Vorede [sic].
Allen Frommen Christen wunschet Johannes Funck Gnade, Frid vnd Barmhertzikeit [sic] von Gott, dem Vater, vnd vnserm Herren JHESV CHRJSTO in der Warheit vnd in der liebe.
Nach dem sich nun ein ebneAnalog zur abstrakten Bedeutung ziemlich groß, daher hier: einige. Vgl. Art. eben 3), in: DWb 3, 7. zeit her, viel vnd mancherley gedichts,Lügen. Vgl. Art. Gedicht 5.b.α), in: DWb 4, 2015. affter
redensVerleumdungen. Vgl. Art. Afterrede, in: DWb 1, 187. vnd anders vnbilligen vnd Christen vnzimlichs haders vnd gezencks bede, in den Kirchen vnd sonsten, zugetragen vnd doch wenig wissen, woher dasselbe entsprungen, auch der mehrer theil der Richter solcher sachen (wil niemand hiemit verkleinertherabgesetzt. Vgl. Art. verkleinern 2), in: DWb 25, 662. haben), meines armen erwegens, selbs nicht sehen, was oder wo von sie richten, Bin ich vielfeltig von hohen Fuͤrstlichen
personen durch Brieffe vnd sonst gebeten, auch von andern Frommen Christen gleicher gestalt ermanet, das ich jnen doch zur freund schafft, dieweil mir der anfang dieses handels fuͤrnemlich bekand, vnd der gemeinen Christenheit zu gut, schrifftlich kundt thun wolde, wie sich die Ergerliche Spaltung von der wahren, ewigen Gerechtigkeit Gottes im Lande Preussen erha
ben hette vnd was doch Christlich, nach lautFormelhaft aus der Rechtssprache: nach Verlautbarung, nach Inhalt. Vgl. Art, Laut 3.a), in: DWb 12, 365. vnd der heiligen schrifft vnd der beruͤmbten alter vnd vnserer zeit lehrer, von der Gerechtigkeit Gottes moͤge gehalten werden. Die-weil ich aber mein vnuermuͤgen wol erkennet, auch die geferligkeit, so mir von den zenckischen, hoffertigen Geistern, welche jre Ehre vnd Rhum viel groͤsser achten dennals. die ehre Gottes
vnd den frieden der Christlichen kirchen, begegnen mag, wol vermercket, hab ichs bis daher lassen beruhen Vnd nicht vor der zeit etwas aus vnbedacht richten wollen.
Nun aber ietzt die not erfoͤrdert (dieweil ich sihe, das des verwirrens kein auffhoͤren sein wil), hab ich mich vnbeschwerlich,Höflichkeitsformel, im Sinne von: ohne Umstände zu machen. Vgl. Art. unbeschwert 4), in: DWb 24, 353. der gantzen Christenheit
zu gut, in diesem fahl erzeigen wollen vnd die Histori, wie sie sich begeben, zu schreiben fuͤr mich genomen, welche ich doch auffs kuͤrtzte erzelet, vnd ob jemand derselben,der Darstellung Funcks. deren darinnen gedacht ist, zuͤrnen wolt, der betrachte, das ich nichts anders den die warheit geschriben habe, vnd zuͤrne mit jm selbs, das ers besser nicht gemacht. Nach der Histori aber hab ich
nach meinem einfeltigenschlichten. Vgl. Art. einfältig 2), in: DWb 3, 173. verstand mit fleis angezeiget, was von der Goͤttlichen Gerechtigkeit Christlich zu halten, mit andern vmbstenden, so zu berichten die verwirten gewissen von noͤten. Vnd so ich hiemit zu fried vnd einigkeit der Kirchen dienen werde, wie ichs denn furnemlich der vrsach halben geschrieben, solle es mir ein hertzlich freud sein. Wird aber jemand
solchs mein einfeltig wolmeinen lestern vnd noch weiter gezenck darob anrichten wollen, der sol wissen, das er keinen hadermanStreitsüchtigen. Vgl. Art. Hadermann, in: DWb 10, 116. an mir findet, wil er aber ja zancken vnd hadern, so thu ers auff seine abenthewr,sein Risiko. denn ich fuͤr meine person (kan es anderst muͤglich sein) mich mehr des, so zu frieden, Rhue vnd einigkeit der Kirchen dienet, befleissen wil, denn das ich
meine Ehre he
fftig verteidigen solt vnd noch mehr zum Ergernus vrsach geben. Versihe mich auch, es werden sich gleiches falhs die, so Christen namen fuͤren vnd andere vnterrichten vnd Troͤsten sollen, auch friedlich erzeigen vnd bedencken, das wir entlichschließlich. vnsers haushaltens Rechenschafft geben muͤssen.Vgl. Mt 25,19; Röm 14,12. Der Almechtige GOTT vnd Vater aller
Barmhertzigkeit wolle genediglich alles Ergernus hinweg thun vnd seinem wort krafft geben, das es (wie geschrieben steht Apoca. 19.Vgl. Apk 19,6–9.) Obsigetriumphiere. Vgl. Art. obsiegen 2), in: DWb 13 1119f. vnd an alle oͤrter rein vnd rechtschaffen gelehret werde, zu eim zeugnus vber alle Voͤlcker. Damit die Braut des Lambs Gottes zubereitet werde vnd mit der Seiden der Gerechtigkeit gezieret, das wir wirdiglich den HERRN Jhesum
Christum, wenn Er erscheinen wird in seiner herrlichen zukunfft,Wiederkehr. Vgl. Art. Zukunft 5), in: DWb 32, 478. muͤgen entpfangen vnd mit jme eingehn in die ewigen Freude. AMEN.
Nachdem der Durchleuchtige, hochgeborne Fuͤr
st vnd Herr, Herr Albrecht der Elter, Marggraffe zu Brandenburg, in Preussen der erste Hertzog etc., von Gott dem Almechtigen zu dem Erkentnus seines lieben Sons, vnsers HERRN
vnd heilandes JESV CHRJsti, genediglichen aus den Bepstlichen stricken vnd grewel gefuͤr
et worden,Albrecht von Brandenburg war Hochmeister des Deutschen Ordens und durch Kontakt zu Andreas Osiander, den er während eines Reichstags in Nürnberg 1522 kennengelernt hatte, für die evangelische Lehre gewonnen worden. Im Jahr 1525 wandelte Albrecht durch den Krakauer Vertrag mit König Sigismund I. von Polen das Gebiet des Deutschen Ordens in ein weltliches Fürstentum, das Herzogtum Preußen, um und betrieb fortan eine strikt reformatorische, an Luther orientierte Kirchenpolitik. Vgl. Tschackert, Albrecht von Preußen; Luther und die Reformaton im Herzogtum Preußen. haben S. F. G.Seine Fürstlichen Gnaden. mit hoch-stem fleis sich alzeit bemuͤhet, Wie sie das heilige Euangelion von Jesu Christo rein vnd lauterklar, deutlich. bey jren armen Vnterthanen moͤchten forsstellen [sic] vnd das selbe also bekrefftigen, das es durch Gottes genedige huͤlffe bis an der welt
ende reichen vnd in S. F. G. Herrschafften fuͤrnemlich erhalten werden moͤchte. Vnd dieweil S. F. G. viel armer Vnterthanen in jrer Herrschaft haben, welchen mit Teutscher sprache nicht gedienet (denn das grosser theil S. F. D.Seiner Fürstlichen Durchlaucht. Fuͤrstenthum ist mit Polnischem, Littauischen, Curischen vnd Preuschischem volck besetzet, welche voͤlcker ein jedes seine eigne vnd vnter
schidne sprach haben), vnd doch dieselben den mehren theil, da zur zeit noch nicht gewonet, jre jugend zur Schule zu halten,in die Schule zu senden. das man einer jeden gegend nach jrer sprache Predicanten vnd Seelsorger verschaffen hette muͤgen, haben S. F. G. nach viel vnd fleissigen Rahtschlagen fuͤrgenomen, in jren Landen eine hohe Schulen (wie mans nennet) anzurichtenzu stiften, zu gründen. Vgl. Art. anrichten, in: DWb 1, 428.,Im Jahr 1544 gründete Herzog Albrecht die Universität Königsberg. Vgl. Tschackert, Urkundenbuch I, 279–318. damit die
vnterthanen vnd die benachtbarten deste leichter (weil in die kinder nahend, vnd die zerungder Unterhalt, die Finanzierung. Vgl. Art. Zehrung 2), in: DWb 31, 475f. nicht so schwer als in fernen Landen sein wuͤrden) bewegt, jre jugend dahin zu schicken, das sie Gottes forcht vnd das Erkentnus Christi fuͤrnemlich neben andern freien Kuͤnsten lerneten, damit sie also tuͤchtig wuͤrden, jrem Vaterland in jren natuͤrlichen sprachenMuttersprachen. zu dienen vnd sie zu
gleichem Erkentnus GOTTES, des Vaters, vnd seines Sons Jesu Christi zu bringen. Jst auch vmb solcher vrsach willen die Schul zu Kuͤnigsperg angerichtet mit schwerem vnkosten, vnd sind von F. D. in Preussen aus Teutschen Landen, fuͤrnemlich aber von Franckfort an der Ader vnd Witenberg, gradirte perso-nen, zu welchen man das vertrawen hette,
das sie der Schul wol solten fuͤrstehn, erfoͤrdert vnd mit zimlichenangemessenen, genügenden. Vgl. Art. ziemlich II.1.a), in: DWb 31, 1121f. besoldungen versehen worden.Z. B. Stanislaus Rapagelan, Christoph Jonas, Johann Brettschneider. Vgl. Tschackert, Urkundenbuch I, 279–318. Nach dem nu von allen vmbligenden enden sich ein zimlicheordentlich, hier im Sinne von: große. Zal deren, so zu studiren begereten, gen Kuͤnigsperg begeben hetten vnd die erbeit im Weinberg GottesVgl. Mt 20,1. zimlicherordentlicher. Vgl. Art. ziemlich I.3), in: DWb 31, 1120f. massen angienge, hat es der feind Gottes nicht lenger muͤgen erdulden, sondern bald
durch factiones vnd Parteien deren, so der Schul solten fuͤrstehn, allerley spaltung vnd ergernus angerichtet, besondern aber die, so im wort des HERRN getrewlich dieneten, am hefftigsten bedrenget, also auch, das ein frommer, christlicher Lehrer, Stanislaus genand, der heiligen Schrifft Doctor, vber solchem jamer den Tod gelitten (denn viel meinen, er sey vor leide
gestorben).Stanislaus Rapagelan starb kurz nach der Errichtung der Universität am 13. Mai 1545. Vgl. Tschackert, Urkundenbuch I, 293. Nach abschieddem Tod. dises StanislausKonjiziert aus: Stanlslay. haben die von Witenberg, auff F. D. genediges begeren, sie mit einem gelerten vnd Gottsfuͤrchtigen Manne zu uersorgen, herrein verschriebenempfohlen. Vgl. Art. verschreiben 4), in: DWb 25, 1156. einen mit Namen Fridrich Staphilus, Magister,Zu Friedrich Staphylus an der Universität Königsberg vgl. Tschackert, Urkundenbuch I, 294–298. welcher weit gereist, Rom vnd andere dergleichen heilige oͤrter gesehen, besondern aber in Littawen zur WildeStaphylus hatte bei einem Vetter in Canna (Kaunas, Litauen) und in Wilna (Vilnius, Litauen) gelebt und dort litauisch und russisch gelernt, weshalb man ihn gelegentlich für einen Litauer gehalten haben soll. Vgl. Tschackert, Urkundenbuch I, 294. vnd bey den
Polnischen vnd Littawischen Prelaten guͤtte kundschafftBekanntschaft, Freundschaft. Vgl. Art. Kundschaft II.3.a), in: DWb 11, 2638f. hette; dieser, dieweil er sich als gut Euangelisch stellete, auch mit heucheley sein thun wol zieren vnd decken kuͤn
de vnd zu dem von den von Witenberg, welche er meines erachtens gleicher gestalt betrogen, an den fromen, alten Fuͤrsten verschrieben ware vnd die Littawische sprachen wol kuͤndte, darzu auch
Polnischer sprachen sich rhuͤmete, wuͤrde er von F. D. mit allen ehren angenomen vnd zu einem obristen Professorn der heiligen Schrifft verordnetKonjiziert aus: verodrnet.. Da er nun dise dignitet erlanget, hat er als bald angefangen, sich vber die andern zu erheben vnd jme einen besondern anhangGefolgschaft. zu machen, vnd dieweil er mit seiner heucheley den frommen Fuͤrsten geblendet, hette er
alles recht was er anfienge, brachts auch dahin, das der Achtbar vnd weitberümbte Poet D. Georgius Sabinus, der auff sein lebenlang zum Rectorn bestetiget ware, sich des Rectorats verzeihenverzichten. Vgl. Art. verzeihen B.1.c.β), in: DWb 25, 2519f. muͤste vnd einer andern O
rdnung eingehen,Sabinus gelang es zunächst, auf Lebenszeit das Amt des Universitätsrektors übertragen zu bekommen. Aufgrund zahlreicher Auseinandersetzungen trat er jedoch 1547 vom Dauerrekorat zurück. Vgl. dazu und zum Leben des Sabinus allgemein Töppen, Gründung. daruon hie nicht not zu sagen. Nach dem ich aber gleich zur selben zeit zu Nurnberg meines Predigampts enthaben,Funck hatte im Frühjahr 1547 aufgrund des Vorrückens kaiserlicher Truppen auf Nürnberg sein Pfarramt verlassen und sich nach Wöhrd begeben. Der Magistrat erklärte ihn für abgesetzt, wohl auch um die drückenden Einquartierungen kaiserlicher Soldaten zu lindern. Vgl. Hase, Hofprediger, 114. Zu den Lasten Nürnbergs 1547 vgl. Engelhardt, Die Reformation in Nürnberg III, 100–102. Anstatt eine Virgel findet sich hier eine offene Klammer.darumb, das ich
nicht wolte dem Keiser seines dazumal furgenomenen KriegsDer Schmalkaldische Krieg 1546/47. Recht geben, sondernKonjiziert aus: sonderu. bekennet oͤffentlich, das er nichts anders suchet, denn die R
eine Lehr des Euangelions vnterzudruͤcken, wie sich hernach im werck weiter erfunden, warnet derhalben meniglich,jedermann. das sie dem Teuffel zu dienst sich in solchen krieg nicht begeben wolten noch dem Keiser hierinnen dienen etc.,
Da ich nu (sage ich) also feieretruhte, mein Amt nicht ausübte. Vgl. Art. feiern 2), in: DWb 3, 1436f. vnd in die zwenzig wochen als ein ander Buͤrger priuatus also gewohnet, wuͤrde ich von dem hochgedachtem Fuͤrsten vnd herrn etc. ins Land zu Preussen fuͤr einen Predicanten durch brieffe beruffen, auff welches ich auch mit weib vnd Kindern bald folget.Am 25. Mai 1547, einen Tag nach dem Einzug des Karls V. in Nürnberg, bot Funck Herzog Albrecht seine Dienste an. Der Herzog forderte ihn daraufhin mit einem Schreiben vom 12. August 1547 auf, nach Königsberg zu kommen. Im September scheint sich Funck dann mit seiner gesamten Familie auf den Weg nach Preußen begeben zu haben, wo er am 28. Oktober 1547 ankam. Vgl. Hase, Hofprediger, 117–120. Als ich nun gen Kuͤnigsperg kame wuͤrde mir viel gesagt (wie es pflegt zu
gehn) von diesem, von jenem; ich, als der zuuorn von Doctor Pomern,Johannes Bugenhagen. Funck war über Wittenberg nach Königsberg gereist. Dort war es zur Begegnung mit Bugenhagen gekommen, für den Funck am 10. Oktober 1547 auch gepredigt hatte. Vgl. Hase, Hofprediger, 119. meinem lieben herrn vnd Vatern in Christo, gewarnet ware, das ich mich in jre spaltung nicht mengen wolte, lies rede fuͤr ohren gehen.Sprichwörtlich: Die Ohren auf Durchzug stellen. Vgl. Art. Rede 78), in: Wander 3 (1876), 1551. Nam mich keines theils besonder an, wartet, was mir befohlen ware, bis so lang ich selbs des gemelten Staphili Lectiones eine oder drey gehoͤret hette, da
merckte ich, das er warlich nicht der ware, dafuͤr er wolt gehalten sein. Denn Gott weis es, das ich nicht leuge, ich hab mit allem fleis zugehoͤret; das ich aber einen sententz solt gefasset haben, der nuͤtzlich were zur Lehre etc., kan ich mit warheit nicht sagen. Viel zierlicherkunstvolle. Vgl. Art. zierlich IV.2), in: DWb 31, 1203f. wort wahren da, aber im grund keine Lehre. Als ich nun auch andere Magistros,
vnd nicht vngeschickte gesellen, die dazumal bey mir zu Tisch giengen vnd ietzt den meisten teil im Kirchen Ampt sind, fragete, was sie doch guts von jme lerneten, bekanten sie mir eben, das ich selbs klaget, sie muͤsten aber (sprachen sie) hinein gehn, denn er hette es durch ein Edict zuwegen bracht, das man bey vermeidung Straffe seine Lection hoͤren muͤste.Hier handelt es sich wohl um eine Unterstellung, die auf die Rivalitäten in der Universität Königsberg zurück zu führen ist. Die Animositäten zwischen verschiedenen Mitgliedern der Universität geht auf den Streit um die Äußerungen des Wilhelm Gnaphaeus zurück und die Rolle von Staphylus darin, der die Verurteilung von Gnaphaeus betrieb. Vgl. dazu Mennecke-Haustein, Conversio ad Ecclesiam, 65–74. Von der zeit
an begundbegann. ich, besser acht auff sein thun zu haben, bis ich jn entlich aus seinen eignen Schrifften, die er in einem grossen Buch wider das JnterimFunck bezieht sich hier wohl auf ein Werk, das von Staphylus verfasst, jedoch nicht publiziert wurde und verschollen ist. Vgl. Mennecke-Haustein, Conversio ad Ecclesiam, 117–120. Staphylus verfasste zusammen mit Hegemon, Tetzel und Isinder ein gesondertes Gutachten für Herzog Albrecht über den ersten Teil des Augsburger Interims, das auf den 5. August 1548 datiert. Darin erklärten die Theologen, dass eine umfangreichere Reaktion auf das Interim notwendig wäre. Diese fertigten dann jedoch nicht sie an, sondern der gerade in Preußen erschienene Osiander veröffentlichte eine Schrift gegen das Interim. Vgl. Stupperich, Osiander in Preußen, 34; Bedencken auff das || Jnterim von einem Hochgeler= || ten vnd Ehrwirdigen Herrn || einem Erbarn Radt seiner || Oberkeit vberreicht. || || [Magdeburg: Christian Rödinger d.Ä., 1549] (VD 16 O 992). Der Text dieser Schrift ist nicht identisch mit dem Gutachten zum Interim, das in Gesamtausgabe der Schriften Osianders abgedruckt ist und bereits von Möller in seiner Biographie Osianders teilweise wiedergegeben wird: vgl. OGA 9, Nr. 377, S. 140–159; Möller, Andreas Osiander, 323–330. zusamen geraspelt vnd verwickelt hette, erkennet; da er nun mercket, das ich sein thun nicht lobet, sondern neben andern, so dazumal getrewlichersorgfältiger. nach der warheit forsten,forschten. denn hernach in volgender spaltung von jnen
geschehen, seine jrthumb verlegetwiderlegt. Vgl. Art. verlegen 3), in: DWb 25, 758. mit warem bericht der Schrifft, da suchet er, wie er moͤchte, das er mich aus dem Lande huͤbe.vertreibe. Aber Gott, der der Warheit allezeit beisteht, hat mich bis auff disen tag erhalten, wird mich auch nach seinem Veterlichen willen weiter erhalten zu seinen Ehren, dem sey Lob, Ehr vnd preis in ewigkeit. Amen.
Da er nun sahe, das er mich seines gefallens nicht heben moͤchte, sondern auch das geruͤcht kame, wie Fuͤrstliche Durchluchtigkeit Herrn Osiandrum (der gleich der vrsach halben, das er ins Jnterim nicht hette willigenKonjiziert aus: wiiligen. wollen, zu Nuͤr
nberg vrlaubNürnberg verlassen. Vgl. Art. Urlaub B.1.a), in: DWb 24, 2472. genumen vnd sich nach Breslaw begeben)Osiander weigerte sich in Nürnberg, das Augsburger Interim zu approbieren und suchte Kontakt zu Herzog Albrecht, den er seit 1522 kannte. Über Breslau, wo ihm das Amt eines Predigers an der Magdalenenkirche als Nachfolger von Johann Heß angetragen wurde, gelangte er nach Preußen. Vgl. Stupperich, Osiander in Preußen, 23–28. hette beruffen vnd denselben beide, in der heubtpfarr des Landes (welche ich
darzumal, wie denn auch itzt, als ein gelihnerbelehnter, ins Amt eingesetzter. Vgl. Art. leihen 3), in: DWb 12, 690f. diener verwaltet)Funck wurde nach seiner Ankunft in Königsberg Pfarrer der Altstadt. Vgl. Hase, Hofprediger, 121. Dieses Amt bekleidete er nach Osianders Tod 1552 abermals, zusätzlich zu seinen Aufgaben als Hofprediger und Beichtvater des Herzogs. Vgl. ebd., 208. vnd in der Schule als einen primarium Lectoren der heiligen Schrifft gebrauchen wolte,Herzog Albrecht übertrug Osiander das Pfarramt an der Altstädter Kirche in Königsberg und setzte gegen den Senat der Universität durch, dass Osiander die Vertretung von Staphylus als Professor primarius an der Theologischen Fakultät wahrnehmen konnte. Vgl. Stupperich, Osiander in Preußen, 28–33. vbergab er bald sein Lection nicht one vngedult,Bereits vor der Ankunft Osianders in Preußen am 27. Januar 1549 war bei Staphylus im Zuge eines Streits mit Wilhelm Gnaphaeus der Entschluss gereift, seine Lektur an der Theologischen Fakultät niederzulegen. Seit dem 7. Oktober 1548 hielt er darum keine Vorlesungen mehr; offiziell schied er am 26. Februar 1549 aus der Universität aus. Vgl. Stupperich, Osiander in Preußen, 16–23 (zum Gnaphaeischen Streit); 27 (Ankunft Osianders in Preußen); 80–84, bes. 81 mit Anm. 253 (zu Staphylus’ Rolle im Osiandrischen Streit). dennwie. er sich gegen dem wirdigen Ehrn Johan. Seclutiano, Polnischen Predicanten zu Kuͤn
igsperg,Nach seiner Vertreibung aus Polen war Seclutian nach Königberg gelangt und wirkte von dort aus auf die Reformation in Polen ein. vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 251, Anm. 3. auch gegen meinem lieben herrn vnd bruder in Christo M. Johan.
SciuroJohannes Sciurus stammte aus Nürnberg und war zunächst Professor für Mathematik, danach Professor für Griechisch und Ethik an der Universität Königberg. Er entwickelte sich zum Anhänger Osianders und wurde 1552 von der Universität suspendiert, nachdem eine seiner Disputationen Abstoß erregt hatte und er daraufhin Osianders Rechtfertigungslehre verteidigte. Nach Einmischung Herzog Albrechts musste die Universität Sciurus wieder zum Dienst zulassen. Vgl. Stupperich, Osiander in Preußen, 322–324; Freytag, Die Preußen auf der Universität Wittenberg, 94. der wort vernemen lassen: Aut ego peribo, aut Schola haec pereat, das ist (das ichs von der Leien wegen verdeutsche): Entweder ich wil zu scheitern gehn, oder dise Schul mus zuscheitern gehn. Solchs hat er auch mit allem fleis angefangen vnd also angericht (Gott erbarms), das nicht allein er im ElendExil, Ausland. Vgl. Art. Elend 1.c), in: DWb 3, 407f. ist mit Weib vnd Kinde, von meniglich,jedermann. die jn kennen, ver
acht, sondern auch die Schul zu Kuͤn
igsperg den meisten theil zerruͤttet vnd sampt den meisten kirchen mit ergernus vnd gottslesterung erfuͤllet, welche sich auch alsoKonjiziert aus: aso. in die gantzen Christenheit ergossen haben, mit liegen vnd lestern, das auch AriusArius (um 260 – 336) vertrat die Auffassung, Jesus von Nazareth sei nicht von Ewigkeit her Gottes Sohn, sondern ein sehr besonderes Geschöpf des einen Gottes. Diese Meinung wurde auf den Konzilien von Nicäa (325) und Konstantinopel (381) als Irrlehre verworfen. Vgl. Hans Christof Brennecke, Art. Arius/Arianismus, in: RGG4 1 (1998), 738–743. mit allem seinem geschwuͤrmwilder, wüster Haufen. Vgl. Art. Geschwürm 1.b), in: DWb 5, 4014. nicht so ein gros ergernus vnd verderbnus angerichtet hat, als diser Staphilus mit seinen
juͤngern, daruon ich nun weiter meldung thun wil.
Als nun Herr Osiander, gottseliger gedechtnus,Osiander war am 17. Oktober 1552 verstorben. zu Kuͤn
igsperg ankame vnd sich die gelehrten der Vniuersitet teglich (wie der Brauch ist) zu jme funden, hielte sich gemelter Staphilus seiner fuchslistigenDer Fuchs wird in Fabeln als schlauer und durchtriebener Charakter gezeichnet. Die wohl bekannteste Gestalt war Reineke Fuchs, der Protagonist eines gleichnamigen Versepos, das sich im Spätmittelalter und der Reformationszeit großer Beliebtheit erfreute. Vgl. das in hochdeutscher Übertragung erstmals 1545 bei Cyriacus Jacob in Frankfurt am Main erschienene Volksbuch Reinicken Fuchs (VD 16 R 1000). Geschildert wird darin, wie es dem Fuchs durch perfekte Heuchelei immer aufs Neue gelingt, sich aus brenzligen Situationen zu befreien. Vgl. Fritz P. Knapp, Art. Renart III: Deutsche und Niederländische Literatur, in: LexMA 7 (1995), 720–724, bes. 723. art nach fürnemlich zu jme, asse fast alle tage mit jme in der herberg; ich, der nu den Staphilum
basgenauer. kennet, denn er mir zu trawere,weil er mir vertraute. warnere meinen lieben herrn Osian-drum fleissig, er solte sich wol fursehen fur dem Manne, denn er gienge auff nichts guts vmb, erzelet jm etzliche stuͤck, daraus er jnihn. ja solt haben vrteilen kuͤnden; aber der frome herr meinet, ich thete es etwo vmb des willen, das, w
eil Staphilus noch in grossem ansehen beim Fuͤrsten
were,Herzog Albrecht hatte sich intensiv darum bemüht, dass Staphylus aus Wittenberg nach Königsberg kam. Vgl. Mennecke-Haustein, Conversio ad Ecclesiam, 59–63. ich jne also verkleinernherabsetzen. Vgl. Art. verkleinern 2), in: DWb 25, 662. wolte, damit ich moͤchte hinfur kummen, welchs ich mir doch mein lebenlang nie gewuͤnschet, noch jemals begeret habe. Denn ich weis wol, das die, so hoch steigen wollen, wo sie Got nicht selbs hebt, hart wider herunter fallen muͤsten, vnd hab es mehr als an einem exempel bede, in Historien vnd erfahrungen, gelernet. Dieweil ich aber das
vermercket, lies ich sie mit einander bezemengewähren. Vgl. Art. bezähmen 5), in: DWb 1, 1794. jres gefallens, wartet meines Beruffsversah mein Amt nach besten Möglichkeiten. Vgl. Art. warten II.D.5.d), in: DWb 27, 2143. vnd gedachte, Gott wurde vielleicht durch Osiandrum den Staphilum zum rechten erkentnus Christi bringen, das er sich bekeret vnd noch viel frucht schaffet etc. Aber da sehe einer zu, wie aus geringen vrsachen der Teuffel seine gliederAnhänger, Parteigenossen, Werkzeuge. Vgl. Art. Glied III.A.7), in: DWb 8, 20. erregenanstiften. kan, ein vnleschlich feur in der
Christenheit anzurichten, denn fuͤr dem juͤngsten tage haltglaube, denke. ich nicht, das dis ergernus gar auffgehaben werde. Als nu Staphilus teglich mit Osiandro also vmbgeht,Kontakt hat. begibt sichs, das er einen Grichischen sentenz aus dem GalenoGalenos, griechischer Arzt aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Konjiziert aus: vnterandern.vnter andern worten mit einfuͤret (one zweiffel zu beweisen, das er auch Grichisch kuͤnde), in welchem sententz er ein wort, das auch im
Truck falsch vnd doch greiflichklar erkennbar. Vgl. Art. greiflich 2.a), in: DWb 9, 49f. wider die Grammatica gesetzt ware, keatimenos fur kektimenos,κεκτημένος (part. perf. zu κτάομαι = sich beschaffen, p. p. substantiviert auch: Eigner, Besitzer). Hintergrund dafür scheinen Auseinandersetzungen zwischen Staphylus und Osiander um die Bedeutung des Hebräischen für die Erkenntnis der biblischen Wahrheit gewesen zu sein. Vgl. dazu Mennecke-Haustein, Conversio ad Ecclesiam, 121–125. a fur k ausredet. Als jn D. Osiander fragete, was fur ein wort es were, er wuͤste in der gantzen Grichischen sprachen kein solch wort, so lidde es die art der sprachen nicht etc., vnd jn also verstricket,in seinen Widersprüchen verwickelte. Vgl. Art. verstricken I.6), in: DWb 25, 1803. das sein vnuerstand durch jn selbs am tag lage,durch ihn selbst offenbart wurde. das hat er von
dem selben tage an jmmerdar gesucht, wie er Osiandrum dempffenschwächen, besiegen. Vgl. Art. dämpfen 2), in: DWb 2, 717. moͤchte, damit man jn allein fuͤr den gelertesten halten muͤste. Da er jm aber offentlich nicht kuͤnde bey kommen, fienge ers an mit heimlichenheimtückischen, boshaften. Vgl. Art. heimlich 10), in: DWb 10, 879. luͤgen vnd verkleckungen,Anschwärzungen, Gerüchten. Vgl. Art. verklecken 2.b), in: DWb 25, 656. der gestalt:
Er hette vermerckt, wie Osiander schlecht vnd recht,Formelhaft: schlicht und einfach. Vgl. Art. schlecht 8.f), in: DWb 15, 526. nach laut der heiligen
Schrifft, von der Buss vnd von der Rechtfertigung der Christen lehrete, vnd nicht so finster vnd dunckel, noch so geflickterzusammengeschusterter. weis wie Staphilus (der sein lebenlang nie kein grund diser handlung gehabt,der sein ganzes Leben lang kein richtiges Verständnis davon gehabt hat. wie in seinem Bekentnus mag gelesen werden).Herzog Albrecht forderte im Mai und Juni 1551 von seinen Theologen Stellungnahmen an, wie jeder einzelne auf der Kanzel oder auf dem Katheder von der Rechtfertigung predige bzw. lehre. Staphylus hob in seinem Bekenntnis die Lehre von der doppelten Gerechtigkeit hervor: Christus besitzt zwar die wesentliche Gerechtigkeit Gottes, doch der Mensch werde nicht durch diese gerechtfertigt, sondern durch jene Gerechtigkeit, die sich aus dem Werk Gottes in Christus ergebe. Staphylus insistierte daher darauf, dass Gottheit und Menscheit Christi weder getrennt noch vermischt werden dürften. Vgl. Stupperich, Osiander in Preußen, 152f. Das Bekenntnis wurde gedruckt in: VON Gottes Gnaden Vnser || Albrechte des Eltern / Marggraffen zu Bran || denburg / jn Preussen || Ausschreiben || An vnsere alle liebe getrewen vñ || Landschafften / wes wirden standes vnd aestimation || ein jeder ist / Vornemlich auch Theologen / Pfar= || hern / Predicanten vnd Kirchendiener / darin grund || lich vnd ordentlich / wie sich die ergerliche zwispalt || vber dem Artickel von vnser armen Suͤnder Recht= || fertigung erha= || ben vnd was wir vns mit grossen sorgen einigkeit || zu machen / bemuͤhet / dargethan || [Königsberg: Hans Lufft, 1553] (VD 16 P 4779), B 3v–C 2r. Dieweil er aber meinete, er hette die Wittenbergischen auff seiner seiten, verkleinert er Osiandrum erstlich bey den Collegiaten
zu Kuͤnigsperg, als lehrete er nicht recht von der Buss vnd von der Rechtfertigung, vnd n
ach dem herr Osiander nach gewohnlichen Brauch der Schulen ein Disputation hielte am 5. Aprilis des 1549 Jars, in welcher er die hauptsumma des Gesetzes vnd Euangelij kurtz zusamen verfasset,Gemeint ist Osianders Antrittsdisputation De Lege et Evangelio. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 36; OGA 9, Nr. 431, S. 506–513. da richtet sich als bald ein Newgebackner Wittenbergischer Magister mit Namen Matz Lau
terwald vom ElbingMatthias Lauterwald stammte aus Elbing und war 1549 in Wittenberg zum Magister promoviert worden. In Königsberg übernahm er die Professur für Mathematik. Zu ihm vgl. Julius August Wagenmann, Art. Lauterwald, Matthias, in: ADB 18 (1883), 79f. an jn, vnd nach dem er in der Disputation zenckisch vber die mas gewesen, schlug er des andern Tags offentlich wider Osiandrum an vnd bezeuͤgete, er muste die von Wittenberg schuͤtzen bey jhrer lehr, wie er geschworn hette.Matthias Lauterwald attackierte Osianders Auffassung von der Rechtfertigung des Menschen während der Disputation vom 5. April 1549, worauf Osiander ihm riet, den Wissenschaften fern zu bleiben. Am Tag darauf hängte Lauterwald 12 Thesen gegen Osiander öffentlich aus. Lauterwald berief sich dabei auf die Eidesleistung nach erfolgter Promotion an der Universität. Hier schworen die Doktoranden, bei den Lehren der Confessio Augustana und der altkirchlichen Symbolen zu bleiben und die altkirchlichen Lehrer zur Orientierung heranzuziehen. Osiander sprach sich vehement gegen eine solche Argumentation aus, da bei ihm der Eid anscheinend eine besondere Rolle als Kennzeichen einer antichristischen Verschwörung spielte. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 39. Zur Eidfrage: ebd., 252, mit Anm. 12. Zur Disputation vgl. Stupperich, Osiander in Preussen 77. Denn sie lehreten anders von der Buß denn Osiander. Vnd nach dem diser hader ein zeytlang gewehret vnd sich D. Johan Bret
schneyder, ein Medicus, vnd Fabian Stosser, ein Magisterlein, der sachen anhengig gemacht, hiltens sies endtlich also mit Disputationen furzunemen vnd anderm, das F. D. inn Preuͤssen beweget warde, sie nach jhrer ankunfft der dienst zu entnemen vnd eins theyls des Lands zu verweysen;Johann Brettschneider war Professor primarius an der Medizinischen Fakultät der Universität Königsberg. Überdies hatte er 1549 das Amt des Universitätsrektors versehen. Er weigerte sich jedoch, nach seiner Amtszeit die vom Herzog geforderte Rechnungslegung vorzunehmen. Überdies schloss er sich der antiosiandrischen Partei an der Universität Königsberg an. Im Januar 1550 bat er den Herzog um seine Entlassung aus der Universität, der ihm sein Amt jedoch fristlos entzog, was nachträglich gnadenhalber dahingehend verändert wurde, dass ihm eine Frist von einem Quartal eingeräumt wurde, um eine neue Anstellung zu finden. Die offizielle Entlassung erfolgte daher erst am 22. März 1550.
