Darmstädter Tagblatt 1912


03. Mai 1912

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Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 18 Seiten.

Das Neueſte vom Tage.

Die Budgebkommiſſion des Reichstags
nahm den § 3 des Militärgeſetzes, betr. die
Bildung von 25 Armeekorps, an.
Die Mittwochsſitzung der bayeriſchen Ab=
geordnetenkammer
wurde wegen Lärmſzenen
vom Präſidenten geſchloſſen.
Das ſpaniſche Parlament wurde am Mittwoch
wieder eröffnet.
Der griechiſche Miniſterpräſident Veni=
zelos
iſt geſtern zum Beſuch des deutſchen Kaiſers
auf Korfu eingetroffen.
Der türkiſche Miniſterrat beſchloß, die Durch=
fahrt
durch die Dardanellen unter Vorbehalt
wieder zu eröffnen.
Bei dem Untergang des Dampfers Texas
ſind 69 Perſonen ums Leben gekommen
Der türkiſche Schlepper Semendria geriet
in den Dardanellen auf eine Mine und flog in die
Luft. Der Kaßitän und 12 Matroſen ertranken.

Die Gefahr der Seeminen.

** Die Zerſtörung des amerikaniſchen Handelsdamp=
fers
Texas durch Auffahren auf eine Seemine unmittel=
bar
nach dem Verlaſſen des Hafens von Smyrna lenkt
die Aufmerkſamkeit erneut auf die eminente Gefahr, wel=
cher
die Handelsſchiffahrt durch das Legen von Seeminen.
ſeitens Kriegführender ausgeſetzt iſt. Man wird ſich er=
innern
, daß noch lange Zeit nach Beendigung des letzten
oſtaſiatiſchen Krieges ſolche Minen aufgefunden wurden,
durch die der Seehandel in jener Gegend ſtetig bedroht
geweſen war, und daß man es nur dem Zufall zu verdan=
ken
gehabt hatte, wenn größeres Unheil ausblieb. Ge=
genwärtig
iſt die Frage der Seeminen beſonders aktuell
geworden durch die Sperrung der Straße der Dardanel=
len
. Die Türkei hatte ſich bisher geweigert, der Aufhe=
bung
der Sperre ſtattzugeben, denn ſie würde dadurch even=
tuell
den Italienern den Weg nach Konſtantinopel öffnen,
und das kann ihr nicht zugemutet werden.
Die Frage der Sceminen iſt eine ſehr heikle. Sie ſtand
auch auf der letzten Haager Konferenz auf der Ta=
gesordnung
, aber ſie blieb nnentſchieden weil die Meinun=
gen
auseinandergingen und die Sachlage für zu wenig
geklärt erachtet wurde. Deutſchland hatte vergeblich
ein völliges Verbot der Legung von Treibminen auf fünf
Jahre behufs möglichſter Sicherung einer friedlichen
Schiffahrt beantragt, dagegen hielt es daran feſt, daß das
Legen von Minen zu dem einzigen Zwecke, den Handel
zu ſtören, verboten ſein müſſe. Dem Verbote des Legens
von Minen überhaupt glaubte Deutſchland nicht zuſtim=
men
zu können, aber ſein Vertreter auf der Konferenz er=
klärte
, nur aus zwingenden Gründen militäriſcher Na=
tur
werde das Kriegsmittel der Minen Anwendung fin=
den
. Die militäriſchen Akte ſeien nicht allein von inter=
nationalen
Rechtsſätzen, ſondern auch von zwingenden
militäriſchen Rückſichten beherrſcht, aber die deutſchen See=
offiziere
würden niemals die Pflichten verletzen, welche
ihnen die Humanität auferlege. Die gewiſſenhafte Erfül=
lung
dieſer Pflicht ſei der ſicherſte Schutz gegen Mißbrauch.
Ohne Zweifel wird die Minenfrage auf der nächſten
Haager Konferenz aufs neue zur Debatte ſtehen; ob aber
bis dahin eine Klärung der Anſichten erfolgt ſein wird,
iſt ſehr ungewiß, da kriegführende Staaten die Waffe der
Mine vorläufig wohlekaum entbehren zu können glanben.

Die Löſung der Kriſe in der National=
lberalen
Partei.

* Wie die Kölniſche Zeitung ſchon nach einer Notiz
der Nationalliberalen Korreſpondenz berichtelt haſt, iſt
man in einer Freien Konferenz zu einer Eini=
gung
über die Streitigkeiten in der Natio=
nalliberralen
Partei gekommen. Ueber den In=
halt
des Kompromiſſes haben einige Blätter ſchon Mit=
teilungen
gebracht, die im weſentlichen zutreffend ſind.
Danach läuft der Vorſchlag darauf hinaus, daß der
Reichsverband der nationalliberalen Ju=
gend
beſtehen bleibt, freilich aus dem Gefüge des natio=
nalliberalsn
Parteigebäudes ausſcheidet. Damit wird
den im Zentralvotſtand geäußerten Wünſchen ſoweit wie
möglich Folge geleiſtet. Der Reichsverband wird in Zu=

kunft den Zuſammenhang mit der Partei durch die An=
gliederung
der einzelnen jungliberalen Vereine an die
Provinzial= und Landesorganiſationen behalten. Durch
dieſe Angehörigkeit iſt dann auch der jungliberale Ein=
fluß
in der Zentralinſtanz der Partei genügend verbürgt.
Dieſe Regelung, die ſowohl die Rechte wie die Linke be=
friedigen
muß, bedeutet eine Löſung. Und es war wohl
zu verſtehen, daß von vielen Seiten die Anregung kam,
den auf den 12. Mai anberaumten Vertretertag zu ver=
ſchieben
, da die Löſung bereits gefunden ſei. Wie die
Köln. Ztg. hört, hat man ſich aber nicht dieſer Anregung
angeſchloſſen. Eine offene Ausſprache über die Streit=
fragen
in der Partei vor der Oeffentlichkeit iſt auch, nach=
dem
die akute Kriſis glücklich beſeitigt iſt, für nötig be=
funden
worden. Und ſo wird der Vertretertag am 12.
Mai ſtatfinden.
Die am Sonntag, den 28. April in Frankfurt a. M.
abgehaltene Vorſtandsſitzung des Reichsverban=
des
der Vereine der nationalliberalen
Jugend beſchäftigte ſich mit dieſer von der Freien
Kommiſſion vorgeſchlagenen Abänderung der Satzungen
der Nationalliberalen Partei, ſoweit ſie die Stellung der
Jugendvereine innerhalb der Organiſation der Partei
betreffen. Nach ausgiebiger Ausſprache beſchloß der
Vorſtand des Reichsverbandes, dem auf den 11. Mai
nach Berlin einzuberufenden Vertretertag der national=
liberalen
Jugend vorzuſchlagen, ſeinen Vertretern auf
dem allgemeinen Parteitag zu empfehlen, für den An=
trag
der ſog. Freien Kommiſſion einzutreten unter den
folgenden Vorausſetzungen:
1. Der allgemeine Parteitag findet an dem feſtge=
ſetzten
Termin, am 12. Mai, ſtatt. 2. Der Zentralvor=
ſtand
der Partei empfiehlt den Kommiſſionsantrag als
den ſeinigen unter Aufhebung ſeines Beſchluſſes vom 24.
März. 3. Die Begründung, die dem Parteitag für den
Kommiſſionsantrag gegeben wird, wird vorher feſtgelegt.
Sie muß die Feſtſtellung enthalten, daß das Beſtehen des
Reichsverbandes der nckionallibexalen Jugend, wenn
auch ohne beſondere Vertretung in dee Parkei, für die
Zukunft gewährleiſtet wird. 4. Der Vorſitzende des ge=
ſchäftsführenden
Ausſchuſſes, Geh. Rat Friedberg, ſchlägt
Dr. Fiſcher dem Zentralvorſtand zur Zuwahl in den ge=
ſchäftsführenden
Ausſchuß vor.

Deutſches Reich.

Die Miliitärvorlage. Die Budgetkom=
miſſion
des Reichstages nahm mit den Stimmen aller
bürgerlichen Parteien den neuen § 3 des Militärgeſetzes
an, wonach die geſamte Heeresmacht des Deutſchen Rei=
ches
aus 25 Armeekorps beſteht (bisher 23).
Die neue Schiffahrtskonferenz, die
aus Anlaß der Titanic=Kataſtrophe von der deutſchen
Reglerung den übrigen ſeefahrenden Nationen vorge=
ſchlagen
wurde, wird vorausſichtlich im Frühherbſt die=
ſes
Jahres in Berlin zuſammentreten. Da der Kon=
ferenzvorſchlag
von Deutſchland ſtammt, wird aus Grün=
den
internationaler Höflichkeit Berlin gewählt werden.
Das Reichsamt des Innern wird daher in erſter Linie
berufen ſein, das Programm der Konferenz zu entwer=
fen
und den anderen Staaten entſprechende Vorſchläge
zu machen.
Die Ueberſchüſſe der Reichspoſt= und
Reichseiſenbahnverwaltung. Nachdem nun=
mehr
auch das Ergebnis der Einnahmen aus den beiden
Betriebsverwaltungen des Reiches für den Monat März
dieſes Jahres endgültig vorliegt, ſtellt ſich heraus, daß
der früher auf 25 Millionen geſchätzte Ueberſchuß der
Reichspoſt= und Eiſenbahnverwaltung ſich noch günſtiger
ſtellt, er beträgt 31,5 Millionen Mark.
In der bayeriſchen Abgeordntten=
kammer
gab Miniſterpräſident Frhr. v. Hertling die
ſchon kurz mitgeteilte Erklärung über den Jeſuitenerlaß
ab. Er führte noch hierzu aus:
Für die bayeriſche Regierung war bei dem Uebergang
zu einem milderen Vollzug die Erwägung beſtimmend,
daß in dem allgemeinen Uirteil über den Jeſuitenorden
ſeit dem Erlaß des Reichsgeſetzes vom 4. Juli 1872 ein
Umſchwung zu Gunſten des Ordens eingetreten iſt. Dies
erhellt ſchon aus der Aufhebung des § 2 des Jeſuiten=
geſetzes
. Um allen Zweifeln an der Loyalität der bayeri=
ſchen
Regierung zu begegnen und auch nicht den Schein
einer Trübung des Verhältniſſes der bayeriſchen Regie=
rung
zur Reichsleitung aufkommen zu laſſen, hat ſie vor
kurzem beim Bundesrat einen Antrag auf eine authentiſche
Interpretation des Begriffs Ordenstätigkeit einge=

bracht. Hierdurch hat die bayeriſche Regierung zu erken=
nen
gegeben, daß ſie bereit iſt, diejenige Auslegung ſich zu
eigen zu machen, die das Organ, das allein zu einer ver=
pflichtenden
Interpretation berufen iſt, nämlich der Bun=
desrat
, für richtig zu erklären. Der Miniſterpräſident ſprach
zum Schluß die Hoffnung aus, daß die öffentliche Meinung,
die in einem über die Bedeutung dieſer Angelegenheit
weit hinausgehenden Maße gereizt wurde, ſich nun wieder
beruhigt und der von Bayern ſelbſt angerufenen Entſchei=
dung
des Bundesrats vertrauensvoll entgegenſieht.
Beim Schluſſe der Sitzung gab es erregte Auf=
tritte
. Als der Abg. Quidde (lib.) um 2½ Uhr einen
Antrag auf Vertagung ſtellte, erklärte der Vorſitzende der
Zentrumsfraktion, Abg. Lerno, daß das Zentrum die Be=
ſprechung
der Jeſuiteninterpellation heute beendigen wolle.
Es entſpann ſich eine lange und erregte Debatte über die
Geſchäftsordnung, in deren Verlauf die Abgeordneten
Timm (Soz.) und Hübſch (lib.) dem Zentrum Vergewal=
tigung
der Minorität und Unanſtändigkeit vorwarfen. Sie
erhielten dafür Ordnungsrufe. Schließlich arteten die
Lärmſzenen derart aus, daß der Vizepräſident Frank ſich
genötigt ſah, die Sitzung für geſchloſſen zu erklären. Die.
Linke nahm dieſe Erklärung mit ſtürmiſchem Beifall auf.
Der Alte ſozialdemokratiſche Berg=
arbeitverband
verlor, wie aus Eſſen ge=
meldet
wird, bei den Sicherheitsmännterwah=
len
im Ruhrrevier den größten Teil ſeiner
Sitze, und zwar 250, darunter 180 an den Chriſtlichg=
Gewerkverein, 50 an die gelben Gewerkſchaftsvereine und
30 an die Polen. Die unerwartete ſchwere Niederlage
des Alten Verbandes läßt deutlich den Stimmungsun=
ſchwung
erkennen, der ſich unter den Bergleuten ſeit dem
letzen Streik vollzogen hat. Die Sicherheitsmännerwah=
len
ſind eine Folge des Streiks, da auf der Mehrzahl der
Zechen die Sicherheitsmänner wegen ihrer Beteiligung
am Streik aus der Belegſchaftsliſte geſtrichen worden
waren.

Ausiond.

Frankreich.
Die franzöſiſch=ſpaniſchen Verhand=
lungen
. Aus Madrid wird den Pariſer Blättern ge=
meldet
, daß die vom König Alfons dem franzöſiſchen Bot=
ſchafter
Geoffray gewährte Audienz weſentlich da=
zu
beigetragen habe, die ſeit einigen Tagen herrſchende
optimiſtiſche Auffaſſung über den Stand der franzöfiſch=
ſpaniſchen
Marokkoverhandlungen zu beſeſtigen. Man
erwartet nunmehr mit Zuverſicht einen baldigen Abſchluß
der Verhandlungen. Sobald die Abgrenzung der ſpani=
ſchen
Zone feſtgeſtellt ſein werde, dürfte eine gemiſchte
Kommiſſion zur Regelung der übrigen Punkte eingeſetzt
werden, insbeſondere der Frage des Regimes von Tanger
und der Bahn von Tanger nach Fez.
Der 1. Mai. Verſchiedene Blätter weiſen mit Be=
friedigung
auf den ausnehmend ruhigen Verlauf des
1. Mai hin und erblicken darin einen ſehr bemerkens=
werten
Mißerfolg des revolutionären Arbeiterverbandes,
der vergeblich verſucht hätte, durch leidenſchaftliche Auf=
rufe
die Arbeiter zur Veranſtaltung von Straßenkund=
gebungen
anzuſtiften. Auch die zwei Verſammlungen,
in denen die Redner diesmal insbeſondere für die ſog.
engliſche Woche eintraten, gaben zu keinem bemerkens=
werten
Zwiſchenfall Anlaß, abgeſehen vielleicht von der
Verhaftung zweier Leute, die Hochruſe auf den Banditen
Bonnot ausbrachten.
England.
Im Unterhauſe ſtellie Byles (Lib.) die Frage.
ob der Premierminiſter Asquith Mitteilung machen
könnte über die Fortſchritte der freundſchaftlichen Ver=
handlungen
mit Deutſchland infolge des Haldaneſchen Be=
ſuches
und ob die Beſprechungen zwiſchen beiden Ländern
fortgeſetzt würden, und ob die neue deutſche Flottenvor=
lage
auf dieſe Bemühungen einen ſtörenden Einfluß ge=
habt
hätte. Hierauf erklärte Premierminiſter Asquith, er
bitte Byles, ſich mit ſeiner geſtrigen Antwort zu begnügen.
Auf eine Anfrage erklärte ſpäter Generalpoſtmeiſter Sa=
muel
, es werde im nächſten Monat in London eine Konfe=
renz
von Vertretern derjenigen Regierungen ſtattfinden,
die der internationalen Konvention über die Funkentele=
graphie
beigetreten ſind. Hierbei werde ſich Gelegenheit
finden zur Beſprechung von Mitteln, um die Anwendung
der Funkentelegraphie zur Rettung aus Seenot noch wirk=
ſamer
als bisher zu geſtalten. Auf eine andere Anfrage
erklärte Parlamentsunterſekretär Acland: Wir ſind an den
Verluſten, die Schiffahrt und Handel durch die unvorher
geſehene Schließung der Dardanellen erwachſen, ſtark inter=

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 3. Mai 1912.

Nummer 104.

eſſiert. Sir Edward Grey erhob dringende Vorſtellungen
um ein Arrangement herbeizuführen, das den jetzt ge
ſchloſſenen Verkehr wieder freigiebt.
Aenderungen in der Marine. Wichtige Ver
änderungen in der Verteilung der engliſchen Marineſtreit=
kräfte
ſind offiziell angekündigt worden. Die Aenderun=
gen
werden im Juni zur Ausführung gelangen und nach=
dem
ſie beendet ſind, werden die ſechs Geſchwader der
erſten Linie vollſtändig zuſammen operieren. Das erſte
und zweite Geſchwader wird die Schiffe der Dreadnought=
und Lord Nelſon=Klaſſe umfaſſen, das dritte wird aus
acht Einheiten der König Eduard=Klaſſe zuſammengeſetzt.
Im Laufe des Sommers wird das jetzige Mittelmeer=
Geſchwader Gibraltar zur Baſis erhalten. Dieſes wird
das vierte Geſchwader und die Schiffe der Duncan=Klaſſe
umfaſſen. Dieſe vier Gaſchwader werden vollſtändige
Effektivbeſtände beſitzen und die erſte Flotte darſtellen.
Das fünfte Geſchwader wird acht Schiffe der Formidable=
Klaſſe umfaſſen. Das ſechſte Geſchwader wird aus acht
Schiffen der Majeſtic=Klaſſe beſtehen.
Schweden.
Eine ſozialdemokratiſche Provoka=
tion
. In der zweiten ſchwediſchen Kammer, in der am
Mittwoch der von dem ſozialdemokratiſchen Abgeordne=
ten
von Stockholm, Bürgermeiſter Lindhagen, eingebrachte
Antrag auf Abſetzung des jetzigen regierenden Königs=
hauſes
und Einführung der Republik in Schweden zur
Verhandlung gelangen ſollte, kam es zu lebhaften Szenen.
Der Präſident des Hauſes weigerte ſich aus formellen
Gründen, den Antrag auf die Tagesordnung zu ſetzen.
Hiergegen erhoben die anweſenden Sozialdemokraten lär=
menden
Proteſt. Die Führer der Konſervativen und Li
beralen beantragten, daß der Antrag Lindhagen durch
die Entſcheidung des Präſidenten erledigt ſein ſolle. Der
Antrag der Konſervativen und Liberalen wurde mit 135
gegen 17 Stimmen angenommen.
Spanien.
Das Parlament wurde am Mittwoch wieder
eröffnet. Der Finanzminiſter verlas den Voranſchlag
des Budgets für 1913. Dieſer ſieht an Ausgaben rund
1147 Millionen, an Einnahmen 1167 Millionen Peſetas
vor. Die hauptſächlichſten Mehrausgaben ſind: Marine
annähernd 3 Millionen; die hauptſächlichſten Minderaus=
gaben
: Krieg 22 Millionen. Das Geſamtmehr beträgt
annähernd 27 Millionen. Für die Marokko=Ausgaben
wird zukünftig eine beſondere Sektion eingeführt, für die
50½ Millionen vorgeſehen ſind, die jedoch in den er=
wähnten
Geſamtziffern bereits inbegriffen ſind.
Rußland.
Die Ereigniſſe an der Lena. Bei der Be=
ſprechung
der Interpellation über die Ereigniſſe an der
Lena in der Duma erklärte der Handelsminiſter, er ſei
von dem Miniſterpräſidenten dazu ermächtigt im Namen
der Regierung kategoriſch die in der Preſſe und der Duma
geäußerten Befürchtungen zu dementieren, daß die Wahr=
heit
über dieſe Ereigniſſe nicht zutage gefördert werde
Die Regierung ſei feſt entſchloſſen, eine umfaſſende und
eingehende Unterſuchung über dieſe traurige Angelegen=
heit
zu veranſtalten. Es ſei notwendig, das Verhalten
aller beteiligten Beamten aufzuklären, ſowie die wirtſchaft=
liche
Lage und die Arbeitsbedingungen in den Lenagold=
feldern
und die ganze Entwicklung des Streiks, der zu
der furchtbaren Kataſtrophe vom 17. April führte. Die
Regierung habe beſchloſſen, dem Kaiſer die Notwendigkeit
zu unterbreiten, die Unterſuchung der Ereigniſſe an der
Lena in weiteſtem Maße vorzunehmen und ihn zu bitten,
damit eine unabhängige Perſönlichkeit, die das Vertrauen
des Kaiſers genießt, zu betrauen. Das Ergebnis der Un=
terſuchung
wird in weitgehendſtem Maße veröffentlicht
werden. Die Regierung wird von ganzem Herzen dem

Wunſch des Hauſes nach Ausarbeitung eines Geſetzent=
vurfs
entſprechen, der die Dingung der Arbeiter auf den
Gold= und Platina=Feldern, die Arbeitszeit und die Woh=
nungsverhältniſſe
regelt und die Arbeiterverſicherung ge=
gen
Krankheit auch auf Sibirien ausdehnt. (Beifall
rechts und im Zentrum.)
Perſien.
Der Regent beabſichtigt, in 14 Tagen nach Eu=
ropa
abzureiſen. Bis dahin ſollen alle Vorbereitungen
für die Neuwahlen zum Medſchlis beendet ſein.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 3. Mat.

