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177. Jahrgang
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Das „Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt” wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.
Nr. 325.
Mittwoch, den 25. November.
1914.
Der Krieg.
Von den Kriegsſchauplätzen. — Der Krieg zur See. — Der türkiſche Krieg. — Der Einſpruch der Schweiz. — Engliſche
Unterſeeboote im Finniſchen Meerbuſen? — Treibende engliſche Minen. — Ein türkiſch=perſiſches Bündnis!
Von den Kriegsſchauplätzen.
* Großes Hauptquartier, 24. Nov. Engliſche
Schiffe erſchienen auch geſtern an der flandriſchen
Küſte und beſchoſſen Lombartzyde und
Zee=
brügge. Bei unſeren Truppen haben ſie nur geringen
Schaden angerichtet. Eine Anzahl belgiſcher
Landesbe=
wohner wurde aber getötet und verletzt.
Im Weſten ſind keine weſentlichen Veränderungen
eingetreten.
Auf dem öſtlichen Kriegsſchauplatz iſt die
Lage noch nicht geklärt.
In Oſtpreußen halten unſere Truppen ihre
Stel=
lungen an und nordöſtlich der Seen=Platte. Im
nörd=
lichen Polen ſind die dort im Gange befindlichen
ſchweren Kämpfe noch nicht entſchieden.
Im ſüdlichen Polen ſteht der Kampf in der
Gegend Czenſtochau. Auf dem Südflügel nördlich
Kra=
kau, ſchreitet der Angriff fort. Die amtliche ruſſiſche
Mel=
dung, daß die Generale v. Liebert und v. Pannwitz in
Oſtpreußen gefangen genommen ſeien, iſt glatt
erfun=
den. Der erſtere befindet ſich in Berlin, der zweite an
der Spitze ſeiner Truppen. Beide ſind ſeit langer Zeit
nicht in Oſtpreußen. Oberſte Heeresleitung.
* Genf, 23. Nov. (Ctr. Bln.) Ende der vorigen Woche
bei Ypern und Arras erzielte Vorteile geſtatteten
den deutſchen ſchweren Geſchützen geſtern bei vorzüglicher
Aufſtellung Ypern und ſeine nächſte Umgebung einem
be=
ſonders wirkſamen Bombardement auszuſetzen und die
feindliche Artillerie an mehreren wichtigen Punkten, auch
bei Arras, empfindlich zu ſchädigen. Der franzöſiſche
Tagesbericht bekennt die Wirklichkeit nur teilweiſe, indem
er die Zerſtörung des Yperner Rathauſes, ſowie die
Ein=
äſcherung der dortigen Markthalle mitteilt, aber
ver=
ſchweigt, wie empfindlich die engliſchen Stellungen dank
der deutſchen Zielſicherheit gelitten haben. Die franzöſiſche
Fachpreſſe zeigt ſich wegen der Möglichkeit der Ausnutzung
der geſtrigen deutſchen Vorteile zum Schaden der ſichtlich
ermatteten engliſchen Verteidigung Yperns beſorgt. Die
Ortſchaften Boeſinohe und Elverdinghe wurden von den
Deutſchen gleichfalls wirkſam beſchoſſen. Große
Rührig=
keit beweiſen die deutſchen Truppen auch bei Soiſſons
und Vailly.
Ein holländiſcher Ingenieur für Waſſerbauweſen, der
ſich längere Zeit in Oſtende aufgehalten hat, und der
Ge=
legenheit hatte, das von den Verbündeten unter Waſſer
geſetzte Kampfgebiet zu beſichtigen, ſchildert in anſchau=
licher Weiſe und mit hoher Anerkennung für die
rieſen=
haften Anſtrengungen der deutſchen Truppen den Kampf
in dieſem Waſſerſchlachtfeld. Er ſchreibt:
Es iſt unglaublich, mit welcher Zähigkeit die
Deut=
ſchen auf dem Gebiet kämpfen, das die Belgier gänzlich
unter Waſſer geſetzt haben. Es iſt eine Rieſenarbeit für
die deutſchen Pioniere und die deutſche Artillerie, den
Kampf gegen dieſe natürliche Feſtung zu führen. Der
durchweichte Boden macht die Aufſtellung von Geſchützen
beinahe unmöglich. Trotz der ſchrecklichen
Ueberſchwem=
mung von Ramscappelle ſind die Deutſchen durch keine
Angriffe der Verbündeten von der Stelle zu bringen.
Dieſe natürliche Verteidigung erſten Ranges bildet das
Haupthindernis dafür, daß die Deutſchen nicht bereits
entſcheidende Erfolge gegen die Verbündeten erzielt haben.
Der militäriſche Mitarbeiter des Berl. Tagebl. ſpricht
u. a. über unſere Vorbereitungen zum
Winterfeld=
zug auf dem weſtlichen Kriegsſchauplatz. Er
ſagt: Von allen Truppen, die in Weſtflandern um die
Ent=
ſcheidung ringen, iſt das deutſche Heer am gründlichſten
darauf vorbereitet, einen Feldzug auch unter ſchwierigen
Bedingungen des Klimas zu führen. Unſere
Friedensaus=
bildung iſt ſeit vielen Jahrzehnten darauf bedacht geweſen,
Offiziere und Mannſchaften an das Eigentümliche einer
Kriegsführung im Winter zu gewöhnen. Das kann man
von der franzöſiſchen Armee in dieſem Grade nicht
be=
haupten. Alle Kenner des franzöſiſchen Friedensdienſtes
ſtimmen darin überein, daß große Anſprüche an die
Frie=
denstruppen im Winter nicht geſtellt worden ſind, ſoweit
es ſich um Uebungen von Bedeutung und um die Zahl
der regelmäßig wiederkehrenden Winterübungen handelt.
Auch wegen der Tauglichkeit der engliſchen und indiſchen
Truppen für den Winterfeldzug erhebt der militäriſche
Fachmann Bedenken.
Die Regierung in Hayre hat Ausſchreibungen für
warmes Unterzeug, ſowie Decken und ſonſtiges Wollzeug
zum Beſten der am Yſer kämpfenden Truppen erlaſſen.
König Albert befindet ſich noch immer in den Laufgräben
bei ſeinen Truppen. Die Berichterſtatter, die über die
Vorgänge aus dieſem Raum etwas erfahren, wo das
Ueberſchwemmungsgebiet ſich dicht von der Küſte an längs
des Kanals von Ypern bis bei Dixſchoote erſtreckt,
ins=
beſondere der Berichterſtatter der Tijd, der unterm 18.
aus Dünkirchen ſchreibt, ſchildern das veränderte Bild, das
ſich infolge Schneefalls auf dem Kriegsſchauplatz
dar=
ſtellt. Immer noch heben ſich die bunten Kleider der
fran=
zöſiſchen Soldaten vom Boden ab, aber auch das deutſche
Feldgrau ſteche jetzt ſchärfer ab, desgleichen die
aufge=
ſworfene Erdmaſſe vor den Laufgräben. Wie weit es
zu=
trifft, daß die Deutſchen ihre Geſchütze infolge der
Ueber=
ſchwemmung nicht hätten anfahren können, wodurch dann
die Franzoſen mit den ihrigen in Vorteil geraten ſeien,
wie weit auch die Deutſchen genötigt geweſen ſeien, ſich
auf Infanterie= und Pioniertätigkeit zu beſchränken, das
feſtzuſtellen, wäre eher auf der deutſchen Seite als auf der
Seite der Verbündeten möglich, es iſt aber nun einmal
der Preſſe der letzteren — zu der auch der Berichterſtatter
der Tijd gehört — nicht abzugewöhnen, daß ſie immer
von der andern Seite her berichten will, was ſie nicht
zu ſehen und zu beurteilen vermag.
* Der nach dem galiziſch=ungariſchen
Kriegsſchauplatz entſandte Spezialberichterſtatter
des Berl. Tageblattes berichtet aus Ungvar: Geſtern
nach=
mittag hörte man deutlich Kanonendonner von den
Kar=
pathen her. Es ſcheint, daß die Ruſſen weniger die Päſſe
und ſchlechtbefahrbaren Wege als die waldbewachſenen
Höhenzüge benutzen, wo ſie meinen, unbemerkter vorrücken
zu können. Wahrſcheinlich werden ſie von Führern mit
guten Lokalkenntniſſen begleitet. Wenn ſie nach Ungarn
kommen ſollten, müßten ſie ſich auf einen heißen Empfang
gefaßt machen. Alle Maßnahmen, um ihnen in wirkſamer
Weiſe entgegenzutreten, ſind ſchon in umfaſſender Weiſe
getroffen worden. — Der Geſundheitszuſtand der
öſter=
reichiſch=ungariſchen Truppen iſt trotz des Winterwetters
vorzüglich.
Der Krieg zur See.
* Rotterdam, 24. Nov. (W. T. B. Nichtamtlich.)
Nach Meldungen aus ſicherer Quelle iſt der engliſche
Ueberdreadnought „Audacious” am 28. oder
29. Oktober an der Nordküſte Irlands auf eine
Mine gelaufen und geſunken. Die Admiralität
hält das Ereignis ſtreng geheim, um eine
Aufre=
gung im Lande zu vermeiden. „Audacious” hatte ein
Deplazement von 27000 Tonnen und eine Maſchinenſtärke
von 28000 Pferdekräften, eine Geſchwindigkeit von 22
Seemeilen und eine Beſtückung von zehn 34,3
Zentime=
ter= und ſechzehn 10,2 Zentimeter=Kanonen. Die
Be=
ſatzung betrug zirka 1100 Mann.
* Berlin, 24. Nov. (W. T. B.) Nach einer amtlichen
Bekanntgabe der engliſchen Admiralität vom 23.
Novem=
ber iſt das deutſche Unterſeeboot „U 18” durch
ein engliſches Patrouillenfahrzeug an der Nordküſte
Schottlands zum Sinken gebracht worden. Nach
einer Meldung des Reuterſchen Bureaus ſind durch den
engliſchen Torpedobootszerſtörer „Garry” drei Offiziere
und 23 Mann der Beſatzung gerettet worden, ein Mann
iſt ertrunken.
Der ſtellvertretende Chef des Admiralſtabes:
Behncke.
Der türkiſche Krieg.
* Konſtantinopel, 23. Nov. Um einen
neuer=
lichen Beweis für die Pläne, welche Rußland
gegen die Türkei hegte, zu liefern und damit zu
rechtfertigen, wie ſehr die Türkei recht hatte, als ſie auf
die Seite des Dreibundes trat, veröffentlicht das Blatt
Turan Erklärungen, welche der frühere ruſſiſche
Botſchaf=
ter Giers ſeinerzeit in der Birſchewija Wjodemoſti machte.
Giers äußerte ſich folgendermaßen: Das Schwarze Meer
wird ein ruſſiſches Meer werden müſſen; auch die
Meer=
engen Bosporus, Dardanellen und Gibraltar ſollen
ruſ=
ſiſch werden. Dagegen müſſen Arabien und
Meſopota=
mien England, Syrien muß Frankreich gegeben werden.
Konſtantinopel ſoll ein kleiner neutraler Staat werden.
— Dieſe Aeußerungen, ſagt Turan, ſind ein intereſſintes
Dokument, denn ſie beweiſen, daß Giers nach
Konſtanti=
nopel gekommen iſt, nicht um die ruſſiſch=türkiſchen
Be=
ziehungen zu pflegen, ſondern um für die Pläne zur
Auf=
teilung der Türkei zu arbeiten. Sie ſtehen in offenbarem
Widerſpruch zu ſeinen Erklärungen, worin er die
Hoff=
nung äußerte, daß die Zwiſchenfälle im Schwarzen Meer
in freundſchaftlicher Weiſe erledigt werden könnten.
Wenn der frühere Botſchafter zu offen ſeine Gedanken
äußerte, ſo beweiſt das den Grad der Feindſchaft der
Ruſſen gegen die Türkei. Wir hoffen, daß angeſichts
ſol=
cher Dokumente die Nationen, welche noch neutral
geblie=
ben ſind, die Verantwortlichkeit für den Krieg nicht auf
uns ſchieben, ſondern anerkennen werden, daß wir Recht
hatten.
* Genf, 24. Nov. Einem Privattelegramm zufolge
haben die wenigen Franzoſenfreunde die Pxovinz
Libanon vor dem ſiegreichen Einzug der
türki=
ſchen Elitetruppen verlaſſen. Alle Wehrfähigen
des dortigen Gebietes hätten ſich den türkiſchen Truppen
begeiſtert angeſchloſſen und dem Sultan Treue geſchworen.
sozialdemokratiſcher Appell an die
Einigkeit des Reichstages.
Es iſt ein überaus erfreuliches Vorzeichen für
den wünſchenswerten Verauf der bevorſtehenden kurzen
Reichstagstagung, daß von ſozialdemokratiſcher Seite an
die Einigkeit des Reichstags appelliert wird. Und zwar
ſind es ſozialdemokratiſche Blätter, die dieſen Appell an
den Reichstag richten. Münchener Poſt, Rheiniſche
Zei=
tung und andere ſozialdemokratiſche Organe
veröffent=
lichen unter der Ueberſchrift „Einigkeit in Gefahr” einen
Seite 2.
Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 25. November 1914.
Nummer 325.
Reſchautenden Artikek, worin die bisherigen Erfolge
Deutſchlands auf ſeine in der Gefahr bewährte Einigkeit
zurückgeführt, und die Fortdauer der Gefahr einerſeits,
die deshalb notwendige Aufrechterhaltung der Einigkeit
andererſeits folgendermaßen begründet werden:
„Es iſt nicht ſo, daß die Kampfluſt und die
Wider=
ſtandskraft der Gegner durch die Enttäuſchung, die ſie
er=
lebten, gebrochen iſt. Es iſt nicht ſo, daß Deutſchland
jetzt nur noch die Friedenshand auszuſtrecken brauchte,
damit die anderen ſie ergreifen. Wer Gelegenheit hat, die
Preſſe des feindlichen Auslandes zu ſtudieren, der weiß,
daß drüben die Hoffnungen auf eine ſchließliche, ſchwere
Niederlage Deutſchlands noch lange nicht aufgegeben ſind.
.. . Wo ſind die Friedenswünſche auf der anderen Seite?
Wir wollten, ſie wären da, aber wir hören von ihnen
nichts! Solange in den Reihen der Gegner der Wille
zum Sieg lebt, ſolange es nicht in der Hand Deutſchlands
lkegt, Frieden zu machen, ſolange ſoll niemand ſo
ver=
meſſen ſein, zu behaupten, daß jede Gefahr vorüber iſt.
Deutſchland kämpft nicht gegen ſchwache, beinahe ſchon
vernichtete Feinde, es kämpft nicht gegen Gegner, die den
Frieden wollen, es kämpft auch nicht — trotz mancher
vor=
wiziger Stimmen — um Eroberung und Unterwerfung
fremder Völker, ſondern es kämpft noch immer darum, daß
es ſelber nicht niedergeworfen wird. . . . Darum gilt
noch immer die Parole Einigkeit in Gefahr!”
Die Richtigkeit dieſer Auffaſſung wird durch die
Tat=
jache veranſchaulicht, daß ſelbſt das verhältnismäßig
friedfertige Organ der franzöſiſchen Sozialdemokratie,
die Humanité, den Krieg ſolange fortgeſetzt wiſſen
will, „bis der deutſche Imperialismus vernichtet ſei”; mit
ihm verhandeln, heiße mit ihm Frieden machen.
Ange=
ſichts einer derartigen Schürung der Kriegsluſt durch das
franzöſiſche Sozialiſtenblatt muß man ſich in
Deutſch=
land über die Fortdauer der Gefahr und die daraus
fol=
gende Notwendigkeit vollſtändiger Eintracht um ſo kla
rer ſein, als der bisherige Gang des Krieges unſere
Feinde nicht im geringſten von den unerhörten
Vernich=
tungsgedanken abgebracht hat, die ſie gegen das deutſche
Volk beſeelen. Gerade hierauf wird wiederum von
ſo=
zialdemokratiſcher Seite mit wohl begründetem Nachdruck
hingewieſen. Die Frankfurter Volksſtimme führt unter
der Ueberſchrift „Hunnenpläne” u. a. das folgende
aus:
„Deutſchland ſoll nach den Vorſchlägen gewiſſer
Heiß=
ſporne in Frankreich nach allen Regeln barbariſcher
Kriegskunſt militäriſch und wirtſchaftlich ruiniert werden.