Fabian Stosser war Professor für Griechisch an der Universität Königsberg. Bei ihm waren Briefe gefunden worden, die angeblich belegten, dass er die Differenzen unter den Königsberger Professoren maßgeblich gefördert habe. Stosser wurde daraufhin von Herzog Albrecht am 15. Juli 1550 fristlos entlassen. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 84–94. wie sies aber getriben, ist viel zu lang, auch vnnoͤtig zu erzelen. Wollen weiter
s
ehen, was Staphilus, der anfenger dises haders, hat außgericht. Als nuhn gleich zurselben zeyt vnser liber VaterGott. seine vngehorsame Kinder mit der Rutten der Pestilentz heimsuchet, fast durchs gantze landt zu Preuͤs
sen, vnd F. D. mit dem FrawenzimmerDie Töchter Herzog Albrechts und deren Dienerinnen. Vgl. Art. Frauenzimmer 2), in: DWb 4, 84f. Albrecht war zu diesem Zeitpunkt (1549) unverheiratet, da seine erste Gemahlin, Dorothea von Dänemark 1547 verstorben war. Er heiratete dann am 26. Februar 1550 Anna Maria von Braunschweig-Calenberg-Göttingen. Vgl. Walter Hubatsch, Art. Albrecht, der Ältere, in: NDB 1 (1953), 171–173. vnd furnembsten Landsrethen sich nach der Wildnus begabe, auch die Lectiones in der Schul auff gehaben wurden,Nach dem Ausbruch der Pest im Juni 1549 reiste der herzogliche Hof aus Königsberg ab und begab sich nach Poppen, einem Forsthaus im Landesinneren. Die Universität wurde geschlossen und die meisten Professoren verließen Königsberg. Osiander jedoch blieb in Königsberg und verfasste auf Bitten des Stadtrats Pestgebete, die in den Gottesdiensten unter Glockenschlag verlesen werden sollten. Dies stellte eine liturgische Neuerung dar, der sich z. B. Peter Hegemon, der Pfarrer am Dom im Kneiphof widersetzte, was zu weiteren Kontroversen führte. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 45, 52f, 69–73. Die Pestegebete sind abgedruckt in: OGA 9, Nr 381/82, S. 202–208. zo
ge Staphilus ins Deuͤd
schlandt, da er denn den gutten Man hart verklecket hat, wie hernach die erfahrung bewisen.Um die Monatswende von August auf September 1549 befand sich Staphylus in Wittenberg, wo er sich anscheinend gegenüber Melanchthon sehr abwertend über Osianders Rechtfertigungslehre geäußert hat. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 82. Denn von derselben zeyt an, sich Osiander schier inn allen orten, da Staphilus gewesen vnd dahin seine luͤgen geschriben wurden, auff den Predigstuͤlen vnd pulten hat leyden muͤssen. Wie denn solchs von vilen seiner gutten guͤnner dem herrn Osiander
zugeschriben wurde. Damit aber auch inn Preuͤssen dem Osiandro vnruge gemacht wurde, schrib gemelter Staphilus auch an den hochgedachten Hertzogen inn Preuͤssen, meinen gnedigsten herrn etc., das S. F. G. wolten vleyssig acht lassen haben auff Osiandrum, denn er lehrete anders von der Rechtfertigung denn die zu Wittenberg.Es ist unklar, worauf Funck sich hier bezieht, da bislang ein solches Schreiben von Staphylus nicht aufgefunden werden konnte. Vgl. dazu aber Mennecke-Haustein, Conversio ad Ecclesiam, 125–131. Dieweyl aber des sterbens
halbenAuf dem Höhepunkt der Pestepidemie (August/September 1549) starben wohl pro Woche fast 700 Menschen. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 52, mit Anm. 94. die sach nicht anders mochte furgenomen werden, bate Fuͤrstliche Durchleuͤchtigkeit den Osiandrum inn Schrifften, das er wolte, wie der Artickel von der Rechtfertigung zu uerstehn were, gruͤndlichen bericht S. F. G. zuschicken.Es handelte sich hier anscheinend um eine Bitte des Herzogs, die Frage der Rechtfertigung im Zuge der Auseinandersetzungen um das Augsburger Interim zu erörtern. Vgl. dazu Mennecke-Haustein, Conversio ad Ecclesiam, 125f. Wiewol nun zur zeyt herr Osiander von Staphilo heimlichen Tuͤcken nichts weste noch vermutet (denn er jhn auch hernach
lenger als ein jahr noch fur seinen freuͤnde gehalten), schrib er einenKonjiziert aus: eien. In der Kustode B 3r korrekt: einen. kurtzen bericht, welcher F. D. zum Poppen vberantwort wurde,Wohl Osianders Gutachten über das Interim, in: OGA 9, Nr. 377, S. 140–159. da ich denn solche Schrifft gesehen, aber nicht durchlesen habe, denn ich besorgete des lermansLärmens, Streitens. nicht, der hernach gefolget. Es haben aber solche Schrift gelesen der Hochgelerte vnd EhrnuesteFormelhafte Anrede hochgestellter Persönlichkeiten: hochgeehrte. Vgl. Art. ehrenfest, in: DWb 3, 59f. herr Johan von Creuͤtzen,
F. D. in Preuͤssen Cantzler,Langjähriger Kanzler des Herzogs. Vgl. die Einträge zu ihm bei Tschackert, Urkundenbuch III, 343; Hubatsch, Albrecht von Brandenburg-Ansbach, 348; Stupperich, Osiander in Preussen, 182, Anm. 91. vnd der Ehrnueste Aswerus Brandt,Brandt war einer der wichtigsten Berater des Herzogs, der mit bedeutenden Angelegenheiten betraut wurde: z. B. Reisen zu den Reichstagen, Gesandtschaften zum polnischen König usw. Vgl. Erhard Sprengel, Brandt, Ahasverus (Asverus) von, in: NDB 2 (1955), 531f. bey welchem ich auch solchs Schrifft gesehen. Was aber von jnen gevrteilt worden, ist mir vnwissend, allein das weis ich, das F. D. auff solchen Bericht zufriden ware.
Nach dem nu Got, der Vater aller Barmhertzikeit, durch seine veterliche
guͤtte die plage widerumb hinweg genommen vnd F. D. sich widerumb gen Kuͤn
igßperg begeben vnd die Lectiones im Collegio wider angegangen, da haben die, so durch Staphili anregen, den Osiandrum [in] verdacht hielten,denen Osiander verdächtig schien. allerley nachforschung seiner lehr gethan, ob sie ettwas moͤchten erzwacken,ausfindig machen. V
gl. Art. erzwacken, in: DWb 3, 1103. das sie straffen kundten. Zu welchem sie denn auch zum gutten
theil der heimliche Neidhardtdie personifizierte Missgunst. Vgl. Art. Neidhard/Neidhart 1.a), in: DWb 13, 559f. raitzte, weil sie gegen Osiandro zu achten, nicht fur so gelehrte gehalten wurden, als sie gern wolten gehalten sein. Vnd dieweil sie sonst nichts kundten erhaschen (denn er allezeyt mit solchem klaren grunde der schrifft redete vnd lehrete, das niemandt widersprechen kundte, er wolte dann die H. schrift verleuͤgnen), triben sie diss stuͤck
gewaltig, das er etwo den Sommer zuvorn in einer Lection gesagt hette: Wo schon Adam nicht hette gesündiget, so hette doch der Son Gottes muͤssen Mensch werdenIn seiner Genesisvorlesung scheint Osiander im Laufe des Jahres 1549 die bekannte scholastische Frage erörtert zu haben, ob Christus auch dann hätte geboren werden müssen, wenn die Sünde nicht in die Welt gekommen wäre (An filius Dei fuerit incarnandus, si peccatum non introivisset in mundum). Osiander bejahte die Frage, was zu heftigem Widerspruch führte, offenbar zuerst durch Peter Hegemon. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 105f; OGA 9, 450. (darvon denn auch hernach ein Buͤchlein ausgegangen ist,Andreas Osiander, An filius Dei fuerit incarnandus, si peccatum non introivisset in mundum, item: De imagine Dei, quid sit (1550), in: OGA 9, Nr. 427, S. 450–491. welchem noch keiner von den gelerten mit einigem, waren, bestendigem grunde widersprochen hat,Widerspruch erfuhr das Buch durch Melanchthon, durch den Breslauer Pfarrer Johann Stigel sowie durch den Pfarrer von Riesenburg, Franz Burchard. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 109, Anm. 148. das ichs erfaren hette. Aber das
einer, nicht geringes ansehens, vil aus solchem gelehrnet habe, ist leichtlich aus seinen schrifften, so er hernach hat lassen ausgehn, zu ersehn). Solches wurde nu (sage ich) hin vnd wider aufs gifftigste vnd ergerlichste getriben vnd nur schendlich vbel außgeleget, also das auch etzliche hinzu gelogen, er solte gelehret haben: Wo schon Adam nicht hette gesündiget, so
hette doch der Son Gottes muͤssen leyden vnd s
terben,Osianders Sohn Lucas schrieb später, sein Vater habe während einer Vorlesung gesagt: Sperare se, diligenter tractato loco de imagine Dei, efulsurum filium Dei fuisse incarnandum, etiam si homo non peccasset. Lucas Osiander, Epitomes Historiae Ecclesiasticae Centuriae XVI. Pars Altera . Tübingen 1610, 554. vnd dergleichen mehr. Mit diesem gieng nu das fewr an, das man nu nicht mehr verdeckter weys den Osiandrum vernichtet, sondern offentlich jme allenthalben widersprache. Daher er denn verursacht wuͤrde, obgedachtes Buͤchlein zu schreiben vom Bilde Gottes vnd obgemelter frage: Ob Gottes Son hett
müssen Mensch werden etc. Dieweil aber auch neben dem vil von der Rechtfertigung mit vnterlieffeeinfloss. vnd sich der Staphilus auch nicht saumpte,zögerte. Vg. Art. säumen 2.b), in: DWb 14, 1912f. allenthalben fewr zu machen wider Osiandrum (denn er schwaiffet dazumal im Deuͤd
schland vmb),Staphylus hatte im Zuge des Streits mit Wilhelm Gnaphaeus seinen Dienst an der Universität Königsberg aufgegeben und war 1549 aus Preußen nach Breslau abgereist, wo er heiratete. Im selben Jahr traf er Melanchthon in Wittenberg. Vgl. Stupperich, Osiander in Pressen, 80–84. vnd Osiander gentzlich merckte, das jme der Teuͤffel allein von des einigeneinzigen. Artickels wegen, das
er klar vnd ordenlich von der Rechtfertigung lehrete, also zusetzet, stellet er seiner lehr Grund in etzliche proposition vnd lies sie in offnem Truck zu disputirn außgehn. Welche disputatio hernach von jme ist gehalten worden zu Kuͤn
igßperg am 24. Octobris, Anno 1550,Die 81 Thesen seiner Disputation über die Rechtfertigung sind abgedruckt in: OGA 9, Nr. 425/490, S. 422–447, unsere Ausgabe Nr. 1. inn gegenwertigkeit des Hochgedachten Fuͤr
sten vnd Herrn, H. Albrechten etc., hertzogen in
Preussen etc., vnd aller professorn der Vniuersitet, aller Predicanten vnd Caplanen zu Kuͤnigsperg, welche waren Joachim Moͤr
lein,Joachim Mörlin war bis ins Frühjahr 1550 Prediger an St. Johannis in Göttingen. Da er das Interim strikt ablehnte und in seinen Predigten fürstliche Personen und den Göttinger Stadtrat attackiert hatte, wurde er von Herzog Erich II., dem Jüngeren, von Braunschweig-Calenberg-Göttingen vertrieben und gelangte erst kurz vor der Disputation Osianders nach Königsberg. Dort wurde er Pfarrer am Dom im Kneiphof und nahm zunächst noch eine vermittelnde Position zwischen Osiander und seinen Gegnern ein, bis er sich dann ebenfalls entschieden gegen Osiander stellte. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 113–116, 137–165. Peter Hegemon,Peter Hegemon war bis zur Ankunft Joachim Mörlins, kurz vor Osianders Disputation, Pfarrer am Dom im Kneiphof. Er gehörte zu den ersten und entschiedensten Gegnern Osianders in Königsberg. Aufgrund dieser Haltung wurde er an die Stadtkirche in Löbenicht versetzt. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 69–74. Melchior Jsinderus,Melchior Isinder war zweiter Professor der Theologie an der Universität Königsberg. Zusammen mit Osiander übte er 1549 die Zensur über alle Druckerzeugnisse in Königsberg aus. Im Wintersemester 1549/50 war er Rektor der Universität. Zunächst stand er auf der Seite Osianders, doch die Disputation vom 24. Oktober 1550, in der er als Opponent auftrat, veränderte seine Haltung und er schwenkte in das Lager der Gegner ein. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 45, 67, 94f, 126, Anm. 100. alle drey Witenbergische Doctores der heiligen Schrifft, Johan. DetzelJohann Doetschel war Hofprediger. Zu ihm vgl. die Einträge bei Tschackert, Urkundenbuch III, 328. vnd Johan. Funck,Vgl. oben Einleitung zu Nr. 2, S. 56–59. bede hoffprediger, D. Georgius Sabinus,Sabinus erklärte sich nicht offen gegen Osiander, tat dies jedoch in Briefen. Vgl. Töppen, Gründung, 194; Scheible, Georg Sabinus, 543. Christoff Jonas,Jonas war Jurist und stand innerhalb der Universität auf der Seite der Gegner Osianders. So nahm er z. B. Matthias Lauterwald in Schutz. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 68, 76; Tschackert, Urkundenbuch I, 262. der rechten Doctores, vnd Andreas
Aurifaber,Seit 1546 war Aurifaber der Leibarzt Herzog Albrechts. Überdies versah Aurifaber eine Professur für Medizin und Physik an der Universität Königsberg. Am 19. Januar 1550 heratete er Osianders Tochter Agnes. Zu den Gästen gehörte auch Herzog Albrecht. Vgl. Irene Dingel, Art. Aurifaber, (1) Andreas, in: LThK4 1 (2006),1256f; Stupperich, Osiander in Preussen, 63f. Fuͤrstlicher Medi
cus. Jtem: Andreas Westlingus,Wesling war seit 1546 Professor für Hebräisch an der Universität Königsberg und entwickelte sich zu einem erklärten Gegner Osianders. Am 8. Mai 1551 wurde daher entlassen. Vgl. Paul Bahlmann, Art. Wesling, Andreas, in: ADB 42 (1897), 139. der Hebraischen sprachen professor, Johan. Hoppius,Zur Gründung der Universität 1544 wurde Hoppe von Herzog Albrecht als Professor für Ethik nach Königsberg berufen. Im Sommersemester 1549 war er Universitätsrektor. Er stand auf der Seite der Gegner Osianders und wurde 1553 entlassen. Vgl. Heinrich Julius Kämmel, Art. Hoppe, Johann, in: ADB 13 (1881), 115. Bartolomeus Wagner,Wagner war seit 1545/46 der erste Professor für Mathematik an der Universität Königsberg. Im Sommersemester 1549 war er Dekan der philosophischen Fakultät und im 1551 Universitätsrektor. Er erklärte sich gegen Osiander und wurde darum 1553 entlassen. Vgl. Freytag, Preußen, 44. Johan. Sciurus,Vgl. Anm. 63. artium professores vnd Magistri, vnd andere, die ietzt alzumal wurden zu lang zuzelen, wo mir jr namen alle bekant weren, darzu waren gegenwertigKonjiziert aus: gengewertig., neben den Studenten, viel von der Buͤrgerschafft
zu Kuͤnigsperg, also, das das grosse Lectorium im Collegio gar vol volcks ware. Alda wuͤrde nu von etzlichen fuͤrnemlich, das den haupthandel belanget, angefochten, das Osiander nicht also von der jmputation redete, wie die Wittenbergischen, denn diselben lehreten, es wuͤrde vns die Gerechtigkeit Christi zugerechnet vnd daher weren wir gerecht fur Gott.Die wesentlich von Melanchthon geprägte Wittenberger Position war, dass Gott dem Menschen die Gerechtigkeit Christi im Glauben zuspreche, Christus hingegen ziehe die menschliche Sünde auf sich (Luthers fröhlicher Wechsel). Eine durch Leistungen und Werke erworbene Gerechtigkeit des Menschen wurde damit ebenso abgelehnt, wie die Vorstellung, dass die neue Gerechtigkeit des Menschen zu dessen Qualität werde. Vielmehr bleibe sie stets auf die Zuwendung Gottes bezogen. Vgl. Ernstpeter Maurer, Art. Zurechnung I. Dogmatisch, in: RGG4 8 (2005), 1923; Martin Luther, WA 7, 25,26–26,12 (Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520). Es
wuͤrde aber von keinem definirt, was er Gerechtigkeit nennete (denn wo das geschehen, were viell
eicht von Osiandro der berichtAuskunft, Erklärung. Vgl. Art. Bericht 1), in: DWb 1, 1521. gegeben worden, das viel vbels hette hernach moͤgen vermitten bleiben), auff solchen gegenwurffWiderspruch. Vgl. Art. Gegenwurf 2), in: DWb 5, 2304. beruffet sich Osiander auff die 76. proposition furgestelter DisputationThese 76 lautet in der deutschen Fassung: Dann die gerechtigkeit Christo wirt uns ja zugerechnet, aber doch nicht, dann wan sie in uns ist, wie geschriben ist: Gott hat den, der von keiner suͤnd wuͤste, zur suͤnde gemacht, auff das wir in im wurden die gerechtigkeit Gottes [ II Kor 5,21]. OGA 9, Nr. 490, S. 445,20–23, vgl. oben Nr. 1, S. 49,25–28. Vnd erkleret mit allem fleis, wie es solte verstanden werden,
das vns die Gerechtigkeit Christi zugerechnet wird. Nemlich: das wir Christum muͤsten durch den Glauben ergreiffen, das er in vnsern hertzen durch den Glauben wone, als denn: wenn wir also durch den Glauben mit Christo vereiniget weren, so werde vns seine Gerechtigkeit zugerechnet, also das vns Gott der Vater vmb Christi willen als gerechte Kinder anneme vnd
erkenne etc. Wie er denn solchs auch klar in andern propositionen dargethan hatte. Vnd dieweil Seine Meinung mit heiliger Schrifft wol gegruͤndet vnd bewaretbefestigt, gestützt. Vgl. Art. bewahren 4), in: DWb, 1, 1763. ware, gaben sie sich alle, die solchs getrieben, bald zufrieden, one allein Melchior Jsinderus, der kuͤndte sich in den handel nicht schicken, wiewol er bede, in der Disputation vnd hernach in Osiandri behausung, da
wir denn mit einander Malzeit hielten, bey welcher D. Moͤr
lein auch ware, genugsamen be-richt entpfinge, so gar ware er mit der Reputation verstricket vnd verirret, das er selbs nicht weste, was er weste,Im Oringinal steht hier eine Klammer anstatt einer Virgel. wie er denn auch hernach daruͤber vnbe
sind worden ist.Isinder soll 1552 in eine Gemuͤthskrankheit verfallen sein, welche so zunahm, daß er ganz von Sinnen wurde; da ihm denn anfangs auf dem Collegio das erste Gemach eingeraͤumet ward, bis er 1555 in das Hospital in die sogenannte Studentenstube gebracht wurde, woselbst er in solchem elenden Zustande bis 1588 gelebet, da er den 16. Jan. gestorben. Arnoldt, Historie II, 172. Got wolle jme genediglichen widerhelffen, denn ich mus bezeugen, das er von hertzen die warheit gesucht
hat, ist aber vom Staphilo also betrogen worden, das er zu solcher nicht hat muͤgen kummen. Aber von dem etwo ein andermal, wollen wider zur Disputation kummen. Als nun die Ordnung gabe das Peter Hegemon D. auch disputiren solte vnd jn Osiander Bate, er wolte auch etwas fuͤrbringen (wie denn der Brauch ist in Schulen), sagt er: Ego nescio, quid debeam opponere
vos, ita munistis vestras propositiones Sacris scripturis, vt nihil sciam contradicere. Tamen nos hactenus aliter docuimus. Solchs waren seine wort, welche der hochgeborne Fuͤr
st vnd herr etc., Her
tzog in Preussen, vnd ich selbs, neben allen andern, so da waren, aus Peter Hegemons munde gehoͤret habe. Sie lauten aber zu Teutsch also, denn ich mus es von der leihen wegen
Teutschen: Jch weis nicht, was ich dargegen soll auff bringen; jr habt ewre artickel also mit heiliger Schrifft verwaret, das ich nichts weis, darwider zu sagen. Aber wir haben bisher anderst gelehret.Diese Ungewissheit, was man von den Anschauungen Osianders zu halten habe, erfasste gerade am Anfang der Kontroverse wohl verschiedene Theologen. So äußerte Johannes Aepin, dass man die Begriffe und Vorstellungen Osianders als fremd empfinde, ohne diese Fremdheit zunächst näher definieren zu können. Stupperich, Osiander in Preussen, 245. Auff solchs antwort Osiander: Wenn man bessers vnd gewissers berichtet wuͤrde, solt man billigangemessener, gerechter Weise. Vgl. Art. billich, in: DWb 2, 27. das vngewisse fahrenaufgeben, fallen lassen. Vgl. Art. fahren 13), in: DWb 3, 1255f. lassen vnd dem gewissern volgen. Sonsten wurde
auch allerley zur hauptsachen aber nichts sunders dienstlich disputiret Vnd entlich also beschlossen, das sich kein mensch einiger zwispalt dieser sachen halben versahee [sic].
Vnlang nach dieser Disputation kam Stapi-lus widerumb ins landt Preuͤssen vnd bracht ein weib mit sich,Staphylus hatte während seiner Abwesenheit aus Königsberg in Breslau Anna Heß geheiratet, die Tochter des Breslauer Reformators Johann Heß. Vgl. Ute Mennecke-Haustein, Art Staphylus, Friedrich, in: TRE 32 (2001), 113–115, bes 113. getroͤster hoffnung, er wolte noch
ein Bistumb erlangen, wo nur jmihm. Osiander nicht im liecht stuͤnde, welchen er doch verhoffet bald hinweg zu bringen, durch hilff vnnd beystand deren, die er im Deuͤdschland mit luͤgen verfuͤhret vnd dem Osiandro gehass gemacht hatte. Zoge derhalben seine alte geselschafft D. Petern [Hegemon], D. Melchiorem [Isinder], Westlingum vnd Georgium
Venetum,Georg von Venediger. Venediger war am 2. Oktober 1550 von Johannes Bugenhagen in Wittenberg zum Doktor der Theologie promoviert worden. Vgl. Gottfried von Bülow, Art. Venediger, Georg von, in: ADB 39 (1895), 604f. der dazumal erst ein iunger Doctor von Wittemberg kummen ware, an sich vnnd fieng an, im winckelGeheimen, Verborgenen. Vgl. Art. Winkel E.4.a.α), in: DWb 30, 358. mit jhnen zu handeln gantz betruglicher weyse, denn er gab fur, wie Osiandri disputatio gantz were wider der Wittenbergischen lehre, zu welcher sie doch geschworn hetten.Vgl. Anm. 95. Vnd dieweil sonst alle Proposition so gewaltig inn heiliger schrift gegruͤndet
waren, das er sich an keine lehnen dorffte, er hette jm denn zuuorn durch verfelschung etzlicher worter einen weg darzu bereitet, griff er erstlich an das wort Justificare vnd deutet es allein, das es hiesse Gerechtsprechen vnd nicht gerecht machen mit der That.Funck spielt hier eventuell auf Staphylus’ Bekenntnis vom Juni 1550 an. Dort argumentierte er mit einem zweifachen Gebrauch des Begriffs Gerechtigkeit, denn es sei ein ander Gerechtigkeit , da Gott mit Gerecht ist, vnd ein andere Gerechtigkeit, da Gott den armen ungerechten mit bekleidet vnd fur gerecht achtet, vnd ist zwar diese Gerechtigkeit ein werck Gottes in Christo Jesu, wie denn auch widerumb jene Gott der Schoͤpffer selbst. Wenn nu gefraget wird, was die Gerechtigkeit sey, die uns durch den Glauben wird zugerechnet, antwort ich: Das sie sey ein werck Gottes in Christo Jesu. So nun dieses gehorsam bis zum tode des Creutzes weder kan noch sol sein, oder geheissen werden die wesentliche Gerechtigkeit Gottes, so schlies ich festiglich hieraus, das auch nicht die Gerechtigkeit Gottes, damit der mensch gerecht gemacht wird vor Gott, kan die wesentliche Gerechtigkeit genennet werden. VON Gottes Gnaden Vnser || Albrechtẽ des Eltern / Marggraffen zu Bran || denburg / in Preussen / zu Stettin || Hertzogen / || Burggraffen zu Noͤrenberg vnd || Fuͤrsten zu Rugen etc. || Ausschreiben || An vnsere alle liebe getrewẽ vnd || Landschafften || dariñ gruͤnd||lich vnd oͤrdentlich / wie sich die ergerliche zwispalt || vber dem Artickel von vnser armen Suͤnder Recht= || fertigung / vnd warer ewiger Gerechtigkeit / erha= || ben / vnd was wir vns mit grossen sorgen einigkeit || zumachen / bemuͤhet / dargethan || [Königsberg: Hans Lufft, 1553] (VD 16 P 4780), B 3v–B 4r, C 1r, C 1v.Osiander polemisierte gegen solch ein Verständnis von der Rechtfertigung in seiner Schrift Von dem einigen Mittler, indem er eben den von Funck hier behaupteten Unterschied in der Lehre seiner Gegner zwischen gerecht sprechen und mit der Tat gerecht machen verwarf: Soͤlche irren all sehr greulich, erstlich das sie das woͤrtlein rechtfertigen verstehen und auslegen allein fur gerecht halten und sprechen, und nicht mit der that und in der warheit gerecht machen, darnach auch in dem, das sie dar kein unterscheid halten zwischen der erloͤsung und zwischen der rechtfertigung, so doch ein grosser unterscheid ist, (), ferner auch in dem, das sie nichts bestendigs koͤnnen setzen, was doch die gerechtigkeit Christi sey, die durch den glauben in uns muͤss sein und uns zugerechnet werden, und entlich irren sie auch in dem am allergrobsten, das sie die goͤttliche natur Christi von der gerechtigkeit absundern und Christum zertrennen und auffloͤsen, welchs gewislich des leidigen teuffels werk ist. Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), G 4r–v, in: OGA 10, 156, 5–15. Vnd dieweil er seiner Meinung einen grund hette aus dem Propheten Jes. 5, da er spricht: Weh denen, die den Gottlosen
gerecht sprechen vmb geschenck willen etc.,Jes 5,23. Eine Argumentation mit dieser Bibelstelle findet sich in Staphylus’ Bekenntnis nicht. Allerdings führte auch Osiander in seiner Schrift Von dem einigen Mittler diese Bibelstelle an, um die Bedeutung von Gerechtigkeit im Sinne von gerecht machen mit der Tat hervorzuheben, gegenüber einer Vorstellung von Grechtigkeit als gerecht sprechen. Vgl. Osiander, Von dem einigen Mittler (1550), G 1v–G 2r, in: OGA 10, 148,1–20. wie auch sunst nicht gering schetzigenicht gering geachtete, also: wichtige, bedeutende. Leute auff solche Meinung daruon reden, fielen jme die andern bey. Denn sie hieltens gentzlich darfur, das vns Gott, wenn wir gleubten, das Christus fur vns gestorben vnd wider vmb vnsernt willen aufferweckt sey, nur fur gerecht achte, vmb solches glaubens willes, ob wir gleich keine
frumbkeit oder Gerechtigkeit bekemen, daruon wir an vns selbst auch fruͤmmer oder gerechter wurden. Da aber Osiander mit gewalt dahin drange vnd bewerete,bewies. das vns Gott nicht allein fur gerecht hielte vmb solches glaubens willen, sondern vns auch warhafftiglich anfienge hie in disem leben gerecht zu machen durch Jhesum Christum, der die
Gerechtigkeit selbst ist, vnd durch den Glauben in vnsern hertzen wonet, lebete vnd regierte, wo wirs gleuben, vnd wuͤrden auch nur darumb fur gerecht geschetzet, diewiel wir die Gerechtigkeit Gottes, das ist Christum, durch den glauben in vns hetten etc.Vgl. z. B. These 21, 22 und 31 in Osianders Disputation von der Rechtfertigung aus dem Jahr 1550, in: OGA 9, Nr. 490, S. 433,7–13; 435,9–13: Dann dieweil zweierley gerechtigkeit ist, nemlich Gottes und der menschen, so ergreiffen wir durch den glauben nicht dise menschliche, sonder jene goͤttliche gerechtigkeit (These 21). Welche nicht allein darumb Gottes gerechtigkeit genennet wirt, das sie vor Got gilt und angenehm ist, sonder das sie wahrhafftigklich Gottes gerechtigkeit iat, nemlich unsers herrn Jhesu Christi, der da ist Gott uber alles, gelobt in ewigkeit, amen (These 22) Die versonung aber verstehn wir nicht auff die gemeinen weiss, wie ein mensch mit dem andern versonet wirt, sondern theologisch, also das mit Gott versonet werden so vil sey als mit Christo vereinigt und aus im widergeporn werden, das er in uns und wir in im seien und durch in leben und von desselben gerechtigkeit wegen, der in uns wohnet, gerecht geschetzt werden (These 31). Wie denn in der Disputation weiter zu sehn, auff welche auch Osiander sich stracks beruffte. Da viel Staphilus mit
seinem anhange von disem ab vnd gabe fur, Christus wonete nicht wesentlich durch den glauben in vns, sondern effectiue,Vgl. dazu Mennecke-Haustein, Conversio ad Ecclesiam, 137–142. als wie die Sonn am himel steht vnd hat jre wirckung durch die scheinstrimen im Acker etc. Vnd solchs wolten sie damit beweren,beweisen. wie sonst etzlicheKonjiziert aus: eztliche. auch narren,närrisch daherschwatzen. Vgl. Art. narren 1), in: DWb 13, 366. wo Got wesentlich in vns wonete, so muͤsten wir auch wesentliche Goͤtter sein.Die Aussage konnte bei Staphylus bislang nicht verfiziert werden. Vgl. aber zur ablehnenden Haltung von Staphylus gegenüber Osiander und überdies zu seinen christologischen Vorstellungen Mennecke-Haustein, Conversio ad Ecclesiam, 127f. Zur Kritik des Staphylus vgl. ferner Stupperich, Osiander in Preussen, 116–119.
