Controversia et Confessio, Bd. 7


Flacius, Verlegung des Bekenntnisses Osiandri (1552) Nr. 8: Flacius, Verlegung des Bekenntnisses Osiandri (1552)

Flacius, Verlegung des Bekenntnisses Osiandri (1552) Nr. 8: Flacius, Verlegung des Bekenntnisses Osiandri (1552)Nr. 8 ULB Darmstadt info:isil/DE-17 Darmstadt Letzte Änderung: 2023-05-23 Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY)

Das andere ist, das er spricht, Es erscheine daraus, das die Erloͤsung von der Rechtfertigung vntterscheiden sey, das die menschen einen von der straff erledigen, aber nicht rechtfertigen koͤnnen. Wie vnbestendig aber vnd nichtig
dis Argument sey, kan ein jeder leichtlich sehen.

Denn Gott hebt die suͤnde erstlich auff, darnach hebt sich der Todt selbs auff, vnd thut nicht, wie die falschen Richter thun, die einen Dieb vom galgen erledigen, von der Suͤnde aber nicht erledigen koͤnnen. Derhalben eben damit, das Gott den Suͤnder von suͤnden erledigt vnd jm die Gesetzerfuͤllung
seines Sons zurechnet, damit erloͤset er jhn auch vom Tode vnd setzt jhn ins Ewige leben.

Ja man kan diese Osiandrische gleichnis also billich vmbkeren: Wie ein Richter, eben damit er einen gefangen Rechtfertiget oder gerecht spricht, jhn auch vom galgen vnd straffe erloͤset, Also thut auch Gott, der Richter der
gantzen Welt: eben damit er vns Rechtfertiget, erloͤset vnd erlediget er vns auch von der Ewigen straff. Nur das dieser vnterscheid ist, das ein Richter nicht kan noch sol die Schuͤldigen rechtfertigen oder suͤnde vergeben. Denn dieses gehoͤret Gott dem HErrn alleine. Das also die rechtfertigung vnd Erloͤsung bey Gott ein ding ist.

Hie magstu, Christlicher Leser, nu betrachten, wie bestendig des Osianders lehr ist, weil er den vornempsten grund seines gantzen Jrthumbs mit solchen lamen zoͤtleinAlbernheiten. Vgl. Art. Zötlein, in: DWb 32, 127; Art. Zote I.5), in: DWb 32, 125. beweisen wil vnd doch gleichwol ander leut schmehet, als haben sie jhre lehr aus fleischlicher vnd Philosophischer weisheit geschepfft.

Es ist aber wunder,verwunderlich, erstaunlich. Vgl. Art. wunder adj. 1), in: DWb 30, 1838. das die Schrifft, wenn sie von vnserer seligkeit redt, die
vergebung der Suͤnden so offt nennet, gleich als were alles allein daran gelegen, vnd gleichwol der Rechtfertigung durch die wesentliche Gerechtigkeit Gottes nicht ein mal gedenckt. Es ist auch wunder, das sich die gewissen, so sie in verzweifelung oder versuchung stecken, nach der vnendlichen gerechtigkeit Gottes, des Schepfers, so gar nicht senen,sehnen. wie auch nicht nach sei
ner weisheit, macht, GloriHerrlichkeit. Vgl. Art. Glorie 2.a), in: DWb 8, 194f. etc., Sonder nur auff jhre eigne gerechtigkeit sehen, welche die Creatur fuͤr jhrem Schepffer haben solte. Vnd ist jhnen leid, das sie dem willen vnd Gesetz Gottes nicht haben gnug gethan, das sie nicht Gott, jhrem Schepffer, volkoͤmlich gehorsam gewest, ja auch vielmal widder jhn gehandelt haben.

Es ist jhnen auch leid, das jhr hertz von Got abgewand ist, das es Gotte nicht liebet, nicht fuͤrchtet, Vnd zweiffeln derhalben nicht, Gott zuͤrne mit jhnen vmb dieser vielfeltigen suͤnde willen vnd seien der verdamnis schuͤldig.

Wenn sie aber wuͤsten, das sie selber oder etwa ein ander, Gotte vnd seinem Gesetz von jhrentwegen volkoͤmlich gnug gethan vnd sie mit Gotte
versuͤnet hette, so wuͤrden sie sich fuͤr gerechtfertigt vnd Absoluiret halten vnd wol zu frieden sein.

Solchs aber widderferet jhnen vieleicht alles darumb, das sie diese heimliche Osiandrische geheimnissen nicht wissen. Drumb wird die Schrifft hernachmals anders reden muͤssen. Die erschrockene gewissen werden nach
anderem trost dencken muͤssen. Man wird sich auch anders denn zuuor troͤsten muͤssen, ja die gantze Form der Absolution wird muͤssen geendert werden. Wenn Christus hernachmals einen Absoluiren wil, so wird er nicht mehr sagen muͤssen wie zuuor: Es sind jhr viel suͤnde vergebenVgl. Lk 7,47. oder Sey getrost, mein Son, deine Suͤnde sind dir vergeben,Vgl. Mt 9,2. oder zu den
Aposteln: Welchen jhr die suͤnde erlassetVgl. Joh 20,23. etc., Sonder: Du bist gerechtfertigt durch die gerechtigkeit des Almechtigen Gottes, in dein hertz gegossen. Jtem: Welche jhr durch die wesentliche Gerechtigkeit rechtfertigen werdet, die werden gerecht sein etc.

Also wird auch die gantze Kirche die Form der Absolution, die sie von Chri
sto empfangen vnd bisher im gebrauch gehabt, endern muͤssen. Denn warumb solte der prediger den beschwerten gewissen allein das geringste stuͤck der versuͤnung anzeigen vnd zueignen vnd das beste verschweigen vnd den armen Suͤnder solches Schatzes, welcher jm durchs Ampt der Schluͤssel solte gegeben werden, berauben? Warlich, wenn diese lehr gelten
sol, so wird man die Rede, damit der priester dem armen Suͤnder nach gethaner Beicht Gottes Gnad verkuͤndigt vnd durchs Ampt der Schluͤssel, von Christo gegeben, zueignet, alsbald verendern muͤssen.

Ja wir werden auch das Vater vnser verendern muͤssen. Denn warumb beger ich allein vergebung der suͤnde, so sie doch das geringste stuͤck ist meiner
versuͤnung mit Gott vnd ich viel mehr das vornempste vnd beste begeren solte, nemlich die Rechtfertigung durch die wesentliche Gerechtigkeit Gottes? Drumb muͤssen wir hinfort nicht mehr sagen: Vergib vns vnser Schuld, Sonder: Rechtfertige vns durch deine wesentliche Gerechtigkeit. Drumb wird die Christliche Kirche diese schendliche, grobe Jrthume auffs
allererst bessern vnd endern muͤssen, wenn sie sampt Christo, den Aposteln vnd Vetern inn jhrem alten vnd schedlichen Jrthum nicht verharren vnd diese newe Himlische, Osiandrische weisheit nicht annemen wil. Welchs, scilicet,versteht sich. eine sehr grosse suͤnde were.

