Controversia et Confessio, Bd. 7


Pasquillus aus Preußen (1552)

Pasquillus aus Preußen (1552)Nr. 9 ULB Darmstadt info:isil/DE-17 Darmstadt Letzte Änderung: 2023-05-23 Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY)

Djeweil wenig in Preussen sindt, die Lateinisch verstehen, bin ich
durch etlicher anregenAufforderung. Vgl. Art. Anregen, in: DWb 1, 424f. verursacht worden, das ich mich auch in Deutscher sprache wol erkleret, auff das Osiander recht vberall bekant vnnd endtlich zuschanden werde, dieweil keine hoffnung der besserung oder Busse an ihm zu spren oder zu uermercken ist.

Ley. Pasquillus.Die Akteure des folgenden Gesprächs: Laie und Pasquillus.

Ley: Woher Pasquille?

Pasq: Immer daher von Knigsbergk.

Ley: WzWas. hastu da gethan?

Pasq: Ich hab jhnihnen. ein Bchlein gebracht vom Osiander, dem frommen
Manne.

Ley: Lieber, was ists? Villeicht des Philips antwortWohl: Philipp Melanchthon, Antwort auff das Buch Herrn Andreae Osiandri, in: unsere Edition, Nr. 7, S. 215–231. auff Osianders Buch?Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler / De unico mediatore (1551), in: OGA 10, Nr. 488/496, S.49–300.

Pasq: Das haben sie zuuor.

Ley: Ists jrgent etwas von den Raben?In der zweiten Hälfte des Jahres 1551 erschien eine anonyme Schrift gegen Osiander, in der ihm vorgeworfen wurde, dass seine Lehre nicht mit der Luthers übereinstimme. Auch Flacius erhob derlei Vorwürfe: Wie fei] der || Rabe Osiander Prima= || rius / mit dem Ehrwirdigen / Hoch= || gelarten Herrn Doctor Martino Lu= || ther / seliger gedechtnis / vberein stim= || met / im Artickel der Rechtfertigung / || Nach dem er rhmet jnn all seinem || schreiben / des Luthers lehre von der || Rechtfertigung / sey seine lehre / || V] widerumb / seine lehre || sey des Luthers. || [s.l., 1552] (VD 16 W 2558); Trstliche Gegen= || sprch des Ernwirdigen Her= || ren Doctoris Martini Luthe= || ri / vnd Matthie Jllyrici / wi= || der des Rabe Osiandri || Primarij spruch. || || [Magdeburg: Christian Rödinger d.Ä., 1552] (VD 16 L 3476), von der Schrift erschienen mehrere Auflagen: VD 16 L 3477; VD 16 ZV 10062 und 17916. Die schimpfliche Anspielung auf einen Raben fand immer wieder Anwendung auf Osiander. Damit wurde er massiv verunglimpft, da im Volksglauben diverse abergläubische Vorstellung existieren, die im Raben einen dämonischen Vogel erkennen- Vg. dazu Peuckert. Art. Rabe, in: HWDA 7, 427–457.

Pasq: RabinAnspielung auf einen jüdischen Gelehrten: Rabbi. Osiander wurde von seinen Gegner, wohl aufgrund seiner Kenntnisse des hebräischen und seiner strikten Positionierung gegen jeglichen Antijudismus als Jude und Judengenosse verunglimpft, so z.B, von Joachim Mörlin. Vgl. Osiander, Von dem einigen Mittler (1551), P 4r, in: OGA 10, 220,17f, mit Anm. 502; vgl. auch Möller, Osiander, 4. soltu sagen. Es ist viel ein anders vnnd bessers.

Ley: Was denn? Sage mirs.

Pasq: Ich will dirs wol sagen, allein das du mich nicht meldest.verrätst, anzeigst. Vgl. Art. melden 1), in: DWb 12, 1991. Ich hab jnen bracht einen Pasquill,Bezeichnung für eine Kampf- oder Spottschrift, die sich durch ihren aggressiven Grundton auszeichnet. Vgl. Thomas Wolf, Art. Pasquill, in: HWRh 6 (2003), 682–686. Gemeint ist hier: Pasquillus. || AD NEMINEM. || Ocia cui, praeceps studium et uariabile || nomen || Dant fatale: Pium dicito Nemo uirum. || [s.l., nach Nov. 1551] (VD 16 P 836). Die Datierung (nach Nov. 1551, in VD 16 um das Jahr 1550 datiert) ergibt sich aus der Erwähnung des publizierten Briefwechsels zwischen Mörlin und Osiander in dem Pasquillus und der angesprochenen Schrift von den Raben. Der Briefwechsel der beiden Theologen wurde in Wittenberg 1551 veröffentlicht (VD 16 M 5873 / O 1093). Die Schrift Wie fein der Rabe Osiander (vgl. Anm. 7) wurde zu Beginn des November 1551 publiziert. Vgl. dazu Stupperich, Osiander in Preußen, 238–243. Aus der hier getroffenen Aussage: Ich hab jnen bracht einen Pasquill, kann bereits, wie zudem aus Anm. 88, geschlossen werden, dass die Schrift Pasquillus ad neminem von demselben Autor wie die hier edierte stammt. darinne der Osiander wercklichwirklich = wahrhaftig, getreulich. wird abconterfeiet.abgebildet. Vgl. Art. abconterfeien, in: DWb 1, 18.