Jtem, Gott wolt seine Ehre keinem andern geben.Vgl. Anm. 155. Als sie aber auch gewaltig erleget,überwunden, besiegt. Hier im Sinne von: einer falschen Lehre überführt wurden. Vgl. Art. erlegen 2), in: DWb 3, 897f. das sie entlich auch auffs leugnen getrungen, sie hetten solches nicht geredet noch bestetiget, das Christus nicht solte in vns wonen etc.Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 134. Vnd Fuͤrstlicher Durchleuchtikeit [sic] in Preussen etc (fur welcher solche handlung von beiden parteien abwechselndKonjiziert aus: abwechslend., das ietzt ienes, ietzt
dieses part verhoͤret vnd des andern parts meinung berichtet wuͤrde etc., am meisten getriben) verhoffet, es moͤchte nu leichtlich einikeit [sic] zwischen beden parteien anzurichten sein, namen sie die handlung fur, das die, so mit Staphilo waren, sich guͤtlich mit Osiandro bereden solten. Vnd wurden zu Mitlern gegeben Joachim Moͤrlein vnd D. Andreas Aurifaber,Zu den Ausgleichsbemühungen unter Vorsitz Joachim Mörlins im Februar 1551 vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 124–129. wie denn
solche handlung ferner aus Fuͤrstlicher Durchlechtikeit AVSSCHREJBEN zu uernemen ist.Vgl. unsere Ausgabe Nr. 4. Es wurde aber in dem [sic] beden zusamen kuͤnfften, welche gehalten worden die erste am Freytag nach Fastnacht des 1551 jars,13. Februar 1551. Vgl. Grotefend, Zeitrechnung, 158. die andere am Dinstag hernach,17. Februar 1551. Vgl. Grotefend, Zeitrechnung, 158. nichts anders ausgerichtet, denn des herr Osiander in der Vorrede seiner Bekantnus gedencket.Osiander gibt dort vor allem Staphylus die Schuld am Scheitern der Gespräche. Vgl. Osiander, De unico mediatore (1551), Bl. ..4v, in: OGA 10, Nr. 496, S. 101,2–5.
Wiewol sich dazumal D. Moͤrlein hoͤchlich bemuͤhet, einigkeit zu machen, vnd neben den fuͤrgelegten Artickeln, so in F. D. zu Preussen ausschreiben nicht fern vom Anfang gesetzt sind,Mörlin stellte 15 Thesen auf, die tatsächlich von Osiander und seinen Gegnern akzeptiert wurden. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 127f. Die Thesen finden sich abgedruckt im Ausschreiben des Herzogs, A 4r–B 2r. redet er sehr vnd trefflich wol fur Osiandrum, vnnd damit er den gegenpart deste besser der Meinung Osiandri berichten moͤchte, brachte er dise gleichnus ins mittel,verwendet dieses Beispiel um einen Vergleich herzustellen. Vgl. Art. mittel 8.a), in: DWb 12, 2385. vngeferlich mit di
sen worten: Jch hab mich (sprach er) mit D. Osiandro, meinem guͤnstigenwohlgesinnten. Vgl. Art. günstig A.1.a.β), in: DWb 9, 1129f. herrn, beredet vnd verstanden, das seine Meinung also sey, wenn einer gifft getruncken hette, welchs jmihm. den gantzen Leib durchgangen, also das man schliessen muͤste, er must sterben, vnd wurde im dargegen widerumb ein starcke Ertzney gegeben, welche das gifft nicht allein
Toͤdtet im menschen, sondern auch verzeret vnd der mensch diselben bey sich behielte, so sprech man, der mensch ist genesen, er stirbt nicht etc., ob gleichwol der leib noch schwach were vnd mat von der gifft, so wer doch die Ertzney so krefftig, das sie auch solche schwacheit etc. verzeret vnd den menschen wider zu seinen krefften brechte. Also, sprach er, verstehe ich
D. Osiandri meinung auch. Wir sind durch die Suͤnd vergifftet, das wir ewig sterben muͤsten. Gott der Vater aber gibt vns seinen Son, den lieben HERRN Jesum Christum, der ist fuͤr vnser Suͤnde gestorben vnd aufferstanden vmb vnser Rechtfertigung willen, den müssen wir durch den gluben ergreiffen, wenn der inn vns ist, so haben wir ein starck Antidotum wider die
gifft der Suͤnden, denn Er toͤdtet inn vns die Suͤnde vnd vberwindet den Todt vnd macht vns durch seine krafft wider lebendig. Vnd wer nun also Christum ergriffen hat, von dem spricht man: Er ist Gerecht, er ist errettet, jhm schad nichts mehr, ob gleich noch allerley gebrechlikeit da ist etc., so ist doch die Ertznei stercker etc. Auff solche meinung bekennet er da,der.
Doctor Moͤrlein, verstunde er Osiandrum vnd were gantz mit jm eins, denn das were auch der rechte verstand, vnd vberantwortet hernach Fuͤrstlicher Durchleuͤchtikeit zu Preuͤssen, M. G. H.,Meinem Gnädigen Herrn. ein Schrifft,Gemeint sind wohl die 15 Thesen Mörlins, die er im Zuge seiner Einigungsbemühungen aufstellte. Vgl. Anm. 164. fastgenau. auff gleiche Meinung gestellet, allein das die gleichnus mit mehr worten geschmucketausgeführt. Vgl. Art. schmücken II.7), in: DWb 15, 1126. war etc. Jm selben andern Gesprech aber wurde endlich
beschlossen, das ein jetzlicher seine Meinung von disem handel inn Schrifft verfassen solte,Dies war zwischen Mörlin und Herzog Albrecht verabredet worden, sollten die Ausgleichsverhandlungen scheitern. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 129. welchem ich alßbald gehorchet vnd mein Bekentnus mit disem Tittel Kurtzer vnd doch grundlicher Bericht von der Rechtfertigung, das ist, wie der Mensch fur Gott Gerecht, frum vnd Selig werde aus heyliger Goͤtlicher schrifft etc.Hierbei handelt es sich um eine Handschrift. Funck hat später ein ähnlich betiteltes Buch veröffentlicht: Auszug vnd kurtzer || bericht: von der Ge= || rechtigkeit der Chri= || sten fur Gott / aus einer || predig / vber die wort || Johannis. || Johan Funck. || [Königsberg: Hans Lufft, 1552] (VD 16 F 3378). inn Schrifften an tag gegeben vnd am ende
obgemelte verfelschung des Staphili vnd seines parts neben andern mehr jrthumen, so mitler zeyt durch sie geborn waren (der denn in obgedachter Osiandri vorrede auch gedacht wird),Vgl. Anm. 163. widerleget, vnd hab hernach solche Schrifft F. D. in Preussen, meinem gnedigsten herrn, den 7. Aprilis zu eigner hand vberantwort. Vnd dieweil ich hernach zum andermal kurtze bekentnus
hab im druck ausgehn lassen, ist solches erste in Truck noch nicht kommen,Vgl. Anm. 174. aber weit vnnd breith sonsten außgestrewet durch Schrifft. Wes sich aber des Staphili part verhalten, ist aus der vorrede OsiandriVgl. Anm. 163. vnd F. D. Ausschreiben warhaftiglich zu vernemen.Vgl. unsere Ausgabe Nr. 4, S. 121–128. Vnd nachdem dieselbe part nichts weste auffzubringen, damit sie Osiandrum
dempften, name Staphilus das wort Wesentlich GerechtikeitStaphylus lehnte eine Einigung in den Verhandlungen vom Februar 1551 ab, indem er darauf verwies, dass Osiander lehre, Gott und Mensch seien nach derselben Gerechtigkeit wesentlich gerecht. In seinem Glaubenszeugnis aus dem Juni 1551 nahm Staphylus daran erneut Anstoß und führte aus, dass es eine doppelte Gerechtigkeit Christi gebe. Zwar besitze Christus, gemäß seiner göttlichen Natur, die wesentliche Gerechtigkeit Gottes. Eine andere Gerechtigkeit sei aber diejenige, mit der die Menschen vor Gott gerechtfertigt seien. Diese Gerechtigkeit sei ein Werk Gottes, der in der Person Christi – bestehend aus Gottheit und Menschheit – präsent sei. Denn er habe seinen Sohn in Menschengestalt zum Sünder gemacht Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 127, 152f. Staphylus’ Glaubenszeugnis ist gedruckt in: Ausschreiben, B 3v–C 1v. fur sich vnd drehet dar aus die Kegel zu disem spil,macht dies zum Anlaß für die Kontroverse. dardurch nu die gantze Christenheit betruͤbet vnnd den mehrern theil verjrret ist, vnd fuhre mit disem handel also fort, wie volget.
Dieweil das wort Gerechtigkeit inn Deuͤdscher sprach durch langwirigelang hergebrachte, lange währende. Vgl. Art. langwierig 1), in: DWb 12, 185f.
gewonheit in einen grossen mißbrauch kummen ist, also das wenig bißher (das ichs doch mit vergunst rede, weils die That zeuget) inn Deuͤdscher sprach verstanden haben, was es eigentlich heisse, sondern der Mehrer theil dasselbe nach Juristischem mißbrauch verstehn von dem Rechten, da einer ein ding mit recht hat. Andere aber auff ein ander weise, davon hernach im
andern theil sol gesagt werden. NameEs nahm. Staphilus das wort inn ietzgedachter meinung an vnd drange darauff, Christus hette zweierlei Gerechtikeit: eine, die wesentlich were, damit er von ewigkeit das Reich Gottes besesse, solche aber gieng vns nichts an, denn wir kuͤnden auch fuͤr derselben nicht bestehen, vnd nam zum schein der beweisung den spruch D. Luthers, denn er
doch verhiebe,hier wohl: zu Unrecht anführte, falsch auslegte. so in der Kirchen Postillen am Sontag des Aduends vber die wort Zach. 9: Sihe, dein Kuͤnig kompt zu dir, ein gerechter etc.Sach 9,1. geschrieben ist vnd anfehet: Merck dis stuͤcklein mit fleis etc.Vgl. Martin Luther, WA 10 I.2, 36,22 (Adventspostille, 1522 [1. Adventssonntag, Mt 21,1–9]). Funck hielt offensichtlich Staphylus für den Verfasser der Schrift Antilogia seu contraria doctrina inter Lutherum et Osiandrum, die am 7. März 1551 Herzog Albrecht von den Gegnern Osianders zugestellt wurde. Denn dort wird das hier erwähnte Lutherzitat gleich zu Beginn gegen Osiander angeführt. Die deutsche Fassung der Antilogia ist abgedruckt in HISTORIA || Welcher gestalt sich || die Osiandrische schwermerey im || lande zu Preussen erhaben / vnd wie die= || selbige verhandelt ist / mit allen || actis / beschrieben || Durch || Joachim Moͤrlin D. vnd Superinten= || dent zu Brunschwig. || || [Magdeburg: Michael Lotther, 1554] (VD 16 M 5879), F 4v–G 2r, hier: F 4v. Die ander Gerechtigkeit aber, die Christus hette, die were nicht wesentlich, sondern wer sein Gehorsam, sein leiden, sterben etc., vnd die muͤsten wir haben, wenn
wir wolten gerecht sein etc.Vgl. Antilogia, in: Mörlin, Historia, G 1r: Lutherus helts dafur, das Christus nicht darumb vnser gerechtigkeit vnd verdienst sey, das er Gottes Son ist, gerecht von ewigkeit, sondern darumb, das er mit sterben vnd aufferstehen das Gesetz erfuͤllet hat. Vgl. überdies Staphylus’ Glaubenszeugnis vom Juni 1551, in Ausschreiben Albrecht, C 1v:: So nun dieses gehorsam bis zum tode des Creutzes in der Knechtischen gestalt vnd in dem gerechten knechte Gottes, auch in dem gerechten gewechs Dauids, weder kan noch sol, oder geheissen werden, die wesentliche Gerechtigkeit Gottes, so schlies ich festiglich hieraus, das auch nicht die Gerechtigkeit Gottes, damit der mensch gerecht gemacht wird von Gott, kan die wesentliche Gerechtigkeit genennet werden. Vnd damit er also dise zwo Gerechtigkeit Christi auch mit Luthero bewise vnd seinem anhang eine Nasen drehete,Sprichwörtlich: an der Nase herumführte. zog er anverwies er. zum zeugnus den spruch Lutheri, da er in der Vorrede in Danielem, von Bernhardo,Bernhard von Clairvaux. schreibet, das er sich jn Christus leiden beuohlen habe, mit solchen worten: Christus habe das himelreich mit
zweierley Recht, erstlich ererbet von dem Vater, als der einige,einzige. ewige Son, das Recht jm allein, zum andern, als verdienet durch sein leiden, dies Recht vnnd verdienst hat er vns geschenckt, denn er hat vmb vnsern willen gelitten.Martin Luther, Vorrede über den Propheten Daniel (1545), in: Volz II, 1528. Vgl. dazu auch die Antilogia, in: Mörlin, Historia, G 1r. Auff solche wort Lutheri (die doch nicht von der Gerechtigkeit Christi, da er mit frum vnd gerecht ist, sondernKonjiziert aus: Sondren. vom Rechte sagen, damit er
das himelreich besieze) drangbestand, insistierte. er mit seinem Anhang also, das man weder jnihn. noch sie von solchem miszuerstand bis auff diesen tag hat muͤgen abwenden,abbringen. wiewol mir nicht zweiffelt, jr eins teils solten nun mehr gelehrnet haben, was Gerechtigkeit eigentlich hiesse. Vnd da nun herr Osiander offentlich sagete, der Gehorsam Christi, mit seinem leiden etc.,
were nicht die Gerechtigkeit, sondern es weren der Gerechtigkeit fruͤchte, denn die Gerechtigkeit musse zuuor da sein, ehe der gehorsam volgete,Es scheint sich dabei um eine Äußerung Osianders in einer seiner Vorlesungen zu handeln, die Mörlin besuchte, Vgl. Äußerungen in der Vorlesung. 16./17. April 1551, in: OGA 9, Nr. 452, S. 615. da viel D. Moͤrlein dem Staphilo zu (denn er hette auch noch nicht gelehrnet, was Gerechtigkeit eigentlich were) vnd fienge hernach oͤffentlich auff dem predigstul an, zu lestern vnd ketzern zu uerdammen, vnd zu uerbannen alle,
die Osiandrum hoͤrten (jn welchem er auch des loblichen Fuͤrsten nicht verschonet), vnd gab fur (da er doch kuͤrtzlich zuuorn auch in oͤffentlicher predig gesagt hette, die spaltung, so zwischen Osiandro vnd etzlichen anderen were, were nur ein wort gezenck, sie hetten zu beiden teilen Recht, wenn sie nur einander recht verstanden),Vgl. Mörlins Vermittlungsbemühungen im Februar 1551, in denen er die Differenzen zwischen Osiander und seinen Gegnern als Wortstreit einstufte. Stupperich, Osiander in Preussen, 124–129, bes 127. nun aber (sage ich) gab
er fuͤr, Osiander schendet das leiden Christi, er trette sein Blut mit fuͤssenZur Kanzelpolemik Mörlins vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 154–158; Hase, Hofprediger, 179f. vnd weis nicht, was alles vngehewer lesterung, welcher sich auch Osiander in seinem Bekentnüs vnd sonsten beklaget vnd entschuͤldiget.Vgl. Osianders Beschwerden über die Kanzelpolemik gegen ihn in der Widmungsvorrede an Herzog Albrecht. Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), ::4v, in: OGA 10, 84,10–86,2; vgl. zudem ebd., 90,3–94,14. Als nun solchs lestern durch Moͤrlein auff den Predigstul kame, da breitet sich die sache aus durch die gantze Christenheit, denn da schriebe, wer nur schreiben kuͤndte,
an frembde oͤrter, wie Osiander so ein verfuͤrischer Ketzer were.Bereits um den Jahreswechsel 1549/50 hatte Melanchthon, nach Gesprächen mit Staphylus im September 1549, gegenüber verschiedenen Korrespondenzpartnern Befürchtungen über neue Streitigkeiten durch die Rechtfertigungslehre Osianders geäußert. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 82f. Vnd durch solche lesterung vnd luͤgen sind die gemuͤter der menschen, auch vieler gelerter, also verbittert worden, das sie auch hernach, als jnen schon Osiandri BekentnusVgl. OGA 10, Nr. 488/496, S. 49–300. zuhanden kommen, fur solchem Argwon, so jnen Staphili vnd Moͤrleins luͤgen vnnd verkleckung gemacht, die Warheit nicht
haben kuͤnden erkennen. Denn dieweil sie der person feind waren, ists jnen gangen, wie S. Johannes spricht, 1. Johan. 2: Wer seinen Bruder hasset, der ist im finsternus, vnd wandelt im finsternus, vnd weis nicht, wo er hin geht, denn die finsternus haben seine augen verblendet.I Joh 2,11. Daher sind auch souiel schrifften wider Osiandrum ausgangen, da doch keine mit jr selbs eins ist,
wie denn ein jeder, so nur bey rechtmessiger vernunfft ist, leichtlich sehen kan. Damit denn offenbar wird, das in jrem Munde nichts gewis ist, wie Dauid von etlichen Psalm. 5. klaget etc.Vgl. Ps 5,10. Also ist nun die handlung mit dem Osiander angangen; was der hochloͤbliche Fuͤrst in Preussen fur muͤhe vnd Erbeit, einigkeit anzurichten, vnd wie S. F. D. den Moͤrlein so trewlich
verwarnet, ermanet vnd gebeten, durch schrifften vnd sonst, das er wolte betrachten, was endlich volgen wuͤr-de etc., so es alles solte hie erzelet werden, wuͤrde es ein vnmeßlichs werck machen. Ein jeder aber mag das nodtwendigste aus S. F. G. AußschreibenVgl. Anm. 92. am besten vernemen, da die meisten Schrifften vnd gegenschrifften eingeleybet sindt.
Das Ander Theil.
Also hat sich diese Spaltung von der Gerechtigkeit anfenglich erhaben vnnd in die gantze Christenheit aussgebreitet, wie gesagt ist. Vnd dieweil die handlung zuuorn nie strittig gewesen, sondern ein jeder vermeinet, er verstuͤnde sehr wol, was Gerechtigkeit were, vnd jhr doch wenig waren (wie
die That bezeuͤget), die der sachen einigen grundt hetten, da hats sich auch begeben,zugetragen. das allerley wider Osiandri lehre, auch von etzlichen zuvorn, ehe denn sie wüsten, was er grundlich lehrete (denn jhr eins theils so vermessen, das sie vrteilen dorfften, ehe sie Osiandri bekantnus hoͤreten oder lasen), geschriben wurde, vnd wolt ein jeder Meisterwollte ein jeder ihn an Kenntnis übertreffen. Vgl. Art. Meister 11.c), in: DWb 12, 1964. an jhm werden. Wie sies aber
RitterlichPolemisch: so tapfer in der Auseinandersetzung. getroffen, las ich andre richten, die mehrers verstands sind denn ich. Allein das mus ich anzeigen, das ich soviel Gerechtikeiten inn jhren Schrifften funden habe, das ich gern einen so gelehret sehen wolte, der mir sie alle zusamen reimet vnd vereiniget mit den eigenschafften, die der Gerechtikeit Gottes in der heiligen Schrifft zugemessenzugeschrieben. Vgl. Art. zumessen 4.a), in: DWb 32, 538. wer-den.
Nemlich: das sie sey die Gerechtikeit der ewikeiten [sic], Dan. 9.,Vgl. Dan 9,24. vnd das sie vom Tod errette, Prou. x.,Vgl. Prov 10,2. wil jetzt von andern nicht sagen. Vnd ich mus die warheit von mir selbs bekennen, wo dise zwen spruͤch mich nicht hetten auffgehalten, das ich fleißiger nachgeforschet hette, was doch gerechtikeit were, moͤchte ich warlich mit Moͤrlein vnd andern auch hart angelauf
fenzum Angriff übergegangen. Vgl. Art. anlaufen, in: DWb 1, 393f. sein.Funck zweifelte zwischenzeitlich an Osianders Position in der Rechtfertigungslehre. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 120–122. Dieweil mich aber dise spruͤch erinnerten, das die Gerechtikeit von ewigkeit zu ewigkeit werete, welche Christus widerbringen solte, jtem, das sie auch muste Almechtig sein, solte sie anders vom Tod erretten, da giengen mir erst die augen auff, das ich sahe, was warhafftig Gerechtikeit were vnd was sie nicht were. Vnd damit ich eben auff die weise andern auch
helffen muͤge, wie mir geholffen ist, will ich erstlichen die heuͤpt gerechtikeiten deren, so Osiandro widersprochen, erzelen vnd mit obgemelten eigentschafften beweren, das sie nicht die Gerechtigkeit sind, von welcher die Schrifft redet. Vnd will hernach den vrsprung des jrthumbs auch anzeigen vnd erkleren, wie Christus vnser Gerechtikeit sey. Vnd solches, nach dem
mir der Herr genad verleihet, also darthun vnd mit heiliger Schrifft vnd aus derselben wolgegrundten argumenten, auch mit der Veter, alter vnd newer, beruͤmpter lehrer zeugnus beweren, das ein Kind von siben jaren sol vernemen, was warheit oder nicht ist. Endlich auch will ich, vermittelst Goͤtlicher gnaden, von der Rechtfertigung den armen, verirten [sic] gewissen, so
einen richtigen vnd einfeltigenredlichen, aufrichtigen. Vgl. Art. einfältig 2), in: DWb 3, 173f. weg aus heiliger Goͤtlicher schrifft anzeigen, das, wo man nicht mutwilligin boshafter Absicht. Vgl. Art. mutwillig 3), in: DWb 12, 2835f. den heiligen Geist lestern wil (da doch Got meniglichjedermann. fur beware), ein jetzlich sein gewissen leichtlich zufriden stellen mag. Wil derhalben in Gotes namen eins nach dem andern handeln.
Wie mancherlei Gerechtikeit von den widersachern Osiandri erdacht
vnd in schrifften etc. außgebreitet sindt.
Wer nun alhie alle die Gerechtigkeiten erzelen solte, so von den Widersachern Osiandri hin- vnnd herwider inn Schrifften vnnd auff den Cantzeln sind gerhuͤmet vnd als die ewige, ware Gerechtikeit dar gethanvor Augen gestellt, präsentiert. Vgl. Art. darthun 1), in: DWb 2, 794. worden, der muͤste wol ein gutte zeyt haben, solche nur zusam zu lesen, sintemalweil.
selten einer ist, der nicht allein etzliche Gerechtikeit fur die einige, ware Gerechtikeit hette, also Reich sind sie jtzt an Gerechtikeiten worden.Funck greift mit dieser Behauptung die Polemik Osianders gegen seine Widersacher auf. Vgl. Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), G 3r–G 4v, in: OGA 10, 150,20–156,4. Nach dem ichs aber fleyssig bewogen, finde ich, das alle solche Gerechtikeiten, die ein ansehen haben, als muͤgens gerechtikeit heissen, furnemlich in volgenden puncten oder species muͤgen verfasset werden: Vnter welchen die
erste ist die Reinikeit der Menschlichen Natur in Christo, das ist, das Christus, ein warer Mensch, on alle Sünde in die weldt geborn ist vnd also aus solcher reinikeit hat vnverhindert kunden dem willen des Vaters gehorsam sein. Vnd dise ist Joachim Moͤrlein furnemste Gerechtikeit ein zeytlang gewesen, wie er denn vber das fuͤnffte capitel zun Roͤmern
gepredigt vnd hernach in schrifften hat lassen außgehn,Funck spielt damit wohl auf die Bedeutung von Röm 5,9 für die Argumentation Mörlins an, dass der Mensch durch Christi Blut gerecht werde. Vgl. dazu auch Mörlin, Von der Rechtfertigung des Glaubens (1552), in: unsere Ausgabe Nr. 11, S. 527–650. Vgl. zu einer Schrift Mörlins, die 1551 ungedruckt blieb und unter den Studenten Königsbergs zirkulierte, Stupperich, Osiander in Preussen, 212–215. welche mir F. D. inn Preuͤssen anno 1551 im Herbst auff dem Schloss Jnsterburg zu lesen gabe vnd ich noch beihanden habe. Aus disem hat Franciscus Stancarus seinen jrthumb geschepffet,Ende April 1551 kam Stancarus als Glaubensflüchting nach Preußen. Dort wurde er umgehend in den Streit über die Lehre Osianders hineingezogen und ergriff gegen Osiander Partei. Bereits im August verließ er darum das Herzogtum wieder und gelangte schließlich nach Frankfurt/Oder. Er vertrat die Auffassung, dass Christus allein aufgrund seiner menschlichen Natur das Mittleramt besitze. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 166–171; Wotschke, Stancaro. den er nicht allein hie, sondern auch zu Stetin vnd Franckfort in der MarckFrankfurt/Oder. gantz halstarriglich bißher verteidigt vnd
leret, das alles, so vns Christus zu gut getan, nur aus der menschlichen natur her-fliesse, wie denn solcher jrthum one zweiffel von denen inn der Marck mit verlegung selbs wird an tag gegebenöffentlich widerlegt. werden.
II.Die ander Gerechtikeit ist der Gehorsam, den er dem Vater vnter dem Gesetz geleistet hat, dise begreifft nun inn sich alle gutthaten des Herrn Christi, wie
die Namen haben muͤgen,was sie immer sein mögen. dardurch er die Ehre des Vaters vnd des nechsten bestes gesucht vnd außgebreitet hat, vnd dise Gerechtikeit steht im Thun.Vermutlich wird hier die Auffassung von der doppelten Gerechtigkeit Christi und damit die Unterscheidung von Gottes wesentlicher Gerechtigkeit und der Gerechtigkeit Christi durch seinen Gehorsam widergegeben, wie sie Friedrich Staphylus formulierte, vgl. Anm. 147. Vgl. aber auch das Bekenntnis Joachim Mörlins in Ausschreiben Albrechts (1551), C 2v: () Wie durch eines menschen vngehorsam viel Suͤnder worden sind, also auch durch eines gehorsam werden viel gerecht [Röm 5,19].
III.Die dritte Gerechtigkeit ist das Leiden des Herrn Christi, da er vmb vnsernt willen geengstet, das er bluͤttigen schweis schwitzet,Vgl. Lk 22,44. geschlagen,
verspeiet, verspottet, verwundet vnd am Creutz getoͤdtet wird.Vgl. Mt 27,27–50; Mk 15,16–37; Lk 23,32–46; Joh 19,1–30.Jn dise muͤgen mit ein geschlossen werden die cognota, die auch von jnen Gerechtigkeit genennet werden, als do sind das Blut Christi, der Todt Christi, die Wunden Christi vnd dergleichen.Vgl. das Bekenntnis Mörlins im Auschreiben Albrechts (1553), C 2r: () Nemlich vnser Gerechtigkeit, die wir auch nennen, die Gerechtigkeit des Glaubens, ist nichts anderes, denn der schmeliche, bittere Tod, unschuͤldige schweis vnd aufferstehung meines geliebten Herrn vnd Heilands Jesu Christi ().
IIII.Die Vierde ist der gang Christi zum Vater, welchs sie selbs erkleren, das es
sey, das Christus den Todt leidet vnd durch sein aufferstehung vberwindet vnd also zu seiner herrligkeit eingehet.Mörlin hatte in seinem Bekenntnis ausgeführt, in Ausschreiben Albrechts (1553), C 2r : () denn der HERR selbst sagt, das sey Gerechtigkeit, nemlich das er zum Vater gehe, Joh 16 [Joh 16,10]. Hegemon hatte in seinem zweiten Bekenntnis unter Verweis auf dieselbe Bibelstelle genauso argumentiert, in Ausschreiben Albrechts (1553), D 4v: Item Christus spricht Johan. 16, da er redet, das der heilige Geist werde die welt straffen, vnter anderm also: Vmb die Gerechtigkeit aber, das ich zum Vater gehe. Hie spricht klerlich vnd deutlich, das das die Gerechtigkeit sey, das er zum Vater gehe, das sie stehe im gehen zum Vater etc. Vnd ist dise Gerechtigkeit ein zwifechtige Gerechtigkeit, denn sie begreifft in sich das leiden Christi, welchs jnen sonst eine Gerechtigkeit ist, vnd darzu die aufferstehung Christi, welche etzliche auch jre Gerechtigkeit nennen. Vnd dieweil sie alles thun vnd leiden
des HERRN Christi vnd fast ein jeztlichsalles mögliche, erdenkliche. ein Gerechtigkeit nennen, nimt mich wunder das jr keiner (souiel mir wissend ist) die Hellefart des HERRN Christi seine Gerechtigkeit genennet hat. Aber sie verstehens vielleicht vnter dem Gang zum Vater. Das las ich nu beruhen.
Die Fuͤnffte ist vergebung der suͤnden. Dise rhuͤV.met Moͤrlein mit den
seinen am allerhoͤchsten,Vgl. Alber, Widder das Lästerbuch Osiandri (1551), unsere Ausgabe Nr. 6. nach dem er der andern nicht trawte zu erhalten,nicht glaubte, die anderen Argumentationen noch länger aufrechterhalten, verteidigen zu können. vnd ist derhalben nicht zu uerdencken, denn bey solchem lehren vnd leben, als er gethan vnd seine anhenger getriben (Got geb, das sie sich erkennensich als sündig ansehen, erkennen. Vgl. Art. erkennen 7.b), in: DWb 3, 869. vnd bessern), duͤrffenbedüfen. sie jhres gedunckens keiner frumkeit, in der sie Got dieneten, sondern nur vergebung der suͤnden allein.
Die sechste ist nun das werck der Rechtfertigung VI.an sich selbs, welcher anhangt die Erloͤsung, so durch Christum geschehen ist.Vgl. z. B. die Ausführungen Mörlins, Von der Rechtfertigung (1552), in: unsere Ausgabe 11, S. 527–650.
Vber dise sind die do meinen, der Glaub sey die VII.ware Gerechtikeit.Vgl. die Ausführungen von Staphylus in seinem Bekenntnis dazu, dass der Gläubigen wegen seines Glaubens aus Gnade gerechtfertigt werde, in: Ausschreiben Albrechts (1553), C 1r–v. Mörlin sprach in seinem Bekenntnis von Gerechtigkeit des Glaubens, in: Ausschreiben Albrechts (1551), C2r. Vnd sind etzliche vnter denen, die es auch verstehen von dem Glauben, der nur etwo was glaubet, das Gott zugesagt hat, das er thun wolle. Vnd vermei
nen,behaupten. solche meinung zu beweren mit S. Paulo, Rom. 4, da er das Exempel Abrahams einfuͤhret,anführt. wie er nicht angesehen habe seinen Erstorbenen leibe etc.,Vgl. Röm 4,19. sondern auffs aller gewisest gewust, das was Got verheist, das kan er auch thun; darumb sei es jhme auch zur Gerechtikeit gerechnet.
Auch sind jhr die die zurechnung der Gerechtikeit VIII.fur die ware Gerechtikeit
halten.Gemeint ist damit die Imputationslehre, die vor allem von Melanchthon vertreten wurde. Vgl. Ernstpeter Maurer, Art. Zurechnung I., in: RGG4 8 (2005), 1923. Zur Haltung Melanchthons im Osiandrischen Streit vgl. unsere Ausgabe Nr. 7, S. 215–231.
Staphilus aber, als ein Meister aller Meister, hat IX.eine sonderlichespezielle. vber die andern alle, die nennet er ein werck Gottes in Christo,Vgl. Anm. 147. was es aber fur ein werck sey, halt ich wol, werde er selbs noch nicht wissen. Was aber vber dies erzelte gerechtigkeiten andere mehr sind, ist one not zu uermel
den,muss nicht näher ausgeführt werden. sintemal sie alle in oberzelte stuͤck moͤgen gezogeneinbezogen. werden. Wollen derhalben nun anzeigen, das solcher GerechtigkeitenKonjiziert aus: Getechtigkeiten. keine die ewige, ware Gerechtigkeit sey, welche die heiligeKonjiziert aus: heilege. Schrifft eigentlich Gerechtigkeit nennet.
Das ob erzelte Gerechtigkeit (wie man sie nennet) nicht sind die ewige, ware
Gerechtigkeit, welche wir haben müssen, sollen wir anders selig werden, Matt 5: Es sey denn ewr Gerechtigkeit besser etc.Vgl. Mt 5,20.
Wie droben im eingang dises theils vermeldet, das die heilige Schrifft zwo furnemliche eigenschafft der Gerechtigkeit, die eigentlich die Gerechtigkeit Gottes genennet wird, zulege, nemlich, das sie ewig sey, von ewigkeit zu
ewigkeit, Dan. 9,Vgl. Dan 9,24. vnd das sie vom Tod errettet, Prouerb. 10,Vgl. Prov 10,2. also mag ein jeder nach solchen eigenschafften selbs richten ob erzelte ding (so Gerechtigkeit genennet werden) sind die ware Gerechtigkeit Gottes oder nicht. Vnd damit ich den einfeltigenRedlichen, Einfachen. in die sach helffe,klare Auskunft gebe, zum Verständnis der Sache anleite. wil ich ordentlich schlissen,klar, logisch argumentieren. Vgl. Art. schlieszen II.5.c), in: DWb 15, 706. damit ein ieder die volge sehe. Vnd wo etwo ein einrede von je
mand geschehen künde, auch einfeltigen bericht thun, das man ja die warheit greiffenfassen, verstehen. Vgl. Art. greifen II.B.1), in: DWb 9, 25. muͤsse; vnd erstlich:
Von der reinikeit der Menschlichen natur in Christo, das die nicht sey die Goͤttliche Gerechtigkeit etc.
