischen Forstbehörden gab der amerikanische Landeskommissar für Hessen Dr. Newman die Jagdveriügungpn für 1950/51 bekannt. Eine begrenzte Tagdsaison wurde für Rotwild, Rehe, Hasen, Kaninchen, Dachse, Marder und bei Vogelwild für Wildgänse, Wildenten, Rebhühner, Wildtauben und Schnepfen festgelegt. Ändere Tiere und Raubvögel, die als Raubwild und schädlich anerkannt sind, können zu jeder Zeit, bis eine andere Regelung erfolgt, abgeschossen werden.
„Blinddarmexpreß“
Weilburg, 21. Juli, (dpa) Ueber 10 Prozent der 1100 Einwohner zählenden Gemeinde Niedershausen verloren in den letzten vier Monaten im Weilburger Krankenhaus ihren Blinddarm. An Besuchstagen verkehrte zeitweise ein Sonderomnibus der bald den Namen „Blinddarmexpreß“ erhielt. Häufig kamen mehrere Mitglieder einer Familie hintereinander unter das Messer der Chirurgen. Ueber die Ursachen dieser epidemischen Blinddarmentzündungen, die auch in anderen Gemeinden des mittleren Lahngebietes ausbrachen, sind Aerzte und Gesundheitsbehörden einstweilen ratlos.
In einer Höhle eingeschloßen
Bamberg, 21. Juli, (dpa) In der Schönsteinhöhle (Fränkische Schweiz) wurden von einer Wandergruppe zwei völlig erschöpfte Nürnberger Mädchen im Alter von achtzehn und zwanzig Jahren aufgefunden, die fünf Tage lang in der Höhle eingeschlossen waren. Wie sie erklärten, hatten sie beim Betreten der Höhle geglaubt, daß diese durch den Berg führe. Nach dem ersten zehn Metern verloren sie die Streichhölzer und verirrten sich rettungslos in den stockdunklen Gängen. Sie hatten seitdem in der glitschigen, feuchten Tropfsteinhöhle kampiert und, wie sie sagten, bereits mit dem Leben abgeschlossen. Der Zeitbegriff sei ihnen völlig verlorengegangen.
Ausverkaufte Souderzůge
Bonn. 21. Juli, (dpa) Das Sonderzugprogramm der Bundesbahn ist für die gegenwärtige Sommersaison voll ausgelastet; die meisten Sonderzüge sind bis in die erste Herbstwoche bereits ausverkauft
Tod im Gebirge
Garmisch-Partenkirchen, 21. Juli, (dpa) Im Höllentalferner bei Garmisch-Partenkirchen ist die eihunddreißigjährige Margarete Kroll aus Langenberg (Rheinland) bei der Passage einer schwierigen Stelle tödlich abgestürzt. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist wenige Tage vorher im österreichischen Zugspitzgebiet, nur vier Kilometer von der Unglücksstelle in Höllental entfernt, der neunzehnjährige Engländer Stewart Beaton beim Ersteigen einer senkrechten Felswand ebenfalls tödlich abgestürzt.
25 Vorstrafen
Kaiserslautern, 21. Juli. (Idn) Die Große Strafkammer des Landgerichts Kaiserslautern verurteilte den fünfzig Jahre alten Richard Hermann zu vier Jahren Zuchthaus, Sicherheitsverwahrung und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre. Der 25mal vorbestrafte Verurteilte befand sich von 1935 bis 1945 in Sicherheitsverwahrung. Nach seiner Freilassung wurde er sofort wieder straffällig und dafür 1947 zu zwei Jahren, zwei Monaten Zuchthaus verurteilt. Jetzt hat er in der kurzen Zeit seit seiner Freilassung ein fünfzehnjähriges Mädchen vergewaltigt, in mehreren Fällen Kinder mißbraucht und etwa fünfzig Betrügereien in der Westpfalz begangen.
Ein Bilderfälscher
Paris, 21. Juli. (AP.) Der Bilderfälscher Jean Pinchon-Berthet, der Gemälde von Utrillo so täuschend nachahmte, daß der französische Meister sie nicht von seinen eigenen unterscheiden konnte, ist am Donnerstag nach einem längeren Prozeß zu fünf Jahren Gefängnis und zwei Millionen Francs (5600 Dollar) Schadenersatz verurteilt wörden.
Der Tunnel durch den Kanal
London, 21. Juli, (dpa) Die alten Pläne für den Bau eines Tunnels durch den Aermelkanal sind wieder einmal aktuell geworden. Das britische Parlament hat einen Ausschuß gebildet, der die Möglichkeiter für den Tunnelbau prüfen soll.
Von dem Tunnel bestehen bisher zwei Kilometer Sie wurden im Jahre 1880 bei Dover begonnen. Die Arbeiten mußten jedoch zwei Jahre später eingestellt werden, da Militärsachverständige befürchteten, der Tunnel sei eine Gefahr für die britische Sicherheit. Nach den neuesten Berechnungen kann ein Kanaltunnel von dreitausend Arbeitern in fünf Jahren gebaut werden. Die Baukosten werden auf 750 Millionen bis zu einer Milliarde Mark geschätzt.
Im Jeep über den Atlantik
Halifax, 21. Juli, (dpa) Der achtunddreißigjährige Australier Ben Carlin ist mit seiner Frau in einem Schwimmwagen von Shearwater (Neuschottland) erneut zu einer Atlantiküberquerung gestartet. Die Carlins, die bereits mehrmals ohne Erfolg versuchten, den Atlantik mit ihrem Amphibien-Jeep zu überqueren, schleppen diesmal einen großen Kraftstoffvorrat in einem Schwimmtank nach.
Der wegen Atomspionage in Amerika verhaftete Harry Gold hat sich als schuldig bekannt, gemeinsam mit dem in Großbritannien verurteilten Dr. Klaus Fuchs Dokumente, Zeichnungen und Informationen über die Atomenergie an eine fremde Macht weitergeleitet zu haben.
Atomsichere Bunker mit einem Kostenaufwand von fünfhundert bis sechshundert Millionen Pfund Sterling sollen in England gebaut werden.
Steuneraufkommen in Hessen
Landes- und Bundeseinnahmen im Juni
H. G. R. Wiesbaden, 21. Juli. (Eigener Bericht.) Hessens Steuerzahler haben im Juni 100,1 Millionen Mark Steuern kassenmäßig aufgebracht Davon entfallen 55,3 Prozent auf das Land Hessen, 44,7 Prozent gehen an den Bund. Damit stiegen die Landeseinnahmen um 33,2 vom Hundert, die Bundeseinnahmen nur um 10,2 Prozent.
Es wäre aber verkehrt, aus diesen verhältnismäßig günstigen Aufkommen die Finanzlage Hessens optimistisch zu beurteilen. Die Erhöhung ergibt sich vor allem au« dem Zahlungsmodus, der durch Gesetz zur Aenderung des Einkommens- und Körperschaftssteuergesetzes vom 29. April 1950 festgesetzt wurde. Die veranlagte Einkommensteuer stieg von 10,9 Millionen (Mai) auf 19,5 und die Körperschaftssteuer von 7,5 Millionen auf 20,2. Im Juli und August kann, da es dann keine monatlichen Abschlagszahlungen mehr gibt, nur mit ge* ringem Aufkommen aus diesen Steuern gerechnet werden.
Besonders sichtbar winkte sich das Reformgesetz vom 29. April 1950 auf die sonst so stabile Lohnsteuer aus. Sie ging um 7 Millionen Mark zurück, weil die Lohnsteuer durchschnittlich um ein Sechstel gesenkt und die Ueberzahlung an Lohnsteuer rückwirkend vom 1. Januar auf die anfallende Lohnsteuer angerechnet wurde.
Beachtenswert ist, daß von den Bundesverbrauchssteuern das Einkommen aus der Tabaksteuer weiter gestiegen ist. Es lag um 1,6 Millionen Mark höher als im Mai, Man darf wohl daraus schließen, daß die Tabaksteuersenkung vom 20. Februar 1950 sich günstig auf die Einnahmen auswirkt.
Dr. Heinrich Brüning, der frühere deutsche Reichskanzler, befindet sich zur Zeit in der Schweiz, nachdem er vor seiner Abreise noch eine Unterredung mit Bundesminister Jakob Kaiser gehabt hatte.
Heiter bis wolkig
Eigener Wetterbericht
Der Abbau des europäischen Hochdruckgebietes schreitet fort. Ueber Westeuropa bildet sich eine flache Tiefdruckrinne, die langsam ostwärts wandert und in der sich stellenweise örtliche Gewitter bilden.
Aussichten: Heiter bis wolkig, besonders anfangs recht warm und schwül. Oertliche Gewitterbildung. Vom Samstag zum Sonntag geringer Temperaturrückgang.
Der Rundfunk am Samstag
RADIO FRANKFURT: 5.30 Musik für Frühaufsteher; 6.45 Morgen Ständchen; 7.15 Frühkonzert; 8.10 Morgenmusik; 11.15 Schulfunk; 12.00 Musik am Mittag: 13.00 Musikalisches Allerlei; 14.15 Eins für dich und eins für mich; 15.10 Fröhliches Spiel; 15.30 Volkstümliches Wissen; 16.00 Charivari; 16.45 Volkstümliche Unterhaltung; 18.10 Das kleine Ensemble; 18.30 Zum Bach-Jahr 1950; 20.00 Ein Abend in Offenbach; 21.30 Von der Zither bis zum Dudelsack; 22.20 Aus Schlagermachers Schmalztöpfchen; 23.00 Zwischen heute und morgen.
SÜDD RUNDFUNK STUTTGART: 12.00 Musik am Mittag; 13.10 Werbefunk mit unterhaltender Musik; 15.00 Unsere Volksmusik; 16.00 Nachmittagskonzert; 17.00 Zum Fünf-Uhr-Tee; 18.35 Kleines Konzert am Samstag-Abend; 20.00 Von Joseph Lanner bis Robert Stolz; 20.45 Amerikanischer Humor; 22.00 Schöne Stimmen; 22.30 Das Streichorchester Heinz Hoffrnann-Glewe; 23.00 Tanzmusik; 23.50 Um Mitternacht.
SÜDWESTFUNK: 12.20 Mittagskonzert; 13.15 Musik nach Tisch; 14.30 Frohes Wochenend; 15.15 Opernmelodien; 16.00 Unser Samstag-Nachmittag; 17.15 Sang und Klang im Volkston; 18.30 Musik zum Feierabend; 20.00 Wir erfüllen Hörerwünsche; 22.30 Der SWF bittet zum Tanz; 0.10 Der SWF bittet zum Tanz.
... und am Konntag
RADIO FRANKFURT: 6.00 Morgenständchen; 7.20 Kurkonzert; 8.30 Evangelische Morgenfeier; 10.00 Carl Seemann spielt Klaviermusik von Cimarosa und Brahms; 1J.15 Volkstümliches Konzert; 13.00 Virtuose Musik; 13.30 Unsere wöchentliche Wiederholungssendung; 14.30 Stefan und Tong Tong; 15.15 Die Stunde des Chorgesangs; 16.00 Tanztee; 17.00 Gute Unterhaltung, liebe Hörer; 20.00 Was die Alten sungen, erfreut auch heut’ die Jungen; 21.00 Drei Orchesterwerke von Zoltan Kodaly; 22.30 „Die kleinen Vier“; 23.00 Tanzmusik.
SÜDD. RUNDFUNK STUTTGART: 13.05 Kurt Wege mit seinen Solistön; 13.30 Aus unserer Heimat; 14.00 Stunde des Chorgesangs; 15.00 Ein bunter Nachmittag; 17.00 „Flüchtlinge“; 17.45 Arturo Toscanini dirigiert; 19.30 Der Sport am Sonntag; 20.05 Der arme Jonathan"; 22.00 Joseph Haydn; 22.20 Im Rhythmus der Freude; 24.00 Tanzmusik aus aller Welt.
SÜDWESTFUNK: 12.20 Volksmusik und Chorgesang; 13.30 Musik nach Tisch; 14.15 Frohe Melodien; 15.00 Kinderfunk; 15.30 Jedem das Seine; Das SWF-Unterhaltungs-Orchester; 18.15 Die Sportreportage; 19.20 Kleine Abendmusik; 20.00 Werke von Giuseppe Verdi; 22.15 Sport und Musik am Sonntagabend 23.00 Nachtgespräch; 23.30 „Im Rhythmus der Freude“.
Wirtschaftsblatt
Ungunst des Startes
F. C. Die Bundesregierung hat die Erhöhung des Kapitalzinsfußes abgelehnt. Die Schädigung der Besitzer alter Emissionen ist ein gewichtiges Argument geworden, mit dem die Gegner einer Zinserhöhung gekämpft haben. Die zusätzliche Belastung der Finanzminister bei der Ausgabe von Bundes- und Länderanleihe dürfte ein noch schwerwiegenderer Grund gewesen sein, um sich der Erhöhung des Kapitalzinses zu widersetzen. Diese zusätzlichen Ausgaben dürften die Entscheidung zugunsten der Beibehaltung des bisherigen Zinsfußes noch stärker beeinflußt haben, als die ebenfalls ins Treffen geführten erhöhten Zinsaufwendungen für den Wohnungsbau.
Mit dem Beschluß, den Kapitalzins vorläufig beizubehalten, ist allerdings die grundsätzliche Frage nicht geklärt. Der Kapitalmarkt muß gepflegt und gestärkt werden. Die Spartätigkeit soll angeregt werden. Sie soll nicht zuletzt das Wertpapiersparen befruchten und vor allem der Anleihe zugute kommen, die der Bundesfinanzminister auflegen will. Wird man diese Ziele erreichen, nachdem man sich nicht dazu entschließen konnte, den Spartrieb durch einen erhöhten Zinsfuß anzustacheln?
Die Bundesregierung will, nachdem sie die Zinserhöhung verworfen hat, andere Maßnahmen ergreifen, um den Kapitalmarkt zu beleben. Sie wird also nicht zuletzt mit Hilfe der Bank deutscher Länder eine systematische Kurspflege treiben müssen. Das bedeutet auch den Einsatz besonderer Mittel, um die vom Publikum angebotenen Wertpapiere jederzeit aufkaufen und aus dem Markt nehmen zu können. Man kann aber auch ein zu Kursabschlägen führendes Ueberangebot an Wertpapieren noch auf andere Weise eindämmen. Die früheren Mustersatzungen der Sparkassen schrieben vor, bestimmte Prozentsätze der Spareinlagen unter anderem auch an Pfandbriefen anzulegen. Auch lassen sich Zahl und Umfang der Neuemissionen durch eine schärfere Auslese der Emissionsträger verringern.
Diese und ähnliche Maßnahmen scheinen Kreise im Bundesfinanzministerium ins Auge zu fassen, um den Druck auf den Wertpapiermarkt zu verringern. Einer Bundesanleihe könnte der Bundesfinanzminister auf solche Weise zweifellos den Absatz ebnen. Er kann unter Einsatz von Phantasie einen besonderen Anleihetyp schaffen, der durch Steuervergünstigungen und Auslosungen besondere Gewinnchancen bietet. Es bleibt aber zweifelhaft, ob sich auf solche Weise größere Zeichnungsbeträge zusammenbringen lassen.
Angesichts der gesamten Lage strebt der Sparer nach Anlagen, die sich jederzeit schnell und ohne Verluste zu Geld machen lassen. Sollte man unter solchen Umständen nicht zunächst von einer Bundesanleihe absehen und zweijährige unverzinsliche Schatzanweisungen herausgeben? Könnte der Bundesfinanzminister daneben nicht auch in beschränktem Ausmaß mit Steuergutscheinen arbeiten? Die Gunst der Startmöglichkeiten für eine große Bundesanleihe erscheint auf jeden Fall zur Zeit noch zweifelhaft.
Bisher höchstes Export-Ergebnis
F. A. Z. Wie wir erfahren, haben die Exporte der Bundesrepublik im Monat Juni 1950 einen neuen Höchststand erreicht. Es wurden Rohstoffe, Halbwaren und Fertigwaren sowie Lebensmittel im Gesamtwert von 153,87 Millionen Dollar oder 651 Millionen DM ausgeführt, gegenüber 140 Millionen Dollar im Mai
Für ein freies Wochenende
A. Z. Der in Würzburg tagende Vorstand der Hauptberufsgruppe kaufmännische Angestellte in der DAG, fordert für die Einzelhandelsgeschäfte den allgemeinen Sonnabend-Frühschluß um 14 Uhr. Für den ambulanten Handel und Bahnhofsverkaufsstände außerhalb der Sperren werden die gleichen Bestimmungen gefordert.
Markt- und Börsenberichte
Bei uneinheitlicher Haltung verzeichneten die Notierungen an den internationalen Rohstoffmärkten wiederum zum Teil recht erhebliche Preissteigerungen.
Die Chikagoer Getreidebörse begann die Woche in abwartender, um nicht, zu sagen gedrückter Haltung wenn auch der Stand der Notierungen im großen und ganzen gehalten werden konnte. Am 19. Juli, nach dem Bekanntwerden der Kongreßbotschaft des Präsidenten setzte ein deutlicher Umschwung ein. Politische Erwägungen gaben dem Geschäft zum Wochensluß einen freundlicheren Grundton.
An der Neuvorker Kaffeebörse zogen die Notierungen unter den üblichen Schwankungen weiter an.
Der Preis für Kautschuk ist am letzten Tage des Berichtabschnittes in Neuvork bei 40 cts ie 1b angelangt, er stellte sich damit um rund 10 Prozent höher als Ende der vorigen Woche
F. A. Z. An der Frankfurter Wertpapierbörse wirkte am Freitag die '"ekanntmachun'" der Bank deutscher Länder über die nunmehr erfolgte Freigabe ausländischer Sperrguthaben auch für den Ankauf amtlich notierter Wertpapiere anregend. Das Interesse richtete sich vor allem auf verschiedene Montanwerte und eine Reihe von Spezialpapieren, die bei der vorhandenen Marktenge im Verlauf der Börse durchschnittliche Kurs winne von ein bis zwei Punkte . zielen konnten. Auch die übrigen Märkte lagen durchweg gut behauptet.
Frankfurter Großmarkthalle
bz. Es standen ansehnliche Inlandszufuhren sowie rund 60 Waggons aus dem Ausland zur Verfügung, die nicht restlos abgesetzt werden konnten. Blumenkohl 20—65 (40—80), deutsche Salatgurken 6—lo (15—20), holl. 30 Stück 6,50 bis 7,50, Karotten, gewaschen 5—6 (6—8), Kohlrabi 4—5 (6—7), Rotkohl 6—B, Weißkohl 5—6, Erbsen 18—20 (23—25), Wirsing B—lo. Buschbohnen, grüne 12—20 (14—15). gelbe 20 bis 25 (25—30), Stangenbohnen 14—20 (20—25). Spinat 20—25.
An Obst war das Geschäft mittelmäßig bis gut. Auch hier verblieben Ueberstände. Sommeräpfel 20—30 (25—35), Pflaumen 30—38, Birnen 12—16, Z wetschen 38—40, Brombeeren 30—40, Pflrsische 40—70, Mirabellen 28—30, Süßkirschen 45—60 (25—28), Sauerkirschen 12—15, Stachelbeeren 12—18, Heidelbeeren 23—28, Himbeeren 45—50, Johannisbeeren in—l 9
Abschreibungsfreiheit neu geregelt
Bis zu 50 Prozent können bei Ersatzbeschaffung abgesetzt werden
HGP. Die für die Wirtschaft so bedeutsame Bewertungsfreiheit für Ersatzbeschaffungen beweglicher Anlagegüter ist geregelt: in den drei Fassungen des § 7 a Einkommensteuergesetz, in dem § 8 und 9 Einkommensteuer-Durchführungsverordnung 1949, in Erlaß zum § 7 a vom 6. 9. 1949 sowie in den Einkommensteuer-Richtlinien für das zweite Halbjahr 1948 und 1949. Die Bewertungsfreiheit kann von allen Steuerpflichtigen in Anspruch genommen werden, die eine ordnungsmäßige Buchführung besitzen. Die Abschreibungsfreiheit ist in den einzelnen Zeiträumen nach Ausmaß und Voraussetzungen verschieden und kann jeweils neben der normalen Abschreibung vorgenommen werden.
Für das zweite Halbjahr 1948 gelten als Ersatzbeschaffungen die Wiederbeschaffung von Anlagegütern, die durch Kriegseinwirkung oder behördlichen Eingriff aus dem Betriebsvermögen ausgeschieden sind sowie die Wiederbeschaffungen durch verfolgte Flüchtlinge und Vertriebene. In diesen Fällen wird eine zusätzliche Abschreibung bis zu 50 Prozent der Aufwendungen, höchstens jedoch bis zu einem Betrage von 50 000 DM zugelassen, und zwar im Jahr der Anschaffung oder Herstellung (zweites Halbjahr 1948) und im darauffolgenden Jahr (1949). Für das Jahr 1949 wurde der Höchstbetrag auf 100 000 DM festgesetzt, wobei Abschreibungen auf geringwertige Anlagegüter nicht angerechnet werden. Für das Jahr 1949 kann auch eine weitere Abschreibungsart wahrgenommen werden, nämlich bis zu 15 Prozent der Aufwendungen pro Jahr. Der Grund für das Ausscheiden des früher vorhandenen Wirtschaftsgutes ist nunmehr gleichgültig. Ab 1950 tritt eine einschränkende Voraussetzung ein: das ersetzte Wirtschaftsgut muß vor dem 21. 6. 1948 angeschafft oder hergestellt worden sein. In allen Fällen gilt auch die Wiederherstellung beschädigter Anlagegüter als Ersatzbeschaffung, so daß die Abschreibungsfreiheit sich auch auf die aufgewendeten Instandsetzungskosten erstreckt.
Grundsätzlich gilt als Jahr der Anschaffung das Jahr der Lieferung, als Jahr der Herstellung das Jahr der Fertigstellung. Ab 1949 kann die Abschreibungsfreiheit auch auf Anzahlungen vor der Lieferung (auch in Form von Wechselakzepten) und auf Teilherstellungskosten im eigenen Betrieb angewendet werden (jedoch noch keine normale Abschreibung). Das Ersatzwirtschaftsgut muß dieselbe oder eine entsprechende Aufgabe erfüllen wie das ausgeschiedene. Unschädlich ist die Beschaffung eines Gegenstandes anderer Gattung, Technik, Güte, Preislage, Leistungsfähigkeit, falls dies die allgemeine technische oder wirtschaftliche Entwicklung notwendig erscheinen läßt (allgemeine Verkehrsauffassung maßgebend). Der Ersatz von Handarbeitsgeräten durch Maschinen wird nicht begünstigt.
Die Bewertungsfreiheit wird versagt, falls zunächst ein nicht oder nicht mehr voll geeignetes Wirtschaftsgut angeschafft und kaum genutzt wird, um es kurz darauf durch ein fabrikneues zu ersetzen. Sofern eine ordnungsmäßige Buchführung erst im auf die Anschaffung oder Herstellung folgenden Jahr vorliegt, kann im Zweitjahr die Abschreibungsfreiheit nachholend wahrgenommen werden. Die normale Abschreibung bemißt sich in jedem Falle sowohl im Jahr der Anschaffung oder Herstellung als auch im darauffolgenden Jahr nach den vollen Aufwendungen, selbst wenn von der Bewertungsfreiheit ’n vollem Umfange Gebrauch gemacht wird. Erst vom Beginn des dritten Wirtschaftsjahres ab ist die normale Abschreibung nach dem dann noch vorhandenen Restwert und der Restnutzungsdauer zu bemessen. Die einmal gewählte zusätzliche Abschreibungsart muß beibehalten werden.
Cirea-Kurse
19. Juli 1950
Übermittelt durch
Industrie- u. Handelsbank In Mainz Fernsprecher: Sammelnummer 4348 Telegrammadresse: Merkurbank, und
Im Freiverkehr für Zutelfungsrechte aus der Bereinigung von girosammelverwahrten Aktien, die im Währungsgebiet verbucht sind.
Rhein-Main-Bank, Frankfurt a. M„
fr. Dresdner Bank
Fernsprecher: Ort 30221, Fern 30231
Fernschreib. 04118«, 041187, 041322
Telegrammadresse: Rheinmainbank
| G | R | |
| % | % | |
| 57 | ||
| Adlerwk. Kieyer ........... | 24 | 27 |
| Gehr Arft ?.••••?•• | 34 | 37 |
| AEG | 16 | 19 |
| 43 | 47 | |
| RMW ........... | 14 | 16 |
| Julius Berger ............. | ||
| 27 | 30 | |
| Berl Kraft u. licht | ||
| 14 | 16 | |
| Berl. Masch. Schwartzk. ... | ||
| 22 | 25 | |
| Boswau & Knauer ..v.rvsvi | ||
| •"» | 18 |
| G | R | |
| % | % | |
| Brauerei Cluss ............ | 38 | 42 |
| Brown Boveri ........t.... | 80 | 83 |
| Ruderns | 53 | |
| Charl. Wasser •••••••••••• | 45 | 48 |
| Chem. Albert .~..v....t... | 38 | 42 |
| Conti Gummi | 81 | 84 |
| 32 | 34 | |
| 58 | 62 | |
| 14 | ||
| Degussa | 78 | 82 |
| G | % | B | /o | Dt Waffen |
| 14 | 16 | Didierwerke | ||
| 50 | 53 | Dinglerwerke ........ | ||
| 85 | •ckpr^nff Zement ........ | |||
| 83 | 87 | ''vnamit Nobel | ||
| 22 | 25 | |||
| 38 | 40 | El ficht u Kraft .••?••••• | ||
| 22 | 25 | Ensinger Union | ||
| 35 | 38 | Gebr. Fahr .v | ||
| 35 | 37 | Geiling Sekt | ||
| 58 | — | |||
| 76 | 80 | Grün & Bilfinger .......... | ||
| 35 | 38 | Gutehoffnunghiitte | ||
| 50 | 52 | |||
| 92 | -■ ■ 1 | Hamburger El.-Wh | ||
| 38 | 41 | |||
| 71 | 74 | Hindrichs Auffermann | ||
| 33 | 35 | |||
| 37 | 40 | |||
| 21 | 23 | Katz & Klumpp ....7w..v. | ||
| 52 |
| G | % | B | |
| % | |||
| Klein, Schanzlin u. B | 63 | — | |
| Klöcknerwetke ...s.v. | 42 | 45 | |
| Konserven Braun ••••••••• | MM | 38 | |
| Krauss* Maffei | 56 | ||
| KromschFöder •••••••*••••• | 86 | — | — |
| 6t | 64 | ||
| 24 | 27 | ||
| 62 | 65 | ||
| • idw Akt -Prauerp’ ....... | 35 | ||
| T itrfw Walvmiihlp ......... | 66 | ||
| Akt.-Bierbrauerei . | 40 | 43 | |
| ’<nnnosm.-Rohren Stamm .• | 37 | 40 | |
| v-innesm.-Röhren Vorzüge . | 40 | — | |
| Metalleesellsch. ••••••••••• | 50 | 53 | |
| jtfe? Ai» | 62 | ||
| M9TT | 89 | 92 | |
| Darkbrau pirma^pnc ...... | 23 | 25 | |
| Pfäl? Mfihlpn ......... | 65 | ||
| Rhein. Braunkohle ..t.v.-vs | ES | OS |
| § | B | ||
| % | |||
| Rhein. El.»Wh. .....w« | 70 | 73 | |
| Rheinmetall | Rheinstahl | 35 | |
| lhein.-Westf. El.-Wk | 62 | 65 | |
| lhenser Mineralbrunnen ... | 22 | ||
| liitgerswerke | 26 | 30 | |
| Salzdetfurth | 51 | 55 | |
| Sarotti | |||
| Scheidemandel | Schering ........^ | 17 | 19 |
| Schöfferhof ............... | 34 | 37 | |
| Schriftgieß. Stempel | 90 | ||
| Schubert & Salzer | 22 | 25 | |
| 11 | 13 | ||
| 47 | 51 | ||
| Spilind-Wnlff • | 63 | 65 | |
| Siemens Glas | Siemens S Halske Stamm.. | 32 | 34 |
| Siemens 5 Hatske Vorzüge. | 30 | 33 | |
| Sinner ...,;..v..... | 44 | 46 |
| G | B | |||
| % | 0/ | /o | ||
| Steingut Colditz •.•••••••• | 16 | 19 | ||
| Stollwerck ...... | 56 | 60 | ||
| Süddt. Zucker r.v.v.. | 68 | 71 | ||
| Thüringer Gas .... | 30 | 33 | ||
| VOM ...... | 44 | 47 | ||
| Ver. Dt. Ölfabriken | 47 | 51 | ||
| Ver Stahlwerke t.t. | 34 | 37 | ||
| Waggonfabr. Rastatt ....« | 32 | 35 | ||
| Westdt Kaufhof | 56 | 87 | 60 | 91 |
| 36 | 40 | |||
| Württ. Metallw.-Fabr. | 42 | 45 | ||
| Zellstoff Waldhof | 24 | 26 | ||
| 12 | 14 | |||
| 12 | 14 | |||
| H | 13 | |||
| AG. f. Verkehrswesen | 22 | 25 | ||
| Allg Lokalbahn | 24 | 27 | ||
| Hamburger Hochbahn ..... | 30 | 33 | ||
| Süddt. Eisenbahnges. sv.v.. | 45 | 48 |
Der Sport
PS ohne Motor in Erbach i. O.
Immer, wenn der Eulbacher Markt vor der Tür steht, wendet sich die allgemeine Beachtung dem Rennplatz zu, auf dem seit vielen Jahren am zweiten Tage des über Odenwalds Grenzen bekannten Wiesenmarktes und am letzten Sonntag des Monats Juli pferdesportliche Veranstaltungen durchgeführt werden. Es gehört zur Tradition des Odenwälder Rennvereins, daß er auf der neben dem Festplatz gelegenen Prüfungsstätte Rennen laufen läßt. Bisher wurden am Montag Reit- und Fahrprüfungen sowie Springen durchgeführt. Diesmal werden in den wenigen Stunden des Nachmittags gemischte Rennen im Sattel und Sulky, auf der Flachen und über Hindernisse gelaufen, wofür zahlreiche Nennungen aus der näheren und weiteren Umgebung abgegeben wurden. Auch verschiedene Berufstrainer und Rennställe haben ihr Interesse für diesen Tag durch Abgabe mehrerer Nennungen bekundet, und zwei Vollblutrennen werden im Mittelpunkt der Montag-Veranstaltung stehen. Ferner wird das erstmalig in Erbach gelaufene Trabfahren in sogenannten Sulkys eine große Anziehungskraft auf die Odenwälder Bevölkerung ausüben, so daß die Besucher der volkstümlichen Bahn bereits am Montag voll auf ihre Kosten kommen. Im Eröffnungs-Trabreiten und im „Preis der Festwiese“, der den Beschluß bildet, zwei interne Prüfungen über 1200 m, kommen vorwiegend Pferde aus Elsbach, Haisterbach, Steinbach, Michelstadt, Unter-Mossau, Schönnen, Hetzbach und Lauerbach an den Start, Warmblutpferde, die sonst ihren Hafer im Pflug oder im Wagen verdienen. Beide Prüfungen haben eine starke Besetzung aufzuweisen.
Erprobte und schnelle Halbblutpferde kommen im Preis der Halbblüter (1600 m) an den Start. Hier werden wir wieder nach 12 Monaten den Eulbacher Trakehner Schimmelhengst F e i s a 1 zu sehen bekommen, der sich nach seinen vorjährigen eindrucksvollen Siegen diesmal gegen gute Halbblutklasse versuchen wird. Der Hengst wird es hauptsächlich mit der in dieser Saison noch ungeschlagenen Schimmelstute Diana zu tun haben, eine alte Bekannte, die im Vorjahr im Eulbacher Markt-Hürdenrennen gegen Friosa unterlag. Ein weiterer gefährlicher Gegner für Feisal' ist der vierjährige Tristan v. Balios, der sich bisher nur gegen Vollblut versuchte und auch bereits bei den vorderen Pferden endete. Gut laufen können auch Fliege, die kürzlich in Pirmasens siegreich war, Semper idem und Zeisig.
Das Vollblut-Flachrennen, der ~Nibelungen-Preis“ (1800 m) könnte nach den zuletzt gezeigten Leistungen Ballade gewinnen. Der ebenfalls in Viernheim stationierte T a c i t u s und Krakeler, der im Frühjahr in Karlsruhe-Eggenstein siegreich war, kommen noch für den Ausgang in Frage. Der dreifach vertretene Ludwigshafener Stall Palatia wird sich wohl hauptsächlich auf U 1 f stützen.
Im Preis der Warmblüter (1600 m) ist der Thalfröschener Stall Rothhaar mit Hansa und Auerhahn sehr gut gerüstet. Beide waren vor einiger Zeit in Pirmasens-Winzeln siegreich und liefen auch in Viernheim sehr gut. Lord und Farna, zwei Karlsruher Vertreter, zeigten auch in Viernheim eine gute Haltung. Ferner dürften Regent und S 1 e i p n i r , die beiden Vertreter des Heddesheimer Landwirtes Schäfer, eine Rolle spielen.
Erstmalig vorstellen werden sich im „Preis der Traber“ die Berufstraber, von denen die aus Karlsruhe entsandten D r u - sus, Jupp und Z o r e s auf den Galoppbahnen Haßloch, Viernheim, Zweibrücken, Mannheim-Seckenheim und in Karlsruhe selbst mit Erfolg trabten. Hinzu kommen Invicta, die ehemals in München-Daglfing lief, Bergkristall, der auf rheinischen Traberbahnen seinen Hafer verdiente, und zwei saarländische Vertreter, die der französischen Zucht angehören. Wie sich die Teilnehmer mit der Erbacher Bahn und dem Kurs abfinden werden, wird die 2000-m-Prüfung zeigen. Bei den vorderen Pferden werden aber Drusus, Jupp und Bergkristall zu sehen sein.
Das über 2800 m führende Hürdenrennen dürfte nicht stark besetzt werden. Die Vorjahrssiegerin Friosa hat es diesmal hauptsächlich mit Ballade zu tun. Von Boheme sah man in dieser Saison nicht viel, auch der Hannoveraner Rheinprinz hat bisher ‘ wenig gezeigt, so daß Ulf von den anderen wohl am weitesten kommen sollte. Nicht . unmöglich wäre Frauenjäger.
