Darmstädter Tagblatt 1912


08. März 1912

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175. Jahrgang
monatl. 60 Pfg., viertelj. 1.80 Mk., aus=
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u. 1.80 Mk. viertelj. Verantwortlichkeit
den Annoncen=Expeditionen. Bei
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gerichtlicher
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ſchriebenen Tagenwirdnichtübernommen.
Illuſtriertes Unterhaltungsblatt.
kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.
Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 20 Seiten.

Das Neueſte vom Tage.

Der Kaiſer iſt geſtern in Kuxhaven eingetroffen.
2
Heute findet die endgültige Wahl des Reichs=
tagspräſidiums
ſtatt.
Bei einer Exploſion in den Linoleum=Werken in He=
germühle
wurden 5 Arbeiter getötet.
Das Komitee der engliſchen Zechenbeſitzer
und der Exekutivausſchuß des Berg=
arbeitarverbandes
ſind am Mittwoch nach=
mittag
in geſonderten Beratungen zuſammengetreten.
Der Aviatiker Salmey hat die Luftlinie
London-Paris in 3 Stunden durchflogen.

Mittelſtandsfürſorge.

Seit langen Jahren war das Amt eines ſogenann=
ten
Sprechminiſters mit dem des Staatsſekretärs des
Innern verbunden und zwar nicht zuletzt infolge der Zu=
ſammenſetzung
dieſes Reichsamtes, das die verſchieden=
artigſten
Zwecke umfaßt und demgemäß die größte Aus=
dehnung
auch bei der parlamentariſchen Vertretung er=
fordert
. Auch an Herrn Delbrück iſt dieſer Kelch nicht
vorübergegangen, er hat nicht nur zu einzelnen Fragen
Rede und Antwort geſtanden, ſondern in einer Scrie von
Reden zu den verſchiedenen Gebieten ſeinen Standpunkt
eingehend dargelegt. Eine derartige Verteilung iſt durch=
aus
zu begrüßen, denn ſie ſchafft größere Klarheit, als
wenn der Staatsſekretär die verſchiedenſten Gabiete bunt
durcheinander gemengt hätte.
Nachdem der Staatsſekretär ſich zuerſt über die Sozial=
politik
verbreitet und bei dieſer Gelegenheit die bemer=
kenswerte
Erklärung abgegeben hatte, daß er nicht daran
denke, ein Ausnahmegeſetz auf dem Gebiete des Arbeits=
willigenſchutzes
auszuarbeiten, gab er im weiteren Ver=
lauf
der Verhandlungen ein Expoſé über die Wirtſchafts=
politik
, um ſich dann in einer neuen Rede der in den De=
batten
zu ſeinem Etat mehr als eingehend behandelten
Mittelſtandsfrage zuzuwenden. Dieſe Rede an
ſich genommen, war eine tüchtige Leiſtung, ſie verriet
ſorgfältige Ausarbeitung und wies eine ſcharfe Dispo=
ſition
auf. Der Staatsſekretär ging dabei von dem Ge=
danken
aus, daß es keineswegs dem geſamten Mittel=
ſtande
ſchlecht gehe, daß ſich Zweige desſelben in durch=
aus
befriedigenden Verhältniſſen befänden, und daß die
Regierung hier gut vorgeſorgt habe. Dies gilt insbeſon=
dere
vom bäuerlichen Mittelſtand, der natürlicherweiſe
an der nicht zuletzt durch die Zollpolitik herbeigeführten
beſſeren Lage der Landwirtſchaft ſein Teil hat. Auch für
den ſogenannten neuen Mittelſtand ſei durch die Pen=
ſionsverſicherung
von ſeiten der Regierung geſorgt wor=
den
, wobei man nicht weiter gehen konnte, wenn nicht
die Laſten gar zu groß werden ſollten, zumal ſie ohnehin
ſchon von den Beteiligten als ziemlich drückend empfun=
den
werden. Schließlich kam dann der Miniſter zu dem
eigentlichen Mittelſtand, und hier ließ er ziemlich deutlich
durchblicken, daß in dieſer Hinſicht doch nicht ſo viel ge=
ſchehen
ſei, wie notwendig geweſen wäre; wieviel Schuld
hierbei die Regierung ſelber trägt, ließ er begreiflicher=
weiſe
ungeſagt. Auf allzuviel Staatshilfe haben die
Handwerker, die ja einen großen Teil des eigentlichen
Mittelſtandes ausmachen, vorausſichtlich nicht zu rechnen,
und Herr Delbrück wimmelte ſich die Sache gewiſſermaßen
ab, indem er darauf hinwies daß die Löſung dieſer Frage
vorwiegend Sache der einzelnen Staaten ſei und das
Reich nichts angehe. Er wies darauf hin, das Handwerk
ſolle ſich die Errungenſchaften der großen Betriebe zunutze
machen, als da ſind Kapital, Kredit und Motorbetrieb.
Das iſt alles ſehr gut geſagt, aber woher nehmen und
nicht ſtehlen? Wie ſoll ſich der kleine Handwerker all das
verſchaffen, wenn es ihm eben am nötigſten fehlt? Ge=
rade
auf dem Gebiete der Kreditbeſchaffung wird in Hand=
werkerkreiſen
viel geklagt, und die Preußiſche Zentral=
(Benoſſenſchaftskaſſe, die nicht zuletzt für dieſe Zwecke ge=
ſchaffen
worden iſt, hat oft genug verſagt, wenn es galt,

für die kleinen Handwerksgenoſſenſchaften Kapital zu be=
ſchaffen
. Was ſonſt der Staatsſekretär ankündigte, iſt
herzlich wenig; gegen die gerade in Handwerkskreiſen
geforderte Aufhebung des § 100g der Gewerbeordnung
hat er ſtarke Bedenken, nur auf dem Gebiete des Sub=
miſſionsweſens
will er inſofern Entgegenkommen zeigen,
als den Behörden empfohlen wird, ſich bei Ausſchreibun=
gen
des Rats der Handwerkerkreiſe zu bedienen, und au=
ßerdem
iſt eine Regelung des kleinen Gewerbeweſens
in Ausſicht genommen neben einer Reform des Patent=
weſens
, die für das Handwerk herzlich wenig beſagen
will. Es iſt kaum anzunehmen, daß eine ſich in dieſen
Grenzen bewegende Löſung die Handwerkskreiſe befrie=
digt
, und daß ſie vor allem im Mittelſtande wirklich ge=
ſunde
Verhältniſſe zu ſchaffen imſtande iſt.

Die Flottennovelle.

C Man ſchreibt uns aus Berlin: An zuſtändiger
Stelle werden die Angaben, die die Köln. Volksztg. über
den Hauptinhalt der Flottennovelle macht, als zutreffend
beſtätigt. Dieſe Angaben decken ſich im weſentlichen mit
den in den Grenzboten bereits vor vier Wochen veröffent=
lichten
, damals von uns ausführlich behandelten Mittei=
lungen
. Wenn die Köln. Volksztg. jetzt ſchreibt, daß die
Flottenvorlage gegenüber dem urſprünglichen Plan
weſentlich herabgeſetzt ſei, ſo dürfte ſich dieſe Angabe auf
das Tempo beziehen, in dem die erforderlichen Neubauten,
namentlich die drei Linienſchiffe, zur Durchführung ge=
langen
ſollen. Denn wahrſcheinlich wird nicht in jedem
Jahr eines dieſer Linienſchiffe auf Stapel gelegt werden,
ſondern das Bautempo wird etwas langſamer ſein. Von
militäriſch=techniſchem Standpunkte aus iſt ſelbſtverſtänd=
lich
der ſchnellſte Ausbau unſerer maritimen Streitkräfte
der wünſchenswerteſte. Ob der Verzicht auf den ſchnell=
ſten
Ausbau finanzielle Gründe hat oder mit den deutſch=
engliſchen
Verhandlungen im Zuſammenhange ſteht, bleibe
dahingeſtellt. Eine zweifelloſe Tatſache iſt es jedenfalls,
daß Staatsſekretär von Tirpitz in der jetzt vorliegenden
Flottennovelle das findet, was für die Verſtärkung
unſerer Flottenrüſtung zur Zeit notwendig iſt. Wenn die
vorliegende Flottennovelle dieſe notwendige Verſtärkung
nicht enthielte, würde ſie ſicherlich nicht die Unterſchrift
des Staatsſekretärs erhalten haben und von ihm nicht
verantwortet werden. Deshalb können ſich bei der vor=
liegenden
Flottennovelle auch die beruhigen, die den
ſchnellſten Ausbau unſerer Flotte lieber geſehen hätten.

Deutſches Reich.

Zur Wahl des Reichstagspräſidiums.
dfe heute ſtaztfinden ſoll, bringt der Berliner Lokal=
anzeiger
nachſtehende, nicht ſehr glaubwürdig klingende
Mitteilung: Das Zentrum iſt bereit, als Entgelt dafür,
daß die Nationalliberalen ihre Stellung zur Sozialdemo=
kratie
in der Reichstagspräſidiumsfrage geändert haben,
dieſen den Präſidentenſitz zu überlaſſen. Wie weiter ver=
lautet
, würde Dr. Paaſche Reichstagspräſident werden.
Das Zentrum, das ſich mit dem erſten Vizepräſidenten
legnügen will, wird für dieſes Amt Dr. Spahn präſen=
tieten
, den zweiten Vizepräſidenten ſollen die Konſer=
vativen
in der Perſon des Herrn Dietrich ſtellen. Aber
es wird uch eine Kombination erwogen, welche die Linke
nicht völlig ausſchaltet und es würde dan Syndikus
Dowe ſeinen Poſten als zweiter Vizepräſident behal=
ten
, rorausgeſetzt, daß die mehr liaksſtehenden Parteien
an einem Präſidium teilnehem wollen, von dem die
Sozialdemokraten völlig ausgeſchloſſen ſind.
.Schiffsverlegung nach der Nordſee=
ſtation
. Ein Berliner Blatt ſchreibt ,daß die Marine=
verwaltung
beabſichtige, den Verband der Aufklärungs=
ſchiffe
der Hochſeeflotte, vier große und ſechs kleine Kreu=
zer
, vom 1. April ds. Js. ab von Kiel nach Wilhelms=
haven
zu verlegen und ſomit dauernd in der Nordſee zu
ſtationieren. An amtlicher Stelle wird dem W. T. B. auf
Anfrage hierzu mitgeteilt, daß dieſe Nachricht bezüglich
der Zahl der Schiffe unzutreffend und hinſichtlich des
Zeitpunktes einer eventuellen Verlegung einzelner
Schiffe verfrüht iſt. Wahr iſt nur, daß Erwägungen an=
geſtellt
, aber keineswegs abgeſchloſſen ſind, ob früher oder
ſpäter einige große Kreuzer zweckmäßig ſtatt in Kiel in
Wilhelmshaven zu ſtationieren ſein werden. Damit ent=

fallen auch alle ſonſtigen Kombinationen, die an die Mel=
dung
geknüpft worden ſind.
Die Rheinregulierung. In der Zwei=
ten
Kammer des elſaß=lothringiſchen Landtages ver=
langte
Abg. Peirotes Aufklärung von der Regierung über
eing Aeußerung des badiſchen Miniſters Frhrn. von
Bodman in der badiſchen Kammer, wonach bei der Rhein=
regulierung
eine Ueberſchreitung von 857000 Mark vor=
gekommen
ſei, die nach den Behauptungen der badiſchen
Techniker auf Nichteinhaltung des urſprünglichen Be=
bauungsplanes
zurückzuführen ſei und die Baden daher
nicht zu tragen habe. Staatsſekretär Zorn von Bulach
erwiderte, daß noch keine offizielle Mitteilung darüber
vorliege. Man müſſe daher von einer Beſprechung ab=
ſehen
. Jedenfalls werde die Regierung darauf beſtehen,
daß Baden 40 Prozent der Rheinregulierung vertrags=
mäßig
zahle. Man hoffe, daß ſich alles in Güte erledigen
baſſe.
Kleinwohnungen für Staatsarbei=
ter
. In der Budgetkommiſſion des Reichstags wurden
vier Millionen Mark zur Herſtellung von Kleinwohnun=
gen
für Staatsarbeiter genehmigt. Staatsſekretär Del=
brück
erklärte, dieſe Summe werde nun alle Jahre gefor=
dert
werden.
Vom Hanſabund. Unter zahlreicher Betei=
ligung
fand in Berlin die Sitzung des Direktoriums
des Hanſabundes für Gewerbe, Handel und Induſtrie un=
ter
Vorſitz des Präſidenten des Hanſabundes Geheimrats
Prof. Dr. Rießer ſtatt. Er berichtete über die Erfolge des
Hanſabundes bei den Wahlen, worauf einige wichtige
Grundlinien der vom Hanſabund einzuſchlagenden Wirt=
ſchaftspolitik
feſtgeſtellt wurden. Darauf erſtattete der
Geſchäftsführer des Hanſabundes Aſſeſſor Dr. Kleefeld
dan Geſchäftsbericht. Zurzeit beträgt die Zahl der
Zweigvereine des Hanſabundes im ganzen 717 und hat
im Berichtsjahre um 63 zugenommen. 101 große wirt=
ſchaftliche
Verbände der Induſtrie, des Handels, des Ge=
werbes
und der Angeſtellten ſind im Berichtsjahre dem
Hanſabund neu beigetreten, ſodaß die Zahl der ange=
ſchloſſenen
Vereino jetzt 788 beträgt. Im Anſchluß daran
erſtattete Reichstagsabgeordneter Direktor Roland=Lücke
im Namen der Finanzkommiſſion den Finanzbericht, der
eine überaus befriedigende Entwickelung ergab. Das
Direktorium beſchäftigte ſich dann mit den ſchwebenden
wirtſchaftlichen und wirtſchaftspolitiſchen Fragen und
faßte u. a. auch Beſchluß über dan Termin der demnäch=
ſtigen
Einberufung des Geſamtausſchuſſes.

Ausland.

Oeſterreich=Ungarn.
Im öſterreichiſchen Abgeordnetenhauſe
erklärte im Verlaufe der Verhandlung über die Anträge
des Teucrungsausſchuſſes gegen die Kartelle und gegen
die Kohlenteuerung der Handelsminiſter, es ſei das
ſchwierigſte Problem, die Kartellfrage vom Standpunkt
des Zolltarifs zu löſen. Er perſönlich glaube, daß die
öſterreichiſche Induſtrie nicht ſtark genug ſei, um ſelbſtän=
dig
, ohne internationale Vereinbarungen, eine Regelung
des Kartellweſens vorzunehmen. Der Miniſter verwies
auf die unparteiiſch durchgeführte Kartellenquete und er=
klärte
, es ſei nicht ausgeſchloſſen, daß die Regierung auf
Grund der Ergebniſſe der Enquete die Kartelle zur De=
klaration
anhalten werde, um eventuell gewiſſen Be=
ſchlüſſen
die Spitze abzubrechen. Was die Anträge des
Landesausſchuſſes betreffe, habe die Regierung gegen die
Annahme einer Reſolution, nach der ſie Studien wegen
einer eventuellen Monopoliſierung des Großhandels und
der Produktion von Eiſen, Zucker, Bier, Spiritus, Kohle,
Petroleum und anderen durch die Kartelle verteuerten
Waren vornehmen ſolle, nichts einzuwenden.
Die Kriſe in Ungarn. Der Peſter Lloyd mel=
det
: Der ungariſche Miniſterpräſident beabſichtigte in
einer Audienz am Donnerstag die Demiſſion des Kabi=
netts
zu überreichen, falls es ihm nicht gelingen ſollte,
mit ſeinem Standpunkt in der Frage der Einberufung
der Reſexviſten durchzudringen. Vorausſichtlich wird der
König nicht ſofort ſeine Entſcheidung treffen, ſondern das
Kabinett mit der Fortführung der Geſchäfte betrauen.
Im Reichstag wird die Entlaſſung heute Freitag ange=
meldet
werden, worauf ſich das Abgeordnetenhaus bis
zur Beendigung der Kriſe vertagen wird. Nach allge=
meiner
Annahme wird die Kriſe einen ſchleppenden und
langwierigen Verlauf nehmen.

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Italien.
Die Finanzlage des Staates. In der Kam=
mer
wurde das Budget für 1911/12 beraten. Der Finanz=
miniſter
drückte ſeine Freude aus, daß die Autorität der
Budgetkommiſſion vor der Kammer beſtätigt habe, daß die
Finanzlage immer noch ſehr beruhigend ſei. Dies
ſchließe die Pflicht der Regierung und des Parlaments
nicht aus, in den Ausgaben Maß zu halten. Jedenfalls
ſei es erfreulich, daß auch während der fünf Kriegs=
monate
die Einnahmen eine fortgeſetzte, bemerkenswerte
Erhöhung erfahren, ſodaß das laufende Budgetjahr die
Kriegsausgaben etwa zur Hälfte ohne Defizit decken
könne. Auch die Ausſichten für das kommende Etatsjahr
ſeien ſehr ermutigend, umſomehr, als die hohen Aus=
gaben
wegen der Erdbebenſchäden in Sizilien und Kala=
brien
wegfielen. Der Krieg werde den Gang der Re=
formen
und die Verausgabung der vom Parlament be=
willigten
Mittel niche unterbrechen: Für den Volks=
unterricht
und die öffentlichen Arbeiten würden die dafür
vorgeſehenen Kredite zur Verfügung bleiben. Die Lage
des Staatsſchatzes ſei trotz der ſchweren Inanſpruchnahme
vollkommen befriedigend und werde es auch ſerner ſein.
Die italieniſche Finanzlage ſei ſo kräftig, daß ſie ohne
Anleihen und ohne Steuer die Laſt des großen Unter=
nehmens
tragen könne, welches die Eintracht der Regie=
rung
und des Parlaments in einer bewundernswerten
Weiſe zeige. (Beifall und Beglückwünſchungen.)
Frankreich.
Die franzöſiſch=ſpaniſchen Verhand=
lungen
. Der zum Quai d’Orſay in Beziehungen
ſtehende Petit Pariſien ſchreibt über den gegenwärtigen
Stand der franzöſiſch=ſpaniſchen Verhandlungen: Man
glaubt, daß die Richtung der Beſprechungen eine Abän=
derung
wird erfahren müſſen, falls wir vor Ablauf dieſer
Woche keine beſtimmten Zugeſtändniſſe erhakten. Der Ge=
ſandte
Regnault wird baldigſt von Tanger nach Fez
abreiſen, und wir werden nicht länger die Maßnahmen
aufſchieben können, die das Inkrafttreten des Protektorats
in unſerer Zone erfordert. Es wäre wünſchenswert, daß
die Spanier die Stimmung der politiſchen Kreiſe Frank=
reichs
begriffen, und ihre Varſchleppungsmethode auf=
gäben
, die für ſie und für uns unnütz iſt.
Beſuch des Königs der Belgier. Einer
anſcheinend offiziöſen Meldung zufolge wird ſich der
König der Belgier am 17. März auf ſeiner Rückreiſe von
der Riviera in Paris aufhalten und wahrſcheinlich mit
dem Präſidenten Falliéres bei dieſer Gelegenheit eine
Zuſammenkunft haben, bei der hauptſächlich verſchiedene
Kolonialfragen erörtert werden dürften.
England.
Die Fertigſtellung der Schlachtſchiffe.
Im Unterhauſe fragte Bourgoyne, ob die Arbeiterſtreiks
die Fertigſtellung der im Bau befindlichen Schlachtſchiffe
hinausſchieben könnten. Churchill erwiderte, er fürchte,
daß der Bau aller Schiffe verzögert werde, wenn die Ar=
beiterausſtände
andauerten.
Bulgarien.
Einführung der Proportionalwahlen.
Die Sobranje hat den Geſetzentwurf betreffend die Ein=
führung
des Proportionalwahlſyſtems für die Sobranje
angenommen.
Amerika.
Die Unruhen in Mexiko. Dem Chef des Ge=
neralſtabs
der Vereinigten Staaten Generalmajor Wood
ſind vollſtändige Pläne zur Mobiliſierung von 100000
Mann amerikaniſcher Truppen an der mexikaniſchen
Granze unterbreitet worden. Eine täglich ſich mehrende
Anzahl Amerikaner, beſonders Frauen und Kinder, ver=
läßt
Mexiko.
*
* Kuxhaven, 6. März. Die Deutſchland‟
iſt mit dem Kaiſer an Bord um 4,30 Uhr von Kux=
haven
eingetroffen und bei Altenbruch vor Anker gegan=
gen
. Kuxhaven iſt reich geſchmückt. Das Wetter iſt
beſſer.

Stadt und Land.

Darmſtadt, 8. März.
* Erlaubnis zur Annahme von Orden. Se. Königl.
Hoheit der Großherzog haben dem Revier= Polizei=
kommiſſär
Heinrich Lindemann zu Darmſtadt die

Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen des ihm von
Sr. Maj. dem Kaiſer von Rußland verliehenen St.
Stanislaus=Ordens 3. Klaſſe erteilt.
Das Großh. Regierungsblatt Nr. 6 enthält;
1. Geſetz, die Aenderung des Geſetzes über das Be=
ſteuerungsrecht
der Kirchen und Religionsgemeinſchaften
vom 25. April 1875 und 30. März 1901 betreffend. 2. Be=
kanntmachung
, die Familienſtiftung der Freiherren
Riedeſel zu Eiſenbach in Lauterbach betreffend. 3. Be=
kanntmachung
, die Ausführung des Reichsſtempelgeſetzes
vom 15. Juli 1909, insbeſondere die Befugniſſe zur Ab=
gabeerhebung
betreffend. 4. Bekanntmachung, die Reichs=
ſtempelprüfung
betreffend.
-g. Schwurgericht. Das Schwurgericht verhandelte
geſtern gegen den 30 Jahre alten, unverheirateten Schuh=
macher
Philipp Heinrich Selzer aus Hirſchhorn wegen
einer am 13. Januar verübten Körperverletzung mit töt=
ichem
Erfolg. Vertreter der Anklage iſt Staatsanwalt
Dr. Fuchs, Verteidiger des Angeklagten Rechtsanwalt
Dr. Bopp. Der Angeklagte ſelbſt gab eine eingehende
Schilderung der der Tat voraufgegangenen Vorgänge. Er
war am 12. Januar vormittags wählen geweſen und hatte
dann verſchiedene Wirtſchaften beſucht. Abends war er
dann im Fürſtenauer Hofbei der Vorſtandswahl des
Beſangsoereins Sängerbund. Bei der Wahl wurden
auch zwei Stimmzettel für Selzer abgegeben, auf einem
war hinzugeſetzt Schlappenflicker, was allgemeine Hei=
eckeit
hervorrief und den Selzer in ſtarke Erregung ver=
etzte
. Bei der Vorſtandswahl gab es Freibier und Sel=
er
hat dem nicht wenig zugeſprochen. Er begab ſich dann
nach der Krone wo er mit den Brüdern Ludwig und
Hermann Grimm zuſammentraf. Selzer hatte dem
älteren der Brüder Hermann Grimm eine kleinere Summe
geſchuldet und war deshalb auch verklagt worden. Hier ge=
rieten
beide nun in Wortwechſel, in deſſen Verlauf S.
dem Ludwig Grimm eine Ohrfeige verſetzte. S. ging
dann nach Hauſe und als er mit einem Nachbar noch vor
ſeiner Haustür ſtand, kamen die beiden Grimms daher.
s kam wieder zum Wortwechſel und diesmal bekam S.
von Ludwig Grimm einen Schlag. Er ging darauf in
ſeine Werkſtätte und nahm ein Schuſtermeſſer zur Hand.
Als die beiden Grimms das Meſſer ſahen, gingen ſie auf
S. los um es ihm abzunehmen. S. ſtach zu und traf den
Hermann G. in die Bruſt. Der 15 Zentimeter tiefe Stich
durchbohrte die Lunge, welcher Verwundung er in der
acht zum 15. Januar erlegen iſt. S. ging nach dem ver=
übten
Stich ruhig in ſein Haus und legte ſich ſchlafen.
In der geſtrigen Verhandlung zeigte ſich der Angeklagte
äußerſt niedergeſchlagen. Er hat ſich am 1. Februar 1910
in Hirſchhorn nach längerer Wanderſchaft ſelbſtändig ge=
macht
und hat nach ſeiner Ausſage viel unter den Necke=
reien
der jungen Burſchen zu leiden gehabt. Er ſei auch
einmal angefallen worden. Er hätte die Brüder Grimm
ſchon lange im Verdacht gehabt, daß ſie ihm wiederholt
das Schlüſſelloch verſtopft und Fenſterſcheiben einge=
ſchlagen
hätten. Er wäre am Tage der Tat durch den
Alkoholgenuß ſehr erregt geweſen, auch hätte er gedacht.
ein ſtumpfes Meſſer in der Hand gehabt zu haben. ſonſt
hätte er nicht geſtochen. Daß er davon überzeugt war,
nit dem Stoß keinen größeren Schaden angerichtet zu
haben, gehe daraus hervor, daß er ruhig ſchlafen gegangen
ſei. Die Geſchworenen erkannten den Angeklagten
ſchuldig der Körperverletzung mit tödlichem Erfolg unter
Zubilligung mildernder Umſtände. Das Gericht verurteilte
ihn daraufhin zu 2 Jahren Gefängnis, abzüglich
7 Wochen der Unterſuchungshaft.
Das Standesgericht der Rechtsanwälte hat den
Rechtsanwalt Sieger hier im Disziplinarwege zu 500 Mark
Geldſtrafe und einem Verweis verurteilt. S. hat nun=
mehr
der Behörde angezeigt, daß er die Anwaltſchaft
aufgebe.
Die Sitzung des Landesausſchuſſes der
Nationalliberalen Partei in Heſſen iſt nunmehr auf
den 31. d. Mts. beſtimmt. Der Tag wurde mit Rückſicht
arauf gewählt, daß am 24. März die Sitzung des
Zentralvorſtandes der geſamten Nationalliberalen Partei
in Berlin ſtattfindet und man es für richtig hält, deſſen
Beſchlüſſe abzuwarten.
X Reifeprüfung. An der Liebigs= Oberreal=
ſchule
fand vorgeſtern die Reifeprüfung ſtatt, die
ſämliche 15 Prüflinge beſtanden.
Verband evangeliſch=kirchlicher Frauenvereine
im Großherzogtum Heſſen. Nächſten Donnerstag, den
14. März, nachmittags 3½ Uhr, wird Herr Geh.
Regierungsrat Dr. Dietz im Gemeindehauſe, Kiesſtr. 17,
einen Vortrag halten über die Reichsverſicherungs=
ordnung
. Bei der außerordentlichen Kenntnis und
der reichen Erfahrung, die dem hochgeſchätzten Redner in
der ſozialen Geſetzgebung zu Gebote ſtehen, dürfte der
Vortrag äußerſt belehrend und intereſſant werden. Der
Beſuch ſei deshalb allen, die ſich auf dieſem Gebiete
orientieren wollen, aufs wärmſte empfohlen.
Vortrag. Der Vortrag der Abteilung Darmſtadt
der Deutſchen Kolonialgeſellſchaft, auf den
man nochmals hiermit aufmerkſam macht, findet morgen
abend, nicht wie dieſelben ſonſt in der Regel im
Hotel Traube, ſondern im großen Hörſaal des phyſika=
liſchen
Inſtituts der Techniſchen Hochſchule ſtatt.
Die muſikaliſchen Vorträge, die am 28 Februar
im Saale des Muſikvereins von Frl. A. Rau und Frl.
C. Hofmann zu Gunſten der Hifskaſſe der
Muſikgruppe veranſtaltet worden ſind, hatten neben

dem ſchönen künſtleriſchen Erfolg auch einen guten
pekuniären zu verzeichnen. Der Hilfskaſſe konnten nach
Abzug der Koſten 110 Mk. zugeführt werden.
* Rndolf Presber lieſt, wie im heutigen Anzeigen=
teil
bekannt gegeben wird, Freitag, den 15. März, in
der Freien literariſch=künſtleriſchen Geſellſchaft ( Mathil=
denhöhſaal
) eigene Dichtungen. Die Nachricht
dürfte von allen, denen der köſtliche Humor Presbers
im Laufe der Jahre lieb und wert geworden iſt, mit
lebhafter Freude begrüßt werden. Sie iſt um ſo höher
zu bewerten, als Presber ſeine Muſe an dieſem Abend
vollſtändig in den Dienſt der Wohltätigkeit geſtellt hat.
Das Erträgnis des Abends iſt dem Großherzog zu
mildtätigen Zwecken zur Verfügung geſtellt worden;
dieſer hat beſtimmt, daß es dem Unterſtützungsfonds
der Großherzogin für arme Lungenkranke des Landes
zufließe
Reichsbankſtelle Darmſtadt. Laut dem ſoeben
erſchienenen Verwaltungsbericht der Reichsbank für
das Jahr 1911 betrug der Geſchäftsumſatz der hieſigen
Reichsbankſtelle im Giro= und Anweiſungsverkehr
713260900 Mk., im Wechſelverkehr 74616900 Mk., im=
Lombardverkehr 15 599 900 Mk., zuſammen 803 477700 Mk.
gegen 716506 300 Mk. im Jahre 1910.
Ueber Elektriſche Kraftzentralen ſpricht am
Freitag, den 15. März, im Ortsgewerbeverein
Herr Diplom=Ingenieur Ritzert. Im Anſchluß an
dieſen Vortrag wird der Gewerbeverein ſeine diesjährige
ordentliche Generalverſammlung abhalten.
* Beſitzwechſel. Das Reſidenzcafé iſt durch
Kauf in den Beſitz des Herrn Miller aus Wien über=
gegangen
und findet die Eröffnung nach vollſtändiger
Renovierung unter dem Namen Wiener Café
Imperial am Samstag, den 9. März um 9 Uhr
abends ſtatt. Das Wiener Café Imperial iſt Tag
und Nacht geöffnet und beabſichtigt der neue Beſitzer,
dasſelbe in vornehmem Stile zu führen.
§ Naturalverpflegungsſtation. Während des
Monats Februar wurde die Hilfe der hieſigen
Naturalverpflegungsſtation von 465 mittelloſen Durch=
reiſenden
in Anſpruch genommen und ſind hierdurch
442 Mk. Verpflegungskoſten entſtanden. Im vorher=
gehenden
Monat Januar ſind 557 (92 mehr) Perſonen
unterſtützt worden, welche einen Koſtenaufwand von
529 Mk. (87 Mk. mehr) verurſachten.
§ Aus dem Arbeitshans Dieburg ſind während
des Monats Januar 14 Perſonen, welche daſelbſt kor=
rektionelle
Nachhaft verbüßten, entlaſſen worden.
Die längſte Dauer der Nachhaft betrug bei drei Perſonen
je 730 Tage und die kürzeſte Dauer der Nachhaft bei
einer Perſon 19 Tage.
§ Feſtgenommen. Am Mittwoch wurde hier ein
Hausburſche aus Karlsruhe wegen Fahrraddieb= und ein Taglöhner von hier wegen Hunde=
diebſtahl
feſtgenommen.
§ Von Krämpfen befallen. Am Mittwoch vor=
mittag
gegen 11 Uhr wurde in der Steinſtraße eine
Frau von Krämpfen befallen. Sie wurde durch die
Sanitätswache mittelſt Krankenautomobils nach ihrer
Wohnung gebracht.
§ Hundefang. Während des Monats Februar
ſind durch den hieſigen Polizei=Hundeaufſeher 33 Hunde
eingefangen worden. Von dieſen wurden 22 Hunde
von ihren Eigentümern wieder ausgelöſt, 6 Hunde ſind
verkauft worden, 4 Hunde mußten getötet werden und
1 Hund iſt im Stall tot aufgefunden worden.
§ Feuer. Geſtern nacht kurz nach 12 Uhr wurde
der Feuerwehrwache die Meldung Feuer im Kom=
mandanturgebäude
auf dem Truppenübungs=
platz
bei Griesheim gegeben. Eine Abteilung
der Feuerwehr rückte alsbald ab und beteiligte ſich an
den Löſcharbeiten, ſo daß das Feuer auf ſeinen Herd=
beſchränkt
wurde. Ein Teil des Dachſtuhls des Kom=
mandanturgebäudes
iſt zerſtört. Die Feuerwehr von
Griesheim, welche auch zur Hilfeleiſtung an der Brand=
ſtätte
erſchienen war, übernahm die Feuerwache und
Räumungsarbeiten, wörauf die hieſige Feuerwehr ab=
rückte
und um 3 Uhr wieder hier eintraf.

Griesheim, 7. März. Unter den hier in letzter Zeit
ausgeführten Diebſtählen kamen auch Taubendieb=
ſtähle
vor, und hat die Polizei als Täter zwei dreizehn=
jährige
Jungen ausfindig gemacht, die einer Beſſerungs=
anſtalt
zugeführt werden.
Hofheim, 6. März. In der Nacht auf Montag wurden
auf der Chauſſee von Hofheim nach Bobſtadt von ruchloſer
Hand an der hübſch gepflanzten Obſtanlage mehrere
junge Bäumchen abgeſchnitten, ſowie an grö=
ßeren
Bäumen unzählige Aeſte gewaltſam heruntergeriſe
ſen. Mit Hilfe der Gendarmerie aus Bürſtadt war man
den Tätern gleich auf der Spur, und es wurden 4 jugend=
liche
Burſchen, zwei aus Bobſtadt und 2 aus Bürſtadt,
als Täter in einer hieſigen Wirtſchaft ermittelt und ſofort
ins Amtsgerichtsgefängnis nach Lorſch gebracht.
Bechtheim, 5. März. Ein teures Vergnügen
leiſtete ſich in betrunkenem Zuſtande ein Arbeiter. Auf
dem Wege von Bechtheim nach dem Tonwerk brach er
etwa 15 junge Bäumchen ab. Heute erſchien er bei
den Beſitzern, und bat, man möge ihn nicht anzeigen, er
wolle den Schaden erſetzen. Die Reue kam jedoch zu ſpätz
denn Strafantrag iſt bereits geſtellt.