Ley: Hastu jhn bey dir? So gib mirn,ihn mir. das ich jhn auch lese.

Pasq: Da hastu zwen, die sind mir noch vberbliben, die andern habe ich alle
anworden.an den Mann gebracht. Vgl. Art. anwerden, in: DWb 1, 519f.

Ley: Ja, es ist lateinisch, das verstehe ich nicht. Darumb bitte ich, wolst mirs deusch [sic] sagen?

Pasq: Es ist zu lang. Ich wils bald drcken lassen, so magstu es lesen.

Ley: Ey, lieber, sage mirs. Ich kan so lang nicht warte, doch zeige mir zuuor
an, warumb ich dich nicht sol melden.

Pasq: Er mcht sonst ein Libel famos oder SchmebuchStrafbar nach Constitutio Criminalis Carolina Art. 110. daraus machen vnd mich peinlich lassen anklagen. Denn er hat gar einen scharffen Juristen, desgleichen weder in ReusserlandHier wohl Ruthenien. noch in der MoskaMoskau. noch in TartareyGroßregion in Asien, verbunden mit dem Siedlungsgebiet der Tataren. noch inn der BodeleyMutmaßlich: Podolien, Gebiet im Südwesten der heutigen Ukraine. verhanden ist, wel-cher newlich in dem
bchlein wider den Nacht RabenAndreas Osiander, Wider den flüchtigen Nachtraben (1552), in: OGA 10, Nr. 505, S. 398–413. Nachtrabe bezeichnet bildlich einen Übeltäter und Feind der Wahrheit. Vgl. Art. Nachtrabe 2), in: DWb 13, 204. bald im anfang sein hohen verstand nur ein wenig hat lassen blicken, aber zuuor an den gefangenen Studenten gewaltiglich bewiesen.Bereits im November 1549 kursierten in Königsberg erste Spottgedichte und Schmähverse von Studenten auf Osiander, durch die dieser sich massiv beleidigt fühlte. Der herzogliche Rat Wolf von Köteritz fertigte im Zuge dieser Auseinandersetzungen ein Gutachten für Herzog Albrecht an, in dem er dafür plädierte, einen der Hauptangeklagten unter Folter befragen und hinrichten zu lassen. Später geriet Köteritz jedoch in Streit mit Osiander, mit dem zunächst befreundet war und wurde 1553 aufgrund seiner nun antiosiandrischen Haltung von Herzog Albrecht entlassen. Vgl. Stupperich, Osiander in Preußen, 77–79. Zu Köteritz vgl. Georg Kuhr, Art. Kötteritz, Wolf von, in: NDB 12 (1979), 411f.

Ley: Lieber, wer ist der? Ich kenne die Doctores jaia: B. fast alle.

Pasq: Ich weis nicht, wie er mit seinem rechten Namennamen: B. heiyst. Allein das
habe ich gehrt, dz man in den Bsen radt nennt.

Ley: Ich meint der BsradtDamit könnte Wolf von Köteritz gemeint sein. Denn Köteritz verteidigte Osiander zunächst und forderte harte Bestrafungen seiner Gegner. Vgl. Anm. 21 und 70. Die Aussage, dass der Böseradt längst zum Teufel sei, bezieht sich wohl auf Hans von Biesenroth, im Volksmund Böse-Rath genannt; um 1527 Burggraf in Königsberg. Vgl. Zedlitz-Neukirch, Adelslexicon I, S. 238. were langst zum Teuffel. Aber er sey, werer sey. Sag mir von dem Osiander, woher er komme vnd was sein lehr vnd wandel sey.

Pasq: Es ist vorwar zu lang, alles zu erzelen. Ich muss wieder zu haus vnd
den deutschen Pasquil inn den truck abfertigen.

Ley: Sag mir nur die Summe vom handel, ich werde darnach viel mehr erfaren.

