Controversia et Confessio, Bd. 7


Dem durchleuchtigen, hochgebornen Fuͤrsten vnd Herrn, herrn Albrecht, dem Eltern, Marggraffen zu Brandenburg, Hertzogen in Preussen etc. wuͤnsche ich, Matthias Flacius Jllyricus, ein recht erkentnis des heilsamen bludts oder leiden Christi, des einigen lemblein Gottes, welchs allein die Suͤnde der Welt tregt Vgl. Joh 1,29. vnd alle Suͤnder mit seinen wunden heilet.

Dem durchleuchtigen, hochgebornen Fuͤrsten vnd Herrn, herrn Albrecht, dem Eltern, Marggraffen zu Brandenburg, Hertzogen in Preussen etc. wuͤnsche ich, Matthias Flacius Jllyricus, ein recht erkentnis des heilsamen bludts oder leiden Christi, des einigen lemblein Gottes, welchs allein die Suͤnde der Welt tregt Vgl. Joh 1,29. vnd alle Suͤnder mit seinen wunden heilet. ULB Darmstadt info:isil/DE-17 Darmstadt Letzte Änderung: 2023-05-23 Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY)

Dem durchleuchtigen, hochgebornen Fuͤrsten vnd Herrn, herrn
Albrecht, dem Eltern, Marggraffen zu Brandenburg, Hertzogen in Preussen etc. wuͤnsche ich, Matthias Flacius Jllyricus, ein recht erkentnis des heilsamen bludts oder leiden Christi, des einigen lemblein Gottes, welchs allein die Suͤnde der Welt tregtVgl. Joh 1,29. vnd alle Suͤnder mit seinen wunden heilet.

Dvrchleuchtigster, hochgeborner Fuͤrst, gnediger Herr. Nachdem ich mich schuͤldig erkenne beide, aus vnd nach dem geboth der liebe, vnd auch vmb der entpfangenen oder ertzeigten wolthaten willen, E. F. D.Eurer Fürstlichen Durchlaucht. zu dienen, so weiss ich keinen andern weg, weise noch mittel solchs zu thun oder auszurichten, denn mit meinem armen Gebedt zu Gott, mit erklerung der
Seeligmachenden warheit vnd mit vermanung, dieselbige lieb zu haben.

Wiewol aber jtzt die rechte, letzte vnd vnseligste zeit seindt,Zur Endzeiterwartung der Zeit vgl. Leppin, Antichrist und Jüngster Tag. dauon der heilige Geist durch den Heiligen Paulum geweissaget, das die Leute keine lust, liebe noch begirden zu der gesunden lehr vnnd zu der warheit werden haben,Vgl. II Thes 2,9–11. sondern suchen, stehen vnd gehen nach ohrenkrawern,Schmeichler. Vgl. Hans-Otto Schneider, Art. Ohrenkrauer, in: Lies, Schneider, 95 Schimpfwörter, 147.
heuchlern vnd fuchschwentzern,heuchlerischer Schöntuer, Schönredner. Vgl. Hans-Otto Schneider, Art. Fuchsschwänzer, in: Lies, Schneider, 95 Schimpfwörter, 81f. wie man leider allenthalben gnugsam fur augen siehet, das man stracksausschließlich, allein. solche Prediger wil haben, die da placentia vnnd mollia reden,Die gefälliges und mildes, sanftes predigen. Der Vorwurf erinnert an die schimpfliche Bezeichnung Zuckerprediger. Vgl. Jan Martin Lies, Art. Zuckerprediger, in: Lies, Schneider, 95 Schimpfwörter, 169f. das ist, die fein suͤss, sanfft vnnd in GEMEIN predigen, gelinde farendiplomatisch, zurückhaltend sein. vnd sonderlich die gewaltigen (so doch am meisten vnd mit grosserm ergernis vnnd schaden suͤndigen) nicht mit einem einigemeinzigen. wort
erzuͤrnen noch anruͤren. Jedoch koͤnnen, muͤssen vnd sollen fromme, gottsfuͤrchtige, eiuerigeeifrige. vnnd trewhertzige Lerer oder Prediger nicht anders thun, denn eben das, so Paulus dem getrewen Diener Christi, Timotheo, ernstlich aufferleget vnd gebeudt mit diesen hochwichtigen worten: So bezeuge ich nu fur Gott vnd dem Herrn Jhesu Christo, der da zukuͤnfftig ist
zu richten die lebendigen vnd die todten, mit seiner erscheinung vnnd seinem reich: predige das wort, halte an,beharre, bleibe standhaft. Vgl. Art. anhalten, in: DWb 1, 365f. es sey zur rechter zeit oder zur vnzeit, straffe, drawe,drohe. ermane mit aller gedult vnd lere.Vgl. II Tim 4,1f.

Aber ich wil mich zu E. F. D. versehen,Aber ich erhoffe von Eurer Fürstlichen Durchlaucht. Vgl. Art. versehen 9.a), in: DWb 25, 1247f. E. F. D. werde meine Christliche, wolmeinende vnd einfeltigeschlicht, redliche. Vgl. Art. einfältig 2), in: DWb 3, 173. erklerung der warheit vnnd trewliche
vermanung mit gnaden auffnemen.

Weil ich nu bis hieher etliche mehr schrifften von dem Osiandrischem groben vnnd grewlichem jrthumb offentlich im druck habe lassen ausgehen,Vgl. unsere Ausgabe Nr. ???, S. ??? darinne ich auffs aller einfeltigste vnd deudtlichste, vnd so viel es jmer muͤglich gewesen, die warheit habe aus vnd nach Gottes wort
erkleret, beweiset vnd gewaltiglich dargethan, vnnd dargegen die luͤgen, so Gottes wort zu widder seindt, verleget.widerlegt. Vgl. Art. verlegen 3), in. DWb 25, 758f. Damit ich aber noch mehr meinen vleis, die Goͤttliche warheit in dem hohem artickel vnserer gerechtfertigung zu erkleren vnnd die einfeltigenschlichten Gemüter. Vgl. Art. einfältig 2), in: DWb 3, 173. zu vnterrichten, fur der gantzen Kirchen Christi bezeuge, so habe ich noch zum vberflusaußerdem. Vgl. Art. überflusz 9.b), in: DWb 23, 222. ein klein Buͤchlein von
dem bludt Christi wollen lassen ausgehen, weil etliche widdersacher alzu schimpfflich, bitterhoͤnisch vnnd lesterisch dauon reden, das es Juͤden vnd Tuͤrcken mehr denn zuuiel were.

Weiter habe ich mir auch furgenomen, E. F. D. in dieser meiner vorrede vntertheniglich vnd Christlich zu ermanen, das sie doch wolte daran sein,
damit solchem grewlichem, vnerhortem jrthume mit zeitlichem vnnd Christlichem rathe mochte geweret werden, sich dafur selbst huͤten, dieselbige meiden vnd fliehen, so viel jmmer muͤglich.

Avff das aber E. F. D. desto besser verneme vnd bedencke, wie ein grewlicher jrthumb dieser des Osiandri sey, so wil ich E. F. G. nur zum
merckzeichenKennzeichen. Vgl. Art. Merkzeichen, in: DWb 12, 2108f. kurtzlich zwey grobedrastische, augenfällige. Vgl. Art. grob D.4.a und b), in: DWb 9, 397f. vnd greifflicheklar erkennbare. Vgl. Art. greiflich 2.a), in: DWb 9, 50. Das Wort greiflich wurde auch gerne als Epitheton für Lüge verwendet. Vgl. Art. greiflich 2.b), in: ebd., 50f. stuͤcke auff dis mal antzeigen, aus welchen E. F. G. auch von den andern leichtlich wirdt koͤnnen richten oder vrtheilen. Denn ob sich wol der Teufel bisweilen in einen schoͤnen Engel des Liechts verwandelt,Vgl. II Kor 11,14. jedoch lesset er aus Gottes schickung gemeiniglich seine klawen, pfoten oder hoͤrnerDer Teufel wurde mit Hörnern als Bocksgestalt und mit Klauen, um den Menschen zu ergreifen, imaginiert. Vgl. Art. Horn 2), in: DWb 10, 1816; Art. Klaue 5), in: DWb 11, 1030. jrgendt an einem
ort herfur ragen, darbey man jhn kan kennen, aber zur sache.

Die erste klawe, pfoten oder horn, darbey E. F. G. vnd alle einfeltige Christen den Osiandrischen Geist oder Teuffel sol vnnd leichtlich auch kan erkennen ist dis, das Osiander fein runt heraus gesagt, klerlich gelert vnd offenbarlich geschrieben hat, sonderlich in dem Buͤchlein widder Philippum im quatern
E, das die Gottheit eben also wone in vnser Menscheit, wie sie in der Menscheit Christi wonet vnd eben also mit vnser Menscheit eine person sey, wie mit der Menscheit Christi.Darumb wohnet Gott durch den glauben aus gnaden auch in uns als in den glidern Christi, wie er in Christo als in unserm haubt wonet, und solchs einwohnen wirt genennet ein annehmen, wie man dann spricht, Gott hat menschliche natur angenommen, welchs den engeln diser hohen gestalt nicht widerfehret. Andreas Osiander, Widerlegung Philippi Melanchthons (1552) E 4v, in: OGA 10, Nr. 522, S. 601,7–10.

Daraus denn dieses nothwendig folget vnd folgen mus, das man eben also einen jeglichen rechten Christen sol vnd mus anbe-ten vnd fur den
rechten, almechtigen ewig Gott, Schoͤpffer himmels vnd der erden, halten vnd anruffen, als Christum, den Son Gottes, selbst.

Was das nun fuͤr ein grewlicher, vnerhorter vnd grosser jrthumb vnd abgoͤtterey sey, das mag jederman richten, der nur noch einen Christlichen blutstropffen in seinem leibe hat, oder einen eiuer beide, fur Gott vnd sein
wort, tregt. Jch moͤchte hie wol gerne einen Osiandristen hoͤren, er heisse gleich FunckJohann Funck. oder Eichorn,Johann Eichhorn (Sciurus). Zunächst Professor für Mathematik, bekleidete er zwischen 1550 und 1554 die Professur für Griechisch und Ethik, schließlich auch Hebräisch. Von 1554 bis 1558 war er Professor für Teologie und seit 1557 auch Hofprediger des Herzogs. Zu ihm vgl. Fligge, Osiandrismus, 158–161. JagenteuffelNikolaus Jagenteufel, seit 1552 Professor für Dialektik an der Universität Königsber. Zu ihm vgl. Fligge, Osiandrismus, 169f oder Hundtartz,Andreas Aurifaber, von Flacius aufgrund seiner Tätigkeit als Leibarzt des Herzogs und Professor für Medizin an der Albertina wiederholt als Hundarzt geschmäht. Zu ihm vgl. Fligge, Osiandrismus, 154–156. der mir mit klarer, hellerdeutlicher. Vgl. Art. hell 10.b), in: DWb 10, 966. schrifft beweisete, das solches keine grobe Ketzerey vnnd grewlicher jrthumb were. Jch habe es jnen in einem eigen buͤchlein vnter die augen gestossen, in die ohren getrieben vnd noch beim leben Osiandri
furgeworffen,Vgl. z.B. Flacius, Von der Rechtfertigung des Glaubens (1551), in: unsere Ausgabe Nr. ???, S. ??? aber es hat sich noch keiner herfuͤr gemacht, der mir nur ein woͤrtlein darauff hette geantwortet.