China ohne Zopf.

** China ohne Zopf iſt ein ſeltſamer Anblick und eine
ſchwere Enttäuſchung, ſo meint der bekannte engliſche
Journaliſt William Maxwell, der in einem amüſanten
Brief aus Nanking die neue Republik aus der Zopfper=
ſpektive
betrachtet. Der Chineſe, der ſeine alte maleriſche
Tracht ablegt, ſich eine jetzt ſehr moderne Tuchmütze auf=
ſetzt
und mit freiem Nacken, ohne das würdig baumelnde
Anhängſel von früher, daherſchreitet, wirkt einfach häßlich
und macht einen unwürdigen Eindruck. Der ſtärkſte ſicht=
bare
Ausdruck, den die revolutionäre Bewegung im Süden
gefunden hat, offenbart ſich in der überraſchenden Schnelle
und Leichtigkeit, mit der die Söhne des himmliſchen
Reiches das Jahrhunderte lang verehrte Zeichen ihrer
Würde und ihrer Raſſe von ſich tun. Während der Zopf
bis vor kurzem als das Ehrenzeichen der Chineſen galt,
als Ausdruck ſeiner bürgerlichen Rechte, ſo dünkt er ihm
heute als Schandmal der Sklaverei. Dieſer Schmuck, der
den Himmelsſohn von dem Barbaren aus Europa und
Amerika unterſchied, der denjenigen, der ihn abſchnitt, aller
Gnade und Gunſt der Ahnen beraubte und ihn geſellſchaft=
lich
tot machte darf ſich heute in den Straßen von Kanton,
Shanghai, Nanking und vielen anderen Städten nicht mehr
ſehen laſſen. Wer ſich mit ihm hervorwagte, der würde als
ein Feind der neuen Regierung erſcheinen; ſchneller und
gewalttätiger, als ihm lieb wäre, würde die Haarzier von
ſchnellen Scheren abgeſchnitten werden.
Gelehrte Leute wollen es den konſervativen Chineſen
leicht machen, ſich von dem Ehrenzeichen ibrer Väter zu

trennen. In den Zeitungen kann man leſen, daß kein
Chineſe, der etwas auf ſich hielt, einen Zopf getragen
habe, bevor vor dreihundert Jahren die Mandſchudynaſtie
ans Ruder kam. Wie an allem Altem und ſinnlos Erſchei=
nendem
ſollen alſo auch die Mandſchus am Zopf ſchuld
ſein. Noch unter der Herrſchaft der Mings hat man den
würdigen Haarknoten das auf dem Wirbel zuſammen=
genommene
Haar, getragen und dann erſt kam die Sitte,
die Locken aus der Stirn fortzuſcheren und die Haare im
Zopf zuſammenzupreſſen. In Kanton und Shanghai ſieht
man heute keinen Zopf mehr. Jeder Mann und jeder Knabe
erſcheint mit kurzgeſchnittenem Haar, und es gab eine
Zeitlang aufgeregte Szenen, wenn alte Herren, die ſich von
der geliebten Erinnerung ihrer Jugend= und Mannesjahre
nicht trennen konnten, das Opfer jener zahlreichen Scharen
von Amateurfriſeuren wurden, die ſich mit großen
Scheren ausgerüſtet hatten und, begierig nach Beute
ſpähend, die Gaſſen entlang zogen. Hatte man einen Zopf
aufgeſtöbert, dann gellten ſchrille Pfiffe, von allen Seiten
ſtürmten die Scherenträger herbei und ritzratz war die
nun ſo verachtete Manneszierde gefallen. Freilich läßt ſich
auch ein Zopf wieder erſetzen, und vielleicht werden die
jetzt ſo wild gewordenen verfolgten Dokumente früheren
Barbarei gar bald wieder die Köpfe ſchmücken. Kam es
doch auch ſchon früher, in vorrevolutionären Tagen, nicht
ſelten vor, daß jemand ſich den Zopf abſchnitt und doch in
der Oeffentlichkeit und bei ſeierlichen Gelegenheiten mit ihm
erſchien, indem er ſich ihn einfach unter dem Hut feſtſteckte.
Jedenfalls iſt die Hauſſe im Perrückengeſchäft, die man er=
wartet
hatte, ausgeblieben. Wie billig hätte wohl das

Haar auf dem internationalen Haarmarkt werden müſſen,
wenn die praktiſchen und ökonomiſchen Chineſen zu Mil=
lionen
die abgeſchnittenen Zöpfe veräußert hätten! Nichts
davon iſt erfolgt. Die vorſichtigen Himmelsſöhne heben
ſich die abgeſchnittenen Zöpfe ſorgfältig auf, denn man
kann nie wiſſen: vielleicht iſt die republikaniſche, die zopf=
loſe
Zeit raſch vorbei, und iſt die alte Regierung erſt
wieder da, dann müſſen auch die Zöpfe wieder hervor, und
dann möchte man nicht gern in Verlegenheit ſein. Vor=
läufig
kann ein philoſophiſcher Betrachter aber den Grad=
der
revolutionären Geſinnung aus der Länge des Haars
bei den Chineſen ableſen. In den Hafenſtädten, in den
wichtigſten Zentren der Revolution und der Republik iſt
alles ganz kurz geſchnitten; doch kann man in Nanking
ſchon eine gewiſſe Scheu vor dem Friſeur beobachten; zwar
ſind die Zöpfe verſchwunden, aber hunderte von Leuten
laſſen die Haare immer länger wachſen und erſcheinen in
gerade nicht ſehr ſauberen und ordentlichen Friſuren. Je
weiter man aber nach Norden kommt, deſto länger werden
die Haare der Bevölkerung.
Immerhin iſt das Schwinden des Zopfes wohl das
wichtigſte Merkmal für den Sieg des revolutionären Ge=
dankens
. Es iſt die einzige Art, auf die der chineſiſche
Bauer einen Begriff vom Fortſchritt erhäll, denn es iſt
für ihn, der von den politiſchen Vorgängen keine Ahnung
hat, etwas Großes, wenn er ſich von ſeinem Zopf trennt;
er merkt daran, daß es doch eine Veränderung gibt in
der Welt und er ſieht die uralte Prophezeiung beſtätigt,
nach der keine Dynaſtie in China länger regieren ſoll, als
dreihundert Jahre.

[ ][  ][ ]

Gießen, 6. März Geſtern abend gegen 10 Uhr geriet
ein angetrunkener Arbeiter in ſeiner Wohnung
mit ſeiner Frau in Streit und die Schutzmannſchaft mußte
Frieden ſtiften. Nachdem die Ruhe hergeſtellt war, brachte
ſich der Mann mit einem Brotmeſſer drei Schnitte in
den Unterarm bei in der Abſicht, ſich die Pulsadern
zu öffnen. Auch hierbei mußten Schutzleute einſchreiten.
Sie brachten den Verletzten zur Wache und legten einen
Notverband an.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 6. März. Dem Bau des
neuen Opernhauſes ſoll der Entwurf des Regie=
rungsbaumeiſters
Hans Grube zu Grunde gelegt werden.
Durch den Verkauf der Wuhlheide für den Preis
von 27½ Millionen Mark an die Stadt Berlin iſt
auch die Königl. Oberförſterei Köpenick aufgchoben wor=
den
. Sämtliche Geſchäftsſtellen dieſer Oberförſterei, ſo=
wie
auch des Amts= und Gutsvorſtandes Köpenick=Forſt
ſind mit dem heutigen Tage nach Friedrichshagen ver=
legt
, wo die Stadt Berlin nach den Plänen des Geh. Bau=
cats
Hoffmann im Stile des vorigen Jahr=
hunderts
vertragsmäßig eing neue Oberförſterei errichten
ließ. Die Schiffbarmachung der Löcknit
iſt in Ausſicht genommen. Dadurch wird wiederum eine
idylliſch gelegene herrliche Naturpartie zerſtört. Die Löck=
nitz
windet ſich bekanntlich durch ein ſpreewaldartiges
Wald= und Wieſengebiet und mündet in den Flakenſee bei
Erkner. Das kleine Flüßchen iſt im Sommer von Motor=
und Sportbooten belebt und war in früheren Jahren eine
unerſchöpfliche Fundgrube für Krebſe. In nicht allzu fer=
nier
Zeit wird die idylliſche Ruhe an der Löcknitz dahin
ſein als Opfer der auch in weiteren Umgebung Berlins
fortſchreitenden Induſtrialiſierung. Die Königl. Regie=
rung
beabſichtigt, durch den Wupatz= und Heidereuterſee
nach dem Werlſee zu einen Kanal anzulegen, wodurch für
die Laſtkähne eine neue Waſſerſtraße geſchaffen wird. Der
alte Lauf der Löcknitz ſoll weiter dem Bootsverkehr über=
laſſen
bleiben.
Karlsruhe, 7. März. Der vor zwei Jahren während
ines Hofballes am Herzſchlag geſtorbene Oberſchloßhaupt=
mann
von Offenſandt=Berkholtz hat dem hieſigen Diakoniſ=
ſenhaus
den Betrag von 700000 Mark vermacht zur Er=
tichtung
eines Heims für bedürftige und
gebrechliche Frauen und Jungfrauen evange=
läſcher
Konfeſſion, das am 1. Oktober mit 40 Plätzen er=
ffnet
werden wird.
Düſſeldorf, 7. März. Dem erſten Vorſitzenden des
Niederrheiniſchen Vereins für Luftſchiffahrt, Major von
Aberkron, in Mülheim am Rhein, iſt, wie der Düſſel=
vorfer
Generalanzeiger erfährt, von der philoſophiſchen
Fakultät der Univerſität Marburg der Titel eines
Ehrendoktors verliehen worden, in Anerkennung
ſeiner Verdienſte um die wiſſenſchaftliche Ausnutzung der
Freiballonfahrten und um die Unterſuchung der Bildung
von Schneekriſtallen in den Wolken.
Leipzig, 6. März. Von dem Verein der Fortſchritt=
Echen Volkspartei für Leipzig und Umgebung war der
frühere Pfarrer Jatho für einen Vortrag über geſchicht=
liche
und perſönliche Religion geladen worden. Zu dieſer
Verſammlung hatten außer den Mitgliedern auch einge=
ndene
Gäſte Zutritt erhalten. Das Polizeiamt hat jedoch,
in der Annahme, daß dieſe Verſammlung den Charakter
äner öffentlichen trage, den Vortrag unterſagt.
H. Leipzig, 6. März. Die hieſige Kriminalpoli=
ei
verhaftete vor einigen Wochen ein Pärchen, das
ſch kurz vorher in Dresden aufgehalten und dort aus
tüner Penſion einen wertvollen Mantel hatte mitgehen
heißen, was die Veranlaſſung zu einer Verfolgung gab.
Die angeſtellten Ermittelungen haben nun ergeben, daß
tie Polizei einen guten Fang getan hat, denn bei den Ver=
bafteten
handelte es ſich um ein internationales
ſoochſtaplerpaar, das ſich Baron Freiherr von
GByllenhammer=Klebba und Saſcha v. Rakowsky nannte
und ſeit Jahren die größten Städte Europas unſicher
machte. Natürlich fließt kein blaues Blut in den Adern
der Beiden, ſondern in Wirklichkeit iſt der Mann der etwa
2 Jahre alte Handelsmann Bruno Klebba und ſeine Be=
klleiterin
die unter Sittenkontrolle ſtehende Anna Koritzky
aus Berlin. Seinen Hauptſitz hatte Klebba in Berlin,
von wo aus er ſeine Geſchäftsreiſen unternahm, die ihn
mit ſeiner Gefährtin u. a. nach Frankfurt (Oder), Dres=
den
, Leipzig, Halle, Chemnitz, Karlsbad. Frankfurt a. M.
und München führten. Neben der Hochſtapelei verſchaffte
ſich das Paar ſeinen Unterhalt durch Warenhausdiebſtähle

in großem Stil, wobei ſie es beſonders auf Goldwaren
und Pelzſachen abgeſehen hatten. Namentlich konnten ſie
nicht an Pleureuſen vorübergehen, ohne ſie ſich anzueig=
nen
, wenn die Gelegenheit günſtig war. Ja, ſie ſcheuten
auch nicht vor dem Einbruch zurück, um ſich die Mittel
zu ihrem Unterhalt zu verſchaffen, der bsi ihrem hoch=
tönenden
Namen naturlich nicht unbedeutende Summen
verſchlang. Schmierſeife und Pappen mußten in Funktion
treten, ja, ſie zogen auch Handſchuhe bei ihrer nächt=
lichen
Tätigkeit an, um nicht Fingerabdrücke zu hinter=
laſſen
, die ſpäter zu ihrer Entdeckung führten könnten. Ge=
genwärtig
ſind in Berlin und Leipzig die Polizeibehör=
den
mit den näheren Feſtſtellungen über die verſchiedenen
Gaſtſpielreiſen des Hochſtaplerpaares beſchäftigt.
Stettin, 5. März. Wie ſich herausgeſtellt hat, iſt bei
dem Unfall im Freihafen, wobei 16 Arbeiter durch
Umkippen des Steges ins Waſſer ſtürzten, niemand
ertrunken. Auch die Verletzungen ſind nicht ſchwer.
Eberswalde, 7. März. In den Linoleum=Werken Rix=
dorf
=Eberswalde in Hegermühle hat ſich ein ſchwe=
rer
Unglücksfall zugetragen. Beim Probieren ei=
ner
neuen Miſchung fing der Oelkeſſel Feuer und kam
durch Windzug zur Exploſion. Fünf Arbeiter wurden
getötet, 5 ſchwer und eine Anzahl leicht verletzt.
Wien, 6. März. Im dritten Bezirke wurden infolge
eines Gerüſteinſturzes zwei Arbeiter getötet und
ſieben verletzt, davon zwei ſchwer.
Fiume, 7. März. In dem zur Zeit hier gaſtierenden
Zirkus Sidoli trat auch das deutſche Artiſtenpaar
Franz Kann und Joſephine Krammer mit Produktionen
am Trapez auf. Die Schweſter der Joſephine Krammer,
die ſich in Kann verliebt hatte und auf ihre Schweſter
eiferſüchtig war, löſte ein Seil, wodurch das Künſtler=
paar
in die Tiefe ſtürzte und den Tod fand. Die =
terin
wurde verhaftet.
Paris, 7. März.: Geſtern abend fielen auf dem Boule=
vard
St. Martin ausſtändige Chauffeure einen
von einem Munizipalgardiſten beſchützten Arbeitswilligen
an und warfen ihn mit Steinen und Eiſenſtücken Als
Schutzleute dem Bedrohten zu Hilfe eilten, feuerte ein
Streikender einen Revolverſchuß auf ſie ab. Die
Volksmenge, die ſich ſofort angeſammelt hatte, fiel mit
großer Erbitterung über den Angreifer her und richtete
hn übel zu. Der Mann wurde verhaftet. Der Ausſtand
er Kraftdroſchkenlenker dauert nunmehr ſchon hundert
Tage. Nach Mitteilung des Streikausſchuſſes haben die
6000 Ausſtändigen 1 Million Franken an Unterſtützung
rhalten. Der Verdienſtausfall der Streikenden wird auf
6 Millionen Franken veranſchlagt.
London, 6. März. Die Anhängerinnen des
Frauenſtimmrechts, Lawrence, Pankhurſt und Tuke,
ſowie der Gatte der Erſtgenannten, wurden wegen Kom=
plottes
dem Polizeirichter von Bowſtreet vorgeführt. Nach
der Vernehmung wurden ſie in die Unterſuchungshaft
zurückgeführt. Eine Bürgſchaftsſtellung wurde abgelehnt.

Kunſtnotizen.
Ueber Werke, Künſtler und künſtleriſche Veranſtaltungen ꝛc., deren im Nach=
ſtehenden
Erwähnung geſchiehr, behält ſich die Redaktion ihr Urteil vor.

Großh. Hoftheater. Am heutigen Theater=
abend
wird unter der Spielleitung von Oberregiſſeur
Valdek Ibſens Baumeiſter Solneß erſtmalig
iber unſere Bühne gehen. Es iſt daher nicht unintereſſant
zu hören, wie Ibſen ſelber über dieſe Dichtung dachte.
Er fand es, als das Stück ſeinerzeit erſchien, äußerſt ſon=
derbar
, daß man ſo viel Tiefſinniges und Symboliſches
darin ſuchte. =Ich ſchreibe nichts Symboliſches, ich ſchil=
dere
nur Seelenleben, das ich kenne, ſchreibe Pſychologie,
wenn man es ſo nennen will. Er fährt dann fort, auf
die Perſonen des Stückes näher eingehend: Solneß und
ſeine Frau ſind brave Leute, die aber nicht zueinander
paſſen. Sie halten einander nieder, ſie verkrüppeln ein=
ander
. Die ſchlechten Eigenſchaften entwickeln ſich, allerlei
Grübeleien werden geboren. Auf der anderen Seite
Hilde und Solneß. Sie ſind durchaus nicht als außerge=
wöhnliche
Menſchen geſchildert, ſie fühlen ſich nur geiſtig
verwandt und ſtark zueinander hingezogen; ſie fühlen,
daß ſie zueinander paſſen und in der Vereinigung ihre
Verhältniſſe ſteigern; an Lebenswerten gewinnen wür=
den
. Da bauen ſie Luftſchlöſſer und leben ſo ihr gemein=
ſames
Leben. Ihn führt es aufwärts, höher als je vor=
her
, läßt ihn Dinge unternehmen, an die er ſich lange
Zeit nicht herangewagt hat. Er ſetzt ſein Leben dafür
und dazu ein. Und weiter ſagt Ibſen: Es iſt eine irrige

Auffaſſung, es unglückliche Liebe zu nennen, wenn zwei,
die ſich lieben, ſich nicht vereinigen können. Nein, unglück=
liche
Liebe iſt es, wenn zwei, die ſich lieben, ſich heiraten
und dann fühlen, daß ſie nicht zueinander paſſen, mitein=
ander
nicht glücklich leben können.

Stadtverordneten=Verſammlung.

g. Darmſtadt, 7. März
Bürgermeiſter Mueller eröffnet um 4 Uhr die Ver=
ſammlung
mit folgenden
Mitteilungen:
Der Ausſchuß für die Errichtung eines Denkmals
für den Kapitänleutnant Fiſcher hat für die Ueber=
nahme
eines Teiles der Koſten durch die Stadt gedankt.
Die Ortsgruppe Darmſtadt des Odenwald=
klubs
hat zu ihrem am 16. März ſtattfindenden Deko=
rierungsfeſt
eingeladen.
Der Bezirksverein Altſtadt bittet in einer Einzabe,
die Weihnachtsmeſſe für die Folge nicht mehr auf
dem Schillerplatz, ſondern wie früher auf dem Marktvlatz
abzuhalten.
Stadtv. Lautz fragt an, ob es ſich bewahrheitet,
daß man nach der neuen Regelung des Straßenbahn=
verkehrs
bei der Fahrt nach der Frankfurterſtraße auf dem
Louiſenplatz umſteigen muß. Beig. Ekert beantwortet
die Anfrage dahin, daß die Frage ſpäter geregelt werden
wird. Sodann wurde in die Tagesordnung ein=
getreten
.
Baudispenſations geſuche.
Maurermeiſter G. Berth beabſichtigt, an der Schieß=
hausſtraße
einen Geräteſchuppen zu errichten und bittet
um Geſtattung einer Ausnahme von der Beſtimmung in
§ 5 des Ortsbauſtatut. Der Hochbau=Ausſchuß beantragt
Ablehnung des Geſuchs. Referent iſt Stadtv. Wag=
ner
. Stadtvv. Werner, Linck, Aßmuth und Wittmann bit=
ten
, das Geſuch zu genehmigen. Die Stadtvv. Leyerzapf,
Schäfer und Baurat Jäger bitten, dem Beſchluß des Hoch=
bau
=Ausſchuſſes beizutreten, desgleichen der Bürgermei=
ſter
. Es wird der Antrag geſtellt, den Antrag zu vertagen
und eine Beſichtigung vorzunehmen. Dieſer Antrag wird
angenommen.
Ein gleiches Geſuch des Kaufmanns Wolf Strauß
für Errichtung eines Knochenlagers auf ſeinem Grund=
ſtück
an der Gräfenhäuſerſtraße wird von dem Ausſchuß
befürwortet. Das Geſuch wird nach dem Referat
des Stadtv. Markworth genehmigt.
Die Firma Harres und Barth will in dem Neubau
Lindenhofſtraße 33 über dem Dachgeſchoß bewohnbare
Räume einrichten und ſucht um Befreiung von der Be=
ſtimmung
in § 2 des Nachtrags zum Ortsbauſtatut vom
6. Oktober 1906 nach. Der Hochbau=Ausſchuß beantragt
Ablehnung des Geſuchs. Hierüber referiert Stadtv.
Schäfer. Der Firma war von der Baupolizei vor Ge=
nehmigung
des Baues zur Bedingung gemacht worden,
im Dachgeſchoß keine bewohnbaren Räume einzurichten.
Bürgermeiſter Mueller ſtellt die Ausführungen des Refe=
renten
dahin richtig, daß die Baupolizei den Bauunter=
nehmern
doch Hinweiſe gibt, wie die Magdkammern ein=
zurichten
ſind. Aber man müſſe die Einrichtung von Magd=
kammern
aus feuerpolizeilichen und ſozialen Bedenken
im Dachgeſchoß in der Regel unterſagen. Stadtv. Lautz
bedauert, daß dieſe Polizeivorſchrift überhaupt er=
laſſen
iſt. Bei den modernen Neubauten ſei dieſe Einrich=
tung
ſehr leicht möglich. Stadtv. Nöllner tritt für den
Antrag des Hochbau=Ausſchuſſes ein, ein Fortſchritt ſolle
nicht rückgängig gemacht werden. Nach gleichen Ausfüh=
rungen
des Stadtv. Bender wird das Geſuch abgelehnt.
Neue Schulräume.
Im Kellergeſchoß des Schulhauſes der Mittel=
ſchule
II in der Hermannſtraßa ſind bis jetzt nur die
Räume im weſtlichen Flügel ausgebaut, die von der
hauswirtſchaftlichen Fortbildungsſchule als Unterrichts=
räume
benutzt werden. Es wird beantragt, auch die
Räume im öſtlichen Teil des Kellergeſchoſſes entſprechend
herzurichten und ebenfalls für Schulzwecke zu verwenden.
Es können hierdurch 3 Lehrſäle, ein Saal für den Hand=
fertigkeitsunterricht
und zwei Räume für Garderobe und
Sammlungen beſchafft werden. Die Koſten ſind auf 7600
Mark veranſchlagt. Schul=, Hochbau= und Finanzausſchuß
befürworten den Ausbau der Räume und beantragen Be=
willigung
der erforderlichen Mittel. Referent iſt Stadtv.
Dr. Nöllner. Der Antrag wird angenommen.

Frühjahrs=Ausſtellung der Münchener
Sezeſſion.

P. Die Frühjahrsausſtellung der Sezeſſion weiſt
heuer eine erheblich größere Anzahl von Nummern auf,
wie im Vorjahre. Nicht zu ihrem Vorteil. Wenn es auch
ein ſehr erfreuliches Prinzip iſt, den Nachwuchs zu Wort
kommen zu laſſen, ſo darf die Weitherzigkeit doch nicht
ſo weit getrieben werden, daß das Minderwertige und
Unreife dem Wertvollen und Zukunftsreichen die Wir=
kungsmöglichkeiten
benimmt. Von den Namen, denen
man in der Sezeſſion zum erſten Male begegnet, fällt
beſonders auf Kurt Ullrich mit einer Kunſtreiterin
die koloriſtiſch zu den feinſten Stücken der Ausſtellung
zählt und Weber=Tirol mit einer Landſchaft Vigil=
joech
. Hier kündigt ſich ein Landſchaftsmaler großen
Stils an. Ein Maler, der die Franzoſen gut verſtanden
umd ſelbſtändig verarbeitet hat, iſt Max Unold. Seine
fläächige Malerei mit ſtarker Betonreig der Konturen ent=
behrt
doch nicht der Körperhaftigkeit. van Brackel
hat mit ſeinem Abendgebet eine meiſterliche Charak=
teriſtik
alter Frauen gegeben, über die das Leben hinweg=
geſchritten
iſt. Hier iſt etwas, das am Menſchenſchickſal
rührt, ohne daß jedoch der Künſtler ins novelliſtiſch Be=
ſchreibende
verfallen wäre. Das Bild iſt ganz auf male
riſſche Werte geſtellt und doch ſymboliſieren ſie einen gei
ſtagen Inhalt mit höchſter Prägnanz. Daß die anerkann=
tem
Meiſter der Sezeſſion, wie Niſſl. Crodel, H. v
Hayek, Hummel uſw. mit Werken ihrer tüchtigen Art
veertreten ſind, da genügt wohl die einfache Konſtatierung.
Ihhren Hauptwert bekommt die Ausſtellung jedoch durch
die Kollektiv=Vorführung des Werkes von Otto Grei=
nier
=Rom. Nicht weniger als 124 Arbeiten dieſes Mei=
ſters
: Oelgemälde, Paſtelle, Zeichnungen hat man zuſam=
mengebracht
, darunter die Hauptwerke, wie: Odyſſeus
und die Sirenen Herkules bei Omphale Fliehende
Frrauen‟. Es iſt ein wahres Labſal, wieder einmal den
Geiſt ganz großer Kunſt zu verſpüren. Hier iſt Geiſt vom
Geiſt der Dürer, Holbein, Leibl, Feuerbach. Rom iſt den
meiſten Künſtlern, die es nicht mehr losgelaſſen hat, zum
Verhängnis geworden. Alle die Carſtens, Mengs, Over=

beck. Thorwaldſen, H. v. Marées, Artur Volkmann uſw.
haben keine lebendige Kunſtrichtung erzeugt. Sie ver=
fielen
alle mehr oder weniger einem abſtrakten Schönheits=
ideal
, dem Phantom einer abſoluten Kunſt und ver=
loren
die Beziehungen zur lebendigen Wirklichkeit. Da
berührt es denn doppelt erfreulich, daß Otto Greiner, ſo
ſehr er auch abſoluter Künſtler iſt, ſo ſehr er ſich auch
ſüdlicher Formenſprache bedienen mag, doch immer der
markige Sohn ſeiner nordiſchen Heimat geblieben iſt. Er
hat nicht irgend einen billigen Schönheits=Kanon, den er
auf die bunte Erſcheinungsfülle des Lebens anwendet,
ſondern ſteht jeder Aufgabe neu gegenüber. Gleich bleibt
ſich nur die faſt asketiſch zu nennende künſtleriſche Strenge,
die es ihm nicht erlaubt, nur eine Seite ſeines Gegen=
ſtandes
zu zeigen. Das Sujet muß alles hergeben, was
in ihm an zeichneriſchen und formalen Möglichkeiten
ſteckt, und er verläßt es nicht eher, bis wer im Einzelnen
das All, im Tautropfen die Welt erblicken. Daher kommt
es auch, daß wir von der kleinſten Arveit Greiners, mag
es ſich nun um ein Baumfragment, oder um eine Hand=
ſtudie
handeln. reſtlos befriedigt werden. Es iſt der Mut
der Objektivität, den wir zu bewundern haben, der nicht
bangt, ſein künſtleriſches Ich zu verlieren, wenn er ſich
völlig dem Objekt hingibt. In dieſer Hinſicht wirkt Grei
ner heute wahrhaft erzieheriſch. Die Sorge unſerer Heu=
tigen
iſt ja gerade die um die individuelle Note, um die
Nuance. Greiner kennt dieſe Sorge nicht. Seine Lehre,
die ſeine Werke vernehmlich predigen, lautet: Vertiefe dich
nur mit aller Liebe und aller Strenge in das Obickt
Sofern du ein Künſtler biſt, wird das Werk dann ſchon
eine beſondere Note haben. Dieſe individuelle Nnance.
dem Werk bewußt und äußerlich geben zu wollen, führt
zur Manier und Grimaſſe.

Konzerte.

mm. Auch in dem zweiten Konzert dieſes Winters,
mit welchem der Inſtrumental=Verein am Mitt=
woch
abend im großen Saalbauſaale ſeinen 99. Vereins=
abend
feierte, hatte es Herr Direktor Wilhelm Schmitt
verſtanden, durch die geſchickte Zuſammenſtellung des Pro=
gramms
mit anſprechenden, ſeltener gehörten Orcheſter=

werken ſeinen Zuhörern einen recht genußreichen Abend
zu bieten. W. A. Mozarts melodienreiche und harmoniſch
einfachere Muſik eröffnete und beſchloß das in allen Teilen
ſchön verlaufene Konzert mit der D=dur=Symphonie
Nr. 35 und Ouverture zur Entführung. In dieſer und
den raſchen Sätzen der Symphonie ließ ſich eine gute und
gewiſſenhafte Vorbereitung erkennen, die ſich hauptſächlich
in der vorzüglich rhythmiſchen Schulung und dynamiſchen
Abſtufungsfähigkeit des recht anſehnlichen Streichkörpers
bemerkbar machte. Mit freudiger Begeiſterung wurde vor
allem die Ouverture geſpielt, ſowie die zum erſten Male
aufgeführten Zwölf Kontretänze ein intereſſantes Ju=
gendwerk
L. von Beethovens, aus denen die von Ver=
einsmitgliedern
geſpielten melodiſchen Soloſtellen der
Flöte und Oboe nicht unerwähnt bleiben mögen.
Mit zwei Arien von G. F. Händel für Alt mit Orche=
ſterbegleitung
führte die Geſangsſoliſtin, Konzertſängerin
Frl. Elſe Diefenthäler von hier, ſich ſehr vorteil=
haft
in den hieſigen Konzertſaal ein. Der Wohllaut der
italieniſchen Sprache in dem erſten der beiden Geſänge
(aus der Oper Poro in der Bearbeitung von R. Franz)
verband ſich mit der weichen Tieflage der ſehr ſympathi=
ſchen
Altſtimme zu der edelſten Klangwirkung. Ein hoch=
entwickeltes
Stilgefühl in Verbindung mit der vornehm=
ſten
Tonbildung und abſoluter Intonationsreinheit zeich=
neten
auch den Vortrag des Arioſo, dem Danklied aus
giner Kantate von Händel für Streichorcheſter und Orgel,
aus, das weitere Verbreitung verdient; den Orgelpart
hatte Herr Muſikdirektor M. Klaſſert mit gewohnter
Zuverläſſigkeit übernommen. Vier Lieder mit Klavier=
begleitung
, Brahms Sapphiſche Ode und Der Schmied
entzückten allgemein durch die Natürlichkeit des Ausdrucks,
ebenſo Mein Schätzelein von Mar Reger, während Ar=
nold
Mendelsſohns in kölniſchem Plattdeutſch beſonders
wohlklingendes Waigenleedken das längſt zu den Lieb=
ingsliedern
unſerer Konzertbeſucher gehört, ſich immer
wvieder von neuem des größten Beifalls erfreut.
Für den wiederholten Hervorruf dankte Frl. Diefenthäler
mit einer allerliebſten Zugabe. Die Klavierbegleitung zu
den Liedern wurde von Frl. Marie Schwan in bekann=
ter
zuverläſſigſter Weiſe und mit künſtleriſchem Verſtänd=
nis
ausgeführt.

