Controversia et Confessio, Bd. 7


Flacius: Verlegung des Bekenntnisses Osiandri (1552) Nr. 8: Flacius: Verlegung des Bekenntnisses Osiandri (1552)

Flacius: Verlegung des Bekenntnisses Osiandri (1552) Nr. 8: Flacius: Verlegung des Bekenntnisses Osiandri (1552)Nr. 8 ULB Darmstadt info:isil/DE-17 Darmstadt Letzte Änderung: 2023-05-23 Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY)

Vnd das wir auff die weise geheiliget vnd gerechtfertigt werden, wie itzt

Christus, Johan. am 17., spricht: Jch heilige mich selbs fuͤr sie, das auch sie geheiliget seien.Joh 17,19. Paulus zun Ephe. am 5.: Christus hat sich gegeben fuͤrVgl. Eph 5,25f. etc. Ebre. 10: Sie, ich komme, zu thun, Gott, deinen willen. Da hebet er das erste auff, das er das ander einsetze, in welchem willen wir sind geheiliget, ein mal geschehen durch das opffer des leibes ChristiVgl. Hebr 10,7.9f. etc. Hie gibt die Schrifft die heiligung des Suͤnders dem gehorsam vnd leiden Christi. Jtem am selben ort:
Mit einem opffer hat er in ewigkeit volendet, die geheiliget werden.Hebr 10,14.

Was koͤnt doch klerlicher gesagt werden widder den Osiander, denn das wir von Christo durch ein einigs opffer volendet sein oder volkommen werden? Er sagt nicht, das wir nur angefangen vnd nur ein stuͤck der rechtfertigung empfangen haben vnd darnach eine andere rechtfertigung nemen, Sonder wir sind mit einem opffer volendet. Jtem, wir sind durchs blut des Testaments geheiliget,Vgl. a. Mt 26,28. Ebre. 13: Darumb auch Jhesus, auff das er heiligte das Volck durch sein eigen blut, hat er gelieden aussen fuͤr dem thor.Hebr 13,12.

Diese spruͤch alzumal zeigen an, das wir durchs blut Christi geheiliget sein.

Der heilige Geist sagt durch den Altuater Zachariam Lucae am ersten von Joanne dem Teuffer also: Vnd erkentnis des heils gebest seinem Volck, dieVgl. Lk 1,77. Alhie hoͤren wir klerlich, das vnser heil stehe in vergebung der suͤnden. So ich derhalben in vergebung der suͤnden eine solche gerechtigkeit habe, dadurch ich warhafftiglich selig werden kan, wil ich mich warlich nicht sehr hoch bekuͤmmern von wegen der andern des Osiandri gerechtigkeiten, ob sie eine Substantia oder
Qualitates, Actiones oder Passiones, Schepffer oder Creaturn sein. Vnd wil auch nicht sehr sorgfeltigbesorgt, ängstlich. Vgl. Art. sorgfältig 1.a.α), in: DWb 16, 1793. sein vber das seltzame Wunderthier, das Osiander gerechtigkeit nennet vnd also abmalet, das vns recht zu thun treibe vnd one welchs wir nicht gerecht sein koͤnnen. Ein solch ding ist auch Fides historica vnd die krafft der Seelen, damit sie vrteilet, was recht oder vnrecht,

Zv diesem gezeugnis kan man auch recht wol das hinzuthun, das der Engel saget, das Jhesus werde selig [E 2r:] machen sein volck von jhren suͤnden.Vgl. Mt 1,21. Mit welchen worten er anzeigt, das, dieweil Christus die seinen warhafftig von den suͤnden erloͤset hat, sie alsbald selig werden, vnd jhr Heil stehet in

Eine GrGndliche vnd klare beschreibung vnserer Rechtfertigung.

Bjsher hab ich mit vielen klaren Argumenten der Schrifft die gewoͤnliche meinung vnserer Kirchen beweiset, nemlich das die Suͤnder, so sie gleuben,

Auff das aber der gantze handel vnserer Seligkeit deste besser gesehen vnd nicht dauor gehalten werde, als wolt ich die gewissen, so dis hoͤren oder lesen, mehr verwirren vnd verdruͤcken denn leren, So wil ich vber die vorige’ huͤlff die gantze sach vnserer seligkeit von der Schepffung her fur mich nemenfur mich nemen = mir vornehmen, behandeln, durchnehmen. vnd in etliche Artickel verfassen vnd also diese gantze lehr gleichsam in einer Tafel jedermanne fuͤr augen stellen. Auff das ein jeder, der dieses hoͤret oder lieset, die warheit klerlich fuͤr augen sehen vnd gleichsam mit den henden greiffen moͤge Vnd

1 Gott erfodert gehorsam von allen Creaturn, doch von einer jeder nach jhren art vnd mas, dazu er sie erschaffen hat. Wenn sie nu solchen gehorsam leisten, so sind sie auch gerecht fuͤr Gott, doch eine jede nach jhrer art vnd

2 Gott hat den menschen erschaffen zum allerhoͤchsten gehorsam, das er solt heilig vnd gerecht sein, Wie Got selbs ist, nach dem spruch, der so offt in der Schrift widderholet ist: Jhr solt heilig sein, denn ich bin heilig.Vgl. Lev 11,45; 19,2; 20,26. Denn sintemal Got gerecht ist, So fodert er nichts denn gerechtigkeit. Er hatVgl. Gen 1,27.

Wenn nu der Mensch solchen gehorsam volkoͤmlich leistete, so were er warhafftig heilig vnd gerecht, wie Gott selbs ist, doch seiner mas, Were nach dem hertzen des gerechten Gottes, Were seinem bilde ehnlich und gantz gerecht, wie jtzt die heiligen Engel sind.

3 Dieses sein Ebenbilde Guͤtigkeit, Heiligkeit, Gerechtigkeit vnd Gehorsam, den Gott vom menschen erfodert, hat er dem menschen auch im Gesetz vorgemalet. Wer solches thut, dem hat Gott verordent, das er leben sol.Vgl. Lev 18,5; Lk 10,28; Röm 10,5. Wer es schreien jmmerdar: Seid heilig vnd gerecht, wie auch Gott gerecht ist.Vgl. I Petr 1,16. Jtem: Es hoͤrt nicht auff, die gerechtigkeit, das ist gehorsam, von den menschen zu fodern vnd den vngehorsam mit der straff zu drawen.Vgl. Ex 20,5f.