* Uebertragen haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
dem Pfarrer und Dekan Karl Wagner zu
Grünberg die evangeliſche Pfarrſtelle an der Petrus=
gemeinde
zu Darmſtadt.
* Ernannt wurden der Gerichtsvollzieher=Aſpirant
Daniel Weinheimer in Mainz zum Gerichtsvollzieher
mit dem Amtsſitze in Altenſtadt mit Wirkung vom
15. Mai 1912 und der Gerichtsvollzieher=Aſpirant Valentin
Bangert in Beerfelden zum Gerichtsvollzieher mit
dem Amtsſitze in Beerfelden mit Wirkung vom 16.
Mai 1912.
* In den Ruheſtand verſetzt haben Se. Könial.
Hoheit der Großherzog den Eiſenbahn=Oberſekretär
in der Heſſiſch=Preußiſchen Eiſenbahngemeinſchaft Lorenz
Walther zu Mainz auf ſein Nachſuchen bis zur
Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit.
* Zulaſſung zur Ausübung konſulariſcher Funk=
tionen
. Der zum Königlich Großbritanniſchen General=
konſul
für das Großherzogtum Heſſen und die Provinz
Heſſen=Naſſau mit dem Amtsſitz in Frankfurt a. M. er=
nannte
Kommerzienrat Eduard Beit von Speyer, dem
namens des Reichs das Exequatur erteilt wurde, iſt zur
Ausübung konſulariſcher Funktionen im Großherzogtum
zugelaſſen worden.
* Perſonalnachrichten der Eiſenbahndirektion
Mainz. Ernannt: Schaffner Roſſel in Oberlahn=
ſtein
zum Zugführer; die Hilfsſchaffner Breiſig, Bermel,
Weitzert, Ermert, Birkenbach, Hartmann, Zimmermann,
Glusmann, Philippi in Oberlahnſtein zu Schaffnern;
Hilfswerkführer Schmidt in Mainz zum Werkführer.
Den techniſchen Büroaſſiſtenten Bindherdt in Mainz,
Kluth in Kreuznach iſt der Titel Techniſcher Ober=
bahnaſſiſtent
beigelegt worden. Verſetzt: Schaffner
Hölſcher von Frankfurt (Main) nach Darmſtadt. Be=
lohnungen
und Auszeichnungen. Des Kaiſers
und Königs Majeſtät haben Allergnädigſt geruht,
dem Stationsgehilfen Stipp, dem Bahnhofsarbeiter
Weinand in Weiler bei Bingerbrück, dem Telegraphen=
boten
Börner in Biebrich das Allgemeine Ehren=
zeichen
; dem Schloſſer Kneiſch in Bingen aus Anlaß
der Vollendung einer 50 jährigen Dienſtzeit das All=
gemeine
Ehrenzeichen (in Silber) zu verleihen.
nn. Von der Techniſchen Hochſchule. Zur Be=
ſichtigung
von Waſſerkraftanlagen, Papierfabriken und
verwandter induſtrieller Anlagen unternimmt Herr
Geh. Baurat Profeſſor Pfarr mit den Studierenden
der Maſchinenbauabteilung vom 22. Mai bis einſchließ=
lich
3. Juni eine Studienreiſe in die Schweiz,
den Bregenzer Wald, Tirol, Schwarzwald und Ober
Bayer=
g
. Kriegsgericht. Wegen Beharrens im Ungehorſam
vor verſammelter Mannſchaft hatte ſich geſtern vor dem
Kriegsgericht der 25. Diviſion der ſchon mehrfach wegen
Achtungsverletzung beſtrafte Dragoner Friedrich Göb vom
Leibdragoner=Regiment Nr. 24, aus Langenſelbold, zu ver=
antworten
. Der Angeklagte weigerte ſich bei der Kam=
merreinigung
, einen Pfeiler abzuwaſchen und blieb auf
ſeiner Weigerung auch dem dienſttuenden Unteroffizier und
ſpäter dem Sergeanten gegenüber. Das Gericht verurteilte
den Angeklagten zu 3 Monaten Gefängnis.
g. Strafkammer. Wegen Nichterfüllung ſeiner geſetz=
lichen
Unterhaltspflicht als Vater eines unehelichen Kin=
des
war der 31jährige Geometer Georg Hans Keil aus
Dieburg vom hieſigen Schöffengericht zu vier Wochen
Haft verurteilt worden. Er legte gegen das Urteil Be=
zufung
ein, die geſtern vor der Strafkammer zur Ver=
handlung
kam. Keil beſtreitet, in der Lage zu ſein, die=
ſer
Unterhaltspflicht zu genügen. Er hätte ein Jahres=
einkommen
von 1514 Mark ausweislich ſeines Tagebuchs
und habe für ein anderes uneheliches Kind bereits
monatlich 20 Mark zu zahlen. Wenn er ſtandesgemäß
leben ſolle, bliebe von ſeinem Gehalt nichts mehr übrig.
Das Kind mußte deshalb von der Armenverwaltung

Darmſtadt unterhalten werden und auch auf wiederholte
Aufforderung ließ ſich Keil nicht herbei, etwas zum
Unterhalt beizutragen. (In der geſtrigen Verhandlung
wurde feſtgeſtellt, daß Keil noch im Jahre vorher bei=
nahe
das doppelte Einkommen verſteuert hat. Die Ali=
mente
für das zweite Kind hat Keil auch ſeit längerer
Zeit nicht gezahlt und wurde deshalb auch ſchon einmal
zu 40 Mark Geldſtrafe verurteilt. Herr Rechnungsrat
Hiemenz ſagte aus, daß das Einkommen des Keil wohl
größer ſein kann; die Ausgabepoſten ſeien teilweiſe
wohl überſetzt. Das Verhalten des Angeklagten habe ſchon
mehrfach zu Diſziplinarverfahren Anlaß gegeben, es ſeien
bereits fünf Beſtrafungen erfolgt. Das Gericht ermäßigte
die Strafe auf eine Woche Haft. Es ſei anzuneh=
men
, daß das Einkommen höher als angegeben fei, die
Ausgaben ſeien vielfach überſetzt, beſonders ein Eiſen=
bahn
=Abonnement nach Darmſtadt ſei als überflüſſige
Ausgabe anzuſehen.
Wegen Vergehens nach § 2a des Poſtgeſetzes hatten
ſich geſtern der 35jährige Johann Egon Schwarting
und der 19jährige Jakob Bender, beide aus Darmſtadt,
vor der Strafkammer zu verantworten. Beide waren
wegen dieſer Uebertretung vom Schöffengericht freiges
ſprochen worden und hatte die Staatsanwaltſchaft Be=
rufung
eingelegt. Der Angeklagte Schwarting hatte Ende
März 1912 als Angeſtellter der Privatbeförderungs=
anſtalt
Roter Radler zu Darmſtadt etwa 350 ver=
ſchloſſene
Briefe zur Beförderung angenommen und
zwei anderen Angeſtellten zur Verteilung übergeben,
Die Briefe enthielten eine Geſchäftsanzeige und ſollten
von dem Inſtitut in jedem Haushalt abgegeben werden.
Der erſte Angeklagte gibt an, der Ueberzeugung geweſen
zu ſein, die Briefe wären nicht geſchloſſen, ſonſt hätte er
dieſelben nicht angenommen. Der Verteidiger der An=
geklagten
vertritt die Anſicht, daß die beförderten An=
zeigen
keine geſchloſſenen Briefe im Sinne des Poſt=
geſetzes
ſeien, denn in der Poſtordnung vom 20. März
1900 wird im § 1 ausdrücklich ausgeführt, daß Geſchäfts=
anzeigen
und Druckſachen als offene Briefe anzuſehen
ſeien. Wenn das Gericht aber zu der Ueberzeugung
komme, daß es geſchloſſene Briefe waren, ſo käme nicht
§ 2a, ſondern § 2 des Poſtgeſetzes in Frage, der die Be=
förderung
durch Expreßboten als zuläſſig erklärt. Dies
ſei hier vorliegend da die Briefe aus dem Auslande
(Karlsbad) durch einen expreſſen Boten nach Darmſtadt
befördert worden ſeien. Das Gericht verurteilte
Schwarting zu 80 Mark Geldſtrafe und Ben=
der
zu 40 Mark Geldſtrafe, indem es annahm,
daß nur 200 Briefe zur Verteilung gelangt ſind; alls=
dem
achtfachen Betrage des hinterzogenen Portos war
beim erſten Angeklagten die Strafe zu bilden. Es wurde
die Beförderung von geſchloſſenen Briefen durch eine
Priatbeförderungsanſtalt (§ 2a des Poſtgeſetzes) anges
nommen.
Am 30. Januar wurde von dem hieſigen Schöffen=
gericht
der 26jährige Lageriſt Franz Schambach von
hier wegen Verübung mehrere Jahre hindurch fort=
geſetzter
Diebſtähle, durch die ein hieſiges Warenhaus um
mehrere Tauſend Mark geſchädigt wurde, zu 6 Monge
en Gefängnis und 5 Wochen Haft verurteilt. Vier Ab=
nehmer
waren in der Schöffengerichtsverhandlung wegen
Hehlerei zu Gefängnisſtrafen von 3 bezw. 4 Monaten
verurteilt und acht weitere Angeklagte freigeſprochen
worden. Die Staatsanwaltſchaft legte Berufung ein
gegen das freiſprechende Urteil, und zwar bezüglich des
35jährigen Tapezierers Jak. Grimm aus Dotzheim bei
Wiesbaden, des 32jährigen Maurers Auguſt Raiſchuk
aus Weiſenau, des 35jährigen Fuhrmanns Ludwig We
ber aus Biebrich, des 29jährigen Fuhrmanns Alberk
Göbel aus Biebrich und des 38jährigen Arheiters
Ernſt Schuh aus Herne i. W. Die Angeklagten hatten
ſämtlich bei der polizeilichen Vernehmung das Geſtänd=
nis
abgelegt, daß ſie wußten, die von Schambach erhal=
tene
Ware ſei geſtohlen; dieſes Geſtändnis hatten ſie
dann widerrufen, und da Schambach in der damaligen
Verhandlung nicht als Zeuge vernommen werden konnte,
erkannte das Schöffengericht auf Freiſprechung, da ihnen
das Gegenteil nicht bewieſen werden konnte. In der
geſtrigen Verhandlung vor der Strafkammer erhielt die
Sache ein weſentlich anderes Bild. Der Staatsanwalt
beantragte deshalb auch für ſämtliche Angeklagte, mit
Ausnahme des Angeklagten Weber, zwei Monate Ge=
fängnis
. Für Weber beantragte er drei Monate, da
dieſer Fall ſchwerer anzuſehen ſei. Weber hatte für etwa
184 Mark Waren erhalten und teilweiſe an mehrere Bes=
kannte
weiterverkauft; bezahlt hatte er dem Schambach=
20 Mk. Das Gericht trat dem Antrag des Staatsanwalts
bei und verurteilte ſämtliche Angeklagte mit Ausnahme

Vom Frauen=Prunk im alten Rom.
Von Hermann Kienzl, Berlin.

Was frommt es, vor der heidniſchen Venus drei Kreuze
zu ſchlagen, wenn der Anſchauungsunterricht der Gegen=
wart
das Verſtändnis für die römiſche Kaiſerzeit förmlich
aufdrängt? Die altpreußiſche Einfachheit, die einſt in den
Königsſchlöſſern von Berlin und Potsdam ihren Hort
hatte, iſt zur Mythe geworden. Wer den Luxus der brei=
ten
Schichten, des Reichtums in der Berliner Geſellſchaft,
ja nur das berühmte Nachtleben der deutſchen Weltſtadt
kennt, findet den prahleriſchen Prunk wieder, der im Wett=
bewerb
der römiſchen Millionäre Steigerung auf Steiger=
ung
erfuhr. Und wie damals und wie immer zu Zei=
ten
des ſogenannten wirtſchaftlichen Aufſchwungs, zu Zei=
ten
der Anhäufung großer Privatvermögen und des protz=
igen
Parvenutums ahmt das reichgewordene Bürger=
tum
die blenderiſche Lebensweiſe der Geld= und anderen
Fürſten mit blindem Eifer nach. Ein römiſcher Skriptor
klagte, daß der Palaſt des Auguſtus gerade ſo viel Raum
einnehme, als vorher das ganze Landgut des Eincinatus
umfaßt habe; aber unter Nero beſaßen einige von deſſen
Knechten Fiſchteiche, die halb ſo groß waren, wie der Pa=
laſt
des Auguſtus. Es iſt komiſch, in alten Schriftſtellern
Beſchreibung von Prunkmählern zu leſen, bei denen
große Vermögen im Küchenrauch aufgingen und die Tafel
bieten mußte, was zur Jahreszeit beſonders hoch im Preiſe
ſtand. Die Gäſte ſaßen damals nicht, ſie lagerten an den
Tiſchen, und die Kochrezepte unterſchieden ſich von den
unſrigen; aber im Uebrigen iſt die Aehnlichkeit mit mancher
repräſentativen Soiree der Frau Baronin oder der Frau
Geheimen Kommerzienrat nicht zu verkennen. . . . . In
unſeren Geſellſchaften blühen die Konnexionen; Kaiſer
Nero hatte eine ſinnreiche Erfindung gemacht: Auf einen
Wink von ihm regneten von der Decke des Gemaches De=
krete
auf die Häupter der Feſtgenoſſen, Ernennungen zu
Senatoren, Konſuln, Tribunen. Wen es traf, der war
Senator, Konſul, Tribun. Einen ſeltſamen Nachhall weckt
jett, nach Jahrhunderten, die Stimme des Plinius: So
haben die nicht gewohnt, die dieſes Reich gegründet; ſie
gingen vom Pfluge oder Herde zu Triumphen, und ihre
Aecker waren kleiner, als die Zimmer ihrer Enkel.

Man hat oft die Ueppigkeit des franzöſiſchen Hofes und
Adels vor der großen Revolution mit der Laſterglorie des
ömiſchen Cäſarentums verglichen. Die Analogie liegt
nahe genug: hier und dort höchſte Ausſchweifung und tief=
ſter
Sturz. Aber ein gewaltiger Unterſchied darf nicht
überſehen werden. Ueber dem Rokoko ſchwebt ein künſt=
leriſcher
Duft und Zauber ohne Gleichen; das römiſche Ge=
nußleben
dagegen war ohne innere Grazie, wie die
Prahlereien unſeres jungen Berliner Reichtums. Die römi=
ſchen
Dichter und Denker ſtanden in der Fronde gegen die
Mächtigen und Gebietenden faſt genau ſo, wie unſere deut=
ſchen
Künſtler die offizielle deutſche Kunſt (Siegesallee!)
bekämpfen. Es ſchafft ſich auch heute, wie in Roms Tagen,
der Reichtum mühelos an Schätzen herbei, was fremder
Fleiß in allen Zonen der Erde zum Schmuck und zur
Freude der Menſchheit produzierte. Welchen Aufwand
man in der römiſchen Kaiſerzeit getrieben, davon ſollen im
Folgenden einige Beiſpiele gegeben werden. Sie ſind den
Schriften des Sencca, Valerius Maximus, Plinius, Dio,
Martial und Suetonius entnommen und zum Teil einer
längeren Abhandlung in einer alten Zeitſchrift.
Die Frauen ſtehen im Brennpunkt des ungeheuren
ſpätrömiſchen Luxus. Auch heute ſind die Damen der
großen Welt wandernde Speicher prunkenden Ueberfluſſes,
und die moderne Frauenbewegung ſetzt ihren Hebel am
rechten Punkte ein, wenn ſie für ihr Geſchlecht die allge=
meinen
Menſchenrechte und Menſchenpflichten fordert, aber
auch die logiſche Folge ableitet, daß im wirtſchaftlichen
Verhältnis der Geſchlechter nicht mehr einſeitig der Mann
der Erwerbende, die Frau der verzehrende Teil ſei.
Unſere Dame der großen Welt freilich ſteht dem Gedanken,
ein nützliches Glied der menſchlichen Geſellſchaft zu wer=
den
, heute zumeiſt noch ebenſo ferne, wie einſt die reiche
Römerin. Und wenn je der Grundſatz Geltung erlangte,
daß ein Menſch für ſeinen Luxus nicht mehr, als die
Produkte ſeines eigenen Bodens oder ſeines eigenen
Fleißes verbrauchen darf, ſo wird ihn tauſend= und aber=
tauſendmal
die Liebe durchbrechen. Es iſt jedes liebenden
Mannes Wunſch, die geliebte Frau zu ſchmücken und die
Schätze der Erde vor ihre kleinen Füße zu breiten. Daher
iſt das Wort: Cherchez la femme bei zahlloſen
Bankerotten genügende Erklärung. Die alten Kultur=
hiſtoriker
ſchildern den Aufwand und das Praſſertum der

Männer Roms; man muß aber die lateiniſchen Dichter und
Satiriker aufſchlagen, dann lernt man, daß auch für dieſe
Erſcheinungen die Genuß= und Putzſucht der Frauen maß=
gebend
geweſen.
Wie das franzöſiſche Rokoko war auch die römiſche
Kaiſerzeit eine Aera des Weibes. Die Schönheit des
weiblichen Leibes herrſchte ſchrankenlos, Willkür und
Wolluſt entnervten die Männer, und die ſchlichten Tugen=
den
der altrömiſchen Republikaner verbrannten im Opfer=
feuer
der Göttin Aſtarte. Die Männer verloren immer
mehr den Eigenſtolz ihres Geſchlechts. Sie wurden
weibiſch. Ihr Ehrgeiz verwandelte ſich in jene Eitelkeit,
die einen fieberhaften Wetteifer in Prunk und Blendwerk
entfeſſelt. Die vornehmen Herren ſchmückten und ſchmink=
ten
ſich, ſie ahmten im Gange das Hüftenſchwenken der
Frauen nach, ſie pflegten mit hoher Fiſtelſtimme zu
ſprechen, ſie glätteten ihre Körper mit weichen Brotkrumen,
ſie machten aus ihrem Haar mit großer Sorgfalt ein
Lockengebäude, das ſich ſtufenweiſe erhob, ſie legten ihre
Kleider, damit ſie glänzend blieben, zuhauſe unter eine
Preſſe (ei, ſieh da! unſer moderner Hoſenſtrecker!), ſie
wechſelten während des Tages, ja während eines Gaſt=
mahls
ſehr oft ihren Anzug und ſie trugen ſogar wir
wiſſen es von einigen römiſchen Kaiſern Frauenge=
wänder
. In den Ausſchweifungen verſchwanden die natür=
lichen
Grenzen der Geſchlechter.
Die Verſchwendung der durch die Eroberung der hals
ben Welt reich gewordenen Römer kannte keine Grenzen
der Vernunft. Seneca, ein Tolſtoi ſeiner Zeit, ſagt in
ſeinen Anklagen: mit dem Schmucke des Körpers habe es
begonnen, dann folgte der Pomp der Wohnungen ( man=
cher
reiche Privatmann hielt mehr Hausgeſinde, als ein
kriegeriſches Volk Köpfe zählte) und den hochſten Grad er=
reichte
der Luxus bei den Schmauſereien, Bacchanalen und
Liebesorgien. In der Republik war der ein wohlhaben=
der
Mann, der zwei Huben Landes beſaß. Der Diktator
Lincinatus beſaß deren vier. Kurz vor der Errichtung
der Monarchie bezog der erſte Konſul als höchſtes Ein=
kommen
im Staate ungefähr zehntauſend Taler jährlich.
In einer einzigen Nacht verpraßte aber ſpäter, im kaiſer=
lichen
Rom, ein reicher Bürger Millionen Taler! Nero
aufte eine jener koſtbaren Bänke, auf denen man beim
Gaſtmahl lagerte, für eine Million Taler. Plinius be=

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Nummer 104.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 3. Mai 1912.

Seite 3.

Webers zu 2 Monaten Gefängnis, Weber erhielt
3 Monate Gefängnis.
Der 29jährige Buchhalter Robert Kreuzer aus
Bensheim iſt der Veruntreuung von etwa 1040 Mark zum
Nachteil der Fabrikkrankenkaſſe der Granitwerke Karl
Kreuzer=Bensheim beſchuldigt. Kreuzer war ſeit 1. Juli
1911 als Rechner bei der Fabrikkrankenkaſſe tätig und
ging am 8. Januar 1912 unter Mitnahme einer anſehn=
lichen
Summe flüchtig. Nach ſeiner Angabe hat er nur
200. Mark mitgenommen; wie das übrige Defizit ent=
ſtanden
iſt, könnte er nicht angeben. Seine Familie ließ
er in Bensheim zurück und begab ſich zu ſeinen Eltern
nach Bayreuth. Nach dem Gutachten des Sachverſtändi=
gen
waren die Bücher von Kreuzer ſehr ſauber und
ordentlich geführt; auch die Einnahmen und Ausgaben
hat er ordentlich gebucht. Doch hätte nach jedem Viertel=
jahr
ein Kaſſenüberſchuß vorhanden geweſen ſein müſ=
ſen
, während der Angeklagte behauptet, ſtets ein Defizit
in der Kaſſe gehabt zu haben. Außer dieſem Kaſſenvor=
rat
von etwa 240 Mark hat er kurz vor ſeiner Flucht noch
800 Mark abgehoben. Das Gericht verurteilte den An=
geklagten
, der offenbar ein Opfer des Alkohols geworden
iſt, zu drei Monaten Gefängnis.
* Flugveranſtaltungen in Darmſtadt zum Zweiten
Deutſchen Zuverläſſigkeitsflug. Die Vorbereitungen für
den Zweiten Deutſchen Zuverläſſigkeitsflug werden mit
großer Sorgfalt durchgeführt. Die ganze Flugſtrecke
wurde vor einigen Tagen vom Ausſchuß der Veranſtalt=
ung
mit Automobilen abgefahren und daraufhin unter=
ſucht
, wo den Fliegern die Orientierung wohl größere
Schwierigkeiten bereitet. Die Herren, lauter erfahrene
praktiſche Luftfahrer, vermochten ſich ſehr wohl ein Ur=
teil
zu bilden, welche Geländeteile auch von oben für die
Flieger beſonders gut ſichtbare Merkmale bieten. Man
entſchloß ſich beiſpielsweiſe, die Orientierung beim
Ueberfliegen von Gebirgszügen dadurch zu erleichtern,
daß man Photographien mit Silhouetten der Berge an=
fertigen
läßt, die beſonders gute Richtungspunkte geben.
Außerdem werden noch eine Anzahl von Feſſelballonen
beſchafft, die an Landungsplätzen und ſonſtigen geeignet
erſcheinenden Stellen hochgelaſſen werden ſollen. Dieſe
in roter Farbe gehaltenen Ballone, deren Feſſelkabel
oder=Leinen man durch kleine Trommeln, Dreiecke oder
durch Fahnen noch beſonders kennzeichnet, damit nicht
etwa ein Flugzeug gegen ſie anfährt, werden von den
Fliegern weithin geſehen. Wenn dann die Flieger nur
einigermaßen Orientierungsſinn haben, können ſie den
kürzeſten Flugweg nicht verfehlen, ſodaß Ausſicht beſteht,
daß ſämtliche Teilnehmer am Fluge wohlbehalten nach
Darmſtadt kommen, um hier an dem Wettbewerb
um den kürzeſten Abflug ſich zu beteiligen. Auch
die hieſigen Ortsausſchüſſe ſind weiter in reger Tätig=
keit
, um den großen Flugtag in Darmſtadt
ſorgfältig vorzubereiten, der zu einem der intereſſante=
ſten
des ganzen Fluges zu werden verſpricht, zumal be=
kanntlich
auch ein Flugzeugzeltwetzbewerb
damit verbunden iſt. Der Darmſtädter Flugtag wird der
Tag nach Himmelfahrt, alſo der 17. Mai, ſein. Es
ſei nochmals darauf aufmerkſam gemacht, daß den Zeich=
nern
zum Fonds diverſe Vorteile inbezug auf reſervier=
ten
Platz uſw. eingeräumt werden. Beiträge nimmt u. a.
auch die Expedition des Darmſtädter Tagblatts ent=
gegen
.
Der Ausſchuß der vereinigten Bezirksvereine hielt
am Mittwoch abend ſeine diesjährige Hauptverſammlung
ab, die gut beſucht war. Der Vorſitzende, Herr Dr. Kolb,
erſtattete Bericht über die Tätigkeit des Ausſchuſſes wäh=
rend
des abgelaufenen Jahres. Es wurden verſchiedene
ſtädtiſche Angelegenheiten erledigt. Ferner wurden betr.
der Volksvorſtellungen im Hoftheater Schritte getan, bei
der Löſung der Verkehrsfragen mitgearbeitet, die Abgrenz=
ung
der einzelnen Bezirksvereine vorgenommen, unter an=
derem
wurden auch zwei Vorträge von Herrn Landtags=
abgeordneten
Henrich und Herrn Stadtverordneten Dr.
Bender gehalten. Weiter kam zur Sprache, daß die ver=
einigten
Bezirksvereine jetzt 10 Jahre beſtehen. Der älteſte
Bezirksverein iſt der Bezirksverein Mathildenhöhe, dann
Bezirksverein Martinsviertel, dann Bezirksverein Beſſun=
gen
und Altſtadt, Südoſt und Innenſtadt. Die erſte Tätig=
keit
des vereinigten Bezirksvereinsausſchuſſes erfolgte bei
den Stadtverordnetenwahlen 1901. Als Gründer der Be=
zirksvereine
ſind zu nennen: Herren Stadtverordneten
Schupp und Saeng und der verſtorbene Stadtverordnete
Reinemer. Alsdann erfolgte Kaſſenbericht und Neuwahl
des Vorſtandes, wobei der alte Vorſtand wiedergewählt
und Herr Architekt Georg Kugel als Schriftführer neu ge=
wählt
wurde. Von Seiten des Mathildenhöhe= Bezirks=
vereins
wurde ein Antrag eingebracht, es ſolle dahin ge=
wirkt
werden, daß der erſte Wagen der elektriſchen Bahn

