Einleitung 1. Historische Einleitung und Verfasserfrage
Durch die Veröffentlichung von Osianders Bekenntnis gewann die Kontroverse um seine Rechtferigungslehre eine neue Dynamik. Denn fortan wurde die gegenseitige Polemik schärfer. Dies führte zum einen zu einer immer heftiger werdenden Kanzelpolemik im Herzogtum Preußen.Vgl. dazu z. B. Stupperich, Osiander in Preußen, 314–318. Zum anderen nahm die Schärfe der Auseinandersetzung in den nun in rascher Folge publizierten Schriften zu. In diesen Zusammenhang ordnet sich die hier edierte Schrift ein, die den Streit gerade durch die ihr verwendeten Schmähungen und Verspottungen Osianders auf eine populäre, allgemeinverständliche Ebene transportierte.Vgl. Thomas Wolf, Art. Pasquill, in: HWRh 6 (2003), 682–686.
Die hier edierte Schrift Pasquillus aus Preussen wurde ohne Angaben zu Verfasser, Druckort und Erscheinungsjahr veröffentlicht. In ihr wird aber Osianders Schrift Von dem einigen Mittler erwähnt, die im September 1551 gedruckt wurde.Vgl. OGA 10, Nr. 488/496, S. 78–300. Darin berief sich der Königsberger Theologe dezidiert auf Luther, um seine Auffassung von der Rechtfertigung des Menschen abzustützen. Dazu präsentierte er über viele Seiten seines Bekenntnisses hinweg eine Sammlung von Lutherzitaten.Vgl. z. B. aaO., 170–190. Außerdem wird in der hier edierten Schrift auf eine kleine ebenfalls anonym vorgelegte Schrift verwiesen, die als Reaktion auf Osianders Bekenntnis wohl schon Anfang November vorlag und mit der höchst polemisch die Ungleichheit der Lehraussagen Luthers und Osianders belegt werden sollte.Vgl. Wie fei] der || Rabe Osiander Prima= || rius / mit dem Ehrwirdigen / Hoch= || gelarten Herrn Doctor Martino Lu= || ther / seliger gedechtnis / vberein stim= || met / im Artickel der Rechtfertigung / || Nach dem er rhmet jnn all seinem || schreiben / des Luthers lehre von der || Rechtfertigung / sey seine lehre / || V] widerumb / seine lehre || sey des Luthers. || [s.l., 1552] (VD 16 W 2558). Überdies findet sich im Pasquillus ein Hinweis auf Philipp Melanchthons Antwort,Vgl. unsere Ausgabe Nr. 7, S. 215–231. die um den Jahreswechsel 1551/52 verfasst und wohl zu Beginn des Jahres 1552 publiziert wurde.Vgl. die Einleitung zu Nr. 7, S. 208,19f.
Es kann demnach vermutet werden, dass der Pasquillus im Frühjahr 1552 (Februar/März) gedruckt vorlag. Aufgrund der überaus scharfen Polemik ist es wenig verwunderlich, dass die Schrift anonym publiziert wurde.
Auch wenn der Pasquillus ohne Nennung des Autors veröffentlicht wurde, so bietet ein Reim am Ende doch einen Hinweis auf den Verfasser: Pasquillus. Wiltu wissen, wer ich bin? So nim etliche Buchstaben dahin. Die andern fge recht zusamen. So wirstu finden meinen namen.Vgl. unten A 4v, S. 441,12f. In der neueren Forschung wird darum vermutet, dass Caspar Aquila eventuell der Verfasser sein könne, da der Name Aquila leicht aus Pasquillus herausgelesen werden kann.Vgl. Wengert, Defending Faith, 54, 371f. Diese Annahme kann zwar eine hohe Plausibilität für sich beanspruchen. Aber [1.] aufgrund des anzunehmenden Veröffentlichungszeitraums (Dezember 1551 – Februar 1552) und [2.] des Inhalts der Schrift bleiben Zweifel, ob Aquila tatsächlich als Verfasser in Frage kommt.
