Darmstädter Tagblatt 1912


08. Januar 1912

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175. Jahrgang
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Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.

Das Neueſte vom Tage.

Die Reichstagsſtichwahlen finden im König=
reich
Sachſen am 20. Januar ſtatt.
Die Norddeutſche Allgemeine Zeitung
veröffentlicht einen zweiten Artikel zur Reichstags=
wahl
gegen die Sozialdemokratie.
Der= Papſt hat an die portugieſiſche Regie=
rung
ein Ultimatum geſandt, in dem er die Zurück=
ziehung
der Ausweiſungsdekrete gegen die Biſchöfe
verlangt.
Bei einem Eiſenbahnunfall im Bahnhof
Auſterlitz bei Paris wurden 53 Perſonen verletzt,
bei einem Eiſenbahnunfall bei Bondy 10 Perſonen ge=
tötet
.
Neumexiko iſt als 47. Staat in die nordameri=
kaniſche
Union aufgenommen worden.
Sunhatſen hat als Präſident der chineſiſchen Re=
publik
ein Manifeſt an alle befreundete Nationen
erlaſſen.
In der ſüdamerikaniſchen Republik Ecu=
ador
iſt die Anarchie ausgebrochen.

Noch immer Marokko.

Wenn auch die Marokkoverhandlungen für uns
in Deutſchland ſo gut wie erledigt ſind, ſo läßt es ſich
doch nicht leugnen, daß ihre Nachwirkung fortdauert
und die Polemik über ſie noch immer nicht zum
Schweigen kommen will. Erſt dieſer Tage hat ein Pro=
zeß
ſtattgefunden, der ſich eingehend mit der Marokko=
Kriſis befaßte, aber eine wirkliche Klarheit über manche
interne Dinge, über die viel gemunkelt wird, iſt nicht
geſchaffen worden. Insbeſondere dreht ſich der Streit
darum, ob es den Tatſachen entſpricht, daß Herr von
Kiderlen=Wächter die nationale Preſſe ermutigt
hat, Landerwerbungen in Marokko, vor allen Dingen
an der weſtlichen Küſte, anzuſtreben, während er nach=
her
offiziell in Abrede ſtellte, daß Deutſchland jemals
territorialen Beſitz in Marokko gewünſcht oder gefordert
habe, im Gegenteil ſei das von vornherein angeſtrebte
Ziel erreicht worden. Im Grunde genommen iſt dieſer
Streit jetzt recht müßig, und wenn Herr von Kiderlen=
Wächter tatſächlich ermuntert haben ſollte, für die Land=
erwerbung
einzutreten, ſo wäre das lediglich ein diplo=
matiſcher
Trick geweſen, um auf Frankreich einen Druck
auszuüben und es für die deutſchen Wünſche gefügiger
zu machen, indem man ſich, angeblich unter Hinweis auf
die weitergehenden Forderungen der öffentlichen Mei=
nung
, bereit zeigte, ſich mit weniger zu begnügen. In
ähnlicher Weiſe iſt man zweifellos auch in Frankreich
verfahren, wo ja auch Herr Caillaux ſich im allgemeinen
maßvoll verhielt, während die Blätter nicht genug lär=
men
konnten.
Ein ähnlicher Rummel ſpielt ſich an der Seine auch
jetzt wieder ab, wo die Verhandlungen im Senat ziem=
lich
ins Stocken geraten ſind. Auch hier ſind es einige
diplomatiſche Unklarheiten, über die langatmige Erör=
terungen
angeſtellt werden, obwohl ſie für den Gang der
Dinge höchſt gleichgültig ſind. Freilich liegt für die Se=
natsmitglieder
ein beſtimmter Grund vor, hierauf näher
einzugehen, und zwar iſt dieſer in innerpolitiſchen Mo=
tiven
zu ſuchen. Man darf nicht vergeſſen, daß im Senat
eine ganze Reihe früherer Miniſter ſitzen, Gegner der
jetzigen. Regierung, denen natürlich eine Gelegenheit
recht willkommen iſt, den jetzigen Machthabern eins aus=
wiſchen
zu können. Auf die ſchließliche Annahme des
Vertrages haben dieſe Plänkeleien kaum einen beſtim=
menden
Einfluß.
Im übrigen ſchenkt man jetzt größere Beachtung den
Verhandlungen mit Spanien, die einen ähn=
lichen
Verlauf zu nehmen ſcheinen wie die Berliner
Konferenzen. Hier iſt es Spanien, das ſich ganz beſon=
ders
beharrlich zeigt und wehrt. Man ſagt ſich nicht mit
Unrecht, daß Spanien weit früher in Marokko war als
Frankreich, und daß man ein weit größeres Anrecht auf
Marokko hat als die Franzoſen. Man will ſich nicht ein=
fach
mit einer Kompenſation abſpeiſen laſſen, ſondern
will etwas Greifbares innerhalb Marokkos ſelbſt. Es
iſt ja an und für ſich menſchlich begreiflich, daß Frank=
reich
von dem ihm zugefallenen Marokkohappen nicht
gern etwas abgeben möchte, aber ſchließlich wird man

doch nicht umhin können, in den ſauren Apfel zu beißen.
Frankreich iſt auf gute Beziehungen zu Spanien auf wirt=
ſchaftlichem
Gebiete ſtark angewieſen, und ſchon einmal
im Verlaufe der Marokko=Wirren hat man in Spanien
gegenüber Frankreich gezeigt, daß man keinen Spaß ver=
ſteht
. So dürfte wohl noch manche Woche ins Land
gehen, bis die Marokkofrage vollſtändig zur Ruhe kommt.
Ein Vertreter des Berliner Tageblattes interviewte
den marokkaniſchen Großweſir El Mokri im Berliner
Hotel Eſplanade‟. El Mokri, der in ſeiner tadellos
europäiſchen Kleidung den Eindruck eines europäiſchen
Diplomaten macht, erklärte, nach Berlin nur zur Erho=
lung
gekommen zu ſein. Er wolle auch nicht mit Finanz=
oder
Induſtriekreiſen in Fühlung treten. Er glaubt, daß
Marokko aus dem deutſch=franzöſiſchen Ab=
kommen
die größten Vorteile ziehen werde. Verhand=
lungen
über das Protektorat würden augenblicklich nicht
geführt. Die Behauptung, daß Frankreich aus Marokko
drei Armeekorps werde rekrutieren können, bezeichnete
der Großweſir als einfach lächerlich. Er glaubt an ei=
nen
glücklichen Ausgang der ſpaniſch= franzö=
ſiſchen
Verhandlungen. Auf die Frage, wie
das Desintereſſement in Marokko aufgenommen worden
ſei, antwortete El Mokri: Seine Landsleute ſeien da=
mit
ſehr zufrieden. Das Abkommen wäre auch ſehr
günſtig für Deutſchland, weil es Handel und Verkehr in
Marokko ſicherſtelle. Es ſei eine Wohltat für alle Betei=
ligten
. Der Großweſir gedetzkt ſich von Berlin direkt nach
Paris zurückzubegeben.
Nach einer Zeitungsmeldung aus Madrid habe der
Miniſter des Aeußern Prieto im Miniſterrat unter dem
Vorſitze des Königs die Forderungen Frank=
reichs
als unannehmbar bezeichnet, doch ſei die
amtliche Antwort Spaniens auf die neuen franzöſiſchen
Vorſchläge noch nicht erfolgt und werde wohl noch einige
Tage auf ſich warten laſſen. Der Temps erklärt, die ſpani=
ſche
Regierung habe eine Haltung angenommen, welche die
Verhandlungen ſchwierig geſtalten werde. Sie zeige ſich
in drei Punkten durchaus unnachgiebig: Sie beharre
darauf, daß Spanien in ſeiner Zone dieſelbe Stellung
habe wie Frankreich in der ſeinigen, ſie verlange die Auf=
rechterhaltung
der Beſetzung von Larraſch und El Kſar
und weigere ſich, in der Südzone einen Küſtenſtrich abzu=
treten
, der irgendwie mit den Kanariſchen Inſeln in Be=
ziehung
ſtehe. Unter ſolchen Umſtänden müſſe man ſich
fragen, was überhaupt noch Gegenſtand der Verhandlun=
gen
bilde, und welche Entſchädigung Spanien den Fran=
zoſen
anbieten könne.
Auf die Gefahr hin, die Stellung Frankreichs in den
Verhandlungen mit Spanien zu ſchwächen, empfiehlt der
geweſene Miniſter des Aeußern, Gabriele Hano=
taux
, im Figaro äußerſtes Entgegenkommen und eine
raſche Verſtändigung. Selbſt in Frankreich direkt wäre
die Verfeindung mit Spanien eine ſchwere Gefahr für
Frankreich, aber auch in Marokko würden ſich ſchließlich
Unzuträglichkeiten ergeben.
Dem Matin wird aus London berichtet: England
habe es bisher nicht für zweckmäßig gehalten, in die
franzöſiſch=ſpaniſchen Verhandlungen tätig einzugrei=
fen
, ſobald jedoch Frankreich erklären würde, daß
es in ſeinen Zugeſtändniſſen bereits an dem äußerſten
Punkt angelangt ſei und den Anſprüchen Spaniens eine
endgültige Weigerung entgegenſetzen müſſe,
werde England in Madrid zur Vernunft mahnen. Dieſer
Augenblick ſcheine nicht mehr fern.

England vor dem Generalſtrrik.

* Immer drohender treten die Vorboten eines neuen
großen Arbeiterkrieges in England an den
Tag. Die Frage, ob neben den Mitgliedern der Arbei=
terorganiſationen
auch Nichtmitglieder geduldet werden
ſollen, die der großen Ausſperrung in der Baumwoll=
Induſtrie zugrunde liegt, iſt jetzt von der General Fe=
deration
of Trade=Unions aufgenommen worden, die
etwa 800000 Mitglieder zählt. In der Komiteeſitzung
dieſer Organiſation brachten die Delegierten der Weber
dieſe Frage zur Sprache, und es wurden ſo radikale

um nicht zu ſagen revolutionäre Vorſchläge gemacht,
daß das Komitee nicht wagte, zu einer Entſcheidung zu
ſchreiten, ſondern telegraphiſch eine Konferenz
aller Trade=Unions auf den 14. ds. Mts. ein=
berief
. Es heißt, daß die der Konferenz vorzulegenden
Vorſchläge zu Maßnahmen führen dürften, die weit ver=
hängnisvoller
ſein würden als ſelbſt die September=
Streiks des vergangenen Jahres. Auch wollen die
Trade=Unions Fühlung mit der nationalen Föderation
der Bergleute nehmen, die bekanntlich auch einen Feld=
zug
vorbereiten und ſich mit den Transportarbeitern und
Eiſenbahnbedienſteten verbünden. Alle dieſe Millionen
von Mitgliedern zählenden Organiſationen ſollen für
den Kampf gewonnen werden, der darauf hinausgeht,
den Arbeitgebern vorzuſchreiben, wen ſie nicht beſchäfti=
gen
dürfen. Man will ſich ſo wird dem Berl. Lokal=
anzeiger
aus London geſchrieben nicht darauf be=
ſchränken
, den Kampf um dieſe Frage in der Baumwoll=
Induſtrie durch Beiträge zur Kriegskaſſe zu unterſtützen,
ſondern es ſoll der Verſuch gemacht werden, einen all=
gemeinen
Ausſtand auf allen Gebieten der
Induſtrie und des Verkehrs in Szene zu ſetzen. In Wel=
lington
(Shropſhire) haben bereits 2000 Bergleute die
Arbeit niedergelegt, weil ſie nicht mit Leuten zuſammen=
arbeiten
wollen, die nicht ihren Organiſationen ange=
hören
. Dieſelbe Frage hat zu einem Konflikt zwiſchen
den Schiffbauern Hawthorn, Leslie und Co. in Newcaſtle
und ihren Arbeitern Veranlaſſung gegeben. Sir George
Askwith, der Friedensvermittler des Handelsminiſte=
riums
, der ſeit einigen Tagen in Mancheſter weilt, hat
ſeither nicht vermocht, eine Ausſöhnung zwiſchen den aus=
geſperrten
Webern und den Fabrikbeſitzern in die Wege
zu leiten.

Deutſches Reich.

Die Entwickelung des Fernſprech=
weſens
in Deutſchland iſt in einem ſo gewaltigen
Aufſchwung begriffen, daß ſeit einigen Jahren die Be=
reitſtellung
der Rieſenſummen zum Ausbau der Verbin=
dungslinien
und zu anderen Fernſprechzwecken ſeitens
des Reiches mit Zuhilfenahme von Sonderanleihen, de=
ren
Tilgung aus den Ueberſchüſſen der Reichspoſt= und
Teiegradhenverwaltung im Laufe von 30 Jahren erfol=
gen
ſoll, erfelgen muß. Im Rechnungsjahr 1910 wurde
eine ſolche Anleihe in Höhe von 25Millionen ausge=
bracht
, und auch im Vorjahre wurde eine 22 Millionen=
Anleihe in den Etat eingeſtellt. So lange das Fern=
ſprechweſen
mit neuen Anforderungen in ſo ausgedehntem
Umfang Jahr für Jahr ſich meldet, wird vorausſicht=
lich
an dem vom Reichstag gutgeheißenen Prinzip der
Mittelbeſchaffung auf dem Anleihewege durch Vertei=
lung
der Geſamtlaſt auf ein Menſchenalter feſtgehalten
werden müſſen. Inzwiſchen iſt eine neue wichtige Auf=
gabe
, wenn man ſo ſagen darf, reif geworden, nämlich
die Herſtellung großer unterirdiſcher Fernleitungskabel.
Die Anlagen unter der Erde haben ſich ſo trefflich be=
währt
, daß es naheliegt, dieſen techniſchen Fortſchritt
nicht nur auf den Ortsverkehr anzuwenden, ſondern ihn
auch dem Fernverkehr ſyſtematiſch dienſtbar zu machen.
Anfänge hierzu ſind bereits gemacht worden, ſo zwiſchen
Potsdam und Berlin, Hamburg und den Nachbarorten
und an anderen Stellen. Die Inangriffnahme der Aus=
führung
von unterirdiſchen Fernſprechlinien erſcheint
alſo zweckmäßig, um ſo mehr, als die oberirdiſchen Lei=
tungen
teilweiſe bereits bis an die Grenze ihrer Lei=
ſtungsfähigkeit
in Anſpruch genommen ſind. Es ſoll da=
her
noch in dieſem Jahre mit einer Hauptader für den
unterirdiſchen Fernſprechverkehr der Anfang gemacht wer=
den
, und zwar zunächſt von Berlin bis Magdeburg, in
der Abſicht, dieſes Fernleitungskabel ſpäterhin über
Hannover bis in den Induſtriebezirk fortzuführen.
Die Reichspartei und die Reichstags=
wahlen
. Die Poſt ſchreibt: Die Erläuterungen, die
die Konſervative Korreſpondenz zu der Heydebrandſchen
Stichwahlparole gibt, ſtellen deren Sinn zweifelsfrei.
Daß Stimmenthaltung bei Stichwahlen gegen einen
Sozialdemokraten der Auffaſſung der Reichspartei nicht
entſprechen würde, geht aus deren Wahlaufruf mit vol=
ler
Deutlichkeit hervor. In der Poſt ſucht Frhr. von
Zedlitz darzutun, daß es ein ſchwerer Fehler ſei und auf
eine Schwächung des deutſch=nationalen und des mon=

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archiſchen Bewußtſeins hinauslaufe, wenn die bürgerliche
Demokratie durch ein Zuſammengehen mit der Sozial=
demokratie
die Reichsfinanzreform=Mehrheit beſeitige.
Daß den Sozialdemokraten der Löwenanteil an den ge=
meinſam
zu erobernden Mandaten zufallen werde, könne
nicht beſtritten werden. Dann würde aber eine Mehr=
heit
der bürgerlichen Parteien ohne das Zentrum nicht
denkbar ſein und das Zentrum käme alſo wieder wie vor
1907 in die glückliche Lage der ausſchlaggebenden Par=
tei
. Auf der anderen Seite würde aber auch eine Mehr=
heit
gegen die Parteien der Rechten und das Zentrum
ohne die Sozialdemokratie ausgeſchloſſen ſein und damit
wachſe der Einfluß der Sozialdemokratie.

Als Stichwahltermin für die Reichs=
tagswahlen
im Königreich Sachſen iſt der
20. Januar in Ausſicht genommen.

Abänderung der Wehrordnung. Eine
Abänderung der beſtehenden Wehrordnung wird dem
Reichstage, wie man berichtet, im Frühjahr vorgeſchla=
gen
werden. Ein diesbezüglicher Geſetzentwurf wird
augenblicklich ausgearbeitet und ſoll den im Parlament
wiederholt geäußerten Wünſchen auf Vereinfachung des
Erſatzgeſchäftes nachkommen. Eine Zuſammenlegung
der Geſchäfte der beiden Erſatzkommiſſionen iſt nicht be=
abſichtigt
, doch ſollen die Erſatzkommiſſionen erweiterte
Befugniſſe erhalten, die das Erſatzgeſchäft weſentlich ver=
einfachen
.

Das Reichs= und Staatsangehörig=
keitsgeſetz
. Eine parlamentariſche Korreſpondenz
weiß zu melden, daß die Novelle zum Reichs= und
Staatsangehörigkeitsgeſetz dem Reichstage vorausſicht=
lich
in der nächſten Seſſion zugehen werde.

Errichtung eines Kolonial= und Kon=
fulargerichtshofes
. Der Geſetzentwurf über die
Errichtung eines Kolonial= und Konſulargerichtshofes
wird vorausſichtlich dem neuen Reichstage in etwas ab=
geänderter
Form von neuem vorgelegt werden, nachdem
ihn der alte Reichstag wegen einiger Differenzen mit der
Auffaſſung des Staatsſekretärs von Lindequiſt nicht
mehr verabſchiedet hatte. Bekanntlich hatte die Kolo=
nialverwaltung
damals die Entſendung eines Kolonial=
ſachverſtändigen
ins Richterkollegium verlangt, eine For=
derung
, auf die der Reichstag nicht eingehen wollte.
Dieſe Differenzen ſollen jetzt behoben werden.

Beſtrafte Schiebungen. Aus dem Wahl=
kreiſe
Leipzig=Stadt wurde bekanntlich gemeldet, daß die
Sozialdemokratie durch Abkommandierung außerhalb
wohnender Wähler das Wahlbild zu ihren Gunſten zu
fälſchen verſucht. Nach dem Reichswahlgeſetz ſind derar=
tige
Schiebungen nicht ſtrafbar. Dagegen melden die
Leipz. N. Nachr.:

Bei dieſem Manöver ſind in vielen Fällen die Be=
ſtimmungen
des polizeilichen Melde=Regulativs umgan=
gen
worden Es erfolgten nicht wenig Falſchmeldungen
und die abkommandierten Wähler meldeten ſich nicht ſel=
ten
in eine Wohnung im Wahlkreiſe Leipzig=Stadt an
oder ließen ſich anmelden, nur um in die für dieſen
Wahlkreis aufgeſtellte Wählerliſte mit aufgenommen zu
werden und damit die Zahl der ſozialdemokratiſchen
Stimmen zu vermehren, ohne indeſſen ihre bisherige
Wohnung aufgegeben zu haben. Soweit ſich ſolche
Falſchmeldungen ermitteln ließen, ſind wegen Uebertre=
tung
des Melderegulativs für die Stadt Leipzig gegen
mehrere der bei dieſen Schiebungen beteiligten Perſonen
Strafverfügungen von je 50 Mark erlaſſen worden.

Die Mainkanaliſierung. Die Bayeriſche
Kanalvereins=Korreſpondenz ſchreibt:
Wenn auch Bayern einſtweilen ſich damit hat be=
ſcheiden
müſſen, daß lediglich der Ausbau der Main=
ſtrecke
Offenbach=Aſchaffenburg in die Pflichtaufgaben

des Rheinſtrombauverbandes einbezogen wurde, ſo wird
es für die wirtſchaftliche Weiterentwicklung des Landes
doch ein dringendes Erfordernis darſtellen, es bei der
Mainkanaliſierung bis Aſchaffenburg nicht bewenden zu
laſſen, ſondern über dieſen Platz hinaus mit der Kana=
liſierung
fortzufahren, indem ſie zunächſt etwa bis Würz=
burg
geführt werden würde. Daß ein Beſchluß dieſer
Art einmal gefaßt werden wird, erſcheint deshalb wahr=
ſcheinlich
, weil vor allem die Großinduſtrie am deutſchen
Niederrheine und in ihr wieder in erſter Linie die Berg
bau= und Hütteninduſtrie immer mehr erkennen werden,
von welcher großen Bedeutung für ſie das Abſatzgebiet
des rechtsrheiniſchen Bayern iſt, und was hier noch durch
eine über Aſchaffenburg hinaus geführte Mainkanaliſie=
rung
dem von Oeſterreich, vornehmlich von Böhmen aus,
ihr entgegenſtehenden Wettbewerbe abzugewinnen ſein
wird. Der Verein hat daher an das Staatsminiſterium
des Innern den Antrag gerichtet, einen Bauplan und
Koſtenvoranſchlag für die Weiterkanaliſierung des
Mains von Aſchaffenburg aufwärts ausarbeiten zu laſ=
ſen
. Zunächſt wäre dieſer Plan von Wert für den Aus=
bau
der Mainſtrecke von Aſchaffenburg nach Würzburg
oder wenigſtens nach Wertheim, doch würde es der Ver
ein, wie er in der Eingabe hinzufügte, mit Dank begrü=
ßen
, wenn die Arbeit gleich für die ganze Strecke Aſchaf=
fenburg
=Bamberg fertiggeſtellt werden würde.

Ausland.

Oeſterreich=Ungarn.

Die Beſchleunigung der Ausgleichs=
verhandlungen
. Die deutſch=böhmiſchen Reichs=
rats
= und Landtagsabgeordneten, die faſt vollzählig in
Prag verſammelt waren, beſchloſſen nach langer De=
batte
, in der die geſamte nationalpolitiſche und finan=
zielle
Lage der Deutſchen in Böhmen aufgerollt wurde,
aufs entſchiedenſte eine Beſchleunigung der Ausgleichs=
verhandlungen
zu verlangen, damit endlich die Stellung=
nahme
der Tſchechen zu den deutſchen Grundforderungen
klar werde. Ferner wurde beſchloſſen, von der Regie=
rung
zu verlangen, daß die Benachteiligung der Deutſch=
Böhmen in der Waſſerſtraßenfrage beſeitigt werde.

Auf dem deutſch=böhmiſchen Landtage
nahmen die Reichsratsabgeordneten in ihrer letzten
Beratung u. a. eine Reſolution an, in der die Erfüllung
der Forderungen des deutſchen Volkes in Böhmen nach
geſetzlicher Sicherſtellung ſeiner nationalen Rechte und
ſeiner Selbſtbeſtimmung gefordert und verlangt wird,
daß die nationalpolitiſche Kommiſſion ihre Arbeiten un=
verzüglich
wieder aufnehme und in ununterbrochener Ta=
gung
zu Ende führe, um längſtens bis zum Ende der
gegenwärtigen Parlamentsferien Klarheit zu ſchaffen, ob
nun auch der Sicherſtellung der Rechte des deutſchen Vol=
kes
in der Landesvertretung Rechnung getragen werden
ſolle.

Italien.

Der Papſt und Portugal. Aus Rom wird
gemeldet, der Papſt habe an die portugieſiſche Regierung
ein Ultimatum gerichtet, in dem er die Zurückziehung der
kürzlich für mehrere Biſchöfe erlaſſenen Ausweiſungs=
dekrete
verlangt. Falls Portugal dieſem Ultimatum nicht
Folge leiſten werde, würde der Vatikan ſeinen Vertreter
in Liſſabon abberufen.

Türkei.

Das neue Kabinett Said Paſcha hat den Cha=
rakter
einer etwas engeren Anlehnung an den komitee
freundlichen Flügel der jungtürkiſchen Partei, womit
einſtweilen der Streit der perſönlichen Gruppen der Par=
tei
erledigt iſt. Die Auflöſung der Kammer iſt noch nicht
beſchloſſen, auch iſt noch zweifelhaft, ob nicht der Aus=
weg
einer Einigung mit der Oppoſition auf einen an=
deren
Wortlaut des Vorſchlages zur Aenderung des
Punktes der Verfaſſung, der von dem Recht des Sultans

zur Auflöſung handelt, gewählt wird. Die Oppoſition
iſt in der Feſtſtellung ihres ferneren Verhaltens uneinig.
Rußland.
Der Miniſterrat erachtete es für notwendig,
daß am 14. Januar eine beſondere Verwaltung für die
verſtaatlichte Warſchau=Wiener=Eiſenbahn eingeſetzt
werde, der ein Kontrollorgan zur Seite geſtellt werden
ſoll, das dafür zu ſorgen hat, daß die Intereſſen der
Angeſtellten der Bahn nicht durch die Verſtaatlichung be=
einträchtigt
werden.
Vereinigte Staaten.
Unionſtaat Neumexiko. Präſident Taft hat
eine Proklamation unterzeichnet, nach der Neumexiko als
47. Staat in die Union aufgenommen wird.

