Darmstädter Tagblatt 1913


07. August 1913

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Inſerate
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176. Jahrgang

werden angenommen in Darmſtadt,
monatl. 60 Pfg., viertelj. 1.80 Mk., aus=
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ſowie von unſeren Agenturen und
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Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 12 Seiten.

Das Wichtigſte vom Tage.

Der Kaiſer iſt geſtern vormittag in Swinemünde
eingetroffen.
Offiziös wird mitgeteilt, daß der Friede zwiſchen
Rumänien und Bulgarien endgültig abge=
ſchloſſen
ſei.
Nach einer Meldung der Agence roumaine wurde geſtern
der Friede zwiſchen den Kriegführenden
auf dem Balkan geſchloſſen.
Sechs von den ſieben im Krupp=Prozeß verurteilten
Angeklagten haben gegen das Urteil Berufung ein=
gelegt
.
Der franzöſiſche Senat hat den Artikel 18 des
Militärgeſetzes, der die Dauer des aktiven
Dienſtes auf drei Jahrefeſtſetzt, und mit 245 gegen 48
Stimmen den Artikel 6 des Dreijahrgeſetzes angenom=
men
, der die Einſtellung der Zwanzigjähri=
gen
geſtattet
Der bekannte franzöſiſche Flugzeugfabrikant Deperduſ=
ſin
iſt unter der Beſchuldigung, Betrügereien in Höhe
von vielen Millionen begangen zu haben, in Paris ver=
haftet
worden.

Die Sicherheit der Reiſenden.

* Es iſt beunruhigend: nach dem Eiſenbahn=
morde
bei Darmſtadt folgte in einem Abſtand von
einer Woche der Eiſenbahnraub bei Dortmund.
Die verbrecheriſchen Elemente ſind aufmerkſam gemacht,
die pſychiſche Anſteckung tritt in Wirkſamkeit. Die Wahr=
ſcheinlichkeit
der Gefährdung von Leben und Eigentum der
Reiſenden iſt von heute auf morgen weſentlich geſtiegen.
Grund genug, daß alles aufgewandt wird, um die Frage
der Sicherheit der Reiſenden ſo ſchnell und ſo
gut als möglich zu löſen.
Der wohlgemeinte Ratſchlag, in nur bereits beſetzten
Abteilen zu reiſen, löſt dieſe Frage nicht. Ueberarbeitete
oder Kranke oder auch nur etwas reizvolle Perſonen wer=
den
auf die Ruhe eines wenig oder gar nicht beſetzten Ab=
tteils
nur ſehr ungern verzichten wollen. Man wählt ja
leine höhere Wagenklaſſe in der Regel nur wegen der
höheren Ausſicht auf wohltuende Ungeſtörtheit.
Vielleicht werden folgende Vorſchläge der Sache die=
inen
. Zunächſt müßte in der erſten und zweiten Wagen=
klaſſe
auf Beſeitigung der Einzelabteile hin=
gearbeitet
werden. Sie ſind ohnedies häufig unhygieniſch,
ungepflegt und unvergleichlich ſchlechter ausgeſtattet, als
die entſprechenden Abteile in D=Zügen. Bei den Einzel=
abteilen
nach Art der Korridorwagen müßte ferner all=
gemein
die Möglichkeit geſchaffen werden, ſie von innen
zu verrjegeln; dies würde nachts zum Schutze des Allein=
reiſenden
genügen. Häufig aber iſt dieſe Vorſichtsmaß=
regel
nicht anwendbar, weil das Kupee noch anderweitig
beſetzt iſt. Deshalb wäre unter entſprechender Ver=
mehrung
desjetzt zu wenigen Zugperſonals
eine Art Patrouillendienſt einzuführen, der ſich
leicht ohne Beläſtigung des Publikums durchführen ließe.
Bei dem heutigen Syſtem fährt man auf weiten Strecken
oft ein bis zwei Stunden, ohne einen von den Beamten
zu Geſicht zu bekommen. Der Dienſt der Eiſenbahnbeam=
ten
iſt nach meinen Eindrücken von einem ausgedehnten
(Reiſeleben her eine der angenehmſten Berufsarten; man
vergleiche damit nur die angeſtrengte Tätigkeit der Tram=
bahnſchaffner
. Statt daß die Beamten oft ſtundenlang
in ihrem Dienſtabteil ſitzen und unſichtbar bleiben, könnte
der vorgeſchlagene ſtändige Kontrollgang mit
Leichtigkeit eingeführt werden..
Das heutige Syſtem iſt nur dazu angetan, den D=Zug=
Dieben das Handwerk zu erleichtern. Wohl kein Reiſender
begibt ſich mit abſoluter Ruhe für eine Stunde in den
Speiſewagen. Es iſt freilich den Beamten in den letzten
Jahren die ſtrengere Beaufſichtigung der Kupees während
der Eſſenszeit zur Pflicht gemacht worden, aber man be=
obachtet
zu häufig, daß ſie trotzdem viele Unzukömmlich=
keiten
ruhig paſſieren laſſen Ich ſelbſt habe in Abend=
zügen
viele Male wahrgenommen, daß eine und dieſelbe
verdächtige Perſon nacheinander in drei bis vier verſchie=
denen
Abteilen Platz nahm. Den Beamten war, abge=
ſehen
von nur einer Ausnahme, niemals etwas aufge=
fallen
, obwohl die Abſicht des Stehlens klar zutage lag.
Ein anderes Mal beobachtete ich zwei verdächtige Indi=
viduen
, die über eine Stunde lang abwechſelnd in mein
Kupee hineinſahen, dann in den Speiſewagen gingen, wo
ich ſie merkwürdigerweiſe trotz genügenden Platzes
an zwei verſchiedenen Tiſchen ſitzend wiederfand. Als der
eine während des Eſſens den Tiſch verließ, ging auch ich,
um meine Sachen beunruhigt, zu meinem Kupee und ſah
den Betreffenden in einem ganz anderen Abteil als zuvor

ſitzen. Ich weiß natürlich nicht ganz ſicher, ob dieſem
ganzen auffälligen Verhalten eine diebiſche Abſicht zu=
grunde
lag, aber ich denke, es war ſehr naheliegend, ſie
anzunehmen, ebenſo, daß bei lebhafter Kontrolle auch der
Beamte aufmerkſam geworden wäre, ganz abgeſehen von
der eminent vorbeugenden Bedeutung dieſer Kon=
trolle
: die Luſt zu einem Vergehen wird doch weſentlich
eingeſchränkt, wenn bekannt iſt, daß jederzeit Entdeckung
droht!
Fraglos hat die Eiſenbahnverwaltung in dieſem Pa=
trouillendienſt
ein wirkſames Mittel, die
Sicherheit der Reiſenden weſentlich zu er=
höhen
. Wendet ſie es nicht an, ſo macht ſie ſich für die
Gefährdung von Eigentum und Leben der Reiſenden mit=
verantwortlich
nach dem Grundſatz, daß auch durch
Unterlaſſungen eine Schuld begründet wer=
den
kann. Nachdem vor Jahren nicht zuletzt zur Sicher=
heit
der Schaffner die Korridorwagen eingeführt wur=
den
, ſollten dieſe nun ihrerſeits auch für beſſere
Sicherheit des Publikums Sorge tragen!
A. K

Die ſozialpolitiſche Ueber=
ſannung
.

* Unter dieſer Ueberſchrift wird im Berl. Lokalanzei=
ger
auf ein Buch von Dr. Georg Sonnenberg: Deutſch=
lands
ſozialpolitiſche Einrichtungen im Budget des Rei=
ches
, dreier Einzelſtaaten: Preußen, Bayern, Baden, und
dreier großer Städte: Berlin, Breslau, Köln aufmerkſam
gemacht, das im Verlage von Puttkammer u. Mühlbrecht
(Berlin W. 56) erſchienen iſt. Dieſe Arbeit erbringt den
Beweis, daß die ſozialpolitiſchen Laſten nicht bloß ent=
ſprechend
der Verteuerung der Lebenshaltung und der da=
durch
hervorgerufenen Erhöhung der Löhne geſtiegen ſind,
ſondern weit darüber hinaus. Sie erhärtet an den amt=
lichen
Budgets der Betriebe des Reiches, der genannten
Staaten und vor allem der Städte die ſchmerzliche Er=
fahrung
des Praktikers: Die Zunahme der ſozial=
politiſchen
Ausgaben iſt größer als die der
fortdauernden Geſamtausgaben, und zwar einſchließlich
derer für die Landesverteidigung.
Berechnen wir die Ausgaben auf den Kopf des Groß=
ſtädters
, und zwar die, welche vom Reich, von Preußen
und den Städten gemeinſam geleiſtet werden, ſo ergibt
ſich, daß ſich für den Berliner und den Breslauer ſeit 1879
die Geſamtausgaben mehr als verdoppelt, für den Kölner
mehr als verdreifacht haben; an Ausgaben für Sozialpoli=
tik
aber der Berliner und Kölner jetzt ungefähr viermal,
der Breslauer dreimal ſo viel wie 1879 zu entrichten hat;
für allgemeine Volkswohlfahrtspflege das Doppelte, d. h.
ungefähr ebenſoviel wie für die Wahrung der öffentlichen
Ordnung und für die allgemeine Verwaltung wie für die
Landesverteidigung. Dieſe Tatſachen geben einen zuver=
läſſigen
Anhalt für die Steigerung der Laſten der privaten
Arbeitgeber.
Und dieſe Abgaben werden durch die mittelbaren ſo=
zialpolitiſchen
Unkoſten noch ſehr merkbar aufgeſchwellt,
wie ſie die Verkürzung der Arbeitszeit und dadurch be=
dingte
Mehreinſtellung von Arbeitern, die ſchematiſch
durchgeführte Sonntagsruhe, die tauſenderlei Unfallver=
hütungs
= und ſonſtigen Arbeiterſchutzvorſchriften, die nötig
werdenden Auſſichtsperſonen uſw. nach ſich ziehen. Ein
weiteres Hemmnis für eine kräftige wirtſchaftliche Entwick=
lung
gibt die Erhöhung der ſonſtigen öffentlich=rechtlichen
Laſten ab. Noch nicht berückſichtigt konnten in der genann=
ten
Unterſuchung die Laſten der kürzlich in Kraft getre=
tenen
Angeſtelltenverſicherung werden.
Der Beweis dürfte durch dieſe Veröffentlichungen er=
bracht
ſein, daß die Rentabilität des Induſtriekapitals bei
uns ohne ſoziale Geſetzgebung höher ſein würde. Man
hat es einſt als die unvergängliche Idee der ſozialpoliti=
ſchen
Geſetzgebung unter Kaiſer Wilhelm I. hingeſtellt,
daß ſie dazu führte, die Koſten wirtſchaftlicher Notver=
ſicherung
jeder Art von Arbeitsunfähigen zu einem Fak=
tor
des notwendigen Lohnes und zu einem Poſten der
Produktionskoſten zu machen. Weil dem ſo iſt, weil dies
Ergebnis ſeit Jahren eingetreten iſt, ſo haben alle Volks=
freunde
und nicht zuletzt die Arbeiter ſelbſt ein ureigenes
Intereſſe daran, daß nicht die Henne, die dieſe goldenen
Eier legt, von dem Marder Sozialpolitik erwürgt wird.
Dieſe Gefahr iſt näher, als es der Allgemeinheit zum
Bewußtſein kommt: Die Zahl der Betriebe, die von dieſer
ſteigenden Bürde bisher erdrückt worden iſt, iſt erſchreckend
groß.
Von einem aus allgemeinen, gleichen, direkten und ge=
heimen
Wahlen hervorgehenden Parlament kann man bei

unſeren zerfahrenen Parteiverhältniſſen die Initiative zu
einem ſolchen nicht eben populären, aber dem Staats=
ganzen
nützlichen Tun nicht erwarten. Sache der leitenden
Männer im Reiche und Staate aber iſt es, die Mahnung
der ſozialpolitiſchen Erlaſſe des regierenden Kaiſers ſich
erneut ins Gedächtnis zurückzurufen, daß über der Ar=
beiterfürſorge
nicht die Konkurrenzfähig=
keit
unſerer Induſtrie mit der des Auslandes
vernichtet wird. Stark untergraben iſt ſie bereits. Man
gönne endlich einmal unſerem Erwerbsleben ein Jahr=
zehnt
der Ruhe. Der Beharrungszuſtand, der ſo oft
verſprochen worden iſt, muß jetzt zur Tat werden

Die Flottenpolitik Englands.

* Im engliſchen Oberhauſe lenkte Earl of Selborne
die Aufmerkſamkeit auf die Seepolitik der Regie=
rung
.
Er beklagte ſich darüber, daß die Ueberlegenheit von
60 Prozent nicht beibehalten worden ſei, da 1915 Deutſch=
land
26 Dreadnoughts haben würde, während England
einſchließlich der Schiffe der Dominions 39 haben würde.
Dieſe Ueberlegenheit um 50 Prozent wäre allein für die
heimiſche Verteidigung erforderlich und im Mittelmeer
müſſe man ſich daher mit einem oder zwei Schiffen der
Dominions des malayiſchen Archipels und Neuſeeland mit
möglichſter Ergänzung durch die Dreadnoughts Lord
Nelſon und Agamemnon verlaſſen. Im Mittelmeer
ſtänden aber jedenfalls 13 öſterreichiſche und ita=
lieniſche
Schiffe gegen dieſe vier Schiffe. Es be=
ſtünde
aller Grund. zu alauben, daß Oeſterreich=Ungann
und Italien ihre Schiffsprogramme erweitern würden, ſo
daß 1916 ihre Seeſtreitkräfte noch bedeutender ſein würden.
Die Lage Englands, ſo gefährlich ſie ſchon 1915 wäre,
werde 1916 noch gefährlicher und kritiſcher ſein
Lordgroßkanzler Haldane erwiderte: Was das re=
lative
Verhältnis Englands zu Deutſchland anginge.
ſo würde Deutſchland erſt im zweiten Vierteljahr 1916 26
Dreadnoughts haben: England häte dann 43. In der
Zwiſchenzeit würde England die Ueberlegenheit um 50
Prozent in den heimiſchen Gewäſſern mit einem Ueber=
ſchuß
aufrecht erhalten. Eine wirkliche Schwierigkeit er=
gebe
ſich bei Betrachtung der Lage im Mittelmeer.
weil England mit der Möglichkeit zu rechnen hätte, daß
die Flottenbeſtände von Oeſterreich und Italien ſich ver=
ſtärkten
. Die gegenwärtigen Flotten der
Welt ſind verteilt Wir haben keine Bündniſſe, aber ich
gebe zu, daß ſie ſich bei Berechnung der Gruppierungen
nicht ausſchließen können, welche ſich in Zukunſt bilden wer=
den
. Unſere Beziehungen zu den Ländern, die der anderen
Gruppe angehören, ſind freundſchaftlichſter Art. Ich hoffe.
daß ſie freundſchaftlich bleiben werden und glaube, daß
bei einzelnen Gruppen die Neigung beſteht. ſich enger zu=
ſammenzuſchließen
. Wenn Sie auf Grund dieſer Gruppie=
rungen
Berechnungen anſtellen wollen, kann ich nicht un=
erwähnt
laſſen, daß Frankreich im Mittelmeer
eine Flotte hat, die beinahe ſo groß iſt als die der ver=
einigten
Flotten Oeſterreichs und Italiens. Wenn
Sie in die Berechnung die Tatſache einbeziehen, daß wir
in freundſchaftlichſten Beziehungen mit Frankreich ſtehen.
und daß Frankreich im Mittelmeer eine machtvolle Flotte
hat. ſo haben Sie eine Situation, die nicht als un=
befriedigend
bezeichnet werden kann Was die
Dreadnoughts im Mittelmeer betrifft. ſo iſt es
unmöglich die Situation vorauszuſehen, die entſtehen kann.
Es iſtmöglich, daß eine Vereinigung von Italien, Oeſterreich=
Ungarn und Deutſchland ſtattfindet. Aber wenn ſolche
Hinge an mich herantreten, ſo bin ich geneiat, ein Wort
Moltkes zu wiederholen, als jemand zu ihm ſagte er habe
das deutſche Heer organiſiert und eine Armee zuſtande ge=
bracht
, die Deutſchland gegen zwei Mächte verteidigen
könne: aber was geſchehen ſolle wenn eine dritte Macht
ſich mit dieſen verbinde da erwiderte Moltke: Ich werde
dies der Vorſehung überlaſſen. Es iſt unmöglich. für jede
Zufälligkeit im voraus Sorge zu tragen. Die größte Quelle
unſerer Stärke iſt unſere finanzielle Stellung.
Haldane kam dann auf die Koſten der Ausbil=
dung
zu ſprechen und ſagte dabei: Großbritannien
wurde im Laufe von 15 Jahren hinter andere Länder zu=
rückgedrängt
. Dieſe Gefahr war genau ebenſo groß, als
irgend eine, die mit der Flotte im Zuſammenhana ſteht.
Unſere induſtrielle Ueberlegenheit bleibt un=
ſere
Einnahmequelle und wenn dieſe Einnahmequelle nicht
geſichert wäre, ſo wäre die Suprematie unſerer Flotte ge=
fährdet
. Mit Bezua auf die kanadiſchen Schife lehnte
Haldane es ab, darüber nachzuſinnen, welchen Kurs Ka=
nada
einſchlagen möchte. Die Regierung hätte inzwiſchen
den einzia richtigen Kurs eingeſchlagen, indem ſie den Bau
der drei Schiffe in ihrem Programm in dem Maße be=
ſchleuniate
, daß dieſe Schiffe eher fertig würden, als es die
kanadiſchen Schiffe werden. Mit den malayiſchen Schiffen
würden daher alle vier Kriegsſchiffe für das Mittelmeer
verfügbar ſein, welche zuſammen mit den anderen Hilfs=
quellen
dazu dienen, die Mittelmeerflotte gleichwertig zu
machen.
In einer kurzen Rede, in der er die Ergebniſſe der
Diskuſſion zuſammenfaßte, ſagte Earl of Selborne:
Die Tatſachen, die er vorgebracht hätte, ſeien unwider=
leat
geblieben. 1915 werde England nur vier Schiffe im
Mittelmeer haben. Er würde niemals damit einverſtanden
ſein, daß Enaland im Kriege oder im Frieden allein von
der franzöſiſchen Flotte abhänge. England müſſe, um der
Ehre des Königreichs willen und zur Sicherung ſeiner
Intereſſen eine ſtarke Macht im Mittelmcer haben

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Deutſches Reich.

Der Alterspräſident des Deutſchen
Reichstages nach dem Ableben des Zentrumsabgeord=
neten
Dr. Lender iſt der polniſche Abgeordnete Fürſt Radzi=
will
, der Vorſitzende der polniſchen Reichstagsfraktion.
Er iſt geboren am 19. Oktober 1834 in Berlin, ſteht alſo
im 79. Lebensjahre. Der nächſtälteſte Abgeordnete iſt
übrigens ebenfalls ein Pole, Herr v. Czarlinski. Es iſt
alſo anzunehmen, daß das Alterspräſidium in dieſem
Reichstage, das ja bei Beginn einer neuen Seſſion in Wir=
kung
treten würde, vorläufig in polniſchen Händen bleibt.
Der drittälteſte Reichstagsabgeordnete iſt dann Bebel.
Kein fliegendes Geſchwader. Man
ſchreibt uns: Die von einer Marinekorreſpondenz in die
Preſſe übergegangene Meldung von der bevorſtehenden
Bildung eines fliegenden Geſchwaders, das jederzeit zur
Verfügung ſtehe, um gefährdete deutſche Intereſſen im
Auslande zu ſchützen, iſt nichts als Kombination und ent=
ſpricht
in keiner Weiſe den Tatſachen. Im Reichsmarine=
amt
iſt von einem derartigen Plane nicht das geringſte
bekannt.
Eine Bahn zum Viktoriaſee. Wie die
Deutſch=Oſtafrikaniſche Zeitung meldet, iſt auf Anordnung
des Gouverneurs im vorigen Monate eine techniſche Ex=
pedition
von Neu=Moſchi entſandt worden, die eine nähere
Erkundung einer Bahnlinie von Aruſcha nach dem Vik=
toriaſee
vornehmen ſoll. Der Leiter der Expedition iſt
der Eiſenbahnkommiſſar der Uſambarabahn, Dipl.=Ing.
Kroeber, welchem der Ingenieur Karl Friſch und der Tech=
niker
Riedel beigegeben ſind. Der entſandte Ausſchuß hat
den Auftrag, alle zur Aufſtellung eines Planes für die
Verlängerung der Uſambarabahn erforderlichen Unter=
lagen
zu beſchaffen. Ende November wird die Rückkehr
der Expedition in Aruſcha erwartet.
Die Handwerkernovelle und das
Handwerk. In den Kreiſen der Gewerbevereine und
ſüddeutſchen Handwerkervereine ſcheint nach Aeußerungen
in der Fachpreſſe eine Beunruhigung vorhanden zu ſein,
weil zu der letzten Handwerkerkonferenz, die am 30. Juni
und 1. Juli im Reichsamt des Innern ſtattfand, nicht Ver=
treter
ſämtlicher Handwerkerorganiſationen eingeladen
waren. Man ſcheint zu befürchten, daß infolgedeſſen dem
Reichstag eine Novelle zum Handwerkergeſetz zugehen
wird, zu der weite Kreiſe des Handwerks noch nicht ein=
mal
Stellung genommen haben. Derartige Beunruhigun=
gen
ſind nach Meldungen Berliner Blätter in jeder Be=
ziehung
unbegründet. Es iſt zutreffend, daß an der letzten
Handwerkerkonferenz nur die beiden offiziellen Vertretun=
gen
, der Deutſche Handwerks= und Gewerbekammertag und
der Zentralausſchuß der Vereinigten Innungsverbände
Deutſchlands, teilgenommen haben, und zwar, weil den
Beratungen die Denkſchrift des Deutſchen Handwerks= und
Gewerbekammertages, die der Reichsregierung übermittelt
war, zugrunde lag. Es iſt aber dem Vorſitzenden des
Verbandes der Gewerbevereine auf eine Anfrage aus=
drücklich
mitgeteilt, daß die Reichsregierung bereit wäre,
auch mit Vertretern der Organiſation der Gewerbevereine
die Reſorm der Handwerkergeſetzgebung vor Aufſtellung
eines Entwurfes zu beſprechen. Mithin werden auch dieſe
Kreiſe, wenn ſie es wünſchen, Gelegenheit haben, ihren
Standpunkt zu allen einzelnen Fragen zum Ausdruck zu
bringen. Außerdem aber iſt bereits in offiziöſer Form
mitgeteilt, daß allen Kreiſen des Handwerks noch Gelegen=
heit
gegeben werden ſoll, zu den Abänderungsvorſchlägen
zum Handwerkergeſetz rechtzeitig Stellung zu nehmen, ehe
es an die geſetzgebenden Körperſchaften gelangt. Es liegt
mithin durchaus kein Anlaß vor zu der Annahme, daß eine
Reform unſerer Handwerkergeſetzgebung in Angriff ge=
nommen
werden ſoll, ohne daß das Handwerk in allen
Teilen Gelegenheit gehabt hat, ſeine Wünſche zu jeder ein=
zelnen
Frage den zuſtändigen Stellen zu unterbreiten.
Bekämpfung der Arbeitsloſigkeit.
Die deutſche Geſellſchaft zur Bekämpfung der Arbeitsloſig=

keit hat an die größeren Bundesſtaaten und Gemeinden
ſolgendes Schreiben gerichtet:
Der Arbeitsmarkt ſteht zurzeit unter dem Zeichen einer
ſchweren Depreſſion; die Lage iſt bei weitem ungünſtiger
als in den Vorjahren, ſo daß nach Einſtellung der Bau
arbeiten im kommenden Winter eine Arbeitsloſigkeit zu er=
warten
iſt, wie ſie an Umfang und Schärfe ſeit langen
Jahren nicht vorhanden war. Bei den unerwünſchten
Folgeerſcheinungen, die ein ſolcher Notſtand zeitigt. glau=
ben
wir die Aufmerkſamkeit bereits jetzt auf dieſe bedenk=
liche
Entwicklung des Arbeitsmarktes lenken zu ſollen.
Bei früheren Kriſen hat ſich vielfach gezeigt, daß die Not=
ſtandsaktionen
nach Vorberatungen, welche längere Zeit in
Anſpruch nahmen, erſt eingeleitet wurden, nachdem die De=
preſſion
ihren Höhepunkt erreicht hatte. Es empfiehlt ſich
daher, rechtzeitig die erforderlichen Schritte einzuleiten, da=
mit
gegebenenfalls genügend Arbeiten zur Milderung der
Beſchäftigungsloſigkeit zur Verfügung ſtehen. Wir bitten
daher, eine möglichſt große Zahl geplanter Arbeiten und
Aufträge ſchon jetzt für den kommenden Winter bereit zu
ſtellen, damit der bevorſtehenden Arbeitsloſigkeit in hin=
reichendem
Umfange rechtzeitig begegnet werden kann.