Beschluss.

Bjsher hab ich angezeigt erstlich den vnterscheid zwischen vnserer Kirchen meinung vnd des Osianders meinung, Nemlich das wir sagen, Der Suͤnder werde Gerechtfertigt durch den verdienst vnd erfuͤllung des Gesetzes, welchen Christus, warer mensch vnd Gott, durch sein Leiden vnd gehorsam geleistet hat. Osiander aber sagt, Wir werden Gerecht durch die wesentliche
Gerechtigkeit der Gottheit.

Zum andern hab ich auch die falsche deutung des worts Rechtfertigen, die Osiander widder die warheit erdichtet hat, verlegt.

Zum dritten hab ich die weise vnserer Rechtfertigung zu mehr malnzu mehr Malen = mehrmals, öfters, häufig. Vgl. Art. mehrmalen, in: DWb 12, 1897. beschrieben vnd mit vielen warhafftigen Argumenten beweiset.

Zum vierden hab ich alle argument aus Gottes Wort, aus Doct. Martini, Augustini vnd Chrysostomi schrifften, dadurch Osiander seinen jrthumb vertedingen vnd beweisen vnd die rechte lehr hat stuͤrmenerobern, überwältigen. Vgl. Art. stürmen B), in: DWb 20, 615. wollen, verlegt. Endlich hab ich auch den vrsach,Konsequenz (?). So anscheinend nicht in den Wörterbüchern belegt. Vgl. immerhin Art. Ursache D.2.k), in: DWb 24, 2510. so aus seiner lehr herfleusset,herausfließt, hervorgeht, sich ergibt. Vgl. Art. herflieszen 2), in: DWb 10, 1091. erzelet.

Nu were wol raum vnd zeit, das ich die Christen auch vermanete, das sie der
erkanten vnd angenomenen Religion Jhesu Christi mit allem hoͤchsten fleis anhingen vnd dabey verharreten vnd alle verfelschung auffs hoͤchst vermeideten. Denn die schrifft vnd warlich auch die erfarung selbs zeugt vnd leret, das der Teuffel vmb den Schaffstall des HERRN stetz hergehe wie ein rasender hungeriger Wolff oder Lewe vnd sucht, welchen er verschlingen
moͤchte,Vgl. I Petr 5,8; Joh 10,1.12. Vnd das er nicht ein Scheflein allein, sonder vnzelich viel zu sich reisset vnd aufffrisset, wenn er die ware, Heilsame lehr Christi verfelschet vnd sie also von der heilsamen weide Christi, jhres Hirten,Vgl. Joh 10,11. zu seinen hellischen abgruͤnden, spelunckenHöhlen. Vgl. Art. Spelunke 1), in DWb 16, 2141. vnd gruben zeucht vnd durch Jrthumb fuͤret.

Wir aber sind rechte tolle,törichte, verrückte. Vgl. Art. toll I.1.a.α), in: DWb 21, 632. nerrische schaff. Denn zum teil lassen wir vns etwa durch ein klein Windlein schrecken,Vgl. Eph 4,14. das wir in vnser eigen verterben lauffen, vnd weil wir dem vngluͤck durch suͤnde entgehen wollen (denn diesen einigen weg vnd keinen andern weiset vns der Teuffel), so lauffen wir in alles elend vnd jamer des gegenwertigen vnd kuͤnfftigen lebens, wieals ob. Vgl. Art. wie III.B.1), in: DWb 29, 1485f. wir
toll vnd toͤricht weren – Zum teil aber, weil wir nicht wissen, wie gut es sey, des einigen guten Hirten stim vnd wege folgen,Vgl. Joh 10,27. so lauffen wir aus furwitz hin vnd her vnd weiden, wo es vns gut duͤncket, vnd lauffen also endlich mutwilliglich dem Wolffe in den rachen.

Jch wil aber dis ein wenig klerer sagen: Die Leut verlassen jtzt die warheit
des Goͤttlichen Worts, zum teil einer geringen, losenunbegründeten, grundlosen. Vgl. Art. lose II.3), in: DWb 12, 1183. furcht halben, zum teil werden sie des teglichen liedleinsRedensartlich: der immer gleichen Aussagen. Vgl. Art. Liedlein, in: DWb 12, 993f. von vergebung der Suͤnden oder annemung des Suͤnders aus gnaden durch den glauben von wegen des leidens vnd verdienstes Christi vberdruͤsssig vnd wollen etwas newes, seltzames, spitzfuͤndiges, hohes vnd Himlisches haben.

Drumb ist auch der Teuffel nicht weit vnd wil vnsern fuͤrwitz buͤssenbefriedigen, stillen. Vgl. Art. büszen 5), in: DWb 2, 573f. vnd erweckt so viel falscher Aposteln, das wir schier nicht wissen, wo wir mit jhnen aus oder ein sollen. Vnter welchen vns etliche einen richtigen weg weisen, dem vngluͤck zu empfliehen,entfliehen, entkommen. nemlich die Suͤnde. Etliche, als D. GeitzGeorg Major. Zu ihm vgl. bes. unsere Ausgabe Bd. 3. mit den andern Adiaphoristen,Vertreter der Auffassung, man könne in vielerlei Mitteldingen den kaiserlichen Forderungen nach Wiederherstellung des altgläubigen Ritus willfahren, solange nur die Evangeliumspredigt möglich bleibe. Flacius vertrat demgegenüber die Auffassung, ein solches Vorgehen sei den Gemeinden nicht zu vermitteln und außerdem gebe es in statu confessionis keine Adiaphora. Zum Adiaphoristischen Streit vgl. unsere Ausgabe Bd. 2. sperren vns das maul auffRedensartlich: machen uns falsche Hoffnungen. Vgl. Art. aufsperren, in: DWb 1, 741f. mit
Himlischen Reformationibus,aus: Reformatiobus. gleichfoͤrmigkeit vnd zucht. Etliche wollen vns sonderliche hohe lehren vnd offenbarungen, on zweiffel aus dem dritten Himel genomen,Vgl. II Kor 12,2. fuͤranstelle (der). Vgl. Art. für I.A.4.a.α), in: DWb 4, 623f. die gewoͤnliche heilsame Religion mit gewalt auffdringen.aufnötigen, aufdrängen, aufzwingen. Vgl. Art. aufdringen 2), in: DWb 1, 635.

Drumb were hie wol zeit, das ich die leut zur bestendigkeit in der angenome
nen erkanten warheit vermanete. Aber weil dis buch zimlich gros ist worden vnd diese drey jar herSeit Beginn des Kampfes gegen das Interim, vgl. unsere Ausgabe Bd. 1. gnug vermanungen zur bestendigkeit in der erkanten lehr von mir geschehen sein, so will ichs jtzt hiebey bleiben lassen. Allein bitt ich den Christlichen Leser, Er wolle die warheit auch aus dieser Schrifft erkennen vnd, wenn er sie nu erkant hat, wie warlich bisher ein jeder vber
fluͤssig hat thun koͤnnen, das er denn bey sich selbs bedencken wolle, ob er lieber durch Gottes Wort zur Ewigen Seligkeit oder durch der menschen, des Bapsts vnd Teuffels jrthume zur Ewigen verdamnis kommen wolle.