* Der Spionageprozeß gegen den engliſchen
Rechtsanwalt und Hauptmann der Reſerve Bertrauk
Stewart der Ende Juli in Bremen verhaftet wurde,
findet am 31. Januar vor dem Reichsgericht ſtatt. Seine
Verteidigung hat Dr. Hans Otto=Leipzig übernommen.
* Das Zarenpaar nebſt Familie kehrt Ende
März wieder nach der Krim zurück, um den Frühling
dort zu verbringen. Der Aufenthalt in Livadia hat der
Zarin Alexandra außerordentlich wohlgetan, und die
Aerzte raten ihr dringend an, den Frühling dort zu ver=
leben
.
* Brüſſel, 6. Jan. Der Streik im Kohlen=
becken
von Mons hat geſtern eine kleine Verſtärkung
erfahren. Es befinden ſich jetzt etwa 27500 Arbeiter im
Streik. Die Annahme, die Arbeiter würden auf eine
zweiwöchentliche Lohnzahlung eingehen, ſcheint ſich nicht
zu bewahrheiten. In einer geſtern von 3000 Arbeitern
beſuchten Verſammlung wurde eine derartige Bedingung
abgelehnt. Die Arbeiter beharren auf ihrer Forderung
einer achttägigen Lohnzahlung.

Stadt und Land.

Darmſtadt, 8. Januar.

* Vom Hofe. Die Großherzoglichen Herrſchaften
begaben ſich am Freitag mittag 12 Uhr mit Gefolge im
Auto zum Beſuch des Landgrafen Alexander von Heſſen
nach Philippsruhe und kehrten um 4½ Uhr wieder
zurück
Empfänge. Se. Königl. Hoheit der Groß=
herzog
empfingen am Samstag den Oberſt a. D.
Frhrn. v. Uslar=Gleichen, den Gymnaſialdirektor Ritzert
von Friedberg, den Regierungsrat Schneider von Worms,
den Finanzamtmann Heſſe, den Kaſſier Hedrich an der
Saline Ludwigshalle in Wimpfen a. N., den Lehrer
Gundrum von Eudorf bei Alsfeld, den Dekan Zaubitz
von Bensheim, den Rentner Becker von Offenbach a. M.,
den Förſter Mahr von Altheim, den Geh. Kommerzienrat
Krafft von Offenbach a. M., die Fabrikaufſeher Friedrich
und Strack von Worms, den Lehrer Hammer von Stock=
ſtadt
, den Vorſitzenden des Kriegervereins Stockſtadt Krug,
den Prokuriſten Sohl von Offenbach a. M., den Ober=
lehrer
Krämer von Büdingen, den Landgerichtsdirektor
Rüſter, zurzeit in Berlin, den Profeſſor Kramer von
Friedberg, den Geh. Hofrat Profeſſor Dr. Fromme von
Gießen, den Kaufmann Fiſcher von Mannheim, den Ober=
ſtaatsanwalt
Hofmann von Gießen, den Oekonomierat
Alles von Nieder=Florſtadt, den Landwirt Hölzel von
Langwaden; zum Vortrag den Finanzminiſter Braun,
den Miniſter des Innern v. Hombergk zu Vach, den
Vorſtand des Kabinetts Geheimerat Römheld.
Ferner wurde von Sr. Königl. Hoheit dem Groß=
herzog
nachmittags 2 Uhr im Neuen Palais Dr. Emil
Preetorius in längerer Audienz empfangen.
* Verliehen wurde das Ehrenzeichen für Mitglieder
freiwilliger Feuerwehren durch Entſchließung Sr. Königl.
Hoheit des Großherzogs an Karl Emil Barn=
cheidt
, Joſef Graulich und Nikolaus Lumb III.,
ſämtlich zu Mainz.
L. Provinzialausſchuß. Der Provinzialausſchuß ver=
handelte
am Samstag unter Vorſitz des Regierungs=
rat
von Werner über das Geſuch des Anton Winken=
bach
I. zu Viernheim wegen Verweigerung der Rezeßbau=
vergütung
. Winkenbach baute im Jahre 1909 eine neue
Hofreite und ſuchte um Rezeßbauvergütung nach mit der
Angabe, er wolle ſeine alte Hofreite verkaufen. Das Ge=

Aus der Geſchichte des Mayſchen Stifts.

Von Stadtpfarrer D. Dr. Diehl.

Es gibt in Darmſtadt wenig Häuſer, die in ihrer
Vergangenheit eine ſolche Fülle von geſchichtlichen Er=
innerungen
bergen, wie das am Eingang des Birn=
gartens
gelegene, jedem Darmſtädter bekannte Mayſche
Stift. Da der Schreiber dieſer Zeilen ſeit einem halben
Jahre die Ehre und das Vergnügen hat, der Bewohner
dieſes eigenartigen und in gewiſſem Sinne einzigarti=
gen
Hauſes zu ſein, darf man es ihm nicht verargen
wenn er allerlei, was ihm alte und neue Akten über die
früheren Bewohner dieſes Hauſes erzählt haben, hier=
mit
der Oeffentlichkeit übergibt. Werden doch dadurch
auch ſicher in manchem Leſer liebe Erinnerungen aus
der Jugendzeit geweckt werden.
Das Haus verdankt ſeine Erbauung der Anlage des
Straßenzugs, der unter Ludwig VI. (16611678) als
Verlängerung des Wegs, der vom Markt ſeit alter Zeit
nach der Schloßgaſſe führte, nach dem im Jahre 1670
eröffneten neuen Thor, dem Jägerthor, angelegt ward.
des ſpäteren Birngartens heute teilweiſe Schloß=
graben
, teilweiſe Alexanderſtraße genannt. Es iſt an=
zunehmen
, daß das Mayſche Stift eines der erſten Häu=
ſer
in der neuen Straße war, und daß die Erbauung
ſeines Vorderhauſes in die zweite Hälfte der 70er, ſpäte=
tens
aber in die erſte Hälfte der 80er Jahre des 17.
Jahrhunderts fällt. Der Hinterbau, die Scheuer und
der nach dem heutigen Schloßgraben hin auf der noch
deutlich erkennbaren Stadtmauer Ludwigs VI. aufge=
führte
Fachwerkſeitenbau entſtanden erſt im 18. Jahr=
hundert
.
Wer das Haus gebaut hat, iſt noch nicht nach=
gewieſen
. Walther nennt auf Grund von Nachrichten,
die ihm vorlagen, in ſeinem Darmſtädter Antiquarius
als älteſten bekannten Bewohner den Keller Chelius
von Leimfelden, was aber ſicher ein Schreibfehler für
Rheinfelden (heute der Rheinfelder Hof bei Waller=
ſtädten
) iſt. Ob dieſe Angabe richtig iſt, kann ich beim
Mangel an Alten nicht entſcheiden. Anfangs des 18.
Jahrhunderts erſcheint das Haus als herrſchaft=
liches
Gebäude. Wahrſcheinlich iſt es das von allem
Anfang an geweſen. Seine ganze innere Ausſtattung

ſcheint mir darauf zu deuten. Im Anfang des 18. Jahr=
hunderts
wohnte in ihm als in einer Dienſtwohnung der
hochfürſtliche Kriegszahlmeiſter Hermann Meurer.
Ende April 1714 mußte Meurer aus dem ſchönen Haus
heraus, und zwar unter Umſtänden, die kulturgeſchicht=
lich
intereſſant genug ſind, um hier vermerkt zu werden.
Meurer mußte das herrſchaftliche Haus dem jüdiſchen
Hoffaktor Löw Jſaac räumen dem Landgraf Ernſt
Ludwig am 18. April 1714 das Haus erb= und eigen=
tümlich
überlaſſen hatte, dieweilen er ſich um das land=
gräfliche
Haus Heſſen große Verdienſte erworben hatte.
Iſaac hatte nämlich auf des Landgrafen gnädigſtes
Anſinnen zu des Landgrafen ſonderbahrem gnädigſten
Wohlgefallen ſich unterthänigſt erbotten und die Zuſag
gethan, zu Zahlung des Seeheimer Kauffſchillings
der fürſtlichen Kriegscaſſa 50000 Gulden baar vorzu=
ſchießen
und dergeſtalt parat zu halten, daß er ſolche
Summam biß zukünfftige Franckfurther Herbſtmeſſe 1714,
auff jedesmahl 4 Wochen zuvor geſchehene Ankündigung.
zur Außbezahlung in Bereitſchafft halten wolle, jedoch
o, daß Ihme ehenter keine Intereſſen ( Zinſen) alß
von dem Tag an, da die wirkliche und völlige Außzahl=
ung
geſchehen, vergüthet, ſolche Summe der 50000 Gul=
den
auch ihm durch den Kriegscaſſier Stürzen der=
geſtalt
wieder erſtattet werden ſolle, daß von primo
erſten) Januario 1715 an ihm monatlich 5000
Gulden mit denen jedesmahls erſchienenen Intereſſen à G
pro cento jährlich, biß die Haubtſumme der 50000 Gul=
den
abgetragen ſeyn wird, bezahlt werde. Auch ſonſt
hatte er ſeine Dienſte bei der Beſchaffung von Geldern,
die zur Erwerbung des von Heſſen angekauften Amtes
Seeheim, das bisher erbachiſch geweſen war, nötig
waren, zur Verfügung geſtellt. Auf dieſe Abmachung hin
zog Löw Jſaac am 1. Mai 1714 in das Haus ein. Be=
reits
am 17. Dezember 1715 gab jedoch der Hoffaktor das
Haus wieder an den Landgrafen zurück. Es geſchah dies,
nachdem er auf eine andere Weiſe völlige Vergnügung
erhalten das heißt entſchädigt worden war. In das
hierdurch frei gewordene Haus ſetzte Landgraf Ernſt Lud=
wig
wieder einen landgräflichen Beamten; wie behauptet
wird, den Ende 1714 in landgräfliche Dienſte angenom=
menen
Ingenieurmajor und Oberbaumeiſter Joachim
de la Foſſe, den bsrühmten Erbauer des nach dem
Markt zu liegenden neuen Schloßteils, der an Stelle des

1715 abgebrannten Schloßbaues Georgs II. (vergl. deſ=
ſen
Abbildung auf Rhodings Bild des Marktplatzes 1676)
in jahrelanger Arbeit errichtet ward. Wie lange der der
katholiſchen Konfeſſion angehörige Oberbaumeiſter in dem
Haus, das vordem der jüdiſche Hoffaktor inne gehabt,
ſeine Wohnſtatt hatte, iſt nicht ſicher feſtzuſtellen.
Bis zu ſeinem im Mai 1726 erfolgten Tode hat La
Foſſe jedenfalls in dem Haus nicht gewohnt. Bereits
im Februar dieſes Jahres wird nämlich der Hofmedikus
auch Stadt= und Landphyſikus Johann Zacharias
Thielemann als Bewohner des Hauſes genannt. Es
geſchieht dies bei Gelegenheit des Verkaufes des Nach=
barhauſes
(heute Schloßgraben 15, Gaſthaus zum gol=
denen
Hirſch), das am 18. Februar von ſeitem bisheri=
gen
Beſitzer, dem Bürger und Hufſchmied Johann
Nikolaus Heymer, für 1470 Gulden einſchließlich
alles in ihm vorhandenen Schmiedhandwerkzeuges an
den Landgrafen Ernſt Ludwig abgetreten ward. In dem
noch vorhandenen Kaufbrief wird Heymers Haus be=
ſchrieben
als die zwiſchen dem Haus des Hofdrehers Jo=
hann
Konrad Mayer (heute Gaſthaus zum Prin=
zen
Emil) und Herrn Dr. Thielemann gelegene Be=
hauſung
.
Wie lange die Thielemannſche Familie in dem Haus
gewohnt hat, iſt zur Zeit nicht feſtſtellbar. Dr. Thiele=
mann
ſtarb im Jahre 1736, ſeine Gattin, eine Tochter des
Forſtmeiſters Johann Heinrich Klippſtein, 1747.
Als Bewohner begegnet uns dann in den 50er Jah=
ren
der Regierungs= und Forſtſekretär, ſpätere Forſtrat
Georg Friedrich May der 1795 im Alter von
66 Jahren verſtarb, und dann nach ihm ſein Sohn, der
Regierungsrat Georg Ludwig May. Erſterer hat
das Haus käuflich erworben. Daneben erſcheint er auc=
als
Beſitzer des Nachbarhauſes, des heutigen Goldenen
Hirſchen das, wie oben erwähnt worden iſt, 1726 in
herrſchaftlichen Beſitz übergegangen war. Wann Georg
Friedrich May die beiden früher herrſchaftlichen Häuſer
ankaufte, war leider aus den Akten nicht feſtzuſtellen. In
der zweiten Hälfte der 90er Jahre veräußerte Georg
Ludwig May den heutigen goldenen Hirſchen, als deſſen
Beſitzer 1797 und 1799 der Chirurgus Daniel Eck ge=
nannt
wird und der ſpäter im Beſitze des Friſeurs Kaſt.
dann des Schloßverwalters Löwer (noch 1850) war. Er
ſelbſt blieb in dem anderen Hauſe, dem heutigen Mah=

[ ][  ][ ]

ſuch wurde abgelehnt, weil ein Bedürfnis für einen Neubau
nicht vorhanden geweſen ſei, da er bereits im Beſitze einer
Hofreite war. Im Juni 1910 verkaufte Winkenbach die alte
Hofreite an ſeinen Sohn und ſuchte nunmehr um Vergütung
im Jahre 1911 nach, jedoch auch dieſes Geſuch wurde vom
Gemeinderat abgelehnt, da er beim Bau der neuen Hofreite
bereits im Beſitze einer Hofreite war, der Verkauf an den
Sohn wäre nur ein Scheinverkauf geweſen. Der Kreisaus=
ſchuß
Heppenheim gab in ſeiner Sitzung vom 16. Juni 1911
der Beſchwerde des Winkenbach gegen die Entſcheidung des
Gemeinderats ſtatt und ſprach ihm die Vergütung zu, da
er ſelbſt dann zum Bezuge der Vergütung berechtigt ſei,
wenn er die Hofreite an ſeinen Sohn verſchenkt hätte. Die
Gemeinde Viernheim legte Rekurs gegen das Kreisaus=
ſchuß
=Urteil ein, weil die Berechtigung nicht rückwirkende
Kraft hätte. Der Provinzial=Ausſchuß verwarf den Rekurs
der Gemeinde als unbegründet die Koſten des Verfahrens,
einſchließlich der Anwaltskoſten des Geſuchſtellers und 20 Mk.
Averſionalſtrafe werden der Gemeinde Viernheim auferlegt.

Dem Johs. Wahlig X. zu Lorſch war nach der
Impfung ein Schwein unter Rotlaufverdacht eingegangen.
Vor der Prüfung war das Schwein als geſund befunden
worden und war nach der Impfung ganz plötzlich verendet
Die Obduktion ergab keinen Anhalt fur Rotlauf, die eigent=
liche
Urſache konnte nicht feſtgeſtellt werden. Der Kreisaus=
ſchuß
Heppenheim verweigerte den Entſchädigungsanſpruch
des Wahlig. Dem eingelegten Rekurs wurde vom Pro=
vinzialausſchuß
inſoweit ſtattgegeben, als das Urteil des
Kreisausſchuſſes aufgehoben und zur nochmaligen Verhand=
lung
zurückverwieſen wird. Freifrau v. Fechenbach= Lau=
denbach
hat vor einigen Jahren das Schloß in Ober=Mörlen
angekauft. Sie hatte bis 1910 die Gemeinde= und Kapital
rentenſteuer nach Dieburg bezahlt. Die Einſchätzungs=
kommiſſion
Butzbach erklärte für 1911 die Gemeinde Ober=
Mörlen für berechtigt, die Steuern zu erheben, da die
Freifrau ihren Hauptwohnort in Ober=Mörlen hatte, wäh=
rend
die Gemeinde Dieburg das Gegenteil behauptete. Das
Miniſterium hatte durch Entſcheidung vom 20. November
1911 den Provinzialausſchuß der Provinz Starkenburg zur
Entſcheidung dieſer Frage beſtimmt. Die beiden Vertreter
der Gemeinden erklären ſich bereit, mit der Freifrau von
Fechenbach eine freiwillige Vereinbarung zu verſuchen.
Der Hauptlehrer Quirin zu Obertshauſen erhält ſeit 1902
für ſeine Tätigkeit als Hauptlehrer in Obertshauſen eine
jährliche Vergütung von 50 Mark. Die anfangs 4 Klaſſen
umfaſſende Schule hatte ſich bis auf 6 Klaſſen erweitert und
in dieſem Jahre ſoll die 7. Klaſſe eingerichtet werden. Die
Kreisſchulkommiſſion erachtete deshalb eine Erhöhung der
Vergütung auf 200 Mk. für erforderlich. Die Erhöhung wurde
jedoch von der Gemeinde bis zur Einrichtung der 8. Klaſſe
abgelehnt, worauf auf die Beſchwerde der Kreisſchulkom=
miſſion
das Miniſterium die Entſchädigung auf 150 Mk. feſt=
ſetzte
. Gegen die Entſcheidung des Miniſteriums legte die
Gemeinde Beſchwerde ein und der Kreisausſchuß Offenbach
ſetzte die Entſchädigung gemäß dem Antrage der Kreis=
ſchulkommiſſion
auf 200 Mk. feſt, da dieſe Entſchädigung in
allen gleich großen Orten gezahlt wird. Gegen die Ent=
ſcheidung
des Kreisausſchuſſes verfolgt die Gemeinde Re=
kurs
beim Provinzialausſchuß. Dieſer erkannte dahin, daß
die Gemeinde eine Entſchädigung von 150 Mk. zu zahlen
habe. Die Koſten des Verfahrens trägt die Gemeinde.

* In der nichtöffentlichen Sitzung der Stadtverord=
neten
=Verſammlung wurden die von der Bürgermeiſterei
aufgeſtellten Grundſätze zur Regelung der Dienſt=
Beförderungs= und Beſoldungsverhält=
niſſe
des nicht angeſtellten Beamtenperſonals geneh=
migt
, die in Verbindung mit dem gleichfalls vorgelegten
Beſoldungsplan Vorſchriften über die Annahme, Beför=
derung
und Bezahlung des geſamten nicht angeſtellten
ſtädtiſchen Beamtenperſonals enthalten. Ebenſo fand die
Prüfungsordnung für Anwärter auf ſtädtiſche Bureau=
aſſiſtenten
= und Kanzliſtenſtellen die Zuſtimmung der Ver=
ſammlung
. In dieſer Prüfungsordnung ſind 2 Prüfun=
gen
vorgeſehen, die nur von im ſtädtiſchen Dienſt ſtehen=
den
Anwärtern auf Bureauaſſiſtenten= und Kanzliſten=
ſtellen
(Zibil= und Militäranwärter) nach beſtimmter
Wartezeit abgelegt werden können. Das Beſtehen der
niederen Prüfung gibt die Anwartſchaft auf eine zu be=
ſetzende
Kanzliſtenſtelle, der höheren Prüfung auf eine
Bureauaſſiſtentenſtelle. Schließlich wurde noch eine Reihe
neuer Amts= und Dienſtbezeichnungen für ſtädtiſche Beam=
tenſtellen
gutgeheißen.
* Von der Techniſchen Hochſchule. Auf ein=
ſtimmigen
Antrag der Abteilung für Chemie wurde
durch Beſchluß von Rektor und Großem Senat der

Techniſchen Hochſchule zu Darmſtadt Herrn Divlom=
ingenieur
, Major d. R. Samuel Eyde in Kriſtiania
Generaldirektor der Norsk Hydroelektrisk Kvaelſtofak=
tieſelskab
wegen ſeiner hervorragenden Verdienſte um
die Nutzbarmachung des atmoſphärifchen Stickſtoffes für
die Zwecke der Chemie und Landwirtſchaft die Würde
eines Doktor=Ingenieurs Ehrenhalber
verliehen.

* Bevölkerungsbewegung in der Stadt Darmſtadt
Die Einträge in das Standesamtsregiſter weiſen im
letzten Jahre folgendes Ergebnis auf: Standesamt I:
Geburten: Lebendgeborene 1375 (1536), Totgeborene 61
(67), Eheſchließungen 510 (526), Sterbefälle 1101 (1018)
Standesamt II: Geburten: Lebendgeborene 314 (388)
Totgeborene 8 (11), Eheſchließungen 123 (98), Sterbe
fälle 158 (154). Die ortsanweſende Bevölkerung iſt durch
die allgemeine Volkszählung vom 1. Dezember 1910 auf
87089 feſtgeſtellt worden. Nach dem Ergebnis der Ab=
und Zuſchreibungen kann die Bevölkerungsziffer am
Schluſſe des Jahres 1911 auf 86860 geſchätzt werden.
Braunshardter Heim Marienhof. Man ſchreibt
uns: Seit dem Beſtehen dieſer Anſtalt findet in jedem
Jahre für die dort untergebrachten Mädchen unter Teil=
nahme
des Vorſtandes eine ſchlichte Weihnachts=
feier
ſtatt. Eine beſondere Freude war es, daß bei
der diesjährigen Feier die Gründerin der Anſtalt, Ihre
Durchlaucht die Fürſtin Marie zu Erbach zugegen
war. Auch im Uebrigen nahm die Feier einen überaus
befriedigenden Verlauf. Herr Dekan Schneider, Wei=
terſtadt
, ſchilderte in ſchlichter, ergreifender Weiſe die Be=
deutung
des Weihnachtsfeſtes: Friede auf Erden und
den Menſchen ein Wohlgefallen. Weihnachtslieder, ab=
wechſelnd
mit der Weihnachtsgeſchichte, durch die Pfleg=
linge
vorgetragen, erhöhten den Eindruck der Feier. Die
Lichter des Weihnachtsbaumes ſpiegelten ſich in vor freu=
diger
Erwartung glänzenden Augen. Der vorhandene
Raum, das Eßzimmer des Aſyls, vermochte die Teilneh=
mer
kaum zu faſſen. Auch legte der reich beſetzte Weih=
nachtstiſch
Zeugnis davon ab, daß die Zahl der Inſaſ=
ſinnen
ſich in den letzten Wochen ſtark vermehrt hat. Für
12 Mädchen eingerichtet, konnte, durch die Verhältniſſe
gedrängt, Marienhof es nicht vermeiden, daß die Zahl
der Schützlinge auf 19 geſtiegen iſt, und unter Umſtänden
noch weiter ſteigen wird: Es werden deshalb alle, die
für dieſe notwendige und mühevolle Arbeit, ſich entlaſſe
ner Strafgefangener und ſonſt gefährdeter jugendlicher
Perſonen anzunehmen, Verſtändnis haben, gebeten, den
Braunshardter Heimverein in ſeiner Arbeit zu unter=
ſtützen
. Denke niemand, daß die Verlorenen zu retten,
vergebene Liebesmüh ſei. In vielen dieſer armen See=
len
ſteckt noch ein göttlicher Funke, der durch liebevolle
Fürſorge zu wecken iſt. Kann doch die Anſtalt auf eine
ganze Reihe von Fällen hinweiſen, daß arme verirrte
Menſchenkinder ſich auf den rechten Weg zurückgefunden
haben. Sind es doch meiſt Sünderinnen in jugendlichem
Alter, die für die rettende Fürſorge in Betracht kommen.
Junge, noch biegſame Seelen, die niemand mit Recht
eines Fehltrittes wegen zu den Verlorenen rechnen darf.
Daß leider in dieſer Arbeit die Geldfrage eine große
Rolle ſpielt, muß geſagt ſein. Wir bitten deshalb die
wohl eingerichtete Waſchanſtalt des Aſyls zu berückſichti=
gen
, desgleichen in die Nähſtube Arbeit geben zu wollen
Auch werden feine Stickereien, weiß und bunt, letztere
auch auf Seide, befriedigend ausgeführt. Es iſt eine der
traurigſten Erſcheinungen unſerer Zeit, daß jugendliche
im Erwerbsleben ſtehende Perſonen jeden Halt verlieren
Wir ſtehen hier vor einer Tatſache, die jeden Tag in be=
denklicheren
Formen in die Erſcheinung tritt. Der ret=
tenden
Fürſorge erwachſen hier ſchwere Verpflichtungen:
die Verpflichtung, ſich der Geſcheiterten zu erbarmen, nicht
nur im Intereſſe dieſer ſelbſt, ſondern auch im Intereſſe
der Allgemeinheit. Freilich müſſen wir hier auf die Un=
terſtützung
aller Einſichtigen rechnen. Nähere Auskunft:
Marienhof, Braunshardt. Anſchlußſtelle: Weiterſtadt,
Telephon Nr. 1.