Die Gerechtigkeit Gottes ist von ewigkeit zu ewikeit [sic], wie die wort des
Engels, Dan. 9, da er sie nennet die gerechtigkeit der ewigkeiten, Zaedeck olamim,Vgl. Dan 9,24: צֶדֶק עֺלָמׅים. klerlich zeugen. Die reinikeit aber der Menschlichen Natur Christo ist nicht von ewikeit. Denn der Son Gottes hat je die menschlichen [sic] natur in der zeit an sich genomen, nach dem die welt durch in geschaffen ware vnd gestanden 3962 jar, darumb kan sie nicht die ware
Gerechtigkeit sein, von der die Schrifft redet. Hie spricht aber D. Moͤrlein, das ewig sey nicht also zu uerstehn, das es von ewigkeit zu ewigkeit heisse, sondern dieweil das wort ewig auff dreierley weis gebraucht werde (als erstlich das von ewigkeit zu ewikeit ist vnd weder anfang noch ende hat; zum andern, fur das, so da ein anfang hat vnd kein ende; zum dritten, fur eins men
schen leben lang, als wenn man einem ewig ein Land verbeut etc.),Mörlin, Von der Rechtfertigung des Glaubens (1552), in: unsere Ausgabe Nr. 11, S. 527–650. so sey es hie zu uerstehn von der ewikeit, die da anfehet vnd kein ende nimpt. Darumb sey die reinikeit der menschlichen natur in Christo die Gerechtigkeit, denn die hoͤre in ewikeit nicht auff. Hier auff ist nu zu mercken, das der Ebreische text im Daniel nicht redet von einer ewikeit, sondern von vielen,
denn er nennets Justiciam aeternitatum,Vgl. Dan 9,24 (Vg.): iustitia sempiterna. die Gerechtigkeit der ewikeiten, mit welchem er klerlich wil anzeigen, das sie von ewikeit zu ewikeit sey. Zum andern spricht der Engel solche Gerechtigkeit werde gebracht werden (nemlich vom himel, wie D. PomerJohannes Bugenhagen. daruon redet)Konnte bislang nicht verifiziert werden. daraus notwendig volgen wil, das sie zuuor sein mus, ehe sie gebracht werde. Nun hat aber
Christus seine Menschliche natur nicht vom himel zu vns bracht, sonder sie auff erden von vnserm fleisch, nemlich von der reinen juͤngfrawen Marien an sich genomen. Darumb kan sie nicht die ware Gerechtigkeit sein. Zum dritten ists wunderlich zu hoͤren, dieweil die heilige schrifft die Gerechtigkeit (daruon der streit ist) nennet Gottes Gerechtigkeit vnd
Moͤrlein furgibt, solche Gerechtigkeit sey nicht von ewikeit, so wuͤrde ja volgen, das Got von ewikeit so lang one die waren [sic] Gerechtig-keit gewesen were, bis Christus Menschliche Natur an sich genommen hat. Wer will aber solches sagen duͤrffen vnd Got nicht lestern? Behuͤtte, liber Got, fur solcher Blindheit. Solche blindheit aber wollen sie
deckenkaschieren, beschönigen. mit dem loͤcherichten Mantel, da sie furgeben, es sind zwo Gerechtikeit Gottes oder Christi.Vgl. die Rede von der zweifachen Gerechtigkeit Gottes bei Staphylus, Anm. 147. Solchs hilfft aber nicht, denn wo das war were, wurde bald volgen, weil die eine von ewigkeit zu ewigkeit were vnd die ander, so zu vns gebracht werden solte durch Christum, auch von ewigkeit zu ewigkeit sein mus (wie die wort des Engels klar zeuͤgen) vnd
doch dise nicht were die jenige,und doch nicht identisch wären, woraus volgt. das zwen Goͤtter oder zwey Goͤtliche wesen sein muͤsten, denn nichts ist von ewigkeit zu ewigkeit, das ist, on anfang vnd ende, denn Got allein. Darumb ligt nun solche gedichte Gerechtigkeit des Moͤrleins vnd Stanckars, vnd wer etwo mehr der meinung ist, durch dise einige eigenschafft darnider, das sie nicht ist die ware Gerechtig
keit, denn sie ist nicht von ewigkeit zu ewigkeit.
Zum andern beweisets auch die andere eigenschafft der waren Gerechtigkeit, das die Reinikeit der menschlichen natur, oder gleich auch die gantze menschliche Natur, nicht sey die ware Gerechtigkeit Gottes. Denn dieweyl die Gerechtigkeit vom Tod errettet (welchs auch Philipp Melanth. verstanden
haben will vom ewigen Tode),Zu Melanchthons Vorstellungen vgl. unsere Ausgabe Nr. 7, S. 215–231. so mus sie jhe almechtig sein, das ist, sie mus Got selbs sein. Nun ist aber je die Menschliche Natur inn Christo nicht Got selbs oder Goͤtliche Natur, darumb kan sie auch nicht sein die Gerechtigkeit, darvon der strittStreit. ist. Daraus volget, das auch die Reinikeit der Menschlichen Na-tur nicht sey die Gerechtigkeit, denn wenn man
das gantze weg nimpt, so nimpt man auch die stuͤck weg, die dem gantzen anhangen etc. Aber hie sprechen sie, die Menscheit Christi sey nun Almechtig, vmb des willen, weil sie mit der Gottheit vereiniget ist in personlicher vereinigung, also das Gott vnd mensch ein person, ein Christus ist. Derhalben kuͤnde sie auch aus dem Todt erretten vnd wol die
Gerechtigkeit sein.Vgl. Anm. 258. Hie moͤchte ich solchen Theologis wol guͤnnen, das sie mit fleis achtung hetten auff die zwo naturen, so in der einigen person Christi vereiniget sind. Also das sie erstlich die naturen nicht trenneten vnd doch die eigenschafften derselben nicht vermischten. Denn war ists, das Christus Gott vnd Mensch, ein einige, vnzertrenliche person ist. Aber
widerumb ists auch war,wahr. das die Goͤttliche natur andere eigenschafften hat denn die Menschlich, vnd widerumb die Menschlich andere denn die Goͤttlich. Daruon bisher von vielen gelehrten mennern trefflichvorzüglich. wol geschrieben ist. Nun ists je gewis, das Almechtig sein eignet allein der Goͤttlichen natur in Christo, so nu jemand solche eigenschafft der
menschlichen natur auch zulegenbeimessen. wolte, so wuͤrde er zwo Almechtige naturen jn Christo setzen, das were zwo Goͤttliche, vnd keme also ein solcher in die schweresten Ketzerey, so je hette gedacht werden moͤgen. Von welchen ich doch jetzt vmb der schwachen willen nicht mehr redenKonjiziert aus: regen. wil. Denn auch zu meinem furhaben jetzt nicht mehr von noͤtten, denn das gesagt
ist. Wo aber je jemand fechten wolte, die Menscheit Christi were Almechtig (wie denn etzliche bisher menscherley weis getreiben), denen las ich Athanasium mit der gantzen Christlichen Kirchen antworten, die nu mehr denn 1180 jarBezieht sich auf die Auseinandersetzungen um die Lehre des Arius (vgl. o. Anm. 66) seit dem 4.nachchristlichen Jahrhundert. bekennet hat, Christus sey nach der Gotheit dem Vatter gleich aber nach der Menscheit kleiner denn der Vater.Athanasius war der wohl entschiedenste Gegner arianischer Positionen im 4. Jahrhundert. Vgl. Martin Tetz, Art. Athanasius von Alexandrien, in: TRE 4 (1979), 333–349. So denn Christus
auch nach der menscheit Almechtig ist, so haben wir zwen almechtig, einen groͤssern, den andern einen kleinern, das weren nu zwen Goͤtter, ein groͤsserer vnd ein kleiner. Wer will aber solche Torheit vnter den Christen leiden? Solchs hab ich nun deste weytleuͤfftigerausführlicher. Vgl. Art. weitläufig 2.a), in: DWb 28, 1302. gehandelt darumb, das die einfeltigen sich in die nachuolgenden verlegungWiderlegung. Vgl. Art. Verlegung 4), in: DWb 25, 764. dessendesto. besser schi
ckenhineinfinden, verstehen. muͤgen, denn dieselbigen wil ich nun eins theils zuhauffzusammen. fassen vnd kurtz schliessen, das sie die ware Gerechtikeit nicht sind, daruon die Schrifft redet vnd der StritStreit. ist.
Das die andern oberzelten Gerechtikeiten auch nicht die ware Gerechtikeit sind.
Solchs beweiset sich nun aus obgesetzten beden eigenschafften auch gewaltiglich. Denn so viel den Gehorsam des Herrn Christi vnter dem Gesetz belanget, ists gewiß, das er nicht ewig ist von ewikeit zu ewikeit. Sondern hat angefangen, da er Knechts gestaltVgl. Phil 2,7. vnd die Menschlich natur an sich genomen hat. Vnd hat widerumb auffgehoͤret (was sein person belangend,
wiewol der Verdienst, so dardurch erworben, ewiglich bleibet), da er inn seine HERRLJKEJT nach der Aufferstehung eingegangen ist. Desgleichen auch ist solcher Gehorsam CHRJSTJ nicht Allmechtig, denn sonst muste er auch GOT sein. Vnd dieweil der Gehorsam Christi in sich begreifft bede, das, so Christus vnter dem Gesetz fur vns gethan vnd vmb vnser
Suͤnden willen erlitten (welcher keines ewig noch almechtig ist), denn sonst muste Christus ewig vnter dem Gesetz sein, ewig leiden etc., auch muͤsten solche seine werck vnd leyden Got selbs sein, dieweil sie almechtig weren vnd aus eigner kraft vom Tod erretteten. So mus noth wegenzwangsläufig. volgen, das deren keines die ware Gerechtikeit ist, darvon die Schrifft redet. Vnd weil
weder das Thun noch leiden Christi die ware Gerechtigkeit sind, volget auch, das das Blut Christi (das verstehen sie vom Blutvergiessen), item der Tod Christi, die Wunden Christi, vnd was des mehr ist, nicht sind die ware Gerechtikeit, denn der keines ist von ewikeit zu ewikeit, auch keines Almechtig, das es aus eigner krafft solte oder vermoͤchte vom Tod erretten.
Des gleichen ist es auch mit dem Gang Christi zum Vater, welchem sie das Leiden, Sterben, Aufferstehn vnd Himelfart zu schreiben. Vnd wiewol sie solche Gerechtikeit aus der heiligen Schrifft vermeinen zu gruͤnden vnd vil spruͤche derselben anziehen,zitieren. Vgl. Art. anziehen 5), in: DWb 1, 528. mit welchen sie beweisen wollen, das solche oberzelte stuͤck vnsere Gerechtikeit sind, so stehen doch die obgesetzten
eigenschafften der waren Gerechtikeit (das sie von ewikeit zu ewikeit vnd Almechtig ist) so gewaltig dargegen, das es ein Kind greiffen moͤchte, das solche spruͤche, so sie fuͤhren,verwenden. zu jhrer meinung nicht dienen. Wie aber solche spruͤche, die sie fuͤhren, recht sollen verstanden werden, wird ein jeder mittels verstandes selbs leichlich kuͤnden vrteiln, wenn er sihet, woher
der jrthum kumme, das man so mancherlei Gerechtikeit dichteterfindet. Vgl. Art. dichten 5), in: DWb 2, 1060f. etc., denn aus solchem vrsprung kan man one muͤhe ermessen,begreifen. Vgl. Art. ermessen 2), in: DWb 3, 915. was Proprie, das ist, eigentlich, oder was per figuram vel abusum (das ist, inn verwechselter rede oder durch mißbrauch der wort) geredt werde oder nicht.
Wollen jetztKonjiziert aus: setzt. die vbrigen Gerechtikeiten auch examinirn, vnd erstlich von
Vergebung der Sünden. So vergebung der Sünden von ewikeit zu ewikeit were (wie denn die Gerechtikeit ist), so volgete, das auch Sünde von ewikeit were. Denn wie wolte sie sonst vergeben werden, wenn sie nicht were? Solte aber Suͤnde von ewigkeit (das ist, vor allen Creaturen) gewesen sein, so muste volgen, das sie inn Got vnd Got selbs gewesen were, denn nichts ist
von ewikeit, als Got allein. Wer will aber solches one Gots lesterung reden? vnd nimpt mich wunder, wo doch die leuͤte hindencken, die so vnbedechtig inn solchen wichtigen sachen, da sie stritig werden, reden vnd streiten. Denn ob schon etwo Vergebung der sünden Gerechtigkeit genennet werden mag (wie hernach sol gesagt werden), so volget doch oberzelter vrsach inn keinen
weg,auf keinen Fall. das sie die ewige, ware Gerechtikeit selbs sey. Vnd so man solte anzeigen,melden. Vgl. Art. anzeigen, in: DWb 1, 524. was weiter fur lesterung der Goͤtlichen Maiestat aus dem volgen wolte, wo man setzet,behauptet. das Vergebung der sünden die ware, ewige Gerechtikeit were, solte sich wol alle Creatur darüber entsetzen. Mir zwar stehn die haerHaar. gen berg, wenn ichs nur gedenck, wil geschweigen, wenn ichs solte
hoͤren reden, vnd also, das mans noch wolte fur rechtals wahr, als richtig. verteidigen etc.
Zum andern, solten denn wir inn ewigkeit vergebung der sünden bedurffen (wie denn die Gerechtikeit in ewikeit bleibet), so volgete, das wir auch nach disem leben inn der ewigen Seligkeit sünde haben muͤsten, denn wenn wir sie nicht hetten, was dorfften wir der Vergebung? Solten wir denn
SGnde in jenem lebendem ewigen Leben. haben, wie würden wir denn Christo dem Herrn gleich sein? wie S. Johannes spricht, IErgänzt gemäß Corrigendaliste unten auf Blatt N 3v. Joan. 3.Vgl. I Joh 3,2. Denn wir wissen ja vnd bekennen, das Christus keine sünde hat? Nun glauben wir aber vnd bekennen, das die sünde aus vns wird ausgefegetausgetrieben, entfernt. werden (derhalben wir auch keiner Vergebung mehr als denn bedurffen) vnd das wir werden dem Herrn
Christo in seinem verklerten leibe gleich seinVgl. Phil 3,21. vnd on alle gebrechen, so mus auch diss fals volgen, das Vergebung der sunden nicht die ewige, ware Gerechtikeit ist etc.
Wolte aber jemand weitter dringenmit Heftigkeit argumentieren. Vgl. Art. dringen 2.b), in: DWb 2, 1416. vnd jhe wollen, Vergebung der sünden were die ware Gerechtikeit, von der der strit ist, den bitte ich, er wolde die
obgedachte wort wol ermessenerwägen, beurteilen. Vgl. Art. ermessen 2), in: DWb 3, 915. vnd sehen, was er Christo dem Herrn vnd seinem Euangelio fur Ehre (wils nicht anders nennen) zumesse,antue. Vgl. Art. zumessen 4.a), in: DWb 32, 538. vnd sehe hernach auff die andere Eigenschafft der waren Gerechtigkeit, ob das werck vergebung der Suͤnden fur sich selbs so mechtig sey, das es vom Tode errette oder Gott allein, der die Suͤnde vmb des verdiensts Christi willen vergibet.
So wirdt er one zweiffel greiffen, jm sind denn die finger von vielem geschenck nemen taub worden,Polemisches Wortspiel: Taube Finger, die nicht greifen können = Verstand, der nicht verstehen will. was schwartz oder was weis sey in diesem streit. Aber was mach ich viel wort von dingen, die zuuor klar sind? Wolan, es zwinget die not der armen, verirten gewissen vnd die halstarrikeit der feinde der ewigen, waren Gerechtigkeit Gottes, das man auff allerley
weise, wie man kan, den Einfeltigen der warheit berichteunterrichte. vnd der halstarrigen vnuerstand entdecke,aufdecke. Vgl. Art. entdecken 3), in: DWb 3, 507. ob vileicht also dise zur erkentnus jres irrthumbs gebracht vnd sich bekereten, die verirten aber, im rechten Erkentnus der Gerechtigkeit vnterwisen, zu friden im gewissen gestellt werden moͤchten.
Volget nu von der Rechtfertigung, welche etzliche auch fur die waren GerechtigkeitKonjiziert aus: Getechtigkeit. halten.
Diser meinung aber ist zumal wider den strom, denn sie auch in der gemeinen Rede jrren, denn Gerechtigkeit ist viel ein ander ding denn Rechtfertigung, sintemal Gerechtigkeit ewig vnd Almechtig ist, die Rechtfertigung
aber ein werck, welchs in diser welt anfehet vnd mit dem JGngsten tag auff hoͤren wird. Darzu gebens die wort vnd die Grammatica, denn das wort Gerechtigkeit ist ein Nomen, das keine bedeutung der wirckung in sich hat. Rechtfertigung aber hat ein bedeutung der wirckung in sich, vnd bedeutet eigentlich die wirckung oder den Actum (denn wir kuͤnnens deutsch nicht
wol reden), durch welchen vns Gott in vnd durch Christum JHESVM gerecht macht, vnd begreifft in sich alles, das Christus vns zu guth gethan, gelitten, erworben vnd erkaufft hat vnd das er noch teglich an vns thut vnnd thun wirdt, bis wir Jme in jenem Leben gleich sein werden, I.Ergänzt gemäß Corrigendaliste unten auf Blatt N 3v. Johan. 3.Vgl. I Joh 3,2. Da wir denn der Rechtfertigung auch nicht mehr duͤrffen,bedürfen, benötigen. denn wir werden schon
also sein wie wir sein sollen, das ist, wir werden volkommen gerecht sein, von welchem hernach weiter an gelegnerem ort sol gesagt werden.
Wie nun bisher von den oberzelten Gerechtigkeiten gesaget, also ist auch vom Glauben zu schliessen. Denn dieweil er nicht ewig ist, sondern auff hoͤren mus, kan er selbs die ware Gerechtigkeit nicht sein, die do ewig
bleibet. Warumb aber der Glaube vielmals Gerechtigkeit genennet wird sol hernach auch gesagt werden. Das aber etzlich tichten vom Glauben, der nur etwoKonjiziert aus: ewo. was gleubet, das Gott zugesaget hat, das er thun wolle vnd sich des spruchs Pauli zum zeugnis missbrauchen,Evtl. ist der oben angeführte Vers Röm 4,19 gemeint. Zu der Thematik der Rechtfertigung allein aus Glauben vgl. zudem Röm 1,17; 3,28; 4,5. ist nicht allein offentlich wider die heilige Schrifft, sondern auch gantz vnd gar Heidnisch, denn die heilige
Schrifft zeuget klar an manchem ende, das, wer Christum nicht habe, der habe auch das ewig Leben nicht.
Nun kan man aber Christum nicht anders denn durch den Glauben entpfangen, wo nu der Glaub schon alles anders fasset, das Gott zu thun verheissen, vnd fasset doch Christum nicht, das der mensch durch den Glauben mit
Christo ein Kucheine Einheit. Vgl. Art. kuchen, in: LutherStA 6, 104. wird (wie D. Luther Gottseliger gedechtnus pflagepflegte. Abwandlung von pflegen. Zu den Nutzungen vgl. Art. pflegen, in: DWb 13, 1736–1747. zu reden)Vgl. Martin Luther, WA 12, 485,2f (Reihenpredigten, 1523 [Predigt Gründonnerstag]). so hat er kein Leben, sondern ist Todt. Vnd ist vnmuͤglich, das der Mensch einigereiner einzigen, irgendeiner. verheissung Gottes Glaube, wo er nicht zuuorn erkennet vnd gleubet, das er durch CHRJstum mit GOTT versoͤnet sey vnd jme GOTT vmb CHRJSTJ willen, den er durch den Glauben ergriffen, alles guts
thun wolle. Einen wohnWahn. Einbildung. mag jm einer wol tichten als gleube er, aber wenn sich in der Noth das widerspilGegenteil. sehen lest, als wols nicht gehn, wie Gott verheissen, so finds sichs fein, das solcher Glaub ein raucheine vergängliche Phantasie, ein Nichts. Vgl. Art. Rauch 5), in: DWb 14, 238. gewesen ist, wie die teglichen exempel beweisen. Wenn aber der Glaube Christum ergreifft vnd in Christo Gott selbs zu eigen hat, als denn volget, das er one be
schwerd alles ander, so Gott zusaget, gleuben kan, wie denn Abraham zuuorn Gott gleubete, da er sprach: Fuͤrchte dich nicht Abraham. Jch bin dein Schilt vnd dein sehr grosser Lohn,Gen 15,1. in welchen worten sich Gott selbs dem Abraham schencket. Da Er nun solchs gleubet (denn er wuͤste, das er durch des Weibes Samen, so Gott verheissen, das er von jme solte herkommen,Vgl. Gen 3,15.
Gene. 12,Vgl. Gen 12,3. mit Gott solte versoͤnet werden, vnd ware also mit Gott zufrieden etc.), sagt jm Gott zu, das sein Same solt werden wie die Stern am Himel,Vgl. Gen 22,17; 26,4. an welchem denn Abrahm auch nicht zweiffelte vnd wurde jm also gerechnet zur Gerechtigkeit.Vgl. Gen 15,6; Röm 4,3; Gal 3,6. Denn wo er nicht zuuorn gegleubet, das Gott sein Gott were vnd jme alles gutes guͤnnete, hette er der andern Verheissung
von Mehrung des Samens auch nicht kuͤnden gleuben, sondern were immer im zweiffel gestanden, ob es Gott thun wuͤrde oder nicht. Darumb ist solches gedichtLüge. Vgl. Art. Gedicht 5.b.α), in: DWb 4, 2015. deren, so da treumen, wenn man nur etwas gleube, das Gott thun wolle, so sey man gerecht fur Gott, ob man gleich Christum durch den Glauben nicht ins hertz schliesse, ein falsche heidnische verfuͤhrung, dafuͤr sich
alle Christen auffs hoͤchste hütten sollen.
Vber dis ist noch (denn des Staphili fantasey verlegetwiderlegt. Vgl. Art. verlegen 3), in: DWb 25, 758. sich selbs, dieweil nichts gewis mit definirt wirdt) die imputation, das ist, die zurechung, furhan-den, von welcher etzliche also lehren, das wir nicht darumb gerecht sind fur Gott, das Christus, der fur vnser Suͤnde gestorben vnd vmb vnser
Gerechtigkeit willen wider aufferwecket ist vom Tod vnd nun ein HERR ist vber alles vnd alles erfüllet, Rom. 4,Vgl. Röm 4,23–25. Matth. vlt,Vgl. Mt 28,18. Ephes. 4,Vgl. Eph 4,9f. durch den Glauben in vns wone vnd also vnsereKonjiziert aus: vusere. Gerechtigkeit sey, sondern das vns nur schlechtsschlicht, einfach. von Gott die Gerechtigkeit Christi werde zugerechnet, wenn wir glauben, Christus habe fur vns genug gethan vnd sey vom Tod widerauffer
standen, ob gleich Christus nimmermehr in disem leben in vns wonete vnd wir mit jme vereinigt wurden. Vnd diser wahn ist nu bey vilen so gewaltig, das sie auch biß zur Auffrhur inn der Christenheit daruͤber kempffen. Wiewol er sich selbs sehr gewaltig verleget. Denn erstlich streitet er wider vnzeliche Spruͤche der heyligen schrifft, welche alle bezeugen, das ChristusKonjiziert aus: Chriflus.
durch den glaubenKonjiziert aus: glarben. mit Got, seinem himlischenKonjiziert aus: himlishen. Vater, vnd dem heiligen Geist inn vns wonen wolle, auch inn disem leben, welche jetz zu erzelen (dieweil sie zuvorn inn diser Spaltung gemeinallgemein bekannt. worden) hie zu lang wurde. Zum andern verlegens auch die Eigenschafften der Gerechtikeit, darvon nu viel vnd schier zum verdrus gehandelt, denn die Jmputatio ist nicht ewig.
Denn sie fehet hie an inn disem leben, wenn wir an Christum glauben vnd jhn durch den glauben in vns haben, wie droben im ersten theil gesagt bey der Disputation Osiandri, auch wird sie auffhoͤren inn jenem leben,dem ewigen Leben. denn S. Paulus spricht 1. Corin. 15: Gott werde alles sein in allen,Vgl. I Kor 15,28. da wird man ja keiner zurechnung mehr bedurffen, denn wir werden Christo gleich sein, 1.
Joan 3,Vgl. I Joh 3,2. vnd alles volkomenlich haben, sehen vnd genissen etc. Denn hie ist es stuͤckwerck, was wir Erkennen, aber als denn werden wirs sehen von Angesicht zu Angesicht etc., 1. Cor. 13.Vgl. I Kor 13,12.
Zum dritten, so die jmputatio (welche ein werck Gottes ist, da vns Gott die Gerechtigkeit zu rechnet) solte die ware Gerechtigkeit sein, so muͤste sie
auch Almechtig sein, das were eben souiel gesagt, das werck were Gott selbs, dieweil aber solchs wider alle schrifft vnd darzu Abgoͤttisch ist, eins oder mehr werck Gottes Gott, dem wircker, gleich machen, kan man mit rechtem verstand nicht sagen, das die jmputatio vnser Gerechtigkeit sey, durch die vnd in der wir ewig Leben. So viel sey nu von den mancherleien
Gerechtigkeiten gesaget, aus welchem ja (als ich hoffe) ein jtzlicher, der nicht mutwilligböswillig, eigensinnig. Vgl. Art. mutwillig 3), in: DWb 12, 2836. wider den stachel leckenaufbegehren. Vgl. Art, lecken [II] 3), in: DWb 12, 480f. Vgl. zudem Act 26,14. vnd dem heiligen Geist wider sprechen wil, vernemen sol, das der oberzelten stuͤck keines, so von vielen Gerechtigkeit genennet werden, sey die ware, ewige Gerechtigkeit, von der bisher der strit gewesen ist etc.
Woher kompt denn die jrrung, das man so mancherley Gerechtikeiten fuͤrgibt vnd so hartneckisch daruͤber kempffet.
Nach dem nu aus den zweien Eigenschafften, so die heilig Schrifft der Gerechtigkeit zugibet, nach lenge bewisen ist, das oberzelte ding, so etzliche fur die Gerechtigkeit preisen, die ware Gerechtigkeit nicht sind, jsts nun auch
von noͤten, das wir bewegen,erwägen. Vgl. Art. bewegen 3), in: DWb 1, 1769. woher der jrthumb entstanden ist, das so mancherley Gerechtigkeiten auff die Ban gebrachtzur Diskussion gestellt, vorgebracht. Vgl. Art. Bahn 6), in: DWb 1, 1078f. sind. Vnd wiewol ich droben im ersten theil vermeldet, woher Staphilus in den jrthumb geraten vnd andere neben jme verfuͤret sind etc., vnd jemand gedenckenannehmen. moͤchte, es were da genugsam angezeiget, so erstreckt sich doch die
handlung viel weiter, wie bald sol gesaget werden, denn auch vber den selben missbrauch des worts Gerechtigkeit, daruon droben gesagt, noch etzlich andere auch gefunden werden, in Teudscher sprachen fuͤrnemlich, welche, da sie von etzlichen nicht vnterschieden oder vielleicht nicht verstanden sind worden, entlich zu diesem zanck vnd lermen haben vrsach geben. Vnd
dieweil eins theils leut sind von hochtragenden sinnen, denen jre Ehre vnd rhumb viel lieber ist dennals. Gottes Ehre, haben sie hernach, da sie schon der warheit guten bericht entpfangen, von jrer gefasten Meinung, so sie erstlich aus vnuerstand verteidigt, auch nicht wollen abtreten, sondern ehe Himel vnd Erden in einander mengen, denn sie wolten sagen lassen, sie hetten geirret.
Aus welchem denn der jamer, sonderlich in Preussen, Got wende es, so gross worden ist, das einer lieber Tausentmal zu sterben begeren solte, denn lang in solchem wilden vnnd Mutwilligen wesen der boͤsen leut leben. Aber das klagen geschechgeschehe. an seinem ort, wollen kuͤrtzlich setzendarlegen. die manchfeltige deutung des worts Gerechtigkeit vnd darbey anzeigen, wie
obgedachte stuͤcke in solchen bedeutungen Gerechtigkeit muͤgen genennet werden etc., vnd hernach auch, was die rechte, ware Gerechtigkeit sey, vermelden etc.
Vnd damit ich die Einfeltigen nicht mehr verirre, denn lehre wil ich keiner figur,Fachsprache. Vgl. Art. Figur 4), in: DWb 3, 1630. so in solchen schlichtungen sonst von den gelehrten gebraucht wer
den, hie gedencken, sintemal sie doch wenigen bekand sind, sondern mit klarem vnd verstendlichen worten daruon reden, damit ein jeder der warheit grund leichtlich sehen vnd verstehen muͤge.
Nu ist der Erste missbrauch des worts Gerechtigkeit in Teudscher sprach (wie droben auch gemeldet), das mans brauchet furs Recht, damit
einer ein ding besitzet oder von welches wegen einem ein ding gebuͤret, entweder zu thun oder zu haben. Als wenn einer ein hauss kaufft, so vbergibt der verkeuffer dem, der do kaufft, alle seine Gerechtigkeit, so er am hauss hat. Vnd der keuffer bekuͤmpt diese Gerechtigkeit zum hauss vmbs Gelt oder anders, so er fuͤr das haus ausleget.aufgewendet hat. Jtem, wenn einer von eim Herrn
ein freiheitRecht, Privileg. Vgl. Art. Freiheit 8), in: DWb 4, 112f. bekümpt, als das er jn eim Wasser frey fischen mag etc., so spricht man, er hab die Gerechtigkeit zu fischen jm selben wasser etc. Jtem, so man einen, der in oͤffentlichem Ampt als einer Stadt Buͤrgermeister oder dergleichen ist, mit Ehr erbietung vnd Gehorsam ehret, da spricht man, es ist des Buͤrgermeisters Gerechtigkeit, das man jn also ehre etc. In disem
brauchdieser Verwendung, Nutzung. aber wirdt das wort Gerechtigkeit, so lateinisch Justicia heiset, gebraucht fuͤr das wort Recht (wie gesagt ist), welchs lateinisch Jus heisset. Vnd kuͤmpt solcher mussbrauch vrsprunglich aus vnuerstand der Grammatica, welche lehret die worter vnterscheiden, vnd ist meines erachtens von den vngelehrten MuͤnchenMönchen. auff die Cantzel gebracht
worden, hernach von den Juristen auff die Radtheuser vnd Gerichtsbenck, da es hernach der Gemeine Man genomen vnd jn solche vbung gebrachtKonjiziert aus: gegebracht., das es weilsolange. Teudsche sprach weret, mit notgroßer Mühe, Schwierigkeiten. mag aussgereutet werden. Sol man aber dem Misuerstand wehren vnd die reinen [sic] lehre von der Gerechtigkeit in der kirchen erhalten,bewahren. Vgl. Art. erhalten 3), in: DWb 3, 835. so mus man solche rede mit fleis
erkleren vnd anzeigen, wo Justicia pro Jure, Gerechtigkeit furs Recht, verstanden werde, so bleiben vnnoͤtige Schulgezenck vnd ErgernisErsetzt für Erkentnus gemäß Corrigendliste unten auf Blatt N 3v. vermitten. Denn so jemandt alle oberzelete Gerechtigkeiten (die doch nicht die ware Gerechtigkeit sind) inn diser meinung Gerechtigkeit nennen wolte, als das wir durch solches Thun vnd leiden Christi widerumb das Recht
zum himelreich bekummen haben, welchs Adam mit seiner vbertretung verwircket,Vgl. Gen 3. kundte ich mit keinem daruͤber zancken, denn es ist jhe die vnleuͤgbare warheit, das wir kein ander Recht zum himelreich haben, denn das vns Christus durch sein heilige Menschwerdung, Gehorsam, Leiden, Sterben, Hellefart, Aufferstehn vnd himelfart erkaufft vnd erworben hat, vmb
welches willen vns denn Gott auch die Sunde vergibt vnd sein ewige Gerechtigkeit in Christo Jesu schencket etc. Aber hie ist zu mercken, das ob man schon obgenante Gerechtigkeiten inn diser bedeuͤtung furs Recht, das wir zum himelreich haben oder damit wir das himmelreich besitzen, brauchet, so ists dennoch auch nicht Proprie oder eigentlich geredt, denn die
Mensch werdung Christi, mit allem seinem thun vnd leiden etc., sind nicht das Recht selbs, sondern das Recht ist vns durch solches erworben vnd erkaufft. Aber dennoch mag mans das Recht nennen, als wie einer ein gekauͤfft Gut sein Geldt nennen mag, vnd sagen: Hie ligt mein geldt, wenn er auffs Gut weiset darumb er das geldt gegeben hat etc., vnd solchs nennet
man inn Schulen ponere causam pro effectu etc.