[1.] Im August 1551 wandte sich Caspar Aquila nach Aufforderung durch Herzogin Elisabeth von BrandenburgElisabeth hatte nach dem Tod (1540) ihres ersten Mannes, Erich I. von Braunschweig-Calenberg-Göttingen, und der sich daran anschließenden Vormundschaftsregierung für ihren Sohn ErichII. (1540–1545) im Jahr 1546 den Grafen Poppo XII. von Henneberg geheiratet. Aquila befand sich 1551 als Prediger an der Stiftskirche in Schmalkalden in Diensten des Henneberger Grafen. Vgl. zu Aquila in Schmalkalden Biundo, Kaspar Aquila, 60–63. an Herzog Albrecht von Preußen mit der Bitte, nicht zuzulassen, daß der ehrwürdige Herr Doctor Andreas Osiander neue, ungegründete, unerhörte Artikel der Rechtfertigung lehren und ausbreiten wolle ().Caspar Aquila an Herzog Albrecht von Preußen. 18. August 1551, in: Voigt, Briefwechsel, 34f (34). Durch die Herzogin erbat Herzog Albrecht dann von Caspar Aquila eine Stellungnahme in der Kontroverse. Dazu ließ er ihm 13 Artikel (Vorwürfe gegen die Gegner Osianders) zukommen.Vgl. Voigt, Briefwechsel, 35; Stupperich, Osiander in Preußen, 193; Biundo, Kaspar Aquila, 101. Aquila kam dieser Bitte nach und verurteilte zwar die Lehre Osianders. Doch aufgrund der Unzulänglichkeit der 13 ArtikelVgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 193. und der Tatsache, dass er bislang (27. September 1551) weder Osianders Bekenntnis noch Mörlins Widerlegung gelesen habe, wollte er letztlich kein abschließendes Urteil fällen.Vgl. Caspar Aquila an Elisabeth von Brandenburg. 27. September 1551, in: Voigt, Briefwechsel. Noch im Oktober 1551 ermahnte er den preußischen Herzog, schlicht bei der Lehre unsers reinigen Catechismi zu bleiben. Jeden, der anderes lehre, soll er meiden wie einen Wolf, er sey Osiander oder D. Mörlin.Caspar Aquila an Elisabeth von Brandenburg. 14. Oktober 1551, in: Voigt, Briefwechsel, 36. Anscheinend ließ Herzog Albrecht Aquila Ende des Jahres 1551 erneut eine Liste mit 13 Fragen zur Beantwortung vorlegen. Doch der Theologe entzog sich abermals einer eindeutigen Positionierung.Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 276. Der dort angegebene Verweis auf eine Signatur des Königsberger Archivs (Anm. 63) lässt den Schluss zu, dass es sich bei den 13 Fragen um ein anderes Dokument handeln muss, als die im Herbst 1551 an Aquila übersandten 13 Artikel (dazu Stupperich, Osiander in Preussen, 193 Anm. 156 mit entsprechenden Archivsignaturen). Im März 1552 wandte sich der Herzog ein weiteres Mal an Aquila, da er hoffte, dass dieser nun Osianders Bekenntnis eingesehen habe und bat um ein Urteil sine affectibus.Vgl. Herzog Albrecht an Caspar Aquila. 21. März 1552, in: Voigt, Briefwechsel, 37–40, bes. 38. Stupperich und Biundo folgern aus diesem Schreiben des Herzogs, dass dieser mit demselben Osianders Bekenntnis an Aquila gesandt habe (Stupperich, Osiander in Preussen, 276; Biundo, Kaspar Aquila, 103). Die darin enthaltene Formulierung: Da ich nun hoffe, daß euch Osianders Bekenntniß zu Handen gekommen ist (), lässt diesen Schluss nicht unbedingt zu. Dieses Aussage ließe sich auch dahingehend interpretieren, dass der Herzog hoffe, dass Aquila zwischenzeitlich auf irgendeinem Wege das Bekenntnis Osianders erhalten und die Zeit gefunden habe, dieses zu lesen. Erst im Juni 1552 positionierte sich Aquila gegenüber Herzog Albrecht klar als Gegner Osianders.Vgl. Stupperich, Osiander in Preussen, 276.