Das ist, meine ich, ye ein scheuͤssliche Teuffels klawe, pfoͤte oder horn, daraus jederman sehr fein kan abnemen,entnehmen, erkennen. Vgl. Art. abnehmen, in: DWb 1, 80. mercken vnd gewiss schliessen,urteilen. Vgl. Art. schlieszen 5.b), in: DWb 15, 704. das der Osiandrische geist, welcher eine solche klawe, pfoͤte oder horn
herfur lesset gucken, so weit heraus streckt vnd weiset, sey kein Engel des liechts sampt dem lieben Euangelio, sondern der leidige, leibhafftige Teuffel selbst sampt seinem Alcoran.

Das ist nuKonjiziert aus: uu. die erste Teuffels klawe, pfoten oder horn an dem Osiandrischen geist, die ich E. F. D. habe wollen weisen vnd zeigen, auff das
E. F. D. desto besser solchen reissenden, hellischen WolffVgl. Mt 7,15. muͤge erkennen, inihn. meiden, fliehen vnd verfluchen. Diese klawe aber, oder das vnsauber Teufels horn, hat sich in dem Gottlosen Eichhorn noch viel gewaltiger ereuget,erwiesen. Vgl. Art. ereugen, in: DWb 3, 787f. herfurgethan vnd groͤblich ausgeweiset. Denn er hat in einer offentlichen predigt also gesagt, das, wie Gott der Vater in dem Son vnd
widerumb der Son in dem Vater wonet, also wonen sie auch in vnser Menscheit.Es handelt sich wohl um die Predigt Eichhorns vom Neujahrtag 1554, die Flacius auf dem Titelblatt seiner Schrift Verlegung des unwahrhaftigen, ungegründeten Berichts Hansen Funckens zitiert (vgl. unsere Ausgabe S. ???). Johann Eichhorn (Sciurus) hatte aber bereits während einer Disputation (De fortitudine) vom 18. Mai 1552 heftigen Widerspruch durch Bartholomäus Wagner und Johannes Hoppe erregt. Beide kritisierten die christologischen Ansichten Eichhorns und warfen ihm vor, in der Tradition des altkirchlichen Ketzers Nestorius zu stehen, der die beiden Naturen Christi voneinander geschieden hatte. Vgl. zu der Disputation und dem Streit Stupperich, Osiander in Preussen, 322–324. Vgl. zudem APOLOGIA || oder Schuͤtzred wie= || der bede / Bartolomaeum Wag= || ner vnd Johannem Hoppium / Magistros / von || denen ich oͤffentlich beschuͤldigt worden bin / || Sampt einem || kurtzen vnd Christlich= || en Bekantnus von || dem Artickel der || Rechtferti= || gung. || M. Johannes Sciurus. || || [Königsberg, 1552] (VD 16 632). Hier bekannte er (F 1r): () das wir durch den Glauben Christum, waren Gott vnd Menschen, in vnser hertz bekumen (). Reime dich pundt schuch.Der Bundschuh war das Zeichen, das Bauern in Erhebungen als Erkennungszeichen verwandten, welches damit zum reichsweiten Symbol für Aufruhr gegen die Obrigkeit wurde. Vgl. Peter Blickle, Art. Bundschuh, in: LexMA 2 (1983), 936f; es handelt sich dabei um ein besonders in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre häufig gebrauchtes Synonym für Aufruhr. Vgl. Diekmannshenke, Schlagwörter der Radikalen, 347–350. Das heisset nu den Osiandrischen jrthumb (So zu reden) mit grossen Bergen oder hauffen geheuffet, aber er hat also muͤssen das Rectorat bey dem Hundtartzt verdienen.Eichhorn bekleidete im Sommersemester 1554 das Rekorat. Aufgrund seiner Stellung als Leibarzt wurde Aurifaber immer wieder vorgeworfen eine dezidiert osianderfreundliche Besetzungspolitik bei Herzog Albrecht zu propagieren und Gegner Osianders auszuschalten. Vgl. Fligge, Osiandrismus, 155f; 158.

Dje ander Teuffels klawe des Osiandrischen Geists, lehr oder viel mehr
geschmeis ist, das Osiander fast allenthalben in seinen Buͤchern hat gelehret, das das leiden oder bludt Christi inn keinem wege vnser gerechtigkeit kan sein oder heissen, weil solch leiden fur lengest ist geschehen vnd vergangen.Es ist aber offenbar, das alles dasjenig, das Christum als der getreue mitler von unsernwegen durch erfullung des gesetzes und durch sein leiden und sterben mit Gott, seinem himlischen vater, gehandelt hat, das ist fur funfzehnhundert jaren und lenger geschehen, da wir noch nicht geporen sein. Darumb kan es, eigentlich zu reden, nicht unser rechtfertigung gewest sein, noch genennet werden, sonder nur unser erloͤsung und genugthuung fur uns und unser suͤnde. Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), B 1v–B 2r, in: OGA 10, 110,1–6. Das heist je, meine ich, sehr schimpfflich vnd verechtlich von dem herben, bittern leiden vnd sterben Christi geredet vnd in der Warheit
nichts anders suchen oder sagen, denn das blut Christi sey vnsert halben vergeblich vnd lauter vmb sonst vergossen, vnd habe vns nichts genuͤtzet, das Christus, der gebenedeiete Same, der Schlangen jren kopff hat zutretten,zertreten. Vgl. Gen 3,15. sondern man vnterstehet sich also, mit der alten Schlangen des gebenedeieten Samens kopff zutretten.zu zertreten.

Aber solche Teuffels klawe, pfoten oder horn hat sich durch den Osiandrischen Apostel Hansen Funck noch schrecklicher herfur gethan vnd herausser gestrecket. Denn Osiander hat gleichwol ein fein Sophissmafeine wortklauberische Lehre. Der altgriechischen Philosophenschule der Sophisten wurde nachgesagt, auf argumentativem Wege Tatsachen beliebig zu verdrehen. Vgl. Margarita Kranz, Art. Philosophie, in: NP 15/2 (2002), 339–343 (343f); Lepp, Schlagwörter, 83f erdacht, darmit er den einfeltigen die augen blendete vnd sie mit der nasen heruͤmmerherum. fuͤrete, vnd also gesaget, das leiden Christi were ja nicht vnser
gerechtigkeit, aber gleichwol were es vnser erloͤsung.Vgl. Anm. 41. Machet also einen vnterscheit zwischen der erloͤsung vnd rechtfertigung, da doch inn der Warheit keine ist. Denn gleich wie der gerechte Gott einen Menschen vmb nichts anderst in das gefengnis seines zorns, tods vnd helle wirffet, denn vmb der Schuldt oder vngerechtigkeit willen, also lest er jnihn. widerumb daruon,lässt ihn widerum frei, los; gewährt ihm widerum von der Schuld los zu sein. Vgl. Art. lassen 5.c), in: DWb 12, 222.
nicht durch oder vmb eines andern dings willen, denn nur allein vmb der bezalung der gerechtigkeit willen, es geschehe nu solche bezalung aus seinem eigenem beutel oder eines andern fur jn, als aus des Herrn Christi.

Aber Hans Funck siehet wol, das solch Sophisma keinen bestandt kan haben, darumb speietspottet, verhöhnt. Vgl. Art. speien 8), in: DWb 16, 2081f. er kecklich, offentlich vnd groͤblich heraus in
seinem Bericht, als ein kuͤner,dummdreister. Vgl. Art. kühn II. 2.c), in: DWb 11, 2576. trunckener Landtsknecht, das jenige, das sie, die Osiandrischen, sampt jrem Propheten lang vnter jrem hertzen getragen vnd verborgen gehabt, das nemlich das blut oder leiden Christi nicht sey vnser gerechtigkeit vnd erloͤse vns auch nicht, weder von Suͤnden noch vom Teuffel, todt oder hellen.Und weil weder das Thun noch leiden Christi die ware Gerechtigkeit sind, volget auch, das das Blut Christi (das verstehen sie vom Blutvergiessen), item der Tod Christi, die Wunden Christi, vnd was des mehr ist, nicht sind die ware Gerechtikeit, denn der keines ist von ewikeit zu ewikeit, auch keines Almechtig, das es aus eigner krafft solte oder vermoͤchte vom Tod erretten. Johann Funck, Wahrhaftiger und gründlicher Bericht (1553), E 2r, unsere Ausgabe Nr. ???, S. ??? Ey, das ist ein grober,plumper, trotziger Unfug. den solte man billich
kroͤnen.

Jch mochte gerne hoͤren vnd sehen, womit doch der fromme Funck solch grewlich Teuffels horn oder klawen mochte oder konte verhelen oder bergen, vnd was er doch fur ein Sophisma darzu (das da ein wenig klappen oder ein ansehen haben mochte) erdencken [möchte], oder worzu er doch halte oder
meine, das das blut, leiden oder sterben Christi gut oder nuͤtz sey.

Diese ander Teufels klawe oder horn des Osiandrischen geists solte E. F. D. mit allem vleis bedencken, wol zu hertzen fuͤren vnd jr je nicht vergessen. Denn darmit wil dieser newe Geist die gantze heilige Schrifft vnd Christum den Herrn selbst zureissen,zerreißen. schenden vnd zutretten. Denn die heilige
Schrifft saget allenthalben, das wir durch Christi bluth aus dem gefencknis werden erloͤset, Zacha. ix;Vgl. Sach 9,11. geistlich zum ewigen leben getrencket, Johan. vj;Vgl. Joh 6,54. mit Gott versuͤnet, Rom. iij,Vgl Röm 3,24–26. Eph. ij,Vgl. Eph 2,13. Col. j,Vgl. Kol 1, 21f. Acto. xx;Vgl. Act 20,28. erl?set, Ephe. j,Vgl. Eph 1,7. Heb. ix;Vgl. Hebr 9,12. besprenget, j. Pet. j,Vgl. I Petr 1,18f. Heb. xij;Vgl. Hebr 12,24. geheiliget, Heb. xiij,Vgl. Hebr 13,12. Ephe. v;Vgl. Eph 5,25. volkommen gemacht, Heb. x;Vgl. Hebr 10,19–22. von allen
suͤnden gereiniget, j. Johan. j,Vgl. I Joh 1,9. Heb. ix;Vgl. Hebr 9,14. mit dem tewren Bludt des Lambs erkauffet, j. Pet. j;Vgl. I Petr 1,18f. gewaschen, Apo. j;Vgl. Apk 1,5 weiss gemacht, Apo. vij;Vgl. Apk 7,14. gesundt gemacht, Esaie. liij;Vgl. Jes 53,5. gerecht gemacht, Ro. v.Vgl. Röm 5,9.

