Controversia et Confessio, Bd. 7


Matthäus Vogel, Dialogus von der Rechtfertigung (1557) – Einleitung

Matthäus Vogel, Dialogus von der Rechtfertigung (1557) – EinleitungNr. 17 ULB Darmstadt info:isil/DE-17 Darmstadt Letzte Änderung: 2023-05-23 Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY)

Einleitung 1. Historische Einleitung

Die hier edierte Schrift fügt sich ein in einen Zusammenhang von mindestens sieben Streitschriften, die in den Jahren 1556 bis 1559 zwischen Joachim MörlinZu seiner Vita vgl. oben Nr. 11, S. 518–520. in Braunschweig und Matthäus Vogel in Königsberg gewechselt wurden.Zum Verlauf des literarischen Schlagabtauschs vgl. Wengert, Defending Faith, 173–184. Mörlin war seit 1550 Prediger am Königsberger Dom und Theologieprofessor an der dortigen Universität gewesen. Hatte er zunächst noch eine vermittelnde Position im Streit über Osianders Rechtfertigungslehre eingenommen, so lehnte er sie seit Frühjahr 1551 entschieden ab und griff Osiander an, später auch den Herzog, weil dieser Osiander und seine Anhänger schützte. Mörlin verließ deshalb das Herzogtum im Jahr 1553 und wurde Superintendent in Braunschweig. Sein Nachfolger als Domprediger wurde Matthäus Vogel. Mörlin blieb an den Vorgängen in seiner ehemaligen Gemeinde weiterhin interessiert und nahm offenbar auch von Braunschweig aus Anteil an den Geschehnissen in Königsberg. Als Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg Einfluss auf seinen Schwiegervater, Herzog Albrecht in Preußen, gewonnen und die Synode von Riesenburg sich im Frühjahr 1556 gegen den Osiandrismus gewandt hatte, hielt Mörlin anscheinend die Zeit für geeignet, seinen Nachfoger öffentlich anzugreifen; der konkrete Anlass waren kritische Äußerungen Vogels über Mörlins Predigten gegen Osiander und über die Hintergründe von Mörlins Weggang aus Königsberg, die ihm der Nürnberger Wolfgang Waldner hinterbracht hatte. Allerdings verhinderte Mörlin mit seinem Angriff nicht, dass Vogel 1557 auch auf eine Professur der Königsberger Universität berufen wurde und weiter großen Einfluss auf die preußische Kirche und den Herzog behielt.