Eventuell besaß Aquila tatsächlich, wie aus seinen Korrespondenzen mit Elisabeth von Brandenburg und Herzog Albrecht hervorgeht, zunächst lange Zeit nicht genügend Informationen, um ein eindeutiges Urteil zu fällen. Vielleicht handelte er aber vornehmlich aus Vorsicht, weil Elisabeth von Brandenburg seit dem Eheschluss Herzog Albrechts von Preußen mit Herzogin Anna Maria von Braunschweig-Calenberg-Göttingen im Jahr 1550 dessen Schwiegermutter war und Aquila bei einer frühzeitig geäußerten harschen Kritik an Osiander Nachteile für sich befürchtete. Hatte Aquila doch aufgrund seiner Ablehnung des Augsburger Interims (1548) seine Wirkungsstätte in Saalfeld verlassen müssen und war dann durch das Wohlwollen von Elisabeths Ehemann, Graf Poppo XII. von Henneberg, zum Pfarrer an der Stiftskirche in Schmalkalden berufen geworden.Vgl. Anm. 9. Unabhängig von den genauen Beweggründen Aquilas, scheint es jedoch wenig glaubhaft, dass er um den Jahreswechsel 1551/52 ein so listiges Doppelspiel trieb, in dem er einerseits gegenüber Elisabeth von Brandenburg und dem preußischen Herzog zurückhaltend argumentierte, aber andererseits gleichzeitg die hier edierte, höchst polemische, antiosiandrische Schrift verfasste, an deren Ende er sich durch den oben zitierten Reim wiederum einfach als Autor hätte identifizieren lassen.
[2.] Aus der hier edierten Schrift geht hervor, dass der Verfasser auch der Autor des lateinischen Pasquillus ad neminem ist.Vgl. unten Anm. 10 und 77. Der erste Biograph von Georg Sabinus, Petrus Albinus, vermutete in seiner Vita Georgij Sabini aus dem Jahr 1588, dass Sabinus der Verfasser des Pasquillus ad neminem gewesen sei.Vgl. VITA || Georgij Sabini || BRANDEBVR= || GENSIS, IC., POETAE || LAVREATI, ET COMITIS || Palatini in aula Lateranensi, Consiliarij || Illustrissimorum Marchionum Bran= || deburgensium, & ad diuersos proce= || res Legati, Professoris Eloquentiae in || Acad. Francofordiana ad Viadrum, || Viri summi & claris= || simi: || Consignata potissimum ex || ipsius scriptis || à || Petro Albino Niue= || montio. || [Wittenberg: Matthaeus Welack] (VD 16 W 1702), 32. Dies würde bedeuten, dass Sabinus auch den Pasquillus aus Preußen geschrieben hätte. Tatsächlich war Sabinus ein Gegner Osianders, der seinen Schwiegervater Melanchthon aufforderte, gegen Osiander Stellung zu beziehen. Er, Sabinus, selbst dürfe dies nicht.Vgl. Georg Sabinus an Philipp Melanchthon. 10. März 1551 (MBW 6015). Der Grund für Sabinus’ eigene Zurückhaltung, öffentlich gegen Osiander aufzutreten, darf wohl in seiner Stellung als Rektor der Universität Königsberg vermutet werden. Max Töppen hat eben wegen dieser Zurückhaltung die Behauptung des Albinus für zweifelhaft gehalten.Vgl. Töppen, Gründung, 194. Allerdings wurden beide Pasquille anonym veröffentlicht, was im Sinne des Sabinus gewesen wäre. Der im Pasquillus wahrnehmbare Zorn über die Berufung Osianders zum Professor der Theologie in Königsberg, obwohl dieser keine akademischen Grade besaß, der Vorwurf, Osiander sei gegenüber der Universität eidbrüchig geworden, die Polemik gegen eine behauptete Arroganz Osianders und der Bericht über die Inhaftierung von Studenten, die eben diese Arroganz (Osiander halte sich für gelehrter als Luther, Melanchthon und Sabinus) in einem satirischen Gedicht lächerlich gemacht hatten,Vgl. unten Anm. 69. lassen sich zudem als starkes Indiz dafür werten, dass der Verfasser des Pasquillus die Zustände in Königsberg gut kannte. Fligge hat zusätzlich darauf verwiesen, dass die gelehrten Anspielungen auf antike Autoren im Pasquillus ad neminem einen Verfasser mit humanistischer Bildung wahrscheinlich machen.Vgl. Fligge, Osiandrismus, 82. Gleichzeitig wandte er gegen die These von der Autorschaft des Sabinus jedoch zurecht ein, dass dann mit Blick auf den Reim am Ende der hier edierten Schrift vom Wort Pasquillus alle Buchstaben bis auf die Endsilbe us getilgt werden müssten, um auf Sabinus als Autor zu kommen. Würde man so vorgehen, könnte letztlich jeder latinisierte Name zutreffen.Vgl. ebd.
So bleibt die Autorschaft weiterhin unklar. Aufgrund des Inhalt scheint es jedoch am wahrscheinlichsten zu sein, dass der Verfasser aus dem Kontext der Universität Königsberg stammte.