Ah, was sol ich viel spruͤche der heiligen Schrifft erzelen vnd anziehen,zitieren. Vgl. Art. anziehen 5), in: DWb 1, 528f. weisets doch die gantze heilige schrifft beide, alt vnd newe Testament, alle
Propheten, alle Apostel, ja auch alle heilige Veter zeugen vnd weisen mit fingern auff das einige opffer oder tewre Blut des vnschuldigen Lemblein Gottes.

Derwegen solte E. F. D. billichrechtmäßiger Weise. solche Teuffels klawe, pfoten oder horn wol merken vnd daraus leichtlich aberechnenerkennen. vnd lernen, was doch das fuͤr ein
grewlicher jrthumb oder ketzerey sey, die sich mit solchen groben, vnerhorten stuͤcken lesset mercken vnd vernemen.

Denn hilff, lieber Gott, warzu ist doch das tewre, werdewertvolle. vnd rosenfarbe Blut Christi guth, oder was nutzets vns doch, weil es vnser gerechtigkeit nicht ist? Erloͤset vns auch nicht von Suͤnden, Todt, Teuffel vnnd
helle? Jst denn Christus vergeblich vnd lauter vmb sonst gestorben, oder ist es jmihm. ein schimpff gewesen, solchen bittern todt zu leiden?

Aber es ist der Osiandrischen schwermereyGern und häufig gebrauchte schimpfliche Bezeichnung Luthers, um Gegner als Ketzer und irregeleitete Unruhestifter zu diskreditierten. Vgl. Diekmannshenke, Schlagwörter der Radikalen, 337–340. nicht so gar ein gross wunder oder jrthumb, wenn gleich Christus vergeblich were gestorben. Denn Osiander leret offentlich in einem Buͤchlein, das Christus nicht eigentlich
inn diese Welt kommen sey, die Suͤnder seelig zu machen, sondern wenn gleich keine Suͤnde, Todt oder Helle were gewesen auff der Welt, so hette er, der HErr Christus, dennoch muͤssen mensch werden, wie er solchs in einem tractetlein, wie gesagt, gehandelt vnd auch mit heiliger Schrifft zu beweisen sich hat vnterstanden.Vgl. D. ANDREAE || OSIANDRI SACRAE || THEOLOGIAE IN SCHO= || la Regiomontana Pri= || marij Professoris. || AN FILIVS DEI FVE= || RIT INCARNANDVS, SI || peccatum non introiuisset || in mundum. || ITEM. || DE IMAGINE DEI || QVID SIT. || EX CERTIS ET EVIDEN= || tibus sacrae scripturae testimonijs, || explicatio. || [Königsberg: Hans Lufft, 1550] (VD 16 O 986); vgl. zu dieser Schrift Stupperich, Osiander in Preussen, 105–109.

Nu leret S. Paulus, Phil. ij., das das nicht das geringste theil der ernidrigung oder demuͤtigung oder leiden Christi sey, das er, do er in der hohen gestalt Gottes gewesen, eine knechtische gestalt hat angenomen vnd den andern armen Menschen gleich worden ist.Vgl. Phil 2,6–8. Weil nu Christus ein gross theil seiner ernidrigung (nemlich, das er fur die herrliche gestalt Gottes eine knechtische
gestalt hat angenomen) nicht vmb der Suͤnde, sondern vmb sonst vnd vieleicht kurtzweil halben furgenommen, so ists fur war kein gross wunder, das er das ander teil seiner demuͤtigung, nemlich den todt auch vmb sonst leidete. Derhalben kan es (wie gesagt) keine grosse ketzerey sein bey dem Osiandro, wenn man gleich saget, Christus habe vmb sonst gelitten vnd
sey vergeblich gestorben.

Solche grewliche Schwermerey vnnd Teuffels hoͤrner des Osiandrischen Geists solte je billich E. F. D. emsiglich behertzigen vnd betrachten, auff das E. F. D. desto besser die ketzerey koͤnne erkennen, meiden vnnd verdammen.

Also habe ich gnedigster Fuͤrst vnnd Herr E. F. D. vnnd allen frommen Christen zwey grewliche hoͤrner oder klawen des Osiandrischen Geists (die eine ist, das sie alle rechte Christen zu waren natuͤrlichen Goͤtter machen; die ander, das sie gar grob heraussen faren,heftig zanken. Vgl. Art. fahren 5), in: DWb 3, 1249. Christi todt sey weder vnser Gerechtigkeit noch erloͤse vns, auch nicht vom todt, vnd sey also lautervollkommen, völlig.
vmb sonst geschehen) schier mit den finger getzeiget oder darauff geweiset, welche furwar mit keinem Sophistischem bettelmantelBettlermäntel zeichneten sich dadurch aus, dass sie aus allerlei verschiedenen Stoffen zusammengeflickt waren. Vgl. Art. Bettlermantel, in: DWb 1, 1737. sich lassen verhuͤllen, bedecken noch verstellen, man suche vnnd nehe die hadderlumpenFetzen. Häufig in Zusammenhang mit Bettlermäntel erwähnt, auch von Luther. Vgl. Art. Haderlumpe 1), in: DWb 10, 115f. der luͤgen zusamen, wie man nur jmmer wil oder kan.

Aus solchen Teuffels hoͤrnern aber kan E. F. D. leichtlich den gantzen
schwartzen, vn-saubern geist Osiandri ausrechnen,erkennen. ja schier fur augen sehen, hergehen, tretten vnnd grewlich widder das einige lamb Gottes vnd seine liebe Braudt die KirchenVgl. Apk 21,9. poltern, wuͤten vnd toben.

Derhalben solten billich alle Gottfuͤrchtige hertzen sich dermassen fur solcher Teufels klawen oder horn entsetzen vnd erschrecken, das, wenn sie
nur von der Osiandrischen schwermerey hoͤreten oder daran gedechten, jnen die harr zu Berge giengen.

Bitte demnach vntertheniglich, E. F. D. wolte solchen meinen trewen dienst vnnd Christliche arbeit jhr wol lassen gefallen, zu gnaden annemen vnd die warheit beide, hieraus vnnd aus andern Schrifften, auffs aller vleissigste, wie
Salomon vermanetVgl. I Reg 3,9. vnd einem jedemKonjiziert aus: jedern. rechtschaffen Christen hoch von noͤten ist, erforschen vnd derselbigen inn der furcht Gottes beyfallen vnnd nachuolgen. Denn wenn E. F. D. nur wil ein teil alleine hoͤren, so wirdt sie nimmermehr zu einer rechten erkentenis der Warheit in dieser sachen kommen.

Darmit wuͤnsche ich E. F. D. alles gutes, furnemlich aber ein rechtschaffen erkentnis Christi vnd seines heilsamen, thewren, werden vnd rosenfarben bluts, welchs fur vns – fur vns, sage ich – vergossen, das da vns a uch reiniget vnd von allen suͤnden weschet, ja es machet vnns fur Gottes angesicht weisser denn kein schnee ist, Apoca. vij,Vgl. Apk 7,14. Psal. lj.Vgl. Ps 51,9 Darumb sagt
der liebe Augustinus vberaus sehr fein in soliloquijs: Omnis namque spes et totius fiduciae certitudo sita est in precioso sanguine Christi.Konnte bislang nicht verfiziert werden. Das ist: Alle vnser hoffnung vnd die gantze zuuersicht stehet in dem thewren, werden Bludt oder leiden Christi. Datum zu Magdeburg, den ersten Octobris im 1554. jare.

E. F. D.

Williger vntertheniger.

Matthias Flacius Jllyricus.

Es pfleget Osiander allenthalben in seinen Schrifften vns furzuwerffen, die wir seine jrthume nicht koͤnnen billichen, das wir durch
die Philosophia dermassen seindt bezaubert vnnd bethoͤret, das wir seine geistliche himlische lehr nicht koͤnnen verstehen,Osiander ereiferte sich z.B. gegen Melanchthon über die rhetoricken, in denen der Wittenberger Professor wol geuͤbet sei und kan den lesern gar meisterlich mit seiner sophisterey ein plauen dunst fur die augen machen (). Osiander, Widerlegung Philipp Melanchthons (1552), A 3rv, in: OGA 10, Nr. 522, S. 573,7f. Osiander nahm Luther für sich ganz in Anspruch und warf seinen Gegnern dafür vor, sie hätten dem Reformator nur augengedienet und die ohren gefullet und sich gestellet , als halten sie seine lehr hoch und sein person in grossen ehren, sein im aber im hertzen gram gewest und noch und unterstehn [sich], sein gantze lehre von der gerechtigkeit des glaubens verdeckterweiss zu verdunckeln und durch ir philosophische und sophistische geucherey [Betrüberei] gantz und gar zu verkeren, villeicht darumb, auff das die papisten unser lehre in irem concilio deste leichter und mit grosserem schein koͤnnen verdammen. Osiander, Vom dem einigen Mittler (1551), H 1v, in: OGA 10, Nr. 488, S. 158,18–160,1. vnd wil vns also bey dem gemeinen Manne gantz vnd gar verdechtig, ja auch verhasset machen, so doch mit der warheit seine gantze Schwermerey nur aus der Philosophia vnd Menschliche vernunfft her entspringet vnd herfleusset. Wie denn auch sein
Mitschwermer Hans Funck die grundtfeste seiner meinung aus den Heidnischen Philosophis vnnd Juristen zusamen raspelt vnd sehr darauff bawet.Vgl. z.B. Funck, Wahrhaftiger und gründlicher Bericht (1553) G 4r–H 1v, unsere Ausgabe Nr. ???, S. ???

Denn weil Osiander diesen Philosophischen gedancken vnd fuͤndtlein der vernunfft feste helt, das nemlich die Gerechtigkeit vnd alle andere tugende
seindt vnd sein muͤssen eine inwendige gute art oder natur im Menschen vnd nichts anders,Ar. Tugend NP so kan sichs in seinen klugen kopff nicht schicken, finden noch leiden, das das Bludt, leiden vnd gantzer volkomener gehorsam Christi die rechte gerechtigkeit sey, dadurch wir sollen vnd muͤssen fur Gott gerecht vnd seelig werden, wie denn nicht allein die Juͤden, sondern auch alle
Philosophi vnd kluge Heiden, als aus dem heiligen Pau-lo zu sehen, das fur die aller groͤste thorheit haben gehalten, das die Christen gleuben, sie werden durch das leiden vnd sterben des gekreutzigten Christi seelig,Vgl. I Kor 1,22f. vnd das solches leiden vnd sterben jhre gerechtigkeit sey oder froͤmmigkeit fur Gott.

Auff das man aber solchem Philosophischem, ja recht Heidnischem jrthume Osiandri koͤnte wehren vnd die toͤrichte predigt von der Seeligkeit oder Gerechtigkeit des bluts des gekreutzigten Christi verteidingen, wil ich jetzt widerumb noch zum vberflus mit Gottes huͤlffe darthundarlegen. vnd beweisen, das das blut oder leiden vnd gehorsam Christi die ware, rechte vnd
seeligmachende gerechtigkeit oder frommigkeit sey fuͤrvor. Gott, dadurch wir gerecht vnd ewig seelig werden.

