Controversia et Confessio, Bd. 7


Flacius, Verlegung der Bekenntnisses Osiandri (1552) Nr. 8: Flacius, Verlegung der Bekenntnisses Osiandri (1552)

Flacius, Verlegung der Bekenntnisses Osiandri (1552) Nr. 8: Flacius, Verlegung der Bekenntnisses Osiandri (1552)Nr. 8 ULB Darmstadt info:isil/DE-17 Darmstadt Letzte Änderung: 2023-05-23 Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY)

Auch in der Vorlage in Antiqua kursiv gesetzt.Vnsere Gerechtigkeit, dadurch wir hie inn diesem leben fuͤr Gott gerecht vnd angeneme kinder werden, eigentlich zu nennen, ist die ERFVLLVNG des Gesetzes Gottes, welche nicht wir, sondern Christus, warer Gott vnd mensch,in gleicher Weise. Vgl. Art. dermaszen 1), in: DWb 2, 1020. wie Christus erfuͤllet, oder der Goͤttlichen Gerechtigkeit gnug gethan.

Wiewol nu neben der zurechnung dieser Gerechtigkeit zugleich auch mit anfehet der mensch ernewert zu werden durch einwonung des heiligen Geists vnd inn einem newen gehorsam zu leben, so kan oder sol doch niemand mit

Albrecht von Brandenburg-Ansbach, Herzog in Preußen, der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens in Preußen, hat das Ordensgebiet in ein weltliches Herzogtum unter polnischer Lehenshoheit umgewandelt. Wuͤndsche ich, Matthias Flacius Jllyricus, bestendigkeit in der waren erkanten Religion vnd Bekentnis Jhesu Christi.

Dvrchleuchtiger Hochgeborner Fuͤrst, Gnediger Herr! Wolt Gott, das ewren Fuͤrstlichen Gnaden die auffrichtung der VniuersitetHerzog Albrecht gründete 1544 die Universität Königsberg. so wol allenthalben ge
raten vnd die lehr durch bestendige einigkeit der Lerer daselbs so trewlich (welchs zu grossem nutz vnd fromen der kirche wFrde gereicht sein) gehandelt were, wie E.F.G. aus Christlichem gemFt vnd wolmeinung dieselbe Vniuersitet mit grosser mFhe vnd vnkost, daran kein ehrliebender zweiffelt, auffgericht hat.

Die Papisten (die da tag vnd nacht gruͤbeln, wie sie das heilig Euangelium lestern vnd schenden moͤgen) werden on zweiffel schreien, Es sey der Gottlosen lehr schuld, das solche Vgl. Mt 12,22–30; Mk 3,22–27; Lk 11,14–23. Wie denn auch solchs die erfarung leret. Denn vnter Heiden vnd Tuͤrcken vnd jtzigen Juͤden entstehen keine gezenck, Rotten noch Secten in der Religion, sonder in der waren Kirche Gottes.

Derhalben sol eben dis, das genante Vniuersitet vnd Kirch so mancherleybefürchtet, sich sorgt. das aus E.F.G. Kirchen vnd Schulen die ware Religion in alle Mitnechtischenördlichen, mitternächtlichen. Vgl. Art. mittnächtisch, in: DWb 12, 2426; Art. mittnächtlich, ebd.; Art. Mittnacht 2), ebd.
Lender allgemehlich moͤchte ausgebreitet werden, so ist er tollverrückt, wütend. Vgl. Art. toll I.1.a.γ), in: DWb 21, 633. vnd toͤricht vnd wolt solch E.F.G. heiliges, Christlichs vornemen gern, so viel jhm jmmer muͤglich, verhindern.

Gott aber, der die heiligen aus alle jhrer truͤbsal, derer sie sehr viel haben (wie der Psalm sagt),Vgl. II Kor 4,17; Ps 34,20; 94,19; Joh 16,33. erloͤset, wird E.F.G., gleich wie er sie vnd derselben

Es sollen sich auch E.F.G. vnd die andern Gotfuͤrchtigen des orts darumb nicht schrecken lassen, das jtziger zeit (wie sichs ansehen lest) groͤssere widerlegt. Vgl. Art. verlegen 3), in: DWb 25, 758f. werden.

Jch wil hie nur ein argument setzen (denn in folgender schrifft werden jhr mehr folgen) durch welchs allein meins verhoffens die warheit der gebreuchlichen lehr beweiset vnd die vnwarheit der newen vngebreuchlichen verlegt kan werden.

Erstlich ist gewis, das die erfuͤllung des Gesetzes sey gerechtigkeit fuͤr Gott, welchs nicht allein aus eins jden vernunfft bekant ist (denn thu, was dich deine Eltern oder Herrn heissen, so wirstu Gerecht sein vor jhnen. Thu, was dichaus: Gesetzt. thun, werden gerecht sein.Röm 2,13. Hie hoͤren wir deudlich, das dem Gesetz GottesVgl. Mt 3,15.

Zum andern bekent Osiander am ende des bogens A, das Christus, warer Gott vnd mensch, durch sein thun vnd leiden oder gehorsam das Gesetz erfuͤlletVgl. Osiander, OGA 10, 104,32–106,18 (Von dem einigen Mittler, 1551, Bl. A 4r/v).

Derhalben erfolgt, das eben derselbe gehorsam Christi, Gottes vnd menschen, vnsere Gerechtigkeit sey. Wiewol diese folge auch sonst on all vnser beweisung im anfang des 8. vnd 10. Cap. zunzu den, an die. Roͤmern klerlich Vgl. Röm 8,3f. Hie sagt er klerlich, das die Rechtfertigung des suͤnders sey die erfuͤllung des Gesetzes, die ChristusIm griechischen Original: τέλος = Ziel, Ende. – des Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit allen, die da gleuben,Vgl. Röm 10,4. als wolt er sagen: die erfuͤllung des Gesetzes, von Christo geschehen, die vns zugerechnet wirddurch den Glauben ist vnsere Gerechtigkeit

Jch kan warlich nicht sehen, was in diesem Argument falsch oder vnrecht sey. Denn das ist gewis, das volkoͤmlicher gehorsam kegengegen. Gott mit dem hertzen vnd mit der that gerechtigkeit ist fuͤr Gott. Christus aber, warer mensch vnd Gott, hat dem Gesetz Gottes volkoͤmlich mit thun vnd leiden, alles wasübermäßig, mehr als genug. Vgl. Art. überflüssig B), in: DWb 23, 226f. erfuͤllet, vnd derselbe gehorsam oder erfuͤllung des gesetzes ist gantz vnd gar vnser.