4 Derhalben, nachdem der Mensch gesuͤndiget, ist er aus dem leben in den – das ist die gerechtigkeit vnd heiligkeit Gottes – hoͤrt gleichwol nicht auff, heiligkeit vnd gerechtigkeit vom menschen durch das Gesetz zu fordern mit der stim: Seit heilig etc. Vnd ist nu solche pflichtige gerechtigkeit in zwey stuͤck geteilet. Zum ersten, das wir volkomene straff geben vor die vorige missethat. Zum andern, das wir Gotte

5 Weil aber kein Mensche dieser Handtschrifft des Gesetzes, Willens, Bildes, Heiligkeit vnd Gerechtigkeit Gottes, welche die bezalung solcher zwifachen schuld erfordert, gnugthun vnd derhalben fur sich weder gerecht sein noch leben kan, So ist Christus komen, welcher beyde stuͤck auffs aller

6 Diese seine reiche gnugthuung vnd gerechtigkeit thut vns Christus durch den glauben so krefftiglich zurechnen, gleich als hetten wir sie selbs geleistet. Vnd wenn wir derhalben mit dieser gerechtigkeit Christi begabt vnd gezieret sein, so sind wir gerecht fur Gott durch die hoͤchste gerechtigkeit werden mit Gotte versuͤnet vnd gefallen jhm gleich als hetten wir selbs in eigner person

7 Vnd mit diesem (das ich so rede) Gelde hat vns Christus von Gott, der zuuor mit vns zuͤrnete, gnad vnd ewigs leben erkaufft. Denn sintemal Gott gerecht ist, so nimpt er (so zu reden) keine andere Muͤntz denn gerechtigkeit. Diesen Geltschatz aber hat Christus (wie gesagt) gar allein erworben, nach dem Spruch Er ist durch sein eigen Blut einmal in das heilige eingegangen vnd hat eine Ewige erloͤsung erlanget.Hebr 9,12.

8 Vber das aber, das vns Christus diesen seinen gehorsam vnd gerechtigkeit schenckt, So gebiert er auch die gleubigen widerumb new durch schenckungß. Solche widdergeburt vnd vereinigung mit Got sind warhafftiglich die erstlinge vnd ein pfand des ewigen lebens, wies die schrifft nennet,Vgl. Röm 8,23; II Kor 1,22; 5,5; Eph 1,14. vnd sind nicht die rechtfertigung oder versuͤnung

9 Hieraus erscheinet auffs aller klerlichste, das vnsere gerechtigkeit, dadurch vnd vmb welcher willen wir aus Gottes abgesagtenerklärten. Vgl. Art. abgesagt, in: DWb 1, 47. Feinden seine Kinder vnd Hausgenossen werden, nichts anders ist denn der gantze gehorsam

10 Drumb ist offenbar, das Osiander gar nicht betracht weder die krafft des Gesetzes, noch den verdienst Christi, weil er leugkent, das der gehorsam vnd Leiden Christi (Welchen gehorsam vnd leiden er darumb ertragen hat, das derfellet stracks für sich dahin = verfällt unmittelbar darauf. aus eigner durstVerwegenheit, Kühnheit, Frechheit. Vgl. Art. Durst [I], in: DWb 2, 1746f. vnd freuel auff die gerechtigkeit, die da Gott Vater, Son vnd heiliger Geist in jhrer

11 Denn das Gott vnd das Gesetz gerechtigkeit erfodern (daraus alle diese Artickel fliessen) Vnd das volkoͤmliche erfuͤllung des Gesetzes gerechtigkeit sey fuͤr G ot, wiewols an sich selbs offenbar ist, so koͤnnendoch sehr viel Beweisungen dargethan werden:

Erstlich: Deut. am 6. stehet mit ausgedruckten worten, das es gerechtigkeit fuͤr Gott sey, wenn einer alle seine Gebot heltet.Vgl. Dtn 6,25. Esaias spricht auch: Wirstu meine Gebot halten, so wird deine gerechtigkeit sein wie die Wellen des Meeres.Jes 48,18. Desgleichen zun Roͤmern am andern stehet klerlich: Die dasVgl. Röm 2,13. Rom. 7. sagt Paulus mit klaren worten, das Gesetz sey heilig, gerecht, gut, geistlich. Sey gegeben zum leben. Das es aber nicht gerecht mache, nicht lebendig mache, sey diese Vrsach, das wir fleischlich sind vnd jhm nicht koͤnnen gnug thun.Vgl. Röm 7,10–16.

Desgleichen zun Roͤmern am 8. stehet, das die rechtfertigung des Gesetzes
dadurch in vns sey zuwegen bracht, das Christus dem Gesetz hat gnug gethan, Welchs vnserm fleisch vnmuͤglich war.Vgl. Röm 8,1–4. Roma. 10: Christus ist des Gesetzes Ende – oder Erfuͤllung (wie es die lerer deuten). Wer an den gleubt, der ist gerecht.Röm 10,4. Derhalben, weil das Gesetz (das ist Gottes gerechtigkeit oder der gerechte Got) die volkomene gnugthuung von Christo annimpt, die

Galat. 3: Wenn ein Gesetz gegeben were, das da koͤnte lebendig machen, so keme gerechtigkeit warhafftig aus dem Gesetz.Gal 3,21. Welchs eben so viel ist, als da zun Roͤmern am 7. vnd 8. stehet: Wenn wir dem Gesetz volkoͤmlichVgl. Röm 7,22f; 8,3f. Zun Philippern am 3. sagt Paulus, er habe gerechtigkeit aus 4v:] er doch als vnuolkomen verwirfft (denn er das gesetz nicht volkoͤmlich erfuͤllet), vnd leufft zur gerechtigkeit Christi, der das Gesetz volkoͤmlich erfuͤllet hat.Vgl. Phil 3,4–9.

12 Die Schrifft zeuget, das Christus, wiewol er fuͤr seine person allezeit gantz volkoͤmlich gerecht ist gewest, fuͤr vns zum Fluch vnd zur Suͤnde seyVgl. Gal 3,13; II Kor 5,21. Derhalben hat Christus durch sein leiden vnd gehorsam entweder das Contrarium erlangt, nemlich das er Gerechtigkeit vnd Segen worden, oder ist gentzlich im Fluch vnd Suͤnden blieben, Welchs zu sagen gantz Vnchristlich ist. Darumb hat er Gerechtigkeit vnd Segen erworben vnd sich aus dem Fluch vnd Suͤnden ausgewircket. Welche stuͤck er doch nicht Jhm,Vgl. Kol 2,14. das gefengnis gefangen genommenVgl. Eph 4,8 (Luther 1545). vnd vber Suͤnde oder vngerechtigkeit, Tod, Teuffel vnd Helle triumphiretVgl. I Kor 15,54–57. vnd dis VnziferSchädliche, Verderbliche, Widerliche. Vgl. Art. Ungeziefer II.1), in: DWb 24, 945f.
alzumal (nach dem ers vberwunden vnd erlegt vnd vmb vnserer gerechtigkeit willen widder aufferstanden vnd in die hoͤhe gefahren ist)Vgl. Röm 4,25; Eph 4,8–10. fuͤr jederman oͤffentlich schawgetragenim Triumph zur Schau gestellt, der Verachtung preisgegeben. Vgl. Art. schautragen, in: DWb 14, 2378f. hat.