Wje nu das leiden oder blut Christi in sich fasse oder begreiffe auch den gehorsam vnd die gantze ernidrigung oder demuͤtigung Christi des Herrn (angefangen von der zeit dauon Paulus Philip. ij. sagt,Vgl. Phil 2, 6–8. das, da er noch in
Gottes des almechtigen gestalt war, habe er sich ernidriget vnd so tieff gedemuͤtiget vnd hinab gelassen, das er auch habe menschliche, knechtische gestalt angenommen vnd sey gehorsam worden bis zu seiner herrlichen aufferstehung) etc., hab ich nach der lenge in meiner grossen verlegung wider Osiandrum deutlich erkleret.Vgl. Flacius, Verlegung (1552), unsere Ausgabe Nr. ???, S. ???

Weiter habe ich auch in jtzgedachtem vnd andern meinen schrifften deutlich angezeiget vnd mit bestendigemnicht widerlegbarem. Vgl. Art. beständig 4), in: DWb 1, 1654. grunde der warheit dargethan vnd erkleret, wie vnd warumb die sache dahin ist gerichtet worden, das wir durch das tewre leiden Christi haben muͤssen erloͤset vnd seelig gemacht werden. Denn gleich wie alle vnser jamer vnd elendt komet allein aus dem gerechten
vnd nu durch den vngehorsam oder durch die vngerechtigkeit des menschens beleidigtem vnd erzuͤrnetem GESETZ, oder wesentlicher gerechtigkeit Gottes, die sich im gesetze hat abgemalet,dargestellt. Vgl. Art. abmahlen, in: DWb 1, 76. denn S. Paulus sagt j. Cor. xv. also, das das erzuͤrnete gesetz macht gebe der suͤnde, vnd die suͤnde oder vngerechtigkeit gebe macht oder schaffe den Todt.Vgl. I Kor 15,56. Wie nu, sage ich, alles
vnser vngluͤck daher entspringet von dem erzuͤrnetem gesetze, also widerumbim Gegenzug. hat vns sollen geholffen werden. So hat demselbigen gesetze mit einer volkommenen gerechtigkeit des gehorsams muͤssen auffs reichlichste gnug geschehen vnd bezalet werden. Es hat aber solche reichliche, vberschwenckliche vnd volkommene bezalung oder erfuͤllung
des gesetzs kein mensch, kein Engel, ja keine Creatur koͤnnen ausrichten noch volnbringen. Darumb hat der eingeborne Son Gottes vom himel sich also ernidriget, herab gelassen vnd ein armer mensch muͤssen werden. Denn Paulus sagt Rom. viij: Das weil das erzuͤrnete gesetz von vns gerechtigkeit, gleich als ein schuldt, erfordert habe vnd vnser schwaches,
suͤndiges fleisch habe es nicht koͤnnen leisten noch thun, so habe Gott seinen eingebornen Son in das fleisch gesandt, der solche gerechtigkeit des gehorsams dem gesetze vns zu gute leistete vnd also vnser suͤnde oder vngerechtigkeit tilgete.Vgl. Röm 8,3f.

Darumb spricht auch Paulus zun Ro. am v: Das wie durch eines menschen
suͤnde oder vngerechtigkeit (Die er alda erkleret durch das wort vngehorsam gegen Gott vnd seinem gesetze) die suͤnde, der todt oder verdamnis in die welt kommen ist, also haben auch die menschen sollen vnd muͤssen from, gerecht vnd seelig werden durch eines menschen, Christi, gerechtigkeit oder gehorsam gegen Gott vnd seinem gesetze. Denn Paualus
nennet alhie die gerechtigkeit Christi einen gehorsam.Vgl. Röm 5,17–21.

Derwegen so ist nu alhie wol zu mercken vnd fleissig zu behalten, das in andern meinen schrifften reichlich bissanheroschon jetzt darüber. erkleret worden ist: Erstlich, was doch das blut vnd leiden Christi bedeute oder begreiffe; nemlich, die gantze ernidrigung vnd demuͤtigung Christi gegen Gott, vnsert halben im
fleisch gesche-hen. Zum andern, wie es doch darzu gekommen, das Christus mit seinem blute vnd leiden fur vns bezalet vnd vns dardurch from vnd gerecht gemacht habe.

Jtzt wil ich mit Gottes huͤlff etliche argumenta aus der heiligen schifft herfur bringen vnd klar an den tag geben,öffentlich beweisen. die kluge menschliche vernunfft vnd
Philosophia darmit zu vberweisen,überzeugen. Vgl. Art. überweisen A.1.d), in: DWb 23, 640. das das blut vnd leiden Christi die rechte vnd ware gerechtigkeit sey, dardurch wir fur Gott gerecht, from vnd seelig werden, ob gleich solchs fur zeiten beide, den Heiden vnd jtzt den Osiandristen, ein sehr lecherlich, nerrisch vnd thoͤricht ding gewesen vnd noch duͤncket.

Es stehet aber den klugen leuthen, das sie nicht koͤnnen gleuben, das das blut oder leiden Christi vnser gerechtigkeit sey, erstlich dis Sophisma im wege, das sie also bey sich gedencken vnd es auch sagen, vnser gerechtigkeit, darmit wir gerecht sollen werden, muͤsse nothwendig ein bleibend vnd jmmer werend ding sein. Nu geben sie fur,behaupten sie. das blut Christi ist wol fur
1550. jharen vergossen vnd verflossen, vnd ist also sein leiden fur lengst geschehen vnd volbracht. Derhalben, spricht Osiander, muͤsset jhr wol fuͤr 1550. jharen gerecht worden sein, ehe jhr geborn seidt gewesen.Es ist aber offenbar, das alles dasjenig, das Christum als der getreue mitler von unsernwegen durch erfullung des gesetzes und durch sein leiden und sterben mit Gott, seinem himlischen vater, gehandelt hat, das ist fur funfzehnhundert jaren und lenger geschehen, da wir noch nicht geporen sein. Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), B 1v–B 2r, in: OGA 10, 110,1–4. In dem Bericht Mörlins, Venedigers und Hegemons wurde der Vorwurf erhoben, dass Osiander in einer Predigt am 22. September 1551 über das leiden vnd sterben, blut vnd schweis Christi gesagt haben solle, dass es vor funffzehen hundert jaren lengest vergossen, vertrucknet vnd in der erden verwesen sei. Mörlin, Bericht (1552), D 2r, in: unsere Ausgabe Nr. ???, S. ???. Osiander wies diese Behauptung entschieden zurück, vgl. Andreas Osiander, Schmeckbier (1552), in: OGA 10, Nr. 538, S. 762,15–763,5.

Disses ist sehr lecherlich vnd vnmuͤglich. Jtem sie sagen (vnd zwar wenn solche wort von einem Juͤden gesagt wuͤrden, so were es lesterlich
vnd schmelich gnug geredet): ewer gerechtigkeit hat nur drey stunde geweret, nemlich so lange Christus am kreutze gehangen oder gelitten.Konnte bislang nicht verifiziert werden.

Es bezeugen aber solche leuthe hirmit, das sie nicht verstehen noch wissen, weder was tugent noch vntugent, gerechtigkeit oder vngerechtigkeit, guthe oder boͤse wercke fur Gott seindt, sondern das sie gedencken von solchen
hohen sachen nicht viel anders, als jhener Landtsknecht, do er auff eine zeit einmahl one gefehr eine predigt von einem Muͤnche horete, welcher sehr hefftig schalt auff Judam vnd die Juͤden, das sie den frommen, vnschuldigen man Christum so schendtlich vmbgebracht vnd ermordet hatten, wardt daruͤber auch so sehr bewogen, das er anfing zu fragen, wennwann. doch solche
vbelthat geschehen were, vnd do jhm geantwortet wardt, es weren mehr denn tausent jar, do sich solchs zugetragen, hat er spoͤttisch gelechelt vnd gesagt: Jst es so lang, das solches geschehen vnd ist noch nicht verricht,gerichtet, geurteilt. wil man das noch so lange gedencken vnd sich daruͤber noch keiffen vnd haddern?

Ey, lieber freundt, es hat viel eine an-dere gestalt mit Gott. Er
vergisset nicht so baldt der guten vnd boͤsen wercke, wie wir menschen pflegen zu thun, sondern der menschen suͤnde seindt jhm also im frischem gedechtnis (ausgenommen die vergeben seindt), als wenn sie erst heute begangen wuͤrden.

Es spricht Christus, das blut des gerechten Abels vnd aller Propheten werde
vber die Phariseer vnd alle andere verfolger kommen.Vgl. Mt 23,35; Lk 11,50f. Hie moͤchte nu ein Landtsknecht oder Osiandrist fragen vnd fuͤrgeben:vorbringen. Ey, lieber, das blut Abels ist mehr denn fur fuͤnfftausent jharen vergossen, in die erden verflossen vnd verwesen,verwest. oder auch villeicht von den wilden thieren gefressen worden, wie kan es denn vber den Babst vnnd seine mituerfolger
schreien, komen vnd sie verdammen? Antwort: Lieber gesel, du solst dich darumb nicht bekummern noch dir lassen grawe harr des halben wachsen, las Gott darfuͤr sorgen, wie solch gerechtes blut vber die verfolger kommen werde.

Auff disse meinung sagt auch die offenbarung Johannis Cap. xiiij, das den
gestorbenenen jhre wercke nachfolgen.Vgl. Apk 14,13. Hie moͤcht wol ein Osiandrist fragen, ob sie zu fuss oder zu Ross folgeten, weil jr wercke lang geschehen vnd vergangen weren.

Das aber das bitter leiden, sterben vnd blutuergiessen Christi des Herrn nicht alleine nachdem es geschehen, sondern auch ehe den es
geschehen ist, gegenwertig vnd verhanden vnd krefftig fur Gott gewesen ist, vnnd die rechtgleubigen von anbegin der welt gerecht vnd seelig gemacht habe, bezeuget S. Johannes inn seiner offenbarung, da er am xiij. Cap. also spricht: Das Lamb Gottes ist von anfang der welt geschlachtet.Vgl. Apk 13,8. Jst es nu von anfang der welt geschlachtet, so ist es auch im ende der welt
geschlachtet, ja auch heute, morgen vnd alle tage.

Hieraus ist nu offenbar vnd sehr leicht zu schliessen, das, ob wol das leiden Christi zu einer gewissen zeit, ort vnd stunde ist geschehen, es vns doch alle stundt vnnd allenthalben also nuͤtze, krefftig vnd gut ist, reiniget oder weschet vnd rein, from vnd gerecht fur Gott machet, als wenn es erst heute
hie geschehen were, oder als wenn es jtzt erst geschehe. Denn so auch ander menschen guthe vnd boͤse thaten fur Gott im frischem gedechtnis seindt vnd bleiben vnd nicht vergehen, ey, so mus hundert tausent mal mehr viel fester das tewre leiden des einigeneinzigen. gebornen Sons Gottes fur Gott bleiben? Auff das du es aber, lieber Christlicher leser, desto besser muͤgest einnehmenverstehen. Vgl. Art. einnehmen 7), in: DWb 3, 238f.
vnd behalten, so wil ich noch zum vberflus mehr spruͤche anziehenzitieren. vnd exempel herfuͤr bringen, darmit zu erkleren vnd zu beweisen, wie das blut Christi vnser gerechtigkeit ist vnd sein kan.