Derhalben ist derselbe gehorsam oder erfuͤlung des Gesetzes vnsere gerechtigkeit. Durch dis einige Argument, hoff ich, sol die warheit erklert vnd die vnwarheit des Jrthumbs Osiandri verlegt werden.

Jch wil noch eins setzen, welchs nicht so fastsehr. Vgl. Art. fast A.5.c), in: DWb 3, 1349. ein Argument als eine anzeigung ist, mit was starcken, festen vnd hellen gruͤnden Osiander seine meinung von solchen grossen dingen beweiset. Am letzten bletlein des bogens L, am ende nach allen andern angezogenen sprFchen, dadurch er hat beweisen wollen, das D. Luther von der gerechtigkeit, die durch die wesentliche Gott
heit des Sons Gottes erlangt ist, lere, Citirt er aus D. Luthers Commentarijs vber die Epistel zun Galatern diesen spruch:

Welcher uon dieser Lehre felt, der felt aus not in unwissenheit Gottes, uerstehet nicht, welches da sey die Christliche Gerechtigkeit und weisheit, Welchs sein die waren Gottesdienste, Er ist ein Abgoͤttischer, bleibt unter
dem Gesetz, unter der Suͤnde, unter dem Tode und unter des Teuffels gewalt, und alles, das er thut, ist uerlorn und uerdammet.Vgl. Osiander, OGA 10, 188,16–20 (Von dem einigen Mittler, 1551, Bl. L 4r). Zum Luther-Zitat vgl.: IN EPISTO= || LAM S. PAVLI || AD GALATAS || commentarius ex prae- || lectione D. Mart. Luth. || collectus. Iam denuo || diligenter reco- || gnitus, casti- || gatus etc. || Adiecto etiam Indice. || VITTEBERGAE. || M. D. XXXVIII. || Virtus mea per infirmita- || tem perficitur. (VD 16 B 5082), Bl. CCXXXVIIIv: Quicunque ab ista doctrina excidit, ille necessario ruit in ignorantiam Dei, non intelligit quae sit Christiana iusticia & sapientia, qui sint ueri cultus Dei, est idolatria, manens sub lege, peccato, morte & diaboli imperio, & omnia quae facit, sunt perdita ac damnata. (zu Gal 4,8; vgl. WA 40I 605,19–22 [Druck C]).

Mit diesem spruch wil Osiander gleichsam mit einem Beschlus alle vorangezogene zeugnissen beschliessen vnd anzeigen, das D. Luthers meinung sey, das, so jemand von der meinung von der gerechtigkeit durch die wesentlicheselbsterwählte, nicht von Gott angeordnete. erdichte Gottesdienste auffs eusserste verflucht, vnd das allein das die ware Religion sey, die er durch seinen Son der welt offenbart hat. Wer von derselben falle, der jrre gantz vnd ghar etc.

E.F.G. wolle den ort in den Lateinischen Commentarijs, in quarto gedruckt, folio 238, selbs lesen,Vgl. Anm. 20 (VD 16 B 5082). so wird E.F.G. bald befinden, das Osiander gar nichts beweiset noch leret, sonder den Leser nur betreugt. Wil jtzund schweigen, wie er das wort Gottes an vielen orten mit lauter gewalt bey den haren herumb reissetRedensartlich: gewaltsam fehlinterpretiert. vnd deutet, wie ers haben wil, als das jhm das blut vnd fleisch

Er ruͤmbt sich auch sehr in einem deudschen buͤchlein, wie er diese lehr von der Rechtfertigung vor vielen Jaren zu Schmalkalden fuͤr den vornemsten Predigern, aus gantzem Deudschland versamlet, in einem Sermon oͤffentlich gepredigt habe vnd sey nicht allein von jhnen vngetadelt blieben, sonder auchVgl.: Bericht vnd Trost= || schrifft: an alle die: so || durch das falsch / heimlich || schreiben / schreien vnd affterreden / || etlicher meiner feinde / als solt ich von || der Rechtfertigung des Glaubens / nicht recht halten vnd leren / ge || ergert / oder betruͤbet || worden sein. || [Kleeblatt] || Andreas Osiander. || Koͤnigsberg || in Preussen. || 1551. (VD 16 O 993), Bl. A4r: Zum dritten / Bin ich der guten zuuersicht / das es alle gottsfuͤrchtige Predicanten mit mir halten / Denn nach den selbgewachsenen Plauderern / Bauchpredigern / Heuchlern vnd Affen / frag ich nichts / Sintemal ich mein Lere von der Rechtfertigung / die ich allzeit / vnuer= || ruckt / oͤffentlich vnd bestendiglich gefurt hab / vnd noch fuͤre / im 1537 jar / zu Schmalkaln / da die gelertesten euangelische Predicanten / in so grosser anzal / als vor vnd nach / bis anher nie geschehen / zu Doctor Martin Luther / vnd andern Wittebergischen Theologen versamlet waren / mit wolbedachtem rat vnd fursetzlich / in ein Predig gefasset / vnd auffs einfeltigst / klarist / vnd deudlichst / oͤffentlich in der Kirchen / fur jnen allen / vnd fur meniglich / hab lassen hoͤren / vnd ist doch / Gott lob / so viel ich weis / von niemand getadelt / von vielen aber / one rhum zu reden / also gelobt worden / das es mir zuerzelen / dieweil eigen lob nicht wol stehet / dieser zeit / noch zu viel sein wil.

