Darmstädter Tagblatt 1912


19. April 1912

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175. Jahrgang
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Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.

Das Neueſte vom Tage.

Mit der Beratung der Wehrvorlagen im
Reichstag ſoll am Montag begonnen werden.
Bezüglich der Wahl des Abg. Dr. Becker (Alzey=
Bingen) beſchloß der Reichstag Beweiserhebung.
Die Demiſſion des ungariſchen Kabinetts
wurde vom Kaiſer angenommen.
Die griechiſche Königsfamilie ſtattete dem
Kaiſer einen Beſuch auf Korfu ab.
Einer Meldung aus Konſtantinopel zufolge haben die
Italiener eine Flottenaktion in den Dar=
danellen
begonnen.
Der kanadiſche Dampfer Earl Gley iſt in der
Nähe des Kap Bohn auf Grund geraten.

Die ungariſche Kriſe.

Wenige Wochen ſind es erſt, daß das ungariſche
Kabinett ſeine Demiſſion eingereicht hat, und nur durch
den entſchiedenen Einſpruch des greiſen Kaiſers, der mit
der Abdankung drohte, bewogen werden konnte, die Ge=
ſchäfte
weiter zu führen. Schon damals konnte man
mit ziemlicher Sicherheit vorausſehen, daß die Herrlich=
keit
nicht lange dauern würde, denn die Oppo=
ſition
des ungariſchen Abgeordnetenhauſes in den
Wehrfragen iſt bekanntlich ſo ſtark, daß ſich ihre
Bezwingung nicht ſo ohne weiteres ermöglichen läßt. Die
Oppoſition hat nach Wiederaufnahme der Verhandlungen
während der letzten Tage ihre Verhinderungstaktik fort=
geſetzt
, und wenn auch für die Wehrvorlagen an und
für ſich eine Mehrheit zu haben geweſen wäre, ſo machte
doch vorläufig die Obſtruktion jede Verhandlung zu
einer Unmöglichkeit und die Regierung wurde ſchließlich
des grauſamen Spiels müde. Graf Khuen=Hedervary iſt
in Wien eingetroffen und hat ſein Mandat in die Hände
des Kaiſers zurückgelegt. Auch Kaiſer Franz Joſef wird
ſich diesmal in das Unabänderliche ſchicken, angeſichts der
Ausſichtsloſigkeit, augenblicklich ein arbeitsfähiges unga=
friſches
Parlament zu erhalten.
Als Nachfolger des Grafen Khuen iſt der jetzige
Finanzminiſter Lukacs auserſehen, der den Tanz mit der
Oppoſition wagen ſoll. Inzwiſchen will man Delegatio=
nen
einberufen, um, wenigſtens für eine Zeit lang, das
Budget durch ein Proviſorium ſicher zu ſtellen. Ob Herr
Lukacs viel ausrichten wird, ſteht dahin, möglicherweiſe
wird er zu einer Auflöſung des Parlaments ſchreiten,
um die Oppoſition zu ſchwächen, um ſomit ein arbeits=
fähiges
Haus zu bekommen. Der bisherige Miniſterprä=
ſident
iſt vor dieſem Machtmittel zurückgeſchreckt, er hat
ſich die Kraft zur Löſung dieſer Aufgabe nicht mehr zu=
getraut
und iſt darum gegangen.
Dieſe fortwährenden Kriſen ſind nur zu ſehr geeig=
net
, die Donau=Monarchie zu erſchüttern und ihre Stoß=
kraft
zu lähmen. Gilt es doch diesmal gerade die Wehr=
vorlagen
, die dazu beſtimmt ſind, die Verteidigungsfähig=
keit
Oeſterreich=Ungarns zu erhöhen und bezeichnend iſt
es, daß Nebenſächlichkeiten es ſind, die ihrer Verabſchie=
dung
im Wege ſtehen. Man will die Einberufung der
Reſerven dem Kaiſer allein nicht zugeſtehen, ſondern ſie
nur unter parlamentariſcher Genehmigung zulaſſen. Dieſe
Forderung hat begreiflicherweiſe den greiſen Monarchen
in Harniſch gebracht, indem er darin ein großes Miß=
tauensvotum
gegen ſeine Regierung erblickt. Es iſt ein
trauriges Zeichen, daß ein Teil des ungariſchen Parla=
ments
ſeine Einwilligung in einer ſo wichtigen natio=
nalen
Frage von der Erfüllung einer derartigen For=
derung
abhängig machen will, man ſieht eben, daß einem
Teil der Bevölkerung an dem Beſtand der Donau= Mon=
archie
nicht allzu viel zu liegen ſcheint, und mit dieſen
Momonten nechnen eben auch die Gegner Oeſterreich=
Ungarns und werden im geeigneten Falle nicht verfeh=
len
, an geeigneter Stelle einzuſetzen, wie ja derartige
Verſuche von Seiten Frankreichs vor einigen Jahren be=
reits
zu verzeichnen waren.

Die geſcheiterte Vermittelung der Mächte.

* Der türkiſche Miniſterrat beriet über die Antwort
der Pforte auf die Mitteilungen der Mächte. Wie
es heißt, wird die Antwort eine ausführliche Begrün=

dung der Haltung der Pforte enthalten, die lediglich ge=
neigt
ſein ſoll, Italien wirtſchaftliche Vorteile in Tripo=
litanien
auf der Baſis ausdrücklicher Anerkennung der
Hoheitsrechte der Türkei zuzugeſtehen.
Die türkiſchen Zeitungen beſprechen den Schritt
der Mächte, deren freundſchaftlichen Charakter ſie an=
erkennen
. Sie erklären übereinſtimmend, daß der Friede
nur auf der Grundlage der Zurückziehung des
Annexionsdekretes möglich ſei. Tanin ſchreibt:
Die jungtürkiſche Partei iſt aus den Wahlen als Sie=
gerin
hervorgegangen, weil ſie für einen Widerſtand bis
zum Aeußerſten eintritt und nie ein Kabinett unterſtützen
würde, das nachgeben wollte. Die Mächte ſollten, anſtatt
Schritte zur Beendigung des Krieges zu tun, lieber einer
Ausdehnung des Krieges vorbeugen. Wenn die Jatiener
merken, daß ſie uns in keiner Weiſe zum Abſchluß des
Friedens zwingen können, werden ſie, um zu vermeiden,
das Land in ein unheilbares Unglück zu ſtürzen, den
Frieden auf der Grundlage der Räumung von Tripolis
verlangen. Damit es dahin komme, müſſen die Italiener
jede Hoffnung auf Unterſtützung ſeitens Europas ver=
lieren
.
Der Mciländer Corriere della Sera beſchäftigt ſich
in ſeinem letzten Leitartikel mit der neuen politi=
ſchen
Lage, wie ſie der Schritt der Mächte geſchaffen
habe. Man müſſe fragen, warum Rußland auf ſeiner
Anregung beſtehe und darauf antworten, daß es ein be=
ſtimmtes
Ziel verfolge. Dieſes beſtehe darin, Europa
zu zeigen, daß es ein lebhaftes Intereſſe an der Beendi=
gung
des italieniſch=türkiſchen Krieges nehme, weil es
eine Gefährdung des europäiſchen Friedens vermieden
ſehen wolle. Wenn ſich aber die Türkei hartnäckig zeige,
wolle Rußland beweiſen, daß noch eine andere Löſung
möglich ſei als die bisher verfolgte Der Streit würde
dann in eine neue Phaſe treten. Dieſe dunkeln Drohun=
gen
des vielfach von der Regierung beeinflußten Blattes
werden durch eine Unterredung des Petersburger Bericht=
erſtatters
des Secolo ergänzt, die er mit einer hohen
Perſönlichkeit des Miniſteriums des Aeußern gehabt hat.
Das Ergebnis dieſer Unterredung wird dahin zuſam=
mengefaßt
, daß zwiſchen Italien und Rußland ſchon ſeit
dem Beſuch des Zaren in Racconigi ein Abkommen ge=
ſchloſſen
worden ſei, daß auch jetzt wieder wichtige Unter=
handlungen
zwiſchen Rom und Petersburg ſtattfänden,
daß Rußland wirklich Truppen an der Weſtgrenze in
Aſien mobil gemacht habe und daß die Abberufung
Tſcharikows noch immer nicht aufgeklärt ſei.

Die chineſiſchen Anleihe=Verhandlungen.

* Rußland und Japan teilten, wie das Reu=
terſche
Vureau erfährt, der engliſchen Regierung
offiziell mit, daß ſie die Aufforderung zur gleich hohen
Teilnahme mit England, Frankreich, Deutſchland und
den Unionſtaaten an der Anleihe zur Reorganiſation
Chinas in Höhe von 60 Millionen Pfund annehmen.
Das Anleihe=Abkommen ſoll für die Sonderintereſſen
Rußlands und Japans in der Mongolei und dem weſt=
lichen
China in keiner Weiſe präjudizierend ſein. Es
wird ferner mitgeteilt, daß Japan in Yokohama die
Speciebank und Rußland die Ruſſiſch=Aſiatiſche Bank
zur Vertretung der betreffenden Regierung auserſehen
habe. Es wird alles verſucht werden, um baldmöglichſt
die Konferen; der ſechs Finanzgruppen zur Erörterung
der Einzelheiten ſtattfinden zu laſſen. Ob die Konferenz
in London oder auf dem Kontinent ſtattfindet, iſt noe=
nicht
entſchieden. Die Hauptbedingungen, die Japan
und Rußland für den Eintritt in die Gruppe machen, wer=
den
kaum einem Widerſpruch begegnen, während, ob=
gleich
die Verhandlungen zwiſchen den verſchieden be=
teiligten
Intereſſengruppen im Fortſchreiten begriffen
ſind, ein Weiterkommen unwahrſcheinlich iſt, bis die
Frage der belgiſch=engliſchen Anleihe Er=
ledigung
gefunden hat. Es wird gemeldet, daß keine
weiteren Summen außer der bereits China vorgeſchoſſe=
nen
Summe von einer halben Million Pfund auf die
große Anleihe hin, ausgezahlt werden. Die Höhe der
Anleihe, obgleich ſie auf 60 Millionen Pfund angegeben
wurde, ſteht noch nicht endgültig feſt. Es war von einer
ungeheueren Summe, von 200 Millionen, die Rede. Die
Summe hängt von den Bedürfniſſen Chinas ab, da das

Geld u. a. zur Reorganiſation des Heeres und der Flotte
verwendet werden ſoll. Es iſt die Notwendigkeit einer
wirkſamen Kontrolle nicht nur in finanzieller
Hinſicht betont worden. Dies iſt aber eine Frage, die
noch zu regeln bleibt.
Einer ſpäteren Meldung zufolge zog ſich die Ruſ=
ſiſch
=Aſiatiſche Bank vollſtändig von dem eng=
liſch
=belgiſchen Syndikat zurück.

Deuſches Reich.

Der Arbeitsplan des Reichstags. Man
will, wie bereits gemeldet, den Verſuch machen, bis
Pfingſten, wofür unter Abrechnung zweier ſitzungsfreier
Tage (4. und 6. Mai) noch 30 Arbeitstage zur Verfügung
ſtehen, die Wehrvorlagen und den Etat zu erledigen,
freilich ſind die Ausſichten hierfür nicht ſehr groß. Am
Montag beginnt die Beratung der Wehrvorlagen, die mit
der Deckungsvorlage verbunden wird, und man hat acht
Tage hierfür in Ausſicht, da man glaubt,für die zweite
Beratung der noch ausſtehenden Etats mit 19 Tagen
nach dem Durchſchnitt der letzten Jahre wären es 25
und für die dritte Leſung des Etats mit 3 Tagen aus=
kommen
zu können. Hiervon rechnet man einen halben
Tag auf den Etat des Reichstags, 3 Tage für Reichs=
kanzlei
und Auswärtiges Amt, 6 Tage Militär=Etat,
2 Tage Juſtizverwaltung, einen Tag ’für Reichsſchatzamt,
Reichsſchuld und kleinere Etats, anderthalb Tage für die
Verwaltung der Reichseiſenbahnen und 3 Tage für den
Kolonialetat.
Die Wehrforderungen und ihre
Deckung. Die Norddeutſche Allg. Ztg. ſchreibt: Die
Nationalliberale Korreſpondenz beſpricht in einem Ar=
tikel
Das entſchleierte Bild die dem Reichstage vorge=
legten
neuen Wehrforderungen und ihre Deckung. Sie
zeigt ſich auffällig ſchlecht unterrichtet. Sie behauptet, es
ſtehe feſt, daß die Armeeverwaltung urſprünglich höhere
Forderungen geſtellt habe. In Wahrheit ſteht das Ge=
genteil
feſt, die Vorlage enthält alle Forderungen der
Armeeverwaltung unverkürzt. Eine andere Stelle des
Artikels ſagt, um 10 Millionen für Deckung zu gewin=
nen
, werde der Bau des Nordoſtſeekanals 10 Millionen
verlangſamt. Die Summe für die Bauzeit des nächſten
Etatsjahres iſt deswegen nicht erforderlich, weil infolge
der ungünſtigen Witterung die Erdarbeiten nicht fortge=
ſchritten
ſind, wie es bei der Aufſtellung des Etats in
Ausſicht genommen war, zweitens ſich die Feſtlegung der
Trace für die Bahnüberführung bei Hochdonn verzögerte.
Der Gedanke, daß es ſich hier nicht um tatſächliche Um=
ſtände
, ſondern um eine ſachlich unberechtigte finanzielle
Schiebung handele, iſt demnach völlig haltlos.
Die Erhöhung der Mannſchaftslöhne
ſoll laut Berliner Politiſchen Nachrichten erſt vom Be=
ginn
des nächſten Rechnungsjahres ab eintreten und
wird deshalb auch erſt im Reichsetat für 1913 in Erſchei=
nung
treten.
Die ſozialdemokratiſche Reichstags=
fraktion
beſchloß, wie der Vorwärts mitteilt, die
von der Regierung geforderten und von der Budgetkom=
miſſion
bereits bewilligten 650000 Mark zur vorüber=
gehenden
Verſtärkung der deutſchen Schutztruppen in
China abzulehnen, weil dieſe Forderung eine notwen=
dige
Folge unſerer ganzen kolonialen und imperialiſti=
ſchen
Politik ſei. In der Budgetkommiſſion haben be=
kanntlich
zwei ſozialdemokratiſche Abgeordnete für dieſe
Kredite geſtimmt. Es iſt alſo eine ernente Niederlage des
Reviſionismus.
Miniſterpräſident v. Hertling über
die Sozialdemokratie. Wie bereits mitgeteilt,
hat Miniſterpräſident Frhr. v. Hertling dem Grafen Tör=
ring
auf deſſen Aufſehen erregende Rede in der Kammer
der Reichsräte geantwortet. Beſonders intereſſant ſind
ſeine Ausführungen über die Sozialdemokratie, wenn
man ſich erinnert, daß die Zentrumspartei in Bayern,
der ja bekanntlich Frhr. v. Hertling angehört, früher mit
der Sozialdemokratie bei den Wahlen zuſammengegan=
gen
iſt. Herr von Hertling ſagte:
Gräf Törring ſtreifte die Stellung des Miniſteriums
zur Sozialdemokratie, Was dieſe betrift, ſo uuß ich un=
umwunden
bekennen, daß meine Auffaſſung von der Tör=
rings
abweicht. Törring ſcheint der Meinung zu ſein,
die Sozialdemokratie ſei eine volitiſche Partei wie jede
andere. Dieſer Meinung bin ich nicht. Die Sozialdemo=
kratie
beſtreitet, alle Grundlagen, auf denen die ganze

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bürgerliche Geſellſchaft beruht. Wir können und dürfen
ſie nicht wie eine andere politiſche Partei anſehen. Spe=
ziell
bezüglich der ſüddeutſchen Sozialdemokratie ſcheint
Törring eine mildere Anſicht zu haben; auch dieſe Anſicht
kann ich nicht teilen. Ich bin der Meinung, daß die ganze
Sozialdemokratie ſich hinſichtlich ihrer Ziele und Grund=
ſätze
durchaus einig iſt und fühlt. Wegen kleiner Nuan=
cen
im Auftreten darf man ſich nicht täuſchen laſſen. Dieſe
Beſtrebungen hat nicht nur die deutſche Sozialdemokratie.
Die Sozialdemokratie rühmt ſich, eine internationale Par=
tei
zu ſein und dieſe macht ſich gelegentlich recht deutlich
als ſolche geltend. Ich habe erſt heute einen Bericht aus
Paris erhalten über eine dort am 31. März ſtattgehabte
Verſammlung, in der ſich deutſche und franzöſiſche So=
zialdemokraten
verbrüdert haben. In der Verſammlung
ſind Aeußerungen gefallen, die für das Deutſche Reich
nicht beſonders förderlich geklungen haben. Wenn ich
alſo auch der Anſicht Törrings nicht beiſtimmen kann
ſo bin ich anderſeits auch nicht zu peſſimiſtiſch. Die So=
zialdemokratie
iſt nach meiner Auffaſſung eine Krankheit
am Volkskörper, wogegen es kein Spezifikum gibt und
die ſich auch mit Feuer und Schwert nicht ausrotten läßt.
Aber es geht wie mit den anderen Krankheiten in der
Natur. Sie treten heftig auf und trotzen aller Be=
kämpfung
, aber wenn ſie ihren Höhepunkt erreicht haben,
nehmen ſie ab und erlöſchen. Das einzige, was wir tun
können, iſt, die Ausbreitung einer ſolchen Krankheit mög=
lichſt
zu bekämpfen. Dazu gehört aush, wozu wir durch
die Verfaſſung berechtigt ſind, unſeren Beamtenſtand von
der Sozialdemokratie freizuhalten. Keinem zielbewuß=
ten
Sozialdemokraten kann ein Staatsamt übertragen
werden. Dagegen denken wir nicht daran, die Arbeiter
verſchieden zu behandeln.
Der bayeriſche Jeſuitenerlaß. Die
Korreſpondenz Hoffmann meldet: Verſchiedene Preſſe=
äußerungen
erwecken den Anſchein, die Bundesregierun=
gen
ſeien über die Abſicht der bayeriſchen Regierung, in
der Jeſuitenfrage, wie bekannt, vorzugehen, genau infor=
miert
, ohne ihrerſeits ſich zu dieſer Abſicht zu äußern
Dieſe Aeußerungen entſprechen in dieſer Form nicht den
Tatſachen. Die bayeriſche Regierung hat ihre Abſicht,
den Begriff Ordenstätigkeit künftighin in einſchrän=
kender
Weiſe auszulegen, den Regierungen der größeren
Bundesſtaaten unter dem 23. Januar 1912 mitteilen
llaſſen. In dieſer Mitteilung lag nicht das Anſinnen an
die beteiligten Regierungen, amtlich dieſer Auslegung
beizutreten, ſondern lediglich die Abſicht, dieſe Regie=
rungen
von dem in Ausſicht genommenen Vollzug des
Jeſuitengeſetzes zu verſtändigen. Im Laufe des Monats
Februar gingen der bayeriſchen Regierung von ſeiten
einiger beteiligten Bundesregierungen, darunter der kgl.
preußiſchen Regierung, Aeußerungen zu, die den Stand=
punkt
dieſer Regierungen darlegten, jedoch in keinem
Falle Verwahrung gegen das mitgeteilte Vorhaben der
bayeriſchen Regierung enthielten.
Die dem Reichstag zugegangene Interpellation
Baſſermann hat folgenden Wortlaut: 1. Erkennt der Herr
Reichskanzler in dem Erlaß des bayeriſchen Staatsmini=
ſteriums
des Innern an die königlichen Regierungen, be=
treffend
den Vollzug des Jeſuitengeſetzes die Verletzung
des Reichsgeſetzes vom 4. Juli 1872, Bekanntmachung
des Reichskanzlers vom 5. Juli 1872, an? 2. Welche
Schritte gedenkt der Reichskanzler gegenüber dieſem Vor=
gehen
der königlich bayeriſchen Staatsregierung zu tun,
um das kaiſerliche Recht zur Ueberwachung und Aus=
führung
der Reichsgeſetze zu wahren?
Die Bergarbeiterbewegung in Sach
ſen. Nachdem der ſächſiſche Miniſter des Innern Graf
Vitzthum v. Eckſtädt Vertreter der ausſtändigen Berg=
arbeiter
und die Vertreter des bergbaulichen Vereins
zu einer Beſprechung empfing, teilte er dem Landtagsab=
geordneten
Krauſe als Führer der Arbeiterabordnung
mit, daß von den Arbeitgebern jede Vermittlung der Re=
gierung
abgelehnt worden ſei, weil die Streikbewegung
nicht aus einer Notlage heraus entſtanden, ſondern in
die Arbeiterſchaft von außen hereingetragen worden ſei.
Die Arbeitslöhne befänden ſich in allmählich aufſteigen=
der
Richtung und würden ſich bei günſtiger Konjunktur
weiter verbeſſern. Die ſprunghafte Lohnſteigerung werde
aber von den Werksbeſitzern beſtimmt abgelehnt. Die

Regierung könne auch die Gründe, aus denen die Werks=
beſitzer
die Vermittelung ablehnten, nicht widerlegen. In
Anbetracht deſſen und der vom Vorſtand des Bergbau=
lichen
Vereins mit Entſchiedenheit eingenommenen Stel=
lung
könne die Regierung weitere Schritte zur Beilegung
des Ausſtandes von ſich aus nicht tun.
Ausland.
Oeſterreich=Ungarn.
Die ungariſche Kabinettskriſis. Der
Kaiſer empfing Khuen=Hedervary in einſtündiger Audienz,
in der der Miniſterpräſident die Demiſſion der Regierung
anmeldete. Der Monarch nahm die Demiſſion an und
verabſchiedete Khuen=Hedervary unter Würdigung der
Gründe ſeines Rücktritts in gnädiger Weiſe. Eventuelle
Neuberufungen werden in ein bis zwei Tagen erfolgen.
Das Abgeordnetenhaus wird nach der amtlichen Anmel=
dung
des Rücktritts des Kabinetts Khuen bis zur Löſung
der Kriſe vertagt werden. In den politiſchen Kreiſen ſteht
ausſchließlich die Annahme im Vordergrund, daß Lu=
kacs
zukünftiger Kabinettschef wird. Die Organe der
Regierung und der Koſſuthpartei erheben gegen die
Juſthpartei den Vorwurf, daß ſie wegen ihrer Macht=
gelüſte
mit Auffenberg liebäugelte, trotzdem dies eine
Erniedrigung für Ungarn bedeute.
Frankreich.
Die franzöſiſch=ſpaniſchen Verhand=
lungen
. Die Agence Havas meldet aus London: In
gewöhnlich gut informierten Kreiſen verſichert man, daß
die engliſche Regierung in Madrid ihre Ratſchläge zur
klugen Mäßigung erneuerte. Sie ſpricht unter dieſen Um=
ſtänden
die Hoffnung aus, das ſpaniſche Kabinett werde
von ſelbſt die letzten Frankreich gemachten Vorſchläge
ſo maßvoll geſtalten, daß ſie eine ernſthafte Grundlage
für die Verhandlungen bilden können.
England.
Im Unterhauſe fragte King (liberal) Churchill,
ob die Herſtellung von Kriegsſchiffen für fremde Regie=
rungen
durch Privatwerften in England in letzter Zeit
Gegenſtand eines Meinungsaustauſches mit einer aus=
wärtigen
Macht geweſen ſei. Churchill erwiderte, ſo viel
der Admiralität bekannt, ſei die Frage zu verneinen, hätte
jedoch an den Staatsſekretär des Aeußern gerichtet wer=
den
müſſen. King fragte weiter, ob die. Privatwerften
davon unterrichtet ſeien, daß die Regierung im Falle
eines Seekrieges, in dem England die kriegführende Par=
tei
ſei, die für Rechnung einer fremden Macht in Bau
befindlichen Kriegsſchiffe für ſich requirieren könne. Chur=
chill
erklärte, daß keine derartige Mitteilung an die Pri=
vatwerften
gerichtet worden ſei.
Marokko.
Aufſtand in Fez? In einem dem Echo de
Paris aus Tanger zugegangenen Telegramm wird die
Meldung aus London beſtätigt, daß in Fez ein Aufſtand
ausgebrochen ſei und die Truppen gemeutert hätten.
Gegen einen Unteroffizier der franzöſiſchen Militärmiſſion
habe ein Anſchlag ſtattgefunden. Die funkentelegraphiſche
Verbindung mit Fez ſei unterbrochen. Der Matin ver=
öffentlicht
ein in Fez aufgegebenes Funkentelegramm,
in dem lediglich mitgeteilt wird, daß die für den 17. April
anberaumte Abreiſe des Geſandten Regnault und ſeiner
Begleiter wegen ſſchlechten Wetters aufgeſchoben wor=
den
ſei. Der Times=Korreſpondent meldet aus Tanger
unter Vorbehalt vom 17. April, daß ernſte Unruhen in
Fez ausgebrochen ſein ſollen. Aus einer Meldung geht
hervor, daß die marokkaniſchen Truppen gemeutert hät=
ten
und daß ein Teil der Bevölkerung ſich ihnen ange=
ſchloſſen
habe. Die drahtloſe Telegraphie ſei außer
Stande, Nachrichten aus Fez zu erhalten.

