Lebenserinnerungen Heinrich v. Hahn


Lebenserinnerungen von Heinrich v. Hahn

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Lebenserinnerungen von Heinrich v. Hahn

Heinrich v. Hahns detailliert dargestellte eigene Lebensgeschichte, die seiner Familie und seines Umfelds präsentiert ein lebhaftes Bild Darmstädter Geschichte aus seiner subjektiven Sicht

Bei Erschließungsarbeiten im Familienarchiv v. Hahn im Jahr 2018 wurden die Lebenserinnerungen von Heinrich v. Hahn (1866-1958) aufgrund ihres interessanten Inhalts dazu auserkoren, transkribiert und kommentiert zu werden. Was zunächst als Druckfassung geplant war, wird nun online publiziert mit Links zu den entsprechenden Internetseiten, Bildern und Datenbanken.

Lebenslauf

Heinrich Hahn wurde am 26. April 1866 als Sohn des Geheimrats und Staatskommissars Friedrich (Fritz) v. Hahn (1824-1892) und Anna geb. Rothe (1838-1919) in Darmstadt geboren. Nach Vorschuljahren im Knaben-Institut des Dr. Maurer besuchte er das Ludwig-Georg-Gymnasium in Darmstadt, das er 1885 nach der Reifeprüfung verließ, um den Offiziersberuf zu ergreifen. Im September 1885 trat er als Fahnenjunker in das Großherzogliche Artilleriekorps des Feldartillerie-Regiments Nr. 25 in Darmstadt ein, dessen Begründer 1790 sein Ururgroßvater Georg Gottlieb Hahn (1756-1823) gewesen war, und stieg in diesem die militärische Stufenleiter bis zum Major hinauf, wurde als Oberleutnant zum großen Generalstab eingezogen und als Hauptmann Lehrer an der Schießschule in Jüterbog. Die Familie Hahn wurde 1890 nobilitiert. Im Jahr 1913 wurde Heinrich v. Hahn als Abteilungskommandeur in das Feldartillerie-Regiment Nr. 39 nach Perleberg versetzt. Als solcher rückte er am 12. August 1914 in den Ersten Weltkrieg ein. Im Rahmen der Armee v. Kluck nahm er am Vormarsch über Lüttich durch Belgien und Frankreich, an der Marne-Schlacht bis zum Stellungskrieg an der Aisne teil. Im Februar 1915 erfolgte seine Ernennung zum Regimentskommandeur des Feldartillerie-Regiments Nr. 54 in der 54. Division des Generals Freiherr v. Watter. Er nahm an den Kämpfen in der Champagne, in Russland, am Chemin des dames, vor Verdun und an Abschnitten der Westfront teil und wurde 1918 Artilleriekommandeur der 115. Division. Nach Ausbildung in Rumänien stand er bis zum Waffenstillstand wieder an der Westfront und wurde mit mehreren Orden ausgezeichnet. Nach dem Rückzug durch Luxemburg und das Rheinland blieb v. Hahn zunächst bei den Besatzungstruppen in Oberhessen, schloss sich dann dem Freikorps an, das in Berlin, Düsseldorf, Stendal und Magdeburg kämpfte, und kehrte schließlich zu seinem Stamm-Regiment Nr. 25 nach Nidda und Fulda zurück. Am 31. März 1920 reichte Heinrich v. Hahn seinen Abschied als Offizier ein, und es folgte ein kurzes Intermezzo als Antiquitätenhändler bei der Gesellschaft für Altkunst in Berlin, bevor er mit der Familie wieder nach Darmstadt zog. Als Kulturinteressierter, Musikliebhaber und Opern- und Schauspielkenner – schon als aktiver Offizier jahrelanger Vorsitzender des Richard-Wagner-Vereins Darmstadt – arbeitete v. Hahn als Opernkritiker für das von seinem Schwager Werner Wittich (1903-1997) herausgegebene „Darmstädter Tagblatt“ und andere Zeitungen und wurde Schriftführer des Ständigen Rats für bildende Kunst in Hessen sowie Leiter der jährlichen Kunstausstellungen auf der Mathildenhöhe. Zudem leitete er zunächst als Geschäftsführer, dann als Vorsitzender, den Verein der alten Offiziere des Artilleriekorps und organisierte das Kasino. Seine Beziehungen zum Hof und zu Großherzog Ernst Ludwig v. Hessen und bei Rhein sowie zu Künstlern der Künstlerkolonie Darmstadt pflegte er bereits vor dem Krieg.