Aber von Nuͤrnberg wird mir von einem glaubwirdigen manne viel anders geschrieben, nemlich das M. VitusVeit Dietrich war am 08. Dezember 1506 in Nürnberg geboren; ab 1523 studierte er in Wittenberg, gefördert von Melanchthon und als Hausgenosse und Vertrauter Luthers, den er 1529 zum Marburger Religionsgespräch begleitete; im selben Jahr erwarb er den Magistergrad. 1530 hielt er sich während des Augsburger Reichstages mit Luther auf der Veste Coburg auf. Er lehrte an der Wittenberger Artesfakultät, bis Differenzen mit Katharina von Bora 1535 dazu führten, dass er Wittenberg verließ. Melanchthon empfahl ihn an die Universität Tübingen, doch nahm Veit Dietrich das Angebot des Nürnberger Rates an, als Pfarrer an der Sebalduskirche zu wirken. Er vertrat Nürnberg auf dem Konvent in Schmalkalden 1537 und nahm 1546 am Regensburger Religionsgespräch teil. Da er sich dem Interim nicht beugte und zum Widerstand aufrief, wurde er suspendiert; er starb am 25. März 1549 in Nürnberg. seliger gedechtnis offt gesagt habe, wie D. Luther vnd andere Theologen ein grossen misfallen dran gehabt haben.

Jtem, das noch daselbs ein Ratherr sey, ein fuͤrtreflicher mann, der sage, dases nicht verhindert hätten. Vgl. Art. legen B.II.9.c), in: DWb 12, 533f. Vgl. MBW 6004 (Hieronymus Besold an Melanchthon, Nürnberg 25. Februar 1551): Hieronymus Baumgartner berichtete, dass Luther eine öffentliche Widerlegung Osianders nur auf Intervention des Nürnberger Rates unterlassen habe. Vgl. a. WA.T 4, 478,6–20 (aus Nr. 4763); ferner Stupperich, 262f.

Es bezeugt auch der Ehrwirdige Herr N. von Amsdorff,Vgl. [Nikolaus v. Amsdorf:] CONFVTATIO: || Das ist / || Widerlegung aus || heiliger Schrifft der || jrthumen. || Andreae Osiandri. || Von dem Articul der || Rechtfertigung. || Anno M. D. LII. (in: VD 16 ZV 10866). – Auff Osianders Be= || kentnis ein Vnterricht vnd zeugnis / || Das die Gerechtigkeit der menscheit Christi / dar= || innen sie entpfangen vnd geboren ist / allen Gleu= || bigen Suͤndern geschanckt vnd zugerechent || wird / vnd fuͤr jhr Person hie auff Erden || nimmermehr Gerecht vnd heilig || werden. || Nicolaus von Amsdorff, || EXVL. || In semine tuo (.Christo.) Benedicentur om- || nes Gentes terrae. Ergo semen ipsum est benedictum || & iustum. || ANNO. || 1552. (VD 16 A 2329). das D. Luther vnd viel andere Theologen ein grossen misgefallen gehabt Vgl. I Joh 4,2f. Da seine meinung von der rechtfertigung gleichwol noch nicht ist so gar deudlich vermerckt worden, wie jtzt aus dem gedruckten bekentnis, Welchs sich warlich mit des Osiandri rhum nicht fast wol reimen wil. Aus diesem stuͤcklein kan man nu von den andern stuͤcken

Es moͤcht aber einer meinen, das an diesem Osiandrischen jrthumb nicht viel gelegen were, so es doch ein solcher grosser Jrthum ist, das er vns dahinerbitten. Vgl. Art. heischen 1) und 2), in: DWb 10, 898f. duͤrffen. Osiander

Denn obwol war ist, das Christus Gott vnd mensch zur rechten seines Vaters sitzt vnd alda vnser Mitler ist, So ist er doch so weit vnd darumb vnser Mit
ler, das er den Raub, Reichthumb vnd schatz bey sich hat, welchen er nach vberwindung der Helle in seinem aufferstehen vnd auffart im Triumph mit sich gen Himel gefurt hat, nemlich die erlesschung vnd zust=rung der SFnde oder vngerechtigkeit vnd die erworbene Gerechtigkeit, Verdienst, Erl=sung vnd versFnung mit Gott oder die vberschwenckliche erfFllung des
Gesetzes. Denn mit vnd durch denselbigen schatz ist er bey dem Vater fFr vns mechtig vnd gewaltig vnd hilfft vns aus aller not. Derselbige schatz, vns von Christo zugeeigent, ist vnser Mittel vnd Mitler, dadurch wir alles guts von Gott erlangen. Derhalben, wer dis mittel oder Mitler fFr seine Gerechtigkeit fFr Gott nicht haben wil, sonder wil fFr Gott durch sein
wesen bestehen vnd gerecht sein, der handelt mit Gott on alle mittel vnd Mitler.

Vnd was darffsbedarf es, braucht es. doch viel Disputirens? Jst doch des Osiandri vornempstes argument dieses, das, weil Jehoua allein die Gotheit bedeute vnd Jeremias sagt, Jehoua sey vnsere Gerechtigkeit,Vgl. Jer 23,6; 33,16 u. ö. so muͤssen wir notwendig nur durch Vgl. OGA 6, 320,12–20: [Ps 68,21] Quibus verbis David hominem quendam non modo mortalem, verum etiam mortuum, hoc sacratissimo Dei nomine יהוה dignatus est eumque a Domino e media morte eripiendum et resuscitandum praedixit. Paulus autem, cum ea de Christo dicta esse certissime sciret ac, quomodo re ipsa impleta essent, videret, pulcherrime nobis explicavit. Primum enim, cum perpenderet, quod esset moriturus, dixit: Cum in forma Dei esset, non rapinam arbitratus est, quod esset aequalis Deo, sed semetipsum inanivit, forma servi sumpta in similitudine hominum constitutus et figura repertus ut homo, humiliavit semetipsum, factus obediens usque ad mortem, mortem autem crucis [Phil 2,6–8]. (Osiander, Evangelienharmonie, 1537). (Man vergleiche auch den weiteren Kontext.)