2. InhaltDie Schrift präsentiert einen fiktiven Dialog zwischen dem Pasquillus und einem Laien. In dem Gespräch übernimmt der Pasquillus die Aufgabe, den Laien über Osiander und die Situation in Preußen genauer zu informieren. Dabei steht weniger eine Kritik an konkreten Lehraussagen Osianders im Fokus, als vielmehr verletzende und ehrabschneidende Attacken auf Andreas Osiander selbst.
Zu Beginn gibt der Verfasser zu erkennen, dass er angeblich von anderen aufgefordert wurde, nicht nur in lateinischer, sondern auch in deutscher Sprache die Person Osiander genauer vorzustellen.
Der Dialog wird durch das Zusammentreffen des Pasquillus und des Laien eröffnet. Dabei überreicht der Pasquillus dem Laien zwei Ausgaben einer lateinischen Schrift gegen Osiander, die er nach Königsberg gebracht habe. Da der Laie kein Latein versteht, aber gerne mehr über Osiander wissen möchte, entspinnt sich ein Gespräch.
Zunächst bittet der Pasquillus den Laien darum, dass dieser ihn nicht anzeigt und berichtet dann, dass Osianders Großvater angeblich ein Jude gewesen sei und dass Osiander in Nürnberg durch Heiraten und Wucher versucht habe, Reichtum und Ruhm zu erlangen. Nachdem er dort auf diese Weise alles ihm nur mögliche erreicht und dann die Stadt verlassen habe, sei er mit 30.000 Gulden nach Preußen gekommen, getrieben von der Hoffnung, einen Bischofsstuhl oder andere lukrative Stellen zu erhalten. Er sei dann Pfarrer in der Alten Stadt in Königsberg geworden und habe erwirkt, dass man ihm 400 Gulden als Gehalt zahle.
Seinem Wahlspruch plus ultra (über alles hinaus) entsprechend, sei es ihm gelungen, Professor primarius der theologischen Fakultät zu werden, obwohl er keinerlei akademischen Grade besitze, ja diese sogar verachte. Als Theologieprofessor habe er seine Ablehnung gegenüber der Confessio Augustana und gegenüber Philipp Melanchthon zum Ausdruck gebracht und sei darum meineidig geworden, denn als Universitätsangehöriger habe er schwören müssen, nicht von der allgemeinen Lehre der Kirche abzufallen.
Im Anschluss an diese zahlreichen Attacken zählt der Pasquillus die Anhänger Osianders in Königsberg auf und erklärt auch sie zu Meineidigen. Er berichtet sodann von Osianders Arroganz, die ihn dazu bringe, Melanchthon und selbst Luther zu verachten, sowie von seiner tyrannischen Reaktion auf satirische Kritik an ihm durch drei Königsberger Studenten.
Daran anschließend kommt der Pasquillus kurz auf die Lehre Osianders zur Rechtfertigung des Menschen zu sprechen. Er bezeichnet sie als manichäisch und behauptet, der Satan selbst habe sie ihm eingeflüstert. Da er ein Ketzer sei, wäre es rechtens, ihn an Leib und Gut zu strafen.
Abschließend gibt der Pasquillus in kurzen Reimen einen Hinweis auf seine Person.
4. Ausgaben A:Pasquillus auss || Preussen || Anno 1552. || (VD 16 P 837).
Vorhanden in:
Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz: Dg 1180; Dg 1180a
Erfurt, Universitätsbibliothek, Depositum Erfurt (ehemals Stadt- und Regionalbibliothek): 05 - T.pol. 4 00011 (01)
Gotha, Forschungsbibliothek: Theol.4 683(10)
München, Bayerische Staatsbibliothek: Res/4 H.ref. 805,23 [benutztes Exemplar]
München, Bibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität: 4 Theol.1228:5
Wien, Österreichische Nationalbibliothek: * 35.F.129
Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek: 125.34 Quod.(26); 127.10 Theol.(7); 187 Hist.(32); 218.13 Quod.(24)
B:Pasquillus auss || Preussen || Anno 1552. || (VD 16 ZV 12 192).
Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz: Dg 1179 Weimar, Herzogin Anna Amalia Bibliothek: Aut V (61) Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek: S 228.4 Helmst.(25)Aufgrund von zwei Fehlerkorrekturen in Ausgabe B kann angenommen werden, dass B die spätere Fassung ist. Unsere Edition folgt Ausgabe A.