Heinrich v. Hahn war seit 1902 mit der Arzttochter Maria Dambacher (1875-1964) aus Karlsruhe verheiratet. Aus der Ehe gingen die beiden Söhne Diether (1908-1939) und Gisbert (1913-2003) hervor. Ihre Ferien verbrachte die Familie im Odenwälder Landhaus der v. Hahns in Hoxhohl. Im Jahr 1926/27 bauten die v. Hahns ein großes Klinkerhaus in der Moserstraße in Darmstadt. Beide Söhne wurden aktive Offiziere, Diether in der Kriegsmarine, Gisbert bei der Panzerwaffe. Diether v. Hahn fiel als Kapitänleutnant und Kommandant eines Flottenbegleitbootes bereits im Dezember 1939 in der Nordsee. Gisbert v. Hahn wurde in Russland schwer verwundet und verlor ein Auge, geriet in russische Kriegsgefangenschaft und wurde 1958 nach wechselnden Beschäftigungen Major in der Bundeswehr. Das Haus der v. Hahns wurde in der Brandnacht im September 1944 völlig ausgebombt und das Ehepaar überlebte den Krieg auf dem Mecklenburger Gut Wendelstorf bei Schwerin bei den Schwiegereltern von Sohn Gisbert, den Gutsbesitzern Werner, dann bei den Verwandten Willich gen. v. Pöllnitz auf dem Illbacher Hof im Odenwald. Seit 1945 ohne Ruhegehalt, lebte Heinrich v. Hahn bis zur Währungsreform eher bescheiden von Einkommen aus Aquarellmalerei und dem Verkauf von Altbesitz. Erst ab April 1951 stand ihm durch Gesetz 131 sein altes Ruhegehalt wieder zu. Das alte Haus der v. Hahns wurde 1951 als 3stöckiges Wohnhaus mit Mietwohnungen für Postbeamte wieder aufgebaut. Heinrich v. Hahn starb am 12. Januar 1958 in Darmstadt.

Die vier Bände mit den Lebenserinnerungen von Heinrich v. Hahn, die dieser als 70jähriger in den Jahren 1935/1936 begann und weiter von Mai 1948 bis 1956 schrieb, umfassen je knapp 300 Seiten. Im dritten Band wird auf zwei weitere Bände hingewiesen, darunter einen Indexband. Jedoch hat sich nur der vierte Band im Nachlass überliefert. Heinrich v. Hahn stützt sich bei seinen Lebenserinnerungen auf Briefe, wahrscheinlich auch auf Tagebücher, fünf Bände mit Opernkritiken, sein Buch über die Ballonfahrt, die alle leider im Familienarchiv fehlen. Möglicherweise wurden sie beim Brand des Wohnhauses in der Moserstraße in Darmstadt vernichtet und waren nicht im Keller gelagert – dem einzigen Raum, den das Inferno übrigließ. Vorhanden sind hingegen die Publikation Heinrich v. Hahns über die Geschichte des Richard-Wagner-Vereins Darmstadt (O 59 v. Hahn Nr. 94) und das Gästebuch aus Hoxhohl (O 59 v. Hahn Nr. 116), die er ebenfalls als Quelle zitiert.