Der HERR Jhesus wolle seiner armen Kirche vnd allen betrubten hertzen, die seinen Namen anruffen, beystehen! AMEN. Amen. Amen.

Eine kurtze Erinnerung der vorigen Schrifft halben.

Am ende dieser Schrifft hab ich etwas anhengen wollen, dadurch ich etliche stuͤck, die entweder zu kurtz oder tunckel sein, volkoͤmlicher deutete, ausstrichehervorhöbe, verdeutlichte. Vgl. Art. ausstreichen 3), in: DWb 1, 992. vnd den vnerfarnen oder auch den MisgoͤnnernMissgünstigen, Gegnern. Vgl. Art. Miszgönner, in: DWb 12, 2292f. nicht etwan eine ansehenliche vrsachauch: Vorwand. Vgl. Art. Ursache D.2.f), in: DWb 24, 2509f. gebe zu jrren, zu schmehen vnd zancken.

Zum ersten, so viel die Definition oder Beschreibung der Gerechtigkeit belanget,anbetrifft. Vgl. Art. belangen 1), in: DWb 1, 1436. Folio 1. Fa 2,Vgl. oben S. 247. hab ich fuͤr nuͤtzlich angesehen, das ein gewis Genus oder name des gantzen verdiensts, welchs Christus fuͤr vns geleistet hat, oder der Gerechtigkeit, die vns zugerechnet wird, genand wuͤrde. Derhalben hab ich gesatzt dis wort: die erfuͤllung des Gesetzes. Denn was
der HErr Jhesus gelitten hat, das hat er darumb gelitten, das er dem Gesetze, welches von vnser Suͤnde wegen die straff von vns erfodert, gnug thete. Vnd was er gethan hat, das hat er darumb gethan, das er fuͤr vns dem Gesetz volkoͤmlich gehorsam were, das also meines erachtens der gantze verdienst Christi auffs aller beste begriffen kan werden vnter dem namen
Erfuͤllung des Gesetzen.

Der verdinst Christi aber ist ein solch gewaltig, Herrlich ding, das es mehr eine erseuffung denn eine erfuͤllung des Gesetzes sol genennet werden. Denn der spruch, den D. Luther vnd die Veter gebrauchen, gefellet mir sehr wol, das der verdienst Christi ein solch koͤstlich ding sey, das auch ein
einiger Blutstropffen hette gnug thun koͤnnen fuͤr aller Welt Suͤnde.Vgl. Petrus Damiani, Sermo XLVII (De exaltatione sanctae crucis): Sufficeret ad redemptionem orbis, vel una pretiosissimi sanguinis gutta; sed data est copia, ut virtus diligentis in beneficii redundatione clarescat. (PL 144, 762C). – Thomas v. Aquin, Fronleichnams- bzw. Abendmahlshymnus Adoro te devote, Str. 6: Pie pellicane, Iesu domine, | me immundum munda tuo sanguine, | Cuius una stilla salvum facere | totum mundum posset omni scelere. (Wackernagel, Kirchenlied I, 145f [Nr. 234]). – Luther, WA 12, 291,10–17: Wilchs ist nun der schatz, damit wyr erloͤst sind? Nicht vergenglich golt oder sylber, sondern das thewre blGtt Christi, des son Gottis. Der schatz ist so kostlich und edel, das es keyn menschen synn und vernunfft begreyffen kan, Also das nur eyn troͤpflin von diesem unschuldigen blGtt uberig genGg were gewesen fur aller wellt sund. Noch hatt der vatter seyne gnade so reychlich ubir uns wollen ausschuͤtten und sichs so viel stehen lassen, das er seynen son Christum hat sein blGt alles vergiessen lassen und uns den schatz gantz geschenckt. (Epistel S. Petri gepredigt und ausgelegt, 1. Bearbeitung, 1523, zu I Petr 1,18f). Denn wer wil so kuͤn sein vnd die gnugthuung vnd gehorsam Christi, der nicht allein der allerheiligst mensch, sonder auch ewiger Gott gewest ist, mit vnsern suͤnden vnd schuldigem gehorsam einerley weiseeinerlei weise = in irgend einer Weise. Vgl. Art. einerlei 1), in: DWb 3, 166. vergleichen?

Derwegen halte ich, das die weise des verdiensts Christi oder die erfuͤllung
des Gesetzes also koͤnne am besten erkleret werden: Gottes Gerechtigkeit ist da gestanden mit den Zehen Gebotten als mit einem Schuldregister vnd hat von dem menschlichen geschlecht volkomene straff gefordert vor die begangenen Suͤnden vnd hernachmals volkomenen gehorsam. Da hat sich der Son Gottes des menschlichen geschlechts (welches der Gerechtigkeit Gottes in
keinen weg konte gnug thun vnd derhalben ewiglich solte verdampt werden) erbarmet vnd hat sich von wegen des menschlichen geschlechts in die Schuld gegeben, das er Got bezalen wolte. Darumb da er in Goͤttlicher gestalt war, hat er sich selbs ernidriget vnd die gestalt eines Knechtes, ja eines Suͤndlichen knechtes angenomen, ist zum fluch vnd Suͤnden worden. Darnachhat
er sich in solchem gehorsam je mehr vnd mehr ernidriget, bis er endlich als ein Suͤnder ans Creutz geschlagen, begraben vnd in die HelleHölle. gefaren ist.Vgl. Phil 2,6–8.

Darumb koͤnnen wir mit warheit sagen, das Christus, nachdem er des Mitlers Ampt an sich genomen, durch seinen steten gehorsam vnd leiden
dem Schuldhern,Gläubiger, Inhaber eines Schuldtitels, einer Forderung. Vgl. Art. Schuldherr, in: DWb 15, 1900f. nemlich der Gerechtigkeit Gottes, alle augenblick grosse Summen (so zu reden) geltsGeldes. vnd in seinem letzten Leiden die aller groͤste summa zugezeletzugewiesen, ausgezahlt. hab.

Derhalben, nach dem er jns grab vnd in die Helle als ein Schuͤldiger gebracht worden ist, hat er Rechenschaft begert desjenigen, das das
menschlich geschlecht schuͤldig war, das er auff sich genomen hatte, vnd des, das er bezalet hatte. Vnd nach dem beiderseits Rechenschafft geschehen, beide: der schult vnd der bezalung, ist erfunden worden, das Gottes gerechtigkeit weit vnd vnzelich viel mehr von Christo empfangen habe, denn das menschlich geschlecht schuͤldig war. Darumb hat Christus der
Goͤttlichen Gerechtigkeit die Handtschrifft vnserer Schuldt, das ist: die Zehen Gebot, angedrungen vnd damit sie die gleubigen nicht verdammen koͤnne, an das Creutz gehefftet.Vgl. Kol 2,14. Ja er hat auch noch eine andere Handschrifft der Goͤttlichen Gerechtigkeit abgedrungen, darin sie bekennet, das sie vns gleubigen Gottes gunst vnd das Ewig leben schuͤldig sey. Also ist
Gottes Gerechtigkeit aus einem Schuldherrnaus: Schudherrn. vnser schuͤldner worden. Solche vnd so grosse erfuͤllung des Gesetzes vnd bezalung der Schuld hat Christus fuͤr vns geleistet.