Pasq: Ich wils thun, aber ein wenig auff ein ander weis. Andreas Osiander, welchs Grossvater ein Jud,Vgl. Anm. 8. ist zu NrnbergNürmberg: B. ein Prediger zu S. Laurentz
gewesen. Wieviel jar weiss ich nicht eigentlich.Seit 1522 war Osiander Prediger an St. Lorenz in Nürnberg. Vgl. Zimmermann, Prediger der Freiheit, 26. Hat grossgros: B. gelt mit seinen Weibern bekommen, auch einen Statlichenstatlich: B. Sold gehabt darzu mancherley wucher vnd finantzFinantz: B. durch andere seine gute freunde getrieben.Während seiner Tätigkeit in Nürnberg hatte Osiander ein beträchtliches Vermögen angehäuft und es gab offenbar Kritik, wie Osiander seinen Reichtum zur Schau stellte. Dabei wurde ihm bereits zu dieser Zeit gerade der Vermögensgewinn durch Heirat vorgeworfen. Durch seine erste Ehe mit Katharina Preu (Eheschluss: 2. November 1525) soll er 800 Gulden Mitgift erhalten haben. Die zwete Ehe mit Helena Künhofer (Eheschluss: 1. September 1537) brachte ihm, so hieß es, ein Vermögen von mehreren tausend Gulden ein. In dritter Ehe heirate er 1545 Helena Magenbuch, die Tochter des Nürnberger Arztes Johann Magenbuch Vgl. Seebaß, Werk, 197f; 209–216; Möller, Osiander, 56, 217f; Gottfried Seebaß, Art. Osiander, Andreas, in: NDB 19 (1999), 608f. Die in dieser längeren Rede des Pasquillus vorgetragenen Vorwürfe erinnern an die Attacken gegen Osiander in der 1544 anonym veröffentlichten Schrift Speculum Andreae Osiandri, predicatoris Norimbergensi (vgl. OGA 8, Nr. 311 Beilage, S. 305–318). Der Verfasser dieser Schrift konnte mittlerweile mit dem Nürnberger Ratskanzleischreiber Georg Frölich identifiziert werden. Vgl. OGA 8, Nr. 311, S. 282. Ist unter den Predigern der berst gewest, hat sich statlichhat großen Prunk getrieben. Vgl. Art. stattlich II.5.a), in: DWb 17, 1042. gehalten vnnd prechtig herein gangen, mit Golde geschmckt. Vnd dieweil er mercket, das er an
dem ort nicht hher kundt steigen vnnd seine Schaf wol geschorn hatteSprichwörtlich: Nachdem er beträchlichen Reibach gemacht hatte. Vgl. Art. Schaf * 347, in: Wander 4 (1876), 67. vnnd die leute seines finantzens innebewusst geworden. Vgl. Art. innewerden, in: Fnhd. Wb. 8, 128f. worden vnd auch die gefahr des bekentnis verhanden war,Anspielung auf die kaiserliche Forderung nach Umsetzung der Bestimmungen des Augsburger Interims. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 23–26. hat er seine Heuser vnd des gleichen gter fein seuberlich zu gelde gemacht, welches sich der FunckJohannes Funk. offentlich hat hren lassen zu Knigsberg, ehe erOsiander. ins landt kam.Auf seiner Reise nach Preußen 1549 führte Osiander nur die wertvollsten Bücher seiner Bibliothek mit sich. Vgl. Stupperich, Osiander in preussen, 26f. Man sagt, das es in die
30000 glden sey; unter des getrachdanach getrachtet. vnd durch seinen anhang forschen lassen nach einer Stell, wo er mchte zu grossen dingen kommen vnd auch da-neben sicher sein. Da er nun erfur, das der Frst inn Preussen nach gelerten Leuten stundesuchte. Vgl. Art. nachstehen 4), in: DWb 13, 137. vnnd die Bischoue alt vnd schwach weren vnd auff der gruben giengen,bald sterben würden. Vgl. Art. Grube II.B.4.b), in: DWb 9, 608. macht er sich auff vnd volget dem Funcken
nach,Johann Funck war bereits am 28. Oktober 1547 in Königsberg eingetroffen. Herzog Albrecht suchte nämlich nach Ersatz für den verstorbenen Pfarrer der Altstadt Königsberg, Christoph Medick. Vgl. Hase, Hofprediger, 114–120. bis er kam, da der selbige Stern still stunde,Vgl. Mt 2,9. das ist inn die Pfarr in der altenAlten: B. Stadt zu Knigsberg.Herzog Albrecht übertrug Osiander die Pfarrstelle in der Altstadt Königsberg. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 28.

Ley: Warumb haben inihn. die Herrn zu Nrmberg nicht behalten, sampt dem Funcken?