13 Was Schreiet die gantze Schrifft anders, denn das diejenigen, die Gotte vnd seinem Gesetz gehorsamen, gerecht sein vnd belonung von jhm empfahen
werden? On allein das dieser gantz vnuolkomener gehorsam der menschen mehr fur den Leuten denn fuͤr Gott (wie die schrifft von Abraham sagt)Vgl. Gen 15,6; Röm 4,3; Jak 2,21–23. fuͤr gerechtigkeit gehalten wird Vnd mehr eusserliche oder jrdische denn ewige belonung erlanget.

14 Derhalben, weil das Gesetz gerechtigkeit erfodert vnd volkomene  1r:] nen gehorsam vnd leiden das Gesetz auffs aller volkoͤmlichste erfuͤllet vnd vns dieselbe erfuͤllung, gleichsam hetten wir sie selbs gethan, zugerechnet hat – Wie kan man denn zweifeln, das diese erfuͤllung des Gesetzes, durch Christum geschehen, vnsere gerechtigkeit seyVgl. Eph 2,19. vnd eins mit jhm werden, Durch welche Er inn vns wonet vnd wir jhn endlich im ewigen leben mit augen sehen werden,Vgl. I Kor 13,12. Durch welche wir teilhafftig werden vnd empfahen die erstlinge aller seiner gFter vnd Gottheit, die wir darnach in jenem leben gantz vnd volk=mlich geniessen vnd gebrauchen werden.

15 C; nicht in B. Vnd dieweil ich mir inn diesem teil fuͤrgenomen habe, die weise vnd form vnserer Rechtfertigung vnd vnsers Heils, so klar ich immer kan, zu
erkleren, so wil ich derhalben kuͤrtzlich auch etwas von dem sagen, was wir jezund mehr durch Christum bekomen, denn wir durch die Suͤnde verloren haben, vnd, so Adam nicht gesuͤndiget hette, gehabt hetten. Von diesem Handel haben auch die Veter geleret, vnd ist furwar viel dran gelegen vnd wol werd, das er auffs aller reichlichste vnd deutlichste erkleret vnd ausgeleget
wuͤrde. Aber ich hab jtzund nicht wol die weil, darumb wil ich kuͤrtzlich vberhin lauffen.

Jch halte es dauor, das zwey ding fuͤrnemlich sein, die wir volkoͤmlicher durch Christum bekommen, denn wir sie zuuor durch Adam verloren haben: Das eine ist die gerechtigkeit oder vberschwenckliche erfuͤllung dese C: Gesetzt; B: Gesetz. oder Gerechtigkeit Gottes gnug gethan, denn je die menschliche Natur gekont hette, ob sie gleich nicht gefallen were,

Das ander ist, das wir jetzund eine groͤssere vereinigung haben mit Gott, denn wir in der vnuerterbten Natur gehabt hetten oder auch die Engel jtzund haben. Denn Gottes Son hat vnser fleisch an sich genomen, C; nicht in B.vnser haubt worden vnd hat gewolt, das wir fleisch von fleisch vnd gebein von seinem gebein seien. Welche vereinigung mit Gott, wie gros sie alhie in den erstlingenn sinnen nicht begreiffen, viel weniger mit worten ausredenaussagen, aussprechen. Vgl. Art. ausreden 1), in: DWb 1, 930. koͤnnen.

Dis hab ich auff dis mal kuͤrtzlich wollen von dem sagen, das wir mehr vnd groͤssers durch Christum bekomen, denn wir durch den ersten menschen
Adam verloren haben. Welchs ich thue beideaus zwei Gründen, nämlich zunächst einmal der kuͤrtze halben vnd darnach auch, das ich solche vertunckelteschwer erkennbar, schwer erfassbar. Vgl. Art verdunkeln 3.a), in: DWb 25, 259f. geheimnis Gelertern vnd Treflichern leuten zu erforschen vnd zu eroͤffnen heimstelle. Vnd wird villeicht auch viel besser sein, das wir dis durch den glauben erwarten, denn das wir alzu frech der Sachen nachdencken, bis wir in groͤssere Jrthume
fallen. Welchs Osiandro vnd den Widderteuffern vnd Schwermergeistern widderferet, die alzumal alsoauf solche Weise. Vgl. Art. also 1), in: DWb 1, 261. von der widdergeburt der Suͤnder reden, als weren wir schon eitel Goͤtter worden.

C; nicht in B.Das Christus vber die wesentliche gerechtigkeit seiner Gottheit noch eine andere gerechtigkeit gehabt habe.

Bisher haben wir durch Christus’ huͤlff gnugsam (wie ich verhoff) mit vielen klaren zeugnissen der heiligen schrifft beweiset, das wir durch den gehorsam vnd Leiden Christi gerechtfertigt werden. Haben auch den gantzen Handel vnserer seligkeit mit kurtzen worten mehr denn einmal erkleret vnd ausgestrichen, das also ein Christ, so viel diesen handel betrifft, hie durch’ huͤlff dasselbe auch zum vberflus beweisen, Auff das, wenn solchs geschehen, Osiander selbs

Solchs aber zu beweisen, were sehr nuͤtzlich, das wir wissen moͤchten, was gerechtigkeit ist. Denn des Osianders Definition, weil sie tunckel vnd falsch ist (denn sie begreiffe den Historischen glauben, Welcher auch bey den Gott
losen vnd Teuffeln ist)Vgl. Jak 2,19. haben wir droben billich verworffen. Derhalben wollen wirs dabey bleiben lassen, das Gottes gerechtigkeit sey seine wesentliche tugent, dadurch er (wie er sich in den zehen Gebotten erkleret) das gute liebet, thut vnd foͤrdert, das boͤse aber hasset, vermeidet vnd strafft. Des menschen gerechtigkeit aber sey, mit hertzen vnd mit der that volkoͤmlich vnd
bestendiglich dem Gesetz Gottes gehorsamengehorchen, Gehorsam leisten. Vgl. Art. gehorsamen 2), in: DWb 5, 2539f. vnd sich gleichfoͤrmig vnd anhengig machen dem bilde Gottes, dazu wir geschaffen, vnd die in den zehen Gebotten ausgedruckt ist.