Hieraus erscheinet fein, was das ist, das Paulus sagt, Christus ist vmb vnser Suͤnd willen dahin gegeben vnd vmb vnser Gerechtigkeit willen
aufferwecket,Vgl. Röm 4,25. das ist: vnsere schuld oder suͤnd haben Christum ans Creutz vnd gleichsam in den schuldthurnSchuldturm, Schuldgefängnis. gefurt. Weil er aber vberschwencklich inn diesem gefencknis vnd banden der pein vnd des tods mit seiner erfuͤllung des gesetzs bezalt hat, So hat er zum ersten hiedurch erlanget, das er aus diesem – so zu reden – Kerker gekomen vnd widder aufferstanden ist,
vnd weil solche vberschwenckliche bezalung vnsert halben geschehen ist, so hat er auch muͤssen widderumb aufferstehen, das er sie vns auch zueignete vnd gebe.

Hiemit wil ich meine beschreibung der Gerechtigkeit erkleret haben vnd halt, das man dis stuͤck wol koͤnne setzen zu dem, das wir droben, E8 vnd F1,Vgl. oben S. 317f.
gehandelt haben, was wir durch Christum mehr erlanget, denn durch Adam verloren haben.

Jm anfang dieser schrifft hab ich gesagt, das ich etliche fuͤrwitzige, vnnuͤtze Disputation des Osiandri wolt stehen lassen, als vom innerlichen vnd eusserlichen wort.Vgl. oben S. 265,4–8. Wil aber hiemit in keinem weg diesen jrthumb fuͤr gering ge
achtet haben, das er das Wort Gottes, so mans nicht gleubt, einem alten par schuech vergleicht, die man in winckel wirfft, vnd sonst etlicher andern wort sich daselbst vernemen lest.Vgl. Osiander, OGA 10, 116,20–118,25, bes. 118,6–8 (Von dem einigen Mittler, 1551).

Jm quatern B, Fa. 5, hab ich gesagt, Christi gehorsam sey eigentlich weder Goͤttlich noch menschlich.Vgl. oben S. 283,17–25. Solchs habe ich muͤssen sagen wider das, das
Osiander sagt, Alle gerechtigkeit sey entweder Goͤttlich oder menschlich, vnd die menschliche koͤnne vns nicht Rechtfertigen. Darumb sey es noͤtig, das wir durch die Goͤtliche, wesentliche gerechtigkeit Gottes gerecht werden. Denn Christus ist nicht allein Gott, auch nicht allein mensch.

Das ich weiter am selben ort gesagt habe, Es lasse sich ansehen, als sey es
widder die Goͤttliche gerechtigkeit, das sich Gottes Son also ernidrige vnd eines knechtes gestalt an sich neme vnd die schuld trage,Vgl. oben S. 283,22–25. daraus versehe ich mich, kan mit warheit nichts vnerhortes oder Gottlos geschlossen werden, als solte ich lehren, das Gott widder sich selbs were. Denn es ist war nach der Schrifft, das die Gerechtigkeit Gottes erfordert, das wer da gesuͤndiget hat,
der soll seine missethat tragen. Es geschicht aber aus vberschwencklicher barmhertzigkeit Gottes, das wir vnsere missethat nicht tragen duͤrffen,nicht tragen dürfen = nicht tragen müssen. wie es Gottes gerechtigkeit erfodert, sonder Gottes Son tregt sie fuͤr vns.

Subscriptio Nicolai Galli.

Jch, Nicolaus Gallus, bekenne, das obgeschriebene erklerung vnd widderle
gung des Jrthumbs Osiandri vom Artickel der Rechtfertigung auch meine meinung ist, sampt Jllyrico, meinem lieben mitbruder in Christo. Mit welchem, wie ich der verfelschung reiner lehr vnd dem schrecklichen Abfal zum Roͤmischen Antichrist durch Jnterim vnd Adiaphora, dieser zeit begangen, aus Gottes wort, meinem Christlichem Beruff vnd geringen vermoͤgen nach
widersprochen habe, Also widerspreche ich auch mit jhm jtzt aus gleichem grund Goͤtliches worts gegenwertiger verfelschung dieses allerhoͤchsten Artickels vnsers Christlichen glaubens wider den geist Osiandri.

Vnd sage weiter zu bezeugung meines Erkentnis vnd Bekentnis widder die newe lere Osiandri, das er sich damit fast verdechtig machet etlicher alten
Ketzereyen der beider Natur halben in Christo.

Auch das Ampt Christi, darin er vns von Gott gegeben ist zum Mitler, Erloͤser vnd Seligmacher, im grund vnd in der warheit wider sein selbs eigene gedancken gentzlich auffhebet.

Denn erstlich, so viel die lere belanget von vereinigung Goͤttlicher vnd
menschlicher natur in dem einigen Christo, vergleicht sich Osianders rede in seinem bekentnis fast mit dem Nestorio,Nestorius, seit 428 Patriarch von Konstantinopel, wurde vom Konzil zu Ephesus, einberufen von Kaiser Theodosius II., 431 als Irrlehrer verurteilt. Nestorius hatte die Bezeichnung Christusgebärerin für Maria vorgeschlagen anstelle von Gottesgebärerin, wie sie in der Volksfrömmigkeit genannt wurde, und man unterstellte ihm u. a., er vertrete eine adoptianische Christologie. Vgl. Thomas Böhm, Art. Nestorius, in: RGG4 6 (2003), 206f. welcher fuͤr 1100 Jaren im grossen Concilio zu Epheso vnter dem Keiser Theodosio dem Juͤngern verdampt ist, darumb das er Christum getrennet vnd zwo personen oder zween Christos aus jhm gemacht hab, vnangesehen das er solches austruͤcklich mit
worten also nicht geredt hat (so viel die Historien vngefehrlich ausweisen) oder auch seine meinung villeicht nicht mag gewest sein. Denn wie seine eigene wort in den Actis Concilij,Vgl. DH 251d (Konzil von Ephesus, 2. Brief des Nestorius an Kyrill, cap. 6); vgl. auch PG 77, 53/54B. auch im Decret. Dist. 16 Cap. prima autem,Vgl. Decretum Gratiani, pars I, dist. XVI, cap. [10] Prima autem, § 2 [ed. Friedberg I, 46]. und trip. hist. lib. 12. Cap. 4[Cassiodor] Historia ecclesiastica tripartita, XII, 4 (und 5). (CSEL 71, 663–670 [–671]). zeugen, So hat er fast allein diese rede gestritten: Maria koͤnne nicht Gottes Mutter sein oder heissen. Denn
weil sie ein mensch gewesen, so sey es vnmuͤglich, das Gott von einem menschen solte geboren werden.