* Der Landesverband Heſſen des Deutſchen
Frauenvereins vom Roten Kreuz für die Kolonien
iſt ſeit ſeiner erſten Hauptverſammlung im November
von 500 auf über 1000 Mitglieder angewachſen.
Dieſe Tatſache iſt gewiß hocherfreulich für jeden, der
Sinn hat für die koloniale Sache. Bekanntlich galt ſchon
Bismarck die Teilnahme des geſamten Volkes an der
überſeeiſchen Betätigung unſerer Nation als Grund=

bedingung einer geſunden Kolonialpolitik. Daß jetzt
Süddeutſchland und namentlich auch unſer Heſſenland
wachſendes Intereſſe zeigt, iſt dankbar zu begrüßen.
Möchten noch recht viele ſich dazu entſchließen, unter
dem Banner des Roten Kreuzes für die ſanitäre Er
ſtarkung unſerer Kolonien mitkämpfen zu helfen. Kaun
gegründet, geht der junge Landesverband ſchon recht
energiſch an die Arbeit. In kurzer Zeit ſchon wird
Heſſen ſeine erſte Pflegeſchweſter hinausſenden. Fräulein
Wera von Geldern=Crispendorf,
die ihre
Kraft ſchon früher längere Zeit an einem Offenbacher
Krankenhauſe in den Dienſt der werktätigen Nächſten
liebe geſtellt hat, wird als Krankenſchweſter unſeres
Landesverbandes nach Deutſch=Oſtafrika gehen. Da
ihre Tropenfähigkeit feſtgeſtellt iſt, erhält Schweſter Werg
im Hamburgiſchen Staatskrankenhaus zu Eppendorf und
im Hafenkrankenhaus für Schiffs= und Tropenkranke
jetzt ihre Spezial=Ausbildung. Welch großes Intereſſe
die Hohe Ehrenvorſitzende des Landesverbandes, Ihre
Königl. Hoheit die Großherzogin, der Sache ent=
gegenbringt
, bezeugt der Empfang, welcher der erſten
Schweſter des Heſſiſchen Landesverbandes am Großh.
Hofe zuteil wurde.

* Verein für Verbreitung von Volksbildung.
Der Südoſten Europas, alſo die Türkei und die ge=
ſamten
Balkanländer, hat heute für die Politik und die
Volkswirtſchaft des Deutſchen Reiches eine früher unge=
ahnte
Bedeutung gewonnen. Es hat deshalb der Verein
für Verbreitung von Volksbildung in Fortſetzung ſeiner
dem Gebiete ſtaatsbürgerlicher Ausbildung angehörender
Vorträge eine eingehende Betrachtung jener Staaten=
gebilde
in ſeinen Winterplan aufgenommen. Für die
geologiſchen, geographiſch=hiſtoriſchen, wirtſchaftlichen und
handelspolitiſchen Vorträge ſind gewonnen: Herr Pro=
feſſor
Dr. Klemm, Landesgeologe, Darmſtadt, Herr
Profeſſor Dr. E. Anthes=Darmſtadt und Herr Chef=
redakteur
Dr. Jäckh=Heilbronn. Die Vorleſungen be=
ginnen
mit dem 18. Januar.

* Fortſchrittliche Volkspartei. Am Mittwoch, den 10
Januar, abends, findet in der Turnhalle am Woogsplatz
die letzte große öffentliche liberale Kundgebung
ſtatt. Bei dieſer werden außer dem Kandidaten der Fort=
ſchrittlichen
Volkspartei, Dr. Strecker, der in ſeiner Rede
beſonders auf Handwerker= und Mittelſtandsfragen ein
gehen wird, die Herren Redakteur Dr. Goldſchmidt aus
Frankfurt a. M. und Landtagsabgeordneter Prof. Dr. Ur=
ſtadt
=Gießen ſprechen. Alle Wähler ſind hierzu eingeladen.
Freie Ausſprache wird zugeſichert.
* Das franzöſiſche Flugweſen. Der Lichtbilder=
Vortrag des Herrn Kapitän a. D. von Puſtau
über: Das franzöſiſche Flugweſen findet am 17. Januar
abends im Saale der Vereinigten Geſellſchaft ſtatt und
nicht im Hotel zur Traube. Näheres ſiehe An
zeige in heutiger Nummer.
* Vom Odenwaldklub. In Dreieichenhain hat
ſich eine Touriſtenvereinigung Wanderfreunde
Dreieich gegründet, die als 76. Ortsgruppe dem
Odenwaldklub beigetreten iſt. Der Vorſitzende iſt Herr
Lehrer Rückert in Dreieichenhain.
* Einziehung von Fernſprechgebühren. Am
9. d. Mts. wird mit der Einziehung der Fernſprech=
gebühren
begonnen werden. Es empfiehlt ſich, die
fälligen Beträge bereitzuhalten.

Durchſchnittspreiſe von den Wochenmärkten ver=
gangener
Woche. Butter½ Kg. 1,50, in Partien 1,40 M.
Eier 610 Pf., Schmierkäſe ½ Ltr. 2022 Pf., Handkäſe
410 Pf., Kartoffeln Zentner 4,505,00 M., Kumpf
(10 Liter) 80 Pf., ½ Kg. 67 Pf., Mäuschen ½ Kg, 12 bis
Kg.
15 Pf.: Obſt u. dgl.: Aepfel Zentner 1518 M., ½
1520 Pf., Birnen Zentner 1018 M., ½ Kg. 1218 Pf.,
Kaſtanien ½ Kg. 14 Pf., Nüſſe 100 Stück 6070 Pf., Zitro=
nen
8 Pf., Apfelſinen 58 Pf.; Salat, Gemüſe: Kovf=
ſalat
15 Pf., Endivien 10 Pf., Roterüben ½ Kg. 10 Pf.,
Rettiche 36 Pf., Meerrettich 1560 Pf., Zwiebeln ½ Kg
Tomaten ½ Kg. 3540 Pf., Gelberüben ½ Kg.
1214 Pf
1015 Pf., Bündel Römiſch=Kohl 23 Pf., Spinat ½ Kg.
2025 Pf., Wirſing 520 Pf., Grünkohl 510 Pf., Blumen=
kohl
1570 Pf., Rotkraut 1560 Pf., Weißkraut 810 Pf.,
Zentner 7,007,50 M., Kohlrabi 36 Pf., Erdkohlrabi
1020 Pf., Schwarzwurz ½ Kg. 3035 Pf., Roſenkohl
½ Kg. 30 Pf.; Geflügel, Wild: Gänſe ½ Kg. 70 bis
80 Pf., Enten 3,504,00 M., Hahnen und Hühner 1,00
bis 2,50 M., Tauben 60 Pf., Haſen 2,503,00 M., Lapins
0,901,00 M.; Fiſche ½ Kg.: Hecht 80 Pf., Aal 1,20 M.
Rheinbackfiſche 3040 Pf., Rotzungen 60 Pf., Schollen
35 Pf., Kabeljau 2233 Pf., Schellfiſche 1733 Pf., See=

ſchen Stift, wohnen. Aber heute noch iſt aus der An=
lage
der aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
ſtammenden Nebengebäude des Stifts zu erkennen, daß
bei ihrer Errichtung die beiden Häuſer ein Ganzes
bildeten.

Georg Ludwig May bewohnte ſein Haus im Birn=
garten
bis zu ſeinem am 25. Juli 1808 erfolgten Tode
Dann bekam das Haus auf Grund des von dem ledig
gebliebenen Erblaſſer am 6. Dezember 1807 errichteten
Teſtaments eine neue, ganz eigenartige Beſtimmung. Es
ſollte fortan als Pfarr= und Schulhaus dienen. Die Be=
nutzung
der einzelnen Teile des Hauſes wurde von May
genau geregelt. Er ſchied vier Gruppen von Räumen,
für deren Zweckbeſtimung er in ſeinem Teſtament ge=
naue
Vorſchriften machte. Es ſind dies: 1. der in der
oberen Etage befindliche große Saal des Vorderhauſes.
heute zwei Wohnzimmer nach der Alexanderſtraße zu:
2. die übrigen Zimmer in der zweiten Etage des Vorder=
hauſes
und Hinterhauſes, ferner das Eckzimmer im Sei=
tenbau
, der vordere kleine Weinkeller, die auf dem Vor=
platz
des erſten Fruchtbodens neu eingerichtete Magd=
kammer
und die auf dem zweiten Fruchtboden erbaute
ſchwarze Gerätekammer, ferner der zweite und dritte
Fruchtboden und der kleinere Holzplatz; 3. die in der
dritten Etage des Hinterhauſes befindliche Stube und
Kammer; 4. die ganze untere Etage des Wohnhauſes im
vorderen und hinteren Bau mit der Bedientenſtube im
Seitenbau, dem großen mittleren Keller, dem Küchen=
keller
, der größeren Holzarkade, dem großen, mit Latten
zugemachten Fruchtboden, der daran ſtoßenden ſchwar=
zen
Gerätekammer.

Der die erſte Gruppe bildende große Saal ſollte
Schullokal für die zweite Stadtmädchenſchule ſein; die
Räume der zweiten Gruppe dem jederzeitigen Lehrer
an der zweiten Mädchenſchule, die Räume der vierten
Gruppe dem jederzeitigen dritten Stadtpfarrer zur Be=
nutzung
zuſtehen; die Räume der dritten Gruppe aber
zur ferneren Aufbewahrung von Mays ornithologiſchem
Kabinett unbewohnt bleiben.

In der Folgezeit ſind in der Art der Benutzung der
vier Gruppen von Räumen große Aenderungen einge=
treten
, deren Ergebnis der heutige Zuſtand iſt. Die für
Mays Vogelſammlung beſtimmten Räume wurden
nachdem die Sammlung, die bald nachher (1835) aus Ver
wahrloſung zugrunde ging, aus ihnen entfernt worden

war, im Jahre 1830 auf Koſten des Stadtpfarrers
Stücker zu einer Wohnung eingerichtet. Es wohnten
in ihr 1830 bis 1861 Stückers Schwägerinnen, zwei
Fräulein Zimmermann. Der Schulſaal diente
ſeinem ſtiftungsgemäßen Zweck nur bis 1829. Nur bis
dahin hatte die zweite Darmſtädter Mädchenſchule, wie
May angeordnet hatte, in dem Sqal ihr Lokal. Im
Jahre 1829 zog in den Saal die zweite Abteilung der
erſten höheren Mädchenſchule ein. Sie machte 1861
der zweiten Abteilung der erſten Stadtmädchenſchule
Platz, die in dem Saal bis 1878 blieb. Als dieſe Klaſſe
im Jahre 1878 in das neuerbaute Schulhaus in der
Rundeturmſtraße übergeſiedelt war, hatte die Stadt für
den Schulſaal, der übrigens auch den Anforderungen der
modernen Zeit nicht entſprach, keine Berwendung mehr.

Die Lehrerwohnung (im oberen Stock) war
bewohnt 18081814 von Freiprediger Schäfer, 1814
bis 1828 von Freiprediger Sackreuter, 18281836
von Freiprediger Lachmann, 18361851 von Frei=
18541861 von Freiprediger
prediger Ritſert,
Göhrs, 18611863 von Mitprediger Strack, 1863 bis
1878 von Mitprediger Ritſert, die ſämtlich im Schul=
dienſt
an ſtädtiſchen Schulen ſtanden und dabei, ſofern ſie
Freiprediger waren, im Neben amt, ſofern ſie Mit=
prediger
waren, im Hauptamt im Kirchendienſt tätig
waren. Als im Jahre 1878 die Schule aus dem May=
ſchen
Stift verlegt ward, blieb Mitprediger Ritſert, der
ſeit 1877 Vikar ſeines Vaters war und 18771876
keine Schule mehr gehalten hatte, in ſeiner Eigenſchaft
als Pfarrvikar in dem Stift wohnen. Im Jahre 1880
wurde der Schulſaal zu Ritſerts Wohnung hinzugeſchla=
gen
, nachdem der Saal in zwei Zimmer zerlegt wor
den war.

Die Pfarrerwohnung hatte zu Inſaſſen 1898
bis 1816 den Stadtpfarrer Reuling, der 18081813
als dritter, 18131816 aber (gegen das Teſtament) als
zweiter Pfarrer in dem Haus wohnte; 18161851 Stadt=
pfarrer
Stücker (18161832 als dritter, 18321851 als
zweiter Pfarrer), 18511864 Stadtpfarrer Georg
Friedrich Ritſert, 18641877. Stadtpfarrer
Ewald (18641873 als dritter, 18731877 als zweiter
Pfarrer), 18771882 Stadtpfarrer Dingeldey, 1882
bis 1890 Stadtpfarrer Friedrich Ritſert, 1890 bis
1891 Stadtpfarrer Trümpert, 18911892 Stadtpfarrer
Guyot, 18921897 Stadtpfarrer Eger. Vor 1861 bis

1897 gehörten zu deren Wohnung die zwei Zimmer, die
18081830 ornithologiſches Kabinett, 18301861 Wohn=
ung
von Stückers Schwägerinnen geweſen waren

Entſcheidend für die weitere Entwickelung der Nutz
nießung des Hauſes war die 1882 vollzogene Errichtung
einer neuen Pfarrſtelle, deren erſter Inhaber 1883 bis
1898 Pfarrer Pfnor war, auf den die Pfarrer Vogel,
Weißgerber und Diehl folgten. Die Stadt, die
im Jahre 1882 zur Stellung einer Wohnung für den
neuen Pfarrer noch rechtlich verpflichtet war, räumte
um das Wohnungsgeld zu ſparen Pfarrer Pfnor die
ſeit Ritſerts Auszug leerſtehende Lehrerwohnung ein
Von dieſem Zeitpunkt an wohnten in dem Stift alſo
zwei Pfarrer. Im Jahre 1890 wurde bei der Ver=
mögensauseinanderſetzung
zwiſchen Stadt und Kirche
feſtgeſetzt, daß die Kirche, die für dies Zuge=
ſtändnis
große finanzielle Opfer brachte,
dauernd das Wohnrecht in dem Stift in ſeinem voller
damaligen Umfang (alſo für zwei Pfarrwohnungen
behalten ſolle. Von da an blieben bis 1897 zwei Pfarrer
in dem Haus wohnen. Als das Pfarrhaus in der Stift=
ſtraße
1897 gebaut war, zog der eine Pfarrer (Eger),
deſſen Wohnung ſchon längſt als zu eng empfunden ward,
aus. Als Rechtsnachfolger trat ein Pfarraſſiſtent (Ko
rell) in die Wohnungsnutznießung. Nachdem dann
vorübergehend in einem Teil der unteren Pfarrwohn=
ung
ein Kirchendiener gewohnt hatte, ward der gegen=
wärtige
Zuſtand geſchaffen, daß ein Pfarrer ſeine Wohn
ung in dem Stift hat. Seit 1910 befindet ſich in ihm noch
vorläufig das Heſſiſche Schulmuſeum, deſſen Beſtände in
drei geräumigen Zimmern aufgeſtellt ſind.

Wie dieſer geſchichtliche Ueberblick zeigt, ſind durch
das ſtolze Haus am Eingang des Birngartens alle mög=
lichen
Menſchen gezogen. Auf den Kriegsmann folgte der
Bankier, auf dieſen der Baumeiſter, der Arzt, der Forſt=
mann
, der Juriſt und dann die großen Scharen von Pfar=
rern
und Lehrern. Gemeinſam war den meiſten unter
ihnen ein doppelter Grundzug: einmal der, daß wir au
Erden ſind, um was Rechtſchaffenes zu arbeiten; ſo=
dann
der andere, daß das Helfen den Menſchen vor
nehm macht. Wie viel dienende Liebe iſt aus dem Hau=
hinausgeſtrömt
über die ganze Stadt Darmſtadt. Mögen
alle künftigen Bewohner des Hauſes dies Erbe aus alten
Tagen allezeit feſthalten!

[ ][  ][ ]

lachs 2538 Pf.; in den Fleiſchſtänden½ Kg.: Rind=
fleiſch
5660 Pf., Hackfleiſch 72 Pf., Rindsfett 50 Pf., Rinds=
würſtchen
(Stück) 15 Pf., Schweinefleiſch 72 Pf., Schwar=
tenmagen
70 Pf., Leber= und Blutwurſt 60 Pf.
Bensheim, 6. Jan. Die vor einiger Zeit gegründete
Zweigſtelle wird am nächſten Mittwoch eine neue Bera=
tungsſtelle
der Großherzogl. Zentrale für M. und S.
hierſelbſt eröffnen. Eine Beſprechung darüber fand am letz=
ten
Mittwoch unter dem Vorſitz des Bürgermeiſters Dr.
Frenay, der ſich der Angelegenheit beſonders angenommen
hat, ſtatt. Die nötigen Hilfskräfte für die Beratungsſtelle
ſind gewonnen. Der leitende Arzt iſt auf Vorſchlag des
Aerztlichen Kreisvereins bereits ernannt, es iſt Herr Dr.
Vogel. Die nötigen Mittel ſind von der Zentrale ange=
wieſen
.
Lorſch, 6. Jan. Geſtern nacht um 1 Uhr iſt am Kai=
ſer
Wilhelmplatz Feuer ausgebrochen. Die Scheunen
der Landwirte Eduard Raab und Joh. Gärtner XII.
ſind total niedergibrannt. Die Entſtehungs=
urſache
iſt unbekannt. Das Vieh konnte gerettet werden,
ebenſo gelang es der alsbald angekommenen Lorſcher
Freiwilligen Feuerwehr, den Brand zu beherrſchen und
die Nachbargebäude zu retten.
Mainz, 6. Jan. Die 50jährige Witwe und Zigarren=
händlerin
Eliſe Decker hat ſich heute vormittag mit
Salzſäure zu vergiften verſucht. Die Kranke
wurde von der Sanitätswache ins Hoſpital gebracht, wo=
ſelbſt
ihr ſofort der Magen ausgepumpt wurde. Ein
Sohn der Witwe, der beim Militär in Darmſtadt Ser=
geant
war, war dort plötzlich vom Schlage getroffen tot
zuſammengebrochen. Aus Kummer hierüber iſt ſie je=
denfalls
zu der Tat gekommen.
* Friedberg, 6. Jan. Wie wir ſeiner Zeit berichteten,
wurde die Stadt Friedberg vom Landgericht Gießen mit
ihrer Klage in Sachen des Bombenattentates
Wingeß abgewieſen. Die Stadt wünſchte ſich aus dem
Nachlaß des Attentäters ſchadlos zu halten für den ihr
durch die Exploſion im Rathauſe erwachſenen großen
Schaden, mußte aber zu ihrem Leidweſen erſehen, daß
ein Leipziger Bauunternehmer ältere Rechte an dem hin=
terlaſſenen
Gelde hatte, weil dieſes ihm von dem Bom=
benwerfer
entwendet worden war. Das Reichsgericht
verwarf dieſer Tage die von der Stadt Friedberg
gegen das Urteil des Gießener Landgerichts eingelegte
Rechtsmittel der Reviſion. Die Koſten der beiden
Inſtanzen ſind, da es ſich um einen Betrag von 4700 M.
handelt, nicht unbedeutend.

Reich und Ausland.

Aus der Reichshauptſtadt, 5. Jan. Der Direktor
Norbert Rodkinſon wurde heute nachmittag in ſei
nem Bureau in der Zimmerſtraße von einer Putzmache=
rin
durch drei Schüſſe lebensgefährlich verletzt
Die Täterin flüchtete und verletzte ſich durch einen Re=
volverſchuß
auf der Treppe des Hauſes ebenfalls ſehr
ſchwer. Die Gattin Rodkinſons teilt mit, es handle ſich
bei dem Attentat nicht um eine Liebesaffäre, ſondern um
einen Erpreſſungsverſuch. Das Mädchen ſei vor zehn
Jahren bei der Familie angeſtellt geweſen, als dieſe nöch
in Petersburg anſäſſig war. Seitdem habe es wieder=
holt
verſucht, Geld zu erpreſſen. Der 33 Jahre alte
Kontordiener Hermann Ritter, der kürzlich der Pelz=
warenfirma
Wolff 22750 Mark unterſchlug, iſt geſtern
von der Kriminalpolizei feſtgenommen worden. In
ſeinem Beſitze fand man noch etwa 12000 Mark. 10000
Mark will er in etwa drei Tagen verjubelt haben.
Der 39jährige Invalide Wilhelm Jahnke aus der Schön=
hauſer
Allee wurde in ſeiner Wohnung tot aufge=
ſunden
. Durch ſeine Trunkſucht hatte er ſich ein Leber=
leiden
zugezogen, das ihn vor zwei Jahren arbeitsun=
fähig
machte. Wegen ſeiner zahlreichen Familie erhielt
er außer der Invalidenrente noch Armenunterſtützung.
Die Frau mußte als Pförtnerin und Hausreinigerin den
Reſt zur Erhaltung der Familie erwerben. Er ſchrieb
am Tage vor ſeinem Selbſtmord an einen Kameraden,
ſeine Frau habe ihn vergiftet! Der Empfänger des Brie=
fes
ging zur Polizei. Frau Jahnke wurde amtlich
vernommen, jedoch ſofort wieder von der Polizei ent=
laſſen
. Ihre älteſte Tochter und deren Freundin hatten
geſehen, wie Jahnke ein weißes Pulver in die Teekanne
ſchüttete, und gehört, daß er ſagte, er wolle ſich vergiften
Die Kinder hatten ſich dabei nichts gedacht, weil er des
öfteren ſolche Reden führte.
Frankfurt, 6. Jan. Wie amtlich gemeldet wird, iſt
Sir Francis Oppenheimer, der hieſige britiſche Ge=
neralkonſul
, zum Handelsattachee bei der Botſchaft in
Berlin ernannt worden.
Frankfurt, 6. Jan. Wie das Komitee für das 17. Deut=
ſche
Bundes= und Jubiläumsſchießen mitteilt,
hat Prinz Heinrich von Preußen das Protektarat
übernommen. Das Schießen findet vom 14. bis 21. Juli
1912 ſtatt.
Frankfurt, 6. Jan. Im Alter von 62 Jahren ſtarb in
der Nacht zum Freitag Herr Kaufmann Jakob Latſcha,
eine der bekannteſten Frankfurter Perſönlichkeiten von
markanter Eigenart. Herr Latſcha, der trotz ſeiner Ver=
dienſte
um das allgemeine Wohl ſtets ſchlicht und einfach

blieb, hat viele gemeinnützige Unternehmen ins Leben ge=
rufen
und gefördert. Große Verdienſte hatte er nament=
lich
um die innere Miſſion; dem Evangeliſchen Verein
für innere Miſſion gehörte er bis zu ſeinem Ableben
als Vorſtandsmitglied an, und die Gründung des Evan=
geliſchen
Kaſinos iſt ſein Werk. Latſcha war einer der
erſten, die für die Einführung der völligen Sonntagsruhe
eingetreten ſind, ſein Hauptſtreben galt aber der Reform
des Wohnungsweſens. Die Gründung der Vil=
lenkolonie
Buchſchlag iſt auf ſeine Initiative zu=
rückzuführen
, auch die Kleinwohnungskolonie, die zwiſchen
Offenbach und Rumpenheim im Werden begriffen iſt,
verdankt Latſcha ihre Entſtehung. Seine Verdienſte in
Heſſen ſind im vorigen Jahre durch Verleihung des Rit=
terkreuzes
1. Klaſſe, des Verdienſtordens Philipp des
Großmütigen gewürdigt worden.
München, 6. Jan. Im Amtsgerichtsgefängnis Mies=
bach
hat heute vormittag 9 Uhr der ledige Zimmermaler=
gehilfe
Albert Speckner, der geſtern ſpät abends in
Bayriſch=Zell verhaftet worden war, nach längerem Leug
nen vor dem vernehmenden Oberamtsrichter das Geſtändnis
abgelegt, daß er am 18. Dezember in ſeiner Wohnung in
München die 11jährige Malerstochter Frieda Pracher er=
würgt
habe. Der Mörder wird noch heute in das Unter=
ſuchungsgefängnis
in München eingeliefert.
Düſſeldorf, 6. Jan. Aus der Provinzialirren=
anſtalt
Grafenberg ſind geſtern drei zur Beobachtung
ihres Geiſteszuſtandes überwieſene Verbrecher ent=
ſprungen
. Unter ihnen befindet ſich der bekannte
Einbrecher Kaspers.
Leipzig, 3. Jan. Die Urſachen der Leipziger
Punſchvergiftung ſind jetzt ſoweit ermittelt wor=
den
, daß der Tatbeſtand lückenlos vorliegt. Der Likör=
fabrikant
Kehr hatte vor einiger Zeit von einem Reiſen
den der Firma Bode & Salzmann in Berlin einen 60
Liter=Ballon Spiritogen, einen methylalkoholhalti=
gen
Spirituserſatz, gekauft, um ihn in Unkenntnis ſeines
eigentlichen Verwendungszweckes, der Parfümeriefabri=
kation
, der Herſtellung von Genußmitteln zu verwenden.
Die verhängnisvolle Bowle war das erſte Spiritogen=
fabrikat
Kehrs, und die drei polniſchen Arbeiter ſollten
ſie begutachten. Eine zweite Bowle, die Kehr am ſelben
Abend braute, enthielt nur unverfälſchten Spiritus. Da=
her
kam es, daß bei der gerichtlichen Unterſuchung der
Punſchreſte keine Giftſtoffe vorgefunden wurden. Die
Firma Bode & Salzmann trägt keine Schuld an dem
Unglück, da ſie das Spiritogen ausdrücklich nur zur
Parfümeriefabrikatkon verkaufte. Wie der
Verein ſächſiſcher Großdeſtillateure in einem Rundſchrei
ben an die Preſſe betont, iſt das ſchreckliche Ereignis nur
auf die mangelnde Sachkenntnis Kehrs zurückzuführen,
der das billige Spiritogen, von dem das Liter 1,25 Mk
koſtet, dem 1,85 Mark koſtenden Spiritus gleichwertig er=
achtet
hat.
Altenburg, 6. Jan. In der verfloſſenen Nacht iſt das
Rittergut Münſa mit ſämtlichen Erntevorräten, viel Viek
und Maſchinen niedergebrannt. Der Schaden iſt durch
Verſicherung gedeckt.
Kiel, 6. Jan. Auf dem kleinen Kreuzer Stettin iſt in
der Kammer des erſten Offiziers das feſt eingebaute,
mit Sicherheitsſchloß verſehene eiſerne Spind, das
zur Aufbewahrung geheimer Dienſtvorſchriften benutzt
wurde, erbrochen worden. Auf die Ergreifung des
Täters iſt eine Belohnung von 300 Mark geſetzt worden.
Nach Anſicht militäriſcher Kreiſe werden durch den Verluſt
der entwendeten Schriftſtücke keine wichtigen militäriſchen
Geheimniſſe preisgegeben.
Königsberg i. Pr., 5. Jan. Ein unbedachtſamer Aus=
druck
hat einem in der Nähe anſäſſigen Gutspächter
eine empfindliche Strafe eingebracht. Im Herbſt vorigen
Jahres war der Lehrer einer Volksſchule von ſeinen
Schülern gebeten worden, ihnen einmal zu zeigen, wie
man kunſtgerecht einen Drachen ſteigen laſſe.
Der Lehrer tat den Jungen denn auch den Gefallen. Es
wurde ein mächtiger Drachen angefertigt und man begab
ſich nach einem in der Nähe befindlichen Felde, das aber
bereits abgeerntet und nur noch mit Stoppeln bedeckt
war. Als das Drachenſteigen im beſten Gange war, er=
ſchien
plötzlich der Gutspächter und fing ſofort an, den
Lehrer in grober Weiſe zu beſchimpfen. Unter anderem
warf er ihm den beliebten oſtpreußiſchen Ausdruck
dammliger Kerl an den Kopf und nannte ihn noch
dümmer als ſeine Schüler. Darauf erfolgte die Auffor=
derung
an die Geſellſchaft, ſich möglichſt bald von dem
Stoppelfelde zu ſcheren. Dieſes dauerte dem aufgeregten
Mann offenbar zu lange, denn er hetzte ſeinen Hund auf
die Jungen. Der Hund ſprang an einem empor und
verletzte ihn an der Seite, ſo daß eine ſchmerzhafte Ver=
wundung
entſtand. Wegen dieſes Verhaltens wurde
gegen den Gutspächter Anklage wegen öffentlicher Be=
leidigung
des Lehrers erhoben. Bei ſeiner Vernehm=
ung
gab er an, daß es ihm ferngelegen hätte, den Hund
auf die Schülerſchar zu hetzen, der Hund ſei aus freiem
Antriebe auf eines der Kinder losgegangen. Die als
Zeugen vernommenen Schüler bekundeten aber das
Gegenteil; der Angeklagte habe vielmehr ganz deutlich
durch Hochheben des Armes dem Hunde ein Zeichen ge=