Dis hab ich, Durchleuchtiger Hochgeborner Fuͤrst, E.F.G. zum anfang anzeigen vnd E.F.G. diese Schrifft zuschreiben wollen, Vornemlich darumb, dasunterrichtet, informiert. Vgl. Art. berichten 5), in: DWb 1, 1523. das E.F.G. bereit lang begert hat, das des Osiandri gegenteil seine meinung widder jhn, aus der schrifft wol gegruͤndet, schrifftlich vbergeben solte. Daher ich eine gute hoffnung habe, E.F.G. werde diese meine arbeit nicht allein williglich, sondern auch mit

Aber die Hoͤchsten vnd Gelertesten, die da vornemlich anderm vnd diesem vnrathGefahr; Unfug; Unrichtigkeit, Unsinn. Vgl. Art. Unrat 1), in: DWb 24, 1230–1233. in der zeit zuuorkomenentgegengetreten. Vgl. Art. zuvorkommen 3), in: DWb32, 890. vnd gesteuretgewehrt, Einhalt geboten. Vgl. Art. steuern, in: DWb. vnd, nach dem spruch des Poeten,Vgl. Ovid, Remedia amoris 91: Principiis obsta. dem anfang des vbels widderstanden solten haben, die sagen jtzt, sie wollen sich in die zeit schicken.sich den Zeitumständen anpassen. Vgl. Röm 12,11; Eph 5,16; Kol 4,5. Darumb weil es die Hohepriester vndVgl. Mt 16,21; I Kor 3,1f. Denn es gehet doch gemeiniglich also zu in der Kirchen Christi, es sey da ein menschlicher beruffBerufung, Auftrag, Amt. Vgl. Art. Beruf 2), in: DWb 1, 1530f. oder nicht. Es were auch wol besser gewest, das die sach, ehe Osiander sein Bekentnis hette ausgehen lassen, in sonderheit muͤndtlich vnd schrifftlich gehandelt vnd andererausgiebig, umfänglich, mit großem Aufwand und Aufsehen. Vgl. Art. stattlich II.4.e), in: DWb 17, 1042. durch viel oͤffentliche schriffte vertedigt ist, so kan man hinfort demselbigen one oͤffentliche schrifften nicht wol widderstehen.

Die vrsach aber, darumb ich diese schrifft nicht lenger hab vertziehen wollen,Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren insbesondere die Adiaphoristischen Streitigkeiten virulent. Flacius möchte mit der hier edierten Schrift auch dem Eindruck entgegenwirken, er stehe grundsätzlich in Opposition zu den Wittenberger Theologen. Jch wil aber (ob Gott wil) weder vmb meiner freunde noch feinde willen nichts widder die warheit handeln. Wiewol ich jtzund so hart bedrengt werde von wegen der reinen Religion, das etlicheI Sam 26,19 [!].

Derhalben, damit niemand durch mein stillschweigen geergert werde, welchs wir nach der lehr Christi mit hoͤchstem fleis verhuͤten sollen, so hab ich meine meinung hieuon oͤffentlich muͤssen ausgehen lassen.

Jch bit auch, E.F.G. wolle dis mein schreiben vnd zuschreibung dieser Schrifft in Gnaden annemen. Jch thu es warlich weder geldes noch guts halben, auch nicht sonst aus mutwillen. Denn ich zum teil wol weis, wie es jtzt hin vnd widder zustehetzugeht, welche Zustände herrschen. Vgl. Art. zustehen 10), in: DWb 32, 850. vnd in wie grossen beschwerungen ich jtzund bin, die mich schier gar hinunter druͤcken.

Vnd bin auch nicht so gar vnuerstendig vnd toͤlpisch,tölpelhaft, ungeschickt. Vgl. Art. tölpisch I.C.2), in: DWb 21, 674. das ich nicht auch, wenn mich mein gewissen vnd Gottes gebot nicht inhielten,hinderten, zurückhielten. Vgl. Art. inne 1.d), in: DWb 10, 2125. desgleichen mit listen trachten vnd dahin erbeiten koͤnte, das mir beide, zur sicherheit vnd zu Reichthumb, nuͤtz vnd dienstlich were, wie jtzt viel grosser Theologen alhie thun.

Der Herr wolle E.F.G. bewaren vnd sie vnd die Christliche Schule vnd Kirche aus dieser beschwerung wie bisher aus vielen andern gnediglich erretten.

Datum 1. Martij. Anno. 1552.

Vorrede.

Gott, der Ewige brun alles guten, Wie er von Anfang der schepffung die

Solche gegenwertigkeit Gottes, damit Gott grossen leuten beystehet, haben nicht allein die Christen aus der erfarung vnd aus Heiliger Schrifft erkant (denn Esaie am 45. stehet klerlich: aus: Co-| es.Kyros. Historischer Bezug: Kyros II. der Große, König des Perserrreiches bis 530 v. Chr. den ich bey seiner rechten hand ergreiffe, das ich die HeidenfFr jhm vnterwerffe vnd den K=nigen das Schwert abgFrte, auff das fFr jhm die thFren ge=ffnet werden vnd die thor nicht beschlossen bleiben: Jch wil fFr dir hergehen vnd die H=cker eben machen. Jch wil die Ehrne thFren zuschlagen vnd die Eiserne rigel zubrechen. Vnd wil dir geben die heimliche schetze vnd die verborgene kleinetKleinodien, Kostbarkeiten. Vgl. Art. Kleinod I.e) und II.2.d), in: DWb 11, 1122.1125. etc.Vgl. Jes 45,1–3.), Sonder es habensgemerkt, wahrgenommen. Vgl. Art. merken 5.a), in: DWb 12, 2099. Denn Aristoteles sagt, das man solche trefliche Leut pflegt Gottesmenner zu nennen.Θείοι ἄνδρες, sg.: θεῖος ἀνήρ. Vgl. Aristoteles, Nikomachische Ethik VII,1 (1145a); Platon, Menon 99D; Homer, Ilias XXIV, 258f. Jtem die Poeten, vnd vornemlich Homerus schreibt, wenn sie einen treflichen helden vnd seine grosse thaten vnd tugende abmalen, thun sie jmmer darzu, wie Got bey jhnen vorn vnd hinden vnd zu allen seiten ist, jhn helffe, sie schuͤtze vnd jhre wercke fordereVgl. z. B. Homer, Ilias XXII,213–366: Athene unterstützt Achill im Kampf gegen Hektor. Also sagt auch Cicero: Grosse leut werden durch Goͤttliche anblassung erweckt.Vgl. Cicero, De natura deorum II,167: Nemo igitur vir magnus sine aliquo adflatu divino umquam fuit.