[ ][  ][ ]

Herſtellung eines Moſaikfußſteiges.
Vor dem Hauſe Nikolaiweg 16 iſt die Herſtel=
lung
eines breiten Moſaikfußſteiges vorgeſehen.
Nach dem Ortsbauſtatut ſind die Koſten des Fußſteigs bis
zu 2,50 Meter Breite von dem Anlieger zu bezahlen. Die
durch die größere Breite entſtehenden Mehrkoſten ſind von
der Stadt zu übernehmen. Tiefbau=Deputation und
Finanz=Ausſchuß ſind einverſtanden. Der Antrag wird
nach dem Referat des Stadtv. Wagner angenommen.
Taglohnſätze für Bauarbeiter.
Die freie Vereinigung der Maurermeiſter und Bau=
unternehmer
und die Vereinigung der Zimmermeiſter
haben um Erhöhung der in den Preisverzeichniſſen für
die kleineren Unterhaltungsarbeiten feſtgeſetzten Tag=
lohnſätze
für Bauarbeiter nachgeſucht, mit der
Begründung, daß die Arbeitgeber nach dem mit den Or=
ganiſationen
der Maurer und Bauhilfsarbeiter abge=
ſchloſſenen
Tarifvertrag gezwungen ſind, höhere Löhne zu
zahlen. Die Bauabteilung des Großh. Miniſteriums hat
bereits eine Erhöhung der Lohnſätze für Darmſtadt vor=
genommen
. Von dem Stadtbauamt wird vorgeſchlagen,
die Lohnſätze ab 1. April 1912 wie folgt feſtzuſetzen:
1. für Maurer und Zimmerleute: Geſellen Stunden=
lohn
71 Pfg., Taglöhner Stundenlohn 57 Pfg., Lehrlinge
Stundenlohn 30 Pfg.
2. Für Spengler, Schloſſer, Glaſer, Schreiner
und Weißbinder: Geſellen Stundenlohn: 70 Pfg.,
Lehrlinge Stundenlohn: 30 Pfg., Taglöhner (Weißbinder)
Stundenlohn: 50 Pfg.
Für Steinmetze ſollen die ſeitherigen Löhne beſtehen
bleiben. Dieſe Lohnſätze kommen nur bei den Unterhal=
tungsarbeiten
und bei Taglohnarbeiten in Anwendung,
nicht aber bei Arbeiten die auf Grund von Submiſſionen
vergeben werden. Hochbau= und Finanz=Ausſchuß ſind
mit den Vorſchlägen einverſtanden. Die Verſammlung
ſtimmt dem Antrag nach dem Referate des Stadtv.
Wagner zu.
Verpachtung einer Parzelle.
Ein Teil der ſtädtiſchen Parzelle Flur IV Nr. 444,
Gemarkung Darmſtadt, an der Ruthsſtraße, ſoll mit
Zuſtimmung des Hochbau= und Finanz=Ausſchuſſes an
die Firma Adolf Kahn als Lagerplatz verpachtet
werden. Die Verpachtung wird nach dem Referate des
Stadtv. Sames genehmigt.
Satzungsänderung der Sparkaſſe
Bis Ende 1910 war bei der ſtädtiſchen Sparkaſſe der
Vorſitzende des Verwaltungsrats zugleich Direktor der
Anſtalt. Dieſe Einrichtung aus früherer Zeit ließ ſich
nicht aufrecht erhalten, da eine Kontrollſtelle nicht zugleich
Geſchäftsſtelle ſein kann. Es hat deshalb vom 1. Januar
1911 ab eine Geſchäftsteilung ſtattgefunden, der=
geſtalt
, daß im Verwaltungsrat der Großh. Ober=
bürgermeiſter
oder ſein geſetzlicher Vertreter den
Vorſitz führt und in der Dienſtführung durch einen aus
den Mitgliedern des Verwaltungsrats gewählten 2. Vor=
ſitzenden
vertreten werden kann, während die Geſchäfts=
führung
einem mit Beamteneigenſchaft neu beſtellten
Direktor (bisheriger Sparkaſſenrechner) übertragen iſt.
Mit dieſer Regelung hat ſich die Stadtverordneten=
Verſammlung einverſtanden erklärt. Zu ihrer gültigen
Feſtſetzung iſt eine Aenderung der Sparkaſſe=
ſatzung
erforderlich.
Von dem Verwaltungsrat war noch die Begebung
zweitſtelliger Hypotheken, ſowie eine zeitgemäße Erhöhung
der Summe für Sicherheits= oder Bürgſchaftsdarlehen an=
geregt
worden. Mit letzterer Anregung hat ſich die Bür=
germeiſterei
einverſtanden erklärt; dagegen hat ſie gegen=
über
der erſteren Anregung erklärt, zunächſt eine ab=
wartende
Haltung einnehmen zu wollen. Gegen die Auf=
nahme
einer bezüglichen Satzungsbeſtimmung, bei der
noch eine beſondere Einführungsgenehmigung vorbehalten
iſt, hat die Bürgermeiſterei nichts zu erinnern.
Dementſprechend ſind die vorgenannten Beſchlüſſe und
Anregungen in einen neuen Satzungsentwurf aufge=
nommen
worden. Bei dieſer Gekegenheit hat man geglaubt
verſchiedene beſtehende Beſtimmungen überſichtlicher an=
einanderreihen
und beſſer im Ausdruck geſtalten zu ſollen.
Außerdem ſind in dem neuen Satzungsentwurf noch nach=
ſtehende
Aenderungen vorgeſchlagen:
In § 10 iſt die Abſtimmung durch Rundſchreiben
vorgeſehen.

Bei der Beratung im Finanzausſchuß wurden Be=
denken
gegen die Rechtsgültigkeit einer derartigen Be=
ſchlußfaſſung
geäußert. Nach der eingeholten Begutachtung
durch den Herrn Reſpizienten bei dem Großh. Mini=
ſterium
des Innern konnten dieſe Bedenken fallen gelaſſen
werden, da für die Beſchlüſſe des Verwaltungsrets nicht
die Formvorſchriften der Städteordnung maßgebend ſind,
ſondern gemäß Art. 4 des Sparkaſſengeſetzes die Satzung
Beſtimmung treffen kann, in welcher Weiſe Beſchlüſſe des
Verwaltungsrats zu Stande zu kommen haben. Um dieſe
Beſchlußfaſſung nicht zu verallgemeinern, wird ſie nur für
eilende Angelegenheiten vorgeſehen.
Zu § 12 Z. 5. Die für die Verleihung der Dienſt=
botenprämien
zwingenden Beſtimmungen wurden nicht in
die neue Satzung übernommen um dem Verwaltungsrat
die Möglichkeit zu geben, beſonderen Fällen und beſon=
deren
Gründen Rechnung tragen zu können.
Nach § 12 Z. 8 wird dem Verwaltungsrat die Möglich=
keit
gegeben, Darlehen auch gegen Wechſel aufzunehmen,
mit Rückſicht auf die nach den Umſtänden zweckmäßigere
und billigere Beſchaffungsweiſe.
In § 14, Abſ. 4 wird die Regelung der Stellvertretung
der Beamten dem Vorſitzenden des Verwaltungsrats
überlaſſen, ſolange nicht Hilfskräfte nötig werden, deren
Beſtellung eine Mitwirkung weiterer Organe der Stadt=
verwaltung
erfordert.
§ 17 legt in Ziffer 4 mit größerer Deutlichkeit feſt,
daß Auszahlung der Einlagen an jeden Inhaber
eines Einlagenbuches erfolgen kann, ohne daß die Spar=
kaſſe
die Berechtigung des Vorzeigers zu prüfen ver=
pflichtet
iſt.
§ 23 läßt den Zinſenlauf für Einlagen auf=
hören
, bei denen 30 Jahre nacheinander Zinſen weder
erhoben, noch beigeſchrieben ſind und
§ 24 ſieht vor, daß, wenn Beſitzer von Sparkaſſen=
büchern
, oder ihre Rechtsnachfolger nicht zu ermitteln ſind,
Einlagen und Zinſen dem Reſervefonds der Sparkaſſe zu=
fallen
, ſofern, von der Zeit des letzten Eintrags ab ge=
rechnet
, 30 Jahre verfloſſen ſind.
§ 27 ſichert für den Fall des eintretenden Bedürfniſſes
das Recht auf Einführung des Scheckverkehrs für die Ein=
leger
.
§ 28 regelt die Anlegung der Gelder.
In Ziffer 3c wird Schuldverſchreibungen und
Buchſchulden des heſſiſchen Staates und der Stadt Darm=
ſtadt
, ſowie von letzterer garantierten Obligationen ein an=
gemeſſener
Vorzug bei Lombardierungen eingeräumt. Die
Lombardierung wird, da regelmäßig alsbaldige Erledi=
gung
erforderlich iſt, dem Direktor überlaſſen. Der Ver=
waltungsrat
beſtimmt jedoch die zur Verfügung ſtehende
Summe und iſt von den einzelnen Darlehen in Kenntnis
zu ſetzen.
Nach Ziffer 7 beſtimmt der Verwaltungsrat bei
Anlage als Scheck= oder befriſtetes Verzinſungsgeld die
Banken und die etwaigen Sicherheiten, unter Beachtung
der für die Anlage ſtädtiſcher Gelder genehmigten Grund=
ſätze
.
Stadtv. Lindt möchte zur Frage der zweiten Hy=
potheken
bemerken, daß es erwünſcht wäre, daß die
Bürgermeiſterei dieſer Frage nicht länger ablehnend ge=
renüber
ſtehen möchte. In dem Geſchäftsbericht der
Darmſtädter Volksbank iſt erwähnt worden, daß die
Beſchaffung zweiter Hypotheken eine Lehensfrage für
die Hausbeſitzer ſei. Bürgermeiſter Mueller ſtellt feſt.
daß die Bürgermeiſterei dem nicht durchaus ablehnend
gegenüberſteht, aber man müſſe dabei doch vorſichtig ſein,
denn es handele ſich bei den Geldern der Sparkaſſe nicht
um eigene, ſondern um fremde Gelder. Stadtv. Gallus
tritt dieſen Ausführungen bei und betont, daß man bei
Vergebung von zweiten Hypotheken äußerſt vorſichtig
ſein müſſe, denn in Darmſtadt habe man ſchon erlebt,
daß ſogar erſte Hypotheken ausgefallen ſind. Stadtv.
Bender führt aus, daß dieſe Frage nicht nur
für die Volksbank, ſondern für den ganzen Mittel=
tand
äußerſt wichtig iſt. Das zurückhaltende Ver=
fahren
der Stadtverwaltung ſei nur anzuerkennen.
denn die angeſtellten Ermittelungen hätten ergeben,
daß auch in anderen Städten die Sparkaſſen mit Ver=
gebung
von zweiten Hypotheken mit der größten Vorſicht
orgehen. Stadtv. Aßmuth bemerkte, daß die Spar=
kaſſe
Hypotheken nicht mit 6 Prozent vergeben ſollte, wie
es ihm von einer anderen Kaſſe zu Ohren gekommen iſt.
Ein ſolch boher Zinsfuß wäre ein Hindernis für die
Beſchaffung von Baugeld beſonders für die kleinen Leute.

Stadtv. Lindt betont, daß man bei der Vergebung
atürlich mit großer Vorſicht vorgehen und beſonders das
Objelt und die Perſon genau betrachten müſſe. Stadtv.
Sames meint, daß der Stadtv. Lindt den Geſchäfts=
bericht
der Volksbank anführt und gerade dieſer Bericht
ührt aus, daß die Bank infolge der geringen Engagie=
rung
in zweiten Hypotheken äußerſt liquid ſei und nun
wird der Sparkaſſe geraten, dieſe wenig liquide Vergebung
vorzunehmen. Eine Schaffung von zweiten Hypotheken
ſei nur dadurch möglich, daß ſich der Sache eine Bank
annimmt, der dann die Erträgniſſe aus den Häuſern
ſichergeſtellt werden.
Der Voranſchlag der ſtädtiſchen Sparkaſſe.
Der Voranſchlag über die Verwaltungskoſten
der ſtädtiſchen Sparkaſſe für 1912 ſchließt ab
mit 66990 Mk. gegen 67200 Mk. in 1911. Der Finanz=
ausſchuß
beantragt Genehmigung dieſes Voranſchlags
und ebenſo des Voranſchlags über die Verwaltungs=
koſten
der ſtädtiſchen Pfennigſparkaſſe. Beide Voranſchläge
werden nach dem Referat des Stadtv. Bormet genehmigt.
Der Sommerfahrplan der Dampfſtraßenbahn.
Die Süddeutſche Eiſenbahn=Geſellſchaft hat den Ent=
wurf
zum Sommerfahrplan der Dampf=
ſtraßen
bahn vorgelegt, der dem vorjährigen Sommer=
ahrplan
faſt vollſtändig entſpricht. Der Verkehrs=
ausſchuß
hat den Entwurf nicht beanſtandet. Referent
Stadtv. Saeng. Der Fahrplan wird genehmigt.
Der oberrheiniſche Rundflug.
Die Heſſ. Flugſtudien=Geſellſchaft hat
um Bewilligung eines Beitrags zu den Koſten
eines Rundflugs nachgeſucht. Der Finanz= Aus=
ſchuß
empfiehlt die Bewilligung eines Beitrags von
2000 Mark. Stadtv. Rot h regt an, ob nicht ver=
ſucht
werden kann, daß auf dem Exerzierplatz
Station gemacht werden könnte. Bürgermeiſter
Nueller teilt mit, daß von der Leitung des Rund=
fluges
mitgeteilt worden ſei, bei Aufbringung von 5000
Mark würde in Darmſtadt eine Station eingerichtet
verden können. Es ſei zu erwarten, daß die fehlenden
3000 Mark durch freiwillige Spenden aufgebracht wer=
den
würden. Die Bewilligung wird nach dem Referat
des Stadtv. Dr. Noellner ausgeſprochen.
Die Waſſerverſorgung der Eiſenbahn=
anlagen
.
Nach dem zwiſchen der Stadt und der Eiſenbahn=
Direktion Mainz abgeſchloſſenen Vertrag über die
Waſſerverſorgung der Eiſenbahnanlagen
ſind beſondere Waſſerübergabeſtellen nur für den neuen
Hauptbahnhof, den Bahnhof Darmſtadt=Oſt und Bahn=
hof
Kranichſtein vereinbart worden. Nachdem inzwiſchen
auch für den Südbahnhof und den Nordbahnhof beſon=
dere
Uebergabeſtellen geſchaffen wurden, wird mit Zu=
timmung
der Waſſerwerks=Deputation beantragt, die
vertraglichen Beſtimmungen auch für dieſe beiden neuen=
Uebergabeſtellen zur Anwendung zu bringen. Re= Stadtv. Lindt. Hierbei ſtellt Stadtv. Sames=
feſt
, daß er durch die Anregung der Frage betr. Haltens
der Züge an dem Nordbahnhof nicht Beunruhigung in die
Bevölkerung getragen habe, ſondern daß die Beunruhigung.
bereits beſtanden hat. Der Zweck ſeiner Ausführungen
ei nur geweſen, die Stadtverwaltung auf dieſe Verhält=
niſſe
aufmerkſam zu machen und um eine Antwort herbei=
zuführen
. Beigeordneter Ekert teilt mit, daß ſich die
Stadtverwaltung ſofort an die Eiſenbahndirektion ge=
wendet
habe, dieſelbe habe aber noch keine genaue Ant=
vort
geben können. Stadtv. Nöllner bittet, bei der
Eiſenbahnverwaltung dahin zu wirken, daß der Fahr=
plan
, beſonders der der Odenwaldſtrecke, auch nach den An=
orderungen
des Arbeiterverkehrs eingerichtet wird. Wenn
die Arbeiter den erſten Zug, der wegen der Milch=
beförderung
ſchon um 4 Uhr oder 5 Uhr morgens in
Darmſtadt ankommt, benutzen ſöllen, ſo iſt das nicht zu
echtfertigen. Der Antrag wird ſodann angenommen.
Verein zur Bekämpfung der Schmutzliteratur.
Die Stadtverordnetenverſammlung hatte in einer der letzten
Sitzungen den Beitritt zum Verein zur Bekämpfung.
der Schmutzliteratur mit einem Beitrag von 10 Mark
beſchloſſen. Nach den Statuten beträgt der Mindeſtbeitrag=
für
Körperſchaften 20 Mark. Die Stadtverordnetenver=
ſammlung
genehmigt nach dem Referat des Stadtv.
Bender dieſen Beitrag.
Um ¾6 Uhr wird ſodann in die nichtöffentliche
Sitzung eingetreten.

Deutſcher Reichstag.

* Berlin, 7. März. Präſident Dr. Kaempf er=
öffnet
die Sitzung um 1.17 Uhr. Auf der Tagesordnung
ſteht die Fortſetzung der
zweiten Leſung des Etats des Innern.
Gehalt des Staatsſekretärs. Hierzu liegen 75 Reſo=
lutionen
vor. 8. Tag.
Abg. Peus (Soz.): Die Herren auf der Rechten
ſollten endlich mit ihrer reaktionären Mittelſtandspolitik
brechen. Die Bekämpfung der Konſumvereine mit Son=
derſteuern
hat ſich als völlig erfolglos gezeigt. Eine
beſſere Mittelſtandspolitik war ſicher der Vorſchlag des
Abg. Kerſchenſteiner, wenngleich er ſich nicht von realen
Verhältniſſen leiten ließ. Wir legen auf die perſönliche
Ausbildung des Individuums das größte Gewicht und
verlangen, daß das Einjährig=freiwillige Examen beſei=
tigt
werde. Durch das Erſitzen des Zeugniſſes wird in
den Schülern die Neigung zum Handwerk getötet. Die
chriſtlichen Gewerkſchaften haben keine Exiſtenzberechtigung.
Es ſoll nur der kirchliche Einfluß den Unternehmungen zu=
gute
kommen. Um die Verhältniſſe der Landarbeiter zu
beſſern, fordern wir die reichsgeſetzliche Regelungder Geſinde=
ordnung
und Ausdehnung des Koalitionsrechts auf die
Landarbeiter. Eine der wichtigſten Aufgaben der Gegen=
wart
iſt die Förderung des Wohnungsweiens von Reichs=
wegen
. Erfreulich iſt es, daß der Alkoholismus unter
den Arbeitern erheblich zurück geht. Die K nderarbeit
muß beſeitigt werden, die Schulverhältniſſe leiden darunter
außerordentlich. Es muß damit gerechnet werden, daß
in den Arbeitern aus dem Oſten das Klaſſenbewußtſein
erwacht, ſonſt kann es unter Umſtänden zu Konflikten
kommen. Vor dem Sklaven, der die Ketten bricht, vor
einem freien Arbeiter erzittere nicht. (Beifall bei den
Sozialdemokraten.)
Abg. Pfeiffer (Ztr.). Dem germaniſchen Muſeum
in Nürnberg, beſonders der Gemäldegalerie, muß große
Fürſorge zuteil werden. Auch das Deutſche Muſeum in
München verlangt entſchiedene Förderung. Dann ver=
angen
wir ein Reichstheatergeſetz. Bei dieſer Forderung
vertrete ich eine höchſt ernſte Frage, die ich nicht als
Spielerei betrachte, wie mir im Wahlkampf vorgeworfen
wurde. Bei dem Stellenvermittlergeſetz ſcheint eine falſche
Judikatur zu beſtehen. Zur Bekämpfung des Waren=
hauſes
will Herr Koelſch den Konſervativen und Zen=
trumsleuten
den Eintritt bei Wertheimer und Dietz unter

Feuilleton.

* Der größte Bahnhof der Welt. Der Leipziger
Hauptbahnhof, deſſen Bau ſich der Vollendung nähert,
wird nach ſeiner Fertigſtellung der größte Bahnhof der
Welt ſein. Die Bauzeit wurde durch den ſchlechten Un=
tergrund
ſehr verlängert. Insgeſamt wird die ganze
Anlage nach der Fertigſtellung gegen 135 Millionen Mark
verſchlungen haben. Preußen, das ein weſentliches In=
tereſſe
an einer raſchen Abwickelung des Leipziger Ver=
kehrs
hat, ſah ſich veranlaßt, einen Teil der Koſten zu
übernehmen. Es ſind 26 Bahnſteige vorgeſehen, neben
denen gleichzeitig 39 ein= und ausfahrende Züge Aufſtel=
lung
finden können. Das Dach der großen Halle erhebt
ſich zu einer Höhe von 30 Metern und wird aus Eiſen=
beton
ausgeführt, die Dächer der Nebenhallen fallon um
zehn Meter zurück. In den Bahnhof werden in Zukunft
elf verſchiedene Züge der preußiſchen und ſächſiſchen Eiſen=
bahnverwaltung
einlaufen. Das Empfangsgebäude be=
derkt
einen Flächenraum von 160000 Geviertmetern. Für
die nähere Umgebung des Bahnhofs ſind künſtleriſche
Schmuckanlagen vorgeſehen, damit der Beſucher Leipzigs
gleich beim Eintritt einen freundlichen Eindruck von der
alten Lindenſtadt erhält. Eine Eigentümlichkeit der Bahn=
hofsanlage
beſteht darin, daß der ankommende vom ab=
gehenden
Verkehr ſtreng geſchieden iſt.
** Pariſer Bühnenſterne über den Schnurrbart. Sieht
ein Mann mit Bart oder Schnurrbart beſſer aus als ein
glattraſierter Herr? In dieſer Frage ſind die Damen zu=
ſtändig
, und der Matin hat daher die bekannteſten Pariſer
Schauſpielerinnen und Bühnenſchönheiten über dieſe äſthe=
tiſche
Kulturfrage interviewt. Die Umfrage ergibt eine
überraſchende Majorität für den glattraſierten Mann.
Yvonne de Bray erklärt lakoniſch: Es gibt kein Zögern:
weder Bart noch Schnurrbart. Der Mann ſoll ſich glatt
raſieren. Auch die Polaire iſt dieſer Anſicht: Der Bart
und der Schnurrbart mögen ſich für Männer eignen, denen
ein böſes Schickſal eine häßliche Mundform oder häßliche
Zähne verliehen hat. Mein Geſchmack: Keinen Bart, keinen
Schnurrbart. Nelly Cormon äußert ſich: Wie die Män=
ner
ihren Bart tragen ſollen? Ich habe mir mein Urteil
gebildet. Es wäre für ſie am vorteilhafteſten, ihren Bart
auf dem Kopf zu tragen. Die Königin der Operette‟
Mlle. Méaly, will ebenfalls vom Schnurrbart nichts wiſſen:
Ich mag weder Bart noch Schnurrbart leiden. Alle Män=
ner
ſollten glattraſiert ſein. Und Marcelle Yrven meint:

Das hängt nicht von der Mode ab, das iſt eine Frage des
Geſchmacks. Seien Sie überzeugt, die Männer ſind ebenſo
eitel wie die Frauen und wiſſen ſehr gut, was ihnen ſteht.
Trotzdem glaube ich, daß die glattraſierten Männer bei
den Frauen immer mehr Erfolg haben. Für den Schnurr=
bart
hat ſich nur Jeanne Marnae ausgeſprochen, aber auch
ſie nur mit Vorbehalt: Bart? O nein, nur keinen Bart.
Meinetwegen einen Schnurrbart, aber er muß ſehr fein
und weich und parfümiert ſein. Alle Frauen werden mich
verſtehen. Gewiß!
Der illuminierte Niagara. Der Niagara iſt neuer=
dings
der Zielpunkt aller amerikaniſchen Hochzeitsreiſen=
den
und ſeit langem klagen dieſe Freunde der Naturſchön=
heit
darüber, daß man im Dunkel der Nacht die prächtigen
Fälle nicht ſehen könne. Und da die Fälle ſchon heute ſo
große elektriſche Kraftmengen abgeben, ſei es unbegreif=
lich
, daß man den Niagara nicht allnächtlich zur Freude
amerikaniſche Naturfreunde elektriſch illuminiere. Dieſem
offenkundigen Mangel ſoll jetzt ein Ende bereitet werden.
Senator Gittins hat einen Geſetzentwurf eingebracht, der
200000 Mark für den Bau einer elektriſchen Kraftſtation
zur Einrichtung einer ſtändigen nächtlichen Illumination
der berühmten Fälle vorſieht. Nach dieſer einmaligen Aus=
gabe
würde die regelmäßige Illumination nur 10000 Mark
im Jahre koſten. Die Ausführung des Planes ſoll davon
abhängig gemacht werden, ob auch die Regierung des
kanadiſchen Staates Ontario ſich an den Koſten beteiligt.
New=York und Kanada haben in der Nachbarſchaft der
Fälle große Parks angelegt und alles geſchieht, um dem
Publikum den Naturgenuß zu erleichtern und zu verſchö=
nen
, aber nachts ſind die Fälle ſo dunkel, daß man ſie nicht
ſehen und genießen kann Schon früher ſind einmal
140000 Mark für zeitweilige Illumination der Fälle be=
willigt
worden.
* Die blinden Bettler. Der Wind blies ſtürmiſch, als
ein mitleidiger alter Herr einen Nickel in den Hut eines
vor Kälte zitternden blinden Bettlers an der Straßen=
ecke
warf. Der Geber ließ die Münze beinahe fallen, aber
der Bettler ſchob ſeinen Hut geſchickt vor und fing ſie
auf: Nanu, Sie ſind ja gar nicht blind! rief der Herr
wütend aus. Nein, geſtand der Bettler. Ich halte
hier nur den Platz für einen Freund, während er ſich
etwas erholt. Aber der iſt blind, Herr blind ge=
boren
. Wo erholt er ſich denn? fragte der noch wenig
überzeugte Wohltäter. Ach, er iſt da drüben in den
Kientopp gegangen.

[ ][  ][ ]

ſagen. (Heiterkeit). Das Oberhaupt des Fürſtentruſts,
der hinter dieſen Warenhäuſern ſteht, Fürſt zu Fürſten=
berg
, galt bis jetzt zu den Liberalen, wenn man uns den
Boykott vorwirft, ſo erinnere ich daran, daß ſeit langer
Zeit gegen das Zentrum ein unglaublicher Boykott der
Weltanſchauung geübt wird. Wenn da einmal der Spieß
umgedreht wird, ſo iſt es kaum zu verwundern. Die philo=
ſophiſchen
Ideen des Abgeordneten Kerſchenſteiner werden
von der Not des Alltages, die die Konkurrenz bedingt,
gar leicht über den Haufen geworfen. Die Handfertigkeits=
ſchule
kann nur in Berbindung mit der Buchſchule ge=
deihen
. Die Individualiſierung der Perſönlichkeit allein
tuts nicht. Die Angliederung in das Staatsganze iſt
notwendig. (Beifall bei dem Zentrum.)
Abg. Graf von Kanitz (konſervativ): Das ein=
heimiſche
Kapital muß zur Deckung der deutſchen Kredit=
bedürftigkeit
reſerviert werden. Immer noch iſt die
Summe des alljährlich in das Ausland gehenden deut=
ſchen
Geldes außerordentlich hoch. Unſere vorjährigen
Debatten über dieſen Punkt haben das deutſche Kapital
gewarnt und große Verluſte ſind ihm erſpart geblieben.
Durch die Zwiſchenbilanzen einiger Großbanken wird
noch kein genügender Schutz für das Publikum geſchaffen.
Man muß ſich ſelber ſchützen, dadurch, daß man ſein
Geld nur zuverläſſigen Inſtituten anvertraut. (Sehr
richtig). Der Reichsbankpräſident mag alsbald die Ein=
ſchränkung
des Spekulationskredits und die beſſere Liqui=
dität
durchführen. Wir wollen bei einer Reviſion des
Zolltarifs nicht die Zollſätze erhöhen, ſondern nur die
einheimiſchen Erwerbsſchichten zur Sicherung des ein=
heimiſchen
Marktes ſchützen. Wir ſollten unſeren Zoll=
tarif
nicht auf lange Zeit feſtlegen, um unliebſamen
Zollmaßnahmen des Auslandes begegnen zu können.
An den gegenwärtig höheren Lebensmittelpreiſen iſt die
Landwirtſchaft unſchuldig. Für Speckſchweine werden
für den Zentner 38 bis 39 Mark bezahlt und ebenſo iſt
es mit den Getreidepreiſen; überall wollen erſt viele
Händler verdienen. Für die Landwirtſchaft ſind die
hohen Grundſtückspreiſe keine geſunde Unterlage, das hat
aber mit dem Zolltarif nichts zu tun. An eine Renta=
bilität
der Landwirtſchaft iſt bei den hohen Bodenpreiſen
nicht zu denken. Der Schutz der nationalen Arbeit iſt
eine Notwendigkeit und unerläßlich zur politiſchen Selb=
ſtändigkeit
; er muß uns für alle Zeiten erhalten bleiben.
Abg. Götting (natl.): Bei den Einlagen der Spar=
kaſſen
können die kleinen Leute ſehr wohl beteiligt ſein.
Die Sparkaſſen ſind ein wirkſames Mittel zur Hebung
unſeres Wirtſchaftslebens. Dieſe nationale Kleinarbeit
iſt nicht zu unterſchätzen, denn ſie hat Milliarden von
Werten hinter ſich. Sie bildet auch einen wirkſamen
Schutz gegen die Folgen der Arbeitsloſigkeit. Man
darf nicht gering denken von dieſer Art der Selbſt=
hilfe
. Abg. Weinhauſen (Fortſchr. Vpt.): Der
Eindruck, den die Regierung mit den Mittelſtandsreden
der Miniſter erzielen will, wird nicht erzielt. Dem ſteht
die Verteuerungspolitik der letzten Jahre zu ſehr entgegen.
Wir ſind die wahren Freunde des Mittelſtandes, weil
bei uns nicht nur Worte, ſondern auch Taten ſind. Am
Anfang aller Erſtarkung ſteht die Organiſation, deshalb
ſoll ſich der Mittelſtand organiſieren, aber im großzügigen
Sinne. Zu verurteilen iſt, wenn die Schichauwerft ihren
Arbeitern nach Duchſetzung einer Lohnerhöhung die Zu=
gehörigkeit
zum Metallarbeiterverband unterſagt. Wir
verlangen Förderung des Tarifweſens und Einſetzung
von Arbeitsämtern mit Verhandlungszwang Im Ruhr=
gebiet
ſtehen die Sachen heute ſo, daß es jeden Augen=
blick
zu einem wirtſchaftlichen Kampf von unerhörten
Folgen kommen kann und unſere Regierung ſteht un=
tätig
da.
Hierauf tritt Schluß der zweiten Leſung ein, das
Gehalt des Staatsſekretärs wird bewilligt. Ueber
die Reſolutionen und Anträge wird in dritter Leſung
abgeſtimmt werden. Es folgt die Spezialberatung.
Eine Reihe von Titeln wird ohne Debatte bewilligt.
Bei Titel 6b, Beitrag zu den Koſten der ſtändigen
Kommiſſion zur Vorbereitung internationaler Schiff=
fahrtskongreſſe
, bemerkt Abg. Dr. Dahlem (Ztr.): Es
ſollten Maßnahmen getroffen werden, um die Schädig=
ungen
des Obſt= und Weinbaues durch den Rauch der
Dampferſchlote auf dem Rhein zu verhüten.
Hierauf erfolgt die Vertagung der Weiterberatung
auf Freitag 1 Uhr. Vorher Wahl des Präſi=
diums
. Schluß 5¼ Uhr.

* Berlin, 7. März. Die Geſchäftsordnungs=
kommiſſion
des Reichstages beſchloß dem § 33 der
Geſchäftsordnung nachſtehende Faſſung zu geben: Bei
Beſprechung einer Interpellation können Anträge geſtellt
werden, dahingehend, daß der Reichstag das Verhalten
des Reichskanzlers in der den Gegenſtand der Interpel=
lation
bildenden Angelegenheit billigen oder nicht billigen
möge. Die Anträge müſſen von mindeſtens 30 anweſen=
den
Mitgliedern unterſtützt werden. Sonſtige Anträge
ſind unzuläſſig. Die Wahlprüfungskommiſion des
Reichstages erklärte die Wahlen von Dietrich (Konſ.)
Potsdam 3 (Ruppin=Templin), Colshorn ( Hannove=
raner
) Hannover 5 (Melle=Diepholz), Dr. Erdmann
(Soz.) Arnsberg 6 (Dortmund=Hörde) und Schulen=
burg
(Natlib.) Amsberg 7 (Hamm=Soeſt) für gültig.

Luftfahrt.

Die Meldeliſte für das Gordon= Ben=
nett
=Rennen der Freiballone, das nach dem
vorjährigen Siege des Herrn Ingenieur Gericke= Ber=
lin
von Deutſchland zu verteidigen iſt, und von
Stuttgart aus veranſtaltet wird, iſt jetzt geſchloſſen worden.
Es haben neun verſchiedene Länder Herausforderungen
an Deutſchland geſandt. Es werden im ganzen 24 Bal=
lone
am Start erwartet. Vertreten ſind außer Deutſch=
land
die Vereinigten Staaten, Belgien, Frankreich, Oeſter=
reich
, Schweiz und Italien mit je drei Ballonen, während
Rußland, England und Dänemark je einen Ballon ange=
meldet
haben. Die bisher ſtärkſte Beteiligung am Gor=
don
=Bennett=Rennen war im Jahre 1908 gleichfalls in Ber=
lin
mit 23 Ballonen, ſodaß die diesjährige Beteiligung
einen Rekord bedeutet.
Paris, 7. März. Der Aviatiker Salmey= iſ
heute vormittag 8 Uhr mit einem Blériot=Eindecker in
London aufgeſtiegen und um 11 Uhr in Iſſy les
Moulineaux, im Süden von Paris, gelandet. Er hat
die Strecke London=Paris, die in der Luftlinie 380 Kilo=
meter
beträgt, ohne Unterbrechung durchflogen.
sr. Für das Gordon=Bennett=Rennen
der Flugmaſchinen ſtiftete die Stadt Chicago
eine Summe von 50000 Dollars, von der die Hälfte den
teilnehmenden Fliegern zufallen ſoll. Das urſprünglich
in Ausſicht genommene Flugfeld bei Chicago iſt jetzt für
nicht ausreichend befunden worden, man hofft aber noch
einen geeigneten Platz ausfindig zu machen. England
wollte ſich anfänglich durch Graham White allein vertreten
laſſen, wird aber vorausſichtlich noch den Flieger Hamel
in den Kampf ſchicken.

Sport.