Die Rennen beginnen um 13.30 Uhr und werden gegen 17 Uhr beendet sein. H. Bk.
Offene Sprache im „Fall Laven“
Von Bernhard GnegelMan braucht die Oeffentlichkeit nicht aufzufordern, sich für den Fall des Ur. Paul Laven zu interessieren, sie tut es längst. In einem Beitrag „Der Sport im Rundfunk“ (F.A.Z. vom 15./16. Juli) haben wir von der „verblüffenden Volkstümlichkeit“ mancher Funk-Sportreporter gegesprochen. Dieser Dr. Paul Laven nun hat auf seinem Gebiet vor etlichen Jahren eine Popularität genossen, die im deutschen Sprachbereich nur noch von der des Wiener Professors Schmieden übertroffen wurde. Die Frage, warum die Stimme dieses Mannes seit Jahren nicht mehr im Lautsprecher zu hören ist, muß zwangsläufig einige Millionen Rundfunkhörer bewegen. Mehr als zehntausend Unterschriften stehen unter der Forderung an den Beirat des Hessischen Rundfunks, den Dr. Laven wieder zu Wort kommen zu lassen. Die Frage ist indes auch von einigen Zeitungen, sowie in zahlreichen offenen unnd internen Diskussionen aufgegriffen worden. Der Rundfunkrat aber lehnt eine Wiederbeschäftigung ab, weil „eine reibungslose Zusammenarbeit nicht gewährleistet erscheint“.
Für viele Menschen wird nach dieser Erklärung der Fall des Dr. Paul Laven nicht faßbarer, sondern eher noch komplizierter sein. Wir fühlen uns daher veranlaßt, einige Hintergründe der Angelegenheit zu beleuchten. Die Berechtigung zu einer solchen Handlung zieht der Verfasser aus der Tatsache, daß er seit einem vollen Vierteljahrhundert sowohl zu Dr. Laven, als auch zu dem von Laven als seinem „großen Gegenspieler" angesehenen Intendanten Eberhard Beckmann in einem hngen beruflichen und menschlichen Kontakt steht. Dieser Umstand verpflichtet ihn nicht nur
zur vollen Objektivität, sondern auch zu einer offenen Sprache.
Der Funkreporter Laven ist nicht erst neuerdings ein umstrittener Mann, er war es schon einmal im Jahre 1935; denn bereits damals wurde er zum ersten Male als Sprecher kaltgestellt. Laven dient dem Funk seit einem Vierteljahrhundert. Als der junge rheinische Philologe damals von Freiburg nach Frankfurt kam, befand sich der Rundfunk erst im Aufbau. Laven hat mitgeholfen, das Neuland abzustecken und zu beleben. Sport- und Zeitfunk wurden von ihm kräftig auf die Beine gestellt; es kann nicht bestritten werden, daß er ein Pionier und für viele nach ihm gekommene Sprecher auch ein oft nachgeahmtes Vorbild gewesen ist. Neben einer guten wissenschaftlichen Ausbildung brachte Laven an Qualitäten mit: ein Sprechorgan, um das ihn manche Schauspieler beneideten, eine Schilderungskraft, die dem Hörer ein verblüffendes Gefühl des „Dabeiseins“ gab, und schließlich noch eine tiefe Sachkenntnis auf vielen Gebieten des Sports. Laven war indes nicht nur ein Schilderer optisch zu erfassender Eindrücke, er ist auch Verfasser vieler Hörspiele und Beiträge für die Zeitungen gewesen.
Die heutigen Gegner Dr. Lavens sprechen ihm die Verdienste und Qualitäten nicht ab. Sie wollen zwar Beweise für ein unverkennbares Nachlassen der Leistungen besitzen, stellen jedoch diese Qualitätsminderung erst in die zweite Reihe ihrer Argumente. Die eigentlichen Schwierigkeiten, die denn auch seine Rückkehr zum Funk derart problematisch machen, sollen in seinem Charakter, vor allem in seinem Verhalten zu Kollegen im Funk liegen.
Unklugheiten und Verbitterung
Tatsache ist, daß seine zweimalige Kaltstellung zwar zunächst aus politischen Motiven heraus erfolgte, in Wahrheit aber dabei die Politik nur eine zweitrangige Bedeutung hatte. Gegen Dr. Laven traten schon von 1932 ab einige rechtsradikale Kreise auf. (Er sollte bei der Uebertragung einer Veranstaltung des Kyffhäuserbundes die „alten Veteranen“ verulkt haben, doch hielt diese Behauptung einer ernsten, objektiven Prüfung nicht stand.) Anschließend versuchten die Nazis, ihn in die gegen ehemalige leitende Angestellte des Rundfunks aufgezogenen Schau-„Korruptions“-Prozesse hineinzuziehen. Laven sollte sein kleines Gut, bei Bad Salzhausen auf unrechte Art erworben haben. In Wahrheit hatte der ungemein sparsame Mann seit Jahren jeden irgendwie entbehrbaren Pfennig auf die Seite gelegt und dann das völlig heruntergewirtschaftete, verwahrloste Gut für verhältnismäßig wenig Geld an sien und in mühevoller Arbeit wieder in die Höhe gebracht. So ging auch dieser Schuß fehl. Gestrauchelt ist Laven in Frankfurt schließlich an der Rivalität, die sich zwischen ihm und dem späteren Sendeleiter Knöckel ergeben hatte. Knöckel besaß enge Verbindungen zum Gauleiter Sprenger, und als diese Beziehungen sich einmal auswtirken konnten, war für Laven bei Radio Frankfurt kein Platz mehr. Leipzig ließ ihn, nachdem er einige Zeit lang auf Eis gelegen hatte, wieder zu Wort kommen, und schon 1936 folgte der Sprung nach Berlin. *
Laven ist in seinem Inneren nie ein Nazi gewesen; das wissen wenige Zeitgenossen besser als der Verfasser. Aber er wollte auch von der Arbeit am Funk nicht ausgeschlossen bleiben. Wer den Nazis nur einmal den kleinen Finger gereicht hatte, fühlte sich bekanntlich sehr bald entweder an der ganzen Hand gefaßt oder an peinsamen Plätzen untergebracht. Laven ist auch beim Deutschlandsender in erster Linie Sportsprecher gewesen, doch sind ihm weniger unpolitische Dinge nicht erspart geblieben. Die jähe Unterbrechung einer noch vielverheißefiden Laufbahn erfolgte durch einen schweren Unfall bei der Rückkehr von einer Uebertragung in Warschau im September 1939. Laven wurde durch viele Jahre an Krücken gefesselt, und ;ewiß hat er noch heute an den Folgen dieses und eines späteren Unfalls (eines Überfalls von „Zwangsverschleppten“ auf ihn im Jahre 1945) zu leiden.
Die Unfälle haben auf das Gemüt des Mannes unheilvoll gewirkt. Im Verkehr mit Kollegen und Freunden waren seitdem wiederholt Erscheinungen zu beobachten, für die es auch medizinische Bezeichnungen gibt. Die erzwungene Untätigkeit verbitterte den Mann und ließ ihn zuweilen auch ungerecht werden. Im Frühjahr 1941 kam der noch an Krücken gehende Funkreporter beim letzten Fußball-Länderspiel Deutschland^-Schweiz noch einmal zum Zuge. Kurz vorher hatte er vor dem auf Urlaub in der Heimat weilenden Verfasser seinen ganzen Groll von der Seele gespült, der sich lediglich deshalb angesammelt hatte, weil Laven beschäftigungslos war, während gleichzeitig angebliche „Außenseiter ihr Unwesen“ am Funk treiben konnten ... Derart verstört war er damals schon.
(Die gleiche Verschätzung eigener und fremder Leistungen ist bei Laven im wachsenden Maße zu beobachten gewesen, wenn er sportjournalistische Arbeiten bewertete. Es mag auch darin eine gewisse Tragik liegen, daß die Uhr des vom Unglück verfolgten Mannes bei der großen Vergangenheit des Sports und seines eigenen Namens stehen geblieben ist. Er spricht und schreibt fast ausschließlich von dem, was gewesen ist. Der Gegenwart steht er meist erstaunlich fremd gegenüber.)
Die Verbitterung ist weder durch den Ueberfall von 1945, noch durch ein gänzlich widersinnig in die Länge gezogenes Entnazifizierungsverfahren geheilt worden. Es mußte dahin kommen, daß Laven selbst dort Feinde sah, wo keine vorhanden waren. Als nach der Rechtfertigung Lavens vor der Spruchkammer zunächst noch von amerikanischer Seite Bedenken gegen die Wiederbeschäftigung geltend gemacht wurden, richtete sich Lavens ganzer Groll bald gegen den Intendanten des Hessischen Rundfunks. unseren gemeinsamen alten Bekannten Eberhard Beckmann. Es mag dahingestellt bieben, von welcher Seite aus die „Feindseligkeiten“ eröffnet worden sind, Tatsache ist, daß sich Beckmann gegenüber Laven bald in eine Notwehr gedrängt sah. Lavens Verhalten ließ keinen Zweifel darüber, daß seine Rückkehr zum Funk wie ein Sprengstoff wirken würde, der sich in erster Linie gegen den Intendanten richten müßte. Diese Ansicht hat auch der Verfasser von Unterredungen mit Laven mitgenommen. Lediglich ein Mangel an Diplomatie und Selbstbeherrschung hat letztlich (und bisher) eine Rückkehr Lavens zum Funk verhindert. Unklug waren schließlich auch die von Laven selbst in Szene gesetzte Unterschriftensammlung und seine immer wiederholten Aufforderungen an die Zeitungen, sich seines Falles anzunehmen.
„Beckmann oder Laven!“ hieß die Frage, die auch der Rundfunkbeirat zu entscheiden hatte. Der Beirat, der keinerlei Veranlassung sah. seinen Intendanten fallen zu lassen oder- ihm einen unversöhnlichen Gegner ins Haus zu setzen, hat Lavens Forderung nur mit einem Nein beantworten können.
Was wird nun aus dem Mann? Hätten wir noch, wie einst, einen übergeordneten Reichsrundfunk, so wäre dort eine Ver- Wendung denkbar. Können ihn Sender außerhalb Hessens einsetzen? Man möchte es dem Manne, der immerhin seine Verdienste und gewiß auch noch einen Bestand seiner einstigen Qualität besitzt, wünschen; vielleicht würden eine Beschäftigung und die Zeit auch die unselige Verbitterung heilen. Noch skeptischer als diese Möglichkeiten betrachten wir indes die Aussichten einer Verständigung zwischen Laven und Beckmann. Laven ist zu sehr in seine Ressentiments verbissen.
Er hat auch uns wiederholt gebeten, seinen Fall aufzugreifen, doch glaubten wir, das Interesse Lavens fordere die Reife und Entscheidung der Angelegenheit in der ^Stille und in direkten Gesprächen. Nun, da Laven den Fall mit seiner Unterschriftensammlung und der erzwungenen Entscheidung des Rundfunkrates selbst an die Oeffentlichkeit gezogen hat, sind wir von unseren wohlgemeinten Rücksichten entbunden worden. Ein Kompromiß im „Fall Laven“ dünkt uns immer noch erstrebenswert. Die Schaffung der Voraussetzungen liegt allerdings in erster Linie bei Laven.
Reizvoll, wenn auch ohne Höhepunkte
Das deutsche Sportprogramm am Wochenende
B. G. In der zweiten Julihälfte liegt der Sport scheinbar ruhig und ohne nennenswerte Bemühungen auf den meist verlassenen Plätzen. Der Zustand täuscht jedoch. Auch in dem vermeintlich an Höhepunkten armen Programm für das Wochenende stecken immer noch Veranstaltungen, die das Interesse von Hunderttausenden und den Besuch von Zehntausenden an sich ziehen werden. So das Schleizer Dreiecksrennen, das als fünfter Meisterschaftslauf die gesamte Elite des deutschen Motorsports, voran Georg Meier, Heiner Fleischmann, die Böhm-Fuchs und Klankermeier-Volz am Start sieht. Auf dem gleichen Niveau, wenn auch in einer anderen Sportart, steht die große Hügelregatta in Essen, eine der letzten Generalproben der Mannschaften aus Nord-, Süd- und Westdeutschland vor der deutschen Meisterschaftsregatta. Meisterschaftskämpfe im Rudersport gibt es übrigens auch schon an diesem Wochenende, nämlich die Deutschen Hochschul-Meisterschaften in Mannheim.
Wie die Ruderer, so liegen auch die Leichtathleten und die Schwimmer auf dem Sprung zu ihren großen Meisterschaftsentscheidungen. Ihre Blicke sind bereits auf rie erregenden Augusttage gerichtet. Was sich bis dahin abspielt, ist zwar nicht uninteressant, hat jedoch lediglich vorbereitenden Charakter. In der Leichtathletik verdienen diesmal in erster Linie das sehr gut besetzte Bahnsportfest in Wuppertal, der „Tag der Läufer“ in Bielefeld und die Rekordversuche von Rot-Weiß Koblenz in Aachen Beachtung. Im Schwimmen rufen einige Länder zu ihren Meisterschaften auf, so Baden in Weinheim, Westdeutschland in Oberhausen, Württemberg in Heilbronn, Niedersachsen in Königslutter, Bremen in Brrmerhaven und Bayern in Augsburg.
Die Turner schauen auf den Start einer Finnischen Turner-Auswahl in Berlin und auf das Schauturnen einer deutschen Nationalriege in Köln. Gutes Te nn i s ist bei dem Internationalen Turnier in Düsseldorf und beim Turnier um das „Goldene Rackett“ in Würzburg zu erwarten. Die Fachleute achten dabei vor allem auf die Fortschritte des vorernst noch mageren deutschen Nachwuchses. Der Radsport macht sich vor dem Start zur Deutschlandfahrt lediglich in einigen Bahnrennen und zweitrangigen Straßenveranstaltungen bemerkbar.
Lebhafter interessiert sind die Turffreunde. Sie werden durch die Galopprennen in Düsseldorf mit dem Kampf um den Rheingold-Pokal und die Frankfurter Veranstaltung mit ihrem traditionsreichen Landgrafen-Rennen besonders gefesselt.
In diesen sommerlichen Tagen setzt sich der Sport auch an die „grünen Tische“. Der Allgemeine Deutsche Sportkongreß in Köln bringt für die Oeffentlichkeit einige mehr oder minder belangvolle Referate; mehr darf man vielleicht von den Aussprachen erwarten, die bei dieser Gelegenheit unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfinden werden. Auch im Fußball kommt es, während die Bälle noch in den Schränken liegen, zu einigen Tagungen, auf denen man sich wohl vornehmlich mit den Plänen für die kommende Saison beschäftigen wird. Die stärkste Bedeutung wird vermutlich die Tagung in Kaiserslautern gewinnen, da es hier zur Bildung des Südwestdeutschen Fußball-Verbandes (Rheinland, Rheinhessen, Pfalz) kommen dürfte.
Erfolgreiche Jugendarbeit
Ein Verein, der weithinaus über unsere Heimatgrenzen bekannt ist, ist der Sportverein 1919 Münster. Schon nennenswert die nationalen Sportfeste, die dieser hervorragend geführte Verein startete. Insbesondere die Jugendarbeit, in den Reihen des SV 1919 mit allem Interesse gefördert, leuchtet neben anderen Erfolgen heraus.
Die Leichtathleten haben eine besonders erfolgreiche Saison hinter sich gebracht. Sie belegten zahlreiche Plätze in der deutschen Jugendmeisterschaft und konnten sich in die Bestenlisten eintragen. Die A-Jugend konnte den zweiten Platz in der Dieburger Kreismeisterschaft erringen. Die Meisterschaften des Kreises Dieburg und Bezirks Darmstadt gewann die B-Jugend. Die C-Jugend holte sich ebenfalls die Kreismeisterschaft Dieburg. —
Wie uns der VCD mitteilt, beginnen die Radrennen um die Bezirksmeisterschaften mit Start und Ziel am Jagdschloß Kranichstein am Sonntag bereits um 8 Uhr und nicht, wie gestern berichtet, um 9 Uhr.
Der Boxklub „Eiche“ Lorsch wird nach fast einjähriger Pause zusammen mit dem Boxklub Bürstadt am heutigen Samstagabend einen Kampf gegen Frankenthal veranstalten. 11
Roßdorf empfängst TB Heidelbers
Die Baskettball-Abteilung der SKG Roßdorf wird am Sonntag wieder mit einem zugkräftigen Programm aufwarten und mit Schülern, Frauen und Männern gegen die spielstarken Mannschaften des TB Heidelberg antreten. Die Männermannschaft der Heidelberger Gäste stellt beste deutsche Basketball-Klasse dar. 1948 errang der TB Heidelberg den deutschen Meistertitel und auch 1956 spielte er eine beachtliche Rolle, wobei die Heidelberger an zweiter Stelle hinter dem BC Degerloch einkamen. Sehr gut spielen auch die Frauen des THH, die stets die schärfsten Rivalinnen des badischen Frauenmeisters TSG 1878 Heidelberg waren.
Um 14 Uhr eröffnen die Schülermannschaften die Spiele. Um 15 Uhr werden sich die Frauen gegenüberstehen und um 16 Uhr wird das Männerspiel beginnen. — Bereits am Sonntagmorgen sind die Heidelberger Gäste des TV Heppenheim. .
Rollhockey
TSG Darmstadt — RC Langen
Am Samstagabend um 18 Uhr geht es auf der Rollschuhbahn am Woog wieder um Punkte. Die TSG Darmstadt trifft im Rückspiel auf den Rollsportklub Langen. Das Vorspiel in Langen endete unentschieden 1:1.
Die TSG Darmstadt, die im vorigen Jahr Hessenmeister wurde, muß versuchen, das Spiel zu gewinnen, um Aussicht auf die Meisterschaft zu haben, die zur Teilnahme an den Süddeutschen Rollhockeymeisterschaften berechtigt.
Aber auch der RC Langen liegt gut im Rennen und wird sich mächtig anstrengen. Eine Voraussage wäre verfrüht, einen spannenden Kampf wird es auf jeden Fall geben. Die Mannschaften: RC Langen: Spengler, Klepper, Müller, Breidert, Anthes und Metzger. TSG Darmstadt: Clausen, Mangold, Przementski, Fuß, Zörgiebel und Häuser.
Vorher spielen die 2. Garnituren beider Vereine. Hier siegte die TSG Darmstadt im Vorspiel 1:5.
Erbagh. Als sportlicher Auftakt zum Erbacher Wiesenmarkt findet am Sonntag um 14 Uhr auf dem Erbacher Sportplatz ein Boxkampf der Länder Hessen und Baden statt, wobei auf hessischer Seite die Gebr. Knieß, Darmstadt-Eberstadt, und Milden, BV Erbach-Michelstadt, dürch die Seile klettern werden.
Am Sonnabend, dem 22. Juli, 20 Uhr, hält die Schachabteilung Eberstadt in ihrem Spiellokal „Volkmann“ eine wichtige außerordentliche Mitgliederversammlung ab. Es soll dabei u. a. über eine Neugründung des „Schachklubs 1924 Eberstadt“ entschieden werden. — Die Schachabteilung gehört weiterhin dem Hessischen Schachverband an.
Ein Drittel ist gefahren
Niort, 21. Juli. (AP.) Der Italiener Fiorenzo Magni gewann am Freitag die achte Etappe der „Tour de France“ über 181 Kilometer von Angers nach Niort. Magnis Zeit betrug 4:36:30 Stunden. Hinter Magni folgten in der gleichen Zeit der Belgier Stan Ockers vor Georges Meunier (Frankreich-Sv Iwest) und Louison Bobet (Frankreich).
Bernard Gauthier (Frankreich - Südost) blieb im Besitz des „gelben Trikots“.
UlIvU 1111 DCbllÄ Uvo jjgxiAMdi • Kurz nach 11 Uhr starteten die noch verbliebenen 100 Teilnehmer der „Tour de France“ in Angers. Roger Pontet (Frankreich-West) hatte in Angers aufgegeben, und der Italiener Pezzi mußte wegen Zeitüberschreitung aus dem Rennen genommen werden. Marinelli und Dorgebray (Frankreich) hatten schon vor Angers die Weiterfahrt eingestellt.
In Thours, 88 Kilometer hinter Angers, hatten die drei Franzosen Sforacchi, Darnaugilhe und Desbat einen Vorsprung von einer Minute und zehn Sekunden erreicht. Im Hauptfeld fuhren alle in der Gesamtwertung Führenden mit Ausnahme von Redolfl (Frankreich), der 30 Sekunden zurückgefallen war. Der Belgier Stan Ockers folgte mit einem kleineren Rudel 15 Sekunden hinter Redolfl.
Allein auf weiter Flur
Wär’s eine lange und kostspielige Reise gewesen, hätte man zur Not noch verstehen können, daß der Athletiksportverein Dieburg seinen Vertreter Kern allein zu den Ringermeisterschaften hat fahren lassen — aber da Ludwigshafen-Friesenheim Austragungsort war, mußte sich dieser Sportler doppelt verlassen fühlen. Mutterseelenallein durchstand er seine acht Pflichtkämpfe, von denen er sechs gewann, einen durch Selbstwurf verlor, also genau genommen nur in einem Treffen unterlag. Bayern und Baden hatten selbstverständlich auch ihre besten Vertreter geschickt, darunter manchen, der schon einen Meistertitel trug. Mit denen aber waren Vereinskameraden und Freunde gekommen, die ihnen in den schweren Wettbewerben Rückhalt gaben, ohne den es nun einmal im Sport nicht geht. Kern stand dagegen wirklich allein auf weiter Flur. Wenn er trotz dieser Einsamkeit sich den zweiten Platz sicherte — vor ihn konnte sich lediglich Ehrl (München) setzen —, dann ist das eine körperliche und eine seelische Leistung dazu, die dieser anerkennenden Zeilen wohl wert sind. RG
Wo gehen wir zum Wochenende hin?
Samstag, den 22. 7., Orpheum, 9 und 15 Uhr: Hessische Rollkunstlaufmeisterschaften
Woog, 18.30 Uhr: Hessische Wasserballmeisterschaften
Hinterm Woog, 19 Uhr: Rollhockey TSG — RC Langen
Sonntag, den 23. 7., Jagdschloß Kranichstein, 8 Uhr: Bezirksmeisterschaften der Radfahrer
Orpheum, 9 und 15 Uhr: Hessische Rollkunstlaufmeisterschaften — 2. Tag
Woog, 11 und 15 Uhr: Hessische Wasserballmeisterschaften — 2. Tag
Zum Zeitvertreib am Sonntag
Kästchenrätsel
Jede Zahl entspricht einem Buchstaben, der in das betreffende Kästchen der Figur einzutragen ist. Die Kästchen von 1 bis 74 hintereinander gelesen ergeben einen Spruch, 1. Dichter des Spruches 11 61. 7, 53, 19, 28, 16, 55. 21, 19. 35, 16, 49. 28. 16. — 2. Haustier 1, 60, 72, 70, 18. — 3. Singvogel 36, 29, 73. 24, 56. 7. — 4. Bergpfad 55, 30. 3, 4 70. — 5. Teil des Wagens 40, 8, 62, 50, 51, 42, 67. 19. — 6. Römischer Kaiser 54, 69. 39, 28. 42, — 7. Fluß an Jugoslawien 33. 48, 65, 22, 27. — 8. Unkraut 2. 34. 44, 64. 17. — 9. Hühnervögel 68, 41. 57, 58. 74, 35, 19. — 10. Weibliches morgenländisches Bekleidungsstück 23, 25, 26. 19. 37, 38. 20, 46 — 11. Nebenfluß der Donau 12, 59, 3, 31. 23, 24. — 12. Etwas Unbedeutendes 45, 8, 6. 12. — 13. Verkaufs- und Speiseraum 71. 5, 32, 52. 14. 9, 47. — 14. Hölzernes Turngerät 71, 15 6, 19, 66. — 15. Körperteil 10, 43, 63, 13.
Zusammensetzrätsel
UELL, KENN, ENDU, KANN, DIEQ, WERD ENIC, ICHT, TDEN. ABEN, R9TN, HTL.
Die Buchstabengruppen sind so zu ordnen, daß ein Wort von Spitteier zu lesen ist.
Sprichwort nach Punkten
Süß . . . ser, Heilge . . . . e, Fruch . . . rn, Wa .. . nschwein, Grund .. . ser, Sc ... ler, Lu . . . allon, D . . . . bohrer, Sch . . . gel, Rache ..... el. K . . . . ische, N . . . . .- nutz, Zeitgesch ... n. Ei igung.
Jeder Punkt entspricht einem Buchstaben; nach sinnvollem Ergänzen der Wörter ergeben die eingesetzten Buchstabengruppen ein Sprichwort.
Auflösungen vom Samstag, 15. Juli Zwei Buchstaben zuviel. Sich über einen andern ärgern, heißt dessen Sünden an sich bestrafen.
Etwas zum Schieben. Shakespeare, Eichendorff, Grillparzer.
Quadraträtsel. 1. Manifest, 2. Antonius, 3. Drehbank. 4. Phantast, 5. Pamphlet, 6. Potentat, 7. Anekdote 8. Tomahawk, 9. Sardelle, 10. Amfortas, 11. Aequator.
Schach
Für die ~AZ“ bearbeitet von E. Bogoljubow Nachstehend geben wir eine sehr interessante Partie aus dem Turnier in Soultsea, die der 16jährige Champion von London gegen Bogoljubow in vorbildlicher Weise durchgeführt hatte.
Sizilianisch Weiß: J. Penrose / Schwarz: E Bogoljubow
1. e 2 — e 4, c 7 t—c 5, 2. Sg 1 — f 3. d 7 — d 6, 3. d 2 — d 4, c 5 x d 4, 4. Sf 3 x d 4, Sg 8 —l6, 5. Sb 1 — c 3, Sb 8 — d 7 (diese Variante ist von mir seit vielen Jahren nicht mehr gespielt worden, denn sie kann ja nicht völlig befriedigend sein!), 6. g 2 —g3, a 7 ■— a 6 7. Lf 1 — g 2, e 7 — e 6, 8. o—o, Lf 8— e 7 (Dc 7, um die nun folgende Entwicklung des weißen Läufers zu hindern, hat auch den gewissen Nachteil, daß Weiß darauf mit sofortigem Sturm beginnen kann 9. f 2 — f 4, Lf 8 — e 7, 10. g 3 — g 4, h 7 — h 6, 11. h 2 —h3! und Schwarz hätte keinen vernünftigen iZug mehr.) 9. b 2 — b 3, DdB — c 7, 10. Lei — b 2, 0 0, 11. Kgl hl, Tfß dB, 12. Ddl c 2 Sd7 fB, 13. f2— f 4, Taß —b 8? (eine große Ungenauigkeit! da es zu dem Zuge b 7 b 5 wegen der Antwort c 4 e 5 nebst Sc6 überhaupt nicht mehr kommen kann, so mußt" gleich Ld7 nebst Leß versucht werden!), 14 Tal dl, Lcß d 7, 15. e 4 e 5!. Sf6 eB.
16. Sd4 — f 5! (damit vergrößert der 16 jährige Champion of London City sein positionelles Uebergewicht!), Sfß — gß (natürlich nicht e 6 x f 5. wegen 17 Sc3 — dsh 17. Sfs x e 7 +, Sg x e 7, 18. Sc3 - e 4! d 6 . Se4 d6> Dc7 ~as (längeren Widerstand konnte man hier mit Seß x d 6 20 De 2 h 5!. Seß x d 6, 21. e 5 xd6 Se7 —fs 22. g 3 — g 4!, Sfs x d 6, 23. f 4 — f 5! (gegen die Drohungen Dgs und Td3 nebst Th3 und auch f 5 x e 6 oder f5-f6 läßt sich natürlich nichts mehr erfinden!) Das x a 2 (auf d 5 - d 4 wäre 24. L x d 4. Lc6. 25. L x c 6, b 7 x c 6 26. Lx g 7 gefolgt!), 24. Lb2 - e 5 Sd6 -e8 25, fsx e 6, L x d7x e 6, 26 Les xbß Tda 4 bB. 27. Dhs - e 5, Tbßcß 1 & x d 5 Seß - f 6. 29. Ldsxe6, Tbß-eB, 30 Le6x f 7 +, Kgß x f 7, 31. Tfl x f 6 + aufgegeben Der Angriff ist von dem jungen Meister ganz präzise geführt worden. e
Darmstadt und Umgebunng
Noch einmal bringen wir den Blick von der Woogstraße zur Stadtkirche. Der Leser wird ihn mit der Zeichnung im „Tagblatt“ vom vorigen Samstag vergleichen und feststellen, mit welcher Genauigkeit bald nach der Zerstörung die Einzelheiten festgehalten wurden. Inzwischen ist aber nicht nur das Grün über den Ruinen gewachsen, der Ausblick in die Ferne ist nicht mehr so ganz trostlos, denn am Rande der Altstadt ist mit dem Bauen begonnen worden. Die Altstadt selbst wird freilich nur in unserer Erinnerung weiterleben. Zeichnung: Fritz Grosch
Was die Woche brachte:
Proteste gegen unsere Stadtuerwaltung
Gegen die Erhebung von Straßenreinigungs¬ gebühren für Trümmergrundstücke wandte sich nicht nur, wie wir berichteten, der Haus- und Grundbesitzerverein Darmstadt e. V., sondern auch ein beachtlicher Teil der Bürgerschaft. Vor allem wurde die moralische Haltung der Stadt angegriffen, den durch Kriegseinwirkungen geschädigten Hausbesitzern jetzt in ihrer Notlage auch noch zusätzliche Abgaben aufzuerlegen. Die an einer Klärung dieser Angelegenheit stark interessierte Redaktion des „Tagblatts“ brachte auf Grund des von ihr publizierten Protestschreibens des' Haus- und Grundbesitzervereins umgehend ein Antwortschreiben von Stadtrat Holtzmann. Dieses Antwortschreiben stimmt hier und da nachdenklich. Es wird darin „von der eindeutigen Rechtslage gesprochen, nach der die Stadt Straßenreinigungsgebühren erheben könne, ungeachtet der Nutzung der Grundstücke“. Kurz, es wird mit schönen Worten an die Pflicht der Bürger appelliert.
Wie aber ist es mit der Pflicht der Stadt, die Grundstücke zu enttrümmern und den Besitzern dadurch die Möglichkeit einer Nutzung zu schaffen? — Die Stadt sagt, sie habe kein Geld, es müsse nach und nach enttrümmert werden. In Ordnung. Nicht in Ordnung, daß die Stadt ihre Bürger an ihre Pflicht mahnt, bevor sie selbst nicht mit gutem Vorbild vorangegangen ist.
Um unnötige Härten zu vermeiden — so heißt es in der städtischen Entgegnung weiter — sei eine Ueberprüfung der einzelnen Fälle erforderlich, in denen von der Entrichtung der Straßenreinigungsgebühren Abstand genommen werden könne. Die Mehrzahl der Darmstädter Ruinenbesitzer sind Mitglieder alter Bürgerfamilien, die heute verarmt und verkümmert irgendwie, irgendwo hausen. Ihnen gehört die Masse der Grundstücke zwischen Woog und Tinten¬ viertel, zwischen Heidelberger Straße und Stadtkirche. Es wird also letzten Endes darauf hinauslaufen, daß die Ueberprüfung der einzelnen Fälle — ob Gebühren erhoben werden sollen oder nicht — einen großen bürokratischen Aufwand erfordert und finanziell nichts gewonnen pird.
Sehr gefährlich scheint Herrn Holtzmanns Bemerkung, daß eine ganze Reihe von Ruinenbesitzern aufgebaut haben könnte, wenn sie die rechte Initiative entwickelt hätten. Meines Erachtens haben die Grundbesitzer aus den Erfahrungen jener gelernt, die bei den Behörden auf eine geradezu erstaunliche Kleinlichkeit und Unvernunft gestoßen sind. Es sei in diesem Zusammenhang nur an die stadtbekannten Schwierigkeiten erinnert, die die aufstrebenden Kaufleute der Firmen K a 111 e r (Rheinstraße), L. B. Müller (Schulstraße) oder Kalbf u ß und Jungmann (Ludwigsplatz) hatten und — noch haben. Trotzdem haben es diese Firmen geschafft. Wieviele aber haben es nicht geschafft? — All die kleineren Grundstückbesitzer, deren Aufbauwillen durch die unverständlichen Maßnahmen der Stadt gebrochen worden ist. — Man könnte noch mehr anführen; es genügt. Jedenfalls bezweifle ich stark, daß die Stadt es sich leisten kann, mit Gewalt Straßenreinigungsgebühren von Trümmergrundstücken einzutreiben.
Sorgen um den Hochzeitsturm machen sich nicht nur unsere Leser, sondern auch die Stadtverwaltung, wie aus einem Brief des Städtischen Presse-, Werbe- und Verkehrs amtes zu entnehmen ist. Gerne würde die Stadtverwaltung dem Wunsche der Bevölkerung entgegenkommen und den Hochzeitsturm lieber heute als morgen instandsetzen. Aber, aber: 60 000 Mark sind kein Pappenstil! — Ich schätze, daß wir noch eine Weile warten müssen, bis der Hochzeitsturm wieder überdacht ist. *
Geht's Hamstern wieder los? — fragt mich die jungverheiratete Frau L. D. aus Pfungstadt. Da ihre Zuschrift klar herausstellt, was zur Zeit viele Hausfrauen bewegt, ist es wohl am besten, wenn ich den Brief im ungekürzten Wortlaut wiedergebe:
Seit einigen Taigen schon hat in den Geschäften eine wilde Kauferei von Lebensrnitteln eingesetzt. Wo soll das enden? Schreitet denn da niemand ein? Die Menschen kaufen Zucker und Speck 10 -Pfundweise ein, und die Folge ist, daß seit gestern der Speck und die Nährmittel teurer geworden sind. Mein Mann bekommt immer erst am jeweiligen 1. sein Gehalt, und wir können dann ein Drittel mehr für alle Dinge des täglichen Lebens ausgeben. Gibt es denn da keine Instanz, die diesem Zustand abhilft. die die Menschen zur Vernunft bringt? Einige Kaufleute sind ja so vernünftig, den Kunden nur die Menge zu verkaufen, die die Leute sonst auch nur holen. Vielleicht wäre es angebracht, daß die kommunalen Stellen einmal eingreifen würden oder aufklärend wirken könnten. Für eine klarstellende diesbezügliche Antwort wäre ich ahnen dankbar.
