Darmstädter Tagblatt 1910


30. August 1910

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monatl. 50 Pfg., viertelj. 1.50 Mk., aus=
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turen
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173. Jahrgang
verbunden mit Wohnungs=Anzeiger und der Sonntags=Beilage:
Illuſtriertes Unterhaltungsblatt.

Inſerate
werden angenommen in Darmſtadt,
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ſowie von unſeren Agenturen und
den Annoncen=Expeditionen. Bei
gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs
kommt jeder Annoncenrabatt in Wegfall.

Organ für die Bekanntmachungen des Großh. Polizeiamts Darmſtadt, der Großh. Bürgermeiſtereien des Kreiſes und der andern Behörden.

Das Amtsverkündigungsblatt des Großh. Kreisamts Darmſtadt wird Dienstags, Donnerstags und Samstags nach Bedarf beigefügt.

202.

Dienstag, den 30. Auguſt.

1910.

Die heutige Nummer hat 14 Seiten.

König von Gottes Gnaden.
Eine hiſtoriſche Reminiszenz.
* Kaiſer Wilhelm hat in Königsberg als König von
Preußen geſprochen und ſich in einem hiſtoriſchen Rückblick
auf Worte ſeines Großvaters berufen. König Wil=
helm
I. ſagte am 17. Oktober 1861 zu Königsberg:
Es war mir ein Bedürfnis, die Landesvertreter noch
vor meiner Krönung um mich zu verſammeln, und ich danke
Ihnen, daß Sie meinem Wunſche gefolgt ſind. Die Herr=
ſcher
Preußens empfangen ihre Krone von Gott. Ich
werde deshalb morgen die Krone vom Tiſche des Herrn
nehmen und auf mein Haupt ſetzen. Dies iſt die Bedeu=
tung
des Königtums von Gottes Gnaden, und darin liegt
die Heiligkeit der Krone, welche unantaſtbar iſt. Ich weiß,
daß Sie ſelbſt den Sinn des Aktes ſo verſtehen, zu deſſen
Zeugen ich Sie berufe. Die Krone iſt mit neuen In=
ſtitutionen
umgeben: Sie ſind nach denſelben berufen, der
Krone zu raten. Sie werden mir raten; auf Ihren Rat
werde ich hören.
Ferner ſagte König Wilhelm I. am 18. Oktober nach
der Krönung:
Von Gottes Gnaden tragen Preußens Könige ſeit
160 Jahren die Krone. Nachdem durch zeitgemäße Ein=
richtungen
der Thron umgeben worden iſt, beſteige ich als
erſter König denſelben. Aber eingedenk, daß die Krone
nur von Gott kommt, habe ich durch die Krönung an ge=
heiligter
Stätte bekundet, daß ich ſie in Demut aus Seinen
Händen empfangen habe.
Dieſe Reden erregten damals nicht geringeres Auf=
ſehen
als die jetzige Anſprache des Kaiſers. U. a. ſchrieb
die Kölniſche Zeitung dazu folgendes:
Die Worte, welche Se. Majeſtät der König vorgeſtern
in Königsberg an die auf königliche Einladung verſammel=
ten
Mitgzlieder beider Häuſer des Landtages gerichtet hat,
erregen großes Aufſehen in der Welt und werden vielfach
ſo gedeutet, als habe Se. Majeſtät ſagen wollen, er ſei
ein unumſchränkter König von Gottes Gnaden, und der
Landtag habe nur das Recht, ihm Rat zu erteilen. Wir
begegnen dieſer Auffaſſung nicht nur im Auslande (vergl.
London und Paris), ſondern auch im Inlande. Ein hie=
ſiges
Blatt geht ſo weit, zu ſchreiben: Wir müſſen den
Miniſtern ſagen, daß ſie den König nicht gut beraten ha=
ben
. Kein abſoluter König konnte anders ſprechen, als
Preußens konſtitutioneller König es in Königsberg getan
hat. Die Miniſter, ſo hoffen wir, werden genötigt ſein,
dem nächſten Landtag darüber Rede und Antwort zu
ſtehen. Der Wortlaut der königlichen Anrede liegt aber
nicht in beglaubigter Faſſung vor, und wenn wir zu einer
Auslegung der königlichen Worte auch nicht berufen ſind,
ſo müſſen wir doch ſagen, daß ſie den hineingelegten Sinn
unmöglich haben können. Nach der preußiſchen Verfaſſung
vom 31. Januar 1850 hat die Volksvertretung keineswegs
eine bloß beratende Stimme; der Landtag hat bei allen
Geſetzen mit zu beſchließen, und das Recht der Steuer=
bewilligung
gebührt ihm ſogar allein. In der Rede, welche
Se. Majeſtät der König am folgenden Tage nach der Krö=
nung
hielt, verwies er ausdrücklich auf den Weg beſchwo=
renen
Rechtes welcher kein anderer ſein kann als der
verfaſſungsmäßige.
Man wird vielleicht nicht fehl gehen, wenn man in
dieſen Vorgängen des Jahres 1861 die hiſtoriſchen Unter=
lagen
erkennt, auf denen die jetzigen Ausführungen des
Kaiſers fußen. Nur iſt der Unterſchied, daß König Wil=
helm
I. damals eine direkte Veranlaſſung hatte, ſeine
Auffaſſung von der Bedeutung des Königtums kund zu
geben, während ein ſolcher Grund für den Kaiſer bei der
Königsberger Rede nicht vorlag.

Die Arbeiterverſicherung in Enropa.
* Im Reichsarbeitsblatt bringt das Kaiſerliche Sta=
tiſtiſche
Amt eine Zuſammenſtellung über die Arbeiterver=
ſicherung
in Europa nach dem gegenwärtigen Stande der
Geſetzgebung. Die Erhebung erſtreckt ſich auf Angaben
über Umfang, Form, Leiſtungen, Streitverfahren in den
einzelnen Verſicherungen und gibt gleichzeitig für einige
Verſicherungen ſtatiſtiſche Daten, die einen Vergleich der
Unkoſten geſtatten, welche Gewerbe und Handel durch die
Sozialverſicherung in den einzelnen Staaten auferlegt wer=
den
. Aus der Ueberſicht geht hervor, daß nur der kleine
Staat Luxemburg in ſeiner Arbeiterverſicherung gegen
Krankheit und Unfall ſich Deutſchland ebenbürtig an
die Seite ſtellen kann. Die Invaliden= und Altersverſiche=
rung
ſteht in Luxemburg kurz vor ihrem Abſchluß. In den
meiſten Staaten beruht die Verſicherung der Arbeiterſchaft
nur auf Freiwilligkeit der Arbeiter und Unternehmer.
Eine obligatoriſche Krankenverſicherung beſteht
außer in Deutſchland nur in Oeſterreich=Ungarn, Nor=
wegen
und Luxemburg. Frankreich hat eine Zwangsver=
ſicherung
nur für Bergleute. Die übrigen in Frage kom=

menden Staaten, nämlich Italien, Großbritannien, Bel=
gien
, Schweden, Dänemark, Finnland, Spanien und die
Niederlande haben freiwillige Krankenverſicherung der
Lohnarbeiter bezw. Angeſtellten. Welch große Verſchieden=
heiten
die Verſicherungen bezüglich des Kreiſes der Ver=
ſicherungen
und der Höhe der Leiſtungen in den einzelnen
Ländern aufweiſen, zeigt eine Gegenüberſtellung der nach=
ſtehenden
Ziffern über die Zahl der Verſicherten und die
Höhe der Beiträge, wobei zu berückſichtigen iſt, daß in=
Deutſchland, Oeſterreich, Ungarn und Luxemburg die Ar=
beitgeber
ein Drittel und die Arbeitnehmer zwei Drittel
der Laſten tragen, während bei der freiwilligen Verſiche=
rung
die Unkoſten meiſtens die Arbeiter mit ſtaatlicher Bei=
hilfe
(wie in Italien, Frankreich uſw.) aufzubringen haben.

Staat Ein=
wohner
wohner=
zahl
3ahl
der Verſicherten
abſolut und in
Prozent der
Einwohner Beiträge in
Mark Deutſchland 65 Mikl us aMil. a607, ſohlMtln. 2. ch0 Oeſterreich 27,8 34
(112,) 55,1 18,1 Ungarn . . 21 (3,8
0,8 15,8 19,2 Luxemburg. 25000 36079 (14,4) 1,2 33,5 Norwegen . 2,4 Mill. 440000 (18,3 ) Italien . . 33 1 Mill. (3,3,) 7,5 Frankreich . 39 4,1 (10,5 ) 8,50 Belgien. .. 7,4 0,42 (5,6) 3,8 9 England . 43,5 6,1 (14 Schweden . 5,4 0585 (10,8) Finnland . 3 44859 (1,5) :961 Niederlande 5,8 0,6 Mill. (10,3 ) 65 Dänemark . 2,7 0,626, (23,1) 8,07

Norwegen hat eine obligatoriſche Krankenverſicherung
für Arbeiter und Angeſtellte aller Berufszweige mit Jah=
resgehalt
bis 1575 Mark (Stadt) und 1350 Mark (Land)
erſt im vorigen Jahre eingeführt. Die Verſicherungsbei=
träge
werden zum größten Teil von den Arbeitern ſelbſt
(*10), zum Teil von der Allgemeinheit (¾/0 Staat, ¼0 Ge=
meinde
) und nur zu 10 Prozent von den Arbeitgebern
gezahlt.
Die ſtatiſtiſchen Angaben des Kaiſerlichen Statiſtiſchen
Amtes über die zweite Art der Sozialverſicherung, die
Unfallverſicherung, in den europäiſchen Staaten
ſind nicht ſo vollſtändig wie die über die Krankenverſiche=
rung
und laſſen nur teilweiſe einen Vergleich für die ein=
zelnen
Länder zu. Die Zwangsverſicherung gegen Unfall
erſtreckt ſich in Deutſchland auf ſämtliche Arbeiter und Be=
triebsbeamte
(mit Jahresgehalt bis 3000 Mark) in Ge=
werbe
und Landwirtſchaft. Bei 63 Mill. Einwohnern
waren 1908 23,7 Mill. Perſonen oder 37 Prozent gegen
Unfall verſichert. Neben Deutſchland haben noch Oeſter=
reich
, Ungarn, Italien, Frankreich, Norwegen, Dänemark,
Finnland, die Niederlande und Luxemburg eine Zwangs=
verſicherung
, und zwar Oeſterreich für Arbeiter und Be=
triebsbeamte
(bis 2000 Mark Jahresgehalt) im Gewerbe,
Ungarn für die im Gewerbe Beſchäftigten bis 2000 Mark
Jahresverdienſt und für landwirtſchaftliche Dienſtleute
und Maſchinenarbeiter, Italien für Arbeiter und Be=
triebsbeamte
bis zu 1700 Mark Jahresverdienſt im Ge=
werbe
, Frankreich für Seeleute, Norwegen für Arbeiter und
Betriebsbeamte bis zu 1350 Mark Jahresverdienſt in Ge=
werbe
und Forſtwirtſchaft und für Fiſcher, Dänemark für
Seeleute und Schiffsoffiziere (bis 2700 Mark Jahres=
gehalt
) und für landwirtſchaftliche Arbeiter und Betriebs=
beamte
(bis 1700 Mark Jahresverdienſt), Finnland für
Arbeiter im Gewerbe bis 600 Mark Jahreslohn und für
Seeleute, die Niederlande für Arbeiter und Betriebs=
beamte
bis zu 7 Mark Tagesverdienſt im Gewerbe und
Luxemburg für Arbeiter und Betriebsbeamte (mit Jahres=
gehalt
bis 3000 Mark) im Gewerbe und in der Landwirt=
ſchaft
. Eine freiwillige Verſicherung für die im Gewerbe
Beſchäftigten haben Frankreich, Belgien, Großbritannien,
Schweden, Dänemark und Spanien.
Die Invaliden= und Altersverſicherung
war bekanntlich bis vor kurzem nur in Deutſchland durch=
geführt
. Durch Geſetz vom 5. April 1910 wird ſie jetzt auch
in Frankreich zur Einführung gelangen. Sie wird ſich auf
alle Lohnarbeiter und Angeſtellte mit Jahresverdienſt bis
2400 Mark erſtrecken. Die Beiträge werden wie in Deutſch=
land
je zur Hälfte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern
aufgebracht. Außerdem wird für jede Rente der Staat
einen Zuſchuß von 48 Mark leiſten. Die Zahl der Zwangs=
verſicherten
wird etwa 11 Millionen betragen. In Deutſch=
land
ſind 15,2 Millionen oder 24,1 Prozent ſämtlicher Ein=
wohner
gegen Alter und Invalidität verſichert. Die Bei=
träge
belaufen ſich auf 184,4 Millionen Mark (für jeden
Verſicherten 12 Mark). Von den übrigen europäiſchen

Staaten haben noch Oeſterreich=Ungarn und Belgien eine
Zwangsverſicherung für Bergleute. In Italien, Groß=
britannien
, Finnland und Spanien beſtehen noch freiwil=
lige
Verſicherungen, die aber von verhältnismäßig gerin=
ger
Bedeutung ſind, und deren Unkoſten durch Prämien der
Verſicherten und durch Zuſchuß des Staates aufgebracht
werden.

Aus dem jüngſten Königreich.
* Cetinje, 29. Aug. Der Fürſt genehmigte den
einſtimmigen Antrag der Skupſchtina auf
Erhebung Montenegros zum Königreiche
und nahm den Namen Nikolaus I., König von
Montenegro, an. Hiervon wurden die Vertreter
der fremden Staaten durch eine Note der montenegri=
niſchen
Regierung offiziell in Kenntnis geſetzt.
Die Anregung der Idee, dem Fürſten Nikolaus von
Montenegro die Königswürde zu verleihen, iſt,
wie das Neue Wiener Tagblatt erfährt, vom König
Ferdinand von Bulgarien ausgegangen. Man
werde es daher begreiflich finden, daß die Anweſenheit
des Königs in Cetinje ſich unter ſo außeroxdentlichem
Glanze vollzogen hat, und daß die Toaſte auf dem
1 Galadiner in Form und Inhalt über das übliche
Maß hinausgingen. Ueber die Motive des Königs
Ferdinand berichtet das Blatt, daß es für die bulgariſche
j Sobranje, die erſt jetzt, nach zwei Jahren, dazu kommen
wird, die notwendigen Verfaſſungsänderungen infolge
der Erhöhung Bulgariens zum Königreich vorzu=
nehmen
und in der es zu ſehr heftiger perſönlicher
Oppoſition gegen den König Ferdinand kommen wird,
nur des Hinweiſes bedürfe, daß auch der kleinſte
Balkanſtaat jetzt bereits die Königswürde angenommen
habe, um die Oppoſition zum Schweigen zu bringen.
König Nikolaus empfing am Sonntag früh eine
große Anzahl Deputationen aus dem In= und Aus=
lande
. Die aus allen Landesteilen herbeigeſtrömte
Bevölkerung bereitete dem König begeiſterte
Ovationen. Um 10 Uhr vormittags fand in Cetinje
die Einweihung des neuen Regierungspalais ſtatt,
daran anſchließend die Grundſteinlegung für ein
Kinderhoſpital und eine chirurgiſche Klinik. Der ſer=
biſche
Kronprinz iſt am Sonntag nachmittag hier ein=
getroffen
; der Empfang geſtaltete ſich ſehr herzlich.
Um 5½ Uhr wurden die Feſtlichkeiten durch Glocken=
geläute
und Kanonenſchüſſe eingeleitet. Muſikkapellen
durchzogen die Stadt. Um 9 Uhr begann die Illu=
mination
. Um 10 Uhr brachte die Bürgerſchaft dem
Herrſcher einen Fackelzug.
Ein aus drei ruſſiſchen Schiffen beſtehendes Ge=
ſchwader
iſt in Fiume eingetroffen, um den Groß=
fürſten
Nicolai Nicolajewitſch zu erwarten, der ſich im
Auftrage des ruſſiſchen Kaiſers am Mittwoch nach
Cetinje begibt.
Deuiſches Reich.
Die Kaiſerrede. Wie jetzt erzählt wird, habe
die Königsberger Rede des Kaiſers in Wirklichkeit noch
viel ſchärfer gelautet. Das Wolffſche Telegraphenbureau
hatte zunächſt am Abend des 25. Auguſt eine neue Kaiſer=
rede
den Redaktionen der Berliner Blätter angekündigt.
Dann kam die Abſage und die Vertröſtung auf den näch=
ſten
Morgen. Inzwiſchen habe der Telegraph nacht
Hohenfinow geſpielt. Und am Freitag vormittag erſchien
die Rede dann. Sie erſchien auch abends im Reichsanzei=
ger
. Verändert oder unverändert weiß man nicht. Auf der
Börſe war die Beſtürzung beſonders groß. Beſonders die
Großfinanz fürchtete von der Königsberger Rede eine Be=
unruhigung
unſerer Beziehungen zu den Weſtmächten, die
ſich gerade angefangen hatten, zu beſſern.
Die venezolaniſche Geſandtſchaft in
Berlin iſt vom Präſidenten Gomez zur Geſandtſchaft
erſter Klaſſe erhoben und der bisherige Geſchäftsträger
Dr. Santos Dominici zum bevollmächtigten Miniſter
von Venezuela ernannt worden. Dr. Dominiei wird
dem Kaiſer bereits in den nächſten Tagen ſein neues
Beglaubigungsſchreiben überreichen.
In der Weinzollordnung treten am 1.
September d. J. verſchiedene vom Bundes=gt angenom=
mene
Aenderungen in Kraft. So ſind in Zurunft von der
Unterſuchung auf die Einfuhrfähigkeit Weine in Flaſchen
befreit, ſoweit ſie lediglich als Muſter dienen ſollen und
ſofern das Gewicht des in einem Kolli enthaltenen Weines
ein Bruttogewicht von 10 Kilogramm nicht überſteigt.