Band 1 (HStA Darmstadt, O 59 v. Hahn Nr. 48)

Im ersten Band beschreibt Heinrich v. Hahn seine Kindheit und Jugend in Darmstadt und seine schulische Laufbahn. Seiner Familie, seinen Verwandten und deren Freunden: die v. Egloffsteins, die v. Gerlachs, die Mercks, die Wittichs, die Heyl zu Herrnsheim etc., wird breiter Raum gewährt. Genauestens werden die Nachbarschaft in der Eichbergstraße, die Geschäfte Darmstadts, gesellschaftlich relevante, meist adelige Familien beschrieben, ebenso wie Mitschüler und Freunde, darunter August Becker (1866-1951), der Sohn des Kabinettsekretärs und ehemaligen Prinzenerziehers Ernst Becker (1826-1888). Der Alltag im adeligen Haus v. Hahn ist ebenso Gegenstand seines Interesses wie die Ereignisse in der Stadt Darmstadt, wie z. B. die Siegesfeier 1870/71, die Sedan-Feste, Militäraufmärsche, die Nubier-Völkerschau 1879, aber auch die Familienbräuche an Ostern und Weihnachten. Bälle und Geselligkeiten im Elternhaus werden beschrieben. Interessant sind auch seine Darstellungen der militärischen Ausbildung und des Alltagslebens beim Artilleriekorps in Darmstadt als Fähnrich, Leutnant und Oberleutnant (1885-1899), und seine Zeit auf der Artillerieschule in Berlin 1888-1889 sowie als Ballonfahrer. In Berlin verkehrte er u. a. im Haus des früheren hessischen Ministers Karl v. Hofmann (1827-1910) und freundete sich mit seinem Kameraden Wilhelm v. Zangen (* 1867) an. Auch an einem Ball und einem Diner mit Kaiser Wilhelm II. nahm Heinrich v. Hahn teil. Der erste Band schließt mit dem Kapitel „Ehe und Gesellschaft“. Dieses enthält eine ausführliche Wertung der Ausstellung „Ein Dokument deutscher Kunst“ 1901 auf der Mathildenhöhe – Heinrich v. Hahn war mit Künstlern der Künstlerkolonie befreundet, u. a. mit Joseph Maria Olbrich (1867-1908) und Patriz Huber (1878-1902). Er schildert auch Begegnungen mit Großherzog Ernst Ludwig im Artilleriekasino und bei Privatbesuchen im Neuen Palais.

Band 2 (HStA Darmstadt, O 59 v. Hahn Nr. 49)

Im zweiten Band handelt es sich nicht um Memoiren, sondern um ein tatsächlich geführtes, wohl überarbeitetes Kriegstagebuch 1914-1918. Da Heinrich v. Hahn seit 1913 in preußischen Diensten stand, wurde auf die Transkription dieses Bandes verzichtet.

Band 3 (HStA Darmstadt, O 59 v. Hahn Nr. 50)

In Band drei widmet sich Heinrich v. Hahn zunächst ausführlich den „schönen Künsten“ (Musik, Bildende Kunst, Baukunst, Schriftstellerei). Im ersten Kapitel werden viele Musiker, Pianisten, Violinisten, Sänger und Sängerinnen am Landestheater Darmstadt sowie Schriftsteller, Bildhauer, Maler und Baumeister erwähnt und beschrieben, die Heinrich v. Hahn persönlich kannte, v. a. auch durch seine Arbeit als Vorsitzender des Richard-Wagner-Vereins und Leiter der Kunstausstellungen auf der Mathildenhöhe. Es fallen Namen wie Patriz Huber, Joseph Maria Olbrich, Richard Dehmel, Kasimir Edschmid, Hans Schiebelhuth, Arnold Mendelssohn, Richard Senff, etc.

Das zweite Kapitel widmet sich den Frauen und „Flammen“, allgemein und im Einzelfall. Interessant ist seine Liebschaft mit der Frauenrechtlerin, Lyrikerin und Gründerin der GEDOK (Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen) Ida Dehmel geb. Coblenz aus Bingen, spätere Ehefrau des Lyrikers Richard Dehmel, die sich 1942 vor dem letzten Abtransport der Hamburger Juden das Leben nimmt (1870-1942). Eine Ehe wird in Erwägung gezogen, aber aus rassistischen Gründen wieder verworfen, man bleibt jedoch bis 1933 miteinander in Kontakt. In seiner Berliner Zeit lebt Heinrich v. Hahn zeitweilig mit der „Chansonette“ Martha zusammen. Auch ein Verhältnis mit der Polin Julia Valeska, Schulreiterin im Zirkus Busch, mit der er sich gerne im Grunewald bei Ausritten zeigte, wird erwähnt.