Ausland.
Oeſterreich=Ungarn.

Die öſterreichiſche Heeresverſtärkung.
Der Militäriſchen Rundſchau zufolge dürfte ſich die von
der Kriegsverwaltung in Anſpruch zu nehmende Erhöhung
der Rekrutenkontingente innerhalb der Ziffer 36000 bis
40000 Mann bewegen, wovon etwa 20000 auf das Heer,
2000 auf die Kriegsmarine und je 8000 auf die beiden
Landwehren entfallen.
Die neuen Verhältniſſe in Böhmen und
die Deutſchen. In Prag fand eine Vollverſammlung
des ehemaligen Verbandes der deutſchen Landtagsabge=
ordneten
ſtatt, welche zu den neugeſchaffenen Verhältniſſen
in Böhmen Stellung nahm. Die Anſchauungen der Ver=
ſammlung
fanden ihren Ausdruck in einer Kundgebung
an das deutſche Volk. Es wurde beſchloſſen, den Miniſter=
präſidenten
über die Abſichten der Regierung hinſichtlich
der Landtagswahlreform in Böhmen durch eine Deputa=
tion
zu befragen und ſowohl der Regierung als auch dem
Präſidenten der Landeskommiſſion unzweideutig zu er=
klären
, daß die deutſchen Abgeordneten die Tätigkeit der
Landesverwaltungskommiſſion auf das ſchärfſte über=
wachen
und für deren Arbeitsführung die Regierung ver=
antwortlich
machen würden. In der Kundgebung an das
deutſche Volk wird auf die panſlawiſtiſche Arbeit der
Tſchechen in Paris, London, Petersburg und Belgrad hin=
gewieſen
, die für Oeſterreich tiefe und beſchämende Er=
ſcheinungen
hervorgerufen haben, und betont, daß die
Deutſchen Böhmens die Schöpfer der verläßlichſten Stützen
des Staates ſeien und auch in Zukunft ſein wollten. Das
deutſche Volk proteſtiere gegen die kurzſichtige, von Tſche=
chenfurcht
getragene Politik der Regierung, weil ſie deutſch=
feindlich
und auch ſtaatsfeindlich ſei. Kein deutſcher Ver=
trauensmann
Böhmens könne von den neuen Ausgleichs=
verhandlungen
etwas erhoffen, ſo lange in Wien und Prag
der gleiche Geiſt obwalte.

Frankreich.

Die Heeresvorlage im Senat. Der Sozia=
liſtiſch
=Radikale Herriot brachte einen Gegenvorſchlag zu=
gunſten
einer Dienſtzeit von 30 Monaten ein. Er ſtellte
die große Bedeutung der deutſchen Anſtrengungen feſt
und erkannte an, daß eine Antwort darauf nötig ſei. Aber
er glaubte, daß die als notwendig geforderten Ziffern
übertrieben ſeien. Er hält es für möglich, die Lage der
Truppen für die Grenzdeckung dadurch zu verbeſſern, daß
man am Tage der Mobilmachung in jede Truppe eine
größere Anzahl Reſerviſten aufnehme. General Pau be=
merkte
darauf, daß alle Reſerviſten in den Gegenden an
der Grenze ohne Unterſchied der Klaſſe in die Deckungs=
truppen
eingereiht würden, zu denen ſie noch rechtzeitig
ſtoßen könnten. Regierungskommiſſar Legrand bekämpfte
den Gegenvorſchlag, der ſchließlich mit 209 gegen 84 Stim=
men
zurückgewieſen wurde. Auch der Gegenantrag De=

bierre zugunſten einer Dienſtzeit von 32 Monaten wurde
durch Handaufheben abgelehnt. Am Mittwoch wollte der
Senat die Diskuſſion der Artikel des Dreijahrgeſetzes be=
ginnen
.

England.

England und die Panamakanal= Aus=
ſtellung
. Im Unterhauſe antwortete Sir Grey auf
eine Anfrage, die engliſche Regierung ſei zu dem Entſchluß
gekommen, daß es ſich unter den jetzigen Umſtänden nicht
rechtfertigen laſſe, wenn man von dem Lande verlange, die
ſchwere Aufgabe zu übernehmen, die für die Teilnahme an
der Weltausſtellung in San Franzisko gefordert werde.
Dieſer Entſchluß gründe ſich zum Teil auf die Schätzung
der Koſten für eine repräſentable kommerzielle Ausſtellung.
Dieſe würden auf eine Viertelmillion Pfund Sterling ge=
ſchätzt
. Schließlich entſpreche einer ſolchen Summe keines=
wegs
der kommerzielle Nutzen und das Ergebnis. Noch
viel weniger zeige die Umfrage in kaufmänniſchen Zen=
tren
einen wirklichen Wunſch, an der Ausſtellung teilzu=
nehmen
. Die von den Ausſtellungsbehörden aufgeſtellten
Bedingungen machten es unmöglich, eine wirklich nationale
Abteilung zu erlangen, wie in früheren Ausſtellungen.
Die Untertunnelung des Kanals. Pre=
mierminiſter
Asquith empfing eine Abordnung von Par=
lamentariern
aus allen im Unterhauſe vertretenen Par=
teien
, die ſich für den Plan einer Untertunnelung des
Kanals ausſprachen. Nachdem er auf den Widerſtand
hinwies, den bisher die Regierung dem Projekt entgegen=
geſetzt
habe, gab Asquith zu, daß jetzt neue Geſichtspunkte
vorlägen. Das Ausſichtsvollſte und in mancher Beziehung
Wichtigſte ſei die Errichtung einer feſten, unverrückbaren
Grundlage in den Beziehungen Englands zu Frankreich.
Die engliſche Regierung habe dem Gegenſtand ſtets Be=
achtung
geſchenkt, ſie würde auch jetzt mit Unvoreingenom=
menheit
an den Plan herantreten und ihn einer eingehen=
den
Prüfung unterziehen.
*
* Deutſch=franzöſiſche Höflichkeiten. Aus
Remiremont wird gemeldet: Das 15. Jägerbataillon
befand ſich auf einem Uebungsmarſche an der Grenze bei
Hoheneck plötzlich einem Bataillon des 171. Infanterie=
Regiments aus Kolmar gegenüber. Die beiden Truppen=
abteilungen
erwieſen einander die Ehrenbezeugungen.
worauf das franzöſiſche Bataillon defilierte, während das
deutſche Bataillon mit ſeinen Maſchinengewehren mehrere
Salven abgab. Auf die zahlreichen Touriſten machte die
Szene einen tiefen Eindruck.
* Zum Werftarbeiterſtreik. Zu dem Diſ=
ziplinbruch
der gewerkſchaftlich organiſierten Werftarbeiter
äußert ſich der Arbeitgeber, das Organ der Vereinigung
der Deutſchen Arbeitgeberverbände in ſeiner neueſten
Nummer folgendermaßen: Die Tatſache, daß die Werft=
arbeiter
ohne Genehmigung der gewerkſchaftlichen Zentral=
vorſtände
in einen ſogenannten wilden Streik getreten ſind.
gibt außerordentlich zu denken. Was den Streik ſo beſon=
ders
belaſtet, iſt der Umſtand, daß die Werftarbeiter, ob=
wohl
ihre Organiſationen ihnen goldene Brücken bauten,
indem ſie den Ausbruch des wilden Streiks in Hamburg
mit unlauteren Machenſchaften vor der Oeffentlichkeit zu
erklären verſuchten, trotzdem in zahlreichen Verfammlun=
gen
den Beſchluß faßten, in dem einmal begonnenen Streik
zu verharren. Hieran konnte auch die Erklärung nichts än=
dern
, die die Hauptvorſtände der Werftverbände am 21. Juli
in dieſer Angelegenheit erließen, und in der es u. a. hieß
daß die gewerkſchaftlichen Zentralverbände ihren Mitglie=
dern
nach den ſtatutariſchen Vorſchriften die Unterſtützung
des Streiks verweigern müßten. Aus dieſer Erklärung der
gewerkſchaftlichen Zentralvorſtände iſt zu erſehen, daß in
den Reihen der Gewerkſchaftler allgemach eine erſtaunliche
Diſziplinloſigkeit eingeriſſen iſt. Auch durch die angedrohte
Verweigerung der Streikunterſtützung haben ſich die Werft=
arbeiter
nicht von ihrem Ungehorſam gegen ihre Organi=
ſationsleitung
abbringen laſſen. Der wilde Streik der
Werſtarbeiter bedeutet den vollſtändigen Bankerott des ſo=
zialdemokratiſchen
Organiſationsgedankens, und man kann
es den Unternehmern wirklich nicht verübeln, die das Ver=
handeln
mit ſozialdemokratiſchen Oraaniſationen als voll=
ſtändia
nutzlos erachten, da die Diſziplin, die in ſozial=
demokratiſchen
Gewerkſchaften herrſcht, keineswegs die
Bürgſchaft dafür bietet, daß die Maſſen den Anordnungen
ihrer Führer Folge leiſten.

Der Frankfurter Fürſtentag.

(Ein Bild aus der Zeit vor 50 Jahren.)
*** Am 2. Auguſt 1863 ſaß Bismarck in Gaſtein an
der tiefen Schlucht der Ache unter den Tannen. Unter ihm
befand ſich ein Meiſenneſt, und mit der Uhr in der Hand
beobachtete er, wie oft in der Minute der Vogel ſeinen
Jungen eine Raupe zutrug. Während deſſen bemerkte ex,
daß auf der anderen Seite der Schlucht, auf der Schiller=
höhe
, König Wilhelm allein auf einer Bank ſaß, und als
er endlich nach Hauſe ging, fand er dort ein Briefchen
Seiner Majeſtät, das ihn nach der Schillerhöhe beſtellte:
der König wollte ſich mit ihm über den Beſuch des Kaiſers
von Oeſterreich beſprechen, der ihm eben gemeldet war.
Als Bismarck nun in das Königliche Quartier eilte, hatte
die Unterredung der beiden hohen Herren bereits ſtatt=
gefunden
. Wenn ich mich weniger lange bei der Natur=
betrachtung
aufgehalten und den König früher geſehen
hätte, ſo wäre der erſte Eindruck, den die Eröffnungen des
Kaiſers auf den König gemacht haben, vielleicht ein an=
derer
geweſen. Kaiſer Franz Joſef hatte dem
König ſeine Abſicht mitgeteilt, auf den 16. Auguſt alle deut=
ſchen
Fürſten nach Frankfurt zu laden zu perſönlicher Be=
ratung
und Entſcheidung über eine neue deutſche Bundes=
verfaſſung
. Es war der letzte Verſuch Oeſterreichs, ent=
ſcheidend
in die Geſtaltung der deutſchen Frage einzu=
greifen
und von ſich aus eine ihm günſtige Reform in An=
regung
zu bringen. Bismarck, ſeit kurzem Miniſter=
präſident
, hatte ſich in unendliche Schwierigkeiten geſtürzt,
und ſo ſchien denn den öſterreichiſchen Diplomaten bei der
Unpopularität der preußiſchen Regierung im eigenen
Lande, bei ihrem Hader mit den Mittelſtaaten und ihrem
geſpannten Verhältnis mit Frankreich und England, der
Augenblick gekommen, in dem der Kaiſer an die Spitze der
deutſchen Fürſten treten und ſie zu einheitlichem Handeln
fortreißen konnte. Lange war bereits der Gedanke eines
ſolchen Fürſtentages erwogen worden. Eine Denkſchrift
des nach der Wiener Oktober=Revolution zum Tode ver=
urteilten
, dann begnadigten und erſt kürzlich aus Amerika
Furückgekehrten Julius Frsbel von 1861 bot die Grund=

lage, auf der der einflußreiche Erbprinz von Thurn und
Taxis, der Schwager des Kaiſers, den Plan wieder auf=
nahm
. Franz Joſef war Feuer und Flamme für dieſe
Idee, als Nachfolger der römiſchen Kaiſer in Frankfurt
über die Zukunft Deutſchlands zu entſcheiden; ohne ſeine
Miniſter zu befragen, nahm er die Sache allein in die
Hand, und als er König Wilhelm in den erſten Auguſt=
tagen
für die Angelegenheit zu gewinnen ſuchte, waren die
Einladungen ſchon ergangen; am Abend des 3. Auguſt
überreichte ein kaiſerlicher Adjutant dem preußiſchen König
die amtliche, vom 31. Juli datierte, Einladung zu dem
Fürſtentag.
Die Schwierigkeiten die Franz Joſef mit jugendlichem
Eifer durch ſein perſönliches Geſpräch mit dem König zu
überwinden hoffte und die gewiegte‟ Diplomaten, wie
ſein Miniſter Rechberg, für höchſt bedenklich anſahen, lagen
hauptſächlich bei Preußen und waren da wieder in einem
einzigen Manne verkörpert: in Bismarck. Seit der neue
Miniſterpräſident nach ſeiner berühmten Unterredung mit
dem öſterreichiſchen Geſandten Karolyi dem Staate jenen
kühnen Rat gegeben hatte, ſeinen Schwerpunkt nach Ofen
zu verlegen hatte er bewieſen, daß er wohl als Einziger
den Gegenſatz zwiſchen Preußen und Oeſterreich in ſeiner
ganzen Bedeutung erkannt; ihn anders als durch den
Krieg zu löſen, ſchien ihm eine mathematiſche Unmöglich=
keit‟
. Er wußte, daß Oeſterreich nie und nimmer ohne
Preußens Zuſtimmung einen Reformplan im Deutſchen
Reiche durchführen könne, und ſo ſetzte er denn alles da=
ran
, um den König zur Ablehnung der Einladung zu ver=
anlaſſen
. Das wurde ihm nicht leicht, denn das Herz des
Königs nahm Anteil an der großartigen Verſammlung,
von der er ſich ſelbſt zwar fernhielt, die ſich aber nun bald
in der alten Kaiſerſtadt entfaltete. Glänzend empfangen,
hielt der Kaiſer am 16. Auguſt ſeinen Einzug. Von Ge=
ſchützſalven
und Glockengeläute begrüßt, ſcharten ſich um
ihn die deutſchen Fürſten, die alle kamen, mit Ausnahme
von Anhalt=Bernburg, Lippe und Holſtein. Durch die ge=
ſchmückten
Straßen ging die kaiſerliche Auffahrt, von un=
endlichem
Jubel umtoſt. Der alte Kaiſer Rotbart ſchien
aus der Gruft des Kyffhäuſers heraufgeſtiegen zu ſein.
Allgemein hoffte man, daß auch der König von
Preußen noch kommen werde. Vier Könige umſtanden

den Kaiſer, als er am 17. Auguſt mit ſchlicht= wirkungs=
voller
Anſprache den Fürſtentag eröffnete. Sein ruhig=
feſtes
Auftreten riß auch Widerſtrebende mit fort, und der
öſterreichiſche Reformentwurf wurde ſogleich angenommen.
Nur eines fehlte zu der allgemeinen Begeiſterung und
Freude: die Zuſtimmung Preußens. König Johann von
Sachſen wurde an König Wilhelm nach Baden abgeſchickt
um ihn zum Beitritt zu bewegen. König Wilhelm
ſchwankte. Dreißig Fürſten als Einlader, ein König als
Kabinettskurier, wie kann man da ablehnen? rief er
mehrmals aus. Aber Bismarck ſtemmte ſich mit der gan=
zen
Macht ſeiner Perſönlichkeit dagegen. Allein ſtand er
gegen alle die anderen Einflüſſe, die von dem König ver=
langten
, daß er durch ſeine Teilnahme ſeinen guten Wil=
len
zur deutſchen Einigung bekunde. Unbeugſam hielter
an dem Grundſatze feſt, den er dem König ſtets angeraten:
niemals dürfe ſich Preußen am Bundestage majoriſieren
laſſen. Was hatte es für einen Sinn, wenn ſich der öſter=
reichiſche
Kaiſer von weißgekleideten Fürſten empfangen
ließ? Was ſollten die ſchönen Reden und Entwürfe?
Nur Blut und Eiſen konnten nach dem Glauben des
gewaltigen Mannes die deutſchen Stämme zur Einheit zu=
ſammenſchweißen
.
Eine furchtbare Spannung entlud ſich zwiſchen König
Wilhelm und ſeinem erſten Diener in jener Nacht des 19
Auguſt, als der Sachſenkönig auf Erhörung drängte. Erſt
um Mitternacht unterſchrieb der König die Abſage an
König Johann. Als ich den König verließ berichtet
Bismarck, waren wir beide infolge der nervöſen Spann=
ung
der Situation krankhaft erſchöpft. Die mühſam zu=
rückgehaltene
Leidenſchaft des Miniſters entlud ſich beim
Verlaſſen des Zimmers, indem er die Klinke von der Tür
abbrach, und als er dann die ablehnende Mitteilung ge=
macht
hatte, ſchuf er ſeiner Erregung dadurch Luft, daß
er ein Service mit Gläſern vom Tiſch ſtieß und in tauſend
Scherben zerſchmetterte. Jetzt iſt mir wieder wohl!
ſagte er dann aufatmend zu dem Adjutanten. Die hoch=
aufjubelnde
Begeiſterung des Fürſtentages aber zerrann
jäh vor dieſem eiſernen Willen in nichts. Oeſterreich mußte
ohne die Unterſtützung Preußens ſeine Reformpläne auf=
geben
.

[ ][  ][ ]

Stadt und Land.

Darmſtadt, 7. Auguſt.
* Vom Hofe. Die Großherzogin empfing
am Dienstag vormittag 10 Uhr 30 Minuten im Reſidenz=
ſchloß
den Geheimerat Beſt. (Darmſt. Ztg.)
* Ernannt haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
den Kreisaſſiſtenzarzt bei dem Kreisgeſund=
heitsamt
Darmſtadt Dr. Philipp Beſt zum Kreisarzt
bei dem Kreisgeſundheitsamt Schotten mit Wirkung vom
1. September 1913 an.
* Beſtätigt wurde der von der Gemeindevertretung
in Grüningen, Kreis Gießen, auf die erledigte erſte Lehrer=
ſtelle
daſelbſt präſentierte Schulamtsaſpirant Wilhelm
Buß aus Münzenberg für dieſe Stelle.
* Ordensverleihungen. Se. Königl. Hoheit der
Großherzog haben dem vortragenden Rat im König=
lich
Preußiſchen Miniſterium der öffentlichen Arbeiten
Großh. Geheimen Oberregierungsrat Welcker die
Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen des ihm vom
Fürſten zu Schaumburg=Lippe verliehenen Ehrenkreuzes
2. Klaſſe des Fürſtlich Schaumburg=Lippiſchen Haus=
ordens
und dem Bahnhofsaufſeher Niedernhöfer zu
Ortenberg die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen
des ihm von Sr. Hoheit dem Herzog Johann Albrecht zu
Mecklenburg als Regent von Braunſchweig verliehenen
Verdienſtkreuzes 2. Klaſſe des Ordens Heinrichs des
Löwen erteilt
* Steueramtsperſonalie. Der Militäranwärter
Vizefeldwebel Heinrich Magel aus Ilsdorf wurde zum
Steueraufſeher ernannt und ihm eine Steueraufſeherſtelle
bei Großh. Hauptſteueramt Bingen überwieſen.
* Oberſchiedsgericht für Angeſtelltenverſicherung.
Für die Angeſtelltenverſicherung iſt für das Reichsgebiet
ein Oberſchiedsgericht errichtet worden, das ſeinen
Sitz in Berlin hat. Zum Vorſitzenden des Oberſchieds=
gerichts
iſt der Geheime Regierungsrat und vortragende
Rat im Reichsamt des Innern Dr. Laß und zu deſſen
Stellvertreter der Geheime Regierungsrat und vortragende
Rat im Reichsamt des Innern Siefart beſtellt worden.
Die Geſchäftsräume des Oberſchiedsgerichts befinden ſich
in Berlin, Luiſenſtraße 33/34.
g. Kriegsgericht. Ein Wachtmeiſter vom 6. Drago=
ner
=Regiment in Mainz, das vor kurzem auf dem Trup=
penübungsplatz
Lager bezogen hatte, ſah eines Nach=
mittags
von ſeinem Zimmer aus, wie der ihm bis dahin
unbekannte Sergeant Becker vom Artillerie=Regiment
Nr. 84 (Straßburg) einen, Kanonier dreimal hin= und her=
jagte
. Schließlich ſchickte er ihn in den Stall, wobei ihn
der Sergeant mit der Fauſt zweimal geſchlagen haben
ſollte. Der Sergeant ging hinter dem Kanonier her in
den Stall und der Wachtmeiſter hörte Weinen und dann
den Sergeanten rufen: Willſt Du ſtill ſein. Hierauf will
der Wachtmeiſter ein Wimmern gehört haben. Er er=
ſtattete
im dienſtlichen Intereſſe Anzeige von dem Vor=
fall
; infolgedeſſen hatte ſich geſtern der Sergeant Becker
vor dem Kriegsgericht zu verantworten. Der angeblich
Mißhandelte gibt an, er ſei vom Angeklagten dreimal hin=
und hergeſchickt worden, weil er nicht ſchnell genug ge=
laufen
ſei. Eine Mißhandlung, die er erlitten haben
ſolle, ſtellt er entſchieden in Abrede. Erſt auf wiederhol=
tes
Befragen gibt er an, daß Becker zweimal nach ihm
geſtoßen, ihn aber nicht getroffen habe. Im Stall habe
der Sergeant ihm den Befehl, ruhig zu ſein, nur erteilt,
weil er vor ſich hinmurmelte. Von einem Weinen oder
Wimmern will er und ebenſo ein weiterer Zeuge nichts
gemerkt haben. Da der Wachtmeiſter bei ſeiner Ausſage
bleibt und der Kanonier auch von einer Mißhandlung
nichts wiſſen will, als man den Angeklagten abtreten läßt,
um eine unbeeinflußte Ausſage zu erhalten. beſchließt das
Gericht, die Verhandlung zur weiteren Aufklärung dieſes
Widerſpruches zu vertagen. Am Freitag ſoll ein Augen=
ſcheinstermin
vorgenommen und die Verhandlung als=
dann
beendet werden. Wegen Betrugs und Ur=
kundenfälſchung
, ſtand der Dragoner Friedrich
Georg Zimmer von der 4. Eskadron des Garde= Dra=
goner
=Regiments Nr. 23 vor dem Kriegsgericht. Der An=
geklagte
erhielt am 25. Juni irrtümlich einen Paketabſchnitt
eines für den Dragoner Ziemli beſtimmten Paketes. Er
ließ ſich auch das Paket vom Eskadronſchreiber aushändi=
gen
und quittierte im Poſtbuch mit dem Namen Ziemli.
Die in dem Paket enthaltenen Wurſtwaren verzehrte er,
während er die anderen Sachen fein ſäuberlich in ſeinem
Spind verſtaute. Als der Dragoner Ziemli ſein ausge=
bliebenes
Geburtstagspaket reklamierte, kam die Fälſch=
ung
der Unterſchrift im Poſtbuch ans Tageslicht und die
ſofort vorgenommene Spindreviſion förderte auch die nicht
verzehrbaren Geburtstagsgeſchenke bei dem Angeklagten
zutage. Der Angeklagte gibt die Straftat unumwunden
zu, er wiſſe nicht, wie er dazu kam, und bedauert es auf=