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Seite 2.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 30. Auguſt 1910.

Nummer 202.

Enthät ein Kollt mehrere Arten Wein und iſt ketzterer
nachweislich nicht zum gewerbsmäßigen Abſatz beſtimmt,
ſo dürfen auch bei höherem Geſamtgewicht diejenigen
Weinarten von der Unterſuchung freigelaſſen werden, von
welchen im einzelnen nicht mehr als drei Flaſchen ein=
gehen
. Weitere Erleichterungen ſind noch hinſichtlich der
Entnahme von Proben für die chemiſche Unterſuchung des
Weines an der Zollgrenze geſchaffen worden, ſo daß hier=
durch
die Abfertigung erheblich beſchleunigt wird.
Die Fleiſchteuerung. Unter dem Vorſitz
des Miniſters des Innern v. Brettreich fand am Samstag
in München im Staatsminiſterium des Innern eine Be=
ratung
über die zur Zeit herrſchende Vieh= und Fleiſch=
teuerung
ſtatt. Der Vorſitzende gab in kurzer Einleitung
den Zweck dieſer Beratung kund, indem er auf die Kala=
mität
der Viehnot hinwies, die nicht nur in ganz Deutſch=
land
exiſtiere, ſondern faſt ganz Mittel=Europa beherrſche.
Die Beratungen wurden ſehr eingehend geführt, dabei
wurden aber alle Punkte außer acht gelaſſen, die ohne Zu=
ſtimmung
der Reichsregierung nicht in Betracht kommen
können (Aufhebung oder Ermäßigung der Zölle)). Mi=
niſter
von Brettreich verſicherte, daß die Regierung alles
mögliche tun werde, um eine Beſſerung der derzeitigen
Verhältniſſe herbeizuführen, ebenſo gaben die Vertreter der
Landwirtſchaft die Verſicherung ab, daß ſo viel wie mög=
lich
geſchehen werde, die Produktion zu vermehren. Die
Vertreter des Viehhandels ſowie der Landwirtſchaft er=
klärten
, daß bereits im Laufe des Winters noch eine Ver=
billigung
der Viehpreiſe durch Mehrproduktion eintreten
werde. Von ſämtlichen Vertreiern der Intereſſentengrup=
pen
wurde verſichert, ſoviel wie möglich zur Verbilligung
beizutragen, für alle Fälle aber dafür zu ſorgen, daß eine
größere Verteuerung nicht mehr eintrete.
Ausland.
Oeſterreich=Ungarn.
Miniſterzuſammenkunft in Sakzburg.
Die Begegnung des italieniſchen Miniſters des Aeußern
Marquis di San Giuliano mit Graf Aehrenthal wird
Dienstag in Salzburg ſtattfinden. Mittwoch, den 31., iſt
ein Ausflug in die Umgebung, wahrſcheinlich Berchtes=
gaden
, geplant. Am folgenden Tage kehrt dann der Mar=
quis
di San Giuliano nach Salzburg zurück, um von hier
aus die Rückfahrt nach Italien anzutreten. Das Wiener
Fremdenblatt widmet dem Marquis di San Gtulkano an=
läßlich
der bevorſtehenden Begegnung mit dem Grafen
Aehrenthal einen herzlichen Begrüßungsartikel. Das Blatt
erinnert weiter an die Begegnung San Giultanos mit
dem deutſchen Reichskanzler und ſchließt: Der Dreibund
und in ſeinem Rahmen das Verhältnis zwiſchen Oeſter=
reich
=Ungarn und Italien iſt ſchon lange im Alltagsge=
triebe
den mehr oder minder zufälligen Verſchiebungen
der internationalen Poſitionen entrückt und bildet für die
drei Monarchen die unerſchütterliche Achſe ihrer Politik.
Spanien und der Vatikan.
Der ſpaniſche Miniſter des Aeußern hat nunmehr vom
Vatikan eine Antwort auf die ſpaniſche Note vom 1. Au=
guſt
erhalten. Der Kardinalſtaatsſekretär Merry del
Val beſchränkt ſich in dieſer Antwort darauf, ſeine Anſicht
über die verſchiedenen Schritte der Madrider Regierung
gegen die römiſche Kurie während der Verhandlungen
über die Kongregationen zum Ausdruck zu bringen und

die vom Päpſtlichen Stuhl angenommene Haltung zu
rechtfertigen.
Portugal.
Die Monarchiſten bei König Manuel. Wie
aus Liſſabon gemeldet wird, empfing der König eine aus
den Häuptern der einzelnen monarchiſtiſchen Gruppen be=
ſtehende
Abordnung in Audienz. Der König intereſſierte
ſich lebhaft für die Wahlausſichten, nahm mit Befriedigung
zur Kenntnis, daß die Bevölkerung in der Hauptſtadt wie
in den Provinzen friedlich durchzuführende Reformen auf
dem Gebiete der Finanzen, des öffentlichen Unterrichts
und der allgemeinen Hygiene in der Armee erwarte. Der
König wollte auch wiſſen, welche Wahlmanöver die Re=
publikaner
für die letzten 24 Stunden vor dem Wahltage
aufgeſpart haben. Man zeigte ihm Plakate, in denen die
Mißwirtſchaft während der Regierungszeit ſeines Vaters
zum Ausdruck gebracht und auch die gegenwärtige Regie=
rung
ſchwächlich und keiner heilſamen Entſchließung fähig
bezeichnet wird. Ferner benachrichtigte man den Mon=
archen
, daß im Liſſaboner Gemeinderat und der ihm unter=
ſtehenden
munizipalen Polizei die republikaniſche Sache
zahlreiche Anhänger finde. Der König gab, indem er ſich
von den Herren verabſchiedete, der Erwartung Ausdruck,
daß bei den Wahlen irgend welche Gewaltakte nicht ge=
duldet
werden.
Die Wahlen. Die Republikaner haben bei den
Wahlen in verſchiedenen Bezirken von Liſſabon und
Oporto Majoritäten erzielt. Außerdem haben auch in
Beja die Republikaner bei den Wahlen Majoritäten er=
zielt
. Die Wahlen werden nicht vor dem 30. ds. Mts. be=
endet
ſein. Die vorausſichtliche Regierungsmehrheit wird
auf 35 bis 45 Abgeordnete geſchätzt. Soweit bis jetzt be=
kannt
iſt, haben ſich die Wahlen in voller Ruhe vollzogen.
Niederlande.
Die Einſetzung von Bäckerräten in den
Niederlanden ſieht ein Geſetzentwurf vor, der der Zwei=
ten
Niederländiſchen Kammer zuging. Dieſe Räte ſollen
aus einem unparteiiſchen Vorſitzenden und einer gleichen
Zahl von Beiſitzern aus den Kreiſen der Arbeitnehmer und
Arbeitgeber beſtehen. Der Vorſitzende und ſein Stellver=
treter
werden von der Regierung ernannt und zwar aus
der Reihe der Gewerbe=Inſpektoren. Die Beiſitzer und
ihre Stellvertreter, die mindeſtens 25 Jahre alt ſein müſ=
ſen
, von den Provinzialverwaltungen. Die Auſgabe der
Bäckerräte beſteht darin, Rat und Gutachten in allen Fra=
gen
zu erteilen, die die Regelung des Gewerbes betreffen.
Serbien.
Antimontenegriniſche Kundgebungen.
Aus Belgrad, 28. Auguſt, wird gemeldet: Während der
Aufführung der von dem Fürſten Nikolaus von Montene=
gro
verfaßten dramatiſchen Dichtung Die Balkanzarin
im ſerbiſchen Nationaltheater ereigneten ſich ſtürmiſche De=
monſtrationen
gegen den Fürſten. Als der Vorhang auf=
ging
, wurden auf der Galerie Pfuirufe laut, gleichzeitig
begann ein Pfeifen und Schreien. Trotz des Einſchreitens
der Polizei dauerte der Lärm während der ganzen Vor=
ſtellung
an und ſetzte ſich nach Schluß auf der Straße fort.
Japan.
Der Text des Vertrages über die An=
nexion
Koreas wurde in Waſhington veröffentlicht
zuſammen mit einer Erklärung der japaniſchen Regie=
rung
, in der es heißt, daß der beſtehende koreaniſche Tarif

Die Römer.
Plauderei zum Beginn der Theater=Saiſon.
Auf die Frage Gibt es eine Claque? wird
jeder Theaterdirektor unwillig das mehr oder weniger
kahle Haupt ſchütteln und entrüſtet erwidern: In
meinem Hauſe dulde ich dieſen Unfug nicht! Für
manche Bühnen mag das zutreffen, aber die meiſten
haben immer noch ihren Hausclaqueur der mit einigen,
in den dunklen Hintergründen des Parketts oder auf
den lichten Höhen des Paradieſes verteilten Gehilfen
den noch unſicheren Premierenerfolg nach Kräften zu
fördern ſucht, denn ehrt den König ſeine Würde,
ehret uns der Hände Fleiß! Daß daneben auch noch
einzelne Künſtler und Künſtlerinnen ihren Privat=
claqueur
in den Zuſchauerraum ſetzen, dürfte gleichfalls
nur von naiven Gemütern geleugnet werden. Beifall
klingt den Ohren gleich ſüß, ob er nun freiwillig ge=
zollt
wird oder für drei bis fünf Mark pro Vorſtellung.
Zuzugeben iſt freilich, daß die bezahlte Claque neuer=
dings
erheblich an Bedeutung verloren hat und daß
ſie nicht annähernd ſo gut organiſiert iſt wie in frühe=
rer
Zeit.
Faſt zwei Jahrtauſende ſind vergangen, ſeitdem
Kaiſer Nero ſich als Schauſpieler vor ſeinem Volke
zeigte, während links und rechts von der Bühne Burrhus
und Seneca ſtanden und die Zuſchauer durch den immer
wiederholten Ruf Plaudite, eives! zu ſtürmiſchem
Beifall anregten. Sie waren die erſten Claqueure, die
die Weltgeſchichte kennt, und ſie haben unzählige Nach=
folger
gefunden. Am meiſten in Paris, wo dann die
Mitglieder der Claque in Erinnerung an jene illuſtren
Ahnen am liebſten mit dem Spitznamen Römer
bezeichnet wurden. Auch chevaliers du lustre nannte
man ſie, weil ſie in geſchloſſener Maſſe ihre von jedem
gekannten Plätze im Parkett gerade unter dem Kron=
leuchter
zu haben pflegten. Dies Häuflein Römer
ſtand unter dem Kommando des chef de elaque und
ſetzte ſich zum großen Teil aus Freiwilligen zuſammen,
die für ihre Tätigkeit kein Geld, ſondern nur ein Frei=
billett
bekamen, aus jungen, oft ſehr gebildeten Leu=
ten
, die nicht in der Lage waren, das Eintrittsgeld zu
bezahlen, und die doch mit allen Fibern der Bühne zu=
ſtrebten
. Eine ganze Zahl namhafter franzöſiſcher
Schauſpieler und Schriftſteller iſt aus den Reihen die=
ſes
Teils der Claque hervorgegangen.
Die Ritter des Kronleuchters hatten vor allem
die wichtige Pflicht, die Schar der mißgünſtigen Nörg=
ler
zum Schweigen zu bringen, die ſchon vor zweihun=
dert
Jahren wie heute in jeder Premiere nur auf
irgend ein ungeſchickt gewähltes Wort lauerten, um
durch Lachen und höhniſche Zwiſchenrufe dem Stücke
densHals zu brechen, teils aus reiner Schadenfreude, 1 Ueberzeugung, daß ihr immer noch zu wenig Beifall

teils weil ſie aus irgend einem Grunde dem Dichter
etwas am Zeuge flicken wollten. In den dreißiger
Jahren des vorigen Jahrhunderts kam im Theater an
der Porte=Saint=Martin in Paris ein Drama Der
Doge von Venedig zur Aufführung, deſſen Verfaſſer
der damals viel gefeierte Schriftſteller Goſſe war. Am
Schluß des erſten Aktes verabredet ſich Marino Falieri
mit einigen Verſchworenen zu einer Zuſammenkunft
und verabſchiedet ſie mit den Worten: Je vous attends
deux heures avant minuit. Sofort rief ein Witzbold
aus dem Parkett ganz laut: Sagen Sie doch lieber
gleich um Zehn! Alles lachte und diesmal konnten
ſogar die Römer das Stück nicht mehr retten. Unter
Ziſchen und Pfeifen wurde es zu Grabe getragen und
nie wieder aufgeführt.
Ziemlich um die gleiche Zeit kam es bei der erſten
Aufführung einer Tragödie Oreſtes von Mély=Janin
im Odéon zu einer regelrechten Prügelei zwiſchen den
Freunden des Autors, die als gar zu eifrige Claque
arbeiteten, und einer Anzahl Studenten, denen das
Stück mißfiel. Die Polizei wußte, daß die Studenten
ihre Demonſtration auch am zweiten Abend wieder=
holen
wollten, und deshalb wurden zahlreiche Schutz=
leute
ins Theater geſchickt, um jeden, der ziſchte, ſofort
zu verhaften. Die Studenten hatten davon gehört, und
da ſie den Kampf mit der Uebermacht nicht aufnehmen
konnten, erſchienen ſie in der zweiten Aufführung all
mit baumwollenen Nachtmützen. Kaum hob ſich der
Vorhang, ſo ſetzten ſie die Nachtmützen auf, taten, als
ob ſie einſchliefen, und ſchnarchten geräuſchvoll. Das
Publikum lachte und die Tragödie konnte nicht zu Ende
geſpielt werden.
Aehnliche Kämpfe ſind auch bei uns noch in den
letzten Jahren häufig genug vorgekommen. Nicht das
Publikum, das unparteiiſch urteilen wollte, und eine
bezahlte Claque ſtanden ſich dabei gegenüber, ſondern
die Freunde und die Feinde des Dichters, die aus lite=
rariſcher
Parteinahme für oder gegen ihn entſcheiden
wollten. Die ſtürmiſchen Szenen, die es in der
Premiere faſt jeder neuen Dichtung Ernſt von Wilden=
bruchs
gab, ſind noch ebenſo in aller Erinnerung, wie
das Ringen zwiſchen Ziſchern und Klatſchern, das ſich
bei jeder Erſtaufführung eines Stückes von Gerhart
Hauptmann wiederholt. Aber ſolche freiwillige Freund=
ſchaftsclaque
wirkt unter Umſtänden genau ſo aufdring=
lich
und ſtörend, als wenn ſie bezahlt wäre, gleichviel,
ob ſie ſich für den Dichter erhitzt oder nur für den oder
jenen einzelnen Darſteller. An einer Berliner Bühne
war vor einigen Jahren eine Soubrette engagiert, die
jetzt im Süden des Reiches wirkt. Die hübſche, junge
und talentvolle Dame gefiel dem Publikum, aber ſie
hatte einen Vater, eine Mutter und andere Anver=
wandte
, und alle dieſe Familienangehörigen waren der

für die Ein= und Ausfuhr ſowie die Beſtimmungen über
den Küſtenhandel und die offenen Häfen von Korea für die
nächſten zehn Jahre in Gültigkeit bleiben ſollen. Maſanpho
wird aus der Liſte der offenen Häfen geſtrichen und dafür
Shinwiju neu geöffnet. Die japaniſchen Geſetze über Pa=
tentſchutz
und Urheberrechte werden auf Korea ausgedehnt.
Die Verträge zwiſchen Korea und den fremden Mächten
treten außer Wirkſamkeit; an ihre Stelle ſollen, ſoweit
als angängig, die jetzt beſtehenden Verträge Japans zur
Anwendung gelangen. Die Ausländer ſollen in Korea,
ſoweit es die Umſtände erlauben, dieſelben Rechte genie=
ßen
wie im eigentlichen Japan. Der Vertrag ſelbſt ent=
hält
acht Artikel. Artikel 1 beſagt, daß der Kaiſer von
Korea alle ſeine Herrſcherrechte über ganz Korea für im=
mer
und ohne Einſchränkung an den Kaiſer von Japan
abtritt, Artikel 8, daß der Vertrag vom Tage der Ver=
öffentlichung
in Kraft tritt. Die übrigen Artikel beziehen
ſich auf Einzelheiten der Verwaltung und die Behandlung
der koreaniſchen Bevölkerung.