Nicht mehr der Schwung der Tapferkeit und der Kraft,
die ſich auf dem Blachfelde im Waffentanz einſetzt, ſollen
entſcheiden, ſondern durch eine Art von Ermattungs= und
Verblutungstaktik will man uns bezwingen, um uns
nachher nach einem genau vorher beſtimmten
Geſchäfts=
plan zu rädern und zu vierteln. Dieſes Hunnenprojekt
ſoll dem Kopfe einer „hohen franzöſiſchen Militärſtelle‟
entſtammen, wie die Londoner Daily Mail behauptet
Man hofft, Deutſchland durch eine langſame und
gründ=
liche Ueberziehung mit überlegenen Truppenmaſſen
dabei ſoll natürlich der engliſche „Vetter” mit ſeinem
Geld und ſeinen braunen Hilfstruppen die Hauptrolle
ſpielen! — während zweier Jahre im Elend eines
ſchlep=
penden Krieges zu erſticken. Der Dreißigjährige Krieg
mit ſeinen furchtbaren Verwüſtungen würde ein
Kinder=
ſpiel gegen dieſe Ausſichten ſein. Unſere Heimat ſoll ſo
entkräftet werden, daß ſie Jahrzehnte lang ſich nicht mehr
erheben könnte. Ausgeſaugt und entnervt durch einen
zweijährigen, mit allem Raffinement durchgeführten
Aderlaß, ſollen wir ſchlimmer dahinſiechen, als in dem
18. Jahrhundert der unzähligen Duodezfürſten . . . Wenn
dieſe Hunnenpläne eine Wirkung haben, ſo hoffentlich
dieſe: daß bei uns in Deutſchland, im Heer und daheim,
alles geſchloſſen wie aus Eiſen zuſammenſteht, um dem
Gegner die Verwirklichung ſolcher Wünſche durch die
Steigerung unſerer Kräfte zur höchſten Leiſtung zu
ver=
eiteln.”
Die Vorbedingung dafür, daß die deutſchen Kräfte
zur höchſten Leiſtung geſteigert werden, iſt die Fortdauer
ſeiner lückenloſen Einigkeit. Indem der Reichstag, wie
nicht anders zu erwarten ſteht, der Nation zum
zweiten=
mal das Beiſpiel vorbildlicher Eintracht gibt, ſichert er
ſich von neuem den Ehrenplatz in der deutſchen Geſchichte,
auf den ihn der Verlauf ſeiner Auguſttagung erhoben hat.
Der Herzog von Koburg in Lebensgefahr.
* Aus Koburg meldet der Berl. Lok.=Anz.: Der
Herzog von Sachſen=Koburg iſt auf dem
öſt=
lichen Kriegsſchauplatz wie durch ein Wunder einer
ſchwe=
ren Gefahr entgangen. Eine Granate ſchlug in der Nähe
des Standortes des Stabes vom Infanterie=Regiment,
deſſen Chef der Herzog iſt, ein. Der Kommandeur des
Regiments wurde getötet. Ein Hauptmann und der
Re=
gimentsadjutant wurden verwundet.
Aus Belgien.
* Berlin, 24. Nov. Die Morgenpoſt meldet aus
dem Haag: Das Blatt Vaterland veröffentlicht eine
Un=
terredung mit dem Bürgermeiſter von Mecheln, der u.
a. ſagte: Die Deutſchen, die wir hier haben, es ſind
Preußen vom Landſturm, betragen ſich gut. Wir hören
keine Klagen über Mißhandlungen der Bevölkerung.
Das charakteriſtiſche bei der Einwohnerſchaft iſt die Wut
über die Flüchtlinge, die zumeiſt wohlhabende
Bürger ſind, jetzt ruhig in England gute Tage verleben,
dort verhätſchelt werden und ſich nicht ſchämen, mit dem
engliſchen Mitleid Mißbrauch zu treiben.
Der Einſpruch der Schweiz.
* Zürich, 24. Nov. Die entſchiedene Einſprache
der ſchweizeriſchen Regierung wegen der durch engliſche
und franzöſiſche Flieger begangenen Verletzung der
ſchweizeriſchen Neutralität wird in der
ſchweizeriſchen Oeffentlichkeit mit Befriedigung
aufgenom=
men. Mißt man auch dem Vorfall nicht übertriebene
Be=
deutung bei, ſo iſt doch das Verlangen nach Genugtuung
und der dringende Wunſch, daß ſolche Mißachtungen der
ſchweizeriſchen Neutralität ſich nicht wiederholen,
allge=
mein. Die Züricher Poſt freut ſich dieſes männlichen
und klaren Einſpruchs der eidgenöſſiſchen Regierung, der
ohne Zögern und in würdiger Art erfolgt ſei. Aus ihrer
peinlich korrekten Durchführung der Neutralität dürfe die
ſchweizeriſche Regierung das Recht ableiten, zu verlangen,
daß die Neutralität der Schweiz von anderen Staaten
ebenſo korrkt und loyal geachtet werde. Die Würde des
Landes, ſeine Selbſtachtung und das Anſehen nach außen
verlange, daß dieſe Neutralitätsverletzung nicht ohne
Ge=
nugtuung bleibe. Demſelben Blatt wird geſchrieben, an
der Tatſache der Neutralitätsverletzung beſtehe kein
Zweifel. Es ſei anzunehmen, daß die Flieger von Baſel
bis Romanshorn ſtändig ſtark über ſchweizeriſchem
Ge=
biet geflogen ſeien, um die deutſchen Grenzwachen nicht zu
alarmieren.
Engliſche Unterſeebote im Finniſchen Meerbuſen.
* Berlin, 23. Nov. Der Deutſchen Tageszeitung
wird aus Stockholm gemeldet: Das Helſingforer
Dag=
blatt erfährt aus ſicherer Quelle, daß ſich augenblicklich
fünf engliſche Unterſeeboote im
Finni=
ſchen Meerbuſen befinden. Einige von ihnen
la=
gen vor einigen Tagen in Helſingfor. Engliſche
Offi=
ziere zeigten ſich in der Stadt. Die ruſſiſche Flotte,
die früher Helſingfor verlaſſen hatte, um in Kronſtadt zu
überwintern, iſt nach Helſingfor zurückgekehrt, wobei ein
größerer Kreuzer im Helſingforer Hafen auf Grund
ſtieß, wo er noch feſtſitzt. Infolgedeſſen iſt der
Allgemein=
heit der Zutritt zu dem Hafen verboten.
Aus dieſer Nachricht geht, ihre Richtigkeit
vorausgeſetzt, zunächſt die wichtige Tatſache hervor,
daß Großbritannien die däniſche oder die
ſchwe=
diſche Neutralität gebrochen hat, denn die
britiſchen Unterſeeboote ſind zweifellos durch den Sund
in die Oſtſee gekommen. Die politiſche Tragweite dieſes
Ereigniſſes möchten wir, ſo bemerkt dazu der
marinetech=
tiſche Mitarbeiter der Deutſchen Tageszeitung, vorläufig
noch nicht erörtern, zumal ohne Zweifel auf ſeiten
Däne=
marks wie Schweden weder böſer Wille noch
Nachläſſig=
keit vorgelegen hat, ſondern einfach die Unmöglichkeit,
das Paſſieren der britiſchen Boote zu hindern. Die
dä=
niſche und die ſchwediſche Regierung ſehen ſich durch dieſe
neue, unerhörte britiſche Vergewaltigung in
die peinlichſte Verlegenheit gebracht. Auf jeden Fall
würde das Erſcheinen engliſcher Unterſeeboote in der
Oſt=
ſee von neuem beweiſen, daß die Engländer ſich um
die Rechte der Neutralen herzlich wenig kümmern,
wenn es in ihrem Intereſſe liegt.
Die engliſchen Lügenmeldungen über Deutſchs
lands Friedensſehnſucht
werden jetzt auch auf neutraler Seite nach Gebühr
ge=
würdigt. Aus Kopenhagen, 23. November, wird
gemel=
det: Politiken ſchreibt: Ständig gehen Friedensgerüchte
um. Seit dem 3. Oktober verbreitet die Däily Chronicle
Nachrichten, wonach die Deutſchen Annäherung an
ein=
flußreiche Franzoſen ſuchten, umzu erfahren, ob
Frank=
reich für einen Friedensvorſchlag auf der Grundlage der
Abtretung von Metz und eines Teiles des Elſaß
zugäng=
lich ſei. Vor vier Tagen brachte die Morning Poſt ein
Telegramm aus Rom, daß die Deutſchen den Frieden
mit Rußland ſuchten. Jetzt haben die Daily News eine
Meldung ihres Korreſpondenten aus Waſhington
wieder=
gegeben, nach der die Regierung der Vereinigten Staaten
von Nordamerika von deutſcher Seite um ihre
Friedens=
vermittlung angegangen worden ſei. Da die Daily News,
obgleich Regierungsblatt, während des jetzigen Krieges
die verſchiedenſten Meldungen gebracht haben, die auf
gleicher Höhe mit denen der Daily Chronicle und der
Morning Poſt ſtanden, muß dieſe Nachricht über nahe
Friedensausſichten mit großer Vorſicht aufgenommen
werden, da ſie offenbar nur dazu beſtimmt iſt, in
Eng=
land eine gute Stimmung zu erhalten. Es
iſt augenblicklich ganz undenkbar, daß die deutſche
Regierung Friedensverhandlungen wünſcht. Der
Min=
deſtpreis für den Frieden wird die Aufgabe Belgiens und
die Zahlung einer Anzahl Milliarden als
Kriegsentſchä=
digung ſein. Außerdem ſteht Deutſchlands Heer auf
feindlichem Boden, und ſeine Flotte iſt noch gar nicht in
Aktion getreten. Daher würde ein Friedensvorſchlag der
deutſchen Regierung dem Volke als ein Verrat erſcheinen.
Ein Krieg, der um die Weltherrſchaft begonnen worden
iſt, wird nicht nach drei bis vier Monaten aufgegeben.
Treibende engliſche Minen.
* Nach einer halbamtlichen Mitteilung aus dem Haag
haben die Unterſuchungen ergeben, daß die bisher an der
holländiſchen Küſte angeſchwemmten Minen, ungefähr
100 an der Zahl, durchgehends engliſche ſind und
ſich unter ihnen keine einzige deutſche befindet. Das gilt
nach der halbamtlichen Mitteilung auch von der neulich
bei Weſtcappellen angetriebenen Mine, die am Strande
liegend explodierte und einen Kapitän nebſt mehreren
Leuten tötete. Die Feſtſtellung der Zugehörigkeit der an
den Strand getriebenen Minen hat, wie weiter aus dem
Haag berichtet wird, nach ihrer Farbe mit voller
Be=
ſtimmtheit und einwandfrei erfolgen können.
Dieſe Feſtſtellung irgendwie anzuzweifeln, iſt völlig
aus=
geſchloſſen, ganz abgeſehen davon, daß die holländiſche
Regierung als loyale neutrale Macht kein Intereſſe daran
haben könnte, ob die an ihre Küſte geſchwemmten Minen
britiſcher oder deutſcher Herkunft ſeien: Mußte man ſich
in Deutſchland bisher auf die Behauptung beſchränken,
daß es ſich in dieſen und anderen Fällen nicht um
deut=
ſche Minen handeln könne, und daß Großbritannien für
ſeine Behauptung des Gegenteils Beweiſe beizubringen
habe, ſo liegt jetzt hiermit der Beweis klart
undeerſchöpfend vor. Weder Ableugnung noch
eine Fortſetzung der Verleumdungen gegen die deutſche
Deutſche Kriegsbriefe.
Von Paul Schweder.
(Nachdruck verboten.)
XXIx.
Im Fliegerlager.
Großes Hauptquartier, 21. Nov.
Auf einer großen Wieſe iſt über Nacht eine bunte
Zektſtadt aufgebaut, und wenn wir nicht im Kriege
lebten, könnten die Einwohner des benachbarten
freund=
lichen Städtchens wohl denken, es ſolle in den nächſten
Stunden eine luſtige Kirchweih beginnen oder ein
Zir=
kus ſeine Künſte zeigen. Denn nicht weniger als ſechs
große Zelte ſind in langer Reihe nebeneinander
aufge=
baut und ein Reiſewagen, der mitgekommen iſt, ſieht
ganz ſo aus, als wenn er äußerſt intereſſante und
ge=
heimnsvolle Dinge berge. Aber dann wird er ſeiner
ſchützenden Hüllen entkleidet, und ſiehe da, es erſcheint
ein Berliner Automobilomnibus, der in ein Büro der
Fliegerabteilung umgewandelt iſt, die hier von heute ab
Dienſt tun will.
—Raſch hat ein Soldat der Telegraphenabteilung das
im Innern des Wagens befindliche Telephon fertig
ge=
ſtellt, und ſchon nimmt ein Fliegeroffizier die Befehle
des Generalkommandos entgegen. Wenige Minuten
ſpäter wird der Vorhang von einem der Zelte
fortge=
zogen und ein ſchöner neuer Flugapparat herausgebracht.
Fliegeroffizier und Begleiter beſteigen das mächtige
Fahrzeug, das als Doppeldecker mit einem 100 pferdigen
Mercedes=Motor der Daimlerwerke in Cannſtadt=
Stutt=
gart ausgerüſtet iſt, und pfeilſchnell geht die Fahrt nach
oben und in die Ferne, wo der Feind ſteht. Es gilt
die Auffindung einer gegneriſchen
Artillerieſtellung,
und nachdem der Flieger wohlbehalten zurückgekehrt iſt,
mel=
det er ſeine Beobachtungen ſofort der ſchweren Artillerie
der Unſeren, die darauf in einem mörderiſchen Feuer
den Feind aus der bisherigen Stellung vertreibt.
Wer von uns, der ſeinerzeit den erſten unglücklichen
Flugverſuchen des Franzoſen Armand Zipfel auf dem
Tempelhofer Felde beiwohnte, hat damals geahnt, daß
wenige Jahre ſpäter ſchon das Flugzeug eine der
ge=
fürchtetſten Waffen im Zukunftskriege ſein würde!
Was wir dann erlebten, den großartigen Aufſchwung
der franzöſiſchen Flugzeuginduſtrie und die gewaltigen
Erfolge der franzöſiſchen Flieger, ließ mancherlei
Be=
fürchtungen in uns wach werden. Aber dann kamen,
kurz vor dem Kriege, die
überraſchenden Weitflüge unſerer Zivil=
und Militärflieger,
und zähneknirſchend mußten die Gegner uns die
Ueber=
legenheit in bezug auf den Weitflug und die Sicherheit
der Flüge zugeſtehen. Allerdings hofften ſie, durch den
anerkannten Elan ihrer Flieger und die leichtere
Bau=
art ihrer Flugzeuge uns überlegen zu bleiben.
Allein was wir bisher in dieſer Beziehung erlebt
haben, kann uns nicht veranlaſſen, den Franzoſen irgend
welche Komplimente zu machen. Gewiß — ſie haben
zu=
erſt die Fliegerbomben und Fliegerpfeile zur
Anwen=
dung gebracht und Maſchinengewehre in ihre Apparate
eingebaut, wodurch aus der Erkundungsmaſchine zugleich
eine gefährliche Waffe wurde. Aber dieſen Mangel
ha=
ben wir ſofort beſeitigt und die Bomben, die ich heute
in einem unſerer Flugzeuge verſtaut ſah, beruhigten
mich durchaus darüber, daß ſie nicht minder wirkſam
ſein werden als die der feindlichen Flieger.
Ich will nun erzählen, was mir einer unſerer erſten
und beſten Offizierflieger, der Hauptmann von Jena,
über die
Arbeit unſerer Fliegerſtationen
heute mitteilte. Ihm unterſteht der Flugzeugpark auf
der froſtharten Wieſe, zu der wir vom Großen
Hauptquar=
tier aus in ſtundenlanger Fahrt gekommen waren, und
auf der ſich gerade mehrere Flugzeuge zur Abfahrt
be=
reit machten. Was zunächſt den famoſen Reiſewagen
anlangt, ſo dient dieſer allen Anforderungen, welche an ein
gewöhnliches Büro geſtellt werden, als da ſind:
Schreib=
gelegenheit, Telephon, Bücher= und Aktenſchränke,
Kar=
tengelaſſe, Schreibmaſchine, Waſch= und Sitzgelegenheit.
Man ſollte gar nicht glauben, was alles in ſo ein
Ge=
fährt hineingeht, in dem in Friedenszeiten ſtets
drang=
voll fürchterliche Enge herrſchte.
Gleich neben dem Wagen erhebt ſich ein Zelt, in
dem Benzin, Oel, Erſatzteile, mechaniſche Gerätſchaften
uſw. bereit gehalten werden. Die übrigen fünf Zelte
aber ſind ausſchließlich für die Flugzeuge beſtimmt, von
denen im Lager des Herrn von Jena nur ſolche der
Ber=
liner Luftverkehrs=Geſellſchaft und der Euler=Geſellſchaft
in Frankfurt vorhanden ſind. Beide Syſteme ſind
Dop=
peldecker und ähneln ſich in der Bauart durchaus, da
beide Geſellſchaften Hand in Hand arbeiten. So benutzen
ſie auch beide die ſchon erwähnten Mercedes=Motoren
und ferner Benz=Motoren, und beide haben faſt dieſelben
außerordentlich feſten und widerſtandsfähigen
Draht=
verſpannungen an den Tragflächen angebracht. Die
durchſchnittliche Geſchwindigkeit beider Arten von
Flug=
zeugen iſt etwa 100 Kilometer in der Stunde, alſo die
gleiche Geſchwindigkeit, die auch die Flugzeuge unſerer
Gegner zu entwickeln pflegen. Auch dieſe haben
vor=
zügliche Fabrikate, wie Herr von Jena anerkennend
her=
vorhob, doch kommen die verſchiedenartigſten Syſteme in
Frage, weil drei verſchiedene Nationen ihre Flugzeuge
gegen uns vorſchicken.