richtig. Das Gericht erkennt auf 1 Woche Ge=
fängnis
.
Dem im letzten Jahre dienenden Kanonier Anton D.
aus Seligenſtadt von der 1. Batterie des Feldartillerie=
Regiments Nr. 25 wurde ſeine geringe Widerſtandsfähig=
keit
gegen Alhokol zum Verhängnis. Er wurde am 13.
Juli von einem Einjährigen gebeten, deſſen Eltern eine
Nachricht zu überbringen. D. ging mit zwei Kameraden
dorthin, auf dem Wege ſuchten ſie jedoch erſt noch eine Wirt=
ſchaft
auf. Die Eltern des Einjährigen ließen den drei
Kameraden ihres Sohnes ein Eſſen vorſetzen, dazu zwei
Flaſchen Wein. Dieſer ungewohnte Weingenuß verſetzte
D. in eine gehobene Stimmung. Auf dem Heimwege in
die Kaſerne verübte er deshalb mit einem Kameraden
allerlei Späße, wobei er auch einem ihnen begegnenden
Sergeanten vom Train=Bataillon ein Bein ſtellte.
In der erſten Entrüſtung ſtellte dieſer den D. mit den
Worten: Sind Sie verrückt geworden? zur Rede. In
übermütigem Tone antwortete ihm darauf D.: Nein, noch
lange nicht, Sie haben ja untergeſchnallt, ziehen Sie ſich
erſt mal ordentlich an, wenn Sie jemand auf der Straße
ſtellen wollen. Als nun der Sergeant nach ſeinem Namen
fragte, antwortete er: Ich heiße noch immer Schäfer. Er
hatte ſomit einen falſchen Namen angegeben. Der Ser=
geant
ließ nun den Betrunkenen gehen und ſagte ihm, er
ſolle ruhig in die Kaſerne gehen, das weitere finde ſich.
Daraufhin rief D. aus: Was ſoll ſich finden, wir von der
Artillerie laſſen uns vom Train nichts ſagen. Auf drei=
fachen
Befehl des Sergeanten, ihm mit zur Wache zu fol=
gen
, antwortete der Angeklagte, das falle ihm gar nicht
ein. Er bereut jetzt ſeine im Alkoholrauſche begangene
Tat aufs tiefſte. Von ſeinen Vorgeſetzten wird ihm das
beſte Zeugnis ausgeſtellt. Das Gericht erkennt unter Be=
rückſichtigung
der guten Führung des Angeklagten auf
eine Arreſtſtrafe, und zwar auf die höchſte zuläſſige von
4 Wochen ſtrengem Arreſt.
Perſonalnachrichten der Kaiſerlichen Ober= Poſt=
direktion
in Darmſtadt. Verliehen wurde: aus Anlaß
des Scheidens aus dem Dienſte der Titel Ober= Brief=
träger
dem Landbriefträger Geiſt in Homberg. Ver=
ſetzt
wurden: die Poſtſekretäre Sartiſon von Sprendlin=
gen
(Kr. Offenbach) nach Arheilgen und Thürauf von
Arheilgen nach Sprendlingen (Kr. Offenbach); die Ober=
Poſtaſſiſtenten Merz von Mainz nach Mainz=Kaſtel und
Weitz von Oberhauſen (Rhld.) nach Darmſtadt; die Poſt=
aſſiſtenten
Dietz von Trier nach Jugenheim (Bergſtr.)
Geiſt von Seligenſtadt nach Heppenheim, Melzer von Oſt=
hofen
nach Mainz, Scherff von Bingen nach Carolinen=
ſiel
und Schön von Carolinenſiel nach Bingen; Telegra=
phenaſſiſtent
Gaul von Saarbrücken nach Mainz; die Tele=
graphengehilfinnen
Herke von Mainz nach Frankfurt
(Main) und Jacobs von Magdeburg nach Darmſtadt.
Etatsmäßig angeſtellt ſind: die Telegraphen=
gehilfinnen
Dominick in Gießen. Gieſer, Haupt, Keilbach
und Phildius in Mainz und Wünnemann in Bingen.
Beſtanden hat die Poſtſekretärprüfung: Ober= Poſt=
aſſiſtent
Werner in Offenbach. Angenommen wur=
den
: zum Poſtanwärter: Vizefeldwebel Müller in Worms:
zum Poſtagenten: Landwirt Engel in Großen=Linden und
Wagner Kröll in Bönſtadt; zu Telegravhengehilfinnen
Bertha Feigk in Offenbach und Emilie Simon in Darm=
ſtadt
. Freiwillig ausgeſchieden ſind: Poſt=
agent
Menges in Großen=Linden und Telegraphengehil=
fin
Fiege in Darmſtadt. Geſtorben ſind: Ober= Poſt=
aſſiſtent
Quick in Darmſtadt und Poſtagent Strauch in
Bönſtadt
Nachtrag zur Tagesordnung für die Sitzung der
Stadtverordnetenverſammlung am 7. Auguſt 1913: 19. Ge=
ſuch
um Geſtattung einer Ausnahme von der Beſtimmung
in § 5 des Ortsbauſtatuts für die Errichtung einer Flug=
zeughalle
an der Kranichſteiner Straße. 20. Tagung der
deutſchen Zentrale für Jugendfürſorge am 29. und 30.
September in Darmſtadt.
Ueber die Tätigkeit der Arbeitsnachweisſtelle
im ſtädtiſchen Hauſe Grafenſtraße 30 (Telephon 371)
werden für den Monat Juli folgende Zahlen mitgeteilt: 615
offene Stellen, 830 Arbeitsſuchende, 260 Vermittelungen,
darunter 110 Dienſtboten.
* In der Wanderausſtellung Das Kind Alexander=
ſtraße
20, ſind jetzt die auf vielſeitiges Verlangen ange=
fertigten
Schnitte für die Säuglinaswäſche
eingetroffen und werden zu ganz billigem Preis abge=
geben
, damit jede Mutter imſtande iſt, Kleider und Wäſche
nach den vorzüglich paſſenden Schnitten für ihr Kindchen
ſelbſt zu arbeiten. Da die Ausſtellung ſich fortgeſetzt eines
ſehr regen Beſuches erfreut, hat die Großh. Zentrale be=
ſchloſſen
, ſie bis auf weiteres in Darmſtadt zu belaſſen, um
namentlich den Müttern, die immer wieder kommen, Ge=
legenheit
zu geben, noch recht oft an den lehrreichen Füh=
rungen
teilnehmen zu können.

* Hauptverſammlung des Landesverbandes Heſſen
der Deutſchen Freien Architektenſchaft (D. F. A.)
Unter ſtarker Beteiligung fanden ſich in Worms die
Privatarchitekten aller Städte Heſſens zuſammen, um
in ernſter Beratung wichtige Tages= und Standesfragen
zu erledigen. Aus den Berichten des Vorſtandes und
der einzelnen Ortsgruppen ging hervor, daß nach wie
vor der feſte Wille herrſcht, die bewährten Richtlinien
der bisherigen Tätigkeit inne zu halten, um ſo immer
mehr und mehr die Allgemeinheit über Zweck und Ziel
des Architekten aufzuklären. Ein Hauptgegenſtand der
Tagesordnung bildete die Beratung über den Entwurf der
neuen Heſſiſchen Bauordnung, welcher vom Miniſterium
in entgegenkommendſter Weiſe zur Mitarbeit dem Ver=
bande
überlaſſen wurde. Eine Fülle von Anregungen
hierzu, die beſonders für Induſtrie, Handel, Landwirt=
ſchaft
und Gewerbe von weittragender Bedeutung ſind,
wurden von den einzelnen Ortsgruppen gegeben, und
der Vorſtand beauftragt, ſich demnächſt mit allen maß=
gebenden
Inſtanzen Heſſens in Verbindung zu ſetzen,
um endlich einmal eine Bauordnung zu erreichen, die
für alle Kreiſe einen Fortſchritt bedeutet und für die
Folge ein künſtleriſch freiheitlicheres und raſcheres Bauen
gewährleiſten ſoll. Als Ort zur nächſten Hauptver=
ſammlung
wurde Darmſtadt beſtimmt, womit auch
wieder eine Architektur=Ausſtellung verbunden
werden ſoll. An die Beratung ſchloß ſich ein gemein=
ſchaftliches
Eſſen im Feſthaus und ſodann eine Beſich=
tigung
der Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten an.
Die Kollegen ſchieden mit dem Bewußtſein, wiederum
ein bedeutſames Stück vorwärts gekommen zu ſein.
Von der Landes=Baugewerkſchule. Wie aus
dem Anzeigenteil erſichtlich, veranſtaltet die Großh.
Landes=Baugewerkſchule in dem Obergeſchoß ihres Dienſt=
gebäudes
, Neckarſtraße 3, zurzeit eine Ausſtellung von
Schülerarbeiten und ſolcher aus dem Gebiete der
Heimiſchen Bauweiſe, die ein Bild geben ſoll über die
Tätigkeit der Schule in dem jetzt zu Ende gehenden
Sommerſemeſter. Gleichzeitig iſt eine beſondere Abteilung
den ſelbſtändigen Arbeiten früherer Schüler gewidmet, die
zeigen ſoll, in welcher Weiſe dieſe das auf der Schule
Gelernte weiter ausgebaut haben.
* Die Ortsgruppe Darmſtadt des Deutſchnationalen
Handlungsgehilfen=Verbandes nahm, ſo ſchreibt man uns,
Stellung zu dem bekannten Rundſchreiben des Kriegsmini=
ſteriums
, betreffend tunlichſte Berückſichtigung verabſchie=
deter
Offiziere bei Vergebung geeigneter Stellen in Han=
del
und Induſtrie. Die Ortsgruppe bedauert das Rund=
ſchreiben
, weil es eine weitere Verſchlechterung des kauf=
männiſchen
Arbeitsmarktes herbeiführen wird. Bei den
verabſchiedeten Offizieren handelt es ſich um Männer, die
die beſte Zeit ihres Lebens dem Vaterlande geopfert ha=
ben
und deshalb nach Möglichkeit in den verſchiedenen
Verwaltungszweigen des Staatsdienſtes unterzubringen
ſind. Die Eiſenbahn= und Poſtverwaltung hat die Abſicht,
abermals Tauſende von Stellen mit weiblichen Arbeits=
kräften
zu beſetzen. Die Ortsaruppe verkennt nicht, daß
ſich viele dieſer Stellen für Offiziere nicht eignen, iſt aber
der Ueberzeugung, daß zahlreiche der dabei in Frage kom=
menden
Stellen ſo ausgeſtaltet und bezahlt werden können,
daß ſie auch für verabſchiedete Offiziere annehmbar ſind.
Die Zahl der leitenden Stellen in Handel und Induſtrie
iſt ja ebenfalls nur beſchränkt. Die Ortsgruppe bittet das
Kriegsminiſterium, in eine ernſtliche Prüfung dieſer Frage
im Sinne der obigen Vorſchläge einzutreten.
* Das Luftſchiff Viktoria Luiſe iſt geſtern morgen
6 Uhr 10 Minuten in Frankfurt zur Fahrt nach Baden=Oos
aufgeſtiegen und überflog Darmſtadt in langſamer
Fahrt gegen ¾7 Uhr.
* Vorſicht beim Drachenſteigenlaſſen! Im letzten
Jahre ſind Telegraphen= und Fernſprechleitungen mehr=
fach
wieder dadurch geſtört worden, daß ſich Drachen=
ſchwänze
in den Drähten verwickelt hatten oder daß Por=
zellan
=Iſolatoren durch Steinwürfe zertrümmert worden
ſind. Nach den ſeither gemachten Erfahrungen ſteht zu
befürchten, daß die auf ſolche Weiſe verurſachten Leitungs=
ſtörungen
ſich in den bevorſtehenden Monaten vermehren
werden. Die Reichs=Telegraphenverwaltung nimmt des=
halb
Veranlaſſung, Eltern und Vormünder unter Hin=
weis
auf deren Erſatzpflicht und unter Bezugnahme auf
die Beſtimmungen in den §§ 317, 318 und 318a des
Reichs=Strafgeſetzbuchs zu erſuchen, den Kindern einzu=
ſchärfen
, daß ſie beim Steigenlaſſen von Papierdrachen
den Telegraphenleitungen fernbleiben und nicht mit
Steinen nach Iſolatoren und Drähten werfen.
§ Geſtohlene Gegenſtände. In den letzten Tagen
iſt hier ein Mann feſtgenommen worden, in deſſen
Beſitze ſich nachverzeichnete Gegenſtände, welche offenbar
geſtohlen ſind, vorfanden: 11 Portemonnaies, 4 Brief=
taſchen
, 3 Zigaretten=Etuis, 5 Taſchenſpiegel, 2 Beiß=
zangen
, 2 engliſche Schraubenzieher, 2 Zwicker, 1 Tabaks=
beutel
, 1 neues Hundehalsband, 1 Lupe, 1 Taſchen=

Feuilleton.

CK. Eine Statiſtik der Frauenſchönheit. Das Schrift=
ſtellerehepaar
Anne=Marie und Charles Lalo haben es ſich
zur Aufgabe gemacht, in umfangreichen Studien den Be=
griff
der Frauenſchönheit zu ergründen, wie er ſich in der
Romanliteratur ſpiegelt. Sie ſehen in der Schönheit ein
Vorurteil von dem man ſich langſam zu emanzipieren
beginnt, indem man den Begriff der Hübſchheit einführt;
ja, ſie verkünden ſogar den Bankerott der Schönheit und
weiſen nach, daß die modernen Dichter auch die Reize der
Häßlichkeit bei der Frau entdeckt haben, daß man ſehr
genau zwiſchen dem Urteil der beiden Geſchlechter unter=
ſcheiden
müſſe und daß Frauen diejenigen Geſchlechtsge=
noſſinnen
, die die Männer für ſchön erklären, faſt durchweg
häßlich finden. Am intereſſanteſten aber iſt das Reſultat,
das ſie aus der Lektüre von 400500 Romanen (!) ge=
wonnen
haben: eine Statiſtik der Frauenſchönheit, wie
ſie ſich ihnen nach der Formulierung der Dichter ergibt.
Bei dieſer Zuſammenſtellung ſtehen ſchöne Augen an der
Spitze; ſie werden in 100 Prozent von der ſchönen Frau
gefordert, und zwar entſcheiden ſich 60 Prozent der Roman=
ſchilderungen
für blaue und 40 Prozent für ſchwarze
Augen. 95 Prozent dieſer Romanheldinnen haben einen
ſchönen Teint; bei 70 Proz. iſt das Strahlen, bei 20 Proz.
blaß oder matt und bei 2 Proz. ſehr weiß mit Sommer=
ſproſſen
vorherrſchend. Feine und gepflegte Hände, ſelbſt
bei Arbeiterinnen und Bäuerinnen, ſind in 95 Proz. aller
Fälle für dieſen Schönheitskoder unerläßlich. Eine gute
Figur iſt mit 90 Prozent vertreten. In 80 Prozent be=
geiſtern
ſich die Dichter für purpurne Lippen, während
blaſſe Lippen nur in 20 Prozent geprieſen werden, und
zwar dann als Zeichen einer rührenden Schönheit, beſon=
ders
bei Kranken. Ein kleiner Mund erhält in 85 Prozent
den Preis; ein ſehr großer, der einen Perlenſchrein ſehen
läßt, gilt in einem Verhältnis von 15 Prozent als ſchön
Ein großer Mund ohne prächtige Zähne findet nirgends
Beifall. Kleine Füße ſind mit 90 Prozent in die Statiſtil
aufgenommen; große Füße werden in 10 Prozent der
Fälle als Schönheitsmerkmal angeſehen. Das Ausſehen

der Schwindſüchtigen erſcheint bei 20 Prozent als Schön=
heitsideal
; doch wird darauf hingewieſen, daß es ſich dabei
hauptſächlich um Romane aus den Jahren 183080 han=
delt
, wo man für die Romantik hektiſcher Erſcheinungen
eine beſondere Vorliebe hatte. Eine mehr als normal
entwickelte Behaarung, die weiche Schatten über die Haut
wirft, wird in 5 Prozent der unterſuchten Frauenſchilder=
ungen
als ſchön empfunden; mit 0,5 Prozent iſt ein
Gefallen an Buckeligen und Hinkenden angeſetzt. Nur
Spuren finden ſich dafür, daß man Schminke und falſche
Haare als ſchön empfindet. Die Verfaſſer konſtatieren noch
in ihrer ſonderbaren Schönheitsſtatiſtik, daß die Vorliebe
für ſtark nervöſe Frauen im Roman ſehr im Zunehmen
begriffen iſt.
C) Der Billion=Dollar=Ball Auf Wochen hinaus
hat das geſellſchaftliche Amerika nun wieder einen
Geſprächsſtoff: der große Sommerball, den Mrs. Stuyve=
ſant
Fiſh am Sonntag in dem faſhionablen amerikaniſchen
Seebade Neuport veranſtaltete und dem die begeiſterten
Berichterſtatter den Billion=Dollar=Ball tauften, füllt die
Spalten aller Zeitungen, und einſtimmig wird erklärt, daß
Mrs. Fiſh durch dieſe Veranſtaltung ſich endgültig zur
ungekrönten Königin der oberſten Vierhundert auf=
geſchwungen
hat. Das Feſt hat der Veranſtalterin die
hübſche runde Summe von 400000 Mark gekoſtet, und der
Wert der Juwelenpracht, die dabei entfaltet wurde, bezif=
fert
ſich auf Millionen, nach der Schätzung eines Zahlen=
freundes
auf mehr als 40 Millionen. Die 500 Gäſte, aus=
ſchließlich
bekannte Perſönlichkeiten der reichen amerikani=
ſchen
Geſellſchaft, erſchienen kurz vor Mitternacht und wur=
den
von der Wirtin in dem Koſtüme einer Märchenkönigin
empfangen, um zunächſt durch die Gärten und Räume ge=
leitet
zu werden, in denen mit der Entfaltung von dekora=
tivem
und bisweilen groteskem Prunk nicht gegeizt wor=
den
war. Dann folgte ein Bankett, bei dem die Diener
in der Tracht Ludwigs XIV. die erleſenſten Leckerbiſſen
ſervierten, worauf der Tanz die Geſellſchaft bis zur Mor=
gendämmerung
zuſammenhielt; ja, einige der Damen ließen
es ſich ſogar nicht nehmen, vom Tanzſaal ſofort zu dem
Strande zu eilen; ſie kehrten erſt heim, nachdem ſie ein
Wettſchwimmen veranſtaltet hatten. Allein die Abweich=

ung von der üblichen Form amerikaniſcher Millionärbälle,
der Grund, warum die Oeffentlichkeit ſich jetzt ſo eifrig mit
dem Balle der Mrs. Fiſh beſchäftigt, beſteht darin, daß
das Feſt zu einer Kundgebung der Neu=Yorker smart
set gegen die Frauenrechtlerinnen gedacht war. Die mei=
ſten
Damen erſchienen in Märchenkoſtümen oder als Gänſe=
hirtin
, um damit gegen die lärmreich vertretenen Forder=
ungen
nach dem Frauenſtimmrecht zu proteſtieren. Ich
bin alt genug geworden erzählte die einflußreiche Ver=
anſtalterin
des Feſtes, um zu erkennen, welchen Fehler
die Verteidiger des Frauenſtimmrechts begehen; und ihr
größter Fehler iſt ihre Abkehr von dem Ideal der Mutter=
ſchaft
. Die Frauen opfern ihre beſten Vorzüge, die Un=
mittelbarkeit
und Kindlichkeit ihres Weſens; wir hören
überall nur von dem Kampf der Geſchlechter und von dem
Wahlrecht reden, aber viel zu wenig vernehmen wir von
den Pflichten der Frau und von den Kindern. Der heran=
wachſenden
jungen Generation klingt das Wort Mutter
beinahe ſchon proſaiſch. So kam es, daß in mir kürzlich,
als ich ein altes Märchenbuch mit Kinderliedern wieder
vornahm, die Idee entſtand. ein Feſt zu geben, das der
altmodiſchen Frau, der Gattin und Mutter gewidmet ſein
ſollte. Denn in jenen Märchen und Liedern fühlte ich die
ganze Macht eines ſtarken, echten und unverbildeten weib=
lichen
Gefühls, und ich hoffe, daß ich meinen Gäſten
manche Erinnerungen an die ſchöneren Tage ihrer Kind=
heit
wachgerufen habe.
Geſchlitzte Herrenhoſen. Die amerikaniſchen Her=
renſchneider
, die in den letzten Jahren auf die Herrenmode
in Europa einen zuſehends wachſenden Einfluß errungen
haben, rüſten ſich, der Männerwelt mit der kommenden
Frühjahrsſaiſon eine neue Gabe darzubringen. Die moder=
nen
geſchlitzten Damenröcke haben die Schneider begeiſtert;
und im kommenden Jahre werden ſie eine willkommene
Ergänzung erfahren: durch geſchlitzte Herrenhoſen. Das
Beinkleid ſoll, ſo beſchloß der Schneiderkongreß, auf bei=
den
Seiten anſtelle der Naht geſchlitzt ſein, und zwar bis
zur Mitte zwiſchen Knöchel und Knie. Beſonders für helle
Sommerbeinkleider wird das vorgeſchrieben: zur Freude
der Strumpffabrikanten, die von dieſer Mode mit Recht
geſteigerte Einnahmen erwarten.

[ ][  ][ ]

laterne, 9 Taſchenmeſſer, 1 Spazierſtockgriff, 1 Holz=
käſtchen
mit Stahlfedern, 2 Schlüſſelringe mit 23 kleinen
Schlüſſeln, 1 ſilberne Remontoiruhr, 2 Herrenuhrketten,
2 Anſtecknadeln, mehrere Anhängſel, 1 Fächer aus Elfen=
bein
, 1 Damen=Sammettaſche, 15 Paar. Herren= Hand=
ſchuhe
. Die Gegenſtände können bei der Kriminalpolizei
Hügelſtraße 31/33, von den Eigentümern eingeſehen und
eventuell in Empfang genommen werden.
§ Hundefang. Während des Monats Juli ſind
durch den hieſigen Polizeihundeaufſeher 28 Hunde ein=
gefangen
worden. Hiervon wurden 11 Hunde von
ihren Eigentümern wieder ausgelöſt, 1 Hund iſt verkauft
worden und 16 Hunde mußten getötet werden.
Städtiſcher Saalbau. Mehrfachen Wünſchen ent=
ſprechend
iſt das heutige 8. Donnerstagskonzert der Ka=
pelle
des Leibgarde=Regiments, das bei großer Illumina=
tion
ſtattfindet, wieder ein Streichkonzert. Das Programm
iſt ſehr intereſſant gehalten und ſei die Muſik aus Gold=
marks
Oper Das Heimchen am Herd und A. Neffs Oden=
wald
in Lied und Tanz beſonders hervorgehoben.

Heſſiſcher Schutzverein für entlaſſene
Gefangene.