Furs erste ists vnleugbar, das das blut oder mordt des Abels eine vngerechtigkeit dem Cain sey.Vgl. Gen 4,8–10. Denn auff das du mich ja wol verstehest,
halte jchs darfuͤr vnd bin es auch aus Gottes wort gewis, das vngerechtigkeit sey ein vngehorsam gegen Gott vnd seinem gesetze. Jch sage, vngehorsam des hertzens vnd der hende, inwendig vnnd auswendig. Denn durch ein solch thun verdient der mensch das ewige verdamnis. Solchen vngehorsam nennet S. Paulus die suͤnde, als da er zu den Romern am fuͤnfften spricht, das
durch eines menschen suͤnde der todt in die welt kommen sey.Vgl. Röm 5,12. Jtem: der suͤnden soldt ist der todt.Röm 6,23. Da one zweiuel durch vngehorsam vnd suͤnde die vngerechtigkeit bedeutetgemeint, umschrieben. wirdt.

Jst es aber sache, das den Osiandristen die vngerechtigkeit was anders were denn das, darumb wir fur Gott vngerecht seindt vnd verdammet, jtem, das
auch die gerechtigkeit was anders, denn das, darumb wir fur Gott als gerechte das ewige leben ererben vnd bekommen, so muͤgen sie aufftreten vnnd sich erkleren, auff das man doch der sachen endtlich abhelffen vnnd desto klerer sehen koͤnte, das sie gantz vnd gar eine ne we Theo-logia vnd ein newes Euangelium tichten, leren vnd auffrichten, wie sie denn in der warheit
thun. Wir wissen zwar von keiner ander vngerechtigkeit, denn von der, vmb welcher willen vns Gott als vngerechte verdammet vnd ins ewige hellische fewer stoͤsset.

Nu, das wir zur sachen kommen, ist es einmal war, das das vergossene vnschuͤldige blut Abels oder mordt eine vngerechtigkeit sey des Cains, denn
Gott erzuͤrnet darumb so hefftig vber Cain, stoͤsset jhn von seinem angesicht hinweg als einen vngerechten vnd verdammet oder verurtheilet jn zum ewigem hellischem fewer.Vgl. Gen 4,11f, Das seindt, meine jch, nach meiner Theologia die rechte proprietates iniustitiae, eigenschaffte der vngerechtigkeit, nemlich, das Gott darumb mit einem zuͤrnet, jn von seinem
angesicht als einen vngerechten stoͤsset vnd ins ewige hellische fewer wirffet.

Hie werden die Osiandristen fluckssofort. Vgl. Art. flucks, in: DWb 3, 1836. sagen, war denn Cain zuuor nicht vngerecht, ehe er Abel hat erschlagen? Antwort: Ja, er war vngerecht, denn er hat solchs lang zuuor im hertzen bey sich beschlossen vnd ausgericht.begangen.
Denn wir sonderntrennen. Vgl. Art. sondern 2), in: DWb 15, 1584. vnd scheiden den inwendigen vngehorsam des hertzen von dem auswendigen der hende nicht, sondern fassen dis alles zusammen vnd heissensnennen es. mit der heiligen schrifft suͤnde oder vngerechtigkeit.

So nu das bludt oder der mordt Abels (weil er wider Gottes willen geschehen) dem Cain eine vngerechtigkeit ist, ja nicht alleine Cain, sondern
auch allen verfolgern biss zum ende der welt,Vgl. Gen 4,15. warumb solte vnd kan denn auch nicht Christi bludt vnnd leiden, fur vns nach Goͤttlichem willen geschehen oder vergossen, vns eine ware gerechtigkeit sein?

Zum andern: Die Schrifft spricht, es sey dem Pineas das bludt oder mordt des Juͤdischen Fuͤrsten vnd der Madianitischen huren, die er im Ehebruch mit
einander erstach, zur gerechtigkeit zugerechnet worden, Num. xxv,Vgl. Num 25,7–13. Psalm. cv.Vgl. Ps 106,30 (Vg.: Ps 105,30). Warumb kan vns denn vnser Herr Gott zur Gerechtigkeit nicht zurechnen das bludt oder leiden Christi des Herrn?

Zum dritten: Da Dauid in dem lj. Psalm betet: Errette mich von dem Blute (denn also stehet im Hebraischen)Hebräisch Gott, der du mein Gott vnd Heilandt
bist, das meine zunge deine gerechtigkeit rhuͤme.Vgl. Ps 51,16. Jsts nicht war,wahr. das er es gewiss dafur helt, das das bludt oder mordt VriaeVgl. II Sam 11,14–17. jm eine solche vngerechtigkeit sey, das Gott darumb mit jm als einem vngerechten zuͤrnet vnd jn auch darumb in das hellische fewr stossen werde, wo er nicht widerumb durch das bludt Christi daruon abgewaschen vnd schnee weiss,
wie er redet,Vgl. Ps 51,9. wuͤrde?

Dauid spricht nicht mit dem Funck, das bludt Vriae ist fur lengst inn die erden verflossen oder verlauffen, vnnd er ist von den hunden gefressen worden, was kan mir sein bludt schaden thun?Flacius scheint sich hier nicht auf eine konkrete solche Aussage Funcks zu beziehen, sondern er erwähnt Funck hier wohl als den herausragendsten Osiandristen, der eine solche Meinung vor dem Hintergrund von Osianders Ausführungen zum Kreuzestod Christi (vgl. Anm. 109) äußern könnte. Nein, Dauid gedencket nicht also Osiandrisch, sondern er fuͤlet, das jn solchs bludt nicht anders fur
Gott verklaget, engstiget vnd ins ewige hellische few hinein wirffet, als wenn einer mit einem grossen stuͤcken bley an den hals gehenget in den abgrundt des Meers geworffen vnd gestuͤrtzet wuͤrde.

So nu das bludt oder mordt Vriae dem Dauid eine solche vngerechtigkeit ist, das es jhm darumb, als einem vngerechtem, Gottes zorn vnnd das ewige
hellische fewr auff den kopff heuffet vnd zu wegen bringet, wie solte vnd kan denn nicht auch das tewre, werde vnd vnschuͤldige blut Christi fur vns vnd vns zu gut vergossen, oder sein bitter leiden vns von Gott zu einer gerechtigkeit zugerechnet werden, obs gleich fur viel hundert jaren geschehen ist?

Zum vierdten: Gott zeiget Esaiae am j. cap. klar an, das er mit dem Juͤdischen volcke daruͤmb so sehr zuͤrne, das er sie gantz vnd gar nicht wil erhoͤren, sondern auffs hefftigste vnd grewlichste straffen, wenn sie gleichauch. lang beten, weil jre hende vol bludts waren.Vgl. Jes 1,15. Jst nu nicht das die rechte meinung Gottes alhie, das das vnschuͤldige blut der Propheten vnd
Gottseligen Leute, von den Juͤden vergossen, jnen zu einer solchen vngerechtigkeit sey geraten vnnd gedeien, das sie Gott hat weder sehen nochKonjiziert aus: nocht. hoͤren wollen, vnd sie derhalben als vngerechte beide, in diesem vnd auch im zukuͤnfftigem leben, gestraffet.

Jst nu das blut oder mordt der vnschuͤldigen Propheten den Juͤden eine
solche vngerechtigkeit gewesen, darumb Gott mit jnen als vngerechten hat gezuͤrnet vnd sie hie zeitlich vnd dort ewiglich gestraffet, ey, wie viel mehr kan das bludt oder leiden Christi, fur vns vergossen, nicht auch vns eine solche gerechtigkeit sein? Darumb vns Gott als Gerechten gnedig ist vnnd das ewige Leben schencket?

Bissdoher habe ich etliche Exempel aus der Schrifft angezogen, wie das bludt oder todt ist auch etlichen anderen suͤndtlichen Menschen zur vngerechtigkeit geraten vnd gerechnet, weil es widder Gottes willen ist vergossen worden, damit ich die kluge vernunfft vnd grosse, nerrische Philosophia der Osiandristen ein wenig habe wollen vberweisen vnd schier
mit den fingern zeigen, das es nicht so gar vnmuͤglich sey, sie auch nicht so wuͤnderlich vnnd seltzam sol duͤncken, das das bludt Christi, oder sein leiden, vns nach Gottes ordenung zu gute geschehen, vnser einige, ware gerechtigkeit fur Gott sey.

Was werden nun wol die Osiandristen hierzu sagen, wenn ich mit klarer,
hellereindeutiger. schrifft werde beweisen vnd anzeigen, das auch das bludt oder todt Christi denen eine vngerechtigkeit sey, so jn verwerffen vnd verfolgen?

Da die Juͤden schrien, sein bludt sey vber vns vnd vber vnser Kinder,Mt 27,25 wie denn auch geschehen, denn Gott vmb das bluts oder mordts willen so grewlich biss auff den heutigen tag mit jnen zuͤrnet, das er sie als vngerechte
darumb straffet, hie vnd dort, zeitlich vnnd ewiglich. Jsts nicht die meinung, das solch bludt oder mordt den vngleubigen Juͤden geraten sey zu einer waren vngerechtigkeit, darumb sie als vngerechte von Gott zeitlich vnd ewiglich gestraffet worden?

Freilich ists die meinung, vnd bezeugets auch Christus der Herr selbst, das es
die meinung habe. Denn er saget Johan. am xv. capit. also, das der heilige Geist die Welt straffen sol vm der SVNDE willen, darumb das sie an jhn nicht gegleubet haben.Vgl Joh 15,22.25; 16,8. Da klar angezeiget wirdt das der vnglaube der Juͤden, oder jhr verwerffung vnd verfolgung des Messie, sey eben die rechtschuͤldige SVNDE oder vngerechtigkeit, darumb sie der
heilige Geist als vngerechte straffen, ja Gott mit jnen ewiglich zuͤrnen vnd sie mit dem hellischen fewr straffen werde. Denn es ist klar aus dem Text, das alda das wordt SVNDE nicht was geringes bedeute, als ein Entzeleinzelne. Vgl. Art. enzel, in: DWb 3, 677. suͤnde, sondern es bedeutet eben so viel als das wort vngerechtigkeit. Darmit der Herr gewisslich angetzeiget vnd gnug zu uerstehen gibt, das das
die furnemliche vnd ware vngerechtigkeit der Juͤden sey: Jr vnglaube, verwerffung vnnd veruolgung des verheissenen vnd jtztgegebenen Messie.