Diese warhafftigen B; C: warhafftige. Definitiones ist nicht fast noͤtig zu beweisen. Denn der gerechte Gott, der die gerechtigkeit liebet, vnd der heilige Got, der vns auch
 wil heilig haben, hat seinen willen vnd sein hertz in den zehen geboten abgemalet Vnd vermanet, heisset vnd gebeut, das wir vns demselben gleichf=rmig vnd anhengig machen sollen. Die solchs mit dem hertzen vnd eusserlichen wandel bestendiglich thun, die heisset er gerecht, die widerwertigen aber heisset er vngerecht. Jch wil aber hie nicht viel Disputiren, ob die
Tugend eine qualitas oder actio sey. Denn auch die Philosophi setzen die Tugent im thun, vnd die Schrifft nennet die guten werck, die von hertzen gehen vnd bestendiglich vnd verharrlich geschehen, gerechtigkeit.

Drumb wollen wir die Sach selbs fuͤr vns nemen, nemlich Das Christus zweierley gerechtigkeit gehabt habe. Das er nu die Goͤtliche gerechtigkeit wenn er gleich nymmermehr were mensch worden, Daran zweiffelt kein Christ. Derhalben muͤssen wir seine andere gerechtigkeit beweisen, nemlich die er nach seiner menschwerdung vns zu gut erworben hat.

Zum ersten schreiet die gantze Schrifft, das gehorsam gegen Gott So du wirst halten meine Gebot, so wird deine gerechtigkeit sein wie die Wellen des Meeres.Jes 48,18. Solchs bezeugen auch andere sehr viel oͤrter, derer ich etliche droben gesatzt, etliche sonst wol bekannt sein. Vngehorsam ist furwar Vngerechtigkeit – Wie solte denn Gehorsam nicht Gerechtigkeit sein? Gehorsam gegen Gott ist trawn Tugent. Vniuersalis uirtus, eine solche Tugent, die alle andere Tuͤgende begreifft.umfasst, einschließt. Vgl. Art. begreifen 4), in: DWb 1, 1308f. Solche Tugent, sagt Osiander, sey gerechtigkeit, dauon die Schrifft redt. Wie denn gleicherweise Aristoteles Vniuersalem iustitiam auch beschreibet, das sie ein gehorsam sey gegen allen Gesetzen.Vgl. Artistoteles, Nikomachische Ethik V, 3 (1129b 25-33). Derhalben ist Vniuersalis iustitia vnd gehorsam gegen den Zehen Gebotten ein ding. Die Er ward gehorsam bis zum Tode des Creitzes.Phil 2,8. Ebre. 5: Er hat gehorsam gelernet an dem, das er leid.Hebr 5,8. Dauid Psalm. 40 Vnd die Epistel zun Ebreern am 10. sagt: Sihe, ich komme, zu thun, Gott, deinen willenVgl.Ps 40,8f; Hebr 10,7. etc. Hieraus folgt notwendig,
das Christus vber seine wesentliche gerechtigkeit auch hie auff erden gleich wie den Gehorsam, also auch die Gerechtigkeit bekommen hat.

Aber Osiander lest jhm trewmen, als sey die gerechtigkeit weis nicht was seltzames, welchs weder die Schrifft noch die Philosophi je Gerechtigkeit genant haben. (Denn ich habe keinen zweiffel, das seine Definition weder in der
Philosophia noch im Wort Gottes funden wird.) Sagt, dieser gehorsam sey die frucht jener Goͤttlichen gerechtigkeit, vnd verkleinert also fein meisterlich den verdienst vnd gehorsam Christi. Solchs aber zu beweisen, setzt er den spruch Johan. 14: Der Vater, der in mir wonet, thut diese werck.Vgl. Joh 14,10. So doch Christus am selben ort von seinen wunderwercken vnd nicht von seinem gehor
sam redet. Er setzt auch diesen spruch: Vater, dein wille geschehe.Vgl. Mt 6,9f. Alle B; C: Aller. Christen beten, das Gottes wille geschehe, zeigen gleichwol damit nicht an, das sie durch die wesentliche gerechtigkeit Gottes gerecht sein, wie Osiander – weis nicht, durch was fuͤr ein tuͤnckele Folge – von Christo beweisen wil.

Jch zweiffel nicht, das alle guͤter, die bey menschen vnd in allen Creaturen
sein, oben herab vom Himlischen Vater herfliessen, vnd gleichwol haben sie – vnd nicht vnbillich – die namen der guͤter vnd Tuͤgent; darumb aber volget gar nicht, das, weil die Tuͤgende der person Christi, die beide, Mensch vnd Gott, ist, aus seiner Gottheit zum teil herfliessen, das sie darumb nicht froͤmigkeit oder Gerechtigkeit geheissen werden muͤgen.

Zum andern, mann mus Christo vber das Ewige leben auch ein ander leben geben hie auff erden. Sagt mann nu, das er ein leben habe, dadurch er (so zu reden) wechst vnd zunimpt, isset etc., So mus mann ja bekennen, das er auch Tuͤgende an sich habe. Vnd ist fuͤrwar ein sehr lecherlich – wil nicht sagen: ein Gottlos – ding, weil den elenden Leuten, die doch zu zeiten kaum
ein schatten einer Tugent haben, nicht allein von vns menschen, sonder auch von der schrifft namen der Tugent zugemessen werden, das wir dem Herrn Christo, der auch seiner menschheit nach mit den allerhoͤchsten Tuͤgenden auffs hoͤchst gezieret ist, hie auff erden in diesem sterblichen leben gar keine Tugent zumessen sollen.

Zum dritten: Gott vnd das Gesetz erfordern gerechtigkeit von den menschen, wie wir droben beweiset vnd die gantze Schrifft zeuget. Denn der gerechte, heilige Gott liebt vnd erfodert von vns gerechtigkeit vnd heiligkeit. Weil nu Christus dazu komen ist, das er dem Gesetz Gottes solte gnug thun, vnd das gesetz Gottes auffs aller volkoͤmlichste erfuͤllet hat, Wie wollen wir denn
oder wie koͤnnen wir sagen, das er Gotte gar keine gerechtigkeit in erfuͤllung des Gesetzes gegeben oder geleistet habe? Jst das nicht ebensoviel als leugnen, das Christus das Gesetz erfuͤllet habe?