L. D., Pfungstadt
Liebe Frau D., liebe Hausfrauen, die Ihr alle die bange Frage an mich richtet, ob’s Hamstern wieder losgehe, lassen Sie sich, bitte, die Antwort von unserem Micked o rm e 1 geben, und zwar deshalb, weil ich in der letzten Wochenbetrachtung Mickedormel dieselbe Frage gestellt habe, die nun Sie, liebe Frau L. D., liebe Hausfrauen, an mich richten. Mickedormel meint, daß er nur aus purer Nächstenliebe hamstern werde. Mir ist das, offen gestanden, ein wenig zu hoch. Doch — urteilen Sie selbst. Mickedormel schreibt:
BLOSS AUS NÄCHSTELIEB
Schrieb doch do en Redakdeer (un ich waaß noch net mol wer), daß ich net ans Hamstern denk, selbst wann alles krägt die Krenk. Ei, ich wär’ doch werklich bleed, wann ich net aach hamstern dhet, un so hab ich aa’ dehaam, schun en ganze Haufe Kram.
Mehl un Zucker, Grieß un Reis, aamer-, dibbe-, zentnerweis, un an Budder, Eel und Fett fehlts bei mir im Notfall net. Bohnekaffee hab ich schee, Schokolad un schwarze Tee, aach mei Hase sinn geschlacht’ un in Bichse eugemacht.
Ja, mei Dichtkunst bringt was eu. — In mei Stubb geht nix mehr neu, un mei Bett leijt voll mit Sach, daß ich owends auswärts mach.
Doch ich frei mich, ohne Froog. Erstens hott mei Geld de Schloog un dann stobbe jedenfalls annern sich demit de Hals wann’s mol merklich bumst un so. — Ich hab schließlich nix devo un ich hamster nooch wie vor bloß aus Nächstelieb, — ganz klor. Mickedormel
Daß ich der betreffende Redakteur war, dürfte Mickedormel ja inzwischen gemerkt haben. Ob er aber auch noch etwas anderes gemerkt hat bzw. merken wird, nämlich, daß durchaus die Gefahr besteht, daß ihm eines Tages einige handfeste Frauen auflauern und verdreschen werden? Denn da wo die Vernunft aufhört, sollte man — das ist meine Privatmeinung — mit dem Holzprügel zuschlagen. Nicht böse oder ängstlich sein, Mickedormel, zieh eine Lederhose an ... ♦
Von Darmstadt nach der Schweiz flog ein Ballon, der von einem Jugendlichen der Rot-Kreuz-Gruppe Traisa während des Ballonwettfliegens im Hochschulstadion (25. Juni d. J.) hochgelassen wurde. Wie zu erfahren war, ist der Ballon auf dem Flumsberg im Kanton St. Gallen, in 2150 m Höhe, aufgefunden worden. — Ein gutes Omen für den jugendlichen Starter? — Ich wünsche es ihm. *
Einen Wandergefährten sucht der 18jährige Walter Borger aus Darmstadt, Weiterstädter Straße 33. Walter Borger, der im August eine Radtour in den Schwarzwald und an den Bodensee machen will, teilte uns betrübt mit, daß seine Bemühungen beim Stadtjugendiausschuß und den Jugendgruppen umsonst gewesen seien, da die meisten Jungen wegen der Sommerferien bereits im Juli ihre Erholungsreise angetreten hätten. Sollte sich wider Erwarten doch noch jemand finden, der nicht abgeneigt ist, mit Walter Borger „auf Achse“ zu gehen? — Ich war während meiner Pennälerzeit bei jeder Gelegenheit unterwegs, habe viel von unserem schönen Deutschland gesehen und würde es heute tief bedauern, wenn ich jene Zeit, die man nur einmal erlebt, nicht ausgenutzt hätte. Radtouren — ein Stück letzter Romantik, ein Erfüllen heimlicher Jugendträume und e|n Stillen des instinktiven Fernwehdranges . . .
Armut des Herzens. Viele Menschen haben sich damit abgefunden, daß es Arme und Reiche gibt. Sie denken nicht darüber nach, solange sie durch diese „Gesellschaftsordnung“ keine Nachteile erleiden. Da lebt z. B. in einem wohlhabenden Dorf, schrieb mir kürzlich eine Leserin aus Groß-Gerau, eine Flüchtlingsfamiliie in größtem Elend. Der Mann ist infolge eines schweren Magenleidens arbeitsunfähig. Die Frau, abgearbeitet und verhärmt, trägt die Last für den Mann und ihre fünf Kinder zusammen. Das Unterstützungsgeld reicht kaum, alle hungrigen Münder zu stopfen. Die Kinder haben nichts anzuziehen, keine Kleider, keine Schuhe. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Das ist kein Leben, sondern ein Vegetieren.
Ringsherum aber leben Menschen, die diese große Not Tag für Tag sehen und erleben, aber nicht helfen. Wie wäre es, wenn so eine Dorfgemeinschaft z. B. die Patenschaft für die Aermsten ihrer Gemeinde übernehmen würde? — Regelmäßige Sachspenden, auch wenn es ab und zu ein kleines Opfer bedeuten würde, könnte diese herzergreifende Not überbrücken und den Menschen ein sinnvolleres Dasein geben.
Wäre das nicht ein Werk der Nächstenliebe? — Viele Möglichkeiten gibt es, größtes Elend abzuändern, zu helfen. Frei soll die Brücke von Mensch zu Mensch werden, frei und offen das Herz für die Not unseres Nächsten. Maximilian II
Bereitschaftsdienste am Sonntag
Apotheken-Sonntags- und Nachtdienst (von Samstag, 22. Juli, 13 Uhr, bis Samstag, 29. Juli, 8 Uhr):
Darmstadt: Nordend-Apotheke, Friedrich-Ebert-Platz 17. — Stadtapotheke, Rheinstraße 32.
Darmstadt-Eberstadt: Apotheke Dst.-Eberstadt. Oberstr. 10. Darmstadt-Arheilgen: Goethe-Apotheke, Darmstädter Str. 65.
Zahnärztlicher Sonntagsdienst: (von 10— 12 Uhr):
23. Juli: Dr. Aufleger Darmst., Heidelberger Str. 83.
Sonntagsdienst der Dentisten (von 10—12 Uhr):
23. Juli: Dentist Friedrich Pertack, Darmst.rEberstadt, Wiesenstr. 5.
ABC-Schützen auf nenen Wegen
Vom Lesen auf ganzheitlicher Grundlage
Während seither die Hauptbetonung der Erziehung auch in den Volksschulen auf die Wissensbereicherung der Kinder gelegt wurde, wird heute nach den neu gewonnenen Erkenntnissen der Psychologie in den Volksschulen für die Kinder aller Altersstufen eine vielseitige Entfaltung aller Kräfte angestrebt.
In einem Erlaß vom 8. Januar 1949 stellte Kultusminister Stein die Wahl der Lehrmethode frei, äußerte jedoch den Wunsch, daß der Gesamtunterricht von einem organisatorischen Grundsatz zu einem umfassenderen Unterrichtsverfahren weiterentwickelt werden müsse.
Mit Beginn des neuen Schuljahres an Ostern wurde auch in Darmstadt in den Erstklassen der Volksschulen zur Erlernung des Lesens und Schreibens der Kinder die analytische Lehrmethode, das sogenannte „Ganzheitsverfahren“, das im Gegensatz zu dem bisher geübten synthetischen Verfahren steht, eingeführt. Schulrat Bra t u hat die Bestrebungen zur Aufnahme dieses analytischen Leseverfahrens unterstützt.
Um die beiden Lehrmethoden, die analytische und die synthetische, hat es lebhafte Auseinandersetzungen gegeben. Viele Praktiker der ganzheitlichen Arbeit, die auch die andere Lehrweise ausprobiert haben, sind von den Vorteilen des Ganzheitsverfahrens überzeugt, zumal es sich auch in den Hilfsschulen gut bewährt hat. Ansatzpunkte für diese Lehrweise, die in einigen anderen Ländern der Erde zur Lesemethode geworden ist, wurden bei uns schon in den 20er Jahren gemacht.
Wie wirkt sich die „neue Methode“ auf den Unterricht aus? In Elternversammlungen wurden die Eltern im einzelnen mit ihr bekannt gemacht. Während die jahrzehntelang geübte synthetische Lehrmethode vom Erwachsenen ausgeht, der das Wort in Buchstaben zergliedert und den Kindern durch deren mechanisches Aneinanderreihen das Lesen beibringt, greift die analytische Methode zu lebensvollen Ausschnitten des Alltagslebens und paßt sich mehr der Welt des Kindes an. Das Kind, das wie der Erwachsene nur Worte und keine ihm fremde Buchstaben spricht, nimmt zuerst das Wortbild in sich auf, das für es mit einem bestimmten Inhalt verbunden ist. Es sieht das Wort an der Tafel oder in seiner Fibel. Den Schwierigkeiten des Aneinanderreihens von Buchstaben, bei denen sich die Kinder trotz Einführung von Lautbildern manchmal nichts vorstellen können, sind sie dadurch enthoben, und das Wort prägt sich ihnen gleich in seiner richtigen Schreibweise ein.
In der ersten Schulstunde erhielt zum Beispiel jedes Kind ein Zettelchen mit seinem Namen, den es gerne liest und schreibt. Im ersten Jahr wird das Kind mit fünf verschiedenen. Bilderbücher ähnelnden, Heften unterrichtet. Die Aufteilung in Hefte statt 'der Zusammenfassung des Lehrstoffes in einem Buch soll den Kindern immer wieder neuen Anreiz zum Lesen geben. Der Wortschatz der Fibel wird Seite
um Seite bereichert und durch Bilder das Hinzulernen fremder Worte erleichtert. Jedes Kind erhält Arbeitsblätter, in denen die Worte der Fibel eingetragen sind. Es muß diese einzeln ausschneiden und in einem Kästchen zusammenlegen. Wird zum Beispiel von der Lehrerin das Wort „Mutter“ verlangt, so muß es dieses aus den verschiedenen Zettelchen herausholen. Auf spielerische Weise prägt sich so bei dem Kind das Wortbild ein. Das Erlernen der Buchstaben geschieht erst Ende des Jahres zum Beispiel dadurch, daß dem Kind mehrere Wörter mit gleichen Anfangsbuchstaben vor Augen gestellt werden.
Die Analyse des Lesevorganges, die Zergliederung der Worte in Buchstaben, die, wenn dem Kind genügend Zeit gelassen wird, wie die Frucht vom Baum fallen soll, erfolgt nach den bis jetzt gemachten Erfahrungen leichter als der umgekehrte Vorgang — das mechanische Zusammensetzen der Buchstaben zu einem Wort. t-s
Ernst Weichsel hat am letzten Montag im Arheilger Mü'hlchen einen Rettungsschwimmkursus von der Deutschen - Rettungs-Gesellschaft eröffnet. Gleichzeitig übernimmt er den Wachdienst im Schwimmbad. -st
Wohin gehen wir hente?
Lichtspieltheater: Union: „Im Tempel der Venus“; Thalia: „Heimliches Rendezvous“; Hansa: „Der Unsichtbare“; Palast: „Hier irrte die Justiz“; Belida: „Das Geheimnis von Malampur“. 14.00 und 22.30 Uhr: „Serenade“.
Ausstellungen: Landesmuseum: Werke hessischer Künstler; Holzhof-Allee: Ausstellung zum Ströher-Preis; Mathildenhöhe: Das Menschenbild in unserer Zeit; Amerika¬ haus: fotoform; Amerikahaus: Kollektivausstellungen Gustav Wolf und Hoffmann-Lederer; Amerikahaus: Moderne Skulptur in Amerika; d'Hooge, Mathildenplatz 20: Fotomontagen von Juro Kubicek und Ausstellung Helmut Lorz.
Pauluskirche: 20.00 Uhr, Musikalische Vesper.
und morgen?
Lichtspieltheater: Wie Samstag.
Ausstellungen: Wie Samstag.
Hessischer Fechtverein Waisenschutz, Zweigstelle Darmstadt: Familienspaziergang, Treffpunkt: 15.00 Uhr Odenwaldbrücke, Dieburger Straße, oder 17.00 Uhr Gasthaus „Heiligkreuz“, bei jeder Witterung.
Stadthalle: 20.15 Uhr. Werner Kroll: im Beiprogramm Herr „Fröhlich“ und Herr „Schön“.
Wir gratulieren
73. Geburtstag: Anna Metz, Lorsch, Bahnhofstr. 33.
Wenn die Stadt noch schläft...
...herrscht auf dem Marktplatz reges Leben Von unserem HFL
Der leichte Dunst des Morgens lag über dem Markt, die Dämmerung zwischen Nacht und Tag, nur unterbrochen von dem gelegentlichen Pfiff eines Vogels im Gesträuch des Schloßgrabens. Da stand also der Reporter leicht verschlafen um 4 Uhr früh und wunderte sich. Einerseits darüber, daß hier kein einziger Mensch zu sehen war, und zum anderen, daß er es fertiggebraeht hatte, so früh aufzustehen, um die ersten Stunden des Marktaufbaues zu besichtigen.
Am Straßenrand lag eine vergessene Bananenschale, und unter den schweren Reifen irgendeines Fahrzeugs hatte eine pralle Pflaume ihr süßes Leben ausgehaucht. Das alles, zusammen mit der gerade aufgehenden Sonne, stimmte irgendwie melancholisch. Die Stille des Morgens hielt eine ganze Weile an, die Geschäftshäuser um den Markt wirkten tot und seelenlos; so, als ob sie gar nicht mehr dazu gehörten und in einer ausgestorbenen Stadt vergessen hätten, zusammenzufallen. Erst als nach einer halben Stunde, so gegen fünf Uhr, zwei Güterzüge der HEAG aus Griesheim am „Bahnhof Schloß“ auffuhren, änderte sich das Bild. Aus dem Motorwagen stiegen die Griesheimer Gemüsefrauen in grauen und braunen Wollwesten, Männer jeden Alters in Kittel und Schürzen stürzten sich auf die Gemüsekörbe und wuchteten sie auf den Gehsteig. Selbst die Beamten der Straßenbahn faßten mit an, stapelten Kisten und Säcke zu großen Haufen, und dann wurde der ganze Segen auf den Markt hinübergeschleift und dort auf aufgeschnittenen Säcken oder Zeltplanen säuberlich aufgeschichtet.
Frisches Gemüse hat eine satte, nervenberuhigende Farbe, vom leuchtenden Rot der Karotten bis zum Weiß des Blumenkohls, eine einzige gastronomische Farbsymphonie, der man hin und wieder einen kalten Guß aus mitgebrachten Gießkannen verabfolgte. Indessen das Ausladen in Eile vor sich ging, erschien ein Polizist mit einem Sperrschild unter dem Arm und. baute mit freundlichem Lächeln den Vierfuß am Markteingang auf. Die Vornehmen unter den Marktverkäufern kamen mit Motorrädern und kleinen Lieferwagen an. Gemüse türmte sich auf Gemüse, und man fragte sich besorgt, wer das alles essen sollte.
Inzwischen erschien ein liebenswürdiger Mann mit einer Aktentasche in der Hand, der sich solchermaßen schon als Mensch auswies, der hier etwas zu sagen hatte. Es war der Marktaufseher, der herumging und den Gelegenheitsverkäufern ihre Plätze erwies. Die meisten Gemüsefrauen haben ihren Stammplatz, sie zahlen ihr Marktgeld monatlich, während die anderen pro Tag 60 Pfennige als Standgebühr an das Amt für öffentliche Ordnung zu entrichten haben. Dafür dürfen sie einen Platz beziehen, der durch zwei im Boden verankerte Eisennägel gekennzeichnet ist. Die Front des „Ladens“ ist zwei Meter breit und das ganze drei Meter tief.
In harmonischer Ordnung sitzen die Gemüsefrauen zusammen, am oberen Rand des Marktes die Blumenhändlerinnen, und abseits des Marktes die „Schreier“, die als ambulante Händler ihre unfehlbaren Mittel gegen Spul- und Bandwürmer anpreisen, unheimlich scharfe Rasierklingen mit Seife. Kugelschreiber und anderem für nur 1 DM, sozusagen die Gelegenheit eines jeden Lebens für Männer, die auf ihre Schönheit und Gepflegtheit achten. Die „Marktschreier" zahlen für den verstärkten Lärm, den sie produzieren, auch eine D-Mark Tagesgeld. Die Hauptmarkttage sind dienstags, donnerstags und samstags, der Verkauf darf nicht vor 7 Uhr morgens beginnen, um 16 Uhr werktags ist Schluß, samstags um 15 Uhr, und eine Stunde später muß der Markt geräumt sein, da dann das Fuhramt kommt und den Markt sauber fegt.
Der Marktaufseher besitzt Polizeigewalt, er muß für Ordnung sorgen, das Standgeld kassieren und aufpassen, daß niemand von den Händlern eigenmächtig umzieht und einen Platz belegt, der ihm nicht zukommt, und von dem er denkt, daß er bessere Geschäfte verspricht. Man braucht für diese Aufgabe ein feines Fingerspitzengefühl, aber Marktmeister Neudenberger kennt sie fast alle mit den Vornamen, und was er sagt, wird gemacht. Wir besuchten auch gleich eine Veteranin des Marktes, Marie Gö 11 -. mann, die seit 60 Jahren bei Wind und Wetter auf dem Markt zu Hause ist, die früher mit Obst handelte und heute Blumen verkauft. Sie stand schon zu Zeiten des Großherzogs hier, sie ist auf dem Markt groß und alt geworden, ein beispielloses Leben im Dienste ihres Berufes, eine Frau, die ohne ihren Markt nicht leben könnte, die hier stehen wird bis an ihr Lebensende und der wir noch viele Jahre unermüdlichen Schaffens wünschen.
Es ist eine ganz eigenartige Atmosphäre, der Markt vor 7 Uhr früh, und erst als die ersten Käufer kamen, und wir Notizblock und Fotoapparat einpackten, da entstand jenes Bild, das wir bei Betreten des Darmstädter Marktes gewohnt sind, das emsige Handeln und Anpreisen, der Tumult und das Gedränge den ganzen Tag über, bis um 17 Uhr am Abend das Ganze wie ein Spuk verschwunden ist.
Unsere Bilder zeigen: Wenn um 5 Uhr morgens die Heag-Ziige eingetroffen sind (Mitte), werden sie rasch entleert (links) und die Stände aufgebaut. Dann macht der Marktmeister (rechts) seinen Rundgang und erhebt das Standgeld. Fotos (3): Hage
Starkenburg
Keine Flüchtlinge mehr in den Kreis Erbach!
Bürgermeisterversammlung lehnt weitere Zuweisungen ab
Auf einer Versammlung der Bürgermeister des Landkreises Erbach im Sitzungssaal des Landratsamtes sprach Landrat Karl Neff einleitend über die ausweglose Wohnraumlage des Kreises. Seit zwei Jahren kämpft die Kreisverwaltung gegen neue Flüchtlingszuweisungen, weil bei der Wohnbaustruktur des Odenwaldes mit seinen kleinen, nur einer Familie Raum bietenden Bauernhäuschen das bereits bestehende Wohnungselend und vor allem die Arbeitslosigkeit erhöht würden.
Kreiswohnungskommissar Sont he i - m e r teilt mit, daß der Kreis Erbach noch rund 400. neue Flüchtlinge in diesem Jahr zugewiesen erhält. Die Staatsregierung verlangt ihre Unterbringung durch die Bürgermeister, notfalls mit Polizeihilfe. Illegale Grenzgänger dagegen sind nicht aufzunehmen.
Die Wohnraumbewirtschaftung führte bei fast allen Bürgermeistern zu einer lebhaften Diskussion, die die außerordentliche Notlage auf diesem Gebiet schlaglichtartig beleuchtete. (Die Gemeinden machen größte Anstrengungen zur Behebung des Wohnungselend. zum Neubau fehlen aber die finanziellen Mittel. Abgesehen von Sandbach, wo die Verhältnisse günstigei- liegen, haben einzelne kleinere Gemeinden wie zum Beispiel Güttersbach, Falkengesäß, Fürstengrund, Hainstadt. Hetzbach, Langen-Brombach, Neustadt, Rothenberg und andere anerkennenswerte Erfolge verzeichnen können.
Regierungsrat Zörgiebel wies darauf hin, daß es schon 1945 bei der Zuweisung tausender Flüchtlinge klar war, daß der Odenwald für die meisten nur eine vorübergehende Notunterkunft sein könne. Für ihre dauernde Unterbringung fehlen alle Voraussetzungen. Durch die Zusammenpferchung zahlreicher Menschen auf engstem Raum wurde der soziale Frieden und die Volksgesundheit Erheblich gefährdet. Der Kreis hat sich alle Mühe gegeben, durch Wohnungsneubau die Not zu lindern. Unter größten Schwierigkeiten wurde bereits 1946 mit dem Neubau der Kreissiedlung begonnen. Hilfe für den Dachgeschoßausbau gewährt, Kreisbaudarlehen in Höhe von über 150 000 DM zur Verfügung gestellt. aber die Finanzkraft des Kreises ist erschöpft. Der Odenwald ist aber ein ausgesprochenes Notstandsgebiet.
In diesem Zusammenhang erläuterte Regierungsrat Zörgiebel das neue Wohnbaugesetz der Bundesregierung. Danach wird der Neubau von Wohnungen durch Einsatz öffentlicher Mittel, Bereitstellung von Bauland. Steuervergünstigungen und die Auflockerung der Wohnumszwangswirtschrtt gefördert. Wohnungen, die nach dem 31. Dezember 1949 bezugsfertig gwordten sind), bleiben auf die Dauer von 10 Jahren grundsteuerfrei. Die gänzlich unbeschränkte Verfügungsfreiheit der Bauherren über Neubauten, die ohne Inanspruchnahme öffentlicher Mittel erstellt wurden, bezeichneten die Bürgermeister dagegen als unsozial, da dadurch vermögenden Kreisen die Möglichkeit eingeräumt wird. Wohnungsluxus zu treiben, während gleichzeitig noch Tausende in menschenunwürdigen Unterkünften hausen müssen.
Der Leiter des Katasteramtes Michelstadt, Vermessungsrat Ad am s ky, erläuterte die Notwendigkeit der Aufstellung von Bauleitplänen für alle Gemeinden, da nur dadurch die Beschaffung weiteren Baulandes möglich sei. Grundstücksenteignungen sind nur auf Grund der Bauleitpläne durchführbar, so lange der Bundestag noch kein G°setz zur vereinfachten Bodenenteignung beschlossen hat. ~
Die versammelten Bürgermeister faßten abschließend eine Resolution an die hessische Staatsregierung ab. in der die weitere Einweisung von Flüchtlingen in den Kreis Erbach zurück gewiesen wird, da hier die Möglichkeiten weiterer WohnraHmbeschaffungen erschöpft sind. Neue Flüchtlinge würden auch die ohnehin schon Erwerbslosenzahl noch weiter hinauft-eiben. (-eh)
Eine nicht alltägliche Sendung:
16 Kisten lebender Aale für „Vater Rhein“
Hessische Fischereibehörde setzte Aale bei Gernsheim aus
Erst kürzlich abgeschlossene Untersuchungen der Darmstädter Fischereibehörde zeigten wiederum, daß der Rhein ein Aalstrom und nicht, wie man vielerorts anzunehmen geneigt ist, ein Lachsgewässer ist.
Dies gilt besonders auch für den hessischen Teil des Rheines, der, mit Abwässern überlastet, für den Lachs nur noch schlechte Lebensmöglichkeiten bietet. Für Aale jedoch sind die Altrheinarme und die Buhnenfelder des Rheins ein Dorado. Die hessische Fischereibehörde tut das ihre, die Aalbestände im Gebiet und damit die Fangchancen zu heben.
Im Laufe der Woche gab es für die Gernsheimer allerhand zu bestaunen, als auf dem Bahnhof 16 große Holzkisten anlangten, die mit aufgeklebten farbigen Schildern: „Vorsicht — Lebende Fische!“ um pflegliche Behandlung baten.
Lebende Fische in Holzkisten? Es handelte sich um die respektable Menge von 8 Zentnern (=ca. 20 000 bis 25 000 Stück) Satzaale, die, von einer Hamburger. Versandfirma vorsorglich trocken mit Eis verpackt, in wenigen Stunden von den Fangplätzen in der Elbmündung bis nach Gernsheim verfrachtet worden waren, um hier im Rahmen des großzügigen Fischbesatzprogramms der hessischen Fischereibehörde — dessen. Initiator Regierungsfischereirat Dr. Gennerich, Darmstadt, ist — in den Rhein verpflanzt zu werden.
Bei solchen Umsetzungen von Fluß zu Fluß, die zudem einen mehrstündigen Transport erfordern, ist natürlich ein schnelles Arbeiten vonnöten, denn auch der Aal ist — trotz seines sprichwörtlich zähen Lebens — nicht auf plötzliche Schwankungen von Sauerstoff und Temperatur geeicht! Dank der trefflichen Vorarbeit von Fischermeister Adler, Gernsheim, konnten sämtliche Tiere, auf viele Besatzstellen verteilt, und trotz der großen Hitze fast ohne Verluste, in nur zwei Stunden ihrem Element übergeben werden. Mit diesem Aussetzen von Jungaalen ist ein weiterer entscheidender Schritt auf dem Wege des Wiederauflebens der hessischen Flußfischerei getan. (k.)
Gernsheimer Fischer beim Verladen der kostbaren Fracht (links). Das Aussetzen der Jungaale in den Buhnenfeldern des Rheines (rechts). Fotos (3): Knöpp
Tagung des Modauverbandes
Am Mittwochnachmittag fand im Pfungstädter Rathaus eine Tagung des Verbandes zur Unterhaltung der unteren Modau und des Sandbaches unter dem Vorsitz von Bürgermeister Jäger statt. Neben Landrat Wink und Reg.-Rat Schön nahmen Vertreter des Landratsamtes Groß-Gerau, des Wasserwirtschaftsamtes, des Kreisgesundheitsamtes und die Bürgermeister der an der unteren Modau und der Sandbach gelegenen Gemeinden der Kreise Darmstadt und Groß-Gerau teil. Auch die Inhaber der Fabriken, deren Abwässer der Modau zugeleitet werden, und] die Besitzer der anliegenden Mühlen wohnten der Tagung bei. Die Rechnungsvorlage für das Jahr 1949 wies bei 8757 DM Einnahmen und 6948 DM Ausgaben einen Ueberschuß von 1803 DM auf. Entlastung wurde erteilt. Verschiedene Punkte einer von den Mühlenbesitzern auf Auflösung des Verbandes verfaßten Resolution waren Gegenstand einer teilweise erregten Aussprache. Hinsichtlich der Reinigungskosten der durch die Fabriken in Darmstadt-Eberstadt verschmutzten Modau erklärten sich die Inhaber zum großen Teil bereit, den zu leistenden Anteil der Kosten zu übernehmen.
Mit Stimmenmehrheit wurde ein Antrag auf Durchführung einer Hauptregulierung des Teilabschnittes „Untere Modau“ im laufenden Rechnungsjahr angenommen. Die Kosten belaufen sich auf 60 000 DM, wovon 30 000 DM vom Staat übernommen, 15 000 DM über Notstandsarbeiten verrechnet und 15 000 DM von den Gemeinden und anliegenden Mühlenbesitzern getragen werden. Letzteren wurde versichert, daß jene Anteile nicht den Betrag des vergangenen 'Jahres übersteigen werden. Zur Uferausbesserung des Sandbaches lag kein Kostenvoranschiag vor; die Durchführung wurde jedoch gutgeheißen.
Beratung und Beschlußfassung über den Voranschlag für das Rechnungsjahr 1950 schlossen die Tagung. Einnahmen und Ausgaben mit jeweils 13 000 DM gleichen sich aus.1 (ler)
Sonderpostamt zum Wiesenmarkt
Für die Dauer des Eulbacher Marktes hat das Postamt Erbach wieder, wie bereits im vergangenen Jahre, ein Sonderpostamt am Eingang zur städtischen Festhalle eingerichtet. Der Kraftpostlinienverkehr wird wesentlich verstärkt, und Sonderfahrten werden eingelegt. Zur Bewältigung des erhöhten Verkehrs an den Hauptmarkttagen wurden im Autohof Erbach der Bundespost drei weitere moderne Großomnibusse zur Verfügung gestellt.
Die Bundesbahn wird ebenfalls während des Wiesenmarkte^ ihren Zugverkehr verstärken. Verhandlungen über die Ausgabe von Sonntagsrückfahrkarten von allen Orten im Umkreis von 100 km werden zur Zeit noch von der Stadtverwaltung Erbach geführt. (-ch-)
Die „Herren von der Stener“ im Odeuwald
Arbeitstagung der süddeutschen Finanzministerien in Erbach
15 Ministerialdirektoren . und Ministerialräte der Steuerverwaltungen bei den Finanzministerien sämtlicher Bundesländer der amerikanischen und der französischen Zone sowie des Landes Nordrhein-Westfalen als einzigstem Vertreter des britisch besetzten Gebietes weilten auf Einladung des hessischen Finanzministeriums Ende dieser Woche zu ihrer dreitägigen Routine-Konferenz zur Behandlung aller einschlägigen Fachfragen auf steuerrechtlichem, verwaltungsmäßigem und organisatorischem Gebiet im hessischen Odenwald.
Diese regelmäßigen Tagungen verfolgen den Zweck, die steuerlichen Maßnahmen der einzelner Bundesländer zu koordinieren. Die Tagung unter der Gesamtleitung von Regierungsdirektor Dr. Wolffheim vom hessischen Finanzministerium begann am Mittwoch mit Vorbesprechungen im „Darmstädter Hof“ in Steinbach. Zur Haupttagung hatte Alexander Graf zu Erbach-Erbach den repräsentativen Uraniasaal des Erbacher Schlosses zur Verfügung gestellt.
Dr Leiter des Finanzamtes Michelstadt, Dr. Bannert, hatte als örtlicher Gastgeber für die kurz bemessenen Stunden der Freizeit ein abwechslungsreiches Besichtigungssprogramm aufgestellt, das die Gäste zu allen sehenswert Punkten des hohen Odenwaldes führte. Zunächst wurden die Städte Erbach und Michelstadt eingehend besichtigt, die Schlösser der Grafen Erbach-Erbach und Erbach-Fürstenau, die historischen Bauten beider Städte, die’ Einhart-Basilika in Steinbach, aber auch die landschaftlichen Schönheiten Eulbachs — wo auch das Trakehner Gestüt des Grafen Erbach-Erbach Bewunderung fand — das Hainhaus und die Reste des römischen Limes.
Als die „Herren von der Steuer“ nach ihrer nüchternen und ernsten T’agungsarbeit am Freitagabend von Erbach abneisten, waren sie des Lobes voll für den Odenwald und seine vielfältigen Reize. (-ch-)
Artobahn überquert zwei Tote
Ein schwerer Verkehrsunfall, der zwei Menschenleben forderte, ereignete sich am Donnerstagnachmittag gegen 16 Uhr auf der Autobahn in der Nähe von Frankfurt.
Ein von Frankfurt kommender Pkw. begann an der Autobahnausfahrt Niederrad am Flughafen die Autobahn nach links zu überqueren. In diesem Augenblick stieß ein aus gleicher Richtung kommendes Motorrad mit dem Personenwagen zusammen. Die auf dem Sozius sitzende Maria Miksic aus Wiesbaden war auf der Stelle tot, der Motorradfahrer Adolf Witte aus Frankfurt starb in der darauffolgenden Nacht an seinen schweren Verletzungen. Der Pkw.- Fahrer blieb unverletzt.
Da an dieser Stelle sich bereit« mehrere tödliche Unfälle ereigneten, weist die Straßenpolizei anläßlich dieses Falles wieder eindringlich darauf hin, daß auf der Autobahn — mit Ausnahme der Straßenkreuzung Langen—Groß-Gerau — jedes Ueberqueren der Fahrbahn verboten ist. DT
„Sieg der weißen Mitte“ — oder „Glatte, gekrümmte Linien“?? — Jedenfalls doch ein Beitrag zur abstrakten Kunst? Sie irren, lieber Leser... Allerdings handelt es sich bei diesem Bild um glatte, — ja sogar aalglatte Sächelchen... denn es gehört zu unserer Reportage: „16 Kisten lebender Aale für Vater Rhein“ ... und zeigt Ihnen einen Blick in eine der Kisten. ,
Angeklagter zog die Flucht vor
Als am Freitagvormittag das Bezirks-Schöffengericht in Michelstadt zur Hauptverhandlung gegen den jungen Michelstädter Alfred Trübenbach wegen schwerer Körperverletzung in vier Fällen zusammentreten wollte, waren Staatsanwalt, Gericht und 14 Zeugen zur Stelle — nur der Angeklagte fehlte. Er hatte es vorgezogen zu flüchten. Das Gericht erließ Haftbefehl. (-ch-)
Neubürger pilgern zur Mutter der Gnade
Flüchtlingswallfahrt nach „Maria Einsiedel
In Maria Einsiedel bei Gernsheim waren vor zwei Wochen fast 15 000 Pilger vereinig • Kaum hatten sich jedoch die Tore hinter diesen Wallfahrern geschlossen, rime-e nMh schon wieder zu der morgigen großen Flüchtlingswallfahrt. Zum ersten Male werden die Neubürger des Bezirkes Darmstadt und Worms geschlossen vor den Altar der Kapelle treten.