Pfr. Das Badener Zukunftsrennen hat trotz
er großen Preisſteigerung von 36.000 auf 40000 Mark
nicht den erwarteten guten Nennungsſchluß zu ver=
zeichnen
, wenn auch mit dem noch ausſtehenden Melde=
ſchluß
in Brüſſel, London und Rom die verlangte Mindeſt=
zahl
von 70 Unterſchriften knapp erreicht werden dürfte.
In Berlin, Paris und Wien gingen zuſammen 64 Unter=
ſchriften
für die klaſſiſche Zweijährigen=Prüfung ein. Die
deutſchen Rennſtallbeſitzer haben erſichtlich nach der erheb=
lichen
Preiserhöhung eine noch ſtärkere franzöſiſche Kon=
kurrenz
gefürchtet, da ſich die an und für ſich ſchon recht
beſcheidene Zahl von 26 Unterſchriften des Vorjahres
noch um eine verringerte. Aber auch bei den Franzoſen
trat merkwürdigerweiſe kein ſtärkeres Intereſſe zutage, im
Gegenteil, die Beteiligungsziffer ging von 35 auf 30 zurück,
die ſich auf eine ganze Anzahl von Ställen verteilen. An
der Spitze ſteht Monſ. A. Veil=Picard mit 5 und Monſ.
M. Ephruſſi mit 3 Unterſchriften. Deutſcherſeits kommen
nur 9 Ställe in Betracht. Am ſtärkſten legte ſich Graditz
mit 7, die Herren A. u. C. von Weinberg mit 5 und Frei=
herr
S. A. von Oppenheim, ſowie Herr R. Haniel mit je 4
Unterſchriften ins Zeug. Die öſterreichiſch=ungariſchen
Ställe ſind durch 8 Zweijährige vertreten. Auffallen muß
das gänzliche Fehlen des Hohenlohe=Oehringiſchen Stalles,
der weder in Berlin noch in Wien eine Meldung abgab.
Pfr. Die großen Magdeburger Flach=
rennen
haben bei der zweiten Reugelderklärung
recht gut abgeſchnitten. Im Pesztonka=Rennen am Oſter=
montag
wurde für 15 Pferde der zweite Einſatz gezahlt.
Von den öſterreichiſch=ungariſchen Pferden blieb nur Ferke
konkurrenzberechtigt. Der neu geſchaffene, mit 25000 Mark
dotierte Preis der Provinz Sachſen vereint noch 31 Kon=
kurrenten
, von denen vier und zwar die beiden dreijährigen
Satrap und Lesbos, der vierjährige Bankar und der fünf=
jährige
Fenyes Bogar auf das Nachbarland entfallen. Die
Hauptentſcheidung endlich, der mit einem Goldpokal und
30000 Mark ausgeſtattete Große Preis von Magdeburg
am Pfingſtdienstag, iſt mit 29 Konkurrenten ebenfalls noch
ausgezeichnet beſetzt. Außer den ſchon tags zuvor kon=
kurrenzberechtigten
Satrap und Bankar wurde von den
öſterreichiſch=ungariſchen Ställen nur noch Kapanyel die
Teilnahme am Meilenrennen geſichert.
Rdr. Lorenz=Saldow, Sieger im Dres=
dener
Sechstage=Rennen. Das zweite Sechs=
tage
=Rennen der ſächſiſchen Hauptſtadt hat, wie im
Vorjahre, mit dem Siege der deutſchen Mannſchaft
Lorenz=Saldow geendet, nur daß ihnen diesmal
der Erfolg nicht ſo leicht gemacht wurde. Die auch noch
in den letzten Stunden unternommenen Verſuche des
deutſch=amerikaniſchen Paares Stabe=de Mara blieben er=
folglos
, und ſo mußten Lorenz und de Mara nach Beendig=
ung
des Rennens zum Entſcheidungskampf über 10 Run=
den
antreten. Nach einigen Stehverſuchen beider Fahrer
übernahm Lorenz die Führung. Fünf Runden vor Schluß
verſchärfte der Berliner das Tempo und als er in der vor=
letzten
Runde zum vollen Spurt einſetzte, dabei aber nicht
ganz geraden Strich fuhr, richtete ſich de Mara auf, ohne
ſich in einen weiteren Kampf einzulaſſen. Das Endreſultat
war demnach: 144. Stunde: 1. Lorenz=Saldow (auf Con=
tinental
=Pneumatik) 3653,390 Kilomtr.; 2. Stabe=de Mara
½ Rd., 3. Rudel=Pawke 1 Rd., 4. Großmann=Techmer 4 Rd.,
5. Marx=Finn 10 Rd. zurück.

Handel und Verkehr.

* Berlin 6. März. In der heutigen Sitzung des
lufſichtsrates der Deutſchen Bank, Berlin
wurde die Bilanz per 31. Dezember 1911 vorgelegt und
genehmigt. Der auf den 27. März einberufenen General=
verſammlung
wird die Verteilung einer Dividende
von 12½ Prozent (wie i. V.) in Vorſchlag gebracht, unter
Erhöhung des Gewinnvortrages um 502044 Mark.
* Frankfurt (Main), 7. März. In der heute ſtatt=
gehabten
Generalverſammlung der Deutſchen Ver=
einsbank
, Frankfurt (Main) waren 7499400 Mk.
Aktien mit 12349 Stimmen vertreten. Unter Erteilung
der Decharge an Aufſichtsrat und Direktion wurde, den
Anträgen der Verwaltung gemäß, beſchloſſen, für das
laufende Geſchäftsjahr eine ſofort zur Auszahlung gelan=
gende
Dividente von 6 Prozent (wie im Vorjahr) auf das
Aktienkapital von 30000000 Mark zu verteilen. Die
turnusgemäß ausſcheidenden Mitglieder des Aufſichtsrats,
die Herren Stadtrat Heinrich Flinſch, Generalkonſul Kom=
merzienrat
Eduard Beit von Speyer und Dr Paul Stern,
wurden wiedergewählt.

Die Bergarbeiterbewegung.

Der Streik in England.
* London, 7. März. Die Zeitungen heben hervor,
der ausführende Ausſchuß der Berg=
arbeiter
geſtern zum erſten Male eine Beſpre=
chung
mit den Führern der Arbeiterpartei
gehabt hat. Alle parlamentariſchen Vertreter der Berg=
arbeiter
ſind zwar vor einiger Zeit der Arbeiterpartei bei=
getreten
, haben aber ihre eigene Organiſation beibehal=
ten
, und ſie haben bei den bisherigen Verhandlungen über
die Kohlenkriſe die Führer der Arbeiterpartei nicht konſul=
tiert
. Man nimmt an, daß bei der geſtrigen Beſprechung
inerſeits die Frage der Geſetzgebung über die Minimal=
löhne
und andererſeits die Wirkung des Streiks auf die
brigen Arbeiterverbände behandelt worden ſind. Nach
der Daily News ſind durch die Beſchränkung des Eiſen=
bahnverkehr
100000 Eiſenbahner beſchäfti=
gungslos
geworden und die Gewerkſchaften haben
jedem Organiſierten 15 Schilling pro Woche als Entſchädi=
gung
für die Arbeitsloſigkeit zu zahlen. Nach dem Daily
Chronicle iſt der ausführende Ausſchuß der Bergarbeiter
in zwei Parteien geſpalten, von denen die eine an den
beſchloſſenen Sätzen der Minimallöhne unbedingt feſthält,
während die andere bereit iſt, zu verhandeln. Die Gru=
benbeſitzer
von Südwales bleiben unbeugſam und wollen
das Prinzip der Minimallöhne nur unter dem Zwange
der Geſetzgebung annehmen.
* London, 6. März. Premierminiſter Asquith er=
klärte
im Unterhauſe in Beantwortung von Anfragen, die
von einem liberalen Blatte gebrachte Meldung, die Re=
gierung
beabſichtige, morgen eine Vorlage betref=
fend
den Mindeſtlohn einzubringen ſei eine reine
Erfindung. Die Regierung ſei darauf bedacht, daß das
Haus den Kohlenſtreik beſpreche, doch könne er keinen Tag
für die Diskuſſion feſtſetzen, da die Lage ſehr heikel ſei.
Er hoffe auch, heute nachmittag mit den Vertretern der Ar=
beiter
zuſammenzukommen.
Premierminiſter Asquith, Miniſter Grey und
Finanzminiſter Lloyd George hatten heute nachmittag
eine Unterredung mit den Mitgliedern des ausführenden
Ausſchuſſes der Bergarbeiter=

* London, 6 März. Infolge der Haltung der Aus=
ſtändigen
ſind zwei Kohlenbergwerke im Swan=
ſea
=Diſtrikt außerſtande, das Waſſer auszupumpen. Wenn
der Streir noch ein wenig länger dauert, ſo wird das Aus=
docken
zwei Monate in Anſpruch nehmen. Die Schiffs=
beſitzer
der Nordoſtküſte bieten für Bunkerkohlen
ungewöhnliche Preiſe. Der Kokspreis iſt bis auf 30
Schilling pro Tonne in die Höhe gegangen und iſt der
höchſte ſeit 20 Jahren Im Tynediſtrikt werden fortgeſetzt
Werke geſchloſſen. Die Zahl der beſchäftigungsloſen Ar=
beiter
wurde auf 2300 geſchätzt. Am Tees=Fluſſe arbeiten
nur noch neun von 74 Hochöfen.
* Liverpool, 6. März. Die White Star=
Line, die vorerſt noch an ihrem Fahrplan feſthält, kün=
digt
an, daß ſie für Verluſte nicht verantwortlich ſei, die
dadurch entſtehen könnten, daß die Expedition der Schiffe
nicht fahrplanmäßig oder überhaupt nicht erfolgt
Die Streikbewegung in Deutſchland.
* Eſſen, 6. März. Die außerordentliche General=
verſammlung
des Gewerkvereins chriſtlicher
Bergarbeiter für das Ruhrrevier erklärte ſich
einſtimmig gegen die Beteiligung an dem jetzt von dem
ſozialdemokratiſchen Verband und deſſen Nachläufern be=
abſichtigten
Streik. Sämtliche Delegierte erklärten, daß
die Mitglieder mit der Haltung der Gewerkvereinsleitung
voll einverſtanden ſeien. Die Generalverſammlung be=
ſchloß
, die Arbeiterausſchüſſe aufzufordern, die berechtig=
ten
Wünſche der Bergleute bei den Zechenverwaltungen vor=
zubringen
und für deren Durchführung einzutreten. Von
der Behörde verlangte die Generalverſammlung, daß ſie
energiſch für den Schutz der nicht ſtreikenden Bergleute
ſorge.
* Bochum, 7 März. Die Sicherheitsbehör=
den
im Induſtriebezirk haben umfaſſſende
Maßnahmen getroffen, um Ruhe und Ordnung auf=
rechtzuerhalten
, falls ein Streik ausbricht. Es wird mit=
geteilt
, es ſei der feſte Wille der Regierung, die Ar=
beitswilligen
bei einem etwaigen Ausſtand zu
ſchützen. Der Schutz werde als um ſo notwendiger
betrachtet, als angeſichts der Haltung der chriſtlichen Berg=
arbeiter
die Zahl der Arbeitswilligen, die einen Anſpruch
auf behördlichen Schutz hätten, nicht unbedeutend ſein
würde Im Gelſenkirchener und Bochumer Landkreis iſt
die Gendarmerie bereits verſtärkt worden, ebenſo im Dort=
munder
Bezirk. Störungen, wie ſie in einigen lokalen
Streiks hier und da beobachtet wurden, werden die Be=
hörden
nachdrücklichſt entgegentreten.
* Saarbrücken 6. März. Im Saarrevier
hielt der Chriſtliche Bergarbeiterverband
mehrere Verſammlungen ab, in denen die Ausſtandsbewe=
gung
in England und im Ruhrrevier zur Sprache kam.
Doch herrſchte die Ueberzeugung, daß die deutſchen Berg=
leute
keinerlei Urſache hätten, einen Ausſtand zu erwägen,
weil ſie Wert auf die Verdrängung der engli=
ſchen
Kohle aus Deutſchland legen müßten, um
für die deutſche Kohlenförderung Abſatz zu finden. Dieſe
Auffaſſung fand in den Verſammlungen allgemeine Zu=
ſtimmung
. In bezug auf die Lohnfrage war man der
Anſicht, daß die Bergleute von der Saar berechtigt ſeien,
einen höheren Lohn zu beantragen. Eine entſprechende
Reſolution wurde angenommen.
* Berlin 6. März. Nach dem Beiſpiel der Berg=
leute
im Ruhrkohlengebiet ſcheinen auch die Gruben=
arbeiter
der ſächſiſchen Kohlenreviere in
eine Lohnbewegung eintreten zu wollen. Wie aus Dres=
den
gemeldet wird, haben die Bergleute des Zwickauer,
Lugauer und Oelmitzer Bezirks geſtern eine einheitliche
Erhöhung des Schichtlohnes um 30 Pfennig, achtſtündige
Arbeitszeit und verſchiedenes andere gefordert. Nächſten
Sonntag ſollen in allen Kohlenbaubezirken Verſammlun=
gen
ſtattfinden. Auch in Rußland wird geſtreikt. In der
Kohlenarube Saturn einer der größten Ruſſiſch=Polens,
ſind faſt ſämtliche Arbeiter in den Ausſtand getreten.
Forderungen der Bergarbeiter Oeſterreichs
* Brüx, 6. März. Die Union der Bergarbeiter
Oeſterreichs überreichte den Bekriebsleitungen aller
Braunkohlenſchächte in den Bergamtsbezirken Brüx und
Komotau und Teplitz folgende Forderungen: 25% ige
Erhöhung der Akkordlöhne für Hauer im Abbau auf der
Strecke, wobei jeder Hauer mindeſtens 4½ Kronen in
der Schicht verdienen muß und 25%ige Erhöhung der
Schichtlöhne und Akkordgedingen aller übrigen Gruben=
arbeiter
und Tagesarbeiten. Die Beantwortung der
Forderungen wird bis zum 14. März erwartet.

Der italieniſch=türkiſche Krieg.

* Konſtantinopel, 6. März. Die geſamte tür=
kiſche
Preſſe fährt fort, immer entſchiedener gegen
die Friedensidee Stellung zu nehmen. Die an=
ſcheinend
vom Auswärtigen Amt inſpirierte Jeni
Hazette erklärt, die Pforte könne ſich nicht auf Ver=
handlungen
auf der Baſis der Annexion einlaſſen. Es
verlautet, das Finanzminiſterium verhandle mit der
Ottomanbank wegen Aufnahme eines Vorſchuſſes von
einer Millon Pfund gegen Schatzbons. Wie eine
lokale Nachrichtenagentur meldet, erklärte die Pforte dem
Auswärtigen Amt in London, daß die engliſchen Vor=
ſchläge
bezüglich der Bahnlinie Bagdad=Baſſora berück=
ſichtigt
würden, wenn England auf jede politiſche Abſicht
in Koweit verzichte.
* Konſtantinopel, 7. März. Aus authentiſcher
Quelle wird gemeldet, daß die Wahlen in der zweiten
Hälfte des März beginnen. Die Verhängung des Be=
lagerungszuſtandes
über Akka wird amtlich dementiert.
Die Auslandsgerüchte, nach welchen der Miniſterrat
die Vermittelungsfrage beraten habe und die
Mehrheit der Miniſter geneigt ſei, auf die guten Dienſte
der Mächte auf der Grundlage der Anerkennung der
religiöſen Souveränität des Sultans über Tripolis und
die Cyrenaika und der politiſchen Souveränität über
eine der beiden Provinzen anzunehmen, werden halb=
amtlich
dementiert. Die Pforte ſei mehr denn je
entſchieden, die Rechte der Türkei auf beide Provinzen
aufrecht zu erhalten.
Rom, 7. März. Die Agenzia Stefani ſchreibt:
Entgegen den in den letzten Tagen von einigen Zeitungen
gebrachten Nachrichten ſei feſtgeſtellt, daß von keiner
Macht Schritte bei der italieniſchen Regierung unter=
nommen
wurden, um ihr eine Beſchränkung der mili=
täriſchen
Operationen zu empfehlen. Die italieniſche
Regierung behält ſich volle Aktionsfreiheit vor, ab=
geſehen
von den türkiſchen Küſten, des Adriatiſchen und
Joniſchen Meeres.

Die Revolution in Ching.

* London, 7. März. Die Times meldet aus
Peling vom 6. ds.: Der Chineſiſche Finanzminiſter teilte
am Samstag den Vertretern der engliſchen, deutſchen,
franzöſiſchen und amerikaniſchen Banken mit=daß=fürrdie

[ ][  ][ ]

diplomatiſchen Vertretungen Chinas im Ausland
eine Million Taels unbedingt nötig ſei. Die Banken
haben unter Zuſtimmung ihrer eigenen Regierungen und
und ebenſo der ruſſiſchen und der japaniſchen Regierung
Yuanſchikai zugeſagt, eine halbe Million Taels ſofort,
eine halbe Million in 10 Tagen und weitere Beträge
ſpäter vorzuſchießen. Die Banken aller ſechs Nationen
werden unter ſpäter feſtzuſetzenden Bedingungen beteiligt
werden. Die Beteiligung wird rückwirkende Kraft haben
und auch den Vorſchuß von 2 Millionen Taels ein=
ſchließen
, der vorige Woche der Nankinger Regierung ge=
währt
worden iſt. Das Abkommen über die Anleihe von
30 Millionen Mark zwiſchen der ruſſiſch=aſiatiſchen Bank
und dem Nankinger Schatzamt iſt rückgängig gemacht
worden.

Vermiſchtes.

Evangeliſcher Kirchengeſangverein
für Deutſchland. Der diesjahrige Deutſche evan=
geliſche
Kirchengeſangvereinstag ſoll am 22.
und 23. Ottober in Frankfurt a. M. ſtattfinden. Bei der
Zentralausſchußſitzung wird u. a. über das Thema ver=
handelt
werden: Unſere Kirchenkonzerte und die gottes=
dienſtliche
Aufgabe unſerer Kirchenchöre (Leitſätze: Herr
Pfarrer Wilhelm Herold=Memmingen). Bei der Haupt=
verſammlung
wird Herr Profeſſor D. Spitta=Straßburg
über Kirchenbau und Kirchenmuſik referieren.
Die Deutſche Geſellſchaft für Kauf=
manns
=Erholungsheime hat in ihrer letzten
Plenarſitzung die Errichtung von zwei weiteren Heimen
beſchloſſen, davon eins an der Oſtſee und eins im
Taunus. Auch gehen ihr fortgeſetzt umfangreiche Stif=
tungen
und Mitgliederbeiträge zu. Stiftungen ſind u. a.
in der letzten Zeit erfolgt von: Akkumulatorenfabrik
Aktien=Geſellſchaft, Berlin, 5000 M.; Theodor Hildebrandt
& Sohn, Berlin, 5000 M.; G. Zuban, K. B. Hof= Zigaret=
tenfabrik
K.=G., München, 10000 M.; Allgemeine Deutſche
Credit=Anſtalt, Leipzig, 10000 M.; Moritz Sml. Eſche,
Chemnitz, 5000 M.; Kommerzienrat Friedemann, Dres=
den
, i. Fa. Conradi & Friedemann, Trikotagenfabrik,
5000 M. Aus Heſſen ſind ebenfalls eine große Reihe von
Beitrittserklärungen zu der Geſellſchaft erfolgt, u. a. von:
C. H. Böhringer Sohn, G. m. b. H., Nieder=Ingelheim,
mit einem Beitrage von 2000 M.
* 10 Gebote für Raucher. Das Rauchen braucht nicht
immer ſchädlich zu ſein. Ueber die Art, wie man rauchen
muß, wenn man eine Schädigung der Geſundheit vermei=
den
will, hat der bekannte Arzt Profeſſor Dr. Mar Breitung
in den Blättern für Volksgeſundheit zehn Gebote veröffent=
licht
, durch deren Befolgung ſich alle Raucher vor Schaden
bewahren können. 1. Die größte Menge, bei der noch nicht
Vergiftungserſcheinungen auftreten, iſt der tägliche Ge=
brauch
von 25 Gramm Tabak. Dieſe Menge entſpricht einer
Anzahl von fünf Zigarren mittlerer Größe. Man kann alſo
eine hübſche Menge rauchen, ohne ſich damit zu vergiften.
2. Die Qualität des Tabaks ſpielt eine nicht zu unter=
ſchätzende
Rolle. Es iſt ein Irrtum zu glauben, daß die
einheimiſchen ſogenannten leichten Sorten unſchädlich ſind.
3. Man ſoll niemals bei leerem Magen rauchen. Das Rau=
chen
vor dem Frühſtück iſt verwerflich, und ebenſo nach=
teilig
iſt das Rauchen vor der Hauptmahlzeit. Auch das
Rauchen ſpät abends, um das Schlafbedürfnis zu ver=
ſcheuchen
, iſt dringend zu widerraten. 4. Man ſoll eine
Zigarre nicht unnötig im Mund halten und auch nicht bis
aufs äußerſte Ende rauchen. Manche Perſonen haben die
Gewohnheit, die Zigarre zwiſchen den Zähnen zu kauen.
Dadurch wird der obere Teil der Zigarre durchfeuchtet, und
die ſchädlichen Subſtanzen des Tabakblattes werden zum
Teil gelöſt. Wird der Speichel, wie es oft geſchieht, ver=
ſchluckt
, ſo entſteht auf dieſe Weiſe eine neue Quelle von
Vergiftung. 5. Es iſt zu raten, das letzte Stück der Zigarre
wegzuwerfen. 6. Die lokale Reizung der Zunge, der
Schleimhaut, der Lippen und der ganzen Mundhöhle iſt
ebenfalls auf die Wirkung jener durch die Durchfeuchtung ge=
löſten
Subſtanzen zurückzuführen. 7. Der chroniſche Rachen=
katarrh
und die Abſtumpfung des Geruchſinns, an welcher
viele Raucher leiden, iſt durch die häufige Berührung des
Rauches mit der Schleimhaut des Kehlkopfes und der
Naſenhöhle zu erklären. 8. Raucher, die ſich ſtets einer gut
gereinigten Zigarrenſpitze bedienen, ſchützen ſich vor
manchen Schädigungen. 9. Die erſten Vergiftungserſchein=
ungen
machen ſich in bezug auf das Herz bemerkbar: Be=
klemmungsgefühl
, welches ein bis zwei Minuten, zuweilen
auch zehn Minuten und länger dauert und nach einigen
tiefen Einatmungen von ſelbſt verſchwindet. 10. Dieſe An=
fälle
bedeuten für den Raucher eine ernſte Warnung, wenn
er nicht von ſchweren Folgen der Vergiftung heimgeſucht
werden will.

Literariſches.

18131815 Illuſtrierte Geſchichte der Be=
freiungskriege‟
Ein Jubiläumswerk zur Erinnerung an
die große Zeit vor 100 Jahren. Von Profeſſor Dr. J.
von Pflugk=Harttung. 400 Seiten mit etwa 300
Abbildungen und 40 Extra=Kunſtblättern. Vollſtändig in
40 Lieferungen zu je 40 Pf. Die hundertjährige Wie=
derkehr
von Deutſchlands Erhebung weckt große Erinne=
rungen
, die in unſerer lauen Zeit heilſam ſein mögen.
Sie dem deutſchen Hauſe würdig in feſſelnder Erzählung
und künſtleriſchen Bildern feſtzuhalten, iſt der Zweck dieſes
vaterländiſchen Hausbuches. Dieſe Illuſtrierte
Geſchichte der Befreiungskriege enthält nicht
eine trockene Aneinanderreihung von Tatſachen. Sie er=
zählt
lebendig und erweckt vor dem geiſtigen Auge Zeiten
und Perſönlichkeiten, Stimmungen und Ereigniſſe, ſie er=
hebt
und begeiſtert. Das feſſelnde Wort wird unterſtützt
durch einen ausgeſucht ſchönen und reichen Bilderſchmuck.
Und wie in der Erzählung danach geſtrebt wurde, die
Dinge im rechten Licht erſcheinen zu laſſen, ſo iſt bei den
Abbildungen Wert gelegt auf geſchichtliche Treue und
künſtleriſch=vollendete Darſtellung. Die 40 Extra= Kunſt=
blätter
bilden eine beſondere Bereicherung des Inhalts.
Man tut gut, ſchon jetzt für die erſten Frühjahrsko=
ſtüme
Sorge zu tragen, und um dabei die richtige Wahl zu
treffen, das eben erſchienene Heft 11 der Wiener
Mode zu Rate zu ziehen. Das Blatt veranſchaulicht
ungefähr vierzig Koſtüme, einfache Straßenkleider, Be=
ſuchs
= und Abendtoiletten, nebſt all den nötigen Zutaten
der Toilette, insbeſondere der neuartigen Frühjahrs= und
Sommermuffe. Die neu eingeführte Photochronik der
Wiener Mode ein Artkel über Londoner Ausverkäufe,
geſtickte Bluſen, nebſt Anleitung zu deren leichten Herſtel=
lung
und andere künſtleriſche Handarbeitsvorlagen ſowie
die belletriſtiſchen Beiträge des Heftes werden jeder Dame
willkommene Anregung und Zerſtreung bieten.
Was ſoll unſere Tochter werden?
Unter dieſem Titel hat der Deutſchnationale Handlungs=
gehilfen
=Verband in Hamburg ein kleines Merkbüchlein
herausgegeben, das Eltern und Vormündern ſachkundi=

gen Rat über die zweckmäßigſte Wahl einer Beſchäftig=
ung
für die herangewachſenen Töchter gibt. Nicht wahl=
los
ſind die einzelnen Berufe hier zuſammengeſtellt und
beſprochen worden, ſondern es iſt Wert darauf gelegt,
nur ſolche Beſchäftigungsarten zu empfehlen, in denen
die Mädchen Kenntniſſe erlangen, die ſie auch im ſpäte=
ren
Leben als Hausfrau und Mutter zum Nutzen und
Segen der Familie verwenden können. Das Büchlein
enthält eine Fülle ſolcher Erwerbsmöglichkeiten, und
zwar für Töchter aller Stände. Der Deutſchnationale
Handlungsgehilfen=Verband, Hamburg, Holſtenwall 3/5,
oder die Ortsgruppe Darmſtadt, Geſchäftsſtelle Eliſa=
bethenſtraße
26, verſendet dieſes Büchlein an Eltern und
Vormünder auf Verlangen koſtenfrei.

Letzte Nachrichten.

(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Cuxhaven, 7. März. Die Garniſon von Cuxhaven
wurde um 9.30 Uhr alarmfert, worauf die Strandbatte=
ien
ſofort das Feuer in See eröffneten. Gegen 10 Uhr
verließ der Kaiſer die Deutſchland und ging an Bord
der Willkommen. In ſeiner Begleitung befanden ſich
ußer den Herren des Gefolges der Fürſt zu Fürſtenberg,
Admiral von Hollmann, der Chef der Hochſeeflotte
Admiral von Holtzendorff und der Chef des General=
ſtabes
General der Infanterie von Molke. Der
Kaiſer wurde von Generaldirektor Ballin auf der
Willkommen empfangen. Das Schiff legte an dem
feſtlich geſchmücktem weſtlichen Hafenkopf des neuen
Hafens an. Hier wurde der Kaiſer von den Bürger=
meiſtern
von Hamburg, Burchard und Schröder,
begrüßt. Zum Empfange waren ferner anweſend
Großadmiral von Tirpitz, Admiral Graf Baudiſſin
und Vizeadmiral v. Heeringen. Der Kaiſer begab ſich,
vom Publikum mit Hochrufen begrüßt, bei ſchönem
Wetter im Automobil durch die mit Fahnen, Girlanden
nd Ehrenpforten geſchmückte Stadt über das Fort
Grimmerhörn nach dem Fort Kugelbake, wo ein Scharf=
chießen
in See nach ſchwimmenden Zielen ſtattfand.
Hierbei waren u. a. anweſend Prinz Heinrich und der
Generalinſpekteur der Feſtungen General der Infanterie
Mudra. Später beſichtigte der Kaiſer eine Reihe von
Werke in Begleitung des Admirals von Plettenberg.
Um 12 Uhr beſuchte er mit dem Prinzen Heinrich die
neue Garniſonskirche. Es hatten ſich eingefunden der
Amiral v. Tirpitz und Admiral v. Moltke. Sie wurden
empfangen vom Garniſonsgeiſtlichen Baumeiſter, unter
deſſen Führung der Kaiſer die Kirche beſichtigte; er ließ
ſich eingehend über die Stiftungen informieren.
London, 7. März. Daily Chronicle meldet, nach
einem Bericht Amundſens hat Scott den Südpol
erreicht.
* New=York, 7. März. Telegramme aus Chihuahua
melden, Emilo Vasquez Gomez wurde zum provi=
ſoriſchen
Präſidenten proklamiert.

Cherbourg, 7. März. Das durch heftige
Regengüſſe verurſachte Hochwaſſer hat ganze Straßen=
züge
überflutet und hat überall beträchtlichen Schaden
angerichtet. Gleichzeitig einſetzende Gewitter zerſtörten
viele Telegraphenleitungen. Die Bewohner der Leucht=
turminſel
Pelſe leiden unter Nahrungsmangel, da Schiffe
nicht landen können.

Amtlicher Wetterbericht.

Oeffentliche Wetterdienſtſtelle Gießen.
Die nördliche Depreſſion hat ihren Weg nach Oſten
angſam fortgeſetzt, ſodaß wir jetzt ganz auf ihrer Rück=
eite
ſind. Sie wird ſich wohl in der angegebenen
Richtung weiter bewegen. Ihr folgt von Südweſten
her hoher Druck, in deſſen Bereich wir meiſt heiteres,
trockenes Wetter erwarten dürfen. Bei mehr nördlichen
Winden wird die Temperatur weiter ſinken.
Ausſichten für Freitag, den 8. März 1912: Meiſt
heiter und trocken, kühl, in höheren Lagen nachts Froſt.

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Hlein süsser Liebling, nun hör' mich an
Hier gebe ich dir ſechs kleine weiße Dinger. Die
ſind wie Bonbons, nur viel beſſer, weißt du, und
die mußt du auf dem Schulweg lutſchen, damit
du mir bei dem ſchlechten, kalten Wetter nicht
krank wirſt. Mein Puppi ſöll doch einmal ſo
groß werden, wie die Mama; aber dann darf
es nicht krank werden, und fleißig Fays Sodener
lutſchen, die mein Kindchen geſund erhalten.
Und nun geh und ſei hübſch artig. Fays
ächte Sodener kauft man für 85 Pfg. per
Schachtel überall, weiſe aber Nachahmungen
entſchieden zurück.
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Aus dem Geſchäftsleben.
Man ſchreibt uns: Seine Königl. Hoheit der Prinz
Leopold von Preußen und Seine Königliche Hoheit der
Prinz Sigismund von Preußen beſtellten bei den
Adlerwerken vorm. Heinrich Kleyer A.=G., Frankfurt
a. Main, je einen 19/42 Ps. Adler=Wagen, die unlängſt
zur Ablieferung kamen. Auch Seine Königl. Hoheit der
Prinz Chriſtian von Heſſen=Barchenfeld bezog vor
urzem einen 23/52 PS. Adler=Wagen von den Adler=
werken
und inzwiſchen erhielt die Firma von Seiner
Königl. Hoheit dem Großherzog von Mecklenburg=
Schwerin den Auftrag zur Lieferung eines 15/35 Pf.
Adler=Wagens. Ueberhaupt erfreuen ſich die Adler=
Wagen bei vielen Höchſten und Allerhöchſten Herr=
ſchaften
großer Beliebtheit; ſo beſtellte auch das Mar=
ſtallamt
Sr. Maj. des Kaiſers wiederholt Adler=Wagen,
darunter einen 70pferdigen, und auch Se. Königl. Hoheit
der Kronprinz von Dänemark fährt ebenfalls Adler=
Wagen. Ganz beſondere Wertſchätzung aber genießt die
Adlermarke bei Sr. Königl. Königl. Hoheit dem Land=
grafen
von Heſſen, der bereits den 6. Wagen bei den
Adlerwerken beſtellte.

Familiennachrichten.

Dank!
Aus Anlaß meines 40 jähr. Jubiläums
ſind mir von allen Seiten ſo viel herzliche und
freundſchaftliche Glückwünſche zuteil geworden,
daß es mir beim beſten Willen nicht möglich
iſt, jedem Einzelnen zu danken.
Ich ſage darum auf dieſem Wege für alle
Beweiſe der Freundſchaft und Achtung, die mir
ſo ſehr wohlgetan, meinen allerherz=
lichſten
Dank.
(5666
Martin Wesp,
Werkmeiſter der Firma Ferd. Schmidt,
Darmſtadt.
Arheilgen, den 7. März 1912.

Todes-Anzeige.
Verwandten, Freunden und Bekannten die
traurige Mitteilung, daß unſere liebe Mutter,
Schwiegermutter, Großmutter, Schwägerin
und Tante
(B5654
Frau
Marte Lädtohschtuger Ne.
geb. Wagner
geſtern mittag nach langem Leiden im Alter
von 69 Jahren ſanft dem Herrn entſchlafen iſt.
Um ſtille Teilnahme bitten
die trauernden Hinterbliebenen.
Darmſtadt, Pfungſtadt, 7. März 1912.
Die Beerdigung findet Freitag nachmittag um
3 Uhr, von der Beſſunger Leichenhalle aus,
ſtatt.