Neu iſt ein Schalldämpfer an unſeren Apparaten,
der das Motorengeräuſch abfangen ſoll. Der
Betriebs=
ſtoff, den unſere Flugzeuge mitnehmen, reicht durchſchnitt=
4 bis 6 Stunden. Außerdem ſind in einem Behälter
ober=
halb der Motorenanlage noch 19 Liter Fallbenzin
unter=
gebracht, damit der Flieger nach Möglichkeit einen
ge=
eigneten Landungsplatz aufzuſuchen vermag. Motor und
Propeller befinden ſich bei unſeren Apparaten vorn, bei
den Franzoſen dagegen hinten, ſodaß der Beobachter
bei den Franzoſen vorn ſitzt. Man hat das bisher als
einen Vorteil angeſehen, bis ein
Luftkampf,
den ſeinerzeit in Belgien der Flieger Steffens mit einem
franzöſiſchen Flieger auszufechten hatte, uns davon
über=
zeugte, daß wir durch dauernd höheres Steigen dem
Gegner dennoch überlegen waren, da es Steffens gelang,
den feindlichen Flieger zu überhöhen und darauf durch
den Beobachter herunterſchießen zu laſſen. Der einfache
Karabiner tat in dieſem Falle genau dieſelben Dienſte wie
ein Maſchinengewehr. Die Franzoſen haben geglaubt,
daß ſie mit dem Maſchinengewehr größere Treffſicherheit
Darmſtätder Tagblatt, Mittwoch, den 25. November 1914.
Seite 3.
Selriegführung kömnen, dieſe Taſache gus der Weit
ſchaffen.
Rein maritim und techniſch betrachtet, iſt es kein
Wunder, daß gerade die von der britiſchen Admiralität
gelegten Minen zu einer gefährlichen Peſt in der
Nord=
ſee geworden ſind. Es liegt auf der Hand, daß die auf
hoher See ausgelegten engliſchen Minen mit ihrer
Ver=
ankerung Sturm und Seegang weit mehr ausgeſetzt ſind,
als die dicht an den engliſchen Küſten liegenden deutſchen
Minen. Dazu kommt aber die bedauerliche Tatſache, daß
das britiſche Minenmaterial, hauptſächlich ſo
weit es zur Verankerung dient, an ſich ſchlecht und
den großen Anforderungen an Feſtigkeit und
Dauerhaf=
tigkeit nicht gewachſen iſt. Das 5000 Quadratkilometer
bedeckende Minenfeld, welches nach Angabe der
engli=
ſchen Admiralität quer über den ſüdlichen Ausgang der
Nordſee gelegt worden iſt, ſcheint nach den Vorfällen
an der holländiſchen und belgiſchen Küſte in voller
Auf=
löſung begriffen zu ſein und dürfte mit dem Fortſchreiten
des Winters die geſamte Nordſee mit treibenden Minen
erfüllen und ihre Küſte mit angeſchwemmten Minen.
Der Troſtſäbel.
* Kopenhagen, 24. Nov. Wie die Berlingske
Tidende mitteilt, iſt ein Pariſer Komitee gebildet
worden, um Geld zur Anſchaffung eines Ehrenſäbels
für den belgiſchen König zu ſammeln, der ihm als
Weihnachtsgeſchenk überreicht werden ſoll. Wollen die
Pariſer ihr Gewiſſen damit beruhigen?
Fluchtverſuch von Kriegsgefangenen in England.
* London 23. Nov. Das Reuterſche Bureau
be=
richtet: In Douglas, auf der Inſel Man, verſammelten
ſich im Gefangenenlager am letzten Donnerstag auf ein
gegebenes Zeichen im großen Speiſeſaal 2000
Kriegsge=
fangene und überfielen die Wache mit der Abſicht, zu
ent=
kommen. Dieſe ſchoß in die Luft, und als dies nichts
nützte, wurde eine ſcharfe Salve abgegeben, durch die
vier Mann getötet oder verletzt und 12
ernſt=
lich verletzt wurden. Die Verwundeten wurden ins
Spital gebracht. Die übrigen Gefangenen ergaben ſich
Ein Mann, der, um zu entrinnen, auf das Dach geklettert
war, fiel herab und zerſchmetterte ſich die Schädeldecke.
Eine Unterſuchung des Vorfalles iſt eingeleitet.
Der Frkf. Ztg. wird hierzu aus London noch
mitge=
teilt: Insgeſamt waren etwa 4000 öſterreichiſche und
deutſche Bürger dort untergebracht; die unter der
Be=
wachung von 300 engliſchen Soldaten ſtanden; zum
gro=
ßen Teil waren es Kellner, Matroſen, Schiffsſtewards
und Arbeiter. Bei der Ankunft der letzten Truppe von
Gefangenen verſchlechterte ſich das Verhältnis zwiſchen
den Gefangenen und der Wachmannſchaft. Dieſe begann
darüber zu klagen, daß ſie durch die Gefangenen beleidigt
würde. Der erſte Zwiſchenfall ereignte ſich, als viele
Gefangene an einem naſſen und ſtürmiſchen Abend ſich
weigerten, das große Gebäude zu verlaſſen, um nach ihren
Zelten zu gehen. Sie durften ſchließlich bleiben, und
es wurde, um ihren Klagen über die geringen
Annehm=
lichkeiten in den Zelten entgegenzukommen, mit dem
Bau von Hütten begonnen. Am Mittwoch wurde über
das Eſſen geklagt, am Donnerstag brach der
Auf=
ruhr aus, wobei es fünf Tote gab. Es wurde mit
Tel=
lern, Meſſern, Gabeln und Stühlen geworfen und ein
Trupp Gefangener verſuchte, nach der Küche und dem
Speiſeſaal durchzudringen, was durch die Wache
verhin=
dert wurde. Die Wache ſchoß zunächſt in die Luft, aber
als die Gefangenen nicht zur Vernunft zu bringen waren,
wurde auf ſie gefeuert. Es brach unter den Gefangenen
eine Panik aus, die meiſten ſtrckten die Arme in die
Höhe zum Zeichen ihrer Unterwerfung, oder ſie ſuchten
aus dem Pavillon zu flüchten. Daß die Zelte bei dem
jetzigen außerordentlich kalten und regneriſchen Wetter
für die Gefangenen zu einer Tortur werden mußten, iſt
erklärlich, und es iſt charakteriſtiſch, daß man erſt auf
Grund der berechtigten Klagen zu dem Bau von
Ba=
racken überging.
Die ernſte Lage in Südafrika.
* Amſterdam, 23. Nov. Die Regierung in
Süd=
afrika hat eine Reihe von außergewöhnlichen
Vorſichtsmaßnahmen getroffen, die auf den Ernſt
der Lage in Transvaal und im Oranje=Freiſtaat ſchließen
laſſen. Ein Eiſenbahntransport von gegen 10 Mill. Pfd.
Sterling wurde unter Bedeckung von zwei Panzerzügen
aus den „Rand‟=Banken in Johannesburg nach der
Kap=
kolonie gebracht. Pretoria iſt militäriſch abgeſperrt, die
Stadt darf nicht ohne Erlaubnis der Militärbehörde ver
laſſen werden. Der Nachtverkehr auf den Eiſenbahnlinien
iſt eingeſtellt, nach verſchiedenen Orten ſind die
Eiſenbahn=
verbindungen völlig unterbrochen.
Die engliſchen amtlichen Berichte ſprachen bisher
da=
von, daß die Mehrzahl der Aufſtändiſchen aus der
ärme=
ren Bevölkerung, den ſogenannten Feldburen, beſtänden.
In der Tat ſind dieſe Elemente auch unter den
Aufſtändi=
ſchen vertreten, in der Hauptſache beſtehen jedoch die
An=
hänger der antiengliſchen Bewegung aus ſogenannten
Hertzogianern. Unter Hertzog iſt in erſter Reihe die
gebildete Jugend Südafrikas verſammelt. Die
Komman=
dos der Aufſtändiſchen begannen überall aufzutauchen,
beſonders im Weſten Transvaals und im Oranje=
Frei=
ſtaat; Trupps von Aufſtändiſchen haben ſich ſogar ſchon
in der Nähe von Pretoria gezeigt. Auch Ruſtenburg iſt
von ihnen bedroht.
Gärung in Japan?
* (Ctr. Bln.) In Japan macht ſich, nach in Berlin
einge=
troffenenoſtaſiatiſchen Blättern eine ſtarke und ſteigende
Be=
wegung gegen den Krieg bemerkbar. In Tokio
zu Tauſenden beſchlagnahmte Aufrufe verlangen, man
hätte ſtatt des Vorgehens gegen Deutſchland lieber die=
Frage der Mandſchurei und Mongolei aufrollen ſollen.
Die japaniſche Regierung ſtehe offenbar im Solde
Eng=
lands, für das Japan nur die Kaſtanien aus dem Feuer
holen ſolle. Viele derartige Proklamationen haben
Ein=
gang in die Kaſernen gefunden, und auch in der
Prieſter=
ſchaft herrſche Mißſtimmung gegen den Krieg. In Oſaka
entfalten Agitatoren eine beſonders lebhafte Tätigkeit,
namentlich unter den Arſenalarbeitern, die aufgefordert
werden, ſich der neuen Mongolenbewegung
anzuſchlie=
ßen und die Regierung zu ſtürzen, die Japan unter die
Abhängigkeit von Europa bringe.
Stadt und Land.
Darmſtadt, 25. November.
* In ernſter Zeit feiern wir in dieſem Jahre den
Geburtstag unſeres Großherzogs. Wenn im
Hinblick auf die Abweſenheit des Großherzogs und den
Ernſt der Zeit diesmal von beſonderen Feſtlichkeiten und
Veranſtaltungen abgeſehen wurde, ſo werden wir dafür
im Stillen mit um ſo treuerem und dankbarerem Herzen
unſeres Landesherrn gedenken, der fern von der Heimat
ſeinen Geburtstag bei ſeinen heſſiſchen Truppen im
Fein=
desland zu begehen gewünſcht hat. Wir gönnen unſeren
braven Landsleuten, die für uns ſtreiten, dieſen Vorzug
und dieſe Auszeichnung; denn alle unſere Gedanken und
Wünſche weilen ſtets bei ihnen. Auch alle heſſiſchen
Lan=
deskinder, die im Weſten und Oſten in heißem Ringen
für die Ehre und den Ruhm unſeres Vaterlandes, für
Familie und Herd kämpfen, werden an dem heutigen Tage
ihres Landesherrn, deſſen Bruſt die höchſte Auszeichnung
des Kriegers, das Eiſerne Kreuz, ziert, mit Stolz und
Dankbarkeit und mit heißen Wünſchen für ſein und des
Heſſenlandes Wohl gedenken. So fühlen wir uns heute
noch mehr als in den letzten ſchweren Monaten in unſeren
Gedanken und Wünſchen mit ihnen einig und vereint. Der
Wunſch aber, der uns alle beſeelt, iſt, daß unſer geliebter
Großherzog an der Spitze unſerer tapferen heſſiſchen
Truppen, mit denen er jetzt aus eigenem Entſchluſſe fern
in Feindesland Freud und Leid teilt, nach ſiegreichem
Kriege in nicht zu langer Zeit wieder in die Heimat
zu=
rückkehren möge. Ob dies nun früher oder ſpäter eintreten
wird: bis dahin begleiten alle unſere Wünſche und
Ge=
fühle unauslöſchlicher Dankbarkeit unſeren Landesherrn
und unſere braven Heſſen draußen im Felde, denen es
ewig unvergeſſen bleiben wird, was ſie für uns und unſer
Vaterland getan haben.
Heil unſerem Großherzog!
Heil Deutſchland!
* Schulunterricht. Nachdem der größte Teil der
jungen Schleſier wieder in die Heimat zurückkehren
konnte, beginnt am Donnerstag, den 26. November, der
Schulunterricht, auch der Unterricht der
Fort=
bildungsſchule, in denjenigen Schulhäuſern, die zur
Einquartierung der Schleſier benutzt waren, wieder.
* Pfarrperſonalie. Se. Königl. Hoheit der
Groß=
herzog haben dem Pfarraſſiſtenten Fritz Pabſt zu
Rhein=Dürkheim die evangeliſche Pfarrſtelle zu
Siefers=
heim übertragen.
* Militärdienſtnachrichten. Scriba, Oblt. der
Reſ. des Feld=Art.=Regts. Nr. 25 (I Darmſtadt) zum
Hauptmann, Graf v. Hardenberg, Oblt. der Reſ.
des Leib=Drag.=Regts. Nr. 24 (Torgau), jetzt beim Stabe
der 25. Inf.=Div., zum Rittmeiſter, Geck, Lt. der Reſ.
des Feld=Art.=Regts. Nr. 61 (I Hamburg) zum
Ober=
leutnant — befördert.
* Ritter des Eiſernen Kreuzes. Das ſtellvertretende
Generalkommando des 18. Armeekorps veröffentlicht die
erſte Liſte der mit dem Eiſernen Kreuz erſter
Klaſſe Beliehenen. Es erhielten das Eiſerne Kreuz
er=
ſter Klaſſe: Seine Exzellenz der Kommandierende General
des 18. Armeekorps; Prinz Friedrich Karl von Heſſen,
Hoheit, Chef und Kommandeur des Inf.=Regts. Nr. 81;
die Generalmajore v. Oven, Kommandeur der 21. Inf.=
Div., Kühne, Kommandeur der 25. Inf.=Div., und von der
Eſch, Kommandeur der 41. Inf.=Brig., Oberſtleutnant von
Blücher, Chef des Generalſtabs des 18. Armeekorps, Major
Frhr. v. Stoltzenberg, erſter Generalſtabsoffizier des 18.
Armeekorps; die Oberſten Oltmann (Inf.=Regt. Nr. 87),
Schimmelpfennig (Inf.=Regt. Nr. 116) und Münter (Inf.=
Regt. Nr. 118); die Majore v. Tſchudi,
Generalſtabsoffi=
zier der 21. Inf.=Div., Faupel, Generalſtabsoffizier der
25. Inf.=Div., Güttich (Feldart.=Regt. Nr. 25), Schwierz
(Inf.=Regt. Nr. 115) und Koettſchau (Inf.=Regt. Nr. 117);
die Hauptleute Pabſt v. Ohain (Inf.=Regt. Nr. 115), von
Hannecken (Inf.=Regt. Nr. 115), v. Poly (Inf.=Regt. Nr.
116), Henrici (Inf.=Regt. Nr. 117), Tidow (Fußart.=Regt.
Nr. 3), Colmann (Inf.=Regt. Nr. 118) und Hauptmann der
Reſ. Schulze=Jena (Feldart.=Regt. Nr. 61), Oberleutnant
v. Ilſemann (Feldart.=Regt. Nr. 25), Leutnant Bickel
(Feldart.=Regt. Nr. 61) und Sergeant Piſtler (Inf.=Regt.
Nr. 116, 1. Komp.).
Oberſtleutnant H. Kritzler erhielt das Eiſerne
Kreuz.
— Großh. Hoftheater. Als Feſtvorſtellung zur
Feier des Geburtstages Seiner Königlichen Hoheit des
Großherzogs wird heute Mittwoch zum erſtenmal die
„Marketenderin” von Humperdinck gegeben. Zu
Beginn des Abends ſpricht Hans Baumeiſter einen von
dem Dichter des Textbuches, Robert Miſch, verfaßten
Prolog. Die Erſtaufführung des Luſtſpiels „Als ich
noch im Flügelkleide” findet am Donnerstag,
den 26., ſtatt. In dieſem Stücke, deſſen heitere Handlung
ſich in einem Mädchen=Penſionat abſpielt, werden die
zwölf an tollen Einfällen überre chen Backfiſche von den
Damen: Gothe, Hacker, Herbach, Hinken, Kaufmann,
Lauth. Manecke, Meißner, Pils, Schott, Weber und
Widmann geſpielt. In den übrigen Hauptrollen ſind
beſchäftigt die Damen Horn, Müller=Hanno und Niedt,
ſowie die Herren Ehrle, Harprecht, Jordan Kroczak,
Schneider und Weſtermann. Freitag wird Offenbachs
phantaſtiſche Oper „Hoffmanns Erzählungen” auf D 12
wiederholt. Unter der Leitung Paul Ottenheimers iſt
für Samstag, den 28. ds., 8 Uhr, ein Volkskonzert
zu Volksvorſtellungspreiſen angeſetzt. Das Programm
umfaßt die C moll=Sinfonie von Brahms, Benedictus
aus dem Requiem von Mozart, Lieder (geſungen von
Anna Jacobs) und den Trauermarſch aus
Götter=
dämmerung von Wagner. Dieſes Konzert iſt als Er=
haben würden. Es hat ſich jedoch gezeigt, wie uns auch
gefangene Flieger ſelbſt erklärten, daß das
Maſchinen=
gewehr unendlich viele Schwierigkeiten in der
Bedie=
nung macht, und daß es auch mit der Treffſicherheit ſehr
hapert, während ein guter Schütze mit dem Karabiner
durchaus gute Erfolge aufzuweiſen hatte.