Die Kapelle, die zum heiligen Kreuze geweiht ist, ist schon viele Janrhunderte alt; die erste urkirchliche Nachricht von ihrer Existenz geht aus einem Ablaßbrief aus dem Jahre 1493 hervor. Ihr Inneres hat natürlich im Laufe der Zeiten viele Veränderungen erfahren. Der Chor ist in seinem spätgotischen Stile ein Schmuckkästchen vergangener Baukunst. Er ist überwölbt von einem kostbaren Netzgewölbe, einer charakteristischen Form der Spätgotik. Kleine Figürchen stehen an den Chorecken. Die Gewölbe werden durch zwei Steine abgeschlossen, auf denen ein Ecce-Homo-Bild und die schmerzhafte Mutter mit dem Leichnam Jesu abgebiidet sind. ,
Die Glasmalerei des Mittelfensters ist ein Teppichmuster mit vier Anrufen der Lauretanischen Litanei: dem Turm Davids, dem elfenbeineren Turm, dem Sitz der Weisheit und der Pforte des Himmels. Die beiden Seitenfenster des Chores sind zweiteilig mit der Darstellung der Verkündigung Mariä und der Besuch bei Elisabeth, sowie die Apostel am Grabe Mariä, und Maria in der Glorie des Himmels. In dem Fenster der rechten Chorseite sind die acht Seligkeiten durch Heilige personifiziert.
Der schöne Hochaltar ist gleichfalls im gotischen Stil ausgeführt. In der Mitte zeigt er eine Kreuzigungsgruppe. Der alte Hochaltar weist in seinen Ueberresten barocke Prägung wie die heutigen Nebenaltäre auf. Sein Altarkreuz ist auf dem Einsiedlerpfad errichtet.
Der große Wert der heiligen Kapelle von Mari'a-iEinsiedel rührt von den beiden Gnadenbildern her. Das älteste ist ein Vesperbild aus Lindenholz und stellt die schmerzhafte Mutter Gottes dar, die den blutenden 'Leichnam ihres Sohnes im Schoße hält. Dieses Gnadenbild soll vor Jahrhunderten in einem Holunderstrauch gefunden worden sein. Man brachte es in die Magdalenenkirche zu Gernsheim, von wo es jedoch wieder verschwand. Als man es jedoch wieder in dem alten Holunderstrauch fand, errichtete man dort eine Gnadenkapelle.
Das neue Gnadenibild von 1650, auf dem linken Seitenaltar, stellt die Mutter Gottes mit ihrem Jesukind dar. In einer geschichtlichen Abhandlung über dieses Bild heißt es. daß es sächsische und dänische Soldaten bei ihrem Kriegszuge durch Böhmen in den rauchenden Trümmern eines zerstörten Dorfes gefunden hätten. Von dort hätten sie es mitgenommen und einer gütigen Quartiergeberin in Zwingenberg vermacht. Diese schenkte es der Magdalenenkirche, von wo es vor genau 303 Jahren nach Einsiedel gebracht wurde. Auf der linken Seite der Kapells steht auf schlanker Säule eine wundervolle Muttergottesfigur, ein Kunstwerk aus dem 17. Jahrhundert, das mit den Barockfiguren, die das Bild von Mainz beleben, eng verwandt ist.
Im Schatten hoher, uralter Bäume steht die Gnadenkapelle Maria Einsiedel, zu der morgen wieder der Strom der Pilger aus nah und fern eilen wird. Foto: Schuch
Heimatvertriebene in Mörlenbach
Die Heimatvertriebenen aus dem Kreis Freiwaldau-Gräfenberg treffen sich auf Anregung des von dort stammenden Propstes Polzer am Sonntag in Mörlenbach. Eingeladen wurden alle in Südhessen und Nordbaden wohnhaften Männer und Frauen aus diesem Kreis. Beim Gottesdienst in <jer katholischen Kirche hält Propst Polzer die Predigt. Nachmittags findet in der Kirche eine Marienfeier statt, der ein Lichtbildervortrag mit anschließendem. Gedankenaustausch folgt. (-r)
Notstandsprogramm für Waldmichelbach
Waldmichelbachs Gemeinderäte beschlossen, sofort einen Antrag beim Landesarbeitsamt Darmstadt einzureichen, um ein weiteres großzügiges Notstandspro'gramm durchzuführen. Es ist beabsichtigt, die Straßenverhältnisse in verschiedenen Ortsteilen zu verbessern und einige Hauptstraßen mit einem neuen Teerbelag zu versehen. Darüber hinaus soll die Kanalisation in mehreren, für Bauzwecke erschlossenen Straßen verbessert bzw. eingerichtet werden. Das Gesamtprojekt beläuft sich zunächst auf etwa 620 Tagewerke und soll, wenn die entsprechenden Gegenmittel aus dem Holzverkauf vorhanden sind, gegebenenfalls erweitert werden. Mit einem Teilantrag (320 Tagewerke) soll bereits Anfang August begonnen werden. Auch das Schulhaus in Unter-Waldmicheibach wird instandgesetzt und anschließend neu gedeckt. In der gleichen Sitzung wurde an.- stelle des aus Gesundheitsrücksichten ausgeschiedenen Gemeinderates V. Schmidt als Nachfolger Josef Metzger (KPD) durch Bürgermeister Bachmann verpflichtet. Die Pfalzgasse wurde ab sofort für Kraftfahrzeuge aller Art gesperrt, (-r)
Den Winker nicht beachtet
Am Donnerstagmittag bog gegen 13 Uhr ein von Bürstadt kommender Lastzug mit Anhänger mit rechtzeitig herausgestelltem Winker in die Hofreite des Sägewerks Koch ein, um dort Holz abzufahren. Ein aus der gleichen Richtung kommender Pkw versuchte in diesem Augenblick links an dem Lastzug vorbeizukommen und fuhr mit voller Fahrt auf den Zug. Der Pkw wurde stark demoliert, während sein Fahrer mit dem Schrecken und nur leichteren Verletzungen davonkam. (el)
Ins Feld geschleudert
In der Nähe des Schönauer-Hofes ereignete sich ein Verkehrsunfall, bei dem ein Motorradfahrer schwer verletzt wurde. Ein Omnibus wollte aus Richtung Trebur kommend auf die Bundesstraße 26 einbiegen. Ein entgegenkommender Omnibus, der in Richtung Trebur fahren wollte, verdeckte ein hinter ihm fahrendes Motorrad, das auf der Bundesstraße 26 fuhr. Der aus Richtung Trebur kommende Autobus rannte gegen das Motorrad. Der Fahrer wurde in das Feld geschleudert und mußte mit einem Schienbeinbruch und Kopfverletzungen in das Rüsselsheimer Krankenhaus gebracht werden. (cg)
Ein „Abend des Lächelns“
Die Lindenfelser Bücherstube gewinnt nachgerade den Ruf, bemerkenswerte geistige Pionierarbeit auf künstlerischem Gebiet zu leisten. Diese Tatsache an sich ist nicht neu, wohl aber der Umstand, daß sich der Kreis der Interessierten auch oder trotz? der Sommermonate bemerkenswert aufgeschlossen zeigt und1 in stetigem Zunehmen begriffen ist. Diesmal hatte man Otto Wenk aus Frankfurt gebeten, und was er an reizvoll-intimer Plauderei, die so wenig von Rezitation und gar nichts von Vortrag hatte, darbot, weckte allgemein ein zeitgemäß-gesuchtes Gefühl innerer Gelöstheit und seelischen Schmunzelns. Feiner, nicht verletzender, sondern versöhnender Humor, tiefe Lebensweisheit und geistvoll erschöpfender Einblick stand als unsichtbares Motto über diesem Abend, der einen Interpreten gefunden hatte, der seiner Sache und den gebotenen Werken nicht nur gewachsen war, sondern sie in nahezu klassischer Vollendung meisterte. Die Zusammenstellung der Programmfolge bewies eine behutsame, trotzdem furchtlose Hand, die Gellert neben Wilhelm Busch und Goethe neben Heirich Heine zu stellen wußte, ohne daß dem Zuhörer das Gefühl kam, irgendeinem unserer Literaten sei solcherart Gewalt angetan worden. Claudius und Hebel, Raabe und Hauff, Grimm und Lessing vervollständigten die Reihe, die in den Reimereien des 1944 verstorbenen Simplizissimus-Journalisten Dr. Owlgass ihre Konzession an die Neuzeit hatte.
Man ging wesentlich freier, lockerer von dannen, als man gekommen war. (-r)
An die Wand gedrückt
Mit schweren Verletzungen der Brust- und Rückenwinbelsäule mußte der Landwirt V. Weig o 1 d aus Siedelsbrunn in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Weigold führte ein mit. fünf Raummetern Holz beladenes Kuhgespann die abschüssige Schulstraße hinab, als durch ein herabruschendes Scheitholz die Kühe scheuten und den Wagen gegen die Schulhofmauer schleuderten. Der nebenhergehende Ländwirt wurde dabei festgeklemmt und mußte von hilfsbereiten Nachbarn befreit werden. Sein Zustand ist bedenklich. (-r)
Mörlenbacher brauchen keinen Bullen
In einer öffentlichen Versammlung in Mörlenbach sprachen sich die Landwirte gegen die Wiederverpachtung der im Ortsgelände befindlichen Bergwiesen als Schafweide aus. Sie erklärten, daß die Schafe durch das Herausreißen der guten Gräser und ihrer Wurzeln dem Graswuchs mehr Schaden zufügten, als sie durch Düngung Nutzen brächten. Die Anschaffung eines „Stationsbullen“ für die Förderung der Rinderzucht hielten sie auch nicht für erforderlich, da es in Mörlenbach keinen Rindviehzuchtverein gäbe. Ein solcher solle erst gegründet werden. Es bleibt bei der jetzigen privaten Faselhaltung (km)
Gas für Büttelborn?
Die Gemeindeverwaltung Büttelborn führt zur Zeit Verhandlungen mit der Südhessischen Gas- und Wasser-AG über die Gas Versorgung von Büttelborn. Vor einiger Zeit hatte man eine Bürgerversammlung einberufen, um die Meinung der Bevölkerung zu diesem Problem kennen zu lernen Ein Teil der Einwohnerschaft konnte wegen des zu hoch erscheinenden Tarifsatzes keinen endgültigen Entschluß fassen. Die Gemeindeverwaltung beabsichtigt, nach einer Rundfrage in der Einwohnerschaft mit der Cas- und Wasser-AG einen Vertrag ab "X Ben und die anfallenden Arbeiten im Rahmen eines Notstandsprogrammfes durchzuiunren. (kb)
| STATT„KART,EN 3 Unsere liebe Mutter, Frau || Frieda Berntheisel Wwe. geb. Ickes 3 ist heute nachmittag im gesegneten Alter von 77 Jahren in die I H Ewigkeit eingegangen. ♦ I In tiefer Trauer: Lisi Dieter, geb. Beratheisel | • Fritz Dieter | Darmstadt (Dieburger Str. 52), den 21. Juli 1950. || Beisetzung, Montag, 24. Juli 1950, um 10.30 Uhr auf dem Friedhof Nieder- H ramstädter Straße. . M
Todes-Anzeige H Unerwartet wurde unser lieber Bruder, Schwager, Onkel, w Neffe und Vetter, Herr • Georg Gölz K im Alter von 60 Jahren von uns genommen. Im-Namen der trauernden Hinterbliebenen: || Elisabeth Bender geb. Gölz ® Wittenberge, Bensheim, den 18. Juli 1950. B
Danksagung Für die zahlreichen Beweise aufrichtiger Anteilnahme sowie B ® die vielen Kranz- und Blumenspenden beim Heimgange W unseres lieben Entschlafenen, Herm Julius Georg Lich ■ sagen wir auf diesem Wege allen unseren herzlichsten Dank. ® Besonderen Dank auch Herm Pfarrer Knodt sowie allen | Freunden und Bekannten des Entschlafenen, die an dem g Grabe Worte des Trostes fanden. In tiefer Trauer: Eva Lidi geb. Adelberger I und alle Angehörigen R Darmstadt (Alexanderstr. 3), den 22. Juli 1950.
H Für die vielen Beweise aufrichtiger Teilnahme bei dem Heim- | B gange unseres lieben Entschlafenen, Herm Heinrich Strössinger II I| sowie für die trostreichen Worte des Herrn Pfarrer Dörger || | am Grabe und die letzten Ehrungen der Stadtverwaltung und a ' des Gesangvereins „Liedertafel“ Bensheim-Auerbach, sagen a wir allen unseren herzlichen Dank. Die trauernden Hinterbliebenen m | Bensheim-Auerbach., Seeheim, Stuttgart, den 15. Juli 1950.
Danksagung H Für die zahlreichen Beweise herzlicher Teilnahme beim Heim- M |l gang unseres lieben Entschlafenen, Herrn Andreas Küster H sagen wir auf diesem Wege herzlichen Dank. Die trauernden Hinterbliebenen H I Bensheim, den 17. Juli 1950.
Bestattungen am 22. Juli 1950 | Beerdigungen: Waldfriedhof S 9.45: Fischer, Marie, 58 Jahre, Kiesstraße 104 | 11.15: Pfaff, Elisabeth, Laborantin, Darmstr. 47, 41 J. am 23. Juli 1950 Groß-Zimmern: | 15.00: Pullmann, Elisabeth, Groß-Zimmern, 58 Jahre.
Meldungen aus den Landkreisen
Hilfsdienst für Flüchtlings-Bauvorhaben
Ein Aufruf an alle Hedmatvertriebenen in Gun de r sh a u s e n spricht von der Schaffung eines Hilfsdienstes für Flüchtlingsbauvorhaben. Der Vorsitzende der Ortsgruppe stellte fest, daß die Heimatvertriebenen in den Orten Schaafheim, Pfungstadt, Griesheim u. a. durch gegenseitige, uneigennützige Hilfeleistung beachtliche Erfolge beim Wohnungsbau erzielten. Nachdem auch in der hiesigen Gemeinde mit dem Bau eigener Häuser begonnen wurde, soll umgehend ein Hilfsdienst organisiert werden. Von der Ortsgruppe wird erwartet, daß dieser Aufruf nicht unbeachtet verhallt und jede Art persönlicher Streitigkeiten ausgeschaltet bleibt. Alle Dandsmänner, die bereit sind, Hilfe zu leisten oder die sich bereits an einem Bauvorhaben beteiligen, werden gebeten, sich bis einschließlich Samstag, den 22. Juli, beim Leiter der • Ortsgruppe, Josef Wagner, oder dem Flüchtlingsvertrauensobmann Bruno Nispel zu melden. Die Bauenden, die den Hilfsdienst in Anspruch nehmen möchten oder für ihren begonnenen Bau weitere Hilfskräfte brauchen, werden ebenfalls gebeten, dies rechtzeitig anzugeben.
Am Sonntag, dem 23. Juli, findet um 15.00 Uhr in der Sporthalle eine Besprechung über den Arbeitseinsatz statt. Alle Bauenden und uneigennützigen Helfer sind dazu eingeladen. (sl)
Tabak- und Zuckerrübenanbauer
Wertvolle Hinweise für die Schaafheimer Bauern
Am Mittwochabend besuchten Verbandsvorsitzender Meder und Verbandsgeschäftsführer Dr. Schmidt vom Tabaksbauverband die Schaafheimer Tabakanbauer. Im Rahmen einer Begehung der Tabakfelder erfolgte eine Unterweisung im Geizen und sachgemäßen Lesen der Krumpeln und Sandblätter. Anschließend eröffnete der örtliche Vereinsvorsitzende Heinrich Hauck eine Versammlung der Tabakanbauer im Gasthof „Neue Welt“. Die Herren Dr. Schmidt und Meder klärten noch schwebende Fragen und ein Geschäftsvertreter nahm Gelegenheit, die für sachgemäße Trocknung erforderlichen Nadeln, Bindfäden und sonstigen Hilfsmittel zu empfehlen.
Im Anschluß wurde der Verein der Zuckerrübenanbauer gegründet. Zum ersten und zweiten Vorsitzenden wurden die Landwirte Eduard Roth und Heinrich Sauerwein einstimmig gewählt. Verbandsvorsitzender Dr. Schmidt sprach über Anbau und Verwertung und wies darauf hin, daß die Zukkerfabrik Groß-Gerau durch die Mitverwertung der Rüben aus dem Frankenland stark überlastet sei. Sobald die Mittel dafür bereitstehen, sei die Errichtung einer neuen Fabrik in Würzburg beabsichtigt. Die bei der Abnahme der Rüben in Abzug gebrachten „Schmutzprozente“ wurde als durchweg zu hoch gegriffen bezeichnet, so daß dem Landwirt unnötiger Verlust entstehe. Dr. Schmidt sagte zu, den Landwirten zu ihrem Recht verhelfende Schritte zu unternehmen.
Siedlung für Königstädten?
Die Betriebsgruppe „Arso“ der Opelwerke hat mit dem Vorstand der SPD Königstädten Besprechungen über den Bau einer Siedlung eingeleitet. Aehnlich wie in Raunheim sollen durch Finanzierung der Wenzel- Jaksch-Aktion und des Baurings Schwerpunkt Rüsselsheim und Umgebung Siedlungshäuser erstellt werden. Vorerst sind zwei Bautypen zu 6000 bzw. 10 fIOO DM vorgesehen. Als Baugelände käme die Wilhelm-Leuschner-Straße, die Verlängerung der Rheinstraße und Teile der Richtergasse in Frage. Kb
Alsbach übernimmt Bürgschaft
Der Alsbacher Gemeinderat befaßte sich mit einem Antrag auf Bürgschaftsübernahme für Baudarlehen, die noch nicht hypothekarisch gesichert sind. Es wurde beschlossen, für das der örtlichen Bau- und Siedlungs-Genossenschaft bewilligte Staatsbaudarlehen von 24 000 DM die Bürgschaft zu übernehmen. Ferner wurden drei Zwischenkredite für Bauinteressenten bewilligt, (hl)
Darmstadt-Land
Nieder-Ramstadt. Die Gendarmeriestation der auch die Betreuung der Gemeinden Traisa und Waschenbach obliegt, ist bei Diebstählen, Ueberfällen, Verkehrsunfällen u. a. täglich von B—lß Uhr in der Bürgermeisterei zu erreichen. Außerhalb der Diensstunden sind Gendarmerie-Meister Ganz, Nieder-Ramstadt, Pfaffenberg 9. und Gendarmeriewachtmeister Laugisch, Traisa. Darmstädter Straße 45, erreichbar. Die fernmündliche Rufnummer bei Tag und Nacht ist 3148. Ebenso kann in Notfällen das Ueberfallkommando der Gendarmerie Darmstadt unter Tel. 903 in Anspruch genommen werden. — Die Auszahlung der Renten aus der Invaliden- und Angestelltenversicherung sowie der KB-Rentä, erfolgt am Dienstag, 1. August. Die erforderlichen Lebensbescheinigungen müssen aihtlich beglaubigt abgegeben werden. — AHe Anliegen der Heimatvertriebenen werden von dem Flüchtlingsvertrauensmann Dr. Gustav Jung wahrgenommen. Sprechstunden sind donnerstags von 17—19 Uhr auf Zimmer 3a der Bürgermeisterei. (Hex)
Hahn. Eine in der Nähe des Ortseingangs stehende Straßenwalze wurde von noch unbekannten Kirchweihbesuchern schwer beschädigt. Die Täter verbogen verschiedene Schalthebel, und machten das Getriebe unbrauchbar. (RG)
Pfungstadt. Ein hiesiger Einwohner, der täglich Arbeiter mit dem Lkw zu den Opel-Werken bringt, wurde gestern mit schweren Verletzungen infolge eines Kradunfalles in ein Rüsselsheimer Krankenhaus eingeliefert. ng
Dieburg
Groß-Bieberau. Die Ortsgruppe des Odenwaldklubs wandert am Sonntag von Michelstadt über Vielbrunn nach Bad König. Die Abfahrt ist am Marktplatz. — Der nächste Ferkelmarkt findet am 24. Juli statt, (gi)
Nieder-Roden. Mit einem Sonderzug der Bundesbahn unternahm die Volksschule einen Rheinausflug, an dem über 600 Kinder und Erwachsene teilnahmen. Von Bingen aus führte die Reise mit einem Rheindampfer nach St. Goar. (gi)
Eppertshausen. Der Ortsverein der Kreisbauernschaft hielt eine erfreulich gut besuchte Mitgliederversammlung ab. Kreisgeschäftsführer Stag ur a setzte sich mit aktuellen wirtschaftspolitischen, und steuerlichen Problemen auseinander. Er gab außerdem Hinweise über Umsatz und Einkommen, Steuer-Einheitsbewertung und Bodenschätzung. Die Notwendigkeit des organisierten Zusammenschlusses wird auch in Eppertshausen durch die steigende Mitgliederzahl erkannt. (gi)
Grbach
Höchst. Dreizehn Angehörige der katholischen Gemeinde traten die Fahrt nach Rom an. In Mainz werden sie nach einem gemeinsamen Gottesdienst den aus Richtung Fulda kommenden Sonderzug besteigen, der sie in 2 Tagen ans Ziel bringen wird. Der Aufenthalt erstreckt sich über 5 Tage. (Ld) Beerfelden. Am Sonntagvormittag werden durch Probst Rau die neuen Glocken geweiht. die kürzlich feierlich eingeholt und nunmehr auf dem Glockenstuhl befestigt wurden.
Siedelsbrunn. Landrat D e n gl e r besichtigte jetzt erneut die Landstraße 1. Ordnung von Ünter-Abtsteinach über Siedelsbrunn— Kreidacher Höhe nach dem Stallenkandel und versprach angesichts des verkehrsgefährdenden Zustandes, in dem sich die Straßendecke befindet, alsbaldige Hilfe, (-r)
Bergstraße
Rimbach. Die Firmen Magirus und Wintrisch, die in der Feuerlöschbranche bekannte Hilfsmittel herausgebracht haben, werden am Sonntag im Rahmen des Kreisfeuerwehrtages eine eigene Ausstellung mit Vorführung ihrer neuesten Geräte veranstalten. . (-r)
Rimbach. In der letzten Gemeinderatssitzung wurde die Abänderung der Hauptsatzung beschlossen. Die ehrenamtliche Stelle des Ortsbürgermeisters wurde in eine hauptamtliche verwandelt, die Amtsdauer auf sechs Jahre festgelegt. — In seiner Sitzung am Mittwoch beschloß der Wirtschafts- und Verkehrsverein die Anschaffung einer Groß-Lautsprecher- und Uebertragungsanlage. Sie war bereits bei der Schulweihung in Gebrauch und wird auch am Sonntag, beim Feuerwehrtag, Verwendung finden. — Der Rechenschaftsbericht über den Pfingstmarkt ergab einen sowohl großen ideellen wie auch guten finanziellen Erfolg. Am Dienstag verunglückte in der Erntehilfe die 39 jahrige Anna Bauer aus der Fahrenbacher Straße. Sie kam mit dem linken Fuß zwischen die Messer der automatischen Maschinensense. Mit einer erheblichen Verletzung wurde sie in die chirurgische Klinik nach Heidelberg übergeführt. km
Bensheim. Die Südd. Bauspar-Kredit AG., Singen a. H., veranstaltet am Sonntag im „Bahnhofshotel“ in der Zeit von 10 bis 18 Ühr eine Ausstellung von Modellen neuzeitlicher Eigenheime mit kostenloser Beratung über die Baufinanzierung und -ausführung. Hb
Groß-Gerau
Groß-Gerau. Für die Zeit, in der Bürgermeister Dr. Lüdecke an der fünften Internationalen Konferenz für Soziale Arbeit in Paris teilnimmt, wird der erste Beigeordnete Gerlach die Sprechstunden des Bürgermeisters abhalten und auch dessen ' Amtsgeschäfte übernehmen. — Die Sperrung der Landstraße zweiter Ordnung Königstädten—Rüsselsheim ist wieder aufgehoben, da die Bauarbeiten beendet sind, (eg)
Mörfelden. 25 Jungen der GYA Mörfelden verbrachten einen 14tägigeri Zeltlageraufenthalt am Edersee. Das Lager, das von der GYA-Dienststelle Rhein-Main betreut wird, besteht aus 10 Zelten und kann 200 Jungen oder Mädel aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet aufnehmen. Ein 14 tägiger Lageraufenthalt kostet pro Kind 10 DM. Die Hin- und Rückfahrt der Teilnehmer erfolgt kostenlos in amerikanischen Omnibussen. Alle Jungen kamen wohlbehalten und frohgelaunt zurück und haben durchweg drei bis vier Pfund zugenommen. (Kb.) Königstädten. Der Verband der . Körperbeschädigten beabsichtigt in K’"rze eine Rheinfahrt nach Bacharach zu veranstalten. (Kb.)
Goddelau. Als Hilfsfeldschütz für die Gemeinde Goddelau, wurde am 17. Juli durch den Landrat der in Goddelau wohnhafte Heinrich Hammel verpflichtet. (cg)
DT am Sonntag
WOCHENEND-BEILAGE DES DARMSTADTER TAGBLATTS
Rhein-Romantik in St. Goar
Im Mittelpunkt der romantischen Felsenstrecke des Rheins, unweit der sagenumwobenen Lorelei, liegt das alte Städtchen St. Goar, zwischen rebenbedeckten Hügeln eingebettet. Hier zeichnet die Rheinlandschaft Bilder von geradezu verschwenderischer Pracht. Der Besucher vermag hier nur langsamen Schrittes durch die Straßen zu gehen, will er einen umfassenden Eindruck all dieser Schönheiten aufnehmen. Da kann man stundenlang in einem malerischen Häuserwinkel einem possierlichen Tieridyll zuschauen; im Vorübergehen sieht man aus dem Fenster eines vorgekragten Erkers einen alten Mann seine Geranien gießen; und dort auf den Mauerresten der alten Festungsanlagen spielen ein paar Buben Nachlaufen . . .
Der ursprüngliche Name der Stadt St. Goar ist nicht einmal bekannt, obschon kein Zweifel besteht, daß der Ort vor dem Jahre 760, in dem der neue Name auftaucht, gegründet worden ist. In der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts kam der hl. Goar aus Aquitanien an den Rhein und rief hier als Missionar das Volk zum Glauben an den Christengott auf. Nach ihm wurde der Ort später benannt.
Auf dem Marktplatz steht die alte Stiftskirche mit ihrem wuchtigen Mauerwerk. Die aus dem neunten Jahrhundert stammende Krypta wurde in der Mitte des 15. Jahrhunderts neu ausgebaut. Sie enthält die Renaissance-Marmor-Grabmäler des Landgrafen Philipps 11. und seiner Gemahlin. Kostbare Wandgemälde zieren die Wände. War der Ort dank seines regen Verkehrs als Wallfahrtsstätte emporgewachsen, so zeigten zu Ende des 12. Jahrhunderts auch weltliche Verhältnisse ihren fördernden Einfluß. Zum Schutz für die Zollstätte entstand die mächtige Burg Rheinfels unmittelbar über der Stadt. Die heute größte Ruine am Rhein mit ihren noch gänzlich erhalten gebliebenen unterirdischen Wehrgängen, Kasematten und Minenstollen ist eine vielbesuchte Ausflugsstätte. Von hier oben genießt man ein umfassendes Rheinpanorama. Gegenüber auf der anderen Rheinseite über St. Goarshausen liegt die Burg Katz, dahinter der vielbesungene Loreleifelsen. Ein Stück rheinstbwärts grüßt ebenfalls vom anderen Ufer die Burg Maus. Zu Füßen der Ruine Rheinfels zieht sich das an idyllischen Partien reiche Gründelbachtal westwärts auf die Höhen des Hunsrücks.
Die Nachbildung des bei St. Goar gefundenen ältesten Denkmals im Rheinland, die Flammensäule, ein Obelisk mit einem Menschenkopf und kunstvollen Blattverzierungen, wurde in der Ruine aufgestellt. Einer alten Sitte getreu werden noch heute auf der Ruine die Wein- und Wassertaufen des Burschband- oder Hanseordens abgehalten, ein fröhlicher Brauch, der in dem äußeren Auftreten dieser einstigen Kaufmannsvereinigung seinen Ursprung hat.
In seinen Mauern sah St. Goar im 19. Jahrhundert viele romantische Dichter. Ferdinand Freiligrath wohnte hier zwei Jahre lang. Auch Hoffmann von Fallersleben, Emanuel Geibel und andere rheinische Poeten liebten den Aufenthalt in dem Städtchen St. Goar, reich an Geschichte, an stolzen, oft leidvollen Kämpfen, aber auch an frohen Festen, die in dem rebenumkränzten Ort auch heute noch mit der vielgepriesenen rheinischen Fröhlichkeit gefeiert werden. R. B.
Unsere Bilder zeigen links oben: die alte Stiftskirche; links unten: eine der schmalen idyllischen Gassen; rechts oben: Blick durch einen der Mauerdurchbrüche der Burg Rheinfels; rechts Mitte-: St. Goar im Rheintal liegend, rechts unten: die breite Straße am Rhein.
Mit dem Brecheisen gegen den Zahn
Schon die Pharaonen trugen künstliche Gebisse / Vom „Zahnbrecher“ zum modernen Zahnarzt
Die Skelette der Steinzeit zeigen bis in die jüngere Steinzeit hinein ein durchaus gesundes Gebiß. Mit der Erfindung des Kochtopfes aber trat hierin ein Wandel ein. Die Speisen wurden nun nicht mehr lediglich geröstet oder gebraten, sondern auch gekocht, wodurch ihnen die zum Aufbau der Zähne notwendigen kalkhaltigen Bestandteile, besonders das lebenswichtige Vitamin B, entzogen wurden. Schon die Pharaonen im alten Aegypten trugen daher künstliche Gebisse und Stiftzähne. Seitdem aber haben sich die Verhältnisse in der Zahnernährung noch ganz bedeutend verschlechtert.
Unser Brot enthält heute, da das Mehl meist nicht genug ausgemahlen wird, längst nicht mehr genügend Mineralstoffe. Ein dänischer Forscher hat im Selbstversuch mit Vollkornbrot und Fett allein längere Zeit sein Leben fristen können, nicht aber mit Feinkornbrot und Fett. Hiermit ist der Beweis für die Bedeutung der richtigen Brotemährung für die Volksgesundheit ferbracht. Schon von Kindesbeinen an hat der Mensch heute vielfach schlechte Zähne, da die werdenden Mütter viel zu wenig Frischgemüse und Obst genießen.
Man hat in einem Fall 12 000 Kleinkinder auf die Beschaffenheit ihrer Zähne hin untersucht und dabei festgestellt, daß über die Hälfte davon kranke Zähne hatten. Diejenigen Kinder aber, deren Gebisse gesund waren, entstammten zu 95 Prozent Familien, in denen häufig Obst und Gemüse, vor allem Salate, Tomaten und rohes Sauerkraut auf den Tisch kamen.
Nicht ohne Grund besaßen die Zahnleidenden im Mittelalter eine eigene — Schutzheilige, nämlich die heilige Appolonia, die vor 300 Jahren dadurch gemartert wurde, daß man ihr die Zähne ausbrach. Was das damals bedeutete, erkennt man schon an den vorhandenen Instrumenten, Zahnschlüsseln, Zangen und Reißwerkzeugen, deren sich die „Zahnbrecher“ mit mehr Kraft als Geschicklichkeit bedienten. Man nannte diese Folterinstrumente auch „Pelikane“, da sie mit dem Schnabel dieses Vogels eine gewisse Aehnlichkeit besaßen. Ihre praktische Anwendung wird durch zahlreiche Gemälde, Kupferstiche und Holzschnitte veranschaulicht.
Noch viel weiter als die Geschichte der zahnärztlichen Instrumente reicht die der Ersatzteile zurück. Während das Handwerkszeug aus dem Altertum nur in den seltensten Fällen erhalten blieb, zeugen zahlreiche Gräberfunde von der Kunstfertigkeit der damaligen Zahnärzte. Schon zur Zeit Herodots besaßen die alten Aegypter wahre Meister in diesem Fach. Aus dem neunten Jahrhundert v. Chr. stammen Goldprothesen, die in etruskischen Gräbern vorgefunden wurden.
Im Mittelalter trat auch auf diesem Gebiet der Körperpflege ein großer Rückschlag ein. Lediglich die Araber und einige europäische Schulen machten hiervon eine Ausnahme. Erst im 18. Jahrhundert begann der wissenschaftliche Aufstieg der ZahnheiL künde, die heute in der Erhaltung der Volksgesundheit eine so große Rolle spielt.
Kulturgeschichtlich besonders interessant sind neben den ersten, um 1700 von einem Pariser Apotheker erfundenen „modernen“ Kunstzähnen die mittelalterlichen Zahnstocher aus Elfenbein, Silber oder Holz. Sie waren teilweise reich geschnitzt und gehörten mit den Ohrlöffeln zu den Toilette-Geräten, die auf dem Tisch jeder „Frau von Welt" und jedes Kavaliers zu finden waren. Mitunter wurden auch Federposen als Zahnstocher benutzt. Aus den mittelalterlichen Brechwerkzeugen, die man eher für Schraubenschlüssel halten könnte als für zahnärztliche Instrumente, entwikkelten sich dann im Laufe der Jahrhunderte jene blitzenden, sorgfältig verchromten Zangen, Mundspiegel und Füllgeräte der heutigen Zahnärzte.
Margaret Rose REBELLIN GEGEN DIE TRADITION
6. Fortsetzung
I- reilich ist sie morgens um acht Uhr auf und frühstückt — wenn es sich eben machen läßt — zusammen mit ihrem Vater, Dann erledigt sie — indem sie sich der Disziplin wenigstens in dieser Hinsicht fügt — die fünfundzwanzig oder dreißig Briefe, die von ihr direkt beantwortet werden müssen. Aber schon spekuliert sie, wie ihr Leben, ihr wirkliches Leben nachher weitergehen soll. Wenn gar nichts anderes vorliegt, dann geht sie vormittags mit ihrer Mutter einkaufen, nimmt ein paar Sprachstunden und übt Kiavier. Das tut sie wirklich noch — auch heute noch —, ohne es zu müssen. Doch am Nachmittag — jedenfalls wenn es Abend wird —, dann wandern die Gedanken Margaret Roses in ganz anderer Richtung.
London hat eine Menge Theater, wo ausgezeichnete Oper, gutes Schauspiel und vortrefflicher Tanz geboten werden. London hat aber auch Nachtklubs. Und der berühmte „Klub der Vierhundert“ hat seit einiger Zeit unter dem Briefkopf stehen, daß ihre königliche Hoheit, Prinzessin Margaret dem „Klub der Vierhundert“ angehört.