Pasq: Sie dancken Gott, das sie ein mahl solcher gesellen sindt los worden.

Ley: Wer wzwas = war.was: B. das mahl Pfarrher in der alten Stadt?

Pasquil: Der Funck. Aber der Osiander vertrungverdrängte. ihn also bald;Es handelte sich um eine Rochade. Osiander erhielt die Stelle Funcks. Dieser wurde Herzog Albrechts Hofprediger, was Osiander zunächst verhindern wollte, um seinen Schwiegersohn Hieronymus Besold auf diese Stelle zu vermitteln. Vgl. Hase, Hofprediger, 132; Stupperich, Osiander in Preussen, 29. er meinte, es werde die obersteeberste: B. Pfarr; vnnd do Funck unwillig wurde, das er solt weichen, saget er ihm (on ander zusage, die ich nicht weis) zu, er solt die Pfarr im Kneiphoff bekommen, darzu wolt er ihm helffen. Wie die Herrn mit
im handelten des dienstes halben, fragt er balde, was sie geben zu Sold, antworten sie, sie hetten dem PolianderJohann Poliander befand sich von 1525 bis zu seinem Tod 1541 in Dienste Herzog Albrechts als Pfarrer, Ratgeber, Visitator und Schulreformer. Vgl. Heribert Smolinsky, Art Poliander, Johann, in: LThK 8 (1999), 384. 200 MarckMargk: B. geben.Die Vorgänger Osianders hatten 140 Gulden erhalten. Osiander erhielt dann 200 Gulden. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 28. Da sprach er, meint ir, das ich Poliander sey? Also legtem sie ihm 200 M. darzu,Osiander erhielt zusätzlich zu seinem Pfarrgehalt von 200 Gulden weitere 100 Gulden für seine Tätigkeit an der Universität. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 28, 30f. auff das sie den großen Propheten haben mchten.

Ley: Was geschach denn weiter?

Pasq: Du solst wol besser wissen denn ich, du bist ja an dem ort wol bekant.

Ley: Ich hab wol viel gehret; aber wie weyssweis: B. ich, was warwahr, wahrhaftig. oder nicht ist. Man pflegt viel zu sagen.

Pasq: Er gedacht imer plus ultra,Wahlspruch Karls V. das ist, hher; das maul stancker war begierig, er trachtete gierig nach. Vgl. Art. stincken II.B.3), in: DWb 18, 3156. im nach ein Bistumb.

Ley: Kann denn ein PfarherrA: Konjiziert aus Sfarherr. B: Pfarherr wol Bischoff werden?

Pasq: Ist doch der SperatusPaul Speratus war von 1524 an der erste evangelische Hofprediger Herzog Albrechts. Seit 1530 bekleidete er bis zum seinem Tod 1551 das Amt eines Bischofs von Pomesanien. Vgl. Paul Tschackert, Art. Speratur, Paul, in: ADB 25 (1893), 123–135. Bischoff worden.

Ley: Fahr fort.

Pasq: Darnach trachtet er, wie er die oberste Stell ininn: B. dem Collegio bekem, welchs im on alle mhe begegnet.gelang. Darumb er sich auch bald Primarium
Theologiae, das ist, den Obersten inn der heyligen Schrifft nennet.Herzog Albrecht übertrug Osiander 1549 die vakante Stelle eines Professor primarius an der Theologischen Faultät der Universität Königsberg zunächst vertretungshalber, da der Selleninhaber, Friedrich Staphylus, abgereist war. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 29–33.

Ley: Ist er denn ein Doctor?

Pasq: Was Doctor? Er ist noch ein Bacchant.Student. Vgl. Art. Bachant, in: Fnhd. Wb. 2, 1618–1620. Hier pejorativ: ein vagabundierender Halbgebildeter, jugendlicher Flegel. Vgl. Hans-Otto Schneider, Art. Bachant, in: Lies, Schneider, 95 Schimpfwörter, 25. Er veracht alle Titel oder Gradus vnnd sagt, sie sind vom Teuffel herkommen. Er wolts beweisen vnd machen, das die Hunde die Titel sollen beseichen.bepissen. Vgl. beseichen 1), in: DWb 1, 1612. Zu der vehementen Kritik an der Berufung eines Kandidaten, der keine akademischen Grade besaß, durch andere Universitätsangehörige in Königsberg vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 29–33.

Ley: Was leyt dran, was er sey, wenn er nur recht leret.

Pasq: Ja, daran leit am meisten. Wiewol keiner in einer Hohenschul kan ein Lector sein, der kein Grad hat.

Ley: Haben denn die andern alle einen Grad?

Pasq: AusgenommenA, B: ausgenommen. der Jurist, do ich zuuor von gesagt.