früher als jetzt von der Taunusſtraße abfahre, damit die
um 7 Uhr abfahrenden Eilzüge vom Hauptbahnhof recht=
zeitig
erreicht werden können. Es entſpann ſich hierüber
eine lebhafte Diskuſſion, wobei auch von dem Bezirksver=
ein
Beſſungen derſelbe Zuſtand für den Beſſunger Stadt=
teil
beklagt wurde. Die Verſammlung kam ſchließlich zu
der Einſicht, daß die neue Geſellſchaft beſorgt ſein wird,
daß der Fahrbetrieb möglichſt praktiſch und zur Befriedig=
ung
der Bewohner ausgeſtaltet, und, daß Fahrgelegenheit
zu den Frühzügen beſchafft wird, wenn weitere Wagen=
ſchuppen
innerhalb der Stadt oder in der Nähe des Bahn=
hofs
errichtet ſind, damit der ganze Wagenpark nicht mor=
gens
und abends in die Halle am Böllenfalltor einfahren
reſp ausfahren muß. Weiter wurde von dem Bezirks=
verein
Mathildenhöhe Klage geführt, daß die Streuſand=
käſten
der Firma Ibel u. Ko. rückſichtslos mit Genehmig=
ung
auf die Fußſteige geſtellt werden, ohne Rückſichtnahme
auf den Verkehr. Die Pflaſterung des Schillerplatzes als
auch die endliche Fertigſtellung der Durchführungsarbeiten
der Landgraf=Georgſtraße wurde lebhaft beſprochen und
wurde allgemein der Wunſch laut, daß es endlich Zeit
werde, daß dieſe beiden Sachen baldigſt ihre Erledigung
finden. Weiter wurde noch die Lage der neuen Gewerbe=
ſchule
und dergleichen lebhaft beſprochen, ſodaß die Ver=
ſammlung
einen lebhaften und ſehr intereſſanten Verlauf
nahm.
Evangeliſcher Pfarrverein im Großherzogtum Heſ=
ſen
. Am 1. Mai hielt der evangeliſche Pfarrverein im
Großherzogtum Heſſen ſeine 22. Jahresverſammlung ab.
Sie hatte einen zahlreichen Beſuch aus allen Teilen des
Landes aufzuweiſen und nahm einen ſehr einträchtigen
und befriedigenden Verlauf. Der Vorſitzende, Kirchenrat
Schrimpf=Darmſtadt erſtattete den Jahresbericht, der
von erfolgreicher Vereinsarbeit erzählte. Das Andenken
der verſtorbenen Mitglieder Geh. Kirchenrat Kalbhenn,
Kirchenrat Matthes, Pfarrer Moſer und Walz ward in
üblicher Weiſe geehrt. Die Wahl zum Vorſitzenden ſowie
des Stellvertreters verlief faſt einſtimmig. Es wurden
wiedergewählt Kirchenrat Schrimpf und Dekan Jaud=
Planig. Rechner Röschen=Freienſeen legte die Jahres=
rechnung
vor, die ſich auf 5446 Mark Einnahme und 4021
Mark Ausgabe ſtellte. Pfarrer Fritſch=Ruppertsburg
erſtattete ſeinen Bericht über die Schriftleitung des Kir=
chenblattes
. Er ward einſtimmig zu ſeinem Amt wieder=
gewählt
. Der Verein nahm dann eine Erklärung an,
die ſich gegenüber der von politiſch radikaler Seite geſtell=
ten
Forderung konfeſſionsloſen Religionsunterrichts ener=
giſch
für konfeſſionellen Religionsunterricht ausſprach, da
der konfeſſionsloſe Unterricht auf Beſeitigung wahrhaft
chriſtlicher Anſchanung hinauslaufe. Ebenſo hielt man
die ſeitherige Stundenzahl der Mitarbeit der Geiſtlichen
ſowie die Mitaufſicht der kirchlichen Behörden für uner=
läßlich
. In anregendſter Weiſe hielt Prof. Dr. Schöll=
Friedberg einen Vortrag über Jugendpflege, zu der er
alle Geiſtliche aufrief; er zeigte die tatſächlichen Gründe,
die grundſätzlichen Ziele und die nötige Arbeit dieſer
Pflege. Eine lebhafte, zuſtimmende Ausſprache dankte
dem Redner. Warme Worte der Begrüßung ſprach im
Namen der Theoloaiſchen Fakultät Prof. Dr Schian= Gie=
ßen
; er gab ſeiner Freude Ausdruck, daß der evangeliſche
Pfarrverein in bewährter Weiſe um die Einigung und
einheitliche Arbeit des Pfarrerſtandes bemüht ſei. Vor=
ſſchläge
übar Kollektenordnung machten die Pfarrer
Fritſch=Ruppertsburg und Brill=Ober=Widdersheim, eben=
ſo
über den Kolportage=Unfug, der ſcharf bekämpft wer=
den
ſoll. Nach Verhandlung über etwaige Satzungsände=
rung
, wobei Juſtizrat Dr. Lucius die Verſammlung be=
riet
, fand noch eine Sitzung der Sterbekaſſe und Hilfs=
kaſſe
ſtatt, die ſich beide gut entwickelt haben. Nach ½3
Uhr vereinigte ein Feſteſſen noch 60 der Anweſenden.
Der Kriegerverein Darmſtadt hielt ſeine Mai=
Monatsverſammlung in dem Vereinslokal der Turnhalle
am Woogsplatz ab. Der Vorſitzende eröffnete die Ver=
ſammlung
mit Begrüßung der anweſenden Kameraden
und berichtete nach Verleſung des letzten Protokolls über
die Tätigkeit des Vorſtandes im Monat April. Die Ver=
ſammlung
ehrte das Andenken der verſtorbenen Kamera=
den
durch Erheben von den Sitzen. Hierauf gab der
Vorſitzende den in Braunshardt am 12. Mai ſtattfinden=
den
Bezirkstaa bekannt und bat die Kameraden, ſich zu
demſelben einfinden zu wollen. Abfahrt 12.48 Uhr vom
Hauptbahnhof ab nach Weiterſtadt. Laut Beſchluß der
Mitgliederverſammlung in Friedberg beabſichtigt die
Haſſia am 6., 7. und 85 Juli eine Fahrt ihrer
Mitglieder nebſt deren Angehörigen nach dem Kyff=
häuſer
zu unternehmen. Ein genaues Programm hier=
über
wird ſpäter bekannt gegeben. Es iſt geplant, am
erſten Tag Fahrt über Bebra nach Eiſenach, Beſichtigung

der Wartburg und Weiterfahrt nach Frankenhauſen. Am
zweiten Tage Gang oder Fahrt nach der Barbaroſſahöhle,
Aufſtieg nach dem Denkmal, Beſichtigung desſelben, da=
ſelbſt
gemeinſames Mittageſſen und gegen Abend wieder
Rückſahrt nach Frankenhauſen. Am dritten Tage Wei=
terfahrt
nach Kaſſel, Beſichtigung von Wilhelmshöhe und
Heimfahrt. Der Geſamtfahrpreis ſtellt ſich in 3. Wagen=
klaſſe
auf 13,50 Mark, in 2. Klaſſe auf 19,60 Mark. Es
ſei noch beſonders darauf hingewieſen, daß auch Fami=
lienangehörige
zu denſelben ermäßigten Preiſen ſich be=
teiligen
können. Anmeldungen ſind bis ſpäteſtens 15.
Mai an Kamerad Junge, Schloßgartenſtraße 45, er=
wünſcht
. Für Sonntag, den 19. Mai, iſt ein Familien=
ſpaziergang
in Ausſicht genommen und wird alles Nähere
hierüber in den nächſten Tagen bekannt gegeben. Weiter
iſt für Juli ein Sommerausflug in Ausſicht genommen;
der Tag und das Endziel wird nach endgültiger Feſt=
legung
frühzeitig den Kameraden mitgeteilt werden. Zu
dem nun beginnenden Vereinsſchießen, das auch in dieſem
Jahre wieder eifrig betrieben werden ſoll, bat der Vor=
ſitzende
die Kameraden um rege Beteiligung und drückt
den Wunſch aus, daß hauptſächlich die jüngeren Kamera=
den
lebhaftenAnteil hieran nehmen möchten. Nach hier=
auf
erfolgter Bücherausgabe ſchloß der Vorſitzende die
Verſammlung.
* Kirchenkonzert in St. Eliſabeth. An einem der
erſten Sonntage nach Pfingſten wird in der St. Eliſa=
bethenkirche
ein Kirchenkonzert ſtattfinden. Der
Reingewinn ſoll für die Erbauung einer
Kapelle in Arheilgen verwendet werden. Die
Katholiken in Arheilgen ſind trotz ihrer Opferwilligkeit
nicht in der Lage, aus eigenen Kräften für den ſo
dringend notwendigen Bau eines einfachen Gotteshauſes
und die Einrichtung eines regelmäßigen Gottesdienſtes
aufzukommen. Deshalb müſſen die Katholiken der
Stadt dazu beitragen, der großen Diaſporanot zu ſteuern.
An ſie in erſter Linie ergeht die herzliche Bitte, die Ver=
anſtaltung
durch Abnahme von Eintrittskarten kräftig
zu unterſtützen. Aber auch jedem Muſikfreunde der
Stadt ſteht ein hoher künſtleriſcher Genuß in Ausſicht,
da ganz hervorragende Kräfte für die Mitwirkung bei
dem Konzert gewonnen ſind. Näheres wird noch ſpäter
bekannt gegeben.
2 Der Heſſiſche Richter=Verein wird ſeine dies=
jährige
ordentliche Hauptverſammlung am
Samstag, den 18. Mai, in Gießen im Klublokal
abhalten. Auf der Tagesordnung ſteht u. a. auch eine Be=
ſprechung
über die Einrichtung von Fortbildungs=
kurſen‟

* Jubiläumsfeier 1887/1912. Die ehemaligen 115er
bezw. 4./138, Straßburg, feiern nächſten Sonntag, den
5. Mai, bei Kamerad Hubert Zum Friedrichshof‟ Ecke
Stift= und Roßdörferſtraße, Darmſtadt, das Feſt der 25.
Wiederkehr der Gründung des 138. Regiments. Alle Ka=
meraden
des 1. Großh. Heſſ. Infanterie=Leibgarde= Re=
giments
, welche damals mitverſetzt wurden und denen
keine Einladung zugeſtellt werden konnte, ſind hierzu
freundlichſt eingeladen. Sammlung von 1011 Ahr in
der Reſtauration Gottwald, alsdann Abmarſch mit Muſik
zum Feſtlokal.
* Atelier=Ausſtellung Hunns Pelar. Es wird darauf
aufmerkſam gemacht, daß die Ausſtellung des Malers
Hanns Pelar im Ernſt=Ludwigshauſe morgen, Sams=
tag
, und Sonntag zwiſchen 12 und 1 Uhr mit=
tags
beſucht werden kann.
C. In der St. Ludwigspfarrei wird am 15. Mai
eine dritte Kaplaneiſtelle errichtet. Der neue
Geiſtliche wird den Diaſporagottesdienſt in Griesheim,
Ober=Ramſtadt und Nieder=Ramſtadt-Traiſa (für dieſe
beiden Orte gemeinſam) zu beſorgen haben. Damit
wird einem längſt gehegten Wunſche der Katholiken
dieſer Orte, die bisher ohne Gottesdienſt waren, ent=
ſprochen
werder.
* Verband mittlerer Verwaltungsbeamten des
Großherzogtums Heſſen. Die 10. Hauptverſammlung
findet am Sonntag, den 5. Mai, in Darmſtadt im
Fürſtenſaale, Grafenſtraße 18, ſtatt. Die wichtigſten
Gegenſtände der reichhaltigen Tagesordnung bilden ein
Vortrag des Kollegen Wagner aus Mainz über: Die
deutſche Arbeiterverſicherung und Bericht des Vor=
ſitzenden
über die Tätigkeit des Verbandes im abge=
laufenen
Jahre, denen ſich eine Beſprechung über
Standes= und Berufsfragen anſchließen wird. Beab=
ſichtigt
iſt auch die Gründung einer eigenen Fachzeit=
ſchrift
. Am Samstag abend findet in demſelben Lokal
ein Begrüßungsabend mit daran anſchließendem Kommers
ſtatt. Der Verband wurde im Jahre 1903 in Darmſtadt
gegründet.

hauptet, mehr Silber, als Carthago je in ſeiner Blütezeit
beſeſſen, ſei jetzt in Rom bloß zu Tiſchgeräten verarbeitet.
Die Trinkbecher waren von hohem Werte. In ſeiner fünf=
ten
Satire bemerkt Juvenal, daß es nötig geworden
ſei, an den Tafeln hinter jeden Gaſt einen Wächter zu
ſtellen, damit nichts geſtohlen werde und er meint
ferner, bei mancher Mahlzeit werde ein ganzes Erbe ver=
zehrt
! Es war nicht außergewöhnlich, daß eines von den
zahlloſen Gerichten eines Mahles den Gaſtgeber dreißig=
tauſend
Taler koſtete. Caligula ließ die wertvollſten Per=
len
auflöſen und trank ſie in Wein. Für den ordinären
Geiſt protzigen Reichtums bezeichnend war das Abſchätzen
der den Gäſten gebotenen Genüſſe. Notare ſetzten an den
Feſttafeln Urkunden auf über den Wert einzelner keſtbarer
riſche und Speiſen. In den Wohnungen ſtrotzte alles
von Marmor und Gold. Wir leben, ſchrieb der heillge
Hieronymus, als ſollten wir morgen ſterben, und bauen,
als ſollten wir ewig leben!
Die Töchter der großen römiſchen Republikaner
waren ſchlicht und arm wie ihre Väter. Der Staat ſteuerte
die Töchter des Scipio Afrikanus mit nur eintauſend
zweihundert Talern aus. Eine gewiſſe Megullia erhielt
damals den Beinamen Dotata, weil ſie einen Brautſchatz
von tauſend Talern bekam. In der Kaiſerzeit jedoch
wurden nur mehr die Mädchen zur Ehe begehrt, die Mil=
lionen
als Mitgift brachten. .
Der Schmuck, den eine reiche römiſche Dame bei feſt=
lichen
Gelegenheiten auf dem Leibe zu tragen pflegte, wird
mit ungefähr zwei Millionen Talern eingeſchätzt. Seneca
ſagt, die Ohrgehänge mancher Frau bedeuteten ein großes
Vermögen. Zwei rieſige Perlen der Kleopatra hatten den
Wert von mehreren Millionen Talern. Es wurde weib=
liche
Sitte, lange Perlenketten an den Ohren zu tragen,
durch deren Gewicht die Ohren ſich in die Länge zogen.
Jedes Glied der Finger und der Zehen ſchmückten die
Frauen mit Ringen und Edelſteinen, ebenſo Arme und
Buſen mit Ketten und Bändern. Der Kirchenvater Ter=
tullian
verſichert mit frommem Abſcheu, eine einzige dieſer
Schnüre wiege den Wert ganzer Dörfer auf und ganze
Wälder und Inſeln würden eines der Bruſtgeſchmeide
nicht bezahlen. Die Schühlein und Sandalen der Damen
waren mit Gold, Perlen und Edelſteinen beſetzt, Sonnen=
ſchirme
und Fächer ſchimmerten von Gold. Die Töchter

Jules und Edmond de Goncourt: Die Mode
wirkt umgeſtaltend auf das Geſicht der Frau; ja, die Natur
ſelbſt ſcheint das Geſicht nach dem Bilde der Zeit und der
Geſellſchaft zu bilden. Das Vergnügen ſpielt in ſeinen
Zügen, das Feuer eines mondänen Lebens glänzt in ſeinem
Blick. An die Frauenmoden des alten Rom erinnern,
in ihren Zwecken wenigſtens, gewiſſe Rokoko=Koſtüme; ſo
die Polonäſe à ſein ouvert die aus gefältetem Gaze=Fichu
den Buſen hervorſchimmern ließ; oder die bekannten
chemiſes von denen die roſa gefütterten chemiſes à la
Jéſus täuſchend die Wirkung der Nacktheit hervorbrach=
ten
. Von den Gewändern der mondänen Römerinnen
ſchreibt Seneca: Ich habe Kleider geſehen, wenn ich ſie
anders Kleider nennen darf, die den Körper gar nicht und
noch weniger die Schamhaftigkeit beſchützen. Sie ſind ſo
durchſichtig, daß ein Frauenzimmer ſchwören muß, ſie ſei
nicht nackt. Das waren die durchſichtigen Seidenkleider,
die in Rom zu höchſt im Preiſe ſtanden; und die Lieblings=
farbe
der Damen war Purpur.
Ein deutſcher Schriftſteller, C. A. Böttiger, hat einſt
in einem Büchlein (Sabina oder Morgenſzenen im Putz=
zimmer
einer reichen Römerin) die altrömiſchen Toilet=
ten
=Geheimniſſe ſehr amüſant beſchrieben. Hier einige
Stichproben: Vor dem Schlafengehen ließ ſich die junge
Frau Geſicht und Bruſt mit einem Brotteig überziehen,
der mit Eſelsmilch angefeuchtet war; ſo erhielt ſie den zar=
ten
Teint ihrer Haut. Sobald ſie morgens im Bette er=
wacht
war, ſchlug ſie Schnippchen mit den Fingern. Die=
ſes
Signal, das wir etwa für unſere Hunde gebrauchen,
galt den Sklavinnen, und wehe der Dienerin, die ſich
chwerhörig zeigte. Die Sklavinnen geleiteten die ſchöne
Herrin zum Bade und kneteten ihren ſchlanken Leib, alle
Muskeln, alle Gelenke, die dadurch eine beſondere Ge=
ſchmeidigkeit
erlangten. Sie ſalbten dann den roſigen
Leib vom Halſe bis zur Sohle. Eine beſondere Kunſt, die
die Sklavin zu erlernen hatte, war die des diskreten
Schminkens. Die Schminke wurde, ehe man ſie auftrug,
von der jungen Dienerin mit Speichel befeuchtet. Vorher
hatte die Sklavin einen metallenen Spiegel anzuhauchen
und ihrer Gebieterin zum Beriechen zu reichen: damit die
Herrin prüfe, ob das Mädchen geſund ſei.
Auch falſche Zähne waren damals ſchon eingeführt.
Zu ibrer Reinigung bediente man ſich eines eigentüm=

der Freigelaſſenen, ſagt Seneca, verſchwenden jetzt mehr
an einen Spiegel, als der ganze Brautſchatz betrug, den
der Senat den Töchtern des Scipio bewilligte.
Der ungeheuere Aufwand im Hausrat der römiſchen
Hausfrau ſpottet jeder Beſchreibung. Es wurde bei
ihnen ſogar Sitte, die Nachtgeſchirre aus purem Golde
anzuſchaffen! Die Tiſche im Frauengemach hatten Füße
von Elfenbein und Platten aus maſerigem Zitronenholz.
Eine beſondere Zärtlichkeit vergeudete man an das Bett
der ſchönen Römerin. Hier wurde das Raffinement der
Aphrodite immer neu geſteigert.
Der Wagen, in dem die reiche Römerin ausfuhr, war
aus Elfenbein oder aus Silber gebaut. Das Gefolge bei
der Ausfahrt einer vornehmen Dame beſchreibt Marcel=
linus
: Gleich erfahrenen Feldherren, die zuerſt die dich=
teſten
Haufen dem Feinde entgegenſtellten, dann die Schleu=
derer
und endlich die Hilfsvölker, ſind auch die Führer
eines ſolchen Zuges emſig bekümmert, wie ſie alles in ge=
hörige
Ordnung fügen wollen. Sie ſtellen das ganze
Wéber=Perſonal an die Spitze dann folgt das Küchen=
departement
; dann der vermiſchte Dienerhaufen, zu dem
ſich alle Müßiggänger aus der Nachbarſchaft geſellen, und
endlich die Menge der Verſchnittenen mit bleichen, ver=
zerrten
Geſichtern. Solch’ ein Gefolgszug beſtand mit=
unter
aus mehreren tauſend Perſonen.
Selbſt noch nach ihrem Tode verbrauchte die Römerin
ein Vermögen. Nero verwendete für den Scheiterhaufen
ſeiner Gemahlin Poppaea mehr Zimmt und Caſſia, als
Arabien in einem Jahre liefern konnte. Und in die Flam=
men
pflegte man viele koſtbare Gewänder und Gold und
Edelſteine zu werfen! Daneben aber hungerte das
Volk. .
Das intereſſanteſte Kapitel in der Kulturgeſchichte der
altrömiſchen Luxusdame wäre über ihre Kleidermoden zu
ſchreiben. Die Mode iſt kein Geſchöpf des Zufalls. Es
beſtehen bedeutſame Zuſammenhänge zwiſchen den Phan=
taſien
der Schneider, Damenſchuſter und Friſeure und den
Tharaktertypen der Frauen. Allerdings kann man von
Wechſelwirkungen ſprechen. Denn eine durch hohe Pro=
tektion
einmal zur Herrſchaft gelangte Mode übt einen
ormenden Einfluß auf die Geſamtheit des Zeitgeſchlechtes
aus, das ſich ihr unterwarf. In ihrem berühmten Buch:
Die Frau im 18. Jahrhundert, ſchreiben die Brüder

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Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 3. Mai 1912.

Nummer 104.

Der Sängerchor des Mozartvereins unter=
nimmt
nächſten Sonntag, den 5. Mai, ſeinen alljähr=
lichen
Stiftungsfeſtausflug nach der Berg=
ſtraße
. Morgens 8 Uhr 58 Min. Abfahrt nach Heppen=
heim
. Wanderung über Juhöhe, woſelbſt längere
Frühſtücksraſt, Waldnerturm, Hirſchkopf nach Weinheim.
4¾ Uhr gemeinſchaftliches Eſſen im Pfälzer Hof und
daran anſchließend Stiftungsfeier. Rückfahrt nach Darm=
ſtadt
10 Uhr 13 Min. Ganz beſonders ſind willkommen
auch die inaktiven Herren des Vereins. Anmeldungen
zum Eſſen gefälligſt direkt an das Hotel.
* Die geſetzlichen Geſellenprüfungen des Orts=
gewerbevereins
Darmſtadt finden am Sonntag vormittag
mit der feierlichen Ueberreichung der Geſellenbriefe an
die zahlreich beſtandenen Lehrlinge ihr Ende. Mit dem
Feſtakt iſt eine Ausſtellung der gefertigten Geſellenſtücke
verbunden, die von morgens 9 Uhr ab zur Beſichtigung
offen ſteht. Die in Frage kommenden Geſellenſtücke
müſſen dieſerhalb am Samstag nachmittag von 5 Uhr
ab in die Turnhalle verbracht werden. Darauf hinge=
wieſen
ſei bei dieſer Gelegenheit gleichzeitig noch, daß
etwaige rückſtändige Prüfungsakten umgehend an den
Vorſitzenden des Geſellenprüfungsausſchuſſes abzuliefern
ſind.
* Eine Beſichtigung des neuen Hauptbahnhofgebäudes
wird der hieſige Ortsgewerbeverein heute nach=
mittag
unternehmen. (Näheres ſiehe Anzeigenteil.)
* Hauptbahnhof und Exerzierplatz. Man ſchreibt
uns: Der Artikel Hauptbahnhof und Exerzierplatz in
der geſtrigen Nummer wird jedenfalls mit großer Be=
friedigung
aufgenommen. Wie aber Einſender börte,
ſollte in dieſes Tauſchgeſchäft auch die kleine Kaſerne in
der Wilhelminenſtraße einbegriffen ſein. Es wäre
jedenfalls zeitgemäß, daß die Art der Verwendung des
Gebäudes aus der Straße käme, da es ſelbſt nach An=
ſicht
der Behörden nicht mehr in dieſe ſchöne frequente
Straße paßt, und wäre dies die beſte Gelegenheit, daß
das Gebäude in die Hände der Stadt käme. Es ſollte
deshalb die Stadtverwaltung im Intereſſe der Allge=
meinheit
und Verſchönerung das Tauſchgeſchäft nur
unter dieſer Bedingung eingeben. Wie Einſender er=
fahren
hat, iſt die Militärbehörde dazu bereit.
* Zahnärztliche Poliklinik für die Volksſchul=
kinder
der Haupt= und Reſidenzſtadt Darmſtadt. Im
Monat April 1912 wurden behandelt 534 Kinder (315
Mädchen, 213 Knaben) mit 696 Konſultationen. Gefüllt
wurden 510 Zähne, ausgezogen wurden 343 Zähne
(305 Milchzähne, 28 bleibende Zähne). Zahl der Tage,
an denen Sprechſtunden abgehalten wurden: 22.
* Radrennen. Die vom Velozipedklub Darmſtadt auf
Sonntag, den 5. Mai, angeſetzten Rad= und Motor= Ren=
nen
auf der Rennbahn (Heidelberger Straße) bilden das
Tagesgeſpräch in Sportkreiſen. Neben dem Dauer= Ren=
nen
mit Motorſchrittmachern intereſſiert beſonders das
Vierermannſchafsfahren um den wervollen, von der
Firma Adam Opel=Rüſſelsheim geſtifteten Wanderpreis,
der zweimal hintereinander oder dreimal im Ganzen
gewonnen werden muß. Es haben hierzu fünf Vereine
gemeldet, darunter die ſeitherigen Gewinner, der Frank=
furter
Bicyeleklub und der Velozipedklub Frankfurt a. M.,
die natürlich alles daran ſetzen, den Sieg zu erringen.
Beiden Vereinen entſteht in der Frankfurter Germania
eine Konkurrenz, die mit Fahrern wie Möſer, Weiß, zwei=
ter
Sieger der vorjähriben 100 Km.=Weltmeiſterſchafk,
u. a. nicht ohne Ausſicht auf den Sieg an den Start geht.
Durch mehrere Nachmeldungen hat die Startliſte eine
weitere Verſtärkung erfahren, wobei die Meldung des
Motorfahrers Haeffner=Freiburg hervorzuheben iſt, der
beim vorjährigen Rennen durch ſeine ſchneidige Fahrweiſe
im Motor=Rennen auffiel.
C. Vom Botauiſchen Garten. Die frühlings=
mäßige
Witterung der zweiten Aprilhälfte hat die
Vegetation im Botaniſchen Garten mächtig ge=
fördert
, nachdem die ſtarken Fröſte in der erſten
Aprilhälfte (bis zu 5 Grad) namentlich eine Reihe
exotiſcher Sträucher ſtark mitgenommen hatten. Be=
ginnen
wir unſeren Rundgang mit der Beſichtigung des
Beets mit der Flora des Mainzer Beckens ( Sand=
pflanzen
der Eberſtädter und Bickenbacher Tanne), ſo
finden wir blühend zunächſt nur Adonis vernalis
(gelb), eine Pflanze, die auch durch ihre fein zerſchlitzten
Blätter bemerkenswert iſt. Auch im nordöſtlichen Teile
des Gartens iſt die Vegetation noch wenig entwickelt:
umſomehr erfreut uns hier ein kleines Beet mit
Primeln, Saxikragacum und anderen Kindern des Früh=
lings
und in der Nähe ein Ribes amictum aus Oregon
und Kalifornien mit eigenärtiger rotbrauner Blüte. Einige
Schritte weiter der Odenwaldbahn zu finden wir den