Am Anfang der sich entwickelnden publizistischen Fehde stand ein kurzer Sendbrief Joachim Mörlins,Ein Sendt= || brieff D. Doctoris || Joachimi Morlini an den Vo= || gel / eingedrungenen Prediger in || der Stifftkirchen des Knip= || hoffs zu Kuͤnigsberg || in Preussen. || j. Johan. j. || Das blut Jesu Christi Got= || tes Son / machet vns rein von || aller suͤnde. || So jemandt zu euch kompt / || vnd bringet diese Lehre nicht / || den nemet nicht zu hause / vnd || gruͤsset jn auch nicht / Denn wer || jn gruͤsset / der machet sich || teilhafftig seiner boͤ= || sen wercke. [Magdeburg: Ambrosius Kirchner, 1556; Sendbrief datiert Braunschweig, den 25. Sept. 1556] (VD 16 M 5885). – Wengert hält es für möglich, dass Flacius oder Gallus, denen Mörlin eine Abschrift seines Briefes an Vogel zugesandt hatte, den Druck in Magdeburg veranlasst haben könnten. Vgl. Wengert, Defending Faith, 425. der in der vorliegenden Schrift vom Jahresanfang 1557 abschnittsweise aufgenommen und von Matthäus Vogel kommentiert wurde.Vgl. unten S. (937) 947–962 (Bl. l 4r– o 3v). Mörlin konterte Vogels hier edierte Schrift mit einer Antwort auf das Buch des Osiandrischen Schwärmers.Antwort auff das || Buch des Osiandrischen schwer= || mers in Preussen / M. Vogels / || darinnen er sein beduncken an= || zeiget von der fuͤrgefalle= || nen zwispalt / vnd || meinen Brieff || an jn. || Joachimus Moͤrlin D. || Jtem Matth. Fl. Jllyrici von dem Gebet einer O= || siandrischen Person / vber den lxxj. Psalm. || II. CORINTH. IIII. || Wir gehen nicht mit schalckheit vmb / fel= || schen auch nicht Gottes wort / Sondern mit || oͤffentlicher warheit / vnd beweisen vns wol gegen || aller Menschen gewissen fuͤr Gott. [Magdeburg: Ambrosius Kirchner, 1557] (VD 16 ZV 11072). Dagegen setzte Vogel seine Widerlegung,Widerlegung der || vngegruͤndten Antwort D. || Moͤrlins / auff mein Buch / welchs || ich wider jn zuschreyben durch || seinen Lesterbrieff bin ge || drungen worden. || Mattheus Vogel. || I. Pet. 3. || Seit aber alzeit vrbuͤtig zur ant= || wortung jederman / der grundt fordert / || der hoffnung die in euch ist / vnnd das mit sanffmuͤ= || tigkeit / vnd forcht / vnd habt ein guts gewissen / auff || das die / so von euch affterreden / als von vbel= || thetern zuschanden werden / das sie ge || schmecht haben ewren guten || wandel in Christo. || 1557. (VD 16 V 2107). gegen die wiederum Mörlins ApologiaAPOLOGIA || Auff die vermeinte wi= ||derlegung des Osiandrischen || Schwermers in Preussen / || M. Vogels. || Sampt gruͤndlichem kurtzen be= || richt / Was der Haubtstreit vnd die Lere || Osiandri gewesen sey / Allen Christen || nuͤtzlich zu lesen / sich fur || dem Brewel [sic] zu || huͤten. || Joachimus Moͤrlin D. || Prouerb: XVII. || Wer den Gottlosen recht spricht / vnd den || Berechten [sic] verdampt / Die sind beide dem || HERREN ein Brewel. [sic] || Ieremiae XV. || Kanstu das koͤstliche vom schnoͤden schei= || den / Soltu wie mein mundt sein. (VD 16 M 5863). gerichtet ist. Die Auseinandersetzung wurde fortgesetzt mit Vogels Antwort auf Mörlins ApologieAntwort || M. Matthei Vo= || gels / auff D. Joachim Moͤrleins || zu Braunschweig nechst auß= || gangene Apologiam || 1558. || I . Corinth. II. || Jst jemandt vnter euch / der lust zu || zancken hat / der wisse / das wir solche wei= || se nicht haben / die Gemeine Gottes auch || nicht. || Gedruckt zu Koͤnigsperg inn || Preussen / durch Johann || Daubman. || M. D. LVIII. (VD 16 V 2083). und einem Text Mörlins Wider die Antwort Vogels.Wieder die Antwort || des Osiandrischen Schwermers in || Preussen / M. Vogels / Auff || meine APOLO= || GIAM. || Sampt gruͤndlichem || Bericht / das zwischen vns vnd || Osiandro kein Grammaticale, sondern || reale certamen gewesen || sey. || Joachimus Moͤrlin D. || I. COR. III. || So jemandt den Tempel Gottes verder= || bet / den wirdt Gott verderben. || ANNO M. D. LIX. [Magdeburg: Michael Lotther] (VD 16 M 5892).

2. Der Autor

Matthäus VogelZum uͤolgenden vgl. Georg Andreas Will, Nürnbergisches Gelehrten-Lexicon, IV. Theil (1758), 110–114; Württembergische Kirchengeschichte online, Personen, Nr. 8544 (https://www.wkgo.de/wkgosrc/pfarrbuch/cms/index/8520). (gräzisiert Orneus) wurde am 7. September 1519 in Nürnberg als Sohn des Leonhart Vogel geboren. Er besuchte die Schule an St. Sebald; am 20. Dezember 1535 wurde er an der Universität Tübingen immatrikuliert, im Wintersemeser 1536 dann in Wittenberg, wo er Luther und Melanchthon hörte. Danach erhielt Vogel eine gering dortierte Schulstelle in Nürnberg. Die Fürsprache Melanchthons verschaffte ihm jedoch bald zusätzliche Einnahmen, die es ihm erlaubten, seine Studien in Wittenberg fortzusetzen, wo er am 6. April 1541 das Bakkalaureat, am 11. September 1543 den Magistergrad erwarb. Ende 1544 wurde er als Pastor nach Lauf an der Pegnitz berufen, 1548 nach Nürnberg als Diakon an St. Jakob. 1549 gab er dieses Amt des Interims wegen auf und folgte Andreas Osiander nach Preußen, wo er zunächst Pastor in LabiauHeute Полесск (Polessk) in der russischen Oblast Kaliningrad (vormals Königsberg). wurde, 1550 dann Pfarrer in Wehlau/ Ostpreußen,Heute Знаменск (Snamensk) in der russischen Oblast Kaliningrad (vormals Königsberg). bis er 1554 als Dompfarrer nach Königsberg berufen wurde. 1557 übernahm er außerdem eine Theologieprofessur an der dortigen Universität. Herzog Albrecht beauftragte Vogel mit der Abfassung einer neuen Kirchenordnung für Preußen. Infolge der Osiandrischen Streitigkeiten musste Vogel 1566 Königsberg verlassen und ging nach Württemberg. Dort hielt er sich zunächst in KirchheimBei Will und in Württ. KG online (s. Anm. 10) wird nur Kirchheim genannt, es käme also Kirchheim unter Teck, aber auch Kirchheim am Neckar in Betracht. In Kirchheim/Teck hatte Herzog Christoph bis 1556 das Schloss ausbauen lassen. auf, unterstützt durch Herzog Christoph, 1567–1570 wirkte er als Pfarrer in Hornberg im Schwarzwald, dann als Spezial in Göppingen, ab 1580 amtierte er als Abt zu Alpirsbach. Dort starb er am 3. Dezember 1591.Vogel war dreimal verheiratet (Württ. KG online, Personen, Nr. 8544, gibt nur die beiden letztgenannten Ehen an). Über seine Ehefrauen ist allerdings wenig bekannt. Seine erste Frau starb in Labiau, die zweite Ehefrau war eine Geborene Gnadenseel aus Wehlau, mit ihr hatte er dreizehn Kinder. (Angaben bei Will, Gelehrten-Lexicon IV, 113.) 1589 heiratete er in Stuttgart die Witwe Maria Bonacker. (Württembergische KG online, Personen, Nr. 8544) [zuletzt besucht 05.10.2022].