Zum andern ist auch diss ein Mißbrauch des worts Gerechtikeit, welcher one zweiffel auch von den vngelerhten [sic] Muͤnchen vnd Juristen seinen vrsprung hat, das mans brauchet furs Gestrenge Gericht, durch welches man die vbeltheter verurtheilet vnd zum tode verdammet. Vnd ist solcher
mißbrauch so starck eingerissen, das auch D. Luther, gotseliger gedechtnus, offtmals daruͤber klaget, das es jm sehr saurschwer, mühevoll. worden sey, solchen falschen verstand zu vberwinden vnd aus dem hertzen zu schlahen,schlagen. Zu Luthers Klage vgl. Anm. 341. da er schon wol verstanden hat, was das wort Gerechtikeit heisse vnd was Gerechtikeit sey. Vnd sind jhr noch heuͤtiges tages viel, auch vnter denen, so hohe Titel von
den Schulen haben, die nicht anders meinen, denn wenn man die wesentliche Gerechtikeit Gottes nennet, so sage man von dem Gericht vnd Zorn Gottes, damit er die Suͤnde verdampt. Vnangesehen, das sie lesen im Paulo: Die Gerechtikeit Gottes werde vns offenbaret durchs Euangelion,Vgl. Röm 1,16f. vnd: Got biete vns seine Gerechtikeit dar, auff das Er allein Gerecht erkant werde vnd
fur den gehalten, der do Gerecht mache den, so da gleubet an Jesum etc.Vgl. Röm 3,26. Aus welchem sie ja verstehn solten, das die Gerechtikeit nicht were der Zorn Gottes, dardurch er die Sünde verdammet, sondern seine frumbkeit, dardurch er sich vnsers jamers annimpt vnd vns aus den Suͤnden, Tod vnd Hellen helffen will durch Jhesum Christum, vnd vns auch also machen, das wir auch
gesinnet sind wie Er, so wir nur an Christum Jhesum gleuͤben. Vnd wo solchs die, so sich des Luthers discipel nennen, aus den worten Pauli nicht kundten vernemen, solten sies doch von jhrem Lehrmeister lernen, der selbs also von der Gerechtikeit schreibet inn der Kirchen Postill, Sontag des Aduendts, vber die wort Zacharie 9: Dein Kuͤnig kompt dir, ein Gerechter
etc.Vgl. Sach 9,9.: Das wort Rechtfertig (oder Gerecht, spricht Luther) sol hie nicht verstanden werden von der Gerechtikeit damit Got richtet, wie man nennet die Gestrenge Gerechtikeit Gottes, denn so Christus mit der zu vns keme, wer wolt fur jhr bleiben? Wer kunde jhn auffne-men? So sie auch die heiligen nicht leyden muͤgen. Da mit were dises Einreytens Freuͤde, Lust vnd
Liebe gar verkeret inn die allergroͤsten Furcht vnd Schrecken. Sondern es soll die gnade heissen, damit er vns rechtfertig machet. Jch wolt auch, das das wortlein Justus, Justitia inn der Schrifft noch nie were ins Deuͤtsch auff den brauch bracht, das es Gerecht, Gerechtikeit hiesse, denn es heist eigentlich Fromm vnd Fromkeit. Vnd das wir auf Deuͤdsch sagen, der ist
ein frum man, das saget die Schrift, der ist Justus, Rechtfertig oder gerecht. Aber die Gestreng Gerechtikeit Gottes nennet die Schrifft Ernst, Gericht oder Richtikeit. Vnd bald hernach spricht er, Ro. 1: Die Gerechtikeit Gottes wird im Euangelio offenbart,Vgl. Röm 1,17. das ist auf Deuͤtsch: Die fromkeit Gottes, nemlich seine Gnade vnd Barmhertzikeit, dar durch er vns fur jm
frum machet, wird im Euangelio geprediget, wie du auch sihest inn disem spruch des Propheten, das Christum wird geprediget vns zur frumkeit, das er vns from, vns gerecht kumpt vnd wir durch jhn from vnd gerecht im glauben sollen werden.Martin Luther, WA 10 I.2, 35,24–36,9; 36,16–21 (Adventspostille, 1522 [1. Adventssonntag, Mt 21,1–9]).
Vnnd wiewol etzliche (wie droben im ersten theil auch gemeldet) der wort,
so Luther, gotseliger, bald setzet zu jrem verderben, mißbrauchen (da er spricht): Merck dises stuͤcklein mit fleiß, das wo du inn der schrifft findest das woͤrtlein Gottes Gerechtikeit, das du dasselbige ja nicht von der selbwesenden, jnnerlichen Gerechtikeit Gottes verstehest, wie die Papisten, auch vil heiliger Veter geirret haben, du wirst sonst dafur erschrecken,Martin Luther, WA 10 I.2, 36,22–25 (Adventspostille, 1522 [1. Adventssonntag, Mt 21,1–9]).Anstatt einer Virgel findet sich eine geschlossene Klammer. vnd
wollen damit beweisen, das kein andere selbwesende Gerechtigkeit Gottes sey denn sein Gericht, ernst vnd zorn, da er die Suͤnde mit verdampt, so erkleret sich d
och D. Luther nicht allein in vorgesezten worten, sondern auch in volgendem also, das man greiffen mag, wie groͤblich solche leut jrren, denn baldkurz danach. spricht Doctor Luther auff erzelte wort wort: Sondern wisse,
das es heist nach brauch der Schrift, die ausgegossene Gnade vnd Barmhertzigkeit Gottes durch Christum inn vns, davon wir fur jme from vnd Gerecht werden geacht etc.,Martin Luther, WA 10 I.2, 36,25–37,2 (Adventspostille, 1522 [1. Adventssonntag, Mt 21,1–9]). denn es ist jhe gewiss das die Gnade vnd Barmhertzigkeit Gottes, so durch Christum inn vns außgegossen ist, auch ist die selbwesende Goͤtliche Natur (denn man kan jhe Gott keine eigenschafft zule
gen,beimessen. die nicht das goͤtlich wesen selbst were, darvon ich doch hie vmb der einfeltigen willen auch nicht viel vmbstendeGerede. machen wil), vnd wo das Goͤtliche gericht vnd zorn, damit er die Sünde straffet, allein solte das jnnerliche, selbwesende Gottes wesen vnd Natur sein, wo wolte denn bleiben das Got Genedig, barmhertzig, guͤttig vnd Trew genennet wird vnd
dergleichen etc. Das ab
er D. Luther den Zorn Gottes nennet die jnnerlichen selbwesende Gerechtikeit gottes, nach Papistischem brauch, geschichtgeschieht. darumb, dieweil solcher ernst inn Got verborgen ist vnd noch nicht so klar ist offenbar als die Genade vnd Barmhertzigkeit Gottes, so durch Christum vber vns außgegossen ist. Denn Gott helt den Zorn noch auff, von der außerwelten
wegen etc.Vgl. Mt 24,22; Mk 13,20. Aber von dem an eim andern ort weitter. Wollen jetzt die vrsach anzeigen, daraus entsprungenhervorgegangen. Vgl. Art. entspringen 6), in: DWb 3, 630. ist, das man das wort Gerechtikeit Gottes furs gestreng Gericht vnd Zorn Gottes verstanden hat.
Wenn man in Buͤrgerlichen oder Wedtlichen sachen von der Gerechtikeitt redet vnd erkleren will, was es sey, so spricht man gewoͤnlich, es sey ein sol
che tugend, durch welche der mensch getriben werde, das Er einem jetzlichen gibt, was jme von rechts wegen gebuͤret. Vnd ist recht vnd wol geredt. Dieweil aber die Gewaltigen furnemlich darzu gesetztbeauftragt worden. sind von Gott, das sie darob seinacht haben. Vgl. Art. darob 2), in: DWb 2, 783. sollen, das die leut also nach der Gerechtigkeit leben vnd sich doch allerley bey den Gottlosen begibt,vorfällt, geschieht. Vgl. Art. begeben 2.e), in: DWb 1, 1282. dardurch sie wider die
billigkeitdas Recht, das Erlaubte. Vgl. Art. Billigkeit, in: DWb 2, 29. handeln, so gebuͤret den gewaltigen, das sie den Boͤsen vbeltheter nach seinem verdienstseiner Schuld. Vgl. Art. Verdienst 2.b), in: DWb 25, 230. straffen vnd den andern theil, dem vnrecht geschicht, schuͤtzen vnd bey seinem Recht erhalten etc.Funck teilt hier das Obrigkeitsverständnis Luthers. Vgl. dazu z. B. Martin Luther, WA 10I.2, 245,12–18 (Predigt am 2. Sonntag nach Ostern [Joh 10,12–16], Roths Sommerpostille 1526). Auff solches haben nu die, von welchen obgesetzter jrthumb entsprungen, gesehen vnd Gott auch also in jren gedancken abgebildet, als einen Gerechten Richter,
dieweil jn auch die schrifft also nennet, Psalm 9,Vgl. Ps 9,5. dieweil kein mensch fur Gott vnschuldig erfunden wird (denn da ist keiner, der guts thu, Psalm 14.Vgl. Ps 14,3. Sie haben alle gesündigt etc., Rom. 3,Vgl. Röm 3,23. vnd sind Kinder des zorns von Natur Ephes. 2.Vgl. Eph 2,3.), haben sie auch also gedacht, wenn Gott richten solte nach seiner Gerechtigkeit, so gebuͤret vns nichts denn eitelnur, bloß. Vgl. Art. eitel 1), in: DWb 3, 387f.Konjiziert aus: eiteil. zorn vnd
ewigs verdamnus. Vnd als sie dis gefasset, haben sie strackssogleich. Vgl. Art. stracks 4.b), in: DWb 19, 611f. geschlossen, man kuͤnde fur der Gerechtigkeit Gottes nicht bestehn, daher ist es auch kummen (wie D. Luther offt klaget), wenn man gehoͤrt hat die Gerechtigkeit Gottes nennen, das man nicht anders darfur erschrocken ist, als fur dem ewigen Tode selbs.
Nun ist es ja war,wahr. das wenn Gott mit vns nach verdienst handeln wolte vnd vns lohnen nach vnsern wercken, so kuͤnden wir nicht bestehn, wie denn Dauid spricht Psalm 130: HERR, so du wilt Sünde zu rechnen, wer wil bestehn?Vgl. Ps 130,3. Vnd abermals Psalm 143: Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn fuͤr dir ist kein lebendiger gerecht.Vgl. Ps 143,2. Aber dennoch
ists mit fleis zu mercken, das die heilig schrifft solchs verdammen nicht zuschreibet der GerechtigkeitKonjiziert aus: Gerechtigkiet. Gottes, nennet es auch nicht Gerechtigkeit Gottes, sondern schreibets zu dem Zorn vnd nennets Gottes zorn, grim vnd gericht, als Psalm 6: HERR, straff mich nicht jn deinem zorn vnnd zuͤchtige mich nicht in deinem Grimme etc.,Vgl. Ps 6,2. vnd wie erst gesagt: Gehe nicht ins
Gericht mit deinem Knecht.Vgl. Ps 143,2. Johan. 3: Wer an den Son Gottes gleubet, der kuͤmpt nicht ins gericht etc.Vgl. Joh 3,18. Rom. 1: Der zorn Gottes wird offenbaret vom himel vber alles Gottlos wesen etc.Vgl. Röm 1,18. Der Gerechtigkeit aber wird allenthalben in der Schrifft zugeschriben, das vns Gott durch die selben helffe, errette vnd widerumb zur Gerechtigkeit bringe, das wir auch
from, gerecht vnd Gott wolgefellig werden, wie denn in den Psalmen fuͤrnemlich zu sehen: Psalm 31 vnd 71: Errette mich durch deine Gerechtigkeit.Vgl. Ps 31,1; 71,2. Psal. 51: Errette mich von den Blutschuͤlden, Gott, der du mein Gott vnd heiland bist, das meine zunge deine Gerechtigkeit Rhume.Vgl. Ps 51,16. Psalm 72: Gott, gib dein gericht dem Kuͤnige vnd deine
Gerechtigkeit des Kuͤniges Son, das Er dein volck bringe zur Gerechtigkeit vnd deine elenden rette.Vgl. Ps 72,1f. Psalm 89: Sie werden vber deinem Namen teglich froͤlich sein vnd in deiner Gerechtigkeit herrlich sein.Vgl. Ps 89,17. Jesaie am 45: Jm HERREN hab ich Gerechtigkeit vnd stercke etc.Vgl. Jes 45,24. Vnd wo ich dergleichen spruͤche alle zusamen lesen wolte, wuͤrde es ein zimlichstattlich, ansehnlich. Vgl. Art. ziemlich III.1.a), in: DWb 31, 1125f.
Buch machen.
Nun ist aus jetzt gesagtem klar zu sehen, wie die heilig Schrifft die beden Empter, so die vernunfft der Gerechtigkeit zuschreibet, so fleissig vn-terscheidet vnnd gibt das verdammen dem zorn vnd gericht Gottes etc., die errettung aber, oder die Erloͤsung etc.Konjiziert aus: etr., der Gerechtigkeit. Welchs one zweif
fel alles darumb geschehen, auff das wir nicht nach vnsern gedancken von der Gerechtigkeit Gottes dichteten,Erfindungen machen. Vgl. Art. dichten 5), in: DWb 2, 1060f. denn da muͤsten wir verzagen, wie zuuor gesagt, sondern das wir also daruon hielten,sondern dass wir es so verstehen. wie vns der heilig Geist selbs lehret, nemlich: das vns Gott durch solche seine Gerechtigkeit helffen vnd eretten wolle, darumb wir vns derselben viel mehr zu troͤsten denn
darfuͤr zu erschrecken haben. Wiewol man aber auch subtiler weise mag von der GerechtigkeitKonjiziert aus Gerchtigkeit. Gottes reden, das sie das Boͤse straffe vnd das gute schuͤtze, jtem: das sie den, so gern mutwillig suͤndiget, verdammet, vnd den, so gern wolt, das jm geholffen wuͤrde etc., errette, wie denn solchs in der Schrift viel in verheissungen vnd exempeln gesehen wirdt, besunder aber
in dem ersten fahl des Menschen,dem Sündenfall. Vgl. Gen 3. da Gott den Satan, der aus eignem anregen gesuͤndigt, stracks verdampt,Vgl. Gen 3,14. dem Menschen aber, so vom Satan verfuret ware, das er Suͤndigte, huͤlff in des Weibes Samen zusagete,Vgl. Gen 3,15. so ist doch solche Disputation fur die, so erst anfahen,beginnen. die Gerechtigkeit Gottes zu erkennen, so hoch, das sie noch ein gute zeit Milchspeise
beduͤrffen,Nahrung für die Schwachen, darum hier bildlich zu verstehen, im Sinne von: diejenigen, die sich nicht so intensiv mit den theologischen Fragen der Rechtfertigung beschäftigen, nicht zu überfordern. Das Argument, um der Schwachen willen, Diskussionen hintanzustellen oder manche Änderungen noch nicht vorzunehmen, wurde in der frühen Reformation häufiger vorgetragen. Vgl. z. B. Luthers Ablehnung von Maßnahmen durch Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, zu Beginn der 1520er Jahre in Wittenberg, dazu: Brecht, Martin Luther II, 66–72. ehe denn man jnen solche wichtige Disputationes fuͤrlege; vnd ist nichts bessers (bis man starck wird), denn wir bleiben bey der teilung der Schrifft, welche das verdammen dem zorn, grim vnd gericht zuschreibet, der Gerechtigkeit aber schlechtschlicht. vnd einfeltigeinfach. die Errettung von Sünden,Konjiziert aus: Sündtn. Todt vnd allem vngluͤck etc., wie sonst droben weitleufftig gesagt ist.
Wie vns aber Got durch solche seine Gerechtikeit helffe, wollen wir ans ende sparen,bis zum Ende aufsparen, erst am Ende näher erläutern. wie droben auch verheissen, jetz von den andern gebreuchen des worts Gerechtikeit auch was anzeigen etc. Also hab ich nu zwen starcke mißbreuch des worts Gerechtikeit erkleret, bey welchem zu mercken ist, das das wort Gerechtikeit in der heiligen schrifft nindertnirgendwo. Vgl. Art. niener 1), in: DWb 13, 830. in diser deuͤ
tung eine gefunden wird. Sondern, wie zuvor gesagt, das solche Mißbreuch bede aus vnuerstand des worts Gerechtikeit herkummen sind. Darvmb wir auch solche Mißbreuch, so viel jmmer muͤglich, mit vleis meiden sollen vnd lernen, eigentlich vnd grundlich davon reden, wie die Schrifft thut, von welchem denn volgends soll gesagt werden. Nun ist zu mercken inn der Schrifft,
das das wort Gerechtikeit auff zweierley weise gebraucht wird. Ein mal fur die Gerechtikeit, wie sie ist in jrem wesen oder rechter Meinung Gerechtikeit genennet wird, von welcher hernach weiter.weiter gehandelt werden wird. Zum andern wird es gebraucht fur Recht thun, oder schaffen, was Recht ist, es sey in eignem thun oder in gerichten. Als da Mose spricht Deut. 1 zu den Richtern: Verhoͤret ewre
Bruͤder vnd richtet recht zwischen jderman etc.,Vgl. Dtn 1,16. da lautsheißt es. Vgl. Art. lauten 7), in: DWb 12, 374. im Ebreischen richtet Gerechtikeit etc.,Vgl. Dtn 1,16: צֶדֶק שְׁפַטְתֶּם. vnd ist solches sehr gemein verbreitet, häufig. in der Schrifft vnd wird offt in den Propheten gefunden: Schaffet Gerechtikeit vnd Gericht etc.,Vgl. Ps 103,6; Jes 33,5; Jer 21,12; Hos 2,21. das ist, schafft dem vnterdruckten, was jhm von rechts wegen gebuͤret vnd strafft den, der Mutwillig schaden thut seinem Nechsten
etc. Jm eignen thun aber ists auch gemein,üblich. das man Gerechtikeit nennet, das einem zu thun bevohlen ist, als da Mose spricht Deut. 6: (wiewol der text ambiguus ist im Ebreischen,וּצְדָקׇה תּׅהְיֶה־לָּנוּ כּׅי־נׅשְׁמֺר לַעֲשׂות אֶת־כָּל־הַמּׅצְוׇה הַזּאׄת לִפְנֵי יְהוׇה אֱלֺהֵינוּ כַּאֲשֶׁר צׅוׇּנוּ׃ doch weil man jn auff dise weise gemeinglich brauchet vnd der Brauch nicht wider die Schrifft ist, wil ich jn zum Exempel fuͤhren) vnd es wird (spricht Mose) vnser Gerechtikeit sein
fur dem herrn vnserm Got, so wir halten vnd thun dise Gebot, wie er vns geboten hat.Vgl. Dtn 6,25. Also spricht Christus zu Johanne dem Teuͤffer: Also geburt es vns, alle Gerechtikeit zu erfullen.Vgl. Mt 3,15 Jtem 1. Johan. 2: So jhr wisset, das Er gerecht ist, so erkennet auch, das wer Gerechtikeit thut (denn also lauts im griechischen),πᾶς ὁ ποιῶν τὴν δικαιοσύνην. der ist von jme geborn.Vgl. I Joh 2,29. Vnd ist solcher brauch des worts
Gerechtikeit auch in gemeiner rede sehr breuchlich, wie man teglich hoͤret, vnd ist doch noch nicht der rechte eigentliche brauch des worts. Sondern, dieweil solche rechte Gericht vnnd werck aus der Gerechtikeit herfliessen, werden sie verbluͤmbter weiseDies entspricht Osianders Argumentation, der in der Rede von der Gerechtigkeit ebenfalls einen Tropus (eine bildliche Redeweise) erkannte. Vgl. Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), H 4r–v, in: OGA 10, Nr. 488, S. 164,18–166,15. Vgl. zudem Rudolf Drux, Art. Tropus, in: HWRh 9 (2009), 809–830. Gerechtikeit genennet. So mans aber eigentlich mit rechtem namen solt nennen, so muͤste mans heissen, fruͤchte
der Gerechtikeit (wie S. Paul Phil. 1. auch redet)Vgl. Phil 1,11. oder Gerechte werck oder Recht thun etc.
Jnn diser bedeuͤtung des worts Gerechtikeit muͤgen die werck des Herrn Christi sampt seinem leiden etc. vnser Gerechtikeit genennet werden, vnd solches auff zweierley weiss: Erstlich, da wir solten sein inn vnser Natur rein
vnd on alle Sünde, vnd solten erfuͤllet sein mit der Herrlikeit Gottes, Rom. 3,Vgl. Röm 3,23. vnd also das Gesetz Gottes vnbeflecket halten etc., damit wir also erfuͤlleten, was vns zu thun beuohlen etc., wir aber sind von Natur Kinder des Zorns, Ephe. 2,Vgl. Eph 2,3. vnd mangeln der Herrlikeit Gottes, Rom. 3.Vgl. Röm 3,23. Kuͤnen a
uch an-ders nichts, denn Sündigen. Psal. 51.Vgl. Ps 51,3–7. etc. So trit der Herr
Christus an vnser Stad, der solchs fur seine person alles nicht bedorfft vnd gibt sich vns zu eigen, wird Mensch one Sünde, erfuͤllet das Gesetz volkommenlich vnd schencket vns solche seine Reinikeit vnd Erfuͤllung des gesetzes, das wir vns der troͤsten sollen, als weren wir selbs also Rein vnd hetten selbs also das Gesetz erfuͤllet.Vgl. Röm 3,22–26; II Kor 5,17–21. Jtem: wir hetten verdienet zu leiden
den Tod vnd hellen etc., wir kündtensKonjiziert aus: kûndtens. aber nicht vberwinden, sondern hetten ewiglich muͤssen darinnen bleiben. Da nimpt Christus selbs das Gericht auff sich, leydet vnd Stirbt fur vnser SGnde vnd fehret zur Hellen, vberwindet Sünde, Tod, Teuͤffel vnd Hell vnd schencket vns solches auch gantz vnd gar, das wir, so wir an jn glauben vnd getaufft sind, vns auch darfur halten sollen,
als hetten wir selbs fur die Sünde gnugthungenug getan. vnd Tod, Teuͤffel vnd Helle vberwunden vnd also alle Gerechtikeit (das ist, das wir thun vnd leyden solten) erfuͤllet. Vnd werden also die fruͤchte der Gerechtigkeit Christi vns zugerechnet, als hetten wirs selbs getragen vnd gewircket. Vnd so mans Gerechtigkeit nennet, so geschichts, wie gemelt, verbluͤmbter weiß, das man
setzt Effectum pro Causa, das ist, das werck fur den wircker etc.
Zum andern werden solche Werck des Herrn Christi etc. auch verbluͤmter weiß Gerechtigkeit genennet, die weil vns der Herr Christus damit verdienet hat, das vns Got die Sunde vergibt vnd vns seine ewige Gerechtigkeit inn Christo Jhesu mitteilet, durch welche wir inn disem leben anfahen, gerechte
werck zu lieben vnd zu thun etc., von welcher hernach w
eiter. Vnd wird alhie gesetzt Causa pro effectu, oder Precium pro re empta, der lohn fur das, so dardurch erkaufft ist. Vnd so nun jemand auff diese weise oben gedachte ding, so Gerechtikeit genennet werden, Gerechtikeit heisset vnd darbey die waren, ewigen Gerechtikeit nicht verwirfft noch verleuͤgnet (wie
denn leider bißher von vilen geschehen, auch nicht on Gots lesterung), so ist es wol zu dulden. Denn auch viel spruͤch der heiligen Schrifft auff solche weise von vilen gelehrten menner werden außgeleget, wie denn der Wirtenbergischen Theologen Rahtschleg, an den Hochloblichen Fuͤrsten inn Preuͤssen geschriben,Zu den Gutachten aus Württemberg vgl. unsere Ausgabe Nr. 12, S. 667–94. vilfeltig bezeuͤgen, davon hie weiter on noth zu
handeln.
Vom Rechten BrauchKonjiziert aus: Branch. des worts GERECHTJKEJT.
Bjßher ist kuͤrtzlich erkleret, wie manchfeltiger weiss das wort Gerechtikeit gebraucht wird, besonder bey vns Deuͤtschen, vnd wie solcher breuͤch keiner noch der rechte, eigentliche gebrauch des worts sey, sondern sindt
entweder mißbreuche (wie die zwen ersten) oder sey auff figurliche oder verbluͤmbte weiss geredt, wie nechst gehort. So volget, das ich auch den rechten brauch des worts anzeige, welchs ich nu auffs einfeltigste zu erkleren fur die hand nemen will. Vnnd ist auffs erste hie von zu mercken, das der rechte brauch des worts Gerechtikeit ist, da man nicht allein ein ding
Gerechtigkeit nennet, sondern eben also nennet, das man zugleich mit anz
eiget, dasselbe, so Gerechtigkeit genennet wird, sey auch in seinem stande oder wesen (wie ichs aussreden sol), oder in seiner natur, die Gerechtigkeit, vnd die selbe entweder die Gerechtigkeit der Vernunfft oder des Gesetzes oder Gottes, denn mehr species werden nicht gefunden vnter
dem wort Gerechtigkeit in rechtem brauch, denn dise drey. Weiter ist auch zu mercken, das alle Konjiziert aus: rechtweise.recht weise vnd verstendige leut (wie sie fur der welt gehaltenangesehen. sind), wenn sie auffs eigentlichst vnd kuͤrtzte wollen anzeigen, was Gerechtigkeit sey, so sprechen sie, es sey ein geschicklikeit des gemüts, durch welche wir nicht allein thun, sondern auch wollen die ding, die do
Recht sind. Denn also beschreibets Johan. Jouian. Pontanus (welcher von allen gelehrten vnserer zeit allen Philosophis furgezogen wird, vnd nicht vnbilligfälschlicher Weise.) in seinem ersten buch de obedientia cap. 2: Justicia est habitus animi, per quem et agimus et volumuͤs [sic] quae iusta sund.Konnte leider bislang nicht verifiziert werden. Die Juristen aber kummen noch neher mit jrer beschreibung (wiewol sie jr wenig recht
erwegen), da sie in jren Rechtbuͤchern sprechen: Justicia est constans et perpetua voluntas, ius suum cuique tribuendi,Vgl. Dig. 1, 1, 10; Inst. 1, 1, 1. das ist: Die Gerechtigkeit ist ein bestendiger vnd vnwandelbarer Will (der stetz also bleibt) einem jetzlichen zu geben, was im von rechts wegen gebuͤret. Jn gemein aber pflegt man zu sagen, die Gerechtigkeit ist ein Tugend, die einem jeden gibt,
was jm gebuͤret. Vnd sind solche beschreibung alle drey recht fur der vernunfft, wiewol die anderzweite. vnd dritte muͤgen also erkleret werden, das mans nicht vnbequem in heiliger Schrifft ausslegung gebrauchen mag. Denn wenn der Mensch ein solche krafft oder Tugend in seiner Seel hat, oder ein solchen bestendigen vnwa
ndelbaren Willen (der aus solcher krafft
herfleust), durch welche er beweget wird, das er Gott vnd dem Nechsten gebe, was er jnen zu geben schüldig ist, wie denn solchs im Gesetz erfoddert,Anstatt einer Virgel findet sich hier eine geschlossene Klammer. so ist er gerecht, denn er hat die Gerechtigkeit in jm, dardurch er recht thut etc. Nu hebtstellt. sich aber hie die Frag, was ist nu solche krafft oder tugend fur ein ding? vnd woher bekuͤmpt der mensch dieselben? Hic opus,
hic labor est,Vgl. Vergil, Aeneis VI, 129. da geht die rechte muͤhe an.
Die vernunfft, wenn sie hoͤret, sie sol also geschickt sein, das sie jederman gebe, was jm gebuͤret, so feltkommt. sie bald auff die gedancken: Ey, wenn ich nur wuste, was ich Got vnd dem nechsten zu thun schuldig were, so wolte ichs wol thun, denn sie meint nicht anders, denn es sey schon die krafft da,
durch welche mans vermuͤge zu thun. Wo sie nu Gottes wort nicht hat, daraus sie lehrnete, was sie Got vnd den Menschen von rechts wegen schuldig, so dichtet sie jhr selbs eigene Recht vnd werck, mit welchen Sie bede, Gott vnd Menschen, dienen will. Oder aber nimpt fur sich die gemeinen Gesetz, so der Natur eingepflantzt, oder sonst von menschen fur
geschriben, das man darnach wandle. Vnd wenn sies durch uͤbung so hoch gebracht hat, das sie also eusserlicher weiß thut, was die Gesetz erfodern,erfordern. so lest sie sich beduncken, sie hab die Gerechtikeit ergriffen; daher nennets sies auch ein Geschicklikeit des gemuͤts, wie die erste beschreibung lautet. Wiewol nu solche der vernunfft Gerechtikeit (die nach dem Gesetz der Natur
vnd gemeinen Rechten gericht ist) ein fein ding ist vnd inn disem leben hoch von noͤten, soll man anders gemeinen nutz,Die Betonung des Gemeinwohls ist ein zentraler Gedanke frühneuzeitlicher Staatsräson, im Gegensatz zum Eigennutz. Vgl. Wolfgang E.J. Weber, Art. Gemeinwohl, in: Enzyklopädie der Neuzeit 4 (2006), 409–415. zucht vnd Erbarkeit erhalten, so kumpt sie doch nicht hinan, das sie moͤchte fur Gott bestehn, denn sie geht nur mit den eusserlichen dingen vmb, in welchen sie entweder jre eigne Ehr vnd Rhumb süchet, wenn sie loͤblich handelt, oder die straff
schewet, wenn sie das boͤse lest, aus welchem denn klar wird, das solche GerechtigkeitKonjiziert aus: Gerechtigket. auch nach der vernunfft vrtheil nicht volkommen ist. Aber dise wil ich den Philosophis vnd Juristen befehlen besser zu erkleren, wollen vns zur heiligen Schrifft wenden vnd sehen, wie die von der Gerechtigkeit redet.
Christus, Matth. 5., spricht: Es sey denn ewer Gerechtigkeit besser denn der
Schrifftgelehrten vnd Phariseer, so werdet jr nicht ins himelreich kummen.Vgl. Mt 5,20. Was ists nu fur ein Gerechtigkeit, die der Phariseer heist etc.? Hie sihe, was die Phariseer vnd Schrifftgelehrten fur recht hielten, nach welchem sie vrtheilten, wenn sie es theten, so weren sie Gerecht, so wirstu die Gerechtigkeit bald erkennen. Sie hetten das Gesetz Gottes, welchs offenbaret,
was man GOT vnd dem Nechsten zu thun schuͤldig sey, solchs verstuͤnden sie, es foͤdderte nur die eusserlichen werck, das man eusserlich vermide, daswas. es verbeut, vnd thete, was es foddert; zu solchem eusserlichen thun vnd lassen wuͤrden sie gewehnet von Kind auff; durch solche gewonheit vnd vbung bekamen sie eine geschicklikeit, eusserlich nach dem Gesetz zu leben.
Solche Geschicklikeit hielten sie fuͤr die Gerechtigkeit, so im Gesetz erfoddert wuͤrde. Vnd dieweil sie sahen, das der Mensch in eusserlichen dingen noch wol mehr thun kuͤnde, denn im Gesetz war fuͤrgeschrieben, erdichten sie jnen noch suͤnderlichesonstige. Rechte, mit kleidung, fasten vnd andern, damit sie jre Gerechtigkeit wolten verbessern vnd darfur
gehaltenangesehen. Vgl. Art. halten B.II.11.b), in: DWb 10, 297. sein, das sie nicht allein ein solche Gerechtigkeit hetten, die Gottes Gesetz genug thete, sondern sie kuͤndten auch noch wol mehrers thun, denn Gott foͤddert etc. Vnd dieweil sie nicht erkenneten, das das Gesetz nicht allein den eusserlichen wandel, sondern auch den jnwendigen Menschen also haben wil, das er dermassen geschickt sey, das er Gott muͤge
von gantzem hertzen lieben etc. vnd auch alle boͤse luͤste meiden (wie denn das Gesetz ferner inhelt), heuchelten sie jnen selbs vnd gefielen jn selbs wol in jrer gedichten Gerechtigkeit, vngeachtet, das jr hertz vol hoffart vnd geitz ware, wie jnen denn Christus offt furwirfft im Euangelio.
Vnd dise der Phariseer Gerechtigkeit wirdt auch genennet die Gerechtigkeit
des Gesetzes. Nicht, das sie das Gesetz also erfoͤddere, sondern das der Mensch aus eignen krefften kein bessere aus dem Gesetz bekommen mag. Denn die Gerechtigkeit, so das Gesetz erfoͤrdert, ist die rechte, ware, ewige Gerechtigkeit, daruon bald sol gesagt werden, aber das Gesetz bringt vns solche nicht ins hertz, sondern foͤddert sie nur vnnd zeiget an, das wir sie
haben sollen. Dieweil wir sie aber nicht haben, trewet es vns das verdamnus. Darumb Sanct Paulus spricht: durchs Gesetze kumpt die Erkentnus der Sünde.Röm 3,20. Jtem: das Gesetz richt Zorn an.Vgl. Röm 4,15. Nu wolt aber der Mensch gern dem verdamnus entpfliehen (vnd wenn er von Christo nichts weis), so strecket er all sein vermuͤgen daran, wie er kunde dem Gesetz
genugthun. Er vermag es aber hoͤher nicht zu bringen, denn das er eusserlich meide, was das Gesetz verbeut, vnd euͤsserlich thue, was es foddert. Den jnnwendigen menschen aber, die boͤse lust vnd begirde, kan er nicht endern noch wegnehmen. Darumm [sic], weil solche Gerechtikeit nicht volkommen ist, auch das Gesetz nicht volkummen erfullet, kan sie fur Got nicht bestehen.