* Die Gnadengeſuche derbeiden Spione
Trench und French abgelehnt. Wie die Braun=
ſchweigiſche
Landeszeitung erfährt, ſind von den Fami=
lien
der wegen Spionage verurteilten engliſchen Offiziere

Trench und French Gnadengeſuche an den Kaiſer einge=
reicht
worden. Den Geſuchen iſt nach Anhörung der zu=
ſtändigen
Stellen eine abſchlägige Antwort erteilt worden

Stadt und Land.

Darmſtadt, 19. April.
* Ernannt wurde der Schulverwalter Heinrich Uhl
aus Gießen zum Reallehrer an der Anſtalt für Schwach=
und Blödſinnige Aliceſtift zu Darmſtadt mit Wirkung
vom 16. April 1912 an unter Belaſſung in der Kategorie
der Volksſchullehrer.
* Beſtätigt wurde der von dem Herrn Fürſten zu
Löwenſtein=Wertheim=Roſenberg und dem Herrn Fürſten
und Grafen zu Erbach=Schönberg auf die Lehrerſtelle an
der Gemeindeſchule zu Höllerbach, Kreis Erbach, präſen=
tierte
Schulamtsaſpirant Heinrich Heucher aus Jugen=
heim
, Kreis Bingen, für dieſe Stelle.
** Entlaſſen wurde die Lehrerin an der Gemeinde=
ſchule
zu Ober=Ramſtadt, Kreis Darmſtadt, Eliſabeth
Zwilling auf ihr Nachſuchen mit Wirkung vom 1. Juli
1912 an aus dem Schuldienſte.
* Verliehen haben Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
dem Kirchendiener und Glöckner Heinrich
Lämmermann III. in Groß=Gerau anläßlich ſeiner
Verſetzung in den Ruheſtand das Allgemeine Ehren=
zeichen
mit der Inſchrift: Für langjährige treue Dienſte‟.
* Uebertragen wurden dem Lehrer Johann
Karnehm zu Ober=Hilbersheim, Kreis Oppenheim,
eine Lehrerſtelle an der Gemeindeſchule zu Klein=
Winternheim, Kreis Mainz; dem Schulamtsaſpiranten
Karl Dautel aus Wimpfen, Kreis Heppenheim, eine
Lehrerſtelle an der Gemeindeſchule zu Flomborn, Kreis
Alzey; dem Schulamtsaſpiranten Sebaſtian Wetzel
aus Gernsheim, Kreis Groß=Gerau, eine Lehrerſtelle an
der Gemeindeſchule zu Sprendlingen, Kreis Alzey; dem
Schulamtsaſpiranten Friedrich Egelhof aus Bechen=
heim
, Kreis Alzey, die Lehrerſtelle an der Gemeinde=
ſchule
zu Dintesheim, Kreis Alzey; dem Schulamts=
aſpiranten
Karl Dietrich aus Rhein=Dürkheim, Kreis
Worms, eine Lehrerſtelle an der Gemeindeſchule zu
Offenheim, Kreis Alzey.
* Militärdienſtnachrichten. Quade, Hauptm.
vom Inf.=Regt. Nr. 117, Boße, Oberlt. vom Inf.=Regt.
Nr. 116, zum I. Lehrkurſus zur Infanterie=Schießſchule
kommandiert.
Die durch dan Umbau in Darmſtadt bedingte Er=
öffnung
und Schließung der verſchiedenen Bahnhofs=
anlagen
iſt wie folgt feſtgeſetzt: 1. Es werden ge=
ſchloſſen
: a) am 27. April, abends: die beiden
Hauptbahnhöfe Darmſtadt Preußiſch=Heſſiſch und Main=
Neckarbahn, ſowie der Bahnhof Darmſtadt=Süd für den
Güterverkehr. b) Am 30. April, abends:
dieſe genannten drei Bahnhöfe für den Perſonenverkehr
Ausgenommen hiervon iſt jedoch der Perſonenverkehr
der beiden Odenwaldſtrecken von Groß=Zimmern
und Wiebelsbach=Heubach, der noch bis zum
14. Mai, abends im alten Bahnhof verbleibt. Reiſende
von oder nach dieſen beiden Strecken, die in der Zeit
vom 1.14. Mai vom alten in den neuen Hauptbahnhof
übergehen müſſen oder umgekehrt, haben für ihre Ueber=
kunft
ſelbſt zu ſorgen. Direkt abgefertigtes Reiſegepäck
wird jedoch bahnſeitig überführt. e) Der ſeitherige alte
Hauptbahnhof iſt ſomit erſt vom 15. Mai ab für den Ver=
kehr
vollſt än dig geſchloſſen. 2. Es werden
eröffnet: a) Am 29. April: die Güterabfertigung
im neuen Hauptbahnhof mit den Privatanſchlüſſen und
den Lagerplätzen. b) Am 1. Mai: der neue Hauptbahn=
hof
und der neu errichtete Haltepunkt Darmſtadt
Süd. Ausgenommen hiervon iſt der Perſonenverkehr
der beiden Odenwaldſtrecken Groß=Zimmern und
Wiebelsbach=Heubach, der noch bis zum 14.
Mai im alten Hauptbahnhof verbleibt. e) Am 15.
Mai: der neu errichtete Haltepunkt Darmſtadt=
Nord. Für Darmſtadt=Oſtbahnhof ändert
ſich nichts.
nn. 92. Geburtstag. Am nächſten Samstag, den
20. April, vollendet unſer Mitbürger Herr Moritz
Hirſch ſein 92. Lebensjahr. Am 20. April 1820 in
Gießen geboren, betrieb er bis zu ſeiner Ueberſiedelung
nach Darmſtadt ein Modewarengeſchäft. Seine um=
faſſenden
kaufmänniſchen Kenntniſſe lenkten bei der Er=
richtung
der Reichsbanknebenſtelle hier das Augenmerk
auf ihn und wurde Herr Hirſch der erſte Vorſteher dieſer
hier errichteten Filiale. Seit Jahren lebt Herr Hirſch
als Privatmann und erfreut ſich in allen Kreiſen unſerer
Stadt hohen Anſehens und Wertſchätzung. An ſeinem
90. Geburtstag ehrte ihn Se. Königl. Hoheit der Groß=
erzog
durch Ueberſendung ſeines Bildes mit Unter=
ſchrift
. Wünſchen auch wir dem bekannten Wohltäter
der Armen noch viele Jahre geiſtiger und körperlicher
Friſche.
Die 33. ellgemeine Konferenz der evangeliſchen
Geiſtlichen der Trerinz Starkenburg wird am Mitt=
woch
, 8. Mai, vormittags 10 Uhr, im Synodalgebäude

Die wahren Helden der Pole.

C) Ohne die Eskimohunde würde die Ge=
ſchichte
der Pole nie erzählt werden darin gipfelt der
Lobeshymnus, den der Nordpolentdecker Peary auf
ſeine treuen vierbeinigen Reiſegenoſſen anſtimmt, denen
das American Magazine einen feſſelnden Aufſatz über
dieſe wahren Helden der Pole widmet. Die Entdecker
und Forſchungsreiſenden finden faſt immer nach ihrer
entbehrungsvollen Fahrt durch das ewige Eis den Weg
zur Heimat wieder, ſie kehren zurück; aber die Eskimo=
hunde
, die draußen in den Eiswüſten die treueſten und
wertvollſten Freunde und Gehilfen der Menſchen ſind,
kehren faſt nie wieder, nur wenige von ihnen überleben
die Expedition, die meiſten der Eskimohunde gehen als
treue Schildknappen im Dienſte der Wiſſenſchaft in einen
ſicheren Tod. Wenn ſie am Wegrand ſterben, bilden ſie
für die überlebenden Kameraden noch ein Feſtgericht,
wenn der Forſcher ihrer nicht mehr bedarf, kracht ein
Schuß, der Eskimohund hat ausgelitten und er nährt
mit ſeinem Fleiſche und ſeinem Blute den grauſamen
Herrn. Amundſen hat ein Loblied auf die Freuden
eines Hundebratens geſungen, und als Peary vom
Nordpol heimkehrte, brachte er nur wenige, nur ein paar
ſeiner Hunde mit heim: die letzten Ueberlebenden einer
großen fröhlichen Schar, die luſtig bellend auf Abenteuer
ausgezogen waren.
Der Eskimohund iſt nach dem Urteil Pearys zum
mindeſten ebenſo intelligent wie irgend ein Hund unſerer
ziviliſierten Zone, aber er iſt zugleich tauſendfach nütz=
licher
. Der zottige Geſelle verdient ſich ſein Leben, er=
nährt
ſich ſelbſt und verachtet die Bequemlichkeiten eines
müheloſen Lebens. Daher vermag er ſich auch nicht in
der Ziviliſation lange zu erhalten; wenn ſein Leben
keine Arbeit mehr iſt, wenn keine Anſtrengungen kom=
men
und keine Abenteuer locken, wenn nur Müßiggang
und Bequemlichkeit den Tag füllen, dann legt der Eskimo=

hund ſich in die Ecke und ſtirbt. Aber draußen auf dem
Marſche über Eisklippen und Schneefelder, tagelang
hungernd, dünn, abgemagert, nur noch ein Schatten ſei=
ner
ſelbſt, dort erklimmt der Polarhund den Gipfel ſei=
nes
Lebens, dort gibt er, Tag um Tag vor den ſchwer
beladenen Schlitten eingeſchirrt, ein ergreifendes und
wundervolles Beiſpiel von Zähigkeit, Tatkraft und
Willensſtärke, ein Beiſpiel, an dem der müde Menſch ſich
immer wieder aufrichtet, wenn ſeine letzten Kräfte zu
verſagen drohen. Dieſe ſeltſame Verknüpfung einer faſt
grenzenloſen Leiſtungsfähigkeit mit einer Anſpruchs
loſigkeit, die immer wieder wie ein Wunder anmutet
macht den Eskimohund auch zu dem wertvollſten und
einzigen Gefährten, den das Tierreich dem Polarforſcher
ſchenken kann. Scott ſcheiterte bei ſeinem Verſuch am
Südpol, weil er ſtatt der Hunde Ponies wählte. Ponies
und Renntiere kommen nicht in Betracht, weil bei ihnen
die Ernährungsfrage unlösbar bleibt. Aber der Hund
frißt alles, frißt Robbenhaut, Fiſche, Beeren und
Moſchusochſen und nährt ſich auch noch von den Knochen
ſeiner toten Kameraden. Seine Urahnen gaben ihm
Kraft und Gelehrigkeit; die Kraft und die Zähigkeit
ſtammt vom Wolfe, die Gelehrigkeit und der Gehorſam
vom Hund. Und die Frucht dieſer Paarung, der echte
Malamute wie die Eskimos ihn nennen über=
trifft
ſich ſelbſt. Sechs dieſer Hunde ſchleppen über
Schnee und Eis eine Laſt von 800 Pfund in einer Stunde
elf Kilometer weit, ja ſie legen an einem Tage oft 90
Kilometer, wenn nicht mehr, zurück. Einen Schnellig=
keitsrekord
haben die Schlittenhunde des Leutnants
Schwapka einſt aufgeſtellt, als zur Nachtzeit über 15
Kilometer entfernt ein verlaſſener Matroſe geſichtet
wurde. Zwei Eskimos zogen ſofort mit einem Geſpann
von 40 Hunden aus, und die 15 Kilometer wurden in
nicht ganz 22 Minuten zurückgelegt. Unſchätzbar ſind
dieſe Eskimohunde aber als Jäger, dann loht ihr
Temperament auf, die Wildheit des Wolfes bricht wie

der durch und keine menſchliche Kraft wird einen Eskimo=
hund
von dem Sturm auf die Beute abhalten. Furcht
kennt der kleine zottige Geſelle nicht, ja er greift ſogar
den Bären an, er iſt eine Kämpfernatur durch und durch.
Das müdeſte, abgeſpannteſte Rudel Hunde vor dem
ſchweren Schlitten lebt wie durch Zauber plötzlich zu
friſcher Kraft auf, wenn weit, weit im Schnee ein dunkler
Punkt ein jagdbares Tier verrät. Dann fällt ihre Er=
ſchöpfung
ab, wie der Wind brauſt das ſchwere Gefährt
über den Schnee und der Menſch muß ſich ſchleunigſt auf
den Schlitten werfen, um nicht einſam in den Eiswüſten
zurückgelaſſen zu werden.
In dem glühenden Temperament dieſer Tiere lebt
aber auch die Eiferſucht und das Mißtrauen gegen die
Kameraden. Scott erzählt ein merkwürdiges Beiſpiel da=
für
; eines Tages wurden nur einige Hunde zu einem
Ausflug mitgenommen. Als ſie zurückkehrten, wurden
ſie von den Genoſſen zornig und verächtlich empfangen.
Durch welche Intrigen mochten dieſe Hunde ihre Aus=
wahl
zum Ausflug erreicht haben? Welche Vorteile haben
ſie vielleicht genoſſen, während die anderen daheim blie=
ben
, welche Beute vielleicht erlangt? Ein paar Tage ſpä=
ter
führte dieſes Mißtrauen zu Tragödien. Der Führer=
hund
des damals bevorzugten Geſpannes war von dem
Tage ſeiner Rückkehr an bei den Genoſſen verhaßt; wie
freudig er auch bellte, wie freundlich er auch mit dem
Schweife wedelte er war ſchon im Stillen zum Tode
verurteilt. Und bei dem erſten kleinen Fehltritt entſtand
im Hundelager plötzlich ein Lärm, die ganze Meute fiel
über den armen, unſchuldigen Geſellen her, ein wildes
Chaos entſtand, und als man ein paar Minuten ſpäter
endlich wieder Herr über die wüſte Geſellſchaft gewor=
den
war, lag am Boden der lebloſe Körper des zer=
fleiſchten
Hundes, der von ſeinen Kameraden getötet
wurde, weil er im Verdachte ſtand, die Gemeinſchaft
hintergangen und ſich Vorteile verſchafft zu haben, die
den anderen verſagt geblieben waren.

[ ][  ][ ]

zu Darmſtadt abgehalten. Nach Eröffnung mit Ge=
ſang
und Gebet und einer Anſprache des Vorſitzenden,
Superintendenten Prälat D. Flöring, ſoll über das
Thema verhandelt werden: Welches iſt auf Grund
der Geſchichte die Eigenart unſerer heſſi=
ſchen
Landeskirche, und welche Forderungen er=
geben
ſich daraus für das kirchliche Leben der Gegen=
wart
. Referent iſt Pfarrer D. Dr. Diehl=Darmſtadt.
Um 1½ Uhr wird ein gemeinſames Mittageſſen im
Reſtaurant Zur Oper die Konferenz beſchließen.
* Der Verein für Geflügel= und Vogelzucht Ornis
hielt am 15. April ſeine Monatsverſammlung
ab. Der 1. Vorſitzende, Herr Schömer, gab zunächſt
verſchiedene Einläufe bekannt und teilte mit, daß drei
eifrige Züchter in den Verein aufgenommen worden
ſeien. Alsdann wurden verſchiedene Beſchlüſſe des
Klubs Deutſch=Oeſterreichiſch=Ungariſcher Geflügelzüch=
ter
beſprochen. Als Preisrichter für die im Herbſt ſtatt=
findende
13. Geflügel= und Vogelausſtellung ſind bis
jetzt die Herren Schlegel=Hanau und Steingaß=
Kirchheimbolanden für Großgeflügel, Waſſergeflügel und
Hühner, ſowie Herr Hartz=Darmſtadt für Sing= und
Ziervögel gewonnen. Der nächſte Punkt der Tagesord=
nung
, Brutgeſchäft und Kückenaufzucht rief eine leb=
hafte
Ausſprache hervor. Der Vortragende, Herr W
Nungeſſer, machte intereſſante und lehrreiche Aus=
führungen
, die von reichen Erfahrungen auf dem Gebiete
der Geflügelzucht zeugten, wofür ihm lebhafter Beifall
und der Dank des Vorſitzenden zuteil wurde. Die Ver=
loſung
von Bruteiern, lebenden Hühnern und Kücken=
futter
bildete den Schluß der Verſammlung.
* Deutſcher Flottenverein, Kreisgruppe Darm=
ſtadt
. Die diesjährige ordentliche Hauptverſammlung
der Kreisgruppe Darmſtadt findet am 27. April, abends
7 Uhr, im Kaiſerſaal (Alpenvereinszimmer) ſtatt.
(Siehe Anzeige.)
* Odenwaldklub. Die Ortsgruppe Darmſtadt des
Odenwaldklubs unternimmt am nächſten Sonntag ihren
erſten Frühjahrs=Ausflug, der in das Neckartal führt.
Die Tour wird, wenn das Wetter günſtig iſt, ſicher eine
der ſchönſten werden, da ſich in der Frühlingsſonne vor=
Züglich marſchieren läßt. Für die Mühen der Wanderung
werden die Klubmitglieder reichlich entſchädigt durch den
Anblick zahlreicher Obſtbäume in ihrer Blütenpracht. Die
Tour findet unter der bewährten Führung der Herren
Zentner und Klump ſtatt. Der Zug ab Darmſtadt
6,10 Uhr bringt die Wanderer nach Weinheim a. d. B.,
wo der Marſch beginnt. Der Weg führt über die neuen
Anlagen des dortigen Verkehrsvereins mit ſchönen Aus=
blicken
auf die Stadt und nach dem Rhein, und weiter
über den Geiersberg nach Ober=Flockenbach (Frühſtücks=
Taſt), von da über den Eichelberg, mit der neu erbauten
Schutzhütte der Ortsgruppe Mannheim, über Lampen=
hain
nach Heiligkreuzſteinach, und weiter, auf ſchönen
Waldwegen mit herrlichen Ausblicken, in das Ulfenbach=
tal
und nach dem Trommgebiet, nach dem Ziele der
Wanderung Hirſchhorn Von weitem ſchon grüßt uns
das herrlich gelegene Schloß, und die letzten abſteigenden
Pfade bieten einen wundervollen Blick in das freundliche
Städtchen mit ſeiner prächtigen Umgebung. Einkehr
dort im Naturaliſten.
V. V. Verkehrsverein. Es ſei nochmals ganz be=
ſonders
auf die heute abend im Fürſtenſaal ſtattfindende
Hauptverſammlung des Verkehrsvereins aufmerkſam ge=
macht
, in welcher nach dem Vortrage des Herrn Pro=
feſſors
Pützer der Jubiläumsbrunnen des Verkehrs=
vereins
den Herren der Eiſenbahn=Direktion Mainz
übergeben und von dem Herrn Oberbürgermeiſter in
Obhut der Stadt übernommen wrd. Gäſte, auch
Damen, ſind willkommen.
Verzeichnis neu hergeſtellter Fernſprech=
Anſchlüſſe und Aenderungen bei beſtehenden Sprech=
ſtellen
. a) Neue Anſchlüſſe. 573 Bley, Clara,
Inh. Anna Baeck, Konfektion, Gr. Heſſ. Hofl., Eichberg=
ſtraße
. 25. 2093 Dr. med. Wilh. Pöllot, Augenarzt,
Wilhelminenſtr. 5. 2540 Rötelmann, Geh. Baurat, Vor=
ſitzender
der Direktion der Süddeutſchen Eiſenbahn=
Geſellſchaft, Frankfurterſtr. 16½. 1971 Karl Staudinger,
prakt. Arzt, Heinrichſtr. 94. b) Aenderungen.
371 Arbeits= und Wohnungsnachweis, Waldſtr. 6, jetzt
Grafenſtr. 30. 1186 Frau Dr. Brand, jetzt Nr. 1186.
159 Dr. G. Buß, jetzt Nr. 1203. 346 Carnier I und
Dr. jur. Carnier II., jetzt Nr. 1171. 836 Friedrich Diehl,
Viktoriaſtr. 32, jetzt Viktoriaſtr. 59. 2554 M. Elias,
Herdweg 56, jetzt Martinſtr. 93. 2041 Theodor Göhler,
etzt Nr. 231. 1675 Profeſſor Dr. Julius Goldſtein, jetzt
Nr. 2541. 1363 von Köbke, jetzt Nr. 148. 1570 W. Leſch=
Zorn, Rheinſtr. 14, jetzt Rheinſtr. 31. 596 Paul Meyer,
etzt Nr. 1275. 1209 Chr. Möſer, jetzt Nr. 466. 1834
Friedrich Pfannſtiel, übertragen an Wilh. Reitinger.
1902 Dr. Steinbrenk, übertragen an Carl Kraemer,
Direktor. e) Abgebrochene Sprechſtellen.
1713 Beck=Swirles. 466 Deutſche Petroleum=Verkaufs=