Die hauptſächlichſten Syſteme der Gegner ſind im
gegenwärtigen Kriege Farman=, Bleriot= und
Duper=
duſſin=Apparate. Sie alle aber ſind mehr für den
Aviatikſport als für die Kriegführung geeignet und
verſagen daher, ſobald es ſich um lange und größte
Sicherheit beanſpruchende Fahrten handelt. Vereinzelt
iſt es vorgekommen, daß die Franzoſen und anſcheinend
auch die Engländer an ihren Flugzeugen unſer Eiſernes
Kreuz anbringen, um unſere Truppen zu täuſchen, wenn
ſie, namenlich des Abends, über unſeren Stellungen zu
erſcheinen pflegen.
Ganz außerordentliche Anforderungen hat die
Mili=
tärbehörde an die Tragfläche unſerer Apparate geſtellt.
Es wurde die 16fache Sicherheit gefordert, und ſo ſind
die urſprünglich ganz federleicht gedachten Tragflächen
heute von einer Feſtigkeit, daß eine ganze Kompagnie
Soldaten darauf ſtehen kann, die Motoren machen in
der Minute bis zu 1400 Umdrehungen. Die Propeller
ſind von verſchiedenen Firmen geliefert worden und ſie
ſtellen den Flugzeugführer vor manche techniſch
inter=
eſſante Aufgabe. So verlangt faſt jeder Motor einen
anderen Propeller. 16 bis 20 Proben ſind nötig, um
den paſſenden herauszufinden.
Herr von Jena zeigte mir dann noch die
Fliegerbomben,
die in zwei verſchiedenen Arten ausgegeben werden.
Die eine kann ganze Häuſer in die Luft ſprengen,
wäh=
rend die andere ganz beſondere Zwecke verfolgt. Die
Bomben werden durch ein am Vorderſitz befindliches
Gleitrohr in die Tiefe geworfen, und Herr von Jena
zeigte mir genau, wie er es fertig gebracht hat, eine der
Bomben gerade über dem Pont de Jena in Paris
abzu=
werſen, jenen Pont de Jena, den ſchon der alte Blücher
bei ſeinem Beſuche in Paris 1815 in die Luft ſprengen
laſſen wollte wogegen doch Metternich mit Erfolg
Ein=
ſpruch erhob, obgleich der alte Blücher ihm hatte ſagen
laſſen, er möge ſich doch während der Sprengung auf die
Brücke ſetzen, dann wäre beiden Teilen geholfen.
Sehr intereſſant waren die Photographien, die Herr
von Jena auf ſeinen zahlreichen Flügen über Paris
auf=
genommen hat, und zwar mit einer Kamera, die wie ein
kleines Maſchinengewehr ausgeſtattet iſt und ſehr ſcharfe
Aufnahmen ergibt. Da ſie nur auf unendlich eingeſtellt
iſt, ſo kann ſie auch jeder Laie ohne weiteres handhaben.
Unſere Verbündeten in Oeſterreich=Ungarn haben in
der Hauptſache Albatros= und Etrich=Apparate in den
Heeresdienſt eingeſtellt. Auch die A. E. G., die einen
ganz neuartigen Typ produziert, der ſich dadurch
aus=
zeichnet, daß der Apparat bei der Landung auf
ungün=
ſtigem Gelände nicht mehr abmontiert werden muß,
ſon=
dern ohne weiteres abgefahren werden kann, hat nach
Oeſterreich geliefert. Er erſcheint vor allem um
des=
willen ſehr kriegsbrauchbar, weil er im Feindesland ſehr
leicht zu verſtecken und bei gelegener Zeit abzuholen iſt
Von den Flugzeuggeſchwadern, von denen in der
franzöſiſchen Preſſe eine ganze Zeit hindurch die Rede
war, hat Herr von Jena noch nicht das geringſte bemerkt.
Auch von den Rieſenapparaten der Engländer und
Ruſſen, die als
„Aero=Omnibuſſe‟
eine Zeitlang umherſpukten, und die 8 Perſonen und
mehr auf einmal befördern konnten, iſt in dieſem Kriege
noch nichts zu ſehen geweſen. Ich ſelbſt ſah vor ſechs
Monaten auf dem Flugplatze von Hendon bei London
eine ſolche Karoſſe mit 8 Perſonen aufſteigen, hatte
je=
doch nicht den Eindruck, daß dieſe
„Luftkutſche‟
in einem Kriege von irgend welcher Bedeutung ſein
würde, da ſie ſich viel zu ſchwerfällig erhob und ſchon
nach wenigen Minuten eines Motordefektes wegen
wie=
der landen mußte.
Hoffen wir alſo mit unſeren kühnen Fliegern, daß
wir auch auf dem Spezialgebiete des Flugzeugweſens,
das in dieſem Weltkriege ſeine Feuerprobe als
Kriegs=
waffe zu beſtehen hat, den endlichen Sieg über unſere
Gegner erringen.
g. Preiſe für hervorragende Waffentaten unſerer
Krieger. Unermeßliche Summen ſind bisher vom
deut=
ſchen Volke ſchon für die verſchiedenſten wohltätigen
Zwecke aufgebracht worden und werden auch noch ferner
gern geſpendet werden. Eine beſondere Abteilung dieſer
Spender bilden diejenigen, die an ihre Gaben beſondere
Bedingungen knüpfen. Dieſe Bedingungen laſſen einen
intereſſanten Rückſchluß zu, faſt ausſchließlich richten ſie
ſich gegen den Anſtifter dieſes Weltkrieges, gegen das
ränkevolle England. Dem Kgl. preußiſchen
Kriegsmini=
ſterium ſind auch im Oktober wieder viele derartige
Spen=
den zugegangen. Ein ungenannter Spender in
Berge=
dorf gab 100 Mark, die dem oder den erſten Soldaten, die
mit der Waffe in der Hand den engliſchen Boden betreten,
zugedacht wurden; 2000 Mark ſind beſtimmt für die
küh=
nen Flieger, die aus der Luft die erſte Bombe mit Erfolg
auf London und auf Petersburg werfen, und für
den erſten Kanonenerfolg vom Schiff oder Land gegen die
beiden Städte. Die 1000 Mark, die für die erſte in
Eng=
land erbeutete Fahne ausgelobt wurden, dürften wohl
nicht ſo leicht zu vergeben ſein, denn bekanntlich führen
die engliſchen Regimenter keine Fahnen. Eine Wienerin
ſtiftete 1000 Kronen für die ſiegreichen Truppen vor
Ant=
werpen, 1000 Mark winken dem oder den Soldaten, die
ſich bei den erſten Kämpfen auf dem engliſchen Feſtland
oder an der engliſchen Küſte auszeichnen, 100 Mark dem
Soldaten, der als erſter für eine Waffentat auf engliſchem
Boden mit dem Eiſernen Kreuz ausgezeichnet wird. Je
500 Mark wurden geſtiftet der Bemannung desjenigen
Luftſchiffes, das zuerſt durch Abwerfen von Bomben ein
feindliches Schiff zum Sinken bringt bezw. gänzlich kampfs
unfähig macht, und für die Beſatzung desjenigen
Luft=
ſchiffes, das zuerſt ein engliſches Kriegsſchiff vom
Luft=
ſchiff aus vernichtet oder kampfunfähig macht. Sollte
die=
ſer Fall nicht eintreten, ſoll der Betrag an diejenige
Luft=
ſchiffbeſatzung verteilt werden, welche der engliſchen Flotte
den größten Schaden zugefügt hat. Man ſieht alſo, daß
den tapferen Kriegern bei einem Kampfe in England nicht
allein kriegeriſche Ehren winken. Zur allgemeinen
Ver=
wendung für die Truppen ohne beſondere Bedingungen
wurden dem Kriegsminiſterium außer vielen Gebrauchs=
Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 25. Nevember
Nummer 325.
1914.
nnerungsfeier für unſere gefallenen Krieger gedacht.
Der Kartenverkauf zu dieſem Konzert beginnt heute
(Mittwoch). Sonntag, den 29. (B 11) wird „Die Fleder
maus” zum erſtenmat in dieſer Spielzeit gegeben.
* Kein Poſtanweiſungsverkehr mit Gefangenen in
Rußland. Die ruſſiſche Poſtverwaltung hat jetzt erklärt,
den Poſtanweiſungsverkehr der Kriegsgefangenen
zwi=
ſchen Deutſchland und Rußland vorläufig noch
nicht zulaſſen zu können. Die bei deutſchen
Poſt=
anſtalten etwa ſchon eingezahlten, nach Rußland
beſtimm=
ten Poſtanweiſungsbeträge werden den Abſendern
wie=
der zurückgegeben werden.
* Von der Feldpoſt. Die angekündigte Entſendung
eines vom ſtellvertretenden Generalkommando des
acht=
zehnten Armeekorps beſtellten Kommiſſars auf die
Etappenlinien des 18. Reſervekorps hat zu dem
erfreulichen Ergebnis geführt, daß auch hier neun für
die 21. Reſerve=Diviſion beſtimmte
Wag=
gons, welche infolge Ueberlaſtung der Bahnlinien
zurück=
geblieben waren, aufgefunden wurden und dem
von Frankfurt abgegangenen Paketſonderzug
ange=
hängt werden konnten; auf dieſe Weiſe wurden etwa
20000 bei den immobilen Etappen=Kommandanturen
Frankfurt a. M. und Darmſtadt aufgegebene Pakete
nachträglich den einzelnen Truppenteilen zugeführt.
— Da die in der Weihnachts=Paketwoche aufgegebenen
Pa=
kete in Sonderzügen zuſammengeſtellt werden, die eine
be=
ſondere Begleitung erhalten, darf mit Sicherheit erwartet
werden, daß alle aus dem Bezirk des 18. Armeekorps
ent=
ſandten Truppenteile rechtzeitig in den Beſitz ihrer
Weih=
nachtsſendungen gelangen werden.
* Die Klappe am Feldpoſtkarton. Von der
Kaiſerlichen Ober=Poſtdirektion wird uns geſchrieben:
In. Nr. 322 Ihres geſchätzten Blattes findet ſich ein
Artikel „Die Klappe am Feldpoſtkarton” worin
empfohlen wird, bei den zur Verſendung von 250 Gramm=
Päckchen benkützten Kartons die Freimarke auf die an
dieſen Kartons befindliche Klappporrichtung zu kleben.
Dieſe habe den Zweck die Päckchen beim Abſtempeln der
Freimarken vor Beſchädigungen zu ſchützen. Der Artikel
geht jedoch von falſchen Vorausſetzungen aus. Der
Anſatz der Kartons iſt urſprünglich für den Verſchluß
durch ein oder zwei Klammern vorgeſehen. Dieſer
Anſatz und der Klammerverſchluß haben
ſich aber durchausnicht bewährt. Es iſt
viel=
fach vorgekommen, daß ſich die Klammern während der
Beförderung losgelöſt haben und daß der Inhalt
heraus=
gefallen iſt. Wenn ſolche Kartons überhaupt verwendet
werden, ſo empfiehlt es ſich, dieſelben feſt zu
um=
ſchnüren, wobei die Klappen umzubiegen
find Am beſten iſt es aber, derartige Kartons mit
einer Klappenvorrichtung, deren Beförderung auf die
ſonſtigen Verſendungsgegenſtände nur ſtörend wirkt,
nicht zu benutzen. Was die Freimarke anlangt, ſokann
dieſelbe ruhig auf das Päckchen ſelbſt geklebt
werden. Ihre Entwertung erfolgt bei derartigen
Sendungen durch Durchſtreichen der Marke oder durch
Abſtempelung mittels eines Gummiſtempels, ſo daß eine
Beſchädigung der Päckchen bei der Abſtempelung nicht
zu befürchten iſt.
* Friedhofsfeier. Bei der am Totenſonntag
abge=
haltenen Gedächtnisfeier auf dem
Haupt=
friedhof an der Nieder=Ramſtädter Straße übernahm,
wie alljährlich, in dankenswerter Weiſe der Bläſer=
Chor des „Wartburg=Vereins” bereitwilligſt
unterſtützt von Mitgliedern des hieſigen Brudrvereins,
den muſikaliſchen Teil der Feier durch Vortrag einer
Motette und Begleitung der Geſänge. Der „Wartburg=
PoſaunenChor” wird, da der ſeitherige Dirigent, Herr
Hans Hammer, das Flügelhorn mit dem Gewehr
ver=
tauſcht hat, vom alten Chormeiſter, Herrn Heinrich Lutz,
geleitet, den die Kriegsnöte aus dem Ausland nach der
Heimat getrieben haben. Leider kann der Chor, der
durch die Einberufung zahlreicher Mitglieder zurzeit ſehr
geſchwächt iſt, ſich nicht in dem Maße belätigen, wie es
geplant war, z. B. durch Vorträge ſtimmungsvoller
Muſikſtücke ſowohl in Lazaretten und Krankenhäuſern,
als auch bei vaterländiſchen Gedenkfeiern, ſowie bei
größeren Siegen von der Höhe des Stadtkirchturms, wie
dies auch in anderen Städten der Fall iſt. Zurzeit
werden wieder neue Bläſer ausgebildet; weitere
Neuanmeldungen ſind an den „Wartburg=Verein”,
Karl=
ſtraße 21, zu richten.
g. Abreiſe der Engländerinnen. Wie wir vernehmen,
mußten geſtern ſämtliche ſich noch hier in Stellung
be=
findlichen Engländerinnen abreiſen.
C. Meteorologiſches aus Heſſen. (Vgl. Nr. 294 dieſes
Blattes vom 25. Oktober.) Der verfloſſene Oktober zeigte
im allgemeinen normale Temperaturverhältniſſe, während
die Niederſchlagsmenge meiſt zu niedrig und die Bewöl=
kung allgemein zu groß war. Das Monatsmittel der
Tem=
peratur ſchwankte zwiſchen 10,1 Grad Celſius in Mainz
und 7,4 in Neunkirchen (Darmſtadt 9,4), während die
höchſte Monatstemperatur, die faſt allgemein am 14.
vor=
kam, nach Lauterbach mit 18 Grad fiel. In Neunkirchen
ſtieg dagegen das Thermometer nicht über 14,5 Grad
(Darmſtadt 17). Die Minima ſchwanken zwiſchen 2,6 Grad
in Mainz und —1,7 in Michelſtadt (Darmſtadt 0,4).
Froſt=
tage kamen nur in Michelſtadt (4), Lauterbach (2) ſowie
Alzey und Schotten (je 1) vor. Die Bewölkung war
durch=
gehends zu hoch; die Gegenſätze bilden, in Prozenten
aus=
gedrückt, Lauterbach und Gießen einerſeits mit 83 und
Alzey mit 76 anderſeits (Darmſtadt 77). Die
Nieder=
ſchläge blieben im größten Teil des Landes hinter dem
zehnjährigen Durchſchnitt zurück, wobei Herchenhain mit
104,4 und Wimpfen mit 29,4 Millimeter die Gegenſätze
bil=
den (Darmſtadt 45,8). Schnee blieb ſelbſt im hohen
Vo=
gelsberg und hinteren Odenwald aus, während 8
Sta=
tionen noch ein Gewitter meldeten. Die
Waſſerſtandsbewe=
gung verlief ruhig und die Monatsmittel weichen von dem
zehnjährigen Durchſchnitt nur wenig ab.
* Bitte. Der Etappenkommandantur werden in der
jetzt laufenden Paketwoche große Mengen Pakete, die als
Weihnachtsgabe für die Truppen beſtimmt ſind, zugehen.
Es hat ſich als ſehr zweckmäßig erwieſen, die für kleinere
Verbände beſtimmten Pakete in Kiſten
zuſammen=
zupacken, um ſie auch vor Schäden zu bewahren.
Hier=
zu bedarf die Etappenkommandantur größerer Kiſten
in reichlicher Zahl und wendet ſich deshalb nochmals
an die Einwohnerſchaft von Darmſtadt und Umgebung mit
der Bitte, ihr ſolche Kiſten koſtenlos zur Verfügung zu
ſtellen. Die Kiſten werden auf telephoniſchen Anruf (
Tele=
phon Nr. 2503) abgeholt.
* Der Bitte um Kleidungsſtücke für die jungen
Schle=
ſier iſt in überraſchend großem Maße entſprochen worden;
ſelbſt aus dem Odenwald, von der Bergſtraße und aus
Stuttgart („von einem früheren Darmſtädter”) trafen
wohl gefüllte Pakete ein, ſo daß ſich das deutſche
Soli=
daritätsgefühl auch bei dieſer Gelegenheit wieder aufs
ſchönſte bewährt hat. Es konnte dadurch bei der
herrſchen=
den Kälte wirklich große Not gelindert werden (viele der
jungen Leute beſaßen nicht einmal ein Paar ganze
Strümpfe), und des warmen Dankes aller Beſchenkten
dürfen die gütigen Geber ſicher ſein.