Ley: Der Bseradt.Wolf von Kötteritz wurde 1549 auf Anordnung Herzog Albrechts und gegen den Widerstand der Universität zum Professor secundarius an der Juristischen Fakultät berufen, wiewohl er über keinen akademischen Grad verfügte. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 30.

Pasq: Ja.

Ley: Wie helt erOsiander. sich denn in der Schul?

Pasq: Also, do er sein disputationDisputation: B. thet, lies er sich bald mercken, das er von Philippo vnnd der Augspurgischen Confession nichts hielte vnd saget, der
Glaube were nicht ein stck der Christlichen Busse.Gemeint ist wohl die Antrittsdisputation Osianders in Königsberg vom 5. April 1549. Hier vertrat Osiander die These, dass Christus diejenigen rechtfertige, die an ihn glauben. Dabei verstand Osiander unter Glaube den Einzug der durch das Evangelium offenbarten Gerechtigkeit Christi in das Herz des Gläubigen (OGA 9, 507). Zum Streitpunkt wurde darum die von Melanchthon vertretene Imputationslehre, die besagt, dass Gott dem Menschen die Gerechtigkeit Christi durch den Glauben zurechne. Die Disputationsthesen von 1549 sind abgedruckt in: OGA 9, Nr. 431, S. 508–513.

Ley: Nimpt man denn solche leute auff vnnd weis nicht, was ihr lehr ist?

Pasq: Wer htte sich dafr?

Ley: Ich meine, ein jeder mste ein Eyd thun, das er nicht wolt von der gemein lehr der Kirchen abweichen? Auch keine newe lere ertichten?Anspielung auf Eidesleistungen bei Graduierungen usw. So wurde in der Kontroverse über Osianders Rechtfertigungslehre über die Bedeutung des Wittenberger Doktoreneids heftig gestritten. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 252; vgl. überdies Andreas Osiander, Widerlegung der Antwort Philipp Melanchthons (1552), A 4r–B 1r, in: OGA 10, Nr. 522, S. 574,11– 576,2.

Pasq: Er hat ja auch geschworen. Schweren vnd halten ist zweyerley.Sprichwörtlich, z.B.: Schwören ist ehrlich, halten beschwerlich. Vgl. Art. Schwören 12, in: Wander 4 (1876), 482.

Ley: So hre ich wol, ist er meineiydig.

Pasq: Freilich.

Ley: Helt es denn auch jemands mit im?

Pasq: Von den gelerten henget ihm an erstlich sein Eidam,Schwiegersohn. der Aurifaber,Andreas Aurifaber heiratete 1550 Osianders Tochter Agnes. Vgl. Irene Dingel, Art. Aurifaber, (1) Andreas, in: LThK4 1 (1993), 1256f.
der sich zu Wittemberg mit einer von Grlitz verlobet vnnd nam darnach eine andere, der zu der Neisse vmb seiner Hurerey willen gefangen lag.Aurifaber hatte in Wittenberg Helene Lufft, die Tochter des Buchdruckers Hans Lufft, geheiratet. Nach deren Tod 1549 vermählte er sich mit Agnes Osiander. Vgl. Wagenmann, Gustav Kawerau, Art. Aurifaber, (1) Andreas, in: RE 2 (1897), 287f; Fligge, Osiandrismus, 154.

Ley: Da weis ich nichts vmb, ich bin an dem ort nicht bekant; allein wie ers zu Dantzig vnnd ElbingAurifaber wurde 1539 Rektor der Lateinschule St. Marien in Danzig und übernahm das Rektorat des Gymnasiums in Elbing 1541. Vgl. Julius August Wagenmann, Gustav Kawerau, Art. Aurifaber, (1) Andreas, in: RE 2 (1897), 287; Fligge, Osiandrismus, 154. getrieben ist landkndig.allgemein bekannt.

Pasq: Das mchte ich auch gerne wissen, aber die zeit ist zu kurtz. Darnach
helts mit ihm M. CiurusJohannes Sciurus stammte aus Nürnberg und war zunächst Professor für Mathematik, danach Professor für Griechisch und Ethik an der Universität Königberg und ein entschiedener Anhänger Osianders. Vgl. Stupperich, Osiander in Preußen, 322–324; Fligge, Osiandrismus, 158–161., der springt von einer Kirchen zur andern vnnd hret was vom Osiander, seinem AbgotAbgott: B., gesagt wird. Weiter M. Albrecht, der Schulmeister inn der Alten Stadt,Konnte bislang nicht aufgefunden werden. der gern Hoffprediger wolt werden, darnach JagenteuffelNikolaus Jagenteufel war von Melanchthon nach seiner Magisterpromotion in Wittenberg 1549 an die Artistenfakultät in Königsberg empfohlen worden. Dort übernahm er 1552 die Professor für Dialektik. Vgl. Fligge, Osiandrismus, S. 169f..