Der Rechenſchafts=Bericht des Vorſtan=
des
des Heſſiſchen Schutzvereins für entlaſſene Gefangene
für das Jahr 1912/13 iſt ſoeben im Druck erſchienen. Es heißt
darin u. a.: Von allen öffentlichen und privaten Wohl=
tätigkeitsbeſtrebungen
hat die Fürſorge für entlaſſene Ge=
fangene
wohl am meiſten mit Mißerfolgen und Enttäuſch=
ungen
zu rechnen. Sind doch die Objekte dieſer Fürſorge
willensſchwache Menſchen, deren Charakter nicht ſo viel
Feſtigkeit und Halt beſaß, um vor den Schranken des Ge=
ſetzes
Halt zu machen, deren gute Vorſätze, die ſie in der
Einſamkeit der Gefängniszelle, unter dem Drucke der
Strafe gefaßt haben, daher in der Freiheit gegenüber den
Verſuchungen und Lockungen des Lebens eine beſonders
ſchwere Probe beſtehen müſſen. Ihnen will der Verein
wie § 1 der Satzung beſagt, beſſernd und helfend zur
Seite ſtehen, um ihnen die Rückkehr zu einem geordneten
Leben zu erleichtern. Ob und in welchem Maße der Ver=
ein
dieſe Aufgabe erfüllt, zeigt das Ergebnis der in jedem
Jahre veranſtalteten Umfrage über die Führung der
Pfleglinge in den letzten 3 Jahren. Die Erfahrung der
letzten Jahre, wonach ſtets 7580 Prozent aller der=
jenigen
Perſonen, denen wir unſere Fürſorge zuteil wer=
den
ließen, ſich nach ihrer Entlaſſung aus dem Strafhaus
gut geführt haben, widerlegt vor allem die gemeiniglich
verbreitete Anſchauung, als ob unſere Tätigkeit meiſt
Unwürdigen zuteil werde. Jene Erfahrung darf uns
aber auch mit Genugtuung über den Erfolg unſerer Ar=
beit
erfüllen und als eine Gewähr dafür gelten, daß wir
in der Ausübung unſerer Tätigkeit die richtigen Wege
eingeſchlagen haben.
Bevor wir uns im einzelnen Falle zur Fürſorge ent=
ſchließen
, ſind wir auf ſorgſamſte Prüfung der Verhäf bedacht. Wer einmal als Pflegling des Vereins
deſſen Wohltaten genoſſen hat, der iſt bei Rückfall regel=
mäßig
von unſerer Hilfe ausgeſchloſſen. Sucht ein be=
reits
Vorbeſtrafter unſere Unterſtützung nach, ſo wird da=
her
zunächſt feſtgeſtellt, ob er nicht ſchon aus Anlaß einer
früheren Strafverbüßung unſerer Hilfe teilhaftig gewor=
den
war. Im übrigen leiſten uns den wertvollſten Bei=
ſtand
bei der Entſchließung über die Aufnahme als Ver=
einspflegling
die Beamtenkonferenzen der Strafanſtalten,
denen die Vorſteher, Geiſtlichen, Lehrer und Oberbeamten
der Anſtalt angehören. Durch den ſtändigen Verkehr mit
den Gefangenen gewinnen dieſe Beamten, denen jahraus,
jahrein die Beobachtung gerade dieſes Menſchenmaterials
berufsgemäß obliegt, namentlich bei längerer Strafzeit
über das Weſen des Gefangenen ein gutes Urteil, deſſen
Wert dadurch erhöht wird, daß der Vorſteher und die
Geiſtlichen auch den Briefwechſel des Gefangenen ein=
ſehen
und auf dieſe Weiſe zugleich einen Einblick in das
Milieu erhalten, aus dem er ſtammt. Die Beamten= Kon=
ferenz
iſt daher in erſter Linie zur Prüfung der Frage be=
rufen
, ob der Gefangene einer Fürſorge des Schutzvereins
würdig iſt oder nicht. Nebenher laufen unſere Erkundig=
ungen
bei der Heimatbehörde, bei der Geiſtlichkeit des
Wohnortes und die Durchſicht der Strafakten, die wir uns
regelmäßig erbitten. Stellt ſich, nachdem wir zunächſt Auf=
nahme
gewährt, in der Folge heraus, daß der Gefangene
unſere Hilfe nicht verdient, daß bei ihm eine Beſſerung
nicht zu erwarten iſt ſo wird er aus der Liſte der Pfleg=
linge
wieder geſtrichen. Daß trotz dieſer ſorgfältigen
Prüfung im Einzelfalle Mißerfolge nicht ausbleiben, darf
nach dem oben im Eingang Geſagten nicht Wunder
nehmen.
Schwieriger liegen die Verhältniſſe bei ſolchen Per=
ſonen
, die nicht als eigentliche Pfleglinge aufgenommen
werden, ſondern nur vorübergehend die Hilfe des Vereins
nachſuchen, ſo z. B. Haftſträflinge, über die in Anbetracht
der kurzen Strafen nicht einmal die Strafvollſtreckungs=
behörde
dem Schutzverein ein Urteil abgeben kann, oder
Perſonen, die in einer außerheſſiſchen Strafanſtalt ihre
Strafe verbüßt haben und auf Grund ihres Entlaſſungs=
ſcheines
ein Viatikum erbitten. Um auch für ſolche Fälle
gewappnet zu ſein, wurde dem Vereinsſchriftführer vor
mehreren Jahren ein Dispoſitionsfonds zur Verfügung
geſtellt. Auf Grund der gewonnenen Erfahrungen werden
Unterſtützungen aus dieſem Fonds nur in beſtimmt be=
grenztem
Umfang und nur dann gewährt, wenn der Be=
treffende
eine Arbeitsſtelle ſei es am Platze, ſei es aus=
wärts
nachweiſt. Auch wird ihm gegebenenfalles das
Reiſegeld nicht ausgehändigt. ſondern die Fahrkarte ge=
löſt
und darüber gewacht, daß er wirklich abreiſt. Mehr=
fach
ſind ſolche Leute auch ſchon der Arbeiterkolonie Neu=
Ulrichſtein zugewieſen worden. Durch dieſe Uebung iver=
den
Bummler und Heuchler ausgeſchaltet, andererſeits
aber iſt durch die getroffene Einrichtung die Möglichkeit
geſchaffen, Leuten, die infolge der Strafverbüßung in
eine augenblickliche Notlage geraten ſind. ſofort und wirk=
am
zu helfen, ohne daß der eigentliche Vereinsapparat in
Bewegung geſetzt zu werden braucht. Selbſtverſtändlich
werden auch in dieſen Fällen, wenn ohne Verzug möglich,
Erkundigungen eingezogen. Handelt es= ſich nur um die
Beſchaffung eines Nachtlagers, ſo wird ein Gutſchein für
die Herberge zur Heimat ausgehändigt. Im verfloſſenen
Jahr beläuft ſich der Aufwand an ſolchen Unterſtützungen
aus dem Dispoſitionsfonds des Schriftführers auf kaum
100 Mark.
Mit der genauen Prüfung der beſonderen Verhältniſſe
jedes einzelnen Falles hänat naturgemäß zuſammen die
Verſchiedenheit und Vielfältigkeit der Fürſorge. Die
Summe der Geldmittel, welche im Jahre 1912 die 388
Fälle unſerer Fürſorgetätigkeit erforderten, beziffert ſich
auf 9156,71 Mark. Darunter fallen auch einzelne zins=
loſe
Darlehen, die den entlaſſenen Gefangenen eine
Exiſtenzmöglichkeit ſchaffen ſollten. Daß dieſe Art der
Fürſorge unter beſonderen Vorausſetzungen den Pfleg=
ling
wieder in geordnete Verhältniſſe bringt, beweiſt die
Tatſache, daß drei Pfleglinge, denen vor vielen Jahren

mit zum Teil erheblichen Darlehen geholfen wurde, im
verfloſſenen Jahre mit ihren Rückzahlungen zu Ende
kamen.
Vor allem gilt es dem Gefangenen, der das Straf=
haus
verläßt, für eine geeignete Beſchäftigung, Stellung
oder Arbeit zu ſorgen. Dem Taglöhner und Handwerker
kann in der jetzigen Zeit meiſt eine Arbeitsſtelle beſchafft
werden; mehr oder weniger große Schwierigkeiten be=
reitet
dagegen ſtets die Unterbringung eines beſtraften
Kaufmannes. Staatsbeamten oder Bureauarbeiters, und
leider gelingt es manchmal trotz aller Bemühungen nicht,
ſolchen Leuten zu einem Fortkommen zu verhelfen
Der Bericht beleuchtet dann an Hand der Schilderung
zahlreicher Einzelfälle die ſegensreiche Tätigkeit des Ver=
eins
, die ſchon ſo manche bedrohte Exiſtenz vor dem
Scheitern bewahrte, gibt ſtatiſtiſche Darſtellungen und ent=
hält
endlich einen ausführlichen Bericht über die Haupt=
verſammlung
des Vereins, die am 8. Juli in Gießen
ſtattfand.
T. Dieburg, 5. Aug. Am 9. Auguſt findet hier die
Stadtratswahl im Rathaus ſtatt. Bei der am
Sonntag anberaumten außerordentlichen Generalver=
ſammlung
des Zentrumswahlvereins wurden folgende
Herren für die bevorſtehende Stadtratswahl nominiert:
die Stadträte Sebaſtian Schmitt, Franz Wolf und Martin
Deuter, Schneidermeiſter Cajetan Steinmetz und Kaufmann
Heinrich Joſeph Wick. Die Gegenpartei hat folgende
Kandidaten aufgeſtellt: Stadtrat Bernhard Blank, die
Maurer Michgel Fuchs, Nikolaus Deuter und Edmund
Winter, ſowie Kaufmann Louis Lehmann.
Auerbach a. d. B., 6. Aug. Zu dem Mitte Oktober
ſtattfindenden Wettbewerb von Photographien,
Schwarzweiß=Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden der
dem Verkehrs=Ausſchuß der Bergſtraße angehörenden Orte,
einſchließlich Lindenfels im Odenwald, werden jetzt die
Bedingungen verſandt. Dem Preisgericht ſtehen ca. 1500
Mark an Preiſen zur Verfügung. Da der Wettbewerb
mit einer Ausſtellung verbunden iſt, dürfte derſelbe eine
ehr günſtige Verkaufsgelegenheit bieten. Nähere Aus=
kunft
erteilt der Vorſitzende des Verkehrs=Ausſchuſſes der
Bergſtraße in Auerbach (Heſſen).
Bensheim, 5. Aug. Der Umbau des Bahn=
hofs
, einer der verkehrsreichſten Heſſens geht ſeiner
Vollendung entgegen. Das Empfangsgebäude iſt bereits
im vorigen Jahre in Benutzung genommen worden. Fer=
ner
ſind jetzt die Bahn= und Sicherungsanlagen, die neuen
Gleiſe, die Signale uſw. fertiggeſtellt. Noch im Bau be=
griffen
iſt die Verlängerung der Unterführung der Worm=
ſer
Straße, ein Außengleiſe, ebenſo werden noch verſchie=
dene
Pflaſterungen ausgeführt. Die Geſamtkoſten des Um=
baues
betragen rund 2 Millionen Mark.
Mainz, 6. Aug. Wie das M. J. mitteilt, fuhr eine
Dame in einem Schnellzug der Strecke Frankfurt- Heidel=
berg
. Kurz vor Abgbang des Zuges in Frankfurt ſtieg noch
ein Herr in ihr Abteil. Sie bekam unterwegs eine ſolche
Angſt vor ihrem Mitreiſenden, daß ſie kurzerhand die
totbremſe zog, ſo daß der Zug vor Iſenburg ſtehen
blieb. Das Perſonal unterſuchte ſofort die Urſache des
unfreiwilligen Haltens. Schon meldete ſich aber eine Dame
und erklärte, ſie habe den Zug geſtellt, weil ſie in dem
Herrn,’der mit in dem Abteil fuhr, einen Mörder ver=
mute
. Sofort legitimierte ſich der Herr als ein Regie=
rungsbaumeiſter
. Der Dame wurde ein anderes
Abteil angewieſen und der Zug konnte nach viertelſtün=
diger
Verſpätung ſeine Fahrt fortſetzen.
Mainz, 6. Aug. Ein Feſtungskrieg von drei=
tägiger
Dauer nahm heute abend bei Fort Blücher
ſeinen Anfang. Es handelt ſich hierbei um eine regel=
rechte
Belagerung und Erſtürmung des Forts durch In=
fanterie
und Pioniere. Die Pionierbataillone Nr. 21 und
25 rückten heute aus, um die erforderlichen Laufgräben
für die Infanterie herzuſtellen. Vom Infanterie=Regiment
Nr. 87 werden täglich einzelne Bataillone ihre Belager=
ungsarbeiten
ausführen, während am Freitag der Gene=
ralſturm
durch das ganze Regiment erfolgen ſoll.
Worms, 6. Aug. Prinzeſſin Eulalie, In=
fantin
von Spanien, die Tante des Königs von Spanien,
iſt mit Gefolge im Hotel Europäiſcher Hof abgeſtiegen.
Worms, 6. Aug. Eine in Darmſtadt von ihrem Ehe=
mann
, einem in Worms anſäſſigen Tünchermeiſter getrennt
lebende Frau, glaubte den Raubmord in dem Eiſen=
bahnzug
benutzen zu können um auf bequeme Art ihren
Mann los zu werden und richtete an die Staatsanwaltſchaft
in Darmſtadt ein anonymes Schreiben, worin ſie
ihren Mann der Tat beſchuldigte. Die ſofort angeſtellten
Unterſuchungen ergaben, daß der Tünchermeiſter an dem
betreffenden Tage am Pfeddersheimer Amtsgericht gear
beitet hatte; er konnte ſein Alibi einwandsfrei nachweiſen
Durch einen Schreibſachverſtändigen wurde die eigene Frau
des Beſchuldigten als die Schreiberin feſtgeſtellt. Bei ihrer
Vernehmung meinte die Frau ganz naiv, ſie habe ge=
glaubt
, auf dieſe Weiſe ihren Mann am ſchnellſten und
ſicherſten los zu werden. Die Angelegenheit wird ein
gerichtliches Nachſpiel haben.
Worms, 6. Aug. Die Zigeuner ſind nun endgül=
tig
über Frankfurt auf preußiſches Gebiet abgeſchoben
worden, da ſich herausſtellte, daß ſie preußiſche Unter=
tanen
ſind.
M. Nackenheim, 5. Aug. Um den gefräßigen Staren
beſſer entgegentreten zu können, ſollen im kommenden
Herbſt die Weinbergsſchützen mit Gewehren ausgerüſtet
werden. Der Jagdpächter hat bei der Auswahl der
Schützen das Mitbeſtimmungsrecht. Die Wahl von
vier Gemeinderäten findet hier am 15. Sep=
tember
ſatt.
sd. Bürſtadt, 6. Aug. Geſtern nachmittag entſtand auf
bis jetzt noch unaufgeklärte Weiſe Feuer in der gemein=
ſchaftlichen
Scheuer des Feldſchützen Philipp Glück I. und
Anton Brückmann I. Das Feuer geiff mit einer raſenden
Geſchwindigkeit um ſich und noch ehe die Feuerwehr zur
Stelle war, ſtand die angrenzende Scheuer des Joſeph
Gebhardt I. ebenfalls in hellen Flammen. Trotz der eif=
rigen
Bemühungen unſerer Feuerwehr brannten beide
Scheuern bis auf die Umfaſſungsmauern nieder. Man
nimmt an, daß das Feuer in der Scheuer, die dicht mit
Heu und Stroh gefüllt war dadurch entſtanden iſt, daß
das Heu etwas feucht war. Trotzdem die Beſchädigten in
der Brandkaſſe ſind, iſt doch ein bedeutender Schaden ent=
ſtanden
.
Gonſenheim, 5. Aug. In der Generalverſammlung
der Turngemeinde wurde beſchloſſen, über die Ueber=
nahme
des Gauturnfeſtes 1915 erſt dann end=
gültig
zu entſcheiden, wenn die Gonſenheimer Vereine ge=
hört
und ihre Mitwirkung zugeſagt haben. Vorausſicht=
lich
wird es zur Uebernahme des Feſtes durch die beiden
hieſigen Vereine kommen; als Feſtplatz konnte aber nur
das über 10 Morgen große freie, von Wald umſäumte
Gelände, die Prattel, in Frage kommen.
Heidesheim, 6. Aug. Infolge des mangelhaften Zu=
ſtandes
des Bahnſteigs im hieſigen Staatsbahnhofe
ſtürzte vor einiger Zeit die Frau eines Handwerkers

beim Ausſteigen aus einem Perſonenzug meterhoch ab.
Sie erlitt eine ſo ſchwere Gehirnverletzung, daß dadurch
eine dauernde Schädigung der Geſundheit eingetreten iſt.
Die Familie der Verletzten hat, dem M. Journal zufolge,
den Eiſenbahnfiskus jetzt auf eine Entſchädig=
ungsſumme
von 40000 Mark oder eine entſpre=
chende
Dauerrente verklagt.
Dienheim, 6. Aug. Beim Hacken in einem Weinberg
fanden, gut verpackt, Winzer ein größeres Paket, dem
ein ſtarler Fleiſchgeruch entſtrömte, ſo daß ſie an=
nahmen
, es ſei eine Leiche. Als ſie aber das Paket öff=
neten
fanden ſie einen Schinken, der das Gewicht von
ungefähr 15 Pfund hatte. Wahrſcheinlich rührte er von
einem Diebſtahl her, bei dem der Dieb geſtört wurde.
Bad=Nauheim, 6. Aug. Wie ſchon mitgeteilt wurde
beſteht die Abſicht, hier eine Freilichtbühne ins Le=
ben
zu rufen. In der zweiten Hälfte dieſes Monats ſoll
im oberen Park hinter dem Kurhaus der Zigeunerbaron
in Szene gehen. In der nächſten Saiſon ſollen die Auf=
führungen
auf der Freilichtbühne regelmäßig ſtattfinden.
Der Maharadſcha von Pudukota iſt wieder hier zur Kur
eingetroffen. Außerdem ſind angekommen: Herr von Feld=
heim
=Schönfließ, langjähriger Kammerherr der Kaiſerin,
der Bad=Nauheim ſchon zum 15. Male als Kurgaſt beſucht,
Graf Merode und Gräfin Merode geb de la Rochefou=
cauld
und Exzellenz Miniſterpräſident Novakowitſch aus
Belgrad.
Ockſtadt, 6. Aug. Der Erwerb des Geländes
für den Uebungsplatz der Friedberger Gar=
niſon
ſtößt in unſerer Gemarkung auf Schwierigkeiten
da die Grundſtücksbeſitzer zu hohe Preiſe fordern. Um
dem Militärfiskus die Erwerbung eines Platzes nun nicht
zu erſchweren, hat jetzt Freiherr v. Ritter ſein weſtlich
von Friedberg belegenes Gutsland als Exerzierplatz zu
einem angemeſſenen Preiſe angeboten.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 5. Aug. Nachrichten über
den Rücktritt des Generalintendanten der
Königlichen Schauſpiele werden von dem von der Nord=
landreiſe
zurückkehrenden Intendanten als unzutreffend er=
klärt
. Einen empfindlichen Verluſt erlitt eine
Dame aus Hannover, die ſich auf der Durchreiſe in Berlin
aufhielt. Als ſie an der Siegesſäule eine Autodroſchke
verließ, vergaß ſie ihre Handtaſche, die mit Inhalt einen
Wert von 6000 M. hat. Außer zwei Portemonnaies, von
denen das eine einen Tauſend= und einen Einhundert=
markſchein
, das zweite 30 Mark bares Geld enthielt, befand
ſich in der Taſche ein Brillantſchmuck, beſtehend aus zwei
goldenen Ohrgehängen mit Brillanten, zwei Brillantrin=
gen
, einer Platinkette mit Brillantgehänge, einem Kollier
mit Brillanten, zwei Armbändern mit Brillanten, einem
goldenen Kettenarmband und einer langen, ſilbervergolde=
ten
Kette mit goldenem Bleiſtift und einem Miniatur= Re=
volver
. Als abends die Ehefrau des Pförtners Schubert
die Treppen des Hauſes Invalidenſtraße 137 beleuchten
wollte, ging ſie nach dem Keller, um den Haupthahn zu
öffnen und gab ihrer elfjährigen Tochter Hedwig den
brennenden Spiritusanzünder. Auf ſeine
Bitte übergab dann die Kleine dem neunjährigen Sohn
Kurt des Buchhalters Langner den Anzünder. Der Knabe
ſprang damit die Treppen empor und kam dabei ſeiner ihm
entgegenlaufenden elfjährigen Schweſter Katharina ſo
nahe, daß deren Kleider Feuer fingen. Auf das Geſchrei
der Kinder eilten Hausbewohner herbei, die die Flam=
men
nur mit Mühe zu erſticken vermochten. Ein Mann
brachte das über und über mit Brandwunden bedeckte Kind
nach der Hilfswache in der Eichendorffſtraße, von wo es
der Vater nach dem Virchow=Krankenhauſe ſchaffte: Dort
ſtarb das arme Mädchen noch in der Nacht.
Frankfurt, 6. Aug. Da ſich die Klagen des Publikums
mehren, daß die Stühle und Bänke in den Warteſälen
dritter und vierter Klaſſe des Hauptbahnhofs
vorwiegend von Arbeitsloſen beſetzt gehalten,
werden, beſchloſſen Eiſenbahnbehörde und Polizei ein ge
meinſames Vorgehen. Man kam überein, die Arbeitsloſen
zu ſiſtieren und ihnen zu eröffnen, daß gegen ſie Anzeige
wegen Hausfriedensbruchs erſtattete werde, ſo=
bald
ſie noch einmal im Warteſaal betroffen würden, Vor=
ausſetzung
für dieſes Vorgehen iſt natürlich, daß die Leute
ſich zwecklos und ohne Fahrkarte im Warteſaal aufhalten.
Die Polizei unternimmt ſeit dieſem Abkommen vielfach am
Tag Streifen durch die Warteſäle. Das Schöffenge=
richt
verurteilte in letzter Zeit wiederholt ſolche Obdach=
loſe
wegen Hausfriedensbruchs. So wurde heute ein
Knecht, der am 21. Juli im Warteſaal betroffen wurde, we=
gen
Hausfriedensbruchs zu einer Woche Gefängnis und
wegen Obdachloſigkeit zu zwei Wochen Haft verurteilt.
Kaſſel, 6. Aug. Der Schnellzug Kaſſel=Köln
fuhr geſtern abend hinter Kaſſel bei der Station Mönche=
hof
in eine durch ein Auto ſcheu gewordene Schaf=
herde
: 30 Schafe wurden zermalmt.
Heilbronn, 6. Aug. Hier ſind verſchiedene Typhus=
Erkrankungen vorgekommen. Sie betreffen Per=
ſonen
, die aus dem Jugendheim Speiſen bezogen hatten.
Bisher ſind 14 Patienten ins Krankenhaus zur Unter=
ſuchung
eingeliefert worden. Das Jugendheim iſt vor=
übergehend
geſchloſſen.
Ohrdruf (Thüringen), 6. Aug. Beim Scharfſchießen
der Artillerie auf dem Truppenübungsplatze des 11. Ar=
meekorps
bei Ohrdruf hat ſich ein ſchwerer Unfall
ereignet. Mehrere Geſpanne des Artillerie=Regiments
Nr. 55 gingen plötzlich durch und fünf Kanoniere, die ſich
den Pferden entgegenwarfen, erlitten ſchwere Verletzungen.
Ein Kanonier iſt lebensgefährlich verletzt:
Küpperſteg, 6. Aug. (Amtlich.) Geſtern abend 10.35
Uhr entgleiſte bei der Einfahrt im ſüdlichen Bahnhofs=
ende
der von Mülheim a. Rh. kommende Perſonen=
zug
233. der aus neun Wagen beſtand, mit ſämtlichen
Achſen. Die Lokomotive fuhr in das in der Nähe an der
Düſſeldorfer Straße ſtehende Wärterhaus, wobei ſie um=
fiel
. Der Lokomotivführer des Zuges und zwei Inſaſſen
des Wärterhauſes wurden leicht verletzt. Beide Haupt=
gleiſe
ſind geſperrt. Das Gleis Düſſeldorf=Köln war um
1 Uhr wieder fahrbar. Die Züge wurden über Neuß be=
ziehungsweiſe
Opladen geleitet.
Birkenfeld, 6. Aug. Durch einen Polizeihund wurden
in einer Räuberhöhle in der Nähe der Stadt drei Bur=
ſchen
aufgeſtöbert, die ſeit Wochen die Umgegend durch
eine Anzahl Einbrüche und Diebſtähle unſicher gemacht
hatten
Danzig, 5. Aug. Der durch das Auto des Prinzen
Friedrich Karl ſchwerverletzte Stadtrat Otto Oeſtreich
iſt heute nachmittag, ohne das Bewußtſein wieder erlangt
zu haben, geſtorben.
Paris, 5. Aug. Der Ingenieur Armand Deper=
duſſin
, einer der bekannteſten Flugzeugerbauer
und Beſitzer einer der größten Flugzeugfabriken Frank=
reichs
, iſt heute infolge der Strafanzeige eines Finanz=
inſtituts
, welches ihm mehrere Millionen vorgeſtreckt hatte,
in Haft genommen worden. Deverduſſin behauptet,
der Bankerott ſeines Unternehmens ſei dadurch verurſacht
worden, daß er für das ihm geliehene Kapital 25 Prozent
habe zahlen müſſen. Die Verhaftung hängt allem Anſchein

[ ][  ][ ]

nach nur indirekt mit ſeinen gegenwärtigen Unternehm=
ungen
zuſammen. Die Strafanzeige erfolgte durch den Präſi=
denten
der Bank Comptoir Induſtriel et Colonial, für deſſen
Rechnung Deperduſſin ſeit etwa 15 Jahren Seidenankäufe
und =verkäufe im Betrage von 7 Millionen Francs vorge=
nommen
hatte. Deperduſſin ſoll durch fiktive Käufe und
Verkäufe die genannte Bank um 32 Millionen
Francs geſchädigt haben. Es heißt, daß noch meh=
rere
andere Banken gegen Deperduſſin ſtrafrechtlich vor=
gehen
wollen, da er ſie auf ähnliche Weiſe wie die Bank
Comptoir Induſtriel et Colonial um 7 bis 8 Millionen
Francs geſchädigt habe. Deperduſſin hat das Geld teil=
weiſe
zur Errichtung von Flugzeugfabriken und Flieger=
ſchulen
, ſowie zum Ankauf von Flugplätzen verwendet.
Er lebte auf ſehr großem Fuße und genoß namentlich in
Sportkreiſen das beſte Anſehen. Erſt vor kurzem ſtiftete
er einen Preis von 100000 Francs für das Gordon= Ben=
nett
=Rennen. Der Aeroklub wird zweifellos die bei ihm
zu dieſem Zwecke hinterlegten Wertpapiere dem Gerichte
übergeben. Deperduſſin ſoll nach einem mehrſtündigen
Verhör ſeine Schuld geſtanden haben. Der Unterſuch=
ungsrichter
erklärte, daß er gegen ihn die Anklage des Be=
truges
, der Fälſchung und des Vertrauensbruches erheben
werde, worauf Deperduſſin nach dem Unterſuchungsgefäng=
nis
abgeführt wurde.
London, 5. Aug. Heute früh wurde von unbekannten
Tätern der Verſuch gemacht, ein Landhaus in
Woldingham (Surrey) durch eine Bombe zu zer=
ſtören
. Die Bombe, die in der Nähe einer Treppe nie=
dergelegt
worden war, zerſtörte die Treppe und beſchä=
digte
die Türen ſtark. Ein zweiter Anſchlag wurde geſtern
abend auf ein Haus in Lynton (Nord=Devon) gemacht,
das einen Wert von 12000 Pfund Sterling repräſentiert.
Von unbekannter Hand wurde es in Brand geſteckt.
Es brannte vollſtändig nieder. Beide Anſchläge werden
den Anhängerinnen des Frauenſtimmrechts
zugeſchrieben.
Simla, 5. Aug. Wie amtlich gemeldet wird, wurden
die Unruhen in Cawnpur durch Zeitungsartikel,
die gegen die Mohammedaner gerichtet waren, hervorge=
rufen
. Etwa 20000 Perſonen hielten eine Proteſtver=
ſammlung
ab, in der leidenſchaftliche Reden gehalten wur=
den
. Die Polizei wurde, als ſie eingreifen wollte, mit
Ziegelſteinen empfangen. Schließlich erhielt ſie den Be=
fehl
, zu feuern. Bei den Kämpfen wurden 18 Aufrüh=
rer
getötet, 27 verletzt. Von den Polizeibeamten fiel
einer, 24 wurden ſchwer verletzt. 131 Perſonen wurden
verhaftet. In der Stadt herrſcht eine niedergedrückte
Stimmung, doch iſt die Stadt jetzt ruhig.
Winnipeg, 5. Aug. Nach einem Telegramm aus
Athabaſch in der Provinz Alberta iſt das ganze Ge=
ſchäftsviertel
geſtern abend durch eine Feuers=
brunſt
zerſtört worden.