* Für die Elſaß=Lothringer. Als das bisherige
Er=
gebnis der von der Geſchäftsſtelle des Darmſtädter
Tag=
blatts veranſtalteten Sammlung für die notleidenden
Elſaß=Lothringer wurden dem Staatsſekretär Grafen von
Rödern 2000 Mark überwieſen. Darauf iſt folgendes
Schreiben eingegangen: „Für die ſehr freundliche Spende
im Betrage von 2000 Mark zugunſten der durch die
krie=
geriſchen Ereigniſſe betroffenen, Teile der Bevölkerung
Elſaß=Lothringens beehre ich mich verbindlichſten Dank
zu ſagen. Graf v. Rödern, Staatsſekretär.”
* Frauenverein der Martinsgemeinde. Die Haupt=
und Mitgliederverſammlung des
Frauen=
vereins der Martinsgemeinde fand am
Mon=
tag abend im Martinsſtift ſtatt. Nach einer Begrüßung
der Anweſenden ſeitens des Vorſitzenden Herrn Pfarrer
D. Waitz wurde von dieſem der Jahresbericht des
Vereinsjahres vom 31. Juni 1913 bis zum 1. Juli 1914
verleſen. Der Mitgliederbeſtand betrug in dieſem Jahre
1036, die Zahl der Helferinnen 55. Monatliche
Verſamm=
lungen waren 11, welche durchſchnittlich von 25
Helferin=
nen beſucht waren. Die alljährliche
Mitgliederverſamm=
lung fand nach dem 2. Vortragsabend am 1. Dezember
ſtatt. Vortragsabende fanden 3 ſtatt. Der 1.
Vortrags=
abend, welcher mit der Männervereinigung im
Mathilden=
höhſaal abgehalten wurde, war zugleich der
Jahrhundert=
feier der Erhebung Deutſchlands gewidmet. Hierbei hielt
Herr Hofprediger Widmann aus Gedern einen
Licht=
bildervortrag über: „Die Erhebung Deutſchlands gegen
Napoleons Weltherrſchaft”. Beim 2. Vortragsabend ſprach
Herr Dr. med. Sell, Chefarzt der Eleonorenheilſtätte in
Winterkaſten, über: „Zweckmäßige Ernährung” und der
3. Vortragsabend war ein Lichtbildervortrag des
Vor=
ſitzenden Herrn Pfarrer D. Waitz über: „Rom und
Neapel” Ferner fand im Oktober in der Turnhalle am
Woogsplatz eine außerordentlich ſtark beſuchte
Fami=
lienfeier ſtatt, bei welcher ein patriotiſches Feſtſpiel
„Heldinnen” von Arthur Sieg zur Aufführung gelangte,
das großen Beifall errang. Im Dezember fand zugunſten
der Weihnachtsbeſcherungen der Kleinkinderſchule der
Strickſchule und der beiden Kindergottesdienſte eine
Weih=
nachtsverloſung ſtatt, welche einen namhaften Ueberſchuß
einbrachte. Der Beſuch der Kleinkinderſchule und der
Strickſchule war in gleicher Höhe wie im Vorjahre. —
Alsdann wurde von dem Rechner des Frauenvereins,
Herrn Rentner Weber, die Rechnungsablage erſtattet.
Die Geſamteinnahmen betrugen 5427,08 Mk., die Geſamt=
ausgaben 3063,22 Mk. Die Einnahmen der Kleinkinder=
und Strickſchule begleichen ſich mit den Ausgaben.
Sämt=
liche Rechnungen ſind von Herrn Oberrechnungsreviſor
Thron geprüft und für richtig befunden worden, und
wurde dem Rechner Dank und Entlaſtung erteilt. Von
einer Ausloſung von Anteilſcheinen wurde für dieſes Jahr
Abſtand genommen, da die alljährlich hierfür geſtiftete
Summe der Kaſſe der Kriegshilfe der Martinsgemeinde
zugewieſen werden ſoll. Der ſeitherige Vorſtand wurde
wiedergewählt. Ein Dank des Vorſitzenden an alle
Mit=
glieder, — welcher hiermit gleichzeitig zum Ausdruck
ge=
bracht ſei — für ihre treue Mitgliedſchaft und der Bitte,
dem Frauenverein auch ferner ihr Intereſſe und
Wohl=
wollen zu bewahren, ſchloß die Verſammlung.
C) Der Gewerkverein Darmſtadt der
Heimarbeiterin=
nen Deutſchlands veranſtaltet zurzeit in dem
Muſikver=
einsſaal in der Steinſtraße einen Ausſtellungs= und
Verkaufstag, der geſtern vormittag eröffnet wurde
und ſich zahlreichen Beſuches erfreute. Die Ausſtellung
umfaßt eine reichhaltige Sammlung fertiger Damen= und
Herrenwäſche für den Haushalt, ſowie für den feineren
Bedarf, die von mittelloſen Frauen und Mädchen in
Darmſtadt ſolid und dauerhaft angefertigt wurden. Auch
für unſere Truppen im Felde iſt eine große Anzahl zu
Liebesgaben geeigneter Gegenſtände, wie Hemden,
Unter=
hoſen, Leibbinden uſw. in reicher Auswahl und zu billigen
Preiſen zum Verkauf geſtellt. Der unter dem Vorſitz von
Frau Bierau geleitete Verein hat 160 Mitglieder und gibt
beſchäftigungsloſen Frauen und Mädchen durch laufende
Heimarbeiten einen dauernden Nebenverdienſt. Der
Ver=
kaufstag, der vor= und nachmittags geöffnet iſt, wird am
Donnerstag abend geſchloſſen und die nicht verkauften
Arbeiten durch eine Verloſung (Los 50 Pfg.) zum Abſatz
gebracht.
— Der Vorſtand des Landesverbandes der
Haus=
beſitzervereine im Großherzogtum Heſſen hielt in
Offen=
bach eine Sitzung ab, wobei Mainz als Vorort vertreten
war. Die Tagesordnung erſtreckte ſich auf das Thema:
„Mietverhältniſſe und Hypothekennotlage
während des Kriegszuſtandes‟ Es fand eine
mehrſtündige eingehende Beſprechung ſtatt und wurden
die einzelnen Verbandsvorſtände informiert, wie ſie ſich
bei Schwierigkeiten in Mietverhältniſſen verhalten ſollen,
um eine einheitliche und für beide Teile zufriedenſtellende
praktiſche Behandlung ſolcher Vorkommniſſe zu betätigen,
um ſie eintretenden Falles vermittelnd zum
koſten=
freien Austrage zu bringen. In dieſem Sinne
wird nun in den einzelnen Städten von den
Geſchäfts=
ſtellen der Vereine verfahren werden und iſt bei deren
ſorglicher Leitung beſtimmt zu erwarten, daß die weitaus
größte Anzahl ſolcher Differenzen auf dieſe Weiſe beſeitigt
wird, wie der äußerſt ſtarke Verkehr auf der Geſchäftsſtelle
des Mainzer Verbandes beweiſt, auf der tagtäglich eine
erhebliche Anzahl ſolcher Differenzen zum gütlichen
außer=
gerichtlichen Austrage kommen.
Vaterländiſcher Abend. Es ſei nochmals auf das
Vaterländiſche Konzert aufmerkſam gemacht, das beſtimmt
am Donnerstag, den 26. ds. Mts. (auf den
Eintritts=
karten iſt irrtümlich der 24. November angegeben), pünktlich
8.15 Uhr abends, ſtattfindet. Herr Großh.
Hoftheater=
regiſſeur Hacker wird u. a. ein Gedicht rezitieren: „Das
bayeriſche Bataillon” das eine Epiſode aus den Kämpfen
in Nordfrankreich behandelt, und das ein reitender Jäger
im Felde verfaßt hat. Das Orcheſter iſt aus ehemaligen
hieſigen Militärmuſikern zuſammengeſetzt und ſei den
Herren jetzt ſchon auf dieſem Wege herzlicher Dank für ihr
Mitwirken geſagt.
* H ſſiſcher Fürſorgeverein für Krüppel. Die
Mitglieder des Heſſiſchen Fürſor evereins für Krüppel
werden zu der Donnerstag, den 3. Dezember, vormittags
11 Uhr, zu Darmſtadt im Sitzungsſaale der
Landes=
verſicherungsanſtalt (Wilhelminenſtraße Nr. 34)
ſtatt=
findenden Mitgliederverſammlung ergebenſt
eingeladen, Die Tagesordnung lautet: 1.
Geſchöfts=
bericht für 1913. 2. Rechnungsablage für 1913. 3. Wahl
von zwei Rechnungsprüfern. 4. Aenderung der Satzung.
5. Mitteilungen, insbeſondere Kriegsfürſorge.
* Katholiſcher Frauenbund. Am 30. d. M. wird
Fräu=
lein Hedwig Dransfeld aus Werl i. W., die
Vor=
ſitzende des „Katholiſchen Frauenbundes” den hieſigen
Zweigverein beſuchen und im Konkordiaſaal einen
Vor=
trag halten. Das Thema, „Frauenpflichten in ſchwerer
Zeit” dürfte nicht nur die Bundesmitglieder, ſondern alle
Katholiken der drei Gemeinden Darmſtadts aufs höchſte
intereſſieren. — In den Händen der verdienſtvollen Dame
liegt auch die Redaktion der bekannten Zeitſchrift (
Bundes=
organ) „Die chriſtliche Frau”. Es iſt zu hoffen, daß ſich
eine zahlreiche Zuhörerſchaft zu dem Vortrag einfinden
wird.
* Turngemeinde Beſſungen. Der Vorſtand der
Turn=
gemeinde Beſſungen dankt hierdurch allen ſeinen
Mitglie=
dern beſtens für die ſo reichlichen Gaben zu den
Weih=
nachtspaketen für die Turner im Felde, und hofft man,
allen eine rechte Freude zu machen.
* Konzert. Im Kaffee „Fürſt Bismarck” findet
aus Anlaß des Geburtstages unſeres
Groß=
herzogs am Mittwoch abend ein großes
Patrioti=
ſches Konzert ſtatt. — Zu dieſem Abend hat die
be=
kannte Künſtler=Vereinigung ein beſonders ausgewähltes
Programm zuſammengeſtellt. Es werden außer den
pa=
triotiſchen Liedern und Märſchen Tonſtücke von Wagner,
Beethoven, Schubert u. a. zu Gehör gebracht, ſo daß den
Beſuchern ein beſonderer Feſtabend bevorſteht. Zu
er=
vähnen ſind noch die Erſtaufführungen der Kompoſitionen
des mitwirkenden Künſtlers, Herrn Kapellmeiſter Heinrich
Müller: Großes patriotiſches Kriegspotpourri aus dem
bedeutſamen Jahr 1914 und der neue Marſch des
Leib=
garde=Infanterie=Regiments Nr. 115.
Die Darmſtädter Konſum=, Spar= und
Produktions=Genoſſenſchaft e. 6. m. b. H.
hielt am Sonntag im Perkeo=Saal ihre diesjährige
ordentliche Generalverſammlung ab. Ueber
die Tätigkeit des Aufſichtsrates berichtete deſſen
Vor=
ſitzender Herr Lehrer Jung, während der
Vorſtands=
bericht in zwei Teilen von den beiden
Vorſtandsmit=
gliedern erſtattet wurde. Herr Geſchäftsführer Karcher
erſtattet Bericht über das abgelaufene Geſchäftsjahr, dem
folgendes zu entnehmen iſt: Der Umſatz ſtieg auf
1051 471 Mark oder um 114 100,29 Mark — 12,2 Prozent.
An dieſem Mehrumſatz ſind beteiligt das eigene Geſchäft
mit 72652,55 Mark, das Lieferantengeſchäft mit 38 277,67
Mark und das Stadtkohlengeſchäft mit 3170,07 Mark.
Neu eröffnet wurden im Berichtsjahre zwei neue Läden,
Nr. 17 in Roßdorf und Nr. 18 in Bickenbach, die eine
zufriedenſtellende Entwickelung genommen haben. Das
Schuhgeſchäft der Genoſſenſchaft erfreut ſich allgemeiner
Beliebtheit und iſt auch hier der Umſatz weſentlich
ge=
ſtiegen. In der eigenen Limonadenfabrik wurden rund
über 78000 Flaſchen Limonaden und Selterswaſſer her=
gegenſtänden noch etwa 110000 Mark überwieſen; ein
Herr Richard Fleiſcher in Wiesbaden gab für 100
Regi=
menter im Felde je 1000 Mark.
C. K. Engliſche Soldatenfrauen. Die ſchlechten
Er=
folge der engliſchen Rekrutierung kommen zum größten
Teil daher, daß man für die Frauen und Angehörigen
der Soldaten in England bisher nur in höchſt dürftiger
Weiſe geſorgt hat. Was für Elend unter dieſen Frauen
herrſcht, deren Männer ihr Blut für ihr Vaterland
hin=
gegeben, zeigt ein Aufſatz einer engliſchen Ariſtokratin,
der Lady Violet Greville, die auf dem in England ſo
vielfach vernachläſſigten Gebiete der praktiſchen
Wohl=
tätigkeit arbeitet und viele Beſuche bei den
Soldaten=
frauen gemacht hat. Die Klagen über die Trunkſucht
dieſer Frauen fand ſie beſtätigt; aber es iſt erklärlich
ſie ſich zu betäuben ſuchen in ihrer grenzenloſen
Einſam=
keit, Ungewißheit und Not. Die ſtumpfe Apathie, in
der ſich die meiſten befinden, geht Hand in Hand mit
einer völligen Unkenntnis deſſen, warum der Krieg
ge=
führt wird; ſie haben keine Ahnung, wo ihre Männer
ſind, gegen wen ſie kämpfen und warum ſie kämpfen.
Eine Frau erzählte mir, ihr Mann wäre wohl in
Windſor Caſtle oder an ſo einem ähnlichen ſchönen Ort.
Sie glaubten die wildeſten Geſchichten und halten ſich an
die merkwürdigſten Lügen. Die Kopfzahl mancher
Fa=
milien iſt erſtaunlich groß. Manche Frauen wiſſen nicht
einmal die Namen und das Alter ihrer Kinder und
miſchen die Geſtorbenen mit den noch Lebenden in einer
beunruhigenden Weiſe durcheinander. Eine alte Frau
wußte nicht einmal die Nummer des Hauſes, in dem ſie
wohnte. Unter den jungen Frauen iſt die Gleichgültigkeit
gegen die Ehe ſehr bemerkenswert. Viele Paare, die
ſeit vielen Jahren zuſammenleben, waren nicht
verhei=
ratet, aber eine Heiratsepidemie brach aus, als bekannt
wurde, daß nur die Ehefrauen der Soldaten
Unter=
ſtützungen erhalten würden. Die Schulbildung ſcheint
noch nicht ſehr in die unteren Klaſſen gedrungen zu ſein.
Die Ausſprache und die Handſchrift der Rekruten und
ihrer Frauen ſind ſehr ſchlecht. Mit der Nadel wiſſen in
der Regel nur die älteren Frauen umzugehen; die
jün=
geren Mütter halten wenig von Hausarbeiten überhaupt
Unter ſolchen Umſtänden iſt es überflüſſig, den Zuſtand
von Unordnung und Unſauberkeit beſonders
hervorzu=
heben, der in vielen Familien herrſcht. Wie verſchieden
iſt der ſchmucke kleine Raum, der der Stolz der
franzöſi=
ſchen und belgiſchen Frau iſt, von dem rauchigen,
ſchwar=
zen, an Ungeziefer reichem Loch, das die Engländerin
ihre Küche nennt.
* Die Oberſte Heeresleitung dichtet. Die Züricher
Schriftſtellerin Käte Joel hat vor einigen Tagen der
deutſchen Oberſten Heeresleitung einen poetiſchen Gruß
geſandt und darauf alsbald folgende Antwort=Verſe
er=
halten:
Daß Du uns Deinen Gruß geſandt,
Wird Dir der Herrgott danken.
Im Streite für ſein Vaterland
Wird nie ein Deutſcher wanken.
Iſt auch die halbe Welt uns feind
In Niedertracht und Lügen,
Ein Volk wie wir, im Kampf vereint,
Wird ſiegen, ſiegen, ſiegen!
Deutſche Oberſte Heeresleitung.
Unſerer Oberſten Heeresleitung geht es offenbar
ſehr gut, da ſie noch Leute zum Dichten abkommandieren
kann. Im übrigen nehmen wir ſie beim Wort: Siegen,
ſiegen, ſiegen!