Geſ. 1176 A. Gehring. 1995 Forſtbüro Silva. 275 M.
Junghans. 1829 Michael Klumpp. 1960 Kobelt. 1775
Lenz=Eppenetter. 1271 Heinr. Luckhardt. 1687 Lumina.
1580 C. Pettmann. 926 Heinr. Pullmann. 585 Gebr.
Schul. (585) Dieſelben. 846 Wilh. Vetter. 1125 Lud=
wig
Wolff.
C Ein ſchwerer Automobilunfall ereignete ſich
geſtern vormittag kurz nach 11 Uhr in der Rheinſtraße.
Der Muſikalienhändler und Automobilbeſitzer Kreuzer
aus Worms fuhr, ſelbſtſteuernd, die Rheinſtraße herauf
und kam in der Nähe des Britanniahotels auf den
durch Sprengen ꝛc. glatt und glitſchig gewordenen
Schienen der Straßenbahn beim Ausweichen der
Ekektriſchen ins Rutſchen. Die Steuerung muß in
dieſem Moment verſagt haben und das Auto fuhr mit
voller Kraft gegen den Leitungsmaſt der Elektriſchen.
Durch die Wucht des Anpralls erlitt Kreuzer einen
komplizierten Unterſchenkelbruch, ſtarkblutende Quetſch=
wunden
und ſchwere innere Verletzungen, da er mit dem
Oberkörper gegen die Steuerung geſchleudert wurde;
er klagte über heftige Schmerzen in der Bruſt. Durch
die ſchnell herbeigerufene Rettungswache wurden dem
Verunglückten Notverbände angelegt und er dann mit
dem Krankenkraftwagen in das Städtiſche Krankenhaus
verbracht.
§ Selbſtmord. Eine Frau hat am Mittwoch abend
gegen 9 Uhr in ihrer Wohnung ihrem Leben durch Er=
hängen
ein Ende gemacht. Die Tat hat die Frau in
einem Anfall geiſtiger Störung begangen.
§ Tödlicher Unfall. Eine in der Arheilgerſtraße
wohnhafte Frau bekam am Mittwoch nachmittag im
Walde, Ecke der Schirm= und Teichſchneiſe, beim Holz=
leſen
einen epileptiſchen Anfall. Sie ſcheint bei dieſer
Gelegenheit in einen Graben gefallen zu ſein und
iſt erſtickt.
§ Feſtgenommen. Ein 25 Jahre alter Schloſſer=
gehilfe
von hier wurde wegen Diebſtahl feſtgenommen.
Offenbach, 17. April. Die Offb. Ztg. ſchreibt: Keine
Mahnzettel mehr! In manchem ſäumigen Steuer=
zahler
wird dieſer Ausruf einen freudigen Widerhall er=
wecken
, und ein Gefühl der Erleichterung beſchleicht ihn
in dem Gedanken, daß der bekannte kleine weißgraue
Zettel mit der ominöſen Aufforderung zur Steuerzahlung
innerhalb 3 Tagen nicht mehr nach jedem fälligen Steuer=
termin
in ſeine Wohnung flattert. Dieſe Freude, die der
Verfaſſungsausſchuß geſtern ſäumigen Steuerzahlern durch
den Beſchluß gemacht hat, zur Erſparung einer großen,
zeitraubenden Arbeit keine Mahnzettel mehr zu verſenden,
wird einen ſtarken Dämpfer erhalten durch die weitere Be=
ſtimmung
, daß die rückſtändigen Steuern durch Bekannt=
machungen
in der Tagespreſſe angemahnt werden ſollen.
Auf dieſe folgt alsdann bei Nichtbeachtung ohne weiteres
die Pfändung. Vorläufig handelt es ſich nur um einen
Verſuch. Ob er zur dauernden Einrichtung führt, hängt
davon ab wie ſich die Neuerung in der Praxis ausführ=
bar
erweiſt. Wie die Armenverwaltung manch=
mal
in der unverfrorenſten Weiſe hintergangen wird, zeigt
folgender Fall, der geſtern den Verfaſſungsausſchuß be=
ſchäftigte
. Die Armenverwaltung hatte eine hieſige an=
ſcheinend
notdürftige Familie jahrelang unterſtützt. Nach
dem Tode des Mannes ſtellte ſich heraus, daß die Armut
der betreffenden Familie nur eine trügeriſche war und daß
dieſe über größere Geldmittel verfügte. Die Stadt ließ ſich
daraufhin die gemachten Aufwendungen in Höhe von 5000
Mark zurückvergüten. Von dieſer Summe wurde die
Hälfte der Armenverwaltung wieder erſtattet. Die andere
Hälfte ſoll zum Beſten der Walderholungsſtätte verwendet
werden.
Offenbach, 18. April. Die Koſten der Neuver=
meſſung
der Gemarkung Offenbach für die Anlegung
des neuen Grundbuches, die vor kurzem nach vier=
jähriger
Dauer beendet wurde, betragen 180000 Mark
gegen eine Veranlagung von 85000 Mark. Die Koſten
ſollen laut Beſchluß des Bauausſchuſſes zu ein Drittel
von der Stadt und zu zwei Drittel von den übrigen Grund=
ſtücksbeſitzern
getragen werden. Die Geſamtkoſten ſollen
in Ratenzahlungen innerhalb 10 Jahren beglichen wer=
den
. Für die Ausſtattung des Erweiterungsbaues des
Städtiſchen Krankenhauſes wurden in der
Bauausſchußſitzung 178350 Mark bewilligt. Zum Leiter
der demnächſt beginnenden Kanalbauten wurde
Tiefbauingenieur Rheinheimer=Offenbach gewählt.
Mainz, 18. April. In der geſtrigen Sitzung der
Stadtverordneten wurde davon Mitteilung gemacht, daß
Herr Adolphus Buſch in St. Louis (geboren in Kaſtel)
dem Stadttleater die lang entbehrte Orgel ges
ſchenkt hat. Ueber den Achtuhr=Ladenſchluß gab
es eine kurze Beſprechung, wobei ſich die bemerkenswerte
Tatſache feſtſtellen ließ, daß keine einzige Stimme ſich da=

gegen ausſprach. Das berechtigt zur Annahme, daß die
Einführung des Achtuhr=Ladenſchluſſes nicht mehr lange
auf ſich warten läßt. Ferner wurde auf Vorſchlag des
Oberbürgermeiſters beſchloſſen, mit dem morgigen Tag
die Erhebung von Oktroiauf Heu und Stroh
einzuſtellen.
Worms, 18. April. Selbſtmord verübte geſtern
nachmittag in ihrer Wohnung Liebenauerſtraße Nr. 35
die 42 Jahre alte Ehefrau eines Händlers, indem ſie eine
größere Menge Lyſol trank. Die Frau hatte ſich von
mittags ab in ihr Zimmer eingeſchloſſen, und als ſie
gegen Abend auf Rufen und Klopfen nicht öffnete, wurde
die Tür gewaltſam geöffnet. Man fand nun die Frau
in bewußtloſem Zuſtande in ihrem Bette liegen, wäh=
rend
vor dem Bett eine Flaſche Lyſol ſtand, von deren
Inhalt etwa ½¼ Schoppen fehlte. Die Frau wurde in
das Städtiſche Krankenhaus gebracht, wo ſie kurz nach
ihrer Einlieferung ſtarb.
Worms, 17. April. In der Kämmererſtraße ſcheute
geſtern nachmittag nach 6 Uhr das Pferd eines Althänd=
lers
vor der elektriſchen Straßenbahn und rannte in das
Schaufenſter der Firma A. Lohnſtein. Die Scheibe
wurde total zertrümmert und es iſt ein Schaden von etwa
300 Mark entſtanden. Das Pferd trug an verſchiedenen
Stellen nicht unerhebliche Verletzungen davon.
Eimsheim, 17. April. Während der Arbeit wurde der
Zimmermeiſter Möller von plötzlichem Schwindel er=
faßt
, trat fehl und ſtürzte aus beträchtlicher Höhe vom
Baugerüſt auf die Straße herab, wo er beſinnungslos
liegen blieb. Er hat ſehr ſchwere Verletzungen erlitten.
Gießen, 17. April. Mit dem Beginn dieſes Semeſters
tritt Geh. Hofrat Prof. Dr. Spengel in das 51. Semeſter
ſeiner Tätigkeit als Ordinarius der Zoologie an der
Landesuniverſität. Habilitiert 1879 in Göttingen,
war er 1881 Direktor der ſtädtiſchen Sammlungen für
Naturwiſſenſchaft und Ethnologie in Bremen geworden
und wurde von dort am 6. April 1887 als Ordinarius nach
Gießen berufen. Hier hat er 25 Jahre lang eine rege, durch
reiche Erfolge ausgezeichnete wiſſenſchaftliche Lehr=
tätigkeit
entfaltet. Seine am 19. März 1900 erfolgte Er=
nennung
zum korreſpondierenden Mitgliede der Akademie
der Wiſſenſchaften in Berlin, und die internationale
Ehrung, die ihm ſeine Fachgenoſſen kürzlich aus Anlaß
ſeines 60. Geburtstages bereitet haben, legen Zeugnis ab
von dem hohen Anſehen, das er in der wiſſenſchaftlichen
Welt nicht bloß Deutſchlands, ſondern auch des Auslandes
genießt. Auch als Herausgeber der von ihm begründeten
Zoologiſchen Jahrbücher hat er einen weitgehenden Ein=
fluß
auf die Entwicklung ſeines Faches ausgeübt.
Utphe, 17. April. Heute mußte auf Anordnung des
Kreisgeſundheitsamts eine weitere blatternkranke
fremdländiſche Arbeiterin aus dem Arbeitergehöft
Utphe in das Iſolierhaus nach Gießen verbracht werden.
Es handelt ſich um eine 17jährige Polin, die früher nie
geimpft worden war und von den anderen Erkrankten an=
geſteckt
, den Anſteckungsſtoff ſchon in ſich trug, ohne äußere
Erſcheinungen zu bieten. Die am 7. d. Mts. vollzogene
Schutzpockenimpfung war daher reſultatlos.
Bobenhauſen, 17. April. Ein von hier gebürtiger, in
Frankfurt a. M beſchäftigter Arbeiter kam in letzter
Zeit öfters hierher und verkaufte Fahrräder an Pri=
vatleute
zu ſpottbilligen Preiſen. Geſtern wurde nun die
hieſige Bürgermeiſterei telephoniſch vom Polizeipräſidium
in Frankfurt a. M. erſucht, ſämtliche von dem jungen
Manne hier verkaufte Räder zu beſchlagnahmen.
Heute weilte dieſerhalb ein Kriminalſchutzmann von Frank=
furt
a. M. hier und ſtellte feſt, daß ſämtliche Räder ge=
ſtohlen
ſind.
Lauterbach, 17. April. Die im Januar hier verſtor=
bene
Frau Dr. Julie Calmberg Witwe hat, lt. Gieß.
Anz., die geſamte Bibliothek ihres Mannes, der zu=
letzt
Seminardirektor in Küßnacht (Schweiz) war und
früher eine Privatſchule in Schlitz leitete, der Volks=
bücherei
des Kreiſes Lauterbach teſtamentariſch ver=
macht
. Dieſe über 600 Bände umfaſſende Bibliothek
wurde in einem beſonderen Zimmer des Kreisamtsgebäu=
des
untergebracht und wird zur Erinnerung an die Erb=
laſſerin
den Namen Calmbergbücherei führen. Für die
Volksbücherei nicht geeignete Bücher wurden auf Wunſch
der Erblaſſerin den Lehrerbibliotheken der höheren Bürger=
ſchule
und der Volksſchule überwieſen.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 17. April. Die Verſteiger=
ung
des Nachlaſſes von Reinhold Begas wurde
heute beendet. Prof. Juſtie erſtand für die Nationalgalerie
Menzels Totenmaske, ſowie Menzels rechte, den Pinſel hal=
tende
Hand, ferner den Naturalguß der linken Hand mit
Stift. Die Verſteigerung ergab im ganzen eine Einnahme von

Vorträge.

C Ueber die Mutterſchaftsverſicher=
ungen
und ihren Einfluß auf Gegenwart
und Zukunft ſprach am Mittwoch abend auf Ver=
anlaſſung
der Ortsgruppe Darmſtadt des Allgemeinen
Deutſchen Frauenvereins im Fürſtenſaal Fräulein
Elsbeth Jenſen aus Baden=Baden. Der Vor=
rag
war nur ſchwach beſucht. Frau Finanzrat Balſer
eröffnete den Abend mit kurzem Hinweis auf die Tätig=
keit
der vom A. D. F.=V. hier ins Leben gerufenen Be=
ratungsſtelle
, die jetzt der Großh. Zentrale f. S. u. M.=F.
angegliedert iſt, und auf die Tatſache, daß man auch
zier ſchon ſeit dieſer Gründung den Gedanken einer
Mutterſchaftsverſicherung verfolgt, daß dieſe aber durch
indere große Aufgaben und Arbeiten in den Hinter=
zrund
gedrängt, wenn auch nie aufgegeben war. Sie er=
eilte
dann der Rednerin des Abends das Wort.
Fräulein Elsbeth Jenſen, die als Kaſſiererin
der badiſchen Propagandageſellſchaft tief in das Weſen
der Mutterſchaftsverſicherung eingedrungen und daraus
hre Berechtigung, darüber zu ſprechen, herleitet, wußte
n überzeugenden, von warmfühlenden Fürſorgegedanken
getragenen Ausführungen die Notwendigkeit eines er=
zöhten
Schutzes der Mütter, die oft noch wunden Leibes
vieder dem Broterwerb nachgehen müſſen, um für ſich
ind ihr Kind zu ſorgen, darzulegen. Daß der Schutz
ieſer Mütter und Kinder notwendig iſt zum Wohle, ja
ntſcheidend für die Zukunft des deutſchen Volkes iſt,
aben Männer der Wiſſenſchaft längſt nachgewieſen an
5and unumſtößlichen Statiſtikmaterials, und daß der
Feburtenrückgang das deutſche Volk in ſeiner Zukunft
rnſt bedroht, iſt eine längſt bekannte Tatſache. Darum
volle ſie heute als Laie zu Laien ſprechen, durch das
verz zum Verſtande, um alle, die es können, zum Zu=
ammenſchluß
und zu gemeinſamer, ſegensreicher Für=
orgetätigkeit
zu veranlaſſen: zu erreichen, daß das
öchſte Glück, was einer Frau zuteil werden kann, Mutter
u ſein, auch werde zum Glück für alle diejenigen, die

da darben, für die ein freudiges Ereignis nur eine Er=
ſchwerung
des Daſeins, des Lebenskampfes wird
Ein ſehr ſegensvoller Faktor dieſer Schutzbeſtrebun=
gen
ſei die Mutterſchaftsverſicherung, deren Gedanke von
Berlin ausgegangen, die aber zur Tat geworden bisher
nur in den badiſchen Städten Karlsruhe, Heidelberg und
Baden=Baden. Die erſten zwei Jahre des Beſtehens der
Mutterſchaftsverſicherung haben dort außerordentlich
gute Erfolge gehabt. Die Kaſſen ſind als Selbſtver=
ſicherungskaſſen
nach Art der Krankenkaſſen organiſiert
und ſind ſchon nach kurzer Zeit des Beſtehens in der
Lage, ſich ſelbſt zu unterhalten, d. h. ohne Zuſchuß des
Propagandakomitees. Der Beitrag beträgt 40 Pfg. Ein=
tritt
und 60 Pfg. pro Monat. Dafür leiſtet die Kaſſe
nach einjähriger Mitgliedſchaft 20 Mark Wöchnerinnen=
geld
nach zweijähriger 30 Mark, nach drei= und mehr=
jähriger
40 Mark. Bei Zwillingsgeburten erhöht ſich
die Leiſtung um je 10 Mark. Außerdem wird Still=
prämie
gewährt. Der Gedanke der Verſicherung beginnt
in den drei badiſchen Städten auch unter den Unverhei=
rateten
Wurzel zu faſſen. Auf das Selbſtſtillen der
Mütter iſt beſonderer Wert zu legen. Die Verſicherung
ſoll keinerlei andere Einrichtungen irgendwie beeinträch=
tigen
oder hindern.
Die Ausführungen wurden mit lebhaftem Beifall
aufgenommen, dem noch Frau Finanzrat Balſer be=
ſonderen
Ausdruck gab Sie wies noch darauf hin, daß
in mannigfacher Hinſicht bei uns den von der Rednerin
aufgeſtellten Forderungen durch die Zentralſtelle für
Mutter= und Säuglingsfürſorge und durch die Frauen=
vereine
Genüge getan ſei. Wert würde eine Mutter=
ſchaftsverſicherung
auch in Darmſtadt beſitzen für die Fa=
milien
der kleinen Beamten uſw in denen oft bei den
Geburten, mehr als bei Arbeitern, denen es heute viel=
fach
viel beſſer ainge, Mangel und Not herrſcht. Herr
Regierungsrat Piſtor betonte in der anſchließenden
Diskuſſion, daß durch die Reichsverſicherungsordnung bei
höheren Leiſtungen und geringeren Beiträgen, als die
von der Rednerin erwähnten Kaſſen bieten könnten, ſchon

für 80 Prozent der gebärenden Mütter durch Zwangs=
oder
freiwillige Verſicherung Fürſorge getroffen ſei. Die=
ſen
Ausführungen gegenüber hob endlich noch die Refe=
rentin
hervor, daß man gerade bei der freiwilligen Ver=
ſicherungsmöglichkeit
nicht Halt machen dürfe und daß es
ſich auch lohne, für die nicht von der Reichsverſicherungs=
ordnung
betroffenen Frauen eine Mutterſchaftsverſicher=
ung
einzuführen.
Im ſtädtiſchen Beamtenverein ſprach
am Mittwoch abend Herr Gerichtsſchreiber=Aſpirant
Schrauth über das Thema: Grundzüge der
Heſſiſchen Städteverfaſſung nach altem
und neuem Recht‟ Nach einem kurzen Rückblick
auf den Werdegang des Selbſtverwaltungsrechtes der
heſſiſchen Städte gab Redner unter den Abſchnitten: Ge=
markung
, Bürgerſchaft, Verwaltung, Autonomie der
Städte, Gemeindefinanzen und Staatsaufſicht neben
einer überſichtlichen Darſtellung der Hauptgrundzüge der
heſſiſchen Städteverfaſſung eine Orientierung über die
am 1. d. M. in Kraft getretenen wichtigſten Neuerungen
auf dem Gebiete des ſtädtiſchen Selbſtverwaltungs=
rechtes
. In ſeinem Schlußwort betonte Herr Schrauth,
es werde den Städten unter der Herrſchaft des neuen
Rechtes möglich ſein, auf den bewährten Bahnen fort=
zuſchreiten
und immer mehr Träger und Stützen unſe=
res
Kultur= und Wirtſchaftslebens zu werden; ihre Ver=
waltungen
müſſen ſich nur von dem Grundſatz leiten
laſſen: Der Zweck der Arbeit iſt das Gemeinwohl‟ Das
ſehr zeitgemäße Thema hatte eine zahlreiche Zuhörer=
ſchaft
herbeigeführt, die den klaren, allgemein verſtänd=
lichen
, das Wichtigſte und Intereſſanteſte ſcharf betonen=
den
Ausführungen des Redners mit geſpannteſter Auf=
merkſamkeit
folgte. Dem geſchätzten Redner wurde rei=
cher
, wohlverdienter Beifall zuteil. Herr Bürgermeiſter
Mueller nebſt Gemahlin und Mitglieder der Stadtver=
ordneten
=Verſammlung wohnten dem Vortrag bei.

[ ][  ][ ]

350000 Mark. Durch ein kaum entſchuldbares Verſehen
bei einer Operation wurde heute in der Charitee ein
blühendes, junges Menſchenleben vernichtet.
Das Opfer des Verſehens iſt der 14jährige Gymnaſiaſt
Willi Rieger, der Sohn des Tierarztes Dr. Paul Rieger
in Köpenick. Unter den Augen des Arztes griff die aſſiſtie=
rende
Schweſter zu einer zu ſiarken Kokainlöſung, die
den ſofortigen Tod des Patienten herbeiführte. Als die
Schweſter ſah, was ſie durch ihr Verſehen angerichtet hatte,
fiel ſie in Nervenkrämpfe, die ſich derart ſteigerten, daß ein
Herzſchlag bald darauf ihrem Leben ein Ende machte. Nach
einer ſpäteren Meldung hat ſie ſich ſofort durch Kokain=
ſeinſpritzung
das Leben genommen. Die Unterſuchung des
ltragiſchen Falles iſt eingeleitet. Bisher wurde feſtgeſtellt,
daß die Schweſter ſtatt einer ½prozentigen eine ungefähr
20prozentige Kokainlöſung genommen hatte. Die weitere
Schuldfrage feſtzuſtellen, muß dem Fortgang der Unter=
ſuchung
überlaſſen bleiben. Die Leiche des verunglückten
Knaben wurde beſchlagnahmt. Heute nachmitttag
ſtürzte beim Rennen des Berlin=Potsdamer
Reitervereins auf der Rennbahn zu Bornim der Herren=
reiter
Leutnant Graf von Hohberg vom 3. Garde=
Ulanen=Regiment und erlitt ſchwere Kopfverletzungen und
keinen Schulterbeinbruch. Er wurde in das Garniſon=
lazarett
gebracht. Sein Zuſtand iſt bedenklich. Beim
Beſichtigen der Sonnenfinſternis ſtürzte ein 18jähriges
Dienſtmädchen von dem Balkon der vierten Etage
eines Hauſes im Weſten auf die Straße hinab. Mit einem
ſchweren Schädelbruch ſtarb die Geſtürzte auf dem Wege
nach dem Krankenhaus. In Berlin und Vororten wur=
den
heute nicht weniger als vier Perſonen überfahren
ſund getötet. In der Berliner Straße zu Hohen= Schön=
hauſen
wurde geſtern abend ein 30 Jahre alter Radfahrer
von einem Straßenbahnwagen überfahren. Beide Achſen
gingen über den Körper des Unglücklichen hinweg, ſodaß
der Tod auf der Stelle eintrat. In Großlichterfelde lief
ein fünfjähriges Mädchen in ein Automobil hinein und
fwurde auf der Stelle getötet. Gleichfalls von einem Auto
wurde faſt zur ſelben Stunde am Magdeburger Platz eine
Frau vom Lande totgefahren, und ſchließlich kam noch ein
ſechsjähriger Knabe unter einen Automobil=Löſchzug und
ſwurde totgefahren.
Wiesbaden, 18. April. Im Hauſe Jahnſtraße 22 ver=
rannte
heute vormittag das 3 Jahre alte Kind des
Bäckermeiſters Henneberg in ſeinem Bettchen. Es hatte
mit Zündhölzchen geſpielt. Die taubſtumme Mutter des
Kindes, die in der Küche weilte, hatte dieſen Vorgang nicht
bemerkt.
Hannover, 18. April. Auf dem Hauptbahnhof ſtürzte
heute früh ein Malergerüſt ein. Von den darauf be=
ſchäftigten
Gehilfen wurden zwei Mann getötet und
fünf teils ſchwer verletzt. Das Unglück iſt wahrſcheinlich
durch den Bruch eines eiſernen Trägers herbeigeführt
worden.
Hildesheim, 18. April. Die von der Familie eines
hohen Offiziers nach einer Pariſer Penſion gegebene
Tochter wurde von Mädchenhändlern nach London
in ein öffentliches Haus verſchleppt. Nach einem
ganzen Jahr iſt ſie jetzt dort in troſtloſem Zuſtande auf=
igefunden
worden.
Magdeburg, 17. April. Einen Zuſammenſtoß
zwiſchen Gerichtsvorſitzenden und Vertei=
diger
gab es in einer Sitzung der Strafkammer des
hieſigen Landgerichts. Zur Verhandlung ſtand eine an
ſich belangloſe Berufungsverhandlung gegen einen Land=
wirt
aus Barby, den das dortige Schöffengericht wegen
Uebertretung einer Polizeiverordnung und Beleidigung
eines Feldhüters in Strafe genommen hatte und der hier=
gegen
Berufung eingelegt hatte. Vor der Verkündung des
Urteils erſchien der Verteidiger des Angeklagten, Rechts=
anwalt
Dr. Hein aus Barby, ohne Robe. Der Vorſitzende
der Kammer, Landgerichtsdirektor Hildebrandt, rügte das
und bemerkte, nach den beſtehenden Vorſchriften müſſe der
Verteidiger auch eine weiße Binde anlegen. Dieſer
unterbrach den Vorhalt wiederholt, behauptete, die Praxis