geben, worauf dieſer das gebiſſene Kind anſprang. Unter
dieſen Umſtänden ſah der Gerichtshof die Schuld des
Angeklagten für erwieſen an und verurteilte ihn wegen
Beleidigung und Körperverletzung zu drei Wochen
Gefängnis.
Allenſtein, 5. Jan. Ein Reklametrick hat die
Inhaberin eines hieſigen Schuhwarengeſchäfts und den
Leiter des Meſſengerboy=Inſtituts wegen Portohin=
terziehung
auf die Anklagebank gebracht. Die Frau
war auf die Idee verfallen, Reklamekarten drucken zu
laſſen, welche der äußeren Form nach, ſowie nach der
Faltung äußerlich genau den Eindruck von amtlichen
Telegrammen machten. Dann wurde ein Meſſengerboy
in eine Uniform geſteckt, die täuſchend der eines Poſt=
unterbeamten
ähnlich war. Er erhielt außerdem eine
ſchöne rote Taſche umgehängt und trat damit ſeinen Be=
ſtellgang
an. Es wurden ungefähr 2000 der Reklame=
karten
verteilt. Mancher der Empfänger hatte nun an=
ſcheinend
für die Originalität der Reklameidee kein rich=
tiges
Verſtändnis; verſchiedene von ihnen empfanden
die Sache vielmehr als groben Unfug und machten die
Polizei darauf aufmerkſam. Dieſe belegte zunächſt die
Kaufmannsfrau mit einer Geldſtrafe von 20 Mark und
benachrichtigte zugleich die Poſtbehörde. Dieſe ſtellte
eine eingehende Unterſuchung an und kam zu dem Er=
gebnis
, daß bei der ganzen Sache tatſächlich eine Porto=
hinterziehung
in Frage komme. Infolgedeſſen wurde
von ihr gegen die Kaufmannsfrau und den Inſtitutsvor=
ſteher
in dieſem Sinne Anklage erhoben. Der Gerichts=
hof
ſtellte ſich auf den Standpunkt der Poſtbehörde, daß
Portohinterziehung vorliege und verurteilte beide An=
geklagte
zu 350 Mark Geldſtrafe eventuell 15 Tagen Haft.=
Außerdem haben die Angeklagten für hinterzogenes
Porto je 87 Mark 50 Pfg. an den Poſtfiskus zu zahlen.
Solothurn, 6. Jan. In Selzach ſtarb ein 34 jähri=
ger
ſtarker und geſunder Mann drei Stunden nach der
Abendmahlzeit unter gräßlichen Schmerzen. Bei der Sek=
tion
wurde eine Menge Strychnin im Magen des
Verſtorbenen gefunden. Unter dem Verdachte der Täter=
ſchaft
wurden die Gattin und ein angeblicher Liebhaber
derſelben verhaftet. Der Letztere iſt wieder auf freien
Fuß geſetzt worden. Es wird jetzt zu ermitteln verſucht,
woher das Strychnin ſtammt.
Paris, 5. Jan. Ein Konfektionär namens Salomon,
welcher vor einiger Zeit einen Scheidungsprozeß verlo=
ren
hatte, feuerte heute auf der Straße auf den Kaſſa=
tionsgerichtsrat
und früheren Präſidenten des Pariſer
Zivilgerichts Ditte drei Revolverſchüſſe ab.
Ditte blieb unverletzt. Der Angreifer, der ſofort feſtge=
nommen
wurde, behauptete, er habe nur die öffentliche
Aufmerkſamkeit auf ſeine Sache lenken wollen und nur
blinde Schüſſe abgegeben.
Paris, 6. Jan. Ein Anarchiſt hat ſich ſelbſt in
die Luft geſprengt. Es war ſchon die Dunkel=
heit
hereingebrochen, als plötzlich aus einerBedürfnis=
anſtalt
auf dem Montrougeplatz ein heller Feuerſchein
herausleuchtete. Vorübergehende eilten in die Anſtalt
und ſahen, wie ſich ein junger Menſch in brennenden
Kleidern auf dem Boden wälzte. Neben ihm lag eine
halb zertrümmerte Blechſchachtel, die noch rauchte. Es
gelang, die Flammen raſch zu unterdrücken und der Ver=
unglückte
wurde mit verhältnismäßig leichten Brand=
wunden
in das Krankenhaus gebracht. Dort gab er an,
Hervo zu heißen, er habe die Blechſchachtel mit dem Fuße
geſtreift und, von Neugierde erfaßt, mit einem brennen=
den
Streichhölzchen hingeleuchtet, worauf der Zündſchlag
erfolgte. Die Polizei hat aber einen Grund zu der An=
nahme
, daß Hervo ein Anarchiſt iſt, der mit ſeiner Höl=
lenmaſchine
ſelbſt in die Luft ging.
Paris, 6. Jan. Am Kai Manzaiſſe in Corbeil, wo
augenblicklich Erdarbeiten für die elektriſche Bahn ausgeführt
werden, wurde eine alte 300 Kilogramm ſchwere
Kanone von einem Meter Länge aufgefunden, die
noch mit einer Kugel geladen war. Man nimmt an, daß
die Kanone aus dem Religionskriege von 1590 ſtammt. Zu=
dieſer
Zeit belagerte nämlich der Herzog von Parma,
Alexander Farneſe, an der Spitze der ſpaniſchen Truppen
während 25 Tagen Corbeil und nahm die Stadt ein.
Paris, 6. Jan. Ein frecher Diebſtahl wurde
geſtern in der Wohnung der 60 Jahre alten Baronin Mal=
lermé
ausgeführt. Die Dame hatte den Abend bei einigen
Freundinnen verbracht und bemerkte nach ihrer Rückkehr
um Mitternacht, daß ihre Wohnung durchſucht worden war.
Die Diebe hatten Bargeld und Schmuckſachen in Höhe von=
25000 Francs mitgenommen. Bis jetzt hat man keine Spur
von ihnen.
Paris, 5. Jan. Vor dem Pariſer Gerichtshof be=
gann
heute die Verhandlung gegen den des Beſte=
chungsverſuches
an dem Deputierten Ceccaldi an=
geklagten
Staatsanwalt Ferrol de la Valette.
Der Deputierte Deccaldi hielt ſeine Beſchuldigungen in
allen Stücken aufrecht, und ſeine beiden Sekretäre beſtä=
tigten
, daß der Brief Ferrols an Ceccaldi 10 Banknoten
zu 100 Franks enthalten habe. Ferrol ſtellte auch bet
der Verhandlung ſeine Schuld in Abrede.
Paris, 6. Jan. Nach einer Zeitungsmeldung aus=
Toulouſe hat der Bankier Delpech in Villefranche de

Feuilleton.

C) Der Triumph der Feder in der neuen Mode. Die
neuen Frühjahrsmoden werden in dieſem Jahre eine
ungewöhnliche Ueberraſchung bringen: die Schöpfer der
Mode haben diesmal den Plan gefaßt, den Pelz durch
die Feder zu erſetzen. Aber es handelt ſich dabei nicht
etwa um eine Wiedererweckung der alten Federboas.
Die modernen Federn des Frühjahrs werden in der
Toilette der eleganten Frau in einer ungewohnten Weiſe
erſcheinen. Einer der bekannteſten Londoner Damen=
ſchneider
, der ſoeben von einer Rekognoſzierungsreiſe
nach Paris zurückkehrt iſt, erzählt davon: Man wird
lange Federſtolen tragen, aber ſie werden mit winzigen,
kleinen, glatten Federn bedeckt ſein, mit unzähligen
Tauſenden von kleinen Federn, die ſo geſchickt und eng
aneinandergearbeitet ſind und ſo glatt liegen, daß ſie
auf den erſten Blick den Eindruck koſtbarer Pelzwaren
machen. Aus demſelben Material werden auch große
kiſſenförmige Muffs geſchaffen, ja in Paris arbeitet man
bereits an einer Anzahl von Mänteln und Jacketts aus
dieſem Federgewebe. Dieſe Neuheit aber wird in der
Farbenwahl der Frühzahrsmode eine außerordentlich
große Rolle ſpielen. Man kann dieſe Federſtolen und
Federmuffs in allen erdenklichen Farbennüancen erhal=
ten
, vom lichteſten Roſa oder Gelb bis zum dunkelſten
Grün, Blau oder Schwarz. Bei Pelzen iſt natürlich
die Farbenwahl ſehr beſchränkt, und in dieſe= Lücke
ſpringt die neue Mode ein, die im Gegenſatz zu den
bunkleren Farben der Pelze der Vorliebe für lichtere
koloriſtiſche Effekte die Bahn ebnet. Aber die Fedex be=

ſchränkt ſich nicht nur auf die Straßenkleidung, ſie wird
in den nächſten Wochen auch in den Salons ihren Ein=
zug
halten, eine ganze Reihe prachtvoller Geſellſchafts=
kleider
, die gegenwärtig in den Pariſer Ateliers in Ar=
beit
ſind, zeigen einen leichten, diskreten Federbeſatz, ja
ſogar bei einigen Straßenkleidern taucht dieſer Schmuck
auf. Dieſer neue Einfall der Pariſer Künſtler der
Frauenkleidung hat aber außerdem noch einen prakti=
ſchen
, geſundheitlichen Vorteil: die leichten und dabei
doch warmen Federſtolen, Federmuffe und Federjacketts
bilden einen erwünſchten Uebergang von der ſchweren,
warmen Pelzkleidung des Winters zu der leichten Som=
mergarderobe
. So weit die Enthüllungen des indis=
kreten
Londoner Modeſpions.

Die erſten weiblichen Poliziſten in New=York.
Seit Mittwoch genießt New=York den Schutz dreier weib=
licher
Poliziſten, drei Schutzfrauen die von dem Sche=
rif
Julius Harburger am Morgen feierlich mit den In=
ſignien
ihres neuen Amtes verſehen worden ſind. Die
drei unternehmenden Damen, die als Hüter der Ord=
nung
ihres Amtes walten wollen, ſtehen in der Mitte
der 30er Jahre; es ſind Frau John S. Crosby, Miß
Cornelia Swinnerten, die der Liga für Frauenſtimm=
recht
angehört, und Miß Patterſon, die bisher als
Journaliſtin tätig war. Alle drei leiſteten den Amtseid,
worauf der Scherif ihnen feierlich erklärte: Von dieſem
Augenblick an können Sie Ihre Autorität geltend machen,
wo immer die Geſetze verletzt werden. Sie zeigen Ihre
amtliche Beglaubigung vor und führen alle Schuldigen
in Haft. Den größten Nutzen werden Sie ſtiften können,
wenn Sie junge Mädchen in öffentlichen Ballſälen be=

ſchützen, wenn Sie beſonders darauf achten, daß die Ge=
ſetze
gegen den Verkauf von Alkohol an Kinder ſtreng
inne gehalten werden, wenn Sie darüber wachen, daß
die Fabrikgeſetze erfüllt werden. Mit Ungeduld wartet
nun ganz New=York auf die erſte Verhaftung durch dieſe
weiblichen Poliziſten. Der Scherif hat inzwiſchen von
anderen wagemutigen Damen eine große Reihe von
Geſuchen um Anſtellung erhalten, und er erklärt, daß
er bereit ſei, tauſend weibliche Poliziſten anzuſtellen
wenn genug Bewerber ſich melben. Die Schutz=
frauen
werden auch in Fällen, in denen die reguläre
Polizei vor ſchweren Aufgaben ſteht, wie etwa bei
Volksaufläufen und Unruhen, herangezogen werden;
ſie erhalten dann Revolver und Polizeiknüppel als
Ausrüſtung. Auch die Ueberführung verurteilter Ver=
brecher
zum Gefängnis wird ihnen übertragen.

* Eine reizende Geſchichte von der Findigkeit der
Poſt erzählt das Berl. Tageblatt: Der Kaufmann B.
aus der Nollendorferſtraße in Berlin ſchrieb vom Poſt=
amt
W. 30 eine Rohrpoſtkarte an eine junge Dame in
Charlottenburg und teilte ihr darauf mit, daß er ſie am
Silveſterabend um 9 Uhr vor einem beſtimmten Hauſe
der X=Straße in Charlottenburg erwarte. Die Dame
hatte dem Herrn aber eine falſche Adreſſe angegeben,
und die Karte kam als unbeſtellbar an das Poſtamt
W. 30 zurück. Von hier ging ſie an das Poſtamt C. 2
zur Ermittelung des Abſenders, und da dieſer in dem
angegebenen Hauſe auch nicht bekannt war, wurde ihm
die Karte, als er abends um 9 Uhr zu dem Rendezvous
erſchienen war, von dem dort wartenden Poſtboten
übergeben.

[ ][  ][ ]

Rouergue die Zahlungen eingeſtellt. Der Fehlbe=
trag
wird auf mehr als 4 Millionen beziffert. Von dem
Bankerott werden an 2000 kleine Grundbeſitzer und Rent=
ner
betroffen. Delpech verübte einen Selbſtmordverſuch
indem er Gift nahm, doch befindet er ſich außer Lebens=
gefahr
. Die Volksmenge veranſtaltete vor ſeinem Hauſe
lärmende Kundgebungen.

London, 5. Jan. Geheimpoliziſten verhafteten
geſtern, wie ſchon gemeldet, vor dem Hauptpoſtamt einen
vornehm gekleideten Indier, der in dem Verdachte
ſteht, ein der Königswitwe von Siam gehöriges Hals=
band
geſtohlen zu haben. Königin Wowaya Pongſi
die Witwe des unlängſt verſtorbenen König Schulalong=
korn
, hatte in London ein Perlenhalsband eigenen Ar=
beſtellt
, das 200000 Mark koſten ſollte. Es wurde in dem
Kaſſenſchrank eines Dampfers des Norddeutſchen Lloyd
nach Bangkok übergeführt. Als man hier aber das Etui
aus dem Schrank nahm, war es leer, niemand konnte ſich
erklären, wie es dem Dieb gelungen war, ſich den koſt=
baren
Schmuck anzueignen. Indiſche und europäiſche
Geheimpoliziſten wurden mit der Erforſchung des Ver=
brechens
betraut. Ein indiſcher Sherlock Holmes war
auf einen Landsmann aufmerkſam geworden, der früher
Beamter des Hofes von Siam geweſen war und ſpäter
in Singapore Wohnung genommen hatte. Anſcheinend
ohne regelmäßige Einkünfte, führte der ehemalige Hof=
beamte
doch ein recht flottes Leben. Er wurde von Tag
zu Tag beobachtet, und ſo blieb es nicht verborgen, daß
er nach und nach einige wertvolle Perlen an Landsleute
verkauft hatte. Vor einigen Wochen traten der Verdäch=
tige
und der indiſche Geheimpoliziſt auf demſelben Schiffe
die Reiſe nach London an. Hier wurden die erwähnter
Perlen, die der letztere an ſich gebracht hatte, als zu dem
Halsbande der Königin gehörig erkannt, worauf die Ver=
haftung
erfolgte.

Kopenhagen, 5. Jan. Als der Miniſter des Innern,
Jenſen, heute nacht zu Fuß heimkehrte, glitt er aus
und kam ſo unglücklich zu Fall, daß er ſich einen ſchwe=
ren
Schädelbruch zuzog. Der Miniſter war außer=
ſtande
, ſich ſelbſt wieder zu erheben. Paſſanten halfen
ihm in eine Droſchke, die ihn in ſeine Wohnung brachte
Heute vormittag mußte er jedoch in eine Privatklinik ge=
bracht
werden, wo er zunächſt durch Röntgenſtrahlen un=
terſucht
werden ſoll.

New=York, 6. Jan. Eine furchtbare Kälte
herrſcht im ganzen Lande, namentlich in Duluth. Viele
Nenſchen ſind erfroren. Im Süden iſt die Obſtblüte ver=
tichtet
.

Kunſtnotizen.

Ueber Werke, Künſtler und künſtleriſche Veranſtaltungen ꝛc., deren im Nachs
ſtehenden Erwähnung geſchieht, behält ſich die Redaktion ihr Urteil vor.

Ueber Alfred Kaſe der ſich am nächſten
Dienstag dem Darmſtädter Publikum erſtmalig vorſtel=
en
wird, mögen folgende Preßurteile mitgeteilt ſein:
Wieder bewährte er ſich als der auserwählte, gottbe
mnadete Meiſterſänger. Alle Gefühlstöne beherrſcht er,
ür jeden hat er die entſprechende Farbe auf ſeiner
Palette. Aus Schuberts Prometheus ſchuf er ein
Drama von packender, tiefgreifender Wirkung. So hat
zei uns wohl noch kein Sänger das götterverachtende
Selbſtbewußtſein künſtleriſch nachgeformt, wie diesmal
Kaſe. (Chemnitzer N. Nachrichten.) Die Wogen der
Begeiſterung gingen aber beſonders hoch nach dem Vor=
rage
einer Reihe Lieder und Balladen durch Herrn Alfr.
Kaſe. Der Künſtler beſitzt eine prächtige Baritonſtimme,
die er vollkommen künſtleriſch beherrſcht. Auch iſt ſein
Vortrag ſo belebt und fein durchdacht, daß er jetzt ſchon
zu unſeren erſten deutſchen Liederſängern zu zählen iſt.
Deutſche Wochenzeitung für die Niederlande und Bel=
zien
.) In den friſchen ſtudentiſchen Ton des Univer=
itäts
=Sängervereins zu St. Pauli fügte ſich unſeres hoch=
geſchätzten
Opernſängers Alfred Kaſes kernige und
nännliche Art geiſtvoller und plaſtiſcher Darſtellungs=
ind
Charakteriſierungskunſt gut ein. Man muß ihn wic
geſtern ſo verſchiedene Stimmen und Bilder vorführen

gehört haben, um die Vielſeitigkeit, die dramatiſche Wucht
ſeiner in der Höhe herrlich breit ausladenden Stimme,
die geſunde, großzügige Geſtaltungskraft dieſes ausge=
zeichneten
und lebhaft gefeierten Künſtlers immer wieder
bewundernd anzuerkennen. (Leipziger N. Nachrichten.)

Wahlverſammlungen.

* Traiſa, 5. Jan. Geſtern abend fand hier eine
nationalliberale Wählerverſammlung
ſtatt, in der Herr Profeſſor Dr. Neßling aus Darm=
ſtadt
ſprach. Auf kurze, in verbindlicher Form vorgetra=
gene
Einwendungen eines Vertreters der Sozialdemo=
kratie
antwortete Herr Oberpoſtaſſiſtent Kolb.

* Meſſel, 4. Jan. Man ſchreibt uns: Die heutige
Verſammlung der Fortſchrittlichen Volkspar=
tei
erfreute ſich eines zahlreichen Beſuches. Der Kan=
didat
Dr. Strecker entwickelte die Gründe, warum
man bei der bevorſtehenden Reichstagswahl im Inter=
eſſe
des Vaterlandes und ſeiner gedeihlichen Entwicklung
den ſchwarzblauen Block entſchieden bekämpfen müſſe.
Er kennzeichnete in dieſer Hinſicht ſcharf ſeinen Gegenſatz
zu der Kandidatur Dr. Oſanns. In der Diskuſſion
ſprach ein Herr Jung für die Sozialdemokratie. Das
gab den Anlaß zu einer längeren, übrigens durchaus
ſachlichen Diskuſſion, in der Dr. Strecker die Haltung
ſeiner Partei im Bülow=Block eingehend beleuchtete und
verteidigte. Herr Lehrer Jung=Darmſtadt ging dann
auf das Verhältnis der Landwirtſchaft zur Induſtrie
ein und wies zahlenmäßig nach, wie das Anwachſen
einer kaufkräftigen Arbeiterſchaft viel mehr Einnahmen
trüge, als die geſamten Getreidezölle. Es ſei demnach
eine Verſündigung des Bundes der Landwirte nicht nur
am Gedeihen des Vaterlandes, ſondern gerade ſpeziell
auch des Bauernſtandes, wenn er die induſtrielle Ent=
wickelung
Deutſchlands bekämpfe. Im Namen liberal
denkender Arbeiter forderte Herr Barban zur Wahl Dr
Streckers auf. Nachdem letzterer noch in einem kurzen
Schlußworte auf die Intereſſengemeinſchaft aller Berufs=
ſchichten
hingewieſen hatte, konnte der Vorſitzende um
12¼ Uhr die gut verlaufene Verſammlung ſchließen.

* Eſchollbrücken, 5. Jan. Heute abend fand hier
eine öffentliche Wählerverſammlung der Fortſchritt=
lichen
Volkspartei ſtatt, in der der Kandidat,
Herr Dr. Strecker, ſprach. In großen Zügen ent=
wickelte
er ſein Programm und betonte die Punkte, die
ihn von der Reaktion, und diejenigen, die ihn von der
Sozialdemokratie unterſcheiden. In der Diskuſſion
ſprach ein Herr vom Bund der Landwirte. Ihm ant=
wortete
Herr Jung=Darmſtadt, der in außerordent=
lich
ſachkundigen Ausführungen den Bauern Wege zeigte
auf denen ein Aufſchwung der Landwirtſchaft zu er=
reichen
ſei.

Am gleichen abend ſprach Herr Dr. Strecker in
Hahn, wo er ebenfalls ſeine Stellung zu den beiden
Gegenparteien und zu den Ereigniſſen der letzten Ver=
gangenheit
entwickelte. In der Diskuſſion ſprach Herr
Maus für die Sozialdemokratie und machte z. T. Vor=
würfe
, die nicht im geringſten die Fortſchrittliche Volks=
partei
treffen können. Für die Volkspartei ſprach dann
noch Herr Haller. Im Schlußwort ging Dr. Strecker
auf die einzelnen Einwände ein und wiederlegte ſie in
ſachlicher Weiſe. Gegen 1 Uhr wurde die Verſammlung
von Herrn Lackmann geſchloſſen.