Es sind auch solcher Leute werck (als durch sonderliche huͤlff Gottes zugericht) so gewaltig vnd volkomen, das sie schier nicht gewaltiger noch volkomener sein koͤnten vnd niemand jhnen folgen, viel weniger etwas gleichsRedensartlich: Niemand tut es ihm gleich. Die Leistung ist einzigartig. Denn Got hat sie zu volbringung vnd volendung solcher treflicher werck erweckt vnd darzu geschickt gemacht.

Was ists denn wunder, das anderer geringen Leutlein werck, welche gleich wie die Affen aus menschlicher vermessenheit sich mit solcher grossen Vgl. Joh 3,27.

Dagegen aber der Teuffel (wie er denn ein gifftiger feind ist, dem menschlichen geschlecht schaden zu thun) hoͤrt nicht auff, andere listige, boshafftigeVgl. Act 9,15. zu verfelschen vnd entweder gar zu uerkeren oder etwas schedlichs darin anzurichten.

Diese beide vrspruͤng des boͤsen vnd guten, Jtem den vnrath vnd schaden, so daraus entstehet, hat Christus mit einem sehr feinen gleichnis vorgemalet, als er sagt: Das Himelreich – das ist die ware Religion vnd die Kirche – sey gleich einem menschen, der guten samen geseet hatte auff seinen Acker; da er aber geschlaffen, sey der feind komen vnd habe vnkraut vnter den gutenVgl. Mt 13,24f.

Dieser fromme Man, der den guten Samen seet, ist der Himlische Vater selbs, von welchem alles gute von oben herab koͤmpt, welcher durch etliche seine ausserwelete diener viel Herrliche thaten vnd grossen nutz schafft in diesem leben vnd das boͤse verhindert, vornemlich aber in der waren Religion.

Der feind aber dieses fromen Mannes ist der Teuffel, welcher alsbaldsobald. er sihet, das Christus ein wenig im Schiflein schlummertVgl. Mt 8,24. vnd vnserer Redensartlich: durch die finger sehen = Nachsicht üben, jemanden mit Zweifelhaftem zunächst gewähren lassen. Vgl. Art. Finger 10), in: DWb 3, 1654. so erweckt er bald nicht allein einen Vnkrautseer,Unkrautsäer. sonder offtmals viel zugleich, Welche alles, was die trewen Ackerleut Gottes erbawet, geseet, gepflantzt vnd begossenVgl. I Kor 3,5–17. besudeln, verterben, vergifften vnd vmbwuͤlen.

Solchs zu beweisen ist one not, die namen treflicher Leut, die durch Goͤttliche erregung vnd bewegung die Monarchen, Koͤnigreiche, Regiment vnd Gesetz, Jtem kunstreiche werck, freien kuͤnste vnd andere ding vnd werck, sehr nuͤtzlich dem menschlichen geschlecht, zu wegen gebracht,verkehrt, entstellt, ins Gegenteil gewendet, zum Schlechten verändert. Vgl. Art. verkehren 7), in: DWb 25, 629f. haben, zu erzelen.aufzuzählen, zu nennen. Vgl. Art. erzählen 2), in: DWb 3, 1077f.

Denn nach der Religion sind solche merckliche exempel vornemlich in der Philosophia, darin nach absterben Platonis vnd Aristotelis bald etliche anderesich. einen namen vnd beyfalZustimmung, Unterstützung. Vgl. Art. Beifall 2), in: DWb 1, 1368f. machten vnd doch nichts bessers, denn zuuor geleret war, vorbringen konten, dasjenige, das von den vorigen treflichen Meistern recht erfunden vnd geleret war, angefangen haben zu verfelschen, habens auch verfelscht vnd jre nerrische, schedliche, Stoische,Die antike philosophische Schule der Stoiker wurde nach dem urprünglichen Wirkungsort ihres Gründers Zenon von Kition benannt, d. h. nach der bunten Vorhalle (στοὰ ποικίλη) auf der Agora von Athen. Die Stoa suchte zu einem gelassenen, den Widrigkeiten des Schicksals mit Selbstbeherrschung und weitgehender Bedürftnislosigkeit begegnenden Einfügen in eine umfassende Weltordnung anzuleiten. Vgl. Heinrich Dörrie, Art. Stoa 2), in: KP 5 (1975), 377f. EpicurischeDer altgriechische Philosoph Epikur (341–270 v. Chr.) galt in der Frühen Neuzeit als Vertreter eines hedonistischen, weithin prinzipienlosen Materialismus. Vgl. Michael Erler, Art. Epikuros, in: NP 3 (1997), 1130–1140; Tiziano Dorandi, Art. Epikureische Schule, in: NP 3 (1997), 1126–1130. vnd AcademischePlaton hatte im Hain des Akademos vor den Mauern Athens ein Grundstück erworben und versammelte dort ab ca, 385 v. Chr. seine Schüler um sich. Kaiser Iustinian schloss die Platonische Akademie im Jahre 529 n. Chr. Vgl. Heinrich Dörrie, Art. Akademeia, in: KP 1 (1975), 211–213. Narren
thedingenNarreteien, Narrengeschwätz. Vgl. Art. Narrentheiding 2), in: DWb 13, 382. vnd trewme fuͤranstelle, als. die warhafftige, nuͤtzliche leer der PeripateticorumPeripatetiker wurden die Miglieder der Philosophenschule des Aristoteles genannt, nach dessen Eigenart, im Auf- und Abgehen (περιπατεῖν) zu lehren. Vgl. Heinrich Dörrie, Art. Peripatetiker, in: KP 4 (1975), 639f. den leuten auffdrungenaufgenötigt, aufgedrungen. Vgl. Art. aufdringen 2), in: DWb 1, 635. haben.

Wir wollen aber diese faren lassen vnd von denen allein sagen, die in der Religion rechten, gesunden, reinen Weitzen vnd schedlich, gifftig vnkraut geseet haben.

Gott hat erstlich dem Adam offenbart seinen willen, welchen er seinen nachkommen vnd also dem gantzen menschlichen geschlecht verkuͤnden solte, auff das, die jhn theten, gerecht weren vnd ewiglich dadurch lebten. Diese lehr hat Eua aus anregung des Teuffels vnd jhrer eignen leichtfertigkeit vnd Ehrgeitzigkeit alsbald verkert vnd sich sampt jhrem Manne vnd allen nachkomen inuͤrtzt.Vgl. Gen 2,15–3,19.