bei den Gerichten ſei verſchieden, und verwahrte ſich gegen
den Ton des Vorhaltes. Auf die Erwiderung des Vor=
ſitzenden
, ſein Ton ſei angemeſſen, erklärte der Verteidiger,
er ſei anderer Anſicht und als Leutnant der Reſerve ſehr
empfindlich. Bei anderen Gerichten werde die Anlegung
einer weißen Binde nicht beobachtet, er trage eine ſchlichte
ſchwarze Binde, die ebenſo gut ausſehe, wie eine weiße.
Darauf entgegnete der Vorſitzende, beim Landgericht in
Magdeburg ſeien die Vorſchriften aber zu befolgen. Der
Staatsanwaltſchaftsrat Metſch beantragte wegen Ungebühr
vor Gericht 100 Mk. Geldſtraſe. Die Strafkammer beſchloß,
laut Magdb. General=Anz., gegen den Verteidiger wegen
Ungebühr in der Sitzung durch ſein ungehöriges Auftreten
eine Ordnungsſtrafe von 100 Mark.
Grünberg (Schleſ.), 17. April. Heute früh brach in
der Tuchfabrik von R. Wolff, A.=G., ein Brand aus,
der den Mittelbau der Fabrik vernichtete. Tuche und
Garne im Werte von 400000 Mark ſind verbrannt. Der
Schaden iſt durch Verſicherung gedeckt. Der Betrieb er=
leidet
keine Störung.
Innsbruck, 18. April. Auf der Bregenzer Waldbahn
entgleiſte infolge eines Felsſturzes eine Lokomotive
eines Perſonenzuges. Der Lokomotivführer wurde ſchwer
verletzt, der Heizer leicht. Mehrere Paſſagiere ſind ver=
wundet
.
Paris, 18. April. Zu der Spionage= Angele=
genheit
Simmerle wird aus Toulon gemeldet, daß
auch bei mehreren Arſenalarbeitern, die im Schiffbau be=
ſchäftigt
ſind, Hausdurchſuchungen vorgenommen wurden.
Eine weitere Verhaftung ſoll unmittelbar bevorſtehen.
Ueber die Verhaftung Zimmerles wird noch gemeldet, daß
der franzöſiſche Gegenſpionagedienſt Zimmerle in eine
Falle gelockt habe, unter der Vorſpiegelung, daß italieniſche
Agenten ein Schriftſtück ihm abkaufen wollten.
Paris, 18. April. Nach einer Blättermeldung hat der
Richter Guilbert, der mit der Unterſuchung gegen die Mit=
arbeiter
der Zeitung Anarchie betraut iſt, die Ueberzeug=
ung
erlangt, daß die von den Automobilbanditen
verübten Verbrechen in einem Redaktionsraume dieſer
Zeitung vorbereitet worden ſeien. Unter den im Bureau
der Anarchie beſchlagnahmten Papiere befinden ſich be=
druckte
, mit einem falſchen Stempel verſehene Formulare
für Geburts= und Leumundszeugniſſe. Nach der Anſicht
Guilberts verſorgten ſich die Autobanditen im Bureau der
Anarchie mit derartigen gefälſchten Dokumenten, um ſich
leichter den Verfolgungen der Polizei entziehen zu können.
In der Vorſtadt Belleville wurde heute nacht ein gewiſſer
Léon Berger verhaftet, der Beziehungen zu den Auto=
mobilbanditen
unterhalten haben ſoll. Bei Berger wur=
den
in dem Augenblick der Verhaftung zwei Revolver
vorgefunden. Er wird vorläufig der Falſchmünzerei be=
ſchuldigt
.

Kongreſſe und Verbandstage.

* Der Penſionsverband für Berufs=
arbeiter
der Inneren Miſſion hielt ſeine dies=
jährige
Hauptverſammlung im Stadtmiſſionshauſe in
Berlin ab. Der neue Vorſitzende, Paſtor Troſchke,
machte zunächſt Mitteilung über die ſchwere Erkrankung
des bisherigen, hochverdienten Vorſitzenden, Hofpredigers
Schniewind, dem der Verband zu größtem Danke verpflich=
tet
iſt. Auf Antrag des Vorſtandes wird Hofprediger
Schniewind einſtimmig zum Ehrenvorſitzenden gewählt.
Aus dem Bericht des Vorſitzenden geht hervor, daß der
Verband ſich auch im verfloſſenen Geſchäftsjahre, wie bis=
her
, weiter günſtig entwickelt hat. Seine Mitgliederzahl
iſt im letzten Geſchäftsjahre von 1374 auf 1476 geſtiegen,
die ſämtlich den Verſorgungskaſſen angehören und im letz=
en
Jahre 161000 Mark Beiträge nach Magdeburg abführ=
ten
. Durch den Hauptverein wurden den Mitgliedern im
letzten Jahre zugewandt: Altersrenten 5735,95 Mark, In=
validenrenten
10739,67 Mark, Witwenrenten 8132,40 Mark,
Waiſengelder 710 Mark, Begräbnisgelder 700 Mark, Un=
erſtützungen
1320 Mark, für vorbeugendes Heilverfahren
500 Mark, für allgemeine Zwecke 500 Mark, das ſind zu=

ſammen 28 338,02 Mark. In den 16 verfloſſenen Jahren
erhielten die Mitglieder aus Magdeburg 128522/17.
Mark, ſodaß ihnen ſeit dem Beſtehen des Verbandes über=
haupt
durch den Hauptverein 156860,19 Mark zufloſſen.
Durch den Unterſtützungsverein des Verbandes wurden
auch im laufenden Jahre die Renten durch erhebliche Zu=
ſchüſſe
aufgebeſſert. Es wurden im ganzen in dieſem Jahre
für dieſe Zwecke 15196,59 Mark ausgezahlt. Unter Hin=
zunahme
der diesjährigen Zahlungen wurden den Mit=
gliedern
durch beide Vereinigungen ſeit dem Beſtehen des
Verbandes im ganzen 285341,18 Mark Hilfsgelder zuge=
wandt
. Vertreter= und Vorſtandswahlen fanden ſatzungs=
gemäß
nicht ſtatt. Der Vorſtand ſetzt ſich daher wie folgt
zuſammen: Vorſitzender: Paſtor Troſchke, Berlin W. 50,
Paſſauerſtr. 37a, Schatzmeiſter: Stadtmiſſionar Weber,
Berlin SW. 61, Planufer 8, ſtellvertretender Vorſitzender:
Major von Steun, ſtellvertretender Schatzmeiſter: Stadt=
miſſionar
Scharpff, die 3 Schriftführer: Rektor Richter,
Stadtmiſſionar Ardin, Lehrer Heinricht. Vertreter des
Verbandes im Generalrate des Hauptvereins bleibt wie
bisher Rektor Richter.
* Heidelberg, 18. April. Heute fand hier die ſehr
zahlreich beſuchte Konferenz der badiſchen Ab=
teilung
des Internationalen Vereins der Freun=
dinnen
junger Mädchen unter dem Vorſitz der
Frau Geheimrat Uhlig ſtatt. Die Vorſitzende des Natio=
nalverbandes
, Fürſtin Marie zu Erbach= Schön=
berg
, wohnte der Konferenz bei. Referate erſtatteten
Frau Hoffmann=Ems, Frau Pfarrer Schmitthenner, Fräu=
lein
Denzel=Stuttgart und Fräulein Reineck=Berlin.

Stadtverordneten=Verſammlung.

St. Darmſtadt, 18. April.
Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing eröffnet die
Sitzung um 4¾ Uhr mit folgenden
Mitteilungen:
Der Vorſtand der Heilſtätte für Alkoholkranke Haus
Burgwald hat ſeinen gedruckten Jahresbericht vorge=
legt
, der zur Verteilung gelangt.
Abänderung des Droſchkentarifs und des
Autodroſchkentarifs.
Hierüber erſtattet Stadtv. Stemmer Bericht. In=
folge
der Verlegung des neuen Hauptbahnhofs und die
immer weitere Ausdehnung der bebauten Stadtfläche iſt=
eine
teilweiſe Abänderung des ſeitherigen Droſchken=
tarifs
notwendig geworden. Das Polizeiamt hat im
Einvernehmen mit dem Vorſtand des Droſchkenkutſcher=
Vereins und des Verkehrsvereins unter Berückſichtigung
der Intereſſen des fahrenden Publikums einen neuen
Tarif ausgearbeitet, der von dem Verkehrsausſchuß gut=
geheißen
worden iſt. Im Einzelnen iſt hierzu folgendes
zu bemerken: Der Tarif für Zeitfahrten bleibt
unverändert. Bei Fahrten von und nach dem
neuen Hauptbahnhof wird mit Rückſicht auf die weiten
Entfernungen außer den ſeitherigen zwei Zonen noch eine
engere Zone um den Hauptbahnhof, zuſammen alſo drei
Zonen gebildet. Der Fahrpreis beträgt für 12 Per=
ſonen
in der 1. Zone 80 Pfg., in der 2. Zone 1 Mark
und in der 3. Zone 1,20 Mark. Die ſeitherige Beſtim=
mung
, daß Fahrten von den Halteſtellen nach den Hauvt=
bahnhöfen
nur 50 Pfg. koſten, kommt in Wegfall. Bei
Beſichligungsfahrten, Theater= und Geſellſchaftsfahrten
treten keine weſentlichen Aenderungen ein. Bei Strecken=
fahrten
nach außerhalb des Stadtgebietes gelegenen
Punkten erſchien eine kleine Erhöhung der ſeitherigen
Fahrpreiſe angebracht. Handgepäck iſt, wie ſeither, frei.
Sonſtiges Gepäck ſoll nicht wie ſeither außerhalb der 2
Zone 30 Pfg., ſondern allgemein nur 20 Pfg. für jedes
Stück koſten. Der neue Tarifſoll am 1. Mai 1912
in Kraft treten.
Durch die für die Pferdedroſchken vorgeſchlagene
neue Zoneneinteilung iſt auch eine teilweiſe Aende=

Feuilleton.

* Aus Kunſt und Wiſſenſchaft. Die Beobachtung
der totalen Sonnenfinſternis. Die Sonnen=
finſternis
bei Paris wurde in der Zone der Total=
finſternis
von zahlreichen franzöſiſchen und fremden
Aſtronomen und Schülern des Polytechnikums beob=
achtet
. Zur Beobachtung waren Genieoffiziere im Frei=
ballon
und zwei Flugmaſchinen aufgeſtiegen. Die Fin=
ſternis
war zurzeit, als Sonne und Mond ſich deckten,
beinahe ringförmig. Um 12 Uhr 48 Minuten war der
Planet Venus ſichtbar. Die Temperatur ſank auf vier
Grad und ſtieg dann wieder. Als der Mond die Sonne
ganz bedeckte, ſchien der Sonnenrand in großen Flam=
men
aufzuflammen. Die Finſternis war ſo ſtark, daß die
Landſchaft wie in einer ſehr hellen Mondnacht ausſah.
Auch die 2. Phaſe der Finſternis konnte gut beobachtet
werden. Ein halbes Dutzend Luftballons bewegte ſich in
Höhe von etwa 1000 Metern, um den über die Erde hin=
gleitenden
Mondſchatten zu verfolgen. Im Jardin des
Plantes wurden an den Tieren intereſſante Beobachtun=
gen
gemacht: Gazellen, Antilopen und Hirſche ſuchten,
entgegen ihrer Gewohnheit, ihre Hütten auf und ließen
ſich dort, ſobald die Verdunkelung ſtärker wurde, laut=
los
nieder. Die Affen kauerten ängſtlich zuſammen, die
Jungen inmitten der Alten. Die Vögel ſuchten das
Dickicht auf wie bei Nachtanbruch. Die Raubtiere, die
gegen 11 Uhr gefüttert wurden, ſchlichen niedergedrückt
durch ihre Käfige. Während der Zeit der vorgeſchrit=
tenen
Sonnenfinſternis hielten ſie ſich vollkommen ruhig
und fanden ihre Lebhaftigkeit erſt wieder, als das
Sonnenlicht wieder klarer durchbrach. Eine Ausnahme
machten die Pfauen, die, ihr Rad ſchlagend,
ruhig weiter einherſchritten. Wie aus Pe=
nafiel
in Portugal gemeldet wird, iſt den dorthin
entſandten Aſtronomen eine vorzügliche Beobachtung der
totalen Sonnenfinſternis in dem nahe gelegenen Dorfe
Milhundes, einem Ort, der nach ſeiner geographiſchen
Lage beſonders hierzu geeignet erſchien, gelungen.
Kapellmeiſter Kittel in Bayreuth. Pro=
feſſor
J. Knieſes Nachfolger, Herr Kapellmeiſter Karl
Müller, iſt in Berlin ſchwer erkrankt. Die Bayreuther
Feſtſpielverwaltung hat nun im Namen Siegfried Wag=
ners
Herrn Kapellmeiſter Kittel=Darmſtadt mitge=
teilt
, daß er als Stellvertreter gewählt wurde. Dieſe
Wahl bedeutet eine hervorragend künſtleriſche Auszeich=
nung
Kittels. Die Generaldirektion hat Herrn Kittel
den nötigen Urlaub gewährt (vom 15. Mai bis 20.
Auguſt).
Univerſiſtät Frankfurt. Die Ausſchußver=
handlungen
über die Univerſität haben nun dazu geführt
daß ſich der vereinigte Rechts= und Finanzausſchuß mit
großer Mehrheit nur die ſozialdemokratiſchen. Mitglie=
der
ſchloſſen ſich aus für die Annahme des vom Magi=

ſtrat der Stadt vorgelegten Vertrages erklärt haben. Die
vereinigten Ausſchüſſe empfahlen die Annahme der Vor=
lage
unter der Bedingung, daß ihnen, alſo dem Rechts=
und Finanzausſchuß, mit Abſchluß der Verträge ein Ka=
pitalbedarf
von 7212000 Mark als dauernd zur Verfü=
gung
ſtehend nachgewieſen wird, wovon 6 Millionen mit
ſofortigem Zinsgenuß bei Eröffnung der Univerſität vor=
handen
ſein müſſen.
* Eine Damengeſellſchaft von 14000 Jahren. Eine
Damengeſellſchaft, deren Lebensalter zuſammen 14000
Jahre beträgt, fand zu Anfang dieſes Monats in Scar=
borough
ſtatt. Seit Jahren iſt es Sitte, daß der Bür=
germeiſter
dieſer Stadt die älteſten Damen zu einem
Diner einlädt, das immer zu Beginn des Lenzes ſtatt=
findet
. Es müſſen nach den Regeln der Stadt ſo viele
Perſonen eingeladen werden, daß die hohe Zahl von
14000 Jahren dabei herauskommt. Alljährlich werden
die Einladungen verſandt, mit denen nach der Ausſage
des Bürgermeiſters ſehr große Schwierigkeiten verknüpft
ſind, denn von Jahr zu Jahr wollen die Damen weniger
alt werden. Bei dem letzten Gaſtmahl betrug die Zahl
der geladenen Damen 192, ſodaß das Durchſchnittsalter
von 77 Jahren feſtgeſtellt wurde. Das Oberhaupt der
Stadt, ſeine Gemahlin, ſowie drei der früheren Bürger=
meiſter
machten die Honneurs. Alterspräſidentin war
ein Fräulein von 95 Jahren, Miß Jane Norfolk, die
eine geradezu jugendliche Rüſtigkeit an den Tag legte.
Dem Eſſen wurde wacker zugeſprochen, nach Tiſch mach=
ten
die Damen ein Spielchen, und gegen Morgen wurde
getanzt. Die Damen, die keinen Tänzer hatten, weil,
wie leider ſehr oft, weit mehr Damen als Herren an=
weſend
waren, drehten ſich vergnügt allein im Kreiſe,
und eine große Quadrille beſchloß die Feier. Es iſt
intereſſant, zu erfahren, daß die Damen ſich erſt gegen
Morgen um vier Uhr wieder unter den lauten Ausrufen
des Bedauerns, daß die ſchöne Feier ſchon zu Ende
ſei, in ihre Behauſung begaben. Begleitungen der Her=
ren
lehnten ſie ſämtlich ab, da ſie ſich ſtark und ſicher ge=
nug
fühlten, um den Weg allein zu machen. Die Damen
waren alle in hellen Kleidern mit ſchön friſierten Köpfen
erſchienen, ſie trugen Blumen im Haar und waren über=
haupt
mit ausgeſuchter Eleganz gekleidet.
C. K. Vor Taſchendieben wird gewärnt! Dieſen weit=
verbreiteten
Ruf erläutert ein Inſpektor der Londoner
Polizei in ſachgemäßer Weiſe, indemler in einer eng=
liſchen
Wochenſchrift von den beliebteſten Tricks der
Taſchendiebe erzählt. Das beſte Mittel gegen Taſchen=
diebe
iſt, ſich niemals unter einen Volkshaufen zu miſchen.
In einer belebten Straße ſtürzt plötzlich ein gutgekleideter
Herr hin, ſtöhnt und ächzt, und im Nu iſt eine neugierige
und mitleidige Menge um ihn herum. Er erholt ſich
wieder, aber kaum ſind die Zuſchauer über ſein Schickſal
beruhigt, ſo geraten ſie in noch größere Unruhe über die

ihnen fehlenden Wertſachen, die ihnen unterdeſſen die
Komplizen des Unglücklichen abgenommen haben. Wer
an ſo einem Auflauf teilnimmt, begibt ſich ſelbſt in die
Taſchendiebsgefahr, und darf ſich nicht wundern, wen=
er
dabei zu Schaden kommt. Auch vor jedem ſoll män
ſich in Acht nehmen, der ſcheinbar zufällig neben einen
ſteht, eine Zeitung lieſt und dieſe nahe vor unſer Geſicht=
bringt
. Er will dann gewöhnlich mit dem großen Blatt
die Manipulation verdecken, die ſeine eine Hand vor=
nimmt
. Es iſt einer der beliebteſten Tricks, die Hand,
die die Kravattennadel des Opfers herauszieht, durch
ein Zeitungsblatt zu verbergen. Das Tragen von
Sicherheitsketten hat gar keinen Sinn, denn der Taſchen=
dieb
trägt ſo ſcharfe und präziſe arbeitende Scheren bei
ſich, daß ihm keine derartige Vorſichtsmaßregel wider=
ſtehen
kann. Ein anderer Nachbar, vor dem man ſich
hüten muß, iſt der Herr, der neben Dir mit gekreuzten
Armen ſitzt; er kann ein höchſt achtbarer Bürger ſein,
aber ich rate doch jedem, genau auf ſeine Taſchen aufzu=
paſſen
, denn der geübte Langfinger weiß mit gekreuzten
Armen die uns zugekehrte Hand ſo geſchickt zu gebrau=
chen
, daß er den auf unſerer Seite befindlichen Arm
überhaupt nicht bewegt. Nächſt dem Auflauf, in dem er
ſo geſchickt ſeine Rolle ſpielt, zumal wenn die Aufmerk=
ſamkeit
auf einen beſtimmten Gegenſtand abgelenkt iſt
ſind die beſten Jagdgründe des Taſchendiebes überfüllte
Coupés, beſonders die Untergrundbahn, in der die Per
ſonen dicht gedrängt ſtehen oder ſitzen. Neben Dir ſitzt
ein Herr, der in ſeinen Taſchen allerlei nachzuſuche
ſcheint. Während die Hände raſch am eigenen Körpel
hin= und hergleiten, ſondiert der Dieb das Terrain, das
das Opfer ihm bietet, findet die Taſchen heraus, prüft
ihren Inhalt. Während eines zufälligen Stoßes oder
Drängens vollführt er den Angriff und ſchneidet eine
Taſche, die nicht leicht zugänglich iſt, mit einer ſcharfen
Scheere auf. Hat er Komplizen, ſo gibt er das Geſtoh=
lene
an ſie weiter. Die ſicherſte Taſche für Herren iſt
eine kleine Taſche am Hoſenbund; auch der geſchickteſte
Taſchendieb wird hier keinen Zugang finden. Die
Damen ſollten, meine ich, ihre Koſtbarkeiten am ſicher=
ſten
in den Strümpfen verbergen können. Das Geld in
Taſchen und Börſen in der Hand tragen, heißt einfach
an die Diebe die dringliche Aufforderung richten, ſich
dieſer ſo verführeriſch zur Schau getragenen Dinge auf
die unauffälligſte Weiſe zu bemächtigen.
* Der erſte Kino der Schule. Wohl die erſte Schule
Deutſchlands, die einen Kinematographen ſtändig für
den Schulunterricht einführte, iſt die Volksſchule in
Zella=Sankt Blaſii in Thüringen. Mit gro=
ßem
Koſtenaufwand hat ſie die nötigen Apparate g
kauft, die in der Geographie und Naturkunde verwandt
werden ſollen.