Jtem Johan. xv. sagt der Herr Christus: So ich nicht kommen were vnd jnen geprediget hette, so hetten sie keine Suͤnde,Vgl. Joh 15,22. gleich als wolte er sagen, das ist die vngerechtigkeit der Juͤden, darumb sie Gott zeitlich vnd ewiglich
wirdt straffen, das sie mich, jren Messiam, nachdem ich laut der verheissung Gottes kommen bin vnd sie gewaltiglich vberweiset, das ich der rechte Messias sey, dennoch verfolgen vnd kurtzumb wollen todt haben vnd ermorden.

So nu das bludt oder mordt Christi den verfolgern zu einer waren
vngerechtigkeit geretgerät. oder gereichet, darumb sie Gott als die vngerechten beide, hie vnd dort, zeitlich vnd ewiglich, wirdt straffen, warumb kan auch nicht dasselbige bludt oder leiden den jenigen, fur welche es geschehen ist vnnd die es mit dem glauben ergreiffen, eine ware gerechtigkeit fur Gott sein, darumb er sie als Gerechte lieb habe, fur Kinder
anneme vnd endtlich seelig mache.

Diss sey jtzt also kuͤrtzlich gesagt zur anleitung vnd erklerung, das man es nicht fur ein gros wunder vnd vngleublich ding sol halten, das das bludt Christi vnser gerechtigkeit fur Gott sey, auff das doch die Philosophische heidnische vnd Menschliche kluge vernunfft vnd gedancken der Osiandristen
von der gerechtigkeit ein wenig kondte oder muͤge zuruͤck vmbgestossen, zu schanden gemacht vnd verlegtwiderlegt. werden.

Der grundt aber solcher vnser meinung wirdt furnemlich genommen aus den Spruͤchen, so in der vorrede kurtzlich angezeigt seindt worden, vnd das der heilige Paulus sagt zun Rom. v: Wir werden gerecht durch das bludt
Christi.Vgl. Röm 5,9. Jtem. Ro. iij: Wir werden mit Gott versuͤnet durch das bludt Christi.Vgl. Röm 3,25. Jtem Esaiae. liij: Wir seindt durch seine wunden geheilet.Vgl. Jes 53,5. Vnd auff das nicht jemandt solchs durch eine wuͤnderliche, seltzame vnd vnerhorte glossa verdrehe oder auslege, als Osiander thut, denn das bludt mus jm die Gottheit Christi bedeuten,Eventuell: () wie uns Christus durch sein gehorsam, leiden, sterben und blutvergiessen freiheit vom gesetz und vergebung der suͤnde verdienet, erworben und teur erkaufft hat, also hat er uns durch dasselbig sein blutvergiessen auch erworben und erkaufft, das uns Gott die goͤttlichen gerechtigkeit Christi durch den glauben geben will und teglichs gibt, und dasselbig eben durch das euangelion, welchs uns verkuͤndigt, das Christus sein blut fur unser suͤnde vergossen hat. Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), V 1v, in: OGA 10, Nr. 488, S. 254,18–23. so erkleret sich der heilige Geist
Apo. j.Vgl. Apk 1,5. vnd vij,Vgl. Apk 7,14. das wir mit dem blute Christi gewaschen vnd weiss gemacht werden, wie denn auch Dauid begeret also dadurch zu waschen zu werden, das er weisser denn schnee werde.Vgl. Ps 51,9. Auff diese weise spricht auch Johan.: Das bludt Christi machet vnns rein von allen vnsern Suͤnden.Vgl. I Joh 1,7.

Auff das aber die meinung, wie wir durch das bludt Christi gerecht werden, noch klerer vnd heller werde, so malet sie S. Paulus zun Hebreern also abe, als das Christus vnser Priester vnd Mittler droben im Himel eine heilige Huͤtte habe, alda noch sein Priesterlich ampt ausrichte vnd sonderlich die armen Suͤnder, so in einem rechten glauben, oder durch ein gebeth des
glaubens zu jm kommen vnd von jm gereiniget oder gerecht zu werden begeren, mit seinem blute besprenge, wasche, reinige vnd heilige. Besiehe Heb. vij,Vgl. Hebr 7,23–28. viij,Vgl. Hebr 8,2.6. ix,Vgl. Hebr 9,12.14 x,Vgl. Hebr 10,19–22. xij,Vgl. Hebr 12,24. xiij.Vgl. Hebr 13,12

Aus allen diesen beschreibungen ist klar, das wir also durch das bludt vnd leiden Christi gerecht werden, als durch die nechste proximam causam, fast
gleich, wie ein vnrein kleidt, durchs wasser gewasschen, gereiniget vnd weis gemachet wirdt, vnd nicht also, wie Osiander tichtet, das durch das bludt Christi seine Gottheit erkaufft sey worden vnd wir hernacher durch sie gerecht werden.Vgl. Anm. 151.

Es werffen vns aber alhie etliche subtilespitzfindige, tüftlerische. Vgl. Art. subtil B.1.c), in: DWb 20, 828. Leute fur vnnd sagen also,
das wir sie von Gott hinweg auff ein ander ding weisen.Vgl. die Argumentationen bei Osiander und Funck. Dazu unsere Ausgabe Nr. ??? Jtem, sie sagen, jst das leiden Christi vnser gerechtigkeit, so ists der Herr Christus nicht?Vgl. die Argumentationen bei Osiander und Funck. Dazu unsere Ausgabe Nr. ??? Antwordt: Ey, wer hat solchs je in sein hertz oder sinne lassen kommen, das, wenn einer auff eine person weiset vnd spricht: Siehe, der hat dir so viel gutes erzeiget, gethan vnd fur dich dieses vnd das gelitten etc., derselbige
denen von jener person hinweg weiset vnnd stracks lernet verachten? Wer hat ye sein leben tage gehoͤrt, das, wenn man eines meisters werck lobet, jhn darmit schmehete vnnd die leute von jhm hinweg weisete?

Wenn einer saget: Dieses mein ackerlein oder gartlein neret mich sampt meinem gantzem haussgesinde, ob er gleich nicht darmit meinet, das er die
erden des Gartens oder ackers friesset, sondern die fruͤchte, so herausser wachsen. So verachtet vnnd vernichtiget er darmit den garten gewisslich nicht. Wer hat je gehoͤret, das Gottes wolthat preisen, sey ein weg, die leute von Gott zu weisen oder Gott zu uerachten?

Wir sagen mit dem heiligen Paulo Philip. ij, das Gottes son, da er noch inn
Goͤttlicher gestalt vnd Maiestat war, habe sich eben darumb so sehr gedemuͤtiget, das er fleisch vnd knechtische gestalt an sich habe genommen, vnd sey dem vater gehorsam gewesen bis in den todt des Creutzes, auff das ehr mit seinem thun vnnd leiden nur dem gesetze Gottes fur vns gnug thete, bezalete vnnd es erfuͤllete, vnd also die gerechtigkeit, so
das gesetze von vns vngerechten fordert, vns zu gut leistete vnd auffrichtete, Rom. viij. Jst das vonn Gott hinweg weisen, oder sagen, das Christi person nichts sey, oder vns vberall nichts gutes schaffe oder zu wegen bringe, oder nur einen halben Christum lehren, wie der Adiaphorist Culmannus pfleget zu sagen,Leonhard Culmann war seit 1552 der bedeutendste Anhänger Osiander in der Reichsstadt Nürnberg, Allerdings versuchte er seine Position dezidiert nicht als osiandrisch darzustellen, sondern er dissimulierte in seinen Schriften. Melanchthon erhielt daher den Eindruck, dass unterschiedliche Lehrpositionen bei Culmann dureinander gebracht würden. Culmann verwies darauf, dass der ganze Christus, der Gott, Schöpfer und das lebendige Bild der Substanz des Vaters sei, die Rechtfertigung des Menschen dadurch bewirke, dass eben der ganze Christus durch den Glauben dem Menschen appliziert werde, Vgl. Fligge, Osiandrismus, 171–174; Wengert, Defendig Faith, 221–224. der doch kein Osiandrist sein wil, oder villeicht selbst nicht weis,
was er ist.

So aber das ist vonn Christo hinweg weisen oder Christum verachten oder vernichtigen, wenn man saget, das vns Christus mit seinem leiden oder blut vnd gantzem gehorsam gerecht macht, vnd das solchs sein leiden oder blut vnser gerechtigkeit sey, so mus das auch gewislich von Christo hinweg
fuͤren, weisen oder ableithen heissen, das Osiander hat geleret, Christi leyden sey vnser erloͤsung, oder erloͤse vns von der suͤnde, Todt, Teuffel vnd Helle.Darumb hat Christus uns, die wir itzo leben, und andere vor uns durch erfullung des gesetzes und sein leiden und sterben nicht gerechtfertigt; aber erloͤset sein wir dardurch von Gottes zorn, todt und helle. Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), B 2r, in: OGA 10, Nr. 488, S. 110,8f. Wie wol Juncker Funck solchem jrthumb fein meisterlich abhilfft, denn er saget, das vns das blut Christi weder gerecht machet noch erloͤset von der suͤnde, todt, Teu-ffel oder Helle,Vgl. Anm. 50. welches eben so
viel ist, als wenn man spreche, das das blut Christi nicht so viel als ein klipleinBagatelle. Vgl. Art. Klipplein 1), in: DWb 11, 1209. sey oder gelte.

Hieraus ist leichtlich abzunehmen,zu erkennen. das solche einrede eine losenutzlose. Vgl. Art. lose II.3), in: DWb 12, 1283. vnd nichtige CalumniaLügen, Verdrehungen. Vgl. Art. calumnia, in: Georges I, 938f oder Sophisterey sey. Denn der Son Gottes ist eben darumb auff erden kommen vnd mensch worden, auff das er fuͤr vns leidete
vnnd das gesetz erfuͤllete. Darumb, wenn man auff seine wolthat weiset, so weiset man stracks auff jnihn. vnd nicht von jm hinweg auff einen andern.

Wir wollen aber mit Gottes huͤlff noch etliche mehr zeugnis aus der heiligen schrifft herfuͤr bringen, auff das jederman sehe vnnd schier mit den henden sol greiffen, das das klare, helle vnd Goͤttliche wort Gottes bezeuget vnd
gewaltigklich bekrefftiget, das das blut, leiden oder gehorsam Christi vnser ware vnd einige gerechtigkeit sey fuͤr Gott.

Zum ersten seindt die oberzelten spruͤche vberaus klar, deuͤtlich vnd gewaltig, die da im Paulo vnd Johanne stehen vnd klar sagen oder bezeugen, das die suͤnder mit dem blute Christi Gewaschen, weiss Gemachet,
gereiniget, gesprenget, geheiliget vnd Gerechtfertiget werden etc. Welche sich nun in keinem wege dahin lassen denen,dehnen, im Sinne von: auslegen. deuten oder ziehen, das vnser gerechtigkeit sey etwas anders, denn das blut, leiden vnnd gehorsam Christi. Es stehet dergleichen ein schoͤner, feiner vnd klarer spruͤch auch am liij. Esaie, der also lautet: Wir seindt durch Christi wunden geheilet.Vgl. Jes 53,5.
Esaias spricht nicht, das wir durch das wesen Gottes oder die wesentliche gerechtigkeit seindt geheilet worden, die wunden, spricht er, seindt die heilsame ertzney, die vns alle heil, gesundt vnd frisch, das ist, gerecht vnd seelig machen.