Todes-Anzeige.

Verwandten, Freunden und Bekannten die
traurige Nachricht, daß, mein lieber Mann,
unſer guter Vater, Großvater, Bruder u. Onkel
HerrAdam Hübner
Weichensteller i. P.
nach langem, ſchwerem Leiden ſanft ver=
ſchieden
iſt.
(5637
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Kath. Hübner Wwe.,
Leonhard Hübner,
Fam. Linke.
Darmſtadt, den 7. März 1912.
Die Beerdigung findet am Freitag nachmit=
tag
3 Uhr, vom Portale des Friedhofes aus,
ſtatt.

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
bei dem Hinſcheiden unſerer unvergeßlichen Mutter
ſage innigſten Dank.
(5649
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Ludwig Haus.
Pfungſtadt, 7. März 1912.

[ ][  ][ ]

Dankſagung.
Für die vielen Beweiſe herzlicher Teilnahme
während der Krankheit, bei dem Hinſcheiden und
der Beerdigung meiner lieben Gattin, unſerer
guten Mutter, Tochter, Schwiegertochter, Schweſter
und Schwägerin
(5651
Frau Marie Kumpf
geb. Heß
für die troſtreichen Worte des Herrn Pfarrer
Vollrath, für die Beteiligung und Kranzſpende
meiner Vorgeſetzten und Mitarbeiter, den Spiel=
leuten
der Freiwilligen Feuerwehr, ſowie für
alle übrigen zahlreichen Blumenſpenden ſage ich
auf dieſem Wege Dank.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Jakob Kumpf.

Beſichtigung des Großh. Reſidenzſchlof=
ſes
: Dienstags und Freitags von 34 Uhr, Sonn=
tags
von 111 Uhr. Eintrittskarten werden beim
Schloßinſpektor abgegeben: Einzelkarte 50 Pfg., Fa=
milienkarten
(3 Perſonen) zu 1 Mk.
Großh. Hofbibliothek, geöffnet Montag bis Freitag
von 91 Uhr und nachmittags von 24 Uhr, Samstag
von 91 Uhr.

ür die herzliche Teilnahme an dem uns ſo
ſchwer betroffenen Verluſte unſerer lieben,
guten Gattin, Mutter, Schwiegermutter und
Großmutter
(B5684
Frad Blisaboth Heyer
geb. Geiger
ſagen wir unſeren tiefgefühlteſten Dank.
Die trauernden Hinterbliebenen.
Darmſtadt, März 1912.

Gottesdienſt der israelitiſchen Religiousgemeinde.

Haupt=Synagoge (Friedrichſtraße 2).
Freitag, den 8. März:
Vorabendgottesdienſt 6 Uhr.
Samstag, den 9. März:
Morgengottesdienſt 8 Uhr 30 Min. Sabbataus=
gang
7 Uhr 5 Min.

Gottesdienſt in der Synagoge der israelitiſchen Religions=
geſellſchaft
.

Samstag, den 9. März:
Vorabend 5 Uhr 40 Min. Morgens 8 Uhr. Nach=
mittags
4 Uhr. Sabbatausgang 7 Uhr 5 Min.
Wochengottesdienſt von Sonntag, den 10. März, an:
Morgens 6 Uhr 30 Min. Nachmittags 5 Uhr. 45 Min.

Tageskalender.

Großh. Hoftheater, Anfang 7 Uhr (Ab. B): Bau=
meiſter
Solneß.
Vorſtellung um 8¼ Uhr im Orpheum.
Vorſtellung des Hofzauberkünſtlers Bellachini um
8½ Uhr in der Turnhalle am Woogsplatz.
Vortrag von Diplom=Ingenieur Dunkler um 8¼ Uhr
im Kaiſerſaal (Volksbildungsverein).
Hauptverſammlung des Bezirksvereins Mathil
denhöhviertel um 8½ Uhr im Hanauer Hof
Konzerte: Hotel Heß und Bürgerkeller um 8 Uhr.
Heſſiſcher Hof um 6½ Uhr.
Fachausſtellung für das Maler= ꝛc. Gewerbe Neckar=
ſtraße
3 (geöffnet von 111 Uhr!.
1. Darmſtädter Kinematograph (Ecke Rhein=
u
. Grafenſtraße): Vorſtellungen von 411 Uhr.
Vorſtellungen im Reſidenztheater von 411 Uhr.
The American Bio Co., Ernſt=Ludwigsſtr. 23.
Vorſtellungen von 411 Uhr.
Olympia=Kinematograph, Rheinſtraße 2.

Verſteigerungskalender.

Samstag, 9. März.
Wirtſchaftsgeräte=ꝛc. Verſteigerung um 11 Uhr
im Rummelbräu.

Kunſtverein. Täglich geöffnet von 114 Uhr,
Sonntags von 104 Uhr.

Druck und Verlag: L. C. Wiltich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil: Hans Heitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkriptewerden nicht
zurückgeſandt.

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4 Dtſche. Reichsſchatzanw. 100,00
3½ Deutſche Reichsanl. 90,70
81,70
do.
3
4 Preuß. Schatzanweiſg. 100,00
90,60
3½ do. Conſols
81,80
3 do. do.
4 Bad. Staatsanleihe . . 99,80
93,20
do.
3½
83,50
3
do.
4 Bayr. Eiſenbahnanleihe 100,90
89,50
do.
3½
79,90
do.
4 Hamburger Staatsanl. 100,80
4 Heſſ. Staatsanleihe 99,90
4 do. do. (unk. 1918) 100,40
89,5
do.
3½
78,70
do.
3
81,50
3 Sächſiſche Rente
4 Württemberger v. 1907 100,20
95,00
31
do.
5 Bulgaren=Tabak=Anl. 101,25
1¾ Griechen v. 1887 53,30
3¾ Italiener Rente
½ Oeſterr. Silberrente 92,60
4 do. Goldrente . . . 96,70
4 do. einheitl. Rente 89,80
3 Portug. unif. Serie I 65,10
3 do. unif. Ser. III 68,00
3 do. Spezial . . . . 10,00
5 Rumänier v. 1903 . . 101,40
4 do. v. 1890 . . 95,00
4 do. v. 1905 . . 92,30
91,00
4 Ruſſen v. 1880
91,00
4 do. v. 1902
4½ do. v. 1905 . . . . 100,50
3½ Schweden .
4 Serbier amort. v. 1895 85,80
4 Türk. Admin. v. 1903 84,30
4 Türk. unifiz. v. 1903 91,60
4 Ungar. Goldrente . . . 92,90
4 do. Staatsrente . . . 90,00

In Proz.
Bf.
5 Argentinier . . . . . . 100,30
88,80
do.
4½ Chile Gold=Anleihe . 92,90
5 Chineſ. Staatsanleihe . 99,50
95,50
4½
do.
4½ Japaner . . . . . . . 95,30
5 Innere Mexikaner . . . 94,50
60,10
do.
3
4 Gold=Mexikaner v. 1904 88,10
5 Gold=Mexikaner . . . . 99,80
3 Buenos Aires Provinz 72,50
Aktien inländiſcher
Transportanſtalten.
8 Hamb.=Amerika=Paket=
139,50
fahrt
3 Nordd. Lloyd . . . . . 104,75
6 Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 123,80
Aktien ausländiſcher
Transportanſtalten.
5 Anatol. Eiſenb. 60%
Einz. Mk. 408 . . 113,75
8 Baltimore und Ohio . 102,90
6 Schantungbahn . . . . 132,75
6½ Luxemb. Prince Henri 153,00
0 Leſt. Südbahn (Lomb.) 18,00
6 Pennſylvania R. R.
Letzte Induſtrie=
Divid. Aktien.
3 Brauerei Werger
72,00
25 Bad. Anilin= u. Soda=
Fabrik
. 491,00
14 Chem. Fabrik Gries=
heim

.. 253,50
27 Farbwerke Höchſt . . 541,00
20 Verein chem. Fabriken
Mannheim . . . . 339,50
8 Cement Heidelberg . . 157,80
32 Chem. Werke Albert 442,00
12½ Holzverkohlung Kon=
ſtanz
. . . . . . . 292,00
4 Lahmeyer . . . . . . . 127,50

In Proz.
Letzte
Divid.
7 Schuchert, Nürnberg . 154,00
12 Siemens & Halske . 232,75
12 Bergmann Electr. . . 180,00
10 Deutſch. Ueberſee Electr. 179,30
25 Gummi Peter . . . . 143,75
0 Kunſtſeide Frankfurt 129,00
30 Adler=Fahrradwerke
Kleyer . . . . . . 464,90
12 Maſchinenf. Badenia 199,80
16 Wittener Stahlröhren 232,00
8 Steana Romana Petr. 133,60
15 Zellſtoff Waldhof . . 241,50
12½ Bad. Zucker= Wag=
häuſel
. . . . . . . 207,00
10 Neue Boden=A. A.=Geſ. 132,00
3 Südd. Immobilien . 71,00
Bergwerks=Aktien.
10 Aumetz=Friede . . . . 181,10
12 Bochumer Bergb. und
Gußſt.
. . 220,00
11 Deutſch=Luxemburg.=
Bergb. . . . . . . 178,30
10 Gelſenkirchener . . . . 192,50
.187,00
7 Harpener .
15 Phönix Bergb. und
Hüttenbetrieb . . . 247,20
0 Oberſchl. Eiſen=Ind.=
85,80
Caro.
4 Laurahütte
.. 172,75
10 Kaliwerke Aſchersleben
Weſteregeln 189,00
10
5 South Weſt Africa . 152½
Prioritäts=
Obligationen.
3½ Südd. Eiſenb.=Geſ. 88,40
4½ Nordd. Lloyd=Obl. 100,60
4 Eliſabethbahn, freie . . 95,70
4 Franz=Jofefs=Bahn . .
3 Prag=Duxer . . . . . . 75,60
5 Oeſterr. Staatsbahn
4 Oeſterr. Staatsbahn . 94,90
3
do.
79,50
5 Oeſterr. Südb. (Lomb.) 99,50

ee SZe
3f.
4 Oeſterr. Südb. (Lomb.) 80,50
54,75
29/10 do.
77,70
3 Raab=Oedenburg
4 Kronprinz Rudolfbahn 95,60
4 Ruſſ. Südweſt . . . . . 8880
4½ Moskau=Kaſan . . . 96,80
88,25
do.
4 Wladichawchas . . . . 89,10
4 Rjäſan Koslow . . .
3 Portugieſ. Eiſenb. . . 78,50
92,50
do.
4½
. 71,10
2¼/0 Livorneſer .
3 Salonique=Monaſtir . 65,60
. 84,30
4 Bagdadbahn .
4½ Anatoliſche Eiſenb. . 97,00
4 Miſſouri=Pacific . . . . 74,00
4 Northern=Paciſic . . . 101,00
. 95,30
4 Southern=Pacific
5 St. Louis und San
Francisco . . . . . 88,30
5 Tehuantepec . . . . . . 97,30
Bank=Aktien.
10 Bank für elektriſche
Untern. Zürich . 194,00
8½ Bergiſch=Märkiſche
.149.80
Bahn.
9 Berlin. Handelsgeſ. . . 170,70
6½ Darmſtädter Bank . 124.75
12½ Deutſche Bank . . . 260,00
6 Deutſche Vereinsbank . 124,50
5½ Deutſche Effekt.= und
.117,80
W.=Bank .
10 Diskonto=Kommandit 188,70
8½ Dresdener Bank . . 155,70
9½ Frankf. Hypoth.=B. 212,00
6½ Mitteld. Kreditbank 120,90
7 Nationalb. für Deutſchl. 125,00
5½ Pfälziſche Bank . . 130,25
138,10
6.48 Reichsbank
7 Rhein. Kreditbank . . . 135,50
7½ A. Schaaffhauſen.
Bankverein . . . . 129,75
7½ Wiener Bankperein . 138,25
4 Frankf. Hypoth.=Bank
S. 16 u. 17 . . . 99,20

Zf. Pfandbriefe. InProz
3½ Frankf. Hypoth.=Bank
S. 19 . . . . . . . 90,00
4 Frankf. Hyp.=Kreditv.
S. 1519, 2126 98,30
4 Hamb. Hypoth.=Bank . 99,75
89,50
do.
3½
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bank 101,10
90,10
do.
3½
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bank
S. 12, 13, 16.
. 100,60
S. 14, 15, 17, 24/26
.100,85
1823 . .
3½Heſſ. Land.=Hyp.=Bank
S. 1 u. 2, 6
. 90,10
S. 35
. 89,90
S. 911
. 90,00
4 Meininger Hyp.=Bank 100,00
do.
3½
89,50
4 Rhein. Hypothek.=Bank
(unk. 1917) . . 99,00
3½ do. (unk. 1914) . . 89,20
4 Südd. Bd.=Kr.=Bk.=Pf. 100,50
3½ do.
90,50
Städte=
Obligationen.
4 Darmſtadt .
3½ do.
4 Frankfurt
100,40
3½ do.
96,10
4 Gießen
3½ do.
4 Heidelberg
99,90
3½ do.
89,00
4 Karlsruhe
99,50
3½ do.
90,50
4 Magdeburg
3½ do.
4 Mainz
99,50
3½ do.
90,30
4 Mannheim
. 98,90
3½ do.
92,00
4 München
99,60
3½ Nauheim
90,00
4 Nürnberg.
99,80
3½ do.
90,70
4 Offenbach .
-

In Proz
Zf.
3½ Offenbach
90,20
4 Wiesbaden
100,00
3½ do.
4 Worms . . . .
3½ do.
4 Liſſaboner v. 1888 .
Verzinsliche
Anlehensloſe.
4 Badiſche . . . Tlr. 100
3½ Cöln=Mindner 100 135,60
3 Holl. Komm. . fl. 100 105,60
3 Madrider . . Fs. 100 78,00
4 Meininger Pr.=Pfand=
137,00
briefe .
4 Oeſterr. 1860er Loſe . 181,00
3 Oldenburger . .
. 125,80
2½ Raab=Grazer fl. 150 115,90
Unverzinsliche
Anlehensloſe.
Augsburger.
.. fl. 7 36,00
Braunſchweiger Tlr. 20 198,00
Fs. 15
Freiburger
Fs. 45
Mailänder
. Fs. 10 34,70
do.
ſl. 7
Meininger .
Oeſterreicher v. 1864 fl. 100
do. v. 1858fl. 100 453,00
Ungar. Staats . . fl. 100 369,00
Venediger . . . . Fs. 30
Türkiſche . . . . Fs. 400 171,00
Gold, Silber und
Banknoten.
Engl. Sovereigns . . .
20 Franks=Stücke .
16,26
Amerikaniſche Noten . . . 4,19¾
Engliſche Noten . . . . . 20,44
Franzöſiſche Noten. . . . 81,15
Holländiſche Noten. . . . 169,39
Italieniſche Noten . . . . 80,70
Oeſterr.=Ungariſche Noten 84,80
Ruſſiſche Noten . . . . . 216,00
Schweizer Noten . . . . . 80,85
Reichsbank=Diskonto. .
Reichsbank=Lombard Zsf. 6.

[ ][  ][ ]

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Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde. In polizei=
licher
Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 1 Dobermann. Die Hunde können von den Eigentümern
bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt werden. Die Verſteigerung, der
nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden Werktag vormittags
um 10 Uhr, ſtatt.
(5641

Dorothea=Georg=Stiftung.

Aus der unter ſtädtiſcher Verwaltung ſtehenden Dorothea=
Georg=Stiftung iſt vom 1. Oktober 1911 ab eine Unterſtützung von
100 Mk. jährlich zu vergeben. Die Unterſtützung ſoll nach den Stif=
tungsbeſtimmungen
als lebenslängliche Beihilfe an eine vater= und
mutterloſe, körperlich gebrechliche, vermögensloſe, ledige und allein=
ſtehende
Darmſtädter Bürgerstochter oder ſonſt hier unterſtützungs=
wohnſitzberechtigte
Frauensperſon vergeben werden, die ſich weder bei
Verwandten, noch Freunden aufhält, ehrbar und unbeſcholten iſt und
ſich redlich ernährt.
Die Unterſtützung kommt halbjährlich nachträglich zur Auszah=
lung
; im Falle der Verheiratung hört ſie auf.
Bewerberinnen, die hiernach zum Bezuge berechtigt zu ſein
glauben, wollen ihre Geſuche, in denen die einſchlägigen Verhältniſſe
genau anzugeben und die Angaben, ſoweit möglich, durch Zeugniſſe
zu belegen ſind, bis längſtens 15. d. Mts. bei uns einzureichen.
Darmſtadt, den 4. März 1912.
(5660
Großherzogliche Bürgermeiſterei Darmſtadt.
I. V.: Mueller.

Antzholz=Verſteigerung Nr. 16.

(Stadtwald.)
Freitag, den 15. März l. Js., vormittags 9 Uhr,
werden im Saale der hieſigen Turngemeinde (Woogsplatz 5)
aus den Abt. 43, 44 (Nachtweide), 47 (Wannemachersplatte), 48 ( Sau=
ſchwanz
) und 49 (Rücksbrünnchen) der Forſtwartei Heiligkrenz ver=
ſteigert
248,85 fm Nutzholz, nämlich:
1. Stämme: Eichen
I. Kl. 6 Stück = 16,11 fm
II.
2,33
III.
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IV. 19 12,83
V. 17 7,99
VI.
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Eſchen
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Buchen II. 5 6,36
III. 14 14,67
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Hainbuchen IV. 5 2,28
V. 10 3,75
VI.
21 5,38
Linde IV.
0,45
VI. 1 0,43
Fichten II.
11 20,63
III. 18 23,38
IV. 40 42,54
52,93
108
52 2,58
2. Derbſtangen: Eichen
Eſchen
183 13,33
30 1,73
Fichten
85 1,87
0,29
3. Reisſtangen: Fichten I. 50
Sämtliche Hölzer ſind an verſteinte oder gut fahrbare Wege
gerückt. Unterſtrichene Nummern kommen nicht zum Ausgebot.
Nummernverzeichniſſe über das Stammholz ſind bei Herrn Forſt=
wart
Hofmann, hier, unentgeltlich zu haben.
(5611fm
Darmſtadt, den 29. Februar 1912.
Großherzogliche Oberförſterei Darmſtadt.
Kullmann.

Stammholz-Verſteigerung.

In der Weſtendhalle am Bahnhof Langen (Linie Frankfurt-
Darmſtadt) werden
Montag, den 18. März d. J., vormittags 10 Uhr
beginnend, verſteigert:
82 Eichen 77 km; 28 Eſchen 9 km; 4 Hainbuchen
2 fm; 1 Ulme 1 fm; 37 Kiefern 36 fm.
Das Holz, faſt durchweg erſtklaſſige Ware, lagert 14 km von
Bahnſtation und wird auf Wunſch vorgezeigt. Gedruckte Stammholz=
liſten
werden auf Anfordern von unterzeichneter Behörde koſtenlos
zugeſandt.
Mörfelden, den 7. März 1912.
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Großherzogliche Oberförſtexei Mörfelden.
Bonhard.

Wir zeigen hiermit an, dass wir die Zinsvergütung auf
Scheck-Konto
bis auf Weiteres auf 2½% festgesetzt haben.
Für Gelder mit bestimmter Kündigungsfrist bleibt
besondere Vereinbarung wegen der Zinsvergütung
vorbehalten.
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Darmstadt, den 7. März 1912.
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Oberlandesgericht Darmſtadt zugelaſſen.
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neben der Hauptpoſt (Telephon Nr. 100).
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werden gereinigt. Teppich=Reinigung. Wohnungs= u. Neubauten=
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[ ][  ][ ]

Zweite Kammer der Stände.

13. Sitzung.
St. Darmſtadt, 7. März.
Am Regierungstiſch: Staatsminiſter Ewald Exz.,
Finanzminiſter Braun Exz., Miniſter des Innern
von Hombergk zu Vach Exz., Geheimeräte Dr.
Becker Dr. Weber, Beſt, Süffert, Miniſterial=
räte
Hölzinger, Dr. Kratz, Geh. Oberfinanzrat
Dr. Rohde, Legationsrat Dr. Neidhart.
Präſident Köhler eröffnet die Sitzung um
9¼ Uhr. Das Haus tritt alsbald in die Tagesordnung
ein und ſetzt die Beratung des
Hauptvoranſchlages
fort. Kapitel 13: Landſtände, wird auf Antrag
Dr. Oſanns vertagt.
Kapitel 14: Staatsminiſterium. Da weſent=
liche
Aenderungen gegen früher nicht vorliegen, bean=
tragt
der Ausſchuß, die angeforderten 89468 Mark
in Ausgabe zu bewilligen. Der Antrag wird ange=
nommen
.
Kapitel 15: Auswärtige und Bundesver=
hältniſſe
. Der von der Großherzoglichen Regierung
hier vorgeſehene Mehrbetrag von 7000 Mark iſt in den
Erläuterungen des Hauptvoranſchlages zu dieſem Ka=
pitel
ausführlich begründet. Die Großherzogliche Re=
gierung
hatte ſchon am Schluſſe der letzten Seſſion des
vorigen Landtages über den gleichen Gegenſtand eine
beſondere Vorlage eingebracht, die jedoch wegen des
bevorſtehenden Landtagsſchluſſes nicht mehr zur Verab=
ſchiedung
gelangt iſt. Der Ausſchuß erkennt mit allen
gegen eine Stimme das dringende Bedürfnis für eine
Abhilfe der ganz unhaltbar gewordenen dermaligen Zu=
ſtände
an und beantragt, die hier vorgeſehene neu
zu ſchaffende Stelle eines Bureaubeamten mit den damit
verbundenen Mehrausgaben und damit den Geſamtbe=
trag
unter dieſem Kapitel mit 45000 Mark in Ausgabe
zu bewilligen.
Staatsminiſter Ewald Exz.: Der Abg. Ulrich
hat zu dieſem Kapitel den angeforderten Mehrbetrag von
7000 Mark beanſtandet, weil er unberechtigt ſei. Wenn
der Abg. Ulrich zur Begründung ſeines Antrages, den
Betrag zu ſtreichen, geſagt habe, er kenne die Verhält=
niſſe
in Berlin, ſo beweiſe der Antrag das Gegenteil,
daß er die Verhältniſſe im Bundesrat gar nicht kennt.
Er müſſe ſonſt wiſſen, daß Heſſen am beſcheidenſten von
allen Bundesſtaaten iſt. Wir hatten bisher weder eigene
Bureauräume, noch eine ſtändige Kanzlei. Dem Geſand=
ten
ſtand bisher einzig ein Manſardenzimmer zur Auf=
bewahrung
von Akten zur Verfügung. Im übrigen iſt
er gezwungen, ſeine Wohnung zu Bureauzwecken zu be=
nutzen
. Das iſt auf die Dauer nicht mehr haltbar. Es
iſt darum ein Lokal gemietet worden für den Betrag von
1500 Mark, in dem das Bureau uſw. untergebracht wer=
den
ſoll. Für die Bureauarbeit war bisher ein Beamter
aus dem Reichsamt des Innern gewiſſermaßen aus=
geborgt
, der in ſeinen freien Nachmittagsſtunden die
Arbeit verrichtete. Dieſer Beamte hat nun zum 1. April
gekündigt und war nur ſchwer dazu zu bewegen, bis
1. Juli zu bleiben. Das geht für die Zukunft nicht mehr.
Man kann nicht weiter abhängig ſein von der
Güte eines Bundesſtaates; ganz abgeſehen von
den ſonſtigen erheblichen Bedenken, die der Ver=
wendung
eines Beamten eines anderen Bun=
desſtaates
entgegenſtehen. Es würde darum
ein eigener hieſiger Sekretariatsbeamter nach Berlin
geſchickt, der zur vollen Zufriedenheit den Dienſt jetzt
verſieht. Es iſt auch nicht richtig, wenn gder Abg. Ulrich
behauptete, daß die früheren heſſiſchen Geſandten die
Arbeit allein getan haben und keine Hilfe brauchten.
Schon im Jahre 1885 hat der damalige Geſandte Exzel=
lenz
von Neidhart darauf aufmerkſam gemacht, daß es
ihm nicht mehr möglich ſei, die Geſchäfte allein zu beſor=
gen
, wenn er nicht ſchweren Schaden an ſeiner Geſundheit
nehmen ſolle. Redner verlieſt den Brief, den damals
Exz. Neidhart an den Staatsminiſter v. Starck gerichtet
hat. Es iſt weiter darauf aufmerkſam zu. machen, daß
Baden 3, die meiſten anderen Bundesſtaaten 4, Bayern 6
eigene Bundesratsbevollmächtigte in Berlin beſitzen.
Wir halten uns auch weiterhin nur in den beſcheidenſten
Grenzen. Was aber angefordert iſt, iſt unbedingt not=
wendig
, und ich bitte dringend, den Ausſchußantrag an=
zunehmen
. (Beifall.)
Abg. Molthan beſtätigt im weſentlichen die Aus=
führungen
des Staatsminiſters. Der Widerſtand gegen
die Forderung iſt durchaus unberechtigt und er bittet,
den Ausſchußantrag einſtimmig anzunehmen. Abg.
Dr. Oſann meint, er ſei zwar nicht ſo lange im Reichs=
tage
geweſen wie Herr Ulrich, aber er habe doch Gelegen=
heit
gehabt, zu ſehen, daß die Herren im Bundesrat eine
ganz enorme Arbeit zu leiſten haben, die fortgeſetzt zu=
nimmt
. In den Herren v. Neidhart und v. Gagern
haben wir ganz ausgezeichnete Arbeitskräfte beſeſſen,
trotzdem konnten auch dieſe nur unter den größten An=
ſtrengungen
ihre Tätigkeit aufrecht erhalten. Es iſt aber
tatſächlich unwürdig eines Staates wie Heſſen, daß es
im Bundesrat nicht einmal einen eigenen Bureaubeam=
ten
beſitzt, ſondern in dieſer Beziehung auf die Gnade
eines anderen Bundesſtaates angewieſen iſt. Die Re=
ferate
uſw. nehmen fortgeſetzt zu. Seine Partei iſt von
der Notwendigkeit dieſer Nachforderung durchaus über=
zeugt
. Doch ſolle ausdrücklich feſtgeſtellt’ ſein, daß es ſich
nicht etwa um Repräſentationszwecke des Geſandten
handelt, ſondern daß einzig der Bundesratsbevollmäch=
tigte
hier in Frage komme. Abg. Dr. Weber möchte
den Bauernbund in Schutz nehmen gegen den Vorwurf
des Abg. Ulrich, als ob die Forderung ſeiner
Zeit nur der Wahlen wegen vom Bauernſtand
abgeſetzt worden war. Das ſei unrichtig. Man
habe damals überall geſpart und unter anderem
auch die Forderungen für die Lehrer geſtrichen. Einzig
aus Gerechtigkeitsgründen habe man deshalb auch die
Forderung für den Geſandten geſtrichen. ( Zuſtim=
mung
.) Abg. Raab nimmt ſeinen heute abweſenden
Kollegen Ulrich in Schutz gegen die vorhin ihm gemach=
ten
Vorwürfe. Die Darſtellung Ulrichs ſei wohl richtig
geweſen. Der Ausſchußantrag wird dann
angenommen.
Die Kapitel 14 bis 22 werden ohne De=
batte
angenommen nach den Ausſchuß=
anträgen
.
Zum Kapitel 17:
Oberrechnungskammer,
woird durch die vorgeſehene Reorganiſation der Behörde
gegenüber dem dermaligen Zuſtande eine Geſamt=
erſparnis
von 26 612 Mark erzielt, was bei
einem Geſamtzuſchuß des Staates nach dem Voranſchlag
für 1911 von 118972 Mark einer Erſparnis von über 22
Prozent gleichkommt. Der Ausſchuß beantragt, die an=
geforderten
Beträge unter den in den betreffenden An=
merkungen
und Erläuterungen bei den einzelnen Aus=
gabepoſitionen
feſtgelegten Vorausſetzungen in Ein=

nahme mit 176000 Mark, in Ausgabe mit 284502 Mark
zu bewilligen.
Es folgt die VIII. Hauptabteilung:
Miniſterium des Innern.
Kapitel 23: Miniſterium: Gegen das Vorjahr
erhöht ſich die Einnahme um 100 Mark, die Ausgabe um
6694 Mark; letzteres iſt in der Hauptſache veranlaßt durch
Uebertragung von 7500 Mark Vertretungs= und Aus=
hilfekoſten
(Kapitel 24) nach Kapitel 23. Der zum
Hauptvoranſchlag für 1912 beantragte Vermerk: In ge=
eigneten
Fällen ſind die Stellen der vortragenden Räte
nit Hilfsarbeitern zu beſetzen iſt in das vorliegende
Budget aufgenommen. Der Ausſchuß beantragt:
Bewilligung der angeſetzten 5668 Mark in Einnahme und
295 798 Mark in Ausgabe.
In der Generaldebatte führt
Miniſter des Innern von Hombergk zu Vach
aus:
Abg. Brauer hat zutreffend die ſchwierige
Lage der Landwirtſchaft geſchildert, in die ſie
infolge der anhaltenden Dürre und der Ausbrei=
tung
der Maul= und Klauenſeuche im vergange=
nen
Jahr geraten iſt und wie ſie unter dieſen Schäden
noch immer zu leiden hat. Trotzdem aber verlange ſie aus
dieſen Anläſſen keine beſondere Staatshilfe. Im Ver=
trauen
auf ihre eigene Kraft hoffe die Landwirtſchaft auch
die jüngſten ſchweren Schädigungen zu überwinden, wenn
ihr nur ein wirkſamer Grenzſchutz gegen die Einfüh=
rung
ausländiſchen Viehs und der damit verbundenen Ge=
fahr
der Seucheneinſchleppung und ein wirkſamer Zoll=
ſchutz
im Sinne der Feſthaltung an unſerer bewährten
Zollpolitik fortdauernd zuteil würde.
Ich habe die feſte Zuverſicht, daß dieſe beiden Garan=
tien
für die Entwicklung der Landwirtſchaft aufrecht er=
halten
bleiben.
Für die Beibehaltung der landwirtſchaft=
lichen
Zölle haben ſich faſt alle Redner in dieſem Hauſe
ausgeſprochen. Die Regierungen wohl aller Bundes=
ſtaaten
werden den auf den Um= und Abbau der
Zölle abzielenden Beſtrebungen widerſtreben, da doch
wohl allgemein die Ueberzeugung vorherrſcht, daß der
Zollſchutz die Landwirtſchaft kaufkräftig erhält und nach
dem Grundſatz: hat der Bauer Geld, hat’s die ganze Welt
auch die Rente der Induſtrie und den Verdienſt des In=
duſtriearbeiters
fördert. (Lebh. Beifall.)
Zur weiteren Oeffnung der Grenzen für
ausländiſches Vieh liegt zur Zeit jedenfalls keine
Veranlaſſung vor, beſonders auch im Hinblick auf die mit
einer ſolchen Maßregel immerhin verbundene Seuchen=
einſchleppungsgefahr
. Sie könnte auch natürlich unter
ſtrengſter Beobachtung des Seuchenſchutzes nur gerecht=
fertigt
werden, wenn ein wirklicher Notſtand, d. h. ein der=
artiger
Fleiſchmangel vorhanden wäre, daß die Volks=
ernährung
dadurch ernſtlich bedroht würde. Das iſt aber
keineswegs der Fall.
Der Schweineauftrieb hat 1911 gegen 1910 beträcht=
lich
zugenommen. Abgeſehen von einem ſehr geringen
Auftrieb nach der Oſterwoche wechſelte er 1910 zwiſchen
1400 und 2100 Stück, während 1911, abgeſehen von dem
Markte nach Weihnachten, die geringſte Zahl 1650 und
die höchſte über 3100 betrug. In den letzten 4 Monaten
des Jahres ging die Zahl nicht unter 2200 herunter.
Es kann alſo nicht davon geredet werden, daß nicht
genügend Fleiſch zur Verfügung geſtellt worden ſei.
Dieſe Beobachtungen für Heſſen ſtimmen mit den Feſt=
ſtellungen
für das ganze Reich, wie ſie der Staatsſekretär
Dr. Delbrück in der Reichstagsſitzung vom 21. v. M. kund=
gegeben
hat.
Eine Bemerkung des Herrn Abg. Adelung nötigt
mich, nochmals auf die Geſtattung der Einführung fran=
zöſiſchen
Viehs Ende 1910 und Anfang 1911 zurückzu=
kommen
. Abg. Adelung ſagte: Unrichtig ſei es, wenn
der Miniſter ſagte, es ſei durch die Oeffnung der Gren=
zen
keine Herabſetzung der Fleiſchpreiſe erreicht wor=
den
. In Mainz ſei alsbald der Zentner Schlachtgewicht
um 1012 Mark gefallen. Jedenfalls habe man aber
ein weiteres ſtarkes Steigen der Preiſe wirkſam ver=
hindert
.
Er würde dieſe Bemerkung wahrſcheinlich nicht ge=
macht
haben und es würde auch der Proteſt in der Main=
zerr
Stadtverordnetenverſammlung jedenfalls anders ge=
lautet
haben, wenn man ſich, anſtatt auf ungenaue Zeit=
ungsberichte
zu ſtützen, die Mühe genommen hätte, aus
den Kammerprotokollen zu entnehmen, was ich wirklich
geſagt habe. Ich habe nämlich in der Sitzung Zweiter
Kammer vom 9. März 1911 erklärt, der Erfolg, den man
mit der Einfuhr franzöſiſchen Viehes gemacht habe, er=
muntere
nicht zur Wiederholung, denn dieſe Einfuhr
habe auf die Preiſe keinen merklichen Einfluß
ausgeübt. Das Wort merklichen war in den Zeitungs=
referaten
weggelaſſen. Die Bemerkung, daß die Ein=
fuhr
einen merklichen Einfluß auf die Preiſe ausgeübt
habe, bezieht ſich nicht allein auf Mainz, ſondern auf
Heſſen überhaupt.
In Mainz trifft allerdings das Sinken der Fleiſch=
preiſe
mit dem Zeitpunkt der Einfuhr fremden Viehes
ungefähr zuſammen. Dafür aber, daß die Einfuhr die
Urſache hierfür oder die alleinige Urſache war, iſt ein
Beweis nicht erbracht. Obwohl im Dezember 1910 der
größere Teil des überhaupt eingefährten Viehes, näm=
lich
179 von im ganzen 309 Ochſen, eingeführt wurde und
der Reſt ſich auf den Januar und einen Tag im Fe=
bruar
verteilte, ſtieg doch bereits im Januar der Ochſen=
fleiſchpreis
wieder um einen Pfennig pro Pfund. Er
fiel dann im März um einen halben Pfennig und blieb
auf dieſer Höhe bis zum Juni, obwohl ſeit 2. Februar
kein Vieh mehr in Mainz eingeführt worden war.
Von Mainz und insbeſondere auch von
Herrn Abg. Adelung wird hervorgehoben,
daß die Einfuhr auch ein weiteres Stei=
gen
der Viehpreiſe im allgemeinen wie
der Ladenpreiſe hintan gehalten habe
denn mit Rückſicht auf die damals herrſchende Knappheit
an Vieh würden ohne die zugelaſſene Einfuhr die Preiſe
nach Anſicht von Fachmännern noch bedeutend in die
Höhe gegangen ſein. Dem iſt entgegen zu halten, daß
in den Städten, in denen eine Einfuhr franzöſiſchen
Viehes nicht zugelaſſen wurde, eine Steigerung der
Preiſe nicht eingetreten iſt. So betrug in Gießen der
Fleiſchpreis vom 1. Auguſt 1910 ab bis zum Februar
1911 84 Pfg. und ſtieg erſt dann auf 88 Pfg. In Offen=
bach
betrug er ſeit Anfang Juli 1910 90 Pfg. und änderte
ſich während der ganzen Einfuhrzeit des franzöſiſchen
Viehes nicht. Das gleiche war bei Worms der Fall.
Im übrigen iſt wiederholt darauf hinzuweiſen, daß
das zugelaſſene Einfuhrkontingent bei weitem nicht er=
reicht
wurde. An den elf Einfuhrtagen hätten 550 Stück
eingeführt werden dürfen. Tatſächlich waren es aber
nur 309. Außerdem hörte die Einfuhr mit dem 2. Febr.
in Mainz tatſächlich auf, während die Einfuhrerlaubnis
erſt am 18. März zurückgezogen wurde. Rechnet man,
daß bis dahin noch an ſechs weiteren Tagen je 50 Stück