[ ][  ][ ]

rung des Autodroſchkentarifs nötig gewor=
den
, da ſich die einzelnen Taxen an die für die Pferde=
droſchken
beſtehenden Zonen anlehnen. Eine Erhöhung
der Taxen iſt nicht eingetreten. Für Nachtfahrten außer=
halb
der Gemarkung Darmſtadt ohne Rückfahrt wurde
ein beſonderer Zuſchlag von 1 Mark für je 5 Kilometer
eingeführt. Auch dieſer Tarif ſoll am 1. Mai in Kraft
treten.
Die Tarife werden gutgeheißen.
Es folgt
Beratung des Voranſchlags.
Den Biericht des Finanz=Ausſchuſſies
zum Voranſchlag für 1912 erſtattet Stadtverordneter Hen=
rich
. Der von der Großh. Bürgermeiſterei vorgelegte
Voranſchlagsentwurf ſchließt um rund 80000 Mark
ungünſtiger ab als der Voranſchlag für 1911. In
dem Vorwort zu dem Entwurfe ſind die Gründe hierfür
des Näheren dargelegt und es ſind dort weiter die Mehr=
ausgaben
und Wenigereinnahmen mit zuſammen 281510
Mark den Mehreinnahmen und Wenigerausgaben mit
zuſammen 201510 Mark einzeln gegenübergeſtellt. Eine
Verſchlechterung der Finanzlage gegen 1911 wäre budget=
mäßig
nicht zutage getreten, wenn bei Aufſtellung des
Voranſchlagsentwurfes das Ergebnis der Steuerein=
ſchätzung
für 1912 bereits bekannt geweſen wärc. Da
letzteres ein Mehr an Gemeindeſteuer von rund 78000
Mark aufweiſt, ſo kann in Wirklichkeit von einer
Verſchlechterung nicht geſprochen wer=
den
, der Abſchluß ſtellt ſich eher noch etwas günſtiger
als im Vorjahre.
Die Steigerung der Verwaltungsausgaben hält ſich
in durchaus mäßigen Grenzen. Es darf dies zugleich
als ein Beweis dafür gelten, daß die Großh. Bügermei=
ſterei
ernſtlich bemüht iſt, auf allen Gebieten der Verwal=
tung
nach Kräften zu ſparen. Es wird auch weiterhin,
trotz der augenblicklichen günſtigen Finanzlage, nicht
darauf verzichtet werden können, weiteſtgehende Vorſicht
und Zurückhaltung in der Bewilligung neuer Ausgaben
zu üben. Wenn auch im Jahre 1910 mit Hilfe einer ganz
erheblichen Steuererhöhung nicht nur ein Ausgleich für das
wegfallende Oktroi auf Lebensmittel und für den ungün=
ſtigen
Einfluß der wirtſchaftlichen Kriſe auf die Finan=
zen
der Stadt geſchaffen, ſondern auch die Solidität der
ſtädtiſchen Finanzen durch eine geregelte Fondsbildung
(Ueberführung des beim Rechnungsabſchluß verbleiben=
den
Kaſſenvorrats in den Ausgleichsfonds) bedeutend
verſtärkt wurde, ſo kann heute leider immer noch nicht die
Rede davon ſein, daß die Stadt das Uebergangsſtadium,
in dem ſie ſich aus Anlaß mancherlei tiefeinſchneidender
wirtſchaftlicher und geſetzgeberiſcher Maßnahmen befin=
det
, nun glücklich überwunden habe. Noch ſind die Laſten,
die die Verlegung des Hauptbahnhofes der
Stadt bringt, längſt nicht alle bis ins einzelne überſehbar
oder gar völlig gedeckt. Das mit dem 1. April 1913 in
Kraft tretende neue Gemeindeſteuergeſetz be=
deutet
eine =vollſtändige Umgeſtaltung des Gemeinde=
ſteuerweſens
, ſoweit es ſich auf die Realſteuern bezieht,
und iſt in ſeinen Wirkungen im voraus nicht zu über=
ſehen
. Als weitere Maßnahme, die für die Finanzen
der Stadt in den nächſten Jahren neue Ungewißheiten
bringen wird, kommt die Gründung der heſſiſchen
Eiſſenbahngeſellſchaft hinzu. Die als Ablie=
ferung
des Elektrizitätswerks eingeſtellte Summe von
*128000 Mk. (58 000 Mk. mehr als im Vorjahr trotz voller Ab=
ſchreibung
bei dem neuen Werke) entſpricht zugleich dem Jah=
resertrag
, der für die Verwaltungseinnahmen des ſtädti=
ſchen
Budgets aus dem Elektrizitätswerk ſeitens der Heſſi=
ſchen
Eiſenbahngeſellſchaft ſichergeſtellt iſt. Der in Höhe
von 16000 Mark vorgeſehene Zuſchuß zur ſtädtiſchen
Straßenbahn wird aber in dieſer Form nicht zur Tat=
ſache
werden. Die Herabſetzung des Ueberſchuſſes
des Gaswerkes um 20000 Mark iſt nicht
auf die Wirkung des Vertrages mit der Süddeutſchen
Eiſenbahngeſellſchaft wegen (Herabſetzung des Strom=
preiſes
), ſondern auf den Ausfall an Gasverbrauch in=
folge
Wegfalls der alten Bahnhice zurückzuführen.
Der ungünſtige Einfluß auf die ſtädtiſchen
Finanzen, der für die nächſte Zeit aus dem Vertrage
mit der Süddeutſchen Eiſenbahngeſell=
ſchaft
zu erwarten iſt, beſteht hiernach nicht in einem
Rückgang der Einnahmen aus den ſtädtiſchen Betrieben,
ſondern er iſt in der Richtung zu vermuten, daß man für
einige Jahre auf die regelmäßige Steigerung dieſer Ein=
nahmen
zu verzichten hat. Angeſichts der ſoliden Grund=
lage
der Finanzen könnte dann im Vertrauen auf die
natürliche Steigerung der Steuereinnahmen bei Betäti=
gung
ſtrenger Sparſamkeit mitz Ruhe entgegengeſehen
werden, wenn nicht bereits wieder neue größere Aus=
gaben
in naher und ſicherer Ausſicht ſtänden. Durch die
bei den Landſtänden eingebrachte Beſoldungsvor=
lage
wird die Stadt nicht nur durch die Gehaltserhöhung
für die Lehrer an den von der Stadt unterhaltenen höheren
Schulen in Mitleidenſchaft gezogen, es iſt vielmehr eine
weitere Belaſtung durch Ausdehnung der Beitragspflicht
der Städte auf die Gymnaſien in Ausſicht genommen, die
für Darmſtadt unter Berückſichtigung der damit in Ver=
bindung
ſtehenden Zuſchußleiſtung des Staates zu den
höheren Mädchenſchulen etwa 70000 Mark pro Jahr
ausmachen wird. Im Anſchluß an die Beſoldungser=
höhung
der Staatsbeamten und der Volksſchullehrer iſt
eine Erhöhung der Bezüge der ſtädtiſchen
Beamten Lehrer und Arbeiter nicht länger zu
umgehen. Wenn es auch als ausgeſchloſſen gelten muß,
daß die Stadt hierin mit dem Staate gleichen Schritt hält
und wenn ſich danach die ſtädtiſchen Beamten zum Teil
an den Gedanken gewöhnen müſſen, von ihren ſtaatlichen
Berufsgenoſſen im Einkommen überholt zu werden, ſo
iſt doch damit zu rechnen, daß die Stadt mit einer gerin=
geren
Summe als 200000 bis 250000 Mark für die Er=
höhung
nicht auskommen wird. Kommt dieſe Erhöhung
bereits für das Jahr 1912 in Betracht, ſo kann ſie für die=
ſes
Jahr ohne Steuererhöhung durchgeführt
werden, da der außergewöhnlich günſtige Barüberſchuß
des Jahres 1910 mit 569199 Mark 58 Pfg. für dieſes
eine Jahr hierfür in Anſpruch genommen werden kann,
ohne damit den bisherigen Weg einer ſoliden Finanzge=
barung
zu verlaſſen. Es muß auch in Zukunft der Grund=
ſatz
ſtreng aufrecht erhalten bleiben, dauernde Aus
gaben nur auf dauernde und ſichere Ein=
nahmen
zu gründen. In welcher Form das vom
nächſten Jahre ab zu geſchehen hat, das wird ſich erſt ge=
nauer
ſagen laſſen, wenn die oben angedeuteten verän=
derten
Verhältniſſe im Finanzhaushalt der Stadt ( Eiſen=
bahngeſellſchaft
und Gemeindeſteuerreform) bis dahin in
ähren Wirkungen deutlicher überſehen werden können.
(Bravo!)

Der Vorſitzende ſpricht dem Herrn Referenten für
ſeine gewiſſenhafte Vorprüfung den Dank der Verwalt=
ung
aus und eröffnet eine
Generaldebatte.
Stadtv. Sames hat die verſchiedenen ſtädtiſchen
Betriebe einer Rentabilitätsberechnung unterzogen und
ſtellt dazu ein intereſſantes Zahlenmaterial auf, aus dem
u. a. hervorgeht, daß die Stadt ein Schüler der Volks=
ſchule
18,50 Mark, ein ſolcher der drei höheren Schulen
85 Mark, der höheren Töchterſchule 81 Mark und der
Mittelſchulen 26,80 Mark koſtet.
Stadtv. Saeng meint, dieſe Zahlen gäben zu den=
ken
. Sie beweiſen vor allem, daß die Mittelſchulen,
trotzdem für deren Beſuch Schulgeld zu zahlen iſt, teurer
ſind, als die Volksſchulen. Er möchte dabei den Wunſch
erneuern, daß dieſe Mittelſchulen nach und nach zu
Realſchulen umgewandelt werden.
Stadtv. Möſer weiſt darauf hin, daß der eigen=
bewirtſchaftete
Grundbeſitz nicht deshalb ſo rentieren
könnte, weil die Berechnung aus anderen Geſichtspunkten
heraus erfolgt.
Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing erklärt, die Zah=
len
entſprächen nicht den Statiſtiken, die von der Bür=
germeiſterei
im Jahre 1910 aufgeſtellt wurden. Die Zah=
len
werden nachgeprüft und demnächſt bei Einbringung
neuer Schulvorlagen zum Gegenſtand der Beſprechung
gemacht werden. Redner gibt dann Kenntnis von fol=
genden
Anträgen der Stadtverordneten Aßmuth
und Friedrich:
1. Verehrl. Stadtverordnetenverſammlung wolle
beſchließen, daß die bereits von Großh. Bürgermeiſterei
und dem Finanzausſchuß vorgeſehene Gehalts= und
Lohnregulierung für ſämtliche Beamten, Lehrer
Arbeiter und Polizeibedienſteten mit Wirkung vom
1. April 1912 in Kraft tritt und die Mittel, bei Vermeid=
ung
einer Steuererhöhung für das Jahr 1912, aus dem
Ausgleichsfonds genommen werden. (Der Vor=
ſitzende
teilt hierzu mit, daß der Antrag erſt beraten
werden kann, wenn die Beſoldungsvorlage im Landtag
erledigt iſt.)
Großh. Bürgermeiſterei und Stadtverordneten=
verſammlung
wolle beſchließen: Von einer demnächſt
aufzunehmenden ſtädtiſchen Anleihe ſind vorerſt 500000
Mark abzuſtoßen. Aus dieſer Summe ſind 4½prozentige
Darlehen zur Errichtung zweiter Hypo=
theken
zu gewähren. Als Empfänger ſolcher Darlehen
können nur hieſige Einwohner in Betracht kommen, die
ſich mit einer ½prozentigen Tilgung des Darlehens, ſo=
wie
mit der Haftbarkeit ihres geſamten Vermögens der
Stadt gegenüber einverſtanden erklären.
3. Verehrl. Stadtverordnetenverſammlung wolle
Großh. Bürgermeiſterei beauftragen, alsbald eine Vor=
lage
auszuarbeiten, die den Ausbau des derzeitigen
ſtädtiſchen Wohnungsnachweiſes und der polizeilichen
Wohnungskontrolle zu einem neuzeitlichen Woh=
nungsamte
zur Grundlage hat. Die Aufgaben dieſes
Amtes ſollen insbeſondere umfaſſen: 1. Einführung der
allgemeinen An= und Abmeldepflicht bei Wohnungswech=
ſel
uſw. 2. Kontrolle aller Wohnungen bis einſchl. drei
Zimmer nebſt Küche. 3. Statiſtiſche Feſtſtellungen über
Zahl und Art ſämtlicher Wohnungen. 4. Auskunftser=
teilung
an Mieter, Vermieter, Bauunternehmer uſw. in
allen Angelegenheiten der Wohnungsbeſchaffung und
=Vermietung. 5. Jährliche Berichterſtattung in allen
Fragen der Wohnungsfürſorge auf Grund der ſozialen
Bedeutung des Amtes.
Die Anträge, die durch Stadtv. Aßmuth eine Be=
gründung
erfahren, werden in geſchäftsordnungsmäßige
Behandlung genommen.
Stadtv. K. Lautz hält es für begreiflich, daß den
Antragſtellern eine Erhöhung der Arbeiterlöhne am Her=
zen
liegt; aber es müſſe doch endlich einmal darauf hin=
gewieſen
werden, daß auch auf dieſem Gebiete
einmal ein Halt geboten iſt. Schon jetzt gibt
es weite Kreiſe die viel ſchwerer zu kämp=
fen
haben als die Arbeiter, das ſind unſere
Kleingewerbtreibenden und Handwerker, die durch die
fortgeſetzt ſteigenden Löhne und ſteigenden Steuern im=
mer
mehr belaſtet werden. (Sehr richtig!)
Stadtv. Friedrich bittet auch ſeinerſeits um Be=
rückſichtigung
der Anträge. Weiter ſei ihm bekannt ge=
worden
, daß die Stadt großen Geländebeſitz brach liegen
habe, der doch zinstragend ausgenützt werden könne,
eventuell durch Errichtung von Arbeiterwohnungen reſp.
Bereitſtellung von Baugelände. Stadtv. Gretzſchel
befürwortet den Antrag betr. zweiter Hypotheken und die
Schaffung eines beſonderen Fonds hierzu.
Der Vorſitzende ſtellt feſt, daß die Rente des Grund=
beſitzes
insgeſamt durchaus nicht beſonders niedrig iſt.
Es liege in der Natur der Sache, daß hier eine höhere
Rente nicht zu erzielen iſt. Die Stadt beſitze über 50,
beinahe 60 Proz. des geſamten Grundbeſitzes. Stadtv.
Möſer beſtätigt das. Es ſei nur wenig unbebautes
Gelände unverpachtet, und das ſei eben unverpachtbar,
weil es kein Menſch haben wolle.
Stadtv. Henrich möchte mit der Beamtenbeſold=
ungsreform
das Schickſal der ſtaatlichen Beſoldungs=
reform
abgewartet wiſſen. Er verbreitet ſich dann noch=
mals
über die allgemeinen Finanzverhältniſſe und kommt
zu dem Schluß, daß die Finanzen nicht ſo ungünſtig ſind,
um für die Zukunft Beunruhigung hervorzurufen.
Damit ſchließt die Generaldebatte.
In der
Spezialberatung
wünſcht Stadtv. Schupp zu Poſition 2: Waldwirt=
ſchaft
Oberwaldhaus, nach Ablauf des derzeiti=
gen
Vertrages eine öffentliche Ausſchreibung der Ver=
pachtung
, damit die Rente aus dem Oberwaldhaus er=
höht
werde. Beig. Schmidt ſagt dies zu.
Zum Kapitel Gaswerk wird von verſchiedenen
Stadtverordneten Klage geführt über die Weglaſſung
der Meſſungszettel, die ein rechtzeitiges Nachprüfen des
Verbrauches ermöglichten. Weiter wird angeregt, den
Gaspreis herabzuſetzen und durch rege Propaganda die
Rentabilität des Gaswerks zu heben.
Zum Kapitel Schulen regt Stadtv. Aßmuth
Erhebungen an darüber, wieviel Kinder ohne regel=
mäßige
Mittagskoſt bleiben, und bittet, für dieſe Kinder
eventuell eine Schulkoſt einzuführen. Stadtv. Linck
bittet, die Beſuchszeiten der Fortbildungsſchulen für die
verſchiedenen Jahrgänge zu verlegen, ſo daß nicht zur
gleichen Zeit alle Lehrlinge den Betrieben entzogen ſind.
Stadtv. Sames regt an, auch für die weiblichen
Lehrlinge Fortbildungsſchulen zu errichten.
Zum Kapitel Friedhof wünſchen die Stadtvv.
Kalbfuß und Schupp Beſchleunigung der Erbau=
ung
des längſt beſchloſſenen Krematoriums.
Zum Kapitel Oeffentliche Sicherheit
rügt Stadtv. Linck die Zuſtände in der Altſtadt an der
Ecke der Landaraf Georg=Straße.

Bürgermeiſter Mueller nimmt hierbei Gelegen=
heit
, den Jahresbericht des Handelsvereins
richtigzuſtellen. Die Bautätigkeit ſoll danach an=
geblich
darniederliegen. Es heißt in dem Bericht: Das
Baugeſchäft in hieſiger Stadt hat bis jetzt eine Beſſerung
nicht erfahren. Das iſt durchaus unrichtig. Ab=
geſehen
davon, daß noch vor Ende vorigen Jahres eine
ganze Anzahl großer Bauten auf der Mathildenhöhe
hinter dem Städtiſchen Ausſtellungsgebäude genehmigt
worden ſind, iſt die Bautätigkeit im Jahre 1912 gegen=
über
dem Vorjahr ganz bedeutend in die Höhe ge=
gangen
. Das zeigen folgende Ziffern: An Baugeſuchen
liefen ein: Vom 1. Januar 1911 bis zum 17. April 1911.
insgeſamt 78; es belief ſich der Betrag der Bauſumme
auf 342000 Mark, der Staatsſtempel auf 342 Mark, die
baupolizeilichen Gebühren auf 593 Mark; vom 1. Jan.
1912 bis zum 17. April 1912 insgeſamt 95 und belief ſich
der Betrag der Bauſumme auf 682000 Mark, der Staats=
ſtempel
auf 682 Mark, die baupolizeilichen Gebühren auf
1332,50 Mark. Alſo das Doppelte. Es ſollte von den
Baugeſchäften ſelbſt im Intereſſe des Kredits uſw. gegen
unrichtige Meldungen dieſer Art im Wege der Aufklär=
ung
eingeſchritten werden.
Die Stadtvv. Werner und Wagner können dem
nicht zuſtimmen; es werde wenig gebaut. Bürgermei=
ſter
Mueller bleibt dabei, daß die Bautätigkeit ſich
durchaus in aufſteigender Richtung bewegt.
Zu Beiträge zu gemeinnützigen Ver=
einen
und Anſtalten ꝛc. bemängelt Stadtv. Schupp,
daß immer noch der Brauch beſteht, jedem Verein, der ein
25jähriges oder ähnliches Jubiläum feiert, einen Zuſchuß
zu gewähren, damit ſoll endlich gebrochen werden. Auf
Antrag des Stadtv. Friedrich daß dem Verein ſtädt.
Arbeiter, der kaum noch Exiſtenzberechtigung hat, der Zu=
ſchuß
entzogen werden ſoll, wird von Bürgermeiſter
Mueller feſtgeſtellt, daß der Verein ſehr wohl exiſtenz=
berechtigt
iſt und ſehr ſegensreich wirke, durch Unterſtütz=
ung
ſeiner Mitglieder, Sanierung mißlicher Verhältniſſe
uſw. Beig. Ekert beſtätigt das. Ebenſo Oberbürger=
meiſter
Dr. Gläſſing, der den Antrag auf Streichung
abzulehnen bittet, da der Zuſchuß aus ſozialen Gründen
berechtigt iſt. Stadtv. Dr. Fulda iſt für den Antrag.
Stadtv. Gallus beantragt, die Poſition an den Ausſchuß
zurückzuverweiſen und zu prüfen, welche Ziele der Verein
Städtiſcher Arbeiter verfolge. Stadtv. Dr. Bendder
bittet auch dieſen Antrag abzulehnen und den Beitrag nach
wie vor zu bewilligen. Er erinnert daran, daß der Verein
ſ. Zt. gegründet wurde zur Unterſtützung in Not geratener
Mitglieder und daß ihm aus dieſem Grunde damals ein=
ſtimmig
der Zuſchuß der Stadt bewilligt worden iſt. Nach
weiterer Debatte wird der Antrag Friedrich ab=
gelehnt
gegen 3 Stimmen.
Zum Kapitel Errichtung neuer Gebäude,
bittet Stadtv. Aßmuth, im Anſchluß an das projektierte
Beſſunger Feuerwehrdepot die Einrichtung für 10 Brauſe=
und Wannenbäder zu ſchaffen. Der Oberbürgermeiſter ſagt
Berückſichtigung zu.
Die übrigen Kapitel werden gutgeheißen und einzeln
nach Anträgen des Finanzausſchuſſes abgeändert.
Nach den Anträgen des Finanzausſchuſſes iſt eine
Mehreinnahme und Wenigerausgabe von 96945 Mark
an den Hauptpoſten zu ſtreichen, ſodaß der Etat abſchließt
mit der Endſumme von 8605 535 Mark. Mit Worten des
Dankes für die ruhige und ſachliche Beratung ſchließt
Oberbürgermeiſter Dr. Gläſſing die öffentliche Sitzung
nach 7 Uhr.

Deutſcher Reichstag.

* Berlin, 18. April. Präſident Dr. Kaempf
eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 20 Min. Erſter Gegen=
der
Tagesordnung iſt die nationalliberale In=
terpellation
betr. Vollzug des Jeſuiten=
geſetzes
. Auf Anfrage des Präſidenten erklärt Staats=
ſekretär
Delbrück, daß der Reichskanzler bereit ſei,
die Interpellation zu beantworten, und ſich über den
Tag mit dem Präſidenten noch verſtändigen werde.
Ueber die Wahl des Abg. Becker=Heſſen
(natl.) beantragt die Kommiſſion Beweiserhebung. Das
Haus beſchließt ohne Debatte dementſprechend. So=
dann
wird die
zweite Beratung des Juſtizetats
fortgeſetzt.
Abg. Dr. Belzer (Zentr.): Die Vorarbeiten für
das neue Strafgeſetzbuch ſollten möglichſt beſchleunigſt
werden. Dabei muß auch beſondere Rückſicht genommen
werden auf ſtrenge Beſtrafung von Tierquälerei. Die
Reſolution der Konſervativen auf Schutz der Jugend
gegen Schmutz= und Schundliteratur und gegen die Aus=
wüchſe
der Kinematographen werden wir unterſtützen.
Die Verbreitung pornographiſcher Literatur muß auf
das allerſtrengſte verfolgt werden. Bei der Reviſion der
Strafprozeßordnung darf ſich die Regierung auch nicht
von der Forderung abſchrecken laſſen, Laienrichter auch
für die Berufungsinſtanzen zuzulaſſen. Zur Nachahm=
ung
zu empfehlen iſt der Erlaß des preußiſchen Juſtiz=
miniſters
, in dem dem Amtsrichter das Recht gegeben
wird, Strafaufſchub bis zu einem Monat zu gewähren.
Ebenſo iſt der Erlaß auf Unterbrechung des Strafvoll=
zuges
nachahmenswert. Wie Telegramme, ſollten auch
Telephongeſpräche beſchlagnahmt werden können. Für
die neue Zivilprozeßordnung muß die Hinzuziehung des
Laienelements zum Richteramt in Ausſicht genommen
werden. Sonſt hört der Ruf nach Sondergerichten nicht
auf. Das Konkurrenzrecht iſt dringend reformbedürftig.
Die Vereinheitlichung des Seerechts muß jedenfalls an=
geſtrebt
werden. Bei der Ausbildung der jungen Juri=
ſten
ſollte mehr Wert auf die Ausbildung inbezug auf
die Strafgeſetzgebung gelegt werden, zumal das Zipil=
recht
zum großen Teil durch die immer weiter um ſich
greifende Sozialgeſetzgebung und durch die Sonderge=
richte
ausgeſchaltet wird. Die Klagen über allzu harte
Gerichtsurteile im Streikgebiet werden auch von meinen
Freunden geteilt. (Hört! hört! bei den Soz.) Dringend
nötig iſt die Neuregelung des Irrenweſens, damit man
vor den Schädigungen durch geiſtig Minderwertige, die
in Prozeſſen freigeſprochen werden, aber doch in Freiheit
bleiben, geſchützt iſt. Unſere Rechtſprechung muß getra=
gen
werden von dem Rechtsempfinden und vom Ver=
trauen
des deutſchen Volkes. (Beifall im Zentrum.)
Abg. Dr. v. Calker (natl.): Ich befürchte, daß die
Strafprozeßordnung unnötig verſchoben wird. Die
Strafprozeßordnung ſollte in abſehbarer Zeit uns vor=
gelegt
werden, und zwar in einer Geſtalt, die allſeitig
annehmbar iſt. Am dringendſten wünſche ich die baldige
Regelung des Jugendrechts. Wie ſteht es mit einem
Geſetz über die Konkurrenzklauſel? Bewußte Rechts=
beugung
habe ich niemals beobachtet. (Widerſpruch bei
den Sozialdemokraten.) Eine Klaſſenjuſtiz exiſtiert nicht.
Das kann ich als Strafrechtslehrer wohl ſagen. (Bravo!
bei den Natl.) Das juriſtiſche Studium muß reformiert
werden. Wir Profeſſoren laborieren daran, daß unſere