Nicht lang darnach ward Abel durch den geist Gottes erweckt, vertedigte die rechte lehr vom glauben vnd war Gotte lieb vnd angenem. Diese ehr gontegönnte. jhm der ehrgeitzige Cain nicht. Drumb wolte er seinen glauben vnd lehr vmbstossen. Da ers aber nicht enden konte, schlug er jhn zu tod.Vgl. Gen 4,1–8.

Jn solcher wuͤterey fuhr die Cainische kirch darnach fort bis zur Sindflut vnd vnterstund sich mit hoͤchstem vleis, die ware Religion Adams, Abels, Enochs,Es könnte der in Gen 5,18.21–24 erwähnte Henoch gemeint sein, der wegen seiner exemplarischen Frömmigkeit nicht starb, sondern entrückt wurde. Nicht gänzlich auszuschließen ist der gleichnamige Sohn Kains aus Gen 4,17f. Angesichts der Zusammenstellung mit Adam, Abel und Seth könnte man auch an Enosch, den Sohn Seths, denken, der in Gen 4,26; 5,6.9–11 erscheint. SethsVgl. Gen 4,25f; 5,3.6–8. vnd anderer heiligen zu verfelschenaus: verfelscher. vnd vmbzukeren.

Mit solchem Teuflischen neid vnd ehrgeitzigkeit ward auch ChamVgl. Gen 5,32; 6,10; 7,13; 9,18–27; 10,1.6. vnd seine Nachkomen entzuͤndet vnd verfelschten die ware Religion, die Noah vndVgl. Gen 6,9; 8,20–22.

Durch gleiche bosheit haben sich auch JsmaelVgl. Gen 16,11f; 21,8–21; 25,9.12–18. vnd Esau,Vgl. Gen 25,24–34. Moab vnd AmmonVgl. Gen 19,37f. oder jha zum wenigsten jhre nachkommen vnterstanden, die lehr von Gott, die Abraham, Jsaac vnd Jacob, die allerheiligsten, Got geliebten Ertzueter,Vgl. Ex 2,24; 3,6.15f; 4,5; 6,3; Dtn 29,12; Mt 22,32; Mk 12,26; Lk 20,37; Act 7,32. ge-leret hatten, zu verkeren vnd zu verfelschen, haben auch solch
vornemen bey den jhren gentzlich ausgerichtet.

Aus solcher begier der eiteln ehr haben auch Core, Abyron, Datan,Vgl. Num 16. Mambres vnd JannesVgl. II Tim 3,8 (bei einem Teil der Textzeugen findet sich die Form Mambres, vgl. Nestle-Aland z. St.); Ex 7,11.22; 8,3. Vgl. Eduard Lohse, Art. Jannes und Jambres, in: RGG3 3 (1959), 530. vnd jhrs gleichen sich vnterstanden den befehl Gottes von ausfuͤrung des Juͤdischen volcks zu verfelschen vnd verkeren vnd das volck widderumb innach (wie lat. in c. acc). Egypten zu fuͤren, damit sie die ehr Mosis, des freundes vndkelten vnd sie also auch zu grossen ehren vnd zur Herrschafft vnter dem Juͤdischen Volck kemen.

Nach Mose aber bis auff Christum hat Gott jmmerdar grosse leut, Richter Koͤnige vnd Propheten erweckt, welche Christlich vnd nuͤtzlich das verordent haben. Dagegen hat der Teuffel jmmer einen falschen Propheten vber den andern in die Kirch geschmissen, die jhres gewinsts vnd ehren halben die erbeit der vorigen Lerer boshafftiglich vnterm schein der Veter vnd grosser Gottfuͤrchtigkeit allezeit verfelscht haben. Solchs ist auchkirchlichen Schriftstellern bzw. deren Werken. B: zuuernemen; C: zuuenemen.zu uernemen.

Endlich zu diesen letzten jemmerlichen zeiten, da die ware Religion durch Tyranney vnd Gottlosigkeit des Antichrists schier gantz vnd gar von grund verkert vnd vntergedruckt war, hat Gott (nach seiner verheissung, durch denVgl. Mal 3,23.) fuͤr dem grossen erschreckli chen Tage den dritten Eliam,Zu Luther als drittem Elias vgl. Robert Kolb, Martin Luther as Prophet, Teacher, and Hero. Images of the Reformer, 1520–1620, Grand Rapids, MI, 1999, passim. der seine Kirche von des Antichrist schwerer Tyranney vnd vnzelichen jrthumen vnd greweln erledigen vnd reinigen solt, erweckt.

Dieser ist ein solcher hoher, treflicher Man gewest an Gottfuͤrchtigkeit,aus: Gottfuͤrchtigket.
glauben, erkentnis heiliger Schrifft, verstande in auffrichtung der Religion vnd Kirche, ja er hat auch solch wunderlich gros gluͤck, sieg vnd fortgang gehabt in solchen hohen, wichtigen Sachen widder das toben der gantzen Welt, das kein vernuͤnfftiger zweiffeln kan, Er sey von Gott sonderlich erweckt vnd zu solchen grossen sachen durch Goͤttliche gaben gezieret vnd
gerFstet, Endlich auch in solchen trefflichen wercken von Gott gleichsam mit der hand geleitet, regieret vnd geschFtzt worden.

Es ist ja die gantze Religion jtzt so klar vnd hell am tage, Die gewissen sind so fein vnd nuͤtzlich von allen Sachen, zu Christlichem leben noͤtig, vntterrichtet, die jrthumb des Antichrists vnd anderer verfuͤrer sind so gewaltigVgl. Luther, ASm III: Denn es weis Gott lob ein kind von sieben jaren, was die Kirche sey, Nemlich die heiligen gleubigen und die Scheflin, die ires Hirten stim hören (BSELK 776,6–8).