Stadt und Land.
Darmſtadt, 30. Auguſt.
* Vom Hofe. Ihre Königl. Hoheiten der Groß=
herzog
und die Großherzogin begaben ſich am
27. und 28. d. Mts. nachmittags in Begleitung der
Prinzeſſin Viktoria zu Schleswig=Holſtein
und einer Hofdame nach Bad Nauheim, machten daſelbſt
einige Einkäufe und beſichtigten unter anderem die Bade=
häuſer
. (Darmſt. Ztg.)
Uebertragen wurde dem Schulamtsaſpiranten
Hermann Reibeling aus Eifa, Kreis Alsfeld, eine
Lehrerſtelle an der Gemeindeſchule zu Lauterbach.
L. Vor der Strafkammer ſtand geſtern der erſt 18
Jahre alte, als Dieb aber bereits rückfällige Tag=
löhner
Aloys Kübler, ein Schwabe, der auf der
Wanderſchaft auch Bensheim berührte, wo er in ein
auf dem Kirchberg ſtehendes Häuschen einbrach,
Viktualien verſchiedener Art und außerdem ein ge=
ladenes
Jagdgewehr ſtahl. In der Nähe von Laudenau
ſtieß er anderen Tages auf einen Förſter, der ſich auf
dem Anſtand befand und ihn für einen Wilderer hielt,
was ſeine Verhaftung zur Folge hatte. Drohende Be=
wegungen
und die Weigerung, die Beine zu gebrauchen,
halfen nichts, Kübler wurde auf einem Wagen dem
Amtsgericht überliefert. Wegen des Diebſtahls und
der Bedrohung bezog er 10 Monate Gefängnis, 1 Monat
iſt jedoch durch die Unterſuchungshaft verbüßt; dazu
kommen weitere 8 Tage, weil er, zur Jagd ausgerüſtet,
auf einem fremden Jagdgebiet betroffen wurde. Der
27 Jahre alte Taglöhner Johann Peter Jucker
ſtahl in Iſenburg aus einer Bude nach Durchſchneiden
des Tuches eine wertloſe Taſchenuhr und wurde dafür
zu 3 Monaten Gefängnis, von welchen 1 Monat
Unterſuchungshaft abgeht, verurteilt; eine gleiche
Strafe erhielt der Taglöhner Philipp Steeg, der
in Offenbach zwei leere Käfige in einer Wirtſchaft
entwendet hat. Die 22jährige, wegen Diebſtahls be=
reits
beſtrafte Katharine Held und ihre 17 Jahre
alte Schweſter Friederike erwieſen einer Offen=
bacher
Familie ihre Dankbarkeit für ihnen gewährte
freundliche Aufnahme dadurch, daß ſie nachts förmlich
ausräumten und ſich davon machten. Die ältere bezog
dafür 10 Monate Gefängnis unter Anrechnung von
6 Wochen Haft, die jüngere 1 Monat. Der in Rein=
heim
wohnende Georg Buß III. von Niedernhauſen
benutzte gefälſchte Urkunden, um ſich Geld zu ver=
ſchaffen
. Mit Rückſicht auf ſeine Notlage kam er mit
4 Wochen Gefängnis durch. Nach unter Ausſchluß der
Oeffentlichkeit geführter Verhandlung wurde der 41
Jahre alte Schneider Johann Bernauer von
Lampertheim wegen Sittlichkeitsvergehens zu 3 Mo=
naten
14 Tagen Gefängnis verurteilt, 6 Wochen Unter=
ſuchungshaft
gehen davon ab. Wegen einer ähnlichen
gezollt würde. So ſaßen ſie denn Abend für Abend im
Theater, wenn die Soubrette auftrat, und als freiwillige
Familienclaque feuerten ſie das Publikum an, wobei
der Vater beſonders geräuſchvoll war. Bei einer
Tragödie verſah die Mutter dieſe Dienſte, und zwar ſo
lebhaft, daß ihr ſchließlich der Eintritt ins Theater ver=
boten
werden mußte, weil ſie Streit mit jedem harm=
loſen
Beſucher anfing, dem ihre Tochter weniger gut
als ihr gefiel. Bei dem Leiter einer Berliner Poſſen=
bühne
, der ſich ſchon ins Privatleben zurückgezogen hat,
war der eigene Schwager der Führer der Familien=
claque
. Er klatſchte nicht bloß allabendlich ſtürmiſch im
Theater, ſondern tagsüber fuhr er auch ununterbrochen
auf den verſchiedenſten Straßenbahnen, ſuchte mit ganz
unbekannten Leuten ins Geſpräch zu kommen, und er=
klärte
ihnen dann mit feuriger Ueberzeugung, in ganz
Berlin ſei das K=Theater das einzige, in dem man ſich
wirklich amüſieren könne.
Dieſe Freundſchafts= und Familienelaque arbeitet
zuweilen noch aus ganz anderen Urſachen. Hin und
wieder ſind es die Gläubiger eines Bühnenſchriftſtellers
von Ruf, die ihm mit aller Gewalt zu einem durch=
ſchlagenden
Erfolge verhelfen wollen, nur, um mög=
licherweiſe
dadurch wieder zu ihrem Gelde zu kommen.
Solch ein Fall iſt einmal auch bei einem von Frank=
reichs
berühmteſten Dichtern zu verzeichnen geweſen.
Lamartine hatte für das Theater an der Porte=Saint=
Martin ein Drama Touſaint=Louverture geſchrieben,
von dem er ſich einen ſehr großen Erfolg verſprach. Der
Dichter nahm auf dieſen Erfolg eine Art von Vorſchuß,
indem er ſich von einem befreundeten Bankier eine ſehr
bedeutende Summe lieh. Um ganz ſicher zu gehen und
den Erfolg zu einem ganz außergewöhnlichen zu ge=
ſtalten
, mietete der Bankier nun das Theater für die
erſten zwölf Vorſtellungen und bezahlte dafür dem
Direktor pro Abend fünftauſend, im ganzen alſo
ſechzigtauſend Franken. Während der erſten drei
Abende füllte er das Theater ausſchließlich mit klatſchen=
den
Römern ſowie mit den zahlreichen Freunden des
Dichters und ſeinen eigenen, ſo daß im Zuſchauerraum
die Bankwelt ebenſo vollzählig vertreten war wie das
literariſche Paris jener Tage. Der Erfolg war denn
auch ein ganz koloſſaler. Die Preſſe erging ſich in über=
ſchwänglichen
Lobeshymnen, die ebenſo Lamartine ſelbſt
wie ſeinem Hauptdarſteller Frédérick Lemaitre geſpen=
det
wurden. Der Bankier rieb ſich entzückt die Hände
bis die Enttäuſchung kam. Von der dreizehnten
Vorſtellung an blieb das Theater hundeleer. Der
Direktor kam in Konkurs und der Bankier verlor
außer der geliehenen Summe auch noch die ſechzig=
tauſend
Franken, die er hinterhergeworfen hatte.
Man ſieht: weder vor Jahrtauſenden noch ſpäter
vermochten die Römer in allen Schlachten zu
ſiegen.

[ ][  ][ ]

Nummer 202.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 30. Auguſt 1910.

Seiter3.

Tat wandert der Schuhmacher Johann Ruppel von raſchung wird den Konzertbeſuchern geboten werden,
Ober=Ramſtadt 1 Jahr ins Gefängnis.
n. Begnadigung iſt dem am 20. Juli d. J. vom
hieſigen Kriegsgericht wegen Fahnenflucht zu 6 Monaten
Gefängnis verurteilten und zurzeit dieſe Strafe ver=
büßenden
47jährigen Kaufmann Schultheiß aus
New=York nunmehr zuteil geworden. Seitens des
Kaiſers wurden ihm auf ſein Geſuch in Anbetracht der
Umſtände des Falles 4 Monate erlaſſen, ſo daß er in
einigen Wochen wieder auf freien Fuß geſetzt wird.
Vor 25 Jahren war der damals als Rekrut ausge=
hobene
und bis zur Einſtellung beurlaubte Sch. aus
ſeiner Heimat Rheinheſſen nach Amerika ausgewandert
und hatte ſich ſo der Militärpflicht entzogen. Vor
kurzem machte er mit Familie eine Europareiſe, be=
ſuchte
dabei auch die alte Heimat, weil er jenes Ver=
gehen
längſt verjährt glaubte und auf Anfrage bei der
Zivilbehörde einen irrigen Beſcheid erhalten hatte, und
wurde auf Veranlaſſung der Militärbehörde verhaftet.
Er mußte, wenn man ſich auch auf die zuläſſige
urteilt werden, jedoch empfahl man ſein Gnadengeſuch.
nn. Die feierliche Ueberreichung der Meiſter=
briefe
für die Provinz Starkenburg findet nunmehr
beſtimmt am Sonntag, den 11. September d. J., vor=
mittags
, im Fürſtenſaal zu Darmſtadt ſtatt. Nach dem
Feſtakt findet ſodann im Kaiſerſaal ein gemeinſchaftliches
Mittagsmahl der Jungmeiſter ſtatt.
* Arbeitsjubiläum. Fräulein Tina Wagner, im
Hauſe Gebrüder Neu, feiert am 1. September ihr
25jähriges Dienſtjubiläum. Fräulein Wagner wird, da
ſie, wie man uns mitteilt, von unermüdlichem Fleiß,
Gewiſſenhaft und liebenswürdig zur Kundſchaft iſt, all=
mein
geehrt und geachtet.
Bei dem 50jährigen Jubiläumsſchießen des
Frankfurter Schützenvereins errang bei ſtarker Kon=
kurrenz
Herr A. Riehl, Fechtmeiſter hier, die zweitbeſte
Tabelle und den 5. Preis auf Wildmeiſterſcheibe.
Der Gemeindegeſangverein der evangeliſchen
Stadtgemeinde wird am nächſten Mittwoch ſeine
Wintertätigkeit wieder aufnehmen. Es ſei darauf auf=
merkſam
gemacht, daß es erwünſcht wäre, wenn noch
einige geſangstüchtige Damen und Herren beitreten
wollten. Die Singproben finden wöchentlich im Ge=
meindehaus
, Kiesſtraße 17, Mittwochs von 8¼9¾ Uhr
abends, ſtatt. (Näheres im Anzeigenteil.)
m. Obſtverſteigerungen. Die diesjährige Apfel=
ernte
rückt heran und die Liebhaber können ſich ihren
Winterbedarf reichlich decken, da die Ausſichten auf
ſeine gute Ernte gewährt ſind. Einzelne Gemeinden
haben mit den Verſteigerungen ſchon begonnen und
die Kreisverwaltung wird bald mit dem Angebot ihrer
reichtragenden Pflanzungen an den Kreisſtraßen
folgen. Bei manchen Kreisverwaltungen herrſcht der
Bebrauch, die vollkommenſten Früchte an den Kreis=
ſtraßenobſtbäumen
durch ihre Obſtbaumwärter vor den
Verſteigerungen brechen zu laſſen und ſie, gefällig ſor=
tiert
, im Kreisamte oder einem anderen Gebäude dem
freihändigen Verkaufe auszuſetzen. Die hängen=
gebliebenen
Früchte werden ſpäter baum= oder partie=
weiſe
verſteigert.
Brieftanbenſport. Am Sonntag, den 28. Auguſt,
hielt der Brieftaubenklub Gut Flug Darmſtadt= Beſ=
ſungen
ſeinen erſten Preisflug mit 82 diesjährig ge=
zogenen
, kaum drei Monate alten Tauben ab. Die=
ſelben
wurden 10.55 Uhr in Kirchhain, Reg.=Bez. Kaſſel,
aufgelaſſen. Die erſte Taube wurde bereits 12.45 Uhr
vorgezeigt, hatte alſo eine Fluggeſchwindigkeit von
nahezu 1000 Meter in der Minute entwickelt, während
die letzte Preistaube um 1.20 Uhr ankam. Mit wenig
Ausnahmen kehrten ſämtliche Tiere bereits im Laufe
des Nachmittags in ihre Heimat zurück. Es iſt für den
jungen Verein, der erſt ein halbes Jahr beſteht, ein
glänzendes Zeugnis, da auch der erſte Preisflug mit
alten Tauben, von Hannover aus, ein gleich gutes Re=
ſultat
ergab. An Geldpreiſen erhielten: 1. Pr. H.
Horſt, 2. Pr. W. Wittmann, 3. Pr. L. Erbes, 4. Pr.
Ph. Erbes, 5. Pr. Ph. Haun, 6. Pr. L. Deunnel, 7. Pr.
Fr. Weigold, 8. Pr. W. Jäger, 9. Pr. H. Wiener. Außer=
dem
ſtanden noch eine Reihe wertvoller, geſtifteter
Ehrenpreiſe zur Verfügung, ſo daß jedem dieſer Herren
noch ein ſolcher zuerkannt werden konnte.
Saalbau. Das für heute Dienstag, den
30. Auguſt, angeſagte Konzert der Kapelle des Großh.
Heſſ. Art.=Regts. Nr. 61 muß ausfallen, da die Kapelle
telegraphiſch für einen Tag nach Bad Salzſchlirf ab=
berufen
wurde. Am Freitag, den 2. September, findet
dafür ein Großes Extra=Konzert mit Reunion ſtatt und
zwar anläßlich der Sedanfeier. Das Donnerstags=
Konzert fällt in dieſer Woche ebenfalls aus.
Schützenhof. Man ſchreibt uns: Heute Dienstag
abend konzertiert die Kapelle des Großh. Heſſ. Art.=Korps
unter Herrn Mickleys Leitung. Eine beſondere Ueber= Bahnbehörde ausgearbeitete Projekt der Erweiterung