hätten eingeführt werden können, ſo bleibt die tatſächlich
eingeführte Zahl hinter der zugelaſſenen um 541 Stück
zurück, das heißt, es wurden überhaupt nur 36,3 Proz.
des zugelaſſenen Kontingents eingeführt, und die ein=
geführte
Zahl wurde auch nicht ganz in Mainz verwertet,
ſondern, wie einwandfrei feſtgeſtellt, kamen Wiesbade=
ner
Metzger nach Mainz, kauften dort franzöſiſches Vieh,
über 100 Stück, alſo beiläufig ein Drittel der eingeführ=
ten
Menge, ſchlachteten es ſofort ab und brachten die
Stücke in Wiesbaden zum Verkauf.
Ich habe darum keine Veranlaſſung, von meiner da=
maligen
Erklärung, die in ihrer Allgemeinheit zweifel=
los
zutreffend war, etwas zurückzunehmen.
Auf die Maul= und Klauenſeuche will ich jetzt
nicht weiter eingehen, dazu wird ſich ja noch Gelegenheit
bieten, wenn wir das Geſetz beraten, wonach der Staat be=
reit
iſt, ſich an der Heilung der Seuchenſchäden zu beteili=
gen
. Nur die tröſtliche Mitteilung kann ich mir nicht ver=
ſagen
, daß auch bei uns in Heſſen wie im ganzen Reich ein
erheblicher Rückgang der Seuche zu konſtatieren iſt, ſo daß
wir hoffen dürfen, daß die ſo drückend empfundenen Be=
kämpfungsmaßregeln
doch bald zu dem erſtrebten Ziel
führen werden.
Von verſchiedenen Rednern wurde auf die Lage
des Winzerſtandes hingewieſen und beſonders her=
vorgehoben
, daß man ſich durch den erfreulichen Ertrag des
letzten Herbſtes nicht darüber täuſchen laſſen dürfe, daß
tatſächlich doch noch ein Notſtand bei den Winzern vor=
handen
ſei. Ein gutes Jahr könne ſelbſtverſtändlich nicht
ein Notjahrzehnt aufwiegen. Meine Herren! Dieſer Tat=
ſache
verſchließt ſich auch die Regierung keineswegs. Sie
wird nicht verfehlen, auch fernerhin ihr Augenmerk allen
Maßnahmen zuzuwenden, die die Lage der Winzer zu
heben geeignet ſind. Insbeſondere wird auch die Großh.
Wein= und Obſtbauſchule in Oppenheim das erwidere
ich Ihnen, Herr Abg. Uebel fortfahren mit ihren Ver=
ſuchen
auf dem Gebiete der Bekämpfung der Rebſchäd=
linge
. Auf dieſe Frage näher einzugehen, wird uns die
Beſprechung der darauf bezüglichen Interpellationsbeant=
wortungen
Anlaß bieten. Ebenſo wie der Antrag Diehl
uns Gelegenheit geben wird, die auch von dem Herrn Abg.
Uebel berührte Frage der Zuläſſigkeit des Weinver=
ſchnitts
insbeſondere des Verſchnitts mit auslän=
diſchem
Wein eingehend zu erörtern.
Der Herr Abg, Winkler hat auch wieder die Schwie=
rigkeit
der Handhabung des über die Verbeſſerung des
Weins durch Zuckerung handelnden § 3 des Wein=
geſetzes
hervorgehoben, worüber bereits im Vorjahre
eingehender hier verhandelt wurde. Die ſeither zweifelhaft
geweſene Auslegung dieſes Paragraphen hat inzwiſchen
eine ſehr weſentliche Klärung durch eine erſt Ende vorigen
Jahres allgemeiner bekannt gewordene Entſcheidung des
Reichsgerichts vom 25. April 1911 erhalten. Dieſes u. a.
in Nr. 95 der Deutſchen Wein=Ztg. von 1911 abgedruckte
Urteil wird dort lebhaft begrüßt, weil dadurch endlich in
dieſer wichtigen Frage manche Zweifel in einer die Winzer
befriedigenden Weiſe gelöſt worden ſeien.
Zur Bemerkung des Abg. Winkler, bei der Wein=
kontrolle
, insbeſondere der Kontrolle der Buchführung,
würde es mit den kleinen Verſtößen gar genau genommen
und müßten gerade die kleinen Sünder oft bitter darunter
leiden, geſtatten Sie folgendes zu bemerken:
Die Weinkontrolle hat es nach dem Inkrafttreten=
des
Geſetzes als ihre Aufgabe betrachtet, dort, wo eine den
Anforderungen des Geſetzes entſprechende Buchführung
nicht vorhanden war (und es traf dies in der Mehrzahl
der Fälle zu) aufklärend und belehrend zu wirken. Nur
wenn bei wiederholten Beſuchen feſtgeſtellt werden
konnte, daß Verwarnungen unbeachtet blieben
und Mangel an gutem Willen angenommen wer=
den
mußte, erfolgte Anzeige. Wieviel von den zur Anzeige
gebrachten Fällen auf Verfehlungen gegen die Vorſchriften
über die Buchführung zurückzuführen ſind, läßt ſich ohne ge=
nauere
Erhebungen zur Zeit nicht angeben. Nach den ge=
legentlichen
Aeußerungen der Sachverſtändigen iſt die Zahl
der in dieſer Beziehung beſtehenden Mängel ſehr erheblich.
Die in der Uebergangszeit mit Recht geübte Nachſicht hat
jedoch ihre Grenzen, und es kann von einer gleichmäßigen
Handhabung des § 19 des Geſetzes für alle Kategorien
von Betrieben auf die Dauer nicht abgeſehen werden.
Der Herr Abg. Korell=Angenrod hat noch
einige mit der Landwirtſchaft zuſammenhängende Wünſche
vorgebracht: 1. Nach Reviſion des Körgeſetzes.
Seither ſind bezügliche Wünſche nicht zu unſerer Kenntnis
gelangt. Sollte aber ein Bedürfnis zur Abänderung des
1901er Geſetzes in einer oder der anderen Beziehung emp=
funden
werden, ſind wir gerne bereit, in eine nähere Prü=
fung
ſolcher Anträge einzutreten. 2. Nach Reviſion des
Wildſchadengeſetzes. Schon bei den Etatsverhand=
lungen
in 1910 habe ich die Geneigtheit der Regierung er=
klärt
, die Frage der Abänderung des Wildſchadengeſetzes in
Erwägung zu ziehen, namentlich mit dem Ziel einer Be=
ſchleunigung
des Verfahrens und einer Vereinfachung des
Inſtanzenzugs. Bei Gelegenheit der Reviſion der Ver=
waltungsgeſetze
, wie das damals in Ausſicht genommen
war, konnte dieſe Frage nicht erledigt werden. 3. Reviſion
des Jagdgeſetzes. Die Vorlage über die Reviſion des
Jagdpolizeiſtrafrechts iſt in der Thronrede zugeſagt. Be=
züglich
des materiellen Jagdrechts aber haben die Ver
handlungen über den Geſetzentwurf in der Zweiten Kam=
mer
ergeben, daß die Meinungen der geſetzgebenden Fak=
toren
über dieſe Materie ſoweit auseinandergehen, daß
eine Wiedervorlage des Entwurfs zur Zeit nicht in Aus=
ſicht
genommen werden kann.
Herr Abg. Korell=Angenrod hat dann weiter
die Regierung gebeten, ernſtlich zu prüfen, wie man end=
lich
dem Zigeunerunweſen, das gerade eben
wieder in Oberheſſen die Bevölkerung in Angſt und
Schrecken verſetze, ſteuern könne.
In der letzten Zeit iſt die Gegend des Schlitzer
Landes und das angrenzende preußiſche Gebiet von
Zigeunern unſicher gemacht worden. Bei Kämmerzell,
einem preußiſchen Ort, in nächſter Nähe der heſſiſchen
Grenze, iſt ein Förſter erſchoſſen worden. In Friſch=
born
wurden Einbruchsdiebſtähle ausgeführt, bei denen
ebenfalls mehrere Scharfſchüſſe abgegeben wurden. Auch=
in
ſonſtigen Orten der Nachbarſchaft wurde wiederholt
eingebrochen. Als Haupttäter kommt ein Zigeuner
namens Ebender mit ſeiner Bande in Betracht, der ſchon
ſeit längerer Zeit von den Gerichten, auch wegen Mord=
verſuchs
auf den Gendarmeriewachtmeiſter Miegel in
Mainz und auf einenWachtmeiſter im KreiſeFulda verfolgt
wird. Die Bevölkerung im Kreiſe Lauterbah iſt über
die Vorgänge mit Recht ſehr erregt. In faſt allen Ge=
meinden
des Schlitzer Landes, das in erſter Linie von
den Zigeunern heimgeſucht iſt, ſind Sicherheitswachen
eingerichtet worden. Es war anzunehmen, daß die Zi=
geuner
, die ſich außerhalb der Wälder nicht mehr blicken
laſſen durften und ihrem übrigen Lebensunterhalt, dem
Bettel, nicht mehr nachgehen konnten, ohne ſich der Ge=
fahr
der Verhaftung auszuſetzen, gezwungen waren, ſich
entweder in den Wäldern verſteckt zu halten und von

[ ][  ][ ]

dort aus die Bevölkerung weiter zu beläſtigen oder daß
ſie verſuchen würden zu entkommen.
Um dem vorzubeugen und um vor allem in der er=
regten
Bevölkerung das Gefühl von Ruhe und Sicher=
heit
wieder aufkommen zu laſſen, wurden durch die be=
teiligten
heſſiſchen und preußiſchen Verwaltungsbehör=
den
eingehende Maßnahmen gegen die Zigeuner verein=
bart
. Heſſiſcherſeits iſt eine größere Anzahl von Gen=
darmen
unter dem perſönlichen Kommando des Herrn
Oberſt Schmidt im Kreiſe Lauterbach zuſammengezogen
worden, die zunächſt in Orten des Schlitzer Landes und
anderen Gemeinden des Kreiſes Lauterbach ſtationiert
wurden und von dort aus gemeinſchaftlich mit Forſt=
beamten
Streifen in die Wälder unternehmen. In glei=
cher
Weiſe werde von Preußen aus durch Gendarmen
in Verbindung mit 11er Jägern aus Marburg vorge=
gangen
. Nach vorliegenden Meldungen ſind bereits
einige Verhaftungen von Zigeunern vorgenommen wor=
den
. Im übrigen aber haben die gemeinſchaftlichen
Abſuchungen der Wälder von Gendarmerie, preußiſchen
Jägern und Forſtbeamten ein negatives Ergebnis ge=
habt
, ſo daß angenommen werden muß, daß die Zigeu=
ner
das Gebiet verlaſſen haben. Die Gendarmen ſind
daher am letzten Samstag wieder in ihre Stationen zu=
rückgekehrt
. Da die meiſten Bundesſtaaten zwar bisher
ſchon mit wechſelndem Erfolge gegen das Zigeuner=
weſen
angekämpft haben, die einzelnen Staaten für ſich
allein aber nicht in der Lage ſind, dieſe Landplage nach=
haltig
zu unterdrücken, ſo kam man zu der Auffaſſung,
daß dieſer Kampf gegen die Zigeuner wirkſam nur durch
einen Zuſammenſchluß der beteiligten Staaten geführt
werden könne. Zu dieſem gemeinſamen Vorgehen hat
jüngſt in dankenswerter Weiſe die bayeriſche Re=
gierung
die Initiative ergriffen. Auf ihre Einlad=
ung
fand Mitte Dezember 1911 in München eine Kon=
ferenz
ſtatt, auf der ſämtliche ſüddeutſchen Staaten, ſowie
Preußen und Sachſen vertreten waren. Es wurde dort
ein eingehendes Programm über die Grundſätze, nach
welchen künftighin gemeinſam gegen das Auftreten von
Zigeunern vorgegangen werden ſoll, vereinbart. Ich
kann von dieſem Programm nur einige allgemeine
Punkte berühren, da die noch bevorſtehenden Verhand=
lungen
unter den beteiligten Bundesſtaaten erſt ergeben
werden, ob und in welchem Umfange dieſe den Vorſchlä=
gen
im einzelnen zuſtimmen werden.
Die Hauptſchwierigkeit in der vorliegenden Materie
liegt darin, daß der größte Teil der in Deutſchland um=
herziehenden
Zigeuner oder nach Zigeunerart um=
herziehenden
Perſonen Reichsangehörige ſind oder,
wenn auch ihre Reichsangehörigkeit nicht unzweifelhaft
feſtſteht, dochnicht als Ausländer über dieReichsgrenze ab=
geſchoben
werden können, da ſie von den Nachbarſtaaten
alsbald zurückgeſchoben werden würden. Alle angeſtell=
ten
Verſuche, dieſe Leute, denen der Wandertrieb einmal
ſeit Jahrhunderten im Blute liegt, ſeßhaft zu machen,
ſind bisher geſcheitert und müſſen auch für die Folge als
im weſentlichen ausſichtslos betrachtet werden. Es war
bisher nicht möglich, auf dem Gebiete der Reichsgeſetz=
gebung
eine Einſchränkung des Zigeunerunweſens her=
herbeizuführen
. Ob dies für die Folge zu erreichen iſt,
ſteht dahin. Immerhin iſt auf dem in der Münchener
Konferenz beſchrittenem Wege der Anfang dazu unter=
nommen
worden, durch gemeinſchaftliches Vorgehen
gegen die Zigeuner in den einzelnen Bundesſtaaten eine
Beſſerung der beſtehenden Zuſtände herbeizuführen.
Selbſtverſtändlich werden daneben alle Mittel, die
man bisher in Heſſen zur Bekämpfung des Zigeunerun=
weſens
angewendet hat, auch weiterhin zur Anwendung
kommen.
Ueber die weitere Anfrage des Herrn Abg. Korell=
Ang’enrod nach dem Stande der Reviſion der
allgemeinen Bauordnung werde ich Auskunft
geben bei Erörterung des den gleichen Gegenſtand be=
treffenden
Antrags Köhler.
Dagegen glaube ich ſchon heute auf ſeine Anfrage
über die beabſichtigte Neuordnung der Bauver=
waltung
, die ja im Brennpunkt des Intereſſes ſteht,
ſoweit es eben möglich iſt, eingehen zu ſollen, und zwar
mit ausdrücklicher Zuſtimmung Sr. Exzellenz des Herrn
Finanzminiſters. Ueber dieſe Fragen haben bisher ein=
gehende
Beratungen ſtattgefunden, die dazu geführt
haben, daß die beiden zuſtändigen Miniſterien ſich über
die Richtlinien der Neuordnung grundſätzlich geeinigt
haben. Grundlegendes Prinzip iſt Vereinigung der
ſtaatlichen Bauverwaltung und der Bauverwaltung der
Kreiſe, Gemeinden, Kirchen und Stiftungen, alſo der
geſamten Bauverwaltung des Landes unter möglichſter
Durchführung der Trennung nach den Fachrichtungen:
Hochbauweſen einerſeits und Ingenieurbauweſen an=
dererſeits
. Eine Denkſchrift darüber wird zur Zeit aus=
gearbeitet
.
Inzwiſchen ſind die beiden Miniſterien darauf be=
dacht
geweſen, bei jeder ſich bietenden Gelegenheit im
Sinne dieſer Richtlinien auf Vereinfachung und Erſpar=
niſſe
an perſönlichen Koſten bei der Bauverwaltung hin=
zuwirken
. Anlaß hierzu gab das Ausſcheiden mehrerer
Beamten der Landesbauverwaltung aus dem Dienſte
durch Uebernahme von Stellen außerhalb des Staats=
dienſtes
und durch Uebertritt in den Ruheſtand in einem
Falle durch Ableben, und andererſeits der Umſtand, daß
mehrere größere Bauaufgaben des Staates ihrer Voll=
endung
entgegengingen, ſo daß die durch ſie beſchäftig=
ten
Baubeamten anderweitig verwendet werden konn=
ten
. Auf dieſe Weiſe war es möglich, probeweiſe in
mehreren Kreiſen die Geſchäfte der ſtaatlichen Hochbau=
verwaltung
mit dem Hochbauweſen der Kreiſe und Ge=
meinden
in einer Hand zu vereinigen und dadurch eine
willkommene Gelegenheit zu geben, dieſe Einrichtung
auf ihre praktiſche Durchführbarkeit hin zu erproben.
Die hierbei gemachten Erfahrungen ſind bis jetzt
durchweg befriedigend. Dieſe Maßnahmen haben be=
reits
eine erhebliche dauernde Erſparnis an perſönlichen
Koſten zur Folge gehabt.
Im ganzen iſt ſeit Anfang 1910 die Zahl der
etatmäßig angeſtellten Beamten der Bauverwaltung
von 151 auf 139, jund das nicht angeſtellte Perſonal
dieſer Verwaltung von 127 auf 48 zurückgegangen.
Durch dieſes übereinſtimmende Vorgehen und insbeſon=
dere
durch die Einſchränkung des Bauweſens in allen
drei Reſſorts iſt eine dauernde Verminderung der Aus=
gaben
allein für Beſoldungen und Vergütungen von
jährlich über 200000 Mark erzielt worden.
Der Herr Abg. Korell=Königſtädten hat ſich auf
das heikle Grenzgebiet zwiſchen Staat und Kirche begeben.
Ich werde ihm nur ſoweit ich es unbedingt notwendig
halte, dahin folgen.
Er hat zunachſt mit einer gewiſſen Ironie ſeinem Er=
ſtaunen
darüber Ausdruck verliehen, daß der Miniſter des
Innern in der Lage geweſen ſei, auf die Anfrage des Herrn
Dr. Ofann über die Stellung der Regierung zu dem Motu=
roprio
quantavis diligentia ſofort unter Anführung der
dabei in Betracht kommenden Geſetzesparagraphen und

Daten Auskunft zu erteilen. Sein Erſtaunen erklärt ſich
eicht, wenn man bedenkt, daß er als Neuling in dieſem
Hauſe mit den parlamentariſchen Gopflogenheiten noch
nicht vollſtändig vertraut ſein kann. Ich will ihm daher
den Schlüſſel zu des Rätſels Löſung nicht vorenthalten.
Herr Dr. Oſann hatte die Freundlichkeit, mich vor der
Verhandlung davon in Kenntnis zu ſetzen, daß er die Ab=
ſicht
habe, bei Gelegenheit der Generaldebatte die Regie=
rung
über ihre Stellung zu dem erwähnten päpſtlichen Er=
laß
zu interpellieren. Ich konnte daher meine Notizen für
die Beantwortung bereit halten. Ein gleiches Verfahren
möchte ich wiederholt für alle diejenigen Fälle empfehlen,
in denen über eine einzelne Frage alsbaldige erſchöpfende
Antwort erwartet wird.
Wenn der Herr Abgeordnete Korell=Königſtädten dann
die auch von dem Herrn Abgeordneten Lutz im vorigen
Jahr erörterte Frage des Theologieſtudiums auf der Großh.
Landesuniverſität berührt hat, ſo möchte ich ſchon jetzt
darauf hinweiſen, daß die von der Kirchlich=poſitiven Ver=
einigung
für das Großherzogtum Heſſen erſtrebte Beſeitig=
ung
des Examenszwanges in Gießen eine Aenderung des
Kirchengeſetzes vom 11. Juli 1879 betr. die Dienſtprag=
matik
für die Geiſtlichen bedingen würde, die der ſtaat=
lichen
Einwirkung entzogen iſt. Aber auch ſofern die Be=
ſtrebungen
etwa auf eine anderweitige Zuſammenſetzung der
theologiſchen Fakultät abzielen ſollten, werden ſie auf eine
ſtaatliche Förderung nicht rechnen können. Der Stand=
punkt
, den unſere Landesherren und deren Regierungen
ſeit Gründung der Landesuniverſität ſtets unerſchütterlich
feſtgehalten haben, iſt der der Freiheit der Wiſſenſchaft. Bei
der 300=Jahrfeier hat der Rektor magnificentissimus der
Univerſität zugeſagt, wie er auch weiter beſtrebt ſein werde,
ihr das volle Maß von Bewegungsfreiheitzu gewähren, ohne
die eine für die Allgemeinheit fruchtbringende Arbeit in
wiſſenſchaftlicher Forſchung und Lehre nicht möglich iſt.
Daran anſchließend hat dann der Miniſter des Innern
feierlich erklärt, wie dieſe Freiheit ihren Ausdruck finde in
der ſtaatlichen Anerkennung des Vorſchlagsrechts des
großen Senats. Damit iſt die Stellungnahme der Regie=
rung
auch in dieſer Frage klar vorgezeichnet.
Der Herr Abg. Adelung hat mir die Ehre erwieſen,
ſich auch mit meinem amtlichen Vorleben als Kreisrat von
Offenbach zu beſchäftigen, ſcheint aber dabei ebenſo ſich auf
ungenaue Zeitungsnachrichten geſtützt zu haben, wie bei
ſeinen Unterſtellungen bei der Mainzer Vieheinfuhr. Er
hat behauptet: Die bei der Verſtaatlichung der Polizei in
Offenbach zu Grunde liegende Abſicht der Regierung, der
Offenbacher Stadtverwaltung Schwierigkeiten zu bereiten
tatſächlich hat er hier einen von dem Herrn Präſidenten ge=
rügten
Ausdruck gebraucht ſei bei dem Miniſter des
Innern nichts Neues. Als Kreisrat in Offenbach habe er
ſich ſchon in der gleichen Richtung betätigt, indem er damals
einen Beſchluß beanſtandete, der die Aufhebung des bei der
Aufnahme als Ortsbürger zu entrichtenden Einzugsgeldes
herbeiführen wollte. Der damalige Kreisrat ſei zwar
ſchleunigſt vom Miniſterium rektifiziert worden, aber heute
ſei er ſelbſt Miniſter uns könne ſeinen Abſichten freie Bahn
laſſen. Es handelte ſich damals gar nicht um die materielle
Beanſtandung des erwähnten Stadtverordnetenbeſchluſſes,
ſondern lediglich um die formelle Frage, ob zur Wirkſam=
keit
eines ſolchen Beſchluſſes die Genehmigung des Mini=
ſteriums
erforderlich ſei oder nicht. Nur weil die Stadt die
Genehmigung nicht für erforderlich hielt und darum nicht
einholen wollte, erfolgte die Beanſtandung durch
den Kreisrat. Das Miniſterium trat der Be=
gründung
des kreisamtlichen Stand=
punktes
vollinhaltlich bei und erteilte
die vorſorglich von der Stadt erbetene
Genehmigung, der von dem Kreisamt über=
haupt
nicht widerſprochen worden und zu deren Ver=
weigerung
auch keine geſetzliche Handhabe gegeben war.
Von der behaupteten Rektifizierung des Kreisrats kann
alſo keine Rede ſein Die Darſtellung des Sachverhaltes
in der Offenbacher ſozialdemokratiſchen Preſſe, woraus der
Abg. Adelung geſchöpft zu haben ſcheint, war einfach un=
richtig
.
Auf die Ausführungen des Herrn Abg. Ulrich über
die ſog. Verſtaatlichung der Offenbacher Polizei werde ich
bei Kap. 32 zurückkommen.
Der Herr Abg. Uebel hat den Wunſch ausgeſprochen,
daß die Regierung auch auf die Erhöhung der Bezüge der
kleineren Gemeindebeamten, deren Notlage vielfach weit
größer ſei als die der Taglöhner, hinwirken möge, nach=
dem
für die Beſſerung der Lage der Gemeindebeamten
im allgemeinen wie er anerkenne durch Geſetz und
Ausführungsanweiſung in letzter Zeit viel geſchehen ſei.
Wir verkennen keineswegs, daß noch vielfach die Entloh=
nung
mancher Gemeindefunktionäre ſich nur als eine
andere Form der Armenunterſtützung darſtellt. Es wird
das Beſtreben der Kreisräte ſein, auch in dieſer Beziehung
auf die Gemeinden, die es angeht, im Sinne einer Beſſe=
rung
der Verhältniſſe einzuwirken. (Lebhafter Beifall.)
Nach der Pauſe wird zunächſt die Regierungsvor=
lage
, betreffend
das Brückengeld an der Rheinbrücke
bei Mainz,
beraten. Der Ausſchuß beantragt zu der Vorlage:
1. Dem Vertrag mit der Stadt Mainz zuzuſtimmen,
2. zuzuſtimmen, daß die Beträge, die nach dem letzten
Abſatz des Artikels 3 des Vertrages am Baukapital ab=
zuſchreiben
ſind, zur Schuldentilgung verwendet wer=
den
, 3. ſich damit einverſtanden zu erklären, daß die
Süddeutſche Eiſenbahngeſellſchaft die Pflicht zur Einzel=
zahlung
von Brückengeld für die auf ihren über die
Rheinbrücke führenden Linien beförderten Perſonen nach
Vereinbarung mit dem Großherzoglichen Miniſterium
der Finanzen, aber nicht unter günſtigeren Bedingun=
gen
ablöſen kann, als ſie der Stadt Mainz in dem Ver
trage zugeſtanden ſind, 4. der nachſtehenden Abänder=
ung
des Hauptvoranſchlages für 1912 unter Kapitel 104
zuzuſtimmen: Titel 1 Seite D. 38, Ziffer 2 iſt zu erſetzen
durch 2a. Pachtzahlung der Stadt Mainz aus den Ein=
nahmen
an Brückengeld der elektriſchen Straßenbahnen
der Stadt und der Süddeutſchen Eiſenbahngeſellſchaft
77500 Mark. Die Einnahmen betrugen in 1908 71074,40
Mark, in 1909 76977,75 Mark und in 1910 77 413,40
Mark. 2b. ¾ des Unterſchieds zwiſchen den Ausgaben
für die Verzinſung des Brückenbaukapitals und den
Einnahmen aus der Pachtzahlung des Reichs und der
Stadt Mainz, ſowie der Einnahme aus der Pachtzahl=
ung
für die Bootüberfahrt gemäß Artikel 3 des mit der
Stadt Mainz abgeſchloſſenen Vertrags 18800 Mark
Seite) D. 40. Nachzutragen iſt: Ziffer 4. Erſatz der Stadt
Mainz für Gehalt, Wohnungsgeld und Bekleidungs=
zulage
des Brückenwärters (ſiehe Titel 1, 1 der Aus=
gabe
) 1750 Mark. Ziffer 5. Erſatz der Stadt Mainz
des für die laufende Unterhalkung der Brücke (Titel 1, 2)
vorgeſehenen Betrages von 11000 Mark. Die Summe
des Titels 1 beträgt 126050 Mark, diejenige für Kapitel
404 195 933,86 Mark.