[ ][  ][ ]

jungen Semeſter nicht genügend in die Vorleſungen
gehen. (Sehr richtig!) Ein großer Vert unſerer Uni=
verſitäten
liegt darin, daß wir nicht Lehrer, ſondern auch
wiſſenſchaftliche Forſcher ſind. Allerdings ſind damit
gelegentlich Nachteile wohl verbunden. Ein vorzüglicher
wiſſenſchaftlicher Arbeiter kann wohl ein ſchlechter Do=
zent
ſein. Der Schwerpunkt unſeres Studiums muß in
den neu eingerichteten Uebungen liegen. (Lebhaftes
Sehr richtig!) Es muß aber nicht nur richtig doziert
werden, ſondern auch richtig examiniert. Wenn Repiti=
toren
die jungen Juriſten nur auf die Frage des exami=
nierenden
Profeſſors repitieren, ſo iſt das Unſinn und
ein Schaden für die juriſtiſche Wiſſenſchaft. Daß dies
aber geſchehen kann, iſt mit Schuld der Examinatoren,
die immer dieſelben Fragen ſtellen. Da ſollte der Staats=
ſekretär
auch einmal ein Wort mitreden. Eine Vermehr=
ung
der Klauſurarbeiten iſt dringend erwünſcht. Um
dem juriſtiſchen Studium eine günſtige Wendung zu
geben, ſollte von Reichswegen an eine Neuregelung der
Vorbildung unſerer Jugend gedacht werden. Unſer altes
gutes humaniſtiſches Gymnaſium muß gepflegt werden.
Unſere Zeit drängt zur Spezialiſierung. Jeder will mög=
tlichſt
zu Worte kommen. Der Juriſt ſoll auch Kollegien
anderer Fakultäten hören und die anderen Fakultäten
gleichfalls Zu den anderen Fächern gehen die jungen
Leute aus Intereſſe zur Sache, zur Jurisprudenz aber
nicht, denn die Lehrer wiſſen kaum etwas vom modernen
Staatsleben. Durch derartigen Fakultätenaustauſch bil=
den
wir unſere Beamten am beſten aus. Dann kommen
tauch Studenten aus Intereſſe zu dem juriſtiſchen Stu=
dium
. Ich bin ein großer Freund des ſtudentiſchen Ver=
bindungsweſens
. Ich habe keine ſchlechten Erfuhrun=
gen
damit gemacht. Meine Kollegien ſind auch von den
Verbindungsſtudenten beſucht, obwohl ich von 8 bis 9
Uhr morgens, alſo mitten in der Nacht, leſe. (Große
Heiterkeit.) Wir ſollten dem Studenten ſagen, zwei oder
drei Semeſter zu bummeln, paſſe nicht mehr für die heu=
tige
Zeit. Neben der Jugendfreude ſollen ſie die Pflicht
nicht vergeſſen. Und gerade die Verbindungen können
ein gutes Beiſpiel dafür geben und tüchtige Söhne des
Vaterlandes ſchaffen. (Lebhaftes Bravo!) Je weniger
Examen, deſto beſſer. Auch für die älteren Juriſten ſoll=
ten
Kurſe eingerichtet werden, um ſie aus der öden Tätig=
keit
des täglichen Lebens wieder einmal heraus zu heben.
Ein Juriſtenaustauſch zwiſchen Weſtdeutſchland und Oſt=
elbien
, wo es auch ganz nette Menſchen geben mag (Hei=
Lterkeit), wäre zu empfehlen. Darin würde ein großer
Gewinn für unſere deutſche Rechtspflege liegen. Ich
freue mich über die große ſegenbringende Tätigkeit der
Frau in der Kinderfürſorge. Da ſollte die Frau als
Schöffin am Jugendgericht zugelaſſen werden. Damit
will ich nicht der Emanzipation das Wort reden. Ich
galte immer noch die Mutterpflicht für den höchſten
Frauenberuf. Die Schöffen und Geſchworenen ſollten
allen Bevölkerungsſchichten entnommen werden. Dan=
kenswert
iſt die Schaffung beſonderer Gerichtshöfe im
Streikrevier. (Zuruf bei den Soz.) Auf Zeitungsnach=
richten
gebe ich nichts. Wir ſollten nicht iritiſieren, ohne
den authentiſchen Tatbeſtand zu kennen. Reformbedürftig
iſt beſonders das Syſtem des Vorverfahrens. Es darf
nicht mehr heißen: Vivat justieia, pereat mundus, ſon=
dern
: Vivat justicia, ne pereat mundus. (Lebhafter
Beifall.)
Abg. Dr. Dove (Fortſchr. Vpt.): Wir haben ſoeben
eine Generalbeichte eines Profeſſors gehört. (Gr. Heiter=
keit
.) Ich will dem Beiſpiel als Richter nicht folgen.
(Heiterkeit.) Die Juſtiznovelle darf nicht auf Grund der
vorjährigen Sommerkommiſſion angeſtrebt werden. Einen
Teil unſerer Wünſche, namentlich hinſichtlich der Jugend=
gerichtsbarkeit
, ließe ſich vor der Juſtiznovelle erledigen.
Wenn Herr Stadthagen meint, im Streikrevier ſei Klaſ=
ſenjuſtiz
getrieben und bei aus dem Volke gewählten
Richtern werde es anders werden, ſo bin ich anderer
Meinung. Die Klaſſenjuſtiz würde dadurch nur geför=
dert
werden, denn die Sozialdemokraten ſelbſt bezeichnen
die Streikbrecher als Verräter. Die richterliche Unab=
hängigkeit
muß unbedingt gewahrt werden; auch müſſen
wir dafür ſorgen, daß die einzelſtaatliche Geſetzgebung
ſich nicht in Widerſpruch ſetzt zu der Reichsgeſetzgebung.
Wir ſollten uns davor hüten, zuviel Spezialgeſetze zu
erlaſſen. Staatsſekretär Dr. Lisco: Nach den vie=
len
größeren Aenderungen müſſen jetzt erſt genügende
Erfahrungen geſammelt werden, ehe wir wieder an eine
Neuregelung herantreten. Die Frage der Konkurrenz=
klauſel
, die lediglich nach der Seite der bezahlten Karenz
entſchieden werden kann, wird in der nächſten Seſſion
das Haus beſchäftigen, ebenſo das Geſetz über die Haftbar=
keit
der Eiſenbahnen für Sachſchäden. Die Klagen über
die Vorbildung der Juriſten gehörten wohl ins preußi=
ſche
Abgeordnetenhaus. Die vom Abg. Stadthagen vor=
gebrachten
Einzelfälle ſtellen ſich weſentlich anders dar,
beſonders der Fall der Beſtrafung einer Familie im
Ruhrrevier, die aus den Schlacken Kohlen geſammelt hat.
Der Fall erſcheint weniger hart, wenn feſtſteht, daß die
Familie wiederholt gewarnt wurde und daß es ſich um
keine arme Familie handelt und daß ſie mit dem Mate=
rial
einen ſchwunghaften Handel getrieben hat. In dem
Falle Hermann iſt alles geſchehen, den Täter feſtzuſtellen.
Die Schutzleute ſind einer Reihe von Privatperſonen
konfrontiert worden, ohne daß ſich ein Anhaltspunkt ge=
funden
hat. Es iſt tief bedauerlich, daß der Täter nicht
ermittelt werden konnte, ganz gleich, ob es ſich um eine
Privatperſon oder um einen Beamten handelt. Es iſt
aber dasſelbe, wenn aus einer Menge heraus Steine ge=
worfen
werden, die Schuldigen feſtzuſtellen. Wir müſſen
zunächſt das Strafgeſetzbuch erledigen. Das preußiſche
Arbeitsſcheuengeſetz ſteht nicht im Widerſpruch zu dem
Reichsgeſetz, es iſt nur ein Geſetz analog ähnlichen Ge=
ſetzen
in anderen Bundesſtaaten. Abg. Holſchke
(konſ.): In letzter Zeit iſt es wiederholt zu Zuſammen=
ſtößen
zwiſchen Richtern und Verteidigern gekommen;
es wäre nötig, hiergegen Maßregeln zu ergreifen. Wir
haben volles Vertrauen zur Rechtspflege und wir wiſſen,
daß der größte Teil des Volkes dieſes Vertrauen mit uns
teilt. Den Sozialdemokraten wird es nicht gelingen,
dieſes Vertrauen zu erſchüttern. Abg. Dr. v. Las=
zewski
(Pole) begründet eine Reſolution ſeiner Par=
tei
auf Gewährung von Tagegeldern an Schöffen und

Geſchworene. Er beklagt ſich des weiteren über zu harte
Beſtrafungen von polniſchen Redakteuren.
Hierauf wird die Weiterberatung auf Freitag
1 Uhr vertagt. Schluß halb 7 Uhr.
* Berlin 18. April. In der = Budgetkom=
miſſion
des Reichstags erklärte Staatsminiſter Dr.
Solf beim Etat von Südweſtafrika zur Diamanten=
frage
: Gewiß könne mit der Zeit eine Preiserhöhung
deutſcher Diamanten erzielt werden. Die in der Preſſe er=
hobenen
Angriffe, die Firma Coetermanns verdiene zu viel
an den deutſchen Diamanten und die Regie ſei benachteiligt,
ſind ungerechtfertigt. Der Errichtung eines deutſchen Syn=
dikats
ſtänden große Schwierigkeiten entgegen. Der An=
ſchluß
an das Debeersſuyndikat ſei nicht ohne weiteres mög=
lich
. Der Staatsſekretär berichtete über einen neuen Ver=
trag
, den die Regieverwaltung mit der bisherigen Ver=
tragsgeſellſchaft
abgeſchloſſen habe. Dey neue Vertrag
biete erhebliche Fortſchritte. Die von der Preſſe gegen den
Vorſitzenden des Aufſichtsrates Fürſtenberg erhobenen
Angriffe ſeien unbegründet.
* Berlin, 18. April. Die Siebente Kom=
miſſion
des Reichstages zur Beratung der An=
träge
und Reſolutionen über die Wohnungsfrage
hielt ihre erſte Sitzung ab Miniſterialdirektor Lewald
erklärte, die verbündeten Regierungen erkennten wohl
die Bedeutung der Wohnungsfrage an und hätten allen
Anträgen und Anregungen aus dem Reichstage das
größte Intereſſe entgegengebracht. Der Bundesrat be=
ſchäftigte
ſich aber mit der Wohnungsfrage bisher nicht,
weil die Frage von den Bundesſtaaten zu löſen ſei. Des=
halb
ſei es den verbündeten Regierungen nicht möglich,
zu den Anträgen der Kommiſſion Stellung zu nehmen
und die Zuſtimmung zu ſolchen in Ausſicht zu ſtellen. Als
Ergebnis der Debatte ſtellte der Berichterſtatter feſt: Wir
ſind alle einig, daß das Reich kompetent iſt, die Wohn=
ungsverhältniſſe
geſetzlich zu regeln. Darauf wurde eine
ſechsgliederige Kommiſſion eingeſetzt, die die weiteren
Vorarbeiten für ein Wohnungsgeſetz erledigen ſoll.

Der Kaiſer in Korfu.

* Koafu, 17. April. Der Kaiſer, der griechiſche
Marine=Uniform trug, begab ſich heute nachmittag mit
den Prinzen und Prinzeſſinnen nebſt Gefolge im Auto=
mobil
nach der Stadt ins königliche Palais, wo die Herr=
ſchaften
von der Terraſſe aus zuſammen mit der Kron=
prinzeſſin
von Griechenland das Einlaufen des griechi=
ſchen
Kreuzers Georgios Aweroff beobachteten, der
den König und den Kronprinzen von Grie=
chenland
an Bord hatte. Die Hohenzollern und
Kolberg hatten Flaggengala angelegt. Die Mannſchaf=
ten
paradierten, die Kolberg ſalutierte und die Muſik
der Hohenzollern ſpielte den griechiſchen Königsmarſch.
Der Kreuzer Georgios Aweroff ſalutierte ebenfalls
ſeine Kapelle ſpielte die deutſche Hymne. An der
Landungsſtelle hatten ſich die Spitzen der ſtaatlichen
und ſtädtiſchen Behörden, das Offizierkorps, die- Geiſt=
lichkeit
, ebenſo der Geſandte von Wangenheim und der
deutſche Konſul Spengelin eingefunden. Vereine und
Schulen mit Fahnen und Muſik bildeten Spalier von
der Landungsſtelle bis zum Palais. Der Kaiſer und
die genannten Herrſchaften erſchienen ebenfalls an der
Landungsſtelle. Der König und der Kronprinz von
Griechenland gingen an Land, vom Kaiſer aufs herzlichſte
begrüßt. Nachdem der König ſodann die Huldigung der
Behörden entgegengenommen hatte, ſchritten der Kaiſer,
der König und die anderen Fürſtlichkeiten zu Fuß nach
dem Palais, vom Publikum ſtürmiſch gefeiert. Inzwi=
ſchen
war die königliche Jacht Amphitrite eingelaufen
mit der Königin, Prinzeſſin Maria und dem Prinzen
Andreas Nikolaus an Bord. Der Kaiſer und der König
begaben ſich wieder zur Landungsſtelle. Der Kaiſer ge=
leitete
die Königin ins Palais. Das Publikum brach an=
dauernd
in Hochrufe aus. Der Kaiſer begab ſich ſpäter
nach dem Achilleion. Das Wetter iſt ſchön.

Luftfahrt.

* Düſſeldorf 18. April. Wegen ungünſtiger Wind=
verhältniſſe
erfolgt die Rückfahrt der Viktoria
Luiſe erſt heute mittag zwiſchen 12 und ½1 Uhr.
* Düſſeldorf, 18. April. Die Viktoria Luiſe hat
um 12 Uhr 35 Minuten mit vier Paſſagieren an Bord die
Rückfahrt nach Frankfurt a. M. angetreten.
* Bitterfeld 18. April. Das Luftſchiff P. L. 13"
leiſtete heute früh die offizielle Abnahmefahrt
mit der japaniſchen Kommiſſion an Bord. In der Gondel
befanden ſich im ganzen ſieben Perſonen, darunter der Füh=
rer
Oberleutnant Stelling und zwei japaniſche Offiziere.
Die vorgeſchriebene Höhenfahrt von 1200 Metern wurde
bei einer Windſtärke von 15 bis 17 Meter gut abſol=
viert
.
* Der modernſte Selbſtmord. Zu dem
Todesſturz des Fliegers Verrepty wird gemeldet,
daß wahrſcheinlich ein Selbſtmord vorliegt. Verrepty
hatte vorher ſeiner Geliebten, mit welcher er einen hef=
tigen
Streit gehabt hatte, beim Abſchied erklärt, daß er
ſeinem Leben ein Ende machen werde. Die beim Ab=
ſturz
anweſenden Offiziere ſtellten feſt, daß das Flug=
zeug
in durchaus gutem Zuſtande war. Mehrere Augen=
zeugen
behaupten, Verrepty habe ſich abſichtlich aus einer
Höhe von etwa 300 Metern zu Boden fallen laſſen. Ver=
repty
war einer der hervorragendſten Flieger, der wieder=
holt
Weltrekorde aufgeſtellt hatte.
* Das Gordon=Bennett=Rennen der
Flugmaſchinen wird, wie jetzt der Amerikaniſche
Aero=Klub bekannt gibt, am 9. September in der Nähe
von Chicago, vorausſichklich in Winneta, abgehalten
werden. Das amerikaniſche Ausſcheidungsrennen wird
in der Zeit vom 15. bis 31. Auguſt in Cicero im Staate
Illinois ſtattfinden.

Der Untergang der Titanie‟

* New=York, 17. April. Ein elektriſcher
Sturm hat geſtern abend und heute früh die Ueber=
mittelung
drahtloſer Telegramme unterbrochen
deshalb iſt keine Nachricht von der Carpathia ange=
kommen
. Man nimmt an, daß der Kreuzer Cheſter=
morgen
ſchon nahe genug iſt, um amtliche Nachrichten
nach Waſhington zu ſchicken. Von den Ueberlebenden,
deren Namen bekannt ſind, ſind 79 Männer, 233 Frauen
und 16 Kinder. Vermutlich befinden ſich unter den 540
Ueberlebenden, deren Namen noch nicht veröffentlicht‟
ſind, nicht mehr als 100 Seeleute, die zur Beſatzung der
Boote erforderlich waren. Die verbleibenden 440 ſind
wahrſcheinlich zum größten Teil Frauen und Kinder
aus dem Zwiſchendeck, wo ſich 710 Paſſagiere befanden,
ſodaß die Zahl von 440 dem gewöhnlichen Verhältnis
entſpräche.
* New=York, 17. April. Evening World und
Evening Sun veröffentlichen folgende von der Marconi=
ſtation
in Camperdown (Neuſchottland) beim hieſigen
Marconibeamten eingegangene Depeſche: Wir ſtehen
jetzt in Verbindung mit der Carpathia via Dampfer
Franconia und können amtlich erklären, daß die Tita=
nic
mit einem ungeheuren Eisberg zuſammeuſtieß und
daß über 2000 Perſonen umgekommen
ſind. 700 Ueberlebende, meiſtens Frauen, befinden ſich
an Bord der Carpathia.
* New=York, 18. April. Die Cunard=Linie hak
ein drahtloſes Telegramm von dem Kapitän der Fran=
conia
erhalten. Die Franconia ſtellte heute früh 6,10
Uhr (New=Yorker Zeit) die Verbindung mit der Car=
pathia
her. Die Carpathia, die am Donnerstag
abend in New=York erwartet wird, hat im ganzen 705
Ueberlebende der Titanic an Bord. Aus dieſer
Meldung geht nicht hervor, daß ſich dieſe Ziffer allein
auf die Paſſagiere, oder auf Paſſagiere und gerettete
Mannſchaften zuſammen bezieht.
* London, 18. April. Die Zeitungen ſtellen feſt,
daß die Titanic im ganzen 20 Rettungs=
boote
mit ſich führte, die ungefähr 1200 Perſonen auf=
nehmen
konnten. An Bord befanden ſich 2200 Männer,
Frauen und Kinder, aber die 20 Boote gingen über das
Minimum hinaus, welches die Vorſchriften des Handels=
amts
verlangen. Dieſe Vorſchriften ſind ſeit dem Jahre
1894 unverändert geblieben, obwohl in letzter Zeit ſehr
viele große Schiffe gebaut worden ſind.
* New=Yort, 17. April. Der Senat hat ohne
Debatte eine Bill angenommen, die eine ausgiebige
Unterſuchung des Unglücks der Titanic for=
dert
. Die Senatskommiſſion wird darin erſucht, Zeugen
vorzuladen und alle notwendigen Schritte zu ergreifen,
um ihr Erſcheinen zu ſichern.
* New=York, 17. April. Frau Guggen=
heim
, deren Gatte wahrſcheinlich ein Opfer des Unter=
gangs
der Titanie geworden iſt, erſchien geſtern im
hieſigen Bureau der White Star=Line und erbot ſich, meh=
rere
Millionen zur Verfügung zu ſtellen, damit ein Son=
derſchiff
ausgerüſtet werden könne, mit dem ſie ſich
auf die Suche nach ihrem Gatten begeben möchte. Es
gelang nur mit großer Mühe, die Bedauernswerte zu
beruhigen.
* New=York, 17. April. Während authentiſche
Nachrichten fehlen, haben der New=York Herald und an=
dere
New=Yorker Zeitungen ſenſationelle Be
ſchreibungen von Szenen gebracht, die ſich bei dem
Schiffbruch der Titanie abgeſpielt haben
ſollen. Dieſe Berichte haben ſich als reine Erfind=
ung
herausgeſtellt. Es war angegeben worden, daß
die Nachrichten durch drahtloſe Nachrichten von dem
Dampfer Bruce übermittelt worden ſeien. Dieſes
Schiff iſt jetzt in St. Johns angekommen und ſowohl der
Kapitän wie der Funkentelegraphiſt erklären gemeinſam,
daß ſie keine drahtloſen Nachrichten, die auf die Tita=
nie
Bezug hätten, erhalten haben.
* New=York, 17. April. Die Titanic hat
wenige Minuten vor ihrem Zuſammenſtoß mit dem Eis=
berg
eine Warnung von der drohenden Gefahr erhal=
ten
. Außerdem hat die Touraine am 14. April die
Titanic über die Lage der Eisberge durch ein draht=
loſes
Telegramm unterrichtet und die Titanic hat die
Warnung beantwortet.
Beileidskundgebungen.
* Liverpool, 17. April. Der deutſche Kaiſer
richtete an die White Star=Line folgendes Telegramm aus
Achilleion: Tief betrübt über die traurige Nachricht von
dem furchtbaren Unglück, das die Linie betroffen, ſende
ich den Ausdruck der innigſten Teilnahme für alle, die den
Verluſt von Verwandten und Freunden betrauern. Wil=
helm
I. R. Die White Star=Line antwortete: Die
gütige Mitteilung von der Teilnahme Sr. Majeſtät haben
wir mit der tiefſten Dankbarkeit empfangen. Das Un=
glück
iſt in der Tat überwältigend. Wir werden die Mit=
teilung
Ew. Majeſtät zur Kenntnis aller gelangen laſſen,
die von dem Unglück betroffen wurden.
* Paris, 17. April. Präſident Falliéres ſprach
dem König Georg und Präſident Taft telegraphiſch ſeine
tiefſte Trauer über die Kataſtrophe der Titanic und ſein
lebhaftes, tiefgefühltes Beileid aus.
* London, 17. April. König Georg hat an den
Präſidenten Taft nachſtehendes Telegramm gerichtet:
Der Königin und mir liegt es am Herzen, Sie und das
amerikaniſche Volk unſeres großen Schmerzes zu verſichen,
den wir über den Verluſt an Menſchenleben unter aml= Bürgern und meinen Untertanen bei dem Un=
tergang
der Titanic empfinden. Unſere beiden Länder
ſind durch Bande der Freundſchaft und Rührigkeit ſo eng
miteinander verbunden, daß ein Schickſalsſchlag, der das
eine betrifft, notwendig auch das andere berühren muß.
Die deutſche Poſt auf der Titanic.
* Berlin 17. April. Eine ungewöhnlich große
deutſche Poſt muß mit der Titanic verloren gegan=

eine neuartige Haushaltſeife
(9339)
von
fabelhafter Waſchkraft

asere
ſetzt überall erhältlich.
Preis pro Stück 20 Pf.