prächtigen Zierſtrauch Cydonia alpina aus Japan.
Schlagen wir nun den Weg zu der mächtigen am
Darmbach ſtehenden Gruppe von Silberpappeln ein, ſo
erfreut uns auf den Beeten zur Linken ein Muscari
comosum nebſt anderen Arten dieſer Gattung mit
ihren tiefblauen zu Trauben geſtellten Blüten. Hieran
reiht ſich das Ornithogalum umbellatum (doldiger
Milchſtern), eine Milla uniklora aus Argentinien und eine
prächtige in Turkeſtan einheimiſche Tulipa dasystemon.
Zwiſchen dieſem Beet und dem Darmbach ſchließt ſich
das Alpinum mit ſeinen Herrlichkeiten an. Gerade
gegenüber diesſeits des Bachs ſtehen einige exotiſche
Kräuter in Blüte, namentlich Uvullaria perfoliata (gelb,
Nordamerika), Corydalis nobilis (gelb, Sibirien) und
Trillium sessile (rotbraun Nordamerika). Wenden wir
uns nun, die Brücke überſchreitend, zu dem Beet der
Gift= und offizinellen Pflanzen, ſo finden wir hier die
Cattha palustris (Sumpfdotterblume), die Scopolia
carniolica mit braunen Blüten, das Scopolamin liefernd,
den Ranunculus sceleratus (Gifthahnenfuß) mit ihren
Blüten von geſättigtem Gelb, die Anemone silvestris, eine
alte Bekannte aus unſeren Kiefernwäldern und den Löß=
abhängen
der Bergſtraße, ſowie die nordeuropäiſche
Cochtearia officinalis (Löffelkraut) Ein Beſuch des
Kalthauſes ſoll unſeren genußreichen Gang beſchließen.
Hier bewundern wir die braſilianiſche Libonia flori-
bunda
mit ihren ſeltſam geſtalteten Blüten, die Iris
aponica (lila), die mexikaniſche Salvia fulgers (rot)
und die Veltheimia viridiklora mit roſaroten Blüten auf
langem Stengel. Ferner feſſeln unſer Auge die be=
liebten
Zierpflanzen Potygala myrtikglia, die Spar-
mannia
africana (Zimmerlinde) mit weißer Blüte und
gelbroten Staubfäden aus Südafrika und das Geranium
eanariense. An dieſer Stelle möge zum Schluſſe noch
auf die bedauerliche Schmälerung des Naturgenuſſes
durch Wegwerfen von Papier= und ſonſtiger Abfälle
hingewieſen werden, eine Ungehörigkeit, die in dem
ſorgfältig gepflegten Garten ganz beſonders gerüg!
wverden muß.
Fernſprech=Teilnehmer=Verzeichnis. Im Ver=
age
der Hof=Buch= und Steindruckerei H. Hohmann
erſcheint ſoeben, die (25.) Jubiläums=Ausgabe des von ihr
eingeführten Verzeichniſſes der hieſigen Fernſprech= Teil=
nehmer
, bearbeitet nach amtlichen Unterlagen. Das Ver=
zeichnis
enthält alle bis Anfang April angemeldeten
Neuanſchlüſſe und Aenderungen. Auch die zahlreichen
Straßen=und Hausnummer=Aenderungen fanden genaueſte
Berückſichtigung. Das hieſige Fernſprechamt beſteht ſeit
885; mit ca. 20 Anſchlüſſen beginnend, zählt dasſelbe
heute ca. 2500 Anſchlüſſe. Trotz der bedeutenden Er=
weiterung
des Verzeichniſſes bleibt der Preis von 50 Pfg.
der alte.
Der Neuanſtrich der Briefkaſten findet in dieſen
Tagen ſtatt; es iſt bei ihrer Benutzung Vorſicht geboten.
* Unfall eines Glers auf der Senne. Ende April rit=
ten
nach dem Scharfſchießen mehrere Unteroffiziere der
3. Batterie des Feldartillerie=Regiments Nr. 61 von der
Feuerſtellung nach dem Lager, als ſich plötzlich das Pferd
es Unteroffiziers Wunderle rücklings überſchlug und
den Reiter unter ſich begrub. Die Klagen des Verun=
glückten
ließen ſchwere Verletzungen vermuten und er
wurde deshalb ſofort nach dem Garniſonlazarett Pader=
vorn
verbracht. Bei der vorgenommenen Operation wur=
den
ein Beckenbruch und ſtarke innere Blutungen feſtge=
ſtellt
. Der Zuſtand des Verunglückten iſt zur Zeit nicht
gerade lebensgefährlich, aber doch ſehr bedenklich. Wir
werden beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß der
Verunglückte der Unteroffizier Wunderle 3/61, nichr
der Ober=Fahnenſchmied Wunderle 2/61 iſt.

Seeheim a. d. B., 1. Mai. Der hieſige Verſchöne=
rungsverein
hat beſchloſſen, den in tiefſter Wald=
einſamkeit
am Hange des Tannenbergs oberhalb vom
Dom und der Hermannella zwiſchen Herrenweg und
Kiesweg ſich hinziehenden neu angelegten Fußpfad
Heyer=Pfad zu nennen und an demſelben eine Forſt=
meiſter
Heyer=Bank aufzuſtellen zur dauernden Erinner=
ung
an die großen, viel zu wenig der Allgemeinheit be=
kannten
Verdienſte des Herrn Großh. Forſtmeiſters
Heyer=Jugenheim a. d. B. um die Erſchließung und Ver=
ſchönerung
unſerer Wälder. Die Friedensquelle die
Zeppelineiche die Sophienhütte die Margareten=
ruh
die erfolgreichen Freilegungsarbeiten an der
Ruine Tannenberg, die Schaffung neuer Ausſichtspunkte,
die Anlage neuer Wege in unſerem und im Jugenheimer
Waldrevier, ſeine Mitarbeit bei der Errichtung unſeres
von Herff= und des Luiſentempels das ſind nur
einige wenige Beiſpiele für Forſtmeiſter Heyers ſegens=

reiches und zielbewußtes Streben in ſeinem Amtsbezirk.
Und unſer Verſchönerungsverein trägt durch obige Be=
nennung
nur ein kleines Scherflein ſeiner Dankesſchuld
gegenüber Forſtmeiſter Heyer ab für deſſen ſtets bewie=
ſenes
Wohlwollen und verſtändnisvolles Entgegen=
kommen
.
Gernsheim, 2. Mai. Ueberraſchende Ergebniſſe hat=
eine
Unterſuchung der Fundamente der weithin bekann=
ten
Wallfahrtskapelle Maria Einſiedel ergeben. Die=
Fundamente von drei Chorſtrebepfeilern weiſen zur grö=
ßeren
Hälfte vollkommene Hohlräume auf. Da der Bal=
kenroſt
verfault iſt, haben Setzungen ſtattgefunden. Drei
Strebepfeiler ſind noch außen gewichen und haben die
eigentlichen Chorwände mitgezogen.. Es wird nötig=
ſein
, die Chorſtrebepfeiler abzubrechen und von der Sohle=
aus
neu zu fundamentieren und aufzumauern. Ueberdies
befindet ſich das Mauerwerk ſämtlicher Strebepfeiler und
auch einzelne Teile der Umfaſſungswände in ſo ſchlechtem
Zuſtande, daß eine gründliche Erneuerung dringend
nötig iſt.
Heppenheim, 1. Mai. Letzte Nacht waren hier wie=
der
ſchwere Einbrecher an der Arbeit. Dem katho=
liſchen
Pfarrhaus, wo bekanntlich vor 7 Jahren Hüdde
über 2000 Mark ſtahl, galt ein Beſuch. Man hatte bereits,
nachdem die hohe Umfaſſungsmauer beſtiegen war, eine
Fenſterſcheibe herausgeſchnitten, als das im Zimmer
ſchlafende Dienſtmädchen wach wurde und Lärm ſchlug,
worauf die Gauner Reißaus nahmen. Dahingegen gelang
es den Unholden, in die Behauſung des Kreisamtsbeam=
ten
Fabian einzudringen und 200 Mark in bar, einen
Anzug und ein Paar Stiefel an ſich zu nehmen. Bis jetzt
hat man leider von den Tätern keine Spur. (Erb. Krsbl.)
Groß=Gerau, 1. Mai. Ein junger Mann erſchien
dieſer Tage beim Großh. Amtsgericht Groß=Gerau, um
über ſeinen in Mörfelden wohnhaften Vormund Klage
zu führen. Als er zu Protokoll vernommen wurde,
ſtürzte er lt. Kreisblatt ohnmächtig zuſammen, ſo
daß Herr Sanitätsrat Dr. Schad zu Hilfe geholt werden
mußte. Die Ohnmacht ſoll eine Folge einer barbariſchen
Mißhandlung ſein, die der junge Mann, der nun
einige Tage das Bett hüten muß und der in einer Groß=
Gerauer Familie Aufnahme fand, von ſeinem Vormund
erlitten haben ſoll.
Mainz, 1. Mai. Die Eingemeindung von
Koſtheim dürfte ſchon am 1. Juli ds. Is, erfolgen, da
die Ausſicht beſteht, daß ſich die Eingemeindungskommiſ=
ſionen
von Mainz und Koſtheim über den ihnen vorge=
legten
Entwurf einigen. Nach der neuen Städteordnung
kann im Falle der Ablehnung der Eingemeindung durch
eine Gemeinde dieſe durch Geſetz verfügt werden. Vor
einigen Tagen erſchien in verſchiedenen hieſigen Geſchäfs
ten eine Frau, die ſich als die Frau eines Dr. Schweizer
aus Oppenheim vorſtellte und ſich Waren zum Ausſuchen
vorlegen ließ. Während des Ausſuchens ließ ſie dann
Gegenſtände, die ihr gerade paßten, unter ihren
Kleidern verſchwinden. In einem Schirmgeſchäft
hatte ſie auf dieſe Weiſe ſogar zwei Schirme gegriffen,
doch wurde ſie beobachtet und ihr vor dem Fortgehen aus
dem Geſchäft die Schirme wieder abgenommen. Leider
unterließ man es, ſie der Volizei zu übergeben. Mit den
übrigen in anderen Geſchäften entwendeten Gegenſtänden
iſt ſie dann verſchwunden. Nachträglich ſtellte es ſich her=
aus
, daß man es mit einer verheirateten Frau aus Worms
zu tun hatte. Die Schwindlerin tritt elegant gekleidet
auf und wird von mehreren Staatsanwaltſchaften wegen
Ladendiebſtahl und Betrug geſucht. Vor einkgen Wochen
iſt ſie aus dem Gefängnis in Hannover entwichen.
Mainz, 2. Mai. Zu Ehren des hier anweſenden kon=
mandierenden
Generals des 18. Armeekorps Erzellenz
Eichhorn fand geſtern abend auf dem Schillerplatz
vor dem Gouvernementsgebäude ein großer militäriſcher
Zapfenſtreich ſtatt. Auf dem Balkon des Gouver=
nements
waren der Geehrte, Exzellenz Graf von Schlief=
fen
, der Stadtkommandant und andere höhere Offiziere
mit Angehörigen erſchienen. Der Platz und die angren=
zenden
Straßen waren dicht mit Zuhörern gefüllt.
Monzernheim, 2. Mai. In der Nacht auf 1. Mai ka=
men
der W. Ztg. zufolge mehrere Burſchen wegen des
ſog. Maienſteckens in Streit, wobei der Dienſtknecht Mie
chael Mumm aus Ober=Olm und der Heinrich März ans
Bürſtadt den Taglöhner Peter Lang aus Monzernheim
mit einem Handbeil derart ſchlugen, daß er geſtern ſein
Verletzungen erlegen iſt. Eine gerichtliche Kommiſſioſ
weilte bereits geſtern nächt noch am Tatort.
Harheim, 1. Mai. Hier ſind durch Profeſſor Wolf=
Frankfurt a. M. in einer Tongrube die Reſte einer römt

lichen Mittels nämlich des Urins von einem Knaben.
Schöne Knaben waren überhaupt rituelle Gebrauchsgegen=
ſtände
der Damen; es wurde bei dieſen Frauen Sitte, ſich
die Hände nach dem Waſchen in den Locken kleiner Pagen
zu trocknen.
Die größte Aufmerkſamkeit erforderte die Friſur. Das
gelöſte Haar wurde zunächſt mit einem überaus wohlrie=
chenden
Waſſer beſpritzt, und zwar in der Weiſe, daß die
Sklavin Waſſer in die vollen Backen nahm und dann einen
feinen Staubregen auf die Haare blies. In der Mannig=
faltigkeit
modiſcher Haartrachten konnte ſich der Erfind=
ungsgeiſt
nicht genug tun. Es heißt, daß die Gattin des
Marc Aurel, des Philoſophen auf dem Throne, über 300
Friſuren in ihrem Repertoire hatte.
Die Morgenſtunde der reichen Römerin weiſt manche
Aehnlichkeit auf mit dem Lever der Rokoko=Franzöſin.
Statt des Abbé erſchien der griechiſche Hausphiloſoph am
Putztiſch; er teilte die Gunſt der Herrin mit dem Favorit=
Zwerge, dem poſſierlichen Spiel=Affen, dem Malteſer= Hünd=
chen
und der auch ſehr beliebten zahmen Schlange, die ſich
kühlend im heißen Buſen der Herrin verbarg oder ſich um
ihren Hals ſchlang. Die Galants ſandten noch nicht Bil=
lets
=doux, aber ſie ließen durch die Kranzflechterin zarte
Kränzlein überreichen. Sogar das neueſte Buch des Mode=
Schriftſtellers ſoll auf dem antiken Putztiſch ſeinen Platz
gehabt haben.
Sehr grauſam waren die römiſchen Modepuppen. Die
Sklavinnen mußten ihren Dienſt am Putztiſch mit nacktem
Oberkörper verrichten. Die Herrin trug in der Hand eine
kleine, aus Draht geflochtene Geißel. Zog über ihre Stirne
eine Wolke übler Laune oder verſah die Dienerin etwas,
iſo gab es Blut! Beliebt war unter den zarteren Strafen
die Maulſchelle. Das arme Mädel mußte ſtille halten und
vor dem Schlag die Backen aufblaſen.
Den ganzen wahnwitzigen Laſterprunk des neroniſchen
Babel, ſeine raſenden Ausſchweifungen, ſeine mörderiſchen
Lüſte ſind in Robert Hamerlings Epos Ahasver
in Rom brauſend und blendend auferſtanden. Hamer=
ling
war ein Dichter von ſehr ſinnlicher Phantaſie und
überdies ein gewiſſenhafter Philologe. Seine Gemälde
ſind hiſtoriſch getreu. In das dämmernde, wolluſtatmende
Schlafgemach Agrippinas der Mutter des Nero, führt uns
der dritte Geſang der Dichtung. Die ſchöne Frau iſt ge=
bade
: und geſalbt, und es beginnt die Toilette:

Aus duft’gen Schränken zieht die Sklavin jetzt ½ Hell
ſchimmerndes Geweb und Prunkgewänder. / Noch ein=
mal
ſinkt die Hülle von den Schultern, / Den blendenden,
der wunderbaren Frau, ½ Wie von dem Berghang ſinkt
die Nebelhülle. / Doch dafür ſenkt nun zart wie Silber=
wölkchen
/ Sich über ſie ein ſchimmernd Hemd, ſo dünn
Wie das Geweb’ Arachnens, daß die Haut ½ Hindurchzu=
quellen
ſcheint wie Milch. Darüber Wird nun der feine,
bernſteingelbe Byſſus ½ Der Tunika geworfen, der die
Pracht ½ Der Glieder weich, doch eng geſchmiegt um=
ſpannt
. / Und immer neue Prachtgewebe quellen ½ Empor
aus den geöffneten Behältern ½ Wie farbig bunte Nebel.
Lange wird ½ Geprüft, verſucht; zuletzt noch einmal
rauſcht ¾ Es überm Haupt der Schönen, und es ſenkt
Sich nieder eine ſeidne Stola, ſchneeweiß, / Mit goldge=
ſtickten
Purpurrändern; Blumen / Sind golden eingewirkt,
und goldig glitzert’s ½ Durch’s ganze lauſchig wogende
Gewand Wie Himmelsſterne durch den Nebelduft.
’s iſt wie die Silberwolke, ſterngeſtickt, / Die eine Göttin
himmelan entführt. / Zuſammenfaßt es in der Mitte jetzt
Ein Gürtel, reich geſchmückt mit Edelſteinen, ¼ Und über
ihm ſchwimmt vorne, wie geſtaut, / Des lieblichen Ge=
wandes
ſeidne Welle / Und fließt in edlen Falten reizend
über, / Indeß der goldbefranzte Purpurſaum Von hinten
ſchleppend nachwogt.
Aber jetzt erſt werden Hals, Arme, Hände. Bruſt der
Gebieterin mit hundertfachem Gefunkel geſchmückt, der
Diamanten, Rubinen und Perlen Der Erde ſchönſtes
Weib iſt Agrippina.
So hat der Dichter den ſchwelgeriſchen Schmuck der
Römerin ins Erhabene gehoben. Aber ſein Bild der hohen
Schönheit wird alsbald zum Gorgo=Schild, aus dem uns
das Grauen entgegengrinſt: Agrippina, das göttliche Weib,
ſtürzt von ihrem ſtrahlenden Gipfel, ein Opfer ihres mör=
deriſchen
Sohns, in die dunklen Todesfluten. Ein Gleich=
nis
iſt dieſes dichteriſch verklärte Schickſal. Ein Gleichnis
für das Los von Völkern. deren Mark und Kraft in ſchwel=
geriſcher
Ueberkultur dahinſiecht, bis ſie von unverbrauch=
ten
, geſunden Völkern zertreten werden. Die Sphynr der
Aegypter, das ewige Wahrzeichen, hat einen ſchwellenden
Buſen und grauſame Pranken.

Feuilleton.

C. K. Frauenſtudinm in Frankreich. Die Geſamtzahl
der weiblichen Studenten, die an allen Univerſitäten und
Hochſchulen Frankreichs am 15. Januar dieſes Jahres
immatrikuliert waren, beträgt nach einer Mitteilung des
Athenaeum 3915 Perſonen, von denen 1796 Ausländer
ſind. Das ſtärkſte Kontingent ſtellen die Ruſſen mit 317
Studentinnen allein an der Univerſität Paris. Dort ſind
vier Frauen aus der Türkei und vier aus Rumänien in
das Hörer=Regiſter eingeſchrieben. 36 Studentinnen der
Pariſer Univerſität widmeten ſich dem Rechtsſtudium, 211
dem der Medizin, 596 gehören der philoſophiſchen Fas
kultät an und 173 ſtudieren Naturwiſſenſchaften.
Auch eine Lebensbilanz. Die franzöſiſchen Aerztel
Fandouzy und Labbé haben ſich voll Eifer der Mühe
unterzogen, eine genaue Tabelle auszuarbeiten, die einen
Ueberblick über die Menge der Speiſen gibt, die ein
Menſch=in ſeinem Leben zu ſich nimmt. Die Lectures
pour Tous geben auf Grund dieſer Ziffern ein anſchau=
liches
und in ſeiner Geſamtheit faſt unheimlich anmuten=
des
Bild von dem Appetit des Mitteleuropäers; allein
aus dem Brot, das ein jeder von uns wenn ihm eine
Lebensdauer von 70 oder 75 Jahren beſchieden iſt , ge=
nießt
, könnte man ein ſtattliches und imponierendes
Denkmal errichten. Ein Arbeiter ißt täglich ſeine 500
bis 600 Gramm Brot, man wird im Durchſchnitt mit
einem Quantum von 400 Pfund Brot im Jahre zu rech=
nen
haben; das ergibt in 70 Lebensjahren die höchſt
imponierende Menge von nahezu 28000 Pfund. Wenn
man dieſe Brote aneinander legt, könnte man eine Brot=
reihe
von mehr als 3½ Kilometer Länge erreichen.
Dazu kommt nun die Fleiſchnahrung. Die fleißigen
franzöſiſchen Aerzte haben dabei ihren Berechnungen
einen täglichen Fleiſchverbrauch von 180 Gramm zu=
grunde
gelegt und als vorſichtige Männer der Wiſſen=
ſchaft
auch nicht verſäumt, den Faſttag, den Freitag, aus=
zunehmen
. Immerhin gibt das noch einen Jahresver=
brauch
von 112 Pfund Fleiſch für jeden Mann; nach 70
Jahren hätte das Individuum alſo mindeſtens ſeine
8000 Pfund Fleiſch verzehrt. Das entſpräche in ſeinem
Gewicht ungefähr drei ganzen Ochſen, fünfzehn Ham=

[ ][  ][ ]

Nummer 104

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 3. Mai 1912.