3. Inhalt

Vogels Schrift besteht aus drei Hauptabschnitten: Am Beginn steht ein einleitendes Vorwort an die christliche Leserschaft. Darin begründet Vogel, dass er wegen der Verleumdungen durch seine Gegner im Hinblick auf seine verunsicherten Pfarrkinder habe schreiben müssen, zumal er von vielen Seiten dazu gedrängt worden sei. Er gibt einen Überblick über den Inhalt der drei Hauptteile:

Er habe seine Lehre zur Abwehr der Verleumdungen und zur Orientierung für die Gemeindeglieder in Form eines Dialogs (Α) dargelegt, dem man entnehmen könne, dass er trotz seiner einfachen Sprache der Heiligen Schrift gemäß sei und im Einklang mit der CA stehe. Im Gespräch eines armen Sünders mit Mose und Christo von der Rechtfertigung des Glaubens treten als Unterredner auf: Sünder, Moyses, Christus, Glaubiger Christ, Gott der Vater, Sathan.

Um zu zeigen, dass er auch den Irrlehren entgegengetreten sei, füge er (Β) eine Zusammenfassung seiner Meinung zum Streit über die Rechtfertigungslehre an, das Bedenken vom Zwiespalt über den Artikel von der Rechtfertigung des Glaubens.

Schließlich folge noch (C) die Antwort Vogels auf Mörlins Sendbrief, darin kommentiert Vogel den Wortlaut eines offenen Briefes von Mörlin, der durch Äußerungen Wolfgang Waldners verursacht worden war. Vogel betont die Notwendigkeit, auch um seiner Nächsten willen auf seinen guten Ruf wertlegen zu müssen, ein gutes Gewissen allein genüge nicht.

4. Ausgabe

A:DIALOGVS, || oder Gesprech eines || armen Suͤnders mit Moyse vnnd || Christo / von der Rechtfertigung des || Glaubens / auß Heyliger Schrifft || gegruͤndt vnnd gestelt. || durch || Mattheum Vogel. || Sampt seinem Bedencken von der || zugetragenen zwispalt vber solchem || Artickel. || Vnd einer antwort auff D. || Joachim Moͤrlein vnge= || stuͤmmen Sendbrieff. || Tit. 2. || Allenthalben aber stelle dich selbst zum fuͤrbild guͤter || werck / mit vnuerfelschter lehre / mit erbarkeit / mit || heilsamen vnd vntadlichem wort / auff das der widerwer= || tig sich scheme / vnd nichts hab das er von vns || moͤge boͤses sagen. || 1 5 5 7. [Königsberg/Pr.: Hans Daubmann] [60 Bl. 4°] (

Vorhanden:

Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz: 10 an: Dm 1 R (unvollständig: Bogen A4 einschließlich Titelblatt fehlt)

Gotha, Forschungsbibliothek: Theol.4 238-239(16)R

München, Bayerische Staatsbibliothek: 4 Polem. 3260#Beibd.3

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek: 280.47 Theol.(20); 393.14 Theol.(3); 442.10 Theol.(9); J 198.4 Helmst.(5)