* Die Speiſekarte als Kriegsdokument. Wie der
Hannoverſche Courier mitteilt, erhielt der Oberkellner
eines Speiſehauſes in Hannover dieſer Tage folgenden
Brief aus Baltimore: „Sie werden ſich des Amerikaners
erinnern, dem Sie eine Speiſekarte gaben mit der Bitte,
bei ſeiner Heimkehr Ihnen ein paar Zeiten zukommen
zu laſſen. Die Karte hat für das Vaterland gute Dienſte
getan. Als ich heimkam nach einer Reiſe über
Amſter=
dam, London und Liverpool, erzählte man hier auf
Grund von Londoner Berichten, daß man in
Deutſch=
land nichts mehr zu eſſen habe. Die größte Zeitung
die=
ſer Stadt von 600000 Einwohnern hat nun Ihre
Speiſe=
karte abgedruckt und damit dieſe Lüge totgemacht, denn
das Eſſen, das Sie mir für 1,50 Mark (nach unſerem
Belde 37½ Cent) gegeben, hätte hier bei uns wenigſtens
1,25 Dollar oder 5 Mark gekoſtet..
Nummer 325.
Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 25. November
1914.
Seite 5.
geſtellt. Das finanzielle Ergebnis kann auch im
Be=
richtsjahr als befriedigend bezeichnet werden. Nach
gu=
ten reichlichen Abſchreibungen von 7200 Mark (Vorjahr
6740 Mark) und nach Rückſtellung von 41 130 Mark
Bar=
rabatt für die Mitglieder verbleibt noch eine Erübrigung
von 2070,33 Mark gegen 1460,73 Mark im Vorjahre.
Der Beſtand an Spargeldern, die der Genoſſenſchaft
von ihren Mitgliedern verzinslich überlaſſen ſind, hat
bereits die Höhe von 128 492,61 Mark gegen 101956,54
Mark im Vorjahr erreicht. Daß dieſes ohne Zweifel
große Vertrauen von der Verwaltung auch gerechtfertigt
wird, geht aus der Tatſache hervor, daß nicht weniger
wie 63,6 Prozent dieſer Spargelder, alſo 81839,24 Mark,
flüſſig gehalten, d. h. täglich greifbar ſind. Es iſt dem
Vorſtande gelungen, die Warenbeſtände um 21500 Mark
auf 161951,94 Mark zurückzudrücken, ebenfalls ein
Zei=
chen vorſichtigen und umſichtigen Wirtſchaftens. Die
Warenſchulden betrugen am 30. Juni nur 21 493,12 Mk.,
das entſpricht einem Waren=Eingange von zirka einer
Woche. Die Geſchäftsanteile der Mitglieder ſind bereits
auf 71 720,96 Mk. angewachſen. Der perſönliche Notfonds
der Mitglieder hat die Summe von rund 18000 Mark
erreicht. Die Rückvergütung in Höhe von 41 130,71
Mark kommt unter Wahrung der ſtatutariſchen
Beſtim=
mungen bezgl. des Geſchäftsanteiles und Notfonds
un=
verkürzt an die Mitglieder zur Auszahlung. Die
Re=
ſerven haben bereits 45000 Mark überſchritten und
ſoll auch die diesjährige volle Erübrigung von 2070,33
Mark den Reſerven zugeführt werden. Mitglieder
wur=
den im Berichtsjahre 624 aufgenommen, während 325
teils durch Aufkündigung, teils durch Tod ausgeſchieden
ſind. Am Jahresſchluß zählte die Genoſſenſchaft 4808
Mitglieder. Mit dem Hinweis auf den
Verteilungs=
plan des Barrabatts, deren Termin in dieſem Jahre
we=
ſentlich verkürzt iſt, ſchloß Herr Karcher ſeinen Bericht.
Ueber den zweiten Teil des Vorſtandsberichtes
re=
ferierte Vorſtandsmitglied Herr Schulte und führte
ungefähr folgendes aus: Wohl haben wir ſchon
wirt=
ſchaftliche Kriſen und einzelne unter uns auch die
Kriegs=
jahre 1866 und 1870/71 miterlebt. Aber noch nie in der
Weltgeſchichte iſt eine ſolche koloſſale Erſchütterung des
geſamten Wirtſchaftslebens erlebt worden. Mit dem
Tage der Mobilmachung ſtockten Handel und Verkehr.
Die Eiſenbahn ſtand faſt volle 3 Wochen ganz im Dienſte
der notwendigen Landesverteidigung, wie auch faſt alle
Transportmittel teils ſchon vor der Mobilmachung zum
ſelben Zweck in den Dienſt der großen Sache geſtellt
wurden. Perſonal rückte zu den Fahnen ein, darunter
der Geſchäftsführer, der Buchhalter, eine Reihe
Lager=
halter, alle Kutſcher und Lagerarbeiter, die alle wieder
erſetzt werden mußten. Zu dieſen äußeren
Schwierig=
keiten kamen dann noch nicht weniger ſchwere innere
Schwierigkeiten. An Hand eines umfaſſenden Materials
wies Redner nach, daß Vorſtand und Aufſichtsrat
ſi=
der Situation voll gewachſen gezeigt haben. Den
Preis=
ſteigerungen wurde energiſch entgegengewirkt. Der
ge=
ſamte vorhandene Warenbeſtand wurde zu den alten
Preiſen an die Mitglieder abgegeben und eine Reihe
Maßnahmen getroffen, die im Intereſſe der Mitglieder
notwendig waren. Redner wies nach, daß in den
brennendſten Fragen, der Petroleumzufuhr,
Kartoffel=
beſchaffung, Kohlenlieferung und der Brotverſorgung,
alles getan wurde, was nur möglich war, und ſtellte
je=
dem Mitgliede die Einſicht in das umfangreiche
Ori=
ginal=Material frei. Bei der Beurteilung ſolle man
ſtets der Kriegslage eingedenk ſein und die feſte
Ver=
ſicherung entgegennehmen, daß auch ſpäter, mag kommen
was da kommn mag, die Situation am leichteſten
über=
wunden wird durch ruhiges und feſtes Handeln im
In=
ereſſe der Geſamtheit. Was von der Verwaltung
ge=
ſchehen kann, geſchieht beſtimmt.
Nachdem Vorſtand und Aufſichtsrat Entlaſtung
er=
teilt war, wurde folgende Reſolution des Herrn Prof.
Dr, Staudin ger einſtimmig angenommen: Nach
Vor=
ſchlag der Verwaltung wurde die geſamte Erübrigung
den Reſerven zugeführt. Die der Generalverſammlung
vorgelegenen Anträge wurden angenommen. Die
Ver=
ſammlung war ſehr gut beſucht und vom beſten Geiſte
beſeelt.
Vaterländiſcher Feſtabend.
nn. Der geſtern abend zur Feier des
Geburts=
tags des Großherzogs im reichgeſchmückten Saale
der Turngemeinde Darmſtadt von der Stadtverwaltung,
dem Darmſtädter Vortragsverband und dem Hiſtoriſchen
Verein für das Großherzogtum Heſſen veranſtaltete
Vaterländiſche Feſtabend war aus allen Kreiſen
unſerer Bevölkerung ſehr zahlreich beſucht und nahm
einen glänzenden und echt patriotiſchen Verlauf. Auch
zahlreiche Offiziere und verwundete Krieger waren zu der
Varanſtaltung erſchienen.
Eingeleitet wurde die Feier durch zwei Kriegslieder:
„Deutſches Lied” und „Des Königs Artollerey” vertont
von Arnold Mendelsſohn, die von dem
Darmſtäd=
ter Lehrerſängerchor und dem Geſangverein Liederzweig
unter Leitung des Komponiſten vorzüglich geſungen
wurden und reichen Beifall ernteten. Der für den
Feſt=
abend in Ausſicht genommene Vortrag des Herrn
Geheime Hofrat Profeſſor Dr. J. Back über „Der Krieg
und die deutſche Kunſt” mußte wegen Heiſerkeit des
Vor=
tragenden leider ausfallen. Zwei weitere Kriegslieder:
„Auf der Wacht” und „Deutſches Matroſenlied” vertont
und dirigiert von Herrn Chormeiſter Arnold
Mendels=
ſohn, die von den beiden Sängerchören vorzüglich zu
Ge=
hör gebracht wurden, ergänzten das Programm und
mußten, mit reichem Beifall ausgezeichnet, wiederholt
werden.
Hierauf hielt Herr Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing
folgende Anſprache:
In großer, erhebender Zeit iſt uns die Einheit des
Volkes geboren als mächtig leuchtender Lichtſtrahl. Der
Ruf des Kaiſers „Zu den Waffen”, der Aufruf des
Großherzogs zur Wahrung der höchſten, heiligſten Güter,
haben uns geeint. Es iſt ein Volk erſtanden
mit einem Denken, einem Empfinden und
einem Wollen. So begehen wir ſtark und frei,
ſtär=
ker und unabhängiger als zuvor, heute den Geburtstag
unſeres Landesherrn. Die ernſte, große Zeit umgibt auch
den Tag des Landesfürſten mit der Kraft der Gegenwart.
Seine Königliche Hoheit der Großherzog, im
Frieden der größte, begeiſterte Freund für die bewußte
Arbeit der kulturellen Veredelung des Menſchen, hat ſich
auch im Kriege als der warmherzige Freund ſeines
Vol=
kes gezeigt. Er fühlt ſich mit ſeinem Volke als Einheit.
Mit der ganzen Anteilnahme, der ein Menſch von hohen
Empfindungen fähig iſt, die kleinen und großen Sorgen,
die Entbehrungen mit ſeinen Soldaten teilend, weilt
er=
bei ihnen im Felde. Und während er hier durch ſeine
An=
weſenheit und Mithilfe begeiſternd wirkt, hat er das Volk
in der Heimat nicht vergeſſen. Noch in der Stunde vor
der Abreiſe in den Feldzug hat Seine Königl. Hoheit mit
mir die großen Fragen beſprochen, die in der
Für=
ſorge für die Zurückgebliebenen, der Auf=
rechterhaltung des wirtſchaftlichen
Le=
bens und der Sicherung geordneter
Zu=
ſtände bei der demnächſtigen Rückkehr des Heeres in
die Heimat als volkswirtſchaftliche Aufgaben der
Verwal=
tung verbleiben. Das Schaffen nutzbringender,
nähren=
der, ſtraff erhaltender und das Selbſtvertrauen ſtärkender
Arbeit, das Wirken in muſtergültigen Einrichtungen auf
volkswirtſcheftlichem und ſozialem Gebiet hat von jeher
das wärmſte Verſtändnis bei dem Landesherrn gefunden.
Von dem gleichen hilfsbereiten Geiſte beſeelt, hat auch
Ihre Königl. Hoheit die Großherzogin eine
außerordentliche Tätigkeit auf allen Gebieten der
Wohlfahrtspflege entfaltet und gezeigt, wie ſie
ſich als Regentin in dieſer ſchweren Zeit ihren Aufgaben
gewachſen fühlt und die warmherzige Anteilnahme Seiner
Königl. Hoheit des Großherzogs teilt.
Wie ein Wetterſturm iſt der Krieg über Deutſchland
hereingebrochen. Der Sturm fand jedoch die deutſchen
Eichen mit ſtarken Wurzeln in des heimatlichen Bodens
Kraft. Die militäriſche, wirtſchaftliche, eiſenbahntechniſche
und finanzielle Organiſation des Landes zeigte die
höchſte Leiſtungsfähigkeit und vollſte Kraft.
Wohl beklagen auch wir die Blätter, die vom Baume des
Vaterlandes gefallen ſind. Die Helden, die in
Feindes=
land gellieben ſind, haben den ſchönſten Tod erlitten.
Sie wußten, wofür ſie ſtarben, ſie ſtarben für das
Vater=
land. Allein die deutſchen Stämme haben mit
unbezwing=
barer Kraft den Anſturm beſtanden. Möge es dem
deut=
ſchen Volke beſchieden ſein, nicht einen Scheinfrieden,
ſon=
dern einen wahrhaften, ehrenvollen Frieden
zu erringen, der entſprechend iſt der opferwilligen
Hingabe des Volkes und uns frei macht für die Zukunft.
Möge der Krieg und der Frieden ſeine höchſte
Kraft=
äußerung darin finden, daß er nach einem ernſten Worte
Treitſchkes zu einem Geſundbrunnen für das deutſche
Volk wird. Möge die Erhebung des Volkes, die uns
alle größer und beſſer gmacht hat als wir waren, für
un=
ſer Vaterland eine dauernde, gute Nachwirkung zur Folge
haben.
Möge das gütige Geſchick, das bisher über Seiner
Königl. Hoheit dem Großherzog gewaltet hat, während
er bei ſeinen Truppen im Felde weilte, auch in Zukunft
über ihm walten, auf daß es dem Großherzog beſchieden
ſein möge, nach dem Friedensſchluſſe an der Seite ſeiner
hohen Gemahlin die Fortſetzung der ihm ſo ſehr am
Her=
zen liegenden Kulturarbeit zu erleben. Möge ein
güti=
ges Geſchick Ihren Königlichen Hoheiten dem
Großher=
zog und der Großherzogin die Freude an ihrem
Familien=
leben erhalten, die eine Freude bildet für unſer
geſam=
tes Heſſenland. Mit dieſen herzlichen
Geburtstagswün=
ſchen wollen wir heute den Geburtstag Seiner Königl.
Hoheft des Großherzogs begehen, in einer Zeit, da uns
der Krieg mehr wie je die Einheit von Fürſt und Volk
zum Bewußtſein gebracht hat. Ich bitte Sie nunmehr,
die Münſche für die Perſon Seiner Königl. Hoheit des
Großherzogs zu vereinigen in den Ruf: Seine Königl.
Hoheit der Großherzog Hoch Hoch! Hoch! Das Hoch
wurde begeiſtert aufgenommen.
Hieran ſchloß ſich der gemeinſame Geſang „
Deutſch=
land über alles” der von der Verſammlung begeiſtert
geſungen wurde. Als Erſatz für den Ausfall des
Vor=
trags des Herrn Geheime Hofrat Dr. Balck hatte in
letz=
ter Stunde Herr Hofopernſänger Perkins ſeine Stimme
in den Dienſt der guten Sache geſtellt und ſich mit zwei
Liedern aus „Lohengrin” ſowie „Wotans Abſchied”
rei=
chen und wohlverdienten Beifall erworben. Der geſamte
Ertrag des Abends, einſchließlich des
Programmver=
kaufs, wurde der Kriegsfürſorge der Stadt Darmſtadt
überwieſen.
Kunſtnotizen.
Ueber Werke, Künſtler und künſtleriſche Veranſtaltungen ꝛc., deren im
Nach=
un eeſchieh” behält ſich die Redaktion ihr Urteil p
ſtehenden Fr=
— Ueber Prof. Marcell Salzers
Vater=
ländiſchen Abend ſchrieb der Berliner Lokal=
An=
zeiger am 10. November 1914: „Marcell Salzer eröffnete
die Reihe ſeiner diesjährigen Vortragsabende wiederum
im Beethovenſaal. Das Haus war ausverkauft, darum
ſchon, weil Profeſſor Salzer ſeine Kunſt in den Dienſt
der Kriegswohltätigkeit geſtellt hatte. Aber gewiß nicht
darum allein umrauſchte ihn der Beifall in hohen Wogen,
ſondern weil er ſo geſchickt und taktvoll, ſeiner hübſchen,
poetiſchen Einleitungsanſprache gemäß, den Orgelklang
der großen, ernſten Zeit mit den Harmonikatönen
herz=
lichen Kriegshumors vermählte und — weil er eben doch
in allem wieder der alte Marcell Salzer war, der mächtig
ans Herz Packende, Zwerchfellerſchütternde, ſeeliſch und
mimiſch unvergleichbar Bewegliche! Ein kräftiger
patrio=
tiſcher Ausklang gab dem genußreichen, herzerfriſchenden
Abend ſeinen endgültigen Stempel.”
* Jugenheim, 24. Nov. (Vortrag.) Herr Dr.=Ing.
Heyd aus Darmſtadt hielt kürzlich im hieſigen
Volksbil=
dungsverein einen Vortrag über ſeine Reiſen nach
den beiden Kriegsſchauplätzen, der ſehr gefiel
und der Liebesgaben=Sammelſtelle einen ſtattlichen
Be=
trag zuführte. Vereine in anderen Orten ſeien darauf
auf=
merkſam gemacht, daß Herr Dr.=Ing. Heyd bereit iſt, auch
anderswo ſeinen Vortrag zu wiederholen, wenn er dadurch
im Intereſſe unſerer Vaterlandsverteidiger wirken kann.
h- Zwingenberg, 23. Nov. (Die
Liebestätig=
keit für die Soldaten im Felde und für die
Verwundeten) hat auch in unſerem Städtchen ſich in
weitgehendſtem Maße entfaltet. So haben das Rote
Kreuz und Frau Rentner Schallas bis jetzt Leiſtungen
vollbracht, die Zwingenberg nur zur vollſten Ehre gereichen.