Jch weis warlich nicht, was die Gerechtigkeit des menschen vor dem fall vnd jtzt der Engele vnd in summa aller vernunfftigen Creaturn gegen jhrem
Schepffer anders sey denn die, das sie heilig sein, wie Gott heilig ist. Das sie ehnlich vnd gleichsam gleichfoͤrmig sein jhrem Schepffer, nach welches bilde sie geschaffen sein. Das sie der ewigen gerechtigkeit Gottes so volkoͤmlich folgen, gnugthun vnd gehorchen sollen, das Gott volle gnuͤge habe an jhrem leben vnd jhren gehorsam gegen sich fuͤr gut erkenne vnd
lobe. Solchs alles aber hat Christus auffs aller vberfluͤssigste fuͤr das gantz menschlich geschlecht durch seinen gehorsam vnd leiden geleistet – Wie Osiander nicht leugnet. Drumb hat er ja durch diese werck Gotte gerechtigkeit fur vns geleistet.

Zum vierden were es one not gewest, das der Son Gottes allein darumb were
mensch worden, das er seiner Goͤttlichen gerechtigkeit fruͤchte thete, Welchs er wo l im Himel thun vnd nicht auff erden hette komen duͤrffen, Wie denn der Vater vnd heiliger Geist vnd die gantze Gotheit von ewigkeit gethan hat. Das er aber vom Himel gestigen, das ist freilich eines newen, grossen wercks halben geschehen.

Zum fuͤnfften: Vergebung der Suͤnden ist gerechtigkeit, wie droben aus S. Paulo beweiset. Denn welchem Gott die suͤnde – das ist nicht allein die Pein, sonder auch die Schuld – erlesset, gegen dem bezeugt er, das er jhn liebe vnd daruor halte, als hette er nie aufgehort, Gotte zu gehorsamen, Hette keine Erbliche oder thetliche Suͤnde auff sich, Ja gleich als hette Adam nie
gesuͤndiget vnd were also derselbige mensch gantz gerecht. Diese Gerechtigkeit aber hat vns Christus hie auff erden erworben durch seinen verdienst vnd gnugthuung. Drumb hat er vber die ewige wesentliche gerechtigkeit der gantzen Gottheit auch hie in diesem sterblichen leben durch seine froͤmigkeit, gehorsam vnd leiden eine andere gerechtigkeit erlangt vnd
erworben.

Zum sechsten: Christus mit seiner gantzen personlichen gerechtigkeit ist gleichwol in mutterleibe vnd bis zu seiner aufferstehung Suͤnde vnd ein Fluch gewest,Vgl. II Kor 5,21; Gal 3,13. Wie auch sein Creutz vnd begrebnis bezeuget, Welchs er nicht hette tragen duͤrffen, wenn die Suͤnde nicht da gewest were.
Derhalben, so dis anhengende Contrarium, das ist: seine ewige gerechtigkeit, nicht gehindert hat, das er nicht Suͤnde vnd ein Fluch were, sonder er ist so lang Suͤnde vnd ein Fluch blieben vnd daruͤber in solch Leyden kommen, So hat er ja andere Contraria, das ist: eine andere Gerechtigkeit, erlangen muͤssen, auff das er einmal auffhoͤrte, Suͤnde vnd ein Fluch zu sein, vnd
Gerechtigkeit vnd Segen wuͤrde. Solche Gerechtigkeit aber vnd Segen ist gewest die gnugthuung gegen dem Gesetz oder Gerechtigkeit Gottes, Welche er mit seinem leiden vnd gehorsam ausgerichtet hat.

Das er solchs erlangt vnd zuwegen bracht, hat er darnach beweiset, da er von Todten aufferstanden, vmb vnserer gerechtigkeit willen zum Vater
gangen, vnsere handschrifft dem Gesetz abgekaufft vnd zu sich genommen vnd ans Creutz gehefftet vnd das Gefengnis gefangen gefurt, das ist: vber die Suͤnde oder Vngerechtigkeit, Tod vnd Helle mit vnserm grossen nutz triumphiret hat.Vgl. Kol 2,14; Eph 4,8.

Zum siebenden: Ein Contrarium oder Widderwertig ding wird on zweiffel
durchs ander weggennommen vnd vertrieben. Welcher spruch auch in der heiligen Schrifft raum hat: Christus hat vnsere Suͤnde weggenomen durch gehorsam vnd leiden, Wie auch Osiander zeuget. Suͤnde aber vnd vngerechtigkeit ist ein ding, daran ist kein zweifel. Derhalben auch dasjenige, das die suͤnde der Welt wegnimpt, das ist das leiden vnd der gehorsam
Christi, ist Gerechtigkeit. Vnd hat also Christus vber seine wesentliche Gerechtigkeit noch eine andere Gerechtigkeit.

Zum achten: Was Christus in diesem sterblichen leben gethan hat, das ist gantz Gottseliglich vnd wolgethan. Vnd koͤmpt doch solchs nicht eigentlich aus seiner wesentlichen gerechtigkeit, viel weniger ists nur eine frucht dersel
bigen. Denn die wesentliche gerechtigkeit Gottes erfodert nicht, das sich Gott, die hohe Maiestet, aus jhrer Goͤtlichen gestalt ernidrigen vnd eines knechtes, Ja eines Suͤndlichen knechts gestalt annemen vnd die schuld vnd straff fuͤr die Suͤnde tragen solte. Zudem, so dieser gehorsam Christi eine frucht were iener Goͤttlichen gerechtigkeit, so wuͤrde erfolgen, das auch der
Vater vnd der heilige Geist solche fruͤchte bringen – das ist: mensch werden – muͤsten. Denn die ware Tugent bringt notwendig jhre eigne B; C: eine. fruͤchte.

Es wuͤrde auch erfolgen, das Christus ins fleisch kommen were, wenn gleich keine werck des Teuffels gewest, das ist: wenn gleich der mensch nicht gefallen were, Wie Osiander sonst in einer Schrifft disputiret.Vgl. D. ANDREAE || OSIANDRI SACRAE || THEOLOGIAE IN SCHO= || la Regiomontana Pri= || marij Professoris. || AN FILIVS DEI FVE= || RIT INCARNANDVS, SI || peccatum non introiuisset || in mundum. || ITEM. || DE IMAGINE DEI || QVID SIT. || ET CERTIS ET EVIDEN= || tibus sacrae scripturae testimonijs, || et non ex philosophicis et hu= || manae rationis cogitatio= || nibus, deprompta || explicatio. || MONTEREGIO PRVSSIAE. || 1550 || [Kleeblatt] (VD 16 O 986). Daher
folgt darnach weiter, Das Christus nicht eigentlich dazu kommen sey, das er die Werck des Teuffels zustoͤre vnd die suͤnder selig mache,Vgl. I Joh 3,8; I Tim 1,15. Vnd andere vnzeliche Jrthumb.