Und dann geht das große Rätselraten des Abends los. Mit wem wird Margaret Rose auftauchen? Viele jener jungen Männer, die im Zusammenhang mit Margaret Rose ernsthaft genannt wurden, sind inzwischen in der Versenkung wieder verschwunden, ohne daß aber jemand sagen könnte, Margaret Rose habe einem anderen Partner mehr Aufmerksamkeit geschenkt als jenem, der nun nicht mehr neben ihr im Theater sitzt.
Da war zum Beispiel Lord Derby, dessen Ahne dem berühmten Derby-Rennen den Namen gab. Lord Derby ist ein eleganter junger Mann, der gut ein dutzendmal mit Margaret Rose im Theater und beim Essen im Nachtklub gesehen wurde. Doch — er konnte es nicht ertragen, von Margaret Rose abgehängt zu werden. Er hat sich inzwischen verheiratet.
Oder der Marquis von Blandford. Er ist ein Erbe der Marlboroughs, der gleichen Marlboroughs, zu denen auch Winston Churchill gehört. Und diesem Marquis von Blandford sagte man die ganze Fülle der Talente nach, die den Marlboroughs nun einmal zu eigen sein sollen. Dieser Marquis wird eines Tages Herzog von Marlborough sein. Er befehligte längere Zeit die Leibwache im Buckingham-Palast. Und man erzählte sich, daß er die „Augen-rechts“ eine Sekunde zu lange in der Richtung behalten hätte, in welcher Margaret Rose am Fenster stand und zu ihm hinüberlächelte. Das war die große Zeit, als Sonny Blandford, wie Margaret Rose ihn nannte, mit ihr zum Ascot-Rennen fuhr. Er war freilich gut zwei Köpfe größer als sie. Aber Liebe wird ja nicht mit Zentimetern gemessen. Nur — Margaret Roses Eltern waren mit dem Marquis von Blandford nicht ganz einverstanden, weil sie noch zu jung sei — damals ...
Darüber sind viele Monate verflossen. Man hat dann und wann den Marquis im Buckingham-Palast gesehen — aber nicht häufiger als einen der anderen Verehrer Margaret Roses.
Mit dem sehr schmucken Lord Ogilvy, dem Erben des Earl von Airlie, fuhr Margaret Rose auf die Fuchsjagd nach Schottland. Dieser Lord ist noch sehr jung und sieht blendend aus. Außerdem sagt man ihm nach, er sei der vollendete Kavalier. Aber niemand könnte sagen, daß er von Margaret Rose wirklich bevorzugt wird. Man sah genau so häufig in ihrer Gesellschaft Tom Egerton, der sich keines Lord-Titels rühmen kann, und der einfach ein sehr reicher Grundbesitzer ist, so reich, so einflußreich vor allem, daß Margaret Rose mit ihm zum Rennen von Surrey fuhr. Sie unterhielten sich nic-ht nur über Pferde und über die Aussichten, die die einzelnen Rennen boten, obwohl Magy eine leidenschaftliche Wetterin ist.
An der Seite Michael Trees sah man Margaret Rose auf dem Kirchgang. Die Familie Tree hat in England und in Amerika einen großen Namen. Aber ob der Name ausreicht, um Michael Tree, also den schönen Jeremy, zum Favoriten Margaret Roses zu stempeln? Da sind noch viele andere. Zum Beispiel konnte man in der Oper sehr häufig den Sohn des Earl von Westmorland sehen, der vorläufig den sehr bürgerlichen Namen Julian Fame führt. Er ist blaß und blond und ein sehr kluger junger Mann. Er tanzt auch gut. Aber — ob er in der Lage ist, den noch besseren Tänzer Mark Bonham-Carter auszustechen, der Margaret Rose dreimal auf offiziellen Bällen in London begleitete und häufiger, als es der Zufall bedingt, zum Tanz führte?
• Da wäre auch noch Major Telfer-Smollet, der Sohn des Generals gleichen Namens, zu nennen. Als Margaret Rose in Glasgow weilte, war er unbestreitbar der Tänzer, dem sie den Vorrang einräumte.
Aber immer wieder spricht man von Blandford. Man muß berücksichtigen, daß dieser Blandford über seine Großmutter väterlicherseits mit den Vanderbilts in Amerika verwandt ist. Doch was sagt man zu Lord Porchester, den .Margaret Rose einfach Porchy nennt, und der der Erbe Lord Carnarvons ist? Er hatte eine Amerikanerin zur Mutter — die zu der berühmten Familie Wendel gehört, deren Millionen angeblich noch nicht restlos ausgezählt sind, seit die älteste Lady Wendel sich in ein Hotelzimmer in Neuyork verkroch — zusammen mit ihren Aktien und den übrigen Unterlagen eines Riesenvermögens.
Man spekulierte, man ließ für Margaret Rose Horoskope heimlich stellen, man ging zu Kartenlegerinnen: aber Margaret Rose schüttelte den Kopf, ließ sich
nicht einmal die Karten legen und versicherte, sie habe es nicht so eilig mit der Zukunft.
Und doch glaubte keiner ihr, denn man wußte ganz genau, daß sie es zweimal beinahe ganz ernst gemeint hatte. Jedenfalls war sie entschlossen zu heiraten — zu heiraten um jeden Preis. Das war einmal — damals, als Lilibet sich mit Philipp verheiratete.
Acht Tage nachher kam sie zu Elisabeth, fragte die Schwester, wie sie sich als Ehefrau fühle und flüsterte ihr heimlich zu:
„Warte nur, was du kannst, das kann ich auch!“
Elisabeth kannte ihre Schwester. Sie erinnerte sich an die Boxschläge, die sie mit ihr ausgetauscht hatte, sie wußte auch noch um den Schwitzkasten, in den Magy sie genommen hatte. Wenn Magy etwas sagte, dann meinte sie es auch. Und wenn sie es meinte, dann verwirklichte sie es. Elisabeth alarmierte vorsichtig die Mutter und die Hofdamen und den Mann von Scotland Yard, denn es durfte keine Dummheit passieren Und außerdem war Margaret doch die kleine Schwester, die kleine Magy. Sie war noch viel zu jung zum Heiraten.
(Fortsetzung folgt.)
Margaret Rose bewundert auf dem Land die „kunstvoll“ hergerichtete Vogelscheuche eines Bauernjungen
Unsere Heimat
Meine Karte
Auf meinem Tisch liegt Tag für Tag eine Karte. Nicht solch eine, mit der sich höfliche Besucher anmelden oder gute Freunde dem Zuhausgebliebenen Grüße senden. Diese wandern recht bald jenen Weg, den so manches Stück Papier in unserem Leben geht. Die ich meine, ist die große, gefaltete Karte, vor der ich jeden Morgen sinnend sitze, um mit ihr mein Tagewerk zu beginnen: die Landkarte unserer Heimat.
Wer kennt sie nicht, jene charakteristische Karte, die das Land zwischen Rhein, Main und Neckar umschließt? Wer kennt nicht die breiten Straßen, die sich kreuz und quer über, sie hinwegziehen, die dunklen Flecke, die das bergische Stückchen Erde des Odenwaldes kennzeichnen, matter und matter in der Schattierung werdend, wo der Rodgau beginnt, wo das Ried an-die Bergstraße anschließt und die weite Rheinebene sich öffnet, in der man, dem Strome näher und näher kommend, die Kühle des Wassers zu verspüren meint?
Ueberall sind wir schon gewesen in unserer Heimat: Drüben am Altrhein. Im Gernsheimer Hafen. Im Gerauer Land. Bei der Baumblüte der Bergstraße. Am Felsenmeer. Im Modau-, im Fischbach-, im Gersprenztal. Vom Katzenbuckel sahen unsere Augen weit hinaus ins Land. Wir lagen irgendwo auf der Wiese, und unsere Füße umspülte das klare Wasser der Weschnitz. Wir glaubten die Namen all der vielen kleinen Dörfer und Städte wie kein anderer zu kennen. Mit den Flüssen und Bächen. Mit Tälern und Hügeln. Mit Weilern und Höfen.
Und wenn ich dann morgens mit dem Finger über die Landkarte unserer Heimat gleite, um mein Tagesziel auszumachen, finde ich trotzdem immer wieder neue Namen, die mir bisher entgingen. Oft kommen sie mir recht unbedeutend vor. Da stehen sie schwarz auf weiß, wie alle die anderen. Aber tat ich ihnen seither nicht unrecht? War es nicht so, daß gerade dorthin mich immer die Neugierde trieb, zu dem, wovon ich nichts wußte? Daß ich dann abends zurückkehrte, aufs neue überwältigt von all dem, was ich gesehen?
Namen besagen nichts. Aber Menschen. Häuser. Wälder und Täler. Die kleinen und großen Berge. Die Straßen, die sanft durch die Ebene ziehen oder steil und kurvenreich zur Höhe ansteigen.
Sie alle sind überall anders. Sie alle haben das Unaussprechliche, das zusammengenommen das Wort Heimat bildet für alle jene Menschen, die darin leben.
Man sage mir nicht, daß es irgendwo vom Berge aus immer das gleiche Bild im Tal zu sehen gäbe, wie anderwärts. Man sage mir nicht, daß ein Fachwerkhaus dem anderen gleiche. Daß das Obst hier so schmecke wie dort. Daß der Ruch des Waldes ebenso wäre wie andernorts.
Wer könnte so vermessen sein, dies zu behaupten? Wer könnte dies sagen, ohne all das gesehen zu haben, was Tag für Tag meine Augen sehen und meine Sinne aufnehmen?
Und so verstehe ich tagaus, tagein Land und Menschen besser’ und klarer. Wiewohl ich dachte, schon alles zu wissen, alles zu kennen, was uns unsere Heimat bedeutet.
Sie haben recht, jene Menschen dort in den Dörfern und Höfen, daß es nichts Schöneres gibt als das eigene Dorf, den eigenen Hof, das eigene Stück Wald und Feld, das in ihre Obhut gegeben wurde. Denn die Heimat läßt sich nirgendwo übertreffen. Und wenn ich sie liebe, muß ich sie überall lieben.
Sie ist mächtig. So mächtig, daß däs Herz weh tut bei dem Gedanken, sie verlieren zu müssen. arco
Als „starke Burg“ von Abt Udalrich von Lorsch 1066 auf beherrschender Höhe erbaut, hatte die Starkenburg die Kriegswirren der Jahrhunderte überdauert. Da schlug am 10. Juli 1768 der Blitz in den Turm und brannte Dach und Treppen aus. Seine Quadersteine aber blieben stehen und seit der hessischen Zeit (1803) wurde der Verfall der Burg aufgehalten, die unserer südhessischen Landschaft den Namen gegeben hat. (Zeichnung E. Meier)
Einer aus dem Geschlechte der Gagern
Die Dieburger Jäger errichten ihm bei Steinau einen Gedenkstein
Wer war, Friedrich Freiherr von Gagern, dem die Jäger des Kreises Dieburg im Oberwald bei Steinau einen Gedenkstein errichten? War er, da die Ehrung von den Jägern ausgeht, ein Waidmann gewesen, ein Hüter des Waldes und ein Heger des Wildes? Das träfe seine Bedeutung doch nicht ganz, obwohl es nicht wenig wäre.
Der Familienname ist weit bekannt. Ein Freiherr Heinrich von Gagern ist auf dem alten Darmstädter Friedhof bestattet und die Stadt hat sein Grab vor zwei Jahren in Obhut genommen. Das war im Erinnerüngsjahr an die deutsche Revolution von 1848, denn Heinrich von Gagern, der hessische Politiker, war der erste Präsident des Paülskirchenparlaments gewesen. Sem Bruder Friedrich fiel damals als Befehlshaber der Regierungstruppen im badischen Aufstand. Von ihm, als seinem Urgroßvater hat der Jagdfreund, dessen am Sonntag 'im Oberwald gedacht wird, seinen Namen.
Die Gagern sind ein altes Geschlecht, das seinen Ursprung bis ins 13. Jahrhundert hinein verfolgen kann. Damals saßen die „von Gawarne“ im Mecklenburgischen. Von ihnen leiten sich alle Gagern ab, auch der 1882 im alten österreichischen Kronland Krain auf Schloß Mokritz Geborene, dem die Ehrung der Jäger gilt. Mütterlicherseits entstammt er dem Geschlechte vor Auersberg, das dem gesamtdeutschen Schrifttum den Dichter schenkte, der als Anastasius Grün in die „Kleinen Klassiker“ eingezogen ist.
Die Krain und die österreichischen Grehzlande geben den Schauplatz einiger Romane Friedrichs von Gagern ab, in denen die ganze Problematik der österreichischen Geschichte mit ihrer großen Bedeutung für das Abendland eingefangen ist. Es wäre aber ein Irrtum anzunehmen, der Epiker von Gagern wäre jenen Heimatschriftstellern einzureihen, die sich der „Blut- und Boden“- Theorie unseligen Angedenkens verschrieben, so gern ? eine gelenkte Kulturpolitik ihn dazu gestempelt hätte. Dazu war er zu sehr in aller Welt daheim, bei den marokkanischen Rifkabylen wie bei den Rothäuten der neuen Welt. Noch ehe es konjunkturbedingt war, sich mit den Kolonisationskämpfen im „Wilden Westen“ zu beschäftigen, schrieb es sein Grenzerbuch.
Den Jägern ist Friedrich von Gagern besonders ans Herz gewachsen. Er begann als Redakteur einer Jagdzeitschrift seine Schriftstellerlaufbahh. „Büchsenlicht, Wundfährten, Vor der Strecke, Birschen und Böcke“, sind die Titel seiner Jagdschilderungen. In seinem Lebens- und Jagdbuch „Der Jäger und sein Schatten“ aber sagt Friedrich von Gagern Worte, die ihn am besten charakterisieren.
„Meine Kindheit war einsam und glücklich .., in Tier und Pflanze, in Wind und Wolken, im guten Buch, in reiner Musik fand die Seele früh ihr innerstes Genügen, ihren vertrauten Heimatkreis.'.. Das blieb, schlug Wurzel, trug Frucht, wurde Wesen. Meine besten Tage und Jahre verbrachte ich schweigend in aller Herren Wäldern, meine seligsten Nächte draußen unterm Kreisen der Sterne, in weltfernen Jäger- und Hirtenhütten, in sturmumwühlter Turmstube, an der Orgel mit Bach, am Flügel mit Beethoven, Schubert, Schumann, Chopin. Solch ein Mensch ist mitteilsam nur durch seine Gestalten und seine Geschöpfe, vermag nicht dem Augenblick zu schmeicheln, stellt sich nicht hin noch ein, er ist, er schweigt, er schafft. .. Hingabe an das Unverlierbare, das halte ich für Erlösung; und unverlierbar- ist mir das Allbewußtsein und das kleine Weltreich in der eigenen Brust.“ -P. D.-
Der „Bücherwurm“ von Michelstadt
Er sammelte Kostbarkeiten, die heute im Turm der Stadtkirche stehen
Im Jahre 1445 erblickte in Michelstadt Nikolaus Matz das Licht dieser Welt. Er war ein Mann, der ein erfolgreiches Leben vor sich hatte, und der über alle Anerkennung und Erfolge doch seine Heimatstadt nicht, vergaß. Mit siebzehn Jahren verließ er Michelstadt und zog nach Freiburg, wo er Rektor wurde, um später als Prediger am Speierer Dom sein Leben zu beschließen. Als er starb, vermachte er Michelstadt seine gesamte Bibliothek mit der Bestimmung, daß sie als öffentliche Bücherei unterhalten würde.
Professor Matz war ein Bücherwurm, wie sie seit dieser Zeit sehr selten geworden sind. Sein ganzes Leben lang sammelte er Band auf Band und trug so eine Bibliothek zusammen, wie sie in ihrer Seltenheit und ihrem Wert sicherlich einmalig ist. Zuerst wurden die Bücher im Michelstadter Beinhaus untergestellt, dann verbrachte man sie in die Sakristei und von dort in den Turm der Stadtkirche, wo sie nun ihr endgültiges Unterkommen gefunden haben.
Damals kam gerade der Buchdruck auf, nachdem von 1400 an die Bücher im Gewerbe mit der Hand abgeschrieben werden mußten. Diese ersten gedruckten Riesenbücher wurden noch als besondere Kostbarkeit an Ketten gelegt, um sie vor dem Zugriff der „Buchmarder“ zu schützen, die teils aus Sammelleidenschaft, teils wegen ihres Wertes „lange Finger“ machten. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts erschienen dann die ersten gedruckten Bücher, in großem Format, mit prächtigen Lettern und in wundervollen Farben. Als Druckerschwärze wurde eine Mischung von Lampenruß und Firnis verwandt. Fast alle Bücher waren mit Holzschnitten verziert, die Anfangsbuchstaben der Kapitel waren ein Wunderwerk der Schnitzkunst, sie leuchteten in Gold und Terrakotta, nicht braun und nicht rot, in der warmen Farbe alter Töpferarbeiten.
Bis zum 30jährigen Krieg galt die Michelstädter Kirchenbibliothek als die größte und umfassendste Sammlung theologischer und weltlicher Werke, aus der allerdings später die weltlichen Bücher herausgenommen wurden, ohne daß wir heute den Aufbewahrungsort wissen. Aber das, was noch von der einstmaligen, großen Bibliothek erhalten geblieben ist, reicht vollkommen aus, um uns einen Eindruck von der Liebe und Sorgfalt zu geben, die man in vergangenen Jahrhunderten auf den Buchdruck verwendete. Unter vielen anderen Bibeln besitzt die Michelstadter Bibliothek auch die erste Bibel aus dem Nachlaß Johannes Schoneck. Daneben ist die Erstausgabe des Alten Testaments in der deutschen Bibelübersetzung von Martin Luther zu sehen, die 1523 in Basel gedruckt wurde. Von den verbliebenen weltlichen Büchern interessiert besonders das „Lehrbuch der Wundarznei“, die Chirurgie des Straßburger Arztes Hans von Gersdorf, die 1517 in Straßburg zum Druck kam. Neben der Bamberger Halsgerichtsordnung ist an juristischen Büchern „Der neue Laienspiegel“ von T e n g - ler vertreten, ein Handbuch des Rechts mit Holzschnitten des Dürer-Schülers Hans Scheufelin, das 1509 von Ottmar in Augsburg gedruckt wurde. Unter den unzähligen wertvollen bibliophilen Seltenheiten fällt auch ein Ablaßzettel unbekannter Druckart auf, von dem angenommen wird, daß er bereits 1487 zum Druck gelangte. In ihm gewährt Pabst Innocenz VIII. Ablaß gegen die Türken. Der Zettel wurde von einem Buchbinder des 15. Jahrhunderts als Makulatur benutzt und ist so erhalten geblieben. «
Zweifellos gehört mit all ihren Schätzen die Michelstädter Kirchenbibliothek zu den wertvollsten Bibliotheken Deutschlands, ein Beweis für die hohe Kultur deutscher .Drucktechnik und für die handwerkliche und künstlerische Liebe zum Buch. HFL
Die Krippe
Noch vor dem zweiten Weltkrieg wurden in Roßdorf unter der nahezu 150 Jahre alten Platane, dem „Knalleiseboam“, vor dem Gasthaus „Darmstädter Hof“ eine Zierde der ganzen Hauptverkehrsstraße, die Pferde der Odenwälder Fuhrleute, welche Sandsteine nach Darmstadt und in die weitere Umgebung brachten, aus einer dort stehenden Futterkrippe versorgt.
Unter dem schattigen Laubwerk des Baumes trug sich so manch.es Geschehnis zu, wovon eine, der Mundartdichter- Georg Löffler zum Anlaß einer humorvollen Dichtung nahm.
Es war um die Zeit zwischen Licht und [Besen,
Wie de Hannick‘l vun de Stadt aus hoamzu [fehrt.
Un wie immer ah, heit in Roßdorf ohelt, ^n de Wei tschaft bei de Gret werd eigekehrt.
Sei Geil, die kenne sich aus in allem Sie wisse ah, daß drüwe unnerm Knalleise¬ [boam
die Kripp steht, die ehne de Hannick‘l [völlfüllt
Mit Hawer mitunner weit mehr, wie d'hoam.
Do sein die ah s'friede un de Hannick‘l [kann drinke
Sein Kerze, sei Schobbe un v'drücke d‘bei Sei Ribbche, sei Worschtebrot un, wies ah [oft werd
Sei Spielche mache mit „Vier“ orer „Drei“.
So is es wirrer mol dort recht hoch her¬ . .... [gange
Un nooch zwölf Uhr die Noacht, denkt er° erseht an hoam.
Doch des hot nichts se soa'e, sei Geil sein , [gesättigt,
Stehn noch broav an de Kripp unnerm [Knalleiseboam.
Un wie jetzt de Hannick‘l eihaaktdie Leine Un die Kripp uff ehrn Platz iwerseit stelle y, , ... . [Will,
Do feilt ehm joa ei, daß d'hoam die kabutt is oäns, zwa, drei un sie leit schon im Woage _ ganz still.
De annern Doag grawelts un griwelts . unserm Nick‘l
Im Köbb, in de Boa, aus m Leib stößt s‘m uff. „Ach woas hab ich mich v‘kelt uff dem v.. u u j . Deiwelse Woage
Kätche hol de Dokt'r, ich glab ich geh druff.“ So jammert er, bis de Dokter ehn richtig „ ‘ ■ . unnersucht hot
Un Sie haben die „Grippe“ ehm koalt sehkt _ , vors Brett.
do zuckt er zusamme un kloalaut lallt e»- „Es stimmt ja Herr Dokt'r, äwer — v'rore s‘s net?
Georg LöfflerZwei Seiten aus dem „Lehrbuch der Wundarznei“, der Chirurgie des Straßburger Arztes Hans von Gersdorf, 1517 im Druck in Straßburg erschienen. Auch dieses Werk hatte Nikolaus Matz, der „Bücherwurm von Michelstadt“, seiner Bibliothek einverleibt. Foto: Hage
Drinnerum un drumerum
Als Bub krickt mer alle Aageblick emol zu heern, wann die Mutter die Hend iwwerm Kobb zusammeschlekt un sich selwert freekt: Wo hot dann der Bub bloß die Dummheite her? Dodemit gibt se doch zu, daß en annere dro schuld seu muß un wanns de Urgroßvadder oder erjend en Unkel gewese is, dem seu Straach schun vor Johrzehnte die Familie zn Uffreechung gebracht hot. Deß war immer mein Drost, wann ich u'schuldischerweis mpn Knibbel krickt hab.
Wie is es awwer, wann mer zu erbend ebbes kaa Talent hot?
In unsere Familje scheints Kaan gäwwe zu hawwe. der wo gezeichent oder gemolt hett, noch.net emol en Weißbinner war debei. Vun wem hett ichs also erwe solle? Ich hab deßhalb in meum ganze Läwe nix gezeichent, noch net emol Kriegsanleihe! Wann als die annern Buwe zu mir gesucht hawe: Mol emol e Mennche,. un ich habs aach gedah, do hab ich schun vorher gewißt, daß ich ausgelacht werr, weil hinnenooch kaaner rausgefunne hot, was meu Gegritzel seu und bedeite soll.
S Nooch dem, was heit all gemalt, ausgestellt un in de Zeidung gelobt werd, bin ich iwwerzeicht, daß ich meine Zeit weit voraus war und nor net verschdanne worn bin. Ich hatt domols schun so geheume kinstierische Empfindunge wie die heitische Moler un habs garnet gewißt und hatt schun Ausdruggsforme, die meu friehere Zeitgenosse scheints noch net begreife konnte.
Ich hab mich jo selwert nie so recht indressiert defor. Die Bilder und dieWandschbrich, die bei uns an de Wend hengge, deß warn lauter Hochzeitsgeschengge. Deß sieht mern heit noch aa, awwer sie hawwe mich bis jetzt net gesteert. Awwer wann mer penzjoniert is un viel Zeit zum Zeitunglese hot, do kann mer uff allerhand Abwäge gerade. Un so bin ich aach uff die Idee kumme, die zwaa Bilderausstellunge zu bedrachde. Ich kumm doch viel draußerum un seh viel Mensche und dodewäje stell ich mer deß Menschenbild e bißje annerster vor, wie die Moler und Letschkonditter. Hawwe se sich emol den Jingling genaa bedracht? Ich war aach emol en Jingling un hab stolz meu Schbiejelbib studiert un kumm aach oft enaus an de Woog. Ich hab den Madhildeheehjingling vun hinne un vorne ganz, genaa ageguggt, awwer ich kann kaa Ehnlichkeit mit meune eigene Bedrachdung finne. Ganz abgeseje vun dem derre Hals, der garnet so lang zu seu braicht, wo doch die Dodesstraf abgeschafft is, stimmts aach sunst abselut net. Mir hett mei Vadder de Letsch ewäckgenumme, wann ich sowas gemacht hett. Wann der heit noch emol do weer. dhet er vielleicht euseje, daß er mer sals U recht gedah hot, bloß weil ich domols noch net gewißt hab, daß mer in de Kunst unserm Herrgott ins Handwerk pusche derf. In die unner Ausstellung hab ich meu Lißbedd mitgenumme. Maane se, die hett zu dene Bilder aan Ton vun sich gäwwe? Im Gejedaal, schbrachlos war se. 810ß vor aam Bild hot‘ se emol gesucht, so e Beddvorlag kimmt mer net ins Haus! Mer kennt jo net saache, daß es net hündisch genuch weer un mer muß aach eugeschdeh, daß Sachedebei sin, die merklich gemalt sin, awwer was se all bedeite solle, do bin ich bei kaam dehinnerkum’me, ich haübs sogar ohne Erfolg mit de List vergliche un bin zu dem Schluß kumme, daß mer zu jedem Bild jeden Titel nemme kann. Deß steert garnet. Am eufachste wars mit dene Bilder, wo's gehaaße hot: „Ohne Titel“. Do hab ich mich gedreest, wann schun die Moler selwert net wisse, was es bedeite soll, do brauch ich mer doch kaa Sorche zu mache. lah hab mich als emol ganz nah defor und dann Widder e biß je devo ewäckgestellt, als wann ich was devo versteh dhet, awwer uff aamol do bin ich doch aus de Roll gefalle, hab mer mit zwaa Hend an de Kobb gegriffe un laut „au“ geruffe, „Der Töd der Mutter“ hot mer de ganze Schbaß an de Ausstellung verdorwe. Mit so ernste Sache soll mer doch kaaa Faßnachtsschbäß mache. Ich. hatt mich er^t Widder beruhigt, wie ich en geheerische Schnabbs gedrungge hatt. Do haaßts als, die Kunst ging nooch Brot! Kaa Wunner, wann so Zeichnet gekauft werd. Schad for die Fabb! Ich hab mer noochher gesucht, wann sichs aaner leiste kann, seu Fabb zu verbrauche, ohne daß er was verkaufe will, 10ß dem Kind seu Bobb!
De alt Wilhem Busch hot gewißt, wie's is un hot gemaant:
Leicht kommt man an das Bildermaien, Doch schwer an Leute, die 's bezahlen, wann er aach dene, die net grad beruffe sin zum Kinstier uff die Gei geredd un empföhle hot:
Darum, o Jüngling, fasse Mut, Setz auf den hohen Künstlerhut Un wirf dich auf die Malerei, vielleicht verdienst du was dabei!
Grad deß „Vielleicht“, deß Is jo de Haake. Ich misch mich net gar unner die Gridigusse. Die hawwes heit schee schwer, deß richdische Urdeil abzugäwwe, dodewäje mache se deß ewe mit so viele kqmische Fremdwerder, daß mer do grad so wenig erauskimmt, wie bei de Bilder. Awwer ich will eich net beeuflusse. Guggt eich die Bilder selwert aa un kaaft dann so Bilder, daß sich eier Erwe nooch eierm Dood emol drum reiße.
Eier Anton BerzelWochenend im Odenwald
Man muß schon früh aufstehen, wenn man allen trampenden, radelnden oder autofahrenden'Odenwaldstürmern begegnen will. Und dann bleibt das auch nicht so einfach, ihren Spuren zu folgen. Denn nachdem man Obeframstadt verlassen hat, über Nieder- und Obermodau hinaus ist, verzweigen sich bald die Straßen nach allen Richtungen. Die Fußgänger laufen jetzt fieber in den duftenden Wäldern nach Lindenfels zu, die Radler biegen links ab und richten ihre Lenkstangen über Lengfeld, Höchst nach Fürstenau und Michelstadt, und die Autofahrer pendeln mit halber Kraft bis nach Amorbach und weiter nach Osten.
Das heißt; die meisten Ausflügler haben wohl diese Ziele vor Augen, ob sie aber dahin kommen, ist eine andere Frage. Denn die Odenwälder haben ihre ganze Phantasie spielen lassen, um den Fremden ein Bein zu stellen und sie in ihrer Ortschaft festzuhalten. Im ganzen Odenwald wird nämlich zur Zeit gefeiert. Der eine Ort weiß, daß er 900 Jahre alt, der andere, daß er 750 oder 650 Jahre, alt ist. Wahrlich Gründe genug, um denjenigen zu fesseln, der aus den zerstörten Städten seinen Weg in eine dieser reizenden, mit soviel altertümlichen Baulichkeiten geschmückten Städtchen oder Dörfchen findet. Straßen und Häuser sind mit Grün und Girlanden behangen, die Gastwirte setzen ihr leutseligstes Gesicht auf, die Musik spielt, Jubel und Ausgelassenheit herrschen
und schon sitzt man irgendwo fest, wohin man gar nicht wollte. Die Urkunden aller Ortschaften reichen natürlich nicht so weit in die Vergangenheit zurück, doch gibt es dafür zahllose andere historische Begebenheiten.
Fürstenau, Michelstadt, Erbach und Amorbach bringen ausgezeichnete Konzerte mit alter Musik. Lindenfels hat eine Burg und komfortable Kureinrichtungen, König steht dem nicht viel nach. In Hering als der kleinsten Stadt des Reiches muß man einmal gewesen sein, in Vierstöck einmal übernachtet und in Eulbach einmal Park und herrliche Waldwiesen besucht haben. Die vielen kleinen Dörfchen längs der Mümling, der Modau, der Nibelungenstraße sind 'stolze Besitzer einer Feuerwehr und zahlreicher Gesangvereine. Einer von diesen ist bestimmt jubiläumsreif. Sollte auch diese versagen, dann läßt sich eben eine andere Festivität einrichten und wenn es der Kaninchen- und Kleintierzüchterverein ist der zu Ehren von Edelzucht, Besitzer und Fremdenverkehrswerbung eine mehrtägige Schau mit Tanz und Feuerwerk veranstaltet*
Warum auch nicht?
Man will ja schließlich ausspannen, fröhlich sein, und warum soll man nicht mittun wenn der Odenwald feiert?
„Unsereiner wird immer kleiner“ — der neue Roman von Hans Wörner ist ein liebenswürdiges Spiegelbild unseres Alltags. Wir haben Ihnen bereits den geschäftstüchtigen Miels und den statistisch errechneten „Normal - Familien-
vater“ Steen vorgestellt. Auch das Pärchen Knut Steen und Jo Tompson kennen Sie schon, und heute kommt die „ Normal-Tochter“ Mary Steen mit ihrem Teddy an die Reihe. Teddy ist nur ein kleiner Apothekergehilfe, dafür will Mary um so höher hinaus: sie möchte zum Film. Na ja — sagt Vater Steen — wer will nicht alles zum Film! Der beste Film ist das Leben selbst. Und das stimmt, denn auch Mary ist schließlich mit ihrem Teddy zufrieden und wird ein braves Hausmütterchen. Aber vorher gibt es große Szenen — manchmal auch Pausen und am Ende Großaufnahme in den trauten Familienkreis. Die Steens sind eben normale Alltagsmenschen, davon können Sie sich am Montag bei Statistiker Miels überzeugen, wenn wir mit dem Abdruck unseres Romans beginnen. inniniiinntiiinnifiiinmtiniKiiiiiinimjunynumjUjHH 4111111
Feuilleton
Der Großherzog und seine Künstler
PRINZ LUDWIG ÜBER DAS WERK SEINES VATERS / EIN VORTRAG VON DER GOETHE-GESELLSCHAFT
Jenen Vortrag, in dem Prinz Ludwig von Hessen vor einigen Monatesn einem kleinen Kreis in Schloß Kranichstein die Darmstädter Künstlerkolonie als das Werk seines Vaters, des Großherzogs Ernst Ludwig, deutete, wiederholte er auf Bitte der Goethe-Gesellschaft am Donnerstag in der Technischen Hochschule. Die Aula faßte die Zuhörer aus allen Teilen der Bevölkerung nicht, und so siedelte man in den großen Zint-Saal über, der mehr als bis zum letzten Platz gefüllt war. Man darf das nicht allein auf das Interesse am Redner und an seiner Familie zurückführen, obwohl es überwogen haben wag. Ebenso nämlich sprach aus dem ungewöhnlich starken Besuch die Liebe zur Stadt, das dankbar-stolze Erinnern an einen Höhepunkt ihrer kulturellen Vergangenheit und ein Bekenntnis zu ihrem Zukunftwillen. Der Vorsitzende der Goethe-Gesellschaft, Dr. Merck, traf in seinen Dankesworten das Richtige, wenn er den bis zur Ovation gesteigerten Beifall für den Redner als Zeichen der unauslöschlichen Verehrung für den letzten Großherzog und! sein Werk rechtfertigte.
Ausklang einer Epoche
Mit der verehrenden Liebe des Sohnes sprach Prinz Ludwig über den Anreger und Spiritus rector der Künstlerkolonie, nicht kunsttheoretisch wertend, sondern als Darmstädter darüber, was den Ruhm der Stadt ausmachte und ihn einst wieder ausmachen möge. Nicht rückblickend allein, auch anregend für die Zukunft. Er ging aus von der künstlerischen Situation Deutschlands vor der Jahrhundertwende, griff zurück auf die Gründerjahre mit ihrem Fortschrittsoptimismus bei den Begüterten und den Historizismus der Geistigen. Zwischen ihnen verhungerten die musischen Menschen oder sie verschrieben sich dem „Kunst“ -Fabrikbetrieb. Der Protest kam aus den Kreisen der „Sezessionisten“. In England (Workers Guilde, Studio), in Belgien (van der Velde), in Wien (das Sezessionshaus Olbrichs), in Deutschland (Hirths „Jugend“ und der „Pan“), im nachschöpferischen Frankreich (Nouveaus Arts). Im ganzen eine Bewegung, die bei der Verknüpfung von Kunst und Leben bewußt ethisch und nicht nur ästhetisch gerichtet war. Die große bürgerliche Epoche des 19. Jahrhunderts erlebte ihre letzte Blüte.