Nach dem Ersten Weltkrieg zieht die Familie v. Hahn von Perleberg wieder zurück nach Darmstadt. Hahns Beschreibung der Nachkriegszeit nach seinem Abschied vom Militär und seiner Tätigkeit als Opernkritiker sind sehr lebendig und erzählen vom schillernden Gesellschaftsleben in Künstlerkreisen Darmstadts, auch im Hause v. Hahn. Das Vereinsleben, der Richard-Wagner-Verein, und das Artilleriekasino werden beschrieben, ebenso die Lesungen von Hermann Graf Keyserling in der „Schule der Weisheit“ sowie die Auftritte des Dichters und Philosophen Rabindranath Tagore in Darmstadt, im Sinne der nach Osten gewandten Geistesströmung. Wiederum werden Begegnungen mit Großherzog Ernst Ludwig erwähnt. Ausführlich schildert v. Hahn die schulische und berufliche Entwicklung seiner beiden Söhne und erläutert seinen Tagesablauf als Opernkritiker und seine Kontakte zu den Künstlern am Landestheater. Zur „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten kein Wort: „1933 fuhren wir zur Kieler Woche“ (S. 509) und 1934 zur Hochzeit von Sohn Diether nach Kiel. Am Ende philosophiert Heinrich v. Hahn über das Alter, den Adel und die Moral.

Band 4 (HStA Darmstadt, O 59 v. Hahn Nr. 51)

Der vierte Band beginnt etwa mit dem 75. Geburtstag 1941 und endet im Jahr 1956 mit dem 90. Geburtstag von Heinrich v. Hahn. Der Band beginnt mit der Aufzählung diverser Todesfälle in der Verwandtschaft: 1937 Schwager Arthur v. Lindequist, 1941 Cousine Melie v. Egloffstein, 1942 Cousine Lieschen Deninger geb. Pistor und sonstigen personellen Veränderungen. Im Krieg gefallene oder vermisste Verwandte werden thematisiert. Am einschneidensten wirkt sich jedoch der frühe Tod des Sohnes Diether zu Beginn des Zweiten Weltkriegs aus, der bereits im Dezember 1939 fällt. Nun gibt es auch eine Stellungnahme Heinrich v. Hahns zu Hitler und dem III. Reich. Als Offizier begrüßt v. Hahn die Aufrüstung, die Arbeiterschaft „hatte Arbeit, Lohn u. Brot, Freizeit u. Ausspann; die Arbeitslosigkeit war beseitigt.“ (S. 629), nur die „Die Judenfrage freilich war völlig falsch angepackt u. wurde so rigoros durchgeführt, daß die ganze Welt empört war“ (S. 629). Das nationalsozialistische Kulturprogramm wird von Heinrich v. Hahn nicht gebilligt und als rückschrittlich bezeichnet. „Den bitteren Geschmack bringt die Versäumnis der Generalität, dem Größenwahn Hitlers rechtzeitig Widerstand geleistet zu haben, die Ohnmacht des Volkes, seine Tyrannei abzuschütteln, das Versagen der Diplomatie, den Krieg zuvermeiden u. mit den Errungenschaften von 1938 Deutschland im Frieden sich genügen zu lassen“. (S.631). In der sogen. Brandnacht am 11./12. September 1944 wird das Haus der v. Hahns zerstört, es brennt bis auf den Keller ab, und die Familie sieht im Garten dabei zu. Die Zerstörung des Tintenviertels und die Ruinenstadt Darmstadt zwingen die Familie nun dazu, nach Mecklenburg auf das Gut der Schwiegereltern ihres Sohnes Gisbert zu fliehen, wo sie Unterkunft finden. Doch schon bald wird das Gut von den Russen enteignet, und die neuntägige Flucht aus der russischen Zone im Mai 1946 zurück nach Darmstadt gleicht einer Odyssee. Nun quartiert sich das Ehepaar bei Cousine Marie Willich gen. v. Pöllnitz auf dem Illbacher Hof bei Reinheim im Odenwald ein, wo es fünf Jahre bleiben wird. Sohn Gisbert v. Hahn war 1945 in russische Gefangenschaft geraten. Die finanzielle Lage der Familie bleibt prekär; Heinrich v. Hahns Offiziersrente wird nicht ausgezahlt, und er verdient mit Aquarellmalerei nur wenig Geld. Heinrich v. Hahns Fazit über die Demokratie der Amerikaner fällt nicht eben anerkennend aus. Nachdem die finanzielle Situation Heinrich v. Hahns sich 1949/1951 geklärt hat, beginnt er mit Aufbauplänen eines mehrstöckigen Wohnhauses auf seinem Grundstück in der Moserstraße in Darmstadt mithilfe von Baudarlehen der Post - die Wohnungen für ihre Beamten benötigt -, Landesbauzuschüssen und Hypotheken. 1951 zieht das Ehepaar in eine der Wohnungen des Hauses ein. Um das gesellschaftliche Leben Heinrich v. Hahns wird es ruhiger. Er beschäftigt sich mit Gartenarbeiten, liest, hört Radio, empfängt Besuche und geht gelegentlich zu Treffen der alten Artilleristen. Ausführungen zur Hochzeit von Königin Elisabeth II. v. Großbritannien und die Affäre von Prinzessin Margaret mit Peter Townsend zeigen seine moralische Einstellung dazu. Am Ende des Bandes gibt es klare Grundsätze über die Pflicht des Adels und Betrachtungen über Religion, Kunst, Malerei, Literatur, Musik und Philosophie.