Frau Schallas hat geradezu muſtergültiges geleiſtet; ſie
verſtand es, die Frauen und Mädchen für die ſchöne Sache
ſo ſehr anzueifern, daß faſt jede Frau und jedes Mädchen
an dem Liebeswerk ſich beteiligten. Eifrig wurde geſtrickt
und genäht und der große Eifer brachte es ſo weit, daß
reiche Gaben an die Lazarette in Auerbach, Alsbach und
Darmſtadt geſandt werden konnten. Auch nach Markirch
im Oberelſaß, wo unter der Bevölkerung der dortigen
Ge=
gend bitterſte Not herrſcht, hat Frau Schallas eine
Sen=
dung von allerlei Gebrauchsgegenſtänden geſandt, ebenſo
erhielt das Komitee in Darmſtadt für die Beſatzung des
Linienſchiffes „Heſſen” von dieſer Dame eine Zuwendung,
womit den Mannſchaften dieſes Kriegsſchiffes an
Weih=
nachten eine große Freude gemacht werden kann.
-h- Auerbach, 22. Nov. (Für das Hotel Bauer),
das vor Jahren für etwa 100000 Mark verkauft wurde,
fand ſich bei der kürzlichen Zwangsverſteigerung kein
Lieb=
haber, der wenigſtens die Hälfte bot. Die
Hypothe=
kargläubigerin hat, da kein entſprechendes Gebot erfolgte,
die Verſteigerung auf 6 Monate weiter verſchoben. Das
Hotel hatte in den letzten zwanzig Jahren eine ganze Reihe
von Beſitzern und Pächtern.
h- Auerbach, 24. Nov. (Das Eiſerne Kreuz)
wurde dem Gerichtsſchreibergehilfen Fr. Gerhardt von
hier verliehen. Die Tapferkeitsmedaille unter Beförderung
zum Vizefeldwebel wurde demſelben ſchon vor etwa dret
Wochen verliehen.
-h- Bensheim, 23. Nov. (Ehrenvolle
Beru=
fung.) An die Kaiſerliche Marine=Intendantur in Kiel
wurde der Gerichtsaſſeſſor Dr. Walter Becker, Sohn des
Juſtizrats Becker hier, berufen. Seit Ausbruch des
Krieges war B. bei den Amtsgerichten in Offenbach und
Darmſtadt als ſtellvertretender Richter tätig.
C) Viernheim, 23. Nov. (Autounglück.) Ein
Taxa=
meterauto aus Mannheim, mit dem mehrere junge Leute
einen Ausflug an die Bergſtraße unternommen hatten,
ver=
unglückte geſtern nacht bei der Heimkehr zwiſchen hier und
Weinheim, indem der Kraftwagen dem Chauſſeegraben zu
nahe kam und ſich überſtürzend in dieſen umſchlug. Der
Chauffeur und die drei Inſaſſen — davon zwei aus
Mann=
heim und einer aus Viernheim — wurden recht
er=
heblich, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Mittels
eines zweiten Automobils wurden die Verunglückten nach
Mannheim gebracht.
r. Heubach, 23. Nov. (Die erſten Träger des
Eiſernen Kreuzes in hieſiger Gemeinde)
ſind: Füſilier Müller, Poſtaſſiſtent Helmreich und Lehrer
Held. Dieſe hohe Auszeichnung wurde ihnen auf Grund
ihres tapferen Verhaltens vor dem Feinde verliehen —
(Eine Gedächtnisfeier) fand geſtern für den am
6. Oktober in Frankreich gefallenen Jean Hild, Sohn des
Gaſtwirts Heinrich Hild, ſtatt.
Offenbach, 24. Nov. (Spurlos verſchwunden.)
Die Ehefrau des Hausburſchen Adam Funk hat ſich am
10. d. M. unter Umſtänden aus ihrer Wohnung entfernt,
die darauf ſchließen laſſen, daß ſie ſich ein Leid
ange=
tan hat. Bis jetzt fehlt von ihr noch jede Spur.
Michelſtadt, 24. Nov. (Frieden im Kriege.)
Ein gutes Verſtändnis der großen Zeit beweiſt die
hie=
ſige Bevölkerung, wenn am hieſigen Amtsgericht die
Einberufung des ſonſt monatlich zweimal tagenden
Schöffengerichts ſeit dem 21. Juni d. J. nicht
mehr erforderlich geworden iſt. Einige ſchwebende
Verfahren wurden durch Vermittlung des Gerichts unter
dankenswerter Mitwirkung der dabei beteiligten
Rechts=
anwälte vergleichsweiſe erledigt und es iſt auch für den
Jahresreſt keine Verhandlung mehr zu
er=
warten.
Mainz, 24. Nov. (Reiche Kriegsbeute.) Heute
vormittag paſſierte ein endlos langer Güterzug die hieſige
Station, deſſen offene Wagen ausnahmslos mit erbeuteten
Automobilen und Wagen beladen waren.
* Bad Nauheim, 24. Nov. (Vom Kurbetrieb.)
Bis zum 31. Oktober 1914 betrug die Perſonenfrequenz
26 982 Kurgäſte, und die Bäderabgabe 344 491.
Reich und Ausland.
Naumburg a. d. Saale, 24. Nov. (Der
General=
quartiermeiſter v. Voigts=Rhetz) wurde
ge=
ſtern unter großem militäriſchen Ehrengeleit auf dem
hie=
ſigen Garniſonsfriedhof beerdigt. Bei der Trauerfeier
im Dom ſprach Garniſonspfarrer Block. An der
Trauer=
parade beteiligten ſich das Feldartillerie=Regiment Nr. 55
und das Jäger=Bataillon Nr. 4.
Turin, 24. Nov. (Selbſtmord.) Im Hotel
„Bauer” in Venedig erſchoß ſich geſtern abend die aus
der Schweiz eingetroffene 18jährige Tochter eines höheren
türkiſchen Offiziers. Belkis Dakir Bey, angeblich aus
Ver=
zweiflung, daß ſie ſeit zwei Monaten keine Nachricht von
ihrem im Felde ſtehenden Vater und Bräutigam erhielt.
Venedig, 24. Nov. (Todesfall.) Der Patriarch
von Benedig, Kardinal Lavallari, iſt heute nachmittag
ge=
ſtorben.
Die deutſche Form.
Der große Krieg, der uns ſicherlich viele wirtſchaftliche
Umwälzungen bringen wird, ſoll uns auch von der Pariſer
Modeherrſchaft befreien. Der eiſerne Ring, der ſich im
Winter 1870/71 um Frankreichs Hauptſtadt ſchloß und den
ausländiſchen Einkäufern den Zutritt zu ihr wehrte, war
das eigentliche Geburtsjahr für die Berliner Konfektions=
Export=Induſtrie. Warum ſoll von dieſem Kriege nicht
die Unabhängigkeit der deutſchen Frauenmode ausgehen?
Werden unſere Konfektionäre doch durch die kriegeriſche
Ereigniſſe gezwungen ſein, ohne Pariſer Vorlagen zu
ſchaffen.
An dieſem Zwang iſt nicht zu zweifeln, wohl aber an
der Erreichung des Zieles, ſelbſt wenn Wien, das auf
dieſem Gebiete eine ſehr bedeutende Rolle ſpielt, ebenſo
Hand in Hand mit Berlin arbeiten ſollte, wie das deutſche
und öſterreichiſch=ungariſche Heer vereint miteinander
kämpfen. Denn es darf nicht vergeſſen werden, daß eine
Befriedigung des deutſchen Marktes, bei der auch noch
et=
liche Rückſichten mitſprechen werden, keine Löſung im
vollen Maße bedeuten würde. Wenn unſere Frauen die
neuen Kleider, Mäntel uſw. kaufen würden und vielleicht
auch nur deshalb, weil ſie unter der beliebten Marke
„deutſch” gehen, ſo wäre damit wenig getan. Denn dieſe
Induſtrie iſt zum großen Teil auf die Ausfuhr
einge=
ſtellt und wenn ihr die Umwälzung eine Eroberung
be=
deuten ſoll, ſo muß ſie auf dem Weltmarkt neue Gebiete
gewinnen im Kampfe gegen die Pariſer Mode. An
ver=
ſchiedene Linien wie bei anderen Ausfuhrinduſtrien iſt
aber nicht zu denken, denn die Kleidung muß
interna=
tional bleiben, ſolange wir einen Weltverkehr und eine
Weltkultur haben.
Da ſelbſt nach dem Friedensſchluß deutſche
Erzeug=
niſſe in den Feindesländern in der erſten Zeit nicht
ge=
kauft werden dürften, ſo wird auch dieſer Umſtand ſehr
erſchwerend ins Gewicht fallen. Aber dieſe und noch
viele andere Hinderniſſe, auf die wir nicht eingehen
wollen, werden unſere Fabrikanten nicht abſchrecken
dür=
fen, dieſe Gelegenheiten auszunutzen. Sie werden die
größten Anſtrengungen machen müſſen, um nicht nur über
dieſe eine Jahreshälfte ohne die Pariſer Krücken hinweg
zu kommen, ſondern ſie werden jetzt den Grundſtein
zu einer neuen deutſchen Form legen müſſen,
die einmal ſpäter auf dem Weltmarkte maßgebend
wer=
den kann. So oft dieſes Thema bisher behandelt worden
iſt, war immer am meiſten von der Mitarbeit der
deut=
ſchen Künſtler die Rede. Man hatte das größte Vertrauen
zu dieſen Männern, die zweiffellos dem deutſchen
Kunſt=
gewerbe eine neue Blütezeit haben heraufführen helfen.
Aber auf dieſem Gebiete werden ſie nicht ſo aus dem
Handgelenk alle Schwierigkeiten beſeitigen, was ſie ja
übrigens in der Möbeltiſchlerei, der Keramik uſw. auch
nicht gekonnt haben.
Die wichtigſten zwei Parteien ſind hier unzweifelhaft
die Fabrikanten und die Frauen. Mit den
Fa=
brikanten meinen wir nicht nur die Kleidermacher,
ſon=
dern auch die Herſteller der Stoffe, Beſätze uſw., der
Unterwäſche, Schirme, Hüte uſw. Die Frauen ſind nicht
nur diejenigen, die die Kleider kaufen und tragen, ſondern
Seite 6.
Darmſtädter Tagblatt, Mittwoch, den 25. November 1914.
Nummer 325.
auch diejenigen, die zum mindeſten ahnen, was ſie gern
haben möchten. Dieſe beiden Parteien müſſen vor allem
gemeinſam arbeiten, damit etwas Brauchbares zuſtande
komme. Wollen Künſtler ſich zu Schneidern verwandeln,
ſo wird der eine oder der andere wahrſcheinlich Erfolge
haben. Aber von dieſen Einzelſchickſalen hängt das
Schick=
ſal der deutſchen Form nicht ab. Auf unſere Induſtrie
können wir uns wohl verlaſſen, daß ſie die richtigen
Vorarbeiten ſchnell — denn die Sache eilt, — erledigen
wird. Von unſeren Frauen aber müſſen wir verlangen,
daß ſie den Ernſt dieſer Angelegenheit erkennen und für
ſie tätig ſind. Sie ſollen nicht die neuen Kleider, Mäntel
uſw hinnehmen, nur weil ſie deutſch ſind. Das ſollen
ſie gerade nicht! Sie ſollen ihren gebildeten Geſchmack
ſprechen laſſen, um aus dem Gebotenen das Beſte
auszu=
wählen und nur dieſes kaufen. Nur dann können wir
hoffen, daß es nicht gleich, aber nach und nach eine im
Inlande wie auf dem Weltmarkte herrſchende deutſche
Form geben wird. Das wäre für unſere deutſche
Volks=
wirtſchaft ein Gewinn, der ſich noch gar nicht in
Millio=
nen ausdrücken läßt, iſt aber ſicherlich ſo groß, daß er
unſere Fabrikanten wie unſere deutſchen Frauen
anſpor=
nen ſollte, mit aller Tatkraft für die deutſche Form
ein=
zutreten, wenn ſie auch nicht der Pallas Athene gleich mit
einem Schlage geſchaffen werden kann.
Dr. phil. Ernſt Jaffé.
Stimmen aus dem Publikum.
(Für die Veröffentlichungen unter dieſer Ueberſchrift übernimmt die Redaktion
ſeinerlei Veräntwortung: für ſie bleibt auf Grund des § 21 Abſ. 2 des
Preßgeſetzes in vollem Umfange der Einſender verantwortlich.)
Adieu — Pardon.
Gerade in dieſen Tagen ergeht immer wieder
nach=
drücklich die Mahnung, ſich alles fremdländiſchen, auch der
Fxemdworte, zu enthalten. So dürfte eine
beherzi=
genswerte Anregung vielleicht auf fruchtbaren Boden
fallen, die dahin zielt, die Reinigung der deutſchen Sprache
in den Dienſt der Wohltätigkeit zu ſtellen. Zwei Worte
vor allem ſind tief in unſere Sprache eingedrungen:
Adieu und Pardon! Sie gilt es, auszumerzen. Zum
mindeſten ſollen ſie nicht ſtraflos ferner gebraucht werden.
Jeder deutſche Mann und jede deutſche Frau, die heute
noch mit „Adieu” und „Pardon” die deutſche Sprache
ver=
unzieren, mögen zur Buße eine „Kreuz=Pfennig”=
Marke” kaufen! Alle, die in dieſem Sinne für die gute
Sache tätig ſein wollen, werden dringend gebeten, von dem
Büro der „Kreuz=Pfennig‟=Sammlung, Neckarſtraße 8 I
täglich geöffnet von 10—12 Uhr vormittags und von 4—6
Uhr nachmittags), eine Anzahl der Heftchen mit Marken,
je nach Wunſch zu 5 oder zu 10 Pfennigen, zu beziehen,
und, ſobald in ihrem Familien= oder Freundeskreis ſich die
Worte „Adieu” oder „Pardon” vernehmen laſſen, auf
ihrem Recht, den Miſſetäter an der deutſchen Sprache mit
einer „Kreuz=Pfennig”=Marke zu beſtrafen, unweigerlich
zu beſtrafen. Dem hohen Streben der „Kreuz=Pfennig”=
Sammlung, dazu beizutragen, daß die Wunden der für
uns im Felde Kämpfenden geheilt, daß das Elend der
Inyaliden gelindert, und daß für die Hinterbliebenen der
vor dem Feinde Gefallenen geſorgt werde, dürften durch
dieſe neue Verwendung der „Kreuz=Pfennig=Marke
anſehn=
liche Beträge zufließen. Denn wie Vielen unter uns fällt
es ſchwer, ſich des gedankenlos ausgeſprochenen „Adieu”
und „Pardon” zu entwöhnen!
— Vor etlichen Tagen iſt nun die ſeit Auguſt
zurück=
gehaltene Aufforderung zur Abgabe einer
Steuererklärung für das Steuerjahr 1915 erlaſſen
worden. Sie ſchweigt auffallenderweiſe über eine Frage,
ohne deren Beantwortung eine Vermögensdeklaration gar
nicht möglich iſt, nämlich darüber, wie denn zur Zeit
der Wert derjenigen Wertpapiere
berech=
net werden ſoll, die in Deutſchland keinen
Börſenkurs haben, nachdem die deutſchen
Börſen ſeit Anfang Auguſt geſchloſſen
ſind. In dieſer Beziehung iſt in dem
Vermögensſteuer=
geſetz und der zugehörigen Dienſtanweiſung vorgeſchrieben,
daß der Steuererklärung derjetige Wert zugrunde zu legen
iſt, der ſich aus dem zur Zeit der
Veranla=
gung geltenden Börſenkurs ergibt. Es iſt
nicht verſtändlich, weshalb die erlaſſene Aufforderung über
dieſen Kardinalpunkt ſchweigt, wenn man bedenkt, daß die
Folge dieſes Schweigens die ſein wird, daß die mit Arbeit
überlaſteten Finanzämter nun mit mündlichen und
ſchrift=
lichen Einzelfragen in dieſer Richtung überflutet werden.
Vielleicht lerntman die Anſicht der
Steuer=
behörden in einer weiteren amtlichen
Be=
kanntmachung recht bald kennen, damit der
Steuerpflichtige wenigſtens in der Lage
iſt, Stellung zu ihr zu nehmen.
Vermiſchtes.