* Weiterſtadt, 6. Jan. Die von der Fortſchritt=
lichen
Volkspartei einberufene Wählerverſammlung
war von nahezu 170 Perſonen beſucht. Der Kandidat Dr
Strecker behandelte in überaus klarer Weiſe die Haltung
ſeiner Partei im vergangenen Reichstage. Der Kandidat
bedauerte die Kampfesweiſe der Sozialdemokratie gegen
ihn, zumal in einer Zeit, wo doch alle Kräfte ausgenützt
werden müßten, um die Reaktion niederzuſtimmen. Bei
Beſprechung der Hochſchutzzölle kam Dr. Strecker auf die
Behauptungen zu ſprechen, wonach er ſich in Leeheim als
Hochſchutzzöllner ausgegeben habe, und wies das entſchieden
als unwahr zurück. Starker Beifall belohnte den Referenten
für ſeine klaren Ausführungen. In der Diskuſſion ſprach
Dr. Vaubel=Darmſtadt. Er ging auf die Tätigkeit des

Reichstages ein und ſprach ſich gegen die Gewerbe= und
ſonſtigen Steuern aus, die zum großten Teil von den kleinen
Handwerkern und Gewerbetreibenden getragen werden
müſſen. Ein Erfolg dieſer Verſammlung iſt vor allen
der, daß demnächſt in Weiterſtadt ein Verein der Fortſchritt=
lichen
Volkspartei gegründet wird.

* Gräfenhauſen, 7. Jan. Heute fand hier eine gut
beſuchte Verſammlung der natonalliberalen
Partei unter dem Vorſitz des Herrn Joſt ſtatt. Herr
Dr. Oſann gab Rechenſchaft über die Tätigkeit des
vergangenen Reichstags und entwickelte ſein Programm.
In der Diskuſſion traten als Gegner die Herren Collin
von der freiſinnigen Volkspartei und Herr Steitz von
der ſozialdemokratiſchen Partei auf. Dem erſteren er=
widerte
in überzeugender Weiſe noch Herr Dr. Oſann,
der aber dann zu einer weiteren Verſammlung nach
Königſtädten mußte. An ſeine Stelle trat Herr Dr
Kalbfleiſch, der dem ſozialdemokratiſchen Redner erwiderte
indem er vor allem auf die nationale Bedeutung der
Wahl am 12. Januar hinwies. Gegen 6 Uhr konnte der
Vorſitzende die Verſammlung ſchließen.

* Biſchofsheim, 7. Jan. Die geſtrige von der na=
tionalliberalen
Partei einberufene Wählerver=
ſammlung
war infolge des überaus ſchlechten Wetters
nicht ſehr zahlreich beſucht. Landtagsabgeordneter Dr.
Oſann gab eine ſachliche Darſtellung der politiſchen Lage
und der Aufgaben des Reichstags, welche den lebhaften
Beifall der Anweſenden fand, worauf dann Stadtver=
ordneter
Lautz in warmen Worten die Kandidatur des
Herrn Dr. Oſann empfahl und aufforderte, ihm ein=
mütig
am 12. Januar ſeine Stimme zu geben.

Zur Reichstagswahl.

* Berlin, 6. Jan. Die Norddeutſche Allge=
meine
Zeitung ſchreibt: In die kommende Woche fällt
der Termin für die Hauptwahl zum Reichstage.
Wir haben dargelegt, welche Grundſätze bei der Wahl für
jeden ſtaatstreuen Mann maßgebend ſein ſollten und es war
nicht unſere Aufgabe, für oder wider dieſe oder jene bür=
gerliche
Partei Stellung zu nehmen. Worauf es ankam
war, einen Blick von dem Hader der Parteien hinweg auf
die großen Aufgaben des kommenden Reichstages zu lenken
und darauf hinzuweiſen, wie die Sozialdemokratie ſich zu
dieſen Aufgaben ſtellt. Iſt die ſozialdemokratiſche Partei
gelegentlich auch einmal aus ihrer beſtändigen Negatior
herausgetreten, ſo hat ſie doch bei den großen Werken
unſerer Geſetzgebung zum Schutze der nationalen Arbeit
wie zum inneren Ausbau des Reiches ſtets in mehr oder
minder erbitterter Oppoſition geſtanden und vollends hat
ſie bei allen Aufgaben der Sicherung und Wehrhaftigkeit
unſeres Vaterlandes, für die auch der kommende Reichstag
wahrſcheinlich ſchon bald einzutreten haben wird, vollſtän=
dig
verſagt. Verhängnisvoll wäre für die Entwickelung
des Reiches, wenn die Sozialdemokratie mit ihrer ſtaats=
feindlichen
Verneinung in dieſen grundlegenden Fragen
jemals eine ausſchlaggebende Stellung erlangen ſollte. Wie
alſo auch im übrigen die Gegenſätze unter den bürgerlicher
Parteien zum Ausdruck kommen mögen, bleibt doch das
eine beſtehen: Weder in der Hauptwahl noch in der Stich=
wahl
kann ein in ernſter Zeit um die Zukunft des Vater=
landes
beſorgter Mann ſeine Stimme den Sozialdemokraten
geben.

Handel und Verkehr.

* Berlin, 5. Jan. Unter der Firma Société
Commerciale Belgo=Allemande du Congo
(Société anonyme) wurde heute in Brüſſel in den
Räumen der dortigen Filiale der Deutſchen Bank eine
belgiſche Aktiengeſellſchaft mit einem Kapital von
2000 000 Francs mit dem Sitz in Brüſſel errichtet. Von
dem Kapital wurden 1000000 Francs bei der Gründ=
ung
vollgezahlt, auf den Reſt der Einzahlung 25 Pro=
zent
geleiſtet. An der Gründung ſind beteiligt u. a. die
Deutſche Bank, die Deutſch=Oſtafrikaniſche Geſellſchaft in
Berlin, die Firma C. Woermann in Hamburg und die
Banque d’Outremer und Compagnie du Congo pur le
Commerce et I'Induſtrie in Brüſſel. Die Geſellſchaft
hat insbeſondere den Zweck, im belgiſchen Kongo und
in den angrenzenden Kolonien Handel zu treiben unter
Uebernahme und Fortführung der Geſchäfte der Firma
Walther Karl, die die Hauptniederlaſſung in Matadi
am Kongo beſitzt. Den erſten Verwaltungsrat bilden
C. Balſer=Brüſſel, Mitglied des Aufſichtsrats der Deut=
ſchen
Bank, als Vorſitzender, E. Frenqui, Adminiſtrateur
und Délégué de la Banque d’Outremer in Brüſſel, als
ſtellvertretender Vorſitzender, M. Brock in Firma C.
Woermann in Hamburg, als Delegierter des Verwalt=
ungsrats
, R. Beſelen in Hamburg, Dr. K. Helferich, Di=
rektor
der Deutſchen Bank in Berlin, W. Karl in Ham=
burg
, F. Kautz, Direktor der Deutſchen Bank, Succur=
ſale
de Bruxelles in Brüſſel, R. Peltzer in Antwerpen,
Gaſton Perier in Brüſſel und J. Warnholtz, Direktor
der Deutſch=Oſtafrikaniſchen Geſellſchaft in Berlin.
Trieſt, 5. Jan. Mit dem 4. dieſes Monats hat
der Dienſt auf der neuen Schanghai=Eil=Linie,
die der Oeſterreichiſche Lloyd eingerichtet hat
begonnen. Der erſte Dampfer iſt geſtern mit voller Lad=
ung
und einer großen Anzahl von Paſſagieren, darunter
zahlreiche Vergnügungsreiſende, zumeiſt Angehörige der
Ariſtokratie, die ſich zu Jagden nach Ceylon begeben, ab=
gedampft
. Auf der neuen Linie, welche den Verkehr
Trieſt-Schanghai in 33 Tagen beſorgt, werden folgende
Häfen angelaufen: Port Said, Suez, Aden, Colombo,
Penang, Singapore, Hongkong und Schanghai.

Luftfahrt.

* Frankfurt a. M., 6. Jan. Zum diesjährigen
Zuverläſſigkeitsflug am Oberrhein hat
Prinz Heinrich von Preußen, wie gemeldet, mit
allerhöchſter Genehmigung das Protektorat übernommen
und den erſten Ehrenpreis für den Sieger geſtiftet. Der
Preis wird nach eigenen Angaben des Stifters beim
Bildhauer Korſchmann in Berlin entworfen. Der Preis
muß, um in den endgültigen Beſitz des Siegers überzu=
gehen
, ähnlich wie bei dem Prinz Heinrich=Automobil=
Preis zweimal gewonnen werden. Einen anderen
Ehrenpreis hat Prinz Wilhelm von Sachſen=Weimar ge=
ſtiftet
. Der Deutſche Zuverläſſigkeitsflug wird bekannt=
lich
von der Südweſtgruppe des Deutſchen Luftſchiffer=
verbandes
veranſtaltet. Vorort war im vorigen Jahre
Frankfurt a. M., in dieſem Jahre iſt er nach Straßburg
verlegt. Das Präſidium des Fluges beſteht, wie im vo=
rigen
Jahre, aus den Herren Geheimrat Hergeſell= Straß=
burg
, Geheimrat Andrege=Frankfurt, Exzellenz Gaede=
Freiburg i. B. Die Vorbereitungen liegen in den Hän
den des Arbeitsausſchuſſes, der aus Major Frhrn. von
Oldershauſen=Straßburg, Dr. Joſeph=Frankfurt a. M.
und A. Weber=Straßburg beſteht. Den Ehrenvorſitz des
Arbeitsausſchuſſes hat Prinz Wilhelm von Sachſen= Wei=
mar
übernommen.

Kunſthalle am Rheintor=

II.

Ein Künſtler, der den Beſchauer immer wieder
feſſelt und intereſſiert, wenn auch nicht immer durch
künſtleriſche überragende Größe, ſo doch durch die Eigen=
art
ſeines Wollens und Könnens, iſt Heinrich Zer=
nin
. Er hat eine ganze Kollektion von Aquarellen
und eine Anzahl Oelbilder ausgeſtellt, die, als Ganzes
betrachtet, einen offenbaren erheblichen Fortſchritt ſei=
nes
Könnens bedeuten und zum Teil ganz neue Sei=
ten
ſeiner Malkunſt offenbaren. Den Oelgemälden, von
denen wir die lebhaft an Thomas' Naturauffaſſung er=
innernde
Odenwaldlandſchaft (Stallenkandel) als die
beſte anſprechen möchten, fehlt zur Reife höchſtens noch
die Nuancierung, der innigere Ausgleich zwiſchen Licht
und Schatten. Das kräftige, friſche, lebhafte Kolorit iſt
ſonſt fein und gehaltvoll. Auch die große Felsgruppe
auf dem Frankenſtein, ferner die Motive aus der Berg
ſtraße und von der Kühruh ſind intereſſante Werke
wie ſich der Künſtler überhaupt mit Vorliebe Motive
wählt, die ſchon im Vorwurf auch den Laien feſſeln und
denen er dann bildinhaltlich die Reize ſeiner künſteriſchen
Eigenart hinzufügt. Ganz reizende und hochintereſſante
Bildchen aber ſind unter den kleinen Aquarellen zu fin
den, die zum Teil ganz prächtige Stimmungen feſthalten,
ſo z. B. das feine An der Ruthenbach dann Buche
bei Kranichſtein Alpenglühen im Winter, Kranich=
ſteiner
Chauſſee u. a. Es ſind ihrer zu viel, um auf
mehr Einzelheiten eingehen zu können.

H. Schlegel, deſſen Stärke ebenfalls die Waſſer=
farbenmalerei
iſt, iſt mit einigen ſeiner hübſchen Alt=
ſtadtanſichten
und zwei Landſchaften (bei Darmſtadt
Eulbacher Forſthaus) recht ehrenvoll vertreten, und
Marie Seyd zeigt in einer großzügigen, wenn auch
noch nicht ganz reſtlos gelöſten Aufgabe einen ſehr er=
freulichen
Fortſchritt ihrer Kunſt. Der Berg in
Wolken an ſich ein hochintereſſanter Vorwurf, iſt aus=
gezeichnet
gemalt und zeigt auch in der Kompoſition eine
bemerkenswerte Größe und Kraft der Auffaſſung. Die
faſt bronzen nuancierten grünen Bergpartien und dann
das dunkel gehaltene tiefliegende grüne Tal mit den
Baumpartien und die trefflich, beſſer als der Himmel
gemalten ſchwebenden Wölkchen geben dem Kolorit etwas
ſehr Reizvolles. Nicht ganz ſo glücklich iſt die Perſpektive
herausgearbeitet. Dieſer ſchwierigſten Seite des intereſ=
ſanten
Problems ſcheint das Können der Künſtlerin noch
nicht gewachſen. Immerhin aber iſt, wie geſagt, das
Ganze eine hocherfreuliche Leiſtung.

Heinrich Deuchert=Oberallmannshauſen ſtellt
drei Oelgemälde aus, von denen Waldinneres uns das
reifſte ſcheint. Es liegt viel Stimmung in dieſem flott=
gemalten
Bild und es zeugt ebenſo wie das friſch kolo=

rierte Zur Erntezeit von ſicherem Erfaſſen der land=
ſchaftlichen
Schönheit und Charakteriſtik, während der
Hühnerhof darunter leidet, daß der Künſtler ſich gar zu
ſehr in Details verliert. In einzelnen Partien iſt aber
auch dieſes Bild nicht ohne Reiz, wenn auch die ganze
Malweiſe des Künſtlers dem Geſchmack unſerer Zeit
fremd ſcheint.

Die kleine Kollektion von Ernſt Eimer=Groß=
Eichen zeigt den Künſtler von verſchiedenen Seiten ſei=
nes
Könnens. Die hübſchen Zeichnungen verraten
voran Familienglück, einen liebenswürdigen Humor
der in der Brautſchau allerdings zur Satire, und wenr
der langbärtige alte König an Leopold den Belgier er=
innern
ſoll, gar zur politiſchen Satire wird. Im Deng=
ler
ſcheint auf die zeichneriſche Durchbildung der größte
Wert gelegt; es wirkt ſonſt gar zu ſachlich. Auch von
dem Oelgemälde Strickendes Bauernmädchen darf das
geſagt werden, doch wird dieſes Bild intereſſant durch
das gut gelungene Kolorit des Interieurs

Friedrich Fennel=Kaſſel wirkt in ſeinen bei=
den
Oelbildern bei offenbar gutem techniſchem Können
gar zu ſchwer. Wälder und Felder iſt wohl großzügig
aufgefaßt und vermittelt bei entgegenkommender Be=
trachtung
einen Eindruck von der Größe und Erhaben=
heit
des Naturausſchnittes, aber der Frühlingstag iſt
von faſt düſterem ſchweren Inhalt und vermittelt kaum
den Eindruck von neuem Leben, von kommender Schön=
Auch
heit, den der Frühling doch verkörpern ſoll.
Anderly Möllers (Hamburg) kleines Bild Das
Lied vermag wenig zu ſagen; trotzdem, oder vielleicht
gerade, weil ihm eine etwas geſuchte Myſtik zu geben ver=
ſucht
iſt, die ſowohl im Vorwurf ſelbſt, als auch in ſeiner
techniſchen Löſung liegt.

Ehe wir der großen Kollektion Hermann Kaulbachs
uns zuwenden, fällt der Blick beim Betreten des
Ehrenſaals auf eine prächtige überlebensgroße Bronze:
die Jägerin von Hans Harry Liebmann=Berlin=
Halenſee. Eine köſtliche Plaſtik von reiner Aeſthetik. Der
herrliche Körper iſt in edler Anmut der Bewegung in einet
Phaſe feſtgehalten, die ſeine natürlichen Schönheiten
voll zur Geltung bringt. Die Jägerin hält in der Linken
den Bogen und wendet ſich mit der Rechten in halber
Drehung des Körpers, um dem auf dem Rücken hängen=
den
Köcher einen Pfeil zu entnehmen. Die Rückenpar=
tien
, die dadurch eine beſonders ſchwierige Aufgabe für
den Modelleur bilden, ſind trefflich ſtudiert und model=
liert
. Die Formen im ganzen bei aller faſt ſtrengen
Keuſchheit von warmer lebenatmender Weichheit. Sehr
fein iſt auch das edelgeſchnittene Geſicht gezeichnet. In
der kleinen Gipsſkizze Glücksbringerin feſſelt vor allem
die Bewegung, die auch hier von edler, ſtolzer Anmut
und Natürlichkeit iſt.

[ ][  ][ ]

Seite 6.

darmſtädter Tagblatt, Montag, den 8. Januar 1912.

Nummer 6.

Parts, 6. Zan. Auf Anregung des Gemeinde=
rats
von St. Germain=du=Bois, Departement Saöne=et=
Loire, werden ſämtliche 36000 Gemeinden Frankreichs
aufgefordert werden, für das Militärflugweſen
Frankreichs alljährlich einen der Einwohnerzahl ent=
ſprechenden
Beitrag zu leiſten. Der Geſamtertrag
dieſer Spende wird auf 4 Millionen veranſchlagt.

Sport.

sr. Der Boxkampf zwiſchen dem Welt=
meiſter
Jack Johnſon und dem Neger Sam
Mac Vea iſt jetzt angeblich geſichert. Wie es heißt, ſoll
Jack Johnſon in Chicago einen Vertrag unterzeichnet
haben, wonach er am 23. Juni zum Kampfe gegen Sam
Mac Vea antreten will. Dem Neger ſollen 100000 Mark
winken. Wo der Kampf zum Austrag gelangen ſoll,
wird nicht angegeben. Sydney, das urſprünglich in Aus=
ſicht
genommen war, dürfte kaum noch in Frage kommen,
da die dortigen Behörden den Kampf nicht geſtatten
würden. Neuerdings ſind allerdings Verhandlungen
angebahnt worden, um den Kampf nach Paris zu be=
kommen
.

Eiſenbahnunf le.

* Paris, 5. Jan. Heute abend fuhr auf dem
Bahnhof Auſterlitz infolge falſcher Weichenſtel=
lung
ein Vorortzug in voller Fahrt auf die Maſchine
eines Leerzuges. Etwa 30 Perſonen wurden ver=
letzt
, darunter zehn ſo ſchwer, daß ſie ins Hoſpital ge=
bracht
werden mußten.
* Paris 6. Jan. Die Zahl der bei dem Eiſen=
bahnunfall
auf dem Bahnhof Auſterlitz verletz=
ten
Perſonen beträgt, wie nunmehr feſtgeſtellt iſt,
53, von denen 32 in ihre Wohnungen entlaſſen werden
konnten. Die übrigen 21 Verletzten, von denen eine große
Zahl Knockenbrüche erlitten hat, ſind in verſchiedene
Krankenhäuſer gebracht worden. Bei keinem der Ver=
letzten
beſteht unmittelbare Lebensgefahr.
* Paris, 6. Jan. Der Unfall auf dem Bahn=
hof
Auſterlitz ereignete ſich 6 Uhr 45 Minuten abends.
Der Arbeiterzug, der von Suviſy kam und von
einer elektriſchen Lokomotive gezogen wurde, wollte ge=
rade
in den Bahnhof einfahren, als er irrtümlich auf ein
Gleis gelenkt wurde, auf dem eine Lokomotive ſtand.
Der Lokomotivführer konnte nicht mehr bremſen, ſo daß
der Zug mit voller Gewalt auf die Lokomotive auffuhr.
Der Reiſenden bemächtigte ſich eine große Panik. Sieben
Wagen wurden ſchwer beſchädigt, einer fing Feuer, das
glücklicherweiſe gelöſcht werden konnte. Die Rettungs=
arbeiten
wurden ſofort in Angriff genommen.
* Paris, 7. Jan. Zwei Vorortzüge der Oſt=
bahn
ſind in der Nähe der Station Bondy aufeinander=
gefahren
. Sechs Reiſende wurden getötet, zehn ver=
wundet
, darunter vier ſchwer. Der Unfall ereignete ſich
auf einem Gleis, das ausſchließlich dem Vorortverkehr
dient. Infolgedeſſen iſt der Verkehr zwiſchen Paris und
Deutſchland nicht in Mitleidenſchaft gezogen.
* Bondy, 7. Jan. Das gemeldete Eiſenbahn=
Unglück ereignete ſich auf der Station Pont des
Cvquetiers, etwa zwölf Kilometer öſtlichl von Paris.
Die Strecke iſt dort nur eingleiſig. Ein vom Obſtbahnhof
abgelaſſener Zug wartete auf der Station, da ein aus
entgegengeſetzter Richtung kommender Zug gemeldet
wurde. Inzwiſchen war der vom Oſtbahnhof zehn Mi=
nuten
ſpäter fällige Zug in der Richtung auf Pont des
Coquetiers abgefahren. Dieſer Zug war es, der auf den
in der Station wartenden von hinten auflief. Die Wir=
kung
des Zuſammenſtoßes war entſetzlich. Ein mit Rei=
ſenden
vollbeſetzter Wagen wurde gänzlich zertrümmert.
Drei Männer, zwei Frauen und ein kleings Mädchen, die
unter den Trümmern lagen, wurden ſofort getötet. Drei
Männer ſind ſchwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert
worden, 17 Perſonen ſind leicht verletzt. Der Zuſammen=
ſtoß
iſt darauf zurückzuführen, daß der Führer des auf=
gefahrenen
Zuges die Signale nicht beachtete.
* Paris, 7. Jan. Die Zahl der bei dem Eiſenbahn=
Unglück bei Bondy Getöteten beträgt nach den letz=
ten
Feſtſtellungen zehn.

Zu den franzöſiſch=ſpaniſchen Marokko=
verhandlungen

ſchreibt der Londoner Korreſpondent des Temps ſt. a.:
Man hofft in engliſchen Kreiſen, daß die Franzoſen und
Spanier ſich bei den Verhandlungen etwas weniger
ſchroff zeigen werden. Die Annahme, daß England
auf Spanien eine Preſſion ausüben werde, iſt irrig.
Wenn die engliſche Regierung überhaupt interveniert,
dann würde es nur zu dem Zwecke geſchehen, die beiden
Parteien zu gegenſeitigen Zugeſtändniſſen zu zwingen.
Die engliſche Regierung will ſich gewiß nicht mit Frank=
reich
entzweien, aber ebenſo großen Wert legt ſie darauf,
ihre guten Beziehungen zu Spanien zu erhal=
ten
. Der tiefliegende Grund dieſer Freundſchaft mit Spa=
nien
iſt ſtrategiſcher Natur. England will, daß ſeine Ge=
ſchwader
an der ganzen iberiſchen Halbinſel ſicher ſeien.
Zu dieſem Zweck fördert es mit allen Kräften die Wie=
deraufrichtigung
der ſpaniſchen Marine. Deshalb wer=
den
von der Firma Vickers, die mehr oder weniger von
der engliſchen Admiralität abhängt, für Spanien drei
Dreadnoughts gebaut, und die Pläne von zwei weiteren
Dreadnoughts vorbereitet. Deshalb wird auch das Ar=
ſenal
von Ferrol und der Hafen von Cartagena den mo=
dernen
Bedürfniſſen gemäß ausgeſtaltet. Außerdem iſt
ganz ernſtlich die Rede davon, durch die Firma Vickers
in Liſſabon ein neues Arſenal und ein Trockendock
für die großen Schiffe, ſowie drei Panzerſchiffe von
20000 Tonnen bauen zu laſſen. Dieſe Stützpunkte, die
einmal von unſchätzbarem Wert für die engliſchen Ge=
ſchwader
ſein können. wären in den Händen der Deut=
ſchen
furchtbar. Das vergißt man in London nie=
mals
.

Der italfeniſch=türkiſche Krieg.