Dieweil nu dise Phariseische vnd des Gesetzes Gerechtikeit (wie gemeldet) fur Got nicht bestehen mag, sondern ist sampt allen jhren fruͤchten, wie Jesaias 64. cap. spricht, wie ein vnrein kleidVgl. Jes 64,5., das man fur die lewt nicht tragen darff, von wegen der vnreinikeit. So ists ja von noͤten, das wir eine bessere Gerechtikeit haben denn die Phariseer vnnd Schrifftgelehrten. Solche
ist nu die Gerechtikeit Gottes, welche vns der HERR Christus auch zu suchen vnd darnach zu trachten befilhet, Matt. am 6: Suchet am ersten das Reich Gottes vnd seine (das ist: Gottes) Gerechtikeit, so wird euch das ander alles zu fallen.Vgl. Mt 6,33. Was ist nu solche Gerechtikeit fur ein ding? Jsts auch eine Geschicklikeit in Got, wie die Menschliche Gerechtigkeit ein geschicklikeit
ist, in den Menschen durch lange vbung hienein gebracht? Nein, mit nichten, denn das wer der Goͤttlichen Maiestet viel zu schmelich nachgeredet, wenn man setzen wolte, er hette erst die Gerechtigkeit durch lange vbung bekummen etc. Denn also würde volgen, das Gott nicht von ewikeit gerecht were. Jtem: das er von ewikeit nicht ein volkommener GOTT were, vnnd
dergleichen vnzelig grewel mehr. Darumb, dieweilKonjiziert aus: diewel. Gott in seinem wesen von ewikeit volkommen ist, vnd nicht etwas, das nicht das ewig Goͤttlich wesen selbs ist, zu seiner volkummenheit bedarff, haben die alten ein feine regel geben: Jn deum non cadit accidens,Scholastisches Prinzip, das von den Reformatoren akzeptiert wurde. Vgl. dazu mit Blick auf den Osiandrischen Streit Gottfried Seebaß, Art. Osiander, Andreas, in: TRE 25 (1995), 511. das ist (das ich den sinn der wort gebe), man kan nichts nennen in Gott, das er sey, welchs nicht
das Goͤttlich wesen selbs were. Als wenn ich von eim weisen Manne redete vnd spreche: Dieser ist ein weiser Man, da versteht meniglichjedermann. wol, das die weisheit, von welcher wegen der Man weis geheissen wird, sey ein ander ding, denn der Man selbs. Aber in Gott helt sichs viel anders, denn was man nennet in Gott (merck dise woͤrtlein in Gott) das ist, das Goͤttliche
wesen selbs. Denn darumb vermane ich dis (in Gott) zu mercken, dieweil man auch wol etwas nennen mag, das Gott sey, welchs doch nicht das Goͤttlich wesen selbs ist, denn es nicht in Gott oder Gottes ist, sondern in vns oder vnser. Als wenn ich sprich: Gott ist mein hoffnung, da ist die hoffnung nicht in Gott, sondern in mir; sie ist auch nicht das Goͤttlich wesen,
sondern ist ein bewegung meines gemüts, durchs wort Gottes in mir gepflantzt, in der ich mich alles guts zu Gott versiehe vnd warte, er werde mirs auch, wie Er verheissen, volgen lassen etc.Vgl. Ps 23,6. Denn man spricht nicht, die hoffnung Gottes, wie man spricht, die Gerechtigkeit GOTTES, denn GOTT hoffet nicht, sondern wir hoffen. Aber von solchen reden etwo ein
andermal mehr, so ich leben vnd souiel raums haben werde.
Aus solchem schleust sichs nu, das die Gerechtigkeit GOTTES nichts anders ist, denn das Goͤttliche wesen vnd Gott selbs. Wie denn die obengedachte eigenschafften (so die Schrifft der waren Gerechtikeit zugibt) auch bezeugen, denn nichts ist von ewigkeit zu ewigkeit, auch nichts almechtig,
das es moͤchte vom Tode erretten, denn Got allein. Aber die Schrifft spricht, die Gerechtikeit sey von ewigkeit zu ewigkeit,Vgl. Dan 9,24. die Christus hat bringen sollen zu vns. Jtem: sie errette vom Tode.Vgl. Prov 10,2. So mus ihe solche Gerechtikeit Gott selbs sein. Derhalben, wenn ichs auffs Deuͤtlichst nach allen vmbstenden solte kurtz beschreiben, was die Gerechtikeit Gottes sey, weste ichs ietz
nicht klerer zu definirn, denn das es sey das Goͤttliche wesen oder Gott selbs, inn welchem er vnwandelbar von ewigkeit zu ewigkeit also ist, das er nicht anders thut noch will, denn was recht ist, vnd wirdt zu solchem von nichten anders,Anstatt einer Virgel findet sich hier eine öffnende Klammer. das nicht sein Goͤtlichs wesen selbs were, getriben. Vnd ob jemandt hie fragenKonjiziert aus: fragenj. wolte, weil Gottes Gerechtikeit nichts vnrechts will noch thut, wir
aber durch die Sunde also sindt verderbet,Anstatt einer Virgel findel sich hier eine geschlossene Klammer. das wir von natur nichts rechts begeren noch thun, wie kuͤmpts denn, das vns Gott durch seine Gerechtikeit helffen thut vnd nicht viel mehr verdammet? Denn also schleuͤst die vernunfft, Gott, der Gerecht vnd die Gerechtikeit selbs ist, hasset das boͤse; wir sind vnd thun boͤses, darumb hasset er vns auch. Hie merck mit vleiss die
vnterschied der Sünde vnnd des Menschen; der Mensch ist von Got geschaffen rein vnd on alle Sünde, vnd erfuͤllet gewesen mit der Herrlikeit Gottes (wie droben auch gedachterläutert.), das er also Gott inn disem natur-lichen leben dienete, biß die zal der außerwelten erfuͤllet, da er denn ins geistlicheKonjiziert aus: geistlche. vnd ewige leben wurde genomen sein. Der Teuͤffel aber, der inn der warheit
nicht bestanden,verblieb. Dies knüpft an die Vorstellung vom Satan als gefallenem Engel an. Vgl. Wassilios Klein, Art. Teufel I: Religionsgeschichtlich, in: TRE 33 (2002), 113–115. sondern ein Luͤgner vnd Moͤrder ist vom anfang, Johan 8,Vgl. Joh 8,44. hat durch seine luͤgen den Menschen betrogen, das er Gottes wort verlies vnd die Luͤgen anname, daher er auch als bald die vbertrettung beginge, aus welcher erfolget, das er nicht allein die Herrlikeit, Gerechtikeit vnd Weißheit Gottes verloren, sondern auch inn allen seinen krefften an Leib
vnd Seel also verderbet ist, das er fur sich selbs nichts guts zu thun mehr vermoͤchte vnd hernach alle, die von jhme gezeuͤget sein, auch inn solcher boͤsen art (daher vns denn S. Paul Kinder des Zorns von natur nent)Vgl. Eph 2,3. gezeuͤget sind vnd werden. Vnd aus disem ist nu erstlich klar, das die Suͤnde, welche denn das boͤse ist, dem Gott feindt ist, jhren vrsprung nicht
anfenglich hat von dem Menschen, sondern vom Teuͤffel. Der Mensch aber ist betrogen; vnd ist die Suͤnde durch solchen betrug inn den Menschen eingangen.
Dieweil nu der Mensch zu Gottes Bilde erschaffen ware,Vgl. Gen 1,27. jamerte Gott seines verderbens vnd erbarmet sich vber jhn vnd verhies jhme errettung von
Sünden vnd Tod durch des Weibes Samen nach seiner grossen Barmhertzigkeit, Genes. 3,Vgl. Gen 3,15. Ephes. 2.Vgl. Eph 2,4f. Den Teuͤffel aber verdammete er zum ewigen Gerichte vnd verdamnus nach seiner Strengen Gerechtigkeit.Vgl. Gen 3,14. Denn dieweil Gott nicht allein gerecht, sondern auch genedig vnd Barmhertzig ist, gezimmet sichs, das er sich vber den verfuͤhrten vnd betrognen menschen
erbarmet, den Teuffel aber, den vrspruͤng alles boͤsen, zum Gericht verdammet.
Also ist nu aus der Barmhertzigkeit Gottes die verheissung geschehen, das vns Gott durch des Weibs Samen erloͤsen wolde. Vnd dieweil er gerecht vnd die Gerechtigkeit selbs ist, kan er wider solche verheissung nicht handeln,
denn wenn er dem nicht huͤlffe, der seine Suͤnde erkennet vnd zu jme zuflucht hat, auff seine Verheissung, so thette er vnrecht, welchs jme Gott nimmermehr wirdt zumessen lassen; vnd daher kuͤmpt es nu, das der Heilig Geist in der Schrifft zeuget:bezeugt. Gott errette vns durch deineKonjiziert aus: seine. Gerechtigkeit, Psalm 51Vgl. Ps 51,16. et 71.Vgl. Ps 71,2. etc. Vnd auff dise weise redet S. AmbrosiusKonjiziert aus: Abrosius. von der
Gerechtigkeit Gottes Rom. 1 et 3.Vgl. Ambrosius von Mailand, In Epistolam Beati Pauli ad Romanos I,31f, in: PL 17, 58C–59A; ebd., I,46, in: ebd., 83C–D. Wiewol er sehr dunckel ist dem, der seiner rede nicht gewohnet. Es wird aber im 51. Psalm auch herrlich gesehen, in dem vers, da Dauid spricht: Errette mich von den Blutschülden, Gott, der du mein Gott vnd heiland bist, auff das meine Zunge deine Gerechtigkeit rhume.Ps 51,16. Denn da bekennet Dauid erstlich, das er durch vnschuͤldig Blut
uergiessen (daruon 2. Samu. 11.)Vgl. II Sam 11,15–17. den Todt verschuldet hette, dieweil aber Gott verheissen, er wolle huͤlff schaffen allen, die zu jm flihen vnd wolle selbs jr Gott vnd Heiland sein vnd sie durch seinen Son erretten, der dem Dauid verheissen ware, das er solt von seinem gebluͤt die Menscheit annemen etc.,Vgl. II Sam 7,12–16. so fleucht Dauid auff solche verheissung zu Gott vnd bittet
vmb errettung vnd spricht darbey, wenn jhm Got also helffe, wie er verheissen, so werde seine Zunge Gottes Gerechtigkeit kuͤnden rhuͤmen,Vgl. Ps 51,16.Anstatt einer Virgel findet sich hier eine geschlossene Klammer. das ist, er werde rhuͤmen duͤrffen vnd mit der that bezeugen, das Gott ein frummer vnd Gerechter Gott sey, der geneiget sey zu helffen allen, die auff seine genadenreiche verheissung zu jhme zuflucht haben.
Weitter, wiewol das auch warwahr. ist, das wir inn Suͤnden entpfangen vnd geborn sindVgl. Ps 51,5. vnd derhalben aus vnsern krefften nichts guts vermuͤgen, daher wir denn von Natur Kinder des ZornsVgl. Eph 2,3. sindt vnd der Straff des ewigen verdamnus wirdig, dennoch, dieweil Gott den Adam (als den betrogenen vom Teuͤffel), vns aber, als die wir durch frembde schuld zu solchem ver
derben kummen, wie Rom. 5. S. Paulus lehret,Vgl. Röm 5,12. aus genaden wider angenomen vnd seine hilff durch Christum verheissen, hat er die Straff, so billichrechtmäßig. solt vber vns gehn, von vns genomen vnd die auff seinen Sohn, des weibes Samen,Vgl. Gen 3,15. Jhesum Christum, vnsern Herrn geworffen, Jesaia 53,Vgl. Jes 53,4f. das derselbe, der es vermocht zu uͤberwinden,Vgl. Apk 21,7. solchs Gericht fur vns auß
stunde, damit also in disem theil dem Gericht Gottes (welchs man sonst nennet die gestrengen gerechtikeit) auch genug geschehe vnd wir endlich also erkenneten, das Got Warhafftig, frumm vnd Gerecht vnd lauter Barmhertzigkeit vnd Gerechtikeit sey, der vns gern helffen wolle aus allem verderben, darein wir vom Teuͤffel durch die Sünde vnd Adams vbertretung gefüh
ret sind. Vnd dise ist nu die Gerechtikeit Gottes, welche vns Gott im Euangelio offenbaret, Rom. 1,Vgl. Röm 1,17. vnd auch darbeuͤtdarbietet, schenkt. Ro. 3,Vgl. Röm 3,24. das wir auch durch die gerecht werden in Christo Jesu, wie er Gerecht ist. Darvon hernach weiter.
Also ist bißher erkleret, was die Gerechtikeit Gottes sey vnd wie wir
sie verstehn sollen, das sie geartet (denn also mus ich von des gemeinen volcks wegen darvon reden), nemlich, das Sie Got selbs sey, der also frumm ist, das Er vns von allem boͤsen helffen will vnd wider zu seinem Reich bringen etc. Nun ist aber zu mercken, das wir Got inn seinem wesen nicht erkennen, denn allein durch sein ewigs wort, welchs Got selbs ist, Johan 1.Vgl. Joh 1,1.
Denn Got erkennet sich selbs von ewikeit vnd bildet sich ab in solchem seinem erkentnus; solche bilde ist nu Gottes Son, die ewige Weißheit vnd Gerechtikeit Gottes,Vgl. I Kor 1,30. das ewige Wort, welchs ewig bey Got vnd Got selbs ist vnd doch Konjiziert aus: einander.ein ander Person denn der Vater. Von welchem viel gelehrte menner viel vnd wol geschriben haben. Vnd weil solche Schrifften gemeinallgemein bekannt.
sind, acht ichs von vnnoͤten, hie lenger zu erkleren (denn mein furnemen nicht ist, von der heiligen Trifeltikeit zu schreiben, sondern von Gottes Gerechtikeit). Solchs ewig vnd jnnerliche Wort Gottes wird vns durch das euͤsserliche wort, die heiligen Schrifft oder muͤndtliche Predig, furgetragen vnd erkleret, wie vns Gott, der Vater, solchs Wort, seinen eingebornen
Sohn,Vgl. Joh 1,14.18; 3,16.18. geschenckt habe, das er Mensch wurde one Sünde vnd vns vom fluch vnd verdamnus erloͤsete vnd durch seine Gerechtikeit vns widerbrechte zur Gerechtikeit, wie Psal 72Vgl. Ps 72,1f. gelehret wird etc. Wer nu diss jnnerlich Wort Gottes, Jhesum Christum, durch das euͤsserlich wort erkennet, der erkennet auch inn solchem wort Gott, den Vater. Denn er versteht, waswie. Got gegen
vns gesinnet ist vnd erkennet eine Fruͤmbkeit, Gerechtikeit, Guͤttikeit, Barmhertzikeit vnd Gnade, Libe vnd Trew, welchs alles Gott inn Christo offenbaret vnnd die Gotliche Natur in Christo selbs ist, welche denn mit dem Vater vnd dem heiligen Geist ein einiges, vnzertrentes Gotlichs wesen ist; vnd sind doch drey vnterschidne Person: Vater, Sohn, heiliger
Geist, aus welchen der Sohn Mensch worden ist vnd fur vnsere Sünd gestorben etc. Dieweil nu diss ewig wort Gottes, das die Menscheit an sich genomen one Sünde,Vgl. Joh 1,14. Got selbs ist vnd vns der Vater inn solchem seine Gerechtikeit offenbaret, welche Gerechtikeit sein Goͤttlichs wesen, in welchem Vater, Sohn, heiliger Geist ein einiger Got ist, wird solchs wort
Gottes genennet die Gerechtikeit Gottes, welche vns vom Tod errettet vnd von der Sünden reiniget, bis wir auch durch den leiblichen Tod der Sünden im Fleisch absterben vnd inn der Aufferstehung am Juͤngsten tage inn Herrlikeit wider auffstehen, da wir denn Christo, dem Herrn, inn seinem verklerten Leibe werden gleich sein etc.Vgl. I Kor 15,42–49; Phil 3,21.
Vnd aus disem wird nu offenbar, das der Herr Jhesus Christus, der vns von Gott worden ist zur Weißheit vnd Gerechtikeit etc., 1. Corint. 1,Vgl. I Kor 1,30. nach seiner Goͤttlichen natur allein die Gerechtikeit ist, der nun vnser Gerechtikeit ist vnd genennet wird, dieweil er vns vom Vater geschenckt ist. Vnd daher spricht auch Jeremias, Cap. 23 vnd 33, das man den Sohn Dauid nennen
werde: Der HERR, der vnser Gerechtikeit ist.Vgl. Jer 23,5f; 33,16. Denn wo er nicht der HERR, das ist: warer, wesentlicher Gott were, kundte er nicht die Gerechtikeit sein. Denn GOT ist die Gerechtikeit, wie bißher nach longsnach Länge = viel, breit, umfänglich. gehandelt ist.
Nach dem aber viel bisher wider dise Gerechtigkeit Gottes gestritten,
wil ich noch etzliche zeugnus der Schrifft hie anzeigen vnd sonsten mit einem oder mehr Argument beweren,verteidigen. Vgl. Art. bewehren 2), in: DWb 1, 1776. das Gott, oder das Goͤttlich wesen in Christo, die Gerechtigkeit sey, durch welche wir gerecht vnd ewig selig werden, vnd will hernach etzliche helleklare, deutliche. Vgl. Art. hell 10.b), in: DWb 10, 966. zeugnus der Beruͤmpten, christlichen lehrer auch mit anhengen, auff das meiniglichmeniglich = jedermann. erkenne, das dise lehre von
der Goͤttlichen Gerechtigkeit nicht new ist, sondern der gantzen Christlichen Kirchen lehre allezeit gewesen sey. Nach dem wil ich auch anzeigen, das vns Gott mit solcher seiner wesentlichen Gerechtigkeit in Christo Jhesu anzeucht,anzieht = bekleidet. Vgl. Eph 4,24. wie er zuuorn verheissen vnd wir one diese Gerechtigkeit Gott nicht muͤgen gefallen etc.Vgl. Röm 8,6–9.
Argument aus der heiligen Schrifft.
I.WJR sind Tod in Suͤnden vnd vbertrettungen, spricht S. Paul Ephes. 2.Vgl. Eph 2,1. Solchs ist nu von dem Tod der Seelen zu uerstehen; sollen wir nu gerecht werden, das wir recht thun kuͤnden, so muͤssen wir zuuorn das leben haben; solchs leben ist das ewige wort, der Son Gottes, der Mensch worden ist,
Johan. 1.Vgl. Joh 1,14. Jn jm war das leben, Johan. 14: Jch bin der Weg, die Warheit vnd das Leben etc.Joh 14,6. 1. Johan. 5: Das ist das zeugnus, das vns Gott das ewig leben gegeben hat,Konjiziert aus: ha. vnd solches leben ist in seinem Son; wer den Sohn Gottes hat, der hat das leben etc.Vgl. I Joh 5,11f.
Nu bezeuget S. Paul. Gal. 3, das, was vns lebendig macht, das macht vns
auch Gerecht, da er spricht: Wenn ein Gesetz gegeben were, das do lebendig machte, so were die Gerechtigkeit warhafftig aus dem Gesetz.Vgl. Gal 3,21. So nu das leben allein kumpt aus dem lebendigen wort, dem Son Gottes, der das leben selbs ist, so volget vnwidersprechlich, das auch die Gerechtigkeit allein kumme aus dem Son Gottes vnd das er die Gerchtigkeit selbs ist.
Zu mehrer erklerung setz ich dis Argument also, II.was vns lebendig vnd gerecht macht, das ist leben vnd vnd Gerechtigkeit. Aber Gott macht vns allein lebendig vnd gerecht in Christo Jhesu, darumb ist Gott allein in dem menschen Christo Jhesu das leben vnd die Gerechtigkeit.
Der HERR (das ist, das gantze Goͤtliche wesen) III.ist vnser leben,
Deuteronomij 30.Vgl. Deut 30,6.16.20. Darumb ist er auch vnser Gerechtigkeit.
Was vns treibetKonjiziert aus: tteibet. durch sein eigne krafft, das wirIIII. wollen vnd thun, was recht (das ist, was Gott gefellig ist), das ist die Gerechtikeit. Got aber allein treibet vns durch sein eigne krafft, das wir wollen vnd thun, das jm gefellig ist. Phil. 2: Gott ist, der in vns wircket bede, das wollen vnd vollbringenKonjiziert aus: verbringen.,Vgl. Phil 2,13. das
etwas geschehe, das jm gefellig ist. Darumb ist Gott allein die Gerechtigkeit.
Daher wil auch S. Paul. Phil. 3. nicht, das er erfundenbefunden, entdeckt. Vgl. Art. erfinden 4), in: DWb 3, 798f.V. werde, als der seine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz kuͤmpt, sondern in Christo Jhesu, vnd habe die Gerechtigkeit, die aus Gott ist, im glauben, die ist das Goͤttliche wesen in Christo, das ewige Wort, so von ewigkeit vom Vater
geborn wird,Vgl. Phil 3,9. denn der ist vns worden von Gott zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung vnd zur Erloͤsung 1. Cor. 1.Vgl. I Kor 1,30.
VI. Niemand ist Gut denn der einigeKonjiziert aus: enige. Gott, spricht Christus Matt. 19.Vgl. Mt 19,17; Mk 10,18; Lk 18,19. Darumb ist auch nimand gerecht denn der einig Gott. Es were denn, das Gerecht sein mindergeringer. Vgl. Art. minder 4.e), in: DWb 12, 2225. were, denn gut sein oder dargegen. Jst nu Got
allein gerecht, so ist er auch allein die Gerechtigkeit, nach der regel in deum non cadit accidens etc.
Dise zeugnus sind klar vnd krefftig, vnd wiewol ich jr noch viel mehr aus altem vnd newen Testamenten wiste anzuzeigen, wil ichs doch vmb kuͤrtz willen vnterlassen. Denn welchen dise nicht bewegen,überzeugen. den werden auch
die andern nicht bewegen, wie viel jr auch muͤgen fürgebracht werden. Denn solche leut achten der Schrifft nichts, sondern suchen nur jren Rhumb, den muͤgen sie haben vnd froͤlich mit sein. Aber Gott behuͤt die frommen einfeltigen darfuͤr, das sie nicht mehr auff Gottes wort sehen solten denn auff jren eignen Rhumb, der doch zuschanden wird vnd ewigs verdamnus
mitbringet. Wil derhalben nur noch eins setzen, welchs auch die vernunfft rechtsprechenrechtfertigen, als richtig ansehen. Vgl. Art rechtsprechen 2), in: DWb 14, 436. mus, vnd hernach der beruͤmpten lehrer zeugnus auch mit anhenge.
VII.Suͤnde vnd Gerechtigkeit, Todt vnd Leben, werden eins dem andern entgegen gesetzt; der Todt herrschet durch die Suͤnde, Rom. 5, das Leben
Herrschet durch die Gerechtigkeit.Vgl. Röm 5,17. Sol nu das Leben den Tod verschlingen,Vgl. Jes 25,8; I Kor 15,54. so mus es mechtiger sein denn der Tod, wie es den ist, denn es ist der Eingeborne Son Gottes vnd Gott selbst. Also auch: sol die Gerechtigkeit die Suͤnde verschlingen, mus sie auch mechtiger vnd groͤsser sein denn die Suͤnde. Nu helt aber die Suͤnde die gantze welt, das ist: alle
Menschen, gefangen vnd treibet sie zum Tode. Sol nu die Gerechtigkeit der gantzen welt Suͤn-de vberwegen,überwiegen, aufwiegen. vberweltigen vnd verschlingen, so mus sie ja mehr vnd groͤsser sein denn die gantze welt, das ist: sie mus infinita, vnmeslich vnd vnentlich, sein. Solchs ist aber nichts als Got allein; darumb mus die Gerechtigkeit Got sein, wie sie denn ist in Christo Jesu
vnserm HERRN. Wiewol nu dis Argument etwas schwer ist vnd noch viel erklerns beduͤrffte, hab ichs doch so kurtz lassen bleiben vmb deren willen, die etwas begern zu lernen, das sie vrsach haben, dem handel, jnen zum besten, weiter nachzudencken; wiewol es hernach in den spruͤchen, so ich aus Luthero vnd Pomerano etc. anzeigen wil, auch seine ausslegung hat, wie
ein fleissiger Leser bald mercken wird, wo er acht auff die wort Suͤnde vnd Gerechtigkeit geben will. Wollen nu der beruͤmpten Veter Zeugnus auch setzen.
Jreneus, ein Bischoff zu LugdunLugundum = Lyon. in Franckreich, PolicarpiPolycarp von Smyrna. discipel,Irenäus berichtet, er habe in seiner Jugend Polycarp noch gesehen, da dieser sehr lange gelebt habe. Vgl. Irenäus von Lyon, Adversus haereses III, 3,4 (FChr (8/3, 34,12–14). welcher Johannem den Euangelisten gehoͤret hat in seinem leben,Polycarp sei von den Aposteln unterichtet und von diesen als Bischof in Smyrna eingesetzt worden. Eine engere Beziehung Polycarps zu dem Apostel Johannes ließe sich eventuell aus den von Polycarp überlieferten Anekdoten aus dem Leben des Johannes entnehmen. Vgl. Irenäus von Lyon, Adversus haereses III, 3,4 (FChr 8/3, 34, 9–12 [zum Umgang mit den Aposteln]; 36,4–11 [die Anekdoten]). hat
gelebt vmbs jar Christi 180. Schreibt im 4. buch am 27. cap. Wie Christus der HERR das Gesetz nicht auffgehaben habe, noch vns gelehret, das dem Gesetz entgegen were vnd es auffloͤsete, sondern er hab vns das selbe erkleret vnd seine Erfuͤllung geleret (nu volgen seine wort), wie der HERR selbs spricht: Es sey denn, das ewr Gerechtigkeit mehr vberschwencklich sey, denn der
Schrifftgelerten vnd Phariseer, so werdt jr nicht ins Himelreich kummen. Was war aber das Mehr? Erstlich zwar nicht allein an den Vater gleuben, sondern auch an seinen Son, der jetzt offenbaret ist. Denn der ist es, der den menschen fuͤret in Gemeinschafft vnd einikeit mit Gott dem Herrn; vnd nach dem, das man nicht allein rede (vom Gesetz verstehe), sondern es
auch thue.Irenäus von Lyon, Adversus haereses IV, 13,1 (FChr 8/4, 96,20–26): (), sicut ipse ait: Nisi abundaverit iustitia vestra plus quam scribarum et Pharisaeorum, non intrabitis in rgnum caelorum. Quid autem erat plus? Primo quidem non tantum in patrem, sed et in filium eius iam manifestatum credere: hic est enim qui in communionem et unitatem Dei hominem ducit. Post deinde non solum dicere, sed et facere (). Mit disen wortten beschreibet er fein die Gerechtikeit, die wir haben sollen, nemlich, das sie sey Gemeinschafft mit Gott haben vnd mit Gott vereinigt sein, nicht das du allein die guͤtter mit Got gemein habest vnd er dein freund sey, sondern das du Gottes theilhafftig werdest vnd mit jhme ein Kuch seiest (wie D Luther gotseliger pflegt zu reden)Vgl. Anm. 298.; vnd wenn du
also mit Got eins vnd sein theilhafftig bist, das du anfahest, durch jhn zu thun, was das Gesetz foddert. Vnd das Jreneus der gestalt von der Gemeinschafft vnd vereinigung mit Got rede, ist aus seinen Schrifften vilfeltig zu sehen, sonderlich im 34. capitel des 4. Buchs, da er spricht: Gleich wie die, so das Liecht sehen im liecht, sind vnd entpfahen seine klarheit, also sind
auch die Got sehen jnnwendig inn Got vnd sind theilhafftig seiner klarheit; die Klarheit aber macht sie lebendig. Derhalben werden die des lebens theilhafftig, die Gott sehen, vnd darumb, da er nicht mochte ergriffen (oder gefast) werden, stelt er sich den menschen sichtbarlich, ergreifflich vnd das er muͤg gefast (oder begriffen) werden dar (Nemlich in Christo Jhesu seinem
Sohn, wie er vor disen worten lang gelehret hat), auff das er lebendig mache die, so jhn ergreiffen vnd sehen. Denn gleich wie seine groͤsse vnerforschlich ist, also ist seine guͤtte vnaussprechlich, durch welche er, wenn er gesehen wird, denen das leben gibt, die jhn sehen. Denn das man lebe on das leben ist vnmuͤglich; die selbstendikeit aber des Lebens
entspringet aus dem, das man Gottes theilhafftig wird. Die theilhaftigwerdung Gottes ist Got sehen vnd seiner Guͤtte sich gebrauchen. Derhalben werden die Menschen Got sehen, vnd werden durch das sehen leben vnd vnsterblich gemacht vnd gelangen biß inn Got hinein.Irenäus von Lyon, Adversus haereses IV, 20,5 (FChr 8/4, 162,14–26): Quemadmodum enim videntes lumen intra lumen sunt et claritatem eius percipiunt, sic et qui vident Deum intra Deum sunt, percipientes eius claritatem. Vivificat autem Dei claritas: percipiunt ergo vitam qui vident Deum. Et propter hoc incapabilis et incomprehensibilem et invisibilis visibilem se et comprenhensibilem et capacem hominibus preastat, ut vivificet percipientes et videntes se. Quemadmodum enim magnitudo eius investigabilis, sic et benignitas eius inenarrabilis, per quam visus vitam praestat his qui vident eum: quoniam vivere sine vita impossibile est, subsistentia autem vitae de Dei participatione evenit, participatio autem Dei est videre Deum et frui benignitate eius. So vern Jreneus. Damit dich aber das woͤrtlein Sehen nicht jrre,
so mercke, das er nach art der Griechischen sprachen redet, welche sehen fur erkennen vielfeltig gebrauchen. Jch hab es aber nicht wollen anderst Deuͤtschen, damit man nicht spreche, jch hett jhm seine wort verkeret, deß die Weldt ietz wol so vergifft vnd verboßt ist.
Jm Fuͤnfften Buch wider die Ketzer, am 302 blat, schreibt er sehr herrlich,
wie der fleischlich mensch geistlich werde, das ist: wie der Suͤnder Gerecht werde, vnd spricht vnter anderm: Welche nu das, so da heil macht vnd formiret ins leben, nicht haben, die werden volgents sein, vnd heissen auch fleisch vnd blut, nemlich, die den Geist Gottes nicht in jnen haben. Daher werden auch solche vom HERRN Todte genennet. Last die Todten (spricht
er) jre Todten begraben,Vgl. Mt 8,22; Lk 9,60. denn sie haben nicht den Geist, der den Menschen lebendig machet.Vgl. Joh 6,63. Wie viel jr aber Gott fuͤrchten vnd gleuben an die zukunfftWiederkunft. Vgl. Art. Zukunft I.5), in: DWb 32, 478. seines Sons vnd setzen durch den glauben den Geist Gottes in jre hertzen, dieselben die also sind, werden mit recht menschen genennet, vnd reineVgl. Mt 5,8. vnd geistliche,Vgl. I Kor 2,5; 3,1. vnd die, dodie, welche. Gott leben,Vgl. Röm 6,11. denn sie haben
den Geist des Vaters, der den Menschen reiniget vnd erhebt in das leben Gottes.Irenäus von Lyon, Adversus haereses, V, 9,1f (FChr 8/5, 74,18–76,8): Quotquot ergo id quod salvat et format in vitam non habent, hi consequenter erunt et vocabuntur caro et sanguis, quippe qui non habent Spirirtum Dei in se. Propter hoc autem et mortui tales a Domino dicti sunt: Sinite enim, inquit, mortuos sepleire mortuos suos, quoniam non habent Spiritum qui vivificat hominem. Quotquot autem timent Deum et credunt in adventum Filii eius et per fidem constituunt in cordibus suis Spiritum Dei, hi tales iuste homines dicentur et mundi et spiritales et viventes Deo, quoniam habent Spiritum Patris qui emundat hominem et sublevat in vitam Dei. Und nicht lang hernach am 303. blat:
Derhalben ist das fleisch on den Geist Gottes tod; vnd weil es das leben nicht hat, kan es das Reich Gottes nicht besitzen etc.Irenäus von Lyon, Adversus haereses V, 9,3 (FChr 8/5, 76,24f): Igitur caro sine Spiritu Dei mortua est, non habens vitam, regnum Dei possidere non potens (). Vnd am ende desselben blats:
Lasst euch nicht verfuͤren,Vgl. I Kor 6,9; 15,33; Gal 6,7. denn es sey, das das wort Gottes [nicht] in euch wone vnd der Geist des Vaters [nicht] in euch sey, so ists vmb sonst,einerlei. wie es auch gehe vnd jr gelebt haben muͤgt, denn dieweil jr also nur fleisch vnd blut seid, kuͤnd jr das reich Gottes nicht besitzen.Irenäus von Lyon, Adversus haereses V, 9,4 (FChr 8/5, 82,9–12): Nolite errare, quoniam, nisi verbum Dei inhabitaverit et Spiritus Patris fuerit in vobis, vane autem et prout evenit conversati fueritis, quasi hoc tantum caro et sanguis exsistentes, regnum Dei possidere non poteritis. Vnd solchs (sag ich) darumb, auff das wir nicht dem fleisch zu gefallen, die einpflan
tzung des Geistes verachten. Wer latein kan, mag den selben ort mit fleis lesen, denn er zu lang, hieher zu uerdeutschen were, so wird er wol sehen, was die lehre der alten Christlichen Kirchen, bald nach der Apostel zeit, gewesen vnd wer dieselben noch fuͤre oder nicht. O, cogitare iudicium vestrum, qui hanc respuitis.