Die Darmstädter Sieben
Auf diesem Hintergrund ist das „Dokument deutscher Kunst“, die Darmstädter Kolönie zu sehen, in der die neue europäische Bewegung ihre erste geschlossene Leistung zeigte, die Durchdringung des gesamten Lebens mit neuem Gestaltungswillen anstrebte. Kunst in jedem Gerät, vom Klingelknopf bis zum Eßbesteck! Das Werk der „Darmstädter Sieben“ findet seinen Widerhall. „Dort oder nirgends wird unser Athen sein“, schreibt Hermann Bahr. Lichtwark rühmte ihm breiteste Volkstümlichkeit nach. Kippenberg schrieb von einem unvergleichlichen Eindruck, Emil Pretorius aber hob in einem späteren Brief an den Großherzog die echte „noble, alles verstehende Menschlichkeit“ hervor.
Das Bild eines Europäers
Von diesem Menschen Ernst Ludwig sprach der Sohn. Er ging den Erziehungseinflüssen der mütterlichen englischen Vorfahren (Großherzogin Alice und die alternde Queen Viktoria) nach, die den jungen Fürsten liberaler, bürgerlicher und zivilistischer formten, als es seine Standesgenossen waren. Bleibende Eindrücke nahm er aus seinen häufigen Auslandsreisen, die ihn mit dem englischen Hofe, aber auch mit dem mächtigen Bürgertum dort vertraut machten. In Petersburg lernte er eine Hofhaltung kennen, die eine Mischung von Feudalismus und Orientalismus, von Ludwig XV und Harun al Raschid aufwies. Mehr als das Militär interessierte ihn Kunst und Theater. Eine, wenn auch unbedeutende Begabung für das Zeichnen und Ornamentale vermittelte ein Einfühlungsvermögen, das ihn zum Freund und Ratgeber der " jühgen Künstler prädestinierte. Zum künstlerischen Verständnis aber gesellte sich der praktische Sinn. Sportler und! guter Tänzer war er außerdem: Insgesamt ein. guter Europäer und Weltmann. Wie wirkte sich das aus?
Voller Utopien?
Im Jahre 1892 wurden Entwürfe für den Bau des Landesmuseums ausgestellt. Ein gefühlloser, häßlicher Kasten sollte den Vorzug erhalten. Der junge Großherzog opponierte. Er wollte hessische Künstler heranziehen und, falls ihre Entwürfe nicht angekauft werden sollten, sie selber bezahlen. „Mit dem Großherzog ist nichts anzufangen, er steckt voller Utopien“ war die Meinung des Staatsministers Finger. Der unbequeme Landesfürst aber holte sich Alfred Messel, und jener Bau entstand, der seine Form aus den Gesetzen der Zweckmäßigkeit fand.
. und in ihm die Kunst“
In Gesprächen mit Ludwig Habich reiften dann die Pläne, für die Künstlerkolonie. Nicht ein Verein, sondern eine Kolonie sollte es sein in der jeder nur seiner inneren Verantwortung nach schaffen, wo jeder kommen und gehen konnte. Wohlbedacht war die Beschränkung auf die Zahl Sieben. Eine Wandleuchterskizze Olbrichs lenkte die Aufmerksamkeit auf diesen Wiener Sezessionisten. Man fand sich in gemeinsamen Ideen, in Freundschaft. Der Großherzog aber war in all seiner Begeisterung für das Lichte und Schöne doch immer wieder auch Realist und sah die Kunst nicht als Selbstzweck an. Er dachte zuerst an sein Land: „Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst.“ ♦ 1901 traten die „Darmstädter Sieben“ an die Oeffentlichkeit, stellten komplette und bis ins letzte eingerichtete Häuser hin. Die Wirkung auf die Besucher übermitteln viele Einzelschilderungen. Besonders die Frauen waren hingerissen von soviel Behagen und Heiterkeit. Der erste Monat deckte bereits die Hälfte der Ausstellungskosten.
Wendungen zum realen Leben
War die erste Ausstellung auf der Mathildenhöhe ein Anfang? Prinz Ludwig verneint diese Frage. Die Ausstellung stand am Ende der Eoche der bürgerlichen Welt. Jhre Künstler meinten gegen den Jugendstil zu revoltieren, standen aber mitten in ihm drin. Die Wendung kam später, als der Vorstoß ins reale Leben gemacht wurde. Er begann 1904, als die drei Häusergruppen neue Bauherren und hessische und Darmstädter Unternehmer als Ausführende mit einbezogen, als die Kleinwohnungskunst zum Programm erhoben wurde, als die Kunst immer stärker zum Menschen hinstieß, Industrie und Handwerk interessiert wurden. Nach Olbrichs Tod haben Albin Müller (Miethausgruppe, „tüchtig aber ohne revolutionären Schwung“) und Bernhard Holger das Geschick der Mathildenhöhe bestimmt.
Der Fünffingerturm
An einer kleinen Episode zeigte Prinz Ludwig, wie sein Vater das künstlerische Schaffen anregte. Der Hochzeitsturm sollte seine abschließende Form erhalten. Viele Entwürfe hatte Olbrich gefertigt, keiner befriedigte ihn. Da hob der Großherzog die Hand und der „Fünffingerturm“ lag in seiner Idee fest. „Vielleicht“, sagte der Prinz Ludwig, „war es eine segnende, vielleicht eine ankerlegende, vielleicht eine beschwörende Hand“, der die Stadt ihr Wahrzeichen verdankt.
Kurz vor seinem Tode gedachte Großherzog Ernst Ludwig mit einem Gefühl der Wehmut des Werkes der Künstlerkolonie. „Später erst wird man unsere Zeit beurteilen können, denn nur durch die Zeit bekcmmt. man das klare Auge.“ ’
Ausblick
'Läßt sich die Künstlerkolonie neu beleben? Mit dieser Frage schloß der Vortrag. Wiewohl die Begeisterung ihrer Entstehungszeit als Vorbild dienen könne, sei doch die Lage verändert. Heute sind die sozialen Aufgaben am dringlichsten. Bei den riesigen Bedürfnissen jedoch dürfe nicht nur an den Raum für des Leibes Notdurft, sondern müsse auch für des Menschen Seele gesorgt werden. Bei aller Planung und Massenherstellung sei der Künstler nicht zu entbehren, auch wenn genormt hergestellt werden müsse. Möge es gelingen, so schloß Prinz Ludwig, junge Künstler für diese Aufgabe zu gewinnen, dann wäre die alte Künstlerkolonie zum Ruhm der Stadt und des Landes neu erstanden.
Paul DrömertIllustrationskunst des Jugendstils
Der Jugendstil gilt heute als eine Kuriosität, von der man nicht weiß, ob sie zur Kunst oder zum Kitsch gehört. Man hat unwillkürlich die Vorstellung von Tulpen, Sonnenblumen und himmelstürmenden Helden über dem Kanapee. Wenn uns dort, von lieblichen Blumenranken umkräuselt, der „Uebermensch“ begegnet, schwankt, unsere Empfindung seltsam zwischen Tandaradei und trotzigem Pathos. Daran sind vor allem die traurigen Ueberreste dieses Stils schuld: die Germania-Briefmarken im Album, der Schnörkelstuck an Decken, Fassaden und’Baikonen und die unaussprechlich süßen Schlafzimmerbildchen. Die Banalitäten haben sich wie immer mit penetranter Aufdringlichkeit vererbt, die reinen Zeugnisse des Stils aber sind vergessen oder fristen ein stilloses Dasein als „enfants terribles“ der Wissenschaft. Es ist schon kurios, daß eine Zeit, deren Kunstschaffen von abertausend Argusaugen bewacht, registriert und kritisiert wird, ausgerechnet jene Stilepoche verkennt, die entscheidend ihr Antlitz prägte. Denn in Wahrheit beginnt mit dem Jugendstil, mit der Abkehr vom Impressionismus, die eigentliche moderne Kunst. Er ist keineswegs nur eine „teutsche“ Bewegung, seine Stilgesetze wirken ebenso typisch im französischen Raum. Auch beschränkt er sich nicht allein auf das Gebiet der Malerei, es machen vielmehr alle Kunstgattungen um jene Zeit die eigentümliche Wendung ins Mythische und Mystische mit. In der Literatur äußert sich dies in den zwei scheinbar so unverträglichen Zweigen des „Sym¬ •bolismus“ und „Naturalismus“, wobei ersterer den Gehalt, letzterer den Stoff der Dinge in der neuen Manier erfaßt. In der Malerei fallen unter den eingefleischten Impressionisten und Pointillisten die Außenseiter Cezanne, Gauguin und van Gogh auf, Maler, die plötzlich die Tradition der Luftmalerei unterbrechen und denen die Linie mehr bedeutet als die getupfte Fläche.
In der Tat ist die Linie der Schlüssel zu dem radikalen Umbruch, der sich um die Jahrhundertwende zu sollenden beginnt. Die Fläche ist ihrer Natur nach Masse von Punkten, sie’ gibt die Erscheinung des Materials. So muß der Impressionismus, jene sensible Lust an der Fläche, im Pointillismus, im krassen Materialismus enden: Sinn und Ziel eines ganzen Jahrhunderts. Aber abseits vom Strom bereitet sich die „neue Linie“ vor. Irrt vagen Schein der schillernden Flächenhaut wird unnatürlich hart das Gerüst der Dinge deutlich, jetzt wächst die scharfe Kontur und nach kurzer Zeit offenbart sich nackt das innere Skelett: Wesen und Gesetz. Die Welt verliert ihre fühlbare Kompaktheit und wird zum durchsichtigen Symbol, besser: zum Modell ihrer eigenen Möglichkeiten. Davon spricht Nietzsches „Zarathustra“ ebenso vieldeutig wie Hauptmanns Märchendrama, Maeterlincks Visionen sagen es genau so inbrünstig wie Strindbergs „Traumspiel“.
Die Expressionisten machen fast alle das Anfangsstadium des neuen und deshalb trotz aller Dekadenz „jugendlichen Stils“ durch: Kafka in der „Neuen Welt“ des Romans „Amerika“, Rilke im „Cornett“, Barlach in frühen Zeichnungen, Marc in den ersten Gemälden und Klee in kühnen allegorischen Radierungen. Der Jugendstil-Maler par excellence aber ist van Gogh, bei dem die Schnörkellinie Orgien des Ausdrucks feiert und die Sonnenblume zur Gloriole neuen Menschentums wird.
An dieser zunächst ästhetisch bestimmten Stelle setzt der Jugendstil ein, angeregt durch den englischen Kunstgewerbler William Morris. Neugegründete Zeitschriften fördern die junge Bewegung: der von O. J. Bierbaum geleitete „Pan“, die berühmte „Insel“ und die von G. Hirth herausgegebene „Jugend“. Es wachsen Buchverlage aus dem fragwürdigen Blätterwald, die die Tradition der mittelalterlichen Druckkunst erneuern, und auch sie, wie zum Beispiel der Diederichs Verlag, schließen sich der jungen Bewegung an. Die Titel ihres Verlagsprogramms weisen genau dort hin, wo sich einst in wesenhaften Linien und durchsichtig reinen Farben der schauende Geist sublimiert hatte: nach dem gotischen und romanischen Mittelalter, nach Byzanz, Persien, Indien, China und der Südsee. Die Mythen dieser Landschaften werden plötzlich wieder aktuell genug, um in kostbaren Liebhaberausgaben veröffentlicht zu werden. Solchen Texten kommt der Jugendstil so gern entgegen, wie weiland der Wunschprinz dem verborgenen Dornröschen. Revolutionäre Schriftkünstler und Illustratoren nehmen sich der Stoffe an und schaffen mustergültige Bücher, organische Einheiten von Bild und Text. E. R. Weiß illustriert Rilkes „Geschichten vom lieben Gott“, Melchior Lechter den „Teppich des Lebens“ von Stefan George. Josef Sattler wendet sich der Nibelungensage zu und erreicht in der Farbgebung die Grenze, hinter der das Kinderbuch und der Kitsch beginnt. In der „Jugend“ erscheinen orientalische Reminiszenzen, F. W. Kleukens schmückt den „Reinecke Fuchs“, Salomos „Hohes Lied“ und das Buch „Esther“. Im Münchener Kalender wird die Gotik in naiven Holzschnitten lebendig, und so könnte die Reihe beliebig vermehrt werden.
Ein Blick über die Werke des neuen Geistes zeigt, wie vom Jugendstil aus die Entwicklung über den Expressionismus folgerichtig zur abstrakten Kunst verläuft. Deutschland hat zu dem letzten Stadium im Bereich der Illustration wenig beigetragen, während Frankreich durch Picasso, Braque, Bonnard, Matisse und andere erst den eigentlichen Höhepunkt erreichte. Baumeisters Illustrationen zu Shakespeares „Sturm“ und Klees kongeniale Einfälle zu Novalis’ „Jüngling von Sais“ sind deutscherseits fast die einzigen Beispiele, was seinen tieferen Grund in der Zersplitterung und Unrentabilität unserer Verlage hat. Ueberall verhängnisvolle Spaltung und Vermasstmg, die erste Blütezeit ist unwiederbringlich vorbei. Die Luxusdrucke werden immer seltener und übrig bleibt das kahle Textbuch für die Reise. Welcher Gegensatz zu Gutenbergs Zeiten: dort lebte das Bild mit dem Wort belehrend unter profansten Schichten, hier ist Illustration zum geschmäcklerischen Genuß für Bibliophile geworden, oder zum museumsreifen Objekt, das die Ausstellungen ziert. Nur in Kinderbüchern hat sich ein Hauch der jugendlichen Kunst erhalten. Vielleicht ist die Welt der Kinder der Kunst am nächsten. Günter Pfeiffer
Illusrtation zu „Rakkox, der Billionär", ein Protzenroman von Paul Scheerbart. Buchschmuck von Felix Valloton, Inselverlag. 1900
Neue Filme in Darmstadt
BELIDA: „Das Geheimnis von Malampur" Der Titel des Filmes täuscht: Er verspricht einen Kriminalreißer mit exotischem Einschlag, und in Wirklichkeit ist es einer der besten Filme, die wir in letzter Zeit zu sehen bekamen. W. Somerset Maugham hat vor Jahren die berühmte Erzählung „Der Brief“ geschrieben, voll ungeahnter Dichte der Atmosphäre, mit einem Tempo des Handlungsablaufs, wie es für Maugham typisch ist. Eine Frau erschießt in China ihren Liebhaber, während ihr Mann abwesend ist. Sie gibt die Tat als Notwehrhandiiung aus, ihre Freunde, wie ihr Rechtsbeistand zweifeln keinen Augenblick an der Wahrheit ihrer Aussagen, und der angestrengte Prozeß scheint einen klaren Ausgang zu nehmen. Da taucht in letzter Minute der chinesische Bürovorstand des Rechtsanwaltes Joyce auf und berichtet, daß ein Brief existiert, den Leslie Crosbie in der Nacht an den erschossenen Pflanzer geschrieben hat.’ Es ist ein sehr verfänglicher Brief, um so mehr, als Leslie ausgesagt hat, daß sie mit dem Toten seit Monaten keine Verbindung mehr gehabt hatte. Der Rechtsanwalt kauft im Auftrag des Mannes seiner Klientin den Brief von der eingeborenen Frau des Erschossenen zurück, und Leslie wird von den Geschworenen freigesprochen. Erst als ihr Mann umsiedeln will und zum Ankauf einer eigenen Plantage sein Guthaben von der Bank abheben will, wird ihm von seinem Freund, dem Rechtsanwalt eröffnet, daß sein Vermögen für den Freispruch seiner Frau verwendet wurde. In diesem Augenblick fordert er den Brief und er erkennt, daß sein Glauben in die Reinheit seiner Frau zerstört ist, daß das Gericht eine Schuldige von der Anklage des Mordes freigesprochen hat. Hier geht es um die Frage der Gewissensschuld, die Frage, ob es ein Mensch mit seinem Gewissen ausmachen kann, zugunsten eines Freundes, seines eigenen Mannes, das Recht zu täuschen und damit eine ethische Schuld auf sich zu laden. Der Dichter läßt die Frage der persönlichen Entscheidung offen, indessen der Film offensichtlich der Masse der amerikanischen Kinobesucher Konzessionen macht. Die Schuldige, die in der Dichtung dem eigenen Gewissen überlassen wird, kommt hier durch den gekauften Dolch der malaiischen Frau des Ermordeten ums Leben. Bette Davis spielt die Schuldige mit einer ungeheuerlichen Intensität, mit dem Zwiegesichtigen der schwankenden Frauenseele, die zwischen Notwendigkeit und Erforderlichem abwägen und die an ihrer eigenen Schwäche zugrunde gehen muß. hfl
PALAST. - „Hier irrte die Justiz.“ Was soll man zu diesem seltsamen französischen Film sagen? Es ist keine Komödie, keine Tragödie, kein Kriminalreißer und doch von allem ein bißchen. Nicht in einer amüsanten Form, eher säuerlich zynisch. Aber trotzdem ein Film! Spannend vom Anfang bis zum Ende, unwirklich, mit vertauschten Rollen manchmal, irgendwie seltsam:
Ein ehemaliger Gauner wird ans Telefon gerufen. Ein ihm völlig Unbekannter erklärt ihm, er sei unschuldig wegen Mordes zum Tod verurteilt, er bitte ihn, die Angelegenheit aufzuklären. Dann stürzt er sich aus dem Fenster. Der ehemalige Gauner-ruft seine ehemalige Bande zusammen —■ alles inzwischen auf dem Wege des Guten befindliche Herren — die nun ihr ehemaliges Wissen mit Eifer in den Dienst der guten Sache stellt. Einer bleibt dabei auf der Strecke. Aber die Spitzbuben führen die Gerechtigkeit zum Sieg.
Dieser Film reißt einfach ein Loch in den glatten Vorhang zwischen Gut und Böse. Das lieben die Franzosen: Die'reinen Linien zwischen Schwarz und Weiße zu verwischen und hohrilächelnd ihren Zickzack aufzuzeigen. Unrealistische Realistik — trotzdem noch kein Surrealismus.
Das „Palast“-Filmtheater stellt sich oft die schwierige Aufgabe, problematische Filme seinen Freunden zu bringen, Filme, über die man diskutieren kann. Man muß dem „Palast“ dafür dankbar sein.
Als Vorfilm bringt das Programm eine Kostprobe der „Leckerbissen“, die vom nächsten Dienstag big Donnerstag als Querschnitt durch die musikalischsten und attraktionsreichsten deutschen Filme der Vorkriegszeit gereicht werden sollen, agt
UNION ; „Im Tempel der Venus“. Eine Frau wartet auf ein Wunder, das nicht kommen will. Vor einem Jahr hat sie ein Erlebnis mit einem Mann gehabt, der sie aus einer verzweifelten wirtschaftlichen Situation befreite, der unter traumhaften Umständen in ihr Leben trat, und den sie genau so schnell verlassen mußte. Nun wartet sie auf das zweite Wunder: Daß er wiederkommen möchte. Sie bewundert täglich die drei frischen Rosen, die ihr von unbekannter Seite zugestellt werden, von denen sie glaubt, daß sie nur von ihm sein können, und die ihr in Wirklichkeit ein beharrlicher Verehrer übersenden läßt. Dieser seriöse Verehrer wirbt um die Hand der schönen Tänzerin Carola, aber sie weist ihn ab, sie erzählt ihm, auf was sie wartet, sie schildert den Traum thit den Augen einer Frau. Als der Direktor Richard Doysen Carola verläßt, begegnet ihm in der Hotelhalle Cornelius Riehl, das Abenteuer jenes Abends, Schiffsarzt und verführerischer Mann, den er zu einer Aussprache bittet. Cornelius schildert den Vorfall, den er schon fast vergessen hat, aus der Perspektive des Mannes, mit der Eleganz des Bonvivant und einer angenehmen Erinnerung. Die Erzählungen werden jeweils rückgeblendet, und das Ganze kommt nach einigen Zwischenfällen zu einem glücklichen Ende. Willy Birgel als Dr. Cornelius Riehl, der Mapn mit den grauen Schläfen, der es allzusehr auf seine nonchalante Art ablegt, aber mit gewinnender Lässigkeit und liebenswerter Eleganz. Die Tänzerin Carola wird von Olga Tschechowa gespielt, mit fraulicher Anmut und Verhaltenheit der Gesten, die ihre Rolle lebenswahr erscheinen lassen. Der Verehrer Doysen, von Friedrich Domin dargestellt, wirkt in der Hauptsache durch seine Anwesenheit wenig überzeugend und leer. Eine Glanzrolle bringt Hubert von Meyerinck mit, als Gastwirt Raimondo, mit dem dämonischen Ausdruck gastronomischer Habgier, voll serviler Unterwürfigkeit und großartiger Komik. Ein harmloser Unterhaltungsfilm, der nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Curt J. Braun gedreht wurde. -st
HANSA. — „Der Unsichtbare“. — Ein wirklich ungewöhnlicher Film, dessen Drehbuch nach dem Zukunftsroman „The Invisible Man“ von H. G. Wells geschrieben wurde. Der Zuschauer wird durch die von einem krankhaften Streben nach Macht — verursacht durch eine Droge — diktierten Handlungen des „Unsichtbaren“, den Claude Rain meisterhaft spielt, in Atem gehalten. Von unsichtbarer Hand geschleudert fliegen Biergläser und Fahrräder durch die Luft, Menschen werden ermordet und Züge entgleisen. Das Grauen geht um und erfaßt auch den Kollegen des Unsichtbaren, Dr. Kemp (William Harrigan), den er zu seinem Komplizen machen möchte, der ihn aber verät und dafür sein Leben lassen muß. Die Polizei unter ihrem Chefdetektiv (Dudley Digges) versucht mit allen Mitteln, den Unsichtbaren zu fassen. Es gelingt ihr aber erst, nachdem sie eine Scheune angesteckt hat und zum richtigen Zeitpunkt Schnee fällt. Flora Cranley (Gloria Stuart), die Braut des Unsichtbaren, kann dem Unglücklichen nur sein bitteres Ende in der Klinik leichter machen.
2000 Meter Spannung für ein Publikum, das einmal das Grauen in komprimiertem Zustand erlebt, das aber au ch— und oft an der falschen Stelle — über Situationen lacht, die zwar unwahrscheinlich, aber erheiternd sind. We-
THALIA. „Heimliches Rendezvous“. Dieser in München gedrehte deutsche Film mit Hertha Feiler und Rudolf Prack ist wirklich eine höchst vergnügliche Angelegenheit. Die Hauptrolle spielt der Zuzug und die Ehe eines an derselben Schule tätigen Lehrerpaares, dessen Verheiratung aber unbekannt bleiben muß — wegen dem Zuzug! Hierbei ergeben sich recht ergötzliche Situation, tragische Verwickelungen werden eben noch vermieden und die glückliche Lösung im letzten Augenblick ist ebenso überraschend wie befriedigend. Hans Nielsen als sehr diplomatischer Schulrat löst die noch vorhandenen Knoten und die Außenaufnahmen in herrlicher Gebirgswelt passen sich der fröhlichen Handlung ausgezeichnet ein. Der Film hält viel mehr, wie sein etwas nichtssagender Titel verspricht. — Im Vorfilm ein Besuch in einem Tierheim, der auch sehenswert ist. (H. W. W')
Notizen
Der österreichische Film „Der Prozeß“ ist bei den internationalen Karlsbader Fimfetsspielen plötzlich eine Stunde vor der Vorführung zurückgezogen worden. Der Film, der von dem österreichischen Regisseur G. W. Papst gedreht wurde, ist durch einen norwegischen Streifen ersetzt worden. Papst wurde kürzlich in der tschechoslowakischen Presse vorgeworfen, er habe während des Krieges nazi-freundliche Filme gedreht.
Film-Bürgschaft. Das niedersächsische Kultusministerium hat der Filmaufbau-GmbH. in Göttingen fünfhunderttausend Mark Bürgschaft für den Film „Korporal Monbour“ nach einer Novelle von Ernst Penzoldt zur Verfügung gestellt, die nur für diesen Film verwendet werden dürfen.
Wo ich geh und steh' - alles liest „DT”
... auch im „Großen Woog“ — denn wo anders könnten der Ferien machende Lehrer, die braungebrannte Woog-Sirene oder die „Heinerbuben“ besser und in Ruhe ihre Zeitung lesen, als draußen auf der „Insel“ morgens zwischen neun und zehn. Foto: Hilde Roth
Ihre Vermählung geben bekannt Willi Ihrig Ingeborg Ihrig geb. Heider Da.-Eberstadt Da.-Eberstadt W.-Leuschn.-Str. 12 Kirchstraße 19 Habe mich in Darmstadt als Homöopath niedergelassen Dr. med. Heinz Hellwig Frankfurter Straße 15 Telefon 3588 (in der Nähe d. Pallaswiesenstraße) Haltestelle’ der Linien 5, 7 und 8 Sprechstunden: werktags 9—12 Uhr, 16—18 Uhr, außer mittwochs- und samstagsnachmittags
1860—1950 9 0 Jahre Hi
URLAUB vom 24. Juli bis 4, August Dr. B. GÜNTHER Homöopath. Arzt Vertreter für dringende Fälle auf Anfrage Telefon Amt Darmstadt 424 Eisenhandlung SCHEID Kirchstraße 6 Das Haus für Baugeräte und Maurerwerkzeuge Motorräder Wochenr. ab 3,—». Näher. Martin Michalski, Hamburg 13/434 ,—
AMTLICHE BEKANNTMACHUNGEN Beschluß 3VN 7/50: Die Firma Krell, Darmstadt, Rheinstraße 23, hat heute beantragt, über ihr Vermögen das Vergleichsver¬ fahren zur Abwendung des Konkurses zu eröffnen. Zum vor¬ läufigen Verwalter wird' Rechtsanwalt Dr. Reyl, Darmstadt, Rheinstraße 14 bestellt. Gegen die Vergleichsschuldnerin wird mit Wirkung vom 19. Juli 1950, vormittags 10 Uhr, ein allgemeines Verfügungsverbot erfassen. Den Drittschuld¬ nern wird verboten, ohne Zustimmung des vorläufigen Ver- Walters an die Vergleichsschuldnerin zu leisten. Verfügungen und Leistungen mit Zustimmung des vorläufigen Verwalters sind unbeschränkt wirksam. Darmstadt, den 19. Juli 1950. ' Amtsgericht Abt. i Goüesdienstordnungi Evangelische Gottesdienste Samstag, 22. Juli 1950 ' J . Wochonschlußandachton: Vereinigte Martinsgemeinde im Martins¬ stift, Johannisgemeinde, Elisabethenstift Jeweils 20-00 yht, Pauluskirche 20.00 musik. Vesper.. \ Sonntag, 23. Juli 1950 Bessunger Kirche: 9.50 Hgd:, 12.00 Tgd., Pfr. Weiß. Stadtkircho: 10.00 Hgd., 11.15 Kgd., Pfr- Knodt. Vereinigte Martinsgemeinde: 7.00 Frühgd,, Ptr. Stühlinger, 10.00 Hgd. Pfr. Köhler, 11.15 Kdg. im MaÄiusstitt ^r. Köhler, 11.15 Kgd. im Gemeindehaus Pfr. Stühlinger. Altersheim: 10.00 Gottesdiens^t Pfr.'Stühlinger. Matthäuskircho: 9.30 Hgd. Pfr. Strebel. Johannisgemeinde: 9.30 Hgd., 11.00 Kgd. Pfr. Orth; Mitt¬ woch, 26. Juli, 20.00 Abendgd, Pfr. Jaeschke. Pauluskirche: 9.30 Hgd. Pfr. Wintermann, 11.00 Kgd. Elisabethenstift: 9.30 Hgd. m Abdm., 11.00 Kgd. Evang. Stadtmission: 8.30 Geb.-Std., 11.00 Kgd., 15.30 Evan¬ gelisation Miss.-Insp. Folchert, 20.00 Jugendbund f. EC.; Donnerstag 20.00 Bibelstunde. Darmstadt-Eberstadt: 7.30 Ev. M., 9.45 Hgd. Darmstadt-Arheilgen: 8.00 Schloßkirche Kranichstein, 10.00 Hgd., 11.15 Kgd., 15,00 Landeskirchl. Gemeinsch. u. Ev. Frauenhilfe. Katholische Gottesdienste Sonntag, 23. Juli 1950 St. Ludwig: 8.00 Singmesse mit Pred., 9.30 Hochamt mit Pred., 11.00 Sem--Schlußgottesdienst d. Stud.-Gemeinde mit Pred., 20.00 Abendandacht. Liebfrauenkirche: 7.00 Singmesse mit Pred., 8.15 Hochamt mit Pred., 10.00 Kindergottesdienst mit Ansprache, 18.30 Andacht. St. Elisabeth: 6.30 Frühmesse, 7.45 Singmesse, 9.00 Kindergd., 10.15 Hochamt, 20.00 Andacht; während der Woche tägl. eine hl. Messe um 7.15; Beichtgelegenheit: Samstag von 16.30 bis 18.30 und 20.00. St. Fidelis: 6.00 Frühmesse b. d. Schwestern, Feldbergstraße 32, 6.45 Beichte, 7.30 Singmesse mit Pred. u. Frauenkomm., 8.45 Kindermesse mit Pred. u. Komm., 10.00 Hochamt mit Pred. u. Komm., 19.30 Andacht mit Singen; Samstag: 17.00—19.00 u. ab 20.00 Beichte, werktags Beichte vor jeder hl. Messe. Darmstadt-Eberstadt: 7.00 Gemeinschaftsmesse der Frauen mit Ansprache, 9.30 Hochamt mit Pred., 19.30 Frauen-Friedens¬ andacht mit Segen; Mittwoch, 26. 7., 19.30 Amt zu Ehren der hl. Mutter Anna. Erste Kirche Christi, Wissenschafter Sonntag 10.00, Dienstag 7.00, Mittwoch und Samstag 8.00 Uhr Menschenweihehandlung. (First Church of Christ, Scientist), Taunusstraße 40: Sonntags¬ gottesdienst 14.30 Uhr; Mittwochabend 18.30 Uhr Zeugnis¬ versammlung. , Beurkundete SterbefäHe in der Woche vom 10. bis 15. Juli 1950 Darmstadt: Baumann, Karoline geb. Katzenmeier, Rhönring 58, geb. 11. 12. 66. gest. 8. 7. 50. — Bayer, Johann Heinrich, Malermeister, Taunusring 47, geb. 11. 7. 66, gest. 9. 7. 50 — Feiertag, Erich, Kaufmann, Angestellter, Pallaswiesenstraße 2, geb. 23. 5. 10, gest. 14. 7. 50. — Fix, Jakob, Kraftfahrer, Heidelberger Straße 68, geb. 17. 3. 98, gest. 14. 7. 50. —■ Goebel, Emma geb. Schnell, Baderweg 4. geb. 26. 1. 90, gest. 10. 7. 50. — Rettig, Heinrich Johannes Helmut, Maschinenbau¬ schlosser, Bessunger Straße 100, geb. 30. 4. 30, gest. 12. 7. 50. — Laut, Heinrich, Schmiedemeister, Arheilger Straße 35, geb. 18. 7. 68, gest. 13. 7. 50. — Möckel, Agnes Minna Alwine geb. Möckel, Schuknechtstraße 58, geb. 4. 6. 93, gest. 13. 7. 50. —- Ohler, Elisabeth geb. Spieß, Alicestraße 2, geb. 23. 6. 90, gest. 8. 7. 50. — Schlandner, Barbara, geb. Karn, Unter den Golläckern 13, geb. 30. 7. 87, gest. 13. 7. 50. — Volz, Georg, Rentner, Emilstraße 1, geb. 1. 3. 1872, gest. 8. 7. 50. — Georg, Rentner, Emilstraße 1, geb. 1. 3. 72, gest. 8. 7. 50. — Wagner. Ludwika geb. Hirschmüller, Kiesstraße 105, geboren 29. 7. 15, gest. 11. 7. 50. — Weißmantel, Karoline geb. Holler, Tannenstraße 13, geb. 22. 1. 66, gest. 8. 7. 50. Darmstadt-Eberstadt: Schmeel, Johanna geb. Weichbrodt, Wilhelm-Leuschner-Straße 74, geb. 11. 6. 75.. gest. 8. 7. 50. Ober-Ramstadt: Büchner, Johannes, Dreher,' Adlergasse 18, geb. 16. 2. 06, gest. 10. 7. 50. Pfungstadt: Dengler, Eduard, Rheinstraße 32, geb. 24. 1. 76, gest. 30. 6. 50. Groß-Umstadt: Fleischmann, Andreas, Schäfer, Reibacher Str. 18, geb. 11. 10. 03, gest. 9. 7. 50. Stockstadt: Unger, Dorothea, geb. Dillmann, Wilhelmstraße 14, geb. 21. 7. 99., gest. 11. 7. 50. Schaafheim: Büchler, Adam Ludwig, Dr. med. Schlierbacher Weg 1, geb. 14. 1. 08, gest. 11. 7. 50. Schwanheim: Eisen, Eduard, Landwirt, Hauptstraße 23 geb. 13. 3. 83, gest. 11. 7. 50. Traisa, Leißler 11, Friedrich, Schuhmacher, Röderstraße 2, geb. 11. 9. 83, gest. 13. 7. 50. Ansbach (Bayern): Haberländer, Georg, Bachmannstraße 18, geb. 6. 3. 48, gest. 8. 7. 50.
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Fau Mara Arndt
Eine Ostpreußin sucht vermißte Menschen
Inmitten der ländlichen Weite des südlichen Niedersachsens, abgelegen von der Haupt* bahnstrecke Hannover — Göttingen und den großen Fernstraßen, liegt ein einsames Forst* haus am Rande des Duinger Berges, zu dem kleinen Dorf Rott gehörend. In einem Dach* bodenzimmer, dessen Ausstattung gewiß nicht reicher ist als die Unterkünfte von Millionen von Flüchtlingen, wohnt eine Frau, die ihr Leben einer besonderen Art der Nächstenliebe und Menschlichkeit gewidmet hat. Sie heißt Mara Arndt und war vor dem Kriege Inhaberin einer Buchhandlung in Königsberg.