Seite 5.

a aufgedeckt worden, die eine
ſchen villa
noch ſehr gut erhaltene Fernheizanlage enthält.
(*) Gießen, 1. Mai. Ein wiſſenſchaftlicher
Fortbildungskurſus für Volksſchulleh=
rer
begann heute in dem Hörſaal der Klinik für phy=
ſiſche
und nervöſe Krankheiten. Es hatten ſich zu der Er=
öffnungsvorleſung
etwa 100 Herren eingefunden; es laſen
die Herren Geh. Kirchenrat Profeſſor Dr. Krüger über
Das kirchliche Bekenntnis im Lichte der Geſchichte und
Profeſſor Dr. Dannemann über Urſachen der
Geiſtesſtörung und Geiſtesſchwäche‟. Die Vorleſung
dauerte von 4 bis 6 Uhr.
K Bad Nauheim, 30. April. Heute trafen Prinz und
Prinzeſſin Friedrich Karl von Heſſen hier ein
und machten Ihrer Majeſtät der Kaiſerin ihre Aufwart=
ung
. Sie nahmen dann an der Tafel teil. Ein jun=
ger
Mann erſchoß ſich heute abend gegen 7 Uhr hinter
dem Kurhaus. Es iſt der 23 Jahre alte Friedrich Becker
aus Gießen. Das Motiv der Tat iſt unbekannt. Er trug
neue Kleider. Einen Zettel fand man bei ihm, mit dem
Wunſche, daß man ihn nach Gießen überführen ſoll. In
ſeinem Portemonnaie hatte er nur 12 Pfg
Büdingen, 1. Mai. Die ſchönen warmen Tage der letz=
ten
Wochen waren für die Entwickelung der Bienen=
völker
überaus günſtig. Allenthalben kann man auch
ſchon ſchwarmreife Völker ſehen, namentlich da, wo noch
Strohkorbbetrieb daheim iſt. Der erſte Schwarm in
unſerer Gegend fiel bereits am Sonntag auf dem Bienen=
ſtande
eines Bahnwärters zwiſchen den Stationen Büches
und Bleichenbach.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 2. Mai. Das neue Pots=
damer
ſtädt. Realgymnaſium hat ſeinen erſten
prinzlichen Schüler erhalten. Im Sommerſemeſter iſt Prinz
Philipp von Heſſen, ein Neffe des Kaiſers, in die
Unterſekunda der Anſtalt verſetzt worden. Der Prinz
nimmt am Unterricht in allen Fächern teil. Außer dem
Prinzen Philipp beſucht als Externiſt der Prinz Friedrich
Leopold, der jüngſte Sohn des Prinzenpaares Friedrich
Leopold, mit einigen Kadetten die Chemiekurſe des Real=
gymnaſiums
. Die Berliner Fleiſcherinnung
hat, wie die Deutſche Fleiſcher=Zeitung meldet, in ihrer
geſtrigen Sitzung beſchloſſen, Mitglieder des ſozialdemo=
kratiſchen
Zentralverbandes von ihrem Arbeitsnachweis
auszuſchließen und kein Mitglied des genannten Verban=
des
mehr zu beſchäftigen. Im Methylalkohol=
prozeß
Scharmach gingen die Ausführungen der Ver=
teidiger
geſtern zu Ende. Die Verhandlung wurde auf
Samstag vertagt. Eine große Schlägerei ſpielte
ſich heute abend in Schöneberg ab. Dort waren mehrere
italieniſche und deutſche Arbeiter in einen heftigen Streit
geraten, der ſchließlich in Tätlichkeiten überging. Die
Kämpfenden ſchlugen mit Meſſern und Stöcken aufein=
ander
los Mehrere blieben verletzt auf dem Kampfplatz
liegen. Die Polizei konnte erſt nach längeren Bemüh=
ungen
die Ruhe wieder herſtellen.
Jüterbog, 2. Mai. Auf dem Artillerie=Uebungsplatz in
Jüterbog kam geſtern beim Scharfſchießen eine Granate
vorzeitig zum Krepieren. Hierbei wurde der Kano
nier Krüger, der in der Nähe ſtand, faſt vollſtändig zer=
riſſen
, ſodaß der Tod auf der Stelle, eintrat. Die Unter
ſuchung wurde ſofort eingeleitet.
Eppingen, 2. Mai. Der 21jährige Muſikunteroffizier
Dralle vom Füſilier=Regiment in Raſtatt verlor auf der
abſchüſſigen Straße die Gewalt über ſein Rad. Er ſtürzte
in einen Bach und erlitt einen ſchweren Schädelbruch, ſo=
daß
er bewußtlos liegen blieb und ertrank, ehe Hilfe kam.
Dresden, 2. Mai. Walter Soomer, das be=
kannte
Mitglied der Dresdener Hofoper, iſt bekanntlich
unlängſt beim König von Sachſen um ſeine Entlaſſung
eingekommen mit der Begründung, er könne ſich gegen die
Dresdener Kritik nicht durchſetzen. König Fried=
rich
Auguſt hat das Geſuch abgelehnt. Inzwiſchen iſt
Soomer gegen den ihm unbequemen Kritiker der Dresd.
Neueſten Nachrichten gerichtlich vorgegangen. Der Kri=
tiker
will ſeinerſeits durch namhafte Sachverſtändige aus
Literatur= und Künſtlerkreiſen die Soomerſchen Leiſtun=
gen
abſchätzen und ſein Verfahren damit rechtfertigen
laſſen. Auch Soomer hat ſich namhafte Gutachter ge=
ſichert
, ſodaß ein zum mindeſten ſehr merkwürdiger Pro=
zeß
zu erwarten ſteht.
Dresden, 1. Mai. Geſtern trafen 52 engliſche
Geiſtliche unter Führung des Biſchofs Bury aus
zahlreichen Städten Nord= und Mitteleuropas ein, um
am 1. und 2. Mai Konferenzen abzuhalten. Heute fand
ein geiſtliches Konzert ſtatt. Im Anſchluß daran fand im
neuen Rathauſe der Empfang der engliſchen Gäſte durch
die ſächſiſchen Behörden ſtatt.
Halle a. S., 1. Mai. Die 19jährige Schauſpielerin
Ellen Schellwien, die aus verſchmähter Liebe ihren
früheren Geliebten, einen Referendar, im Apollotheater
während einer Vorſtellung durch einen Revolverſchuß
ſchwer verwundete, wurde vom Schwurgericht zu einem
Jahr Gefängnis verurteilt unter Zubilligung mil=
dernder
Umſtände.
Gotha. 1. Mai. Der Landtag für das Herzoatum
Gotha faßte am Montag den Beſchluß, bis zum 1. April
1913 den geſamten Hochwildbeſtand der Staats=

domänen an Private zum Abſchuß zu vergeben.
Der ſeither gelöſte Pachtpreis betrug 16300 Mark. Mit
der jetzt beſchloſſenen Maßnahme, die mit Rückſicht auf
die Kultur des Waldes geſchehen iſt, wird ein Teil des
Thüringer Waldes vom Hochwild völlig entvölkert.
Köln, 1. Mai. Der Rheinſchifferſtreik hat
bereits zu wüſten Szenen geführt. Am Ruhrorter
Hafenmund wurden arbeitswillige Schiffer überfallen
und ſchwer mißhandelt. Ihre Kleidungsſtücke und Le=
bensmittel
wurden ihnen entriſſen und vernichtet. Unter
den Ausſtändigen herrſcht große Erregung, da es meh=
reren
großen Reedereien gelungen iſt, durch auswärtige
Arbeitswillige den Betrieb wieder aufzunehmen. Heute
vormittag ſrafen mehrere mit Arbeitswilligen beſetzte
Boote in den Ruhrhäfen ein. Die Reedereien hoffen,
in kurzer Zei,den Betrieb wieder aufnehmen zu können.
Die Bemannungen der holländiſchen Schleppboote haben
ſich bisher noch nicht zum Streik entſchloſſen, ſodaß aller
Wahrſcheinlichkeit nach die Ausſtandsbewegung zu Un=
gunſten
der Streikenden auslaufen wird.
Köln, 1. Mai. In der Albankirche überfiel heute
morgen ein gutgekleideter Mann eine Frau und verſuchte,
ihr das Handtäſchchen zu entreißen, in dem ſich 4000 Mark
befanden. Die Frau hatte das Geld kurz vorher von der
Sparkaſſe abgehoben. Dies hatte der Täter augenſchein=
lich
beobachtet. Als die Frau ſich wehrte, warf der Räu=
ber
ihr eine Handvoll Pfeffer in die Augen. Auf die
verzweifelten Hilferufe kam ſchließlich der Küſter hinzu,
worauf der Täter unverrichteter Sache entfloh.
St. Inabert, 2. Mai. Der kürzlich verunglückte Berg=
arbeiter
Eiſenhut geſtand im Fieber, vor acht Jahren
ſeinen Vatererſchlagen und im Garten vergraben zu
haben. Tatſächlich fand man beim Nachgraben ein Ge=
rippe
.
Königsberg, 1. Mai. Bei der Station Norgau der
Fiſchhauſener Kreisbahn fuhr heute nachmittag ein Au=
tomobil
, in dem ſich der Kreisbaumeiſter Leſch und
der Techniker Till befanden, gegen einen vorüberfahren=
den
Kleinbahnzua. Das Automobil wurde zertrümmert,
die Inſaſſen erlitten ſchwere Verletzungen.
Paris. 1. Mai. Der Schnellzug, der heute mor=
gen
950 Uhr den Nordbahnhof in der Richtung Calais
verlaſſen hat, und von 50 Reiſenden, meiſt enaliſchen
Touriſten, beſetzt war, entgleiſte unweit der Station
St. Denis infolge Weichenbruchs. Drei Perſonen wur=
den
verletzt.
Lundon, 1. Mai. Die Polizeibehörden in London
und Paris waren geſtern den ganzen Tag eifrig mit
der Aufklärung eines frechen Diebſtahls beſchäftigt, den
eine internaßionale Diebesbande auf dem
von Bouloane nach Folkeſtone gehenden Paſſagierdampfer
ausgeführt hat. Der Beraubte iſt ein Diamanten=
händler
Max Roſenthal, deſſen Bureau ſich in dem
Gamage=Gebäude in der Londoner City Straße Holborn
befindet. Ihm wurden Montag abend bei ſeiner Ueber=
fahrt
über den Kanal Juwelen und Geld im Werte von
160000 Mark abgenommen, und zwar 26000 Franken in
franzöſiſchen Banknoten. vier Perlenhalsbänder
im Werte von 112000 Mark und mehrere ungefaßte Dia=
manten
. Roſenthal befand ſich auf der Rückreiſe von
Antwerpen, die er über Paris ausführte. Als er in Paris
aus einem Boulevard=Café auf die Straße trat, umring=
ten
ihn eine Anzahl Männer und rempelten ihn an. Auf
ſeinen Hilferuf kamen Poliziſten herbei und verhafteten
fünf der Männer, die jedoch ſpäter mangels Beweiſe ent=
laſſen
wurden. Danach reiſte Roſenthal mit dem 4 Uhr=
Eilzug von Paris nach Boulogne ab. Seine Wertſachen
trug er in einem Lederportefeuille in einer inneren Rock=
taſche
. Zweifellos folgte ihm das Diebesgeſindel auf den
Dampfer nach. Als er das Schiff betrat, fühlte er das
Portefeuille noch in ſeiner Taſche. Auf der Ueberfahrt
wurde er gräßlich ſeekrank, und beim Verlaſſen des Damp=
fers
zu Folkeſtone ging er inmitten eines dichten Men=
ſchenknäuls
, einen Koffer in jeder Hand. Kurz ehe er das
Zollamt betrat, fühlte er nach ſeinem Taſchenbuch und
fand zu ſeinem jähen Schrecken, daß es fort war. Er
ſetzte die Detektive auf dem Bahnhof ſofort von ſeinem
Verluſt in Kenntnis, worauf dieſe den Bootzug durch=
ſuchte
, doch ohne Erfolg. Roſenthal glaubt, daß er beim
Herunterſchreiten vom Dampfer beraubt wurde, doch die
Polizei iſt der Anſicht, daß ihm auf dem Dampfer bei ei=
nem
Trunk etwas ins Glas gemiſcht wurde, wo=
nach
ihm ſehr übel wurde, und daß er in ſeinem elenden
Zuſtande dort unbemerkt ein Opfer der Gauner wurde.
Von dieſen fehlt jede Spur.

Ein Verkehrsverband für den vorderen
Odenwald.

* In Ober=Ramſtadt wurde im Gaſthaus
Zum Löwen nach einem Referat des Vorſitzenden des
Vereins Gartenſtadt Nieder=Ramſtadt=Traiſa ein Ver=
kehrsverband
fürden vorderen Odenwald
gegründet. Als Arbeitsgebiete wurden vorgeſchlagen
und fanden die einmütige Zuſtimmung der aus aller
Teilen des vorderen Odenwaldes zur Vertretung ihrer
Intereſſen herbeigeeilten Verſammlungsteilnehmer: Be=
ratung
und gemeinſame Eingabe von Eiſenbahnwün=
ſchen
, Eingabe wegen verbeſſerter Brief= und Paketbeför=

derung, hauptſächlich in den Kurplätzen des Odenwalds,
Aufgabe von Kollektivanzeigen in den Tageszeitungen
der benachbarten Großſtädte, Herbeiführung alsbaldigen
Anſchluſſes des Oſtbahnhofs an das Straßenbahnnetz.
Eingabe wegen Weiterführung der elektriſchen Straßen=
bahn
bis Nieder=Ramſtadt-Traiſa und Ober=Ramſtadt,
Sammlung von Photographien und Kliſchees zwecks
Abgabe an Mitglieder bei Herausgabe von Führern,
Proſpekten, Poſtkarten und Speiſekarten, Förderung der
Herausgabe einer geplanten Monatſchrift: Der Wan=
erer
im Odenwald Förderung der Odenwälder In=
duſtrie
durch Ausſtellung von Muſterkollektionen von
Töpfereien, Spielwaren, Elfenbeinſchnitzereien uſw. an
den Plätzen des Fremdenverkehrs, Schaffung von
gemütlichen Odenwälder Gaſtſtuben durch Bildung einer
Beratungsſtelle und Ausſtellung einer Muſtergaſtſtube
auf der Kunſtgewerbeausſtellung Darmſtadt 1914,
richtung einer Odenwälder Auskunftei, Verbreitung der
Werke Odenwälder Schriftſteller durch Einrichtung
bezügl. Bibliotheken in den Gaſthöfen, Förderung der
Heimatſchutzbeſtrebungen.
In der Verſammlung kam beſonders zum Ausdruck,
daß die neuen, allenthalben mit Freuden begrüßten Ver=
kehrseinrichtungen
in Darmſtadt, wie die Eröffnung des
neuen Hauptbahnhofes, die Umwandlung der Dampf=
ſtraßenbahnen
in elektriſche Bahnen und die Weiter=
führung
derſelben nach der Bergſtraße und Langen=
Offenbach dem vorderen Odenwald nicht nur keinen
Nutzen, ſondern ganz empfindlichen Schaden brächten.
wenn nicht ernſtlich Mittel und Wege erſonnen, wür=
den
, wie den drohenden Schädigungen entgegenzuwirken
ſei. Vor allem ſei eine dringende Vorſtellung bei der
Stadt zu erheben, daß der Anſchluß des Oſtbahnhofs an
das Straßenbahnnetz ohne Aufſchub ausgeführt werde
Solange dieſer Anſchluß nicht vorhanden iſt, koſtet z
die Einwohner von Nieder=Ramſtadt eine Fahrt 3. Kle
in das Zentrum der Stadt über den neuen Hauptbahn=
hof
ſage und ſchreibe 50 Pfg. (40 Pfg. Hbf. 10 Pfg.
elektr. Bahn), ſpäter, bei erfolgtem Anſchluß, aber nur
30 Pfg. (20 Pfg. 10 Pfg.). Aber ſelbſt dieſer letztere
Betrag iſt noch viel zu hoch im Vergleich zu Vororten
anderer Großſtädte, welche für Fahrten in die Stadt mit
einer elektriſchen Bahn bei gleicher Entfernung nur 15
Pfennige bezahlen. Ein Sonntagsbillett Hbf.- Rein=
heim
z. B. koſtet 1,05 Mark gegen früher 85 Pfg. bei durch
ſchnittlich um 10 Minuten verlängerter Fahrzeit.
Dieſe Tatſachen ſind alle nicht geeignet, den Frem=
denverkehr
nach dem Odenwald zu fördern. Empfind=
liche
Nachteile habe hierbei auch die Stadt Darmſtadt.
welche als Eingangspforte in den Odenwald zu gelten
habe und daher auch alles Intereſſe hat, für beſſere Ver=
kehrsgelegenheiten
in den Odenwald zu ſorgen. Mit dem
Odenwald=Klub, deſſen Beſtrebungen zur Förderung des
Touriſtenverkehrs im Odenwald allſeitig Anerkennung
fanden, hoffe man in gute Beziehungen zu kommen, dies
um ſo eher, als faſt alle Anweſenden demſelben als Mit=
glied
angehörten. Ebenſo erwarte man die Unterſtützung
aller am Fremdenverkehre intereſſierten Kreiſe von
Darmſtadt und den Gemeinden des Odenwaldgebietes.
Zur Durchführung der erforderlichen Maßnahmen
wurde eine proviſoriſche Geſchäftsleitung gewählt. be=
ſtehend
aus den Herren H. Schäfer, Darmſtadt, Bleich=
ſtraße
51, als Vorſitzender, P. Krüger, Nieder= Ram=
ſtadt
, als Schriftführer, ferner den Herren Gaſthofbeſitzer
Georg Schellhaas jun., Lichtenberg i. O., Gaſtwirt
Georg Schanz, Lichtenberg i. O Fr. K. Heydt,
Traiſa, Heinrich Hax, Vorſitzender des V.=V. Groß= Um=
ſtadt
, Lehrer Hofmann, Ober=Ramſtadt, Adam
Maier, Gaſtwirt in Neunkirchen, Rentner Schirr=
mann
, Nieder=Ramſtadt und Apotheker Scriba,
Reinheim. Jeder dieſer Herren nimmt Anmeldungen
zu dem Verband entgegen. Als Jahresbeitrag wird
der demnächſt ſtattfindenden erſten Hauptverſammlung
vorgeſchlagen werden: für Einzelperſonen mindeſtens 2
Mark und für Korporationen mindeſtens 5 Mark. Ein
beſonderes Grenzgebiet wird nicht feſtgeſetzt; es können
Mitglieder alle diejenigen werden, welche ihre Inter=
eſſen
in dem Verband vertreten zu fehen glauben oder
die Beſtrebungen des Verbandes fördern helfen wollen.

Deutſcher Reichstag.

* Berlin, 2. Mai. Der Präſident Dr. Kaempf
eröffnet die Sitzung pünktlich 1 Uhr. Auf der Tagesord=
nung
ſteht die
Fortſetzung der Beratung des Kolonial=
Etats und zwar für Südweſtafrika.
Staatsſekretär Dr. Solf führt aus: Der Abgeordnete
Müller=Meiningen hat geſtern gefragt, wie ſich, die Re=
gierung
den Jagdſchutzbeſtrebungen gegenüber verhält.
Wir können nicht eine für alle Schutzgebiete gültige Jagd=
ordnung
erlaſſen. Das muß den Gouverneuren über=
laſſen
bleiben. Die Ergebniſſe der allgemeinen ilter=
nationalen
Jagdſchutzkonferenz werden für uns die Richt=
linien
bilden, nach denen wir uns richten wollen. Die
Ausführungen des Abgeordneten Müller=Meiningen über
die geringe Zahl der Regierungsſchulen ſind nicht rich=
tig
. Ich habe hier eine Statiſtik, aus der hervorgeht, daß
viel mehr ſolcher Schulen vorhanden ſind. Was die
Staatsaufſicht über die Miſſionsſchulen anlangt, ſo.
geſetzlich und durch Verordnungen nicht geregelt,
die Gouvernements ein Aufſichtsrecht über die Miſſions=
ſchulen
haben. Tatſächlich beſteht aber dieſe Aufſicht und
die Miſſionsſchulen laſſen ſie ſich gefallen. Die Bedenken
über die Verletzungen der Kongoakte bitte ich bei keem
Auswärtigen Amt zur Sprache zu bringen. Wir werden
alles tun, um mit der Kongoakte in Uebereinſtimmung
zu bleiben. Daß die Richter in den Kolonien ohne wei=
teres
verſetzt werden können, trifft nicht zu. Sie ſind in
dieſer Beziehung den Richtern in der Heimat gleichge=
ſtellt
. Auch iſt es nicht richtig, daß zu viel blutjunge
Aſſeſſoren in den Kolonien angeſtellt ſind. Es befinden
ſich dort Richter mit 8= 10= bis 40jähriger Dienſtzeit. Die
Sammlung des Eingeborenenrechts wird ſeit Jahren in
den Gouvernements weitergeführt und ich bitte, nicht zu
ſehr auf den Abſchluß der Sammlung zu dringen.
Abg. Hoch (Soz.): Für unſere Diamantenregie
wäre es notwendig geweſen, das Vorbild der Debeers=
Kompagnie zu befolgen, die ſich ſehr gut bewährt hat.
Es war ein ſehr großer Fehler, eine Schmutzkonkurrenz
in Diamanten zu eröffnen. Eine Ueberhaſtung der Dig=
mantenförderung
war nicht am Platze. Die Spekulanten
haben allerdings ein Intereſſe daran, möglichſt viel zu
fördern, um die Papiere ſchnell hoch zu bringen. Die Re=
gierung
und die Regie iſt ein ſtaatliches Inſtitut
hat aber die Geſamtintereſſen zu vertreten. Meine An=
klage
, daß die Steine verſchlendert werden, hat ſich als
richtig erwieſen. Es iſt eine Erhöhung der Preiſe ein=
getreten
; aber gibt uns das die Sicherheit, daß die
Preiſe jetzt für den Diamantenmarkt angemeſſene ſind?
Dazu kommt die Frage, ob die Steine hinſichtlich ihrer
Qualität angemeſſen bezahlt werden. Unſere deutſchen

meln, fünf Kälbern und drei Schweinen, wobei das Ge
flügel gar nicht berückſichtigt iſt. Aber das Menu des
Mitteleurppäers beſteht bekanntlich nicht nur aus Brot
und Fleiſch, ſondern auch aus Gemüſe, Obſt und vor
allem aus Kartoffeln. Man kann annehmen, daß im
Durchſchnitt jeder Menſch täglich rund 350 Gramm Kar=
toffeln
ißt; das macht 260 Pfund im Jahre und rund
118000 Pfund in 70 Jahren. In dieſer Zeit hat man da=
mit
175 große Säcke voll Kartoffeln verzehrt. Die fran=
zöſiſche
Landbevölkerung trinkt noch heute regelmäßig
zur Mahlzeit ihren billigen Landwein; ſehr beſcheiden
gerechnet, trinkt ein Mann täglich einen halben Liter,
alſo 180 Liter im Jahre. Wenn man die erſten zehn
Lebensjahre nicht mitrechnet, darf ein 70jähriger Mann
immer noch voll Stolz auf 120 Hundertliter=Fäſſer blicken,
die er allein geleert hat. Die meiſten Männer ſind aber
auch Raucher. Wenn man annimmt, daß man täglich
ſich mit einer einzigen Zigarre oder Zigarette begnügt,
ſo gibt das im Jahre ſchon eine Zigarre von höchſt an=
ſehnlicher
Länge. Eine Zigarre oder Zigarette mittleren
Formats iſt ſechs bis acht Zentimeter lang. Der beſchei=
dene
Raucher alſo, der täglich nur eine Zigarre raucht,
hat am Schluſſe des Jahres doch ſeine 30=Meter=Zigarre
genoſſen. Wenn man das 60 Jahre lang fortſetzt, er=
reicht
dieſe imaginäre Zigarre die ſtattliche Länge von
1800 Metern. Nach den Berechnungen der Doktoren
Landouzy und Labbe genießt jedermann täglich 2850
Gramm Nahrung. Mit 70 Jahren hat man alſo mehr
als 120000 Pfund Nahrungsmittel genoſſen, wozu noch
der Wein, Zucker uſw. kommen. Eine Geſamtberechnung
der verbrauchten Nahrung wird mit 145000 Pfund
keineswegs zu hoch gegriffen ſein, Lodaß man ſich alſo

ſagen darf, daß wir in unſerem Leben das Tauſendfache
unſeres eigenen Gewichtes verſpeiſen.
* Eine drollige Begebenheit wird der Herner Zeitung
aus dem Leſerkreis mitgeteilt: Ein biederer Pole wirft
einen Nickel in den Fahrkarten=Automaten und prompt
fällt unten in die Oeffnung eine Fahrkarte vierter Güte
nach Wanne. Er bemerkt dies aber nicht gleich, und in=
dem
er durch die an dem Automaten befindliche kleine
Scheibe blickt, ruft er mit kräftiger Stimme ein übers
andere Mal: Nah Recklikhuſen! Kam ſich aber nichts
raus nah Recklikhuſen und mußte ſich braves Lands=
mann
polniſches nach Belehrung durch Kamerad ſeiniges
zum Schalter bemühen, wo er die Sache in Ordnung
bringen konnte.
* Hochachtungsvoll. Ein Kaufmann aus Frank=
furt
hatte kürzlich gegen eine Hausgenoſſig eine Beleidig=
ungsklage
angeſtrengt, weil ſie einen Brief an ihn nur mit
em Namen unterzeichnete, ohne jede Höflichkeitsfloskel.
Die Parteien ſtanden ſchon längere Zeit auf geſpanntem
Fuß. Das Schöffengericht erkannte nun folgendermaßen:
Es wird der Antrag auf Eröffnung des Hauptverfahrens
oſtenfällig abgewieſen, weil die Weglaſſung der Ergeben=
heitsklauſel
unter einem Brief ſchon im gewöhnlichen Ver=
kehr
als eine Ehrenkränkung nicht angeſehen werden kann.
In dem Fall einer Spannung zwiſchen den Schreibenden,
vie er hier vorliegt, wäre die Verſicherung einer beſon=
deren
Hochachtung eine gedankenloſe Erfüllung eines über=
flüſſigen
Gebrauches oder eine Heuchelei, zu der der
Schreibende nicht dadurch gezwungen werden kann, daß der
Briefempfänger Anhänger jeues überflüſſigen Ge=
brauchs
iſt.

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 3. Mai 1912.

Nummer 104.