Noch sind eben zur selben zeit, da dieser von Gott erweckter Prophet die ware Religion gereinigt hat, vberaus viel Meister, vom Teuffel erweckt, entstanden, welche, damit sie auch fur gros-se leut, vnd groͤssere denn Luther selbs, gehalten wuͤrden, newe lehr vnd verfelschung der heilsamen lehr erdacht vnd einen LermenAufruhr. Vgl. Art. Lärm 4) u. 5), in: DWb 12, 203f. vber den andern angericht haben. Vber welcheselbsternannte, ungehobelte. Vgl. Art. selbstwachsen, in: DWb 16, 502. Meister D. Luther offt muͤndlich vnd schrifftlich sehr geklagt hat.

Von den Widderteuffern, Bildenstuͤrmern, auffruͤrischen Pawren, Sacramentirern, Antinomern wil ich jtzt nicht sagen.Flacius zählt hier einige Gruppen vornehmlich aus den ersten Jahren der reformatorischen Bewegung auf, die Sonderwege beschritten: die Täufer, die die Säuglingstaufe als ungültig ablehnten; die Bilderstürmer, die Kunstwerke aus den Kirchen entfernten, weil sie nach ihrer Meinung gegen das alttestamentliche Bilderverbot verstießen; die aufständischen Bauern, die vom Evangelium eine reale Verbesserung ihrer Lebensumstände erwarteten, eine Minderung ihrer Abgabenlasten und größere Mitbestimmungsrechte, und die dafür auch Gewalt ausübten; Gegner einer Realpräsenz in der Abendmahlslehre; Verfechter einer gesetzesfreien Evangeliumspredigt. Aber diese jtzige Deformationes der Christlichen Kirche vnd verfelschungen der Religion sind

Denn das Augspurgische Jnterim ist nicht so fast von den widersachern als von vnsern falschen bruͤdern erfunden vnd zusamengeflickt worden.An der Abfassung war neben dem Naumburger Bischof Julius von Pflug und dem Mainzer Weihbischof Michael Helding auch der kurbrandenburgische Generalsuperintendent Johann Agricola beteiligt. Vgl. unsere Ausgabe Bd. 1 (Reaktionen auf das Augsburger Interim). Vnd die Adiaphoristen in jhren schrifften, vnd vornemlich in jhrem GrFndlichen bericht,Vgl. Johannes Pfeffinger: Gründlicher und wahrhaftiger Bericht (Leipzig 1550), unsere Ausgabe Bd. 2, Nr. 6, S. 642–730. reden so schebichunangemessen schlecht, niederträchtig, geringschätzig. Vgl. Art. schäbig 2), in: DWb 14, 1954f. (wie man pflegt zu sagen) von der gantzen Kirchenordnung, die D. Luther gemacht hat, als hette nicht der heilige Geist diesen trefflichen, Gottfuͤrchtigen, gelerten man erweckt, die Kirche Christi zu reinigen vnd bessern, sonder der boͤse, hellische geist einen stoͤrrigen,
zenckischen, aufrFrischen, vnrFigen, aller ordnung, zucht vnd Christliches wandels feind erwecket, die Kirche Gottes zu betrFben vnd alles, was jemals Christlich vnd nFtzlich in der kirche gewesen, durch jhn zu uerkeren.

Drumb lassen sie sich auch also vernemen, als muͤsten sie nu endern, heilen, bessern vnd widderauffrichten, was der Teufel durch diesen boͤsen,
verkerten menschen verterbt hat. Sagen auch, die werden vom Teufel getrieben vnd sein aller zucht vnd guter ordnung feind, die sie in solchem heiligen werck verhindern.

Was wil der losenichtsnutzige, böse, sittenlose. Vgl. Art. lose II.5), in DWb 12, 1184. Adiaphorist D. SchmidOsiander. Vgl. Gottfried Seebaß, Art. Osiander, Andreas, in: TRE 25 (1995), 507–515, hier bes. 508: Geboren wurde er in Gunzenhausen aus angesehener Familie, die nach ihrer Herkunft Osanner, nach dem Beruf von Vater und Großvater auch Schmid genannt wurde. sonst anders, weil er den Luther on vnterlas Reformiret vnd schier keine predigt thun kan, er mus des Lutherslauthals schmähen, verunglimpfen. Vgl. Art. hohlhippeln, in: DWb 10, 1718f.? Jch kenne auch sonst noch einen andern grossen Reformatorem, Welcher bald im Anfang des kriegs angefangen hat, Adiaphora vnd Reformation zu schreiben vnd allezeit voll Reformirens gewest ist.Philipp Melanchthon. Jch weis mehr vmb seine hendel, denn er meint. Wird er nicht bald busse thun vnd sich bessern, so wil ich jn so prügeln, schlagen, auspeitschen. Vgl. Art. ausstreichen 4), in: DWb 1, 993. das ers fuͤlen soll, da soll mir Gott zu helffen.

Djs sag ich darumb, das hernachmals immerdar etliche leichtfertige, ehrgeitzige leut auffstehen, oder vielmehr vom Teuffel werden erweckt, welche, damit sie auch fur grosse Doctores vnd trefliche Menner gehalten werden, etliche newe lehr erdencken vnd, was D. Luther Christlich vnd wol geleret hat,
verfelschen werden, ob sie sich gleich fur den leuten stellen, als weren sie des Luthers besten freunde. Fur diesen soll sich die kirch auffs vleissigste hFten, sie vermeiden vnd verfluchen.

Jhrer viel haben mich auch also beschuͤldigt, als solte ich grosse ehr vnd gut dadurch zu erlangen gedencken, wenn ich der Wittemberger namen vnd lehr  vertunckelte. Es ist aber leicht zu beweisen, das sie mir gewalt vnd vnrecht thun. Denn zum ersten bring ich nichts newes heruor, verdamme auch nicht, was die Wittemberger zuuor geleret haben, ja ich lobe es vnd folge jhm in alle wege. Vnd damit dasjenige, das bey D. Luthers leben geschrieben vnd geleret ist, nicht vertunckelt noch auffgehoben werde, daruͤber