* Berlin, 6. Jan. Die deutſche Hilfsexpe=
dition
des Roten Kreuzes für das tür=
kiſche
Lager in Tripolis wird ſich am Mittwoch
früh, wie wir hören, in Hamburg auf einem von der Le=
vantelinie
zur Verfügung geſtellten Dampfer einſchiffen
und wird möglichſt nahe an die tripolitaniſche Grenze
heranzukommen verſuchen, um von dort mit 150 Kame=
len
ins Innere transportiert zu werden. Für dieſe
Hilfsexpedition ſind bereits größere Summen in Deutſch=
land
aufgebracht worden. So haben die Deutſche Bank

20000 Mark, Krupp 10000 Mark, Mauſer 10000 Mark
und die Deutſchen Waffenfabriken 5000 Mark zur Verfü=
gung
geſtellt; weitere größere Beträge ſind in Ausſicht
geſtellt worden. Bekanntlich iſt von deutſcher Seite eine
derartige ſanitäre Hilfe den beiden kriegführenden Teilen
angeboten worden. Italien hat ſie abgelehnt, die Türkei
aber dankend angenommen. (Frankf. Ztg.)
H. B. Paris, 6. Jan. Echo de Paris meldet aus
London: In den letzten Tagen waren in Konſtantinopel
Gerüchte verbreitet, wonach Said Paſcha von dem Wunſche
beſeelt ſei, dem Kriege ein Ende zu ſetzen und
folgende Vorſchläge gemacht habe. Die Türkei werde die
Zyrenaika an Aegypten und Tripolitanien an den Bey von
Tunis abtreten. Der Khedive und der Bey von Tunis
werden dann ihrerſeits dieſe Lände an Italien abtreten.
Hierdurch hofft Said Paſcha die Regierung vor dem Vor=
wurf
zu ſchützen, daß ſie Gebiete an eine nicht islamitiſche
Macht abtrete. Dieſe Forderung iſt jedoch im Kabinett nicht
durchgedrungen. Die türkiſche Regierung hat nunmehr der
engliſchen Regierung einen anderen Vorſchlag unter=
breitet
dahingehend, daß die Zyrenaika und Tripolitanien
unter der Oberhoheit des Sultans belaſſen werde. Der
Sultan werde das religiöſe Oberhaupt dieſer Länder blei=
ben
. Die italieniſche Regierung prüft zurzeit dieſen Vor=
ſchlag
, der aber wenig Ausſicht auf Annahme hat.
H. B. Paris, 6. Jan. Der Eclair meldet aus Rom:
Trotz der Erklärungen Saids, daß er einem Friedens=
ſchluß
nicht abgeneigt ſei, wird es immer wahrſcheinlicher,
daß die türkiſche Kammer dem Friedensvorſchlage nicht zu=
ſtimmen
werde. Die Unterhandlungen, die zwiſchen der
Türkei und England über die Baſis von Friedensvorſchlägen
ſtattgefunden haben, haben bisher zu einem Ziele nicht ge=
führt
. Neuerdings ſollen Vorſchläge dahingehend gemacht
ſein, daß Italien der Türkei eine Entſchadigung von
300 Millionen zahlen ſoll.
* Konſtantinopel. 7. Jan. Hier iſt von einem
Rundſchreiben des Großweſiers, in dem er
ſeine Ueberzeugung von einem baldigen Abſchluß
des Friedens ausſpricht, nichts bekannt.
Das Rundſchreiben des Großweſiers vom 2. Januar, in
dem er den Provinzbehörden ſeine Ernennung mitteilte,
enthielt nur die üblichen Ratſchläge bezüglich einer guten
Erledigung der Geſchäfte und der Aufrechterhaltung der
Ruhe und des guten Einvernehmens aller Elemente der
Bevölkerung.
* Konſtantinopel, 7. Jan. Ein offiziöſes
Kommunigué ſtellt feſt, daß die in tendenziöſer
Weiſe verbreiteten Gerüchte über die Abſicht eines
Friedensſchluſſſes jeder Grundlage ent=
behren
. Die Pforte bahnte keinerlei Verhandlungen
an und ſondierte auch keine europäiſche Kanzlei. Ange=
ſichts
der heroiſchen Verteidigung der ottomaniſchen
Kämpfer und der militäriſchen Lage gehe die Meinung
der offiziellen Kreiſe des ottomaniſchen Volkes dahin,
daß auf der Grundlage der italieniſchen Anſprüche vom
Frieden keine Rede ſein könne. Der Tanin bringt mor=
gen
eine vom Miniſter des Aeußern ausgehende Ver=
öffentlichung
, in der die Gerüchte über den Friedensſchluß
als unrichtia bezeichnet werden, der unter den gegenwär=
tigen
Umſtänden unmöglich ſei.

Die Revolution in China.

* Schanghai, 6. Jan. Sunyatſen hat in Nan=
king
ein Manifeſt an alle befreundeten Na=
tionen
erlaſſen. Das Manifeſt beginnt mit einer
langen Anklage gegen die Mandſchuregierung. Weiter er=
klärt
es, daß die Republikaner entſchloſſen ſeien, alle Ver=
träge
, Anleihen und internationale Verpflichtungen, die
unter der Mandſchuregierung vor dem Beginn der Revo=
lution
mit Ausländern oder mit fremden Nationen einge=
gangen
worden ſeien, zu reſpektieren, dagegen alle ſpäteren
Verträge nicht anzuerkennen. Das Manifeſt verſpricht den
Fremden Schutz der Perſon und des Eigentums. Die
republikaniſche Regierung beabſichtigt eine Re=
form
des Zivil= und Strafrechts, ferner eine Reform des
Bergbaurechts, eine Reform der Verwaltung und des Fi=
nanzweſens
, Abſchaffung der Beſchränkungen des Handels
und religiöſe Toleranz. Den Mandſchus, die ſich friedlich
verhalten, wird Rechtsgleichheit und Schutz verſprochen.
* Peking, 5. Jan. Konſulardepeſchen aus Tſchung=
king
beſagen, daß der größte Aufruhr in Tſchengtu
herrſche. Der Vizekönig flüchtete in den Yamen, wurde
aber dort am 20. Dezember gefangen genommen und hin=
gerichtet
. Ein ähnliches Schickſal traf den kaiſerlichen
General Tien. 140 Ausländer verließen geſtern Tſchung=
king
.
* Peking, 6. Jan. Die Mächte ließen heute in
Uebereinſtimmung mit dem jüngſt gefaßten Plan die
Bahnlinie von Peking nach der See beſetzen. Die
hier wohnenden Ausländer ſind von dieſer Demonſtration
ſehr befriedigt.
* Kanton, 6. Jan. Die Engländer ſandten
angeblich aus Furcht vor einer bevorſtehenden Meuterei
der aufſtändiſchen Truppen, unter denen ſich frühere Pi=
raten
befinden, weitere 200 Soldaten und zwei Feld=
geſchütze
von Hongkong nach Kanton. Sie befeſtigen
die Fremden=Niederlaſſung in Kanton, worüber die Chi=
neſen
erregt ſind.
* London. 6. Jan. Wie das Reuterſche Bureau
aus Manila meldet, wird das 15. amerikaniſche
Infanterie=Regiment bereit gehalten, um nach
China abzugehen.
* Waſhington, 5. Jan. Dem Erſuchen des
amerikaniſchen Geſandten in Peking um Ent=
ſendung
von Truppen zum Schutze der Eiſenbahn Tſing=
wangtau
-Peking wird, wie hier mitgeteilt wird, vom
Staatsdepartement erſt dann Folge gegeben werden, wenn
die ſechs beteiligten Mächte eingehend um Rat gefragt wor=
den
ſind, und wenn beſtimmtere Informationen vorliegen.
Darmſtadt, 8. Januar.
Hofball. Am Samstag abend fand der erſte
diesjährige Hofball im Alten Palais ſtatt, an dem
insgeſamt 310 Perſonen teilnahmen. Der Ball wurde
um 8 Uhr mit dem feierlichen Einzug der hohen Herr=
ſchaften
eröffnet. Bei dem Zug in den Ballſaal führte
Se. Kgl. Hoh. der Großherzog die Prinzeſſin Fried=
rich
Karl und der Landgraf Chlodwig von Heſſen
Ihre Kgl. Hoh. die Großherzogin. Es folgten Prinz
Chriſtian von Heſſen mit der Landgräfin Chlod=
wig
von Heſſen, Fürſt zu Solms=Lich mit der
Fürſtin zu Iſenburg=Birſtein, Graf zu Erbach=
Erbach mit der Fürſtin zu Solms=Lich,
Prinz Leopold zu Iſenburg=Büdingen mit der
Prinzeſſin zu Löwenſtein, Prinz zu Löwenſtein
mit der Prinzeſſin zu Iſenburg=Birſtein, Prinz
Ludwig zu Solms=Lich mit der Gräfin Wilhelm
zu Solma=Laubach. Graf Wilh. zu Solms=Lau=

bach mit der Prinzeſſin M. zu Solms=Braunfels,
Prinz Stolberg (Drag.=Regt. 24) mit der Prinzeſſin
zu Reuß. Dann folgten die Diplomaten, zunächſt
Staatsminiſter Ewald Exz., der die Oberhofmeiſterin
Exz. v. Grancy führte, Staatsrat v. d. Vliet mit der
Lady Acton, Lord Acton mit der Frau v. d. Vliet
uſw. Um 10.15 Uhr wurde in den verſchiedenen
Sälen das Souper eingenommen. Das Großherzogs=
paar
beteiligte ſich mehreremale an den Tänzen.
Die Tafel= und Ballmuſik ſtellte die Kapelle des
115. Infanterie=Regiments unter Leitung des Herrn
Obermuſikmeiſters Hauske. Die Ballfeſtlichkeit dehnte
ſich bis nach 1 Uhr nachts aus. Am Sonntag fand
im Reſidenzſchloß eine Frühſtückstafel zu 31 Gedecken
ſtatt, an der alle hier weilenden Standesherren teilnahmen.
Odenwaldklub. Zum erſten Male im neuen
Jahre hatte der Odenwaldklub geſtern ſeine Mit=
glieder
zur Wanderfahrt aufgeboten. Wer im Hin=
blick
auf die ungünſtigen Wetterausſichten eine geringe
Beteiligung vorausgeſagt hatte, wurde angenehm ent=
täuſcht
. Die Wanderer verſammelten ſich früh 7.52 Uhr
in der ſtattlichen Zahl von wenig mehr als 100 auf dem
Luiſenplatz und fuhren mit der Dampfſtraßenbahn nach
Eberſtadt, dem Ausgangspunkte des Marſches. Der
Himmel ſah wenig verheißend aus, Gott Pluvius ſpielte
dieſes Mal dem ſprichwörtlichen Odenwaldklubwetter
übel mit. Nach einer guten Stunde war der Franken=
ſtein
erreicht. Im Regen und Wind ging es ohne Raſt
weiter, vorüber am Magnetberg, durch die Seeheimer
Schweiz mit der Friedensquelle über den Hof Hainzen=
Klingen und die Kuralp zum Felsberg. Es war 12½,
Uhr geworden, als man ſich in den gaſtlichen Räumen
des Bergreſtaurants niederließ. Der vierſtündige Marſch
hatte die Wandersleute hungrig und durſtig werden
laſſen. Sie ſprachen dem Frühſtück wacker zu. Herr
Profeſſor Kiſſinger verſchönte die Raſt mit einer lau=
nigen
Rede, die in den Wunſch ausklang, die Mitglie=
der
möchten auch im neuen Jahre feſt zuſammenhalten
in der Treue zum Klub und in der Liebe zu den Ber=
gen
der Heimat. Ein dreifaches Friſch auf gab dem
Redner fröhlich zuſtimmend Beſcheid. Während in den
gaſtlichen Räumen die Sonne der Gemütlichkeit die Her=
zen
der Wanderer erwärmte, gingen draußen eiſige
Regenſchauer nieder. Beim Aufbruch (1½ Uhr) hatten
ſich die Schleuſen des Himmels wieder geſchloſſen. Son=
nenſtrahlen
verſuchten den Wolkenrand zu durchdrin=
gen
und bemühten ſich, dem ſuchenden Auge die Ferne
zu erſchließen. Die Anſtrengung lag jetzt hinter den
Wanderern. Auf gekürztem Wege ging es dem Endziel
der Tour, Bensheim, entgegen. Man erreichte es um
3¼ Uhr. Das Mittageſſen wurde im Bahnhofshotel
eingenommen. Die Ortsgruppen Seeheim und Bens=
heim
hatten Wandergrüße entbieten laſſen. Auch
die zehnte Wanderung im Klubjahr 1911 bereitete ihren
Teilnehmern angenehme Stunden der Erholung und
Freundſchaft, eine Erfriſchung für Geiſt und Leib. Das
Wetter konnte keinen Abtrag tun. Dem echten Wande=
rer
iſt die Natur auch vertraut, wenn ſie ihn rauh an=
packt
, Sturm und Regen entfeſſelt. Mögen Stürme
toben oder die Strahlen der Sonne aus heiterem Him=
mel
die Erde umfangen, jederzeit gilt für ihn in Wort
und Tat: Friſch auf.
C) Darmſtädter Jugendwehr. Die von den vereinigten
Kriegervereinen Darmſtadts veranlaßte Gründung
einer Jugendwehr fand am Sonntag nachmittag um
1½ Uhr auf dem Exerzierplatz hier ſtatt. Erſchienen waren
der Präſident des Landesverbandes der heſſiſchen Krieger=
vereine
, Herr Generalmajor à la suite Freiherr v. Heyl,
und für die vereinigten Kriegervereine Herr Oberbürger=
meiſter
a. D. Schäfer, ſowie zahlreiche Lehrer der hieſigen
höheren Schulen, der Volksſchulen und der Landesbau=
gewerkſchule
. Ueber 50 Knaben aus allen Ständen im Alter
von 1216 Jahren hatten ſich zu dem Gründungsakt ein=
gefunden
. Als Leiter der Darmſtädter Jugendwehr wurde
Herr Oberleutnant Deiß, ein geborener Darmſtädter, ge=
wonnen
, der den Knaben die Ziele und den Zweck dieſer
für Körper und Geiſt unſerer Jugend nützlichen Vereinigung
darlegte. Sämtliche Schüler traten der Neugründung einer
Darmſtädter Jugendwehr bei. Hierauf fand ein Marſch
der fröhlichen Knabenſchar nach dem Griesheimer Schieß=
platz
ſtatt, woſelbſt eine Reihe von Jugendſpielen den Ab=
ſchluß
des erſten Spiel= und Verſammlungstages bildeten.
Anmeldungen zur Darmſtädter Jugendwehr werden bei
den einzelnen Kriegervereinsvorſtänden entgegengenommen.
Der zweite Spiel= und Verſammlungstag wird vorausſicht=
lich
am nächſten Sonntag nachmittag ſtattfinden und iſt zu
hoffen, daß ſich dann noch mehr Knaben dieſer vaterlän=
diſchen
Vereinigung anſchließen, zumal jeder Standesunter=
ſchied
ausgeſchloſſen iſt.

Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)

* Berlin, 5. Jan. Im Reichsamt des Innern tra=
ten
unter Vorſitz des Staatsminiſters von Moeller Ver=
treter
der verſchiedenen über Deutſchland verbreiteten
Mittelſtandsverbände und führende Perſönlichkeiten auf
dem Gebiete der Tuberkuloſebekämpfung zu=
ſammen
. Das Reichsamt des Innern war durch Re=
gierungsrat
Pähler, das Reichsgeſundheitsamt durch
Regierungsrat Hamel vertreten. Auch der Direktor des
Reichsamts des Innern, Lewald, wohnte der Verſamm=
lung
bei. Durch die neue Reichsverſicherungsordnung
und das Geſetz über die Angeſtelltenverſicherung wer=
den
neue Möglichkeiten der Tuberkuloſefürſorge inner=
halb
des Mittelſtandes eröffnet, auf die ſich die berufe=
nen
Stellen beizeiten einrichten müſſen. Nach einem
Referat des Regierungsrat Dr. Bergemann (Stettin)
und zuſtimmenden Erklärungen von Vertretern der
Mittelſtandsverbände wurde unter allgemeiner Zuſtim=
mung
ein Organiſationsausſchuß gewählt, der die ein=
leitenden
Schritte unternehmen ſoll. Im beſonderen
wurde der Volksheilſtättenverein vom Roten Kreuz er=
ſucht
, die Errichtung einer neuartigen Muſterheilſtätte
für Frauen und Kinder des Mittelſtandes in die Wege
zu leiten.
* Berlin, 7. Jan. Seit geſtern Abend ſchneit es
ununterbrochen in Berlin. Die Temperatur war mittags
minus vier Grad Celſius. Große Verkehrsſtörungen
werden befürchtet.
* Straßburg i. Elſ., 7. Jan. Hier ſtarb ganz plötz=
lich
an den Folgen einer Sehnenentzündung im Alter
von 56 Jahren der Profeſſor an der hieſigen Univerſität
Dr. Willy Liſt, Oberbibliothekar der Kaiſerlichen
Univerſität und der Landesbibliothek.
* Düſſeldorf, 7. Jan. Bei dem Brande, der geſtern
in einem hieſigen Hotel auskam, iſt ein geiſtesſchwacher
Mann verbrannt. Zwei Mädchen, die aus dem
oberſten Stockwerk herabſprangen, erlitten Arm= und
Riopenquetſchungen; in gleicher Weiſe wurde ein unten=
ſtehender
Mann, auf den eines der Mädchen fiel, verletzt.

[ ][  ][ ]

Nummer 6.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 8. Januar 1912.

Seite 7.

Ferner trügen der Brandmeiſter und drei Feuergehrleute
Verletzungen davon.
* Hamburg, 6. Jan. Ueber den Untergang des
Dampfers Chios und die Rettung zweier Leute
durch den Dampfer Ravenſtone hat die Deutſche
Levante=Linie folgende Meldung aus Port Said erhal=
ten
: Der Ravenſtone traf mit dem Offizier Huſſer und
dem Matroſen Homann hier ein. Beide befinden ſich
wohl. Sie wiſſen nicht, ob noch andere Leute von der
Mannſchaft gerettet ſind. Wahrſcheinlich iſt es nicht. Der
Chios ſank am 21. Dezember morgens infolge Bre=
chens
der Ruderkette, während ein ſchwerer Sturm die
Luken einſchlug. Beide Leute wurden durch den Ra=
venſtone
5 Stunden nach dem Untergang des Chios
von treibenden Schiffstrümmern gerettet und werden am
Sonntag über Marſeille zurückkehren. Aus der Nachricht
geht hervor, daß der Chios, der zu Beginn des Jahres
1911 einer großen Ueberholung unterzogen und vor An=
tritt
ſeiner Unglücksfahrt auf einer hieſigen Werft gedockt
und ſorgfältig beſichtigt worden war, ſeinen Untergang
infolge eines ſchweren Orkans gefunden hat, welcher im
Golf von Biskaya wütete.
* Stettin, 6. Jan. Der geſtern bei einer Wagenfahrt
verunglückte Reichstagskandidat Bürgermeiſter Wie=
acker
=Prenzlau befindet ſich auf dem Wege der
Beſſerung.
* Breslau, 7. Jan. Der frühere Generalſtaatsanwalt
Iſenbiel iſt geſtern in Obernigk geſtorben.
* Breslau, 7. Jan. Der Unterrichtsminiſter ſandte
im Auftrage des Kaiſers an die Witwe Felix Dahns
folgendes Telegramm: Der Kaiſer und König
nahmen vom Hinſcheiden Ihres Gemahls mit ſchmerz=
licher
Teilnahme Kenntnis. Se. Majeſtät beklagen den
großen Verluſt, den Wiſſenſchaft und Vaterland durch
den Tod des hervorragenden Gelehrten und Dichters
erlitten haben und laſſen allerhöchſt wärmſtes Beileid
ausſprechen. Kultusminiſter von Trott zu Solz. Der
Kronprinz ließ durch den Rektor der Univerſität am
Grabe Dahns einen Kranz niederlegen.
* Mailand, 8. Jan. Der Corriere della Sera mel=
det
aus Kairo: Lord Kitchener ließ die afrikaniſchen
Ufer des Suez=Kanals beſetzen und ſandte
200 Soldaten nach Ismailia und andere nach Kabret,
um zu verhüten, daß die Beduinenſtämme, die ſich bei
Elkantara ſammelten, nach der Cyrenaika vordringen.
Paris, 7. Jan. Der Siecle verlangt, daß die
Regierung vor keinem Opfer zurückſchrecken möge, um
Caſablanca zu einem großen Hafenplatz zu
geſtalten und von dort Zufahrtswege ins Innere
Marokkos zu ſchaffen, welche außerhalb der ſpaniſchen
Zone liegen, da die Beſetzung des Ghargebietes durch
die Spanier für die Bahn von Tanger nach Fez, wie
immer auch die ſranzöſiſch=ſpaniſchen Verhandlungen
ausfallen mögen, ein ſchweres Hindernis, ja vielleicht
eine Gefahr bedeuten.
Paris, 7. Jan. Nach einer Zeitungsmeldung aus
Lyon ſtellte der dortige Bankier Brun die Zahlungen
ein. Die Paſſiven betragen an 2 Millionen.
* Paris, 7. Jan. Hundert Wahlen zum Se=
nat
haben ſtattgefunden in denjenigen Departements,
deren Namen mit den Buchſtaben A bis G anfangen
oder in denen durch Todesfälle Sitze frei geworden ſind.
Bisher iſt kein Zwiſchenfall durch die bisher bekannten
Wahlergebniſſe und keine bemerkenswerte Aenderung
eingetreten. Unter den Gewählten befinden ſich die ehe=
maligen
Miniſter Maurice Faure und Pierte Baudin
und der frühere Miniſterpräſident Combes, der mit 664
von 990 Stimmen gewählt wurde.
* Chalous ſur Marne, 8. Jan. Die Zuchtpolizei ver=
urteilte
den Straßburger Oberſt Lebrecht wegen Spio=
nage
zu zwei Jahren Gefängnis.
* Brüſſel, 6. Jan. Beim deutſchen Geſandten von
Flotow fand heute abend zu Ehren des hier anweſenden
Prinzen und der Prinzeſſin Karl von Hohenzol=
lern
ein Diner ſtatt, an dem auch die Gräfin von Flan=
dern
, die Mutter König Alberts, teilnahm. Prinz
Adalbert von Preußen, der ſich ſeit zwei Tagen
zum Beſuch des Herzogs von Arenberg hier aufhält,
wurde heute abend von der Konigin der Belgier empfan=
gen
.
* Madrid, 6. Jan. Das miniſterielle Blatt Manana
verſichert, daß ſich der letzte Miniſterrat hauptſächlich
mit den neuen Operationen beſchäftigte, wobei Melilla
als Baſis für die Beſatzung des Nachbargebietes von Al=
hukemas
dienen ſolle. Der Miniſterrat billigt ferner den
ſtrategiſchen Plan, der heute an den Oberſtkommandieren=
den
von Melilla geſchickt wird, um ſeine ſchleunige Durch=
führung
zu ſichern.
Madrid, 7. Jan. Das Befinden des Generals
Ros, der in den Kämpfen bei Melilla am 27. Dezember
eine ſchwere Schußwunde im Genick erlitt, iſt befriedigend.
Den Aerzten iſt es gelungen, die Kugel operativ zu
entfernen.
* Aſtrachan, 7. Jan. Auf einer Eisſcholle, di
ſich losgeriſſen hatte, wurden viele Fiſcher ins Mee
getrieben. Eisbrecher ſind zur Hilfel eiſtung abgegange
* Konſtantinopel, 6. Jan. Die Kammer ſetzte die
Diskuſſion über den Artikel 35 fort. Die Sitzung verlief
ruhig. Zwei Deputierte der Oppoſition wandten ſich
in langen Ausführungen gegen die Abänderung, die un=
angebracht
ſei und nur den Zweck habe, die Auflöſung
der Kammer herbeizuführen, um den Jungtürken die
Aufrechterhaltung ihrer Machtſtellung zu ſichern. Der
Unterrichtsminiſter entgegnete namens der Regierung.
Der Großweſir, der immer noch krank iſt, wohnte der
Sitzung nicht bei.
* Konſtantinopel, 6. Jan. Den Blättern zufolge be=
auftragte
die Pforte ihre Botſchafter, die Klagen der
bulgariſchen Regllerung gegen die ſtürkiſchen
Behörden anläßlich der Unruhen in Iſtip zurückzuweiſen
und gleichzeitig die Aufmerkſamkeit der Mächte auf das
Treiben der mazedoniſch=bulgariſchen Komitees zu rich=
ten
, ferner die Abſicht der Pforte mitzuteilen, baldigſt die
Ruhe in Mazedonien wieder herzuſtellen.
* New=York, 6. Jan. Infolge der Kälte herrſcht
hier viel Elend. Die Aſyle für Obdachloſe ſind überfüllt.
Für die Obdachloſen wurde deshalb die ſtädtiſche Leichen=
halle
geöffnet.
* Quito, 6. Jan. Nach dem durch einen Herz=
ſchlag
verurſachten Tode des Präſidenten Eſtrada iſt
im ganzen Lande die Anarchie ausgebrochen. Hier in
der Hauptſtadt übernahm Finanzminiſter General Leoni=
das
Plaza die Regierung; gegen ihn erhob ſich General
Montero in Guayaquil. Die Bahn nach Quito wurde
durch ihn unterbrochen. Ein amerikaniſches Ka=
nonenboot
wird zum Schutze der Intereſſen der
Fremden in Guayaquil erwartet. In den Nordprovin=
zen
Manavi und Esmeraldas hat Flavio Alfaro, ein
Neffe des früheren Präſidenten, die Herrſchaft an ſich ge=

riſſn. Die wichtigen Ausfuhrhaſen Mania, Bahia de
Caragues und Esmeraldas ſind augenblicklich für den
Handel geſperrt. Die Lage wird als ernſt be=
zeichnet
. Zum Schutze der fremden Intereſſen, beſon=
ders
des ſtark beteiligten deutſchen Handels, iſt die
Anweſenheit fremder Kriegsſchiffe dringend erwünſcht.
Im Innern ſoll noch General Julio Anrade gegen die
Regierungstruppen im Kampfe ſtehen, doch fehlt eine Be=
ſtätigung
der Nachricht, da ſämtliche Inlandsverbindun=
gen
unterbrochen ſind. Die Kabelverbindungen nach den
Häfen ſind vorläufig noch offen.
Buenos Aires, 8. Jan. Der Ausſtand der
Lokomotivführer und Heizer hat begonnen. Der Verkehr
der Perſonenzüge iſt ſehr eingeſchränkt, der der Güter=
züge
faſt lahmgelegt.