Diamanenſchleiſereien, namentlich in Hanan, ſind Lohn=
ſchleifereien
. Sie ſind an den Wertſteigerungen der
Steine unbeteiligt. Die Amſterdamer Diamantenhänd=
ler
ſind erſt durch uns Millionäre geworden. Wir maiſſen
erwarten, daß im nächſten Jahre ein ganz anderer Ver=
trag
abgeſchloſſen wird, damit den Intereſſen des deut=
ſchen
Handels, der deutſchen Induſtrie und überhaupt
des Deutſchen Reiches Rechnung getragen wird. Abg.
Erzberger (Zentr.): Ich hoffe, daß wir uns zum letz=
ten
Male hier mit der Diamantenfrage beſchäftigen,
deren Einzelheiten derartig kompliziert ſind, daß ſie ſich
für das Plenum nicht eignen. Es wäre beſſer geweſen,
von reichswegen die Regie in die Hand zu nehmen. All
die Fehler ſind daraus entſtanden, daß den afrikaniſchen
Förderern kein Einfluß auf die Regie belaſſen worden
iſt. Die Regie müßte zu einem Verkaufsſyndikat der afri=
kaniſchen
Förderer umgebildet werden. Dann würde
alles Mißtrauen und alle Klagen ſchwinden. Eine Fort=
ſetzung
des jetzigen Vertrages darf auf keinen Fall ſtatt=
finden
, ohne die Konkurrenz zugelaſſen zu haben. De
Zoll für die nicht abgebauten Felder muß durchgeführt
werden. Die öffentlich=rechtlichen Befugniſſe der deut=
ſchen
Kolonialgeſellſchaft müſſen unter völliger Aufrecht=
erhaltung
aller ihrer wohlerworbenen Rechte umgewan=
delt
werden in privatrechtliche, damit die Kolonialver=
waltung
vollſtändige Bewegungsfreiheit hat. Sollte der
Staatsſekretär dies erſtreben, ſo wird er unſere Unter=
ſtützung
finden. Abg. Graf v. Weſtarp (konſ.):
Meine politiſchen Freunde bedauern das formelle Vor=
gehen
des Herrn Fürſtenberg, des Leiters der Diamanten=
regie
. Die Bedenken des Herrn Hoch gegen die Regie
waren zum Teil berechtigt, aber wohl zu ſchwarz gehal=
ten
. Einer Umgeſtaltung der Organiſation der Regie
ſtellen wir uns ſympathiſch gegenüber, ohne daß ich ein
Mißtrauensvotum der Regie gegenüber ausſprechen will.
Die Intereſſen der Förderer und der Schleifer müſſen
dabei berückſichtigt werden. Sie müſſen ein Wort mit=
reden
konnen. Dieſe Reform iſt eilig; ſie muß erfolgen,
bevor der neue Vertrag in Kraft tritt. Abg. Dr.
Waldſtein (Fortſchr. Vpt.): Auch nach unſerer Anſicht
ſollte die Diamantenfrage ſo geregelt werden, daß ſic
alsbald aus den öffentlichen Debatten verſchwindet. Die
Regie ſollte den Diamantenmarkt regeln. Daß das
Großkapital einſeitig bevorzugt iſt, trifft nicht zu. Durch
die Regie wollten wir eine kaufmänniſche Inſtanz ſchaf=
fen
. Der neue Vertrag bemüht ſich, den einheimiſchen Be=
trieben
ſo weit als möglich entgegenzukommen. Auch
wir billigen es, daß das Kolonialamt zu dem Syſtem der
Ertragsſteuer übergegangen iſt Abg. Freiherr von
Richthofen (natl.): Unſer Beſtreben muß darauf ge=
richtet
ſein, den Förderern und Fördergeſellſchaften in
unſeren Kolonien in gleicher Weiſe wie der einheimiſchen
Induſtrie zu helfen. Das neue Abkommen iſt weſentlich
günſtiger, als das bisherige.
Staatsſekretär Dr. Solf: Ich freue mich, feſtſtellen
zu können, daß ſowohl in der Eidgetkommiſſion wie im
Plenum Einſtimmigkeit herrſcht darüber, daß von der
Bruttobeſteuerung zu einer Ertragsſteuer übergegangen
worden iſt. Der Abg. Hoch iſt in ſeinen Ausführungen
wohl etwas zu weit gegangen. Er hat die Intereſſen der
deutſchen Induſtrie in die Debatte geworfen, wo es ſich
doch in erſter Linie um die Intereſſen der afrikaniſchen
Förderer handelt. Für die Regie ſowohl wie für die
kaiſerliche Regierung handelt es ſich darum zu erwägen,
wie man die Diamanten am vorteilhafteſten verkauft. Na=
türlich
iſt in erſter Linie das Intereſſe der ſüdweſtafrika=
niſchen
Förderer zu wahren. Wenn daneben es möglich iſt,
ein nationales Bedürfnis zu befriedigen, dann wird die
Regierung dazu ſelbſtverſtändlich die Hand bieten. Dieſem
Gedanken habe ich ſtets Rechnung getragen . Der neue Ver=
trag
ſollte von Ihnen sine ira ot stuclio mit dem alten
Vertrage verglichen werden. Dem alten Vertrag wurde
vorgeworfen, die Diamantenpreiſe ſeien zu billig, die deut=
ſchen
Schleifer hätten nicht genügend Anteil, ſie ſeien ſo=
gar
benachteiligt worden gegenüber den Ausländern.
Wir haben die Frage eingehend erörtert, wie eine beſſere
Verwertung der deutſchen Diamanten auf dem Markte zu
erreichen ſei und auch erreicht, daß der Preis um 3 bis 4
Prozent pro Karat aufgebeſſert wurde. Die Firmen haben
bei dem Vertrieb nicht ungeheure Summen verdient, wie
hier behauptet wurde. Mit unſerer Handlungsweiſe haben
ſich die Diamantenſchleifer vollkommen einverſtanden er=
klärt
. Von einer Kourtage von 1 Prozent kann keine Rede
ſein. Wir haben uns mit den De Beer=Syndikat in Lon=
don
und anderen Firmen in Amſterdam und Antwerpen in
Verbindung geſetzt, aber niemand hat auf das Riſiko ein=
gehen
wollen. Die Schwierigkeit lag nicht in der Geldfrage,
ſondern lediglich darin, daß der Abſatz nicht geſichert iſt.
Es blieb uns alſo nur übrig, auf das Angebot des De Beer=
Syndikats einzugehen. Daß das Syndikat ſich dann zurück=
zg
, hatte Gründe interner Natur, auf die ich hier nicht
näher eingehen kann. Was ein fremdes Syndikat nicht
leiſten kann,kann ein deutſches erſt recht nicht. Eine Million
Karat kann der deutſche Markt nicht verſchlingen, er kann
im Jahre etwa ſoviel verbrauchen, wie in einem Monat
etwa gefördert werden. Auch unſere Diamantenſchleifereien
ſind nur in der Lage etwa 7080000 Karat pro Jahr zu
verſchleifen, alles übrige müßte dann doch ins Ausland.
Auch die Hanauer Intereſſenten haben unſeren Stand=
vunkt
voll gebilligt. Wir haben uns bemüht, Klarheit in
die ganzen Verhältniſſe zu bringen und unvorteilhafte
Verträge zu verhindern. Es trifft nicht zu, was in der
Kommiſſion behauptet wurde, die Regie würde nichts taugen.
Es iſt eine Anomalie, daß die Leute, die die Steine för=
dern
, keinen Einfluß darauf haben ſollen, daß die von
ihnen geförderten Steine zu angemeſſenem Preis abgeſetzt
werden. Dadurch würde nur Mißtrauen entſtehen. Mit
der Reſolution in dieſer Richtung bin ich einverſtanden.
Abg. Hoch (Soz.): Auch auf die Arbeiter müſſe Rück=
ſich
genommen werden. Bei den Verhandlungen mit den
Firmen iſt ein falſches Spiel getrieben worden Präſi=
dent
Dr. Kaempf rügt dieſen Ausdruck. Damit ſchließt
die Debatte und der Punkt Diamantenregie iſt erledigt.
Es folgte allgemeine Ausſprache. Abg. Ledebour
(Soz.) fordert, daß die Verordnung aufgehoben wird,
die den Eingeborenen die Haltung von Großvieh ohne
Genehmigung nicht geſtattet. Staatsſekretär Dr. Solf:
Nach Beendigung des Krieges hat Herr v. Lindequiſt,
da eine Kontrolle notwendig war, den Hereros und Hot=
tentotten
, die uns 1700 Tote und etwa 7000 Verwundete
verurſachten, die Haltung von Großvieh nur nach Geneh=
migung
geſtattet. Auf eine Anregung des Abg. Kuck=
hoff
(Ztr.) erwidert Staatsſekretär Dr. Solf, daß
eine höhere Schule für Weſtafrika angebracht ſei. Wir
hätten unbedingt die Pflicht, die jungen Deutſchen zu un=
terſtützen
. Damit ſchließt die Debatte. Die Reſolution
betreffend die Verlängerung der Beamtendienſtzeit um
1 Jahr wird angenommen, ferner diejenigen betr. die Re=
gelung
der Kompetenzſtreitigkeiten. Gewährung einer
Volksvertretung für die weiße Bevölkerung ohne einſt=
weiliges
Etatsrecht, betr. Viehhaltung der Eingeborenen
und auf Herabſetzung der Schutztruppe. Beim Kapitel
einmalige Ausgabe beantragte Abg. Roland=Lücke

(natl.), die in der Kommiſſion geſtrichenen Ortszulage
für die Beamten in Lüderitzbucht im Betrage von 40000
Mark wieder herzuſtellen. Der Antrag wird angenom=
men
. Der Reſt des Etats wird ohne Debatte erledigt.
Es folgt der Etat für Samoa. Berichterſtatter Abg. Liz.
Mumm (wirtſch. Vgg.) Staatsſekretär Dr. Solf: Die
Frage der Miſchehen bitte ich nicht vom Parteiſtandpunkt
anſehen zu wollen, ſondern vom nationalen Standpunkt.
Ich bitte, den Antrag der Budgetkommiſſion nicht anzu=
nehmen
, dieſes Problem iſt außerordentlich ſchwierig und
für die ſchwer verſtändlich, die ſtets in der Heimat gelebt
haben. Alle Staaten, die Kolonialpolitik treiben, haben
die gleichen Erfahrungen gemacht wie wir. Ein deutſcher
Vater, der ſeinen Jungen hinausgehen läßt, wünſcht
doch nicht, daß ihm eine ſchwarze Schwiegertochter ins
Haus gebracht wird. Hier muß jeder den Herrenſtand=
punkt
vertreten, beſonders auch das Proletariat. Abg
Ledebour (Soz.): Was wir eben vom Staatsſekretär
gehört haben, war das Sonderbarſte alles bisher Dage=
weſenen
. Er hat für das Eheverbot geſprochen, alſo für
das Konkubinat. Da hätte er nur gleich den Geſchlechts=
verkehr
überhaupt verbieten ſollen. Die Beſprechung
über die Miſchlingsehen wird abgebrochen und auf
Freitag pünktlich 1 Uhr vertagt. Außerdem An=
träge
zur Geſchäftsordnung Schluß 7 Uhr.

Luftfahrt.

* Frankfurt a. M., 2. Mai. Heute früh iſt der
Aviatiker Robert Sommer der vom Rebſtock mit ſei=
nem
Eindecker einen Aufſtieg unternommen hatte, infolge
Verſagens des Seitenſteuers aus einer Höhe von zehn
Metern abgeſtürzt. Er erlitt ſchwere innere Ver=
letzungen
und mußte ins Krankenhaus gebracht
werden.
* Berlin, 2. Mai. Der Siemens=Schuckert=
Ballon, der auf dem Flugplatz Biesdorf heute vor=
mittag
aufgeſtiegen war, begann über Kaulsdorf plötz=
lich
zu ſinken und prallte ſo heftig auf den Erd=
oden
, daß das rechte Höhenſteuer und der Propeller der
vorderen Gondel zertrümmert wurde.
* Berlin, 2. Mai. Ueber den Unfall des
Siemens=Schuckert=Luftſchiffes wird von
zuſtändiger Seite mitgeteilt: Das Siemens=Schuckert=
Luftſchiff ſtieg heute nachmittag 8 Uhr vom Biesdorfer Ge=
lände
auf. Es beabſichtigte, auf dem Müggelſee eine Waſ=
ſerlandung
vorzunehmen, was auch vorzüglich gelang.
Bei dem zweiten Verſuch tauchten jedoch die Gondeln tie=
fer
ins Waſſer, ſodaß die laufenden ſeitlichen Propeller
das Waſſer berührten und verbogen wurden. Die Rück=
fahrt
zur Halle wurde mit den unverſehrten rückwärtigen
Propellern angetreten, Als zu der Landung in Biesdorf
das Fangſeil ausgeworfen werden ſollte, ſtellte ſich her=
aus
, daß es bei der Waſſerlandung unklar geworden war
und nicht richtig abrollte und infolgedeſſen nicht rechtzei=
tig
erfaßt werden konnte. Das Luftſchiff ging infolge=
deſſen
mit den drei Gondeln in den Wald und zog eine
Furche, wobei ſämtliche Propeller verbogen wurden.
Nachdem es vom Walde freigekommen war, ſtieg das
Luftſchiff zirka 400 Meter in die Höhe. Hier wurden in
der Luft ſo gut wie möglich die Propeller gerade gerichtet
und dann zur Landung auf den Feldern zwiſchen Kauls=
dorf
und der Ballonhalle geſchritten, wo man wegen der
Feldarbeit auf ausreichende Hilfe rechnen konnte. Von
hier wurde das Luftſchiff in die Halle geſchleppt, wo es
11½ Uhr eintraf. Die Hülle iſt vollſtändia unbeſchädigt.
Auch die übrigen Beſchädigungen ſind gering.
* Todesſturz in Johannisthal. Mittwoch
gegen Abend ſtürzte der Flieger Hößli mit einem Ein=
decker
aus beträchtlicher Höhe ab. Er wurde ſchwer ver=
letzt
in das Krankenhaus Britz gebracht und iſt Donners=
ag
früh ſeinen Verletzungen erlegen.
Die Leiche des verunglückten Luft=
ſchiffers
Leloup, der am 13. April in einer Bal=
lonkonkurrenz
um den Dubonnet=Pokal geſtartet und auf
das Meer verſchlagen wurde, iſt jetzt in der Nähe von
Sables d'Olonne an die Küſte geſchwemmt und dort ge=
borgen
worden.
* Eine Forderung von 7 Millionen
Mark zur Löſung verſchiedener Aufgaben
der Luftſchiffahrt iſt in einer Denkſchrift aufge=
ſtellt
, die der Deutſche Luftfahrer=Verband dem Re½s
kanzler unterbreitet hat. Dieſe Summe iſt nach Anſicht
des Deutſchen Luftfahrer=Verbandes für folgende Zwecke
notwendig: Für Verwaltungsausgaben 40000 Mk., für
Flugweſen 2 500000 Mk., für Motorluftſchiffahrt 1000000
Mark, für die Anlage von Luftſchiffhallen und Flug=
plätzen
2000000 Mk. für die Förderung des Flugdienſtes
in den Kolonien 50000 Mk., für die Schaffung von Luft=
fahrerkarten
500000 Mk., für Aeroplan=Photogrammetrie
80000 Mk., für die Unterhaltung einer Verſuchs= und
Prüfungsanſtalt 200000 Mk., für eine Luftfahrerſchule
50000 Mk., für Gründung eines Freiwilligen=Flieger=
Korvs 100000 Mk., für Flieger=Fürſorge 100000 Mk., für
Wetterdienſt 80000 Mk. und für wiſſenſchaftliche Forſch=
ungen
150000 Mk.
Der aviatiſche Pommery=Pokal der
für den längſten Ueberlandflug in gerader Linie an einem
Tage ausgeſetzt iſt, wurde am Dienstag von dem fran=
zöſiſchen
Aviatiker Rene Bedel auf einem 50 PS.=Morane=
Eindecker gewonnen. Bedel war kurz vor 5 Uhr mor=
gens
in Villacoulay geſtartet; er erreichte kurz nach ½9
Uhr Angouleme. Nach einem Aufenthalt von ¾ Stun=
den
flog er weiter und erreichte kurz vor halb 11 Uhr
Bordeaux. Er hatte die zirka 540 Kilometer lange Strecke
in 4 Stunden 7 Minuten durchflogen. Damit begnügte
er ſich aber nicht, ſondern ſtartete um halb 1 Uhr mittägs
abermals und flog nach Biarritz. Im ganzen leate er 750
Kilometer zurück und gewann damit die Prämie des
Pommery=Vokals, die am Dienstaa abend verfiel. Sehr
nahe kam ihm Prevoſt, der es auf 730 Kilometer brachte.
Prevoſt war um halb 6 Uhr morgens in Nancy geſtartet.
Nach mehreren Zwiſchenlandungen erreichte er ¾11 Uhr
Tours. Nach halbſtündigem Aufenthalt flog er weiter
und erreichte Sables d’Olonne halb 1. Uhr mittags,
nachdem er die 730 Kilometer in 7 Stunden zurückgelegt
hatte. Prevoſt hatte einen Paſſagier mitgenommen und
ſtellte infolgedeſſen mit dieſer Leiſtung einen neuen
Reiſerekord auf. Ferner bewarb ſich noch Hamel in Be=
gleitung
von Fräulein Davis um den Pokal. Hamel
ſtartete um 5 Uhr 10 Minuten an der franzöſiſchen Küſte
bei Hardelot. Nach einer Zwiſchenlandung bei Beauvais
kam er bei ſtrömendem Regen ¾8 Uhr in Antony bei
Paris an. Er gab dann den weiteren Wettbewerb um
den Pokal auf und begnüate ſich damit, ſeine Begleiterin
im Flugzeug nach Etampes zu bringen.

Sport.

* Leichtatlethik. Der Darmſtädter Sport=
klub
1905 hat nunmehr ſeine diesjährige Leichtatlethik=
Saiſon eröffnet. Seine Mitglieder liegen zurzeit eifrig
dem Training ob, um bei den größeren offiziellen Verän=
ſtaltungen
, deren in. dieſem Jahre mehrere größere ge=
plant
ſind, die Sportklubfarben in würdiger Weiſe ver=
treten
zu können. Den Reigen eröffnet ein 15 Km.= Wett=
gehen
für Junioren am 12. Mai. Die Strecke führt von
dem Sportplatz an der Windmühle über Gräfenhauſen,
Schneppenhauſen. Weiterſtadt, und wieder zurück zum
Sportplatz, woſelbſt noch eine Runde auf der Innenbahn
zu abſolvieren iſt. Die Meldungen hierzu ſind bereits ſehr=
zahlreich
eingelaufen und dürfte ſich ein intereſſanter, har=
ter
Wettkampf entſpinnen. Der Hauptanziehungspunkt
wird indeſſen das am 9. Juni ſtattfindende Sportfeſt bil=
den
, das im Rahmen von großen nationalen olympiſchen
Spielen gehalten iſt. Lauf=, Wurf=, Spring= und Stoß=
konkurrenzen
wird das Programm aufweiſen, die mit
wertvollen Ehrenpreiſen und künſtleriſch ausgeführten
Diplomen für die Sieger ausgeſtattet ſind. Die einzel=
nen
Felder werden eine ebenſo zahlreiche wie bedeutende
Beſetzung aufzuweiſen haben, da ſich für dieſe Veranſtal=
tung
ſchon jetzt ein ſehr großes Intereſſe in Sportkreiſen
bemerkbar macht. Der Darmſtädter Sportkluh
wird alles daranſetzen, das unter Leitung der Deutſchen
Sportbehörde für Leichtatlethik ſtehende Sportfeſt zu einem
beſonderen ſportlichen Ereignis zu geſtalten. Hervorra=
gende
ſüddeutſche Kämpen dürften am Start erſcheinen,

Brände.

* Frankfurt a. M., 2. Mai. Geſtern abend 11 Uhr
brach in der in Bornheim gelegenen deutſchen Näh=
maſchinen
=Fabrik von Joſef Wertheim. A.=G. ein
Brand aus, der erheblichen Schaden anrichtete. Das
Feuer, das in der Schleiferei entſtand und auf andere
Fabrikräume überſprang, konnte erſt nach anderthalb Stun=
den
auf ſeinen Herd beſchränkt werden. Der Betrieb der
Fabrit wird im allgemeinen aufrecht erhalten werden
können.
* Bremen, 2. Mai. Großfeuer zerſtörte nachts
das große Packhaus der Firma S. L. Cohn u. Sohn.
Bedeutende Baumwollvorräte und große Fellager wurden
vernichtet. Mehrere Feuerwehrleute wurden verletzt, einer
ſchwer.
* Hirſchberg i. Schleſ., 2. Mai. In Petersdorf
brannte nachts das Haus des Invaliden Anton nieder.
Die 3jährige Tochter des Beſitzers iſt umgekommen.
Der Brandſtiftung verdächtig iſt die Schweſter Antons,
die als Leiche aus dem Dorfteich gezogen wurde.
* Netzſchkau, 2. Mai. Ein nachts in der Färberei
Dietſch ausgebrochenes Großfeuer hat das dreiſtöckige
Gebäude mit wertvollen Maſchinen und dem daneben
liegenden Wohnhaus eingeäſchert. 150 Arbeiter ſind be=
ſchaftigungslos
geworden. Der Schaden iſt bedeutend
und durch Verſicherung gedeckt.
* Warburg, 2. Mai. Großfeuer vernichtete in
Hohenwepel 17 Gehöfte.
* Anholt (Weſtfalen), 2. Mai. Heute morgen iſt=
im
ſogenannten hinteren Schloß des Fürſten Salm=
Salm Feuer ausgebrochen. Dem Feuer fielen ein Teil
des Dachſtuhls und des darunter befindlichen Stockwerks
zum Opfer, während das vordere Schloß, das von den
Herrſchaften bewohnt wird. vollkommen unverſehrt blieb.
Die koſtbaren Kunſtſchätze, darunter Gemälde von Murillo,
Dürer und Rembrand, ſowie von anderen großen Meiſten
wurden gerettet. In den Morgenſtunden wurde der
Brand gelöſcht; Perſonen wurden nicht verletzt.

Zu der Kataſtrophe der Texas

wird ergänzend gemeldet: Die Texas hatte 111 Paſ=
ſagiere
an Bord, davon 7 erſter Klaſſe, während die
übrigen im Zwiſchendeck untergebracht waren. Von dieſen
waren 50 Albaneſen aus Saloniki, 25 Türken aus My=
tilene
, die anderen aus Saloniki und Dedeagatſch. Die
Beſatzung zählte 25 Mann. Bis geſtern waren 67 Per=
ſonen
gerettet, von denen viele Verletzungen
erlitten. 69 Perſonen gelten für verloren. Unter den
Ertrunkenen befindet ſich der Belgier Boucart. Deutſche
ſind nicht verunglückt. Der Inſpektor des jungtürkiſchen
Komitees im Archipel Neſſimi und der Attaché des Gou=
verneurs
von Mytilene Schefket ſind gerettet. Der erſtel
Kavitän, der Grieche Makrie, wurde verletzt. Der Oeſter=
reichiſche
Lloyd ſandte den Dampfer Carniolia mit
Aerzten und Hilfsmitteln zu Hilfe. Die Unterſtützung
wurde jedoch von den Behörden abgelehnt, da bereits
alle Vorbereitungen zur Pflege der Verletzten getroffen
waren. Alle offiziöſen Nachrichten ſchreiben dem Kapitän
die Schuld der Kataſtrophe zu. Nach einer anderen Ver=
ſion
iſt die Texas nicht an eine Mine geraten. ſondern
von einer Granate getroffen worden. Die Texas folgte
in größerer Entfernung einem Lotſenfahrzeuge, als von
den Feſtungswerken zwei blinde und ſodann vier ſcharfe
Schüſſe abgefeuert worden ſeien. Der vierte dieſer Schüſſe
ſchlug mitten in die Texas ein und verurſachte eine
Exploſion des großen Keſſels. Die Texas war ein
alter Dampfer von ungefähr 500 Tonnen und gehörte dem
griechiſch=ottomaniſchen Reeder Hadſchi Daud, der, um
ſich der Entrichtung der Hafengelder und der Kontrolle
der Behörden zu entziehen, die den Dienſt nicht ganz
einwandfreier Fahrzeuge nicht zulaſſen wollten, auf dem
Schiffe die amerikaniſche Flagge hiſſen und den Namen
des Dampfers, urſprünglich Olympia, in Texas um=
wandeln
ließ.
* KAnſtantinopel, 2, Mai. Der Wali von
Smyrna bezeichnet die Behauptung der geretteten Mann=
ſchaft
der Texas daß der Unfall des Schiffes nicht
durch eine Mine, ſondern durch eine Granate verurſacht
worden ſei. als unbearündet. Er fügt hinzu. daß Damp=
fer
der Schiffahrtsgeſellſchaft Hadſchi Daud im Glau=
ben
, daß keine Minen gelegt ſeien, wiederholt die Mi=
nenlinie
paſſierten.

Der italieniſch=türkiſche Krieg.