Das traurige Ende des Krieges erlebte Mara Arndt in allen seinen tragischen Phasen. Es war ihr noch möglich, einigen Besitz aus ihrem Königsberger Eigentum zu retten. Auf der Flucht aus dem Osten war sie Flüchtlings* Betreuerin in Masuren, Pillau und Gotenhafen, von wo sie nach Kopenhagen kam und in Dänemark interniert wurde. Schon in dieser Internierungshaft war sie Flüchtlingslager* leiterin und das Vorbild unerschütterlicher Hilfsbereitschaft. Die Mitinternierten ver* trauten ihr alle Sorgen an. Alle, die ihre An* gehörigen vermißten, fanden in Mara Arndt eine unermüdliche Helferin. Immer wieder wußte sie Wege, selbst in den damaligen chaotischen Tagen, Nachforschungen zu be* treiben und bereits zerbrochene Hoffnungen zu beleben. Sie erwarb die Achtung und Unterstützung der dänischen und britischen Stellen, Nach Deutschland verlegt, wurde sie sofort in die Flüchtlingsbetreuung eingeschal* tet. Helfen, immer wieder helfen war ihre Devise. Wenn sie das Angebot eines west* deutschen Bürgermeisters, einen bezahlten Posten in der Gemeindeverwaltung zu über* nehmen, ausschlug, so aus dem Grunde, weil sie ihre Hilfe nur auf der Basis persönlicher Uneigennützigkeit, der individuellen Einzel* Betreuung, durchführen wollte. Ihr schwebte vor, denen zu helfen, die im Osten oder sonst* wo in der Welt fern von der Heimat und ihren Lieben schmachteten.
Mara Arndt versucht den Menschen zu helfen, die ihre Angehörigen vermissen, seien es Kriegsgefangene. oder zu Zwangsarbeit Verurteilte in Rußland, in den schweren Tagen des Zusammenbruchs aus Ostdeutschland ver* schleppte Zivilisten, Frauen und Kinder oder Menschen, die neuerdings in den KZ's der Ostzone verschwanden. Mara Arndt spinnt ihre Fäden und eines Tages, nicht immer in allen Fällen, aber doch meistens, steht der Erfolg an ihrer Seite. Wie ein Sonnenstrahl wirken jene Briefe, wo plötzlich, nach jahre* langem Schweigen, ein schon Totgeglaubter oder für sein Leben Verbannter wieder Nach* richt gibt, wie ein unfaßbares Geschenk des Himmels jene Fälle, in denen bereits verloren geglaubte Menschen plötzlich vor der heimat* liehen Haustür stehen. Es sind nicht zehn oder zwanzig, es sind Hunderte, ja Tausende, denen sie wieder Lebensfreude gab. Es würde gewiß einen Tag in Anspruch nehmen, alle Dankesbriefe zu lesen, die sich inzwischen zusammengefunden haben, unbestechliche Do* kumente tätiger Menschlichkeit und Herzens* große. Nicht nur deutsche Namen finden wir darunter, auch Angehörige anderer euro* päischer Staaten, Dänen, Oesterreicher und Rumänen haben sich an Frau Arndt gewandt, denn irgendwie ist ihr Name und ihr Segens* reiches Werk schon über die Grenzen ge* drungen.
Jeder fragt: wie macht das Frau Mara? Wie gelingt es ihr, bis in die Straflager in der russisch*sibirischen Weite und Abgeschlossen* heit, durch die Mauern tschechischer, pol* nischer, russischer und anderer Völker Ge* fängnisse vorzudringen, um den einen Men* sehen zu finden, den man daheim auf die Liste der Verlorenen gesetzt hat? Die Korre* spondenz, die Mara Arndt mit ausländischen Stellen, mit einem Internationalen Komitee, mit dem Russischen Roten Kreuz, mit maß* geblichen Stellen in Wien, Budapest, Belgrad, Stockholm, ja selbst im fernen Indochina führt, die sämtlich auf einer rein persönlichen Grundlage beruhen, alle diese Korresponden* zen geben den Beweis, daß die Kraft der individuellen Menschlichkeit, der Appell an die Herzen, das einfache, schlichte Wort einer Frau mit Verstand und Gemüt auch solche Tore öffnen kann, die man schon verschlossen glaubte. Es ist sicherlich die auf feiner Menschenkenntnis beruhende V eranlagung der Frau Arndt, ihre Kenntnis der Seele des russischen Menschen, ihre Art, die Not des fremden Menschen zur eigenen Not zu machen und diese Not in Worte zu kleiden, die ihr hilft.
Wir verabschieden uns von Mara Arndt in dem kleinen Dachstübchen des Forsthauses, in dessen Wänden, unbekannt für die große Welt, eine einsame Frau den Sinn der Mensch* lichkeit so wunderbar Ausdruck und Erfüllung gibt. Mara Arndt ist nur eine schwache Frau. Sie kann nicht Hunderttausenden oder Mil* Honen helfen. Aber es kommt ja nicht auf Zahlen an. Die große, uneigennützige Herzens* güte und Nächstenliebe sind es, die ihrem Werk den höchsten Adel verleihen, den man sich auf Erden erwerben kann.
Der Brief
Was ist das für ein Brief, den das junge, nette Mädchen in der Hand hat? Ein Schreiben einer Freundin, die ihre Verlobung mitteilt, die Zeilen eines Mannes, der nachdenkliche Dinge zu Papier gebracht hat? Mag es sein wie es wolle: es ist ein Brief, und er gibt diesem reizenden Kinde in seiner hübschen einfachen Sommerkleidung einige Minuten der Besinnung. Diese Besinnung a: f etwas Wesent* liches, Menschliches möchte man gerade in unseren zerwühlten Zeiten jedem und jeder wünschen. Gute Briefe, die man empfängt, ge* höre- ' den trostreichsten Dingen dieser Welt. Sie üben dazu noch den geheimen Zwang aus, nun auch selber Antworte' u schreiben, die beweisen, man kümmert sich nicht nur um Kleider* und andere Sorgen des täglichen Lebens, nicht nur um den Kleinkram, so reiz* voll er manchmal sein mag, sondern um den Menschen selbst, mit dem man in Verbindung steht oder in nähere V erbindung treten möchte. Kaum irgendetwas mag so viel Wärme ausströmen, beruhigende Wärme wie ein guter Brief. Es ist jetzt die Zeit der Ferien. Sie ist besonders dazu geeignet, um schöne Briefe zu schreiben und im Widerhall ebenso schöne Briefe zu erhalten. Wie man sie in aller Stille lesen kann, draußen in der freien Natur, davon berichtet das Bild, das der Photographin Sonja Georgi wieder einmal gut ge* lungen ist. Eigentlich hatte sie ein Kattunkleidchen -it Volant photographieren wollen und dann ist es halt mehr geworden. mg.
Spanische Ehen sind glüdklich
VON PAUL FIDRMUCCpanien ist das Land der Romantik, heißt es, angefüllt mit Nachtigallen, die in den Wundergärten Granadas Don Juans, Carmens und Serenadensänger vereinen.
Spanien kennt aber keine Ehescheidung, die romantisch zueinandergefundene Juans und Carmens wieder auseinanderbringen könnte, es gesteht der Ehefrau geringere Rechte zu als jeder andere europäische Staat (Wahlrecht z. B. üben nur Familienväter aus, die Frau erbt nichts, alles die Kinder usw.).
Spanien aber kennt nur wenig unglückliche Ehen. Nur sehr wenige Männer und Frauen tragen ein Verlangen danach, wieder aus* einanderzugehen, Ehetragödien gehören zu den großen Seltenheiten. Die Ursache liegt zum großen Teil in der völlig unromantischen, manchmal fast erschreckenden Nüchternheit, mit der ein junges Mädchen seine Zukunft ansieht. Romantik ist etwas für Bücher, meint die junge Carmen, oder fürs Kino, aber nichts fürs Leben. Liebe, sagt sie, ist gewiß ganz schön, aber eine solide Grundlage der Ehe weit besser. Spricht man mit einer der jungen, eben aus der Obhut der Klosterschule des Sagrado Corazon (Sacre Coeur) entlasse* nen jungen Dame der Gesellschaft, die ihr „puesto de largo" (erstes langes Abendkleid) mit Zeitungsberichten und Bällen feiert, so wird man sehr schnell ernüchtert. Die hübsche junge Senorita, die weiß, was ihr steht und wie sie Männer bezaubern kann, will sich zwei oder drei Jahre amüsieren und dann
heiraten, aber so heiraten, wie ihre Eltern es für sie arrangieren, oder andere Interessen es für gut finden. Aus Liebe? Gewiß auch, aber nur wenn alles andere zusammenpaßt.
In der Ehe selbst ist dem männlichen Partner „nichts Menschliches fremd". Er bleibt seiner Fr,au treu, oder auch nicht. Tut er es nicht, so verlangt die gute Sitte von ihm, daß er dies nicht öffentlich zeigt. Die Frau weiß, daß solche Seitensprünge nichts bedeuten, daß kaum einer von tausend wirklich eine Ge* fährdung der Familie heraufbeschwören wird. Die Familie geht vor. Mag der Mann auch ab* irren, seine Frau und seine Kinder kommen an erster Stelle. Es ist undenkbar, daß er seine Geliebte materiell besser stellt als die eigene Frau, mag der Mann auch der anderen noch so hörig sein. Er wird seine Frau auch niemals schlecht behandeln und die Kinder, je mehr desto besser, bleiben das Idol, um das sich alles dreht.
Zur Familie gehört selbstverständlich die ganze nahe Verwandtschaft, Schwiegermütter, Vettern und Onkels. Auch diese genießen Vorrang vor jedem außerehelichen Verhältnis. Die Beziehungen zur Schwiegermutter sind fast immer gut, denn sie ist es, die sich um die Kinder kümmert, wenn die Frau etwas besorgt, wieder ein Baby erwartet oder krank wird. Die spanische Frau wird unter der Un* treue ihres Mannes leiden, wie jede andere, doch sie zeigt es fast nie, sie macht keine Szenen, sie bleibt der Mittelpunkt des Heims, sie läuft nicht mit Kind und Kegel davon — sie bleibt und regiert. Der Mann kommt eines Tages reumütig zurück, und alles ist vergeben. „Crimes passionaux" fehlen in Ehen fast gänzlich. Die spanische Frau empfindet die Unmöglichkeit einer Scheidung nicht als Be* drückung, sondern als Wohltat, und sie ist es, die am stärksten dafür eintritt, daß alles beim alten bleibt. Sie ist absolut dafür, daß die Frau ins Haus gehöre und nicht in Männer geschäften dreinzureden habe. Als eine Barceloner Zeitung eine Umfrage hielt, ob Frauen auch wählen sollten, antworteten 83 Prozent der Leserinnen mit „Nein", elf Prozent unbestimmt und nur sechs Prozent mit „Ja".
Das spanische Mädchen geht völlig illusions* los in die Ehe. Es weiß genau, was das Zu* sammenleben mit einem Mann bedeutet, es weiß genau, was auf sie wartet, und sie kann durch nichts enttäuscht werden, außer durch ausbleibenden Kindersegen. Deswegen gibt es keine zusammenfallenden Luftschlösser, und die meisten spanischen Ehen sind glück* lieh, iveil die Frau die Herrscherin im Hause ist und selten einen anderen Wünsch hat, als dies zu werden und zu bleiben.
Sie liest Zeitungen, Bücher, geht ins Kino und Theater, verschlingt eine Unmenge von illustrierten Blättern, beobachtet Ausländer, aber sie beneidet die andere Welt nicht. Immer wieder kann man sie sagen hören: „Sehr schön — aber nicht bessert"
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Lektion über den Wein
Als Gott der Herr den Wein erschuf, Entstanden manche Arten, Und jeder Wein hat seinen Ruf, Vom süßen bis zum harten.
„Da werde einer d'raus schlau!", seufzte die junge Frau, während sie die Weinkarte studierte. — Sie war charmant und fast 30 Jahre alt. „Traminer, Sylvaner, Riesling, Ruländer — was ist denn da der Unterschied?“ Ich war leicht erstaunt, aber die Erklärung war leicht. 13 Jahre Einschränkung der Vor* kriegs*, Kriegs* und Nachkriegszeit — was Lieschen nicht kannte, muß Lisa heute stü* dieren. Jeder Mensch hat ein hobby. Weil ich nicht Professor werden konnte, ergreife ich jede Gelegenheit zu dozieren am Schlafittchen — und der Zufall wehte mir wieder ein höchst verspeisenswertes Opfer über den Weg. Vor* sichtige Einleitung. „Wenn ich's Ihnen er* klären darf? Aber es dauert eine halbe Stunde." Mein Opfer war durstig und daher willig. Bei einem „Hattenheimer Nußbrunnen" begann die Lektion. Da ich ein mißglückter Pädagoge von hartnäckigem Schlage bin, ver* traute ich nicht auf meine oratorische Leistung. „Haben Sie das verstanden, was ich Ihnen eben erzählt habe? Ja! Dann wieder* holen Sie bitte!" Siehe da, mein Opfer sprudelte los — wie ein „Hattenheimer Brunnen".
„Wenn ich Sie recht verstanden habe, ist die Sache so!" (Sache, sagte sie ganz sachlich.) „Diese Bezeichnungen gelten nicht dem Wein, sondern der Traubensorte. Es gibt weiße und rote Trauben. Unter den Weißweintrauben wird am meisten der Riesling angebaut. Er reift spät und braucht viel Sonne, besonders in den Tagen vor der Lese. Vollreif und über* reif ergeben seine kleinen aber dichten Beeren Most und Wein von der einzigartigen Blume, die das Charakteristische des Rhein* und Moselweins ist: In Rekordjahren, wie 1921, sind die Beerenauslesen süß, aber das ist nicht die Regel. Belebend, erfrischend, bekömmlich — das ist der Riesling. Im Schieferboden gedeiht er am besten. In der Pfalz, in Rhein* hessen und in Franken dominiert der Syl* vaner. Er reift etwas früher als der Riesling und ist in der Blütezeit weniger empfindlich, dafür aber ertragreicher und im Ausfall gleichmäßiger. Die Sylvaner*Weine sind saftiger und weicher, haben aber weniger Bouquet. Im Elsaß, der Pfalz und in Franken wird der Traminer gepflanzt. Diese Weine sind wahre Gewürzweine mit einem be* sonders starken Bouquet. Es sind Weine, die ihre speziellen Liebhaber immer finden. In Baden wird daneben noch der Ruländer an* gebaut. Man nennt ihn auch grauen Bur* gunder oder Tokayer. Es sind Weine von reifer Fülle mit südlichem Charakter und Feuer. Am Kaiserstuhl wächst der Gutedel. Badische Weine an Ort und Stelle getrunken — selbst Großväter schwärmen von diesen Er* innerungen an ihre Studentenzeit.
Diese Traubensorten bestimmen die Art eines Weines im allgemeinen, dazu kommt dann noch Lage und Jahrgang im einzelnen. Jetzt ist mir klar, was man so gelegentlich in der Zeitung liest, wenn da über Wem* Versteigerungen berichtet wird.
Riesling rassig, blumig, kernig. Sylvaner weich, mild, saftig. Traminer würzig, blumig. Burgunder feurig, lieblich."
„Stop!" Warf ich ein und sagte Prost zu meiner Zufallsschülerin. „Nur so weiter!"
„Beim Rotwein ist die Sache einfacher — es gibt nur wenig Rotwein (Ingelheim, Aßmannshausen, Ahrweiler) und wenig Traubensorten werden angebaut. Blauer Burgunder, das ist die Sorte, die jeder Rot* weintrinker kennt und liebt. Sie hat einen Fehler, wenn das überhaupt ein Fehler ist, sie bringt mehr Qualität als Quantität. Daher pflanzen viele Winzer den blauen Portugieser, der reichlicher trägt, aber nicht die Qualität bringt, die den vollblütigen Burgunder aus* zeichnet. In Schwaben gibt es noch den Trollinger, auf den ein echter Schwabe schwört — aber auf dieser langatmigen Wein* karte ist Trollinger gar nicht aufgeführt. Zum Traubenessen, haben Sie gesagt, sollen Gut* edel die besten sein. Aber jetzt will ich Ihnen mal was sagen — und das aus eigener erster Erfahrung. Mir schmecken die Datteltrauben vom Mittelmeer viel besser. Doch jeder nach seinem Geschmack!"
„Mir schmeckt die dänische Butter auch besser!", warf ich ein.
„Sehen Sie, das ist es, wo mir als Hausfrau der Hut hoch geht! Ich habe mich so geärgert über diese Drahtzieher, die eine Fettsteuer fordern, damit ich weiter keine Butter und noch weniger Margarine esse. Wenn die „Be* treuer" der Winzer auch auf solch verrückte Ideen gebracht werden — ich halte das für möglich — dann wäre Ihre ganze Lektion umsonst. Ich trinke dann weder Wein noch Bier, sondern Coca*Cola!"
„Na, ich muß schon sagen, Sie haben meine Lektion in einer halben Stunde sehr gründlich gelernt. Das ist mehr wert als Honorar!“
„Honorar?", lächelte die in 13 Jahren der Entbehrung Erprobte „Trinken wir noch ein Glas Gewürztraminer zum Abgewöhnen.
Prost!"
LILO AUREDEN.
Hut oder Kopifhededckung!
KLEINES BREVIER EUER DIE ELEGANTE DAME
/T"\ie meisten glauben, sie wüßten, was ein Hut ist und was er für den Gesamtem* druck sowohl, als auch für alle möglichen an* deren Dinge bedeutet — aber sie haben in Wirklichkeit keine Ahnung davon und auch — „Hand auf Herz, Madame" — noch nie dar* über nachgedacht. Und doch gehört der Hut zu den kokettesten und vielseitigsten Kleidungs* stücken und Requisiten der Toilette, obgleich es auf den ersten Blick so aussieht, als sei er einzig und allein eine Kopfbedeckung. Und da sind wir schon in medias res. Das ist eben der Unterschied: Hut — oder: Kopfbedeckung. Im Altertum kannte man das, was wir heute mit „Hut" bezeichnen, nicht. Erst das Mittel* alter begann, reizvolle Dinge für den Kopf der Trau zu ersinnen. Die Renaissance war un* erschöpflich in der diesbezüglichen Fantasie, und das Rokoko schuf vollends letzte Caprizen, die die Dame irgendwie auf der Lockenpracht ihrer Perücken befestigte. Es ist dabei inter* essant und bezeichnend, daß die Renaissance* mode von Italien, die des Rokoko von Paris bestimmt wurde. Die Bildhauer haben stets den hutlosen Erauenkopf, der die Form des* selben frei gibt, modelliert, während sehr große Maler den Reiz des Hutes erkannten. An erster Stelle: Rembrandt, die Engländer, wie Gainsborough und seine Epoche; und für das Rokoko selbstverständlich die berühmten französischen Meister.
Zwischen Hut und Kopfbedeckung existieren zwei grundverschiedene Unterschiede. Kopf* Bedeckungen im ästhetischen Sinn, wie die Tücher, die die antiken Damen so wundervoll zu drapieren verstanden, die Kronkappen und Diademe der ägyptischen und normannischen Fürstinnen z. B. oder jener mehr spöttischen Bezeichnung, mit der man heute furchtbare Gebilde aus der Gattung Hut mit Kopf* Bedeckung Bezeichnet. D a ist nun wirklich ein fundamentaler Unterschied. Ein Hut — es wird wohl vom Wort „behüten" im Deutschen kommen, während der englische „Hat", gleich* bedeutend mit „Kopf", noch weiter geht und den Hut direkt als einen Bestandteil des Kopfes bezeichnet — ist etwas, das dem Gesicht der Frau einen wunderbaren Rahmen geben kann. Etwas, das geheimnisvolle Lichter und Schatten werfen kann. Etwas, das das Gesicht einrahmt mit einer Behutsamkeit und Zärtlichkeit, wie die Liebe selber; und etwas, das kapriziös und kokett letzten Chic und das berühmte Tipfelchen auf dem „i" der Kleidung bedeuten kann. Dagegen ist die Moderne Sache, die mit Kopfbedeckung zu be* zeichnen wäre, ein Unglück. Kopfbedeckungen sind entweder geschlechtlose Gebilde, die weder verschönern, noch entstellen. Dann sind sie am harmlosesten, aber auch gänzlich sinnlos. Oder: Schlimmer sind schon jene, die in die Kategorie der umgestülpten Töpfe fallen: der Herzog von Windsor veröffentlicht zur Zeit seine „Memoiren" in einer Schweizer „Illustrierten", und die bezaubernden Schönen seiner Jugendzeit umgeben ihn, bewaffnet und überstülpt von jenen grauslichen Topfhüten, die aus der schönsten Frau eine Karikatur machen. Einige unserer nicht mehr ganz jungen Damen erinnern sich noch an jenes Modeunglück. Dann gibt es Kopfbedeckungen, die der Trägerin wie ein Druck auf dem Haupt lasten und ihre ganze Figur nach unten drücken; andere Sachen, die nicht „sitzen" und die unglückliche Besitzerin dazu zwingen, Kopf und Nacken steif zu halten, damit das Greuel ihr nicht herunterfällt oder ungewollt schief sitzt. Denn: gewollt schief — das kann entzückend sein. Und ganz grade darf über* haupt nur eine bestimmte Art sportlicher Hüte von einer bestimmten Art sportlicher Typen getragen werden.
Der klassisch schönste Hut ist und bleibt der sogenannte Bildhut. Das große Modell mit dem mehr oder minder geschwungenen Rand, der die zauberhaften Lichter und Schatten wirft. Der so geheimnisvoll einem Gesicht Reize verleiht, die man ohne den Hut gar nicht entdecken würde. Die der Frau die Möglichkeiten zu den wunderbarsten Kokette* rien gibt. Koketterien, die die Frauen im Drange des Allzugeschäftigen des Heute leider vergaßen. Sehr zu ihrem Nachteil. Und manche Frauen sind sogar unklug genug, dieses weib* Uche Attribut jeder schönen Frau zu verachten und „unmodern" zu finden. Ohne zu bedenken, daß es im Spiel der Liebe weder etwas „Mo* dernes", noch etwas „Unmodernes" gibt, sondern daß die Frau das Ausschlaggebende dabei ist. Kleopatra war ganz gewiß eine der stärkstgeistigen Frauen aller Zeiten, eine Frau, die so über allen Zeitbegriffen, wie modern oder unmodern, stand, wie keine zweite, und sie war unbestritten eine der größten Mei* sterinnen der weiblichen Verführungskünste und Koketterien. Kokett ist nicht etwas rein Oberflächliches, es ist, im richtigen Sinn, etwas eminent Zartes, Geistreiches, Graziöses — und hat mit den plumpen Anstrengungen, die oft fälschlich mit kokett bezeichnet werden, über* haupt nichts zu tun.
Zu den koketten Hütchen gehören jene, die der Geist des Rokoko frivol und leichtsinnig und, oh, so reizend erfand. Es sind jene, die dem kapriziösen Frauentyp die besondere Note verleihen. Jenen Kleinen, Zierlichen, die unter einem großen Bildhut ertrinken würden und denen die kleinen phantastischen Gebilde die eine phantasievolle, geschickte Hand zu zaubern versteht, jenes Etwas gibt, das sie ohne Hut nie erreichen können.
Der Hut hat auch noch eine Eigenschaft, die keine Frau übersehen sollte. Er ist in erster Linie für „draußen" und nur in Ausnahme* fällen für „drinnen” geeignet. Das sind Dinge, die jede Frau erfühlen muß, und die man nicht in eine Regel pressen kann: wann, wie, wo.
Der Hut gibt der Frau so tausend Möglich* keiten, daß es fast unbegreiflich ist, wie wenig die Schauspielerin von heute diese nützt. Das kommt natürlich zum sehr großen Teil davon, daß die Regisseure Männer sind und in den seltensten Fällen die weise Einsicht haben, eine Regieassistentin mit künstle* rischem Geschmack und Instinkt sich zur Seite zu stellen. Was kann eine Schauspielerin nicht alles in die wenigen Bewegungen legen — um nur ein Beispiel zu nennen — mit dem sie einen Hut ablegt...: der Uebergang vom Fremden zum Intimen, ja, das Geständnis und das Einverständnis der Liebe, des Gewährens kann darin liegen... nun, ich will keine Schauspiel*Regieanweisung hier geben ... ich will nur die Unendlichkeit der Möglichkeiten, die ein Hut einer Schauspielerin — und über* haupt jeder Frau — geben kann, leise an* deuten ... Eine der wenigen großen Film* schauspich. nnen des Heute weiß das bis zur Vollkommenheit: Grear Garson. Aber sie ist eine Ausnahme, oder sie hat einen besonders geschickten Regisseur mit dem Fingerspitzengefühl für solche kleine Nuancen, die im Geheimnis eines Hutes — oder Nicht=Hutes — liegen.
Heber den Hut wäre noch vieles zu sagen, auch, daß er ein braver Kerl ist, der im Sommer gegen die Hitze und im Winter gegen die Kälte schützt: welcher Bekleidungsgegenstand könnte noch eine derartige kontrastreiche Vielseitigkeit für sich in Anspruch nehmen? Aber dies soll nur ein kleines Brevier sein, eine Anregung, etwas zum Nachdenken und etwas für die lässigen Stunden sommerlicher Modeträumereien einer schönen Frau.
Nur noch e i n Geheimnis sei zum Schluß verraten: die Farbe des Hutes sollte immer zur Farbe der Augen stimmen, daß sie harmoniert und sie zugleich hebt und vertieft. Manchmal genügt sogar eine geschickt angebrachte Blume, eine Feder, eine Schleife, ein Stückchen Tüll: ein Nichts, ein Etwas, um diesen Zauber zu bewirken.
Aber eines muß keiner Frau zu viel Arbeit sein: den Hut sorgfältig aufzusetzen. Hnd das ist eine Kunst, die gelernt sein will.
J. D. de la Pensie.
Große Wäsche
VON C. G. ALEXANDER/g/1 ach einer Erhebung des Gallup-Instituts / L leiden blonde Ehefrauen zu 100 Prozent, schwarze Frauen (das „schwarz" bezieht sich wahrscheinlich nicht nur auf die Haar*, sondern auch auf die Hautfarbe) zu 100 Prozent und rothaarige, kastanienbraune und eisgraue Ehefrauen ebenfalls zu rund 100 Prozent an Wäscheritis. Ich kann es bestätigen. Meine Frau hat bis auf eisgrau bereits alle Farbschattierungen durchlaufen und leidet an der Waschkrankheit in ihrer gefährlichsten, schleichenden Form. Ich leide mit.
Es fängt gewöhnlich mit einer leichten Unruhe in den hinteren Räumlichkeiten der Wohnung an, die sich wellenförmig auf die übrigen Gemächer ausbreitet, bis der Tag der Terminfestsetzung für die große Wäsche naht. Dieser Termin wird mehrfach verschoben, weil a) Tante Lenchen ihren Kaffeebesuch angekündigt hat, b) der Trockenboden besetzt ist, c) Trau Trautmann, die Waschfrau, verhindert ist. Aber der Termin kommt.
Was soll ich viel erzählen — die Nacht vor einer großen Wäsche gleicht ungefähr einer Bombennacht unseligen Angedenkens. Zwischen zwölf und vier erhebt sich meine Frau in verschiedenen Zeitabständen geräuschvoll und begibt sich mit einem Lichtstummel bewaffnet in die Waschküche, um den Kessel anzuheizen, nachzulegen oder nach dem Feuer zu sehen. Gerade wenn man selbst endlich eingeschlafen ist, so um sieben Uhr morgens, schrillt dann die Türglocke und Frau Trautmann hält ihren Einzug. Frau Trautmann könnte eine vorzügliche Waschfrau sein, wenn sie nicht die Gicht hätte. Sie hat aber nicht nur die Gicht, sondern auch Ansprüche zu stellen. Am Waschtag bekomme ich daher erfahrungsgemäß kein Frühstück, weil meine Frau a) für Frau Trautmann zu sorgen, b) sowieso keine Zeit hat. Das kommt Konditormeister Müller an der Ecke, nicht aber meinem Geldbeutel und meiner schlanken Linie zugute.
Mittags gibt es regelmäßig Kartoffelsuppe, „weil das am schnellsten geht". Wenn Kartoffelsuppe in den anderen Haushalten, für die Frau Trautmann wäscht, auch am schnellsten geht, dann ißt sie zweifellos sechsmal in der Woche Kartoffelsuppe. Mir soll's recht sein. Ich esse Kartoffelsuppe mit Würstchen ganz gern, und am Waschtag gibt es bei uns entgegen der sonstigen Hebung immer Würstchen zur Kartoffelsuppe, „weil man Frau Trautmann bei ihrer schweren Arbeit schließlich etwas bieten muß". Die Dämpfe der Kartoffelsuppe vermischen sich alsbald lieblich mit den Dämpfen, die Frau Trautmann und meine Frau aus der Waschküche importieren.
Bei Tisch wird prinzipiell nur über die Gicht die Unfähigkeit der Aerzte und geeignete Hausmittel gegen Gicht, die aber auch nicht helfen, gesprochen.
Den Nachmittag verbringt man als männliches Wesen vorzugsweise außer Haus, da man „doch nur im Wege herumsteht". Sie ^erden mit Recht fragen, wie man in der Wohnung im Wege sein kann, da sich die große Wäsche ja den allgemein gültigen Spielregeln zufolge in der Waschküche und auf de 7 T^enboden abspielen soll. Es erweist sich jedoch, daß der Trockenboden — ich muß
ihn demnächst einmal besichtigen — ein lächerlich unzureichendes Bödenchen sein muß, denn unversehens sind Küche und Badezimmer in ein wirres Netz von Wäscheleinen eingesponnen, und selbst vom Ofen des Wohnzimmers grüßt ein trauriges Stilleben von Unterhosen, Taschentüchern und Nylonstrümpfen auf den ungebetenen Beschauer herab.
Allerdings hat man als Ehemann darauf zu achten, daß man rechtzeitig wieder zu Hause ist, um die Waschfrau zu entlohnen und ihr dankbar gerührt die Hand zu drükken: „Wie Sie das in Ihrem Alter noch schaffen, Frau Trautmann —!" Wenn gewaschene Wäsche nicht auch noch geplättet werden müßte, könnte mit diesem erhebenden Augenblick eigentlich das normale Leben wieder einsetzen — bis zum nächsten Mal. Uebrigens, Sie sollten diese Betrachtung eigentlich schon gestern in der Zeitung lesen, aber ich konnte sie nicht zur Redaktion bringen, ich hatte kein Hemd anzuziehen. Wir hatten gerade große Wäsche.
Zeichnungen: Alfred Krahe
Strohwitwers Leidenszeit
Seht, sein Schnupftuch flattert ganz ergriffen, hinterm Zuge winkt er lächelnd her — mit elegischen und leisen Pfiffen dreht er sich dann auf dem Absatz schwer!
Ach, was fängt er an mit einem Abend, den die Frau ihm zärtlich nicht versüßt? Und er wandert, nichts gegessend habend, an den Stammtisch, der ihn freundlich grüßt
Hier im Kreise froher Zechgesellen tötet er in edlem Naß den Gram, daß das Meer mit seinen blauen Wellen ihm die Gattin von der Seite nahm!
Früh am Morgen, nach verkürzter Ruhe, macht er sich sein Frühstück selbst zurecht, und dann steigt er in die Sonntagsschuhe, und ihm ist von ganzem Herzen schlecht!
Mittags ißt er dann im Stammlokale, wandert heim und legt sich auf sein Ohr, und dann trinkt er eine kalte Schale von dem Kaffee, den er morgens gor!
Abends geht er ganz vereinsamt wieder an den Stammtisch, der ihn freundlich grüßt - umf so gehn die Tage auf und nieder, ach, von keiner Zärtlichkeit versüßt!
In der Küche häufen ungewaschen sich die Töpfe und das Porzellan, und dazwischen stehen leere Flaschen, und ein Schlips hängt überm Wasserhahn!
Eines Tags ist alles dann zu Ende, braungebrannt kommt SIE vom Meer zurück, und sie steht und ringt die lieben Hände Und dann spült sie bis zum Wochenende - Nein, es gibt kein reines Ferienglück!
Willi Lindner
Schreihmasdhine und Charakter
VON AXEL FELDHÜTERKpSeine Handschrift verrät dich. Das kann l—' unangenehm sein. Denke, du schreibst einen Brief voll menschenfreundlicher Gesinnung, hundert warme Worte, die du aus allen Hirnwindungen zusammensuchst und aus denen dein Edelmut nur so funkelt, die Ver* goldung deines Herzens. Der Empfänger liest den Brief, er müßte von dir überzeugt sein. Aber er ist ein Kenner; er betrachtet deine linksgeschwungenen u*Haken und weiß so* fort: du bist ein kalter Egoist..
Weil dir das bekannt ist, flüchtest du zur Schreibmaschine. Sie ist die Unkompliziertheit der Technik, die naive Eindeutigkeit. Du tippst: „Festigkeit" und es steht da: Festig* keit, kein Schwanken der Buchstabenhöhe verkündet den Widerspruch zwischen dir und
deinem Wort. Du tippst: „Großzügigkeit", und niemand kann aus deinen kleinen engen Zügen erkennen, daß dir nichts ferner liegt, als wirklich einmal fünf gerade sein zu lassen. Du tippst: „Herzliche Grüße" und kein über* schlankes steiles H läßt den Kundigen in der Seele frieren, weil das Eis der Herzlosigkeit sich auf dem Papier demonstriert.
Die Handschrift macht den Brief wie der Ton die Musik. Die Maschine schreibt die Musik ohne Ton, und unter Hunderttausend Möglichkeiten, ein „M" zu schreiben, kennt die Maschine nur eine, das Normal*Standard* und Einheits*M, dem keine Persönlichkeit die Zeichen von Mut oder Mißmut, Menschlich* keit oder Maulheldentum, Mäkelsucht oder Melancholie aufprägen kann. Ein Wort mit der Schreibmaschine ist das absolute Wort, der Begriff ohne inneren Zwiespalt, nicht der Mensch mit seinem Widerspruch, sondern das ausgeklügelte Buch. Im Brief mit der Schreibmaschine erscheinst du, wie du sein willst, nicht, wie du leider bist. Wenigstens denkst du dir das.