Abg. Heerdt bittet, die Vorlage einſtimmig anzu=
nehmen
. Ohne weitere Debatte wird dann
die Vorlage nach dem Antrage des Aus=
ſchuſſes
einſtimmig angenommen. (Lebh,
Bravo!)
Der Antrag Ulrich in gleichem Betreff wird für
erledigt erklärt.
Danach wird die Debatte zum Miniſteriumdes
Innern fortgeſetzt. Abg. Urſtadt legt zunächſt
den Standpunkt ſeiner Partei zur Frage der Trennung
von Kirche und Staat dar. In dieſer ſei die geſamte
Linke ſich einig, nicht aber die Rechte, die ihre Einigkeit
höchſtens einmal taktiſch finde gegen die wachſende Kraft
der Linken. (Gelächter.) Redner wendet ſich dann der
Zollpolitik zu. Wenn man wirklich für die Landwirt=
ſchaftskammer
etwas tun wolle, müſſen Regierung und
Landtag und Landwirtſchaftskammer zuſammenwirken,
um das Problem zu löſen, wie den kleinen und mittleren
Bauern zu helfen ſei. Sehr eingehend verbreitet ſich
Redner über die in Lindheim herrſchenden Verhältniſſe
und legt im Anſchluß daran ſeine Stellung gegen das
Fideikommißweſen dar.
Abg. Dr. Schmitt: Von dem, was der Abg. Uebel
zur Frage der Schule und Religion geſagt hat, habe er
kein Wort hinwegzunehmen oder hinzuzufügen. Man
habe bisher hier im Hauſe ſtets auf dem Standpunkt
geſtanden, daß man, ohne daß eine Partei von ihren
Grundſätzen etwas aufgebe, gemeinſam zum Beſten des
Landes arbeiten muß und daß es zwecklos iſt, wenn man
praktiſche Arbeit leiſten will, hier Demonſtrationsanträge
einzubringen oder Wahlreden zum Fenſter hinaus zu
halten. An dem Beſtreben, gemeinſam ſich zur prakti=
ſchen
Arbeit zu einigen, werde man auch in Zukunft feſt=
halten
, beſonders auch in der Schulfrage. (Beifall.)
Und er möchte den Herren von der Linken gleich ſagen,
daß ſeine, des Redners, Partei keineswegs die Abſicht
habe, etwa den Antrag einzubringen, Konfeſſionsſchulen
zu gründen, daß ſie vielmehr auf dem Boden des gegen=
wärtigen
Schulſyſtems ſtehe, daß ſie aber unter allen
Umſtänden an dem chriſtlichen Charakter der Simultan=
ſchulen
feſthalte. (Lebh. Beifall.) Das Weſen der Simul=
tanſchule
kommt aber erſt dann richtig zur Geltung, wenn
die Kinder beider Konfeſſionen in ihrer Religion vor
Kränkungen, Beleidigungen und Zweifeln unter allen
Umſtänden bewahrt werden. Solche Krankungen müß=
ten
auch beſeitigt und vermieden werden, wenn man
über ihre Wirkung im Zweifel iſt. Auch Roſeggers:
Waldbauernbub an ſich gewiß ein ſehr ſchönes Buch,
enthält an mehreren Stellen ſolche Bemerkungen, die
als Kränkungen empfunden werden können. Darum war
es berechtigt, das Buch aus der Bibliothek der Schul=
kinder
zu entfernen, die nach der Konfirmation noch!
Zeit genug haben, ſich über ſolche Fragen klar zu wer=
den
. Im Gegenſatz dazu erwähnt der Redner ein Buch
für Fortbildungsſchüler vom Kreisſchulinſpektor in;
Lauterbach und verlieſt unter ſchallender Heiterkeit aller!
Parteien die darin enthaltene Erläuterung der ein=
zelnen
Parteien des Reichstags, die ſchließlich einzig
auf eine Empfehlung der Sozialdemokratie hinaus=
läuft
. (Unruhe.) Weiter übt der Redner ſcharfe Kritik!
an einem Buch der Lehrerbibliothek (Bücherſchatz des
Lehrers, 15. Band), das über die Katholiken Dinge ſage,
die jeder Kritik ſpotten. All das ſollte vermieden wer=
den
, wenn man der Simultanſchule nützen wollte. Der
Abg. Korell=Königſtädten habe ſich beſchwert über die
Behandlung ſeines Freundes Strecker ſeitens der rech=
ten
Parteien. Redner ſei der Ueberzeugung, wenn der
Abg. Korell=Königſtädten noch mehr ſolche Reden hält,
wie zur Generaldebatte, würde er ſich bald auch über
ſchlechte Behandlung beklagen müſſen. Noch nie habe
ein Redner des Hauſes mit gleich ſouveräner Ueber=
hebung
von der ſchwindelnden Höhe ſeiner geiſtigen
Warte herab mit den minderwertigen geiſtigen Waffen
ſeiner Redner abgerechnet, wie der Abg. Korell es getan
habe. Und doch habe ſeine lange Rede nur einen Be=
weis
erbracht, nämlich den, daß ihm, dem Abg. Korell,
jedes Urteil und jede Erkenntnis dafür abgeht, welche
wirkliche Stellung er eigentlich hier in dieſem Hauſe
einnimmt. (Lebhaftes Sehr richtig!) Vor allem bean=
ſtandet
Redner die Ausführungen Korells zum Motu=
proprio
und ſtellt feſt, daß ſeine Partei es nach wie vor
vermeiden wird, ſich in die Angelegenheiten der anderen
Kirche zu miſchen. Der Abg. Korell habe das aber ſo=
gar
als Geiſtlicher getan, und zwar ohne Beſcheiden=
heit
, ohne Zurückhaltung und ohne das erforderliche
Maß von Delikateſſe. Sehr eingehend verbreitet ſich
Redner dann über das Motuproprio ſelbſt und über ſeine
Wirkungen und Geltungsbereiche. Der Kardinalſtaats=
ſekretär
habe dem amtlichen Vertreter des Deutſchen
Reiches erklärt, daß dieſes für Deutſchland keine Geltung
habe. Damit hätte die Angelegenheit erledigt ſein
können. Die Ausführungen Korells ſeien nach Meinung
des Redners nur von Mißtrauen diktiert geweſen und
konnten nur wieder Mißtrauen ernten und ſtehen in
ſchreiendem Widerſpruch mit der Verſicherung Korells
am Schluſſe ſeiner Rede. Nachdem der Abg. Ulrich die
Katholiken durch ſeinen Zwiſchenruf gekränkt hatte, wie
nie zuvor, hat der Abg. Uebel mit Recht nochmals Ge=
legenheit
genommen, das zurückzuweiſen. Dem Abg.
Korell=Königſtädten gab das Veranlaſſung, zu erklären,
das vertrage ſich nicht mit der Gläubigkeit. Was geht
denn uns im Hauſe Ihre Gläubigkeit an, Herr Korall?
Das können Sie vielleicht Ihren armen Königſtädtern
vortragen, ſoweit ſie Ihnen noch anhängen, aber nicht
uns. Umſo weniger dann, wenn Ihre eigene Gläubig=
keit
in ſo fadenſcheinigem Gewande erſcheint, wie hier.
Unruhe. Zuſtimmung.) Redner ſei der Meinung, daß
man vom Standpunkte der Gläubigkeit in erſter Linie
die Ehre des Nebenmenſchen unangetaſtet laſſen und vor
allem wahrhaftig ſein müſſe. Wenn man hier unwahrg
Behauptungen eines anderen ausſpreche, die vom Re=
gierungstiſche
als Verleumdungen feſtgeſtellt werden, ſo
ſei das nicht damit abgetan, daß man ſagt, man werde
ſeinen Gewährsmannen das mitteilen. Dazu gehört
zum mindeſten der Ausdruck des Bedauerns und die
Zurücknahme, und dann bleibts immer noch ein Un=
recht
. Denn der Abgeordnete habe die Pflicht, ſich zu
erkundigen, bevor er ſolche Beſchuldigungen hier vor=. (Lebh. Sehr richtig!) Es ſcheint aber, als obi
es ſich hier nicht um eine einzelne Entgleiſung, ſondern
um eine Art Gewohnheit handelt. Denn der Abg. Korell
war es auch, der die Behauptung in die Welt geſetzt, daß
ein hoher Miniſterialbeamter geäußert haben ſollte, der
Abg. Dr. David ſei der Regierung unentbehrlich, und
die weitere Behauptung in der Hilfe, daß nur die
Freiſinnigen und die ſieben Sozialdemokraten an
der liberalen Politik Heſſens Schuld tragen. (Hört,
hört! Unruhe.) Das war ſeinerzeit ſogar der gewiß
langmütigen Regierung zu viel und ſie verlangte in der
Darmſt. Ztg. den Beweis, den der Abg. Korell bis heute
allerdings noch ſchuldig geblieben iſt. Weiter erwähnt
Redner die Broſchüre gegen Korell von dem Re=
dakteur
Greupner, die ſehr ſcharf ſei. und die ſich Redner

[ ][  ][ ]

allerdings nicht zu eigen machen wolle. Heute morgen
ſei ihm noch ein fliegendes Blatt gefandt worden, über=
ſchrieben
: Ein fortſchrittlicher Pfarrer als Anarchiſten=
freund
. (Abg. Reh ruft: Unerhört!) Jawohl: Uner=
hört
! Der gleichen Meinung bin ich auch. (Unruhe.)
Aber ich muß leider geſtehen, daß das Flugblatt richtig
zitiert hat. Redner verlieſt zum Beweiſe deſſen eine
Stelle aus der Scholle deren Mitherausgeber der
Pfarrer Korell iſt. Es heißt da inbezug auf den durch
Bombenattentat getöteten ruſſiſchen Polizeiminiſter:
Die Nihiliſten haben ihm mit Hilfe der mit Recht ſo
beliebten Bombe (Hört, hört! Unerhört!) zu einer höchſt
zerſtreuten Himmelfahrt verholfen. (Große Unruhe.
Pfuirufe.) Redner ſchließt: Will der Herr Graf ein zwei=
tes
Tänzchen (Korell ruft: Sehr gern!), ich bin gerne be=
reit
, ihm auch ein zweites Mal aufzuſpielen. (Lebh.
Beifall.)
Darauf ſchließt die Sitzung um 1 Uhr. Nächſte
Sitzung nachmittags 3 Uhr.

14. Sitzung.
Am Regierungstiſch: Finanzminiſter Braun Exz.,
Miniſter des Innern v. Homberg zu Vach Exz., Geheime=
räte
Dr. Becker, Dr. Weber Dr. Beſt, Miniſterial=
räte
Hölzinger, Dr. Kratz, Baurat Schöberl.
Vizepräſident Korell eröffnet die Sitzung um
3 Uhr 10 Min. Das Haus ſetzt die Generaldebatte zum
Miniſterium des Innern fort.
Abg. Dr. Fulda wendet ſich zunächſt gegen den Abg.
Dr. Schmitt bezüglich deſſen Aeußerung, daß hier im
Hauſe nur praktiſche Arbeit geleiſtet werden ſollte. Es
ſei das doch wohl nicht ſo aufzufaſſen geweſen, als ob der
Abg. Schmitt hier jede Parteipolitik unterbinden wollte.
Das ſei doch wohl noch das Recht der Parteien, denn
durch die Parteipolitik würde die Geſetzgebung doch be=
einflußt
. Es komme nicht darauf an, wieviel Geſetze hier
geſchaffen werden, nicht auf die Quantität, ſondern auf
die Qualität. Und in Bezug auf die Qualität ſei der
vergangene Landtag gewiß nicht ſehr produktiv geweſen.
Das habe der Abg. Dr. Schmitt ja ſelbſt zugegeben. Red=
ner
führt zum Beweiſe ſeiner Ausführungen eine An=
zahl
Geſetze an, die durchaus reaktionär ſeien. So habe
vor allen die Verwaltungsgsſetzgebung Verbeſſerungen
nötig. Ebenſo die Landgemeindeordnung und die Pro=
vinzialordnung
. Das Wahlrecht zu Kreis= und Provin=
zialverwaltung
ſei ein durchaus plutokratiſches. So ſei
jahrelang eine bekannte Darmſtädter Perſönlichkeit, ein
Krawattenmacher imſtande, dieſes Wahlrecht auszu=
üben
, weil er infolge von Grundſtücksſpekulationen zu den
100 Höchſtbeſteuerten zählt. Alle dieſe Geſetze ſollten doch
wenn nicht im demokratiſchen, ſo doch wenigſtens im libe=
ralen
Sinne reformiert werden. Weiter polemiſiert Red=
ner
gegen die Verſtaatlichung der Offenbacher Polizei.
Dieſe Verſtaatlichung ſei durchaus kein Allheilmittel. In
Darmſtadt ſei die Polizei ſchon verſtaatlicht, und doch ſei
man in gewiſſen Kreiſen mit dieſer Polizei, insbeſondere
mit dem Chef derſelben, gelegentlich des Transportarbei=
terſtreiks
, nicht zufrieden geweſen. Daß man die Verſtaat=
lichung
der Offenbacher Polizei auch damit begründete,
daß Offenbacher Stadtverordntte Poßtzeiorgane beein=
flußt
hätten, ſei lächerlich. Es habe ſich einfach um Legiti=
mation
ſeitens der betreffenden Stadtverordneten ge=
handelt
. Redner bringt dann eine Reihe von Einzelfällen
zur Sprache, die das Polizeiamt Darmſtadt betreffen. Es
ſei gar nicht zweifelhaft, daß für die Verſtaatlichung der
Offenbacher Polizei politiſche Gründe maßgebend ſind.
Es ſei aber unbeſtreitbar, daß die Offenbacher Polizei
tadellos funktioniere. Es ſcheine aber, als ob, wie man
ſchon von einer Elektrizitätszentrale in Berlin für ganz
Deutſchland geſprochen habe, Heſſen an die preußiſche
Reaktions=Ueberland=Zentrale angeſchloſſen ſei. (Au!
Unruhe und Heiterkeit.) Jedenfalls werde man ſicher auf
dem Lande wirkſam damit agitieren, daß man in einer
Zeit, wo allgemein nach Sparſamkeit gerufen wird. 9000
Mark mehr ausgeben will für die Offenbacher Polizei.
Redner brinat dann Vorwürfe gggen den Bürgermeiſter
Pons von Neu=Yſenburg vor, der durchaus nicht intakt
ſei im Gegenſatz zu dem Bürgermeiſter Dr. Dullo. Er
ſei u. a. an großen Grundſtücksſpekulationen beteiligt und
dergl. mehr. In einem Flugblatt wurde ihm ungeſtraft
vorgeworfen, daß er ſein Bürgermeiſteramt zu finanzieller
Bereicherung benutzt hat. Redner legt das betreffende
Plakat auf den Tiſch des Hauſes nieder. Demnächſt
werde dem Hauſe eine umfangreiche Druckſache zugehen,
in der die Grundſtückſpekulationen dieſes Herrn unter Be=
weismaterial
dargelegt werden. Sonſt ſei man von der
Reaierung gewohnt, bei jeder Kleinigkeit Strafantrag ge=
ſtellt
zu ſehen. Im vorliegenden Fall iſt das nicht geſche=
hen
. Pons ſoll ſogar geſagt haben, der Herr Miniſter des
Innern habe ihn ſelbſt veranlaßt, die Kandidatur zum
Reichstag anzunehmen. Weiter rügt Redner, daß das
Miniſterium zu viel mit Kinkerlitzchen belaſtet ſei. Z. B.
habe die Stadtverordnetenverſammlung der Stadt Darm=
ſtadt
beſchloſſen, daß Hunde mit auf die Straßenbahn=
wagen
genommen werden dürfen. Hierzu hatte unbe=
greiflicherweiſe
das Hohe Miniſterium ſeine Genehmigung
zu geben. Und das hohe Miniſterium entſchied nach
monatelangen Beratungen, daß das Mitnehmen der
Hunde beſſer unterbliebe. (Heiterkeit.) Er wiſſe nicht.
in welchem Kreiſe dieſe Entſcheidung gefällt wurde, ſicher
falle aber die Urentſcheidung beim Kaffeekränzchen der
Miniſterialratsfrauen (Große Heiterkeit.) Auch gegen
das Reichsgeſetz betr. die Reichs= und Staatsangehörig=
keit
polemiſiert Redner bezüglich des Anhörens des Bun=
desrats
bei Verleihung der Staatsangehörigkeit.
Miniſter des Innern von Hombergk
zu Vach Exz.:
Der Abg. Fulda habe gefragt, wie es mit den An=
trägen
ſeiner Partei zu der Landgemeindeordnung ſei
Man könne doch kein Geſetz abändern, ehe es in Kraft ſei.
(Sehr richtig!) Herr Dr. Fulda hat weiter geſagt, ich hätte
ſchon als Kreisrat Gelegenheit gehabt, den Herrn Pons
kennen zu lernen und ich hätte Kenntnis davon gehabt,
daß der Bürgermeiſter Pons Mitglied der Frankfurter
Terraingeſellſchaft war. Das iſt richtig. Aber Mitglied
dieſer Geſellſchaft zu ſein, iſt doch an ſich kein Verbrechen.
Ein Vorwurf daraus kann doch erſt dann gemacht wer=
den
, wenn der Herr Pons dieſe Mitgliedſchaft benutzt
hatte zum Nachteil der Gemeinde. (Zuſtimmung.) Das
iſt aber nicht der Fall. Die Geſellſchaft hat keine Geſchäfte
gemacht, die die Intereſſen der Gemeinde irgendwie beein=
flußten
. Auch die Herren, die mir damals davon Mit=
teilung
machten, konnten nicht behaupten, daß er ſeineZu
gehörigkeit zur Terraingeſellſchaft mißbraucht hats
lag für uns alſo kein Grund vor, gegen den Bürgermeiſter
Pons, der ſonſt als einer der allertüchtigſten Beamten
ſeiner Art ſich bewährt hat (Sehr richtigt);einzuſchreiten

Nachdem Pons ſich aber als Kandidat für den Reichstag
at aufſtellen laſſen, haben die Gerüchte über ſeine Ter=
ainſpekulation
ſich verdichtet, und daraufhin iſt das
Kreisamt Offenbach in eine Vorunterſuchung ein=
getreten
. Dieſe Vorunterſuchung iſt abgeſchloſſen und die
Akten ſind vor 34 Tagen dem Miniſterium vorgelegt
worden. Das Miniſterium wird nun dahin Beſchluß zu
faſſen haben, ob eine Diſziplinarunterſuchung eingeleitet
werden ſoll. Es wird alle in dieſer Angelegenheit ge=
nannten
Zeugen eidlich vernehmen und darnach Beſchluß
faſſen, ob etwa auf dem Wege des Verwaltungsgerichts=
verfahrens
der Bürgermeiſter aus ſeinem Amt entfernt
verden ſoll oder nicht. Solange das Verfahren noch
ſchwebt, kann ich keine weitere Mitteilung machen. Der
Abg. Dr. Fulda hat ſich ja gewiſſermaßen ſchon als
Staatsanwalt gegen Pons aufgeſpielt. Das hätte er
beſſer unterlaſſen. Was Dr. Fulda ſonſt noch an Dingen
angeführt, die mein Miniſterium betreffen, ſo muß ich ge=
ſtehen
, daß ich ſie nicht alle verſtanden habe. Ich glaube
ber, es iſt mir auch nichts dadurch verloren gegangen.
(Sehr richtig! Heiterkeit.)
Baurat Schöberl:
Ich bin gezwungen, nochmals auf die Debatte über
die Elektrizitätsverſorgung der Riedgemeinden zurück=
zukommen
. In der Verhandlung vom 22. Februar
rachte der Herr Abgeordnete Henrich zum Ausdruck, daß
die Stadt Darmſtadt gerne die Riedgemeinden mit
Strom verſorgt hätte. Dieſe Abſicht der Stadt habe ſich
jedoch nicht verwirklichen laſſen, weil das Großh. Kreis=
mt
Groß=Gerau kein genügendes Intereſſe für die
Stadt, vielmehr eine Vorliebe für eine Privatgeſellſchaft
zeigte. Auf die Rede des Herrn Abg. Henrich hin habe
ich die Vorgänge geſchildert, wie ſie ſich nach meiner Er=
nnerung
abgeſpielt haben. In der Beratung vom 27.
Februar iſt der Herr Abg. Henrich erneut auf die An=
gelegenheit
eingegangen und hat ſich hierbei auf die
Akten der Großh. Bürgermeiſterei Darmſtadt geſtützt.
Inzwiſchen hat das Großh. Miniſterium des Innern die
Akten des Großh. Kreisamtes Groß=Gerau eingeſehen,
auch Herrn Kreisrat Dr. Wallau gehört. Nunmehr kann
ndgültig Folgendes erklärt werden:
Es ſteht die Tatſache feſt, daß das Kreisamt Groß=
Gerau am 10. November 1908 und am 13. Januar 1909
der Stadt Darmſtadt die Elektrizitätsverſorgung des
Riedes angeboten hat. Das Anerbieten erfolgte in ein=
gehender
und durchaus wohlwollender Form.
Der Gedanke, die Stromverſorgung des Riedes an
das neue Elektrizitätswerk in Darmſtadt anzugliedern,
iſt alſo nicht von der Stadt, ſondern von dem Kreisamt
Broß=Gerau und von mir ausgegangen.
Am 16. März 1909 hat die Stadt dem Kreisamt mit=
geteilt
, daß die ſtädt. Elektrizitätsverwaltung inzwiſchen
ähere Unterſuchungen über das Projekt vorgenommen
hat. Es wurde eine mündliche Verhandlung vorgeſchla=
gen
. Dieſe fand am 23. April 1909 ſtatt. Die ſtädtiſchen
Vertreter trugen zunächſt die Ergebniſſe ihrer Berech=
nungen
vor, nach denen das Anlagekapital der Ueber=
andanlage
ſehr hoch, die Ausſichten auf Rentabilität
ſehr gering waren. Zwiſchen dem, was hiernach die
ſtädtiſchen Vertreter im Intereſſe, der Stadt glaubten
fordern zu müſſen und zwiſchen dem, was wir, d. h.
die Vertreter des Kreisamts Groß=Gerau, des Kreis=
amtes
Darmſtadt und ich, im Intereſſe der Riedgemein=
den
gewähren konnten, beſtanden ſo erhebliche Unter=
ſchiede
, daß es nicht gelang, einen Ausgleich zu finden
oder auch nur eine Ausſicht auf eine Verſtändigung zu
eröffnen. Wir betrachteten demnach die Verhandlungen
als geſcheitert. Am 11. Mai 1909 ſchrieb das Großh.
Kreisamt Groß=Gerau an die Stadt, daß man das Pro=
jekt
der Verſorgung des Riedes von Darmſtadt aus zu=
nächſt
habe fallen laſſen, da die Vorſchläge der ſtädtiſchen
Vertreter ein ebenſo hohes Defizit für die Riedgemein=
den
mit ſich gebracht hätten, wie der Betrieb eines eige=
nen
Werkes. Am 15. Mai 1909 erfolgte ein Anerbieten
der Main=Kraftwerke, am 19. Juli 1909 traten dieſe von
ihrem Anerbieten zurück. Von da ab wird ein Angebot
der Rheiniſchen Schuckert=Geſellſchaft verfolgt. Die
Verhandlungen mit ihr ziehen ſich vom Juli 1909 bis
zum Januar 1910 hin. Ende Januar 1910 war der Ver=
trag
mit dieſer Geſellſchaft vollſtändig durchberaten und
in ſeinem endgültigen Wortlaut feſtgeſtellt. Am 23. Ja=
nuar
1910 erhielt ich den Beſuch des Herrn Beig. Ekert.
Es liegt ein Brief von mir lan Herrn Dr. Wallau vor
datiert vone 26. Januar 1910 in dem der Inhalt mei=
ner
Ausſprache mit Harrn Ekert wiedergegeben iſt.
Sollte es gewünſcht werden, ſo bin ich bereit, dieſen
Brief zu verleſen.
Den Verlauf der Sache bis zu dieſem Zeitpunkt faſſe
ich wie folgt zuſammen: Die Stadt Darmſtadt hat, als
ihr die Stromverſorgung des Riedes angeboten wurde,
nicht zugegriffen, trotzdem ſie damals weit beſſere Be=
dingungen
vom Kreis Groß=Gerau) erzielen konnte, als
ſpäter die Rheiniſche Shuckert=Geſellſchaft. Sie hat
nach der mündlichen Verhandlung vom 23. April 1909
kein weiteres Intereſſe für die Sache gezeigt, keine neuen
Vorſchläge gemacht, tratzdem ihr bekannt ſein mußte,
daß mit elektrotechniſchen Firmen verhandelt wird. Erſt
mit dem Beſuch des Herrn Beigeordneten Ekert, der
genau dreiviertel Jahr nach der Beratung vom 23. April
1909 erfolgte, bekundete die Stadt erneut ihr Intereſſe
für die Angelegenheit. Als dies geſchah, war man mit
der Rheiniſchen Schuckert=Geſellſchaft über den Ver=
tragsinhalt
bereits vollſtändig einig. Was den weiteren
Verlauf der Angelegenheit anbelangt, ſo entſtehen vor
allem zwei Fragen: a) Wurde der Stadt der Inhalt des
Vertrages mit der Rheiniſchen Schuckert=Geſellſchaft be=
kannt
gegeben? b) Hätte ſie die Möglichkeit gehabt, in
dieſen Vertag einzutreten?
Zu a) Ich teilte bereits am 23. Januar 1910 Herrn
Beigeordneten Ekert perſönlich die wichtigſten Vertrags=
beſtimmungen
mit. Herr Kreisrat Dr. Wallau gab
Herrn Beigeordneten Ekert, als ihn dieſer hierauf in
Groß=Gerau beſuchte, alle gewünſchten Einzelheiten über
den Vertragsinhalt bekannt. Zu b) Herr Kreisrat Dr.
Wallau hat allerdings unter dem 26. Januar 1910 an
Herrn Beigeordneten Ekert geſchrieben, daß die Stadt
weſentlich günſtigere Bedingungen ſtellen muß, wenn
man von dem Vertragsabſchluß mit der Rheiniſchen
Schuckert=Geſellſchaft zurücktreten ſoll. Ich bin auf
Wunſch bereit, auch dieſen Brief zu verleſen. Mit die=
ſem
Brief hat Herr Dr. Wallau in der üblichen
Weiſe die neuen Verhandlungen begonnen. Bei dem
Beſuch des Herun Ekert in Groß=Gerau hat er aber be=
reits
angedeutet, daß es genüge, wenn die Stadt min=
deſtens
die gleichen Bedingungen einginge, wie die
Rheiniſche Schuckert=Geſellſchaft ſchließlich angeboten
hat. Ich habe die mündliche Angabe des Herrn Kreis=
sDWallauin
feſter Erinnerung, daß er die Stadt
Darmſtadt noch bevorzugen würde, wenn die ſich in aller
Kürze entſchließe, den Riedgemeinden die gleichen Be=
dingungen
zu bieten. Für die Stadt beſtanden nunmehr

zwei Möglichkeiten. Sie konnte entweder erklären, daß
ſie in den mit der Rheiniſchen Schuckert=Geſellſchaft ver=
abredeten
Vertrag eintreten wolle, oder daß ſie weſent=
liche
Aenderungen an dieſem Vertrage wünſche. Sie
hätte zum Beiſpiel ohne weiteres auf das Inſtallations=
Monopol verzichten können, das für ſie keine Bedeutung
gehabt hätte. Nichts von alledem geſchah. Die Stadt
machte keine Vorſchläge, das Ried unter gleichen oder
unter anderen Bedingungen verſorgen zu wollen. Die
Stadtverwaltung hat ſodann durch Beſchluß der Stadt=
verordnetenverſammlung
abgelehnt, unter den angegebe=
nen
Vorausſetzungen in das fragliche Geſchäft einzu=
treten
. Ihr Schreiben vom 3. Februar 1910 an das
Kreisamt läßt auch den Grund für ihre Entſchließung
erkennen. Sie ſchreibt nämlich: Es bleibt uns daher
nach wie vor unverſtändlich, wie den beteiligten Ge=
meinden
derart niedrige Strompreiſe angeboten werden
können, trotzdem eine Umfrage bei den Gemeinden oder
eine Bindung der Gemeindemitglieder bezüglich der
Höhe der Stromabnahme noch nicht ſtattgefunden hat.
Das Kreisamt hat allerdings auf eine raſche Entſchließ=
ung
der Stadt gedrängt. Hierzu war es nach dem Ver=
lauf
der Verhandlungen zweifellos berechtigt.
Der Herr Abg. Henrich hat es auch getadelt, daß das
Kreisamt mit einer Privatgeſellſchaft verhandelte. Nun
hat aber vor kurzem auch die Stadt Darmſtadt einen
Vertrag mit einer Privatgeſellſchaft abgeſchloſſen. Der
Herr Abg. Henrich wirkte in ſeiner Eigenſchaft als Stadt= und Mitglied des Städtiſchen Sonderaus=
ſchuſſes
bei der Beratung dieſes Vertrages in hervor=
ragender
Weiſe mit. In dieſem Vertrage iſt auch der
ſpätere Eintritt der Rheiniſchen Schuckert=Geſellſchaft in
die neu zu bildende Aktiengeſellſchaft vorgeſehen.
Meine Herren! Ich bin der Anſicht der Ueber=
zeugung
daß der hohe Städtiſche Stromtarif das
Hemmnis bei den Verhandlungen über die Verſorgung
des Rieds bildete. Die Stadt hat bis heute einen Licht=
tarif
von 70 Pfg. und glaubte daher, das Ried mit einem
Lichttarif von 40 Pfg. micht verſorgen zu können. Aus
dieſer Schwierigkeit hat ſie keinen Ausweg gefunden.
Auch eine baldige Rente, ein unmittelbarer Vorteil,
konnte der Stadt vom ihrem Sachverſtändigen nicht nach=
gewieſen
werden. Ueberlandzentralen muß man mit
Kolonialunternehmungen vergleichen, von denen man
hofft, daß ſie einmal ſpäter gute Früchte tragen. Die
ſchwierine Situation, in der ſich die Stadt befand, wird
ausdrücklich anerkannt. Es kann aber nicht als richtig
anerkannt werden, nunmehr die Urſache für das Schei=
tern
der Verhandlungen in dem Mangel an Wohlwol=
len
ſeitens der Regierungsorgane zu ſuchen.
Abg. Lutz dankt dem Herrn Miniſter für die freund=
lichen
, der Landwirtſchaft gewidmeten Worte. Das Feſt=
halten
an der bewährten Zollpolitik ſei durchaus zu be=
grüßen
. Die Landwirtſchaft müſſe mit der Induſtrie Hand
in Hand gehen. Wenn es Beiden gut geht, geht es dem
anzen Volke gut. Redner beſpricht dann ſehr eingehend
die Zigeunerplage, der man unbedingt Herr werden müſſe=
Die derzeitigen Zuſtände ſeien faſt mittelalterlich. Er
kommt dann auf das Bauweſen zu ſprechen und meint, auf
dieſem Gebiet könne noch mehr Sparſamkeit obwalten.
Der Abg. Urſtadt habe mit ſeinen Ausführungen bezüglich
der Fideikommiſſe offene Türen eingerannt, es ſei nicht
recht hier die kleinen Bauern gegen die Großen auszu=
ſpielen
. Wenn von dem, was der Abg. Dr. Schmitt gegen
en Abg. Korell geſagt habe, nur die Hälfte wahr ſei, dann
ſei Korell in ſeinen Augen gerichtet (Beifall und Heiterkeit).
Daß der Abg Korell geſagt habe, ſeine, des Redners, Par=
teifreunde
ſeien gemeingefährlich, könne er niemals be=
weiſen
und man werde es ſobald nicht vergeſſen. Mit ſeiner
Verteidigung Dr. Streckers habe der Abg. Reh kein Glück
gehabt und wenn der Abg. Korell dieſen Herrn Dr. Strecker
einen verdienten Mann genannt hat, ſo ſei das ebenſo un=
verſtändlich
. Denn um die Allgemeinheit habe ſich Dr.=
Strecker ſicher noch nicht verdient gemacht, höchſtens um die
Frankf. Zta. Redner kommt dann auf die Verhältniſſe
der evangeliſchen Landeskirche zu ſprechen und wendet ſich
gegen die Theologen der neuen Richtung, die den Boden der
evangeliſchen Kirche eigentlich ganz verlaſſen. Als der
Pfarrer Jatho ganz mit Recht entlaſſen wurde, hat man
das traurige Schauſpiel erlebt, daß eine große Anzahl
heſſiſcher Geiſtlicher einen Aufruf erließ, in dem ſie gegen
das ſoa. Ketzergericht Stellung nahmen. Es ſei unbegreif=
lich
, daß die oberſte Kirchenbehörde in Heſſen es zugeben
ann, wie dieſe Herren im Lande ihr Unweſen treiben
(Unruhe, Zuſtimmung). Unter den Unterzeichneten waren
auch 3 Theologen der Landesuniverſität. Wenn das mit der
neuen Richtung ſo weiter geht, dann iſt es der Beyölkerung
nicht mehr zu verübeln, wenn ſie ſich ganz von der Kirche
abwendet. Dieſe ſog. Freiheit der Wiſſenſchaft müſſe end=
lich
dahin führen. Die Regierung müſſe dafür ſorgen, daß
an der Landesuniverſität auch die poſitive Richtung wieder
Seltung erhalte. Wenn es wahr iſt, daß der Abg. Korell
bedauert habe, daß es nicht zu einer Einigung mit der
Sozialdemokratie gekommen, ſehe man ja, wohin man mit
der neuen Richtung komme (Beifall).
Abg. Korell=Königſtädten. Die Stunde, die er
heute während der Rede des Abg. Schmitt durchgemacht,
ſei ſicher keine angenehme geweſen, aber in anderer Bezieh=
ung
ſei er doch dankbar. Denn es habe ſich ſeitens der Par=
teien
der Rechten das jetzt ſchon enthüllt, was man für ihn
fühle und weſſen man ihn für fähig halte, was ſonſt viel=
leicht
erſt im Laufe der Zeit ſich offenbart hätte. Was der
Abg. Dr. Schmitt heute ausgeführt, war ja in den Zen=
trumsblättern
angekündigt worden, und zwar, wie ſchon
öfter im M. Journal unter Aufſtellung unwahrer Behaup=
tungen
, die er z. T. ſchon richtig zu ſtellen Gelegenheit
nehmen müßte. Man werde es ihm nachfühlen, daß, wenn
er nun das Tänzchen wage, zu dem man ihn eingeladen,
er keinen leichten Stand habe. Dem Abg. Dr. Schmitt hätte
er doch etwas mehr Objektivität zugetraut. Er fühle ſich=
durchaus
frei von Haß gegen die Zentrumspartei, das
müßte der Abg. Dr. Schmitt ſchon daraus erſehen, daß er
gelegentlich einer ſeine Gemeinde betr. Angelegenheit
zuerſt den Abg. Dr. Schmitt aufſuchte, um ihn zu bitten,
die Sache im Hauſe zu vertreten. Er widerſpricht dem
in der Behauptung, als habe er mit ſeiner Bemerkung von
den einflußreichen Herren einen Menſchen an ſeiner Ehre
angegriffen. Das habe er nicht getan, wie das unkorrigierte
Stenogramm beweiſe. Er habe ausdrücklich geſagt, daß es
ſich um ein Gerücht handelt, und zuerſt nur darum von
einflußreichen Herren geſprochen, um nicht auf eine
beſtimmte Richtung hinzuweiſen. Nach Feſtſtellung der
Richtigkeit habe er ſofort einwandfrei hier im Hauſe aus=
reichende
Erklärungen abgegeben. Wenn g; allerdings
hätte ahnen können, daß die Animoſität der Kechten gegen
ſeine Perſon ſo groß ſei, hätte er die Angelegenheit vielleicht
nicht ſchon zu Beginn des Landtags vorgebracht (Unruhe).
Redner wendet ſich dann gegen den Abg. Korell=Angenrod
und wiederholt, daß er keinen der Herren des Hauſes für
gemeingefährlich halte, noch bezeichnet habe, daß vielmehr
nur gewiſſe Tätigkeit des Bundes der Landwirte als ge=

[ ][  ][ ]

meingefährlich bezeichnet wurde, eine Anſch, die auch
Mitglieder des Bundes der Landwirte teilen. Erſt die
Reden Uebels und Molthans hätten ihn gezwungen, zum
Angriff gegen das Zentrum vorzugehen (Unruhe). Wenn
die Zentrumspartei ſich auf den Standpunkt ſtelle, als könne
ſie diktieren, wie und in welcher Tonart hier gegen das
Zentrum geſprochen werden darf, ſo könne er das dann doch
nicht anerkennen (Zuſtimmung). Auch das könne er nicht
anerkennen, daß hier im Hauſe die Linke als die Un=
gläubigen
, die Rechte als die Gläubigen bezeichnet werden,
wie der Abg. Molthan dies getan hat (Unruhe). Was er
dem Herrn Uebel geſagt habe, halte er aufrecht. Wohl könne
jedem auch ihm in der Hitze des Gefechts, einmal ein
ſcharfes, auch vielleicht unangebrachtes Wort entſchlüpfen,
aber daß man ein Schimpfwort, nachdem man eine Nacht
darüber hatte ſchlafen können, mit einem Schimpfwort
zurückweiſt, oder ſolches wiederholt, ſei kein Zeichen
von Gläubigkeit. In die Kampfſtellung gegen das Zen=
trum
ſei Redner gekommen, als er in München gelegent=
llich
der letzten bayeriſchen Landtagswahlen Kenntnis er=
hielt
von einem Telegramm des Herrn von Brentano, der
gratulierte zum Sieg des Zentrums über Umſturz und
Charakterloſigkeit (Unruhe). Wenn der Abg! Dr. Schmitt
geſagt habe, ſeine, des Redners, Ausführungen hätten der
Delikateſſe ermangelt, ſo glaube er doch mit ſeinem Ton
gegen den heute von Schmitt angeſchlagenen noch ehrenvoll
beſtehen zu können (Zuſtimmung). Falſch ſei es auch, daß
das Zentrum ſich nicht in die innerkirchlichen Angelegen=
Heiten der anderen Religionen miſche, ſo habe der Fall
Jatho das Gegenteil bewieſen. Das M. Journal hat ſich
ſehr darüber aufgehalten, daß die heſſiſchen Geiſtlichen, be=
ſonders
auch der Oberkonſiſtorialrat Euler ſich der Bewegung
für Jatho angeſchloſſen haben (Hört, hört). Er habe ſich
hingegen noch nie in die inneren Angelegenheiten der katho=
liſchen
Kirche gemiſcht. Denn das Motu proprio ſei keine
önnerkirchliche Angelegenheit. Er könne das Zeugnis meh=
rerer
katholiſcher Geiſtlicher anführen dafür, daß er nie ſich
kulturkämpferiſch betätigt hat. Er habe es nie an dem not=
wendigen
Takt fehlen laſſen der katholiſchen Religion gegen=
über
. Den Erklärungen des Kardinalſtaatsſekretärs Merry
Del Val müßte man nach den Erfahrungen mit der Borro=
rnäus
=Enzyklika und dem Motu proprio mit Mißtrauen be=
gegnen
. Tatſächlich genügen die Erklärungen nicht,
Denn mit der Zurücknahme ſei es noch nicht
aus der Welt geſchafft, was darin geſagt war; daß es ein
Verbrechen gegen die Kirche ſei, wenn man einen Pfarrer
wegen eines Verbrechens anzeige und dergl. mehr. Die
ganzen Erfahrungen in dieſer Beziehung rechtfertigen es,
daß man der formellen Zurücknahme mit Mißtrauen
gegenübertritt. Dazu brauche man kein Kulturkämpfer zu
ſein. Der Abg. Schmitt habe kein Recht gehabt, an ſeiner
Verſicherung, daß er den Frieden wolle und nichts
anderes, zu zweifeln. Es wäre allerdings Pflicht des
Zentrums geweſen, gegen das Motu proprio Stellung zu
rnehmen, weil es an den Wurzeln des Friedens zwiſchen
lden beiden Konfeſſionen rüttelte. Die Behauptung, daß
DDr. Winkler früher Zentrumshaſſer war, halte er aufrecht
und verlieſt zum Beweiſe dieſer Tatſache verſchiedene eid=
lich
beſchworene Zeugenausſagen. Eben Dr. Winkler habe
am allerwenigſten ein Recht, über Unwahrhaftigkeit zu
ſſprechen, wenn er das heute beſtreite. (Große Unruhe.)