Aus diesen worten, weil sonst keine andere von seinem Jrthumb im Handel gelesen werden, schleust das Concilium, das Nestorius Christum trenne vnd im grund zwo personen oder zween Christos aus jm mache. Vnd es wil sich
in der warheit nicht wol anders vrtheilen lassen, nachdem Nestorius auch selbs, wie aus obgedachten oͤrten der Historien zu sehen, beide Naturn in Christo erkant vnd bekant hat. Denn erstlich das gewis ist, das Christus, Gottes Son, eine person fuͤr sich ist in seinem Goͤttlichen wesen, vom Vater in ewigkeit geborn. Hat nu Maria Christum einen pur menschen, der eben da
mit, das er ein mensch, auch eine person ist, vnd nicht auch zugleich Gott geborn, so sinds vnwidersprechlich zwo personen vnd zween Christi – Nestorius habe es also gemeint oder nicht.

Vnd neben dem, das mann in diesen sachen reden soll, wie die Schrifft redet, so gibt dis Concilium hiemit fein zu uerstehen die Heuptvrsachen der
wechselreden, so man nennet Communicationem idiomatum,Communicatio idiomatum wird eine Redeweise genannt, bei der Eigenschaften einer der Naturen Christi von der jeweils anderen oder von der Person insgesamt ausgesagt werden; während die reformierte Tradition im Gefolge Zwinglis darin lediglich ein rein sprachliches Geschehen sieht, gehen Luther und seine Anhänger davon aus, dass dieses Sprachgeschehen einer Wirklichkeit in der Person Christi entspricht. Vgl. Notger Slenczka, Art. Communicatio idiomatum, in: RGG4 2 (1999), 433f. da beiderley Naturn eigenschafft, der Goͤttlichen vnd menschlichen, gegen einander, Christo jtzt als Gott, jtzt als menschen, jtzt als Gott vnd menschen zugleich zugelegt werden, nemlich darumb, das die einige person Christi nicht getrennet vnd zwo personen oder zween Christi wissentlich oder
vnwissentlich, wie dem Nestorio widderfaren, aus jhm gemacht werden.

Hie sehe nu Osiander wol zu, ob solches nicht auch mit warheit moͤchte wider jhn geschlossen werden, das er Christum vnwissentlich oder vnfuͤrsichtiglich trenne vnd zwo personen oder zween Christos mache damit, das er den menschen Christum nicht will lassen auch vnsern rechtfertiger
oder Gerechtigkeit sein, sondern allein Christum, waren Gott. Denn er zeucht mit zur vrsach an, wir koͤnnen nicht durch ein Creatur gerecht werden, es sey allein Gottes werck rechtfertigen oder gerecht vnd selig machen, gleich wie Nestorius zum beweis seiner sachen anzeucht, Gott koͤnne nicht von einem menschen geborn werden. Das ist also der eine verdacht (damit ichs
auffs gelindest nenne) der eine Ketzereyen Osiandri, betreffend die lere von einer person Christi in Goͤttlicher vnd menschlicher Natur.

Nun ist noch ein ander verdacht, da eben dieses stuͤcks halben, gleichwol dem vorigen zuent-egen,entgegen. darin jhm auch Osiander abermals selbs widderwertigwidersprüchlich, sich selbst entgegen, mit sich selbst uneins. ist vnd sich etlicher massen vergleicht mit dem Eutyche,Eutyches, Archimandrit des Hiobklosters in Konstantinopel, wurde 448 auf einer Synode in Konstantinopel als Irrlehrer verurteilt, weil er die Auffassung vertrat, die menschliche Natur Christi sei in der göttlichen aufgegangen wie ein Honigtropfen im Meer. Von der sog. Räubersynode (Konzil von Ephesus) 449 wurde er zunächst rehabilitiert, das Konzil von Chalkedon 451 verwarf jedoch den Monophysitismus entschieden und verurteilte Eutyches erneut. Er starb bald nach 454 im Exil. Vgl. Hanns Christof Brennecke, Art. Eutyches, in: RGG4 2 (1999), 1686; ders., Art. Eutychianischer Streit, in: RGG4 2 (1999), 1686f.
welcher etliche vnd 20 jar nach dem Nestorio zu Chalcedon durch ein ander gros Concilium vnter dem Keyser MartianoFlavius Marcianus, oströmischer Kaiser 450–457. verdampt ist aus vrsachen, das er die vereinigung Goͤttlicher vnd menschlicher Natur in Christo also hat verstanden, das, gleich wie Christus nicht mehr denn eine person ist, also nu auch nicht mehr hette denn eine Natur, nemlich die Goͤttliche, wie desseine
selbs eigne Bekentnis in Ecclesiastica Historia klar stehet,Bislang nicht nachzuweisen. Vgl. PL 54, 717f, ein schriftliches Bekenntnis des Eutyches, in dem er seine Rechtgläubigkeit bekundet. als ob die Gottheit hette die menscheit inn dieser vereinigung verwandelt vnd in sich gar vertilget, das nichts denn eitel Gottheit in menschlicher gestalt da vbrig fuͤrhanden blieben were.

Solches sagt Osiander wol nicht so klar mit worten als Eutyches, aber sagt
vnd thut, das eben fast so viel vnd widder jhn selbs ist (sintemal er Christum noch wil menschen sein vnd bleiben lassen), gleich wie Nestorius oben wol nicht mit worten gesagt hat (so viel im handel von jhm wird gelesen), das zwo personen oder zween Christi, sondern nur ein Christus sey, aber damit er Mariam nicht wolte lassen Gottes Mutter sein, redete er widder sich selbs,
wie jhm solches das Concilium durch seinen Beschlus hat erkleret. Vnd ich stelle alhie das Vrteil der gantzen Christlichen Kirchen heim, auch Osiandro selbs in sein eigen gewissen, ob der nicht die natur selbs mit auffhebe, der jhr nimpt jhre wesentliche eigenschafften, proprietatem essentialem, die jhr also anhanget, das sie gar nicht kan von jhr abgesondert werden vnd gleich
als ein theil jhres wesens ist.

Nun hat Gott menschliche Natur geschaffen zu seinem Bilde mit jhrer eignen sonderlichen Gerechtigkeit, das ist mit allen krefften vnd vermoͤgen, Gott gehorsam zu sein, welche einander also nahend anhangen alle beide, menschliche natur vnd jhre gerechtigkeit, das sie sich mit einander heben oder legen,
das ist: eine on die ander nicht sein kan, auch in beyderley stande des menschen, darin er von Gott volkommen ist erschaffen vnd darin er jtzt lebt nach dem falle vnd so fern er lebet, noch allezeit seine Gerechtigkeit hat nach art vnd eigenschafft gegenwertiger verterbter Natur. Hat ers ja nicht in actu, das ist: das ers mit der that erzeiget vnd beweiset, so hat ers doch in potentia, das
ist: in vermoͤgen, das er etlicher massen Gerecht fuͤr der Welt leben moͤchte oder zu seiner zeit koͤnte. Darumb auch beide, Gott vnd menschen, Gerechtigkeit von menschlicher natur fordern. Vnd das leugnet Osiander selbs gar nicht, das menschliche natur jhr eigne Gerechtigkeit habe, denn er bekennet in seiner Disputation, propositione 12, zweierley Gerechtigkeit, eine Gottes
oder Goͤttlicher natur, die ander der menschen oder menschlicher natur.Vgl. Osiander, OGA 9, 432,4f: Cum enim duplex iustitia sit, Dei scilicet et hominum, fide non hanc humanam, sed illam Dei iustitiam apprehendimus. (Disputatio de iustificatione, 1550, These 21[!]) – OGA 9, 433,7–9: Dann dieweil zweierley gerechtigkeit ist, nemlich Gottes und der menschen, so ergreiffen wir durch den glauben nicht dise menschliche, sonder jene goͤttliche gerechtigkeit. (Eine Disputation von der Rechtfertigung, 1551, These 21[!]). So wird er ja auch nicht leugnen koͤnnen, das die Gerechtigkeit der natur folget, ob sich gleich das wesen des menschen mit der Gerechtigkeit weder mindert noch mehret.