* Konſtantinopel, 1. Mai Der Miniſter=
rat
hat beſchloſſen, die Durchfahrt durch die Dar=
danellen
wieder zu öffnen, unter der Bedin=
gung
, daß die Pforte ſich das Recht vorbehalte, ſie wieder
zu ſchließen, wenn es ſich als notwendig herausſtellen
ſollte und die Schiffe ſtreng die früheren Vorſchriften
über die Benutzung von Lotſen befolgen. Eine entſpre=
chende
Note wird den fremden Vertretern übermittelt
worden. Da zur Auffiſchung der Minen in den Dardanel=
len
eine gewiſſe Zeit erforderlich iſt, dürfte die Freigabe
der Schiffahrt erſt nach drei Tagen etwa möglich ſein.
* Tripolis, 2. Mai. Geſtern früh unternahmen die
Luftſchiffe P. 2 und P. 3 einen Erkundungsflug
längs der Straße Fenauk-Tokar-Suani-Benaden-

[ ][  ][ ]

Nummer 104.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 3. Mai 1912.

Seite 7.

Azizia die Luftſchiffe die unter dem Befehl des auf P.
3 befindlichen Majors Denti ſtanden, ſtellten die Streit=
kräfte
und die Stellungen des Feindes feſt. Als ſie über
den feindlichen Lagern eintrafen, wurden ſie mit lebhaftem
Gewehrfeuer und mit Granaten empfangen, blieben jedoch
unverſehrt. Gegen 10 Uhr befand ſich P. 2 über dem
Lager von Aziza und bombardierte es mit großem Erfolge,
indem es dreißig Bomben fallen ließ. P. 3 ließ etwa 12
Bomben in die Lager von Suani und Benaden fallen, die
dem Feinde ſchwere Verluſte zufügten, da ſämtliche Bom=
ben
regelmäßig explodierten. Nach dreiſtündiger Fahrt
kehrten die Luftſchiffe zurück.

Vermiſchtes.

Die evangeliſche Bewegung in Oeſter=
reich
im Jahre 1911. Der Evangeliſche Oberkirchen=
rat
zu Wien veröffentlicht ſoeben die Uebertrittszahlen
vom Jahre 1911. Demnach ſind im abgelaufenen Jahre
in Oeſterreich 4891 Perſonen zur evangeliſchen Kirche
übergetreten (davon unmittelbar aus der römiſch= katho=
liſchen
Kirche 4348 Perſonen). 4302 ſchloſſen ſich der
evangeliſchen Kirche Augsburgiſchen Bekenntniſſes, 589
der evangeliſchen Kirche Helvetiſchen Bekenntniſſes an.
Für die letzten 14 Jahre ergeben ſich nach den amtlichen
Veröffentlichungen folgende Uebertrittszahlen: 1898:
1598, 1899: 6385, 1900: 5058, 1901: 6639, 1902: 4624, 1903:
4510, 1904: 4362, 1905: 4855, 1906: 4364, 1907: 4197, 1908:
4585, 1909: 4377, 1910: 5190, 1911: 4891. Die Uebertritts=
bewegung
hält ſomit in Oeſterreich immer noch in un=
vermindertem
Maße an.
CK. Die Unterhaltungskoſten des Pa=
nama
=Kanals. 31 Millionen Dollars werden die
Koſten betragen, die die Regierung der Vereinigten
Staaten jährlich ffür die Unterhaltung des Panama=
Kanals bezahlen muß. Dieſe Schätzung wurde von dem
Sachverſtändigen Emory C. Johnſon, dem Profeſſor an
der Univerſität Pennſylvanien, der von Präſident Taft
zum beſonderen Sachverſtändigen für den Handelsver=
kehr
und die Zölle des Kanals ernannt worden iſt, auf=
geſtellt
. Von der Geſamtſumme entfallen 4,5 Millionen
Dollars auf Reparaturen und Ausgaben für die In=
ſtandhaltung
des Kanals; 11,5 Millionen ſind als Zinſen
für das Geld anzuſehen, das in den Bau geſteckt wurde,
und 15 Millionen betragen die Unterhaltungskoſten für
die Militär= und Marineeinrichtungen zur Verteidigung
des Kanals. Was die Einnahmen anbetrifft, die durch
die Kanalzölle geſichert ſind, ſo glaubt Johnſon, daß ſie
für das erſte Jahr die Summe von einer Million Dollars
nicht überſteigen werden.

Literariſches.

Im Verlag von A. Bergſtraeßers Hofbuchhandlung in
Darmſtadt erſchien ſoeben ein Schuldrama König Rolf
von Dr. Karl Gengnagel. König Rolf bereits an
mehreren Orten mit Erfolg aufgeführt, ſoll dazu beitra=
gen
, die literariſch Begabten unſeres Volkes auf das
Schuldrama als ein noch unkultiviertes Gebiet unſerer
Nationalliteratur aufmerkſam zu machen. Der Verfaſſer
ſieht einer Zeit entgegen, wo jede neuerbaute Schule in
Deutſchland eine Art Bühne beſitzt, auf der ſolche Schul=
dramen
von Schülern aufgeführt werden, die die Mitſchü=
ler
weit mehr als Spieler von Fach zur Begeiſterung und
Nachahmung fortreißen. Das Stück ſpielt in Sizilien
zur Zeit der Kreuzzüge. Es iſt flott geſchrieben und ſpan=
nend
aufgebaut. Preis 80 Pfg.
Wer ſchon einmal auf einem der großen Ueber=
ſeedampfer
der Hapag oder des Norddeutſchen Lloyd
oder auch unſerer anderen großen Handelslinien gefah=
ren
iſt, der wird der Bewunderung voll ſein über die dort
gebotene Verpflegung und bekennen müſſen, daß er in
keinem Hotel der Welt, auch in den erſtklaſſigſten nicht,
beſſer geſpeiſt hat als in jenen ſchwimmenden Paläſten.
Jan Jürgenſen gibt in Nr. 16 der Gartenlaube‟
einen durch gute Illuſtrationen veranſchaulichten, durch
reiches Zahlenmaterial unterſtützten Einblick in ſolchen
Schiffshaushalt, und das gewählte Muſterbeiſpiel der
Auguſte Viktoria von der Hapag wird nicht nur unſere
Hausfrauen intereſſieren, ſondern jeden, der eine See=
reiſe
vor oder hinter ſich hat, mit Reſpekt erfüllen vor der
muſterhaften Präziſion, mit der in dieſen gewaltigen Be=
trieben
alles ineinander greift.

Letzte Nachrichten.

* London, 2. Mai. Nach einer Lloydmeldung aus
Spithead traf dort die Mitteilung von Culvereliff
ein, daß das engliſche Linienſchiff Empreßof
India während es von dem Kreuzer Warrior in
Schlepptau genommen war, mit einer deutſchen Bark

kollidierte Der vordere Schiffsſchmuck der Bark und
das Vormarsgeſtänge wurde weggeriſſen; Empreß
wurde oberhalb des Hauptdeckes beſchädigt.
* Achilleion, 2. Mai. Venizelos iſt heute mittag
12 Uhr im Achilleion eingetroffen, wurde vom Geſandten
Freiherrn von Jeniſch empfangen und nach der Acheles=
terraſſe
geleitet, wo der Kaiſer ihn in Gegenwart der Ge=
ſandten
v. Jeniſch und v. Wangenheim in Audienz em=
pfing
. Dann fand Frühſtückstafel ſtatt, an welcher auch der
Kronprinz und die Kronprinzeſſin von Griechenland teil=
nahmen
. Venizelos ſaß links vom Kaiſer.
* Konſtantinopel, 2. Mai. Der im Dienſte der Ad=
miralität
ſtehende Schlepper Semendria ſtieß
bei der Verankerung von Bojen auf eine Mine und flog
in die Luft. Der Kapitän und 12 Matroſen, darunter
zwei Armenier, ſind ertrunken, einer wurde gerettet.
Der Unfall rief bei der Bevölkerung große Erregung
hervor.

Ein erprobtes Hausmittel.
Gegenüber den vielen, tagtäglich neu ent=
ſtehenden
und angeprieſenen Mitteln iſt es eine
große Beruhigung, mit Vertrauen zu einem
Hausmittel greifen zu können, das ſeit 35
Jahren in der Aerzte= und
Laienwelt ſich des beſten Rufes
erfreut. Es iſt das bekannte
Stärkungs= u. Kräftigungsmittel
Scotts Emulſion, deſſen Gebrauch
ſich in allen Fällen von Ent=
kräftung
, nach Erkältungen und
den damit verbundenen Beſchwer=
den
empfiehlt, aber nicht nur für
Marken demziſche
dem Garantier
zeichen des Scott= Kinder, ſondern auch für Er=
ſchen
Verfahrens!
wachſene jeden Alters. (310302
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abſolute Unſchädlichkeit und köſtliche Milde mit Schön=
heit
, Stärke und Dauer der Wirkung in ſich vereinigt.
Es hat nur einen ganz geringen Alkoholgehalt, ſo daß
jede nachteilige Beeinfluſſung der Haare oder des Haar=
odens
dadurch zur Unmöglichkeit wird.

Sine delikate Spargelſuppe. Für je 23 Teller
Spargelſuppe zerdrückt man einen Würfel von
Maggis Königin=Suppe recht fein, rührt die Maſſe mit
der vorhandenen Spargelbrühe glatt und läßt unter
Umrühren 15 Minuten kochen. Zu beachten iſt nur,
daß die Spargelbrühe gar nicht oder nur ſchwach ge=
ſalzen
ſein darf.

Aus dem Geſchäftsleben.
Däniſches Fleiſch. Herr Metzgermeiſter Gucken=
heimer
ſchreibt uns: Das aus Dänemark von mir einge=
führte
Fleiſch ſtammt von Rindern, die am Schlachtort
von ſtaatlich beſtellten Tierärzten vor und nach der
Schlachtung unterſucht, geſund befunden und amtstierärzt=
lich
gekennzeichnet worden ſind. Mit dem Fleiſch müſſen
die für die Beurteilung des Geſundheitszuſtandes wichti=
gen
Organe in natürlichem Zuſammenhange bei der Ein=
fuhr
vorgelegt werden. Nur ganz geſund befundene
Schlachtſtücke werden von deutſchen amtlich beſtellten Tier=
irzten
zur Einfuhr zugelaſſen. Nach der Ankunft in
Darmſtadt findet nochmals eine tierärztliche Unterſuchung
im Schlachthof ſtatt. Das Fleiſch iſt kein Gefrierfleiſch,
ſondern friſchgeſchlachtetes Fleiſch, das in eisgekühlten
Eiſenbahnwagen hierher gebracht wird. (S. Anz.)

Gottesdienſt der israelitiſchen Religiousgemeinde.
Haupt=Synagoge (Friedrichſtraße 2).
Freitag, den 3. Mai:
Vorabendgottesdienſt 7 Uhr 30 Min.
Samstag, den 4. Mai:
Morgengottesdienſt 8 Uhr 30 Min. Sabatt=
ausgang
8 Uhr 40 Min.
Gottesdienſt an den Wochentagen: Morgens 6 Uhr
45 Min. Abends 8 Uhr 40 Min.
Goltesdienſt in der Synagoge der ioraelitiſchen Reiigions=
geſellſchaft
.
Samstag, den 4. Mai:
Vorabend 7 Uhr 10 Min. Morgens 7 Uhr 30. Min.
Nachmittags 5 Uhr. Sabattausgang 8 Uhr 40 Min.
Wochengottesdienſt von Sonntag, den 5. Mai,
an: Morgens 6 Uhr. Nachmittags 7 Uhr. Abends
8 Uhr 40 Min.

Amtlicher Wetterbericht.
Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.

Das kontinentale Hoch hat ſich etwas verflacht, be=
herrſcht
aber noch die Witterung von Mitteleuropa. In
ganz Deutſchland herrſcht heiteres trockenes Wetter, die
Morgentemperaturen liegen zwiſchen 2 und 9 Nieder=
ſchläge
ſind keine gefallen. Vielfach ſank die Temperatur
nachts unter den Gefrierpunkt (Gießen 2 Lauter=
bach
6%). Auch morgen dürfte unſer Wetter unter
dem Einfluß des hohen Druckes ſtehen, ſo daß wenig
Aenderung zu erwarten iſt.
Ausſichten in Heſſen für Freitag, den 3. Mai:
Wechſelnd bewölkt, noch meiſt trocken, wärmer, ſtellenweiſe
Nachtfroſt.

Tageskalender.

Hoftheater, Anfang 6 Uhr (Außer Abonnement):
Siegfried.
Verſammlung des Vereins gegen Verarmung und
Bettelei um 4 Uhr im Rathausſaal.
Beſichtigung des neuen Hauptbahnhofes durch den
Ortsgewerbeverein (Zuſammenkunft um 2½ Uhr am
Jubiläumsbrunnen).
Einführungsvortrag zum Akademiſchen Volksunter=
richtskurſus
um 8½ Uhr im Reſt. P inz Karl
Konzerte: Hotel Heß, Bürgerkeller, Reſt. Metropol
und Perkeo um 8 Uhr.
Ausſtellung von Marmortransparenten
im Ausſtellungsgebäude auf der Mathildenhöhe ( ge=
öffnet
von 106 Uhr).
1. Darmſtädter Kinematograph (Ecke Rhein=
u
. Grafenſtraße): Vorſtellungen von 3½11 Uhr.
Vorſtellungen im Reſidenztheater von 411 Uhr.
The American Bio Co., Ernſt=Ludwigsſtr. 23.
Vorſtellungen von 411 Uhr.
Olympia=Theater, Rheinſtr. 2, 1. Etage:
Vorſtellungen von 411 Uhr.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil, Inſeratbeilagen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftsleben: Hans Heitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

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Seite 8.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 3. Mai 1912.

Nummer 104.

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Dr. Bönning, Mauerſtraße 1,
Dr. Hof, Roßdörferſtraße 19,
Dr. Holländer, Ludwigsplatz6,
Dr. Mayer, Neckarſtraße 10,
Dr. Wissmann, Lauteſchläger=
ſtraße
27,
Dr. Vidal, Stiftſtraße 11,
gütigſt vertreten werden.

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10
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Vormittags 1011 Uhr Sammlung der Kameraden im Re=
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Gottwald, 11 Uhr Abmarſch mit der Kapelle des 115. Re=
giments
nach dem Feſtlokal, daſelbſt
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Eintrittskarten 50 Pfg., mit Tanz 1 Mk. sind in den
Zigarrengeschäften von Herrn Ludwig Meyer, Ecke Ma-
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Neapel und Palermo nach New=
York, 30. April 1 Uhr nachmit=
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Gibraltar paſſiert.
Dampfer Kaiſerin Auguſte Vik=
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30. April 11 Uhr mor=
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von New=York über Ply=
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2 Mk., Sperrſitz (1.13. Reihe)
4 Mk., (14.20. Reihe) 3.20 Mk.,
Parterre (1.5. Reihe) 2.70 Mk.,
(6. 8. Reihe) 2.20 Mk., 1. Galerie
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Anfang des 2. Aufzuges 7¾ Uhr=
Anfang des 3. Aufzuges 9¼ Uhr.
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Tag: Götterdämmerung.
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Dienstag, 7. Mai. 168. Ab.=V.
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[ ][  ][ ]

Nummer 104.

Darmſtädter Tagblatt, Freſtag, den 3. Mai 1912.

Seite 9.

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Seite 10.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 3. Mai 1912.

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[ ][  ][ ]

Nummer 104.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 3. Mai 1912.

Seite 11.

Amtliche Nachrichten des Grofßh. Potzeiamts Darmſtadt.

Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde: In polizei=
licher
Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 1 Hofhund (zugelaufen). Die Hunde können von den
Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt werden. Die Ver=
ſteigerung
der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werktag,
(10316
vormittags um 10 Uhr, ſtatt.

Bekanntmachung.

Störungen der Ruhe und Ordnung durch Muſizieren betreffend.
Anhaltendes Muſizieren, insbeſondere Klavierſpielen, Singen,
Spielenlaſſen von mechaniſchen Muſikautomaten (Grammophonen
und dergleichen) im Freien oder bei offenen Fenſtern bildet meiſt
eine erhebliche Beläſtigung der Nachbarſchaft und erfüllt häufig den
Tatbeſtand des § 360 Ziffer 11 des Reichsſtrafgeſetzbuchs ( ungebühr=
liche
Erregung ruheſtörenden Lärms oder Verübung groben
Unfugs).
Die Schutzmannſchaft iſt angewieſen, gegebenen Falls einzu=
ſchreiten
.
(10317fs
Darmſtadt, den 1. Mai 1912.
Großherzogliches Polizeiamt Darmſtadt.
Gennes.

pende.
Flua
National
3

Im Anſchluſſe an den Aufruf des Protektors der National=
Flugſpende, des Prinzen Heinrich von Preußen, geſtattet ſich das
Unterzeichnete Kreiskomitee an die Einwohnerſchaft in Stadt und Land
die herzliche Bitte um Spenden freiwilliger Gaben zur Förderung
des deutſchen Flugweſens zu richten.
Es gilt einer vaterländiſchen Sache im Wettbewerbe mit
anderen Nationen zum Siege zu verhelfen! Ein Zurückbleiben
darf es für Deutſchland nicht geben! Treten wir alle mit Be=
geiſterung
für dieſe große Sache ein, für die im gegenwärtigen
Augenblick eine einmütige, machtvolle Kundgebung beſonders
nötig iſt!
Darmſtadt, den 28. April 1912.
Bürgermeiſter Appel, Nieder=Ramſtadt, Dr. Aſcher, Eberſtadt,
Direktor Baier, Bürgermeiſter Becker, Weiterſtadt, Stadtverordneter
Dr. Bender, Bürgermeiſter Venz, Arheilgen, Beigeordneter Benz,
Arheilgen, Oberkonſiſtorialrat Dr. Bernbeck, Lehrer Berck, Malchen,
Rechtsanwalt Dr. Bopp, Miniſter der Finanzen Dr. Braun, Apo=
theker
Breitwieſer, Ober=Ramſtadt, Oberſtleutnant Bullrich, Traiſa,
Rechtsanwalt Buß, Bauunternehmer H. Dächert II., Eberſtadt, Kom=
merzienrat
Diſchinger, Fabrikant Doerr, Nieder=Ramſtadt, Dekan
Dr. Elz, Finanzrat Emmerling, Prinz Viktor zu Erbach=Schönberg,
Staatsminiſter Dr. Ewald, Provinzialdirektor Fey, Profeſſor Dr
Frenzel, Juſtizrat Gallus, Bürgermeiſter Geibel, Hahn, Bürgermeiſter
Geibel, Nieder=Beerbach, Regierungsrat Gennes, Oberbürgermeiſter
Dr. Gläſſing, Kommerzienrat Göbel, Bürgermeiſter Götz, Eſcholl=
brücken
, Juſtizat Grünewald, Generaladjutant Generalmajor Hahn,
Hauptmann von Hahn, Juſtizrat Hallwachs, Hauptlehrer Haſſenzahl,
Arheilgen, Geh. Kommerzienrat Hedderich, Kreisausſchußmitglied
Beigeordneter Heim, Ober=Ramſtadt, Kreisausſchußmitglied Geh.
Forſtrat Heinemann, Stadtverordneter und Landtagsabgeordneter
Henrich, Oberſtaatsanwalt von Heſſert, Kreisausſchußmitglied Heß,
Pfungſtadt, Generalmajor Freiherr von Heyl, Kommerzienrat Heyn,
Bürgermeiſter Hickler, Meſſel, Sanitätsrat Dr. Arthur Hoffmann,
Rechtsanwalt Dr. Hoffmann II., Miniſter des Innern vom Hom=
bergk
zu Vach, Stadtverordneter Hüfner, Hauptlehrer Huff, Kreis=
ausſchußmitglied
Baurat Jaeger, Kommerzienrat Jakobi, Schloſſer=
meiſter
Jakobi, Prinz Leopold zu Iſenburg=Birſtein, Stadtverord=
neter
Kalbfuß, Kreisausſchußmitglied Rentner Ph. Keller VI., Gries=
heim
, Ludwig Kichler, Profeſſor Kiſſinger, Geheimerat Kittler, Rent=
ner
Kleinſchmidt, Schneppenhauſen, Fabrikbeſitzer Moritz Klönne,
Bürgermeiſter Koch, Eich, Oberamtsrichter Kolb, Generalleutnant
Korwan, Oberlandesgerichtspräſident Kullmann, Bürgermeiſter Kunz
Griesheim, Bürgermeiſter Kunz Schneppenhauſen, Geh. Juſtizrat
Dr. Lahr, Bürgermeiſter Lang, Pfungſtadt, Stadtverordneter, Ober=
meiſter
Lautz, Stadtverordneter Lehr, Bürgermeiſter Lorenz, Roß=
dorf
, Oberleutnant a. D. Lotheißen, Direktor Lutz, Stadtverordneter
Markwort, Geh. Medizinalrat Dr. E. Merck, Geh. Kommerzienrat
Dr. Louis Merck, Dr. Willy Merck, Oberpoſtdirektor Milkau, Oberſt=
leutnant
Mootz, Bürgermeiſter Mueller, Regierungsrat Müller, Orts=
gerichtsvorſteher
Müller Provinzialausſchußmitglied Müller, Eber=
ſtadt
, Hauptlehrer Müller, Eberſtadt, Hans Müller=Hickler, Geh.
Schulrat, Landtagsabgeordneter Münch, E. von Mörs, Regierungs=
rat
Noack, Eiſenbahnoberſekretär Nohe, Eberſtadt, Stadtverordneter
Dr. med. Nöllner, Hoflieferant Kaufmann Ober, Kammerherr Frei=
herr
von Oetinger, Mitglied der II. Kammer der Landſtände
Dr. Oſann, Bürgermeiſter Petri, Gräfenhauſen, Bürgermeiſter Pfaff,
Wixhauſen, Generalleutnant von Plüskow, Geheimerat Dr. Preetorius,
Fabrikant Preß, Pfungſtadt, Stadtverordneter Ramdohr, General=
major
von Randow, Kreisausſchußmitglied, Kommerzienrat Röder,
Geheimerat Römheld, Geh. Baurat Rötelmann, Bürgermeiſter Rückert,
Ober=Ramſtadt, Bierbrauereibeſitzer Rummel, Stadtverordneter Säng,
Kreisausſchußmitglied Sames, Bürgermeiſter Schäfer, Eberſtadt,
Bürgermeiſter Schmidt, Braunshardt, Beigeordneter Schmitt, Dekan
Schneider, Weiterſtadt, Stadtverordneter Schupp, Rentner Wilhelm
Schwab, Kaufmann Stähle, Direktor der Volksbank, Stein, Kreis=
ausſchußmitglied
, Rechtsanwalt Dr. Stein, Stadtverordneter Stemmer,
Landesgerichtspräſident Theobald, Kommerzienrat Trier, Hof=
marſchall
Freiherr v. Ungern=Sternberg, Hauptmann a. D., Waldecker,
Bürgermeiſter Walter, Malchen, Bürgermeiſter Walther, Traiſa,
Bürgermeiſter Wannemacher, Erzhauſen, Verwaltungsgerichtspräſident
Dr. Auguſt Weber, Regierungsrat von Werner, Rektor der Tech=
niſchen
Hochſchule, Wickop, Hauptlehrer Winter, Griesheim, Hofbuch=
druckereibeſitzer
Karl Wittich, Hofbuchdruckereibeſitzer Rudolf Wittich,
Hauptlehrer Würtenberger, Ober=Ramſtadt, Finanzaſſeſſor Zimmer.
Sammelſtellen bilden: die Poſtanſtalten, die Zeitungen, die ſich
bereit erklärt haben oder erklären. Die Bank für Handel und In=
duſtrie
und die Volksbank in Darmſtadt. (Etwaige Zuſchriften
bittet man an die Geſchäftsſtelle des Kreiskomitees, z. H. des Herrn
Regierungsaſſeſſor Dr. Pahſt, Annaſtraße 24, hier, zu richten.) (10336

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der Durchſchnittspreiſe von folgen=
den
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ſtänden
in der Zeit
vom 16. bis 30. April 1912:
per Sack à 100 Kilc
Weizen von Mk. 24. bis 25.
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22.50
Korn
Gerſte
22.50 24.
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Butter ½ Kilo Mk. 1.50
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Mk. 2.
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Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 10.
Kartoffeln per 25 Kilo Mk. 3.
Kornſtroh per 50 Kilo Mk. 4.50
Heu per 50 Kilo Mk. 5.50
Darmſtadt, 2. Mai 1912.
Großh. Polizeiamt Darmſtadt.