Zusammenfassung

Heinrich v. Hahn stammt aus einer alten Darmstädter Offiziersfamilie, die 1890 geadelt wird, und bleibt zunächst der militärischen Tradition der Familie treu, wie es auch seine Söhne tun werden. Im Kaiserreich ist man konservativ und monarchistisch eingestellt und der regierenden Familie v. Hessen und bei Rhein sowie den führenden Adelskreisen zugetan, zu denen man sich zählt. Im Ersten Weltkrieg ist der Artillerist Heinrich v. Hahn patriotisch; zum Kriegsende und der Weimarer Republik wie folgt eingestellt: „Der neue Marxistenstaat war mir zuwider, ja verhaßt als Urheber des Schandfriedens.“ (S. 429). Der Ausstieg aus der Offizierslaufbahn im Jahr 1920 ist aufgrund der politischen Lage und Reduzierung der deutschen Armee nach dem Versailler Vertrag eher wirtschaftlich bedingt. So beginnt er 1920 sein „zweites Leben“ als Opernkritiker beim „Darmstädter Tagblatt“, als Organisator im Richard-Wagner-Verein, bei der Wiedereröffnung des Artillerie-Kasinos. Stets scheint die Familie großen Wert auf kulturelle Bildung gelegt zu haben. Heinrich v. Hahn ist künstlerisch begabt: er musiziert, schreibt, malt, interessiert sich für „die schönen Künste“ wie Musik, Theater, Literatur, Philosophie, Geschichte, Architektur, Bildende Kunst, etc. Wichtig sind ihm aber nicht nur Bildung, sondern v. a. seine Zugehörigkeit zum Adel, den er erhöht: „Der politische Umschwung stellt neue Forderungen an die Frau und an den Adel. …es muss, will er überhaupt den Adelstitel tragen, adliger Art sein; aristokratisch in Gesinnung und Bildung, nicht liberalistisch.“ (S. 552). Heinrich v. Hahn ist durchaus eitel, sehr von sich und seiner Moral überzeugt und bezeichnet sich, was Frauen anbelangt, als „Draufgänger“, zumindest in seiner Jugend.

Die Aufzeichnungen seines Lebens, die Heinrich v. Hahn mit 70 Jahren beginnt, sind sicherlich im Rückblick auf Kindheit, Jugend und sein Dasein als Erwachsener subjektiv gefärbt und möglicherweise stark idealisiert. Seine Aufzeichnungen werfen dennoch ein einzigartiges und lebendiges Bild auf die Darmstädter Gesellschaft, ihr kulturelles Leben und auf die Garnisonsstadt, erzählt von einer schillernden Persönlichkeit. Sie sind aber zugleich auch ein Zeitzeugnis einer adeligen Familie (ab 1890) in Darmstadt der Zeit ab etwa 1870, im Ersten Weltkrieg, in der Zeit der Weimarer Republik, des Dritten Reiches, den Wirren des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit.