Parlamentariſches.

* Der Abg. Köhler hat folgenden Antrag betref=
fend
Lieferung von elektriſchem Strom und
Bau von elektriſchen Bahnen im Großher=
zogtum
Heſſen der Zweiten Kammer zugehen laſſen:
Die Kammer wolle beſchließen, Großh. Regierung zu er=
ſuchen
, Geſuchen der Oberrheiniſchen Eiſenbahngeſellſchaft
in Mannheim um dauernde Verſorgung von Teilen des
Großherzogtums Heſſen mit elektriſchem Strom die Geneh=
migung
zu verſagen und der Oberrheiniſchen Eiſenbahn=
geſellſchaft
Konzeſſionen zum Bau von Bahnen oder von
Teilſtrecken ſolcher im Großherzogtum Heſſen nicht zu er=
teilen
.
Die Begründung führt aus: Vor einiger Zeit
hat ſich mit dem Sitz in Mannheim eine Geſellſchaft mit
der Bezeichnung Oberrheiniſche Eiſenbahngeſellſchaft
gebildet, an der neben privatem Kapital die Stadt Mann=
heim
ſehr erheblich beteiligt iſt und die im weſentlichen
die Aufgabe haben ſoll, die Verkehrs= und wirtſchaftlichen
Intereſſen der Stadt Mannheim zu fördern. Dieſe Geſell=
ſchaft
hat nun auch Teile des Großherzogtums Heſſen in
ihr Verſorgungs= und Intereſſengebiet eingeſchloſſen, ob=
wohl
es ſich um eine badiſche Geſellſchaft handelt, und
in Heſſen ſich die Heſſiſche Eiſenbahngeſellſchaft in Darm=
ſtadt
und das Elektrizitätswerk Rheinheſſen in Worms be=
finden
, in deſſen Intereſſengebiet die Oberrheiniſche Eiſen=
bahngeſellſchaft
hier ſtörend eingreifen will. Dies muß in
Rückſicht auf unſere heſſiſchen Intereſſen vermieden werden.
Es verlautet, daß die Oberrheiniſche Eiſenbahngeſellſchaft
beabſichtigt, auch elektriſche Bahnen von einzelnen heſſi=
ſchen
Plätzen nach Mannheim zu bauen. Hierdurch wür=
den
die Fehler vergangener Jahre in unſerer Eiſenbahn=
politik
, die den Verkehr aus Heſſen nach den benachbarten
Großſtädten zum Nachteil der heſſiſchen Intereſſen und
der heſſiſchen Steuerkraft geleitet haben, nur noch ver=
größert
werden. Es dürfen Bahnen, die heſſiſche Landes=
teile
noch mehr, als ſchon geſchehen, an Mannheim feſſeln,
und heſſiſches Kapital außer Landes führen, nicht mehr
zugelaſſen werden.

Militäriſches.

* Ein Meteorologe für das Kaiſermanö=
ver
. Die ſtarke Verwendung von Luftſchiffen und Flug=
zeugen
im Kaiſermanöver hat, wie mitgeteilt wird,
eine neue Maßnahme notwendig gemacht, nämlich die
Verwendung eines Meteorologen. Es beſteht die
Abſicht, die Wetterkunde, die in der Kriegsführung eine
bedeutende Rolle ſpielt, ſchon im Kaiſermanöver in den
Dienſt des Heeres zu ſtellen. Im vorigen Jahre war auch
bereits ein Meteorologe bei den Kaiſermanövern tätig,
um bei der Verwendung der Luftſchiffer und Flieger der
Heeresleitung beratend zur Seite zu ſtehen. Er hatte die
Aufgabe, die Flieger zu warnen, wenn gefährliche Böen
in Ausſicht ſtanden, damit nicht die Fliegeroffiziere ihr
Leben in Gefahr bringen. Zwar läßt ſich dieſe Maßnahme
im Kriege nicht anwenden, da im Kriege Opfer gebracht
werden müſſen. Trotzdem iſt es aber im Kriege bisweilen
von Bedeutung, das Wetter vorher zu kennen, da bei ſtar=
ken
Stürmen nutzloſe Opfer, die keinen Erfolg verſprechen
können, auch im Kriege nicht gebracht zu werden brauchen.
Die erhöhte Bedeutung, die der Wetterkunde bei den dies=
jährigen
Kaiſermanövern beigemeſſen wird, geht daraus
hervor, daß ein beſonderes Laſtautomobil für den Dienſt
der Wetterbeobachtung beordert worden iſt. Auch die
drahtloſe Telegraphie wird der Meteorologie im Kaiſer=
manöver
nutzbar gemacht werden, damit die Wettervorher=
ſagen
ſo zuverläſſig als möglich ſind. Für die Kaiſer=
manöver
iſt der Wetterdienſt inſofern von Bedeutung, als
vorher feſtgeſtellt werden kann, ob Regen oder große
Hitze in den nächſten Tagen vorherrſchen wird. Es können
mit Hilfe der Wetterkunde genauere Berechnungen über
die Marſchzeiten der Truppen und die der Bagagen und
Verpflegungs=Kolonnen gemacht werden. Dieſe Uebungen
im Kaiſermanöver ſind natürlich nur eine Vorſtufe für
die Verwendung des Wetterdienſtes im Kriege.
* Das preußiſche Kriegsminiſterium
und das Kupieren der Pferde. Der Berliner

Tierſchutzverein hatte ſich an das Kriegsminiſterium mit
der Bitte gewandt, die Heeresverwaltung möge bei den
bevorſtehenden Ankäufen von Pferden kupierte Pferde vom
Verkauf ausſchließen oder doch nur weſentlich niedriger
bezahlen. Dieſe Eingabe war vom Reichstagsabgeord=
neten
Liz. Mumm und anderen Herren aus verſchiedenen
Parteien unterſtützt worden. Herr Liz. Mumm erhielt nun
olgende Antwort: Das Kriegsminiſterium erwidert er=
gebenſt
, daß im allgemeinen nur ſehr wenig kupierte
Pferde auf die Märkte der Remontierungskommiſſion
kommen, wenigſtens nur da, wo ſchwere warmblütige oder
kaltblütige Pferde gezogen werden. In dieſen Zuchtgebie=
ten
iſt aber das Kupieren für den Handel ſo ſehr im
Schwunge und ſo feſt eingewurzelt, daß die wiederholten
Bemühungen der Heeresverwaltung, die Züchter da=
von
abzubringen, bis jetzt ziemlich wirkungslos
geblieben ſind. Solche Pferde aber vom Ankauf auszu=
ſchließen
oder was gleichbedeutend wäre weſentlich
geringer zu bewerten, iſt nicht angängig, weil die Heeres=
verwaltung
die Pferde braucht, während die Züchter und
Händler keine Schwierigkeiten haben, ſie anderweit abzu=
ſetzen
. Gerade bei dem diesjährigen großen Bedarf an
Pferden wäre es bedenklich, in der dortſeits beantragten
Weiſe gegen das Kupieren vorgehen zu wollen, ſo ſehr
die Heeresverwaltung auch mit dem Wunſche der Tier=
ſchutzvereine
, dieſen Mißbrauch beſeitigt zu
ſehen, übereinſtimmt. Im übrigen wird noch bemerkt,
daß, die Heeresverwaltung bei allen Ankündigungen von
Pferdeankäufen ſtets die Verkäufer auffordert, die
Schwanzrübe der Pferde nicht zu verkürzen.

Der Krupp=Prozeß.

* Aus der Urteilsbegründung iſt folgendes
hervorzuheben: Es ſteht feſt, daß Brandt das Material
nicht zum Schaden der Heeresverwaltung und der Staats=
ſicherheit
verwendete. Brandt trieb bewußt keinen Miß=
brauch
mit dem Material und es befand ſich bei ihm in
durchaus ſicheren Händen. Das in ihn von Krupp geſetzte
Vertrauen enttäuſchte er zweifellos nicht. Dies alles aber
macht die Angeklagten nicht ſchuldlos. Die Angeklagten
gaben Material preis, das im Intereſſe der Landesver=
teidigung
geheim gehalten werden mußte. Es kommt nicht
in Frage, daß dieſes Material Krupp gegenüber nicht ge=
heim
gehalten werden mußte. Die Täter hatten in dem
Bewußtſein, etwas Unrechtes zu tun, Material ausgelie=
fert
, das in den Händen einer fremden Macht Unheil hätte
anrichten können. Sämtliche militäriſchen Beſchuldigten
ſind des Ungehorſams ſchuldig. Paragraph 92 des Mili=
tärſtrafgeſetzbuches
kommt bei Pfeiffer als Militärbeamten
nicht in Anwendung. Ein materieller Schaden entſtand
nicht, denn es iſt erwieſen daß eine Erhöhung der Preiſe
wegen des Inhalts der Kornwalzer nicht eingetreten iſt.
Die Angelegenheit iſt aber im Reichstage zur
Sprache gebracht worden. Daß Liebknecht die Korn=
walzer
im Herbſt ſchon dem Kriegsminiſter überreichte,
war zweifellos richtig, ob es aber richtig war, daß er im
Anſchluß daran von Panama ſprach, iſt eine andere
Frage. Hierin erblickt das Gericht einen erheblichen
Nachteil. Das deutſche Heer erfreut ſich im In=
und Auslande großen Anſehens. Die Achtung be=
ruht
einmal auf der Anerkennung, daß im deutſchen Heer
nit treueſter Pflichterfüllung und Hingebung gearbeitet
wird und dadurch das Schwert ſcharf und das Pulver
trocken gehalten wird für den Fall, daß der allerhöchſte
Kriegsherr dieſes Friedensinſtrumentes zur Verteidigung
vitaler Intereſſen des Reiches bedarf. Es iſt aber noch
anderes, was dem Heer die Achtung der ganzen Welt
verſchaffte. Es iſt, daß die Verwaltung des deutſchen
Heeres nicht zugängig iſt für gewiſſe Machenſchaften.
Dieſe Auffaſſung iſt nicht nur eingebürgert in der deut=
ſchen
Bevölkerung, ſondern auch im Ausland. Wir ſind
mit Recht ſtolz darauf, daß die Machenſchaften, wie ſie
anderen Ländern nachgeſagt werden, im preußiſchen Be=
amtentum
und dem deutſchen Heere nicht gang und gäbe
ſind. Dieſes Anſehen, das das deutſche Heer zu unſerer
Freude genießt, hat ſchwer gelitten durch das Vorkomm=
nis
. Unter Panama verſteht das Gericht Korruption
ſchlimmſter Sorte. Um ſolche handelt es ſich hier
aber nicht. Drei Unteroffiziere und ein mittlerer Be=
amter
ließen ſich für die Mitteilung gewiſſer Dinge kleine
Geldbeträge und Zechen geben; das iſt kein Panama. Wir
haben zehntauſende von Beamten und Unteroffizieren,
denen die ſchwerwiegendſten Sachen für die Staatsſicher=
heit
anvertraut werden und niemals iſt etwas verlaut=
bart
, was zum Nachteil der Staatsſicherheiten dienen
könnte. Das Wort iſt aber ausgeſprochen und
das Gericht mußte ihm folgen. Die Heecesver=
waltung
hatte ſelbſt Intereſſe, die Verhandlungen bei
möglichſter Oeffentlichkeit zu pflegen, um das Wort
Panama ausz umerzen. Daß es entſtand, haben
die Angeklagten mitverſchuldet. Dieſe Schädigung des
Anſehens des deutſchen Heeres iſt durch die öffentliche
Verhandlung leider nicht ganz verwiſcht. Es iſt aber auf
das richtige Maß zurückgeführt. Ehren=
abſchneidungen
gehen bekanntlich ſehr
ſchnell in das Land Der Widerruf bricht
ſich langſamer Bahn es bleibt immer
etwas hängen. Die Angeklagten müſſen ſich dieſen
erheblichen Nachteil zurechnen laſſen.
Sechs verurteilte Angeklagte haben ihren Vertei=
digern
ihre Entſchließung kundgegeben, gegen das Urteil
des Kriegsgerichts Berufung an das Oberkriegs=
gericht
einzulegen. Nur der Angeklagte Dröſe nimmt das
Urteil an. Hoge erhielt übrigens 43 Tage Feſtungshaft
(nicht Gefängnis).

Die Rückkehr des Kaiſers.

* Kopenhagen, 5. Aug. Die Kaiſerjacht
Hohenzollern mit dem Kaiſer an Bord, begleitet
von dem Depeſchenboot Sleipner und einem Kreuzer,
paſſierte heute abend gegen 6 Uhr Kopenhagen. Die
Forts von Kopenhagen feuerten Salut. Um halb 8 Uhr
paſſierte die Kaiſerjacht Dragör.
* Swinemünde, 5. Aug. Der Kaiſer arbeitete
am Vormittag allein und nahm den Vortrag des Geſandten
von Treutler entgegen. Die Hohenzollern hatte auf der
Rückreiſe von Bergen eine gute Fahrt und traf abends
gegen 11 Uhr in Saßnitz ein.
* Swinemünde 6. Aug. Um 9,15 Uhr iſt die
Kaiſerflotille, beſtehend aus der Jacht Hohen=
zollern
dem Kreuzer Kolberg und dem Depeſchenboot
Sleipner, in den hieſigen Hafen unter dem Salut der
Feſtungsgeſchütze eingelaufen. Beim Einlaufen der Kai=
ſerflottille
in den Hafen ſtand der Kaiſer auf der Kom=
mandobrücke
der Hohenzollern und dankte andauernd
für die ſtürmiſchen Kundgebungen des tauſendköpfigen
Publikums. Gegen 10 Uhr begab ſich der Kaiſer mit Ge=
folge
und den Gäſten der Nordlandfahrt mittels Automo=
bilen
nach Ahlbeck, um den Gäſten das Kinderheim zu
zeigen.

* Swinemünde 6. Aug. Der Kaiſer wurde
in Ahlbeck von der Oberin des Kinderheims empfan=
gen
; er beſichtigte die Anſtalt, nahm eine Koſtprobe des
Eſſens und beſuchte die Sandburgen der Kinder an dem
Strande. Am Nachmittag beſuchen die Inſaſſen des Kin=
derheims
auf Befehl des Kaiſers das Schiff Kolberg.
Zur Frühſtückstafel auf der Hohenzollern war der Ma=
rinebaurat
Dietrich geladen. Heute nachmittag verlaſſen
die Nordlandgäſte die Kaiſerjacht. Im Laufe des Nach=
mittags
treffen Generaloberſt von Pleſſen und Kriegs=
miniſter
von Falkenhayn hier ein. Heute vormittag iſt
Flügeladjutant Graf Moltke angekommen,

Luftfahrt.

Ein Parſeval in Konſtantinopel.
* Konſtantinopel, 6. Aug. Der in Deutſchland
gekaufte Parſevalballon führte geſtern nachmittag
eine erſte Fahrt über der Stadt aus, die bisher noch kein
Luftſchiff geſehen hatte.

* Frankfurt a. M., 6. Aug. Das Luftſchiff Vik=
toria
Luiſe iſt heute morgen 6 Uhr 10 Min. zur
Fahrt nach Baden=Oos aufgeſtiegen.
* Baden=Oos, 6. Aug. Das Luftſchiff Vik=
toria
Luiſe iſt nach dreiſtündiger Fahrt von Frank=
furt
kommend um 9 Uhr vor der Luftſchiffhalle alatt ge=
landet
.
* Karlsruhe, 6. Aug. Das Luftſchiff 3 5,
das heute morgen 6 Uhr 20 Min. in Baden=Oos unter
Führung von Hauptmann Lang zur Fahrt nach Frank=
furt
a. M. aufgeſtiegen war, paſſierte Karlsruhe kurz vor
7 Uhr in flotter Fahrt.
Frankfurt a. M., 6. Aug. Das Militär=
luftſchiff
3. 5 iſt heute früh gegen 6,30 Uhr in Ba=
den
=Oos aufgeſtiegen und um 11 Uhr vor der hieſigen
Luftſchiffhalle gelandet. Die Führung hatte Hauptmann
Lange.

Der neue Balkankrieg.

Zur Lage.
* Wien, 5. Aug. Die Wiener Allgemeine Zeitung
hält die Nachricht über die Bukareſter Friedens=
verhandlungen
für geeignet, gewiſſe Beſorg=
niſſe
in Oeſterreich=Ungarn hervorzurufen; die
durch die maßloſen Forderungen Serbiens und Griechen=
lands
geſchaffene Sachlage rücke mit Rückſicht auf Rumä=
nien
, ſowie aus ſonſtigen Gründen die in Oeſterreich=
Ungarn wenig erwünſchte Aufgabe einer Reviſion des ge=
ſamten
Friedenswerkes in unerfreuliche Nähe. Das Blatt
glaubt, Serbien und Griechenland ſchöpften eine Ermun=
terung
zu ihren hochgeſpannten Prätenſionen nicht zum
geringſten Teil aus der Ueberzeugung, daß Rußland das
von ihnen geforderte Exiſtenz=Minimum für Bulgarien
nicht in der Weiſe interpretieren würde, die einer wirk=
ſamen
Zurückweiſung der hochgehenden Wünſche Ser=
biens
und Griechenlands gleichkäme. Infolgedeſſen ſcheine
in Athen und Belgrad der Eindruck zu beſtehen, daß
Oeſtereich=Ungarn allein den Standpunkt vertrete, der
letzte Balkankrieg dürfe nicht in der Unterwerfung kom=
pakter
Maſſen der bulgariſchen Bevölkerung unter ffremde
Herrſchaft reſultieren. Auch die Zunahme des türkiſchen
Selbſtbewußtſeins, welches die gegenwärtige Lage noch
komplizierter mache, ſei ein ernſtes Zeichen dafür, welche
Folgen ein laues Auftreten einzelner Mächte in der maze=
doniſchen
Frage anderwärts ausgelöſt habe.
* Paris, 5. Aug. Mehrere Blätter berichten, daß
der Vorhalt der Großmächte bezüglich der Abtretung
Kawalas nur den Zweck habe, die öffentliche
Meinung Bulgariens zu beruhigen und dem
Miniſterium Radoslawow dem Verbleib im Amte zu er=
möglichen
. Das Journal des Débats bemerkt, es hoffe,
daß dieſes Auskunftsmittel keine weiteren Folgen haben
werde. Die franzöſiſche Regierung habe ſich
dieſem Schritt nicht angeſchloſſen, und auch die öffentliche
Meinung Frankreichs ſtehe jeder Reviſion des Bukareſter
Friedensvertrages freundlich gegenüber, denn weder Eu=
ropa
in ſeiner Geſamtheit, noch irgendeine einzelne Macht
beſitze das geringſte Recht, die Aenderung irgend eines
Artikels des Friedensvertrages zu verlangen. Es würde
eines neuen Krieges bedürfen, um eine Aender=
ung
des künftigen Vertrages durchzuſetzen. Unter den
gegenwärtigen Verhältniſſen ſehe man aber keine Macht,
welche ernſtlich geneigt wäre, von einem diplomatiſchen
Schritt zu einem militäriſchen Einſchreiten
überzugehen. Nach einer anderen Blättermeldung habe
ſich Frankreich ebenſo wie Rußland und England dem
Schritt der Großmächte in der Kawalafrage angeſchloſſen.
London, 5. Aug. Wie das Reuterſche Bureau
erfährt, herrſcht in Londoner Balkankreiſen allgemein die
Anſicht, daß Bulgarien in den Hauptpunkten den
Verbündeten eher nachgeben, als daß es ſich der
Wiederaufnahme der Feindſeligkeiten nach dem Aufhören
des Waffenſtillſtandes am nächſten Freitag ausſetzen
würde. Was die Haltung der Türkei anbetrifft,
ſo verſichern gewiſſe Kreiſe, daß die Pforte wiſſen ließ,
ſie würde nicht darauf beſtehen, Adrianopel trotz des
Widerſtandes der Großmächte zu behalten.
Man müſſe vielmehr in der Haltung der Türkei einen
Verſuch ſehen, das Preſtige der ottomaniſchen Armee
wieder herzuſtellen und ſich von Europa finanzielle Kom=
venſationen
gewähren zu laſſen. Die Türkei würde, wenn
ſie erſt einmal das erreicht hätte, wahrſcheinlich dem
diplomatiſchen Druck weichen und ſich hinter die Linie
Enos-Midia zurückziehen.
Die Friedensverhandlungen in Bukareſt.
* Bukareſt, 5. Aug. Die heutige Sitzung
begann um 4 Uhr. Nachdem das Protokoll der geſtrigen
Sitzung verleſen und gezeichnet war, nahm Miniſterpräſi=
dent
Venizelos das Wort, um der Konferenz eine
Depeſche König Konſtantins bekannt zu geben, in welcher
der König mitteilt, daß ein militäriſcher Parlamentär der
Bulgaren den griechiſchen Vorpoſten eine möglichſte
Wiederaufnahme der Feindſeligkeiten noch für heute an=
gekündigt
hat. Die bulgariſchen Delegierten Tontſchew
und Fitſchew erklärten, keine Kenntnis von dieſer Tat=
ſache
zu haben, die nur durch einen Irrtum oder eine
falſche Uebermittelung der Stunde, mit welcher der neue
Waffenſtillſtand begann, entſtanden ſein könne. Miniſter=
präſident
Majoreseu verlas eine Verbalnote
Vereinigten Staaten von
der Regierung der
Amerika, in welcher der Wunſch ausgedrückt
wird, man möge in den Bukareſter Vertrag
eine Beſtimmung aufnehmen über die volle Freiheit der
bürgerlichen und religiöſen Rechte bei dem Teile der Be=
völkerung
, der von einem Lande getrennt dem anderen
einverleibt würde. Der Präſident bemerkt, das ſei ſchon
ein öffentliches Recht in jedem der beteiligten Ländern. Die
Chefs aller Miſſionen ſtimmten zu, daß es überflüſſig iſt,
beſonders eine Klauſel darüber in dem zukünftigen Ver=