Danzig, 6. Jan. Seit 24 Stunden ſchneit es
hier ununterbrochen. Die Schneemaſſen verurſachen
hier und in den Vororten, ſowie in ganz Oſt= und Weſt=
preußen
ſtarke Verkehrsſtörungen.
Berlin, 6. Jan. In der Thiergartenſtraße er=
folgte
heute nachmittag ein heftiger Zuſammen=
ſtoß
zwiſchen dem Automobil der Frau Bankier
Richter und einer Automobildroſchke. Die drei im Pri=
vatautomobil
befindlichen Perſonen wurden durch Glas=
ſplitter
im Geſicht und an den Händen verletzt. Beide
Automobile wurden ſtark beſchädigt.
* London, 6. Jan. Die Daily News veröffentlicht
eine lange Unterredung mit Lord Lonsdale, der
über den von den Zeitungen angekündigten Beſuch des
Kaiſers auf Schloß Lowther weiter nichts ſagen
wollte, als daß, falls es zu einem weiteren Kaiſerbeſuch
in England käme und der Gaſt den Wunſch ausſpräche, im
Gehege von Schloß Lowther zu jagen, er ſich ſehr freuen
würde. Es gezieme ſich nicht für ihn, den Kaiſer ein=
zuladen
, ſondern es ſtehe beim Kaiſer, ſich anzuſagen. Im
übrigen ſprach Lord Lonsdale aus perſönlicher Kenntnis
eindringlich von des Kaiſers friedlichen und für Eng=
land
ſehr freundlichen Geſinnungen und erklärte ihm, dem
Sprecher, ſei die von dem britiſchen Kabinett in der ma=
rokkaniſchen
Frage und beſonders hinſichtlich Agadirs
eingenommene Haltung ganz unverſtändlich geweſen. Das
Gerede des britiſchen Abgeordneten Hauptmann Faber
von einem drohenden deutſchen Ueberfall gegen England
erklärte Lord Lonsdale für reinen Unſinn, denn er
habe durch Marineoffiziere und von anderer Seite von
einer Abſprache über eine freundſchaftliche Begegnung
der engliſchen mit der deutſchen Flotte in den norwegi=
ſchen
Gewäſſern vernommen, bei der der Kaiſer zugegen
zu ſein beabſichtigt habe.

AufgenHaRf

gehen ist oft gleichbedeutend
mitsich erkälten. Darum pflegen
vorsorgliche Frauen besonders
bei rauhem Wetter in der Hand-
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neben Portemonnaie und
Schlüssel eine Schachtel Wybert-Tabletten mitzu-
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, die jede Heiserkeit im Entstehen bannen. Die
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Die Reichstagswahl am 12. Jan.
Die Fortſchrittliche Volkspartei
für den Wahlkreis Darmſtadt=Groß=Gerau
veranſtaltet
Mittwoch, 10. Jan., abends 8½ Uhr,
zwei Tage vor der Wahl
in der Turnhalle am Woogsplatz die letzte
liberale Kundgebun
für die Kandidatur Dr. Strecker.
Es werden ſprechen:
Redakteur Dr. Goldschmidt
aus Frankfurt a. M.,
Landtagsabgeordneter Henrich
aus Darmſtadt und
Oberlehrer Dr. R. Strecker
aus Bad=Nauheim,
der Kandidat der Fortſchrittl. Volkspartei.
Alle Wähler ſind eingeladen.
Freie Aussprache.
Der Wahlausschuss
für die Kandidatur Dr. Strecker.
Das Wahlbüro befindet ſich Bleichſtraße 24
(Fernſpr. 639). Jede gewünſchte Auskunft wird
gern erteilt.
(1213
Der heutigen Rummer unſeres Bates liegt
die Wahlrede des Reichstagskandidaten
der Fortſchrittlichen Volkspartei des Wahlkreiſes Darm=
ſtadt
-Groß=Gerau, Herrn Dr. Strecker, bei, auf die
hiermit hingewieſen wird.
(R1223

Todes-Anzeige.
Gott dem Allmächtigen hat es gefallen, unseren innigstgeliebten Sohn,
Bruder, Schwager und Onkel
Herrn Willi Grünig, Architekt
nach langem Leiden heute vormittag um 9½ Uhr im 24. Lebensjahre zu sich
zu rufen.
Im Namen der tieftrauernden Hinterbliebenen:
Philipp Grünig.
Darmstadt, Frankfurt a. M. u. Friedberg (Hessen), den 7. Januar 1912.
Die Beerdigung findet Dienstag, den 9. Januar, nachmittags ¾2 Uhr, vom Sterbehause Land-
wehrstrasse
7 aus, statt. Kondolenzbesuche dankend verbeten.
(1226

[ ][  ][ ]

Seite 8.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 8. Januar 1912,

Nummer 6.

Statt beſonderer Anzeige.
Tief betrübt machen wir die traurige Mit=
teilung
, daß unſer lieber, guter, treubeſorgter
Gatte und Vater
(1214
Herr Heinrich Dörmer
Lokomotivführer
geſtern nach kurzer Krankheit ſanft entſchlafen iſt.
Die tieſtrauernden Hinterbliebenen.
Bockenheim, Darmſtadt, Friedberg, 6. Jan. 1912.
Die Beerdigung findet Montag, den 8. Januar,
nachmittags 3½ Uhr, auf dem Beſſunger Fried=
hof
auf Wunſch des Verſtorbenen in aller
Stille ſtatt.

Statt beſonderer Anzeige.
Unſere liebe Mutter, Schwiegermutter,
Großmutter, Schweſter, Schwägerin u. Tante
Antonie Köhler
wurde heute abend von ihrem Leiden erlöſt.
Darmſtadt, Nürnberg, Kalk, 6. Januar 1912.
Im Namen der Hinterbliebenen:
W. Mahr, Zimmermeister.
Die Beerdigung findet ſtatt: Dienstag, den
9. Januar, nachmittags 2½ Uhr, von der
Friedhofskapelle aus.
(1227

Todes-Anzeige.
Heute entſchlief unſer lieber guter Vater,
Schwiegervater, Urgroßvater, Großvater, Bru=
der
, Schwager und Onkel
(1176
Herr
Jean Rühl
Privatier
nach kurzem, ſchwerem Leiden.
Um ſtille Teilnahme bitten
die trauernden Hinterbliebenen:
Georg Rühl, Hofspengler
u. Familie,
Edward Ruehl u. Familie.
Darmſtadt, New=York, den 5. Jan. 1912.
Die Beerdigung findet am Montag nachmittag
½3 Uhr, vom Portale des Friedhofes aus, ſtatt.

Banklagung.
Für die uns bewieſene herzliche Teilnahme bei
dem Hinſcheiden unſeres teuer Entſchlafenen
Herrn Philipp Vogel
ſagen innigen Dank
(1218
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen:
Marie Vogel, geb. Einsiedel.
Darmſtadt, den 6. Januar 1912.

Bankſagung.
Für die herzliche Teilnahme bei der langen
Krankheit und dem Hinſcheiden unſerer unvergeß=
lichen
Mutter
(*509
Frau Wwe. Sophie Puder
beſonders für die troſtreichen Worte des Herrn?
Pfarrers Behringer, ſagen wir hiermit unſeren
innigſten Tank.
Die trauernden Hinterbliebenen.

Darmſtadt, den 8. Januar 1912.

Tageskalender.

Konzert der Großh, Hofmuſik um 7 Uhr im Hof=
theater
(Hauptprobe vormittags 10 Uhr).
Konzert um 3 und 8 Uhr im Hotel Heß.
1. Darmſtädt er Kinematograph (Ecke Rhein= und
Grafenſtraße): Vorſtellungen von 3½11 Uhr.
Vorſtellungen im Reſidenztheater von 411 Uhr.

Verſteigerungskalender.
Dienstag, 9. Januar.

Mobiliar= ꝛc. Verſteigerung um 1 Uhr zu Traiſa
(Zuſammenkunft in der ehemaligen Riedmatterſchen
Penſion).
Faſelochs=Verſteigerung um 11 Uhr auf der
Bürgermeiſterei zu Hahn bei Pfungſtadt.
Brennholz=Verſteigerung um 9 Uhr in der
Gaydoulſchen Gaſtwirtſchaft zu Rohrbach.

Großh. Porzellanfammlung im Prinz=Georgs=
Palais (Schloßgartenplatz). Geöffnet Dienstags und
Freitags von 34 Uhr, Sonntags von 111 Uhr.
Eintritt 50 Pfg.
Verkehrs=Verein: öffentliches Verkehrsbureau
Ernſt Ludwigsplatz (Zentrale der elektriſchen
Straßenbahn). Auskünfte jeder Art.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto 2aldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil: Hans Seitz, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſtriptewerden nicht
zurückgeſandt.

Univerſum=Anſichts=Kartenbriefe, Heſſen

mit eingeprägter 5 Pfg.=Marke.

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und nach der Bleichſtraße von
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Nummer 6.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 8. Januar 1912.

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[ ][  ][ ]

Nummer 6.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 8. Januar 1912.

Seite 11.

Amtliche Nachrichten des Grofh. Polizeiamts Darmſtadt.

Polizeilich eingefangene und zugelaufene Hunde. In polizei=
licher
Verwahrung und Pflege in der Hofreite Beſſungerſtr. Nr. 56 be=
finden
ſich: 2 Pinſcher. 3 Pinſcher (zugelaufen). Die Hunde können
von den Eigentümern bei dem 5. Polizei=Revier ausgelöſt werden.
Die Verſteigerung der nicht ausgelöſten Hunde findet dortſelbſt jeden
Werktag, vorm. um 10 Uhr, ſtatt.
(1153

Zwungsverſteigerung.

Die nachſtehend bezeichneten Grundſtücke, die zur Zeit der Ein=
tragung
des Verſteigerungsvermerks auf den Namen der Sinn, Jo=
hanna
in Darmſtadt, im Grundbuch eingetragen waren, ſollen
Donnerstag, den 29. Februar 1912,
nachmittags 455 Uhr,
durch das unterzeichnete Gericht auf dem Rathaus zu Traiſa ver=
ſteigert
werden.
Die Verſteigerung erfolgt im Wege der Zwangsvollſtreckung.
Der Verſteigerungsvermerk iſt am 8. November 1911 in das
Grundbuch eingetragen worden.
Inſoweit Rechte zur Zeit der Eintragung des Verſteigerungs=
vermerks
aus dem Grundbuche nicht erſichtlich waren, ſind ſie ſpäte=
ſtens
im Verſteigerungstermin vor der Aufforderung zur Abgabe von
Geboten bei dem unterzeichneten Gericht anzumelden und, wenn der
Gläubiger widerſpricht, glaubhaft zu machen, widrigenfalls ſie bei der
Feſtſtellung des geringſten Gebots nicht berückſichtigt und bei der
Verteilung des Verſteigerungserlöſes dem Anſpruche des Gläubigers
und den übrigen Rechten nachgeſetzt werden.
Diejenigen, welche ein der Verſteigerung entgegenſtehendes
Recht haben, werden aufgefordert, vor der Erteilung des Zuſchlags
die Aufhebung oder einſtweilige Einſtellung des Verfahrens herbei=
zuführen
, widrigenfalls für das Recht der Verſteigerungserlös an die
Stelle des verſteigerten Gegenſtandes tritt.
Darmſtadt, den 29. Dezember 1911.
(1189a
Großh. Amtsgericht Darmſtadt II.

Bezeichnung der Grundſtücke.
Grundbuch für Traiſa, Band 3 Blatt 269:

Ord.=
Betrag der
Flur Nr. Kulturart Gewann qm Schätzung
im Dorf
230 Garten
306 650 Mk.
231 Grabgarten
350 800 Mk.
232 Hofreite
575 41500 Mk.
,
233 Garten
1025 2050 Mk.
258 Wieſe Kappeswieſe 675 275 Mk.
259 Wieſe.
488 200 Mk.
Acker
im Weingarten 963 388 Mk.
88 Acker
975 387 Mk.

Ueberſicht

der Durchſchnittspreiſe von folgen=
den
Früchten und Verbrauchsgegen=
ſtänden
in der Zeit
vom 16. bis 31. Dezember 1911:
per Sack à 100 Ko.
Weizen von Mk. 22. bis 26.50
Korn
17.25 19.50
Gerſte
16.75 22.-
Hafer
19.75 20.
Butter ½ Kilo Mk. 1.60
Butter in Partien Mk. 1.50
Eier per Stück 10 Pfg.
Eier in Partien per 25 Stück
Mk. 2.25
Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 12.
Kartoffeln per 25 Kilo Mk. 3.50
Kornſtroh per 50 Kilo Mk. 4,50
Heu per 50 Kilo Mk. 5.50
Darmſtadt, 6. Januar 1912.
Großh. Polizeiamt Darmſtadt.

Oellieferung
für die ſtädtiſchen Betriebe.
Die Lieferung des bei
dem Elektrizitätswerk,
Gaswerk,
Waſſerwerk,
Schlachthof,
Schwimmbad und
der elektriſchen Straßenbahn
im Verwaltungsjahr 1912 (1. April
1912 bis Ende März 1913) be=
nötigten

Dampfzylinder=u. Maſchinenöls
ſoll vergeben werden.
Die Lieferungsbedingungen lie=
gen
auf dem Stadthaus, Zimmer
Nr. 39, zur Einſicht offen und
können daſelbſt auf Wunſch gegen
Zahlung von 50 Pfg. abgegeben
(1188oo
werden.
Verſendung der Bedingungen
nach auswärts findet nicht ſtatt.
Angebote ſind bis zum
29. Januar I. Js.
vormittags 10 Uhr,
einzureichen.
Darmſtadt, 3. Januar 1912.
Großh. Bürgermeiſterei Darmſtadt.
I. V.: Ekert.

Garde=Dragoner=
Regiment
(1. Großh. Heſſ.) Nr. 23.
J.=Nr. 32.
Der Dragoner Richard Oskar
Eduard Scholz der 4. Eskadron
Garde=Dragoner=Regiments Nr. 23,
welcher ſich am 31. Dezember 1911
ohne Urlaub aus der Garniſon
entfernte, iſt zu ſeinem Truppen=
(1155
teil zurückgekehrt.
Die gegen denſelben erlaſſenen
Steckbriefe, bezw. die angeſtellten
Recherchen werden zurückgenom=
men
.
Darmſtadt, 5. Januar 1912.
(gez.) von der Schulenburg.
Oberſt
und Regiments=Kommandeur.

Bekanntmachung.
(Stadtwald.)
Die Nutz= und Brennholz= Ver=
ſteigerung
Nr. 4 vom 5. ds. Mts.
iſt genehmigt. Die Ueberweiſung
des Holzes iſt auf Samstag, den
13. Januar, vormittags 8 Uhr,
(1154
feſtgeſetzt.
Darmſtadt, 6. Januar 1912.
Großh. Oberförſterei Darmſtadt.
Kullmann.

Bekanntmachung.
(Stadtwald.)

Wegen Vornahme von Kanal=
arbeiten
am Oberwaldhaus durch
das ſtädtiſche Tiefbauamt wird
die Oppermannswieſenſchneiſe zwi=
ſchen
Dieburger Straße und Gar=
tenſchneiſe
für die Zeit vom 4. bis
14. Januar 1912 geſperrt. (663do
Darmſtadt, 30. Dezember 1911.
Großh. Oberförſterei Darmſtadt.
Kullmann.

Bekanntmachung.

In unſer Handels=Regiſter A.
wurde heute eingetragen:
Die Firma Georg Hein in Roß=
dorf
hat ihren Sitz nach Darm=
ſtadt
verlegt.
(1186
Darmſtadt, 4. Januar 1912.
Großherzogliches Amtsgericht II.

Wleichſtr. 27, Laden, ſelbſtgel.
Gelee, Marmelade u. Latw. (1178a

Mittagstiſch
für jüngeren Herrn, dem be=
ſondere
, jedoch leicht durch=
führbare
Koſt verordnet iſt,
gegen entſprechende Vergüt=
ung
geſucht Gefl. Offert. u.
W9 durch die Expedition

erbeten.

(1117so
9

ühneraugen
und Nageloperationen
werden ſorgfält. ausgeführt
Fr. Hartmann, appr. Heilgeh.
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Nächſt Gott danke ich Ihnen für
die gute Nino=Salbe, die ſich an meinen
Händen, ſeit 4 Jahren naſſe, freſſende
Flechte, gut bewährt hat.
Indem ich Ihnen nochmals meinen
herzlichſten Dank entgegenbringe, be=
grüße
ich Sie
hochachtungsvonl
Wwe. H.
Bismark, 1./11. 1905,
Dieſe Rino=Salbe wird mit Erfolg
gegen Beinleiden Flechten und Haut=
ſelden
angewandt, iſt in Doſen à
Mk. 1.15 und Mk. 2.25 in den Apotheken
vorrätig; aber nur echt in Original=
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Schubert & Co., Weinböhla=Dresden.
Fälſchungen weiſe man zurück.

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kommend, 4. Januar Beachy
Head paſſiert.
Dampfer Hamburg 4. Januar
11 Uhr morgens von New=York
über Gibraltar, Algier und Nea=
pel
nach Genua.
Dampfer Pretoria nach New=
York, 4. Januar 11 Uhr 35 Min.
morgens Cuxhaven paſſiert.
Dampfer Steiermark nach Phila=
delphia
, 3. Januar 9 Uhr 30 Min.
morgens in Baltimore.

An meine früheren Wähler im Wahl=
kreis
Darmſtadt-Groß=Gerau!
Die Umſtände haben es mit ſich gebracht, daß ich im diesmaligen
Reichstagswahlkampf die Poſition meiner Partei in einem anderen
Wahlkreis zu verteidigen habe. In Darmſtadt-Groß=Gerau iſt mein
Parteifreund, Herr Dr. Strecker, an meine Stelle getreten. Auf ihn
bitte ich meine früheren Wähler das Vertrauen zu übertragen, das ſie
bei früheren Wahlen mir bewieſen haben.
Herr Dr. Strecker ſteht, wie er durch Wort und Schrift der
Oeffentlichkeit ſchon zur Genüge bewieſen hat, politiſch auf dem gleichen
Boden wie ich. Gegenüber der rückſichtsloſen Verfechtung einſeitiger
Klaſſenintereſſen, wie ſie der Bund der Landwirte einerſeits, die
Sozialdemokratie andererſeits betreibt, vertritt er den Standpunkt
eines vernünftigen Ausgleichs und vergißt nicht, daß die Hebung
aller Berufsſchichten unſeres Volkes in letzter Linie doch auch immer
abhängig bleibt von einer ſtarken und geſunden Entwicklung des ge=
ſamten
Vaterlandes.
Wenn es bei der Wahl am 12. Januar gilt, gegen die volks=
feindliche
und ſtaatsgefährliche Politik des ſchwarz=blauen Blocks nicht
nur mit lauten Worten zu proteſtieren, ſondern ſie auch durch eine
dauernde, beſſere politiſche Arbeit zu erſetzen, ſo wird mein Partei=
freund
Herr Dr. Strecker unter den Kandidaten des Wahlkreiſes
Darmſtadt-Groß=Gerau dafür die beſte Gewähr bieten.
Indem ich meinen früheren Wählern für das mir geſchenkte
Vertrauen nochmals danke, fordere ich ſie auf, dies Vertrauen am
12. Januar abermals dadurch zu beweiſen, daß ſie einmütig
ihre Stimme für Herrn Dr. Strecker abgeben. (1206
Pfarrer Adolf Korell=Königſtädten.

Herr Dr. Strecker hat an die Ortsgruppe des
Hanſabundes zu Darmſtadt folgendes Schreiben ge=
richtet
:
Ich beſtätige dankend den Empfang Ihres
Schreibens vom 4. Januar 1912.
In meiner doppelten Eigenſchaft als Mitglied des
Hanſabundes und als Kandidat für den hieſigen Wahl=
kreis
habe ich ein dringendes Intereſſe an der Klärung
der politiſchen Verhältniſſe in dieſem Wahlkreis. Deshalb
geſtatte ich mir in Anknüpfung an den Inhalt Ihres ge=
ſchätzten
Schreibens die folgenden zwei höflichen Anfragen:
1. Wie kann ſich mein Gegenkandidat, Herr Dr. Oſann,
verpflichten, nach dem Wortlaut Ihres Schreibens
vom 22. Dezember die einſeitigen Beſtrebungen
des Bundes der Landwirte im Sinne des Hanſa=
bundes
zu bekämpfen, wenn er in engſter Ver=
bindung
mit dieſem ſelben Bunde der Landwirte
im Wahlkampf erſcheint?
2. Wie iſt die angeblich entſprechende mündliche
Erklärung die nach Ihrem heutigen Schreiben
Herr Dr. Oſann Ihnen abgegeben hat, vereinbar
mit der entgegengeſetzten Erklärung, die er in ſeiner
Rede am 2. Januar vor der Oeffentlichkeit abgab,
in der er wörtlich ſagte: So habe ich mich auch
nicht auf die Forderungen des Hanſabundes ver=
pflichten
können? Dieſe letztere Erklärung hat er in
einer Verſammlung in Griesheim noch am 4. Januar
wiederholt, alſo ſogar einen Tag nach Ihrer Be=
ſchlußfäſſung
, die ſich auf ſeine mündliche Erklärung
ſtützt.
Ich werde dieſe beiden Fragen gleichzeitig der
Oeffentlichkeit unterbreiten, von der Anſchauung aus=
gehend
, daß die Wähler des hieſigen Wahlkreiſes Anſpruch
darauf haben, in unzweideutiger Weiſe über die Stel=
lung
ihrer Kandidaten unterrichtet zu werden.
Ihrer baldgefälligen geſchätzten Antwort entgegen=
zeichne
hochachtend Dr. R. Strecker.
ſehend

(1225

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[ ][  ][ ]

Seite 12.

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 8. Jauuar 1912.

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Gräfin Laßbergs Enkelin.
Roman von Fr. Lehne.
(Nachdruck verboten.)
18)

Auf Yvonnes ſtrahlende Freude war ein tiefer Schatten
gefallen. Wie ſehnte ſie inbrünſtig das Ende ihres Auf=
enthaltes
auf Burgau herbei! Und noch immer keine Aus=
ſicht
!
Sie ſeufzte tief auf. Was ſollte werden?
Als er ihr bekümmertes Geſichtchen ſah, nahm er ſie
tröſtend in die Arme. Gräme dich nicht, Liebſtes! Nur eine
kurze Weile noch!
Er hatte nicht den Mut gehabt, ihr zu ſagen, was die
Großmutter ihm nahegelegt, was ſie von ihm hoffte.
Ihm ſelbſt war es ja noch vollkommen ſchleierhaft, wie
die Angelegenheit enden würde.
*
Heftig ſtürmte Herta in das Zimmer, in dem ihre Mut=
ter
Mittagsruhe hielt, ohne Rückſicht darauf, ſie im Schlafe
zu ſtören. Sie hielt einen geöffneten Brief in der Hand.
Die Baronin wachte auf. Unwillkürlich rief ſie:
Mein Gott, Herta, wie ungeſtüm! Du weiſt doch, daß
ich ſchlafe?
Ach Gott, Mama, hier lies, dann wird dir der Schlaf
vergehen! Zu dumm, daß Lutz und Dagobert ſchon fort ſind!
Na, gegen abend treffen wir ſie ja doch in Burgau. Das
kann lieblich werden! ſprudelte ſie aufgeregt hervor und be=
pbachtete
dabei die Mutter, die den Brief las und noch ein=
mal
las, dann den Kopf wie nicht begreifend ſchüttelte.
Da ſiehſt du, das iſt dein Lutz, dein Liebling! bemerkte
ſie hämiſch.
Im Gegenſatz zu ihrem ſonſtigen Phlegma ſprang

die Baronin haſtig von der Chaiſelongue auf, die Müdig=
keit
ganz vergeſſend.
Lutz iſt wohl verrückt geworden! Was hat er ſich denn
gedacht? Mein Gott!
Und die tugendhafte Yvonne, die doch ſonſt tut, als ob
ſie kein Wäſſerchen trüben könnte! kicherte Herta boshaft.
Und dabei techtelmechtelt ſie mit meiner brüderlichen Liebe.
Unerhört! ſtieß die Baronin hervor. Und daß gerade
Daiſy die beiden ſehen mußte! Nun hat ſich der Junge durch
ſeine Liebelei die glänzende Partie verſcherzt, nun werden
die Hammerſteins wohl ganz fertig mit uns ſein. Erſt
Yvonne und jetzt Lutz. Es iſt wie ein Verhängnis.
Ja, geärgert hat ſich Daiſy doch mächtig. In einer
Hinſicht kann es der arroganten Perſon gar nicht ſchaden.
Sie bildet ſich ſo ſchon ein, daß ſich alle für ſie allein nur
intereſſieren. In Lutz war ſie mächtig verliebt und hat
mich nach ihm ausgefragt und ausgequetſcht wie eine Zi=
trone
und wie herablaſſend ſie ſchreibt:
Ich bedaure, meine Zuſage zu dem Abendeſſen über=
morgen
bei Euch zurückziehen zu müſſen, da ich ſchon mor=
gen
nach Scheveningen abreiſen werde. Wie lange ich dort
bleiben werde, weiß ich noch nicht; deshalb will ich ſchon
im voraus zur Verlobung deines Bruders mit ſeiner
Kouſine Yvonne Laßberg gratulieren. Ich ſah das junge
Paar geſtern; in ihrem Glück haben mich beide aber nicht
bemerkt, ſonſt hätte ich Deinem Herrn Bruder ſchon per=
ſönlich
meine Glückwünſche dargebracht. Ich begreife nur
eins nicht daß Deine Großmama, Frau Gräfin Laß=
berg
, uns nichts mitgeteilt hatte, als es darauf ankam,
daß ihre Enkelin ſchon anders über ſich verfügt hatte!
Mit einer Empfehlung an Frau Baronin
Daiſy von Hammerſtein.