Wie nun Jreneus schreibet von der Gerechtigkeit vnd Rechtfertigung, also lehret auch Clemens Alexandrinus, der mit Jreneo gelebt, vnd zu Alexandria in Aegypten der fuͤrnempste lehrer seiner zeit gewesen ist, denn er die Gerechtigkeit auch also beschreibet, das sie sey, das wir Gottes theilhafftig werden.Auf welche Aussage von Clemens sich Funck hier konkret bezieht, bleibt unklar. Dieweil aber diser scribent noch zur zeit wenigen bekand, wil ich,
damit das Büchlein nicht zu lang werde, der bekanten vnd mehr beruͤmbten Veter zeugnus fur mich nemen vnd Augustinum fuͤrfassen,vornehmen, hier im Sinne von: zitieren. Vgl. Art. vorfassen 4.b), in: DWb 26, 1027f. welches zeugnus allein genug sein solte, den vnuerstendigen zu lehren, wo man nicht mutwillig wolte zanck vnd hader suchen. Aber die zenckischen gehn jren weg, da sie hin wollen; wir wollen sehen, das wir bey der Warheit bleiben.
S. Agustinus hat die art an jme, wo er nicht getriben wird durch einen scharffen anhalter,Fragesteller. Evtl. auch im Sinne: Kontrahent. ist er (wie leider schier alle lehrer sind, so mit mancherley geschefften vnd grossen emptern beladen, daher sie nicht als so eben ermessen) zimlich vnbedacht; wil hiemit keinem sein lob genomen haben, sondern es den buͤchern zu bezeugen vnd verstendigen, ge
uͤbten Christen zu vrtheilen befehlen; daher es auch kuͤmpt, das die, so nicht acht auff die vmbstende der zeit, der Personen vnnd der handlungen selbs haben, leichtlich quid pro quo erwischen vnd als bald das ergste als das beste erwelen. Wo er Konjiziert aus: abergedrungen.aber gedrungen wird, also das er der sach in grunde recht nach suͤchen mus, da ist er gewaltig vnd vnuͤberwindlich. Solchs mus ich
melden, auff das man wisse, das volgende Disputation auch dermassen heraus genoͤttiget ist. Denn er sonst an vilen oͤrtern auch menschlich genug (wils nicht anders nennen) von der Gerechtigkeit redet, wiewol es leichtlich auch mag verteidiget werden, wenn mans vngefehrlichunparteiisch, redlich. Vgl. Art. ungefährlich 2), in: DWb 24, 661. auslegen vnd nicht viel mehr zanck vnd hader anrichten wolt.
Nu schreibt er in der 85. Epistel an Consentium, welcher ein Bischoff in Africa gewesen vnd jm die Frage fuͤrleget, wie es keme, das der Mensch lebete durch die Gerechtigkeit, dieweil doch (als die vernunfft von der Gerechtigkeit dichtet) die Gerechtigkeit selbs nicht lebet, denn die vernunfft helts fuͤr ein geschicklikeit des gemuͤtz, wie droben erkleret,Anstatt einer Virgel findet sich hier eine geschlossene Klammer. oder ob die
Gerechtigkeit, dardurch der mensch lebet, fuͤr Got etwas anders sey denn die vernunfft daruon helt etc. Auff solche Frage antwortet Augustinus auff volgende weis:
Jch halte es darfuͤr, das dichs vngereumbtungereimt. sein duͤncke, das man durchs Leben lebe, so doch das Leben selbs nicht lebete. So aber das Leben selbs
fürnemlich lebet, aus welchem alles lebet, das do lebet, so bedencke, bitt ich, welche Selen nennet die Schrifft todte?Vgl. Mt 8,22; Lk 9,60. So wirstu warlich finden, das es sind die Vngerechten, Gottlosen, Vnglaubigen; denn ob gleich wol der gotlosen leybe durch Sie (die Selen) leben, von welchen gesagt ist: das die todten jhre todten begraben sollen,Vgl. Mt 8,22; Lk 9,60. vnd daselbs verstanden werden mus,
das auch die vngerechten Selen nicht on ein leben, wie es sein mag, sind (denn sonst kundten die leibe von jhnen nicht das leben haben, wo sie nicht ein leben hetten, wie halt das sein mag, des auch die Selen nicht kunden mangeln, daher sie denn auch billich vnsterblich genennet werden). Dennoch werden sie nicht vmb etwas anders willen todt genennet, denn das sie die
Gerechtikeit verlorn haben (vnd warumb das?). Denn dieweil auch der Selen (die doch vnsterblich inn einem leben, wie es sein mag, lebend sind) warhafftigers vnd groͤssers leben ist die Gerechtigkeit, als ein leben alles lebens. Welche (Selen), dieweil sie inn den coͤrpern sind, sind auch die coͤrper selbstKonjiziert aus: sels. lebendig, die doch fur sich selbs nicht leben kuͤnden.
Derhalben: so die Selen nicht kunden denn inn sich selbs, wie es sein mag, leben, sintemal aus jnen die leibe leben vnd wenn sie von jhnen verlassen werden sterben, wie viel mehr mus man nu verstehn, das die ware Gerechtikeit auch inn jhr selbs lebe, aus welcher die Selen also leben, das sie, so sie die verlieren, todt genennet werden. Wiewol sie eins lebens, wie es
gleich sein mag, nicht auffhoͤren zu leben. Aber dieselbe Gerechtigkeit, die inn jhr selbs lebet, ist one zweiffel GOT, vnd lebet vnwandelbar. Wie aber, dieweil Er in jhme selbs das leben ist, auch vnser leben wird, wenn wir sein theihafftig gemacht werden, also dieweil Er inn jhm selbs ist die Gerechtikeit, wird er auch vnser Gerechtikeit wenn wir jhm anhangend recht
leben. Vnd so vil mehr oder minder sind wir Gerecht, wievil mehr oder minder wir jhm anhangen. Daher ist geschriben von dem Eingebornen Sohn Gottes, dieweil er jhe ist des Vaters Weißheit vnd Gerechtikeit, vnd ist jmmerdar in sich selbs, das Er vns worden sey von Gott zur Weißheit vnd Gerechtikeit vnd zur Heiligung vnd Erloͤsung.Vgl. I Kor 1,30. Daher, wie geschriben ist:
wer sich rhuͤmet, der rhuͤme sich im HERRN.Vgl. I Kor 1,31; Jer 9,22f. Welches du zwar selbs gesehen hast, da du hinzu setzest vnd sprichst: Es sey denn villeicht, das man nicht dise der menschlichen billikeit,Rechtmäßigkeit. Vgl. Art. Billigkeit, in DWb 2, 29. sondern jene, die GOT ist, allein dafur halte, das sie die Gerechtikeit sey.() nisi forte non hujus humanae aequitatis, sed illa quae Deus est, sola asseratur esse justitia. Augustinus, Epistolae CXIX (Consentius ad Augustinum), 5 (PL 33, 451). Es ist ja der selbe hoͤchste Gott die ware Gerechtikeit, oder derselbe ware Got die hoͤchste Gerechtikeit,
nach welcher vns warlich hungern vnd duͤrsten solle,Vgl. Mt 5,6. dieselbe ist in disem elendeDas Dieseits verstanden als Fremde, als Ausland und Verbannung; im Gegensatz zur himmlischen Heimat. Vgl. Art. Elend 1), in: DWb 3, 406; Joh 14,2. (da wir PilgramVgl. Ps 39,13; I Petr 2,11. sind) vnser Gerechtigkeit, mit welcher wir hernach gesetigt werden; dieselbe ist in der ewikeit vnser volkommene Gerechtigkeit. Derhalben sollen wir nicht gedencken, das Gott vnserer (der menschlichen versteh) Gerechtigkeit gleich sey, sondern sollen viel mehr
gedencken, das wir souiel mehr Gott gleich sind, wie viel wir, durch das wir sein theilhafftig werden, kuͤnden Gerechter sein etc.Vgl. Augustinus, Epistolae CXX (Ad Consentium), IV,18f (PL 33, 461). Dis ist nu die lehre Augustini von der Gerechtikeit, in der wir ewig Leben. Es ist aber Augustinus gestorben anno Christi 434.Augustinus verstarb im Jahr 430. Wenn du nu seine meinung mit des Jrenei fleissig bewigest, wirstu wol sehen, wie schoͤn vnd herlich sie mit
einander stimmen. Wollen nu anderer meinung auch hoͤren.
Basilius, ein sehr beruͤmbter Lehrer vnd Bischoff inn Asia, hat gelebt inn grossem beruffBerufung, Amt. Vgl. Art. Beruf 2), in: DWb 1, 1530. Zu Luthers Verständnis von Beruf und Berufung vgl. Mau, Beruf und Berufung. vmb die jahre Christi 370 bis in das jar 380 etc.;Basilius von Caesarea war einer der hervorragendsten Theologen des 4. nachchristlichen Jahrhunderts. Er lebte von ca. 329 bis 379. Vgl. Wolf-Dieter Hauschild, Art. Basilius von Caesarea, in: TRE 5 (1980), 301–313. der schreibet von der Gerechtikeit vber den anfang der spruͤche Salomonis also: Es ist aber eine Gerechtikeit, welche zwischen vns im
schwang geht, nemlich: die außteilung der billikeit; vnd wiewol wirKonjiziert aus: wit. die nicht volkommenKonjiziert aus: volk@men. erlangen, dennoch, wenn wirs mit rechtschaffnem gemuͤt thun, weichen wir nicht vom ziel. Es ist aber ein andere (Gerechtikeit), welche vom Himel, von dem Gerechten Richter, eingefuͤrt wird, die do Bessert vnd Vergilt. WelcherDeren (der Gerechtigkeit). erforschung gros vnd schwer ist, von wegen der hoͤhe der
lehre, welche inn jhr verborgen ligen. Denn das, halt ich, wolle der Psalmist sagen: Deine Gerechtikeit sind wie die Berge Gottes.Vgl. Ps 36,6. Derhalben verheist er (Salomo), das er wolle dise, die warhafftig ist, die ware vnd GOTLJCHE GERECHTJKEJT, offenbaren denen, die sich vben inn der lehre, so inn seinen spruͤchen begriffenenthalten. etc.Konnte bislang nicht verfiziert werden. Dise wort wiewol jhr wenig sind,
dennoch zeuͤgen sie gewaltig, das die ware Gerechtikeit Goͤtlich sey vnd vom himel kumme.Konjiziert aus: kHme. Jtem: das sie bessere, nemlich den, der sie auffnimpt, vnd vergelte dem, der jhr widerstrebet etc. Welchs alles Gottes allein ist vnd keiner Creatur, wie die heilig Schrifft allenthalben zeuͤget. Darumb mus die Gerechtigkeit Got selbs sein wie auch Augustinus lehret.
Sedulius, ein geborner Schotte, aber ein weit beruͤmbter man, inn Ebreischer, griechischer vnd Lateinischer sprache wol gelehrt, hat gelebt zur zeit Au-ustini.Es ist unklar, auf wen sich Funck hier konkret bezieht. Ein Ire, Sedulius Scotus, verfasste verschiedene Schriften, z. B. über die paulinischen Briefe (Collectanea in omnes B. Pauli epistolas) und die Evangelien (Expositio brevis in Evangelia; Explanationes in Praefationes S. Hieronymi ad Evangelia), lebte jedoch im 9. Jahrhundert. Vgl. PL 103, 9–352; H. Zimmer, Art. Keltische Kirche in Britannien und Irland, in: RE3 10 (1901), 204–243, bes. 211,20–26.
Ein christlicher Schriftsteller mit Namen Sedulius und vermutlicher Zeitgenosse Augustins verfasste ein Ostergedicht (Paschale carmen). Vgl. Karla Pollmann, Art. Sedulius, in: RGG4 7 (2004), 1089. Der fuͤret einen spruch aus Origene (welcher nicht lang nach Clemente,Clemens von Alexandrien. des droben gedacht, inn Aegipten vnd sonst in grossem ansehen gewesen ist)Origenes lebte von ca. 185/86 bis ca. 253/254. uͤber die Epistel zun Roͤmern Cap. 3. Origenes
spricht vom Gesetz: Wie Got selbs die Gerechtikeit ist, aus welchem alle Gerechten werden vnd die Warheit vnd das Leben, aus welchem sie alle leben, also ist er auch selbs das Gesetze ,aus welchem sie alle im gesetze sind etc.Vgl. Origenes, Commentarius in epsitolam beati Pauli ad Romanos III,6, in: PG 14, 939C. Diser spruch, ob er wol ein hohe Disputation vom Gesetz inn sich begreifft, welche von wenigen verstanden, so zeFget er doch klar, das Got
selbs die Gerechtikeit, Warheit vnd Leben sey; solchs aber inn Christo Jhesu seinem Sohne. Wie denn Origenes vber den Propheten Jesaiam inn der fFnfften Predig auch darvon redet, da er Christum nennet die lebendigen Gerechtikeit, die do sey Vnigenitus Dei Der Eingeborne Gottes. Vnd spricht ferner: Quia autem non solum ab Apostolo ortum est Christum esse
Justitiam et viuentem et subsistentem iustitiam, sed inuenies et a propheticis sermonibus hoc nobis mysterium exhibitum.Vgl. Origenes, Homiliae in Visiones Isaiae V,1, in: PG 13, 234C. Das ist: Dieweil es aber nicht allein von dem Apostol [sic] seinen vrsprung hat, das Christus sey die Gerechtikeit vnd die Lebendige vnd selbstendige (oder selbßwesende) Gerechtikeit, sondern wirst es auch finden, das diss geheimnus auch aus den
Prophetischen reden vns ist mitgetheilet etc. Vnd bald hernach spricht er: Vocauit iustitiam. Manifestum est animalem eam esse si ambulet vocata. Vocauit autem Christum Pater, quo ob nostram salutem ad nos iter faceret et descenderet de coelo ad nos etc.Vgl. Origenes, Homiliae in Visiones Isaiae V,1, in: PG 13, 234D. Das ist: Er hat der Gerechtikeit geruffen. So ists offenbar, das sie mus lebendig sein, so sie wandelt, wenn man
jhr ruffet. Es hat aber der Vater Christo geruffen, das er von wegen vnsers heils zu vns gienge vnd stiege herab vom Himel zu vns etc. Aus solchem versihe ich mich nu, sol man sehen, was die alten Lehrer von der waren Gerechtigkeit gehalten haben. Vnd wiewol der zeugnus aus andern auch m=chten mit eingefFret werden, jedoch weil mir dis BFchlein lenger
wFrde, denn es von mir furgenomen, wil ichs bey disen lassen beruhen. Vnd nu nicht einzeliger lehrer, sondern der gemeinen Christlichen Kirchen zeugnus eins oder zwey anzeigen, vnd hernach deren, so kurtz zuuorn vnd zu vnsern zeiten gelebt vnd zum theil noch leben, zeugnus auch fFren etc.
Nach der zeit Augustini, als die Heiden allenthalben das Roͤmisch Reich
zurissen,zerrissen, teilten. wuͤrden Konjiziert aus: vntersolchem.vnter solchem wesen viel verduncklung der rechten lehre vnd mehr auff eusserliche heilikeit der Orden etc. gesehen, denn auff den waren grund der Lehre; damit aber dennoch dem HERRN Christo sein theil auch bliebe, ist noch die reine lehre bede, in gesangen vnd gebeten, in der Kirchen gebliben, wiewol viel vntuͤchtigs darneben eingelauffen,aufgebracht, mit unterlaufen. Vgl. Art. einlaufen 4), in: DWb 3, 222. doch
haben die, so mit fleis die wort der Schrifft, so da gelesen, vnd der gebet sampt der gesenge gebrauchet, leichtlich sehen muͤgen, das sie one Gottes Geist vnd krafft nichts vermoͤchten zu thun, das recht were. Derhalben sie auch on den Geist Gottes Gott nicht kuͤndten gefallen, haben darumb mit fleis muͤssen streben, wie sie durchs wort Gottes den heiligen Geist
bekemen, der sie jm Erkentnus Christi vnd alles guten erleuchtet vnd in allen guten wercken leitet etc. Daher denn dise vnd dergleichen gebet in der Kirchen geblieben sind.
Am Pfingstage: Gott, der da hast am heutigen tage die hertzen der gleubigen durch die erleuchtung des heiligen Geistes gelehret, gib vns in dem
selbigen Geist das zu uerstehn, was recht ist, vnd seines trostes alzeit zu frewen durch Jhesum Christum etc.Missale Romanum [Venedig 1570, p. 145r] Dominica Pentecostes, Oratio: Deus qui hodierna die corda fidelium sancti spiritus illustratione docuisti: da nobis, in eodem spiritu recta sapere, et de eius semper consolatione gaudere. Per dominum in vnitate eius.
Jtem am V. Sontag nach Ostern: Gott, von dem alles gute kuͤmpt, verleihe den gedemuͤtigten vnter dich, auff das wir durch dein Einsprechen gedencken, was recht ist vnd durch deine regirung dasselbige thun, durch
Jhesum Christum etc.Missale Romanum [Venedig 1570, p. 139v] Dominica quinta post pascha, Oratio: Deus, a quo bona cuncta procedunt: largire supplicibus tuis; vt cogitemus te inspirante qu£ recta sunt: et te gubernante, eadem faciamus. Per do.
Pro pace: Gott, von welchem herkummen gute begirden, rechter Radt vnd gerechte werck, gib deinen Knechten den friede etc.Missale Romanum [Venedig 1570, p. 266r] Missa pro pace, Oratio: Deus, a quo sancta desideria, recta consilia, et iusta sunt opera; da seruis tuis illam quam mundus dare non potest pacem .
Jtem am Sonnabent Reminiscere: Wir bitten dich HERR, kum zuuor mit deinem Einsprechen vnserm thun vnd verbringlass es uns vollbringen, lass es uns ausführen. Vgl. Art. verbringen 2.c), in: DWb 25, 174. es mit deiner hilffe, auff
das alle vnsere werck von dir allzeit werden angefangen vnd durch dich volendet, durch Jhesum Christum etc.Missale Romanum [Venedig 1570, p. 40v] Sabbato Quatuor Temporum Quadragesimae: Actiones nostras quaesumus, Domine, aspirando praeueni, et adiuuando prosequere: ut cuncta nostra oratio et operatio semper a te incipiat, et per te coepta finiatur. Per. Solcher gebete sind nu sehr viel in den Mesbuͤchern, die man durch die gantze Roͤmische Kirche gebraucht, welche alle bezeugen, das Gott vnser Gerechtigkeit sey. Denn sie bekennen, wir kuͤnden one jn nichts guts noch rechtes gedencken noch thun, sondern es
kumme alles von jme, durch Jesum Christum, vnsern HERREN etc.
Das man aber nicht gedencke, Got wirck solches wollen vnd thun in vns effectiueZur effektiven Rechtfertigung entsprechend Osiander vgl. OGA 10, Nr. 488/496, S. 55–62. vnd bleibe er draussen, also das wir der Goͤttlichen Natur nicht auch theihafftig sein mGsten, sollen wir was guts gedencken vnd thun, hats der heilig Geist auch wol furkummen vnd nicht allein in der Bibel, sonder
auch in gemeinen Gesengen der Kirchen eroͤffnet. Denn also singt man in dem sequentz zur hohen Messe am Christag: Christe, du eingeborner des Vaters, der du vmb vnsernt willen menschlich gestalt an dich genomen hast, erquicke widerumb deine vnterthenige Bitter vnd deren du dich theilhafftig zu werden nicht verschmehet hast. Jhesu nim auff jr gebet.
Auff das du sie, o Gott, theilhafftig zu machen deiner Gottheit, wirdigest, du einiger Gottes [sic].Konnte leider bislang nicht verifiziert werden. Desgleichen lautet auch das Gesang O admirabile commercium: O, wie ein wunderbarlicher handel ist das, der Schoͤpffer des menschlichen Geschlechts, als er an sich name den lebendigen leib, hat er nicht verschmehet, von einer Jungfrawen geborn zu werden, vnd ist herfGr
gangen ein Mensch on Mannes samen, vnd hat vns miltiglich mitteilt seine Gotheit.Konnte leider bislang nicht verifiziert werden.
Das aber der heilig Geist in vns sein muͤsse vnd wir on seine gegenwertigkeit nichts vermuͤgen noch gelten, zeuget das Pfingstgesang Veni sancte spiritus et emitte caelitusKonjiziert aus: celtus. etc., da vnter anderm gesungen wird:
O Lux beatissima, reple cordis intima tuorum fidelium, sine tuo numine nihil est in homine, nihil est innoxium etc.Wackernagel I, 105 (Nr. 160). Das ist: O du allerseligstes Liecht, erfuͤlle des hertzen inwendigste deiner gleubigen. On deine Gottheit ist nichts im Menschen (das tauge), nichts ist vnstrefflich etc.
Vnd dis stimmet alles mit der heiligen Schrifft, die do spricht, wir werden
theilhafftig der Goͤttlichen Natur durch den glauben an Christum, 2. Pet. 1.Vgl. II Petr 1,4. Vnd wer den Geist Christi nicht hat, der ist nicht Christi, Rom. 8.Vgl. Röm 8,9. Wo aber der Geist Christi ist, da ist auch Christus mit Gott seinem Vater, denn die Gottheit ist nicht getheilet, daruon die Alten ein feine regel gehalten, das wo man eine Person der Gott-heit setze, das sie sey oder wircke in der
Creatur, da sein sie alle drey zu uerstehn,da ist die Trinität vollständig vorhanden. denn die werck der Trifaltikeit, wenn sie sich erstrecken in die Creaturn, so sind sie vngeschiden, also, das wo ein person wircket, da wircket die ander auch, wie Christus spricht Johan 5: Was der Vater thut, das thut zugleich auch der Son etc.Vgl. Joh 5,19. Wer nun dise lehr verdammet, der verdammet ja den heiligen Geist, die Aposteln vnd die
gemeine Christliche Kirchen. Darumb vermane ich einen jeden, wer er sein mag, hohes oder nidriges standes, er wolle zuuor wol erwegen, was er vrtheil, ehe denn er also vnbesunnen, wie etzlichen widerfahren, heraus rumple vnd lade damit das ewig Gericht auff sich, denn mit was Mas jr messet wird man euch wider messen, spricht die Warheit Matt. 7.Vgl. Mt 7,2. Wollen nu der nehern zeit
lehrer auch hoͤren etc.
Johannes Taulerus, ein weitberuͤmpter lehrer vnd Doctor der Schrifft, hat gelebet vmbs jar Christi 1340Johannes Tauler lebte von ca. 1300 bis 1361. vnd etwas hernach, der hat vberaus gewaltiglich gelehret, wie der Mensch muͤsse mit Gott vereinigt werden vnd alles in Gott suͤchen etc., vnd ist derhalben von D. Luthero vnd andern Christ
gelehrten hochgeruͤmpt worden. Der schreibet von der Gerechtigkeit, heilikeit vnd wie wir vernewert werden in der warheit kuͤrtzlich also. Vber das Euangelium am 19. Sontag nach Trinitatis am ende: Alle vnsere heilikeit vnd Gerechtigkeit ist ein vngerechtigkeit, ein vnreinikeit vnd ein vnmuͤssigs ding, das man nit nennen getardarf. vor den augen GOTTES. Es mus aber sein
nach seiner Gerechtigkeit vnnd heilikeit, nit in vnseren weisen vnd worten oder ichts des eussern, sondern in Jhme. Das wir also Jn Jhm inn der Warheit ernewert werden vnd in Jhm funden, das helff vns Got.Sermones: des hoch || geleerten in gnaden erleüchten do || ctoris Johannis Thaulerii sannt || dominici ordens die da weißend || auff den n#chesten waren weg im || gaist zů wanderen durch überswe || bendenn syn. von latein in teütsch || gewendt manchem menschenn zů || s#liger fruchtbarkaitt. || [Augsburg: Johann Ottmar, Johann Rynmann, 1508] (VD 16 J 783), 154r. Wie aber der Mensch darzu kummen muͤge, das er inn Gott erfunden werde, lehret Er lieblich in der Predig von eins Christlichen lebens schickung auch am ende.
Vnd wiewol es etwas Muͤnchisch lautet, wie man denn da ein weiß zu lehren geführet, so ist es doch dahin geredt,so ausargumentiert. das sich der Mensch gantz vnd gar verlaugne vnd an Christum henge, das er mit jme vereiniget werde etc. Vnd mag ein jeder Christ die wort wol bewegen, denn sie nicht so leerinhaltslos. Vgl. Art. leer 7), in: DWb 12, 510. sind, als sie einfeltig lauten, nu spricht er also:
Vnd darumb, so sollen jhr euch sunderbar mit aller ewer andacht aufftragenanvertrauen, überantworten. Vgl. Art. auftragen 6), in: DWb 1, 762. inn die Heiligen, edlen Leibzeichen vnsers Herrn Jhesu Christi. Zum ersten solt jhr ewre begirliche Krafft aufftragen vnd begraben inn die wunden des heiligen Lincken Fuss. Vnd darnach ewre Zornliche krafft inn die wunden des Rechten Fuss. Darnach ewren freien willen legen in die
wunden der Lincken Handt. Darnach nemet ewre manchfeltikeit ewer sinnlichen krafft vnd sencket euch zugrund mit der Vernunfft in die wunden der rechten Handt. Darumb, (auff) das der ewig Gottes Sohn, Christus Jhesus, vnser HERR, euch berichtemit seinem Leib und Blut im Sakrament des Abendmahls versehe. Vgl. Art. 2.c), in: DWb 1, 1522. vnd regiere euͤren jnnwendigen Menschen mit seiner Goͤtlichen Krafft. Vnd denn fliehet mit ewer liebhaben Krafft in das
Goͤtlich auffgethan liebhabend Hertz vnsers Herren. Darumb, (auff) das er euch gantz mit Jhm vereine vnd ewer lieb vnd meinung zu grundvollständig. abzieheabwende. von allem dem, das Er nit Leuterlichen vnd wesentlichen ist. Darumb, (auff) das er euch zumal gantz inn Sich ziehe, mit allen ewren krefften, jnnwendig vnd außwendig.geistlichen und körperlichen. Vnd darumb sollet jhr die grosse vbermes
sungübergroße Bedeutung. der manchfeltigen wunden vnd bittern Leidens vnsers Herrn vnd sein hertes, bitters Sterben alle zeit mit grossem fleiß, jnnwendig vnd außwendig, uͤben. Darumb, das wir alle eingefurt werden hie durch, on mittel,ohne ihrendeine Hinderung. Vgl. Art. Mittel 8.e), in: DWb 12, 2386. in die lauteren vereinigung Gottes, das wir hie besitzen das ewig Leben.Vgl. Tauler, Predigten (1508), 207r.
Was aber fur Herrlikeit der Mensch durch die vereinigung mit Got habe,
lehret er an vilen orten gewaltiglich, aber furnemlich inn der Sermon am 15[.] Sontag Trinitatis vom Reich Gottes: Diß Edel Reich ist eigentlich inn dem aller jnnersten grund des Menschen, das ist also: Wenn der Mensch mit aller uͤbung den euͤsserstenfleischlich, weltlich gesinnten. menschen zeuhet inn den jnwendigen,geistlich gesinnten. vernufftigen menschen, vnd dise zwen menschen (das sind die Sinnlichen krefft vnd
die vernufftigen krefft) sich zumal einmuͤtiglich aufftragen inn den allerinwendigsten menschen, das ist: inn die verborgenheit des Geistes (da das ware Goͤtliche bilde inne leidt) vnd sich allezeit erschwingetEigentlich: aufschwingen (vgl. Art. erschwingen 5), in: DWb 3, 979), hier jedoch eher gemeint: versenken. in den Goͤtlichen abgrund Gottes, inn dem er waswar. ewiglich in seiner vnbeschaffenheit. Vnd wenn der Barmhertzig Gott den menschen also findet
inn seiner lauterkeitReinheit der Gesinnung. Vgl. Art. Lauterkeit 2), in: DWb 12, 385; Art. lauter 8), in: DWb 12, 381. (das ist: das er sich gantz fur nicht helt vnd gantz vnd gar Got ergibt) vnd inn der bloßheitEigentlich: Nacktheit. Hier jedoch eher: vollständigen Hingabe. zu jhm gekeret, so neiget sich der Goͤtlich, veterlich abgrund vnd sinckt inn den lautern zuge-kerten grund (der Selen oder des Geistes), vnd daNach Tauler, Predigten (1508) konjiziert aus: der. vberformiert er den geschafnen grund vnd zeuͤcht in jhn die vngeschaffenheit, das der lautter Geist des
menschen also Eins mit jhm wird, moͤcht es sein, das sich der Mensch selbs sehen moͤchte, so sehe er sich so vber edel in Got, das er gantz wenete,wähnte, annähme. er were selbes Gott. Vnd darzu alle gedancken vnd wort vnd werck der menschen, vnd darzu alles, das jhe geschach,geschehen ist. das solstu darinn alles warlich bekennen vnd sehen, ob du anders in diß Reich moͤchtest kummen.
WannDenn. in disem Adel were alle sorgfeltigkeit aus- vnd abgefallen etc.Vgl. Tauler, Predigten (1508), 142v.
Vnd in der Predig am Sontag Septuagesimae spricht er von dem Weinstock vnd trauben (das ist: von den Christen vnd den fruͤchten deren, so durch Christum mit Got vereinigt sind): Ach, der seinen Weinstock also bereitenvorbereiten, bearbeiten. kundte, das die ewige, goͤttliche Sonne darinn wircken vnd gescheinen
moͤchte; wie zart, wie Edel, wie wunnigliche frucht solt die ewige Sonne aus dem Menschen ziehen, denn dazumal scheinet die lieblich Sonne vnd wirckt in disen edlen Treuͤblein vnd thut (das ist: macht) sie denn minniglichenHendiadyoin: schön, anmutig. Vgl. Art. minniglich 1), in: DWb 12, 2245f. vnd schoͤn blüehen. Dise Blumen seind vol von disem edlen, gutten geschmack, der alle vergiftnus vertreibet, da die ewig, goͤttlich Sonne disen
Grund vnmittenlichdirekt. beruͤrt, auch inn aller freiheit der Fruͤchte, die do außgezogenhervorgebracht. Vgl. Art. ausziehen 10), in: DWb 1, 1039. wird, jnnwendig vnd außwendig, vnd bluͤet denn so wunniglich vnd adelichherrlich. in einem lautern Gottes meinen (das ist: das man Gott nur allein suchet vnd seine Ehre), das dann so wunderlicher, adelicher, lieblicher geschmack vnd geruch davon gehet vnd außdringet, das von
nothgezwungen, notwendigerweise. Vgl. Art. Noth B.II.6.a), in: DWb 13, 916. alle vergifftnus der alten SchlangenVgl. Gen 3. hinweg flihen mus. Ja, hetten alle Teuͤffel geschworn, die inn der Hellen seind, vnd darzu alle Menschen, die auff Erdrichder gantzen Welt. Vgl, Art. Erdreich 3), in: DWb 3, 776f. sind, sie kundten dem lauteren Gottes meinenden (der Got mit ernst sucht etc.) vnd Got liebenden Menschen zumal nicht schaden, jhe mehr sie sich fleissenbefleißigen, bestrebt sind. jhm zu schaden, so er jhe tieffer vnd
hoͤher erhoͤcht wirdt inn Gott, mit allen seinen krefften. Vnd wurde diser Edler Mensch, eins mit diser Adelichen Bluͤe,Nach Tauler, Predigten (1508) konjiziert aus: Bluͤest. gezogen inn den Grundt der Hellen, es muste da ein Himmelreich vnd Got vnd ewige Selikeit inn der Hellen werden.Vgl. Tauler, Predigten (1508), 27v. Es wurde zu lang, solt ich seine wort alle setzen. Jnn Summa schleuͤst er disen Sententz mit disen wortten: Dise Goͤtliche Sonne
scheint viel klerer denn alle Sonnen an dem Himel jhe geschienen. Vnnd wird darinnen alle des Menschen Weiß vnd Geberd vnd Werck vergoͤtet,vergöttlicht. das er keines dings als warlich entpfindt als Gottes, inn einer wesentlichen weise, doch etwanNach Tauler, Predigten (1508) konjiziert aus: ertwan. ferr vber die vernufftig weiß, die doch nicht durch jhn muͤgen außgesprochen werden, wannda. es zu tieff vnd zu hoch wer vber
aller menschen vernufft zu betrachten vnd zu erkennen etc.Vgl. Tauler, Predigten (1508), 27v.
Wiewol nu der Mensch, der sich also inn Christum ergibt vnnd durch jhne mit Gott vereinigt wirdt, warhafftig solche Herrlikeit inn dem Glauben bekummet vnd besitzet, so ist es doch inn disem Leben noch verborgen fur der Weldt, vnnd werden die, so sich der Herrligkeit GOTTES rhuͤmen, gar
fur verechtlich inn der Weldt gehalten. Darumb schreibet auch TAVLERVS von solchen ein schoͤne gleichnus in nechstgedachtereben zitierten. Predig mit volgenden worten: Disen hohen, vberedlen menschen geschicht recht alswie. dem Weinholtz,Holz des Rebstocks. das ist auswendig schwartz vnd hert vnd durr vnd gar schnoͤd, vnd ob es dem menschen nit bekand were, so deucht jn, diss holtz
wer niemands nuͤtz noch gut, dann allein in das Fewr zu werffen vnd zu uerbrennen. Aber in disem duͤrren holtz der Reben, da sind in dem grund jnne verborgen die lebendigen adern vnd die Edle krafft, da die aller edleste suͤssikeit austreufft vnd fruͤcht auskummet vor allem holtze, das do wechst vnd frucht bringet. Also auch dem inniglichen, versinckten volck (das an jm
selbs verzaget) vnd das also allezeit vnd stuͤnd in Gott versencket ist, das ist auswendig an dem schein als ein verdorben holtz vnd schwartz, vnd scheinet den menschen duͤrr vnd vnnuͤtz, wann dise menschen seind demuͤtig vnd inwendig vnd auswendig klein vnd vnachtbar, vnd sind auch weder von grossen worten noch wercken, noch von auffsetzengeübt in Spitzfindigkeiten. mit Geistlichen weisen
(wie die Muͤnch vnd Orden etc.), vnd seind die minstengeringsten. in jrem theil. Aber die lebendigen Adern, die in jnen verborgen liegen, in dem grund der Warheit, das ist: das sie jrem theil entpfallenDer Welt und der Leiblichkeit entsagen. vnd Gott jr theil vnd jr auffenthalt ist jres Lebens vnd jres wesens.Vgl. Tauler, Predigten (1508), 26v. So fern aus Taulero.