Weil denn nu (von Christo zu reden) Osiander jhme nicht mehr gibt, denn die
selbwesende Gerechtigkeit Goͤttlicher natur, vnd menschlicher natur Gerechtigkeit gar in jhm vertilget, Welche er als ein warer mensch, der vom heiligen Geist empfangen vnd von der Junckfrawen Maria geborn ist, warhafftig vnd volkomen hat vnd zu vnser erloͤsung hat haben sollen, so sehe Osiander wol zu, ob er nicht die menscheit Christi vnd gantze erloͤsung mit
Eutyche, dem Ketzer, verliere vnd andern, so jhm in seiner lehr, sonderlich nach empfangenem bericht, weiter volgen, auch neme. Vnd hierin ist nu auch die trennung Christi, ausdruͤcklich nicht seiner person, sonder beider, der Goͤttlichen vnd menschlichen Natur Gerechtigkeit in dem einigen werck vnser erloͤsung, Rechtfertigung vnd Seligmachung, daraus wir oben nach der
schrifft der person trennung mit dem Concilio zu Epheso geschlossen haben, vnd trifft beiderseits einerley gefahr der selen seligkeit.

Hiergegen ist derhalben zu wissen, das gleich wie Gott noͤtig geachtet hat zu vnser erloͤsung vnd seligkeit, das sein eingeborner Son, Jhesus Christus, inn vnterscheid beider natur, der Goͤttlichen vnd menschlichen, eine person
wuͤrde vnd ist, also wird vnd ist in jhm beider natur gehorsam gegen Gott, seinem Himlischen Vater, eine Gerechtigkeit, darinne er vnser Mitler worden ist vnd verdienet hat, das vns solche Gerechtigkeit durch den glauben geschenckt vnd zugerechnet wird.

Hieraus erscheinet nu zum andern klar der Jrthumb Osiandri, so das Ampt
vnsers lieben HErrn Christi betrifft vnd ware gruͤndliche Definition oder beschreibung vnser Gerechtigkeit gegen der Definition Osiandri. Denn damit Osiander vns weiset von dem gehorsam Christi allein auff die wesentliche Gerechtigkeit seiner Goͤttlichen natur, welche, wie er bekennet, nichts anders denn Gott selbs ist, dadurch wir allein sollen fur Gott gerecht werden,
wenn sie durch den glauben in vns wonet vnd wircket; damit nimpt er Christo schon das Amt des Mitlers gantz vnd gar vnd vns allen trost, den wir an Christo als einem Mitler haben solten, wiewol er solchs selber nicht besinnet oder meinet.

Vergleicht sich derhalben Osiander in diesem stuͤck also auch mit dem geist
des Roͤmischen Antichrists, mit welchem er aus dem Mitler Christo einen Richter machet vnd die armen gewissen weiset auff die eingegebene gerechtigkeit, ob gleich nicht eben auff dieselbe weise. Denn wer fuͤr Gott kuͤmpt ausserhalb dieses einigen Mittels des gehorsams Christi, in Goͤttlicher vnd menschlicher natur von jhm geleistet vnd vns durch den glauben zugerechnet,
der findet an Gott vnd an Christo selbs nichts anders denn einen gestrengen Richter nach seiner Goͤttlichen Gerechtigkeit, dafuͤr der mensch in der anfechtung natuͤrlich auch nichts anders kan denn erschrecken; erschrickt er nicht, so bleibet er doch im zweiffel, ob er durch die einwonung der wesentlichen gerechtigkeit Christi jtzt gerechtfertiget, das ist, wie es Osiander selbs
deutet, mit der that vnd in der warheit aus einem Gottlosen gerecht vnd aus dem Todt der suͤnden lebendig gemacht sey, weil es jm in seinem eignen gewissen fast an aller einwonenden gerechtigkeit vnd leben am meisten mangelt vnd nichts denn eitel vngerechtigkeit, Suͤnde vnd Todt fuͤlet, sonderlich wenn er in der anfechtung ist vnd ernstlicher erkentnis der
Suͤnden.

Damit auch vnser verstand, den wir aus Gottes wort haben vnd durch Gottes gnad alle zeit mit der schrifft beweisen wollen, von der gerechtigkeit des glaubens in Christo gantz vnd kurtz beyeinander deudlich gesehen werde, so setze ich alhie zum zeugnis der warheit vnd meines bekentnis wider die ver
felschung Osiandri diese Definition, wie sie auch fast am ersten blat dieses Buches also stehet:Vgl. oben S. 247,3–12.

Vnsere gerechtigkeit, dadurch wir itzt in diesem leben fuͤr Gott gerecht, angeneme kinder vnd Selig werden, ist erfuͤllung des Gesetzes, geschehen durch Christum, waren Gott vnd menschen, durch den allervolkomensten
gehorsam, damit er vberschwencklich gethan hat nach dem eusserlichen vnd innerlichen leben alles, was das Gesetz von vns erfordert, das wir thun vnd wie wir von natur hetten leben sollen, auch gelitten, was vns das Gesetz drewet vnd wir von wegen vnser vngerechtigkeit vnd suͤnde ewig hetten leiden sollen. Welche erfuͤllung Christi vns durch den glauben gantz zu eigen
geschenckt, vnd zugerechnet wird, als ob wir die ein jeder fuͤr sich selbs gethan hetten. Dasselbige aber auch von wegen des verdiensts Christi, da er, in Goͤtlicher gestalt, Gotte gleich, knechts gestalt hat angenomen vnd dem Vater also gehorsam ist worden bis zum Tode des Creuztes, Phi. 2.Vgl. Phil 2,6–8.