Ley: So sindt die auch meinedig [sic] wie Osiander.

Pasq: Wie der Meister ist, so sind auch seine Jnger.

Ley: Was macht der Funck?

Pasq: Funck vnnd Osiander, ist ein bub wie der ander.Sprichwörtlich: Einer so schlecht wie der andere. Vgl. Art. Bube 47, in: Wander 1 (1867), 494.

Ley: Fahr fort. Sage mir weiter, wie helt er sich denn im lesen?

Pasq: Eben wie sunst.

Ley: Warumb thut er das?

Pasq: Weil er wil andern vorgezogen werden, so mus er auch etwas sonderlichs herfr bringen, dadurch er ihm einen Namennamen: B. mache vnnd sich sehen lasse.

Ley: Ist das die ursach?

Pasq: Ich weis kein andere. Da aber die Studenten verstunden, das er frembde lehr fret, der sie zuuor nicht gewonet, Philippum vnnd andere Wittenberger, ja auch den Luther selbst verachtet, wie der brieff an Michel Stiffel,Michael Stiefel gelangte im Zuge des Schmalkaldischen Krieges nach Preußen und wurde von Herzog Albrecht zunächst als Pfarrer in Memel, danach in Haffstrom bei Königsberg. Er war ein Gegner Osianders. Vgl. Gustav Kawerau, Art. Stiefel, Michael, in: RE3 19 (1907), 24–28, bes. 27f. von ihm geschriben, klerlich anzeigtanzeig: B.,Dieser Brief gilt als verschollen. Vgl. OGA 9, 27, mit Anm. 59. Mörlin verweist in seiner Historia auf diesen Brief und gibt an, das [dies] die meinung [darin] gewesen, das D. Philippus Lutherum hette eingenomen, vnd sie beide hetten eine Aristotelicam Theologiam gekochet, die mehr nach dem fleisch, denn nach dem Geist gerochen, (). HISTORIA || Welcher gestalt sich || die Osiandrische schwermerey im || lande zu Preussen erhaben / vnd wie die= || selbige verhandelt ist / mit allen || actis / beschrieben || Durch || Joachim Mrlin D. vnd Superinten= || dent zu Brunschwig.|| || [Magdeburg: Michael Lotther, 1554] (VD 16 M 5879), D 4r. dichtet einer etliche lateinische Reime wider ihn, die nichts anders in sich hielten, denn das er Philippum
vnnd die andere gelerte verachtet vnd wolt allein der klgeste sein.Zoile quid magnum contemnis inepte Philippum? / Cur in Ziglerum scommata foeda jacis? / Cur vomis in vatem convitia tanta Sabinum? / Cur laceras doctos, livide Mome, viros? / Si divinusadhuc superesset in orde Lutherus, / An queat a nasotutus is esse tuo? / Tu praestas doctis, Tu scilicet omnibus unus, / Et laudare nihil, quam tua sola, potes. / Eja age ventosis Nos poma natamus in undis, / Eja age nos solos nomen habere decet. Osiander fühlte sich dadurch so herausgefordert, dass er mit einem eigenen Gedicht antwortete: Mendax mendaci mendacia carmina mente / Mentiris, Stygio concite daemonio. / Namque ego nec doctum contemno, crede, Philippum, / Sed tu mentiris gutture Tartareo. / Vlla nec in doctum conjeciprobra Sabinum, / Sed tu mentiris gurgulione putri. / Nec doctum a teneris quendam laceravimus annis, / Sed tu mentiris gutture vipereo. / Nec mihi magnanimi violatur fama Lutheri, / Sed tu mentiris faucibus ignivomis. / Nec vere doctis me unqum praeferre cupivi,/ Sed tu mentiris ore venenifero. / Nec probrias soleo vecors effundere laudes, / Sed tu mentiris flamine pestifero. / Inter multa tamen quae sunt mendacia, pulcrum / Distichon hoc in te quodque tuosque quadrat; / Eja age ventosis vos poma natatis in undis, / Eja age vols solos nomen habere decet. / Si tamen hoc pergis in nos torquere, maligne, / Possumus en! numeris ists reffere tuis: / Arboris ecce bonae fructus, nos poma natamus: / Vos Deus in Stygia stercora merget aqua. / Mentiris nebulo rabide, impie, teque libellis / Nos ita famosis vincere posse putas./ Daemonis est opus hoc, te fortiter exagitantis, / Hoc capitis poenam te meruisse puta. Lilienthal, Erleutertes Preußen III, 855f. Darumb drey Studenten fnffzehenfunffzehen: B. wochen in der grossen kelte musten gefangen liegen, welchen er wolte die kpffe lassen abhawen.Vier Studenten (Bernd Tanner, Josias Menius, Heinrich Möller und Michael Saur) wurde eine Verwicklung in die Angelegenheit vorgeworfen. Sie wurden befragt und in Haft gehalten. Tanner und Möller soll die Flucht gelungen sein. Wolf von Kötteritz plädierte während des Verfahrens gegen die Studenten in einem Gutachten für eine harte Bestrafung (vgl. o. Anm. 19) und auch Osiander machte dafür seinen Einfluss geltend. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 77–80; 93, mit Anm. 57.