Warlich, wer vmb die hendel vnd mancherley Jnterim vergangener drey jar vnd was von vielen gepracticirtmit Schlauheit und List betrieben (worden), intrigiert (worden). Vgl. Art. practicieren 6), in: DWb 13, 2052. ist, weis, der mus bekennen, auch wider seinen willen, das, wenn nicht von etlichen wenig armen BaccalarienGelehrte mit der rangniedrigsten akademischen Grad, dem Baccalaureat. oderHeizern, Stubenheizern, Hauswarten in Schule, Kloster oder Universität; im – hier nicht vorliegenden – übertragenen Gebrauch: Verleumder, Denunziant, Ohrenbläser, Aushorcher. Vgl. Art. Calfacter, in: DWb 2, 602. durch Christliche vermanung zur bestendigkeit vnd durch verlegungWiderlegung. Vgl. Art. Verlegung 4), in: DWb 25, 764. so mancherley JnterimNeben dem kaiserlichen Religionsedikt vom 30. Juni 1548, dem sog. Augsburger Interim, wurden auch territoriale Sonderformen, mit denen man den kaiserlichen Forderungen entgegenkommen wollte, jeweils als Interim bezeichnet (z. B. Leipziger Landtagsvorlage 1548/49 = Leipziger Interim). vnd newer verfelschungen dawidder gestritten were, so were das gantze Bapstumb fast allenthalben auffgericht. Mag nu ein jglicher lestern, wer Gott dafuͤr nicht dancken wil.

Zudem bringt zu dieser jemmerlicher zeit das bekentnis der warheit vndVgl. Apk 13,16f; 14,9.11; 16,2; 19,20; 20,4. nicht grosse ehr noch gut fuͤr der Welt. Wers nicht gleuben wil, der mags mit mir versuchen. Jch hoffe er wirds bald sehr williglich bekennen.

Zum letzten ist ja das gewis vnd greiflich genug, das, wer einem ding wil zuuorkomen vnd verhindern, das es nicht geschehe,Nach heutigem Sprachgebrauch wäre das nicht überflüssig, da die Negation bereits in verhindern impliziert ist. der gedenckt ja trawnwahrlich. Vgl. Art. traun 4), in: DWb 21, 1530f.
nicht allein nichts grosses, sondern gar nichts dadurch auszurichten. Jch aber bin mit hoͤch-in C falsche Blattzählung: b iiij (entsprechend auch in B).stem fleis zu rechter zeit damit vmbgangen vnd hab die Adiaphoristen freundlich in besonderheit vermanet, gebeten vnd auch durch andere leut angehalten, das sie den widdersachern ja nichts nachgeben, noch einiger weise in diesem stuͤck suͤndigen solten. Drumb hab ich ja an jhrenBlößen, angreifbaren Stellen. Vgl. Art. Weiche [I] 2), in: DWb 28, 482f. keinen Triumph, ehr, noch gut gesucht.

Hjmit habe ich mich jtzt kuͤrtzlich entschuͤldigen wollen. Von Osiander aber, von welchem im folgenden buch vornemlich gehandelt wird, wil ich jtzund nichts sagen, aus was vrsachen er diese newe lehr in vnsere kirchen fuͤren wil. Denn ich hoff, Er werde noch endern, was er vnrecht gehalten
oder geschrieben hat. Sonst weis ich wol, was D. Luther offt von jm gesagt hat vnd was man aus seinen schrifften vnd hendeln von jhm der warheit gemes sagen k=nte.

Warlich, so viel seine meinung betrifft, dauon sag ich frey, das sie Gotlos vnd den menschen verterblich ist vnd das die Aposteln vnd D. Luther in jhrer lehraus: minung. vnd sonst mit einem alten Jrthumb kan vergleicht werden, Wie wir darnach beweisen wollen.

Dis hab ich jtzt von des Osianders lehr sagen wollen. Denn darnach, im buͤchlein, wil ich volkoͤmlich dauon disputiren. Von der person aber vndihrer Absicht. Vgl. Art. Vornehmen 1), in: DWb 26, 1358. Weil ich noch das beste hoffe (wie gesagt), wil ich jtzt nicht sagen.

Derhalben (damit wir widder zur sach komen) weil Gott durch sonderlichen rat trefliche Helden pflegtaus: p egt. zu erwecken, grosse sachen durch sie auszurichten, vnd zu dieser letzten zeit seinen dritten EliamVgl. oben bei Anm. 90. fuͤr dem grossen
erschrecklichen Tage erweckt hat, die Christliche Religion wider auffzurichten vnd die Christliche Kirch zu erledigenbefreien. Vgl. Art. erledigen 2), in: DWb 3, 896. vom Joch vnd Tyranney des Antichrists, Vnd er aus dem wort Gottes vns Gottes willen, im Gesetz vnd Euangelio verfasset, verkuͤndigt hat, also das kein verstendiger zweiffeln kan, er habe das werck, das jm Got befohlen hatte, das ist die reinigung der Religion,
rechtschaffen, richtig vnd volkoͤmlich ausgerichtet. So sollen wir vns nu huͤten mit allem vleis, das wir vns nicht von einem jden winde der lehr hin vnd wider treibenVgl. Eph 4,14. vnd von der erkanten warheit (wie den Galatern nach S. Paulus abschied geschahe) durch list vnd kuͤnstlich geschwetz der boͤsen vnd listigen leut abfuͤren lassen.Vgl. Gal 3,1; 5,7–10. Nu wollen wir die Verlegung mit Gottes
huͤlff anfangen.

Ehe ich sie aber anfahe, bitte ich vmb Gottes willen alle, so dis hoͤren oder lesen, vnd vornemlich den Osiander – Wil auch diese meine bit alhie, so offt vnd viel von noͤten, widerholet haben – das sie wollen candide, redlich vnd auffrichtig von dieser schrifft vrteiln vnd richten. Denn wie ists muͤglich, das
sich einer allenthalben so genaw vnd wol fFrsehen kan, das jm nicht etwa bisweilen im schreiben ein wort entfare, welchs ein listiger, weschigergeschwätziger. Vgl. Art. wäschig, in: DWb 27, 2258f. mensch nicht erhaschen vnd weis nicht was fur jrthume draus schmeltzen koͤnne. Doch wil ich mich solchs zum Osiander noch zur zeit nicht versehen, sonder verhoffen, wenn er antworten wil, so werde er auffrichtig vnd one Redensartlich: (einer Sache) unter Augen gehen = ins Gesicht sehen, sich stellen, damit (ohne Umschweife od. Ausflüchte) auseinandersetzen. Vgl. Art. Auge 5), in: DWb 1, 791. vnd dauon handeln.