indem jedermann ſeine Eintrittskarte, welche zuſammen=
gerollt
iſt, ſelbſt nimmt; jede 50. Einlaßkarte erhält einen
wertvollen Gegenſtand. Es iſt nicht geſagt, daß die 50.
Perſon die 50. Karte erhält, ſondern durch die Einrich=
tung
, wie geplant, kann auch die erſte Perſon die erſte
50. Karte bekommen.
gs. Unfall. Geſtern nachmittag 3 Uhr ſah ein neun=
jähriger
Knabe vor dem ſtädtiſchen Schlachthof der dort
arbeitenden Dampfwalze zu und wurde dabei von
einem Bäckerwagen überfahren, ſodaß er einen
Oberſchenkelbruch erlitt. Nachdem ihm durch die
Rettungswache ein Notverband angelegt worden war,
wurde er mittels Krankenautomobils nach dem ſtädti=
ſchen
Krankenhaus verbracht.
Offenbach, 29. Aug. Beigeordneter Walter iſt
zur kurzen Unterbrechung ſeines Urlaubs hierher
zurückgekehrt, um ſich über die gegen ihn erhobe=
nen
ſchweren Anſchuldigungen zu unterrichten. Wal=
Mindeſtſtrafe beſchränkte, nach dem Strafgeſetz vers ter will ſich erſt nach Ablauf ſeines Urlaubs, der in
etwa vier Wochen erfolgt, rechtfertigen. In der be=
kannten
Lyſolaffäre wurde der Hallenmeiſter
Müller für den entſtandenen Schaden in Höhe von
1500 Mark erſatzpflichtig gemacht. Neuerdings hat
man beſchloſſen, die Schadenerſatzklage gegen Müller
wegen des Lyſolfleiſches vorerſt nur in Höhe von 300
Mark zu erheben und ſich weitere Schadenerſatz=
anſprüche
vorzubehalten. Auf dem hieſigen Güter=
bahnhof
iſt man Unterſchlagungen auf die Spur ge=
kommen
; als der Tat verdächtig wurde der Bahn=
aſſiſtent
K. vorläufig ſeines Amtes enthoben. Die von
der vorgeſetzten Behörde in Frankfurt eingeleitete
Unterſuchung iſt noch nicht abgeſchloſſen, da die Nach=
kontrolle
ſehr umfangreich und kompliziert iſt.
A Beerfelden, 28. Aug. Die Gewitter, die
von Freitag auf Samstag hauſten, ſchienen vor
Mitternacht ihre ſchlimmſte Wirkung getan zu haben
und mancher begab ſich zur Ruhe. Da um ½2 Uhr
ſchreckte ein mächtiger Donnerſchlag die Schläfer auf
und bald erſcholl Feuerlärm in den Straßen. Eine
dem Herrn S. Salomon gehörige, mit Heu und Ge=
treide
gefüllte Scheune ſtand in Flammen. Raſche
Hilfe konnte das Pferd, mehrere Ziegen und 6 Stück
Rindvieh retten. Eine Kuh war vom Blitz getroffen,
wurde noch ins Freie geſchleppt und verendete dann.
Alsbald entfaltete die Feuerwehr ihre Tätigkeit und
beſchränkte das Feuer auf ſeinen Herd, worin ſie
unterſtützt wurde durch ziemliche Windſtille und die
Lage des Gebäudes. Letzteres wurde ganz ein Raub
der Flammen.
Mainz, 29. Aug. In einer hieſigen Wirtſchaft fiel
ein Frauenzimmer durch ſein ſonderbares Benehmen
auf. Die Jungfrau ließ ſich bereitwillig freihalten,
war Liebenswürdigkeiten durchaus nicht abgeneigt
und hatte zum Schluſſe einen Mordsrauſch. Da fing
ſie denn an, Radau zu ſchlagen und behauptete, ſie ſei
eine Polizei=Aſſiſtentin. Jetzt rief man Schutzleute,
die das Mägdelein mit auf die Polizei nahmen. Es
war wieder einmal der Kellner Werle, den
man erſt vorgeſtern in Frauenkleidern aufgegriffen
hatte. Während man ihn aber damals merkwürdiger=
weiſe
in ſeinen Frauenkleidern laufen ließ, holte man
ihm diesmal ſeinen Männeranzug, achtete darauf,
daß er ſich umzog und ſchickte ihn dann wieder heim.
Worms, 28. Aug. In voriger Woche wurde das
Wormſer Kinder=Erholungsheim auf dem
Hohen=Darsberg bei Neckarſteinach eingeweiht. Das
Heim, das auf Anregung des Sanitätsrats Dr. Sonnen=
berger
errichtet worden iſt, liegt etwa 600 Meter hoch
und iſt muſterhaft eingerichtet; es hat Zentralheizung,
elektriſche Lichtanlage, Waſſerleitung mit vorzüglichem
Waſſer und rationelle Ableitung der Fäkalien. Da der
Betrieb faſt das ganze Jahr aufrecht erhalten werden
kann und gleichzeitig etwa 70 Kinder Unterkommen
finden, ſo iſt damit jährlich etwa 700 ſchwächlichen, blut=
armen
Kindern des Mittelſtandes Gelegenheit geboten.
einen mehrwöchigen Aufenthalt gegen eine ganz ge=
ringe
Bezahlung genießen zu können. Um die Finan=
zierung
des Heims hat ſich Bürgermeiſter Dr. Wevers
große Verdienſte erworben. Die Bauſumme, die durch
die Landesverſicherungsanſtalt unter Bürgſchaft der
Stadt zu billigem Zinsfuß geſtellt wurde, beläuft ſich
auf etwa 150000 Mark. Die jährlichen Betriebskoſten
ſind auf 20000 Mark veranſchlagt.
(*) Alsfeld, 28. Aug. Die öffentliche Meinung in
unſerer Stadt beſchäftigt ſich in den jüngſten Tagen
ſehr lebhaft mit der Bahnhofserweiterung
und der u. a. damit verbundenen Bahnhofsver=
legung
. Da die Grundbeſitzer am jetzigen Bahn=
hof
unerhörte Preiſe, ja ſogar bis zu 40 Mark für den
Quadratmeter gefordert haben, ſo ſtößt das von der

auf außerordentliche Hinderniſſe. Ein Beſitzer ver=
langte
für ſein geſamtes Grundſtück ½ Million. Es
iſt jetzt das neue Projekt entſtanden, welches den
Bahnhof etwa 300 Meter nach Oſten rückt, bis an die
Romroderſtraße oder den Zellerweg. Bei dem Ge=
ländeerwerb
für die neue Bahnhofsanlage ſoll auf
die ſpätere Einführung weiterer Bahnlinien, ſo auch
der Strecke Alsfeld=Loshauſen, Rückſicht genommen
werden. Eine Strömung in der Bevölkerung iſt ſehr
gegen die Verlegung des Bahnhofs, da zahlreiche Ge=
ſchäftsleute
dadurch ſchwer geſchädigt, vielleicht rui=
niert
würden. Der Gemeinderat hat ſich dieſer Tage
mit der Frage beſchäftigt und erſucht in ſeinem Be=
ſchluß
die Bahndirektion, ein anderes Projekt aus=
zuarbeiten
, falls die Verhandlungen mit den Beſitzern
des Geländes am jetzigen Bahnhof ſcheitern ſollten.
Leider wird durch die Verzögerung des Bahnhof=
umbaues
auch der ſchon beſchloſſene Bahnbau. Als=
feld
-Nieder=Aula hinausgeſchoben.

Reich und Ausland.
Aus der Reichshauptſtadt, 28. Aug. Ein be=
dauernswerter
Vorfall, der auf einer Ver=
kettung
unglücklicher Umſtände zu beruhen ſcheint, er=
eignete
ſich geſtern abend in der Jungfernheide. Dort
wurde in der Nähe des Schießſtandes des 2. Garde=
Regiments der Arbeiter Otto Schmidicke aus der Ka=
merunerſtraße
von dem Fahnenjunker v. Vieban vom
2. Garde=Regiment angeſchoſſen und ſchwer verwundet.
Als der Unbekannte, der in der Dunkelheit nur ſchwer
den Weg fand, ſich dem Poſten auf etwa 20 Meter ge=
nähert
hatte, blieb er plötzlich ſtehen und ließ ſich auf
dem Grabenrand, der vor dem das Gelände umgeben=
den
Drahtzaun belegen iſt, nieder. Daraufhin rief
der Poſten, dem das Gebaren des Mannes verdächtig
ſchien, den Sch. an, erhielt jedoch keine Antwort.
v. Vieban rief hierauf noch zweimal Halt, wer da‟
und gab dann, als darauf noch immer keine Meldung
erfolgte, in der Richtung, in der er den Verdächtigen
vermutete, einen Schuß ab. Der Fahnenjunker durfte
ſeinen Poſten nicht verlaſſen und mußte auf dem=
ſelben
bleiben, bis die Ablöſung um 11 Uhr erfolgte.
Es vergingen demgemäß 15 Minuten, ehe die Pa=
trouille
, nachdem v. Vieban Meldung gemacht, das
Terrain abſuchte. Die Kugel war dem Verletzten in
den Unterleib gedrungen. Frau Schmidicke gibt an,
ihr Mann ſei um 8 Uhr fortgegangen, um Waldluft
in der Jungfernheide zu ſchöpfen. Wie er in die
Schießſtände hineingekommen iſt, weiß niemand.
Schmidicke, der in der Bergmannſchen Fabrik be=
ſchäftigt
iſt, war ſelbſt Soldat und ſteht in einem
guten Ruf. Sch. befindet ſich trotz der ſchweren Ver=
wundung
verhältnismäßig wohl und es iſt Hoffnung
vorhanden, daß der Arbeiter, falls keine Komplikatio=
nen
eintreten, am Leben bleiben wird. Der Fahnen=
junker
v. Vieban iſt heute zu Protokoll vernommen
worden. Er behauptet, nur genau nach der Inſtruk=
tion
gehandelt zu haben und auf den Fremden ge=
ſchoſſen
zu haben, als dieſer auf den dreimaligen An=
ruf
nicht reagierte. Tatſächlich hat ſich in letzter Zeit
in der Jungfernheide in der Nähe des Schießſtandes
viel zweifelhaftes Geſindel herumgetrieben und die
Poſten beläſtigt. Die Verwaltung der Staats=
bahnen
hat die auf die Ermittelung des Räubers
vom Bahnhof Großgörſchen=Straße aus=
geſetzte
Belohnung bereits von 200 auf 500 Mark er=
höht
. Die Ermittelungen der Schöneberger Kriminal=
polizei
werden dadurch erſchwert, daß die Beamtin
nicht in der Lage war, eine ganz genaue Perſonen=
beſchreibung
anzugeben, da der Fahrkartenraum nicht
erleuchtet war. Die Verletzungen der Ueberfallenen
ſind ziemlich erheblicher Natur. Durch eine Straf=
anzeige
gegen den Redakteur Rudolf Lebius wegen
Verleitung zum Meineide iſt nunmehr der von beiden
Seiten mit großer Hartnäckigkeit geführte Kampf,
zwiſchen May und Lebius in einen neuen Ab=
ſchnitt
getreten. Von Rechtsanwalt Dr. Puppe iſt vor
einigen Tagen gegen Lebius eine Strafanzeige wegen
Verleitung zum Meineide bei der Staatsanwaltſchaft
am Landgericht III eingereicht worden. Herr Lebius
teilt zu dieſer Meldung mit, er habe ſeinerſeits den
Waldarbeiter Krügel wegen Meineids bei der Staats=
anwaltſchaft
angezeigt und May wegen Verleitung
zum Meineid. Bei der heutigen Wettfahrt des
Deutſchen Motorboot=Klubs bei Grünau wurde ein
Schnellboot ein Raub der Flammen. Das
Feuer entſtand auf bisher nicht aufgeklärte Weiſe. Der
das Boot führende Maſchiniſt und ein Hauptmann
konnten ſich nur mit größter Mühe retten, indem ſie
das Boot auflaufen ließen und an Land ſprangen.
Breslau, 29. Aug. Zum Fall von Gagern
veröffentlicht die Schleſiſche Zeitung eine Zuſchrift des

Aus Kunſt, Wiſſenſchaft und Leben.
* Frankfurter Theater=Spielplan.
1. Opernhaus: Dienstag, 30. Aug.: Fidelio‟. Mitt=
woch
, 31. Aug.: Lohengrin. Donnerstag, 1. Sept.:
La Bohème‟. Freitag, 2. Sept.: Undine‟. Samstag,
3. Sept.: Der fliegende Holländer Sonntag, 4. Sept.:
Madame Butterfly Montag, 5. Sept.: Der Graf
von Luxemburg‟ Dienstag, 6. Sept.: Margarethe‟.
2. Schauſpielhaus: Dienstag, 30. Aug.: Wenn der
junge Wein blüht. Mittwoch, 31. Aug.: Im weißen
Rößl‟. Donnerstag, 1. Sept.: Medea. Freitag,
2. Sept.: Der Raub der Sabinerinnen Samstag,
3. Sept.: Roſe Bernd (Roſe Bernd: Frl. Rottmann.)
Sonntag, 4. Sept., 3½ Uhr: Der Raub der Sabine=
rinnen
. 7 Uhr: Roſe Bernd. Montag, 5. Sept.:
Der große Name‟. Dienstag, 6. Sept.: Im weißen
Rößl.
* Ein rekonſtruiertes Pfahlbau=Dorf.
In der Bucht von Kammer am Atterſee im Salzkammer=
gut
wurde vor kurzem auf Veranlaſſung des Vereins
Deutſche Heimat ein Pfahlbau=Dorf rekonſtruiert.
Die Koſten wurden durch eine vom öſterreichiſchen
Miniſterium für öffentliche Arbeiten bewilligte Spende
und durch Beiträge aus den Kronländern Salzburg
und Oberöſterreich gedeckt. Während die Schweiz ſchon
mehrere Pfahlbau=Dörfer beſitzt, die eine gewiſſe An=
ziehungskraft
auf die Fremden ausüben, ſtellt die
Rekonſtruktion am Atterſee einen Erſtlingsverſuch in
Oeſterreich dar. Auf einem Pfahlroſt aus Lärchen=
piloten
wurden fünf viereckige Hütten, teils Blockbau,
teils Flechtwerk, das mit Lehm verkleidet iſt, errichtet.
Die Dächer beſtehen aus Seeſchilf; unter ihnen iſt eine
Art Fruchtſpeicher angelegt. Die Türöffnungen wer=
den
durch Felle verſchloſſen. Das neue Pfahlbau=Dorf,
das ſich ſchon jetzt beim reiſenden Publikum eines
großen Intereſſes erfreut, iſt durch einen Steg mit dem
Ufer verbunden. Die Anregung zu der Rekonſtruktion
gab der Obmann der Deutſchen Heimat, Herr Dr.
Stephan (Wien).