Zum andern, da der heilige Paulus Phi. ij. wil anzeigen, warumb Christus als
ein mitler erhoͤhet worden ist, sagt er nicht vonn der wesentlichen gerechtigkeit, sondern von seiner ernidrigung oder demuͤtigung, das er sich also sehr hat ernidriget vnd bis zum todt gedemuͤtiget etc.Vgl. Phil 2,8. DARVMB, spricht er, hat jhm Gott einen namen gegeben etc.Vgl. Phil 2,9. Was ist disses DARVMB. Lieber, was zeigets doch an? Darumb sagt der Apostel
Paulus, das Christus sich also hinab hat gelassen vnd also viel gelitten vnd ist gehorsam gewest etc. Er spricht nicht darumb, das er eine wesentliche gerechtigkeit hat etc.

Es ist wol war, Christus hat mussen eine solche hohe person sein beide, nach der goͤtlichen natur vnd nach der menschlichen von dem Heiligen Geist
empfangen, hat anders sein leiden so koͤstlich vnnd thewr sein sollen, aber gleichwol ist die ernidrigung oder der todt das jenige, das die sache verdienet oder ausgerichtet hat.

Jst nu Christus vmb seiner ernidrigung vnd leiden erhoͤhet, vnd das ist (so zu reden) die einige stiege oder leither, dadurch er als ein mitler widder gen
himmel gestiegen oder widder ist auffgefahren, wie jhn vnser suͤnde vom himmel hinab inn die helle gezogen vnd gerissen hatten, so koͤnnen wir auch durch eine solche stiege oder leither hinauff steigen. Denn sie ist ja vnsert halben zubereitet vnd gezimmert worden. Das thewre blut oder leiden Christi wirdt in der heiligen schrifft geheissen: das praecium,Vgl. I Kor 6,20; 7,23; I Petr 1,18f. das ist, so zu
reden, das gelt, darmit wir erkaufft vnnd erloͤset seindt von Suͤnde, Todt, Teuffel vnd Helle, vnd nicht seine wesentliche gerechtigkeit.

Er, der herr Christus, ist fuͤr sich ein warer Gott in ewigkeit, gerecht vnd seelig. Er hat es furwar seint halben gantz vnd gar nicht beduͤrfft, das er herab inns leiden, oder durch das leiden hinauff inn die glorien were gefaren.
Faren wir aber durch eine solche stiege in den himmel, so mus dasselbige gewislich auch vnser gerechtigkeit sein, vnd kurtzumb nichts anders nicht. Denn es ist nur ein einige stiege oder stuffen oder leyter, dadurch wir inn die helle faren, nemlich die vngerechtigkeit, vnd nur eine, dadurch wir in den himmel steigen, nemlich die gerechtigkeit.

Auff diese weise redet auch S. Paulus sehr fein Ephe. iiij, das Christus darumb ist auffgefaren oder auffgestiegen gen himmel, das er zuuor ist hinab in die tieffe der erden gefaren.Vgl. Eph 4,9f. Also sagt auch der Herr Christus selbst Luce am xxiiij: O jhr thoren vnd trege hertzen, zu gleuben allem dem, das die Propheten geredt haben. Muste nicht Christus solches leiden vnnd zu
seiner herrligkeit eingehen?Vgl. Lk 24,25f. Alhie zeiget der Herr selbst klar an, er habe muͤssen durch sein bitter leiden in seine herrligkeit gehen, welcher gang, weil er vns zu gute geschehen vnd nicht jhm, denn er hat solches nicht seinet halben, als ein almechtiger Gott, sondern vnserthalben, als vnser einiger mitler vnd versuͤner, gelitten vnnd gethan, so muͤssen wir auch nothwendig
durch solche stiege in den himmel steigen, vnd solchs mus vnser gerechtigkeit sein. Denn, wie gesagt, es bringet vns nichts anders inn den himmel denn gerechtigkeit, vnd stoͤsset vns auch nichts anders in die helle hienein denn vnser vngerechtigkeit.

Zum dritten S. Paulus zeiget sehr klar, das vnser gerechtigkeit sey eben das
leiden Christi, Gal. ij., da er also spricht: Denn so durch das gesetze die gerechtigkeit kommet, so ist Christus vergeblich gestorben,Vgl. Gal 2,21. welcher wort eigentlich dieser inhalt vnd warhaffti-ge meinung ist: so vnser gehorsam gegen dem gesetze gottes vnser gerechtigkeit ist, dadurch wir gerecht werden, wie die falschen Aposteln vnd lose Christen sich ruͤmen
vnnd fuͤrgeben duͤrffen, so ist Christi leiden nicht die ware gerechtigkeit, dardurch wir sollen vnd muͤssen seelig werden. Vnd ist derhalben er, Christus, vergeblich vnd vmb sonst gestorben vnd sein leiden taug nirgent zu.

Eben ein solch argument vnd meinung (wie diese ist Pauli) ist auch jene vnsers lieben Herrn Jhesu Christi, Johan. am xvj, da also stehet: Der heilige
Geist wirdt die Welt straffen vmb die gerechtigkeit, das ich zum Vater gehe,Vgl. Joh 16,8. das ist, der heilige Geist wirdt sagen: Liebe Welt, ist dis, das du meinest oder trewmest, die ware gerechtigkeit, dadurch du gerecht, Gott wolgefellig vnd seelig solst oder wilt werden, so ist es nicht der gang oder leiden Christi. Jst aber der gang vnd leiden Christi nicht die gerechtigkeit,
dadurch du gerecht vnd seelig soltest werden, ey, so ist Christus gang oder leiden vmb sonst vnd gantz vnd gar vergeblich. Sein gang aber zum Vater oder leiden ist nicht vergeblich, so mus nu eben derselbige gang oder leiden vnser gerechtigkeit sein vnnd heissen, vnd nicht was anders, das du aus deinem kopff vnd tollertörichten, närrischen. Vgl. Art. toll I.1.e), in: DWb 21, 634f. vernunfft tichtest.

Diss Argument Pauli vnd Christi zu beweisen, das das leiden Christi vnser ware vnd einige gerechtigkeit sey, dadurch wir seelig werden vnd sonst auff der weite Welt lauter nichts anders, ist sehr wol zu mercken vnnd zu behalten. Denn der heilige Geist (wie Christus geweissaget) treibets noch heutiges tages widder alle jrrige vnnd verfuͤrische Geister. Denn er sagt
durch den mundt seiner trewen diener: Lieben Juͤden, Tuͤrcken, Tartern,Tataren. Anabaptisten, Osiandristen, Papisten etc. Wenn das war were, das das die rechte, ware, einige gerechtigkeit solte sein, dardurch wir gerecht, seelig vnd Gott gefellig solten vnd musten werden, daswie. jr tichtet vnd trewmet, vnd nicht der gang Christi zum Vater, leiden oder sterben, so mus gewislich
hierausser folgen, das Christus aller ding vmb sonst ist auff die Erden gekommen vnd gestorben. Das ist aber ja nicht war, das Christus vmb sonst solte sein gestorben, denn Gottes Sohn ist kein narre nicht, das er solche grosse ding vergebens vnnd lauter vmb sonst solte gelitten oder gethan haben. Derhalben mus eben der gang oder leiden Christi vnd nichts anders,
wie jr gackeltdaher schwätzt. Vgl. Art. gackeln 2), in: DWb 4, 1128f. oder meinet, die rechte vnnd einige gerechtigkeit sein vnd heissen, dardurch alle Menschen seelig werden, die da gerecht vnd seelig werden sollen vnd muͤssen.

Zum letzten, was sol man sich viel darvber zancken, beissen vnd streiten, weil zun Rom. v. ein klarer, heller vnd vber aus trefflicher text stehet,
das wir durch das bludt Christi seindt gerecht worden.Vgl. Röm 5,9. Seindt wir nu durch das bludt Christi gerecht worden, so mus dasselbige gewisslich vnser gerechtigkeit sein. Vnd darmit ja nicht jemands einen zweiuel daran haben mochte, das das bludt oder leiden Christi vnser gerechtigkeit sey, so erkleret sich Paulus selbst weitleufftiger in diesem Cap., was er heisse die
gerechtigkeit Christi, dardurch wir gerecht werden, nemlich: den gehorsam Christi.Vgl. Röm 5,19. Der gehorsam Christi aber ist eben so viel als sein gehorsamlich leiden. Denn er ist dem Vater, wie der heilige Paulus sagt, in seiner gantzen ernidrigung oder demuͤtigung gehorsam worden, also das er auch den schendtlichen vnd schmelichen todt des Creutzes jm,ihm. dem Vater, damit zu
gehorsamen, hat gelitten, getragen vnd geduldet. Derhalben hat man alda einen sehr klaren vnd gewaltigen text, das das bludt oder gehorsamlich leiden Christi sey die einige, ware vnd rechte gerechtigkeit, dardurch wir fur Gott sollen vnnd muͤssen gerecht, seelig, heilig vnd from werden.

Wjr muͤssen hie auch kuͤrtzlich anzeigen, wie doch das zusamen
stimmet, sich mit einander reimet vnd vberein kommet, wenn wir also sagen, jtzt der gang Christi zum Vater sey vnser gerechtigkeit, jtzt der gehorsam, jtzt der todt oder leiden vnd bludt, jtzt die vergebung der suͤnden, denn es werffen vns die Osiandristen fur, wir machen viel gerechtigkeit.Vgl. Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), G 3v–G 4r, in: OGA 10, Nr. 488, 152,18–154,7; Johann Funck, Wahrhaftiger und gründlicher Bericht (1553), D 2r–D 3v, in: unsere Ausgabe Nr. ???, S. ???

Das bludt Christi ist eben souiel als sein leiden, sein leiden aber fasset vnd
begreiffet allen jamer oder ernidrigung in sich, so Christus auff dieser Weldt vnserthalben erlitten vnd getragen hat. Weiter, der gang Christi zum Vater ist auch eben souiel als sein leiden vnd todt, wie der Herr sich selbst erkleret, xvj. Capit. vnd andern ortern Johannis.Vgl. Joh 16,10. Endtlich, das leiden oder gehorsam Christi ist nichts anders, denn eine bezalung fur vnser schuldt. Nu ist eine
frembde bezalung fur mich eben so viel, als meiner schuldt ableschung, derhalben stimmets sehr fein mit einander, das man saget, das leiden Christi ist vnser gerechtigkeit vnd die vergebung der Suͤnden ist vnser gerechtigkeit, denn das leiden, wie angetzeiget, ist eigentlich eine bezalung fur vns. So ist es nu ein ding, das ein ander fur mich bezalet vnd das meine Schuldt
ausgeleschet oder vergeben wirdt. Denn eben darmit vnd in dem, das mir eines andern, als des Herrn Christi, bezalung wirdt zu gerechnet, wird meine Schuldt ausgeleschet oder abgetilget, nur ein ding vnnd eine actio ist vnnd nicht zwey, derhalben bedeuten alle diese wort nur ein ding vnd nicht mehr, als der gehorsam, die erfuͤllung des Gesetzes, todt, leiden, blut, gang
Christi etc. fur vns geschehen oder vns zugerechnet. Das alles ist nur eine bezalung fur vns oder vns zu gute geschehen, vnd also vnser schuldt vertilgung oder ableschung.