Da haben wir die Beſcherung! Was nun? Daiſy iſt
wütend! Du haſt doch auch geſehen, welche Avancen ſie
Lutz an ihrem Geburtstage gemacht hatte. Es war ordent=
lich
auffallend, wie ſie ihn anſchmachtete und jetzt dieſe
Enttäuſchung! Was wird Großmama ſagen!
Die Baronin ſtöhnte auf.
O Gott, wäre nur erſt das vorüber! Laß uns jetzt
anſpannen. Wir wollen gleich fahren; ich hab keine Ruhe
mehr. Dieſes ſchamloſe Geſchöpf, das meinen Sohn ver=
führt
hat, ſoll es büßen!
Herta pruſtete vor Lachen.
Mama, Mama, du biſt köſtlich! Bedaure nur deinen
armen Sohn nicht zu ſehr! Er wird halt gefunden haben,
daß Yvonne doch hübſcher als Daiſy iſt, meinte ſie in
einer ſeltenen Anwandlung von Gerechtigkeit. Ich kenne
mein Brüderlein; jeder hübſchen Schürze läuft er nach!
Herta, ſei nicht ſo ungewöhnlich in deinen Ausdrücken!
tadelte die Baronin. Unerhört, unerhört! Dieſer Affront
für Hammerſteins!
Der nur in deiner Einbildung beſteht, Mama. Lutz
hat Daiſy nicht die geringſten Hoffnungen gemacht. Mit
dieſem Brief hier hat ſie ſich ſelbſt blamiert. Wenn ſie
ihn nicht in ihrer erſten Wut geſchrieben und abgeſchickt
hätte jetzt würde ſie es nimmer tun.
Ganz erhitzt und rot vor Aufregung kam die Baro=
nin
auf Burgau an. Nicht eine halbe Stunde war ver=
gangen
, und die Gräfin war von allem unterrichtet. Der
Brief hatte faſt niederſchmetternd auf ſie gewirkt. Dieſer
perfide Zweifel, den Daiſy in ihrem letzten Satz ausge=
drückt
, hatte ſie in eine ſeltene Erregung verſetzt. Rote

[ ][  ][ ]

Nummer 6e

Darmſtädter Tagblatt, Montag, den 8. Januar 1912.

Seite 13.

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Flecken brannten auf ihren Wangen, und unheimlich
glühten die dunklen Augen. Yvonne mußte kommen.
Sie ſah ſofort, daß ſich etwas Außergewöhnliches er=
eignet
hatte; eine dumpfe Angſt kroch lähmend über ſie
hin. Die Großmutter reichte ihr den Brief.
Gib mir eine Erklärung zu dieſem Schreiben! ſagte
ſie heiſer.
Sie las und atmetete dann tief auf. Jetzt mußte ſie
ſprechen. Nach dieſem konnte Lutz nicht länger Schwei=
gen
verlangen, ohne ſie in eine ſchiefe Lage zu bringen.
Fräulein von Hammerſtein hat recht, entgegnete ſie
beshalb ruhig. Ich bin Lutz’ Braut.
Ih, das lügſt du, das bildeſt du dir nur ein! fuhr
die Baronin auf.
Mit einem verächtlichen Blick ſtreifte Yvonne die
naßloſe Frau.
Ich lüge nicht. Frage Lutz!
Alſo du betrachteſt dich als Lutz Braut, glaubſt we=
nigſtens
, das Recht dazu zu haben? fragte die Gräfin mit
unheimlicher Gelaſſenheit.
Ja, das habe ich.
Seit wann?
Das junge Mädchen zögerte einen Augenblick mit der
Antwort.
Ah, ſie wird es ſich jedenfalls überlegen müſſen, ob
und wann Lutz ihr je zu ſolcher Annahme Veranlaſſung
gegeben, wenn er ſich in verwandtſchaftlicher Weiſe mit ihr
geneckt hat, meinte Frau Aline höhniſch. Sie wußte doch
ganz genau, welche Pläne wir mit Lutz hatten.

Mit denen er aber durchaus nicht einverſtanden war,
wie er mir mehr als einmal verſichert hat.
Willſt du mir meine Frage nicht beantworten? fragte
die Gräfin ſcharf. Seit wann biſt du Lutz’ Braut?
Seit vorigem Jahr!
Ah, der Knabe! Wagt er, mich ſo zu täuſchen und zu
hintergehen? murmelte die Gräfin. Das ſoll er mir
büßen! Und mich dieſer Blamage auszuſetzen! Und du
Yvonne, du hat wohl kein Gefühl der Scham, mit deinem
Vetter hinter meinem Rücken ein Liebesverhältnis ein=
zugehen
!
Großmama, längſt hätte ich Lutz gebeten, dir zu ſagen,
daß wir uns heiraten wollten. Doch er ſprach von
Schwierigkeiten, die noch zu überwinden ſeien; deshalb
gab ich nach und ſagte nichts, auch damals nicht, weil ich
Lutz mein Wort gegeben hatte, zu ſchweigen.
Mit einem eigentümlichen Blick ſah Frau von Laß=
berg
auf die Enkelin, deren Worte ihr einen durchaus
glaubwürdigen Eindruck machten. Yvonne war welt=
unerfahren
, und man tat nicht unrecht, Lutz den größten
Teil der Schuld beizumeſſen. Und war es ihm wirklich
ernſt? Hatte er nicht erſt vor wenigen Tagen erklärt, er
fühle ſich nach keiner Seite hin gebunden? Entweder
hatte er ſie oder Yvonne belogen.
Lutz hatte recht, wenn er von Schwierigkeiten ſprach.
Sie ſind nicht zu überwinden. Ich gebe niemals meine
Zuſtimmung zu einer Verbindung zwiſchen euch.
Ich auch nicht! bekräftigte die Baronin mit einem haß=
erfüllten
Blick auf die Nichte.
Warum nicht? Warum wollt ihr zwei Herzen trennen,

die ſich lieben? Und Lutz liebt mich! Bin ich ihm nicht eben=
bürtig
? Ich bin wie Herta Großmamas Enkelin und ich
trage ſogar ihren Namen.
Du biſt aber auch die Enkelin irgend eines Monſier
Legéne, ein Fräulein Habenichts! höhnte die Baronin,
Meinem Sohn iſt eine andere beſtimmt.
Ich laſſe nicht von Lutz, und er läßt nicht von mir,
das weiß ich! Alles wollt ihr mir nehmen, alles, was mein
Glück ausmacht, ſetzte ſie leiſer hinzu.
Heute habe ich dir nichts weiter zu ſagen. Yvonne. Was
ich wiſſen wollte, hab’ ich erfahren.
Damit war Yvonne entlaſſen.
Sie wollte auf Lutz warten, aus deſſen Munde ihr
Schickſal hören. Er würde ſich doch zu ihr bekennen und zu
ihr halten. Ein Zweifel daran wäre Verſündigung an ihm
geweſen. Mit aller Gewalt klammerte ſie ſich an den Ge=
danken
; aber das Herz wurde ihr immer ſchwerer. Sie
verging faſt vor Ungeduld.
Endlich kam er mit dem Freunde. Sie hörte ſein ſorg=
loſes
Lachen, Dagoberts ruhige Stimme.
Vorſichtig lauſchte ſie zur Tür hinaus. Lutz mußte bei
der Großmutter bleiben. Herta ging mit dem jungen
Lichtenfels nach dem Garten. In unerträglicher Stimmung
hob Yvonne die Arme hoch. Jetzt fiel die Entſcheidunge
Wie lange er blieb!
Sie konnte es auf ihrem Zimmer nicht mehr ertragen.
Vorſichtig ſchlich ſie die Treppe hinunter. Jetzt mußte er
doch bald kommen. Und im Garten, an beider Lieblings=
platz
, wollte ſie ihn erwarten. Sie verſteckte ſich im Gebüſch.
Nicht lange, und ſie hörte nahende Schritte. Es waren
Herta, Dagobert und Lutz, die da kamen.
(Fortſetzung folgt.)

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verbunden mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage:
turen Beſtell. entgegen zu 60 Pfg. monatl.
ſowie von unſeren Agenturen und
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den Annoncen=Expeditionen. Bei
für Aufnahme von Anzeigen an vorge=
gerichtlicher
Beitreibung oder bei Konkurs
ſchriebenen Tagenwirdnichtübernommen.
Illuſtriertes Unterhaltungsblatt.
kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.
Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.
Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

Die heutige Nummer hat 16 Seiten.

Das Neueſte vom Tage.

Im Leipziger Aſyl für Obdachloſe haben ſich
eine Anzahl von Vergiftungen durch Methylalko=
hol
ereignet; eine Perſon iſt geſtorben.

Der italieniſche Finanzminiſter veröffent=
licht
Mitteilungen über den Staatshaushalt und die
Lage des Schatzes.

Der König von England wird bei ſeiner Rück=
kehr
aus Indien von einer Panzerdiviſion des franzö=
ſiſchen
Mittelmeer=Geſchwaders begrüßt werden.

Der franzöſiſche Miniſterpräſident Cail=
laur
entwickelte in einer Bankettrede ſein neues Pro=
gramm
.

Die hundert Senatswahlen in Frankreich
am Sonntag, durch die eine Drittel=Erneuerung des
Senats erfolgt, haben keine weſentliche Veränderung in
der Zuſammenſetzung ergeben.

Lord Lonsdale, der Freund Kaiſer Wilhelms
und Deutſchlands.

Der eben aus Berlin zurückgekehrte Lord Lonsdale
hat, wie ſchon mitgeteilt, auf ſeinem Landſitz einen Ver=
treter
der Daily News empfangen und ſich zu ihm aus=
führlich
über Kaiſer Wilhelm geäußert. Zu dem Gerücht,
daß der Kaiſer in dieſem Jahre wieder auf ſeinem Schloß
Pearith weilen werde, meint er, daß er ſelbſtverſtändlich
den Kaiſer nicht einladen könne, daß er ihm ſein Haus
aber ſtets mit Freuden zur Verfügung ſtellen würde, falls
der Kaiſer den Wunſch, ihn zu beſuchen, äußern würde.
Lonsdale rühmte dann die Friedensliebe des
Kaiſers.
Er ſagte: Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, nie=
mals
etwas zu wiederholen, was der Kaiſer mir geſagt
hat. Hätte ich aber ſeine Erlaubnis, ſo könnte ich Tat=
ſachen
erzählen, die die Engländer mit Erſtaunen
erfüllen würden, Tatſachen über die große Freund=
ſchaft
, die Kaiſer Wilhelm für Großbritannien hegt. Ich
bin überzeugt, daß der Kaiſer die Haltung unſerer Regie=
rung
nicht verſteht. In bezug auf die Kriegsfurcht ver=
ſtehe
dich ſie ſelbſt nicht. Ich befand mich an der Grenze
Deutſchlands, als der Panther in Agadir anlangte. Ich
kenne Watürlich viele einflußreiche Perſönlichkeiten in
Deutſchland, und ich darf ſagen, daß die Zeitungskom=
mentaxe
offenbar ſind die engliſchen gemeint nicht
von fhnen verſtanden wurden. Als ich Lloyd Geor=
ges
=Redelas ich geſtehe das als einer der vielen Eng=
länder
, die nicht an die deutſche Gefahr glauben da
kart mir die Ueberzeugung, daß dieſe Rede einen ver=
hängnisvollen
Einfluß auf die Maſſe der Deut=
ſchen
ausüben müſſe. Die oberen Klaſſen und die Poli=
tiker
freilich würden ſie eum grano salis aufnehmen.
Meine Erfahrung lehrt mich, daß in Deutſchland ein ge=
wiſſer
Brotneid herrſcht, wie er bei Nationen, die eifrige
Handelskonkurrenten ſind, nicht vermieden werden kann.
Aber ich weiß auch, daß das deutſche Volk, was immer
die Zeitungen ſagen mögen, England ſtets als einen
Freund erachtete . . . Aber jene Rede hat einen ſo un=
günſtigen
Eindruck auf die deutſchen Volksmaſſen gemacht,
daß es Jahre dauern dürfte, ehe er verwiſcht ſein wird.
Es iſt erſtaunlich, wie ſich die Beziehungen in den letzten
zehn Jahren geändert haben!
Wenn der Kaiſer nicht von vornherein entſchloſſen
geweſen wäre, den Krieg zu vermeiden, kein Kabinett
hätte ihn verhindern können; aber der Gedanke, daß der
Kaiſer je England oder ſeinen Handel angreifen werde.
iſt gänzlich grundlos. Der große Freund des Friedens,
der Mann, der behauptet, daß eine ſtarke und tüchtige Ar=
mee
die beſte Sicherheit für den Frieden bietet und die
beſte Vorbereitung für den Krieg iſt, iſt der Kaiſer. Nie=
mand
, der ihn beſſer kennt, kann überſehen, daß ihm der
Krieg als ein Unheil gilt, ſo lange er nicht durch die
Intereſſen ſeines eigenen Landes erzwungen wird. Aber
er würde alles andere eher tun, als einen Krieg provo=
zieren
. Es gibt keinen größeren Soldaten, es gibt keinen
größeren Geiſt! Und es gibt keinen großen Soldaten oder
Seemann, keinen großen Geiſt in unſeren Tagen, der die
ungeheure Verantwortlichkeit für einen Krieg unter den
gegenwärtigen Verhältniſſen auf ſich nehmen möchte. Das
gilt ganz beſonders für den deutſchen Kaiſer, in deſſen
Reich alle die neueſten, Menſchenleben zerſtörenden In=
ſtrumente
den höchſten Grad der Vollkommenheit erreicht
haben.
Der Ausfrager erwähnte ſodann Kapitän Fabers
Rede, und Lord Lonsdale meinte, die darin enthaltenen
Andeutungen ſeien abſurd. Ich fordere den größten
lebenden Staatsmann heraus, mir das Gegenteil zu be=
weiſen
, ſagte Lord Lonsdale, wenn ich ſagte, daß die
Deutſchen nie die geringſte Abſicht hatten, England anzu=

greifen. Das liegt nicht in ihrem Plan. Es war wahr=
lich
kein Kunſtſtück, der deutſchen Flotte nachzuſpüren;
denn es war um jene Zeit verabredet, daß die
britiſche Flotte mit der deutſchen an der
norwegiſchen Küſte zuſammentreffen ſollte,
um Freundſchaft miteinander auszutauſchen, und ich
glaube, der Kaiſer ſelbſt hatte beabſichtigt, an dieſer
freundſchaftlichen Begegnung mit ſeiner Jacht teilzuneh=
men
. England mag überzeugt ſein, daß hinter der mili=
täriſchen
und entſchloſſenen Natur des Kaiſers ein über=
aus
gütiges Herz ſchlägt Er iſt der Onkel (ſoll wohl
Vetter heißen) unſeres Königs, und ſeine Erinnerungen
an England gehören zu ſeinen angenehmſten, und es iſt
wahrlich nicht der geringſte Grund vorhanden, an einen
deutſchen Angriff auf England zu glauben. Lord Lons=
dale
tadelte ſehr ſcharf die Aeußerungen engli=
ſcher
Miniſter, die patriotiſche Gefühle erwecken
ſollten. Wenn irgendetwas geſchehen könnte, um dieſe
abſurde und lächerliche Idee eines deutſchen Ueberfalles
auf England auf ihr Nichts zurückzuführen, ſo wäre damit
beiden Nationen der größte Dienſt getan. Ein ſolcher
Krieg iſt unmöglich. Ich würde mein Leben dagegen wet=
ten
.
Als der Marineminiſter MeKenna ſeine Erklärun=
gen
über die Beſchleunigung der deutſchen Schiffsbauten
im Unterhauſe abgegeben habe, ſagte Lord Lonsdale
weiter, ſei er genau unterrichtet geweſen, was in den
deutſchen Schiffsbauwerften vor ſich ging. Trotzdem ſeien
dieſe Erklärungen mehr kriegeriſch als korrekt geweſen.
Ich möchte Ihnen noch manches ſagen, aber wenn man
Gaſtfreundſchaft genoſſen hat, fuhr Lord Lonsdale fort.
ſo legt das Schweigen auf. Aber ich kann ſagen, daß ich
in den vielen Jahren, in denen mich der Kaiſer ſeiner
Güte gewürdigt hat, niemals ein Wort aus ſeinem Munde
gehört habe, das nicht Sympathie für England bekun=
det
hätte, und ſoweit es ſich mit den deutſchen Intereſſen
verträgt, hat England keinen aufrichtigeren Freund als
den Deutſchen Kaiſer.
Die Aeußerungen Lord Lonsdales werden verſchieden
kommentiert, hie und da auch als Schmeicheleien gegen den
Deutſchen Kaiſer bezeichnet. Ob es auf die deutſch= engli=
ſchen
Beziehungen beſonders günſtig wirken wird, wenn
die Friedensliebe des Kaiſers ſo nachdrücklich unterſtrichen
wird, wie Lonsdale es tut, muß immerhin zweifelhaft er=
ſcheinen
. Dankenswert iſt, daß der Lord ſeinen Lands=
leuten
manche Lehre gibt.
*
N
Die Pariſer Preſſe beurteilt Lord Lonsdales
Interview wenig freundlich. Der Temps findet, daß
die Worte des Lords nicht dazu beitragen, die anti=
deutſche
Stimmung der engliſchen Bevölkerung zu ändern.
Für England ſei und bleibe der einzige Maßſtab der
engliſchen Steuerträgern ſo große Opfer auferlege.

Die italieniſchen Stgatsſinanzen.

Da die italieniſchen Kammern noch nicht verſam=
melt
ſind, veröffentlicht der Schatzminiſter Te=
desco
anſtelle des üblichen Finanzexpoſés Mitteilun=
gen
über den Staatshaushalt und die Lage des
Schatzes.
Seit dem Jahre 1898 wird die Entwickelung
der italieniſchen Staatsfinanzen charakteri=
ſiert
durch ein beträchtliches und ununterbrochenes An=
wachſen
der Einnahmen, eine raſche und anhal=
tende
Steigerung der Ausgaben und mehr oder weniger
große Ueberſchüſſe. Das definitive Budget für 1910/11
wies einen Ueberſchuß von 32,2 Millionen Lire auf, etwa
doppelt ſo viel als das vorangegangene ,das berichtigte
Budget für 1911/12 einen ſolchen von mehr als 59 Mil=
lionen
, von denen nach Abzug der unvorhergeſehenen
Ausgaben immer noch etwa 23,7 Millionen verbleiben.
Für das Rechnungsjahr 1912/13 iſt ein Ueberſchuß von
14,5 Millionen vorgeſehen, wobei alle Etats mit Aus=
nahme
des Schatzes Mehrausgaben aufweiſen. Am ſtärk=
ſten
iſt dieſe Steigerung zutage getreten beim öffentlichen
Unterrichtsweſen, den öffentlichen Arbeiten, dem Acker=
bau
, dem Poſt= und Telegraphenweſen.
Ueber die Kriegsaufwendungen bemerkt
der Miniſter: Zu den normalen Ausgaben treten gegen=
wärtig
die außerordentlichen für die Unternehmung
hinzu, die das Volk mit aufrichtigem Beifall und Kund=
gebungen
der Begeiſterung für die tapferen Matroſen,
und Soldaten und des Vertrauens in die Zukunft der
neuen italieniſchen Länder begrüßt hat. Indeſſen können
und ſollen, wie der Miniſterpräſident in völliger Ueber=
einſtimmung
mit dem ganzen Kabinett erklärt hat, die
Kriegsausgaben die Ausführung der auf die Entwicklung
des nationalen Lebens abzielenden Reformen weder un=
terbrechen
noch verlangſamen, und der Budgetvoranſchlag
enthält alle in Erwägung gezogenen Ausgabeſteigerun=
gen
, ſo 33 Millionen für den Volksſchulunterricht und

mehr als 9 Millionen für öffentliche Arbeiten, ohne daß
das Gleichgewicht des Budgets irgendwie gefährdet
würde. Zur Beſtreitung der Koſten des Krieges genügen
die Ueberſchüſſe der früheren Rechnungsjahre zuſammen
mit dem im laufenden Jahre vorgeſehenen Ueberſchuß,
ſowie ein Teil der ordentlichen Mittel der Schatzverwal=
tung
, die zurzeit in Höhe von nicht weniger als 500 Mil=
lionen
verfügbar ſind. Der Miniſter kommt ſodann auf
die befriedigende Lage der Börſen, der Emiſſionsbanken,
ſowie des Geldumlaufs zu ſprechen.
Die Lage der Staatskaſſe iſt trotz der ver=
ſchiedenen
Anforderungen, die der Schatz zu befriedigen
hatte, immer zut geblieben, und der Schatz verfügt noch
über etwa 225 Millionen Schatzanweiſungen und. 125
Millionen ſtatutenmäßige Vorſchüſſe der Emiſſionsban=
ken
, abgeſehen von den namhaften Summen, die bei der
Banca d’Italia für den Dienſt des Schatzes und in lau=
fender
Rechnung bei ausländiſchen Kreditinſtituten (in
Oeſterreich, Belgien, Frankreich, Deutſchland, England,
den Niederlanden und der Schweiz) deponiert ſind. Dieſe
Summen belaufen ſich auf mehr als 100 Millionen und
ſind ſeit dem 30. September, d. h. ſeit der Kriegserklä=
rung
, in bemerkenswerter Weiſe noch um einige Millio=
nen
erhöht worden.
Der Miniſter erörtert dann noch die ſehr befriedi=
gende
Lage der Depoſitenkaſſe und ſchließt: Die Italie=
ner
konnten das Gedächtnis ihrer nationalen
Wiedergeburt nicht würdiger feiern, als indem ſie
in raſcher Zuſammenfaſſung die Offenbarungen des erha=
benen
und vielgeſtaltigen Erneuerungswerkes ſammelten
und in die Erſcheinung treten ließen, das ſie unter
Kämpfen und Opfern, in Zeiten der Begeiſterung und
der Entmutigung während eines halben Jahrhunderts
vollendet hatten einer ſehr kurzen Spanne Zeit in der
Geſchichte der Völker. Aus den heiligen Mahnungen ſei=
ner
nationalen Wiedergeburt, aus der Erinnerung an
das in den letzten fünfzig Jahren vollbrachte Werk, aus
den mannhaften Beiſpielen der Gegenwart ſchöpft das
italieniſche Volk in dieſem von Erinnerungen wie von
Zukunſtsahnungen erfüllten Jahr, ein um ſo ſichereres
Bewußtſein ſeiner Leiſtungsfähigkeit, ein Gefühl umſo
größeren Selbſtvertrauens und, wie im Beſitze einer
neuen Kraft weiß es in unbeſiegbarem Geiſte und in
vermehrter Stärke auf den ſchwierigen Pfaden der Zivili=
ſation
weiterzuſchreiten.

Caillaux’ neues Programm.

* Miniſterpräſident Caillaux hielt als
Vorſitzender eines Banketts der Blauen aus der Norman=
die
, einer radikalen politiſchen Vereinigung, eine Rede,
in der er auf die von dem Parlament angenommenen
Geſetzentwürfe einging, insbeſondere auf die Annahme
des Budgets und des deutſch=franzöſiſchen Abkommens
deutſchen Politik das deutſche Flottenprogramm, das den durch die Kammer. Dank der Tätigkeit des Parlaments
ſei das Terrain gut geebnet. Während der Senat das
Budget und das deutſch=franzöſiſche Abkommen erledigte,
deſſen endgültige Annahme ſich nicht länger verzögern
dürfe, könne die Kammer die Wahlreform, die Geſetze
zur Verteidigung der Laienſchule und das Schiffbaupro=
gramm
, deſſen Annahme für die Sicherheit und Größe
Frankreichs notwendig ſei, beenden. Die Regierung
werde die Kammer zur Verwirklichung einer nationalen
Politik auffordern, um die Verteidigung und demzufolge
die Sicherheit des Landes in größerem Umfange ſicher
zu ſtellen, die Verwaltung zu feſtigen und auf der ſozia=
len
Stufenleiter von oben bis unten Ordnung und
Diſziplin durchzuführen. Das ſei das Werk, das man
verfolgen müſſe. Die Regierung werde ſuchen, damit das
Programm einer wirtſchaftlichen Verjüngungsaktion zu
verbinden. Sie werde ſich bemühen, die Erſparniſſe des
Landes auf die Ausdehnung der Häfen und der Schiff=
fahrtsſtraßen
, ſowie auf die Verbeſſerung des Eiſenbahn=
netzes
hinzulenken, denn wenn man ſich auch aus verſchie=
denen
praktiſchen Geſichtspunkten über die Geldanlagen
im Auslande frenen müßte, die Frankreich zum Kom=
manditär
des Fortſchritts in der Welt machten, dürfte
es doch angezeigt ſein, in gewiſſem Maße dem Mißver=
hältnis
entgegenzuwirken, das zwiſchen dieſen Anlagen
und der Verwendung der Kapitalien im Innern Platz
greifen könnte. Ohne daß man ſich gewaltſam der Aus=
dehnungsbewegung
, die in der Natur der Sache liege,
widerſetze, müßten doch die wertſchaffenden Kräfte des
Landes inniger zu ſeiner Entwickelung und ſeiner Wohl=
fahrt
zuſammenwirken. Der Miniſterpräſident ſchloß mit
einem Aufruf an die Eintracht und Diſziplin unter den
Republikanern.