Derhalben ist notwendig eine andere Gerechtigkeit, die Christus durch den gehorsam dieses sterblichen lebens erworben hat. Vnd ist weit vnterscheiden
von jener gerechtigkeit, dadurch er den fromen Gutes, den boͤsen Boͤses thut.

Zum neunden: Es sind zweierley lehren von Gott, sehr weit vnterscheiden, nemlich das Gesetz vnd das Euangelium. Das Gesetz beschreibt vns Gott warhafftig gerecht, wie er denn auch ist vnd in ewigkeit bleibt, Den gerech
ten wolthut, die vngerechten aber mit verdienter straff straffet. Wie denn auch das bilde Gottes, welchs noch, wiewol sehr schwechlich, in vns ist, on vnterlas schreyet, das er also sey. Derhalben wir auch dem Gesetz viel leichtlicher gleuben denn dem Euangelio.

Das Euangelium aber ist eine lehr, die allen Creaturn, nach dem bilde Gottes
erschaffen, einen newen, vnuerhoften Rat Gottes vortregt, nemlich das Gott vns armen, verdampten Suͤndern so gnedig sein wil, das er auch seinen Eingeborneneinziggeborenen, einzigen. Vgl. Art. eingeboren [I], in: DWb 3, 185. Son fur vns geben wil.Vgl. Joh 3,16; Röm 8,31f. Also malet vns das Gesetz vor die Ewige, wesentliche Gerechtigkeit Gottes, dadurch er den frommen wolthut vnd die suͤnder ernstlich straffet. Das Euangelium aber malet vns vor den newen
wuͤnderlichenwunderbaren. Vgl. Art. wunderlich A.1.a), in: DWb 30, 1903f. vnd gantz heimlichengeheimen. Vgl. Art. heimlich 4.b), in: DWb 10, 876. rat Gottes von erloͤsung des menschlichen geschlechts durch den allerschmelichsten Tod seines Sons. Derhalben, wie weit das Gesetz vom Euangelio vnterscheiden ist, so weit ist dis newe leben, gehorsam vnd Gerechtigkeit Christi in diesem leben, die Suͤnder zu erloͤsen, geleistet, von jener Ewigen gerechtigkeit seiner
Maiestet, welche in ewigkeit vnuerendert bleibt, es sey jrgent ein mensch oder nicht, Suͤndige oder suͤndige nicht, Jtem welche durch seine menschwerdung weder gemehret noch geringert ist, vnterscheiden.

Zum zehenden: Der heilige Geist, Jerem. am 23. vnd 33., sagt, Christus werde recht vnd gerechtigkeit anrichten auff erden.Vgl. Jer 23,5f; 33,15f. Sagt nicht, das er
die wesentliche gerechtigkeit der gantzen Gottheit mit sich bringen vnd mit derselben vns rechtfertigen werde, Sonder er werde gerechtigkeit anrichten auff erden vnd dadurch C; nicht in B. Jsrael helffen.

Drumb zeigt er an, das er hie auff erden eine andere, newe gerechtigkeit angericht habe vber die, die er von ewigkeit gehabt hat. Denn die wesentliche
gerechtigkeit der gantzen Gotheit hat er hie auff erden nicht koͤnnen noch duͤrffen anrichten. Sonst, wenn Israel C; B: wir. durch die gerechtigkeit, die [die]Sinngemäße Ergänzung. Gottlosen C; B: er. zuuor gehabt, gerecht vnd selig hette C; B: hetten. koͤnnen werden, so were es one not gewest, das er herunter auff erden gestiegen C; nicht in B.vnd mensch worden were.

Zum eilfften haben wir noch eine klerere schrifft, die da zeuget, das Christus noch eine andere gerechtigkeit gehabt habe. Der Euangelist Lucas am andern Capitel sagt, Christus habe zugenomen an weisheit.Vgl. Lk 2,52. Hat er nu an weisheit zugenomen, so hat er freilich an andern Tuͤgenden auch zugenomen. Derhalben, gleich wie Christus, wiewol eine Goͤttliche wesentliche weisheit von
Ewigkeit gehabt, doch auch eine andere gehabt hat, Also hat er auch on zweiffel andere gerechtigkeit vnd andere Tuͤgende gehabt.

Weiter, wie S. Lucas hie sagt, das Christus habe zugenomen an weisheit, also spricht S. Paulus zun Ebeern am 5., Er habe gehorsam gelernet vnd sey volendet worden.Vgl Hebr 5,8f. Dis zunemen in der weisheit vnd volendung im gehorsam
kan nicht verstanden B; C: vestanden. werden von der Goͤttlichen guͤtigkeit, froͤmmigkeit vnd gerechtigkeit Christi, in welcher oder in welcher fruͤchten er nicht zunemen B; C: zuuemen. noch volendet werden kan. Denn sie ist allezeit gantz vnd gar volkommen, das sie nicht volkomener sein koͤnne. Sonder von der ander Gerechtigkeit, die er alhie auff erden (wie Jeremias sagt)Vgl. Jer 23,5; 33,15. angericht B; C: angerecht. hat.
Hieher gehoͤrt auch, das Christus sagt Matth. 3: Es gebuͤret vns, alle Gerechtigkeit zu erfuͤllen.Mt 3,15. Hie redt er trawn nicht von der wesentlichen gerechtigkeit des Almechtigen Gottes. Denn dieselbe darff nicht erfuͤllet werden.braucht nicht erfüllt zu werden, muss nicht erfüllt werden (scil. weil sie vollkommen und eine Eigenschaft Gottes ist). Drumb redt er von einer andern Gerechtigkeit, die er hat erfuͤllen muͤssen.