Aus dem ist nu klar vnnd offenbar, das wir nicht viel, sondern nur eine ware gerechtigkeit leren, dardurch wir fur Gott gerecht, from, jm wolgefellig vnd
seelig werden, ob gleich mancherley reden aus der Schrifft genomen darzu gebrauchet werden.

Derhalben thun vns die Osiandristen fur Gott vnd der gantzen Christlichen kirchen vnrecht, das sie vns mancherley Gerechtigkeit zu tichten., dass sie behaupten, wir würden verschiedene Gerechtigkeiten lehren. Vgl. zu diesem Vorwurf Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), in: OGA 10, Nr. 488, S. 152,18–156,4; Osiander, Wider den flüchtigen Nachtrabe (1552), in: OGA 10, Nr. 505, S. 410,17–411,12. Aber was koͤnnen vnd sollen sie anders thun? Weil sie eine solche Ketzerey
einmal haben angefangen, angerichtet, vnd wollen sie noch verteidingen, vnd solchs mit der heiligen Goͤttlichen schrifft nicht thun koͤnnen, so muͤssen sie es mit liegen vnd Sophisterey, ja auch SycophantereyVerleumdung. Vgl. Art. Sykophanterei, in: DWb 20, 1368. ausrichten vnd beschonen.

Wolan, es bete, wer noch ein wenig beten kan oder wil, denn es ist
eine rechte boͤse zeit; der schendtliche, grewliche EpicureismusDer griechische Philosoph Epikur (341–270 v. Chr.) und seine Nachfolger, galten als Vertreter eines prinzipienlosen Materialismus. Vgl. Michael Erler, Art. Epikuros, in: NP 3 (1997), 1130–1140; Tiziano Dorandi, Art. Epikureische Schule, in: NP 3 (1997), 1126–1130 nimpt augenscheinlich zu, auch eben bey denen, die noch die ware Religion haben. Man siehet leider wol, das vnser falsche Euangelische nicht anders der seeligmachenden warheit muͤde, vberdruͤssig vnd gantz vnd gar sat seindt, als die Jsraeliten des himlischen Brots Manna.Vgl. Num 11,6. Sie fragen nicht viel
darnach; sie bemuͤhen sich auch lautter nichts. Es bleibe die seeligmachende warheit, wo sie wolle. Man verliere sie oder nicht. Lassen die pfaffen dafuͤr sorgen, wie sie die diener Christi spoͤtlich lestern.

Aber was thun die Papisten, alle rotten vnnd secten dargegen Sie bemuͤhen sich mit allem vleis vnd seindt darauff abgeeckt,eigentlich: vollständig mit Ecken versehen, z.B. bei Vierecken; hier wohl davon abgeleitet mit der Bedeutung: begierig. Vgl. Art. abecken, in: DWb 1, 22. das sie nicht alleine jhre
jrthumb koͤnten oder moͤchten erhalten, sondern auch weit vnnd breit ausbreiten vnd fortpflantzen. Zu solchem boͤsem fuͤrnemen sparen sie keinen vleis, keine muͤhe, keine gefahr, keine vnkost noch arbeit.

Es ist vielen sehr wolbekandt, wie der Empiricus Schleicher oder Streicher,Die Verwendung des Names Empiricus deutet auf einen Mediziner hin, da mit empirici im Lateinischen Ärzte bezeichnet werden, die sich auf die Erfahrung stützen. Damit scheint es hier auch um die Abgrenzung der gemeinten Person von studierten Ärzten zu gehen. Dr. med. Hans Augustin Streicher und seine Schwester Agathe Streicher, die über profundes medizinischen Wissen verfügte und als erste Ärztin Deutschlands gilt, führten in Ulm eine Praxis. Hans Augustin verweigerte jedoch die Leistung des verbindlichen Ulmer Ärzteeides und durfte in der Folge nicht mehr praktizieren. Nachdem Agathe Streicher später den Eid leistete (15. März 1561), wurde sie als nichtakademische Ärztin vom Rat bestallt. Bruder und Schwester galten als Anhänger Schwenckfelds. Iִn Ulm ollte Schwenckfeld 1561 auch versterben, nachdem er heimlich in Stadt gekommen war (1539 war er aus der Stadt ausgewiesen worden), um sich von Agathe Streicher behandeln zu lassen. Vgl. Eberhard J. Wormer, Art. Streicher, Agatha, in: NDB 25 (2013), 533. wie er heist, sampt seinen StenckfeldischenHäufig verwendete, polemische Verballhornung des Names Caspar Schwenckfelds von Ossig und dessen Anhängern. inn gantzen schwaben vmbher
schleichet, gehet vnd streichet wie ein bruͤllender Lew, suchendt jrgendt einen, den er mochte beide, am leibe mit boͤser artzney vnd an der seele mit falscher lehr, verderben vnd verschlingen.Vgl. I Petr 5,8.

Man siehet klar, das alle rotten vnd secten sich fein mit einander vereinigen vnd verbinden widder Christum, widder die oͤffentliche warheit vnd jre
Bekenner. Die Osiandristen vnd Schwendtfeldisten seindt jtzt die besten Gesellen mit einander,Zwischen 1553 und 1559 kam es zwischen Schwenckfeld und Flacius zu einer umfangreichen publizistischen Auseinandersetzung über das Wesen und die Bedeutung des verbum externum, da Schwenckfeld die Auffassung vertrat, das Wort Gottes werde über die Einwohnung Christi im Herzen der Menschen vermittelt, und der Buchstabe der Heiligen Schrift betreffe lediglich den äußeren, gläubigen Menschen. Flacius erkannte daher Gemeinsamkeiten zwischen den Schwenckfeldern und den Osiandristen. Vgl. Horst Weigelt, Art. Schwenckfeld, Kaspar von / Schwenckfeldianer, in: TRE 30 (1999), 712–719, bes. 716; Preger, Flacius I, 298–353. vnangesehen, das sie in vielen dingen widderwertigegegensätzliche. meinung haben. Sie seindt gute Freunde, wenn man nur Christum kreutzigen sol, eine lest die ander zu frieden vnd das jre warten,und kümmert sich nur um die eigene Sache. Vgl. Art. warten II.C.5.a), in: DWb 27, 2142. vnd gleuben streiten allein widder die rechtgleubigen Christen.

Jch weiss bey meinen trewen von keiner schrift des Sidonij,Michsel Helding, Mainzer Weihbischof und Titularbischof von Sidon, daher Sidonius genannt. Mitverfasser des Augsburger Interims. Vgl. dazu unsere Edition Bd. 1. PflugsJulius von Pflug, Bischof von Naumburg, Mitverfasser des Augsburger Interims. Vgl. dazu unsere Edition Bd. 1. oder des schwartzen Muͤnchs von Augspurg,Wohl: Pedro de Malvenda. Seit 1540 Kaplan am kaiserlichen Hof und mitbeteiligt an der Ausarbeitung des Augsburger Interims. Vgl. Martin H. Jung, Art. Malvenda, in: RGG4 5 (2002), 720. des Marans,Mar(r)ane ist eine abfällige Bezeichnung für einen zwangsgetauften spanischen Juden, abgeleitet von span. marrano = Schwein. vnd der gleichen, so sie widder die widderteuffer, Osiandristen oder Schwenckfeldisten haben geschrieben; auch Osiandri nicht, seid der zeit, das er zu schwermen hat angefangen, oder auch des Schweinefeldts widder die Papisten.

Vnd hat also in der warheit die ware vnd heilsame Religion vnd rechtschaffene Lerer vberaus sehr viel hefftige Feinde, hat aber gar wenig oder schier auch gar keinen trost mehr, beystandt noch huͤlffe von denen, so man noch fur rechtschaffene Christen helt. Aber der gnedige, guͤtige vnnd barmhertzige Gott erhelt noch seine warheit durch wunderbarliche
mittel, aller ding on vnsern danck. Wie lang aber solchs wirdt weren, ist leichtlich zu erachten denn ich habe keinen zweiffel daran, Gott wirdt Konjiziert aus: esentlich.es entlich lassen gehen nach der Prophecey des heiligen Pauli, das, weil wir keine lust noch liebe zu der heilsamen lehr mehr haben, er vns gnugsam vnd vberfluͤssig ohrenkrawer wirdt geben, die vns mit krefftigen jrthumen
bethoͤren, beschleichen, blenden vnd ins ewige, hellische fewer mit sich werden fuͤren, leiten vnd ziehen.Vgl. I Tim 4,1f.

Es wirdt die Welt gewislich bald dahin geraten, das das meiste teil der Leute eitelHier ist wohl eine Bedeutungsvermischung denkbar: reine und falsche. Vgl. Art. eitel 3 und 6), in: DWb 3, 385f, 387f. Epicurer wirdt werden; das ander vnd geringste teil aber, so noch etwas Gottfuͤrchtig wil sein vnd dafur gehalten werden, wirdt sich von den
schwermern vnd ohrenkrawern dem Teuffel in den rachen hinein lassen jagen, verfuͤren vnd treiben, vnd werden gleichwol allbeide den namen, titel vnnd rhum haben wollen, das sie noch rechtschaffen Euangelisch sein vnd bleiben.

Wolan, betet, lieben Christen, es ist hoch von noͤten, wer do noch ein wenig
kan oder wil beten; wer aber nicht wil, kan noch mag beten, Gott, sein heilsames wort vnd trewe Diener vnd alle Christliche vermanung verachtet vnd verhoͤnlechelt,verhöhnt, beschimpft. Vgl. Art. verhohnlachen, in: DWb 25, 577. den lass sein ebenthewer stehenunglückseliges Wagnis unternehmen, in die Gefahr laufen. Vgl. Art. Abenteuer, in: DWb 1, 27f; Art, stehen II.C.7.f.α), in: DWb 17, 1596. oder warten. Es wirdt baldt wol eine solche zeit kommen, da er solche seine spoͤtterey vnd allfantzereySchlechtigkeit, Nichtsnutzigkeit. Vgl. Art. Alfanzerei, in: DWb 1, 205. wirdt muͤssen thewr gnug bezalen.

Der liebe getrewe Gott, der ein vater ist aller barmhertzigkeit, beware die seine nach seinem veterlichen wolgefallen, beschuͤtze vnd beschirme sie fur dem grimmigen Lewen, dem Sathan, welcher nicht schlefft noch schlummert, sondern schleicht vnd streichet vmbher wie ein rechter STREJCHER oder Schleicher, vleissig suchende, wen er moͤchte erschnappen, daruon bringen
vnd verschlingen,Vgl. I Petr 5,8. vnnd beware sie auch fur der boͤsen, ehebrecherischen vnd arglistigen welt.

Amen. Amen. Amen.