Kleines Feuilleton.
Die Franzoſen und das rote Band.
Viele der würdig ausſehenden alten Herren, die man
in Paris und in der Provinz im Schmucke des roten
Bandes der Ehrenlegion ſo ſtolz einherſchreiten ſehen
kann, ſind von einem ſchweren Schlage betroffen wor=
den
, der ſie einer langjährigen Freude beraubt: Briand
hat zuſammen mit dem Polizeipräfekten Lépine einen
ſtrengen Befehl ausgehen laſſen, in dem das Tragen
eines Bandes, zu dem man nicht berechtigt iſt, und das
Tragen jedes Bandes überhaupt, das nicht ſtaatlich an=
erkannt
iſt, bei ſchwerer Strafe verboten wird. Eine
große Anzahl von harmloſen Bürgern, die ſich das
unſchuldige Vergnügen einer Verzierung ihres Knopf=
loches
aus eigener Kraft geſtatteten, werden dadurch
dieſer Sonne ihres Alters beraubt. Wenn auch das
Band der Ehrenlegion durchaus nicht etwa ſparſam
vergeben wird, ſo erhalten es doch gerade diejenigen,
die es am dringlichſten begehren, häufig nicht. Nun
ſehnt ſich aber das Menſchenherz, und zwar das des
republikaniſchen Franzoſen nicht minder als das der
anderen, nach einer Auszeichnung, und ſo haben denn
viele Vereine und Geſellſchaften als Zeichen ihrer Mit=
gliedſchaft
Bänder aller Farben ausgegeben, unter
denen die roten natürlich beſonders beliebt waren. Da
gab es mehrere Lebensverſicherungsgeſellſchaften, die
ihre Klienten mit einem roten Bande bedachten; rot=
gebändert
konnte auch erſcheinen, wer zu einer philan=
tropiſchen
Vereinigung gehörte, und die Zahl der
blauen, grünen, der weißen und ſchwarzen, der rot=
geränderten
Bänder, die man durch den Beitritt zu
Vereinen gewann, war Legion. All das ſoll nun vorbei
ſein; wer ſich mit einer ſolchen Dekoration auf die
Straße wagt, wird jetzt in ſteter Angſt einhergehen
müſſen, daß er nicht einem genauen Verhör über ſeine
Berechtigung unterzogen, angezeigt und verurteilt
wird. Der leitende Miniſter Frankreichs huldigt augen=
ſcheinlich
nicht mehr der toleranteren Auffaſſung, die
Gambetta von dem roten Bändchen hatte. Er wurde

einſt um dieſe Auszeichnung für einen alten Mann an=
gegangen
, der für den Reſt ſeines Lebens durch Krankheit
ans Bett gefeſſelt war und nur noch dieſen einen Wunſch
hatte. Kommt er niemals aus ſeinem Zimmer heraus?
fragte Gambetta. Niemals, war die Antwort.
Dann ſagt ihm ruhig, er kann ſich gleich ein rotes
Band ins Knopfloch ſtecken.
Es iſt nur gut, daß die Romantiker, die in ihrer
Kleidung noch mehr auf äußeren Schmuck hielten, dieſen
Erlaß nicht erlebt haben. Was hätte z. B. der bekannte
Dichter Villiers de I'Isle Adam dazu geſagt? Er war
gewohnt, jeden Tag ein anderes farbiges Band je nach
ſeiner verſchiedenen Stimmung im Knopfloch zu tragen,
hellroſa, wenn er fröhlich war, weiß, wenn ſein Gemüt
in ſchöner Harmonie die Welt betrachtete, dunkelrot,
wenn Leidenſchaften ihn durchglühten. Eines Tages,
als er beſonders frohgemut war, hatte er ſich ein rotes
Band eingeknüpft und empfand es nun als ſchreiende
Ungerechtigkeit, als ihm dies verboten wurde, da er
nicht zur Ehrenlegion gehörte. Heute iſt jeder indivi=
duelle
Knopflochſchmuck verboten. Aber die Franzoſen,
die als freies Volk wie die Amerikaner auch ihr freies
Recht der Selbſtauszeichnung haben wollen, werden ſich
dieſe offizielle Beaufſichtigung ihres Knopfloches nicht
gefallen laſſen. Selbſt im Ordensrat der Ehrenlegion
ſchüttelt man zu dieſem völligen Verbot des Bänder=
tragens
ohne geſetzliche Erlaubnis die Köpfe, und einige
Kampfhähne ſind bereits entſchloſſen, den Prozeß gegen
die Regierung bis in die höchſten Inſtanzen durchzu=
führen
und ihre Bänder mutig zu verteilen.
* Teure Rebhühner. Der amerikaniſche
Millionär Whitney, Schwiegerſohn von Cornelius
Vanderbilt und Sohn des früheren Staatsſekretärs der
amerikaniſchen Marine unter Clevelands Präſident=
ſchaft
, hat das berühmte ſchottiſche Hochmoor Holwide
Moors zur Feldhuhnjagd für die Kleinigkeit von
200000 Mark gepachtet und iſt ſoeben zur Eröffnung der
Jagdſaiſon mit dem Dampfer Celtix in Begleitung
ſeiner Frau, ſeiner beiden Kinder und mehrerer
Freunde in England eingetroffen. Ueber den bei der

[ ][  ][ ]

Nummer 202

Seite 4.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 30. Auguſt 1910.

Breslauer Rechtsanwalts Dr. Riemann, des Vertreters
des kompromittierten Oberſtleutnants Mersmann.
Danach iſt ſeine Frau, die ſeit Jahren geiſteskrank
iſt, durch Beſchluß des Amtsgerichts Breslau vom
12. Oktober 1908 wegen pathologiſcher Lügenhaftigkeit
entmündigt und ſeit September 1909 mit zwei
minderjährigen Kindern flüchtig. Die Frau wird von
der Vormundſchaft geſucht. Die ehrenrührigen An=
ſchuldigungen
gegen Oberſtleutnant Mersmann ſeien
unbegründet. Auf ſeinen Antrag prüfe das General=
kommando
des 8. Armeekorps die Angelegenheit.
Meran, 27. Aug. Das belgiſche Königspaar
beſuchte geſtern von hier aus Trafoi, kehrte abends in
das Palaſthotel hierher zurück und reiſte heute, nach
dreitägigem Aufenthalt hier, nach Bozen. Der König
begab ſich weiter nach Molveno, wo er einige Hoch=
touren
in die Brentagruppe unternimmt, die Königin
fährt von Bozen mit der Bahn nach Poſſenhofen. Mitte
der nächſten Woche kehrt das Königspaar nach Brüſſel
zurück.
Rom, 28. Aug. Heute abend während der Abend=
meſſe
feuerte ein früherer Franziskaner, Beltramini,
in der Peterskirche drei Revolverſchüſſe in die
Luft und verurſachte dadurch eine Panik, ſodaß der
Gottesdienſt abgebrochen wurde. Beltramini wurde
verhaftet. Er erklärte vor dem Polizeikommiſſar,
er habe durch ſeine Tat die Aufmerkſamkeit der Re=
gierung
auf ſich lenken wollen zur Wiedererlangung
ſeiner geiſtlichen Würde. Beltramini iſt den Ge=
richtsbehörden
übergeben worden.
Paris, 29. Aug. Der Seinepräfekt hat 13 aktive
Beamte, die die Stadt durch betrügeriſche Ver=
gehen
um eine halbe Million Franes geſchädigt haben,
abgeſetzt. Es heißt, daß das Treiben dieſer unred=
lichen
Beamten, die von mehreren Großfrachtern be=
ſtochen
worden waren, bereits ſeit mehreren Jahren
gedauert habe. Gleichzeitig wurde gegen dieſe Beamte
die ſtrafrechtliche Unterſuchung eingeleitet.
London, 27. Aug. Wie bereits mitgeteilt, trafen
Dr. Crippen und Frl. Le Nève um 6 Uhr auf
dem Euſton=Bahnhof in London ein. Ungeheure
Menſchenmengen füllten das Stationsgebäude und
ſämtliche Straßen um dasſelbe. Eine ſtarke Polizei=
macht
hielt die Ordnung aufrecht. Der Fahrſteig, auf
welchem die Gefangenen ankamen, war geſperrt. Als
dieſelben mit ihrer Eskorte aus dem Zuge ſtiegen
und zu den bereitgehaltenen Autodroſchken ſchritten,
brach die Menge in Johlen und Pfeifen aus. Dr.
Crippen war mit Handſchellen gefeſſelt und wurde
unter Bedeckung in die erſte Autodroſchke geſetzt. Die
Le Nève fuhr in der zweiten und mehrere Poliziſten
folgten in einer dritten. Die Autos fuhren ſchleu=
nigſt
nach dem Bow=Street=Polizeigericht, vor welchem
ebenfalls koloſſale Menſchenmengen auf ſie warteten.
Dieſe brachen wieder in feindſelige Ausrufe, Pfeifen
und Johlen aus, die Autos wurden ſchnell durch die
Tore in den Hof der Polizeiſtation eingelaſſen, worauf
die Tore gegen die Menge geſchloſſen wurden. Nie=
mand
erhielt Zutritt. Die Gefangenen wurden for=
mell
unter Anklage geſtellt und dann in ſeparate
Zellen abgeführt. Die Vorverhandlung gegen
ſie wird am Montag beginnen.
London, 29. Aug. Die dem japaniſchen
Seidenbau durch die jüngſten Ueberſchwem=
mungen
zugefügten Verluſte werden nach einer
Meldung der Times aus Tokio amtlich auf ſechs
Millionen Pfund Sterling geſchätzt.

Kongreſſe und Verbandstage.
7. Generalverſammlung der Deutſchen
Mittelſtands=Vereinigung.
Berlin, 28. Aug. Unter zahlreicher Beteiligung
ihrer Mitglieder trat hier im Feſtſaale der Berliner Hand=
werkskammer
die Deutſche Mittelſtands=Vereinigung zu
ihrer 7. Generalverſammlung zuſammen, an der auch eine
größere Reihe von Reichstagsabgeordneten teilnahm. Ge=
heimrat
Paehler begrüßte die Verſammlung namens des
Staatsſekretärs des Innern und des preußiſchen Miniſters
für Handel und Gewerbe. Die Reichsverwaltung ſei tief
durchdrungen von der Bedeutung eines kräftigen Mittel=
ſtandes
. Die Abgg. Haußmann (Vpt.) Dr. Glatzel (natl.),
Mugdan (Vpt.) und Wächter (freikonſ.) überbrachten die
Grüße ihrer Parteien. Der Vorſitzende Abg. Obermeiſter
Rahardt brachte das Kaiſerhoch aus und ſprach dann über
die Forderungen der Vereinigung an die Geſetzgebung.
Ueber Mittelſtand und Hausbeſitzer ſprach Hofbäckermeiſter
Jaede=Berlin, der die Schädigungen der Hausbeſitzer durch
die Beamtenwohnungsvereine beklagte. Dann ſprach der
erſte Direktor des Hanſabundes Oberbürgermeiſter
a. D. Knobloch=Berlin über

leberfahrt entfalteten Lurus werden die unglaublich=
ſten
Dinge erzählt: beſonders ſollen für täglich friſche
Blumen in den von der Jagdgeſellſchaft benutzten
Räumen Unſummen ausgegeben ſein. Der Sports=
mann
, der auch einen berühmten Rennſtall in New=
York unterhält, iſt am Sonntag in London ange=
kommen
; am Dienstag iſt die ganze Geſellſchaft zu den
Rennen nach York gefahren, und nach deren Beendigung
in einem Extrazuge nach Teesdale abgedampft. Ob
die ſchottiſchen Feldhühner aber ſehr viel von den
Herren werden zu leiden haben, iſt zweifelhaft, da nur
ein einziger Tag, der Mittwoch, zur Jagd benutzt
wurde. Am Donnerstag verließ die ganze Jagdgeſell=
ſchaft
bereits wieder England, um das Gimsrack=
Rennen in Amerika mitzumachen, an dem eines der
Pferde Whitneys beteiligt iſt. Man kann ſich nach alle=
dem
ausrechnen, wie hoch das einzelne der an dieſem
einen Jagdtage erlegten Hühner dem ſpleenigen
Nimrod zu ſtehen kommt.
* Häßliche Verkäuferinnen geſucht.
Die amerikaniſchen Reſtaurateure, Blumenhändler,
Konditoren und andere Geſchäftsleute, die junge Mäd=
chen
anzuſtellen pflegen, haben mit ihnen ihre liebe
Laſt, weil ſie ihnen alle Augenblicke weggeheiratet
werden. Die Mädchen ſind natürlich meiſt hübſch und
pflegen ſich den Kunden von ihrer liebenswürdigſten
Seite zu zeigen. Da iſt es ja wohl kein Wunder, daß
ſie wie die berühmten heißen Semmeln abgehen. Eine
Blumenhandlung in. St. Louis hat ſo ſchlechte Er=
fahrungen
mit hübſchen Mädchen gemacht, daß der Be=
ſitzer
in ſeiner Verzweiflung ſchließlich in ſeiner An=
zeige
in den Zeitungen nach Kaſſiererinnen ausdrücklich
zur Bedingung machte, daß die vorzuſtellenden jungen
Damen möglichſt häßlich ſein ſollten. Ueber 250
häßliche‟ Damen haben ſich um die Stellen beworben,
darunter waren allerdings viele abſchreckende Ver=
treterinnen
des zarten Geſchlechtes. Einige aber waren
doch wieder hübſch. Alle erklärten, das Wort häßlich
in der Anzeige überſehen zu haben. Manche waren
nicht zu gebrauchen, weil ſie zu dick waren, andere, weil
ſie keine Zähne mehr im Munde hatten, wieder andere
baiten eine zu ungeſunde Geſichtsfarbe. Es ſtellte ſich=

Mittelſtandsfragen und Hanſabund.
Er führte aus: Die Geſetzgebung auf dem Gebiete des
Mittelſtandes iſt ein großes Sündenregiſter. Aber alles
Klagen nützt nichts, alle Vorſtellungen hatten nicht den
nötigen Effekt. Es iſt eine traurige Wahrheit, daß für den
Mittelſtand bisher am wenigſten geſorgt worden iſt. Wenn
man die Herren im Reichstage fragen würde: was iſt ge=
ſchehen
für den Kleinkaufmann, für den Detailliſten, da
würde man die Herren ſehr in Verlegenheit bringen. Die
Situation iſt doch tatſächlich heute ſo, daß ſehr viele Hand=
werker
am Ende ihres Lebens keine Verſorgung für Frau
und Kinder haben. Wir im Hanſabund ſind durchdrungen
bis auf die Knochen davon, daß die Geſetzgebung zuſieht
und nichts für den Mittelſtand getan hat. Es bleibt nichts
übrig als im Wahlkampf eine Reihe von Perſonen in die
Parlamente zu bringen, die mittelſtandsfreundlich ſind,
und ſo eine Umwälzung der Anſchauungen auf dieſem Ge=
biete
anzubahnen. Das iſt der Standpunkt und das Leit=
motiv
des Hanſabundes. Er will mit der ganzen Wucht
und der ganzen Stärke, die einer großen Vereinigung inne=
wohnen
, die den geſamten Mittelſtand in ſich birgt, für den
Mittelſtand eintreten. Das Ende dieſes Kampfes wird
ja mancher von uns nicht erleben. Wer im Beſitz der Ge=
walt
iſt, will ſie nicht hergeben. Der Hanſabund will nicht
Worte machen, er will arbeiten. Wegen der Mißſtände im
Submiſſionsweſen haben wir vor vier Monaten ein Rund=
ſchreiben
an ſämtliche Gruppen und Handwerkskammern
gerichtet. Mit Freude und Stolz ſage ich, daß die 2000
Seiten Antworten vorzügliches Material gebracht haben.
Sie haben uns mit der frohen Hoffnung erfüllt, daß wir
mit dem jetzt fertiggeſtellten Entwurf über das Submiſ=
ſionsweſen
auf dem richtigen Wege ſind. Auf dem Ver=
ordnungswege
wird niemals eine Regelung des Submiſ=
ſionsweſens
zu erreichen ſein, ſchon weil die kommunale
Selbſtverwaltung zu hoch ſteht. Die Kommiſſion des
Hanſabundes wird im Oktober d. J. an die parlamen=
tariſche
Behandlung dieſer Angelegenheit gehen können.
Unterſtützt durch den Reichtum von Gedanken und An=
regungen
in den Gutachten, iſt es uns gelungen, aus der
Unzahl der Forderungen diejenigen auszuziehen, die im
parlamentariſchen Kampf durchzuſetzen ſein werden. Wir
werden Mißſtänden mit Ernſt und Gründlichkeit abhelfen,
weil wir durch die große Zahl unſerer Mitglieder, durch
die Beteiligung wichtiger Berufsſtände und unſere freund=
lichen
Beziehungen zu parlamentariſchen Parteien in der
Lage ſind, dieſen Wünſchen Nachdruck zu verleihen. Ent=
ſprechend
der Tragweite für den Mittelſtand und für das
geſunde politiſche Leben und die Weiterentwicklung der
Nation wollen wir die ganze Kraft der in uns vereinigten
Erwerbsſtände einſetzen für eine geſetzliche Regelung der
Mittelſtandsfragen. Wer uns erzählt, daß bei uns nur
die Großinduſtrie vertreten iſt, den fordere ich auf, bei uns
einzutreten und uns zu kontrollieren, und der wird ſehen
daß der Hanſabund ein verläßlicher Freund des Mittel=
ſtandes
iſt auch in ernſter Stunde.
Die Diskuſſion geſtaltete ſich recht lebhaft. In der
Debatte wurde volle Klärung des Verhältniſſes zwiſchen
Mittelſtand und Hanſabund verlangt. Weiter wurde eine
klare Antwort gefordert, wie ſich der Hanſabund zur
Warenhausſteuer, zur Börſenſteuer, zu einer Reichsfinanz=
reform
ſtellt. Ein Redner ſpricht über den Verband der
Holzpantinenfabrikanten Deutſchlands, wird aber unter
großer Heiterkeit darauf hingewieſen, daß er in einen fal=
ſchen
Saal geraten iſt. Obermeiſter Rahardt erklärt:
Wir ſind angewieſen auf alle bürgerlichen Parteien und
wollen uns nicht als Vorſpann benutzen laſſen für einzelne
Parteien, was Sie ja auch alle nicht wollen. ( Zuſtim=
mung
.) Wir dürfen nicht andere bürgerliche Parteien vor
den Kopf ſtoßen. Wir ſind Handwerksvertreter und keine
Handwerksverräter! Wir begrüßen das, was Herr
Knobloch hier bezüglich des Submiſſions= und Konſum=
vereinsweſens
geſagt hat. Wir wären dumme und un=
dankbare
Kreaturen, wenn wir nicht das Gute nehmen,
wo wir es finden. Glauben Sie, wir jagen keinen Hund
hinter dem Ofen hervor, wenn wir den Vorrednern folgen!
(Beifall und Widerſpruch.) Direktor des Hanſabundes
Oberbürgermeiſter a. D. Knobloch ſagt: Ich bin über=
raſcht
über die Schärfe der Angriffe. Am meiſten bin ich
erſtaunt, daß man den Hanſabund auf beſtimmte Parteien
feſtlegen will. Wer das ABC des Hanſabundes kennt,
kann ſo etwas nicht ſagen. Es iſt ebenſo unverſtändlich
wie zu fragen, welche Stellung der Hanſabund zur Sozial=
demokratie
hat. Der Hanſabund iſt ein Vertreter der bür=
gerlichen
Parteien und hat noch niemals die Sozialdemo=
kratie
zu den bürgerlichen Parteien gerechnet. Sie haben
keine Spur von Beweis dafür, daß der Hanſabund in
irgend einer Form eine Verbindung mit der Sozialdemo=
kratie
erſtrebt hat. Es iſt eine Lüge, daß jemals eine
Parole in irgend einer Stichwahl zugunſten der Sozial=