Er bekämpfe das Zantrum ſo lange, als es vom liberalen
Standpunkt aus bekämpft werden muß. Ein Zentrums=
haſſer
ſei er nicht, und wenn ſich einmal die Gelegenheit
ergeben ſollte, mit dem Zentrum zuſammen praktiſch zu
arbeiten, werde er gern dazu berekt ſein. Redner kommt
dann auf die Schulfrage zu ſprechen und wiederholt ſeine
bereits gemachten Ausführungen, daß er für den religi=
öſen
Unterricht durch Geiſtliche ſei: Das ſei doch keine
Entchriſtlichung der Schule. Auch wenn er geſagt habe,
kein Lehrer ſolle gezwungen werden, gegen ſeinen Willen
Religionsunterricht zu erteilen, ſei das keine Entchriſtli=
chung
. Er habe bei der Beſprechung der Schulfrage in
keiner Beziehung die religiöſen Gsfühle verletzt. In allem,
was er geſagt habe, ſtehe ſeine Partei hinter ihm.
Was die beregten Bücher betrifft, ſo ſcheint ihm perſön=
lich
der Waldbauernbub ungefährlich. Aber ſelbſt
wenn er zugebe, daß das Buch auf manchen Urteilsloſen
von anderer Wirkung ſein kann, rechtfertige das nicht
ein derartiges Ueberwachungs= und Zenſurſyſtem, wie
es nun gefordert wird. Es hätte durchaus genügt, dem
Lehrer zu ſagen, das Buch den katholiſchen Kindern
nicht zu geben. Selbſtverſtändlich halte er es ebenfalls
für notwendig, daß die Simultanſchule ſoweit als irgend
möglich die religiöſen Gefühle aller Konfeſſionen ſchonen
müſſe; aber es ſcheine ihm doch manchmal auf beiden
Seiten eine konfeſſionelle Ueberſpannung zu herrſchen,
Jedenfalls glaube er keine Veranlaſſung dazu gegeben
zu haben, daß der Herr Dr. Schmitt hier gewiſſermaßen
als ein zweiter Greupner auftritt. Seine erſte Etatsrede
habe er unter einem Gefühle innerer Spannung und
innerer Gedrücktheit gehalten. Wenn ſie äußerlich hoch=
fahrend
und hochmütig geklungen, ſo könne er nichts da=
für
. (Große Unruhe.) Sein Wille und ſeine Abſicht
war es nicht, hochmütig zu ſprechen. In der Beziehung
nehme er aber gern noch Lehre an. Wenn ihm Unwahr=
haftigkeit
vorgeworfen wurde, weil er den Gewährs=
mann
noch nicht genannt hat, der ihm geſagt habe, die
Regierung köne den Dr. David nicht entbehren, ſo habe
der ſeiner Partei bekannte Gewährsmann auch
heute noch nicht die Erlaubnis zur Namensnennung er=
teilt
. (Unruhe.) Weiter verlieſt Redner dann Teile des
Urteils das heute vormittag der Abg. Schmitt ange=
zogen
habe zur Widerlegung Dr. Schmitts und kommt
endlich auf die Bombengeſchichte der Scholle‟
zu ſprechen. Schon im Reichstagswahlkampf habe man
in Gießen damit gearbeitet. Gelegentlich eines Prozeſſes
habe Dr. Werner ſelbſt zugeben müſſen, daß es ſich bei
der Agitation um Auswüchſe handelt. Mit der Scholle‟
hat es folgende Bewandnis: Man habe ihn, ohne daß er
den Kalender kannte, gebeten, im Intereſſe des beſſeren
Abſatzes in Heſſen ſeinen Namen darauf ſetzen zu laſſen.
Irgend ein Artikel ſei ihm nicht vorgelegt worden. Als
er dann die Nummer der Scholle ſah und den Artikel
las, habe er ſofort ſeinen Namen zurückgezogen,
und arbeite nicht mehr für dieſen Kalender. Er
hatte aber den Abg. Dr. Schmitt für ſo objektiv gehal=
ten
, daß er auch den Artikel zitiert hätte, den er, Redner
geſchrieben in der gleichen Nummer. (Abg. Schmitt:
Den habe ich noch nicht geleſen! Unruhe.) Schließlich
wolle Redner noch eine Oppenheimer Nachleſe halten
(Heiterkeit) und ſtellt feſt, daß man doch wohl nicht
glaube, daß alle die Leute, die ihm anhängen in Rhein=

beſen und Oberheſen uſw., ſich einſach beſchwähen lie=
ßen
. Den Leuten ſei doch alles bekannt, was man gegen
ihn vorbrächte. In Königſtädten habe man gelegentlich
der Kirchenviſitation einen formellen Proteſt gegen die
W. Ztg. gerichtet, die die Gemeinde Königſtädten und
ihren Pfarrer ſtets mit Schmutz bewerfe. Der Redner
ſchließt: Mein letzter Richter iſt mein Gewiſſen. Und vor
meinem Gewiſſen halte ich mich für einen ſo wahrhafti=
gen
Menſchen als Sie, Herr Abg. Dr. Schmitt, ſich vor
Ihrem Gewiſſen halten mögen. Wer da fährt nach
feſtem Ziel, bleibe ruhig am Steuer ſitzen, unbekümmert,
ob am Kiel Lob und Tadel hoch aufſpritzen. (Beifall.)
(Die überfüllten Tribünen beginnen ſich zu leeren.)
Abg. Dr. Winkler polemiſiert zunächſt gegen den
Abg. Dr. Fulda. Es habe bisher nicht den Gepflogen=
heiten
des Hauſes entſprochen, daß man einen Mann
richte, gegen den der ordentliche Richter noch nicht ge=
ſprochen
. Seine Partei werde Herrn Pons ſofort fallen
laſſen, wenn die gegen ihn vorgebrachten Anſchuldigun=
gen
ſich als wahr erweiſen. Zu den Ausführungen des
Abg. Korell=Königſtädten bemerke er, deſſen ganze Be=
redſamkeit
habe ihn nicht überzeugen können, und er
wollg ſich das letzte Wort der Broſchüre Greupners zu
eigen machen: In Heſſen iſt Herr Korell politiſch er=
ledigt
. (Große Unruhe. Heiterkeit und Widerſpruch
bei den Freiſ.) Er tritt dann den Ausführungen im
einzelnen entgegen. Wenn ſein Urteil über das Zen=
trum
ſich geändert habe, ſo ſei das damit begründet, daß
nach ſeiner Ueberzeugung die nationale Zuverläſſigkeit
des Zentrums ſich in dem Maße gebeſſert habe, als die
der Freiſinnigen ſich verſchlechtert habe. (Zuſtimmung.)
Redner ſchließt: Der Aufwand von Beredſamkeit und
an Geſten ſei nicht geeignet all das abzuwaſchen, was
ſeit Jahren ſich bei den Mitgliedern ſeiner (Redners)
Partei gegen Korell aufgehäuft. Korells Mimika ſei
ſerwieſen durch ſeine Stellungnahme zur Frage der
Zölle und des Freihandels und durch ſeine Wandlung in
der Stellungnahme zur Frage der Beſteuerung von
Bier, Tabak und Schnaps. Gegen den Abg. Korell ſei
eine Menge von Behauptungen vorgebracht, die nicht
widerlegt wurden. Der Kern der Behauptungen bleibe
beſtehen.
Abg. Stöpler nimmt den Kreisſchulinſpektor von
Lauterbach in Schutz wegen ſeines Schriftchens für die
Fortbildungsſchulen. Es habe dem allgemein geſchätzten
Beamten durchaus fern gelegen, irgend eine Partei zu
benachteiligen oder zu befürworten.
Damit ſchließt die Sitzung um 7¼ Uhr. Nächſte
Sitzung Freitag 9 Uhr.

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Kein Kaufzwang!
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(vormals Residenz-Café)

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86

rfsgemerbverein Harmstadf.

Nächſte Uebung am Sonntag, den 10. März.
Zuſammenkunft nachmittags 2 Uhr an der
Beſſunger Turnhalle, Heidelbergerſtraße. (5639

Einladung
zur
ordentl. Generalversammlund
am Freitag, den 15. März, abends pünktlich 8½ Uhr,
im gelben Saale
des Restaurants Sitte (Karlſtraße).
Tagesordnung:
1. Bericht über die Tätigkeit des Vorſtandes, der Kommiſſionen und
der Gewerbeſchule.
2. Rechnungsablage des Ortsgewerbevereins für 1910 und der Eck=
hardtſtiftung
für 1911.
3. Neuwahl der 3 Vorſitzenden und 6 Vorſtandsmitglieder:
Es haben auszuſcheiden:
a) die 3 Vorſitzenden: Jacobi, Hillgärtner und Werner,
b) die Vorſtandsmitglieder: Eberhard, Ganß, Hahn, Hild,
Baurat Jaeger und Prof. Dr. Meiſel.
4. Verſchiedenes, Vorſchläge u. Wünſche zu den diesjährig. Exkurſionen.
Der Verſammlung voraus geht ein
Vortrag des Herrn Dipl. Ing. Ritzert, hier, über:
Die Anlage v. Kraftzentralen unter beſonderer
Berückſichtigung der Elektrizitätswerke und ihre Be=
deutung
für Gewerbe und Handwerk.
Unſere Mitglieder erſuchen wir ergebenſt, recht zahlreich er=
ſcheinen
zu wollen. Zu dem Vortrag ſind auch Gäſte willkommen.
5624ff)
Der Vorſtand.

Großherzogl. Hoftheater
Freitag, 8. März.
132. Abonnem.=Vorſtellung. D 33.
Zum erſten Male:
Baumeiſter Solneß.
Schauſpiel in 3 Aufzügen
von Henrik Ibſen.
Spielleitung: Oberregiſſ. Valdek.
Perſonen:
Baumeiſter Hal=
pard
Solneß. . Hr. Heinz
Frau Aline Sol=
neß
, ſ. Gattin . Frl. Heumann
Dr. Herdal, Haus=
arzt

. Hr. Wagner
Knut Brovik, ehe=
mals
Architekt,
jetzt Aſſiſtent bei
Solneß:
. Hr. Lehrmann
Ragnar Brovik, ſ.
Sohn, Zeichner. Hr. Weſtermann
Kaia Fosli, ſeine
Nichte, Buchhalt. Frl. Uttmann
Frl. Hilde Wangel Frl. Meißner
Einige Damen. Volksmenge auf
der Straße.
Ort der Handl.: Das Haus des
Baumeiſters Solneß.
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5 Mk., Balkonloge 4.50 Mk.,
1. Rang 4 Mk., 2. Rang: 16.
Reihe 2 Mk., 7. u. 8. Reihe 1.60 Mk.,
Sperrſitz: 1.13. Reihe 3.50 Mk.,
14.20. Reihe 3 Mk., Parterre:
1.5. Reihe 2.20 Mk., 6.8. Reihe
1.80 Mk., 1. Galerie 1 Mk., 2. Ga=
lerie
50 Pfg.
Anfang 7 Uhr. Ende gegen 10 Uhr.
Kartenverk. 111 u. von 6 Uhr an.
Vorverkauf
von 111 Uhr f. d. Vorſtellungen:
Samstag, 9. März. Außer Ab.
Volksvorſtell. zu ermäß. Preiſen:
=Meyers. Anfang 7½ Uhr.
(Vergl. beſondere Anzeige.)
Sonntag, 10. März. 133. A.=V.
A 34. Die Meiſterſinger
von Nürnberg. Gr. Preiſe.
Anfang 5½ Uhr.
Montag, 11. März. Keine Vorſt.
Dienstag, 12. März. 134 Ab.=V.
C 34. Goethe’s Fauſt=
Tragödie. Erſter Abend:
Vorſpiel auf dem Theater. Pro=
log
im Himmel. Der Tragödie
erſter Teil, erſte Abteilung. Kleine
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Roman von Ernſt Clauſen.
(Nachdruck verboten.)
26)

Frau Liebetrau ging ſtill nebenher und wunderte ſich,
wie redſelig und ſelbſtbewußt ihr Mann wurde, der doch
ſonſt ſo beſcheiden war. Dabei wuchs er in ihren Augen
wieder um einige geiſtige Zentimeter.
Sie waren am Ausgang der Birkenallee angelangt, als
Lilli fragte: Eines müſſen Sie mir noch ſagen, Herr Liebe=
trau
, wie iſt es nur möglich, daß Sie das Leben hier aus=
halten
ohne jede Anregung von außen, ohne jede Art von
geiſtig anregendem Verkehr?
Die Frage kam ſo raſch, daß der Paſtor einen Augen=
blick
ſelbſt in Erſtaunen geſetzt wurde, wie er das nur aus=
gehalten
hätte, obgleich er es bisher ſehr gut ausgehalten
hatte, denn er bekam ſchon einen Anſatz zu einem behag=
lichen
Bäuchlein. Aber der ehrliche, ſchlichte Menſch in ihm
kam doch wieder hoch, als er ſagte: Frau Lührſen, ich denke
doch, einer hat es in ſich oder nicht! Das ganze Leben iſt
Anregung, und ich möchte ſagen, kein Leben iſt gezwungen,
inhaltlos zu ſein oder zu werden. Allerdings, zuweilen
fehlt einem etwas!
Der Paſtor und Lilli bemerkten nicht, wie peinlich das
Anhören dieſes Geſpräches für Helene geworden war, für
ſeine Frau, als ob ſie gar nichts in ſeinem Leben bedeutete.
Aber er, der Paſtor, ſah doch bei einem Seitenblick ſeiner

e e e e e e e
Mund. Da klopfte er ihr auf die Schulter, indem er zu
Lilli ſagte: Wenn nur jeder einen ſo verſtändnisvollen
Kameraden zur Seite hätte wie ich!
Das vertrug nun Frau Helene gar nicht, noch dazu in
Gegenwart einer andsen Frau. Solche konventionellen
Redensarten konnte er ſich ihr gegenüber vollſtändig ſparen.
Sie wußte allein, was ſie wert war, und eine Zenſur
brauchte ſie gar nicht, um vor einer anderen Frau ins rechte
Licht geſetzt zu werden. Sie machte eine ſehr bezeichnende
Bewegung mit der Schulter, auf die er die Hand gelegt
hatte, und ſie hob die Naſe ſehr hoch und ſagte ſehr kühl:
Sie haben ganz recht. Mein Mann gehört in eine andere
Stellung und in eine andere Umgebung, wenn er hier nicht
gänzlich verſimpeln will. Hier kann ihm ja keiner etwas
bieten!
So, nun wußte Lilli, daß Helene Liebetrau keine Skla=
vin
wäre, und der Paſtor wußte, daß er aus Helenes Munde
noch niemals ſo kühle, ſcharf geſchliffene Worte gehört hatte.
Lilli ſagte raſch adieu und ſah dem Ehepaar kopfſchüt=
telnd
nach, wie es an die beiden Jungens herankam im
Hohlweg und ihnen den Schnee aus Hoſen und Jacken
ſtäubte. Lilli mußte lächeln, als ſie nach Halligboſtel zu=
ging
. Ein Menſch war wenigſtens hier, mit dem man hätte
geiſtige Intereſſen austauſchen können.
Aber, Helene, Du wirſt doch nicht ſo kleinlich ſein und
ſo etwas perſönlich nehmen? fragte der Paſtor, als ſeine
Frau, ohne zu ſprechen, neben ihm herging.

Ich kleinlich? Wieſo? Ich bin ja nur eine Frau, und
Frauen ſind immer kleinlich, beſonders in kleinlichen Ver=
hältniſſen
. Das iſt nun einmal ſo in der Welt! Oder darf
ich etwa das Allerperſönlichſte nicht einmal mehr perſönlich
nehmen? Schade, daß ich nicht eines von den neuen Weie
bern bin!
Nun war aber Liebetrau nicht dabei geweſen, als über
das neue Weib neben der alten Pappel auf der Landſtraßs
verhandelt wurde, und er konnte alſo nicht wiſſen, wie He= das meinte. Das war wirklich eine kleine eheliche
Kriſe. Sicherlich war dieſe Frau Lührſen an der ganzen
Geſchichte ſchuld. Weshalb mußte die ihm auch in den Weg
laufen, Wäre Liebetrau nicht ein ſo ehrlicher Kerl geweſen,
ſo hätte er jetzt leicht Helene verſöhnen können, er brauchte
nur zu ſagen, daß ihm Frau Lührſen nicht beſonders ge=
fallen
hätte. Aber das brachte er nicht fertig. Auch gab es
in ganz Bütfeld keinen Blumen= oder Juwelierladen, in
dem man Verſöhnungsgeſchenke für eine Frau kaufen konnie.
Er mußte ſich alſo auf ſich ſelbſt verlaſſen, und er tat dies,
als das Mittageſſen vorüber und er mit ſeiner Frau allein
war. Er mußte wohl den richtigen und natürlichen Weg
eingeſchlagen haben, denn nach einer Weile ſaß Helene neben
ihm auf dem Sofa, oder er neben Helene auf dem Sofa.
Sie hatte beide Arme um ſeinen Hals gelegt und ſagte:
Menſch, ich habe Dich ja ſo lieb! Als er dann einige Zeit
ſpäter allein in ſeinem Studierzimmer war und vor dem
Schreibtiſch ſaß, wurde aus der Fortſetzung der angefanges.
nen Erzählung nichts. Er machte ein kleines ſchlichtes Geg

[ ][  ][ ]

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dicht, und das bekam ſeine Frau, die es zu einigen Vor=
gängern
in die Mappe tat, die zu unterſt in der ſtets ver=
ſchloſſenen
Kommode lag. So war eine Anregung in Pa=
ſtor
Liebetraus Leben gekommen, eine von denen, aus denen
oft ein ſehr ſchönes Gedicht entſteht, ſelbſt in weltentlegenen
Erdenwinkeln. Ob ſich einer dran freut oder viele Mil=
lionen
, darauf kommt es letzten Endes ſehr wenig an!
Als Lilli, in Halligboſtel angelangt, das Wohnzimmer
betrat, fand ſie dort Frau Tannert beſchäftigt, den Tiſch
zu decken, und zwar nur für eine Perſon.
Ja, gnädige Frau, der Herr mußte nach Harburg, wo
heute die ganzen landwirtſchaftlichen Vereine eine große
Verſammlung abhalten. Nachher eſſen dann alle die Herren
zuſammen in Harburg, und dabei ſoll’s mächtig hoch her=
gehen
! Karl Beckers aus Boſtel is voriges Jahr erſt mor=
gens
Klock vier nach Hauſe gekommen und hat einen ſitzen
gehabt.
War es möglich, daß Lührſen ſie wirklich heute abend
abreiſen laſſen wollte, ohne ſie noch einmal geſehen zu
haben? dachte Lilli. Ob denn ihr Mann mit dem Schlitten
oder mit der Bahn nach Harburg gefahren ſei?
Nee, er is mit der Bahn hingefahren. Die Pferde müß=
ten
ja doch heute abend noch einmal heraus. Er käme aber
mit dem Nachmittagszuge zurück, das hätte er extra geſagt,
und er wolle zu Fuß vom Bahnhof hereinkommen. Ja, ſo
is er nu, gnädige Frau. Bloß, daß die Pferde geſchont wer=
den
, läuft er den ſchlechten Weg zu Fuß herein.
Ob denn Fräulein Plattner nicht miteſſen wolle?
Das Frölen hat mit mir ſchon um zwölf Uhr in der
Küche gegeſſen. Wir eſſen ſonſt immer um zwölf Uhr. Und
denn is heute viel zu tun und ja, richtig, das Frölen konnte

nicht gut warten, denn ſie muß heute das Futter heraus=
geben
, weil der Herr nicht da iſt.
Das log Frau Tannert, denn deswegen hätte Dora
gut mit dem Eſſen bis ein Uhr warten können. Aber die
Tannert dachte, es ſähe doch zu kurios aus, daß die gnädige
Frau mutterſeelenallein hier hier zu Mittag eſſen müßte.
Es war doch man ungemütlich im Hauſe geworden. Den
ganzen Vormittag hatte das Frölen kein Wort geſprochen,
nicht einmal, als Stine ſo döſig war und einen halben Eimer
Milch umgeſtoßen hatte. Wenn Dora ſo was ruhig hin=
nahm
, dann war was mit ihr los!
Frau Tannert hatte ſo ihre eigenen Gedanken, die aber
ſo ziemlich das Richtige trafen. Auch in ihrer Seele wogten
geteilte Empfindungen. Sie hatte ſich das geſtern abend im
Bett einmal gründlich überlegt. Wenn nämlich Frau
Lührſen da bliebe, dann mußte ja natürlich das Frölen
gehen, und dann war das ganz klar, daß ſie, die Tannert,
hier ganz unentbehrlich wurde. Das ginge ja gar nicht
ohne ſie, und etwas Lohn mußte ja dann der Herr doch zu=
legen
, denn die Frau verſtand doch von Gott und der Welt
gar nichts! Frau Tannert konnte ſich gar nicht beruhigen,
weil Lilli geſtern abend gefragt hatte, ob es jetzt nicht junge
Küken gäbe? In Berlin könne man ſie das ganze Jahr
durch haben. Alle Dienſtbotengemüter waren in Aufregung
und heiterer Erſchütterung geweſen, als die Tannert dies
in der Leuteſtube erzählte: Fragt ſie mich wahrhaftigen Gott,
ob es jetzt nicht junge Hähnchen gäbe. Das wäre doch gut
für den kleinen Franz. Nun bitt ich einen, junge Hähnchen
zu Weihnachten? Wie geſagt, Frau Tannert hatte das
alles überlegt. Blieb die gnädige Frau nicht, dann blieb
das Frölen. Das Frölen war ja ſo weit ganz gut, aber

ſie daſte dech ieden lſc ufde inger, und ſchöne
wäre das allemal geweſen, wenn ſie, die Tannert, hier hätte
etwas mehr kommandieren können.
Sie brachte bald das Eſſen und machte ſich allerhand zu
tun im Zimmer in der Hoffnung, daß Frau Lührſen ſie an=
reden
würde. Aber dieſe rührte kaum das Eſſen an, ſagte
kein Wort und ſtand nach wenigen Minuten auf.
Es hat Sie wohl nich geſchmeckt, gnädige Frau?
O doch, ich habe nur keinen richtigen Hunger!
Das is nu gar nicht gut, gnädige Frau. Aber allein
ſchmeckt das nicht! Is es denn nu wirklich wahr, daß Sie
als wie heute abend abreiſen wollen?
Als Antwort erhielt die Tannert nur ein kurzes Ja
was alle weiteren Geſpräche abſchnitt.
Lilli ging zu ihrem Kinde und las ihm Märchen vorg
weil dies darum bat, und ohne daran zu denken, daß Dok=
tor
Dänhardt abſolute Ruhe für den Patienten angeordnet
hatte. Aber das Kind fühlte wohl, daß die Mutter gar
nicht bei der Sache war und ſelbſt kaum verſtand, was ſie
vorlas. Da wurde der Junge weinerlich und unartig und
behauptete, Tante Dora könne beſſer leſen. Lilli dagegen
wurde leidenſchaftlich in ihren Bemühungen um das Kind,
ſodaß der Kleine erſt recht nicht wußte, was er daraus
machen ſollte, zumal da Lilli einigemale in krampfhaftes
Schluchzen ausbrach. Kinder erſchrecken über ſolche leiden=
ſchaftlichen
Gefühlsausbrüche Erwachſener. Sie fühlen in=
ſtinktiv
da eine Welt toben, eine Welt der Leidenſchaften, die
ihnen noch fremd iſt, aber doch auf ſie hereindroht wie Zu=
kunftsleiden
der eigenen Seele.
(Fortſetzung folata

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verkaufen wir zu und unter Selbstkostenpreis.

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SKar deof!

Landeleute
freundl. willkommen!

Landstente
freundl. willkommen!

Bayern=Verein.
Morgen Samstag, 9. März, abends 9 Uhr,
im Lohal Zur Sonne, Luisenstraße 6
91. Geburtstagsfeier
Sr. Königlichen Hoheit
Prinzregent Luitpold von Bayern
Die Mitglieder werden dringend erſucht, mit ihren Angehörigen
(5620
recht zahlreich zu erſcheinen.
Der Vorstand.

Landeleute
freundl. willkommen!

Landsteute
freundl. willkommen!

Freie Eiterarisch-Kunstierische Gesellschaft
Mathildenhöhsaal, Freitag, 15. März, 8 Uhr abends,
Madoh Fresber
liest eigene Dichtungen.
Karten für Nichtmitglieder im Vorverkauf bei A. Bergſträßer
(Rheinſtraße) zu Mk. 4, 3, 2, 1. An der Abendkaſſe Mk. 4.50, 3.50,
2.50, 150. Mitglieder können ihre erhaltenen Tageskarten gegen
ein Aufgeld von Mk. 1. in Karten der höheren Kategorie
(614im
umtauſchen.

Verein Daheim‟
Einladung zur ordenl. Hauptversammlung
auf Freitag, 22. März 1912, abends 8½ Uhr
im Reſtaurant Kaiſerſaal, Grafenſtraße 18.
Tagesordnung: 1. Bericht des Vorſitzenden;
2. Rechenſchaftsbericht;
3. Wahl von Borſtandsmitgliedern;
4. Erledigung der Anträge von Mitgliedern.
Anträge ſind bis zum 15. März bei dem Vorſitzenden, Herrn
Rechtsanwalt Dr. Stein, Annaſtraße 20, einzureichen. Die Rechnung
liegt zur Einſicht der Vereinsmitgzlieder vom 15. März an bei Herrn
Rechner Sulzmann, Gräfenhäuſerſtr. 11, auf.
Darmſtadt, den 8. März 1912.
(5626ff
Der Vorstand.

Hessischer Diakonie-Verein
Hauptversammlung am 11. März 1912
im Landessynodalgebäude, Waldstr. 40
Nachmittags 3 Uhr: Geſchloſſene Mitgliederverſammlung.
Nachmittags 4¼ Uhr: Oeffentlicher Vortrag des Herrn Profeſſor
D. Schoell=Friedberg über:
Aufgabe und Stellung der Gemeindeſchweſter
im Rahmen der organiſierten Kirchengemeinde.
Zu dem öffentlichen Vortrag iſt Jedermann willkommen.
Eintritt frei.
(5625

Ludwigshöhe.
Jeden Mittwoch u. Samstag
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Eintritt 25 Pfg. 10 Abonnementskarten zu
Mk. 1.50 ſind zu haben im Verkehrsbureau und an der Kaſſe. (B10

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Verein für Verbreitung von Volksbildung.
Freitag, den 8. März 1912, abends 8¼ Uhr,
Kaisersaal
Geffentlicher Lichtbilder=Vortrag
von Dipl.=Ing. F. Dunkler, Frankenhauſen:
Neue Rieſenwerke der Technik,
die Talſperren und ihre Bedeutung
:: für Kultur und Menſchheit.::
Eintritt 30 Pfg., für Mitglieder u. angeſchloſſene Vereine 20 Pfg.
am Verkehrsbüro und bei Mylius, Herdweg 2. Schülerkarten
(5627
à 20 Pfg. bei Schlapp.

(774a

klub ortsgruppe Darmstalt(. )
Der Verein für Verbreitung von Volks=
bildung
lädt die Mitglieder der Ortsgruppe zu
dem am Freitag, den 8. d. Mts., abends 8½ Uhr,
im Kaiſerſaal ſtattfindenden öffentlichen Licht=
bildervortrag
von Dipl.=Ing. F. Dunkler,
(5638
Frankenhauſen:
Neue Rieſenwerke der Technik,
die Talſperren und ihre Bedeutung für
en
Kultur und Menſchheit ein.

Der Beſuch des

Eintrittskarten zu 30 Pfg. ſind erhältlich
am Verkehrsbureau und bei Mylius, Herdweg 2.
intereſſanten Vortrags wird wärmſtens empfohlen.
Der Vorstand.

Eriegenardbereindarmehalts

Zu dem Lichtbildervortrag des Herrn Dipl.=Ing Dunkler
im Verein für Verbreitung von Volksbildung am Freitag, den
8. März, abends 8¼ Uhr (Kaisersaal), über:
lleue Riesenwerke der Technik, die Talsperren
und ihre Bedeutung für Kultur und Menschheit‟
ſind unſere Mitglieder freundlichſt eingeladen.
Der Beſuch des, insbeſondere für die techniſchen Kreiſe, hoch=
intereſſanten
Vortrags iſt nur zu empfehlen.
Eintrittskarten, zum ermäßigten von 20 Pfg., ſind gegen
Vorzeigung der Mitgliedskarten im Verkehrsbüro erhältlich. (5640
Der Vorstand.

Einladung zum Vortrag
(mit Lichtbildern)
des Herrn Geh. Hofrat Professor Dr. Schenck dahier über
Mexiko und seine Jegetation
am Samstag, den 9. März 1912, abends 8¼ Uhr,
im grossen Hörsaal des physikalischen Instituts der Technischen
Hochschule (Eingang links vom Hauptgebäude des physikal. Instituts),
veranstaltet von der
Abteilung Darmstadt der Deutschen Kolonialgesellschaft.
Eintrittskarten zu 50 Pfg. (Studenten, Schüler und
Schülerinnen zu 20 Pfg.) sind in den Buchhandlungen Bergsträsser
(5340if
und Waitz, sowie abends an der Kasse zu haben.
Die Mitglieder der Abteilung D. d. D. K. haben gegen Vorzeigen
ihrer Einladungs- oder Mitgliedskarten freien Pintritt.

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