[ ][  ][ ]

gen ſein. Wie die Ur=Zeitung ausführt, werden die
Schnelldampfer der White Star=Line in der Regel nur
einmal in der Woche zur Beförderung einer Briefpoſt am
Donnerstag von Queenstown nach New=York benutzt.
Mangels anderer Gelegenheiten ſind gerade der Titanie‟
auf ihrer erſten Fahrt das einzige Mal im ganzen Monat
April auch große Poſten in Southampton und in Cher=
bourg
zugeführt worden, die der Dampfer planmäßig am
9. ds. verließ. Für die Vereinigten Staaten von
Amerika kommt die ganze deutſche Aufliefer=
ung
in Betracht, die den Lloyddampfer George Waſhing=
ton
nicht mehr erreichen konnte, der am 6. von Bremer=
haven
abging und am 7 noch Nachſendungen in Southamp=
ton
und Cherbourg erhielt. Die letzten Bahnpoſten nach
Southampton gingen von Berlin am 6. April, vormittags
11 Uhr 40 Min., nach Cherbourg nachmittags 1 Uhr. Die
letzte Bahnpoſt nach Queenstown für die Titanic verließ
Berlin erſt am 10., nachmittags 3 Uhr 15 Min.; es kommt
alſo die Auflieferung von 4 Tagen in Betracht. Ueber
England werden alle Arten von Briefſendungen befördert,
alſo auch Druckſachen, Geſchäftspapiere uſw.; ausgenom=
men
ſind lediglich Zehnpfennigbriefe nach den Vereinigten
Staaten. Der Titanic zugeführt werden mußte aber
planmäßig auch die ganze deutſche Poſt nach einem
großen Teil des übrigen Amerikas. Zur Beförderung mit
dem White Star=Dampfer waren, wie die Reichspoſtver=
waltung
amtlich mitteilt, mitgegeben Briefpoſten aus
Deutſchland für ganz Nord= und Mittel=Amerika, ſowie für
Japan, Kuba, Curagao, Haiti, San Domingo, Jamaika,
Porto Rico, Ekuador, Peru und Bolivien (La Paz). Es
handelt ſich dabei im weſentlichen um die Sendungen, die
zwiſchen den Poſtabgängen ab Köln am 6. April, 10.45 Uhr
abends (zum Dampfer George Waſhington des Nord=
deutſchen
Lloyds, am 7. April aus Cherbourg) und ab
Köln am 10. April, 4.41 Uhr früh (zum Dampfer Titanic‟
aufgekommen waren. Außerdem ſind dem Dampfer Ti=
tanic
zugegangen die Briefſendungen für Barbados, Ko=
lumbien
und Britiſch=Guyana, die nach dem Poſtabgang
ab Köln 6.13 Uhr nachmittags vom 9. April (zum Dampfer
der Royal Mail Steam Paket Company, am 10. April
von Southampton) vorgelegen haben. Ob die Briefpoſten
mit dem Dampfer Titanic untergegangen ſind, iſt zurzeit
noch nicht bekannt, nach den über den Unfall veröffentlich=
ten
Zeitungsmeldungen ſteht dies aber zu befürchten.
Letzte Nachrichten.
London, 17. April An der Sammlung des
Lordmajors für die Hinterbliebenen der Opfer der
Titanic haben ſich König Georg mit 10000, Königin
Mary mit 5000 und Königin Alexandra mit 4000 Pfund
Sterling beteiligt.
* Waſhington 18. April. Das Marinedeparte=
ment
beſchloß, um die Nachrichtenübermittelung
von der Carpathia zu erleichtern, zeitweiſe alle
drahtloſen Stationen nördlich von Norfolk (Virginien) zu
ſchließen mit Ausnahme weniger Stationen, die durch die
Tätigkeit der Privatapparate nicht geſtört werden können.
* New=York, 18. April. Bis jetzt ſind noch keine
Einzelheiten über die Kataſtrophe der
Titanic an die Küſte gelangt, nur eine Liſte der
Zwiſchendeckpaſſagiere und einige Telegramme von Ge=
retteten
an Verwandte und Freunde, in denen mitgeteilt
wird, daß ſie ſich in Sicherheit befinden, ſind bekannt. Die
Carpathia gab noch keinen Bericht. Sie dampfte heute
rüh die Küſte her ab und wird heute abend hier erwartet.
Erſt dann wird über den Hergang der Einzelheiten be=
ichtet
werden können.

Handel und Verkehr.

Stand der Darmſtädter Volksbank, e. G.
n. b. H., am 31. März 1912. Aktiva. 1. a) Kaſſa
Sorten und Kupons M. 11158.73: b: Guthaben bei
der Reichsbank und dem Poſtſcheckamt M. 16090,49.
2. Wechſel= und Deviſen=Konto M. 455838.37. 3. Bank=
derkehr
=Konto M. 365 987.97. 4. Lombard=Konto
M. 346541.32. 5. Effekten=Konto M. 526969.35. a) inlän
diſche Staatspapiere Nom. M. 304 381.42; b) ſonſtige
dei der Reichsbank und anderen deutſchen Notenbanken
deleihbare Wertpapiere M. 200 600.; c) ſonſtige Wert=
dapiere
M. 6749.60. 6. Konto=Korrent=Konto (ſämtlich
gedeckt) M. 3072869.75. 7. Vorſchuß= u. Vorſchußwechſel=
Konto M. 884 067.74. 8. Haus= und Immobilien=Konto
M. 346851.15. 9. Mobilien=Konto M. 696.20. 10. Schrank=
ächer
=Konto M. 1. 11. Haus= u. Immobilien= Unter=
haltungskoſten
=Konto M. 468.28. 12. Verwaltungskoſten=
Konto M. 1596).09. Sa. M. 6 143929.44. Paſſiva.
Geſchäftsanteil=Konto M. 1468788.30. 2. Reſervefonds=
Konto 1 M. 337172.18. 3. Reſervefonds=Konto 2 und
Immobilienreſerve M. 80350.47. 4. Delkredere=Konto
M. 50000. 5. Penſions= u. Unterſtützungsfonds=Konto
M. 180545.20. 6. Hypotheken=Konto M. 66000. 7. Ak=
geptationen
= u. Aval=Konto M. 65490. 8. Bankverkehr=
Konto M. 32 140.42. 9. Konto=Korrent=Konto M. 141387.94
10. Sparkaſſen= und Scheck=Konto M. 3668821.71. 11. Di=
idende
=Konto M. 17919.91. 12. Zinſen=Konto M. 20313.31.
3. Jubiläumsfonds M. 15000. Sa. M. 6 143929.44.
Imſchlag im März M. 5012760.60. Mitgliederzahl Ende
März 1989.

Vermiſchtes.

Leipziger Lebensverſicherungs= Ge=
ellſchaft
auf Gegenſeitigkeit (Alte Leip=
figer
). Die Ergebniſſe des verfloſſenen 81. Geſchäfts=
ahres
der Geſellſchaft ſind wiederum ſehr erfreuliche ge=
peſen
. Im Eingang und im Abſchluß neuer Verſicher=
ingen
, ſowie in dem erzielten Reinzuwachs hat das Jahr
911 alle ſeine Vorgänger übertroffen. Nach den vorläu=
igen
Feſtſtellungen ſind in der Todes= und Lebensfallab
eilung zuſammen rund 11300 Anträge über 93000 000
Mark (das ſind 1400 Anträge über 10500000 Mark mehr
els im Jahre 1910) eingereicht und rund 10300 Verſiche=
ungen
über 83700000 Mark (1200 Verſicherungen über
§ 600000 Mark mehr als im Jahre 1910) abgeſchloſſen
vorden. Durch einen Reinzuwachs von rund 51000000
Mark (gegen 43338800 Mark im Jahre 1910) iſt der Ver=
icherungsbeſtand
Ende 1911 auf 988000000 Mark geſtiegen,
ie ſich auf mehr als 110000 Perſonen verteilen. Ueber
ie finanziellen Ergebniſſe können vor Fertigſtellung des
technungsabſchluſſes keine ziffermäßigen Angaben gemacht
verden; ſie dürften jedoch bei dem günſtigen Verlaufe der
Sterblichkeit ſehr zufriedenſtellend ſein und in keiner Weiſe
inter denen der Vorjahre zurückbleiben.

Literariſches.

Wodans Geſchlecht oder Markſteine deut=
Her Flut und Stauung, von Volker (Profeſſor Dr.
trickſtrack). Verlag E. W. Bonſels u. Co., München.

Einen Hutten redivivus nennt mit Recht der Autor ſelbſt
dieſes Werk. Eine überragende dichteriſche Kraft, eine
echt deutſche markige Kernnatur beſingt in dieſem um=
fangreichen
Bande die deutſche Art, deutſchen Geiſt,
deutſche Schwächen und deutſches Heldenleben. Ueber
400 Gedichte und Geſänge, rubriziert in die alte, die mitt=
lere
und die neue Zeit, ſind in dieſem herrlichen Buche
zuſammengetragen als Markſteine des Deutſchtums und
zu Markſteinen inneren wahrem völkiſchen Empfindens
müſſen ſie werden jedem, der ihrer zwingenden Lektüre
ſich hingibt.
Die ſchöne Seele. Bekenntniſſe, Schriften und
Briefe der Suſanna Katharina von Kletten=
berg
, herausgegeben von Heinrich Funck. Mit 10 Tafeln
in Lichtdruck. Inſel=Verlag, Leipzig. In Pappband 6 Mk.,
in Halbleder 8 Mk. Dies Buch gibt einen tiefſinnigen
Klang aus den Tagen des Pietismus, aus den Kreiſen der
Stillen im Lande Alles iſt darin mit den Bekenntniſſen
einer ſchönen Seele aus Goethes Wilhelm Meiſter ver=
einigt
worden, was ſich von dem Fräulein von Kletten=
berg
erhalten hat. Suſanna Katharina von Klettenberg
(17231774) war die Freundin der Mutter Goethes, der
ſie, mit dem Dichter zu ſprechen, wie Rat der Tat zur Seite
ſtand; die Freundin Lavaters, der ihr einen warmen Nach=
ruf
widmete, und die mütterliche Freundin des jungen
Goethe ſelbſt, der in den ſchönen Verſen: Sieh in dieſen
Zauberſpiegel ihr beſänftigendes Weſen ſo überzeugend
ausſprach, während noch der reife Dichter in einem ſeiner
größten Werke ihr ein unvergängliches Erinnerungsdenkmel
geſetzt hat. Von ihr ſagte Lavater, ſie ſei die chriſtlichſte
Chriſtin, die ich kannte in ihr trat Goethe die neben dem
jungen Lavater ſtärkſte religiöſe Perſönlichkeit entgegen.
Ueber den äußeren Lebensgang des Frl. v. Kl. und über
manches andere gibt der Herausgeber in einer vortrefflichen
Einleitung Bericht, wie er auch in gehaltvollen Anmerk=
ungen
alles Wiſſenswerte zur Einzelerklärung beiſteuert.
* Die politiſchen Parteien Deutſchlands.
Dem erſten Bande, der den Konſervativismus behandelt, hat
Dr. Oscar Stillich, Dozent an der Humboldtakademie in
Berlin, nun den zweiten Band folgen laſſen, der den Libe=
ralismus
behandelt und eine wiſſenſchaftliche Dar=
legung
ſeiner Grundſätze und ſeiner geſchichtlichen Entwick=
lung
gibt. (Verlag Dr. Werner Klinkhardt, Leipzig,
Liebigſtr. 2, broſch. 6 Mk.). Für den praktiſchen Politiker,
wie für den Laien, der ſich unterrichten will, iſt das Buch
gleich wertvoll und es füllt in der Tat eine bisher empfind=
liche
Lücke aus.

Der italieniſch=türkiſche Krieg.

Paris, 18. April. Mehreren Blättern wird aus
Rom gemeldet, daß Italien, das den Mißerfolg des
Vermittlungsſchrittes der Mächte in Konſtantinopel als un=
vermeidlich
anſehe, entſchloſſen ſei, in Kürze eine ent=
ſprechende
Aktion im Archipel zu unternehmen.
Der Figaro will wiſſen, daß das italieniſche Geſchwader,
an deſſen Bord ſich ein zahlreiches Landungskorps befin=
den
werde, ſich mehrerer ſüdlich nahe am Dardanel=
leneingang
gelegener Inſeln, Lesbos, Lemnos, Im=
bros
uſw., bemächtigen werde. Man ſei auf einen ſtarken
Widerſtand ſeitens der Türken gefaßt, doch ſei die Regier=
ung
überzeugt, daß die niederſchmetternde Ueberlegenheit
ihrer Flotte dieſem Widerſtand ein raſches Ende bereiten
werde. Im Beſitze dieſer Stützpunkte würden die italie=
niſchen
Streitkräfte die Türken ernſtlich beunruhigen und
ihr Handeln verhindern, vielleicht auch den Handſtreich
gegen die Dardanellen vorbereiten und ſo die Türkei zum
Friedensſchluß zwingen können.
* London, 18. April. Lloyd meldet aus Kon
ſtantinopel: Bei der Einfahrt zu den Darda=
nellen
wurde Kanonendonner gehört. Ein
italieniſcher Flottenangriff wird aus zuver=
läſſiger
Quelle gemeldet. Auch aus Paris liegen Mel=
dungen
vor, daß italieniſche Kriegsſchiffe vor Kum=Kaleſi
angekommen ſind. Ein italieniſches Schiff ſei geſunken.
* Konſtantinopel, 18. April. Hierher kam die
Nachricht, daß heute früh 27 italieniſche Kriegsſchiffe vor
dem Eingang der Dardanellen erſchienen ſind, die ſofort
von den Batterien bei Kum=Kaleſi beſchoſſen wurden. Ein
Schiff iſt von den Geſchoſſen getroffen und geſunken.

Darmſtadt, 19. April.
g. Strafkammer. Der 37jährige Schuhmacher Georg
Karl Ludwig Abt, aus Nidda gebürtig, hatte ſich geſtern
vor der hieſigen Strafkammer wegen mehrerer Diebereien
und Betrügereien zu verantworten. Nicht weniger als
17 Vorſtrafen, zum Teil hohe Freiheitsſtrafen, hat der
Angeklagte, der zum Beginn der Verhandlung darum
bat, daß nicht ſeine ſämtlichen Vorſtrafen zur Verleſung
kämen. Auf ſeinen Wunſch durfte er auch zwecks beſſerer
Verteidigung am Verteidigertiſch Platz nehmen. Der
Angeklagte iſt anſcheinend bemüht, die Verhandlung mög=
lichſt
auszudehnen. Etwa 25 Zeugen ſind auch bereits
zur Verhandlung geladen worden. Der Angeklagte
wurde am 6. Juli vorigen Jahres, nach Verbüßung einer
Gefängnisſtrafe von 2 Jahren, aus dem Gefängnis ent=
laſſen
, nachdem ihm im Gnadenwege ein
Monat der Strafe erlaſſen war. Er wandte
ſich in Darmſtadt an die berufenen Stellen
um Zuweiſung von Arbeit, welche ihm auch ge=
währt
wurde. Er machte ſich dann ſelbſtändig, mietete
eine Werkſtätte und ließ Maſchinen aufſtellen. Arbeit
wurde ihm auf Veranlaſſung einiger wohlmeinender
Leute in reichem Maße zugebracht. Er zeigte jedoch im=
mer
deutlicher, daß es ihm durchaus auf die Arbeit nicht
ankam, er ſoll ſich in Wirtſchaften herumgetrieben haben
und die Schuhe, die ihm auch von armen Leuten zum
Reparieren gebracht wurden, waren verſchwunden, an=
ſcheinend
hatte ſie der Angeklagte verkauft. Als man
ſah, daß dem Angeklagten nicht zu helfen war, entzog
man ihm die Hilfe und als im Oktober ſeine Frau krank
wurde, ließ er ſich überhaupt nicht mehr in der Werk=
ſtatt
ſehen. Er ſoll nun als Brötchenmarder morgens
die Frühſtücksbeutel geleert haben, auch ſoll er am 18.
Januar 1912 ein an einen Zahnarzt gerichtetes Paketchen
mit Zähnen im Werte von über 100 Mark geſtohlen ha=
ben
. Der Briefträger hatte das Paketchen, das er nicht
in den Briefkaſten bringen konnte, an denſelben ange=
hängt
. Kurz danach ſah das Dienſtmädchen des Arztes
einen Mann mit einer Taſche und einer Laterne die
Treppe herunterkommen. Dieſer Mann hat jedenfalls
gleichzeitig im Hauſe die Frühſtücksbeutel geleert und
auch das Paket mit den Zähnen geſtohlen. Das Dienſt=
mädchen
erkennt in dem Angeklagten den Mann mit Be=

ſtimmtheit wieder, ein zweiter Briefträger hat den Mann
ebenfalls beobachtet. Von der Armenverwaltung er=
hielt
er ebenfalls Arbeiten von armen Leuten zugewieſen,
hierbei hat er nun in zwei nachgewieſenen Fällen die Be=
träge
von der Stadtkaſſe erhoben, obgleich die Schuhe
noch gar nicht repariert waren. Die Reparaturen ſind
dann auch ſpäter nicht von ihm gemacht worden. Die
Anklage ſieht hierin zwei Fälle von Betrug. Außerdem
iſt er des Zechbetrugs angeklagt. Der Angeklagte weiß
ſich ſehr geſchickt zu verteidigen. Den Vermieter der
Werkſtätte hat er wiederholt wegen Betrugs zu verklagen
verſucht. Im hieſigen Gefängnis hat er einen Gefäng=
niswärter
dadurch zum Selbſtmord veranlaßt, daß er
ihn bei der Verwaltung denunzierte, er hätte ihm viele
Vergünſtigungen zukommen laſſen. Seine Frau wird als
fleißig und ſtrebſam geſchildert, die unter dem rohen
Auftreten ihres Mannes viel zu leiden hat. Der Staats=
anwalt
Dr. Krug bemerkte in ſeinem Plaidoyer, daß die
Fürſorge bei dem Angeklagten zweifellos nicht am Platze
geweſen ſei, ſie begünſtigte nur ſeine offenbare Arbeits=
ſcheu
. Der Angeklagte hatte ihm vor der Verhandlung
ein Schreiben zugeſandt, worin er bat, alle Ausdrücke:
wie Verbrechernatur, Subjekt uſw. in ſeinem Plaidoyer
fortzulaſſen, da ihn das ſehr in ſeinem Fortkommen ſchä=
digen
würde. Der Staatsanwalt beantragte eine Ge=
ſamtſtrafe
von 2 Jahren 9 Monaten Zuchthaus.
Hierauf hielt der Angeklagte eine lange Verteidigungs=
rede
. Das Gericht erkannte auf 3 Jahre Gefängnis
und 3 Wochen Haft, letztere gelten als durch die Unter=
ſuchungshaft
verbüßt. Außerdem wurden ihm die bürger=
lichen
Ehrenrechte für die Dauer von 3 Jahren aberkannt;

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Burean.)
* München, 18. April. Das neu vermählte Prinzen=
paar
Georgvon Bayern hielten um 11¼ Uhr ſeinen
feierlichen Einzug in München.
* Wien, 18. April. Das Abgeordnetenhaus iſt
nach den Oſterferien wieder zuſammengetreten.
Zu Beginn der Sitzung ſprach der Präſident die Teilnahme
des Hauſes an dem Unglück der Titanic aus.
Die Abgeordneten hörten die Rede ſtehend an. Nach Schluß
derſelben rief Biankini: Sie vergeſſen das große Unglück
in Kroatien, deſſen ſollten Sie auch gedenken! (Unruhe).
Eingelaufen ſind drei Interpellationen der Südflaven, der
Tſchechen und der deutſchen Sozialdemokraten, in denen
gegen die Suſpendierung der Verfaſſung in Kroatien in
ſcharfer Weiſe Proteſt eingelegt wird.
* Peſt, 18. April. In der heutigen Sitzung des Ab=
geordnetenhauſes
teilte Miniſterpräſident von
Khuen=Hedervry mit, daß das Kabinett ſeine De=
miſſion
gab und dieſe vom Kaiſer angenommen worden
ſei. Hierauf wurden die Sitzungen bis zur Beendigung
der Kriſe vertagt.
* London, 18. April. Aus Tanger wird gemeldet:
Das drahtloſe Telegramm des engliſchen Konſuls in Fez
beſtätigt ſich, daß ein Teil der eingeborenen Truppen in
Fez und ein Teil der Bevölkerung ſich empören. Die
franzöſiſche Garniſon in Fez iſt ungefähr 1500 Mann ſtark.
H. B. Halle a. d. S., 18. April. Geſtern fand hier zwi=
ſchen
dem Oberleunant v. Puttkamer, kommandiert als
Adjutant zum Bezirks=Kommando in Aſchersleben und
dem Leutnant v. Heeringen, beide vom Infanterie= Regi=
ment
Nr. 27 in Halberſtadt, ein Piſtolenduell ſtatt.
Leutnant v Heeringen erhielt einen Schuß in den Unter=
leib
, der ſeinen Tod herbeiführte.
H. B. London, 18. April. Der kanadiſche Dampfer
Carl Gley mit Paſſagieren an Bord hat durch draht=
loſes
Telegramm dringend um Hilfe gebeten, da er in der
Nähe des Kap Bohn auf Grund gelaufen ſei. Der
Dampfer Minto iſt ſofort zur Hilfeleiſtung abgedampft.
Der Earl Gley verſieht den Dienſt zwiſchen Charlestown
und Picton.
Kopenhagen, 18. April. Der Dichter Strind=
berg
iſt ernſtlich erkrankt. Geſtern wurde eine
Bauchfellentzündung feſtgeſtellt. Es wurde ſofort eine Ope=
ration
vorgenommen, die glücklich verlief. Der Dichter
fühlt ſich ſehr ſchwach und hat heftige Schmerzen.

Bis an die Grenze
des Erlaubten wird die Packung von
Scotts Lebertran=Emulſion vielfach
nachgemacht, um ja den Eindruck des
Originalpräparates zu er=
wecken
. Man hüte ſich vor
ſolchen Nachahmungen und
beſtehe darauf, die echte
Scotts Emulſion zu er=
Nur echt mit dieſer
MarkerdemFiſcher halten, wenn man ſein Geld
dem Garanties
zeichen des Srott=
ſchen
Verjahrens; nutzbringend anwenden will.
(39336
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die sich seit 35 Jahren bewährt hat.

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(Statt jeder beſonderen Mitteilung.)
Heute nachmittag kurz nach 6 Uhr entſchlief
unſere innigſtgeliebte, treubeſorgte Mutter,
Großmutter, Schwiegermutter und Tante
Frau Hch. Röth Wwe.
Marie, geb. Wüst.
Um ſtilles Beileid bitten
die tieftrauernden Hinterbliebenen.
Darmſtadt und Höhr, den 17. April 1912.
Die Beerdigung findet Samstag, den 20. d. M.,
nachmittags 3 Uhr, vom Sterbehauſe Neue
Ireneſtraße 5 aus, ſtatt. (9360

Todes-Anzeige.
(Statt jeder beſonderen Anzeige.)
Infolge eines Unglücksfalles hat Gott der
Herr heute abend 8¼ Uhr unſere heißgeliebte,
herzensgute Mutter
(9376
Frau
Darbard Neumeyer Wid.
geb. Schneider
von ihren ſchrecklichen Qualen in die Ewigkeit
abgerufen. In tiefſtem Schmerze
die tieftrauernden Hinterbliebenen:
Geschw. Neumeyer.
Darmſtadt, 17. April 1912.
Die Beerdigung findet Samstag, den 20. April,
nachmittags 3 Uhr, vom Sterbehaus Große
Ochſengaſſe Nr. 22 aus, ſtatt. Die Einſegnung
¼ Stunde vorher.

Gottesdienſt der israelitiſchen Religiensgemeinde.

Haupt=Synagoge (Friedrichſtraße 2).
Freitag, den 19. April:
Vorabendgottesdienſt 7 Uhr 15 Min.
Samstag, den 20. April:
Morgengottesdienſt 8 Uhr 30 Min. Sabattaus=
gang
8 Uhr 15 Min.
Gottesdienſt an den Wochentagen: Morgens 7 Uhr.
Abends 8 Uhr 15 Min.

Gottesdienſt in der Synagoge der israelitiſchen Religions=
geſellſchaft
.

Samstag, den 20. April:
Vorabend 6 Uhr 45 Min. Morgens 7 Uhr 30 Min.
Nachmittags 5 Uhr. Sabattausgang 8 Uhr 15 Min.
Wochengottesdienſt von Sonntag, den 21. April,
an: Morgens 6 Uhr. Nachmittags 6 Uhr. Abends
8 Uhr. 15 Min.
NB. Montag, den 22. und Donnerstag, 25. April:
T. Scheni wachamischi.

Amtlicher Weterbericht.

Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.
Das Hochdruckgebiet im Nordoſten hat ſeine Lage
wenig verändert, ſich aber etwas verflacht. Unter ſeinem
Einfluß herrſchte heiteres, trockenes Wetter. In höheren
Lagen des Bezirks wurde Nachtfroſt beobachtet. Im
Flachland liegen die Morgentemperaturen meiſt über
dem Gefrierpunkt. Von Weſten her fällt der Druck
langſam, ſo daß morgen mit langſam zunehmender Be=
wölkung
, doch noch trockenem Wetter zu rechnen iſt.
Ausſichten für Freitag, den 19. April 1912:
Allmählich zunehmende Bewölkung, trocken, warm.