dabei heraus, daß wirkliche, urſprüngliche, geſunde
Häßlichkeit eine große Seltenheit in St. Louis iſt. Der
Blumenhändler war demnach trotz aller ſchlechten Er=
fahrungen
gezwungen, ſeine Auswahl wieder unter den
hübſcheren Mädchen zu treffen. Um ſich aber der Rache
der Häßlichen zu entziehen, kam der Mann auf den
ſchlauen Gedanken, dieſen zu verſichern, daß ſie für ſein
Geſchäft zu hübſch ſeien, er könne nur Kaſſiererinnen
brauchen, denen nicht von dem erſten eintretenden
ledigen Kunden ein Heiratsantrag gemacht werde.
* Dieſer Platz iſt beſetzt‟ Ein amüſantes
Abenteuer trug ſich kürzlich auf dem Bahnhof in Luzern
zu. Ein Herr eilt den Perron entlang und ſucht nach
einem leeren Platz in dem ſtark beſetzten Zuge. Die
Zugführer und Bahnbeamten ſind in Anſpruch ge=
nommen
und können ſich nicht um jeden einzelnen
Reiſenden kümmern. Endlich findet der Herr einen
Platz neben einem dicken Herrn. Doch nein. eine
ſchwarze Reiſetaſche ſteht darauf. Dieſer Platz iſt be=
ſetzt
ſagt der Dicke. Hier ſitzt mein Freund, er iſt
nur einen Augenblick fortgegangen und kommt ſöfort
wieder. An den Geſichtern der Mitreiſenden merkt
der Sucher, daß die Geſchichte ſich ganz anders verhält.
Ich werde hier ſtehen bleiben und warten, bis Ihr
Freund kommt. Dann werde ich den Platz räumen
und der Schaffner muß mir einen Sitzplatz anweiſen,
ſobald der Zug ſich in Bewegung geſetzt hat. Das
Signal zur Abfahrt ertönt. Ihr Freund müßte ſich
etwas beeilen ſagt der Sucher und nimmt die Taſche
von dem Platze, um ſich darauf zu ſetzen. Der Zug
ſetzt ſich in Bewegung. Ach, mein Freund hat den
Zug verpaßt ſagt der Dicke, dem das Lächeln der
anderen unbehaglich wurde. Das tut mir leid
nimmt der erſte wieder das Wort. Aber ſeine Taſche
ſoll er wenigſtens nicht einbüßen. Sagt’s und nimmt
mit ſchnellem Griff die ſchwarze Ledertaſche und
ſchleudert ſie durch das Fenſter des abfahrenden Zuges
auf den Perron. Entſetzt ſpringt der Dicke auf, er kann
aber nichts anderes mehr tun, als der Taſche ſeiner
Taſche betrübt nachſchauen. . . . Der Sucher hatte
die Lacher auf ſeiner Seite.

demokraten ausgegeben wurde. Das ſind Verleumdungen
von unſeren Freunden. Sie wiſſen, daß wir genötigt
geweſen ſind, vom Leder zu ziehen gegen gewiſſe extreme
Richtungen, die durch Abſchneiden der Nahrungsquellen
zu ſich herüberziehen wollen. Wir fordern, daß jeder Boy=
kott
geſetzlich unterſagt wird, ganz gleich, von welcher
Partei er kommt. (Beifall.) Ich habe erſt jetzt eine Gruppe
erſucht, gegen einen ſozialdemokratiſchen Boykott vorzu=
gehen
. Wir halten es keineswegs nur mit den liberalen
Parteien. Ich bin ſehr erſtaunt über dieſen Mangel an
Kenntnis. Wir haben Entgegenkommen gefunden aus
allen Kreiſen. Naturgemäß muß der Hanſabund, da er ja
eine große mittelſtandsfreundliche Mehrheir haben will,
Gegenſätze zwiſchen den bürgerlichen Parteien möglichſt
abzuſchwächen ſuchen, damit er geſchloſſen gegen die Dema=
gogen
von rechts und links die einigenden Intereſſen ver=
treten
kann. (Beifall.) Wenn Konſervative, Freikonſer=
vative
, Liberale, Freiſinnige miteinander im Kampf lie=
gen
, kann er nicht eintreten, weil er Mitglieder von den
Konſervativen bis zum linken Flügel der Freiſinnigen in
ſich aufnimmt. Ueber alle politiſchen, konfeſſionellen und
geographiſchen Gegenſätze hinweg will er arbeiten im Be=
wußtſein
des großen inneren Zuſammenhanges der Er=
werbsſtände
. Es iſt eine falſche Unterſtellung, wenn uns
unterſchoben wird, wir wollten die Arbeit der ſelbſtändigen
Vereine eliminieren. Nein, mit Ihnen arbeiten wollen
wir, wollen helfen, ſoweit möglich. Wir im Hanſabund
wollen nicht mit Worten, ſondern mit ehrlichen Taten ar=
beiten
, ſoviel wir können. Wie ſich die Parteien ſtellen
werden, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß die Parteien,
die mit uns arbeiten, ſich den Mittelſtandswünſchen ent=
gegenkommend
gezeigt haben. Wir werden ehrlich weiter=
arbeiten
für den Mittelſtand.
Damit war dieſe Ausſprache erledigt.
Generalſekretär Beythien=Hannover ſprach über den
Wert der Diskontierung der Buchforderungen für den
Detailliſten und empfahl eine Reſolution, in der es
heißt, daß die Deutſche Mittelſtandsvereinigung in der Be=
hebung
der Kreditnot des Mittelſtandes eines der wich=
tigſten
Mittel zur Beſſerung ſeiner Lage ſieht. Die Reſo=
lution
wurde angenommen, ebenſo ohne Begründung eine
weitere
Reſolution:
Angeſichts der tiefbetrübenden ſozialdemokrati=
ſchen
Siege bei den Reichstagswahlen des
nächſten Jahres richtet die Deutſche Mittelſtandsvereini=
gung
an alle bürgerlichen Parteien den Mahnruf zur ge=
meinſamen
Abwehr des erklärten Todfeindes unſerer kul=
turellen
und wirtſchaftlichen Entwicklung. Die Vereinigung
iſt ſich der Beweggründe wohl bewußt, die der Sozial=
demorkatie
ſeit einem Jahre zahlloſe Unzufriedene zu=
treibt
, und ſie beklagt dieſe Urſachen aufs tiefſte. Die Ver=
einigung
verkennt keineswegs, daß die Kämpfe um die
Reichsfinanzreform zu unbefriedigenden, die breiten Schich=
ten
des Volkes belaſtenden Ergebniſſen geführt haben. Das
hält ſie indeſſen nicht ab, vor einer Ueberſpannung der
politiſchen Verdroſſenheit, die weite Kreiſe ergriffen hat,
aus der Ueberzeugung heraus zu warnen, daß dieſe Zer=
riſſenheit
und Erbitterung zu einer politiſchen Entwicklung
führen muß, unter der gerade der Mittelſtand am meiſten
zu leiden haben wird. Der Mittelſtand hat von einem
Anſchwellen der ſozialdemokratiſchen Flut nichts zu er=
hoffen
und alles zu fürchten. Es iſt deshalb ein Gebot
eigenſten Intereſſes für den Mittelſtand, der gegenſeitigen
Zerfleiſchung, in der ſich die bürgerlichen Parteien ſeit
Jahr und Tag gefallen, mit allen Kräften entgegenzu=
arbeiten
und auf die Wahrung der allen bürgerlichen
Schichten gemeinſamen Kulturgüter nachdrücklich hinzu=
weiſen
.
Ueber die Reichsverſicherungsordnung
und ihre Wirkung auf das Handwerk referierte Geſchäfts=
führer
Dr. Coelſch. Auf ſeinen Antrag wurde eine Reſo=
lution
angenommen, in der gegen die neue Verſicherungs=
ordnung
in ihrer jetzigen Geſtalt proteſtiert wird. Die Ver=
einigung
ſei nicht gegen eine in vernünftigen Grenzen fort=
ſchreitende
Sozialpolitik, das Handwerk vermöge aber eine
weitere Belaſtung nicht zu tragen. Die Invalidenverſiche=
rung
müſſe durch den Aufbau weiterer Lohnklaſſen auch
für die Gewerbetreibenden nutzbar gemacht werden.
Hierauf wurde die Verſammlung durch den Vorſitzen=
den
Poſtſekretär Stockmann geſchloſſen. Am Abend fand
eine geſchloſſene Delegiertenverſammlung und ein Feſt=
eſſen
ſtatt.

Internationaler Sozialiſtenkongreß.
* Kopenhagen, 28. Aug. Der Internatio=
nale
Sozialiſtenkongreß wurde heute vor=
mittag
im Konzertſaale des hieſigen Od Fellow=
Pallais auf der Bredgade mit einer Eröffnungs=
ſitzung
eingeleitet. Von deutſchen Delegierten be=
merkte
man die Abgeordneten von Elm, Hué, Peus,
Dr. David, Dr. Frank, Dr. Südekum, Bömelburg, Le=
gien
, Stadthagen, Zubeil, den Parteipapſt Kautsky,
Roſa Luxemburg und Klara Zetkin. Der Vorſitzende
der däniſchen ſozialiſtiſchen Partei, Folkethings=
abgeordneter
Dr. Guſtav Bang, hieß die Delegierten
im Namen der internationalen Salidarität herzlich
willkommen. Nach dieſer Anſprache konſtituierte ſich
der Kongreß und die Mitglieder des ſozialiſtiſchen
Bureaus beſtiegen in langer Reihe die Tribüne. An
ihrer Spitze der Vertreter Hollands Vandervelde, der
formell den Kongreß für eröffnet erklärte. Reichstags=
abgeordneter
Stauning=Kopenhagen begrüßte die Er=
ſchienenen
namens der däniſchen Genoſſen und bat,
den Geiſt der Einigkeit über den Beſchlüſſen des Kon=
greſſes
walten zu laſſen, damit der Kampf gegen die
kapitaliſtiſche Weltanſchauung mit vereinten Kräften
geführt werde. Hierauf nahm Vandervelde das Wort,
der einen Ueberblick über die ſozialiſtiſche Bewegung
der ganzen Welt gab. Hinter den ſozialiſtiſchen Par=
teien
der verſchiedenen Länder ſtänden jetzt acht Mil=
lionen
Wähler. In Deutſchland habe der Sozialis=
mus
ſeit Stuttgart einen neuen Aufſchwung ge=
nommen
und ſtehe heute ſtärker als je da. Selbſt bür=
gerliche
Blätter geben zu, daß bei den nächſten Wahlen
die Sozialdemokraten über hundert Sitze erringen
würden. Das müſſe doch denjenigen, die ſich immer
auf das Gottesgnadentum berufen, beweiſen, daß nicht
das Gottesgnadentum entſchiede, ſondern die Soli=
darität
des Volkes. Redner gedenkt ſodann der ver=
ſtorbenen
Veteranen der Partei, ſowie Paul Singers
und Auguſt Bebels, die beide wegen Krankheit dem
Kongreſſe nicht beiwohnen können. Es wurden ſo=
dann
drei Vertreter der drei nordiſchen Länder zu
Vorſitzenden mit gleichen Rechten und fünf Kommiſſio=
nen
gewählt, die die verſchiedenen Punkte der Tages=
ordnung
vorarbeiten ſollen. Plenarſitzungen finden
erſt am Mittwoch ſtatt. Am Nachmittag bewegte ſich
ein Feſtzug durch die Straßen der Stadt nach Sönder=
marken
.

[ ][  ][ ]

Nummer 20 2.
Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 30. Auguſt 1910.
Seite 3.
ſcheidung dürfte erſt nach Eintreffen der ruſſiſchen
* München, 29. Aug. Bei einer Felddienſtübung, die
Luftſchiffahrt.
Herrſchaften erfolgen.