Deutſcher Bankbeamten=Verein. Die
ſoeben erſchienene November=Nummer des Vereinsorgans
iſt die vierte „Kriegsausgabe der
Bankbeam=
ten=Zeitung”; ſie enthält wieder eine Reihe
inter=
eſſanter Artikel, unter denen insbeſondere ein Appell des
Vorſitzenden Fürſtenberg: „An das Deutſche Bankgewerbe‟
zu erwähnen wäre. In dieſem Aufſatz werden die
Ar=
beitgeber gebeten, die vor einiger Zeit beſchloſſene
Ge=
haltsverminderung der bei der Wehrmacht befindlichen
Angeſtellten wieder rückgängig zu machen, oder doch
min=
deſtens für die Unteroffiziere und Soldaten ohne
Dienſt=
grad den früheren Zuſtand wieder herbeizuführen; wenn
der Staat von hohen Kriegslöhnungen etwas anrechne,
ſo ſei das Vorgehen einiger Bankleitungen nicht damit
zu vergleichen, da die Herabſetzung der Bezüge der
Bank=
beamten im Felde, beſonders für Gemeine und
Unter=
offiziere, auf jetzt höchſtens 80 Prozent für verheiratete
und auf 30 Prozent (!) für unverheiratete Herren ſehr
hart ſei. Das Blatt teilt u. a. weiter mit, daß in den
letzten 4 Wochen über 90 Vereinsmitglieder mit dem
Eiſernen Kreuz ausgezeichnet worden ſeien. Auch wird
bekannt gemacht, daß der Zentral=Vorſtand eine
kurz=
gefaßte „Kriegsgeſchichte” in einem beſonderen Heft
zu=
ſammengeſtellt habe, das den kämpfenden Mitgliedern
regelmäßig mit dem Vereinsorgan, aber auch allen
an=
deren beim Heere befindlichen Berufsgenoſſen auf Wunſch
koſtenlos zugeſtellt wird.
Literariſches.
— Das deutſche Feldzugsbüchlein 1914.
Erſter Teil: Preis 1 M. Gotha, Friedrich Andreas
Per=
thes, A.=G. Im Gegenſatz zu vielen Kriegsgeſchichten
will das Feldzugsbüchlein in kurzgefaßter Form
tat=
ſächliches und geſichertes Quellenmaterial zum Deutſchen
Feldzug bringen. Das Feldzugsbüchlein iſt eine ſchlichte
und doch erſchöpfende, durchaus empfehlenswerte Er=
innerungsſchrift an die große Zeit ſowohl für alle, die
dabei geweſen ſind, als auch für diejenigen, die in der
Heimat den Ereigniſſen mit Spannung folgten.
— Kriegsbuch für die Jugend und das
Volk. (Mußeſtunden 6. Jahrgang, Heft 1.) Preis
halbjährlich (10 reichilluſtrierte Hefte) 1,50 M. Stuttgart,
Franckhſche Verlags=Handlung. Bei dieſem
Kriegs=
buch handelt es ſich um eine Kriegsausgabe der bekannten
und beliebten Jugend=Zeitſchrift „Mußeſtunden”. Es iſt
ein ernſthaftes Unternehmen, das ſeinen Hauptwert
dar=
auf legt, der Belehrung und Unterhaltung zugleich zu
dienne. Der Bilder= und Kartenſchmuck iſt gut ausgewählt
und der Preis ſo billig, daß die Hefte in keiner Volks=
und Schülerbibliothek fehlen dürften, daß aber auch jeder
Schüler ſie ſich kaufen kann.
— Der Juriſt. Eine Ueberſicht über ſämtliche auf
Grund des juriſtiſchen Studiums ergreifbaren Berufe
in=
nerhalb und außerhalb des Staatsdienſtes. Unter
Be=
rückſichtigung der neueſten Beſtimmungen der deutſchen
Bundesſtaaten dargeſtellt von einem Juriſten. Aus der
Sammlung „Violets Berufswahlführer”. Zweite
durch=
geſehene Auflage. Preis geb. 1,20 M. Verlag von
Wil=
helm Violet in Stuttgart. Seinen Zweck, dem Benützer
ein klares Bild ſowohl von den Anforderungen wie auch
von den Ausſichten der Juriſtenlaufbahn zu geben, erfüllt
das Werkchen auch in der neuen Auflage in vorzüglicher
Weiſe. Möchte es recht vielen den rechten Weg zeigen
können.
Der Untergang der
„Audaeious‟.
* Berlin, 24. Nov. Der Lokal=Anz. meldet aus
Kopenhagen: Wie ein kürzlich aus Amerika nach
Stockholm zurückgekehrter Schwede erzählt, traf der
Damp=
fer „Olympic” am 25. Oktober an der iriſchen
Küſte ein großes Kriegsſchiff, das anſcheinend
ſehr Havarie erlitten hatte. Die „Olympie” nahm
250 Mann der Beſatzung an Bord, die übrigen 550 Mann
übernahmen andere zu Hilfe eilende engliſche
Kriegs=
ſchiffe. Der Beſatzung und den Paſſagieren der „
Olym=
pic” war es verboten, bei ihrer Landung in England
den Vorfall zu erzählen. Dieſer Vorfall betrifft
anſchei=
nend den engliſchen Dreadnought „
Auda=
cious” der einige Tage ſpäter ſank. Die Beſatzung
ſcheint gerettet zu ſein.
* Frankfurta. M., 24. Nov. Amerikaniſche Blätter
melden, daß die „Audacious” durch Auflaufen
auf eine eigene Mine geſunken ſei. Wie auch
die Frkf. Ztg. von zuverläſſiger Seite erfährt, iſt die
Mel=
dung von dem Untergang der „Audacious” zutreffend.
Die Beſatzung ſchein gerettet zu ſein.
* Berlin, 24. Nov. Verſchiedene Berliner
Abend=
blätter melden aus Kopenhagen, 23. November: National
Tidende in Stockholm ſchreibt: Ein ſchwediſcher
Dampfer, der am 21. Oktober mit der „Olympie”
New=York verließ, ſichtete am 25. Oktober an der
iri=
ſchen Küſte ein großes engliſches Kriegsſchiff,
das ſtill lag und augenſcheinlich in Not war. Auf
Verlan=
gen des Kriegsſchiffes nahm die „Olympie” 250 Mann der
geſamten Beſatzung von 800 bis 900 Mann an Bord. Der
Reſt wurde von einigen Kriegsſchiffen aufgenommen, die
zu Hilfe kamen. Wie verlautet, war das große engliſche
Kriegsſchiff morgens ſtark beſchädigt worden,
doch war es ungewiß, ob durch eine Mine oder durchsein
Torpedo von einem deutſchen Tauchboot. Uebrigens wurde
den „Olympic”=Paſſagieren durch Anſchlag verboten, in
England etwas von dem Geſehenen zu berichten. Die
„Olympic” verſuchte das Kriegsſchiff, das eine ſtarke
Schlagſeite bekommen hat, ins Schlepptau zu
nehmen, was ſich aber als unmöglich
er=
wies. Nach dem, was die Paſſagiere ſpäter erfuhren,
ging das Kriegsſchiff kurz darauf unter.
250 Matroſen wurden nach Belfaſt auf ein anderes
tele=
graphiſch herbeigerufenes Fahrzeug übergeführt.
Zuſammenſtoß eines deutſchen Torpedos
bootes mit einem däniſchen Dampfer.
* Kopenhagen, 24. Nov. Der däniſche Dampfer
„Anglo Dane” hatte in der letzten Nacht außerhalb
Falſterbo einen Zuſammenſtoß mit einem
deutſchen Torpedoboot, das ſchwer
be=
ſchädigt wurde. Zwei ſchwerverletzte Matroſen des
Torpedobootes wurden an Bord des Dampfers gebracht.
Der eine ſtarb auf der Reiſe nach Kopenhagen, der
an=
dere kurz nach der Ankunft hier. Einzelheiten fehlen.
(Notiz des W. T. B.: An zuſtändiger Stelle erfahren wir,
daß bei dem Zuſammenſtoß der Heizer Birnbaum,
Oberheizer Plaſchke und Oberanwärter Stange
ſchwer verletzt und mit dem Dampfer nach
Kopen=
hagen gebracht wurden. Obermaſchiniſtenmaat
Rei=
mar erhielt eine leichte Verletzung. Der Oberheizer
Schlegianz und Heizer Biermeiſter wurden leicht
vrwundet.)
Die Kämpfe im Weſten.
* Amſterdam, 24. Nov. Telegraaf meldet aus
Sluis vom 23. November: Den ganzen Sonntag übsr
wurde Geſchützfeuer gehört, ſowohl von Yſer als
auch von Ypern und Dixmuiden her. Der Eindruck, daß
die Kämpfe immer heftiger werden, wird
durch die fortwährenden Truppenbewegungen
verſtärkt. Friſche Truppen marſchieren in großer Zahl
nach Ypern. Unter ihnen ſah man bisher ganz
unbe=
kannte Uniformen aus einer Art grauen Samtes.
* Amſterdam, 24. Nov. Die Blätter berichten
aus Bergen vom 23. November morgens: 46
inter=
nierte Deutſche darunter vier Offiziere, ſind
nach Deutſchland abgereiſt. Das
Lagerkom=
mando erhielt am Freitag von ſeiner Regierung die
Mit=
teilung, daß dieſe Mannſchaften nach Art. 14 der zweiten
Genfer Konferenz freigelaſſen werden müſſen.
Das Erſatzgeſchäft im Jahre 1915.
* Berlin 23. Nov. Im Einverſtändnis mit dem
Reichskanzler wird nachſtehendes beſtimmt: 1. Die
Vor=
arbeiten für das Erſatzgeſchäft im Jahre 1915 ſind
unverzüglich einzuleiten. 2. Die Militärpflichtigen ſind
aufzufordern, ſich in der Zeit vom 1. bis 15. Dezember
1914 zur Rekrutierungsſtammrolle
anzumel=
den. 3. Von den mit der Führung der
Zivilſtands=
regiſter betrauten Behörden und Perſonen ſind die nach
§ 45, 7a und b der Wehrordnung anzufertigenden
Aus=
züge aus dem Geburts= oder Sterberegiſter den
zuſtän=
digen Stellen zum 1. Dezember 1914 zu überſenden.
4. Für den Beginn des Muſterungsgeſchäfts
iſt der 2. Januar 1915 in Ausſicht zu nehmen.
Die Kämpfe im Oiten.
* Wien, 24. Nov. Amtlich wird verlautbart: 24,
Nov., mittags. Die Schlacht in Ruſſiſch=Polen
wird bei ſtrenger Kälte auf beiden Seiten energiſch
fortgeführt. Unſere Truppen eroberten
meh=
rere Stützpunkte und gewannen insbeſondere
ge=
gen Wolbrom und beiderſeits des Ortes Pilica Raum
und machten wiederum zahlreiche Gefangene.
Anſonſten iſt die Lage unverändert.
Im Innern der Monarchie befinden ſich 110000
Kriegsgefangene, darunter 1000 Offiziere.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalſtabes:
von Höfer, Generalmajor.
Die öſterreichiſche Kriegsanleihe.
* Wien, 24. Nov. Mit Rückſicht darauf, daß die
Reihe der beabſichtigten Zeichnungen noch nicht formell zur=
Durchführung gebracht werden konnte, ferner darauf, daß
bei den Korporationen für die formale Durchführung der
Subſkription an beſtimmte Vorſchriften gebundene
Be=
ſchlußfaſſungen einzuholen ſind, und von vielen, die
Zeich=
nungen anmeldeten, erſt die Genehmigung der
erforder=
lichen Schritte durch die Gerichte und andere Behörden
er=
wirkt werden muß, bezw. wegen der örtlichen Lage eine
Verfügung über die für die Subſkription beſtimmten
Bar=
mittel nicht ſo raſch erfolgen kann, hat der Finanzminiſter
geſtattet, daß bei der Poſtſparkaſſe und den ſonſtigen
Zeich=
nungsſtellen auch nach Ablauf der
Subſkrip=
tionsfriſt noch nachträgliche Zeichnungen
erfolgen dürfen. Nach der vorläufigen
Zuſammen=
ſtellung des Poſtſparkaſſenamtes weiſen die bis zum
Vor=
mittag eingelaufenen Zeichnungen auf die Kriegsanleihen
rund 1441000000 Kronen auf.
Der Proteſt der Schwelz.
* Baſel, 23. Nov. Zu dem Proteſt der Schweiz
gegen die Verletzung der Neutralität durch
die Flieger Kriegführender bemerkt die
National=
zeitung: Das ſchweizeriſche Volk nimmt mit Genugtuung
davon Kenntnis, mit welcher. Entſchloſſenheit und
Schnelligkeit die oberſte Landesbehörde gegen die
Ver=
letzung unſerer Neutralität durch Kriegführende, welcher
Partei ſie auch immer angehören mögen, Stellung
nimmt und Proteſt erhebt. Man darf erwarten, daß die
Regierungen, deren Armeen die Flieger angehören, nicht
zögern werden, das begangene Unrecht einzugeſtehen und
ſich zu entſchuldigen. Sie werden zweifellos dem
Bei=
ſpiel folgen, welches die Regierung des Deutſchen Reiches
gegeben hat, als bei Largine E) durch deutſche Geſchoſſe
Schweizer Gebiet verletzt worden war.
Die franzöſiſche Regierung bleibt in Bordeaux.
* Paris, 24. Nov. Das Echo de Paris erklärt: Die
Ueberſiedlung der Regierung von Bordeaux nach
Paris könnte die deutſchen Truppen, Zeppeline und
Tauben anlocken. Derartige Ueberraſchungen würden die
Regierung zwingen, vor den Augen des verwunderten
Europa abermals nach Bordeaux
überzuſie=
deln. Solche Möglichkeiten würden die Rückkehr nach
Paris nicht beſchleunigen.
Die Kämpfe in Marokko.
* Paris, 24. Nov. (Agence Havas.) Der
General=
reſident von Marokko, Liauthey, berichtet über den
Zuſammenſtoß in dem Gebiet von Kenifra,
daß die Franzoſen am 13. November das Lager der
Ma=
rokkaner bei Zaian, nahe hei Kenifra, energiſch angeriffen
und dem Erdboden gleichmachten. Eine von Kenifra
zu=
rückkehrende franzöſiſche Kolonne wurde von einer
ſtarken marokkaniſchen Abteilung angegriffen,
um=
zingelt und zu einem ſehr heftigen Kampfe gezwungen.
Die in Kenifra zurückgebliebenen Mannſchaften brachten
rechtzeitig Hilfe und konnten die Kolonne befreien. Eine
große Anzahl vön Offizieren und etwa 100
europäiſche Soldaten waren zu beklagen; auch
mußte ein Teil des Artilleriematerials zurückgelaſſen
wer=
den. Die Garniſon in Kenifra wies alle Angriffe ab, bis.
eine Hilfskolonne aus Tala eintraf, die bereits
unter=
wegs die angreifenden Marokkaner zurückgeſchlagen hatte.
m 19. November unternahmen die Franzoſen einen
all=
gemeinen Angriff und warfen die Marokkaner in
die Berge zurück. Die Franzoſen gelangten wieder in den
Beſitz des zeitweilig zurückgelaſſenen Kriegsmaterials und
beſtatteten die am 13. November Gefallenen.
Der türkiſche Krieg.
* Konſtantinopel, 24. Nov. Der
Kriegsmi=
niſter übermittelte den Blättern die Mitteilung, in
wel=
cher er dem türkiſchen Honorarkonſul in
Bre=
men, Reinhold Elfeld ſowie den Bürgern
Bre=
mens öffentlich für den ſympathiſchen Brief dankt, den
der Konſul in ſeinem und ihrem Namen an die
osma=
niſche Armee richtete, ſowie für die Ausſetzung einer
Be=
lohnung von 25 Pfund durch ſie für den türkiſchen
Solda=
ten, der die erſte feindliche Fahne oder das erſte
feind=
liche Maſchinengewehr erobert.
Das türkiſche Vordringen nach Aegypten.
* Kairo 24. Nov. (Reuter.) Eine Abteilung des
Meſarikorps in Bikani, die auf einem
Erkundigungs=
gang unterwegs war, kam am Mittwoch in Fühlung
mit überlegenen Streitkräften des Feindes.
Die Meſari verloren 14 Tote und 3 Verletzte. Sie
ver=
mochten jedoch, ihre Stellung wieder zu beſetzen. Eine
Abteilung der Küſtenwache, die zu derſelben Zeit
auf=
klärte, wird vermißt.
Ein türkiſch=perſiſches Bündnis?
* Peſt 24. Nov. Wie Azt Eſt aus
Konſtanti=
nopel meldet, werden zwiſchen der Pforte und dem
verſiſchen Geſandten in Konſtantinopel, Riza
Bey, ſeit längerer Zeit Verhandlungen über
ein türkiſch=perſiſches Bündnis
gepflo=
gen. Nach Aeußerungen des Geſandten werde
Per=
ſien ſo lange wie möglich die
Neutrali=
tät wahren, indeſſen iſt die Aufregung im Lande ſehr
groß; die Regierung ſei kaum imſtande, die Bewegung
zurückzudrängen. Einige Bergſtämme haben die Orte
Täbris und Dſchulfa beſetzt. Ein Stamm hat das
Ural=
gebirge beſetzt und von dort die ruſſiſchen
Grenz=
truppen angegriffen. In Buſchir wurde der
eng=
landfreundliche Gouverneur entfernt und ein perſiſches
Komitee ernannt, das die Teheraner Regierung
aufge=
fordert hat, die Ausländer abzuſchieben oder ſelbſt
abzu=
danken.
Die Haltung Bulgariens.
* Sofia, 24. Nov. Der Präſident des Miniſterrats,
Badoslawow, erklärte in der Sobranje in Beantwor=