[ ][  ][ ]

trag in Erwägung zu ziehen. Der Präſident der Kon=
ferenz
richtete ſodann an alle beteiligten Länder den drin=
genden
Appell, die gegenſeitigen Abmachungen ſchnell zu
beendigen, denn es ſei unerläßlich, daß die Konferenz ſich
ab morgen mit den konkreten Fragen beſchäftige, da der
vor Wiederaufnahme der Feindſeligkeiten noch zur Ver=
fügung
ſtehende Zeitraum eine weitere Vertagung der
Löſung nicht geſtatte. Die nächſte Sitzung der Konferenz
findet morgen nachmittag 4 Uhr ſtatt. Der heutige Vor=
mittag
wurde mit einzelnen Beſprechungen zwiſchen Majo=
rescu
und den Chefs der Miſſionen ausgefüllt. Finanz=
miniſter
Marghiloman gibt zu Ehren der Miſſionen
eine Reihe von Dejeuners. Das erſte Dejeuner fand heute
zu Ehren des Chefs der ſerbiſchen Miſſion ſtatt.
* Bukareſt, 5. Aug., 9,10 nachm. Die offiziöſe
Roumaine meldet, daß der Frieden zwiſchen Ru=
mänien
und Bulgarien definitiv abge=
ſchloſſen
worden iſt.
* Bukareſt, 5. Aug. Die geſtrigen und heutigen
mündlichen Beratungen der einzelnen Dele=
gierten
untereinander brachten keine ſolche An=
näherung
des Standpunktes der Verbündeten und der Bul=
garen
, daß eine Feſtſetzung der Grenze auch nur in den
Hauptzügen erfolgt wäre. Die Griechen ſind allerdings
in ihren Forderungen bis zum Meſtafluß und die Ser=
ben
bis zur Waſſerſcheide der Struma und Bregalnitza
zurückgegangen, doch genügte dies Bulgarien nicht. Man
nimmt an, daß die Bulgaren ihrerſeits ihre Forderung
inſofern einſchränken, daß ſie auf das Gebiet weſtlich des
Wardar und ſüdlich von Dorian verzichten, dagegen ihren
Anſpruch auf den Golf von Ohano und Kawala mit Hinter=
land
aufrechterhalten.
Die Londoner Botſchafterkonferenz.
* London, 5. Aug. Die Botſchafter beſchäf=
tigten
ſich in ihrer heutigen Sitzung ausſchließlich
mit der Frage der Aegäiſchen Inſeln und der
Südgrenze Albaniens, ohne jedoch zu einer Ent=
ſcheidung
zu kommen. Die Vereinigung prüfte den Vor=
ſchlag
des Staatsſekretärs Grey, eine internationale Kom=
miſſion
zur Feſtſetzung der Grenze von Epirus nach Alba=
nien
zu entſenden. Dieſer Vorſchlag hat bis zu einem
gewiſſen Grade die Zuſtimmung Griechenlands gefun=
den
, welches vorſchlägt, daß die Nationalität der in Frage
kommenden Gegenden durch eine Volksabſtimmung ent=
ſchieden
würde. Die Botſchafter gingen zu einer allge=
meinen
Diskuſſion über das Mandat und die Vollmachten
dieſer Kommiſſion über. Nach dreiſtündiger Sitzung ver=
tagte
ſich die Botſchaftervereinigung auf Freitag, wo
die Diskuſſion über dieſen letzten Punkt fortgeſetzt wer=
den
wird. Auch am nächſten Montag werden die Botſchaf=
ter
zuſammenkommen.
Die Adrianopeler Frage.
* Konſtantinopel, 5. Aug. (Wiener Korr.=
Bureau.) Die Inſtruktionen der Botſchafter
ſtimmen, wie es ſcheint, nicht überein, weshalb die Kollek=
tivdemarche
noch nicht erfolgt iſt. Einzelne Botſchafter
unternahmen jedoch einzeln eine Demarche, wobei ſie den
Rat gaben, Adrianopel für eine Berichtigung der
Grenze Enos-Midia und andere Kompenſationen zu räu=
men
. Der Großweſir erteilte eine negative Antwort. Der
Großweſir, der geſtern dem ruſſiſchen Botſchafter einen
Beſuch abſtattete, erklärte, wie es heißt, in formeller Weiſe,
daß die Räumung Adrianopels unmöglich ſei. Der eng=
liſche
Geſchäftsträger, der Inſtruktionen erwartet, hatte
heute vormittag eine längere Beſprechung mit dem Groß=
weſir
.
Die bulgariſchen Grauſamkeiten.
* Saloniki, 6. Aug. (Agence d’Athènes.) Die
parlamentariſche Kommiſſion, die mit der
Unterſuchung der bulgariſchen Grauſam=
keiten
beauftragt iſt, meldet aus Tanthi, daß der Abzug
der Bulgaren ohne Schaden für die Stadt ſich vollzog.
Indes wurden zahlreiche Notabeln entführt, ſechs wurden
hingemetzelt und ein iſraelitiſcher Tabakarbeiter wurde
auf der Präfektur zu Tode geprügelt. Ein Arzt wurde
gezwungen, als Todesurſache Selbſtmord zu beſcheinigen
In Fanthi und Umgebung wurden insgeſamt 219 Per=
ſonen
getötet, 163 entführt, ohne Wiſſen, wohin. Wäh=
rend
die Stadt beſetzt wurde, vollführten die Bulgaren
alle möglichen Gewalttätigkeiten und Räube=
reien
. Zahlreiche Moſcheen wurden in Kirchen umge=
wandelt
. Edelſteine, ſowie Hab und Gut mehrerer reicher
Einwohner wurden konfisziert, wie man ſagte, zur Unter=
ſtützung
des Roten Kreuzes. Mohammedaniſche Notabeln
verſichern, König Ferdinand habe auf der Durchreiſe den
bulgariſchen Prieſter David aufgefordert, ihm nach Sofia
koſtbare Teppiche zu ſenden, die ſich in den beſetzten
Moſcheen befanden. Alle Teppiche, die an jenem Tage zur
Ausſchmückung des Bahnhofes dienten, wurden vom Gou=
verneur
fortgeſchafft. Zahlreiche Muſelmanen wurden
gewaltſam getauft. Der griechiſche Platzkomman=
dant
Loutras gab den Muſelmanen die Hauptmoſchee
zurück, die vorher von den Bulgaren in eine Kirche um=
gewandelt
worden war.
Letzte Nachrichten.
* Bukareſt, 6. Aug. Da auch die geſtrige Kon=
ferenzſitzung
, die bloß formellen Fragen gewidmet
war, keine Annäherung des Standpunktes der Kriegfüh=
renden
brachte, ſo ſind unterrichtete Kreiſe der Anſicht, daß
Bulgarien die von den Verbündeten zuletzt vorge=
ſchlagenen
Grenzen mit eventuell noch eintretenden
Aenderungen annimmt, gleichzeitig aber die Gültig=
keit
der Bukareſter Vereinbarungen von der Annahme
durch die Mächte abhängig macht. Es iſt noch unbeſtimmt,
in welcher Form der bulgariſche Vorbehalt abgefaßt wird.
Er kann entweder in dem Friedensvertrag oder in das
Sitzungsprotokoll aufgenommen werden. Man hegt die
Erwartung, daß der Widerſtand der Verbündeten gegen
den bulgariſchen Vorbehalt durch den Einfluß Rumäniens
behoben wird, deſſen wichtigſtes Ziel nach Erfüllung ſeiner
Sonderwünſche die Beendigung des Krieges iſt. Die mili=
täriſche
Lage, ſowie ſein moraliſches Gewicht laſſen nach
hieſiger Annahme vermuten, daß die Verbündeten dem
diesbezüglichen Wunſche Rumäniens entſprechen werden
* London, 6. Aug. Wie Reuter erfährt, erwartet
die rumäniſche Regierung, daß das Uebereinkom=
men
zwiſchen den Kriegführenden morgen zum Ab=
ſchluſſe
kommt, und zwar im Hinblick darauf, daß der
Waffenſtillſtand nicht über Freitag verlängert werde.
Rumänien wird darauf dringen, daß Griechenland ſeine
Anſprüche auf Kawala und einen Teil des Hinterlandes
aufgibt, ſowie daß Serbien auf Radowiſta, Strumitza
und Kotſchana verzichtet. Rumänien iſt der Anſicht, daß
jene Anſprüche Bulgarien in einer für Rumänien uner=
träglichen
Weiſe ſchwächen würden. Die rumäniſche Re=
gierung
glaubt, daß man morgen zu einem Einverſtändnis
in dieſem Sinne gelangen werde, wenn nicht, ſo wird
Rumänien ein für alle Teile annehmbares Protokoll vor=
legen
und deſſen Annahme von den Kriegführenden ver=
A.

Der Friede geſchloſſen.

* Bukareſt, 6. Aug. (Agence roumaine.) Der
Friede iſt heute geſchloſſen worden.

Vermiſchtes.

Vom Frankfurter Palmengarten. Die
alten Gartenblumen ſind nicht immer die ſchlechte=
ſten
, das ſieht man an ſo vielen Pflanzen, die ſich durch
Jahrtauſende in den Gärten erhalten haben und heute
noch unter den Florblumen eine Rolle ſpielen. Und zu
ihnen gehört auch die Levkoye. Schon im Altertum war
ſie bei den Kulturvölkern bekannt und beliebt; bei den
Griechen wurde der Weinkrug mit einem weißen Veilchen=
kranz
umſchlungen, der aus den in Griechenland wild
wachſenden, einfachen weißblühenden, würzig nach Veil=
chen
duftenden Levkoyen gewunden wurde. Auch im Mit=
telalter
war ſie ſehr beliebt; die Burgfrauen ließen ſie in
großer Fülle in den Schloßgärten ziehen, ſie galt als Re=
präſentantin
dauernder Schönheit, und man hat wohl da=
mals
ſchon gefüllte Levkoyen gehabt. In dem Aberglau=
ben
der Alten wurde die Levkoye bei Vollmond geſät, da=
mit
ſie gefüllte Blumen trage. Heute weiß man, daß eine
ſorgfältige Auswahl der Samenträger einen großen Pro=
zentſatz
gefüllter Blumen garantiert. Die Zucht der heuti=
gen
hervorragend ſchönen Levkoyen iſt eine Spezialität der
Erfurter Samenzüchter, und auf mächtigen, einſeitigen,
überdeckten Stellagen ſtehen Tauſende und Abentauſende
Töpfe mit Levkoyen zur Samengewinnung. Jetzt ſieht
man in dem Anzuchtgarten des Palmengartens zu Frank=
furt
a. M. große Beete dieſer Levkoyen in Blüte und
beſter Entwickelung. Wie bei allen Florblumen hat man
auch hier verſchiedene Raſſen, die ſich durch den Bau der
Pflanzen, die Größe der Blumen und die Anordnung der
Blütenſtände unterſcheiden. Neben dem außerordentlich
reichen Farbenſpiel, das alle möglichen Tönungen auf=
weiſt
, iſt es die Haltbarkeit der Blumen und der ſüße Duft,
der uns dieſe Gartenpflanzen immer wieder nahe bringt.
Es iſt wirklich ein Vergnügen, dieſe wunderſchönen Blü=
tenbüſche
zu ſehen, die zurzeit die Beete ſchmücken. Wir
finden in dem Anzuchtgarten noch einen reichen Flor auf
der Staudenrabatte, wo vor allem die rieſenblumigen
Marqueriten das Auge erfreuen. Man ſollte auch der
weißen Ecke auf dem kleinen Raſen bei dem Kaſſenhäus=
chen
am Haupteingang Beachtung ſchenken, wo die herr=
lichen
Blumen der Goldbandlilie mit der weißgefüllten
Marguerite Frau F. Sander weißen Zinnien und
weißen Knollenbegonien ein fein abgeſtimmtes Enſemble
bilden.
Der Heſſiſche Vogelſchutzverein hat
beſchloſſen, ſeine diesjährige Jahresverſammlung Mitt=
woch
, den 20. Auguſt, nachmittags 2 Uhr, in Offenbach
abzuhalten. Neben dem geſchäftlichen Teil und Bericht
des Herrn Geheimen Forſtrats Kullmann=Darmſtadt über
den dritten deutſchen Vogelſchutztag in Hamburg ſteht ein
intereſſanter Vortrag des Herrn Pfarrers Kleinſchmidt
aus Duderſtedt bei Halle (Seltene und wertvolle Arten
im Beſtande der heſſiſchen Vogelwelt und ihr Schutz) in
Ausſicht.

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korceſp.=Bureau.)
* Mainz, 6. Aug. Im benachbarten Oberolm war
geſtern der 78 Jahre alte Landwirt Nikolaus Waſſer=
mann
mit Fruchtaufladen beſchäftigt, als ſein Pferd
ſcheute. Waſſermann geriet unter das Gefährt und
wurde tot gefahren.
* Bad=Homburg, 6. Aug. Geſtern abend wurden in der
Villa Hauffe von einem ſeit dem 4. Auguſt dort logieren=
den
jungen Mann, der ſich Karl Richter aus Cochem an
der Moſel nannte, während der Abweſenheit einer eng=

liſchen Familie Schmuckſachen im Werte von 1600
Mark geſtohlen.
* Röderau 6. Aug. Der um 8 Uhr 40 Min. morgens
fällige, aus Jüterbog kommende Perſonenzug iſt
urz vor dem Hauptbahnhof Röderau mit der Maſchine
und dem Gepäckwagen entgleiſt. Der Verkehr zwiſchen
Berlin und Dresden erlitt dadurch erhebliche Ver=
ſpätungen
. Perſonen ſind nicht zu Schaden gekommen.
Der Materialſchaden iſt vermutlich erheblich.
* Liſſabon, 6. Aug. Mitteilungen aus dem Palaſte
Belem verſichern, daß die Todesgerüchte des Präſi=
denten
Arriaga vollſtändig erfunden ſind, daß viel=
mehr
eine Beſſerung im Befinden des Präſidenten zu ver=
zeichnen
iſt.
* Chriſtiania, 6. Aug. Die Tilenſtegen erhielt folgen=
des
Telegramm: Spitzbergen, 5. Auguſt. Lerner
traf heute morgen hier ein. An Bord der Loewenſkjold
erreichte er am 5. Mai auf dem Nordoſtland das Nordkap.
Er blieb hier ſechs Wochen im Eiſe eingeſperrt und be=
nutzte
die Zeit zu Schlittenreiſen. Von Schröder=
Strantz wurde keine Spur gefunden. Die
Loewenſkjold ging zu Grunde und Lerner bildete mit
der abgemuſterten Mannſchaft eine neue Erpedition. Er
hatte reichlich Proviant, drei Schiffsboote und neun
Hunde. Es wurde eine Bootsfahrt von Nordkap nach
Treurenberg beſchloſſen. In vierzigſtündiger ſchwerer
Arbeit wurde die Ausrüſtung der Expedition von den acht
Teilnehmern auf drei Schlitten über das Eis gebracht.
Eine Fahrt von 22 Stunden mit einigen Stunden Ruhe
brachte Lerner nach Treurenberg, von wo aus Stax=
rud
ſeit dem 17. Juni vergebens verſucht hatte, das
Nordkap zu erreichen. Als Lerner ankam, war es Stax=
rud
faſt gelungen, den Herzog Ernſt wieder flott zu
machen. Lerner ſchickte ſeine Mannſchaft an Bord, aber
beide Expeditionen verſuchten vergebens, durch die Hin=
lopenſtraße
Green Harbour zu erreichen. Staxrud hielt
weitere Nachforſchungen auf dem Nordoſtlande für über=
flüſſig
. Man hielt es für das ſicherſte den Landweg zu
wählen, um die Bismarckſtraße zu erreichen, wo man am
1. Auguſt ankam. Da es unmöglich war, ein Schiff durch
die Südpaſſage nach Green Harbour zu bringen, wurde
der Weg über die Nordküſte eingeſchlagen und Green
Harbour in vier Tagen erreicht.
* London, 6. Aug. Der XVII. Internationale
Mediziniſche Kongreß, zu dem ſich 7000 Aerzte
eingefunden haben, wurde heute vormittag in der Albert=
hall
durch den Prinzen Arthur von Connaught mit einer
Rede eröffnet.

H.B. Heidelberg, 6. Aug. Der 50 Jahre alte verhei=
ratete
Küfer Friedrich Beiſel in dem benachbarten
Kirchhein warf heute morgen in den Hof ſeines Nachbarn,
Zimmermeiſter Georg Becker X., mit dem er in Streitig=
keiten
lebte, Steine. Der Schwager Beckers, Michael
Kocher, ein 25jähriger unverheirateter Zimmermeiſter,
ſtieg auf ein Dach, um nach dem Steinwerfer zu ſehen,
kaum war er oben angelangt, als Beiſel mit ſeinem
Jagdgewehr ihn durch einen Schuß in die Bruſt
tötete. Bei der Abführung Beiſels durch die Gen=
darmerie
verſuchten die erregten Bewohner Beiſel zu
lynchen.
H. B. Boppard a. Rhein, 6. Aug. In einem Dorfe bei
Keſtert am Rhein wurde Montag nacht im Streit der Ar=
beiter
Molſchauer von zwei anderen Arbeitern auf der
Straße mit Bierflaſchen totgeſchlagen.
Bartfeld (Ungarn), 6. Aug. Den hier zur Kur=
weilenden
Damen wurde auf Veranlaſſung ihrer Ehe=
männer
verboten, das Spielkaſino zu beſuchen.
Als geſtern das Verbot in Kraft treten ſollte, ſtürmte eine
große Anzahl Frauen unter ohrenbetäubendem Geſchrei
in das Kaſino, aus dem ſie durch die Polizei verdrängt
wurden.
(Schluß des redaktionellen Teils.)

Im Haushalt unentbehrlich!
Mein Arzt verordnete mir Ihr Bioſon zur Stärkung bei
hochgradiger Nervoſität u. Schwächezuſtänden und habe ich
damit die denkbar beſten Erfolge erzielt. Die Kräfte hoben
ſich raſch, das Ausſehen beſſerte ſich weſentlich. Bioſondürfte
igentlich in keinem Haushalt fehlen. Frau Fabrikant
arl Reinhard, Flacht bei Diez a. d. Lahn. Unterſchrift
Leglaubigt: 10. 3. 1913. Thielmann, Bürgermeiſter. Bioſon,
Broßee Pakei (ca. ½ kg) 3 Mk., in Apoth., Drog. (III.16537

lausendfach bewährte
Nahrung bei:
Brechdurchfell,
PKindermehl. Diarrhöe
-Krankenkost. Darmkatarrh, etc.

Trauer-Kleider, TrauerTostüme
Trauer-Blousen,Trauer-Röcke
Trauer-Mäntel, Trauer-Stoffe
In reicher Ausmahl!
Anderungen sofort!
2
Gebr. Höslein.

Ludwigsplatz. . .

4464a

Ein guter Wink iſt Goldes wert, das gilt namentlich
für die Behandlung der Wäſche. Alle Mühe, Arbeit
und Zeitverſäumnis, die das Waſchen mit Seife, Seifen=
pulver
, mit der Bürſte oder auf dem Waſchbrett macht,
erſpart das ſelbſttätige Waſchmittel Perſil Weiß=
wäſche
wird durch ein einmaliges etwa ¼ bis ½ ſtündiges
Kochen ſchneeweiß wie auf dem Raſen gebleicht. Woll=
wäſche
darf bekanntlich nicht gekocht werden; hier ge=
nügt
einfaches Hin= und Herſchwenken der Stücke in
ſtark handwarmer Perſillauge, um gründlichſte Reinigung
zu erzielen. Dabei ſei ausdrücklich erwähnt, daß Perſil
keine ſcharfen oder ätzenden Stoffe, wie Chlor ꝛc. ent=
hält
, ſondern garantiert unſchädlich iſt. Wer alſo Wert
auf ſtets tadelloſe Wäſche legt, brauche zukünftig nur
noch dieſes wirklich hervarragende millionenfach be=
währte
Waſchmittel

(6
Ich fühle freudig
meinen Mut wachſen und meine Kräfte machtvoll heraus=
quellen
. Allen körperlichen und geiſtigen Strapazen gehe
ch fröhlich entgegen, und ich überwinde ſie mit Hilfe der
echten Kola=Paſtillen Dallkolat. 1 Schachtel Dallkolat
Mk. 1. in Apotheken u. Drogenhandlungen. Jedenfalls
in der Adler=Apotheke, Beſſunger und Engel=Apotheke.
Ferner Hof=Drogerie Chr. Schwinn, Central=, Bavaria=,
Hubertus=, Germania=Drogerie, Medizinal=Drogerie zum
roten Kreuz, desgl. Georg Liebig & Co. Nachf. und
Carl Watzinger.
I. 16635

Wonhungs Einrichtungen.
500. Mk. bis 3000. Mk.
sind unsere Spezial-Preislagen für gediegen gearbeitete,
formvollendete, komplette Ausstattungen. Wir bieten
darin eine großartige Auswahl bei billigsten Preisen und
bitten Interessenten, sich durch einen unverbindlichen
Besuch unserer Ausstellungsräume davon zu überzeugen.
Gebrüder Fischer
Alexanderstraße 10.
(16260a

Dr. Kuhns Créme, Vional,
Schönheit. 2.50, 1.50, Vional=Seife 80,
50, vorz. Franz Kuhn, Kronen=Parf., Nürn=
berg
. Hier: F. B. Grodhaus, Seifenfabr. am
weißen Turm, ſowie in Apoth., Drog. u. Parf. (V,5661

Familiennachrichten.

Sür die vielen Glückwünſche und Blumenſpenden,
C die uns anläßlich unſerer
(*5040
Hilbernen Hochzeit
zuteil wurden, ſagen herzlichſten Dank
Julius Zeißler
und Frau Marie, geb. Biermann.

[ ][  ][ ]

Todes=Anzeige.
Allen Verwandten, Freunden und Bekannten
hiermit die ſchmerzliche Mitteilung, daß es
Gott gefallen hat, meinen lieben, guten Mann,
unſeren lieben Vater, Großvater, Schwieger=
vater
und Onkel
(B16646
Im
Horth Christian Bost
Landwirt
heute nachmittag nach längerem, mit Geduld
getragenem Leiden zu ſich zu rufen.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Frau Sophie Beſt Wwe., geb. Götz.
Darmſtadt, den 5. Auguſt 1913.
Die Beerdigung findet Freitag, den 8. Auguſt,
nachmittags 3 Uhr, vom Sterbehauſe Ludwigs=
höhſtraße
22 aus, auf dem Beſſunger Friedhof
ſtatt.

Amtlicher Wetterbericht.
Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.

Das weſtliche Hochdruckgebiet iſt weiter zurück=
gewichen
; die nordöſtliche Depreſſion hat ſich verſtärkt
und einen Ausläufer nach Jütland entſandt. Infolge
nördlicher Winde ſind die Temperaturen etwas geſunken.
Wir haben morgen an der Grenze zwiſchen hohem und
tiefem Druck keine weſentliche Aenderung des Wetters zu
erwarten.
Ausſichten in Heſſen für Donnerstag, den
7. Auguſt: Wolkig, mäßig warm, höchſtens leichte Nieder=
ſchläge
.

Todes=Anzeige.
(Statt beſonderer Mitteilung.)
Heute entſchlief ſanft nach ſchwerem Leiden
unſere liebe Schweſter, Schwägerin und Tante
Fräulein
Helena Jung
im 57. Lebensjahre.
(16638
Darmſtadt, den 5. Auguſt 1913.
Die trauernden Hinterbliebenen.
Die Beerdigung findet am 7. Auguſt, nachmit=
tags
2 Uhr, vom Portale des Friedhofes aus,
ſtatt.

Tageskalender.

Konzerte: Städt. Saalbau um 8 Uhr. Bürgerkeller um
8 Uhr. Krokodil von 4 bis 11 Uhr.
Bilder vom Tage (Auslage in unſerer Expedition,
Rheinſtraße 23): Berlin aus der Vogelſchau, das Reichs=
tagsgebäude
und der Königsplatz mit der Siegesſäule,
Blick auf die Straße Unter den Linden (aufgenommen
aus dem Zeppelinluftſchiff Hanſa); zu den Friedens=
verhandlungen
der Balkanſtaaten in Bukareſt; Feier
des Reichsfeuerwehrverbandes am Völkerſchlachtdenkmal
in Leipzig; von der Eiſenbahnkataſtrophe auf Jütland.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
bei dem Hinſcheiden meiner teuren Gattin, unſerer
lieben Mutter, Tochter, Schwiegertochter, Schweſter,
Schwägerin und Tante
(16672
Frau
Elisabeth Schenkelberg
geb. Hechler
ſagen wir Allen herzlichen Dank.
Hauptſteueramts=Rendant Schenkelberg
und Familie,
Familie Hechler.
Bingen und Darmſtadt, den 6. Auguſt 1913.

Verſteigerungskalender.

Freitag, 8. Auguſt.
Mobiliar= uſw. Verſteigerung vormittags 9 und nachmit=
tags
3 Uhr, Ernſt=Ludwig=Straße 1.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei=
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für des Inſeratenteil, Inſeratbeilagen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftoleben: Hans Heitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.