Diese beschreibung gibt vnser jtzigen gerechtigkeit jhren eigentlichen
gebuͤrlichen namen, hat gewisse, klare zeugnis der Schrifft vnd der erfarung Christlicher hertzen. Rom. 2 zeuget Paulus, das erfuͤllung des Gesetzes gerechtigkeit fuͤr Gott sey. Denn fuͤr Gott, spricht er, sind nicht gerecht, die das Gesetz hoͤren, sondern die das Gesetz thun, werden gerecht sein.Röm 2,13. Vnd hernach, Cap. 7, bekennet er, das vns das Gesetz warhafftig sey
zum leben gegeben gewesen, wenn wirs nur vnsers suͤndlichen fleisches halben selbs hetten halten koͤnnen.Vgl. Röm 7,10. Weil wirs aber der vrsach halben nicht vermochten zu halten vnd darumb hetten ewig muͤssen des Todes sein, Da hats Gott aus gnaden auff diese wuͤnderbarliche weise selbs gehalten, Rom. 8, hat gesand seinen Son in der gestalt des suͤndlichen fleisches vnd im
fleisch die suͤnd verdampt, auff das die gerechtigkeit des Gesetzes oder vom Gesetz erfodert in vns also erfuͤllet, das ist: vnser, wuͤrdeVgl. Röm 8,3f. durch die zurechnung um glauben, Cap. 4,Vgl. Röm 4,5. vnd wir also widderumb bey Gott hetten durch dieselbe erfuͤllung des Gesetzes beide, Gerechtigkeit vnd leben, vnd noch etwas mehr, wie er spricht Gal. 4: Da die zeit erfuͤllet ward, sandte
Gott seinen Son, geborn von einem weibe vnd vnter das Gesetz gethan, auff das er die, so vnter dem Gesetz waren, erloͤsete und wir die kindschafft empfiengen.Gal 4,4f. Welcher spruch auch deshalben hie in dieser Sachen wol ist zu mercken, das er Christum, Gott vnd menschen, vnter das Gesetz thut.

Mit diesen der heiligen Schrifft zeugnissen stimmet nu auch die erfarung
Christlicher hertzen, Welche in der anfechtung auffs aller klerest empfinden, das jhnen zur seligkeit von noͤten sey er-fuͤllung des Gesetzes wider das anklagen in jren gewissen, das ist: bezalung fuͤr die vergangenen suͤnde vnd volkomener gehorsam, welche erfuͤllung, so sie durch den glauben in Christo ergrieffen, das seine erfuͤllung jhnen nur zugerechnet wird, empfin
den sie hinwider trost vnd leben. Vnd leidet niemands deshalben einige anfechtung, das er nicht die selbwesende Goͤttliche gerechtigkeit, weisheit vnd Almechtigkeit hat oder selbs ist.

Also haben wir nu den eigentlichen Namen vnserer gerechtigkeit vnd trost der gewissen widder die anfechtung, darauff wir froͤlich fuͤr Gott leben vnd
sterben koͤnnen.

Hierbey ist nu ferner zu wissen, das, wenn Gott dem menschen ein glauben gibt, Jo. 6,Vgl. Joh 6,28. durch die predigt des Euangelij, Rom. 10,Vgl. Röm 10,17. vnd durch den glauben also rechtfertiget, das ist: zurechnet die Gerechtigkeit Christi, Rom. 3 vnd 4,Vgl. Röm 3,26; 4,5. welche ist die erfuͤllung des Gesetzes, durch Christum geschehen,
Ro. 8,Vgl. Röm 8,3f. So bringt er zugleich auch mit den heiligen Geist in vnsere hertzen, Gal. 3;Vgl. Gal 3,2. derselbige reiniget, heiliget vnd ernewert vns zu einem newen Gottseligen leben vnd wandel, Acto. 15, Gal. 5,Vgl. Act 15,8f; Gal 5,22. ist das sigilSiegel (lat. sigillum), Echtheitszeichen, Garantiezeichen, Bestätigung. Vgl. Art. Siegel 3.d.ε), in: DWb 16, 902. vnd pfand, erstling vnd anfang des ewigen lebens vnd zukuͤnfftiger Herrligkeit, 2. Cor. 1, Ephe. 1, Rom. 8;Vgl. II Kor 1,22; Eph 1,13f; Röm 8,23. ja die gantze Gottheit koͤmpt vnd wonet in vns, Johan.
14,Vgl. Joh 14,23. machet vns jhr zum lebendigen tempel, 2. Cor. 6,Vgl. II Kor 6,16. vnd vereiniget vns mit jhr selbs, Johan. 17.Vgl. Joh 17,22f.

Aus diesem allem ist auch weiter klar, das wir weder die newe geburt, noch die gegenwertigkeit Gottes in vns, wie Osiander vnserer Kirchen lerer begert zu uerungelimpffen, bey dem Artickel der Rechtfertigung ausschlies
sen, Sondern ordnen iedes stuͤck an seinen ort vnd machen allein vnterscheid nach der schrifft aus noth der gewissen vnd vnser Seelen seligkeit zwischen der selbwesenden Goͤttlichen gerechtigkeit Christi (die er mit dem Vater vnd heiligen Geist von ewigkeit her gemeine hat vnd darinn er mit dem Vater vnd heiligen Geist Gott selbs ist, aller suͤnden vnd suͤnder nichts denn nur ein
gestrenger Richter, wie jhn das Gesetz fuͤrbildet vnd nach derselben gerechtigkeit nichts anders ist noch sein kan) Vnd zwischen der andern seinen gerechtigkeit, Welche nicht des Vaters, noch des heiligen Geists, sondern sein allein ist, darin er gegen der gestrengen Richterlichen gerechtigkeit Gottes vnser Mitler wird, welche nicht sein Goͤttlich wesen ist,
sondern ist die erfuͤllung des Gesetzes, wie oben gehoͤrt, die er, Gott vnd mensch, selbs in eigner person gethan hat vnd vns hie durch den glauben zurechnet, dadurch auch allein inn diesem leben gerecht vnd selig machet. Vnd ferner machen wir damit vnterschied, wie zwischen beider, dieser gerechtigkeit Christi, die er erstlich mit dem Vater vnd heiligen Geist seiner
Gotheit nach gemein hat, vnd darnach, die er als Got vnd mensch allein fuͤr sich hat von vnsern wegen vnd vns durch den glauben allein zurechnet, Also auch zwischen seiner vnd vnser gerechtigkeit, die er neben der zugerechenten gerechtigkeit durch den heiligen geist in vns wircket, dadurch wir auch selbs anfahen, Christlich zu leben (Darumb sie vnser gerechtigkeit genennet wird),
zur gerechtig-keit aber des lebens fuͤr Gott nichts vberalnichts überall = überhaupt nichts. dienet, 1. Cor. 4,Vgl. I Kor 4,4. Deren frucht vnd zeugnis sie allein ist, Gott nu mit eignem leben vnd wandel in Christo zu preisen, Ephe. 2.Vgl. Eph 2,8f.

Zum dritten erscheinet aus oberzeltem allem, das wir den Christen grosse, trefliche Herrligkeit geben von wegen der rechtfertigung des glaubens in
Christo, doch so viel jnen aus Gottes wort gebuͤret vnd wir itzt noch wissen moͤgen. Denn erstlich haben wir ein solche gerechtigkeit nicht allein wie vnsere erste Eltern im Paradis, sondern wie Christus, warer gerechter mensch vnd Gott selbs, gehabt hat, dadurch er fuͤr Gott mit vbermessiger erfuͤllung des gesetzes vnd wir nu durch den glauben in jhm gerechter vnd hoͤher sind,
denn vnsere ersten Eltern in der vnschuld noch sind gewesen.