Aber . . . Aber du unterschätzt die Wir* kungskraft deiner Persönlichkeit. Sie durch* dringt nämlich doch das Metall, schlägt durch das Hebelwerk, und du manifestierst dich auf dem Papier. Denn der Mensch ist der Herr der Technik, darauf sind wir ja stolz und müssen die Fehler der Tugenden in Kauf neh* men, den Schatten des Lichtes, die Nachteile der Vorteile. Laß mich sehen, wie keck, wie behutsam, wie geschmeidig, wie hart du ein Auto fährst, und ich will dir sagen, wie du bist. Schreib mir einen Brief mit der Schreib* maschine und ich werde dir sagen, wie du bist. Es ist bekannt, daß das Leben paradox ist. Hier meine paradoxe Entdeckung: das graphologische System für Schreibmaschine.
Reinigt man die Typen nicht hin und wie* der, so füllt sich zunächst der geschlossene Bogen im e, dann der im d und schließlich verklecksen sämtliche Buchstaben. Schreibst du also einen Brief mit verschmierten a und b, wirst du ein nachlässiger Mensch sein, sieht der Schrieb auch sonst nicht gepflegt aus, so wirst du wohl wenig Wert auf Sauberkeit legen. Schreibt einer engzeilig, wird er spar* sam sein, schreibt er zweizeilig, darf man
Großzügigkeit annehmen, schreibt er eng* zeilig, ohne auch nur bis auf die Rückseite des Bogens zu kommen, handelt es sich wahr* scheinlich um einen Geizkragen; ist der Brief zweizeilig geschrieben und mußte eigens der Grüße an Tante Auguste und Minna wegen ein neuer Bogen angefangen werden, dürfte der Schreiber ein Verschwender sein. Sind Worte ausgelassen, so hat ein hastiger Wirr* köpf den Brief geschrieben, sind die ausge* lassenen Worte nachgetragen, so ist der Schreiber ein Mensch, der zu Uebereilungen neigt. Ist vieles unterstrichen, kann man seine Schlüsse danach ziehen, ob es nachträgliche Tintenunterstreichungen sind oder Striche mit der Maschine. Im ersten Fall ist der Verfasser sicher auch im übertragenen Sinne ein harter, nachtragender Charakter, dem es nicht ge* nügt, vorhin „nein" geschrieben zu haben, der vielmehr jetzt noch einen besonderen Akzent daruntersetzen muß: Nein und aber* mals nein! Die Maschinenunterstreichung macht gleich, wer fürchtet, nicht verstanden zu werden. Und das tun nur Menschen, die sich bei aller Schroffheit innerlich unsicher fühlen.
So und so ähnlich, so und so weiter.
Man wird nicht erwarten, daß hier eine Entdeckung bis in alle Einzelheiten ausgebrei* tet wird, auf die ich ein System gründen, eine ganze Schule aufbauen und für die ich zum Schluß neben mancherlei anderen Ehrun* gen den Professorentitel entgegennehmen kann. Ein Buch wird erscheinen: „Schreib* maschine und Charakter." Gegner werden er* stehen, und allein dadurch schon wird sich das
Ansehen der Sache ins wissenschaftlich Er* habene heben.
Es könnte etwas stören, daß Schreib* maschinenbriefe sehr oft nicht vom Verfasser, sondern von seiner Sekretärin getippt wor* den sind. Dann paßt natürlich alles nicht mehr so recht, und es bleibt nichts als ein schmaler Satz von eisenschwerem Gerüst, nichts als die Erkenntnis, daß der Mensch dem Menschen ein Rätsel bleibt.
Aber das ist eben auch eine Erkenntnis.
Zeichnungen: Alfred Krahs
Genus des Lästerns
A^TSenrt ein Mann einen Freund zu Besuch rV hatte, dann wird er ihm ein „Natter Kerl!" oder „Fideles Haus!" nachschicken und noch einmal die schöne Gemeinsamkeit, seine Erzählungen, seine Witze nachkosten. Seine Frau wird ohne Einschränkungen mit ihm darin übereinstimmen, daß der Alfred wirk* lieh ein ganz famoser Gesellschafter ist, der gerne noch etwas länger hätte bleiben können.
Eine Frau aber, bei der eine Freundin zu Besuch war, verhält sich ganz anders, sobald sie wieder allein ist. Sie darf eine noch so gütige Seeje sein, sie wird der geliebten Her*
zensschwester immer einige Spritzer der Kri* tik nachschicken. Sobald die Haustür hinter dem weiblichen Gast ins Schloß gefallen ist, erfährt der Ehemann, daß nun vor allem wie* der Ordnung in die Wohnung gebracht wer* den müsse, und er erlebt eine Neuauflage des Osterputzes, als hätten seine Räume eine wüste Horde beherbergt. Während Wasser* ströme schießen, Geschirr klappert, der Staub* sauger surrt, erhebt sich über dieses tosende Orchester die Stimme der Solistin, und er* staunend vernimmt das männliche Ohr fol* gende Weise:
„Natürlich hat sie ihren Kamm liegen las* sen, Zinken besitzt er ja kaum noch. Etwas schlampig war sie schon immer." Die Aschen* becher werden ausgeleert, und die Stimme fährt fort: „Was glaubst du, wo wir hin* kämen, wenn ich so viel rauchen wollte, wie sie. Und den ganzen Tag Kaffee trinken, das ist doch zudem so ungesund wie nur möglich. Drum ist sie auch so nervös und hat die goldgrüne Sammeltasse heruntergeworfen, die du mir zum Geburtstag geschenkt hattest. Wie kann man sich übrigens nur so dick das Gelee aufs Brot streichen. Hast du gesehen, richtig drauf gelegt hat sie das. In vier Wochen wäre mein ganzer Vorrat hin. Es ist ihr ja gegönnt, so meine ich das nicht, sie soll essen, soviel sie will, aber wer so haust, der kommt zu nichts. Dabei hat sie auch noch eine solche Vorliebe für helle und groß* gemusterte Stoffe. Wie ein Luftballon sieht sie aus."
Der stumme Zuhörer hat die Freundin sehr charmant gefunden, doch er hütet sich, sie zu verteidigen, um dem erhebenden Genuß des Lästerns nicht noch einen weiteren Ge* genstand zu verschaffen, nämlich sich selbst.
Inzwischen sitzt die Freundin im Zug und denkt vor sich hin: „Sie ist noch immer so mager, als hätte sie das Brot nicht über Nacht. Ein bißchen Butter zum Geleebrot hätte sie ja auch herausrücken können, sie weiß doch daß ich das so gerne esse. Aber geizig war sie schon immer. Und der Kaffee, meine Gütel Eine Bohne durchs Wasser geschossen, ein klarer Bergsee mit Blick auf den Grund. Zu Hause koch ich mir gleich einen richtigen. Der Kuchen hätte auch süßer sein dürfen. Am Zucker hat sie mächtig gespart. Nein, so knau* serig bin ich doch nicht, bei mir wird gelebt, wie sich das gehört. Wissen möcht ich nur, wie die zu einem solch netten Mann gekom* men ist."
Der Freund war mit etwas anderen Betrach* tungen weggefahren. „Donnerwetter", hatte er sich selbst gesagt, „das war vielleicht ein Tröpfchen! Vom Wein hat der Rudi schon immer etwas verstanden. Er ist einfach eine goldige Seele, und eine so reizende und so tüchtige Frau hat er verdient wie kein an* derer."
Offen fleibt hier die doppelte Frage, ob wir Männer tatsächlich die Wilden sind, oder ob wir nur nichts verstehen von der Kunst, unsere Freundschaften doppelt zu genießen: im Lieben und im Lästern zugleich. Hz.
Hochsommer und Mode
Kp\as Vierteljahresheft der „Susan n" (Se* baldunsverlag, Nürnberg, Preis mit Schnittbogen 2,50 DM) bringt reizende Mo* delle der neuesten Wiener und Berliner Mode* Schöpfungen. Im Vierfarbendruck wird die eleganteste aber auch die zweckmäßige und praktische Kleidung jeder Frau anschaulich dargeboten, so daß es ihr ein leichtes sein wird, schnell das Geeignete zu finden. Heber die Modellkollektionen der Pariser Modell* häuser findet man auf der ersten Seite des Heftes all das vermerkt, was im Sommer 1950 notwendig ist, um Rock, Jacke, Mantel, Kleid und Hut, im besonderen aber auch die Farbe kleidsam und der internationalen Mode an* gepaßt, zu wählen. Für die luftige und leichte Kinderkleidung im Hochsommer finden wir die schönsten Modelle im Heft.
Im gleichen Verlag erscheint das Strick* modenheftNr. 3 mit 55 Modellen, Preis 2,50 DM, diesmal eine nette Auswahl schöner und flotter Wollsachen, Jacken und Kleider für Damen, Kinderkleidung und einige Herren* westen, Leicht und mollig warm, sollen diese Modelle eine Freude für kühle Sommertage sein. Das nach diesem Heft gearbeitete wärmere Kleidungsstück, modisch und doch praktisch, wird im Urlaub und auch im eige* nen Heim sicherlich gern benutzt werden. Ausführliche Arbeitsanleitungen machen die Wahl und Anfertigung leicht. Beide Hefte sind im Buch= und Zeitschriftenhandel zu haben. Monika.
Was kostet eine Scheidung!
Bei Scheidungsklagen besteht Anwalts* zwang. Die Scheidungssache hat einen Streit* wert, der-ich nach Einkommen und Vermögen und vielleicht er ’i nach der Lebensführung der Partner richtet und der vom Gericht be* stimmt wird. Je höher er liegt, desto tiefer müssen Herr und FrauX. in die Tasche greifen. Der Streitwert einer Scheidung beträgt min* destens 2000 DM und höchstens eine Million DM. Nach der Höhe des Streitwertes richten sich die Prozeßkosten, die der Alleinschuldige zu tragen hat, wenn sie nicht zu gleichen Teilen auf beide für schuldig erklärten Parteien entfallen. Sie setzen sich aus Prozeß* gebühr, Verhandlungsgebühr, Beweisgebühr und Urteilsgebühr zusammen. Die Prozeß* gebühr bekommt jeder Rechtsanwalt der beiden Parteien und das Gericht, die Ver* handlungsgebühr erhalten nur die Anwälte, und die Urteilsgebühr bekommt das Gericht allein.
Danach ergibt sich folgende Mindest* rechnung in der Instanz: für den Rechtsanwalt jeder Partei 223 DM, nämlich je 75 DM für Prozeß*, Verhandlungs* und Beweisgebühr, und 150 DM Gerichtskosten, davon je 50 DM für Prozeß*, Beweis* und Urteilsgebühr. Das sind zusammen für das Ehepaar einmalig 600 DM, ohne Beweiserhebung 400 DM. In der Berufungsinstanz wird die Sache teurer. Es kommen hier noch einmal 810 DM (ohne Beweis 540 DM) hinzu. Uebersteigt der Streit* wert 2000 DM, so erhöht sich für je 100 DM die Anwaltsgebühr um 3 DM (in der Be* rufung um 3,50 DM) und die Gerichtsgebühr um 1 DM (in der Berufung 1,30 DM).
Immer häufiger wird bei Scheidungen um Armenrecht nachgesucht. Dazu ist ein Antrag bei der zuständigen Zivilkammer notwendig. Der Antragsteller muß außerstande sein, die Prozeßkosten zu tragen, wenn nicht sein Mindestunterhalt beeinträchtigt wird, und der Prozeß muß hinreichend erfolgreich und nicht mutwillig erscheinen. Dann wird der Antrag* steiler so lange von den Kosten befreit, bis er sie begleichen kann. Die Anwaltskosten des Gegners muß er aber trotz Armenrecht be* zahlen, wenn er dazu verurteilt wird. „Der richtige Augenblick zur Scheidung liegt — vor der Verlobung", sagt uns der Anwalt. hw.
Wie ich ein Kind wurde
Vor vielen Jahren, es ist noch nicht lange her, da lebte ich im Paradies. Ich war ein Engelchen und spielte sorglos und zufrieden mit anderen Engelchen, mit weißen und schwarzen, am Adamsbrünnchen. Es gefiel mir da sehr gut. Ich wurde „Wolfgang" ge*- nannt, weil ich einmal mit zur Wolfsjagd ge* gangen war. Daher weiß ich auch, daß ich ein Bubenengel war. Das war mir auch sehr lieb, denn die Mädchenengel mochte ich damals nicht so recht leiden. Heute ist das anders.
Eines Mittags kam ein großer Engel mit schönen, goldenen Flügeln zu mir und lächelte mich ganz lieb an.
„Du, Wolfgang", sagte er, „deine Zeit ist um, du mußt nun auf die Erde."
Da fühlte ich, daß ich die Mädchenengel eigentlich doch lieb hatte. Deshalb wollte ich auch nicht von ihnen fort. Es gefiel mir auch sonst so gut, daß ich nicht einsehen konnte, warum ich nun auf einmal auf die Erde sollte. Dort war ich doch ganz fremd. Ich fing deshalb zu weinen an und blickte traurig nach dem großen Engel. Dieser lächelte und sagte:
„Ja, ja, Wolfgang, daran ist leider nichts zu ändern, der Herrgott hat es so bestimmt und da mußt du schön folgsam sein."
Der große Engel öffnete jetzt ein Himmelsfenster und zeigte mir die Erde. Es war Nacht. Da sah ich einen ganz langen Wasserstreifen, der im Mondschein wie ein Silberband aussah. „Das ist der Rhein", sagte der große Engel freundlich. „Sieh, dort, wo er die starke Biegung macht, will ich dich hinbringen. Dort sind deine Eltern. Sie warten auf dich. Und nun komm, mein Lieber, ich will dich gleich hinunterbringen, damit wir gegen 5 Uhr dort sind."
Ich nahm rasch von den übrigen Engelein Abschied. Ein Mädchenengel weinte. Das tat mir leid. Ich gab ihm rasch einen lieben Kuß. Das war der erste überhaupt. Es wollte dann noch einen haben, aber das schickte sich doch nicht. Im Paradies war dies auch streng ver* boten. Ich weiß es nicht so recht, aber ich glaube, dieser erste Kuß hat es mir angetan, denn ich hab Gefallen daran und lasse mich von Mutti gern küssen.
Kaum war ich mit dem Abschiednehmen fertig, da nahm mich der große Engel auf seinen Arm und hüllte mich in sein gold* gesticktes Gewand ein. Das war mir sehr lieb, denn ich hatte gar nichts an. Was hätten die Menschen auf der Erde von mir gedacht, wenn ich so ganz nackt angekommen wäre. Ich hätte mich geschämt.
Die Fahrt vom Himmel auf die Erde ging so schnell, daß ich gar keine Luft bekam. Auf einmal verlor ich die Besinnung.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem großen, weichen Bett. Das war so schön warm. Im Zimmer war es dunkel. Neben mir lag jemand und hatte mich im Arm. Ich glaubte zuerst, es sei der große Engel. Aber, was da neben mir lag, hatte keine Flügel. Also konnte es der Engel auch nicht sein. Ich fürchtete mich und schrie ganz laut. Weil ich dann so schön liebgehplten wurde, war ich bald wieder ruhig. Ich muß sehr durstig gewesen sein, denn ich bekam zu trinken. Da hörte ich, als es mir gerade so gut schmeckte, wie die Frau, die mich im Arm hielt, sagte:
„Das scheint ein schöner Vielfraß zu sein, der kriegt ja nicht genug!"
Oh, wie hat mich das geärgert. Aus lauter Trotz habe ich weitergetrunken. Dann muß ich wieder eingeschlafen sein.
Als ich wieder wach geworden war, dachte ich: „Du mußt die Frau, die neben dir liegt, doch einmal begucken."
Ganz heimlich, so daß sie es nicht gemerkt hat, habe ich nach ihr geschaut. Sie schlief.
„Ah", dachte ich, „das ist deine Mutti."
letzt hatte ich auch sie lieb. Ich war be* mhigt und fühlte mich geborgen.
Plötzlich kam eine Schwester ins Zimmer, nahm mich aus dem Bett und trug mich in ein anderes Zimmer. Sie machte mich mit Wasser naß. Das gefiel mir gar nicht. Deshalb schrie ich so laut, wie ich nur konnte. Ich wollte doch wieder zu meiner Mutti ins warme Bett. Aber die Schwester war grausam. Sie ließ sich nicht stören. Zum Schluß streute sie mir auch noch ein weißes Pulverchen auf mein Hinterchen. Das war doch stark. Im Paradies war so etwas doch nicht gemacht worden. Oh, ich war ganz empört und wild. Ich habe gestrampelt und getreten. Andere Schwestern standen dabei und sahen auch noch zu. Hatten die denn gar kein Scham* gefühl, daß sie so neugierig guckten. Ich geriet mehrere Male so in Wut, daß ich aus Leibes* kräften schrie. Als die fremde Frau dann endlich fertig war, legte sie mich wieder ins Bett neben meine Mutti.
„Da, haben Sie den Schreihals wieder", sagte sie dabei.
Auch das hat mich geärgert, so daß ich mir vorgenommen habe, ein zweitesmal nicht mehr auf die Welt zu kommen.
Meine Mutti hat mich dann wieder in ihren Arm genommen und hat mich lieb gehalten. Das hat mich gefreut. Ich hab mir damals vorgenommen, auch so lieb zu sein, wenn ich mal Vati sein werde. Als mich der Engel meiner Mutter gebracht hat, muß er gesagt haben, daß er den Wolfgang bringe. Woher sollte meine Mutti sonst wissen, daß ich im Paradies Wolfgang hieß. Und so nennen sie mich heute halt alle Wolfgang. Das wird auch immer so bleiben. Ich muß mich halt drein* schicken.
Zu dem Engel, der mich meiner Mutti ge* bracht hat, bete ich jeden Tag, wenn ich größer bin. Der ist nämlich mein Schutzengel. T. X.
Kein-Liesels Brei
Solch Brei, der muß ja wohl verführen, zuerst mal richtig drin zu rühren.
Mit Schwung und Fleiß und Wohlbehagen füllt sie sich dann den kleinen Magen.
Der Löffel sinkt, die Hand wird matt, Und Liesels Augen sagen: satt. Fotos: Hase
Ursache und Wirkung
€ine ebenso tragische wie alltägliche Er* sehe -ing ' unseremLebenistdiefalsche Voraussetzung. Sehr viel Leid, Kummer, Un* glück, Aerger, Neid, Zank, Mißtrauen und Mißverständnis kommen auf ihr Schuldkonto.
Gehen Sie einmal der nächsten Sache, die Ihnen erzählt wird, auf den Grund. Mehr als die Hälfte ist meistens überhaupt nicht wahr, oder durch verschiedene Ueberlieferung bis zur Unkenntlichkeit entstellt, oder: dem Er* Zähler war die falsche Voraussetzung bekannt, und da sie gut für seine eigenen Zwecke zu gebrauchen war, nahm er sie als sehr an* genehm hin, und baute darauf weiter.
Es muß jedem anständig denkenden Men* sehen einleuchten, daß etwas geschehen muß, um diese Quelle von Unannehmlichkeiten und Unglück zu unterbinden.
Dinge, die man nicht bis in die feinsten Einzelheiten und Entstehungsursachen kennt, darf man nicht weiterverbreiten. Tatsachen* berichte müssen nachgeprüft werden, ehe man ein Wort darüber verlauten läßt.
Noch wichtiger ist die falsche Voraus* Setzung in den persönlichen Beziehungen von Mensch zu Mensch.
Nehmen wir an, Sie haben mit einem Freund eine Meinungsverschiedenheit gehabt. Einer grollt dem andern, und beide sind sofort bereit, zu glauben, daß hier keine Verstän* digung möglich ist; anstatt sachlich zu prüfen, ob man überhaupt die wahren Beweggründe des andern kennt: Oder: ein Ehemann ist gegen, seine Gewohnheit spät nach Hause ge* kommen. Zufällig hat die Frau, von Unruhe getrieben, in dieser Zeit im Geschäft angeru* fen und den Bescheid bekommen, daß er schon seit Stunden nicht mehr da sei. Für sie ist es Gewißheit, daß er etwas Unrechtes tut. Zur Strafe dafür macht sie sich und ihm das Leben schwer. Könnte sie nicht versuchen, die Sache harmlos zu klären, ehe sie sich dem Miß* trauen und Unfrieden hingibt? Vielleicht hätte er sich entschuldigt und sein Zuspät* kommen erklärt, wenn sie nicht sofort seinen Trotz durch ihr Benehmen erregt hätte.
Frau Müller trifft Frau Schmidt auf der Straße und ist über deren kühlen Gruß un* angenehm erstaunt. Was kann sie nur haben? Sie war doch vorige Woche noch so liebens* würdig? Ob man sie verklatscht hat? Aha, die Else war mit ihr zusammen, na, die kann sich gratulieren. Nach ein paar Tagen hört sie, daß um die Stunde der Begegnung der Bruder von Frau Schmidt tödlich verunglückt war und sie gerade zu ihm eilte. Inzwischen hatte Else trotz aller Unschuldsbeteuerungen ihre moralischen Ohrfeigen schon weg.
Man kann die Beispiele noch beliebig fort* setzen, jeder Tag sorgt dafür, daß etwas Neues geschieht. Nur sind die Dinge nicht immer gleich aufzuklären oder zu beseitigen. Darum muß jeder dazu beitragen, sich erst einmal die mögliche Ursache einer Wirkung vorzustellen. Hans Rutzenhöf er
Wie gesallen wir euch ?
Kindermoden bei 30 Grad im Schatten
I ! allo. Monika", winkt die blonde Ursel, ft „komm zum Stadtpark! Mit meinem neuen Ball können wir herrlich dort spielen!" — Ein Glück, d ß Mutti ihr das Weiße mit den roten Punkten angezogen hat, das sich so gut waschen und trotz der spitzenbesetzten Aermelrüschen schnell bügeln läßt. Da braucht sie sich nicht vor ein paar Flecken und Krum* peln zu fürchten.
Monika aber schaut abweisend. Glaubt Ursel etwa, daß sie das neue Karierte, das Mutti gestern abend fertig genäht hat, gleich zum Spielen anziehen darf? Sieh nur, den feinen Stoff! Taft nennt man ihn. Ob sie auch einmal fühlen möchte, wie er zwischen den Fingern raschelt? Ein paar fahre lang werde ich es als Sonntagskleid tragen, sagt Mutti, denn es wurde — was bei der Garderobe der kleinen Evas besonders wichtig ist — auf „Hineinwachsen" zugeschnitten. Mit der auf* gesetzten Rüsche kann der Rocksaum ange* längt werden, und die im Augenblick noch überfällige Stoffweite in der Taille wird durch
den aufgeknöpften DreiviertelgürteLgehalten. „Ist die aber affig“, denkt Ursel beleidigt. Da ist ihr die wuschelköpfige Evi doch lieber, die in ihrem Gestreiften wie sie will herum* tollen kann. Und dabei sieht sie doch aller* liebst aus in dem einfachen Waschkleidchen, dessen einziger Schmuck ein Spitzenkäntchen am glockigen Rock und an den Puffärmeln ist. Evi selbst aber hat es die kreisrunde Gürtelschnalle angetan, der sie noch schnell einen liebevollen Blick schenkt, ehe sie Ursels Ruf folgt.
Brigitte und Mausi, die unzertrennlichen Schwestern, tragen Spielkleidchen mit engem Leibchen und weitfallendem Rock in der Machart, wie wir sie schon bei der munteren Ursel bewundern konnten. Weiße Söckchen und Leinenschuhe passen vortrefflich zu den Schutenhüten, die vor den sengenden Sonnen* strahlen schützen, und bei vielen Muttis nicht nur deshalb, sondern auch ihrer hübschen Form wegen sehr beliebt sind, von den klei* nen Mädchen aber meist nur einige Minuten geduldet werden. Sei es wie hier, um die ganze frischgewaschene Pracht im Bild fest* zuhalten.
Bei Ingrid allerdings zweifeln wir nicht, daß sie als folgsame Tochter der stolzen Mutter die Schute aufbehalten wird. Denn sie wagt ja trotz der weißen Handschuhe — oder gerade deshalb? — nicht einmal, das frische rosa Organdkleid zu berühren. Rote Woll* kirschen baumeln am Rock und an dem in Biesen gesteppten Mieder dieses hochsommer* Uchen Festkleides. Nur der graziös gekippte Fuß verrät, daß sich die junge Trägerin doch nicht ganz wohl fühlt in dem Staat. Auch Molly, der Plüschhund, wünscht sich, daß sie die steife Herrlichkeit mit einem Spielhöschen vertauscht, denn noch steht er im Mittelpunkt des Interesses. Und bis die Sorge um ihn von Kleidersorgen verdrängt wird, ist bei Ingrid eigentlich noch ein paar fahre Zeit.
Ja, Ingrid und die anderen kleinen Mädchen auf dieser Seite brauchen sich wirklich nicht die Köpfe zu zerbrechen, wie sie sich kleiden
sollen. Diese Sorge nehmen ihnen noch die Muttis ab, die peinlich darauf bedacht sind, ihre kleinen Lieblinge so praktisch und zugleich auch so hübsch wie möglich zu kleiden. Wir wollen es dem Geschmack der einzelnen Muttis überlassen, ob sie auf Taille gearbeitete Kleidchen, wie wir sie hier zeigen, oder aber die schon fast ein wenig aus der Mode gekommenen Hänger wählen. Hauptsache bei der Kinderkleidung ist ja weniger die modische Linie als vielmehr die Zweckmäßigkeit. Hier geht es weniger um Bodenabstand des Rocksaumes oder Farbenkombination wie in der Damenmode, sondern vielmehr um Strapazierfähigkeit des verwendeten Materials und Einfachheit des Schnitts. Daß aber trotz? dem auch das Auge zu seinem Recht kommt, dafür werden kluge Muttis sorgen. Und so lassen wir die mit viel Liebe und Sorgfalt gekleideten kleinen Evas zum Schluß noch einmal fragen: „Wie gefallen wir euch?"
Gisela D e p k e r.
Fotos: Elisabeth Hase — Entwürfe: Gertrude Spamer
Frauenstudium
Aus einer Universitätsmitteilung geht her? vor, da^ über ein Viertel aller Studierenden Frauen sind. Was wollen diese zahlreichen studierenden Frauen später beginnen? Es gibt nicht genügend Arbeitsplätze für sie — so urteilen die Pessimisten —, und für jede praktische Betätigung sind sie durch ihr Studium unbrauchbar und zu anspruchsvoll geworden. So sagen die Schwarzseher. Gegenüber solchen Argumenten fehlt es nicht an Studentinnen, deren Existenz das Gegenteil dieser Befürchtungen beweist. Aehnlich wie ihre männlichen Kommilitonen sind auch sie heute gezwungen, sich ihr Studium durch einen praktischen Nebenverdienst zu ermöglichen, und sie scheuen dabei ebenso wenig wie diese vor irgendeiner Arbeit zurück. Das Studium der Medizin z. B. bringt es mit sich, daß sich diese Studentinnen auch mit allen möglichen praktischen Arbeiten beschäftigen, um im Notfall als Kindergärtnerin oder Krankenschwester unterzukommen. Die Apothekerlaufbahn? Nur noch 14 Prozent aller Studierenden der Pharmazie waren in den letzten Semestern Männer, wie auch deren Anteil an den Höheren Lehrämtern mit 40 Prozent zugunsten der Frauen zurückgegangen ist. Besonders groß ist der wirkliche Anteil an den Kunsthochschulen, wo heute nahezu die Hälfte aller Registrierten Frauen sind, während sie in der evangelischen Theologie, bei den technischen Hochschulen und den juristischen Fakultäten kaum ins Gewicht fallen.
In England und in manchen asiatischen Ländern wird das juristische Studium immer mehr als eine Domäne angesehen, für die die gute Juristin und Anwältin geradezu prädestiniert erscheint, weil sie auf Grund ihres guten Einfühlungsvermögens ihren männlichen Kollegen manches voraus haben soll. In den USA gibt es heute allein 960 weibliche Ingenieure, zirka 400 selbständige Architektinnen. Für den Bau von Modehäusern, Kinderheimen, Hotels — also für alle Projekte, die ohnedies vom fraulichen Geschmack her bestimmt sind, werden sie bevorzugt. In Anbetracht solcher Erfolgsmeldungen dürfte es daher auch schwer fallen, die These aufrechtzuerhalten, daß Putzeimer und Kochtopf für die Frau wichtiger seien als eine akademische Ausbildung. Schon in wenigere fahren werden alle nur denkbaren Haushaltsmaschinen so preiswert zu bekommen sein, daß der Haushalt allein für keine Frau mehr eine Lebensaufgabe bedeuten kann. Die Wohnungseinrichtungen werden immer mehr technisiert und rücken auf viel kleinerem Raum zusammen. In Anbetracht der gesteigerten Anforderungen dem Leben gegenüber und der hohen Lebenshaltungskosten kann es nur zum Vorteil sein, wenn beide Teile, also Mann und Frau, arbeiten. Weniger
Hausfrau -der Küchenzettel!
Mit Beginn des Sommers wird der Küchenzettel reichhaltiger an Frischgemüse und -obst. Lebensnotwendige Wertstoffe stehen dann in erheblich größerer Menge zur Verfügung als im Frühjahr und im Winter. Bei stärkerem Verzehr frischer Gemüse- und Obstarten muß die kluge Hausfrau aber darauf achten, für ihr gutes Geld auch möglichst viele der in Gemüse und Obst enthaltenen Wertstoffe zu erhalten. Die Hausfrau soll also vor dem Kauf prüfen, ob die Ware hochwertig ist. Gemüse und Obst sind nämlich auch abgeerntet noch sehr empfindliche Lebewesen, die durch Trockenheit, direkte Besonnung und höhere Temperaturen ihre Frische und in viel höherem Maße ihren gesundheitlichen Wert einbüßen. Besonders die lebensnotwendigen Vitamine, aber auch hochwertige Nährstoffe werden teilweise zerstört. Der Abbau des Zuckers in Gemüse und Obst geht z. B. doppelt so rasch vonstatten, wenn die Temperatur von 20 auf 30° C ansteigt. Deshalb soll jeder Verbraucher unbedingt folgendes beachten:
a) Besonders in der warmen Jahreszeit frisch aussehende, nicht ange¬ 'w elkt eWar e kaufen. Solche minderwertige Ware wird nämlich bei billigstem Preis immer noch viel zu teuer bezahlt.
b) Einkaufsstätten bevorzugen, die ihre Ware in Auslagen oder Freiständen der direkten Sonnenhitze nicht aussetzen. Bei fortschrittlichen Händlern kaufen, die ihre Ware in kühlen, schattigen Räumen sachgemäß lagern. Diese Ware ist vollwertiger und somit billiger.
c) Eingekauftes Gemüse und Obst rasch verbrauchen oder zubereiten, sonst an kühlen Orten luftig lagern (luftiger, kühler Keller oder Kühlschrankaufbewahrung bei Temperaturen von 0 bis + 5 0 C).
Im Sommer stehen uns zahlreiche gesundheitlich wertvolle Gemüse- und Obstarten zur Verfügung. Normalerweise sind die Preise für Gemüse und Obst zu Beginn der Ernte oder zur Zeit der Einfuhren am höchsten. Hinzu kommt, daß viele eingeführte Erzeugnisse zum Versand gebracht werden müssen, ehe sie ausgereift sind. In der Zeit der Haupternte sind einheimische Gemüse- und Obstarten am uhgsten und haben durch den höchsten Reifegrad auch den gesundheitlich höchsten Wert In dieser Zeit kann sich auch ein finanziell beschrankter Haushalt den ergiebigen Genuß dieser Erzeugnisse leisten, wenn die Hausfrau die Hauptanfallzeiten abwartet und somit die £eit der niedrigsten Preise berücksichtigt.
I ult: Weißkohl, Wirsingkohl, Kohlrabi, Cr™eV°hnen, Dicke Bohnen, Karotten, Blumenkohl, Sauerkirschen, Süßkirschen
August: Kohlrabi, Erbsen, Grüne Bohnen, Karotten, Salatgurken, Tomaten, Pflaumen, Reineclauden, Mirabellen, Pfirsiche.
— Xaushatt ZZ/Z/ZZ/ZZZ/ZA/^ s bringen Herd ; &e&C4t~ Kühlschrank j Heißwasserspeicher zzzz/z/zzzzzzzzz Beratung im Elektro-Fachgeschäft und in unserer Elektro-Schau (Hessische Slekirizitääs-A.-G. Darmstadt, Luisenstraße 12 ^lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllin I FÄ / I | Ä | I ‘ JA | i ifcft ■ . i i iW'- I A | / BiOlN | f / EWHäA RU N GSCR EM E | f 7 entfernt schnell und unschädlich 1 = jeden Haarwuchs Tube DM1.50 = | TRANSPIROL ’ | = normalisiert übermäßiges Trans- 5 = pirieren Flasche DM 2.- = I KHASMA | = SONNENBRAUN = = läßt Ihre Haut nach Wunsch = = „sonnenbraun"werden Tube 1 50 = I Min I i ^Cauföt | = schützt Sie vor Sonnenbrand = Flasche DM I.— = | KHASANA • DR • ÄLBERSHEIM • FRANKFURT A-M | ^iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiim Cosmetic bpecial n H Damen- u. Herren-Salon Kräuter -Cosmetic t 12 17 die individuelle Schönheitspflege 111 Zu für die gepflegte Dame PAL AISGARTEN Nochmalige kostenlose Beratung und Be- Wi 1 h e 1 m in en Straße Handlung im September iinniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiijiiiiiiif -iMMr Uhren - Schmuck - Juwelen Tafelsilber - Reparaturwerkstätte Hermann Machold • Juwelier bH. Gegründet 1885 DARMSTADT - RHEINSTRASSE 24 - RUF 32 96 üt «las prakiisdie Dirndl leichte Sommerkleider — Blusen — Röcke — Bade¬ taschen und anderes mehr VIVL !ilJccltClt Darmstadt — Rheinstr. 4 IHUÜIBNgB Ernst-Ludwig-Strafje 11 - Fernsprecher 2194 Dirndl und Trachten Schwimmbekleidung Popelin män te I und la Lederhosen jetzt besonders preiswert
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