Doctor MartinusKonjiziert aus: Martinns. Lutherus schreibt in der Sermon am IIII. Sontag nach
Ostern, in der Postil im 1532. jar gedruͤckt, vber die wort Wenn der Troͤster kumpt, wird er die welt straffen etc.Vgl. Joh 16,8.: Was ist aber in Christum gleuben? Es ist nicht gleuben, das er ein Got ist oder mit Got dem Vater inn gleicher gewalt herschet im Himel, denn das glauben auch viel andere. Sondern das heist inn Christum glauben, wenn ich glaube, das ER
MJR ein gnediger Gott sey, meine Sünde auff sich genomen vnd mich mit Gott dem Vater versoͤnet hat, das meine Suͤnde sein sind vnd seine Gerechtikeit mein. Das da eine vermischung Nicht im Originaltext Luthers enthalten.vnd wechsel sey, das Christus ein Mitler zwischen mir vnd dem Vater ist. Denn auff dem CHRJSTO ligt aller Weldt Suͤnde, vnd des Vaters Gerechtikeit, welche inn Christo ist, will
alle vnsere Sünde verschlingen. Denn auff disem Christo mag vnd kan keine Sunde bleiben.Vgl. Martin Luther, WA 10 III, 125,23–32 (Sermon von Sünde, Gerechtigkeit und Urteil, 1522).
Also hat er auch etzlichen seinen gutten Freuͤnden, wie noch mit seiner Handtschrifft zu beweisen, in jhre Psalterlein geschriben Lateinisch, welchs zu Deuͤtsch also lautet Einer glaubigen Selen stimme zu Christo. Jch bin
deine Suͤnde, du bist meine Gerechtikeit. Derhalben Triumphir ich sicher. Denn auch mein Sund, deine Gerechtigkeit nicht vberschutenüberlagern. Vgl. Art. überschütten I.3), in: DWb 23, 526. mag. Auch wird mich deine Gerechtikeit nicht sein noch bleiben lassen einen Sünder, du Hochgelobter Gott. Amen.Konnte leider bislang nicht verfiziert werden.
Jtem auffs Fest Petri vnd Pauli vber das Euangelion Mat. 16: Darum heist
hie Bawen nichts anders, denn inn Christum gleuben vnd troͤstlich sich auff jhn verlassen, das Er mein Heiland sey vnd mit allen seinen Guͤttern mein ist. Denn ich stehe auff allem, das er hat vnd vermag. Wenn ich nu auff dem stehe vnd weiß, das Er Gottes Sohn sey, das sein Leben groͤsser sey denn alle Toͤdte, seine Ehre groͤsser denn alle schande, seine selikeit groͤsser
denn alle truͤbselikeit, seine Gerechtigkeit groͤsser denn alle Suͤnde, da kan nichts wider mich vermügen, wenn gleich alle hellische pforten auff einen hauffen kemen.Vgl. Röm 8,38f. Widerumb aber, wenn ich stehe auff einem andern ding denn auff Dem Grundstein,Vgl. Ps 118,22; Mt 21,42; Act 4,11; Eph 2,20; I Petr 2,7. als auff einem werck, ja gleich auff aller heilige werck, auch S. Peters, on den Glauben, so bin ich disem Grundstein
entgangen. Denn gegen Dem Liecht ists alles schwartz, gegen Der Weisheit ists alles Toͤrheit, gegen Der Gerechtigkeit ist alles Suͤnde. Wenn ich nu da stehe vnd mit jmGemeint sind die Werke und damit eine Werkgerechtigkeit. zuhauffenzusammen. Vgl. Art. zuhafen, zuhauf, in: DWb 32, 452. lauffe durchs Gericht, so wuͤrde ich gewislich verstossen in die ewige verdamnus, denn fuͤr jm kan nichts bestehn. Aber wenn ich Jn erwischeergreife. Vgl. Art. erwischen, in: DWb 3, 1068f. vnd auff Jn bawe, so ergreiffe ich seine
GERECHTJGKEJT, seine Guͤtikeit vnd alles was sein ist; das erhebt mich fuͤrvor. jme, das ich nicht zuschanden werde Warumb kan ich nicht zuschanden werden? Dann ich bin gebawet auff Gottes Gerechtigkeit, WELCHE GOTT SELBER JST, diselbigen kan er nicht verwerffen, sonst muͤste er sich selbs verwerffen. Das ist der einfeltige vnd richtige verstand, daruon last
euch nicht fuͤhren, sonst wirstu von Dem fels gestossen vnd verdampt werden.Vgl. Martin Luther, WA 17 II, 450,11–33 (Roths Festpostille, 1527). Die Hervorhebungen im Text durch Großdruck finden sich nicht im Original.
Jtem von den letzten worten Dauids im bogen F. spricht D. Luther: Solche ewikeit des Reichs Messia zeuget Esaias an mehr oͤrtern als cap. 51: Merck auff, mein volck, hoͤret mich, meine leute, denn von mir sol ein Gesetz
ausgehn vnd mein Recht wil ich zum Liecht der voͤlcker stellen. Meine Gerechtigkeit ist nahe vnd mein Heil ist ausgangen.Vgl. Jes 51,4f. Vnd bald hernach: Vnd mein Heil sol ewig bleiben vnd meine Gerechtigkeit sol kein ende haben.Vgl. Jes 51,6. Dis ist dis ewige Gerechtigkeit, dauon auch Daniel sagt, cap. 9: Sibentzig Wochen sind bestimpt, das die ewige Gerechtigkeit kumme.Vgl. Dan 9,24.
Vnd ist Messias, wie es alle alten Ebrei verstanden haben. Ewige Gerechtigkeit aber vnd Heil kan kein schlechterschlichter, einfacher. Mensch noch Engel sein, sondern Mus Gott Selber Sein, vnd doch Dauids Son natuͤrlicher Mensch, vnd ein andereunterschiedene. Person, von dem, der von jm redet vnd jn nennet mein Heil, mein Gerechtigkeit; die dritte Person ist der heilig Geist, der solchs redte von den
beden. Also nennet jn das newe Testament auch, I. Cor. I.,: Jesus Christus ist vns von Gott worden eine Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung vnd Erloͤsung.Vgl. I Kor 1,30. Das reimet sich mit Esaia vnd Esaias mit Paulo.Vgl. Martin Luther, WA 54, 46,18–32 (Von den letzten Worten Davis, 1543). So fern aus Luthero.
Wenn ich alle spruͤche Lutheri setzenzitieren. solte, in welchen er lehret, wie wir
solcher Gerechtigkeit Gottes, die GOTT selbs ist, theilhaltigVermutlich gemeint: teilhaftig. muͤssen sein etc., wuͤrde es wol weiter reichen denn alles, so ich in disem Buͤchlein geschrieben durch vnd durch. Verhoff aber, es sollen in kurtz die schoͤnesten vnd fürnembsten Spruͤche aus seinen Buͤchern zusamen gezogen, in ein rechte Ordnung gefasset werden vnd dem Gemeinen Man zum besten in
Truck gefuͤrdert, da man denn gruͤndlich wird sehen muͤgen, was der Kern seiner Lehr von disem handel gewesen ist, Gott verleihe nur denen leben vnd gesuntheit, so solchs fuͤrhaben.
Wollen nu auch hoͤren, was PomeranusJohannes Bugenhagen d. Ä. von der Gerechtigkeit saget; denn ob ich auch wol Vrbani RegijUrbanus Rhegius (1489–1541) wirkte als Reformator vor allem in Augsburg und dem Herzogtum Braunschweig-Lüneburg. Zu ihm vgl. Scott H. Hendrix, Art. Rhegius, Urbanus, in: TRE 29 (1998), 155–157. vnd anderer, so noch im leben,
zeugnus fuͤren moͤchten, wil ichs doch, dieweil dis Buͤchlein lenger wuͤrde, denn ichs fuͤrgenomen, itzt vnterlassen. Vnd verhoffe, wer ohren hat zu hoͤren,Vgl. Mt 11,15; 13,9; Mk 4,9.25; Apk 2,7.11. der wird aus disen wol vernemen, so bisher gesetzt, was die einfeltige lehr der Kirchen Christi sey von Gottes Gerechtigkeit; wil derhalben auch nicht mehr als ein zeugnus Pomerani setzen vnd hernach, was
noch zu disem handel von noͤten, kuͤrtzlich anzeigen vnd beschlissen.
Doctor Johannes Bugenhagen, mein lieber Vater in Christo, der mich nechst Gott in dises Ampt der Kirchen gefoͤrdert,Funck hatte in Wittenberg studiert und dort den Magistergrad erworben. Während dieser Studienzeit trat er anscheinend in nähere Bekanntschaft mit Bugenhagen. Als Funck dann 1547 seine Wirkungsstätte in Nürnberg aufgrund der Umstände nach dem für die Protestanten verlorenen Schmalkaldischen Krieg verließ, reiste er nach Wittenberg, wo er vor Bugenhagen predigte und dieser ihm ein Empfehlungsschreiben für Herzog Albrecht mit auf den Weg nach Königsberg gab. Vgl. Hase, Hofprediger, 82, 119f; Johannes Bugenhagen an Herzog Albrecht von Preußen. 10. Oktober 1547, in: Vogt, Bugenhagens Briefwechsel, Nr. 203, S. 409f. schreibet vber das ander buch Samuelis im eilfften capitel vnter anderm also: Darnach, auff das wir nicht verzweiffeln, so vns schwere felle begegnen, nach dem wir von Gott
angenomen sind, sollen wir wissen, das gleich wie vnsere Gerechtigkeit vns nicht kan selig machen, also kuͤnde auch die Suͤnde, die das gewissen druͤckt, vns nicht verdammen, sintemal GOT Vnser GERECHTJGKEJT ist durch Christum, so wir nur das gleuben.Deinde ne desperemus, si nobis contingant graues ruinae, postquam suscepti sumus a deo, ut sciamus, quod sicut nostra iustitia nos salvare non potest, ita peccatum, quod conscientias nostra praemit, nos damnare non poßit, quando quidem nostra iustitia deus est per Christum, modo hoc credamus. IOAN||NIS BVGENHAGII || POMERANI ANNO || tationes ab ipso iam emissae. || In Deuteronomium. || In Samuelem prophetã, || id est duos libros Regũ. || Ab eodẽ praeterea con || ciliata ex Euangelistis historia || passi Christi et glorificati, || cũ annotationibus. || Indice Adiecto. || [Basel: Adam Petri 1524] (VD 16 B 9247), 323.
So viel sey von dem genug, das Gott selbs vnser Gerechtigkeit ist in Christo
Jhesu.
Warumb wird der Glaub Gerechtigkeit genennet?
Dieweil dise rede sehr gebreuchlich ist: Der Glaube an Jhesum Christum sey vnser Gerechtigkeit vnd mache vns Gerecht, ists billig,nur gerecht, richtig. das man sie auch recht lerne verstehen. Denn es auch ein verbluͤmbte redeVgl. Anm. 398. ist;
vnd ist dise weise zu reden in allen sprachen so gemein,geläufig. das schir nichts gemeiner, denn das man das, so etwas fasset, fur das, so darinnen gefasset wird, nennet: als wenn einer ein Trinckgeschirr fodert,fordert. da er doch nicht das ledigunbenutzte. geschirr,Konjiziert aus: geschitr. sondern das Tranck, so darinnen ist, meinet. Wie auch Christus den Kelch nennet das Newe Testament, dieweil das blut des Newen
Testaments darinnen ist. Also wird auch der Glaube genennet die Gerechtigkeit, dieweil wir allein mit dem Glauben vnsern HERRN Jesum Christum kunden ergreiffen, der denn wesentlich die Gerechtigkeit ist vnd vns gerecht macht, daruon Doctor Luther viel vnd herrlich geschrieben hat, welches wort du sonderlich in den spruͤchen, so vor Konjiziert aus: zweienjaren.zweien jaren aus seinen Buͤchern
zusamen gezogen vnd hie zu Kuͤnigsperg in Truck gegeben,Vgl. Andreas Osiander, Excerpta quaedam dictorum de iustificatione fidei (1551), in: OGA 9, Nr. 447, S. 574–581; Ders., Etliche schöne Sprüche von der Rechtfertigung des Glaubens (1551), in: OGA 9, Nr. 448, S. 582–601. wol bewegenKonjiziert aus: bewegeu. magst, denn es hieher zu langKonjiziert aus: zulaug. wuͤrde. Doctor Pomer aber, der solchs mit Luthero redet, schreibet vber das 13. cap. der ersten zun CorinthernKonjiziert aus: Corinrhiern. vom Glauben also: Diser glaube in Christum macht gerecht, das ist: er ergreifft vergebung der Sünden durch Christum, den er erwischet. Es
rechtfertiget der Glaube nicht darumb, das er ein tugent ist oder etwa vnserer werck eines, sondern darumb, das er erwischet (oder fasset) Christum, der vnser Gerechtigkeit ist, welcher sein volck selig macht, das sind die gleubigen etc.Konnte leider bislang nicht verifiziert werden. Das sind D. Pomers wort. Wenn man nun die verbluͤmbte rede: Der Glaube macht gerecht etc. wil recht Teutsch sagen, mus man
sprechen: Christus ist die Gerechtigkeit vnd macht vns Gerecht, wenn wir jn durch den Glauben ergreiffen vnd mit Jhme vereinigt werden. Wie denn solche wort dem D. Luther, gottseliger Gedechtnus, sehr gemein sind inn seinen Schrifften, bevor abzuvörderst, allem voran. vber die Epistel zun Galatern.Vgl. Martin Luther, WA 40 I und WA 40 II (Galaterkommentar, 1535). Da ein jeder selbs weiter nach suchen mag, denn es mir ietz zu lang wurde, wie offt
gedacht, alles zu erzelen.
Will nu kurtz von der Rechtfertigung des Menschen, wie droben im anfang dises Theils verheissen, auch meinen einfeltigen Bericht darthun, aus welchem denn die andern stuͤck, wie vns Got durch sein Wesentliche Gerechtikeit erloͤst vnd mit derselben ziere vnd durch sie Gerecht mache, vns, die
do gleuͤben an JhesumKonjiziert aus: Jhlsum Christum, werden offenbar werden.
Von der Rechtfertigung.
Das wort Rechtfertigung (wie zu vorn auch vermeldet) begreifft inn sich den gantzen handel, der zwischen Got vnd dem Menschen geschicht, da vns Got durch Christum Jhesum Gerecht macht. Denn wir sind Sünder allezumal,
inn Sünden entpfangen vnd geborn, Psa 51;Vgl. Ps 51,7. vnd sind Kinder des zorns von Natur, Eph 2.Vgl. Eph 2,3. Daher kunden wir nichts thun fur Gott. Denn was kan ein Todter Mensch thun, dardurch er lebendig wurde? Derhalben, so viel an vns ist, musten wir ewiglich im Todte vnd Zorn Gottes bleiben. Dieweil aber Gott, der Vater aller Barmhertzigkeit,Vgl. II Kor 1,3. vnsern jamer angesehen vnd ermes
sen, das wir durch des Teuͤffels Neid zu solchem verderben kommen, Sap. 2,Vgl. Sap 2,23. erbarmet Er sich vber vns vnd schencket vns seinen Eingebornen Sohn,Vgl. Joh 1,14.18; 3,16.18. seine ewige Weißheit, Gerechtikeit vnd Leben.Vgl. I Kor 1,30. Den hat Er lassen Mensch werden one Sunde, vom heiligen Geist entpfangen vnd von der Reinen jungfrawen Marien geborn, Luc. 1.Vgl. Lk 1,35. et 2.Vgl. Lk 2,5–7. vnd hat jhn vnter
das Gesetz gethan (welchs vns, nach dem wir durch Adams fahl verderbt sind,Vgl. Gen 3. wie obgesagt, vnmuͤglich ist zu halten in disem leben), auff das Er die, so vnter dem Gesetz sind erloͤsete, Gal. 4.Vgl. Gal 4,4f. Diser Herr Jesus Christus, warer Gott vnd Mensch in einer Person, hat das Gesetz fur vns erfuͤllet, Math. 5.Vgl. Mt 5,17. vnd hat diss zeuͤgnus entpfangen von Got seinem Himlischen
Vater: Diß ist mein liber Son, an dem ich ein wolgefallen habe,Vgl. Mt 3,17. oder: durch den ich befridet bin.Diese Interpretation wurde anscheinend angeregt durch die Bedeutung zufrieden od. befriedigt sein des im Urtext verwendeten Verbs εὐδοκεῖν. Diser Herr Jhesus Christus hat auch der gantzen Weld Suͤnde auff sich genomen, Jesa 53,Vgl. Jes 53,11. Joh. 1,Vgl. Joh 1,29. vnd ist dem Vater gehorsam worden bis in den Tod des creuͤtzes, Phi. 2,Vgl. Phil 2,8. vnd hat die Straff vnd das Gericht, das vber der gantzen Weldt Sünde hett gehn sollen
(Joh. 12.),Vgl. Joh 12,31. in seinem Leibe selbs gelitten ist inn seiner Selen betruͤbetVgl. Mt 26,38; Mk 14,34, Joh 12,27. geengstet vnd gequelet worden, das Er auch Bluttigen Schweiß darob vergossen (Luc 22.),Vgl. Lk 22,44. vnnd ist verspottet, geschlagen, gegeisselt vnd Verspeiet worden vnd endlich als ein Vbeltheter ans Creuͤtz gehefftet vnd getoͤdtet,Vgl. Mt 26,27–50; Mk 15,16–37; Lk 23,32–46; Joh 19,1–5.16–30. da Er denn sein theuͤres Blut zu Vergebung der Sünden der
gantzen Weldt vergossenVgl. Mt 26,28. Vnd also Vergebung der sünden, ewiges Leben vnd Gerechtikeit erworben.Vgl. Eph 1,7. Vnd damit Er vns auch aus des Teuͤffels der Hellen vnd Todes gewalt errettet, jst Er nider gestigen in die vntersten oͤrter der Erden vnd hat den Teuͤffel, der Sünde, Helle vnd Todt jhre macht genomen vnd das GefengnusKonjiziert aus: Gefenguus. gefangen, Eph. 4,Vgl. Eph 4,8f. Col. 2,Vgl. Kol 2,13f. vnd ist
aufferstanden am drittenDas zweite t wurde vom Setzer falsch herum gesetzt. tag vom Tod vnd hernach gen Himel auffgefaren, auff das Er alles erfuͤllet vnd ein Herr sey, Himels vnd der Erden, wie Er spricht, Math. 28: Mir ist geben aller Gewaldt, im Himel vnd auff Erden.Mt 28,18. Vnd auff das wir solcher seiner Wolthat theilhaftig werden moͤchten vnd Jhn als vnsern HERRN vnd Gott erkennen, hat Er verordnet das Ampt des
heiligen Euangelions welchs die versoͤnung verkuͤndiget, 2. Corint. 5,Vgl. II Kor 5,18–20. inn welchem alle solche wolthaten des Herren Christi vns furgetragenangeboten, dargeboten. Vgl. Art. vortragen 4), in: DWb 26, 1763f. werden. Wer nu solchem Euangelio gleubet, der entpfehet vergebung der Sünden vnd wird auffgenomen ins Reich Gottes. Wolan, so hats der Mensch gar,vollständig, ganz. wenn er das erlanget? Zwar viel meinen wenn sie ein wohn,Wahn, Phantasiegebilde. den sie glauben nen
nen,Anstatt einer Virgel findet sich hier eine geschlossene Klammer. bekummen, sie haben vergebung der Sunden durchs verdienst Christi erlanget, so sey es genug, sie duͤrffenbrauchen. nu nichts weiter begeren etc. Aber solche betriegenDas zweite e des Wortes wurde vom Setzer falsch herum gesetzt. sich sehr weith, denn es ist auch von noͤten, das man gedencke, warumb vns die Sünde vergeben werden, so wirds sichs finden, das geschriben stehet, Lucas 1: Auff das wir, erloͤset von vnsern Feinden,
Jhme (Got) dineten one forcht vnser lebenlang, inn Heilikeit vnd Gerechtikeit fur Jhme,Vgl. Lk 1,74f. oder: die Jhm gefellig ist etc.Vgl. Lk 1,75. Sollen wir nu Got dienen vnd wir sind Todt inn Sünden, wie oben gemelt, so mus vns nicht allein die Sunde vergeben werden, das sie vns nicht zugerechnet werde, sondern es mus vns auch gegeben werden das Leben, welches vns lebendig mache, das wir Got
dienen kuͤnden. Nu ist aber Gottes Wort, der Eingeborne Sohn Gottes, das LebenVgl. Joh 1,1–4. wie die Schrifft offte zeuͤget vnd 1. Joha 5. stehet: Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht etc.Vgl. I Joh 5,12. Darumb, wenn du hoͤrest, Got hab dich durch seinen Sohn erloͤset von allen Feinden, als do sind Sünde, Todt, Teuͤffel vnd Helle, vnd habe solchs darumb gethan, auff
das du Jhm furohin dienest in Heilikeit vnd Gerechtikeit etc., so bedencke auch, das es von noͤten sey, das das Leben, die Heilikeit vnd Gerechtikeit, das ist: Christus Jhesus, 1. Corin. 1,Vgl. I Kor 1,30. jnn dir sein muͤsse vnd du inn Jhme, vnd trachte darnach, wie du muͤgest darzu kummen. Denn wo du Jhn nicht hast, so hastu das Leben nicht inn dir; hastu das Leben nicht inn dir, so
bringstu keine frucht. Welcher Reben aber keine Frucht bringet, wirdt abgeschnitten vnd ins Fewer geworffen vnd mus brennen, Johan. 15.Vgl. Joh 15,6. Darumb, ob du schon Vergebung der Sünden durchs verdienst Christi gleuͤbest vnd doch Christum nicht inn dir hast durch den Glauben, so wirstu verdampt. Warumb das? Darumb, das du nicht gleuͤbest an den Namen des
Eingebornen Sohns Gottes. Denn er lest nicht allein Predigen im Euangelio, das du durch Jhn solst Vergebung der Suͤnden haben, sondern lest dir auch sagen, du solst nun gutte Fruͤcht tragen; das kanstu aber nicht thun, dennaußer. du bleibest inn Jhme vnd Er inn dir, Johan. 15.Vgl. Joh 15,6. Solchs wiltu nicht glauben, sondern Luͤgenstraffest deinen Erloͤser vnd Heiland; darvmb wirstu nicht
vnbilligunrechtmäßig. verdammet. Wie kumme ich aber darzu, das Christus inn mir sey vnd ich inn Jhme, auff das ich also gutte Fruͤcht bringen muͤge? vnd ewiglich leben? Hie mercke auff.
Welche erkennen, das sie Sünder sind vnd ent-pfinden den Zorn Gottes vber die Suͤnde, denen wird von hertzen angst, vnd wolten gern der
Suͤnden los sein, damit sie ja den Zorn Gottes nicht tragen duͤrfften.müssten. Die, so sie hoͤren das Euangelion predigen, wie Gott seinen Son gesand hat, die Suͤnder selig zu machen, vnd wie Er allen willen seines Vates erfuͤllet vnd den Tod fur vns gelitten habe etc. vnd beuohlen, man sol sich teuffen lassen:Vgl. Mt 28,29. Sihe, so nemen sie solche predig mit freuden an vnd lassen sich
gern Teuffen, damit nur die Suͤnde in jnen getoͤdtet vnd getilget werde durch den Tod Christi, darein sie getaufft werden, Rom. 6,Vgl. Röm 6,3f. vnd sie widerumb von Christo das leben vnd die Gerechtigkeit entpfahen muͤgen, in der sie Gott dienen. Der vrsach halben auch die Christlichen eltern jre Kindlein zur Tauff bringen lassen, dieweil sie wissen, das sie des HERRN
Christi beduͤrffen etc.; denn welche getaufft sind, die haben Christum angezogen, spricht S. Paul. Gal. 3.Vgl. Gal 3,27. Vnd die werden also Christo eingeleibet vnd ein Reben an dem Edlen Weinstock, welcher Christus ist, Johan. 15.Vgl. Joh 15,6. Wenn nu der Mensch also Christo eingeleibt ist, das er ist fleisch von seinem fleisch vnd bein von seinem bein, Ephe. 5,Vgl. Eph 5,30–32. so ergeust sich die Goͤttliche
Natur, die in Christo vnd das Leben, die Gerechtigkeit vnd Heilikeit ist, auch in sein hertz vnd Geist, das er also new geborn wird jn seinem inwendigen Menschen durch den vnuergenglichen Samen, das lebendige wort Gottes, das ewiglich bleibet, 1 Pet. 1,Vgl. I Petr 1,25. vnd durch den heiligen Geist. Vnd wird also der Mensch ein newe Creatur in Christo vnd lebet in Christo, vnd Christus in
jme, 2. Cor. 5,Vgl. II Kor 5,17. Gal. 2.Vgl. Gal 2,20. Wenn er nun also durch den Glauben in Christo bleibet, vnd Christus in jme, wird er durch den Geist Christi getriben, das er dem guten nachiaget vnd das Boͤse meidet, vnd dienet also Got in Christo, der denn vnser heilikeit vnnd Gerechtigkeit ist, in der wir Gott wolgefallen. Begibt sichs aber (wie denn geschicht), das der Mensch nach
der Teuff in Suͤnde felt vnd durch vnglauben Christum auss dem hertzen verlest vnd erkennet hernach seine Suͤnde vnd lest jm die von hertzen leid sein, der Glaube dem Euangelio vnd las sich absoluirn von Suͤnden Konjiziert aus: v]neme.vnd neme das hochwirdige Sacrament des Leibs vnd Bluts Christi, so wird er widerumb mit Christo vereiniget vnd theilhafftig des lebens vnd
Gerechtigkeit, wie vorgesagt, da fahre er denn fort vnd diene Gott nach seinem Beruff etc.
Vnd wiewol nachnoch, weiterhin. allerley Suͤnde vnd gebrechen in vns bleibet, dieweil wir in disem fleisch leben; jedoch wenn der Mensch in Christo bleibet vnd nicht muttwillig der Suͤnden volget, so werden im solche nicht zugerechnet,
denn der HERR Jhesus Christus decket sie mit seiner ewigen, goͤtlichen Gerechtigkeit (welche viel groͤsser ist, denn aller welt Suͤnde) vnd schenckt vns auch mit seine Reinikeit, vnschuld, gehorsam vnd lauterikeit [sic], welches vns alles zugerechnet wird, als were es vnser von Natur, vnd weren wir selbs, wie Christus ist. Daher auch Got, der Vater, fuͤrwegen. solcher herrlikeit
seines Sones alle Suͤnde vnd gebrechen nicht sehen wil, vmb welches willen sich der mensch nicht fuͤrchten darff fuͤr Gottes Zorn vnd Gericht. Er sehnet sich aber mit verlangen darnach, das er der Suͤnden gar los werde, Rom. 8,Vgl. Röm 8,23. damit er doch Gott volkommenlich muͤge gehorsam sein, vnd hoffet also, er werde entlich, wenn er jn Christo abstirbt, gentzlich von der
Suͤnden erloͤset,Vgl. Röm 6,11. vnd wenn er am Jüngsten tage wider aufferweckt wird, in der herrlichen zukunfftWiederkunft. Jhesu Christi, werde er one alle Suͤnde in herrlikeit aufferstehn vnd leuchten durch die herrlikeit Gottes, die wir in Christo haben (Johan. 17.),Vgl. Joh 17,22. wie die Sonne (Matth. 13.),Vgl. Mt 13,43. da er denn nicht allein Gott der Gerechtigkeit wird volkummenlich gehorsam sein, sondern
auch mit dem Vater, Son vnd heiligen Geist – einigen, waren Gott – herschen vnd regiren jn ewigen freuden. Amen.
Aus disem wirdt nu klar vnd offenbar, wie vns Gott durch seine wesentliche Gerechtigkeit erloͤset vnd mit der selben anzeucht,bekleidet. das wir jme in der gefallen vnd herrlich sein. Denn dieweil der Son Gottes die wesentlich
Gerechtigkeit des Vaters ist (denn er ist je die Gerechtigkeit in seinem Goͤttlichem wesen) vnd mensch wird vnd den Tod fuͤr vns leidet vnd den selben mit Suͤnde, Teuffel vnd Helle durch seine Goͤttliche krafft vnd Gerechtigkeit vberwindet etc., jsts offenbar, das wir durch Gottes Gerechtigkeit vom Tode errettet sind. Jtem: dieweil wir Christum in der
Tauffe anziehen vnd im eingeleibet sind, also das Er vnser schmuck, zier vnd herrligkeit ist, vnd Er ist die wesentliche ewige Gerechtigkeit Gottes, so sind wir ja mit der wesentlichen Gottes Gerechtigkeit angezogen; vnd dieweil Er durch den Glauben in [uns] wonet, haben wir auch die wesentlichen Gerechtikeit Gottes in vns, der wir vnsere glieder zum dienst ergeben sollen
auff das sie heilig werden, Rom. 6.Vgl. Röm 6,13. Vnd in dem wird erfuͤllet, das geschrieben steht, Psalm 72.,Vgl. Ps 72,1f. das Christus, der Künig das elende volck Gottes durch die Gerech-tigkeit Gottes solle erretten vnd bringen zur Gerechtigkeit. Vnd im 89. Psalm: Sie werden vber deinem Namen froͤlich sein vnd in deiner Gerechtigkeit herrlich sein etc.Vgl. Ps 89,17. Jn solchem schmucke
sollen wir nu Got, dem Vater aller Barmhertzigkeit,Vgl. II Kor 1,3. auch dienen, das sein name durch vns gelobet vnd heiliger geheiliget werde, wie denn der 110. PsalmVgl. Ps 110,3. verheissen vnd vns Christus, sampt seinen Aposteln, freundlich hertzlich vermanen. Von welchem ich denn, so mir Gott leben vnd gesundheit mit zimlichergebührender. rhue in diser welt verleihet, in kurtz klerer wil
anzeigen,Nachricht geben. wenn ich mein einfaltReinheit, Redlichkeit. Vgl. Art. Einfalt 1), in: DWb 3, 173. von der Rechten, waren, christlichen lehre werde vbersehen vnd an tag geben.veröffentlichen. Jn welchem denn alles des, so in disem andern theil gedacht, da ich vmb kuͤrtze willen der zeit offt hab muͤssen kuͤrtzer sein denn ich gewolt, gewisser vnd bestendiger grund soll angezeigt werden.Auf welche geplante Veröffentlichung Funck sich hier bezieht, ist unklar. Vgl. aber z. B. Der Patriarchen || Lehre vnd Glaube. || Das ist. || Was die alten Ve= || ter von Adam an biß auf die Zeit || Elie / von vnserm einigen Mitler vnnd || Heyland JHESV CHRJSTO / || gelehret vnnd geglaubet haben. || Auß dem Alten Testament / || erkleret / || Durch || M. Johañ Funcken. || [Königsberg: 1554] (VD 16 ZV27171). Wiewol ich verhoffe, es soll einem Gotfuͤrchtigen
Hertzen, das nit mehr seinen Rhum, dennsondern. Gottes Ehre suchet, hie inn disem schlechteneinfachen. bericht der Weg also eroffnet sein, das er sehen solle, wohin jhme zu gehen sey. Denn ob jemand sich das wort Wesentlich wolte jrren lassen, dem sage ich schlechtsschlicht. den spruch Johannis, 1. Johan. 5: Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.Vgl. I. Joh 5,12. Nu ist jhe der
Sohn Gottes wesentlicher Got vnd derhalben die wesentliche, ewige Gerechtikeit des Vaters, der nu vnser Gerechtikeit ist worden, nach dem Er vns vom Vater geschenckt vnd gegeben ist. Will nu jemand dise Gerechtikeit nicht haben, der mag schawen, wo er ein ewigs Leben finde. Jch bitte Gott, meinen Vater im Himel, das er mich vnd alle ausserwelte ja keine andere Gerechtig
keit suchen noch wissen lasse, in der ich fuͤr seinem Gericht erfundenKonjiziert aus: erfnnden. werden solle, denn disen seinen einigebornen Son Jhesum Christum, der mich mit dem Vater versoͤnet hat durch sein BlutVgl. Röm 5,9f. vnd mich mit sich selbs bekleidet, dem sey mit dem Vater vnd dem heiligen Geist – einigem, warem Got – Lob, Preis vnd Ehre, von nu an bis in ewigkeit. Amen.
Volendet den 22. Martij. anno 1553
Correctur.Konjiziert aus: Correetur.
Jm bogen E. iij. steth zwir:zwei Mal. Johan. 3., sol sein 1. Johan. 3.
F ij an der andern seiten, in der letzten zeil steth: Erkentnus, liss: Ergernus.
Gedruck zu Künigsperg in Preussen durch Hans WeinreichZu ihm vgl. Reske, Buchdrucker, 145f, 482f. am 28. Martij des 1553. Jares.