Zum andern preisen wir die gegenwertigkeit Christi in vns als eine frucht oder folge vnser rechtfertigung, dadurch wir auch teilhafftig werden Goͤtlicher naturaus: tur. 2. Pe. 1,Vgl. II Petr 1,4. Fleisch von seinem fleisch, Ephe. 5,Vgl. Eph 5,31f. vnd das, hie noch zugedeckt, inn jenem leben erscheinen wird, so werden wir seinem verklerten
leib wol ehnlich, ja gleich sein, Philip. 3, 1. Johan. 3,Vgl. Phil 3,20f; I Joh 3,2. aber damit noch nicht eben das, das er ist, nemlich Goͤtliche natur oder Gott vnd mensch wie er. Bey demselben sollen vnd wollen wirs auch einfeltig bleiben lassen, das wir seines fleisches vnd seiner Gotheit teilhafftig werden, jhm sampt dem Vater vnd heiligen geist fuͤr solche vnausprechliche gnad dancken vnd mit de
muͤtigem hertzen bitten, das wir durch waren glauben nur dazu komen, darin bleiben vnd dort ewig anschawen moͤgen, was Herrligkeit vns Gott in Christo hat zubereitet, nemlich das, so kein aug noch nie gesehen, kein ohre gehoͤret hat, noch in keines menschen hertzen ist kommen, Esa. 64, 1. Cor. 2.Vgl. Jes 64,3; I Kor 2,9. Derselbige wolle auch Osiandrum bekeren, seiner schoͤnen gaben
zu erbawung vnd nicht zu mehrer zerruͤttung seiner armen, betruͤbten Kirchen dieser zeit brauchen lassen. AMEN.

C; nicht in B.Appendix.

Warauff der streit mit dem Osiandro, vnserer Rechtfertigung halben, fuͤrnemlich stehe vnd beruhe.

Der streit ist in Summa de causa materiali et formali nostrae iustitiae, das ist: was eigentlich zu reden vnd fuͤr das erste dasjenige sey, damit wir fuͤr Gott, gleich als mit einem newen kleid angethan, getzieret vnd geschmuͤcket, fuͤr gerecht bestehen, Er vnser gnediger Vater wird vnd wir seine liebe kinder, nemlich kinder des ewigen lebens, Vnd wie wir zum andern zu solchem kleid
vnd schmuck kommen, das wir damit angethan werden.Vgl. Lk 15,22; Apk 7,9–17.

De materiali iustitiae, was das kleid vnd die zier sey, damit wir fuͤr Gott gerecht vnd angeneme kinder werden, leret Osiander, es sey die wesentliche gerechtigkeit Gottes, damit Gott inn seinem wesen gerecht vnd Gott selbs ist. Wir aber leren dargegen mit der Schrifft, es sey Christi, wares Gottes vnd
menschen, verdienst, damit er das gantze Gesetz fuͤr vns volkoͤmlich hat erfuͤllet mit thun vnd mit leiden desjenigen, was wir hetten des Gesetzes halben thun vnd leiden sollen vnd nicht kundten.

De formali iustitiae, wie wir mit der gerechtigkeit Christi bekleidet vnd derselben teilhafftig werden, leren wir zu beiden teilen, das durch den
glauben, aber scheiden vns widderumb inn der erklerung also, das Osiander spricht: Weil Christus, warer Gott vnd mensch, durch den glauben inn vns wonet vnd wir dadurch seine glieder werden, Fleisch von seinem Fleisch vnd Bein von seinem Bein, so teile er vns zugleich auch mit seine wesentliche Goͤttliche gerechtigkeit, das ist: seine Gotheit selbs, dauon wir gerecht wer
den, gleich wie er auch spricht, das die Gottheit Christi jre wesentliche gerechtigkeit mitteile seiner menscheit, daher sie allein gerecht werde. Welchs beides vnrecht vnd wider die schrifft ist. Daraus ferner erfolgte, wenn wir also teilhafftig werden Goͤtlicher gerechtigkeit vnd natur, wie Osiander sagt, das wir auch Gott vnd mensch wuͤrden gleich dem HErrn Christo.

Hiergegen aber leren wir mit grund der schrifft, das wir also durch den glauben allein gerecht werden, wenn vns Christi gerechtigkeit, das ist: das verdienst seines leidens vnd sterbens oder gantze erfuͤllung des gesetzes, welche ChristusC: Christs. gethan, durch den glauben wird zugerechent. Jst demnach vnser gerechtigkeit, dadurch wir allein in diesem leben fur Gott als gerecht
bestehen, nicht in vns, sondern ausserhalb vnser, das ist: ein frembde erfuͤllung des gesetzes, durch Christum geschehen, vnd nicht durch vns selbs, wiewol mit zurechnung dieser frembden gerechtigkeit oder erfuͤllung des Gesetzes zugleich auch in den glaubigen durch die Widergeburt mit angehet ein newer gehorsam, dadurch sie selbs anfahen, das Gesetz
etlichermasseneinigermaßen. Vgl. Art. etlichermaszen, in: DWb 3, 1177. zu erfuͤllen, aber weil solche erfuͤllung in diesem leben nicht volkoͤmlich wird, sondern noch gantz schwach vnd vnrein ist, vermag sie vns fuͤr Gott nicht gerecht vnd selig zu machen.

Hieraus erscheinet zum dritten noch eine vnterscheid, das Osiander inn diesem leben fast setzt ein volkommene Widergeburt, seintemahlzumal, weil. Vgl. Art. sintemal 2) und 3.g), in: DWb 16, 1211–1214.
Christus der gestalt durch den glauben inn vns wonet vnd wircket. Wir aber setzen nur alhie noch den anfang des newen vnd ewigen lebens, oder wie Paulus spricht: des geists Erstlinge,Vgl. Röm 8,23. keine volkommenheit oder auch noch keine zehenden.Während die Erstlinge vom frühesten Ertrag gegeben wurden, war der Zehnte am Ende der Ernte fällig. Aus diesem allem hat sich nu ein ieder Christ leichtlich zu berichten(sich) unterrichten, (sich) informieren. Vgl. Art. berichten 4), in: DWb 1, 1523. der fuͤrnempsten vnterscheid, darinn wir mit Osiander spaltiguneins. Vgl. Art. spalticht 3), in: DWb 16, 1859.
sein im handel der Rechtfertigung.

Finis Confutationis contra Haereticos Dikaeusiastas.Anscheinend Neologismus, Verbindung von δικαίωσις = Rechtfertigung und ἐνθουσιαστής = Schwärmer. Flacius verwendet die Vokabel auch im Titel von VD 16 F 1322: CONTRA HAERETICVM DIKAEVSIA- || stam de dicto Ioannis: Spiritus arguet mun- || [dum] de iustitia, quia uado ad Patrem.

Gedruckt zu MagdeburgC; B: Magdeburgk. bey Christian Roͤdinger.

1552.