Sa
Dunger Berkauf.
Samstag, den 9. Auguſt,
von 950 Uhr vormittags ab,
wird auf dem vorderen Hofe der
alten Kavalleriekaſerne in Darm=
ſtadt
die Matratzenſtreu von einer
Eskadron öffentlich meiſtbietend
verſteigert.
(16631df
Garde=Dragoner=Regiment
Nr. 23.
Die Lieferung
von 100 Blöcken doppelt raffi=
niertem
Weichblei im Geſamt=
gewicht
von etwa 5000 Kilo ſoll
vergeben werden.
Angebote ſind, mit entſprechen=
der
Aufſchrift verſehen, bis zum
15. I. Mts., vormittags 10 Uhr,
bei der unterzeichneten Verwal=
tung
einzureichen.
Die Lieferungsbedingungen kön
nen dortſelbſt eingeſehen werden,
auch ſind dieſelben gegen Erſtat=
tung
des Betrags von 50 Pfg. er=
hältlich
.
(16632
Darmſtadt, 4. Auguſt 1913.
Städt. Gaswerksverwaltung.
J. V.: Kalbfuß.
Sehr ſchönes Plano billig z. verk.
Soderſtr. 7, 2. St. (*5015df

Woiblich

Junge Kontoriſtin, der einfachen
Buchführ., Stenogr. u. Schreibmaſch.
mächtig, ſucht per 1. Oktober event.
früher Engagement. Off. unter
G 4 an die Exped. erbeten. (*5007
Fräulein
m. flotter Handſchrift und g. Um
gangsform., ſ. z. Arzt od. ſonſt i.g
Hauſe paſſ. Stellg. Karolina Beck,
gewerbsmäßige Stellenvermittlerin
Eliſabethenſtr. 22, 2. Stock. (*5046
Einf., ord. Perſon, tücht. in all
Hausarb., ſ. Stelle zur Führ. des
Haushalts. Offert. unter F 95
an die Expedition.
(*4951md
Jung. Mädchen ſucht für ſofort
Laufſtelle Schützenſtr. 6. (*4980
Jg. ſaub. Frau ſucht Lauſtelle,
2 St. morg. u. 2 St. nachm. (*4978
Alexanderſtr. 15, Mittelb., part. r.
Efas a
orlfieg Wesdur
Elliie Zuverlass. Fraulein
21 J., ſucht Stellung z. Kindern
o. als Stütze. Näh. Exped. (*502
Ein anſtänd. ſaub. Mädchen
ſucht Stelle für Hausarbeit.
Zu erfr. Lindenhofſtr. 1, I. (*5025
Tücht. ält. Mädchen ſucht Laufd.
d. g. T. Kranichſteinerſtr. 15, II. (*5030
Stell. ſuchen: Mehr. 16 b. 22 jähr.
Landmädchen m. g. Zeugn., ſofort
u. ſpäter. Johannette Weissmantel,
gewerbsmäßige Stellenvermittlerin
Karlſtraße 30.
(*5043
Beſſ. tücht. Hausmädch. im Nähen,
Büg. u. Serv. gewandt, ſuch. paſſ.
Stell. Gerirude Hartmann, gewerbs-
mäsige
Stellenvermittlerin, Nieder= Ram=
ſtädterſtraße
31.
*5058
Ein kräftiges 17jähr. Mädchen
ſucht Stellung in bürgerl. Haus=
halt
. Näh. Kahlertſtr. 36, pt. (*5060
Fräul., w. ſich ſehr gut f. Geſch.
eign. würde, ſucht Stelle tagsüber,
ev. auch zur Mith. i. Haush. Off.
mnt. F 94 a. d. Exp. (*4952md

perf. im Flicken u. Weiß=
Frau, nähen, hat noch Tage frei
Karlſtr. 26, I., rechts. (*4992
Reinliche Frau geht halbe Tage
Waschen. Gr. Kaplaneig. 29, II. (*5028
Flickfrau empf. ſich im Ausbeſſ
v. Kleidern, Weißzeug und Herren=
kleidern
Gardiſtenſtr. 9, I. (*5037
mich 1. Ausbefſ.,
Empfehle umändern, ſow.
Neuanfertigen v. Wäſche u. Kleid.
Grafenſtraße 29, 3. Stock. (*5051
Männlich
Expedient,

Jg. Kaufmann, Lageriſt,
Fakturiſt, in Stenographie uvd
Maſchinenſchreiben bewandert, m.
Kenntniſſen in der franz. Sprache,
wünſcht ſich p. 1. Sept. o. 1. Okt. zu
veränd. Off. u. F65 Exp. (*4846id
Ein Mann, 30 Jahre alt, ſucht
dauernde Beſchäftigung, kann auch
Kaution ſtellen. Gefl. Offerten u.
F80 an die Expedition. (*4892md
Drogiſt, 23 Jahre alt, ſucht
ſofort Stellung als Verkäufer
oder Lageriſt, oder ſonſtigen Ver=
trauenspoſten
. Off. u. G 6 an
die Expedition erbeten. (*5003ds
Junger Mann
mehrere Jahre auf einem Büro
tätig, ſucht Stell. als Schreibgehilfe.
Off. u. G 14 an die Exped. (*5047
Ein Junge von 16 Jahren ſucht
Arbeit. Saalbauſtr. 37.
(*5026df
Sh
Weiblich
RMihe
Comptelristin
mit allen Bureauarbeiten vertraut,
firm in Stenographie u. Schreib=
maſchine
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unter F 41 an die Exp. (16512ids
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Tuchtige Rontoriſtin
flotte Rechnerin, wird per ſofort
geſucht. Vorzuſtellen zwiſchen1
und 3 Uhr.
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Tüchtige branchekundige
Verkäuferinnen
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(16496id
an die Exped.
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Lehrmädchen f. Konfektion geſ.
Eliſabethenſtr. 56, II.
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ahnmö dahan zum 1. September
Dehrmädcholl bei ſofortiger Ver=
gütung
geſ. Vorzuſt. zwiſch. 12 u. 1Uhr
mitt. Arnold Obersky, Korſettfabrik,
Ernſt=Ludwigſtraße 8.
(*5005

Mädchen
finden dauernde und loh=
nende
Beſchäftigung (16130a
25 Liebigſtraße 25
Hinterbau.
2
Ordentliches, braves Mädchen,
welches kochen kann, geſ. A. Braun,
(*4968md
Alexanderſtr. 18.

Geſucht auf 1. Okt. in kl. Haus=
halt
(2. Perſonen) ein tüchtiges,
geſundes Alleinmädchen, welches
auf dauernde Stellung rechnet, gute
Zeugniſſe beſitzt und ſelbſtändig
kochen kann, gegen guten Lohn
Off. u. F40 a. d. Expedition. (16521a
Tücht., fleißig. Dienſtmädchen
geſucht. Lohn 2530 Mk. Off.
unter F 97 an die Expedition
(16630a
ds. Bl. erbeten.
Geſucht bis zum 25. Auguſt ein
zuverläſſiges ſaub. Dienſtmädchen.
Heinrichſtr. 144, parterre. (*4875md
Saub. durchaus zuverl. Lauffrau
od. Mädch. vorm. 3, nachm. 2 Stund.
geſucht. Taunusſtr. 1, I. (*4877md
Suche für 15. Auguſt.
NAn
bess
res Alleinmädchen
in Offiziershaushalt nach Mainz,
kinderlieb. Offerten nach hier,
Hoffmannſtraße 45.
(*4976
Junges Mädchen tagsüber zu
einjährigem Kinde geſucht
*4981)
Neckarſtr. 10, 2. St.
4 zum 1. Oktober tücht.
Geſuchl Alleinmädchen s
welches ſelbſtänd. gut bürgerl. kocht
u. ſchon länger in beſſ. Häuſern
gedient hat Martinſtr. 2½, II. (*501s
Tüchtiges, älteres Mädchen
zum 15. Aug. geſ. Frau Apotheker
Scheer, Auerbach, Heidelbergerſtr. 14
Vorzuſt. Sonntag, 10. Aug. (*4995
F
Einfaches,
kräftiges Madchen
welches ſchon gedient hat, per bald
geſucht. Näh. Rheinſtr. 37, I. (*4993
Madahma
ge=
Putz- u. Waschlf ad ſucht.
Rheinſtraße 8, 1. Stock. (*5004
Sauberes, zuverläſſig., gedieg.
Mädchen, nicht unter 20. Jahren,
zu 2 Leuten in Einfamilienhaus
per 15. September od. 1. Oktober
geſucht. Zu erfragen in der
Expedition ds. Blattes. (*5041df
Suche ält. Mädch.o. Wwezu einz.
Dame, a. and. Mädch. m. gut. Zeugn.
zu jg. Ehepaar. Johannette Weißmantel
gewerbsmäßige Stellenvermittlerin
Karlſtraße 30.
(*5044
Stellen finden: beſſ. Stütze, w.
koch. k., Köch., Alleinm., w. koch. k.,
zu einz. Dame u. 2 Leuten, Mädch.
in Geſchäftsh., Servierfrl., Zim.. Küchenm. ſof. u. ſp. für hier u.
ausw. Frau Minna Dingeldein, ge=
werbsmäßige
Stellenvermittlerin
Eliſabethenſtr. 5, Tel. 531. (*5042
Suche in gut. herrſchaftl. Häuſer
feine bürgerl. Köchinnen u. mehr.
Alleinmädch., welche koch. können,
in beſſ. Häuſ. hier u. ausw. Gertrude
Hartmann, gewerbsmäßige Stellenvermitt-
lerin
, Nieder-Ramstädterstr. 31. (*5059
Mädchen für tagsüber geſucht.
Frankfurterſtr. 21, part. (16624mdf

Papierarbeiterin
(16627
geſucht
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Darmſtadt, Rheinſtraße 23.
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Joh. H. Schultz, Cöln 146. (I,16002
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*4880mdf) Heinrichſtraße 66.
Agenten für D. R. G. M. geſ
P. O. Sahröder, Barmen-B. (I,16644


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eingeführten Vertreter
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Filialleiter gesucht.

Tüchtiger, ſolider Herr, einerlei welchen Berufs, findet ſichere
Exiſtenz bei etwa 45000 Mk. Einkommen durch Uebernahme unſeres
geſ. geſch. Artikels der Nahrungsmittelbranche im Alleinvertrieb.
Nachweislich bisher über zwei Millionen Packungen verkauft.
Erforderlich ſind Mk. 500. in bar. Näh. durch Herrn Lamprecht,
am Donnerstag, d. 7. er. von 101 Uhr in Darmstadt, Hotel Britannia.

Bekanntmachung.

Für das Elektrizitätswerk Ober=Ramſtadt wird zum ſofortigen
Eintritt ein Hilfsarbeiter geſucht. Kenntniſſe im Sauggasmotoren=
betriebe
erwünſcht. Meldungen bis ſpäteſtens Samstag, den
9. Auguſt 1913, an Großh. Bürgermeiſterei Ober=Ramſtadt.
Ober=Ramſtadt, den 6. Auguſt 1913.
(16665
Großh. Bürgermeiſterei Ober=Ramſtadt.
Rückert.

Selten günstige Gelevenheit
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Branchekenntniſſe durch die Ueber=
nahme
der Alleinvertretung für
hieſ. Bezirk mit dauernd hohem
Einkommen von eingeführter
Firma geboten. Eignet ſich auch
als Nebeneinkommen. Zur Ueber=
nahme
ſof. 400 Mk. bar nötig.
Offerten mit Angabe der näh.
Verhältniſſe unter Alleinvertretung
an die Annoncen-Expedition Frei-
(*4998
burg-Zähringen i. B. 331.
r

Zur Einführung
unſeres Spezial=Artikels ſuchen wir
per ſofort einen tücht. repräſentablen
Herrn
als Stadtreiſenden zum Beſuche
der Ladeninhaber ſowie beſten
Privatpublikums gegen feſtes Ge=
halt
und Proviſion. Schriftliche
Angebote ſind an Weber & Preuß,
Darmstadt, Schulſtr. 10 einzureich. (16653
Für jeden ehrlichen, fleißigen
Herrn bietet die Uebernahme
meiner Generalvertretung einen
bleibenden hohen, ſtets wieder=
kehrenden
Verdienſt, ca. 4000 Mar
pro Jahr. Erforderl. 3400 Mk.
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handel
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Frankfurt am Main.
Wir ſuchen per ſofort einen bei
Drogiſten u. Lebensmittelhändlern
eingeführten
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larzvertreien
gegen hohe Proviſion, event. Fixum.
Gefl. Off. u. G 3 an die Exp. (16652a

waahin
Maschmentabrin
ſucht zum 1. Oktober für Einkaufs=
büro
und Führung des Beſtell=
buches
jüngeren, militärfreien
Kaufmann mit ſchöner Handſchr.
aus der Eiſenbranche.
(16674
Bewerber, die flott ſtenograph.
und Maſchine ſchreiben, woll. An=
gebote
mit Zeugnisabſchriften unt.
15 an die Exp. einſenden.
Tücht. Mechaniker, z. Bedienung
v. Maſchinen geeignet, f. dauernd.
Stellung geſ. Off. m. Lohnanſpr.
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Tüchtige
ſelbſtändige Modellſchreiner
für dauernde Beſchäftig. geſucht.
Carl Schenck (16582md
Eisengiosserei u. Maschinenfabrik Darmstadt
Gesellschaft mit beschränkter Haftung.
op geſucht. Heidelberger=
Buiſcher ſtraße 25. (*5029df
Ein zuverläſſiger oge
60
Füheinecht ua
wird geſucht Wendelſtadtſtr. 45½.
ſofort
Laufjunge geſucht.
Näheres Expedition. (*5009
Saub. jg. Hausburſche
geſucht Jul. Strauß, Ochſen=
(16671
metzger, Holzſtraße 10.
Hieſiges Kolonialwaren=Engros=
Geſchäft ſucht zum baldigen Ein=
tritt
einen
(16622a
Lehrling
gegen ſteigende Vergütung. Off.
unt. F 88 an die Expd. d. Bl.
erbeten.

[ ][  ][ ]

An die Schulvorſtände der Landgemeinden des Kreiſes.

Trotz mehrfacher Warnungen durch die Behörden iſt der grobe und gefährliche
Unfug, nach vorüberfahrenden Fuhrwerken und Fahrzeugen, insbeſondere Auto=
mobilen
, mit Steinen zu werfen, noch nicht beſeitigt. Beſonders ſind die geſchloſſenen
Automobile dieſer Beläſtigung ausgeſetzz, und häufig dann, wenn die Inſaſſen mit
Rückſicht auf den Straßenverkehr durch die Ortſchaften langſam fahren.
Ebenſo ſind ſonſtige Beläſtigungen des Fuhrverkehrs, insbeſondere das
ſabſichtliche Stehenbleiben auf der Fahrbahn bei herannahenden Fahrzeugen,
das Anſchreien vorüberfahrender Fuhrwerke und Fahrzeuge, das Nachlaufen
und Anhängen an die Fuhrwerke ungehörig und oft ſehr gefährlich.
Dieſem Unweſen kann nur dann wirkſam geſteuert werden wenn ihm neben
den polizeilichen Behörden auch die Schulverwaltungsſtellen mit allem Nachdruck ent=
gegentreten
.
Wenn Schulkindern die Obhut kleiner Kinder anvertraut iſt, wie dies auf dem
Lande häufig vorkommt, ſo haben dieſelben ihr beſonderes Augenmerk darauf zu
richten, daß die Kinder von der Fahrbahn wegbleiben und daß ſie die Fahrbahn nur
dann überſchreiten, wenn keine Fuhrwerke, insbeſondere keine Kraftfahrzeuge, in der
Nähe ſind.
Wir empfehlen Ihnen daher wiederholt, mit allen Mitteln der Belehrung, der
Verwarnung und, ſofern erforderlich, der Beſtrafung auf die Schuliugend entſprechend
ſeinzuwirken und dabei namentlich auch daran zu erinnern, daß für etwa angerichteten
Schaden die Eltern im vollen Umfange aufzukommen haben würden, ebenſo wie die
Eltern auch, wie aus der nachſtehend abgedruckten Vorſchrift des Heſſiſchen Polizei=
ſtrafgeſetzes
hervorgeht, in Strafe genommen werden können.
Darmſtadt, den 1. Auguſt 1913.
Großherzogliche Kreisſchulkommiſſion Darmſtadt.
Fey.
Auszug aus Artikel 44 des Heſſiſchen Polizeiſtrafgeſetzes.
Wenn Eltern, Vormünder oder andere Perſonen, deren Obhut Kinder unter
12 Jahren oder ſonſtige unzurechnungsfähige Perſonen (§§ 51 und 55 des Deutſchen
Strafgeſetzbuchs) anvertraut ſind, es an der erforderlichen Aufſicht über dieſelben haben
fehlen laſſen und dieſe während der Zeit, wo ſie ohne ſolche Aufſicht waren, eine mit
Polizeiſtrafe bedrohte Handlung begangen haben, ſo werden die zur Beaufſichtigung
verpflichteten Perſonen beim erſten Fall polizeilich verwarnt, im Wiederholungsfalle
aber bis zu einem Dritteile der auf die Uebertretung ſelbſt geſetzten Strafe belegt.

An die Ortspolizeibehörden der Landgemeinden und die Gendarmerie
des Kreiſes.

Sie wollen nachdrücklich darauf achten, daß von den durch die Ortſchaften
fahrenden Kraftfahrzeugen die vorgeſchriebene Fahrgeſchwindigkeit (15 Kilometer
in der Stunde) nicht überſchritten wird. Bei Zuwiderhandlungen iſt das Kennzeichen
zu notieren und Anzeige zu erheben. Auch Pferdefuhrwerke dürfen durch die Ort=
ſchaften
nicht übermäßig ſchnell fahren.
In engen Ortsſtraßen, desgleichen beim Bergabfahren auf ſteilen Ortsſtraßen,
ſowie beim Ein= und Ausfahren in oder aus Höfen oder Häuſern und an Orten,
wo die Paſſage durch den Zuſammenfluß von Menſchen verengt wird, darf niemand
anders als im Schritt fahren oder reiten.
Darmſtadt, den 1. Auguſt 1913.
(16387sid
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
Fey.

Bekanntmachung.

Die nachſtehende Zuſammenſtellung der Schießtage auf dem Truppenübungs
platz bringen wir hierdurch zur allgemeinen Kenntnis.
(14797a
Darmſtadt, den 29. Juli 1913.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
J. V.: Dr. Reinhart.

Zuſammenſtellung der Schießtage auf dem Truppen=Aebungsplatz Darmſtadt
für die Zeit vom 2. bis 16. Auguſt 1913.

Die
Dauer der
Abſperrung Bemerkungen
Truppenteil
* Datum
Tag
Abſperrung
erſtreckt ſich
von bis
70 9
von
2. Aug. Samstag
g. 2
1 N.
5. Aug. Dienstag
Bis zum
Infanterie
7
5
10 N.
6. Aug. Mittwoch
-
Land=
und
80
9. Aug. Samstag
Kavallerie
graben
100T
11. Aug. Montag
100 V.
40 N.
46. Aug. Samstag

Bekanntmachung.

Nachſtehende Polizeiverordnung vom 26. Auguſt 1910 wird wiederholt veröffent=
licht
. Genaue Beachtung derſelben wird dringend empfohlen.
Darmſtadt, den 5. Auguſt 1913.
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
Fey.

Polizei=Verordnung
vom 26. Auguſt 1910.

Auf Grund des Art. 78 der Kreis= und Provinzialordnung wird unter Zu=
ſtimmung
des Kreisausſchuſſes und mit Genehmigung des Großherzoglichen Mini=
ſteriums
des Innern vom 23. Auguſt 1910 zu Nr. M. d. J. II 3715 für den Kreis
Darmſtadt folgendes verordnet:
§ 1. Der Zuzug fremdländiſcher Arbeiter, ihrer Frauen, Kinder und etwaigen
ſonſtigen Begleiter iſt vor der Ankunft unter Angabe ihrer Zahl der Ortspolizei=
behörde
des Beſchäftigungsortes von dem Arbeitgeber oder ſeinem Stellpertreter ſchriftlich
anzuzeigen. War die Anzeige vor der Ankunft nicht möglich, ſo iſt ſie ſofort bei dem
Eintreffen der obengenannten Perſonen an ihrem Beſtimmungsort, ſpäteſtens aber
binnen 24 Stunden darnach, der Ortspolizeibehörde zu erſtatten. Die Anzeige ſoll
Namen und Heimatſtaat der Zugezogenen enthalten.
Die Ortspolizeibehörde iſt zur ſofortigen Mitteilung an das Großh. Kreis=
geſundheitsamt
verpflichtet. Bei Krankheitsverdacht hat die Mitteilung telephoniſch
oder telegraphiſch zu geſchehen.
§ 2. Die Zugezogenen ſind verpflichtet, auf Ladung der Ortspolizeibehörde zur
Unterſuchung durch den Großh. Kreisarzt zu erſcheinen. Säumige werden polizeilich
vorgeführt. Der Arbeitgeber oder ſein Stellvertreter hat die für das Erſcheinen im
Unterſuchungstermin erforderliche Zeit zu gewähren.
Dieienigen Perſonen, die ſich über eine in den letzten zehn Jahren vorausge=
gangene
erfolgreiche Impfung oder über eine überſtandene Blatternerkrankung nicht
ausweiſen können, werden im Unterſuchungstermin geimpft. Der Unterſuchungstermin
ſoll in der Regel am Beſchäftigungsorte ſtattfinden, wenn nicht unverhätnismäßige
Koſten hierdurch entſtehen. Wer ſich der Impfung entzieht, oder ſich weigert, die
Impfung vornehmen zu laſſen, hat die ſofortige Ausweiſung aus dem Großherzogtum
zu gewärtigen.
In dem Termin werden die Zugezogenen gleichzeitig auf das Vorhandenſein der
ägyptiſchen Augenkrankheit hin unterſucht und die notwendigen Maßnahmen getroffen.
§ 3. Jeder Geimpfte muß in einem zweiten Termin dem Großh. Kreisarzt zur
Nachſchau vorgeſtellt werden, falls ein ſolcher beſtimmt wird. Die Vorſchrift des § 2
Abſ. 1. Satz 3 findet entſprechende Anwendung.
§ 4. In dem in § 2 erwähnten Unterſuchungstermin ſoll eine Namensliſte unter
Angabe der Geburtstage oder wenigſtens des ungefähren Alters der vorgeführten
Perſonen von dem Arbeitgeber oder deſſen Stellvertreter dem Großh. Kreisarzt vor=
gelegt
werden.
§ 5. Die Koſten der Unterſuchung und Impfung werden auf die Polizeikaſſe
übernommen.
§ 6. Die nach Art 89 des Polizeiſtrafgeſetzes vorgeſchriebenen Anmeldungen,
ſowie die nach anderen Beſtimmungen beſtehenden Verpflichtungen zur Anzeige des
Arbeitsantritts bleiben unberührt.
§ 7. Arbeitgeber oder deren Stellvertreter, welche die in §§ 13 dieſer Ver=
ordnung
angeordneten Aufſichtsmaßregeln verletzen, werden, ſofern nicht eine Be=
ſtrafung
aus § 327 des Reichsſtrafgeſetzbuches zu erfolgen hat, mit Geldſtrafe von
130 Mark beſtraft.
§ 8. Die vorſtehenden Vorſchriften treten mit dem Tag ihrer Veröffentlichung
im Amtsverkündigungsblatt in Kraft. Mit dem gleichen Tage iſt die Polizeiverordnung
vom 9. Juni 1908, betreffend das Auftreten von Blatternerkrankungen unter fremd=
ländiſchen
Arbeitern, aufgehoben.
(16640ds

Bekanntmachung.

Die Kreisſtraße von Darmſtadt nach Griesheim vom Abzweige des Weas nach
dem Truppenübungsplatze bis vor Griesheim (km 4,5 bis 5,5) iſt wegen Ausführung
von Kleinpflaſter von Mittwoch, den 6. Auguſt d. Js. ab auf ca. 3 Wochen
für ſämtliches Fuhrwerk (Geſpanne, Automobile, Motorräder uſw.) geſperrt.
Der Durchgangsverkehr hat während der Dauer der Kleinpflaſterherſtellung den
aufgeſtellten Tafeln entſprechend zu erfolgen.
Zuwiderhandlungen gegen vorſtehende Anordnungen ſind nach § 2 der Polizei=
verordnung
vom 12. Februar 1908 ſtrafbar.
Darmſtadt, den 28. Juli 1913.
(16261a
Großherzogliches Kreisamt Darmſtadt.
Fey.

Amtliche Nachrichten des Großh. Polizeiamts Darmſtadt.

Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde: In polizei=
licher
Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 1 Spitzhund (ugelaufen). Die Hunde können von den
Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt werden. Die Ver=
ſteigerung
der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werktag,
(16642
vormittags 10 Uhr, ſtatt.

Bekanntmachung.

Betreffend: Wochenmarkt.
Der Wochenmarkt iſt auf den alten Schlachthofplatz ausge=
dehnt
worden.
Die Anfahrt der Marktfuhrwerke zum Schiller= und alten
Schlachthofplatz hat von der Alexanderſtraße und dem Schloßgraben
her zu geſchehen.
Darmſtadt, den 4. Auguſt 1913.
(16641
Großherzogliches Polizeiamt Darmſtadt.
Gennes.