Ley: Hetten sie denn schuld dran?

Pasq: Nein, denn der sie gemacht, thet gleich wie der Osiander zu
NrenbergNüremberg: B.; flohe davon, wie er solcher Tyranney inne ward.Gemeint ist Heinrich Möller. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 78.

Ley: Waren denn die Reimen angeschlagenA: Konjiziert aus: anghsclagen. B: angeschlagen.?

Pasq: Nein.Das Gedicht wurde am 15. November 1549 in Königsberg angeschlagen. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 77.

Ley: Warumb wolt er sie denn lassen wrgen?töten, hinrichten. Vgl. Art. würgen I.B.2.b), in: DWb 30, 2202f.

Pasq: Das er den andern beide, Studenten vnnd Preceptorn, ein Exempel
frstellete, das nachmals niemand wider in drffe mucken.widersprechen. Vgl. Art mucken 3), in DWb 12, 2610. Denn so hette er gut predigen, lehren vnnd schreiben, wenn jeder manne muste still schweigen?

Ley: Wurden sie auch entheupt?

Pasq: Nein, vmb etlicher Frsten vnnd Hernn frbit willen.Es sollen sich z. B. der Senat der Universität, die Stadträte der drei Srädte Königsbergs und die Ehefrau Herzog Albrechts samt ihren Hofdamen für die Gefangenen eingesetzt haben. Vgl. Lilienthal, Erleutertes Preußen III, 857. Aber der
Bseradt hat ihn den hals schon abgesprochen,Vgl. Anm. 19. doch ward dem einen die StadtIn der Kustode A 3v: Stat. verboten, der ander ward mit den Bteln ausgefhret vnd verweiset.Bernd Tanner und Heinrich Möller waren geflohen. Josias Menius wurde auf 10 Jahre des Landes verwiesen. Michael Saur erhielt wohl eine Gefängnisstrafe. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 77f.

Ley: Pflegt man also mit den Studenten vmbzugehen?

Pasq: Ich hette dir noch wol mehr zu sagen, wieuiel Magistri vnnd Doctores
des Osianders halben haben mssen reumen,ausreisen. Vgl. Art räumen 3.c), in DWb 14, 285f. Entlassen wurden z. B. Johann Brettschneider, Professor primarius an der Medizinischen Fakultät (März 1550), Fabian Stosser, Professor für Griechisch (Juli 1550), Matthias Lauterwald, Professor für Mathematik (Juli 1550), Andreas Wesling, Professor für Hebräisch (Mai 1551). Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 84–94; 167. aber es ist itzt zu lang.

Ley: Was lehret er denn, das tadelns wert ist?

Pasq: Eins hastu gehrt von der Busse;Vgl. Anm. 54. das ander ist, das Chrjstus hette mssen Mensch werden, ob Adam schon das Gebot Gottes nicht vbertretten hette.In seiner Genesisvorlesung scheint Osiander im Laufe des Jahres 1549 die bekannte scholastische Frage erörtert zu haben, ob Christus auch dann hätte geboren müssen, wenn die Sünde nicht in die Welt gekommen wäre (An filius Dei fuerit incarnandus, si peccatum non introivisset in mundum) und veröffentlichte darüber eine eigene Schrift. Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 105f; Andreas Osiander, An filius Dei fuerit incarnandus, si peccatum non introivisset in mundum, item: De imagine Dei, quid sit (1550), in: OGA 9, Nr. 427, S. 450–491. Das dritte, das das leyden vnnd sterben Jhesu Christi nicht unser
gerechtigkeyt sey, sondern die selbstendige gerechtigkeit Gottes inn vns wonende. Denn wie knne vns das Blut Christi, das vor langst verwesen ist, selig machen?Vgl. dazu die ausführlichen Äußerungen Osianders in seinem Bekenntnis. Andreas Osiander, Von dem einigen Mittler / De unico mediatore (1551), in: OGA 10, Nr. 488/496, S.49–300.