Bekanntmachung.

Freitag, den 31. Mai I. Js.,
vormittags 10 Uhr,
ſoll die den Wirt Ludwig Volk
Eheleuten dahier zugeſchriebene
Liegenſchaft:
Flur Nr. qm
II 618½ 484 Hofreite) Mühl
II 619¼/0 394 Hofreite) ſtraße
in unſerem Bureau zwangsweiſe
verſteigert werden. (K33/12
Darmſtadt, 15. April 1912.
Großh. Ortsgericht Darmſtadt
Müller. (V9344

Bekanntmachung.

Freitag, den 17. Mai 1912,
vormittags 10 Uhr,
ſollen die dem Heinrich Philipp
Jacoby zu Darmſtadt gehörigen
Liegenſchaften:
Flur Nr. qm
XIII 64 1313 Acker, oberſte
Golläcker,
XIII 65 881 Acker, daſelbſt,
XIII 140 2631 Acker, am
Pfungſtädter
Weg,
XXXVI 28 975 Wieſe, die
Rudolphs=
wieſe
,
in unſerem Geſchäftszimmer, Witt=
mannſtraße
1, zwangsweiſe ver=
ſteigert
werden.
Die Genehmigung der Verſteige
rung wird auch dann erfolgen,
falls ein der Schätzung entſprechen=
des
Gebot nicht eingelegt wird und
andere rechtliche Hinderniſſe nicht
entgegenſtehen.
Darmſtadt, 24. April 1912.
Großh. Ortsgericht Darmſtadt II
(Beſſungen).
Frantz. (V9834

guterh. Herenanzüge à6 M. zu vf.
Moosbergſtr. 67, III.r. (*11292fi

Bekanntmachung.

Freitag, den 24. Mai I. Js.,
vormittags 10 Uhr,
ſollen die zum Nachlaß des Hein=
rich
Jacoby VIII. dahier gehörigen
Immobilien:
Flur Nr. qm
I 32¾/10 232 Hofreite Gar=
tenſtr
. 20,
I 32/10 233 Hofreite Gar=
tenſtr
. 18,
in unſerem Bureau zwangsweiſe
verſteigert werden. (K141/11
Falls andere rechtliche Hinder=
niſſe
nicht entgegenſtehen, kann Ge=
nehmigung
der Verſteigerung auch
dann erfolgen, wenn das eingelegte
Meiſtgebot die Schätzung nicht er=
reicht
.
Darmſtadt, den 1. Mai 1912.
Großh. Ortsgericht Darmſtadt I.
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Traumblaſſer Mondenſchimmer lag über dem weiten
Meer.
Opalblaue Eisberge ragten hier und da aus dem mur=
melnden
Waſſer auf und rückten näher und näher.
Das Boot des Kapitän Anderſen, von zwei kräftigen
Rudern geführt, ſuchte vorſichtig ſeine Bahn, um die Katla
zu gewinnen.
Ingwald ſah mit gefurchter Stirn in die Ferne. Die
plötzliche Stille auf dem weiten Waſſer gefiel ihm nicht.
Treibeis kündigte ſie an, deſſen Vorboten ja ſchon an der
Küſte ſichtbar waren. Auch der leuchtende Schimmer am
Horizont, der Eisblick, war gefährlich. Wenn jetzt ein
ſtarker Wind einſetzte, dann hatte man das Hafis ( Treib=
eis
) da, und in einer einzigen Stunde konnte die ganze
Küſte blockiert ſein. Die Katla war zwar mit ihrer
breiten Bruſt gut bewahrt gegen ſolche eiſigen Umarmun=
gen
, aber etwas wie Beſorgnis war doch in Ingwalds
Herzen, wenn ihm die Erwägung kam, daß ihn das Eis
möglicherweiſe bindern könnte, wieder das feſte Land zu

gewinnen. Gerade jetzt, wo ſo viel für ihn auf dem Spiele
ſtand.
Der Tod, der ſo unerwartet auf der ſo herrlich be=
gonnenen
Reiſe an den armen Jon Thorkjel herantrat, lag
ihm noch in allen Gliedern.
Er hatte den rothaarigen Jungen, über deſſen Schwär=
mereien
für Hallgerdr er nachſichtig gelächelt, wirklich lieb
gehabt, und ſein frühes Ende hatte ihn tief erſchüttert.
Eine Mahnung ſchien es ihm an die Vergänglichkeit,
ein Drohen, wie ſchnell einmal das Ende kommen könnte
inmitten von tauſend Plänen, Wünſchen und Hoffnungen.
Und dann hatte der ſtumme, tränenloſe Schmerz der
Mutter, als man ohne ihren geliebten Jungen heimkam,
ihm heimlich ſchmerzende Wunden aufgeriſſen. Er mußte
immerwährend denken, daß ſo wie Frau Groa, ſo erſchüt=
ternd
, ſtarr und tränenlos auch Helga das bitterſte Leid
getragen haben würde.
Und wenn er auf den Amtmann ſah, der ſein fröhliches,
glücksfrohes Lachen ſo ganz verlernt, dann dachte er, wie
es ihm zu Mute ſein würde, wenn er erführe, daß man
ſeinen einzigen Sohn begraben, ſeinen ſüßen, kleinen Orm,
der ſo wehende, goldene Locken hatte und ſo ſtrahlende,
blaue Augen.
Nein, er wollte nicht daran denken.

Klein und dumm war der Junge geweſen, als er fort=
gezogen
, der Bube hatte ihn noch nicht mal gekannt, und
wenn er jetzt auf dem Bilde ihn ſo reizend ſchalkhaft an=
lächelte
, ſo war das ganz natürlich. Alle Kinder waren
in dieſem Alter beſonders lieb, und Orm, na, Orm war
wie alle anderen Kinder auch.
Wenn Ingwald an Hallgerdr dachte, ſo empfand er
neben ſeiner brennenden Sehnſucht nach der Heißgeliebten,
doch ein Gefühl des Unmuts.
Während der ganzen Zeit der langen Rückreiſe ſie
waren viel länger ausgeblieben, als man erſt voraus=
geſehen
hatte ſich Hallgerdr merkwürdig von ihm fern=
gehalten
. Als er ſie eines Tages bei einem flüchtigen
Alleinſein nach der Urſache fragte, ſagte ſie ernſt:
Es wäre eine Sünde gegen den armen Jon, der mei=
netwegen
ſtarb, wenn ich jetzt an meine Liebe und an mein
Glück denken wollte, wo er ſo einſam, fern von der Heimat,
ruhen muß, er, der ſo treu zu mir ſtand.
Ingwald ehrte ihren Schmerz, und er fand es auch
ganz natürlich, daß Hallgerdr ſich vornehmlich der trauern=
den
Familie Thorkjel widmete, aber ihre Unnahbarkeit, ihre
ernſte, würdevolle Gelaſſenheit ihm gegenüber, drückte doch
einen Stachel in ſein leidenſchaftliches Herz.
Er war auf der Rückreiſe faſt nur auf die Geſellſchaft

[ ][  ][ ]

Nummer 104.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 3. Mai 1912.

Seite 13.

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jetzt nicht wagten, Signe die Cour zu ſchneiden.
Ole Gudmund hatte ſich nach den letzten brutalen An=
griffen
des ſchönen Mädchens ganz von Signe zurück=
gezogen
.
Er wollte ihr zeigen, daß er ſich nicht zum Spielball
ihrer Launen machen ließ, aber Ingwald hatte doch bemerkt,
wie ſehr der Doktor unter dieſer Entfremdung litt.
Der Kapitän hatte ſich vorgenommen, bevor er an
Bord der Katla ging, Rava Jonſon aufzuſuchen, um
mit ihm zu reden, denn er ſagte ſich mit Recht, daß Bjarni,
der Knecht, der vor ihnen heimgekehrt, gewiß ſeine Zeit gut
genutzt haben würde, ihn bei dem Alten zu verklagen.
Hallgerdr aber hatte entſchieden abgelehnt, daß er jetzt
nach dem Widarhof kam. Sie ſelber wollte erſt allein mit
ihrem Vater reden. Erſt mußte ſie wiſſen, wie ſich ihr
Vater zu Bjarni ſtellte, erſt wollte ſie des Vaters Geſin=
nung
erforſchen, ehe ſie mit ihren eigenen Wünſchen an=
trat
, Wünſche, vor denen ihr graute, wie ſie Ingwald eines
Tages vertraute.
Welch ein ſeltſames Gemiſch von naiver Lebensauf=
faſſung
, ſtarrem Ernſt und unerſchütterlichem Willen doch
in dieſem Mädchen war.
Der Kapitän mußte immerfort an ſie denken, während
ſein Boot der Katla zuſteuerte, die jetzt ein weißes
Schneekleid trug.
Er malte ſich in berauſchenden Farben aus, wie es
ſein würde, wenn er Hallgerdr erſt ganz gewonnen, wenn
er ſie, die Holde, die Stolze, erſt für ſich ganz allein auf
ſein ſtilles Schiff gerettet haben würde, und ſie beide

hinausſtenern würden auf das weite Mer, unbekannten,
märchenhaften Fernen entgegen. Hallgerdr und er in der
Kajüte der Katla ganz allein, Bruſt an Bruſt, Mund an
Mund.
Ein Glücksſchauer hob ſeine Bruſt. Dieſes Weib zu
erkämpfen, war des höchſten Preiſes wert.
Eine Sturzwelle, die in das Boot ſchlug, brachte den
Kapitän erſt wieder zu ſich. Die Lichter der Katla blink=
ten
vor ihm auf.
Wie ein Totenſchiff dünkte ihm die ſchwarze Hexe in
ihrem weißen Sterbekleide, das der Schnee um ſie ge=
ſponnen
.
Lauerten da drüben nicht Geſpenſter gleich rieſenhaf=
ten
Geſtalten auf dem Waſſer?
Nein, Eisklötze waren es. Wie zwiſchen Gräbern
ſtanden ſie da.
Jetzt legte das Boot an die Katla an.
Müde, mit ſchweren Schritten ſtieg der Kapitän die
Schiffstreppe, auf welcher der Schnee funkelte, hinan.
Zum erſtenmal kam er freudlos heim. Sonſt hatte er
immer das Gefühl gehabt, wenn ſein Fuß das Schiff be=
trat
, als täte ſich ſein ureigenſtes Reich vor ihm auf, einem
Könige gleich hatte er ſich gefühlt, und heute kam er ſich
ſo arm vor, ſo zerſchlagen, einem Bettler gleich.
Steuermann Stevens ſtrahlte über das ganze Geſicht,
als er den Kapitän begrüßte.
Na, wir glaubten ſchon, die Polarfüchſe und Eisbären
hätten Euch mit Haut und Haaren verſpeiſt. Donnerwetter
nicht noch mal. Wir ſitzen feſt, Kapitän, wenn wir uns
nicht dazu halten.


Zu ſpit, Steuermame Stepers. Das reibeis it ſchon
in Bewegung. Wir bleiben noch dieſen Winter in Island.
Der Alte kratzte ſich verlegen ſein graues Haar.
Wenn das man gut für die Katla iſt, Kapitän. Ich
glaube, ſie hat’s etwas auf der Bruſt, und wenn’s das
Unglück will, dann ſchneidet uns das Eis plötzlich einmal
die Hexe mitten entzwei, bis in das Herz hinein.
Ihr ſeid wohl närriſch, Steuermann? Doch wir reden
morgen noch darüber. Jetzt will ich ſchlafen, die Reiſe hat
mich müde gemacht, mehr als ich dachte. Gute Nacht, Ste=
vens
.
Gute Nacht, Herr Kapitän. Wünſche wohl zu ſchlafen.
Und der alte Steuermann lachte in ſich hinein und
ſchielte nach der Kabinentür.
Na, die Freude, die der gute Kapitän heute noch er=
leben
würde. Ja, wer ſon Glück hatte, eine ſchöne Frau
plötzlich in der Kajüte zu finden. Er hatte es nicht ſo gut.
Seine Alte ſie war ja ſchon ein beträchtliches altes Stück
Eiſen ſaß gewiß bei der Tranlampe zu Haus und las
in der Bibel und betete für ihn und die Katla.
Na, das Beten, das konnte man gut gebrauchen, wenn
man um Island herum auf dem wilden Meere trieb.
Der Kapitän warf im Weiterſchreiten einem Matroſen
ſeinen naſſen Mantel zu. Eistropfen hingen ihm noch in
Haar und Bart. So trat er in die Kabine.
Ein fahles Dämmern, das die helle Schneenacht hinein=
warf
, beherrſchte den vorderen Raum. Der andere Teil
war tief dunkel.
(Fortſetzung folgt.)

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[ ][  ]

Seite 18.

Darmſtädter Tagblatt, Freitag, den 3. Mai 1912.

Nummer 104.

Infektions=Krankheiten. Die Erreger von Typhus,
Diphtheritis uſw., die Bakterien, nehmen ihren Weg zu
einem ſehr hohen Drozentſatz durch die Mundhöhle. Sie
ſetzen ſich an den Zähnen und Schleimhäuten der Mundhöhle
feſt und dringen von hier aus in das Innere des menſch=
lichen
Organismus ein, um ihr Vernichtungs= und Zer=
ſtörungswerk
auszuüben. Tägliches, zweimaliges Dutzen der
Zähne mit Kosmodont=Zahnereme mit aktivem Sauerſtoff
(Tube 60 Pf.) vernichtet dank den hohen desinſizierenden
Eigenſchaften des Sauerſtoffes alle feindlichen Bakterien,
ohne die zarten Schleimhäute anzugreifen, und beugt ſomit
dem Auftreten von Infektionskrankheiten vor. Kosmodont=
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ſchlägigen
Geſchäften zu haben. Drobetube gratis durch
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Sport.

* Pferderennen. Rennen zu Mülheim. Will=
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1. Herrn W. Poſts Criſtal Star (R. Franke), 2. Self
Control (Franke), 3. Lamhut (Kreiſel). Tot. 33110, Pl.
16, 23, 20110. Unpl.: Boulanger, Mattiacum, Hold up,
Headwind, Dandolo, Saint Home, Gargamelle, Lady
Jim. Dandolo kam als Erſter ein, wurde aber wegen
Auslaſſens einer Wendeflagge disqualifiziert. Maiden=
Flachrennen; 2000 Mark, Diſtanz 1200 Meter: 1. Herrn
L. Whites Siebenſchläfer (E. Franke), 2. Traviata
(Bauernfänger), 3. Felix eſto (Meier). Tot. 140:10, Pl.
30, 13, 15.10. Unpl.: Colombine, Zucht, Cavalleria, Anti=
mon
, Lavendel. 1 Lg. Frühjahrs=Jagdrennen;
Ehrenpreis und 3000 Mark, Diſtanz 4000 Meter: 1. Hrn.
E. Brummes Alvo (Leutn. von Moſch), 2. Gazelle (Herr
von Weſternhagen). Tot. 14:10. Zwei liefen. Saarner
Jagdrennen; Ehrenpreis und 2000 Mark, Diſtanz 3000
Meter: 1. Herrn L. Teekamps Percy Taylor (Herr Pur=
gold
), 2. Dalmigavie (Beſ.), 3. Plutarch (Beſ.). Tot.
43:10, PPl. 25, 50:10. Unpl.: Little Blackey, Tempete III,
Binty. Wolfsburg=Hürdenrennen: 2000 Mark, Diſtanz
2600 Meter: 1. Major Roos’ Niſſa (Kühl), 2. Mattiacum
(Hoffmann), 3. Fatia Negra (Czernick). Tot. 15:10. Drei
liefen. Steinbruch=Jagdrennen; Ehrenpreis und 2000
Mark, Diſtanz 3500 Meter: 1. Hrn. W. Blatts Bayard IV
(Herr Purgold), 2. Chateauvert (Leutn. von Moſch), 3.
Disharged. Tot. 18110, Pl. 15, 31110. Unpl.: Ormsby,
Mique o Brien, Oktavius. 2½1½ Lg.
Die Zweitauſend Guineen die erſte große
Prüfung der dreijährigen Pferde in England, bildeten
am Mittwoch das Ereignis der Rennen zu Newmar=
ket
. Der Derby=Favorit White Star ſtartete in dem von
14 Konkurrenten beſtrittenen Meilen=Rennen als heißer
Favorit. Der Hengſt führte eine Zeit lang, fiel dann
aber mangels genügender Kondition zurück. Mr. H.

Duryeas Sweeper II (Dan Maher) gewann leicht gegen
den kraſſen Außenſeiter Jaeger (W. Griggs) des Mr.
Neumann, eine halbe Länge zurück folgte Mr. Ismays
Hall Croß als Dritter vor White Star. Wetten 611,
10011, 911. Platzwetten: pari, 25:1, 6:4.
Sr. Die Deutſche Turnerſchaft und die Olympiſchen
Spiele. Die Deutſche Turnerſchaft hat durch Rundſchrei=
ben
ihres Ausſchuſſes beſchloſſen, an den, Olympiſchen
Spielen in Stockholm nicht teilzunehmen. Der
Einſpruch des Berliner Kreiſes wurde unbeachtet gelaſ=
ſen
. Damit verſäumt die Deutſche Turnerſchaft ihre
nationale Pflicht, an der Repräſentation deutſchen Kön=
nens
beim internationalen Wettbewerb, an dem alle Kul=
turnationen
ohne Ausnahme teilnehmen, mitzuwirken.
Man kann dieſe unverſtändliche Haltung der Deutſchen
Turnerſchaft nicht ſcharf genug mißbilligen. Sie iſt um
ſo ſchwerer zu verſtehen, als alle Wünſche, die von deut=
ſcher
Turnerſeite geſtellt wurden, beim ſchwediſchen Ko=
mitee
in Stockholm Erfüllung fanden.
* Hockey. Die Hockey=Meiſterſchaft von
Frankreich kam in Roubaix zum Austrag und ward
von dem Hockeyklub von Fresnoy gegen die Mannſchaft
des Pariſer Olympique Skating=Club mit 2:0 gewonnen.
Fußball. Der Fußball= Länderkampf
Holland-Belgien gelangte vor 20000 Zuſchauern
in Dordrecht zum Austrag. Bereits in den erſten drei
Minuten erzielten die Holländer zwei Tore, denen ſie
bald darauf ein drittes folgen ließen. Trotzdem aus der
helgiſchen Mannſchaft dann 2 Spieler infolge erlittener
Verletzungen ausſcheiden mußten, gelang es ihr noch vor
der Pauſe, zweimal den Ball ins Netz zu ſenden. Nach
dem Seitenwechſel fiel auf beiden Seiten ein Tor, ſo daß.
Holland mit 4:3 als Sieger den Platz verließ.

Handel und Verkehr.

Die Abſchaffung der Liebesgabe vom
Standpunkt der Spiritus verbrauchen=
den
Induſtrien. Aus induſtriellen Kreiſen wird
uns geſchrieben: Seit Einführung des. Durchſchnitts=
brands
und des Vergällungszwanges ſind alle Branut=
wein
verarbeitenden Induſtrien auf Gnade und Ungnade
der Macht der Spirituszentrale ausgeliefert. Das Brannt=
weinſteuergeſetz
vom Jahre 1909 hat es der Spirituszen=
trale
ermöglicht, vollkommen frei zum Beſten ihrer Ge=
ſellſchafter
disponieren und mit den Verbrauchern um=
ſpringen
zu können, wie es ihr beliebte. Sie hat dieſe
Machtſtellung in vollem Maße ausgenutzt und ihre Rigo=
roſität
hat gar nichts zu wünſchen übrig gelaſſen. Die
Preisſteigerung iſt, ſeit Oktober 1909 bis April
1912 bei Rohſpiritus von 46 Mark per & Liter bis
auf 72,70 Mark getrieben worden, und wenn auch ein Teil
der Teuerung auf die überaus geringe Kartoffelernte im

Jahre 191 und die ſehr hohen Maispreiſe im keten
Halbjahr zurückzuführen ſein dürfte, ſo ſteht doch feſt, daß
die Zentrale in keiner Weiſe ihren früheren Verſprechun=
gen
und den Anſprüchen der Induſtrie nachgekommen iſt.
Dieſe Verſprechungen beſtanden darin, daß die Zentrale
für ſtetige, gleich bleibende Preiſe Sorge tragen wolle
und daß in keinem Falle die Spannung zwiſchen dem
Abſchlagspreis und Verkaufspreis 3 Mark überſteigen
ſolle. Statt deſſen waren ſtetig ſteigende Preiſe zu ver=
zeichnen
: Oktober 1908: 46.40 Mk., Januar 1909: 39.40,
Oktober 1909: 42.70, Oktober 1910: 46.00, Oktober 1911:
50.00, November 1911: 55.70, Januar 1912: 58,70. März
1912: 66.70, April 1912: 72.70 Mark, und die Spannung
beträgt heute nicht 8 Mark, ſondern 20 Mark.
Der vorliegende Geſetzentwurf betr. Abſchaffung der
Liebesgabe wird eine weitere Steigerung des Preiſes
zur Folge haben und ſomit von neuem, entgegen den
Verſprechungen der Reichsregierung, die Verbraucher
belaſten. Anzunehmen, daß das Reichsſchatzamt hierüber
nicht unterrichtet ſein ſollte, wäre naiv. Im Reichsſchatz=
amt
kennt man die Verhältniſſe genau und weiß, wer die
Koſten bei dem vorliegenden Steuerprojekt aufzubringen
hat. Es muß auf das nachdrücklichſte betont werden, daß=
nicht
allein der Trinkbranntwein es iſt, der eine Mehr=
belaſtung
erfährt. Eine ganze Reihe von Induſtrien
ſind gezwungen, Sprit zu ihrer Fabritation zu verwen=
den
; ſo die kosmetiſche, pharmazeutiſche, Parfümerie,
Zelluloidwaren= und photographiſche Papier=Induſtrie,
Sie alle ſind durch die Erhöhung der Verbrauchsabgabe
im Jahre 1909 ſchwer geſchädigt und haben kaum Zeit
gehabt, ſich in die neu geſchaffene Lage einzuarbeiten
Durch die abermalige Mehrbelaſtung wird jetzt der Bi
ſtand und die gedeihliche Entwicklung dieſer Produk=
tionszweige
von neuem in Frage geſtellt. Ganz beſon=
ders
ſchwer wird der Export dieſer Induſtrien getroffen
denn dort wird ihnen die Konkurrenz mit dem Ausland
geradezu unmöglich gemacht. Wie zum Beiſpiel ſoll ein
deutſcher Fabrikant einem franzöſiſchen gegenüber leiſt
ungsfähig bleiben, wenn dieſer 30 Franken per Liten
Alkohol zahlt, jener aber 75 Mark? Den betreffenden In=
duſtriezweigen
wird nichts anderes übrig bleiben, als
ihre Betriebe für den Export ins Ausland zu verlegen
und dadurch die Erwerbsmöglichkeiten in der Heimat zu
verkürzen.
Angeſichts dieſer Sachlage iſt es Pflicht aller indu=
ſtriefreundlichen
Abgeordneten, im Reichstag dafür zu=
ſorgen
, daß gleichzeitig mit der Abſchaffung der Liebes=
gabe
eine (Korrektur des Branntweinſteuergeſetzes von
1909 erfolgt, welche die Einſchränkung der Machtſtellung
der Spirituszentrale verbürgt und den Branntwein ver=
arbeitenden
Induſtrien die dringend erforderliche Ruhe
und Stetigkeit der Verhältniſſe endlich wiedergibt.


-Kohiek
1
E
(VI4264)

das wegen seines Wohlgeschmackes, seiner milden, sicheren Wirkung mit Recht
beliebteste Mittel zu Regelung des Stuhlganges und Verhütungvon Verstopfung
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hieße es, die Vorzüge der Reichardt-
Fabrikate noch in großen Worten
rühmen zu wollen, übt doch eine
nach Millionen zählende Schar lang-
jähriger
Freunde in ſtiller, nimmer
raſtender Arbeil eine treue Werbe=
tätigkeit
aus. Nur das muß im
ureigenſten Intereſſe der Konſumen=
ten
immer wieder betont werden:
es gibt auf der Welt kein Fabrikat,
welches an Güte und Preiswürdigkeit
den Reichardt=Marken gleichkommt.

Kakao verkörpert das Ideal eines
Hausgetränks. Reichardt-Schokolade
ſtellt eine Höhe der Vollkommenheit
dar, die unerreicht iſt und bleiben
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