Zum zwoͤlfften: Es hat nicht geringe vrsach gegeben zu diesem gantzen Jrthumb, das er nicht wissen wil, was Gerechtigkeit sey. Denn (wie droben gesagt) des Osiandri Definition ist gantz tunckel, toͤlpisch vnd falsch. Aber Fa. 124, Da er die Gerechtigkeit teilet, da redt er wol ein wenig klerer von der sache, aber doch nicht gantz recht. Denn er sagt, Alle gerechtigkeit sey entwe
der Goͤttliche gerechtigkeit vnd Goͤttlich wesen selbs, oder aber eine menschliche gerechtigkeit vnd eine erschaffene Qualitas. Aber in keine weg koͤnne es in Thun oder Leiden sein.Vgl. OGA 10, 208,21–29: Dann das ist je gewiss – damit ich sie doch warne, wiewol sie dessen nimmer werdt sein, werdens auch, als ich achte, von mir nicht annehmen – quod omnis iusticia, proprie de iusticia loquendo, aut est divina iusticia et essentia Dei, aut est humana iusticia et qualitas creata, nullo autem modo actio aut passio, das ist, das alle gerechtigkeit, wan man eigentlich von dem wort gerechtigkeit reden wil, ist antweder göttliche gerechtigkeit und göttlich wesen selbs oder aber menschliche gerechtigkeit und ein erschaffne qualitas (die fur sich selbs und ausserhalb des menschen kein wesen hat), aber in keinem weg kans ein thun oder leiden sein.

Dagegen aber die gantze schrifft, wenn sie Gottfuͤrchtigkeit vnd froͤmigkeit vom menschen erfodert, so schreyet sie nichts anders denn: Lieber, Hoͤre,
Sey gehorsam, Merck auff, Thu etc. Jtem: Wenn du horen wirst, Wenn du gehorchen wirst, Wenn du es thun wirst etc. Also auch, so offt sie einen Gottfuͤrchtigen, frommen vnd gerechten menschen beschreiben wil, so schreiet sie: Wer das Thut,Vgl. Ps 15,5. Wer da lust hat am Gesetz des HERRn,Vgl. Ps 1,2. Wer nicht trit auff den weg der suͤnder,Vgl. Ps 1,1. Wer sein gelt nicht auff Wucher thut,Vgl. Ps 15,5.
Wer nicht schweret,Vgl. Ps 24,4. Wer den Herrn fuͤrchtet,Vgl. Ps 25,12–14. Wer seine hende wescht,Vgl. Ps 26,6. Wer Barmhertzig ist vnd gerne leihet, B; C: leiheit.Vgl. Ps 37,26. Derselbe (spricht sie) wird gerecht sein vnd belonung empfahen etc.Vgl. Ps 37,37; Sir 51,38.

Das also die gantze Schrifft alle Tuͤgende vnd die gantze froͤmigkeit oder gercchtigkeit nichts anders nennet denn eitel Thun, Tun, C; B: Thun. eitel lauter actiones,
doch nicht allein eusserliche B; C: eusseriche. oder leibliche actiones vnd thun, sonder das von hertzen bestendiglich vnd verharlichbeharrlich, stetig, ununterbrochen. Vgl. Art. verharrlich, in: DWb 25, 533. gehet, welchs gewislich one Qualitas nicht ist.

Drumb heist Gerechtigkeit in der Schrifft nicht eine muͤssige qualitas, Sonder Gotte gehorsam sein nach allen seinen Geboten,
volkoͤmlich vnd von hertzen. Ja es werden auch offt auffs aller deutlichste die namen der Tuͤgende den actionibus in der Schrifft zugesatzt, als: Thut Gerechtigkeit vnd Gericht! Wer die Gerechtigkeit thut, der ist gerecht etc.Vgl. I Joh 3,7. Also redt die Schrifft von der Gerechtigkeit vnd Vrsach des guten. So einer auch den Aristotelem gern hieuon hoͤren wolt, der wird befinden, das er auch
sagt, foelicitatem seu beatitudinem esse actionem animi,Vgl. Aristoteles, Nikomachische Ethik I, 6 (1098a 16); I, 11 (1101a 14–16). vnd das Gerechtigkeit sey, gegen allen gesetzen gehorsam leisten.Vgl. Aristoteles, Nikomachische Ethik V, 3 (1129b 11–19.25–33).

Drumb kan ich hieraus nach der Schrift frey sagen, das Tugent vnd Gerechtigkeit sey, Gotte gehorsam sein mit dem hertzen vnd mit dem werck nach den Zehen geboten. So nu solchs gerechtigkeit ist, so ist kein zweiffel, das Chri
stus auffs aller volkoͤmlichste Gotte gehorsam ist gewest mit hertzen vnd mit der that Vnd das er derhalben vber seine wesentliche Gerechtigkeit der gantzen Gottheit auch in diesem leben Tuͤgende vnd Gerechtigkeit gethan habe.

Zum dreyzehenden: Der gerechte vnd heilige Gott, der (wie der Psalm sagt)Vgl. Ps 11,7; 33,5; Lk 1,75. die gerechtigkeit liebet vnd heiligkeit fodert, gleich wie er vmb der vngerech
tigkeit oder vnheiligkeit willen vnser feind ist worden, Also kan er mit keinem andern ding gegen vns versuͤnet vnd zu frieden gestelt werden denn durch Gerechtigkeit vnd heiligkeit. Denn der spruch bleibt war vnd kan nymmermehr geleugnet werden: Gerechtigkeit erloͤset vom Tode.Vgl. Prov 11,4. Allein die Gerechtigkeit erloͤset, wie allein die Suͤnde oder Vngerechtigkeit toͤdtet, vnd
nichts anders.

Zu dem bekennet die Schrifft hin vnd widder,hin und wieder = stellenweise, an manchen Stellen. Vgl. Art. hin adv. [I] I.3.c), in: DWb 10, 1375. vnd auch Osiander selbs in seinem Bekentnis, das Christus durch seinen gehorsam vnd leiden, dadurch er das gantze Gesetz gantz volkoͤmlich erfuͤllet hat, Gotte versuͤnet vnd vns ein gnedigen Got gemacht habe. Derhalben mus derselbe gehorsam
vnd leiden oder erfuͤllung des Gesetzes in alle wege auch Gerechtigkeit sein fuͤr Got, welche, so sie von vns durch den glauben ergriffen wird, auch vnsere Gerechtigkeit ist.

Nu ist aber diese Gerechtigkeit ein ander ding denn jene wesentliche vnd ewige gerechtigkeit der gantzen Gotheit. Derhalben hat Christus auch eine
andere Gerechtigkeit gehabt, vber die wesentliche gerechtigkeit seiner Gottlicher natur, Welchs wir hie beweisen. Vnd dieselbe ist on zweifel allein vnsere Gerechtigkeit fuͤr Gott. Denn was ist von noͤten, das ich andere Gerechtigkeit such, wenn ich Gotte zu einem gnedigen Vater habe? On allein das ich mich ernstlich bemuͤhen mus, das ich mich halte nach dem befehl: Gehe hin
vnd suͤndige nicht mehr.Vgl. Joh 8,11. Jtem, weil ich nu bin ein knecht der gerechtigkeit worden (wie Paulus sagt),Vgl. Röm 6,18. das ich jhr auch gehorsam sey.