sr. Wurfverſuche aus dem Aeroplan. Auf
dem Flugplatz zu Berlin=Johannisthal wurden die Wurf=
verſuche
aus dem Aeroplan fortgeſetzt. Es beteiligten ſich
die Aviatiker Laitſch, Dorner und Behrend, während dem
chemaligen Weltmeiſter Poulain ein Wurfverſuch aus ſei=
nem
Eindecker zu gefährlich ſchien. Er ſtartete aber um
den Sonntags=Dauerpreis, den er auch gewann. Als Sie=
ger
aus den Verſuchen, für die Mitglieder aus dem Aero=
Klub einige Preiſe geſtiftet hatten, ging Laitſch hervor,
der zweimal bei ſechs Würfen mitten in die achtmal
10 Meter große gekennzeichnete Stelle hineintraf. Inter=
eſſant
war es zu beobachten, daß die aus einer Mindeſt=
höhe
von 20 Metern geſchleuderten 3 Kilogramm ſchweren,
aus Sandſäcken beſtehenden Geſchoſſe in einem Winkel von
45 Grad zur Erde ſauſten und dann noch einige Meter
weiterrollten.
* Paris, 29. Aug. Der Plan des Kriegsminiſters
betreffend die Errichtung eines Flugfeldes für die
Marine wird in kurzem verwirklicht werden. Nach ein=
gehender
Prüfung iſt hierfür ein vier Kilometer von Cher=
bourg
entfernter Exerzierplatz gewählt worden. Mit der
Erbauung der erforderlichen Schuppen ſoll demnächſt be=
gonnen
werden.
Sport.
* Florett=Fechten. Ein fechteriſches Ereignis
ſcheint der Mannſchaftskampf des Darmſtädter Fechtklubs
gegen den Wiesbadener Fechtklub zu werden. Der jün=
geren
Mannſchaft des hieſ. Klubs, die die Forderung hat
ergehen laſſen, werden in den Herren Bierbrauer, Frick,
Mexheimer und Quitzdorff die ſtärkſten Wiesbadener
Florettfechter entgegengeſtellt. Man iſt in den beteiligten
Kreiſen auf den Ausgang des Kampfes umſomehr ge=
ſpannt
, als man weiß, daß beide Mannſchaften ſeit Wochen
ſchon eifrigſt arbeiten, einesteils, um langerworbenen Ruf
hochzuhalten, andererſeits, um in friedlichem Wettbewerb
der jüngeren Mannſchaft den erſten Erfolg zu erringen.
So ſteht mancher heiße Gang zu erwarten und der
Freund von Leibesübungen dürfte vollends auf ſeine Rech=
nung
kommen.
Die Cholera.
* Berlin, 29. Aug. Die Morgenblätter melden aus
Berlin: Geſtern vormittag erkrankte der Ehemann einer
am Samstag an Fleiſchvergiftung unter choleraähn=
lichen
Erſcheinungen geſtorbenen Frau in Span=
dau
. Da die Krankheitserſcheinung als verdächtig ange=
ſehen
wurde, erfolgte ſeine Ueberführung nach der Iſolier=
baracke
des Krankenhauſes. Der Regierungspräſident in
Potsdam, um authentiſche Auskunft gebeten, erklärte, daß
die Cholera in Spandau noch nicht feſtgeſtellt ſei. Das
Ergebnis der Unterſuchung müſſe abgewartet werden.
Gleichwohl ſeien ſofort alle Vorſichtsmaßregeln getroffen,
im Falle es ſich um Cholera handeln ſollte, eine Weiter=
verbreitung
zu verhindern.
* Berlin, 29. Aug. Wie ein hieſiges Mittags=
blatt
meldet, iſt in Spandau noch ein Lazarettgehilfe
unter choleraverdächtigen Symptomen er=
krankt
.
* Berlin, 29. Aug. Die bakteriologiſche Unter=
ſuchung
ergab zweifellos, daß das Ehepaar Sdrnow in
Spandau tatſächlich an Cholera geſtorben bezw.
erkrankt iſt. Die Tochter des Sdrnowſchen Ehepaares,
die hier in Berlin verheiratet iſt und ihre Mutter bis
zu deren vorgeſtern erfolgtem Tode verpflegt hat, iſt ſo=
fort
nach der Iſolierbaracke gebracht und unter ſtrengſte
Aufſicht geſtellt worden. Alle Vorſichtsmäßregeln ſind
getroffen.
* Wien, 29. Aug. Da mit dem heutigen Tage die
Inhubationsfriſt auch bezüglich des cholerakranken
Dienſtmädchens Hofmann abgelaufen iſt und ein neuer
Fall nicht angezeigt wurde, kann man ſagen, daß Wien
wieder cholerafrei iſt.
* Rom, 28. Aug. In den letzten 24 Stunden wurden
in Andria eine Erkrankung und ein Todesfall an Cho=
lera
feſtgeſtellt, in Trani eine Erkrankung und drei
Todesfälle, in Barletta ſechs Erkrankungen und vier
Todesfälle, in Moletta zwei Erkrankungen, in Canoſſa di
Puglia und in Bitontoje ein choleraverdächtiger Fall. In
Cerignola ſind zwei choleraverdächtige Fälle vorgekom=
men
, in Trinitapoli fünf Erkrankungen, in Margherita di
Savoia eine Erkrankung und drei Todesfälle und ein
choleraverdächtiger Fall. Aus den übrigen Gemeinden der
Provinzen Bari und Foggia wurden keine weiteren Fälle
gemeldet.
Vermiſchte3.
. Wieviel heutzutage von dem Geſchäftsſteno=
graphen
verlangt wird, zeigte kürzlich das große Wett=
ſchreiben
des Gabelsbergerſchen Stenogra=
phentags
in Stuttgart. In der Geſchwindigkeit
von 280 Silben konnten dort nicht weniger als fünf Kauf=
leute
(Georg Rommeis=Frankfurt a. M., Karl Schneider=
Eſſen a. d. Ruhr, Karl Krähling=Dortmund, Jean Alt=
vater
=Ludwigshafen, Karl Angelrott=Halle a. d. S.) mit
Preiſen, zum Teil auch wegen vorzüglicher Leiſtungen mit
Ehrengaben, bedacht werden. In Abteilungen von 200 Sil=
ben
aufwärts war bei dieſem Wettſchreiben die bisher auch
nicht annähernd erreichte Zahl von 231 preiswürdigen Ar=
beiten
zu verzeichnen, ein Beweis dafür, wie in unſerer
Zeit, die alle Kräfte möglichſt auszunutzen gezwungen iſt,
auch die Anforderungen an ſtenographiſche Leiſtungen in
allen Berufen andauernd ſteigen. Bei der Stellenvermitt=
lung
des Deutſchen Stenographenbundes Gabelsberger
(Sitz Darmſtadt, mit Zweigſtellen in allen größeren
Städten des Reiches) iſt ſeit dem Stenographentage die
Nachfrage nach Stenographen von hoher Fertigkett ſo leb=
haft
wie noch nie zuvor. Als Wohlfahrtseinrichtung des
jetzt über 2000 Vereine zählenden Bundes arbeitet die Stel=
lenvermittlung
koſtenlos für beide Teile.

Der Beſuch der Zarenfamilie in Friedberg.
* Peterhof, 28. Aug. Der Kaiſer und die Kai=
ſerin
mit dem Thronfolger und den Prinzeſſinnen=
Töchtern ſind heute abend 7½ Uhr von hier abgereiſt.
* Eydtkuhnen, 29. Aug. Der Kaiſer und
die Kaiſerin von Rußland ſind kurz nach 2 Uhr
auf der Fahrt nach Friedberg hier durchgefahren. In
Wirballen war offizieller Empfang. Der Gou=
verneur
von Suwalki überreichte der Kaiſerin einen
Vlumenſtrauß.
* Bad Nauheim, 29. Aug. Es wurde kürzlich
gemeldet, daß ein hieſiger Arzt bereits erwählt ſei,
die Kaiſerin von Rußland während ihrer hie=
ſigen
Badekur zu beraten. Wie die Bad Nauheimer
Zeitung auf Erkundigungen bei dem genannten Arzt
erfährt, iſt dieſem nichts davon bekannt, daß ſchon
eine beſtimmte Arztwahl getroffen ſei. Dieſe Ent=

* Berlin, 29. Aug. Die Norddeutſche Allge=
meine
Zeitung meldet: Der Kaiſer und die Kaiſe=
rin
von Rußland kommen mit ihren Kindern nach
Deutſchland, um in Heſſen bei ihren hohen Verwandten
einige Wochen zu verleben. Die Kaiſerin
Alexandra gedenkt mit ihrem Aufenthalte den Kur=
gebrauch
der Quellen in Bad=Nauheim zu verbinden.
Es iſt uns eine Freude, die bohen Gäſte willkommen
zu heißen und uns der Herzlichkeit des Empfanges an=
zuſchließen
, der ihnen im ſchönen Heimatlande der
ruſſiſchen Kaiſerin von deutſcher Gaſtfreundſchaft be=
reitet
wird. Wir begleiten das Verweilen des ver=
wandten
und befreundeten Herrſcherpaares auf deut=
ſchem
Boden mit den beſten Wünſchen für die Geſund=
heit
der Kaiſerin, wie für das Glück ihres Gemahles
und ihrer blühenden Kinder.

Das Kaiſerpaar in Danzig.
* Danzig, 28. Aug. An dem Mahle in dem
Offizierkaſino der Leibhuſaren nahm auch Herzog
Albrecht von Württemberg teil. Auf der
Zugangsſtraße zum Kaſino bildete das 2. Leibhuſaren=
Regiment Spalier. Kurz vor 8 Uhr traf der Kaiſer
ein, gleich darauf in einem zweiten Automobil die
Kaiſerin mit der Prinzeſſin Viktoria Luiſe. Beide
Male ertönten Fanfaren vom Trompeterkorps der
Regimenter.
* Danzig, 29. Aug. Die Hohenzollern hat um
7½ Uhr losgemacht und iſt in See gegangen. Der
Kaiſer an Bord der Hohenzollern wird in der
Danziger Bucht über die in einer dreireihigen For=
mation
liegende Hochſeeflotte die Parade ab=
nehmen
und ſich dann an Bord der Deutſchland be=
geben
, um der Vorführung der Flotte beizuwohnen.
Das Wetter iſt ſchön.
Eine offizielle Erklärung zur Königsberger
Kaiſerrede.
* Berlin, 29. Aug. Die Nordd. Allg. Ztg. ſchreibt:
Die Königsberger Kaiſerrede rief in einem
Teil der Preſſe ſtärken Proteſt hervor. In der Rede ſoll
die Verkündigung des Abſolutismus, Geringſchätzung des
Volkes und der Volksvertretung enthalten ſein. Dem ge=
genüber
ſtellen wir zunächſt feſt, daß die Rede kein
Regierungsakt, ſondern ein perſönliches
Bekenntnis des Monarchen war. Als ſolches
atmet ſie den Geiſt des auf religiöſem Grund ruhenden
Pflichtgefühls, den der Kaiſer wiederholt bekundet hat
und bei der Ausübung ſeines Herrſcherberufes ſtets be=
tätigt
. Als Unterlagen für jene Vorhaltungen dient haupt=
ſächlich
die Stelle, die beſagt, daß der Kaiſer ohne Rück=
ſicht
auf Tagesmeinungen ſeinen Weg gehen werde. Der
wäre ein ſchlechter König, der Anſichten des Tages zur
Richtſchnur ſeines Handelns nähme. Der kaiſerliche Red=
ner
ſoll ſich aber auch mit jenen Worten in Gegenſatz zu
der Verfaſſung geſtellt haben. Dieſe Folgerung läßt ſich
nur als der Faktor einer von ſchwankenden Stimmungen
abhängigen Parlamentsherrſchaft oder gar eines Abſolu=
tismus
der Maſſe erklären, wovon die Verfaſſung nichts
weiß. Ebenſowenig liegt in der Erwähnung der hiſtori=
ſchen
Tatſache, daß die Könige von Preußen ihre Krone
nicht aus der Hand von Parlamenten empfingen, eine
Mißachtung von Volksrechten und Volksbeſchlüſſen. Da=
mit
iſt auch nicht in Einklang zu bringen, wenn die =
nigsberger
Rede jeden im Lande zur Mitarbeit an der
Wohlfahrt und kräftigen Entwickelung des Vaterlandes
auffordert. Der Herrſcher, der ſo viel Beweiſe dafür gege=
ben
hat, daß er feſt auf dem Boden der Verfaſſung ſteht,
die ſchaffenden Kräfte des Volkes zu fördern und zu achten
weiß, ſollte vor ſolchen Mißdeutungen geſchützt ſein.
Hiernach iſt endlich die Frage, was der Reichskanzler
tun wird, leicht zu beantworten. Der Reichskanzler weiß,
wie fern es dem Kaiſer gelegen hat, ſich in
den aktuellen Streit der Parteien zu ſtel=
len
, und kann nicht der Rede einen abſolu=
tiſtiſchen
Sinn geben, der zu Agitations=
zwecken
künſtlich hineingelegt und heraus=
geleſen
wird. Er wird daher den Kaiſer gegen will=
kürliche
Auslaſſungen und Verdrehungen verteidigen und
die Geſchäfte wie bisher in voller Uebereinſtimmung mit
der Krone und der Wahrung aller verfaſſungsmäßigen
Rechte weiterführen.
Darmſtadt, 30. Auguſt.
* Generalleutnant Gg. Hof *. Geſtern vormittag
iſt nach längerem Krankſein Generalleutnant z. D. Georg
Hof Exzellenz im Alter von 64 Jahren geſtorben. Ge=
neralleutnant
Hof gehörte als Offizier dem Infanterie=
Regiment Nr. 116 an. Er war ſpäter Brigadekomman=
deur
in Graudenz und wurde als ſolcher unter Beför=
derung
zum Generalleutnant mit dem Prädikat Exzellenz
zur Dispoſition geſtellt. Längere Jahre war der Ver=
ſtorbene
erſter Präſident der Kriegerkameradſchaft
Haſſia, zu dem er als Nachfolger Oberſtleutnants Cra=
molini
gewählt worden war.

* Offenbach, 29. Aug. In der Strafſache gegen den
Beigeordneten Walter ſind die Akten lt. Off. Ztg.
von der Staatsanwaltſchaft zurzeit dem Miniſterium vor=
gelegt
worden, damit dieſes ſich, der beſtehenden Vorſchrift
gemäß, darüber ſchlüſſig werden kann, ob eine Vorentſchei=
dung
des oberſten Verwaltungsgerichtshofes über die an=
geblichen
Vergehen zu erwirken iſt, oder ob von einem ſol=
chen
Entſchluß abgeſehen werden ſoll. Der Beſtimmung
gemäß muß, wenn gegen Beamte irgend etwas vorliegt,
das Miniſterium darüber entſcheiden, ob es die Angelegen=
heit
dem oberſten Gerichtshof zur Vorentſcheidung vorlegen
will. In der bekannten Straßenbahn= Angele=
genheit
iſt Bürgermeiſter Dr. Dullo von Oberkontrol=
leur
Diedenhofen um genaue Unterſuchung der ſchweben=
den
Affäre angegangen worden, die durch die Kri=
minalpolizei
geführt werden ſöll.
Letzte Nachrichten.
(Wolffs telegr. Korreſp.=Bureau.)
* Berlin, 29. Aug. Der von dem Fahnenjunker
Vieban in der Jungfernheide durch einen Schuß ver=
letzte
Arbeiter Otto Schmiedicke iſt heute früh im
Rudolf Virchow=Krankenhauſe ſeinen Verletzungen
erlegen=

das zurzeit hier untergebrachte 15. Infanterie= Re=
giment
heute ausführte, wurde eine ſehr große Anzahl
von Mannſchaften man ſpricht von 70 Mann vom
einem Blitzſtrahl getroffen.
* Köln, 29. Aug. In einer Pfandleihe wurden ein
Drogiſt, ein Kaufmann und eine Plätterin, welche von
außerhalb ſtammen, verhaftet, als ſie ſehr wert=
volle
Schmuckſtücke verſetzen wollten. Bei der Lei=
besunterſuchung
wurde feſtgeſtellt, daß alle drei Per=
ſonen
im Beſitze vieler Brillanten, Ringe, goldener
Uhren und einer großen Geldſumme waren; auch fand
man auf andere Namen lautende Papiere. Die Ver=
hafteten
verweigern jede Auskunft über die Herkunft
der Gegenſtände.
* Prag, 29. Aug. Infolge der gleichzeitigen Feier
des tſchechiſchen Sokolfeſtes und des deutſchen Volks=
feſtes
kam es zwiſchen kleinen Gruppen der beiden
Parteien zu Zuſammenſtößen, wobei zwei Deutſche
durch Meſſerſtiche ungefährlich verletzt wurden.
Die Täter wurden ſofort verhaftet. Gendarmerie zer=
ſtreute
die Anſammlungen.
* Prag, 29. Aug. In Certulitz iſt ein Ziegelei=
ſchuppen
eingeſtürzt; er begrub 12 Arbeiterin=
nen
unter ſich, von dieſen wurde eine getötet und eine
tödlich verletzt. Vier andere Arbeiterinnen erlitten
ſchwere, die übrigen leichte Verletzungen.
* Konſtantinopel, 29. Aug. Die an die Türkei
verkauften deutſchen Panzerſchiffe ſind
in den Dardanellen eingetroffen und den türkiſchen
Behörden übergeben worden. Nach einer Meldung der
Sabah begrüßte der Kommandant des türkiſchen Schif=
fes
Hamidie den deutſchen Kontreadmiral Koch, der
ſich an Bord des Stationsſchiffes Loreley nach Kon=
ſtantinopel
begab. Der Sultan gibt übermorgen zu
Ehren Kochs ein Galadiner.
* Tokio, 29. Aug. Die Annexion Koreas
wird öffentlich bekannt gegeben; die neue Kolonie
wird den Namen Cho Sen führen.

H.B. Berlin, 29. Aug. Reichskanzler von
Bethmann Hollweg wird ſeinen Aufenthalt auf
ſeinem Gute Hohenfinow unterbrechen und im Laufe
des heutigen Tages nach Berlin kommen.
H.B. Peſt, 29. Aug. Auf der Lokalbahnſtrecke
Budapeſt=Lajosmieſt iſt geſtern ein Perſonenzug
mit einem Laſtzuge zuſammengeſtoßen, wobei n
Reiſender getötet und zwei mehr oder weniger ſchwer
verletzt wurden. Da der Unfall auf falſche Weichen=
ſtellung
zurückzuführen iſt, wurde der die Schuld tra=
gende
Weichenſteller in Haft genommen.
H.B. Paris, 29. Aug. Die Regierung iſt einer
Reihe Unterſchlagungen auf die Spur gekom=
men
. Petit Pariſien meldet darüber: Nach einer faſt
ſiebenmonatlichen Unterſuchung ſind 12 Beamke des
Pariſer ſtädtiſchen Steuer=Bureaus überführt worden,
daß ſie ſich beſtechen ließen. Sie wurden auf Anord=
nung
des Seine=Präfekten aus dem Dienſt entlaſſen.
Gleichzeitig wurde gegen ſie eine ſtrafrechtliche Unter=
ſuchung
eingeleitet.
H. B. New=York, 29. Aug. In New=Jerſey wurde
geſtern abend ein Automobil mit ſechs Inſaſſen auf
einem Bahnübergange von einem Zuge überfahren
und zertrümmert. Zwei Inſaſſen des Automobils wur=
den
auf der Stelle getötet, drei tödlich verletzt.
Nur einer blieb unverletzt.