Tagestalender.

Hoftheater, Anfang 7 Uhr (Ab. A): Die luſtigen
Weiber von Windſor.
Schüler=Aufführungen der Klavierſchule von Frl.
Rieger um 5 Uhr im Fürſtenſaal.
Hauptverſammlung des Verkehrsvereins um 8½ Uhr
im Fürſtenſaal.
Konzerte: Hotel Heß, Bürgerkeller und Reſtaurant
Metropol um 8 Uhr.
Ausſtellung von Marmortransparenter
im Ausſtellungsgebäude auf der Mathildenhöhe ( ge=
öffnet
von 106 Uhr).
1. Darmſtädter Kinematograph (Ecke Rhein=
u
. Grafenſtraße): Vorſtellungen von 3½11 Uhr.
Vorſtellungen im Reſidenztheater von 411 Uhr.
The American Bio Co., Ernſt=Ludwigsſtr. 23,
Vorſtellungen von 411 Uhr.
Bilder vom Tage. (Auslage Rheinſtraße 23): Das
neue deutſche Lehrgeſchwader; das Denkmal der
Königin Viktoria von England in Nizza: Porfirio
Diaz, der Expräſident von Mexiko, in Madrid; Graf
und Gräfin Metternich als Kinoſchauſpieler.

Verſteigerungskälender.

Samstag, 20. April.
Mobiliar= ꝛc. Verſteigerung um 9 Uhr Aliceſtr. 30
Dünger=Verſteigerung um 9½ Uhr in der Drag.
Kaſerne (Regiment Nr. 23), um 9½ Uhr in der Drag.=
Kaſerne (Regiment Nr. 24).

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil, Inſeratbeilagen und Mitteilungen
aus dem Geſchäftsleben: Hans Heitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

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Mk. 2.25
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vormittags 10 Uhr,
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484 Hofreite) Mühl=
II 6191/10 394 Hofreite) ſtraße,
in unſerem Bureau zwangsweiſe
verſteigert werden.
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Müller. (V9344
Verkauf von
Matratzenſtreu.
Am Samstag, den 20. April,
wird die Matratzenſtreu einer
Eskadron auf dem Hofe der Ka=
valleriekaſerne
an der Holzhofallee
verſteigert. Der Verkauf beginnt
um 10 Uhr vormittags. (9266
Leib=Dragoner=Regiment
Nr. 24.
Dünger=Be
kauf.
Am Samstag, den 20. April
1912, von 9½ Uhr vormittags
ab, wird auf dem vorderen Hofe
der alten Kavalleriekaſerne inDarm=
ſtadt
die Matratzenſtreu von einer
Eskadron öffentlich meiſtbietend
verſteigert.
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Garde=Dragoner=Regiment
(1. Großh. Heſſ.) Nr. 23.
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Teppich=Verkauf.
Von Montag, den 15. bis Sams=
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den ganzen Tag geöffnet, verkaufe
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darunter India Bouche‟, Verſéra,
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Das neue Schuljahr beginnt Montag, den 22. April ds. Js.
Für Schülerinnen aus dem Stadtteil Beſſungen findet der Unterricht
im Mittelſchulgebäude an der Hermannſtraße, für ſolche aus dem
Nordweſtviertel im Schulhauſe an der Lagerhausſtraße, für alle
übrigen Schülerinnen im Schulhauſe an der Rundeturmſtraße ſtatt.
Anmeldungen für alle Abteilungen werden Montag, den
22. ds. Mts., vormittags von 1012 Uhr, im Schulhauſe an
der Rundeturmſtraße von dem Leiter der Schule entgegengenommen.
Unterrichtsgegenſtände ſind: Hand= und Maſchinennähen,
Flicken, Stopfen und Sticken, Kochen, hauswirtſchaftliches Rechnen
und Deutſch, ſowie außerdem für vorgeſchrittene Schülerinnen Anfer=
tigung
von einfachen Kleidern.
Das Schulgeld beträgt:
a) für hieſige Schülerinnen vierteljährlich drei Mark;
b) für auswärtige Schülerinnen vierteljährlich neun Mark.
Es kann in monatlichen Raten von einer und drei Mark
bezahlt werden.
In beſonderen Fällen können hieſige Schülerinnen Freiſtellen
erhalten.
(9103imd
Darmſtadt, den 15. April 1912.
Der Schulvorſtand:
Dr. Gläſſing, Oberbürgermeiſter.
Kaufmänniſche Fortbildungsſchule.
Der Fortbildungsunterricht beginnt am 23. April d. J.
mit folgenden Unterrichtsfächern:
Buchführung, Wechſellehre, Korreſpondenz, kaufm. Rechnen,
Stenographie, Maſchinenſchreiben, Engliſch und Franzöſiſch.
Anmeldungen bei: Frl. A. Ruths, Heidenreichſtraße 29, I.
und Frl. Ph. Walz, Karlſtraße 43, I.
Auskunft u. Proſpekte bei: Frl. Neudecker, Schirmgeſchäft,
Ernſt=Ludwigſtraße 9.
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Der Vorstand.

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[ ][  ][ ]

Der Hof des Schweigens.

Ein Roman aus Island von Anny Wothe.
erbsten.)
23)
Copyright 1910 by Anny Wothe, Leipzig.
Das war ein luſtiges Leben, als alle ſich am Mor=
gen
lachend um den Brunnen drängten, ihre Morgen=
wäſche
zu halten.
Der Gaſtwirt des Valhöll hatte bereitwilligſt den Da=
men
ſeine eigene Wohnſtube zur Verfügung geſtellt, um
ihre ſehr derangierte Toilette aufzufriſchen, und die Män=
ner
hatten ſich im Pfarrhaus ſo gut zurecht gemacht, als
es anging.
Im Pfarrhofe hatte man ihnen friſche Milch gereicht
in Hülle und Fülle, und ſogar friſchen Kuchen hatte die
Pfarrerin herbeigetragen.
Nun machte ſich die kleine Geſellſchaft auf zur Beſich=
tigung
der Tingvalla.
Bjarni ging mit dem Amtmadur als Führer voran.
In einzelnen Trupps folgten die anderen. Die Almanngja,
die ſchmale Felsſchlucht genauer in Augenſchein zu neh=
men
, die ſie ſchon geſtern abend flüchtig kennen gelernt,
darauf brannten ſie alle.
Zwei wild zerklüftete, ſtarre Steinmauern ſtehen ſich
hier gigantiſch gegenüber. Zwiſchen ihnen gähnt ein
bodenloſer Abgrund, und auch zur Seite tut ſich eine
grauenerregende Tiefe auf.
Hier haben einſt vulkaniſche Kataſtrophen meilenweite
Riſſe in die Erde geſprengt.

Wie ein Bann laſtet es auf der Reiſegeſellſchaft.
Nur Signe lacht und trällert vor ſich hin und muſtert
ihre neuen Reitſtiefel von gelbem Leder, ob ſie noch nicht
gelitten haben.
Sie durchſtöbert mit den Studenten am Fuß der Oſi=
wand
des Allmanngja luſtig die alten Steinhütten, die
als die einſtigem Wohnſtätten der Tingmänner während
der Tage der Tingverſammlung gedient hatten. Ing
wald Anderſen iſt ihr heute ein Fremder. Sie blickt hoch=
mütig
über ihn hinweg.
Ole Gudmund war ſo albern mit ihr böſe zu tun,
weil ſie ſich während der Nacht einen anderen Lagerplatz
geſucht.
Mochte er doch. Was ging ſie der blonde Doktor mit
ſeiner Liebe an.
Gegen Mittag machte man kurze Raſt. Der grüne
Raſen diente als Tiſchtuch bei dem mitgebrachten ein=
fachen
Mahl. Dann ging es weiter über die im Sonnen=
licht
flimmernde Tingvalla.
Mit Bjarnis Hilfe, der ebenſo wie Jon Thorkjel,
heute nicht von Hallgerdrs Seite wich, war Hallgerdr mit
Jorum an einigen Stellen der Allmanngja tief in die
wilde Schlucht hinabgeklettert, um dem großartigen Fall
des Oexerafluſſes, der machtvoll über die ſchwarze Ba=
ſaltwand
herniederbrauſt, näher zu kommon.
Das Wiederheraufklettern ging weniger leicht, und
ſeblſt Bjarnis Hilfe erwies ſich nicht als ausreichend. Als
er ging, einen beſſeren Uebergang zu ſuchen, ſtand der
Kapitän oberwärts und ſtreckte ihre beide Hände entgegen.

Hallgerdr legte die ihren hinein, und er zog ſie ſchnell
die Höhe hinan, feſt an ſeine Bruſt. Sie hatte plötzlich
das Gefühl, als könnten die großen, feſten, kräftige
Männerhände ſie fürs Leben halten und ſtützen.
Wie ein Lächeln, ein verklärendes Lächeln lag es
dem finſteren Geſicht des Kapitäns, als er in Hallgerdrs
ſtrahlende Augen ſah, die jetzt tief errötend einen Schrit
von ihm zurücktrat und dann langſam mit ihm weite
ſtieg. Dann pflückten ſie zuſammen Heidekraut. Es leuch=
tete
hier und da zwiſchen Moos und Geſtein mit ſeinen
roſenroten Glocken auf. Dabei wurde beiden leicht und
froh zu Mut, und Hallgerdr dachte plötzlich, wie kindiſch
es von ihr geweſen, ſich vor dem Kapitän in dieſer Nach=
zu
fürchten.
Sie ſtanden im blendenden Sonnenlicht und blickten
über die Tingvalla.
Der Oexerafluß überſchwemmt hier einen großen Teil
der weiten Ebene wodurch viele kleine Inſelchen, ſog
nannte Holme, entſtehen.
Hallgerdr umfing das eigenartige Bild mit leuchten.
den Augen, und ihr fiel ein, daß der Vater oft aus den
alten Sagabüchern von den Holmgängen vorgeleſen.
Der Kapitän, dem ſie darüber berichtete, fragte
lächelnd
Was iſt das, ein Holmgang?
Da kämpfen Mann gegen Mann, gab ſie mit reizender
Wichtigkeit Auskunft, der Stärkere gewann. Oft ein gro=
ßes
Stück Land, oft Geld und Gut und oft nur ein
Weib.

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[ ][  ][ ]

Aur ein Weib, rief der Kapilän, ſie mit aufglühenden
Augen umfaſſend. Wer das gewann, der kämpfte gewiß
um das höchſte Gut. Welche Luſt muß es ſein, um das
Weib, das man liebt, kämpfen zu können mit aller zu Ge=
bote
ſtehenden Kraft. Jeder Holmgang, und wäre es der
ſchwerſte, würde mir recht ſein, könnte ich dadurch das
Weib erringen, das meine Seele ſucht.
Die Holmgänge brachten faſt immer einem der Käm=
pen
den Tod, miſchte ſich da plötzlich Bjarni Petrurſſons
finſtere Stimme ein.
Er mußte alſo ſchon lange hinter dem Paar geſtan=
den
und das Geſpräch angehört haben.
Unwillig wandte ſich Hallgerdr zurück als ſie aber
in die dunkelglühenden finſteren Augen des Knechtes ſah,
erſtarb ihr das harte Wort auf den Lippen, und ihr Auge
ſuchte bittend den Blick des Kapitäns, der auch ſchon eine
heftige Entgegnung bereit hielt.
Du kommſt, zum Aufbruch zu mahnen, guter Bjarni,
meinte ſie dann gleichmütig. Sofort ſind wir zur Stelle,
und ſich zu Jon wendend, der eben auch herbeikam, be=
feſtigte
ſie ihm ein Sträußlein Heidekraut an der Bruſt.
Das ſollſt Du zum Andenken mitnehmen, Jon, an
einen ſchönen Tag.
Die hellen Augen des Studenten ſtrahlten auf. Wie
Feuer brannte das rote Haar um ſeine weiße Stirn, um
die ſich eine tiefe Leidensfalte grub.
So ſchauen die Dichter in der Träume Land, dachke
der Kapitän, und ihn faßte unwillkürlich ein tiefes Mit=

in ret ine imen en e ene en
den Jon Thorkjels ſchob und langſam Hallgerdr folgte,
die mit Bjarni voraus der Pfarrwieſe zuſchritt.
Unterdes hatte ſich Signe, nachdem ſie viel ſchöne
Blicke an die beiden Studenten verſchwendet hatte, die
ihr mächtig den Hof machten, den wenige hundert Schritte
hinter dem Gaſthauſe beginnenden Schluchten Floſagja
und Nikulaſergja heimlich zugewandt. Signe wußte ganz
genau, Ole Gudmund, der ſie nicht aus den Augen ließ,
würde ihr folgen.
Sie kletterte gewandt über die einzige gangbare
Stelle die über die Floſagja führt, und ſie winkte
lachend zurück, als ſie zwiſchen den ſchwarzen Felsblöcken
die breite Geſtalt des Doktors gewahrte. Er iſt zwar we=
niger
gewandt als ſie, aber auch er erreicht das andere
Ufer. Inzwiſchen iſt Signe ſchon weit. Ihren gelben
Südweſter hat ſie zurück in den Nacken geſchoben, und
über ihrer weißen Stirn gleißt das goldbraune Haar in
einem kupferroten Schein.
Sie lacht in ſich hinein, wenn ſie an Ole Gudmund
denkt, aber ihre Augenbrauen ſchieben ſich finſter zuſam=
men
, wenn ihre Gedanken zu Ingwald Anderſen fliegen.
Beleidigt hatte er ſie, und das ſollte er büßen. Signe
Thorkjel hatte noch keiner verſchmäht.
Nun hatte ſie den langgeſtreckten, ſchwarzen Lava=
felſen
, der die beiden ſchmalen Schluchten trennte, erreicht.
Sicher ſtieg ſie die mäßige Anhöhe hinan. Mit zuſam=
mengelnifſenen
, blinzeinden Augen beobachtete ſie, wie
Gudmund folgte.

und wieder lachte ſe. Das war der Bgsberg ( Ge=
ſetzesberg
), von dem ſie ihm verheißen, hier wollte ſie ihm
Antwort geben..
Sie hielt jetzt inne und blickte hinab in die wilden
Schluchten und über die Tingvalla, die nun im Abendglanze
ſich vor ihr breitete.
Hier, von dieſer Stelle aus, war Jahrhunderte hin=
durch
den Kindern des Landes Recht und Geſetz verkündet
worden.
Wie töricht, dachte Signe. Wer ſich das Recht nahm,
dem fiel es doch zu.
Jetzt hatte Ole Gudmund ſie erreicht.
Sie machen es mir ſchwer, Schönſte der Schönen, redete
er ſie an, ſeinen Oelhut abnehmend und ſich den Schweiß
von der breiten Stirn trocknend, eigentlich hatte ich es ſchon
aufgegeben, Sie einzuholen.
Das ſieht Ihnen ähnlich, kicherte ſie, ſich lang auf den
ſpärlichen Grasboden ausſtreckend und den Reitrock kokett
über die hellgelben Stiefel ziehend. Jetzt aber könnten Sie
noch ein wenig mit mir plaudern, ich langweile mich ſo.
Hier? fragte Ole erſtaunt, hier, wo jeder Stein redet?
Hier, wo einſt Njal, der Seher, zu Gericht ſaß, wo ſein
herrſchſüchtiges Weib Bergthora auf ihrem goldflammen=
den
Pferde über die Tingebene ritt, wo tauſende von
Schwertern und Schilden im Sonnenglanze leuchteten?
Signe hatte nachläſſig den Arm aufgeſtützt und hielt
nun ihren hübſchen Kopf in ihrer Hand. Sie ſah neugie=
rig
herüber zu Gudmund, der ſich an ihrer Seite niederließ.
(Fortſetzung folat.)

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Einladung zur ordentlichen Hauptversammlung
auf Samstag, den 27. April, abends präzis 7 Uhr,
im Kaisersaal (Alpenvereinszimmer).
TAGES-ORDNUNG:
i1. Verlesung des Protokolls der vorjährigen Hauptversammlung.
2. Jahresbericht des Vorsitzenden.
3. Rechnungsablage und Entlastung des Schatzmeisters.
4. Satzungsänderung.
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Alle Mitglieder und Freunde des Flottenvereins sind ein-
igeladen
und willkommen.

Der Vorstand.

Gemeinnützige Gartenstadt-Genossenschaft
DARMSTADT.
Einladung zur ordentlichen Generalverſammlung
am Samstag, den 27. d. Mts, abends 8 Uhr,
im Lokale des Herrn Chriſt, Grafenſtraße
(Saal des Kaufmänniſchen Vereins).
Tagesordnung:
1. Vorlage der Bilanz,
2. Wahl von Aufſichtsratsmitgliedern,
3. Verſchiedenes.
Der Vorſitzende des Aufſichtsrats:
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Sonntag, den 21. April 1912.
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[ ][  ][ ]

Sport.

Radrennen in Mainz. Die beiden am nächſten
Sonntag ſtattfindenden Dauerrennen haben in Ro=
ſenlöcher
, Pongs und Jean Weiß exſtklaſſige Beſetzung
gefunden. In dem Amateur=Fliegerrennen fährt u. a.
Chriſtel Rode, der letzten Sonntag in Frankfurt a. M.
eine ſehr gute Form zeigte, in den Berufsfahrer= Flieger=
rennen
ſtarten alle Mainzer, unter ihnen Bärſch, ſowie
Otto Meyer, Bettinger u. a. Wie hoch Roſenlöcher, der
von dem maßgebenden radſportlichen Blatt, der Radwelt,
als guter Vertreter der A=Klaſſe bezeichnet wird, ſeine
Gegner einſchätzt, beweiſt der Umſtand, daß er ſchon ſeit
Dienstag auf dem Sportplatz trainiert.
sr. Neuregelung des Totaliſator=Geſetzes. Wie die
Sportliche Rundſchau erfährt, werden zurzeit im Reichs=
ſchatzamt
Erhebungen angeſtellt, die eine Neuregelung
des Totaliſator=Geſetzes bezwecken. Die Beratungen, zu
welchen die pferdeſportlichen Autoritäten Geh. Ober=
regierungsrat
Herr U. von Oertzen, der Vorſitzende der
Techniſchen Kommiſſion des Union=Klubs, Freiherr
S. A. von Oppenheim, der Berliner Rechtsanwalt Dr.
Julius Meyer I., Kriminal=Kommiſſar von Manteuffel,
ſowie die Vertreter verſchiedener Rennvereine von der
Reichsregierung zugezogen ſind, beſtreben, eine Regel=
ung
der Wettverhältniſſe zu finden, die eine Beſteuerung
der franzöſiſchen Wetten ermöglicht. Unter den heutigen
Verhaltniſſen bleiben bekanntlich die vielen Millionen,
die ungeachtet aller Verbote bei Buchmachern im In=
lande
nach Frankreich gewettet werden, unverſteuert. Auch
die Frage ob dieſe Beſteuerung auf dem Wege der
Konzeſſionierung von Buchmachern mög=
lich
iſt, bildet den Gegenſtand der Beratungen. Die Be=
ſprechungen
werden von Geh. Oberregierungsrat Hoff=
mann
geleitet. Man kann nur hoffen, daß die bereits
ſeit einiger Zeit ſchwebenden Erwägungen, die ſowohl
im Intereſſe unſeres Rennſports wie unſerer Finanzen
nur freudig zu begrüßen ſind, durch den jüngſten Wechſel
in der Leitung des Reichsſchatzamtes nicht ins Stocken
geraten.
Deutſchland und die V Olympfade in Stockholm.
Der Gau Berlin des Deutſchen Radfahrer=Bundes hat
für den 16. Mai ein Ausſcheidungsrennen feſtgeſetzt, um
die Teilnehmer am Straßenradrennen Rund um den
Mälarſee das während der V. Olympiade in Stock=

holm entſchieden wird, feſtzuſtellen. Für die Wettfahrt
iſt die 84 Kilometer lange Rundſtrecke Börnicke-Tietzow,
Linum, Hakenberg, Fehrbellin, Dammkrug, Walchow,
Protzen, Gartz, Kokel, Frieſack, Nauen vorgeſehen, die
viermal zu durchfahren iſt. Vorher tritt am 28. April
in Berlin der Vorſtand des D. R.=B. zuſammen, um
über zie Entſendung der Rennfahrer, ſowie der Mann=
ſchaften
für Radball und Radpolo zu den Olympiſchen
Spielen in Stockholm zu beraten.
* Lawn=Tennis. Das Internationale
Lawn=Tennis=Turnier zu Montreux, bei
dem die beteiligten deutſchen Spieler recht erfolgreich
abſchnitten, iſt jetzt faſt in allen Spielen beendet. Das
gemiſchte Doppelſpiel um die Meiſterſchaft konnte H.
Kleinſchroth mit Miß Cenori als Partnerin gegen das
Ehepaar Deeugis 57, 63, 62 gewinnen. Im
Herreneinzelſpiel um die Meiſterſchaft ſiegte dagegen
Deeugis in der Vorſchlußrunde gegen R. Kleinſchroth
26, 61, 75. Er trifft nun in der Entſcheidung auf
den Grafen Salm, der in der Vorſchlußrunde H. Klein=
ſchroth
46, 64, 75 abfertigte. Das Herrendoppel=
ſpiel
um die Meiſterſchaft gewannen Graf Salm=Deeugis
gegen Rahe=H. Kleinſchroth 86, 63, 46, 63 nach
ſpannendem Kampfe.
* Die Abbazianer Sportwoche, deren Mit=
telpunkt
ein internationales Motorboot=Wettfahren bildet,
für das bereits aus allen Ländern Anmeldungen vorlie=
gen
, wird am 4. Mai d. J. durch die feierliche Eröffnung
der Motorboot=Ausſtellung eingeleitet werden. Am ſelben
Tage treffen die Teilnehmer an der internationalen Auto=
mobiliſtenfahrt
ein. Der ganze folgende Tag iſt mit ge=
ſellſchaftlichen
Veranſtaltungen ausgefüllt. Am 6. und
7. Mai finden die erſten großen Motorboot=Wettfahrten
ſtatt. Für den 8. Mai iſt ein Seeausflug in den Kriegs=
hafen
von Pola geplant. Am 9. Mai werden die Motor=
bootfahrten
fortgeſetzt. Am 10. Mai findet ein Automobil=
Ausflug auf den herrlichen Monte Maggiore ſtatt. Sams=
tag
, den 11. Mai, wird der Kaiſerpreis und Sonntag, den
12. Mai, der große Preis von Abbazia ausgetragen. Für
jeden Abend während der ganzen Sportwoche ſind glän=
zende
geſellſchaftliche Veranſtaltungen, Banketts, Park=
feſte
, Redouten und dergleichen vorgeſehen. Der Termin
der Feſtwoche iſt außerordentlich glücklich gewählt. Ab=
bazia
iſt gerade im Zauber des Mai von unendlicher
Schönheit. Der Ort gleicht um dieſe Zeit einem rieſigen

Nofenhaln, ſchier betänbeider Blitenduſt erfült daum daß
ganze Ufer. Der Himmel iſt im Mai an der öſterreichiſchen
Riviera faſt immer klar, das Meer ruhig und tiefhlau
ſchillernd. Wer Abbazia um dieſe Zeit ſieht, begreift, daß
es im Liede die Perle der Adria heißt.

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