Ley: Das ist zu grob,Das geht zu weit. Vgl. Art. grob B.2.e), in: DWb 9, 393. nach meinem groben,einfachen. Vgl. Art. grob F.1.a), in: DWb 9, 401. einfeltigenschlichten. Vgl. Art. einfältig 2), in: DWb 3, 173f. verstande. Er wil, das die menscheit Christi gar vntchtig sey zur gerechtigkeit vnnd
scheidet sie von der Gotheit ab.

Pasq: Ja, das hat der Ketzer ManicheusMani (216–276/7), der Begründer des gnostisch-dualistischen Manichäismus, lehrte, die Welt sei von einem bösen Demiurgen erschaffen, und die göttliche menschliche Seele müsse sich daraus befreien. Vgl. Johannes van Oort, Art. Mani, in: RGG4 5 (2002), 731f; Ders., Art. Manichäismus, in: ebd., 732–742. auch gethan.

Ley: Wo hat er solchs alles her?

Pasq: Von dem Vater aller lgen vnnd mordes.Dem Teufel. Vgl. Joh 8,44. Darumb ich ihn im Lateinischen PasquilVgl. Anm. 10. einen Lgner vnnd Mrder nenne. Einen Lgnerlügner: B.,
das er falsche lere fret, ein Mrdermörder: B., das er Tyrannisch und Blutgirig ist vnd wolt, das alle, die im entgegen sind, mchten umbkomen.Vgl. Pasquillus ad neminem (1550), A 6r.

Ley:Was hat er mehr vor irthumb?

Pasq: Die sind die grbesten, die andern wil ich vmb kurtze willen jez [sic] vngemeldetunangezeigt. lassen, denn er steckt gar vol schwermerey vnd klugheytArroganz, Besserwisserei. Auch von Luther gerne in diesem polemischen Sinn verwendet. Vgl. Art. Klugheit 2.c), in: DWb 11, 1284.
vndvnnd: B. gehet gross mit einem Narren schwanger.Er steckt voller Narreteien und Unsinnigkeiten. Allein eins wil ich dir in geheimnussgeheimnus: B. vertrawen, das noch nicht von mir gemeldet.

Ley: Was ist das?

Pasq: Das er leib vnd gut verfallenverwirkt. hette, dieweil er ein Manicheer, wie das volkomlich Doctor Franciscus Stancarus in seiner widerlegnngWiderlegung: B. der
Disputation des Osiandri erweyset hat,Eine solche Schrift wurde anscheinend nicht gedruckt, denn es findet sich kein Hinweis darauf in VD 16. Francesco Stancaro scheint aber verschiedene Schriften gegen Osiander verfasst zu haben, die wohl handschriftlich kurierten. Einen Hinweis auf fünf Schriften findet sich in einem Brief Stancaros an Georg Buchholzer: Sunt enim tres libri [diese drei hatte Stancaro zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Briefes bereits verfasst], primus de iustificatione, quem simplicissime scripsi, ut unusquisque relictis suis dicendi modis tropis scripturae uteretur, secundus, de duplici iustitia, tertius, confutatio est disputationis Osiandri, quartum nunc scripsi in confutationem libri, quintum prae manibus habeo etiam contra Osiandrum, quo deus et Christus in nobis et nos in eo simus. Francesco Stancaro an Georg Buchholzer. 11. Februar 1552, abgedruckt in: Wotschke, Francesco Stancaro, Beilage VI, 602. befunden wird.

Ley: DzDas: B. were ja vnrecht, was knnen seine kinderKinder: B. darzu, das er ein ketzer ist?

Pasq: Es ist recht vnnd im rechten gegrndet.

Ley: Das were ein guter Bratereiche Beute. inn des ViscalsFiscal = Ankläger, Staatsanwalt. Kchen, wenn ers wste.
Er pflegt ja fleissig zu sprennachzuforschen. vnd nicht etwas zu bersehen.

Pasq: Also hat sichs.

Ley: Wenn er denn schon sein gut verfallen vnnd der Fürst geb jm anders, was ligt jm dran?

Pasq: So wer dasselbige auch verfallen.

Ley: Ich wolt, das ich Viscal were, so wolt ich bald reich werden.

Pasq: Der itzige darffbraucht, benötigt. es auch wol, er ist ein hungeriger Vogel. Aber was gehets vns an, wir wollens itzjtzt: B. dabey lassen bleiben. Es werden wol andere kommenkomen: B., die solchs alles an den tag bringen werden.

Pasquillus.

Wiltu wissen, wer ich bin? So nim etliche Buchstaben dahin.entferne etliche Buchstaben. Die andern fge recht zusamen. So wirstu finden meinen namen.