*11
Verſteigerungs-Anzeige.

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Vorhängeringe (Meſſing) pp.;
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1 Büfett, 5 Vertikos, 4 Kommoden, 2 Waſchtiſche, 3 Schreib=
tiſche
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1 Partie Kokos= und Ledermatten, 1 Partie Teppiche und
Läufer, 4 Fahrräder, 1 Landauer, 1 Viktoriawagen uſw.
Darmſtadt. den 6. Auguſt 1913.
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Thüre, Großh. Gerichtsvollzieher,
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Liebigs=und die Großh. Ludwigs=
Oberrealſchule, die Vorſchule der
Großh. Gymnaſien, die Vik=
toriaſchule
und das Lehrerinnen=
ſeminar
, die Eleonoren= und
Frauenſchule, ſowie die Mittel=
ſchulen
für das III. Kalender=
vierteljahr
1913 iſt bei Mei=
dung
des Beitreibungsverfahrens
bis Ende lfd. Mts. an den
Werktagen, vormittags von 8 bis
12½ Uhr, hierher zu entrichten.
Darmſtadt, 4. Auguſt 1913.
Die Stadtkaſſe.
Koch.
(16661a

Bekanntmachung.

Donnerstag, 18. Sept. 1913,
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delbergerſtr
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VI 184 33 Grasgarten Hei=
delbergerſtraße
,
VI 185 163 Hofreite Heidel=
bergerſtr
. Nr. 100,
in unſerem Geſchäftszimmer, Witt=
mannſtraße
1, zwangsweiſe ver=
ſteigert
werden.
Darmſtadt, 5. Auguſt 1913.
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1 Rohrſtuhl, 1 Klavierſtuhl und andere Stühle, 1 Bücher=
ſchrank
, 1 Herrenſchreibtiſch, 2 Damenſchreibtiſche, 1 Kom=
mode
, 1 Flurgarderobe, verſchiedene Tiſche, 1 Gartenbank,
2 Stühle dazu, ein= und zweitürige Kleiderſchränke, 4 Betten
und 1 Kinderbett, 1 Feldbett, 1 Nähmaſchine, 1 Nähtiſch,
1 Meſſingſäule mit Kaiſer=Büſte, 1 Meſſingſtänder, Etagere,
2 antike Standleuchter, Teppiche, Vorhänge, Spiegel und
Bilder, eine ganze Kücheneinrichtung, 1 Küchenherd, 1 Gas=
und 1 Petroleumofen, 1 Eisſchrank, verſchiedenes Kinder=
ſpielzeug
, Puppenküche mit Herd ꝛc., Waſchbütten, Waſch=
böcke
und eine große Anzahl kleine Gebrauchsgegenſtände,
1 Handdruckpreſſe, verſch. Fl. Gärtnertinktur, ferner 2eiſerne
Betſtellen ſchwarz lackiert) mit Meſſingbeſchlag nebſt Ma=
tratzen
, 2 aroße Spiegel, 1 Paravent, 3 St. Läuferſtoff,
1 Damen=Fahrrad (Opel) mit Freilauf ꝛc.
Die Verſteigerung findet an den Meiſtbietenden gegen bare
Zahlung ſtatt.
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Darmſtadt, den 5. Auguſt 1913.
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Mühlſtraße 62, am Kapellplatz.

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Wie wir vergeben unſern
Schuldigern
Roman von E. Krickeberg.
(Nachdruck verboten.)
14

Was wollen Sie, meinte Brigitte harmlos, es gibt
viele Geſanglehrerinnen, die keine Stunde unter 20 Mark
geben. Ich fühle mich ordentlich bedrückt, Ihnen nur ſo
wenig bieten zu können.
Ich bin auch keine Berühmtheit wie jene, ſondern nur
eine ganz beſcheidene kleine Geſanglehrerin, und ich
würde mir wie eine Betrügerin vorkommen, wenn ich Sie
für die Ausbildung einer mittelmäßigen Stimme, die
verzeihen Sie mir die Aufrichtigkeit, einen ſolchen Auf=
wand
nicht lohnt, ſo viel Geld bezahlen laſſen wollte.
Ich bitte Sie, machen Sie ſich darüber keine Gedan=
ken
. Ich nehme auf den ausdrücklichen Wunſch eines rei=
chen
Verwandten und auf ſeine Koſten Geſangſtunden,
und wenn ich mich nicht ſcheue, ihn für mich bezahlen zu
laſſen, wie dürften Sie ſich da ſträuben, ein redlich ver=
dientes
Honorar anzunehmen? Im übrigen ſind wir durch
Freundſchaft verbunden.
Doch Freundſchaft bezahlt man nicht!
Aber man wägt ſie auch nicht ab. Sie nehmen alles
viel zu ernſt, Frau von Drewensberg.
Sie nahm wirklich alles ernſt; und als Hartkopf am
Abend erſchien, konnte ſie ſich nicht enthalten, ihrem Her=
zen
Luft zu machen.
Wie faſſen Sie die Sache auf? fragte ſie ihn, mir er=
ſcheint
ſie etwas rätſelhaft und ſie iſt mir fatal.
Wie ich ſie auffaſſe? Lediglich vom praktiſchen Stand=
punkt
. Brauchen Sie das Honorar?
Das wiſſen Sie ſo gut wie ich. Die Sommermonate
fallen ja leider faſt ganz aus, da verreiſt alles und denkt

nicht an Stundennehmen und ſeitdem mir der Verdienſt
vom Kartenmalen fehlt . .. ſie hielt erſchrocken inne. Das
ſollte Hartkopf ja nicht erfahren, aber er ſchien nicht ſon=
derlich
erſtaunt und ſagte leichthin:
Sie malen nicht mehr? Gott ſei dank, daß dieſe Tier=
quälerei
aufgehört hat!
Das ſagen Sie .
Ja, das ſage ich! Wenn Sie abends müde und abge=
rackert
genug waren, um der Wohltat des Schlummers
dringend zu bedürfen, ſaßen Sie noch ſtundenlang auf,
pinſelten und ſtrichelten und verdarben ſich Bruſt und
Augen. So nehmen Sie alſo die neue Einnahme als Er=
ſatz
für den Ausfall der alten dankbar an.
Aber Leiſtung und Gegenleiſtung ſtehen in keinem Ver=
hältnis
zueinander.
Pah! Wie können Sie wiſſen, welchen Wert die Stun=
den
für die Dame haben.
Sie iſt ja ganz talentlos.
Was geht das Sie an? Uebrigens pflegt man
allenfalls hervorragend talentierten Schülern ein billigeres
Honorar abzuverlangen, nicht aber Unbegabten, mit denen
man doppelte Mühe hat.
Das kann mir alles nicht das Unbehagen des Gedan=
kens
hinwegdiſputieren, daß ich das junge Mädchen über=
vorteile
.
Das können Sie am beſten loswerden, wenn Sie an
Ihre berühmten Kolleginnen denken, die ohne Skrupel
einen Doppelgoldfuchs für die Stunde nehmen. Sie haben
eine beſſere Stimme und eine ebenſo gute Schule wie die,
warum alſo ſein Licht unter den Scheffel ſtellen?
Wie war das doch, meinte Anita lächelnd wem
verdanke ich doch gleich dieſe gute Schule? Er hat gewiß
eine Stange Gold geerntet, als er ſie mir beibrachte?
Nonſens, brummte der Alte, einem Abſterbenden neues
Leben, einem nutzloſen Daſein Zweck und Ziel geben kann

allerdings nicht durch ein paar Geſangſtunden wett ge=
macht
werden. Aber vorläufig bin ich ja noch da, und
am Ende trage ich meine Schuld an Sie doch noch ein=
mal
ab.
Väterchen, Sie ſind der größte Sophiſt, den ich kenne!
Sie drehen einem das Wort im Munde um. Wenn ich
nicht ſo genau Beſcheid mit Ihnen wüßte, müßte ich jetzt
ernſtlich böſe ſein.
Laſſen Sie lieber Ihren Zorn über das famoſe Gold=
fiſchchen
ausſtrömen! Schaffen Sie ſich den Qußlgeiſt vom
Halſe, Sie können jetzt die Stunden entbehren.
Ich werde doch nicht ſo leichtſinnig ſein! Brigitte
von Steltz wird nicht ewig Stunden nehmen.
Der immer Zögernde kommt nie zum Ziel, replizierte
der Alte. Ich werde mir das Fiſchchen angeln.
Er kannte die junge Dame, und als ſie das nächſtemal
zur Stunde kam, fand ſich richtig auch Hartkopf ein. Er
wußte es diplomatiſch durch teilnahmsvolles Fragen nach
dem Befinden der Stimme des gnädigen Fräuleins, die
kürzlich etwas heiſer geklungen habe, und allerhand haar=
ſträubende
Erzählungen von den Folgen der Ueberan=
ſtrengung
der Stimmbänder dahin zu bringen, daß das
Goldprinzeßchen ſelber fand, eine Schonung tue ihrem
koſtbaren Organ dringend not, und die Stunde abſagte.
Das iſt gut, triumphierte Harto, jetzt ſind Sie die
Zwickmühle Ihres Lebens los und können endlich befreit
aufatmen, notabene, wenn Sie den guten Willen dazu
haben.
Anita ſeufzte tief auf, und ihr Blick flog trübe zu dem
Bilde des Gatten hinüber.
Was kann mir das Leben noch ſein, Vater Harto?
Ein bißchen ſchwerer, ein bißchen leichter zu tragen
ein bißchen enger, ein bißchen weiter der Raum es
iſt alles eins!

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6. Kapitel.
Heini und Fräulein Brigitte von Steltzchen waren
ſchnell die beſten Freunde geworden. Nachdem ſich die
beiden Frauen etwas nähergetreten waren, fragte Bri=
gitte
eines Tages, auf Heinis Photographie zeigend: Wer
iſt der ſüße Bub dort?
Mein Söhnchen, erwiderte Anita voll Mutterſtolz.
O, den jungen Herrn möchte ich kennen lernen. Er
ſieht aus wie ein richtiger kleiner Strolch. Und ſie
brauchte nicht auf die Bekanntſchaft zu warten. Noch am
ſelben Tage öffnete ſich während der Stunde die Tür zum
Nebenzimmer ganz ſacht, und Heinis Krauskopf ſchob ſich
vorſichtig durch den Spalt. Wenn ſich ſeine Mama nach
ſeiner Meinung gar zu lange nicht um ihn kümmerte, ſo
pflegte er ihr ſeine Anweſenheit auf dieſe beſcheidene Art
kundzutun.
Nun, komm nur herein, Du Spitzbube! ermunterte
ihn heute gegen ihre Gewohnheit die Mutter; ſonſt pflegte
ſie ihm nur verſtohlen zuzunicken. Fräulein von Steltz
wünſcht Deine werte Bekanntſchaft zu machen.
Heini kam, machte ſeine vorſchriftsmäßige Verbeu=
gung
, ließ ſich gnädig bewundern und ſtreicheln und
meinte dann mit einem Ton der größten Selbſtverſtänd=
lichkeit
: Nun könnt Ihr weiter ſingen, Heini wird ein
bißchen Bilder anſehen. Und ohne Umſtände erkletterte
er einen Seſſel am Tiſch, zog ſich ein Album heran und
hatte ſich gleich darauf höchſt verſtändig in das Betrachten
der Photographien vertieft.
Er wird von allen verwöhnt, das iſt nicht gut,
meinte Anita mit einem Seufzer, und ich ſelber bin nicht
ſtreng genug mit ihm, er iſt ja mein alles.
Manches Kind läßt ſich beſſer durch Güte als durch
Strenge erziehen, und der kleine Strolch mit ſeinem ſon=
nigen
Geſichtchen ſieht mir ganz danach aus, als ob er
viel Liebe brauchen könnte.

Anita ſchüttelte den Kopf. Es iſt nicht gut, wenn
ein Knabe zu ſehr vor den Rauheiten des Lebens behütet
wird . . . und beſonders Heini. Seine Zukunft iſt nicht
ſonnig, er wird ſich ſeine Stellung erkämpfen müſſen.
Dazu gehören Feſtigkeit und Kraft.
Vielleicht erſchmeichelt er ſie ſich auch. Ob wohl
irgendjemand dieſem kleinen Schelm etwas abſchlagen
kann?
Er wird hoffentlich niemals dieſe Methode erproben
ſie iſt ſo niedrig! ſagte Anita ablenkend. Das Geſpräch
hatte eine Wendung genommen, die ihr nicht behagte.
Singe doch, rief Heini vom Tiſch her, aber nicht Ton=
leiter
, weißt du!
Du ſcheinſt ja ein perfekter Geſangsverſtändiger zu
ſein, kleiner Mann! Was ſoll ich denn ſingen?
Mein Schatz iſt ein Reiter, ein Reiter muß er ſein,
oder: Wenn die Schwalben wiederkommen.
Heini, rief die Mutter erſtaunt. Woher haſt Du denn
dieſe Lieder?
Die Mutter Müllern ſingt ſie mir immer vor.
Brigitte ſchien die Sache großen Spaß zu machen.
Weißt Du kein anderes Lied? Die gewünſchten kenne ich
leider nicht.
Heini war indigniert. So ſinge: O Tannebaum, o
Tannebaum, haſt Du mal ſchöne Blätter.
Und Fräulein von Steltz ſang den Tannenbaum.
Das war nicht richtig, erklärte Heini, Du haſt den
Rupprecht vergeſſen! Mutti, ſag doch der Tante, wie es
heißt.
Das mußt Du tun, ich kenne Deinen Text auch nicht.
Andermal, meinte Heini. Hab jetzt keine Zeit! Und
er blätterte weiter in ſeinem Album. Auf einmal rief er:
Mutti, Mutti, hier iſt Onkelchen Eberhardt ſieh
doch, Onkel Eberhardtchen!
Aus Anitas Geſicht wich alle Farbe. Dummes Kind!
brachte ſie mühſam hervor, das iſt ja Dein Papa!

Darf ich das Bild anſehen? fragte Fräulein von
Steltz. Und dann ſtand ſie neben Heini. Ihre Backe an
ſeinen Krauskopf lehnend, beugte ſie ſich über das Bild
und vertiefte ſich in die Betrachtung. Als ſie ſich auf=
richtete
, war ſie ganz heiß vom Bücken.
Der Ausdruck iſt ganz anders als auf dem Gemälde,
ſagte ſie. Ihr Gatte ſcheint hier noch jünger geweſen zu
ſein als dort.
Die Aufnahme ſtammt aus ſeiner Adjutantenzeit am
erbprinzlichen Hofe. Das war vor etwa zehn Jahren.
Damals kannten Sie ſich ſchon? Waren auch ſchon
verlobt?
Das iſt erſt einige Jahre darauf geſchehen. Es klang=
einſilbig
, ablehnend.
Brigitte ſtrich ſich langſam mit der Hand über Stirn
und Augen. Die natürliche Farbe kehrte in ihr Geſicht
zurück, und der Ton kam ihr freier aus der Bruſt, als
ſie ablenkend fragte: Und wer iſt denn der Onkel Eber=
hardt
?
Der Bruder meines Mannes. Er ſieht ihm ſehr ähn=
lich
, und ich fürchte, Heini verwechſelt den eigenen Vater
bereits mit dem Onkel. Es iſt zu ſchmerzlich, daß Kinder
ſo leicht vergeſſen.
Es iſt ein Glück, ſagte Brigitte. Wenn man ſchon in
ſo jungen Jahren anfangen wollte, ſeine Erinnerung mit
unvergeßlichen Schmerzen zu belaſten, würde man ja
ſchließlich der Bürde erliegen müſſen. Im ſpäteren Le=
ben
iſt das Vergeſſen ohnehin ſo unendlich ſchwer.
Warum quält man ſich, dann damit, vergeſſen zu
wollen? Die Erinnerungen feſthalten, iſt das Kennzeichen
eines Menſchen von Charakter.
Da zeigt ſich wieder die Verſchiedenheit unſerer Na=
turen
. Ich meine gerade, es iſt das Zeichen eines charak=
tervollen
Menſchen, vergeſſen zu können, wo es ſein muß.
(Fortſetzung folgt.)

[ ][  ][ ]

Man tut gut, ſich von
Zeit zu Zeit daran zu
erinnern, daß von all den
Maßnahmen, die der mo=
derne
Menſch zur Ge=
ſunderhaltung
ſeines Kör=
pers
vornehmen muß, die

richtige Pflege der Zähne beinahe die wichtigſte iſt. Wenige
ahnen, daß ſchadhafte Zähne nicht nur unſer Wohlbefin=
den
erheblich beeinträchtigen, ſondern neue Unter=
ſuchungen
haben das in überraſchender Weiſe bewieſen
häufig den Ausgangspunkt mannigfachſter Krankheiten
bilden können, deren Urſache oft rätſelhaft blieb. Als
richtig kann eine Zahnpflege nur dann bezeichnet werden,
wenn die zahnzerſtörenden Gärungs= und Fäulniserreger,
die ſich im Munde täglich neu bilden, auch täglich un=
ſchädlich
gemacht werden. Das iſt nur zu erreichen
durch den täglichen Gebrauch eines antiſeptiſchen Zahn=
pflegemittels
.
Die Wirkungsweiſe des Odols iſt eine ganz eigen=
artige
. Während andere Mund= und Zahnreinigungs=
mittel
, ſoweit ſie für die tägliche Zahnpflege überhaupt
in Betracht kommen, lediglich während der wenigen Se=
kunden
der Mundreinigung ihre Wirkung ausüben, wirkt
das Odol noch ſtundenlang, nachdem man ſich die Zähne
geputzt hat, nach. Dieſe einzigartige Dauerwirkung iſt
aller Wahrſcheinlichkeit nach darauf zurückzuführen, daß
ſich das Odol beim Mundſpülen förmlich in die Zähne
und die Mundſchleimhäute einſaugt, dieſe gewiſſermaßen
imprägniert und ſo gleichſam einen antiſeptiſchen Vorrat
hinterläßt, der noch ſtundenlang den zahnzerſtörenden
Fäulnis= und Gärungsprozeſſen entgegenwirkt. (I,15950

Sport, Spiel und Turnen.

* Kegeln. Man ſchreibt uns: Noch wenige Tage
trennen uns von einem großen ſportlichen Feſt, das in
Frankfurts Mauern abgehalten wird. Die Kegler
werden ſich in ſtolzer Zahl, aus faſt allen Gauen Deutſch=
lands
in den Tagen vom 9. bis 13. ds. Mts., auf dem
Feſthallengelände ein Rendezvous geben. Dem feſtlichen
Eröffnungskommers am 9. ds. Mts. abends, folgt am
Sonntag die prächtige Bannerwagenfahrt, die folgende
Straßen paſſiert: Gartenſtraße, Schifferſtraße, Dreieich=
ſtraße
. Langeſtraße, Zeil. Große Bockenheimerſtraße,
Goetheſtraße, Kaiſerſtraße, nach dem Feſtplatz. Der Ab=
marſch
des Zuges iſt auf 12 Uhr in Sachſenhauſen feſtge=
ſetzt
. Das Preiskegeln iſt an allen Feſttagen. Nahezu 100
Ehrenpreiſe ſtehen zur Verfügung. Auf dem Feſtplatz
ſelbſt wird ſich ein rechtes fröhliches Leben und Treiben
entwickeln, da für Volksbeluſtigungen aller Art geſorgt iſt.
Die Teilnahme am Feſt wird aus allen Kreiſen der Bür=
gerſchaft
eine außerordentlich rege ſein
* Automobilrennen. Der Grand Prix von Frankreich
und der Pokal der Sarthe kam heute bei trübem Wetter
zum Austrag. Achtzehn Wagen nahmen daran teil. Sie=
ger
iſt Bablot auf Delage, der 540 Kilometer in 4 Stun=
den
, 21 Minuten und 50 Sekunden durchlief, womit er
die Weltmeiſterſchaft errang. Zweiter war Guyot auf
Delage in 44 Stunden, 26 Minuten und 30 Sekunden, Drit=
ter
Salzer auf Mercedes in 4 Stunden, 34 Minuten
und 52 Sekunden.
sr. Leichtathletik. Deutſche Siege bei den
Oeſtſerreichiſchen Leichtathlleitik= Meiſter=
ſchaften
. Die deutſche Leichtathletik hat bei den öſter=
reichiſchen
Landesmeiſterſchaften einen großen Erfolg zu
verzeichnen, da es den deutſchen Teilnehmern gelang, von
den zehn zum Austrag gebrachten Meiſterſchaften die
Hälfte auf ihr Konto zu bringen. Rau gewann die 200
Meter= und Skowronnek die 400 Meter=Meiſterſchaft. Den
Hochſprung belegte der Hochſpringer Paſemann=Berlin
und Halt=München ſiegte in der Fünf= und Zehnkampf=
Meiſterſchaft.

Luftfahrt.

Der deutſche Aviatiker Schüler der mit
Reg.=Baumeiſter Auſt als Paſſagier auf einem Ago= Dop=
peldecker
von Berlin aus über Chemnitz nach Wien ge=
flogen
war und die Abſicht hatte von dort aus nach der
Marine=Fliegerſtation Putzig zurückzufliegen, ſtartete am
Dienstag früh 10 Min. nach 6 Uhr auf dem Wiener Flug=
felde
Aſpern. Aber bereits nach einem Fluge von 40 Mi=
nuten
ſah ſich Schüler infolge dichten Nebels gezwungen,

niederzugehen. Er landete bei Straßhof. Da das Wet=
ter
ſich ſehr ungünſtig geſtaltete, gab Schüler den Weiter=
flug
auf. Er läßt ſeinen Apparat nach Berlin verladen.
sr. Im Wettbewerb um den Michelin=
Pokal hat der franzöſiſche Aviatiker Cavelier ſeinen
Flug weiter fortgeſetzt und ſeine Geſamt=Kilometerleiſtung
nunmehr auf 5969,920 Kilometer erhöht.

Handel und Verkehr.

* Das Reichspoſtamt und die Barfran=
kierung
. Verſchiedene Kreiſe des Handels und der In=
duſtrie
und beſonders die Organiſationen des Hanſa=
Bundes in den Hanſa=Städten hatten ſich an den Hanſa=
Bund mit dem Erſuchen gewandt, ihre Wünſche auf Ein=
führung
der Barfrankierung von Maſſenſendungen an
maßgeblicher Stelle geltend zu machen. Das Reichspoſt=
amt
hatte darauf mitgeteilt daß zunächſt fünf Maſchinen
aufgeſtellt ſeien und daß weitere Verſuche gemacht würden
Nunmehr teilt das Reichspoſtamt mit, daß die bis jetzt
aufgeſtellten Maſchinen ſich gut bewährt hätten, ſo daß ſich
die Poſtverwaltung veranlaßt geſehen habe, neue Liefe=
rungsverträge
, auch andern Syſtems, abzuſchließen
Wenn die Verſuche ebenſo zufriedenſtellend wie die bis=
herigen
ausfallen, dürfte die Barfrankierung von Maſſen=
ſendungen
bald überall zugelaſſen werden.
* Die Telephon=Verbindung England=
Deutſchland. Die ſeit langem in Ausſicht geſtellte
telephoniſche Verbindung zwiſchen England und Deutſch=
land
dürfte in allernächſter Zeit eingerichtet werden. Das
Poſtminiſterium hat nach langen Verſuchen den Auftrag
zur Herſtellung des Kabels gegeben, das in dieſem Falle
von einer ganz beſonderen Beſchaffenheit in techniſcher Be=
ziehung
ſein ſoll. Der erſte Plan, nur bis Holland das
Kabel zu legen, um von dort umzuſchalten, falls nach
Deutſchland geſprochen werden ſollte, iſt aufgegeben wor=
den
. Das Kabel ſoll direkt nach der deutſchen Küſte,
wahrſcheinlich nach Emden oder nach Hamburg gelegt
werden. Sämtliche bisher errungenen techniſchen Fort=
ſchritte
ſollen auf dieſer Verbindung, der man in der
engliſchen Preſſe mit Recht eine große Zukunft voraus=
ſagt
, zur Anwendung kommen. Der deutſche Endpunkt der
Verbindung ſoll Berlin ſein, von wo aus die weiteren An=
ſchlüſſe
hergeſtellt werden ſollen. Das erſte Geſpräch zwi=
ſchen
Deutſchland und England fand bekanntlich im März
vorigen Jahres ſtatt, wobei allerdings nicht weniger als
fünf verſchiedene Verbindungen hergeſtellt werden mußten.
Die Pläne für das neue Kabel ſind nach verſchiedenen
Beſprechungen mit Vertretern der deutſchen Poſtverwal=
tung
fertiggeſtellt worden; mit ihrer Ausführung ſoll in
dieſen Tagen begonnen werden.

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