Heinrich v. Hahn bezeichnet sich selbst als „politisch neutral: aristokratisch und monarchistisch“. Seine Lebenserinnerungen, im Jahr 1935 begonnen, sind antisemitisch geprägt; er begrüßt durchaus die NS-Bewegung, distanziert sich jedoch zugleich von der Gleichschaltung im Kunst- und Theaterbereich und beendet 1933/34 sowohl seine Tätigkeit als Opernkritiker, wie auch seine Mitgliedschaft im Ständigen Rat, eher vordergründig aus Altersgründen. Andererseits steht er mit seiner früheren Freundin Ida Dehmel bis 1933 brieflich in Kontakt, schreibt ihr jedoch auch, dass die Juden in Deutschland ein „fremdrassiges Gastvolk“ (O 59 v. Hahn Nr. 109) seien und auswandern sollen. Der Freitod Ida Dehmels 1942 wird nicht thematisiert, auch kein Bedauern über den Holocaust bekundet. Auch die politische Ordnung der Nachkriegszeit findet nicht seine Zustimmung: „Demokratie als Heilmittel passt für Deutschland nicht, es ist ungeeignet, sich selbst zu führen, es will und ist gewohnt nach Charakter und Geschichte geführt zu werden, aristokratisch zu leben, nicht demokratisch.“(S. 662).

Quellen und Editorisches

Die am häufigsten benutzten Quellen sind:

  • Adressbücher der Stadt Darmstadt
  • Polizeiliche Melderegistratur des Stadtarchivs Darmstadt, ST 12/18
  • Online-Datei Arcinsys, v. a. Bestand O 59 v. Hahn und S 1 (Biographische Nachweise) und R 4 (Bildersammlung) des HStA Darmstadt
  • Wikipedia
  • Stadtlexikon Darmstadt
  • Fritz Beck, Geschichte des Großherzoglichen Artillerikorps 1. Großherzoglich Hessischen Feldartillerie-Regiments Nr. 25 und seiner Stämme …, Mittler und Sohn, Berlin 1912

Die Quellen sind in den Fußnoten aufgeführt und sofern digitaler Natur mit Links versehen. Die Lebensdaten der Familienmitglieder v. Hahn und ihrer Verwandten sind den diversen im Familienarchiv überlieferten Familiengeschichten und Stammbäumen entnommen.

Zur Bebilderung der Bände (ebenfalls als Links) steht umfangreiches Bildmaterial zur Verfügung, das in Bestand R 4 in digitaler Form vorliegt. Besonders drei Alben, die dem Nachlass entnommen und in Bestand R 4 einzeln erschlossen sind:

  • „Familie v. Hahn/Rothe“ (R 4 Nr. 38960/1-250 A),
  • „Hoxhohl/Eichbergstraße/Moserstraße“ (R 4 Nr. 39423/1-139 A) und
  • „Freundinnen/Freunde/Kameraden“ (R 4 Nr. 39363/1-201 A)
enthalten viele aussagekräftige Porträts, u. a. von Künstlern, Freunden und Kameraden aus dem Artilleriekorps sowie der Familie und Anverwandter.

Bei der Transkription wurden die Originalseitenzahlen der einzelnen Bände am Seitenanfang in eckige Klammern gesetzt und fett markiert, die drei transkribierten Bände jedoch durchnummeriert. Ergänzungen im Text wurden ebenfalls in eckige Klammern und kursiv gesetzt. Einer Textseite im digitalisierten Original steht jeweils ein transkribierte Seite gegenüber.

Eine Passage in Band 3 über einen Neffen Heinrich v. Hahns wurde nach Rücksprache mit der Familie auf Grund postmortalen Persönlichkeitsschutzes nicht transkribiert und auch nicht im Original digital eingestellt.

Eva Haberkorn, Dipl.-Archivarin Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, 17. September 2025