Endlich sagt die schrifft, Christus sey aufferstanden vmb vnser Gerechtigkeit willen.Vgl. Röm 4,25. Warlich der Ewigen, wesentlichen Gerechtigkeit halben, die er mit Gotte hat, hat er nicht duͤrffen weder sterben nachnoch. aufferstehen. Denn die
selbe ist allezeit gantz vnd volkomen gewest, ists vnd wirds bleiben von ewigkeit zu ewigkeit. Denn des Osianders glosa, damit er gern beweisen wolt, das derselbe spruch bedeute, das Christus aufferstanden sey vnsers glaubens halben oder vnsern glauben zu stercken (denn dis ist seiner glosa meinung), koͤmpt mit dem Text gar nicht vberein, wie ein jeder sihet.

Drumb ist er warhafftiglich aufferstanden vmb vnser Gerechtigkeit willen, das ist: er ist Suͤnde vnd ein Fluch worden, Hat fuͤr vns durch gehorsam vnd leiden mit der Suͤnde, Tode, Teuffel vnd Gesetze so lang gestritten, bis er endlich gecreutziget, gestorben, begraben vnd in die Helle gefaren ist. Nachdem er aber alles, was das Gesetz vnd gerechtigkeit Gottes fuͤr vnsere
suͤnde foderte, erlitten vnd sie nu vberfluͤssig vergnuͤget B; C: vernuͤget.zufriedengestellt, (ihr) Genüge getan. Vgl. Art. vergnügen 1), in: DWb 25, 463f. hatte, Da ist er endlich nach erlangung des Siegs, verdienstes vnd ewiger erloͤsung widderumb aufferstanden vnd hat denselben Raub vnd beutte fuͤr sich her getrieben vnd in einem Triumph zu seinen schetzen gen Himel gefurt,Vgl. Eph 4,8–10. Jst vnser Hoher Priester worden vnd hat sich gesatzt zur rechten seines Vaters.Vgl. Hebr 2,17; 8,1f.
Aus diesem Schatze macht er die Suͤnder, so zu jhm koͤmmen, volkoͤmlich selig vnd neeret sie, wie die Epistel zun Ebreen sagt.Vgl. Hebr 7,25.

Derhalben ist er warhafftiglich aufferstanden von wegen des Verdienstes, Gnugthuung, Erloͤsung vnd Gerechtigkeit, die er vns erworben hat. Denn wo er nicht were aufferstanden, so were es gleich zugangen, als wenn zween
Fuͤrsten miteinander kempffen vnd beyde sampt jhrem Kriegsvolck vmbkommen, das keiner den Raub, Blut oder gewin vnd belonung des Kriegs dauon bringt. Nu aber ist Christus aufferstanden vnd hat inn einem Triumph den Raub, die Beut vnd das Gut, das er im Krieg eroͤbert, mit sich inn sein Reich gefurt. Diesen Triumph beschreibt S. Paulus Ephe. 4, Coll. 2: Das
Christus sey in die hoͤhe gefaren, Habe das gefengnis gefangen gefurt,Vgl. Eph 4,8. Habe vnsere Handschrifft ans Creutz gehefftet, vnd ausgezogen die Fuͤrstenthumb vnd die Gewaltigen, aus welchem Raub er vns auch geschencke B; C: geschenckt. mitteilet.Vgl. Kol 2,14f.

Gantz gleicherweise sagt auch Christus: Der heilige Geist wird die Welt
straffen vmb die Gerechtigkeit, das ich zum Vater gehe.Vgl. Joh 16,10. Vber welchen spruch D. Luther so viel disputiret, B; C: disputires. das der weg Christi zum Vater, das ist (wie B; C: wee. ers auslegt) seine menschwerdung, leiden, aufferstehen vnd Himelfart, vnsere Gerechtigkeit sey.

Derhalben, weil Christus vmb der Gerechtigkeit willen ist aufferstanden, vnd
doch nicht hat aufferstehen duͤrffen von wegen der wesentlichen gerechtigkeit Gottes – Denn dieselbe ist allezeit gantz vnd volkomen gewest – So folgt, das er einer andern Gerechtigkeit halben ist aufferstanden. Welche andere Gerechtigkeit Christi vns von jhm erworben ist, Dauon wir hie handeln vnd aus der Schrifft leren.

Bjsher hab ich viertzehen Argument erzelet, zu beweysen, das Christus noch eine andere Gerechtigkeit vber die Goͤttliche Ewige Gerechtigkeit habe, Weil Osiander dis ja so hefftig widderficht,bestreitet. Vgl. Art. widerfechten 3.b), in: DWb 29, 977. vnd meinet, sein Gegenteil koͤnne gar nichts widder jhn auffbringen, wenn er nicht zweierley gerechtigkeit in Christo beweiset. Wiewol aber dis alles die gerechtigkeit, dadurch wir fuͤr
Gott gerechtfertigt werden, nicht so gantz genaw vnd eigentlich mit allen vmbstenden bezeichnet, das ein spitziger, listiger kopff keine vrsach hie finden koͤnte zu zancken, So hab ich doch hie vnd sonst offt an andern oͤrten gnugsam angezeigt, das ich nach laut der schrifft halte, das vnsere gerechtigkeit eigentlich sey die volkomene, allerreichlichste erfuͤllung des Gesetzes,
welche Christus, Gott vnd Mensch, dem Vater durch seinen gehorsam vnd leiden geleistet hat Vnd dadurch er der Goͤttlichen gerechtigkeit dermassen gnug gethan hat, das sie vber vns gar nichts mehr hat zu klagen. Ja sie schetzet vns des ewigen lebens so wirdig vnd tausentmal wirdiger, denn so der mensch nie gefallen, sonder Gotte auffs aller genawiste allezeit gehorsam
gewest were.

Durch diese Argument, acht ich, sey klerlich gnug beweiset, Das Christus, warhafftiger Gott, nicht allein die Ewige, wesentliche gerechtigkeit habe, sonder auch die, durch welche er das Gesetz erfuͤllet vnd der Gerechtigkeit Gottes, welche straff vnd gehorsam von den menschen erfodert, auffs reich
lichste vnd vberfluͤssigste fuͤr vns gnug gethan hat. Derhalben, wie ich verhoff, wird Osiander williglich oder auch mit vnwillen dieser warhafftigen meinung weichen. Warlich, die fromme Christen, wie ich nicht zweiffel, koͤnnen hiedurch in der warheit gnugsam gesterckt werden.