[ ][  ][ ]

Seite 6.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 30. Auguſt 1910.

Nummer 202.

Heute vormittag verschied sanft nach längerem Leiden unser lieber Vater,

Grossvater, Bruder und Schwiegervater
der Königl. Generalleutnant z. D.

(16833

Mer
Geore

im

65. Lebensjahre.
Darmstadt, Giessen, Heidelberg, 29. August 1910,

Carola Hof
Alix Buhtz, geb. Hof
Gerda Hof
Emilie Deiss, geb. Hof
Dr. Carl Hof
Wilhelm Buhtz,
Hauptmann u. Komp.-Chef im Inf.-Rgt. Kaiser
Wilhelm (2. Grossh. Hess.) Nr. 116,
und 2 Enkel.
Die Ueberführung nach Giessen findet Donnerstag, den 1. September, ½11 Uhr vormittags, von
Darmstadt, Stiftstrasse 9, aus statt, Einsegnung ¼ Stunde vorher. Die Beisetzung in Giessen
erfolgt nachmittags 5 Uhr vom Hauptbahnhof nach dem alten Friedhof.

Dankſagung.

Für die vielen Beweiſe herzlichſter Teilnahme
an dem Verluſt unſerer guten Mutter, Groß=
mutter
, Schwiegermutter und Tante ſagen
(16821
innigſten Dank
die trauernden Hinterbliebenen:
Heinrich Breher u. Familie, New=York,
Eliſabeth Warnecke, geb. Breher,
Georg Warnecke.

Verſteigerungskalender.
Mittwoch, 31. Auguſt.
Hofreiten=Verſteigerung des Bierbrauereibeſitzers
Georg Diehl (Heinheimerſtraße 77 und Große Bach=
gaſſe
16) um 10 Uhr auf dem Ortsgericht I.
Hofreite=Verſteigerung des Herm. Geyer ( Sand=
bergſtraße
45) um 10 Uhr auf dem Ortsgericht II.
Hofreite=, Hofraum=, Magazin=Verſteigerung
des Bauunternehmers Johs. Grünig (Sandbergſtraße)
um 10 Uhr auf dem Ortsgericht II.
Wein= u. Wirtſchaftsinventar=Verſteigerung
um 9 und 3 Uhr Mathildenplatz 8.
Mobiliar= ꝛc. Verſteigerung um 3 Uhr in der
Ludwigshalle‟.
Grummetgras=Verſteigerung um 8 Uhr ( Zu=
ſammenkunft
an der Kreuzung des Kirchen= und Böllen=
falltorwegs
.

Todes-Anzeige.
(Statt jeder beſonderen Anzeige.)
Verwandten, Freunden u. Bekannten hierdurch
die ſchmerzliche Mitteilung, daß es Gott dem All=
mächtigen
gefallen hat, meine innigſtgeliebte
Gattin, unſere gute Mutter, Schwiegermutter,
Großmutter, Schweſter, Schwägerin und Tante
Frau Lina Göbel
Hebamme
im Alter von 62 Jahren nach ſchwerem Kranken=
lager
heute früh 7½ Uhr in ein beſſeres Jen=
ſeits
abzurufen.
(16819
Im Namen der tieftrauernden Hinterbliebenen:
Philipp Göbel.
Darmſtadt, den 29. Auguſt 1910.
Die Beerdigung findet Mittwoch, den 31. I. Mts.,
nachmittags 3½ Uhr, vom Sterbehauſe, Pan=
kratiusſtraße
23, aus ſtatt.

Tageskalender.
Konzert um 8 Uhr im Hotel Heß.
Konzert um 8 Uhr im Schützenhof.
Konzert um 8 Uhr im Perkeo.
Ausſtellung des Deutſchen Künſtlerbundes (geöffnet
v. 10 Uhr ab). Sonntags v. 1 Uhr ab Eintritt 50 Pfg.
1. Darmſtädter Kinema tograph (Ecke Rhein= und
Grafenſtraße): Vorſtellungen von 311 Uhr.
Städtiſche Leſe= und Bücherhalle, Louiſen=
ſtraße
20. Die Leſehalle iſt geöffnet an Wochen=
tagen
von 102 und von 69 Uhr, Sonntags von
111 und von 69 Uhr. Bücherausgabe findet
ſtatt an jedem Wochentage von ½11 bis ½1 Uhr und
abends von 6 bis 9½ Uhr.

Druck und Verlag: L. C. Wittich’ſche Hofbuchdruckerei.
Verantwortlich für den politiſchen Teil, für Feuilleton,
Reich und Ausland: Dr. Otto Waldaeſtel; für den übrigen
redaktionellen Teil und Letzte Nachrichten: Max Streeſe;
für den Inſeratenteil: J. Kroſt, ſämtlich in Darmſtadt.
Für den redaktionellen Teil beſtimmte Mitteilungen ſind
an die Redaktion des Tagblatts zu adreſſieren. Etwaige
Honorarforderungen ſind beizufügen; nachträgliche werden
nicht berückſichtigt. Unverlangte Manuſkripte werden nicht
zurückgeſandt.

Kurſe vom 29. Auguſt 1910.
Mitgeteilt von Hermann Reichenbach.

Bf. Staatspapiere. Iu Proz.
4 Dſche. Reichsſchatzanw. 100,00
Deutſche Reichsanl. . 92,70
63,60
do.
8
4 Preuß. Schatzanweiſg. 100,20
92,70
3½ do. Conſols .
83,60
V do. do.
A Bad. Staatsanleihe . . 101,50
93,50
do.
do.
4 Bayr. Eiſenbahnanl. . 100,80
91,70
do.
½
82,60
do.
A Hamburger Staatsanl. 101,30
4 Heſſ. Staatsanleihe . . 101,00
90,80
do.
79,75
do.
Sächſiſche Rente . . . 83,10
Württemberger v. 1907 101,70
91,50
do.
8½
5 Bulgaren=Tabak=Anl.
1¾ Griechen v. 1887 . . 47,30
8¾/ Italiener Rente .
Oeſterr. Silberrente . 97,40
4 do. Goldrente . . 99,00
4 do. einheitl. Rente 93,75
3 Portug. unif. Serie I 66,25
3 do. unif. Ser. III 68,15
3 do. Spezial. 11,90
5 Rumänier v. 1903 . . 101,80
4 do. v. 1890 . . 94,50
do. v. 1905 . . 90,40
Ruſſen v. 1880 . . . . 91,40

Sf.
4 Ruſſen v. 1902 .V.
4½ do. v. 1905 . . .
3½ Schweden . .
4 Serbier amort. v. 1895
4 Türk. Admin. v. 1903
4 do. unifiz. v. 1903
4 Ungar. Goldrente .
4 do. Staatsrente
5 Argentinier .
4 do.
4½ Chile Gold=Anleihe
5 Chineſ. Staatsanleihe
4½ do.
4½ Japaner .
,
5 Innere Mexikaner . .
3
do.
4 Gold=Mexikan. v. 1904
5 Gold=Mexikaner . . .

Aktien inländiſcher
Transportanſtalten.
4 Hamb.=Amerika= Paket=
fahrt
. . . . . . . . 140,60
4 Nordd. Lloyd . . . . 108,70
4 Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 122,50
Aktien ausländiſcher
Transportanſtalten.
4 Anatol. Eiſenb. 60%
Einz. Mk. 408
4 Baltimore & Ohio . . 106,00
4 Gotthardbahn . . . .

InProz.
91,60
100,30
92,50
84,20
87,80
94,70
94,25
92,00
101,70
91,25
102,00
102,00
99,60
97,70
100,10
95,00

InProz.
31
4 Oeſt.=Ungar. Staatsb. 160,50
4 Oeſt. Südbhn. (Lomb.) 21,70
4 Pennſylvania R. R. 129,50
Induſtrie=Aktien.
Mainzer Aktienbrauerei . 208,00
76,70
Werger=Brauerei
Bad. Anil.= u. Sodafabrik 482,10
Fabrik Griesheim .
257,90
Farbwerk Höchſt .
523,75
Verein chem. Fabriken
Mannheim.
327,25
120,00
Lahmeyer .
Schuckert .
168,75
.265,50
Siemens &e Halske
Adlerfahrradwerke Kleyer 443,10
Bochumer Bb. u. Guß . . 236,75
Gelſenkirchen .
.213,00
Harpener
. 198,00
Phönix, Bergb. u. Hütten=
betrieb

.235,00
Prioritäts=
Obligationen.
8½ Südd. Eiſenb.=Geſ. . . 89,80
4 Pfälzer Prt.
101,20
3½ do.
92,00

4
4
4

Eliſabeth., ſteuerpfl. .
do. ſteuerfrei .
5 Oeſterr. Staatsbahn. 105,20

do.
97,50
do. alte . 81,60
5 Oeſterr. Südbahn . . 99,40
79,10
do.
do.
57,70
Raab=Oedenburger . .
4 Ruſſ. Südweſt. ..
89,20
4 Kronpr. Rudolfbahn .

In Proz.
Bf.
75,90
2¾/10 Livorneſer . .
-
4 Miſſouri=Pacific .
4 Bagdadbahn Mk. 408 86,50
Anatoliſche Eiſenb. . .
5 Tehuantepec . . . . . 101,60

Bank=Aktien.
Berliner Handelsgeſ.
Darmſtädter Bank . .
Deutſche Bank .
Deutſche Vereinsbank
Diskonto=Geſellſchaft
Dresdner Bank.
Mitteldeut. Kreditbk.
Nationalbk. f. Deutſchl
Pfälzer Bank .
Reichsbank
Rhein. Kredit=Bank
Wiener Bank=Verein

Pfandbriefe.
4 Frankft. Hypoth.=Bank
S. 16 und 17
31 do. S. 19. . . . .
4 Frkf. Hyp.=Kreditverein
S. 1519, 2126
4 Hamb.=Hypoth.=Bank
do.
3½
4 Heſſ. Land.=Hyp.=Bk.
do.
3½
4 Meining. Hyp.=Bank
do.
3½
4 Rhein. Hypoth.=Bank
(unk. 1917)1
do. (unk. 1914)
4 Südd. Bd.=Kr.=Bk.=Pf
3½ do,

169,50
130,50
255,80
127,00
187,30
158,50
119,20
123,25
104,75
143,50
139,00
139,50

100,20
92,00
99,60
100,50
90,50
101,60
92,60
101,00
91,00
100,10
91,00
100,50
92,50

Jaße)z.
Bf.
Städte=
Obligationen
4 Darmſtadt .
3½ do.
. 100,90
4 Frankfurt.
96,10
3½ do.
4 Gießen
. 100,50
3½ do.
-
4: Heidelberg
3½ do.
90,80
4 Karlsruhe
3½ do.
91,60
-
4 Magdeburg.
3½ do.
4 Mainz
3½ do.
4 Mannheim
100,30
3½ do.
4 München
100,10
3½ Nauheim
90,00
4 Nürnberg.
100,20
3½ do.
-
4 Offenbach .
3½ do.
4 Wiesbaden
* 100,40
3½ do.
4 Worms.
3½ do.
-
4 Liſſaboner v. 1886. . 82,30
Verzinsliche
Anlehensloſe.
4 Badiſche Tlr. 100 167,90
3½ Cöln=Mindner 100 134,50
5 Donau=Reg. fl. 100 149,60
3 Holl. Komm., 100 105,75

In Proz
Zf.
3 Madrider Fs. 100 78,00
4 Meining. Pr.= Pfand=
briefe
.
135,90
4 Oeſterr. 1860er Loſe 174,00
3 Oldenburger .
2½ Raab=Grazer fl. 150
Unverzinsliche
Anlehensloſe.
Augsburger
ft.
Braunſchweiger Tlr. 20 204,60
Freiburger
Fs. 15
Mailänder
Fs. 45
do.
Fs. 10
Meininger
fl. 7 36,60
Oeſterreicher v. 1864 100
do. v. 1858 100
Ungar. Staats 100 382,00
Venediger
Frs. 30
Türkiſche
400 181,40
Gold, Silber und
Banknoten.
Engl. Sovereigns .
20,40
20 Franks=Stücke
16,17
Oeſterr. 20=Kronen .
16,90
Amerikaniſche Noten . . . 4,19½
Engliſche Noten .
20,45
81,00
Franzöſiſche Noten.
Holländiſche Noten . . . . 169,50
Italieniſche Noten .
80,55
Oeſterr.=Ungariſche Noten 85,00
Ruſſiſche Noten . .
Schweizer Noten . . . . . 81,00
Reichsbank=Diskonto
Reichsbank=Lombard 3sf. 5%

zumkurgemäßen Genuß,
Kefir auch in Flaſchen, frei
ins Haus
täglich friſch,
Dickmilch
in Krügen u.

Schalen

unter
Vollmilch
trolle,

ins Haus

Kon=
frei

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Butter feinſte Gebirgs=
Tafelbutter
ſowie alle
Schweizerkäse anderen
Sorten Käſe
ſtets friſche Koch= u. Sied=
Eier eier. Spezialität Trinkeier
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ſowie in der Kinder=Erſtlingspflege erfahren.
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*20948) Stellen suchen: mehrere gut
empfohlene Landmädchen für 1. September
und 1. Oktober durch Frau Weißmantel,
Eliſabethenſtraße 37.

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vormittags Stiftſtraße 54, Hinterbau.
*20946iko) Kinderfräulein Stütze mit
beſt. Zeugn. ſucht Stellung ſof. od. 1. Okt.
Offerten erb. unter O. 10 an die Exped.

*20968) Einf. gebildetes Fräulein,
welches gut bürgerlich kochen kann, etwas
Hausarbeit übernimmt, w. Stellung in
ruhigem Hauſe.
Näheres Kiesſtraße 47, 2. Stock.

*20998) Gut empfohlenes Mädchen ſucht
noch einige Stunden Laufdienst
Lauteſchlägerſtr. 36.

[ ][  ][ ]

Nummer 202.

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 30. Auguſt 1910.

Seite 7.

ſucht Beſchäftig. Neue Ireneſtraße 12, III. I.
Das Zentral=Stellenburean
von FrauAuguste Schmitt der Expedition ds. Bl.
Ballonplatz
1. September und 1. Oktober,
die kochen können, für nach außerhalb. (*21006
Laufdienſt Erbacherſtraße 9, 1. St. links.
*20992im) Ich gehe halbe Tage waſchen
u. putzen Schuknechtſtr. 63, Manſard.
Alleinmädchen, welche koch., Haus=u. Kinder=
mädchen
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Diugeldein, Schützenſtr. 10½. Teleph. 531.
Kaufmann
30 J., als rout. Reiſender in der Zigarren=
branche
, eingeführt in Starkenburg, Frank=
furt
a. M. ꝛc., wünſcht ſich ab 1. Oktober zu
veränd., ev. auch andere Branche. Anſprüche
an die Exped. ds. Bl. erbeten. (*20711si
*20600dsi) Junger Mann, gedient, ſucht
Stellung als Bureaudiener, Portier, Kaſ=
ſierer
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an die Expedkkion dieſes Blattes. (16757oim
Intellig. Frau, durch Uebernahme eines
gründen. Kapital nicht erforderlich. An=
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[ ][  ]

Darmſtädter Tagblatt, Dienstag, den 30. Auguſt 1910.

Nummer 202,

Seite 8.

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Freitag, den 2. September 1910, abends 8 Uhr (16828
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beſtehend aus Feſtanſprache, Konzert uſw. im Schützenhof.
Wir laden unſere Mitglieder nebſt ihren Familienangehörigen zu dieſer Feier ein.
Die Monatsverſammlung am Mittwoch, den 7. September I. Js., fällt aus.
Der Vorſtand des Kriegervereins Darmſtadt.
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